Leopold Kompert Am Pflug Inhalt: Auf grünem Boden Die Auswanderer werden bewillkommt An der Gartenplanke Die erste Nacht im Dorf Vetter Koppel wird beraubt Herr und Knecht Anschel geht in die Schule Anschel findet zwei Mädchen Eine Mutter sucht nach einem Kinde Elieh soll fliehen Eliehs Spaziergänge Der hochwürdige Herr Genesen Blumen des Feldes Auf und nieder Eine Stunde vor Tag Auf grünem Boden Die Bäuerin rechnet Stimmen im Dorf und außer dem Dorf Das Kind Die Richterstochter Vetter Koppel ist unruhig Zwischen den Garben Das Mutterkorn Ein Erntesabbat des Dorfes Die Brüder und Vetter Koppel Der letzte Entschluß Schluß 1. Auf grünem Boden. In der Gasse steht seit dem frühesten Morgen ein mit allerlei Hausrat hochauf belasteter Wagen. Die Luft ist kalt, und der Fuhrmann gibt durch ungeduldiges Schnalzen mit der Peitsche seine unlustige Stimmung kund. Aber, als ob die Pferde gerechter sein wollten als ihr Herr, als ob sie wüßten, wie schwer es aufs Herz von Menschen fällt, eine Stätte langgewohnten Daseins zu räumen – stehen sie da mit gesenkten Köpfen, scharren nicht mit den Hufen und schicken kein mahnendes Wiehern in die Lüfte. Denn nach einiger Zeit werden aus jenem Hause Leute herauskommen, die dahin nicht mehr zurückkehren wollen. Der zuletzt Hinausschreitende wird dann an die Haustüre einen schweren eisernen Riegel anlegen, zum Zeichen, daß hier alles, was zurückbleibt, dem atemlosen Banne des Schweigens überantwortet sei. Haben hier einst Kinder gejubelt? Hat hier einst eine Mutter im stillen Harme geweint? Ein Vater kummervoll gerungen? Wer wird es wissen? Die nackten Wände werden nichts verraten . . . und sollte selbst ein anderes Geschlecht mit glückgehärteten Gesichtern, strahlend vom Lächeln irdischen Behagens hier einziehen . . . sie werden nichts erzählen. Denn die Leute in diesem Hause wollen auswandern. Das ist ein sonderbares Spielen und Walten in der menschlichen Natur! Kein Tag vergeht, daß uns das Zeitungsblatt nicht Kunde bringt von jenen, die der heimatlichen Scholle die Treue aufgekündigt. Die ziehen bereits; jene rüsten und wollen nachfolgen, wenn der Frühling das erste Schneeglöckchen läutet; die haben bereits ihr Gut unter den Hammer des Auktionators fallen lassen. Aber blöde und gleichgültig fliegen die schwarzen Zeilen an deinem Auge vorüber. Halten sie dich nur für eine flüchtige Minute fest? . . . Doch hast du nur einmal den Stab in der Hand des Auswanderers gesehen, der ihn zur überseeischen Prärie geleiten soll, dann wird's deine Seele träumerisch überkommen, du weißt nicht, wie? Unnennbare Schauer durchfliegen sie; es ist, als ob von unsichtbaren Zungen tausend Fragen an sie gerichtet würden, eine unheimlicher als die andere: Du bleibst also? Mit einem Fluche auf den Lippen und die Faust zornig geballt, haben wir das Haustor hinter uns zugeschlagen, daß der dröhnende Klang das deutsche Vaterland durchhallt – und du bleibst? . . . Hast du das starkmutige Herz, zu sagen: Bleibet! Gehet! Drüben ist's gut, aber hüben sind die Gräber eurer Eltern? Drüben hat die müde Taube bereits eine Stätte für ihren Fußballen gefunden . . . aber hüben hat euch die Mutter die Hände falten gelehrt, sei es nun zum »Vaterunser«, oder zum erhabenen »Schmah Jisroel«? Zum Glücke werden an uns Fragen von solch »politischer Tragweite« in diesem Augenblicke nicht gerichtet, und wenn überhaupt der Beginn dieser Geschichte etwas trübe gestimmt war, so haben das nur die alten, hochaufgelasteten Hausgeräte verschuldet, die uns das »Scheiden und Meiden« so lebhaft vor die Augen rückten! Dennoch findet aus diesem Hause eine Auswanderung statt, nur mit der einen Ausnahme, daß die weiße Landstraße und nicht der trügerische Ozean sie ziehen sehen wird. Statt des dampfenden Seerosses wird der knarrende Wagen sie an ihr Ziel bringen – und dieses Ziel nicht »jenseits«, sondern »diesseits«, nicht im fernen »Amerikum«, sondern in einem stillen, böhmischen Dorfe sein! Zehnmal in einem Atem war an jenem frühen Morgen ein schwarzhaariges Mädchen von ungefähr dreizehn Jahren vor das Haus gekommen, hatte die großblickenden Augen bald prüfend zu der ungewissen Himmelsfarbe emporgehoben, bald das spitzige Näschen forschend in die Luft gesteckt, ob nicht eines jener wässerigen Atome, die man Regentropfen nennt, daran haften bliebe . . . Was in der Seele dieses Kindes an jenem Morgen vorging? Es hätte mit seinen Blicken so gerne, so gerne die düster hängende Himmelsdecke durchschneiden gewollt, um das goldene Sonnenlicht über die ganze Natur, wie einen Mantel, auszubreiten! Licht, helles Licht sollte über der Straße liegen, die sie ziehen sollten! . . . Licht sollte glänzen über dem Weg, der sie aus der dumpfen Gasse in das böhmische Dorf hinausführte. Das kleinste Bänkchen, das unbedeutendste Geschirre des alten Hausrates hätte heute schimmern sollen wie an einem Festvorabend . . . Zogen sie doch mit hinaus in das stille böhmische Dorf! . . . Plötzlich fuhr das Mädchen mit einem lauten Schrei in das Haus zurück. »Vetter Koppel,« konnte man es rufen hören, »was sagst du dazu, vom Himmel ist ein Tröpfel gefallen.« Vetter Koppel saß in der Küche auf einem Holzklotz, auf dem gewöhnlich die kleinen Brennstücke für den Herd zubereitet wurden. Ein eisgrauer, alter Mann, mit tief gerunzeltem Gesicht, dessen einstige Jugend an den Marken eines fernen Jahrhunderts zu liegen schien, saß dieser »Vetter Koppel« da und hielt mit seinen Händen etwas, was einem in einen schwarzen Rahmen eingefaßten Bilde glich, gegen seinen Schoß gepreßt. Als er sich bei seinem Namen genannt und zugleich die Witterungsnachricht hörte, zuckte auf dem alten Antlitz eine namenlose Angst auf; die Hände konnten gar nicht von dem bildähnlichen Dinge lassen, an das sie sich mit krampfhafter Gewalt angeklammert hatten. »Was sagst du, Tilleleben,« rief er beklommen, »ein Tröpfel ist vom Himmel gefallen? Was soll dann mein ›Mogen Dovid‹ machen um Gottes willen, wenn er naß wird?« Vetter Koppel meinte mit jenem seltsamen Namen das umrahmte Ding in seinem Schoße, das in der Tat nichts anderes war als ein »Misrach«, wie er in jeder guten Judenstube an der Ostseite der Wand zu finden ist. Zwei züngelnde Ungeheuer, die sich bei näherer Betrachtung als die Löwen Judas herausstellten, hielten den Schild Davids empor, zwei verschobene Dreiecke, in deren Mitte Jerusalems Weltgegend »Misrach« (Ost) in großen, dicken Lettern flammte. »Und wenn er naß wird?« rief Tille mit leichtsinnigem Lachen. »Hört dann die Welt auf? Du nimmst dann deine große Truthahnfeder und deine Farben und machst dir einen neuen Misrach!« Aber Vetter Koppel rief, den Kopf ängstlich schüttelnd: »Red nicht so, Tilleleben; du weißt gar nicht, wie schwer du dich versündigst. Mit dem Misrach da, wie du ihn siehst, ist etwas ganz Eigenes vorgegangen; ich hab' dir's ja noch gar nicht erzählt. Als nämlich König David weit fortgeflohen ist vor seinem Sohn Absalom, weil er sich gefürchtet hat vor ihm, da hat er den Misrach da verloren und hat ihn nicht mehr finden können. Das war in einem tiefen, tiefen Wald, und du weißt, in einem Wald, wo so viel Bäume sind, da kann man nicht so leicht wieder zu etwas kommen, wenn man es einmal verloren hat . . .« »Kann's denn anders sein?« meinte das Mädchen spöttisch, ohne von der sonderbaren Mitteilung besonders getroffen zu scheinen. »Man find't oft die Sach' nicht, die man im Haus verlegt hat . . . wie soll man einen ›Misrach‹ finden, den König David verloren hat?« »Und siehst du,« rief Vetter Koppel triumphierend aus und seine Augen begannen dabei in jenem eigentümlichen Lichte zu funkeln, das wir die Abenddämmerung der Vernunft nennen möchten, weil ihm nur die gänzliche Nacht fehlt. »Und siehst du,« rief er, »er ist doch gefunden worden, und von wem ist er gefunden? Dein Vetter Koppel kommt durch den dicken Wald; auf einmal sieht er etwas liegen zu seinen Füßen . . . wie er's aufhebt, was war's?« . . . »Dein Misrach, Vetter Koppel,« lachte das Mädchen so unbändig, als hätte es zum ersten Male die Geschichte dieses Fundes vernommen. »Aber sag mir nur, Vetter Koppel, wie bist du denn in den Wald gekommen?« »Das will ich dir auch sagen,« entgegnete dieser hastig. »Absalom, des Königs Sohn, hat zu mir an jenem Tag gesagt: Koppel, geh hin und brich meinem Vater das Herz. Und da bin ich hingegangen in den dicken Wald . . . und hab' den Misrach da gefunden.« »Du kranker Vetter, du,« rief Tille plötzlich mit einem so ernstgewordenen Ton, daß er selbst das irre Gehirn des alten Mannes treffen mußte; denn, schluchzend wie ein Kind, dem man ein bitteres Leid angetan, begann er den Kopf auf und nieder zu neigen, und herzzerreißend klang es, als er in die klagenden Worte ausbrach: »Ja, zu Buß' gesagt sei es! er hat mich verführt . . . er hat zu mir gesagt: Geh hin und brich meinem Vater das Herz . . . und da bin ich leider Gottes! hingegangen« . . . Die Geschichte dieser umnachteten Seele ist bald und in wenigen Worten erzählt; aber sie jetzt so gleichsam zwischen Tür und Angel, unter dem ungeduldigen Knallen der Peitsche in aller Eile erzählen zu müssen, wird man sich selbst das auf dem Totenbette verzeihen können? Vetter Koppel gehörte so eigentlich nicht ganz zur nächsten »Freundschaft« des Hauses; er war nur ein entfernter Verwandter, oder wie man das in der Gasse besser auszudrücken versteht: das ferne »Peitschenknallerl« dieser Familie. Sein Vater war ein armer Thoraschreiber in der Gemeinde gewesen, der jahraus, jahrein durch Böhmen und die angrenzenden Länder zog, ja sogar weit bis nach Ungarn kam; von ihm hatte er die schöne Schreibekunst erlernt. Da kam einst der Thoraschreiber von einer seiner Wanderschaften zurück und starb noch am nämlichen Tage seiner Ankunft. Auf seinem Totenbette fragte man ihn, ob er etwas seinem Sohne sagen ließe, wenn der einmal zurückkommen sollte. Sie sollten ihm sagen, klang es schauerlich von seinen blassen Lippen, er habe ihm das Herz gebrochen. Lange Jahre darauf kam ein verwilderter Schnorrer in die Gemeinde, in welcher man mit Mühe Koppel, den Sohn jenes Thoraschreibers erkannte. Man richtete ihm die letzte Botschaft seines Vaters aus. Von diesem Augenblicke an überkam ihn jene Geistesverwirrung, sie mochte durch Elend und Entbehrung in ihm vorbereitet gewesen sein. Mildtätige Leute der Gemeinde nahmen sich des Hilflosen an, bis ihm endlich die Familie dieses Hauses, weil er doch zur »Freundschaft« gehörte, ein Obdach gewährte. Man vermochte nie aus ihm herauszubringen, wie er in diesen Zustand geraten; man vermutete nur, sein Vater müsse ihn irgendwo auf »unrechten Wegen«, vielleicht auf dem Wege zu einer Kirche angetroffen haben. Darauf deuteten die letzten Worte des Thoraschreibers und der Wahnsinn des Vetter Koppel selbst. Wie Absalom, der Königssohn, seinem Vater schier das Herz gebrochen, so war es auch von ihm geschehen. Das mochte übrigens in jenen ersten Augenblicken ihm vorschweben, als seine Seele noch Lichtpunkte genoß. Später versank sie ganz in die Vorstellung, er sei zwar nicht Absalom selbst, aber dessen treuester Anhänger, ausgeschickt von ihm, um dem Vater das Herz zu brechen. Der Fund des »Misrachs« in jenem dicken Walde hing übrigens mit dieser abenteuerlichen Vorstellung nur lose zusammen. Vetter Koppel hatte nämlich von seiner Schreibekunst, die er von seinem Vater erlernt, nichts behalten als das Zeichnen solcher Blätter, wie man sie an der Ostseite der Stuben aufzuhängen pflegt. Darin bestand seine ganze Beschäftigung, die sich allmählich gleichfalls mit seinem rebellischen Königssohne verwebte. Jahraus jahrein saß er mit einer Truthahnfeder in der Hand über diesen Zeichnungen, die dann regelmäßig den Weg in die Hände der Kinder fanden. Den schönsten Misrach, ein wahres Meisterstück seiner Kunst, hatte er für das Haus gefertigt; wir haben ihn soeben in seinen Händen gesehen! Drin in der Stube ist indessen ein anderes Gespräch zwischen Personen geführt worden, die wir kennen müssen, ehe sie in den Rahmen dieser Geschichte treten. Werden Menschen, die fortziehen, sei es selbst in ein nahes Dorf, sich nicht Bedeutungsvolles zu sagen haben auf der Schwelle zwischen Ein- und Ausgang? Wir wollen es hören. Aber fast fällt es uns schwer. Der Augenblick des Scheidens ist eben kein günstiger, um sich Haus und Leute näher zu besehen. Nicht die alten Geschirre und Geräte sind bloß von Ort und Stelle gerückt, auch die Seelen schwanken auf den verlassenen Stätten langgewohnten Daseins auf und nieder; tausend Fäden sind mit einem Male zerschnitten worden, und doch will der eine Gedanke sie stets ergänzen und wieder knüpfen: Wie wird das Neue sein? Wer steht uns dafür, daß dieselben Personen, denen wir jetzt von Angesicht ins Angesicht sehen, die wir mit den Händen greifen können, nicht morgen oder übermorgen, unter anderen Erschütterungen und Verhältnissen auch ein anderes Bild gewähren werden? Wer wird die alten Züge dann herausfinden wollen? . . . Es war wieder Frühling geworden. Millionen schlagender Herzen hatten sein Kommen nicht mehr erwartet, den leisen Flügelschlag seines Nahens nicht vernommen. Für sie schien alles, Natur und Leben, Freude und Hoffnung in dem blutigen Schnee des vergangenen Winters vergraben und verloren. Eine Öde, grauenhaft und unheimlich, wie sie über zerstampfte Walstätten sich lagert, hatte die Herzen ergriffen, daneben Trauer und Zaghaftigkeit, daß es auch in Zukunft nicht besser werden könne. Haben wir noch umständlicher zu sagen, was sich Millionen Lippen im Frühlinge des Jahres neunundvierzig zulispelten . . . und noch mehr verschwiegen? Aber mitten unter diesem Fürchten und Bangen war nicht nur der Frühling wiedergekommen; mit ihm war ein weißes Blatt niedergeweht worden, ein weißes Blatt Papier mit der Namensunterschrift eines kaiserlichen Jünglings. In alle Ghettos war es eingekehrt, an die unscheinbarste Hütte kam es gerauscht, zu allen Fenstern hinein hatte es seinen Gruß getragen. Wie milder Tau war es niedergefallen; was geknickt war, hob sich wieder, war schwach geworden, streckte und dehnte wieder die Sehnen. Stand doch zwischen den schwarzen Zeilen jenes Blattes fast obenan, daß die Scholle frei sei; daß sich auch für die Leute in den »Gassen« die Gemeinde erschlossen habe, und dem Gesetzbuche das Recht und nicht mehr das Unrecht war einverleibt worden. Das Blatt war auch in das Haus gekommen, vor dem wir jetzt stehen, in das Haus Rebb Schlomes, des »Kleinschnittwarenhändlers«. Guter Rebb Schlome! Wenn ich daran denke, wie diese Botschaft deine Seele mit freudigen Schauern überschüttete. wie sie sie erbeben machte unter dem innigsten Danke für das kaiserliche Geschenk, – dann ist es mir, als hätte ein höherer Geist sich mir geoffenbart; als drängte er mich gewaltsam, an die Lösung deines Lebens zu schreiten, wie schwach auch immer der Versuch ausfallen möge. Es war eine merkwürdige Erscheinung eingetreten. Als der erste Eindruck vorüber, hatte sich vieler eine Art peinvoller Unruhe bemächtigt; auf dem plötzlich gebahnten Wege konnten sie die Straße nicht finden. Wie aufgeschreckte Hummeln flogen Pläne und Entwürfe durch die Ghettos; wie junger Wein war es ihnen in die Köpfe gestiegen. In den Pulsen hämmerte es und wollte heraus und sich zur Tat gestalten. Aber zu welcher? Da griffen Hunderte in der Unstete ihres Herzens zum Wanderstabe und zogen über die große See nach dem Westen; andere traten, nachdem sie diese unbehagliche Stimmung überwunden, frisch und mutig in den Kreis der neuen Rechte ein. Sie brachen die alten Verhältnisse ab, und mit einer Leichtigkeit, die Erstaunen einflößte, hatten sie bald neue gefunden. Wer dem allem so aus der Ferne zuschaute, dem mußte es oft die Seele durchschneiden, wenn er in die atemlose, wirbelnde Hast blickte, mit der auf allen Seiten altes Mauerwerk eingerissen, neues gebaut ward. Die Schwalbe bleibt treu . . . aber hier sah man Menschen, untreu sich selbst, untreu der heimatlichen Scholle, selbst verleugnend den Staub, der ihre Toten barg! Gebietet das so dein Wesen, Geist der Neuzeit? . . . Auch in Rebb Schlomes »Schnittwarenhandlung« war diese Unruhe eingekehrt, und die Gemüter bebten vor innerster Aufregung. Ein Unheimliches, Unbehagliches schlich seitdem wie auf leisen Socken durch das Haus; sie fühlten sich wie von einem kalten Hauche angeweht, aber sie wußten nicht, woher er kam. Das »Geschäft« ging gut; die Kunden hatten nicht abgenommen; dennoch waltete eine Unlust vor, die sich oft in Ekel verkehrte gegen das, was ihnen doch allen Nahrung und Stellung gab. »Was werfe das Geschäft ab,« hieß es jetzt bald hier, bald dort, »die ›Gewölber‹ wüchsen in der Gasse über Nacht hervor, und bald würde es mehr Kaufleute als Kunden geben; alles wolle ›handeln‹, wo aber das hinaus kommen werde? Man werde zuletzt zufrieden sein müssen, wenn man am Schlusse des Jahres nur ›sein Leben heraus gebracht hätte‹«. Wenn solche Stimmen ertönen, da krankt etwas am Leibe einer Familie. Denn solches Gebreste, innerlich und unergreifbar, ist wie tückisches Gewässer, das heimlich die Stützen unterwühlt, bis sie mit einem Male schauerlich zusammenkrachen. So weit war es freilich noch nicht gekommen. Die Familie hatte einen gesunden Organismus, dem solche Störungen nicht so leicht etwas anhaben mochten. Aber um so ungeduldiger werden solche Leiden von kräftigen Naturen ertragen. Merkwürdigerweise kam die Lösung der so drückenden Lage von einer Seite, von der sie nicht geahnt wurde . . . von Tille nämlich! Das »Kind« nämlich, wie es von Eltern und Brüdern genannt wurde, war als das letzte Röslein der Familie ein Gegenstand der zärtlichsten Liebe und Pflege. Auf das Kind ließ man nichts »kommen«; das unbedeutendste Wort in seinem Munde hatte Geltung und Sinn. Während die älteren Brüder, der hochaufgeschossene, dunkeläugige Anschel, ja selbst der blasse » Bocher « Elieh mit scheuer Befangenheit ein Urteil vor den Eltern aussprachen, hatte man nichts dagegen, daß »das Kind« mitsprach. Es war im warmen Dunstkreis der Liebe groß und gezeitigt worden, und was an körperlicher Reife fehlte, ersetzte das vergrößernde Auge der Familie. Schlome hatte einmal in düsteren Worten die Unbehaglichkeit seiner Stimmung kundgegeben. Es war kurz nachdem einige Gemeindemitglieder fortgezogen, um neue Heimaten sich zu gründen. Briefe waren eingelaufen, die alle vom glücklichen Erfolge sprachen. »Gott, großer Gott, schenk' uns doch deine Hilfe,« rief er fast verzweifelnd. »Warum soll ich und mein Weib und meine Kinder hier sitzen bleiben und alles, was Füß' hat, macht sich auf und geht in die weite Welt? Soll denn der Kaiser in Wien umsonst das Gesetz gegeben haben, und keiner von uns macht sich's zunutz?« »Der Kaiser! der Kaiser!« hatte Tille ganz begeistert und flammend vor innerer Aufregung ausgerufen. »Wie dankt man nur dem Kaiser? Du hast dich ja noch gar nicht bei ihm bedankt, Vater . . . und ich mein' doch, es schickt sich« . . . »Ich?« stammelte Schlome, lebhaft getroffen von der Bemerkung des Kindes. »Wenn ich was zu sagen hätt',« bemerkte dagegen der stämmige Anschel mit fast trotziger Scheu, »ich wüßt' schon, was wir alle zu tun haben« . . . »Laß das Kind reden,« herrschte ihm Schlome zu. »Die Weisheit, die nicht aus deinem Kopfe kommt!« Anschel mußte solche Demütigungen zugunsten des »Kindes« gewohnt sein; denn er schwieg, ohne im geringsten gekränkt zu scheinen. »Du wirst mich auslachen, Vater,« sagte das Kind, zum ersten Male vielleicht gedemütigt von dem Rechte, das man ihm vor dem älteren Bruder einräumte . . . »Ihr werdet mich alle auslachen. Aber wär' ich der Vater . . . so möcht' ich Bauer werden!« »Großer Gott!« schrie jetzt ohne alle Scheu, fast außer sich der stämmige Anschel. »Bist du in meinem Gehirn drin gewesen, Tilleleben, daß du weißt, was in mir vorgeht? Das ist es ja, was ich hab' sagen wollen.« Rebb Schlome antwortete nichts. Aber in diesem Augenblicke war's ihm, als flammte die Stube wie lauter Licht, und mitten aus diesen Flammen heraus ertönten Stimmen, Offenbarungen eines plötzlich erschlossenen Sinnes, . . . die Äußerung des »Kindes« war in seine Seele gesunken, und er fühlte es, nicht alle Mächte der Erde waren mehr imstande, es aus dieser Tiefe zu holen. Es war eines jener entscheidenden Worte gesprochen worden, die unser Leben anders gestalten und wie mit der Kraft riesiger Fabelgeister es auf unbekannte Höhen heben, oder in bodenlose Abgründe stürzen. Es war merkwürdig zu beobachten, wie die vom »Kinde« hingeworfenen Gedankenfäden in jenes unbestimmte Gewebe übergingen, das plötzlich als Tat dasteht. Es ließ sich nicht sagen, wer sie am gierigsten ergriffen; wie ein Netz waren sie über alle Ein- und Ausgänge des Hauses gespannt, und über diese enge Begrenzung konnte nichts hinaus. In Rebb Schlome rang es am heftigsten. Während er mit keinem Worte verriet, daß er zu irgend einem Entschlusse gekommen, brach es doch zuweilen aus ihm hervor, in unzusammenhängenden Äußerungen, die zusammengefaßt dennoch ein vollständiges Bild seiner Seelenlage geben. »Es ist ja wahr,« sagte er einmal aus tiefem Nachdenken erwachend, »hat einer von uns schon dem Kaiser gedankt für das, was er uns gegeben? Gott! Lebendiger! Ich, Schlome Hahn, über den Pawel und Honza weggespien haben, weil sie in die Kirche gehen, ich, Schlome Hahn, darf jetzt Bürgermeister werden, ich darf mir mein »Gewölb« aufmachen wo ich will, ich kann mir ein Haus neben dem ersten Stadtrat hinbauen, und wenn ich ein Feld kaufen will, kann ich von meinem eigenen Felde essen! Gott, Lebendiger! Wie dankt man nur dem Kaiser dafür!?« Durch einen natürlichen Gedankengang kam er hierauf zu einer andern Schlußfolgerung. »Sagen sie nicht immer,« meinte er, »daß der Jud' nicht hinaus aufs Feld will und lieber mit dem Hausiersack sich schleppt, als hinter dem Pflug die Ochsen antreibt? Leider Gottes! ist es denn nicht wahr, was sie uns vorwerfen? Jetzt geben sie's einem an die Hand und alles schreit: Versündig' dich nicht an Gott und am Kaiser? Aber so wahr als der Kopf auf mir lebt und ich Schlome Hahn heiße, ich will's dem Kaiser beweisen, was ich kann. Tilleleben hat ganz recht. Gott soll das Kind gesund lassen.« Was sollten diese Worte bedeuten? Lag ihnen bereits ein fertiger Plan zugrunde? War Rebb Schlome bereits mit sich selbst einig geworden, wie er seinem Danke gegen den Kaiser den besten Ausdruck gab? Rebb Schlome gehörte zu jenen straffen, selbständigen Naturen, die es beirrt, wenn sie sich in irgend einer Angelegenheit des fremden Rates bedienen sollen. Er tat gern alles »allein«; niemand sollte sich »darein mischen«, nicht einmal diejenigen, die ihm zunächst standen . . . . Weib und Kinder. Nachime, Schlomes Ehefrau, war dagegen eines jener demütig schweigsamen Weiber, die oft ein ganzes Leben lang eine gewisse Schüchternheit gegen den Mann nicht ablegen. Fast unbeachtet, nie eingreifend, nie widersprechend ging die stille Frau neben dem breitspurigen Manne einher, und war es, daß sie auf seine höhere Einsicht stolz, oder von seinem Wesen sich gedrückt fühlte . . . während eines fünfundzwanzigjährigen Beisammenseins war Nachime gerade dieselbe geblieben, die sie in den ersten Monaten ihrer Ehe war . . . sie ging nur neben, nicht mit ihrem Manne! Auch jetzt blieb dieses Wesen sich treu; sie gab kein Urteil ab, weil »er« es nicht leiden mochte; kaum daß sich die dünnen Lippen einmal zu irgend einer unwesentlichen Frage öffneten. Noch ein anderes Wesen schien dieser innern Geschichte des Hauses fremd gegenüberzustehen. Es war dies Elieh, der »Bocher«. Gleich seiner Mutter schien der kränkliche Jüngling von Jugend auf kein anderes Recht geltend zu machen, als daß man ihn im Hause dulde und in seinen Studien nicht störe. Es vergingen oft Tage und Wochen, daß man sich nicht erinnern konnte, einen andern Ton aus seinem Munde gehört zu haben, als jenen eigentümlich einförmigen Gesang, der das »Lernen« aus den gelehrten Büchern begleitet. Nur Anschel hielt es mit schwerer Mühe an sich, die gewohnte Scheu vor dem Vater zu bewahren. Kein Blick, kein leiser Gedankenzug entging seinen forschenden Augen, man konnte sagen, er sah, wie in einem durchsichtigen Gehäuse, das Räderwerk des Planes, der fertig und abgeschlossen aus dem Gehirne Rebb Schlomes hervorgehen sollte. Er kannte den Vater durch und durch; aber wiewohl er aus Erfahrung wußte, daß er das »Hineinschauen« nicht liebe, brannte und zehrte es an ihm, daß der Vater auch diesmal jede Frage, jedes Vordrängen streng von sich wies. »Warum ist er so?« grollte es in ihm, »warum muß ich ›kuschen‹ wie ein Hund? Will ich denn nicht so gut wie er ein Bauer werden und aufs Feld hinaus? Er weiß ganz wohl, daß ich fürs ›Geschäft‹ nicht bin, und doch hält er sich meilenweit von mir, als wär' ich gar nicht das leibliche Kind, und könnte ihm auch raten und helfen!« Anschel hatte es bald herausgefunden, durch wen er sich am besten dem verborgenen Plane seines Vaters nähern könnte. Rebb Schlome war auf zwei Tage nach einem nahen Dorfe gegangen, um, wie er mit gewohnter Kürze sagte, »sich etwas anzusehen«. Dieser Weggang fachte das unterdrückte Leiden in Anschels Seele zur furchtbarsten Pein an. Widerstrebenden Herzens verabredete er mit Tille, sie solle, wenn der Vater zurückgekommen, ihn ausforschen, was er »ausgerichtet«. Es sei ganz gewiß etwas vorgegangen! »Denn dir sagt er's eher,« rief er schmerzlich, »du darfst mit ihm reden, aber ich nicht. Mir stellt er sich wie Gott vor, und bin doch schon neunzehn Jahre alt und kein Jüngel mehr. Ich frag' dich, Tilleleben, hab' ich das um ihn verdient?« Tille versprach ihm, nach Kräften den Vater auszuforschen; und in der Tat, als Rebb Schlome nach zwei Tagen wieder zurückgekommen, klang die erste Frage aus Tilles Munde, kaum, daß der Vater noch Zeit gehabt, die»Mesuseh« an der Türpfoste zu küssen: »Nun, Vater, hast du Gutes ausgerichtet?« »Ich bin zufrieden, mein Kind,« entgegnete Schlome in lustiger Stimmung. »Gott sei gelobt und gepriesen dafür.« Nach einem Augenblicke Nachdenkens sagte Tille: »Ist es schön . . . dort?« »Wo?« entgegnete Rebb Schlome, der diese Frage nicht verstand. »Nun dort . . . wo du gewesen bist,« meinte das Kind mit großer Unbefangenheit. »Jedes Judenkind kann seinem Gott danken, wenn man's überall so hätt', wie es dort ist,« erwiderte Schlome sich besinnend. »Und . . . hast du's?« fragte Tille mit gedrückter Stimme, denn sie fühlte, wie Anschels Augen brennend auf ihr lagen. »Ich hab's,« . . . sagte Schlome kurz. Erkannte Tille mit dem feinen Sinne eines geliebten Kindes, daß sie für jetzt nicht weiter gehen dürfe? Oder regte sich etwas in Schlome, was ihm als ungeziemend darstellte, daß er einem Kinde und nicht dem ganzen Hause Rechenschaft über eine entscheidende Angelegenheit zu geben im Begriffe stand? Genug, Schlome schwieg, und an diesem Tage kam nichts zur Sprache. »Wenn er auch heut' nichts redet,« sagte Anschel am Morgen des folgenden Tages zu seiner Schwester, »so weiß ich nicht, ob ich's länger in mir verhalt'! Es drückt und zehrt mir mein Herz herunter.« Der Tag verging; er brachte für die Harrenden keine Lösung. Wie wundersam gestaltet ist's doch in den Gemütern der Menschen! Während Anschel an diesem Tage, von allen Geistern der Unruhe gefoltert, fast verging, hundertmal hervorbrechen wollte und an sich ebensooft mit schmerzlicher Gewalt halten mußte, weil der Vater nichts sprach, zitterte das Herz Nachimes in namenloser Bangigkeit, daß ihr Mann überhaupt sprechen werde. Vor dem Unbedeutendsten, das aus seinem Munde kam, schreckte sie zusammen, es ging ihr wie »ein Stich« durch die Seele. Elieh, der Bocher, war an diesem Tage noch schweigsamer als sonst; er »lernte« mehr als je. Erst kurz vor dem Schlafengehen trat der mächtige Moment ein. Nachimes Herz stand still, als ihr Mann plötzlich, ohne daß irgend ein Wort als Einleitung vorangegangen, von dem längst Gefürchteten zu reden anfing. In diesem Augenblicke war es ihr, als hörte sie den schrillen Ton einer scharfen Schere, die mitten durch ein Gewebe schnitt. Rebb Schlome begann damit, daß er es von jeher gewohnt sei, sich in »nichts« dreinreden zu lassen. So habe er es auch diesmal gehalten, und es sei das beste. Wer das Brot ins Haus schaffe, habe auch das Recht zu verlangen, daß man sich ihm füge; er habe es bei seinem Vater auch nicht anders gesehen. Das würden hoffentlich alle längst erkannt haben, daß es mit dem »Geschäfte« nicht vorwärts wolle; es sei alles »tot« und matt, und die höchste Zeit gekommen, zu etwas anderem zu greifen, bevor der Bettelstab sie abhole! »Geht denn das Geschäft so schlecht?« wagte Nachime aus der Tiefe ihrer Angst zu fragen. »Es kommt mir doch vor, als könnten wir zufrieden damit sein.« Das solle sie ihn nicht lehren. entgegnete er darauf herb, ob das Geschäft gut gehe oder nicht. Das sei heute so, und vielleicht noch morgen; wer aber für den Übermorgen stehe? Es sei eine schwere Versündigung an sich selbst und den Kindern, wenn man nicht auch die Zukunft ins Auge fasse. So täten liederliche, gottvergessene Leute, zu denen er aber nicht gehöre. Jetzt, wo alles »offen« sei, wo der Kaiser selbst gesagt: Greift zu! Jetzt müsse man einen Stand wählen, der ein sicheres Brot abwirft, nicht einen, der auf tausend Zufälle gebaut ist. Von Kindesbeinen an habe er immer gehört, daß sich der Bauer am besten stehe; sei das Jahr schlecht, so verkaufe er das Getreide teuer, sei es gut, nun so schwimme er in seinem eigenen Fett. Aufs Dorf müsse man hinaus, die Schnittwarenhandlung von sich werfen wie einen wurmigen Apfel, und Bauer werden. Schon um des Kaisers wegen müsse man das tun, damit der sehe, was man zu tun imstande sei. Ein schmerzliches Lächeln glitt bei diesem letzten Beweggrunde über Nachimes blasse Lippen. Aber sie sprach kein Wort. Als Rebb Schlome von keiner Seite eine Einrede hörte, kam er zum eigentliche Kerne der Sache. Sie sollten es ihm verzeihen, sagte er fast mit Überwindung, daß er sie nicht um Rat gefragt, aber er sei so und nicht anders. Eine Änderung im »Stand« müsse aus einem Kopfe kommen, zwei seien schon zu viel, und erst eine ganze Familie fragen, das trüge gar nichts ab. Kurz und gut, das »Geschäft« mit allem, was dazu gehöre, sei verkauft, das Haus auch und zwar um den höchsten Preis. Dafür habe er in dem sechs Stunden entfernten Dorfe Wobrub ein Bauerngut gekauft mit zwanzig »Strich« Feldern; etwas Schöneres habe man noch nicht gesehen. Da werde man sehen, was alles in »so« einem Bauernhause stecke, von der Kuh im Stalle an bis zur kleinsten Henne auf dem Hofe. Überall liege Gottes Segen und das Brot wachse einem zum Munde nur hinein. Das Herz werde ihnen aufgehen vor Lust und Freude, wenn sie das alles zu Gesicht bekommen würden. Beneiden würden sie die Leute wie um ein »Terno« aus der Lotterie. Aber man müßte sich sputen und hasten, daß man in vier Wochen fertig sei; denn das Frühjahr sei da, und die beste Zeit, wo der Bauer zu seinem Eigenen sehen könne. Lautlos hatten diese lange Erörterung Weib und Kinder angehört. Als er geendigt, sagte Anschel mit hochgerötetem Antlitz: »Gott soll dir's zahlen, Vater, was du da an uns allen gemacht hast. Du hast wie der größte Weise getan; es gibt gar nichts Besseres, als hinaus aufs Feld! Mein Sinnen und Trachten ist auf gar nichts anderes gerichtet. Gott soll dir's zahlen.« »Ich soll also eine Bäuerin werden?« sprach es tief, tief, wo man es nicht hören konnte, in Nachimes Seele. Die Lippen zuckten . . . aber sie brachten keinen Laut hervor. Mitten unter den Zubereitungen, die nun getroffen wurden, in der Stille der Nacht, im Geräusche des Tages, immer glitt diese Frage ihr nach. Wie dunkler Karmin, von dem ein Weniges genügt, um einer großen Wassermenge seine Farbe zu geben, war alles Denken, Fühlen und Wollen der armen Frau von dem einen Gedanken durchzittert: »Und ich soll eine Bäuerin werden!« – Der Wegzug unserer Familie aus dem Ghetto hatte dort übrigens nur einen geringen Eindruck gemacht. In jenem Frühjahr bot sich den Leuten die tägliche Erscheinung dar, daß nicht nur die Vögel, sondern auch die Menschen flügge wurden. Die Zurüstungen zur Abreise konnten daher auch in aller Stille geschehen; niemand störte, niemand drängte sich auf. Aber dieses lautlose Hämmern und Packen hatte eben darum etwas grauenhaft Beengendes, und mitten in der Arbeit schreckte Nachime öfters zusammen. Es überschlich sie der Gedanke, sie rüste bei lebendem Leibe ihre und ihrer Familie Totenkleider. Um so ungestümer gebärdeten sich Rebb Schlom, Anschel und Tille. Die drei konnten die Stunde kaum erwarten, wo sie »Schiff und Geschirr,« Haus und Geschäft gegen das Dorf und dessen lachende Zukunft vertauscht hatten. Jene Stunde war gekommen . . . Draußen auf der Gasse steht seit dem frühesten Morgen ein mit allerlei Hausrat hochauf belasteter Wagen. Die Luft ist kalt und der Fuhrmann gibt durch ungeduldiges Schnalzen mit der Peitsche seine unlustige Stimmung kund. Vom Himmel fällt es in leisen, leisen Tropfen . . . . Drin aber in der Stube scheint niemand an ein Weggehen zu denken. Anschel und Elieh stehen im tiefen Gebet; die Tefillin (Gebetriemen) um Arm und Kopf geschlungen. Aber die Wand, woran sonst der Misrach hing, war leer wie die andern Wände, und an dessen Stelle scheint eine große Spinne ihr seines Fadenhaus anlegen zu wollen. Alles, was den Raum in dieser Stube einst verengte, war hinweggeräumt; nichts steht im Wege; es ist, als ob die Wohnung sich erweitert und ins Zweifache ausgestreckt hätte. Rebb Schlome geht ungehindert, die Hände auf dem Rücken, in dem leeren Raume auf und nieder. Auf seinem Gesichte erblickt man das Ringen eines schweren Gedankens . . . Wie mochte der lauten? . . . Nachime kramt noch immer in einem Wandschrank herum, in dem auch nicht ein Stäubchen wegzublasen ist. Will sie sich beschäftigen? ihr Gemüt beruhigen? Oder ist das so die Frauenweise? Plötzlich, bei einer raschen Wendung bemerkt Rebb Schlome, daß Nachime in das unterste Fach des Schrankes etwas hineinzwänge, was sie mit fieberhafter Eile hinter ihrem Busentuche hervorgeholt hatte. Die Lade zog sie dann rasch ein. »Was hast du da versteckt, Nachime?« fragte er, anscheinend mit großer Neugier. »Versteckt? . . . Nichts, nichts,« antwortete die zu Tode erschrockene Frau, und hielt mit beiden Händen fest zu. »Ich hab' nichts versteckt.« »Ich hab's aber doch gesehen!« rief er ungeduldig, »mit meinen eigenen Augen. Bin ich denn blind?« »Was hast du davon?« erwiderte Nachime, die einsah, daß ihr das Lügen nichts half. »Was hast du davon? du wirst mich nur auslachen!« »So sag's oder laß es mich selbst sehen.« »Ich will dir's selbst sagen,« rief Nachime, aber mit einer Anstrengung in Stimme und Gebärde, als müßte sie das Ungeheuerste verraten. Ihre Brust war dem Zerspringen nahe. »Ich will dir's selbst sagen,« rief sie noch einmal. »Ich hab' von meiner Mutter (der der Friede sei!) immer gehört: Wenn man einen Ort verläßt, und denkt einmal wieder dahin zurückzukommen, so soll man nur etwas Liebes von sich da verstecken. Ich hab' ein Korallenschnürchen da hineingegeben . . . du hast mir's vor fünfundzwanzig Jahren geschenkt.« . . . »Denkst du denn wieder zurückzukommen?« sagte Schlome, wie verwundert. Nachime antwortete nichts. Ein Krampf in der Brust, der sie zu ersticken drohte, gönnte keinem Worte den Ausgang. Sie glaubte, ihr letzter Augenblick sei gekommen. »Mir scheint, du gehst nicht gern mit, Nachime,« setzte er nach kurzer Weile hinzu. Da kam ein Laut hervor aus Nachimes gepreßtem Herzen, wie er in dieser Stube noch nie gehört worden. Es war kein Angstschrei, denn er klang gar nicht menschlich. Der Jäger, der auf steilen Alpenhöhen jagt, will solchen Schrei oft entsetzt vernommen haben, wenn sein tödliches Geschoß in ein frisches Leben die Kugel gejagt hat. »Hast du mich denn gefragt, ob ich gehen will?« so rang es sich dann allmählich aus dieser gedemütigten, gekränkten Frau heraus, »hast du mich gefragt?« »Mutter, Mutterleben,« rief Anschel mitten aus dem Gebete, »um Gottes willen, nur jetzt nicht.« »Red' ich denn etwas?« . . . sagte sie schwach; denn schon war sie ruhiger geworden. Rebb Schlome sprach kein Wort. Er ging heftig im Zimmer auf und ab. Woran dachte er? Nachime schloß den Wandschrank und stellte sich ans Fenster hin. Sie konnte nicht weinen. Als sei nichts vorgegangen, setzten Anschel und Elieh ihr Gebet fort. Sie hatten es nun beendigt und zogen die Tefillin vom Arm und Kopf. »Seid ihr fertig?« sagte Rebb Schlome. »Nun so gehen wir.« Rebb Schlome schritt zuerst hinaus, dann kamen Anschel und Elieh; Nachime verließ, die letzte, die Wohnung. Ehe sie hinaustrat, warf sie noch einen Blick nach dem Wandschrank mit der Korallenschnur . . . . Als schon alle auf dem Wagen saßen, mitten unter dem übereinander geschichteten Hausrat, rief Tille plötzlich: »Gott, der Vetter Koppel. Wir haben ihn ja ganz vergessen.« Leise kam dieser herbeigeschlichen, den »Mogen Dovid« vorsichtig an sich gedrückt. Anschel räumte ihm seinen Platz neben Tille ein, und so saß er da, eingeklemmt zwischen dem alten Hausrat, über seinem Haupte einen wackelnden Kasten und in seinen Händen den treuen, im Wald Palästinas gefundenen »Mogen Dovid« . . . Anschel schloß noch die Haustür. Dann setzte sich das schwere Fuhrwerk in Bewegung . . . Sprechen wir mit den Frommen der »Gasse« den Dahinziehenden den alten Segen der Priester nach: »Der Herr segne euch und behüte euch! Der Herr lasse leuchten sein Antlitz euch und sei euch gnädig! Der Herr richte seinen Blick zu euch und gebe euch seinen Frieden.« 2. Die Auswanderer werden bewillkommt. Es war Nacht geworden, als unsere Auswanderer in die neue Heimat einfuhren. Jenes Tröpfchen, das am frühen Morgen eine so bedeutungsvolle Unterredung zwischen dem ehemaligen Anhänger Absaloms und Tille herbeigeführt, hatte sich im Laufe des Tages in einen feinen Regen aufgelöst, der den Weg verdarb und in den Seelen der Dahinziehenden eine trübe Stimmung bereitete. Keiner sagte es sich, aber allen war es, als ob sie Wochen bereits die endlose Straße des Weltmeeres zögen, über ihrem Haupte grauer Himmel und unter sich das wogende, falsche Element, und sonst gar nichts, weder zur Rechten noch zur Linken. Während der ganzen Fahrt war wenig gesprochen worden; keiner fand das gehörige Wort, das imstande gewesen wäre, die bitterböse Laune auf nur eine Viertelstunde zu bannen. Denn an allen nagte, in allen tönte noch der Schrei, der am Morgen aus Nachimes Brust gekommen. Und sie selbst, die in so unvermuteter Weise plötzlich in den Vordergrund der Familie getreten war, sie selbst saß den ganzen Tag schweigend auf dem schlechten Sitze des knarrenden Fuhrwerkes, ließ ihr Antlitz von dem feinen Regen benetzen und wischte die Tropfen nicht ab, daß es fast tränenüberschwemmt aussah. Mann und Kinder hatten sich vom Wagen herabbegeben, »weil es sich besser gehe«, wie sie sagten, vielleicht aber, weil sie nicht unterscheiden konnten: waren es Tränen? waren es Regentropfen, die auf Nachimes Antlitz glänzten. Sie wußten aber nicht, daß Nachime nicht weinen konnte! Welche Schauer kamen über sie, als plötzlich gegen Abend aus Rebb Schlomes Munde der Ruf erscholl: »Jetzt! Jetzt! es kommt noch ein kleiner Berg, dann sind wir dort!« Wie zitterte und bebte sie und mußte sich krampfhaft an ihren Sitz halten, als auch dieser »Berg« überstiegen war, und nun mit einem Male das Dorf, in abendliche Regenschauer eingehüllt, vor ihren Augen dalag. »Wo ist unser Haus?« schrie Tille und wollte schier vom Wagen herabspringen. Sie bog sich aber so weit vorwärts, daß sie mit dem Arm an Vetter Koppels Misrach stieß, daß er klirrend auf den Boden fiel und im Dunkel nicht zu finden war. Der Alte wimmerte und klagte, daß Tille ihm das »mit Fleiß« getan habe; schon lange könne sie seinen Misrach nicht ausstehen. Aber es sei ausgemacht, wenn man den Misrach nicht finde, so gehe er nicht mit, und auf der offenen Straße wolle er bleiben, sie könnten mit ihm machen, was sie wollten. Anschel suchte am Boden umher und fand endlich die zum Glück unversehrt gebliebene Reliquie unter den Rädern des Wagens; nun war Vetter Koppel augenblicklich beschwichtigt. »Und jetzt seid alle still,« gebot Rebb Schlome, »und bleibt alle auf dem Wagen. Muß man denn gleich wissen, daß Juden ins Dorf einziehen? Auch soll es nicht aussehen, als kämen Bettler herein.« Nur unwillig folgte Anschel diesem Machtgebot; er wäre gern vorausgelaufen, hätte die Schwelle der neuen Heimat als der erste betreten, um die andern zu empfangen. In Nachime aber tönte eine unausgesprochene Frage. »Schämt er sich vielleicht, daß er ein Jud' ist? Ist ein Bauer vielleicht etwas Besseres?« Sie saßen nun alle auf, und das Fuhrwerk bewegte sich knarrend vorwärts. Schon traten die ersten Häuser des Dorfes aus dem Nachtdunkel hervor, Lichter wurden sichtbar, die auf und nieder tanzten. Plötzlich knallte hart am Wege ein Schuß auf, und in demselben Augenblicke huschte eine dunkle Gestalt über die Straße und floh eiligst gegen das Dorf zu. »Um Gottes willen, was ist das?« rief es wie aus einem Munde. Anschel wollte rasch vom Wagen, aber mit übermenschlicher Gewalt hielt ihn die Mutter zurück. »Wenn dir deiner Mutter Leben teuer ist,« rief sie, »so geh nicht herunter, du gehst in den Tod. Sie wollen uns alle totschlagen, weil wir im Dorfe wohnen wollen.« »Sei kein Kind, Nachime,« sagte Rebb Schlome, wiewohl auch ihn die Furcht überkommen hatte, »was werden sie denn von uns wollen?« Die vom Schusse erschreckten Pferde waren stehen geblieben; auf den kräftigen Zuruf des Fuhrmannes zogen sie wieder an; aber schon nach den ersten zehn Schritten hielten sie an; es war, als bannte sie etwas, das sie nicht vorwärts ließ. Dunkles Gewürm schien unheimlich am Boden zu kriechen; bald in dichten Ballen, bald auseinander sich ringelnd. In den Gebüschen seitwärts an der Straße schien ein eigentümliches Leben wach geworden zu sein; flüsternde Stimmen raunten sich etwas zu, was unverstanden zu den Ohren der Erschrockenen gelangte; dazwischen war es, als kicherten einige hie und da, die nicht zu beschwichtigen waren. Mit einem Male ging dieses Flüstern und Kichern in lautes Singen über; erst leise, dann allmählich anschwellend, gewann der wüste Chor, der aus hundert Kehlen zu kommen schien, Melodie und Bedeutung, bis man endlich den Text des Gesungenen genau begriff. Nach der Melodie eines damals weitverbreiteten Gassenhauers auf eine Persönlichkeit, die in der Frankfurter Paulskirche mit tagte, klang es: »Jüdlein schrieb uns einen Brief, Drinnen steht geschrieben: Wohnen will ich jetzt bei euch, Denn ich bin durchtrieben. Feld und Acker, die sind mein, Möcht' ein Bauer werden – Nirgends hat man's besser jetzt Wie auf der grünen Erden.« Ein donnerndes Gelächter folgte dem Absingen dieses Liedes, dessen Dichter sich wahrscheinlich mit unter den Sängern befand. Aufhorchend, in namenloser Verwirrung, ließen unsere Auswanderer den Strom über sich ergehen. Galt das ihnen? War es Spott, was sie da vernommen? Und was sollte noch folgen? – Als das Gelächter allmählich verklungen war, schien der ganze Spuk verschwunden; in den Gebüschen war es stille geworden; es mußte alles wie auf ein verabredetes Zeichen geschehen sein. »Was sagst du dazu , Vater?« rief Anschel, der, der Erste von allen, die nötige Fassung erlangt hatte. »Soll ich ihnen nach?« »Nicht, nicht, um Gottes willen nicht,« schrie Nachime, »sie schlagen dich tot. Hast du denn nicht gehört?« »Ich hab' nichts gehört,« sprach Rebb Schlome dumpf vor sich hin. »Muß das uns angehen, was sie da gesungen haben?« »Der Vater hat recht,« sagte Anschel, »das kann uns nichts angehen.« »Und haben wir ihnen denn schon etwas gemacht?« wagte Tille dreinzusprechen. »Es wird vergehen,« tröstete Rebb Schlome kurz. »Was können sie denn von uns wollen? Hab' ich Feld und Haus nicht um bares Geld gekauft? Hab' ich's gestohlen?« Aber es »verging« nicht. Aus weiterer Ferne erschollen aufs neue die Lachgeister, und der wüste Chor schien die Stimmen zu einer Fortsetzung des frühern Gesanges zu sammeln. Deutlich vernahmen sie jetzt, nach einer andern Melodie folgende Worte: »Jud' und Bauer gehören zusammen! Klug sind beide und gewitzt; Früher hat der Jud' dem Bauer Den letzten Kreuzer wegstipitzt, Doch gekommen ist die Freiheit ins Reich, Und sie sind uns jetzt alle gleich:     Der Jud' und der Bauer     Der Fürst und der Graf     Und der dicke Pfaff'! Aber jetzt sind wir alle gleich.« »Das ist kein Spott,« rief Tille freudig, nachdem auch diese Strophe vorüber, »habt ihr nicht gehört, daß wir jetzt alle gleich sind?« Rebb Schlome schien derselben Ansicht zu sein; denn im Wagen hochaufgerichtet schrie er aus Leibeskräften gegen die Seite, woher der Gesang gekommen: »Wir sind jetzt alle Brüder! kommt her, damit wir uns kennen.« Nachime bat ihn aber mit hochaufgehobenen Händen zu schweigen, es sei alles verloren, wenn man das wilde Volk noch herbeirufe; wenn Gott sie heute beim Leben lasse, wolle sie an diese Nacht denken; so etwas sei noch keinem Judenkind zugekommen. Mitten in diesen Klagen wurde sie plötzlich durch einen grellen Schein unterbrochen, der auf ihr Antlitz fiel. Nachime schrie auf, denn so rasch war die Beleuchtung auf ihr Auge gefallen, daß sie darin einen Schmerz empfand, als hätte jemand mit einem spitzen Instrument hineingestochen. »Es brennt!« rief Anschel, »es brennt!« »Wo, wo?« schrie Rebb Schlome entsetzt, – »doch nicht in unserm –« Er hatte das Wort nicht ausgesprochen, als Nachime, das todblasse Antlitz von dem Flammenscheine, der auf dem Dorfe hervorkam, angeleuchtet, mit grauenvoller Stimme rief: »Wo denn anders als in unserm Hause! Gott! Lebendiger im siebenten Himmel! Sie haben's angesteckt von oben bis unten. und alles ist verloren und alles ist aufgegangen. Jetzt kann man nur gleich zum Bettelsack greifen!« Der Brandschein schien jetzt eine ungeheure Ausdehnung gewonnen zu haben; so weit das Auge reichen konnte, war der Himmel in die gelbroten Farben des furchtbaren Elementes getaucht. Dieser Anblick machte allen das Herz erstarren. Wie von einem Zauber festgebannt, starrten sie nach dem einen Punkte hin, wo in diesem Momente ihr Hab und Gut, ihre Gegenwart und Zukunft zu Asche verglühte und verkohlte. »Gott, Allmächtiger!« rang es sich endlich aus der Brust Rebb Schlomes hervor. »Stürmen sie denn?« fragte eine weinerliche Stimme aus dem Wagen; sie kam vom Vetter Koppel. Anschel hatte bis dahin wie ein Träumender in das fürchterliche Schauspiel geblickt; diese Frage des kindischen Vetters aber ließ ihn aus dem dumpfen Brüten erwachen; sein Haar sträubte sich ihm empor, und eine Eiskälte hatte ihn befallen, daß er umzufallen glaubte. »Sie stürmen nicht,« sagte er, indes seine Zähne vor Frost klapperten; »kein Federl regt sich in der Luft. Gewiß, gewiß haben sie die Glockenstränge abgeschnitten und die Spritzen vernagelt.« Eine Weile darauf schrie er aber mit weithin schallender Stimme: »Sie sollen's nicht umsonst getan haben, das schwöre ich ihnen zu.« »Was willst du tun?« rief Nachime entsetzt. »Bleibt, bleibt alle zurück,« schrie er atemlos, »ich geh' ins Dorf, ich will sehen, ob noch etwas zu retten ist . . . und wenn nicht . . .« Umsonst hallte der Ruf der Mutter dem Dahineilenden nach; er hörte ihn nicht. Mit beflügelten Schritten eilte er vorwärts; jetzt war er um die Biegung der Gasse gekommen, die ins Dorf führt. Ein dunkler Schatten glitt hinter ihm; nun war er verschwunden. Nachime hatte ihr Antlitz verhüllt, sie wollte die auflohende Flamme nicht sehen, in die jetzt nach ihrer Meinung der verkohlte Körper ihres geliebten Kindes fallen mußte. Wohin war er? Konnte er denn zurückkehren aus der Mitte jener Unmenschen, die ihnen Hab und Gut angezündet und ihrem Leben auf der Straße auflauerten? »Es kann ihm ja gar nichts geschehen, Nachime . . .,« sagte mit einem Male Vetter Koppel, und erhob sich vom Wagen, »ich hab' ja noch meinen ›Mogen Dovid‹ bei mir, und so lange der bei mir ist, kann ihm ja gar nichts zustoßen.« Fast als wollte er das alte Bild als eine Abwehr und Bannung gegen alle möglichen Gefahren, die Anschel bedräuen konnten, gebrauchen, hielt er den Schild König Davids hoch über seinem Haupt und rief gegen das Dorf und den flammengeröteten Himmel: »Tut ihm nichts, tut ihm nichts! . . . Ich, Koppel, sag's – im Namen König Davids, befehle ich euch: Tut ihm nichts.« Während sie auf das wunderliche Treiben des Alten schauten, hatte Nachime nicht bemerkt, daß sich ein zweites Kind aus ihrer Nähe losgerissen hatte. Der Bocher hatte den Weg seines Bruders eingeschlagen. 3. An der Gartenplanke. Im rasenden Laufe hatte Anschel das Dorf erreicht. Vor sich den brandgeröteten Himmel, zu dem das Feuer immer höher und höher hinanstieg, hinter sich den kreischenden Angstruf der Mutter, war seine Seele in einem Zustande äußerster Verwirrung, daß er einen Abgrund nicht bemerkt hätte, mochte er sich noch so gähnend vor seinen Füßen auftun. Eine namenlose Wut ließ ihn so dahinstürmen; er wollte sich rächen. Hatten sie wirklich das väterliche Haus angezündet? Schlug die Flamme, die jetzt den Horizont rötete, aus den Trümmern ihres Besitztums? Eine Macht, stärker als er, die vor seinem todbleichen Antlitz und seinem atemlosen Entsetzen nicht zurückgeschreckt wäre, hätte ihm entgegentreten müssen, um ihn auf einen Augenblick zur Besinnung zu bringen. So war er in die Mitte des Dorfes gekommen. Niemand hatte sich ihm entgegengeworfen; dennoch mußte er hier halten. Es war eine solche Erschöpfung seiner Kräfte eingetreten, daß er an einem Gartenzaun fast umsank. Er mußte sich anklammern, und während er an den Brettern tastend hinauffuhr, hatte er in seiner Ohnmacht nicht gefühlt, daß ein hervorstehender Nagel ihm mitten in das Fleisch hineingefahren. Mit irren Augen sah er um sich; mit der Hand, aus der das Blut tropfenweise hervorquoll, strich er über das todblasse, feuchte Antlitz. Und jetzt erst dämmerte in ihm etwas auf, was ihn allmählich seine Lage übersehen ließ. Was wollte er hier? Brannte es im Dorfe? Brannte ihr Haus? Es war alles totenstill um ihn; kein Lüftchen regte sich; kein Fenster, so weit er die Straße des Dorfes auf und nieder sah, war beleuchtet; keine Haustüre stand offen. Wenn das schreckliche Element wütet, heult da nicht die Glocke, rennen die Menschen nicht mit entsetzten Mienen hin und wider? Läßt es einen ruhen, selbst wenn die Flamme stundenweit von ihm aufschlägt? Aber woher dann dieser rote Himmel? In diesem Augenblicke überkam ihn ein Gefühl der Furcht; es graute ihm vor dieser atemlosen Stille, die noch mehr Schreckliches in sich barg, als der Brand; dort hinter den geschlossenen Fenstern mußten sie sitzen mit finstern Gesichtern und auf ihn lauern . . . Sollte er nicht lieber umkehren? »Muß denn das so sein?« sprach er laut vor sich. »Muß das alles sein, nur weil wir Juden sind?« »Wer spricht hier?« rief eine Mädchenstimme über den Gartenzaun herüber. Anschel wandte sich um; bei dem ungewissen Lichte, das der Brand verbreitete, sah er einen menschlichen Kopf, der sich rasch über die Planke neigte. »Jesus, Maria und Joseph,« schrie das Mädchen entsetzt, als sie seiner ansichtig geworden, und sprang eiligst zurück. Anschel erschrak innerlich vor diesem Aufschrei; was hatte er zu bedeuten? Nach einer Weile schien das Mädchen wieder Mut gefaßt zu haben. Über die Planke hinüber rief es in böhmischer Sprache: »Geh weg von hier, oder ich lasse die Hunde los.« »Hab' ich dir was zuleide getan?« rief Anschel mit Verwunderung aus. Es mußte etwas Zutrauengebendes in dem Tone dieser Worte gelegen sein, denn gleich darauf sagte die Dirne: »Schleicht ein ehrlicher Mensch bei Nacht an den Häusern hin, wenn er nichts Übles tun will?« Voll Zorn über diese Beschuldigung rief Anschel: »Wer sagt das, daß ich nicht ehrlicher Leute Kind bin? Den möchte ich sehen!« Über den Gartenzaun erscholl als Antwort ein spöttisches Lachen. »Rühmt sich ehrlicher Leute Kind zu sein,« erwiderte das Mädchen, »und hat im ganzen Gesichte Blut, als käme er von einem Totschlag.« Anschel fand nicht sogleich die passende Antwort. Unwillkürlich fuhr er mit der Hand nach dem Gesichte, und als er sie zurückzog, sah er sie mit Blut gefärbt. Zu gleicher Zeit begann ihn die Wunde sehr zu schmerzen. »Ich muß mir einen Nagel ins Fleisch geritzt haben,« sagte er halblaut, »als ich mich an diese Planke anhielt. Ich lief so schnell, um zum Brande zu kommen, und da bin ich müde geworden.« »Wo brennt's denn?« rief das Mädchen erstaunt. »Brennt's denn nicht hier im Dorfe?« entgegnete Anschel in demselben Tone, »brennt nicht das Haus – –« Er wagte nicht weiter zu sprechen; das Mädchen aber meinte im Tone tiefster Sicherheit: »Bei uns im Dorfe brennt's nicht.« In Anschels gereizter Stimmung war es nicht zu verwundern, wenn diese ruhig sichere Äußerung der Dirne ihn mit Argwohn erfüllte. Sollte sie nur so sprechen, fuhr es ihm messerscharf durch das Gemüt, um dich abzuhalten, damit du nicht hineilst, wo man jetzt das Gut deiner Eltern in Rauch aufgehen läßt? Dieser Gedanke machte ihn in Betracht seiner Lage fast unüberlegt; mit rauhen Worten rief er über den Zaun hinüber: »Kennst du mich?« »Nein,« lautete des Mädchens unbefangene Antwort zurück. »Ich bin der Sohn des Mannes, der sich hier angekauft hat,« sagte er trotzig. »Des neuen Juden?« rief das Mädchen überlaut. Warum sah sich Anschel erschrocken um? Warum ging ein leiser Schauer durch alle seine Glieder? »Der bin ich,« entgegnete er mit gedämpfter Stimme. »Hast du vielleicht was dagegen? Oder bin ich ein Räuber?« Ein freudiger Ausruf aus dem Munde des Mädchens begrüßte dieses Geständnis Anschels. »Bist du der wirklich?« rief es von innen, »so sei mit Gott willkommen.« Anschel sah eine Hand über die Planke herübergreifen, sie ward zur Bewillkommnung ihm gereicht. Aber sollte er sie drücken? Wußte er schon, warum sie ihm gereicht ward? Mit jener blitzschnellen Besonnenheit, wie sie dem Argwohn eigen ist, ließ er das lebendige Zeichen des Willkommengrußes an seinen Augen vorübergleiten und rührte es nicht an. »Fürchtest du dich vor mir?« sagte lachend das Mädchen, und in demselben Augenblicke war auch die Hand verschwunden. Anschel hatte diese Hand an sich vorüberstreifen gesehen, sie hatte fast seine Wangen gestreift; jetzt aber, da sie ihm entzogen ward, kam es ihm vor, als sei plötzlich etwas Leuchtendes in tiefe Nacht zurückversunken; Finsternis umgab ihn, und eine dunkle Bangigkeit überfiel ihn. »Man sagt,« rief er, sich gleichsam entschuldigend, fast furchtsam, »man sagt . . . sie wollen den neuen Juden nicht hier . . . sie haben geschworen, sie wollen uns hier nicht wohnen lassen.« Anschel nahm in diesem Augenblicke keinen Anstand, diese offenbare Lüge auszusprechen. In jeder andern Lage hätte sich seine gerade Natur dagegen gesträubt; jetzt fühlte er sich von einer unsichtbaren Macht gedrängt, vor dem fremden Mädchen entschuldigt dazustehn. Wußte er selbst, daß er eine Lüge gesprochen? Das erlebte Entsetzen, der rote Himmel und das menschenleere Dorf – hatten seine Seele mit ungekannten Schauern überkommen, und das Eingebildete war ihm zur Wirklichkeit geworden. Mit einem Tone, aus dem ein inneres Mitleid klang, sagte das Mädchen: »Soll das wirklich wahr sein? Ich habe nicht gewußt, daß es in unserm Dorfe so schlechte Menschen gibt.« »Ja, schlechte Menschen!« rief Anschel mit wiederkehrendem Zorne, »Menschen, die sich nicht scheuen, dem Leben anderer auf der Straße aufzulauern und ihnen Hab und Gut in Asche zu legen.« Als wenn das Mädchen unschlüssig oder verlegen wäre, welche Antwort sie auf diese schwere Beschuldigung erteilen sollte, schwieg es eine Weile; dann aber brach es in ein heftiges Lachen aus. »Warum lachst du?« rief Anschel zähneknirschend. »Ich soll nicht lachen?« ertönte es lustig zurück. »Da steht ein Mensch und redet und redet, . . . und weiß nicht, was er redet.« »Ich weiß nicht, was ich rede?« schrie Anschel zornig. »Wenn ein Mensch von Räubern auf der Heerstraße spricht und von schlechten Leuten, die ihm das Haus über dem Kopfe anzünden . . . und noch da steht und redet . . . weiß der etwas von sich?« entgegnete die Bauernmagd. Eine brennende Röte flammte bei diesen Worten auf Anschels Antlitz. Hatte sie nicht recht? Stand er nicht noch immer da und . . . redete? Warum vergaß er Eltern, Hab und Gut? und sah nicht mehr den roten Himmel? und stand wie unter der Gewalt eines Zaubers da . . . und hörte auf die Rede der »einfältigen« Bauernmagd? . . . »Geh,« sagte er grimmig, »du bist wie die andern, du willst mich nur aufhalten. Und indessen kann Haus und Hof verbrennen und alles zugrunde gehen.« Das Mädchen schlug aufs neue ein helles Gelächter auf. Voll Zorn und Entrüstung wandte sich Anschel von der Planke hinweg. Hätte er in diesem Augenblicke die Klinke einer Türe angefaßt, krachend hätte er sie ins Schloß geworfen; ein solcher Grimm bebte in seinen Fingern. Vor einem Feinde, auf offener Walstatt, von Angesicht zu Angesicht verhöhnt und verspottet zu werden, das erträgt das Gemüt; wer aber, als die feige Demut vermag dem Pfeilregen der von sicherm Orte zielenden Bosheit sich auszusetzen? So wandte sich Anschel von der Planke hinweg und trat mit starken Schritten aus. Sie sollte es hören, daß er gegangen war; sie sollte es empfinden, daß er im Groll von ihr hinweggeeilt war. Ein wundersames Gefühl sagte es diesem jungen Herzen, daß sein barsches Hinweggehen verletzen und kränken müsse. Und er wollte es auch nicht anders; sie sollte es schmerzlich empfinden, was es heiße, ihn gekränkt zu haben. Kaum zehn Schritte von der Planke hinweg erscholl hinter ihm der Ruf: »Du!« und in so bestimmter, fast gebietender Weise, daß er ihm Folge leisten mußte. Anschel wandte sich wieder zurück. »Was willst du?« sprach er. Eine Weile lang ließ ihn das Mädchen auf Antwort warten, dann kamen stockend und abgebrochen die Worte über die Planke herüber: »Da rennst du fort . . . in die Nacht hinein . . . wie ein Narr! Willst du denn wirklich mit deinem blutigen Gesicht den Leuten unter die Augen treten? . . . Schämst du dich nicht?« Anschel wußte nicht, wie ihm geschah. Sollte er reden? Sollte er das Wort, das wie eine eingesperrte Flamme aus seiner Brust herausschlagen wollte, in sich verschließen? Ein Leben, das er nicht kannte, Stimmen, die er nie gehört, Regungen die er nie empfunden, wurden in diesem Augenblicke in ihm laut, schrien und wogten durcheinander, stiegen wie lustige Weingeister in seinen Kopf und machten ihn unfähig, irgend einen zusammenhängenden Gedanken zu denken. »Bist du nicht ein Narr?« wiederholte sie lachend, »daß du so fortläufst . . . wie einer, der etwas Schlechtes begangen hat? . . . Warte eine kleine Weile . . . Ich komme bald.« In Anschels Gemüte rauschte und drängte es mit jedem Worte des Mädchens immer gewaltiger. Aber stille, als sollte eine unerwartete Seligkeit über ihn kommen, hielt er an sich und lehnte sich wieder an die Planke. Nach einigen Minuten ahnungsvollen Wartens rief das Mädchen wieder: »Hier hast du . . . leg es auf dein Gesicht und wische dir damit das Blut ab . . . Man muß sich sonst fürchten vor dir.« Anschel stand aufrecht am Gartenzaun, aber sein Antlitz war gegen das Dorf, nicht gegen das Haus gewandt, aus dem die Stimme des geheimnisvollen Mädchens hervorkam. Plötzlich fühlte er im Gesicht einen kalten stechenden Schmerz; ein nasser Körper lag darauf; als ihn Anschel rasch herabriß, war es ein in Wasser eingetauchtes weißes Tuch. Jetzt erst war ihm die Absicht der Bäuerin klar. »Tut's gut?« fragte sie über die Planke herüber. Anschel war keines Wortes mächtig. »Laß es eine Weile nur liegen.« fuhr sie fort, »und sei kein Narr! Meinst du wirklich, in unserm Dorfe sind Leute, die euch hier nicht leiden wollen? oder die sich auf der Straße aufstellen, um euch den Tod zu bringen? Mein Vater, den sie zum Richter gemacht haben. sagt immer: Jetzt haben wir vor den Juden auch nichts voraus; jetzt, wo wir alle frei sind, wird man erst sehen, daß diese Juden eigentlich ganz arme Leute sind. Man muß sie auf den Händen tragen, hat er neulich gesagt, wenn sie zu uns kommen, denn das wäre eine schöne Freiheit, wenn man den Juden nicht auch zum Bauer werden ließe! Meinst du, wenn einer so spricht, so gibt er zu, daß man das Haus des neuen Juden anzündet und ihm Hab und Gut zugrunde richtet? Gerade umgekehrt! Wie sie gehört, daß der neue Judenbauer heute herauskommt, da haben sie euch wie mit einer Prozession entgegenziehen wollen, mit Fahnen und Musik. Ja einer hat die Glocken wollen läuten lassen. Das hat aber mein Väterchen nicht zugegeben. »Der Jud',« hat er gesagt, »war früher kein Kaiser, jetzt soll er's auch nicht sein. Man muß ihn behandeln, wie unsersgleichen.« Sie haben sich's aber nicht ausreden lassen; etwas hat geschehen müssen. Mit der Prozession hat's sich nicht geschickt, es wäre auch der Geistliche dagegen gewesen; aber dafür haben sie etwas viel Schöneres ausgedacht. Nicht wahr? ihr seid erschrocken und habt gemeint, das ganze Dorf steht in einem Brand, und mitten darunter flammt und brennt euer Haus? Du Narr! Glaubst du, daß es so schlechte Leute bei uns gibt? Kein Federchen brennt im Dorfe; aber, wenn du hinaus auf die Felder gehst, dann wirst du sehen, wie das alles prächtig beleuchtet ist, wie die Felder, so weit du nur blicken kannst, in einer Flamme stehen! Das ist schöner als jede Prozession mit Musik und Fahne! Schöner als alles auf der Welt! Jetzt geh nur und sieh dir's an! Du wirst deine Freude daran haben.« Es wäre schwer, in wenigen Worten die Erschütterung zu schildern, in die diese Enthüllungen des Mädchen Anschels Gemüt stürzten. Als sie zu sprechen angefangen, war es Zweifel und Bestürzung; die unerwartete Kunde von den freundlichen Absichten der Bauern überkam ihn halb wie Lüge, halb wie Wahrheit. Erst im Weiterreden dünkte es ihn, als hörte er aus einer vollen Menschenseele einen wahren unmittelbaren Ton! Wie linde Lüfte wehte er ihn an! Holde Lichter funkelten auf und nieder; süße Stimmen erschollen durch das Dorf. In einem Augenblick war alles verändert worden; Zorn und Furcht fielen von ihm ab, wie dürre Blätter, und eine so frohe Zuversicht überfiel ihn, als sie eine kurze Weile zuvor düster und verzweifelt gewesen war. Sprechen konnte Anschel nicht; er drückte das feuchte Tuch, das ihm das Mädchen zum Abtrocknen des Gesichtes gereicht hatte, wiederholt daran, aber es war nicht mehr zur Linderung. Es brannte und schmerzte ihn; er fühlte, wie durch die Kühle des Tuches die helle Glut schlug. Endlich rief er: »Ich hab' dir also unrecht getan! Jetzt mußt du böse auf mich sein. Bist du's?« »Hast du das Tuch liegen?« gab das Mädchen nach einer bangen Pause zur Antwort. »Ja,« sagte Anschel stockend. »Ich bin nicht böse,« sagte die Stimme ganz nahe an ihm. Anschel blickte auf und erschrak. Zwei dunkle Augen in einem zarten Gesichte blickten ihn an. Er hatte so was Liebliches noch nicht gesehen. Und das sollte ein Bauernmädchen sein? . . . »Da hast du meine Hand, fürchtest du dich noch davor?« Anschel schlug zaghaft in die dargereichte ein. Aber kaum, daß er sie berührt, schien sich des Mädchens eine Art Grauen bemächtigt zu haben. Mit einer hastigen Bewegung riß sie sich los und fuhr mit der freigewordenen Hand über das Antlitz. »Geh jetzt,« rief sie gepreßt . . . »geh, meine Leute werden bald zurückkommen.« Anschel ging, ohne sich umzusehen. Das feuchtkalte Tuch auf dem brennenden Gesichte, wankte er fort; er wußte nicht wohin. Aber die geheimnisvolle Furcht, die plötzlich über das Mädchen gekommen, hatte auch ihn ergriffen. Er durfte nicht bleiben . . . . Fürchtete sie sich, daß er noch nicht aus ihrer Nähe gegangen? Sie beugte sich über die Planke und horchte auf die in der Stille der Nacht ertönenden Schritte des fremden Jünglings. Mit einem Male schrie sie entsetzt auf; sie taumelte von der Planke hinweg. »Bist du denn nicht gegangen?« schrie sie schaudernd . . . »geh, geh, ich bitte dich,« setzte sie mit der Hand abwehrend hinzu. Zwei glühende Augen – waren es Anschels? – hatten schon lange über die Planke hinübergeblickt. Als das Mädchen so gesprochen, waren sie plötzlich verschwunden. Eine Gestalt, scheu, fast unhörbar, glitt hinweg. Das Mädchen floh ins Haus. 4. Die erste Nacht im Dorf. Anschel war nicht zum Brande hinausgegangen; in traumhafter Gedankenlosigkeit lenkte er seine Schritte zum Dorfe hinaus und gelangte wieder auf die Straße. Bei dem letzten Hause schreckten ihn plötzlich eilige Schritte, die ihm zu folgen schienen, auf. Als er sich umsah, erkannte er in der ungewissen Helle des noch immer nicht verlöschten Brandes seinen Bruder Elieh, »den Bocher«. »Elieh,« rief er erschrocken, »wo kommst du her?« »Und du?« fragte dieser lautlos. »Ich,« – sagte Anschel bebend und stockte – »ich komme vom Feuer.« »Von dort komm' ich auch,« meinte der Bocher. Schweigend gingen sie nebeneinander. Hatten sie einander um nichts zu fragen? Nach einer Weile begann wieder Anschel: »Hast du die Bauern gesehen, wie prächtig sie die Felder beleuchtet haben, weil wir kommen? Es ist nicht anders, als ob ein Kaiser käm' und nicht ein paar Juden.« – »Sag lieber,« entgegnete Elieh tonlos, »daß sie imstande sind, in dieselben Flammen uns zu werfen, und sie haben sie doch uns zu Ehren heut' angezündet.« »Fällt dir was ein!« rief Anschel erhitzt. »Die Bauern wären das imstande? Die werden uns auf den Händen tragen.« »Dich vielleicht,« entgegnete Elieh in demselben trocknen, durch nichts gehobenen Tone. Anschel fühlte einen heftigen Grimm in sich entstehen, und als wollte er ein verhängnisvolles Wort, das nicht ausgesprochen werden durfte, rascher abschneiden, hob er die Hand gegen den Bruder auf. Dann aber sagte er mit einem Lächeln, das nur der helle Tagesschein in seiner Bedeutung erkannt hätte: »Bin ich etwas anderes, als ihr? Bin ich nicht des Vaters Sohn!« »Und ich sag' dir, Anschel,« meinte der Bocher düster, »hüt' dich vor den Bauern.« Es mag sonderbar klingen. Wie weit Anschel zurückdenken konnte in die vergangenen Jugendtage, nie hatte er mit seinem Bruder ein Gespräch von so langer Dauer geführt, wenigstens hatte sich dieser nie so unmittelbar zu ihm ausgesprochen. Darum ergriffen ihn auch die wenigen Worte mit solcher Gewalt, zugleich beengend und beängstigend . . . Schweigend ging er neben dem Bruder her durch die stille Nacht. Daß sich über die Straße noch immer die Lichter des Feldbrandes warfen, schien sie beide nicht zu kümmern. Sie fanden die Eltern ihrer harrend auf derselben Stelle, woher sie in blinder Hast ausgegangen. Nachime saß mit Tille und dem Vetter Koppel noch immer auf dem Fuhrwerk, während Rebb Schlome unverwandten Blickes nach der Gegend des Himmels schaute, an dem sich ein blaßroter Schein noch nicht verloren hatte. Als die beiden Brüder sich nahten, erscholl ihnen kein Wehklagen, kein lauter Schrei entgegen. Hastig ging ihnen Rebb Schlome entgegen. »Nun, wie steht's?« fragte er leise, als wolle er die Schreckenskunde nur unter vier Augen vernehmen. »Man kann ja ganz grau werden vor lauter Warten . . . und Schrecken.« »Es steht alles gut, Vater . . .,« entgegnen Anschel laut; »es ist nichts geschehen.« »Red nicht so hoch . . . vor ihr,« rief Rebb Schlome mit fast ängstlicher Stimme, indem er mit einem bedeutsamen Blicke nach dem Fuhrwerk sah. »Sie kann, Gott behüt', den Tod davon haben.« Anschels Stimme sank fast zum Flüstern herab. »Du meinst, sie haben uns das Haus angezündet,« sagte er hastig und überstürzt, »oder sie haben uns am Leib schaden wollen? Da irrst du dich gewaltig. Nicht ein Federl ist uns abhanden gekommen; im Gegenteil, die Bauern haben uns gern . . . und weil sie uns das zeigen wollen, haben sie die Felder beleuchtet, daß es Gotteswunder aussieht, und als sollt' ein Kaiser einziehen . . . Nichts wird uns in dem Dorf geschehen.« War es die sonderbare Weise, in der Anschel ein so verhängnisvolles Ereignis erzählte, das zerstreute Wesen, dadurch die bald stockende, bald hastige Rede durchblickte, oder der frische Eindruck des empfundenen Schreckens – Rebb Schlome schüttelte ungläubig das Haupt. Er, der die Nachricht Anschels freudig hätte willkommen heißen sollen, er konnte seinen Zweifel an die Wahrhaftigkeit derselben nicht unterdrücken. »Kann denn das wahr sein?« rief er fast überlaut, »wahr und umstößlich? Umsonst sollten wir uns alle geängstigt und gefürchtet haben? und zuletzt kommt heraus, daß sie sich nur einen Spaß mit uns gemacht haben? Hast du dich denn auch gehörig umgesehen?« »Wenn ich dir's aber sage, Vater – –« beteuerte Anschel mit unsicherer Stimme. »Glaub ihm nicht, glaub ihm nicht,« schrie Nachime vom Wagen, die mit dem feinen Gehör der Angst das leise geführte Gespräch vernommen hatte. »Das Wort, das ihm aus dem Munde herausgeht, ist Lüge! Er wird dir noch einreden wollen, die Bauern wollen dich zum König ausrufen, und sie wollen doch nichts anderes, als dich und mich und uns alle verderben und unglücklich machen.« »Mutter . . .,« rief Anschel aus der Tiefe seiner Seele und mit einem solchen Entsetzen, als wäre ihm das Ungeheuerlichste in den Weg getreten. Nur ein einziger in diesem bewegten Kreise hätte diesen Aufschrei eines an seiner Wurzel getroffenen Gemütes deuten können; aber dieser eine schwieg! Sonderbare Widersprüche der menschlichen Seele. Er, der den starken Zweifel an die Wahrhaftigkeit dessen, was Anschel über die Veranlasser der Brandes berichtet hatte, in sich nicht unterdrücken gekonnt, war sogleich bereit, ihn zu bannen, als er die heftige Anklage Nachimes gegen den eigenen Sohn vernahm. »Warum,« rief Rebb Schlome ergrimmt, »warum soll er lügen? Soll es vielleicht wahr sein, daß die Bauern uns Hab und Gut angezündet und zugrund' gerichtet haben? Man soll vielleicht sagen, Rebb Schlome Hahn ist wie ein geschorener Hund auf und davon vom Dorfe? Weib und Kinder gehn jetzt betteln für ihn? Nicht erleben sollen das meine Feind'! Ich geh', und wenn ich wüßt', die Bauern wollten mich gleich ins Feuer werfen. Sie sollen's sich aber unterstehen.« Dieser zornige Ausbruch eines mit Mühe unterdrückten Gefühls schien dem starken Manne die ganze Gewalt über den Augenblick zurückgegeben zu haben. Mit sicherer Stimme gebot er dem Fuhrmann, den Weg zum Dorfe einzuschlagen und sich weiter um nichts zu kümmern. Und wunderbar war es anzusehen, wie dieses rasche Eingreifen in die nur zu lange anhaltende Verwirrung einen plötzlichen Umschwung in den Gemütern aller hervorbrachte. »Ja, ja, Vater . . . .« rief Tille von der Höhe des Wagens, wo sie sich während des ganzen Vorgangs still und in sich gekehrt befunden hatte, »ja, Vater, du hast recht, wie immer! Kann man denn auf offener Straße bleiben?« Diese Bestätigung seines Rechtes aus dem Munde des Kindes tat Rebb Schlome unendlich wohl. Mit den weichsten Tönen eines väterlichen Gefühls rief er gegen den Wagen: »Gott mach dich glücklich, mein gut und teuer Kind; das kleinste bist du, aber die größten könnten sich ein Beispiel an dir nehmen.« Fast lustig geworden, weil sich sein Herz mitten unter dem Drangsal des gegenwärtigen Augenblicks wieder auffrischen durfte an der Zustimmung seines Kindes, rief er noch: »Vetter Koppel, und was sagt Euer ›Mogen Dovid‹? Soll man gehen?« Weinerlich tönte es nach einer Weile aus dem Innern des Wagens: »Drei Stern' stehen am Himmel; es ist Zeit zum Anbeißen.« »Seht ihr, seht ihr?« rief Rebb Schlome lachend, »selbst dem Vetter Koppel gelüstet's nach einem warmen Bissen! Ihr sollt ihn auch bekommen, Vetter Koppel, wenn auch heute nicht Jom Kippur ist.« Ein so gewaltsames Aufdrängen der lustigen Stimmung hat sonst den Vorteil, daß es in der Tat wie ein Gewitter die schlechten Dünste aufjagt und vertreibt; trotzdem blieb Rebb Schlome vereinzelt. Die Pferde setzten sich wieder in Bewegung, der Wagen rollte mit seiner Last tief in die sinkende Nacht des Dorfes hin; aber die darauf saßen, waren freude- und lichtverlassen, glaubten fast nicht, daß sie jemals ankommen würden, sondern daß sie mitten in ein Meer voll Gram und Kummer hineinführen. Das Dorf war noch immer so schweigsam, wie es Anschel verlassen hatte; ein blasser Abglanz des Brandes färbte beinahe schon unsichtbar den Himmel. Waren sie, die eine so bittere Ankunftsstunde ihnen bereitet, schon zurückgekehrt? Lauerten sie hinter dem sichern Versteck der unbeleuchteten Fenster? . . . Dieses tiefe Schweigen fiel beängstigend selbst auf Rebb Schlomes Brust. »Kommen wir bald zum Haus?« fragte Tille mit unsicherer Stimme. Die Erlebnisse des heutigen Tages hatten dem Kinde den Mut der kecken Freudigkeit benommen. »Dort, dort liegt es ja,« rief Rebb Schlome und wies mit dem Finger nach einem dunklen Punkte in der Gasse. Tille beugte sich hinaus, aber sie erblickte nichts. In Nacht und Dunkel lag die künftige Stätte dieser jungen, fliegenden Seele. »Wo? wo?« fragte sie noch einmal. »Laß, laß,« entgegnete er, der sonst seinem Kinde keine Frage unerwidert ließ, verdrießlich; »es läuft dir ja nicht fort.« Sie waren endlich an jenem Hause. Aber als nun die Pferde auf den Ruf stille standen, und es vor ihnen dalag, das unbetreten und unberührt sich so schneidend in ihr aller Leben gedrängt hatte, da überkam es sie mit doppeltem Grauen. Nicht ein Willkommruf entrang sich einer Brust. Sie sagten es sich nicht, aber die scheuen Blicke, die sie hinter sich und vor sich in die lichtleere Gasse des Dorfes sandten, zeigten, daß mitten zwischen Furcht und Beängstigung die Seele keinen Raum zu einem Lächeln gewinnt. Selbst »das Kind« schaute nicht neugierig um sich; und es hatte doch so viele Fragen für diesen Augenblick auf den Lippen! Nun wurde der Wagen entladen; aber schweigend und mit so scheuer Hast, als gelte es gestohlenes Gut in sichere Hut zu bringen. Wie von unsichtbaren Kräften, lautlos und ohne Zuruf ward der mannigfaltige Hausrat in die Stuben befördert, die keiner beachtete. Ordnungslos und verwirrt wurde das Hausgeräte hingestellt; wer und wozu sollte jemand ordnen? Umkreiste sie nicht alle der schauerliche Gedanke: Wie können wir hier bleiben? Was kann im Schatten äußerer und innerer Unruhe gedeihen? Als das Hausgerät geborgen, war der Bauer mit seinem Fuhrwerk davon gefahren, Stille lag über dem Hof, in den doch Menschen eingezogen waren, da bemächtigte sich aller eine Sehnsucht nach Ruhe, eine Abspannung aller Kräfte, wie sie nach einem solchen Tagwerk notwendig eintreten mußte. Rebb Schlome hatte wohl gefragt, ob keiner an »seinen Magen denke«; aber niemand wollte genießen, und selbst der Vetter Koppel trug keine Gelüste nach dem ihm versprochenen »warmen Bissen«. »Wer heute nichts ißt, wird morgen essen,« tröstete sich Rebb Schlome; aber auch er verschmähte jeden Bissen und war der erste, der sich auf das in der Eile auf bloßer Erde bereitete Lager hinwarf. Bald folgten die andern, nur Nachime und Anschel hatten am längsten gezögert. Wen wird es wundern, wenn in dieser Nacht die heiligen Gewalten des Schlafes sich ungerufen über aller Augen senkten; wenn selbst die Mutter des Hauses ihnen nicht widerstehen konnte! Aber es währte nicht lange, so hatten Gram und Kummer das dünne Gewebe zerrissen und brachen wieder in ihrer unbezwinglichen Kraft durch. – Nachime wachte plötzlich aus dem kurzen Schlummer mit einem Angstschrei auf. Sie hatte einen schweren Traum geträumt, und da sie sich in der finstern ungewohnten Stube allein fand, waren auch plötzlich alle Erlebnisse des heutigen Tages vor ihr Auge getreten. Sie fürchtete sich. »Ist dir was, Mutter?« fragte eine sanfte Stimme neben ihr. Es war Anschel, der so fragte; auch über ihn hatte der Schlaf keine lange Gewalt. Nachime hatte sich zu erinnern, daß ihr Kind es war, von dem die Stimme ausging. »Bin ich denn bei dir?« fragte sie dann unsicher, noch unter dem Eindrucke des Traumes. »Du bist in deiner Stub', in deinem Hause, Mutter . . .,« entgegnete Anschel leise. »In meiner Stub'? in meinem Haus?« gab sie zweifelnd zur Antwort. Dann sich völlig ermannend, schrie sie fast: »Ich hab' geglaubt, ich bin mutterseel allein in einem finstern Wald.« »Sei still, Mutterleben,« bat sie Anschel, der in der Tat glaubte, die Besinnung der Mutter habe unter dem Eindrucke des verlebten Tages eine augenblickliche Störung erlitten; »sei still! siehst du denn nicht, daß du dich neben deinem Anschel befindest?« Wirklich schien sich Nachime für eine Weile beruhigt zu haben; dann aber brach sie in ein krampfhaftes Schluchzen aus, das sie trotz allen Bemühens nicht zu unterdrücken imstande war. »Wein' nicht, Mutter!« tröstete sie wieder Anschel; »es kann ja noch alles gut werden. Du stellst dir's nur zu arg vor. Erinner' dich dran, was ich dir gesagt habe: Du wirst noch gern auf dem Dorf bleiben!« »Wie soll es mir gut gehen,« rief Nachime mit verzweiflungsvollem Tone, »wenn ich mein liebstes Kind so beleidigt habe, daß ich mir es nimmer und nimmer verzeihen kann! Hab' ich dich nicht einen Lügner gescholten? einen widerspenstigen, schlechten Sohn? Und warum hab' ich dich so gescholten? Weil ich nicht hab' gewußt, was ich tu', weil mir mein Unglück in den Kopf war gestiegen. Da war ich außer mir, und da hätt' ich selbst gegen Gott im Himmel mich versündigt.« So sprach sie unter Schluchzen und Weinen noch lange fort, und jedes dieser Worte, wie es sich aus ihrem gepreßten Herzen mühsam herausrang, schnitt dem Sohne durch die Seele. Er wollte sie beschwichtigen, aber er fand kein Wort dafür. Dieser Selbstanklage der Mutter, diesen Tränen, die glühend auf ihn niederfielen, was hätte er entgegensetzen können? Hatte er nicht gelogen? Trug er nicht die Lüge noch unausgesprochen und ungelöst auf der Brust? »Du hast ja doch recht gehabt, Mutter . . .,« rief er endlich mit überströmendem Schmerz, »ich hab' dich ja belogen.« In diesem Augenblicke regte sich jemand auf dem Lager in einem Winkel der Stube. »Sei still, sei still!« flüsterte Nachime, die zauberähnlich in ihrem Schluchzen innehielt. Anschel schwieg. Es wurde zwischen Mutter und Sohn in dieser Nacht nichts mehr gesprochen. 