Friedrich Wilhelm Hackländer Reise in den Orient Erster Band 1855 Erstes Kapitel. Fahrt auf der Donau von Regensburg bis Giorgewo. Abreise von Stuttgart. – Regensburg. – Linz. – Wien – Preßburg. – Pesth. – Bunda und Gostek. – Lord L. Oberstlieutenant von P. – Emin Pascha – Ungarische Nationalieder.– Semlin. – Eine Jagdpartie in Drenkowa. – Die Mordmücken. – Alt-Orsorwa. – Neu-Orsowa – Das eiserne Thor – Giorgewo. Es war am Abende des letzten September 1840, eines unfreundlichen regnerischen Herbsttages, als ich von meinen Bekannten und Freunden Abschied nahm, um meine Reise in den Orient anzutreten. Von wichtigen Momenten meines Lebens erinnere ich mich gern kleiner Umstände, die mir in den Augenblicken bemerkenswerth schienen. So wurde an demselben Abend im königlichen Schauspielhause Calderon's »Leben ein Traum« gegeben. Mir kam mein eigenes Leben in dem letzten Jahre, besonders der Augenblick meiner Abreise, so zauberhaft, fast wie ein schöner Traum vor. Meinem Freunde Moritz sagte ich in der Garderobe des Theaters ein herzliches Lebewohl in dem Augenblicke, wo er sich aus dem ärmlichen Costüm des unglücklichen Verstoßenen in das glänzende des Königssohnes warf. Lachend reichte er mir die Hand, diese Metamorphose auch mir prophezeihend. Und er hatte Recht. Wenn ich mich auch seit jenem dunklen traurigen Herbstabend nicht zum Glanz eines Königssohnes erhob, so gingen mir doch schöne freundliche Tage auf. Tage, die gewiß mit den herrlichsten Edelsteinen wetteifern konnten. Von den Leiden in unseren deutschen Eilwägen will ich nicht reden, nur versichere ich, daß wir, wie immer, auch heute Nacht fast gerädert auf unserer Station ankamen. Dies war Göppingen; wir verließen die große Straße, um den Weg nach Heidenheim zu nehmen, wo Seine Hoheit, der Herzog Paul von Württemberg, dem Baron von Taubenheim ein Rendezvous gegeben hatte. Der Herzog war, wie bekannt, eben erst von seiner großen Tour nach der Türkei und Aegypten zurückgekehrt, und da wir fast denselben Weg nehmen wollten, den er gemacht, konnte er uns über Zeitverwendung und Reisemittel die besten Rathschläge geben. Nachdem wir uns in Göppingen sehr lange um einen Wagen bemüht, fuhren wir gegen zwei Uhr in der Nacht weiter. Der dunkle Himmel hatte sich etwas aufgeklärt und der Mond, der zuweilen durchblickte, ließ uns in eine weite Ebene sehen, durch die wir fuhren und welche rings von Bergen umgrenzt ist. Als ich um fünf Uhr aus einem kleinen Schlummer erwachte, schaute uns zur linken Seite der Rechberg und der Hohenstaufen ernst und traurig durch den Nebel entgegen. Gegen Mittag kamen wir nach Heidenheim, wo wir einige Stunden in der Gesellschaft des Herzogs Paul äußerst interessant und lehrreich für uns verbrachten. Er sprach von manchen Schwierigkeiten, die uns auf der Reise treffen könnten, und gab uns Rathschläge dagegen, deren Befolgung uns später vielen Verlegenheiten entriß. Die freundliche Aufnahme, die uns durch seine Empfehlungsbriefe an einigen Orten der Türkei und Aegyptens zu Theil wurde, zeigte uns, wie sehr es der Herzog auch dort verstanden, sich die Hochachtung und Liebe seiner Bekannten zu erwerben. Von Heidenheim reisten wir über Augsburg nach Regensburg, wo wir gegen Morgen ankamen und das Glück hatten, noch das Dampfboot benützen zu können, welches ein paar Stunden später nach Linz abging. Bis jetzt war unsere Reisegesellschaft noch nicht ganz beisammen gewesen, hier aber traf der Maler F. bei uns ein, so daß nun unsere Caravane vier Mann zählte und vollständig war, nämlich unser lieber Reisechef, der Baron von T., der Doktor Bopp, ein junger Mediciner, der eben die Universität verlassen, der Maler Frisch und ich. Bis Linz hatten wir ziemlich gutes Wetter und wenig Passagiere; doch die ganze Tour von Linz nach Wien, es war am fünften Oktober, mußten wir bei immerwährendem Regen in den überfüllten Kajüten zubringen. Endlich gegen fünf Uhr Abends sahen wir den Kahlenberg, und das Schiff legte bei Nußdorf, eine kleine Stunde von Wien, an. Gegen sechs ein halb Uhr fuhren wir in's Gasthaus zum goldenen Lamm in der Leopoldsvorstadt und waren in der Kaiserstadt, waren in Wien. Wollte ich mir einreden, in den acht Tagen, die wir in Wien waren, diese Stadt kennen gelernt zu haben und mir anmaßen, ein Urtheil über dieselbe zu fällen, so wäre dies in der That lächerlich. Aber daß ich hinschreibe, wie dem unbefangenen Zuschauer das rege Treiben und Leben erschien, wird mir vielleicht Mancher, der nicht Gelegenheit hatte, es selbst zu sehen, Dank wissen. Nach einem festen Schlaf auf die Mühseligkeiten des vergangenen Tages betrat ich die Straßen und glaubte fortzuträumen. Ein ähnliches Leben und Treiben hatte ich bisher nie gesehen. Jede Straße war ein Strom, welchen Wellen von Menschen, Wagen und Karren hinabfluthen, dem man folgen oder sich an's Ufer, die Häuser, retten muß. »Man glaubt zu schieben und man wird geschoben.« Ein betäubendes Gemurmel, ein Drängen und Anstoßen; man könnte wenigstens zwei Dutzend Augen gebrauchen, wollte man neben dem Ausweichen der einem stets begegnenden Wagen und Menschen auch etwas sehen. Obgleich ich gerade in keinem Dorfe, sondern in einer ziemlich bedeutenden Stadt gewohnt, erging es mir dennoch wie dem Landmann, wenn er zum Jahrmarkt in die Stadt kommt, und mit offenem Munde den prächtigen Waarenausstellungen und verwundert der auf- und abwandelnden Menschenmasse zuschaut. Ich stand und sah zu, bis ich fortgeschoben wurde und blieb wieder vor einem andern reichen Gewölbe stehen, bis mich auch da ein unsanfter Rippenstoß verscheuchte. Dabei ist das gellende Geschrei der Lohnkutscher und Lastträger, ihr ewiges Hoe! Hoe! – ein Zeichen, daß man ihnen ausweichen soll – so verwirrend, und klingt so in den Ohren nach, daß man stets glaubt, angerufen zu werden und in beständiger Unruhe bald rechts, bald links springt. Wie sich der ermattete Schwimmer mit einem behaglichen Rettungsgefühl zwischen die Felsen birgt, die ihm aus den schäumenden Wellen entgegen treten, so schöpfte ich auch leichter Athem, als die Menschenmasse, die mich von der Leopoldvorstadt durch die Kärnthnerthorstraße geführt, ihren unaufhaltsamen Lauf nach dem Graben fortsetzte und mich auf den Stephansplatz warf an den herrlichen Dom, meinen Hafen. Von der Stephanskirche schlenderte ich über den Platz zum Stock am Eisen , welcher seinen Namen einem Baumstämme verdankt, der da in einer Nische zu sehen und über und über so mit Nägeln beschlagen ist, daß er auf diese Art eine vollständige eiserne Rinde erhalten hat. Die Sage, die um alle dergleichen Gegenstände ihre poetischen Fäden schlingt, erzählt von ihm: Ein Schlossergeselle liebte die Tochter seines Meisters, der sie ihm jedoch nur unter der Bedingung zur Frau geben wollte, wenn der Geselle die Geschicklichkeit besäße, zu einem überaus künstlichen Schlosse, das der Meister hatte, einen Schlüssel anzufertigen. Nach vielen mißlungenen Versuchen und als er die Unmöglichkeit einsieht, das Meisterwerk zu Stande zu bringen, wandert der Geselle in den Wald hinaus und beklagt da laut die Hartherzigkeit des Vaters. Plötzlich erscheint ihm ein Kobold und verspricht bei der Anfertigung des Schlüssels behülflich zu sein, wenn der Geselle dafür in einen bezeichneten Baum einen Nagel einschlagen und denselben auf diese Art von einem bösen Zauber befreien wolle. Mit Freuden erfüllt der Geselle diese Bedingung, erhält seinen Schlüssel und heirathet. Seit der Zeit lief Jeder, der einen Wunsch auf dem Herzen hatte, in den Wald zu dem Baum, schlug einen Nagel ein und wartete, ob nicht ein Kobold erscheine, welcher ihm helfen wolle. Ob dies Mittel den Geist aufs Neue hervorgerufen hat, kann ich nicht sagen. Doch war der Baum in kurzer Zeit so über und über mit Nägeln beschlagen, wie er jetzt auf dem Platz nahe bei der Stephanskirche zu sehen ist. Dies erzählte mir ein freundlicher Wiener, den ich um Auskunft gebeten, während er mich nach dem Casino begleitete, wo ich mir mit meinen Reisegefährten ein Rendezvous gegeben hatte. Die Sitte in Wien, auch Mittags nach der Karte, anstatt wie bei uns an einer oft langweiligen Table d'Hôte zu speisen und da Verzehren zu müssen, was einem vorgesetzt wird, ist besonders für den Fremden sehr angenehm. Man sucht sich auf dem reichhaltigen Speisezettel aus, was einem schmeckt oder was man zu kennen lernen wünscht, braucht sich dabei an keine Zeit zu binden, sondern kann von Vormittags elf Uhr bis Abends zu jeder beliebigen Stunde diniren. Nur kommt das Essen nach der Karte etwas theurer zu stehen, als die Wirthstafel. Was die Güte und Billigkeit der Speisen betrifft, sowie die elegante Ausstattung des Lokals, kann ich jedem Fremden das Casino auf dem Mehlmarkt empfehlen. Eine Unbequemlichkeit für den Fremden, welche uns beständig bei dem Bezahlen belästigte, ist das Rechnen mit sogenannten Scheingulden. Jede Zeche im Gasthof, jede Waare, die man kauft, wird darnach berechnet, was man dann in Conventionsmünze reduciren und so auszahlen muß. Ein Gulden Schein beträgt vierundzwanzig Kreuzer Conventionsmünze, oder fünf G. Sch. sind gleich zwei G. M. Das Umsetzen ist mir besonders bei kleinen Summen sehr beschwerlich geworden und ich habe mich dabei meistens auf die Ehrlichkeit der Wiener verlassen, wobei ich nie zu kurz gekommen bin. Ein sehr elegantes Kaffeehaus ist auf dem Josephsplatz. Man bekommt dort zum Kaffee gestopfte Pfeifen, ein Anflug von türkischer Sitte und äußerst angenehm. Wir saßen oft an den Fenstern dieses Kaffeehauses und schauten auf den schönen Platz hinaus, wo die Reiterstatue Josephs II. steht. Dieser Platz ist auf drei Seiten von Gebäuden der kaiserlichen Burg eingeschlossen, links ist das Naturalienkabinet und die kaiserlichen Redoutensäle, rechts das Burgtheater und die Bibliothek. Mit vieler Muße konnten wir uns hier das kaiserliche Militär ansehen, das in den verschiedensten Waffengattungen jeden Augenblick bei uns vorbeispazierte. Abgesehen von den verdächtigen Haselstöcken, womit die Korporale paradirten, gefielen uns Uniform, Waffen und Haltung der Leute sehr wohl; vor Allen die Ungarischen Garderegimenter, welche hier liegen. Sie haben eng anliegende blaue, mit gelben Litzen besetzte Hosen, ein Ueberbleibsel ihrer Nationaltracht. Ein Bekannter erzählte uns von diesen Ungarn, man habe ihnen, wie den andern Truppen, weite leinene Beinkleider gegeben, um ihnen während der Sommerhitze einen leichtern Anzug zu verschaffen; doch hätten sie sich lange geweigert, dieselben zu gebrauchen, und als sie endlich doch in ihren neuen weißen Hosen so während der Hundstage auf die Wache ziehen mußten, hätten sie dennoch unter denselben ihre engen blauen Hosen getragen. Indeß ist dies Geschichtchen ohne Zweifel nur ein Wiener bon mot . Wenn das Militär die Wache in der Burg bezieht, so muß es zu demselben Thore wieder hinaus, wo es einmarschirt ist. Es darf nicht durch die Burg ziehen, mit Ausnahme des Graf Ignaz Haroegg'schen Regiments, früher Dampierre Cürassiere. Dies hat sich durch seine besondere Anhänglichkeit an das Kaiserhaus bei dem Aufstande im Jahre 1618 das Recht erworben, sein Hauptquartier im Schloßhofe aufzuschlagen, und durfte auch drei Tage dort öffentliche Werbung anstellen. Der jedesmalige Oberst dieses Regiments geht noch heute unangemeldet zum Kaiser. Eines Abends hatte Johann Strauß, der Walzerkönig, eine musikalische Unterhaltung im Volksgarten angekündigt. Wir gingen hin und ich wunderte mich nicht wenig, nur zehn Kreuzer Entree zahlen zu müssen, denn ich erinnerte mich noch lebhaft der zwei Thaler preußisch Courant, die ich einstens in Köln für denselben Genuß gezahlt hatte. Strauß dirigirte selbst, und man kennt den blassen, hagern Mann hinlänglich, sowie auch seine entzückende Musik. Ich glaube, beim Klange derselben hätte es keines der hier versammelten sehr eleganten Männer- und Damenwelt ausgehalten, ruhig sitzen zu bleiben, weßhalb auch Alle auf und ab gingen, genau nach dem Takte der Musik, eine wohl gesetzte glänzende Polonaise ausführend. Wie verschwand uns die Zeit! Ich sprach noch M. G. Saphir, dem ich brieflich empfohlen war, und welcher mich auf den folgenden Tag zu sich einlud. Ehe wir's uns versahen, war es sieben Uhr geworden; also rasch in's Burgtheater. So hat man in Wien jede Sekunde nöthig und könnte noch zwölf Stunden zu den uns täglich vergönnten brauchen, um dies bewegte, lustige Leben in kurzer Zeit zu schmecken und nur einigermaßen zu genießen. Außer dem Burgtheater besuchten wir die kleineren Bühnen der Vorstädte und vor allen das Theater an der Wien, unter der Leitung des Direktors Carl, das dieser, sowie die beiden trefflichen Komiker Scholz und Nestroy, täglich durch neue Possen zu füllen wissen. Von den Bilderschätzen, die Wien besitzt, ließ uns theils eigene Schuld, theils Zeitumstände, fast nichts sehen. Die schöne Esterhazy'sche Gallerie stand in Kisten gepackt und war deßhalb nicht zu sehen, und um die k. k. Gemäldesammlung im Belvedere zu besuchen, hatten wir den dazu bestimmten Tag – es ist der Dienstag – versäumt. Doch hätten wir bei der wenigen Zeit, die wir zum Aufenthalt in Wien bestimmt hatten, und bei den vielen Schönheiten, die man, wenn auch nur oberflächlich, ansehen mußte, diese Bildersammlungen doch nur flüchtig beschauen und wenig davon genießen können. Ein guter Zwanziger Conventions-Münze verschaffte uns dagegen Eintritt in das k. k. Zeughaus, wo seltene und kostbare Waffenschätze wirklich sinnreich und geschmackvoll aufgestellt sind. Im Hof, wo einige hundert Feld- und Belagerungs-Geschütze aus alten Zeiten auf Balken liegen, sahen wir an den Mauern die ungeheure, 160,000 Pfund schwere Kette ausgehängt, mit welcher die Türken im Jahr 1529 bei Osen den wahnsinnigen Versuch machten, die Donau zu sperren. Wir erstiegen eine Treppe und fanden oben im ersten Saal eine große Gesellschaft Herren und Damen um einen der Aufseher versammelt, welcher die Erklärung der aufgestellten Waffen und Rüstungen auswendig und gedankenlos herplapperte. Die ersten Säle enthielten Flinten und Säbel der neuern Zeit, welche in Pyramiden und Wandverzierungen aufgestellt und arrangirt waren. In einem der folgenden Säle waren alte Waffen, als Gewehre mit Radschlössern, Sensen, Kolben, Streitäxte, und hier fiel mir besonders die Deckenverzierung auf. Es war der österreichische Doppeladler, aus Säbeln, Messern, Flintenläufen, Bajonetten, kupfernen Beschlägern, ungemein künstlich und schön zusammengesetzt. Ferner sahen wir bei unserer Wanderung durch zwölf Säle die Rüstungen vieler deutscher Kaiser, sowie des Königs Ludwigs II. von Ungarn, der bei Mohacs von den Türken verfolgt in einen Sumpf versank und umkam. Der arme kleine König war 21 Jahre alt und hatte die Gestalt eines zehnjährigen Knaben. Von allen diesen alten eisernen Figuren, welche drehend von ihren Gestellen schauten, haben keine einen größeren Eindruck auf mich gemacht, als die Rüstungen der beiden Böhminnen Libussa und Wlaska, die einander in einem der letzten Säle gegenüber standen. Das Visir der letztern war herabgelassen und zeigte eine fratzenhafte menschliche Gesichtsbildung, zwei runde Löcher bildeten die Augen und unten war eine Reihe spitzer Zähne eingeschnitten. Das ganze Waffenzeug zeigte, daß die böhmische Magd eine kolossale Figur gehabt haben muß. Libussa, die schöne Herzogin, stand schmächtig und zierlich gebaut da; an ihren eisernen Stiefeln fielen mir die ungefähr einen Fuß langen scharfen Spitzen auf, mit denen sie, wie unser Mentor unbefangen erzählte, im Bade ihren Liebhaber ermordet hätte. Mit einem eigenen Gefühl legte ich meine Hand auf das zerschossene Koller Gustav Adolphs, lauschte an Wallensteins Harnisch, ob nicht das heftige Klopfen seines ehrgeizigen Herzens vielleicht noch unter dem Eisen nachklinge, und summte, als ich ein altes ledernes Wams berührt, das zerfetzt und bestaubt an der Wand hing, ein bekanntes Lied vor mich hin, welches anfängt: »Prinz Eugen, der edle Ritter e.t.c.« denn sein Kleid war es, was uns der Aufseher mit vieler Ehrerbietung zeigte. Eine längst vergangene großartige Zeit umgab uns hier, und wem das Herz nur einigermaßen warm in der Brust schlug, mußte diesen Friedhof feierlich gestimmt verlassen. So vergingen die acht Tage, welche wir in Wien zubrachten, wie eben so viele Stunden. Im Fluge besahen wir Schönbrunn mit seinen schnurgeraden Alleen und winkelrecht verschnittenen Hecken in alt-französischem Geschmack, sowie die Menagerie, die sich jedoch nicht im besten Zustande befindet. Ehe wir's uns versahen, saßen wir eines Morgens mit unserer Masse von Koffern und Nachtsäcken in einem Fiacker und fuhren durch den Prater, wo wir uns besonders an den zahlreichen Hirschen, die da herumspringen, manche Stunde amüsirt hatten. An den sogenannten Kaisermühlen lag das Dampfboot Galathea, auf welchem wir unsere Plätze bis Pesth genommen hatten. Für die späte Jahreszeit trafen wir auf dem Schiffe noch eine zahlreiche Gesellschaft; man hörte deutsch, englisch, französisch, ungarisch, lateinisch, italienisch, und die Eigenthümer dieser verschiedenen Sprachen hatten auch eben so viele verschiedene Physiognomien. Vor Allem gefiel mir der Ungar mit seinem edlen stolzen Gesicht von dunkler Farbe und mit den schwarzen Haaren, besonders durch seine zuvorkommende, freundliche Zuneigung gegen uns Fremde. Ich muß gestehen, ich habe von keiner andern Nation, besonders von meinen Landsleuten, wenn sie mir unbekannt waren, so viel Artigkeit erfahren. Die Gegend hier ist wenig interessant; die ganz flachen Ufer erheben sich erst bei Fischament an der rechten Seite wieder mehrere Fuß über dem Wasserspiegel; bei Petronell sieht man den Triumphbogen des Tiberius, dann später die Ruinen des römischen Carnuntum. Eine Strecke weiter hinab bildet der Strom eine Art See, an dessen Ende man Hainburg (Hunuenburg) erblickt. Man sieht vor diesem Orte einen sechzig Fuß hohen Hügel mit einer Ruine König Etzels – unter dem Volk als Attilas Neste bekannt, und erinnert sich des Nibelungenliedes. Am linken Ufer des Stroms steigen nicht weit von Preßburg die Ruinen des Schlosses Theben ( Deven ) empor. Sie liegen auf den Ausläufen der kleinen Karpathen, die hier bis in die Donau treten. Swatopolk, der Gründer des großmährischen Reiches und der Erbauer des Preßburger Schlosses soll im neunten Jahrhundert hier gehaust haben. Der Weg von Wien nach Preßburg beträgt zu Lande zwölf Stunden, die wir in drei gemacht hatten. Wir waren um zwei Uhr abgefahren und erreichten Preßburg gegen fünf. Wir machten einen Gang durch die Stadt; doch hinderte uns die eintretende Dunkelheit viel zu sehen. Der Mond aber, der an dem klaren Himmel emporstieg, lockte uns in's Freie, weßhalb wir auf sehr holperigem und schlechtem Wege zu dem alten Schlosse Preßburgs emporstiegen, das, auf einem steilen Felsen der Donau gelegen, weit das Land beherrscht und uns von seinen zerfallenen Mauern auf die vom Vollmond beleuchtete Gegend und den schönen Strom eine herrliche Aussicht gewährte. Die Schloß-Ruine zeigt noch ein regelmäßiges Viereck mit Thürmen versehen und hat in seiner Lage über der Stadt der lustigen Preßburger und mit den hinten überragenden Bergen Aehnlichkeit mit den unvergleichlichen Ruinen des Heidelberger Schlosses. Sie ist nur von einem armen Hirten bewohnt, der an einer der mächtigen Mauern ein hölzernes Häuschen gebaut hat. Er hatte sein Stübchen beleuchtet und saß, aus einer kurzen Pfeife rauchend, vor seiner Hütte, wie wir den wundervollen Abend genießend. Seine Schaafe liefen in dem Gemäuer herum und wir hörten das Läuten der Glöckchen, die einige von ihnen am Halse trugen. Am folgenden Morgen fuhren wir gegen halb sechs Uhr von Preßburg ab, waren aber kaum eine Stunde gefahren, so brachte unser Conducteur die untröstliche Nachricht, daß wegen des kleinen Wassers gestern im Herauffahren das Schiff Ragor auf einer seichten Stelle, an welche wir gleich kämen, beinahe sitzen geblieben sei und da man befürchtete, uns könnte ein ähnliches Schicksal bevorstehen, haben die Capitäns beider Schiffe gegenseitig die Übereinkunft getroffen, ihre Passagiere zu wechseln. Wir warfen, eine Viertelstunde von dem Rador entfernt, die Anker und unsere Passagiere, vielleicht 130 an der Zahl, betraten vermittelst eines Gangbordes das Ufer, an dem wir eine Strecke aufwärts gingen und dann in einer großen Schaluppe an das andere Schiff gebracht wurden. Diese Uebersiedlung hielt uns an zwei Stunden auf und es war noch ein Glück zu nennen, daß wir wenigstens gutes Wetter hatten. Gegen Mittag kamen wir nach Comorn, der jungfräulichen Festung; wo wir an der Donau viele Getreidemühlen und auch einige Goldwäschereien sahen, welche letztere jedoch hier wenig abwerfen, denn ein recht geschickter, fleißiger Wäscher kann den Tag höchstens dreißig Kreuzer verdienen, obgleich er von dem Ertrag gewisse Prozente bekommt. Das Ufer hier ist mit Reben und Obstbäumen bepflanzt und wird unterhalb Comorn wieder sehr hügelig. Bei Gran wird auf einem steilen Felsen eine schöne Kirche erbaut; das mit Gerüst umgebene Gebäude hatte mit der Walhalla bei Regensburg einige Aehnlichkeit. Wir sahen die Bergveste Vissegrad, die Plentenburg, wo Matthias Corvinus einige Zeit wohnte, in der schönsten Abendbeleuchtung. Als wir bei Weizen vorüberschifften, ging der Mond auf, und sein weißes Licht, womit er die Ufer fast taghell erleuchtete, versprach uns einen prächtigen Anblick der beiden großartigen Städte Ofen und Pesth. Nachdem wir schon eine Stunde vorher den hohen Blocksberg mit seiner Sternwarte in dunkeln Umrissen gesehen, lagen die gewaltigen Häusermassen dieser Städte vor uns. Das Schiff begrüßte das Ziel seiner heutigen Fahrt mit drei Kanonenschüssen, welche mit lautem Donner in den Bergen wiederhallten. Rechts lag die an den Berg hinan gebaute Festung Ofen mit der Stadt, welche in einer Ausdehnung von ungefähr einer Stunde längs der Donau gebaut ist, und auf der Krone der Festungswerke das Schloß, in welchem der Palatin von Ungarn wohnt, links Pesth mit tausend erleuchteten Fenstern und den Ufern voll Menschen, welche der Ankunft des Dampfbootes entgegensahen. Wir stiegen in dem Gasthof zu der Königin von England ab; er liegt an dem Quai und seine Fenster gewähren eine Ansicht auf Ofen, auf den schönen Strom und das rege Treiben an den Ufern und auf der großen Schiffbrücke. Kaum hatten wir uns zu Tische gesetzt und die ersten Gläser feurigen Türkenblutes zu uns genommen, als plötzlich in Ofen die Glocken zu läuten begannen und ein Kellner die versammelten Gäste durch die Botschaft in Aufruhr brachte, es sei drüben Feuer ausgebrochen. Wir gingen hinaus und hatten einen großartigen Anblick. An dem einen Ende Ofens stand ein großes Haus in vollen Flammen, die sich in den Wellen der Donau glühendroth wiederspiegelten. Wir nahmen ein Boot und fuhren ans jenseitige Ufer gegen die Brandstätte. Das Fahrzeug schien in purer Flamme zu tanzen, und es war entzückend zu sehen, wie die rothen Wellen, durch die Ruderschläge zertheilt, rechts und links neben uns, wo das Mondlicht den Glanz des Feuers bewältigte, in tausend silberne Sternchen aufflogen. So schön der Anblick für uns, um so trauriger war er für die armen Leute, deren Häuser – es brannten zwei nieder – ein Raub des gefräßigen Elementes wurden. Doch sind die Lösch- und Rettungs-Anstalten in Pesth sehr gut und die Abgebrannten sollen wenig verloren haben. Trotz der Flamme des Brandes, die meine Phantasie, und des feurigen Ungarweins, der mein Blut durchglühte, schlief ich sehr gut und träumte von der Heimath. Nur zwei Tage brachten wir in Pesth zu, die wir dazu anwandten, einige Merkwürdigkeiten der Stadt zu sehen, sowie unser Reisegeräthe so viel wie möglich zu vervollkommnen. Vor allem bestiegen wir den Blocksberg, auf dem rechten Ufer der Donau, von welchem man eine herrliche Aussicht auf die weite ungarische Ebene, sowie auf die beiden schönen Städte genießt, die mit dem dazwischen fließenden Strome einen imposanten Anblick gewähren. Neben der langen Schiffbrücke, die Ofen und Pesth bis jetzt verband, wird ungefähr zweihundert Schritte abwärts von ihr eine neue Kettenbrücke gebaut, von der wir die ersten Pfeiler schon eingerammt sahen. Viele Stunden brachten wir auf dem Quai zu, wo uns die sonderbaren Costüme und das rege Treiben der Ungarn sehr anzog. Meistens sind es schlanke magere Gestalten mit gebräunter Gesichtsfarbe und schwarzen Augen und Bart. Die Kleidung der niedern Volksklassen, besonders der Bauern und Schiffszieher, besteht in weiten Hosen, mit einer langen Jacke von Schafspelzen. Die Leute, welche das Ziehen der Schiffe mittelst ihrer Pferde besorgen, gaben unsrem Maler mannigfaltigen Stoff zu sehr interessanten Skizzen. Ihre kleinen mageren, aber sehr starken Pferdchen sahen wir, von der Arbeit ermüdet, oft in großen Gruppen um ein ausgebreitetes Tuch liegen, von dem sie ihr geringes Futter verzehrten, und die Treiber lagen daneben, aus kleinen Pfeifen rauchend. Es lag im Plan unserer Reise, die Donau-Dampfboote bis gegen Rustschuk zu gebrauchen und von dort über den Balkan nach Konstantinopel zu reiten, zu welcher Tour wir uns hier in Pesth und nach unsern Begriffen aufs Beste einrichteten. Doch würden wir von all den Artikeln, die wir hiezu kauften, wenn wir noch einmal in den Fall kämen, die Reise zu machen, den größten Theil zurücklassen und uns dafür ganz andere anschaffen. Das Erste, wozu ich jedem, der nach uns diesen Ritt machen will, rathe, ist, sich einen guten englischen Sattel zu kaufen, denn ein solcher ist in jenen Gegenden unbezahlbar. Ferner kaufe man sich ein Bunda , mit welchem Namen die Ungarn einen sehr weiten Mantel bezeichnen, der aus schwarzen oder weißen Schaffellen besteht. Die Narbenseite des Leders, die bunt ausgenäht ist, wird bei trockenem Wetter nach Außen getragen und bei schlechtem Wetter macht man es umgekehrt, damit der Regen und Schnee an dem dicken Pelz herabfällt. Die Bunda ist das gewöhnliche Kleidungsstück der Ungarn und man kann ganz geringe von zehn Gulden, sowie seine von zweihundert Gulden W. W. kaufen. Zu einer ähnlichen Reise wie die unserige thut aber eine von zwanzig bis fünfundzwanzig Gulden die besten Dienste. Diese sind schon sehr weit, von dickem Pelz und hartem Leder und bald kann man sie als Mantel, bald als Bett und Bettdecke zugleich gebrauchen. An Kleinigkeiten, die man sich zum Andenken aus Pesth mitnimmt, findet man unter Anderem lederne Tabacksbeutel, die mit bunter Seide zierlich ausgenäht sind, Costek genannt, die ihrem Zweck vollkommen entsprechen. Die ungarischen, unzubereiteten Tabacke sind berühmt, sowie die kleinen, braunen Pfeifenköpfe aus Erde. Wir nahmen mehrere mit, sowie Lettinger Taback und Weißkirchner Cigarren. Den Abend vor unserer Abreise besuchten wir das ungarische Nationaltheater und hörten den Barbier von Sevilla in der Landessprache. Das Gebäude, besonders sein Inneres, ist sehr geschmackvoll eingerichtet und wird durch Gas erleuchtet, war aber heut Abend erstaunlich leer. Am 18. Oktober Sonntag Morgens um sechs Uhr bestiegen wir auf's Neue das Dampfboot, das sich mit drei Kanonenschüssen von Ungarns Hauptstadt verabschiedete und mit sechs Flaggen versehen, worunter die großbritanische und die türkische, brausend die Donau hinabfuhr. Es war der Zriny, der, ebenso wie der Rador, auf dem wir die Fahrt bis Pesth gemacht, vor ein paar Jahren den hochverehrten Herrn von Schubert, dessen Reisebeschreibung wir bei uns hatten, auf der gleichen Reise nach dem Orient durch Oestereichs und Ungarns Fluren führte. Bald war Ofen, Pest und der hohe Blocksberg unsern Augen entschwunden und das große schöne Schiff, den Helden Zriny mit dem Buszogan, eine Art Morgenstern bewaffnet, in weißer Rüstung vorn am Kiel, flog rasch durch die grüne Wasserstraße. Rechts und links sanken die Ufer fast bis auf den Wasserspiegel und schienen den Helden zu grüßen, dessen Name aus den unübersehbaren Ebenen, durch welche wir nun fuhren, bis zu den fernsten Enden Europa's gedrungen war. Zriny und Sigeth hallte es in meiner Brust wieder, als ich vorn am Schiffe stand und seinem Brustbilde zuschaute, das die Wellen zertheilte, wie vordem sein Arm die Türkenschwärme. Die felsigen Ufer des Stroms, welche uns mit kurzen Unterbrechungen bis Pesth so ziemlich zur Seite geblieben waren, verschwanden gänzlich, und sehr langweilige Flächen, bald mit Gras und Haide, bald mit niederem Laubwerk bewachsen, traten an ihre Stelle. Wir blieben noch eine Zeit lang auf dem Verdeck und sahen dem Treiben einiger für uns fremdartigen Vögel zu; über uns flogen wilde Gänse, schwarze Pelikane und Löffelgänse hielten in dem Strom ihr Frühstück. Auch erblickte ich einen Seeadler, der dem Laufe des Schiffes, wie mit stolzer Verachtung zuschaute und sich alsdann hoch in die Luft aufschwang. Obgleich der Morgen sehr schön gewesen war, überzog sich der Himmel doch wenige Stunden nach unserer Abfahrt, und ein sehr scharfer Wind nöthigte uns zum Rückzug in die Kajüte, wo uns ein starker Regen, der gleich darauf vom Himmel stürzte, Muße genug ließ, unsere Reisegesellschaft anzusehen, die wirklich heute äußerst interessant zusammengesetzt war. Die beiden Kabinen auf dem Verdeck hatte Lord Londonderry mit seiner Gemahlin eingenommen, weßhalb das Schiff oben ganz englisch aussah; die achtzehn Leute seines Gefolges, Kammerdiener und Kammerfrauen, Kutscher, Köche, überrannten sich und die übrigen Gäste beinahe mit ihren Theekannen und Beefsteakpfannen und hatten gegen die frischen regsamen Physiognomieen der Ungarn ganz entsetzlich langweilige Gesichter. Seine Herrlichkeit war ein mittelgroßer Mann mit grauen Haaren, der den Hut beständig auf dem Hinterkopf hängend trug; dabei aber sah er jedem, der ihm auf dem Verdeck begegnete, freundlich und sehr aufmerksam in's Gesicht. Die Lady, die schon hoch in den vierzigen war, mußte in ihrer Jugend eine große Schönheit gewesen sein, von der man noch jetzt an ihr gut erhaltene Ruinen entdeckte. Uebrigens brauchte sie auch wahrscheinlich alle möglichen Mittel, ihren Teint zu erhalten: sie kam fast gar nicht an die Luft, denn in den fünf Tagen, wo wir mit ihr zusammen auf dem Schiffe waren, hatte man sie nur dreimal auf dem Verdeck gesehen. Doch saß sie schon vom frühen Morgen an in großer Toilette in ihrer Kajüte, nahm Besuche an, oder ließ sich von dem Herrn Gemahl und ihrem Guide sagen, wo sie sich gerade befand, ohne der Gegend selbst einen Blick zu schenken. Unten in der großen Kajüte war der bekannte Emin Pascha; ein junger, sehr liebenswürdiger Mann, der außer seiner Landessprache französisch und englisch verstand und sich sehr gerne mit uns unterhielt. Er reiste in Begleitung seines Arztes, eines Italieners, nach Konstantinopel zurück. In Paris, London und Wien war er gewesen und hatte in diesen Städten Kriegswissenschaften studirt. Für und gegen das Reisen mit dem Dampfboot oder dem Wagen ist schon viel gesprochen worden. Der Wagen hat etwas Heimliches, etwas sehr Angenehmes, wenn man genießbare Reisegesellschaft trifft; im Gegentheil aber, und ich will nichts darüber sagen, weiß jeder wohl, welche Qualen ein unangenehmes Gegenüber in dem engen Wagen verursachen kann. Auf dem Schiffe ist das ganz anders; den Passagieren, die uns nicht gefallen, geht man aus dem Wege und braucht in keine Berührung mit ihnen zu treten; woher es aber auch kommt, daß man sich auf dem Schiffe leicht isolirt, und wenn man allein reist, oft sehr langweilt. Wir hatten das Glück, gleich in Pesth mit einer äußerst angenehmen Reisegesellschaft zusammenzukommen, mit welcher wir, bis zu unserem Abgange bei Rustschuk, ich möchte sagen, eine große Familie ausmachten. Zu ihr gehörte der Pascha mit seinem Arzt, eine Baronin von B. aus Berlin, die Mutter des Grafen Königsmark, preußischen Gesandten in Konstantinopel, eine liebenswürdige alte Dame, die sich aber auf der ganzen Reise unwohl befand, und das traurige Schicksal hatte, ihre Heimath nicht wieder zu sehen, denn sie starb in Bujukdere; ferner der östreichische Oberstlieutenant von Philippowich, der mit Einwilligung seiner Regierung provisorisch in türkische Dienste getreten war; ein gebildeter Offizier und praktischer Geschäftsmann. Schon früher hatte er sich das Verdienst erworben, eine Postroute von Belgrad nach Konstantinopel einzurichten. Ihm gelang es, den Fürsten Milosch und den Paschas die Vortheile einer bleibenden sichern Straße durch ihre Provinzen begreiflich zu machen. Er veranlaßte das Aushauen von Wäldern und verstand es, selbst die Einwohner zur Einsicht zu bringen, daß erst durch unverletzliche Heiligkeit des Postwesens Verkehr und Handel belebt, und dadurch der Wohlstand der Bewohner verbürgt werden könne. Man folgte seinem Rath und von der Thätigkeit dieses Mannes zeugt die gegenwärtig geordnete Einrichtung, die eine regelmäßige Verbindung zwischen Wien und Konstantinopel möglich macht. Jetzt wollte er den Feldzug gegen Ibrahim Pascha mitmachen, und war uns noch lange durch die Türkei und Syrien ein lieber Reisegesellschafter. Ein ungarischer Husaren-Offizier, der mit seiner Schwester nach Gallacz reiste, ein junger Engländer, Namens Napier, ein Verwandter des englischen Commodore, der Arzt des Lord L., ein artiger alter Engländer, waren die Hauptbestandtheile unserer Familie. Wir hielten uns sehr viel in der zweiten Kajüte auf, wo ein viel fremdartigeres Leben herrschte; denn da waren Serbier, Wallachen, Ungarn, Italiener, kurz eine ganze Musterkarte von verschiedenen Menschenarten. In einer Ecke kauerten unbeweglich auf ihren Teppichen ein paar Juden aus Salonich, Vater und Sohn, die ersten Leute, die wir in türkischem Costüm sahen. Sie trugen lange, sehr schmutzige Kaftans und einen eben solchen Turban. Der Vater, schon ein sehr alter Mann, hatte einen langen schneeweißen Bart, war aber äußerst munter und sah recht gesund aus, wogegen des Sohnes bleiche Gesichtsfarbe, durch den kohlschwarzen Bart, der sein Kinn umgab, noch schärfer hervorgehoben wurde. Sie waren Handelsleute und kamen aus Wien. Eine Jüdin aus Bucharest, die ebenfalls hier war, hatte ihre neunjährige Tochter bei sich, ein wunderschönes Mädchen; feurigere braune Augen, als die kleine Skella besaß, hatte ich in meinem Leben nicht gesehen. Die meisten übrigen Passagiere waren Ungarn, die sich, wie ich auch schon früher sagte, durch Zuvorkommenheit gegen uns Fremde musterhaft auszeichneten. Von allen Seiten boten sie uns Tabak und Cigarren an, und es machte ihnen viel Spaß, wenn wir für diese und jene Sachen das bezeichnende Wort ihrer Landessprache hören wollten. Eine niedliche schlanke Ungarin lehrte mich unter Anderem – szép léany heiße ein hübsches Mädchen und szeretlek ich liebe dich ; csòk bedeute einen Kuß , und den Unterschied eines ungarischen csòk gegen einen deutschen brachte sie mir später praktisch bei, und ich muß gestehen, er schmeckte wie Tokaier gegen Rheinwein. In einer Ecke der Kajüte saß ein alter ärmlich gekleideter ungarischer Edelmann, der erschrecklich aus seiner kurzen Pfeife rauchte, oder Volkslieder sang mit sehr traurigen Melodieen. Eine Strophe eines seiner magyarischen Lieder, das er oft sang, lauschte ihm meine hübsche Lehrerin ab und übersetzte sie mir folgendermaßen: Gebe Gott, daß der Ungar Die halbe Welt besäße, Und die mit seinem Blute gewonnene Freiheit Nie gestehen müsse, daß sie geschmälert sei. Der alte Herr merkte aber gleich, daß das Mädchen uns etwas von seinen Liedern verrathen habe, denn er gab mir einen Wink, ich möchte zu ihm kommen, worauf er mir lächelnd in einem sehr holprichten Deutsch den bekannten Rath gab ich solle mich vor den Mädchen, besonders vor den ungarischen, in Acht nehmen, und zum Beleg theilte er mir folgende Strophen mit, ein altes Volkslied, das vielleicht seinen größten Werth durch die eigenthümliche, ergreifend traurige Melodie hatte, mit der er es mir später sang. Es reift schon die rothe Zwetschge von Bistritz, Mein wirst du sein, meine süße Babi, nach zwei Wochen, Schon reift der wilde Apfel; die Braune ist wohl falscher: Schon blüht die weiße Rose; die Blonde ist mehr heimlich. Ich gehe bis an's Ende im Hofe einer schönen Frau, Unwillkürlich blicke ich in ein Fenster hinein, Ich sehe meine Liebste in eines Andern Armen, Nun träfe mich schon Alles – Gott, wie bedaur' ich. Und sie sagte mir doch, sie sei meine treue Geliebte, Es war aber nur ein eitles Geschwätz; Ich glaube ihren Worten nicht mehr; o könnt' ich beide vergessen: Falsch ist ihr Leib und Seele, der Blonden wie der Braunen. Der alte Ungar und ich wurden später gute Freunde und rauchten manche Pfeife zusammen. Den ganzen Tag über hatte sich das Wetter nicht gebessert. Bald stürmte der Wind heftig und machte den Aufenthalt auf dem Verdeck unangenehm, dann regnete es wieder und trieb uns vollends in die Kajüten. Doch abgesehen davon, daß die freie Luft oben viel angenehmer ist, als die Atmosphäre unter dem Deck, verloren wir heute an der Aussicht nicht viel; denn im Allgemeinen sind die einförmigen Ebenen, durch welche sich von Pesth bis Apatin der Strom hinzieht, ohne Reiz für das Auge; erst wenn man sich den Grenzen des Banats und Serbiens nähert, gewinnt die Landschaft ein großartigeres Ansehen durch die Gebirge Bosniens und Serbiens, welche bei heiterem Wetter von Zeit zu Zeit sichtbar werden. Abends gegen neun Uhr kamen wir nach Baja, wo wir dicht am Ufer Anker warfen, um, da die Dunkelheit der Nacht es nicht erlaubte, weiter zu fahren, hier den Morgen zu erwarten. Wir richteten uns in den Kajüten so gut wie möglich ein. Die älteren Herren aus der Gesellschaft nahmen die Betten in Beschlag, die da waren, und wir jüngern mußten uns mit den gepolsterten Bänken begnügen. Doch nahm ich meinen Reisesack unter den Kopf, deckte meinen Mantel über mich und man kann denken, daß ich bald einschlief; denn war ich nicht gesund, jung und glücklich, indem ich die schöne Reise in das gelobte Land vor mir hatte. Den folgenden Tag hatte sich das Wetter noch nicht gebessert, es stürmte und regnete in Einem fort. Ich hatte mich sehr auf die Ufer gefreut, bei denen wir heute vorbeifuhren; doch erlaubte uns das Wetter nicht viel mehr, als das Land durch die Kajütenfenster zu betrachten. Wir kamen Abends nach Neusatz und Peterwardein, dem Grabe des tapfern Savoyenfürsten Eugen, der riesigen Festung, deren Bastionen sich, mit zahllosen Feuerschlünden besetzt, hoch übereinander erheben. Die Großartigkeit dieser Festung tritt aber dem Vorüberziehenden erst recht in's Auge, wenn er die Landzunge umschifft, welche völlig und ebenso riesenhaft befestigt ist. Eine Militärschiffbrücke, die aber Morgens und Abends nach gegebenem Signalschuß gesperrt wird, verbindet Neusatz mit Peterwardein. Wir brachten die Nacht am Ufer zu und verlebten den folgenden Tag, den 20. Oktober, fast wieder beständig in den Kajüten. Heute behandelte uns aber auch der Himmel auf die betrübendste Weise. Der Regen strömte vom frühen Morgen herab, und als wir gegen Mittag eilf Uhr bei Semlin anlegten, war es nur der alte bekannte Name dieser Stadt, der mich bewog, das Schiff zu verlassen, um den Platz zu sehen, von dem das alte Lied sagt: Bei Semlin schlug man das Lager, Alle Türken zu verjagen. Ich kaufte mir zum Andenken an diesen Ort einen Pfeifenkopf, den ich noch heute aufbewahre. Nach einigen Stunden lichteten wir auf's Neue die Anker und sahen bald Belgrad vor uns liegen. Hier befindet man sich schon halb in der Türkei; nur das linke Ufer gehört noch zu Oestereich, daher auch die Schiffe demselben möglichst nahe bleiben, indem durch die Berührung der rechten Seite man die Pest oder nach der Rückkehr in's östreichische Gebiet die Quarantaine zu fürchten hat. Ich kleidete mich gerade etwas um, da mich die Tour nach Semlin sehr durchnäßt hatte, als ich bemerkte, daß unser Schiff nach einem gelinden Stoße plötzlich festsaß. Alles lief auf's Verdeck, wo wir bald gewahr wurden, daß wir auf einer Sandbank mitten in der Donau festsaßen. Im dichtesten Regen ließ man die Boote in's Wasser, um seitwärts einen Anker zu werfen, an dem man das Schiff vermittelst der Winde drehen und von der Bank herunterbringen könne. Doch mußte dies Manöver mehrmals wiederholt werden, ehe sich das Schiff von der Stelle bewegte, und auf diese Art dauerte es mehrere Stunden, bis wir wieder flott wurden. Das beständig trübe Wetter und die dichten Nebel, die jede Aussicht sperrten und uns den Morgen erst spät abfahren, den Abend früh anhalten ließen, hemmten sehr den Fortgang unserer Reise und ließen uns die Station, bis zu welcher unser Dampfboot, der Zriny, ging, statt heute, erst morgen erreichen. Schon früh am Abend zwang uns die Dunkelheit, diesmal mitten in der Donau anzuhalten, und wir kamen erst am 21. gegen Abend nach Drenkowa, eine Station der Dampfschiffe, welche aus zwei Häusern, wovon das eine ein Kohlenmagazin, das andere ein Gasthaus für Fremde ist, oder vielmehr sein soll, besteht. Doch fanden wir es so ärmlich eingerichtet, ohne Betten, daß es Keinem von uns auch nur in den Sinn kam, das wohleingerichtete Dampfboot die Nacht über zu verlassen. Wir hatten hier ein sonderbares Abenteuer. Der Maler F., Doktor B. und ich gingen, als der Regen etwas nachgelassen hatte, an den Strand, wo wir kleine Kiesel und Muscheln auflasen. Plötzlich deutete F. in die Berge hinauf, die hier mit dichtem Wald bewachsen, an's Ufer der Donau treten, und behauptete, da oben einen Bären gesehen zu haben. Ich muß gestehen, es kam mir auch so vor, als habe ich im Augenblick ein großes Thier zwischen den Gebüschen verschwinden gesehen. Wir eilten in's Schiff zurück, nahmen unsere Gewehre und stiegen, in Begleitung von einigen Andern aus der Gesellschaft, die Höhen hinan. Wirklich fanden wir auch oben auf der Höhe die Spuren eines großen Raubthieres. Doch war der Boden sehr ungünstig mit dickem Laub bedeckt, weßhalb wir die Fährte nicht genau unterscheiden und verfolgen konnten. Ein paar Stunden liefen wir so in den Bergen herum, ohne jenes Thier wiederzusehen. Doch schoß der Maler einen Fuchs und der Baron v. T. und ich einen Reiher, der, als wir wieder zur Donau hinabstiegen, vor uns aufging. Am folgenden Morgen spähten wir, ängstlicher als die vorhergehenden Tage, nach dem Wetter; denn heute mußten wir das Dampfboot verlassen und uns einem kleinen flachen Fahrzeug anvertrauen, denn nur auf einem solchen gelangt man über die vielen Untiefen. Nachmittags kamen wir an eine der prächtigsten Stellen der Donau, wo dieselbe an zweitausend Schritte Breite hat, und mit ihren wilden Felsufern den schönsten See bildet. Vor uns sahen wir ein altes Schloß mit hohen Thürmen und Mauern, Columbacs, dessen Werke sich auf einen spitzen Felskegel hinauf- und hinabziehen. Dies Schloß hat ein wunderbares, geheimnißvolles Aussehen, und gewährt, in der gewaltigen wilden Natur allein stehend, einen der schönsten Anblicke. Der Sage nach war der Thurm dieses Schlosses, der am höchsten liegt, das Gefängniß der schönen griechischen Kaiserin Helene. Am Fuße dieses seltsamen Gebäudes verengt sich der mächtige Strom auf einmal bis auf eine Breite von vierhundert Schritt und fließt zwischen senkrechten himmelhohen Felswänden, wie in einer düstern Schlucht in rascherem Laufe weiter. Auf der linken Seite des Stromes, dem Columbascer Schlosse gegenüber, befindet sich ein hoher kegelförmiger Felsen, Babekage, von dem man erzählt, daß ein Fischer, der eine sehr böse Frau gehabt habe, sie unter dem Vorwande, dort unter dem Felsen Netze auszustellen, mit hinaufgenommen und gleich einer zweiten Ariadne verlassen, wo sie aber elend um's Leben gekommen. Nicht weit davon sieht man aus dem Strom zwei kleinere Felsen emporragen, wegen ihrer seltsamen Gestalt, nach der man sie, aus der Ferne gesehen, für zwei schwimmende Büffel halten könnte, Bivoli genannt. So schön diese Gegend ist, so schön diese malerischen Felsenwände, mit dem saftigsten Grün bedeckt und mit Quellen verziert sind, die hie und da kleine Wasserfälle bilden, so erzeugt doch diese herrliche Gegend, besonders die Höhlen und Schlünde um das Columbascer Schloß, eine der größten Plagen für das umliegende Land, die sogenannten Mordmücken. Im Anfange des Sommers dringen nämlich von hier aus unermeßliche Schwärme dieser kleinen Mückenart (Similium reptans), die auch bei uns, aber in geringer Anzahl, vorkommt, über die Ebene, überfallen ganze Herden Vieh, dem sie durch die Nase und den Mund in die Luftröhre und die Eingeweide kriechen und tödten es plötzlich oder bringen es wenigstens in große Lebensgefahr. Eine kurze Strecke weiter unten sieht man zu beiden Seiten zwei großartige Werke der ältesten und neuesten Zeit. Auf der rechten Seite der Donau, ungefähr dem Dorfe Ieschelnitza gegenüber, befindet sich eine Inschrift an der Felswand, deren Charaktere man jedoch vom Boot aus nicht entziffern kann, da sie von dem Feuer der Hirten fast ganz mit Ruß überzogen sind. Sie bezieht sich auf einen Leinpfad, den die Römer zu Trajans Zeiten anlegten, um ihre Schiffe aufwärts zu ziehen. Es muß ein wahres Riesenwerk gewesen sein, denn die Ufer fallen hier in senkrechten Felswänden bis in die Donau. An einigen Stellen ist der schmale Gang dicht über dem Niveau des höchsten Wasserstandes in den Stein hineingemeißelt, an andern, wo diese Arbeit gar zu mühselig gewesen wäre, sieht man noch kleine viereckige Löcher in die Felsen gehauen, worin Balken steckten, auf welche Bretter gelegt wurden, die eine Brücke bildeten. Da dies rechte Ufer wegen der Pest als »compromittirt« für den Verkehr geschlossen ist, so hat sich der Graf Szechenyi für sein Vaterland sehr verdient gemacht, indem er dagegen auf dem linken Ufer eine neue Straße von Ogradina bis Kaszan baute. Diese zieht sich, breite, hohe Gallerien bildend, durch senkrechte Felswände hin, die gegen den Strom zu geöffnet sind, wobei sich durch die mannigfachen Krümmungen, welche die Straße macht, überraschende und prachtvolle Gebirgspartien entfalten, welche den Blick des Reisenden, bald auf dem linken, bald auf dem rechten Ufer fesseln. Es gewährt ein besonderes Vergnügen, auf dem brausenden Strome zwischen den kolossalen Felsmassen wie auf einer bequemen Straße hinzuziehen, und ist besonders reizend für den, welcher Berge und Thäler auf unwegsamen Pfaden zu durchstreifen gewohnt ist. Am Fuße des Berges Schukuru, der Blutberg, von einer Niederlage, die die Türken hier erlitten, so genannt, legte unser Boot an, und wir erstiegen den Berg, um die von alten Schanzen umgebene und durch die überhängende Felswand geschützte Höhle zu betreten, aus welcher im Jahr 1592 der General Veterani mit dreihundert Deutschen und einer kleinen Anzahl serbischer Soldaten die Schifffahrt der Türken auf der Donau und selbst ihre Bewegungen auf dem Lande fast gänzlich hemmte. Die Höhle, die in alter Zeit Romanaz hieß, wird jetzt allgemein die Veteranische genannt. Sie besteht aus einem einzelnen größeren Gewölbe und ist so geräumig, daß sie wohl siebenhundert Mann Besatzung fassen könnte. Bald erweiterte sich die Schlucht, und wir sahen auf dem linken Ufer Alt-Orsowa liegen, das mit freundlichen Häusern, die hie und da zwischen Gärten vertheilt sind, bei heiterem Wetter einen ganz andern Eindruck auf uns hervorbrachte, als gestern Drenkowa. Alt-Orsowa sprach mich besonders an: in diesem Städtchen, dessen Handel und Gewerbe zur Zeit der Kontinentalsperre, wo der Weg von der Levante hier durchging, sehr blühend war, später aber ganz in Verfall gerieth, zeigt sich wieder frisch aufblühendes Leben. Die Schifffahrt ist hier der Untiefen wegen nur für kleinere Fahrzeuge zugänglich, daher die Waaren umgeladen und aufgespeichert werden müssen. Indem man den Ort zum Hauptstapelplatz dieser Gegend wählte, zog man eine gute Zahl Menschen an, deren kräftige Hände bei den nöthigen Bauten zum Felsensprengen ec. verwendet werden. So fanden Viele Erwerb und bevölkerten die neue Stadt. Die Dampfschifffahrts-Gesellschaft ließ hier ein schönes Haus an einer reizenden Stelle des Ufers erbauen, in welchem sie ihre Reisenden unentgeldlich beherbergt, damit sie nicht genöthigt sind, sich den schlechten Wirthshäusern anzuvertrauen. Wir fanden hier freundliche Zimmer, gute Betten und ließen uns den trefflichen Kaffee schmecken. Aus unserem Zimmer hatten wir die herrlichste Aussicht: auf einer Insel der Donau, welche hier von hohen Gebirgen eingeschlossen, wieder einem kleineren See gleicht, erblickt man die türkische Festung Neu-Orsowa, deren Lage an Isola bella im Lago Maggiore erinnert. Behaglich in meiner gastlichen Wohnung überließ ich mich den Träumen, die in solcher von der Natur ausgezeichneten Oertlichkeit sich ungesucht einfinden. Im Angesicht der Türken denkt man gern an die Wohlthaten, welche eine verständige Verwaltung hier verbreiten könnte. Die Völker sind kräftig und gut, das Land fruchtbar und durch seine Lage an der Grenze zweier Welttheile begünstigt. Es wäre nicht nöthig, die Türken auszurotten oder zu verjagen, man sollte ihnen nur zu Hülfe kommen durch Einführung einer geordneten civilisirten Regierung. Wird die nächste Zukunft den Beweis höherer europäischer Gesittung liefern, indem sie die Barbarei aus diesen schönen Ländern entfernt? Wir wollen es hoffen. Der Abend war gar schön. Die Sonne ging freundlich hinter den Bergen unter und füllte das Thal mit einem blauen Dunst, und ich verließ mein Zimmer, um die Geschäftigkeit des Orts in Augenschein zu nehmen. Mit Interesse war ich Zeuge des hier bedeutenden Fischfangs, durch welchen unzählige Störe und Hausen gewonnen werden. Man bereitet aus ihnen Caviar, der jedoch an Güte dem russischen nicht gleichkommen soll. Zu Gunsten der Feinschmecker wird man vielleicht künftig für kunstreichere Bereitung sorgen. Auch die hiesigen Goldwäschereien in der Donau lernte ich kennen. Sie sind weit einträglicher, als die auf dem obern Theile der Donau. Man erzählte mir von einem Manne, der binnen vier Wochen für sich allein Gold, achtzig Gulden Conventions-Münze an Werth, durch die Wäsche gewonnen hatte. Das Metall soll vorzüglich durch Flüsse, die aus den türkischen Gebirgen kommen, herbeigeführt werden. Die wichtigste, belebendste Thätigkeit geht jedoch hier von der Dampfschifffahrtsgesellschaft aus. Sie ließ damals kleine eiserne Dampfboote von zwanzig Pferdekraft bauen, mit denen der Engpaß Islatz und das eiserne Thor befahren werden sollten. Am andern Morgen verließen wir in zwei kleinen Schiffen Alt-Orsowa; im ersten waren wir, im zweiten der Lord Londonderry mit seinem Gefolge. Wir nannten letzteres nur das Herrenschiff aus Uri. Nach einer Stunde fuhren wir bei der türkischen Festung Neu-Orsowa vorbei. Die Oestreicher bauten sie unter Leopold I. Die Türken eroberten aber später den Platz, und obgleich seitdem ihre Grenzen von den Karpathen bis zu dem Balkan zurückgedrängt wurden, blieb ihnen doch noch dies Eiland und bis heute haust noch ein Pascha in Neu-Orsowa, das von den Türken Ada-Kalessi, die Insel-Festung genannt wird. Sie hat viel Mauerwerk, sogar zwei detaschirte Forts, aber Alles ist im kleinsten Maßstab gebaut. Ihre Geschütze beherrschen die Fahrt auf der Donau vollkommen; doch sah mir das kleine, schmutzige, zerfallene Nest so aus, als würde man bei näherer Besichtigung alles Andere eher finden, als Geschütze und Munition in brauchbarem Zustand. Ada-Kalessi gegenüber liegt an dem schroff abfallenden Ufer das Fort Elisabeth, das mit seinen massiven Bastionen und seinem schön gebauten Thurm einen bessern Anblick gewährt. Näher und näher kamen wir indessen dem eisernen Thor, diesem Engpaß der Donau, über den man nur auf kleinen Kähnen setzen kann, hörten sein gewaltiges Brausen und Rauschen und sahen das Wasser auf einer langen Strecke wallend aufsprudeln, als würde es durch unterirdische Feuer erhitzt. Die Donau fließt hier in einer Länge von fünfzehnhundert Schritt über mehrere niedrige Felsbänke, die das Bette quer durchsetzen. Obgleich nur bei ganz niedrigem Wasserstande die Klippen sichtbar sind, so entsteht doch durch das starke Gefälle des Stromes, der hier acht- bis neunhundert Fuß breit ist, ein heftiger Strudel und Wirbel, an dem man die Fahrzeuge nur mit der größten Umsicht vorbeisteuern kann. Unsere beiden Schiffe gelangten ohne Gefahr und glücklich durch das eiserne Thor, unterhalb welchem das Dampfboot Panonia, das zu unserer Weiterbeförderung bestimmt war, bei Szkella Gladowa lag. Das Wetter war heute wieder recht günstig und gewährte uns eine entzückende Aussicht auf die Karpathen; welche sich in der Ferne mit ihren beschneiten Gipfeln ausbreiteten. Da wir am andern Tage das Dampfboot verlassen wollten, um unsern Weg zu Land durch die Türkei fortzusetzen, so beschäftigten wir uns heute damit, unser Gepäck zu theilen, um das Nöthigste, was wir an Wäsche und sonstigen Sachen brauchten, mit uns zu nehmen, und die schwereren Koffer auf dem Dampfboote nach Konstantinopel gehen zu lassen. Wir hatten in Wien kleine lederne Koffer gekauft, die dazu eingerichtet waren, um sie wie Tragkörbe rechts und links an ein Pferd hängen zu können. Diese, sowie unsere leichteren Nachtsäcke, wurden mit den nöthigsten Sachen angefüllt. Früher einmal hatte die Lady L. den Wunsch geäußert, die Reise durch die Wallachei und Rumelien ebenfalls zu machen und erst unsern dringenden Vorstellungen, sowie denen des Herrn Gemahls und der Schiffsoffiziere, daß dort oft nicht einmal an gute Wege für Saumthiere, geschweige an einen Wagen zu denken sei, und daß die Pässe im Balkan in dieser Jahreszeit mit Schnee und Eis bedeckt und von Räubern unsicher gemacht seien, gab sie endlich nach und ihr Vorhaben, mit uns zu reiten, auf. Ihr junger Landsmann dagegen schloß sich als ein sehr willkommener Reisegesellschafter uns an. Die Sonne, welche heute freundlich untergehend, auf Morgen einen guten Tag versprach, hielt uns nicht Wort; denn als ich am folgenden Morgen von meiner Bank, auf der ich die Nacht über gelegen, durch's Fenster sah, war der Himmel mit dunkeln Wolken überzogen, die uns eine Stunde darauf einen anhaltenden Regen herabsandten, der bis zur Nacht, wo wir bei Giorgewo anlegten, fortdauerte. Der Abend vereinigte unsere ganze Gesellschaft noch einmal in der großen Kajüte, wo wir bei einem Glase Punsch die vergnügten Stunden durchgingen, welche wir in den Tagen, die wir zusammen auf dem Boote zugebracht, genossen hatten. Es that uns leid, von so angenehmer Gesellschaft scheiden zu müssen, von so guten Menschen, die wir vielleicht nie wieder sehen werden. Zweites Kapitel. Ritt durch die europäische Türkei. Türkische Posteinrichtung. – Giorgewo: Schmutz auf den Straßen. Quarantaine. Kleidung der Türken. – Rustschuk. Tartaren. Das Paßbureau. Bulgarische Fußbekleidung. Unsere Pferde. – Der Ramasan. – Rasgrad. – Schumla. – Ritt über den Balkan. – Dobrol. – Faki. – Adrianopel: Quarantaine. Das alte Serail. Selims Moschee. Eine Soiree beim Pascha. Illumination. Tanzende Knaben. Schatal Burgas. Silivri. Das Meer. – Ankunft in Konstantinopel. Wenn man in civilisirten Ländern über Reisebeschwerden klagt, so versteht man darunter ein paar Nächte, die man vielleicht im bequemen, dicht verschlossenen Wagen zubringen mußte, oder eine holperichte Straße, eine Station, auf der man unbeschreiblich schlecht zu Mittag gespeist, oder wo der knausernde Wirth so boshaft langsam servirt, daß einen das zur Abfahrt mahnende Horn des Schwagers schon aus den angenehmen Rindfleischträumen reißt und man die Herrlichkeiten des Bratens u. s. w. nur in Gedanken genießt. Das Schlimmste, was passiren kann, ist das Umschlagen des Wagens, oder ein überfüllter Gasthof, wo nur die Barmherzigkeit des Oberkellners dem unglücklichen Ankömmling irgend ein Winkelchen anweist. Wem schon solche Kleinigkeiten überlästig vorgekommen sind, der unterstehe sich ja nicht, zu Lande nach Konstantinopel zu gehen, oder auch nur eine kurze Strecke im Innern der Türkei zu reisen, sondern bleibe von Wien auf dem Dampfboote, wo er eine reinliche Kajüte, ziemlich gutes Essen und am Abend weiche Matratzen hat. Die türkische Posteinrichtung befindet sich noch in der unmündigsten Kindheit. Man kann zu Wagen reisen, was etwas bequemer indeß nur im hohen Sommer überhaupt möglich ist, wo die Haiden, über welche meistens der Weg geht, von der Sonnenhitze fest getrocknet sind. Das Fuhrwerk ist ein Leiterwagen, mit Matten bedeckt und mit Stroh gefüllt, auf dem sich der Reisende ausstreckt, und es dann der Vorsehung und dem in vollem Galopp dahinbrausenden Postillon überlassen muß, ob er überhaupt und mit ganzen Gliedern nach dem Orte seiner Bestimmung kommt. Die auch beim heißesten Wetter in ihre dicken Pelze gehüllten Bursche – ich spreche jetzt hauptsächlich von der Wallachei, da in Bulgarien und Rumelien das Reisen im Wagen fast unerhört ist – jagen dahin, ohne sich viel umzusehen, und wenn der Reisende durch einen starken Stoß von seinem Sitz auf die Straße geschleudert wird und sein Geschrei nicht zu den Ohren des Postillons gelangt, so ist es schon gekommen, daß die Rosselenker auf der Station angelangt sind und nachher wieder umkehren mußten, ihren Passagier zu suchen. Wir zogen es vor, zu Pferde zu reisen, da man so schneller fortkommt, und wir zudem das Balkangebirge zu übersteigen hatten, wo an kein Fahren zu denken ist. Auf dem Dampfschiffe hatten uns fast alle des Landes und des Weges Kundige abgerathen, überhaupt in dieser Jahreszeit die Türkei zu Lande zu bereisen, wobei man uns fast unüberwindliche Hindernisse vormalte. Da wir aber einiges Ungemach zu ertragen bereit waren, um ein Land wie das Innere der Türkei kennen zu lernen, wir auch alle kräftige junge Leute waren, so brachte keine Vorstellung uns von unserem Vorhaben ab. Schon in Orsowa hatten wir das Vergnügen, den ersten wallachischen Postzug zu sehen, jedoch nicht vollständig, indem die Pferde vor eine Wiener Kalesche gespannt waren. Sie erwartete hier einen Herrn Floresco, Polizeidirector in Bucharest, der mit uns von Pesth an auf dem Dampfschiff gewesen war. Der Wagen war mit acht Pferden bespannt, welche von zwei baumlangen, in zottige Schafpelze gehüllten Burschen gelenkt wurden, deren Füße bei der Kleinheit der Thiere beinahe den Boden berührten, was äußerst drollig aussah. Hinterdrein ritt eine Escorte von vier Gensdarmen, in weiten Hosen, blauen runden Jacken, das Fez auf dem Kopfe, Pistolen und Dolch im Gürtel und den Kantschuh an der Faust. Sie sausten im Carrière dahin und waren in wenigen Minuten aus unserem Gesichtskreise. Am 25. October Abends kamen wir bei der türkischen Stadt Rustschuk vorüber, welche unser Schiff mit drei Kanonenschüssen salutirte, weil wir, dem strömenden Regen zum Trotze, zwei Flaggen am Mast führten, an der Spitze die großbritannische, zu Ehren des Lord Londonderry, und darunter die türkische, den goldenen Halbmond im rothen Felde, für den Emin Pascha. Wir legten am linken Donauufer an, bei Giorgewo, welcher Ort jedoch eine halbe Stunde vom Fluß abliegt. Da der Regen über Nacht aufgehört hatte und der heitere Himmel einen angenehmen Tag versprach, verließen wir am folgenden Morgen das Schiff und gingen zu Fuß nach Giorgewo, wo unsere Pässe visirt werden mußten, worauf wir nach Rustschuk auf's rechte Donauufer überfahren wollten, um von da unsere Reise zu Pferd fortzusetzen. Giorgewo oder Gjurgew war die erste wallachische Stadt, die wir betraten. Wenn ich mir auch nach Allem, was ich über den türkischen Schmutz gelesen, keine große Vorstellung von diesem Ort gemacht hatte, so ging doch das, was ich hier in der Wirklichkeit vor mir sah, völlig über meine Begriffe. Wären nicht aus den mit Zweigen durchflochtenen und mit Mist bedeckten vier Pfählen schmutzig braune, menschliche Gestalten hervorgekrochen, so hätte ich geglaubt, die Erdhöhlen, an denen wir vorbeikamen, seien Stallungen für Büffel und Schweine, d.h. für türkisches Vieh, denn ein ordentlicher deutscher Ochse würde sich geweigert haben, in diese Schmutzlöcher zu kriechen. Die kleinen wallachischen Kinder saßen auf der Erde, plätscherten mit den Händen in der Mistjauche und sahen uns verwundert an; wohin man blickte, nichts als Elend und eine Unreinlichkeit über alle Vorstellung. Die meisten Wohnungen hatten nicht einmal vier Pfähle, sondern bestanden nur aus einem in die Erde gegrabenen Loch, mit Zweigen und Rasen bedeckt; Männer und Weiber waren in braune oder schwarze Schafpelze gehüllt und fast nicht von einander zu unterscheiden. Indessen bot nicht der ganze Ort einen so betrübenden Anblick dar; bald erschienen rechts und links Häuser aus Ziegelsteinen, deren Fenster aber meistens aus Papier bestanden, und endlich befanden wir uns in einer bessern Region, wo um die Kirche mit ihren byzantinischen Kuppelthürmen etwa zwanzig ziemlich gut aussehende Häuser lagen. Mit leichterem Herzen, denn was wir vorhin gesehen, hatte uns ernstlich für unsere nächste Zukunft besorgt gemacht, steuerten wir einem der Häuser zu, an welchem in russischer und französischer Sprache zu lesen war, daß hier der Agent der östreichischen Donaudampfschifffahrtsgesellschaft wohne. Sein Name ist Staude; ein sehr artiger Mann, der uns auf's Zuvorkommendste empfing und für unser schnelles Fortkommen aufs Beste sorgte. Bald begaben wir uns in Begleitung dieses Mannes mit unserm wenigen Gepäck, unsern Mänteln, Pelzen und Waffen nach der Quarantaine von Giorgewo, wo uns ein türkisches Schiff, welches Früchte herübergebracht hatte, aufnehmen und übersetzen sollte. An der Quarantaine herrschte reges Leben. Es wurde eben zwischen doppelten Barrieren Markt gehalten. Weil die Türken des rechten Ufers sich nicht mit den Wallachen vermischen dürfen, so legen die erstern ihre Trauben, ihren Honig u.s.w. zwischen die Barrieren, wo sie von den letztern weggenommen und auf dieselbe Art bezahlt werden. Es ist ein unheimliches Gefühl, wenn man sieht, wie ein Mensch den andern meidet wie ein giftiges Thier, und stets den langen Stock vor sich hinstreckt, um ja nicht berührt zu werden. Zum ersten Male sahen wir uns hier mitten in das für uns fremdartige Treiben der Türken versetzt, sahen uns umgeben von Turbanen und langen Bärten. Mir schwebten die Mährchen der tausend und einen Nacht lebhaft vor, als ich sie in ihren weiten Pantoffeln sich träg daher schleppen sah, wobei sie mit halbgeschlossenen Augen in langen Zügen den Tabakrauch einschlürften, um ihn wieder ebenso langsam von sich zu blasen. Ihre Kleidung besteht hier in sehr weiten Beinkleidern, meistens von dunkler Farbe, grau, blau, grün, aus weißen wollenen Strümpfen mit Pantoffeln, einer farbigen Jacke und dem unentbehrlichen Gürtel, einer Schärpe von ungeheurer Länge, die sie viermal um den Leib wickeln, und in welcher sie ihre Waffen, lange Pistolen und Dolche und eine eiserne Feuerzange tragen, die ungefähr anderthalb Fuß lang ist und zum Auflegen der Kohlen auf die Pfeife dient. In diesem Gürtel steckt ferner die Pfeife, Taback, Brod, ein Taschentuch, das selbst beim geringsten Bootsknecht mit Gold und Seide gestickt ist, und noch so viele andere Gegenstände, daß er nicht selten mehrere Schuh dick aufschwillt und sich äußerst lächerlich ausnimmt. Der Türke aber sieht mit Wohlgefallen auf dieses Vorgebirge und drückt die langen Hälse seiner Pistolen vor, so weit immer möglich. Nachdem wir für zwanzig Kreuzer beinahe eine halbe Schiffsladung der schönsten und süßesten Trauben gekauft, um sie während der Ueberfahrt zu verzehren, traten wir zu den Türken hinter die Barrière, und durften nun die Wallachei nicht mehr betreten, ohne fünf Tage Quarantaine zu halten, deren strenge Hand uns auf diese Art unwiderruflich von der Heimath schied. Wir setzten in einem ziemlich geräumigen Boote nach Rustschuk über. Da dieses oberhalb Giorgewo liegt, mußten wir stromaufwärts fahren und blieben so zwei Stunden auf der Donau, welche hier sehr breit ist. An's Land gestiegen, wurden wir von einem Haufen Türken umringt, welche neugierig unsere Sachen musterten, hauptsächlich die Percussionsschlösser unserer Gewehre und Pistolen; denn ihre Feuerwaffen sind noch alle mit äußerst dünnen, scharfen Steinen versehen. Der Steuermann des Boots brachte uns zum Agenten der Donaudampfschifffahrts-Gesellschaft, an den der Baron empfohlen war, und mit dem er die Mittel zu unserm fernern Fortkommen besprach. Die Post in der Türkei ist keine von der Regierung geleitete oder unterstützte Anstalt. Jeder Pascha hält sich zuverlässige, des Weges kundige Leute, sogenannte Tartaren. Diese bringen als reitende Boten die Depeschen aus den verschiedenen Distrikten nach der Hauptstadt, begleiten aber auch Reisende. Die Transportmittel, Pferde und Wagen, werden von Privaten geliefert, welche dafür eine vom Staat festgesetzte Bezahlung erhalten. Wir ließen den Chef der Rustschuk'schen Tartaren kommen, um ihm alle Kosten unserer Reise zu verdingen; denn meistens sorgt der Tartar außer den Pferden auch für Nahrung und Nachtquartier. Für uns brauchten wir fünf Pferde, ferner eines für den Tartaren, eines für das Gepäcke und zwei für die Sürüdschi – so heißen die Reitknechte, welche die Pferde zur Station zurückbringen – im Ganzen neun; wofür wir bis Konstantinopel, mit Einschluß aller Lebensmittel und Quartierkosten, 7000 Piaster, also 700 Gulden C. M. bezahlen mußten. Die Taxe, welche schwankt, war im Augenblick drei Piaster für jedes Pferd und jede Stunde. Die Hälfte obiger Summe wurde mit 350 Gulden dem Chef der Tartaren eingehändigt; die andere Hälfte bekam unser Führer bei unserer Ankunft in Konstantinopel. Jetzt mußten unsere Pässe bei der türkischen Behörde visirt werden, und ich ging unter Begleitung des Apothekers des Orts, welcher etwas Italienisch verstand, nach der Burg des Pascha. Der Theil der Stadt, den wir durchschritten, um zur Residenz zu gelangen, sah nicht sehr erbaulich aus. Drei ziemlich lange Straßen, zu beiden Seiten mit Kramläden oder offenen Gewölben besetzt, in welchen Handwerker aller Art saßen, führten dahin. Keine war gepflastert oder auch nur geebnet. Die Türken, welche uns, meistens in ziemlich schmutzigen Anzügen, begegneten, traten auf große platte Steine, welche hie und da an den Häusern lagen und die Trottoirs vorstellten, und nur so war es möglich, durch die Stadt zu kommen, ohne mit jedem Schritt bis an die Knöchel einzusinken. Dabei herrschte überall ein abscheulicher Knoblauchgeruch. Die Weiber, denen ich begegnete, waren durchgängig alt und dick, trotzdem aber sorgsam in ihre Schleier gewickelt, aus denen nur Auge