5. Vetter Koppel wird beraubt. Was nützte es, daß am andern Morgen die Sonne lachend und goldig auf das Dorf niedersah? Sie fiel auf keine fröhlicheren Gesichter, sie erwärmte kein aufgetautes Gemüt. Verdrossen und düster, wie sie sich niedergelegt zum Schlafe, so fand sie sie wieder beim Aufstehn. Es war eine Niedergeschlagenheit in aller Herzen, eine Bangigkeit in den Seelen, als sollte der heutige Tag ihnen noch mehr bringen, als ihnen der gestrige gebracht an Furcht und Entmutigung, an Schreck und Entsetzen. Warum ihnen allen der bessere Glaube fehlte? Warum sie so gelähmt mitten im Aufbaue eines neuen Lebens standen? Es ist dies einer jener Züge im Charakter von Menschen, denen der tausendjährige Fluch der Bibel wie ein dunkles Gespenst nachgleitet, daß denen, »die überbleiben, soll ein feiges Herz sein in ihrer Feinde Land, daß sie soll ein rauschend Blatt jagen und sollen fliehen davor, als jagte sie ein Schwert, und fallen, da sie niemand jaget.« Sie hatten das Blatt fallen gesehen und waren davon erschreckt worden; aber es war verrauscht und gefallen – und dennoch war die Furcht nicht gewichen, der verzagte Sinn nicht aufrechter geworden. – Das deutete auf ein tiefinneres Leiden hin, in dessen geheimnisvolle Verstecke selbst die freudigste Sonne wenig Licht schicken konnte. Nur »das Kind«, wir meinen Tille, schien die angeborene Farbe seines Gemütes auch heute nicht verleugnen zu wollen. Mitten unter den Zubereitungen und Rüstungen zum Öffnen der Kisten und Kasten, die das mitgebrachte Gut der Familie enthielten, hatte sie die Kraft gefunden, aus der Unordnung sich selbst Ordnung zu schaffen. Man hatte ihr eine schwarzbraune Kiste, die versteckt unter den andern lag, herbeilangen müssen, und nun begann sie eine genaue Musterung ihrer eigenen Habseligkeiten zu halten. Aber mit einem Male stand sie gekämmt und gewaschen und in ihrem schönsten Feiertagskleide vor den erstaunten Blicken der andern da. Keiner hatte so etwas erwartet, sie starrten das schöne, in vollem Putze glänzende Kind wie eine fremdartig Erscheinung an. »Lebendiger Gott,« schrie Nachime, deren weibliches Gefühl das Ungeziemende in Tilles Gebaren zuerst wahrnahm; »ist das Kind von Sinnen? Oder ist heute Jontef (Feiertag), daß du dein schönstes Kleid anziehst?« »Was ist dir eingefallen, Tilleleben?« sagte auch Rebb Schlome, dessen Augen trotzdem mit väterlichem Wohlgefallen auf dem geschmückten Kinde haften blieben. »Laß, laß, Vater,« entgegnete das Kind bittend, aber mit einer so bestimmten Gebärde, daß man wohl einsah, keine Drohung würde es heute zum Gehorsam zwingen; »liegt denn etwas daran, wenn man sich einmal außer ›Jontef‹^ schön macht? Wie viel solche Tag' hat man denn?« »Gut, gut,« sagte beistimmend Rebb Schlome, »aber was ist denn heute für ein besondrer Tag?« »Was heut' für ein Tag ist?« entgegnete das Kind mit verwundert ernster Miene, »was heute für ein Tag ist?« wiederholte Tille und ließ ihre Augen mitten unter den Ihrigen umhergehen, »mir scheint, ihr wißt es selbst nicht. Heut' sind wir zum ersten Male im Dorfe, und dem Dorf will ich Ehre machen.« Diese Antwort kam allen unerwartet, aber sie ging ihnen warm auf Herz. Selbst über Nachimes trübes Antlitz flog ein Lächeln. »Soll ich leben und gesund sein,« rief lachend Rebb Schlome, »das Kind hat wieder Gottes Recht. Gott, der Lebendige, weiß, woher ihm alle die Gedanken kommen. Ich alter Kopf verfall' gar nicht auf so etwas.« Als Tille ihr sonderbares Tun so von allen Seiten gerühmt und gebilligt sah, ging sie um einen Schritt weiter. Sie griff hastig nach der Türklinke. »Wohin, wohin?« fragte sie Rebb Schlome. »Das weiß ich selber noch nicht,« antwortete das Kind ohne Bedenken. »Erst will ich mir unser Haus von oben bis unten besehen; es darf mir aber kein Mensch sagen, wo ich alles find', ich will's selber aufsuchen. Wenn ich mir dann alles ganz genau angesehen, dann mach' ich dem Dorf einen Besuch und laß mich ansehen.« »Allein willst du gehen?« rief Nachime ängstlich. »Ist denn nicht hellichter Tag?« entgegnete das Kind lebhaft. »Wär's nur gestern abend nicht so stockfinster gewesen, ich hätt' mich nicht gefürchtet! So hat man die Hand vor dem eigenen Aug' nicht gesehen.« »Allein laß ich dich nicht gehen,« sagte Nachime bestimmt. »Gott, Lebendiger!« rief das Kind ängstlich bittend. »Wer soll mir etwas tun? Wer soll sich an mir vergreifen? Werd' ich denn einem etwas zuleid tun? Ihr könnt ganz ruhig sein, nicht ein Federl aus meinem Leib wird weggeblasen werden.« Nachime schüttelte verneinend den Kopf. »Weißt du was, Mutter?« rief Tille, ergriffen von einer plötzlichen Eingebung, »ich nehm' den Vetter Koppel mit, und der nimmt wieder seinen ›Mogen Dovid‹ mit, so gehen wir dann beide sicher, und es geschieht keinem von uns etwas.« Das Kind hatte diese Worte mit einer so leidenschaftlichen Überzeugung gesprochen, so fern von allem Spott, daß sie gerade deswegen bei den andern in ihr Gegenteil umschlagen mußten. Rebb Schlome lachte, wie man es schon lange nicht von ihm gehört hatte. »Vetter Koppel,« rief er lustig, »wollt Ihr mit meiner Tille gehen?« Der eisgraue Inhaber des berühmten Schildes aus der Rüstkammer des Königs David saß wie immer in zusammengekauerter Stellung auf einer der herumstehenden Kisten. Als er sich beim Namen gerufen hörte, spielte ein schwaches Licht von Verständnis auf seinem Antlitz. Er sah erst Tille, dann die andern fragend an. »Ob du mitgehen willst, Vetter?« rief das Kind laut, wie man Tauben gegenüber tut. »In den dicken Wald?« fragte er mit leiser Stimme, indem er auf Tille aufmerksam, gleichsam lauschend seine Augen richtete. »Wenn du willst, Vetter Koppel,« rief das Kind schon ungeduldig, »auch in den dicken Wald.« Darauf erhob sich der Vetter Koppel so rasch, als man es ihm kaum zugetraut hätte, den treuen Begleiter seines umnachteten Lebens, den »Mogen Dovid«, wie immer, gegen seine Brust gepreßt. Das Kind mußte die Zauberformel kennen, die dieser verlassenen Menschenseele von Zeit zu Zeit ein eigentümliches Leben einhauchte. Als die beiden sich entfernt hatten, war es allen, als sei etwas Lustiges, Leichtes in sie hineingekommen, das sie seit langen Wochen nicht gekannt. Mit größerer Behendigkeit als zuvor griffen sie das Werk des Auspackens an, Kisten und Kasten öffneten sich, und Nachime schien mitten in dem Drange, so bald als möglich Ordnung in das Wirrnis zu bringen, vergessen zu haben, daß jedes Stück Wäsche, das sie in den Kasten legte, jedes Kleid, das sie an die rechte Stelle hing, bestimmt war, an dem Orte getragen zu werden, der sie mit solchen Schrecknissen empfangen hatte. Der Duft einer frischen Kindesseele war über sie alle gekommen. Merkwürdigerweise war von den Erlebnissen des gestrigen Tages bei keinem die Rede. War es, weil sie sich alle als schwach erkannt? Weil eines dem andern etwas vorzuwerfen hatte? Bei Anschel hatte es noch einen andern Grund; in seinem Innern wogten Gewalten, ineinanderschwimmende, wirre Traumgewalten, die das Wort auf seinen Lippen bannten. Wer den Jüngling gestern morgen sah und sein heutiges Antlitz mit dem gestrigen verglich, der erkannte es fast gar nicht. Es war ein andres geworden; man konnte nicht sagen: wie? Aber in dem Drange des Geschäftes fehlte selbst der treuen Mutter das Auge, diese Veränderung am Kinde wahrzunehmen. Und hatte sie ihn gestern nicht beleidigt? Mit einem Male begann Rebb Schlome wieder darauf die Rede zu lenken. »Ich möcht' nur wissen,« rief er heftig, gleichsam aus einem Selbstgespräche heraus, »warum sich keiner aus dem Dorfe blicken läßt. Es ist alles wie ausgestorben, und man könnt', Gott schütz' und bewahre uns, wirklich auf den Gedanken kommen –« Er sprach die Vermutung nicht aus, aber Anschel war plötzlich aus seiner träumerischen Geschäftigkeit herausgerissen; er hielt inne . . . »Du meinst,« rief er dann hastig, den Gedanken des Vaters ergänzend, »daß sie uns etwas zuleide haben antun wollen? Das laß dir ja nur nicht einfallen, Vater . . .,« setzte er fast beklommen hinzu. »Das sagst du ,« rief Rebb Schlome beinahe höhnisch, »und ich glaub's auch gern, daß sie uns nichts tun wollen. Wie sollt' dem Bauer so etwas einfallen? Vom Bürger in der Stadt da kann man so etwas sich erwarten; die Elle Tuch, die ich verkaufe, die verkauft er nicht, und darum könnt' er einen vergiften in einem Löffel Wasser. Aber der Bauer? Schad' ich ihm, wenn neben seinem Weizenfeld auch mein Feld Weizen trägt? Oder steh' ich ihm im Weg, oder mein Feld, daß weniger Sonnenschein oder weniger Regen auf seinen Acker fällt? Und doch möcht' ich wissen . . .« »Was?« wagte Anschel leise zu fragen. »Ob du recht gesehen und gehört hast? ob das Feuer, das sie gestern angezündet, uns zu Ehren war angezündet? Bauern sollt' so was einfallen? Freuen sollen sie sich noch, daß wir kommen? oder sollt' sich der Bauer so geändert haben? Denn ein Bauer ist und bleibt er doch immer, und wir Juden, leider Gotts, wenn's auch der Kaiser in Wien anbefehlen tut, bleiben doch ein gedrückt Volk.« Es war offenbar in diesen weit ausgeholten Worten Rebb Schlomes, die in so sonderbarem Widerspruche mit seinem frühern Tun und Reden standen, etwas, was sie alle befremden mußte. »Wo will er hinaus?« dachte Anschel. Nachime sah ihren Mann von seitwärts mit einem fast stechenden Blicke an. Hatte sie gestern anders geredet, als er heute redete? Hatte sie nicht die nämlichen Beweisgründe gebraucht? Und wie war ihm das Feuer über den Kopf hinausgestiegen! »Was hab' ich nur sagen wollen?« rief Rebb Schlome nach einer Weile sich besinnend. »Du hast also recht gesehen, und mit deinen eigenen Ohren hast du gehört, daß sie das Feuer für uns, uns zu Ehren haben angezündet?« Anschel trug die Gewähr seiner Aussage in sich. Als er jetzt sprechen wollte, war eine so hohe Flammenröte an die Stelle der frühern Blässe in seinem Antlitze getreten, daß sie keinem entging. Nachime sah den Sohn angstvoll an; sie glaubte, sein empörtes, der Lüge beschuldigtes Ehrgefühl werde sich selbst gegen den Vater in schrecklicher Weise aussprechen. Da sagte Elieh, der Bocher, der bis dahin ganz teilnahmlos an dem, was um ihn vorging, seinen Bücherschatz aus der Kiste geräumt hatte: »Ich war ja auch dabei, und hab's gesehen und gehört.« Schon gestern hatte diese Bestätigung seiner Lüge aus dem Munde des Bochers Anschels Herz mit allen Schauern der Furcht überkommen. Fast noch mehr jagte sie ihm jetzt Entsetzen ein. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er den Bruder an. Warum log auch er? »Still, still,« rief plötzlich Rebb Schlome. »Mir ist's als hör' ich einen vor dem Fenster draußen weinen. Ist das nicht . . .« »Schmah Jisroel,« schrie Nachime, »das wird doch nicht unsere Tille sein?« »Um Gottes willen schrei nur nicht so,« rief Rebb Schlome. »Lebendiger Gott.« schrie dagegen Nachime mit gerungenen Händen, »sind denn deine Schrecken noch nicht aus?« Mit einem raschen Griffe hatte sie das Fenster aufgerissen. Da saß der Vetter Koppel auf bloßer Erde und weinte bitterlich. »Wo habt Ihr das Kind gelassen, Vetter? Augenblicklich werdet Ihr's eingestehen!« rief Rebb Schlome. Der streng gebietende Klang, der aus diesem Befehle tönte, mußte die dämmernden Geister des Verständnisses gewaltig in dem Gehirne des alten Mannes getroffen haben. »Weiß ich, wo sie ist hingegangen?« rief er mit kindisch unterdrücktem Schluchzen; »wie wir gekommen waren in den dicken Wald . . .« Vetter Koppel konnte vor Weinen nicht fortfahren. »Redet, redet, Vetter! und laßt von Eurer Narretei mit dem dicken Wald! es ist ja kein dicker Wald im Dorf,« schrie Nachime in der Angst ihres Herzens. Sie war zum ersten Male vielleicht im Leben ungerecht gegen den Seelenzustand des alten Vetters geworden. »Wie wir waren in den dicken Wald gekommen,« versuchte der Vetter wieder zu sprechen, »da hab' ich zu Tille gesagt: Gehn wir nicht weiter, sie lauern auf uns dort. Aber hat denn das Kind folgen wollen? Und wie ich's gesagt, so ist's auch eingetroffen. Sie sind auf uns zugesprungen und haben sie fortgeführt, mitten in den dicken Wald hinein. Und auch meinen Mogen Dovid haben sie mitgenommen.« »Wo habt Ihr ihn denn?« fragte Nachime fast verwirrt von dem Aberwitze, den sie doch sonst so gut zu beurteilen verstand. »Fort, fort!« weinte der Vetter in kläglichen Tönen. »Lebendiger Gott!« rief Nachime, »was wird dem Kind geschehen sein?! Möcht' er so reden, wenn ihm nichts zugestoßen wär'?!« Indessen hatte Rebb Schlome das andere Fenster aufgerissen und seine Blicke nach rechts und links in die Gasse geschickt. Plötzlich rief er freudig: »Da kommt sie ja! da kommt sie ja!« »Wo, wo?« rief Nachime. Da kam Tille wirklich die Gasse herauf; aus der Ferne schimmerten die hellen Farben ihres Feiertagskleides. Sie schien mehr zu laufen, als zu gehen; hinter ihr erblickte man einen Haufen Bauern, die ihr das Geleite zu geben schienen. Vor Nachimes Augen schwirrte es auf und nieder; eine schwarze Wolke war davorgetreten, daß sie nichts mehr wahrnehmen konnte. Mit dem kreischenden Rufe: »Lebendiger Gott, was ist das? sie führen sie ja ein?« war sie vom Fenster zurückgetreten, die Hände krampfhaft vor das Antlitz gepreßt. Selbst Rebb Schlome und die zwei Brüder, die sich weit zum Fenster hinausgebogen, waren im ersten Augenblicke von dem sonderbaren Aufzuge, in dem Tille erschien, stark betroffen. Doch Anschel, dessen scharfes Auge das Ganze gleich überschaut hatte, rief: »Vom Einführen ist keine Rede! Sie lacht ja!« »Lacht sie?« fragte Nachime, die nicht aufzusehen wagte, mit schwacher Stimme. In lautloser Erwartung harrten sie nun, was der nächste Augenblick bringen sollte. Anschel hatte recht erkannt; die Bauern, in deren Mitte Tille einherschritt, waren eine Art »Deputation«, die sich zu ihnen verfügte, wahrscheinlich, um über ihr gestriges Tun und Treiben Rechenschaft abzulegen. Ihm war es, als rücke etwas ungekannt Furchtbares mit tausend Schrecken heran; jede Ader in ihm stand auf der Lauer. Rebb Schlome ging mit starken Schritten in der Stube auf und nieder. »Daß mir jetzt keiner,« rief er mit Nachdruck, »ein furchtsam und erschrocken Gesicht zeigt den Bauern. Wie man ihnen das weist, sind wir alle verloren. Sie sollen sehen, daß wir uns nicht fürchten. Und wovor auch? Haus und Feld und Hof, die sind mein, da soll sich einer unterstehen und mich von da forttreiben.« Da ertönte draußen Tilles frische Stimme. »Nun, Vetter Koppel, ist mir in deinem dicken Wald was geschehen? Da hast du mich wieder ganz und auch deinen Mogen Dovid bringe ich dir wieder; es ist nicht das kleinste Stückel davon weggekommen.« Gleich darauf wurde die Stubentüre aufgerissen, das Kind flog herein; aber hinter ihr schritten eine Anzahl Bauern, so daß sie fast nicht alle Platz hatten in der Stube und einige im Hausgange sich aufstellten. Vor allen andern ragte ein großer Mann mit harten, fast geschmiedeten Gesichtszügen hervor; er war der erste in die Stube getreten. Wie erschrak Nachime wieder, als grade dieser Mann auf sie zuschritt, sie zuerst bei der Hand ergriff und heftig schüttelte. »Erst der da,« sagte er mit weithintönender Stimme, »denn aufs Weib kommt alles an, und dann erst dir, Herr Schlome.« Die Männer schüttelten sich die Hände. Dann nahm der Bauer den breitkrempigen Hut vom Haupte, und hatte schon sein Eintritt alle mit einem gewissen Schauer erfüllt, so blickten sie jetzt mit Ehrfurcht und Staunen auf sein freies, fast mächtiges Löwenantlitz. Es war eines von jenen, wie sie aus ungeschwächter Kraftzeit fast dräuend und zürnend in unsre Tage schauen. »Und nun,« rief er, indem er seinen Blick über die ganze Stube schweifen ließ, »bewillkommne ich euch im Namen Jesus Christus, unsers Herrn; Gesundheit und Glück in unserm Dorfe mag euch kommen, so viel ihr nur wollt. Wir Bauern wissen, um was man alles den Herrgott bitten muß! Und das mag er euch alles geben, dir und deinem Weib und deinen Kindern.« »Das wünschen wir alle,« ertönte es ringsum aus dem Kreise der mitgekommenen Bauern. Es trat darauf eine Stille in der Stube ein, fast als ob sie eine Kirche wäre. Die sonderbare Ansprache, der Ernst, der aus dem ganzen Wesen des Bauers sprach, hatte eine an Andacht grenzende Stimmung über die Herzen unsrer Familie gebracht. Selbst die Anrufung eines Namens, den sie sonst nur als feindliches Losungswort sich entgegengerufen hörten, ging in ihnen verloren und hatte für sie in diesem Augenblick nichts Verletzendes. So tief bewegt war Rebb Schlome, der sonst so starke Mann, von der Anrede, daß er selbst das kleinste Wort einer Gegenrede nicht fand. Tränen strömten ihm über die Wangen, aber er versuchte nicht sie abzuwischen. Er vermochte nur, wie dankend, seine Hand gegen den Sprecher auszustrecken. »Auf gute und lustige Nachbarschaft,« rief dieser kräftig und schlug herzhaft ein. Was in Nachime vorging in diesem Augenblicke, wer vermöchte das zu sagen? Es war Freude und Weh, Lust und Entsetzen, was durch ihr Gemüt wie ein Wildbach rauschte. Dennoch war das Gefühl der Furcht in ihr das vorherrschende. Hätte sie sprechen und handeln können, sie hätte die Hand, die ihr Mann so herzhaft zum Gegengruße hingab, zurückgerissen, sie hätte geschrien: Rühre sie nicht an. Der Segen, den der Bauer über ihr Haus sprach, hatte sie gerührt, aber wer spricht ihn? fiel es ihr sogleich ein. Haben wir den gestrigen Tag so leicht vergessen? Als Rebb Schlome sich wieder gefaßt hatte, standen ihm auch die Worte zu Gebote: »Sie sollten sich nicht wundern,« sagte er, »wenn er sich ihnen heute so zeige, den Männern. Aber sie wüßten es nicht, wie es einem auf die Seele falle, wenn man nicht gewiß sei, ob man ihn gern aufnehmen wolle oder nicht. Noch gestern abend bei ihrer Ankunft hätten sie einen Schreck gehabt, sie würden daran denken all ihr lebelang; sie hätten nicht anders geglaubt, als daß das ganze Dorf eine Flamme sei und mitten darin stehe ihr Haus und alle hätten sich verschworen gegen sie. Da sei ihnen der schreckliche Gedanke gekommen: mit der neuen Freiheit, die der Kaiser in Wien gegeben, hätte auch ihr neues Unglück begonnen; bereut hätten sie es im tiefsten Herzen, daß sie ihren Geburtsort verlassen, dort wäre es ihnen doch sicher ergangen, aber hier, – hätten sie nicht anders geglaubt, als man wolle ihr Leben! Und das bißchen Leben sei doch alles, was ein Mensch dem andern nicht mißgönnen solle; man brächte ja sonst nichts in die Welt, ob man nun Christ sei oder ein Jud'.« Als Rebb Schlome mit diesen Worten sich erleichtert hatte, überkam ihn eine sonderbare Empfindung; er war sich bewußt, daß er sie nicht hätte sprechen sollen, daß sie unschicklich gewählt für Zeit und Leute waren. Sie waren ihm auf die Zunge gekommen, er wußte nicht wie. Aber, wenn ihn einer in diesem Augenblicke gefragt hätte, ob er sie zurücknähme, er hätte es wahrscheinlich mit großer Entschiedenheit verneint. Wunderbar war jedoch der Eindruck. den sie auf Nachime hervorbrachten. Sie drückten sie nicht nieder, sie jagten ihr kein Entsetzen ein. Erhoben fühlte sie sich von ihnen; hatte doch ihr Mann »ihnen« herausgesagt, wozu sie selbst nicht den Mut gehabt hätte. Darum fiel auch aus ihren von Tränen umschleierten Augen ein Blick auf diesen »Mann«, – wie er schon lange nicht aus ihn gefallen war. »Und das habt ihr euch von uns vorstellen können,« rief nach einer Weile, als Rebb Schlome geendet, der Bauer, und Nachime, die den Eindruck der Rede auf seinem Gesichte ängstlich studierte, bemerkte mit Entsetzen, daß die Stirnader in seinem mächtigen Antlitze anschwoll und der Stecken in seiner Hand heftig zitterte. »Ja,« sagte Rebb Schlome furchtlos. »Und du auch, Frau?« wandte sich der Bauer plötzlich zu Nachime, aber seine Stimme war dabei mild, ja weich geworden, wie man es seinem tönenden Organe gar nicht zugetraut. »Ja, ich auch,« brachte Nachime, erbebend in ihrem tiefsten Wesen, hervor. Der Bauer schlug den Stock mit schrecklicher Gewalt zu Boden; er schüttelte das Haupt; es glich dem eines gereizten Löwen in diesem Augenblicke. »Sakrament und Gottes Donner drein,« rief er zornig, »hören denn diese verfluchten Sachen noch nicht auf, daß sich ein Mensch fürchtet vor dem andern? Hat uns der Kaiser in Wien deshalb die Freiheit gegeben, daß sich die Menschen voreinander verstecken müssen, wie vor Räubern und Mördern? Warum fürchten? weil du ein Haus unter uns gekauft hast? und einige ›Strich‹ Feld? Ist dadurch einer ärmer im Dorfe geworden?« »Ich selbst habe den Schuß abgefeuert auf der Straße,« rief eine Stimme auf dem Kreise der Bauern. »Und von mir,« rief eine andere Stimme, »von mir, Jan Slawik, ist das Lied gemacht worden.« »Und wir alle waren beim Feuer, wir habend angezündet, wir haben jeder das Unsrige dazu getan,« ertönte es in wirr durcheinander klingenden Ausrufen. »Glaubst du's nun, Frau?« wandte sich der Bauer wieder zu Nachime, fast als wollte er nur vor ihr und vor keinem andern gerechtfertigt erscheinen, »und fürchtest du dich noch immer? Sei keine Närrin, Frau,« setzte er hinzu, »ich, der Richter dieses Dorfes, sage es dir: Fürchte dich nicht, es wird dir nichts geschehen.« Nachime mußte lächeln, als sie sich dieses kräftigen Schutzes so versichert hörte. Aber warum durchzitterte ein leises Beben Anschels ganzes Wesen, als er aus dem Munde des Bauers dessen Würde im Dorfe vernahm? Und warum blieb selbst das Auge des Bochers, der bis dahin fast teilnahmlos dem ganzen Vorgange beigewohnt, von nun an wie forschend auf dem mächtigen Antlitz des Bauers haften? »Und glaubst du denn,« fuhr er fort, stets an Nachime seine Rede richtend, »wir Bauern wissen nicht, was Kinder sind, und was das heißt, sie haben? Ich hab' auch einen Sohn und eine Tochter.« Plötzlich sein Auge auf Tille richtend, die neben der Mutter stand, rief er: »Wie heißt denn da Euer Kind, Frau?« »Tille,« antwortete Nachime lächelnd. »Das ist kein Name, der im Kalender steht, der paßt nicht für uns Leute im Dorf. Wir wollen sie ›Terezka‹ heißen. Ist's Euch so recht?« »Nein, nein,« rief Nachime fast ängstlich und faßte dabei ihr Kind an der Hand. »Laßt ihr lieber ihren alten Namen . . . den sind wir alle gewöhnt.« »Wirst du's denn verbieten können, Frau?« lachte der Bauer hell auf, »wenn sie in einigen Jahren sich selbst nach einem andern Namen wird umsehen? Da stehen hinter mir ein paar Jungen, die können ihr einmal etwas zu schaffen geben.« Ein allgemeines Gelächter schloß sich diesem derben Witze an. Aber es klang an Nachimes Ohren, die den Sinn dieses bäuerlichen Scherzes nur zu gut sich zu deuten verstand, wie ein Hohngelächter. Erst war sie in fast mädchenhafter Scheu errötet, dann schnell erblaßt, während Tille selbst unbefangen mit ihren großen Augen vor sich hinsah. »Laßt das gut sein, Herr Richter,« entgegnete sie, ihre Stimme anstrengend . . . »die Eltern dieses Kindes werden schon dafür sorgen, daß . . . es seinen ehrlichen Namen nicht ablegt.« Der Richter schien diese mütterliche Bemerkung weiter nicht beachten zu wollen. »Jetzt, Männer,« gebot er mit lauter Stimme, indem er sich breit und gewaltig in die Mitte der Stube stellte, »jetzt, Männer, gehen wir. Jetzt kein Wort mehr gesprochen. Die da verstehen uns schon, und was sie nicht verstehen, das wird ihnen schon einfallen über Jahr und Tag.« Tumultuarisch trennte sich die auf so eigentümliche Weise ins Haus gekommene Versammlung. Es war Nachime wohl, als der Bauer aus ihrer Nähe rückte. Sie dankte Gott in ihrem Herzen, daß der ganze Vorgang ein Ende hatte: sie war müde und zerschlagen, fast zum Umfallen. Der Richter war der letzte der Hinausschreitenden. An der Türe wandte er sich mit einem Male um und kam mit langsamen Schritten wieder auf Rebb Schlome zu. »Wie heißt das Ding da?« fragte er mit beinahe schämigem Gesicht, indem er auf den auf dem Tische liegenden »Mogen Dovid« des Vetter Koppel hinwies. »Vorhin, wie wir Euer Kind im Dorfe getroffen haben, da hat's der alte Mann unter dem Arme getragen. Ich hab's sehen wollen, da ist er auf und davon, als hätt' ihm einer was Böses antun wollen.« »Das kann ich Euch nicht sagen, Herr Richter,« entgegnete Rebb Schlome ganz verwundert, »wir brauchen's zu unserm Gebet.« »Zum Gebet,« sprach der Bauer leise vor sich hin; sie bemerkten aber gleich darauf, wie ein geheimnisvolles Lächeln um seine Lippen spielte. Nach einer Weile, während er das Bild mit großer Aufmerksamkeit betrachtet, sagte er wieder: »Was geb' ich Euch für das Bild da?« Für Rebb Schlome hatte der Gedanke, daß der »Mogen Dovid« seines alten Vetters bestimmt sei, in der Stube eines Bauern zu glänzen, etwas so Lustiges, daß er darüber hell auflachte. »Meinet Ihr denn, Herr Richter,« rief er lachend, »daß darauf die heiligen drei Könige: Christoph, Melchior und Balthasar stehen?« »Und meinst du, ich kann nicht lesen?« rief dagegen mit beinahe finsterm Ernst der Bauer. »Aber um Gottes willen,« lachte Rebb Schlome, »es steht ja nichts als ein einziges Wort darauf, und das ist hebräisch.« »Gerade darum!« sagte der Bauer mit großer Bestimmtheit, »und es steht noch etwas andres darauf.« Der Richter hatte wieder das geheimnisvolle Lächeln um die Lippen. »Ich seh' nichts darauf,« murmelte Rebb Schlome, »als den ›Mogen Dovid‹ und die zwei Löwen Judas. Oder sollt' der Bauer etwas ganz Besonderes daran gefunden haben, was uns allen bis jetzt entgangen ist?« Rebb Schlome nahm das teure Erbstück seines Vetters prüfend in die Hand, vielleicht zum ersten Male überhaupt in seinem Leben, und unterwarf es einer sorgfältigen Beachtung. »Es ist nichts als der ›Mogen Dovid‹ meines Vetters Koppel,« sprach er halb lachend vor sich hin. »Nun, Herr Schlome,« sagte nach einer Weile der Bauer, der fast ängstlich den Bewegungen Rebb Schlomes gefolgt war, »gebt Ihr mir's ab oder nicht?« »Für Geld ist's mir nicht feil,« entgegnete darauf Rebb Schlome lustig, »aber für ein gutes Wort.« »So laßt Ihr mir's also ab?« rief der Richter mit unverhehlter Freude. »Der Kauf ist abgeschlossen,« lachte Rebb Schlome und schlug herzhaft in die ihm vom Richter hingestreckte Hand. Der Bauer hatte mit einiger Hast nach dem Bilde gegriffen. Da begegnete er dem Blicke des Kindes, das angstvoll seinem Vater die Worte zuflüsterte: »Was wird aber der Vetter Koppel sagen, wenn du's weggibst?« »Der kann sich einen andern machen,« rief Rebb Schlome ungeduldig. »Und siehst du denn nicht,« sagte er zum Kinde, doch nur ihm verständlich, »daß dem Bauer viel daran gelegen ist? Man kann nicht wissen, wie man ihn einmal braucht. Laß ihm also die Narretei.« »Bleibt's dabei?« fragte der Richter, der aus den flüsternd gesprochenen Worten auf eine ungünstige Wendung seines Geschäftes schließen mochte. Aber die geschlossene Faust lag wie zu Schutz und Abwehr auf dem Mogen Dovid. »Es bleibt dabei,« sagte Rebb Schlome bestimmt. Als der Bauer mit seinem Schatze, wie es schien, strahlend vom Glücke eines guten Kaufes sich entfernt hatte, war unter ihnen eine schwüle, drückende Stille zurückgeblieben. Hatte sie die sonderbare Bewillkommnung der Bauern so ermüdet? Oder war ihnen trotz aller Versicherungen nicht klar geworden, daß sie eine ungefährdete Stätte gefunden? Nur das »Kind« hatte den Mut, kleinlaut auszurufen: »Gott! Was wird der Vetter Koppel sagen, daß man seinen ›Mogen Dovid‹ weggegeben hat!« »Mit der Narretei mach mir den Kopf nicht warm!« schrie Rebb Schlome dagegen, »was mir an den Mucken des Vetter Koppel nicht aufliegt!« In diesem Augenblicke trat der beraubte Parteigänger des Königssohnes Absalom in die Stube. Er schien es nicht zu wissen oder hatte es bereits vergessen, daß mit seinem Gute so gewalttätig verfügt worden war. Still, ohne Tränen, setzte er sich in einen Winkel. Vollständige Nacht der Seele schien über dieses Leben gesunken. Mit Tränen in den Augen, leise, als ob jeder Laut imstande wäre, die entschlummerten Geister des Schmerzes in ihm zu wecken, rief das Kind: »Jetzt haben wir keinen ›Misrach‹ mehr im Haus!« »Leider Gott's!« klang es unhörbar als Bestätigung von Nachimes Lippen zurück. In der Tat waren die Löwen Judas, war der Schild Davids, das Zeichen, wohin sich das Gebet, als nach Jerusalems Stätte richtet, aus dem neuen Hause Rebb Schlomes hinweggegangen! 6. Herr und Knecht. Wie schwer steigt's sich hinan und hinab, wie vielfach krümmen sich die Wege, wie rauscht's bald in Bergströmen, bald in heulenden Winden, bis in ein menschliches Herz jenes Element eingekehrt ist, für das unsre Sprache ihr schönstes Wort hat, wie eine Mutter für ihr Kind das schönste Lächeln, das Wort: » Heimisch .« So recht auf dem Grunde der Seele sich fragen zu können: »Heimelt's dich an in allem, was dich umgibt, wohlt dir die Luft, die dich umfächelt, das Wasser, das du trinkst, das Antlitz, dem du täglich entgegensiehst? Wohlt dir der Schlaf? Hast du das selige Gefühl, du seiest daheim, niemand könne dich von da wegtreiben; aus keinem Winkel deiner Stube, aus keinem Gesichte mahne dich etwas Fremdes, alles sei dir untertan, stehe im Zusammenhang mit deinem eigensten. innersten Leben? – Denn das ist eben im Wesen dieses Gefühls, daß es sich nicht schaffen, nicht gebieten läßt von oben, weder ganzen Völkern und Zeiten, noch dem einzelnen Gemüte! Luft, Land und Wasser, alle guten Geister des Verständnisses und der Liebe, des Sittlichen und Reinen, müssen die Fäden nehmen in die zarten Hände, wenn jenes Gewebe des »Heimischen« fertig werden soll. Unsichtbar müssen sie es bereiten, und doch muß man das Rauschen des Webeschiffchens vernehmen. Dann aber fällt es nieder in gesegneter Stunde, breitet sich aus vor den Augen, erst als dünner Flor, dann über alle Tiefen, Ritzen und Winkel der Seele, bis es haushoch geworden ist. Denn nun ist wirklich das Haus darein gehüllt, unzerreißbar und gefeit, bis es wieder einmal täppisch rohen Menschen oder der lauernd zuwartenden Hand des Geschicks gelingt, hineinzugreifen . . . Wer tiefer in die Wandlungen des Gemütes zu blicken versteht, wird es leicht begreifen, warum jenes Element in unsrer Familie sich nicht einstellen wollte. Wie zufrieden sie auch mit der Aufnahme im Dorfe sein konnten, wie günstig sich die Erklärungen anhörten über die Sonderbarkeiten ihrer Ankunft; so vermochten sie dennoch nicht, eine gewisse Dumpfheit zu überwinden, die als böse Luft, beengend und niederdrückend ihnen auf jedem Schritt und Tritt nachschlich. Sie konnten die Bangigkeit nicht los werden, die sie auf dem Wege in die neue Heimat geleitet; sie konnten des Besitzes nicht froh werden. Einer sah es dem andern an, und doch verharrte jeder in dem Mute, für sich allein zu bleiben. Es schien, als wollte jeder ein inneres Gebreste allein verrungen haben, ehe er daran ging, im Gemeinschaftlichen Ansprechen des Leides Linderung zu suchen. Es war nicht Unzufriedenheit mit ihrer äußern Lage. »Weit und breit« konnte man kein schöneres Bauernhaus gewahren; Rebb Schlome hatte mit dem Ankaufe desselben in der Tat kein übereiltes Geschäft gemacht. Alles, was dazu gehörte, glänzte und schimmerte, als sei es ganz neu angeschafft, denn der frühere Besitzer war ein guter Wirt gewesen. Die Äcker, die seinen größten Reichtum ausmachten, waren gut gelegen, nicht zu tief und nicht zu hoch. Gottes Sonnenschein und Winde konnten sich so recht mit ihnen beschäftigen, ohne ihnen gerade zu viel zu schaden. Das Haus war groß und bequem, fast zu groß für sie, die an die engen Wohnungen im Ghetto gewöhnt waren; man konnte dem »Bocher« eine eigene Stube anweisen, in die er seinen ganzen talmudischen Schatz an Büchern und sich selbst, ungestört im »Lernen« von den andern, bringen konnte. Da, hieß es, »brauche er den ganzen Tag keinen Menschen vor Gesicht zu sehen, was ihm doch ganz lieb sein müsse, könne lernen und lernen, bis es ihm zum Kopfe herausschlage.« Alles in und an dem Hause war niet- und nagelfest, nicht, die kleinste Planke am Gartenzaun fehlte; es war, als ob luftige Geister sich das Wort gegeben, alles herzurichten und zu rüsten, damit das Auge nirgends mißfällig haften bleibe. Vor allem aber gewährten zwei Dinge einen gar freudigen Anblick: der Stall und die Speisekammer. Hier wie dort sah man es an, daß das erkaufte Gut nicht unter seinem allgemeinen Werte stand. Vier mächtige Kühe brummten da im harmonischen Baß ein Konzert, das von den guten »Stimmen« und der »Frische« ihrer Besitzer ein gar vorteilhaft Zeugnis ablegte. Was aber die Bewunderung aufs höchste steigern mußte, war der Reichtum in der »Speise«. Es war eine wirkliche Schatzkammer; Kisten und Kasten von »oben« bis »unten« mit allen Bedürfnissen gefüllt, für die das Auge der Frau einen so berechnenden Überblick hat; man glaubte jahrelang damit »auskommen« zu müssen, wie denn auch der hochaufgeschichtete Holzstoß, der im Hofe lag, gleichfalls ohne Ende schien. Rebb Schlome hatte für alles gesorgt; seine gewalttätige Natur hatte es nicht geduldet, daß ein anderer sorge; von ihm, als dem Mittelpunkte und Strebepfeiler des Hauses sollte alles ausgehen, auf ihn sollte es sich stützen. Er war der Meinung, wie sie Naturen seines Schlages nicht als zu große Schuld angerechnet werden darf, daß ohne ihn nichts recht gefördert werde. Solche Leute sind überzeugt, wenn sie es auch nicht bewußt aussprechen können: in ihrem Auge wohne eine Kraft und Gewalt, die auf alles, was sie anrühren, belebend einströme. Sie wollen nicht gemahnt sein, sie wollen selbst gemahnen; sich nichts entgegentragen lassen, wovon sie nicht wissen; immer überraschend antreten, ohne jemals die Miene zeigen, als wäre es jemandem gelungen, sie selbst zu überraschen. Ohne sich mit einem Worte zu verraten, hatte Rebb Schlome selbst alles angeordnet; er hatte Kisten und Kasten aufspeichern, er hatte den Holzstoß schichten lassen. Nichts fehlte, nichts wankte, alles war wie von jahrelangem Bestand, . . . bis auf die unruhig bewegten Gemüter, bis auf die schleichend böse Stimmung, die sich ihnen entgegengesetzt hatte. »Geht dir dein Herz nicht auf, Nachimeleben,« sagte Rebb Schlome am ersten Tage, als er sie Musterung halten ließ über Haus und Hof; »geht's dir nicht weit auf vor Freuden, wenn du das alles siehst? Ist dir so eine Butter, so ein Holz in deinem Leben schon vorgekommen? Und alles gehört dir, und es kostet dir eigentlich nichts; du hast alles im Hause; es wächst dir ordentlich in den Mund hinein. Früher hast du das kaufen müssen, jetzt hast du's eigentlich umsonst. Und da sagt man noch: der Jude hat das Geld. Wo hat er's? – Das steckt in tausend und tausend Schulden, denn man kann's ja nicht einsperren in der Truhe, es will fort in die weite Welt, weil es fort muß. Aber genießt er's? Mit Sorgen und Ängsten muß er darauf sehen, daß es nur nicht zu weit wandert, und daß er's wieder zu Gesicht kriegt. Jetzt siehst du ein, daß wir eigentlich nichts haben; › sie ‹ haben alles. Soll man den Kaiser nicht in den Himmel hineinheben und sich tausendmal bedanken, daß wir's endlich haben, was Millionen andere haben?« Zwar begriff Nachime nicht, wie so »auf einmal« der Glanz der Kaiserlichen Majestät angerufen werden mußte; denn offen gestanden, die Bemerkungen ihres Mannes über Geld und Bauernwesen waren ihr zu »hoch« – dennoch, vielleicht von dem Gefühle geleitet, daß sie in ihrer Abneigung gegen das Dorf zu weit gegangen, sagte sie: »Schön ist's hier – aber zu groß. Wie soll man das alles erarbeiten?« »Narrele,« meinte Rebb Schlome selbstbewußt, »meinst du denn, du wirst keine Knechte und Mägde haben? Du wirst sie noch heute zu Gesicht bekommen.« Rebb Schlome hatte auch für »Knecht und Magd« gesorgt; nichts war seiner Wachsamkeit entgangen. »Was hab' ich von denen,« entgegnete Nachime, in der sich wieder ein kaum besänftigter Groll zu regen schien, »was hab' ich von fremden Dienstboten, wenn ich von der Sach' nichts versteh'? Bin ich eine geborene Bäuerin? Hat man mir in meiner Wiege einmal gesagt, ich werde müssen auf die Küh' sehen? – Von ›Kind‹ auf bin ich im ›Geschäft‹ gewesen, hab' gelernt, wie man die Kunden anruft, daß sie nicht zu einem andern eintreten, wie man ein Stück Barchent durchschneidet, daß es nicht zerreißt, und wie man's macht, daß der Käufer einem treu bleibt und kauft nicht im nächsten Gewölbe. Das hab' ich gut verstanden, weil man mich's gelehrt hatte, wie ich noch keine Ziffer gewußt hab' zu unterscheiden. Und jetzt soll ich eine Bäuerin werden?« Rebb Schlome sah seine Frau erstaunt an; »so viel« hatte er sie seit Wochen nicht sprechen hören. Im stillen freute er sich, daß sie überhaupt sprach und übersah darum, daß eigentlich nie schneidendere Vorwürfe aus ihrem Munde gekommen waren. Nur so ist es zu erklären, warum er diesen Klagen gegenüber sich nicht vom Ärger und der angeborenen Herrschlust hinreißen ließ. »Versteh' denn ich etwas vom Bauersein?« rief er im Tone lachenden Ärgers. »Oder hat's von mir auf dem Berg Sinai geheißen, ich soll Bauer werden? Verstehen! Ich werd' nicht verstehen, wozu man den Pflug braucht oder was Korn ist und Hafer? Ich bin vielleicht so auf den Kopf gefallen, daß ich nicht weiß, wie man einen Erdapfel in die Erde setzt, damit nicht Unkraut herauswächst, oder wie Kraut und Rüben herauskommen? Oder, wenn's Zeit ist das Getreide abzuschneiden, daß man's nicht auf den Winter hinaus verschieben darf? Dazu muß man vielleicht wie der Bauer vierzehn lateinische Schulen studiert haben?« »Der hat's aber von Kind auf vor sich gesehen, darum kann er's,« wagte Nachime zu widersprechen. »Und ich, meinst du, ich habe nichts vor mir gesehen, als Kattun, Tuchel und Barchent, und darum werd' ich's nicht können?« rief Rebb Schlome mit jenem Hohne in Stimme und Gebärde, wie sie Nachime nur zu gewohnt war. »Ich sag' dir aber, Nachime . . ., wer da versteht. wie man einen Kunden bedient, wie man kauft und verkauft, der muß auch die ganze Weisheit und Thora des Bauers kennen. Wär's denn dann der Mühe wert zu leben und über fünfundvierzig Jahre gelebt zu haben, wenn man dann mit allem Verstand nicht das wüßte, was der Bauer weiß? Bin ich darum ein Jud' geworden?« Es lag in dieser Beweisführung etwas, wovon Nachime tief verletzt ward; aber sie sprach es nicht aus. Sie erkannte unbedingt die geistige Überlegenheit ihres Mannes; sie war fest überzeugt, daß, wo Rebb Schlome seine Hand anlege, da müsse es gehen. Aber hätte er diese Kraft im Entschließen und Ausführen nicht lieber aufs Geschäft verwenden können? Wie hätte das zunehmen müssen! Wie hätten ihre Kinder sicher und ruhig davon »leben« können, statt daß sie jetzt alle auf ein unsicheres Meer sich hinausgewagt hatten, das vielleicht Stürme und Gewitter, Leid und Weh in sich barg? Man sieht, Nachime hatte keinen Augenblick den Eigennutz ihres Schmerzes außer acht gelassen; dem Anscheine nach beruhigt, war er nur in die verborgenen Tiefen ihrer Seele eingegangen; aber bei der leisesten Berührung hob er das Haupt empor, fragend und klagend. Sie sah, bei aller Berechtigung zu diesem Schmerze, das Unrecht nicht ein, daß sie mitten in ein werdendes, erst geborenes Leben die heisern Töne der Verzagtheit und Hoffnungslosigkeit hineintrug. Aber schon in den nächsten Tagen sollte sie eine Art Rechtfertigung erhalten. Das Haus war in Ordnung gebracht worden, Knechte und Mägde aufgenommen, und es fehlte nur noch heiteres Wetter, so hätten die Feldarbeiten beginnen können. Unter den Knechten war besonders einer, der gleich anfangs für Nachime ein Gegenstand schwerer Sorge war. Er schien ihr tückischen Gemütes, und sie konnte ihn nicht ansehen, ohne von einem gewissen Grauen überfallen zu werden. Er hieß Wojtech und war von Rebb Schlome aus dem Nachlasse des frühern Bauern gleichsam mit übernommen worden. Aber es war ihm gleich gesagt worden, er müsse mit dem Knechte in Geduld sich fassen; das sei ein absonderlich wildes Roß, das nur immer nach seinem Willen zu traben gesonnen sei; wer ihn aber zu lenken verstünde, der hätte sich nicht über ihn zu beklagen; dem folge er. Die Beweise ließen nicht lange auf sich warten. Rebb Schlome war ganz erstaunt, als er am frühen Morgen in den Hof hinaustrat und die Pferde an den Pflug vorgespannt sah, den Knecht danebenstehend, der an dem Riemenzeug noch etwas zurecht zu legen hatte. »Wohin soll's, Wojtech?« fragte Rebb Schlome. »Wohin es solle,« gab der Knecht trotzig, ohne von seiner Arbeit aufzusehen, zur Antwort, »wohin anders als aufs Feld. Der Regen habe aufgehört, und wenn man da länger sitze und faul sei, werde die Sommerfrucht zur Aussaat noch auf dem Boden verfaulen; er sehe, man müsse in diesem Hause etwas ohne Befehl ausführen.« Rebb Schlome fühlte den Stich, der aus diesen Worten nach ihm zuckte; er sah ein, Wojtech hatte einigermaßen recht. Ein Gefühl der Scham überfiel ihn; er hatte Mühe es an sich zu halten. Doch war er nicht der Herr, Wojtech der Knecht? »Wenn er sich nichts befehlen lassen wolle,« schrie Rebb Schlome, in dem allmählich der Groll über die vermeintliche Beleidigung die Oberhand erhalten hatte, »so könne er allsogleich gehen, so herrische Knechte seien nicht zu brauchen.« Es war ein merkwürdiger Blick, den Wojtech nach dieser zornig herausgeworfenen Drohung auf Rebb Schlome warf. Es sprach keine Wildheit daraus hervor, eher war es eine Art demütiger Trotz, als er die stramme Hand auf eines der Rosse legend, mit langsamer Bedächtigkeit sprach: »Von den Pferden da werde ihn keiner trennen; seit zehn Jahren kenne er sie und sie ihn, sie seien fast aufgewachsen miteinander, und wenn alle Juden von der Welt kämen,« setzte er mit düster werdendem Tone hinzu, »sie würden ihn von da nicht wegtreiben können; er gehöre zum Hause und werde nicht gehen.« Rebb Schlome fühlte, wie sich ihm alles Blut zu Kopfe drängte. Dennoch hielt er an sich. Sollen wir es gestehen? Er war erschrocken. Hatte der Knecht nicht deutlich vom Widerstande gegen die Juden gesprochen? »Ein Jude werde ihm zeigen,« sagte er ruhiger, als es sich erwarten ließ, »wer Herr im Hause sei, er oder er.« Statt aller Antwort gab der Knecht dem Leibpferde einen tüchtigen Schlag auf den Bug, als wollte er ihm gleichsam in seiner Sprache das eben Geschehene mitteilen, und hatte sich mit einem Satze auf den breiten Rücken desselben geschwungen. Rebb Schlome hatte das mit einer Art staunender Verblüfftheit angesehen. »Wird er nicht mitgehen?« fragte Wojtech, als er einmal sich fest niedergelassen hatte, fast gleichgültig, als ob nichts vorgegangen wäre. »Wer?« fragte Rebb Schlome. »He, wer sonst,« meinte Wojtech, »als der Sohn.« »Mein Sohn?« fragte Rebb Schlome aufs neue, als wenn von einem andern die Rede sein könnte. Wojtech warf einen bedeutsamen Blick auf ein Fenster, das in den Hof hinausging. Anschel stand davor und hatte wahrscheinlich die ganze Unterredung mit angehört. »Sollt' man nicht meinen,« rief der Knecht mit heiserm Lachen, »auf dem Felde draußen stehen die Saaten wie im größten Sommer? Das Bürschlein wird früh aufstehen müssen, wenn er zur rechten Zeit ankommen will. Das Feld, das geht nicht weg, aber die Zeit.« »Wie meinst du das?« fragte Rebb Schlome, den die Reden des Knechtes zu verwirren anfingen. »Das sei gemeint, wie man es eben nehme,« gab Wojtech mit finsterm Angesicht zur Antwort, »und er nehme kein Wort zurück. Alleweil habe er gehört, die Juden seien fleißige und tüchtige Leute, die zu dem Ihrigen schauen, davon habe er aber hier noch nichts bemerkt. Es seien schon vier Tage vergangen, und er sehe noch nicht, daß man sich zu etwas rüste. Wenn der Herr nicht darüber wache, daß alles sich rühre, da könne man nur schnell aus dem Amthaus einkommen, um das Haus und die Felder wieder verkaufen zu dürfen. Die Mäuse und Ratten würden das Haus zerstören, im Stalle den Kühen die Milch vertrocknen, und auf dem Felde statt goldner Frucht stinkendes Unkraut wachsen, das man nicht einmal dem schlechtesten Rinde vorwerfen könne. Rebb Schlome stand von diesem in die Zukunft hinausgewehten Fluche des Knechtes wie festgebannt; ein leises Frösteln durchbebte ihn; er vermochte fast nicht den Blick zu dem Reiter aufzuheben. Wojtech kam ihm in diesem Augenblicke schrecklich vor, er fand kein Wort, um dessen finstern Vorwürfen entgegenzutreten. »Was sich die Juden denn dächten von so einem Felde?« fuhr der Knecht fort. »Das sei nicht anders, wie ein Mensch, wolle Nahrung zu jeder Zeit, habe bald Hunger, bald Durst, man müsse zu ihm sehen, wie zu einem kleinen Kinde. Aber er sehe schon, die Juden wollten nicht arbeiten, weil ihnen die Arbeit zu schwer sei, er habe das stets gehört. Da seien Leute ins Dorf gekommen und wollten Bauern werden; aber schöne Bauern würden die werden! Nicht einmal für die Katze werde genug da sein, was da würde zustande gebracht werden. Er sage es aber immer, die Juden seien ein unglückliches Volk, und ihnen sei nicht zu helfen.« Damit rückte sich der Knecht auf seinem Rosse zurecht, ein Schnalzen mit der Zunge verriet den Tieren, daß die Zeit des Aufbruchs gekommen war. Sie zogen rasch an, und das Gespann war zum Hoftor hinaus, ehe Rebb Schlome noch Zeit gefunden, ein Wort des Gegenbefehles auszusprechen. Sonderbar! Statt daß ihn die merkwürdige Unterredung mit dem Knechte erzürnt hätte, wie es sein herrisch-heftiger Charakter wohl voraussetzen ließ, hatte sie ihn in ein tiefes Gedankensinnen versetzt. Hatte Wojtech recht? Ertönte eine Stimme in ihm, die sich nicht beschwichtigen ließ. Ein leises Verständnis des Charakters, wie er aus des Knechtes herbem Wesen ihm entgegentrat, dämmerte in ihm auf. Sein Entschluß stand fest: den Knecht wollte er nicht von sich geben. Anschel, der die ganze Unterredung mit angehört, kam jetzt langsamen Schrittes aus dem Hause, er fürchtete den Vater in der leidenschaftlichsten Aufregung zu finden; aber er war erstaunt, in ein ruhiges, nicht von der leisesten Zornesmiene verzerrtes Antlitz zu blicken. Als Anschel seinen Vater in dieser Fassung sah, fragte er unterwürfig: »Was soll ich heute tun, Vater?« »Heißt das eine Frage!« entgegnete Rebb Schlome ärgerlich; er schien durch die Anrede Anschels wie aus einem Traume erweckt worden. »Was soll ich aber doch tun?« fragte Anschel noch einmal in bittendem Tone. »Arbeiten sollst du, säen, ackern, bis dir der Schweiß von der Stirne herunterläuft,« rief Rebb Schlome fast grimmig. »Alles wird leider Gottes zugrunde gehen, es wird nicht vom Haus und Hof bleiben, daß man's einer Katz' wird zum Essen vorsetzen können.« Anschel hatte diese dunkle Drohung schon vom Knechte gehört; daß sie aber der Vater zu der seinigen gemacht, erfüllte ihn mit tiefem Weh. »Das wird nicht geschehen, Vater,« rief er bestimmt, »dazu sind wir ja eben da, daß es nicht geschieht.« Der Ton, in dem diese Versicherung erklang, mußte Rebb Schlome getroffen haben; er blickte dem Sohne in das leicht gerötete Antlitz. Milder sagte er darauf: »Wenn wir aber zu nichts sehen, wird's heilig und sicher geschehen. Hast du vergessen, daß unser Hab und Gut, alles, was an uns ist, in dem Haus da und in den ›paar Strich‹ Feld steckt?« »Verzeih mir, Vater,« sagte Anschel, »du sprichst, als wären wir schon jahrelang im Dorfe, und nicht erst einige Tage. Wir haben ja kaum angefangen.« »Nun, unser Anfang,« rief Rebb Schlome bitter, »den gönn' ich all unsern Feinden. Gehen wir nicht alle herum, als hätten wir sechs Jom Kippurs hintereinander gefastet? Sind wir nicht alle zerschlagen, als wären wir Hunderte von Meilen weit zu Fuß gewandert? Und warum? Und weswegen? Soll ein Mensch sagen, warum?« »Ich weiß es selbst nicht,« tönte es leise von Anschels Lippen zurück. Er fühlte aber, wie der Vater das rechte Wort ausgesprochen. Ja, zerschlagen und matt waren sie alle; es war dies die schreckliche Bezeichnung für ihre Lage. »Und wer ist schuld daran?« fuhr Rebb Schlome fort. »Die Mutter macht uns so. Die macht durch ihr Klagen und Jammern unser Herz beschwert, man weiß nicht mehr, wo einem der Kopf steht. Tausend Judenfrauen möchten Gott im Himmel auf den Knien danken, wenn sie das hätten, was deine Mutter hat. Aber erkennt sie's an? Statt zufrieden zu sein, daß sie jetzt nicht tagelang auf einen Kunden zu warten hat, von dem sie mit blutiger Müh' ein paar Kreuzer verdient, daß sie jetzt in ihrem eigenen Hause wohnt und ihr Brot nur mit der Hand zu greifen hat, ist sie leider Gott's unzufrieden, verstört sich und uns die Tag'. Ich frag' dich, was soll da herauskommen?« Diese unmittelbare Anfrage rührte Anschel aufs lebhafteste. Von jeher der machtvollkommenen Stellung seines Vaters sich bewußt, die kein Wort der Widerrede, kein verneinendes Zucken der Augenwimpern an ihm geduldet, mußte er es heute erleben, daß er sich in solcher Weise an ihn wendete. So hatte sich der Vater mit ihm noch nie »ausgesprochen«, so ihn noch nie zum Vertrauten eines Leides gemacht. Nur Befehle und Zurechtweisungen hatte er von ihm gehört; nie war einer jener Strahlen, wie sie so warm aus seinem Herzen auf das »Kind« fielen, auf ihn gefallen. Jetzt mit einem Male schien er in ein jahrelang ihm vorenthaltenes Recht getreten: der Vater hatte sich mit ihm »ausgesprochen«. Vielleicht war es dies leicht verzeihliche Gefühl, der Stolz über die ihm von nun an eingeräumte Stellung, daß Anschel der Mutter vergaß, daß er wenigstens nicht das rechte Wort zu ihrer Entschuldigung fand. Oder stimmte er dem Vater bei? Er sagte bloß: »Laß sie, Vater . . ., sie wird schon anders werden. Wenn sie sehen wird, daß es uns gut geht, wird ihr Herz zufrieden werden. Sie hat uns ja niemals gekränkt.« »Aber sie zahlt's uns jetzt mit Prozenten zurück,« sagte Rebb Schlome düster, »du wirst sehen, die wird nicht anders werden. Erinner dich dran.« Nach einer Weile sagte Anschel, indem er seinem Vater ganz nahe getreten war: »Vater . . ., darf ich dir etwas sagen?« »Was willst du?« »Du weißt, ich habe mich niemals zum ›Gewölb‹ schicken können, ich hab' keinen Kopf dazu gehabt. Du hast mir immer vorgeworfen, wie verschlafen ich bin, und daß aus mir nie im ganzen Leben ein tüchtiger Kaufmann werden könnte. Das hab' ich mir oft blutig zu Herzen genommen. Gott, der Lebendige, weiß das. Mein Sinn ist immer nach etwas anderem gegangen und gestanden, ich hab' nur nicht gewußt, wohin. Mit einem Male gibt Gott dir den Gedanken ein, du willst das ›Gewölb‹ aufgeben und dich in einem Dorfe niederlassen. Da bin ich ein andrer Mensch geworden; es ist mir gewesen, ich hätt' jahrelang ein ungeheuer eisernes Rad drehen müssen, und auf einmal hätt' mir einer zugerufen: Laß ab, die Zeit ist um!« »Nun, so ein schrecklich Rad war das ›Gewölb‹ doch nicht,« unterbrach Rebb Schlome lächelnd den Sprechenden. Ohne sich von dieser abkältenden Bemerkung beirren zu lassen, fuhr Anschel mit immer höher steigender Wärme in Ton und Gebärde fort: »Du lachst mich vielleicht aus, Vater . . ., daß ich dir das erst jetzt sage. Aber ich weiß nicht, wie das gekommen ist, ich hab' nie das rechte Herz dazu gehabt. Und selbst jetzt weiß ich nicht, ob's sich schickt, daß ich dir's sage?« Rebb Schlome sah seinem Sohn erstaunt ins Angesicht. Er, der Vater, fand es seltsam, daß ein neunzehnjähriges Kind »mit einmal« so zu ihm sprach. »Laß mich ein Bauer werden,« schrie Anschel mit Heftigkeit und ergriff die Hand des Vaters. Er hatte sie noch nie in dieser Weise berührt; sie war ihm bisher heilig gewesen. »Sollst du's denn nicht werden?« sagte Rebb Schlome, abermals mehr verwundert als ärgerlich. »Wozu hab' ich mich denn angekauft?« »So ein rechter Bauer, mein' ich,« rief Anschel, »so einer, dem man's auch ansieht, daß er's ist. Einer, der all sein Denken und Sinnen drauf hat, der nicht sagt: Wenn es mir heut' mit dem Feld nicht geht, ich will morgen wieder ins Geschäft zurück.« »Geht das auf mich?« sagte Rebb Schlome finster und zog die Hand zurück. »Es geht auf uns alle, Vater,« schrie Anschel und ergriff aufs neue die Hand seines Vaters, »auf mich so gut, wie auf dich und auf alle Juden. Verzeih mir's, wenn ich dir das sage. Aber ich möcht' ein Bauer werden, an dem Gott und die Menschen ihre Freude haben, so einer, der gar nichts andres werden kann, bei dem alles um und um Bauer ist. Ich kann mir's ja gar nicht denken, wie es anders sein kann! Und ist es denn nicht schön, so ein Bauer zu sein in seinem eignen Haus, auf seinem eignen Grund und Boden, tausendmal schöner, als in so einem ›Gewölb‹ zu stehen und der Bediente von jedem zu sein, der kommt? Sieh dir sie nur an, Vater, diese Bauern, gedenk an den Richter! Tauscht einer von ihnen mit der ganzen ›Gasse‹ und mit all den Leuten, die darin sind, mit all ihrem Geld und Geschäft?« »Deswegen bin ich noch nicht aufs Dorf gezogen,« sagte Rebb Schlome mit einem gewissen Nachdrucke;»ich hab's des Kaisers wegen getan, und dann, weil's in jetziger Zeit besser ist, auf etwas Sicheres zu treten mit seinem Fuß.« Ein geheimnisvoll schmerzliches Lächeln glitt über Anschels Antlitz; aber mit der Schnelligkeit des Blitzes war es allsogleich verschwunden. Denn fast hielt er es für ein Verbrechen, es länger da weilen zu lassen, als die Ehrfurcht vor dem Vater es zuließ. »Vater . . .,« sagte er leise, »meinst du, es geschieht dem Kaiser damit ein Gefallen, wenn wir nur halbe Bauern werden?« »Ich versteh' dich nicht, Anschel,« rief Rebb Schlome stockend; aber dieses Geständnis mußte sich ihm schwer entrungen haben, da er nicht den Mut zu haben schien, seinen Sohn anzublicken. »Red nicht so, Vater . . .,« rief der tiefbewegte Anschel, »du, der Gescheiteste der Menschen, sagst, du verstehst mich nicht! Laß mir aber Zeit, nur Zeit, und du wirst mich verstehen und ich mich selbst.« Begriff Rebb Schlome in der Tat nicht seinen Sohn? Oder drückte ihn dieses freiwillige Geständnis zu sehr? Er schwieg; erst nach einer minutenlangen Weile sagte er achselzuckend: »Was willst du denn eigentlich von mir?« »Nichts, nichts, Vater . . ., als ein Bauer zu werden. Ich will dir dienen als dein treuester Knecht, will arbeiten, als wär' ich achtmal so stark als ich bin; ich will nicht ruhen und rasten von frühmorgens bis spät in die Nacht; du sollst nicht gegen mich zu klagen haben, an den Augen will ich dir alles ansehen. Aber das laß mich werden, um was ich dich bitt', und nicht etwas andres. Gib mir dein Wort drauf, Vater.« »Narr,« sagte Rebb Schlome lachend, »meinst du denn, ich werde Haus und Hof so bald verkaufen?« »Nicht wahr, du versprichst mir?« »Ja, ich versprech' dir's.« Wer diese zwei Menschen jetzt sah, wie die Hand des einen in die Hand des andern einschlug, mochte glauben, zwischen Fremden wäre ein Kauf über eine tote Ware abgeschlossen worden. Und doch war mehr geschehen. Ein Vertrag zwischen Leben und Leben, zwischen Vater und Sohn war geschlossen worden. »Jetzt ist mir wohl,« rief Anschel aufatmend, »jetzt werd' ich diesem Knecht zeigen, daß unser Haus nicht zugrund geht. Wir geben's nicht zu.« Mit raschen Schritten war Anschel auf das Hoftor zugeschritten, das weit offen stand. »Wohin willst du?« fragte Rebb Schlome. »Aufs Feld, Vater, aufs Feld,« sagte Anschel freudig. »Ich will von dem Knecht Wojtech lernen, wie man umgeht mit Roß und Pflug. Ich will lernen gehen.« Gedankenvoll schaute Rebb Schlome dem davoneilenden Sohn nach, bis er ihn aus dem Gesichte verloren hatte. 7. Anschel geht in die Schule. Folgen wir Anschel auf seinem ersten Feld- und Lerngange! Noch erfüllt von Freude an den vermeintlichen Sieg, den er über seinen Vater davongetragen, ging er mit hochaufgerichtetem Haupte durch die Dorfgasse. Sein Gesicht strahlte von innerer Bewegung. Vielleicht, daß in diesem aufwärts gewandten Blicke, auf diesem glänzenden Antlitze ein Gedanke lebte, der im Weiterschreiten immer weiter und höher die Fittiche ausspannte, und dieser Gedanke lautete: »Ihr alle, die ihr mir da nachschaut, seid gelernte Bauern. Einer hat's dem andere gezeigt, wie man es macht; der Vater hat's seinem Sohn, und der wieder dem seinen ›gelehrt‹, wie man ackert und säet. Mir hat's noch keiner gezeigt; ich komm' aus einem ›Gewölb‹, wo ich etwas andres hab' zu tun gehabt. Aber ich geh' jetzt ›lernen‹!« Anschel war zum Dorfe hinausgekommen, ohne sich auch ein einziges Mal umgesehen zu haben. Es war ihm, als müßte er so in einem fort wandern, als hätte er nur vorwärts, nie rückwärts zu schauen. Plötzlich blieb er stehen. Im großen Umkreise lagen die Felder der Bauern vor ihm, zwar noch nicht im goldenen Gewande des Segens rauschend, aber mit dunklen Gestalten darauf. So weit sein Auge trug, gewahrte er Emsigkeit und Arbeit; die schwarzen aufgewühlten Schollen schienen lebendig geworden, wie in den alten Sagen belebte Wesen aus ihrem Schoße hervorgebracht zu haben. Warum machte ihn dieser Anblick so betreten? Warum drückte er ihn nieder, statt ihn noch freudiger zu stimmen? Lagen die Felder seines Vaters nicht auch mitten darunter, ging er nicht eben hin unter diese wimmelnden Gestalten, um auch zu arbeiten am Pflug und an der Egge? Das alles flog wohl gedankenschnell durch Anschels Kopf, aber daneben hatte sich eine Empfindung aufgetan, als ob all das, was er mit seinen Augen umspannte, alle die Felder, Wiesen und Wälder sein Eigentum wären, als wäre er ganz allein da, ohne die geringste Mithilfe irgend einer Menschenseele, um sie zu bearbeiten. Er meinte nicht anders, als ob all die wimmelnden Gestalten nur da wären, um ihm zuzusehen, und er allein müßte das verrichten, wozu er jetzt so viele Kräfte verwendet sah. Und dazu sollten seine Kräfte ausreichen? Nie, nie in seinem Leben, klang es schauerlich in ihm, würde er imstande sein, auch nur ein einziges Feld zu bestellen. Anschel besaß eines jener ernsten Gemüter, dem jede Aufgabe sogleich in ihrer ganzen Breite und Weite erscheint. Solche Gemüter sind gleichsam mit schwerlastenden Händen versehen. – Die Last, die von anderen federleicht emporgehoben wird, sinkt mit ihnen zu Boden. Es kommt dies daher, daß sie nicht nur die Last, sondern sich selbst mit ihrer gesamten Wucht emporheben wollen. Als diese dunkle Empfindung sich wieder beschwichtigt hatte, fiel eine andre ihm schwer aufs Herz. So viele sah er arbeiten und sich emsig abmühen, keiner hatte es ihnen geheißen; sie waren alle da, hatten nicht erst gewartet, bis sie vielleicht ein mürrischer Knecht, dem der Müßiggang zu beschwerlich geworden, an ihre Pflicht gemahnte. Nur sie allein seien wie im Traume herumgegangen, hätten gemeint, weil es regne, müßten sie warten und warten, bis die Sonne herausträte, und wenn ihr Knecht nicht gewesen, so gingen sie noch herum, traurig und müßig, und keinem sei es eingefallen, sich selbst zu mahnen und anzuhalten zur Arbeit. Dieser Gedanke hing zu innig mit den innern Leiden seines Hauses zusammen, als daß sich nicht in rascher, unabsehbarer Folge noch andere von trauriger Natur daran geschlossen hätten. Die Mutter trat ihm vor das innere Auge; er fühlte ihr ganzes Weh an seine Seele pochen, wie um Einlaß bittend, daß er es begreife und ihr helfe. »Warum verstört sie sich und uns das Leben?« sprach es in ihm, »warum gibt sie sich nicht zufrieden? Hat sie's denn in der ›Kille‹ (Gemeinde) besser gehabt? Da hat sie müssen von früh morgen bis spät in die Nacht im ›Gewölb‹ stehen, hat im ›größten‹ Winter auf die Märkte fahren, Not und Kälte ausstehen müssen, ohne daß man oft die Kosten herausbrachte. Und das wär' ihr lieber, als ihr jetziges Leben? . . . Der Vater will ja nicht, daß sie arbeitet wie eine Bäuerin; sie kann sich ja ausruhen so viel sie will. Und wenn sie sich alle Tage Jontef (Feiertag) macht, wer wird ihr etwas sagen? Sie braucht nichts an sich zu sparen, und wenn sie sich jeden Morgen zu ihrem Kaffee Küchel backt, meint sie denn, der Vater wird sich drüber ärgern? Gerad ›konträr!‹ Er sieht es gern, wenn sie sich einen guten Tag macht und ein zufrieden Gesicht zeigt. Will er denn, daß sie sich's abspart am eigenen Leib, damit ein paar Kreuzer mehr in der Schublad' liegen?« Es wird niemanden befremden, wenn selbst Anschel in der Stimmung, die ihn aufs Feld hinausgedrängt hatte, das nagende Leid seiner Mutter so verkannte, daß er fast einen Verrat an dem nur ihm geoffenbarten Schmerze beging, den er durch ein »gutes Leben« zu heilen meinte. Es erging ihm in diesem Punkte nicht anders, als es Tausenden ergeht. Weil er nur nach Verwirklichung eines Gedankens rang, erschien ihm das Weh seiner Mutter fast als ein Hindernis! Kinder sind in dieser Hinsicht oft nicht besser, als das wildfremdeste Gemüt. Unter solcherlei Gedanken hatte Anschel seinen Feldgang fortgesetzt, aber sie hatten ihre Schwingen verloren. Die Erinnerung an das häusliche Leid war zu mächtig, und die alte Verzagtheit machte wieder ihr Recht geltend. So war mit einem Male das ganze Bild, das sich ihm darbot, der weite Umkreis mit seinen Feldern, Wiesen und Wäldern vor ihm in den Boden gesunken. Nichts sah und hörte er mehr, als jenen unheimlichen Geist, der mit ihnen aufs Dorf gekommen, sich niedergelassen zu haben schien mitten unter ihnen! Und mit unwiderstehlicher Gewalt drängten sich ihm die Worte seines Vaters auf, die er erst vor wenigen Minuten von ihm gehört hatte: »Du wirst sehen, sie wird nicht anders werden.« »Wenn die Mutter nicht anders wird,« so setzten diese trüben Gedanken ihr Zerstörungswerk in ihm fort, »wozu nütze es dann, sich abzumühen? Es würde doch keiner eine rechte Freude davon genießen. Müßte sich nicht der Bissen, den man in den Mund nimmt, unter solchen Umständen in brennendes Gift verwandeln? Wäre es nicht besser, der Vater verkaufte, wenn auch mit Schaden, Haus und Hof, und sie zögen davon, als bis es zu spät sei? Die Mutter könne man doch nicht beiseite schieben, sie werde immer mit ihrer Sehnsucht nach dem verlassenen ›Geschäfte‹ kommen, ihnen stets das Dorf vorwerfen, und daß man sie unglücklich gemacht habe! Schon jetzt könne er ihr nicht mehr in das blasse Angesicht sehen . . . wenn sie sich's nun zu Herzen nähme und krank würde und davon, Gott sei Schützer und Beschirmer! den Tod hätte, wer das vor sich selbst verteidigen, wer das ertragen könnte!« Eine tiefe Hoffnungslosigkeit hatte Anschels Gemüt überfallen; er hatte sich in eine Stimmung hineingesonnen, die ihm fast keinen Ausweg mehr ließ. »Ob's bei ›ihnen‹,« dachte er noch, indem sein trüber Blick fast bewußtlos über die Gestalten auf den Feldern hinschweifte, »ob's auch bei ›ihnen‹ so ist? Ob's ihnen auch so schwer wird, wie uns, weil wir Juden sind? Und warum es so ist? und warum ein Jude nicht sollt' ein Bauer werden können?« Bis hierher dachte Anschel; nun sank er in ein wirres gedankenloses Sinnen, auch die Gestalt, die Gesichtszüge jenes Mädchens, das ihm in der ersten Nacht entgegengetreten war, verwebten sich damit. Zum Glücke ward er durch einen Zuruf, der von einem zur Seite liegenden Felde kam, unterbrochen. Ohne es zu gewahren, war er in die Furchen eines frischgepflügten Ackers getreten. »He, Bürschchen,« rief ihm eine bekannte Stimme zu, »warum schaust du nicht auf deinen Weg? Trittst ja auf dein eigenes Feld!« Sein Feld! Es wäre unmöglich zu sagen, von welch gewaltiger Kraft diese wenigen Worte auf Anschels wie mit einem Schlage von allen bösen Dünsten und Wettern befreite Seele wirkten. Er stand wirklich auf eigenem Grund und Boden, und derjenige, der es ihm zugerufen, war ihr Knecht Wojtech! »Ist das wirklich mein . . . ist das unser Feld?« fragte Anschel fast atemlos und ließ die zweifelnden Blicke über den Knecht und den Pflug und über die Pferde gleiten. »Ich bin ja da,« sagte der Knecht mürrisch, »aber geh nur erst aus dem Acker heraus.« Anschel überhörte diese Ermahnung. Festgebannt, die Augen weit offen, mit hochaufatmender Brust, stand er da. Welche Stimmen, die wir nicht vernehmen, welch Jauchzen, das unausgesprochen verklingt, mögen in diesem Gemüte rauschen und wogen, und es hört sich nur selbst und der Weltgeist, zu dem sie als Opfer emporsteigen! »So geh doch aus dem Acker,« sagte der Knecht noch einmal. »Wenn man schon selbst nicht arbeiten will, so muß man nicht noch fremde Arbeit zugrunde richten.« Erst dieser rauhe Zuruf brachte Anschel zu rechter Besinnung. Mit einem Sprunge war er aus der gepflügten Furche heraus und stand nun auf dem etwas höher gelegenen Feldrain. Von da ließ er seine Blicke wieder und immer wieder über die schwarze Erdmasse gleiten, in die Wojtechs Pflug nur erst wenige Furchen geschnitten hatte – . . . Das Feld seines Vaters, sein Feld! . . . Der Knecht schien sich nun nicht weiter um den Sohn seines Herrn zu kümmern; es genügte ihm, daß Anschel seiner Ermahnung Folge geleistet hatte. Mit einem belebenden Zurufe an die Rosse fuhr er in seiner Arbeit fort; das scharfe Eisen schnitt wieder ein, und die angefangene Furche zog sich bald so weit, daß der Knecht schon am entgegengesetzten Ende des Feldes stand, als Anschel ihm noch immer nachschaute. Dieses Pflügen war für ihn heute ein neues, fast nicht gekanntes Schauspiel. Er hatte es oft gesehen, aber wie man den Baum auf der Straße, den Wanderer, der vorüberkommt, sich ansieht, ohne sie dem Gedächtnisse einzuschärfen. Wenn er mit seinen Eltern zu Markte gefahren war, hatte er oft Bauern an ihren Pflügen gesehen, hatte dieselben wimmelnden Gestalten bemerkt, die jetzt dem weiten Umkreis einen so belebten Ausdruck gaben, aber sie waren an ihm vorübergeglitten, wie wirre Traumfiguren. Was gingen sie ihn an? Er fuhr zu Markte, er sollte in einer Bude stehen und die Kunden locken und bedienen. Heute sah er zum ersten Male, da er zugegen sein konnte, wie solch ein Pflug scharf und schneidend die Erde aufwühlte; zum ersten Male roch er den Duft, der frisch und sinnestärkend aus der Scholle aufstieg; er sah, wie man dabei umging; er konnte ungestört jedem Zuge und Handgriff, jeder Bewegung folgen und sah eine Furche vor seinen eigenen Augen entstehen, sah sie beginnen, wachsen und zu Ende ziehen. Das alles war ihm früher entgangen. Hätte er denn im »Gewölb« oder »auf dem Markt« dazu Zeit gehabt? Dann bewunderte er den Knecht, wie er so geschickt dabei verfuhr, war erstaunt über dessen Kraft, wenn er an einer unebenen Stelle den schweren Pflug aufhob, als wäre es ein »leichtes Federl«, und ihn wieder einsetzte in die Erde, daß er noch einmal so scharf in dieselbe eingriff; über die Folgsamkeit der Tiere, die ohne Zügel, bloß durch die ermahnenden Zurufe Wojtechs gelenkt wurden, und die dennoch die gerade Linie einhielten. »Möchtest du's auch können?« drängte es sich ihm als ein unabweisbarer Wunsch auf. Jetzt war Wojtech wieder bei ihm angekommen; Anschel mußte die Stelle, worauf er stand, verlassen, damit der Knecht mit Pflug und Rossen umwenden konnte. Da hielt Wojtech plötzlich inne; ohne den Sohn des Hauses anzusehen, fragte er mit demselben mürrischen Tone, der ihm eigen zu sein schien: »Hast du mir was zu sagen von deinem Vater, Bürschchen?« Anschel überhörte den Spott, der in der kleinlichen Bezeichnung seines Alters lag; ihm genügte es in seiner erhobenen Stimmung, daß ihn der Knecht überhaupt einer Anrede gewürdigt hatte. »Der Vater hat mir nichts aufgetragen für dich,« entgegnete er schüchtern, als ob Wojtech eine ihm übergeordnete Person wäre, die ihm eine abschlägige Antwort erteilen könnte. Der Knecht schien diese Worte langsam in Bedacht ziehen zu wollen. Er zog aus der Brusttasche eine Pfeife samt der schweinsledernen Blase mit Tabak hervor, stopfte sie und begann zu rauchen. Anschel schaute mit einem Gefühle banger Erwartung diesem Beginnen zu; ja, er war erschrocken, als der Knecht, weil der Tabak auf den ersten Zug keinen Rauch gab, mit einer grimmigen Bewegung neuen Zündschwamm auf den Feuerstein legte, und nun so heftig mit dem Stahle daran schlug, als hätte er ein störriges Pferd unter der Hand, das gebändigt werden mußte. Endlich gelang der Versuch. Nachdem Wojtech einige Züge getan und überzeugt schien, daß die Pfeife »gehe«, schob er die Schweinsblase wieder in die Tasche zurück, tat noch einmal einen kräftigen Zug, daß der Rauch wie eine leichte Wolke über die Furchen sich lagerte, und schickte sich an, wieder Hand anzulegen an den Pflug und die Pferde. Anschel bemerkte das mit neuem Schrecken; hatte Wojtech kein Wort für ihn? Das mürrische Wesen des Knechtes schien ihm nichts Gutes zu versprechen; – aller Mut, alle Freudigkeit war von ihm gewichen. Wojtech hatte in der Tat mit einem kräftigen Rucke dem Pfluge eine neue Wendung gegeben und stand im Begriffe, die frische Furche zu beginnen. Da, mit einem Male wandte er sich um und schaute dem Sohne seines Herrn gerade ins Angesicht. Es war ein finsterer, fast tückischer Blick, der aus Wojtechs Augen auf Anschel fiel. »He, Bürschchen,« sagte er, »wenn dein Vater mir nichts melden läßt durch dich, was willst du denn hier?« Auf diese Anrede war Anschel nicht gefaßt; der Knecht fragte ihn, was er auf dem Felde seines Vaters, auf seinem eigenen Felde zu tun habe. Alles Blut drängte ihm zu Kopf; in zorniger Entrüstung brachte er nur mühsam die Worte hervor: »Ich komm' aufs Feld, weil es unser ist.« Wojtech schien von dieser gerechten Aufwallung Anschels sich wenig beirren zu lassen. Sein Antlitz wurde nicht finsterer; er blies eine starke Rauchwolke von sich; aber aus seinen Augen fiel ein merkwürdiger Blick. »He, Bürschchen,« sagte er langsam, »mußt mir nicht durchgehen; ich habe nicht gesagt, daß das Feld nicht dein ist, aber was du hier tun willst, das hab' ich gefragt.« »Darf man sich denn sein eigenes Feld nicht anschauen?« rief Anschel noch immer zornig. »He, warum nicht,« entgegnete Wojtech mit derselben Bedächtigkeit; »aber ich sehe schon, man muß bis an den allerletzten Tag von der Welt warten, bis daß die Juden anders werden. Die hat unser Herr und Heiland bis in den tiefsten Grund und Boden hinein verflucht. Die können gar nicht anders werden.« »Wie so?« fragte Anschel, ganz betroffen von diesem unerklärlich dunkeln Ausspruche des Knechtes. Wojtech tat wieder einige Züge aus der Pfeife, aber sie war ihm während des Redens ausgegangen. Mit einer heftigen Bewegung schob er sie in die Brusttasche zurück. »Nicht einmal so eine sakr . . . Pfeife will brennen, wenn die dabei sind,« sprach er halblaut vor sich hin, doch so, daß Anschel Sinn und Bedeutung dieser Worte nur zu gut begriff. Dann sagte er laut: »Willst du wissen, Bürschchen, wieso unser Herr und Heiland euer Volk in Grund und Boden hinein verflucht hat, daß sie es gar nicht mehr von sich herunterwälzen können? Sie dürfen nichts Grünes haben, nicht ein Halm auf der ganzen Erde darf ihnen gehören. So hat er sie verflucht auf ewige Zeiten.« Anschel begriff im ersten Augenblicke diesen sonderbaren Fluch nicht, aber seine Lage gegenüber dem rätselhaften Knecht hatte ihm die Sinne so geschärft, daß er gleich darauf rief: »Aber das Feld gehört ja uns, wir haben's ja gekauft.« »Selbes ist wahr,« entgegnete Wojtech, »und auch nicht wahr, wie man's nimmt.« »Ich frag' dich nur eins, Wojtech,« sagte Anschel eifrig. »Hat der Kaiser es uns erlaubt, Felder zu haben und zu kaufen?« »Ja und nein,« entgegnete der Knecht unbeugsam. »Hast du's denn nicht gedruckt gelesen?« rief Anschel wieder zornig. »Ich kann nicht lesen . . .,« sagte der Knecht trocken. »Wenn du also nicht lesen kannst,« rief Anschel in seiner Entrüstung, »wie kannst du denn so reden? Wir dürfen jetzt alles kaufen, und Felder dürfen wir haben, so viel wir wollen.« »Und wenn das zehntausendmillionenmal gedruckt ist,« sagte Wojtech mit erhobener Stimme, ohne jedoch einen zornigen Ausdruck anzunehmen, »und wenn es alle Pfarrer in der Welt von der Kanzel herunterlesen, ich kann's nicht glauben.« »Du willst nicht glauben, was der Kaiser befohlen hat, und was gedruckt zu lesen ist?« rief Anschel, mehr verblüfft als zornig. »Selbes mag wahr sein,« sagte der Knecht wieder mit seiner früheren Bedächtigkeit, »der Kaiser mag's zugegeben haben, daß ihr Felder kaufen dürft, denn wer das Geld hat, der kann alles kaufen. Aber das will er nicht, daß ihr Bauern seid, und daß ihr ackert und sät.« »Wir werden Felder kaufen dürfen,« rief Anschel, gereizt von dem Widerspruch, der in den Worten Wojtechs lag, bitter auf, »und Bauern dürfen wir nicht sein? Das will ja der Kaiser gerade nicht. Wir sollen ja Bauern werden.« Wojtech schüttelte ungläubig den Kopf; er schien durch den letzten Beweisgrund Anschels etwas in seiner vorgefaßten Meinung erschüttert zu sein. Anschel bemerkte, wie seine Lippen zuckten, als wenn er etwas Heftiges unterdrücken wollte. Dann griff er wieder in die Brusttasche und holte die Pfeife hervor, deren aschigen Inhalt er auf der Hand ausklopfte. Es hatte so den Anschein, als ob er sich auf eine recht einschneidende Gegenrede besinnen wollte. Der Versuch mochte ihm aber mißlungen sein; denn nach einer langen Weile rief er fast ärgerlich: »Es kann nicht sein! Wie hätte der Kaiser etwas zugeben können, was gegen unsern Herrn und Heiland ist?« Anschel begriff nun leicht, daß er auf diesen Beweisgrund des Knechtes nichts antworten könne; vielleicht mahnte ihn die im väterlichen Hause von »Kind auf« eingesogene Erfahrung, daß man auf die religiösen Bedenken der »herrschenden« Kirche nichts antworten dürfe. Wojtech hatte, wie dies Gebildeten und Ungebildeten eigen ist, seinen Widerwillen gegen die Juden auf das theologische Feld hinübergespielt, und ihm hierher zu folgen, ward Anschel eben so sehr vom Mangel an hinreichenden Kenntnissen, als von der Furcht abgehalten. Mit einer ihm sonst nicht gewöhnlichen Dreistigkeit meinte Anschel nach kurzem Besinnen: »Darauf weiß ich dir nichts zu sagen, Wojtech. Wenn mein Bruder da wäre, der könnte dir darauf einen bessern Bescheid geben; denn der hat's gelernt und wird einmal ein Rabbiner.« »Ist das soviel als Geistlicher?« fragte Wojtech. »Ja,« entgegnete Anschel unbefangen. »Warum studiert er nicht im Seminar bei seinem Bischofe?« fragte Wojtech weiter, den der neue Gegenstand des Gesprächs sehr aufmerksam zu machen schien. »Narr,« sagte Anschel lachend, »wir haben keinen Bischof, bei uns kann man Geistlicher zu Hause werden.« »Zu Hause?« rief der Knecht fast erschrocken. Anschel konnte ein leises Zittern, das die ganze stämmige Figur des Knechtes überflog, bemerken. Was sollte das bedeuten? Welcher neue Auftritt stand ihm bevor? – Das alles dauerte nur einen flüchtigen Augenblick. Wojtech mußte wieder die nötige Fassung gewonnen haben; aber es überkam Anschel ganz eigentümlich, als der Knecht mit veränderter Stimme, fast im weichen Tone zu reden anfing: »Du glaubst also, der Heiland habe euch nicht verflucht? habe geradezu herausgesagt, die Juden dürfen Felder haben und Bauern werden?« »Ich glaube es,« entgegnete Anschel, tief betroffen von dem Ernst, der sich über das ganze Wesen des Knechtes gelagert hatte. »Und meinst du, daß auch dein Bruder, der Geistliche, es glaubt?« fragte Wojtech weiter mit unsicherer Stimme, und warf dabei auf Anschel einen fast bittenden Blick. »Ja,« sagte Anschel unsicher, weil ihn eine Art Grauen vor diesem Verhöre überfallen hatte, »ich glaube: ja!« Wojtech wandte sich plötzlich von ihm ab und murmelte etwas vor sich hin, was Anschel nicht verstand; aber er war erstaunt, als sich der Knecht nach einer Weile wieder zu ihm kehrte, und er in dessen Gesicht blicken konnte. Es war, als hätte es sich in diesen wenigen Augenblicken so verändert, daß ein neues, nie gesehenes daraus geworden war. Alles Tückische und Störrische war daraus entschwunden, milde, fast weiblich sanfte Augen blickten Anschel aus diesem früher so finstern, gefürchteten Antlitz entgegen. Noch höher stieg seine Verwunderung, als nun der Knecht sagte: »Du willst also ein Bauer werden?« »Ich will!« sagte Anschel fast unhörbar. »Willst ackern und säen? Willst das Feld grün machen und es abschneiden, wenn Zeit ist?« fuhr Wojtech in demselben weichen Ton fort. »Ja,« antwortete Anschel. »So komm,« rief er mit erhobener Stimme, »hier gebe ich dir den Zügel in die Hand! Ich hab' die Pferde zehn Jahre geführt, heute sollst du sie übernehmen. Und gib jetzt acht, ich werde dir zeigen, wie man ackert.« Anschel fühlte den Zügel in der Hand; er wußte nicht, hatte er ihn selbst ergriffen, oder hatte ihm der Knecht ihn gegeben. Der plötzliche Entschluß Wojtechs, ihn als Schüler im Bauernhandwerk anzunehmen, hatte auf seine Sinne fast betäubend gewirkt. Wojtech hatte darauf den während des langen Gespräches in den Boden gesunkenen Pflug mit beiden Händen ergriffen, und ihn mit Gewalt auf eine andre Fläche gerückt. Es war dies das Tun eines einzigen Momentes. »Wie soll ich's denn machen?« fragte Anschel nach einer Weile. »Erst bete!« sagte der Knecht ernst; und als ob er ihm den Mut geben wollte, in dieser sonderbaren Lage seine Gedanken zu Gott emporzurichten, nahm Wojtech die Mütze vom Kopfe, und hielt sie andächtig in der Hand. Wunderbaren Eindrucks war diese Bewegung des Knechtes auf Anschels Gemüt! Als strömte von Wojtech eine unsichtbar belebende Kraft aus, kamen Empfindungen über ihn, die er bis dahin in solcher Stärke nicht gekannt hatte; eine innere Gewalt drängte Gedanken auf Gedanken, Wort fand sich zu Wort. Anschel hatte gebetet, ehe er selbst es wußte. Es war ein kurzes Gebet, es stand in keinem Buch, aber es war aus einem Menschenherzen gekommen, über das der Hauch der Andacht wehte, wie Frühlingswinde über den fruchtbaren Acker. »Bist du fertig?« fragte Wojtech nach einer Weile. »Ja,« sagte Anschel. »Ich möcht' wissen, was du gebetet hast?« sagte der Knecht in einem Tone, der keine Weigerung zuließ. Dennoch besann sich Anschel einen Augenblick; er trug Scheu, dieses kaum ihm klar gewordene Gedankenweben der Neugierde des Knechtes bloßzulegen. »Schämst du dich?« fragte Wojtech, als er Anschel zögern sah. »Du wirst es aber nicht verstehen!« sagte Anschel errötend. »Warum nicht?« »Es kommt etwas von unserer heiligen Sprache darin vor,« meinte Anschel zögernd. »So sag's nur!« drängte Wojtech. Gebrochen und unvollständig, weil er erst in eine mit ihm nicht geborene Sprache übersetzen mußte, was ihm einige Augenblicke früher so warm und unmittelbar aus der Seele gequollen war, versuchte Anschel den Inhalt seines Gebetes dem Knechte begreiflich zu machen. Es war ein Zusammenfinden von Gebetformeln, wie sie das Haus und die Synagoge ihm ins Gedächtnis zurückgerufen, mit eignen Gedanken, wie sie in der Weihe des Momentes mit dem vollen Ernste seines Gemütes über ihn gekommen waren. Wojtech hörte folgendes Gebet: »Gelobt sei'st du Gott, unser Gott, König der Welt, der du die Erdenfrüchte geschaffen hast und die Baumfrüchte; segne uns Gott, unser Gott, dieses Jahr: laß alle seine Fruchtarten gut gedeihen, laß Tau und Regen zum Segen sich auf die Erde ergießen, damit wir von deiner Allgüte uns sättigen, ja laß dieses Jahr den besten Jahren gleich gesegnet sein. Gott, unser Gott, segne auch unser Haus, mache, daß wir alle Freude hier finden, daß kein Herz trauert. Mache, daß wir nicht unruhig bleiben, denn du kannst ja alles. Der Winde wehen und Regen herniederfallen läßt, der allmächtige Gott, der sei gelobt und gepriesen von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.« Wojtech hatte aufmerksam zugehört, nicht das leiseste Zucken verriet an ihm, daß ihm eines der Worte, wie wenig geeignet sie vielleicht für sein Verständnis klangen, entgangen war. Als Anschel nun geendigt hatte, schien der Knecht noch eine längere Fortsetzung des Gebeteten zu erwarten, er blickte noch immer auf Anschels Mund. Dann sagte er rasch: »Jetzt komm, jetzt wollen wir ackern.« Die Pferde zogen an, und in die durch Gebet geweihte Erde schnitt scharf und schrillend das Eisen die erste Furche Anschels. 8. Anschel findet zwei Mädchen. Anschel hatte an diesem und dem darauffolgenden Tage keine leichte Schule zu bestehen. Wojtech hatte wieder seine alte Natur angetan; er war wieder mürrisch, störrig und befehlshaberisch geworden und ließ dies seinen Zögling in jeder Weise fühlen. Es schien, als ob mit dem Augenblicke, wo seine Füße wieder auf dem eigentlichen Ackerboden standen, der alte Geist der Abneigung, ja des Hasses über ihn gekommen wäre. Anschel tat es ihm in nichts recht; bald hastete er zu sehr seinen Schritt, ließ die Pferde nicht gemessen genug gehen, bald ging er wieder zu langsam neben ihnen einher. Der Pflug schnitt entweder nicht tief genug ein, oder er zog eine zu starke Furche. Beides rief aus dem Munde des Knechtes Vorwürfe und Ermahnungen hervor, die für jeden andern, nur nicht für Anschel verletzend klangen. »Stellt er sich nur so? Oder ist er wirklich so?« richtete Anschel oft die Frage an sich. Das eine begriff er aber mit allen Sinnen, daß er dem Knechte folgen und die Ausbrüche seiner finstern Laune ertragen müsse. Ein höheres Gefühl, als das der Furcht, etwas, was ihn unwillkürlich mit Gehorsam gegen Wojtech erfüllte, ließ jeden Trotz, jede Beleidigung und jeden Schimpf an seinem äußern und innern Ohre vorüberrauschen. Anschel sah in dem Knechte seinen Lehrer, der sich mit ihm Mühe gab. »Muß er dir's denn zeigen, wie man ackert?« sprach er zu sich; »zahlt ihm einer dafür?« Einmal ließ Wojtech plötzlich innehalten. »Da sieh her,« rief er bitter, »was du da gemacht hast. Wenn auf dem Feld etwas wachsen wird, so muß der Teufel es gesät haben.« Anschel wandte sich erschrocken um, und Wojtech zeigte mit der Hand auf eine eben aufgeworfene Scholle; sein Zögling konnte jedoch nichts besonderes daran bemerken. Die Unkenntnis dessen, was er eben jetzt begangen haben sollte, malte sich auf seinem Antlitze. Darauf bückte sich der Knecht nieder auf den Boden und nahm eine Hand voll Erde von der bezeichneten Scholle auf. »Ist das Erde?« rief er und hielt sie Anschel hin. Anschel begriff noch immer nicht, was der Knecht wolle, er sah ihn mit verlegen bittender Miene an. »Wenn ein Pferd auf das tritt,« sagte Wojtech darauf mit Zorn, »so kommt ein Funke heraus. aber etwas Grünes kann darauf nicht wachsen. Das merk dir, Bürschchen.« Damit nahm er zwei Kieselsteine, die der scharfe Pflug aus der Unterlage des Bodens hervorgefördert hatte, und warf sie in weitem Schwunge über die Felder, bis sie auf der Straße krachend niederfielen. Anschel wagte kein Wort der Widerrede, er verstand offenbar im ersten Augenblicke nicht die Absicht des Knechtes. Hatte er denn die Kieselsteine hingelegt? War es nicht Wojtech, der den Pflug lenkte und von dem es abhing, ob dieser leicht oder tief in den Boden schneiden solle? Erst, als sie sich wieder in Bewegung gesetzt, dämmerte ein leises Verständnis in ihm auf, daß gerade Wojtech es war, der an der bezeichneten Stelle plötzlich den Pflug tief in die Erde gedrückt hatte; er hatte den Ruck gefühlt, mit dem er das Ackerwerkzeug auf der bis dahin eingehaltenen Linie in eine tiefer liegende schob. »Hat er das mit Fleiß getan, um dir etwas Böses zu sagen?« fragte er sich, »oder hat er dir's nur zeigen wollen, wie man es besser machen muß?« Wojtech wußte wahrscheinlich nicht, welches Wesen hinter einem »Schullehrerseminar« sich barg, wußte nicht, daß man, um lehren zu können, die absonderlichsten Dinge lernen müsse, Dinge, von denen man dann kein einziges gebrauchen kann; wußte vielleicht nur, daß es in seiner Kindheit ein Büchlein gab, das ABC hieß, weiter aber nichts von »Propädeutik« synthetischer oder analytischer »Methodologie«. Wenn aber Anschel mit seiner letztern Vermutung recht hatte, wenn Wojtech an seinem eignen Fehler das Verwerfliche desselben beweisen wollte – hatte er damit nicht ein Talent zum »Lehrfach« dargetan, das auf so manchem Lehrstuhl unsers Vaterlandes im hellsten Lichte geglänzt hätte? Im Laufe des Vormittags gestaltete sich so der Knecht für Anschel zu einem stets rätselhafter werdenden Wesen; glaubte er ihn in dem einen Augenblicke erkannt, aus seiner Miene Neigung und Gefühl gesehen zu haben, so entschwebte ihm das alles wie ein Traum in der nächsten Viertelstunde. Wojtech schien dann eine grausame Freude, eine Art Blutgier an den Tag zu legen, um jedes günstige Urteil, jeden schmeichelnden Wahn in Anschels Seele gleich im ersten Augenblicke zu ersticken. Es war ihm nichts daran gelegen, was Anschel von ihm denke, ob Gutes oder Böses, wenn er ihn nur seine Oberherrlichkeit und seine Laune konnte fühlen lassen. So fragte ihn einmal Anschel ganz unschuldig, ob Wojtech noch nie gehört habe, daß man in einem Lande, er glaube es sei in England, oder drüben über dem Meere, gar nicht mehr mit dem Pfluge umgehe. Da schicke man eine Maschine, aus der Dampf herausgeht, auf das Feld hinaus, die laufe hin und her und habe den Verstand für den Menschen. Die Leute blieben zu Hause; wenn sie aber gegen Abend auf ihre Felder herauskommen, so sei alles getan, als wenn zwanzig Menschen mit vereinten Kräften sich abgemüht hätten. »Glaub du das nicht, Bürschlein,« hatte Wojtech mit beinahe mildem Ausdrucke gesagt, »so ein Feld kennt seinen Menschen, es weiß gleich, will dieser Mensch ihm gut oder ist er ihm ein Feind, und danach richtet es sich auch. Du wirst sehen, Bürschlein, wie das immer und immer eintrifft. Und wahr kann das gar nicht sein. Das Feld möcht's ja wissen. daß es von keinem Menschen gepflügt worden ist, und aus Zorn möcht' es nicht ein einziges grünes Korn herausbringen. Es wär' verhext.« Als aber Anschel darauf erwiderte, es müsse doch wahr sein, denn man habe schon viele absonderliche Dinge gehört, und sie seien doch jedesmal wahr gewesen, rief Wojtech in einem Ausbruch leidenschaftlichen Grimmes, daß Anschel entsetzt davor zurückbebte: »Wenn es wahr sei mit dieser Teufelsmaschine, so seien die Juden nur daran schuld. Weil die nun Felder kaufen könnten, so viel sie wollten, so glaubten sie auch schon, die ganze Welt gehöre ihnen. Ackern, säen, überhaupt sich abmühen, wolle keiner von ihnen; darum sei so eine Maschine, aus der Dampf herausgeht, ihnen gerade recht; da brauchten sie keinen Christenmenschen dazu, denn was läge ihnen daran, wenn alles zugrunde gehe? Aber er hoffe, man werde sich das nicht gefallen lassen, und sei eine solche Maschine mit Dampf stark, so seien die Menschen doch noch stärker; sie würden sie totschlagen mit Sensen und Dreschflegeln, daß auch nicht ein Stück zurückbliebe, um damit seine Pfeife anzuzünden.« Diesem wilden Haßausbruch war dann ein langes Schweigen gefolgt. Anschel verrang nur mit Mühe diese schrecklichen Worte; Zornesgewalten drängten sich in ihm auf und nieder; er fühlte sich voll Wut gegen den Knecht. Nur mit Widerwillen blieb er; er wäre am liebsten davongegangen. Ahnte der Knecht, was in Anschels Gemüt vorging? Wollte er ihn versöhnen? Als Anschel einmal ermüdet stehen blieb, und mit dem Tuche den Schweiß von der Stirne wischte, sagte Wojtech im Tone des tiefsten Mitleids: »Setz dich nieder, Bürschlein, und ruh dich aus. Das Feld läuft uns nicht weg.« Als sich Anschel, der Erlaubnis des Knechtes folgend, auf den nackten Boden setzen wollte, sagte Wojtech verwehrend: »Nicht, nicht, Bürschlein. Da ist jetzt kein Sitzen für einen gesunden Menschen; böser Dunst steigt herauf und könnte dir den Tod bringen. Was möcht' deine Mutter dazu sagen?« Und ehe Anschel es sich versah, hatte Wojtech mit einer raschen Wendung sich seiner Jacke entledigt und sie auf den Boden gebreitet. »Da setz dich her,« sagte er, »und ruh dich aus. Ich will mir indessen eine Pfeife stopfen.« Dankend, aber sprachlos blickte Anschel von seinem Sitze zu dem Knechte auf. Er wurde aus ihm nicht klug. Zu Mittag brachte eine Magd das Essen für Wojtech; Anschel sollte nach Hause kommen, meldete sie, man warte schon auf ihn. Anschel vernahm diesen Bericht mit Verdruß; ihm dünkte, es schicke sich nicht, den Knecht »so allein« da zu lassen, sein Mahl unter freiem Himmel verzehrend, während er selbst nach Hause ging, um sich mit seinen Eltern in aller Gemächlichkeit an den Tisch zu setzen. Aber so sehr stand er bereits unter der rätselhaften Gewalt des Knechtes, daß er vorher gleichsam um Erlaubnis bittend zu Wojtech aufschaute. Dieser hatte sich, nachdem er über Kopf und Brust das Kreuzeszeichen gemacht, auf den Pflug niedergelassen und sogleich seine Mahlzeit begonnen. Wojtech mußte die fragende Miene verstanden haben, denn er sagte lachend, mit einem Bissen im Munde: »Geh nur, mein Bürschchen, und laß dir's schmecken; das ist noch nichts für dich . . bis später.« Er meinte wahrscheinlich damit, Anschel sei noch nicht Bauer genug, um auch die Mühen des Bauernstandes zu übernehmen. Als Anschel aus dem Bereiche des sonderbaren Knechtes gekommen war, überfiel ihn eine Empfindung der Ungebundenheit und des Wohlseins, wie er sie seit langem nicht gekannt hatte. Schrie er laut auf? Hallten die Felder von seinem Gesange wider? Er hätte es nicht sagen können, ob, was das innere Ohr vernahm, auch nach außen hin die Luft in Schwingungen versetzte. Aber es war ihm zumute, als hätte er das Recht, die ganze Gegend mit seinem Gesange zu wecken, hellauf zu lachen und Possen zu treiben. Hätte Anschel nachgedacht, er hätte vielleicht in den fernen Tagen seiner Kindheit Stunden erkannt, deren Antlitz eine schlagende Ähnlichkeit mit den heutigen hatte. Er hätte sich als Kind gesehen, das springend und wohlgemut aus der Schule des Lehrers kam, in namenlosem Jauchzen, daß die Lehrzeit vorüber. War Anschel heute nicht auch in die Schule gegangen? Hatte er nicht auch einen strengen Lehrmeister gehabt? Ganz und ungeteilt war jene Ungebundenheit, jenes Wohlsein einer befreiten Seele über ihn gekommen. Nur das eine war noch hinzugetreten: Anschel hatte zum ersten Male den Segen der schweren Arbeit kennen gelernt. Er war Kind und zugleich Mann geworden. Er war Wojtechs Zögling; aber die Schule war sein eigenes Feld. In dieses innere Singen und Freuen trat mit einem Male etwas ein, wovor es wie ein scheuer Waldvogel aufflatterte und verstummte. Vor ihm gingen zwei Mägde, mit Körben an dem Arm, in denen sie die leeren Eßgeschirre von den Feldern heimbrachten. Die eine dieser Mägde war auffallend schlank und feingegliedert, während die andre in ihrer gedrungenen Gestalt sich fast plump neben ihr ausnahm. Noch ehe Anschel die beiden Mädchen erreichen konnte, hörte er sie leise untereinander kichern, und die Kleine sagte darauf so laut, daß ihm kein Wort entgehen konnte, zu der andern: »Du wirst sehen, er kennt dich noch.« »Narr, es war ja in der Nacht,« gab die Große mutwillig zur Antwort, »und du weißt, bei Nacht ist alles schwarz, selbst eine rote Henne.« In Anschels Herzen regte sich etwas mit großer Gewalt; zugleich fühlte er plötzlich einen so heftigen Schmerz in dem Finger, den er in der ersten Nacht an einem Nagel der Gartenplanke blutig geritzt, als ob es in dem Augenblicke geschehen wäre. Die Stimme der Sprecherin, jener schlanken, feingegliederten Gestalt, schien ihm so bekannt . . . War sie es? Die Mädchen machten kleine trippelnde Schritte, als wollten sie es dem Nachkommenden erleichtern, sie zu erreichen. Verstand Anschel diesen Wink nicht? Oder wollte er ihn nicht verstehen? Mit einem Male sah er, wie die Kleine mit einer hastigen Bewegung den Korb vom Arm der Großen riß. »Geh,« sagte sie, wie unwillig, »du machst mir zu langsam, du trippelst wie ein Hühnchen herum, wenn es aus dem Ei gekrochen ist, und ich habe noch viel zu tun.« Ohne weitere Gegenrede abzuwarten, war sie davongeeilt. Die Große schien das ohne Weigerung angenommen zu haben. Anschel kam nun näher; er befand sich nur noch wenige Schritte von dem Mädchen. War er erst mutig geworden, seitdem er keinen Zeugen um sich sah? . . . Ehe er es selbst wußte, stand er, ging er neben ihr; aber die beiden sahen sich nicht; mit gesenkten Blicken, pochenden Herzen und schweigenden Lippen wandelten sie nebeneinander. Wartete einer des andern, bis der Geist über ihn gekommen? Endlich drängten sich Worte auf Anschels Lippen, Worte, die keinen eigentlichen Zusammenhang hatten, aus denen nur das eine hervorging, daß ihr Sprecher sich in namenloser Verlegenheit befand. Er wollte gesagt haben, ob sie sich seiner und jener Nacht noch erinnere, da er mit ihr über die Gartenplanke hinüber so viel und mancherlei geredet, aber er hatte nichts davon gesagt. Und je mehr Anschel sprach, desto mehr geriet er in die wirren Netze seiner eigenen Rede hinein, bis ein herzhaftes Gelächter des Mädchens ihn plötzlich wie mit einem Rucke aus dieser drangvollen Lage befreite. »Bist du gescheit oder nicht?« rief sie. »Warum sollte ich dich nicht kennen? Einen Dieb. der das Haus so umschleicht, den merkt man sich leicht, und . . .« Jetzt erst schaute Anschel auf. Da stand wirklich vor ihm jenes Mädchen, das ihm bei ihrer Ankunft im Dorf so rätselhaft Bescheid gegeben, aber schöner und lieblicher, als er es in jener Nacht flüchtig im Mondenglanz an sich hatte vorübergleiten gesehen. Auch sie warf auf ihn einen jener schnellen Blicke, gegen die der Blitz des Himmels, ja selbst der Gedanke langsam sind; denn er ist beides zugleich, Blitz und Gedanke, zündendes Feuer und Seelenausdruck. »Hältst du mich noch für einen Dieb?« rief Anschel mit einem Male ermutigt. »He, warum nicht?« lachte das Mädchen mutwillig und zeigte dabei eine Reihe weißer Zähne, die es noch lieblicher machten. »He, warum nicht? Wie heißt man einen, der mitten in der Nacht, wenn es niemand sieht, einem Mädchen etwas aus der Hand reißt und damit forteilt?« »Du meinst das Tuch,« sagte er stockend, »das ich mit mir genommen habe? Du hast es mir aber selbst gegeben.« »Da seh' mir einer den an, der das sagt,« rief das Mädchen wieder lachend. »Du hast mir's weggerissen und bist damit fortgelaufen.« »Verzeih mir,« meinte Anschel im gerechten Bewußtsein seines Rechtes, »du hast es mir gegeben, hast es selbst ins Wasser eingetaucht, damit ich es auf das blutige Gesicht lege. Ich muß das ja besser wissen als du.« »Es ist nicht wahr!« sagte das Mädchen plötzlich heftig werdend und wandte sich rasch ab. Wunderbares Sprießen und Keimen eines einzigen Gefühles in zwei Menschenherzen. Da nimmt das eine nicht Anstand, dem andern Lüge und Falschheit anzudichten, sich zu wehren gegen es mit stachlichten, schneidenden Worten, mit Mutwillen und Spott. Aber es beleidigt, es verletzt nicht; es führt süße Nahrung herzu, klingt wie schmeichelnde Musik. Das ist dann dasselbe Gefühl in zwei Seelen, das sie mutig macht, um den Kampf mit einer Welt zu bestehen, demütig und aufopfernd zugleich, ernst und freudeberauscht. Aus scheinbarem Widerspruch ringt sich das Verständnis los; unter Spiel und Tand steht sie plötzlich da, die verzehrende, über alles flammende, in sich selbst versinkende Liebe! Darum klang es auch nicht als Beleidigung an Anschels Ohr, als das Mädchen ihm so offenbar eine Unwahrheit vorwarf. »Wenn du willst,« sagte er hastig mit überquellenden Lauten, »so geb' ich dir's zurück. Ich habe ganz vergessen.« »Wo hast du's denn?« rief das Mädchen gleichfalls heftig. »Gib mir's gleich!« »Hier, hier!« rief er gepreßt. Mit zitternden Händen fuhr er unter den Rock. »Da nimm es!« sagte er atemlos, »wenn du's willst. Ich will kein Dieb sein, ich hab's bei mir behalten seit jener Nacht.« Er gab ihr aber das Tuch nicht hin; er behielt es an sich gedrückt, als fürchtete er, eine kleine Handbewegung könnte ihm dasjenige rauben, was bis dahin . . . auf seinem Herzen geruht hatte. Das Mädchen warf einen scheuen Blick darauf, dann zuckte es mit der Hand danach, aber sie berührte nicht das Tuch, sie lag auf Anschels Hand brennend heiß. Da ging ein Schauer, ein Wehen durch beider Seelen, ein Licht flammte vor ihnen auf, Auge fand sich im Auge, . . . sie standen sich wie im Boden wurzelnd eine Weile gegenüber. »Behalt's nur,« sagte sie leise, »behalt's nur.« »Wenn du's aber willst,« meinte Anschel, ihr aufs neue das Tuch hinreichend. »Behalt's nur, behalt's nur!« schrie sie fast laut. Weiter ward kein Wort zwischen den beiden gesprochen. Sie hatten die ersten Häuser des Dorfs erreicht, sie standen in der Gasse und wußten nicht, wie sie dahin gekommen. Mit gesenkten Blicken waren sie nebeneinander gegangen, Anschel noch immer das wie eine Beute auf dem Schlachtfelde geholte Tuch in der Hand haltend, nicht bedenkend, daß so etwas geborgen werden müsse scheu und sicher vor der Menschen Neugier und Urteil. Aber solche Gemüter, die der süße Rausch überkommen, wandeln mit offenen Augen über Abgründe und Tiefen und sehen sie nicht; setzen über tosende Wasserflächen und hören sie nicht; Feinde scharen sich rings um sie; aus tausend Verstecken schwirren Pfeile über sie, aber sie fühlen das tödliche Geschoß nicht. Plötzlich sah sich Anschel allein, das Mädchen hatte ihn verlassen. War sie klüger als er? Fürchtete sie mit ihm gesehen zu werden? Jetzt erst kam über ihn eine Eile, ein Hasten, als hätte er Langversäumtes in einem einzigen Augenblicke nachzutragen. Blickten nicht von allen Seiten fragende Augen ihm nach? Fühlte er sie nicht brennend auf sich liegen? Mußte er nicht sein stilles Glück ungesehen und unbeachtet nach Hause tragen? 9. Eine Mutter sucht nach einem Kinde. Seitdem Anschel das neue Leben in sich trug, das so unerwartet gleich mit dem ersten Eintritt ins Dorf ihm aufgegangen, erschien ihm seine Familie als ein anderes. Sie war ihm mit einem Male fast gleichgültig geworden, es war, als gehörte er ihr nicht mehr an, als sei ihr Leid ein ihm ganz fremdes, als hätte er keinen Anteil an ihrem innern Dasein zu nehmen. Es wird dies niemanden wundern, wer die Selbstsucht solcher ersten Gefühle kennt. Berge und Täler sollen sich verrücken, das Flußbett sein altes Lager verlassen, in dem sich die Woge seit Menschengedenken wälzt, untreu soll alles werden den ewigen und menschlichen Gesetzen, damit nur sie hochaufschreiten können durch die Welt, durch nichts gehindert, von niemandem gekränkt! Rebb Schlome hatte seine Freude, wie anstellig sich Anschel in dem neuen Stande zeigte. Er hatte das hinter dem träumerischen »Jüngel«, für den das »Geschäft« nicht den mindesten Reiz gehabt, nicht gesucht. Anschel war unermüdlich in seinem Eifer. Früh morgens war er mit den Knechten schon aufs Feld gegangen, wenn Vater und Mutter noch schliefen; selbst zu Mittag mochte er nicht heimkehren; er hatte es durchgesetzt, daß er sein »Essen« neben Wojtech auf dem Felde verzehren durfte, weil es sich so besser »schicke«. Das erstemal, als dies geschah, sträubte sich Nachime mit allen Kräften dagegen; es war unerhört, daß man einem ihrer Kinder das»Essen« wie einem »Schnorrer« hinausschicke. In ihrem Vaterhause und auch anderswo halte man es für das höchste Glück, sagte sie, wenn man die Kinder schön um sich herum sitzen haben könne; jetzt aber solle sie ihren Anschel ganze Tage lang nicht zu Gesichte bekommen, solle nicht wissen, wie ihm das Essen geschmeckt und ob es ihm auch wohl bekommen sei. Den schärfsten Ausdruck legte sie aber darauf, daß ihr Kind mit Knechten und Mägden »zusammen essen« sollte. »Deswegen sind wir aufs Dorf gezogen, das hätte mein Anschel nicht anderswo auch haben können?« Nachime vergaß, daß es Anschels eigner Wunsch gewesen war; aber ein wundes Herz kettet fast mit Absicht alles, was es drückt, nicht an dasjenige, was ihm im Augenblicke ein Leid bereitet, sondern steigt immer und wieder zu der Quelle zurück, woher es überhaupt ausgegangen; es übersieht stets das ganze Gebiet seiner Krankheit. Wie ein erfahrener Arzt weiß es selbst ein unwesentlich scheinendes Weh mit dem am Leibe nagenden, unausrottbaren Krankheitsstoffe in Verbindung zu bringen. Es war überhaupt mit Nachime eine ganz eigentümliche Veränderung vorgegangen. Die demütig schweigsame Frau war mit einem Male fast überlaut in ihren Aeßerungen geworden; täglich, ja stündlich konnte sie davon sprechen, wie ganz anders es in der »Kille« sei, warum sie mitgegangen, warum sie sich mit »Händ und Füß« dagegen gestemmt habe, fortzuziehen. Es schien, als sei sie sich plötzlich der ihr im Hause vorenthaltenen Stellung bewußt geworden, und trachtete nun danach, keinen Fuß breit des gewonnenen Landes wieder abzutreten. Man weiß, was zu geschehen pflegt, wenn Menschen, namentlich Frauen, zu einem Aufgeben ihrer eigentümlichen Natur gezwungen sind. Nachime war aus dem Kreise ihres bisherigen Daseins zu unvorbereitet gerissen worden, als daß dies nicht einen merklichen Einfluß auf ihren Charakter hätte ausüben sollen. Niemand hätte in ihr, wenn er sie so sprechen hörte, wenn er den harten Ton vernahm, mit dem sie Knechten und Mägden gebot, oder die verdrossene Miene sah, mit der sie die häuslichen Angelegenheiten leitete – niemand hätte in ihr die milde duldsame Nachime erkannt. Alles an ihr schien verändert; selbst in ihrer Kleidung zeigte sich dies, die bereits Spuren von Vernachlässigung an sich trug. Man machte ihr darüber keine Vorwürfe, wie man ihr überhaupt immer weniger zu antworten oder ihre bitteren Bemerkungen zu entkräften suchte. Dafür antwortete sie sich selbst, machte sich selbst Vorwürfe, denen sie dann, als wären sie ihr von einem andern gemacht worden, entgegentrat. »Ob sie sich für die Bauern oder die Kühe im Stall die ›Jontefhaube‹ aufsetzen solle?« hieß es dann; »ob nicht das allerschlechteste Kleid, wie sie es nur im Winter auf den Märkten getragen, gut genug sei?« Selbst am Sabbat machte sie davon keine Ausnahme; es schien ihr eine Art von Befriedigung zu gewähren, in den schönen Tag der Ruhe die düstern, grauen Farben ihrer Stimmung hineinzutragen. »Für wen sie denn Sabbat machen solle?« warf sie sich dann vor, »ob für den Knecht Wojtech, der ›einen‹ gern in einem Löffel Wasser vergiften möchte? Sie könne ja nicht einmal in ›Schul‹ gehen und Gott loben und preisen, sie werde zuletzt jedes ›jüdisch‹ Wort verlernen und nicht mehr wissen, wo Gott wohnt?« Solche Worte, namentlich am Sabbat gesprochen, verletzten tief und rissen noch mehr in der bereits weit klaffenden Wunde. Der Sabbat ist der Tag, an dem man solch schneidendem Wortgefechte gern aus dem Wege geht und die Seele frei halten will von den kreischenden Tönen des Gemeinen. Wenn aber diese friedselige Stimmung gewaltsam angegriffen wird, so wehrt man sich dagegen mit allen Kräften. Darum fehlte es besonders an diesem Tage nicht an harten Gegenreden. »Wenn man sie so sprechen höre,« klang es dann bitter von Rebb Schlomes Lippen, »so meine man nicht anders, als sie hätten alle, was Gott verhüte, das ›Taufwasser‹ über sich ergehen lassen . . . in Rebb Schlome Hahns Hause warte man nur darauf, bei der nächsten Gelegenheit sich auf und davon zu machen und zum Geistlichen zu wandern. Und das sage ihm das eigne Weib! Aber er wisse schon, was es mit dem ›Frommsein‹ der Weiber sei; um Gott sei es ihnen nicht zu tun, höchstens um die schöne Haube oder um die neue goldene Kette, die sich die Nachbarin angeschafft hat. Darum sei auch in der ›Weiberschul‹ ein so lautes Lärmen und Plaudern, man könne oft sein eignes Wort nicht vernehmen. Wenn sich Nachime nach dem zurücksehne, so begreife er das, denn hier auf dem Dorfe finde sich so etwas nicht vor; ihm aber solle sie den Sabbat nicht verstören mit solchen Reden, bei denen nichts herauskomme.« Solchen Worten gegenüber, die den Riß zwischen den beiden Eheleuten grell dartaten, hatte Nachime keine Tränen, wieder nur Worte entgegenzusetzen. Die spöttische Anspielung auf ihr »Frommsein« erschütterte sie nicht so sehr, als sie in ihr eine fast an Wut streifende Entrüstung weckte. Das ganze Wesen dieses duldenden Weibes erzitterte, als sei es von rauher Hand an der wundesten Stelle gewaltig gepackt worden. Mit kreidebleichen Lippen und kreischender Stimme rief sie: »Da könnten es alle hören, und was ich heute an diesem Sabbat sage: Wenn eines von unsern Kindern zur Taufe gehen wird, so bist nur du daran schuld; den alten Gott hast du ihnen schon genommen, indem du sie aufs Dorf geführt, und daß sie bald den neuen finden werden, davor ist mir nicht bange. Du wirst auch schon für den sorgen.« Einen solchen Ausbruch tiefinnerster Leidenschaftlichkeit hatte Rebb Schlome nicht erwartet. Er erschrak heftig darüber. So weit hatte er nicht gehen wollen; seine Bemerkung über das »Frommsein« der Weiber hatte Nachime nur im allgemeinen gegolten; aber darin liegt eben das Verhängnisvolle solchen Streites: er fährt unabsichtlich ins Fleisch, reißt Wunden ein, die man nicht schlagen will, zerstört, was man unverletzt erhalten wollte. Beschwichtigend trachtete er einzulenken, meinte fast scherzend, die ganze Welt wisse, Rebb Schlomes Nachime brauche sich, was das »Frommsein« betrifft, nicht vor einem Landesrabbiner zu schämen; sie werde doch vom eignen Manne einen »Spaß« hinnehmen. Aber Nachime wollte dem Streite nicht diese Pforte aufschließen, was doch zuletzt das beste gewesen wäre, verstand den Spaß nicht und rief bitterlich: »Gott kann das nicht ungestraft lassen, was man an mir getan hat. Den Dieb, der einem eine Kleinigkeit stiehlt, den sperrt man ein; mir aber hat man alles genommen, es ist mir nichts geblieben, nicht einmal der heilige Schabbes, den doch der ärmste ›Schnorrer‹ auf der Welt hat.« Als darauf Rebb Schlome, durch diesen Vorwurf erbittert, zornig meinte: »Eine schöne Schnorrerin bist du! Tausende von jüdischen Weibern möchten sich auf die Knie werfen vor Gott und dem danken mit aufgehobenen Händen, wenn sie der Mann zu einer solchen Schnorrerin gemacht hätte,« rief sie unversöhnlich: »Dazu werde ich mich besinnen. Mein Gott wird mir das nicht ungut nehmen, wenn ich mich für das, was man an mir getan hat, nicht bedanken kann. Wenn man mir alles nehmen wird, was ich habe, wenn ich arm und barfüßig dastehen werde, dann erst werde ich sagen: Großer Gott in deinem Himmel, wie gut hast du's mit mir gemeint. Aber jetzt?!« Solche Auftritte endigten gewöhnlich damit, daß beide Teile fast aus Erschöpfung die Waffen sinken ließen. Die Kinder selbst, teils aus Scheu vor dem elterlichen Ansehen, teils weil ihnen das Herz dabei vor Wehmut und Bekümmernis anschwoll, begaben sich nicht in die heiße Luft solcher Wortkämpfe. Sie suchten sich zu entfernen, und wo das nicht anging, schwiegen sie. Aber weder für Nachime, noch für Rebb Schlome hatte dieses Schweigen der nächsten Glieder ihres beiderseitigen Daseins etwas Verdammendes. Merkwürdig war es, daß solche Auftritte gerade in Gegenwart der Kinder stattfanden, als hätten sie Zeugen haben müssen; das Alleinsein vermieden die Eheleute. Es ist bezeichnend für das menschliche Herz, daß es sich in solchen Lagen gern nach Stützen, gleichsam nach Verfechtern und Anhängern seiner Partei, umsieht. Selten macht ein Gemüt, und sei es eisenfest und genietet, von dieser Regel eine Ausnahme. Im Gegenteil! Je stärker es ist, desto mehr will es gestützt und in seiner Wucht erhalten werden. Wir haben gesehen, wie auch Rebb Schlome trotz seiner herrischen Natur diesem Gebote sich nicht zu entziehen vermochte, wie er, zu Anschels Erstaunen, ihm sein Leid auf Herz gelegt. Aber was für den starken Mann vielleicht das Bedürfnis eines drangvollen Augenblicks gewesen, das gestaltete sich für das schwache Weib zu einer Lebensaufgabe. Sie mußte jemanden haben, mit dem sie sich »ausreden« konnte, bei dem sie Billigung und Gedankengemeinschaft fand. Aber wo war er? Sie sah sich unter ihren Kindern um; sie horchte angstvoll nach der Stimme unter ihnen, die der ihrigen entgegen tönen würde. Anschel, ihr Lieblingskind, war von ihr abgefallen, das fühlte und begriff sie. Das sah sie täglich, ja stündlich mehr ein! Arbeitete er nicht, als wäre er der niederste Knecht? Zeigte er nicht einen Eifer im Bewältigen des neuen Lebens, das für sie so schreckenvoll begonnen hatte? Entzog er sich nicht fast absichtlich ihrem Anblicke? Wenn die arme Mutter sein gedachte, wie er früh morgens, ohne sie gesehen zu haben, fortzog mit den Knechten, ohne Liebeswort, ohne sie zu fragen: Mutter, wie ist dir? dann überwallte sie ein Gefühl, das in Augenblicken fast dem Hasse ähnlich war. »Hab' ich das um ihn verdient?« klagte sie dann; »hab' ich ihm denn nicht immer gezeigt, daß er mir mein liebstes Kind ist?« Dann geschah es auch, daß Anschel bei seiner Rückkunft von der Arbeit mürrisch, ohne Gruß von ihr empfangen wurde, wie sehr es auch in ihr stürmte und drängte. – Sie, die milde, aufopfernde Mutter, fand dann kein Wort des Erbarmens für seine Müdigkeit, fand keins jener die gesunkene Kraft wieder hebenden Mittel für ihn, setzte ihm das Abendessen hin, wie einem Fremden, den man nur um Gottes willen speist und tränkt, nicht mit jener Freudigkeit des Gebens, mit jenem leuchtenden Glanze des Auges, den wir an unsern Müttern kennen, so oft sie uns beschenken. Wenn dann Anschel mit dem Vater vom Felde sprach, wenn er oft warm wurde vom Gespräch, von Wojtech erzählte, dessen rätselhafte Natur er noch immer nicht begriff – ihr schnitt jedes Wort wie eine scharfe Klinge durch die Seele. Wozu erzählte er das? Wußte er nicht, daß es sie kränke, alle Geister der Sehnsucht in ihr wachrief, ihr ganzes Elend ihr immer neu vorrückte? Mußte sie nicht annehmen, daß er es mit Absicht tat? Wie hätte Nachime in solcher Gemütslage das keimende, neue Leben ahnen können, das in ihrem Kinde fast mit dem ersten Beginne schon unausrottbare Wurzeln geschlagen hatte? Sonst erraten das die Mütter oft auf den ersten Blick; sie haben das Auge dafür; sie verstehen sich auf Zeichen. Nachime aber lebte nur in sich; in ihrer Selbstsucht lauschte sie nur auf ihr eignes Leid. So war ihr das Nächste entgangen, die Flamme, die still und unbewacht unter dem Dache loderte, das sie alle einschloß. In ihrem Drange sich »auszureden« fiel sie sogar auf Tille. Aber bei dem ersten Versuche schreckte sie zurück. Das Kind war, seitdem sie hierhergezogen, beinahe wild und unbändig geworden; befand sich am liebsten unter Knechten oder Mägden, oder lief im Dorfe umher, wobei es gewöhnlich den Vetter Koppel zum Begleiter hatte. Ja, Nachime wollte sogar bemerken, daß sie seit dem Wegzuge aus der »Kille« nicht mehr so »gescheit« und »ausgefallen klug« sich darstellte. Alle jene Künste und Reize, die das Kind sonst zum Entzücken der ganzen Familie besessen, schienen mit einem Male von ihr gewichen; sie erheiterte niemanden mehr. Wollte sie mit ihr ein »gescheit« Wort reden, so lachte sie, tat ungebärdig und lief davon. Nachime begriff nicht, daß auch für das Kind neue Verhältnisse angebrochen waren, begriff nicht, daß Tille in eine andre Luft, unter andre Menschen gekommen, unter denen ihr bisheriges Wesen nichts galt; sie sah auch in ihr eine Abgefallene, und mehr als einmal, wenn sie das Tun des Kindes erwog, sagte sie kummervoll vor sich: »In der steckt ein zweiter Anschel.« So waren alle, die ihr bisher so nahe gelegen, in schreckliche Ferne gerückt worden; es führte kein Weg, keine Spur zu ihren Herzen. Wie in einem furchtbaren Schneesturm war jede Spur und jeder Steg zu ihnen verweht worden, und Nachime hatte nicht den Mut, war zu unglücklich, um sich schon jetzt den alten Weg zu ihnen zu bahnen. So war ihr nur Elieh geblieben; an ihn drängte es sie mit allen Sinnen sich zu klammern. Wenn sie irgendwo Hilfe und Trost finden konnte, so war es bei ihm; denn auch er, der fleißige »Bocher«, mußte an demselben innern Gebreste leiden; auch ihm, dachte sie, sei das größte Unrecht geschehen. Hatte ihn »ein Mensch« gefragt, ob er fort wolle? War er nicht gleich ihr, willenlos und gebunden »wie ein Lamm zur Schlachtbank« ergriffen und fortgeführt worden? Wenn in Nachimes verbittertem Herzen sich noch irgendwo eine Spur jenes alten Erbarmens regte, das einst milde das kleinste Wehe ihrer Kinder umfangen hatte, so fiel es nun auf Elieh. Er erschien ihr noch mitleidwerter, als sie sich selbst. Sie war doch »ein Weib«, mußte hingehen, wohin ihre Familie ging, aber was sollte er mit seinem Talmud und seinen sonstigen Studien hier auf dem Dorfe mitten unter Bauern anfangen? Wenn »einer« nicht hieher gehörte, so war es Elieh. Und doch hatte sie selbst unter den Zubereitungen zur Abfahrt an diesen Umstand nicht gedacht; er fiel ihr erst jetzt, aber mit desto verstärktem Drucke, aufs Herz. Elieh war nämlich bis dahin immer kränklich gewesen, hatte eine entbehrungsvolle, leidende Kindheit gehabt, die ihn still, mit blassem Aussehen, wie mit gebrochenen Schwingen an die späteren Tage des Jünglingsalters abgegeben hatte. Er hatte sich im Hause nie bemerkbar gemacht; trug seine Kränklichkeit mit jener Fassung. die nichts fordert, die nicht einmal bemitleidet sein will, und alles erreicht hat, wenn man sie ungefragt und ungestört in sich selbst verkehren läßt. Aber so unscheinbar solche Naturen im Hause auftreten – von denen, die mit ihnen wandeln, fordern sie die sorgfältigste Beachtung; üben auf sie einen wahrhaft tyrannischen Druck aus. Das war nun bei Elieh zwar nicht der Fall; er quälte niemanden mit seiner Laune, er forderte nicht mehr, als wozu er berechtigt war. Aber um so mehr fühlten sich die anderen gedrängt, ihm entgegenzukommen, Rücksichten auf ihn zu nehmen, die Leuten von tätigem Lebensberufe oft so schwer fallen. Man mußte frühzeitig darauf bedacht sein, für Elieh eine Lebensstellung zu finden, die seiner Natur am meisten zusagte. Für das »Geschäft« paßte er ebensowenig als Anschel, er war zu still dafür. Wie hätte er auch die Mühseligkeiten eines zum größten Teile auf Märkten sich bewegenden Treibens ertragen können? Der erste Luftzug, der leiseste Regentropfen, hatten die Eltern gemeint, würde ihn töten; und wie viel mehr hatten sie beim »Geschäfte« zu erleiden. Ein Handwerk, und sei es selbst das leichteste, erschien ihnen nicht weniger aufreibend; zudem hatte Elieh schon als Kind viel Neigung zum »Lernen« gezeigt, am liebsten mit Büchern verkehrt. Diese Neigung erschien ihnen so ausgesprochen, in so klaren Umrissen, daß sie ihr wie einem Fingerzeige Gottes Folge leisteten. Man ließ Elieh »lernen« und »lernen«, fragte ihn nie: »Bist du so zufrieden?« und wie auf Verabredung strebte alles dahin, aus seiner Nähe alles Lärmende und Beunruhigende zu verbannen; man umspann ihn sozusagen mit dem tiefsten Frieden, und glaubte um so mehr alles getan und aufs Beste gesorgt zu haben, als Elieh nie es merken ließ, daß ihm sein häusliches Gefängnis zu enge sei. Welchen Entwicklungsgang Elieh unter dem Einflusse dieser Behandlung zurücklegte, war allen, ihm selbst ein Geheimnis geblieben; das viele »Lernen« erschien ihnen eben als Beschäftigtsein in freudlosen Tagen, als ein Ausfüllen der Zeit. Keiner ahnte, ob die Seele des kränklichen Jünglings, der tagaus tagein in den toten Schätzen verschollener Gottesgelahrtheit brütete, von dem sie selten einen andern Ton vernahmen, als jenen eigentümlich singenden, der das »Lernen« der talmudischen Bücher begleitet; – ob diese Seele auch andere Gesänge hörte, ob nicht zuweilen Stimmen in ihr erschollen, die ungehört an ihrem Ohre vorüberrauschten. Elieh war ihnen zuletzt das geworden, was für die meisten Menschen irgend ein Ding ist, das aus Gewohnheit in die feinsten Teile ihres Daseins sich verflüchtet hat; dessen Notwendigkeit, ja Zusammengehörigkeit mit ihnen selbst sie erst begreifen, wenn es eines Tages fehlt. Es gibt Leute, die in der Nacht aufwachen, wenn die Uhr plötzlich ihr heimlich schnurrendes Räderwerk einstellt. – So wäre es der Familie des »Bochers« ergangen, wenn es Elieh eines Tages angekommen wäre, seine Bücher um eine Stunde früher zu schließen. So war Elieh keinem im Hause weder nahe, noch fremd genug; er hatte sich daran gewöhnt, für nichts mehr angesehen zu werden, als für eine geduldete Notwendigkeit; nie eine andere Berechtigung anzusprechen, als die, ungehindert seiner Neigung folgen zu dürfen. In der Gasse pries man die Eltern glücklich, die so etwas an ihrem Kinde tun konnten, pries den Sohn glücklich, der solche Eltern besaß. Jeder glaubte diesem Lobe, die Familie sowohl, als der Bocher selbst; und das war keineswegs übertrieben. Konnte für den kränklichen Jüngling wirklich mehr getan werden? Elieh war gleichfalls mit auf das Dorf gegangen, weil sich dies von selbst verstand, ungefragt, unvorbereitet, wie Vetter Koppel mitgenommen ward, wie alle andern folgten. Er tat nicht den geringsten Widerstand, kaum, daß man die Frage von ihm hörte, wohin man gehe, und wie die neue Heimat heiße? Warum hätte er sich sträuben sollen? Blieb er nicht bei seinen Eltern? Werden die nicht auf dem Dorfe für ihn sorgen, wie sie es in der »Gasse« getan? – Für ihn änderten sich nur die vier Wände einer Stube; sonst blieb alles unverrückt, wie es seit der Kindheit war. Als die großen Bücher verpackt und in die Kisten gegeben waren, hatte Elieh alles getan; er brauchte nichts, als zu gehen. Der Aufschrei seiner Mutter im Augenblicke des Scheidens schien in seiner Brust keinen Widerhall gefunden zu haben. Verstand er ihn nicht? War es ihm selbst nicht klar geworden, daß die herrische Natur seines Vaters, wie sie seinen Willen, seine Stellung als selbständiges Wesen mißachtete, auch über den Willen und die Zustimmung Nachimes sich hinwegsetzt? Insoweit hatte sich Rebb Schlome auch nicht verrechnet. Elieh nahm das »Dorf« in seiner Weise hin, äußerte sich nicht, ob es ihm da wohlgefalle, ob nicht, packte seine Bücher aus, und die neue Heimat war aufgerichtet. Nur eines hatte sich geändert. Er »lernte« jetzt nicht mehr unter den Augen seiner Eltern; man hatte ihm eine eigene Kammer angewiesen, die still und abgelegen von der Hauptwohnung war. Dahin sollte der Bocher all sein Dichten und Denken bringen, da sollte er »lernen« so viel und so lange es ihm beliebe. Ein noch tieferer Frieden sollte ihn da umspinnen; »er durfte«, wie sich Rebb Schlome ausdrückte, »nicht einmal wissen, daß er auf dem Dorfe sei«. Was in der Nacht ihrer Ankunft geschehen, war bisher allen, selbst Anschel ein Geheimnis geblieben. Man wird es schon längst erraten haben, daß Elieh es war, der die sonderbare Unterredung seines Bruders mit dem Mädchen an der Gartenplanke belauscht hatte. Weder er, noch Anschel hatten das Feuer in der Nähe gesehen. Beide begegneten sich in der nämlichen Lüge. Nur das eine war Anschel klar geworden, daß Elieh ein Zeuge jener Szene war. Aber warum log auch er? Was bewog auch ihn, in die Verstellung. einzugehen? Eliehs Ermahnungen in der Nacht, auf die Bauern sich nicht zu verlassen, die schneidende Weise, mit der er beim Zusammentreffen mit seinem Bruder auf der Straße ihm entgegentrat, waren seitdem aus Anschels Gedächtnis nicht verschwunden. Allmählich begann sich in ihm ein Urteil über den stillen Bruder festzusetzen, das ganz anders als das bisherige lautete. Er konnte ein gewisses Gefühl von Furcht nicht bemeistern, das ihn jedesmal überfiel, wenn er in seine Nähe kam. Bangte ihm davor, daß Elieh eines Tages sprechen könnte? Seitdem war zwischen ihm und Elieh kaum ein Wort verhandelt worden. Das neue Leben in Anschels Gemüt verkroch sich scheu vor dem glanzlosen Blicke Eliehs. Unsichtbar hatte sich zwischen den Brüdern eine Kluft gebildet, ein Fliehen und Meiden, dessen innere Geschichte vielleicht keinem von beiden ganz klar war. Gewaltsam drängt sich nun Eliehs Wesen in den Vordergrund dieser Blätter; wir werden ein Rätsel zu lösen genötigt sein. 10. Elieh soll fliehen. Es wäre nun ein eigentümliches Schauspiel gewesen, mit leiblichem Auge zu sehen, wie Nachime kämpfte und sann, welche Besuche sie anstellte, um sich ihrem zweiten Sohne zu nähern. So sehr sich ihre eigentliche Natur geändert hatte, wie heftig sich auch ihr bisheriges stilles Wesen nun in lautem Trotz aussprach, von einer Mitteilung an Elieh schreckte sie etwas zurück, dessen sie sich selbst nicht klar ward. Weil er nie gesprochen, hielt sie ihn für unempfindlich, meinte, außer dem »Lernen« sei nichts in der Welt, woran er sich gern beteiligen möchte. Dann war sie wieder der festen Überzeugung, Elieh sei noch unglücklicher, als sie selbst. In diesen Schwankungen des Urteils ging ihr jeder Mut verloren, die Scheu mehrte sich, und es gab Augenblicke, wo sich ein Gefühl des bittersten Grolles auch gegen Elieh in ihr Raum machte, weil er diese inneren Kämpfe nicht gewahrte, und ihr nicht entgegenkam, die ihr ganzes Herz vor ihm »auszuschütten« im Begriffe stand. Einstweilen äußerten sich die Näherungsversuche Nachimes in einer übertriebenen, fast zur Schau getragenen Aufmerksamkeit, die sie Elieh widmete, soweit es sein leibliches Behagen betraf. Sie konnte zu jeder Stunde des Tages in seine Kammer kommen, um nachzusehen, ob es ihm an nichts fehle. Oft fragte sie ihn gar nicht, es genügte ihr, ihn »über seinen Büchern« sitzen zu sehen, an der Türe den singenden Ton seines »Lernens« zu vernehmen! Sie »sorgte sich«, und sie selbst war dieser Meinung, »den Kopf heraus«, wie sie ihm etwas Gutes antun könne; sie brachte ihm oft mehrere Male am Tage kleine Leckerbissen auf die Kammer, wie sie Mann und Kinder nicht gewohnt waren, und ein Gefühl von Befriedigung zog dann jedesmal in ihre Brust ein, wenn Elieh aus seinen gesenkten Augen wenigstens einen Blick zu ihr aufwarf, in welchem sich eine Art von Dank aussprach. Sie konnte dann stundenlang darüber nachsinnen, wie sie diesen dankbaren Blick benützen, wie sie daran ihre Mitteilungen anknüpfen sollte. »Der versteht dich,« sagte sie dann zu sich selbst, »er will nur nichts reden, weil er sich mit seinem Vater nicht verfeinden will.« Diese Überzeugung tat ihr wohl, tröstete sie beinahe, wiewohl es wieder Stunden und Augenblicke gab, in denen sich eine grauenhafte Verlassenheit über ihre Seele lagerte, in denen sie wieder alle die Blumen ausriß, die in ihr Wurzel gefaßt, und dasjenige mit Füßen trat, was sie kurz vorher in sich selbst aufgebaut hatte. Wenn aber Nachime sich zuweilen den Augenblick vergegenwärtigte, der es ihr endlich gönnen werde, sich mit ihrem Sohne Elieh ausreden zu können, dann überkam sie ein Gefühl von Freude; sie hätte nicht sagen können, warum? Es schien ihr, als trüge sie leichter an ihrer Last, als hätte der bloße Gedanke, Elieh könnte mit ihr Mitleid haben, eine Beschwörungsformel über ihr Leid ausgesprochen, vor der es zusammenzuckte und schwieg. Zuweilen konnte sie sich einreden, sie habe mit Elieh bereits gesprochen, und aus seinem Munde seien die mildesten Trostworte geflossen; aber sie erwachte nur zu bald aus dieser Täuschung. Dann wußte sie nie, was sie eigentlich mit ihm reden, was sie ihm anzuvertrauen habe. »Weiß er's denn nicht, Gott Lebendiger,« rang es in ihr dann jedesmal, »bin ich denn stumm wie ein neugeboren Kind? Hab' ich denn nicht schon geredet und geschrien, daß ich mein', das ganze Dorf hat mich gehört? Wenn er mir etwas zu sagen hätte, wär er denn nicht schon zu mir gekommen?« In ungeahnter Weise, ganz anders wie Nachime es erwartet hatte, brach eines Tages die Gelegenheit für sie an, mit ihrem Sohne Elieh zu reden. Sie brauchte einmal bei einer Verrichtung in der Küche die Mithilfe Tilles; als sie nun das »Kind« rief, erschien es nicht, wie oft sie auch seinen Namen durch das ganze Haus ertönen ließ. Wie es bei so innerlich gereizten Naturen zu geschehen pflegt, geschah es auch hier. Die Abwesenheit des Kindes, das sie brauchte, das oftmalige Rufen seines Namens, ohne daß es erschien, brachte mit einem Male wieder die selten schlummernden Geister des Grolles in Aufruhr. Obwohl es klar war, daß sich Tille nirgends im Hause befand, ging sie doch scheltend und schreiend umher, brachte sich so selbst in immer höhere Aufregung, und kam so endlich an Eliehs Kammer. Lag diesem Verfahren eine bestimmte Absicht? Sie riß die Tür heftig auf, und mit einer Stimme, die von innerm Grimme zitterte. rief sie in Eliehs Kammer hinein: »Ist Tille nicht bei dir?« »Bei mir?« kam es tonlos nach einem Augenblicke von Eliehs Lippen zurück. »Ich hab' das Kind heute noch mit keinem Aug' gesehen.« »Leider Gottes,« brach es nun mit einem Male in leidenschaftlicher Klage aus Nachime hervor. »Leider Gottes, das Kind hat sich verschlechtert, seit es auf dem Dorfe ist, man kann gar nicht sagen, wie verschlechtert! Wenn mir einer vor sechs Wochen gesagt hätte: Das wird aus deiner Tille werden, aus dem merkwürdigen Kind, an dem Gott und die Menschheit sich erquickt haben, ich hätt' ihm, wie einem infamen Lügner, den Rücken gekehrt. Hat das Kind nur einen Augenblick Geduld im Haus? Läuft es nicht den ganzen Tag bei den Bauern herum, und weiß ich, was sie da alles vor sich sieht? Sie lernt nichts; das ›Brösele‹, was sie gelernt hat, wird sie auch bald verlernt haben – zuletzt wird sie nicht wissen, ist sie bei Judeneltern geboren, oder ist ihrer Mutter ein anderes Kind unterschoben worden; denn auf wen kommt alles, als auf die Mutter? Wenn das Kind eine schlechte Wirtin wird, sagt die Welt: Warum hat sie's bei der Mutter nicht besser gelernt? Kann das Kind nichts, weiß nicht, wo Gott wohnt, so sagt man wieder: Kann denn die Mutter etwas? Weiß sie , wo Gott wohnt? Vom Vater ist aber nie die Rede; da meint die Welt immer, der hat zu viel zu schaffen, der kann sich um die Kinder nicht umsehen. Da frag' ich aber die ganze Welt, und wenn die ersten Landesrabbiner darunter wären: Wer denn als der Vater soll sich darum kümmern? Wem denn soll's am Herzen liegen, als ihm? Aber leider Gottes! Vom Vater ist unser Unglück ja ausgegangen. Das Kind sieht, der Vater tut den ganzen Tag nichts, geht nur von einem Bauer zum andern herum, so tut es ihm's nach. Ist denn das ein Tun von deinem Vater, daß er Anschel arbeiten läßt, wie den niedersten Knecht, und sich selbst schont er? Ist denn das ein Tun für ihn? Ist er so etwas gewöhnt? Zuzusehen, wie andere ackern und säen, ist das eine so große Kunst? Ich frag' dich, hat er darum unser gesegnet Geschäft aufgeben müssen? Er hätt's nicht besser haben können?« In dieser Weise würde Nachime noch lange fortgefahren haben; allmählich hatte sich der erste Zorn über Tilles Abwesenheit in ihr gelegt, aber um so bewußter und bitterer trat in ihr alles hervor, was damit in so innigem Zusammenhange stand. Es war ihr klar geworden, daß sie jetzt mit Elieh reden müsse, die Gelegenheit lud dazu ein. Elieh hatte sie »reden lassen«, und Nachime es nicht bemerkt, daß er keinen Augenblick von seinem Buche aufgeschaut hatte. Nachime stand noch immer in der offenen Tür; plötzlich erhob sich Elieh und ging auf die Tür los, die er hinter sich schloß. Unwillkürlich trat darauf Nachime über die Schwelle in die Kammer. Sie war mit ihrem Sohn allein. »Es zieht, Mutter . . .,« sagte Elieh, als sei nichts vorgegangen. »Willst du nicht lieber ganz zu mir hereinkommen?« Nachime ward von diesem Empfange eiskalt getroffen. Unwillkürlich fuhr sie mit der Hand nach der Stirn, als ob sie sich besinnen wollte, daß sie recht gehört, daß ihr Sohn Elieh auf ihre lange Klage keine andere Antwort gefunden habe, als des Luftzugs wegen die Tür zu schließen. Doch Elieh ließ ihr zur vollen Besinnung nur wenig Zeit. »Und was willst du von mir, Mutter?« sagte er dann eben so tonlos, indem er sich wieder zu seinem Buche setzte. Nachime wußte mit einem Male nicht, was sie eigentlich wolle; in ihrem Gedächtnis war in der Tat ein Stillstand eingetreten, eine Unterbrechung, wie sie nach einem heftigen Schlag, sei er physisch oder moralisch versetzt worden, auf unser Gehirn fällt. Ein solcher Schlag war auf sie gefallen. Keine Gewalt der Welt hätte in diesem Augenblicke vermocht, ihr die Fassung; und mit der Besonnenheit das Gedächtnis zurückzustellen. Sie starrte ihren Sohn Elieh an. »Willst du etwas von mir? « wiederholte Elieh mit Nachdruck. Allmählich besann sich Nachime; fast kleinlaut entgegnete sie: »Ich weiß gar nicht mehr, was ich mit dir hab' reden wollen. Mein Kopf ist mir auf einmal so schwach geworden. Seit ich hier auf dem Dorfe bin, ist mir das schon oft geschehen; früher wär' mir das nicht passiert. Da war mein Kopf so gut, wie der von einem siebenzehnjährigen Mädchen.« Müde ließ sie sich auf einen Stuhl nieder. Elieh mochte wirklich glauben, die Mutter sei von einer augenblicklichen Schwäche befallen worden, denn er beeilte sich zu sagen, als ob er ihren Erinnerungen zu Hilfe kommen wollte: »Du hast vorerst von Tille gesprochen, und wie sie dir groß Leidwesen macht.« »Von Tille hab' ich geredet?« fragte Nachime schwach. »Es gibt aber Leut', größere als das Kind ist, die mir noch mehr ›gebrochen Herz‹ machen. Denn, was das Kind anbelangt,« fuhr sie fort, »da hätt' ich bald ausgesorgt, wenn nur du wolltest, mein Sohn Elieh.« »Ich?« rief Elieh verwundert. »Wie komm' denn ich dazu?« »Du brauchtest dich des Kindes nur anzunehmen, Elieh, mein Sohn!« sagte die Mutter mit steigender Wärme. »Gott hat dir einen Kopf gegeben, daß du dir alles merkst und behältst. was in den Büchern steht. Es muß ja etwas Merkwürdiges sein, was in dir alles stecken mag! Wenn man von Kind auf nichts anderes getan hat, als lernen . . . allmächtiger Gott, was muß sich da in so einem Kopf zusammengehäuft haben! Bis jetzt haben wir aber noch keiner von dir etwas gehabt. Fang jetzt damit an. Laß etwas an deine Schwester ab. Lerne du mit ihr! Sie wird ja zuletzt nicht wissen, wo Gott wohnt . . . Willst du dir das auf deiner Seele lassen?« »Ich soll mit Tille – lernen?« rief Elieh aufs neue verwundert; aber dieser Ruf klang fast wie Hohn. »Warum nicht, Elieh, mein Sohn?« meinte Nachime, und sah ihm mit der vollen Liebe einer Mutter, die auf die Kenntnisse ihres Kindes stolz ist, in das Gesicht. »Traust du dir nicht zu, was tausend andere, die weniger können und weniger gelernt haben, als du, sich zutrauen? Meinst du, du wirst es nicht zustand' bringen? Du, der einen solchen Kopf hat?« Waren es die Schmeicheleien der Mutter oder ein anderes, das wir nicht kennen – auf Eliehs blassem Angesicht malte sich eine Röte, wie sie seit langem dort nicht sichtbar war. Mit einer Entschiedenheit, die Nachime an ihm nicht gewohnt war, rief er: »Ich kann nicht, Mutter . . ., ich kann nicht.« Nachime glaubte noch immer, die natürliche Verzagtheit ihres Sohnes, sein stilles Wesen, sträube sich gegen den Antrag, den sie ihm gestellt. Sie meinte daher: »Glaubst du denn, ich will, du sollst aufhören zu lernen? ich will, du sollst das aufgeben, was mein Stolz und deine Freude ist? Aber wenn ich dich bitte, du sollst dich ein ›bissele‹ nach deiner Schwester umsehen, daß sie nicht ganz verwildert, ist denn das so viel gefordert?« »Ich kann nicht, Mutter . . . . ich kann nicht,« rief Elieh aufs neue. »Du sagst aber nicht warum?« sprach Nachime noch immer mit dem sanften Tone der Überredung, »jedes Warum hat sein Darum, sagt man doch gewöhnlich.« »Warum schickst du sie nicht in die Schul'?« rief Elieh fast trotzig. »In welche Schul'?« fragte Nachime verwundert, »ich werd' sie doch nicht meilenweit in eine Schul' schicken.« »Es ist ja eine hier im Dorf,« meinte Elieh in demselben Tone des Trotzes. »Die Bauern lassen ihre Kinder dahin gehen, schick' sie auch.« »Bist du sinnedig, mein Sohn?« rief Nachime entsetzt und sprang vom Stuhl auf. »In die Bauernschul' soll ich mein Kind schicken?« »Warum nicht?« entgegnete darauf der »Bocher«, aber weit ruhiger, als sich nach dem Aufschrei seiner Mutter erwarten ließ. »Warum nicht? Bist du etwas anderes, als eine Bäuerin? Ist der Vater etwas anderes, ist Anschel nicht ein Bauer? Willst du etwas Besonderes haben? Und ist nicht Tille jetzt ein Bauernkind?« »O, du schlechter Sohn!« rief nun Nachime ganz außer sich, »hältst du's also auch gegen mich? Alles ist gegen mich verschworen, willst du mich auch noch verspotten und verkleinern? Von dir muß ich so eine Antwort erleben, du ausgeartet Kind? Darum hab' ich dich geboren und erzogen?« Erschöpft von diesem gewaltigen Ausbruche ihrer Leidenschaft sank Nachime aufs neue in den Stuhl. Sie konnte nicht weiter reden; der Schmerz, der sie befallen, mußte ein heftiger sein; sie wimmerte laut und hielt beide Hände an die Brust gepreßt, als wollte sie dort ein Reißen und Zersprengen verhüten. Todblaß, die Mutter anstarrend, stand Elieh da. Auch in ihm mochte ein gewaltiger Schmerz drängen . . . er fand kein Wort der Verteidigung. Doch war er mehr erschrocken als erschüttert. Zum ersten Male in seinem Leben vielleicht hielt er mit seiner Mutter eine so ernste Unterredung, und sie nahm einen so schrecklichen Ausgang für ihn. Mühsam brachte er endlich die Worte hervor: »Aber was hab' ich dir denn gesagt, Mutter . . ., daß du auf einmal so aufgebracht wirst gegen mich? Ist's eine Lüge, ist's eine Unwahrheit, daß wir Bauern sind? Was hab' ich denn anders gesagt?« »O, du ungeraten Kind,« begann Nachime, die in dieser Verteidigung neue Kraft zur Aufstachelung ihres Zornes fand, »hast du von Kind auf nur das in deinen Büchern gelernt, daß man seine Mutter verspotten und kränken darf? Haben Gott und die Menschen dich das gelehrt? Steht das in den Büchern? Dann soll man sie nur gleich nehmen und sie alle ins Feuer werfen! . . . Ich komme, um mich mit dir auszureden, komme, um mein Herz vor dir auszuschütten, und du wirfst mir gerade das vor, was mich so unglücklich macht, was mich noch in die Grub' bringen wird? Lebendiger Gott! Sind das Kinder! Ist das eine Welt!« »Was soll ich dir aber sagen, Mutter,« rief nun Elieh, dessen Stimme durch den verhaltenen Schmerz einen Ton von Gereiztheit angenommen hatte, der fast zornig klang. »Was soll ich dir denn sagen? Du willst, ich soll mit Tille lernen –« »Ja, das will ich,« unterbrach ihn die Mutter. »Das große Geschäft! Wenn ein Bruder sich um seine Schwester umsieht: wenn er ein bisset trachtet, daß sie nicht ganz verwildert.« »Du willst. ich soll mit Tille lernen . . .?« fuhr Elieh fort. »wenn ich dir aber sage, daß ich selbst nichts lernen kann, daß ich selbst meine Bücher gern ins Feuer werfen möchte, wirst du mir dann noch vorwerfen, daß ich dich verspotten und verkleinern will?« Als der »Bocher« diese wenigen Worte in einem Tone gesprochen hatte, der halb wie Verzweiflung, halb wie Trotz eines beleidigten Gemütes klang, war eine minutenlange Pause eingetreten. Nachime starrte ihren Sohn an, ungewiß, ob das Geständnis, das sie soeben vernommen, wirklich aus seinem Munde, über seine Lippen gekommen war? Selbst der schreiendste Schmerz, der nichts hört, als sich selbst, hat Augenblicke, in denen seine Sinne so scharf werden, daß er die leiseste Regung in einer verwandten Seele vernimmt. Ein solcher Moment war auch für die arme Mutter eingetreten. Eine wunderbare Wandlung ging in ihrem Innern vor. Der stechende Krampf in der Brust stillte sich; eine Empfindung von Befriedigung, von Erlöstsein stieg lind und weich in ihr auf und drängte ihr Tränen in die Augen. So hatte sie sich also in Elieh nicht getäuscht! . . . er trug gleichfalls sein Leid. All das Erbarmen, dessen die Seele dieses leidenden Weibes voll war, kam über sie, und mit einer Stimme, die gegen die frühere Leidenschaftlichkeit beinahe wie Freude klang, sagte sie: »Du kannst also auch nichts lernen, mein Elieh . . .? Hab' ich's denn nicht gewußt, seitdem wir hier sind, daß dich etwas drückt? Hab' ich dir's denn nicht angesehen an den Augen? Wie sollst du auch hier lernen können? Mitten unter Bauern, mitten unter Leuten, mit denen du nicht reden kannst? Du gehörst in eine große Gemeinde, wo es viel Gelehrte und Rabbiner gibt, mit denen du dich ausreden kannst, wenn dir etwas in deinen Büchern aufstößt, was dir nicht sogleich in den Kopf gehen will. Aber hier? Frag du den langen Richter, frag du unsern Knecht Wojtech, wie man die Pferde einspannt, wie man die Kühe am besten füttert, das werden sie wissen. Kann aber einer von deinesgleichen unter solchen Leuten existieren? Leider Gottes! Dein Vater hat das nicht überlegt, er hat nur an sich gedacht. Von mir will ich gar nicht einmal reden.« Nachime hatte sich in die neue, fast freudige Stimmung hineingeredet, daß sie darüber vergaß, ihren Sohn selbst reden zu lassen. Elieh hatte sie mehrmals unterbrechen wollen; seine Lippen zuckten, sein Gesicht war von innerer Bewegung bald flammenrot, bald wieder tiefbleich. Als Nachime jetzt geendet, stand er eine Weile sprachlos da; dann sagte er mit einem mühsam unterdrückten Seufzer: »Du weißt nicht, Mutter, wie schwer mir hier das Lernen geht. Wenn du wüßtest – –« »Warum weiß ich's nicht?« unterbrach ihn Nachime. »Nein, nein,« schrie der Bocher beinahe auf, »du kannst es nicht wissen. Wie soll ich mit einem Menschen, und sei es selbst meine Schwester, lernen, wenn ich's für mich nicht kann! Seitdem wir hier sind, hab' ich nicht so viel gelernt, als ich früher in einer Stunde erlernt habe. Ich bin noch immer bei demselben Blatt.« »Sag du das deinem Vater,« meinte Nachime düster, »und sieh zu, ob er dir's glauben wird.« »Warum bin ich nicht geworden wie Anschel?« fuhr Elieh, die Unterbrechung seiner Mutter nicht beachtend, fort, »warum hab' ich nicht so starke Glieder wie er, kann arbeiten und schaffen wie er? Was hab' ich davon, daß ich so viel gelernt habe? Ein gesunder Leib wär' mir jetzt lieber, als das da.« Mit hastig zuckender Hand hatte er dabei das Buch berührt, das auf dem Tische lag; es fiel mit Geräusch auf den Boden. Nachime hatte sich schnell gebückt und es aufgehoben. Sie berührte es dann flüchtig mit den Lippen und legte es geschlossen wieder an die frühere Stelle. »Jetzt hab' ich dir's verblättert!« sagte sie hierauf erschrocken, »du wirst nicht wissen, wo du ›gehalten‹ hast.« Der schwere Fall des Buches mußte den Bocher aus einer Gedankenfolge aufgeschreckt haben, die er nicht mehr zu verknüpfen imstande sein mochte. Ein fast höhnisches Lächeln spielte um seine Lippen. »Glaub' du das,« sagte er, »daß ich mir nicht aufblättern kann. Wo ich jetzt aufblättere, da halt' ich. Das ist ja nicht so, wie beim früheren Lernen.« Wie eigentümlich! In diesem Augenblick war es ein vielleicht an sich unwesentlicher, aber für Nachime hoch bedeutungsvoller Umstand, daß Elieh das auf den Boden gefallene Buch zu küssen vergessen hatte. Mitten unter den Gegensätzen, zwischen denen sich ihr Gemüt auf und nieder gejagt bewegte, war ihr das nicht entgangen. Nicht Eliehs Geständnis seiner unglücklichen Lage, nicht die halb und halb entschleierte Seele ihres Kindes, die sie in dieser Viertelstunde näher kennen lernte, als je zuvor, hatte sie so tief ergriffen, als grade dieser kleine Umstand. Blitzgleich fuhr es ihr durch den Kopf: »Dem muß ärger sein als dir, der vergißt ja schon Gott! Wie muß ihm also sein! Ich hab' das heilige Buch geküßt, und er nicht?« Dieser Gedanke drängte sich ihr nicht als Vorwurf auf; sie begriff es, daß Eliehs Unterlassungssünde mit seinem Unglück entschuldigt werden müsse. Das Vergehen des Bochers hätte ein größeres sein dürfen, und Nachime, die Mutter, hätte ihm nicht gezürnt. »Weißt du was, mein Elieh,« sagte sie darauf mit einer fast trockenen Entschiedenheit, »dir vor allem muß geholfen werden! Was liegt an mir, ob ich zugrunde geh' oder nicht? Gott hat's gewiß nicht anders mit mir bestimmt. Aber für dich muß Hilfe geschafft werden, denn du bist mehr wert wie wir alle. Und solange noch Zeit ist, muß für dich gesorgt werden! Du mußt fort von hier.« »Fort von hier?« kam es leise, fast unhörbar von den Lippen des Bochers zurück. »Was willst du hier bei uns herausbringen?« fuhr Nachime fort. »Willst du mit den Bauern ›Thora‹ lernen? Ich weiß, wir sind dir zu wenig, wir alle können ja nichts, und du hast so viel gelernt. Du mußt also wieder zurück in die Gemeinde, da verstehen sie dich besser, da gibt es Leut', mit denen du dich ausreden kannst. Du wirst sagen: Wie kann ich? Wer wird mich abwarten? – Dafür laß nur mich sorgen. Wir haben dort eine so große Freundschaft, es wird sich schon ein Vetter oder eine Muhme finden, die werden dich für Geld und gute Worte schon in Kost und Quartier nehmen. Dagegen kann dein Vater nichts haben; er kann dich ja so zu nichts brauchen. Verlaß dich drauf, mein Sohn. Für dich wird gesorgt werden.« »Ja, Mutter,« rief Elieh mit einer Anstrengung in Stimme und Gebärde, die jedem andern, nur nicht Nachime seltsam erschienen wäre, »ja, mach nur, daß ich fortkomme. Hier ist meines Bleibens nicht. Und je früher du's zustande bringst, desto lieber ist es mir. Der Vater kann nichts dagegen haben.« »Ich schreib' gleich morgen in die Gemeinde. Verlaß dich drauf,« sagte Nachime mit kräftiger Entschiedenheit. Nachime verließ ihren Sohn in gehobener Stimmung. Seit langer Zeit fühlte sie sich wieder in ihrem Rechte, für eines ihrer Kinder sorgen zu dürfen. Dieses Recht war ihr vorenthalten worden; was geschehen war und noch geschah, ereignete sich ohne ihre Zustimmung, als »ob sie nicht da wäre«; sie hatte sich dieses Recht gleichsam zurückerobert. Der kleinste Sieg macht den Menschen froh, darüber muß man nicht erst den Feldherrn fragen. Hier hätte eine Mutter die beste Auskunft erteilen können. Als die Mutter fort war, stand der »Bocher« noch lange in tiefem Nachsinnen da. Dann setzte er sich an den Tisch und schlug das Buch auf. Aber er las nicht darin; die krausen Buchstaben flimmerten und tanzten vor seinen Augen auf und nieder. Tiefe Stille herrschte durch das Haus, die plötzlich durch die Stimme seines vom Felde heimgekehrten Bruders unterbrochen ward. Elieh zuckte zusammen. »Und er bleibt hier?« entrang es sich langsam schmerzvollen Tones seinen Lippen. Mit scheuer Hast blickte er dann um sich, ob diese Worte einen Zeugen gehabt. Die Mutter hatte ihn schon lange verlassen. – »Und er bleibt hier?« 11. Eliehs Spaziergänge. Es gibt ein Bekenntnis der Liebe, das unausgesprochen und ungehört lange zwischen zwei Menschenherzen waltet. Alles, was sich später an das wirkliche Aussprechen, an das Entschleiern eines längst Geahnten knüpft, lag schon früher im stummen Blick, im verstohlenen Vorüberhuschen verwandter Gedanken. Darum ist echte Liebe so stumm, wenn sie einmal zum Offenbaren und Bekennen drängt, so voll Hingebung und Opfermutes; was sie sich zu sagen hat, zitterte lange schon in allen Lüften; was sie geben will, hat sie schon in jenem Augenblicke gegeben, als sich zum ersten Male zwei Seelen zueinander neigten, die bis dahin fremd und einsam unter den anderen gegangen waren. Zwischen Anschel und seinem Mädchen war es bisher zu keiner Sprache gekommen. Seit jenem Tage, au dem er ihr Tuch als Pfand mit sich nehmen durfte, hatte er sie nur flüchtig, nie allein, fast immer in Begleitung der Magd gesehen. Er wußte nicht einmal ihren Namen, nur daß sie des Richters Tochter sei, in dem Hause mit den rohgezimmerten Balken wohne: das allein war ihm bekannt. Wenn er an diesem Hause vorüberging, blickte er nicht einmal hin, und doch ward ihm gerade über jene Planke, die ihm in die Augen fallen mußte, das benetzte Tuch als ein erstes Zeichen des Erbarmens in jener Nacht gereicht. Anschel hatte bisher keinen Anlaß gefunden, sich und sein Geheimnis zu verraten; er verbarg es sicher und unnahbar in jenem Heiligtum der Seele, das man vor Späherblicken bewahrt glaubt. Aber darin täuscht sich gerade solch junges Gefühl. Nicht Vater, nicht Mutter konnten entdecken, welches neue Dasein sich in der Seele ihres Kindes aufgebaut hatte; aber zwei Augen sahen es darin mit allen Schauern und Qualen; diese Augen drangen tief in das Innere Anschels ein, belauerten die unscheinbarste Veränderung in seinem Gesichte, hätten erzählen können, besser als Anschel selbst es erzählt hätte, was seit jener Nacht bis jetzt in ihm vorgegangen. Diese Augen sahen nicht nur jenes Tuch durch die Hülle hindurch, unter der es Anschel auf seinem Herzen trug, sie wußten auch, was es alles bedeckte: die Lust und Wonne eines beglückten Gefühles. Elieh kannte alles. Wenn Anschel frühmorgens ins Feld ging, oft mit einem lustigen Sange die Pferde anschirrte; wenn er abends heimkehrte, lustiger vielleicht, als er es nach der zerrissenen Stimmung der Familie hätte sein sollen, so überfiel es jedesmal den Bocher mit einer Bangigkeit und Furcht, als stünde ihm Ungeheures bevor. »Wird er sie heute sehen, hat er sie heute gesehen?« sprachen dann Stimmen in ihm, die nun nicht mehr zu beschwichtigen, nicht mehr zurückzudrängen waren. Solche Stimmen ertönten nicht nur in der Frühe oder am Abend, beim Weggehen oder beim Kommen Anschels; sie umschrien ihn den ganzen Tag, weckten ihn aus dem Schlafe auf, standen bei ihm, wenn er unwillkürlich nach dem Buche griff, um eine alte Gewohnheit zu pflegen; entzündeten ein Feuer in ihm, das aus dem geringsten Anlasse seine Nahrung zog, das Blut, das sonst fast unbewegt durch die Adern floß, in beständiger Wallung erhielten. Elieh hatte die Tochter des Richters seit jener Nacht nicht wieder gesehen; aber ihm war sie gegenwärtig in allem Liebreiz, in aller Machtfülle ihrer von den Feuern jenes Brandes beleuchteten Schönheit; er fühlte den Hauch ihres Atems, er hörte stündlich und täglich die drohend furchtsamen Worte, mit denen sie seinen Bruder – und ihn von sich fortgedrängt hatte. Welch ein merkwürdiges Grauen sie überfallen hatte, wie sie aufschrie, als sie den Augen Anschels, die doch die seinigen waren, begegnete! Wenn der Bocher an diesen Augenblick dachte, überkam ihn eine Art freudiger Wut. Er war in ihrer Nähe gewesen, vor ihm hatte sie sich gefürchtet, seine Anwesenheit hatte sie für gefährlich gehalten! War es aber nicht Anschel, den sie eigentlich gefürchtet? . . . Es wird viele sonderbar bedünken, wie dieser schweigsame Jüngling, dessen Blicke niemals über die Bücher hinausgeglitten waren, plötzlich zu diesen feinen Unterscheidungen kam. Wer könnte auch sagen, wie das geschah? Wenn an dem dürren Felsen in einer Nacht plötzlich eine Blume aufsprießt, die man dort nie gesehen, so hat das der Wind getan, der in seinen Schoß das verwehte Fruchtkorn aufnahm und es auf das öde Gestein legte. Wer aber hat dem Winde das geboten? wer dieses Gestein fähig gemacht, Grund und Boden der Blüte abzutreten? Wird das die »Wissenschaft« je erklären? Wie alle, die zur Familie gehörten, sogleich beim Betreten des neuen Bodens eine Hülle ihrer alten Natur nach der andern fallen ließen, um gleichsam in neue Gewänder zu schlüpfen, so konnte auch der Bocher diesem Gesetze nicht entgehen. Er und Nachime unterlagen dieser Wahrheit zumeist. Beide waren mit Banden, die sie für unzerreißlich gehalten, an eine hergebrachte Ordnung ihres Lebens geklammert gewesen; plötzlich aus diesem Boden gerissen, weit hinweggeführt von allem, was früher die Luft ihres Atmens, ihre Nahrung, ihr Denken und Anschauen gebildet hatte, fand sie die neue Heimat gleichsam befähigt, Wandlungen ans Licht zu bringen, die vielleicht nie zum Vorschein gekommen wären. Was innen lag, wurde nach außen gedrängt, und grade die bisherige Lebensweise des Bochers war es, die am leichtesten dem Stoße weichen konnte. Der Stein, der aus dem bisherigen Baue fiel, mußte auch ihn fallen machen. Wem Naturen wie die Eliehs schon begegnet sind, den wird es nicht befremden, wenn er ihn ohne Willenskraft und Anstrengung sehen wird, dem Sturme, der über ihn gekommen, sich entgegen zu stemmen. Haltlos stand er da. Die Mutter mit ihrem Plane, ihn vom Dorfe wegzuschicken, hätte ihn zum Bewußtsein wecken, ihm den Ausweg zeigen können; aber es geschah grade das Gegenteil. Jetzt erst fand Elieh den Widerstand in sich, er wollte nicht gehen. Es war sein fester Entschluß; er klammerte sich daran mit allen Gewalten seiner aufgeregten Sinne. Sollte er sich »wie ein Kind behandeln lassen?« Und Anschel sollte zurückbleiben? Es war nun leicht zu erklären, warum es den Bocher jetzt so wenig in seiner Kammer duldete. Seit er die Absicht der Mutter kannte, waren ihm die vier Mauern ein Gefängnis geworden; nur wenn Nachime in ihrer neu erwachten Sorge für den Sohn nachzusehen kam, ob »ihm nichts fehle«, saß er am Buche und lernte. Wenn er ihre Tritte auf dem Hausgang vernahm, überfiel ihn plötzlich die alte Unterwürfigkeit. Nachime sah dann in sein leidendes Antlitz. Diese Besuche brachten Qualen für ihn, die zuweilen bis zur Unerträglichkeit sich gestalteten. Erst wenn die Mutter ihn wieder verlassen, atmete er freier auf; er fürchtete sie, wie Anschel ihn fürchtete. Eines Tages brach sich dieser Zustand plötzlich Bahn. Es war in der Nacht. Alles schlief im Hause, aus dem Dorfe tönte nur fernes Hundegebelle an sein Ohr. In dieser Stille, die nur nicht in ihm selbst war, überkam ihn der Gedanke, sie jetzt sehen zu müssen, mit solcher Stärke, mit so unabweisbarer Gewalt, daß er ihm folgen mußte, und sei's selbst auf Kosten des Lebens. Noch ehe er sich selbst seiner Absicht ganz bewußt war, stand das Fenster seiner Kammer schon geöffnet. Ein lautloser Sprung . . . und er war draußen. Mit dem Betreten des Bodens außer dem Hause beginnt für den Bocher ein neuer Abschnitt. Wie ein Gesundeter, der nach langem Gebreste in die wohltuende Luft der Freiheit tritt, nur ungern wieder zurückkehrt, so wird es auch Elieh ergehen. Der gewaltsame Entschluß, außer den väterlichen Mauern ein Etwas zu befriedigen, das er nicht kannte, war für ihn eine Art Genesung. Sein Zustand drängte nach einer Lösung. Er stand in dieser Nacht wohl an die zwei Stunden an der Gartenplanke vor ihrem Hause. Still und unbeweglich stand er da. Er wollte sie sehen durch die Finsternis der Nacht hindurch. Er hörte nur einen einzigen Gedanken in sich, und wie kindisch töricht dieser auch lauten mochte, er bildete jetzt das Leben, den Herzschlag in dieser leidenschaftlichen Seele. »Er kann sie den ganzen Tag sehen, zu jeder Stund' im Tag kann er sie sehen, und ich, ich soll gar nichts haben?« So wartete er auf ihr Erscheinen von Minute zu Minute, lauschte auf die fernste Bewegung im Hause, schauerte bald auf vor Entsetzen, wenn sich wirklich etwas im Hause regte, und konnte sich dann wieder freuen, daß es so still war rings um ihn, und er wieder warten und lauschen könne, ob sie nicht doch heraustrete aus den Finsternissen der Nacht . . . Die Luft zog schneidend; am Himmel funkelten wohl die Sternenheere, »die Er ausziehen läßt nach ihrer Zahl, sie nennt mit Namen, und von denen keines untergeht«. Elieh gedachte dieser Schilderung aus dem alten Propheten, als er einmal lange sinnend hinansah. Die Worte fielen ihm in der heiligen Sprache seines Glaubens ein, aber sie erweckten ihn nicht zur Besinnung; er sagte sie leise gedankenlos vor sich hin; sie gemahnten ihn nicht daran, wo er stand und wohin er gehöre. Im Hause entstand plötzlich für einige Augenblicke ein wirrer Lärm, im Stalle hatte sich ein Roß losgerissen, das stampfend und unruhig hin und her lief. Menschenstimmen erschollen, das ganze Haus schien erwacht. Da erst fühlte sich Elieh von einem Froste gepackt, der auf dem Innersten seiner Adern zu kommen schien . . . er fürchtete sich. Er war wieder durch das Fenster in seine Kammer gekommen, er wußte nicht wie? – – Als Nachime am frühen Morgen zu ihm kam, wie es ihre Gewohnheit war, verwunderte sie sich schon auf dem Hausgang, daß sie auf der Kammer nicht jenen eigentümlich summenden Gesang vernahm, den Elieh beim Gebete anstimmte. Ihre Ahnung, daß etwas mit ihm vorgegangen, war nicht sobald in ihr aufgestiegen, als sie auch schon mit einem Schrei des Entsetzens sich überzeugte, daß sie recht geahnt. Sie fand Elieh unbeweglich und starr in seinen Kleidern über das Bett hingeworfen. Sie glaubte einen Toten vor sich zu sehen. »Elieh, Elieh, mein Sohn!« schrie sie, »was ist dir?« Sie ergriff eine seiner herabhängenden Hände; sie fühlte sich wie brennendes Feuer an; sie berührte seine Stirne, da war's, als springe ihr ein Quell siedend heißen Wassers entgegen. Aber er lebte doch noch. In diesem grauenhaften Augenblicke übersah sie, warum Elieh vollständig angekleidet über dem Bette lag, sie übersah das offene Fenster. Mehrmals rief sie ihn mit seinem Namen; angstvoll ergriff sie bald seine Hände, bald fuhr sie wieder über sein glühendes Gesicht. Elieh erwachte nicht davon; schwer aus der Brust heraufröchelndes Atmen verriet noch, daß das Leben in einem wirren Kampfe lag mit Kräften, die es vielleicht schon in den nächsten Stunden vernichten wollen. Anfangs wirkte der Gedanke, daß Elieh gestorben sein könne, fast lähmend auf ihre Sinne. Aber alsbald erwachte ihr jener Mut der Werktätigkeit, der Frauen gerade bei solchen Anlässen nicht zu verlassen pflegt. Sie riß die Tür auf, und mit einem Tone, der auf das Schrecklichste schließen ließ, rief sie in den Hof hinaus: »Kommt, kommt, Elieh ist im Sterben.« Dann stürzte sie wieder an das Bett hin, auf dem Elieh nach immer schwer röchelnd lag. Sie ergriff aufs neue seine Hand, die noch immer dasselbe verzehrende Feuer ausströmte, und drückte sie an ihre Lippen. »Elieh, mein gut Kind,« rief sie in der schneidenden Sprache der Verzweiflung, »bist du tot? werd' ich dich noch lebend sehen? Lebender Gott! Er hat's sich zu stark zu Herzen genommen sein Unglück, und nun, was wird jetzt das Ende sein? Es hat ihm ja müssen das Herz brechen, so ein schwach und krank Kind wie er ist.« Nachimes Ruf hatte jemanden herbeigebracht, den sie in diesem Augenblicke am wenigsten erwartet hatte. Vetter Koppel erschien an der halboffenen Türe und streckte sein eisgraues Haupt vorsichtig vorwärts, ehe er weiterschritt. »Wo ist Schlome, mein Mann?« rief Nachime schnell. »Im Dorf,« entgegnete Koppel mit weinerlich gebrochener Stimme. »Und Anschel?« rief sie heftig. Sie hatte vergessen. daß sie ihn selbst aufs Feld hatte hinausgehen sehen. »Fortgegangen,« sagte der Alte in demselben Tone. »Und Tille?« schrie Nachime fast verzweifelt. »Alles ist fort,« wimmerte Vetter Koppel. »So komm du und hilf mir,« rief sie in ihrer Angst, »siehst du denn nicht, wie Elieh daliegt, er ist ja wie – wie tot.« Vetter Koppel schob sich mühselig bis zum Bette; aus seinen kleinen Augen fiel ein wirrer Blick auf den Leblosen; dann sagte er schluchzend, mit Tränen, die aus dem Tiefsten seiner Seele zu kommen schienen: »Warum hat er mir meinen ›Mogen Dovid‹ wegnehmen lassen? Er hätt's nicht tun sollen!« In ihrer Lage klangen diese Worte des alten Vetters wie Spott an Nachimes Ohren. Mit einer hastigen Bewegung der Hand schob sie ihn vom Bette fort, daß er einige Schritte weiter taumelte. »Narr!« rief sie außer sich, »mußt du mir jetzt mit dem kommen? Ist jetzt die Zeit dazu?« Schluchzend und weinend, wie ein mit schwerer Züchtigung bedrohtes Kind, entfernte sich Vetter Koppel. Noch an der Tür rief er mit tränenerstickter Stimme: »Hätt' er mir nur nicht meinen ›Mogen Dovid‹ wegnehmen lassen! . . . Jetzt ist er tot.« Das letzte Wort erweckte Nachime zu neuer Verzweiflung. Mit einer Kraft, die man dem schwachen Weibe nicht zugetraut hätte, schrie sie aufs neue um Hilfe, und rief die Namen ihres Mannes und Anschels. Selbst in diesem Augenblicke vergaß Nachime das »Dorf« nicht und das Weh, das sie darin gefunden. Als niemand der Ihrigen erschien, sagte sie mit gerungenen Händen, die Blicke beständig auf den unbeweglich daliegenden Sohn gerichtet: »Großer, lebendiger Gott! Wenn wir geblieben wären, wo wir waren, hätten denn nicht Hunderte von Menschen mich schon gehört und wären mir zu Hilfe gekommen? Hier aber auf dem gottgeschlagenen Dorf kann ein Mensch verschmachten, und es hört ihn keiner, und man läßt ihn sterben! . . Nicht Vater, nicht Bruder sind hier; das wäre sonst ganz anders gewesen.« In diesem Augenblicke flog das Hoftor auf und Wojtech trat mit einem Pferde, das er hinter sich zog, herein. Das Pferd hinkte am linken Vorderfuß. Trotz ihrer Abneigung gegen den Knecht schrie Nachime doch vor Freude auf, als sie das einzige menschliche Wesen erblickte, dessen Hilfe sie in ihrer Drangsal benutzen konnte. »Wojtech, lieber Wojtech,« rief sie deutsch, »du kommst wie ein Engel vom Himmel herunter.« Der Knecht verstand die ihm fremden Laute nicht. Doch kam er mit seinem Pferde auf Nachime zu. »Was sagst du,« rief sie schluchzend in böhmischer Sprache, denn sie hatte mit dem schnellen Verständnis der Angst begriffen, welchen Fehler sie soeben begangen, – »was sagst du, Wojtech, was meinem Sohn zugekommen ist? Er liegt wie tot in seinem Bette.« »Der hochwürdige Herr?« sagte Wojtech. Nachime überhörte den sonderbaren Titel, den der Knecht ihrem Sohne beilegte. »Komm nur herein,« sagte sie, »und sieh dir ihn an; er ist wie tot.« Wojtech ließ mit einem Male das Pferd los, das seinen Weg zum Stall selbst fand. In einem Satze stand er neben Nachime. Sie nahm ihn ohne Scheu bei der Hand und führte ihn ans Bett Eliehs, der noch immer in derselben Betäubung mit glühendrotem Antlitz und schwer atmend dalag. »Ist der nicht wie tot?« schrie sie aufs neue, »so liegt er schon seit einer Viertelstunde da, ich kann ihn nicht erwecken, er stirbt so vor meinen eigenen Augen.« Wojtech starrte den Ohnmächtigen eine Weile an, dann sagte er mit dem Tone des tiefsten Mitgefühls: »Frau, der hochwürdige Herr ist sehr krank; da muß schnell Hilfe geschafft werden; aber tot ist er nicht.« Als Nachime die Bestätigung des Unglücks auch aus zweitem Munde hörte, glaubte sie es erst recht; sie war jetzt tief erschrocken. Wie vernichtet sank sie neben dem Bette hin, und indem sie die fieberheiße Hand des Kranken ergriff, rief sie schmerzlich: »O mein Eliehleben, willst du denn sterben, ehe du deine Mutter noch einmal gesehen hast? Gott! Allmächtiger! wenn's über einen aus meinem Hause kommen soll, so schick's doch lieber auf mich. Ich hab' ja so nichts zu tun auf der Welt! Warum denn über meinen Elieh . . .?« »Weine nicht, Frau,« sagte Wojtech, »und sehen wir lieber, wie wir ihn ins Bett bringen. Dann will ich gleich nach Brandeis hineinreiten und den Herrn Doktor rufen. Einstweilen mußt du trachten, daß er wieder zum Bewußtsein kommt; es kann ja das nicht so lange dauern.