und Nase vorsahen. Die Burg des Pascha gleicht dem Wohnhaus eines wohlhabenden deutschen Landmanns, diverse Mistpfützen eingerechnet, in welchen sich Enten und ein paar langbeinige Störche herumtrieben, welch' letztere mich vornehm über die Achsel anschauten. Das Schloß hatte eine Art Terrasse, auf der ein Dutzend Türken lagen, nichts thaten und Tabak dazu rauchten. Im Hof stand das reich gezäumte und mit einer rothsammtenen Decke versehene Pferd des Pascha, der im Begriff war, auszureiten, umgeben von drei, vier großen schmutzigen Burschen, mit langen Stöcken bewaffnet. Ich dachte lebhaft an die Bastonade. Mein Apotheker führte mich in ein Zimmer zu ebener Erde, wo sämmtliche Beamte des Pascha beschäftigt waren. Links in der Ecke des Gemachs, an dessen vier Wänden sich breite Divans befanden, lag ein alter Mann mit langem, schneeweißen Barte und zählte aus einer eisernen Geldkiste die Münzen in kleinen Häufchen vor sich hin; es war der Finanzminister. Neben ihm siegelte ein noch ziemlich junger Mann einige Briefe zu, wahrscheinlich der Mann der auswärtigen Angelegenheiten. Zu einem Dritten, der mit halb geschlossenen Augen dalag und äußerst langsam und bedächtig schrieb, brachte mich mein Führer und händigte ihm unsere Pässe ein. Er durchsah sie, und ich mußte ihm unsere Namen vorsagen, die er dann in den gräßlichsten Verrenkungen wieder von sich gab, wobei auf dem äußerst langweiligen Gesichte ein kleines Lächeln emporstieg. Auch mußte ich ihm das Signalement eines jeden von uns vorsagen, wobei er sich den Spaß machte und mich fragen ließ, ob alle meine Reisegefährten so große Bärte hätten, wie ich. Die Feder eines Reihers, den F. den Tag vorher an der Donau geschossen und die ich auf meine Mütze gesteckt, erregte seine Aufmerksamkeit. Er ließ mich fragen, ob sie vielleicht ein Zeichen meines Standes und meiner Würde sei, und als ich dies verneinte, bat mich der Apotheker, sie abzunehmen. Auf dem Rückwege nöthigte mich dieser in seine Wohnung, wo etwa zwanzig Töpfe und Gläser auf einem Gestelle die ganze Offizin ausmachten. Er stopfte mir eine Pfeife (Tschibuk), auf welche sein Diener – ein langer Schlingel, der in einem weißleinenen Kittel und mit herzlich dummem Gesichte dem Pierrot der italienischen Komödie vollkommen ähnlich sah – eine feurige Kohle legte. Nachdem ich einige Züge geraucht, führte er mich zum Hause des Agenten zurück, wo unsere Pferde schon bereit standen, das heißt, mit einem Halfter aus Stricken gezäumt, und auf dem Rücken eine schmutzige Decke. So werden sie in der Türkei geliefert, und der Reisende muß sich Sattel und Zeug selbst anschaffen. Wir kauften drei alte türkische und zwei neue tartarische Sättel, die nebst Zaum und Kantschuh fünfundfünfzig Gulden kosteten. So gut und zweckmäßig wir auch für unser Reitcostüm schon in der Heimath gesorgt hatten, so fanden wir es doch hier für nöthig und äußerst geschickt, unsere Fußbekleidung auf bulgarische Art einzurichten, und ich rathe jedem Reisenden, in gleichem Falle die Auslage einiger Gulden nicht zu scheuen. Man kauft nämlich ein Paar ganz dünne ziegenlederne Schuhe, die man über die gewöhnlichen Strümpfe zieht; sie kosten an zwölf Piaster; über diese ein Paar sogenannte bulgarische Strümpfe, die bis über's Knie hinaufreichen, von Tuch und mit buntem Garn ausgenäht sind, im Preis von dreißig Piaster. Dann kommen ein Paar schwere Lederstiefeln, welche bis über die Wade gehen, vierzig Piaster – und man hat die Füße auf's Sorgfältigste geschützt. Die ganze Anschaffung kostet also zweiundachtzig Piaster – zehn Gulden rheinisch, und gewährt dem Reisenden, wie ich aus Erfahrung weiß, viel Angenehmes. Abends, wenn man in den schlechten Chan kommt, wirft man mit Leichtigkeit die schweren Stiefeln von sich, und streckt sich mit warmem Fuß und Beinen, die der erwähnte lange Strumpf geschützt, natürlich in voller Kleidung auf's Lager. Auch kauften wir für jeden von uns eine lange Peitsche mit kurzem Stiel – den Kantschuh. Durch das Aufschirren war es spät geworden, und als wir auf den äußerst kleinen und schlecht aussehenden Pferden durch die kothigen Straßen zur Stadt hinaustrabten, dunkelte es bereits. Unsere Karawane sah recht abenteuerlich aus. Den Zug führte einer der Sürüdschi, ein alter Türke mit langem Barte, Pistolen und Handschar (Dolch) im Gürtel. Er saß ganz krumm, die Kniee an den Hals heraufgezogen, auf seinem Rosse und führte das Packpferd an der Hand. Hinter ihm ritt unser Tartar in seinem malerischen Costüme, weite blaue Beinkleider, auf denen ein goldener Stern als Zeichen seiner Würde gestickt war, und den er nie mit dem Mantel bedeckte; an den Füßen weiße, blau ausgenähte bulgarische Stiefel, ein rother Gürtel um den Leib, darüber eine grüne schwarz ausgenähte Jacke, und auf dem Kopf ein rothes Feß, mit langer, wallender blauseidener Quaste. Ueber der Schulter hing an einer seidenen Schnur ein schwarzledernes, goldgesticktes Täschchen, worin er den Ferman des Pascha mit unsern Namen und der Reiseroute aufbewahrte. Er hieß Hamsa und zeigte sich auf der ganzen Tour als ein ehrlicher, umsichtiger und gefälliger Mensch. Ihm folgten wir fünf, in unsere Pelze gehüllt, eine leichte Reisemütze auf dem Kopfe, Gewehre, Pistolen, Säbel an uns und am Sattel hängend. Unser Engländer machte die Reise im runden Hute und Makintosh, was gegen die faltigen Turbane und weiten Kleider der Türken sehr abstach. Die Arrieregarde bildete der zweite Reitknecht. Als wir an das Stadtthor kamen, war dasselbe bereits geschlossen, und wir mußten eine gute halbe Stunde warten, bis einer der Sürüdschi, der im Galopp zurückkehrte, um die Schlüssel zu holen, wieder kam. Doch hatten wir während der Zeit einen bezaubernd schönen Anblick, als wir uns nach der Stadt umwandten. Der Ramasan hatte vor wenigen Tagen begonnen; sobald während dieser heiligen Zeit Sonnenuntergang durch einen Kanonenschuß verkündigt ist, entzünden sich auf allen Moscheen und Minarets hunderte von Lampen und bilden eine glänzende Beleuchtung. Wir zählten nicht weniger als neunundzwanzig dieser Thürme, welche bis an die Spitze beleuchtet waren. Endlich kehrten wir diesem Glanze den Rücken und zogen durch das knarrende Thor in die finstere Nacht hinaus – ein Bild unserer Reise. Hinter uns ließen wir die friedliche Heimath mit ihren hellen, reinlichen Straßen und munteren Bewohnern, und traten in ein unfreundliches, schmutziges, uns gänzlich fremdes Land, dessen Sprache keiner von uns verstand. Unter allen Tartaren in Rustschuk war auch nicht einer zu finden, der nur ein Wort italienisch oder französisch verstanden hätte, von deutsch gar nicht zu reden. Unser Hamsa war wohl ein ganz brauchbarer Tartar, da er aber keineswegs das Pulver erfunden hatte, wurde es uns unsäglich schwer, ihm durch Pantomimen etwas verständlich zu machen, und hätten wir nicht die notwendigsten Ausdrücke, wie: »Halt, fort, langsam, schnell« ec. gewußt, so wären wir ganz verlassen gewesen. Trotzdem ritten wir munter in der Dunkelheit fort, wünschten den Lieben zu Haus eine gute Nacht, zündeten unsere Pfeifen an, und sangen ein deutsches Lied: Steh' ich in finstrer Mitternacht So einsam auf der fernen Wacht ec. Die Pferde, wie man sie in der Türkei zum Reiten bekommt, sind, wie schon gesagt, von kleiner, unansehnlicher Gestalt und dieselben, welche bei uns unter dem Namen Wallachen und Moldauer vorkommen, nur daß die hiesigen bei kleinerer Figur etwas mehr Race haben. Ihr Gang ist fortwährend ein kurzer, höchst unbequemer Trab, der den Ungewohnten ungemein ermüdet. Man kommt indessen damit sehr schnell von der Stelle, und thut am besten, sich so bald als möglich in diese Gangart zu finden; denn läßt man sein Pferd im Schritt gehen, um später in Trab oder Galopp aufzurücken, so ist dies noch schlimmer, und man kommt, wie ich selbst empfunden habe, halbtodt auf die Station. Aber die Ausdauer der Pferde ist erstaunlich. Sie laufen mit kurzen Pausen der Rast des Tags zwanzig deutsche Stunden, ohne ein Korn Hafer oder Heu oder auch nur Wasser zu bekommen, und am Abend merkt man ihnen nicht einmal große Ermüdung an. Es war heute Nacht sehr finster; und trotzdem an keine Landstraße zu denken war, verirrte sich unser Führer nie; der Weg lief bergauf, bergab über unbekannte Haiden. Der Tartar ritt zuweilen zu uns heran und präsentirte uns seine brennende lange Pfeife, eine große Freundschaftsbezeugung bei den Türken, die wir nicht ausschlagen durften. Jeder that einige Züge daraus, dann nahm er sie wieder und sprengte vor an die Spitze des Zuges. Hie und da zeigte sich in einer Schlucht ein Feuer bei Büffelheerden. Jedesmal ritt unser Führer hin, wechselte einige Worte und kam laut rufend zu uns zurück. Einigemal passirten wir Brücken, die aber so baufällig und unsicher waren, daß Hamsa beinahe immer abstieg und unsere Pferde einzeln hinüberführte. Um eilf Uhr wurde Halt gemacht. Wir stiegen ab und ließen die Pferde eine halbe Stunde herumführen; dann ging es wieder fort. Nachdem wir gegen drei Uhr Morgens die Pferde durch einen Waldbach, der auf unserm Wege lag, hinabgeführt hatten, kamen wir an eine alte, halbzerfallene Erdhütte, die der Tartar mit einem lauten Hurrah begrüßte. Die Knechte machten ein großes Feuer, er holte aus einer Satteltasche sehr fein geriebenen, stark duftenden Kaffee und Zucker, setzte ein kleines Pfännchen zum Feuer, warf Kaffee und Zucker in das kochende Wasser und reichte uns das Gemisch, eine ziemlich dicke braune Brühe, in kleinen porzellanenen Tassen. Es schmeckt nicht übel, nur fand ich kein Behagen am Kaffeesatz, den die Türken stets hinunterschluckten. Unser Vorsatz war, die ganze Nacht zu reiten, um den folgenden Tag zeitig in Schumla einzutreffen. Als wir aber um fünf Uhr Morgens auf der ersten Station, einer kleinen türkischen Stadt, Nasgrad, anlangten, waren die meisten von uns so ermüdet – wir halten von Rustschuk hieher sechszehn deutsche Stunden zurückgelegt – daß wir uns vom Tartaren gleich in ein Wirthshaus (Chan) führen ließen. Als wir in den Ort hineinritten, stimmten unsere drei Begleiter ein über alle Beschreibung unangenehmes, wahrhaft ohrzerreißendes Geheul an. Wir hatten dies in der Folge auf jeder Station zu genießen. Es ist das Zeichen, daß eine großherrliche Post kommt, für welche Pferde in Bereitschaft zu setzen sind. Die Bereitwilligkeit und Geschwindigkeit, womit die sonst so faulen Türken uns immer bedienten, sobald der Tartar mit lautem Hurrah in den Hof ritt, zeigte, in welchem Ansehen er bei ihnen stand. Nicht selten traktirte er aber auch, wenn es nicht rasch genug ging, das dienende Personal des Chans mit Kantschuhhieben. Das Zimmer, in welches man uns führte, hatte vier Kalkwände, und das ganze Mobiliar und Bettwerk bestand aus einem Wasserkruge und einigen Binsenmatten, die an den Wänden umherlagen. Durch die hölzernen Gitter strich unangenehm die scharfe Morgenluft. Doch Dank unserer Müdigkeit: wir schliefen bald und der Tartar mußte uns nach zwei Stunden sein: »Heide! Heide!« (fort! fort!) öfters in die Ohren schreien, ehe wir munter wurden. Um sieben Uhr ritten wir weiter, stiegen, nachdem wir die kothigen Straßen des Dorfes hinter uns hatten, in die Höhe und befanden uns bald wieder auf weiter Haide. Die Landschaft bietet bis Schumka wenig Interesse: abwechselnd kahle Höhen und Thäler, hie und da einige verkrüppelte Bäume, kleine Eichen und wildes Obst. An Landstraßen ist überall nicht zu denken, und unsere Karawane ging anfangs, wie gestern, im gewöhnlichen Zotteltrab vorwärts. Sobald aber der Baron dem Tartaren begreiflich machte, daß er, wenn es so fortgehe, in Stambul nicht viel Bakschis (Trinkgeld) zu gewärtigen habe, nahm die Sache eine ganz andere Gestalt an. Hamsa klopfte seine lange Pfeife aus und steckte sie hinten in den Nacken, so daß der Kopf derselben einen Fuß hoch über sein Feß emporragte, stieß ein lautes Geschrei aus, und dahin sausten wir unter immerwährendem Rufen und Schreien der Führer, daß die Mäntel der Türken und unsere Pelze im Winde flatterten. Es war einige Stunden, als hetzten wir ein Wild durch Gräben, Hecken, bergauf und ab, bald im scharfen Trab, bald im Galopp. Zuweilen stürzte ein Pferd, sprang aber sogleich wieder auf, und wir bewunderten das Feuer und die Ausdauer der kleinen Thiere. Bergauf geht es meistens im Schritt, in der Ebene den kurzen Trab, von dem ich vorhin sprach; aber bergab, und sind die Wege noch so holpricht und schlecht, im Galopp. Sobald der Tartar das Nachtquartier in der Ferne wittert, ist er nicht mehr zu halten, und es geht im Carriere unter beständigem Allah-Rufe, die schlechtesten Wege, die engsten Steinpflaster, bis in den Hof des Chans. Abends gegen vier Uhr kamen wir in die Nähe von Schumla. Die Höhen, welche uns noch den Anblick der Stadt entzogen, waren mit alten zerfallenen Batterien und Erdschanzen bedeckt. Beim Näherreiten sahen wir, daß dieselben gegen die Stadt gerichtet waren, sowie auch tief im Thal ein anderes Werk, das mir eine Brechbatterie zu sein schien – wahrscheinlich Ueberbleibsel der Angriffslinie der Russen aus dem Kriege im Jahr l829. Die Straße wandte sich rechts um einen Felsenvorsprung, und jetzt machten wir wie angefesselt Halt: unten im Thale lag Schumla vor uns und bot, von der sinkenden Abendsonne beleuchtet, einen wunderherrlichen Anblick. Rings war die Stadt umgeben, ich möchte sagen, durchflochten mit Weingärten voll reifer Trauben, aus denen die vergoldeten Minarets und weißen Häuser auf's Freundlichste heraussahen. Es war die erste große türkische Stadt, die wir sahen. Das Eigenthümlichste derselben gegen unsere Städte sind die schlanken hohen Thürme der Moscheen, die Minarets, von denen herab der Iman – türkische Geistliche – zu gewissen Stunden den Gläubigen verkündigt, daß es Zeit sei, das Gebet zu beginnen. Hinter Schumla erhebt sich der majestätische Balkan mit seinen blauen zackigen Kuppen, den herrlichsten Hintergrund bildend. Es that mir fast leid, daß ich diese Stadt betreten mußte, daß ich nicht mit diesem großartigen Bilde in der Erinnerung vorbeiziehen konnte: es war ja eine türkische Stadt, eine goldene Frucht, die innen fault. Kaum hatten unsere Pferde die Außenwerke der Festung betreten, schlechte Erdaufwürfe, mit verfaulten und zerschossenen Pallisaden besetzt, so sanken sie auch schon bis an die Knöchel in den Morast, der die Straßen bedeckte. Beim Chan angelangt, wurden wir sofort in das Loch geführt, wo wir die Nacht zubringen sollten: Lehmwände, der nackte Dachstuhl als Plafond, gestampfter Koth als Fußboden. Der Tartar machte uns auf die finstere Miene, welche wir ihm zeigten, begreiflich, es sei das beste Wirthshaus in Schumka, und man werde das Zimmer gehörig einrichten, wenn wir uns ein wenig in der Stadt umsehen wollten. Wir folgten seinem Rathe, kletterten einige Straßen hinauf, die sich an den Berg lehnen, und fanden denselben Schmutz, wie in Rustschuk und Rasgrad. Welches Leben könnte sich hier entwickeln, in reizender Gegend, auf dem fruchtbarsten Boden, wollte der Türke seine grenzenlose Faulheit ablegen und sich aus dem Schmutz, in den er versunken, erheben. Schumka, von Ferne so entzückend schön, macht auf den Fremden, der es betritt, den unheimlichsten Eindruck, und, man kann erst draußen, in der freien Natur, wieder ruhig athmen. Wir besahen mehrere Kirchhöfe, fanden sie aber nicht so schön und poetisch, wie sie uns gerühmt werden. Es sind große Plätze, mit Unkraut bewachsen und vielen langen schmalen Steinen besetzt. Hie und da zeigt auf einem der ausgehauene Turban, daß er die Gebeine eines vornehmen Türken deckt. Von Lustwandelnden habe ich nichts bemerkt; die Plätze lagen, einige ausgehungerte Hunde abgerechnet, die sich darauf herumtrieben, ganz einsam da. Sehr schön und angenehm sind dagegen die vielen Brunnen mit klarem herrlichem Wasser, die man hier zu Lande auf allen Wegen und Plätzen findet. Wir sind auf unserem Ritt nach Stambul wenigstens alle zwei Stunden an einem solchen vorbeigekommen. Es sind vier Fuß hohe steinerne Nischen, mit eisernen Röhren, auch fehlt nie der hölzerne Becher, der bei uns den ersten Tag gestohlen oder verdorben wäre. Ehrlichkeit ist überhaupt ein schöner Zug im Charakter des Türken. Trotz der überall sichtbaren Armuth reist man nirgends so sicher wie hier. Man kann bei Nacht seine Sachen auspacken und wird auch keine Stecknadel vermissen. Raub und Mord kommt selten oder nie vor. Als wir in unsern Gasthof zurückkamen, sah der Stall etwas wohnlicher aus. Man hatte den Boden mit Matten und Kissen bedeckt, ein Feuer loderte im Kamin, und kaum hatten wir uns gelagert, so brachte der Tartar einen großen Topf mit gekochtem Reis (dem berühmten Pillau) und zwei Hühner, welche er herausnahm, mit den Fingern zerriß und vorlegte. Daß uns dies Abendbrod nach einem Ritt von fünfzehn Stunden und einer durchwachten Nacht herrlich schmeckte, brauche ich nicht zu sagen; auch schliefen wir gut und setzten am andern Morgen um fünf Uhr unsere Reise fort. Heute hatten wir eine Tour vor uns, welche man uns in Wien und auf dem Dampfboot, als mit fast unüberwindlichen Hindernissen besäet, geschildert hatte – den Uebergang über den Balkan. Außer Schnee und Eis, womit in dieser Jahreszeit das Gebirge bedeckt sein sollte, hatte man uns fürchterliche Winde angekündigt, welche Mann und Roß in Abgrund schleudern könnten, Räuber und Mörder heraufbeschworen, und uns deßhalb beim Abschiede die Hand geschüttelt, wie zum Nimmerwiedersehen. Von alle dem bemerkten wir nichts, als wir auf den kleinen sichern Pferden die stellen Abhänge emporkletterten. Es war ein schöner Tag, der Nebel sank, ein herrlicher blauer Himmel, dunkler als in Deutschland, wölbte sich über uns. Wir überstiegen den Balkan in drei Absätzen. Der erste Abhang war schon ziemlich steil, doch konnte man das Steingerölle, in dem sich unsere Pferde hinaufarbeiteten, allenfalls auch eine Straße nennen. Wir trafen dann und wann zwei- bis dreihundert Fuß lange Strecken einer Römerstraße, welche an manchen Stellen noch ziemlich gut erhalten war. Von der Faulheit und Sorglosigkeit der Türken sahen wir wieder ausgezeichnete Beispiele. Um sich auf ihren Streifzügen Feuer zum Kochen zu verschaffen, hatten sie hie und da die schönsten Eichen niedergebrannt, ohne sie umzuhauen; sie legen dabei unten an den Stamm Feuer, und wenn der königliche Baum hinstürzt, lassen sie ihn ruhig verbrennen bis zur Krone, kochen dabei ihren Pillau und rauchen ihre Pfeifen. Man kennt sieben Hauptpässe über den Hämus, welche durch die alte Kriegsgeschichte mehr oder minder merkwürdig geworden sind. Die bedeutendsten waren der westliche, der in der ältern Römerzeit Succi, in der spätern Trajanspforte hieß, und der östliche, der von Adrianopel nach Schumla und Parawadi führte. Diesen letzten zogen auch wir theilweise. Ihn hat Theophylactus poetisch beschrieben. Er sagt von ihm: die unten liegenden Ebenen sind wie mit blumigten Teppichen bedeckt, grünende Wiesen sind Fest und Weide den Augen, dichte Schattenzelte des Waldes verbergen den heraufsteigenden Wanderer und viele Hitze gibt ihm dort die Mittagsstunde, wenn von den Sonnenstrahlen die Eingeweide der Erde erwärmen. Schön zu sehen, schwer zu beschreiben. Den Ort umströmt Ueberfluß der Wasser, welche den Trinkenden weder durch zu große Kälte beschweren, noch dem sich Abkühlenden durch ihre Weichheit beschwerlich fallen. Vögel, von frisch sprossenden Zweigen emporgetragen, bewirthen die Zuschauer gastfrei mit wohlthuendem Gesang, ohne Gram und Zorn der Uebel aller vergessend, so gewähren sie den Wanderern Schmerzlosigkeit durch ihre Gesänge. Ephen, Myrthe und Eiben mit allen andern Blumen führen in der schönsten Harmonie dem eingeweihten Geruchsinne ätherische Wollust im reichsten Maße zu und beräuchern mit süßen Düften den Fremdling, als ob sie nach dem besten Brauche der Gastfreundschaft Zubereitungen der Fröhlichkeit träfen. Hammer , Gesch. d. o. R. I. Den Fluß Camozik , der sich reißend durch ein Thal des Balkan windet, durchritten wir, sahen an seinen Ufern das malerisch gelegene Dorf Camazikmala und kamen zum zweiten Absatz des Gebirges, den wir größtentheils mittelst des ausgetrockneten Bettes eines Waldstroms erstiegen. Derselbe wand sich an manchen Stellen sehr steil zwischen himmelhohen Felsen durch, wobei sich die Kraft und Gelenkigkeit der kleinen Pferde erst recht erprobte. Wie Ziegen kletterten sie empor, ohne je stehen zu bleiben, eines dem andern nach. Es war sonderbar anzusehen, wie sich die Karawane zwischen den grauen Steinen und verkrüppelten Eichen schlangenartig durchwand. Als es Abend wurde, befanden wir uns nicht weit mehr von der Spitze des Gebirges. Der Himmel war den ganzen Tag über klar und rein geblieben, was uns einen herrlichen Sonnenuntergang versprach. Aus dem Thal erhob sich der bläuliche Nebel, mit dem wir zu den von der Abendsonne beleuchteten Felsenkronen emporstiegen. Endlich erreichten wir die Höhe. Da lag das Gebirge rings um uns, ruhig und groß, in den schönsten Farben vom Schwarz der Nacht, das den Fuß der Berge umgab, in hundert Tönen zum hellen Gold ihrer Spitzen; ein wunderschöner Anblick! darüber der sternbesäete Himmel mit der jungfräulichen Mondsichel, die schüchtern hinter einigen Tannen hervorlugte. Ueber unsern Häuptern kreiste ein mächtiger Adler und stieg höher und immer höher; wir sahen ihn noch von der Sonne beleuchtet, als sie unsern Blicken längst entschwunden war. Was mich aber an dieser Stelle besonders freundlich, ja rührend ansprach, war ein einsamer Kiosk, eine Laube von wilden Reben, die auf der äußersten Ecke eines Felsen stand. Wer mochte sie gebaut haben? Alles war roh gearbeitet, und doch lag ein eigener Reiz auf dem Ganzen. Sie stand auf der schönsten Stelle des Bergrückens und gewährte eine Aussicht weithin über die Ausläufer des Gebirges. Was mochte das Herz gefühlt haben, das sie errichtet? War es vielleicht Balsam für seine Schmerzen, so hinaussehen zu können in die Welt? war ihm vielleicht dorthin ein geliebtes Wesen entschwunden und der gefesselte Körper konnte der enteilenden Staubwolke nur den freien Blick nachsenden? Unsere Station wäre für heute Karnabat gewesen; indessen hielt es der Tartar wegen der Dunkelheit und des wirklich gefährlichen, steinigten Weges für zweckmäßig, in einem kleinen Dorfe, Dobrol, welches wir in einer Stunde erreichten, zu übernachten. Wir kehrten bei einem griechischen Bauern ein. Hamsa, der edle Tartar, bereitete ein Pillau, und F., der treffliche Maler, schlachtete eigenhändig zwei Hühner. Unsere Wirthin rückte einen hölzernen Trog in die Mitte des Zimmers, rührte Mehl mit Wasser an und knetete hieraus einen ziemlichen Kuchen, der in die Holzasche gelegt wurde und unser Brod geben sollte. Nach einer halben Stunde wurde er herausgezogen, mit einer eisernen Schaufel gereinigt, und ich für meine Person muß gestehen, daß er äußerst schlecht schmeckte. Nach einem Ritt von vierzehn Stunden, den wir heute, und an den steilen Stellen des Gebirges meistens zu Fuß gemacht, schliefen wir auf dem harten Lehmboden, den uns Frau Wirthin zum Bette anwies, recht gut. Um fünf Uhr verließen wir Dobrol und kamen um neun nach Karnabat, wo wir Pferde wechselten, Trauben und Kaffee genossen und zum erstenmal ein Nargileh (Wasserpfeife) dazu rauchten. Hier erhielten wir gute Pferde, die wir aber auch brauchen konnten; denn heute waren unsere beiden Reitknechte so lustig und munter, daß wir fast beständig scharfen Trab ritten. Unser Weg ging durch sehr coupirtes Terrain, Ausläufer des Balkan, meistens mit niedrigem Gesträuch bewachsene Haiden, bergauf und ab. Zuweilen kamen wir über Wiesen, auf denen zahlreiche Krokus blühten. In meinem Leben habe ich keinen wildern Ritt gemacht. Wir jagten durch Schluchten und über Gräben weg, unsere Führer mit ihrem sonderbaren Geschrei stets an der Spitze. Bald gings durch einen Bach, daß das Wasser über unserm Kopf zusammenschlug, bald unter alten Eichen hinweg, wo man sich auf den Hals des Pferdes legen mußte, um nicht die Mütze zu verlieren oder sich gar die Stirne blutig zu stoßen, was mir indessen doch begegnete. Unsere Pferde sind Abhänge hinabgelaufen, an denen ein Fußgänger einen Augenblick fragen würde: »soll ich oder soll ich nicht?« Aber wir mußten nach, unser Tartar war wie besessen und schrie in einem fort: »Heide! Heide!« während er auf seinem kleinen Pferdchen dahin sprengte. Als es dunkel wurde, wuchsen die Gefahren; aber die Führer kümmerten sich um nichts und ritten durch Dick und Dünn, und hätte nicht der Baron die Spitze genommen und stets gerufen: Achtung! ein Stein! ein Loch! ein Baumast! u. s. f., so wären wir sicher nicht unverletzt auf der Station angelangt. Wir kamen indessen glücklich nach Faki, und brachen den folgenden Morgen sehr zeitig auf; wir hatten bis Adrianopel neunzehn Stunden und wollten es noch bei guter Zeit erreichen. Den ganzen Tag ritten wir scharf durch sehr uninteressantes Terrain, bis Nachmittags, wo eine unabsehbare Ebene sich vor uns ausbreitete, in welcher einige von uns, obgleich sehr undeutlich, vier Minarets fern am Horizont sahen – Adrianopel. Wie jubelten wir beim Anblick der zweiten Hauptstadt des Reichs! Dort wollten wir einen Tag rasten, und dann aufs neue Immer zu, immer zu, Ohne Rast und Ruh. Aber der Mensch denkt und Gott lenkt. Bei einbrechender Nacht kamen wir in die Nähe der Stadt, nachdem wir in der Dämmerung eine Stunde lang gegen die vielen glänzend beleuchteten Minarets geritten waren, von denen wir bei ihrem ersten Anblick sieben Stunden entfernt gewesen, so weit und flach ist das Thal, in welchem Adrianopel liegt. Wir hatten noch einiges Wasser zu passiren, das sich in kleinen Seen auf der Straße gesammelt hatte, und trabten dann auf einem ungemein holperigen, ganz vernachlässigten Pflaster bis an das Thor der Stadt, aus zwei armseligen Häusern bestehend, von denen eines eine Wache vorstellte und mit dem andern durch eine Brücke zusammen hing. Dieses städtische Gebäude wurde durch eine kleine Ampel beleuchtet, die sich über unsern Köpfen an einer eisernen Stange ächzend wiegte, als fühle sie ihre Jämmerlichkeit. Hier stockte auf einmal unser Zug. Wir hinten wußten nicht warum und verstanden auch zu wenig türkisch, um zu errathen, was zwischen unserem Führer Hamsa und der Wache verhandelt wurde. So hielten wir eine halbe Stunde, müde, fröstelnd, da wir uns warm geritten hatten und nun in der kalten Abendluft still hielten, murrend über die fehlgeschlagene Hoffnung, bald in ein Quartier zu kommen und unsere erstarrten Glieder auf weichen Kissen ausstrecken zu können. Der Tartar hatte den Paß des Barons genommen und war damit in die Wachtstube gegangen. Er kam endlich wieder und bedeutete uns abzusteigen und ihm dahin zu folgen, da unsere Pässe erst dem Pascha vorgelegt werden müssen, ehe wir hier einreiten dürften. Wir traten in das niedrige, von einem an der Wand hängenden Lichte spärlich beleuchtete Zimmer, und warfen uns gleich auf die Binsenmatten und Polster, die an den Seiten lagen. So viel der dicke Tabaksqualm erkennen ließ, hatte das Zimmer blos vier nackte Wände, einen Kamin und ein einziges Fenster von einem Fuß im Quadrat. Die edeln Stadtwächter, junge Türken, kauerten an den Wänden, Pistolen und Dolch im Gürtel, die Pfeife im Munde. Ich war vor Ermüdung beinahe eingeschlafen, als Hamsa erschien und uns, die wir jetzt hofften, erlöst zu sein und unsern Chan aufsuchen zu dürfen, in einen schmutzigen Winkel der Straße führte mit dem Bedeuten, uns ruhig zu verhalten und nicht von der Stelle zu gehen. Auch gelang es uns, aus seinen Worten und Geberden endlich so viel abzunehmen, wir möchten, wenn wir gefragt würden, sagen, unsere Karawane habe Schumla nicht berührt, sondern sei um die Stadt herum gegangen. Was sollte Alles dies bedeuten? warum hielt man uns hier auf? Zuweilen horten wir ein verhängnißvolles Wort neben uns flüstern: Calendur , was Quarantaine bedeutet. Aber der Gedanke war zu neu und schrecklich, um ihm nachhängen zu können. Hatte man doch nie gehört, daß die Türken ihr Land mit einer Quarantaine umzogen; wozu auch? und brachten wir ihnen doch gewiß keine Pest. Unserer Ungewißheit wurde auf einmal ein Ende gemacht; ein Türke mit dem Feß auf dem Kopfe kam auf uns zu, stellte den langen Stock abwehrend vor sich hin und deutete auf ein höchstens zwei Fuß hohes Loch in der alten Stadtmauer, das man öffnete und durch welches wir in einen rings mit hohen Mauern umgebenen Hof kriechen mußten. Mehrere der Wachen umgaben uns mit den finstern bärtigen Gesichtern, und ihre Dolche und Pistolen leuchteten recht unheimlich bei der düstern Flamme einer beinahe abgebrannten Pechfackel, die einer vor uns hertrug, bis zu einem größern Thor, das nach mehrmaligem Klopfen geöffnet wurde. Wir traten in einen zweiten Hof, und hinter uns riegelte man das Thor wieder zu. Das Terrain, auf welchem wir uns befanden, schien ein Garten oder eine Baumanlage; wir waren wenigstens von Bäumen umgeben und unsere Füße traten auf lockern Grund. Ein kolossales Schöpfrad hob sich neben uns aus einer Wassergrube und goß langsam das gesammelte Wasser aus seinem morschen Eimer, worauf dieser mit melancholischer Klage in die Tiefe zurücksank. Wir schleppten unsere müden Glieder noch einige Schritte weiter und wurden dann mit langen Stöcken in ein einsam stehendes Haus beinahe hineingeschoben. Durch einen schmutzigen Gang gelangten wir in ein Zimmer; zugleich mit uns setzte man eine Kohlenpfanne und ein brennendes Talglicht hinein und schloß die Thüre ab. Hamsa, unser Tartar, kauerte an die Wand und schien über unsere Lage nachzudenken, wenigstens sprach er nichts, sondern sah uns sehr wehmüthig an. Auch wir betrachteten unsern Aufenthalt und uns gegenseitig. Der Baron zog in stiller Resignation ein kleines türkisches Wörterbuch aus der Tasche, um mit Hülfe desselben den Tartaren zu befragen, was man eigentlich mit uns vorhabe. Kaum sah Hamsa das Buch in den Händen des Barons, als er gleich zu ihm hinrutschte und zu seinen Füßen gelagert ihm aufmerksam in die Augen sah. Ueberhaupt kam Hamsa, so oft T. dieses Büchlein zur Hand nahm, eilend herbei und merkte genau auf jedes Wort, das er ihm allenfalls sagen wollte, wogegen wir Andern lange schreien mußten, bis er unsern Befehlen oder Bitten Gehör gab. Diesmal wartete aber der Tartar die Frage nicht ab, sondern wohl merkend, um was es sich handle, sagte er: »Schumla Gümurtochak, burda Calendur,« d. h.: »Schumla Pest, hier Quarantaine.« Dies erfüllte uns mit nicht geringem Schrecken, und wir sahen auf einmal unsere trostlose Lage. Deßhalb auch früher seine Bitte, wir möchten versichern, Schumla nicht berührt zu haben. So saßen wir also fest, mit der nächsten Aussicht, die Nacht in diesem Loche zuzubringen, das nichts enthielt, als einige schlechte Binsenmatten und an den Wanden Erhöhungen von Holz, Divans vorstellend; auch hatten wir weder gefrühstückt noch zu Mittag gegessen, und unsere Reisesäcke enthielten außer Thee und Chokolade nichts Genießbares. Von den Türken, unsern Wächtern, war auch nichts zu hoffen, denn nachdem sie uns ein Kohlenbecken hineingeschoben und jedem eine kleine Tasse Kaffee verabreicht hatten, schlossen sie die Thüre, sowie das ganze Haus, und kein noch so heftiges Klopfen und Schreien bewog einen, nach unsern Bedürfnissen zu sehen. So waren wir denn förmlich gefangen und fügten uns in dieses traurige Geschick so gut wie möglich, legten uns auf den harten Boden und schliefen, in die Pelze gewickelt, ziemlich fest, um den folgenden Morgen wie gerädert aufzustehen. Morgens erschien der Arzt der Quarantaine, ein junger Italiener, um uns in Augenschein zu nehmen; ein sehr höflicher Mann, der uns in der Folge mit großer Artigkeit behandelte, und es ungemein bedauerte, daß wir die Nacht so schlecht zugebracht. Der Baron bemerkte ihm ziemlich ernst, es sei doch unverantwortlich, Reisende einzusperren, ohne sich um ihre notwendigsten Bedürfnisse im Geringsten zu bekümmern. Der Arzt entschuldigte diese Anstalt, weil sie noch so jung sei, und gab uns dabei eine kurze Geschichte ihrer Entstehung. Die Gesandten der auswärtigen Mächte haben die Quarantaine eingesetzt, damit die Pest so viel möglich von der Hauptstadt abgehalten würde und so sie selbst gesichert wären. Obgleich noch sehr mangelhaft, habe sie doch schon sehr schöne Resultate geliefert, denn seit zwei Jahren wäre von der fürchterlichen Seuche Konstantinopel und Pera nicht verheert worden. Letzteres hörten wir später dort bestätigen. Dann zuckte der Arzt die Achseln und meinte in Betreff der schlechten Behandlung der Reisenden, müsse man nicht vergessen, daß man in der Türkei sei. Dies hatten wir in den letzten Tagen auch sattsam erfahren. Wir waren also in der Quarantaine und suchten uns diesen Aufenthalt so erträglich und angenehm zu machen als möglich. Die deutschen Consuln und der englische, die wir von unserm Unglück in Kenntniß gesetzt hatten, bemühten sich, besonders der letztere, uns nach ihren Kräften mit dem Notwendigsten zu versehen. Nachmittags erschien ein Wagen, der zwei freilich sehr defekte Tische, einige Stühle, blecherne Pfannen, Wein, Butter, Reis und einen Schatz, nämlich einen Sack mit Kartoffeln, brachte. Die Quarantaineanstalt stellte uns einen Mohren als Kammerdiener und Koch, der aber mit immenser Körpermasse eine unbeschreibliche Faulheit verband; auch bestand seine ganze Kochkunst in der Bereitung eines sehr mittelmäßigen Pillav, so daß wir uns genöthigt sahen, unsere Küche eigenhändig zu versehen. Ein Jude, der jeden Tag zweimal eingelassen wurde, brachte Alles, was wir verlangten, nur ließ er sich sehr theuer bezahlen, und so konnten wir unsern Tisch gleich am ersten Tage mit einer vaterländischen Fleischsuppe und Kartoffeln versehen. B. und ich verstiegen uns den zweiten Tag sogar zu einem Schöpsenbraten und einem Huhn, das ich in Ermanglung von etwas Besserem mit Trauben und Brod stopfte. So lebten wir ziemlich anständig, tranken Morgens unsern selbst bereiteten Kaffee und Abends einen selbst gebrauten Punsch und spielten darauf bis in die späte Nacht Whist, ehe wir unsere Schlafstätten aufsuchten, d. h. die Tische und Stühle in eine Ecke rückten und uns auf den Boden legten. Unser Kislar-Aga, ich meine unsern Ouarantainewächter, der den ersten Tag jeden unserer Schritte und Tritte mit der größten Malice bewacht und stets mit seinem langen Stock in der Luft gefuchtelt hatte, wurde mit der Zeit ganz geschmeidig und unser bester Freund. Er hieß Mustapha und suchte neben seinen Trabanten jede Communication nach außen zu verhindern, wobei sie aber selbst in unser Zimmer kamen, unsere Sachen anfaßten und sich als ächte Muselmänner und Fatalisten aus der Ansteckung nichts zu machen schienen, es sei denn, daß sie unsern Worten, wir seien nicht in Schumla gewesen, Glauben beimaßen. Kurz, sie spielten mit uns, so zu sagen, Quarantäne, und ließen uns im Innern alle Freiheit. Unser Mohr, er hieß Mertschan, auf deutsch Koralle, der den Tag über mit uns eingeschlossen war, verließ sogar das Haus zuweilen Abends, um einer Dame seiner Bekanntschaft eine Visite zu machen. Ein großer, mit Maulbeerbäumen bepflanzter Garten, der an unser Gefängniß stieß, diente uns als Spazierplatz und Jagdgehege; wir schossen hier jeden Morgen oder Abend einige Rebhühner, von denen sich große Ketten stets dort aufhielten. Ein anderer Zeitvertreib bestand darin, daß wir mit unsern Gewehren und Pistolen nach irdenen Gefäßen schossen; kurz, wir amüsirten uns, so gut es ging, um die uns bestimmten zehn Tage zu tödten. Man hatte uns mit dieser Frist sehr gnädig behandelt, denn die Vorschrift ist eine vierzehntägige Quarantaine. Während der ganzen Zeit hatten wir unbeschreiblich schönes und warmes Wetter, der Himmel hing blau und rein über uns, und das Laub der Bäume, sowie das Gras zu unsern Füßen war saftig und grün, wie bei uns im Frühjahr, und doch hatten wir schon beinahe die Mitte Novembers erreicht. Den Untergang der Sonne und den Eintritt der Nacht, die hier fast ganz ohne Dämmerung einbricht, genossen wir meistens vor der Thüre, auf einer Binsenmatte sitzend, und sahen, wie die Minarets des Ramasan wegen allmälig beleuchtet wurden und in kurzer Zeit mit tausenden von Lichtern durch die Nacht glänzten. – Wahrhaft lächerlich war in diesen Augenblicken das Benehmen unserer Türken. Sie, die während dieser Zeit den ganzen Tag sich aller Speisen und Getränke, sogar des Rauchens enthalten müssen, faßten schon geraume Zeit vor Sonnenuntergang ihre Löffel und Pfeifen und fielen beim Knallen des Kanonenschusses, der das Ende des Tages anzeigt, mit wahrer Wuth über Speisen und Tabak her. Von Adrianopel selbst bekamen wir während unserer Gefangenschaft nicht viel zu sehen; aus unserm Bodenfenster, dem höchsten Punkte des Hauses, übersahen wir nur einige Reihen türkischer Häuser, an einen kleinen Berg hingebaut, sowie ausgebreitete Rosenpflanzungen, aus denen das vortreffliche Rosenöl gewonnen wird, womit Adrianopel den Orient und Occident versorgt. In der Ferne erhob sich die Moschee Sultan Selims, nach der Aja Sophia in Konstantinopel die schönste des ganzen türkischen Reichs. Rechts sahen wir aus dunkeln Platanen einige halb zerfallene Mauern und Kioske herabblicken, deren großartige Formen und reiche Verzierungen von früheren glänzenden Zeiten sprachen – das alte Serail. Nachdem wir so neun Tage verlebt, trat Abends der Arzt in unser Zimmer und kündigte uns für den folgenden Tag die Freiheit an; zugleich donnerten an allen Punkten der Stadt die Kanonen und die Illumination des Minarets war großartiger und reicher als gewöhnlich. Aber alles dies geschah nicht unserer Befreiung zu Ehren; ein Courier hatte am Abend die Nachricht gebracht, daß dem Großherrn in Stambul die fünfte Tochter geboren sei. Am andern Morgen erschien der Oberaufseher der Quarantaine und führte uns durch einen Handschlag wieder in die allgemeine menschliche Gesellschaft ein. Unser erster Ausflug war nach dem alten Serail gerichtet, das in seiner verfallenen Herrlichkeit, öde und einsam zwischen den dunklen Bäumen, mich schon lange geheimnisvoll angelockt hatte. Wir gelangten über eine große, gepflasterte Esplanade zum äußersten Thor, vor dem man uns zwei runde große Steine zeigte, auf welche die Köpfe der Hingerichteten gesteckt wurden. Rechts und links lagen in Schuppen alte Kanonen auf ihren Lafetten. Durch dieses Thor traten wir in den ersten Hof, der ziemlich groß ist und mit kleinen Steinen gepflastert, zwischen denen das Gras hervorwuchert. Alles war still um uns, jeder Fußtritt hallte in den unbewohnten Räumen wieder und die Treppen zu den Gebäuden waren zerfallen. Ein Springbrunnen im Hofe war mit Schlingkraut bewachsen, und um die abgebrochenen Wasserröhren spielten kleine Eidechsen; es kam mir vor wie ein verzaubertes Schloß, urplötzlich von seinen Bewohnern verlassen. In einem Ziehbrunnen hing noch der Eimer; wir zogen ihn herauf und genossen das eiskalte Wasser. Unter dem ersten Thorwege stand eine vergoldete Damensänfte mit ihren dünnen Gitterstäben, einem großen Vogelbauer ähnlich. Der zweite Hof war mit Gebäuden umgeben, in denen die Dienerschaft gewohnt, und führte durch eine Art Kiosk in den dritten und letzten, zum Sitz der Glückseligkeit und der Geheimnisse des Harems. Vor hundert Jahren wäre der Eintritt in dieses Thor der Eintritt in unser Grab gewesen; jetzt erhoben sich nur rechts und links einige Raubvögel und wilde Tauben, ängstlich flatternd, als wollten sie uns abmahnen, weiter vorzudringen. Auf diesem Hofe und vor den Gebäuden dieselbe Verödung, wie im ersten und zweiten: unsere Vorstellungen von orientalischem Luxus und der geträumten Pracht eines Serails wurden hier sehr herabgestimmt: alte Gebäude von Holz, mit gemalten geschmacklosen Zierrathen überladen. Wir besahen jetzt das Selamlik, oder Haus der Männer, sowie den Haremlik, das Haus der Weiber. Erstens besteht vorzüglich aus einem thurmähnlichen, ziemlich hohen Gebäude, von dessen Plattform wir nach Ersteigung einer halsbrechenden Treppe einer schönen Aussicht auf die Stadt und Umgegend genossen. Im Innern ist dieser Bau in drei Stockwerke getheilt, von denen die untern drei, das obere zwei Zimmer enthalten. Hier ruhten die alten Sultane und sahen dem Plätschern der Springbrunnen zu; hier überdachten sie, welchen Vezier oder Pascha sie mit der seidenen Schnur beglücken sollten. Dort in der Ecke lag der Großherr und machte mit der Hand eine horizontale Bewegung, wenn ihm der Großvezier die Namen von Gefangenen oder Verdächtigen, vielleicht auch nur von Reichen, deren Besitzungen ihn lockten, vorlas, und diese Handbewegung fiel als schrecklicher Blitzstrahl über's ganze Land hin, rüttelte hundertfachen Jammer auf und fraß das Glück ganzer Familien. In jenen Vorzimmern standen die Großen des Reichs und warfen sich nieder vor dem Beherrscher der Gläubigen, wenn er hindurchging nach dem dahinterliegenden, aufs Köstlichste eingerichteten Gemach, wo ihm der Kislar-Aga die frischangekommene weiße Sklavin triumphirend zeigte. Wie viel Thränen und Flüche mögen diesen Boden benetzt haben! mehr als er zu tragen vermochte, denn er ist jetzt durchfressen und eingestürzt. Die Wandbekleidungen sind meistens herabgefallen und bedecken die Erhöhungen, auf welchen die prächtigen Polster lagen. Die Springbrunnen sind trocken und verstaubt, das Ganze eine Ruine, von Gespenstern bewohnt, die sich an meine Brust hängten und mich erst losließen, als ich wieder den freien blauen Himmel über mir hatte. Der Harem ist freundlicher und besser erhalten, als alle andern Gebäude. Der Aufseher weigerte sich anfangs, uns das Kiosk der Sultaninnen aufzuschließen und konnte nur durch ein bedeutendes Trinkgeld dazu bewogen werden. Dieses Gebäude bildet ein regelmäßiges Viereck mit zwei Thüren, zwischen denen ein Vorsprung oder Erker sich befindet, von dessen Fenstern aus man dieselben genau bewachen konnte. Hier wohnten die Eunuchen, um die Eingänge zu den Zimmern ihrer armen Gefangenen stets im Auge zu haben. Wir traten zuerst in eine Art Vorsaal, mit Marmor schön ausgelegt und ziemlich gut erhalten; in der Mitte der unentbehrliche Springbrunnen, aber auch hier ohne Wasser. Dieser Saal diente als gemeinschaftlicher Spielplatz; er hat rings Erhöhungen zu Divans und eine Wand von geschnitztem Holze. Die Fenster bestehen zum Theil aus farbigem Glase mit grotesken Blumen und sind mit doppelten Gittern versehen. Weit reicher noch und mehr orientalisch sind die inneren Zimmer, die Wände belegt mit Ziegeln, deren bunte Bemalung in lebhaften Farben Blumenguirlanden vorstellt. Es war ein eigenes Gefühl, hier zu wandeln, wo früher außer dem Großherrn und den Eunuchen kein männliches Wesen geduldet wurde, sich hinzustrecken auf die Erhöhungen, auf deren Polstern die Sultaninnen gelegen, und die kleinen, noch gut erhaltenen Wandschränke von vergoldetem Holze zu öffnen, worin die Odalisken Kleider und Geschmeide sorgsam verwahren. Ich weiß nicht warum, aber wir sprachen Alles leise zusammen, als fürchteten wir, draußen schlafende Wächter zu erwecken; auch hielten wir uns nicht sehr lange hier auf, denn unser Führer schien seine Vollmacht überschritten zu haben, indem er uns diese Gemächer zeigte; er trieb beständig zur Eile an und blickte stets nach dem Hofthor, als fürchte er dort einen Verräther erscheinen zu sehen. Einer unserer Begleiter, der Dragoman des englischen Konsuls, erklärte uns noch einige Sprüche des Koran, die an die Wände geschrieben waren und zeigte uns die Namen der sechs Propheten, Mahomed, Osman, Omar, Ali, Abubekr und Hassan, die fast in allen türkischen Häusern irgendwo in großen Schriftzügen zu lesen sind. Hier waren sie in die Fayence der Wandbekleidung eingebrannt. Wir verließen den Harem; ich brach mir eine wilde Blume, die in einem der Zimmer aus dem Fußboden hervorwucherte, und legte sie als Andenken in die Brieftasche. Ein großer Hirsch, der sich auf dem Hofe zu langweilen schien, begleitete uns in zierlichen Courbetten bis zum Thore der Glückseligkeit, wo er uns stolz verließ und in die Gemächer zurückkehrte. Wir wanderten der Stadt zu, die, obgleich eng und winklicht gebaut, wie alle türkischen Städte, doch etwas reinlicher schien als Schumla. Wir begaben uns zunächst zu der großen Moschee Sultan Selims, die mit ihren vier Minarets und großartigen Kuppeln eines der schönsten Gebäude ist, die ich je gesehen. Das Innere des Tempels betraten wir nicht, weil es uns, die wir zur morgigen Abreise im Reitcostüm waren, zu beschwerlich gewesen wäre, die Stiefeln auszuziehen. Beinahe hätte man uns so, wie wir waren, hineingelassen. Da wir indessen den Muselmännern kein Aergerniß geben wollten, bestiegen wir nur eines der Minarets von eigenthümlicher Bauart, indem sich bis zum ersten Absatz drei Treppen zugleich aufwinden. Um in die Spitze des Thurms zu gelangen, mußten wir dreihundert und fünfzig Stufen ersteigen, genossen dann aber einer herrlichen Aussicht. Nun durchstrichen wir die Bazars, welche hier schon bedeutend reicher sind, als in Rustschuk und Schumla, und gingen durch die Stadt zum Flusse Maritza, um dort eine neue, noch im Bau begriffene Brücke zu sehen, welche schon dreimal, nachdem sie beinahe vollendet, eingestürzt war. Uns wunderte das gar nicht. Wie wir unter besondern Feierlichkeiten den Grundstein eines Gebäudes legen, so ist es ein Fest bei den Türken, den Schlußstein zu legen. Daher schließen sie die Gewölbe der Brückenbogen nicht, sondern stecken hölzerne Keile hinein, bis der Pascha Zeit oder Laune hat, die Schlußsteinlegung vorzunehmen. Der hiesige hatte das einigemal versäumt, weßhalb das sonst gar nicht üble Gebäude, wie schon gesagt, mehrmal zusammengestürzt war. Der englische Consul, der uns in der Quarantäne mit Gefälligkeiten überhäuft, hatte uns heute zu Tische geladen, was uns Allen in Ermangelung eines guten Gasthofs und nach zehn Quarantänetagen, die uns im eigentlichen Sinne des Worts im Magen lagen, äußerst erwünscht war. Seine Küche, halb englisch, halb nach der Sitte des Landes, war vortrefflich. Nach dem Essen nahmen wir mit Vergnügen seinen Vorschlag an, durch die Stadt zu wandern und die Illumination anzusehen, die schon wegen des Ramasan, aber zu Ehren der neugeborenen Prinzessin heute doppelt glänzend war; auch versprach er uns wo möglich noch diesen Abend dem Pascha vorzustellen. Wir zogen aus, vor und hinter uns Kawaschen (Wachen) und Diener mit großen Laternen und Stöcken, fanden aber, nachdem wir durch ein paar Straßen gegangen, die Illumination äußerst armselig. Außer farbigen Laternen und Blechlämpchen, die einzeln an den Häusern hingen, sahen wir hie und da auf einem kleinen Platze eine Pechfackel, bei deren rothem Scheine die Türken lärmend irgend ein Backwerk verzehrten. Nur bei dem Palast des Pascha, zu dem wir bald gelangten, war es lebhafter. Das Gebäude hatten wir schon diesen Morgen vom Minaret der Moschee aus gesehen, von wo aus es einer deutschen großen Kaserne glich: ein beinahe viereckiger Bau, der einen Hof umschließt, mit regelmäßigen Fenstern ohne die vielen Erker und Schnörkel der übrigen türkischen Häuser. Die Façade war mit Lämpchen auf's Beste herausgeputzt; sie stellten Sterne und Halbmonde, auch Namenschiffern vor, nur lief Alles bunt, ohne Symmetrie, durcheinander. Am Thor standen mehrere zerlumpte Bursche mit großen Pechpfannen, und hier wogte eine große Menschenmasse aus und ein. Auch wir folgten dem Strome mit Hülfe unserer Kawaschen, welche uns mit ihren Säbeln überall Luft machten, und fanden im Hofe ein seltsames Treiben und Leben. Auf dem ganzen Platze waren Pechpfannen in die Erde gesteckt, welche die Menschenmassen rings um ziemlich beleuchteten. In der Mitte saß eine Musikbande auf dem Boden und machte mit einigen Violinen, Zithern, Querpfeifen und Trommeln einen heillosen Lärm. Indessen hielten sie bei aller Disharmonie vortrefflich Takt, zu dem in der Mitte des großen Kreises, den das Volk bildete, zehn bis fünfzehn Tänzer die groteskesten Sprünge machten und eine sich immer wiederholende Melodie mit näselndem Tone sanken. Das Ganze gab beim flackernden Lichte ein eigenthümliches Bild: die zerlumpten Tänzer, die gellende Musik, das Jauchzen der Menge, die Häuser umher, die bei den vielen Lampen und Pechpfannen im Feuer zu stehen schienen. Der Consul führte uns in das Wohngebäude des Pascha und vorerst in die Zimmer des Muazil, des Ministers oder ersten Beamten, die sehr reich mit Divans und Teppichen geschmückt waren. Man setzte eine Menge Wachslichter auf den Boden hin und brachte uns eiskaltes Wasser in Glasgefässen, sowie unendlich lange Pfeifen. Bald waren wir und einige andere Herren, die sich eingefunden hatten, wie der griechische, sardinische und preußische Consul und einige angesehene Beamte und Kaufleute Adrianopels in voller Arbeit und erfüllten das Zimmer mit dem Dampfe des sehr guten Tabaks. Da erschien der Muazil, ein wohlbeleibter, freundlicher Mann von etwa vierzig Jahren. Er ging gegen die Gewohnheit der Türken äußerst schnell, reichte rechts und links seine Hände zur Begrüßung hin, dann hüpfte er in die Ecke des Divans, schlug die Beine unter und fing durch den Dolmetscher an, sich mit uns zu unterhalten. Unter Anderem sagte er, der Pascha lasse sich für den Augenblick entschuldigen, weil er in seinem Harem sei. Endlich erschien ein Diener des Pascha. Der Muazil erhob sich und wir folgten ihm durch mehrere Gänge, durch eine Unzahl Diener und Wachen, die in allen Zimmern standen, bis zu einem sehr reichen Gemache, in welchem der Pascha saß, ein schon ältlicher Mann mit ergrautem Barte, aber von äußerst einnehmendem, freundlichem Aeußern. Wir lagerten uns auf den Divans umher; der Baron mußte sich neben den Pascha setzen, Und dieser ließ ihm durch den Dragoman erklären, er habe wegen des zweifelhaften Wetters für heute die Feierlichkeiten draußen abbestellt, uns zu Ehren aber wollte er Feuerwerk und Lustbarkeit in doppeltem Glanze auflodern lassen. Er sprach leise zu einem der Diener, der sofort, die Hand auf der Brust tief sich neigend, rückwärts hinaus ging. Der Pascha klatschte darauf dreimal in die Hände, und eine ganze Reihe von Dienern erschien, jeder mit einer Pfeife in der Hand. Vor jedem der Gäste blieb ein solcher Pfeifenträger stehen, und auf einen Wink des Pascha drehten alle die Röhren, welche sie bisher über die rechte Schulter gelehnt, und steckten uns die Spitzen in den Mund. Dies gleichförmige Präsentiren der Pfeifen geschieht dann, wenn der Wirth den Rang seiner Gäste nicht genau kennt. Jetzt brachte man auch des Pascha's Nargileh, woran er mächtig zog und es dann dem Nebensitzenden bot, was für eine große Freundschaftsbezeugung gilt. Man brachte uns schwarzen Kaffee in kleinen türkischen Tassen ohne Henkel, die man mittelst eines metallenen Tellers (Zarfe) hält, und wir schlürften den beliebten Sorbeth aus halbkugligten Krystallgefäßen. Mehrere Male wurden hiebei die Pfeifen gewechselt, mit denen der Pascha, wie es schien, reichlich versehen war. Der sardinische Consul, welcher neben mir saß, erzählte mir, welch' unglaublicher Luxus hier zu Lande mit Pfeifen, besonders mit Mundstücken, getrieben wird. So wie ein Großer eine bedeutende Anstellung erhält, schafft er sich Pfeifen zu Hunderten an, was wenn man bedenkt, daß schöne Bernsteinspitzen mit mehreren hundert, ja tausend Gulden bezahlt werden, keine kleine Auslage ist. Ich rauchte unter andern diesen Abend eine, die man mit den Edelsteinen, womit sie besetzt war, auf dreihundert Gulden C. M. schätzte. Um diesem thörichten Aufwand zu steuern, hatte bekanntlich Sultan Mahmud einige Jahre vor seinem Tode den Befehl gegeben, jeder Türke solle, wenn er einen Besuch abstatte, seine Pfeife mitnehmen, damit kein Hausherr nöthig habe, für seine sämmtlichen, oft zahlreichen Gäste Pfeifen herbeizuschaffen. Plötzlich verkündigte draußen ein Kanonenschlag den Beginn des Feuerwerks. Auf dem Hofe hatte sich die Volksmasse außerordentlich vermehrt; in der Mitte stand aber nur ein Türke, der einzelne Raketen abbrannte, welche ziemlich gerade stiegen und blaue und rothe Sterne warfen. Ein Kerl, der schon früher durch bizarre Sprünge die Menge belustigt hatte, ergriff eine Stange, steckte sie zwischen die Beine und jagte so im Kreise herum, während vorne und hinten befestigte Schwärmer und Frösche feuersprühend in die Haufen fuhren, was ungemeinen Jubel verursachte. Den Beschluß machte ein Feuerkasten, der vor die Fenster gestellt wurde, in welchem wir lagen, und mit einem ungeheuren Knall abbrannte, Sonnen, Schwärmer, Raketen, Sterne warf und zuletzt den Hof mit einer bengalischen Flamme erleuchtete. Das Ganze dauerte ungefähr eine halbe Stunde und war eine Lumperei mit viel Spectakel; erstere dedicirte uns die Regierung, für letztern sorgte der Pöbel. Indessen dankten wir dem freundlichen Pascha für seinen guten Willen herzlich und folgten abermals dem Muazil in sein Zimmer, wo ein türkisches Nachtessen unser wartete. Eine runde silberne Platte, etwa drei Fuß im Durchmesser, die auf einem zwei Fuß hohen messingenen Fuße stand, war mit kleinen Tellern und Gläsern bedeckt. Erstere enthielten kleingeschnittene Aepfel, Birnen, Mandeln, Nußkerne, Melonen, Rosinen, Feigen und Zuckerwerk; in den Gläsern war Sorbet von allen möglichen Farben und dem verschiedenartigsten Geschmack. Jeder langte mit den Fingern in die Schüssel und holte sich heraus, was ihm beliebte. Kaum hatten wir abgespeist und uns in die Divans zurückgelegt, so steckte man uns gleich wieder eine Pfeife in den Mund. Der Muazil klatschte in die Hände und ließ uns durch den Dragoman sagen, die Tänzer würden sogleich erscheinen, um uns ihre Künste in der Nähe zu zeigen. Die Thüre ging auf und herein schritt die Musikbande, zwei Violinen, zwei Zithern und ein mir unbekanntes Instrument, das nur mit einer Saite bespannt war, und nur einen einzigen schnarrenden Ton hören ließ. Die Tänzer waren vier griechische Knaben in weiten weißen Beinkleidern, rothen Schuhen, rothem Gürtel und einer eng anliegenden blauen Jacke, mit Castagnetten in den Händen. Zwei stellten die Tänzerinnen vor, und hatten zu dem Ende das Haar lang wachsen lassen, daß es ihnen ungeflochten um die Hüften wehte. Sie gingen im Zimmer umher, machten dem Muazil und uns eine Verbeugung, dann zogen sie sich in eine Ecke zurück. Die Musikanten lauerten auf dem Boden und begannen in sehr schnellem Tempo eine unangenehme, eintönige Musik. Die Tänzer stellten sich einander gegenüber, fielen mit ihren Castagnetten ungemein taktfest in die Musik ein und der Tanz begann. Ein richtiges Bild desselben zu entwerfen, ist schwer. Die Füße, denen bei unsern Tänzern das Hauptgeschäft obliegt, haben hier am allerwenigsten zu thun. Die Tänzer brauchen sie nur zum Stehen und Springen und werfen sie willkürlich plump und unbeholfen herum. Dagegen sind die Hüften und Schulterblätter in einer unbeschreiblichen stets zitternden Bewegung. Dabei stoßen sie einen eigenen Gesang aus, und obgleich der Schweiß ihnen vom Gesicht und vom Leibe stoß, obgleich dieses beständige Zittern und Springen ungemein ermüdend sein muß, tanzten sie eine volle Stunde ohne Aufhören, ohne mit ihren Castagnetten ein einziges Mal aus dem raschen Takt der Musik zu fallen. Nach diesem Tanze, den uns der Muazil als einen asiatischen bezeichnete, kam noch ein bulgarischer mit ähnlichen Bewegungen, und vom ersten hauptsächlich nur durch eine Figur unterschieden, bei welcher sich alle vier Tänzer an den Gürteln faßten und wie toll im Kreise herumsprangen. Endlich schwieg die Musik, die Tänzer traten in den Hintergrund, und nur einer von ihnen, mit langen Haaren, kniete auf einen Wink des Muazil vor ihm auf den Boden, doch so, daß er dem Minister den Rücken zuwandte. Dann bog er den Kopf hintenüber und Se. Excellenz beklebte ihm beide Backen mit kleinen Geldstücken, die er mit Speichel benetzt hatte, worauf sich der Tänzer wieder erhob, ein Tuch vor sich hinhielt und singend so lange auf- und niedersprang, bis sämmtliche Münzen herabgefallen waren; dann trat er mit einer Verbeugung zurück und Alle verließen das Zimmer. Mittlerweile war es Mitternacht geworden, und da wir frühe abreisen und noch einige Stunden ruhen wollten, beurlaubten wir uns vom Muazil und folgten dem östreichischen Consul, der uns für die Nacht sein Haus angeboten, begleitet von mehreren Fackelträgern und einer großen Menge Volks. Den andern Morgen brachen wir auf mit der gleichen Anzahl Pferde, wie aus Rustschuk. Hamsa, an der Spitze, jauchzte beständig: Heide Stambul Gidelüm. Land und Weg boten wenig Interessantes; wir zogen über baumlose Hügel und durch dürre Thäler, zuweilen über Brücken, die wir nur einzeln beschreiten konnten, um nicht durchzubrechen; nur war die Straße lebhafter als vor Adrianopel, und man sah, daß man sich der Hauptstadt näherte. Karavanen von vierzig bis fünfzig Pferden begegneten uns, die Reiter mit Säbeln, Gewehr, Pistolen so überladen, daß ihre Waffen gewiß oft mehr werth waren als die Waare, die sie damit zu bewachen hatten. Auch sahen wir kleine Züge türkischer Kavallerie, schlecht ausgerüstet und ebenso schlecht beritten. Die Leute trugen blaue runde Jacken, nach Art unserer Husaren, mit rothen Schnüren besetzt, blaue Hosen und das Feß auf dem Kopf. Abends sechs Uhr gelangten wir nach Schatal-Burgas, wo unser Tartar mit einigen Kantschuhhieben eine Kaffeestube von den dort versammelten Türken reinigte und uns zum Nachtlager einrichten ließ. Am andern Tag, gegen vier Uhr Nachmittags, erblickten wir zum ersten Male das Meer; am fernen Horizont tauchte im Süden die Spitze der Insel Marmora empor, und südöstlich strichen die Gebirge Kleinasiens. Im Nachtquartier Siliwri angelangt, besahen wir noch im Mondschein die Ruinen eines kolossalen Schlosses, das auf einem schroffen Felsen hart am Meere steht; es ist wahrscheinlich von den Genuesern gebaut. Die Türken untergraben die zwanzig Fuß dicken Mauern, um Steine für ihre armseligen Häuser zu gewinnen. So bereichern sich vom todten Körper eines riesigen Thiers tausend Ameisen und Würmer. Bald wird das stolze Gebäude über den Köpfen dieser Vandalen zusammenbrechen. Vor Tage brachen wir auf und ritten beständig am Strande hin, so daß die grünen Wellen zu den Füßen unserer Pferde schlugen; das Meer war etwas bewegt. Stets so die schöne See zur Rechten, kamen wir Mittags nach Kutschukschekmedsche, und gegen drei Uhr sahen wir Konstantinopel in seiner ganzen Pracht und Herrlichkeit vor uns liegen. Drittes Kapitel. Konstantinopel. Ansicht der Stadt. – Gasthöfe und Kaffeehäuser. – Straßen und Hunde. – Oeffentliches Leben. – Türkische Bäder. – Der Hippodrom, die sieben Thürme, mehrere Moschee'n und andere alte Bauwerke. – Fahrt nach Bujukdere. Die alten und neuen Wasserleitungen. – Familienleben. – Die Nacht im Ramasan. – Eine Audienz beim Sultan. – Diner bei Reichid Pascha. Stambul ist einer großen Blume vergleichbar, auf drei Seiten von einem rauhen unscheinbaren Deckblatt umgeben, mit welchen es an den Felsgestaden Rumeliens hängt, während es der aufgehenden Sonne und den großen glänzenden Spiegeln, die zwei Meere vor ihr ausbreiten, das schöne glühende Antlitz zuwendet. Das kleine leichte Boot trägt uns spielend aus dem Hafen nach dem gegenüberliegenden Gestade von Kleinasien; man verläßt Konstantinopel und damit Europa, wie man vor einem Gestade zurücktritt, um es gehörig würdigen zu können; man muß sich auf einem andern Welttheil niederlassen, um das großartige Bild, das sich hier vor den erstaunten Augen entfaltet, mit seiner ganzen Schönheit in's Herz aufzunehmen. Wie Rom ist Konstantinopel auf sieben Hügeln erbaut, deren Abgrenzung man deutlich erkennen kann. Sie bilden noch jetzt, wie unter der Herrschaft der Konstantine, ein unregelmäßiges Dreieck, von dem wir zwei Spitzen von hier aus nicht sehen; nur die dritte liegt links vor uns, das sogenannte neue Serail mit seinen buntverzierten mannigfaltigen Gebäuden, größern Palästen und kleinen Kiosks. Zwischen denselben sieht man Wälder von Orangen, große Platanen und schlanke Cypressen, welche dieser ungeheuern Wohnung der Sultane, die einer kleinen Stadt mit hohen Ringmauern gleicht, die angenehmste Schattirung geben. Hinter dem neuen Serail, das tiefer als die Stadt am Ufer des Hafens liegt, erblickt man bunte Häusermassen, die den Wellenlinien der Hügel folgen. Dort tritt eine Gruppe von Cypressen und andern Bäumen über sie hinaus; hier unterbricht ein einsam stehendes halbzerfallenes Mauerwerk die fast nur durch ihre Färbung verschiedenen Dächer der Häuserreihen. Was aber der Stadt einen so wunderbaren, ich möchte fast sagen feenartigen, Reiz verleiht und dem Munde beim ersten Anblick einen lauten Ausruf entlockt, sind die zierlichen Minarets und die Haufen glänzender Kuppeln auf Moscheen und Grabmälern, die über den gewöhnlichen Wohnungen emporragen. Man kann sie kaum zählen, geschweige alle nennen, und während das Auge gesättigt über der Mehrzahl derselben hinschweift, bleibt es bewundernd an einigen hängen, die durch Größe und schöne Bauart dem Munde die Frage nach ihrem Namen entlocken, bei dessen Nennung in empfänglichen Herzen tausend Bilder und Gedanken erwachen. Wer denkt nicht beim Anblick jener prachtvollen Kirche, der Aja Sophia, die mit ihrer schönen Kuppel und den vier Minarets für unser Auge beinahe im Mittelpunkte der Stadt liegt, an ihren Erbauer, den prachtliebenden Justinian, der durch sie ein Werk hinstellen wollte, das den Glanz des einst so gepriesenen Tempel Salomonis verdunkeln sollte, was ihm auch gelang. Als die Kirche fertig war und der Kaiser mit den Worten: »Salomon, ich besiegte dich!« an den Altar eilte, ahnte er nicht, daß einst der Herrscher der Andersgläubigen auf seinem Streitrosse in diese Hallen reiten, eigenhändig die Symbole des christlichen Glaubens zerschlagen und sprechen werde: »Es ist kein Gott als Gott und Muhamed ist sein Prophet!« – Das Kreuz verschwand von der Höhe der Kuppel, und jetzt erhebt sich dort ein kolossaler, fünfzig Ellen im Durchmesser haltender Halbmond, der den Reisenden schon von Weitem entgegenglänzt, lange vorher, ehe sie von der Stadt selbst etwas sehen können. Auf der Höhe des dritten der sieben Hügel liegt die Moschee des großen Soleiman, die Soleimanje, was Symmetrie betrifft, das schönste Gebäude Konstantinopels. Neben ihr sieht man die Moschee Bajazet II. mit zwei Thürmen, weiter rechts die Moschee Muhameds II. auf dem Platze, wo das frühere christliche Byzanz einen seiner schönsten Tempel hatte, die Kirche der heiligen Apostel. Links von der Aja Sophia zeigt sich die Moschee des Sultan Achmet, welche man füglich die Kathedrale Konstantinopels nennen kann. Sie ist eines der prächtigsten Gebäude und hat sechs Minarets. Ueber alle diese Moscheen hinaus ragt der Thurm der Feuerwache, der Thurm des Seraskters. Er liegt in der Nähe des alten Serails. Ihn vergleicht der Historiograph Isi mit einem in den Lüften schwebenden Neste des Paradiesvogels. So liegt Konstantinopel links vor uns und seine Häuserreihen steigen bis zu den Ufern des großen Hafens, des goldenen Horns hinab, das wir mit allen seinen Schönheiten gerade vor uns haben; man verfolgt seinen Lauf von der breiten Einmündung in's Meer von Marmora bis Ejub, wo es sich allmälig zwischen den grünen Wiesen zu verlieren scheint. Auf seinem Wasser von der schönsten grünen Farbe ruhen Schiffe von fast allen Nationen der Erde neben einander. Das alte, sonderbar gebaute Fahrzeug der syrischen Küstenfahrer, dessen hoher spitzer Schnabel an die Bauart der Schiffe im Alterthum erinnert, liegt mit seinem schmutzigen Anstrich neben der zierlich ausgerüsteten Yacht des Engländers, der auf derselben vielleicht seine große Tour nach dem Orient gemacht. Da ankert schwerfällig ein altes türkisches Kriegsschiff, ein zerschossener Invalide, der zu seinem Glück die Fahrt nach Aegypten nicht mitmachen konnte, neben einer leichten englischen Kriegsbrigg, die auf und unter dem Verdeck blank und sauber geputzt ist, mit den hohen Masten hin und her wiegt und ungeduldig an den Ankerketten zu zerren scheint. Langsam bewegt sich dort eines jener plump zusammengezimmerten Gerüste, die einem Floß gleich auf schweren Ballen ruhen und dazu dienen, den Hafen, besonders die Landungsplätze für die kleineren Boote, vom Schmutze zu reinigen. Neben ihm stellt so eben ein Dampfschiff seinen muntern Lauf ein, hißt eine Flagge auf und der Wasserdampf, der laut schreiend dem geöffneten Ventil entfährt, zieht die Aufmerksamkeit der Osmanlis auf sich, die, faul in ihren Kähnen liegend, dem Meerwunder zusehen. Zwischen diesen größeren Fahrzeugen bewegen sich die kleineren Boote, Kaik genannt, vermöge ihrer fabelhaft leichten Bauart im wahren Sinne des Worts pfeilgeschwind auf dem Wasser des Hafens hin und her, ja, wagen sich sogar, wie heute das meinige, über den Bosporos nach dem asiatischen Ufer. Diese Fahrzeuge sind gewöhnlich achtzehn bis zwanzig Fuß lang, aber kaum drei Fuß breit, und da sie, wie alle Seefahrzeuge, auf dem Kiel gebaut sind, sehr zum Umschlagen geneigt, wozu noch die äußerst dünnen Wände das Ihrige beitragen. Diese, kaum einen halben Zoll dick, bestehen, wie das ganze Boot, aus hartem Holz und sind gewöhnlich zierlich geschnitzt. Durch ihre Leichtigkeit und den langen spitzen Schnabel, in welchen das Boot ausläuft, wird ihre ungemeine Schnelligkeit bedingt, aber auch, besonders für den Europäer, das Einsteigen erschwert; denn man muß bei diesem Manöver gleich vom Landungsplatze aus die Mitte des Boots gewinnen und sich ruhig niedersetzen, um das Gleichgewicht zu erhalten und nicht umzuschlagen, was dennoch sehr häufig vorkommt. Wir Europäer, die neben dem Platz, auf dem wir sitzen, noch großen Raum für unsere Beine brauchen, konnten nur zu drei, höchstens Vier eine solche Wasserschachtel besteigen; aber die Türken, die ihrer Geschäfte wegen häufig über den Hafen setzen müssen, finden zu acht bis zehn in einem solchen Boote Platz, da sie sich auf ihre untergeschlagenen Beine an den Boden setzen. Meist bewegt nur ein einzelner Mann ein solches Boot vorwärts, aber mit erstaunlicher Schnelligkeit und Gewandtheit, wobei er beständig ein lautes: »Johe!