« Nachime vernahm nicht sobald diese Trostworte des Knechtes, der eine so tätige Mithilfe versprach, als sie neu gestärkt sich erhob. In so drangvollen Augenblicken klammert sich die Seele mit aller Kraft an einen einzigen Hoffnungsstrahl, an ein mildes, auf menschlicher Bewegung hervorgegangenes Wort. »Ja, tu das, Wojtechleben,« rief sie wieder deutsch. »Gott wird dir's zahlen.« Der Knecht hob nun den Kranken mit leichter Gewalt auf, und es dauerte nur ganz kurze Zeit, so war dieser seiner Kleidungsstücke entledigt. Er tat das alles mit solcher Schonung, als hätte er ein fünfjähriges Kind unter seinen Händen; er drückte ihn nirgends, seine starke Faust schien für den Augenblick weich und zart geworden zu sein. Selbst Nachime, die dem allem angstvoll zuschaute, mußte sich das gestehen. Sie hatte das von dem mürrischen Knechte nicht erwartet. Aber der Moment schnitt jedes Nachdenken, jeden ferner liegenden Gedanken sogleich ab; wie es ihr denn auch entging, daß das Bett, in das sie den Kranken nun legten, unberührt war. Wojtech bemerkte gleich, daß das Fenster weit offen stand . . . er schloß es bedächtig. Kaum lagen die warmen Hüllen auf dem Leibe Eliehs, als sich eine Rückkehr aus dem todähnlichen Zustande zeigte. Zuerst ging ein Zucken über das glühende Antlitz, dann schlug er plötzlich die Augen auf; aber als ob der volle Lichtstrahl sie zu schmerzlich getroffen hätte, schloß er sie wieder und stöhnte dumpf hiebei. Kein Wort kam über seine Lippen. Allein schon das genügte der Mutter. »Wojtech . . .,« rief sie freudig, »er ist nicht tot. Jetzt eil, was du eilen kannst.« »Ja, Frau,« sagte der Knecht, »ich will reiten wie der helle Teufel. Nach Brandeis ist eine gute halbe Stunde; wenn der Doktor nicht in einer Stunde schon hier ist bei deinem Sohne, so sag: Wojtech ist ein niederträchtiger Lügner.« Damit ging er rasch zur Tür hinaus. Bald darauf vernahm Nachime den Hufschlag eines Pferdes auf dem Hof; das Tor wurde geöffnet und wieder geschlossen, und der Knecht ritt im schärfsten Trabe durch das Dorf. Nur wunderte sich Nachime, daß Wojtech, statt die Straße nach Brandeis einzuschlagen, die hart an ihrem Hause rechts führte, das Dorf hinabritt. Es hatte das aber seinen guten Grund. Wojtech wußte, wo Rebb Schlome sich befand; er wollte ihm anzeigen, was im Hause vorgegangen. Es währte auch nur wenige Augenblicke, so kamen Rebb Schlome und Tille hintereinander. Beide hatte der Knecht gefunden. Tief erschrocken trat Rebb Schlome in Eliehs Kammer; Nachime stand am Bette, und so konnte er nicht gleich das Gesicht des Erkrankten erblicken. »Um Gottes willen, was ist mit Elieh?« schrie er überlaut. »Still, still,« rief Nachime leise. »Siehst du denn nicht. daß man ihn nicht erschrecken darf? Er ist sehr, sehr krank. –« Rebb Schlome schlich nun herbei und sah dem Kranken eine Weile in das vom Fieber hochgerötete Antlitz. »Es wird ihm nichts sein,« sagte er halblaut, vielleicht sich selbst zur Beruhigung, »er war schon öfters krank, und es ist gottlob! immer gut an ihm vorübergegangen.« Trotz der traurigen Lage, in der sich Nachime in diesem Augenblicke der ungewissen Zukunft gegenüber befand, die über Tod und Leben ihres Kindes entscheiden konnte, erregten diese wenigen Worte ihres Mannes eine Bitterkeit in ihr, die sie nicht unterdrücken konnte. »Sieh dir nur an,« sagte sie mit schneidender Herbigkeit, »ob der nicht krank ist? Gott gebe, daß wir ihn behalten. Das Kind hat sich das ›Herz abgegessen‹ vor lauter Kummer und Sorge, daß er hier ist, und nun ist's vorbei.« Dann aber brach sie in ein leidenschaftliches Schluchzen aus, und nur um den Kranken nicht zu stören, ging sie zur Kammer hinaus. Draußen traf sie Tille, die bleich und atemlos vom Laufen und Schrecken sie fragte, ob es wahr sei, daß es mit Elieh so schlecht stehe? Nachime erwiderte ihr kein Wort. Vielleicht wollte sie ihr auch nicht antworten. 12. Der hochwürdige Herr. Wojtech hatte nicht gelogen. Ehe eine Stunde vergangen war, kam er von Brandeis zurück. Das Pferd dampfte von dem eiligen Ritte und brach fast zusammen, als er herabstieg; in der Tat hatte ihm der Knecht heute eine Aufgabe auferlegt, die er ihm sonst nicht zugetraut hätte. Er selbst konnte sich kaum auf den Füßen halten. Er kündete an, daß der Doktor bald anlangen würde; er hätte sich nur um einer »Gelegenheit« umsehen müssen, um herauszukommen, denn im Drange des Augenblickes hatte Wojtech vergessen, mit dem Wagen sogleich nach Brandeis zu fahren, was einen Aufschub verhütet hätte. Als Wojtech die Nachricht Nachime hinterbracht hatte, streckte sie die Hand gegen ihn aus und sagte: »Wojtech, du stehst jetzt bei mir obenan, jetzt lass' ich nichts auf dich kommen. Da hast du etwas, und wenn du ins Wirtshaus gehen willst, so hab' ich nichts dagegen. Trink aber auf die Gesundheit meines Sohnes.« Der sonderbare Knecht trat aber mürrisch zurück. »Das lass' ich mir nicht bezahlen,« sagte er finster, »was ich für den hochwürdigen Herrn tue. Durst hab' ich keinen, und ins Wirtshaus geh' ich nicht. Der Wirt könnt' morgen zusperren, wenn er von mir leben wollte.« »So zahl' dir's Gott,« rief Nachime im Übermaße wirklicher Verwunderung. »Ich will dir's aber schon gedenken.« Wojtech entgegnete nichts, er nahm das Pferd am Zügel und führte es vor das Haus, damit es sich abkühle. Eine Stunde darauf fuhr der Brandeiser Arzt vor. Es war dies noch ein junger Mann, der erst kürzlich von der Prager Universität mit dem Doktordiplome zurückgekehrt war. Als er vom Wagen herabsprang und Nachime ihn erblickte, erkannte sie ihn gleich; er war aus demselben Orte, den sie nicht lange vorher verlassen hatte, Sohn des dortigen Apothekers, aus einer Familie entsprossen, in der man seit Menschengedenken auffallend feindlich gesinnt war gegen alles, was an die »Kille« anrührte. Nachimes Herz ward nun bei seinem Anblick doppelt beengt: sie wußte nicht, welcher Urteilsspruch aus seinem Munde hervorgehen würde, und dann, weil sie sich »mit dem Judenfeind« nicht »ausreden« konnte. Auch der Doktor erkannte die Familie sogleich; er mochte aus seiner Kindheit sich manches Vergehens gegen sie bewußt sein, das mit den Grundsätzen der »reinen Humanität« nicht allzusehr im Einklang stand, und es mag unentschieden bleiben, ob die vielen Kreuze, die er zum vermeintlichen Ärger der Juden an die Mauern und Türen der Gasse geschmiert hatte, aus seinem Herzen auch gelöscht waren. Leben wir doch in einer Zeit, in der es sich wieder so manche nur »für Volkswohl und Volksglück« glühende Seele angelegen sein läßt, recht deutlich und sichtbar das Gotteszeichen an die Wohnungen des Ghettos zu zeichnen, wenn auch nicht mit Kreide und Kohle, so doch mit anderen Dingen, die von Regen und Wind nicht so leicht verwischt werden! . . . Als der Doktor den Zustand des Kranken prüfte, erklärte er rasch und ohne Schonung, daß Elieh in einem sehr heftigen Fieber liege, über dessen günstigen oder ungünstigen Verlauf er noch nichts sagen könne; es sei möglich, daß die Natur des Kranken mächtiger sein würde. als der zerstörende Stoff; es könne aber auch das Gegenteil erwartet werden. Sonderbar. Diese rücksichtslose Erklärung des Arztes, so fürchterlich sie auch lautete, erschreckte Nachime nur wenig: sie war überzeugt, daß der Arzt bloß aus »Judenhaß« übertreibe, um sie zu erschrecken. Hätte er sonst einer Mutter eine so grauenhafte Nachricht mit so dürren Worten angekündigt? Weiter fragte dann der Doktor, ob niemand vermute, wie Elieh in diesen Zustand geraten. Sein Blick fiel auf die großen Folianten, die aufgestapelt in dem offenen Schranke standen. Ob er vielleicht zu viel gelernt? Nachime verneinte dies, sie glaubte, das sei es nicht, er lerne schon von »Kind auf«; wie ihm das schaden könne, was er schon so lange betrieben? Bücher seien ja kein Essen, an dem man sich den Magen verderben könne. »Aber den Kopf,« meinte der Doktor, »namentlich an diesen da.« Er zeigte dabei mit einem verächtlichen Lächeln an den Mundwinkeln nach den dicken Folianten. Nachime wollte reden, ihre Lippen zuckten, und über ihr ganzes Wesen ging ein krampfhaftes Zittern. Sie wollte dem Doktor ihre rechte Vermutung aussprechen, was Elieh fehle, es quoll ihr zum Herzen heraus; ihre Leidensgeschichte und die ihres Sohnes drängte sich gewaltsam zum Offenbaren auf. Aber ein Blick in des »judenfeindliche« Gesicht des Arztes bewirkte, daß sie sich schnell besann. Sollte sie ihm das erzählen, dem Sohne der Apothekerfamilie, von der die ganze Welt wußte, daß sie doppelte Freude darüber empfand, wenn eine »Medizin« für jemanden auf der »Gasse« bestellt ward, erstens wegen des Rezeptes selbst, und dann, weil es für einen auf der »Gasse« bestimmt war? Sollte sie ihm das erzählen? ihm noch eine Freude bereiten, damit er dann überall mit der »Geschichte« herumlaufen könne, wie sich die »Juden« so namenlos unglücklich gemacht hätten? Sie sagte also nur: »Gott der Lebendige weiß, wie ihm das zugestoßen ist. Er wird ein »böses Auge« bekommen haben.« »Oder er wird sich den Magen an einer eurer fetten und unverdaulichen Speisen verdorben haben. Ihr kocht ja alles mit Gänseschmalz,« warf der Doktor wie scherzend hin. Diesmal entgegnete Nachime gar nichts. Ihr Herz zitterte zwischen Zorn und Angst auf und nieder. Der Doktor verschrieb dann das Rezept und versprach morgen wiederzukommen. Dann empfahl er sich und fuhr davon. Trotz des angestrengten Rittes, von dem Wojtech kaum zurückgekehrt war, stand er dennoch schon am Tore und wartete auf den Doktor. Er wolle die »Medizin« aus der Brandeiser Apotheke holen, und der Doktor hatte nichts dagegen, daß Wojtech sich zum Kutscher setze. Wie er zurückkommen werde, meinte er, das sei einerlei; er werde aber bald zurück sein. Darauf können sich alle verlassen. Sonst reicht die Erscheinung des Arztes allein hin und strömt von sich ein Gefühl der Beruhigung und Linderung aus. Menschliches Wissen ist in Anspruch genommen worden, ihm vertraut man, vor ihm sinken Zweifel und Hoffnungslosigkeit zu Boden. Aber bei Nachime geschah gerade das Gegenteil; es überfiel sie erst jetzt eine Trostlosigkeit und ein Bangen, als ob der Doktor jedes Hoffen auf Besserung für eine Torheit erklärt hätte. Nachime war, wie fast die meisten Frauen, ein geborener Arzt; sie verstand sich besser auf den Zustand des Kranken, als der Brandeiser, in Prag zur höchsten Universitätswürde erhobene Doktor. »Wie kann ihm gut werden?« schrie sie schmerzlich, »wie soll ihm gut werden, wenn er meint, Elieh hätte sich den Magen verdorben. Warum hat er nicht weiter gefragt? Das Kind leidet an etwas ganz anderem, und er verschreibt ihm etwas für den verdorbenen Magen. Er weiß ja nicht einmal, was ihm fehlt. Wie soll ihm auch etwas an meinem Kinde liegen? Sein Vater und sein Großvater hätten einen gern in einem Löffel Wasser vergiftet, wie soll der Sohn anders sein?« Ahnte wohl der Sohn der »Apothekerfamilie«, welche Stürme er zurückließ in der Brust dieser armen Judenmutter? Der Brandeiser Doktor hatte übrigens den Zustand des Kranken vom »medizinischen Standpunkte« recht erkannt. Elieh lag in dem heftigsten Fieber; grauenhaft rüttelten die zerstörenden Gewalten an dem schwächlichen Leibe. Er war zwar wieder zum Bewußtsein erwacht, aber dieses Erwachen erschreckte mehr, als der todähnliche Schlaf, in dem ihn Nachime am Morgen gefunden. Dunkle Worte quollen bald schwer, bald gestammelt, bald wieder in überstürzenden Lauten über seine Lippen. Oft hielt er minutenlang die Augen geschlossen, riß sie dann mit einem Male weit auf, als drängte ihn eine innere Gewalt dazu, und starrte dann das Fenster an. Er vermochte das Auge davon gar nicht abzuwenden, es schien, als fürchtete er, die Augen könnten sich schließen und er nicht mehr nach dem Fenster sehen. Nachime, die gehört hatte, daß Kranke dieser Art einen unwiderstehlichen Trieb in sich fühlen, in die Freiheit zu kommen, daß sie in der Fieberglut sogar zum Fenster hinausstürzen, hatte nichts Eiligeres zu tun, als den Bücherschrank davorrücken zu lassen. Da geriet aber der Kranke in eine entsetzliche Wut; er wollte aus dem Bette springen, und nur die Kraft Rebb Schlomes vermochte ihn mit schwerer Mühe niederzudrücken. Von diesem Augenblicke an schloß er kein Auge; er starrte unverwandt nach dem verfinsterten Fenster hin. Schwere, kummervolle Tage kamen nun heran, Tage und Stunden, in denen Nachime allen Mut, der ihr noch übrig geblieben, aufbieten mußte, um nicht zu erliegen. Aber das eben ist das Geheimnis der menschlichen Seele, namentlich im Weibe. Wie die ersten Goldfinder in jenem überseeischen Lande, dessen leuchtender Glanz weithin alles an sich lockt, in geheimnisvollen Sagen von den Schätzen sprachen, so weiß auch sie diese Quellen des Mutes, dieses unsichtbare Erstarken und Aufraffen nach größter Entmutigung und Erniedrigung zu verbergen. Kein Auge hat die Kräfte entdeckt, die dabei mitwirken, ob sie im Gehirne, in den Nerven oder im Blute wohnen. Das Gold haben andere gefunden, weil es nackt in der Erde lag. Die menschliche Seele aber ist Gottes! Eliehs Zustand blieb sich in den ersten Tagen gleich. Der Brandeiser Doktor kam jeden Tag; aber Nachime konnte den einmal zerstörten Glauben an ihn nicht wieder in sich aufbauen; sie sah sein Gehen und Kommen mit einer Gleichgültigkeit, die fast an Verachtung grenzte. »Er weiß ja doch nicht, was dem Kind fehlt,« sagte sie dann jedesmal, »ich weiß es besser. Er gibt ihm etwas für den Magen ein, und die Krankheit steckt im Herzen.« Fieberphantasien, in denen viel von Feuer und Nacht die Rede war, wechselten mit starrer Ruhe ab, in der jeder Lebensfunke verlöscht und die kleinste Kraftanstrengung so geschwunden schien, daß Nachime oft meinte, der Kranke könne in diesem Zustande keine Fliege totschlagen. Trübe und traurig war es im Hause, in dessen Mauern bis jetzt ohnehin keine Freudigkeit gewaltet hatte. Kein lauter Ton wurde gehört. Alles schlich schweigend und gebückt umher. Selbst Vetter Koppel schien eine Ahnung von dem Unglücke zu haben, das seine dunklen Schatten über das Haus geworfen hatte. Er klagte nicht mehr um den geraubten Schatz. Auch Rebb Schlome war tief gebeugt; er sprach es nicht aus, aber man sah es seinem ganzen Wesen an. Wenn er die mütterliche Sorge Nachimes sah, die das Größte und Kleinste in ihren Bereich zu ziehen verstand, zuckte es oft eigentümlich über sein verhärtetes Antlitz. Sie sprachen fast nicht miteinander, ja Nachime schien jedes längere Weilen in seiner Nähe zu meiden. Nie nahm sie die geringste Mithilfe in Anspruch; sie wollte alles selbst tun und alles leiden. Die Bangigkeit um den kranken Sohn hatte das alte Wesen Nachimes wieder herausgekehrt, sie war wieder schweigsam geworden. Aber es war nur Schein. Neben der Sorge schritt auch verhaltener Groll einher. Sie schlug die Mithilfe ihrer Kinder und ihres Mannes in der Wartung Eliehs aus, aber unausgesprochen zehrte sich der Ärger immer tiefer in ihr Herz, warum sie nicht tätiger eingriffen. Rebb Schlome war oft nicht zu Hause; denn wenn ein Kranker in unserer Nähe liegt, scheint es, als ob die Lust auf einen weiten Umkreis mit schweren, beängstigenden Dünsten erfüllt wäre. Nicht jeder weilt darin gern; die meisten drängt es fort und läßt sie nicht zu Atem kommen. Das legte Nachime nun als Herzlosigkeit aus. »Wenn früher einem Kind,« klagte sie, »nur der Kopf weh getan hat, dann hat er vor lauter Sorg' sich gar nicht ausgekannt. Da war ihm kein Doktor zu viel, und er ist aus dem Haus nicht gewichen. Jetzt kann ihm, Gott behüt', ein Kind sterben, was wird er viel danach fragen? Sein Kopf steht ihm nur nach dem Feld, und wie er dem Kaiser etwas zu Gefallen machen kann. Heißt das aber dem Kaiser zu Gefallen leben, wenn man seine eigene Familie unglücklich macht und sein eigen Kind in die Grube bringt?« Es wird sonderbar bedünken, daß sich derselbe Groll, wie ungerecht er auch sein mochte, nicht auch gegen Anschel aussprach. Sie schien es nicht zu bemerken, daß sich Anschel fast mit Absicht vom Bette seines kranken Bruders fern hielt; er fragte nur verstohlen nach seinem Befinden. Nachime wußte freilich nicht, daß Elieh einmal in seinen Delirien den Namen Anschels mit einer so drohenden Miene, mit einem so gewaltigen Zornesausbruch ausgestoßen hatte, daß Anschel entsetzt davonlief. Begann sie vielleicht milder auch über ihn zu denken, und dasselbe Mitleid, das mit so weichen Armen den kranken Sohn umfing, regte es sich auch für ihn, der doch auch nichts dafür konnte, daß man ihn unter die Bauern gebracht hatte? . . . Dafür betrachtete sie, mitten unter den Ihrigen, einen Fremden wie einen ihr vom Himmel zugesandten Engel. Wir meinen den Knecht Wojtech. Wojtech hatte sich mit seiner tätigen Beihilfe am Tage der Erkrankung Eliehs nicht begnügt, er war seitdem sein treuester Wärter geworden. Niemand als er durfte in die Brandeiser Apotheke reiten, um die verschriebenen Medizinen abzuholen. Bei Tag auf dem Felde mürrisch und abstoßend gegen alle, die ihm in den Weg kamen, namentlich gegen Anschel, war er in der Nacht am Bette des Kranken »wie ausgetauscht«. Er hatte nicht um die Erlaubnis gebeten, ob er da wachen dürfe, aber er war da, und Nachime hätte keinen treueren Wächter finden können. Wenn die Nacht hereingebrochen war, alles sich zur Ruhe begeben hatte, nur Nachime nicht, kam er in die Krankenstube, um seinen Wärterdienst anzutreten. Anfangs trug Nachime Bedenken, ob sie den fremden Knecht allein bei dem »Kind« lassen sollte; aber in der ganzen Erscheinung des Knechtes, in der Art und Weise, wie er ihr gebot, ihm die Sorge für den Kranken zu überlassen, lag etwas so Beruhigendes, daß Nachime mit allem Groll, mit aller Ängstlichkeit im Herzen ein Vertrauen zu ihm faßte, wie sie es zu keinem andern Menschen gefaßt hätte. Wunderbar jedoch war es, daß sie gar nicht darüber nachdachte, warum der Knecht »so« sei. Oft schlich sie in der Nacht, wenn sie plötzlich aus dem Schlafe auffuhr, und meinte, es sei heller lichter Tag, und Elieh werde ihrer bedürfen, nach der Kammer, in der er lag; jedesmal fand sie den Knecht noch am Bette sitzen, mit Ängstlichkeit die schweren Atemzüge des Kranken belauschend. Sie zog sich dann beruhigt zurück. »Schläft er?« fragte sie ihn einmal, als sie in der Nacht »nachsehen« kam. Da erschrak sie bis in die tiefste Seele, als ihr der Knecht zornig, mit finster abwehrender Gebärde zurief: »Dein Sohn schläft, Frau, aber du schläfst nicht. Er wird gesund werden, aber über dich wird auch die Krankheit kommen. Denk daran.« Von dieser Stunde an war die Sorge, die sie Elieh widmete, gleichsam nur zur Hälfte ihr anvertraut, die andere lastete auf den Schultern des Knechts. Frühmorgens kam Nachime; da erzählte ihr dann Wojtech, was in der Nacht vorgefallen. Jedes Wort, das er sprach, jede Bemerkung, die er über den Gang der Krankheit machte, zeigte von Verständnis und bewies ihr, daß der Knecht kein Auge geschlossen hatte. »Wojtech, du bist zu einem Doktor geboren,« sagte sie einmal voll Verwunderung, »du bist gescheiter als der Brandeiser Doktor, und dich hätten sie zum Doktor machen sollen.« »Brauchst mich nicht zu loben,« sagte darauf der Knecht mit finster abgewandtem Gesichte, »was ich tue, das tue ich für den hochwürdigen Herrn da, und sonst für keinen in der Welt.« »Geh,« meinte Nachime, »stell dich nicht schlechter als du bist. Ich muß dir nur sagen, ich hab' mich an dir gewaltig vergangen. Ich hab' immer gemeint, du kannst uns nicht leiden, und daß ich dir's nur heraus sag' – ich hab' immer geglaubt, du bist ein Judenfeind. Jetzt aber seh' ich's ein, du hast uns gern, du verstellst dich nur, denn du bist ein ganz anderer.« »Wer hat dir das gesagt?« rief Wojtech mehr erschrocken als zornig. Dann fügte er, wie aus Furcht, zu laut in der Gegenwart des Kranken gesprochen zu haben, leise, mit gesenkten Augen hinzu: »Für den hochwürdigen Herrn da tue ich alles, es braucht mir's aber kein Mensch vorzuwerfen.« »Man wird sich doch aber bei dir bedanken dürfen?« rief Nachime eifrig. »Bei mir braucht sich kein Mensch zu bedanken,« sagte der Knecht kurz und ging zur Kammer hinaus. Nachime sah ihm verwirrt nach. Was trieb diesen Knecht, sich schlechter zu stellen, als er war? Warum verleugnete er so sein ganzes Wesen? Der Brandeiser Doktor hatte für den vierzehnten Tag die »Krisis« der Krankheit vorhergesagt. Selbst in dieser Verkündigung hatte sich der »judenfeindliche« Sinn des »Apothekersohnes« gezeigt. Warum verschwieg er das nicht? Wozu sagte er das mit solcher Bestimmtheit? Nachime in ihrer Abneigung gegen den Träger des traditionellen Hasses wollte sogar eine Art hämischen Lächelns um seine Lippen gesehen haben; aber darin hatte sie sich gewiß getäuscht. Es war ein Sonntag, als diese verhängnisvolle »Krise« anbrach. Nur Nachime und der Knecht wachten an diesem Tage am Bette des Kranken. Wojtech hatte wieder nicht gefragt. Als Nachime früh am Morgen in die Kammer gekommen war, hatte der Knecht nur gesagt: »Heute!« und Nachime verstand ihn nur allzuwohl. Aber fast schien es, als ob die ärztliche Prophezeiung zuschanden werden sollte. Der Zustand Eliehs zeigte sich keineswegs so beunruhigend; er lag den ganzen Tag über in einem leichten Schlummer, der nur wenig unterbrochen ward, das heftige Fieber schien gänzlich gewichen zu sein. Sollte das die verhängnisvolle Verkündigung des Brandeiser Doktors vorstellen? fragte sich die Mutter Eliehs; und wer wird es diesem geängstigten Herzen verargen, wenn es diese Selbsttäuschung bis zur Schadenfreude über die Unkenntnis des Apothekersohnes steigerte? Gegen vier Uhr nachmittags trat jedoch eine merkliche Änderung ein. Um diese Stunde begann in der nur durch einige Häuser getrennten Dorfschenke die Tanzmusik. Mit dem ersten Geigenstriche, der herübertönte, erwachte der »Bocher« aus dem Schlummer. Seine Augen begannen in einem unheimlichen Feuer zu funkeln, wie es Nachime bis dahin nicht gesehen hatte; von Zeit zu Zeit kam ein tiefes Stöhnen aus der Brust hervor. Allmählich bemächtigte sich seiner wieder eine Unruhe, die von Minute zu Minute einen immer grauenhaftern Charakter annahm. Es war merkwürdig anzusehen, wie mit dem Beginne der Tanzweise die innere Pein, das Glühen der Augen, das krampfhafte Zucken des ganzen Leibes zunahm, und mit dem Aufhören derselben sogleich in einen ruhigeren Zustand überging. Es war klar, die vorhergesagte Krise war eingetreten; der Kranke rang zwischen Tod und Leben. In diesen schrecklichen Augenblicken klang nur ein Gedanke durch Nachimes Seele, wie sie nämlich die Musik zum Schweigen bringen könne. Jeder aufkreischende Ton, der aus dem Wirtshause herüberscholl, fand gleichsam auf dem Antlitze ihres kranken Sohnes seinen Widerhall; es schien ihr, als ob er in diesem Lärme weder leben, noch sterben könne. »Wojtech . . .,« schrie sie einmal angstvoll, »geh du hinüber und sag ihnen, daß sie aufhören sollen. Frag sie um Gottes willen, ob sie denn wollen, daß ein Mensch einem Tanz zulieb' zugrunde gehen soll? Sie lassen ihn nicht einmal ruhig sterben!« »Das geht nicht, Frau!« sagte der Knecht trocken, »wenn der Kaiser käme, so hören die auch nicht auf, und wegen eines kranken Menschen gar nicht. Er muß nicht krank sein, werden sie sagen, er soll lieber tanzen, daß er gesund wird.« »Warum sind wir fortgegangen aus der schönen, stillen Gass'!« brach es nun schluchzend aus Nachime hervor; »warum sind wir nicht dort geblieben, wo es wenigstens Menschen gibt. die einen in Ruh' sterben lassen? Wo hätt' einer sich's beifallen lassen, Musik zu machen, selbst wenn dem Geringsten und Schlechtesten in der Gasse etwas gefehlt hat? Und mein eigen Kind muß so sterben, kann nicht seine Ruhe finden unter diesen Unmenschen! Verzeih's uns, Elieh, mein Sohn, und trag's uns nicht nach, daß wir an dir so gehandelt haben, nicht wie Eltern an einem Kind! Ich möcht' dir ja gern deine Ruhe verschaffen, aber ich kann's nicht! Wir sind auf dem Dorf!« Sie hatte die letzten Worte unmittelbar an den Kranken gerichtet; aber der vernahm sie nicht. Alle seine Sinne schienen jedoch in den herüberklingenden Tönen zu leben und sonst für alles andere den Dienst zu versagen. Er kannte niemanden, selbst seine Mutter nicht. Den Knecht stieß er einmal mit übermenschlicher Gewalt in die Brust und rief dabei mit hastig zornigen Worten: »Komm mir nicht in den Weg – Anschel!« Ein andermal, als die Musik in der Schenke gerade eine lustige Tanzweise begann, neigte er den Kopf, gleichsam taktgebend dazu, und Nachime hörte ihn undeutlich vor sich hinflüstern: »Warum soll ich nicht auch tanzen? Anschel tanzt auch!!« Dann rief er wieder: »Aufgespielt, Musikanten!« Diese wirren Reden, die so wenig zu dem Wesen des Bochers paßten, überzeugten Nachime mehr als jedes andere, daß dem Leben des kranken Sohnes gleichsam nur aus Barmherzigkeit eine kurze Rast in diesem vom Fieber so durchwühlten Leibe gegönnt sei. Um Mitternacht schlich sie auf Wojtechs Zurede von ihm fort; morgen in aller Frühe sollte jemand nach Brandeis geschickt werden, nicht um den Doktor, sondern um die »Kabbronim«. Leute, die mit dem Toten die letzten Gebete sprechen und die Beerdigung besorgen. Nur ein Wunder Gottes, meinte sie, konnte ihm noch helfen. Aber Gott werde dieses Wunder nicht tun; es sei alles umsonst, Gott und Menschen hätten sie verlassen . . . Aber sie schlief nicht, wie keiner im Hause in dieser Nacht, die über Tod und Leben entscheiden sollte, ein Auge schloß. Eliehs Zustand war derselbe. Die Musik hatte noch nicht aufgehört. Sie hatte im Gegenteil, je mehr sie dem Morgen entgegenging, einen leidenschaftlicheren Charakter angenommen; jeder Ton ward von der Luft herübergetragen, nicht das leiseste »Juchhe« ward dem Kranken geschenkt. Mit einem Male kam es Nachime vor, als ob sich Tritte, die sich unhörbar machen wollten, dem Hause näherten. Die Musik hatte in diesem Augenblicke aufgehört. Auch der Kranke mußte sie vernommen haben; mit weit offenen Augen starrte er das Fenster an, er schien zu lauschen. Gleich darauf vernahmen sie ein leises Pochen an dem Fenster, und eine Mädchenstimme, wie es schien, rief böhmisch dreimal hintereinander, wie auf Antwort wartend: »Schläfst du? – oder bist du wach?« Grauenhaft war die Wirkung dieser wenigen Worte auf den Kranken. Mit einem gellenden Schrei, der nicht aus der Brust, sondern aus unbekannten Tiefen seiner Seele zu kommen schien, sprang er auf und wollte zum Bett hinaus. Es war gut, daß Wojtech zugegen war; mit übermäßiger Gewalt riß er den Kranken nieder, der sich unter seinen Händen mit einer Kraft verteidigte, die man ihm, selbst in der Gesundheit nicht zugetraut hätte. Dieser Kampf dauerte eine Weile, während Nachime entsetzt, unmächtig irgend einer Bewegung, nur zusah. Mit einem Male fühlte Wojtech, daß der Widerstand des Kranken aufgehört hatte, zugleich empfand er, daß an die Stelle der fieberhaften Hitze eine eisige Kälte getreten war. Erschrocken ließ er von ihm; da lag Elieh, mit geschlossenen Augen, unbeweglich, dem Anscheine nach ohne Leben bereits da. »Leucht her, Frau,« sagte der Knecht, der ein Beben, das seinen ganzen Körper durchlief, nicht verbergen konnte. Unwillkürlich folgte Nachime diesem Gebote. Das zitternde Licht spielte auf dem blassen, tief eingefallenen Gesichte des Kranken. Ein Federchen schien sich wie absichtlich über die Oberlippe gelegt zu haben, es regte sich nicht. Ein Friede, wie er nur nach schwerem Kampfe über den Menschen kommt, zeigte sich auf dem Antlitze. Jede Spur der fieberhaften Leidenschaft war daraus gewichen. Dieser Anblick wirkte fast beruhigend auf die Mutter; sie sah in ihm das ausgerungene Weh vor sich. So betrachteten ihn die beiden eine lange Weile. Dann rief Nachime mit herzzerschneidendem Tone: »Jetzt ist der auch tot, nichts bleibt mir mehr auf der Welt da!« und sank schluchzend neben dem Bette nieder. Wojtech aber sagte: »Er ist abgeholt worden, der hochwürdige Herr. Darum ist an das Fenster geklopft worden.« Er wollte den Leblosen nun noch zurecht legen, gleichsam den letzten Dienst ihm erweisen. Wie er nun dessen Hand ergriff, rief er überlaut: »Frau, wie ist mir? die Hand ist wieder warm, die ist nicht wie von einem Toten. Rühr sie selber an.« Ungläubig blickte Nachime zu dem Knechte auf; sie ergriff die dargereichte Hand Eliehs; in der Tat empfand sie, daß eine Wärme, die nicht die des Todes sein konnte, ihr entgegenströmte. »Lebt er?« fragte sie. »Ich geb' meine Seligkeit darum,« sagte der Knecht, »wenn der hochwürdige Herr nicht jetzt die Krankheit überstanden hat. Alles wird gut werden, von jetzt an wird er gesund.« Die Stimme des Knechtes zitterte vor freudiger Bewegung; auf seinem starren Antlitze leuchtete ein Strahl. wie er darauf nie geleuchtet haben mochte. Es war der Abglanz einer menschlichen Empfindung, die vielleicht gegen seinen Willen sich Bahn gebrochen hatte. Nachime kam es vor, als stehe ein höheres Wesen vor ihr. In diesem Augenblicke schlug der Bocher seine Augen auf und blickte matt und ungewiß um sich. »Wie ist dir, mein Elieh . . .?« schrie Nachime außer sich und beugte sich über den Kranken. Elieh konnte nichts entgegnen, er schloß wieder die Augen. »Laß ihn jetzt schlafen, Frau,« sagte der Knecht, indem er Nachime mit sanfter Gewalt von dem Kranken entfernte. »Wenn er jetzt schlafen kann, ist alles gut.« Nachime ließ es geschehen, daß Wojtech sie zur Kammer hinausführte, sie ging wie eine Träumende fort. Was hatte sich auch nicht in den Rahmen dieser wenigen Augenblicke alles hineingedrängt! Wojtech hatte übrigens recht. Die Krise, die der Brandeiser Doktor vorausgesagt, war glücklich vorüber. Der Kranke schlief den ersten gesunden Schlaf. 13. Genesen. Am andern Tage kam der Brandeiser Doktor; er zeigte sich ganz erstaunt, den Kranken auf dem Wege entschiedener Besserung zu finden. Er erklärte jede Gefahr für beseitigt, aber nur ein Wunder, meinte er, konnte ihn gerettet haben, denn von ihm, das gestehe er jetzt offen, sei er bereits »aufgegeben« gewesen. Nachime erzählte ihm das »Wunder« von dem geheimnisvollen Morgengruße eines Mädchens, die ans Fenster geklopft, aber in der Aufregung des Erlebten, in ihrer Seligkeit, den verlorenen Sohn dem Tode abgekämpft zu sehen, tat sie dies in einer Weise, daß der Doktor den ganzen Vorgang für ein wirkliches Wunder halten mußte. »Wenn Sie eine Christin wären, Frau Hahn,« sagte er mit einem eigentümlich stechenden Lächeln, »so könnten Sie glauben, die hochgebenedeiete Mutter Gottes sei selbst gekommen und habe Ihrem Sohne die Gesundheit gebracht. Denn bei uns geschieht das bisweilen.« Nachime verstand diesen Witz nur zur Hälfte; weil sie aber frohen Herzens war, lächelte sie auch dazu. In sich dachte sie aber, was sie dem Doktor sagen wollte, wenn er nicht der Sohn des Apothekers wäre, nämlich, wieso er denn ein so großer Judenfeind sein könne, wenn ihm selbst an seinem Allerheiligsten nichts »aufliege«. »Für unsere geistlichen Herren,« sagte dann der Doktor weiter, »wäre Ihr Sohn jetzt ein gefundener Bissen. Ein Wunder müßte vorgegangen sein, selbst wenn es sich auf die allernatürlichste Weise erklären ließe. Je natürlicher, desto besser. Lassen Sie doch Ihren Sohn zu uns übergehen; er könnte in kurzer Zeit seine ›Karriere‹ machen.« »Wie verstehen das der Herr Doktor?« fragte Nachime erschrocken, aber noch immer lächelnd. »Ich meinte,« rief der Doktor spöttisch, »wenn Sie Ihrem Sohne die Erlaubnis geben würden, das Wunder, das mit seiner Gesundheit vorgegangen war, von einem unserer Kirchenlichter nur erklären zu lassen, so möchte Ihr Sohn und ihr alle euer Glück machen. Aber Sie tun das nicht, nicht wahr?« Nun erst verstand ihn Nachime. »Der Herr Doktor meinen wohl,« sagte sie ruhiger, als man nach diesem Verständnis erwarten konnte, »wenn sich mein Sohn –« »Was wär's, wenn sich Ihr Sohn taufen ließe?« ergänzte lachend der Brandeiser Doktor. »Mein Sohn, der ein Rabbiner werden soll?« rief Nachime nicht so sehr entsetzt, als erstaunt aus. »Was fällt da dem Herrn Doktor ein?« »Pah,« sagte der Doktor mit einer ausdrucksvollen Miene, »wie lange wird es dauern, so werden Sie gar keinen Rabbiner brauchen. Die neue Freiheit wird Sie um das Judentum bringen. Ihre Leute, die jetzt alles werden können, Advokaten, Beamte, Minister, Bauern, werden sich von einer Religion nicht genieren lassen, die ihnen mehr als einen Riegel vorschiebt. Als gescheite Leute, die nichts unternehmen, was nicht einen gewissen Zweck hat, werden sie sich bald fragen: Ist es ein besseres Geschäft, wenn wir unsere alte Religion beibehalten, die bei aller Freiheit so viel Unbequemes hat, oder wenn wir es so machen?« Dabei machte der Doktor eine Bewegung mit seiner Hand, als wenn er Staub oder dergleichen davon abstreifen wollte. Diese bedeutungsvolle Gebärde des Doktors machte Nachime ganz verblüfft. Eine Weile lang blickte sie auf seine Hände, als ob er wirklich davon etwas abgestreift hätte. Sie war jetzt erst recht erschrocken, der Apothekersohn hatte aus seiner Gesinnung kein Hehl gemacht. Dennoch vergaß sie mit der den Frauen eigentümlichen Geistesgegenwart nicht, wen sie vor sich stehen hatte. Sie hatte sich von ihrem Schrecken sogleich erholt. »Der Herr Doktor spaßen nur,« sagte sie lächelnd. »Wie sollt' es einem von uns einfallen, unsere Religion so herunterzuwerfen von uns? Einen Wurm kann man von sich abschütteln, ein Bissel Staub abblasen, das weiß jedes Kind; aber so etwas nicht. Ich kann mich nicht so ausdrücken, Herr Doktor, so wie Sie; ich hab' nicht vierzehn Schulen studiert; aber ich meine, eher geht die Welt zusammen und alles fällt durcheinander, ehe das geschieht. Glauben Sie denn, Herr Doktor, es wird mit der Freiheit so bleiben? Es wird schon wieder eine Zeit kommen, wo keine Freiheit sein wird, und dann wird man auch nichts werden dürfen – –« Nachime brach plötzlich ab. Der Brandeiser Doktor blickte, nun selbst etwas aus der Fassung gebracht, in das leise gerötete Antlitz der Frau. Sie mochte ihm in diesem Augenblicke doch als ein anderes Wesen vorkommen, als er gewöhnlich in ihr gesehen. Namentlich schien auf ihrer letzten Bemerkung von der freiheitslosen Zeit etwas Freudiges herauszuklingen, was ihm auffiel. »Was wird dann geschehen, Frau Hahn?« fragte er dringend, als hätte er die letzten Worte überhört. »Dann werden wir wieder vom Dorfe wegziehen können,« antwortete Nachime rasch, aber in großer Bewegung. Das Erstaunen des Brandeiser Doktors wuchs. »Und auf diese Zeit scheinen Sie sich zu freuen?« rief er. »Wozu hätten sich Ihre Leute so angestrengt, hätten so viel gearbeitet, um Grund und Boden erwerben zu können? Jetzt, da sie das Recht haben, freuen Sie sich, Frau Hahn, auf die Zeit, wo sie beides wieder verlieren könnten? Was sagen Sie dazu, Herr Schlome?« »Sie sagen ja selbst, Herr Doktor,« fiel Nachime ein, ehe ihr Mann eine Antwort gefunden hatte, »daß es mit unserer Religion aus ist, wenn man zu viel Freiheit hat? Ich hab' den Kaiser nicht darum gebeten – ich war so zufrieden genug.« »Mit der bringen Sie nichts heraus, Herr Doktor,« sagte nun Rebb Schlome, anscheinend lustig, »wegen ihr hätt' keine Rebellion sein müssen; da hätten die Sachen lange noch so bleiben können, wie sie waren. Es sind nicht alle Weiber so; es haben sich jetzt manche noch mehr ausgezeichnet als die Männer. Ich hab's erst neulich in einer Zeitung gelesen, wie so eine mit Flint' und Patrontasche mitgefochten hat für die Freiheit, besser wie ein Mann. Aber wenn die da für die Freiheit etwas tun sollte, was nur auf ein halb Lot geht, so macht sie ein Geschrei darüber, daß es der Kaiser bis nach Wien hören muß. Das kommt davon her, weil sie keinen Sinn dafür hat.« Solch ein Kampf mit versteckt zielenden Worten, der in Gegenwart eines dritten geführt wird, hat für die, die er angeht, mehr Schmerzliches, als wenn er von Angesicht zu Angesicht, von Lippe zu Lippe vor sich geht. Man möchte niemanden es offenbaren, daß dem Worte, wie es lustig und launig spielt, eine spitzige Waffe anhängt; nur die Kämpfer fühlen, wie sie ins Fleisch fährt und unsichtbare Wunden schlägt. Während der Mund lacht, weiß der dritte, wenn er nicht sehr aufmerksamen Ohres ist, nicht, daß in seiner unmittelbaren Nähe so ernste Wunden geschlagen worden. Zum Glücke erinnerte sich Nachime wieder, daß der Sohn des Apothekers vor ihr stand, und wieder überfiel es sie mit einer Art von Scham, daß sie »dem« da, dessen Grundsätze sie so gut kannte, eine hochwillkommenes Schauspiel ihrer häuslichen Leiden gewähren sollte. Dazu dünkte sie sich »doch zu gut,« und dieser eigentümliche Stolz gab ihr den Mut, im Gespräche mit dem Doktor die lächelnde Miene, den scherzenden Ton beibehalten. »Was reden wir da für Dummheiten,« rief sie ärgerlich lachend. »Und wenn ich auch keine Freiheit will, wird's der Kaiser darum tun? Weiß er, wer ich bin? Kennt er mich? – Machen Sie mir lieber meinen Sohn gesund, Herr Doktor! das ist mir mehr als alle Freiheit.« »Was wollen Sie von mir, Frau Hahn,« sagte der Doktor mit lustiger Gebärde, »ich habe für die Genesung Ihres Sohnes nichts getan. Halten Sie sich an das lebendige Wunder, das ihn gerettet hat. Das wird ihn vollends gesund machen!« Als der Doktor wieder das Haus verlassen hatte, war alle Freude über Eliehs so schnell gewordene Genesung in dem bittern Gefühle untergegangen, das die Bemerkungen ihres Mannes in Nachime hervorgerufen. Das Wunder, wie sie es selbst erlebt, hätte sie gern, als von Gott geschickt, betrachtet, aber die hämischen Witze, die der Apothekersohn daran geknüpft, taten ihr weh und vergällten den Tag. Gott habe ihren Jammer gesehen, sprach es alleweil in ihr, weil sie bereits zu schwach gewesen, ihn zu ertragen, ob sie denn wieder neuen solle über sich kommen sehen? Jetzt sei ihr das Kind wiedergegeben, nun aber müßte sie mit Schrecken an die Worte des Doktors denken. Die natürlichen Folgen der Freiheiten sollten darin bestehen, daß sie »um die Religion« kämen? Und wenn sie sich es recht überlegte, so sprach er ja die lebendige Wahrheit. Wie sollte man sich mitten unter den Bauern, abgeschieden von allem Verkehr mit seinesgleichen, die Religion bewahren? Wenn das schon ein Christ, der noch dazu der Sohn des Apothekers war, bemerkte, wie mußten erst andere, die zu ihnen gehörten und sich nicht täuschen ließen, auf den Grund der Sache sehen? Es fehlte ihnen ja die Übung, sie hörten ja kein »jüdisch« Wort an ihr Ohr erklingen! Wenn jetzt einer von »drüben« zurückkäme, etwa die fromme Mutter, was würde die zu der plötzlichen Verwandlung des Hauses sagen, in dem ihre Tochter als Hausfrau waltete? Dazu hatte sie sie also geboren und aufgezogen? War das ein jüdisches Haus, das Haus ihrer Tochter, in das sie getreten wäre? Feierte man so den Freitag Abend, den schönen duftigen Vorboten des Sabbats? War das ein Sabbat, wie sie ihn von Kindheit auf gewohnt war? Ruhte man an diesem Tage aus, schien es nicht vielmehr, als trügen alle es mit Unwillen, daß man überhaupt an diesem Tage ruhen müsse? Das hatte ja der Brandeiser Doktor gesagt. Was brauchte seine Prophezeiung erst einzutreffen? Man fühlte sich ja schon unbequem in ihrem Hause! Wußte sie denn, ob Anschel täglich bete? ob er täglich »Tefillin legte«? ob er mittags »bensche«? Wenn sie das jetzt schon nicht wisse, was würde erst geschehen, wenn sie einmal die Augen geschlossen hätte für immer? Verantworten werde sie es müssen vor Gott in der andern Welt; denn Gott halte sich stets an die Mutter. Die hätte »achtgeben« sollen, daß dem Hause kein Unheil widerfahre, daß die Kinder nicht Schaden litten an Körper und Seele. Aber sie werde sich nicht verantworten können, sie werde sich nicht einmal unterstehen dürfen, ein Wort vorzubringen. Immer werde es heißen: Warum hast du nicht besser acht gegeben? Du bist ja die Mutter gewesen! War es zu verwundern, wenn Nachime jetzt mehr als je darauf bedacht war, wie sie Elieh aus dem Hause bringen könnte? Der Gedanke ging ihr auch nicht mehr aus dem Kopfe; wie etwas Weißes, Leuchtendes aus einem Meer von Finsternis stand er vor ihr Tag und Nacht. Er tröstete sie; er erhob sie in ihrem Weh. Wenigstens er sollte nicht mitgerissen werden, der kranke, schwache Elieh, der nichts verbrochen hatte. Gleich nachdem er gesund geworden, wollte sie die Abreise ins Werk setzen. Indessen schritt die Genesung des Bochers in fast erschreckender Eile vor; es war, als ob der Kranke inmitten seiner Leiden das Geheimnis entdeckt hätte, wie man über die Mächte der Zerstörung Meister wird. Es schien allen, als wenn er, noch keineswegs genesen, den festen Vorsatz hätte, gesund zu werden. War auch das Fieber von ihm gewichen, die Unruhe, die sich während der Krankheit oft in so grauenhaften Ausbrüchen geäußert hatte, war es nicht. Stundenlang konnte er oft regungslos im Bette liegen, namentlich wenn Nachime bei ihm war, oder Wojtech; wie er aber die Stimme Anschels vernahm, mochte dieser vom Felde heimkommen oder zum Hause hinausgehen, kam diese Unruhe über ihn, die allen um so rätselhafter vorkam, da sie die Krankheit für gebrochen hielten. Man fragte den Brandeiser Doktor, der jetzt nur zuweilen kam, nach der Ursache dieser befremdenden Erscheinung; der aber schüttelte den Kopf und meinte, das Wunder, das schon so Großes an ihm verrichtet, müsse sich noch einmal wiederholen. »Gefährlich« sei der Kranke nicht mehr, darauf könne man sich verlassen. Nachime fand aufs neue Gelegenheit, die Wissenschaft des Doktors zu verdächtigen. Sie wußte besser als er, was ihrem Sohne noch fehlte, was ihn nicht ganz gesund werden ließ. Warum fiel er, der Mann mit den vierzehn Schulen, nicht darauf? Warum sagte er nicht zu dem Kranken: Steh auf, packe deine Bücher ein und geh zurück, von wo du gekommen bist! Ein Umstand hätte Nachime aufmerksam machen sollen, daß dieses Mittel vielleicht doch nicht so unfehlbar war, als sie in ihrer mütterlichen Sorge träumte. Elieh begehrte niemals zu »lernen«; die Bücher standen unberührt, kaum daß er ihnen einen Blick schenkte. Nicht als ob Nachime es gewünscht hätte, daß Elieh in dem Zustande der Schwäche und Entkräftung sich mit dem schweren Lernen beschäftigen sollte; sie hätte das sogar verboten. Wie kam es aber, daß er nicht einmal danach begehrte? Konnte die Krankheit in einem Menschen so vernichtend wirken, daß sie eine alte Gewohnheit, das eigentliche Leben in ihm auslöschte? Das war ihr aufgefallen; aber sie legte nicht so viel Gewicht auf diesen Umstand, als er verdiente. »Die Lust wird ihm schon wieder kommen zum Lernen,« tröstete sie sich; »und besser ist's, er ruht sich aus.« Einen andern Umstand kannte Nachime nicht, aber wir müssen ihn erwähnen. Der »Bocher« sprach nämlich seit seiner Genesung stets böhmisch mit dem Knechte Wojtech. Das erstemal, als dieses geschah, war es in einer Nacht, die der Knecht, wie immer, am Bette des Kranken zubrachte. Bis dahin hatte Elieh nie ein Wort an Wojtech gerichtet, es war selbst ungewiß, ob er dessen Gesichtszüge kannte. Für den rätselhaften Knecht war diese Ansprache so befremdend, daß er nicht recht gehört zu haben meinte. Sprach der Kranke aus einem neuen Fiebertraume? Ungewiß trat er näher und fragte ihn, was er denn begehre. Mit deutlicher Stimme wiederholte nun der Bocher seine Ansprache: er begehrte Wasser. Wojtech brachte ihm rasch das Geforderte; aber als er das volle Glas dem Kranken hinreichte, zitterte er so heftig, daß einige Tropfen auf Eliehs Hand fielen. »Bist du selbst krank, Wojtech?« fragte der Bocher, ihn scharf fixierend. »Ich?« entgegnete der Knecht mit unsicherer Stimme, »ich bin gesund, wie der Fisch im Wasser.« »Du zitterst ja aber,« meinte der Kranke. »Ich freue mich nur, daß der hochwürdige Herr mit mir spricht,« sagte der Knecht, und auf seinen sonst so strammen Gesichtszügen zeigte sich in diesem Augenblicke eine eigentümliche Weichheit. »Hab' ich denn mit dir noch nicht gesprochen?« meinte der Bocher erstaunt. »Es kommt mir vor, als möcht' ich dich von langer Zeit her kennen.« »Der hochwürdige Herr sagt das?« rief der Knecht fast schreiend. »Aber der hochwürdige Herr war ja krank,« setzte er sogleich wie beschämt über seinen freudigen Ausruf hinzu. Nach einer langen Weile sagte Elieh: »Warum nennst du mich hochwürdig? Ich bin's ja nicht.« »Wie soll ich denn anders sagen?« rief der Knecht verwundert. »Wie sagst du denn zum Pfarrer?« »Hochwürdiger Herr!« entgegnete Wojtech demütig. »Und zu mir auch?« meinte schwach lächelnd der Kranke. »Alle Geistlichen sind hochwürdige Herren,« sagte Wojtech mit einer Überzeugung, wie sie nur das Resultat jahrelangen Nachdenkens oder natürliche Beschränktheit erzeugen kann. »Und ich?« rief der Bocher und fuhr in der Verwirrung über die Antwort des Knechtes nach der Stirn. »Ich bin doch kein Pfarrer?« »Das sind Sie nicht, hochwürdiger Herr!« sagte Wojtech ehrerbietig; »aber Sie sind ein Geistlicher.« Ein neues schwaches Lächeln kehrte auf Eliehs Lippen zurück. »Wenn das auch jetzt wahr sein sollte,« sagte er dann, und ein seltsames Aufflackern in den Augen ward dabei sichtbar, »so wird es bald nicht wahr sein. Ich werde kein Geistlicher werden, darauf kannst du dich verlassen, mein lieber Wojtech.« Der Knecht sah zu dieser Äußerung des Bochers seltsam darein; er meinte, der Kranke rede wieder irre. Schon zuckte seine Hand, um bereit zu sein, wenn einer der früheren Ausbrüche wieder zum Vorschein kommen könnte. Aber der Kranke lag ruhig da; nur das matte Lächeln um die Lippen hatte ihn nicht verlassen. Darum sagte Wojtech auch mit tröstendem Tone: »Sie, hochwürdiger Herr, kein Geistlicher? Wenn Sie heute in unserer Kirche auftreten wollen, so können Sie ebensogut Pfarrer sein, wie unser geistlicher Herr. Und wenn Sie ein Kanonikus werden wollen, glauben Sie, hochwürdiger Herr, Sie werden es nicht? Gelernt haben Sie genug. Ich möcht' den sehen, der so große und dicke Bücher hat; da muß ja darin stehen, daß man wenigstens Bischof davon werden kann.« Vielleicht nahm der »Bocher« das, was Wojtech sagte, wirklich für das einfältige Gespräch des Knechtes, den er nicht beleidigen wollte. Vielleicht auch nicht. Wenigstens verriet nichts in seinem regungslosen Antlitz, was in ihm vorging; er sah aus, wie einer, dem das Reden eine Last ist, der ein Vergnügen daran findet, daß ein anderer für ihn spricht. Das ist so die Weise ermüdeter Seelen, solch ermatteter Gemüter, wie Elieh das seine heraustrug aus dem Kampfe mit der schweren Krankheit! Nicht einmal, daß Wojtech, ein Knecht, es war, der so zu ihm sprach, schien ihm in diesem Augenblicke auffallend genug: er ließ den Redestrom des Knechtes über sich ergehen, weil er nicht die Macht anwenden wollte, ihn aufzuhalten. So fuhr Wojtech in der bisherigen Weise noch lange fort. Plötzlich unterbrach ihn der Kranke mit einer so leise gesprochenen Frage, daß Wojtech sie nicht verstand. »Glaubst du, Wojtech,« sagte dann der Kranke mit heller Stimme, »daß ich gut böhmisch reden kann?« Die Frage stand mit dem vorigen Gespräche in so wenigem Zusammenhange, daß es nicht befremden kann, wenn der Knecht mit einer Art Schrecken den Bocher ansah, als erwarte er jeden Augenblick den Rückfall in die kaum überstandene Krankheit. Elieh wiederholte zum dritten Male seine Frage, diesmal aber mit einer Bitterkeit und Ungeduld im Tone, die den Knecht lebhaft ergriff. »Ob Sie gut böhmisch reden können?« rief Wojtech mit jener erkünstelten Wahrheit in Stimme und Gebärde, die so eigentümlich im Gespräche mit Halbgenesenen klingt, in deren wirren Gedankengang man einzugehen bemüht ist. »Ob Sie gut böhmisch reden können, hochwürdiger Herr. Sie könnten gleich morgen auf die Kanzel steigen und eine Predigt halten.« »Narr,« sagte Elieh nach einer Weile lachend. »Wer sagt dir denn, daß ich predigen möcht'?« »Und wozu möchten Sie denn böhmisch reden, hochwürdiger Herr?« fragte der Knecht fast verblüfft. Der Bocher stellte sich an, als habe er diesen Einwand Wojtechs ganz überhört. Nach einer langen Pause fing er wieder an: »Redet mein Bruder gut böhmisch? Ich meine so, daß ihn die Leute verstehen?« »Der redet, hochwürdiger Herr, als ob er hier auf dem Dorf wär' geboren worden, als ob seine Eltern Bauersleute und nicht . . .« »Was, Wojtech?« fragte Elieh, vielleicht bloß um zu fragen. »Als ob er zu uns gehörte,« sagte der Knecht halblaut. »Man weiß gar nicht, wenn man ihn reden hört, wie ihm das gekommen ist. Aber mein eigener Bruder hat nicht besser mit mir gesprochen.« Hätte Wojtech in diesem Augenblicke seine Augen schärfer auf das Antlitz des Bochers gerichtet, er hätte da leicht eine eigentümlich schmerzliche Bewegung wahrnehmen können. Mit einem Seufzer, der aber so leise, so unhörbar über seine blassen Lippen glitt, daß ihn nur unsichtbar lauschende Geister hätten vernehmen können, wandte sich Elieh auf die andere Seite und lag dann lange still und regungslos da. Als ihn Wojtech nach einer Weile fragte, ob er nichts wünsche, richtete sich der Bocher halb auf. »Kannst du mir ein böhmisch geschriebenes Buch bringen?« fragte er den Knecht. »Ich hab' kein anderes, als mein Gebetbuch,« sagte Wojtech stockend; »aber das wird Ihnen nicht recht sein, hochwürdiger Herr,« setzte er fast erschrocken über die Größe seines Antrages schnell hinzu. Nach einigem Überlegen sagte der Bocher: »Hast du wirklich kein anderes, so bring mir das.« Der Knecht ging. Er hatte noch nicht die Türe erreicht, als ihm Elieh schon nachrief: »Wenn dich einer fragt, Wojtech, was ist's? so sag ihm nichts von mir. Es braucht kein Mensch zu wissen, was wir beide miteinander haben. Hörst du, Wojtech?« Der Knecht nickte mit dem Kopfe. Gleich darauf brachte er wohl verborgen unter seiner Weste das Gebetbuch, nach dem der Bocher mit einer Gier haschte, die nicht befremden kann. 14. Blumen des Feldes. Glück und Unglück haben das miteinander gemein, daß, wie es im Sprichwort heißt: die Zeit für sie nicht besteht. Wie Wind und Welle, sagt man ferner, eilen sie dahin. Unhörbar, fast geräuschlos, gleiten sie, huschen sie vorüber. Nur fragt das eine, wenn es mit glänzendem Antlitz und lächelnden Lippen einmal erwacht: »Schon?« das andere kummervoll »Noch?« Tage und Wochen waren so vergangen; ihr Nahen und Gehen ward nicht bemerkt; nur als Elieh zum ersten Male wieder ins Freie trat, wußten sie, daß er volle vier Wochen die Frühlingsluft nicht gekostet. Denn indessen hatte sich draußen in der Natur alles wunderbar verändert; in den Furchen, die Anschel selbst gezogen, war das hineingestreute Leben kräftig erwacht; es wogte und rauschte in den grünen Wellen des Feldes; Sonnenlicht glitzerte darauf. Aber nur einer Seele war dieses Wachstum der Gottesgabe bemerklich, nur sie allein nahm Anteil daran. Anschel fand es beinahe unbegreiflich, wie das alles so keimen konnte. Er sollte da mitgearbeitet, sollte seinen Teil daran haben, was jetzt so lustig emporschlug? Er hatte die Erde auch grünen gemacht, und der Halm war aus dem Korne geworden, das er geworfen? Wenn er bedachte, was er vor einem Jahre gewesen, wie er da auf Märkten herumgezogen, mit unwilliger Seele, mit widerstrebender Hand den Kunden die Waren zugemessen, und nun, wie er etwas so ganz anderes geworden, dann meinte er, es sei ein Wunder geschehen. Des Vaters Gedanke müsse doch von »oben« gekommen sein, rief es dann in ihm, wie könnte sonst alles so prächtig grünen und blühen? Sei das nicht ein Zeichen sichtbarer Huld? Nur einmal sollten die Leute aus der »Kille« zu ihnen kommen, um anzusehen, wie sich bei ihnen alles geändert. »Nicht erkennen werden sie uns mehr,« antwortete er sich selbst, »so hat sich alles bei uns geändert.« Was aber Nachime dazu gesagt hätte, wenn plötzlich Zeugen ihres Leids gekommen wären, und gerade diejenigen, deren Anblick sie am meisten fürchtete, deren bloßes Nennen sie erschreckte, das bedachte Anschel nicht. Wie jeder Glückliche war er eigennützig geworden; er dachte nur an sich. »Hättst du das in deinem Leben gedacht,« sagte er eines Tages zu seinem Vater, »daß so etwas von uns kommen kann? Wenn mir einer aus der »Kille« vor einem Jahre gesagt hätte: Rebb Schlome, du und deine Familie, ihr werdet in einem Jahre von dem Korn essen, was ihr selbst angebaut habt, hätten wir ihn nicht ausgelacht? Und jetzt ist es doch eingetroffen.« »Essen wir's denn schon?« meinte Rebb Schlome. »Wir werden aber,« sagte Anschel mit dem Tone innerster Überzeugung. »Narrele,« sagte Rebb Schlome, während eine Art höhnischen Lächelns über seine Züge fuhr, »meinst du, wir werden von dem Korne essen, wenn deine Mutter nicht will, oder es kann einem ein Bissen schmecken, wenn sie nicht auch mitißt? Und zu dem wirst du sie nicht bringen, ich kenne sie jetzt. Sie hat einen Willen bekommen, der ist stärker als Eisen und Stahl. Will sie doch schon, daß Elieh in die ›Kille‹ zurückgeht! Wie lange wird's dauern, so geht sie ihm nach. Bleib du dann allein auf dem Dorf!« »Um Gottes willen,« rief Anschel erschrocken, »du wirst doch nicht wieder verkaufen wollen?« »Hältst du deinen Vater für so einen Maulmacher,« sagte Rebb Schlome, indem er sich groß und stark, wie er war, vor seinem Sohne aufrichtete, »für so einen, der heute das und morgen jenes tut? Bloß damit die Leut' etwas von ihm zu reden haben? Da kennst du mich wenig, und deine Mutter, die kennt mich auch nicht. Und wenn ich den Bettelstab vor meinen Augen seh', so geh' ich auch nicht vom Dorf fort.« Diese kräftige Versicherung des Vaters erfüllte Anschels Gemüt mit Freude und zugleich mit Schmerz. Gut gearteten Kindern schneidet ein solches Vertrauen, wenn Vater oder Mutter gegenseitig sich an ihr eigenes Blut wenden, um sich anzuklagen, tief durch die Seele. Sollen sie, die eigenen Kinder, Schiedsrichter sein? »Wirst du nicht böse sein, Vater . . .,« sagte er schüchtern nach einer Weile, »wenn ich dich um etwas frage?« »Red!« meinte Rebb Schlome barsch. »Warum hast du die Mutter nicht gefragt, ehe du die Felder kauftest? Es wäre vielleicht dann ganz anders gekommen,« sagte Anschel, furchtsam den Blick auf den Vater richtend. »Weil das niemals meine Gewohnheit ist,« entgegnete Rebb Schlome kurz; »ich bin, Gottlob, kein Kind, und wenn ich Rat brauche, so frag' ich mich selbst.« Nach einer solchen Antwort stockte Anschel in seiner Rede; er empfand deutlich, es komme ihm nicht zu, dem Vater Vorwürfe über diesen Punkt zu machen. Nach einer Weile meinte er jedoch: »Möcht's einer glauben, daß die Mutter noch gar nicht unsere Felder gesehen hat? Vielleicht, wenn sie sehen möchte, wie schön alles darauf steht, und daß es ihr gehört, meinst du nicht, sie käm' auf andere Gedanken? Sie weiß ja gar nicht, was sie alles hat, und kränkt und zehrt sich ab.« » Ich red' ihr nicht zu,« sagte Rebb Schlome bestimmt. »Wer sollt's denn tun,« fragte Anschel, »als du? Von dir wird sie es am besten aufnehmen.« »Nicht um alles in der Welt red' ich ihr zu,« rief Rebb Schlome mit Kraft; »meinst du, ich bin ein Stück Holz, dem nichts weh tut? Damit sie wieder anfängt und mit ihrem Klagen und Weinen mir das Herz abstößt? Meinst du, das tut mir nicht weh, und besonders, weil ich ihr nicht helfen kann?« Mehr als je fühlte Anschel in diesem Augenblicke, wie weit Vater und Mutter, wie weit er selbst von seiner eigenen Mutter stand. Sie einzuladen, daß sie auf ihr Hab' und Gut einen Blick werfe, dazu fehlte dem Vater die Demut, ihm aber der Mut. Anschel wußte, daß es ein Wagnis seinerseits sei, vor die Mutter mit dieser Bitte hinzutreten; im voraus glaubte er sie abgeschlagen. Dennoch faßte er den Vorsatz, die Mutter zu dem Gang aufs Feld zu bereden; mit schwerem Herzen entschloß er sich dazu. Anschel schlich an diesem Tage um die Mutter herum; niemals aber fand er den geeigneten Augenblick. Öfters stand er ihr gegenüber von Angesicht zu Angesicht, aber wenn das Wort hinausdrängte, hielt es eine gewaltige Kraft ungesprochen zurück. Nachime merkte wohl eine Absicht ihres Sohnes. aber sie wollte ihm nicht entgegenkommen; sei es aus Groll, sei es, weil sie in die bittere Stimmung sich bereits so sehr verwirrt hatte, daß es ihr schwer fiel, sich auch nur auf einen Augenblick davon zu befreien. Trotzdem war Nachime an diesem Tage viel heiterer im Gemüte als sonst; denn Elieh hatte zum ersten Male die Kammer verlassen und saß draußen im Garten unter den Bäumen, von den Strahlen der Sonne angeschienen. Still, wie sie in ihren besten Tagen im Hause gewaltet, war sie heute; durch den Groll der überstandenen Leiden war wieder der milde Ausdruck ihres Antlitzes gebrochen. So war es Abend geworden, und Anschel wußte noch immer nicht, wie er die Einladung an die Mutter anbringen sollte. Mehrmals war er sogar im Begriffe, die Sache ganz fahren zu lassen. »Sie wird ja so nicht wollen!« raunte ihm der böse Geist der Mutlosigkeit zu, »und weißt du schon, ob sie dann nicht noch erzürnter auf dich wird? Man darf ja vom Felde gar nicht anfangen zu reden, das bringt sie gleich auf und macht ihr Ärger.« Solche Gedanken blieben aber nicht lange in Anschels Seele haften. Anschel besaß ein weiches Gemüt, und sein Mitleid mit dem Zustande der Mutter trug den Sieg davon. Und eben, als er im Begriffe war, aus seiner Mutlosigkeit heraus und an die Mutter heranzutreten, kam ihm ein glücklicher Umstand zu Hilfe. Nachime hatte sich unter das Hoftor gestellt und schaute, wie es ihre Gewohnheit war, die Gasse des Dorfes entlang. Weiter war sie noch nicht gekommen, seitdem sie die heimatliche Gemeinde verlassen. War es eine Art Sehnsucht, die sie stets unter das Tor trieb? Sah sie ihrem Manne entgegen? Plötzlich hörte Anschel, der ihr nachgeschlichen war, wie sie mit dem Tone der größten Verwunderung halblaut die Worte vor sich rief: »Gott, wie schön ist das Kind!« Anschel fragte rasch: »Wen meinst du, Mutter?« »Sieh dir nur unsere Tille an,« sagte sie mit leuchtenden Blicken und zeigte mit der Hand, »sieh dir sie an! Hast du einmal schon etwas Schöneres gesehen?« Anschel sah hin. Kaum zwanzig Schritte von ihnen stand Tille in einem gar merkwürdigen Aufputz. Sie hatte ihr schwarzes Haar durchaus mit blauen Korn- und roten Mohnblumen geschmückt, daß fast kein Raum mehr verblieben war für die Haarflechten. Zudem fiel gerade die ganze Strahlenpracht der untergehenden Sonne über das Kind, und alles glänzte und leuchtete an ihm. Den Kopf mußte sie wegen des Blumenschmuckes hoch aufgerichtet tragen, so daß sie Anschel und der Mutter für größer vorkam. »Du hast recht, Mutter,« sagte Anschel, der sich an dem Anblicke des Kindes fast nicht satt sehen konnte; »es kann gar nichts Schöneres in der Welt geben.« Indes war Tille näher gekommen, und nun sahen sie erst, daß das Kind noch tausendmal schöner sei, als es ihnen aus der Ferne geschienen. Es war ihnen in seinem wundersamen Aufputz eine Erscheinung, deren Fremdartigkeit sie gar nicht begriffen. »Wer hat dich denn so hergestellt, du närrisch Kind?« rief Nachime mit jenem liebevollen Tone des Vorwurfs, der Müttern eigen ist, wenn ihnen das Herz vor Freude zittert, der Mund aber eine Rüge aussprechen will. »Warum?« fragte Tille mit mutwillig aufgeworfenen Lippen. »Seh' ich vielleicht nicht schön aus?« »Närrisch Kind,« sagte Nachime mit einem Lächeln, das siegreich und milde durch all den erkünstelten Groll ihr auf die Lippen trat, »denk, wenn jetzt einer von ›zu Haus‹ käm' und er möcht' dich so sehen, was könnt' er sich denken?« »Bin ich denn nicht zu Haus?« meinte das Kind mit einer Art Staunen. »Ich meine auf der ›Kille‹,« verbesserte sich Nachime rasch; dann setzte sie hinzu: »Wer hat dich aber so herausgeputzt?« »Des Richters Tochter,« sagte das Kind unbefangen. »Die?« meinte Nachime in einem Tone, der Anschel erbeben machte. »Wen kennst du denn nicht alles schon im Dorf?« »Jeden,« sagte das Kind mit großem Ernst, »aber sie besonders.« »Du läufst auch genug herum,« sagte Nachime wieder unlustig, aber nicht erzürnt genug, um das Lächeln ihrer noch immer in das Ansehen der Kindesschönheit versenkten Mutterfreude zu verbannen, »wär's denn ein Wunder, wenn du zuletzt so eine Bauermagd wirst, mit der man sich schämt, vor der Welt zu erscheinen.« »Schämen?« sagte das Kind und hielt die schwarzen Augen weit offen, »warum schämen? Schämt sich des Richters Tochter?« »Die ist drin geboren,« meinte Nachime ernst, »die braucht sich nicht zu schämen. Sie war ja früher nicht etwas anderes, und ihr Vater und ihr Großvater und ihr Urgroßvater sind niemals etwas anderes gewesen, als Bauern. Aber wir?« Nachime hielt inne. »Ich schäm' mich doch nicht, Mutter . . .,« rief Tille lustig, indem sie den blumengeschmückten Kopf schalkhaft zur Seite neigte, »und wenn der Herr Lehrer Arnsteiner mit dem großen Stecken tausendmal aus der ›Kille‹ kommt. Ich schäm' mich doch nicht.« »Geh, geh,« sagte Nachime mit Mühe ernst bleibend, »wenn man dich so reden hört, meint man nicht anders, als ob deine Eltern niemals etwas anderes gemacht haben, als Erdäpfel ausgraben und Kühe melken. Du bleibst immer die leichtsinnige Tille, die du immer warst.« Auf Tille schienen diese ernsten Worte der Mutter nur einen flüchtigen Eindruck hervorgebracht zu haben. Erst blickte sich das Kind forschend um, dann ging es rasch, hochaufgerichteten Hauptes in das Haus hinein. Nachime sah ihr nach; das auf einen Augenblick verschwundene Lächeln kehrte schnell auf ihre Lippen zurück und blüht nun, weil es sich ungesehen glaubte, um so wundersamer auf. Anschel verlor es nicht aus den Augen; unverwandt hing er an den Lippen der Mutter. »Wie schön sie war!« sprach sie halblaut vor sich hin und sah noch lange in das Haus zurück, als wollte sie sich noch immer an der Spur der entschwundenen Kindesschönheit erquicken. Dann wandte sie sich ab. Jetzt, glaubte Anschel, sei der günstige Augenblick gekommen, mit der Mutter zu sprechen; solch ein Lächeln hatte er nicht gesehen, solche Worte nicht vernommen, seitdem sie die alte Heimat verlassen. Diese Stimmung wollte er benutzen. Was Anschel aus banger Scheu schon lange nicht gewagt, das wagte er jetzt; er berührte mit der Hand den Arm der Mutter, doch so leise und zaghaft, daß Nachime, die dem entschwundenen Kinde aufs neue nachschaute, nichts davon bemerkte. Sie wandte sich endlich um, über das ganze Antlitz ein einziges, glückliches Lächeln, gleich dem Sonnenschein im Frühlinge. »Was willst du, mein Kind?« sagte sie. »Mutter, wie schön war das Kind!« rief jetzt Anschel in tiefster Begeisterung. Mehr vermochte er für den Augenblick nicht hervorzubringen; er rang offenbar nach einem Anfange. »Still, still,« meinte Nachime, indem sie den Finger an den Mund legte und sich dann wieder umwandte, »red nicht so hoch, sie könnt's hören und eitel werden.« »Und du meinst, Mutter,« rief Anschel laut, trotz der Mahnung, »man müßt' sich schämen, wenn Leut' aus der ›Kille‹ kämen und das Kind erblickten? Sie sollen sich doch umsehen, die Leut' in der ›Gasse‹, ob sie in ihrem ganzen Leben etwas Schöneres gesehen haben, als wie unsere Tille ist. Aufreißen möchten sie die Augen und sich das Herz abessen vor Neid. Und du wirfst dem Kinde vor, es sollt' sich schämen?« »Still, still!« sagte Nachime noch einmal, aber ihre Augen leuchteten dabei in einem Glanze, der höher sprach, als all das, was sie verschwiegen haben wollte. »Meinst du denn, ich seh's nicht ein? ich hab' keine Augen? Nur möcht' ich nicht, daß das Kind es hört. Du weißt, sie ist gescheit, und wozu führt es, wenn sie auch noch eitel wird?« »Die wird nicht eitel,« meinte Anschel mit Bestimmtheit. »Weißt du das so gewiß?« fragte Nachime, verwundert den Sohn ansehend. »Warst du eitel, Mutter . . .?« rief Anschel tiefbewegt »und ist sie nicht deine Tochter? Ob sie nun unter den Bauern ist, und mit Bauern lebt, oder ob sie in der ›Gasse‹ erzogen wird, kommt das zuletzt nicht auf eins heraus? Die wird nicht verdorben werden, dafür möcht' ich einstehen mit meinem Blut und Leben, sie nicht. So ein paar Kornblümchen, die sie draußen auf dem Feld gefunden hat, sollten sie eitel machen? sollten sie verderben? Das kannst du, Mutter, unmöglich glauben, und wenn du es glaubst, so – verzeih mir – hast du nicht recht.« Die letzten Worte hatte Anschel mit jener Zurückhaltung in Stimme und Gebärde gesagt, die der Mutter bedeuten sollten, er habe nicht die leiseste Absicht, ihr weh zu tun. Nachime mochte das auch empfinden; mit einem unbeschreiblich frohen Ausdrucke im Antlitz blickte sie den Sohn an, der schon lange nicht so vor ihr gestanden war. »Nimm's nicht so ernst,« sagte sie milde lächelnd, »ich hab's ja auch nicht so ernst gemeint. Ich denk' selbst, wenn Gott mir das Leben läßt, so soll aus Tille etwas werden. Wenigstens soll sie euch keine Schande machen.« Kaum hatte sie das gesagt, als sie sich wie erschrocken mit der Hand über das Gesicht fuhr: »Lebendiger Gott,« schrie sie fast, »ich red' da von langem Leben? Weiß ich das schon so bestimmt? Weiß ich denn, ob ich leben möcht'?« »Du nicht leben, Mutter,« rief Anschel mit rührend klingendem Vorwurf, »wer denn von uns sollte leben? Sag selbst, Mutter, heißt das sich nicht versündigen an Gott, wenn man sich früher freut, lacht und guten Mutes ist, und dann tut, als wär' man gottverlassen, ganz allein auf der weiten Erde, und hätt' nichts anders zu tun, als sich in die Grube zu legen?« »Über was hab' ich mich denn gefreut, über was hab' ich gelacht?« fragte Nachime mit zerstreut blickenden Augen, und sah den Sohn an. »Über dein Kind hast du dich gefreut, über unsere Tille,« entgegnete Anschel, dem diese Zerstreutheit der Mutter tief durch die Seele schnitt. Wie stark mochte das Leid an diesem armen Weibe genagt und gezehrt haben, wenn sie selbst der Freude vergaß, die sie einen Augenblick vorher genossen. »Und warum hab' ich mich über Tille gefreut?« meinte Nachime, die, offenbar von einem andern Gedankenstrom erfaßt, durch Anschels Aufklärung noch mehr verwirrt ward. Anschel selbst ward durch diese Zerstreutheit der Mutter so betroffen, daß er im ersten Augenblicke nichts zu entgegnen wußte. Stockend sagte er: »Ich weiß jetzt selbst nicht mehr, Mutter; aber daß du dich gefreut hast, darauf kann ich dir schwören. Jetzt weiß ich's,« rief er gleich darauf, »es wird über Tilles Blumen gewesen sein, die ihr so schön gestanden sind. Ja, die waren's, Mutter, du kannst dich darauf verlassen, es waren die Blumen.« Ein unnennbar mildes Lächeln zog mit dieser Erinnerung über Nachimes Züge; Anschel sah es allmählich vor sich entstehen und wachsen, bis das ganze bleiche Gesicht der Mutter davon erstrahlte. Über ihn selbst war dadurch ein Geist und eine Kraft gekommen, wie er sie nie empfunden; es war etwas von der Weihe einer heiligen Stunde. Anschels ganzes Wesen hob und dehnte sich sichtbar in diesem Bewußtsein. »Recht hast du, Anschel, mein Sohn!« sagte Nachime, der die ganze Besinnung wieder zurückgekehrt war, »ich glaub' selbst, es waren die Blumen. Wie schön das Kind damit ausgesehen hat! Es ist mir in diesem Augenblick vorgekommen, als gehöre Tille gar nicht zu uns, wie, als wenn sie ›etwas‹ eine Gräfin bei uns zum Aufheben gelassen hätte. Darüber bin ich vielleicht ebenso erschrocken gewesen, als wie ich mich gefreut hab'.« »Sag selbst, Mutter,« begann nun Anschel, der die Empfindungen Nachimes in diesem Augenblicke klar durchschaute, »hättest du dich so freuen können, wie du dich jetzt gefreut hast, wenn du in der ›Gass'‹ geblieben wärest? Wo wär' es da unserer Tille eingefallen, sich eine Blume ins Haar zu stecken? Wo hätt' es ihr einfallen dürfen? Die Leut' hätten sie ja ausgelacht, sagst du selbst, denn die können das nicht leiden und meinen gleich, es schicke sich nicht. Seit ich aber selbst weiß, was das heißt, eine Blume aus der Erde wachsen zu sehen, und was alles dazu gehört, bis so ein kleines Korn sich herausgerissen hat, seitdem glaub' ich, die Leut' in der Gasse wissen gar nicht, was eine Blume ist. Was sollen sie damit anfangen? In die Haar' stecken, wie unsere Tille, dürfen die Mädchen dort nicht. Eine Blume ist ihnen also gar nichts, sie sehen nicht darauf und werfen sie weg. Und doch hast du, Mutter, gesehen, daß eine Blume zu etwas gut ist.« Schweigend hatte Nachime zugehört, kein Blick unterbrach den Sohn, der in beredter Sprache Anschauungen offenbarte, die ihr fremd, wie ein nie gehörtes Märchen klangen. Aber die Tränen, die langsam und schwer über ihr blasses Antlitz herabflossen, bewiesen, daß es eine Art innerer Erlösung sein mochte, die ihr aus den Worten Anschels entgegentönte. Sie suchte nicht diese Tränen zu bemeistern; es schien ihr wohl zu tun, wieder einmal weinen zu können. Anschel aber, der es wohl empfand, daß ihm in der Mutter jetzt eine ganz andere entgegenstand, als die sie sich seit langen Wochen ihm gezeigt hatte, fuhr fort; das Siegel, das Demut und Ehrfurcht vor den Eltern an seinen Mund gelegt, war gelöst; unaufhaltsam drangen die weichen, zum Herzen gehenden Worte heraus. »Es wird dir sonderbar vorkommen, Mutter,« sagte er, »wie ich dazu komm', dir Lehren und Vorschriften zu geben. Ich weiß, du bist gescheiter als wir alle, und wenn du auch vieles in dir behältst und es nicht aussprichst, glaub' darum ja nicht, daß wir nicht bei allem, was uns betrifft, zuerst an dich denken und uns sagen: die Mutter weiß es vielleicht doch besser als wir. Aber muß es uns nicht das Herz abstoßen, muß es uns nicht weh tun, wie nur etwas in der Welt, wenn wir sehen, wie du dich allem entziehst, wie nichts imstande ist, dich aufzuwecken, daß du mit uns gehst und dich mit uns freust? Es ist ja gerade, wie wenn eine scharfe Schere ein Stück Leinwand auseinander geschnitten hätte, als möchten wir nicht mehr zusammengehören. Auf der einen Seite stehen wir mit unserm Feld, auf der andern du – ich weiß nicht, womit. Gutes ist's nicht, denn sonst könnt' ein Sohn so mit dir nicht reden, so dürft' er mit dir gar nicht reden, und du möchtest . . . nicht weinen.« Nachimes Tränen flossen bei diesen Worten heftiger; war es die Demütigung, die sie empfand, von ihrem eigenen Kinde zurechtgewiesen zu werden, waren es Anschels Worte, ihr linder, besänftigender Inhalt? Anschel selbst konnte das in diesem Augenblicke nicht beurteilen, und da die Mutter schwieg, fuhr er fort: »Du selbst hast jetzt gesagt, daß du an Tilles Blumen Freude gehabt hast. Wie wär's, Mutter, wenn du dir diese Freude täglich machen möchtest?« »Wieso, wieso?« mußte Nachime mitten in ihren Tränen mit einem beinahe lächelnden Erstaunen fragen. »Mutter . . .,« rief Anschel mit höchster Anstrengung, daß es wie der Aufschrei einer lange zurückgedrängten Anklage klang, »weißt du, daß du noch nicht einmal unser Feld – dein Feld gesehen hast? Weißt du das?« Nachimes ganzes Wesen erzitterte unter dem Eindrucke dieser ernsten Frage; ihre Tränen hörten plötzlich auf; ihre Lippen zuckten, als wolle sie reden, aber sie vermochte keinen Laut hervorzubringen. Als Anschel dies bemerkte, durchfuhr ihn ein jäher Schreck; er meinte, die Mutter tief verletzt und das, was er nur leise hatte berühren wollen, mit zu roher Hand angefaßt zu haben. Mit zaghafter Stimme fuhr er fort: »Sei nicht bös', Mutter, wenn ich dir das vorhalte. Aber, wenn ich dir rate, unser Feld, welches auch dein Feld ist, zu besehen, so will ich ja, daß du eine Freude davon hast. Meinst du denn, ich geh' auf deine Kränkung aus? oder irgendeiner von uns? Wie irrst du dich dann! Jeder von uns möcht' seine Hand hinlegen, möcht' sein Blut hergeben, wenn es dir gut tun sollte. Wenn du nicht aufs Feld gehst, so verbitterst du uns die Freude daran. Was haben wir davon, wenn es auch noch so schön ist? Und schön ist's draußen, Mutter, du kannst gar nicht denken, wie! Ich weiß nicht, wie mir immer wird, wenn ich frühmorgens hinaus komm', und das grüne Feld liegt da, die blauen und die roten Blumen glänzen hervor, und mitten in dem Grün da singt ein Vogel und hebt sich dann himmelwärts auf. Anschel, schreit es dann in mir, wie ist das alles so gekommen! Ich, Anschel, hab' auch ein Korn gestreut, und aus dem Korn ist der grüne Halm geworden! Vögel wohnen in meinem Feld, singen da, bauen sich da ihr Nest! Lach mich nicht aus, wenn ich dir gesteh', daß ich manchmal so einen grünen Halm zwischen die Finger nehme und mit ihm spreche, als wär' er etwas Lebendiges. Ich weiß nicht, ob das jemals anders werden wird, aber jetzt ist mir noch alles neu, alles kommt mir wie ein Wunder vor, nicht nur das grüne Feld und der Vogel, der darin wohnt, mehr noch, daß ich da bin, daß ich auch mein Teil daran hab'. Wär's denn ein Wunder, wenn so ein Halm einmal mit mir zu reden anfangen möchte?« So hatte Anschel gesprochen, und während er sprach, war als Abglanz seiner innern Bewegung eine Glut über seine Wangen gekommen, daß Nachime nur staunend zu ihm heranblicken konnte. So mochte die arme Mutter ihr Kind noch nie gesehen haben. Ihre Tränen hatten ganz aufgehört, aber noch feucht glänzten sie, als wäre es nicht erst lange, daß sie geweint. Als Anschel nun geendigt, entstand eine tiefe, erwartungsvolle Stille zwischen Mutter und Sohn, bis endlich Nachime, unfähig, den innern Sturm länger zu beherrschen, mit bebendem Tone ausrief: »Nun, warum hörst du zu reden auf, Anschel, mein Kind? Ich könnt' dir so zuhören ein ganz Jahr, und möcht' nicht müde werden. Warum redest du nicht weiter?« Dabei hatte sie die Arme ausgestreckt, als wollte sie den Sohn damit umfangen. Anschel aber ergriff beide Hände der Mutter und drückte sie an Mund und Stirne und Herz; es hatte sich eine Ausgelassenheit seiner Sinne bemächtigt, die an Wahnsinn grenzte. Halb schluchzend, halb lachend rief er: »Du selbst heißt mich also reden, Mutter . . ., du selbst? Ich kann jetzt nichts anderes sagen als: ›Komm, komm, Mutter, und sieh dir dein Feld an!‹« Lachend durch die neu hervorbrechenden Tränen, sagte Nachime: »Ob ich kommen werde, Anschel . . .? Morgen gleich gehen wir alle hinaus. Ich muß ja doch hören, wie so ein Feld reden kann.« »Gott soll dich gesund erhalten!« vermochte Anschel nur zu sagen, »du bist doch immer die merkwürdigste Mutter gewesen.« »Und du mein best' Kind!« sagte darauf Nachime, deren leuchtende Blicke an Anschel hingen. Mehr sprachen Mutter und Sohn nicht. Elieh erschien in der Hausflur. Wie verabredet hielt Nachime den Finger an den Mund, zum Zeichen, daß Anschel schweigen solle. Der aber hätte ohnehin nichts verraten. Ihm war das Herz zu voll von dem Eindrucke dieser heiligen Stunde, und solche Herzen reden nicht gerne! 15. Auf und nieder. Es war ein Freitagabend, als dies vorgegangen war. Wie ganz anders senkte sich heute der holde Vorbote des Sabbats auf die Bauernfamilie aus der »Gasse« nieder. Zwei Seelen gingen mit einem Geheimnisse umher, einem beglückend seligen; zwei Seelen hatten sich wieder verstanden und hielten dieses Verständnis auf der Lippe zurück. Und schon das war genug, um in den verstimmten Ton des Hauses einen Klang von Harmonie zu bringen, die daraus schon gänzlich entschwunden schien. Vielfache Zeichen offenbarten dies. Nachime zündete heute die siebenzinkige Lampe wieder an, die, seitdem sie aus der alten Heimat hinweggezogen, unbenutzt von der Decke herabhing. Dadurch gewann die große Stube an Helle, die wieder in die Gemüter zurückstrahlte. Keiner sagte es dem andern, daß es so sei, und doch fühlte sich jeder von dem altgewohnten freundlichen Lichte bewillkommt. Selbst der vergessene Vetter Koppel, dem seit dem Raube seines »Mogen Dovid« keine Entschädigung geworden war, raunte Tille zu: »Sind wir denn wieder in der Kille, Tilleleben?« »Warum, Vetter?« fragte das Kind erstaunt. »Es kommt mir etwas so vor,« meinte der alte Anhänger Absalons, indem sein irrer Blick an der Lampe haften blieb. Zum ersten Male seit so langer Zeit hatte Nachime heute die weißen Sabbatkleider hervorgesucht; eine buntbändrige Haube umrahmte ihr blasses Antlitz und gab ihm einen Abglanz, der es in merkwürdiger Schönheit erscheinen ließ. Allen war der Anblick der sabbatlich geputzten Mutter, wie er ihnen sonst an jedem Freitagabend entgegengetreten war, ein so ungewohnter geworden, daß sie sie mit erstaunten Blicken maßen, als wäre sie eine fremde, ungekannte Erscheinung. Nur Anschel wußte, was das alles zu sagen habe, wußte, daß das Licht der Lampe Versöhnung über die Stube strahlte, wie der bunte Putz der sabbatlichen Haube Freude und Wiederaufleben bedeutete. Am deutlichsten zeigte sich das Befremden über die stattgefunden Veränderung auf Rebb Schlomes Gesicht. Nicht daß er sich äußerte, aber Anschels aufmerksames Auge fand in den harten Zügen des Vaters etwas, das prächtig zu dem freudigen Tone paßte, der seit wenigen Stunden das Haus durchzitterte. Er sah, wie die Blicke des Vaters öfters die Mutter suchten, wie sie an ihrem Antlitze haften blieben, als wollte er sich dieselbe tief ins Gedächtnis prägen. Aber er bemerkte auch, wie Nachime, so oft sie das Auge ihres Mannes auf sich geheftet sah, sich abwandte; wie wechselweise Erröten und Erblassen über ihre Züge flog. »Schämt sie sich vor ihm?« dachte Anschel. Der einzige, der nicht teilzunehmen schien an diesem Wesen innerlichen Behagens, wie es allen, selbst dem Vetter Koppel, anzusehen war – Elieh, saß düster, den Kopf in beide Hände gestützt, am Tische. Merkwürdig war es, daß Nachime um den genesenen Sohn, der heute seit seiner Krankheit zum ersten Male am Sabbattische saß, sich wenig kümmerte. Wenn hie und da ein Blick auf ihn fiel, so glitt er schnell ab, um anderswo haften zu bleiben. Am meisten sah sie nach Tilles Kopf; von dem Feldschmuck war in dem schwarzen Haare des Kindes eine einzige Blume zurückgeblieben. War sie dort vergessen worden? Hatte sie die Eitelkeit dort gelassen? Beim Nachtmahl zeigte es sich erst recht, daß Rebb Schlome von dem veränderten Wesen Nachimes sich mächtig angewohlt fühlte. Er war gesprächiger, als das sonst seit der letzten Zeit der Fall war; er erzählte den Kindern, was er im Laufe der Woche aus einem Prager Blatte, der einzigen Quelle seiner politischen Belehrungen, über den Stand der damals noch mächtig bewegten Welt erfahren hatte. Das Wort richtete er wohlweislich an die Kinder, namentlich an Tille, auch sonst seine eifrigste Zuhörerin bei dergleichen Gesprächen. Dabei hatte Nachime Zeit, still geschäftig ihren Dienst als Hausfrau zu verrichten, und doch entging keine ihrer Bewegungen dem forschenden Auge ihres Sohnes. Anschel hatte nur eine Sorge, daß der Vater irgend etwas vorbringen würde, was die Stimmung der Mutter wieder vergällen konnte; er empfand es klar, mit welch schwachen Fäden sie an den heutigen Abend gefestigt war. »Vom Feld,« meinte er in sich, »darf er gar nicht reden, sie könnte dann gerade wieder in den alten Zustand verfallen. Denn leider Gottes! ist sie nicht wie eine Kranke, der man alles aus dem Weg stellen muß, was sie an ihre Krankheit gemahnt?