« ausstößt, um ein anderes Boot, das vielleicht um die Ecke eines Kriegsschiffs herum ihm in die Seite fahren würde, frühzeitig zu benachrichtigen. Bei diesem Ausweichen kommt die Leichtigkeit der Fahrzeuge wieder sehr zu Statten, da stets mehrere Hunderte den Hafen bedecken und manches Unglück durch Anprallen vorfallen müßte, wenn der Schiffer nicht mit einem einzigen Ruderschlag seinem Boot eine andere Richtung geben könnte. – Das reizende Bild des Hafens, der sich zwischen Konstantinopel und den auf dem andern Ufer liegenden Vorstädten wie ein klarer Bach hinzieht, wird durch die Menge dieser kleinen Fahrzeuge sehr belebt. Einen äußerst komischen Anblick gewährt ein solches Kaik, mit einer Menschenladung, von der man nur die Köpfe über dem Bord emporragen sieht. Hin und wieder arbeitet sich auch die Schaluppe eines Kriegsschiffs schwerfällig zwischen den Kaiks durch, doch nicht minder hübsch. Diese Fahrzeuge sind von dunklerer Farbe als die Schiffe, mit einem einzigen blauen, rothen oder weißen Streifen um den Rand. Auf den Bänken sitzen die Matrosen, bei den größern in zwei, bei den kleineren nur in einer Reihe in ihren Jacken von dunkler Leinwand, worüber sie einen saubern, breiten Hemdkragen herauslegen, der meist von blauer Farbe ist. Er rahmt in Verbindung mit dem schwarzen, betheerten keck aufgestutzten Hute die frischen runden Köpfe der Matrosen recht angenehm ein. Am Hintertheil der Schaluppe steckt die Flagge und unter derselben sitzt auf einem mit der Landesfarbe eingefaßten blauen Tuch der Offizier, der sie befehligt, in seinen Händen zwei Schnüre, mit denen er das Steuerruder leitet. Mich hat das An- und Abfahren dieser Kriegsschaluppen stets ergötzt. Die Matrosen sitzen auf ihren Bänken, die Ruderstange gerade in die Höhe gestreckt, den Augenblick erwartend, wo der Offizier einsteigt. Dann pfeift der Bootsmann, die Matrosen stoßen vom Schiffe ab und lassen ihre Ruder alle zugleich in's Wasser fallen. Eine für uns Ausländer besonders merkwürdige Erscheinung, die uns bei unsern Spazierfahrten auf dem Hafen öfters aufstieß, war ein großes weißes Kaik, reich vergoldet, dessen sauber geschnitzter, bunt bemalter Schnabel sehr lang und spitz war. Auf demselben, beinahe am Ende, stand ein goldner Vogel mit ausgebreiteten Flügeln, der einen Ring im Schnabel hielt, von welchem zwei dicke seidene Schnüre bis an die Spitze des Boots gingen und es zu leiten schienen. In der Mitte des Fahrzeugs trugen vier oder sechs vergoldete Säulen ein Dach von rothem Sammt mit Goldstickerei, unter dem ein reich gekleideter junger Mann saß, der etwas bleich aussah. Er trug ein Feß, welches ein großer Stern von Diamanten schmückte. Es war der Sultan Abdul Medschid , auf deutsch: Diener der Andacht . Vorn im Schiffe neben dem Vogel war ein etwas erhöhter Sitz angebracht, auf dem einige vom Gefolge des Sultans saßen. Im Hintertheil befand sich die Dienerschaft. Der Sultan hat zu seinem Privatgebrauche drei solcher Kaiks, eins mit vierzehn, ein anderes mit achtundzwanzig, das größte mit sechsundfünfzig Ruderknechten, die weiße Jacken und Beinkleider tragen und auf dem Kopf ein rothes Feß; ihre Ruderstangen sind ebenfalls weiß, mit goldenen Blumen verziert. Man sagte uns, in der Anzahl dieser Bootsknechte sei absichtlich die Zahl sieben als eine heilige enthalten. Diesem Boote des Padischa folgt ein ähnliches leeres, denn die Etikette will nicht, daß der Großherr die Rückfahrt im gleichen Boote mache. Sobald das Boot des Sultans auf dem Wasser erscheint, müssen alle übrigen Fahrzeuge in ihrem Lauf einhalten; jeder darin Sitzende muß seine Pfeife bei Seite legen, und wehe dem, der sich unterstände, in diesem Augenblicke in's Wasser zu spucken oder etwas hinein zu werfen. Sind die, welche gegen dieses Gesetz handeln, Muselmänner, so werden sie mit Geldstrafen oder einer gewissen Anzahl Hiebe auf die Fußsohlen bestraft, sind es Fremde, die sich mit Unkenntniß dieser Gebote entschuldigen können, so fällt die Strafe auf den Kaikschi oder Bootführer. Einem andern Boote, dunkel bemalt, das zuweilen auf dem goldenen Horn erscheint, weichen alle Kaik ängstlich aus und fliehen es, wie die kleinen Fische den gefräßigen Hai. Sogar der Osmanli, den selten etwas aus seiner Ruhe zu stören vermag, verläßt den Strand des Meeres, wo er seine Pfeife rauchte, und zieht sich zurück, sobald dieses Boot mit sieben Paar Rudern bemannt, dem Ufer nahe kommt. Ein alter, finsterer Türke mit langem Bart sitzt darin und späht aufmerksam umher. – Es ist der Bostandschi Baschi, General der Garten Leibwachen. Er sorgt für die Sicherheit und Ruhe des Hafens, hat, wie der Janitscharen Aga, Gewalt über Leben und Tod und macht gewöhnlich kurzen Prozeß. Seine Kawaschen binden den Schuldigen und ertränken ihn ohne Weiteres im Meer. Wollte man von der Schönheit und dem regen Leben des goldenen Horns mit der Feder einen anschaulichen Begriff geben, so würde man nicht fertig; denn der prächtige Hafen ist es hauptsächlich, der dem Anblick der ganzen Stadt einen so wunderbaren Reiz verleiht. Ungefähr in der Mitte seiner Länge ist er durch die neue schöne Brücke gesperrt, welche Achmed, der frühere Kapudan Pascha, im Jahr 1835 bauen ließ. Sie ist sechshundert siebenunddreißig Schritte lang und fünfundzwanzig breit. Statt wie unsere Schiffbrücken auf Pontons ruhend, wird sie durch einen Wald der längsten und schönsten Mastbäume, die aufrecht stehend eingesenkt sind, getragen. Sie führt von Konstantinopel nach den andern Ufer des Hafens, wo sich die Vorstädte Pera, Galata und Top-Chana erheben. Von Scutary aus gesehen, liegen diese zur Rechten vor uns; ihre Häuser sind ebenso an den Hügeln hinangebaut, wie die Stambuls; doch bieten sie dem Auge einen weniger glänzenden Anblick, da sich über der dunkeln Häusermasse – der Türke erlaubt nämlich dem Ungläubigen keinen bunten Anstrich derselben – fast gar keine schlanken Thürme erheben. Pera ist bekanntlich das Frankenviertel, das gar keine Moscheen hat. In Galata, dessen sehr schmutzige und holperige Gassen sich bis zum Hafen hinabziehen, haben ebenfalls Franken, doch mehr noch Armenier, Juden und ärmere Türken ihre Werkstätten und Laden aufgeschlagen. Das einzige hervorragende Bauwerk in Galata ist der auf der Höhe thronende, massive Thurm, der Thurm von Galata genannt. Er wurde von den Genuesern im Jahr 1348 erbaut. Man hat hier eine der schönsten Aussichten über die Stadt und die sie umgebenden Meere. An Galata grenzend, dicht am Ufer des Hafens, liegt Top-Ehana (Kanonen-Werkstatt). Schon Mohamed II. ließ eine christliche Kirche, die sich da befand, zur Stückgießerei umwandeln, und noch jetzt, wie schon der Name anzeigt, werden die groben Geschütze hier gegossen. Einige Abwechselung in die schmutzige Einförmlichkeit der Häusermassen dieser drei Stadttheile bringt eine auf der Höhe von Pera liegende neue Kaserne, die mit ihrem weißen Anstrich freundlich hervortritt, sowie die vielen Cypressen des großen und kleinen türkischen Kirchhofs zu Pera , die man sonst nirgens in solcher Unzahl und Schönheit trifft. Der Engländer Walsh nimmt die Zahl der Seelen Stambuls zu fünfmalhunderttausend, die der Halbinsel Pera mit Galata und Top-Chana zu zweimalhunderttausend an, und die äußere Ansicht der Häusermassen widerspricht diesem Verhältniß nicht. Neben Top-Chana, dicht am Ufer des Hafens, sieht man die Sommerwohnung des Sultans, ein langes, einstöckiges und sehr bunt bemaltes Gebäude, das, auf einer hellen mit Orangenbäumen besetzten Terrasse stehend, einen recht freundlichen Anblick gewährt; doch ist dieser Palast der Beherrscher der Gläubigen nur von Holz. So lag Stambul in seiner ganzen Pracht und Herrlichkeit vor uns, und ich fühlte die Wahrheit der Worte Hammers, wenn er sagt: »Sie ist die Herrin zweier Erdtheile und zweier Meere, die geborene Beherrscherin Asiens und Europas, an beider Grenze auf sieben Bergen thronend. Von drei Seiten fluthenumgürtet, schaut sie von den sieben Gipfeln ihres Throns gegen Mittag auf die Propontis und den Ausfluß derselben, den fischreichen Hellespontos, gegen Osten auf den schlangengewundenen Bosporus und den als stürmisch übelberichtigten Pontos hin.« – Ja, es ist ein Gemälde, wie ich es nie gesehen, voll Lieblichkeit und Zauber. Und ganz zur Rechten ist das Bild begrenzt von der alten Veste Numili Hissiari, deren Wälle und Thürme keck am Gestade des Bosporus hinaufklettern und mit ihrem grauen Gemäuer eine dunkle Einfassung des lustigen, glänzenden Bildes vorstellen. Links ist der Rahmen zerfließender und großartiger. Da beginnt fast zu den Füßen des neuen Serails das Meer von Marmora, das mit seinen blauen Fluthen am äußersten Ende einige kleine Eilande umspült, die Prinzeninseln. Als ich Konstantinopel zum ersten Mal in seiner ganzen Ausdehnung sah, war im Hafen und an seinen Ufern außer dem gewöhnlichen Leben, das die hin- und herfahrenden Boote verursachen, außer dem Geschrei der zahllosen Möven, die so zahm sind, daß man sie beinahe mit den Händen greifen kann, ehe sie kreischend davonfliegen, ein außerordentlicher Lärm. Seiner Hoheit war wieder eine neue Prinzessin geboren worden und die Türken bemühten sich, die Freude ihres Herzens durch zahlreiche Kanonensalven kundzugeben. Von sechs Seiten knallte es oft zugleich. Am neuen Serail standen zwei Batterieen, ebenso an der Residenz des Sultans und die Artilleristen in Top-Chana suchten zwei türkische Fregatten zu überdonnern, die, in der Mitte des Hafens liegend, den meisten Lärm machten. Die ganze Wassermasse war in solchen Augenblicken mit Dampf bedeckt, der sich wie ein Nebel vor unser kleines Kaik lagerte. Als wir zurückfuhren, begrüßten wir noch den Leanderthurm, der einsam auf dem Felsen Damalis steht, eine Schildwache des goldenen Horns. Von ihm wurden in Kriegszeiten eiserne Ketten nach dem Thurme an der Spitze des neuen Serails gezogen, die den Paß zwischen dem Bosporus und der Propontis sperren sollten. Hätte ich damals, als ich die Schöne des ganzen Bildes in mein Herz aufgenommen, ebenfalls Ketten vor dasselbe ziehen können, die nichts hinausließen, so könnte ich Manches wiedergeben, was mir der Drang späterer Ereignisse entführt hat. Gasthöfe und Kaffeehäuser. Wer, wie wir, die wohl eingerichteten Donau-Dampfschiffe verläßt, um einen Ritt durch die Türkei zu machen, der, an sich schon ungefähr acht Tage dauernd, noch durch eine zehntägige Quarantaine unangenehm gemacht wurde, eine Quarantaine, worin es weder Betten, Tische, noch sonst irgend ein Möbel gab, wo wir unsern Pillau mit Hühnern selbst kochen und unsere schmutzige Wäsche eigenhändig waschen mußten, kann denken, daß wir mit größtem Verlangen einer Anstalt, Pension oder Gasthaus, wie man es nennen will, entgegensahen, die uns in Konstantinopel aufnehmen sollte und die, von einer liebenswürdigen Landsmännin geführt, gewiß Alles darbot, was zur Erquickung ermüdeter Reiter dient. Pera, das, wie schon gesagt, nur von Franken bewohnt wird, hat mehrere dergleichen Anstalten, unter denen uns die der Madame Balbiani, einer Elsäßerin, als besonders gut und angenehm gepriesen worden war. Obgleich Hamsa, unser edler Tartar, die Genüsse der großen Karavanserei sehr lockend schilderte, brachte er uns doch bereitwillig durch die engen steilen Gassen Pera's nach einem kleinen freundlich aussehenden Hause, das, wenn es auch kein gemaltes Aushängeschild hatte, uns doch gleich mächtig anzog; denn beim Pferdgetrappel auf der Straße erschien die Besitzerin und bewillkommte uns herzlich in deutscher Sprache. Unsere Pferde wurden abgepackt, Sättel und unsere Effekten in das Haus niedergelegt und Hamsa durch Auszahlung der ihm noch zukommenden Summe verabschiedet. Dem Tartaren liefen die Thränen in den Bart, als er uns einzeln die Hand drückte und dem Baron versicherte: er habe noch nie einen so freundlichen guten Herrn gehabt, wie ihn, und würde auch schwerlich wieder einen solchen begleiten. Fast hätten wir noch einmal eine kleine Quarantaine oder wenigstens eine Beräucherung aushalten müssen. Da es bekannt war, daß sich die Pest bei Adrianopel gezeigt hatte, so konnten nur die heiligsten Versicherungen, daß wir dort Quarantaine gehalten, die Wirthin vermögen, uns sofort in ihre Zimmer treten zu lassen, ohne zuvor in einen großen Schrank zu kriechen, der vorne ein großes Loch hat, zu welchem man den Kopf herausstreckt, und am Boden eine Vorrichtung, wo Wachholder und anderes Räucherwerk einen gewaltigen Dampf hervorbringt, der von unten herauf alle Kleidungsstücke durchdringt. Diese Pension ist ziemlich auf dem Fuß europäischer Gasthöfe eingerichtet, hat einen Speisesaal und Zimmer mit einem oder zwei Betten, die alle mit Vorhängen von feiner Gaze versehen sind, um während der heißen Jahreszeit die dem Schläfer sehr lästigen Insekten abzuhalten. Die übrige Einrichtung ist halb türkisch, halb fränkisch. Auf dem Boden liegen Teppiche, und nirgends fehlt der breite Divan an der Seite, wo die Fenster sind. Die größte Unbequemlichkeit in der kältern Jahreszeit ist der Mangel an Oefen, deren man bei der schlechten Bauart der Häuser, Feuersbrünste fürchtend, so wenige wie möglich aufstellt, und das sehr verkehrter Weise; denn das Surrogat dafür, das Mangahl, ein kupfernes Gefäß, in Form einer großen Vase, das mit glühenden Kohlen angefüllt und im Zimmer aufgestellt wird, kann bei der geringsten Nachläßigkeit viel eher ein Haus anzünden, als ein verschlossener Ofen, besonders bei den Orientalen, denen der Mangahl schon deßhalb fast unentbehrlich ist, da sie nur hineinzulangen brauchen, um ihre Pfeifen anzuzünden. Fast jede Woche brennen einige Häuser ab, was auch während unseres Aufenthaltes der Fall war; aber bei der grenzenlosen Nachlässigkeit, womit der Türke die noch heiße Kohle von der Pfeife auf die Strohmatte wirft, ohne sich ferner darum zu bekümmern, erscheint dies noch sehr wenig. In Pera gibt es drei solcher Pensionen, von denen die der Madame Balbiani die vorzüglichste ist, weßhalb man selten bei ihr Platz findet. Auch unsere Gesellschaft, aus vier Personen bestehend, – unser englischer Freund R. hatte uns nämlich verlassen, um eine Privatwohnung bei der englischen Gesandtschaft zu beziehen – konnte im Hause selbst nicht ganz untergebracht werden, sondern zwei mußten sich entschließen, ein von der Madame Balbiani gemiethetes Zimmer in einem Nebenhause zu beziehen. Die Preise in diesen Gasthöfen sind nicht außerordentlich hoch. Man bezahlt täglich für ein Zimmer mit Kaffee, Frühstück und Mittagessen gegen vierzig Piaster, was an vier Gulden Conventionsmünze macht. Eine andere dieser Pensionen, deren Besitzerin eine Französin ist, hat einen Tanzsaal, wo sich zuweilen die Bevölkerung Pera's vergnügt, sowie ein kleines Theater, in dem damals eine französische Schauspielergesellschaft kleine Lustspiele und Vaudevilles gab. Die übrigen Restaurations-Anstalten Pera's haben für den Reisenden kein weiteres Interesse und nichts Originelles. Es gibt ein griechisches, ein italienisches und ein französisches Kaffeehaus, in welchen man ein oder zwei sehr alte Exemplare unbedeutender Journale findet. Diese Café's sind mit Tischen und Stühlen versehen, kurz, so gut es sich thun läßt, wie die unsrigen eingerichtet. Wir besuchten sie höchst selten, da man nicht immer gewiß ist, welche Gesellschaften man dort antrifft, und auch weil man dort nur Sachen bekommt, die man viel besser zu Hause hat; französischen Liqueur in kleinen Gläsern und Kaffee und Thee in großen Tassen. Ueberhaupt haben alle Café's in Pera, Galata und Top-Ghana durch den häufigen Besuch der Franken fast ihre ganze Originalität verloren; sie vereinigen auf die wunderlichste Art den Orient und den Occident. Um sich die Genüsse eines ächt türkischen Kaffeehauses zu verschaffen, muß man über den Hafen setzen. Nicht immer war der Kaffee und der Tabak bei den Orientalen so allgemein verbreitet und beliebt, wie jetzt. Es gab eine Zeit, wo die Tavernen, in denen Wein geschenkt wurde, geduldet und häufig besucht, dagegen Kaffeehäuser und Tabagien geschlossen und strenge verboten waren. Doch da der Buchstabe des mohamedanischen Gesetzes den Genuß des Weins strenge verbietet, ein Verbot, das keine weltliche Obrigkeit aufzuheben im Stande ist, so ist in diesem Punkte der Koran wieder in seine Rechte eingetreten, der Wein verdrängt worden und der Genuß des Kaffee's und Tabaks verbreitete sich reißend und allgemein, ja ist jetzt das unentbehrlichste Bedürfniß geworden. Schon ein älterer türkischer Dichter singt von ihnen: »Schwarz, doch lieblich ist der Kaffee, wie das Mädchen, das braune. Das bei Tage erheitert den Sinn, und den Schlaf bei der Nacht raubt. Und der Tabak ist ein sicheres Beschwörungsmittel dem Manne, Der mit den Wolken des Rauchs die Wolken der Sorgen hinwegbläst.« Wie man sich von den meisten Sachen, die uns sehr fern liegen und öfters besprochen werden, einen viel glänzenderen Begriff macht, sie viel herrlicher ausmalt, als sie in der Wirklichkeit sind, so ist es uns besonders mit den Kaffeehäusern ergangen. Die Ansichten, die man uns von diesen Lokalen gibt, in letzterer Zeit besonders die Werke mit Stahlstichen, die Alles so rein und sauber erscheinen lassen, überreden uns, ein türkisches Kaffeehaus sei meistens eine Halle, von Säulen getragen, alle Wände mit schönem bunt gemaltem Schnitzwerk bedeckt, und die größte Reinlichkeit gehe daselbst mit der Zierlichkeit der Ausstattung Hand in Hand. Und doch ist nichts von allem dem wahr. Wir haben fast alle Kaffeehäuser Stambuls durchsucht und hofften endlich einmal auf eins zu stoßen, wie man es uns beschreibt und zeichnet. Aber vergebens; wohl gab uns unser Führer mit Mienen und Worten zu verstehen, jetzt wären wir zu einem gelangt, das der Inbegriff alles Schönen sei. Wir traten ein und befanden uns in einer gewölbten Halle, an deren Wänden man gewisse Linien und Schattirungen bei näherer Betrachtung für Bildhauerarbeit erkannte, die einstens sehr schön gewesen sein mochten, jetzt aber durch Zeit und Schmutz ganz verwittert waren. Längs den Wänden befinden sich Divans oder vielmehr hölzerne Erhöhungen ohne Kissen, nur mit einer Strohmatte bedeckt, auf denen die Gäste mit untergeschlagenen Beinen in gedankenlosem Hinstarren sitzen und aus dem Tschibuk oder Nargileh große Rauchwolken vor sich hinblasen. In einer Ecke ist unter einem Kamin mit spitzem Dach ein kleiner Herd angebracht, auf dem der Kaffeetchi den Kaffee zubereitet. Nachdem man sich den reinlichsten Platz ausgesucht, verlangt man einige Tassen Kaffee, sowie die Pfeife, und nach vielem Rufen erheben sich ein paar Negerbuben, die sich auf dem Boden herumraufen, fahren in ihre bereitstehenden großen Pantoffeln und rutschen vom Kaffeetschi (Kafféewirth) zum Gast, um ihn zu bedienen. Hiebei ist nun noch als eigenthümlich zu bemerken, daß, obgleich man im Orient kleine Kaffeemühlen findet, welche die Form eines Cylinders haben und in den Gürtel gesteckt werden können, doch die meisten großen Städte eine allgemeine Kaffeestampfe (Tachmisshane), haben. Hammer sagt hierüber: die Anstalt der Tachmis ist eine, den morgenländischen Städten ganz eigene. Es wird darin der für den Bedarf der ganzen Stadt nöthige Kaffee gestampft und gesiebt. Das Sieben – tachmis heißt wörtlich: das Fünftel ausziehen und ist hiervon wohl das französische Wort tamis – Sieb – herzuleiten. Eine solche Kaffee-Stampf- und Sieb-Anstalt befindet sich in Konstantinopel in der Nähe der Moschee Sultan Mahomed IV. Die hiebei verwendeten Leute sind Armenier, denen die geistige Atmosphäre des Kaffeedunstes, in der sie beständig leben, ein aufgewecktes geistreiches Ansehen gibt, das mit den schwerfälligen geistlosen Grundzügen der armenischen Gesichtsbildung in sonderbarem Widerspruche steht.« Meistens trinkt der Orientale seinen Kaffee ohne Zucker und in den Café's muß man ihn besonders verlangen. Das Getränk an sich ist sehr stark und übt auch auf uns die Kraft, die ihm der Orientale zuschreibt. Es macht aufgeweckt, lustig und der Türke sagt: es mache nüchtern, weßhalb er es, nachdem er sich durch Opium und Tabak berauscht, zum Niederschlagen genießt. Die gewöhnliche Pfeife in den Café's, die man dem Gast, ohne daß er sie fordert, hinstellt, ist das Nargileh, die Wasserpfeife, mit langem Schlauche. Es besteht aus einer Flasche, in der sich Wasser befindet; auf dem Halse sitzt der kupferne Pfeifenkopf, der entweder mit Meerschaum ausgefüttert oder so weit ist, daß man einen andern von Ziegelerde, der unten das Zugloch hat, hinein stecken kann. Von diesem kupfernen Aufsatz oder Kopf geht eine gerade Röhre nach unten, die in einer hohlen durchlöcherten Kugel endigt, welche bis unter das Wasser reicht. Eine andere Röhre am Aufsatz führt ebenfalls mit einem Ende in die Flasche, jedoch so, daß ihre Oeffnung mehrere Zoll über dem Wasserspiegel bleibt, und biegt sich mit dem andern Ende, das sich erweitert, nach außen, wo dann das lange gewundene Rohr hineingesteckt wird. Der Tabak, der zu diesen Pfeifen geraucht wird, ist vom gewöhnlichen Rauchtabak verschieden und heißt deßhalb ausschließlich Nargileh-Tabak. Es sind große, hellgelbe Blätter, die an der Sonne so stark getrocknet werden, daß man sie mit den Händen zu einem Pulver zerreiben kann. Dies wird dann mit Wasser zu einem Brei gemacht, den man mehrmals ausdrückt und wieder begießt, um den Schmutz und Staub fort zu schwemmen. Den Teig, den man auf diese Art erhält, stopft man in den Kopf, legt eine glühende Kohle auf und beginnt die Arbeit des Rauchens, bei dieser Pfeife eine wirkliche Arbeit; denn es gehört eine gute Lunge und viel Geduld dazu, um den Tabak durch lange Züge in Brand zu bringen, daher auch der vornehme Türke dies Geschäft seinem Sklaven überlaßt. In den Café's besorgt das Anrauchen der Pfeifen auf Verlangen der Wirth oder die aufwartenden Buben. Der Tschibuk oder die lange Pfeife wird hier seltener geraucht, ist aber auch zu haben. Ein anderes Attribut der türkischen Kaffeehäuser, von dem man uns so viel erzählt, sind die Springbrunnen, die man in den meisten antreffen soll, und die, wenn sie wirklich noch da wären, mit ihrem einfachen, aber melodischen Geplätscher eine gute Folie abgäben, auf der die Träume und Gedanken des ruhig dasitzenden Kaffeetrinkers recht lebendig hervortreten könnten. Wie man aber in der Türkei so viele zerbrochene Denkmale findet, die einst schön und herrlich waren, so ist es auch mit den Springbrunnen. Ich gestehe, fast in jeder, auch der ärmlichsten Kaffeestube erhebt sich in der Mitte des mit Schmutz bedeckten Bodens, der hie und da, wo zufällig Wasser hinfällt, bunte, schön gefügte Marmorsteine sehen läßt, ein zierliches, aus Stein gehauenes Bassin, das oft mit den herrlichsten Sculpturen bedeckt ist. Aber die Röhre, aus denen früher der Wasserstrahl gegen die Decke stieg, ist zerbrochen oder verstopft, das Bassin ist leer und dient zum Behältniß für zerbrochene Tassen und Tabaksasche. Das Einzige, was vielleicht von früher diesen Häusern geblieben ist und den Fremden interessirt, ist das rege Leben, das hier beständig herrscht; ich sage Leben, insofern man das Gehen und Kommen der Gäste so nennen kann; denn von Plaudern und Lachen ist keine Rede. Der Orientale tritt ein, wirft seine Blicke ruhig umher, bis er einen Platz gefunden, der ihm behagt, setzt sich dann mit untergeschlagenen Beinen, gibt dem Kaffeetschi einen Wink und nimmt Kaffee und Pfeife, ohne ein Wort zu sprechen. Findet er zufällig Bekannte auf derselben Bank, so grüßt er sie durch Auflegen der Hände an die Brust und Stirn, ohne sich weiter um sie zu kümmern. Da der Türke, der es bestreiten kann, fast stündlich seinen Kaffee trinkt, und es dem Aermeren erlaubt ist, am Feuer des Wirthes mit seinem eigenen Geschirr den mitgebrachten Kaffee zu kochen, so sind die Kaffeehäuser stets mit einer bunten Menge gefüllt, die um so größer ist, da der Orientale zum Sitzen nur einen sehr kleinen Platz braucht. Die Gäste, die zuletzt kommen und auf den Bänken keinen Platz mehr finden, lehnen sich an die Thüre, und sie waren es, die uns die meiste Unterhaltung gewährten. Wenn sie auch noch so dicht beisammen standen, so sprach selten Einer mit dem Andern, und da sie, ruhig vor sich hinsehend, fast keine Bewegung machten, so konnte man sie eher für Wachsfiguren, als für Menschen halten. Ein anderer Genuß, den sich die Türken in den Kaffeehäusern verschaffen, ist das ruhige Anhören der Balladen und Gedichte, welche ihnen die Meddah (Lobredner und Declamatoren) der Kaffeehäuser zum Besten geben. Der Meddah sitzt in einer Ecke und trägt meistens in sehr unangenehmem näselnden Tone Erzählungen aus tausend und eine Nacht vor, oder aus den Rittergeschichten Antar's oder Dulhama's. Bald erzählt er von den Zügen Alexanders, bald preist er Sid-al-battal, den Kampfhelden. Oft sind diese Meddah vom Kaffeetschi gemiethet und müssen vom Morgen bis in die Nacht, es mögen viel oder wenig Gäste da sein, ihre Geschichten ableiern, und es ist gewiß merkwürdig, daß der Türke, wenn er von seinen Geschäften ausruhen will, vorzugsweise die Kaffeehäuser besucht, wo sich die Meddah aufhalten, um zu seinem Kaffee irgend eine Erzählung anzuhören, von der er das Ende nicht erwarten kann, welches sofort ein Anderer, der nach ihm kommt, ebenso begierig vernimmt, ohne den Anfang gehört zu haben. An manchen Orten warten aber die Erzähler, bis sich mehrere Gäste versammelt haben. Besonders lebhaft sind diese Unterhaltungen in den Nächten des Ramasan, wo eine Violine, wohl auch eine Flöte die Erzählungen begleitet und zu einem Melodrama macht. In Konstantinopel, sowie auch in Pera, Galata und den andern Vorstädten, gibt es eine Unzahl Kaffeehäuser der beschriebenen Art. Dazu kommen noch die für das ärmere Volk, welche in einem Winkel der Straße etablirt sind. Hier hat der Kaffeetschi einige Steine zusammengetragen, zwischen denen er sein Feuer anmacht und das er durch einen ausgebreiteten Teppich gegen den Wind schützt. Große Steine oder kleine Stühlchen aus Palmenholz dienen den Gästen zum Sitzen. Auch hier fehlt der Meddah nicht, besonders an schönen Abenden, wo ihn die Handwerker und Taglöhner nach beendigtem Tagwerk in dichten Gruppen umstehen und aufmerksam seinen Worten lauschen. Die größten und schönsten Café's sind in der Nähe der großen Moscheen, besonders der Suleimanje, und hier ist auch der Sammelplatz der Teriaki oder Opiumesser, die jedoch hauptsächlich Abends ihr Wesen treiben. Wir hatten in den Nächten des Ramasan mehrere Male Gelegenheit, sie zu beobachten. Ähnlichkeit mit den Kaffeehäusern haben die Laden der Sorbet- oder Scherbetbereiter, deren Fabrikat kein berauschendes Getränk ist, sondern Gelée von Früchten, in eiskaltem Wasser aufgelöst. Ihre Gewölbe, in welchen weniger geraucht wird, haben ein viel hübscheres, gefälligeres Aussehen als die Kaffeehäuser. Die mannigfaltigsten Gläser mit Geléen und Konfitüren sind an den Wänden in bunt bemalten Fächern aufgestellt, der Boden meist mit Matten belegt, und wenn man auch wirkliche Springbrunnen nur in einigen der größten findet, so ist doch in den meisten irgendwo an der Wand ein Fäßchen mit frischem eiskaltem Wasser angebracht, das man nach Belieben in die dabei stehenden Krystallgläser füllen und genießen kann. Viele dieser Sorbethändler haben nur einen kleinen Laden, in dem kaum ihre Waaren Platz finden, weßhalb sie zum Aufenthalt der Gäste vor dem Hause eine Laube von bunt angestrichenen Latten aufführen, über welches sie Reben und anderes Schlinggewächse ziehen. Ist es möglich, so lehnen sie eine solche Laube mit einer Ecke an einen der vielen öffentlichen Brunnen und haben so auf öffentliche Kosten eine eigene Fontaine. Dieses Verfahren ist freilich etwas egoistisch; aber die Stambuler Polizei findet es unter ihrer Würde, sich um dergleichen Kleinigkeiten zu bekümmern. Wenn wir den Tag über in den Gassen Konstantinopels herumgelaufen waren und uns Abends, vom vielen Sehen ermüdet, auf den Weg nach Pera machten, so zogen uns nicht selten die kleinen Lichtchen, welche die Sorbetbereiter in ihren Lauben aufstellen, durch ihr heimliches, freundliches Glitzern zwischen dem grünen Gesträuche von der schmutzigen Gasse in das meist reinliche Lokal, und wir beschloßen unser Tagewerk mit einem Glas Sorbet. Dem Wirth und den Gästen schien unsere Ankunft immer eine große Ehre zu sein. Ersterer bemühte sich, uns auf's Schnellste und Beste zu bedienen, und die Andern rückten uns näher, boten uns ihre Pfeifen an und richteten eine unendliche Menge Fragen an uns, von denen wir freilich keine einzige beantworten konnten. Durch unsere Forschung nach den gepriesenen Schönheiten der türkischen Kaffeehäuser dauerte es nur wenige Tage, und wir hatten gleich den Eingebornen die Gewohnheit des vielen Kaffeetrinkens angenommen und machten bei unsern Touren durch Konstantinopel öfters Halt, um in ein Café zu treten, das uns gerade im Wege lag. Außerdem besuchten wir einige, die uns durch ihre Gäste interessant waren. So fanden wir am Seraskierplatz nicht selten die höchsten Würdenträger des Reiches, unter Andern Neschid Pascha und Rifad Bei. Bei den Bazars ergötzten wir uns an der Gravität, mit der die Kaufleute, den langen Bart streichend, ein- und ausgingen. Ein anderes Café war fast nur mit Arnauten angefüllt, an deren unangenehmen, trotzigen Physiognomien, kräftigen Gestalten und schönem Costüme unser Maler seine Studien machte, und so oft wir in die Gegend der Suleimanje kamen, traten wir in eines der Kaffeehäuser dort, dessen Wirth, ein kleines Männchen, mit ungeheurem Turban und Pantoffeln, die für einen Riesen groß genug gewesen wären, jedesmal durch groteske Sprünge seine Freude an den Tag legte, uns wieder zu sehen. Er trieb es so arg, daß er seine gewöhnlichen Gäste veranlaßte, uns ihre Plätze einzuräumen, was diese auch meist gutwillig thaten, worauf er uns eigenhändig bediente, den Kaffee sehr süß machte und uns die Nargileh's mit den längsten Schläuchen aussuchte. Wie sich Konstantinopel mit seinen glänzenden Moscheen und stattlichen Palästen als die schönste der türkischen Städte zeigt, so ist auch die Hauptstadt des Reichs die erste in Betreff des Schmutzes, der die Straßen fast aller türkischen Städte bedeckt. So glänzend sie von außen anzusehen sind, und so sehr sie den Blick des Reisenden locken, daß er sich beeilt, baldmöglichst unter jenen Hallen und unter die Schatten der grünen Baumgruppen zu gelangen, die malerisch zwischen den Gebäuden hervorsehen, um so mehr bedauert er, sobald er in der Stadt angelangt ist, sich nicht mit dem bloßen Anblick derselben begnügt zu haben. Uns erging es wenigstens mehrere Male so, z. B. in Schumla, Adrianopel, welche, besonders die erstere Stadt so ungemein lieblich am Fuße des Balkans gelagert ist, und von Weitem so rein und freundlich aussieht, und in deren Straßen unsere armen Pferde fast bis über die Kniee im Morast versanken. Da wir bei unserem Ritt durch die Türkei, wie schon oft bemerkt, so unendlich großartigen Schmutz gesehen hatten, so überraschten uns in dieser Hinsicht die nicht reinlichere Straßen der Hauptstadt nur, weil manche Reisebeschreiber dieselbe als reinlich, schön und angenehm darstellen. Fast alle Gassen Stambuls – Straße»kann man sie nicht nennen – sind sehr enge und zu beiden Seiten mit hohen Häusern eingefaßt, eigentlich die meisten nur mit Mauern, da nach türkischer Sitte das Wohnhaus mit dem hintern Theile, wo keine Fenster sind, die Straße berührt, der, wenn auch hie und da ein Fenster, dasselbe doch immer stark vergittert hat, eine melancholische Verschleierung. Obgleich die meisten dieser Gassen ehemals mit Steinen gepflastert waren, so sind dieselben durch den starken Verkehr in der Mitte ganz zusammengetreten, und bilden bei nur etwas feuchter Witterung einen einzigen Kothbach, der sich fast durch die ganze Stadt zieht. Zu beiden Seiten der Gasse, wo der Strom der Menschen und Thiere nicht so verderbend hinfließt, blieben hie und da Pflastersteine stehen, die jetzt eine Art Trottoir bilden, das jedoch nur für den zu passiren ist, der es versteht, von einem der glatten Steine auf den andern zu springen, ohne sich durch die Aussicht in den unendlichen Koth irre machen zu lassen. Die Gassen, von denen ich eben sprach, an welche sich die Rücken der türkischen Wohnhäuser lehnen, sind, wenn auch hiedurch die finstersten, doch nicht die schmutzigsten der Stadt, da in ihnen nicht der starke Verkehr herrscht, wie in andern Stadtvierteln, wo sich die unendliche Menge der größeren und kleineren Bazars befindet. Diese liegen meistens auf der Hafenseite. Sie fangen schon bei den Landungs- und Ladeplätzen an, und von da bis zu den Thoren der Stadt sieht man die Händler, eine Gasse bildend, in zwei Reihen aufgestellt. Das ganze Waarenmagazin dieser Leute besteht aus einem Tische, auf dem sie ihre Produkte: Früchte, Brod, Confituren etc. aufgestellt haben. Andere bieten ihre Waaren in großen Körben aus. Es sind die Anfänge des Bazars. Innerhalb der Thore der Stadt sind in allen Häusern zu beiden Seiten offene Buden, in denen, wie es im Orient Sitte ist, nicht nur fertige Waaren verkauft werden, sondern auch Handwerker aller Art vor den Augen der Vorübergehenden sitzen und ihr Geschäft treiben. Schon in kleineren Städten halten sich die verschiedenen Arten der Handwerker so viel wie möglich zusammen. Auf eine Reihe Schuhmacher folgt eine Reihe Tischler oder Waffenschmiede u.s.f. Einzeln liegen fast nur die Apotheken und die kleinen Schulen. Andere Gassen der großen Stadt führen ihren Namen, die jedoch nicht wie bei uns an den Ecken angeschlagen sind, meistens von Palästen und eigenthümlichen Gebäuden, die in denselben liegen, oder von Thoren und Thürmen, zu welchen sie führen. So gibt es eine Gasse des Mehlmagazins, des weißen Palastes, des süßen Brunnens, des Kanonenthors, sogar eine des verschlossenen Backofens, ferner die Gasse Ali Pascha, des Doktorsohns. Wirklich sonderbare Namen findet man in den Vorstädten; so heißt eine in Pera: die Halsabschneidergasse; neben ihr liegt die Welteroberergasse und in Top-Chana ist die Gasse: »Frag' nicht, geh' hinein!« Unzertrennlich von den Gassen Konstantinopels ist der Gedanke an ihre permanenten Bewohner, die herrenlosen Hunde, die man in zahlloser Menge auf ihnen erblickt. Gewöhnlich macht man sich von Dingen, von denen man oft liest, eine große Idee, und findet sich getäuscht. Nicht so bei diesen Hunden. Obgleich alle Reisenden darüber einig sind, sie als eine Plage der Menschen darzustellen, so sind doch die meisten bei der Beschreibung dieses Unwesens zu gelinde verfahren. Diese Thiere sind von einer ganz eigenen Race; sie kommen in der äußern Gestalt wohl am nächsten unsern Schäferhunden, doch haben sie keine gekrümmte Ruthe und kurze Haare von schmutzig gelber Farbe. Wenn sie faul und träge umherschleichen oder in der Sonne liegen, muß man gestehen, daß kein Thier frecher, ich möchte sagen, pöpelhafter aussieht. Alle Gassen, alle Plätze sind mit ihnen bedeckt; sie stehen entweder an den Häusern gereiht und warten auf einen Bissen, der ihnen zufällig hingeworfen wird, oder sie liegen mitten in der Straße, und der Türke, der sich äußerst in Acht nimmt, einem lebenden Geschöpfe etwas zu Leide zu thun, geht ihnen aus dem Wege. Auch habe ich nie gesehen, daß ein Muselmann eins dieser Thiere getreten oder geschlagen hätte. Vielmehr wirft der Handwerker ihnen aus seinem Laden die Ueberreste seiner Mahlzeit zu. Nur die türkischen Kaikschi und die Matrosen der Marine haben nicht die Pietät, weßhalb mancher Hund im goldenen Horn sein Leben endet. Jede Gasse hat ihre eigenen Hunde, die sie nicht verlassen, wie in unsern großen Städten die Bettler ihre gewissen Standorte haben, und wehe dem Hund, der es wagt, ein fremdes Revier zu besuchen. Oft habe ich gesehen, wie über einen solchen Unglücklichen alle anderen herfielen und ihn, wußte er sich nicht durch schleunige Flucht zu retten, förmlich zerrissen. Ich möchte sie mit den Straßenjungen in civilisirten Ländern vergleichen; wie diese wissen sie ganz gut den Fremden vom Einheimischen zu unterscheiden; denn wir brauchten nur in einer Ecke des Bazars etwas Eßbares zu kaufen, so folgten uns alle Hunde, an denen wir vorbeikamen, und verließen uns erst wieder, wenn wir in eine andere Gasse traten, wo uns eine neue ähnliche Begleitung zu Theil wurde. So ruhig bei Tag diese Ablösung, nur von einigem Zähneblöcken begleitet, vor sich geht, so gefährlich werden zuweilen die Hunde dem einzelnen Franken, der sich bei der Nacht in den Gassen Stambuls verirrt, besonders wenn er keine Laterne trägt. Wir haben oftmals, gehört, daß ein solcher, den die Bestien förmlich anfielen, nur durch Muselmänner gerettet wurde, die sein Hülferuf herbeizog; und obgleich wir stets in ziemlicher Gesellschaft und Abends nie ohne Laterne ausgingen, hatten wir es doch oft nur unsern guten Stöcken zu danken, mit denen wir kräftig drein schlugen, daß wir nicht mit zerrissenen Kleidern heimkamen. Sultan Mahmud ließ vor mehreren Jahren einige Tausend dieser Hunde auf einen bei den Prinzeninseln liegenden kahlen Fels bringen, wo sie einander auffraßen. Diese Verminderung hat aber nichts genützt; denn die Fruchtbarkeit dieser Geschöpfe ist großartig; fast bei jedem Schritt findet man auf der Straße runde Löcher in den Koth gemacht, worin eine kleine Hundefamilie liegt, die hungernd den Zeitpunkt erwartet, wo sie selbstständig wird, um gleich ihren Vorfahren die Gassen Konstantinopels unangenehm und unsicher zu machen. Um von Pera nach Konstantinopel zu gelangen, ein Weg, den der Reisende, welcher die Hauptstadt kennen lernen will, fast täglich macht, steigt man entweder durch den großen Kirchhof Pera's auf einer breiten, nicht zu steilen Straße zur großen Brücke hinab, die über das goldene Horn führt, und kommt dann in den nördlichen Theil der Stadt. Will man in den südlichen, wo die meisten Moscheen, großen Bazars, überhaupt die merkwürdigsten Gebäude Stambuls sich befinden, geht man über den kleinen Kirchhof durch die Gassen Galata's an den Landungsplatz des Kaiks in Top-Chana, um sich auf den kleinen Booten übersetzen zu lassen. Dieser Weg ist, obgleich der beschwerlichste, auch zugleich durch seine große Frequenz der interessanteste. Die Gassen, die von der Höhe Pera's zum Hafen hinabführen, sind ungemein steil, dabei sehr enge und mit einem furchtbar schlechten Pflaster versehen, das, besonders zu der Zeit, wo wir uns gerade da befanden, vom Nebel und dem häufigen Regen stets glatt und schlüpfrig und dadurch nicht ohne Gefahr war. Obendrein herrscht in diesen Gassen ein merkwürdiges Gewühl von Geschäftsleuten aller Art. Die kleineren Boutiken sind oft weit in die Straße hineingebaut und versperren den Weg noch mehr. Vom frühesten Morgen laufen Verkäufer, die ihr ganzes Waarenmagazin in einem großen Korb auf dem Rücken tragen, hin und her und überbieten sich im lärmenden Anpreisen ihrer Waaren. Dies sind jedoch nur meist Dinge des täglichen Lebensbedürfnisses: Eier (Gumurta, dessen letzte Sylbe der Ausrufer so lange aushält, als sein Athem, reicht), Brod (Jäkmäk, ein Wort, das die Verkäufer gellend herausstoßen) und dergleichen. Eine andere Menschenklasse, die man beständig auf den Straßen sieht, sind die Wasserträger, die entweder das frische Wasser, welches sie aus den Brunnen bei Top-Chana schöpfen, in großen ledernen Schläuchen auf dem Rücken tragen, oder einen beladenen Esel, auch ein Pferd, vor sich hertreiben. Da keine Wagen durch die Gassen Pera's fahren können, so wird alle Ladung der Schiffe, die bei Top-Chana landen, durch Packträger in die Magazine geschafft, und bei dem steilen schlechten Weg ist es erstaunlich, welche ungeheure Lasten diese Menschen zu tragen im Stande sind. Sie haben an zwei Riemen von der Schulter auf den Rücken hinab ein gepolstertes Kissen hängen, gegen welches sie die Last stützen; sie beugen ihren Oberleib ganz nach vorn, wodurch ihr Rücken eine breite, fast horizontale Fläche bildet, worauf zwei Andere oft einen so unverhältnißmäßig großen Ballen heben, daß er dem Träger weit über den Kopf hinausreicht und hinten von dem erwähnten Kissen gehalten wird. Andere vereinigen sich zu vier oder sechs, von denen immer zwei und zwei eine große Stange tragen, so daß oft ein einzelner Ballen an drei oder vier solcher Stangen hält, den sie dann dicht hinter einander, in gleichem Schritt vorwärtsgehend, an den Lagerplatz bringen. Zwischen diesen Leuten, die zur beständigen Staffage der Straßen Pera's gehören, wandeln Türken, Armenier und Franken, ihren Geschäften nachgehend. Fast an jeder Ecke sitzen türkische Bettler, meistens alte Weiber, und strecken den Vorübergehenden ihre Hände entgegen, halten ihn auch nicht selten am Kleide fest. Auch trifft man hie und da den Matrosen irgend eines türkischen Schiffes, der in einem schmutzigen Korbe Austern feil bietet. In Pera werden viele Läden, ganz wie die türkischen an den Straßen gelegen und offen, von Franken gehalten, hauptsächlich Schneider, Schuster, Hutmacher; doch ist mit diesen Leuten nicht gut verkehren, denn sie machen besonders den Landsleuten sehr oft unverschämte Preise. Weiter unten in Galata und Top-Chana nehmen die Buden einen andern Charakter an, der sich sogleich der Nase des Herumwandelnden bemerkbar macht. Hier sind Fische und alle Arten von Seethieren zum Verkauf ausgestellt. Nur ein kleiner Platz bei der Moschee Abdul Medschids, wo früher die aus Persien nach Konstantinopel gekommenen Fayencefabriken waren, führt einen andern Artikel: hier werden vergoldete und rothe Pfeifenköpfe in ungeheurer Masse fabricirt und zum Verkauf ausgestellt. Ehe wir uns von Tov-Chana nach Konstantinopel übersetzen ließen, traten wir gewöhnlich in ein türkisches Kaffeehaus, das am Ufer des goldenen Horns liegt, und setzten uns unter eine Laube vor der Thür, wo wir eine herrliche Aussicht aus den Hafen selbst, auf Stambul und das Marmormeer hatten. Hier genossen wir eine Tasse Kaffee, beiläufig im Preise von sechs Para, und eine Wasserpfeife, für die wir das Doppelte bezahlten, was dann eine Summe von etwa drei Kreuzern ausmachte. Die Ueberfahrt nach der Hauptstadt kostet gewöhnlich einen halben Piaster, drei Kreuzer. So angenehm und rasch man hinüberkommt, so unangenehm und langsam geht das Einschiffen von Statten. Wie ich schon früher sagte, muß man, um das Umschlagen zu verhüten, langsam und vorsichtig in die kleinen Boote steigen. Die meiste Zeit jedoch geht darauf, bis man einen Bootführer hat, nicht weil ihrer zu wenige, sondern weil zu viele da sind, die sich den Rang streitig machen. Sobald wir uns am Ufer sehen ließen, schossen die Kaiks von allen Seiten herbei in gedrängten Schaaren, wie die Karpfen in einem Teich, wenn man Brod hineinwirft. Der zeigt schreiend auf den hübschen Anstrich seines Boots, jener auf die sauber aussehenden Teppiche, womit es inwendig belegt ist; ein dritter führt mit seinem Ruder einen kräftigen Schlag in die Luft, um zu zeigen, daß er der Mann sei, der es mit Kraft zu führen wisse und weist spottend auf jenen alten Graukopf neben sich, der ruhig dasitzt und nur seine Hände einigemal auf und zumacht, um die große Zahl der Jahre anzuzeigen, welche er schon als Kaikschi diene. Hat man endlich ein sauber aussehendes Boot gefunden und will mit einem Fuße ruhig hineintreten, so kommt nicht selten ein Anderer, der diesen Zeitpunkt abpaßt, drängt mit seinem Boot das erstere fort und erschnappt so im wahren Sinne des Worts seine Beute, ein Auftritt, der nicht selten zu Prügeleien Veranlassung gibt. Ist man endlich glücklich in das Kaik gelangt, so dauert es wenige Minuten und das pfeilschnell dahin schießende Boot hat das andere Ufer erreicht. Hier sind gleich wieder eine Masse Hände beschäftigt, die besonders dem Fremden, den man gleich erkennt, aus dem Boote helfen wollen, um einen geringen Bakschis (Trinkgeld) davonzutragen. Doch gefällig und freundlich, wie der Türke im Allgemeinen ist, reichten uns auch nicht selten Offiziere und andere gut gekleidete Leute die Hand zum Aussteigen. Wir gingen gewöhnlich durch das Holzthor, Adun Kapussi, weil es uns am nächsten lag, und dann, weil erst vor wenigen Tagen dort eine Reihe Häuser niedergebrannt war, und wir von Tag zu Tag bewunderten, wie schnell die Leute mit dem Aufbau der neuen fertig wurden. In der Nähe des Thors liegt das Mehl- und Holzmagazin, und vielleicht ist es der Anhäufung dieser brennenden Stoffe zuzuschreiben, daß von jeher die größten Feuerbrünste in diesem Revier gewüthet haben. Im Jahr 1682 unserer Zeitrechnung, sowie 1693 brannten hier mehrere hundert Häuser ab. Das letzte Unglück dieser Art vor wenigen Tagen hatte nur vierzig oder fünfzig Häuser zerstört, deren Einwohner unter großen grünen Zelten, die ihnen das Militärgouvernement gegeben, bivouakirten. Hier setzten sie auch ihre Arbeiten unverdrossen fort, Schuster und Schneider arbeiteten wie in ihren Boutiken, die Kaffeetschi und Sorbetbereiter hatten nach wie vor ihre Gäste, die sie auch im Unglück nicht verließen und unter dem Zelte auf einem halb verbrannten Balken sitzend recht gemüthlich ihre Pfeifen rauchten. Von der Brandstätte wandten wir uns rechts gegen die Hügel zu, auf welchen der alte- und neue Besestane liegt, durch Gassen voll Boutiken und Handwerkstätten. Diese sind, wie die Häuser selbst, fast nur aus Holz gebaut, liegen ungefähr drei Fuß höher als die Gasse und bilden eine nach vorne geöffnete Halle, auf deren Boden die verschiedenen Waaren ausgestellt sind. Der Eigentümer sitzt entweder hinter den Körben mit untergeschlagenen Beinen auf seinem Teppich, oder, da oft ein Kaufmann zwei bis drei Laden hat, steht er davor und geht hin und her. Da er so auf die einzelnen Sachen nicht genau Acht geben kann, sollte man glauben, er müsse oft bestohlen werden; dies ist aber nicht der Fall, denn alle Kaufleute bewachen ohne Brodneid ihre Laden gegenseitig und die Ehrlichkeit ist ein Grundzug im Charakter des Türken, so daß man fast nie von Diebstählen hört. Obschon das Leben in den Gassen Stambuls durch die vielen nach europäischer Art gemachten Kleidungsstücke, die man sieht, sehr an orientalischem Charakter verliert, so konnten wir doch stundenlang dem Treiben in den Gassen zuschauen. Obgleich wir von Schumla und Adrianopel her schon an die großen Turbane, die langen Bärte und das ganze türkische Costüm gewöhnt waren, so gewährte doch die große Menge hier in Stambul durch die Mannigfaltigkeit ihres Aeußern dem Auge des Fremden einen interessanten Anblick. Im Orient schieden sich von jeher die Nationen und in ihnen die verschiedenen Kasten nach Sitten und Kleidung strenge von einander ab. Die Andeutungen hieran haben sich bis jetzt erhalten, und hat man sich etwas darüber belehren lassen, so ist es sehr leicht, den Juden vom Türken und Armenier, sowie den Kaufmann vom Gelehrten oder Derwisch u. s. w. zu unterscheiden. Wie schon gesagt, die vielen europäischen Einrichtungen, die sich nach und nach in alle Zweige des türkischen Lebens eindringen, haben, wenn ich es so sagen darf, auch die Kleidung cultivirt und ihr manches von ihrer Eigenthümlichkeit abgeschwatzt. So ist, wie bekannt, die ganze türkische Armee, nach unserer Art gekleidet, indessen hat man dabei auf türkische Sitten und Gewohnheiten Rücksicht nehmen und an der Tracht manches abändern müssen, wodurch das ganze Costüm beinahe lächerlich wird. Der türkische Soldat trägt eine blaue Hose, die, beiläufig gesagt, von dem gröbsten Stoffe ist, den ich je gesehen, unten und oben gleich weit, fast auf unsere Art geschnitten, jedoch hinten mit einer Art von Sack versehen, der bei jedem Schritte des Kriegers sich lächerlich hin- und herbewegt und zu den sonderbarsten Muthmaßungen Anlaß gäbe, wenn man nicht wüßte, daß die ungeheure Weite des Kleidungsstücks an dieser Stelle dazu dient, um ihm das Sitzen auf den untergeschlagenen Beinen möglich zu machen. Aehnlich verhält es sich mit der Kopfbedeckung. Da man wohl eingesehen hat, daß zu der höchst unpoetisch geschnittenen Jacke von grobem blauen Tuch der malerische Turban nicht recht passen würde, und man den Soldaten auch keine Tschako's auf unsere Art geben konnte, indem eine Vorschrift des Korans besagt: »der Muselmann soll keine Kopfbedeckung tragen, die ihn hindere, den Kopf beim Gebet gegen die Erde zu drücken,« so hat man ihm das Feß gegeben, das ungefähr in der Gestalt unserer Hüte, jedoch geschmeidig ist und von rother Farbe, die den Türken, welche das Bunte lieben, wohl gefällt. Im Verhältniß zu der Menge, die sich auf den Gassen herumtreibt, sieht man Wenige im altmorgenländischen Costüme. Hiezu gehört die weite Hose, darüber der lange Kaftan, den der Gürtel zusammenhält; den Kopf bedeckt der Turban, der bei den Muhamedanern aus einem rothen Mützchen besteht, um welches man ein unendlich langes Stück von weißem Mousselin, das zuerst wurstähnlich zusammengedreht wird, herumwindet. Keine Kopfbedeckung gibt dem Gesicht ein majestätischeres, edleres Ansehen, als der Turban; er putzt die ganze Gestalt des Muselmanns, die sich im langen Kaftan gerade nicht zum Vortheilhaftesten ausnimmt, auf's Beste heraus. So schöne Gestalten man unter den älteren Türken findet, so unerquicklich ist dagegen der Anblick der ganzen jüngeren Generation. Diese ist ebenso mager und sieht so kränklich aus wie ihr Sultan, von dessen baldigem Absterben man daher auch so viel in den Zeitungen liest, woran ich jedoch keineswegs glaube; denn sonst müßte in einigen Jahren die ganze junge türkische Männerwelt Konstantinopels ausgestorben sein. Man kennt wohl die Ursachen, warum sie so elend aussehen; doch wird es ihnen wahrscheinlich ergehen, wie ihren Vätern; sie werden in spätern Jahren ebenso wohlbeleibt, wie diese, wenn sie auch die bleiche Gesichtsfarbe, die allen Orientalen eigen ist, behalten, und man wird ihren stattlichen Figuren nichts Schwindsüchtiges mehr ansehen. Die Armenier, deren es eine große Anzahl hier gibt, tragen einen Kaftan von dunkelblauer Farbe, und zur Unterscheidung von den Türken anstatt gelbe, rothe Pantoffeln. Ihre Kopfbedeckung ist von schwarzem Filz und von origineller Form. Sie gleicht einem großen Kürbis, den man unten abgeschnitten und auf den Kopf gestülpt hat. Was ich eben von den jungen Türken sagte, ist auf die Armenier nicht anwendbar; ihr Gesicht, obgleich etwas plump und ausdruckslos, ist, wie ihr ganzer Körper, frisch und gesund. Es ist wirklich schade, daß aus ihnen keine Soldaten genommen werden; ich glaube, sie müßten eine vorzügliche Infanterie abgeben. Die meisten sind Handwerker oder Künstler, besonders Steinschneider und Goldschmiede. Die Juden, die auch hier, wie überall, zerstreut leben, haben keine eigentlichen Gewerbe; sie treiben sich zwischen der Menge herum, bald einen kleinen Handel führend, bald den Dolmetscher oder Cicerone machend. Ihre Kopfbedeckung besteht in einer dunkeln steifen Mütze, um welche ein Stück Zeug, nicht wie bei den Türken lose gewunden, sondern fest genäht ist, ganz wie man auf unsern Theatern den Turban erscheinen sieht. Ihr Kaftan hat denselben Schnitt, wie der des Türken, besteht jedoch aus gewürfeltem, dunklem Kattun. Ein Stand, der in allen orientalischen Erzählungen und Mährchen eine große Rolle spielt, sind die Derwische, die türkischen Mönche, deren verschiedene Sekten sich durch die Farbe der Kleidung unterscheiden. Ihre langen Kaftans flattern ohne Gürtel frei um die Hüfte und sind bald hellbraun, bald weiß, und bei einem Orden, der für den ehrwürdigsten gehalten wird und dessen Mitglieder am Grabe des Propheten in Mekka dienen, grün. Auf dem Kopfe haben sie einen Hut von weißem Filz, einen Fuß hoch in Form eines abgekürzten Kegels. Der Anzug des Volkes, der Wasser- und anderer Lastträger, der Taglöhner und herumziehenden Obsthändler läßt sich nicht wohl beschreiben; jeder zieht an, was ihm geschenkt wurde, oder was er wohlfeil gekauft hat. Einige tragen Kaftans, die dann ungemein schmutzig sind; die meisten kurz abgeschnittene runde Jacken, welche bei den Wasserträgern von Leder find. Die Beinkleider, vom Gürtel bis zum Knie sehr weit, umschließen eng die Wade bis zum Fuß. Fast alle tragen einen Turban von beliebiger Farbe, viele von grünem Zeug, was diese als Nachkommen des Propheten bezeichnet; eine Ehre, die ihnen weiter nichts als den Titel Emir verschafft. Emir bedeutet Herr oder Fürst, und es ist traurig, daß man die meisten dieser Fürsten gerade unter den Taglöhnern und Bettlern findet. Unzertrennlich von den Sitten und Gebräuchen des Orients ist für uns die Idee, die durch alle morgenländischen Erzählungen angeregt wird, daß die Weiber, gänzlich vom öffentlichen Leben getrennt, ihre Tage in beständiger Einsamkeit hinter vergitterten Fenstern verbringen müßten. Ich hatte geglaubt, noch in unsern Tagen begegne man selten einer türkischen Frau auf der Straße und knüpfte daran allerlei Poesieen. Stunden lang würde ich mich der Merkwürdigkeit halber vor ein Haus gestellt haben, um endlich einmal eine dieser Perlen zu gewahren, deren Antlitz, wie der Koran sagt, unter der schwarzen Nacht der Locken hervorglänzt, wie die weißen Eier unter dem dunkeln Flügel des brütenden Straußes. Doch war dies selbst dem Fremden so schwer nicht gemacht. Schon in Adrianopel sahen wir viele Weiber auf der Straße; aber unter ihnen auch, nicht ein einziges frisches Gesicht. Es begegneten uns nur alte Weiber mit unangenehmen schlaffen Zügen, und ich glaubte schon, nur den Duennen und Ammen sei es allenfalls erlaubt, ihre Käfige zu verlassen. Doch verschwand auch dieser Irrthum, als wir nach Stambul kamen. Denn die Cultur, »die alle Welt beleckt,« hat ihre ausgleichende Hand auch an die verschlossenen Zimmer der türkischen Damen gelegt und sie hinausgeführt auf die Straßen und Märkte. Sie mochten dieselben anfangs schüchtern genug betreten, aber nach und nach behagte ihnen die neue Freiheit ungemein. Zur Zeit, wo wir in der Hauptstadt der Gläubigen waren, konnte man auf gewissen Plätzen mehr Weiber antreffen als Männer. Besonders war dies in den Besestanes , den bedeckten Märkten, der Fall, bei den Gewölben, wo fränkische Kattune und gesticktes Weißzeug zu haben sind. Da standen sie meistens in Gruppen von fünf bis sechs, die bunten Farben eines Stückes bewundernd und sich wie die Kinder darüber freuend. Von ihrem Anzug auf der Straße ist nicht viel zu sagen, da ihr ganzer Körper in ein großes Stück Zeug gewickelt ist, das bei den Geringern aus dunkler Leinwand, bei den Reichern aus Seide besteht. Sie nehmen es in der Art einer großen Mantille um die Schultern und wissen obendrein eines der Enden noch um den Kopf zu schlingen. Dieser ist ohnehin sorgfältig verhüllt; denn sie wickeln ihn in ein Stück weißen Mousselin ein, das Stirne Mund und Ohren verbirgt und nur Nase und Ohren sehen läßt; eine Verschleierung, die von dem Gesetze vorgeschrieben, bei den Türkinnen gewiß sehr beliebt ist; denn dieser Mousselin verbirgt einen Theil ihres Gesichts, den wir Franken für den von der Natur bei ihnen am meisten vernachläßigten halten, den Mund. Höchst selten, selbst bei jungen Weibern, deren Augen mit ihrem blitzenden Brillantfeuer das kälteste Herz zu versengen drohen, sind die Lippen frisch und roth. Man kann öfters einen spähenden Blick bis zum Munde gelangen lassen, besonders auf der Promenade, wo die Damen fast beständig beschäftigt sind, Confituren und dergleichen zu sich zu nehmen, und findet bei den interessantesten Zügen einen welken Mund, dessen Unterlippe schlaff herabhängt. Am schönsten sind wohl ihre breiten gewölbten Augenbrauen, und sie selbst halten diejenigen für die reizendsten, die über der Nase zusammenstoßen, und türkische Frauen, denen dieser Reiz mangelt, ersetzen ihn meist, indem sie sich einen Halbmond oder einen Stern von schwarzer Farbe zwischen die Augenbrauen malen. Der Schwärze der Wimpern wird durch einen gefärbten Zwirnsfaden nachgeholfen, den sie zwischen den Augenlidern durchziehen. Für uns Europäer sind ihre Hände, deren Nägel und Inneres sie mit Khennah roth färben, eher abstoßend als angenehm. Im Allgemeinen habe ich unter den türkischen Weibern, deren wir sehr viele gesehen, wenige von eigentlich schöner Bildung bemerkt und fast gar keine, um welche ich mein Leben gewagt hätte und in den Harem eines eifersüchtigen Türken gedrungen wäre, wie es uns Romane und Balladen so schön erzählen. Der Muselmann sieht es als eine große Schönheit seiner Frau an, wenn sie sehr stark, ja fett ist, eine Eigenschaft, die sie sich auch durch ihre faule Lebensart beizubringen wissen. Doch theilen wir diesen Geschmack nicht mit ihnen, da für unsere Augen Grazie und Leichtigkeit in der Bewegung des weiblichen Geschlechts schöner ist, als das träge Umherwatscheln der Türkinnen, wozu ihre Fußbekleidung, die weiten Pantoffeln, das ihrige beiträgt. Mit dem Menschenstrom, von dessen Bestandtheilen ich ein möglichst getreues Bild zu geben gesucht habe, wandelten wir täglich langsam durch die Bazars, häufig stehen bleibend, denn beinahe an jedem Gewölbe sieht man bald eine merkwürdige Figur, bald eine Scene aus dem Leben, die das Auge des Fremden fesselt. Da ist eine Boutike, in welcher man Zuckerwerk und Confituren aller Art findet; doch sind die meisten Sachen, besonders Kuchen und Torten, für unsern Geschmack zu süß und oft widerlich fett; besser sind andere Leckereien, namentlich gebrannte Mandeln und was wir unter dem Namen Gerstenzucker verstehen. Da sitzt der Eigenthümer hinter den Körben voll Leckereien, die lange Pfeife im Munde, und, wenn man seinen geschlossenen Augen glauben soll, sanft schlafend. Dies ist aber nicht der Fall; er beobachtet blinzelnd den Franken, dem er, so wie er sich seinem Stand nähert, ohne dabei die Augen zu öffnen, mit der langen Pfeife einen Wink gibt, näher zu treten, dann macht er eine Pantomime, die den Türken eigen ist, wenn sie etwas Delikates bezeichnen wollen. Er legt seine fünf Finger zusammengedrückt einen Augenblick an den gespitzten Mund und öffnet sie wieder mit einem behaglichen Schnalzen der Zunge, wobei sein Gesicht einen Ausdruck annimmt, als genösse er etwas unbeschreiblich Angenehmes. Läßt man sich hierdurch nicht verführen, so gibt er sich weiter keine Mühe, sondern benutzt die Hand, da sie einmal in Bewegung ist, um den langen Bart zu streichen und raucht ruhig fort. An jener Seite dort ist gerade einer beschäftigt, sein Gebet zu verrichten. Er hat sich mit dem Angesicht nach Mekka gewendet und macht die üblichen Bewegungen, die uns sehr lächerlich vorkamen. Bald kniet er auf seinen Teppich nieder und hebt die Hände über den Kopf, bald kreuzt er sie über die Brust und drückt sein Haupt bis auf den Boden. In solchen Augenblicken glaube ich, könnte sich die Welt um seinen Laden versammeln, er würde um keinen Preis etwas ablassen. Fast in jeder Gasse gibt es fromme Muselmänner, die man so den Tag über ihr Gebet mehrere Male öffentlich verrichten sieht. So geschäftig der Armenier ist, wenn man ihm etwas abkaufen will und unaufgefordert seine Waaren auspackt und sich durch Anpreisen derselben bemüht, den Käufer zu locken, so indolent geberdet sich oft der Türke, wenn man an sein Gewölbe tritt und er vielleicht eben seine faule Stunde hat. Kaum erhält man auf die Nachfrage nach diesem oder jenem Artikel Antwort und höchst selten mehr als Ja oder Nein. Ersteres bezeichnet er durch Schütteln des Kopfes, das Letztere durch Nicken, also gerade umgekehrt, wie bei uns, was häufig zu Mißverständnissen Anlaß gibt. Man kann indessen versichert sein, daß man von dem Türken viel reeller bedient und nicht überfordert wird. Dieser verlangt einen bestimmten Preis und läßt selten etwas davon ab, wogegen man dem Franken und dem Armenier beständig ein Drittel abhandeln muß, um nicht betrogen zu werden. Hie und da zwischen den Buden zerstreut liegen die Schulen, von denen ich schon gesprochen, d.h. man sieht, wie ein alter Türke acht bis zehen Kindern, die auf ihren untergeschlagenen Beinen um ihn her sitzen, aus dem Koran Leseunterricht ertheilt. Da sie alle durch einander schreien und der Lehrer aufmerksam zuhörend, dem, der ein falsches Wort sagt, über den Köpfen der Andern hinweg einen Schlag mit seinem langen Pfeifenrohre gibt, worüber der Getroffene einen Schmerzensschrei ausstößt, der das Geplapper der Andern gellend durchdringt, so kann man sich denken, daß eine solche öffentliche Schule ziemlichen Lärm auf der Gasse macht. Hie und da sitzen noch an den Straßenecken meistens unter dem vorstehenden Dach einer Bude, das sie gegen Regen und Sonne schützt, die öffentlichen Schreiber mit der Brille auf der Nase, eine Papierrolle auf den Knieen und das Dintenfaß im Gürtel, ihre Clienten erwartend, die einen Contract, eine Bittschrift und dergleichen aufsetzen zu lassen haben. Was mich bei den Spaziergängen durch die Gassen stets besonders interessirte, das waren die Barbierstuben, die überall zu finden sind. Sie bestehen aus einem einzigen Gemach, an dessen Wänden ein hölzerner Divan sich befindet, auf dem die Kunden Platz nehmen. Ueber ihren Köpfen, mit dem Divan gleichlaufend, befindet sich ein starker, eiserner Draht, an dem, nach der Größe der Anstalt, zwei oder drei blechene Wasserkessel hängen, die man hin und herschieben kann. Der Barbier ist, wie die meisten bei uns, ein beweglicher Mensch, der viel plaudert und seine Gäste zu unterhalten weiß, er fängt sein Geschäft bei dem der Thür zunächst Sitzenden an, indem er einen der Kessel, der mit lauem Wasser angefüllt ist, über den zu Scheerenden richtet. Unten am Gefäß befindet sich eine dünne Röhre, deren seine Spitze beinahe auf den Schädel des Kunden reicht. Der Barbier macht aus einer Art feinen Hanf einen Wisch, den er mit weicher Seife beschmiert und stellt sich mit gespreitzten Beinen vor seinem Gast auf eine Erhöhung, so daß er den Kopf desselben unter sich hat. Dann öffnet er einen kleinen Hahn an der Röhre des Gefäßes, und wie das warme Wasser herausströmt, bearbeitet er den nackten Schädel auf's Eifrigste so lange, bis er ihn mit einer Wolle von weißem Seifenschaum umgeben hat. So bleibt das Schlachtopfer sitzen; der Barbier rückt den Kessel über den Zweiten und nimmt mit ihm dieselbe Manipulation vor, ebenso mit dem Dritten u.s.f. In dieser Zeit ist der Schaum auf dem Haupte des Ersten allmälig verschwunden, hat die seit dem letzten Scheeren wieder gewachsenen Haare erweicht und zum Rassiren fähig gemacht. Der Barbier kehrt zu ihm zurück, drückt den Kopf an sich, wendet und dreht ihn nach Gefallen, und in fünf bis sechs Minuten ist die Operation glücklich vollbracht. Wenn man sieht, wie rauh bei diesem Geschäfte zu Werke gegangen wird, um jedes Haar sorgfältig zu vertilgen, so daß dem Gast nicht selten die Thränen aus den Augen gepreßt werden, so können wir uns glücklich schätzen, daß die Sitte, das Haar glatt abzuscheeren, bei uns nicht herrscht. Ich selbst habe mich oft der Merkwürdigkeit halber in einer dieser Buden rasiren lassen, und man ist stets viel säuberlicher mit meinem Kinne verfahren, als mit den Häuptern der Gläubigen. Man hielt mir eine große zinnerne Schüssel, die einen Einschnitt für den Hals hat, unter das Kinn, und der Barbier bearbeitete mich mit der äußersten Pünktlichkeit; er jagte jedem einzelnen Haare nach, was er auf den Wangen entdeckte, brachte die des Schnurrbarts alle in gehörige Länge und verstieg sich in seinem Diensteifer mit einer langen spitzen Scheere sogar bis in die Nasenlöcher. Es dauerte etwas lang. Dafür konnte man sich aber auch, wenn er sein Geschäft beendigt hatte, als ein wohl rasirter Mensch sehen lassen, was man bei uns nicht immer kann. Dei Barbier schien ebenfalls Freude an seinem Werk zu haben, und entließ mich mit einem lauten » Ei w' Alla ! – Gott ist groß!« was von den Türken mit einem unnachahmlichen Zungenanstoß ausgesprochen wird. Neben diesen Barbierstuben befinden sich meist kleinere Kaffeehäuser, wo die Geschorenen sich nach vollbrachtem Geschäft mit einer Tasse Kaffee und einer Pfeife regaliren. Doch gehören diese Häuser zu den gemeinsten; der Boden besteht aus gestampfter Erde, und es finden sich kaum hölzerne Divans, meistens nur Steine oder kleine Stühlchen zum Sitzen. Besonders zahlreich sind in Konstantinopel die Gewölbe des Parfumeurs und der Essenzen-Verkäufer. Bei ihnen findet man unverfälscht die feinen Oele, die der Orient erzeugt: als Rosenöl, das meistens aus Adrianopel kommt, Jasminöl u. dgl. Auch verkaufen sie die verschiedensten Arten von Pastillen, kleine vergoldete Kügelchen, die auf die Pfeife gelegt werden und einen Wohlgeruch verbreiten, sowie auch zu demselben Zwecke das sogenannte Aloeholz. Ferner findet man bei ihnen wohlriechende gold- und silbergestickte Börsen, Beutelchen von sogenannten schwarzen Rosenperlen u. dgl. Der Fürst Pückler erzählt von einem dieser Handelsleute, einem alten Türken, der sich stets freundlich gegen ihn benommen und bei dem er auf seinen Wanderungen durch die Bazars häufig bei Pfeife und Kaffee ausgeruht habe. Einer unserer hiesigen Bekannten, der Dragoman der preußischen Gesandtschaft, zeigte uns seinen Laden; wir gingen hin, einige Kleinigkeiten zu kaufen und fanden wirklich einen sehr freundlichen alten Mann. Er bot uns Pfeifen an und wir mußten uns niedersetzen, um mit ihm zu plaudern. Als er im Verlauf des Gesprächs durch den Dolmetscher erfuhr, daß wir Nimbtsche , Deutsche, seien, erkundigte er sich nach dem Fürsten, der oft bei ihm gewesen sei, und besonders nach dessen Abyssinierin, Makuba, die er uns beschrieb, und sehr lobte. Wir hatten bald die Freundschaft des alten Türken erworben und er freute sich später jedesmal; wenn wir vorbeikamen und einen Augenblick bei ihm einsprachen. Fast ebenso oft stößt man auf die Laden der Tabakshändler, die geschnittenen Tabak von allen Sorten in großen Haufen vor sich liegen haben. Man muß aber bei diesen Leuten keine Einkäufe machen, ohne einen Sachkundigen bei sich zu haben; sie verstehen es, ihre Waare recht lockend auszulegen, die schon zum Gebrauche geschnitten und gewöhnlich mit einer Beize versehen ist, die dem schlechten Tabak das Parfüm des guten gibt. Wer sich überhaupt in der Türkei mit Tabak versehen will, um eine größere Quantität mitzunehmen, muß seine Einkäufe in Syrien machen; der dortige Tabak ist unstreitig der beste und gilt auch in Konstantinopel dafür. Die gewöhnlichen Tabake, wie man sie hier kauft, wachsen in Adrianopel, sowie um die Hauptstadt selbst und sind von gelber Farbe, wogegen der syrische etwas dunkler ist. Der Tabak zu den Wasserpfeifen ist nicht geschnitten, sondern wird in ganzen hellgelben Blättern verkauft. Unter den vielen kleineren Laden, worin Spezerei-Waaren und dergleichen verkauft werden, sind die der Laternen-Fabrikanten hervorzuheben, die dieses nothwendige Geräth aus Papier in allen möglichen Preisen und Größen verfertigen. Da es in Konstantinopel noch keine Straßenbeleuchtung gibt und es allgemein verboten ist, bei eingetretener Dunkelheit ohne Laterne zu gehen, so findet diese Waare großen Absatz, und kann daher auch zu beispiellos billigen Preisen geliefert werden. Diese Laternen sind cylinderförmig, oben mit einem Henkel versehen. Mann kann sie zusammenschlagen und bequem in die Tasche stecken. Für einen halben Piaster, drei Kreuzer, erhält man eine recht hübsche. Außer den bisher erwähnten Gassen, die zu beiden Selten mit Buden besetzt sind, vor denen ein immerwährender Handelsverkehr stattfindet, gibt es viele offene Märkte, Tscharschu , die entweder nur an bestimmten Wochentagen oder zu gewissen Artikeln benutzt werden. So gibt es einen Pferdemarkt, Laus- oder Tändelmarkt, Sklavenmarkt, Mittwochsmarkt etc. Das ewige Gewühl in den Gassen, das Schreien der Verkäufer und Ausrufer, sowie die warnende Stimme der Pferdetreiber, die auf ihren Thieren das Wasser in alle Theile der Stadt bringen und deren Ruf das allgemeine Gesumme gellend unterbricht, das Schreien der Armenier oder Juden, die wegen einer Kleinigkeit in Streit gerathen, betäuben das Ohr; die mannigfaltige Ausstellung der Waaren, die vielerlei Costüme, die einem bunten Strome gleich vorüberschwimmen, blenden das Auge, und man betritt mit behaglichem Gefühl die gedeckten Märkte, Besestane , um dem tollen Lärmen und dem gewaltigen Schmutze draußen zu entgehen. Wenn es auch den Besestanes keineswegs an Besuchern fehlt, so treibt sich hier doch das geringe Volk nicht so herum; es herrscht daselbst, besonders in einigen Theilen, gegen den ungeheuern Spektakel draußen, eine gewisse Ruhe, die vornehmlich das Auge empfindet, das langsam forschend die großen Gewölbe durchirrt, die mit den kostbarsten Stoffen und Geräthen angefüllt sind. Schon seit dem Jahre 1461 gab es in Konstantinopel ein Besestan; ein anderes wurde später unter Sultan Soliman erbaut; beide waren jedoch nur aus Holz und brannten bei den schon erwähnten Feuersbrünsten mehrere Male ab. Nach der letzten, im Jahre 1701, wurden beide Besestane, wie sie jetzt noch bestehen, massiv von Stein aufgebaut. Jedes bildet ein großes Viereck gewölbter Hallen, oben mit kleinen Kuppeln versehen, was dem Ganzen von der Höhe, z.B. dem Seraskierthurme herabgesehen, einen eigenthümlichen Anblick gibt. In diesen Besestanes findet man nun alle mögliche Artikel des Luxus, und wie in den Straßen sind auch hier die gleichartigen Artikel nebeneinander aufgespeichert, was die Auswahl erleichtert und auch die einzelnen Kaufleute hindert, die Käufer, besonders Fremde, zu überfordern, da der Nachbar gleich um einige Piaster billiger verkaufen würde. Hier findet man ganze Gänge voll Waffen, Shawls, geschnittener und ungeschnittener Steine, Tücher, sowie Reihen von Gold- und Silberarbeitern, Buchhändlern, Wechslern etc. Zwar hat jetzt die ungeheure Pracht, die früher in Kleidungsstücken herrschte, bedeutend abgenommen, und die vornehmen Türken in Konstantinopel, besonders Offiziere und Beamte, bis zum Sultan hinauf, gehen im einfachen blauen Rocke, mit einem Säbel bewaffnet, der meist nicht reicher verziert ist, als wie ihn auch unsere Militärs tragen, statt daß früher, zur Zeit der Janitscharen, jeder dieser Menschen mit schönen Waffen prunkte, deren Reichthum sich nach Maßgabe des Vermögens vom einfachen Silberbeschläge bis zum reichen Besatz mit Rubinen und Diamanten steigerte. Diese Revolution im Costüm äußert nun bereits bedeutenden Einfluß auf die Waarenausstellungen des Bazars, und wenn auch die Laden in den Besestans gegen unsere Gewölbe mit weit glänzenderen Dingen ausgestattet erscheinen, so findet man im Allgemeinen doch bei Weitem nicht mehr die alte Pracht. So schildert Hammer die Waaren, die in früherer Zeit hier ausgebreitet lagen; er zählt auf: Damascenische Säbel, tartarische Bögen, arabische Lanzen, persische Dolche, Türkisse aus Nischabur und Rubinen aus Bedaschan , Perlen von Bahrein , Diamanten von Golkonda , Shawls aus Angora , aus Persien und Kaschemir , indische Mousseline und Kalikos, englische und französische Tücher, deutsche Leinwand und schwedisches Eisen, geschnittenen Sammet aus Bussa , Scheiks (Beduinenmäntel) aus der Barbarei ; kurz, alle Herrlichkeiten, so die Sonne vom Aufgang bis zum Niedergang schaut, finden sich hier zum Kauf und Verkauf ausgestellt. Wenn man freilich alle diese Artikel auch jetzt noch findet, so sind doch nicht mehr, wie damals, ganze Reihen damit angefüllt. Der Reisende, der die türkischen Bazars besucht, verläßt sie selten, ohne hie und da etwas gekauft zu haben, wozu sich artige Kleinigkeiten genug finden, besonders in den Gewölben, wo Stickereien feil sind. Man findet hier Pantoffeln, Spiegelfutterale, Mützen, Tabakbeutel von Seide oder Sammet, zierlich mit Gold, Silber oder Perlen gestickt, die sehr hübsch und reich aussehen und sehr billig sind, was daher kommen mag, daß sie meistens von den Weibern in den Harems gemacht werden. Ein anderer Artikel, den man am Besten in den Bazars selbst kauft, sind die geschnittenen Steine, meistens Karneole, Talismane genannt, die sich ebenfalls zu kleinen Andenken und Geschenken sehr eignen. Auf ihnen ist der Namenszug eines der Propheten oder auch ein Vers aus dem Koran eingeschnitten. Die gewöhnlichen, die dann natürlich nicht mit großem Fleiß gearbeitet sind, kosten nicht viel, wogegen schöne Talismane mit erhaben geschnittenen arabischen Buchstaben theuer bezahlt werden. Lange Pfeifenrohre, bei uns unter dem Namen Weichselrohre bekannt, findet man auch in reicher Auswahl und oft zu guten Preisen, wogegen Keinem zu rathen ist, die nöthigen Spitzen aus Bernstein, die man bis zu dem ungeheuren Preise von tausend Gulden findet, ebenfalls hier zu kaufen. Wer aber in Konstantinopel bedeutende Einkäufe in den erwähnten Talismans, in Kaschemirshawls, seinen Gold- und Silberarbeiten oder alten kostbaren Waffen machen will, thut nicht wohl, wenn er diese Artikel in den Gewölben selbst auswählt; er findet, besonders in Pera, Unterhändler, die sich eigens hiemit beschäftigen und die besten Quellen wissen. Diese Leute sehen für den kleinen Vortheil, den man ihnen zukommen läßt, sehr auf den Nutzen des Reisenden und können vielfach Betrügereien verhüten, denen man sonst ausgesetzt wäre. Dies ist hauptsächlich beim Einkauf von schönen Shawls der Fall, ein Handel, der jetzt fast durchgängig unter der Hand abgemacht wird. Schöne, ganz neue Kaschemirshawls sind noch immer sehr theuer; doch werden viele zu uns gebracht, die schon eine Zeit lang in den Harems getragen wurden, wodurch der Stoff nicht verliert, vielmehr an Weiche gewinnt. Wenn wir durch die Bazars wandelten, ohne den Gedanken, etwas zu kaufen, wurden wir doch zuweilen wider Willen verführt. So blieben wir an einem Gewölbe mit prächtigen Waffen stehen, und der unermüdliche Armenier zeigte sie Stück für Stück, wobei er dem Fremden den Preis gewöhnlich durch Auf- und Zumachen der Hände angibt. Hatten wir nichts gefunden, was schön oder wohlfeil genug war, um es zu kaufen, und wollten uns entfernen so hielt uns der Kaufmann durch die oben beschriebene Bewegung mit der Hand zum Mund fest, zog aus seinem Kaftan ein kleines Paketchen und wickelte aus der schmutzigen Leinwand einige Talismane, die er, wer weiß wo, erhandelt hatte, und in solchen Fällen machten wir oft die besten Einkäufe. Umgekehrt holte nicht selten ein Steinschneider, wenn wir unter seinen Artikeln nichts Anständiges fanden, eine alte Waffe hervor, die er uns sehr billig anbot. Viel Unterhaltung gewährten uns auf unsern Gängen die türkischen Weiber, die halbverschleiert zahlreich hin- und herziehen und vor den Gewölben stehen bleiben. Selten liefen sie fort, wenn wir uns neben sie stellten und ihrem Handeln zusahen, und erst, wenn wir ihnen zu tief in die schwarzen Augen blickten, oder sie durch Pantomimen befragten, wie ihnen dies oder jenes gefalle, warfen sie ihre Tücher vor's Gesicht und empfahlen sich. Doch geschah dies meistens nur, nachdem ihnen der Herr des Ladens, dem dies unschicklicher als ihnen selbst vorkommen mochte, einige zornige Worte zugerufen hatte, wahrscheinlich die Weisung, sich von den Giaurs nicht so ansehen zu lassen. Einmal jedoch, wo ich mit unserem Doktor allein durch die Straßen zog und es uns sehr amüsirte, einer Negerin, mit einer wahren Riesenfigur, zuzusehen, wie sie aus ihrem Wagen kletterte, schien dieser Dame unsere Aufmerksamkeit sehr zu mißfallen; mit erstaunlicher Geläufigkeit der Zunge überschüttete sie uns mit einer Masse zornig ausgestoßener Worte, von denen ich nichts verstand, als: » Giaur sek-ter Bessewenk !« was, aufs Gelindeste übersetzt, doch so viel heißt, als: »Ungläubiger Kuppler, geh zum Teufel!« Neben diesen beiden Besestanes gibt es noch einen dritten, den sogenannten ägyptischen Marktplatz, wie die beiden andern aus gewölbten Hallen bestehend, doch bildet er nur einen rechten Winkel, die Hälfte eines Vierecks. Hier findet man alle Wohlgerüche Arabiens aufgestapelt, und all' diese Gewürze, die der Orient hervorbringt, verbreiten einen herrlichen Duft, wodurch sich dieser Markt schon in der Ferne der Nase des Herumwandelnden bemerklich macht. Treffend sagt Hammer von ihm: »Wie sich die Molucken dem Seefahrer schon weit im Meere verkünden, verkündet dem Wanderer in Konstantinopel der würzige Geruch dieses Markts schon von Ferne sein Dasein, und erinnert an die beiden schönen Gedanken Sardi's: daß Moschus und Liebe sich vor der Welt nicht geheim halten lassen, und daß das wahre Verdienst, wie die Auslage des Gewürzhändlers, prunklos schweigt und herrlich duftet. Endlich an das von einem arabischen Dichter ausgebildete Wort Muhamed's: Mädchen sind Blüthen, die Blüthen gewähren süße Gerüche , Und ein süßer Geruch ist vor dem Herrn das Gebet . Mädchen sind irdische Kost und Gebet ist himmlische Nahrung. Wohlgerüche genießt Himmel und Erde zugleich. Ehe wir die Bazare verlassen, muß ich noch der Chane oder Karavanseraien, als zu ihnen gehörig, gedenken. Eigentlich ist Chan oder Karavanserai nicht gleichbedeutend; erstere sind Gebäude, in welchen sich nur große Waarenlager oder große Werkstätten, auch Fabriken befinden; letztere sind Herbergen für Reisende. Doch gibt es auch dergleichen öffentliche Anstalten, in denen sich der Begriff beider Worte vereinigt, wo nämlich fremde Kaufleute während ihres Aufenthalts in Konstantinopel wohnen und ihre Waaren auslegen oder auch nur ihre Wechselstuben haben. Hierher gehört der große Chodscha-Chan, wo sich gewöhnlich persische Kaufleute aufhalten. Es gibt einen Chan der Gefangenen in der Nähe des Sklavenmarkts, und einen Chan der Gesandten bei der verbrannten Porphyrsäule, wo früher die Gesandten aller europäischen Mächte einquartiert oder vielmehr eingesperrt wurden, denn man behandelte sie hier wie Staatsgefangene. Will man alle diese Bazare, Besestane und Chane, oder auch nur die vorzüglichsten genau durchmustern, so braucht man Monate. Man kann diesem Geschäft doch nur wenige Stunden widmen, da das allzugroße Gewühl und die unendliche Mannigfaltigkeit der Waaren die Sinne abstumpft und sie nach kurzer Zeit unfähig macht, Alles mit Ruhe zu betrachten. Wir waren fast täglich ein paar Stunden in den Bazars und verließen dann das Gewühl, um uns auf einem einsameren Platze durch Betrachtung irgend eines der alten ehrwürdigen Bauwerke wieder zu erholen. Freitags jedoch, wo der Sultan eine der öffentlichen Moscheen besucht, machten wir uns, nachdem wir unsere Einkäufe besorgt, eine andere Zerstreuung. An diesem Tage, Morgens zwischen zehn und zwölf Uhr, versammelt sich beim Seraskierthurm, auf dem Seraskierplatz, oder wie ihn die Türken nennen, Tauk-Bassari oder Hühnermarkt, Alles, was von der türkischen nobeln Damenwelt eine Equipage besitzt oder eine miethen kann, um daselbst eine Spazierfahrt zu machen. Die Wagen sind von ganz eigenthümlicher Bauart und erschienen uns anfangs sehr lächerlich. Die meisten, besonders die älteren, haben Aehnlichkeit mit unsern Leiterwagen; nur sind sie leicht und zierlich geschnitzt, mit bunten Farben bemalt und theilweise vergoldet. Hölzerne Reifen tragen ein Dach von grüner oder rother Leinwand, unter dem auf Kissen und Teppichen oft ein ganzer türkischer Harem liegt: ein paar Weiber, einige Sklavinnen und mehrere Kinder von verschiedenem Alter. Vor diese Equipagen sind zwei schwere Ochsen gespannt, mit buntem, vergoldeten Riemenzeug angeschirrt und mit allerlei Bändern aufgeputzt. Zur Verzierung dieses Gespanns, vielleicht auch um die Fliegen abzuwehren, gehen von der Bracke des Fahrzeugs aus zwei ungefähr sechs Fuß lange geschweifte Hölzer, die so gleichsam über den Thieren schweben. Von denselben herab hängen bunte wollene Quasten, die sich bei jedem Schritt hin- und herbewegen. Andere Fahrzeuge nähern sich etwas unseren Kaleschen, sind jedoch mit Schnitzwerk versehen und schwer vergoldet, wie sie bei uns im verflossenen Jahrhundert gebräuchlich waren. Auch sieht man wohl hie und da einen Wagenkasten nach unserer jetzigen Façon, der aber dann auf schweren altmodischen Rädern ruht. In langen Reihen bewegen sich diese Wagen vorwärts, von einer Masse Weiber und Kinder der ärmeren Klasse angestaunt, die nebenher laufen. Auch erblickt man zuweilen einen jungen türkischen Elegant, der selbstgefällig umherreitet, ohne sich jedoch um die Damen zu bekümmern. Aeltere Türken sitzen in den Kaffeehäusern, die sich auf dem Platze befinden, und schauen dem Gewühle zu. Den vornehmen Harems, die oft aus Zügen von fünf bis sechs Wagen bestehen, folgen auf schönen reichgeschirrten Pferden schwarze oder weiße Eunuchen, meistens Menschen von widerlichem Aeußern, mit unförmlich dickem Oberkörper, auf dem der Kopf fest in den Schultern steckt. Ihre fetten schlaffen Gesichter werden durch einen lauernden, boshaften Zug um Mund und Auge noch unangenehmer. Auch bei den einzelnen Wagen fehlen diese Aufpasser nicht, die hier entweder zu Fuß nebenher gehen oder hintenauf sitzen. Auf diesem Corso haben wir uns manche Stunde sehr gut unterhalten. Die Damen nahmen es in der Regel gar nicht übel auf, wenn wir sie genau betrachteten, besonders die jungen und hübschen, die oft ihr Möglichstes thaten, unsere Augen auf sich zu ziehen. Obgleich, wie schon gesagt, das Gesetz ihnen vorschreibt, den Mund zu verschleiern, so wissen sich die türkischen Schönheiten in diesem Fall doch zu helfen, indem sie sich hiezu eines ganz dünnen feinen Mousselins bedienen, welcher die Formen ihres Gesichts sehr gut errathen läßt. In ihre Kissen zurückgelehnt, verstehen sie es vortrefflich, im rechten Augenblick die schwarzbewimperten Augenlider aufzuschlagen, und dem, der sie betrachtet, eine volle Ladung aus ihren blitzenden Augenbatterien zu geben. Die Mantille, die beim Gehen stets fest um die Schultern gezogen wird, lassen die Türkinnen im Wagen nachlässig herunterfallen, wodurch die vollen Formen ihres Oberkörpers sichtbar werden, und da die kleinen gestickten Jäckchen, die sie tragen, sehr tief ausgeschnitten sind, und die Regel des Anstandes ihnen nur gebietet, das Gesicht zu verschleiern, so hatten wir bei der nachlässigen Lage dieser Damen in ihrem Wagen häufig Gelegenheit, tiefe Blicke unter die Mantille zu thun. In steter Bewegung sind ihre weißen runden Arme, an denen sie die goldenen Spangen zeigen wollen, und wenn man sie betrachtet, fahren sie gleich mit ihren Händen an's Gesicht, um die Aufmerksamkeit auf ihre Ringe zu lenken, mit denen sie nach Maßgabe ihres Vermögens alle Finger bedecken. Doch, wie ich schon früher sagte, findet man unter diesen Weibern sehr selten ausgezeichnete Schönheiten, und nur einige Male sahen wir Mädchen, deren Mund und untere Gesichtsbildung mit den schönen Augen, die man häufig findet, im Einklange standen. Die Sklavinnen sind meistens Schwarze, mit wolligtem Haar und platter Nase. Eine Ausnahme machen die Abyssinierinnen, die man auch zuweilen sieht. Sie sind von sehr schöner Bildung, und fast bei Allen wird das edle Gesicht durch eine tiefe Melancholie, die sich über ihre Züge lagert, noch anziehender. Sie gehören meist zum dienenden Personal; doch habe ich auf dem türkischen Corso häufig einen halb verschlossenen Wagen gesehen, worin eine reich gekleidete, sehr schöne Abyssinierin saß. Oft, wenn der Zug der Wagen irgendwo stockte, trat ich nah an den Schlag ihrer Equipage und gewöhnlich sah sie mich erstaunt, doch nicht unfreundlich an. Gern hätte ich etwas Näheres über sie erfahren, doch einige Mal, als ich ihr folgte, wenn sie den Corso verließ, mochte ich mich aus Furcht, den Weg zu verlieren, nicht zu weit in die Stadt wagen, und einmal, als ein der Stadt kundiger Freund mich in gleicher Absicht zum Scherz begleitete, erregten wir die Aufmerksamkeit ihrer schwarzen Wächter, die uns so drohend ansahen, daß mein Begleiter es gerathener hielt, umzukehren. Was half uns auch unsere Neugierde? Die schwere Thür ihres Käfigs schloß sich hinter dem Mädchen und wir hätten es nicht einmal wagen können, nachher auffallend zu den vergitterten Fenstern emporzuschauen; denn so viel auch die Türken schon von unsern Sitten und Gebräuchen angenommen haben, sind sie doch in diesem Punkte unverbesserliche Egoisten. Schon in Adrianopel hatte der Baron die Genüsse eines türkischen Bades versucht und sie als sehr sonderbar und im ersten Augenblick anstrengend, aber auch so dargestellt, daß sie dem Körper nach einiger Zeit eine ungemeine Behaglichkeit geben und die Glieder ganz geschmeidig machen. Auch Hamsa, unser Tartar, wenn er auf der Reise von den Genüssen sprach, die ihn bei seiner Ankunft in Stambul erwarteten, erwähnte den Genuß eines Bades als etwas, das alle Müdigkeit der Reise hinwegnehme und den Körper neugeboren mache. Gleich in den ersten Tagen unseres Aufenthalts in Pera erkundigten wir uns nach einem der besten Bäder, und einer unserer neuen Bekannten, Herr v. C. bei der preußischen Gesandtschaft, war so gütig, sich unser, wie in vielen Punkten, auch hierin anzunehmen. Er führte uns nach Stambul, damit wir die Leiden und Freuden eines türkischen Bades kennen lernen möchten. Es kann nicht schaden, wenn der Reisende, der ein türkisches Bad nehmen will, es dem Inhaber vorher anzeigen läßt, damit dieser für reine Wäsche sowohl, als auch dafür sorge, daß die Badhallen nicht so sehr überfüllt sind, was uns unangenehm gewesen wäre. Da alle Bäder öffentlich sind, so kann man nicht immer wissen, wessen Hand der Striegel, mit dem man bedient wird, kurz vorher berührt hat. Auch hiefür sorgte Herr v. C., und nahm für einen Morgen das am Hippodrom gelegene Atmeidan-Hamami , d.h. »das Bad der Pferdeliebhaber,« in Beschlag. Jedes Bad hat seinen eigenen, oft sehr sonderbaren Namen, worauf ich später zurückkommen werde. Ueber die Wahl unseres Führers, uns in das Bad für Pferdeliebhaber zu führen, lachten wir herzlich und schickten uns in der heitersten Stimmung an, die heiligen Hallen zu betreten. Von außen sah das Bad wie ein altes, halb verfallenes Gemäuer aus. Hie und da war ein schön gehauener Fries auf einigen Säulenschaften eingemauert, was uns vermuthen ließ, daß auch hier früher ein prächtiges Bad gestanden, aus dessen Trümmer man das jetzige erbaut. An diese Mauern war ein Haus neuerer Bauart angeklebt, durch dessen Thor wir in die mäßig erwärmte Vorhalle des Hamami oder Bades traten. In der Mitte dieses ziemlich geräumigen Gemachs war ein Springbrunnen. An allen Wänden befanden sich Divans, von den gewöhnlichen sehr verschieden. Sie waren etwa vier Fuß hoch, und zehn bis zwölf breit, so daß man sich ausgestreckt darauf legen konnte, die Füße nach dem innern Raum gekehrt. Bei unserer Ankunft mußten wir uns auf kleine Rohrstühle setzen, die am Springbrunnen standen, und der Hamamschi , Bader, brachte uns Kaffee und lange Pfeifen, während einige seiner Knechte auf den Divans für jeden von uns ein Lager zubereiteten, aus einer Matratze mit Kopfkissen bestehend, über das ein weißes Leintuch gebreitet wurde. Nachdem wir unsern Kaffee getrunken, wurden wir zu dem Lager geführt und ein Tuch als Vorhang vor uns ausgebreitet. Wir mußten uns jetzt ganz entkleiden, und nachdem uns der Bader ein großes Leintuch als Schürze umgeschlagen, auch jedem von weißem Zeug einen Turban gemacht hatte, legten wir uns einen Augenblick auf das Lager, um schon etwas durchwärmt in die zweite Abtheilung des Bades eingehen zu können. Hier herrschte bereits ziemliche Hitze, so daß wir schon in wenigen Augenblicken ganz mit Schweiß bedeckt waren. Ein neues Lager, ähnlich den ersten, war hier bereitet, und darauf ausgestreckt, wurden wir abermals mit Pfeifen und Kaffee bedient. Wohl eine Viertelstunde blieben wir in diesem Gemach, worauf uns die Badewärter unter den Armen faßten, um uns in das eigentliche Badgewölbe zu führen. Daß man sich in diesen Gewölben beim Gehen unterstützen läßt, ist sehr nöthig, denn der Boden ist zu heiß, um mit nackten Füßen darauf gehen zu können, weßhalb man Pantoffeln erhält, deren Sohle auf zwei, drei Zoll hohen Klötzchen steht, die das Gehen ungemein erschweren. Ich habe darin den Fuß nie aufheben können, sondern bin stets über den Boden hingerutscht. Zum dritten Gewölbe führte eine schmale eiserne Thür, die hinter uns gleich wieder verschlossen wurde. In diesem, dem eigentlichen Bad, herrschte eine solche Hitze, daß sie uns in den ersten Augenblicken den Athem benahm. Es war dasselbe beklemmende Gefühl, wie wenn man allmälig in ein kaltes Bad hinabsteigt, wo man glaubt, Herz und Lunge drängten sich nach oben, um sich da gewaltsam einen Ausweg zu verschaffen. Das Gemach war rund, mit einer großen Kuppel bedeckt, die kleine, mit buntem Glas geschlossene Oeffnungen hatte, welche symmetrische Figuren bildeten. Das spärliche Tageslicht, welches einzig durch sie in die Halle fiel, wurde noch durch die vom Boden aufsteigenden Wasserdämpfe getrübt. Die Wände bestanden aus gewöhnlichen Steinen und waren hie und da mit Sculpturen versehen; der Boden aber war sehr schön, aus farbigem Marmor zusammengesetzt und hatte in der Mitte eine fußhohe runde Erhöhung, etwa zwanzig Fuß im Durchmesser, an deren Seiten die heißen Dämpfe vermittelst kleiner Löcher ausströmten. Ferner hatte das Gemach vier Nischen von etwa zehn Fuß Tiefe, in deren jeder sich ein zierlich aus Stein gehauener Brunnen mit zwei Röhren befand, die mit einem Hahnen verschlossen waren und kaltes und warmes Wasser gaben. Diese Nischen konnten mit Teppichen verhängt werden, die zu dem Zweck über der Oeffnung zusammengebunden waren. Bei unserm Eintritt in dies Gemach legte man in eine Ecke für jeden ein Kissen, auf das wir uns abermals ausstrecken mußten, um die dritte Pfeife mit Kaffee zu genießen und uns dabei allmälig an die entsetzliche Temperatur zu gewöhnen. Aber nicht lange, so waren wir vollkommen durchglüht, und der Hamamschi erklärte uns für fähig, die Operation des Badens vornehmen zu können, eine wirkliche und ziemlich schmerzhafte Operation. Die Erhöhung in der Mitte des Gemachs, von der ich oben sprach, war im wahren Sinne des Worts unsere Schlachtbank. Dort mußten wir uns ausgestreckt hinlegen, was anfangs einigen Schmerz verursachte, denn obgleich uns längst der Schweiß in Strömen vom Körper lief, war uns die Hitze fast unmittelbar über dem Feuer beinahe unerträglich. Neben jedem von uns ließ sich jetzt einer der Badknechte nieder und fing an, mit unserem Körper die seltsamsten Verrenkungen vorzunehmen. Zuerst drehte und wendete er alle Glieder von der Fußspitze bis zum Genick, daß sie knackten; dann hob er die Beine auf und rückte sie so weit nach dem Kopfe zu, als möglich, kurz, er behandelte uns auf eine für uns so komische Weise, daß wir über die Figuren, die einer den andern machen sah, oftmals laut lachten. War dieses Kneten, denn anders konnte man die Behandlung des Körpers nicht nennen, auf der vordern Seite beendigt, so mußte man sich auf den Bauch legen, um seinen Rücken ähnlichen Qualen preis zu geben. Zuweilen sprang der Kerl mit seinen nackten Füßen auf mir herum, daß ich nahe daran war, laut aufzuschreien. Am Ende setzte er sich mir oben zwischen die Schulter und glitschte mit seinen Füßen an mir herunter, wobei er, um sich zu halten, mit beiden Händen meine Haut dergestalt zusammenkniff, daß ich, um dem Schmerz zu entgehen, mich eilends aufrichtete und ihn herabwarf. Auch machte ich ihm über dies Kneifen ein zorniges Gesicht, worüber er mich sehr erstaunt ansah und die Hand schmatzend zum Mund brachte, um auszudrücken, daß gerade dieser letzte Coup etwas sehr Köstliches sei. Ich tröstete mich an dem Schicksal meiner Gefährten, denn keiner entging dieser Manipulation. Jetzt begann der zweite Act, zu welchem die Hamamschi neben jeden ein Gefäß mit warmem Wasser setzten. Sie warfen weiche Seife hinein, schlugen sie mit einem Wisch von gedrehtem Hanf zu Schaum und seiften damit den ganzen Körper. Bis dieser Schaum durch die Wärme des Körpers und des Bades geschmolzen war, hatte man Ruhe und konnte sich über die ausgestandenen Schmerzen unterhalten. Ich habe nie einen stärkeren Klang der Stimme gehört, als in diesen türkischen Bädern. Ein Wort, noch so leise gesprochen, tönte gewaltig unedel, und gab einen Ton, als murmelten es hundert Stimmen nach. Indeß hatte der Bader seinen Hanfwisch bei Seite gelegt und dafür eine Art Handschuh ohne Finger von grobem Tuche genommen, womit er nun den ganzen Körper sehr stark rieb. Bei all' diesen Manipulationen bemerkte ich, daß der Badwärter beständig das Auge des Badenden ansieht, wie mir Herr v. C. später sagte, aus Vorsicht, um sogleich zu bemerken, wenn einem bei dieser schmerzhaften Behandlung unwohl wird. Sobald der Körper gehörig eingerieben ist, ein Geschäft, wobei wieder durchaus keine Schonung statt findet, sondern mir fast die Haut mit heruntergerissen wurde, verläßt der Hamamschi den Badenden und zwei Knaben von zehn bis zwölf Jahren treten an seine Stelle. Diese geleiteten jeden von uns in eine der erwähnten Nischen, wo sie nach dem Belieben des Badenden sich mit ihm durch die erwähnten Teppiche absondern und so den Augen der Andern unsichtbar werden können. Doch wie ich mir sagen ließ, verdecken sie diese Nischen nicht eher, bis ihnen der Badgast ein hierauf bezügliches Zeichen gibt, was bei den meisten darin besteht, daß er ein Geldstück von zehn bis zwanzig Piaster zwischen die Zähne nimmt, welches sich der Knabe durch einen Kuß zueignet. Vor den beiden Fontainen, deren Wasser vorn in ein kleines Bassin läuft, mußten wir uns niedersetzen, und nachdem einer der Knaben viel warmes Wasser hatte hineinlaufen lassen, das er mit etwas kaltem mischte, begann er uns dasselbe mittelst eines blechernen Gefäßes über den Kopf und den ganzen Körper zu gießen. Das Wasser war indessen noch sehr warm und benahm uns in den ersten Augenblicken den Athem. Wir befanden uns in einer Lage, als wenn man bei uns das Schlachtvieh abbrüht, auch wehrte ich mich anfangs mit Händen und Füßen dagegen, aber vergebens; so lange ich den kleinen Quälgeistern nicht vollkommen gereinigt schien, hörten sie nicht auf, mir das Wasser aus dem großen Gefäß über den Kopf zu schütten. Nach dieser letzten Procedur bekamen wir um Hüfte und Schultern ein reines weißes Tuch, um den Kopf drehte man uns ein ähnliches und oben auf den Scheitel legte man uns lose ein anderes zusammengefaltetes. Durch die beiden Vorzimmer wurden wir wieder in das erste Gemach geführt, wo wir uns entkleidet hatten. Man hatte indessen unser Lager mit reinen Tüchern überzogen, und nachdem wir uns wieder auf dasselbe ausgestreckt hatten, brachte man uns Pfeifen, Sorbet und später Kaffee. Die Mühseligkeiten des Bades sind nun vorbei und der Türke fängt jetzt seinen Khef an, d. h. sowie er sich gewöhnlich Nachmittags, ohne ein Wort zu sprechen oder auch nur zu denken, der Verdauung hingibt, so senkt er auch jetzt seinen Geist in vollkommene Ruhe und überläßt den Körper einigen Knaben, die ihn, aber auf eine sanftere Art als früher, durchkneten. Sie fangen dies Geschäft gewöhnlich bei den Füßen an, welche sie mit ihren beiden Händen leicht drücken und so immer fortstreichend aufwärts fahren, bis sie auf diese Art den ganzen Körper geknetet haben, was mehrere Male von den Füßen zum Kopf und umgekehrt geschieht. Auch werden die Gelenke der Hände und Füße nochmals auseinander gezogen, bis sie knacken. Besonders für Leute mit schwachen Nerven hat dieses leise Kneten etwas Ermattendes, Angreifendes, und selbst ich war fast immer geneigt, dabei in Schlaf zu fallen. Wenn das Kneten vorüber ist, werden neue Pfeifen gebracht, sowie Kaffee und man bleibt nach Belieben so lange liegen, bis das Blut, welches durch die ganze Behandlung sehr aufgeregt ist, wieder ruhiger wird. Dann zieht man sich an, und das türkische Bad ist genommen. Die Wirkungen dieses Bades, welche die Phantasie des Muselmanns etwas übertreibt und als das heilsamste darstellt, was dem Körper widerfahren könnte, fangen erst nach einigen Stunden an, sich bemerkbar zu machen; ich meine die angenehmen Wirkungen, denn in der ersten Zeit, nachdem man sich wieder angezogen hat und etwas umhergegangen ist, sind die Glieder wie zerschlagen und große Müdigkeit drückt den Körper nieder. Nach einigen Stunden aber schwindet diese Ermattung und man fühlt sich allerdings wie neugeboren. Die Glieder haben eine auffallende Frische und Elasticität erlangt; man fühlt sich durch ein angenehmes Wohlsein, das sich über den ganzen Körper verbreitet, zu den lebhaftesten Bewegungen hingerissen. Es wird behauptet, ein türkisches Bad im Augenblicke genommen, wo man nach einer langwierigen beschwerlichen Reise vom Pferde steigt, oder wenn man sich überhaupt sehr ermüdet hat, erfrische mehr, als die beste Nachtruhe. Man kann zu jeder Stunde des Tages ein Bad nehmen, ausgenommen in den Zeiten des Ramasans, wo die Hamami den ganzen Tag über geschlossen sind und erst, wie alle andern Anstalten, Kaffeehäuser etc. mit Einbruch der Nacht geöffnet werden. Nur muß man nie nach dem Essen baden, eine Vorschrift, die ja auch bei uns besteht und bei der Gewaltsamkeit der Operation doppelte Berücksichtigung verdient. Ich habe in Konstantinopel ein einzigesmal diese Regel nicht beachtet, und so gesund ich bin, wurde ich nicht nur während des Badens völlig ohnmächtig, sondern war mehrere Tage nachher unwohl. Die öffentlichen Bäder für das weibliche Geschlecht sollen beinahe ganz so eingerichtet sein, wie das beschriebene, nur daß sie große Wasserbehälter enthalten, worin die Abwaschungen vorgenommen werden. Natürlich sind dort die Hamamschi ebenfalls Frauen. Diese Anstalten dienen aber den Weibern keineswegs blos zum Baden. Da die türkischen Damen keine Thee- und Kaffeevisiten geben, so versammeln sie sich zu gleichem Zwecke in ihren Bädern, um gegenseitig Neuigkeiten einzutauschen und den lieben Nächsten der schärfsten Kritik zu unterwerfen. Tout comme chez nous! Etwas Genaueres über die türkischen Frauenbäder zu sagen, ist fast unmöglich, da es dem Muselmann selbst streng verwehrt ist, diese Anstalten zu besuchen, und wenn er auch mit den inneren Einrichtungen bekannt wäre, würde ihm doch der Anstand verbieten, darüber mit einem Fremden zu sprechen. Man erzählte uns, vor einiger Zeit habe sich ein wißbegieriger Europäer in eines dieser Bäder geschlichen; ertappt und vor den Kadi geschleppt, sei er dem Tode nur dadurch entgangen, daß er sich verrückt gestellt. Doch will ich die Wahrheit dieser Geschichte nicht verbürgen. Von einem der innersten Bäder im Harem des Großsultan findet man bei Hammer eine Beschreibung, die nach der Erzählung eines Itschoglan (Pagen) niedergeschrieben wurde. Nach dieser gehen die Fenster des Bades gegen Osten. Auf der rechten Seite der Thüre des Entkleidungssaales ist das Singzimmer und links das Schatzgewölbe. Die Pracht desselben soll unbeschreiblich sein. Der vielfarbige Marmor des Pflasters und der Wandbekleiduug spiegelt die Silbergestalten der badenden Schönheiten zurück und farbige Gläser, in der Oeffnung der Kuppel eingesetzt, verbreiten in dem Gemach einen heimlichen sanften Lichtschimmer. In der Mitte springt ein Wasserstrahl, dessen Erguß von zwei Becken, einem kleinen und einem großen, aufgefangen wird. Das kleine ist von weißem Marmor mit rothen und schwarzen Adern, aus welchem die Fluth in das untere große, aus mehreren Stücken farbigen Marmors zusammengesetzte Becken stürzt. Man findet in Konstantinopel nicht nur bestimmte Bäder für die verschiedenen Stände, Künste und Gewerbe, sondern die Muselmänner können sich auch sogar nach ihren verschiedenen Charakteren, Leidenschaften, Tugenden und Lastern zusammenfinden. So ist in Stambul ein Bad für Freigeister, eines für fromme und heilige Männer, ein anderes für Narren, an der Suleimanje eines für Dichter, ein anderes für Pferdeliebhaber, das wir besucht haben, sowie eines für Sänger und für freigebige Leute. Am adrianopolitaner Thor findet man ein viel besuchtes für Frauenliebhaber, sowie dicht neben an eines für alte abgelebte Leute und eines für schöne junge Herren. In der Vorstadt Otakdschilar ist ein Bad für Betrunkene, eines für Knabenliebhaber und ein anderes für unschuldige, eingezogene und sittsame Leute. In der Nähe des Hafens sieht man welche für solche, die das Gebet nicht lieben, für Verliebte, für Spitzbärte und für Diebe. Jedem Reisenden, der Konstantinopel besucht und wie wir nur kurze Zeit verweilen kann, rathe ich, gleich in den ersten Tagen nach einem Plane, den ihm ein Ortskundiger angelegt, die Stadt zu durchkreuzen und erst wenn er die vielen merkwürdigen Platze, Gebäude und Denkmäler gesehen hat, seine übrige Zeit anzuwenden, um das bunte Leben auf den Straßen zu beobachten, seine Einkäufe zu besorgen und kleine Ausflüge in die Umgegend zu machen. An einem schönen Morgen, nachdem wir schon auf obige Art mehrere Tage verschleudert hatten, brachen wir in Begleitung des Herrn von C. von Pera auf, um einen Theil der Merkwürdigkeiten planmäßig in Augenschein zu nehmen. Da wir hiezu eine weite Tour zu machen hatten, suchten wir uns am Ufer von den dort aufgestellten Miethpferden die besten heraus. Hiebei fallen ähnliche komische Auftritte vor, wie bei den Kaiks. Die Pferdevermiether sind eben so zudringlich, besonders gegen die Franken, die natürlich mehr als die Osmanli bezahlen müssen. Dabei ist das Gedränge, was immer bei unserer Ankunft entstand, nicht ganz ohne Gefahr; sie suchen einem so nahe wie möglich mit ihren Pferden auf den Leib zu rücken, die nicht so geduldig wie ihre Herren, bisweilen zu schlagen und zu beißen anfangen. Im Augenblick ist man von einem Haufen dieser Menschen umringt und ich war nicht selten gezwungen, das Pferd, an das mich der Zufall gedrängt hatte, zu besteigen, um nur dem Gedränge zu entkommen. Hat man sich auf diese Art beritten gemacht, so hält sich jeder Vermiether an einem Steigbügelriemen seines Pferdes und läuft im Trab oder Galopp nebenher. An der Spitze des Zuges ritt der Herr von C., dessen Sais oder Reitknecht durch lautes Geschrei die Begegnenden zum Ausweichen aufforderte, und so trabten wir auf den kleinen Pferden, die auf dem glatten schlüpfrigen Pflaster fast nie einen Fehltritt machen, ziemlich rasch durch die Gassen. Unsern ersten Halt machten wir auf dem At Meidan , dem Hippodrom, dem berühmtesten aller Platze des alten und neuen Konstantinopels. Wir stiegen von unsern Pferden, um die armseligen Ueberbleibsel der früheren prächtigen Monumente und Bauwerke, die auf diesem Platze standen, in der Nähe zu besehen. Der Hippodrom wurde von Kaiser Severus, nachdem er die zerstörte Stadt erobert, angelegt, und war von da an der Schauplatz der festlichen Spiele, sowie fast aller Aufstände und Revolutionen, welche den Thron der byzantinischen Kaiser so oft erschütterten. Alles, was uns von der früheren Pracht und Herrlichkeit dieses Platzes erzählt wird, könnte man für eine Fabel halten; hier, wo nach den Geschichtschreibern die schönsten Werke der Kunst aufgestellt waren, ist nichts mehr zu sehen als drei verstümmelte Monumente: ein unvollendeter Obelisk in der Mitte des Platzes, dessen geglättete Seiten, besonders die gegen das Meer gekehrten, von der Zeit und der Seeluft schon stark beschädigt sind, ferner ein früher mit Kupfer bekleideter Pfeiler, dessen jetzt verschwundene Inschrift besagte, daß Konstantin, der im Purpur Geborene, ihn so prächtig hergestellt, daß er, gleich dem Coloß zu Rhodus, für ein Weltwunder angesehen worden; und endlich ein dreifaches Schlangengewinde, dessen Köpfe jedoch nicht mehr vorhanden sind, und das der Sage nach den Dreifuß von Delphi getragen haben soll. Von den marmornen Stufen, die früher einen großen Theil des Platzes umgaben, und worauf das Volk dem Wettrennen zusah, ist keine Spur mehr vorhanden. Schlecht gebaute Häuser haben sich überall herangedrängt und der Platz, der früher vielleicht viermal so groß war, ist heute nur zweihundertundfünfzig Schritte lang und hundertundfünfzig breit. Der Boden ist uneben und schmutzig, und hie und da wächst eine Platane oder Sykomore aus ihm hervor, unter der ein türkischer Kaffeewirth seine elende Bude aufgeschlagen hat. Gelehnt an einen Pfeiler der Moschee Achmeds, die am At Meidan liegt, überdachte ich das Sonst und Jetzt dieses Platzes, ein Contrast, wie die Geschichte fast keinen traurigern aufzuweisen hat. Dort stand die Statue des Herkules Trihesperus, der ohne Bogen, Köcher und Keule sich mit dem linken Fuß auf das Knie niederließ, in derselben Stellung, wie er als Sternbild am Himmel prangt. Dieses Kunstwerk wurde von den Lateinern bei der Eroberung der Stadt in Stücke zerbrochen, um das Erz zu Kupfergeld einzuschmelzen. Ferner war hier der Esel mit dem Eseltreiber von Actium, den Augustus dort zum Andenken aufrichten ließ, weil, als er eines Nachts hinausging, um die Stellung des Antonius zu erspähen, ihm ein Eselstreiber mit einem Esel begegnete, der ihm auf die Frage, wie er heiße und wohin er gehe, antwortete: »Nikon (siegend), mein Esel Nikander (Siegmann) und ich gehe zu Cäsars Heer.« Neben ihm stand die Wölfin, welche den Romulus und Remus gesäugt hatte, ein Nilpferd mit schuppigtem Schweife, fliegende Sphynxe und die zwei Ungeheuer Scylla und Charybdis. Die Statue der Helene, Liebe athmend und einflößend, mit fliegenden Haaren und lächelnden, zum Reden geöffneten Lippen, war hier zu sehen mit aller Anmuth, womit sie der Gürtel Aphroditens ausgestattet. An den Rennzielen standen die Statuen berühmter Wagenlenker, die mit der Hand die Lehren wagenführender Kunst einschärften; zwischen diesen Statuen waren auf einer Seite die Altäre des Zeus, Saturnus und Mars, und auf der andern die der Venus, des Monds und die des Merkurs. Neben dem Thurm des Hippodroms, wo sich die Gitter befanden, hinter welchen die Pferde ungeduldig warteten, war der kaiserliche Thron, von welchem der Kaiser mit einem Tuche das Zeichen zum Auslaufen gab. Die zwölf vierspännigen Wagen, welche nun daherstürmten, mußten den Rennplatz sieben Mal umfahren. Auf dem Thurme des Hippodroms standen die vier berühmten goldenen Pferde, welche von Athen nach Chios und dann nach Konstantinopel gebracht wurden. Nach Eroberung dieser Stadt kamen sie nach Venedig und man stellte sie über dem Eingänge der Markuskirche auf. Später wanderten sie nach Paris auf den Carousselplatz, von wo sie wieder nach Venedig an ihre alte Stelle zurückgeführt wurden. Hammer, E. u. d. B. I. So viel der Boden des Hippodroms von den Herrlichkeiten erzählen könnte, die er einstens getragen und allmälig verschwinden sah, so viel Entsetzliches könnte er uns auch mittheilen von den Metzeleien, die hier geschehen, und dem vergossenen Blute, das er stromweise trinken mußte, und wenn wir eben den Untergang jener Zeiten bedauerten, so können wir uns in diesem Sinne nur darüber freuen, daß sie sich verändert haben. Die meisten großen Revolutionen und Empörungen brachen auf dem Rennplatze aus. Hier wurde Gratianus Augustus durch bestellte Meuchler ermordet; hier dämpfte Kaiser Justinian die berühmteste aller Empörungen: als Hipatius, von einer andern Partei zum Kaiser ausgerufen, sich schon in den Besitz des Haupteingangs zum Hippodrom gesetzt hatte, wo die Rennspiele eben beginnen sollten und er sich dort wollte zum Kaiser ausrufen lassen, drang Belisar von der andern Seite mit den Leibwachen auf den Platz, und Justinian hatte Geistesgegenwart genug, im Augenblicke der größten Gefahr den Anfang der Rennspiele zu befehlen, die nun, von dem Brande der halben Stadt beleuchtet, begannen. Schon seit den ältesten Zeiten feierten heimkehrende Feldherrn auf dem Hippodrom ihren Triumphzug; so Belisar, als er die Vandalen besiegt. Neben der großen Rolle, die dieser Platz von jeher im äußern Leben der Byzantiner spielte, legte ihm und den Statuen, die auf demselben standen, auch noch der Aberglaube des Volks und der Kaiser andere geistige talismanische Kräfte bei, welche das Reich schirmen und bewahren sollten, so daß der ganze Rennplatz gleichsam ein geweihtes Symbol der Regierung und Herrschaft ward: ein Aberglaube, der für die christliebenden Kaiser, wie sie sich selbst in allen Aufschriften nennen, mehr als unschicklich war. Hammer, C. u. d.B. Auch unter der Herrschaft der osmanischen Kaiser blieb der At Meidan der erste Platz der Hauptstadt und die Bühne für die Staatsaktionen und öffentlichen Spektakel. Der Bau der Moschee Achmet I. auf demselben nahm ihm viel von seiner Ausdehnung. Noch heute geht über den At Meidan der große Zug, wenn sich am Beiramfeste der Sultan aus dem Serail nach dieser Moschee begibt. Ebenso versammeln sich hier noch immer die Pilger aus allen Theilen des Landes zu der großen Karawane nach Mekka. Auch die Geburt des Propheten wird auf dem At Meidan und in der Moschee Achmet I. in Gegenwart des Sultans und der Hof- und Staatsbeamten feierlichst begangen. Unter dem letzten Sultan Mahmud II. entfaltete hier der Großwessir die Fahne des Propheten, was alle Rechtgläubigen zum Schutz der Kirche und des Sultans herbeiruft, und führte die zusammengelaufenen Haufen nach der Kaserne der Janitscharen, wo diese bekanntlich bis auf den letzten Mann niedergemetzelt wurden. Doch genug von diesem Platz; die Geschichte desselben ist so mit Gräuelscenen geschwängert, daß er bei längerem Verweilen in dem Herzen des Beschauers einen unangenehmem Eindruck zurücklassen muß. Vom At Meidan betraten wir die Achmedi oder Moschee Sultan Achmed I., von der ich schon oben sprach, um ihre prächtige Einrichtung zu sehen. Sie ist zwar nicht die größte und äußerlich schönste, denn die Aja Sophia, sowie die Sulimanje übertreffen sie an Pracht und Ausdehnung; dagegen hat sie sechs Minarets, mithin zwei mehr als jene beiden und selbst als die heilige Moschee zu Mekka. Sie ist auf einer großen Terrasse gebaut und besteht aus zwei Vierecken, wovon eines die Moschee selbst, das andere den Vorhof bildet. Die innere Einrichtung übertrifft an Pracht und Schönheit der Geschirre alle Beschreibung. Die Kuppel des großen Domes wird von vier Säulen getragen, die, obgleich die Kirche sehr hoch ist, ganz unverhältnißmäßig dick sind. Jede hat sechsunddreißig Ellen im Umfang. Sie durchbrechen die Kuppel und ragen von außen als Thürme empor. Im Innern der Kirche läuft zu beiden Seiten eine doppelte Gallerie hin; unten sind die Bänke der Koranleser, oben die Gewölbe zur Aufbewahrung der Kostbarkeiten, die nach und nach in die Kirche gestiftet worden. Die Kebbellinie wird durch zwei Wachskerzen von so ungeheurer Dicke und Größe bezeichnet, daß wir sie anfangs für Marmorsäulen hielten, und erst beim Nähertreten mit Erstaunen unsern Irrthum erkannten. Ein Meisterstück von Bildhauerarbeit ist die Kanzel für den Feiertagsprediger, nach dem Modell der zu Mekka ausgeführt. Schon der Stifter dieser Moschee, Achmet I., beschenkte sie mit großen Reichthümern und seinem Beispiel folgten anstandshalber alle Großen des Reichs, deren prächtige Gaben man noch sieht: goldene Lampen, mit Edelsteinen besetzt, goldene, mit Perlen besetzte Pulte, worauf schön geschriebene Exemplare des Korans liegen. Die Anfertigung dieser Manuscripte beschäftigt noch jetzt eine große Anzahl von Derwischen, da der Koran nicht gedruckt werden darf, weil es dem Muselmann unschicklich erscheint, daß die heiligen Worte den Druck der Presse aushalten sollen. Wir bestiegen unsere Pferde wieder und ritten durch einen großen Theil der Stadt nach dem westlichen Ende derselben, wo am Meer von Marmora das Schloß der sieben Thürme liegt. Vom Großadmiral Apokaukos , der es in der Absicht anlegte, um einen Nebenbuhler darin einzusperren, aber selbst in die Falle ging und hier ermordet wurde, hieß das Schloß früher der Thurm des Apokaukos. Schon von Weitem erregen die dicken, mit Epheu bewachsenen Thürme und die unheimliche Stille, die um das ungeheure Gemäuer herrscht, den Gedanken, daß hier kein Aufenthalt für glückliche Menschen sein kann, und man ahnt, auch ohne es zu wissen, wozu diese mächtigen Quader aufeinander gethürmt wurden. Vor dem Eingang ist ein kleiner Platz mit jungen Bäumen bewachsen, unter denen ein paar alte Türken, zwei Kiaja's, Unteraufseher des Schlosses, sich mit ihren langen Pfeifen unterhielten und der Ruhe pflegten. Auf mehrmalige Anfrage erhielten wir von ihnen den Bescheid, sie haben keine Erlaubniß, uns einzulassen, und es bedurfte langer Reden von Seiten des Herrn von C., ehe sie sich nach Spendung einiger Piaster entschlossen, ihrem Chef, einem alten pensionirten Bim-Baschi, unser Anliegen vorzutragen. Nach einer Viertelstunde kehrten sie in Begleitung des alten Herrn zurück, der unsern Freund persönlich kannte, und nun weiter keine Schwierigkeit machte, uns den Eintritt zu gestatten. Den Eingang in's Schloß bildet ein großer Thorweg, der unter einem dicken viereckigen Thurm durchführt, mit einem schweren eisernen Thor verschlossen wird, und außerdem noch durch starke Fallgitter geschützt ist. Dieser Eingangsthurm gehört jedoch nicht zu den sieben großen, von welchen das Schloß seinen Namen hat. Das ganze bildet ein unregelmäßiges Fünfeck mit fünf Thürmen, und hat an der Hauptseite, die nach dem Stadtgraben zuliegt, noch zwei weitere große viereckige Thürme, zwischen denen aber im äußern Walle das sogenannte goldene Thor liegt, das in früheren Zeiten sehr berühmt war. Die Griechen nannten es das schöne oder liebenswürdige Thor und durch dasselbe zogen die Kaiser im Triumph in die Stadt. Doch wurde es schon um das Jahr 900 vermauert aus Furcht, die Lateiner könnten durch dasselbe in die Stadt brechen, und es wurde seitdem nicht wieder geöffnet. Die beiden Thürme, die es rechts und links einfassen, sind aufs Sorgfältigste gebaut und bestehen aus Quadern, die ohne Mörtel so schön zusammengefügt sind, daß man fast keine Fugen sieht. In der Mauer, welche sie verbindet, war der Triumphbogen Konstantins, der zum goldenen Thore führte. Im südlichsten dieser beiden Thürme ist das berüchtigte Gefängniß, der sogenannte Blutbrunnen. Wir betraten es mit seltsamen Gefühlen und betrachteten auf seinem Boden ein rundgemauertes Loch, das der Mündung eines Brunnens gleicht und in die Tiefe führt. Hier wurden die Köpfe der Hingerichteten hinabgeworfen. Doch hat die zerstörende Zeit das Schauerliche dieses Ortes sehr gemildert, die vielen Köpfe, die da unten liegen, sind längst in Staub zerfallen und verderben nicht mehr wie in alten Zeiten die Luft im Thurme. Auch sind die Balken, die die einzelnen Stockwerke bildeten, zusammengestürzt und lassen das Tageslicht von oben in diese schauerliche Gruft fallen, und wenn den Unglücklichen, die hier starben, auch keine liebende Hand ein Denkmal setzte, so haben es die Vögel gethan, indem sie Samenkörner in den Thurm fallen ließen, aus denen bunte Blumen entstanden, die den Blutbrunnen und die Wände des Gefängnisses freundlich bedecken. Der größte der sieben Thürme ist der links vom Thor, durch das wir hereingekommen. Er ist rund und besteht aus zwei Theilen, von denen der untere an siebzig Schuh, der obere einhundertundzwanzig Schuh hoch ist. Er heißt der Thurm der Janitscharen. Wir bestiegen ihn auf einer halbzertrümmerten steinernen Treppe und hatten nördlich eine schöne Aussicht auf die Stadt und südlich auf die mit Cypressen bewachsenen Begräbnißstätten, auf die schönen Inseln der Propontis und die gegenüber liegenden asiatischen Ufer. Der Hof des ganzen Gebäudes befindet sich in der traurigsten Verfassung. Die mit kleinen Kieseln bepflasterten Wege, die rechts und links durchführen, sind das Einzige, was noch ziemlich erhalten ist. Das Ganze gleicht einem verwüsteten Garten; überall wächst Gras und Unkraut fußhoch und verworren durch einander. Einige Platanen und verkrüppelte Feigenbäume umgeben eine kleine Moschee, die links am Wege steht. Neben ihr ist ein Brunnen, dessen herrliches Wasser wir versuchten. In den andern Theilen des Hofes zeigen Steinhaufen, sowie auf einander gethürmte verbrannte Balken die Stellen an, wo sich vormals die Gefangenen ihre armseligen Hütten erbaut hatten. Am Eingange links ist das ziemlich erhaltene Haus des Aufsehers mit einem kleinen Gärtchen von Staketen eingefaßt, wo sich nach Hammer die Grabstätten der Märtyrer befinden, d.h. der Muslimen, die in dem Angriff der sieben Thürme die Heiligkeit des Krieges hier mit ihrem Blute bezeugten. Wenn die Leiber dieser gefallenen Kämpfer mit der ungeheuren Größe ihrer Gräber im Verhältniß standen, so müssen es wahre Riesen gewesen sein. Aus diesem Hofe steigt man auf schmalen, an den Mauern hängenden Treppen, die meist halb zerfallen und mit Unkraut bewachsen sind, auf die Wälle. Hier liegen Kanonen von allen möglichen Kalibern, jedoch sind die meisten unbrauchbar. Einige haben Zündlöcher von einem halben Zoll Durchmesser. Jetzt werden diese Geschütze nur noch zu Freudenschüssen während des Bairamfestes benutzt, doch war über den meisten Gras und Unkraut zusammengewachsen, und hatten ihnen so ein Nest gebildet, worin sie wohl für ewig unbenutzt schlafen werden. Seit den ältesten Zeiten diente das Schloß der sieben Thürme mehr zum Staatsgefängniß, oder wohl auch zur Citadelle, um die Stadt in Respekt zu halten, als zur Vertheidigung nach Außen. Bei anbrechenden Kriegen mit den europäischen Mächten wurden bekanntlich deren Gesandten unter dem Vorwande, sie vor der Wuth des Pöbels zu schützen, hier eingesperrt. Das Haus, das sie bewohnten, war, wie uns der Aufseher versicherte, an den Thurm der Janitscharen gebaut; vom Gebäude selbst sahen wir keine Spur mehr. Nur bezeugten viele französische und auch deutsche Inschriften, von denen jedoch die meisten durch Zeit und Wetter unleserlich geworden waren, daß manche Europäer traurige Stunden hier verseufzt. Eine lautete: Prisonniers qui dans la misère Gémissez dans ce triste lieu, Offrez le de bon coeur à dieu Et vous la trouverez legère. 1608. Etwas weiter unten stand: Anton Esterhazy bewohnte diesen traurigen Ort 1698–1699. J. von Hammer spricht von einer ähnlichen Inschrift auf dem Steine eines der Quaderthürme, die wir jedoch nicht mehr fanden und welche lautete: A la mémoire des Français morts danas les fers de Othomans 1801. Der Aufseher des Schlosses schenkte jedem von uns eine reife Feige, die im Hofe gewachsen, und brachte uns eine Hand voll Blumen von denen, die den Blutbrunnen umstanden, wogegen wir ihn mit einigen Piastern erfreuten. Beim Ausgang zeigte er uns vor dem viereckigen Thurm den Platz, wo der unglückliche Sultan Osman in einer Empörung von den Janitscharen hingerichtet wurde, sowie links unter dem Thorweg ein kleines Gemach, das mit alten Waffen und Ketten angefüllt war. Wir bestiegen unsere Pferde wieder, die sich indessen draußen am spärlichen Grase, das unter den Bäumen wuchs, gelabt hatten, und ritten eine Zeit lang an der Stadtmauer hin bis zu Top Kapussi oder dem Kanonenthor, früher das Thor des heiligen Romanus, durch welches wir in's Freie kamen. Dieses Thor ist von allen das merkwürdigste; hier fiel der letzte der Paläologen im Kampf mit den eindringenden Türken. Die ersten jedoch, welche die Stadt erstürmten, ihrer etwa fünfzig, drangen etwas mehr nördlich beim hölzernen Thor, man zeigte uns noch die Bresche, in die Stadt, überfielen den Kaiser und Giustiniani, den Feldherrn der Genueser, welche Beide von jenem Einbruch noch nichts wußten, und so von vorn und hinten zugleich angefallen, hauchte der letzte Konstantin sein Leben an den Mauern aus, die der erste gebaut. Die Türken, welche gern Alles in's Ueberirdische hinüber spielen, haben eine Sage, nach welcher ihnen Allah und der Prophet beim Sturme auf Konstantinopel dadurch geholfen, daß er an tiefer Stelle die Geschütze der Griechen in Stein verwandelt habe. Wirklich zeigte man uns einige steinerne Röhren, an denen eine lebhafte Phantasie einige Aehnlichkeit mit Geschützen finden konnte. Vor dem Kanonenthor befindet sich ein großer Gottesacker, wo in früheren Jahren hauptsächlich die Janitscharen begraben wurden. Auf den Gräbern steht man eine große Menge aufrecht stehender schmaler Steine, neben denen der Kopf mit dem Turban, der dieselben früher schmückte, abgehauen an der Erde liegt. Sultan Mahmud ließ, nachdem er die Janitscharen vertilgt, auch an den früher Gestorbenen seine Rache aus, indem er ihnen zum Schimpf den gemeißelten Kopf auf den Steinen herunterschlagen ließ. Ueber diesen Kirchhof führte unser Weg links auf das Feld, wo auf einer Anhöhe zwischen Bäumen die alte griechische Kirche zu St. Stephan liegt. Einer Tradition verdankt diese Kirche von gewöhnlicher Bauart und kleinem Umfang den Besuch von vielen Fremden. Als nämlich die Türken unter Mahomed II. die Stadt stürmten, drang ein Haufe auch in dieses Kloster, um Alles niederzumachen. Ein frommer Priester, der im Hofe bei einem Brunnen stand, briet gerade auf einem Rost Fische, die, als der Lärm entstand, auf der einen Seite schon gahr und braun waren. Der Priester rettete sich in's Heiligthum, die Fische aber wurden von den eindringenden Türken in den Brunnen geworfen, wo sie, halb gebraten, wie sie waren, wieder lebendig wurden, lustig umherschwammen, und noch heute am Leben sind. Die griechischen Priester im Kloster empfingen uns sehr artig und führten uns in ihrer kleinen Kirche herum. Im Vorhof wurde jedem von uns eine brennende Wachskerze in die Hand gegeben, ebenso dem Kawaschen des Herrn v. C., einem Türken; doch schien diesem das dünne Kerzchen nicht anständig genug, und er kaufte sich noch zwei dicke dazu, die er ebenfalls ansteckte, worauf er seine Schuhe auszog und uns gegen die Gewohnheit der Türken überall ehrfurchtsvoll hinbegleitete. Die Andacht des Muselmanns hatte einen sehr natürlichen Grund: er liebte eine Griechin, und was thut die Liebe nicht! Nachdem wir die Kirche besehen, die nicht viel Merkwürdiges enthielt, gingen wir in den Hof zurück und stiegen auf zehn Marmorstufen zu einem Brunnen hinab, in welchem die gebackenen Fische herumschwimmen sollten. Wirklich sahen wir auch eines dieser Thiere von der Größe und Gestalt einer starken Forelle, das auf der einen Seite weiß, auf der andern dunkelbraun war und sonderbar aussah. Der Priester erzählte uns noch, es seien dieser Fische sieben in den Brunnen geworfen worden, von denen zwei verschwunden, die andern fünf aber noch da seien. Allein wir sollen nicht glauben, daß ihre Religion ihnen gebiete, dies als Wunder zu verehren; es sei nur eine alte Ueberlieferung; übrigens könne er aus eigener Erfahrung versichern, daß die fünf Fische in den fünfzig Jahren, seit er hier sei, sich weder vermehrt noch vermindert haben. Das Kloster ist mit alten dicken Nußbäumen umgeben, unter denen wie fast überall an solchen Orten, ein Kaffeetschi sein Zelt aufgeschlagen hatte, wo wir einen guten Kaffee genossen. Dann bestiegen wir unsere Pferde wieder und ritten fast eine Stunde den Stadtmauern entlang durch das Quartier der Töpfer nach Ejub. Zuerst führte unser Weg nach der von Mahomed, dem großen Eroberer, gebauten Moschee, die, malerisch zwischen hohen Bäumen versteckt, für so heilig gehalten wird, daß es keinem Ungläubigen erlaubt ist, auch nur ihre Vorhallen zu betreten. Ejub, der Fahnenträger des Propheten, soll hier im Kampf mit den Arabern gefallen sein, und ihm zur Verehrung baute Mahomed nach seiner Thronbesteigung diese Moschee als Grabmal, und verlegte eine der ersten Ceremonien der Krönung dahin, der jedesmalige Sultan empfängt hier durch Umgürtung des Schwertes des Propheten die heilige Weihe. Eine Reliquie, die sich in dieser Moschee befindet, ist ein Fußstapfe des Propheten. Als dieser nämlich in Mekka beim Bau der heiligen Kaaba eifrigst mithalf, drückte sich einer seiner Füße in den Stein, worauf er stand. Dieser Stein wurde nach Aegypten in die Schatzkammer gebracht, und kam so später in den Besitz der osmanischen Sultane, wo ihn dann Sultan Mahmud in silberner Einfassung in die Moschee zu Ejub einmauern ließ. Von dieser Moschee, die übrigens sehr einfach sein soll, ließ uns der Fanatismus der Türken auch nicht das Geringste sehen; denn kaum hatten wir uns einem der Thore genähert, um wenigstens einen Blick in den Vorhof zu werfen, so kam gleich einer der Derwische auf uns zu, und hieß uns mit ziemlich heftigen Geberden und Worten unseres Weges gehen. Von schönen Gebäuden in Ejub ist noch ein Palast der Sultanin Valida zu bemerken, der am Hafen liegt, sowie viele kleine Grabkapellen von heiligen und berühmten Männern. Auch ist diese Vorstadt durch die Vorzüglichkeit ihrer Barbiere, sowie durch die Bereitung einer sehr gut schmeckenden Art von Milch, Kaimak genannt, berühmt. Etwas hinter der Stadt, am Ende des goldenen Horns ist die Mündung der beiden Flüsse Barbyses und Cydaris, an denen weiter aufwärts die herrlichen wasserreichen Thäler und Spaziergänge liegen, die bei den Türken zum Gegensatz von den an dem andern Ufer des Bosporus befindlichen Spaziergängen die europäischen himmlischen Wasser heißen, und wo sich an gewissen Tagen die Weiber des Sultans, natürlich durch ausgestellte Wachen vor jedem neugierigen Blicke geschützt, mit Spiel, Gesang und Tanz erfreuen. Ein anderer berühmter Spaziergang, der nach Edris Köschk, führt ebenfalls gleich hinter Ejub ziemlich steil den Berg hinan, über Begräbnißstätten, welche dicht mit schönen Cypressen bewachsen sind, zu einer verfallenen Moschee des Scheikh Edris, von dem der Spaziergang seinen Namen hat. Auf dieser Höhe ruhten wir, auf einem Grabstein sitzend, einen Augenblick aus und genossen die prächtige Aussicht, die sich bei den goldenen Strahlen der untergehenden Sonne unserm Blicke darbot. Vor uns lag das goldene Horn in seiner ganzen Fülle und Ausdehnung, rechts Konstantinopel, links Pera, Galata, Top-Chana, und den Hintergrund dieses prächtigen Rundgemäldes bildeten der Leanderthurm und Scutari. Nachdem wir wieder zum Hafen hinabgestiegen waren, ließen wir unsere ermüdeten Pferde mit ihren Führern nach Hause gehen und nahmen ein Kaik, das uns in kurzer Zeit nach Pera brachte. Am folgenden Morgen nahmen wir unsern Weg wieder nach Stambul, um eine ähnliche Tour wie die gestrige zu beginnen. Doch war unsere Karawane heute ganz anders zusammengesetzt. Der Lord L., der sich mit seiner Gemahlin zu gleicher Zeit mit uns in Pera befand, hatte sich einen Ferman, d. h, eine Einlaßkarte zum Besuch der Aja Sophia und der andern Moscheen verschafft. Ein solcher Ferman kostet tausend Piaster, aber der Besuch der Kirche ist dafür Allen gestattet, die sich dem Inhaber desselben anschließen wollen oder können. Da auf solche Gelegenheiten, die nicht häufig vorkommen, viele Reisende und einheimische Franken warten, die nicht gesonnen sind, hundert Gulden auszugeben, so gestattete von jeher der Besitzer des Fermans jedem ordentlich gekleideten Landsmann im weiteren Sinne des Worts den Eintritt, so daß oft mit einem einzigen Ferman einige hundert den Tempel besahen. Dies erlaubten noch vor Kurzem der Herzog Paul von Württemberg und Prinz August von Preußen, welche letztere sogar einen großen Haufen Babuschen, türkischer Pantoffeln, die man um nicht die Stiefeln ablegen zu müssen, über dieselben anzieht aufkaufen und ohne Ansehen der Person unter die Eintretenden vertheilen ließen. Nicht so machte es the right honourable Lord L., wie auf allen seinen Koffern und Kisten stand, denn obgleich der Baron ihn schon von London her kannte und wir, seine drei Begleiter, auf unserer gemeinschaftlichen Donaureise oft mit ihm gesprochen hatten, trieb er seine englische Eigenheit doch so weit, daß er von uns Dreien nur Zweien eine Karte geben wollte. An alle die nämlich, denen er die Erlaubniß ertheilte, mitzugehen, ließ er, oder vielmehr die Lady, Karten austheilen, und wer beim Eingang der Aja Sophia und anderer Kirchen, die wir besahen, keine Karte aufzuweisen hatte, den sollten nach seiner Absicht die Kawaschen zurückweisen. Diese Türken waren aber freundlicher als Seine Herrlichkeit und ließen trotz dem Verbot, wie gewöhnlich, ganze Haufen Neugieriger in die Kirche. Unser erster Gang war natürlich zur Aja Sophia, diesem prächtigen herrlichen Tempel. Im Jahr 325 baute auf dieser Stelle Konstantin den ersten Tempel der göttlichen Weisheit, den aber schon sein Sohn Konstantius, dreizehn Jahre später, erweiterte. Nachdem im Jahr 404 die Kirche zum ersten Mal abgebrannt war und sie Theodosius 415 zum zweiten Mal aufgebaut hatte, brannte sie unter Justinian 532 im berühmten Aufruhr der Rennparteie zum zweiten Mal ab, worauf sie dieser prachtliebende Kaiser in ihrer jetzigen Größe und herrlicher als je aufführen ließ. Am merkwürdigsten ist die Kuppel des Doms, die aus leichten zu Rhodus verfertigten Ziegeln gebaut wurde, deren jedem man die Inschrift einprägte: »Gott hat sie gegründet und sie wird nicht erschüttert werden; Gott wird ihr beistehen im Morgenroth.