« Aber es fügte sich besser, als Anschel befürchtete. Rebb Schlome fand heute merkwürdigerweise kein Ende seiner »Politik«, schweifte mit Riesenstiefeln bald aus dem fernen »Amerikum« ins »Preußenland« hinein, blieb dann wieder für einige Augenblicke beim »Engländer« stehen, um dann mit einem kühnen Sprunge plötzlich auf den »Russ« zu kommen. Es schien dem Manne ein Bedürfnis sich auszusprechen, mochte der Gegenstand auch fern abliegen von dem, was er eigentlich sagen wollte; zuletzt wurde Rebb Schlome so gesprächig, daß er auch den Vetter Koppel mit in die Welthändel zog. Der eisgraue »Rebell« saß teilnahmlos da und verzehrte das Mahl, das Nachime ihm in reichlicher Fülle auf den Teller gelegt hatte; da rief Rebb Schlome: »Euer Absalon, Vetter Koppel, der hätt' jetzt gewaltig viel zu tun, wenn er noch lebte.« »Wieso, Vater . . .?« fragte Tille, statt des Vetters. »Weil es jetzt so viel Rebellionen in der Welt gibt,« gab Rebb Schlome lachend zur Antwort. Vetter Koppel, der auf einen solchen Angriff nicht vorbereitet war, würgte erst einen Bissen hinab, dann rief er mit weinerlich kläglicher Stimme: »Hab' ich denn meinen ›Mogen Dovid‹ schon? Was soll ich anfangen, wenn ich den nicht hab'!« »Laßt das gut sein, Vetter,« meinte Rebb Schlome in guter Laune, »Sonntag, da verschaff' ich Euch selbst eine Truthahnsfeder, und Ihr müßt Euch dann einen neuen ›Mogen Dovid‹ anfertigen, schöner als Ihr noch einen gemacht habt.« Mit einer festern Stimme, als sich nach diesem Spotte Rebb Schlomes erwarten ließ, sagte Vetter Koppel: »Ich werd' keinen mehr machen! Der Narr, der ich wär'! Erst einen machen und mir ihn dann wegnehmen lassen! Dessentwegen hab' ich meinem Vater das Herz nicht gebrochen.« So gewöhnlich diese Worte, namentlich die letzteren, der Familie klangen, so war es doch merkwürdig, wie eigentümlich sie gerade jetzt ergriffen. Der »Bocher« warf einen fast erschreckenden Blick nach dem Greise, und selbst Rebb Schlome mochte sich von dem drohend kläglichen Tone des Alten mehr als gerüttelt fühlen. Er versuchte lustiger zu scheinen und lauter lachend, als sich dies dem Vetter Koppel gegenüber geziemte, rief er nach einer Weile: »Was fort ist, ist fort, Vetter! Euer ›Mogen Dovid‹ ist bei dem Bauer gut aufgehoben, es wird ihm dort nichts geschehen. Und dann könnt Ihr Euch ja einen neuen machen.« » Ich mach' keinen neuen,« meinte Vetter Koppel mit einer gewissen Entschiedenheit und schüttelte dabei das Haupt, »in dem Haus mach ich keinen neuen mehr.« Schwere Tränen rollten dabei seine Wangen herab. »Ich bitt' dich, laß ihn gehen, Vater.« flüsterte Tille, »es ist nicht gut mit ihm zu reden, wenn man ihm von dem ›Mogen Dovid‹ spricht, den du dem Richter geschenkt hast.« »Was ich ihm da geschenkt hab'!« rief Rebb Schlome spottend aus. »Der Bauer hat gemeint, Gott weiß was in dem Bilde versteckt ist, und da hab' ich mich nicht besonnen und hab's von mir gegeben.« »Er weint und jammert aber beständig darum,« bemerkte leise das Kind. »So soll er sich ihn wieder schaffen,« sagte mit starker Stimme Rebb Schlome, »ich werd' ihn nicht zurückbringen.« Nachime hatte diesem Zwischenfalle, wie es schien, gar keine Teilnahme bewiesen; aber Anschel, der sie genau beobachtet hatte, bemerkte, daß auf ihrem Antlitze eine schwere Wandlung vorgegangen war. Es schien ihm, als ob sie nur mit Mühe eines jener grollenden Worte zurückdränge, wie sie seit einiger Zeit in ihrem Munde so gewöhnlich waren; er sah ihre Lippen zucken, und wieder jenen bittern Zug herum, der heute zum ersten Male seit so langer Zeit verschwunden war. Vielleicht um einem Ausbruche schmerzlich aufgeregter Empfindungen vorzubeugen, stand Nachime vom Tische auf und ging zur Tür hinaus. Das kam Anschel als ein verhängnisvolles Zeichen vor. Mit dem richtigen Gefühle, daß er wieder aufbauen müsse, was ein einziger Augenblick umgerissen, folgte er der Mutter nach. Rebb Schlome bemerkte es nicht, er war mit Tille wieder in den großen Irrgarten der Politik getreten. Draußen fand sie Anschel unter dem Hoftor, auf dem nämlichen Ort, der vor wenigen Stunden eine Mutter und ihren Sohn einander wieder zugeführt hatte. Sie stand an das Haustor gelehnt; als Anschel kam, entfernte sie sich einige Schritte, als hätte sie die Absicht gehabt, einer Unterredung mit ihm zu entgehen. Aber noch ehe Anschel das Wort gefunden hatte. das dem Augenblicke angemessen, rief sie mit jenem gereizt bittern Tone, den er bereits so gut kannte: »Da hast du, wie er ist, dein Vater! Das bissele Freudigkeit, was ich heut' wieder zum ersten Male gespürt habe, nicht einmal das hat er mir gegönnt! Es war mir so wohl . . . eine Kraft war wieder über mich gekommen, wie schon lang' nicht, aber wie ist mir jetzt? Gott will mir nicht helfen; ich weiß gar nicht, was ich begangen haben muß, daß ich für meine Sünden so büßen muß.« »Warum, Mutter?« sagte Anschel in den weichsten Tönen des Erbarmens, »warum redest du wieder so? Was hat denn der Vater getan, das dich so aufbringt gegen ihn? Weil er ein bissele lustig war mit dem Vetter Koppel? Geschieht denn das zum erstenmal? Du weißt ja, wie er ist, und kennst ihn so lange.« »Meinst du, mein Sohn,« sagte Nachime mit mühsam unterdrücktem Schluchzen, »daß ich deinem Vater mißgönn', wenn er lustig ist? Da wär' ich ein schlecht' Weib! Werde ich mich jachten über das, was dem Manne das Herz lachen macht. Aber was mir mein Herz abstößt, ist etwas anderes, und darüber schweigt alles und bleibt still, ich mag mich wenden und drehen, wie ich will.« »Was, Mutter?« fragte Anschel leise. »Ich bitte dich, red'.« »Nicht seine Lustigkeit hat mir weh getan,« beeilte sich Nachime sogleich zu entgegnen; »denn ich weiß ja doch, er war nur meinetwegen lustig. Dein Vater hat gesehen, daß mein Gesicht ein anderes geworden war, und so ist auch er aufgeheitert worden.« »Du weißt das, Mutter,« rief Anschel mit lebhaftem Erstaunen, »und beklagst dich doch über den Vater!« Ohne auf diese Frage zu achten, fuhr Nachime in Bitterkeit wieder fort: »Hast du aber gehört, wie er den alten, halb wahnsinnigen Vetter behandelt hat? Erst nimmt er ihm seinen ›Mogen Dovid‹ weg, fragt ihn nicht, schenkt fort, woran das Herz eines Menschen hängt, und hernach: wenn der sich wie ein Wurm windet und ihn fragt: Warum hast du mir das getan? lacht er ihn aus und sagt: Weil ich so gewollt hab'. Und das eben stößt mir ja mein Herz ab. Hat er mir's denn anders gemacht als dem Vetter Koppel? Hat er mich gefragt, als er mir weggenommen hat das Liebste und Beste, was ich auf der Erde gehabt habe? Hat er nur einmal zu mir gesagt: Nachime, wie, meinst du? soll ich das tun oder nicht? Bist du dafür? bist du dagegen? Nein, ich war wie ein Stück Lehm; er hat gemeint, er kann mich überall hinwerfen, in welchen Winkel er will; er meint, ich bin so eine Art Vetter Koppel. Aber selbst der hat ihm gezeigt, daß Gewalt und nichts als Gewalt nicht alles können auf der Welt. Gott ist auch da, und wer da meint, er möcht' auch ein bissel Gott machen, möcht' auch mit dem Menschen umgehen, wie es ihm beliebt, der soll nur zusehen, wie das endigen wird. Gott, der Allmächtige, läßt nicht mit sich spielen.« Mit Schauer und Grauen hatte Anschel diese düstern Worte, die bald langsam und schwer, bald wieder rasch und zornig, wie züngelnde Flammen aus dem Munde der Mutter kamen, gehört. Es sprach ein Groll und eine Säure des Gemütes heraus, die er, der Leichtgläubige, geschwunden, wenigstens gemildert glaubte. Wie sehr mißkannte Anschel in seiner Unerfahrenheit die Gewalt einer zürnenden Seele! Lange bedarf's, bis Liebe einkehrt in ein Gemüt; bis sie da ihren Sonnenschein ausbreitet und jede Lücke darin durchgewärmt und durchleuchtet ist. Aber all das schwindet und stirbt ab mit der Schnelligkeit des Gedankens, wenn einmal Groll und Zorn, Bitterkeit und Haß eingekehrt sind. Schreckliche Gäste sind es, die vom Marke des Gemütes zehren, die kein Zuspruch vertreibt. Je länger sie nagen, eine desto bessere Stätte haben sie sich bereitet. Das bedachte Anschel in diesem Augenblicke nicht. Die dunkeln Worte der Mutter hatten ihn fast sprachlos gemacht. Erst nach einer langen Pause vermochte er zu antworten: »Aber Mutter . . ., wie kommt's, daß du jetzt wieder in deine Kränkung hineingekommen bist, und warst ja vor kaum zwei Stunden so herzfreud'? Denkst du nicht mehr daran? Kann man etwas so schnell vergessen, was einen erquickt, einem das Herz weich gemacht hat?« Unbewußt hatte Anschel jetzt einen Gedanken ausgesprochen, der in Nachimes Lage am gewaltigsten zu ihr reden konnte. Das ist klar, daß jenen grollenden Gefühlen der Mutter, die sich in der Freiheit ihres Wesens tief verletzt glaubte, keine Gründe und Überredungskünste entgegentreten konnten. Aber das linde Wort des Sohnes, das Erinnern an ein Freudiges, hieß jene heftigen Stimmen für den Augenblick verstummen; es gestattete der Mutter, in dem, was noch unverletzt und unversehrt in ihr war, in der Liebe zu ihrem Kinde, sich zu bewähren. »Gott, wie recht hast du, Anschel . . .,« rief sie im schneidenden Tone des Selbstvorwurfes, »daß du mich daran gemahnst? Glaubst du, ich hab' nicht auch daran gedacht, wie ich mich an Gott versündige? Das ist ja aber mein Unglück! Meine Freud' ist keine Freud', mein Lachen ist kein Lachen! Heißt das sich freuen, wenn man eine Minute darauf nicht weiß, daß man sich gefreut hat?« »Verzeih mir, Mutter,« entgegnete jetzt Anschel mit mehr Mut. »Ich versteh' dich nicht ganz. Du siehst etwas ein und siehst es wieder nicht ein! Erst freust du dich, dankst Gott dafür, daß er dir in deiner Kränkung etwas geschickt hat, was dich labt und erquickt, und hernach –« »Und hernach,« ergänzte Nachime, wie erliegend unter der Wucht dieses Wortes, mit gramvoll gerungenen Händen, »hernach versündig' ich mich an Gott! Weiß ich denn das nicht? Meinst du denn, ich möcht' nicht gern anders werden, oder ich tu' das alles ›mit Fleiß‹? Wie irrt ihr euch dann alle an mir und kennt mich nicht! Aber wenn man von Stund' zu Stund', von Tag zu Tag sich immer vorsagen muß: Nichts ändert sich an deiner Kränkung! Wenn man immer sehen muß, wie die Gewalt sich gleich bleibt, warum soll ich mich ändern? Da wird man so, wie ich bin . . . Da nützt kein Zureden und kein Raten, und das beste ist . . . ihr laßt mich gehen, wie ich will. Ändern könnt ihr mich doch nicht.« »Lebendiger, großer Gott!« schrie Anschel mit einer gewissen zornvollen Angst, »wie kannst du nur so reden, Mutter? Es wird sich nichts ändern, sagst du so gewiß, als ob du' s geschrieben und untersiegelt hättest! Welcher Mensch kann denn so etwas sagen? Wer kann so etwas im voraus wissen?« »Lern du mich nicht meinen Zustand kennen,« sagte Nachime schmerzlich lächelnd, »ich kenn' mich besser als du. So gewiß ein Mensch etwas voraussagen kann, so gewiß kann ich es sagen: Das ändert sich nicht. Eine Krankheit kann so groß und schwer sein, daß man zu sterben meint, so weiß man doch nicht, ob sie nicht von Minut' zu Minut' besser wird. Grad oft, wenn der Tod einem zu Kopf steht, kommt die Genesung. Mit mir aber ist es anders.« »Glaub doch das nicht, Mutter,« rief Anschel im Übermaße seines Schmerzes. »Gerade so, wie es einem Schwerkranken geht, der mit einem Male wieder sich aufhebt und wieder lebt, so wird's dir auch gehen. Du wirst dann gar nicht wissen, ob du jemals krank gewesen bist; nur darfst du nicht verzweifeln.« »Wie soll ich denn das anfangen?« fragte Nachime mit jenem hoffnungslosen Lächeln des Unglaubens, der ihrem Zustande entsprang. Anschel fühlte es, daß ihm in diesem Augenblicke der Mut fehlte, das nach seiner Meinung entscheidende Mittel auszusprechen. Die traurige Unterredung hatte sein Herz verzagt gemacht. Leise, daß es beinahe von der Mutter nicht gehört wurde, sagte er: »Du hast mir ja versprochen, Mutter . . ., du willst aufs Feld kommen. Hast du denn das schon vergessen?« »Was soll ich denn da?« fragte Nachime zerstreut, indem sie ihren Blicke starr auf den Sohn richtete. »Komm nur, komm nur,« bat Anschel, »du wirst es nicht bereuen.« »Ich weiß aber nicht, was ich dort soll?« entgegnete Nachime mit bebender Stimme, »kann das meinen Zustand ändern, und wenn ich tausend Felder seh'? Davon wird mir nicht besser.« »Komm nur, komm,« drängte Anschel und ergriff die Hand der Mutter. »Wenn du gar nichts sehen wirst, so wirst du das Feld sehen, worauf Tilles Blumen gewachsen sind.« »Wirklich?« fragte Nachime, und ein sieghaftes Lächeln, schöner als Anschel es je gesehen hatte, blühte an ihren Lippen auf. »Siehst du, Mutterleben,« rief er in seinem Entzücken, »wie du dich wieder freuen kannst.« Nachime konnte dem Strome dieses Entzückens nicht widerstehen, und indem sie mit der andern Hand Anschels brennende Wange streichelte, sagte sie weich: »Gut' Kind, das du bist. Wenn ich dir einen Gefallen damit mache, daß ich aufs Feld geh', so werd' ich morgen gehen. Du kannst dich darauf verlassen.« Anschel vermochte noch zu sagen: »Morgen, Mutter, wirst du sehen, was ein Feld ist.« Mitten durch die Dämmerung. die beide umgab, bemerkte Anschel, wie jenes sieghafte Lächeln wieder auf ihre Lippen zurückkehrte. Mußte sie über Anschels Leichtgläubigkeit lachen, der von einem Felde so viel erwartete? Oder war es die Erinnerung an Tilles in den Blumen des Feldes so eigentümlich strahlende Schönheit? – Nachime sagte nur: »Wird dein Feld aber gewiß reden können? Das Wunder möcht' ich erleben.« »Du wirst noch größere erleben, Mutter!« meinte Anschel. »Sag nur nichts,« mahnte Nachime. Ruhig, als wäre nicht des einen Seele unter der Wucht eines Sturmes vor wenigen Augenblicken ein hin und her geworfenes Spielwerk gewesen, und die andere zwischen Grauen und Hoffnung mitten inne gestanden, gingen dann Mutter und Sohn wieder in die Stube zurück. Rebb Schlome war noch immer bei der »Politik«. Elieh aber, vom Lichte der dunkelnden Lampe nur ungewiß beleuchtet, saß in einem Winkel der Stube und las aus einem kleinen Buche. Es war Wojtechs Gebetbuch. 16. Eine Stunde vor Tag. Schon eine Stunde vor Tag stand Anschel am andern Morgen auf; Sorge und Hoffnung hatten abwechselnd sich seiner bemächtigt, und war die eine zu ihm hinangetreten mit dem Lächeln der Mutter, so säumte die andere nicht, ihn an ihre Tränen zu gemahnen, die verzweifelnden Worte ihres Grames ins Gedächtnis zurückzurufen. Auch daß es des Richters Tochter sei, der es vielleicht zu verdanken war, wenn die Mutter aufs Feld ging, war ein Gedanke, der immer und immer wieder kam . . . Wie war es »ihr« eingefallen, Tilles Haupt zu schmücken? Was war vorhergegangen? Anschel hatte jenes neue Leben, wie es sich vom Tage der Ankunft an so geheimnisvoll in ihm entfaltet hatte, bisher vor sich selbst verschleiert; nur von Zeit zu Zeit flogen, wie von einem verdeckten Brande, glimmende Kohlen herum; sein Gesicht, seine Seele brannten dann in hellen Flammen, aber sie erloschen, sobald Gedanken dazwischen traten, die fern ab liegen mußten vom Hause des Richters, nämlich seine eigene Familie. Die Mutter sollte heute also aufs Feld hinauskommen! Es war ihm, als habe er das in der Nacht geträumt, er glaubte es sich selbst nicht. Sonderbar! Heute umstand ihn öde Hoffnungslosigkeit, wohin er seinen Fuß lenkte. »Und wenn die Mutter nun auf dem Felde gewesen war,« raunten die bösen Stimmen, »was dann? Geht sie doch nur hin, weil sie sich nicht länger von dir mit Bitten quälen lassen will! oder weil ihr Tilles Blumen noch im Kopfe sind! Weiß ich's, warum sie eigentlich geht? Auf der einen Seite tut sie alles, was wir nur wünschen können, aber mit welchem Gemüt geht sie aufs Feld? Ein Feld ist kein Verkaufsgewölb', wo in dem einen Fach die Ware und in dem andern jene Ware aufgehoben liegt, wo alles glänzt und flittert von Bändern und Seidenstoff. Wenn sie nichts als grüne Halme sehen wird, und dazwischen blaue und rote Blumen, wird sie vielleicht fragen: ›Ist das alles, was ihr mir zeigen könnt und was ihr habt?‹ Was kann man ihr darauf antworten? ›Du irrst dich, du bist nicht in einem Gewölb', du bist auf einem Feld, unter Gottes freiem Himmel?‹ Wird man ihr so etwas sagen dürfen, ohne daß man sie aufbringt?« In dieses wirre Gedankenleben, das die Nacht hindurch bis an den frühen Morgen dauerte, trat mit einem Male ein einziger lebender Gedanke. Plötzlich lag alles entwirrt vor Anschels Dichten und Trachten. Aus Furcht, daß der Mutter das Feld, »wie es geht und steht«, doch nicht genügen könnte, verfiel Anschel darauf, wie man der Mutter eine besondere Freude bereiten konnte. Wojtech sollte die »Britschka« herrichten, die sie erst vor zwei Wochen aus dem Nachlasse des Pfarrers gekauft, die Pferde wollte er selber striegeln und rüsten, daß sie glänzten, wie lauter Gold, daneben wollte er ihnen Schellen anhängen, daß das lustige Klingeln weithin ertöne; auch rote und blaue Bänder sollten von den Köpfen der Tiere flattern, als wenn man zu einer Hochzeit führe. Dann wollte er die Mutter einladen, das also bereitete Fuhrwerk zu besteigen; sie mußte sich dann neben den Vater setzen, Tille und Elieh mußten ebenfalls in den Wagen hinein, er aber selbst ergriff dann die Peitsche und jagte zum Hoftor hinaus, die Gasse des Dorfes hinab. Schellenklingeln, Bänderflattern und Peitschenknall kündigten dann dem Dorfe an, daß die »Judenbäuerin« auf das Feld fahre, von ihrer ganzen Familie begleitet, von ihrem eigenen Sohne geführt! Das war der Gedanke, der mit aller Lebendigkeit sich Anschels bemächtigt hatte, der ihn vor Tagesanbruch aus dem Bette getrieben. Er wollte sogleich daran; noch ehe der lärmende Tag angebrochen, sollte ein Teil des Werkes vollendet sein. Allen sollte die Überraschung gelten. Aber Wojtech mußte ihm dabei helfen, sonst fürchtete er, nicht fertig zu werden. Voll dieses Gedankens ging er auf Wojtechs Stube los, die neben dem Stalle lag. Als er in den Hof trat, sah er die Stalltüren weit geöffnet, und heraus drang der kräftige Gesang des Knechtes, in welchem Anschel sogleich das Spottlied, das sie in der schrecklichen Nacht ihrer Ankunft begrüßt hatte, erkannte. Wojtech sang: »Jüdlein schrieb uns einen Brief, Drinnen steht geschrieben: Wohnen möcht' ich jetzt bei euch, Denn ich bin durchtrieben. Wies' und Äcker, die sind nun mein, Möcht' ein Bauer werden! Denn keiner hat es besser jetzt Wie ein Jud auf Erden.« Wojtech hatte offenbar an der Urform der Spottmelodie eine wesentliche Veränderung angebracht, die Anschel in diesem Augenblicke keineswegs entging. Sie fiel wie ein eiskalter Tropfen auf sein von den schönsten Plänen pochendes Herz. Er blieb stehen und horchte. Wojtech mochte sein Nahen nicht bemerkt haben; denn er wiederholte das Lied noch einmal, und wie es schien, das zweitemal mit größerer Selbstzufriedenheit, denn er lachte sich zu guter Letzt noch selbst Beifall zu. Anschel ging jetzt rasch auf den Knecht los. Wojtech putzte beim Scheine einer trüben Stallaterne eines der Pferde; als er Anschels ansichtig ward, hielt er plötzlich in seinem Gesange inne, den er zum dritten Male begonnen hatte. »Warum singst du nicht weiter, Wojtech?« fragte Anschel mit anscheinend ruhiger Stimme, »es ist ein so schönes Lied, man kann es gar nicht genug hören.« »Nicht wahr?« meinte der Knecht, jedoch ohne allen Hohn, »man muß aber das Lied so können, bis es jeder Knopf am Rock auswendig pfeifen kann.« »Und warum singst du es gerade jetzt?« fragte Anschel nach einer ziemlich geraumen Pause, während welcher er überlegte, ob er sich mit dem Knechte »herstellen« solle oder nicht? »In aller Frühe so etwas Schönes zu singen, das muß einem ja im Magen liegen für den ganzen Tag,« setzte er dann mit einem erzwungenen Lächeln hinzu. »Das verstehst du nicht,« sagte Wojtech mit einem schlauen Seitenblick auf Anschel, während er sich durchaus nicht in seiner Arbeit stören ließ, »das verstehst du nicht, mein junger Herr. So ein Lied ist besser, als ein guter Trunk Bier, oder als die schönste Musik. Ich heb' mir's also auch immer für den Morgen auf.« Es darf nicht befremden, daß Anschel auf diese und ähnliche Reden des Knechtes kein Wort des Widerspruchs und des Ärgers fand. Wojtechs rätselhafte Natur war für Anschel schon lange nicht mehr ein Gegenstand des Nachdenkens, er nahm sie hin, wie sie sich gab. Bei all seiner wilden Feindseligkeit, aus der der Knecht kein Geheimnis machte, erriet Anschel dennoch ein Wesen von Treue in ihm, die sich gerade für ihn so fruchtbar erwiesen hatte. Noch ein Zweites trat hinzu: Anschel empfand etwas wie Ehrfurcht vor dem rauhen und mürrischen Knecht; es war etwas von dem Grauen eines Schülers vor einem strengen Lehrer darin. Vielleicht schon darum schwieg Anschel. »Warum bist du schon so früh an den Pferden?« fragte Anschel rasch, um das unliebsame Gespräch so bald als möglich abzuschneiden. »Weißt ja,« sagte Wojtech, »daß ich nach Brandeis muß, um die Bretter abzuholen. Wenn auch die Leute wissen, daß die Pferde dem Juden gehören, das sollen sie doch nicht sagen, daß Wojtech, sein Knecht, ein liederlicher und nachlässiger Knecht ist. Die Pferde müssen immer wie das Sonnlein am Himmel funkeln.« »Für heute wirst du wohl die Bretter noch in Brandeis lassen müssen,« meinte Anschel, »die Pferde haben heute etwas anderes zu tun.« »Wieso?« fragte Wojtech, und richtete sich in seiner ganzen Stärke vor Anschel auf. Nun erzählte Anschel sein Vorhaben, wie die Mutter heute zum ersten Male aufs Feld hinaus wolle; das sei für sie alle ein Freudentag, er könne nicht wissen, wie viel davon abhänge. Darum hätten sie sich vorgenommen, die Mutter mit etwas, worauf sie nicht vorbereitet sei, zu überraschen. Überhaupt sei das die beste Mutter von der Welt, sie habe ihnen gerade jetzt einen Gefallen getan, wofür sie ihr nicht genug zu danken wüßten. Deswegen sei er auch so frühe aufgestanden, Wojtech möge ihm helfen und raten. Wie in stummer Verwunderung hatte der Knecht die lange Auseinandersetzung Anschels angehört; als dieser jetzt geendigt, meinte er mit einer häßlichen Grimasse, die sein Antlitz in zwei ungleiche Teile zerschnitt: »Da kannst du warten bis morgen, und ihr alle dazu.« Anschel hatte die Grimasse nicht verstanden; er meinte wirklich, Wojtech wolle die Fahrt aufs Feld verschieben, weil die Bretter von Brandeis schon lange zum Abholen bereit lagen. »Bis morgen können wir nicht warten,« sagte er herzlich, »die Mutter will heute aufs Feld.« »Sakrament!« rief der Knecht, und der Fluch rollte wie ein Gewitter über seine Lippen. »Was muß die Jüdin in einem Wagen und wie eine Prinzessin aufs Feld fahren? Kann sie nicht so gut wie die andern zu Fuß gehen?« Im ersten Augenblicke blieb Anschel vor diesem grauenhaften Ausbruche des Knechtes wie erstarrt; dann rief er mit vor Zorn bebender Stimme: »Wojtech, das war dein letztes Wort! Solch ein Knecht soll in die Hölle gehen!« »Glaubst du,« lachte Wojtech höhnisch, »ich werd' mich fortschicken lassen wie ein Hund, der nicht beißen kann . . . wie ein Hund, dem man einen Fußtritt gibt? Ich muß hier bleiben in dem Hause, und wenn alle Juden von der Welt kommen und Stricke an mich legen, und mich fortreißen wollen, ich geh' nicht und bleib' euch allen zum Trotz.« »Wenn du also bleiben willst,« sagte Anschel, noch immer bebend vor Aufregung, »warum beleidigst du deinen Dienstgeber und Leute, die dir doch nichts zuleide getan haben? Und meine Mutter, die du beschimpfst, was hat sie dir getan?« Die Erinnerung an die Mutter hatte Anschels Worten, namentlich den zuletzt gesprochenen, einen Ausdruck von Weichheit gegeben, die ihn nicht wie den Beleidigten und Erzürnten, sondern fast als Bittenden erscheinen ließen. Wojtech mochte das auch empfinden, es schien, als wenn er sich schäme; denn er wandte sich von Anschel ab und sprach, indem er sich mit dem Pferde beschäftigte: »Wer spricht denn von deiner Mutter, Narr? Deine Mutter ist ein braves Weib und ist die beste Jüdin, die ich in der Welt noch angetroffen habe. Ich hab' manche darunter gekannt, mehr als du vielleicht glaubst, du junger Herr. Waren alle vom Hochmutsteufel besessen, haben immer Prinzessinnen sein wollen und waren doch bloße Jüdinnen. Sakrament! wenn ich daran denk', was die eine davon mir angetan hat, so möcht' ich, daß man alle Juden auf der ganzen Erde an die Elbe führt, da wo sie am tiefsten ist – –« »Wojtech, Wojtech,« schrie Anschel entsetzt, »das möchtest du tun?« Dem sonderbaren Knechte schien es aber mit dieser Drohung nicht Ernst; lachend rief er nach einer Weile: »Ja, das möcht' ich einmal erleben! . . . Wenn man an einem Morgen hinauskäme auf die Gasse und die Leute sagen möchten: Heute in der Nachtstunde sind alle Juden auf der Welt auf und davon gegangen und keiner ist zurückgeblieben! . . . Hei, wie möcht' ich da die Augen aufreißen!« »Wenn wir alle tot wären, ich und mein Vater und meine Mutter, meine Schwester und mein Bruder,« meinte Anschel darauf ruhiger, als sich erwarten ließ, »wen möchtest du denn hernach hassen? Auf wen möchtest du denn dein schönes Spottlied singen? Wojtech, denke nach!« Auf den sonderbaren Knecht schien diese Einwendung wie ein Keulenschlag auf den Kopf gewirkt zu haben; tief betroffen starrte er »den jungen Herrn« aus einen braunen Augen an; dann fuhr er seufzend mit der Hand über das Gesicht und sagte: »Der hochwürdige Herr, der dürfte nicht gestorben sein! . . . Ehe der stirbt, muß erst viel vorgehen. Der kann gar nicht sterben. Davon sprich mir nichts, daß der auch sterben könnte! . . . Ich habe ja noch gar nicht mit ihm geredet. Oder glaubst du wirklich, der hochwürdige Herr könnt' nicht mehr gesund werden . . ., daß er noch krank ist?« Diese Frage und noch mehr der gänzlich veränderte Ausdruck im Angesichte des Knechtes erschütterten Anschel dermaßen, daß er alles vergaß, was ihm Wojtech den Augenblick zuvor an Leid und Herzenskränkung angetan. Er hörte nur die Stimme des bittend Fragenden und sah nur die bekümmerte Miene eines Tiefbetrübten. »Du meinst meinen Bruder, Wojtech,« sagte er mit dem Tone des Mitleids, »um den sei aber nicht besorgt. Der wird erst jetzt recht gesund werden. Verlaß dich darauf!« »Hat's der Brandeiser Doktor versprochen?« fragte der Knecht. »Der gerade nicht,« sagte Anschel darauf, »aber die Doktors verstehen sich auf meinen Bruder nicht; der ist vom Lernen krank geworden, nun aber wird ihn das Feld gesund machen.« Dem Knechte schien diese in so weite Ferne hinausgerückte Hoffnung wenig tröstlich; traurig meinte er darauf: »Ich seh' schon, ihr alle wollt nicht sagen, wie krank er ist, der arme, hochwürdige Herr! und ich – ich habe noch nicht mit ihm geredet.« Dann, als ob dieser Gedanke seiner ganzen Stimmung mit einem Male selbst die leiseste Spur der früheren Gereiztheit genommen hätte, sagte er demütig, wie jemand, der gewohnt ist, Befehle zu hören: »Herrchen, das mit dem Fahren aufs Feld, geht ja heute gar nicht. Hast du vergessen, daß heute ein heiliger Tag für dich ist, an dem du nicht fahren und nicht reiten darfst? Es ist ja Sabbat.« Anschel überlief es siedend heiß. Wojtech hatte recht; es war ja heute Sabbat. Das hatte er im Taumel der Empfindungen, die ihn seit dem gestrigen Abend auf und nieder bewegten, vergessen. Der »heilige Tag« wäre so bald entweiht worden! Dann kam eine Hoffnungslosigkeit über ihn, eine plötzliche Öde, ein Gefühl, als sei alles untergegangen; nichts sei mehr übrig von dem, was er aufgebaut; zerschlagen und verwittert lag alles rings um ihn. Daß er die Mutter nicht in dem Aufzuge aufs Feld fahren konnte, wie er ihn geträumt, schien ihm in diesem Augenblicke von so übler Vorbedeutung, daß er alles aufgab, was sich Hoffnungsreiches an diese Fahrt geknüpft hatte. Der Knecht mochte bemerkt haben, daß in dem Gemüte des »Herrchens« eine verhängnisvolle Wandlung vorgegangen war. Anschels bleich gewordenes Antlitz trug zu deutlich die Spuren davon. »Ich weiß, es verdrießt dich, junges Herrchen,« sagte er mit demütig weichem Tone, »daß du heute nicht fahren kannst. Aber was willst du tun, wenn heute euer Sabbat ist? So ein heiliger Tag! und du möchtest tun, was du nicht tun darfst? Aber frag' doch den hochwürdigen Herrn, deinen Bruder, der wird dir schon einen Rat geben. Was der dir sagt, das tu! denn der hochwürdige Herr versteht sich gewiß auf alles.« Anschel schüttelte traurig den Kopf. »Das geht nicht, Wojtech,« sagte er, »das geht nicht. Ich kann nicht um Rat fragen.« Ohne ein anderes Wort ferner an den Knecht zu richten, ging Anschel fort. Gesenkten Hauptes, mit langsamen Schritten ging er über den Hof in das Haus zurück. Wojtech sah ihm nach, er ahnte nicht, welch ein beschwertes Gemüt ihn soeben verlassen hatte! Im Hause waltete indessen noch immer die Morgenstille des Sabbats, denn, wo er hintritt, drückt er dem Leben sein Siegel auf. Wojtech und Anschel waren die einzigen, die wachend umhergingen; die andern benutzten die Regungslosigkeit des Ruhetages und schliefen in den hellen Morgen hinein. Mit einem Gefühle düsterer Ergebung harrte nun Anschel dem vollen Erwachen dieses Morgens entgegen, er war überzeugt, er konnte ihm nichts Gutes bringen. Merkwürdigerweise war heute Nachime die letzte, die sich der Ruhe entwand. Rebb Schlome und Elieh standen schon im Morgengebet, als Nachime mit einem Male aus der Schlafkammer trat. Wie Anschel ihrer ansichtig ward, überkam ihn ein tiefer Schreck; er hatte das Gefühl eines Schuldners, der plötzlich den harten Gläubiger vor sich sieht, dem er das Versprochene nicht leisten kann. Aber die Gesichtszüge der Mutter beruhigten ihn sogleich; es schien, sie hatte einen Schlaf getan, der sie erquickt hatte. Eine leise, unmerkliche Röte war über die Wangen gehaucht, sie sah jünger und frischer aus als sonst. Dennoch wagte Anschel nicht, sie anzureden; zu viel der Enttäuschung lag zwischen gestern und heute. Da sah er, daß ihm Nachime hinter dem Rücken des Vaters und Eliehs, die beide gerade gegen den Osten der Stube gewendet, das »Schmona-Esre« Gebet beteten, mit dem Finger winkte, ihr zur Stube hinaus zu folgen. Pochenden Herzens folgte Anschel diesem Winke. Nachime erwartete ihren Sohn wieder beim Hoftor, wo gestern so Bedeutendes vor sich gegangen war. In demselben Augenblicke fuhr Wojtech hinaus. Als er Nachime sah, rief er ihr vom Wagen herunter: »Freu' dich heute, Frau, dein Sabbat ist schön.« Noch ehe Nachime um die Bedeutung dieses rätselhaften Grußes fragen konnte, war der Knecht ihren Augen entschwunden. »Was ist das,« fragte sie den nachgekommenen Anschel, »weiß er denn etwas?« »Verzeih, Mutter . . . .« stammelte Anschel betroffen, »ich hab' ihm etwas sagen müssen.« »Was liegt daran?« meinte Nachime lächelnd, »die Welt soll's wissen, daß ich aufs Feld geh'. Werd' ich mich vielleicht vor den Bauern schämen?« »Mutter,« rief Anschel . . . ., »jetzt erst glaub' ich's recht, daß du dein Wort hältst.« » Mir hast du's also nicht geglaubt, Anschel?« sagte Nachime. »Nein, Mutter,« rief Anschel, indem er wie beteuernd seine Hand gegen die Mutter ausstreckte, »ich hab' mir's selbst nicht geglaubt.« »Sag lieber,« meinte Nachime mit einem trüben Lächeln, »du hast's mir nicht glauben können.« »O, Mutter! wenn ich dir erzählen könnte, was ich seit gestern und heute gelitten, du möchtest meinen, ich übertreibe. Ich hab' dir wollen eine Freude machen, aber es ist nichts daraus geworden . . . Ich hab' dich wollen in einem Wagen aufs Feld führen . . . ich selbst hätt' die Pferd' gelenkt . . . . die Pferd' hätten schöne Bänder angehabt, und es hätt' ausgesehen, als fahren wir alle zu einer Hochzeit. So wären wir durchs Dorf gekommen, und alle Leute hätten mit Fingern auf dich gezeigt und gesagt: Da fährt unsere neue Bäuerin mit ihrer Familie aufs Feld! Aber es ist nichts daraus geworden, weil heut' Sabbat ist, und ich hatt' ganz vergessen daran zu denken. Willst du aber ein andermal?« »Gott behüt' und beschütz' mich,« rief Nachime erschrocken; »und du hast meinen können, ich wär' in den Wagen gestiegen? Und wenn er mit Gold und mit Sammet wär' ausgepolstert gewesen, hätt' ich auch keinen Fuß darauf gesetzt! Ich, mit meinem beschwerten Herzen sollt' noch eine Parade aus mir machen, sollt' mich da, wie eine, die lustig ist und lustig sein will, hinsetzen und kutschieren lassen? Wie ist dir das eingefallen? Du bist doch sonst so klug! Geh' ich denn mir zu Gefallen aufs Feld? Ich hab' eingesehen, daß ich dir damit einen Gefallen machen könnte, und so geh' ich.« »Wenn du nur gehst,« sagte Anschel mit einem Tone, der zwischen Wehmut und Freude klang. »Ich geh',« sagte Nachime mit einer gewissen Bestimmtheit, »aber um das eine bitt' und beschwör' ich dich: mach keinen Lärm davon. Mit dir allein und höchstens noch mit Tille möcht' ich hinaus.« »Und den Vater willst du nicht dabei haben? auch Elieh nicht?« fragte Anschel, indem er bittend die Augen auf die Mutter richtete. Nachime sann einen Augenblick nach, dann sagte sie rasch: »Ich will nur mit dir und Tille gehen!« Anschel sah ein, daß er in die Mutter nicht weiter dringen durfte; zu viel hatte sie ihm bereits gewährt. »Nach dem Anbeißen,« sagte noch Nachime, »wirst du so gut sein und wirst mich vor deinem Vater von obenher fragen: ›Mutter, ist's dir recht, so gehen wir ein bissel aufs Feld hinaus, Tille könnt' auch mitgehen‹. Darauf werd' ich sagen: ›Warum nicht? gehen wir, ohnehin ist heut' Schabbes‹. Aber, um Gottes willen, mach mir kein Gelärm damit, Anschel mein Sohn, denn ich weiß, du bist ein gut Kind und möchtest manches anders haben, als es ist. Aber Gott will's nicht anders: laß dir's also nicht beifallen, etwas daran zu ändern.« Anschel mußte das versprechen, wenn auch mit schwerem Herzen. Daß der Vater nicht dabei sein sollte, wo es galt, die Mutter gleichsam in ihr Eigentum einzuführen, ging ihm nicht ins Gemüt. Nach dem Frühstück richtete Anschel wirklich die verabredeten Worte an die Mutter. Aber sein Ton klang schwankend und wie mit äußerster Mühe aus der Brust herausgepreßt. Schon das war auffällig; noch mehr was Anschel fragte. Rebb Schlome sah voll Staunens bald auf Anschel, bald auf Nachime; doch diese, als hätte sie sich in der Stille der Nacht für diesen Auftritt vorbereitet, sagte ruhig, fast ohne jede Bewegung: »Warum nicht? Gehen wir, Anschel! es ist ja heut' Schabbes, Tille könnt' auch mit uns gehen.« Als Rebb Schlome diese Worte vernahm, die ihm nun keinen Zweifel übrig ließen, daß der ganze Plan mit Nachimes Spaziergang zwischen ihr und Anschel verabredet sein mußte, nahm sein Gesicht einen merkwürdig trotzigen Ausdruck an. Seine Brust hob sich, die Stirnader schwoll ihm an, und es schien, als wollten schwere, zürnende Worte über die Lippen hinaus. Doch hielt er an sich; wohl tat er einen Schritt vorwärts gegen Nachime, aber er sprach kein Wort. Selbst Tille war von der unerwarteten Aufforderung der Mutter betroffen, daß sie eine Weile sprachlos dastand; Staunen, fast Schrecken war auf ihrem Antlitze zu lesen. »Ich soll mit dir gehen?« rief sie endlich mit Nachdruck. »Willst du vielleicht nicht?« fragte Nachime trocken. »Mutter . . .,« rief Tille und feucht glänzten ihre Augen, »ich sollt' mit dir nicht gehen wollen?« Nachime sah das Kind an, sie sah es länger an, als vielleicht ihrer Lage angemessen war, oder darum, weil sie den Blick ihres Mannes scheute. Dann sagte sie im gleichgültigsten Tone: »Also gehen wir, Anschel . . .! Und du, Tille, komm nach, wenn du vielleicht noch nicht fertig bist.« Sie wandte sich zum Fortgehen . . . kein Blick glitt nach Rebb Schlome rückwärts . . . sie wollte fortgehen, als ob sie einig in sich geworden, ihren Gang aufs Feld ohne alles Mittun von seiner Seite auszuführen. Da rief eine Stimme, die bisher, wie gewöhnlich, keinen Anteil an dem ganzen Vorgange zu nehmen schien, Eliehs Stimme: »Ich weiß aber gar nicht, Mutter, ob du heute gehen darfst aufs Feld . . . Es ist ja Schabbes.« Nachime wandte sich an der Türe um, deren Klinke sie bereits aufgedrückt hatte. Mit fester, sicherer Stimme sagte sie: »Das hättest du mir früher sagen können, Elieh, jetzt ist es zu spät. Aber warum soll ich nicht gehen dürfen? Geh' ich denn an zwei Stunden weit? Ich will aufs Feld hinaus, das ist draußen vor dem Dorf. Sollt' denn das eine gar so große Sünde sein?« »Ich weiß nicht . . .,« meinte Elieh unsicher und mit gesenkten Augen, »ob es irgend wo geschrieben steht, was man zu tun hat, wenn man zum ersten Male auf ein Feld geht. Laß mich in meinen Büchern wenigstens nachsehen.« In Anschel regte sich ein gewaltiger Zorn gegen den »Bocher«. Was hatte dieser mit seiner Thora in einem solchen Augenblicke zu kommen und sie wie einen Riegel vor den Entschluß der Mutter zu schieben? Nachime aber, nachdem sie eine Weile nachgesonnen hatte, sagte dann ruhig: »Ich bin keine Gelernte, Elieh, und weiß auch nicht, ob so was in deinen Büchern geschrieben stehen kann oder nicht! Aber laß die Sünde mich auf meinen Kopf nehmen. Ich kann mir nicht denken, daß deine Bücher sollten das vorausgesehen haben, wenn Nachime Hahn zum erstenmal an einem Schabbes ihr Feld besuchen will. Ich geh'!« Elieh wollte noch reden, aber das Wort ward ihm abgeschnitten, da Nachime mit Anschel und Tille rasch zur Türe hinausging. Nachime hatte wirklich kein Wort des Abschieds. Als sie fort waren, bot das Antlitz Rebb Schlomes einen eigentümlich erschreckenden Ausdruck dar. Es schien, als wäre alle Kraft, alle Spannung der Muskeln daraus entschwunden; das Auge blickte hohl und unverwandt nach der Türe, durch die Nachime mit ihren Kindern gegangen war. Dann mußte er sich, als hätte ihn eine ungeheure Müdigkeit überfallen, auf einen Sessel niederlassen. Gebrochen in seinem innersten Marke saß er eine Weile da; er schien nicht zu wissen, daß er einen Zeugen seiner Zaghaftigkeit, seiner verzweifelten Lage habe. Endlich hörte Elieh, wie sich schwer und drangvoll, fast schluchzend, die Worte seiner Brust entrangen: »Nachime, Nachime, hab' ich dir denn so viel getan?« 17. Auf grünem Boden. Währenddem eilte Nachime mit ihren Kindern vorwärts, als gelte es ein in Flammen stehendes Haus zu verlassen. Sie sah sich nicht um und war immer um einige Schritte voraus. So war sie durch das Dorf gekommen und hatte nicht nach rechts, nicht nach links geblickt. Kinder, die am Wege spielten, Frauen, die vor ihren Häusern standen, sahen der fremden, städtisch gekleideten Frau erstaunt nach; wenige kannten diese neue Bäuerin, und die sie gesehen hatten, konnten sich ihrer kaum erinnern. So seltsam es klingen mag: Nachime hatte die neue Heimat seit ihrem Einzuge in dieselbe nicht gesehen, sie war eine Gefangene in ihrem eigenen Hause gewesen! Was aber trieb Nachime so unaufhaltsam vorwärts und ließ sie weder nach rechts noch nach links blicken? War es ein Gefühl befriedigter Rache, daß sie denjenigen, der ihr so viel getan, nun selbst gedemütigt, daß sie ihm bewiesen, wie »Gewalt und nichts als Gewalt« doch nichts vermöge? Oder war es vielmehr Scham, daß sie zu weit gegangen, daß sie den Vater ihrer Kinder nicht vor ihnen selbst hätte erniedrigen sollen? Vielleicht wogte beides, Scham und Befriedigung, in wildem Gemenge durch diese Seele. Erst als sie am Ende des Dorfes angekommen war, hielt sie inne; sie mußte Atem schöpfen, und trotzdem, daß sie ihre Schritte so behastet hatte, zeigte ihr Antlitz keine Aufregung, es war bleich. »Ist es noch weit bis hin?« fragte sie. »Du bist gleich zur Stelle,« gab Anschel zur Antwort, »und deswegen, Mutter, beeil dich nicht.« Nach einer Weile setzte Nachime den Weg fort; langsamer zwar, aber immer noch so eilig, daß Anschel und Tille kaum gleichen Schritt mit ihr einhalten konnten. Plötzlich fühlte sich Anschel von Tille bei der Hand gefaßt: »Hast du sie gesehen, wie wir vorbeigegangen sind?« raunte Tille ihrem Bruder fast unhörbar zu. »Wen? wen?« fragte Anschel ebenso flüsternd, aber im Tone des Schreckens. »Sie,« flüsterte das Kind. »Um Gottes willen, schweig!« rief Anschel.« » Sie hat mir gestern die Blumen ins Haar gesteckt,« lispelte, an den Bruder enge geschmiegt, das Kind, »und dir hätt' ich etwas sagen sollen.« »Schweig, schweig, um Gottes willen,« bat Anschel. Anschel hatte die letzten Worte halblaut gerufen, so daß Nachime sich umwandte. »Was habt ihr denn vor, Kinder?« fragte sie. »Nichts, nichts,« stammelte Anschel flammrot im Gesicht. »Willst du mir's auch nicht sagen, Tille?« rief Nachime. »Ich? Mutter?« meinte das Kind in Verlegenheit, »ich weiß eigentlich gar nicht mehr, wovon zwischen uns beiden die Rede gewesen. Jetzt weiß ich's« rief sie nach einem Augenblick, wie sich besinnend aus, »jetzt weiß ich's; ich hab' Anschel erzählt, daß sich der Vetter Koppel einen neuen ›Mogen Dovid‹ machen will.« Nachime lächelte fein; sie wollte wahrscheinlich auf den Grund der Notlüge nicht dringen, so unglaublich sie immerhin klang. Endlich lagen die Felder des Dorfes vor ihnen. Anschel hatte auf einen Hilfsgenossen nicht gerechnet, da er die Mutter zum Gang aufs Feld beredete, und dieser bewies sich gerade jetzt, als alles geschwunden und zugrunde gegangen schien, worauf er seine Hoffnung gebaut hatte. Es war das einsam traurige Leben, das die Mutter seit so langer Zeit geführt, die Verlassenheit ihres Gemütes. Zuerst tat ihr das Grün wohl, das ihr von weit und breit zuwinkte und zurauschte; wohin sie sah und hörte, beugte ein linder Luftzug die Halme vor ihr, als wenn er sie zum Gruße nötigen wollte, oder flatterte ein Vogel auf, der darin seine Stätte gefunden hatte. Das hatte sie schon lange nicht erlebt: auf einem schmalen Feldrain zu gehen, der dem Fuße kaum das nötige Erdreich gab, und rechts und links von reifenden Kornhalmen berührt zu werden, als ob jeder sie zurückhalten und etwas besonders Wichtiges ihr zu melden hätte! Sie konnte sich nicht erinnern, seit den fünfundzwanzig Jahren ihrer Ehe einen Acker anders als im Vorüberfahren, wenn sie auf die Märkte zog, gesehen zu haben. Was war ihr ein Feld? Sie aß das Brot, das davon kam, aber gleich Tausenden von Menschen wußte sie nicht, wo es gewachsen, wie die Gottesgabe ins Haus gekommen! . . Mitten zwischen den Feldern stellte sich ihr plötzlich eine Lebensszene vor die Augen, die sie vor fünfundzwanzig Jahren erlebt. Das Alter hatte sie nicht gebleicht, mit frischen Farben stand sie vor ihrer Seele. Sie erinnerte sich eines Feldgangs, den sie damals gemacht; es war gleichfalls an einem Frühlingssabbat. Der mit ihr auf dem engen Feldraine zwischen den nickenden Halmen ging, war damals ihr Bräutigam, Rebb Schlome. Es war kurz vor ihrer Hochzeit; was sie damals miteinander gesprochen, war ihr entschwunden; aber ein Zug war ihr doch geblieben. Ihr Bräutigam hatte plötzlich einige Ähren in die Hand genommen und sie ihr mit den Worten gewiesen: »Da sieh her, Nachime, das ist Gottesgab' . . da draus bekommt man Brot. Wenn mir die Kraft nicht ausgeht, sollst du immer dein Brot haben, und das, was nachkommt, auch.« Darauf hatte sie die Hand auf die Ähren gelegt, wie zu einem Schwure, und gesagt: »Und ich will dir helfen, Schlome, wie es einem treuen Weib' zukommt.« So deutlich und lebendig stand in diesem Augenblicke das ferne Lebensbild vor ihrer Seele, daß sie ihre eigenen Worte hörte, nicht mit jenem geistigen Ohr, das verschollene Klänge vernimmt, man weiß nicht wie? sondern wirklich, als hätte sie dieselben gerade jetzt gesprochen. Unbewußt hatte sie mehrere Ähren ergriffen und war sinnend stehen geblieben. »Und ich will dir helfen, Schlome, wie es einem treuen Weibe zukommt,« sprach sie leise vor sich hin. Wunderbare Töne weckten diese Worte in ihr. Sie hörte und sprach nicht nur ihre eigenen Worte, die sie vor fünfundzwanzig Jahren gesprochen, sie sprach auch die ihres Bräutigams nach, der jetzt Rebb Schlome hieß. Mehrmals blieb sie stehen, nahm die Ähren in die Hand, ließ sie durch die Finger gleiten, und die Lippen zuckten dabei, als würden sie von einem ungesprochenen Gebete berührt. »Wenn mir Gott die Kraft gibt, sollst du immer dein Brot haben,« lispelte sie leise vor sich hin. Hatte er ihr nicht Wort gehalten, was er damals auf die Ähren, auf die Gottesgabe versprochen? Hatte es ihr je an Brot gemangelt seit diesem Tage? Hatte er nicht stets treu dafür gesorgt, daß das Haus in Zucht und Ehren bestand? Was war aus anderen Frauen geworden, denen goldene Zaubergärten, lustjauchzende Tage, ungetrübtes Wohlsein waren versprochen worden! Verkommen, verdorben und gestorben war manche von ihnen, während sie »ihr Brot« hatte und mitten in der Fülle saß. Aber auch sie – hatte sie ihm nicht redlich Wort gehalten? Hatte er an ihr nicht ein treues Weib, die ihm im Erwerb geholfen? nach Kräften das Brot ins Haus geschafft? Hatte sie je feiernd die Hände in den Schoß gelegt? War sie nicht auf Zucht und Ehren des Hauses bedacht? Wie hätte das ein Ende nehmen können, wenn es ihm nicht eingefallen wäre, einem luftigen Gedanken zuliebe den Bestand ihres ehemaligen Glückes und Wohlseins an ein Dorf zu binden? Der letzte Gedanke hatte zu viel des Trüben, als daß er nicht Fäden gefunden hätte, an denen er sich fortleiten konnte. Nachime hielt ihn fest; wieder vermochte sie an nichts zu denken als an ihr Leid. Aber sie tat es ohne Bitterkeit, fast aus Gewohnheit. Ihr unbewußt übte das Feld eine Macht über ihr Gemüt aus, der sie sich nicht entziehen konnte. Die Ähren wogten immer lauter; es war, als drängten sie sich ihr in die Hand und wollten von ihr berührt sein. Wieder klangen ihr aus der Tiefe der Erinnerung die Worte des Bräutigams: »Sieh her, Nachime, das ist Gottesgab', da draus wird Brot. Wenn mir die Kraft nicht ausgeht, sollst du immer dein Brot haben.« Die Kinder hatten bis dahin die sinnend dahinwandelnde Mutter nicht unterbrochen; still waren sie hinter ihr geschritten. Anschel ahnte es mit seinem Verständnis, daß die Mutter nicht gestört sein dürfe. Durch Zeichen gab er Tille zu verstehen, daß sie an sich halten solle, wenn sie ungeduldig einmal das Schweigen brechen wollte. So waren sie über die Feldraine eine weite Strecke fortgewandelt, und dieser lautlose Gang in der Stille eines Frühlingsmorgens, Kornrauschen rechts und links und über sich Vogelgesang, hätte für den, der ihn ungesehen belauscht, ein wunderbar ergreifendes Schauspiel gewährt. Wieder war Nachime bei einem Felde stehen geblieben; wieder waren ihr die Ähren in die Hand gekommen. Da rief um denselben Augenblick Anschel hinter ihr mit leiser Stimme: »Mutter . . ., sieh dich um, du stehst bei deinem Feld!« Ein leiser Schrei entfuhr den Lippen Nachimes. Die Halme entglitten ihr; ein Frösteln durchzitterte ihr ganzes Wesen. »Lebendiger Gott!« hörten sie die Kinder ausrufen. Aber sie wandte sich nicht um, sie setzte ihren Weg an den wogenden Halmen fort. Das schnitt Anschel bitter durchs Herz. Vor ihrem Eigentum stand die Mutter, vor dem ihrer Kinder; an dem Acker ging sie vorüber, dessen Furchen eines ihrer Kinder gezogen, und sie fand kein Wort? So wenig gefiel ihr also das Feld? Das hatte Anschel ja befürchtet. Was aber konnte das »Feld« dafür? Hätte Anschel begreifen können, was gerade jetzt in Nachimes Seele vorging, und warum ihr beim Anblick des Feldes ein Schreckensschrei entfuhr, so würde er sich gehütet haben, in das heilige Schweigen seiner Mutter einzugreifen. Denn an schwachen Fäden hängt oft das Gewebe einer Gemütswandlung; ein leichter Zug – und das Gewebe ist vollendet oder zerrissen! Nachime ging aber von da an immer langsamer über den Rain, und wunderbar war es: der Lufthauch, der bis dahin die Halme vor ihr gebeugt hatte, daß es wie ein Willkommgruß schien, hatte aufgehört. Die Ähren kamen ihr nicht mehr in die Hand, so wenig als sie zu ihnen kam. Nachime stand an einem Scheidewege. Sie sah das »Brot« vor sich, das leibliche Brot, das ihr ihr Mann vor fünfundzwanzig Jahren versprochen hatte; sie hörte aber auch das: »Und bin ich dir nicht ein treues Weib gewesen? Hab' ich dir nicht redlich geholfen? Warum hast du mich dahin gebracht, daß ich dir nicht mehr helfen kann?« Mit einem Male sahen die Kinder, wie die Mutter sich zu den Ähren neigte und ihr ganzes Antlitz darin verbarg. Sie hörten sie zugleich heftig schluchzen. »Mutter, was ist dir?« riefen die beiden Kinder erschrocken. Nachime weinte noch heftiger. »Mutter,« sagte Anschel, »wenn dir so leid ist, daß du aufs Feld gegangen bist, so können wir ja gleich umkehren.« Da richtete sich Nachime auf und wandte sich um. Ihr Antlitz war von Tränen überströmt; sie versuchte zu reden, aber das Schluchzen ließ sie eine geraume Weile nicht dazu kommen. »Leid soll mir sein, meine Kinder . . .,« rief sie endlich. »wie könnt' ich mich so versündigen? Muß ich nicht meinem Gott im Himmel danken dafür mit aufgehobenen Händen, daß er mir diese Stunde geschickt hat? Wie gut war's doch, daß ich auf mein Feld gegangen bin!« Diese Sprache erschreckte anfangs die beiden Kinder mehr, als sie sie staunen machte. Aber als sie das durch Tränen leuchtende Antlitz der Mutter anschauten, kam sie ihnen doch wie eine andere vor. Die innere Erlösung war es, die einen Sieg erfochten hatte, und sie drückte diesem Antlitze einen Ausdruck auf, der den Kindern als beinahe unnatürlich erschien. Aber das fühlten sie: mit der Mutter war etwas vorgegangen, etwas Großes, Unerwartetes; keiner hätte das in Worten sagen können. »Mutter, ist das dein Ernst, dein wirklicher Ernst?« rief endlich Anschel, nachdem er in das Antlitz der Mutter lange genug geschaut hatte. »Wie ist denn das nur gekommen?« »Frag mich nicht, Anschel,« sagte sie milde, »ich könnt' dir doch keine Antwort geben. Kannst du sagen, wie das Korn hier angewachsen ist in die Höhe, und wie es so schön grün geworden ist? So ist's auch über mich gekommen, ich weiß nicht wie?« »Ich frag' dich auch nicht, Mutter,« sagte Anschel, »mir ist's genug, wenn du so redest.« Wieder griff Nachime nach einigen Ähren und behielt sie in der Hand. »Die hat euer Vater säen lassen,« sagte sie, »und ich hab' ihm dabei nicht geholfen; ich hab' noch geschmollt in meinem Herzen, und ich hab' mich gekränkt, daß er's getan hat. Hätt' ich als treues Weib fragen dürfen: Schlome, warum tust du dies und jenes? Warum tust du's nicht, wie ich's will? Ich hab' ihm ja versprochen gehabt vor fünfundzwanzig Jahren, daß ich ihm helfen will, das Brot mit ins Haus zu schaffen! Ich hab' mein Wort nicht gehalten! Da wächst das Brot, ich halt's in meiner Hand, aber ich hab' dabei nicht geholfen. Ja, wenn es nach meinem Willen gegangen wäre, so hätte ich's noch ausgerissen und mit Füßen zertreten.« Anschel tat diese Selbstdemütigung der Mutter wehe; er wußte nicht, daß Demut gern Geständnisse macht und daß es der erste Flügelschlag einer befreiten Seele ist, wenn sie sich enthüllen kann. »Du kannst ja nicht dafür, Mutter . . .,« sagte er, »daß es so gekommen ist. Hast du denn wissen können, was so ein Feld ist? Wie hättest du das in deinem Gewölb' lernen sollen? Klag dich nur nicht mehr an, als nötig ist.« »Anschel, mein Kind!« rief Nachime darauf mit schmerzlich bitterm Tone aus, »du weißt gar nicht, wie ich gefehlt habe. Ein Weib, das dem Manne das Leben verbittert, ist etwas, wovon du keinen Begriff hast . . . Ein Mann, der seinem Weibe schlecht begegnet, kann ihr tausenderlei antun, aber es ist nichts gegen das Weib, wenn es den Mann kränken will. Das aber ist etwas, was ich mir nie verzeihen werde. Ich hab' ihn kränken wollen, und noch heut' . . . und er ist doch ein so treuer Mann.« Schluchzend wiederholte Nachime mehrmals diese letzten Worte; sie klangen wie eines der Schuldgeständnisse am »Tage der Versöhnung«. Da trat Anschel, dem dieser Auftritt schrecklicher ward als alles, was er bis dahin erlebt, dicht zur Mutter und flüsterte, ohne daß Tille es verstehen konnte, ihr leise ins Ohr: »Mutter . . .! schweig wenigstens vor dem Kind, ich bitte dich darum.« »Laß mich, laß mich reden,« sagte sie darauf. Anschel aber, um den Selbstanklagen der Mutter ein Ende zu machen. rief mit einem Male: »Mutter, du hast ja noch nicht einmal alles gesehen, was uns gehört. Meinst du denn, du bist schon fertig?« »Was haben wir denn noch?« fragte Nachime, deren Stimmung plötzlich verändert schien. »Sieh dich nur um, Mutter,« sagte Anschel, von freudigem Stolze das Antlitz überglänzt, »gleich neben dem Feld, wohin du jetzt kommen wirst, wächst Gerste, und nicht weit davon – nur des Richters Acker ist dazwischen – da haben wir unsere Erdäpfel. Und wenn du deine Augen ein bissele anstrengen willst, so siehst du über dem Erdäpfelfeld einen schmalen grünen Streifen, da drauf wächst Hanf . . . den hat Wojtech allein für dich angebaut. Und alles ist unser, alles, alles!« Unwillkürlich folgten die Blicke Nachimes jeder Bewegung, die Anschel mit der Hand beschrieb. Sie nickte zur Bejahung mit dem Kopfe, als ob sie in der Tat alles gesehen; und doch verwirrten sie die Angaben Anschels. Ihr erschien das ganze Gebiet ihres Eigentums, das Anschel als solches bezeichnet hatte, in so riesigen Umrissen, daß es ihren Augen entschwand. »Das alles, sagst du,« rief sie mit unsicherer Stimme, »gehört uns? Lebendiger Gott! das alles?« »Das alles, Mutter . . .,« sagte Anschel freudig, »nur der Richter kann sagen, er hat um ein ›paar Striche‹ mehr als wir.« Nachime war wieder eine Weile stehen geblieben; sie schaute über die Felder hinweg nach den Punkten, die ihr Anschel bezeichnet hatte. Plötzlich faßte sie nach seinem Arm mit zitternder Hand; ihr ganzes Wesen war wieder verändert; sie bebte am ganzen Leibe. »Das alles,« rief sie mit krampfhaftem Tone, »das alles gehört uns! Wie aber, Anschel, mein Sohn! wenn es zugrunde geht? Wenn ein Hagelwetter kommt, wenn zu viel Regen darauf fällt, die Sonne nicht scheinen will . . . lebendiger Gott im Himmel, was weiß ich, was alles geschehen kann? Was tun wir dann? Brot gibt das Feld, viel Brot! Wie aber, wenn's mit einem Male zugrund' gerichtet wird?« Auf dieses plötzliche Ablenken der Mutter von der bisher behaupteten Stimmung, die so viel des Freudigen versprach, war Anschel nicht gefaßt. Stotternd sagte er: »An das, Mutter, hab' ich noch nicht gedacht.« Nachime aber ergriff den Arm ihres Sohnes mit weit stärkerer Gewalt, denn Anschel empfand schmerzlich den Druck dieser unerklärlichen Angst und rief: »Daran hast du noch nicht gedacht, Anschel? Warum ist es mir gleich eingefallen? Gott braucht nur eine schlechte Stunde zu schicken, so ist unser ganz Brot verloren, und dein Vater und wir alle, die da stehen, können schnorren (betteln) gehen.« »Das, Mutter, wird nicht geschehen,« sagte darauf Anschel, der sich allmählich gefaßt hatte. »Ich denk', wenn einem Bauer alles zugrunde geht, so bleibt ihm doch sein Feld, das kann ihm doch Hagel und Blitz und Krankheit nicht forttragen. Im nächsten Jahre kommt neue Ernte, und der Schaden ist wieder gut gemacht.« Nachime sah den Sohn mit einem Blicke schmerzlichen Mitleids an. »Man sieht, mein Kind,« sagte sie, »du bist noch jung und hast noch nicht viel erlebt. Du weißt nicht, wie sich Menschen selbst aufessen können.« Trotz der ernsten Lage, in der sich Anschel der Mutter gegenüber befand, machte ihn dieser Ausdruck doch lächeln. Er verstand wohl, was Nachime damit meinte. »Fürcht dich nicht, Mutter,« sagte er, »ehe ein Bauer an die Felder selbst greifen muß, da muß es ›kurios‹ in seinem Hause zugegangen sein. Wir werden uns nicht aufessen, dafür laß mich auch sorgen.« Diese Zusage schien Nachime wenig Trost zu gewähren. »Du redest auswendig,« meinte sie mit kummervoller Miene, »wenn's, Gott behüt', dazu käme, möchtest du schon anders reden.« »Was tun denn aber sonst die Bauern?« rief endlich Anschel aus; »ich seh' doch nicht, Mutter, daß es denen gar so schlecht geht!« »Die Bauern! die Bauern!« meinte Nachime nachdenkend, »meinst du denn, ein Jude kann so ein Bauer sein, wie ›sie‹ sind?« »Mutter,« sagte nach einer Weile Anschel, »warum sich eine Stund' verbittern wollen, wenn sie sich so schön anschickt? Am ›Aufessen‹ sind wir ja noch nicht, wozu also davon sprechen? Du hast mir ja gestern zugesagt, du willst mich hören, wie ich mit meinem Feld reden kann. Willst du die Kunst hören?« In Nachime hatte die gute Wandlung, die seit wenigen Minuten so bedeutende Störungen durchgerungen hatte, wieder die Oberhand. Als ob sie eine quälende Sorge sich von der Seele gewaltsam hätte wegscheuchen wollen, fuhr sie mit der Hand über die Augen und sagte dann mit einem wahrhaft freudigen Lächeln: »Du brauchst mich nicht zu gemahnen, lieb Kind . . . das Feld hat mit mir schon gesprochen. Verlaß dich drauf.« Und wie zur Bestätigung nahm sie wieder einige Ähren in die Hand, sah sinnend auf dieselben und ließ sie dann wieder zurückgleiten. »Jetzt kommt, Kinder,« sagte sie nach einer Pause. »Die Sonne fängt an stark zu brennen.« »Aber du hast ja noch nicht alles gesehen, Mutter!« rief mit einem Male die bis dahin schweigsame Tille. »Ich hab' genug gesehen,« meinte Nachime mit bedeutungsvollem Nachdruck, »und hab' auch genug gehört,« setzte sie still, wie für sich, hinzu. Sie wandte sich um; da traf ihr Blick Tille, die, um ihr auszuweichen, mitten in die Ähren sich stellen mußte. Da flog wieder jenes siegreiche Lächeln, das gestern trotz Leid und Weh beim Anblicke des Kindes sich ihr aufgedrungen hatte, über Nachimes Antlitz. »Eines möchte ich noch einmal sehen,« sagte sie fast verschämt zu Anschel, »aber es geht heute nicht.« »Warum nicht?« fragte Anschel aufhorchend. »Es geht nicht, es geht nicht,« meinte Nachime, mit dem Kopfe schüttelnd. »Sag's nur, Mutter!« rief Anschel. Nachime beugte sich zu seinem Ohre und sprach halblaut, so daß Tille jedes Wort vernehmen konnte: »Ich möcht' das Kind wieder so sehen, wie sie gestern abend vom Feld heimgekommen ist.« Anschel entgegnete darauf nichts; aber als die Mutter einige Schritte vorausgegangen war, flüsterte er der Schwester rasch einige Worte zu. Drauf blieb Tille zurück, während Anschel zur Mutter eilte. Wenige Augenblicke hatten hingereicht, und Tille hatte ihrem Kopfe aus den blauen und roten Blumen des Kornfeldes wieder jenen Schmuck verliehen, der der Mutter gestern so sehr gefallen hatte. Hastig eilte sie zu den beiden zurück; plötzlich stellte sie sich vor die erstaunte Mutter hin. »Hast du's so gemeint, Mutter?« rief sie lachend. »Lebendiger Gott!« schrie Nachime erschrocken, »was hast du gemacht? Es ist ja Schabbes!« »Für ein Bauernkind ist das keine Sünde,« sagte das Kind unbefangen. Dennoch war der Zauber, der von Tilles Kopfschmuck ausging, wieder so mächtig, daß Nachime ihm auch heute unterlag. Sie konnte ihre Blicke von der Schönheit des Kindes nicht abwenden, so bestrickend und ungewöhnlich kam ihr das Kind vor. In einem fort rief sie: »Tu's weg, tu's weg, um Gottes willen, es ist ja eine Sünde! . .« Aber ihren leuchtenden Augen, ihrem zürnend seligen Lächeln sahen es die Kinder an, daß ihr die Sünde nicht gar so ungeheuer vorkommen mußte. Tille behielt den Schmuck auf; tanzend, lachend, neckend, wie ein Schmetterling, der zum Trotze seine Falter in ihrem ganzen Farbenschmelze ausbreitet, wenn er sich verfolgt sieht, flog Tille der Mutter voraus, bis sie wieder bei den ersten Häusern des Dorfes anlangten. »Jetzt tust du sie aber im Ernst herunter,« sagte da Nachime entschieden. »Laß sie ihr noch, Mutter!« bat Anschel. »Was möcht' denn Elieh sagen,« rief Nachime, »wenn die mit heut' gepflückten Blumen nach Haus käm'? Der ist imstande und sagt: wir hätten das mit Fleiß getan, um am heiligen Schabbes eine Sünde zu begehen.« Tille nahm nur mit Widerstreben die Blumen auf dem Haare und warf sie weit weg von sich: »Wegen dem?« meinte sie mit wegwerfend aufgeworfener Lippe. Mit dem Betreten des Dorfes war Nachime wieder still geworden. Ihre Blicke waren wieder zu Boden gesenkt; sie sah nicht nach rechts, nicht nach links. Und doch lag zwischen ihrem Kommen und Gehen der erste Feldgang ihres Lebens. Schweigend erreichten sie ihr Haus. 18. Die Bäuerin rechnet. Nachimes Besuch auf eigenem Grund und Boden hatte indes weder an diesem Tage, noch in den darauf folgenden sichtbare Folgen. Das wird niemanden befremden, der die Art kennt, wie in Nachime die Wandlung vorgegangen war. Was in ihr anders geworden oder wenigstens anders zu werden sich anschickte, war nicht zufällig entstanden; denn daß das »Brot« der Ähren eine so eindringliche Sprache zu ihrem Gemüte führen konnte, beweist eben, daß es vorbereitet dazu gewesen. Aber die Wandlung war nicht rein, nicht befreit von bitteren Bestandteilen, die sich flüchtig und unsichtbar hinein gemischt, und nun, wo die klare Welle der Versöhnung erscheinen sollte, als trübe und dunkel sich bewies. Zudem gehörte Nachime zu jener Gattung Frauen, die aus dem Grollen nicht herauskommen. Sie hatte fünfundzwanzig Jahre zu allem geschwiegen, was ihr Mann tat, sie hatte geschwiegen, als sie ihm in allem recht gab . . . Wie konnte sie das Schweigen brechen, wenn es galt, ihr eigenes Unrecht einzugestehen? Dieses Geständnis hing überdies an schwachen Fäden: der kleinste Windstoß konnte das dünne Gewebe zerreißen. Es fehlte Nachime, auf was es jetzt besonders ankam: der demütige Sinn, der im Gefühle des Unrechts nicht erst nach rechts und links die fragenden Blicke umherwirft, sich nicht selbst anklagt, als vor dem, der Richter in eigener Sache ist, dem das Wort nicht fehlt zur gehörigen Zeit, und der nicht erst klügelt, ob er es überhaupt aussprechen soll. Es fehlte ihr auch der Glaube dazu. Unglaube, sei es in göttlichen, sei es in menschlichen Dingen, bricht an, wenn das Herz nicht mehr in Demut lebt. Zu dieser Demut war Nachime noch nicht gelangt. Wohl hatte das »Brot« der Ähren zu ihrem Gemüte eine eindringliche Sprache geführt; aber was jetzt aus den in die Tiefe geworfenen Keimen sich entwickelte, hatte, wie edle Fruchtart, die aus sonnigen Lüften in ein widerstrebendes Erdreich verpflanzt wird, gleiches Schicksal. Dem Samenkorn glich nicht die Frucht. So weit war Nachime durch den Anblick des Segens, der auf ihrem Felde blühte, doch gekommen, daß sie einsah, ihr Mann habe nur leichtsinnig in der Art und Weise gefehlt, wie er ein bis dahin sicheres Geschäft von sich abgeworfen und gegen ein unsicheres eingetauscht hatte; aber daß er aufgehört, für das »Brot« des Hauses zu sorgen, daß er sein vor fünfundzwanzig Jahren gegebenes Wort bis »zur Stund'« nicht redlich gehalten, das konnte sie ihm nun und nimmermehr vorwerfen. Hier prallte der Vorwurf ganz auf sie zurück. Warum kümmerte sie sich um das Hauswesen nicht mehr so wie früher? Warum beteiligte sie sich nicht an den Sorgen und Mühen des neuen Geschäfts, wie sie das alte getragen hatte? Wuchs das Brot des Feldes nicht auch für sie? Mußte das nicht den Fluch des Himmels auf sie herabziehen, wenn einer im Hause, und noch dazu die Frau, im verzehrenden, alles lähmenden Müßiggange sich gefiel, als gehe sie nicht an, was des Hauses Stütze, Nahrung und Lust war? Nachime war von Natur aus von jener Tätigkeit, die die »Gasse« aus sich selbst heraus erzeugt. Die Frauen lassen sich da nicht ernähren; sie nehmen die schwere Last oft zur Hälfte auf ihre Schultern. So war auch Nachime. Sie hatte den »Kreuzer«, der ins Haus kam, verdienen geholfen; sie wußte, wie oft er sich in der Hand umwandte und drehte, ehe man ihn fassen und sein eigen nennen konnte! Sie hatte eine schwere Schule in dieser Hinsicht durchgerungen; von geringem Besitztum, womit sie und Rebb Schlome angefangen, hatten sie durch Fleiß und Betriebsamkeit das Haus wachsen und gedeihen sehen. Aus dieser Tätigkeit war sie plötzlich gerissen und in einen Wirkungskreis gerückt worden, dem sie fremd war, der mit keiner Neigung in der entferntesten Berührung stand. Ihr Mann hatte, wie sie meinte, nur »dem Kaiser zu Gefallen« die alte Nahrungsstätte abgebrochen, aus »Politik« hatte er die Zukunft des Hauses in Frage gestellt. So weit war sie nun im Recht, daß sie grollte und schmollte! Wer aber hieß sie noch träge feiern und die Hände in den Schoß legen, seitdem der verhängnisvolle Schritt geschehen? Gewann dadurch das Haus? Und wenn sie schon ihre eigene Zukunft geringe anschlug, warum gefährdete sie die ihrer Kinder? Eine echte Mutter wird nur für kurze Zeit über die ihr von der Natur angewiesenen Schranken hinausschweifen. Nicht sobald trifft sie ein Ton aus dem Munde eines ihrer Kinder, so kehrt ihr die Besinnung zurück. Es hatte eine Zeit gegeben in diesen schrecklich verlebten Tagen und Wochen, wo Nachime mit einem Gefühle wohltuenden Grauens an die Zerstörung ihres eigenen Hauses denken konnte; sie hätte dann recht behalten, die anderen unrecht, und darauf kam alles an. Dieses Gefühl war in ihr verschwunden – das »Brot« der Ähren hatte es ihr angetan. Dafür war eine andere Empfindung in ihr wach geworden, Schrecken nämlich über ihre vereinsamte Lage mitten unter ihren Kindern und neben ihrem Manne, ein fast entsetzenvolles Zurückblicken auf das, was sie versäumt und vernachlässigt hatte. Das neue Hauswesen bewegte sich ohne ihren Einfluß; wußte sie, ob es gut ging oder schlecht? Nahm sie die gebührende Einsicht in die Tätigkeit der Dienstboten? War sie so fest versichert, daß Redlichkeit und Treue unter ihnen waltete? Wer hätte in Nachime, der Helferin ihres Mannes, wie es weit und breit keine gab, eine so schlechte Wächterin des Gutes ihrer Kinder gesucht. War das aus jener Nachime geworden, der die Leute in der »Gasse« nachrühmten, daß der Kreuzer, der ins Haus kam, zur größern Hälfte auf ihren Teil kam? Schrecken und Scham überkamen sie zugleich; sie sah ein, daß sie rasch eingreifen müsse, wo nach ihrem Glauben bereits das Unheil eingerissen war. Wenn sie auch von dem »Bauernwesen« nichts verstand, sagte sie sich, weniger noch als ihr Mann und ihre Kinder, so konnte sie ihnen doch als Weib in manchen Dingen beistehen, von denen wieder die Männer nichts verstanden. Weibern, folgerte sie mit Recht, fallen eine Menge von Äußerlichkeiten in die Augen, auf die der Mann kein Gewicht zu legen pflegt. Die Sparsamkeit des Hauses in unbedeutenden, unscheinbaren Dingen, auf die die Männer nicht achten, liege der Frau ob; jenes beständige Wachen, daß kein »Groschen« ungefragt den Weg zum Hause herausfinde, weil er ihn so schwer wieder hineinfinde; die darauf sieht, daß das Feuer im Hause zur gehörigen Zeit angezündet, zur gehörigen Zeit wieder erlischt; die unausgesetzt sich müht, daß keines im Hause ungesättigt zu Bette geht, aber auch, daß nichts daneben fällt, nichts verschleppt und zertreten wird. Das hatte sie einmal gekannt und im vollsten Maße erfüllt; aber wie lässig war sie in der letzten Zeit gewesen, wie unverantwortlich hatte sie mit sich und dem Gute ihrer Kinder umgehen lassen! Gott der Lebendige wußte, was alles schon zugrunde gegangen war, und was im Begriffe war zugrunde zu gehen. Und durch wessen Schuld? Sie war von ihrem eigenen Kinde in dieser Beziehung weit übertroffen worden. Mit einem Gefühle von freudigem Stolze und Beschämung zugleich dachte sie daran, wie Anschel sich des Hauswesens angenommen, wie es vielleicht nur seinem Ernste zuzuschreiben sei, wenn nicht mehr Unheil eingerissen sei. Das, was sie als Verstocktheit und störrigen Sinn angesehen hatte an ihm, was ihm ihr Herz abgewendet für einige Zeit, als sie noch glauben konnte, seine Liebe zum Felde käme daher, weil sie es haßte, erschien ihr jetzt gerade im schönsten Lichte. Anschel hatte getan, was sie nicht getan hatte. Zudem konnte sie sich nicht verhehlen, wie Anschels linkisches, fast scheues Wesen auf dem Felde sich in fast wunderbarer Weise zu einem männlich ernsten entwickelt hatte; er war ein anderer geworden, als sie in ihm kannte. Erst jetzt ward sie dessen gewahr. Hatte dies das Feld getan? Wäre er auch unter den früheren Umständen so geworden? Engel freuen sich im Himmel, heißt es, über jede Mutter und deren Kind, wenn sie beide aneinander hängen; aber sie mögen sich doppelt freuen, wenn eine Mutter wieder zu sich selbst erwacht und Freude erhält an ihrem Kinde. Diese Freude über die Tüchtigkeit des Sohnes war vielleicht das einzige Gefühl, das sich rein und unvermischt aus all den Säuren hob, die noch immer in Nachimes Gemüte lagen. Sie schwellte ihr Herz und machte es empfänglich, daß die guten Vorsätze Eingang finden konnten. Denn wieder gab es etwas in der Welt, was ihrer liebebedürftigen Seele Stütze und Pfeiler war! Bald genug zeigte es sich, daß Nachime den ernsten Willen hatte, an der Leitung des Hauses den ihr gebührenden Teil in Anspruch zu nehmen; sie ließ sich aber nur allmählich und fast mit Widerstreben herbei. In den ersten Tagen nach ihrem Feldgange beobachtete Anschel sie sehr genau, aber er konnte keine Veränderung bemerken. Nachime erschien sogar verdrossener als je; aber aus dieser Verdrossenheit heraus blickte doch hie und da das neue Wesen der Hausmutter durch. Es war eigentümlich, wie Nachime es dabei anfing, um gleichsam unbemerkt ihre neue Stellung im Hause zu offenbaren; sie erkundigte sich nicht offen nach dem und jenem; sie tat es gleichsam verstohlen und verschämt. Wenn sie ihre Kinder, namentlich Anschel, um irgend einen Umstand fragte, der ihr unbekannt sein mußte, so tat sie das in einer Weise, daß sie ihr darauf keine rechte Antwort geben konnten. Sie wollte z. B. wissen, ob die Knechte und Mägde sich als treu bewährten, und fragte, wohin die überflüssige Milch der Kühe, die Butter, die Eier gekommen wären? Es war nun ganz natürlich, daß alle Antworten auf so gestellte Fragen ungenügend ausfallen mußten. Nachime fing zu rechnen an, und fand, wie das stets geschieht, daß die Rechnung nicht zugunsten des Hauses sich herausstellte; die Beträge, die ins Haus geflossen, standen nach ihrer Meinung in gar keinem Verhältnisse zum »Brauch«; überall erblickte sie Verschleppung, Untreue und Vernachlässigung. Sie war argwöhnisch geworden. »Lebendiger Gott.« sagte sie einmal zu Anschel, »wie kann das Haus es aushalten, wenn man so lebt, wie wir leben? Verdient wird nichts, wenigstens so gut wie nichts. und unser Brauch ist doch so groß, als wär' der ganze Hof mit Talern gepflastert! Die Knechte und die Mägde essen und trinken mehr, als sie hereinbringen, wo soll das hinaus?« »Sorg nicht, Mutter,« meinte Anschel, »du hast ja alles im Hause, was du brauchst; Milch, Butter und Eier zu kaufen hast du nicht nötig, von Mehl und hundert anderen Dingen gar nicht zu reden. Das ist ja eben der Unterschied zwischen einem Bauer und einem bloßen ›Geschäftsmann‹, daß der alles kaufen muß, während der Bauer alles aus erster Hand hat.« »Um Gottes, des Lebendigen willen,« rief dagegen Nachime ärgerlich, »ich versteh' dich nicht, wie du immer vom Bauer reden kannst? Sind wir denn Bauern? können wir denn Bauern sein?« »Nicht?« fragte Anschel verwirrt. »Jetzt sind wir Bauern,« meinte Nachime eifrig, »weil dein Vater dem Kaiser hat einen Gefallen erweisen wollen. Weißt du aber so gewiß, ob wir es noch im nächsten Jahre sind? ob wir es werden sein dürfen? Und dann – wenn es, Gott behüt'! nicht gut geht, was fangen wir dann an? Denn auf die Zukunft muß der Mensch doch immer bedacht sein! Du hast gelacht, wie ich vom ›Aufessen‹ geredet habe. Ich sag' dir, Anschel . . ., das ›Aufessen‹ ist eher da, als du glaubst.« Anschel sah mit Schmerz ein, daß die Mutter nur ein anderes Gewand ihrer Abneigung gegen das Dorf gewechselt hatte; innerlich, mußte er sich gestehen, war sie dieselbe geblieben. Daher sagte er mit einiger Gereiztheit: »Ich seh', Mutter, du willst, daß ich wieder auf Märkte fahren und Kattun verkaufen soll!« »Bist bös, Anschel?« fragte Nachime nach einer Weile, indem sie den gekränkten Sohn mit treuem Auge anblickte, »bist böse, weil ich dir an dein Feld anrühr'? Willst du denn, eine Mutter soll mit dir keine Wahrheit reden? Was sagst du aber, wenn ich dir schwör', bei allem, was heilig ist, daß ich dableiben will auf dem Dorf, solange ihr dableibt; daß ich nichts tun will, als was ihr tut? Bist du noch nicht zufrieden?« »Bei allem dem,« sagte Anschel beinahe trotzig, »willst du doch keine Bäuerin sein!« »Wie willst du,« rief Nachime bittend, »daß ich eine werden soll? Bin ich dazu geboren? Hab' ich's gelernt? Versteh' ich etwas davon? Laß mir wenigstens dazu die Zeit, vielleicht gewöhn' ich mir's an.« Diese Bitte und dazu das Versprechen rührten Anschel zu sehr, als daß er in seinem Trotze hätte fortfahren können. Er begnügte sich mit dem Troste, daß die Mutter trotz aller Abneigung sich doch wenigstens um das Hauswesen zu kümmern anfing. An einem der nächsten Tage fuhr Anschel mit einem Knechte auf den Kleeacker, um frisches Futter für die Kühe heimzubringen. Nachime kam gerade dazu, als Anschel die Zügel ergriff, während der Knecht die Torflügel weit öffnete. »Wohin, mein Kind?« fragte sie. »Aufs Feld, Mutter, um Klee heimzuholen,« gab er zur Antwort. Da schlich über Nachimes Lippen ein gewisses Lächeln des Mitleids, das dem Sohn keineswegs entging. »Was macht dich lachen, Mutter?« forschte Anschel. Nachime wollte nicht sogleich Rede stehen; nach einer Weile sagte sie jedoch: »Ich hab' dich mir angesehen, Anschel, wie du so prächtig auf dem Wagen sitzest und die Zügel in der Hand hältst, ein Prinz könnt', bei meinem Kopf! nicht schöner aussehen, und um was das alles? Du fährst um ein Bündel Klee für ein paar Kühe.« »Die müssen auch etwas Grünes zu essen bekommen,« gab Anschel unbefangen zur Antwort. »Ich mein' nur so,« . . . sagte Nachime, »ob so ein bissele Klee für ein paar Kühe so viel wert ist.« Anschel fuhr davon; aber erst im Weiterfahren drang ihm das spottende Lächeln der Mutter wie ein Splitter ins Gemüt; er überdachte, was sie gesagt haben wolle. »Die Mutter! die Mutter!« sprach es in ihm, »lieber wär' es ihr natürlich, wenn ich, statt um Klee zu fahren, auf einem Marktwagen säß' und wieder: ›lacini, lacini!‹ (wohlfeil, wohlfeil) ausrufen möcht', wie ich's zu meinem Schaden so lange habe tun müssen. Das wär' ihr in jedem Falle lieber. Aber sie bringt mich nicht dazu. Ich tu's nicht, und ich tu's nicht!« So erschwerte sich Nachime selbst den Kampf, den sie mit solcher Entschiedenheit begonnen hatte, indem sie bei jedem Schritte, den sie vorwärts tat, den Rückblick nach dem vorher getanen nicht verwinden konnte. Es stellte sich immer mehr heraus: dieser Kampf galt nicht einem Vorurteil, er galt der eigenen Natur und deren Gewalten. Die Art und Weise, wie Nachime in das neue Wesen sich schickte, brachte es nun mit sich, daß sie mehr aufs Kleine als aufs Große und Ganze achtete; sie sah stets nur das Nahe, mit den Händen Greifbare. So stand sie frühmorgens auf, um die Magd beim Melken zu überraschen. Aber sie kam mit Argwohn und ging mit Verdacht fort. Die Magd mochte früher noch etwas beiseite geschafft haben, wie wäre sie sonst so frühe aufgestanden! Die Hühner waren wunderbarerweise mit Unfruchtbarkeit geschlagen; und fand Nachime ein Ei in irgend einem Winkel des Hofes oder Gartens halbverscharrt, so hatte das nicht die sorgliche Vogelmutter getan, nein! unreine Hände hatten sich die Beute so geschickt hergerichtet, um sie zur gehörigen Zeit abzuholen. Der Argwohn wurde Nachimes böser Geist: er ließ sie in dem Geräusche eines fallenden Blattes den Zusammensturz ihres ganzen Hauses hören. Er raubte ihr den Schlaf und hieß sie mitten in der Nacht aufstehen, um die Runde durchs Haus zu machen. Überall begegnete ihrem Auge Verschwörung gegen ihr Eigentum, lauernder Diebstahl, räuberischer Überfall, der die Stille der Nacht benutzen wollte, um die gierige Faust nach dem »bissele«, was sie noch besaßen, auszustrecken. In einer Sommernacht hörte sie während einer solchen Stunde ein leises Geflüster vor der Kammer der Stallmagd. Nur Übles ahnend, trat sie rasch in die Kammer ein; die Magd lag im offenen Fenster; ein anderer Kopf entfernte sich pfeilgeschwind, als Nachime erschienen war. »Einer war da,« sagte Nachime streng, indem sie die Blicke in dem mondbeleuchteten Raume der Kammer umherschweifen ließ. »Ich weiß nicht, von wem Ihr redet, Frau,« meinte das Mädchen in anscheinender Verlegenheit. »Stell dich nur so unschuldig,« sagte Nachime ohne alle Schonung, »denk aber daran, wenn im Hause mir etwas abhanden kommt, was so viel wert ist wie ein Nadelkopf, so nehm' ich dich und sag': Du hast mit Dieben in der Nacht zu schaffen.« Über diese Worte hatte der Schreck das Mädchen so ergriffen, daß es keine Entgegnung auf die Drohung der Frau hervorzubringen imstande war. Aber am andern Morgen kam es weinend und schluchzend und begehrte den Abschied; man hielte sie für eine Diebin, und eher wollte sie auf der Landstraße ihr Brot erbetteln, als länger in einem Hause weilen, in welchem den Dienstboten eine solche Behandlung würde. »Sag selbst,« meinte Nachime, durch die Tränen des Mädchens gerührt, »hast du nicht mit einem gesprochen? Hab' ich nicht selbst seinen Kopf gesehen?« »Es war aber kein Dieb!« sagte das Mädchen mit gesenkten Augen. »Kein Dieb!« höhnte Nachime nach. »Spricht man vielleicht mitten in der Nacht mit einem fremden Menschen? Was können das für Gespräche sein, die man bei Nacht und Nebel, ohne Licht in der Stube, zum Fenster hinaushält?« »Es war kein Dieb, Frau!« beteuerte aufs neue das Mädchen. »So sag doch, wer es war?« rief Nachime mit Heftigkeit. »Ich kann's noch nicht sagen!« meinte das Mädchen stockend. Da neigte sich Anschel, selbst errötend, zur Mutter und flüsterte ihr etwas ins Ohr. » Die einen Liebsten!« rief Nachime laut. »Was fällt dir ein? Sieht die danach aus, daß sich einer in sie verliebt? Die hat's mit einem verabredet, ich geb' dir mein Wort darauf, daß sie uns schaden wollen. Sie wird ihm das Haus offen halten, und er wird hereinsteigen.« Die Magd mochte von diesen im gewöhnlichen Deutsch des Hauses gesprochenen Worten den Sinn erfaßt haben. Die Purpurröte des Zornes stieg ihr bis auf die Stirne, und mit gellender Stimme rief sie: »Mein Liebster ist kein Dieb; er hat versprochen mich nach Ostern zu heiraten! Aber die Frau, die ihn einen Dieb schimpft, die mag zusehen, wie sie mit ihm fertig wird. Der Teufel hat mich verrückt gemacht, wie ich mir's beifallen ließ, in ein Judenhaus zu gehen.