« Schon zu oft und sorgfältig ist die Aja Sophia von ältern und neuem Reisenden beschrieben worden, als daß auch ich eine ausführliche Beschreibung über diese Moschee liefern sollte. Die Herbeischaffung und Vorbereitung der Baustoffe dauerte sieben und ein halbes, der Bau selbst acht und ein halbes Jahr, wornach das Ganze in sechszehn Jahren vollendet wurde. Die Baumeister, welche dieses Werk leiteten, waren Anthenius von Tralles und Isidorus von Milet. Unter diesen waren hundert Baumeister beschäftigt, von denen jeder wieder hundert Maurer unter sich hatte. Nach dem Plane eines Engels, der dem Kaiser im Traum erschienen war, arbeiteten von diesen fünftausend auf der rechten, und fünftausend auf der linken Seite. Alle Tempel der ältern Religion trugen zu dem Bau dieses Tempels der göttlichen Weisheit bei, denn er stützt sich auf die Säulen der Isis und des Osiris, der Sonnen- und Mondtempel von Heliopolis und Ephesus, auf die der Pallas von Athen, des Phoibos von Delos und auf die der alten Cybele von Cyzikus. Hammer, Gesch, C. u. d. B. B. I. Nachdem die Mauern erst zwei Ellen über den Grund erhoben waren, hatte man schon zweihundertundfünfzig Centner Goldes ausgegeben, und der Kaiser, dem es an Geld zur Fortsetzung gebrach, wurde der Sage nach durch einen Engel aus der Verlegenheit gerissen, der eines Nachts viele Arbeiter mit Saumthieren in ein unterirdisches Gewölbe führte, wo er sie mit großen Schätzen belud. Fast bei allen größern Bauwerken der ältern Zeit haben bekanntlich gute und böse Geister die Hand im Spiele gehabt; doch bei keinem zeigte sich das Geisterreich so thätig, wie hier beim Bau der Aja Sophia. Den Plan des ganzen Gebäudes gab der Sage nach ein Engel an, der dem Kaiser erschien, sowie später den Namen Aja Sophia. Und als einst der Kaiser und die Baumeister verschiedener Meinung waren, ob das Licht über dem Altar durch ein oder zwei Fenster einfallen sollte, erschien der Engel abermals und entschied für drei Fenster, zur Ehre des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Der Altartisch, zu dessen Anfertigung Gold nicht kostbar genug schien, bestand aus einer Masse, die man aus Gold, Silber, zerstoßenen Perlen und Edelsteinen zusammengeschmolzen hatte, und wurde mit den köstlichsten Steinen ausgelegt. Auf demselben stand ein goldenes Kreuz, fünfundsiebzig Pfund schwer, ebenfalls mit Steinen geschmückt. Ueberhaupt war die ganze innere Einrichtung, sowie die Geräthe, von so übertriebener Pracht, daß man die Beschreibung derselben für Märchen halten könnte, wenn sie nicht geschichtlich von den glaubwürdigsten Männern dokumentirt wäre. So war die Kanzel von einem goldenen Himmelsdach bedeckt, auf dem ein goldenes Kreuz stand, hundert Pfund schwer und dicht mit Rubinen und Perlen besetzt. – Ein anderes und zwar silbernes vergoldetes Kreuz stand in dem Behältniß der heiligen Geschirre im Grunde der Sakristei. Dieses Kreuz, das genau das aus Jerusalem gebrachte Größenmaß des heiligen Kreuzes hatte, heilte Kranke und trieb Teufel aus. Die für die zwölf großen Feste des Jahres bestimmten heiligen Gefäße, als Kelche, Patenen, Schüsseln, Kannen u. s. w. waren aus dem reinsten Golde, und der mit Perlen und Edelsteinen durchwirkten Kelchtücher waren allein zweiundvierzigtausend. Vierundzwanzig große Evangelienbücher, deren jedes durch seine Goldbeschläge zwei Centner wog, traubenförmige Leuchter für den Hochaltar, das Lesepult, die Frauengallerie und die Vorhalle waren sechstausend aus dem reinsten Golde. Außerdem noch besonders zwei goldene Trageleuchter mit Sculpturen verziert, jeder hundertundeilf Pfund im Gewicht und sieben goldene Kreuze, jedes ein Centner schwer. Die Thüren waren theils Elfenbein, theils Bernstein, theils Cedernholz; das Hauptthor silbern und vergoldet und drei derselben von innen sogar mit den Brettern der Arche Noah's ausgetäfelt. Die Einfassung des heiligen Brunnens in der Tiefe war die des berühmten samaritanischen Brunnens und die vier Trompeten welche über demselben von Engeln geblasen wurden, waren dieselben, von deren Schall die Mauern von Jericho zusammengestürzt waren. Hammer , Gesch. C. u. d. B. B. I. Von dem Plätze des neuen Serails her betraten wir den Vorhof dieser Moschee, der, wie alle größeren, mit einem Säulengange umgeben ist und den kleine Kuppeln bedecken. In der Mitte steht eine Fontaine. Man tritt durch eines der Hauptthore in einen langen Gang, der ohne alle architektonische Verzierung ist, den sogenannten Gang der Büßenden. Hier mußten sich alle aufhalten, die ihrer Sünden halber aus dem Schooße der Kirche gestoßen waren. Am Ende dieses Ganges befindet sich eine Stiege ohne Stufen, auf der man bequem hinaufreiten könnte; über sie kommt man auf die große Gallerie, die das Innere umgibt, und von wo man den majestätischen Tempel ganz übersieht. Von der früher beschriebenen Pracht und Herrlichkeit ist indessen nichts mehr vorhanden. Die Wände sind schmucklos, meistens geweißt, und der Boden mit Teppichen belegt, welche das zum Theil noch vorhandene Marmorpflaster bedecken. An Schnüren hängen unzählige kleine Gebetlampen von der Wölbung herunter, und wo sich früher der prächtige Altar befand, bezeichnen jetzt zwei kolossale Wachskerzen die Richtung nach Mekka. Das Auge irrt mit Staunen durch die ungeheuern Räume und bewundert vor Allem die kühne Wölbung der Kuppel. Sie ist so flach, daß die Höhe derselben nur das Sechstel des Durchmessers von hundertundfünfzehn Fuß beträgt. Nach Hammer steht die Länge der Sophienkirche in der Mitte zwischen dem Tempel des olympischen Jupiters (zweihundertundfünfzig Fuß) und der Kirche von St. Denys (zweihundertundfünfundsiebenzig Fuß). Als wir die Kirche verlassen, erzählte uns Herr von C. noch Einiges von der Art, wie Justinian damals die Grundstücke, die er zur Vergrößerung der Kirche brauchte, an sich gebracht habe. Der größte Theil des Platzes gehörte der Sage nach einem Eunuchen und einem Schuster, von denen ersterer sein Grundstück willig hergab, der andere begehrte dagegen einen unmäßigen Preis und obendrein noch, daß bei den Wettrennen ihn bei seinem Erscheinen die vier Rennparteien mit lautem Zuruf begrüßen sollten, eine Ehrenbezeugung, die nur dem Kaiser zukam. Doch bewilligte ihm Justinian des Spaßes halber seine unsinnige Forderung und der Schuster wurde bei seinem Erscheinen jedesmal wie der Kaiser begrüßt, nur mit dem Unterschied, daß ihm die Masse des versammelten Volks höhnende Worte zurief. Von der Aja Sophia gingen wir zur Suleimanje. Diese ist nach jener unstreitig die schönste, und da sie auf einem freien Platze liegt, gewährt sie mit ihren schlanken, sehr schönen Minarets einen noch großartigeren und prächtigeren Anblick, als selbst der Tempel der göttlichen Weisheit. Die Moschee hat dieselben allgemeinen Verhältnisse, wie fast alle übrigen: ein Vorhof, ein Dom und Gallerien, die um denselben herumlaufen. In ihrer jetzigen Gestalt ist die Suleimanje unter allen Moscheen die schönste und glänzendste, und wenn sich auch bei allen andern Schulen, Spitäler und dergleichen befinden, so hat doch keine so viel mildthätige Anstalten und Stiftungen um sich versammelt, wie die Moschee Suleiman des Großen. Um sie her liegen Schulen, Academien, ein Spital, eine Armenküche, eine Herberge für arme Reisende, eine Bibliothek, eine Brunnenanstalt, ein Versorgungshaus für Fremde, die Mausoleen Suleiman des Großen, mehrerer seiner Prinzen und seiner Favorite, der bekannten Noxelane. Wir besuchten diese Grabmäler, kleine mit einer Kuppel versehene Kapellen, aus kostbarem Marmor erbaut und mit Inschriften aus dem Koran versehen. Die Gräber selbst sind große Sarkophage, deren gegen Mekka gerichtete Kopfenden erhöht und mit einem prächtig mit Edelsteinen geschmückten Turban verziert sind. Im Grabmal Suleimans steht ein kleines hölzernes Modell der Stadt Mekka und der heiligen Kaaba. Nachdem wir diese Moscheen besehen, trennten wir uns von dem Lord L. und besahen im Fluge noch einige der merkwürdigsten Wasserleitungen und Cisternen. Von den ältesten Zeiten her erbauten die byzantinischen Kaiser aus Mangel an Quellen und Brunnen die großen Cisternen, die man noch jetzt sieht. Fast alle muß man als riesenhafte prächtige Bauten bewundern; doch erfüllten sie ihren Zweck nicht mehr, indem die meisten leer und trocken sind; nur in einer einzigen, der cisterna Basilica , ist noch heute Wasser zu finden. Der merkwürdigste von allen diesen Wasserbehältern ist der Bin bir direk , d. i. der tausend und einen Säule, den wir vor allen besuchten. Er liegt nicht weit vom At Meidan auf einem wüsten Platz. In der Mitte desselben erhebt sich eine Art Kellerlucke und hie und da sahen wir im Boden Löcher, welche in ein Gewölbe hinabführten. Unter dem Boden hörten wir ein eigenes Rauschen, das wir uns anfänglich nicht erklären konnten. Das Geräusch hatte viel Aehnlichkeit mit dem Tosen eines Wasserfalls, und doch sollte kein Wasser unten sein. Wir stiegen durch die Kellerluke auf einer schmalen steinernen Treppe in die prächtige Cisterne hinab. Sie besteht aus drei Stockwerken, indem die Säulen, welche das Gewölbe tragen, je zu drei aufeinander stehen. Es sind ihrer, wenn auch nicht, wie der Name besagt, tausend und eine, doch sechshundertzweiundsiebzig, von denen die obersten vierundzwanzig Fuß Länge haben; die mittlern dagegen ragen ans dem Schutt und Schmutz, der den Boden bedeckt, nur sieben Fuß hervor, und von den untersten ist gar nichts mehr zu sehen. Jetzt dient die Cisterne einem Armenier zur Werkstatt, welcher hier Seide haspeln läßt, wodurch jenes Geräusch entstand, von dem ich oben sprach. Neben diesen Cisternen besahen wir auch noch oberflächlich die beiden großen Wasserleitungen, die unter dem Namen der des Justinian und der des Valens bekannt sind. Doch werde ich später darauf zurückkommen. Durch dieses Hin- und Herziehen in den langen hügeligen Straßen der Stadt war es indessen Nachmittag geworden und da wir auf morgen eine Tour nach Bujukdere verabredet hatten, verließen wir Stambul zeitiger als gewöhnlich und stiegen zum Hafen hinab, um zur morgigen Fahrt ein größeres Kaik mit drei Ruderern zu miethen. Das Kaik, das Herr v. C. für uns in Beschlag genommen hatte, um durch die herrliche Wasserstraße, den Bosporus, nach Bujukdere zu fahren, unterschied sich von den gewöhnlichen Booten, womit man den Hafen durchkreuzt, nur durch seine Größe. Wir hatten vier Ruderer und einen Steuermann, und außerdem noch einen kleinen Mast, mit Segelwerk im Kaik, der ebenfalls aufgerichtet werden konnte. Wir waren mit dem Herrn v. C. zu vier, da unser Maler sich in Konstantinopel beschäftigte, um einige Bauwerke aufzunehmen. Vorn an der Spitze des Boots saß ein Janißair in scharlachrothem goldgesticktem Costüme, und hinten am Steuerruder prangte eine kleine Flagge mit den preußischen Farben. Bei Top-Chana fuhren wir ab und waren in kurzer Zeit gegen Beschiktasch gekommen, dem Sommerpalaste des Sultans, diesem seltsamen bunten Gebäude, das auf seinen Terrassen liegt, wie eine verkörperte schöne Phantasie. Es ist freilich nur von Holz, aber eben dies gibt dem Gebäude etwas Luftiges, Leichtes, ja Feenhaftes. Hohe Cypressen und weitästige Platanen umgeben es und blicken noch darüber hinweg, und die Hügel, woran sich die Gebäude lehnen, sind zu Terrassen umgewandelt, die eine über die andere emporragend. Auf allen befinden sich Gärten, mit den schönsten Blumen besetzt, welche ein dichtes Laubdach von Platanen, Orangen und Cypressen vor der glühenden Sonne schützt. Das Auge schweift begierig bis zur höchsten Spitze des Berges, wo ein kleines glänzendes Kiosk, von riesenhaften Platanen umgeben, einer Krone gleich, das Ganze schmückt. Doch einsam sind diese Gärten; man sieht keine Menschen, die sich über all' das Schöne freuen; nur hie und da wandelt ein vermummtes Weib durch die Laubgänge, das mit seinen weißen Schleiern unter den schwarzen Cypressen eher einem Gespenste gleicht, als einem Wesen, das die Fülle von Pracht genösse, die hier ausgebreitet liegt. Gern senkt man deßhalb den Blick wieder hinab zu den Palästen selbst, die an dem bewegten Hafen mit ihren dicht vergitterten Fenstern wie schlafend und träumend liegen. Wo jetzt die Sommerpaläste von Dolmabahdsche und Beschiktasch, war früher ein Palast Mahmud I., von dem der Historiograph Isi in seiner poetischen Weise sagt: »Die leichten Schwingungen des Frieses sind dem Schweben des Vogels der Freude vergleichbar. Die Fenster der Erker öffnen und schließen sich lächelnd, wie die Augen des Liebenden, und die hohen Bogen umgrenzen das Ganze, wie treue Freunde Hand in Hand gehen.« Zurückblickend hatten wir wieder das prächtige lebendige Bild des Hafens mit seinen Schiffen von allen Größen, mit den zahllosen Kaiks, diesen Fiakern Konstantinopels, und den weißen Möven, die sich auf der spiegelklaren Flut schaukeln und sich den Menschen so zutraulich nähern, daß man sie fast mit den Händen fangen könnte. Bald fuhren wir bei dem zwischen der Serailspitze und Scutari in einiger Entfernung vom Ufer liegenden Leanderthurm vorbei, der auf einem einzelnen Felsen gebaut ist und als Leuchtthurm dient. Er hat übrigens mit der Sage von Hero und Leander nichts zu thun. Sein älterer türkischer Name ist Kis Kullessi , der Thurm des Mädchens. Da sowohl hier wie überall jedes alte Mauerwerk seine Sage hat, so kann es nicht fehlen, daß man auch von diesem Thurm, auf den sich jeder Blick des Vorbeifahrenden richtet, mehrere Geschichten erzählt. Ein griechischer Fürst, von dem Orakelspruch gewarnt, seiner Tochter stehe durch Schlangen ein großes Unglück bevor, sperrte das Mädchen in einen Thurm, welches sich in seiner Einsamkeit um so unglücklicher fühlte, da sie einen Geliebten hatte, von dem sie getrennt wurde. Dieser Geliebte war der berühmte arabische Sid (Sid-al-Battal), der Kampfheld. Er lebte dreihundert Jahre vor dem spanischen Cid Campeador, dem übrigens die Araber denselben Ehrentitel wie ihrem eigenen zuerkannten. Der Sid wußte trotz der scharfen Bewachung des Thurms sich mit seiner Geliebten durch Taubenpost und Blumensprache zu unterhalten, und fand endlich Gelegenheit, sich als Gärtner gekleidet mit einem Blumenkorbe zu ihr zu schleichen. Doch eine Natter, die sich unter den Blumen versteckt hatte, schießt an die Brust der Prinzessin, welche ohnmächtig dahin sinkt. Der Sid fängt sie in seinen Armen auf, saugt das Gift aus der Wunde und rettet sie so dem Vater, der sie, da nun der Orakelspruch erfüllt ist, dem Helden zur Gemahlin gibt. Diese Geschichte erzählte uns Herr v. C., während wir aus dem Hafen in den Bosporus einfuhren und so auf den klaren Wellen zwischen zwei Welttheilen dahin schwammen. Jedes Oertchen, jeder Platz, ja fast jeder Stein, der aus den Wellen ragt, hat seine eigene Geschichte. Wegen der heftigen Strömung halten sich bald hinter den Sommerpalästen des Sultans die Nachen an der europäischen Küste, und dicht unter den Fenstern verschiedener Landhäuser und kleiner Kiosks vorbeifahrend, betrachtet man mit Vergnügen die Einrichtung dieser Sommerhäuser, deren Fundamente von den klaren Wellen bespült sind. Die Fenster sind mit Rohrstäben vergittert, durch welche von Außen kein Blick dringen kann, doch bin ich überzeugt, daß die türkischen Damen die vorüberfahrenden Franken oft genug betrachten. Kein Geräusch, keine Bewegung verräth, daß diese Gebäude bewohnt sind. Nur zuweilen, wenn man in der Nacht beim Mondschein vorbeifährt, zittert der leise Klang einer Zither über die Wellen, zu welcher mit leiser Stimme eins jener orientalischen Lieder, die fast immer eine melancholische Melodie haben, gesungen wird. Vor und neben diesen Gebäuden sind Gärten, mit Lorbeer-, Orangen- und Granatbäumen, deren Zweige nicht selten über das Wasser hängen, so daß man oft lange Zeit unter duftenden Lauben dahinfährt. Der Weinstock, der hier zu mächtigen Stämmen aufschießt, bildet oft lange Strecken am Ufer die schönsten Laubgänge. Er rankt an mächtigen Bäumen empor, verbindet die Zweige von mehreren, ein loses Netz bildend, über das sich Caprifolium und blühende Schlingstauden werfen. Da beide Ufer des Bosporus mit unzähligen Landhäusern und kleinen Orten bedeckt sind, zwischen denen sich hie und da kleine Bäche einmünden und alte riesige Bauten aufsteigen, welche sich an seltsam geformte Berge anlehnen, so sind die Aussichten, die man während dem Fahren in steter Abwechslung genießt, unbeschreiblich schön und gewähren dem Auge durch den Anblick und dem Herzen bei dem Andenken an all' das Große, was hier geschah, einen hohen Genuß. Unsere Kaikschi hatten, da der Wind günstig wehte, ihren Mast aufgesetzt und ein großes lateinisches Segel entfaltet, mit welchem wir ungemein rasch dahin flogen. Jetzt durchschnitten wir die Flut und hielten uns mehr nach dem asiatischen Ufer zu, wodurch wir das sogenannte alte Schloß von Rumelien, Rumili Hissari , das an dem europäischen Ufer liegt, und bei dem wir nun vorbeifuhren, mit seiner ganzen sonderbaren Bauart vor Augen hatten. Mohamed I. hatte schon früher auf dem asiatischen Ufer das Schloß von Anatolien erbaut und Mohamed II. führte das Schloß von Rumelien gegenüber auf unter den Augen der bedrängten Byzantiner. Es war zwei Jahre vor der Eroberung Konstantinopels und umsonst schickte ihm der Kaiser Gesandtschaften, die dem Padischah beweisen sollten, der kaum eben erst geschlossene Friede erlaube ihm gewiß nicht, auf griechischem Grund und Boden eine Festung aufzuführen. Mohamed kehrte sich so wenig an diese Vorstellungen, daß er nicht nur diese Gesandten zurückschickte, sondern auch schwur, er wolle die, welche ähnliche Botschaft brächten, schmählich hinrichten lassen. Darauf zeichnete er selbst den Grundriß zu dem neuen Schlosse, indem er lächerlicher Weise die Grundzüge des arabischen Schriftzuges, des Wortes Mohamed, dazu angab, den der Baumeister nachahmen sollte. Wo in dem Worte ein Punkt ist, setzte man einen Thurm ec. und man kann sich leicht denken, daß das Schloß durch die seltsame Bauart sehr unregelmäßig wurde und auch deßhalb als Festung wenig dienen konnte. Eine kurze Strecke hinter Numili Hissari mündet sich in dem Thale ein kleiner Bach in den Bospor, der, sowie dies Thal, bei der Eroberung Konstantinopels eine große Rolle spielte; denn da die Byzantiner den Hafen durch eine ungeheure Kette gesperrt hatten, so konnte Mohamed die Stadt nur von der Landseite angreifen, wobei ihm die Mauern und das Terrain große Schwierigkeiten entgegensetzten. Deshalb faßte der Padischah den Entschluß, seine Schiffe hinter Pera und Galata herum zu Land in den Hafen bringen zu lassen, was, nach einigen Überlieferungen an dieser Stelle, geschehen sein soll. Und wirklich macht die Lage dieses Thals die Sache glaubwürdiger. Die Ufer sind hier niedriger, und man konnte eine kleine Strecke aufwärts den Bach noch benützen; dann zog man die Fahrzeuge, wahrscheinlich auf hölzernen Gleisen, vermittelst Erdwinden und Flaschenzügen, über einen schmalen Rücken in das Thal von Kjat-Hane, wo der Barbyses, der in den obern Theil des Hafens mündet, schon für kleinere Fahrzeuge schiffbar ist. Daß man, um die Schiffe rascher fortzubringen, die Segel aufgespannt, sowie die ganze Rutschpartie in einer Nacht ausgeführt habe, sind natürlicher Weise Zugaben, die sich später der Erzähler erlaubt. Der Wind, der uns etwas von der Seite kam, wurde oft so heftig, daß er unser Fahrzeug fast ganz auf die Seite legte, worüber sich aber unsere Türken, die wenigstens nicht zu rudern brauchten, nicht bekümmerten. Schon einige Mal hatte ihnen Herr v. C. befohlen, sie sollten das Segel halb einziehen, weil wir in Gefahr sein würden, umzuwerfen, aber umsonst. Sie machten ihm mit der lebhaftesten Sprache verständlich, wie Schade es sei, diesen köstlichen Wind nicht zu benützen. Unser dicker Janißair, der vorne saß, diente wie beweglicher Ballast, denn so oft das Schiff sich stark auf die eine Seite neigte, wandte er sich auf die andere und stellte so das Gleichgewicht wieder her. Jetzt lag Therapia zu unserer Linken mit seinem kleinen, aber schönen Hafen, worin nebst mehreren Kauffahrteischiffen ein türkisches Dampfboot, sowie eine englische Corvette sich befanden. Hier hielten sich früher fast alle Gesandten auf; doch ist seitdem Bujukdere in Mode gekommen und nur der englische und französische haben ihre Hôtels noch hier. Wenige Tage nach unserer Ankunft in Konstantinopel brannten in Therapia über zweihundert Häuser ab; der Anblick war in der dunkeln Nacht gräßlich, aber unbeschreiblich schön. Jetzt blickten die halbverbrannten Trümmer recht traurig aus der lachenden Gegend hervor. Hinter Therapia wird der Bospor auf einmal sehr breit und gleicht beinahe einem runden Landsee, den die schönsten Ufer umgeben. Vor uns lag Bujukdere und die auf europäische Art gebauten Häuser der Gesandten blickten freundlich herüber. Zu unserer Linken sanken die Hügel allmälig zusammen und ließen auf große saftgrüne Wiesen sehen, auf deren einer sich die bekannte ungeheure Platanengruppe erhebt, die man die Platanen Gottfrieds von Bouillon nennt. Rechts gegenüber auf dem asiatischen Ufer thürmten sich jene Hügel zu einem ansehnlichen Berge, dem sogenannten Riesenberge, auf. Man sieht oben unter alten Cypressen, Kastanienbäumen und Platanen ein Gemäuer; es ist ein Grab, das fünfundzwanzig Schritt Länge hat. Die Türken behaupten, hier sei das Herz des Propheten Josua begraben, den sie in der Pest und andern Krankheiten gerne anrufen. Die Alten dagegen nannten oben das Grabmal das Bett des Herakles und die Türken vermischen beide Sagen, indem sie von Josua erzählen, er sei so ungeheuer groß gewesen, daß er oben auf dem Berge sitzend, mit den Füßen die klare Flut berührt habe. Kurz vor Bujukdere wären auf ein Haar die Befürchtungen des Herrn v. C., daß wir noch umschlagen würden, in Erfüllung gegangen, wenn derselbe nicht die Vorsicht gebraucht hätte, eins der Taue, woran das Segel befestigt war, in die Hand zu nehmen; ein heftiger Windstoß legte unser Boot dergestalt um, daß das Segeltuch das Wasser berührte und da die Wellen ziemlich hoch gingen, würden wir sicher gesunken sein, hätte Herr v. C. das Segel nicht losgelassen, das nun im Winde flatternd demselben keinen Widerstand mehr bot. Jetzt verstanden sich die Türken dazu, den Mast niederzulegen und die Ruder zu ergreifen, worauf wir in kurzer Zeit in Bujukdere landeten. Unser erster Gang war in das Hotel des Königl. preußischen Gesandten, des Grafen Königsmark, der uns auf die liebenswürdigste und freundlichste Art empfing. Wir leisteten seiner Einladung, die Nacht in Bujukdere zu bleiben und den andern Tag die berühmten alten Wasserleitungen in seiner Gesellschaft zu sehen, gerne Folge und verlebten einen in jeder Beziehung angenehmen und genußreichen Abend da, den die Güte und Freundlichkeit der ebenso geistreichen wie liebenswürdigen Gräfin Königsmark verschönerte. Wir machten Spaziergänge auf dem Quai von Bujukdere, zu dessen Lobe Hammer so poetisch und wahr sagt: »In schönen mondhellen Nächten, wo das Dunkelblau des Himmels mit dem Dunkelblau des Bosporus zusammenfließt und zitternder Sterne Glanz mit dem phosphorescirenden Leuchten der See sich vermischt, – wo Nachen von griechischen Sängern und Zitherspielern längs dem Ufer tönend vorübergleiten und der laue Nachtwind die weichsten jonischen Melodien von dem Lande her in's Meer haucht; wo das Stillschweigen der Horchenden durch leises Lispeln lenesque sub nocte susurros, unterbrochen wird, verdient der Quai von Bujukdere die Begeisterung, womit die Liebhaber desselben sein Lob verkünden.« Hammer, C. u. d. B. II. Und wenn wir ihn auch nicht in der Pracht und Herrlichkeit sahen, den ihm eine warme mondhelle Sommernacht verleiht; so fanden wir doch, daß hier an diesen Ufern zu wohnen der höchste Genuß sein müßte, wenn sich der Europäer mitten unter dieser uncivilisirten Bevölkerung nicht so unangenehm vereinzelt und allein stehen fühlte. Der russische Gesandte war nicht anwesend, weßhalb sein großes Hotel mit schön angelegtem Garten leer stand. Letzterer ist im besten Geschmack angelegt und steigt terrassenförmig an den Hügeln, die sich hinter Bujukdere erheben, in die Höhe, wodurch man von jeder Partie aus eine neue reizende Aussicht genießt. Es gewährte uns bei dieser Promenade viel Stoff zum Lachen, daß wir an einer der schönsten Partieen des stillen Gartens einen Philosophen fanden, der sich im dolce far niente auf einer von hohen Platanen umgebenen Wiese gelagert hatte, von wo er bei der herrlichsten Aussicht auf den Bospor Gelegenheit genug gehabt hätte, tiefsinnige Betrachtungen anzustellen, wenn es kein Esel gewesen wäre, der sich hier, in's Grüne gestreckt, die duftenden Kräuter wohl schmecken ließ. Der umsichtige Herr v. C. hatte für morgen Pferde für uns aus Konstantinopel bestellt, wofür wir ihm sehr dankbar waren; denn obgleich Graf Königsmark die Güte hatte, uns von den seinigen anzubieten, waren uns neben der Furcht, seine Güte zu mißbrauchen, doch jene Pferde in so weit lieber, als wir beschlossen hatten, uns auf dem Rückweg nicht wieder dem Kaik anzuvertrauen, sondern vielmehr den, wenn auch minder interessanten Weg über die Berge nach Konstantinopel zu nehmen. Wir ritten zuerst auf die Wiese, von der ich oben sprach, um die mächtigen Platanen Gottfrieds von Bouillon in Augenschein zu nehmen. Von Weitem scheint es nur ein einziger aber ungeheurer Baum zu sein, doch sieht man in der Nähe, daß es ursprünglich sieben Stämme gewesen sind, die in einem Kreis dicht an einander standen. Im Laufe der Zeit sind aber Wurzeln, Aeste, ja die äußere Rinde zusammengewachsen, die innere dagegen ist theilweise verfault, theilweise durch das Feuer der Hirten, die hier vor dem Wetter Schutz suchten, zerstört worden, wodurch der Baum oder vielmehr die Bäume innen eine so große Höhlung erhalten haben, daß wir durch einen großen Spalt, den die Zeit ebenfalls in ihre Rinde gerissen hat, zu fünf mit unsern Pferden in den Baum hinein reiten konnten. An der Erde hatten die Platanen sechszig Schritt im Umfang. Die Sage bringt den gefeierten Helden mit jenem Baume zusammen, indem sie erzählt, daß Gottfried von Bouillon im Jahre 1096, während das Heer auf der Wiese lagerte, hier unter dem Baum Obdach gefunden. Von den Türken wird diese Baumgruppe Jedi Kadarsch , d.h. die sieben Brüder genannt. So kahl die Höhen in der Türkei, auch um Konstantinopel selbst, sind, so frisch und baumreich ist hier auf einer kleinen Strecke die Gegend. Die Wiesen, auf denen die Platanen stehen, sind frisch und duftend, von murmelnden Bächen durchschnitten, die aus dem höher liegenden Walde von Belgrad hervordringen, jenem heiligen Walde, der von den Einwohnern Konstantinopels so hoch gefeiert wird, weil er ihnen gutes klares Wasser verschafft. Jeder, der es wagen würde, auch nur den kleinsten Baum in jenem Walde umzuhauen, wird mit dem Tode bestraft, denn nur durch das sorgfältige Erhalten der riesigen Stämme, welche da stehen, ist es möglich, die Quellen immer ergibig zu erhalten, von denen die Stadt vermittelst der Aquaducte ihr Wasser bezieht. Für den Türken ist das Trinkwasser überhaupt das größte Lebensbedürfniß, und wie ein Feinschmecker bei uns jede Sorte Wein, ja fast jeden Jahrgang von andern unterscheiden kann, so weiß der Türke gleich, aus welcher der geschätzten Quellen das Wasser ist, das er trinkt. Ob dagegen das Wasser klar und durchsichtig ist, darauf kommt es ihm gar nicht an, ja, die sogar im Orient am meisten geschätzten Trinkwasser, nämlich das des Euphrats und des Nils sind trüb und schlammig; und doch hat selbst der Prophet das des letzteren neben dem heiligen Born Semsem zu Mekka, welcher unter Hagars Füßen emporsprang, daß er ihren verschmachtenden Sohn erquicke, für das beste in der Welt erklärt. Mit den frohen Gefühlen, die ein schöner Morgen überhaupt gibt, wozu für uns noch der Anblick und Geruch der frischen Wälder kamen, ritten wir die Wiesen aufwärts und sahen jetzt die bedeutendste und älteste der Wasserleitungen Konstantinopels vor uns. Schon Konstantin fing sie an und alle Kaiser und Sultane nach ihm, besonders Mahmud der Eroberer, verbesserten und erweiterten sie. Das ungeheure, schneeweiße Gebäude gleicht mit seinen unzähligen Pfeilern, die wie eben so viel Füße den obern Bau tragen, dem Skelett eines riesigen Tausendfußes, der auf den Höhen liegen blieb und dessen Knochen von der Sonne allmälig gebleicht wurden. Unsere Pferde waren recht munter, und da der Weg nur hie und da schlechte Stellen zeigte, im Allgemeinen aber so gut war, wie man es hier verlangen konnte, befanden wir uns bald auf der Höhe von jener Wasserleitung. Sie führt den Namen Justinians und ist, wenn auch nicht die längste, doch die höchste von allen. Der Wasserfaden wird in einer Höhe von neunzig bis hundert Fuß über ihren zwei Etagen durch das Thal fortgeleitet. Unter einem der großen Bogen des Aquaducts ritten wir hindurch, dann noch eine kleine Strecke aufwärts, wo uns Graf Königsmark veranlaßte, einen Augenblick anzuhalten und zurückzuschauen. Da sahen wir ein kleines Stück des Bosporus mit dem dahinter liegenden Riesenberge und vielen freundlichen Häusern am Fuße desselben, von dem Bogen, durch welchen wir so eben geritten, prächtig eingerahmt – ein herrliches Gemälde. – Wir wandten uns nun links in den Wald hinein und erreichten in kurzer Zeit das Dörfchen Belgrad, wo sich früher die Landsitze der meisten europäischen Gesandten befanden. Kriegsgefangene Bulgaren wurden in alter Zeit von Belgrad an der Donau hieher versetzt und gaben dem neuen Dorfe den Namen der Heimath. Wir nahmen hier ein kleines Frühstück ein, sahen dann im Vorbeireiten das Haus, wo Lady Montague ihre Briefe schrieb und ritten den großen Wasserbehältern zu, welche in der Tiefe des Waldes liegen und aus denen die Aquaducte gespeist werden. Lange hat nichts einen so seltsamen Eindruck auf mich gemacht, wie der Anblick dieser gewaltigen Werke, fern vom Geräusch der Menschen, in stiller Abgeschiedenheit liegend. In dieser Gegend, zwischen uralten riesigen Baumstämmen, reitet man auf schmalen Waldpfaden und hält plötzlich mit einem Ausruf des Erstaunens sein Pferd an, denn zwischen den hohen Thalwänden erheben sich prächtige Marmor-Gebäude, deren einfache, solide Schönheit dem Auge unendlich wohl thut. Es war der Aiwad-Bend , von Mustapha III. im Jahr 1766 erbaut, den wir als den größten und schönsten in Augenschein nahmen. Das Wort »Bend« kommt aus dem Persischen und ist die Bezeichnung für der Art Wasserbehälter, eigentlich nur für die Mauer, welche das Thal eindämmt, und ist so fast gleichbedeutend mit dem deutschen Worte Band. Neben den meisten dieser Wasserbehälter befinden sich Lusthäuser des Sultans. Die Gegenwart des Grafen Königsmark verschaffte uns Zutritt zu einem der hier liegenden, welches Mahmud II. erbaut. Es wurde von einem Mohren bewacht, der uns in einige der prächtigen Gemächer den Eintritt gestattete andere aber mußten wir durch die Fenster ansehen. Dies Kiosk war wenigstens zu drei Theilen auf europäische Art eingerichtet. Es enthielt französische Tapeten und Kronleuchter, große Spiegel und neben den türkischen Divans Fauteuils und Lehnstühle aller Art. Das System der Wasserleitungen für das frühere Byzanz und spätere Konstantinopel begründet sich auf die zwei Aquaducte, die in den ältesten Zeiten erbaut und stets verbessert und erweitert wurden; die eine ist die justinianische, von der ich oben sprach, eigentlich die hadrianische, denn Justinian besserte sie ebenfalls nur aus. Sie leitete das Flüßchen Hydraulis nach der Basilika von Byzanz. Später bauten die Sultane noch verschiedene Bende zu ihrer Speisung, wozu auch der erwähnte Aiwad-Bend gehört. Eigenthümlich bei dieser Wasserleitung ist, daß sie das Wasser bald unterirdisch fortführt, bald es mit kühnen Bogen über die Thäler fortträgt. Kurz vor der Stadt zertheilt sie sich in vier kleine Aquaducte, welche das Wasser an verschiedenen Thoren in die Stadt führen. Die andere ältere Wasserleitung ist die des Kaiser Valens, die jetzt ihre größte Wassermasse von Kalfakjöl bezieht und sie in die höheren Theile der Stadt führt, wodurch das gewaltige Mauerwerk an tausend Schritte weit zwischen den Häusern durchläuft und jemanden, der nicht schwindlicht ist, einen schönen Spaziergang bietet, von dem aus man die Stadt wie eine Karte vor sich ausgebreitet sieht. Es war Nachmittag geworden, als wir uns auf den Rückweg nach Konstantinopel begaben. Unser liebenswürdiger Führer, Graf Königsmark, begleitete uns noch eine Strecke weit, worauf er nach Bujukdere zurückkehrte, und wir unsern Weg nach der Stadt fortsetzten. Dieser führte durch sehr uninteressantes Terrain; denn es war ein breiter Sandweg, der sich über die öden baumlosen Höhen hinzog, die den Bospor begrenzen. Einige Unterhaltung gewährten uns unsere sehr guten Pferde, indem wir von Zeit zu Zeit kleine Wettrennen anstellten. Vorn an der Spitze ritt der Sürüdschi, der die Pferde gebracht und uns wieder zurückgeleitete. Wir hatten ihm einen kleinen Mantelsack gegeben, in dem wir gestern einige Kleidungsstücke mit nach Bujukdere genommen, den er vor sich auf den Sattelknopf nahm und munter vorausritt. So oft es bergauf ging, spornte er seinen starken Schimmel und jagte laut schreiend davon. Wir folgten ihm natürlich so rasch wie möglich; doch war mein Pferd das einzige, welches das seinige hie und da erreichte. Später setzte sich der Baron auf diesen Schimmel und lud mich ein, einen kleinen Cours mit ihm zu machen, um zu sehen, welches Pferd das schnellste sei. Da ihm die Bügel zu kurz waren, legte er sie vorn über den Sattelknopf und wir jagten dahin. Ich war beständig dicht hinter ihm, so daß der Kopf meines Pferdes seinen Schenkel fast berührte, konnte ihn aber nicht überholen. Da der Weg, auf dem wir ritten, ziemlich schmutzig war, so bewarf mich das ausgreifende Pferd des Barons so mit Koth, daß ich, in Pera angekommen, bei der Abendtafel alle Mühe hatte, mich vor der übrigen Gesellschaft von dem Verdacht zu reinigen, als habe ich den Sandreiter gespielt. Türkisches Familienleben Aus Allem, was dem Europäer in Bezug auf das andere Geschlecht hier zu Lande aufstößt, ersieht man leicht, daß die türkischen Damen eine sehr untergeordnete Rolle spielen; aber doch nicht die gedrückte und elende, die wir nach unsern Begriffen mit jenen Verhältnissen wohl unzertrennlich halten. Es ist dem Mohamedaner erlaubt, vier Frauen zu nehmen, doch gibt es wenige, die nicht an einer schon genug hätten und deren Vermögensumstände es erlaubten, zwei, drei oder vier Weiber zu nehmen. Da es fast noch nie vorgekommen ist, daß sich zwei Frauen in einem Hause vertragen hätten – ich spreche natürlich hier nicht von den weitläufigen Harems des Sultans und der hohen Beamten – vielmehr in beständigem Hader und Zwist lebten, der sich nicht, wie vielleicht bei uns auf Verläumdung und böse Nachreden beschränkte, sondern oft in blutige Händel ausartet, so muß in solchem Falle jede Frau ihr eigenes Haus haben, in welchem sie natürlich über die dienenden Weiber unumschränkt regiert. Was ferner die eine Frau an Putz oder Schmucksachen von dem Manne bekommt, nimmt die andere auch in Anspruch, und da ist oft ein neues glänzendes Band, das die eine vor der andern bekommt, Ursache zu den unangenehmsten Händeln. Fährt eine der Frauen mit ihren Sklavinnen und Kindern spazieren, so würde die andere nicht zu Hause bleiben wollen, ich glaube, wenn sie todtkrank wäre. Das geht so fort bis auf die geringsten Kleinigkeiten. Was soll aber auch der Türke sich in diese Verhältnisse verwickeln, da ihm das Gesetz ein ausgleichendes Mittel darbietet? Es ist ihm nämlich erlaubt, so viele Sklavinnen zu halten, als er kann und will, und das Kind der Sklavin erfreut sich nach den türkischen Gesetzen derselben Rechte und Begünstigungen, wie das Kind der rechtmäßigen Frau. Es beruht überhaupt die ganze Ehe der Orientalen nur auf Sinnlichkeit, und der Türke erhandelt seine Frau, ohne sich um ihre Neigung oder Liebe zu bekümmern, von dem Vater oder den Verwandten derselben, wie eine Waare vom Kaufmann; denn anstatt durch seine Frau ein Heirathsgut zu erlangen, bezahlt er vielmehr dem Vater derselben eine gewisse Summe für sie, dieser verliert ja einen weiblichen Domestiken. Ein anderer Nachtheil des Bräutigams besteht darin, daß er seine Frau erst dann zu sehen bekommt, wenn sie ihm angetraut ist, und in demselben Augenblicke sehen sie ihre Verwandten, selbst der Vater und die Brüder zum letzten Male unverschleiert. Da auf diese Art die Ehen ohne viele Förmlichkeiten geschlossen werden, so erlaubt das Gesetz dem Muselmanne auch ebenso leicht wieder, sich von seiner Frau zu trennen, ein Fall, der fast in jedem Heirathskontrakte vorgesehen wird, indem man in demselben die Summe vormerkt, die der Mann dem Vater zu zahlen hat, wenn er in den Fall kommen sollte, sich von seiner Frau zu trennen. Ein Anderes ist es, wenn die Frau die strenge Sitte des Harems verletzte, wo sie im Fall ihr Begünstigter ein Muhamedaner ist, mit Schimpf und Schande ins Haus ihrer Eltern zurückgejagt wird, und wenn es gar ein Raja, ein christlicher Unterthan der Pforte, wäre, so steckt man sie ohne viele Ceremonien in einen Sack und wirft sie ins Meer. Der Christ dagegen wird gehenkt. Eigentlich ist es traurig, daß die armen Türkinnen durch die Verhältnisse so gedrückt sind, daß sie nicht einmal auf eine Vergeltung jenseits zu hoffen haben, indem der Prophet ihnen nach dem Leben keine Stellung anzuweisen wußte. Was nach dem Tode aus ihnen wird, weiß kein Mensch; denn die Houris, die den Gläubigen im Paradies für die Mühseligkeiten auf Erden entschädigen, haben nichts mit den verstorbenen Weibern gemein. Obgleich es aber dem Muselmann nicht schwer gemacht wird, sich von seiner Frau zu scheiden, so kommt es doch selten vor, theils weil der Türke ein natürliches großmüthiges Gefühl hat, welches sein einmal geschenktes Vertrauen nicht leicht erlöschen läßt, theils weil er vielleicht eines Spruchs aus dem Koran eingedenk ist, der ihm sagt: »Ihr Männer sollt bedenken, daß das Weib aus der Rippe, also aus einem krummen Bein geschaffen ist. Deßhalb, ihr Gläubigen, habt Geduld mit den Weibern; denn wenn ihr ein krummes Bein gerade biegen wollt, so bricht es.« Man weiß, daß die Frauen in den Harems sehr strenge bewacht werden, und obgleich die Cultur schon im Allgemeinen stark an den orientalischen Gebräuchen rüttelte, so hat sie doch in dem Punkt noch nicht viel geändert. Freilich sieht man jetzt viele türkische Damen auf den Straßen umherspazieren, doch, wie ich schon mehrmals bemerkte, auf's Häßlichste vermummt und unkennbar gemacht. Es wäre aber auch gegen allen Anstand, ein türkisches Weib auf der Straße erkennen zu wollen und selbst der Mann würde es für unschicklich halten, wenn er seiner eigenen Frau, die ihm begegnete, nur durch ein Zeichen merken ließe, daß er sie erkenne. Es ist schon viel, daß die allgewaltige Zeit den Schleier der Damen bis unter die Nase gerückt hat, die früher ebenfalls bis an die Augen verhüllt war. So streng auf diese Art die Gestalten der Türkinnen außer dem Hause vor jedem neugierigen Blicke vermummt sind, so übertrieben frei ist der Anzug im Innern des Hauses. Die Einrichtung desselben ist fast ebenso wie die beschriebene in unserem Gasthof. Längs den Fenstern die von außen mit Latten, von innen mit Rohrstäben dicht vergittert sind, befindet sich der Divan, auf dem die Familie den ganzen Tag nichts thut, als ausruhen, und sich langweilen. Der Mangahl mit glühenden Kohlen und das Kaffeegeräth ist natürlich in der Nähe; denn so oft ein Besuch kommt oder es einem der Familienglieder einfällt, wird für jedes eine Tasse Kaffe gemacht, was des Tages unzählige Mal geschieht. Dazwischen ißt man verschiedene eingemachte Früchte, von denen jeder einen Löffel voll nimmt und darauf ein Glas Wasser trinkt. Von vieler Bewegung in diesen Familienkreisen und einer lebhaften Unterhaltung ist natürlich nicht die Rede. Eine Phrase, die man sehr oft beim Kaffee oder dem Eingemachten hört: afiat ler olsum – (Wohl bekomm's) sagt jeder dem Andern und legt dabei die Hand an Brust und Stirn. Die beiden Mahlzeiten, die der Türke täglich regelmäßig zu sich nimmt, bestehen aus Hammelfleisch und Reiß, welche Artikel die Grundlage bilden. Dazwischen kommen zahlreiche süße Gerichte, und während der ganzen Mahlzelt stehen beständig kleine Schüsseln mit kalten Speisen, als Austern, Hummern, Caviar, Käse, Oliven, türkischer Pfeffer, Salate und Früchte verschiedener Art, von welchen jeder nach Belieben nimmt, auf dem Tisch. Die männlichen Sklaven im Orient haben ein viel besseres Loos, als wir es uns gewöhnlich bei dem Worte Sklave vorstellen. Es sind eigentlich Diener, deren größtes Geschäft darin besteht, nichts zu thun; ein gemietheter Arbeiter ist weit übler daran, als der Sklave des Hauses; denn weil letzterer Eigenthum seines Herrn ist, so nimmt dieser sich wohl in Acht, ihn durch viele Arbeit krank oder unbrauchbar zu machen. Da einem vornehmen Türken der Unterhalt seiner Sklaven und Diener fast nichts kostet, denn von einer Belohnung an Geld ist keine Rede, so hat er gewöhnlich eine große Masse dieses Volks, die die wenigen Geschäfte so unter sich vertheilen, daß auf jedem ein Unbedeutendes lastet. Ein Theil hat nichts zu thun, als Pfeifen zu stopfen und in Ordnung zu halten, andere kochen Kaffee, wieder andere sorgen für die Waffen und Kleidung des Herrn und so fort. Bei dem gewöhnlichen Türken wird der Sklave mit wenig Ausnahmen fast wie ein Kind der Familie betrachtet. Er ißt an demselben Tisch und bei guter Aufführung wird er später frei gelassen oder heirathet nicht selten eine Tochter des Hauses. Eine ganz umgekehrte Ordnung im türkischen Leben bringt der Ramasan, die Fastenzeit, hervor. Der Tag wird zur Nacht und die Nacht zum Tag verwandelt. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang bleibt der Gläubige in seinem Hause und thut nicht einmal das Wenige, was er sonst zu thun pflegt. Er betet, stellt seine Waschungen an oder geht in die Moschee. Die meisten Läden sind um diese Zeit während der Tageszeit verschlossen und was am bezeichnendsten ist, alle Kaffeehäuser stehen leer. Der Rechtgläubige muß fasten, d. h. er muß sich nicht nur aller Speisen und Getränke enthalten, sondern Pfeifen und Kaffee sind ihm ebenso verbotene Gegenstände. Da man schon im gewöhnlichen Leben nicht sagen kann, daß auf- und abwandelnde oder gewerbtreibende Türken ein sehr lebendiges, rühriges Bild geben, so muß man die einzelnen Individuen, die man zur Ramasanszeit durch die Straßen schleichen sieht, für Geschöpfe ohne Leben halten, für Wesen, die durch Maschinenkraft hin- und hergetrieben werden, so matt und faul wanken sie einher. Wenn sie von dem Fasten so geschwächt wären, sollte man glauben, sie müßten jeden Abend aus Ermattung zusammenfallen; aber weit gefehlt. Wenn sich die Sonne zum Untergang neigt, scheinen sich ihre Lebensgeister auf's Neue zu erfrischen. Man steckt die erloschenen Feuer wieder an und beginnt die Speisen zuzubereiten, die mit dem ersten Ruf des Iman, daß der Tag vorbei sei, auf dem Tisch dampfen müssen, damit weiter keine Zeit verloren gehe. Der Sklave hält seinem Herrn schon einige Augenblicke früher die angezündete Pfeife entgegen und Alles horcht erwartungsvoll auf den Ruf vom Minaret, um sich so hastig wie möglich den nun erlaubten Genüssen des Essens, Trinkens und Rauchens hinzugeben. Jetzt bei eingetretener Dunkelheit verwandelt sich auch das stille Leben in den Straßen zu dem geräuschvollsten, das es geben kann, und die Stadt selbst gewährt von außen und innen den prächtigsten Anblick. An den Minarets werden allmälig Lichter angesteckt, und bald umgeben mehrere hundert Lampen in einzelnen Kreisen diese Gebäude von oben bis unten. Die Kuppeln der Moscheen und Karavansereien sind ebenfalls mit Lichtern behängt und die meisten Bazars, sowie die Tische der Verkäufer auf den Straßen, hell erleuchtet. Von Pera aus hatten wir auf die Hauptstadt den prächtigsten Anblick. Die Massen der dunklen Häuser, ohne erhellte Fenster, von den belebten erhellten Straßen durchschnitten, sahen von oben einem Berge ähnlich, dessen glühendes Geäder an allen Stellen durchscheint. Hie und da war das Erdreich ganz durchbrochen und unzählige hohe Flammen leckten gierig in die Nacht empor, – die beleuchteten Minarets. Vor uns lag der Hafen, dessen Wasser durch den Widerschein der vielen Lampen, die an den Masten und Segelstangen der Schiffe hingen, röthlich angestrahlt erschien. Selbst die dunkeln Cypressen auf Pera, diese riesigen Todtenwächter, schienen den allgemeinen Jubel zu fühlen und waren von dem Lichtmeer drüben sanft beleuchtet. Es war in einer der sieben heiligen Nächte des Jahres, nämlich in der Nacht Kadr, welche für die gilt, wo der Koran vom Himmel gesendet worden, als wir gegen acht Uhr von Pera aufbrachen, um uns nach der Moschee von Top-Chana zu begeben, die der Sultan in Folge der besondern Feierlichkeit, die heute stattfand, mit seinem Besuch beehrte. Dem Sultan nämlich, nachdem er in der heutigen Nacht sein Gebet verrichtet, wird von dem Großwesir bei seiner Rückkunft in's Serail eine Sklavenjungfrau übergeben, mit der er alsdann die Brautnacht begeht, in der Hoffnung, daß, wie in dieser Nacht der Koran vom Himmel kam, auch dem Hause Osmans ein Thronerbe vom Himmel gesendet werde. Hammer, Gesch. d. v. R. Th. V. Um die Moschee von Top-Chana, sowie die Kanonengießerei standen drei Reihen Infanterie, in deren Mitte sich ein Musikcorps befand, das mit ihren Trommeln, Posaunen und Trompeten einen herrlichen Lärm machte. Die Moschee war glänzender beleuchtet, als je, und an allen Wänden und Fenstern hingen große Reihen bunter Lampen. Ebenso war die Kanonen-Werkstatt auch auf das Prächtigste illuminirt und in dem Hofe derselben, sowie in dem Kreise, den die Soldaten bildeten, waren zahlreiche große Pechpfannen aufgestellt. Die türkische Infanterie machte sich's, wie gewöhnlich, auf ihrem Posten sehr bequem. Nur das erste Glied stand aufrecht auf den Beinen und hielt das Gewehr im Arm; das zweite und dritte saß auf der Erde und den Treppen der Moschee und fast Alles rauchte tapfer darauf los, so daß der Tabaksdampf mit dem Qualm der Pechbrände wetteiferte. Wir drängten uns an die Reihe der Soldaten, die die Zuschauer vom Platze der Moschee entfernt halten sollten, und verdankten es nur der Keckheit, mit welcher wir uns für englische Offiziere und Aerzte ausgaben, daß sie uns in den Kreis ließen. Hier mußten wir noch eine gute Stunde warten, ehe der Spektakel losging. Dafür war aber auch der Lärm, der nun begann, um so größer. Ein paar Kanonenschüsse von Beschiktasch her gaben das Zeichen, daß sich der Sultan auf sein Pferd schwinge und alsbald antworteten die Batterien von Skutari, von der Serailspitze, sowie die Kriegsschiffe im Hafen. Die Soldaten wurden in's Glied gerufen und bildeten lärmend eine schlechte Linie. Das Musikcorps neben uns bemühte sich ebenfalls, zu dem allgemeinen Getöse das Ihrige beizutragen und die Musici arbeiteten auf ihren Instrumenten schonungslos herum. Ich muß hierbei einer großen Lächerlichkeit erwähnen, welche durch die Nachäffung der europäischen Gebräuche entstand. Der Tambourmajor, nach der neuen Ordnung der Dinge mit großem Stocke ausgerüstet, schwenkte denselben, worauf bei uns die Trommeln gleich einfallen; doch bei den Gläubigen war das nicht der Fall, sondern trotzdem er ihnen mit vieler Gravität das Zeichen zum Anfang gegeben und den Stab tüchtig geschwenkt hatte, wirbelten die Trommeln erst, nachdem er ihnen recht gemüthlich sagte: »Nun wollen wir anfangen.« Jetzt kam von dem Palaste des Sultans her eine große Menge Fackelträger mit einer andern Musikbande, die denselben Lärm machte, wie die erste. Auf dem Platze vor der Kanonen-Werkstatt steht ein kleiner steinerner Brunnen, den die Artilleristen mit Lustfeuerwerk verzierten; denn als dicht neben uns eine gewaltige Geschützsalve über den Wellen dahin krachte, daß die Pferde einiger türkischer Offiziere wie toll umhersprangen, flammten an dem Brunnen tausende von Zündlichtchen auf, so daß er ganz in Feuer zu stehen schien. Auch zündete man hie und da in großen Pfannen farbige bengalische Feuer an, so daß die umliegenden Gebäude bald von blutrothen, bald von grünen oder blauen Flammen umspielt schienen. Aber an dem ganzen Anblick war nichts Erquickliches, nichts Angenehmes. Es war ein entsetzliches Chaos von Kanonenschüssen und Musiklärmen, von Lichtern und Flammen, die, ordnungslos durch einander spielend, Auge und Ohr beleidigten. So ungefähr muß in alter Zeit ein Hexensabbat ausgesehen haben. Jetzt sprengte Reschid Pascha vor, auf der Brust einen mächtigen Stern von Brillanten, der zahllose Blitze um sich warf, und den Soldaten wurde der Befehl zum Präsentiren gegeben. Ein lieber türkischer Soldat, neben dem ich stand, stieß mich an und bat mich, ihm für einen Augenblick seine Pfeife zu halten, wozu ich mich natürlich sehr bereitwillig finden ließ. Endlich kam der Sultan, von seinen Großwürdenträgern umgeben, alle auf prächtigen Pferden. Der junge Herrscher trug einen weiten, blauen Mantel und weiter keine Auszeichnung, als einen großen Brillantstern am Fez. Er ritt in den Vorhof der Moschee, wo er abstieg, und von einigen seines Gefolges begleitet, in das Gebäude trat. Für heute sahen wir ihn nicht wieder; denn die Feierlichkeiten waren zu Ende und der Padischah fuhr wahrscheinlich später in seinem Kaik nach Beschiktasch zurück. So wild und unordentlich der Lärm der Ceremonie war, so rasch verflog er wieder – ein Strohfeuer. Die Soldaten verließen den Platz, die Pechpfannen verlöschten und an dem Brunnen, um den soeben noch die hellen Flammen loderten, glimmten nur hie und da noch einige elende Papierhülsen. Wir bestiegen ein Kaik, um nach Stambul hinüberzufahren. Der Anblick der erleuchteten Städte war am schönsten von der Mitte des Hafens aus, wo wir rings herumschauend alle Minarets, sowohl von Stambul, wie von Galata, Top-Chana und Skutari, mit glänzenden Lichtkränzen umwunden sahen. Auch strahlten hie und da von Thürmen, oder andern hohen Gebäuden illuminirte arabische Schriftzeichen durch die Nacht und andere oft seltsam geformte Figuren, als Schiffe mit großen Segeln, Drachen, Schlangen etc. Bei der Aja Sophia war an einem Gebäude ein kolossaler Wagen angebracht und bei der Suleimanje eine große Figur, die wahrscheinlich einen Derwisch vorstellen sollte, aber einem Bajazzo weit ähnlicher sah. Wir verließen unser Kaik und wanderten durch die Gassen, die heute bei Kerzen- und Lampenbeleuchtung noch weit lebhafter aussahen, als am Tage. Alles Volk war lustig und guter Dinge, als feierte man ein großes Fest. Die Verkäufer von Backwerk und Zuckerzeug, die zwischen der Menge mit lautem Rufen herumgingen, hatten ebenfalls die runden kupfernen Scheiben, worauf sie ihre Artikel ausgebreitet, mit Lichtern besteckt, und es sah ergötzlich aus, wie sie sich in großer Anzahl unter den Haufen herum bewegten. Hie und da waren vor den Buden kleine Spielereien aufgestellt, Windmühlen, von Sand getrieben, oder illuminirte Schiffchen, vor denen die sonst so ernsthaften Gläubigen lachend und laut rufend stehen blieben. So erinnere ich mich eines Ladens, in dem Conditor-Waaren verkauft wurden und dessen Besitzer, ein spekulativer Kopf, zwischen dem Backwerk einen kleinen Brunnen errichtet hatte, der aus drei Röhrchen Wasser in ein Becken ließ und in demselben ein kleines Wasserrad in Bewegung setzte, das rechts und links mit Glöckchen in Verbindung stand, die sehr unharmonisch durch einander klimperten, worüber aber die Türken eine unbeschreibliche Freude hatten und in ganzen Haufen vor diesem Laden stehen blieben. Dies verschaffte ihm natürlich einen guten Absatz seiner Waaren, sowie es auch an diesem Theile der Straße eine größere Lustigkeit hervorrief, als sonst irgendwo. Das Volk schrie einmal über das andere: » ei w' allah! ei w' allah !« und ein paar alte zerlumpte Kerle tanzten vor Vergnügen nach dem Geklimper der Glocken auf der Straße herum, natürlich ebenso taktlos, wie diese Musik selbst. Am lebhaftesten geht es in diesen Nächten in den Kaffeehäusern und bei den Sorbetbereitern zu; in den ersten werden dann gewöhnlich deklamatorisch-musikalische Unterhaltungen aufgeführt; versteht sich von selbst, Alles in türkischer Manier. Wir traten in eines dieser Häuser, die heute ebenso hell beleuchtet sind wie die Straßen, und wurden, obgleich es sehr voll war, von dem Kaffeetschi mit großer Aufmerksamkeit empfangen und untergebracht. Auch muß ich rühmend gestehen, daß die Gäste selbst bei der Aufforderung des Kaffeetschi, für uns etwas Platz zu machen, sehr bereitwillig zusammenrückten. So kam ich auch neben einen alten Arnauten zu sitzen, der sein schönes Costüm in der ärmlichsten Verfassung, aber dagegen prächtige Waffen hatte. Seine Pistolen, Dolch und Yatagan waren reich verziert und mit kleinen silbernen Nägeln beschlagen. Aber der Mensch hatte, wie fast all' dieses Volk, ein ganz unangenehmes confiscirtes Gesicht; blaß, von Blatternarben zerrissen, wurde es von einem ungeheuern Schnurrbart förmlich in zwei Hälften zertheilt, von denen es schwer zu entscheiden war, welche die gerechtesten Ansprüche auf eine unbeschreibliche Häßlichkeit hatte. Als ich mich neben den Arnauten niedergelassen, legte er grüßend seine Hand an das Feß und reichte mir das Rohr seines Nargileh dar, aus dem ich anstandshalber einige Züge thun mußte. Bald hatte uns der geschäftige Wirth mit Kaffee und Pfeifen versehen, und wir konnten behaglich das Gewühl der Menge vor uns überschauen. Auf einer Erhöhung in einer Ecke des Gemachs saßen drei türkische Musici, mit Instrumenten bewaffnet, wie ich sie früher schon einmal beschrieben und womit sie einen argen Lärm machten, zu welchen ein alter Türke, der vor ihnen saß, Loblieder auf den Propheten in näselndem Tone mehr sprach als sang. Doch ergötzten sich die umhersitzenden Gläubigen sehr bei dieser Unterhaltung und spendeten den Künstlern am Schluß derselben manchen Ausruf des Entzückens und der Zufriedenheit. Jetzt trat ein Märchenerzähler Meddah, auf, und begann, wie uns Herr von C. sagte, von den Abenteuern Sidal-Battal's zu erzählen. Wir konnten natürlich nur wenig davon genießen, da wir kein Wort von seinen Reden verstanden; doch machte uns Herr von C. darauf aufmerksam, wie oft der Meddah Ton und Sprache änderte. Jetzt ahmte er den gravitätischen Ton eines Paschah nach, jetzt den unterwürfigen eines Sklaven, jetzt hörten wir die hustende Stimme eines alten Weibes, bald den Dialekt eines Armeniers, eines Franken oder Juden. Da Herr v. C. durch seine Bemerkungen unserm Gehör nachhalf, so machte es uns eine Zeit lang Vergnügen, dem Meddah zuzuhören. Als er zu dem interessantesten Theil seiner Erzählung gekommen war und die Zuhörer recht gespannt lauschten, wie sich der Held der Geschichte aus der verwickelten Affaire ziehen würde, hörte er plötzlich auf, stand auf und ging mit einem zinnernen Teller im Kreise herum, worauf jeder ein paar Para warf, um sich so Fortsetzung und Schluß der Geschichte zu erkaufen. Wir verließen das Kaffeehaus, um nach der Suleimanje zu gehen, wo noch mehrere dieser Häuser sein sollten, in denen man hauptsächlich in den Nächten des Ramasans die Tiriaki oder Opiumesser ihr Wesen treiben sieht. Auf den Straßen herrschte noch immer das alte Gewühl. In den obern Theilen der Stadt, wo sich meistens die Gassen der verschiedenen Handwerker befinden, sahen wir oft neben andern Illuminationen verschiedene arabische Schriftzüge, aus kleinen Lampen zusammengesetzt. Es waren die Namen von Schutzheiligen der Gewerke, welche hier in der Türkei ebenso gut ihren Patron haben, wie die Innungen bei uns. Ja die ganze Einrichtung der Zünfte und Innungen bestand bei den Arabern weit früher als bei uns, und wir haben sie wahrscheinlich von dort herüber angenommen, wenigstens leitet sich das Wort Zunft von dem arabischen Wort Sinf das ist ein Gewerk, eine Innung, her. Bei den Türken ist Adam der Schutzheilige der Ackerleute, Enoch der der Schneider und Schreiber, Joseph der Zimmerleute, Abraham der Milchverkäufer, Daniel der Dolmetscher, Salamo der Korbflechter, Jonas der Fischer, Jesus der Reisenden, Mohamed der Kaufleute ec. An der Suleimanje, wo viele Kaffeehäuser liegen, sahen wir nur zu einigen der größten hinein und fast in allen herrschte eine laute Fröhlichkeit. Da wurde gespielt und gesungen, dort beschäftigte der Meddah die Phantasie der Zuhörer und in andern trieben Lustigmacher und Tänzerknaben, wie wir sie in Adrianopel gesehen, ihr Wesen. Herr von C. führte uns in eine enge Gasse, wo nur hie und da wie zum Spott eine verglimmende Lampe brannte und vor ein kleines Haus, dessen Inneres, nothdürftig erhellt, uns die Einrichtung eines ärmlichen Kaffeehauses zeigte. Dies war eine der Höhlen, in welchen die Opiumesser ihr Wesen treiben. Wir traten in das Lokal, das über alle Beschreibung schmutzig aussah, ließen uns auf einer hölzernen Bank am Eingang nieder und mußten eine Zeit lang warten, eh' sich der Wirth zu unserer Bedienung meldete. Dies war ein kleiner magerer Mann, der sich auf eine sonderbar lächerliche Art, ich möchte sagen, fast tanzend, aus dem Winkel neben dem Kamin, wo er zusammengekauert saß, auf uns zu bewegte. Außer ihm waren noch drei bis vier andere Leute in dem Gemach, die die seltsamsten Bewegungen machten. Der Kaffeetschi trat vor uns hin und hielt uns halb singend eine Anrede, in der er uns versicherte, es sei ihm eine Freude, daß wir sein Haus mit unserm Besuch beehrten. Der Kopf des alten Mannes hatte einen unangenehm lustigen Ausdruck. Seine Augen, starr und schwerfällig, wie die eines Betrunkenen, blitzten mit einem unnatürlichen Feuer. Die eingefallenen Wangen waren erröthet und die Mundwinkel zuckten hin und her. Es war mir ein unheimliches Gefühl als der Alte, sich mehrmals vor uns verneigend, mir mit seinem, langen schneeweißen Barte fast im Gesicht herumfuhr. Er ging auf dieselbe tanzende Art und beständig vergnügt vor sich hinsingend nach dem Herde zurück, um uns Kaffee zu kochen. Wir verlangten natürlich keine Pfeife, denn es war uns nicht darum zu thun, vielleicht eine mit Opium gewürzte zu bekommen, die uns wohl in einen noch schlimmern Zustand versetzt hätte, als wie der der Gäste, die sich hier befanden. Im Hintergrund des Gemachs kniete einer derselben mit dem Gesichte gegen die Wand gekehrt und schien eifrig im Gebet versunken, wenigstens machte er alle die Bewegungen, wie wir sie in den Moscheen zuweilen beobachtet, doch mit so entsetzlicher Heftigkeit, wie sie nur die fanatischste Begeisterung hervorzubringen im Stande wäre. Bald schlug er seinen Kopf gegen die Bank, bald warf er ihn hinten über, daß wir sein blasses eingefallenes Gesicht verkehrt sahen, und der lange schwarze Bart in die Höhe stand. Er warf die Arme heftig von einander und schloß sie krampfhaft wieder. Die Worte, die er dabei ausstieß, fing er leise murmelnd an und steigerte allmälig seine Stimme, nachdem die Ideen in seinem erhitzten Kopfe immer wilder und verworrener aufwuchsen, bis zu lautem Geschrei, das er mit dem öftern kreischenden Ausrufe: Allah il Allah! schloß. Neben ihm lag ein noch ziemlich junger Mensch, eine elende abgemagerte Jammergestalt, dem die Thränen aus den Augen stürzten und dessen stumme entsetzliche Trauer, welche das ganze Gesicht ausdrückte, einen schneidenden Contrast mit der grellen ausgelassenen Lustigkeit eines baumstarken Negers bildete, der auf der andern Seite in einem dunkeln Winkel lag. Die Augen des Schwarzen glänzten, wie die eines wilden Thiers, und die Reden, die er ausstieß, kamen mit Blitzesschnelle zwischen den schneeweißen Zähnen hervor, die er wiehernd lachend auf einander biß. Er warf seine muskulösen Arme begeistert um sich herum, zeigte bald vor sich hin, bald in die Höhe und machte überhaupt so entsetzlich lebhafte Mienen und Zeichen, daß mir war, als verstünde ich seine verworrenen Reden. Der Unglückliche träumte vielleicht von seinem Lande, von den Palmen, unter denen er gewandelt, von der gelben Flut des Nils, in der er gebadet. Jetzt faßte er mit seinen Armen die Luft, als ergreife er etwas und seine Finger krampften sich so in einander, daß die Muskeln schwellend heraustraten. Kam ihm vielleicht in diesem Augenblicke das Bild eines Kampfes vor die Seele, in dem er seinen Feind überwindend niederriß und jetzt, da er die Arme wie ermattet herunter sinken ließ und sich zurücklehnend mit den schwarzen Augenlidern das wilde Feuer seiner Blicke auslöschte, dachte er da vielleicht an eine sanfte Hand, die ihm über das Gesicht fuhr und den Schweiß von der Stirne wischte? Doch genug von diesen entsetzlichen Bildern! Der Anblick dieser Menschen war uns Allen nach wenigen Augenblicken so unerträglich und wirklich Furcht erregend, daß wir das Haus verließen, ohne unsern Kaffee anzurühren. Der Anblick von Wahnsinnigen ist gegen das Aussehen dieser Menschen ein beruhigender zu nennen. Man weiß doch, daß bei jenen gehörige Vorsichtsmaßregeln getroffen sind, daß sie ihren Nebenmenschen nicht schaden können. Aber wer bürgt mir dafür, daß nicht einer dieser Verzückten auf mich zustürzt und mich ohne alle Umstände erwürgt? Das Laster des Opiumessens verschwindet glücklicher Weise selbst im Orient immer mehr und mehr, und die Individuen, die es noch treiben, sind den Andern noch viel verhaßter, als ein Mensch bei uns, der beständig betrunken ist. Man muß aber auch die gräßlichen Gestalten dieser Menschen sehen, wie sie blaß und abgemagert, halb taub und blind und abgestumpft für alle Genüsse des Geistes und alle Freuden des Lebens dahin wanken, wenn der Rausch des Opiums nachgelassen. Obgleich das Opium (ein Opiat aus Hyosciamus), Haschische genannt, meistens aufgelöst getrunken wird, sagt man jedoch nach dem Idiotismus der türkischen und persischen Sprache: er ißt Opium und trinkt dagegen den Rauch der Pfeife. Wahrscheinlich brachte der Genuß des Opiums in alten Zeiten die Assassinen in jene Begeisterung und Todesverachtung, mit der sie das von ihrem Meister bezeichnete Opfer in der Mitte der Seinigen aufsuchten und niederstießen. Uns Alle hatte der Anblick jener Unglücklichen trübe gestimmt und wir wandelten schweigend durch die Gassen der Hauptstadt, in denen, da Mitternacht vorüber war, die laute Fröhlichkeit mit einem Mal nachgelassen. Hie und da wandelte noch ein Verkäufer herum und die Lichter auf seinem Tragtische waren niedergebrannt und erloschen allmälig. Die illuminirten Namen und Figuren hatten schon große Lücken, und an den Minarets brannte noch hie und da eine Lampe, deren flackerndes Flämmchen sich schwach gegen die mächtige Nacht vertheidigte, die mit ihrem wehenden schwarzen Schleier den Glanz so vieler tausend Lichtchen schon getödtet hatte. Als wir auf der großen Brücke waren, und noch einmal nach Stambul zurückschauten, stieg der Mond hinter Skutari empor und grüßte uns mit einem langen zitternden Lichtstreifen, den er über Hafen und Brücke warf. Eine Audienz beim Sultan. Diner beim Reschid Pascha. So oft wir auch Gelegenheit hatten, den jungen Padischah, den Beherrscher der Gläubigen, auf der Straße, oder auf dem Hafen zu sehen, so konnten wir außer dem Baron doch nicht das Glück haben, vor sein erlauchtes Antlitz zu treten, weil wir weder Rang noch Titel, oder was noch schlimmer war, keine Uniformen besaßen, ohne welche man sich dem Sultan nicht präsentiren darf. Nachfolgende kleine Skizze über eine Audienz beim Sultan entnehme ich aus einem Briefe des Barons. – –Da wir uns gerade in der Zeit des Ramasans befanden, so konnte uns erst nach Sonnenuntergang die Ehre zu Theil werden, eine Audienz beim Sultan zu erlangen. Es war acht Uhr Abends, als ich in das Kaik des preußischen Gesandten stieg, der die Güte hatte, mich seiner Hoheit vorzustellen. Wir fuhren bei Galata ab und kamen in kurzer Zeit an den Schiffen vorüber, die zur Feier des Ramasan glänzend erleuchtet waren. Es ist ein großartiger Genuß, in diesen Nächten auf dem Wasser zu fahren und um sich die mächtigen Häusermassen von Stambul, Pera, Galata und Skutari von tausend und tausend Lichtchen hell erleuchtet zu sehen. Unser Boot hielt bei den Terrassen des Sommerpalastes von Beschiktasch und wir wurden durch einige Hofbeamte in ein Gemach zu ebener Erde geführt, wo uns der Obersthofmarschall Nursim-Bey empfing. Das Gemach ist wie der ganze Palast halb türkisch, halb europäisch eingerichtet; denn neben den Divans enthält es Fauteuils, schöne Spiegel und französische Kronleuchter. Der Hofmarschall empfing uns sehr freundlich, bewirthete uns mit Kaffee und Pfeifen, wobei die Unterhaltung, die wir mit ihm hielten, durch den Dolmetscher des preußischen Gesandten geführt wurde. Nach Verlauf einer halben Stunde erschien einer der Hofbeamten wieder, der uns hieher gebracht, und nahte sich dem Bey, ihm einige Worte sagend, worauf dieser sich erhob, um uns vorangehend zum Gemach des Sultans zu begleiten. Dieses, ebenfalls im untern Stockwerke, war nicht prächtiger eingerichtet, als das des Hofmarschalls und ganz in demselben Geschmack. Auch war es sparsam erleuchtet, denn von den Lichtern auf dem großen Kronleuchter brannte keins, sondern vier Wachskerzen auf bronzenen Leuchtern stehend, waren hie und da auf den Boden gestellt. Der Beherrscher der Gläubigen saß in einem großen Fauteuil, das er jedoch bei unserm Eintritt mit der Ecke des Divans vertauschte, in welcher er sich auf die untergeschlagenen Beine setzte. Er trug über dem gewöhnlichen blauen Ueberrock einen braunen langen Mantel, den eine Agraffe von Diamanten auf der Brust zusammenhielt und auf dem Kopfe das Feß, an dem ebenfalls ein großer Stern von Brillanten prangte. Vor ihm stand der damals mächtige Reschid Pascha und übersetzte seinem Herrn die Gefühle der Dankbarkeit, die ich ausdrückte, mich an dem Glanz seines erhabenen Angesichtes erfreuen zu dürfen, aus dem Französischen ins Türkische, nachdem mich der Sultan mit dem üblichen Gruß der Morgenländer: »Der Herr segne deinen Eingang bei uns!« empfangen hatte. Die ganze Audienz dauerte ungefähr eine halbe Stunde, in welcher er mich über den Zweck meiner Reise befragte, sowie auch, ob mir seine Pferde gefallen und dergleichen Kleinigkeiten mehr. Dann legte er die Hand an sein Feß, wir waren entlassen und verließen das Gemach. – – Eine lächerliche Anekdote in Bezug auf eine Audienz unserer frühern Reisegesellschaft des Lords und der Lady Londonderry beim Sultan war damals in aller Leute Mund und ist wirklich zu interessant, um sie nicht mit kurzen Worten zu erzählen. Seine Herrlichkeit der Lord hatten, wie sich von selbst versteht, eine officielle Audienz, die aber seiner Gemahlin, welche auch den Sultan in der Nähe zu sehen wünschte, aus dem Grunde nicht zu Theil werden konnte, da das Gesetz dem Beherrscher der Gläubigen verbietet, die Frau eines Ungläubigen bei sich zu empfangen. Doch war der junge Padischah, dem der Wunsch der Lady zu Ohren kam, so galant, höchst eigen ein Auskunftsmittel vorzuschlagen. Es wurde der Lady nämlich eine Stunde bezeichnet, in welcher sie sich die Gemächer des Palastes sollte zeigen lassen, und wo ihr der Sultan alsdann, ganz wie von ungefähr, begegnen und im Vorbeigehen einige Worte an sie richten würde. Die bestimmte Stunde erschien, und Ihre Herrlichkeit betrat den Palast von Beschikdasch nicht nur wie gewöhnlich im großmöglichsten Staate, sondern hatte ihren ganzen Diamantenschmuck, einen der schönsten und reichsten in der Welt, um und an sich gesteckt. Sie wurde durch den Hofmarschall in die untern Zimmer geführt, und man mußte, wer weiß durch welchen Zufall, den Sultan im Voraus davon benachrichtigt haben, in welchem Glanz die Lady erschienen sei, kurz, er befahl seinen Palastoffizieren, ihre Nischah und Rangzeichen mit Brillanten besetzt augenblicklich holen zu lassen und gleich umzuhängen, worauf sich einer nach dem andern verlor, um mit Diamanten geschmückt gleich darauf wieder zu erscheinen. Die Lady besah die untern Gemächer, die Corridors, die Terrassen nach dem Garten zu und auf einer dieser letzteren begegnete ihr der Sultan. Der Padischah blieb stehen und wechselte durch Reschid Pascha einige Worte mit ihr, ehe er seinen Weg fortsetzte. Doch war ihm wahrscheinlich die Masse Diamanten, mit welcher Ihre Herrlichkeit behängt waren, ein wenig stark vorgekommen, denn wenige Minuten darauf gab er seinem Minister den kitzeligen Auftrag, sich bei der Lady zu erkundigen, ob die Steine auch alle ächt seien, und was sie in dem Falle wohl gekostet hätten; eine Commission, deren sich der gewandte Reschid Pascha mit Uebergehung der ersten Frage um so leichter entledigte, weil die Lady es liebte, die ungeheure Summe anzugeben, welche jener Schmuck auch wirklich gekostet. – – Eine Einladung, die mir am andern Tage zu Theil wurde, war mir um so interessanter, da sie von dem hochgestellten Reschid Pascha ausging und auf ein türkisches Diner lautete. Es war Abends gegen sieben Uhr, als wir uns in die Wohnung des Ministers begaben, die ebenso wie der Palast vor Beschikdasch halb europäisch, halb türkisch eingerichtet ist. Die Divans waren hier das einzige Orientalische und Reschid Pascha hatte von seinem früheren Aufenthalte als Gesandter in Wien Stühle, Sopha's, Consoletische, Spiegel ec. von dort mitgebracht. Einige Bemerkungen über das Diner mögen hier erlaubt sein. Unmittelbar vor dem Essen, noch im Empfangszimmer, wurde jedem Gaste ein eigenes kleines Tischchen vorgesetzt, worauf Täßchen mit etwas Suppe. Dies soll den Appetit reizen. Eine Viertelstunde später gingen wir zur eigentlichen Mahlzeit. Wir waren sieben Personen, für welche ein ziemlich kleiner runder Tisch mit einer Silberplatte und erhabenem Rande bereitet war. Rings um am Rande des Tisches waren alle Arten von geschnittenem Brod gelegt, in der Mitte stand als erste Schüssel der Pillau; um denselben kleine Platten mit Salat, geschnittenem Obst, Confituren und gesalzenen Sachen, Alles unter einander. Als Besteck war nur ein Löffel für jeden Gast sichtbar. Merkwürdig ist, daß das Tischtuch nicht auf den Tisch, sondern der Tisch auf das Tischtuch gestellt wird. Der Tisch selbst hat nur einen Fuß in der Mitte. Das Tischtuch ist von Damast mit Gold gestickt; dieses wird in die Höhe gezogen, jeder Gast breitet es sich über den Schooß und streckt die Beine darunter. Dann erhält er noch eine Serviette von grober Leinwand, um sie über die Stickerei zu thun. Nun beginnt das Essen; Jeder greift mit seinem Löffel in die Schüssel, verliert unterwegs die Hälfte und greift von Neuem zu. Der Minister bemerkte, daß wir in den Gebräuchen einer türkischen Mahlzeit noch nicht hinreichende Geschicklichkeit erlangt hatten; er ließ für das nächste Gericht Teller und Bestecke kommen. Hierauf folgte eine Unmasse von Gerichten, süß und sauer unter einander, wobei die Etikette erfordert, daß, sowie eine Schüssel auf die Tafel gesetzt ist, ein Diener bereits die nächste hinter dem Tische bereit hält. Die süßen Speisen waren gut, jedoch so süß und fett, daß ich nur wenig davon genießen konnte. Der Türke nimmt nur wenig auf einmal, wodurch das Fingeressen etwas reinlicher, auch die Menge der Speisen erklärlich wird. Man hat mir erzählt, daß in der alten guten Zeit türkischer Herrlichkeit, zum Besten der Großen des Reiches, wenn sie reisten, auf ihrem Paß vorgeschrieben wurde, wie viel Speisen ihnen gereicht werden müßten. Die Zahl derselben betrug oft einhundertundzwanzig. Bei unserm heutigen Diner wurde kein Wein, nur Wasser vorgesetzt. Als schöne blaue Tassen auf den Tisch gestellt wurden, hielt ich es für Mundwasser, und glaubte, das Diner sei zu Ende. Es war aber Scherbet, und dies bezeichnete die Hälfte der Mahlzeit. Gegen Ende erscheint noch einmal Pillau, damit jeder Gast, dem die andere Speise nicht zusagt, sich daran halten könne. Die Höflichkeit will, daß der Hausherr immer zuerst ein wenig aus der Schüssel nimmt, wobei er sagt: Bujurum (Wenn's beliebt). Nach Tische ging man in ein Nebenzimmer; jedem Anwesenden wurde ein Becken nebst Kanne präsentiert, sich die Hände zu waschen. Dann wurden Pfeifen gebracht und Kaffee getrunken. Der Minister ließ mich in seinem Wagen nach Hause führen. Das neue Serail. I. Von der Hafen- und Seeseite. Wenn man in lauen Mondscheinnächten, deren das Klima um Konstantinopel selbst in der späteren Jahreszeit noch viele gibt, in dem kleinen Kaik langsam und die Schönheiten rings genießend auf dem goldenen Horn umher fährt, dann öffnet sich leicht die Brust und nimmt gerne in sich auf die Klänge und Sagen, die ihm jener Thurm, jener Fels, selbst die spielenden Wellen geheimnißvoll zuflüstern. Die ganze Gegend hier gleicht einem aufgeschlagenen riesenhaften Geschichtsbuch, wo man in jeder Zeile, jedem Fuß breit Landes etwas Neues, Ungeheures lesen kann. Welche Poesie, welche Geschichte versammelt sich nicht auf und an diesen Gewässern! – Könnte ich den Nachen zur Muschelschale des Zauberers machen und in ausgestrecktem Arm den Zauberstab schwingen, um den Schatten die einstens hier gewandelt, zu befehlen, daß sie sich auf der dunkeln Fluth zeigten und langsam bei mir vorbeischwebten! Ach, keine Macht kann das, und nur die Phantasie vermag aus der Erinnerung Gestalten vor das innere Auge zu zaubern, gewaltige Bilder, die wir in der Kindheit in uns aufnahmen und die in den spätern geräuschvollen Wellen des Lebens allmälig erblaßten, jedoch hier auf dem Platze ihrer Entstehung ihr volles Recht wieder geltend machen und lebhafter als je vortreten. – Hier, wo ich jetzt mein Boot wende, schifften die Argonauten, denen die Jugendträume so gern nach Colchis folgten, um ihnen genau zuzusehen, wie sie unter Gefahren und Mühen das goldene Vließ des Widders zurückholten. Dort die Landspitze hieß einst Bosphorus und hier trat die schöne Io, in eine Kuh verwandelt, an's Land. Zur Linken bei Top-Chana, wo sich jetzt der bunte Palast des Sultans erhebt, opferten die Jünglinge dem Helden Ajax, und wo heute die Gebäude der türkischen Artillerie stehen, hatte einst Ptolemäus Philadelphus seinen Tempel. – Vor mir liegt Skutari, das alte Chrysopolis, der letzte Ruhepunkt der Karawanen, die ihre Schätze von Asien nach Europa führten. Hier aus diesen Gewässern zeigten sich um's Jahr 654 zum ersten Mal die Schwärme der räuberischen Araber unter ihrem Kalifen Moarin, der erste, welcher das Verbot Omars übertrat, der den Arabern, wie früher Lykurg den Spartanern, die Seefahrt verboten, und nach dieser Zeit machten die Araber bis um's Jahr 780 sieben Versuche, die Hauptstadt des griechischen Kaiserthums zu erobern, alle vergeblich, bis Mahomed II. im Jahre 1453 nach einer Belagerung von sieben Wochen die Stadt zu Wasser und zu Land stürmte, und sie erobernd das Wort des Propheten erfüllte, ein Wort, welches den Herrscher der Osmanen stets zu neuen Versuchen wider Byzanz geführt hatte: »Sie werden erobern Konstantinopel, wohl dem Fürsten, dem damaligen Fürsten, wohl dem Heere, dem damaligen Heere.-« Unter all' diesen Betrachtungen, die Land und Meer gewaltsam herbeiführen, und denen ich ruhig nachhängen kann, geht es mir wie dem Kinde, das von all dem Schönen, was ihm erlaubt ist, den Blick beständig nach jenem prächtigen Palaste hinschweifen läßt, dessen Thore ihm verschlossen sind, und wo es doch so gern wenigstens durch's Schlüsselloch sehen möchte, um etwas zu erspähen von den Herrlichkeiten, die er, wie man sich heimlich erzählt, enthalten soll. Mir lag dieser verschlossene Palast, das neue Serail, zur Rechten, und wenn auch auf seinen Terrassen nicht mehr wie sonst, zahlreiche Sklaven lauern, die das sich unvorsichtig nähernde Boot ergreifen, es umstürzen und die darin Sitzenden ertrinken oder erschießen, so haben doch die entsetzlichen Geschichten, die dort geschehen, und die Flüche, die aus jenen bunten Lusthäusern hervordrangen, einen Zauberkreis um seine Mauern gebildet, dem man sich nur mit ängstlich klopfendem Herzen nähert. Im hellen Mondschein lag das Serail vor mir; es scheint nur der Aufenthalt einer bösen Fee zu sein, die den Unerfahrenen anlockt, um ihn zu verderben. Wie schön glänzen in dem weißen Lichte die vergoldeten Dächer der bunten Kioske und scheinen so freundlich zwischen Gruppen von schwarzen Cypressen und dicht belaubten Platanen hervor, schönen Mädchen gleich, die sich zwischen Rosengebüschen verbergen und den Vorübergehenden neckend anrufen. Die Wellen des Meeres schlagen einförmig an die Grundmauern des Gartens und ich weiß nicht, ist es das Gemurmel des Wassers, wenn es von dem zackigen Gestade herabträufelt, oder was sonst – ich glaube, leise hinsterbende Accorde zu vernehmen. – Das ganze Gestade, welches jetzt die Wohnung der Sultane mit ihren Heimlichkeiten und Verbrechen trägt, ist mir immer wie ein verfeyter Platz vorgekommen, der bald gut, bald böse auf seine jedesmaligen Bewohner einwirkt. Kein Fleck der Erde hat wohl eine so großartige, aber auch blutige Geschichte zu erzählen wie dieser. Schon der erste Gründer von Byzanz, Byzas, baute auf diesem sanft ansteigenden Hügel dem Poseidon und der Aphrodite Altäre, die sich unter den Konstantinern, dem christlichen Glauben gemäß, in Kirchen und Kapellen verschiedener Heiligen umwandelten. Auf derselben Stelle erhob sich später der große Palast der griechischen Kaiser oder vielmehr die verschiedenen Gebäude, welche die alte Kaiserburg bildeten und die noch einen größeren Raum einnehmen, als das heutige Serail. Stolze Bauten spiegelten sich zu jener Zeit in den Wellen der Propontis, Thore, Säle und Bäder von glänzendem Marmor, stattliche Porphyrsäulen ragten hoch empor und von ihnen schauten die Bildsäulen verschiedener Kaiserinnen weit in's Meer; – Alles das verschwand größtentheils, indem bald große Empörungen, sowie auch die Zeit diese Bauten zusammenstürzten. Nicht minder griff auch die Hand einzelner Menschen zerstörend ein, wie die des Kaisers Justinian; der aus den vergoldeten Ziegeln des ehernen Thorpalastes Chalke seine auf dem Saal des Augusteon aufgestellte Bildsäule gießen ließ. Mit Zeit und Geschichte Hand in Hand gehend, entstanden alsdann neue Paläste und Denkmäler hier, dem jedesmaligen Weltalter analog. Die alte Zeit wurde in ihrem Eisenkleide zur Ruhe gelegt und die neuen Herrscher von Byzanz legten ihr beturbantes Haupt einer schönen Sklavin in den Schoos, und bauten sich mitten in den dunkelsten Partien ihres mit Marmorbecken und Rosengebüschen gezierten Gartens zierliche Kioske, leichte vergoldete Häuser, die das Auge der Neugierigen blendeten und ihn wie der Blick der Schlange festhielten, bis ihn der Arm erreichte, der den Unglücklichen für seine Verwegenheit tödtet. Ehrgeiz und Wollust zogen lange glänzende Fäden an diesen Mauern, einem Spinnennetz gleich, und so entstand das neue Serail, in dessen Mitte der Beherrscher der Gläubigen thronte, fast unsichtbar und jedem fürchterlich, der sich der schimmernden Höhle nähern mußte. Wer nach Konstantinopel kommt, umsegelt gewiß öfters die Spitze des Serails, und wenn er sich träumend verlor in die gewaltige blutige Geschichte, die hinter diesen Mauern vor sich ging, steigt gewiß der Wunsch in ihm auf, etwas Näheres über das Innere und die Einrichtung dieser geheimnißvollen Paläste und Lusthäuser zu erfahren. Doch ist es wenig Europäern gelungen, von der Seite des Meeres, wo sich die Frühlingsharems, die meisten Gärten und Bäder befinden, einzudringen; denn so sehr sich auch hier schon die Zeiten geändert haben und dem Neugierigen erlaubt wird, manche Blicke in Gebäude und Verhältnisse zu thun, die früher mit dem Tode bestraft worden wären, so ist doch die Erlaubniß, das neue Serail zu sehen, sehr eingeschränkt und wird mit seltenen Ausnahmen nur der Eintritt von der Landseite gestattet, wo auch wir ohne viele Mühe bis hinter das Thor der Glückseligkeit drangen. Daß wir bei unsern Spazierfahrten oftmals den Blick verlangend zu den hohen Mauern des Uferpalastes schickten, und Alles anwandten, die Erlaubniß zu einem Besuch zu erwirken, kann jeder denken; doch hatte man uns im Allgemeinen versichert, obgleich der Sultan augenblicklich in seinem gegenüber liegenden Palaste von Beschiktasch residire, es würde unmöglich sein, einen Ferman zu erlangen, um diese stets verschlossenen Gärten und Gemächer auch nur flüchtig zu sehen, und schon hatten wir alle Hoffnung aufgegeben, als es durch eine sonderbare Verkettung von Umständen dem Baron und mir gelang, an einem schönen Abend und im wahren Sinn des Worts durch eine Hinterpforte in die geheimnißvollen Räume des neuen Serails zu dringen. Doch da es uns nicht vergönnt war, einen Dragoman mitzunehmen, auch unser Führer im Innern des Palastes, obgleich er sehr redselig war, nur türkisch sprach, so hätte ich wohl für meine Person die wirklich ängstlichen und gespannten Empfindungen beschreiben können, die mich ergriffen, als das Thor sich hinter uns wieder schloß und wir uns in den Gärten befanden, wo im Falle unseres Verschwindens keine Macht der Erde augenblicklich im Stande gewesen wäre, unserer Spur nachzuforschen; aber für mein Tagebuch und andere Mittheilungen hätte ich keinen Gewinn gehabt, wenn der Baron nicht den guten Gedanken hatte, einen Theil des trefflichen Werkes von Hammer über Konstantinopel und den Bosporus mitzunehmen, der vor mehreren Jahren ebenfalls und bessere Gelegenheit hatte, diese Gebäude zu besehen, welches uns nun als Cicerone und vorzüglicher Erklärer diente. Es war an einem der schönen Herbstabende, so lau und angenehm, daß man glauben möchte, im Frühling zu sein, und doch waren wir schon im Monat November, als uns das kleine Boot quer über das goldene Horn hinwegtrug, um die Spitze des neuen Serails herum in die Propontis. Wir flogen, ohne ein Wort zu sprechen, längs der Felsen, die das Meer bespült und auf welchen die hohen festen Gartenmauern des Serails stehen. Unser Kaikschi, ein Armenier, den wir bei unsern Fahrten oft benützt, ein redseliger Mensch, der uns stets mit einer Menge Fragen quälte, die wir ihm doch nicht beantworten konnten, sprach bei unserer heutigen Fahrt kein Wort, und als wir unter die vergitterten Fenster des ersten zum Serail gehörigen Kiosk kamen, drückte er seine Filzmütze fest auf die Stirn und bearbeitete ohne aufzusehen mit seinem Ruder die Wellen so gewaltig, daß wir einer Seemöve gleich an dem zackigen Ufer hinfuhren. – Der Abend war so schön, die Sonne warf ihre letzten Strahlen herüber, die Wellen des Marmormeers vergoldend, die vergnüglich auf- und abspielten, und die Berge Kleinasiens, vor Allen der schneebedeckte Olympos, brannten in hellem Feuer. – Jetzt waren wir am Ziele unserer Fahrt angelangt, der Kaikschi legte ein Ruder weg und trieb die Spitze des Fahrzeugs mit dem andern zwischen zwei Felsen am Ufer. Wir sprangen hinaus und mußten zurückblickend über die Angst des Armeniers lachen, über die Hast, mit der er sein Boot wieder vom Ufer entfernte, und alsdann mit noch größerer Geschwindigkeit wie früher weit in's Meer hinausfuhr, um auf einem großen Umweg den Hafen wieder zu gewinnen. In wenigen Augenblicken sahen wir seine Nußschale in den hohen Wellen der Strömung auf- und abtanzen und bald verschwinden. Wir traten zu einer kleinen Pforte, nicht weit von dem Kiosk Selim III., die uns auf ein gegebenes Zeichen ein Schwarzer öffnete, der dieselbe aber hinter uns wieder sorgfältig verschloß, und befanden uns in einem großen Garten voll duftender Jasmingruppen, Rosengeländer und großen Partien schöner Platanen, die ihre dunkeln Zweige wie schützende Flügel ausstreckten und unter denen eine tiefe unheimliche Stille brütete. Ich weiß nicht, es war ein sonderbares Gefühl, hier zu wandeln. Wie Diebe in der Nacht schlichen wir anfangs vorwärts, auf jedes fallende Blatt lauschend und beinahe über das Knistern erschreckend, das unser Fußtritt auf dem weichen Sand verursachte. Doch die Sicherheit unseres schwarzen Führers, mit der er so laut als möglich sprach und uns die Gegenstände umher erklären wollte, lösten die ängstlichen Träume, die das Andenken an die frühere fürchterliche Geschichte dieses Orts um mein Herz gelegt, und ließ uns die interessanten Sachen so genau betrachten, wie es in der Schnelligkeit, mit der wir hindurch gingen, möglich war. Der Garten, in dem wir uns befanden, der neue Garten genannt, wird durch zwei große Laubgänge in vier Theile getheilt, auf denen Gruppen, sowie Lauben von Rosen und Jasmin Schatten gegen die Sonne geben, während allerlei da angebrachte Wasserwerke, speiende Löwen, gewöhnliche Fontainen, Sterne ec., die sich aber gerade nicht durch großen Geschmack auszeichneten, den Damen, die auf den angebrachten Steinsopha's ruhen, Erfrischung gewähren. Wir ließen uns einen Augenblick auf einen dieser Ruhesitze nieder, von dem man zwischen den Zweigen einiger Baume eine Aussicht bis auf die hohe See hatte. Wie manche jener unglücklichen Frauen, die hier in der Gefangenschaft ihre Schönheit und Jugend verblühen sahen, hatte wohl ihre Blicke hoffend oder verzweifelnd da hinausgesandt, und sich, in die spielenden Wellen schauend, goldenen Träumen überlassen, in denen sich ihr die verschlossenen Thore des Harems öffneten und sie die erdrückenden prächtigen Gewänder zurücklassend, mit Freuden in ein armseliges kleines Boot sprang, das sie ihrer Heimath zuführte, ihrer Heimath, wo sich liebende Arme, denen sie entrissen war, jauchzend zu ihrem Empfange öffneten. Wie mußten diese Träume so süß ihr Herz erfrischen und der Unglücklichen ihre Schmach vergessen machen, bis der rauhe Ruf der Wächter sie emporschreckte und sie hineintrieb in ihre vergitterten Zimmer, wo die murmelnde Fontaine ihr melancholisch andere Dinge zuflüsterte, entsetzlich blutige, die das klare Wasser mit angesehen. Das Kiosk Selim III. liegt in diesem Garten hart am Meere und man muß von den obern Zimmern desselben eine prächtige Aussicht auf die asiatische Küste und die vorüberfahrenden Schiffe haben. Das untere Stockwerk dieses Gebäudes ist ein gewölbter Saal mit einem einfachen Springbrunnen, um den die dienenden Weiber und Mägde ruhen und sich die Zeit mit Märchenerzählen vertreiben. Die Zimmer oben, zu der unser Führer leider keinen Schlüssel hatte, bestehen aus einem prächtigen Gartensaal, halb europäisch eingerichtet, wo sich neben den türkischen Divans große französische Spiegel befinden, und wo englische Kronleuchter das Gemach erhellen. Rechts und links von diesem Saale sind zwei Zimmer, eins für den Sultan, das andere für die jedesmalige Favorite. Von diesem äußern Garten tritt man durch einen langen dunklen Gang, der einen Flügel des Harems durchschneidet und mit zwei eisernen Thoren verschlossen ist, in den inneren Blumengarten; der rechte Theil heißt der Cypressen- und der linke der Hyazinthen- und Tulpen-Garten. Dieser innere Blumengarten ist ein Viereck, von Gebäuden des Serails umschlossen und in einem wunderlich phantastischen Geschmacke angelegt. Die schwarzen Gestalten hochstämmiger Cypressen werden noch schärfer hervorgehoben durch den glänzenden bunten Blumenteppich, aus dem sie wachsen, indem Tulpen, Hyazinthen und Rosen durcheinander blühend, ein schönes Farbenspiel entfalten, das angenehm unterbrochen, aber nicht gestört wird durch die mit Marmor ausgelegten Fußwege und die bunte Porzellaneinfassung der verschiedenen Beete. In seltsamen Gestalten ragen hie und da aus dem Laubwerk einzeln stehender Platanen und kolossaler Rosensträuche kleine Bauwerke hervor, dünne Pfeiler, kleine Thürmchen mit glänzenden Dächern, Kamine, mit Arabesken verziert, Marmorgeländer, die Behälter voll klarem Wasser umgeben, und eine Menge anderer Spielereien, um die Herumwandelnden zu erfrischen und zu zerstreuen. Wir gingen gerade durch diesen Garten und traten durch ein anderes Thor, das dem, zu welchem wir oben hereingekommen, gegenüber liegt, in einen langen schmalen Gang, der fast eine ganze Seite der Gebäude einnimmt, die um den innern Blumengarten liegen. Diese Gallerie erhält ihr Licht durch kleine runde Fenster. An den Wänden hingen verschiedene Kupferstiche; wie mir schien, waren es Pläne von Festungen oder Schlachten. Lang und schmal, wie dieser Gang ist, möchte ich ihn die Lebensader des Serails nennen; aus ihm strömen die, freilich bösen Säfte, welche das ganze Getriebe des Haremwesens in Leben und Kraft erhalten, denn zu ebener Erde wohnen hier die Eunuchen, die barbarischen Wächter der Weiber und die privilegirten Angeber der Vergehen, die sich jene zu schulden kommen ließen oder die ihnen nur angedichtet wurden. Schrecklich wirkte die Anklage aus dem Munde eines Verschnittenen, fast gleich, ob sie die Sultanin oder die geringste Zofe traf. Aus diesem Gange treten wir links in die Gallerie der Kupferstiche und kommen aus ihr in die eigentliche Wohnung des Sultans, zuerst in den sogenannten persischen Saal der Hängeleuchter, ein wirklich heimliches reizendes Gemach. Die Divans rings an den Wänden sind mit geschnittenem Sammt überzogen und große prächtige Spiegel, einst von den Russen zum Geschenk dargebracht, bedecken die Wände. Die Fenster dieses Saales, von außen durch rankende Pflanzen und Rosengebüsche fast unsichtbar, gewähren dennoch eine reizende Aussicht auf den Blumengarten – hier möchte ich auch als Sultan ruhen, die lange Pfeife in den Händen und stundenlang gedankenlos in den Garten schauen, auf den Flor der Blumen und Mädchen meines Harems, oder mich in dem klaren Wasser spiegeln, das vor meinen Fenstern ein schönes Marmorbecken füllt. Wie oft mag der Beherrscher der Gläubigen da hinabgeschaut haben und die tanzenden Rosenblätter auf dem Wasser waren ihm seine Flotten, die er in Gedanken hinaus sandte in die Welt, um neue Länder zu erobern – bis ihn ein weißer runder Arm aus diesen Träumereien weckte, um ihn in andere süße zu versenken. Hier dieses Wasserbecken war es vielleicht, wo Sultan Ibrahim auf seine Lieblingsweise mit seinen Weibern und Kindern scherzte, indem er sie aus dem Fenster des Gemachs entkleidet in das Marmorbecken warf und eine Zeit lang darin herumplätschern ließ, ehe er den umstehenden Sklaven den Befehl gab, sie wieder herauszufischen. Durch ein Bad des Sultans Abdul-Hamids traten wir aus dem persischen Saal in die Bibliothek Selim III.; zwei prächtige Zimmer, ein kleineres mit Bücherschränken, nach Hammer die Handbibliothek Selims, Geschichtsschreiber und Dichter, durchgängig Prachtexemplare, durch Schöne der Schrift ausgezeichnet. Das größere hat einen ganz goldenen Plafond, von welchem Körbe mit künstlichen Vögeln herunterhängen, die dem ruhenden Gebieter etwas vorsingen. Uns mochten sie nicht für würdig halten, ihre Stimmen ertönen zu lassen und uns zu unterhalten; denn sie waren stumm wie alle diese zauberhaften Räume. An den Wänden des Gemachs hingen prachtvolle, meistens alte Waffen, reich mit Gold und Edelsteinen besetzt, Dolche, Pistolen, Säbel, Bogen und Köcher. In der Mitte auf einem prächtigen Bodenteppich stand ein großes Kohlenbecken (Mangahl). Wir sahen in diesem Privatzimmer rings auf allen Divans herum, ohne zu finden, was wir suchten; denn hier lag, wie Herr von Hammer erzählt, die große Brieftasche des Sultans, aus gelbem Leder mit Silber gestickt, eine ähnliche, wie ihm bei festlichen Gelegenheiten von einem der Kronbeamten vorgetragen wird. Jetzt war sie nicht mehr da; wahrscheinlich hat sie Sultan Abdul Medschid mit nach Beschiktasch genommen, wo er jetzt gerade wohnt; denn die Großmächte werden ihm so viel zu notiren geben, daß er vermuthlich seines ganzen Brieftaschen-Vorraths bedarf, um sich Alles gehörig zu merken. Eine Thüre von vergoldetem Schnitzwerk führt aus dem Zimmer des Herrschers zurück in den Theil des Blumengartens, der der Hyazinthengarten heißt. Die Gärten des Serails, sowie die Privatwohnung des Sultans hatten wir nun gesehen und unser schwarzer Begleiter führte uns quer durch den Garten zu einer andern Thür, wo ich im ersten Augenblick nicht im Stande war, mich trotz der genauen Angaben Hammers zu orientiren. Wir traten in einen Gang, an dessen Ende sich ein anderes großes Thor befand, und erst, als uns der Schwarze jenes als das Top-Kapu – Kanonenthor bezeichnete, wußte ich, daß wir uns in dem Gang befanden, der das Haremlik , Wohnung der Weiber, vom Selamlik , Begrüßungsort oder Wohnung der Männer, scheidet. Zur linken Hand gingen wir eine Stiege hinauf und kamen in den großen Tanz- und Theatersaal, der durch Stufen in zwei Hälften getheilt wird, und hiedurch eine Gestalt wie unsere Theater erhält. Hier wird der Beherrscher der Gläubigen von seinen Frauen und Odalisken mit Tanz und Gesang unterhalten, die sich aber sonderbar genug im untern Theile des Saals, ich möchte ihn zum Vergleich das Parterre nennen, befinden, wogegen der Sultan oben auf der Bühne sitzt und dem Ballette zusieht. Auch befindet sich hier ein vergittertes Geländer, hinter welchem er zuweilen mit einer Favoritin verborgen ruht und sich so auf verschiedene Weise amüsirt. Der ganze Saal ist mit den prächtigsten Spiegeln von Krystall und Agat geschmückt und muß bei Lampenschimmer und Musik, sowie bei den flatternden gestickten Kleidern der üppigen Tänzerinnen einen feenhaft zauberischen Anblick gewähren. Jetzt lag der weite Saal ruhig und still; nichts regte sich, selbst unser redseliger Führer verstummte und nahte sich leise auftretend einer Thür, die der, zu welcher wir eingetreten, gegenüber lag und über welcher die Inschrift stand: Sie werden hereintreten von allen Thüren. denn dort fängt der Harem an, und aus dieser Pforte erscheinen die Sultaninnen mit ihrem Gefolge vor dem Herrn, bald um ihn zu erheitern, freudig und munter auf die Töne der Zither lauschend, bald um vor sein erzürntes Antlitz zu treten und dicht in ihre Schleier verhüllt, stumm und trostlos; dann unterbrechen keine Musikklänge die dumpfe Stille, ein Gewitter ist im Anzug, des Gebieters Auge schleudert Blitze und drunten donnern die Wellen des Meeres an die Mauern, als verlangten sie stürmisch ein Opfer. Ehe wir den Harem betreten, möchte ich gern einige erklärende Worte über dieses innere Hauswesen der türkischen Herrscher vorausschicken. Der Sultan hat sieben rechtmäßige Frauen, wahrscheinlich sieben als heilige Zahl, wovon jede ihr eigenes Gemach – Oda – und so viel Zofen, dienende Weiber und Mägde hat, als der Sultan will, von denen er jede einzeln nach seinem Belieben zur Bettgenossin erklären kann. Diese dienenden Mädchen, von dem Worte Oda, die Kammer, Odaliken oder Odalisken genannt, was demnach so viel bedeutet als unser Name Frauenzimmer oder Kammermädchen, sind dazu bestimmt, ihr ganzes Leben lang niedere Dienste zu thun, wenn sie nicht das Glück haben, dem Sultan, ihrem Herrn, zu gefallen und vielleicht durch eine Schwangerschaft aus der dienenden Classe emporgehoben werden. In diesem Falle tritt die Glückliche nicht nur in den gleichen, sondern noch in einen höhern Rang als der der sieben Frauen, die dem Sultan vielleicht keinen Erben geboren haben und erhält den Namen Sultanin Chasseki; beschenkt sie ihren Herrn noch gar mit einem Prinzen, der sein Nachfolger wird, so kann sie es bis zum höchsten Range im Harem, zur Sultanin Valide, Mutter des regierenden Sultan's, bringen und beherrscht nicht selten von den Polstern ihres Gemaches den Sultan und das Land. Die andern Odalisken, denen kein solches Glück zu Theil wird, fühlen sich in der Regel in ihrer Sklaverei nicht unglücklich und die des Sultans sind wenigstens froh, diesem zu dienen und nicht vielleicht in den Harem irgend eines Paschas oder gar in den eines obersten Verschnittenen gekommen zu sein; denn auch diese haben einen Harem, der sogar, wie ich aus einer glaubwürdigen Quelle erfuhr, öfters aus Weibern und Knaben besteht; doch versteht sich von selbst, daß dieser Harem nur zum Staate gehalten wird, wie dieses im Morgenlande von der ältesten Zeit her üblich ist. So war nach der geschichtlichen Ueberlieferung der Araber, Perser und Türken, Putifar, der Oberschatzmeister des Pharao, ein Eunuche, und seiner Gemahlin, Suleicha, brennende Liebe für den schönen Jussuf erscheint dadurch in milderem Lichte. Hammer, Gesch. d. v. R. V. Th. Im Allgemeinen muß man nicht glauben, daß sich die dritte und vierte Frau eines Türken deßhalb unglücklich fühle, weil sie die dritte oder vierte ist; im Gegentheil ist sie entzückt darüber, denn ein Mann, der schon drei Weiber hat und sie zur vierten nimmt, muß von ihren Reizen bezaubert sein, und dieselben höher halten, als die seiner andern Weiber. Die liebsten Träume unserer Mädchen sind, einstens einen Mann zu bekommen und die der Türkinnen, als Frau oder Odaliske zu einem Mann zu kommen. Ländlich, sittlich. Und da letztere keine großen Ansprüche machen, warum sollten sie nicht glücklich sein. Ein Divan, um sich darauf bequem zu legen, etwas Spielzeug wie das unserer Kinder, und sonstige Kleinigkeiten, um sich die Zeit angenehm zu vertreiben, ein Springbrunnen, dessen Plätschern sie einschläfert – Herz, was verlangst du mehr? Aus dem Theatersaal treten wir in einen langen dunkeln Gang, und sind im eigentlichen Harem. Hier im obern Stockwerk wohnen die Frauen des Sultans in kleinen Gemächern, in denen sich Divans und Ruhebette befinden. An den Wänden sind zierlich geschnitzte Schränke von vergoldetem Holz mit kleinen Spiegeln eingelegt oder von hartem dunklem Holz mit Perlmutter verziert, in welchen die Damen ihre Schmucksachen, Kleider und das Toilettengeräth aufheben. Eine Verzierung der Wände, die man in diesen Gemächern am häufigsten antrifft, ist die Personbeschreibung der Propheten mit Perlmutterschrift, meist auf himmelblauem Grunde eingelegt. Sie ist auf jeder Wand einige Mal, so daß man sie beständig vor Augen hat. Herr von Hammer sagt hierüber: Der Text dieser Beschreibung, der auch auf den von Frauen getragenen Gürteltalismanen häufig vorkommt, vertritt hier die Stelle des gemalten Porträts, das der Islam verwehrt, und schwebt den Sultaninnen als Schönheitsideal vor, um durch die wiederholte Lesung derselben das Bild des Propheten im höchsten Glanze der Schönheit und Vollkommenheit ihrer Einbildungskraft, und durch dieselbe dem Unterpfand der Liebe in ihrem Schooße einzuprägen. Diese Inschrift vertritt also in den Gemächern schwangerer Sultaninnen die Stelle der Statuen des Apollo von Belvedere, oder der mediceischen Venus, welche zu diesem Behufe in europäischen Schlafgemächern aufgestellt sein könnten. In Perlmutter eingelegt, hat sie die Bestimmung, die lesende Sultanin zur Perle der Mütter zu erheben, und deßhalb findet sie sich hauptsächlich auch in dem Gemach der Sultanin Balide, der Mutter des regierenden Sultans, welche dem plastischen Segen derselben vielleicht die Ehre ihres gegenwärtigen Hofstaats und Ansehens verdankt. Diese talismanische Personbeschreibung lautet folgendermaßen: »Es ist kein Gott als Gott, und Mohamed ist Gottes Prophet; der Vortrefflichste war braun und weiß zugleich; mit langen dünnen Augenbrauen; glänzend von Angesicht; in voller Reife des männlichen Alters; dunkeläugig; von ehrwürdiger Stirne; kleinen Ohren; gebogener Nase; mit von einandergetrennten Zähnen; runden Gesichtes und Bartes; langhändig; feinfingerig; von vollkommenem Wuchse; ohne Haare auf seinem Bauche, ausgenommen eine Linie von der Brust bis zum Nabel, und zwischen seinen Schultern das Siegel des Prophetenthums (ein großes Muttermahl ), worauf geschrieben stand: Wende dich wohin du willst, so folgt dir der Sieg.« Im untern Stockwerk wohnen die Odalisken oder Sklavinnen, deren Anzahl unbestimmt, aber meistens sehr groß ist, in langen großen Sälen, wo jedesmal ein paar hundert zusammen schlafen oder vielmehr zusammen eingesperrt werden; denn an beiden Seiten dieser Säle sind zwei Stiegen, die, sobald die Odalisken sich auf Befehl ihrer Aufseher zurückgezogen haben, durch große schwere Fallthüren und eiserne Riegel verschlossen werden. Diese Gemächer sind nicht sehr brillant eingerichtet, ungefähr wie die Kasernenstuben bei uns. Mehrere dieser Sklavinnen haben jedesmal zusammen einen kleinen Kasten, der blau oder roth angestrichen ist. Diese Behälter, in denen sie ihre Habseligkeiten bewahren, stehen einander in zwei Reihen an den langen Wänden des Saales gegenüber und lassen in der Mitte einen Gang frei. An den Fenstern befinden sich breite Divans, auf denen stets fünfzehn bis zwanzig Odalisken zusammen schlafen. Durch den Gang, an dem die Gemächer der Sultaninnen liegen, gehen wir zurück in den Theatersaal und auf der Stiege, wo wir hinaufgegangen, wieder hinab in den Gang am Kanonenthor, auf dessen anderer Seite wir zur ebenen Erde noch die Gemächer und Bäder der Sultanin Valide sahen, die fast ebenso eingerichtet sind, wie die Wohnungen der Sultaninnen. Dann stiegen wir noch in den obern Stock des Haremliks über der Wohnung der Sultanin Valide, wo sich die Staatsgemächer des Sultans befinden: der Thronsaal, der Audienzsaal und prächtige Bäder. Der schon stark hereinbrechende Abend erlaubte uns nicht, die Säle genauer zu besehen. Wir gingen noch durch eine schmale sehr schöne Gallerie in den sogenannten Marmorkiosk, von Sultan Selim erbaut, und ließen uns hier einen Augenblick am Fenster nieder, von wo uns die letzten Lichter des Tages noch eine prachtvolle Aussicht auf die Propontis, den Bosporos und das goldene Horn gewährten. »Indessen war die Sonne schlafen gangen.« Die Wellen färbten sich dunkel; einzelne Kaiks zogen langsam vorüber, Handwerker und Kaufleute aus den jetzt verschlossenen Bazars nach ihren Häusern in Pera, Galata und Skutari bringend – die Abenddämmerung stritt sich noch mit den Lichtern im Leuchtthurm und hielt sie wie mit einem Nebel überzogen, den der Schein der Lampen noch nicht durchdringen konnte. Unser Führer rasselte laut mit seinen Schlüsseln, uns an den Abschied mahnend. Wir traten durch das Kanonenthor in's Freie, und fanden glücklicherweise noch einen Kaikschi, der uns übersehend einen langen Umweg über die neue Brücke ersparte. Oefters blickten wir zurück zu den dunklen Massen der Paläste und Bäume, die uns gleich einem verschwindenden schönen Traume mit jedem Ruderschlage undeutlicher wurden und weiter zurücktraten. – Ja, es war mir wie ein Traum, denn ich hatte in den Paar Stunden so viel Schönes und Wunderbares gesehen, daß das Herz es nur wie Traumgestalten in undeutlichen Umrissen auffassen konnte, und ich fürchte, ich habe es hier so wiedergegeben. II. Von der Landseite. Die Erlangung eines Fermans, um in das neue Serail von der Landseite bis zum Thore der Glückseligkeit zu dringen, ist leicht. Herr von C. verschaffte ihn uns, und wir zogen am andern Morgen aus, auch dies Denkmal alter und neuer Baukunst zu besehen. Durch eine Menge schmutziger Gassen und armseliger Stadtviertel, die wir bisher noch nicht betraten, kamen wir bei dem Portal der Aja Sophia vorbei und traten auf einen kleinen, unregelmäßigen Platz, der von dieser und den Mauern des neuen Serails umschlossen wird, den Serai Meidan. In der Mitte desselben steht eines der vielen zierlichen Brunnenhäuschen, die man überall findet, und hier quillt das beste Wasser der ganzen Stadt, weßhalb auch täglich viele silberne Flaschen voll zum Gebrauch des Großherrn davon geschöpft werden. Fast mehr als alle andere Plätze Konstantinopels hat dieser eine denkwürdige Geschichte zu erzählen. Hier war früher das Forum Constantini, einer der größten Plätze des alten Byzanz; jetzt ist er fast ganz verschwunden, und die Häuser sind nach und nach zusammengerückt, den merkwürdigen Boden bedeckend, und haben alle Spuren der prächtigen Bauwerke und Bildsäulen verdrängt, die hier gestanden. Etwas weiter zurückgehend, kommen wir an eine kleine Fontaine, die in einem Winkel zwischen den Häusern liegt, die wir unbeachtet hätten liegen lassen, wenn uns nicht die Geschichtschreiber von diesem armseligen Brunnen erzählt, daß hier der Mittelpunkt des Forums gewesen sei, wo sich auf einer steinernen Unterlage von sieben Stufen die große Säule erhob, die so häufig ihre Statuen wechselte. Hier stand das silberne Bild des Kaisers Theodosius; Justinian stürzte es um und stellte auf einer Porphyrsäule seine eigene Statue zu Pferde aus Erz gegossen dahin. Das Pferd hob den linken Vorderfuß, als ob es schlagen wollte; die drei andern standen auf dem Postamente. In der linken Hand trug die Statue die Erdkugel mit dem Kreuze und streckte die rechte Hand drohend und herrschend gegen Osten aus, die Herrschaft des Kaisers über das Morgenland anzudeuten. So stand diese Bildsäule noch, als Muhamed, der Eroberer, über die Leiche des letzten Konstantins hinweg in die Stadt drang. Doch nicht damit zufrieden, blos Sieger zu sein, schnitt man diesem letzten unglücklichen Kaiser das Haupt ab und Muhamed ließ es höhnend vor die Füße dieser Statue rollen; ein Hohn, dessen Tiefe nur dann ganz gefühlt weiden kann, wenn man weiß, daß den östlichen Triumphatoren der Siegeswunsch zugerufen wird: »daß sie die Köpfe ihrer Feinde unter die Hufe ihrer Pferde treten sollen.« So werden noch heute in Persien bei öffentlichen Einzügen der Fürsten und Statthalter Kugeln und Flaschen unter die Füße des Pferdes unter dem Zuruf: »So sollst du die Köpfe deiner Feinde zertreten!« geworfen, ebenso wie an den Thoren des neuen Serails die Köpfe der aufrührerischen Paschas zu den Füßen des einreitenden Sultans rollen. Zur linken Seite des Serai Meidani erheben sich die Trümmer der sogenannten Hohen Pforte, eigentlich der Palast des Großveziers, worin die wichtigsten Angelegenheiten des Staates berathen wurden. Bei dem letzten großen Aufstand der Janitscharen und bei einer großen Feuersbrunst vor einigen Jahren ist er größtentheils zerstört worden und jetzt unbewohnbar. Von hier aus gingen die Minister der Sultane täglich zu ihrem Herrn durch das Thor der Glückseligkeit, das ihnen indeß öfters zu einem Thor des Todes wurde. So blieben z. B. die Minister Sultan Selims kaum einen Monat im Amte, und es war damals eine bei den Türken übliche Verwünschungsformel: »Mögest du Sultan Selims Vezier sein!« Von einem derselben, dem Großvezier Piribascha, erzählt Hammer, daß, als er eines Tags seinen gestrengen Herrn bei guter Laune fand, er es sich als eine Gnade ausbat, wenn ihn der Sultan wolle hinrichten lassen, möge er es ihm doch wenigstens einen Tag vorher sagen, damit er sein Testament machen könne; worauf ihm Selim lachend erwiderte, offenherzig gestanden, ginge er schon lange mit dem Gedanken um, ihm den Kopf abschlagen zu lassen, und er würde gern seine Bitte erfüllen, wenn er nur gleich einen Andern hätte, den er an seine Stelle setzen könnte. Durch die kaiserliche Pforte, einen hochgewölbten Thorweg, an dem zu beiden Seiten die verdächtigen runden Steine stehen, auf denen die Köpfe der Enthaupteten zur Schau ausgestellt wurden, traten wir in den ersten Hof des Serails. Hier werden die Wachen von gewöhnlichen Thorwächtern, Kapitschi, gethan, doch haben sie nicht mehr ihr früheres Costüm, sondern sind wie die Kawaschen der Gesandten gekleidet, im blauen Ueberrock, das Feß auf dem Kopfe und um den Leib zwei Taschen geschnallt, in denen Pistolen stecken. In diesem ersten Hofe befindet sich links die im Jahr 1726 erbaute neue Münze, die massiv in Steinen aufgeführt wurde: aus dem von einem türkischen Geschichtsschreiber angeführten Grunde, um den anziehenden fremden Gesandten durch den Anblick dieses steinernen Gebäudes einen vortheilhaften Eindruck beizubringen. Neben der Münze ist die alte Kirche der heiligen Irene, jetzt das Zeughaus des neuen Serails. Es ist ungefähr eingerichtet wie die unsrigen, nur daß die ans Säbeln, Pistolen und Flinten zusammengestellten Pyramiden und andere Figuren sehr geschmacklos sind. Die Gänge bestehen aus Mosaikpflaster von kleinen Kieselsteinen. Einige merkwürdige alte Waffen sollen sich hier befinden, unter andern die Rüstung des sorbischen Fürsten Milosch Kobilovich, der den Sultan Murad den Großen in der Schlacht auf der Ebene von Kossova in seinem eigenen Zelte ermordete. An den Wänden hingen eine Menge sonderbarer Helme und Pickelhauben, wahrscheinlich in früherer Zeit in den Kriegen mit den Tartaren und Mongolen erbeutet. Auch zeigte man uns Harnische aus den Zeiten der Kreuzzüge; doch da es hier nicht wie bei uns in derartigen Anstalten einen Führer gab, um uns diese Sachen zu erklären, so mußten wir viele gewiß merkwürdige Stücke unbeachtet lassen. Etwas, dessen Gebrauch der uns begleitende Artillerieoffizier erklärte, waren in einem besondern Gemach aufgestellte große Schwerter, die der edle Türke mit inniger Freude herumschwang, um uns anzudeuten, daß sie zum Kopfabschlagen dienten. Auf der rechten Seite des ersten Hofes befinden sich das Krankenhaus, die Kasernen der Baltadschi – Hausknechte des Serails – und vor diesen Gebäuden ist ein freier, mit Rasen bedeckter Platz, wo sich die Pagen des Serails am dritten Festage des Beyrams in Gegenwart des Sultans im Werfen des Dscherits üben. Nachdem wir diesen Hof durchwandert, kamen wir an ein Thor, welches in den zweiten Hof führt und das Mittelthor, auch Orta-kupa, heißt. Rechts vor dem Eingang dieses zweiten Thores ist der große berühmte Mörser, in welchem, wie die Sage erzählt, die zum Tode verurtheilten Muftis oder Rechtsgelehrten zerstoßen wurden. Wenn schon das kaiserliche Thor, zu welchem wir in's Serail getreten, durch die rechts und links aufgestellten blutigen Köpfe auf den Eintretenden einen unangenehmen Eindruck machten, so nahte sich doch jeder, den seine Pflicht in diese Höfe rief, mit größerer Angst dem Mittelthore; denn unter diesem ist das Gemach des Henkers. Hier wurden die Beamten des Reichs, die Veziere und Pascha's, die sich eines Vergehens schuldig gemacht hatten, oder wenn es der bösen Laune ihres Gebieters gerade so gefiel, von den Henkersknechten ergriffen, enthauptet oder in das am Ufer des Hafens befindliche Gerichts-Kiosk gebracht, wo sie durch bereit liegende Schiffe in die Verbannung geführt wurden. Eine der Hausordnungen des Serails ist, daß jeder, selbst die höchsten Würdenträger des Reichs, so wie die fremden Gesandten und Botschafter, hier bei einem aufgerichteten Steine, der Binek Taschi – Vortheil der Reitschule – heißt, vom Pferde steigen muß und zu Fuß in das Mittelthor gehen. Dieser Gebrauch ist wahrscheinlich deßwegen hier eingeführt, damit keiner der Unglücklichen, die unbewußt des Schicksals, das ihrer harrt, in diesen Thorweg treten, beim Anblick der Henker den Versuch machen kann, sich durch die Schnelligkeit seines Pferdes zu retten. Ein anderer unangenehmer und demüthigender Gebrauch für die fremden Gesandten war es, daß sie sich eine Zeit lang am Thore dieses Henkergemachs ohne Stuhl und Sitz aufhalten mußten. Von dem Mittelthor gingen wir auf einem gepflasterten und mit Bäumen besetzten Wege nach dem Eingange des dritten oder innersten Hofes des Serails – Babi seadet – Thor der Glückseligkeit genannt, an dem weiße und schwarze Verschnittene die Wache halten. Diese sind noch mit dem Kaftan bekleidet und haben auf dem Kopfe eine spitzige Mütze mit einem Busche von Pfauen- und andern glänzenden Federn. Auf der rechten Seite dieses zweiten Hofes sind neun verschiedene Küchen für den Sultan, die Sultanin Chasseki und Valide, den obersten schwarzen und weißen Verschnittenen, Kislar Agassi, und Kapu Agassi, den Schatzmeister und Präfect des Serails. Gegenüber diesen Küchen sind die Zuckerbäcker und Sorbetbereiter des Serails. Vor diesen Küchen wurden an Audienztagen große Schüsseln mit Pillau aufgestellt, auf welchen die in dem Hofe sich befindenden Janitscharen auf ein gegebenes Zeichen beim Eintritt der fremden Gesandten rasch losstürzten, was als ein Beweis ihrer Zufriedenheit angesehen wurde. Waren diese übermüthigen Knechte jedoch mit dem Sultan selbst oder irgend einer fremden Macht unzufrieden, so blieben sie stehen und rührten die Gerichte nicht an. Darauf wurden sie ausgezahlt, wobei die Schatzmeister viel mit ihren Geldsäcken klapperten, um den Gesandten einen guten Begriff von dem Reichthum des Großherrn beizubringen. Sobald dieselben auf diese Art der Speisung und Ablöhnung beigewohnt, wurden sie bis vor das Thor der Glückseligkeit geführt und der Großvezier suchte bei dem allerhöchsten Steigbügel um die Gnade nach, »ob der fremde Gesandte, nachdem er gespeist und gekleidet worden, seine Stirne in den Staub der Füße sultanischer Majestät reiben dürfe.« Die Andeutung des gespeist und gekleidet werden kommt daher, daß der Gesandte in einem Gebäude rechts am zweiten Hofe mit dem Großvezier an einem kleinen runden Tische einiges Backwerk genoß und ihm darauf, damit er würdig vor dem Auge des Sultans erscheine, ein Ehrenkaftan umgehängt wurde. Nach diesen Ceremonien öffnete sich das Thor der Glückseligkeit und der Gesandte wurde in den Audienzsaal geführt, wo zwei Kämmerer seine Arme faßten, ihm mit ihren Händen den Kopf niederdrückten und auf eine so handgreifliche Weise zu einer Verbeugung zwangen. Auch wir gelangten bis hinter das Thor der Glückseligkeit und in den Audienzsaal. Dies ist ein nicht sehr großes, mit Teppichen belegtes Gemach; seine Wände sind mit goldgestickten Stoffen bekleidet und hie und da mit Figuren, aus gefaßten Edelsteinen bestehend, verziert. Der Thron ist ein kleiner Divan, über dem vier mit Edelsteinen besetzte Säulen einen Baldachin tragen. Das Gemach hat nur ein einziges vergittertes Fenster, das kaum so viel Licht hereinläßt, um die kostbaren Stickereien der Wände und die blitzenden Juwelen zu unterscheiden. Hinter diesem Audienzsaal fangen die Gebäude des innern Winterharems an, wohin bis jetzt außer Aerzten noch kein Europäer gedrungen ist. Auch wir mußten hier umkehren, nachdem wir noch zuvor einen neugierigen Blick aus dem Fenster dieses Saales in die daranstoßenden Gärten geworfen hatten. Doch sahen wir nichts als Gruppen von Platanen und Cypressen, unter denen die glänzenden Dächer verschiedener Kioske hervorschimmerten. Alles war da ruhig und still; nur eine kleine Fontaine, die nicht fern von uns ihr Wasser in die Höhe warf, murmelte geschwätzig und hätte uns vielleicht viel erzählen können, wenn wir ihre Sprache verstanden hätten. Das Thor der Glückseligkeit schloß sich wieder hinter uns zu, und wir gingen über beide Höfe zurück durch die kaiserliche Pforte auf den Serai Meidani, um nach Pera zurückzukehren. Viertes Kapitel. Schiffbruch des Dampfbootes Seri-Pervas. Abreise von Konstantinopel. – Die Stadt im Schnee. – Stürmisches Wetter. – Nebel. – Einschiffung türkischer Soldaten. – Der Seri-Pervas – »Schiffbruch und Tod ist unser Loos.« – Unglück des Dr. B. – Heftige Bewegungen des Schiffes. – Unser Nachtrab. – Seesturm. – Schiffbruch. – Das Verdeck. – Versuche zur Rettung. – Unglücksfälle bei derselben. – Das Dorf Armudköi. – Pillau mit Seife. – Räubereien der Türken. – Das Dampfboot Ludovico. – Rückkehr nach Konstantinopel. Je näher der Zeitpunkt heranrückte, auf den wir unsere Abreise von Konstantinopel bestimmt – es war gegen Ende November – um so häufiger forschten wir bei unsern Bekannten, ob die durch den Krieg mit Mehemed Ali gestörte Communication zwischen der europäischen Türkei und Syrien nicht wieder hergestellt wäre. Obgleich wir nun von Tag zu Tag mit der Nachricht vertröstet wurden, es könne nicht mehr lange anstehen, daß die Dampfschiffe des Lloyd, die früher zwischen Alexandrien, Jaffa, Beirut und Konstantinopel fuhren, ihre Touren wieder beginnen würden, so war doch all unser Spähen vergebens. Es kamen und gingen wohl viele Dampfboote, aber entweder waren sie von der Donaugesellschaft und kamen von dem schwarzen Meere her, um dahin zurückzukehren, oder es erschienen englische Dampffregatten, die den Mittag einliefen, ihre Depeschen so rasch wie möglich wechselten und oft, ehe wir noch Zeit gehabt hatten, uns nach ihnen zu erkundigen, wieder nach Beirut, wo sich die Flotten befanden, zurückkehrten. Um den Weg zu Land durch Kleinasien nach Syrien zu machen, hätten wir, besonders unter den jetzigen Zeitverhältnissen, gewiß an zwei Monate gebraucht, und dazu obendrein noch einen äußerst unangenehmen und beschwerlichen Marsch gehabt. So waren wir wirklich wegen unsers Fortkommens von Konstantinopel in einiger Verlegenheit und unterhielten uns eines Abends ziemlich mißmuthig von diesen Hindernissen. Wir warteten mit dem Essen auf unsern lieben Reisegefährten, den Oberstlieutenant Philippowich, den seine Geschäfte im östreichischen Gesandtschaftshôtel heute etwas länger als gewöhnlich zurückhalten mochten, als derselbe plötzlich mit dem freudigen Ausruf in die Stube trat: »Meine Herren, es ist eine sehr günstige Gelegenheit da, um uns nach Beirut zu schaffen.« Wir sprangen ihm überrascht entgegen und hörten von ihm, daß die türkische Regierung von der östreichischen Dampfschifffahrtsgesellschaft ein Boot gemiethet habe, um fünfhundert Mann türkischer Infanterie nach Beirut zu bringen. Diese Soldaten wurden natürlich mit ihren Offizieren auf dem Verdeck placirt und für den Oberstlteutenant, sowie für den Grafen Szechenyi, der ebenfalls noch Etwas von dem Feldzug in Syrien genießen wollte, hatte man die Damenkajüten bestimmt, und uns würde man, wie der Oberstlieutenant glaubte, da in den Kajüten noch Platz genug sei, die Ueberfahrt ebenfalls gerne bewilligen. Da die Abfahrt auf übermorgen Abend bestimmt war, traf der Baron am folgenden Morgen gleich alle Anstalten, um bei den betreffenden Behörden die Erlaubnis; zur Mitfahrt zu erhalten, was ihm bei den vielen Bekanntschaften und Empfehlungen, die er hier hatte, nicht schwer wurde. Jetzt wurde gepackt und unser Reisegeräthe gemustert, wobei sich vieles Schadhafte von unserer türkischen Landreise her vorfand, was noch heute reparirt werden mußte. Auch eilte jeder, noch kleine Einkäufe zu besorgen, die wir unkluger Weise bis auf den letzten Tag verschoben hatten. Während unsers ganzen Aufenthalts in Konstantinopel hatten wir das herrlichste Wetter von der Welt; doch heute am 1. December änderte sich die Temperatur so bedeutend, daß der Thermometer, der sich immer zwischen fünfzehn und siebenzehn G. R. über Null gehalten hatte, in der Nacht plötzlich auf zwei G. R. unter Null herabsank. Auch hatte sich gegen Morgen ein heftiger Wind erhoben, der uns ein lustiges Schneegestöber brachte, das im Lauf des Tages die Häuser und umliegenden Berge mit einer dünnen weißen Decke überzog, für Konstantinopel gewiß ein seltenes Schauspiel. Von unserer guten Wirthin, der Madame Balbiani und ihren liebenswürdigen Kindern, die uns nicht wie Fremde, sondern wie Hausgenossen und Verwandte behandelt hatten, nahmen wir den herzlichsten Abschied und stiegen nach Top-Chana hinunter, wo das Dampfboot – es war der Seri-Pervas (»Schnellläufer«) in der Mitte des goldenen Horns vor Anker lag. Nie hatte ich das Wasser in dem sonst so ruhigen Hafen in solcher Aufregung gesehen; die kleineren Kaiks verließen das Ufer und bargen sich zwischen die Häuser und Schiffe; nur einige der größten waren noch da, die aber von den bewegten Wellen so in die Höhe geworfen und hin und her geschaukelt wurden, daß es uns erst nach langer Anstrengung gelang, unsere Effekten, als Koffer, Mantelsäcke etc. in zwei derselben zu bringen. Wir ruderten nach dem Schiffe und fanden draußen die Bewegung der Wellen noch ungleich stärker, als am Ufer, so daß wir trotz der hülfreichen Hand der Matrosen mehrmals von dem Schiffe zurückgeworfen wurden, ehe es uns gelang, die Kaik anzulegen und unsere Effekten hinaufziehen zu lassen. Nicht ohne Gefahr folgten wir ihnen nach, da die Boote bald tief unter der Treppe des Dampfschiffes lagen, bald von den Wellen mehre Fuß hoch hinaufgeschleudert wurden. Das Schiff hatte eben erst seinen Kohlenvorrath eingenommen und noch keinen der Soldaten an Bord. Wir gingen auf dem Verdeck umher und sahen uns zum letzten Mal die schöne majestätische Stadt an, die wir nun wohl für immer verlassen sollten. Der Schnee, der wie mit einem weißen Schleier die Kuppeln der Kirchen bedeckte, verlieh dem ganzen Bilde einen eigenthümlichen phantastischen Reiz. Man ist so gewohnt, sich die Moscheen mit ihren schlanken Minarets, sowie die dunkeln Cypressen nur unter einem heiteren blauen Himmel im heißen Sonnenstrahle zu denken, daß diese orientalische Winterlandschaft mit den darüber hängenden dichten Schneewolken einen sonderbaren beklemmenden Eindruck auf das Herz machen mußte. Mir war, als sei die ganze Umgebung, Stadt und Hafen, viel stiller, denn sonst, als verwunderten sich neben den Türken, die wirklich erstaunt die weißen Flocken fallen sahen, selbst die leblosen Gebäude und Bäume über den kalten Schleier, der sich über sie gebreitet. Der Kapitän, Herr L., der mit großen Schritten auf dem Radkasten umherging und in das wogende Meer hinaus sah, begrüßte uns freundlich, theilte uns aber gleich seine Besorgniß mit, daß wir während der Nacht einen heftigen Sturm haben könnten. Wirklich wurde das Wetter auch von Minute zu Minute unangenehmer; das Schneegestöber, mit Regen untermischt, begann auf's neue und heftiger als heute Morgen, wobei sich endlich der Nebel herabsenkte, so daß wir kaum die auf den Masten flatternden Fahnen erkennen konnten. Der Baron, sowie die östreichischen Offiziere, waren mit ihren Abschiedsbesuchen beschäftigt und noch in Pera geblieben, um eine Stunde später als wir an Bord zu gehen. Gegen fünf Uhr lichtete der Seri-Pervas die Anker, um nach Skutari zu fahren, wo wir die türkischen Soldaten aufnehmen sollten. Das Meer warf lange flache Wellen, die das Schiff unter so starker Bewegung durchschnitt, daß ich, der ich meine erste Seereise machte, mich schon hier im Hafen kaum aufrecht erhalten konnte. Von dem asiatischen Ufer herüber drang, so oft es die heftigen Windstöße erlaubten, eine gräßliche Militärmusik in unser Ohr, deren barbarische Klänge es den armen Soldaten, die in dichten Reihen am Ufer standen, leichter machen sollte, von der Heimath, von Weib und Kind zu scheiden. Wir warfen auf's neue Anker und die Soldaten kamen in großen Booten angefahren. Die Bekleidung dieser Leute war ziemlich gut und warm. Sie hatten dicke Tuchmäntel und über dem Feß noch eine Art Kapuze; dagegen war ihre Verproviantirung um so schlechter, indem sie für die ganze Fahrt, welche gewöhnlich sieben Tage dauert, von Seiten der Regierung nur harten Zwieback und Oliven erhalten hatten. So oft eine Schaluppe ihre Ladung bei uns abgesetzt hatte, fingen die Türken gleich an, sich so gut wie möglich häuslich einzurichten. Anfänglich drängte Alles nach der Puppa , Hintertheil, wo der Kapitän ein großes Segel hatte ausspannen lassen, als eine Art Schutzdach gegen den Schnee und den Regen. Die Leute breiteten dicht neben einander Teppiche, deren jeder einen bei sich führte, auf dem Verdecke aus, setzten sich darauf auf die untergeschlagenen Beine und begannen Tabak zu rauchen. Die ganze Einschiffung dauerte eine starke Stunde und da man statt fünfhundert, wie anfangs bestimmt war, sechshundert eingeschifft hatte, war das ganze Verdeck, trotz dem die Menschen ganz dicht gedrängt saßen oder standen, so angefüllt, daß der Kapitän sich genöthigt sah, längs der einen Schiffswand Balken und Taue ziehen zu lassen, die einen Gang für die Matrosen bildeten, denen es sonst unmöglich gewesen wäre, so schnell als es der Dienst auf dem Schiffe erfordert, hin und her zu laufen. Schon fing es an dunkel zu werden, und unsere Freunde kamen noch immer nicht; auch wurde das Schneegestöber stärker, der Wind erhob sich mehr und mehr und der Nebel war so dicht geworden, daß man von der Prouva , Vordertheil des Schiffes, kaum bis zur Puppa sehen konnte: Umstände, die unsern Kapitän veranlaßten, nach einer Berathung mit seinen Offizieren einen derselben an's Land zu schicken, um bei dem Pascha, der die Einschiffung befehligt hatte, die Erlaubniß auszuwirken, wegen des ungünstigen Wetters die Abfahrt bis morgen zu verschieben. Doch umsonst. Der Pascha, ein brutaler Türke, wollte nichts von Aufschub hören und ließ dem Kapitän sagen, das Schiff wäre zur Abfahrt auf heute gemiethet und er solle seine Pflicht thun. Daß unsere Freunde noch immer nicht kamen, setzte sowohl den Kapitän wie uns etwas in Verlegenheit. Ersterer ließ auf's neue die Anker lichten und fuhr mit halber Kraft in einem großen Bogen nach Top-Chana zurück, um das Boot mit denselben, im Fall es sich in dem Nebel verirrt hätte, aufzusuchen. Auch ließ er mehrere Schüsse thun und wir standen an der Puppa und spähten umher. Endlich sahen wir ein Boot mit einer rothen Flagge gegen uns kommen, das die Wellen gewaltig auf- und abwarfen. Bald schwebte es hoch auf einer Woge, bald entschwand es uns gänzlich, und so dauerte es noch eine ziemliche Zeit, bis es anlegen konnte. Als die Freunde wohlbehalten an Bord gestiegen waren, ließ der Kapitän das Schiff wieder wenden, und eilte mit der vollen Kraft der Maschine in's Marmormeer hinaus. Wir aber stiegen in die Kajüte hinab, um das für uns bereitete Souper einzunehmen. Außer den beiden östreichischen Offizieren, die ich genannt, machte nur noch ein Herr S., östreichischer Dolmetscher bei der Pforte, die Reise mit uns, so daß wir in den Kajüten Platz genug hatten; besonders da der Kommandeur der türkischen Truppen beständig im Hintergrund der Kajüte auf seinem Teppich lag. Alle andere Offiziere, worunter sogar ein Oberstlieutenant und zwei Majors türkischer Währung sich befanden, waren vorne in der zweiten Kajüte. Bei Tische erschien der Kapitän, Herr L., ein sehr liebenswürdiger gebildeter Italiener, für einige Augenblicke mit einem andern Passagier, den wir bis dahin nicht bemerkt hatten. Letzterer war ein ungemein langer und magerer Mensch, seinem Titel nach Agent der Dampfschifffahrtsgesellschaft und unser Nachtrabe ; denn jede seiner Reden war entweder eine böse Prophezeiung für die kommende Nacht, oder eine Erzählung über die schlechte Disciplin der türkischen Truppen. So sagte er unter Anderem: man habe für den Truppentransport diesmal ein Dampfboot gewählt, weil schon zweimal der Fall vorgekommen sei, daß die auf gleiche Art an Bord eines Segelschiffs gewesene Mannschaft sich empört, den Kapitän gezwungen habe, sie wieder an's Land zu setzen und alsdann desertirt sei; Thatsachen, die wir später bestätigen hörten. Bei einem Dampfboot aber, setzte er hinzu, sei dergleichen nicht zu befürchten, indem ihre Scheu vor der Maschine sehr groß wäre und sie den Kapitän, der diese zu leiten wisse, beinahe für ein übernatürliches Wesen ansähen. Daß es eine ziemlich zügellose und wilde Bande sei, die über unsern Köpfen lagerte, hatten wir schon heute Abend hinreichend Gelegenheit zu erfahren; denn einige attakirten den Kellner, oder vielmehr die Suppenschüssel, die dieser auf unsern Tisch brachte; eine Frechheit, bei der schon Vermuthungen aufstiegen, was es wohl geben könnte, wenn uns mit diesen sechshundert Menschen an Bord irgend ein Unglück zustieße. Während dem Essen wurde das Schwanken des Schiffes so stark, daß einige Mal die Gläser und Flaschen über einander fielen. Für Einige von uns, worunter auch ich, die zum ersten Mal eine Seereise machten, war dies Wetter sehr geeignet, die fast unvermeidliche Seekrankheit schnell und stark herbeizuführen. Sogar die, welche schon das Meer kannten, machten die ungewöhnlichen Stöße unwohl, und es war komisch zu sehen, wie einer nach dem Andern aufstund und sich an den Wänden festhaltend, um nicht hinzustürzen, sein Bett suchte. Ich für meine Person hatte das ungewöhnliche Glück, in Gesellschaft des Oberstlieutenauts Philippowich, und des Grafen Szechenyi, ohne unwohl zu werden, bis zu Ende dem Souper tapfer zusprechen zu können, obgleich zuweilen Stöße kamen, die unsere Stühle zwei bis drei Fuß vom Tische entfernten. Gegen zehn Uhr stieg ich noch einmal aufs Verdeck, um mich umzusehen; doch verhinderte die ungewöhnliche Finsterniß der Nacht jede Aussicht. Das Schneegestöber, mit Regen untermischt, hatte sich verstärkt und wüthete unter den Soldaten, die ohne Dach – das Ausgespannte Segel hatte man, da der Wind zu heftig wurde, wegnehmen müssen – auf dem Verdeck dem ganzen Unwetter Preis gegeben waren. Viele dieser armen Menschen waren in die Magazine gekrochen, andere saßen und lagen auf den Treppen herum und überall, wo sie nur das geringste Obdach fanden. Trotzdem war das Verdeck noch so überfüllt, daß die Matrosen und Steuerleute kaum ihre Arbeit verrichten konnten, und sie hatten heute Nacht alle Hände voll zu thun. Der Nordwestwind, der uns stark in die rechte Seite blies, so daß das Schiff mit aller Kraft der Maschine seinen Cours kaum halten konnte, wurde von Minute zu Minute heftiger. Auch wogte das Meer immer stärker auf und spritzte leichte Wellen auf's Verdeck, weßhalb ich mich so rasch wie möglich wieder in die Kajüte zurückzog. Zum Schlafen hatten wir die Damenzimmer eingenommen, die aus zwei Kabinetten bestanden, das eine mit sechs, das andere mit vier Betten. Außerdem waren zu beiden Seiten der großen Kajüte noch acht Zimmerchen, jedes mit zwei Betten, woraus man ungefähr auf die Größe dieses schönen Schiffes schließen kann. In allen seinen Theilen war es auf das Eleganteste eingerichtet; doch konnte der Sachverständige einen großen Fehler an ihm entdecken, nämlich den, daß die Maschine von hundertundzwanzig Pferdekraft viel zu schwach war für den großen Körper des Bootes. Schon bei Uebernahme des Schiffes im vorigen Jahre – es war erst gegen Ende 1839 in Triest vom Stapel gelaufen – hatte unser jetziger Kapitän der Dampfschifffahrtsgesellschaft dies Mißverhältniß zwischen Maschine und Fahrzeug auseinander gesetzt, um sich gegen alle Folgen zu verwahren, zugleich erklärte er, bei seiner jetzigen Construction sei er überzeugt, daß sich das Schiff bei einem starken Sturm nicht gegen Wind und Wellen erhalten könne. Diese kleinen Details gab uns der Nachtrabe mit zu Bette und verließ uns mit einem bedenklichen: Nous verrons, nous verrons! Alles lag schon in den Betten, außer dem Grafen Szechenyi und mir. Ich weiß nicht, ich konnte mich nicht dazu entschließen, in den niedrigen Kasten zu kriechen. Wir saßen auf einem der Sophas in der Damenkajüte und sangen allerlei Lieder, unter andern den Refrain aus dem Liede des Zampa, worauf wir sonderbarer Weise immer wieder zurückkamen und der lautet: »Schiffbruch und Tod – ist unser Loos.« und trieben das so lange, bis uns die Andern aus ihren Betten heraus ernstlich ermahnten, mit unsern für die jetzigen Verhältnisse wirklich gottlosen Liedern einzuhalten und den Teufel nicht an die Wand zu malen. Und wirklich war unser Gesang eine böse Vorahnung, für den armen Szechenyi in doppelter Hinsicht; denn nachdem ihn das Meer verschont und er später wieder glücklich Konstantinopel erreicht hatte, führte ihn sein Geschick nach Damaskus, wo er an der Pest starb. Unterdessen begab ich mich, nicht ohne viele Mühe, in mein niederes Bett, wobei ich so wenig wie die Andern an irgend ein Unglück dachte, daß wir uns ganz wie zu Hause ausgezogen hatten, auch heiter und guter Dinge waren. An Schlafen war freilich nicht zu denken, vielmehr mußte man sich mit beiden Händen festhalten, um von den starken Stößen nicht aus dem Bette geschleudert zu werden. Dabei fing das Schiff an, sich auf eine wirklich beunruhigende Art zu bewegen und ganz entsetzlich zu krachen. Bald war die Seite, auf der wir lagen, hoch in der Luft und wir sahen förmlich auf unsere Gefährten hinab, bald stiegen diese und wir befürchteten nur, wenn sie so über uns schwebten, es möge einer aus seinem Bette fallen, der dann wahrscheinlich ohne Gnade auf uns gestürzt wäre. Je heftiger diese Schwankungen des Schiffes wurden, je stärker wurde das betäubende Getöse und schnitt uns die Worte vom Munde ab. Die Bretter und Balken, aus denen das Schiff gebaut war, dehnten und bewegten sich knarrend und stöhnend. Kein Stück des Schiffes, kein Tau, kein Holz, kein Metall schwieg, jedes gab seinen Ton des Schmerzes von sich; draußen schlugen die Wellen mit einem unglaublichen Gepolter an die Seiten des Schiffes. Neben diesem furchtbaren Ernst, den Meer und Wind zu machen schienen, fehlte es unserer Kajüte nicht an komischen Scenen, die Lachen erregen mußten. So öffnete eine Woge die kleine Luke über dem Bette des Oberstlieutenant Phlippowich und goß einen phosphorisch leuchtenden Wasserstrahl hinein, und als er aufsprang, um sein Lager von Neuem zu ordnen, ließ er bei dieser Beschäftigung sein Bett mit den Händen los und rutschte unaufhaltsam bis an die andere Seite des Zimmers. Lange brauchte er dazu, um sein Lager wieder zu erreichen, und so oft er einige Schritte vorwärts gethan hatte, warf ihn ein neuer Stoß des Schiffes wieder zurück. Auch konnte ihm Niemand von uns helfen; denn sowie einer seine Bettwände losgelassen hätte, würde es ihm ebenso ergangen sein. Viel schlimmer noch aber erging es unserm kleinen Doctor B. Ein natürliches Bedürfniß, gegen das er lange angekämpft hatte, zwang ihn endlich, sein Bett zu verlassen und ein kleines Gemach zu besuchen, das sich neben unserer Kajüte befand. Nicht ohne große Mühe öffnete er die Thüre desselben, die ein neuer Stoß des Schiffes hinter ihm dergestalt wieder in's Schloß warf, daß beide Klinken davon flogen. Jetzt hörten wir lange Zeit nichts von ihm; doch glaubte jeder, er liege wieder in seinem Bett. Plötzlich schrie uns der Oberstlieutenant mit aller Kraft seiner Stimme zu: er höre neben sich etwas klopfen, könne jedoch nicht begreifen, was es sei. Jetzt fiel mir auf einmal unser Doctor bei. Ich rief seinen Namen, und als ich keine Antwort bekam, sprang ich aus dem Bette und lavirte nach der Gegend hin, wo jene kleine Thüre war. Sie war fest verschlossen und wirklich hörte ich hinter derselben die klägliche Stimme unseres Freundes; mehrere Male ließ ich mich nun mit dem Rücken gegen die Thüre fallen, bis sie endlich zusammenbrach und ich so den armen Doctor aus seinem Gefängniß erlöste. Ihm war es indessen sehr schlecht ergangen. Die beständigen Bewegungen des Schiffes hatten ihn in dem kleinen Gemache wie eine Erbse in der Schote herumgeschüttelt und am ganzen Körper braun und blau zerschlagen. Obendrein hatte das Wasser an der Einrichtung dieses geheimen Gemachs etwas zerbrochen und jede Welle führte einen Strom Wasser hinein, der sich an der Decke brach und dann auf den Unglücklichen herabfiel. Ein Beamter in Konstantinopel hatte uns gesagt: Wenn Sie einstens einen Seesturm erleben sollten, kann es Ihnen ein Zeichen sein, daß er heftig wird, sobald die Stühle in der Kajüte umherspazieren; und ich dachte jetzt lebhaft an seine Worte; denn nicht nur die Stühle, sondern auch unsere sehr schweren Koffer wanderten förmlich auf und ab. Ich lag in meinem Bette auf dem Rücken, und jede Schwankung des Schiffes legte mich so stark auf die Seite, daß ich mich gegenstemmen mußte, um nicht auf das Gesicht zu fallen. Dabei waren diese Bewegungen äußerst langsam und schwerfällig; das Boot legte sich, wie schon gesagt, ganz auf die Seite und blieb einige Secunden so, dann hob es sich als wie mit vieler Mühe wieder auf. Neben dem großen Spektakel, den Wände und Geräthe in unserer Kajüte verursachten, war das Gerassel und Gepolter auf dem Decke noch ungleich toller. Zwei Kanonen hatten sich losgemacht und rollten oben auf und ab, bis sie die Brustwehr durchstoßen hatten und in's Meer gefallen waren. Dabei schrieen und heulten die Soldaten oben wild durch einander; es war eine schreckliche Nacht. Von Zeit zu Zeit erschien unser Nachtrabe und brachte schlimme Nachrichten von oben. Gegen zwölf Uhr verkündigte er uns, die Maschine, welche bei gutem Wetter zweiundzwanzig bis dreiundzwanzig Rotationen in der Minute machte, brächte jetzt kaum drei bis vier zu Stande und könne das Schiff nicht mehr gegen den mächtigen Nordwestwind halten, und obgleich unser Cours beinahe ganz West sei, würden wir doch allen Bemühungen mit Segeln und Steuer zum Trotz ganz südöstlich getrieben. Hätte uns einer der Schiffsoffiziere diese Nachricht gebracht, so wären wir vielleicht aufgestanden und hatten uns angekleidet, um bei einem etwaigen Unglück gleich bei der Hand zu sein. Doch da uns jener stets mit bösen Prophezeiungen heimgesucht, blieben wir ruhig liegen, hörten aber doch mit wachsender Unruhe den immer mehr zunehmenden Sturm, sowie das stets heftiger werdende Tosen und Klopfen der Wellen gegen die Schiffswände. Plötzlich schmetterte die hängende Lampe so gegen die Decke des Zimmers, daß sie in kleinen Stücken herabfiel und wir im Dunkeln waren. Ich sprang aus dem Bette, und war kaum im Stande, zur Thüre zu kommen, um zu sehen, ob es möglich sei, ein anderes Licht zu erlangen; doch konnte ich nicht hinaus, indem die Treppen zu unserer Kajüte, sowie der ganze Gang mit türkischen Soldaten bedeckt war. Auch drang mir ein so unangenehmer Geruch entgegen, daß ich wieder zurücktrat und mein Bett suchte. Jetzt aber ward unsere Lage wirklich auf's Aeußerste unangenehm und beunruhigend. Um uns die dickste Finsterniß, während wir auf eine nicht zu beschreibende Art zusammengeschüttelt wurden. Der Tisch in der Mitte unseres Zimmers brach und stürzte um, die Wandgetäfel fielen herab, und der künstlich zusammengefügte Boden war auseinander gegangen, so daß man sich bei dem Gehen sehr in Acht nehmen mußte, um nicht in die entstandenen Oeffnungen zu treten und den Fuß zu brechen. Ueber uns vermehrte sich das Poltern der Soldaten und wir hörten ein Getöse, wie von schweren Ketten, die hin und her geschleudert wurden. Dazwischen das Rufen und Wehklagen jener Menschen, die gewiß von Sturm und Regen gewaltig litten, und dennoch im Fall eines Unglücks besser daran waren, als wir, indem sie sich wenigstens nach Außen regen konnten, während wir so gut wie eingeschlossen waren; ein Gedanke, der für mich diese Nacht der schrecklichste war. Ging das Schiff unter, so konnten wir nicht einmal einen Versuch machen, uns zu retten, und mußten wie in einem Sacke eingeschlossen, elend ertrinken. Der Plafond unserer Kajüte mußte auch gelitten haben, denn zuweilen drang Wasser von oben herein. Ich für meine Person spürte sehr gut die großen dicken Tropfen, die mir auf meine rechte Hand und den Arm fielen und mich auf dieser Seite in kurzer Zeit durchnäßten. Doch lag ich ganz ruhig und lauschte nur auf das Rauschen der Maschine, das ich von Zeit zu Zeit, doch sehr undeutlich hörte, indem ich bei mir dachte, so lange die Räder gehen, ist dem Schiffe nichts zugestoßen und treibt es noch auf hoher See umher. Man konnte sehr gut hören, wenn der Andrang der Wellen die Räder für eine Minute oder länger gänzlich hemmte; dann wurde das Ventil an der Maschine eröffnet oder öffnete sich von selbst und der Dampf fuhr laut pfeifend mit einer Gewalt hinaus, was man trotz des Sturmes deutlich hören konnte. Dies dauerte ungefähr bis vier Uhr Morgens. Da glaubten wir Alle, die Gewalt des Sturmes habe sich gelegt und jede Gefahr sei vorüber, denn die Schwankungen des Schiffs waren weniger heftig und die Wellen lärmten nicht mehr so gewaltig wie früher; doch nur einige Augenblicke täuschte uns diese Hoffnung – ein fürchterlicher Stoß von entsetzlichem Krachen des Schiffes begleitet, erschütterte das ganze Gebäude und warf uns in den Betten hoch empor. D« Baron war der Erste, der auf den Boden sprang und mit den Worten: Wir sind gescheitert! das aussprach, was wir kaum zu denken wagten. Vergeblich horchte ich auf das Brausen der Räder, ich hörte nichts als das Heulen des Sturmes. Das Stoßen des Schiffes hatte eine ganz andere Gestalt angenommen; es war nicht mehr das Gefühl; von den Wellen hin und her geschaukelt zu werden, sondern wir fühlten, daß das Boot fest saß und von der Gewalt des Sturmes rechts und links gegen Steine oder Felsen geworfen wurde. Wie wir nun in den ersten Augenblicken rathlos und thatlos dastanden, erschallte die Stimme des langen Agenten durch den Lärmen, der uns durch die Thür zurief: »Messieurs, nous avons échoué au milieu de la mer.