« Nur mit Mühe gelang es der Kraft und den Bitten Anschels, die Zürnende zur Stube hinauszubringen. Auf Nachime hatte merkwürdigerweise der ganze Vorgang nicht den düstern Eindruck gemacht, unter dem die übrigen litten; er schnitt ihnen bitter durchs Herz. Sie sahen nicht nur sich, sie sahen vielmehr die Mutter erniedrigt von ihrem eigenen Unrecht; aber keiner wagte das auszusprechen. »Ich atm' ordentlich frei auf,« meinte sie, »seitdem mir die aus dem Hause ist. Das heißt sich den Dieb im eigenen Hause aufziehen! Lieber fort aus den Augen, und wenn sie die Beste ist, als mit Sorgen und Ängsten herumgehen und nicht wissen: ist man vor ihnen sicher oder nicht?« Es ist traurig, wenn Kinder gewaltsam zu Schiedsrichtern der Worte und Handlungen ihrer Eltern sich aufgefordert fühlen. Gute Kinder sträuben sich dagegen und wehren das traurige Amt weit ab von sich, aber böse und verdorbene ergreifen die Gelegenheit gerne, klüger zu sein als die Henne, und sprechen sich aus, als wären sie geborene Ankläger derjenigen, denen sie ihr Leben verdanken. So beschaffen waren freilich die Kinder dieses Hauses nicht; aber wenn sie auch in Gegenwart der Mutter nicht aussprachen, was sie dachten, im heimlichen Zwiegeflüster offenbarten sie sich doch, was ihre Seelen drückte. »Was hat doch die Mutter von der Magd gewollt?« fragte Tille am Abend desselben Tages ihren Bruder Anschel. »Hat die denn etwas gar so Schlechtes begangen?« »Schweig lieber davon,« meinte Anschel. »Weil sie einen Liebsten hat?« fuhr Tille in unbefangenem Tone fort, sich selbst fragend und beantwortend. Anschel sah das Kind erstaunt an. »Woher weißt du das?« fragte er sie. »Das weiß ich schon lange,« sagte Tille; »und ich weiß noch mehr. Ich hätt' der Mutter sogar sagen können, wer er ist. Er ist der Knecht von dem Oberamtmann, der in des Grafen Schloß wohnt. Aber jede Nacht kommt er her, um mit ihr zu sprechen, und zu Ostern soll wirklich die Hochzeit sein.« »Von wem weißt du denn das alles?« fragte Anschel aufs neue. Tille überlegte erst, dann sagte sie neckisch: »Ich hab' ein Vögele, das sagt mir alles, was im Dorf vorgeht.« Als Anschel darauf schwieg; meinte Tille: »Alle Mädchen im Dorfe, die einen Liebsten haben, lassen ihn bei Nacht ans Fenster kommen und plaudern mit ihm. Bei Tag hat er und hat sie nicht Zeit. Da reden sie davon, wie sie sich einmal ihre Wirtschaft wollen einrichten, ob sie Sonntag zum Tanz gehen, oder wann die Hochzeit sein soll. Sag mir nur: Warum leidet das gerade die Mutter nicht? Jede Bäuerin muß das zugeben!« »Weiß ich's, Tille?« gab Anschel halb aufhorchend, halb in tiefem Sinnen zur Antwort. »Die Mutter ist aber leider keine Bäuerin.« 19. Stimmen im Dorf und außer dem Dorf. Der einzige indessen, von dem ein wirksamer Gegendruck gegen das neue Verhalten Nachimes erwartet werden konnte, schien es ganz aufgegeben zu haben, die Entscheidung eines kräftigen Wortes in die Wagschale zu werfen. Rebb Schlome sah mit einer Art von Erstaunen dem täglich mehr sich entfaltenden Wesen Nachimes zu, keine heftigere Bewegung verriet, was er darüber denke; er schien abwerten zu wollen, was alles zum Vorschein kommen würde. Aber es war nicht dies allein; mehrfache Anzeichen offenbarten dies. Vielmehr deutete alles auf ein Gebrochensein jenes Trotzes hin, der es bis dahin verschmäht hatte, ein vermeintliches Unrecht selbst durch eine erheuchelte mildere Miene wieder gutzumachen. Ein Gefühl dumpfer Betäubung hatte den starken Mann ergriffen, von der er sich seit dem ersten Feldgange seiner Frau nicht erholt hatte. Kränkte ihn das Weggehen Nachimes so, die kein Wort des Abschieds an ihn gerichtet? Sah er ein, daß ihm in diesem Augenblicke eine Kraft gegenübergestanden, die sich ihrer Machtvollkommenheit bewußt war? Oder nagten Kräfte an dieser stämmigen Gestalt, die sich bis dahin nicht an sie gewagt? So hatte er Nachime, als sie an jenem Sabbat vom Felde heimgekehrt war, nicht gefragt, was sie daselbst gesehen und wie sie es gefunden, und auch Nachime tat so, als wäre sie von dem gleichgültigsten Gange heimgekommen. Wahr ist es übrigens, daß sie gerne hätte sprechen wollen, wenn sie nur eine fragende Bewegung, ein leises Hinhorchen ihres Mannes bemerkt hätte. Nachime hatte indessen vergessen, daß sie denjenigen, dessen »Brot« wenige Augenblicke zuvor in ihren Händen geruht, bitter beleidigt hatte. In ihrem Herzen sprach nur der eine Gedanke: »Warum fragt er dich nicht, wie dir das Feld gefallen hat? Liegt ihm so wenig dran, daß er's weiß?« Aber sie erriet nicht, daß in einem nachbarlichen Gemüte diese Fragen ganz anders lauteten. »Warum erzählt sie nicht, was sie auf dem Felde gesehen hat? Möcht' mein bitterster Feind, wenn ich ihm sag': Geh hin und sieh dir mein Feld an, mir nicht wenigstens sagen: Ich hab's verflucht, was brauchst du so ein gesegnet Stück Feld zu haben? Aber gar nichts zu reden, nichts Gutes und nicht Schlechtes über ihr eigen Hab und Gut – das hab' ich doch, lebendiger Gott! nicht verdient.« So mißverstanden sich diese zwei Herzen, und der Riß, der durch die Ähren des Feldes ausgefüllt werden konnte, erweiterte sich immer mehr, denn diese Herzen gingen gesonderte Wege. Traf es sich doch zuweilen, daß sie in irgend einem Punkte zusammentrafen, so sorgten tückische Mächte schon dafür, daß irgendein schlecht bedachtes Wort sie wieder weit auseinander trieb und sie sich nicht finden konnten. Merkwürdig war es, daß Nachime seit jenem ersten Feldgange sich um den »Bocher« fast gar nicht kümmerte. Es schien ihr genug, daß Elieh dem sichern Tode entrissen worden, daher war auch vom Fortgehen aus dem Hause nicht mehr die Rede. Wie hätte man auch den schwächlichen Jüngling fremder Sorge und Obhut anvertrauen können, jetzt besonders, wo es galt, ihn zu stärken und zu kräftigen? Auf diese Weise trat die scheue Persönlichkeit des Bochers wieder in ihre frühere Bedeutungslosigkeit zurück. Elieh war wieder, was er von jeher im Hause gewesen war, das unbeachtete, geduldete Individuum, das außerhalb der bewegenden und bewegten Kräfte der Familie stand. Nur Anschel konnte es dem Bocher nicht vergessen, daß er es gewesen, der die Mutter an jenem Sabbat vom Feldgange hatte abhalten wollen. Anschel war es sich bewußt, daß Eliehs Absicht dabei unmöglich die Heilighaltung des Sabbat sein konnte. »Warum hat er nichts gesagt,« grollte es in ihm, »wenn ich, oder der Vater, oder Tille am Schabbes aufs Feld hinausgegangen sind? Das kommt daher, daß er sich vor uns fürchtet, vor der Mutter aber nicht; er möcht' sie gegen uns gern aufbringen, damit sie ihm folgt. Denn er weiß, daß sie auf dem Dorf nicht bleiben will, und er möcht' auch lieber zu seinen ›Rebbes‹ zurück. Was liegt ihm am Dorf? Ein Blatt Talmud ist dem lieber als das schönste Feld!« Aber der Groll gegen den Bruder saß tiefer, als Anschel selbst es ahnte; er suchte nach Gründen, aber die Ahnung ist für arglose Gemüter nicht weniger ein Grund. Anschel allein fühlte die Gegenwart des Bochers, und während sie für die andern nicht bestand, drückte sie ihn, und er vermied ihren Anblick, wenn er konnte. Nicht einmal davon, daß Elieh mit Tille »lernen« solle, war mehr die Rede. Nachime hatte sich wieder mit einer Heftigkeit, die ihr sonst nicht eigen war, dem Kinde angeschlossen und umfing es mit einer Zärtlichkeit, die deutlich bewies, was sie in ihm suchte und fand. »Du bist ja doch ein Bauernkind,« sagte sie einmal halb ärgerlich, halb lächelnd, »was brauchst du da viel zu lernen? Für die Bauern weißt du schon genug, und mehr zu wissen könnt' dir schaden. Bleib also so, wie du bist. Elieh will so nicht mit dir lernen.« Dies war jedoch nur ein Entschuldigungsgrund in ihren Augen und hing genau mit der neuen Wandlung zusammen. Als sie vereinsamt im Hause sich gefühlt hatte, zog es sie mächtig zu dem scheuen Elieh. Tille sollte gleichsam das Mittelglied zwischen ihr und ihm werden; Eliehs Unterricht ein Widerspruch gegen die Gewalten des Dorfes sein. Jetzt, wo sie selbst nicht mehr widersprach, wenigstens nicht mehr in der alten Weise, war auch ihr Elieh bedeutungslos geworden. Sie brauchte ihn nicht mehr. Unter solchen Umständen war es natürlich, daß der Bocher wieder jener Flamme verfiel, die ihren grauenhaften Schein in der Nacht ihres Einzuges in seine Seele geworfen hatte. Die Krankheit hatte sie in die fernsten Tiefen verdrängt; aber mit dem ersten Zucken der Genesung brach sie wieder hervor und ergriff, was ihr zunächst lag. Während Nachime und alle anderen glaubten, Elieh liege wieder über dem Talmud, lag ein ganz anderes Buch in seinen Händen. Elieh wußte Wojtechs Gebetbuch fast schon auswendig, er hatte riesige Fortschritte in der Sprache des Landes gemacht . . . In einer Nacht wachte Nachime plötzlich aus dem Schlafe auf, sie glaubte ein mörderisch Geschrei draußen vor den Fenstern zu vernehmen . . . Noch ehe Rebb Schlome munter geworden, war Nachime schon zum Bette heraus und hatte ein Licht angezündet, um nachzusehen, was es für ein Unglück gegeben. Ihr war, als hätte sie Eliehs Stimme gehört, und wieder, als ob es Wojtechs, des Knechtes, Geschrei gewesen. Mit dem Lichte in der Hand ging sie in den Vorhof hinaus . . ., aber jetzt war alles still geworden. Kein Lufthauch bewegte sich. Hatte sie geträumt? Sie war doch fest überzeugt, das Geschrei deutlich vernommen zu haben. Sie horchte in die stille Nacht hinaus, aber sie hörte weder Fußtritte eines Fliehenden, noch das Seufzen oder Röcheln eines Verwundeten. Daß es ein Dieb gewesen sein müsse, vielleicht der Liebste jenes Mädchens, das fortgegangen war, fiel ihr zuerst ein. Aber warum hätte er geschrien? Und wenn er ertappt wurde, wo war der Verfolger? Nachime gehörte nicht zu den mutigen Frauen, aber weil sie an den Dieb dachte, bestand sie den Augenblick, ohne an Gefahr zu denken. Sie horchte noch einmal in die Nacht hinaus, endlich leuchtete sie zum Hoftor hin; da sah sie zu ihrem Entsetzen eine dunkle Masse, einem Menschen ähnlich, hart an das Tor gedrückt. »Wer ist das?« hatte sie den Mut zu fragen. »Ich bin's, Frau,« antwortete eine bekannte Stimme. »Du, Wojtech?« sagte Nachime mehr erstaunt als erschrocken. »Hast du so geschrien?« »Ich war's, Frau,«rief der Knecht und kam langsam auf Nachime zu. Als sie Wojtech jetzt beim Scheine des Lichtes sah, fiel ihr sogleich sein verstörter Ausdruck auf; der Knecht zitterte am ganzen Leibe. »Wojtech, hast du ihn gesehen?« fragte Nachime, die das Aussehen des Knechts dem Kampfe mit dem Diebe zuschrieb. »Ich hab' keinen Menschen gesehen, Frau,« entgegnete der Knecht mit gesenkten Augen, indem er die Worte nur stockend ausstieß. »Wojtech,« sagte Nachime, »du willst mich nur nicht erschrecken. Aber ich seh' dir's an. Nicht wahr, er ist dagewesen?« »Wer?« fragte Wojtech, indem er ängstlich die Blicke zu Nachime aufschlug. Nachime konnte dabei auch bemerken, wie ein Seitenblick des Knechtes über den Hof fiel. Das bestärkte sie noch mehr in ihrem Verdachte. »Ist er vielleicht noch da?« rief sie und ergriff in ihrem Schrecken die Hand des Knechtes. Wojtech legte seine freigelassene Hand auf den Arm Nachimes und hielt ihn krampfhaft fest,. als wollte er verhindern, daß sie sich umwende. »Es war keiner da, Frau,« flüsterte er mehr als er sprach. »Wer hat also geschrien?« fragte Nachime, »und wie kommst du daher in der Nacht? Denn ich bin ja nicht verrückt; ich habe ja einen schreien gehört, daß es mir durch die Seele gegangen ist.« »Das werd' ich selbst gewesen sein, Frau!« meinte der Knecht tonlos und ließ die Hand los, mit der er Nachimes Arm geholten hatte. »Du, Wojtech?« fragte Nachime und sah dem Knechte forschend ins Gesicht. »Ja, Frau, jetzt erinnere ich mich,« meinte Wojtech, mühselig Atem schöpfend, »ich muß das selbst gewesen sein, der so geschrien hat. Du weißt, wenn man die Hand auf dem Herzen hat, so steigt das Blut zu Kopf, und man hat schreckliche Träume. Ich hab' auch so einen Traum gehabt.« »Und da hast du geschrien?« rief Nachime. »Aber wie kommst du da zum Tor?« Auf diese Frage nahm das Gesicht des Knechtes wieder den verstörten Ausdruck an, in dem ihn Nachime getroffen. Er blickte eine Weile starr vor sich hin; dann sagte er rasch: »Ich hab' geträumt, wie ein hochwürdiger, geistlicher Herr an einem Fluß steht. Mit einem Male sehe ich, wie das Wasser immer höher steigt, immer höher, bis es endlich am Halse des hochwürdigen, geistlichen Herrn ist. Ich will mich hineinwerfen, will ihn herausziehen . . . Da geht er vor meinen Augen unter. Darum hab' ich geschrien, Frau, und wie ich aufwache . . . bin ich da am Tor gestanden.« Wojtech atmete hoch auf, nachdem er diesen Bericht abgestattet; aber der scharfblickenden Nachime war die Verwirrung nicht entgangen, mit der Wojtech seinen angeblichen Traum erzählte. » Mußt du mich vielleicht betrügen, Wojtech?« fragte sie, indem sie ihn aufs neue scharf ansah, und dabei das Licht so nahe als möglich an sein Gesicht brachte. »Weißt du vielleicht davon und willst nur nichts reden, Wojtech! Es geht ums Gut deiner Herrenleut', und du willst nichts sagen?« »Der Schrei ist von mir gekommen, Frau!« brachte der Knecht mit Anstrengung hervor. »So schick' ich morgen zum Richter,« sagte Nachime trocken und wandte sich zum Abgehen. »Der Richter muß wissen, daß man in unserm Dorf nicht sicher ist vor Dieben.« »Zum Richter willst du schicken!« rief Wojtech erschrocken. »Vor dem wirst du doch sagen,« meinte Nachime mit Nachdruck, »wen du gesehen hast.« »Ich hab' keinen gesehen, Frau!« wiederholte der Knecht tonlos. »Wirst du das auch dem Richter sagen?« fragte Nachime noch einmal. »Frau!« rief nun der Knecht beinahe schreiend, »schick nicht zum Richter, schick deinetwegen nicht zum Richter. Er wird dir nicht helfen können.« »Meinetwegen nicht?« wiederholte Nachime mit Schrecken. »Ich werd' mich doch meiner Sache annehmen dürfen?« »Frau, schick nicht,« meinte Wojtech in abmahnendem Ton, »es könnt' dich gereuen, Frau.« In Nachime stand der Gedanke fest, daß Wojtech etwas wußte, nur wollte er vielleicht aus Rücksicht für die entlassene Magd nichts verraten. »Der Knecht,« grollte es in ihr, »scheint's gut mit uns zu meinen, er ist treu und arbeitet Tag und Nacht . . . und doch bringt er's nicht übers Herz, etwas einzugestehen, was uns vielleicht Schaden bringt? Sie halten unter sich zusammen, und da soll der Jud' Felder kaufen und soll Bauer sein.« »Reden wir heut' nicht mehr davon,« sagte sie nach einer Weile, »vielleicht besinnst du dich über Nacht.« Damit ging sie ins Haus hinein. Wojtech aber horchte noch eine Zeitlang in die Nacht hinaus, dann ging auch er; er suchte aber seine Lagerstätte nicht auf. Mit leisen Schritten schritt er im Hof auf und ab, stand still bei dem leisesten Geräusch und lauschte angstvoll, bis es vorüber. Erst als beim Morgengrauen der erste Hahnenruf ertönte, verließ Wojtech die nächtliche Wanderstätte. Er ging zum Brunnen und wusch sich. Dann, als hätte er die Begegnisse der Nacht mit der kühlen Flut von sich abgewaschen, blickte er frei auf. Sein Auge fiel gerade auf die Fenster der Kammer hin, wo Elieh seine Wohnung hatte. Das Antlitz des Knechtes zeigte einen merkwürdigen Ausdruck von Kraft und Entschlossenheit . . . Am selben Tage erinnerte sich Nachime plötzlich, daß man ja dem Brandeiser Doktor noch gar nicht das »Geld« für Eliehs Behandlung geschickt habe. Im Laufe der letzten Tage, im Drange der Begebenheiten, die wir erzählt haben, war diese Pflicht der Rücksicht vergessen worden. Daß sie ihr jetzt mit einem Male in den Sinn kam, stand in engster Verbindung mit Wojtechs Begegnung in der Nacht. In Nachime hatte sich das Urteil über die eigentümliche Erscheinung des Knechtes nicht festsetzen können; es wogte halb Verdacht, halb unerschütterter Glaube an seine Treue in ihrer Seele. Sie rief sich alles zurück, was den rätselhaften Charakter des Knechtes beleuchten konnte. Ihr war er stets anhänglich und dienstbar vorgekommen, namentlich fiel ihr die Hilfe ein, die er Elieh in seiner Krankheit geleistet. »Ist er nicht wie ein Bruder um ihn gewesen?« meinte sie mitten in ihrem Sinnen und Dichten, »hätt' ich selbst mich seiner besser annehmen können? Und doch, er gehört ja doch nicht zu uns. Soll er uns treuer sein als wie seinen eigenen Leuten? Ist einem die Hand nicht näher als der Fuß? Er wird gut wissen, wer heut' in der Nacht einbrechen gewollt. Aber soll er's sagen? einen angeben, weil es unsern Schaden, den Schaden von Juden betrifft? Wie kann ich das von ihm verlangen!« Gegen dieses Lossprechen Wojtechs von der Schuld regte sich jedoch die Stimme des Gewissens in der feinfühlenden Nachime. Derselbe Wojtech, der ihr Kind vom sicheren Tode gerettet, dem allein es zu danken war, daß die Hilfe so schleunig herbeilangte, derselbe Wojtech sollte auf den Schaden des Hauses ausgehen? Konnte einem Menschen an einem gestohlenen Ding mehr liegen, als an dem Leben eines andern Menschen? Vielleicht hatte Wojtech doch recht! Konnte ihm nicht wirklich ein böser Traum jenen Schrei entlockt, ihn aus dem Bette ans Hoftor geführt haben? Hatte man nicht Beispiele genug? Innerlich tat sich Nachime Gewalt an; aber sie berief doch gleich am frühen Morgen den Knecht, um ihm gleichsam ihre Versöhnung mit ihm anzukündigen. Sie war zu dem Entschlusse gekommen, den Retter ihres Kindes mit keinem Verdacht zu kränken, in sich aber die Erinnerung dieser Nacht zu bewahren. Als Wojtech vor ihr erschien, konnte er ein leises Zittern ihren Augen nicht verbergen. Nachime blickte ihn scharf an, dann sagte sie: »Wojtech, fürcht' dich nicht, ich schick' ja doch nicht zum Richter.« »Da hast du recht, Frau,« rief der Knecht mit fast freudigem Tone, »was braucht der Richter das zu wissen!« »Daß einer da war in der Nacht?« fragte Nachime forschend, indem sie hoffte, Wojtech würde sich durch diese plötzliche Frage dennoch überraschen lassen. »Nein, Frau,« meinte der Knecht mit gesenkten Augen, »daß ich in der Nacht einen solchen Schrei hab' ausgestoßen!« Nachime sah ein, es ließ sich aus dem Knechte nichts herausbringen, darum brach sie, eingedenk ihres Entschlusses, schnell ab, gab ihm das Geld für den Doktor und befahl ihm, sich auf den Weg zu machen. Wojtech sah die Banknoten aufmerksam an, zählte eine nach der andere ab und meinte dann, indem er sie rasch in die Brusttasche steckte: »Zwanzig sind's, Frau; du gibst dem Doktor zu viel.« »Ist er nicht der Doktor?« sagte Nachime erstaunt, »verdient er's nicht?« Wojtech schwieg eine Weile. »Meinst du denn, Frau,« rief er hierauf und sah dabei Nachime mit bewältigend scharfem Auge an, »meinst du, Frau, der Doktor aus Brandeis hat dem hochwürdigen Herrn geholfen?« »Vor allem Gott, das weiß ich!« sagte Nachime. Wojtech sah seine Dienstfrau einigermaßen befremdet an. Nachimes Antwort schien nicht nach seinem Sinn. »Gott muß bei allem sein,« sagte er langsam, »das ist wahr! Aber für den hochwürdigen Herrn ist ein Wunder geschehen; das ist noch etwas mehr. Und dann ist das Wunder auch für mich geschehen.« Nachime verstand offenbar den Knecht nicht; sie sagte nur: »Bei dem allem muß man doch den Brandeiser Doktor bezahlen, und wenn tausendmal ein Wunder geschehen wäre!« Nachimes Herzen war nach dieser Unterredung die im Grunde am meisten beklagenswerte Lage Eliehs wieder näher gerückt. Sein blasses, abgezehrtes Gesicht mahnte sie vorwurfsvoll, daß etwas für ihn geschehen müsse. Genesen war er wohl, aber wenn sie ihn genauer betrachtete, kam es ihr doch vor, als stände er geradezu am Vorabend einer neuen, noch schwereren Krankheit. Daß Elieh seit seiner Genesung das »Lernen« vernachlässigte, erschien ihr als das bedeutendste Anzeichen. Wie konnte man das verabsäumen, was nach ihrer Ansicht sein Leben, ja mehr als das, seine Seele war. Auch daß Elieh ganz gegen seine frühere Gewohnheit jetzt häufiger zum Hause hinausging, nicht auf wenige Stunden, sondern oft halbe Tage, erschien ihr so unnatürlich, daß es sie fast wie Todesahnung überkam, die ihren Sohn drängte, noch einmal mit vollen Zügen aus dem Bache der freien Natur zu trinken, die er doch eigentlich nie genossen. Eliehs hilfloser Zustand seit den ersten Tagen der Kindheit hatte sie an den Gedanken, daß sie ihn unvermutet frühe verlieren würden, bereits so gewöhnt, daß sie ihn denken konnte, ohne zu erschrecken! »Elieh, mein Kind,« rief sie, als der Bocher mit scheuem Blick an ihr vorüber wollte, »wohin gehst du denn?« » Auch aufs Feld, Mutter,« gab er zur Antwort, »Erquick dich nur recht,« rief sie ihm aus der Fülle ihres Herzens nach, »denn draußen ist's doch besser als in der Stub'! Und mach, daß du wieder ein ganz gesunder Mensch wirst. Hörst du, Elieh?« »Bald, bald, Mutter,« sagte Elieh, wie es schien gedankenlos, und ging. Bald, bald! Das Wort fuhr eisigkalt durch Nachimes Seele. Sie sah dem Sohne nach, bis er ihren Blicken entschwunden war. Der Bocher aber schlug nicht den Weg nach den Feldern ein; er ging auf die Straße hinaus, die nach Brandeis führte. Als das Dorf hinter ihm lag, sah er sich erst vorsichtig um; dann zog er aus der Tasche das uns bereits bekannte Gebetbuch Wojtechs hervor, und während er so dahinwanderte, las er darin. Nach einer Stunde Gehens war er müde geworden; er warf sich ins hohe Gras neben der Straße nieder und las weiter. Aber so oft das Rollen eines Wagens aus der Ferne zu ihm scholl, horchte er angstvoll auf. So verging Stunde auf Stunde; die Dämmerung war eingetreten, und Elieh wartete noch immer auf den heimkehrenden Knecht. In später Abendstunde kam endlich ein einsamer Fußgänger die Straße daher. Elieh war der Meinung, daß der Knecht den Wagen mitgenommen hatte; aber Wojtech hatte es vorgezogen, den fast zwei Meilen langen Weg nach Brandeis zu Fuß zurückzulegen. Es war Wojtech! Elieh erhob sich aus seiner Lage und rief den vorübergehenden Knecht mit schwacher Stimme an. Wojtech drehte sich betroffen um; er erkannte nicht sogleich den Sohn des Hauses. Da rief Elieh etwas lauter seinen Namen, aber auch diesmal mußte der Knecht, weil die Stimme des Bochers mit der seines Bruders Ähnlichkeit hatte, im Wahne sein, Anschel stünde vor ihm. »Ist hier das Feld,« rief er, in einem Tone des Vorwurfs, »daß das junge Herrchen eine Stunde weit vom Haus an der Straße liegt? Und was wird die Mutter sagen, wenn ich dich so nach Hause bringe?« »Ich bin's ja, Wojtech,« sagte der Bocher und trat zu dem Knechte. »Hochwürdiger Herr!« rief dieser wahrhaft erschrocken und zog die Mütze vom Haupt. »Hochwürdiger Herr!« lachte Elieh, »so nennst du mich, und gerade jetzt hast du gemeint, ich komm' vielleicht aus einem Wirtshaus!« »Jesus Maria!« schrie der Knecht, »die Zunge soll in zehntausend Stücken zur Hölle fahren, die so etwas reden könnte.« Der Bocher ging eine Weile neben dem Knechte her und schwieg. In ehrfurchtsvoller Entfernung hielt sich Wojtech von ihm, so daß die beiden fast die Breite der Straße einnahmen. Plötzlich schritt Elieh auf den Knecht zu; Wojtech blieb stehen. »Sag mir, Wojtech,« sagte der Bocher mit schwankender Stimme, »bist du verwundert, mich hier zu treffen in so später Stunde? Sag's nur frei heraus.« Der Knecht zauderte einen Augenblick, dann sagte er demütig: »Wie darf ich mich wundern, hochwürdiger Herr, über das, was Sie machen?« »Du gibst mir keine gehörige Antwort, Wojtech,« sagte Elieh. »Ich weiß, warum Sie da sind, hochwürdiger Herr, und darum wundere ich mich nicht,« entgegnete fast unhörbar der Knecht. »Du weißt, warum ich da bin?« rief Elieh mit Heftigkeit. »Ja,« sagte Wojtech, »Sie haben auf mich gewartet, hochwürdiger Herr!« »Wojtech, Wojtech!« rief der Bocher und wandte sich ab, als ob er sich vor dem Knechte schäme. »Fragen Sie mich nur, hochwürdiger Herr,« sagte der Knecht und hielt beide Hände, wie zum Gebet gefaltet, vor sich. Da wandte sich Elieh wieder um; sein Gesicht erschien in der Abenddämmerung noch abgezehrter und bleicher als je; es leuchtete fast in dieser Blässe. »So frag' ich dich, Wojtech,« rief der Bocher beinahe schreiend, »warum hast du der Mutter nicht die Wahrheit sagen wollen, wie sie dich fragte, wer in der Nacht geschrien? Und warum hast du den Schrei auf dich genommen?« »Hochwürdiger Herr,« sagte der Knecht nach einer langen Pause leisen und ehrerbietigen Tones, »und wenn alle Kaiser und Könige von der Welt zusammen gekommen wären und hätten mich zwingen wollen, es wär' kein Wort aus mir herauszubringen gewesen. Lieber hätt' ich die Zunge mir abgebissen und ausgespien.« »Und warum, Wojtech?« fragte Elieh unhörbar. Der Knecht erhob seine Stimme. »Hätt' ich ihr sagen sollen, hochwürdiger Herr,« sagte er, »daß, als Sie über das Tor geklettert sind, Sie geschrien haben . . .« »Und warum hast du es ihr nicht sagen wollen, daß ich es war?« meinte Elieh, indem er durch die Dämmerung hin angstvoll nach dem Gesichte des Knechtes blickte. Wojtech schüttelte bedächtig den Kopf. »Ich darf das Ihrer Mutter nicht sagen, hochwürdiger Herr,« sagte er bestimmt, »sie könnte den Tod davon haben.« Der Knecht sah nicht, wie sich Eliehs Brust nach diesen Worten auf und nieder hob; er hörte den Blutstrom nicht, der seine Bande zu sprengen drohte. Endlich brachte er Laute hervor, die wirr durcheinander schrien. Wojtech verstand sie nicht. »Sehen Sie, hochwürdiger Herr,« sagte er mitleidigen Tones, »daß ich's Ihrer Mutter nicht habe verraten dürfen?« Elieh hatte sich wieder gefaßt. Mit tonloser Trockenheit begann er nach einer Weile: »Du weißt also, Wojtech, wo ich gewesen bin?« »Ja, hochwürdiger Herr,« antwortete der Knecht. »Und willst mich nicht verraten, Wojtech?« fragte Elieh rasch. »Hochwürdiger Herr!« meinte der Knecht im Tone des Vorwurfs. »Ich versteh' aber nicht, Wojtech, warum du mich nicht verraten willst,« meinte Elieh. »Die Mutter und der Vater möchten sich bei dir schön bedanken, und du möchtest es bei ihnen noch besser haben, als du es schon hast. Warum verrätst du mich nicht? Wer bin ich denn, daß du mich so gern hast? Was hab' ich dir denn Gutes getan in meinem ganzen Leben?« »Sie sind ein hochwürdiger Herr,« sagte Wojtech ehrfurchtsvoll. »Darf ich da fragen: Ist's recht, was er tut, ist's unrecht?« Elieh horchte hoch auf; diese Äußerung Wojtechs machte ihn tief betroffen. »Sag, Wojtech,« rief er, »möchtest du meinen Bruder verraten, wenn du von ihm wüßtest, was du von mir weißt?« »Ja, hochwürdiger Herr,« sagte der Knecht mit schrecklicher Entschiedenheit, »da möcht' ich mich keinen Augenblick besinnen.« »Hat er dir was zuleide getan?« fragte der Bocher. »Nichts, hochwürdiger Herr,« meinte der Knecht düster. »Und doch, Wojtech!« »Das ist ja mein Unglück, hochwürdiger Herr,« sagte der Knecht, und Elieh hörte es dieser Stimme an, wie sie vor innerer Bewegung bebte und wie von unterdrücktem Schluchzen erstickt klang. »Ich versteh' dich nicht, Wojtech,« meinte der Bocher. »Die Hölle mag nicht ärger brennen, als mir das in meinen Eingeweiden brennt,« rief der Knecht verzweifelt, »und kein Kraut ist dafür gewachsen, und keine Beichte kann mich davon erlösen. In der einen Stund' weiß ich nicht, ob ich nicht alle Juden mit einem Schlag niederschmettern möcht', daß nicht ein Knochen von ihnen übrig bleibt; in der andern will ich jeden in meine Arme heben, wie ein kleines Kind, das man zu sich aufhebt und küßt. Ich weiß nicht, woran ich bin. Sind die Juden ein gottverflucht' Volk, und verzeiht einem der Herr Gott im Himmel jeden Schlag, den man ihnen gibt, oder ist es besser, man bückt sich vor ihnen und sagt zu jedem: ›Herr, was willst du?‹ Ist das aber ein Leben, hochwürdiger Herr, nicht einmal das zu wissen? Manchmal bin ich ein wildes Tier, möchte die Juden zerreißen, und manchmal bin ich wieder wie ein Lamm! Ist das nicht schrecklich, wenn ein Mensch so geplagt wird? Soll man da nicht an die Elbe gehen, da, wo sie am tiefsten ist, und sich einen Stein an den Hals binden, nur damit man nicht wieder hinausgetrieben wird?« In steigender Verwunderung, ja mit Entsetzen, je mehr er vernahm, hatte Elieh diese leidenschaftlichen Offenbarungen des Knechtes gehört. Eine Seele warf hier ihre Hülle vor ihm ab und zeigte ihm Wunden, deren Natur er nicht kannte . . . Wenn Wojtech von den Juden so dachte, was hatte er von ihm zu erwarten? Und einen solchen Knecht hatten die Eltern über ihr Haus gesetzt? Was sollte das sein? Es war ein Augenblick, in welchem ein jähes Licht vor den Augen des Bochers vorüberfuhr, aber es erlosch ebenso schnell. Wojtech fragte nach einer Pause im Tone der tiefsten Demut, die Hände bittend gefaltet: »Hochwürdiger Herr, glauben Sie nun, daß mir zu helfen ist?« Verwirrt meinte Elieh, indem er unbewußt dem Knecht um einige Schritte vorauseilte, als fürchte er seine unmittelbare Nähe: »Ich weiß nicht einmal, Wojtech, wie du zu dieser Krankheit gekommen bist.« »Ja, hochwürdiger Herr,« rief der Knecht hinter ihm, »was mir inwendig alles auffrißt . . . Jetzt weiß ich, es ist eine Krankheit.« »Wie bist du aber dazu gekommen, Wojtech?« sagte der Bocher, »hören muß ich doch, was dir die Juden getan haben, daß du auf sie einen so großen Haß hast?« »Ja, wenn ich sie nur hassen könnt', immer hassen, wie ich will,« sagte der Knecht mit Ingrimm; »aber den Gefallen will mir ja unser Herr Gott im Himmel nicht erweisen. Aber ich bin ja auch gezwungen und muß sie lieben.« »Bist du in deiner Kindheit auch so gewesen?« fragte Elieh. Wojtech schüttelte traurig den Kopf. »Ach, hochwürdiger Herr,« sagte er, »an was erinnern Sie mich? Wie ich ein Kind war, da hab' ich nur aus dem Evangelium gewußt, daß die Juden unsern Heiland ans Kreuz geschlagen haben. Gesehen hatt' ich keinen, und wie einer aussieht, hab' ich nicht gewußt. Das ist erst in meinem siebzehnten Jahre vorgefallen . . . da hab' ich sie gesehen.« »Wen?« fragte der Bocher, und sein eigenes Wesen erzitterte unter dieser Frage; es war ihm, als wäre sie in diesem Augenblicke an seine eigene Seele gerichtet worden. Wojtech atmete mehrmals auf wie einer, der eine schwere Last abzuwerfen im Begriffe steht. »Hochwürdiger Herr,« sagte er, »bei uns Katholiken soll jeder beichten, es mag ihm etwas auf dem Herzen sitzen oder nicht. Unsere Geistlichen wollen es; aber niemals ist mir so gewesen wie jetzt, und Sie sind doch keiner von unseren Geistlichen . . . Deswegen sind Sie aber doch ein hochwürdiger Herr!« Der Bocher schwieg; ihn bewegte der Gedanke, wie es komme, daß sein und des Knechtes Weg so nahe aneinander vorüberführten. Dieser katholische Knecht und er, der Jünger des Talmuds, wie hatten sie sich nur gefunden? Was hieß beide sich suchen? »Wie ich noch jung war, hochwürdiger Herr,« begann der Knecht, »war ich lustig wie ein Vogel, und auf dem Pfarrhof, wo ich Knecht war, da haben sie mich den lustigen Wojtech geheißen. Was aber Lustigkeit und Vogelsingen! Das alles haben mir die Juden genommen! Die sind die Diebe, die der Teufel geschickt hat, um mich zu betrügen und zu belügen um meine Ruhe.« »Wieso, Wojtech?« unterbrach Elieh diesen düstern Beginn, aber die Frage glitt fast unhörbar über seine Lippen. »Hochwürdiger Herr,« sagte der Knecht mit Ingrimm, »fluchen muß der Mensch, wenn ihm nichts mehr übrig geblieben ist, worüber er sich freuen kann. Ich komme schon wieder dazu, wenn ich nicht fluchen soll! Wie ich also Knecht auf dem Pfarrhof war, er liegt über zehn Meilen von hier, und ist niemals einer von Ihren Leuten hingekommen, und siebzehn Jahre alt geworden war, habe ich nicht gewußt: wie sieht der aus, der an unserem Herrn und Heiland zum Verräter geworden ist. War mir übrigens nicht viel daran gelegen! Meinetwegen hätten die Juden gar nicht zu leben gebraucht. Aber an einem Wintertag, jetzt sind's gerade zweiundzwanzig Jahre, da hat sich das alles geändert . . . Ich steh' gerade vor dem Pfarrhof draußen und kehre den Schnee weg, damit der Herr Dechant trockenen Fußes zur Kirche gehen kann, da kommt ein Wagen an und hält gerade vor der Pfarre. Ich meine, es ist der Pfarrer aus der Stadt, der manchmal den hochwürdigen Dechant besucht, aber wie sich der Wagen auftut, seh' ich einen ganz fremden Mann vor mir und höre, wie ein Mädchen weint, bitterlich weint, daß es mir gleich aufs Herz gefallen ist. Mit einem Male springt der Mann aus dem Wagen heraus . . . aber zwei Arme halten ihn zurück . . . das Mädchen, das so bitterlich weint, will nicht, daß der Mann fort soll von ihm. Ich hab's nicht verstanden, was sie geredet hat in lauter Weinen und Schluchzen, denn es war nicht böhmisch; aber mir selbst ist etwas in die Augen gekommen, daß ich fast nichts sehen konnte. Von da, hochwürdiger Herr, ist mein Unglück gekommen.« Hier seufzte der Knecht tief auf, schwieg eine geraume Zeit, dann fuhr er fort: »Mich fragt der Mann, ob der Herr Dechant zu Haus wär'. Da sag' ich: ja; aber wie ich das Wort gesagt habe, habe ich es gleich gespürt, ich hätte es nicht sagen sollen, aber es war zu spät. Als der Mann hört, daß der Pfarrer zu Hause ist, reißt er sich los und geht in die Pfarre hinein; das Mädchen läßt er aber im Wagen zurück, und ich bleib' bei ihm allein.« »Wie alt war denn das Mädchen, Wojtech?« fragte der Bocher. »An sechzehn Jahre, hochwürdiger Herr,« sagte der Knecht, »aber schön, schön . . .! sie hat wie eine Heilige in der Kirche ausgesehen. Ich geh' zum Wagen und frag' sie: ›Warum weinst du so, Mädchen, und jammerst so? Der Mann ist ja nur zum Herrn Pfarrer gegangen, und der ist ein guter Herr und wird ihm nichts zuleide tun.‹ Da hört sie mit einem Male zu weinen auf, sieht mich an mit großen Augen, daß mir ganz warm davon geworden ist. ›Er wird ihm nichts tun, sagst du, dein Pfarrer? und er wird den Vater doch zu einem Christen machen!‹ redet das fremde Mädchen zu mir. Da ist mir erst ein Licht aufgegangen. ›Ist dein Vater ein Jude?‹ frag' ich. ›Ja,‹ antwortet sie darauf, ›und er ist zum Pfarrer gegangen, damit der ihn zu einem Christen macht.‹ ›Und du willst nicht?‹ frag' ich wieder. Da fängt sie wieder zu weinen und zu jammern an und ringt die Hände, die waren so fein und weiß wie von einer Mutter Gottes. ›Um Gottes willen,‹ schluchzt sie, ›ich soll also nichts sagen, wenn mein Vater in die Kirche gehen wird?‹ Hochwürdiger Herr! da ist über mich ein höllischer Zorn gekommen, meine Hand hat sich geballt . . . Ich hab' dem Manne nacheilen wollen und ihn aus dem Hause reißen . . , um des Mädchens wegen, damit sie zu weinen aufhöre. Was muß der ein Christ werden? hat es in mir geschrien. Ich hab' alle Besinnung verloren. Aber ich bin doch nicht gegangen, hochwürdiger Herr . . . ich weiß nicht mehr, was mich zurückgehalten hat. Die Hölle muß es gewesen sein; denn von da an hat mein Unglück angefangen.« Wojtech wischte sich den Schweiß von der Stirne, seine Stimme klang erschöpft, nach einer Weile fuhr er fort: »Ich bin also bei dem Mädchen geblieben, aber gesprochen hab' ich nichts mehr mit ihr, und sie hat fortgeweint. Das hat so eine Stunde gedauert; endlich kommt der Pfarrer heraus und mit ihm der Mann; der Herr Dechant hat die Priesterkleidung angehabt. ›Wojtech,‹ sagt der Pfarrer zu mir, ›willst du der Gevatter von diesem Manne sein?‹ Ich sehe den Mann an, aber inzwischen hör' ich auch das Weinen des Mädchens. Da sag' ich schnell, wie wenn's einer mit einer Hacke aus mir herausgeschlagen hätte: ›Nein, hochwürdiger Herr, ich will's nicht sein!‹ Der Dechant wird aber böse und meint, ›ob ich nicht wisse, daß das gegen die Gebote der heiligen Kirche gehandelt sei‹; ich aber sag' immer: ›Nein, nein, Herr Dechant,‹ und lasse mich nicht zwingen, wie auch der Pfarrer rot wird vor Zorn im ganzen Gesicht. Darauf sagt er: ›Wenn du nicht willst, wird sich ein anderer finden, der Gevatter sein wird,‹ und geht in seiner Priesterkleidung fort ins Dorf. Da springt das Mädchen heraus aus dem Wagen, wirft sich vor dem Vater auf die Knie hin, mitten in den kalten Schnee, und jammert und redet mit ihm. Ich hab's nicht verstanden; aber in mir war der höllische Zorn so mächtig, weil der Mann nur immer den Kopf schüttelt. Endlich kommt der Pfarrer mit einem aus dem Dorf zurück; sie gehen in die Kirche hinein; ich und das Mädchen sind draußen geblieben.« »Hochwürdiger Herr,« fuhr der Knecht nach einer kleinen Unterbrechung fort, »wie ich so draußen vor der Kirche gestanden bin, ist mir's gewesen, als sollte ich niemals mehr hineingehen! Wie wenn einer gesagt hätte: Wojtech, du bist gar nicht getauft worden und hast das heilige Sakrament nicht erhalten! Einstweilen will ich das Mädchen trösten und sag' zu ihr: ›Mit dem Weinen halt jetzt ein. Wenn dein Vater aus der Kirche zurückkommt, ist er ja doch dein Vater.‹ Da sieht sie mich an mit ihren schwarzen Augen und sagt: ›Meinst du? und wenn er's tausendmal sein will, so geht's nicht mehr!‹ ›Wer kann das verbieten, Mädchen?‹ sag' ich. ›Das verbietet unser Gott,‹ meint sie. Ich weiß nicht, wie mir geschieht, aber ich muß zum Himmel hinaufsehen, als ob ich den Herrgott mit meinen leibhaftigen Augen erblicken könnt', und müßt' ihn fragen, ob das wahr ist? ›Es wird vielleicht nicht wahr sein,‹ sag' ich. Sie aber sagt weinend: ›Möchten's unsere Rabbiner und Geistliche verbieten, wenn's Gott nicht verboten hätte?‹ Mein Kopf, hochwürdiger Herr, ist von dieser Rede ganz verwirrt worden, ich hab' dazu geschwiegen. ›Und du,‹ fällt es mir auf einmal ein, ›du möchtest nicht tun, was dein Vater jetzt tut?‹ Da schreit sie auf, als hätt' ich ihr einen Schlag gerade ins Aug' hinein gegeben, und sagt: ›Unsere Rabbiner und Geistliche verbieten es doch.‹ Bald darauf kommt der Pfarrer mit dem Mann heraus. Sie wird kreideblaß, und ich mein', sie kriegt den Tod davon. Der Mann steigt wieder in den Wagen, und weil sie zittert, daß sie sich kaum halten kann, heb' ich sie auf und trag' sie in den Wagen. Sie sieht noch auf mich, ich hab' das niemals vergessen. Sie fahren fort. Kaum sind sie fort, läßt mich der Herr Dechant rufen und sagt zu mir im Zorn: ›Du kannst dich jetzt zur Hölle packen, du schlechter Knecht, ich brauch' dich nicht, du hast nicht einmal Gevatter bei einer so heiligen Taufe sein wollen.‹ Ich hab' mein Bündel geschnürt und bin gegangen. Wohin, hochwürdiger Herr, werden Sie leicht erraten. Ich hab' das Mädchen aufsuchen müssen . . . ich hab' wissen wollen, ob sie schon zu weinen aufgehört hat. Und wenn der Dechant zuckersüße Reden mit mir geführt hätte, ich wäre doch nicht geblieben. Mir ist das Mädchen nicht aus dem Kopfe gegangen. Ich hab' nicht lange zu suchen gehabt: vier Meilen von meinem Pfarrdorf. Es ist mir das bald zu Ohren gekommen, da es jeder Vogel auf den Dächern gewußt hat. Der Mann war noch nicht lang' dort, und weil sie ihm nicht erlaubt haben, ein paar Strich Feld zu kaufen und ein Haus dazu, da hat er geschworen und gesagt, wenn er wollte, könnt' er sich mitten ins Dorf hineinsetzen und könnt' ihn keiner wegtreiben, und er wollt' ihnen zeigen, wer zuletzt der Meister bleiben wird. Sie haben ihn ausgelacht, die vom Gericht, und der Amtmann hat ihm sogar gedroht, er wollt' ihn einsperren lassen, weil er die Herren vom Gericht verspottet, und es sei gegen das Gesetz, daß die Juden sich Äcker kaufen und daneben Häuser. Drauf hat der Mann noch einmal geschworen, sie sollten schon den größeren Herrn kennen . . . und ist zum Pfarrer gefahren. Wie er aus der Kirche zurückgekommen ist, geht er sogleich zu den Herren vom Gericht und sagt ihnen: ›Nun, ihr Herren, da ist der Meister, vor dem ihr doch Respekt haben werdet,‹ und wirft ihnen seinen Taufschein auf den Tisch. Mitten im Dorf hat er sich ein Haus gekauft und die schönsten Felder dazu, und hat ihm keiner etwas dagegen sagen dürfen. Zu dem Manne bin ich gegangen; es war aber nicht seinetwegen, wie Sie sich das leicht denken können, hochwürdiger Herr! Ich hab' zu ihm gesagt: ›Herr! kannst du mich brauchen? Ich will dein Knecht sein und will dir treu und anhänglich dienen. Du bist kein Bauer, aber ich bin einer.‹ Der Mann sagt nicht ja und nicht nein, und sagt: ich soll am andern Morgen kommen. Hochwürdiger Herr! wenn der Mann am andern Tag ›nein‹ zu mir gesagt hätte, ich weiß nicht, ob ich den Feuerschwamm bloß für meine Pfeife angezündet hätte! So aber sagte er: Wojtech, ich nehm' dich! Sie muß mit ihm gesprochen haben, und ich bin geblieben. Ehe ich mich recht umgesehen habe, hochwürdiger Herr, waren vier Jahre vergangen. Ich habe gearbeitet bei dem Manne wie ein Gaul, der einen Berg hinauf muß mit einer großen Last, und hab' ihn doch nicht leiden können. Ich hab' auf seine Sache geschaut, als wär's meine eigene, und hätt' ihm doch gern an die Seele gewollt! Das ist daher gekommen, hochwürdiger Herr: ich hab' ihn für nichts Rechtes gehalten, und wenn er auch an jedem Sonntag und Feiertag in die Kirche gegangen ist und das Kreuz über sich geschlagen hat. Jesus, Maria, Joseph! wenn ich das gesehen habe, ist mir's splitterscharf durchs Gehirn gegangen, und ich hab' mich wegwenden müssen, um nicht auszuspeien. Das ist mir auch geblieben von damals, und daran ist der Mann schuld; denn seitdem ist's mir immer, als ob die jetzigen Juden heimlich das Kreuz über sich schlagen, alle miteinander, und ich müßt' dabei stehen und müßt' mich . . . wegwenden. Mit der Tochter, hochwürdiger Herr, ist es etwas anderes gewesen. Die hat mich eingesponnen gehabt; zwanzig Gäule wären nicht imstande gewesen, den Strick zu zerreißen. Was ist da viel zu sagen? Ich habe nicht fort können aus dem Hause, ich hab' an nichts anderes gedacht als an sie. In die Kirche bin ich die ganze Zeit hindurch nicht gegangen; ich hätt' meinen Herrn dort sehen müssen, und dem hab' ich ausweichen wollen. Besonders aber wegen des Mädchens, hochwürdiger Herr; ich habe geglaubt, ich tu' ihr einen Gefallen, wenn ich nicht in die Kirche gehe. Gesprochen hab' ich mit ihr niemals darüber, es wär' mir zu schwer vom Herzen gegangen. Aber das hab' ich gefühlt: wenn die mich angesehen hat, war das etwas ganz anderes, als wenn mich die schönsten Weibsbilder sonst angesehen haben. Einmal treff' ich sie, wie sie aus ihrem Gebetbuch betet, der Vater war gerade in die Kirche gegangen. Da sag' ich, wie mir das sonderbar vorkömmt, daß sie aus dem Buch da betet und ihr Vater aus einem andern. Vater und Tochter gehörten zusammen, und was der eine tut, sollte die andere auch tun. Da sagt sie: ›Wojtech, das kann nicht dein Ernst sein, weißt du denn nicht mehr, wie du mich vor der Kirche getröstet hast?‹ Es ist mir eigentlich etwas anderes auf der Zunge gelegen, was ich hätte sagen sollen; aber gerade das habe ich nicht herausgebracht. Drauf sag' ich zu ihr: ›ob sie denn keiner zwingen könnte und ob sie nicht einen Vater hätt'?‹ ›Zwingen könnt' sie kein Mensch,‹ meint sie, ›am wenigsten der Vater; wenn nicht geradezu Gott vom Himmel herunter käm', sie glaubt ein Rabbiner oder Geistlicher, dann dürft' sie es nicht tun.‹ Wie ich das höre, ruft es in mir: ›Sie hat recht! es darf sie kein Mensch zwingen;‹ aber der Teufel hat mir's gut eingebrockt gehabt. Ein andermal sag' ich zu ihr: ›Terezka, wenn dein Vater einmal kein Christ sein will, wie fängt er's da an?‹ Da lacht sie und meint: ›das geht nicht, was einer einmal ist, das muß er bleiben.‹ ›Wer zwingt denn ihn?‹ frag' ich. ›Eure Geistlichen,‹ sagt sie, ›die lassen es nicht zu.‹ ›Und wenn er's doch will, und immer will?‹ frag' ich ganz erbost, denn mir ist die Galle in den Kopf gestiegen vor lauter Zorn. ›Dann muß er in ein weites, weites Land gehen, aber das tut er nicht. ‹ ›Warum nicht?‹ frag' ich. ›Dann müßt' er ja seine Felder und sein Haus verkaufen,‹ meint' sie. ›Terezka,‹ sag' ich, ich hab' es nicht länger in mir halten können, ›bered ihn doch.‹ ›Wozu? wozu soll ich ihn bereden?‹ fragt sie ganz erstaunt. ›Nun, daß er in das weite, weite Land zieht,‹ mein' ich. ›Er tut's nicht, sag' ich dir,‹ ruft sie, ›denn es hat ihm genug gekostet, daß er hier sein kann.‹ ›So komm du wenigstens, Terezka,‹ sag' ich. ›Warum?‹ fragt sie, und ich sehe, wie sie am ganzen Leib zittert und ihre Augen niederschlägt. ›Wie soll ich dich denn sonst bekommen, Terezka?‹ ruf' ich, und pack' sie mit meinen Armen und drück' sie an mich. Da, hochwürdiger Herr . . . ich kann nicht viel erzählen von dieser Geschichte – da hat sie mir eingestanden, daß sie mich im Herzen behalten seit dem Augenblicke, wo sie vor der Kirche gewartet hat. Jetzt war keine Rede mehr davon, daß wir in das weite, weite Land fortziehen wollen. Denn wenn zwei so weit gekommen sind, wie ich und Terezka, da wollen sie nicht weit gehen und möchten am liebsten an einem Ort bleiben, und zwei Augen sind schon zu viel, die da zusehen. Seit ich aber gewußt habe, hochwürdiger Herr, daß mein Dienstherr nicht fort will, habe ich einen noch größeren Haß auf ihn geworfen. Es ist mir vorgekommen, er tut's nicht, weil er nicht will, daß die Tochter mein Weib wird. Etwas anderes ist mir gar nicht eingefallen. Nur manchmal, wenn ich mit meiner Terezka eine längere Zeit beieinander gewesen bin, hat's mich gemahnt, ich sollt' doch nicht länger warten und sollt' sie fragen, wann sie in das weite Land wollt' ziehen? Einmal bin ich im Garten und hab' eine Hacke in der Hand, damit wollte ich einen faulen Baum umhauen. Da kommt Terezka und fragt mich, warum ich den Baum nicht stehen lassen will. ›Er trägt nichts ab,‹ sag' ich, ›und um die paar grünen Blätter, die er im Frühling treibt, ist's nicht der Mühe wert.‹ ›Da müßt' man mich auch umhauen,‹ sagt sie, ›und dich auch dazu, Wojtech.‹ ›Warum?‹ frag' ich und mach' große Augen. ›Wir sind ja einander doch auch zu nichts nütze,‹ sagte sie. ›Wieso?‹ frag' ich. ›Was hast du davon, Wojtech,‹ sagt sie drauf, ›daß du schweigst und immer schweigst? Und was hab' ich davon? Das kann ja nicht in alle Ewigkeit so fortdauern.‹ ›Und warum machst du kein Ende, Terezka?‹ sag' ich, und ich glaub', das Blut will mir heraus aus der Seele, so erschrocken war ich vor lauter Freude. ›Ich denk' ja auch daran,‹ sagt sie und sieht mich an. ›Willst du also mit mir in das weite, weite Land ziehen?‹ Da sagt sie: ›An das hab' ich nicht gedacht.‹ ›Nicht an das?‹ ruf' ich, ›was willst du also denn anfangen?‹ Drauf lacht sie, hochwürdiger Herr, nichts anders, als wenn ihr etwas außerordentlich Lustiges eingefallen wäre, und sagt: ›Wojtech, willst du mit mir nicht zum Pfarrer gehen? Ich bin ja damit ganz zufrieden.‹ Als sie das sagt, ist's mir, wie wenn ein Donner neben mir in die Erde eingeschlagen hätt'; aber gleich darauf kommt mir wieder der höllische Zorn aus dem Herzen heraus, steigt mir in den Kopf und macht, daß ich fast gar nichts sehe. ›Schelmin,‹ schrie ich, ›spitzbübische Schelmin, das verbieten dir also deine Rabbiner und Geistlichen nicht? Als dein Vater zum Pfarrer gegangen ist, da hast du weinen und jammern können, und jetzt willst du selbst zu ihm gehen?‹ Ich hab' die Hacke in der Hand gehabt, die heb' ich auf und hätte sie niedergeschmettert, wenn sie mir nicht in den Arm gefallen wäre. ›Wojtech, Wojtech,‹ schreit sie weinend, ›was gehen uns unsere Rabbiner und Geistlichen an? . . . Ich schwör' dir darauf . . .‹ ›Schwören auch noch?‹ sag' ich in meinem höllischen Grimm, ›da sieht man, wie du eine Lügnerin bist. Deine Geistlichen können dir das gar nicht erlauben.‹ Sie aber, hochwürdiger Herr, hört nicht auf zu schreien und zu jammern, meint in einem fort: ›Mir werden sie es erlauben, verlaß dich drauf.‹ Mir steigt das alles in den Kopf, ich rufe immerfort: ›Nein, nein, du und deine Geistlichen wären dann Lügner,‹ und reiße mich los von ihr und gehe in das Haus hinein. Dort packe ich meine Sachen zusammen und bin davon, wie wenn mich die Hölle an einem Strick gehabt hätt', und ich hätte mich losgerissen. Ein Mal übers andre Mal bin ich stehen geblieben und habe mich umgesehen. Auf was hab' ich gewartet? Daß sie mir vielleicht nachkommt und doch mit mir in das weite, weite Land zieht? Das weiß ich nicht; aber wie ich in den Wald vor dem Dorfe komme, da sehe ich etwas wie ein braunrotes Kleid zwischen den Bäumen. Das war sie, die auf einem kürzeren Wege vorausgelaufen war. Wie sie mich sieht, schreit sie: ›Wojtech, lieber Wojtech, das kann dir Gott im Himmel nicht verzeihen, daß du so fortgehen kannst von mir.‹ ›Willst du mit mir in das Land gehen?‹ frag' ich noch einmal, denn sie hat mich erbarmt. Da sagt sie, sie wolle ja gerne mit mir gehen, wohin ich gehe, aber sie müsse mit mir in einer Kirche beten können. ›Werden das deine Rabbiner zugeben?‹ sag' ich wieder. ›Frag sie nur drum, Wojtech,‹ ruft sie, ›sie werden es zugeben.‹ ›Ich soll sie fragen? Schelmin,‹ sag' ich voll Zorn, ›geh in die Hölle!‹ Hochwürdiger Herr,« fuhr der Knecht nach einer geraumen Zeit, währenddem er Mühe hatte, die stark hervorquellenden Tränen zurückzudrängen, fort, »seit damals hab' ich meine Terezka nicht gesehen. Ich bin in diese Gegend gewandert, und als Knecht war ich bei einem Bauer, bis Ihre Eltern eingezogen sind. Erst ein paar Jahre darauf, da hat mir einer erzählt, der's von dem Vater gehört hat: die Terezka hat's nicht lange mehr auf der Erde ausgehalten, sie ist bald darauf gestorben. Aber wie sie schon im Sterben liegt, da hat sie den Vater gebeten, er soll ihr den Pfarrer holen, und hat sich die heilige Taufe geben lassen. Darüber bin ich mehr erschrocken als sonst über etwas. Wenn die auf dem Totenbette sich's nicht anders überlegt hatte, hochwürdiger Herr, so muß sie ja recht haben! . . . Herr Gott! Herr Gott! wenn sie recht gehabt hat! Das geht mir seitdem nicht aus dem Kopfe und drückt mir die Seele ab. Wenn sie recht gehabt hat! Durfte meine Terezka ihren alten Gott verlassen, und mir zuliebe? Sie darf ihm ja gar nicht untreu werden, wie sollte sie mir die Treue dann bewahren? Hochwürdiger Herr!« rief der Knecht plötzlich mit durchdringender Stimme, und warf sich vor Elieh in den Staub. »Sie sind wie ein Heiliger Gottes gekommen und sind geistlich. Sagen Sie, hochwürdiger Herr, ob ich recht gehabt habe oder sie? « Der Bocher wußte sich vor Schreck nicht zu fassen, er verlor alle Besinnung. »Steh auf, steh auf, Wojtech!« stammelte er und suchte den Knienden aufzurichten. »Ich steh' nicht auf, hochwürdiger Herr!« rief der Knecht, »bis Sie gesagt haben, ob ich recht habe oder nicht.« »Wie kann ich dir das sagen?« meinte der Bocher bebend. »Laß mich doch wenigstens überlegen.« »Hochwürdiger Herr,« rief Wojtech mit einem fast an Bitterkeit klingenden Tone, »unsere geistlichen Herren, die haben gleich gewußt, was sie sagen sollen, und haben mir das Vaterunser und den englischen Gruß als Buße auferlegt. Und Sie wissen es nicht?« Elieh mochte fühlen, daß er dem Knechte Rede stehen müsse. Mit zitternder Hand fuhr er auf den Kopf des vor ihm Liegenden nieder und berührte ihn; mit leiser Stimme sprach er: »Wojtech, du hast recht gehabt!« Welch ein wilder, namenlos scharfer Schrei durchzitterte die Abendlüfte! In demselben Augenblicke fühlte der Bocher seine Füße von den Armen des Knechtes umkrallt. Eine geraume Zeit blieb Wojtech in dieser Lage. Dann stand er rasch auf. »Jetzt bin ich ein neuer Mensch,« rief er. »Hochwürdiger Herr, Sie haben mich erlöst!« Als die beiden spät am Abende ins Haus zurückkamen, hatte man die Abwesenheit des Bochers gar nicht bemerkt. Nachime hatte vergessen, daß ihr Sohn sich entfernt hatte. 20. Das Kind. Andern Tages war an dem Knechte keine andere Spur des am Abend erlebten Vorganges zu bemerken, als daß er lautlos im Hause umherstrich; nur wenn er an einem vorüberkam, sah er ihm forschend ins Angesicht, und fragte man ihn darob, so wandte er sich lachend um und entfernte sich. Für das seltsam zerrüttete Leben dieses armen Knechtes mochte wirklich die Stunde gekommen sein, in der es sich zum ersten Male seit so langer Zeit einer gewissen Einheit wieder bewußt war; er hatte die lossprechende Gewalt erprobt, die aus einer andern Menschenseele erquickend und verzeihend über seine Schuld gekommen war. Der einzige Elieh konnte daher das stille Wesen des Knechtes an diesem Tage beurteilen. Nachime deutete es anders; sie erklärte es sich mit Wojtechs Furcht vor der Drohung, ihn vor den Richter bescheiden zu lassen. Aber während hier eine Menschenseele wie die Blume in stiller Nacht ihren Kelch öffnete, schloß sich eine andere um so fester. Es waren grauenhafte nächtliche Stunden, die Elieh nach der Unterredung mit dem Knechte verbrachte. Er hatte den Knecht von der Schuld freigesprochen! Das Gesicht brannte ihm vor tiefer Scham, wenn er dachte, in welcher Stellung der Knecht sich ihm gegenüber befunden. Ein Liebesglück wegzudrängen mit roher Faust, das sich von selbst anbot, das nichts anderes verlangte, als mit dem Geliebten vor dem gleichen Gotte und in derselben Kirche sich zu beugen, – Elieh sagte es sich vor, das wäre er nicht imstande gewesen. Dennoch lag in der Handlungsweise des Knechtes etwas, was ihm unbewußt neben tiefem Grauen ein Gefühl von Ehrfurcht abnötigte. Wojtech hatte sein Mädchen nicht zur Taufe führen wollen! Er wollte das schöne Gebilde seiner Seele nicht der Untreue an sich selbst anheimgegeben sehen; seine kräftige Natur war zurückgebebt, als er sein Liebstes zum größten Opfer sich geduldig bereiten sah, und er hatte es nicht angenommen. Woher hatte dieser Knecht nur die Kraft genommen? Statt die aufgeregten Wogen seines Blutes zu beschwichtigen, hatten Wojtechs Geständnisse den Aufruhr in ihre Tiefen getragen. Ihm hatte sich ja das Liebesglück noch nicht angeboten! In dieser Nacht las Elieh eifriger als je in dem Gebetbuche des Knechtes. Er hatte anfangs danach gegriffen, um die Sprache, die sie redete, besser handhaben zu können; jetzt wußte er auch, warum es gerade ein Gebetbuch sein mußte, das ihm in die Hände fiel! . . . Inzwischen trug Anschel das Liebeszeichen seines Mädchens noch immer auf dem Herzen. In diesem jungen Gemüte hatte die Leidenschaft keinen Raum, um zerstörend und zertrümmernd zu hausen. Anschels Liebe war ein Wesen, mit dem er allein verkehrte, das er nur in unbewachten Augenblicken an sich herantreten ließ, um mit ihm Worte des Verständnisses auszutauschen. Näher heranzutreten an das wirkliche Gebilde von Fleisch und Blut wagte er nicht. Unbewußt hatte Anschel über seine junge Liebe gleich anfangs den Bann der Entsagung ausgesprochen, und es gelüstete ihn nicht, denselben zu brechen. Anschels Leben, seine Gegenwart und Zukunft war zu sehr mit dem innersten Leben seiner Eltern verbunden, als daß er nicht vom ersten Augenblicke an jede Hoffnung auf Liebesglück hätte versinken lassen. Dicht neben seinem Mädchen standen Vater und Mutter. Wie konnte er zweifeln, wem er den Vorzug geben sollte? Zu gut kannte er das Wesen der Mutter; sollte er ihrem Weh noch ein neues hinzufügen, eines, vor dessen leisester Ahnung sie vielleicht in den Tod gesunken wäre? Immer mehr festigte sich der Entschluß in ihm, das so reizend vor ihm aufgestiegene Liebesland in Vergessenheit sinken zu lassen; er wollte nicht daran denken. Wenn es sich ihm vor die Augen stellte, wollte er es zurückstoßen; ja, in diesem milden Herzen keimte mit immer weiter greifenden Wurzelarmen der Gedanke, daß seine Liebe ein unerlaubter Frevel sei, eine Versuchung, von neidischen Geistern über ihn verhängt, ob er mutig genug sei, ihr Netz zu zerreißen. Es gab Stunden, wo selbst Anschel, dessen Sinnen und Trachten auf der feuchten Scholle des Feldes ihr neues Dasein gezogen, an sich die Frage stellte, ob es gut gewesen sei, daß sie die alte Heimat verließen? Es fehlten nur noch wenige Tage zum Beginnen der Ernte. Anschel verbrachte sie in tiefernster Stimmung; sie waren ihm wie der Vorabend eines großen Feiertages. Zu Nachime sagte er einmal: »Weißt du, Mutter, wie mir ist? Ich kann's fast nicht sagen. Aber wenn ich an den Tag vor meiner Bar Mitzweh Zu dreizehn Jahren wird der Knabe zur Übernahme der religiösen Pflichten fähig. denke, so glaub' ich, mir ist grade jetzt so, wie mir damals war. Ich bin damals zwischen lauter Furcht und Freude herumgegangen, wie einer, der mit dem Kaiser sprechen soll, und weiß nicht was?« »Von Freude werd' ich erst reden,« sagte Nachime trübe, »wenn alles hereingebracht sein wird. Bis nicht das letzte Korn in der Scheuer ist, hör' ich nicht auf mich zu fürchten und zu sorgen.« »Und warum fürchtest du dich, Mutter?« fragte Anschel unbefangen. »Lebendiger Gott!« schrie Nachime aus, »hast du's schon geschrieben und gesiegelt, daß du alles gut herein bekommst? Gott kann dir nicht zeigen, wer er ist und was er kann? Schwach ist er vielleicht, daß er nicht auf einmal etwas über uns schicken kann? Sieh dir den Himmel nur an!« Der Himmel war tiefblau; die Sonne brannte lotrecht herab; kein Wölkchen schwebte an dem weiten Raum. Dennoch schauderte Anschel. »Mutter,« sagte er, »du meinst doch nicht im Ernst, daß etwas geschehen kann? Es sieht ja gar nicht danach aus!« »Narrele,« sagte Nachime mit einem triumphierenden Lächeln, »Narrele, ich schlafe schon seit zwei Wochen nicht, weil ich immer glaube, Blitz und Donner und Hagel fallen grade auf unser Feld herab! Wo hab' ich mich früher vor einem Gewitter gefürchtet? Das hab' ich erst auf meine alten Tage lernen müssen. An einigen Regentropfen mehr oder weniger hängt ja unser Reichtum, und wenn sich am Himmel eine schwarze Wolke zeigt, muß ich denken: Gilt's mir oder gilt's mir nicht? Nun frag' ich dich, Anschel, ist das ein Leben für ein jüdisch Gemüt?« Sonderbar! diesmal fand Anschel keine Antwort, so nahe sie ihm sonst lag. Die Mutter hatte ihm ihre Furcht mitgeteilt; wie ein Krankheitsstoff fiel sie in seine Seele und nahm ihr die frischen Farben der Gesundheit. Anschel mußte der Mutter recht geben, und doch klagte sie jeder Nerv in ihm des lautesten Unrechtes an. Daß Donner und Hagel ihr Hab und Gut in wenigen Stunden vernichten konnten, darin mußte er ihr freilich beistimmen; aber wurde dadurch nur die schwere Saat zu Boden geworfen? Aber was sollte dann aus ihm werden? Sollte die Mutter recht behalten? Sie, die im Grunde des Herzens vielleicht ihre Hoffnung auf den Untergang der Feldfrucht baute, deren Gebet sich vielleicht darum zum Himmel erhob? So war Anschel gerade in dieser Zeit in einer seltsam zerrütteten Stimmung. Er ging auf die Felder hinaus, übersah den wallenden Segen, der weit und breit über die Ebenen bis an den fernsten Saum des Gesichtskreises gelagert war; aber der Anblick hatte jetzt nichts Erhebendes für ihn. Immer drängte sich die Furcht der Mutter und seine eigene zwischen den sichtbaren Segen Gottes und die unsichtbare Angst seiner Seele. »Etwas muß doch daran sein,« lautete einer seiner düsteren Gedanken, »wenn sie sagen, daß der Jude nicht zum Bauer paßt. Ich habe früher immer geglaubt, das ist alles Lüge und Übertreibung. Warum sollte er's nicht sein können? Hat er nicht dazu die gehörige Kraft? Ist er schwächer als sie? Und doch möcht' ich die Bäuerin und den Bauer sehen, die mit solchen Schrecken und Ängsten umhergehen, die Ernte vor den Augen! Meine Mutter kann nicht schlafen vor lauter Sorge, und ich – ich bin nicht besser daran. Warum fürchten wir uns? Warum tun wir nicht wie die andern? Wie wir noch im ›Geschäft‹ gewesen sind, waren ganz fremde Leute Tausende von Gulden uns schuldig; keinem ist es eingefallen, sich zu ängstigen, daß man das Geld verlieren könnte. Jetzt haben wir Felder und . . . sorgen mehr als je zuvor. Ist ein Feld weniger sicher als der schlechteste Schuldner? – Ein Feld steht fest, keiner kann es forttragen. Ein Schuldner kann sterben und verderben. Und wenn heute einer der Mutter sagt: Nachime, willst du zurück in dein Geschäft? so geht sie mit tausend Freuden. Der Jude kann, mir scheint, nichts Festes und Sicheres haben, lieber hat er das Ungewisse und Unbeständige. Wird denn das einmal anders werden? und sollt's bei uns nicht schon anders geworden sein?« In dieser Stimmung kam eines Abends dem vom Felde Heimkehrenden seine Schwester Tille vor dem Dorfe entgegen. »Ich such' dich schon eine ganze Stund' lang,« rief sie ihm schon aus der Ferne zu, »und hab' dich nicht finden können!« »Ist etwas vorgefallen?« fragte Anschel. Tille lächelte eigentümlich; das beruhigte Anschel. »Vorgefallen ist nichts,« sagte sie nach einer Weile, als sie bei Anschel angekommen war, »aber warum erschrickst du so?« Anschel stammelte eine unverständliche Entschuldigung; er konnte dem Kinde nicht sagen, in welchem Zusammenhange sein plötzliches Erschrecken mit der ganzen früheren Gedankenreihe stand. »Soll ich dir sagen, warum du so erschrocken bist?« rief das Kind lachend, dem Bruder ins Angesicht sehend. »Nun?« sagte Anschel, nur mühselig sich zu einer heitern Miene nötigend, »wenn du es errätst, Tille. so kriegst du, was du willst.« »Bleibt's dabei?« rief das Kind unbegreiflich heftig. Jetzt erst sah Anschel das Kind forschend an; es lag ein sonderbarer Ausdruck von Verschlagenheit auf dessen Antlitze. »So red' doch, Tille!« rief er mit ärgerlicher Erregtheit. »Bleibt's dabei?« sagte Tille noch einmal. »Erst bis du geredet hast,« meinte Anschel. Das Kind besann sich noch einen Augenblick, dann rief es mit schelmischem Lächeln: »Eine schickt mich zu dir . . ., ich soll etwas bei dir abholen.« »Um Gottes willen!« rief Anschel und wandte sich ab. »Was erschrickst du so?« meinte das Kind unbefangen, »ich komm' ja von ihr .« »Und sie hat dich geschickt?« fragte Anschel noch immer abgewandt. ,.Wie du gleich weißt, wer mich schickt?« sagte Tille mutwillig, »ich hab' ja von ihr noch gar nicht gesprochen.« »Ich kenn' nur eine , die dich schicken kann,« meinte Anschel leise, »und die hat dich geschickt.« »Kann's keine andere sein?« rief das Kind. »Nein!« sagte Anschel. »Also weißt du auch, was du ihr zurückschicken sollst,« meinte Tille nach einer Weile, »denn ich weiß es nicht.« Unwillkürlich fuhr Anschel nach der Stelle seines Herzens. »Hat sie dir wirklich gesagt, du sollst es bei mir abholen?« rief er unüberlegt leidenschaftlich. »Was denn?« fragte Tille erstaunt. »Sie hat mir nur gesagt, du sollst es ihr zurückschicken.« »Tille, du foppst mich,« rief mit einem Male Anschel in furchtbarer Erregtheit und faßte das Kind an der Hand, daß es vor Schmerz aufschrie. »Du foppst mich . . . . sie hat dich gar nicht geschickt.« »Ich schwör' dir,« weinte das Kind und suchte sich loszuringen, »ich schwör' dir, Anschel, sie hat mich geschickt.« Plötzlich ließ Anschel das Kind los, alle Röte war aus seinem Antlitz geschwunden. Mit einer raschen Bewegung hatte er jenes Tuch hervorgeholt, das ihm in jener Brandnacht über die Gartenplanke hinübergereicht worden war. »Da hast du's,« sagte er, am ganzen Leibe bebend, und legte es ihr in die Hand. Das Kind betrachtete mit erstaunten Augen das Tuch und hielt es einige Augenblicke zwischen den Händen. »Das soll ich ihr geben?« rief sie endlich. »Was stellt denn das eigentlich vor?« »Gib ihr's nur,« sagte Anschel leidenschaftlich, »und richt ihr von mir aus, sie hat ganz recht, wenn sie es von mir zurückfordert.« »Du weinst, Anschel?« rief Tille, als sie bemerkte, daß dicke Tränen an den Augenwimpern ihres Bruders hervorquollen, »hätt' ich dir's vielleicht nicht sagen sollen?« »Wer sagt dir, daß ich weine?« meinte Anschel, indem er sich bemühte, standhaft dem Kinde gegenüber zu erscheinen. Tille sah den Bruder einen Augenblick schweigend, fast forschend an; dann rief sie mit einer Stimme, wie sie noch nie in Anschels Ohren geklungen, denn es tönten daraus die Laute des Kindes und der erwachsenen Jungfrau zugleich: »Anschel, ich schwöre dir's, ich werde dich nicht verraten.« Seltsam durchzuckte der Ton dieser Worte Anschels Seele; vielleicht ahnte er, daß in der verwandten Kindesseele die plötzliche Blüte eines Verständnisses ausgebrochen war, die nach dem natürlichen Laufe der Dinge vielleicht noch Jahre bedurft hätte, ehe sie die enge Knospenhülle durchbrach. Blitzschnell erkannte er aber auch, daß das Kind von seiner eigentlichen Sendung an ihn nur kindische Begriffe gehegt, daß ihm aber in dem einen Augenblicke der volle Sinn dafür aufgegangen war. »Tille,« rief er in einer Art jubelvollen Taumels, »was bist du doch für ein goldig, merkwürdiges Kind!« Dann drückte er sie mit überwallender Heftigkeit in seine Arme, Brust klopfte gegen Brust. So hielt er das Kind minutenlang umfaßt. Als er sie wieder aus seinen Armen ließ, betrachtete er sie lange mit freudestrahlendem Antlitz, ein Schimmer wahrhaften Stolzes hatte es überflogen. »Tille, mein Gold,« sagte er, »wie ich dich jetzt anseh', kommst du mir ganz anders vor als sonst. Du bist auf einmal größer geworden; ich weiß gar nicht, was mit dir vorgegangen ist. Bist du denn noch die nämliche Tille?« In der Tat war die Wandlung, die über das Kind gekommen war, sichtbar genug. Die großen, schwarzen Augen leuchteten in einem Feuer, das milde und leidenschaftlich zugleich war. Vor den Augen Anschels hatte sich hier ein Wunder zugetragen, wie es nur selten den blöden Augen des Menschen zu sehen gegönnt ist. Ein Kind war zur Jungfrau geworden; eine Blüte hatte ihre Hülle gesprengt. »Ich bin noch die nämliche Tille,« sagte das Kind im merkwürdigen Ernste, »du sollst es bald sehen.« Diese Worte gaben Anschel wieder das ganze Bewußtsein seiner Lage. Ein Gefühl von Scham, daß es sich doch nicht schicke, das dreizehnjährige Kind in die geheimsten Falten seiner Seele blicken zu lassen, war in ihm aufgestiegen; er warf sich vor, bereits zu weit gegangen zu sein. Aber ein Blick über das ganze Wesen des Kindes beschwichtigte augenblicklich diese widerstreitenden Stimmen. Tille war wirklich kein Kind mehr, eine verständige Schwester, ein Mensch mit denselben Erfahrungen, denselben Leiden stand vor ihm. »Ja, Tille,« rief er. »ich will mit dir reden, wie ich nur mit einer Schwester reden kann, denn ich seh' dir's an, du wirst mich verstehen. Du bist kein gewöhnlich Kind, mit dir kann man sich ausreden wie mit einem großen Menschen und braucht sich nicht zu schämen – ja besser noch; denn ein großer Mensch versteht einen oft gar nicht oder will einen gar nicht verstehen.« »Also soll ich ihr doch das Tuch zurückbringen?« fragte Tille nach geraumer Zeit, als Anschel darüber nachzusinnen schien, auf welche Weise er am besten dem Kinde die Geheimnisse seines Herzens öffnen könnte. »Ja, ja,« rief Anschel mit wieder erwachter Leidenschaft, »gib ihr's, Tille, ich kann's ja so nicht bei mir behalten.« »Anschelleben,« sagte das Kind, und seine Wangen färbten sich, indem es so sprach, höher und höher, »wenn es dir das Herz beschwert, warum schickst du es denn zurück? Zwingt dich einer dazu, oder meinst du, sie wartet darauf, daß ich's ihr zurückbringe? Sie ist nur böse, weil du dich gar nicht umsiehst auf sie, weil du vorübergehst an ihr und tust, als wenn du sie gar nicht kennen möchtest. Da hat sie mich heute gebeten, ich soll dir sagen: sie hätte dir etwas aufzuheben gegeben, und das sollst du ihr zurückschicken. Was es aber ist, hab' ich nicht gewußt.« »Ich darf's ja nicht behalten, Tille . . ,« rief Anschel mit mühsam niedergekämpftem Schmerze. »Das versteh' ich nicht, Bruder,« meinte das Kind mit ernster Unbefangenheit, »sie ist eine Bauerstochter und du und ich sind auch Bauerskinder.« »Tille!« rief Anschel in bittend beschwörendem Tone, »hüt' dich, daß dir so ein Wort, wie du jetzt gesprochen, nicht vor der Mutter entfällt. Sie könnte den Tod davon haben. Und wenn wir auch Bauernkinder sind, so ist doch ein großer Unterschied zwischen uns und ihr. Hast du das vergessen?« » Ich seh' keinen Unterschied, Anschel,« sagte das Kind. »Tun die Bauern etwas anderes, als wir? Bist du vielleicht etwas anderes, als jeder Bauernsohn?« »So weit hast du recht, Tille . . ,« meinte Anschel stockend, denn die Beweisgründe der Schwester verwirrten ihn, und doch staunte er sie an. »Aber es ist doch ein Unterschied.« »Willst du sie denn nicht nehmen?« fragte mit einem Male Tille, die nach Art der Kinder rasch auf das Mittelglied der Gedankenkette griff, indem sie den Bruder mit ihren großen Augen forschend ansah. »Um Gottes des Lebendigen willen,« rief Anschel »wo fällst du aus! Ich . . . und sie, mein Weib!« »Meinst du denn, ich weiß nicht, wer wir sind und wer sie?« meinte darauf das Kind in klarer Ruhe. »In der ›Gasse‹, da weiß ich, geht es nicht, die Leute möchten das nicht zugeben. Aber hier bist du aus dem Dorfe und bist ein Bauer. Du wirst dir doch wieder eine Bauerstochter nehmen müssen und die auf dem Dorfe geboren ist. Wie willst du die in der ›Gasse‹ finden?« »Schweig, schweig, Tille,« rief Anschel und streckte die Hand gegen die Schwester aus, als wollte er ihr den Mund verschließen. »Ich fürcht', ich fürcht', du versündigst dich, denn auch Kinder können sich versündigen.« »Wenn ich so etwas sage, soll ich mich versündigen?« meinte das Kind mit einem schnell vergänglichen Lächeln. »Wozu sind wir denn also Bauern geworden? Mein Bruder Anschel, der ein Bauernsohn ist, sollt' sich nicht eine Bauerntochter nehmen dürfen?« »Schweig, schweig, Tille,« rief Anschel wieder, »du wirfst ja in einem Augenblicke nieder, was die Rabbis und die Gelehrten in tausend und tausend Jahren aufgebaut haben. Ich bitt' dich, schweig! Meinst du denn, es geht so schnell, wie man die Hand umdreht, daß ein einzelner Mensch sagt: Ich halt' das nicht, was die andern halten? Dafür sind wir ja Juden und gehören alle zu einem Volk, daß wir tun und halten, was die andern alle tun und halten. Wie du aber nur an deinen Willen dich hältst, so hörst du sogleich auf, zu uns Juden zu gehören.« Tille antwortete nicht sogleich; sie schien den Sinn dieser Worte reiflich zu überlegen. Auf ihrem holden Antlitze war der Kampf ihrer kindischen Begriffe mit dem ihren Jahren weit vorausgeeilten Verständnisse deutlich zu lesen. Welche Gestalt und Form mochten Anschels Vorstellungen über eine alte Welt- und Staatenordnung in diesem jungen Kopfe angenommen haben? Mit einem Male rief sie: »Aber, wir sind ja jetzt Bauern, Anschel. Wir haben uns ja auch nicht gehalten an das, was die andern tun?« Auf diesen Einwand mochte Anschel, so stark er sich vielleicht in seiner Stellung als erwachsener Mensch dem Kinde gegenüber fühlte, doch nicht gefaßt sein. Er starrte eine Weile das kühne Schwesterchen an, das so behende Waffen auf Waffen für die Behauptung seiner Ansicht herbeitrug. Um nicht ganz wehrlos vor ihr zu erscheinen, sagte er stotternd: »Was wär' denn das für eine Kunst, Bauer zu werden, wenn man gleich aufhören will, ein Jude zu sein? Bauer sein und ein Jud' dabei, das ist die Kunst. Was wär' denn das auch für ein Gefallen an den Kaiser, wenn das so leicht gehen möchte? Du siehst ja, wie die Mutter darunter leidet – und meinst du, um unsern Vater steht es besser? Der Kaiser soll's wissen, wie blutig schwer es unsern Eltern fällt, sich in das Neue zu schicken.« Tille schwieg; sie hing mit ihren Augen an den Lippen ihres Bruders. Anschel aber hielt dieses Schweigen für die Wirkung seiner geistigen Überlegenheit, während das Kind vielleicht eine andere Gedankenreihe ergriffen, die nur im losen Zusammenhange mit seinen Beweisgründen stand. »Und meinst du denn,« fuhr er nach einer Weile fort, »selbst wenn wir wollten, daß dann unser Wille geschieht? Glaubst du, und wenn heute einer von uns geht und sagt zu einem Bauer: ›Gib mir deine Tochter!‹ er darf's tun? Sie dürfen ja auch nicht.« »Nicht? sie dürfen nicht?« rief Tille in einem Tone, aus dem die schmerzlichste Enttäuschung des Kindes herausschrie. »Nein, Tille, mein Herz!« wiederholte Anschel. »Dann muß ich ihr ja das Tuch zurückbringen,« sagte Tille anscheinend ruhig; aber ihre Augen leuchteten von einem flüssigen Feuer; es war das Erbarmen eines Kindes mit den Leiden eines Mannes; es war das Verständnis der Jungfrau, das aus diesen treuen Augen sprach. »Ich hab' dir's ja gesagt, Tille!« . . . sprach Anschel. »Wie werden wir nur jetzt im Dorfe bleiben können?« sagte das Kind halblaut vor sich hin. Anschel hatte dafür keine Antwort. Still und düster gingen die Geschwister ihren Weg zum Hause. Tille hielt das Liebeszeichen krampfhaft in die Hand gedrückt. Wer hätte geahnt, was alles an dieses zerknitterte weiße Tuch sich knüpfte? 21. Die Richterstochter. Noch an demselben Abend in später Stunde trug Tille das Tuch zurück. Anschel hatte verlangt, daß sie damit bis zum andern Morgen warten solle; sie war aber darauf bestanden. »Wenn du nicht darfst,« hatte sie gesagt, »und sie darf auch nicht, warum willst du noch eine Nacht darüber hingehen lassen?« Anschel hatte sie den Weg antreten lassen, widerstrebenden Herzens, auf den Lippen ein unausgesprochenes, schwebendes: Nein. Als Tille zurückgekehrt war, hatte sie rotgeweinte Augen; aber nur Anschel bemerkte dies; er wagte es nicht, sie auszufragen. Vor dem Schlafengehen nahm sie ihr Gebetbuch und betete den langen Abendsegen mit lauter Stimme. Das hatte sie nicht getan, seitdem sie aufs Dorf gekommen. Nachime hörte es mit Staunen, und so eigentümlich befremdend kam ihr dieser sonst so gewöhnliche Vorgang vor, daß sie das Kind besorgt fragte: »Ist dir was, Tille?« Das Kind sah seinerseits die Mutter mit großen, verwunderten Augen an und suchte schweigend sein Lager auf. Mußte auch dieses Kind der Gewalt jenes Gesetzes folgen, dem alles im Hause seit dem ersten Augenblicke unterworfen war? Wollte sich Tille gegen die Heimsuchungen liebgewordener Vorstellungen dadurch feien, daß sie gleichsam zu dem Gotte ihrer alten Heimat wieder zurückkehrte, der unter den neuen Eindrücken des Dorfes farblos, unentschieden in ihrer Seele geworden war? Erst im Laufe des nächsten Morgens fand Anschel die ersehnte Gelegenheit, das Kind um die Einzelheiten seiner Sendung auszufragen. Aber Tille schien ihm aus dem Wege zu gehen, und ein Gefühl von Scham hielt ihn andererseits ab, der Schwester ein allzu eifriges Suchen zu zeigen. Endlich traf er sie im Garten unter einem Apfelbaum sinnend stehen. »Frag mich nicht, frag mich nicht,« rief ihm das Kind entgegen und hielt sich dann beide Hände vor die Augen, als hätte sie dadurch Anschels Gegenwart verleugnen können. »Was hat sie also gesagt?« meinte Anschel mit jener tonlosen Ruhe, die ebenso angelernt, als tief empfunden sein kann. »Frag mich nicht,« rief das Kind beinahe flehend. »So Schlechtes hast du mir auszurichten?« fragte Anschel. Tille ließ jetzt mit einem Male die Hände von den Augen fallen. Ein tränenüberströmtes Antlitz blickte Anschel an. »Sagst du mir also nicht, was du ausgerichtet hast?« rief er noch einmal. »Alles ist aus, Anschel,« sprach das Kind schluchzend, »alles, gar nichts ist geblieben. Erst war sie meine Freundin, jetzt ist sie meine Feindin geworden. Aber ich mach' mir nichts daraus. Wenn aber zwei Menschen auseinandergehen, der eine dahin, der andere dorthin, müssen sie denn im Bösen auseinandergehen?« »Böse ist sie also gewesen?« meinte Anschel, dessen ganze Seele nur an dem einen Worte zu haften schien. »Sie hat das Tuch genommen. Ich habe ihr gesagt, du schickst es ihr zurück, weil sie es so verlangt hat. Sie hat es fast zerrissen vor meinen Augen. ›Hab' ich's denn verlangt?‹ sagt sie, und ich meine darauf: ›Du hast mir's ja selbst aufgetragen.‹ Du hättest da ihr Lachen hören sollen, Anschel! ›Gut,‹ sagt sie, ›wenn er mir's zurückgeschickt hat, so wär' ich ein Narr, wenn ich's nicht behalte. Es wird sich schon einer finden, der streckt alle zehn Finger nach dem Tuch aus, wenn ich's ihm nur von weitem zeige. Einer steht vor meinem Fenster, und der wartet schon lange darauf.‹« »Wer ist das?« sprach Anschel unhörbar vor sich hin. »Drauf sag' ich ihr,« fuhr das Kind in seinem Berichte fort, »wie kannst du so etwas meinem Bruder antun? Hat er dir denn gar so viel Böses getan? Du hast ja dein Tuch zurückverlangt, und jetzt sieht es fast aus, als ob dich mein Bruder Gott weiß wie beleidigt hätte. Anschel, bis jetzt hab' ich nicht gewußt, daß sich Menschen so ändern können; jetzt weiß ich's. Sie war gar nicht dieselbe mehr. Sie packt mich bei der Hand. ›Nicht wahr,‹ sagt sie, ›ihr habt ihm dazu geraten, ihr könnt es nicht ertragen, daß er mich gern hat?‹ ›Es weiß es ja keiner,‹ sag' ich, ›was redest du mir ein?‹ ›So hat er mich betrogen,‹ schreit sie drauf, ›dein Bruder hat mich betrogen! . . . Das sag ihm, und er wird bald von mir hören.‹« Tille mochte wohl des Glaubens sein, die Wirkung ihrer Worte auf das leidende Gemüt ihres Bruders müßte auch äußerlich in Miene und Gebärden sich zeigen; aber an Anschel war keine heftige Erregtheit sichtbar; nur zuckten seine Lippen, als ob er nach Worten ringe. »Sie hat recht, Tille,« brachte er endlich hervor, »aber betrogen hab' ich sie nicht, das kannst du mir glauben! Wie wär' mir nur das eingefallen? Hab' ich ihr denn etwas versprochen gehabt? Sie hat zurückverlangt, was sie mir gegeben hat, und ich – ich hab' es ihr zurückschicken müssen. Du weißt ja warum? Sag selbst, hab' ich's behalten dürfen?« Wieder leuchteten die Augen des Kindes voll tiefen Erbarmens zu dem Bruder auf. »Mich fragst du?« meinte sie mit schmerzlichem Lächeln. »Du hast ihr doch gesagt,« rief dann Anschel, »warum ich es nicht behalten kann?« »Glaubst du denn, sie hat das gelten lassen? Sie hat mich nur noch mehr ausgelacht,« sagte das Kind wehmütig. »Du glaubst nur, daß sie gelacht hat,« meinte Anschel, »aber was hat sie dazu gesagt?« »Du wirst mich nicht ausreden lassen,« rief das Kind wie von inneren Schauern ergriffen,. »wenn ich dir's sage.« »Red nur,« sprach Anschel. Tille hielt eine Weile an sich; sie wehrte sich gegen das Aussprechen eines Furchtbaren. Ihr holdes Antlitz war ein Spiegel dieses Kampfes. »Ich kann dir's ja doch nicht verschweigen,« rief sie endlich, gewaltsam sich zusammenraffend, »was hättest du denn davon, wenn du nicht alles wüßtest. Es ist ja so alles aus. Willst du also wissen, was sie gesagt hat? Du wirst aber erschrecken.« »Ich erschreck' nicht mehr,« sagte Anschel. »Nun gut,« sprach Tille mit erschöpfter Stimme. Sie hat gesagt: ›Gibt's denn keinen Pfarrer in der Welt?‹« Kaum hatte sie aber diese Worte ausgesprochen, als sie erschreckt beiseite sprang; die Hände hielt sie vor das Gesicht. »Schweig, schweig,« rief Anschel. Es war ein merkwürdig prüfender Blick, den das Kind in diesem Augenblicke auf den Bruder warf. Er glitt über ihn hin, schnell wie ein Blitz, und doch lag darin mehr als eine Frage. Wollte sie sehen, wie Anschel nach dieser Meldung sich ausnahm? Zweifelte sie an der Stärke seines Entschlusses? Oder sprach ein Wunsch daraus, Anschel möchte sich die Frage seines Mädchens überlegen? »Das ist alles, was sie gesagt hat,« meinte sie jetzt und hielt inne. »Es ist auch ganz genug,« sprach Anschel, wie es schien, gefaßt. »Anschel,« rief mit einem Male das Kind und trat näher auf ihn zu. »Was willst du?« fragte er leise. »Anschel,« . . . . sagte Tille und legte schmeichelnd seine Hand auf des Bruders Arm. »Muß alles aus sein?