« Keiner konnte, ohne sich anzuhalten, aufrecht stehen bleiben. Was war zu thun? Jeder wollte sich natürlich so schnell wie möglich ankleiden, um auf das Verdeck zu kommen, weil, wenn das Schiff einen bedeutenden Leck erhalten hatte, oder von der Macht der Wellen zertrümmert worden wäre, man seine Rettung nur vom Verdeck aus hätte suchen können. Das Erste, was wir thaten, war, zur Thür hinauszudringen und uns Licht zu verschaffen. Doch war das wegen der davor liegenden Soldaten keine Kleinigkeit; besonders jetzt, wo auch sie wußten, daß uns irgend ein Unglück betroffen. Der Oberstlieutenant war der Erste, der unter sie trat, um draußen nach dem Kellner des Schiffs zu rufen. Die Türken umringten ihn augenblicklich und faßten seine Arme und Beine, wobei sie ihm in ihrer Todesangst zuriefen: Effendum Saalam war? – Herr, ist noch Rettung? Er beschwichtigte sie so gut wie möglich, und vermochte sie, sich von unserer Thür zu entfernen und den Kellner hineinzulassen, der endlich mit zwei Wachskerzen erschien. Nun galt es, aus dem Chaos von Kleidern, Stiefeln, Koffern und sonstigen Sachen das Seinige herauszufinden. Es war eine vollkommene Fischerei, denn wenn man z. B. glaubte, einen Stiefel zu haben, schleuderte ihn ein neuer Stoß des Schiffes in eine andere Ecke. Jeder zog in der Eile an, was er gerade fand, wodurch wir, da unsere Gesellschaft aus sehr großen und kleinen Leuten bestand, auf das Sonderbarste costumirt wurden. Wir versuchten, auf das Verdeck zu kommen und zu sehen, wo wir seien und was eigentlich mit dem Schiffe vorgegangen; aber die Türken drängten sich dergestalt auf Treppen und Gängen, daß es nur dem Oberstlieutenant und dem Grafen Szechenyi gelang, hinaufzudringen. Doch konnten sie nicht gleich zur Thür des Kajütenhäuschens hinaus, indem eine der schweren Ketten, die den Schornstein der Maschine hielten, zerrissen war und hin und her geschleudert wurde. Beide mußten deßhalb den Augenblick abwarten, wo sie längs der Thür flog, und dann hinausspringen. Es war dieselbe Kette, die ich in der Nacht hatte klirren hören und die, wie wir später hörten, sechs Soldaten in der Dunkelheit über Bord gerissen hatte. Natürlich waren die Unglücklichen spurlos verschwunden. Unsere beiden Gefährten kamen noch einigen Minuten zurück und berichteten uns, das Schiff sei allerdings gescheitert, doch wo, wisse man noch nicht. Man hoffe jedoch nicht weit vom Lande. Nach einer Viertelstunde kam der Agent und sagte: der Kapitän glaube in der Bucht von Mudania zu sein und da es zu vermuthen stünde, daß die heftigen Wellen das Schiff, welches zwischen großen Steinen fest sitze, in Kurzem zerschmettern, so mache er Anstalten, die Mannschaft auszuschiffen. Wir kleideten uns etwas sorgfältiger und betraten alle das Verdeck, um selbst zu sehen, was für unsere Rettung zu thun sei. Welch einen Anblick bot das Schiff! Ungefähr hundertfünfzig Schritt von einem schneebedeckten Ufer hing es zwischen Felsen, und haushohe Wellen warfen es von einer Seite zur andern. Doch nur die Spitze des Schiffes lag fest, das Hintertheil dagegen, tief im Wasser, wurde von der Gewalt der andringenden Wellen oft hoch in die Höhe gehoben. Dann fiel es wieder in's Wasser zurück und drohte durch dieses immerwährende Aufprellen in der Mitte von einander zu brechen. Jede Planke, jedes Holz ächzte, die Taue der Masten, von denen einer zerbrochen war und das Schiff mit Segeln und Tauwerken bedeckte, pfiffen durch die Luft, und Niemand konnte aufrecht stehen bleiben. Dabei das dichteste Schneegestöber, das uns im Verein mit den ungeheuern Spritzwellen, die jeden Augenblick über das Verdeck rollten, in wenigen Minuten durchnäßt hatte und ganze Klumpen Eis des auf dem Meer zusammengeballten Schnees über uns warf. Nie hab' ich später ähnliche Wellen gesehen. Donnernd brachen sie sich an den Wänden des Schiffs und fuhren daran empor, nicht selten über dem Schornstein zusammenfallend. Die Soldaten, um sich aufrecht zu erhalten, hingen an der rechten Seite des Schiffes in dichten Reihen an einander. Die ersten hatten das Geländer und die Taue erfaßt, und die folgenden hielten sich an diesen. Doch kam dann und wann ein Stoß, der diese Menschenkette aus einander riß und einen Theil der Soldaten mit unglaublicher Gewalt gegen die andere Flanke warf, wo sie sich dann mit erstarrten Händen und klappernd vor Frost wieder fest zu halten suchten. Das Verdeck war ganz bedeckt mit Waffen, Kochgefäßen und irdenen Geschirren, aufgeweichtem Zwieback und verschiedenen Sachen der Soldaten: als Pfeifen, Teppichen ec. Die Wellen stürmten mit gleicher Heftigkeit noch immer gegen die linke Seite des Boots. Von Weitem sah man sie heranrollen, langen Reihen schwarzer Pferde gleich, auf denen der weiße Schaum kolossale Reiter bildete, die einen Chock auf unser Schiff wachten. Immer größer wurden sie und immer lauter das Getöse, mit welchem sie näher kamen. Ehe der Kapitän Anstalten zu unserer Rettung traf, hatten sich fünf türkische Soldaten auf eigene Faust, aber auf eine sehr verwegene Art vom Schiffe entfernt. Sie sprangen in eines der Boote, die an der Seite des Schiffes hingen, zogen ihre Messer, schnitten zugleich die vier Taue, die es hielten, ab, und ließen sich in das brausende Meer fallen. Eine Zeit lang glaubten wir sie wirklich verloren; denn die Wellen rissen sie im Kreise herum und drohten das kleine Boot umzuschlagen. Bald jedoch warfen sie es nach dem Ufer zu, die Soldaten sprangen heraus und liefen, ohne sich weiter um uns und das Schiff zu bekümmern, schleunigst davon. Nach langen Berathschlagungen, wie es möglich sei, ein Tau an's Ufer zu befestigen und so eine Art von Brücke zu bilden, wagte einer der Matrosen sein Leben, um diesen Plan auszuführen. Er band sich einen dünnen Strick, der einige hundert Schritte lang war, um den Leib, und sprang vom Boogspriet aus in's Meer. Nicht ohne Beklemmung und Angst sahen wir ihm zu, sahen, wie die Wellen ihn zuerst herumdrehten, und es lange dauerte, bis er seine Hände und Füße gebrauchen konnte, um vorwärts zu schwimmen. Kräftig und gewandt arbeitete er sich bis auf vielleicht fünfzig Schritte vom Ufer, wo ihn die Brandung auf's Neue erfaßte und wir ihn und uns mit verloren glaubten. Mehrmals warfen ihn die Wellen bald zurück, bald gegen die Felsen des Ufers, so daß wir glaubten, die Rippen müssen ihm zerbrechen. Endlich faßte ihn eine größere Welle und führte ihn hoch auf den Strand wo er gewiß eine Viertelstunde wie todt liegen blieb. Mit welchen Gefühlen wir dies Alles vom Schiffe aus ansahen, kann sich jeder leicht vorstellen. Schon war es sehr schwer geworden, einen der Matrosen zu diesem ersten Versuche zu bewegen, und den Verunglückten vor Augen, würde kein Zweiter denselben Weg gemacht haben. Glücklicher Weise aber war er nicht todt, sondern fing langsam an, sich zu bewegen. Doch dauerte es noch einige Minuten, ehe er seine ganze Besinnung wieder hatte und wußte, wo er sich befand. Dann stand er auf, zog den Strick nach sich, an welchen man unterdessen ein dickeres Tau gebunden hatte, befestigte dies an zwei Olivenbäume, die glücklicher Weise am Ufer standen, und bildete so eine, wenn gleich unsichere Verbindung mit dem Lande. Die Mitte dieses langen Taues hing durch seine eigene Schwere tiefer als die beiden Enden und die vom Ufer abprallenden Wellen schlugen hoch über dieselbe zusammen; ein Umstand, der das Hinüberklettern noch mehr erschwerte. Obgleich ein zweiter Matrose auf diesem Taue glücklich an's Ufer kam, wollte doch keiner der Türken zuerst den gefährlichen Weg versuchen. Wir drängten uns durch die Massen der Soldaten bis vorne zum Boogspriet und nahmen die stark schwankende Brücke in Augenschein. Der Oberstlieutenant war der Erste, der sich hinaufwagte und mit Lebensgefahr hinüber kam. In der Nähe des Ufers, vielleicht betäubt von den über ihn stürzenden Wogen, ließ er das Tau zu früh los und würde wahrscheinlicher Weise ertrunken sein, wenn nicht die beiden Matrosen ihm entgegen gesprungen wären und ihn herausgezogen hätten. Der Zweite war unser Baron, der, ungemein geschickt in allen gymnastischen Uebungen, äußerst schnell und glücklich hinüber kam. Dann folgte der Graf Szechenyi, der ebenfalls das Land glücklich erreichte, und nach diesem wollte ich mein Heil versuchen. Schon stand ich oben auf einem Anker, wo das Tau angebunden war, und wollte mich eben hinablassen, als ich mich von mehreren Seiten und unter wildem Geschrei von den Türken angefaßt fühlte. Da ich nicht wußte, was sie wollten, versuchte ich es, meine Arme los zu machen und zog eine Pistole aus dem Gürtel, nicht um auf die Türken zu schießen, da sie ganz naß war, sondern nur um ihnen auf die Köpfe und Hände zu klopfen, damit sie mich loslassen sollten. Doch wurde das Geschrei hierdurch noch größer und nach ihren wilden Blicken konnte ich fürchten, sie würden mich ohne Weiteres in's Meer werfen. Auch riefen mir ein Paar von den Matrosen auf Italienisch zu, ich möchte ja meine Pistole einstecken, was ich that. Hierauf rissen mich die Türken gleich von meinem Anker herunter und mehrere gaben mir durch Worte und Pantomimen zu verstehen, sie wollten nun zuerst hinüber und wir Giaurs könnten warten, bis sie gerettet seien. Wir seien ohnedies Schuld daran, daß sie in den Krieg müßten. Was war zu thun? Mit dieser zügellosen Bande, die durch das Unglück der vergangenen Nacht, durch Sturm und Unwetter noch mehr aufgereizt war, ließ sich nicht spassen. Wir zogen uns also mit den Matrosen auf das Hintertheil des Schiffes zurück und ließen die Soldaten ihr Heil versuchen. Eben so rathlos wie wir auf dem Verdecke standen, waren unsere Freunde am Lande. Die ganze Gegend war fußhoch mit Schnee bedeckt und zeigte kein Haus, keinen Weg noch Steg. Der Baron zeigte uns vom Ufer her durch Pantomimen an, sie wollten den Strand entlang gehen, um zu sehen, ob nicht ein Dorf oder sonst menschliche Wohnungen in der Nähe seien. Unterdessen begannen die Soldaten nicht zu ihrem Heil die Rutschpartie nach dem Lande zu. Als sie gesehen, daß unsere drei Freunde so glücklich hinüber gekommen waren, glaubten sie, die Sache sei nicht schwer und fingen an, es nachzumachen. Einige kletterten an das Tau und rutschten hinab, doch als es, um an's Ufer zu gelangen, galt, wieder in die Höhe zu klettern, verließ die Meisten Kraft und Muth. Sie ließen die Beine los und hingen mit ausgestreckten Armen, jämmerlich um Hülfe rufend, über den tobenden Wellen, die von Zeit zu Zeit hoch über ihren Köpfen zusammen schlugen; ein gräßlicher Anblick. Viele wurden von den schon am Ufer befindlichen Matrosen gerettet, mehrere aber ertranken vor unsern Augen, indem das tückische Meer sie keine zehn Schritte vom Lande lange herumrollte und endlich als Leiche auf den Strand warf. Nach Verlauf einer starken halben Stunde kamen unsere Freunde zurück, zeigten uns an, sie haben nichts gefunden und wollten jetzt ihr Heil in der entgegengesetzten Richtung versuchen. Wenn sie im Verlauf einer Stunde nicht zurück wären, sollten wir ohne Weiteres ihren Fußtapfen, die wir im Schnee leicht sehen könnten, folgen. Es kostete viele Mühe, ehe wir uns durch Zeichen und einzelne Worte auf diese Art verabreden konnten. Sehr langsam ging während dieser Zeit die Ausschiffung von Statten, und da uns, wie oben schon erzählt, die Türken nicht an das Tau kommen ließen, so gingen wir in die Kajüte zurück, um ruhig die Zeit abzuwarten. Doch kann sich hier Niemand unsere Lage denken. Durchnäßt waren wir bis aus die Haut und das Schiff wurde bei jedem Wellenschlage so erschüttert, daß ich mich unter eines der Betten klemmte, um nicht jede Minute hin und her geschleudert zu werden. Die Thüren sprangen von selbst auf und zu, die Schellen in den Zimmern klingelten, als würden sie mit Macht gezogen, und in Wände und Fußboden rissen große Spalten. Tische, Stühle und unsere Effecten lagen, einen unordentlichen Haufen bildend, zertrümmert durch einander. Nach Verlauf einer Stunde ging ich wieder hinauf, um zu sehen, ob noch viele Soldaten droben seien. Es waren wenigstens noch zwei bis dreihundert auf dem Verdeck. Auch hatte sich das Schiff mit der Spitze etwas dem Lande genähert und das Tau hing fast ganz im Wasser, konnte auch nicht wieder straffer gespannt werden, da die Schiffswinden zerbrochen waren. Jetzt war das Hinüberklettern noch gefährlicher geworden, weßhalb der Kapitän den großen Mast hatte kappen lassen und zur Seite in's Meer stellen, so eine neue Brücke zur Rettung bildend. Der Mast ging vielleicht bis auf achzig Schritt vom Schiffe, und die Türken setzten sich rittlings darauf und rutschten hinab. Unten mußten sie dann warten, bis die in's Meer zurückkehrenden Wellen die Felsen ein wenig entblößten. In diesem Augenblick sprangen die Leute in's Wasser, das ihnen nur bis zur Brust ging und mußten dann so schnell wie möglich eilen, das Ufer zu gewinnen. Nie hab' ich Menschen gesehen, die mehr den Kopf verloren hatten, als diese Türken. Einige hielten schon in der Mitte des Mastes an und sprangen trotz allen Zurufungen in die Wellen, die sie dann sogleich mit fort nahmen. Andere ließen den Baum in dem Augenblick los, wo die Brandung wiederkehrte, wurden von ihr erfaßt und ertranken. In Allem mochten etliche zwanzig Menschen ertrunken sein. Gegen vier Uhr Abends war endlich die Zahl der sich noch am Bord befindlichen Soldaten so gering, daß wir Europäer allenfalls mit Gewalt zum Maste durchdringen konnten. Das Einzige, was ich von unsern Effecten mitnahm, war der Nachtsack des Barons, der die ganze Reisekasse enthielt. Zerschellte auch das Schiff während der Nacht, so waren wir doch wenigstens mit Geld versehen. Wir bestiegen nun den Mastbaum und sahen, daß das Hinabrutschen hier eben so unangenehm und gefährlich war, wie früher an dem Tau. Die Bewegung des Schiffes war so stark, daß ich, schon ungefähr drei Fuß tief hinabgeklettert, von einem starken Stoß wieder an zwei Fuß über das Verdeck gehoben wurde. Unten angekommen, galt es, genau den Augenblick abzupassen, wo man sich loslassen mußte, um nicht in's Meer gerissen zu werden. Doch kamen wir Alle, freilich von Neuem durchnäßt, mit dem Geldsack am Ufer an. Da standen wir nun an dem kahlen Ufer, durchnäßt, hungrig und halb erfroren. Vor uns lag das schöne Schiff auf spitzigen Felsen wie eine zerbrochene Nußschaale und die gierigen Wellen leckten über das ganze Verdeck und suchten überall in die Luken und Fenster zu dringen. Es kam mir vor wie der Leichnam eines riesigen Thiers, das gestern noch munter sein Element, das Wasser, durchschnitt. Jetzt liegt es todt am Strande, sein Athem braust nicht mehr stolz in die Lüfte hinauf, und seine Glieder, die Räder, sind unbrauchbar geworden und zerbrochen. Das ganze Meer, sowie der Himmel, war in ein schmutziges Gelb gekleidet und lange Nebelstreifen zogen über die Wellen und das Schiff, – traurige Bahrtücher, die uns gestern Abend schon warnend erschienen waren. Am Ufer um uns her lagen viele Leichen der Soldaten, die heute umgekommen waren; einige wurden von ihren Freunden und Bekannten eingescharrt, andere blieben liegen, halb vom Seewasser bespült, und es fand sich Niemand, der ihnen den letzten Liebesdienst erzeigte. Die Richtung, in der unsere Freunde gegangen und nicht wieder zurückgekehrt waren, schlugen auch die meisten Soldaten, sowie sie den Boden betraten, in vollem Laufe ein. Es schien mir, als seien einige von ihnen hier bekannt. Wir folgten ihnen und kamen nach Verlauf einer halben Stunde an eine Olivenpflanzung, durch welche die Fußtapfen der uns Vorangegangenen führten. Aeußerst beschwerlich und unangenehm war der Weg, den wir zu machen hatten. Der Schnee war oft zwei Fuß hoch und der Boden darunter so uneben, daß man bei jedem Schritte fürchten mußte, zu stürzen. Bald jedoch kamen wir auf einen gebahnteren Weg, der durch Weingärten führte, woraus wir mit Freuden ersahen, daß wir bald in der Nähe von menschlichen Wohnungen kommen müßten. Jetzt erreichten wir einen Brunnen, wo sich mehrere unserer Leidensgefährten gelagert hatten, um einen Trunk frischen Wassers zu sich zu nehmen. Dann bogen wir um einen Hügel und sahen vor uns ein kleines Dorf, es hieß Armudkoi – Birnendorf – liegen, auf das wir, obgleich es sehr ärmlich aussah, mit schnelleren Schritten zugingen. Am Eingang desselben kam uns einer unserer Matrosen entgegen, den der Baron hinausgeschickt hatte, um nach uns zu sehen und uns in das Haus zu bringen, welches sie gefunden. Unter den schlechten Häusern dieses Dorfs war das unsere ohne Widerrede das erbärmlichste. Es bestand aus einem einzigen Zimmer, das zwanzig Fuß lang und vielleicht fünfzehn breit sein mochte, hatte zwei kleine Fenster und das Mobiliar bestand aus einem hölzernen Divan, der längs einer Wand lief, ähnlich den, wie wir sie zu Stambul in den Kaffeehäusern und ärmlichen Barbierstuben gesehen. Wir fanden unsere Freunde in einer wirklich komischen Lage. In der Mitte dieses Gemachs stand auf dem Boden ein großer Mangahl, um den alle saßen und beschäftigt waren, ihre Kleider zu trocknen, da aber jeder augenblicklich nur das besaß, was er auf dem Leibe trug, so wurde Stück für Stück heruntergezogen, über das Feuer gehalten, und nachdem es nothdürftig getrocknet war, wieder angelegt. So war der Eine ohne Rock, ein Anderer ohne Hosen und ein Dritter hielt gar sein Hemd über das Feuer, als wir eintraten. Alle freuten sich sehr bei unserm Anblick und gaben uns den besten Platz um den Mangahl frei, um auch unsere ganz nassen Sachen etwas zu trocknen. Wir befanden uns wirklich in keiner beneidenswerthen Lage. Den ganzen Tag hatten wir nichts gegessen und hatten auch jetzt noch keine Aussicht, etwas zu bekommen. Ganz durchnäßt waren wir, und das kleine Kohlenfeuer reichte nicht hin, uns zu trocknen und zu erwärmen. Auch brach der Abend herein und wir erhielten mit Mühe ein kleines Stümpchen Talglicht, um unsern Salon zu erleuchten. Ein Paar von den Matrosen und der Kellner des Schiffs, die auch bei uns einquartirt waren, gingen in das Dorf, um zu sehen, ob sie nicht irgend etwas Eßbares auftreiben konnten. Wirklich kamen sie auch nach einiger Zeit mit etwas Reis zurück, den sie irgendwo gekauft. Das ganze kleine Dorf lag voll unserer Soldaten, und die Einwohner waren bei ihrer Ankunft größtentheils geflohen. Reis hatten wir also, eine Schüssel fand sich bei näherer Nachsuchung auch vor und einen Braten führte uns das versöhnte Schicksal ebenfalls zu. Eine große Gans nämlich trieb sich längere Zeit vor unserer Thür herum und näherte sich endlich so unvorsichtig, daß einer der Matrosen sie am Hals fassen konnte und hereinzog. Noth kennt kein Gebot. Das Thier wurde als gute Beute erklärt und zugleich mit dem Reis gekocht. Selten oder nie bin ich mit größerem Heißhunger über eine Schüssel, hergefallen, als hier. Allen erging es aber so, und das Gefäß war schon beinahe zu drei Theilen leer, ehe unser Appetit so weit gestillt war, daß wir uns über den Geschmack des Genossenen Rechenschaft geben konnten. Mir kam vor, der Pillau schmecke etwas nach Seife, und kaum hatte ich meine Vermuthung ausgesprochen, so stimmten mir die Andern bei. Und wir hatten Recht, denn bei näherer Betrachtung ergab es sich, daß der Kellner den Reis in einer großen Bartschüssel gekocht hatte, die er in einem Winkel des Gemachs aufgefunden; wir befanden uns, wie wir später erfuhren, in der öffentlichen Barbierstube des Dorfes. Mit dem Kapitän, den Offizieren, mehreren Matrosen und Kellnern waren wir zu vierzehn Mann hier einquartirt, wonach man ausrechnen kann, daß zum Schlafen auf jeden nicht viel Raum kam. Wir mußten wie die Pickelhäringe zusammengedrängt liegen, was den Nutzen hatte, daß wir nicht gar zu sehr froren; denn es wurde in der Nacht unangenehm kalt. Vor dem Einschlafen hatten wir verabredet, ein Theil von uns solle am nächsten Morgen, wenn das Unwetter etwas nachgelassen habe, mit einigen Pferden, die sich allenfalls wohl auftreiben ließen, an Bord zurückkehren, um nachzusehen, was von unsern Effecten gerettet werden könnte. Am Morgen sehr früh, es war noch ganz dunkel, ging der Baron und der Maler F. mit mehreren von der übrigen Gesellschaft nach dem Meere, um zu sehen, was auf dem Schiffe zu machen sei. Wie sie an den Strand kamen und das Schiff in dunkeln Umrissen vor sich sahen, bemerkten sie zu ihrer größten Verwunderung, daß sich viele Lichter auf demselben hin und her bewegten. Das Meer war indessen viel ruhiger geworden und gestattete ihnen durch die Radkasten, die sammt den Rädern ganz aus dem Wasser hervorsahen, hinauf in das Schiff zu steigen. Hier bot sich ein überraschender Anblick dar. Einige zwanzig Türken waren mit Lichtern in den Händen beschäftigt, Kisten und Kasten zu erbrechen, um sich die Sachen, die ihnen gefielen, anzueignen. Daß unsere Freunde sie in diesem angenehmen Geschäft augenblicklich störten, war natürlich, und wenn diese edlen türkischen Soldaten nicht im Allgemeinen so ausgezeichnet feig wären, hätte es zu einem ernstlichen Handgemenge kommen können. So aber ließen sie beim Anblick der Franken ihre Beute fahren oder sprangen mit einzelnen Stücken, die sie in der Hand hielten, geradezu in das jetzt schon viel seichter gewordene Meer, um doch etwas von ihrem Raub davon zu bringen. Glücklicher Weise waren unsere Koffer, da sie für die lange Reise dienen sollten, außerordentlich stark und fest gebaut, weßhalb es diesen Räubern nicht sogleich gelang, sie zu erbrechen. Einige der Türken, die bei dem ersten Anlauf sich in die Kajüte gerettet hatten, wurden da hinausgeprügelt und mußten sich zu einem Sprung in's Meer entschließen, was sie auch meistens gutwillig thaten, eine Taufe, die diesen heillosen Burschen wohl zu gönnen war. Da es dem Kapitän gelang, einige Pferde zu erhalten, sowie auch manche von den Einwohnern aus Neugierde mit an's Schiff liefen und sich dann später durch ein kleines Trinkgeld gern bereitwillig finden ließen, etwas von unsern Effecten nach dem Dorfe zu schleppen, so waren bald alle unsere Sachen aufgeladen und noch vor Mittag kehrten unsere Freunde damit zurück. Auch hatten sie nicht versäumt, von den Speisevorräthen und den vorhandenen Weinen so viel zu retten, als möglich war, weßhalb wir aus der bittern Armuth von gestern uns auf einmal zu einem solchen Wohlleben erhoben sahen, daß wir die armseligen Einrichtungen unseres Locals ziemlich vergaßen. Wir hatten Thee, Kaffee, alle möglichen in- und ausländischen Weine, Fleisch, Geflügel und hiezu alle nöthigen Geschirre, so daß wir heute Abend ein glänzendes Souper machten. Bis jetzt hatten wir noch nicht Zeit gehabt, über unsere Zukunft nachzudenken, d. h. wohin wir uns von hier wenden sollten und auf welche Weise. Nach Konstantinopel zurück war, was das Erstere betraf, natürlich der einstimmige Vorschlag; jedoch hinsichtlich des Zweiten, die Art, wie wir dahin kommen sollten, waren die Meinungen getheilt. Einige meinten, man müsse von dem gestrandeten Schiffe von Zeit zu Zeit Nothschüsse thun, um dadurch vielleicht ein anderes herbeizuziehen. Andere glaubten, wir könnten uns vielleicht einem großen Fischerboot anvertrauen, und mit ihm längs der Küste nach Stambul fahren, was aber sehr lange gedauert haben würde. Ein dritter Vorschlag war, einen Reitenden nach Skutari zu schicken, der dem k. k. östreichischen Internuntius unsere Lage mittheilen sollte und abwarten, was dieser für uns thun könnte. Der Baron endlich schlug zuletzt noch einen andern Ausweg vor, der als der beste auch festgehalten und ausgeführt werden sollte, nämlich den, im Fall es möglich sei, Pferde anzuschaffen, selbst nach Skutari zu reiten, was man wohl in drei Tagen von hier abmachen konnte, und von da nach Kräften für die zurückgelassenen Matrosen und Effecten zu sorgen. Der Schech des Dorfes wurde herbeigeholt, zum Abendessen eingeladen, und nachdem er sich's hatte gut schmecken lassen, befragte man ihn, ob es ihm möglich sei, für uns Pferde zu einem Ritt nach Skutari anzuschaffen. Anfänglich machte er Schwierigkeiten und versicherte, die meisten Einwohner seien in's Gebirge geflohen und würden wahrscheinlich nicht eher zurückkehren, bis die Soldaten und wir abgezogen seien; auf keinen Fall aber würde man sie dazu vermögen können, ihre Pferde zu unserem Gebrauche herzugeben. So sprach anfänglich der Schech. Aber nachdem, ein paar Gläser Champagner ihre Wirkung gethan hatten, wurde er umgänglicher und sagte, für einen hohen Preis würden sich doch vielleicht einige entschließen, ihre Thiere herzugeben. Bald darauf entfernte er sich mit dem Versprechen, er wolle sehen, was sich thun lasse, kehrte aber den Abend nicht wieder zurück. Die langen kalten Nächte ohne Betten, Teppiche oder Decken zuzubringen, war das Unangenehmste von der ganzen Geschichte. Auch waren wir Alle mehr oder minder erkrankt; denn die Nässe, worin wir einen ganzen Tag und eine ganze Nacht hatten zubringen müssen, hatte uns sammt und sonders stark mitgenommen. Einer klagte über Kopfweh, der Andere über Zahnweh, jener hatte Uebelkeiten, dieser ein entsetzliches Bauchgrimmen, Alles Klagen, die dann erst lauter gehört wurden, wenn sich der Schleier der Nacht auf unsere armselige Behausung senkte und die Härte der Pritsche und des Bodens das Ihrige dazu beitrugen, alle jene Leiden doppelt fühlbar zu machen. Wie gerädert stand man am andern Morgen auf, und es dauerte eine ziemliche Zeit, ehe man sich von den Strapazen der Nacht erholen konnte. Trotz allem diesem Elend wurde viel gelacht und besonders war es Graf Szechenyi, der die drolligsten Geschichten anfing. Er hatte einen Bedienten, mit Namen Hansel, der früher Fiaker in Wien gewesen war; ein ehrlicher, treuer Oestreicher, der seinen armen Herrn später in Damaskus bis zum letzten Augenblicke pflegte. Beide gaben uns viel Stoff zum Lachen. So machte der Graf z. B. fast täglich zum Scherz Toilette, wobei ihm Hansel assistirte, als seien sie in ihrem Palais zu Wien; Abends lud er uns zum Thee ein und machte auf einem großen Steine sitzend in bester Art die Honneurs des Hauses. Am zweiten Tag erst gegen Mittag kam der Schech wieder zu uns und versicherte, er habe zwölf Pferde für uns gefunden, wofür er jedoch einen entsetzlichen Preis verlangte. Aber was war zu thun? Wir hätten im Nothfalle das Doppelte und Dreifache bezahlt, um nur dies Nest verlassen zu können. Den Nachmittag brachten wir damit zu, unsere Sachen zu packen und unsere Kleider wieder etwas in Stand zu setzen, wobei der Baron ganz zufällig das Glück hatte, seine ungarische Bunte, die vom Schiffe gestohlen war, zurückzuerhalten. Er stand nämlich in dem Augenblick an der Thür, wo ein türkischer Lieutenant vorüber ging, der den Pelz über die Schulter geschlagen hatte und ganz ruhig damit paradirte. Natürlich wurde er gleich angehalten und einer der Matrosen verdolmetschte ihm, der Mantel, den er trage, gehöre jenem Franken und er solle sagen, wo er ihn her habe, worauf der Lieutenant ganz ruhig erwiderte, er habe ihn nicht weit von hier in einer Scheune gefunden, wo noch mehr dergleichen Sachen lagen. Wir gingen augenblicklich dahin und fanden wirklich noch verschiedene Kleinigkeiten, die wir bisher vermißt, als Stiefel, Ueberröcke, lange Pfeifen etc., alle Sachen, die nicht in Koffern verschlossen waren, sondern offen in der Kajüte lagen. Wie sie hieher in die Scheune kamen, konnte uns Niemand sagen. Der Schech hatte uns für den folgenden Morgen sehr früh die Pferde versprochen, weßhalb wir mit der Dämmerung reisefertig waren und ihn erwarteten. Er kam auch, aber allein, und versicherte auf unsere heftigen Fragen, wo die Pferde blieben, Gott wisse, daß er die Wahrheit spreche, aber zu unserem eigenen Besten dürfe er uns die Pferde nicht geben. In der Nacht seien von den sechshundert Mann, die mit uns Schiffbruch gelitten haben, zweihundert fünfzig desertirt, die uns theilweise wahrscheinlich auf dem Wege zwischen hier und Skutari auflauern, überfallen und berauben würden. Wir mochten dem Schech noch so viele Gegenvorstellungen machen, und ihm versichern, wir würden die Sache ganz auf uns nehmen, wir fürchteten uns nicht vor diesen Leuten, es half nichts, er blieb dabei, er dürfe uns keine Pferde geben, indem ihn Gott hart bestrafen würde, wenn er uns Fremde ins Unglück rennen ließe. Ob der Schech in der That diese musterhaften Gesinnungen hatte, oder ob er uns keine Pferde geben wollte, blieb uns ein Räthsel. Bei diesen Aussichten hatten wir Gott weiß wie viel Tage noch in diesem elenden Nest zubringen können, wenn man nicht in Konstantinopel, wohin sich schon am zweiten Tag nach unserem Unglück – wie? haben wir nie erfahren – das Gerücht verbreitet hätte, der Seri-Pervas sei in der Bucht vor Mudania gescheitert, gleich Anstalt zu unserer Rettung getroffen hätte. Am folgenden Morgen waren wir Alle eigenhändig mit der Zubereitung unseres Frühstücks beschäftigt, als plötzlich ein Paar türkische Lieutenants, die sich am Meere umher trieben, mit dem Geschrei: »Vapore! Vapore!« ins Dorf und in unsere Stube stürzten. Wir sprangen Alle überrascht auf, ließen unsere Beschäftigung liegen und eilten an den Strand. Gott weiß, in meinem Leben hat mich der Anblick eines Dampfbootes nicht so erfreut, als das, welches die Türken uns angezeigt und das sich rauchend und brausend dem Lande näherte. Wir tanzten vor Freude auf dem Sand herum und winkten mit unsern Tüchern dem Kapitän, der auf dem Radkasten stand, freudig entgegen. Jetzt ließ das Dampfboot die Anker fallen und ein Boot stieß ab, in dem sich ein Offizier befand, der uns meldete, daß das Dampfboot – es war der Ludovico – durch den k. k. Internuntius, Baron von Stürmer, abgesandt sei, uns zu holen. Wir flogen ins Dorf zurück, packten unsere Sachen zusammen und befanden uns in kurzer Zeit am Bord des Ludovico, wo wir uns behaglich auf die weichen Kissen ausstreckten. In fünf Stunden erreichten wir Konstantinopel und kletterten den steilen Hügel von Pera hinauf zum Gasthof unserer freundlichen Madame Balbtani, die uns mit Thränen in den Augen und herzlicher Freude empfing. Am andern Tage waren wir mehr oder minder krank; doch hatten wir nicht lange Zeit im Bette zu bleiben, denn schon am Mittage hieß es, ein anderes Dampfschiff gehe morgen nach Smyrna und würde uns, dießmal aber ohne Soldaten, mitnehmen. Wir hatten kaum Zeit, unsere halb zu Grunde gegangenen Effecten wieder etwas herrichten zu lassen, denn schon am andern Nachmittag um drei Uhr gingen wir wieder an Bord, dießmal unter günstigeren Auspicien. Das Wetter hatte sich wieder aufgeklärt und von dem Schnee, der uns bei unserer ersten unglücklichen Seefahrt zum Abschiede geleuchtet, war nichts mehr zu sehen. Fünftes Kapitel. Fahrt durch den Archipel. Zweite Abreise von Konstantinopel. – Odun Kapussi. – Die Dardanellen. – Der Crescent. Die Ebene von Troja. – Die ionischen Inseln. – Smyrna. – Der Mustasiaberg. – Rhodus: Die Stadt. Die Allerheiligenkirche. Strada del Cavalieri. – Marmarissa mit der englischen und östreichischen Flotte. – Cypern. Hinter dem Riesenberge auf dem asiatischen Ufer des Bosphorus erhob sich der Mond und beleuchtete das Grab des Herkules, als unser Schiff die Stadt zum Abschied mit einem Kanonenschuß begrüßte, die Anker aufwand und langsam wendend die dunkelblaue Fluth mit den Schaufelrädern theilte und aufwühlte. Es war ein herrlicher Abend. Ich stand am Steuerruder und schickte meine letzten grüßenden Blicke nach der majestätischen Stadt und dem Mastenwald des goldenen Horns. Diese Stadt hat etwas phantastisch Schönes. Alle sieben Hügel, worauf sie gebaut ist, zeichnen sich aus der Ferne deutlich ab, sind mit den bunt angestrichenen Häusern bedeckt, aus denen, gleich Tulpen und Lilien aus einem Moosgrunde, die vergoldeten Kuppeln und Minarets der zahlreichen Moscheen, sowie die große dunkle Cypresse, dieser majestätische Baum, sich erheben. Wie windet sich das klare Wasser des Hafens so schön durch die Häusermassen hindurch, ein wirklich goldenes Horn, ein Füllhorn; denn sammelt sich nicht in den tausend Schiffen, die sich auf seinem grünen Rücken schaukeln, Alles, was der Orient und Occident Kostbares hervorbringt, um es dann zu den Füßen Europa's auszugießen! Leb' wohl, Stambul! wahrscheinlich seh' ich dich zum letzten Mal, die Nacht senkt sich auf dich herab, wie das Leichentuch auf eine theure Verstorbene. Ich nehme noch einzeln Abschied von der hehren Aja Sophia, von Pera und Galatha, wo wir so oft landeten, und von Top-Chana mit dem hölzernen, stattlich aussehenden Palais des Großherrn. Einen schüchternen Blick schickte ich nach dem alten Serail, denn unser Schiff fuhr gerade längs dem stets verschlossenen Thor Odun Kapussi. Ich glaubte die verhängißvolle Kanone durch die Nacht glänzen zu sehen, die zuweilen ihren metallenen Mund öffnet, und es den Wellen ansagt, wenn sich diese Pforte aufthut, und man eines jener unglücklichen Weiber hinausträgt, welches, durch die Anklage der Eunuchen verdächtig geworden, hier in dem weiten Meer ein weites kaltes Grab findet – und neben diesem Thor tönte aus dem schönen Kiosk laute Musik und Gesang; dort tanzten die Sultaninnen und Odalisken vor ihrem Herrn und liebkosten ihn, während eine ihrer Schwestern langsam, langsam untersinkend, ihm fluchte. Das Dampfschiff, auf dem wir heute fuhren, der Crescent (Halbmond), hatte einen so guten Ruf, und war so vielen Gefahren und Stürmen stets glücklich entgangen, was man sowohl der Bauart des Schiffes, als auch der umsichtigen Leitung unseres freundlichen Kapitäns, des Herrn Anthoin, zuschreiben konnte. Es schien mir beinahe unmöglich, als könne uns mit diesem Schiff noch einmal ein Unglück zustoßen; denn das kräftige, obgleich sehr fühlbare Arbeiten der Maschine, sein leichtes Durchschneiden der Wellen und die beständige Ruhe des Kapitäns gab den Passagieren eine solche Zuversicht, daß man sich den Gesprächen und allen möglichen Zerstreuungen, sorglos wie auf dem Lande, überließ. Das Schiff war vorläufig bis Smyrna bestimmt und hatte nur wenig Leute an Bord. Auf dem Verdeck lagen einige türkische Familien und jede hielt sich von der andern durch grüne, zu diesem Zweck auf dem Schiff befindliche Lattenzäune abgesperrt. Am Steuerruder hatte sich eine einzelne Frau einquartirt, die mit ihrem kleinen Söhnchen, einem allerliebsten Knaben, und in Begleitung eines baumlangen Negers, nach Metelyn reiste. Sie war Wittwe, ihr Mann in der Schlacht bei Nisib geblieben. Der kleine, kaum zwei Fuß hohe Türke nannte sich Hamsa Beg, Herr Hamsa, und trieb sich stets bei uns herum. Jeder gewann ihn in Kurzem sehr lieb, und ich muß gestehen, lange nicht ein so wohlthuendes, liebes Gesichtchen gesehen zu haben. Die Frau Mama dagegen, die sich häufig entschleierte, und uns so den vollen Anblick ihres Gesichts gewährte, hatte, wie die meisten Türkinnen, schlaffe, unangenehme Züge, besonders um den Mund, den ich bei diesen Weibern nie frisch und schwellend gefunden habe. Gegen zehn Uhr Abends gönnte uns der Mond noch den Anblick der südwestlich vor uns liegenden Insel Marmora, jedoch sahen wir sie nur in schwachen Umrissen, da sich der bei unserer Abfahrt so klare Himmel allmählig mit Wolken überzogen hatte. Auch warf ich noch einen schüchternen Blick nach Südwest, wo in der Bai von Mudania unser gescheitertes Schiff, der Seri-Pervas, lag, und da es etwas zu regnen anfing, suchten wir unsere Schlafstätten auf. Einige nahmen Besitz von den sehr schmalen Betten, Andere, worunter auch ich, wählten sich die großen Sopha's der Damenzimmer. Unserer Gesellschaft vom Seri-Pervas hatten sich noch drei östreichische Offiziere angeschlossen, die den Krieg in Syrien mitmachen wollten; sehr liebenswürdige Reisegefährten, denen ich, sollten ihnen diese Blätter zu Gesicht kommen, hiermit meinen herzlichsten Gruß zusende. Ich schlief bald ein, wurde jedoch nach ein paar Stunden auf eine äußerst unangenehme Art geweckt, indem das seit Kurzem etwas hoch gehende Meer eine der kleinen Fensterluken aufgerissen hatte und eine Welle hereinsandte, die mich tüchtig durchnäßte; doch lag die Schuld größtentheils an mir selber, denn ich hatte vergessen, den äußern hölzernen Laden schließen zu lassen. Ich verbesserte meine Lage so gut als möglich und schlief den übrigen Theil der Nacht, ohne an mein unfreiwilliges Seebad zu denken. Als ich am Morgen des 9. Decembers aufs Verdeck trat und rings um mich schaute auf das klassische Land, in das wir wie durch Zauber über Nacht gekommen, war mir zu Muth, wie dem Sohn eines alten Geschlechts, der, ferne von der Heimath erzogen, lange nach derselben verlangt und nun endlich die Berge sieht, welche die Wiege seiner Väter umstanden. Er kennt jeden Hügel, jedes Thal, jeden Baum, und in seinem Herzen tauchen all' die Erzählungen auf, mit denen man den Knaben am lodernden Kaminfeuer unterhielt. Vor ihn treten die Helden, die er damals im kindischen Spiele nachahmte und lieb gewann, vor ihn die Thäler und Gauen, wo die alte Veste gestanden, für die er sich mit Freude hätte todtschlagen lassen. – Ich stand mit verschränkten Armen und schaute in die Gegend und Alles däuchte mir ein Traum zu sein. Dort stieg die Sonne empor, nicht mehr über den spitzen Thürmen meiner Vaterstadt, nein über dem Rhodope-Gebirge, und der leise Morgenwind, der sich erhob, trug seltsame Klänge an mein Herz. Tönt vielleicht noch immer dort in den Wipfeln der Eichen, unter denen Orpheus seine Euridice beklagte, nachhallend sein Lied? Hier seh' ich Gallipoli, das alte Gallipolis, die schöne Stadt; keck hängt sie an den Felsen, die ein unverwelklicher, immer grüner Kranz von Cypressenwäldern umgibt. Wie oft wurde Gallipoli zerstört, stets wieder aufgebaut und vergrößert. Strabo erwähnt es als ein kleines Dorf, das gegenüber der Stadt Lampsakus auf dem europäischen Ufer läge. Beide haben demnach die Rollen getauscht, denn dieses, jetzt Lepsak oder Lamsaki, besteht nur noch aus einigen halb zerfallenen Häusern. Von den edeln Trauben und bräunlichen Feigen, womit seine Hügel bedeckt sind, schweifen meine Blicke über die Ebene Kleinasiens, welche der Granikus und Aesopus bewässern; jeder Stein, jeder Hügel ist hier eine Erinnerung. Dort sind die Felsengestade des Cheronesos, da Sestos und das Vorgebirge von Abydos; etwas nördlich von diesen bei der Landspitze von Nigara Burnu, wo sich die beiden Ufer des Hellespont am nächsten treten, baute Xerxes seine Schiffbrücke, setzte Alexander mit seinem Heere nach Asien über; hier, warum soll ich seinen Namen nicht jenem der beiden Könige anreihen, schwamm Lord Byron, der Poet, durch die Meerenge, und dort, wo – – die altersgrauen Schlösser sich entgegenschauen, Leuchtend in der Sonne Gold – flüstern die Wellen noch heute von der Treue und dem Unglück Hero und Leanders. Mir kam das Alles vor, wie ein ungemein lieblicher Garten, durch den ein klarer Bach fließt, – das ist der ewige Hellespont. Schön ist dieser Garten und würde hundertmal schöner sein, wenn ihm der kleinliche Menschengeist nicht jene kolossalen Zwingthore, die beiden Schlösser der Dardanellen, zu seiner Bewachung gegeben hätte, diese Hellespontpolizei. Unwillkürlich dacht' ich an Deutschland; da steht auch bei jeder schönen Anlage des Geistes und der Hände der Aufseher mit großem Stock und bewacht den harmlos Wandelnden und polizeit ihn. Selbst unser Schiff schien hier zu eilen und blies seinen Unmuth in großen schwarzen Rauchwolken aus, als ihm die ungeheuren Kanonenmündungen der beiden Schlösser, des Kelledil Bahar, das Auge des Meeres, und die Sultanin Kalessi oder große Sultanstadt, so schußgerecht in die Flanken sahen. Obgleich ich im Ganzen kein Freund der Engländer bin, so habe ich doch stets mit Bewunderung und inniger Freude den Namen des Admiral Elphinston genannt, der im Jahre 1770 nach jener für die Türken so unglücklichen Schlacht bei Tschesme diese Hellespontpolizei so verhöhnte, daß, nachdem er bei ihrer Nase vorbeigefahren war, und jenseits der Dardanellen Anker geworfen hatte, ruhig eine Tasse Thee trank, während seine Trompeter God save the King bliesen, und später mit der Fluth ohne Verlust zurückkehrte. Unser treffliches Schiff, das neun Miglien in der Stunde machte, führte uns jetzt in kurzer Zeit jenem Gestade näher, dessen Geschichte schon die lebhafte Phantasie des Knaben beschäftigt und gereizt hat, die Ebene Troja's: dort ist schon der Ida, auf dem die Götter rathschlagten, und der Sitz, von dem Kronion das Schlachtfeld beschaute. Dort hob er seinen Arm und nahm bei dem Wettlauf der beiden Helden um Iliums Mauern die Wage zur Hand, warf zwei Loose hinein, und dasjenige Hektor's sank tief hinab. Hier dicht am Saum der Küste zeigen sich die beiden Grabhügel des Patroklos und Achilleus, an denen wir mit feierndem Blick und bewegtem Herzen vorbeiziehen; betrat letzteren doch schon vor zweiundzwanzig Jahrhunderten, dem Helden zu Ehren, Alexander der Macedonier. Wie leid war es mir, nicht alle die Stellen aufsuchen zu können, die Homer so lebhaft schilderte. Hier neben den Grabhügeln war das Lager der Griechen, dort auf der Anhöhe, neben dem jetzigen Dorfe Burnbaschi, stand Priamus heilige Veste. Sogar der kleine Hügel, das Grabmal des Aisyetos, der schon von Homer als sehr alt angegeben wird, läßt sich aus seinen Beschreibungen errathen. Noch jetzt sammelt sich das trübe schlammige Wasser des Simois in einem sumpfigen, mit Schilf bewachsenen Wasserpfuhl, dessen Ausdünstungen Seuchen erzeugen würden, wie zur Zeit jenes Kampfes unter dem griechischen Heere, wenn diese Ufer bewohnt wären. Der klare fischreiche Skamander strömt fort und fort in's Meer; doch hat er sein altes Bett verlassen, und nur einige Vertiefungen zeigen noch seine alle Zusammenmündung mit dem Simois an. Während ich über das eben Gesehene nachdenkend auf dem Verdeck stand, und noch einmal einen Blick nach dem Grabe jener beiden Helden sandte, um mir die Umrisse des Ufers mit einigen Strichen in mein Taschenbuch zu tragen, und da mein Auge hinüberschweifte zur Insel Tenedos, der jenes Schlangenpaar entsprang, welches Laokoon nebst seinem Sohn umwand und tödtete, sah ich eine große Masse Delphine, welche plötzlich unser Schiff lustig umschwärmten. Das Brausen der Räder schien diese Thiere eher anzulocken, als abzuschrecken, denn dort hielten sie sich meistens auf und schienen das Boot überholen zu wollen. Es war ein vollkommenes Wettrennen; zuweilen hoben sich fünf zu gleicher Zeit aus dem Wasser, und machten lange Sätze in der Luft, um vorzukommen, wobei sie dem Verdecke oft so nahe kamen, daß man sie mit einem Stocke hätte erreichen können. Es waren Thiere von vier bis fünf Fuß Länge darunter. Dies Spiel dauerte beinahe eine halbe Stunde; dann blieben sie, wahrscheinlich ermüdet, zurück, und noch lange nachher sahen wir sie ihre Purzelbäume auf den Wellen machen. Schon war die Sonne untergegangen, als sich hinter Imbros der Saoke, der Berg von Samothrake, zeigte. Doch warf schon die kommende Nacht die dunkeln Schleier über ihn, wie die Siege über sein Inneres. Mit dem Fernrohr suchte ich auf dem asiatischen Ufer die von Alexander erbaute Stadt Alexandria Troas und fand endlich auch einige Mauertrümmer, die einzigen Ueberbleibsel jener großartigen Niederlassung, die nach der Absicht ihres Gründers ein Stapelplatz werden sollte für den Austausch der Producte Kleinasiens, Thessaloniens und des Peloponnes. Schon seit Mittag hatten wir Metelyn (Lesbos) gesehen, doch war es bereits ganz dunkel, als das Dampfschiff bei der Stadt gleiches Namens anhielt, um einige Reisende, unter andern auch den kleinen Hamsa Beg, abzusetzen. Nur wenig konnten wir von der Stadt sehen, welche, wie mir schien, die Felsen hinangebaut ist; wenigstens bedeckten licht erhellte Fenster die Berge des Gestades, bis hoch in die Spitzen. Ich hätte gern diese schön bewachsene und reiche Insel bei Tage gesehen, hätte gern einige Blicke gesandt zu dem Geburtsorte von Sappho und Alcäus, aber die Nacht verwehrte es, ersetzte jedoch durch die Schönheit, in welcher sie uns hier erschien, reichlich jenen kleinen Verlust. Nie in meinem Leben sah ich eine reinere, klarere Färbung des nächtlichen Himmels, und als nach einer halben Stunde der langsam empor gestiegene Mond sein volles Licht über uns ausgoß, und rings um uns das Meer und die Inseln nicht taghell, sondern bezaubernd schön erleuchtete, das Schiff in klaren Silberwellen schaukelte und mehrere Miglien weit hinter sich eine breite weiße Spur zurückließ, da fanden wir es alle auf dem Verdeck in der lauen Luft so angenehm, daß keiner sich vor Mitternacht in die Kajüte zurückzog. Schon in der Nacht gegen Morgen war ich durch das plötzliche Stillstehen des Schiffes in meinem Schlafe gestört worden. Es ist dasselbe Gefühl, als wenn man im Wagen geschlafen hat und auf der Station angekommen ist. Ich richtete mich auf. Doch da es noch ganz dunkel war, legte ich mich wieder auf mein Sopha zurück und schlief noch einige Stunden. Wir waren bei Smyrna angekommen. Früh am Morgen stieg ich auf's Verdeck und vor meinem Blicke lag sie, die schöne Stadt, mit der herrlichen, von malerischen Bergen umgebenen Bucht, deren Schluchten und Ebenen, mit Cypressen, Feigen und Oelbäumen bewachsen, einen lieblichen Anblick gewähren. Schade, daß die Spitzen der Höhen so nackt und kahl sind. Hinter der Stadt liegen auf dem Mastustaberge die grauen Ruinen einer uralten Burg, denn sie steht seit den Zeiten Antigonus, des Feldherrn Alexanders von Macedonien, wurde oft zerstört und immer wieder aufgebaut. Für uns war sie ein Hauptaugenmerk, denn ihr hatten wir bei unserem kurzen Aufenthalt hier einen Besuch zugedacht, um von der Höhe wenigstens einen Blick in diese berühmte klassische Landschaft zu werfen und uns, wenn auch nur flüchtig, umzusehen in dem Vaterlande Homers, Anakreons und Anaxagores. Wir stiegen an dem Hafenplatz bei dem fränkischen Quartier an's Land, und freuten uns nicht wenig, schon im ersten Augenblick einen Unterschied zwischen den Häusern und Straßen hier mit denen in Konstantinopel zu finden. Statt der kothigen Passage dort ging man hier auf reinlichem guten Pflaster, und man hatte nicht nöthig, in steter Angst zu schweben, daß einem schlecht gebaute Baracken links und rechts auf den Kopf fallen würden, vielmehr sieht das Auge mit Vergnügen auf die hohen, auf europäische Art von Stein erbauten Häuser, die als anständige Gebäude in ziemlicher Entfernung bleiben und sich einem nicht so pöbelhaft auf den Leib drängen, wie jene. Auch das Türkenquartier und die Bazars sehen, wenn auch nicht großartig, doch immerhin freundlicher und anziehender aus, als in der Hauptstadt, sind auch in einigen Artikeln, z. B. Teppichen, Stickereien, Früchten etc. reichlicher besetzt, als jene. Ein Kaufgewölbe im fränkischen Viertel, wo wir einige Kleinigkeiten erstanden, ließ bei der Schönheit und Mannigfaltigkeit seiner Waaren eher vermuthen: man sei in London oder Paris, als in einer türkischen Stadt. Hier fand man von der kleinsten Stange Cire à Moustaches bis zu einem vollkommenen englischen Reitzeuge Alles, was ein elegantes Herz erfreuen kann. Smyrna haben wir in den paar Stunden, die wir dort zubrachten, sehr liebgewonnen. Es liegt über Stadt und Land ein frischer Reiz, eine üppige Jungfräulichkeit, und wenn mir nicht die zahlreichen hübschen Mädchen, denen man begegnet, mit ihren schwarzen Augen zu gefährlich vorgekommen wären, ich hätte gern einige Wochen hier zugebracht. Ueberall sah man die niedlichen, wegen ihrer Schönheit berühmten Töchter Smyrna's auf den Straßen herumtanzen, oder aus dem ersten Stock Kopf und Herz bedrohen. Nachdem wir in der sogenannten Schweizerpension sehr gut gefrühstückt, wobei uns eine Bande herumziehender Musikanten Einiges aus verschiedenen Opern zum Besten gegeben, so daß wir uns bei dem Klange der bekannten Lieder in die Heimath versetzt glaubten, bestiegen wir die schon früher bestellten Pferde, um dem Mastusiaberge einen Besuch zu machen. Der heutige Tag hatte uns sämmtlich munter gestimmt, und das Gefühl, den festen Boden wieder unter unsern Füßen zu haben, sogar etwas muthwillig. So courbettirten und galoppirten wir denn durch die Stadt zum Vergnügen manch' schwarzen Augenpaars, das unserm Zuge nachsah und unsern Gruß lachend erwiederte. Vor der Stadt wandten wir uns links über die sogenannte Karawanenbrücke, welche ihren Namen daher hat, weil über sie all' die zahlreichen Waarenzüge gehen, die aus dem Innern des Landes nach Smyrna kommen. Dann ritten wir rechts den Berg hinan auf einem Wege, der sich zuerst durch türkische, mit schönen Cypressen bepflanzte Friedhöfe zieht, bald aber über dürres Heideland sehr steil nach dem Schlosse hinaufwendet. Dieser Pfad, mit vielen und großen Steinen besäet, macht den Pferden das Ersteigen äußerst beschwerlich. Eines derselben stürzte und warf seinen Reiter mehrere Fuß weit hinweg an ein Felsenstück, glücklicher Weise jedoch ohne ihn zu verletzen. Auf dem Berg angelangt, standen wir lange Zeit und schauten entzückt in das Panorama, das sich vor unsern Blicken aufgethan: zu unsern Füßen die Stadt, bespült von der grünlichen Welle des Meeres, das hier eine Bucht ausfüllt, die man mehrmals mit dem wunderherrlichen Golf Neapels verglichen hat. Da schaute aus duftenden Orangen und saftig grünen Feigengärten Smyrna heraus; uns zur Linken war das herrliche, mit zackigen Felsen durchsetzte Engthal des Meles, das noch jetzt den Namen des Paradieses führt. Langsam und uns öfters umschauend, erstiegen wir die letzte Klippe des Berges, um zum Gemäuer der weitläufigen Burg zu gelangen. Ein riesengroßer, weiblicher Kopf, in weißem Marmor, halb erhaben gearbeitet, war links neben einem Thore eingemauert. Er soll das Bildniß der Smyrna sein, jener Gemahlin des Arabischen Begründers der Stadt, von der sie auch ihren Namen erhielt. Die Türken machen zuweilen den Spaß, und schießen nach dem antiken Kopf mit ihren Pistolen, wodurch er schon stark beschädigt ist Nachdem wir über Schutt und Gestrüppe in das Innere des Schlosses geklettert waren, zeigte uns der Führer die Stellen, wo eines der prachtvollsten und größten Theater Asiens und der Tempel des Jupiter Acräus gestanden; doch sieht man von allem fast nichts mehr, als schwärzlich graue Steintrümmer, hie und da Marmorblöcke und einige großartige Mauerstrecken. Durch Zufall entdeckten wir hier noch ein sehr gutes Echo, welches drei bis vier Worte deutlich nachsprach. Wo sich die Bogen einer alten Wasserleitung in das Thal des Paradieses hinabziehen, kletterten wir mit unsern Pferden hinunter, ein Weg, den nur die des Bergsteigens so gewohnten türkischen Pferde machen konnten. Zuweilen blieben sie auch auf Mauertrümmern, bei denen ich mich zu Fuß besonnen hätte, wie am besten hinabzusteigen sei, wandten sich aber immer glücklich durch; nur einmal mußte ich absteigen, um mein Pferd, welches sich zwischen zwei Felsblöcke fest geklemmt hatte, loszumachen. Von Weitem sahen wir noch den Platz, wo der Sage nach der Dichter der Iliade sein Häuschen gehabt haben soll; dann kehrten wir zur Stadt zurück, um uns gleich auf unser Schiff zu begeben, das, obgleich es anfänglich nur für Smyrna bestimmt war, hier einen Befehl vorfand, oder vielleicht denselben auch schon mitgebracht hatte, nach Beirut zu gehen. Es dämmerte schon, als wir die Anker lichteten, und dem schönen Smyrna Valet sagten. Ein plötzlicher Gewitterregen trieb uns frühzeitig in die Kajüte, wo wir uns bei einem Glase selbst gebrauten Punsches noch einige Stunden angenehm unterhielten. Dann legte ich mich hin, und das einförmige Schlagen der Schaufelräder wiegte mich bald in einen sanften Schlaf. Am 11. December trat ich etwas später als sonst auf's Verdeck; denn ich hatte schon durch meine Fensterluken bemerkt, daß der Himmel nicht so freundlich auf uns herabsah, wie die vorhergehenden Tage. Aus Südwest hatte sich ein ziemlicher Wind aufgemacht und bewarf die Flanken des Schiffs zuweilen mit schäumenden Wellen, das sich aber dadurch auch gar nicht irre machen ließ oder dem Feind auch nur einen Fuß breit wich. Ich habe bei gleicher Pferdekraft nie eine so emsig arbeitende Maschine gesehen, wie die des Crescent. Er machte beständig, sogar gegen den Wind, seine zweiundzwanzig bis dreiundzwanzig Rotationen in der Minute. Das Schiff hatte, wie uns der Kapitän und einer unserer Gefährten, die schon mehrere Fahrten und bei stürmischem Wetter mit ihm gemacht, versicherten, die Eigenheit, nicht wie ein anderes Fahrzeug, bei hoher See die Wellen zu erklimmen, sondern es schnitt gerade hindurch, was denn freilich den Nachtheil hatte, daß die Wogen beständig das Verdeck bespülten. Der Crescent ist in England gebaut und seine Masten und der Schornstein, die schief nach hinten zugestellt sind, geben dem schlanken Schiffe ein keckes, flottes Ansehen. Vor uns hatte die alte Geschichte wieder ihr Buch in Originalausgabe aufgeschlagen. Wir fuhren gen Samos und Ikaria; erstere, die Geburtsinsel Pythagoras, zeigte sich dem Auge sehr anmuthig; schon der alte Beiname Anthemos, bezeichnet sie als die blumenreiche; dort verlebte nach der Sage, Juno, die Himmelskönigin, den ersten Tag ihrer Kindheit, und wer von uns war nicht in Gedanken schon hier, wen hätte nicht Schiller hieher geführt, wenn er uns erzählt, wie Polykrates seinen Ring in's Meer warf, als das Kostbarste, was er besaß, dem Glück zum Opfer, das ihn mit Gaben überhäufte. Während wir bei dem Hauptorte der Insel, dem Städtchen Kora, vorbeifuhren, trübte sich der Himmel gänzlich, und ein mächtiger Platzregen nöthigte uns, die Kajüten zu suchen, doch zog das Wetter bald vorüber, und als wir von Neuem das Verdeck betraten, standen hinter uns zwei prachtvolle Regenbogen, aus den dunkeln Gewitterwolken hell hervortretend. Dabei gewährte uns eine Kriegsbrigg, an der wir schon vor einigen Stunden vorbeifuhren, ein gar hübsches Bild; denn wir sahen sie jetzt mitten unter jenen farbigen Bogen stehen, mit ihren schneeweißen Segeln einer Taube gleich, die, vom Heiligenschein umgeben dahin schwebt. Gegen ein Uhr Mittags sahen wir südwestlich die Stadt Pathmos, auf welcher sich die Grotte des Apostels Johannes befindet. Dann fuhren wir um die nördliche Spitze der Insel Kos oder Stanko, das Vaterland Hippokrates und Appelles. Zwischen der östlichen Spitze von Kos und dem Kap Krio zeigte sich das Wasser des Meeres in einem Streifen von vielleicht zwei Miglien rein himmelblau, obgleich der Himmel dunkelgrau bezogen war und die übrige Meeresfläche eben diese Färbung hatte. Schon seit Mittag hatte uns der Kapitän am fernsten Horizont einen blauen Streifen gezeigt, Rhodus, und ich trat nun beinahe jede Viertelstunde an's Boogspriet, um zu sehen, ob wir auch jener Insel, für die ich von Jugend auf geschwärmt, näherkämen. Viel zu langsam ging mir das eilende Dampfschiff. Schon dunkelte der Abend, und das Land, welches, das Kreuz in der tapfern Hand, der Johanniter so lange dem Halbmond streitig gemacht hatte, wollte nicht näher rücken. Als ich so nachdenkend hinblickend auf dem Anker saß, war mir, als sehe ich einer großartigen Tragödie, Rhodus, zu; der erste Akt hatte uns die Handlung in unendlichen Umrissen gezeigt, hatte uns durch die Erzählung des früher Geschehenen neugierig gemacht, den Ort, wo das Weltdrama spielte, näher zu sehen, und jetzt fiel der Vorhang – hier der Schleier der Nacht, und ließ nur die Gedanken durchdringen, um sich die fernere Scenerie auszumalen. Doch arbeitete unser Schiff während dem Zwischenakte kräftig vorwärts, und als nach einer Stunde der Mond aufstieg und hell durch die zerrissenen Wolken schien, begann der zweite Akt und führte uns in das Innere des Stückes, dessen erste Decoration die Trümmer eines uralten Hafens waren. Die Form des Beckens konnte man noch eben in seinen äußern Umrissen erkennen. Das Meer wühlte in den Felsenblöcken, die früher gewiß fest zusammengefügt waren. Es war der alte Hafen, auf dem der berühmte Koloß von Rhodus gestanden, jenes Bild aus Erz, das mit gespreizten Beinen, einem Thore gleich, vor der Oeffnung des Hafens stand, und hoch in der einen erhobenen Hand einen Feuerbrand hielt, den einlaufenden Schiffen zum Zeichen. Jetzt traten uns die Lampen der Leuchtthürme, die bisher matt durch den Nebel geschimmert hatten, deutlicher vor Augen. Unser Boot machte eine große Wendung, fuhr mit halber Kraft in den neuen Hafen hinein, zwischen den beiden massiven festen Thürmen des Erzengels und des heiligen Nikolaus durch, und warf neben einer östreichischen Corvette die Anker. Da waren wir denn in dem Hafen von Rhodus, der schönen »Rose,« angekommen, und der Mond war so gefällig, uns die Mauern und Thürme der Stadt so ziemlich zu beleuchten. Der Anblick derselben gewährte uns so gar nichts Türkisches; Alles war solid und fest gebaut, und zeigte, obwohl verfallen, daß kräftige Hände und eine geregelte Kriegskunst diese Werke aufgeführt haben. Man hätte glauben können, vor einer europäischen Festung zu sein, wenn uns nicht über eine der Mauern das Siegel des Orients, eine schlanke Palme, die erste, die wir sahen, entgegen genickt hätte. Wir blieben die Nacht über an Bord; doch kaum ging die Sonne auf, so ließen wir uns nach der Stadt rudern, und stiegen bei dem Hafenthor an's Land. Hier waren der Sage nach noch im sechszehnten Jahrhundert die Gebeine jenes Drachen zu sehen, den der tapfere Ritter des Ordens, Dieudonné de Gozon erschlug, und ihre Größe wurde von den Aus- und Eingehenden bewundert. Es macht gewiß nicht leicht eine Stadt einen seltsameren Eindruck auf das Herz des Europäers, der ihre Geschichte kennt, als das jetzige Rhodus, die entblätterte Rose. Die Türken, die schon seit 1522 Besitzer derselben sind, waren nicht im Stande, diese Stadt, wie die andern, die ein gleiches Schicksal hatten, so ganz in ihren Schmutz herabzuziehen. Das alte Rhodus mit ganzen Straßen kleiner massiver Häuser und den aus der Ritterzeit herstammenden Festungswerken und Gräben, gleicht einer eroberten und zerstörten Kirche, die der neue Herrscher seinem Cultus gemäß umänderte. Doch wenn er auch da ein Fenster zumauerte, dort ein neues brechen ließ, oder auf die alten kräftigen Thürme ein Spitzdach setzte, wenn er auch die Bilder der Wände auskratzen, die Mauerverzierungen abbrechen ließ und das Ganze mit seinen schmutzigen Händen besudelte; so sieht doch der Wanderer, der ehrfurchtsvoll näher tritt, nichts von den neuen Verunzierungen, sondern seine Blicke fassen gleich das alte ehrwürdige Denkmal, wie es damals gewesen, auf, ohne die Kuckucksblut zu bemerken, die jetzt in dem Nest des mächtigen Raubvogels nistet. Wir wandelten durch die Gassen, die noch aus den Zeiten der Ritter her mit einem guten Pflaster versehen sind. Das Treiben der Türken, die ihre schlechten Baracken an mächtige Mauern geklebt haben, und Angesichts der Wälle, auf denen die tapfern Johanniter für den Glauben kämpften und starben, faul auf unterschlagenen Beinen sitzen und gedankenvoll den Tabaksrauch von sich blasen, erschien uns ganz fremdartig. Es machte denselben Eindruck, als wenn man in einer unserer Städte die Türken auf einmal Herr und Meister spielen sähe. In allen andern Städten in der Türkei, und wenn sie noch so schön und großartig sind, wie Stambul, Adrianopel, Smyrna etc., paßt doch der Anblick des faulen orientalischen Treibens zu Allem, und wir Europäer waren, wie natürlich, eine fremde Zuthat. Doch, wie schon gesagt, hier in Rhodus ist es ganz umgekehrt. Wir wandelten durch die Bazars, die nirgends fehlen dürfen. Das Einzige, was von den Artikeln, die hier ausgebreitet lagen, uns des Kaufens werth erschien, waren schöne reife Orangen, die ersten, die wir auf unserer Reise gesehen, denn in Stambul waren erst wenige auf den Markt gekommen. Die Stadt Rhodus steigt auf zwei Höhen, die sich nach West und Nord erstrecken, sanft aus dem Meere empor, weßhalb auch alle Straßen von dem Hafen aufwärts laufen. Die alten zerfallenen massiven Gemäuer, die durch die Stadt zerstreut liegen, und an die der Türke sein armseliges Haus gebaut, sind bedeckt mit Epheu und umgeben von frischen Baumgruppen. Der Orangen- und Citronenbaum hatte hier schon Blüthen und Früchte, und die breiten Blätter des Rebenlaubes bildeten schattige Plätze. Auf den Wällen und in den Gräben erwies sich die Natur dem alten Rhodus freundlich und bedeckte das graue Gestein mit grünen Pflanzen und bunten Blumen. An die Einnahme der Stadt durch Soleiman erinnerten noch mehrere steinerne Kugeln, die hie und da umherlagen und wovon einige von einer wirklich ungeheuren Größe waren, denn sie hatten eilf bis zwölf Spangen im Umfang. Wir sahen die Kathedrale, vormals die Kirche des heil. Johannes, von den Türken in zwei Theile getheilt, wovon der eine zum Getreidehaus, der andere zur Moschee benutzt wird. An den Wänden der letzteren hatte man die Gemälde, die dieselben zu den Zeiten der Johanniter bedeckten, mit weißer Farbe überstrichen, aber nicht verlöschen können; denn hie und da sah man noch Figuren in unbestimmten Umrissen hervorleuchten. Nicht weit davon liegt der frühere Palast des Großmeisters, ein großes viereckiges Gebäude, mit Gräben umgeben. Wir gingen nur bis unter das gothische Thor und sahen in den Hof hinein, den eine von Säulen getragene Gallerie im Viereck umgibt. Vor dem Schloß stand eine uralte Platane, von der ich mir ein Blatt abbrach und zum Andenken an Rhodus mitnahm. Das Merkwürdigste und für den Europäer wirklich rührend ist eine kleine, öde, unbewohnte Gasse, die neben dem Palaste des Großmeisters liegt und noch jetzt den stolzen Namen Strada dei Cavalieri führt; denn hier waren ehemals die Wohnungen der verschiedenen Ritter aller Zungen. Jetzt wohnt Niemand hier; auf dem mit breiten Steinplatten gepflasterten Boden wächst Gras, die Straße gleicht einem Kirchhofe und die kleinen Häuserchen, alle von einander verschieden und jedes nach dem Geschmacke aufgeführt, den der Erbauer aus der fernen Heimath mitgebracht, stehen daneben, wie eben so viele Grabsteine, auf denen, wenn auch nicht der Name des Ritters, der sie erbaute, doch das Wappen desselben, in Stein gehauen, prangt. Fast jedes dieser Häuser hat eine Treppe vor der Thür; dann gelangt man durch einen dunkeln Gang auf einen kleinen Hof, in welchem Knappen und Dienerschaft wohnten. Die Gemächer der edlen Johanniter selbst im Vorderhause sind nicht sehr geräumig und durch die kleinen vergitterten Fenster sehr dunkel. Die Straße der Ritter, welche ebenfalls bergan läuft, führt oben auf die Höhe des Walles, von wo wir, auf den Trümmern eines zerklüfteten Pulverthurms stehend, die Bollwerke und Thore, welche die französischen, deutschen, englischen und welschen Ritter vertheidigten, sowie das Siegesthor und das athanatische sahen. Auch sahen wir von hier drei Hafen, welche Rhodus hat. Der Boothafen, in welchem unser Dampfboot ankerte, neben ihm die Galeerenhafen, wo sich die Schiffswerften befinden, und der durch das Castell Elmo beschützt wird, und auf der andern Seite der kleine Hafen, wo der Koloß stand und der von einem Klippenvorsprung und der Landzunge, auf welchem der Engelsthurm steht, gebildet wird. Schon um Mittag rief uns der Signalschuß an Bord des Dampfschiffes zurück. Wir lichteten bald darauf die Anker und wandten uns dem anatolischen Festlande zu, wo die große durch umgebende Gebirge von allen Seiten vor der Gewalt der Winde geschirmte Bucht von Phisco und in deren Grunde der kleine Ort Marmaris liegt, nach welchem heute der schöne natürliche Hafen der von Marmarissa heißt. Schon seit den ältesten Zeiten ist das kleine Marmaris berühmt. Alexander, der es umzingelte, konnte die Bewohner nicht bekämpfen. Sie zündeten ihre eigene Stadt an, erwürgten Weiber und Kinder und schlugen sich durch das macedonische Heer in die Gebirge. Soleiman versammelte hier im Hafen die Flotte, die zur Eroberung von Rhodus bestimmt war, und ebenso die Engländer zu Anfang dieses Jahrhunderts die ihrige, welche, dreihundert Segel stark, wider Aegypten auslaufen