« »Ja,« tönte es von den Lippen Anschels zurück. »Was wirst du jetzt tun?« sagte noch das Kind. Gesenkten Hauptes ging Anschel ins Haus zurück; er hatte keine Antwort auf die letzte Frage. Tille folgte ihm nach. Als sie in den Hof traten, wandte sich Anschel noch einmal um und winkte die Schwester an sich: »Red' mir nichts mehr davon, Tille,« sagte er oder bat vielmehr. »Kein Wort, verlaß dich drauf,« entgegnete das Kind. Fast gegen unsern Willen werden wir jetzt aus dem Bereiche dieser Geschichte um einige Häuser weiter gedrängt. Am Hause des Richters bleiben wir stehen; wir müssen über die Gartenplanke hinüberblicken, über die jenes weiße Tuch gereicht worden war. Das Liebeszeichen jener Nacht hat seinen Weg wieder zurückgefunden. Sehen wir, was sich daran schließt! Es ist ein eigentümlich Weh, das der gedemütigten Liebe, mit keinem andern zu vergleichen, von denen ein Menschenherz durchzittert wird. Es kann sich zu Höhen erheben, zu denen hinanzusehen das Auge schwindelt; aber auch in die Tiefe von Abgründen versinken. die kein Senkblei noch erforscht hat. Zwischen Anschels entsagender und Annas gedemütigter Liebe lagen eben diese Höhen und Tiefen; die Tochter des Richters gehörte nicht zu jenen Charakteren, die sich erheben können. An demselben Morgen, der jene Unterredung zwischen Anschel und Tille belauschte, erscholl aus jenem Hause ein wildes Lied. Gerade um diese Zeit ging Elieh an diesem Hause vorüber. Er stellte sich an die Gartenplanke hin, und durch eine Spalte konnte er sie bemerken, die in so sonderbarer Weise sich all seines Denkens und Sinnens bemächtigt hatte . . . So war es dem Bocher zum ersten Male gegönnt, seine Sinne an ihrem ganzen Wesen sattsehen zu lassen. Bis dahin war sie ihm aus der Ferne in unsicheren Umrissen erschienen; jetzt hatte er sie nahe; jede ihrer Bewegungen konnte er belauschen, keine entging ihm. Sie stand am Brunnen und schöpfte Wasser in einen Trog. Wie schön, wie groß sie war. Wie ihr die trotzige Miene so lieblich stand! Plötzlich flog eine Henne über den Hof, von der Katze verfolgt, und da sie keinen Ausgang fand, hob sie die Flügel und setzte mit ängstlichem Geschrei über die Planke, wo sie matt und müde neben Elieh niederfiel. Unbewußt was er tat, bückte sich Elieh nieder und ergriff das flatternde Tier, das sich umsonst dagegen wehrte. Gleich darauf trat Anna zum Tor hinaus. Als sie den Bocher erblickte, blieb sie erschrocken stehen, seine Ähnlichkeit mit Anschel mochte ihr aufgefallen sein. Elieh reichte ihr die Henne hin, die das Mädchen fast zögernd empfing. Elieh stand ihr zum ersten Male von Angesicht zu Angesicht gegenüber. »Du hättest die Henne nicht fangen müssen,« sagte das Mädchen, indem sie das scheue Tier mit ihren Händen streichelte, »sie hätt' den Weg schon zurückgefunden.« »Sie ist mir grade vor die Füße geflogen . . . hätte ich sie da nicht aufheben sollen?« entgegnete Elieh stockend. Das Mädchen schaute auf; über Eliehs Antlitz flog die Röte einer Fieberhitze, dann heftiges Erblassen. »Bist du schon lange im Dorfe?« fragte mit einem Male das Mädchen. »Weißt du das nicht?« entgegnete leise Elieh. »Bist du denn mit ihnen gekommen?« fragte nach einer Weile das Mädchen, und die Richtung ihrer Augen blickte nach dem Hause seiner Familie hin. »Du hast mich gleich in der ersten Nacht, wo wir gekommen sind, gesehen, und ich dich,« sagte Elieh mit Mühe. »Ich habe dich gesehen?« rief das Mädchen und trat einige Schritte gegen das Tor zurück. »Du weißt vielleicht davon nichts,« sagte Elieh, »aber ich weiß davon. Ich bin da auf dem nämlichen Platze gestanden . . . du hast aber mit einem andern gesprochen.« »Warst du der?« rief das Mädchen, und das Trotzige ihres Antlitzes nahm einen beinahe düstern Ausdruck an. »Und mit dem andern hast du gesprochen,« fuhr Elieh fort, dem mit dem Sprechen ein Gefühl von Mut gekommen war, »mit mir aber nicht! Mit ihm bist du gegangen und gestanden; auf mich aber hast du nicht gesehen. Als wenn ich in der Welt gar nicht wäre, sieht kein Mensch auf mich – nicht mein Vater, nicht meine Mutter, nicht meine Geschwister, ich bin allen wie ein Niemand . . . Und so wie es meine Familie macht, so hast du es auch gemacht. Du hast mich gesehen, aber ich bin dir wie nichts vorgekommen; du hast gewußt, daß ich im Dorf bin, aber hast du dich darum gekümmert? Wenn aber der andere sich nur von weitem gezeigt hat, da ist ihm dein Herz entgegengesprungen . . . Warum? Bin ich kein Mensch? Hab' ich keine Augen und kein Herz? Weiß ich nicht, daß du schön bist, wie nur etwas in der Welt?« Die Worte flossen ihm rasch, in leidenschaftlicher Erregtheit über die Lippen. Wer lehrte ihn so sprechen? in einer Sprache, die er eigentlich nie gelernt? War es Wojtechs Gebetbuch? War es eine jener unerklärlichen Kraftanstrengungen der Seele, die aus ungesehenen Quellen schöpft? Heute noch ein kränklicher »Bocher«, dem die Eltern den Talmud gleichsam als Vorbereitung zu einem frühzeitigen Tode überließen, hatte er über Nacht geistige und leibliche Fesseln gesprengt, und stand nun als der Elieh da, der solche Worte sprach! Das Mädchen hatte ihn schweigend angehört, aber auf seinen Mienen war der düstere Trotz verschwunden, es fürchtete sich. Vielleicht dachte sie, ein Wahnsinniger stünde vor ihr. Sie sah besorgt um sich her; plötzlich griff sie nach dem Tore und stieß es auf. Elieh trat rasch auf sie zu. »Fürchtest du dich vor mir?« rief er; »warum läufst du vor dem andern nicht fort? Wie lange habe ich auf diesen Augenblick schon gewartet, und jetzt willst du mich hier stehen lassen? Ich muß dir ja alles sagen . . . Willst du denn, daß ich noch einmal sterbe? Einmal hast du mich vom Tode aufstehen gemacht . . . soll ich dir nicht einmal danken dafür?« Diese Worte mochten das Mädchen noch mehr in dem Glauben bestärken: Elieh spreche als ein Unsinniger zu ihm. Sie ermannte sich in ihrer Furcht, sie konnte sogar lachen. »Ich hab' in meinem Leben keinen Toten gesehen,« rief sie, »wie hätte ich einen wieder zum Leben bringen können?« »Soll ich dir sagen, wie?« begann Elieh sogleich. »Du weißt vielleicht nicht, daß ich auf den Tod krank war, und daran warst du schuld! . . . Meine Mutter und unser Knecht Wojtech haben schon geglaubt, die Seele hätte mich verlassen; denn ich habe nicht mehr geatmet. Aber ich habe doch von mir gewußt; mitten in meiner Lage hab' ich nur an dich gedacht! Da war's in einer Nacht, . . . alles war ruhig in unserm Hause; nur Wojtech und meine Mutter haben bei mir gewacht. Aus dem Wirtshause her hab' ich die Musik gehört, . . . mein Kopf, hab' ich gemeint, zerspringt mir davon. Meinst du von der Musik? Nein. ich habe gedacht, daß du jetzt dort bist und mit anderen tanzest . . . Auf einmal höre ich Schritte vor unserm Hause, . . . es klopft einer an das Fenster. Du bist's gewesen! . . . du hast damals gerufen und davon bin ich gesund geworden. Von der Minute an war ich für immer gesund! Jetzt sag': ist das wahr oder ist's nicht wahr?« »Selbes ist wahr,« sagte das Mädchen nachdenklich, und warf einen aufmerksamen Blick auf Elieh, »ich bin die gewesen, die damals an das Fenster geklopft hat. Aber, daß es dir hätte gelten sollen,« setzte sie stockend hinzu, »davon weiß ich nichts.« »Ich weiß, wem es gegolten hat,« rief Elieh schmerzlich, »du brauchst mich nicht erst daran zu erinnern. Aber er hat geschlafen und hat nicht gewußt, daß du es gewesen warst! Ich aber, ich habe gewacht, ich habe dich gesehen. Mich hast du vom Tode aufstehen gemacht! Kommt dir das nicht vor, als ob's eine besondere Schickung wäre? Unser Wojtech hat's für ein Wunder gehalten.« »Glaub das nicht,« sagte das Mädchen tief errötend, »ich hab' einen Spaß gehabt in jener Nacht, aber an etwas Ernstes hab' ich nicht gedacht.« »Hat er vielleicht nicht geschlafen,« rief Elieh, »kannst du das ableugnen? Frag ihn, ob er im Ernst an dich denkt? Ich seh' ihm's ja an, an was er denkt.« »Weißt du das auch?« schrie sie und trat an Elieh nahe heran, daß ihn ihr Atem berührte. »Ich weiß alles!« sagte Elieh. Warum erzittert das ganze Wesen des Mädchens unter diesen Worten? Sie sah den Bocher mit einem Blicke an, der ihm tief bis an die Seele drang. Er selbst mußte die Augen davor niederschlagen. Da sagte sie halblaut: »Heute nacht komme her, das Tor wird offen sein . . . und du wirst nicht warten müssen. Ich habe mit dir zu reden.« Elieh antwortete nicht; als er aufschaute, war das Mädchen fort . . . Als die Nacht herangebrochen, die volle, sternenstrahlende Nacht, stand Elieh an der Hausplanke. Welch eine tiefe atemlose Ruhe in der Natur, in dem ganzen Dorfe! Welch eine warme, drückende Luft! »Pst! Bist du da?« »Ja!« »So komm!« Das Tor der Hausplanke öffnet sich geräuschlos. Elieh schleicht über den Hof; eine Hand leitet ihn und diese Hand ist fieberhaft heiß. Da regt sich etwas Schwarzes, Geheimnisvolles zu seinen Füßen, . . . es flattert auf. Es ist eine Henne, vielleicht dieselbe, die heute am Morgen fliehend vor der Verfolgung an ihn herangezogen kam. Fand der arme Vogel seitdem keine Ruhe? . . . Halb und halb ist die Nacht vergangen, die geheimnisschwere, dunkle Nacht! Haben Engel gewacht, droben über den goldenen Sternen? Schliefen sie, während ihre heimtückischen Stiefbrüder hohnlachend sich niedersenkten, um auszuführen, was verräterische Leidenschaft und gedemütigte Liebe sich zuraunten? . . . Als Elieh wieder an das Tor der Hausplanke kam, flatterte die Henne nicht mehr. Die ersten Streifen der kommenden Morgenröte fuhren auf am östlichen Himmel; die Luft zog schneidend kalt. Leise öffnete, unhörbar schloß sich das Tor. Ebenso geräuschlos schwang er sich über das niedere Tor des väterlichen Hauses. Alles war stille . . . Als er niederstieg, stießen seine Füße an eine lebendige Körpermasse. Es war Wojtech, der die Abwesenheit Eliehs bewacht hatte. Schlaftrunken fuhr der Knecht in die Höhe, und wie aus tiefstem Traume erwachend, lallte er: »Hab' ich nicht recht gehabt, hochwürdiger Herr?« Elieh eilte ohne Antwort auf seine Kammer. 22. Vetter Koppel ist unruhig. Bisher konnte das Verhältnis unserer Familie zum Dorfe ein vereinsamtes genannt werden. Es war ein Leben düsterer Ungeselligkeit, das sie geführt, ohne Licht und Augen, um zu sehen, was neben ihnen geschah, was rechts und links vorging. Es wird niemanden befremden, daß Nachime keine der Frauen des Dorfes kannte, aber daß auch sie von den wenigsten gekannt war. Seit ihrem ersten Feldgang hatte sie keinen Schritt zum Hause hinaus gemacht. In dieser Ungeselligkeit lag zugleich etwas entschieden Unnatürliches, das fühlte Nachime selbst. »Was liegt mir an ihnen?« beantwortete sie selbst zuweilen den in ihr aufsteigenden Vorwurf; »will ich eingeladen sein zu ihren Hochzeiten und Wochenbetten? Was ich nicht davon habe, wenn mir Pawels Weib ihre neue Jontef- (Feiertags-)Haube zeigt, oder wenn sie mich nicht zu ihrer Freundin macht!« So sprach nicht der Stolz aus ihr, denn für den Stolz fühlte sie sich zu gedemütigt; aber es bewies nur, daß sie das Bedürfnis nicht empfand, an eine Menschenseele sich anzuschließen. In ihrer wilden Abgeschlossenheit genügte sie sich selbst, und »ich hab' genug an mir selbst zu tragen«, wiederholte sie so oft, bis sie es glaubte. Im Grunde war aber Rebb Schlome noch ungeselliger als Nachime. An ihm zehrte nicht nur der Widerstand seines Weibes, ihre bittere Stimmung, ihr gänzlich verändertes Tun und Lassen; ein Geist, auch sonst des Menschen mächtigster Feind, gewann täglich mehr Boden in ihm; es war seine eigene Untätigkeit. Eine Art dumpfen Hinbrütens hatte den starken Mann überfallen, und gerade seine herrische Natur vermochte ihn nicht daraus zu reißen. Wohl schweifte er in anscheinender Geschäftigkeit durch die Räume des Hauses, sah sich dies und jenes an, strich oft halbe Tage zwischen den Feldern umher, aber das alles hatte keinen rechten Sinn und Schick. Das fühlte eben die gebieterische Natur dieses Mannes bald heraus. Wem sollte er befehlen? Anschel verstand vom »Feld« jetzt schon viel mehr, als Rebb Schlome sich es jemals hätte einfallen lassen. Das »Jüngel«, mußte er sich gestehen, nahm sich der Sache wie ein rechter »Barjin« an; er konnte ihm nicht anders als unbedingtes Lob erteilen. Aber das komme von seiner Strenge, rühmte er sich zugleich, mit der er Anschel von Kindheit auferzogen; das Jüngel sehe ein, daß sich sein Vater auch für ihn geplagt habe und tue eigentlich nichts als seine Pflicht und Schuldigkeit. Wenn er sich nicht auf sein eigen Blut verlassen könne, auf wen denn? Für die Kinder habe er ja eigentlich auf dem Dorfe sich angekauft, damit die ein »gesichert«, festes Brot haben sollten, und darum habe er so eilig nach dem kaiserlichen Geschenk gegriffen. Nicht einmal den Bauern schloß er sich an; er wich jedem Begegnenden aus, wie er nur konnte. Fürchtete er mit ihnen in Gespräche über Feld und Wirtschaft verwickelt zu werden? Fürchtete er zu sehr in der ganzen Nacktheit seiner Unwissenheit vor ihnen da zu stehen? Er sah in den Bauern überlegene Naturen, in einer Sache, in der er und sie auf gleichem Fuße sich befanden. Was hatte er vor ihnen voraus? Er verstand ja nichts vom »Feld«. Was nützte ihm sein hellerer Kopf, seine »Politik«? Immer mehr drängte sich ihm die Selbsterkenntnis auf, daß er, Rebb Schlome Hahn, der sich untermessen, dem Kaiser einen Gefallen zu erweisen, indem er Bauer wurde, nicht einmal über jene Kraft zu gebieten hatte, die dem schlechtesten Bauernknechte innewohnte! Schwer, aber mit unabweisbarer Gewalt drängte sich diese Selbsterkenntnis dem starken Manne auf; sie war es, die sein planloses Umherstreifen, seine unlustige Stimmung erzeugte, die ihn scheu, als wäre er sich eines Verbrechens bewußt, an seinen nächsten Nachbarn vorübergehen hieß. Die bevorstehende Ernte brachte zu diesem innerlich lohenden Feuer erst den rechten Wind. Rebb Schlome wollte von dieser Ernte fast nicht hören; so oft die Rede darauf kam, konnte er in augenblickliche Gereiztheit geraten. »Was man wolle? Was man immer und immer davon spreche? Ob man sich den Gottessegen ›verschreien‹ wolle?« Anschel sah den Vater oft in starrem Staunen an; wie konnte er so etwas begreifen? Einmal fragte er ihn: »Was meinst du, Vater? Fangen wir die nächste Woche zu schneiden an? Auf den Dörfern in der Umgebung schneiden sie schon seit zwei Tagen.« »Nun, und warum läßt du nicht schneiden?« gab Rebb Schlome beinahe höhnisch zur Antwort. »Ich?« rief Anschel. »Darf ich etwas unternehmen, was du nicht befiehlst?« »Du hast ja einen, an den du dich wenden kannst,« meinte Rebb Schlome in demselben höhnischen Tone. »Warum wendest du dich nicht an deinen Lehrer Wojtech, und fragst ihn, wann man anfangen soll?« »Was denkst du, Vater,« rief Anschel mit Eifer, »soll ich den um Erlaubnis fragen? Darüber hat der Herr zu entscheiden, und nicht der Knecht.« »Frag' mich nicht,« gab Rebb Schlome trotzig zur Antwort. Dennoch würde man sehr irren, wenn man annehmen wollte, ihm wäre die Sorge um den Erfolg der Ernte weniger zu Herzen gegangen als Nachime oder Anschel. Er schämte sich nur einzugestehen, daß er eigentlich in der wichtigsten Zeit ihres neuen Lebens wenig zu sagen haben werde. Was fragten sie ihn , wann geschnitten werden sollte? Wußte Anschel das nicht besser als er? Lag in dieser Frage ein versteckter Spott? Das Bewußtsein der eigenen Untätigkeit während der ganzen Zeit ihres Bauerntums hatte ihn so übermannt, daß ihm das Unbefangenste voll Absicht schien, und ein finsterer Groll nahm immer mehr in seinem ohnehin verbitterten Gemüte überhand. Bei allem war es ihm jedoch klar, daß er sich in dieser Zeit als den alten Rebb Schlome zeigen müsse. Sollte er sich das eigene Kind so über den Kopf wachsen lassen? murrte es in ihm, »so mir nichts, dir nichts?« Anschel als den alleinigen Lenker des Hausgeschickes sich benehmen lassen? Zuletzt werde er in seinem eigenen Hause eine Art Vetter Koppel vorstellen, werde froh sein müssen, wenn man ihm um Gottes willen die schlechteste Stelle im Hause einräumen oder auf Mitleid einen Bissen verabreichen werde. Dagegen bäumte sich aber seine grollende Seele. »Sie sollten sehen,« rief es mit tausend Stimmen aus ihm, »daß mit mir nicht zu ›spaßen‹ ist. Wenn tausend ›Anschels‹ kommen, lasse ich mir doch nichts vorschreiben.« Am Abende desselben Tages sagte Anschel zu Tille, doch so laut, daß es alle in der Stube hören konnten: »Weißt du, Tille, wann wir schneiden werden? Wenn du das errätst, so kriegst du etwas von mir.« »Wann?« rief das Kind mit Lachen, »das Getreide ist ja reif. Meinst du, ich weiß nicht, was ein reifer Halm ist? Gestern erst hab' ich einen herausgezogen und hab' die Körner gezählt.« »Und ich sag' dir, Tille,« rief Anschel lustig, »es ist so gut wie gar kein Korn darin.« »Wieso?« meinte das Kind. »Lieb' Kind,« rief Anschel. »Wenn man ein Feld nicht schneidet und darauf wartet, bis was Gott gegeben, verfault und verwittert, daß man's dann nicht einmal als Streu für die Kuh im Stalle ausbreiten kann, sag selbst, ist's dann nicht einerlei, ob hundert Körner an so einem Halme sind, oder nur ein einziges Korn?« »Geht die große Weisheit auf mich?« fragte, nachdem Anschel eine Weile geschwiegen, die tiefe Stimme Rebb Schlomes. Nachime horchte hoch auf. So viel ward ihr jedoch augenblicklich klar: Anschel hatte recht. Galt es nicht das Feld? War nicht die Rede vom Verfaulen und Verwittern des Getreides gewesen? Aber so groß war zugleich die alte Machtvollkommenheit Rebb Schlomes, daß Anschel durch diese wenigen Worte zum Bewußtsein seiner Stellung gemahnt ward, und ihm jede Gegenrede auf der Lippe erstarb. »Willst du auch schon klüger sein, als dein Vater?« rief Rebb Schlome mit finsterem Ernste, »auch schon über ihn dich zum Richter setzen, weil du ein paar Wochen lang mit einem Bauernknecht zusammen gearbeitet hast? Willst auch schon ihm täglich vorhalten, wie du es besser gemacht hättest, und daß alles, was er gemacht hat, in Grund und Boden hinein schlecht und faul ist? Willst du auch?« Das ging Nachime an! Die Anspielung war auf sie losgedrückt worden; es hätte nicht einmal eines so mittelbaren Angriffes bedurft, um Nachimes Gemüt in Aufruhr zu bringen. Mit einem Male drängten sich alle die Geister. die seit ihrem ersten Feldgang eingeschlummert schienen, in wilden Haufen an die Oberfläche; sie hatten unter gar zu dünner Decke gelegen. »Das eigene Kind wird sich doch ein Wort erlauben dürfen,« sagte sie zitternd, halb abgewandt von Rebb Schlome, halb an die Kinder gerichtet, »das eigene Kind wird doch ein Wort reden dürfen in einer Sache, die ihn so gut angeht, wie eines von uns. Wenn er noch gesagt hätte: ›Vater, gib Geld her, ich will ins Wirtshaus, will's vertrinken und verspielen, und wenn du's nicht gutwillig hergibst, so werd' ich Gewalt brauchen!‹ Was hat er denn gesagt? Man soll das Korn auf dem Feld nicht verfaulen lassen und soll dazu sehen, daß man nicht zum Schaden kommt. Ist das ein gar so gewagt Wort?« In diesem Augenblicke ward es Anschel erst recht klar, wie weit Vater und Mutter auseinander standen, wie jede Annäherung nur scheinbar gewesen. So bitter schneidende Worte, einen so höhnisch und zornig zugleich klingenden Ton konnte nur unversöhntes Gekränktsein finden! Aber, wiewohl die Mutter diesmal mehr für ihn, als für sich selbst eingestanden war, sah Anschel dennoch ein, daß er auf seiten des Vaters stehen müsse. Darum rief er rasch: »Mutter, was strengst du dich so an, um etwas zu beweisen, was eigentlich nicht zu beweisen ist? Laß doch dem Vater über, was er allein zu bestimmen hat. Wer denn soll befehlen? Wenn der Vater glaubt, ich hab' unrecht, und er recht . . . so hab' ich unrecht.« Nachime warf einen merkwürdigen Blick voll Befremdung auf den Sohn, dessen Abbitte nach einer so schweren Beleidigung, wie sie ihm widerfahren, sie in diesem Augenblicke nicht begriff. Aber auch aus den Augen Rebb Schlomes, der unbewegt die Worte Nachimes und Anschels über sich hatte ergehen lassen, drang ein Blick hervor, nicht des Staunens und der Befremdung, aber der Dankbarkeit. Es mochte dem starken Manne wohltun, daß ihm das eigene Kind mit schwerer Selbstüberwindung half, einem Kampfe auszuweichen, vor dem er sich scheute. Rebb Schlome sprach auch ferner kein Wort. So brach in fast unheimlicher Weise der spitze Kampf ab; kein Grollen, kein fernes Wetterleuchten fand statt; es schien, als wäre ein Unsichtbares plötzlich zwischen sie getreten und hätte ihnen unverbrüchliches Schweigen auferlegt. Dieser Abend war jedoch dazu bestimmt, noch eine andere grollende Stimme gegen Rebb Schlome erheben zu lassen. Als alles sich schon zum Schlafengehen anschickte, ging Vetter Koppel plötzlich auf ihn los und ergriff ihn mit zitternder Hand am Arme. »Rebb Schlome,« rief er mit seiner weinerlich-kläglichen Stimme, »wo bleibt denn mein ›Mogen Dovid‹? Soll ich denn noch länger darauf warten?« Rebb Schlome überhörte im ersten Augenblicke das Anliegen des Vetters, dann meinte er, auf tiefster Zerstreutheit erwachend: »Was wollt Ihr von mir, Vetter? Hab' ich ihn in meinem Sack? Ihr wißt ja, wo er ist?« Schluchzend rief der letzte Soldat aus Absalons Heere: »Rebb Schlome Hahn! Ich rat' dir's, bring mir meinen Mogen Dovid zurück, es könnt' sonst nicht gut gehen.« Zu jeder anderen Gelegenheit hätte vielleicht diese Drohung, wie sie weinerlich zornig so oft aus dem Munde des alten Vetters kam, gleichgültige Zuhörer gefunden; heute überschlich sie die Herzen aller mit einem gewissen Grauen. Allen war es, als ob der kindische Vetter noch niemals mit solcher Entschiedenheit etwas gesagt; vielleicht gemahnte sie etwas wie ein unausgesprochener Fluch, der unheilbringend hinter seinen Worten lauerte. »Vetter Koppel,« rief Nachime entsetzt, »was redet Ihr da vom Schlechtgehen? Wem könnt' es nicht gut gehen?« »Weiß ich, Nachime?« meinte Vetter Koppel schluchzend. »Aber im dicken Wald,« sagte er darauf, als besänne er sich, »da werden die höchsten Bäume zusammenstürzen und werden auf der Erd' verfaulen. Dann wird's einerlei sein: sind hundert Körner im Getreide oder nur ein einziges Korn.« Offenbar hatten sich hier die früher im Spotte hingeworfenen Anspielungen Anschels in die alten Vorstellungen des Vetters von seinem Walde eingewebt; nichtsdestoweniger fühlten sie sich davon kalt angeweht. Keiner hatte den Mut, den Eindruck durch ein Witzwort wegzuspülen. »Vetter Koppel,« rief endlich Rebb Schlome mit wahrem Ernst, ganz gegen die Weise, wie er sonst mit dem Anhänger des rebellischen Königssohnes zu sprechen pflegte, »Vetter Koppel, heißt mich wie Ihr wollt. wenn ich Euch nicht morgen in aller Frühe Eueren Mogen Dovid zurückbringe. Ich geh' selbst zum Richter und werd' ihn bereden, daß er mir ihn zurückgibt. Seid Ihr damit zufrieden, Vetter?« Vetter Koppel fand in seinem wirren Kopfe wahrscheinlich keine Antwort; er ließ die zitternde Hand von dem Arme Rebb Schlomes los, worauf sie in einem fort geruht, und schlich dann in seine Kammer. Er ahnte nicht, welche Bedeutsamkeit sein umnachtetes Leben heute zum ersten Male gewonnen und daß Rebb Schlome in der Tat entschlossen war, die Löwen Judas aus ihrer Verbannung wieder in sein Haus zurückzuführen. 23. Zwischen den Garben. Rebb Schlome hatte das Versprechen, das er am Abend vor dem Schlafengehen dem Vetter gegeben, wirklich nicht vergessen. Eine seltsame Unruhe ließ ihn kaum den Anbruch des Tages erwarten; er eilte mit dem Morgengebete und wartete nicht einmal auf das Frühstück. Die Nacht hatte seinen Entschluß nicht verweht. Verwundert blickte Nachime dem Davoneilenden nach; in ihr war der Eindruck des gestrigen Abends beinahe verwischt. Sie mußte sich erst erinnern, zu welchem Zwecke ihr Mann am frühen Morgen den Richter besuchte. »Merkwürdig,« sagte sie zu Anschel, der mit nicht weniger Befremden die Hast des Vaters anstaunte, »merkwürdig, wie er ist. Da fürchtet er sich, daß ihm Vetter Koppel das Haus verschreien könnt', und jetzt geht er ungebeten, wie wenn ihm's einer befohlen hätte, bloß weil der alte Vetter seinen ›Mogen Dovid‹, sein Spielzeug will! Wie versteht man das?« »Mir scheint, Mutter,« entgegnete Anschel, »wir verstehen uns alle auf den Vater nicht.« Nachime schüttelte den Kopf. Es dauerte nicht lange, so kam Rebb Schlome zurück. Sein Gesicht schien kummervoll, seine sonst aufrechte Haltung gedrückt. Vetter Koppel war in der Stube und verzehrte sein Frühstück; er hatte den Eintretenden nicht bemerkt. Als aber Tille, wenn auch im leisen Tone, dem Vater nur das einzige Wörtchen: »Nun?« zurief, horchte er auf und legte den Löffel sogleich zur Seite. »Er gibt's nicht her,« sagte Rebb Schlome halblaut, »ich könnt' ihm Tausende dafür anbieten . . . er gibt's nicht her.« »Wirklich nicht?« rief das Kind in seiner Enttäuschung. »Was willst du tun?« meinte Rebb Schlome, und jetzt erst zeigte sich, wie kummervoll und grämlich der ganze Ausdruck seines Wesens war. »Willst du mit einem Bauer Weisheiten ausreden? Der Bauer hält auf den Mogen Dovid, man kann auf die schönste goldene Uhr nicht so viel halten. Das wenigste meint er, ist, daß Stall und Hof vor Unglück bewahrt sind und daß kein Feuer Gewalt hat über sein Haus. Aber er hat noch eine andere Idee davon. Er meint, solange er ihn hat, kann überhaupt nichts Böses in sein Haus kommen.« »Glaubt das der Bauer auch?« rief das Kind. »Wer glaubt's denn noch?« fragte Rebb Schlome und ein scheuer, erschrockener Blick glitt hastig über Tille hin. »Ich mein' nur!« sagte Tille und brach schnell ab. »Was willst du aber tun, wenn er's doch nicht hergibt?« sagte er dann ärgerlich. »So ein Bauer hat einen harten Kopf. ›Herr Richter,‹ hab' ich gesagt, ›ich hab' einen alten Vetter im Haus, der hat nichts auf der weiten Welt, als das, es hängt ihm sein Leben daran, und er weint und jammert danach. Gib's dem zurück, wenn du mir schon den Gefallen nicht tun willst.‹ Da ist er fast zornig geworden und hat aufbegehrt mit mir. ›Was geschenkt ist, ist geschenkt!‹ hat er geschrien, ›und ich geb's nicht zurück.‹ Was hätt' ich da tun sollen, ich frag' dich selbst? Der ist imstande und hetzt das Dorf gegen uns auf, bloß weil ich ihm den ›Mogen Dovid‹ wegnehmen will.« Vetter Koppel, den doch all das anging, hatte die ganze Unterredung schweigend angehört; nur die Augen hatte er abwechselnd bald auf Rebb Schlome, bald auf Tille gerichtet. Als jetzt Rebb Schlome geendigt, stand er auf und schlich zur Stube hinaus. »Der tut sich ein Leid an, wenn man ihm nicht bald seinen Mogen Dovid zurückbringt,« rief Nachime. Rebb Schlome sagte dagegen kummervoll: »Ich hab' ja dem Bauer nicht mit Gewalt kommen können? Ich hätt' ihn ja gerne selbst wieder zurück.« »Wieder Gewalt?« meinte Nachime in tonlos spitzem Tone zu Tille gewendet. »Aber sieh, was er tut,« setzte sie sogleich laut hinzu; »ich fürcht', er tut sich ein Leid an.« Anschel und Tille eilten auf dieses Geheiß zur Stube hinaus. Draußen im Hof fanden sie den Vetter neben dem Brunnen auf bloßer Erde sitzen, den eisgrauen Kopf wie sinnend in beide Hände gedrückt. »Vetter, was machst du?« rief Tille unüberlegt hastig, indem sie zu ihm herantrat. Vetter Koppel sah auf; sie hatten geglaubt, er weine; aber mit Staunen blickten sie in ein eigentümlich entschlossenes Antlitz, auf dem auch nicht die leiseste Spur eines Schmerzes zu lesen war. Die Augen warfen sogar einen Glanz zurück, den sie niemals daraus hatten leuchten gesehen. Er mahnte an Verstand. »Ich denk' an meinen dicken Wald,« entgegnete er ruhig, »und ich bekomm' ihn doch, wenn Rebb Schlome mich auch tausendmal noch foppt.« »Laß ihn gehen und komm,« flüsterte Anschel seiner Schwester zu, »der tut sich sobald kein Leid an.« In der Tat verhielt sich Vetter Koppel an diesem Tage ruhig, und nichts an ihm verriet, daß er sich seiner plötzlichen Bedeutsamkeit bewußt geworden war. Bald nachdem ihn die Geschwister verlassen, stand er auf und machte, wie er dieses täglich tat, seinen gewöhnlichen Gang durch die Gasse des Dorfes. Nur am Hause des Richters blieb er längere Zeit stehen, und blickte mit seinen trüben Augen über die Planke in das Innere des Hofes hinein; dann entfernte er sich und setzte seinen Weg fort. Zu Mittag stellte er sich pünktlich im Hause ein; das Essen schien ihm trefflich zu munden, und alle schauten vielleicht zum ersten Male mit einer Art Genugtuung, wie wacker der Vetter den Speisen zusetzte, nicht anders, als ob er tagelang keinen Bissen zu sich genommen hätte. Nach Tische zog Rebb Schlome Anschel auf die Seite. »Meinst du denn,« sagte er zu ihm leise, »ich hätt' nicht schon schneiden lassen, da ich seh', daß auch die andern schon angefangen haben?« »Und warum doch, Vater?« wagte Anschel zu fragen. Rebb Schlome starrte einen Augenblick vor sich hin, wie auf eine Antwort sinnend. Dann sagte er rasch, als wenn das Wort nicht schnell genug über seine Lippen kommen könnte: »Ich hab' gewartet, bis ich den Richter schneiden seh'! Denn er ist doch die erste Person im Dorfe und von allen der Gescheiteste. Beeilt sich der noch nicht, hab' ich mir gedacht, so brauchst du dich auch nicht zu beeilen. Muß denn der Jude zuerst anfangen? Daß sie dann zu sagen haben: Der Jud' kann's nicht abwarten, bis er die Gottesgabe in seiner Scheuer hat? Er möcht' sie gern noch ganz grün sich nach Hause führen? Jetzt weiß ich, der Richter läßt morgen schneiden – also halt ich's für das beste. daß wir übermorgen anfangen.« Anschel vermochte nur zu sagen: »Du hast recht, wie immer, Vater, und verzeih mir.« Trotz der eigentümlichen Beweisgründe, mit denen Rebb Schlome sein plötzliches Nachgeben rechtfertigen wollte, sah Anschel ein, daß der Vater im Grunde, um sich nicht zu demütigen, keinen bessern Ausweg hätte finden können. Über das eisenharte Antlitz Rebb Schlomes schlich nach den Worten Anschels ein trübes Lächeln. »Du wirst auch einmal anders werden,« sagte er. Von diesem Augenblicke an ging ein merkwürdig bewegtes Leben, wie ein frischer Windhauch nach erstickender Hitze, durch das Haus. Wohin man schaute erblickte man Anschels stämmige Gestalt, wohin man horchte vernahm man ihn. Er schien vielgestaltig und vieltönig geworden. Bald lief er absichts- und willenlos ins Dorf, bald kam er wieder zurück, und gleich darauf wieder ins Dorf, weil er, wie er meinte, dem einen oder dem andern Drescher es nicht gehörig eingeschärft habe, morgen auch pünktlich zu erscheinen. »Auf was freut er sich denn so?« grollte es wieder in Nachime, »auf das bissele Korn, was sie vom Feld heimbringen werden? Es ist wahr, das ist jetzt unser ganzer Reichtum, und wenn es schlecht gerät, sind wir halbe Bettler. Aber wie er so herzfreudig sein kann! Beim ›Geschäft‹ war er immer schläfrig und hat nicht gewußt ein Seidenband von einem Baumwollband zu unterscheiden, und jetzt?« Mehrmals versuchte sie auch dem Strome, aus dem Anschel in wilder Lust dahinschwamm, einen Damm vorzubauen, indem sie den freudebewegten Sohn festhalten und ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen meinte. Aber Anschel entglitt ihr jedesmal und stand ihr nicht Rede. »Leider Gottes,« sagte sie betrübt, »er ist heute wie ausgewechselt. Man kann sich gar nicht mit ihm ausreden.« Der Morgen brach an. Schon in aller Frühe waren Anschel und Wojtech nebst den anderen Knechten fortgegangen. Es war nicht lange nach Sonnenaufgang. Später folgte ihnen Rebb Schlome. Als Nachime um ihre gewöhnliche Aufstehstunde erwachte, fand sie das Haus leer; denn auch Elieh und Vetter Koppel waren nicht zu finden. So war sie mit Tille allein. Es läßt sich kaum sagen, welch ein Gefühl von Bangigkeit wieder über ihr Gemüt kam. Daß der wichtigste Abschnitt ihres jetzigen Lebens, von dem so viel abhing und der entscheiden sollte, ob die neue Heimat zugleich eine festbegründete sein werde – daß dieser Zeitpunkt gekommen war, ohne daß sie tätig eingriff, daß man sie so zu Hause lassen konnte, als wäre sie zu gar nichts zu gebrauchen, fiel mit Zentnerlast auf ihr wundes Herz. Das war es aber nicht allein. Sie hatte im Grunde geglaubt, das würde so in alle Ewigkeit hinein dauern; all das, was sie seit Tagen und Wochen in Bitterkeit und Groll, in Widerstand und Streit erlebt, würde nie aufhören. Nun war die Ernte gekommen, das »Brot der Ähren« sollte ins Haus geschafft werden. Draußen auf dem Felde standen sie im heißen Sonnenbrande, und die Torflügel der Scheuer waren weit offen, um die goldene Last zu empfangen! Daran hatte sie nicht gedacht, es kam ihr zu früh; sie war beinahe nicht vorbereitet darauf! Was hatte jetzt all ihr Groll und Widerstand für einen Sinn? Warum sollte sie noch in ihrer Bitterkeit verharren? Hatte ihr Mann nicht redlich Wort gehalten? Hatte er sie belogen? getäuscht? Und wieder, wie an ihrem ersten Feldgang, überall, wohin sie immer ihre Schritte lenkte, glitten ihr die vor fünfundzwanzig Jahren zwischen den Ähren eines Feldes gesprochenen Worte ihres Mannes nach: »Sieh her, Nachime, das ist Gottes Gab', da draus wird Brot! Wenn mir Gott die Kraft gibt. sollst du und das was nachkommt immer Brot haben« Wie die Stimme eines Gottesgerichtes schreckten sie diese Worte auf; sie war sich zum ersten Male mit voller Klarheit bewußt, daß sie sich versündigt hatte. Aber an wem? Ob an Mann und Kindern, ob an Gott oder an sich selbst, dazu schwieg ihr aufgeregtes Gemüt, darauf verstummte jede Antwort. Doch dessen war sie sich bewußt, daß eine Sünde nicht an einem allein begangen werden kann, daß sie mit glühenden, feurigen Zungen nach allem lecke, was in den Bereich ihres heißen Atems kommt! Aber ob sie gar kein Recht gehabt habe? Auch solche Stimmen ertönten in ihr und wurden zuweilen stärker als ihr Bangen und Entsetzen. Wenn sie gar kein Recht gehabt hatte, wie war das aus ihr geworden, was sie jetzt war? Sie konnte sich doch erinnern, daß sie ehemals einen ganz andern Charakter, eine andere Sinnesweise und Lebensanschauung hatte! . . . Was hatte sie so geändert, daß sie sich selbst nicht zu erkennen vermochte? . . . Wie es immerhin mit diesem Rechte oder Unrechte stand, das fühlte sie: heute am Tage der Ernte konnte keine Rede davon sein. Lebendig, wie nie zuvor, drängte sich ihr das Bedürfnis auf, die jetzige Lage ihres Gemütes Gott anheim zu stellen . . . sie wollte beten. Sie nahm nicht die täglichen Gebete vor; sie wollte jetzt nicht beten, was sie nicht verstand, und die Sprache Zions war ihr natürlich ein heiliges Geheimnis. Mit gieriger Hand langte sie nach einem kleinen Büchlein, das aus der alten Heimat den Weg in die neue gefunden hatte. Das Büchlein war ihr am Hochzeitstage von der Mutter geschenkt worden und führte den Titel: »Die fromme Tochter Israels« und enthielt in »jüdisch-deutscher« Sprache die Gebete, deren sich nur Frauen bedienen konnten. In der Tat stand in dem dünnen Bändchen gar viel; es war darin für jede Lage und Stimmung, für jeden Umstand des Lebens, mochte dieser ein freud- oder ein leidvoller sein, gesorgt; der unbekannte Verfasser mochte das Herz des Weibes gekannt haben. Ihr war das fromme Büchlein fast fremd geworden; sie hatte darin seit dem Einzug ins Dorf nicht gelesen, und das Aufsuchen der Gebete ging ihr darum schwer von statten. Sie blätterte lange darin herum, ohne eigentlich sich klar bewußt zu werden, welches Gebet sie aus dem reichen Inhalt für ihre jetzige Lage und Stimmung herausheben sollte. Es sollte ein Gebet sein, das mit dem »Felde« im Zusammenhange stand, etwa »was eine Bäuerin sich zu erbeten hat,« wenn zum ersten Male die Ernte nach Hause kommt. Sie las alle Überschriften; aber in keiner fand sie, was sie suchte. Da waren Gebete für alle Fast- und Feiertage, in und außer der »Schul« zu gebrauchen; dann kam eine große Reihe von solchen, die nur für gewisse Gelegenheiten und Anlässe bestimmt waren. Das erste begann mit der »jungen Braut« »vor der Chuppe« (Trauung) zu beten und begleitete sie so in auf und ab steigenden Linien durch alle Wechselfälle des ehelichen Lebens. Nachime überblätterte sie alle; als sie zu der Überschrift kam »nach dem Aufstand zu beten«, worunter der Verfasser nicht die Schrecken einer Revolution, sondern einfach das Wochenbett verstanden haben wollte, mußte sie sogar lächeln. Aber dieses Lächeln verschwand sogleich, als sie auf einer der nächsten Blattseiten das Gebet zur »Jahrzeit« auf dem Grab einer Mutter fand. Doch auch darüber huschte sie leicht hinweg; ihre Seele wollte ja aus schmerzlichen Erinnerungen heraus und Worte für den gegenwärtigen Moment finden. Immer trüberen Inhalts wurde von da an das Büchlein; da betete eine Frau »für ihr krankes Kind«, auf einer andern Seite dankte sie wieder dem Schöpfer, daß er es genesen ließ. Gleich darauf hatte sie wieder Anlaß, sich an ihn zu wenden: »das Kind hatte einen schlechten Lebenswandel eingeschlagen« und die Mutter bat um Erleuchtung, um Besserung ihres Kindes. So hatte sie das ganze Büchlein vom Anfang bis zum Ende durchblättert und nicht die kleinste Überschrift »überschluppert«; aber als sie nun an die letzte Blattseite gekommen war, bemerkte sie mit einer gewissen Verblüffung, daß sich das rechte Gebet nicht gefunden hatte. In fünfundzwanzig Jahren hatte ihr »die fromme Tochter Israels« die treuesten Dienste geleistet; es war nicht eine Lebensfrage, auf die sie ihr während dieser langen Zeit nicht eine gehörige Antwort geleistet hätte, – und jetzt schwieg auch sie? Nachime hielt das für unmöglich; mit fieberhafter Hast durchflog sie noch einmal den Inhalt des Büchleins; nirgends fand sie, »was sich eine Bäuerin zu erbeten hat, wenn zum erstenmal die Ernte nach Hause kommt.« »Lebendiger Gott!« seufzte sie aus der Tiefe ihrer Seele, »ist das auch eine Schickung von dir, daß ich jetzt nicht einmal ein Gebet finden kann, was mir paßt? Ich will ja beten.« Plötzlich fuhr es wie ein jähes Licht an ihren Augen vorüber; jetzt wußte sie, warum »die fromme Tochter Israels« für sie keine Antwort hatte. »Wie ist mir?« schrie sie, »wie soll der, der dieses Buch gemacht hat, wissen, daß ich einmal existieren werde? Hat es denn damals schon Bäuerinnen gegeben? Da sieht man erst recht, was sie aus mir gemacht haben . . . Nicht einmal ein ganz kurzes Gebet ist ihm für mich eingefallen. Wie hätt' er auch daran denken sollen? Es hat ja keine Bäuerinnen gegeben, und ich – ich, Nachime Hahn, muß eine sein!« Erbittert warf sie das Buch weit weg von sich, und hob es dann wieder erschrocken auf. »Du kannst ja nicht dafür,« sagte sie, wie zur Entschuldigung der beleidigten »frommen Tochter Israels«, indem sie einen sühnenden Kuß darauf drückte, »daß ich für meinen Zustand in dir nichts finde! Für eine Bäuerin gibt es kein Gebet, darauf hat das Buch ganz vergessen.« Nachime betete also nicht; ihre Seele schwankte zu sehr unter der Wucht der verschiedenartigsten Stürme, denen sich ihr Sinnen und Trachten an diesem merkwürdigen Morgen willenlos hingab. Die Folgen dieser Selbstmarter stellten sich auch bald heraus. Nachime fühlte sich plötzlich matt zum Sterben. Sie mußte sich niedersetzen; vor den Augen hing es ihr wie ein grauer Schleier, nur ihr Herz pochte und schlug; es war das einzige, was noch Leben in ihr zu haben schien. Da glaubte sie wirklich zu sterben, und ein Gefühl süßer Zufriedenheit überkam sie, wie es aus solcher Seelenmattigkeit sich gewöhnlich zu erzeugen pflegt. »Wenn mich jetzt Gott zu sich abberufen möcht',« sprach es in ihr, »so wär' es doch das Beste, was mir geschehen könnt'. Was soll ich noch auf der Welt? Besseres wird so nicht nachkommen, und so fortzuleben, wie ich lebe, steht ja gar nicht für die Mühe. Meinen Leuten mach' ich so nichts als Herzleid und Kummer; sie werden noch Gott danken, daß er mir den Gefallen getan und mich zu sich genommen hat. Der Tod wär' mir das Beste.« Der Gedanke an das Ende ihrer Tage hatte für sie seine Schrecken verloren in diesem Augenblicke; sie schloß auch die Augen, als ginge es wirklich zum Sterben. Allmählich sänftigte sich der Strom des Blutes, der ihr noch immer wild und unbändig durch die Adern schoß; die mächtigen Gewalten, unter denen sie vorher erbebt, wie ein schwaches Rohr im Winde, hatten sich in unnahbare Tiefen begeben; sie schlief. Ohne Traum, ruhig atmend, lag sie auf dem Stuhle. Wie lange sie so geschlummert, wußte sie selbst nicht, aber plötzlich wachte sie auf und sah Tille lächelnd vor sich stehen. »Bist müd', Mutter?« fragte das Kind. »Warum schläfst du denn nicht weiter? Ich will gleich fortgehen.« »Hab' ich denn geschlafen?« rief Nachime erschrocken, indem sie rasch vom Stuhle aufsprang. »Du wirst mich schön auslachen, Tille,« setzte sie hinzu, »wieso ich grad' heute, am hellen lichten Tag hab' schlafen können, und es gibt doch heute so viel zu tun!« »Warum nicht?« sagte Tille, »du warst müd' und da sind dir die Augen zugefallen.« »Bist du bei Sinnen, Tille,« rief dagegen Nachime zürnend. »Heut' willst du, daß ich schlafen soll? Für so viel Leut' ist zu kochen und zu sorgen . . . Wie Wölfe werden sie kommen, die ein paar Tage gefastet haben, und ich soll faul sein und mir wohl tun? Ich weiß gar nicht, wie du darauf verfällst. Ich sollt' schon am Feuer stehen . . .« »Dafür hab' keine Sorge, Mutter,« sagte lachend das Kind, »es sind ja kaum die Kühe ausgetrieben worden.« Wunderbares Spiel der Seele! Nachime hatte alle Müdigkeit vergessen. Ihre Augen blickten hell und leuchteten in einem eigentümlichen Glanze. Am prasselnden Feuer, angeleuchtet von der freundlichen Glut, geschäftig hin und her wandelnd. wer hätte in dieser Nachime dieselbe erkannt, die vorhin zu sterben vermeinte? Tille half ihr getreulich, trug zu und ab, und man sah es dem Kinde an, mit welcher Freudigkeit es die Mutter unterstützte. Nachimes ganze Seele, all ihr Sinnen und Trachten schien jetzt beim »Kochen« zu sein; sie schien keine andere Sorge zu kennen als daß das Fleisch gar werde, die Suppe nicht anbrenne, und das Schmalz nicht in die Flamme gerate. So war der halbe Vormittag Nachime vergangen, sie wußte nicht wie? Mitten in ihrer Geschäftigkeit hatte sie nur wenig an die draußen auf dem Felde arbeitenden gedacht. Zum ersten Male seit langen Wochen befand sie sich in jenem Zustande von Gedankenlosigkeit, die zuweilen das Anzeichen einer innerlichen Glückseligkeit ist . . . Es mochte nicht weit zu Mittag sein, als Tille mit einem Male in die Küche mit den Worten stürzte: »Sie kommen, sie kommen, Mutter! Gleich werden sie dasein!« »Wer, wer?« rief Nachime. »Der Wagen, das Feld, ich will sagen das Getreide,« rief das Mädchen in atemloser Verwirrung, »und oben auf dem Wagen sitzt Anschel und kutschiert.« Kaum hatte sie das gesagt, als sie schon wieder zur Küche hinauseilte. Nachimes Wesen erzitterte unter dieser Nachricht! Dieselbe Mattigkeit, die sie am frühen Morgen überfallen, kam wieder über sie; sie war dem Umsinken nahe. Wovor erschrak sie? Diesmal war sie jedoch stärker als diese ermattende Gewalt. Ohne daß sie es wollte, hatte sie die Kraft errungen, sie zu überwinden. Sie hörte lustiges Peitschengeknall . . . zögernd ging sie aus der Küche und kam, wenn auch mit wankenden Füßen, über den Hof an das Tor, von wo sie in die Gasse des Dorfes blicken konnte. Da kam der mit Garben hochauf beladene Wagen, von zwei Pferden gezogen, die nur langsam mit der goldenen Last einhertrabten, die Gasse herauf. Oben, bis an den Hals in den Halmhaufen verborgen, saß wirklich ein menschliches Wesen, nur etwas. das einem mit einem Hut bedeckten Kopfe glich, war sichtbar. Sollte das wirklich Anschel sein? Der saß, um des lebendigen Gottes willen, auf so gefährlicher Stelle? Im ersten Augenblicke zweifelte Nachime; aber je näher der Wagen kam, desto begreiflicher war es ihrem Auge, daß derjenige, den sie auf so schwindelnder Höhe sah, dennoch ihr Kind, ihr eigener Anschel sei. Fast schwanden ihr die Sinne; sie konnte den Anblick nicht ertragen. Dennoch blieben ihr die Augen weit offen, wie von einer unsichtbaren Kraft weit aufgetan, daß sie nach dem Wagen sehen mußte. Pferde und Garben schwammen zu einem grauen Nichts zusammen; aber den Kopf auf der Höhe sah sie deutlich; es war wirklich Anschel. Auch der »Kopf« mußte sie bemerkt haben, denn mit einem Male zogen die Pferde rascher an, und setzten sich auf einen Zuruf, der aus den Lüften zu kommen schien, in schnellern Trabe. Dadurch meinte Nachime, der Wagen käme auf sie zugeflogen, und sie erschrak noch mehr. Solche Tollkühnheit von ihrem eigenen Kinde hätte sie nie erwartet . . . Sie drückte sich an den offenen Torflügel an; sie hätte von diesem Platze nicht weichen können! Doch kam erst jetzt ein in der Tat gefährlicher Augenblick. Um in den Hof einzufahren, mußte der Wagen in eine Wendung gelenkt werden. Der Roßführer mußte eine stark regierende Faust besitzen, um dieses Wagestück zu bestehen, oft hatte sie bemerkt, wie selbst Wojtech mit kleineren Lasten vorsichtig in das Tor gefahren kam, wie stramm er die Zügel anhielt, um ungefährdet sein Gespann über den gefährlichen Weg zu bringen. Jetzt war Anschel daran! . . . nur ein einziger Zug am Leitseil genügte, und die schauerliche Tat war entweder gelungen, oder er lag, herabgeschleudert von der Höhe des Wagens, zerschmettert auf der Erde! Sie hatte die Augen schließen müssen. In demselben Moment rief es: »Mutter, geh vom Tor weg, ich bitte dich.« Sie hatte Anschels Stimme erkannt, trotz der Ohnmacht, die sie anwandelte. Das weckte sie auch gewaltsam wieder zum Bewußtsein. Sie war vom Tore hinweggesprungen, sie hätte nicht sagen können, ob die Füße sie getragen, oder luftige Geister sie von dieser Stelle fortgerückt hatten. Sie blickte wieder auf . . . da kam das hochaufgelastete Gespann knarrend durch das Tor, daß die Garben wie Wasserwogen rauschend dahinschossen. Jetzt hielt der Wagen mitten im Hofe. »Nun, Mutter,« rief die Stimme in der Höhe, »jetzt können wir Gott danken; es geht alles gut und vom ›Aufessen‹ kann gar keine Rede mehr sein.« Nachime atmete erst jetzt auf; es lag eine wahre Totenblässe auf ihrem Antlitze. »Du hast mich aber erschreckt, Anschel . . .« sagte sie nach einer Weile, »ich werde mein Lebtag daran denken müssen.« »Warum? warum, Mutter?« rief verwundert die Stimme in der Höhe. »Lebendiger Gott! du kannst noch fragen,« sprach Nachime mit Anstrengung. »Wer hat dich geheißen, da oben auf der Spitze zu sitzen, wie auf einem Turm? Hätt'st du das nicht einem andern überlassen können und wärst lieber zur Seite des Wagens gegangen?« »Das geht nicht, Mutter . . ,« rief Anschel mitten aus seinem Versteck heraus, »das geht nicht. Da wär' ich ein schöner Bauer, wenn ich nicht einmal das könnte . . .? Und dann hab' ich ja mein Probestück ablegen müssen!« »Dein Probestück?« klang es schneidend von Nachimes Lippen zurück. »Weißt du das nicht, Mutter,« rief Anschel aus seiner Höhe, »daß jeder neue Bauer ein Probestück geben muß? Es soll einer aus unserer ›Gasse‹ jetzt kommen, und soll mir das nachmachen, mit einem vollgeladenen Wagen durch ein enges Tor zu fahren, daß auch nicht ein Federl herunterfällt! Meinst du, das ist eine so leichte Kunst?« »Ich hab's ja gesehen, daß sie nicht so leicht ist,« sagte Nachime mit an Hohn streifendem Tone, »und an deine Mutter hast du gar nicht gedacht!« Anschel mochte es diesem Tone angehört haben, wie schmerzlich die Mutter bewegt war. »Was wär ich für ein Bauer,« rief er, indem er sich in der Strohlast aufzurichten versuchte, um sich ihr vernehmbarer zu machen, »wie hätten sie mich ausgelacht und ausgespottet, wenn ich's nicht zustand' gebracht hätte. Sieh her, Mutter! Das erste Korn bringen wir heim, auf dem eigenen Feld ist es gewachsen, und da hätt' ich mir nehmen lassen sollen, die erste Fuhr' in unsere Scheuer zu schaffen? Ich hab' mich so lange darauf gefreut.« »So komm doch nur einmal herunter.« sagte Nachime nach einer Weile, »ich bekomme dich ja gar nicht zu sehen da droben auf dem Turm.« Das klang zwischen Besänftigung und Zorn. »Ich kann ja noch nicht, Mutter,« rief Anschel lustig »ich muß ja das erst herunterwerfen.« So sprechend, ergriff Anschel mit kräftigen Händen zwei der mächtigsten Garbenbünde und schleuderte sie im kühnen Schwunge weit von sich, daß sie gerade vor der Scheuer niederfielen. »Da sieh her, Mutter,« rief er dazwischen, indem nun Garbe auf Garbe rauschend niederfiel, »da sieh dir das Korn an und frag dich dann, ob du jemals etwas Schöneres gesehen hast. Sie sagen auch alle: unser Feld muß etwas ganz Besonderes haben, weil es gar so gut gediehen ist. Das Korn ist so glatt und steckt in den Hülsen, man kann's unbeschrien kaum zählen. Der Vater ist herzfreudig und geht wie ein Kaiser unter den Schnittern herum; du solltest ihn sehen, Mutter, wie er befiehlt und angibt und wie sie Respekt haben alle vor ihm. Er hat ihnen Bier und Essen aus dem Wirtshause holen lassen, und du solltest jetzt hören, wie sie von uns Juden sprechen.« »Weiß er denn schon, ob's so viel ertragen wird?« unterbrach ihn Nachime. »Das sieht jetzt schon ein Kind ein,« gab Anschel zur Antwort. »Was hättest du gesagt, Mutter, wenn wir dir zum Beispiel das Mutterkorn ins Haus gebracht hätten.« »Was ist das?« fragte Nachime, der das Wort noch nie zu Ohren gekommen war. »Das ist etwas Schreckliches, Mutter,« entgegnete Anschel unter seiner Arbeit, »der Bauer, dem es auf seinem Feld zustößt, vergißt es in seinem ganzen Leben nicht. Das sind schwarze giftige Punkte, die sich ins Korn hineingefressen haben. Aber Gift muß es sein, wie von der Schlange, wenn sie einen beißt. Denn Wojtech hat mir erzählt, daß schon Menschen gestorben sind, die von solchem Brot gegessen haben.« »So etwas ist's?« meinte Nachime schaudernd. »Und das hätt' auch an unserem Feld uns zustoßen können?« »Das kommt wie eine Krankheit,« sagte Anschel. »Heut' ist das Feld frisch und gesund wie ein Mensch, und kommst du am andern Morgen in der Früh hinaus, so ist es todkrank, und dafür ist kein Arzt. Man kann dem Feld keine Medizin verschreiben.« Nachime schwieg zu diesen Erklärungen; Anschel ahnte nicht, welches Unrecht, ja welche Unklugheit er beging, gerade jetzt diese landwirtschaftliche Vorlesung zu halten. »Und weißt du noch was, Mutter?« fuhr er unaufhaltsam fort. »Ein alter Bauer, der alte Wazlaw Smetana, auf den sie alle viel geben, hat prophezeit, daß das nächste Jahr kein gutes sein wird, und das, meint er, ist für den Bauer, der sein Getreide nicht zu verkaufen braucht, weil er Geld nötig hat, gerade das beste. Der Vater hat schon gesagt, er will kein einziges Korn verkaufen; er will die Zeit abwarten.« »Er will nicht verkaufen?« wiederholte Nachime unwillkürlich. »Warten will er? Auf was denn?« »Ja, Mutter,« sagte Anschel, »er will abwarten, dann schlägt er los.« »Wovon werden wir denn das ganze Jahr leben?« fragte Nachime, der der Kopf zu schwindeln begann; sie übersah nicht sogleich diesen auf Jahresfrist in Aussicht gestellten Gewinn. »Von dem da, Mutter,« rief Anschel, indem er auf die Garben wies. »Meinst du denn, wir werden das alles aufessen? Dazu gehören gar viele Esser!« Jetzt war Anschel mit seiner Arbeit fertig. Die ganze Getreidelast lag vor der Scheuer auf dem Boden. Hoch aufgerichtet stand der stämmige Jüngling in seiner vollen gedrungenen Gestalt vor den Augen der Mutter. Er war von der Arbeit tief gerötet; die sehnigen Arme waren weit bis über die Ellenbogen hinauf sichtbar. Dieser Anblick jugendlicher Kraft schrieb dem Gedankenstrome Nachimes, der sich um diesen Augenblick zu trüben begonnen hatte, sogleich einen andern Weg vor: »Du bist doch ein rechter Bauer geworden, Anschel,« sagte sie in einem Tone, aus dem nicht der leiseste Vorwurf klang. »Wenn du das sagst, Mutter,« rief Anschel, »so möcht' ich's gerne glauben.« »Willst du dich denn nicht ausruhen?« sagte sie nach einer Weile, »du wirst dich ja vor Müdigkeit gar nicht rühren können.« »Traust du mir,« meinte Anschel ganz verwundert, »so wenig Kraft zu, daß mich das ›bissele‹ Arbeit umbringen sollte? Heut' ist ein umgekehrter Jom Kippur! . . . statt zu fasten und in Schul' sitzen, muß man arbeiten und auf dem Feld stehen. Vor Abend siehst du mich nicht, und morgen und übermorgen ist das nämliche Spiel.« Damit faßte er die Zügel fester in die Hand. »Jetzt, Mutter . . .« sagte er, »sei so gut und geh wieder auf die Seite. Ich muß umlenken.« »Um Gottes willen, gib acht!« rief Nachime mit neuem Entsetzen. »Hab keine Sorge, Mutter,« tröstete Anschel, »die Pferde kennen mich.« Nachime folgte der Weisung des Sohnes und ging einige Schritte seitwärts. Aber Anschel schien mit einem Male zu zögern, hatte an den Leitseilen zu tun, worüber eine geraume Weile verging. »Nun, warum fährst du nicht?« rief Nachime ängstlich, »traust du dich nicht?« »Hab' ich gar nichts auszurichten, Mutter, an gar niemanden?« fragte Anschel, indem er die Mutter treuherzig ansah. Nachime mußte die Frage ihres Kindes wohl verstanden haben. Mit gesenkten Blicken und jener feinen durchsichtigen Röte auf dem Antlitze sagte sie schnell: »Rat ihm, er soll nichts trinken, wenn er erhitzt ist, und er soll sich nicht überarbeiten, es könnt' ihm sonst schaden.« »Soll ich ihm das von mir ausrichten?« fragte Anschel leise, doch so, daß jeder Ton vernehmlich das Ohr Nachimes traf. »Ist denn das . . . für deinen Vater nicht einerlei, ob es von mir kommt oder dir?« meinte Nachime noch immer mit gesenkten Augen. »Ich richt' ihm's also von dir aus, Mutter,« rief Muschel laut und jubelvoll. Hatte Nachime das Haupt wie zur Bejahung geneigt? Ehe sie es sich versah, hatte Anschel die kühne Wagenwendung ausgeführt; ihrer Last entledigt, schossen die feurigen Pferde an ihr vorüber und zum Tor hinaus. Sie blieb wie angewurzelt stehen und horchte auf. Das Gerassel des Wagens verkündete ihr, daß Anschel auch das zweite Wagstück, die Biegung in die Gasse, glücklich überstanden. Langsamen Schrittes ging sie dann in die Küche zurück. 24. Das Mutterkorn. Anschel hatte wahr gesprochen; der Segen kehrte sichtbar in die Scheuern Rebb Schlomes ein. Wagen kam auf Wagen; auf jedem lag die goldene Last hoch aufgehäuft, keiner stand dem andern an Fülle nach. Wojtech und Anschel wechselten miteinander ab in der Heimfahrt. War kaum der eine mit seiner Arbeit fertig, so lenkte der andere schon das Gespann durch das heute offenstehende Tor herein. Die Knechte hatten vollauf zu tun, um die eingeheimsten Garben unter Dach und Fach zu bringen; es kamen immer neue hinzu; es schien ins Unendliche zu wachsen. Dem allen sah Nachime mit einem Gefühle von Verblüffung zu, das von Stunde zu Stunde, von Wagen zu Wagen wuchs. Weil sie den Maßstab nicht kannte, den der Bauer an die Ernte legt mit gewohntem, sicherem Blicke, bedünkte es sie fast wie ein Wunder. – »All mein Lebtag,« dachte und sprach sie in sich, »hätt' ich nicht geglaubt, daß so ein Feld, wenn man's umlegt, so viel zu ›schaffen‹ gibt. Es sieht aus, als könnte ein schwaches Kind es in seinen Armen forttragen, und nun haben starke Männer vollauf zu tun und werden doch vor mehreren Tagen nicht fertig!« Zu Mittag schickte sie durch einige Mägde das »Essen« hinaus; sie sollten es sich schmecken lassen, ließ sie sagen, es sei heute besonders gut zugerichtet, und Anschel solle »ihm« das anraten, um was sie ihn so dringend gebeten und nicht zugeben, daß er an einem so heißen Tage auf seinen Kopf bestehe; es liege ihr viel daran. Als die Mägde sich entfernt hatten, rief sie sie noch einmal zurück, und band jeder von ihnen diesen Auftrag noch besonders auf die Seele. »Kommt noch viel?« fragte sie einmal den Knecht Wojtech, als dieser mit einer neuen Last angekommen war. »He, Frau,« sagte dieser mit schlecht verhehltem Grimme, »es muß nur sein, weil der hochwürdige Herr dabei ist, daß alles so gut geht; sonst möcht' ich das nicht begreifen.« »Ist mein anderer Sohn auch draußen?« unterbrach Nachime den finstern Knecht. Sie erinnerte sich erst, während des ganzen Tages an Elieh gar nicht gedacht zu haben. »Ja, Frau,« sagte Wojtech, »der ist draußen, und ihm hast du es zuzuschreiben, wenn wir morgen, und vielleicht auch übermorgen mit der Arbeit nicht fertig werden. Wie könnten sonst alle Felder ringsherum aussehen, als wären drin die Ratten fett geworden bis zum Zerspringen, und nur der Jud' allein hat den Rahm der Milch davongetragen.« Offenbar war über den Knecht wieder der düstere Geist der Entzweiung gekommen. Er war in diesem Augenblicke der alte, zornige Wojtech, dem die Elbe nicht tief genug war, um alle aufzunehmen, die er haßte. Vielleicht war dieser plötzlich wieder sich aufraffende Zorn nur das Anzeichen seines gesundeten Lebens . . . Wie dem auch immer sei, auf Nachime machte die feindliche Weise des Knechtes einen fast freudigen Eindruck. »Jetzt erst glaub' ich's recht,« jubelte sie, »daß Gott uns Segen gegeben hat, und daß alles gut geht. Möcht' der Knecht so reden, wenn es anders wäre? Möcht' er sich nicht die Hände reiben? Aber so geschieht ihm vielleicht Arges genug und ist ihm winn und weh, daß er nicht mit schlechter Nachricht kommen kann: Frau! An den Körnern zeigt sich das schwarze Gift. Wie hat das nur Anschel geheißen?« Merkwürdig, von jenem schwarzen Gifte war ein Tropfen in ihre Seele gespritzt worden, klein, aber mächtig genug, um sie nicht von der Freude über den stets anwachsenden Erntereichtum überschäumen zu lassen. Sie konnte sich des Wortes nicht erinnern; aber der Schall, die Wirkung war in ihr geblieben. Also auch auf ihrem Felde hätte das schwarze Gift wohnen können? Und wenn sie heuer davon verschont waren, wer stand ihnen dafür, daß die schwere Heimsuchung sie nicht schon im nächsten Jahre traf? »Wie hat das schwarze Gift geheißen, von dem Anschel gesprochen hatte?« rief sie Tille zu, als sich Wojtech ohne Gruß und Wort wieder entfernt hatte. »Ich weiß nicht, Mutter,« sagte Tille. »Du warst ja doch dabei?« bemerkte Nachime. »Ich hab' nicht zugehört,« meinte das Kind. Nachime konnte einige zürnende Worte wegen diesem Unaufmerksamkeit nicht unterdrücken, sie hätte jenen giftigen Ausdruck gern ihrem Gedächtnisse eingeprägt, vielleicht, um ihn jedesmal in Bereitschaft zu halten, mochte sie ihn brauchen oder nicht. Schweigend, ja trübe nahm das Kind die Vorwürfe hin; für Tille war überhaupt heute kein freudiger Tag. Es nagte etwas an ihr, das Trauer und Zorn zugleich war. Der letzte Wagen war heimgekehrt; es war Anschel, der ihn einlenkte. Mit ihm war auch Rebb Schlome gekommen; auch Elieh und der Vetter Koppel hatten sich eingestellt. Bei Mondlicht wurden die letzten Garben in die Scheuer geschafft. Wojtech war, trotz der Gegenbemerkung des müden Anschels darauf bestanden, daß das noch heute geschehen müsse; »das Korn,« meinte er grimmig, »wolle auch schlafen, gestern habe es noch sein Nachtquartier vom lieben Herrgott gehabt. Ob ihm das die Juden heute mißgönnen wollten?« Es war ein eigentümliches Schauspiel, wie sich Nachime an diesem Abend betrug. Sie hatte dem eintretenden Manne kein Wort des Willkommens zugerufen; ihr Gruß galt den Kindern, sie fragte um dies und jenes – ihm wandte sie sich nicht zu. Gegen die Kinder war sie freundlich, ja heiter, und konnte sogar lachen, als ihr Anschel vom Vetter Koppel erzählte, wie emsig er sich an der Arbeit beteiligt, und »richtig« während des ganzen Tages eine Garbe zustande gebracht habe! »Wie aber bist du dazu gekommen, Elieh,« fragte sie, »den ganzen Tag da draußen zuzubringen? Bist du denn so etwas gewöhnt?« »Ich hab' mir's einmal ansehen wollen,« entgegnete dieser . . . Nach dem reichlichen Nachtessen schlief Rebb Schlome sogleich im Sitzen ein. Er hatte schweigend sein Mahl verzehrt und zu Nachime auch nicht einmal aufgeblickt; jetzt hatte ihn die Müdigkeit übermannt. Als die Kinder ihn so sahen, stockte ihr Gespräch und sank zum leisesten Geflüster herab. Dadurch wurde Nachime aufmerksam und blickte nach ihm hin. Wie erschrak sie! Der Schlummer hatte die harten Züge seines Antlitzes milde, fast weich gemacht; ein unbestimmter Zug, wie von schwerem Kummer, schwebte um den Mund, und die Augen schienen eben geschlossen, um die hervorquellenden Tränen nicht sehen zu lassen. So war er ihr nie vorgekommen, seit sie ihn kannte; in guten wie in schlechten Tagen hatte er immer das Straffe und Bestimmte seines Gesichtes zu bewahren gewußt. Nun hatte der Schlummer das Geheimnis verraten; dieser Mann konnte auch sein Weh nicht verbergen . . . Ihr zog sich das Herz zusammen von innigstem Mitleid, je mehr sie nach ihm sah; sie mußte aufstehen und ans Fenster treten, um nicht Zeugen dieser tiefinnigsten Bewegung zu haben. Nach einer Weile rief sie mit leiser Stimme Tille zu sich. »Weck doch den Vater,« sagte sie, das Gesicht beinahe abgewendet von ihr, »da auf dem steinharten Sessel ist kein gesunder Schlaf für ihn . . . er ist zu müd' . . . wie leicht könnt' ihm das schaden! Sag ihm, er soll lieber ins Bett.« »Mutter, ich darf ja nicht,« bemerkte Tille flüsternd. »Warum? warum?« fragte Nachime heftig, wenn auch noch so leise. »Ein Kind darf ja seine Eltern nicht wecken,« sagte Tille, »das ist ja eine große Sünde.« Das hatte Nachime in diesem Augenblicke vergessen. Sie blieb noch eine Weile vor dem Fenster, dann sahen sie die Kinder die ganze Länge der Stube auf den Zehen durchschreiten und beim Vater stehen bleiben. Verwundert blickten sie auf dieses Tun; aber Nachime ließ es nicht dabei. Leise, fast zu leise berührte sie mit der Hand das Antlitz des Schlummernden, der davon nicht erwachte. Dann neigte sie sich zu ihm herab und flüsterte ihm zu, doch so, daß es alle in der Stube vernahmen: »Schlome, warum gehst du nicht schlafen? Du bist ja müd'.« Schlaftrunken fuhr Rebb Schlome auf, blickte um sich mit weit aufgerissenen Augen; aber Nachime war schnell in den Schatten zurückgetreten, er konnte sie nicht gewahren. Er sank nach vergeblichem Bemühen, den Schlummergewalten zu widerstehen, wieder auf seinen Sitz zurück. Auf Nachimes Antlitz zeigte sich tiefe Betrübnis. Aber der Ton der geflüsterten Worte, ihr geistiger Eindruck mußte in die feinsten Gänge seines Gehörs gesunken sein. Nach einigen Augenblicken wachte er mit einem Male wieder auf, fuhr mit der Hand wie ein aus schönen Träumen Erweckter über die Stirne und sah mit hellen Augen um sich. Dann reckte er sich gewaltig, wie neugeboren, und seine volle Muskelkraft ward dabei erst recht sichtbar. »Gut' Nacht alle,« sagte er mit frischem Tone. und aufrechten Ganges ging er in die Schlafkammer. Weit ruhiger sah Nachime am andern Morgen die Einheimsung des Feldreichtums. Aus den Erschütterungen des vorigen Tages hatte sich ein Gefühl der Friedsamkeit abgeklärt; der volle Klang ihrer eigenen Seele, als sie zum ersten Male nach so langer Zeit an ihren Mann ein Wort des Mitleids gerichtet hatte, durchzitterte auch heute ihr Gemüt; er war nicht daraus geschwunden, sie war ruhiger geworden. Nur einmal fiel sie aus dieser selbstbereiteten friedsamen Stimmung. Sie wollte wieder beten; es drängte sie heute mehr der Dank als das stürmische Bedürfnis ihres Gemütes dazu. Aber die fromme »Tochter Israels« hatte heute wunderbarerweise für sie keine Anziehung. Sie war von dem Büchlein in einer zu düstern Stunde treulos verlassen worden; es hatte sich nicht bewährt. Dafür griff sie nach dem »Sidur«, worin die täglichen Gebete standen, und nun begann sie von dem: »Wie schön sind deine Wohnungen, o Jakob!« bis zu dem: »Höre, o Israel!« Plötzlich blieben ihre Blicke auf der unten am Rande stehenden »jüdisch-deutschen Übersetzung« haften. Ohne Absicht, fast gegen ihren Willen las sie: »Du wirst zu essen haben im Überflusse! Aber hütet euch, daß euer Herz nicht wanke und ihr abweichet, sondern Götzen dienet und euch vor ihnen anbetend neiget. Sonst würde der Zorn des Herrn über euch entflammen, er würde die Himmel verschließen, daß kein Regen komme und die Erde nicht hergäbe ihren Saft, und ihr würdet gar bald zugrunde gehen in jenem guten Lande . . .« Weiter konnte Nachime nicht lesen, es ward ihr dunkel vor den Augen; entsetzt legte sie das Buch beiseite, sie hätte um den Preis ihres Lebens nicht fortfahren können. »Und das Mutterkorn,« fiel das Wort ihr mit einem Male ein, das sie gestern vergebens gesucht, »und das Mutterkorn? Ist das noch nicht das Ärgste? Gibt es etwas noch Ärgeres? Kann einem noch weher geschehen? Gott, Lebendiger! Wie vielfach kann man gestraft werden?« Nachime war nahe daran, in die krankhafte Aufregung des gestrigen Tages zu verfallen; es wirbelten und wogten die alten Geister wieder in ihr, denen sie so leicht zum Spiele werden konnte. Zum Glücke fuhr Anschel um diesen Augenblick mit einer neuen Last ein. »Nun, Anschel,« fragte sie, »ist auch heute nichts am Getreide zu sehen?« »Was, Mutter?« fragte er vom Wagen herab. »Ich mein', das Mutterkorn, oder wie du's geheißen hast,« gab sie zögernd zur Antwort. »Wo fallst du aus, Mutter,« rief Anschel erstaunt, »das Korn ist blank wie Gold, es ist nicht ein ›Fleckele‹ daran zu sehen.« »Ich hab' nur gemeint,« sagte Nachime fast beschämt von dieser Zurechtweisung, »es könnt' aber doch sein.« Der Tag verging ohne weitere Anfechtungen. Die Einheimsung hatte ihren ungefährdeten Gang; kein Zwischenfall trat dazwischen. Wieder ward bis spät in die Nacht an dem mühevollen Werke gefördert, es schien kein Ende zu nehmen. Matt und zerschlagen kehrten sie zurück, verschmähten die Abendkost und suchten sogleich die Ruhe auf. Der nächste Morgen war ein Freitag. Nachime hatte sich in aller Frühe vorgenommen, den Sabbat diesmal in alter Weise, wie in der »Gasse« zu begehen. Die Ernte war unter Dach und Fach, so sollten denn alle einmal wieder wissen, worin das Duftendsüße eines solchen Sabbats bestehe. Sie dachte dabei nicht an Kochen und Backen allein – ein anderes regte sich in ihrer Seele, das sie nicht abweisen konnte, das immer wiederkam, sobald sie es verscheucht hatte. Sie war es sich bewußt, ein Sabbat mit dem besten »Kochen und Backen« wäre nichts, wenn sie sich nicht als die »alte« Nachime dabei zeigte; es dämmerte in ihr etwas wie Vergessenheit des Früheren, wie Versöhnung auf. Mit freudiger Lust ging sie diesmal an ihr Werk. In aller Frühe hatte sie die Magd mit Gänsen und Hühnern zu dem Schlächter geschickt, der mehrere Stunden fern von ihnen in einem Dorfe wohnte. Fisch und Backwerk wollte sie mit eigenen Händen bereiten. Sie wollte ihnen allen zeigen, daß sie auch in diesem Punkte wieder die alte Nachime geworden war. Für die Krone des morgigen Sabbats aber hatte sie ein mit »Weinbeeren und Rosinen« voll besäetes »Barches« (weißes Brot) ausersehen; wenn Mann und Kinder davon kosten würden, meinte sie im gerechten Stolze auf ihre Kunst, so sollte es ihnen auf der Zunge »schmelzen«, und sie mußten dann gestehen: »Das kann nur eine Nachime.« Mitten unter diesen Vorbereitungen schreckte sie plötzlich eine Frage Tilles auf. »Mutter, warum wartest du nicht lieber mit so einem Sabbat?« »Warum soll ich warten?« entgegnete Nachime, »so einer kommt nicht sobald. Alles ist herein, wenigstens die Hauptsache, das Korn.« »Meinst du?« sagte das Kind nach einer Weile. »Mir hat gestern in der Nacht Anschel gesagt, sie werden heut' kaum fertig werden. Das Korn wird dann geschnitten zwei Tage lang auf dem Felde liegen bleiben, und da weiß man nicht, ob ihm das nicht schadet. Es kann ja unterdes regnen und hageln.« »Warum sagst du zwei Tage?« meinte Nachime, deren Kopf sich zu verwirren begann. »Morgen ist Sabbat,« sagte Tille, »und übermorgen ist Sonntag. Da darf man auch nichts arbeiten.« »Und sie können heute nicht fertig werden?« fragte Nachime tonlos. »Wenn sie in den Sabbat hinein arbeiten wollen, ja,« sagte das Kind, »sonst nicht.« »Und was werden sie tun?« fragte Nachime nach einer Pause schwer aufatmend, als fürchtete sie zu viel gefragt zu haben. »Ich weiß nicht, Mutter,« sagte Tille leise. Das wollte Nachime jedoch nicht glauben; sie bestand darauf, Tille müsse mehr wissen, als sie sagen wolle. Das Kind beteuerte aber bei allem, was ihm heilig sei, nichts zu wissen, als was ihm Anschel gesagt habe. »Und . . . meinst du, sie werden es tun?« fragte Nachime wieder und sah Tille mit einem forschenden Blicke an, der in das Innerste dieser Kindesseele dringen sollte. »Ich weiß nicht,« wiederholte das Kind. »Bestimmt werden sie es tun,« rief nun Nachime mit überquellender Heftigkeit. »Was liegt deinem Vater daran, daß er das Haus versündigt, was liegt ihm am Schabbes? Das ist wieder so etwas, was nur ihm ähnlich sieht. Er wird auf seinem harten Kopf bestehen und in den Schabbes hineinarbeiten lassen. Was liegt ihm daran? Dann soll man hören, was man von Nachime Hahn und ihrem Haus alles in der ›Gasse‹ ausrufen wird; die Augen werden wir nicht aufheben dürfen vor den Leuten, und anspeien werden sie uns!« Mit steigender Verwunderung hatte das Kind die zornigen Ausbrüche der Mutter vernommen. »Mutter,« rief sie, »haben sie es denn schon getan?« »Deinem Vater sieht alles ähnlich,« schrie sie darauf, »nach dessen Kopf soll auch der heilige Schabbes tanzen.« Tille schwieg; sie sah das nutzlose Bemühen ein, in die Aufregung der Mutter mit einem beschwichtigenden Worte einzugreifen. Merkwürdig war es aber für sie, als sie bemerkte, daß die Mutter trotz ihres Zornes in den Vorbereitungen für den Sabbat sich nicht unterbrach; ja, daß sie im Gegenteil mit einer Art Gier sie fortsetzte. Was bedeutete das? Das scharfblickende Kind konnte den Zusammenhang zwischen Wort und Tat nicht finden; es verstand die Mutter nicht. Aber auch Nachime verstand sich selbst nicht. Nachdem sich die stürmische Aufregung gelegt, mußte sie sich fragen: »Weißt du denn, ob sie es tun werden? Ob sie gar daran denken? Was fährst du auf wie ein wild' Tier?« Diese Fragen bildeten dann einen leichten Übergang zu anderen schwereren und inhaltsvolleren. Sie dachte sie nicht laut; sie wollte sie nicht einmal denken; aber wie aufgeschreckte Bienen umschwärmten sie ihre Seele, sie mochte hingehen, wo sie wollte. Verräterisch kamen sie aus ihren geheimsten Verstecken, richteten sich in die Höhe und ließen nun nicht mehr von ihr ab. »Zwei Tage soll das Korn ungeschnitten auf dem Felde liegen bleiben? verfaulen und verwittern? Will das Gott?« So lauteten die ersten diese Fragen. »Nein, das kann Gott nicht wollen,« antwortete sie sich selbst, »wegen zwei oder drei Stunden später ›Schabbes‹ machen – konnten sich ja die Menschen nicht an ihrem Gute und Habe schaden? Wovon sollten sie leben? Konnten sie von bloßer Luft sich ernähren?« Anfangs drängte Nachime diese Antworten gewaltsam in sich zurück; aber sie hätte die Kraft eines Riesen besitzen müssen, um sie festzubannen. Die zwei arbeitslosen Tage, das faulende Korn auf dem Felde verließen sie nicht mehr; ihnen zum Trotze, davon war sie überzeugt, werde es in diesen zwei Tagen regnen und hageln, daß man meinen werde, die Erde gehe zugrunde. Sollte man nicht zuvor retten, was zu retten war? Dabei kam ihr eine Erinnerung aus der Kindheit zu Hilfe. Am heiligen Jom Kippur brannte es einmal in der »Gasse«. Heulend verkündeten die Sturmglocken den Ausbruch des furchtbaren Elementes. Da stürzten die Leute, »so wie sie waren,« mitten aus dem Gebete, in ihren weißen Sterbekitteln zur Brandstätte und legten Hand an die verderbliche Glut. Was die Leute damals am heiligen Jom Kippur getan, um nicht das Ihrige zu gefährden, war das nicht auch für sie angezeigt? War das Ihre weniger gefährdet? Dann klammerte sie sich an den Sonntag. Wenn man am Sabbat nicht arbeiten dürfe, murrte sie, so sei das gut. Gott wolle es so. Aber warum am Sonntag feiern? Habe der jüdische Bauer so viel, daß er mit einem Tage so verschwenderisch umgehen könne? Das sei unerhört und da solle der Kaiser eine Änderung treffen, wenn er wolle, daß es jüdische Bauern gebe! . . . Ein Umstand war es besonders, der diesen Fragen und Zweifeln beständige Nahrung gab. Anschel kam heute nicht nach Hause, Wojtech oder ein anderer der Knechte geleitete die Feldlast in die Scheuern. Sie hätte sich ja so gern mit ihm ausgeredet. Vielleicht hätte er sie eines Besseren belehren können! Dennoch wagte sie nicht, den Knecht zu fragen, was draußen auf dem Felde vorgehe; vielleicht hätte sie Antworten vernommen, die sie nicht hören wollte – und wieder, wenn sie fragte: Wird man heute fertig? »Ja, spät in der Nacht!« gehört. Um die späten Nachmittagsstunden war sie mit dem »Sabbatmachen« bereits fertig. Sie selbst drehte heute die Dochte für die Lampe, sie selbst breitete das weiße Linnen auf den Tisch; sie vermied jede Dienstleistung Tilles, wo sie nur konnte. Sie tat aber alles mit Hast, nichts mit jener weihevollen Bedächtigkeit, mit der sie sonst den Sabbat bereitete. Der Abend war bereits niedergesunken; Nachime sah auf die Uhr; sie zeigte ihr, es sei hohe Zeit zum »Entzünden« der Lampe. Der Sabbat war da. Dennoch zögerte Nachime damit. Wollte sie sich selber täuschen? Glaubte sie dadurch den Sabbat, dessen Gegenwart sie in den feinsten Nerven ihres Lebens empfand, hinausgerückt zu haben? An einen Trost, wie schwach er ihr auch selbst vorkam, klammerte sie sich in solchen Augenblicken. Auch Elieh war noch nicht zurückgekehrt. Wenn er draußen bleiben konnte, so war ja der Sabbat noch nicht entweiht worden. Als sie nach einiger Zeit wieder auf die Uhr und hinaus in die Abenddämmerung sah, verbarg sie sich nicht länger, daß der Sabbat mit aller Macht angebrochen war; sie vermochte nicht mehr ihn wegzuleugnen. Mit zitternden Händen griff sie nach dem Lichte, womit sie die Lampe anzünden wollte, und an der ersten Zinke leuchtete schon die zuckende Flamme . . . Da trat Elieh mit dem Vetter Koppel ein. »Gut' Schabbes, Mutter!« grüßte er beim Eintritt. Nachime erschrak so sehr, daß ihr der übliche Gegengruß auf den Lippen erstarb; aber gleich darauf fuhr sie mit dem Lichte so schnell an den Zinken der Lampe vorüber, daß in einem Nu von allen die Flamme leuchtete. »Bist du heute so spät fertig geworden, Mutter, daß du dem Schabbes ein Stück Leben abgeschnitten hast?« fragte Elieh darauf mit jener tonlosen Stimme, die gerade jetzt Nachime bis ans Herz drang. »Sie sind ja auch noch nicht zurück,« bemerkte Nachime schwer atmend. »Wenn du auf die mit dem Schabbes warten willst, Mutter,« sagte Elieh in der früheren Weise, »so wirst du noch lange warten.« » Ich hab's ihnen nicht geheißen, sie sollen so lange arbeiten,« meinte Nachime achselzuckend, »mich geht's nichts an.« Kaum hatte sie diese Selbstentschuldigung ausgesprochen, als es sie eiskalt vom Rückenwirbel bis zur Zehe überfuhr. Sie hatte nicht nur eine Unwahrheit gesagt, sie hatte auch auf andere eine Anklage gewälzt, die ebensogut sie selbst traf. »Was geht's mich an?« hatte sie geheuchelt! Es ging sie also nichts an, daß in ihrem Hause die Sünde der Sabbatentweihung begangen werden konnte, ohne daß sie sich dagegen mit Leib und Seele stemmte. Wozu war sie denn da? Es war ihr in der Stube zu eng geworden. Elieh hatte das Abendgebet für den Sabbat begonnen; jedes Wort der heiligen Sprache, das lauter über seine Lippen drang, grub sich wie mit Widerhaken in ihr Herz; das Gebet erschien ihr wie ein Vorwurf, sie vermochte es nicht anzuhören. Sie verließ die Stube und begab sich in die Küche. Aber auch hier duldete es sie nicht lange. Der Duft der Speisen, das Festliche des Sabbatschmuckes tat ihr nicht wohl. Sie ging von da in den Hof, sah eine Weile den Knechten zu, die eine soeben angelangte Garbenlast in die Scheuer schafften. Vom Hof ging sie auf die Gasse hinaus. Wollte sie ihnen entgegengehen? sie zur Eile mahnen? Aber der Sabbat war ja schon entweiht, was tat jetzt eine Stunde mehr oder weniger? Es kam ja nicht mehr darauf an, daß sie zurückkamen. Was wollte sie also? Eilig ging sie wieder zurück; aber bei jedem Schritte, den sie vorwärts tat, blickte sie hinter sich. Kamen sie doch? Sie lauschte. Überall im Dorfe war Ruhe; alle Arbeit hatte aufgehört; kein Hoftor stand mehr offen. Nur bei ihr allein war keine Ruhe; weit offen standen die Torflügel, um noch in später Nachtstunde die Mühe des Tages, den Schweiß der Arbeit zu empfangen. Ruhelos war nur des Juden Haus. »Und ich soll eine Bäuerin sein?« überkam sie wieder das Weh der ersten Tage, »und mein Mann will ein Bauer sein. Da soll man nur hersehen, ob das geht! Am Schabbes hat man nicht genug, es muß auch noch ›ihr‹ Sonntag dazu kommen! Wenn das Getreide auf dem Felde fault, wenn alles zugrunde gerichtet wird, weil man sonst den Sabbat und ›ihren‹ Sonntag entweiht, . . . da soll ich eine Bäuerin sein? Er hat's ja nicht glauben wollen.« Sie kam wieder in den Hof zurück; die Nacht war völlig herabgesunken. Als sie hereintrat, hörte sie, wie Vetter Koppel zu jemandem sagte: »Und du wirst sehen, ich krieg' ihn doch.« »Wieso, Vetter?« hörte sie Tille fragen. »Ich geh' selber in den dicken Wald,« antwortete dieser. Wie vom Blitz getroffen stand sie unter dem Eindrucke dieser Worte. Die dunkle Drohung des kindischen alten Mannes trat mit einem Male mit allen Schauern an sie heran. »Das auch noch!« rief es in ihr entsetzensvoll. Eiligst ging sie wieder auf die Gasse hinaus; es schien ihr, der Vetter folge nach. Aber weiter zu gehen vermochte sie nicht; der Schreck war ihr in die Glieder gefahren. Angelehnt an ihr Haus stand sie wohl eine halbe Stunde lang. Was ging nicht an ihrem äußeren und inneren Gesichte vorüber! Der ganze Jammer einer Menschenseele, das volle Weh der Sünde hatte sie erfaßt; nicht der kleinste Stachel ward ihr geschenkt! Von der Dorfkirche hatte die Luft schon eine geraume Weile die zehnte Nachtstunde an ihr Ohr getragen, als sie fernes Wagengerassel und Peitschenknall vernahm. Sie horchte auf; es kam immer näher. Kamen sie endlich? Was sollte sie ihnen sagen, wie sie empfangen? Das befiel sie jetzt mit stürmischer Gewalt. Sollte sie ihnen gar nichts sagen? Nicht ein Wort des Zornes, der Entrüstung über die freche Entweihung des Sabbats entgegenrufen? Durch die Nacht hindurch sah sie eine dunkle Masse immer näher auf sich zukommen. Nur das eine war ihr in diesem Augenblicke klar; sie durfte sie nicht draußen vor dem Tore erwarten; in der Stube, am weißen Linnen des Tisches, im Lichte der siebenzinkigen Lampe, da war ihre Stelle. Was sie ferner tun wolle, dessen war sie sich nicht bewußt. Es war kein Zorn in ihr, eher Bangigkeit und ahnungsvolles Grauen. Was sie dachte, vollführte sie schnell. Sie saß schon eine geraume Weile in der Stube, im vollen Scheine der Lampe, als der schwerbelastete Wagen durch das Hoftor einfuhr. 25. Ein Erntesabbat des Dorfes. Rebb Schlome trat, indem er die Türe weit aufriß, mit dem üblichen Gruße: »Gut Schabbes, alle!