sollte. Heute. wo sich unser Dampfschiff von Rhodus nach Marmaris wandte, sah der kleine Ort wieder eine gewaltige Kriegsmacht, die sich vor seinen verfallenen Mauern versammelte, denn die englische Flotte unter Admiral Stopferd, vereinigt mit der österreichischen Escadre, lag da vor Anker. Nachdem wir Rhodus verlassen, hatte sich das Wetter, das den Morgen über klar und freundlich gewesen war, plötzlich verändert und die See ging ziemlich hoch. Um so seltsamer war der Anblick des Hafens von Marmarissa, als wir, nachdem das ziemlich stürmische Meer und die ganz kahlen Gebirge des asiatischen Ufers hinter uns lagen, plötzlich in jener Bucht von frischen grünen Bergen umgeben, auf einem Wasser schwammen, das spiegelglatt und klar, einem großen Landsee glich, und uns mitten zwischen diesen Schiffkolossen sahen, die gleich furchtbaren Riesen in ihrer Höhle, hier im Schlafe neben einander von einem eben bestandenen Kampfe ausruhten. Dies waren die mächtigen Kanonen, welche Beirut beschossen und Acre beinahe vernichtet hatten. Jetzt fuhren wir neben dem Powerful, auf dem der Commodore Napier befehligt und senkten unter seinen Kanonen den Anker. Dort lag die Prinzessin Charlotte; auf ihrem Mittelmast flatterte die Flagge des Admirals Stopford; das herrliche Schiff schien uns Fremdlinge mit seinen hundertundzwanzig Kanonen wie mit eben so vielen Augen neugierig zu beschauen. In ihrer Mitte ankerte die Fregatte Lipsia, auf der sich der junge Erzherzog Friedrich von Oestreich befand. In Allem befanden sich hier dreizehn Linienschiffe, vier Fregatten, vier Briggs, drei Corvetten und vier Kriegsdampfschiffe. Mehrere dieser Fahrzeuge besserten ihre Masten und Takelwerk aus; denn obgleich Admiral Stopford beim Beginn der stürmischen Witterung zu Ende Novembers die offene, sehr unsichere Rhede Beiruts verlassen, so hatte doch der Sturm vom ersten und zweiten Dezember, der auch uns mit dem Dampfbot Seri-Pervas im Marmormeer scheitern machte, stark unter der Flotte gewüthet, mehrere Schiffe leicht beschädigt, eine Corvette ihrer sämmtlichen Masten beraubt, und eine Brigg, vom Sohne des englischen Admirals befehligt, war gänzlich zu Grunde gegangen. Einige Seeoffiziere versicherten uns, wenn das Unwetter noch einen Tag gedauert hätte, wäre die ganze herrliche Armada schwerlich dem Verderben entronnen. Wir blieben noch, bis das Licht des unterdessen aufgestiegenen Vollmonds unserem Steuermann den Weg aus dem Hafen wies, und verließen Marmarissa im Augenblick, wo auf sämmtlichen Schiffen von vollständigen Musikchören der Zapfenstreich ertönte. Es war für uns ein eigenes Gefühl, so viele Stunden von der Heimath den Priesterchor aus Norma zu hören. Am folgenden Morgen lachte uns wieder das herrlichste Wetter. Wir sahen schon in weiter Entfernung die Insel Cypern vor uns. Das Meer war eben wie ein Spiegel, der Crescent arbeitete so wacker vorwärts, daß wir schon gegen eilf Uhr die Insel erreichten und bei Larnaca, eine halbe Seemeile vom Lande entfernt, den Anker warfen. Wir fuhren in einer großen Schaluppe nach der Stadt und ich habe nie das Meer so klar und von so schöner Farbe gesehen, wie heute. Man konnte deutlich auf den Grund schauen und Muscheln und Steine erkennen, die gewiß an fünfzig bis sechzig Fuß unter uns lagen. Unser Kapitän hatte bei dem Agenten der Dampfschifffahrtsgesellschaft eine Depesche abzugeben und wir benützten diesen Aufenthalt von einigen Stunden, um den köstlichen Cyperwein an der Quelle zu versuchen. Der Agent setzte uns eine Flasche, und wie er selbst sagte, vom besten vor; doch konnten wir ihm insgesammt keinen Geschmack abgewinnen. Desto mehr erfreute uns aber der Anblick eines jungen, sehr schönen Mädchens in diesem Hause, im reizenden griechischen Costüm, das unter einer Laube von Orangen saß und mit weiblicher Handarbeit beschäftigt war. Das gute Geschöpf mußte viel von unsern neugierigen Blicken leiden, denn wir hatten lange kein interessantes weibliches Wesen mehr gesehen; und unsere Herzen waren daher so erkaltet, daß wir es wagen konnten, ein paar lange Minuten hindurch das strahlende Feuer ihrer schönen Augen auszuhalten. Wir streiften eine Weile in der Nähe der Küste herum und trafen zufällig einen deutschen Landsmann; er war ein Schwabe, der in dem Kapuzinerkloster hier die Dienste eines Schneidermeisters, Garderobiers und Haushofmeisters versah. Wir mußten ihm zu den ehrwürdigen Vätern folgen und blieben eine halbe Stunde bei ihnen, worauf uns der Deutsche in eine Locanda führte, wo wir nach seiner Versicherung den köstlichsten Cyprier unverfälscht und von bester Sorte haben könnten. Wir folgten seinem Rath und seiner Führung, ohne das später zu bereuen, denn der klare goldgelbe Wein, der uns dort von einem schönen schwarzäugigen Mädchen credenzt wurde, übertraf an Feuer und Wohlgeschmack Alles, was ich bisher getrunken. Nach einer Stunde kam der Kapitän selbst, um uns aufzusuchen und zur Abfahrt zu mahnen. Er war mit den Gelegenheiten in der Stadt schon bekannt und hatte nicht umsonst geahnet, daß er uns hier an der Quelle des köstlichen Nektars finden würde. Wir gingen nach dem Schiffe zurück und mußten, obgleich es im December war, die Strahlen der Nachmittagssonne schwer empfinden. Ein öderer, baum- und strauchloserer Anblick, wie aber auch diese Insel von der Südseite bietet, ist nicht leicht zu finden. Der Boden ist weißer Kalkstein, mit Kieselstein und Marienglas bedeckt; doch soll dagegen der nördliche Theil Cyperns, der von hohen Gebirgen durchschnitten ist, der freundlichen, ja sehr schönen Gegenden viele aufzuweisen haben. Wir lichteten gegen zwei Uhr die Anker, und da die heutige Nacht die letzte unserer jetzigen Seereise war, rüsteten wir unser Gepäck, um Morgen früh bei unserer Ankunft in Beirut gleich Alles in Bereitschaft zu haben und das Boot verlassen zu können. Wir hatten eine schöne angenehme Nacht, das Meer war spiegelglatt und ruhig wie ein Teich, nur ein leichter Wind blähte das Segel, das der Kapitän, den Lauf des Schiffes zu befördern, aufspannen ließ. Das erste Frühlicht des neuen Tages traf uns schon auf dem Verdeck, denn aus der Dämmerung der Nacht begann für uns ein prächtiges ungeheures Schauspiel aufzutauchen. Wir hatten das Ziel unserer Seefahrt erreicht und vor uns lag der schneebedeckte Libanon, zu seinen Füßen das arme zerschossene Beirut. Sechstes Kapitel. Beirut. Aeußere Ansicht der Stadt. – Der Libanon. – Innere Ansicht der Stadt. – Das Schloß am Meer. – Die Bazars. – Gewühl auf den Straßen. – Weiber. – Türkische Artillerie. – Beduinen. – Das Drusenlager. – Pinienanpflanzungen. – Aufenthalt in Beirut. – Jungfräulichkeit neuer Schiffe. – Die türkische Thorwache. – Krankheit der Freunde. – Ein Ritt in den Libanon. – Friedrich. Welch' ein Unterschied ist zwischen dieser syrischen Stadt und denen der Türkei, die wenigstens von Außen dem Auge mit ihren ragenden Minarets und prangenden Cypressen einen lieblichen Anblick gewähren! Man sieht, hier trägt der Mensch einen Steinhaufen zusammen, um unter ihm Schutz gegen die glühende Sonne zu haben, und darauf eine Terrasse, wo er der Abendkühle genießen kann. Die Gebäude mit platten Dächern sind alle von gleicher Höhe und haben fast gar kein Fenster; nur hie und da deuten in hohen und breiten Mauern zwei oder drei Löcher eine solche Idee an. Alles ist von gleicher Farbe, der ursprünglichen des Bausteines, einem verbrannten Braungelb, und das Haus ist vom Felsen, auf dem es steht, kaum zu unterscheiden. Die drei, vier Minarets der Stadt sind kaum ein Drittheil so hoch, wie die gewöhnlichen in Konstantinopel, aber eben so dick, was ihnen ein plumpes, gedrücktes Ansehen gibt. Es ist, als wäre es den arabischen Maurern unter der Arbeit zu heiß geworden, und da haben sie, statt noch zweimal so hoch zu bauen, und dann ein schlankes Spitzthürmchen aufzusetzen, der Sache ein Ende gemacht, indem sie mit einem massiven, beinahe flachen Dache schlossen. Gewiß, brächten nicht die die Stadt umgebenden unzähligen Hecken von Cactus und einzelne stolz emporragende Palmen einiges Leben in die Seeseite, man müßte die Gegend für ausgestorben, und jene braune Häusermasse für eine von ihren Bewohnern verlassene Ruine halten. Doch mag an dem für uns ganz unerquicklichen Anblick auch die Jahreszeit einige Schuld haben; denn obgleich es drückend heiß war, herrschte hier auch Winter, und die zahlreichen Maulbeer- und Feigenbäume zeigten uns nur kahle Aeste. Es ging mir hier wie den Kindern, die das Beste bis zuletzt aufsparen. Erst als sich mein Auge übersättigt hatte an den Maulwurfshaufen der Menschen, hob ich meinen Blick langsam empor zu jenem ewigen majestätischen Bau, den hier die Natur hingestellt, zum stolzen Libanon. Lange sah ich hin, und meine Gedanken jagten durch seine Schluchten, zogen seine Felsspitzen hinauf und hinunter, flatterten um das ganze Gebirge, und endlich kühlten sich die erhitzten im Schnee, der sein Haupt bedeckt, ab. Nie hat etwas auf mich einen größeren Eindruck gemacht, nicht der Balkan, den ich überstiegen, nicht das Meer als ich es zum ersten Male gesehen, nicht Konstantinopel, noch Smyrna. Das große Boot, welches von der Stadt gekommen war, uns dorthin abzuholen, schwankte stark in den heftigen Wogen des Hafens; hier ist das Wasser stets bewegt und durch große Felsstücke, die in der See hie und da versprengt liegen, für größere Schiffe unfahrbar; selbst Nachen kommen beim ruhigsten Wetter nicht ganz an's Ufer, weßhalb Passagiere und Güter auf den Schultern der Lastträger nach dem Quai getragen werden. Ein Gang, den wir gleich bei unserer Ankunft durch die Stadt zum Hause des österreichischen Consul Herrn Laurella machten, zeigte uns das Innere derselben mit der äußern Ansicht beinahe ganz übereinstimmend. Man sieht überall nur die äußerste Nothdurft befriedigt, keine Idee von Luxus oder Eleganz, keine bunte, helle, wenn auch geschmacklose Verzierung an den Häusern, wie in der europäischen Türkei, oder hie und da einen freien Platz. Die ganze Stadt kam mir wie ein großes, unregelmäßig zusammengemauertes Gebäude vor, alle Wände massiv, gleich hoch und schmutzig. Die Gänge oder vielmehr Straßen sind schmal, damit der brennende Sonnenstrahl nicht eindringe. Hiezu kommt noch, daß die sehr hohen Häuser alle dreißig bis vierzig Schritte mit steinernen Bogen vereinigt sind, die sich über der Gasse wölben. Auf uns, die wir bei unsern Bauten nichts so sehr lieben, wie Geräumigkeit und frische Luft, wirkt eine solche gefängnißartige Stadt eigentlich brustbeengend, und obendrein entsteigt den Straßen und Gewölben ein unerträglicher Geruch. Die Unannehmlichkeit wurde noch erhöht durch das Drängen und Stoßen der vielen Menschen in den Gassen; die Stadt war im Augenblick überfüllt mit englischen und türkischen Soldaten, Beduinen, Arabern, Bergvölkern etc. Da der einzige Gasthof Beiruts, eine schmutzige Locanda, die unter dem Befehl eines Italieners steht, von englischen Offizieren ganz in Beschlag genommen war, so standen wir auf der Gasse, ohne Aussicht auf ein auch nur ganz mittelmäßiges Unterkommen. Unsere liebenswürdigen Reisegefährten, fünf östreichische Offiziere, die sich in dem Kriege gegen Mehemed Ali einige Lorbeeren pflücken wollten, brachte der Consul Laurella so gut wie möglich in seinem Hause unter und bot auch uns dasselbe an. Indessen hatte Giovanni, der arabische Dolmetscher und Koch, den der Baron in Smyrna angenommen (er war hier zu Hause), mit einem Bekannten unterhandelt, der uns sein Haus, eine Viertelstunde westlich von der Stadt am Meere gelegen, um einen billigen Preis anbot, was wir mit Freuden annahmen. Diese Villa, das Schloß am Meer , wie wir sie tauften, hatte, obgleich es nur das Haus eines syrischen Landwirthes war, wie alle diese Gebäude etwas Kastellartiges, vier hohe steinerne Mauern, an denen man von außen nur kleine vergitterte Fensteröffnungen sah. In den untern Stock, der sonst ohne Fenster, nur zur Aufbewahrung von Gerätschaften dient, war für die Zeit unsers Aufenthalts hier, der Besitzer mit seiner Familie gezogen; der obere bildet eine Terrasse, um welche auf zwei Seiten in einem rechten Winkel unsere drei Zimmer lagen. Diese geräumige Terrasse war fast unser beständiger Aufenthalt; hier hatten wir, was wir in der Stadt so sehr vermißten, reine gesunde Luft, und welche Aussicht und Umgebung! – Nördlich, so weit das Auge reichte, die gewaltige Meerfluth, östlich die Rhede der Stadt, und hinter derselben den Libanon, dessen Zug wir von Tripolis bis beinahe Saida mit unsern Blicken verfolgen konnten. Den traurigen Anblick Beiruts verdeckte uns ein kleiner Hügel am Meer. Der türkische Friedhof mit seinen weißen Steinen und gewölbten Grabmälern, die Wohnung der Todten, war freundlicher, als die Stadt der Lebenden. Zu unserer großen Unterhaltung war das Meer stets belebt wie eine große Landstraße; alle Schiffe, die von Alexandrien, Marmarissa, Cypern etc. kamen, mußten an unserer Terrasse vorbei; fast täglich kamen und gingen englische Kriegsdampfboote, Mannschaften oder Depeschen bringend, eine zahllose Menge großer und kleiner Kauffahrteischiffe kreuzte sich beständig auf dem Meer und der Rhede; auch hatten wir zweimal das Vergnügen, zu sehen, wie ein englisches Linienschiff ersten Ranges in weiter Ferne mit den Mastspitzen auftauchte, langsam die Höhe der See erstieg und nach einigen Stunden in seiner majestätischen Gestalt an unserm Hause vorbeischwamm. Südlich von unserer Wohnung bildete das Terrain einige Hügel, die mit vielen kleinen und größern Häusern bedeckt waren; sie nahmen sich mit ihrer Umgebung von grünen Oelbäumen und großen schlanken Palmen, alle von gewaltigen Cactushecken umzäunt, sehr hübsch aus. Eines derselben hatte für uns besonderes Interesse, hier wohnte Lamartine einige Monate, und hier starb seine einzige Tochter Julie. Nachdem wir uns einigermaßen in der Villa eingerichtet, d. h. Teppiche auf dem Boden der Zimmer ausgebreitet, wozu die arabischen Hausleute, – es waren jedoch katholische Christen – mit großer Gutmüthigkeit die Decken ihrer eigenen Betten gaben, auch Küchengeschirr, Gläser, Teller, Pfannen etc. gekauft, betrachteten wir unsere Umgebungen und die Stadt, die wir bis jetzt nur sehr flüchtig angesehen, etwas genauer. Unser Weg führte uns längs der Küste, an welcher wir in verschiedenen Säulentrümmern, die hier herumlagen, sowie in Stücken alten Mosaikpflasters und verwitterten Mauern, die das Meer bespülte, Ueberbleibsel der Gebäude oder der Befestigungswerke der alten Stadt Berytus zu erkennen glaubten. Bei sehr ruhiger See habe ich oft stundenlang am felsigen Gestade gesessen und konnte deutlich unter den Wellen den Grundriß einzelner Häuser verfolgen; kleine Fische schwammen ruhig in den Wohnungen der Menschen umher. Die Stadt, welche, wie gesagt, von der Seeseite einen traurigen Anblick gewährt, macht sich vom Lande her etwas besser und ist hier mit ziemlich erhaltenen alterthümlichen Mauern und Thürmen umgeben, die wohl noch aus den Zeiten der Kreuzzüge herrühren, wo, wie bekannt, die Christen unter Balduin IV. die Befestigung von Beirut sorgfältig wiederherstellten; auch geben hier zahlreiche Olivenbäume und Palmen, sowie die immer grünen Cactushecken ihrem grauen Gesicht eine jugendliche Schminke. Ueberall sahen wir jedoch die Verheerungen, welche das Bombardement der englischen Flotte kürzlich angerichtet. Hier war ein Stück von der Mauer herabgestürzt, dort fehlte einem Thurme die Ecke, an diesem Hause hatte eine Kugel zwei Fenster in eines verwandelt, so daß man in die Zimmer sehen konnte; einzelne Granaten und Kugeln waren bis zu unserm Landhaus geflogen, und wir fanden in dem Garten mehrere von sehr schwerem Kaliber. Auch das Innere der Stadt hatte bedeutend gelitten. Es war mir immer ein eigenes Gefühl, wenn ich jene alten Zeiten, wo frommer Eifer Leben und Gut opferte, um jene Ringmauern zu errichten, mit den jetzigen Tagen zusammenzureimen suchte, wo Christen die Gefälligkeit hatten, dieselben Werke für Rechnung der Türken zusammenzuschießen. Der fünfte und letzte Akt dieses grandiosen Trauerspiels wäre gewesen, wenn Ibrahim Pascha sich nach Jerusalem geworfen und christliche Kugeln die Kuppel der Grabeskirche zerschmettert hätten. Auf den Straßen fanden wir auch heute dasselbe Gewühl, denselben Schmutz und Gestank wie am Tage unserer Ankunft; ich habe nie so mancherlei Parfüme genossen, als auf meinen Spaziergängen durch Beirut. Wie in allen orientalischen Städten sind auch hier drei Viertheile der Straßen zu Bazars eingerichtet und bilden lange Reihen offener Gewölbe; denn außerdem, daß der Kaufmann seine Waaren ausstellt, sitzen auch alle Handwerker in ihren verschiedenen Straßen offen vor den Augen der Vorübergehenden. In einer Gasse sieht man die Anfertigung des verschiedenartigsten Fußzeugs vom kleinen Pantoffel bis zum größten Reitstiefel; in einer andern bergen sich hunderte von Webstühlen, deren Einfachheit übrigens bemerkenswerth ist; mit den Kosten und dem Holze eines der unsrigen macht man wenigstens fünf türkische. Dort liegt die Gasse der Waffenschmiede, welche in diesen Tagen stets gedrängt voll ist; besonders die Bergbewohner wogten hier auf und ab und ließen ihre neuen Gewehre, womit die türkische Regierung sie gütigst beschenkt, ausbessern und putzen. Weiterhin sieht man die Barbiere mit ungemeiner Geschicklichkeit die Köpfe der Gläubigen bearbeiten; letztere geben dabei recht eigentlich den leidenden Theil ab, denn der Barbier legt den Kopf auf sein Knie und dreht und wendet ihn nach Gefallen, um jedem Haare am besten beizukommen. Ich fand die Straßen hier bei Weitem interessanter belebt, als selbst in Stambul. Während dort jeder seinem friedlichen Geschäft nachgeht und so rasch als möglich fortzukommen sucht, wandern hier die verschiedenen Volksstämme, die der Krieg zusammengeführt, mit Waffen bedeckt, langsam und gravitätisch vorüber. Die kräftigen Männer des Gebirges, von denen ich oben sprach, in weiten farbigen Beinkleidern und meistens rothen gestickten Jacken, den weißen Turban auf dem Kopfe, sieht man gewöhnlich in großen Haufen, sie sind lustig und guter Dinge, denn auf dem Rücken haben sie ja wieder ein Gewehr, ihre Lieblingswaffe, die ihnen Ibrahims kräftige Hand abgenommen, der bei Todesstrafe verbot, Waffen zu tragen. Zwischen ihnen durch schleicht ernst und still ein Beduine, der Sohn der Wüste, mit bronzefarbenem Gesicht. Der lange weiße oder gestreifte Burnus hängt von seiner Schulter bis auf den Boden, auf dem Kopf trägt er das nationale gelb und roth gestreifte wollene Tuch, das ein Kranz aus kleinen farbigen Stricken befestigt. Obgleich ihn nur selten die Woge des Lebens aus seinem Stande zu diesen Herrlichkeiten führt, so betrachtet er doch die Kaufläden, ohne eine Miene zu verziehen, mit den durchdringenden schwarzen Augen und raucht aus seiner kurzen Pfeife. Hinter ihm kommt ein Miralaja, ein großherrlicher Oberst, auf schönem wohlgenährtem Pferde, den Diamantstern als Zeichen seiner Würde auf der Brust, gefolgt von mehreren Dienern, die ihm Waffen und Pfeife nachtragen. Dort schreiten zwei Arnauten in ihrem malerisch schönen Costüm; es ist wie das griechische mit weißer Fustanella und rother Jacke; sie gehen trotzig umher, ohne einem Menschen auszuweichen, eine Hand in den Gürtel gesteckt, der außer zwei Pistolen, einem Yatagan, einem Dolche, einem Messer, noch Feuerzeug und Pfeife beherbergt. Ich habe unter diesen Menschen fast keinen gesehen, der eine angenehme, gute Gesichtsbildung gehabt, oder in dessen Zügen nicht ein böser, heimtückischer Ausdruck gelauert hätte. Sie bilden eine unregelmäßige Truppe Infanterie und Kavallerie. Man kann sie fast noch als Nachzügler der ehemaligen Janitscharen und Mameluken betrachten; sie desertiren ohne Weiteres hier und lassen sich dort wieder anwerben, je nachdem sie mehr Beute und bessern Sold zu erwarten haben; sie fechten nur dann, wenn sie Lust haben, und es kommt ihnen gar nicht darauf an, ihre Offiziere zu morden. Von den Einwohnern Beiruts sind diese vagabundirenden Kriegsknechte außerordentlich gefürchtet, und in einem Kaffeehause, wo sich ein Arnant niederläßt, rücken die andern ängstlich zusammen. Die Mannigfaltigkeit der Costüme auf den Straßen vermehren noch die in ihrem Aufzug verschiedenen Secten der Christen, Griechen, Armenier, Maroniten. Die Weiber der letztern tragen einen eigenen Kopfputz, eine konische, zwei bis drei Fuß lange Röhre von Silber oder Messing; sie steht in einem Winkel von fünf und vierzig Graden bald nach den Seiten, bald nach vorne, und ist mit einem Stück Mousselin bedeckt, das beinahe bis auf die Hüften fällt und zum Verschleiern des Gesichtes dient. Dazu kommen die Schattirungen des muhamedanischen Glaubens, die sich gleichfalls in der Tracht aussprechen. Gravitätisch wandelt dort der Türke vom alten Regiment, und es gibt deren in Syrien noch sehr viele, angethan mit dem langen Kaftan, im weißen oder grünen bauschigen Turban; letztere Farbe bezeichnet einen Nachkommen des Propheten, und der ihn trägt, wird Emir genannt. Obgleich aber Emir so viel wie Herr oder gar Fürst sagen will, findet man doch gerade unter der geringsten Classe, z. B. den Lastträgern, Wasserverkäufern ec. die meisten. Der ächte Muselmann geht ruhig seines Wegs, die eine Hand streicht den krausen Bart, die andere faßt das Schreibzeug im Gürtel. Auch das unglückliche, überall zerstreute Volk der Juden hat hier seine Repräsentanten. Stets auf den Erwerb bedacht, schlüpft der Jude behende im schmierigen Kaftan und dunklem Turban durch die Menge, rechts und links schauend, ob etwas zu gewinnen sei; besonders heften sie ihr Auge auf den herumwandelnden Europäer und bieten sich ihm gleich zu allen möglichen Diensten an. Fast alle europäischen Nationen sind hier in zahlreichen Mitgliedern vertreten, und keine verläugnet ihren Charakter. Der Franzose schlendert in gelben Glacéhandschuhen schwadronirend umher, und während alle östreichischen Matrosen vor einem gutgekleideten Franken, der sie freundlich ansieht, den Hut ziehen, steuert der Engländer mit dem hölzernen Gesicht gerade aus, betrachtet Häuser und Himmel und rennt jeden an, der ihm nicht ausweicht. Das weibliche Geschlecht spaziert hier nicht so zahlreich herum, wie in Konstantinopel. Alle Weiber der Mohamedaner sind mit einem dunkeln Stück Kattun, das gleich einer Maske ihr Gesicht bedeckt, so verschleiert, daß man auch keinen Zug ihres Gesichts erkennen kann, auch werfen sie beim Anblick eines Fremden noch ein Stück weißen Mousselin, das ihnen den Rücken hinabhängt, über den Kopf, besonders aber, was sehr gut ist, gerade die häßlichsten alten Weiber; die jungen heben nicht selten ihren Kattun und lassen ein paar schwarze glühende Augen sehen, ein Vergehen, das von den andern gleich mit harten Worten gerügt wird. Auch die Maronitinnen tragen über ihrem Horne einen weißen Schleier, den sie gelegentlich fallen lassen, um ihre hübschen runden Gesichter dem Fremden zu verbergen. Doch sind sie in der Kultur voran und haben uns nicht selten freundlich angelächelt. Die Frauen der katholischen Araber, deren es hier viele gibt, gehen unverschleiert. und ich habe unter ihnen herrliche Figuren mit sehr edlen Gesichtszügen gefunden. Ebenso kriegerisch, wie das Innere der Stadt, sah auch die Umgebung derselben aus; sie glich in diesem Augenblicke einem großen Feldlager. Auf dem Quai hatten die hundert englischen Kanoniere, welche die bewaffnete Macht der vier Großmächte vorstellten, ihr Hauptquartier aufgeschlagen; dort standen ihre sechspfündigen Geschütze aufgefahren, und sie selbst campten theils in einem Gebäude, theils in weißen Zelten. Ich bin fast zu keiner Zeit des Tages hier vorbeigekommen, daß nicht die Söhne Albions in ihrer Küche beschäftigt gewesen wären, die sie an einer Mauer aufgeschlagen hatten. Westlich von der Stadt, aus einem Hügel, der dieselbe beherrscht, stand der Park der türkischen Artillerie. Die Leute wohnten unter hellgrünen Zelten, und ebenso waren auch die Lafetten angestrichen; es befanden sich hier ungefähr dreißig Kanonen von der Größe unserer Sechspfünder; doch schießen die meisten ein weit größeres Kaliber und haben eine so weite Mündung, daß ich sie anfänglich für Haubitzen hielt; sie sind aber ohne Kammern, und ich hörte später, sie seien ebenfalls für Paßkugeln bestimmt. Das Metall ist so dünn, daß sich das Rohr nach wenigen Schüssen bis zum Zünden erhitzen muß; obendrein sind mehrere Stücke, statt von wirklichem Stückgut, von Bronze. Doch glaube ich nicht, daß die Türken so bald in den Fall kommen werden, mit diesen Kanonen zu agiren; sie hatten weder Bespannung noch Munition, auch nicht ein einziger Wagen befand sich im Parke. Unterhalb dieser Artillerie auf einem kleinen Platze, der an die Mauern der Stadt stößt, war für mich der interessanteste Punkt. Hier hatte ein Stamm der Beduinen aus dem Hauran sein Lager aufgeschlagen; es mochten ihrer fünfzig bis sechzig sein, die in grauen Zelten wohnten, in denen sie aber weder Stroh noch Teppiche hatten; sie schliefen auf der blosen Erde, und zogen Nachts ihren Burnus über den Kopf. Wir haben manche Stunde bei ihnen zugebracht; obgleich sie uns Fremde anfänglich finster und mißtrauisch beobachteten, wurden sie bald freundlicher und durch Kleinigkeiten an Geld, die wir ihnen spendeten, ganz zutraulich. Die meisten waren große, hagere Männer mit ausdrucksvollem, aber verschmitztem Gesichte, dem der schwarze herabhängende Bart etwas Düsteres gab. Ihre Waffen bestehen aus dem Säbel, der sehr langen und dünnen Flinte, die sie an einem Riemen über der Schulter tragen, und einer Lanze von wohl fünfzehn Schuh Länge mit fußlanger dreischneidiger Spitze, die mit einem Bouquet von dichten schwarzen Straußfedern umgeben ist. Die ausdauernden Gefährten dieser Wüstensohne, die edlen, treuen Pferde, fast alle von schönen Formen, aber dabei mager wie ihre Herren, stehen an einem Fuße mit einer Kette gefesselt, stets vollständig gesattelt vor den Zelten. Der Beduine und sein Roß sind nur vereinigt wahrhaft schön und poetisch; sobald der Reiter die Erde betritt, schleicht er faul und langsam umher, oder liegt mißmuthig unter seinem Zelte, aus der kurzen Pfeife rauchend, und das Pferd steht ruhig da, senkt den Schweif und sieht hungrig nach einigen Grashalmen, die zwischen den Steinen sprossen. Doch wie sich der Beduine auf sein Roß schwingt, scheint beide ein gewaltiges Feuer zu durchströmen; sein Auge blitzt, die ganze kräftige Gestalt richtet sich auf, und während er ein eigenes Geschrei ausstößt, greift das Pferd aus und verschwindet in sausendem Galopp, wobei es mit dem Schweif nicht selten den Rücken des Reiters schlägt. In wenigen Augenblicken steht man in der Ferne nur noch eine Staubwolke und über ihr wehend die schwarzen Federn der Lanze. Wir vermochten sie durch reichliches Bakschis häufig, ihre Pferde zu besteigen und uns deren Schnelligkeit, sowie ihre eigene Gewandtheit im Führen der langen Lanze zu zeigen; und wenn sie dann so dahin flogen über die Fläche, daß der weite Mantel um sie flatterte, wenn sie die Lanze weit vor sich hinschleuderten und den Säbel zwischen den Zahnen, Gewehr und Pistolen abschossen, dann dachte ich an meinen lieben Freiligrath: Beduin, du selbst auf deinem Rosse Bist ein phantastisches Gedicht. Nördlich von diesem Beduinenlager war der große Spaziergang der Stadt, ein ziemlich geräumiger Platz, wo es für den Fremden jeden Augenblick etwas zu sehen gab. Es war hier beständiger Jahrmarkt: in kleinen hölzernen Buden verkaufte man Scherbeth, Früchte und Brod; auch ein Café war dort errichtet, wo die Gäste unter einer riesigen Sycomore auf kleinen Stühlchen aus Palmzweigen saßen, und der Wirth auf einem Haufen zusammengetragener Steine das Getränk bereitete. Pfeife und Nargileh fehlten natürlich nicht. Hier nahm ich meistens meinen Platz, um das bunte Gewühl um mich her zu beobachten, das Leben und Treiben, das sich hier dem Auge entfaltete und jeden Augenblick wechselte. Ich denke noch immer mit Vergnügen an die Tage, wo ich, mit dem Rücken an den Baum gelehnt, die arabische Wasserpfeife rauchte, ein Genuß, den unsere deutschen Tabaksraucher nicht kennen. Dieses Instrument ist übrigens sehr einfach: in eine Kokusnuß mit zwei Löchern gießt man Wasser; in die eine der Oeffnungen steckt man die Pfeife, welche ein gedrechseltes Rohr ist, oben mit einem kupfernen Behälter, in welchem der Tabak und obenauf die glühende Kohle liegt; in die andere Oeffnung paßt das dünne Rohr. So saß ich und es brauchte nur eine Handbewegung, um eine neue Tasse Kaffee oder frischen Tabak zu erhalten; ich war ein mächtiger Pascha geworden, und selbst ein Gefolge fehlte mir nicht; denn wenn ich bei meinen Beduinen vorbeikam, um auf den Platz zu gehen, folgten mir fast immer einige in der Entfernung und kauerten an meiner Seite nieder, wenn ich mich am Café niederließ. Besonders Nachmittags war das Treiben auf dem Platze sehr mannigfaltig; da strömten die Besucher aus der Umgegend, die ihre Geschäfte in der Stadt abgemacht, hier zusammen, um, in Gruppen gelagert, ihr Mahl zu halten. Dann wurden Pferde probirt und eingeritten, was bei den Orientalen eine leichte Procedur ist; der Reiter setzt sich recht fest in den Sattel, wobei das Thier, wenn es sehr ungestüm ist, von andern gehalten wird; dann läßt er die Zügel fahren, stößt ihm die Fersen in die Flanken, und das Thier jagt voll Ungestüm im vollen Lauf über den Platz, bis der Reiter es gewaltsam zusammen reißt, umwendet und die eben durchflogene Strecke wieder im Galopp zurücklegt; dies wird so lange wiederholt, bis das Thier aus Angst vor dem Zügel nur dann galoppirt, wenn ihm der Reiter mit dem Bügel in die Seiten arbeitet und anhält, wenn es nur die geringste Bewegung des Zügels spürt. Vom Traben und Zügeln des Pferdes haben sie keinen Begriff; sie können nur galoppiren, und wollen sie halten, das arme Thier unbarmherzig zusammen reißen. Um auf diese Art ihrer Pferde vollkommen Herr zu werden, haben sie zwei Mittel, die der Europäer als unzweckmäßig verwirft: erstens besteigen sie ihre Thiere schon mit zwei Jahren, wo dieselben noch nicht im Besitz ihrer vollen Kraft sind, und zweitens sind ihre Stangen so scharf, daß das gepeinigte Roß sich zahm und folgsam zeigen muß. Eines Abends machten wir unsern gewöhnlichen Spaziergang, der uns über diesen Platz zur Küste des Meeres führte, und sahen ihn schon von Weitem mit Menschen in nie gesehenen, mannigfaltigen Costümen, mit Zelten, Pferden und Maulthieren bedeckt. Es waren Drusen, unregelmäßige Reiterei im Dienste des Großherrn. Wir traten auf den Platz, und es war mir nicht anders, als kämen wir zu einem großartigen Maskenfeste, so bunt wogte und trieb sich Alles durch einander. Es mochten an zweitausend Mann sein, die zum Theil schon gelagert waren; d. h. sie hatten ihre Pferde angebunden, Teppiche und Decken ausgebreitet, und kochten, auf der Erde liegend, an kleinen Feuern Kaffee. Andere standen noch in Haufen beisammen, luden die Packpferde ab und fesselten sie, indem sie einen Vorder- und Hinterfuß an einem drei bis vier Schuh langen Strick, und diesen an einem in die Erde gerammten Pfahl befestigten. Die Letzten der Schaar kamen erst an; sie führten eine weiße und grüne Fahne und eine äußerst einfache Musik, nichts als kleine Pauken, auf die sie im Takt schlugen. Es war, als seien von sämmtlichen Volksstämmen des Orients Repräsentanten hier zusammen gekommen, so mancherlei Trachten, Säbel, Lanzen, Wurfspieße, Flinten und Pistolen waren da zu sehen. Der Emir hatte sein Zelt unter einer Sycomore aufschlagen lassen und empfing uns daselbst äußerst freundlich. Ich habe nie einen schönern Mann gesehen. Das idealisirte Bild eines Morgenländers, eines Fürsten der Berge trat lebendig vor uns. So habe ich mir den großen Kalifen, den tapfern Saladin, gedacht; eine große, kräftige Figur, doch nichts weniger als fett, mit einem Kopfe, dessen edle Schönheit und männlichen Ausdruck man selten findet. Er hatte in seinem ganzen Wesen, seinem Auge, seiner Sprache eine Sicherheit und Ruhe, die jedem unbedingtes Zutrauen einflößen mußten. Sein Kopf war mit einem gelb und roth seidenen Tuch turbanartig umwickelt, dessen eines Ende in Fransen auslief und auf die rechte Schulter niederfiel. Der übrige Anzug bestand ans einem rothseidenen Kaftan; den ein kostbarer Shawl um den Leib zusammenhielt; ein sehr reicher Säbel hing an einer geflochtenen goldenen Schnur, und zwei Pistolen, deren lange Hälse mit Steinen besetzt waren, staken in seinem Gürtel. Wir ließen uns bei ihm nieder, und man brachte uns Pfeifen, Scherbet und Kaffee. Nachdem wir uns einige Augenblicke mit ihm durch den Dolmetscher unterhalten, erschien in der Zeltthüre ein ganz junger Mann, beinahe noch ein Knabe, eben so reich gekleidet wie der Emir, machte jedoch, sowie er uns erblickte, eine Bewegung zum Zurücktreten. Jener rief ihm aber und stellte ihn uns als seinen Neffen vor. Der junge Druse legte die Hand an Brust und Stirne, unsern Gruß erwiedernd, wobei er erröthend auf den Boden sah. Es war etwas so Ungekünsteltes in dieser Bewegung, und die ganze Figur so schlank und zart, daß man ihn für ein verkleidetes Mädchen hätte halten können. Zum ersten Mal aus seinen Bergen gekommen, hatte er noch wenig Europäer gesehen, und betrachtete uns anfangs mit kindischer Neugier, doch bald wurde er zutraulich, und wir haben ihn in den paar Tagen, die er in Beirut war, recht lieb gewonnen. Wo man, mit Ausnahme des oben erwähnten Platzes, aus der Stadt tritt, um sich in ihrem Umkreis zu ergehen, nöthigt der tiefe Sand, der alle Wege bedeckt, bald zum Umkehren. Da die niedrigen westlichen Ausläufer des Libanon bei Beirut zum Theil aus beweglichem Sand bestehen, den der Wind in die Ebene und auf die Stadt führt, so wäre sie in Gefahr, förmlich zu versanden, hätte nicht der große Emir der Drusen, Fachreddin, der hier zu Anfang des siebzehnten Jahrhunderts residirte, einen lebendigen Wall gegen dieses Sandmeer aufgeführt, indem er die Stadt östlich mit einer großen Anpflanzung von Pinien umgab, die jetzt eine ziemliche Stärke erreicht haben und ihren Zweck erfüllen. Nach diesem Walde richteten wir unsere meisten Spazierritte; das frische Grün der Bäume erfreute das Auge, das sich an den grauen Formen der Stadt und an dem gelben Sande müde gesehen. Auf unserm Schloß am Meer führten wir ein von der Stadt und ihren Bewohnern ganz abgesondertes Leben. Ueber den Mauern flatterte ein weißer Pavillon; doch führten wir unter dieser Farbe der Unschuld ein kleines Raubritterleben, und wenn wir auch keinen vorüberziehenden harmlosen Wanderer ausplünderten, hatte doch jeder seine Gegenstände, auf die er lauerte und ausfiel. So hielt der Baron alle Pferde aus der Stadt und Umgegend an und nöthigte die Vorüberkommenden in unsern Hof, so daß derselbe zuweilen einem kleinen Markt in diesem Artikel glich. Dr. B., unser Naturforscher, attaquirte Schnecken und Eidechsen, und der Maler F. und ich forcirten die Natur stückweise in unsere Mappen und Schreibbücher. Wir hatten anfänglich dies Haus nur für eine Woche gemiethet, da wir uns in Beirut nicht länger aufhalten wollten, als eben nöthig war, d. h. bis wir uns Pferde und die uns noch fehlenden Reisegeräthschaften besorgt, um in das Innere des Landes nach Damaskus, Palmyra, Jerusalem zu dringen. Doch sahen wir schon in den ersten Tagen, daß wir in der bestimmten Zeit von hier nicht loskommen würden, denn wenn man den Krieg mit Ibrahim Pascha schon als beendigt ansah, so gährte es doch in den Bergen noch beständig fort und kleine Scharmützel zwischen den Bergbewohnern und der ägyptischen Armee – solche Sachen wurden natürlich alle vergrößert – machten die Wege im Innern von Syrien unsicher. Unsere Reisegefährten, die östreichischen Offiziere, blieben auch anfänglich hier, und da wir außerdem noch mehrere interessante Bekanntschaften in der Stadt machten, so fehlte es uns keineswegs, bei dem ungewohnten Leben und Treiben und der großartigen Natur, an Zerstreuung und Unterhaltung. Unter Anderem war es der russische Konsul, Herr von B., der ein sehr gut eingerichtetes Haus hatte und uns viel Freundschaft erwies. Den Weg zur Stadt, der dicht am Ufer des Meeres führte, machten wir häufig des Tages und sahen und genossen immer etwas Neues. Bald sahen wir den Fischern zu, die zwischen den Klippen herumwateten und Muscheln ablösten oder mit großen Netzen fischten. Bald suchten wir uns auch an dem sehr zerklüfteten Strande eine heimliche Stelle auf, deren es hier sehr viele gab, wo das Meer ordentliche Mulden und Becken ausgehöhlt, die es beständig mit frischem klarem Wasser anfüllte, und worin wir badeten. Einige hundert Schritt von unserm Hause befand sich eine Werfte für kleinere Schiffe, auf der in den Tagen unsers Aufenthalts beständig gebaut wurde. Sobald ein solches Fahrzeug ganz fertig ist, daß es in See gelassen werden kann, wird es von seinen Erbauern abergläubischer Weise scharf bewacht. Jedes Schiff ist ihnen eine Braut des Meeres und muß ihm als Jungfrau übergeben werden, wenn das gewaltige Element es gnädig behandeln und vor dem Untergang bewahren soll. Betritt nun aber ein Mädchen, dessen Sitten nicht die reinsten sind, den Bord und spricht dort gewisse Worte aus, so läßt es alle begangenen Sünden auf dem neuen Fahrzeug und ist selbst wieder rein geworden. Nahe bei dem Thor der Stadt, das zu unserem Haus führte, stand ein Brunnen unter einer großen Platane, um den die türkischen Soldaten beständig haufenweis auf der Erde kauerten und in großen Schüsseln ihr Weißzeug wuschen. Mit diesen Kriegsknechten hatten wir mancherlei spaßhafte Auftritte. So vergesse ich nie eine Scene, die Abends, wenn wir spät aus der Stadt kamen, zwischen uns und der Thorwache gespielt wurde. In die Stadtmauer, die nach der Richtung unserer Villa lag, hatten ein Paar Kugeln bei dem Bombardement ein großes Loch gerissen, das aber die Behörde, um hier den Durchgang zu verhindern, mit Brettern und Sträuchern hatte zustellen lassen. Giovanni, oder der Janißair des Herrn von B., klopfte, wenn wir nach Hause wollten und das Thor schon geschlossen war, an das Wachthäuschen und rief, man solle öffnen. »Wer seid Ihr?« hieß es von Innen, ohne daß sich die Thür öffnete. – »Englische Offiziere;« denn so kam man am besten durch. Jetzt antworteten die drinnen: »O Herr, seid so gut, und geht ein Paar Schritte seitwärts, da werdet Ihr ein Loch in der Mauer finden, wo Ihr bequem durchgehen könnt.« – »Aber es ist ja mit Brettern zugestellt.« – »Schiebt sie nur etwas bei Seite, wir wollen sie morgen schon wieder davorstellen. Gott sei mit Euch!« So lebten wir auf unserer Villa fast bis Ende December und die Zeit wurde uns nicht sehr lang. Wir hatten anfangs sehr gutes und schönes Wetter, was sich aber gegen Weihnachten mit einem Male änderte. Es fing an zu stürmen, zu regnen und wurde empfindlich kalt, und für uns um so beschwerlicher, da wir fast nichts hatten, uns dagegen zu schützen. Unsere schlechten hölzernen Läden vor den offenen Fenstern klapperten den ganzen Tag und ließen Wind und Kälte ein. Das Meer vor unserer Wohnung toste und lärmte oft betäubend. Wenn wir Abends ruhig in unserm Zimmer saßen, so war das Rollen und Donnern der Wellen an dem felsigen Ufer mit dem Geräusch zu vergleichen, das einige Batterien schwerer Geschütze, die im Galopp über das Pflaster fahren, verursachen würden. Unsere beiden Freunde, der Maler F. und Doctor B., die sich schon seit einigen Tagen unwohl fühlten, wurden bei dem kalten nassen Wetter so krank, daß sie ihre Teppiche nicht mehr verlassen konnten, und der Baron oft mehrmals des Tags den Arzt aus der Stadt holen ließ. Wenn auch das Unwetter nur einige Tage anhielt, so dauerte dagegen die Krankheit unserer Freunde desto länger und machte viele Projecte, namentlich zu Excursionen in das Gebirge, vor der Hand zu Wasser. Der Baron war zu besorgt, um unsere Kranken auch nur einen Tag allein zu lassen, und so würden wir wahrscheinlich von den malerischen Schluchten des herrlichen Gebirges, das wir beständig vor Augen hatten, vor unserer Abreise nach Damaskus nichts gesehen haben, wenn nicht eine andere Pflicht den Baron zu einem Ausflug in den Libanon genöthigt hätte. So sehr er sich nämlich in Beirut nach schönen Pferden umgesehen, hatte er doch noch nichts Edles gefunden. Dagegen erzählten die Söhne des östreichischen Konsuls viel von einer prächtigen Stute, die einem maronitischen Bischöfe angehöre und sich in einem der Klöster auf dem Libanon befände. Schon lange hatte der Baron gewünscht, dies Thier zu sehen; doch hatte ihn in der letzten Zeit das Wetter und die Krankheit der Freunde zurückgehalten. Eines Nachmittags aber ließ uns einer der Herren L. sagen: er reite morgen in den Libanon und wenn der Baron von der Partie sein wolle, so würde er gern mit ihm jene Stute aufsuchen. Da der fränkische Arzt aus Beirut, der unsere Kranken behandelte, zufällig bei uns war, und sie außer aller Gefahr erklärte, so beschloß der Baron, jenen Ritt am andern Morgen mit mir zu machen. Giovanni besorgte uns noch am selben Abend zwei gute Pferde, und am andern Morgen ritten wir sehr früh aus. In der Stadt vereinigten wir uns mit den beiden Herren L., einem Herrn S. aus Stambul und zogen östlich von der Stadt der Bucht entlang, in welcher vor einem Monat die englische und östreichische Flotille geankert hatte. Jetzt lagen nur noch zwei Linienschiffe und eine Dampffregatte da. Der Janißair des östreichischen Consuls, ein junger schöner Türke, mit rothem goldgesticktem Kleide und eben solcher Hose, mit grünem Turban – er war ein Emir, Nachkomme des Propheten – ritt uns vor. In seinen Händen trug er einen langen Stab mit großem silbernem Knopfe, das Zeichen seiner Würde als Diener eines Gesandten, worauf er sich nicht wenig einbildete; denn so höflich und dienstfertig er gegen uns war, so brutal benahm er sich gegen die Leute, die ihm auf sein Geschrei nicht auswichen; entweder er ritt gerade auf sie zu oder schlug sie mit seinem Stabe auf die Köpfe, ganz wie dergleichen Leute bei uns. Unser Weg führte anfangs durch tiefen Sand, und obgleich die Pferde bei jedem Tritt bis an die Fesseln einsanken, ging es doch im raschen Galopp vorwärts. Hier am Ufer des Meeres sahen wir noch viel von den Verwüstungen, die der große Sturm vom ersten auf den zweiten December angerichtet halte. Bis auf hundert Schritt vom Ufer lagen kleinere Fahrzeuge zertrümmert auf dem Strande, um die sich Niemand bekümmerte; andere größere, die das Meer ebenfalls auf den Strand geworfen hatte, besserte man aus und suchte sie wieder in brauchbaren Stand zu setzen. Eines derselben mußte das Meer mit einer merkwürdigen Gewalt an's Ufer geschleudert haben; denn seine beiden große Masten waren nach unten gekehlt und staken tief im Sande. Ungefähr eine Stunde von der Stadt, bei einem kleinen Flüßchen, zeigte man die Stelle, wo der Sage nach der heilige Georg den Drachen erschlagen hat. Hier sahen wir eine Menge Einwohner der Stadt versammelt, sowie viele Soldaten, die in Reihe und Glied aufgestellt waren, und Offiziere, die ihre schönen Pferde tummelten. Sie repräsentirten die Garnison, sowie die Obrigkeit der Stadt Beirut, die hieher gekommen waren, um den neuen Gouverneur von Syrien, Zakariä Pascha, der heute von Aleppo einrücken sollte, zu empfangen. Der bisherige Commandeur, Izzet Pascha, der sich wegen der viele Grausamkeiten, die er früher verübt, den Namen eines Tyrannen zugezogen, hatte das Paschalik von Adrianopel bekommen. Unser Janißair bat uns, etwas langsamer zu reiten, indem wir dann wahrscheinlich dem Zuge des neuen Pascha begegnen würden. Und so war es auch. Nach einer halben Stunde sahen wir in der Ferne eine Menge Reiter auf uns zukommen. An der Spitze ritten zwei, die mit ihren Pferden die seltsamsten Wendungen machten. Ihr Costüm war das unseres Janißairs, nur noch reicher mit Gold und Stickereien versehen, und in den Händen trugen sie zwei sehr lange Beduinenlanzen, die oben mit drei Büscheln schwarzer Straußenfedern verziert waren. Es waren zwei von den Kawaschen des Pascha, deren Beschäftigung auf jeder Reise desselben darin besteht, abwechselnd je zwei und zwei, vor ihm hin und her zu sprengen und den Herrn durch ihre Reiterkünste zu amüsiren. Diese Leute machten den Weg wenigstens hundertmal, bald bogen sie rechts, bald links auseinander, wandten sich dann und rannten mit eingelegter Lanze und lautem Hurrah an einander vorüber, um gleich darauf dasselbe Manöver zu wiederholen. Diese Reiter des Zakariä Pascha führten drei Büsche Straußenfedern an ihren Lanzen, weil ihr Gebieter Pascha von drei Roßschweifen und nach der neuen Ordnung der Dinge Ferik Pascha war. So schwer es ist, die Chargen des niederen türkischen Militärs an ihren Auszeichnungen zu erkennen, so leicht kann man von dem gewöhnlichen Pascha den Ferik Pascha unterscheiden; denn nur diesem ist es erlaubt, den Bart um das ganze Kinn wachsen zu lassen. Alle andere müssen sich mit einem Schnurrbarte begnügen. Wie durch die Europäisirung alle türkischen Beamte und Soldaten das Meiste ihres früheren äußeren Glanzes verloren haben, so ist es auch bei den öffentlichen Aufzügen, wozu man die Reisen der Pascha rechnen kann. Mit welch' unerhörter Pracht zogen früher diese Statthalter von einer Provinz zur andern. Selbst im reichsten Costüme und mit Hunderten von unnützen, aber kostbar gekleideten Dienern umgeben. Jetzt ist das ganz anders geworden. Die Begleitung Zakariä Pascha's, der doch als Militär-Gouverneur von Syrien eine wichtige Stellung einnahm, bestand höchstens aus hundert bis hundertfünfzig Reitern. Er selbst ritt in dem Augenblick, wo wir ihm begegneten, ein schlechtes unansehnliches Pferd; doch wurden einige weit bessere, ziemlich reich geschirrt, hinter ihm geführt. Zakariä war ein Mann von mittlerer Größe, mit einnehmenden freundlichen Zügen und einem sehr langen Barte. Er trug einen dunkelblauen Ueberrock, auf welchem der Nischah Eftendar, aus schönen Brillanten bestehend, prangte. Auf dem Kopfe hatte er das rothe Feß mit langer blauseidener Quaste. Seine Begleitung bestand größtentheils aus Dienern seines Hauses, ebenfalls in einfachem Anzuge, dem blauen langen Rocke; sie waren nach der Beschäftigung, die sie zu verrichten hatten, fast nur durch ihre Waffen unterschieden. Die Kawaschen hatten die gewöhnlichen krummen Säbel und am Gürtel in einem gestickten Futteral zwei Pistolen hängen. Von den Pfeifenträgern, deren sich in dem Gefolge eines reichen vornehmen Türken stets viele befinden, trugen einige lange Tschibuks, andere das Nargileh, einige hatten Tabakbeutel an ihren Sätteln hängen und andere ein Kohlenbecken, worin sie Holzkohlen durch Blasen und Hin- und Herbewegen glühend erhielten. Die übrige Escorte bestand aus geringeren Dienern, Pferdeknechten und dergleichen, sowie aus Beduinen, die als Tartaren gebraucht werden, um Depeschen von einem Orte zum andern zu bringen. Letztere waren im altorientalischen Costüm, weiter Hose, kurzer Jacke und Turban; einer von ihnen führte eine kleine Pauke, die am Sattel hing und worauf er fortwährend schlug und ein einförmiges Getön hervorbrachte, zu welchem die Andern bisweilen sangen. Als wir uns dem Pascha näherten, hielt er sein Pferd an und fragte auf türkisch sehr freundlich, wer wir wären und nach dem Zweck unserer Reise. Herr L. antwortete ihm: wir wollten einen Ritt in den Libanon machen, worauf Beide noch einige höfliche Worte wechselten und der Pascha weiter zog. Der Libanon, welcher bei Beirut eine ziemliche Strecke weit zurücktritt und die Landzunge, worauf die Stadt liegt, in einem weiten Halbzirkel umgibt, versperrte uns jetzt den Weg am Strande, und wir begannen einen Abhang hinauf zu steigen, um auf dessen Höhe unsern Weg längs dem Meere noch eine Strecke fortzusetzen, ehe wir uns in's Innere des Gebirges wandten. Anfänglich war dieser Pfad ziemlich gangbar und obgleich er durch loses Geröll, womit er bedeckt war, den Pferden viel Mühe verursachte, doch breit und gefahrlos. Bald aber verengte er sich und führte uns auf treppenartigen Absätzen auf die Höhe einer steilen Felsenwand, deren Fuß von den Wogen des Meeres bespült wurde. Nie in meinem Leben hab' ich einen schauerlicheren Weg gemacht, als diesen, der uns jetzt, aber glücklicher Weise nur eine kurze Strecke auf der Wand fortführte. An der einen Seite neben uns ging sie zwei bis drei hundert Fuß tief hinab und war gegen das Meer zu überhängend, so daß es uns schien, als befänden wir uns auf einem Balken ohne Geländer; auf der andern Seite stieg der Fels senkrecht mehrere hundert Fuß in die Höhe, und unser Weg, der kaum drei Fuß breit war, neigte sich obendrein etwas gegen das Meer und war mit großem Geröll und hie und da mit dicken Steinen bedeckt. Als wir mitten auf dieser gefährlichen Stelle waren, ereignete sich ein unangenehmer Vorfall, der glücklicher Weise aber ohne schlimme Folgen ablief. Einer unserer Begleiter, ein sehr junger Mann, der mit uns aus Konstantinopel gereist war, und vielleicht noch wenige dieser Bergritte gemacht hatte, rief uns plötzlich zu, wir möchten anhalten, ihm würde schwindlicht. Man kann sich unsern Schrecken denken. Da wir einer hinter dem andern ritten, so konnte ihm keiner helfen, weil der Weg so schmal war, daß wir nicht einmal absteigen konnten, geschweige denn mit dem Pferd umwenden. Einer der Herren L. rief ihm zu: er möchte die Augen schließen und sich eine Weile mit dem Oberkörper gegen die Felswand lehnen, was er befolgte. Nach Verlauf einiger Minuten erklärte er fortreiten zu können, und wir kamen glücklich über die Wand hinweg, und bis zu einer Stelle, wo der Fels ober uns etwas zurücktrat und allmälig in eine Schlucht hinabfiel, in welche sich der Hundefluß in's Meer mündete. Dort stiegen wir alle ab, um die Pferde einen ähnlichen treppenartigen Weg, der aber noch steiler ging, als der, welchen wir herauf gekommen, hinabzuführen. Diese Schlucht war von der Natur so merkwürdig gebildet, daß ich es versuchte, ihre Umrisse mit wenigen Strichen in mein Taschenbuch zu zeichnen. Die Felsen, aus welchen gegen das Gebirge zu der Hintergrund bestand, und zwischen denen der Hundefluß hervorkam, waren wie Theaterdecorationen so vor einander geschoben, daß man unten in der Schlucht plötzlich den breiten klaren Spiegel des Flusses erblickte, ohne zu sehen, wo er herkäme. Alle Wände waren ganz senkrecht und bildeten einen Halbzirkel, der nur vorn eine gegen die Breite der ganzen Schlucht sehr schmale Oeffnung hatte, durch welche man weit in's Meer sah. Durch die beständig herabstürzenden Bergwasser waren die glatten Felswände stellenweise so gefurcht, daß sie wie an einander stehende kolossale Säulen aussahen. Beim ersten Betrachten und so oft ich mir später das Bild dieser Schlucht in's Gedächtniß zurückrief, kam sie mir vor, wie ein gewaltiger Dom, dessen Kuppel eingestürzt ist und von dem nur die nackten Wände stehen geblieben sind, durch welche man oben den Himmel sieht. Lange Wasserpflanzen oder Moose, die hie und da die Wände bedeckten, gaben obendrein einer regen Phantasie Stoff genug, sich verschiedene Zeichnungen daraus zu bilden. Vielleicht dreihundert Schritte vom Meer entfernt überschritten wir den Hundefluß auf einer halb zerfallenen steinernen Brücke, bestiegen dann unsere Pferde und ritten längs dem Fluß gegen das Meer zu, um dort, wo das Gebirge wieder etwas zurücktritt, am Strande unsern Weg fortzusetzen. Der Himmel, der am Morgen klar und blau hernieder gesehen und uns einen schönen Tag versprochen, hatte sich nach und nach umzogen und sandte uns jetzt einen so gewaltigen Regenschauer herab, daß wir in unsern dünnen Kleidern ohne Mäntel in Kurzem ganz durchnäßt gewesen wären, wenn uns nicht der Janißair gezeigt hätte, wie sich die Araber, diese Söhne der Natur, in solchen Fällen zu helfen wissen. Schon oft hatte er bedenklich den Himmel angesehen und als die ersten Tropfen fielen, sprang er vom Pferde, schnallte seinen Sattel auf und zog die große Decke darunter hervor, die er sich wie einen Mantel über den Kopf und Oberkörper hing. Bald verließen wir den Strand wieder und wandten uns durch Olivenpflanzungen und dichte Gruppen von Orangen- und Zitronenbäumen, deren Blüthen und Blätter nach dem Regen entzückend dufteten, dem Gebirge zu. An einen Weg war jetzt nicht mehr zu denken und wir ritten nur über weite Flächen, die sehr steil aufwärts gingen und mit mächtigen Felsblöcken wie übersäet waren. Diese weiten Abhänge sind rauh und kahl; nur hie und da wächst eine Platane oder Sycomore und der Boden ist mit Stachelgewächsen oder Wachholder bedeckt. Freundlich blickten auf diesen Haiden nach allen Seiten, in kleinerer oder größerer Entfernung, grüne Anpflanzungen hervor, aus denen sich die weißen Häuser der maronitischen und drusischen Dörfer erheben. Nach einer Stunde beständigen und sehr steilen Steigens, wobei wir uns mehrere Male um kleine Hügel herumwandten, sahen wir hoch über uns das Ziel unserer Tour, das Kloster Dair Mar Mikael. Die ziemlich weitläufigen Gebäude lagen an einem steilen Abhange, von mächtigen Platanen geschützt, die ihre Zweige weit hinausstreckten. Bald sahen wir auch das Dorf Zuk Mikael, zu welchem das Kloster gehört, das, wie alle diese Bergdörfer, in den Schluchten des Gebirges liegt. Wenn nicht die eigentümliche und fremdartige Bauart der Häuser wäre, könnte man glauben, man nahe sich einem Dorfe am Rhein oder Neckar; denn ebenso wie dort, wird im Libanon viel Wein gebaut, und die Reben wachsen, wie bei uns, auf übereinander liegenden Terrassen. Wir betraten jetzt einen Hohlweg, der uns zwischen diesen Weingärten nach dem Kloster führte. An einem Brunnen, bei dem wir vorbeikamen, standen mehrere Maronitinnen mit ihrem seltsamen Kopfputz. Die meisten sahen uns erstaunt und freundlich an und nur einige, wie gewöhnlich in solchen Fällen die häßlichsten, warfen schreiend ihre Schleier über den Kopf. Bald hatten wir die Höhe erstiegen und ritten durch ein großes Thor in den Hof von Dair Mar Mikael; dies Kloster besteht, wie die meisten in diesen Gegenden, aus einer Kirche und mehreren kleinen Gebäuden, die im Lauf der Zeit nach Bedarf und Vermögen aufgebaut wurden. Diese Häuser sind einstöckig, von Steinen aufgeführt, mit plattem Dache und Fensteröffnungen, die aber keine Glasscheiben haben, sondern eiserne Gitter und nur hölzerne Laden zum Verschließen. Wir gaben im Hof unsere Pferde ab, und ein Mönch führte uns in ein Gemach, wo sich der Bischof und einige der ältern Brüder befanden. Dies war ein Erdgeschoß, ganz nach der Landesweise eingerichtet, den Boden bedeckten einige Teppiche und an den Wänden herum liefen niedrige Divans, auf welchen die alten Herren saßen. Es waren vier maronitische Mönche mit langen fast weißen Bärten, in schwarze Talare gekleidet, und Mützen auf dem Kopf, beinahe geformt, wie die der griechischen Geistlichen. Der Bischof, eine hohe majestätische Gestalt mit einem ausdrucksvollen Gesicht, war ebenfalls schon über die besten Jahre seines Lebens hinaus; er trug zur Unterscheidung von den übrigen ein hellbraunes Kleid und eine blaue Mütze. Nach den ersten Begrüßungen nöthigte er uns zum Niedersitzen, und ließ für uns Europäer einige Stühle herbeibringen. Dann wurde Kaffee und Pfeifen gebracht. Da einer der Herren L. die Reden des Bischofs gründlich verdolmetschte, so konnten wir lebhaftern Antheil als sonst an der Unterhaltung nehmen. Diese drehte sich hauptsächlich um die letzten Kriegsereignisse, um Ibrahim Pascha und die zahlreichen Scharmützel in den Gebirgen des Libanon. Mit vieler Umständlichkeit erzählte uns der Bischof, was sein Kloster während der Zeit Alles gelitten habe. Bald habe es Albanesen aufnehmen müssen, bald bewaffnete Drusen und andere Bergbewohner; dann Türken und ein paar hundert Engländer, die jene vertrieben und sich darauf eine Zeit lang in dem Dorfe und dem Kloster festgesetzt. Es ist interessant, einen Araber und selbst wie hier einen friedlichen Bischof Kriegsereignisse oder kleine Gefechte erzählen zu hören. Als er uns erzählte, wie sich die Drusen und Albanesen, wenn auch nur kurze Zeit, in dem Dorf und Kloster gegen die Engländer und Türken vertheidigt hätten, las man in seinen Mienen und hörte an seinen Worten lebhaft den Hergang dieses kleinen Scharmützels. Man hörte die Trommeln wirbeln, das Geschrei der Bergbewohner, das Klirren der Säbel und das Knallen des Gewehrs. Nachdem wir uns kurze Zeit bei dem Bischof ausgeruht, führte er uns durch das Kloster und in die sehr einfache Kirche. Die Maroniten sind römisch-katholische Christen und die Einrichtung ihrer Kirchen und ihres Gottesdienstes ist wenig von dem der herrschenden Kirche unterschieden. Die Mönche sind entweder Eingeborne, wie hier im Kloster Dair Mar Mikeal und verstehen nur arabisch oder sind Missionäre des Auslandes, die dann unter dem Schutz ihrer respektiven Länder stehen. In diesen Klöstern befindet sich immer eine Menge junger Leute, die arabisch lernen. Wir machten noch einige Gänge durch das Dorf, dessen Häuser, mit Wein- und Obstgärten umgeben, um das Kloster gruppirt liegen. Dann führte uns der Bischof vor das Kloster unter die Platanen, von denen ich oben sprach, wo einige Ruhesitze angebracht waren, von denen wir eine entzückende Aussicht genossen. Vor uns lag der Libanon und das Meer in einem unendlichen Halbzirkel; links konnte ein gutes Auge Beirut erkennen, und gerade vor uns, sowie zur Rechten, blickten aus den grünen Schluchten zahlreich die weißen Gebäude der vielen Klöster und Dörfer des Libanon hervor. Während uns der Bischof auf diesem Platze, den wehendes Rebenlaub überdeckte und zu einer Laube umschuf, mit köstlichem Libanonwein und eingemachten Flüchten regalirte, ließ er uns sein schönes Pferd, die Stute, von der ich oben sprach, vorführen. Es war ein edles Pferd, schlank, zart und fein gebaut, wie alle diese Thiere. Doch konnte es der Baron für seinen Zweck nicht gebrauchen, da es außerordentlich klein war. Indessen neigte sich der Tag zu Ende, und da sich der Himmel nach dem Wetter, das uns vorhin überrascht, nicht wieder aufgeklärt, sondern sich vielmehr noch schwärzer bezogen hatte, befürchteten wir einen frühern Eintritt der Dunkelheit, die uns auf den gefährlichen Wegen überraschen könnte und machten Anstalten zum Aufbruch. Der Bischof wandte seine ganze Beredtsamkeit auf, um uns die Nacht bei sich zu behalten, ein Vorschlag, welchen die Herren L. annahmen, den der Baron und ich aber, hauptsächlich wegen unserer beiden Kranken zu Hause, zurückweisen mußten. Wir ließen unsere Pferde vor das Kloster bringen, der Bischof ging mit hinaus und redete uns lange zu, die Nacht oben zu bleiben, und erst als er eine ziemliche Zeit mit uns gesprochen, fiel ihm ein, daß wir ihn nicht verstehen könnten, weßhalb er einen der Herren L. herbei rief und ihn bat, uns doch seine Worte recht genau zu übersetzen. Es that uns leid, seine Bitten abschlagen zu müssen, seine Bitten, die nach Art der arabischen Sprache so blumenreich und poetisch ausgeschmückt waren. Ich werde den Anblick des stattlichen alten Mannes nicht vergessen, wie er vor uns stand und bald die Hände des Barons, bald die meinigen nahm. Der Himmel bezog sich immer schwärzer und ein lang hinrollender Donner kam seinen Reden zu Hülfe. Ich hatte ein Maler sein mögen, um den Bischof, aber mit dem, was er uns sagte, und wie er es uns sagte, zu malen. »Seht, meine Kinder,« sprach er, der Sturm hebt sich aus den Schluchten empor und zieht über uns zusammen, und Ihr verschmäht mein Haus, wollt fort in die Nacht und ich kann Euch nichts mitgeben, als meinen Segen. Die Dunkelheit wird Euch in den Bergen überraschen und wenn Euer Pferd ausgleitet und stürzt, blickt Ihr vergeblich umher nach dem Leuchten eines gastlichen Herdes.« Es thut mir leid, nicht alle seine Reden behalten zu haben; aber sie waren wirklich ergreifend, und wir mußten uns fast mit Gewalt von ihm los machen. Er küßte uns auf die Stirn, wobei er uns oftmals sagte: »Gott möge Euch schützen!« Wir ritten mit dem Janißair, ohne den uns die Herren L. nicht wollten ziehen lassen, langsam den Berg hinab und sahen noch lange die ehrwürdige Gestalt des alten Bischofs oben stehen und die Hand gegen uns ausstrecken. Wo es der Weg zuließ, ritten wir rascher, denn die Dämmerung begann bei dem regnichten Wetter schon mächtig herein zu brechen. Unten am Meer, wo uns heute Morgen der Regen überrascht hatte, trafen wir auf einen großen Zug Türken und Beduinen, die den Harem Zakariä Paschas, dem wir am Morgen begegnet, sowie mehrere schöne Pferde desselben und einen Zug Maulthiere mit allerlei Effekten beladen, nach Beirut geleiteten. Die Damen saßen dicht verschleiert auf ihren Pferden und waren von schwarzen Verschnittenen umgeben. Wir ritten längs dem Zuge und die Leute grüßten uns Alle recht freundlich, besonders ein alter Beduinenschech tummelte bei unserem Anblick seinen starken Schimmelhengst, um uns seine Reiterkünste zu zeigen. Wir bezeugten ihm durch ein lautes Maschallah unser Wohlgefallen, worauf er mit einigen andern den Zug verließ, und eine Strecke im scharfen Trab neben uns herritt. Fast jede Stunde im Orient bietet für den Europäer ein interessantes schönes Bild, gleich wie dieser Ritt am Fuße des Libanon. Die schwarzen Wolken am Himmel wurden von dem starken Winde, der sausend aus den Schluchten des Gebirges hervorbrach, rasch vorbeigetrieben, das Meer war unruhiger als heute Morgen und spritzte weiße Schaumwellen auf den Strand, über den wir zwei Europäer, von den Beduinen umringt, dahin jagten. Solche Augenblicke hatten immer für mich etwas unaussprechlich Angenehmes, das die Brust erweitert und das Herz schneller schlagen läßt, und es erging mir dann wie den Arabern, die die Freude ihres Herzens durch lautes Rufen kund geben. Ich sang in solchen Stunden gewöhnlich deutsche Lieder wie auch heute Abend. Die Beduinen drängten sich näher an uns, als ich ihnen das Lied »An des Rheines kühlem Strande Steh'n viel Burgen, hoch und her ec.« mit lauter Stimme vorsang, und die Klänge des heimatlichen Volksliedes schienen ihnen zu gefallen; denn sie verließen uns erst, nachdem sie eine weite Strecke mit uns geritten waren und schickten uns noch manches »Maschallah« und »Allah il Allah«, mit welchen Worten sie ihre Freude bezeugen, nach. Vor uns lag der Hundefluß mit seiner romantischen Schlucht, die bei der eingebrochenen Dämmerung noch schauerlicher aussah, als heute Morgen im hellen Sonnenlichte. Unser Janißair, um den Umweg über die steinerne Brücke, die weiter oben liegt, zu vermeiden, gab uns zu verstehen, man könne sehr gut mit den Pferden durch den Fluß reiten. Er trieb sein Pferd in's Wasser hinein, das demselben bis an den Bauch reichte, und der Baron, dem etwas dergleichen beständig Spaß machte, folgte ihm. Ich war eine kleine Strecke zurück und als ich mit meinem Pferde das Ufer hinabritt, waren beide schon einige zwanzig Schritt weit in den Fluß hinein. Doch hatten die Wellen sie etwas abwärts getrieben, wodurch ich die Richtung der Furth verlor und mit meinem Pferd, als ich es nöthigte, in's Wasser zu gehen, gleich bis an den Sattel hineinfiel. Doch arbeitete es sich den andern nach, verlor aber schon bei den ersten Schritten den Boden und fing an zu schwimmen, was mir, wie sich jeder leicht denken kann, höchst unangenehm war; denn der Fluß war sehr reißend, von Schnee und Regen angeschwellt und keine hundert Schritt neben mir hatte ich das offene Meer. Doch der Baron, der, als er sich zufällig umblickte, mich eine gute Strecke weiter abwärts schwimmen sah, wandte, ohne sich zu bedenken, wie er beständig that, wenn es galt, jemand zu helfen, sein Pferd und war in kurzer Zeit bei mir, worauf meines, alle seine Kräfte zusammen nehmend und durch das des Barons ermuthigt, das Wasser durchschnitt und wir glücklich das Ufer erreichten. Ohne Unfall erstiegen wir die Felstreppe und ritten über die gefährliche Gallerie am Ufer, sowie auf der andern Seite wieder hinab an's Meer, wo unser Janißair alsbald sein Pferd in Carriere setzte und wir über den Strand gegen Beirut jagten. Es war ein wilder Ritt, wobei es galt, recht fest im Sattel zu sitzen. Bald mußten die Pferde in vollem Lauf über eins der kleineren Schiffstrümmer hinwegsetzen, das ihnen im Wege lag, bald scheuten sie sich in der Dunkelheit vor einem der größeren und umgingen es mit einem gewaltigen Seitensprung. Der Mond ging in einer schmalen feinen Sichel auf, als wir um die Stadt herum nach unserer Burg ritten, wo uns die Freunde erwarteten. Während unserer Abwesenheit hatte sich der Hausstand um ein Mitglied vermehrt. Heute Morgen, erzählte uns Dr. B., als ich gerade mein zehntes Glas Mandelmilch trank– dies war nämlich im Laufe der Krankheit seine größte Leidenschaft – öffnet sich die Thür und es tritt ein Mensch herein, der, vor Freude stotternd, sich in deutscher Sprache als unsern Landsmann zu erkennen gibt und nach dem Baron v. T. fragt, den er in Stuttgart oft gesehen haben wollte. Dieser Mann hatte während einer achtjährigen Dienstzeit bei verschiedenen Herren seltsame Schicksale gehabt. Von Stuttgart aus, wo er als Kutscher diente, ging er als Reitknecht zu dem Prinzen Louis Napoleon nach der Schweiz, darauf mit seinem Herrn nach London, von wo aus er die fabelhafte Expedition nach Boulogne mitmachte, dort arretirt und wie alle hiebei Betheiligten nach Paris gebracht wurde. Dort aber fand man mit Recht nichts Verdächtiges an ihm, – und wir Alle können darüber beistimmen, daß er zum Revolutionär keine Anlagen hatte, – und entließ ihn mit dem Bedeuten, Frankreich nie mehr zu betreten. Darauf kehrte er nach London zurück und nahm Dienste bei einem Cavallerieoffizier der englisch ostindischen Compagnie, der ihn über Spanien und Portugal mit nach Beirut genommen hatte. Hier aber hatte er sich überlegt, daß Indien doch etwas sehr weit von der Heimath wäre und als er vernahm, daß wir angekommen seien, stieg in ihm die Hoffnung auf, wir würden ihn vielleicht wieder mit zurück nach Schwaben nehmen können, wo es doch immer besser sei, als wie unter den Heiden, und er wandte sich deßhalb an den Baron mit der Bitte, ihn in seine Dienste zu nehmen. Der Baron, der stets gern bereit war, jedem zu helfen, wo er konnte, und der, wenn er Pferde kaufte, ohnehin noch einen Bedienten annehmen mußte, engagirte ihn, und Friedrich wurde als erster Stallknecht unserem Staate einverleibt.