« in die Stube. Nachime dankte nicht, ja sie blickte nicht einmal auf, ihr Antlitz hatte einen finsteren, drohenden Ausdruck angenommen. Aber er änderte sich gedankenschnell, als sie ihren Mann sagen hörte: »Nun, Tille, du kommst gar nicht zu mir und läßt dich benschen? Bin ich dir heute so fremd, weil ich nicht aus der ›Schul'‹, sondern geradezu vom Feld komme?« Tille drängte sich an den Vater und legte ihren Kopf unter seine segnenden Hände. Seine Lippen flüsterten leise; er hatte die alte Patriarchenformel des Segens über sein Kind ausgesprochen. Dann rief er laut, indem er Mütze und Rock in einen Winkel warf, mit einer gewissen heftigen Lustigkeit: »Und jetzt kann's Kieselsteine vom Himmel herunterwettern, so braucht's uns auch nicht zu ängstigen. Das Korn ist unter Dach und Fach!« Jetzt erst schaute Nachime zu ihrem Manne auf. War es die siegesfreudige Bestimmtheit, mit der er diese Worte sprach, oder die eigene Erkenntnis, daß sie kein Recht zu zürnen habe – sie fühlte sich mit einem Male wohl und frei in der Seele. »Was meinst du, Elieh,« wandte er sich dann zum Bocher, »hab' ich noch Zeit für den ›Mairiw‹ (Abendgebet)? Es ist mir heute abhanden gekommen, ich weiß nicht wie?« »Du hast noch Zeit,« sagte Elieh lautlos. Allsogleich begann Rebb Schlome, in der Stube auf und nieder schreitend, das Abendgebet des Sabbats. – Nachime kam es vor, als jauchze eine gewisse Lustigkeit aus dem singenden Tone heraus, mit dem er das uralte Gebet begleitete. War er so herzfreudig, warum sollte sie nicht wenigstens ruhig sein? Hielt er sich so wenig in Gottes Schuld, daß er beinahe den innerlichen Jubel nicht zu unterdrücken vermochte, warum sollte sie länger sich martern? Während Rebb Schlome bei dem »Schmona-Eßra-Gebet«, das man stehend verrichten muß, sich an das Fenster gestellt hatte, näherte sich Anschel der Mutter und flüsterte ihr zu: »Bist bös, Mutter, daß wir so spät gekommen und in den Sabbat hinein gearbeitet haben? Wir haben genug an dich gedacht, und er besonders hat nicht gewollt . . . deinetwegen. Was hätten wir aber tun sollen? Zwei Tage warten und nicht wissen, was indessen vorgeht? Wäre dir das recht gewesen?« »Meinetwegen hat er's nicht tun wollen?« fragte Nachime so leise, daß es Anschel kaum vernahm. »Ja, Mutter,« sagte dieser, »ich hab' ihm zureden müssen, gewaltig zureden, daß er eingewilligt hat. Jetzt sind wir aber fertig und können sagen: Wir haben unser Brot zu Haus! . . .« Nachime sagte mit einem ernsten Lächeln: »Es ist nur gut, daß ihr schon zu Hause seid. Ich war in Sorge.« »Und jetzt aufgetragen!« rief Rebb Schlome, nachdem auch das letzte Gebet zu Ende gediehen, mit der Lustigkeit eines speisebedürftigen Gemütes. »Heut' wollen wir die großen Herren spielen, spät essen und spät schlafen gehen. Jetzt weiß ich erst, was das heißt, hungrig wie ein Drescher sein. In der ›Gass'‹ hat man gar keine Vorstellung von so einem rechtschaffenen Hunger. Meinst du nicht auch, Anschel?« »Wissen denn die dort, was Arbeit ist?« sagte Anschel mit einem gewissen Stolze. »Sie meinen, wenn sie einen Pack mit Kattuntücheln oder Hasenhäuten von Dorf zu Dorf tragen, oder wenn sie auf einen Markt fahren, da haben sie gearbeitet.« »Hast recht, Anschel, Gottes Rechte rief Rebb Schlome laut auflachend, »sie wären wie ein Federl bei der Arbeit, der kleinste Wind möcht' sie beim Flügel nehmen . . . ein ganz Spital könnt' man mit ihnen anfüllen.« »Und soll ich dir noch etwas sagen, Vater?« rief Anschel, »es ist zwar nicht schön, daß ich's sage, aber wahr ist es! Die in der ›Gass'‹ möchten schon gern arbeiten, wenn sie nur Felder hätten. Es hat halt nicht jeder ein Feld!« »Jetzt stillt gebot Rebb Schlome ernst, mit einem flüchtigen Seitenblick auf Nachime, »jetzt wollen wir an gar nichts denken.« Ehe das eigentliche Nachtmahl begann, verrichtete Rebb Schlome erst die üblichen Segnungen über den Wein und die Sabbatbrote, deren zwei vor ihm auf dem Teller lagen. Zuerst pries er den Schöpfer des Weltalls, »der den siebenten Tag, als der Himmel und die Erde und alle ihre Heere vollendet waren, als Tag der Ruhe und der Heiligung eingesetzt«, und indem er dann das volle Glas aufhob, sprach er mit erhobener Stimme den Preis und Ruhm des »Königs der Welt« aus, »der die Weinfrucht geschaffen«. Dann nippte er an dem Wein und gab das Glas weiter, worauf zuerst Nachime, dann die anderen der Reihe nach, wie sie am Tische saßen, davon kosteten. Tille war die letzte. Hierauf schnitt er das weiße Sabbatbrot auf, teilte zuerst sich einen Bissen zu, über den er früher das Lob Gottes, der das »Brot aus der Erde hervorkommen« läßt, aussprach, und schnitt dann den anderen davon ab, damit auch sie die Segensformel über die Gottesgabe aussprächen. Längere Zeit stockte nun jedes Gespräch, das reichliche Mahl nahm aller Sinne in Anspruch; es schien allen zu munden, als hätten sie zwei Fasttage zu bestehen gehabt. Nur hie und da fiel ein lobendes Wort von Anschel oder von Rebb Schlome selbst über die Vortrefflichkeit der Speisen dazwischen, aber zu einer zusammenhängenden Unterhaltung führte es nicht; es sah fast aus, als fürchteten sie dann, mit ihrem Teil am Mahle zu kurz zu kommen. Gegen das Ende des Essens, als Tille bereits die letzten Teller abzuräumen begann, war es wieder Rebb Schlome, der das Stillschweigen brach. »Weißt du, was mir da soeben eingefallen ist während dem Essen?« sagte er zu Anschel, an den er überhaupt heute das Wort allein zu richten pflegte, »unsere Scheuer ist noch gar nicht verassekuriert. Wie sie so leer dagestanden ist, hab' ich gar nicht daran gedacht, aber seitdem alles unter Dach und Fach ist, werd' ich keine ruhige Minute haben, bis sie von unten bis oben, bis jeder Halm darin verassekuriert und eingebüchert ist, auf alle Fälle!« Nachime horchte auf; jeder Nerv in ihrem Körper zuckte, als sei er besonders getroffen worden. Was war das? Assekurieren wollte er die Scheuer? War das die erträumte, unangreifbar gedachte Sicherheit? Unter Dach und Fach war ihr Hab und Gut also doch gefährdet? »Wird es nicht Zeit haben bis ganz nach der Ernte?« meinte Anschel. »Brauch' ich schon wieder deinen Rat?« fuhr Rebb Schlome mit zorngeballter Faust auf. »Gleich am Montag in der Frühe,« setzte er dann gelassener hinzu, »machst du dich auf und gehst nach Brandeis zu dem Kaufmann, der die Assekuranz bei sich hat und . . . hoch, ganz hoch wirst du verassekurieren!« »Ja, ganz hoch,« konnte Nachime sich nicht enthalten anzufügen, »mit wenigem ist nicht geholfen. Es muß für etwas stehen.« Anschel vernahm diese im Tone der Aufregung herausgestoßenen Worte mit Verwunderung, aber er kannte die Mutter zu gut; viel weniger begriff er den Vater mit der hastigen Assekuranz! Kurz vorher in solch übersprudelnder Stimmung, lag jetzt ein düsterer Schatten von Sorge auf dessen Antlitz. Dazu fühlte er sich von dem aufbrausenden Zorne gekränkt. Das verlieh ihm die trotzige Entschiedenheit, zu sagen: »Vater, der Kaufmann wird meinen, wir wollen unsere eigenen Scheuern anzünden.« »Anschel, Anschel,« schrie Nachime gellend, daß alles erschrocken aufschaute. »Und wenn er's glaubt,« sagte Rebb Schlome ruhiger, als sich nach dieser Bemerkung erwarten ließ, »meinst du, daran liegt mir etwas?« »Es kommt unter die Leut',« sagte nichtsdestoweniger Anschel, »es bleibt nicht verschwiegen, und dann heißt es: Weil er sich fürchtet, der Jud', möcht' er gern das Haar auf dem Kopf verassekurieren. Darf man ihnen zeigen, daß man sich vor ihnen fürchtet? Ist das klug?« »Ich will auf alle Fälle sicher sein, will in Ruhe schlafen, und daß mich nicht jeder Lichtschein in der Nacht um meinen Schlaf bringt,« sagte Rebb Schlome. Auf Anschels Lippen wollten wilde, trotzige Worte treten, das Blut kochte ihm. »Red nichts, Anschel, mein Sohn,« rief Nachime, »um Gottes willen red nichts, und tu was man dir heißt. Willst du einen denn wirklich um das bissele Schlaf, was man noch hat, bringen? Ich versteh' dich nicht, Anschel!« Sichtbar traf der ängstlich bittende Ton, der erschrockene Blick der Mutter, des Sohnes Gemüt. Er wäre nicht der gewesen, dessen junges Herz schon so frühe das Weh einer Entsagung ertragen hatte, wenn er in diesem Augenblicke nicht nachgegeben hätte. »Ich versteh' dich auch nicht, Mutter,« sagte er nach einer stummen Weile, mit einer Stimme, die trotzig klingen wollte und doch die natürliche Weichheit nicht übertönen konnte. »Man muß dem Dorfe nicht zeigen, daß man sich fürchtet. Gerade deswegen –.« »Was willst du sagen?« unterbrach ihn Nachime mit schreckensvoll aufgerissenen Augen, »was: gerade deswegen? Was hast du sagen wollen?« »Ich will es nicht mehr anhören,« sagte darauf Rebb Schlome und stand auf. Es war klar, er hielt nur mit Mühe an sich, vielleicht Nachimes wegen. Mit hallenden Schritten ging er dann eine Weile in der Stube auf und nieder; dann blieb er mit einem Male hinter Anschel stehen. »Gehst du oder gehst du nicht?« rief er mit fester leidenschaftsloser Stimme. »Eine Scheuer verassekurieren, dreimal so hoch als sie wert ist, darüber hab' ich meine Meinung sagen müssen,« meinte Anschel trotzig. »Gut' Nacht, alle,« rief Rebb Schlome, und ohne jemanden anzuschauen, ging er rasch auf die Schlafkammer zu. Als er sich entfernt hatte, herrschte ein minutenlanges düsteres Schweigen in der Stube. Elieh und Vetter Koppel waren auch hinausgegangen, nur Nachime, Anschel und das Kind waren zurückgeblieben. »Anschel, mein Kind,« sagte Nachime leise, indem sie sich ganz nahe an den Sohn stellte, »was ist dir gerade jetzt eingefallen? Ich versteh' dich gar nicht. Mich hast du zurechtgewiesen, und hast deinem Vater immer recht gegeben, und jetzt stemmst du und wehrest du dich selber gegen ihn? Wie soll ich das verstehen? Hat er denn nicht recht? Das muß ja ein Kind im Mutterleib einsehen, daß man so eine Scheuer verassekurieren muß. Soll man sich auf das Ungewisse verlassen? Warten vielleicht, bis es einem neidigen Bauer einfällt, uns daran zu gemahnen? Ich versteh' dich nicht?« »Das ist's ja, Mutter, was mich kränkt,« rief Anschel, durch die linden Worte der Mutter an den zartesten Teilen seiner Seele ergriffen. »Jetzt mit einem Male fürchtet er sich vor den Bauern? Was haben sie ihm zuleid getan? Haben sie uns nicht aufgenommen wie Brüder?« Nachime schüttelte traurig den Kopf zu diesen Worten. »Gut' Nacht, Anschel,« sagte sie plötzlich und ging. Tille folgte ihr nach. Es war, als ob Nachime ein mühsam unterdrücktes Weinen mit in die Schlafkammer genommen hätte. Anschel blieb noch eine Weile beim Scheine der verlöschenden Lampe am Tische sitzen, den Kopf in die Hände gestützt. Begann so der erste Erntesabbat auf dem Dorfe? 26. Die Brüder und der Vetter Koppel. Das Haustor war in dieser Nacht nicht geschlossen worden; ermüdet von der Arbeit des Tages, die bis in die späte Schlafensstunde hinein gewährt, hatte keiner der Knechte, ja selbst Nachime nicht daran gedacht. Es war eine jener stillen, mondlosen Nächte, in denen die Natur seltsame Vorkehrungen zu treffen scheint, um sich den Menschen am nächsten Tage mit verändertem Antlitze zu zeigen. Es webt und flüstert ein eigentümlich geheimnisvolles Leben in solchen Nächten; nur, wer es belauscht hat, vermag davon Kunde zu geben. Es ist, als ob selbst das tote Ding, vom Atem unsichtbarer Geister berührt, Regungen des Lebens empfände, die Augenlider aufschlüge, wunderbar tönende Laute empfinge. Still und unbewegt war die Luft, und dennoch knarrten die Türflügel des Hauses in ihren rostigen Angeln. Wer bewegte sie? Wer wollte kundtun, daß des Hauses Ein- und Ausgang unbewacht, für jedes böse Gelüste menschlicher Leidenschaft offen geblieben war? In dieser Nacht konnten sich zwei ruhelose Augen nicht schließen. Als Mitternacht längst vom Dorfturme erklungen war, huschte eine Gestalt aus dem Hause über den Hof. Als sie an das offene Tor kam, blieb sie zögernd stehen, wie verwundert; dann ging sie eiligst hinaus. Trotz der ungewissen Helle, die vom mondlosen Himmel bloß durch die hie und da unter den Wolken hervorfunkelnden Sterne vermittelt wird, irren wir nicht, wenn wir in dem nächtlichen Spaziergänger . . . Elieh vermuten. Er blickt sich mehrmals um, sobald er aus dem Bereiche des Hauses gelangt ist. Warum zaudert er diesmal? warum so vorsichtig? Er schreitet wieder weiter, um nach einigen Augenblicken aufs neue stehen zu bleiben. Er lauscht. Hat er nicht raschelnde Schritte hinter sich vernommen? Ist das sein eigener Schatten, der ihm folgt . . . oder ein fremder, der sich, nachgleitend, fast nachschleppend an seine Fersen kettet? Schon nahe dem Richterhause lauscht er wieder. Hat ihn sein Ohr, sein Auge früher getäuscht? Jetzt hört und sieht er nichts mehr. Die dunklen Spukgewalten einer aufgeregten Einbildung sind verschwunden. Er steht an der uns wohlbekannten Planke; er tappt nach dem Tore, es ist nicht geschlossen worden. Wohl mag die sorgsame Hand des Hausvaters oder die eines Knechtes den Riegel daran befestigt haben, ehe das Haus zur Ruhe ging; aber eine andere hat ihn unhörbar zurückgeschoben. Ein leiser Druck . . . und jene Gestalt verschwindet im Dunkel des Hofes. Es ist wirklich Elieh. Aber die raschelnden Schritte hinter ihm haben nicht aufgehört; sie sind näher gekommen – ein Schatten folgt einer zweiten Gestalt voraus, die gleichfalls an des Richters Hausplanke stehen bleibt. Es war in der Tat kein Schreckbild der Nacht; diese Gestalt ist ein menschliches Wesen von Fleisch und Blut. Aber sie scheint die Lage des Hauses nicht so genau zu kennen als ihr Vorgänger; die Finsternis scheint sie zu beirren. Mehrmals streift sie hart an der Planke vorüber, tastet daran und schleicht dennoch vorüber. Einmal steht sie sogar am Tore und drückt mit unhörbarer Gewalt daran; aber der Riegel ist wieder vorgeschoben worden . . . Ein tiefschmerzlicher Seufzer tönt durch die Stille der Nacht; ein bitterliches Weinen wie von einem Kinde, das aus Furcht vor Strafe das Weinen unterdrückt, zieht leise klagend durch die Luft. Wer dieses Wimmern und Wehklagen hören könnte, müßte glauben, der Geist der Nacht gehe mahnend und unheilverkündend durch die schlafenden Menschenwohnungen; aber die Schläfer hören es nicht, und sie, die nicht schlafen, hören nur sich selbst, das Geflüster liebtrunkener Seelen . . . Eine Stunde ist nahezu vergangen; jene Gestalt harrt und tastet noch immer an der Gartenplanke; aber sie will sich nicht öffnen. Unhörbare Schritte näherten sich jetzt aus dem Innern des Hauses; aber so leise sind sie nicht, daß sie nicht das Ohr der draußen harrenden Gestalt getroffen hätten. Sie duckt sich scheu an die Planke, das Tor öffnet sich geräuschlos, Elieh – ist er es, ist's ein anderer? huscht vorüber. Der Harrende ist von ihm berührt worden; und wieder tönt ein leiser Seufzer durch die Stille der Nacht . . . Einige Schritte vom Hause bleibt Elieh stehen. Er blickt hinter sich; er lauscht wieder. Hat ihn ein Geräusch, vielleicht jenes Wimmern aufmerksam gemacht? Nein! nein! er täuscht sich nicht. Aus den Hüllen der Finsternis sieht er ein Dunkles, Nachgleitendes sich gleichsam heraus entwickeln; es kommt auf ihn zu, sein Schatten trifft beinahe mit ihm zusammen. Elieh hastet nun seine Schritte; er will ihm entfliehen, jenem dunkeln, nachgleitenden Schatten; aber wie von unsichtbaren Geistern gedrängt, muß er im Laufe mehrmals das Antlitz nach rückwärts wenden. Aber, wenn er stehen bleibt, steht auch sein Verfolger still. Ist er noch ferne, ist er nahe? Elieh ist es, als ob er den kalten Atem des schleichenden Schattens in sein Gesicht wehen fühlte. Nahe an der elterlichen Wohnung bleibt er wieder stehen. Wartet er, bis er ihm nachkommt? Will er sich überzeugen? Schon ist die Gestalt gleichfalls nachgeglitten, hart am Tore hat sie ihn erreicht. Elieh will eintreten, da streckt sich eine Hand nach ihm aus; sie erfaßt ihn am Arm . . . Mit dem gellenden Rufe: »Anschel! Anschel!« stürzt Elieh zusammen. Es ist der Todesschrei eines entflohenen Lebens! . . . Es wurde Tag; aber das war kein Tag. Die weiße Wolkenschicht, die in verräterischer Stille während der Nacht am Himmel herangezogen war, hatte sich beim Scheine des Morgens in einen grauen Regenschleier verwandelt, feine Tropfen sprühten nieder und . . . auf das Antlitz eines Toten, den sie nicht zu erwecken vermochten. Neben ihm kauerte Vetter Koppel, als wollte er den unheimlichen Schlaf bewachen. Es traf sich eigentümlich, daß Anschel heute der erste war, der in den Hof trat. Schlaftrunken war er zum Brunnen getaumelt, um sich mit kaltem Wasser den brennenden Schlaf aus den Augen zu waschen. Er hatte das offene Haustor nicht bemerkt; da wandte er sich mit einem Male um . . . Er entsetzte sich nicht; er schrie nicht auf. Er war ein Halbwacher; vor seinen Augen lag es noch wie ein dünner Flor, durch den ihm die Gegenstände nur in unbestimmten Umrissen erschienen. Ohne klares Bewußtsein ging er auf das Tor zu; aber je näher er kam, desto mehr lichtete sich der Flor; schrecklich und grauenhaft offenbarte sich ihm die Wirklichkeit. Er stand an der Leiche seines Bruders. »Elieh, mein Bruder Elieh!« rief er, schrie er, »um Gottes willen, es ist Elieh!« Lautlos, die Haare gesträubt, starrte er den Unglücklichen an, der zu seinen Füßen lag, das blasse Antlitz nach oben gewendet. Dann beugte er sich nieder und hob den Kopf auf und betastete ihn nach allen Seiten. Er legte sein Ohr an des Unglücklichen Herz, es schlug nicht mehr. Zum ersten Male im Leben sah Anschel einem Toten ins Gesicht, es graute ihm, und er ließ ihn wieder zurückfallen. Der Kopf war in seinen Händen zu einer Riesenlast geworden, die ihn niederzudrücken schien. Jetzt erst bemerkte er den neben der Leiche zusammengekauerten Vetter. »Vetter Koppel,« rief er, »um Gottes willen, wo kommst du her? Was ist da vorgefallen?« Der alte Anhänger des Königssohnes Absalon hatte auch in diesem Augenblicke kein Verständnis für das Schauerliche dieses Auftrittes. »Ich bin ihm nachgegangen, Anschel,« sagte er weinerlich abgebrochen, »ich hab' geglaubt, er bringt mir meinen Mogen Dovid mit. Wär' ich nur lieber selbst hineingegangen.« »Was? Wohin wärst du gegangen?« schrie Anschel in Verwirrung, das Auge unverwandt auf den leblosen Bruder gerichtet. »Er hat mir ja heut' in der Nacht meinen Mogen Dovid holen wollen,« wimmerte Vetter Koppel, »weißt du das nicht?« Anschel verstand den Alten nicht. Rat- und tatlos stand er da, von Entsetzen gelähmt, keines Entschlusses fähig. Da erhob sich Vetter Koppel aus seiner kauernden Lage und wollte ins Haus hinein. »Wohin, wohin?« rief Anschel angstvoll. »Ich will sie aufwecken,« sagte der Alte, »sie sollen nachsehen, ob er ihn nicht versteckt hat.« »Nicht von der Stelle!« gebot Anschel mit starker Stimme, indem er den Vetter festzustehen zwang. Ihm war die Besonnenheit wieder zurückgekehrt, der Gedanke an den Schreck der Eltern hatte das blitzschnell bewirkt. Einer der Schläfer des Hauses mußte von diesem Rufe geweckt worden sein. Anschel war eben im Begriffe, die leblose Hülle vom Boden aufzuheben, um sie ins Haus zu tragen, als er eilige Schritte hinter sich im Hofe hörte. Es war der Knecht Wojtech; der schlug die Hände entsetzt zusammen. »Armer, hochwürdiger Herr,« rief er im Tone des tiefsten Schauers. »Das hältst du zum zweitenmal nicht aus.« »Wojtech! was sagst du dazu?« schrie Anschel, der neben dem Bruder am Boden kniete, und sah mit tränenvollen Augen zu dem Knechte auf. »So hab' ich ihn hier liegen gefunden, den alten Vetter neben ihm! Was werden die Eltern sagen, wenn sie aufwachen!« »Da ist nicht zu helfen,« sagte der Knecht, »man darf sie nicht wecken, deine Mutter könnte den Tod davon haben. Wir tragen ihn wieder auf seine Kammer. Das ist jetzt das zweitemal, daß ich den hochwürdigen Herrn so tragen muß.« »Weißt du vielleicht, Wojtech, wie ihm das zugekommen ist?« rief Anschel schaudernd, »ich kann es ja nicht begreifen.« »Ich weiß . . . nicht,« sagte der Knecht und schob Anschel mit sanfter Gewalt von dem Leblosen hinweg. Dann beugte er sich herab und faßte ihn kräftig an; aber er hätte ihn fast zurücksinken lassen. »Der ist tot,« sagte er aufatmend, »er hat eine Schwere wie ein Stück Holz.« »Meinst du wirklich, er ist tot?« schrie Anschel. »Schrei nicht!« gebot der Knecht, »die drin könnten wach werden davon.« Händeringend folgte Anschel dem Knechte, der schwer atmend unter der Last, die er wieder gefaßt hatte, ins Haus schritt. Kein Schläfer erwachte; kein Laut schreckte sie auf. So kamen sie aus Eliehs Kammer an; still und geräuschlos legten sie ihn selbst auf das Bett. »Um den Doktor nach Brandeis zu reiten ist's schon zu spät,« sagte nun der Knecht; »dem hochwürdigen Herrn ist nicht mehr zu helfen . . . Es ist um den Kreuzer schade, den man umsonst hinauswirft.« »Wenn aber doch noch Leben in ihm wäre?« rief Anschel. »Da drauf versteh' ich mich besser als du,« meinte Wojtech. »Was tun wir aber mit der Mutter, wenn sie aufwacht?« schrie Anschel verzweiflungsvoll. »Du mußt es ihnen still sagen,« meinte der Knecht, »nicht auf einmal. Sag ihnen, dem hochwürdigen Herrn wär' in der Nacht etwas Übles zugestoßen. Du kannst die erste beste Lüge, die dir einfällt, gebrauchen. Da muß man nicht gleich die ganze Wahrheit sagen. Ich will ihn indessen ausziehen und ins Bett legen; wenn dann die Eltern hereintreten, meinen sie, er schläft.« »Die Mutter, die Mutter!« rang es sich schmerzlich aus Anschels Brust. »Was wird die Mutter dazu sagen? So jung und gestern abend noch so frisch und gesund, muß er jetzt tot sein. Was hast du uns angetan, Bruder Elieh?« »Laß ihn tot sein,« sagte der Knecht mit vor Bewegung zitternder Stimme, »so jungem Blut ist es oft besser, wenn es tot ist.« Es währte nicht lange, so hatte Wojtech den Leblosen entkleidet. Anschel hatte untätig, von seinem Schmerze auf eine Stelle gebannt, zugesehen. Als nun Wojtech sich anschickte, den »Bocher« in das offene Bett zu legen, fiel etwas klirrend zu Boden. Anschel bückte sich danach und hob es auf. Er trat damit zum Fenster, um es bei der Helle des Tages näher zu besehen. Es war ein kleines Kreuz von Messing an einer schwarzen Schnur. »Ist das dir herausgefallen, Wojtech?« fragte Anschel arglos, indem er dem Knechte das Kreuz hinreichte. »Mir?« rief der Knecht unerklärlich heftig, »zeig doch her.« Er griff danach und hielt es dann in der Hand eine geraume Weile. Dann fuhr er langsam, wie einer, der sich der Gewalt eines Gedankens entgegenstemmt, mit der Hand über Stirn und Gesicht. »Wie ist mir doch,« rief er, und seine Stimme hatte den alten, entschiedenen Ton verloren, »ich habe das ja nicht bei mir getragen, ich müßte doch wissen davon.« Eine mächtige Erschütterung mußte in dem Knechte toben; er zitterte, und das messingene Kreuz wäre ihm beinahe wieder entsunken, er hielt es aber krampfhaft in der geschlossenen Faust. Er holte tief Atem, denn seine Brust arbeitete gewaltig. Mehrmals wollte er sprechen, aber das Wort schien ihm nicht gehorchen zu wollen; mit übermäßiger Anstrengung rief er endlich: »Jesus! Maria! das kann nur ihm gehört haben. Mir gehört es nicht.« »Meinem Bruder Elieh?« schrie Anschel; der Knecht hatte mit dem Finger auf den im Bette liegenden Leblosen gewiesen. Mit einer blitzschnellen Bewegung hatte Wojtech die Decke, die über dem Toten lag, weggerissen, und mit einer Wut, die unmenschlich, fast höllisch schien, rief er unmittelbar in das Gesicht des Entseelten: »So hast du mir also recht gegeben? Das ist dein Recht gewesen? Und ich bin wieder der Narr? Du hast ein anderes Recht gehabt, und mir hast du ein anderes gegeben? Und von dir bin ich betrogen worden?« Anschel horchte entsetzt diesem grauenhaften Ausbruche; das Herz im Leibe war ihm erstarrt. »Stehe jetzt auf,« schrie der Knecht und griff nach der Hand des Bochers, als wollte er ihn zu sich aufreißen; »stehe auf und sag mir, wie bist du zu dem Kreuz gekommen? Hat sie dir's gegeben? Und du hast ihr versprechen müssen, daß du ein Christ wirst? Mir aber hast du ein anderes Recht gesprochen . . . Jetzt stehst du gleich auf und sagst mir, was du getan hast. Du darfst gar nicht tot sein, . . . du stellst dich nur so, weil du dich vor mir fürchtest . . . Und ich hab' dich einen hochwürdigen Herrn geheißen?« »Laß ihn, um Gottes willen, laß ihn,« rief Anschel und riß den Knecht mit übermenschlicher Anstrengung vom Bette hinweg. »Siehst du denn nicht, daß er tot ist?« »Ja, tot ist er,« sagte Wojtech, dessen Grimm mit einem Male gebrochen schien; »wenn er nicht tot wäre, er müßt' mir Rede stehen. So . . . ist er tot!« Dann brach er in ein krampfhaftes Schluchzen aus, das allmählich in ein gelindes Weinen überging. Der starke Knecht schien zu einem Kinde geworden. »Vielleicht hast du mich doch nicht betrogen,« rief er schluchzend zu dem Toten hinüber. »Ach, hochwürdiger Herr, warum bist du tot und kannst mir nicht sagen, wie sich die Sache verhält? Warum bist du fortgegangen aus der Welt und hast dem armen Knechte kein Wort hinterlassen? . . . Meine Seligkeit hatte ich auf dich gesetzt gehabt, und was mir kein Geistlicher und keine Beichte vom Herzen haben nehmen können, das hab' ich von dir erwartet! Jetzt bist du auch tot und kannst nicht reden. Was soll ich jetzt tun, wenn du nicht da bist? Wer wird mich mehr anhören? Auf wen soll ich mich verlassen? Hast du dich gefürchtet und bist aus der Welt fortgegangen, weil du selber kein Recht gehabt hast? Ach, du armer, hochwürdiger Herr! Wie muß ich dich beklagen! Wie gerne wär' ich selbst für dich gestorben!« In dieser Weise, gebeugt und gebrochen, die Stimme von Tränen erstickt, fuhr der Knecht noch eine Weile fort. Wir verstehen diesen Schmerz, der zornig begann, um sich allmählich in die weichsten Klagen um den Hingang des Jünglings, dem er so nahe gestanden, aufzulösen. Die Seele dieses armen Knechtes war uns kein verschlossenes Buch; aber Anschel verstand sie nicht. Jedes seiner Worte erfüllte ihn mit neuem Entsetzen. Wahnsinnig war der Knecht nicht, das begriff er. Aber dieser Zusammenhang zwischen ihm und dem Bruder, dieses Hindeuten auf das Kreuz, das Elieh gehört haben sollte – welch ein schreckliches Tagen in dieser Nacht. Erst die seltsame Weise des Todes, draußen vor dem Tore, angefeuchtet von dem niedertropfenden Regen, und jetzt . . . dieser grauenhafte Knecht, der mit dem Tode ein solches Gespräch führte! Es war nicht zu verwundern, daß Anschel von Furcht und Entsetzen übermannt, in der Kammer nicht länger weilen konnte; die Hände vor beide Augen gedrückt, unmächtig, den Anblick des Toten zu ertragen, floh er hinaus. In demselben Augenblicke trat ihm Nachime entgegen. »Um Gottes willen, Anschel, was ist dir? Wie siehst du aus?« schrie sie. »Elieh, Elieh,« vermochte er nur zu stöhnen. »Was ist mit Elieh, red?« rief sie. Da ließ Anschel die Hände von den Augen sinken, und nun erst sah Nachime das vor Entsetzen aufgeregte Antlitz ihres Sohnes. »Geh nicht hinein, Mutter,« schrie er, »geh nicht hinein.« »Lebendiger Gott im Himmel,« brach ein grauenhafter Schrei aus Nachimes Brust. Dann hielt sie eine Weile inne, als schreckte sie vor dem Aussprechen des Schwersten zurück. »Ist Elieh tot?« rief sie und ergriff mit Wildheit eine von Anschels Händen. Anschel vermochte nur in gebrochenen Lauten zu schluchzen: »Geh nicht hinein, Mutter, es wird dir zu schrecklich vorkommen.« Aber Nachime mußte in diesem Augenblicke eine übermenschliche Kraft überkommen haben; sie schob den Sohn, der sich vor den Eingang der Tür abwehrend gestellt hatte, zurück und trat in Eliehs Stube. Hatte sie das Entsetzen Anschels für das Schwerste vorbereitet, was ein Mutterherz ertragen kann? Hatte der kurze Moment genügt, um ihre Seele zu stählen und zu festigen? Kein Schrei, kein Angstruf entrang sich ihrer Brust, als sie den Toten im Bette sah; wer nicht wußte, was in der Tat vorgegangen, hätte glauben können, sie trete an das Lager eines Schlummernden, um dessen Atemzüge zu belauschen. Sie starrte die Leiche eine lange Weile an; dann sagte sie halblaut, als spräche sie mit sich selbst: »Er ist vielleicht gar nicht tot, es mag ihn wieder seine neuliche Krankheit überfallen haben. Gott, der Lebendige, weiß, was das für eine Krankheit ist.« »Nein, Frau!« erscholl hinter ihr die Stimme des Knechtes, den sie gar nicht bemerkt hatte, »betrüge dich nicht selbst, diesmal ist's keine Krankheit.« »Was denn?« rief Nachime beinahe ruhig. »Sieh dir ihn an, er schläft ja. Sieht ein Toter so aus?« »Meinst du das wirklich, Frau?« schrie der Knecht freudig auf und erhob sich. Dann aber warf er einen schnellen Blick auf den Toten. »Du kannst recht haben, Frau,« sagte er darauf traurig, »ich hätt' um den Doktor schon reiten sollen, statt dazusitzen.« »Doch nicht nach Brandeis?« rief Nachime, »um unsern Feind . . .« »Nein, Frau,« entgegnete der Knecht zitternd, »der ist zu weit. Ich werde lieber zu dem alten Doktor gehen, der auf dem Schlosse wohnt, und seit langer Zeit nicht mehr kuriert. Der kann in einer halben Stunde da sein.« »Wird er sich auch darauf verstehen?« fragte Nachime. »Ob einer tot ist oder nicht? Darauf muß sich auch der schlechteste Doktor verstehen,« meinte der Knecht, und ein trauriges Lächeln schwebte um seine zuckenden Lippen. »So geh, du lieber Wojtech,« sagte Nachime, »Gott wird dir's zahlen.« Nachime blieb allein zurück bei ihrem Sohne. Sie mußte in der Tat überzeugt sein, daß der Zustand Eliehs nur ein Rückfall in die kaum überstandene Krankheit sei. Ihre Hände zitterten nicht, als sie ihm die Kopfkissen zurecht rückte, damit er besser liege; nicht einmal, daß er sich unheimlich kalt anfühlen ließ, daß kein Atemzug über die Lippen des Schwererkrankten wehte, fiel ihr als ein besonderes Merkmal der äußersten Gefahr auf. Sie hatte das schon einmal erlebt; nicht anders war es das erstemal, als sie ihn selbst so gefunden. Als gleich darauf Rebb Schlome und Tille mit allen Zeichen des tiefsten Entsetzens in die Stube stürzten, winkte sie ihnen zu, sich zu mäßigen, indem sie den Finger an den Mund legte, als ob sie ungestörte Ruhe für einen Schlafenden geböte. »Es wird nichts sein,« flüsterte sie, als die beiden trotzdem an das Bett getreten waren, »geht nur alle hinaus und laßt ihn in Ruhe. Jeder Lärm könnt' ihm schaden. Nur Stille und Ruhe, das ist für ihn das Beste.« Sie folgten diesem Machtgebote; die Sicherheit der Mutter hatte für sie etwas Bewältigendes, dem sie sich ohne Widerrede fügten. Draußen aber sagte Anschel, der durch die halboffene Tür alles gesehen und gehört hatte: »Die Mutter will nicht sehen, daß er tot ist. Sie wird sich nur zu bald überzeugen, daß es wahr ist.« Eine halbe Stunde darauf kam Wojtech mit dem alten Schloßarzt zurück, der schon seit langen Jahren nicht kuriert hatte. Er untersuchte prüfend den Zustand des Entseelten, länger vielleicht, als er nach dem ersten Anblick bedurft hätte; aber er hatte schwache Augen und zitternde Hände, und traute vielleicht seiner eingerosteten Kunst nicht. Dann erklärte er jeden Belebungsversuch für vergebens; das Leben sei schon seit mehreren Stunden entflohen; es müsse etwas im Innern zersprungen sein, meinte er, eine Ader oder irgend ein kostbares Gefäß. Die Sache sei aber die, daß er tot sei. Nachime hatte den Ausspruch des Schloßarztes mit einer Art ruhiger Gleichgültigkeit angehört, dem Anscheine nach schien sie ihm nicht zu glauben. »Es wird vielleicht doch nicht wahr sein,« stammelte sie, und gleich darauf sah man sie schwanken und sich an der Bettpfoste anhalten. Lautlos, wie vom Blitze getroffen, sank sie zusammen. Die Kunde von dem, was bei dem »Judenbauern«, wie Rebb Schlome allgemein hieß, vorgefallen war, hatte sich indessen im Dorfe rasch verbreitet. Das Tor stand noch immer offen, und so wogten fremde Menschen durch das Haus, um nähere Aufklärung über den rätselhaften Hingang des Bochers zu erhalten. Manche kamen bis in die Kammer Eliehs und standen an der Leiche, die sie nicht mit den stumpfen Augen der Neugier, sondern mit tiefem Mitleid betrachteten. Mitten in seiner Jugend aus dem Kreis der Lebenden hinweggerafft zu werden, im Naturgesetze eine Irrung wahrzunehmen, fällt immer beengend, wehmütig aufs Herz der Menschen. Viele sahen den Jüngling zum ersten Male; andere erinnerten sich seiner wie einer flüchtigen Erscheinung, die an ihnen vorüber gekommen, der erst jetzt der Tod Bedeutung und Erinnerung verlieh. Sogar in die große Wohnstube, wo sich die Trauernden aufhielten, kamen fremde Menschen und bezeigten da ihre Teilnahme. Manche hatten den Mut, nach den näheren Umständen des schrecklichen Vorfalls zu fragen; aber keinem ward eine Antwort. In der Versunkenheit ihres Schmerzes zogen die Aus- und Eingehenden wie wirre Traumbilder an ihren Augen vorüber; sie sahen und hörten niemanden. Nachime war zu Bette gebracht worden. Aber noch war das Maß des Entsetzens, das an diesem Tage über das Haus sich ergießen sollte, nicht voll. Zu Mittag, als sich die Zahl der Besucher schon zu lichten begann, erschien mit einem Male der Richter in der Stube. Als Rebb Schlome ihn erblickte, ging er ihm entgegen; die hohe Gestalt und das entschiedene Wesen des Bauers hatten für ihn von jeher etwas Bewältigendes gehabt. »Was sagt Ihr, Herr Richter,« rief er. »Ist das nicht, um graue Haare zu bekommen in einer Nacht?« Der Bauer trat einige Schritte zurück. »Wir zwei,« meinte er, »sollten gar nicht miteinander reden. Dein Unglück ist groß, Bruder, aber ich weiß auch von etwas zu erzählen.« Erst jetzt wurden die in der Stube Befindlichen durch diese Worte aufmerksam. Sie schauten auf aus ihrem Schmerze; vor ihnen stand einer, auf dessen Antlitz ein nicht minder großes Weh deutlich zu lesen war. Schwere Tränen rollten über das stark gefurchte, kummervolle Gesicht des Richters. Das war der starke Bauer nicht mehr, der sie am Tage nach ihrer Ankunft in so feierlicher Weise begrüßt hatte; er schien seit dieser Zeit um ein halbes Leben gealtert. Noch ehe einer fragen konnte, rief er in einem Tone, der allen an die Seele schnitt: »Du einen Sohn, Bruder, und ich eine Tochter.« Anschel war aufgesprungen, bebend am ganzen Leibe schrie er: »Eure Tochter, Herr Richter?« »Ja, die auch,« erwiderte der Bauer fast trotzig. »Der Herr Gott im Himmel weiß das schon so einzurichten. Er nimmt sich immer das Beste, das Liebste, was man hat.« Dann aber als fühlte er, wie dieser Trotz und Hohn zu seiner und des Hauses Lage übel passe, fuhr er ruhig, fast gelassen fort: »Heute früh war sie gesund und frisch. Da kommt einer und erzählt, was bei euch vorgegangen. ›Ist's der Ältere oder der Jüngere?‹ frag' ich. Da heißt es, der Jüngere wäre es, der erst krank gewesen. Wie sie das hört, muß sie erschrocken sein, denn sie hat zu euch allen eine besondere Liebe gehabt, und geht aus der Stube hinaus. Eine gute Weile darauf kommt mein Weib, ganz außer sich, und erzählt, sie liegt in ihrer Kammer auf der bloßen Erde und will sterben. Ich geh' zu ihr; da sitzt sie wirklich auf der bloßen Erde, bleich wie Kalk, die Augen unterlaufen und immer auf einen Punkt gerichtet. Ich frage sie: Töchterchen, was fehlt dir? Da sagt sie: Väterchen, ich muß dir Kummer machen, ich werde noch heute sterben. Wir reden ihr alle die Narrheit aus; sie aber schüttelt immer mit dem Kopfe und meint, wir werden es schon sehen und läßt sich's nicht ausreden. Ich frag' sie einmal: Töchterchen! Wie ist dir das geschehen, was meinst du? Da bricht sie in ein lautes Weinen aus und schreit: Das Unglück sei über sie gekommen wie ein böser Wind, sie hätte aber das Unglück selbst verschuldet und dafür müßte sie ihr junges Leben bezahlen. Ich sag' ihr, ich will um den Doktor schicken, der wird ihr helfen. Da wehrt sie sich dagegen und bittet mich, ich soll ja das nicht tun, ihr könne selbst die gebenedeiete Mutter Gottes nicht mehr helfen. Wenn ich ihr aber einen Gefallen noch machen wollte, so sollt' ich das Bild da wieder zu euch zurücktragen; das hätte Unglück ins Haus gebracht, und wenn ich nicht wollte, daß noch Neues dazu käme, sollt' ich's augenblicklich wieder auf den alten Fleck zurückstellen. Ich hab' mir das Bild niemals wollen nehmen lassen, aber weil sie darum gebeten hat, so hab' ich ihr gefolgt.« Damit legte der Bauer den »Mogen Dovid« des Vetter Koppel vor sich auf den Tisch; sie hatten in dem Anhören seiner Reden nicht bemerkt, daß er das Bild dabei in der Hand gehalten. »Vielleicht hilft das noch,« sagte der Bauer zuletzt und wandte sich zum Fortgehen. Aber an der Türe drehte er sich noch einmal um und warf einen langen, wehmütigen Blick nach dem Bilde zurück. Als der Bauer sich entfernt, griff eine gierige Hand schneller, als es einer wehren konnte, nach dem wiedergefundenen, auf so seltsame Weise heimgebrachten Erbstück aus Absalons Revolution. Vetter Koppel hatte sich sein Eigentum wieder errungen und hielt es fest gegen seine Brust gepreßt, die Augen funkelnd und entschlossen auf Rebb Schlome und Anschel gerichtet, als ob er auf neuen Raub sich rüsten wollte. Dafür war aber gesorgt. In Anschels Seele tagte ein anderes Licht, als wonach der »Mogen Dovid« des Vetter Koppels trotz der in großen Buchstaben »Misrach« (Ost) lautenden Inschrift zeigte. Rebb Schlome aber dachte nicht an neue Beraubung. 27. Der letzte Entschluß. Am dritten Tage, es war Montag, fuhren sie die Leiche nach Brandeis, um sie auf dem dortigen »guten Ort« dem Staub der Erde zu übergeben. Rebb Schlome hatte anfangs daran gedacht, sie nach der Heimatgemeinde zu bringen, war aber aus Gründen, die er nicht dartat, von diesem Entschlusse abgekommen. Vielleicht wollte er dem Unglück seines Hauses gerade dort nicht einen Grabstein setzen, woher er ausgezogen. Selbst in der tiefsten Zerknirschung, zerschmettert von der Wucht des hereinbrechenden Verhängnisses, vergißt das menschliche Herz nicht, was man seine Ehre nennen könnte. Nachime hatte übrigens auf diesen Entschluß ihres Mannes keine Macht ausüben können, sie lag krank zu Bette, sie war eigentlich nicht bewußtlos, aber man hütete sich, mit ihr darüber zu reden. Seit zwei Tagen war kein Wort über ihre Lippen gekommen, sie fragte nach niemanden und begehrte keinen zu sehen. Nur durch Gebärden deutete sie an, daß sie Tille um sich haben wolle, nur das Kind litt sie an ihrem Bett. Als der Wagen mit der Leiche am frühen Morgen zum Tore hinausfuhr, wußte sie es nicht; sie lag eben im tiefen Schlafe. Nur das Kind hörte das Rollen des Wagens und wußte, wen sie in diesem Augenblicke forttrugen. Aber, um die Mutter nicht zu wecken, wagte Tille nicht einmal, an das Fenster zu treten; still und bitterlich weinte sie vor sich hin. Wojtech selbst lenkte die Pferde; Rebb Schlome und Anschel gingen hinterdrein; sie wollten den fast zwei Stunden betragenden Weg nach Brandeis zu Fuß zurücklegen. Als sie an dem Hause des Richters vorüberkamen, ließ Wojtech die Pferde schneller gehen; das Haus war lautlos und grabstill, es hatte auch seine Tote. Man raunt sich im Dorfe zu, das schöne Mädchen hat sich ein Leid angetan. Sie sagen: aus Liebe! . . . Anschel verhüllte sein Antlitz; erst weit hinter dem Dorfe wagte er aufzuschauen. Während des langen Weges wurde fast kein Wort zwischen Sohn und Vater gesprochen; es hatte jeder genug an seiner eigenen Gedankenlast zu tragen. Nur als sie auf die Brandeiser lange Brücke kamen, unter der die Elbe mächtig dahinrauscht, brach Rebb Schlome das bisher behauptete Stillschweigen. »Jetzt erinner' ich mich,« rief er, »ich hab' dir für heute aufgetragen gehabt, wegen der Assekuranz nach Brandeis zu gehen. Da sind wir nun in Brandeis, aber wir bringen eine schöne Assekuranz auf den guten Ort! Gott steh einem jeden vor so einer bei!« »Darf ich dir etwas sagen, Vater,« meinte Anschel nach einer geraumen Weile. »Red!« sagte Rebb Schlome. Anschel hub die Augen zu seinem Vater auf. »Was will man,« sprach er, »wenn man sein Haus oder seine Scheuer verassekuriert? Man will sich sichern, um ganz ruhig zu sein. So kommt's mir auch mit unserm Elieh vor. Mir scheint, der ist in eine gute Assekuranz gegangen.« »Wie meinst du das?« rief Rebb Schlome fast heftig. »Ich glaub' nur,« beeilte sich Anschel rasch zu sagen, »unser Elieh ist gut aufgehoben.« Rebb Schlome schüttelte zu dieser Bemerkung den Kopf; er entgegnete nichts darauf. Ihm dünkte wahrscheinlich dieser trübe Gedanke aus dem Munde eines kaum dem Knabenalter entwachsenen Jünglings viel zu unnatürlich. Aber der Gedanke hätte anders gelautet, wenn Anschel sprechen und von demjenigen hätte sprechen dürfen, hinter dessen Leiche er einherschritt. Die Beerdigung hielt sie indessen länger auf, als sie erwartet hatten. Es mußte erst der Sarg gezimmert und die Grabstelle von der Gemeinde erkauft werden, auch waren die »Tachrichim« (Sterbekleider) nicht verfertigt. Es währte einige Stunden, bis sich die »heilige Bruderschaft« im Synagogenhofe versammelte; es war nahe am Mittag. Zwei lange, ungehobelte Bretter wurden zersägt und daraus die einfach rohe Ruhestätte zusammengesetzt, in der Elieh dem Schoße der Erde anvertraut werden sollte. Jeder von der »Bruderschaft« legte Hand an dieses Werk und tat einige Sägestriche in das Brett, je nachdem ihn der Aufruf des Schuldieners traf, der Namen auf Namen von einem Zettel herablas. Andere hatten indessen die üblichen Waschungen mit dem Toten vorgenommen und die weißen Sterbekleider ihm angetan, die in der Eile von den »frommen« Frauen verfertigt waren. Als der Sarg auf den Wagen gehoben und nun jener schauerlich ernste Psalm : »Im Schirm des Höchsten ruhend, in der Allmacht Schatten weilend, bete ich zu Gott,« von allen Anwesenden angestimmt wurde, da brach Rebb Schlome, der bis dahin eine Art künstlicher Fassung behauptet hatte, in lautes und heftiges Weinen aus. »Elieh, mein Kind!« hörte man ihn ein über das andere Mal rufen, »bin ich vielleicht an deinem Tod schuld?« Aber die in der Weise von Responsorien vorgetragenen Psalmverse übertönten diese Selbstanklage, nur Anschel und die ihm Naheschreitenden vernahmen sie, ihnen griff sie gewaltig an die Seele. So bewegte sich der Zug durch die ganze »Gasse« zum »guten Ort« hinaus; er vergrößerte sich zusehends. Wo einer müßig vor einem Hause stand, schloß er sich an. Es galt, dem Toten, den niemand gekannt hatte, die letzte Ehre antun. Man wußte nur, daß ein junges Leben aufgehört hatte; Frauen und Mädchen, die in den Türen ihrer »Gewölber« standen, weinten ihm nach – und hatten ihn doch nicht gekannt. Als man auf dem »guten Ort« angekommen war, bemerkte Rebb Schlome sogleich, daß Eliehs Grab nahe an der Umfriedungsmauer, an einem Orte, der von den übrigen Ruhestätten beinahe seitab lag, war gegraben worden. Sonderbar! Diese Vernachlässigung seines Kindes brachte ihn so auf, daß er kaum den zornigen Ausdruck unterdrücken konnte. »Warum legt man mein Kind nicht weiter hinein,« wandte er sich zu einem der neben ihm Gehenden, »warum verunehrt man mich? Ich hab' doch das Grab um schweres Geld von euch erkauft, und jetzt legt ihr mein Kind an einen Ort, als wenn es sich, Gott behüte, etwas zuleid getan hätte?« Man bemerkte ihm, daß der Tote ein Fremder in der Gemeinde sei, der darin keine »Freundschaft« besitze. Niemand hätte es zugegeben, daß man ihn neben eine »Freundschaft« lege, zu der man einst selber gelegt zu werden hoffe. Man fragte ihn, ob er sich nicht selbst dagegen wehren würde, wollte man ihm in seiner Heimatgemeinde einen Fremden an die Seite der »Freundschaft« legen? Dagegen vermochte Rebb Schlome nichts einzuwenden; die Leute waren in ihrem Recht, und er selbst hätte nicht anders gehandelt. Dennoch tat ihm dieses Abseitelegen seines Kindes in innerster Seele weh, es war ihm, als sei es ausgeschlossen aus dem Kreise der zu ihm Gehörigen, als hätte er an ihm gehandelt, wie ein Fremder, nicht wie ein Vater. »Wenn sie das wüßte, wo ihr Kind liegt!« sagte er mit einem schweren Seufzer halblaut vor sich hin. Dann aber sich aufraffend, beinahe mit heiterer Miene, wandte er sich zu Anschel und sprach festen und entschiedenen Tones: »Du, das sag ich dir und das behalt in deinem Gedächtnis, und vergiß es nicht. Wenn ich einmal da hinunter soll, so führst du mich nirgends anders hin, als auf den Brandeiser ›guten Ort‹, und da neben meinem Elieh läßt du mir mein Grab machen. Das Kind soll nicht allein liegen und sagen, man hat wie ein Fremder an ihm gehandelt. Wirst du's nicht vergessen?« Anschel schüttelte verneinend den Kopf. Dieses Gebot schien den starken Mann für die tieftraurigen Förmlichkeiten der eigentlichen Beerdigung gewissermaßen gestählt zu haben; er ließ sie mit einem Gefühle fast ruhiger Teilnahmlosigkeit an sich vorübergehen. Nachdem unter den Kopf des Toten noch ein Kissen, mit frischer Erde gefüllt, und auf dessen Augen die Scherben eines zerbrochenen Topfes gelegt waren, damit die Erdschollen nicht zu sehr das feinste, fast seelenhafte Gefäß des Menschen drücken mögen, das im Leben so viel Schönes geschaut, trat einer aus der frommen Brüderschaft an den Toten heran und bat ihn im Namen der »Nachbarschaft, der fernen Anverwandten, der Freunde und der gesamten Gemeinde« um Vergebung, wenn sie ihn jemals beleidigt hätten, wobei er ihm noch zuletzt verkündete, daß diese alle keine »Gemeinschaft« mehr mit ihm hätten und haben wollten. Dann trat Rebb Schlome heran und bat sein Kind laut und weittönend um Verzeihung; seine Stimme zitterte nicht. Anschel dagegen vermochte vor tiefinnerster Regung nur unverständlich die übliche Bitte an den Toten zu richten. Hatte er denn seinen Bruder beleidigt? War Elieh von ihm gekränkt worden? . . . Rebb Schlome zuckte auch nicht, als die Schollen auf den Sarg niederrollten; er schien nur von dem einen Gedanken beherrscht, hier einmal neben seinem Kind ausruhen zu können. Jeder der Anwesenden tat einige Spatenstiche in die lockere Erde und warf die Scholle auf den Sarg, bis dieser vollständig bedeckt war. In geschäftiger Eile war das ganze Werk getan worden; es hatte wenige Minuten gedauert. Der Schuldiener verrichtete hierauf noch die drei allerletzten Spatenstiche und ebnete mit der Schaufel die Seiten des Grabes. »Bis jetzt,« sagte ein Knabe, der dem Beerdigungsauftritte beiwohnte, leise zu seinem Kameraden, »bis jetzt hat der Tote alles gehört und gesehen, und darum beeilt man sich auch so sehr, damit er in Ruhe kömmt. Wie man aber die dritte und letzte Schaufel Erde hinabwirft, da vergeht ihm Hören und Sehen, und er weiß nichts mehr von sich.« »Wirklich?« meinte der Kamerad mit ungläubiger Miene. »Du kannst es mir glauben,« beteuerte der andere, »meine Babe hat mir's erzählt, und die weiß das alles. Soll ich dir auch sagen, warum jetzt die Leute Gras abreißen und es hinter sich werfen und dabei sagen: ›Sie sprießen hervor aus der Erde, wie das Gras?‹ . . . Das weiß ich auch.« »Nun?« »Man soll nicht glauben,« erklärte der Knabe, »daß die Menschen aussterben werden! Sie bleiben, bestehen und wachsen fort, wie das Gras; man mäht es ab, und doch kommt es nach einiger Zeit wieder . . .« Trotz allem, was um ihn her vorging, hatte Rebb Schlome dieses leise geführte Gespräch der beiden Knaben nicht überhört; es ergriff ihn eigentümlich. Daß das Grasausreißen diese Bedeutung hatte, daran hatte er nie gedacht. Wie zum Danke lächelte er dem sinnigen Erklärer zu. Welche Hoffnung, welch stärkender Duft stieg nicht aus dieser einfachen Deutung, die er erst am Grabe seines eigenen Kindes empfangen sollte! Menschen sterben und vergehen, das ist ihr Los; selbst über des Kindes junges, noch wenig erschlossenes Dasein schreitet die eherne Notwendigkeit hinweg; aber die übrig bleiben, wollen wachsen wie das Gras, wollen leben, sich wiegen und bescheinen lassen im Sonnenlichte; denn sie haben die »Gemeinschaft« mit dem Toten aufgegeben. Jetzt erst verstand Rebb Schlome die frühere Bitte an die Leiche vollständig; der Mensch wollte leben bleiben wie das Gras! Nachdem der Schuldiener noch mit einem stumpfen Messer in die Röcke der beiden Trauernden die »Keriah« oder den Riß geschnitten hatte, trug Rebb Schlome mit vernehmlicher Stimme das übliche Gebet für die Toten vor, worauf alle den »guten Ort« verließen. Rebb Schlome warf noch einen letzten Blick nach dem einsamen, abseit liegenden Grabe seines Kindes. Dachte er dabei an »sie« oder an Elieh, der fern von aller Freundschaft in einer fremden Gemeinde ruhen mußte – weil er es gewollt hatte? In einer Stube des Leichenhofes mußten die zwei Trauernden noch eine Stunde lang auf niedrigen Schemeln sitzen; es war dies der Beginn der siebentägigen Trauer um den Toten. Man hatte ihnen Speise und Trank geschickt; aber sie genossen davon nur so viel, als das »Gesetz« vorschreibt. Es war spät am Nachmittage, als sie zum Heimgang bereit waren. Sie suchten den Knecht auf, der in einem Wirtshause am »Ring« die Pferde eingestellt hatte. Als Wojtech sie eintreten sah, rief er laut jammernd: »Jetzt müssen wir ohne ihn nach Hause fahren!« Er winkte dann, während er zur Stube hinausging, um die Rosse anzuspannen, auf eine geheimnisvolle Weise Anschel zu sich. Im Hofe draußen zog er ihn in einen unbeachteten Winkel und sprach da zu ihm: »Ihr habt ja vergessen, ihm etwas mit ins Grab zu geben.« »Was?« fragte Anschel verwundert. »Man gibt bei uns nichts ins Grab.« »Und dieses?« meinte der Knecht ernst und zog aus seiner Brust das messingene Kreuz hervor, das sie bei Elieh gefunden hatten. Anschel glaubte, der Knecht wolle ihn höhnen; eine zornige Regung stieg in ihm auf; aber sie schwand sogleich, als er in Wojtechs gramvolles Antlitz geblickt hatte. »Das geht nicht, Wojtech,« sagte er sanft, »besonders das geht nicht. Vergißt du, wer mein Bruder gewesen ist?« »Sie hat es ihm aber doch gegeben,« meinte der Knecht kopfschüttelnd. »Er hätte es gewiß nicht von sich gelassen, hätte er länger gelebt.« »Sprich nichts davon,« bat Anschel, ». . . es hat ja doch nicht sein dürfen. Soll man einem Toten noch die Sünde mitgeben ins Grab, daß er niemals zur Ruhe kömmt?« »Die Sünde?« meinte Wojtech mit einem trüben Lächeln. »Und was für eine!« rief Anschel schaudernd und wandte sich von dem Knechte ab. »Was soll ich aber damit tun?« fragte der Knecht nach einer Weile. »Ich weiß nicht,« entgegnete Anschel zögernd. »Willst du es bei dir behalten?« »Ich?« rief Anschel, über diese neue Zumutung des Knechtes mehr erstaunt als entsetzt. Dann aber, als fühlte er, er könne ihn durch den Ton dieses Ausrufes bitter gekränkt haben, setzte er sogleich hinzu: »Warum behältst denn du es nicht, Wojtech? Will dir's denn einer wegnehmen?« »Du willst es mir also lassen?« rief der Knecht freudig, »und ich kann es behalten? Daran hab' ich nicht gedacht, daß ich noch etwas von dem armen, hochwürdigen Herrn behalte.« »Behalt's, so lange du willst,« sagte Anschel, »und reden wir nicht weiter davon!« Anschel sah dabei den Knecht mit einem viel bedeutsamen Blicke an, und reichte ihm, wie zur beiderseitigen Bekräftigung, die Hand hin. »Ich versteh' dich,« sagte der Knecht kurz und schlug ohne Zögern in die dargebotene Hand ein. Weiter ward kein Wort gesprochen; der Bund war geschlossen und Anschels Seele von einem schwarzen Schatten befreit. Die Heimfahrt wurde nun angetreten. Als sie wieder auf die Brandeiser lange Elbbrücke kamen; blieb Rebb Schlome, der erst hinter der Stadt den Wagen benutzen wollte, plötzlich vor Anschel stehen; er fuhr sich über die Stirne, wie einer, der sich selbst auf einem vergessenen Gedanken ertappt hat. Es war auf der nämlichen Stelle, an der er vor einigen Stunden von der Assekuranz mit Anschel gesprochen hatte. »Willst du was, Vater?« fragte Anschel. »Nein, nein,« entgegnete Rebb Schlome heftig und sah dabei den Sohn scharf an. »Es hat Zeit . . . es hat stark Zeit. Man kann ja so nicht wissen . . .« Anschel hörte es diesem Tone an, daß er nicht weiter fragen dürfe. Daß es der Assekuranz galt, darüber schien ihm kein Zweifel obzuwalten. Aber was sollten die letzten Worte bedeuten, »man könne so nicht wissen, und dann sei es umsonst?« Von welchem zerrissenen Gedankennetze war dies ein Bruchstück? Wer stand ihm jetzt dafür, daß sie nicht bald ein anderes Tote bestatten würden, die Leiche ihres Feldes! »Man kann ja so nicht wissen,« riefen verzweiflungsvolle Stimmen in ihm, »und dann ist alles umsonst hinausgeworfen,« antworteten sie sich selbst. Es dunkelte bereits, als sie in das heimatliche Dorf einfuhren. Am ersten Hause stieg Rebb Schlome vom Wagen und gebot Anschel ein Gleiches zu tun. Wojtech sollte hinter ihnen zurückbleiben und ja nicht früher ins Tor einfahren, als bis er sie ins Haus treten gesehen habe. Selbst dieser kleine Umstand fiel beengend auf Anschels Herz. Warum wollte der Vater nicht, wie jeder Bauer, der »Roß und Wagen« besitzt, in sein Haus hineinfahren? Wollte er schon heute nicht mehr als Bauer erscheinen? – Mit trüben Ahnungen in der Seele schritt Anschel an der Seite seines Vaters durch den dunkelnden Abend; um ihn war finstere, sternlose Nacht. So erreichten sie das Haus. Das Tor war diesmal geschlossen; auf ein leises Pochen ward es von einem Knechte geöffnet. Im Hofe kam ihnen Tille entgegen. »Die Mutter!« rief Rebb Schlome hastig und hielt inne. »Was macht die Mutter?« »Sie ist aufgestanden und sitzt › Schiwe ‹,« sagte das Kind traurig. »Warum ist sie noch nicht zu Bette?« rief Rebb Schlome heftig. »Sie will es nicht anders,« sagte Tille. »Gleich, wie ihr fortgegangen war't, ist sie aufgewacht und hat nach euch gefragt. Ich hab' es ihr nicht gleich eingestehen wollen, da meinte sie: ›Glaubst du, ich weiß nicht, daß heute Montag ist? Heut' fängt ja die Schiwe an.‹ Dann ist sie aufgestanden und hat sich angekleidet und auf den Fußschemel gesetzt. Sie ist seitdem nicht aufgestanden; manchmal weint sie, manchmal sieht sie in den Sidur (Gebetbuch). Vor einer Stunde hat sie das erste Wort an mich gerichtet seit dem frühen Morgen. ›Kommt denn dein Vater noch nicht zurück?‹ hat sie mich gefragt. Von unserm Elieh war keine Rede.« Aufhorchend hatte Rebb Schlome den Bericht des Kindes vernommen; seine Brust arbeitete heftig; über seine sonst so gehärteten Gesichtszüge ging ein Zucken, als ob er weinen wollte. Vielleicht, damit die Kinder nicht Augenzeugen dieses innerlich tobenden Kampfes seien. hatte er den Kopf von ihnen weggewendet; so stand er eine Weile da. Dann, als sei er einig in sich geworden mit einem Entschlusse, den niederzuringen alle Seelengewalt aufgeboten werden mußte, ging er festen Schrittes auf das Haus zu. An der Tür, die in die Wohnstube führte, blieb er stehen; zögerte einzutreten. Leise drückte er auf die Klinke und trat ein. Da saß Nachime auf einem niedrigen Fußschemel, matt beleuchtet von dem Totenlichte, das zu Eliehs Andenken angezündet worden war. Sie hatte den Eintretenden nicht bemerkt, denn sie saß gegen das Fenster zu. Aber der kühlere Luftzug, der mit Rebb Schlome gleichzeitig eingedrungen war, mochte sie berührt haben; sie blickte um sich. »Guten Abend, Nachimeleben,« sagte der gebeugte Mann mit seinem weichsten Tone. »Wie geht es dir?« Da wollte sie, wie von einer unsichtbaren Federkraft emporgetrieben, vom Schemel sich erheben; aber sie sank zurück; mit beiden Händen verhüllte sie sich ihr Angesicht und begann bitterlich zu weinen. »Verzeih mir, Nachime . . . verzeih, was ich dir angetan habe,« rief Rebb Schlome, »ich leid' ja nicht weniger als du.« Da hörte sie mit einem Male zu weinen auf, die Hände sanken langsam von ihren Augen herab; mit erstaunten, fast irren Blicken schaute sie um sich. Dann erhob sie sich, sie schien die nötige Kraft gewonnen zu haben. Mit einer einzigen hastigen Bewegung war sie an ihren Mann herangetreten und faßte ihn an der Hand, auf die sie sich niederbeugte, als ob sie darauf einen Kuß der Demut drücken wollte. »Was willst du mit mir jetzt tun, Schlome?« rief sie in schneidenden Lauten. »Allmächtiger Gott,« schrie dieser entsetzt, »das sagst du mir , Nachime?« »Ich kann nicht reden,« stöhnte sie, »ich kann nicht reden, ich glaub', es sprengt mir mein Herz ab.« »Wein dich aus, Nachime,« sagte Rebb Schlome, »wein dich aus, das wird dich erleichtern.« Er hob sie zu sich auf und umschloß sie mit beiden Armen. So hielten sich die Ehegatten eine geraume Weile umschlungen; Nachime weinte laut an der Brust ihres Mannes; sie schien sich nicht Einhalt tun zu können. Mehrmals versuchte sie zu sprechen, aber sie vermochte nur Unverständliches zu wimmern. Es war ein Scheidepunkt ihres Lebens eingetreten. Die beiden Kinder standen an der Tür und wagten nicht durch irgend einen Laut in die Weihe dieses Augenblickes einzugreifen. »Warum jagst du mich nicht auf und davon?« rief sie endlich, »so ein schlecht Weib, wie ich bin, behandelst du so gut?« »Schweig,« rief dagegen Rebb Schlome, »und demütig' dich nicht vor mir. Das bricht mir ja das Herz ab, daß ich dich nicht erkannt habe, wie du das beste und bravste Weib auf Gottes Erdboden bist.« Da riß sie sich von ihm los; es war nicht anders, als ob sie einer mit feurigen Werkzeugen von ihrem Manne getrennt hätte. »Schlome,« rief sie mit drohend aufgehobenem Finger, »versündig' dich nicht, daß du jetzt lügst. Ich war ein schlecht Weib, schlechter als ihr alle denken könnt. Wär' denn alles so gekommen, wie es gekommen ist. wenn ich anders gewesen wäre?« »Und von mir redst du gar nicht, Nachime,« sagte Rebb Schlome wehmütig, »ich bin ein unschuldig Kind? Ich, der ich dich gezwungen habe, der Gewaltnik? Von mir redst du gar nicht?« »Bist du nicht der Mann und ich das Weib?« rief Nachime schneidend. »Glaub auch nicht,« setzte sie darauf weniger herbe hinzu, »glaub nicht, daß ich wegen unserem Elieh so weine, ich wein' um mich selbst. Das Kind hat uns Gott genommen . . . wir hätten es wahrscheinlich nicht erhalten können . . . und wer gestorben ist, dem ist wohl. Aber ich bin nicht gestorben, ich lebe; ich muß jeden Augenblick denken: ich hätte sterben können, auf einmal, mitten in der Nacht. Mit aller Schlechtigkeit wär' ich aus der Welt gegangen, nicht wie unser Elieh, fromm und gut! Soll ich da nicht weinen um mich? Der Tod meines Kindes hat mir erst die Augen geöffnet, jetzt seh' ich erst, was ich längst hätte sehen sollen.« »Mach dich nicht schlecht, Nachime,« bat, die Hände zur Bitte gefaltet, Rebb Schlome. »Du hast dir nichts vorzuwerfen! Jedes deiner Worte geht mir wie ein Messer durch das Herz.« Aber Nachime hörte entweder nur sich, oder fand in diesen Selbstanklagen gleichsam eine neue Kraft, um sich aufrecht zu erhalten. »Nachime nennt man mich,« fuhr sie fort, »ich weiß, das heißt: Trost! und kein Weib sollt' einen andern Namen haben. Ich aber war euch ein schöner Trost! Gott der Lebendige soll jedes Judenkind vor so einer Nachime behüten. Statt euch zu trösten in euern Nöten, hab' ich euch gekränkt; statt euch jeden Bissen zu versüßen, hab' ich ihn euch verbittert. Wie ein gut Weib hätt' ich dich immer fragen sollen: Schlome, schmeckt's dir? Bist du müde? Hab' ich das und jenes gut gemacht? Bist du damit zufrieden? Niemals während der ganzen Zeit hast du das kleinste gute Wort von mir gehört; mich hab' ich am liebsten gehört. Was mir meine Schlechtigkeit eingegeben hat, das hab' ich in mir behalten, etwas Gutes hab' ich mir nicht einreden lassen; davor hat es mir gegraut, wie vor Gift. Wer von allen in meinem ganzen Hause kann sagen, ich hätt' ihn nicht einmal gekränkt? Dich aber, Schlome, hab' ich geflissentlich beleidigt, hab' dich herabgesetzt vor deinen eigenen Kindern, hab' dir das kleine Unrecht, das du an mir begangen hast, mit tausend Prozent zurückgezahlt. Und da soll einer kommen und sagen: So was tut nur ein gut Weib.« »Klein nennst du das Unrecht, Nachime . . .?« unterbrach Rebb Schlome den Strom dieser bittern Selbstanklagen. »Lebendiger Gott, wie vergrößerst du mich, und wie verkleinerst du dich.« »Warum?« eiferte Nachime, und ihre Aufregung stieg von Wort zu Wort, »du hättest mich fragen sollen, ob ich eine Bäuerin werden will? Du hättest dir bei mir einen Rat holen sollen? Wozu bin ich dein Weib? Daß ich einen andern Weg gehe und du einen andern? Daß, wenn du sagst: Ich will nach rechts, ich lieber nach links möchte? Du hast ja recht gehabt, daß du mich nicht gefragt hast.« »Ich habe nicht recht gehabt, Nachime,« sagte Rebb Schlome mit ernster Entschiedenheit, »das wirst du mir nicht einreden können. Schon, daß ich deinen Willen habe zwingen wollen, ist mein großes Unrecht. Weil du fünfundzwanzig Jahre zu allem ›ja‹ gesagt hast, was ich getan habe, meint' ich, du wirst es auch diesmal sagen. Darauf hatte ich spekuliert, ich sag' dir das jetzt frei heraus. Aber du hast dich dagegen gestemmt und gewehrt wie eine Löwin; zum ersten Male in den fünfundzwanzig Jahren hast du ›nein‹ gesagt. Gott im siebenten Himmel ist mein Zeuge, wie oft mein Herz gezittert hat unter dem ›nein‹, wie gerne ich oft mit dir darüber gesprochen hätte.« »Meinst du, ich hab' es dir nicht angesehen?« rief Nachime, milder geworden durch die Rede ihres Mannes. »Das eigene Kind ist ja vor mir zurückgeschreckt; wie hätt' dir das Blut im Leib nicht gefrieren sollen, wenn du mich nur angesehen hast? Daher ist auch alles Unglück, alles Weh gekommen. Das Kind hat sterben müssen. Ihr habt in den heiligen Schabbes hinein arbeiten müssen, und ich habe nichts dazu sagen dürfen. Hätte Gott das zugegeben, wenn er dir, wenn er mir das rechte Wort und zu der rechten Zeit auf die Lippen gelegt hätte?« »Nachime, Nachime, hör um Gottes willen auf,« bat wieder Rebb Schlome, »das Haar auf dem Kopfe steht mir ja auf vor Schauder, wenn du so fortredest.« »Laß mich alles vom Herzen herunterreden, Schlome,« sagte Nachime dagegen, »es tut mir wohl . . . Hab Geduld mit mir; ich hab' ja schon so lange mich mit dir nicht ausgeredet. Du kannst nichts dafür.« »Tu mir den einzigen Gefallen, Nachime,« rief wieder Rebb Schlome mit vor tiefster Rührung zitternder Stimme, »und höre auf. Ich könnt' ja sonst wirklich meinen, wenn ich dich so fortreden lasse: ich habe recht und du hast unrecht. Und zuletzt, wo ist der Mensch, der eine so feine Wage hat? Wo es auf eine so feine Wage ankommen soll, da haben entweder wir beide ganz recht, oder beide haben unrecht.« »Glaubst du, Schlome?« sagte Nachime, die diese Worte lauschend, als kämen sie ihr aus Himmelshöhen zu, in sich aufgenommen zu haben schien, und ein trübes, ungläubig fragendes Lächeln spielte um ihre Lippen. »Ich glaub' es,« sagte Rebb Schlome feierlich, »so wahr, als uns Gott helfen soll!« Nachimes Wesen erzitterte unter dem Eindrucke dieser Worte; sie hob die feuchten Augen zu ihrem Manne auf, sie sah fast furchtsam auf. »Und was willst du mit mir tun, Schlome?« sagte sie demütig und wankte ihm entgegen, mehr als sie ging. »Leben wollen wir miteinander, Nachime,« rief Rebb Schlome mit überwallendem Herzen, »leben und uns unseres Lebens freuen! Gott und die Menschen sollen wieder Freude an uns finden, die Sonne soll wieder scheinen, und . . .« »Ich hab's nicht verdient, Schlome,« rief sie weinend, »ich nicht.« Der hochstämmige Mann zuckte schmerzlich zusammen nach diesem letzten demütigen Geständnisse. Sprachlos reichte er ihr die Hand, auf die sie sich wieder neigte. Er aber umschloß sie fest und innig; Nachime lag als Versöhnte, Reuige, an der Brust ihres Mannes. Bis dahin hatten die beiden Kinder nichts getan, was die sich wiederfindenden Eltern auf sie aufmerksam gemacht hätte. Es war ein namenloses Gefühl, das sie an der Tür lauschend gebannt hielt. Selbst jetzt, als sich vor ihren Augen das wunderbare Schauspiel begab, wie Vater und Mutter in echter und wahrer Wiedervereinigung sich begegneten, als sie sahen und hörten, wie Seele an Seele pochte und eine der andern den Willkommenruf entgegentönte, traten sie nur näher, um sich am Glücke ihrer Eltern, an dem warmen Strahle nach so langer Nacht zu sonnen, nicht um ihnen Glück zu wünschen. Denn, das sagte beiden ein gemeinsames Gefühl, daß es Kindern nicht zukomme, Freude zu offenbaren, wenn der Zwiespalt zwischen den Eltern geschlossen ward; so wenig, als sie der Versuchung nachgegeben hatten, sich mitten in ihren Streit zu stellen und mahnend abzuwehren. Als endlich die Wiedervereinigten voneinander ließen, sah Nachime fast verschämt aus; eine leichte Röte hatte die Wangen überflogen, die trotz des dunkelnden Abends sichtbar war . . . »Weißt du, wie du mir vorkommst, Nachime?« rief Rebb Schlome mit leuchtenden Blicken. »Gerad' wie vor fünfundzwanzig Jahren, wo alle Jungen in der ›Gasse‹ grün und gelb geworden sind vor lauter Neid, daß ich ihnen meine kleine Nachime vom Mund weg hab' genommen und hab' keinen um Erlaubnis gefragt.« »Und weißt du, wie du mir vorkommst?« sagte immer höher erglühend Nachime, »auch gerade wie vor fünfundzwanzig Jahren, wo wir miteinander, du mein Bräutigam, ich deine Braut, an einem Schabbes über ein Feld gegangen sind. Da hast du mir etwas zugeschworen.« »Ich?« rief Rebb Schlome erstaunt. »Du denkst es nicht mehr, aber ich denke es, Schlome, und werde es nicht vergessen bis ans Ende meines Lebens. Unsere Kinder wissen, wie und wo es mir eingefallen ist. Die werden dir sagen können, wie es mir um mein Herz war. Aber daß ich daran denken gekonnt, das mag dir beweisen . . .« »Daß du immer meine Nachime warst,« ergänzte Rebb Schlome. »Red nichts weiter davon.« Dann setzten sich beide nebeneinander auf die niedern Fußschemel zur Trauer um Elieh, die Kinder ihnen gegenüber. Aber von dem, der fern von ihnen auf dem Brandeiser »guten Ort« lag, war nicht die Rede. In lieblichen Gesprächen verging der Abend, kam die Nacht heran, und sie glänzte sternbesäet durch die Fenster. Oft berührten sich die Hände der Eheleute und lagen dann minutenlang ineinander; dann schwiegen sie und blickten einander mit Augen des Verständnisses an, wie es seit fünfundzwanzig Jahren nie so innig unter ihnen gewaltet. So kam die Zeit des Schlafengehens. Ist das auch eines der Geheimnisse Gottes, daß der Tod bindet und lang' Getrenntes wieder aneinander fügt? daß, was scheinbar Verderben und Untergang in seinem Schoße trägt, zugleich aus geheimsten Tiefen den Quell des Lebens nach oben drängt? Hier saßen Menschen, die am Morgen ein Liebes und Teures dem Staube der Erde zurückgegeben hatten – der Abend war gekommen, die Sonne,. die denselben Morgen beleuchtet, war kaum niedergesunken, und sie sprachen von Liebe und Leben, von Auferstehung ihrer Seelen nach der bangen Nacht traurigen Verkennens. Sollte der verwitterte Fels allein in das Geheimnis Gottes eingeweiht sein, wie aus Schutt und Fäulnis eine Blume erblühen kann? Ist das menschliche Herz nicht noch ein tieferes Geheimnis des großen Weltgeistes? 28. Schluß. Solch ein Wiederfinden entfremdeter Gemüter hat das Eigentümliche, daß kurz auf die Einigung ein Gefühl von Scham folgt, ein schüchternes Fliehen und Meiden, als ob die alte Trennung noch bestände. Das Auge glaubt nicht, was es schon gesehen, und wie aus Gewohnheit zuckt die Lippe bitter, die bereits gelächelt hat. Nur schwer lebt sich die Seele in die Wirklichkeit hinein, sie vergißt nicht so leicht den Druck des düstern Traumes. Als Nachime am andern Morgen aus der Schlafkammer in die große Wohnstube trat, lag auf ihrem Antlitz derselbe dunkle Schatten, den Mann und Kinder seit ihrem Aufenthalte auf dem Dorfe an ihr kannten. Erst als Rebb Schlome von seinem Schemel aufstand und ihr mit den Worten entgegentrat: »Wie ist dir, Nachime?« da hellte sich ihr Antlitz auf, und sie sagte leise mit schämig niedergesenkten Blicken: »Wie nur mir sein kann und keinem andern Menschen.« Als sie sich hierauf in der Stube umblickte und die beiden Kinder auf den niedern Fußschemeln sah, mußte die Erinnerung an den erlittenen Verlust gewaltig sie überkommen haben. Mit einem Schrei fuhr sie nach ihrem Herzen und rief: »Gott verzeih mir meine Sünd', ich hab' meinen Elieh ganz vergessen.« Dann setzte sie sich ebenfalls auf den Trauersitz neben ihren Mann und weinte leise vor sich hin. Eine geraume Zeit hindurch hörte man in dieser Stube nichts, als dieses unterdrückte, leise Klagen um den unglücklichen Sohn, bis sie allmählich ruhiger und stiller wurde. »Kann ich jetzt mit dir etwas reden, Nachime?« sagte Rebb Schlome und berührte sie an der Hand. »Red,« sagte sie tonlos. »Es liegt mir schwer auf dem Herzen,« begann er, »aber ich muß es herunter haben, und doch weiß ich, daß es dir neues Weh hinzufügen wird. Aber zwischen uns beiden, Nachime, darf kein Fußbreit Unwahrheit oder Lüge sein . . . Ich hab' unsern Elieh nach Brandeis zum ›guten Ort‹ gebracht.« »Nicht zu uns?« fragte Nachime erbleichend. »Nicht zu uns!« wiederholte Rebb Schlome. »Und darf ich auch nicht fragen, warum?« sagte Nachime nach einer Weile mit großer Anstrengung. »Willst du, daß jeder, der auf unsern ›guten Ort‹ kommt, sagen soll: Da liegt Nachimes Sohn! Das ist die Buß', die ihr Gott geschickt hat, weil Schlome, ihr Mann, sich so benommen hat gegen sie? Und die schlechtesten Menschen, die nicht wert sind, daß du ihnen ins Gesicht siehst, die Scheinheiligen und Versteckten sollen stehen bleiben am Grabstein unseres Elieh, sollen uns vorwerfen können: ›Das ist Schlomes und Nachimes Buß‹! Das kleinste Kind in der Gass' hätt' das bald so gut auswendig gewußt wie ein Amen. Bist du dir dazu nicht zu gut, Nachime? Ich frag' dich, . . . du brauchst mir nicht gleich zu antworten.« »Auf dem fremden ›guten Ort‹, nicht bei seiner Freundschaft zu liegen!« rief sie jammernd. Sie schien nur von dem einen Gedanken beherrscht. »Ich frag' dich wieder, Nachime . . .?« sagte nach geraumer Weile Rebb Schlome, aber seine Stimme zitterte; er vermochte nicht, sie dabei anzublicken. »Du hast ganz wohl daran getan, Schlome,« sagte Nachime und berührte ihn leise an der Schulter. »Meinst du das wirklich im Ernst?« rief Rebb Schlome sie anstarrend, als ob er Unerhörtes, nicht Erwartetes von ihr vernommen hätte. »Soll ich dir darauf noch schwören?« sagte sie trübe lächelnd. »Ich sehe ja doch ein, daß du wieder der Gescheitere bist. Er liegt auf dem Brandeiser ›guten Ort‹ ebenso gut wie auf dem unsern, ja besser noch, und was die Freundschaft anbelangt – einmal sehen wir uns ja doch alle wieder. Bis dahin soll er sich in Brandeis ausruhen.« »Du bist doch das bravste Weib auf Gottes Erdboden, ich verdien' dich gar nicht,« sagte Rebb Schlome in tiefer Bewegung und stand auf. »Wegen dem?« lächelte Nachime wehmütig. »Das wird mir unser Elieh schon verzeihen.« Rebb Schlome war sich in diesem Augenblicke wohl bewußt, welches blutende Opfer Nachime seinem Rechte gebracht hatte; er glaubte nicht ihren Worten und hätte sie den heiligsten Eid darauf geschworen. Wenn er noch eines Beweises bedurfte, daß Nachimes Umkehr nicht aus Zerknirschung hervorgegangen, nicht erst erzwungen und durch äußere Umstände herbeigeführt, sondern in Wahrheit eine Wiedergeburt war, die in ihrem Gemüte vorbereitet lag – diese offenbare Lüge hätte es ihm bewiesen. Mit starken Schritten ging der tiefergriffene Mann in der Stube auf und nieder. Endlich blieb er wieder vor Nachime stehen; er sah sie wieder scharf an, die zu ihm demütig ergeben aufblickte, dann brach er in die Worte aus: »Meinst du, ich werd' mich von dir übertreffen lassen? ich werd' dich allein so gut sein lassen? und mir soll gar nichts übrigbleiben? . . . Wir gehen wieder zurück, Nachime . . . Ich verkauf' Sack und Pack . . . du mußt wieder in deine alte Gasse zurück.« Ein Schrei ertönte durch die Stube, aber er kam nicht aus Nachimes Brust. Anschel war von seinem Schemel aufgesprungen; drohend, gewaltig in seiner hochstämmigen Gestalt, die jetzt noch größer erschien, stand er hinter seinem Vater. »Ja, fort mußt du von hier, Nachime,« fuhr Rebb Schlome fort, »ich laß dich keinen Augenblick länger da, als nötig ist. Verzehren soll ich dich hier lassen vor lauter Herzeleid, soll zugeben, wie sich das Weh täglich mehr in dein Gemüt einfrißt? Du mußt wieder in deine Gasse, zu deiner Freundschaft, zu deinem Geschäft zurück . . .! Auf den Händen will ich dich zurücktragen, und da soll einer dann auftreten und sagen: Schlome Hahn hat an seinem Weib nicht wieder gut gemacht, was er an ihr verbrochen hat. Und wem's nicht recht ist, der soll mir nur vorwerfen, daß ich mich wie ein Trenderl her und hin werfe und daß ich ein unruhiger Geist bin, der keine Geduld hat? Was mach' ich mir aus dem Gerede der Welt! Gibt mir die Welt noch einmal so ein Weib?« Eine atemlose Stille herrschte nach diesen Worten in der Stube. Anschel stand regungslos hinter dem Vater. aber er konnte die leiseste Veränderung in den Mienen seiner Mutter erspähen. Seltsam! Nachimes Antlitz zeigte keine höhere Aufregung; sie war anscheinend fast gleichgültig. »Und an deinen Kaiser denkst du nicht, Schlome,« meinte sie nach einer bangen Weile, »was der dazu sagen wird, wenn du so auf einmal dein Bauernwesen aufgeben wirst?« »Spott mich nur aus, Nachime,« rief Rebb Schlome heftig, aber ohne jede Bitterkeit; »spott mich nur aus, ich hab's nicht anders verdient.« »Ich und Spott!« beteuerte Nachime mit tiefstem Ernste. »Ich frag' dich wirklich, was wird dein Kaiser sagen, wenn er von dir hört? Ihm zulieb' bist du ja aufs Dorf gegangen.« Rebb Schlome fand auf diese Frage nicht sogleich Antwort. »Gott im Himmel,« rief er hierauf, »will nicht, daß sich ein Mensch zu viel quält und martert – wird's der Kaiser wollen? Danken werd' ich ihm immer mit aufgehobenen Händen, daß ich mir durch ihn mein Feld und mein Haus habe kaufen dürfen, aber etwas Unmögliches kann er von mir nicht verlangen . . . ›Majestät!‹ möchte ich zu ihm sagen, wenn ich mit ihm mich aussprechen könnte, ›mein guter kaiserlicher Herr! Du bist ein großer und gütiger Herr, du hast uns allen eine Gnade erwiesen, für die dich unsere Kinder und Kindeskinder noch segnen werden. Ich hab' dir dafür meinerseits einen Gefallen erweisen wollen, weil ich weiß, du willst, daß wir einmal unsere Gewölber und Krambuden schließen sollen, und bin ein Bauer geworden . . . Ich hab' Feld und Haus gekauft, bin unter Bauern gegangen, und mein Sohn ist selbst auf dem Felde gestanden und hat geackert und gesäet. Keiner hat sich den Schweiß verdrießen lassen; alles hat dir einen Gefallen machen wollen. Aber was willst du, wenn es doch nicht geht? Wenn das eigene Weib darunter leidet? Kannst du verlangen. daß ich darüber mein Weib, meine Nachime, verliere? Ich hab' sie zwingen wollen . . . ich hab' ihr blutiges Herzweh abgepreßt; aber die Sünde, daß ich einen Menschen und dazu noch mein Weib habe zwingen wollen, ist auf meinen Kopf zurückgefallen. Willst du noch, daß ich ein Bauer bleiben soll? . . . Wirst du mich nicht freisprechen von meinem Wort?‹ Der Kaiser, das glaub' mir, kann gar nicht nein dazu sagen . . .« »Aber eines hast du vergessen, Schlome, und darauf möcht' er dich gewiß fragen,« sagte Nachime, und auf ihrem Antlitz begann es zu leuchten und zu glänzen, wie von inneren Flammen, die nach außen wollten. »Nun?« fragte Rebb Schlome. »Warum will dein Weib nicht, Schlome? wird er fragen,« sprach Nachime leise, als fürchte sie, ein zu laut gesprochenes Wort könnte eine alte, vielleicht wunde Stelle ihres Gemütes berühren. »Auch darauf hätte ich eine Antwort,« rief Rebb Schlome in leidenschaftlicher Aufregung, als wäre ihm in der Tat die Gelegenheit geboten worden, im Angesichte des kaiserlichen Herrn Rede stehen zu müssen. »Wie soll sie wollen, mein Kaiser und Herr, möcht' ich sagen, wenn sie nicht dazu geboren ist? Ist sie denn das gewöhnt? Wie kannst du von ihr verlangen, daß sie über Nacht werden soll, was man so eine Bäuerin nennt? Ein Mensch hat zu der einen Sache Lust, ein zweiter wieder zu einer andern. Mein Weib hat nur zum ›Geschäft‹ Lust, darin findet sie sich zurecht. Es muß ja nicht jeder ein Bauer sein können, laß ihr das Geschäft! Hab Geduld mit uns älteren Leuten! Von uns darfst du auch nicht zu viel begehren. Wir haben noch das jüdische Gemüt, das findet sich nicht gleich in die neuen Sachen. Die Jungen, die sind etwas anders! . . . Und meine Nachime kann kurz und gut keine Bäuerin sein!« »Laß gut sein, Schlome,« sagte Nachime und stand auf, »du wirst zum Kaiser nicht zu gehen brauchen, und der Kaiser wird dir nichts zu sagen haben. Denn das allerbeste hast du doch vergessen.« »Wieso, Nachime?« rief Rebb Schlome aufhorchend. »Du fragst mich gar nicht, ob ich will?« sagte sie milde. »Was heißt das, Nachime?« schrie Rebb Schlome. »Nichts heißt das,« sagte sie ruhig, aber entschiedenen Tones, »als daß ich in die Gasse nicht mehr zurück will und daß ich hier auf dem Dorfe bleibe.« Bei den letzten Worten schrie eine Stimme gellend auf, es war Anschel. »Still, Anschel, mein Sohn,« sagte sie, »an dich kommt schon die Reihe.« »Du mußt aber,« rief Rebb Schlome heftig, »du mußt. Und wenn ich dich auf meinen Händen müßt' forttragen, Hunderte von Meilen weit, so tu ich's auch nicht anders. Du mußt wieder zu dir kommen, zu deinem alten Zustand.« »Willst du mich schon wieder zwingen, Schlome?« meinte Nachime mit feuchten Augen. »Und wenn ich dir sage,« setzte sie mit einem feinen Lächeln hinzu, das sie wundersam verschönte, »daß ich mich nicht zum zweiten Male werde zwingen lassen, was tust du dann? wenn ich dir sage, daß ich gar nicht in meinen alten Zustand zurück will und mich davor fürchte? Du hast mich ja kennen gelernt, sagst du, und daß ich einen eisernen Kopf auf mir habe, . . . soll ich dir davon eine neue Probe geben?« »Verzeih mir, Nachime,« sagte der starke Mann nach geraumer Weile, ganz außer Fassung gebracht, beinahe verwirrt. »Verzeih mir! Früher als du da auf dem Dorfe unter den Bauern nicht hast bleiben wollen, das hab' ich verstanden und ist mir in den Kopf eingegangen. Jetzt, wo ich dich wieder zurückbringen, dich an den Schrank führen will, wo du das Korallenschnürchen versteckt hast, willst du nicht? Wie soll ich dich verstehen?« »Du mußt mich ja nicht verstehen, Schlome!« sagte sie schmerzlich lächelnd. »Nachime!« rief Rebb Schlome beinahe mit drohendem Tone, »sei nicht zu gut, Nachime. Das kannst du heute sein, und morgen – wer steht dir aber dafür, daß nicht ein Übermorgen kommen wird, wo du mit blutigen Tränen beklagen wirst, daß du zu gut gewesen bist.« »Ich hab' gar nicht gewußt, Schlome,« meinte hierauf Nachime mit einem gewissen leichten Spotte, »daß du so ein guter Prophet bist? Wie du alles erraten willst, was heute und morgen und übermorgen mit mir alles geschehen wird? Weißt du aber, daß in mir noch eine bessere Prophetin steckt, und die all dein Voraussagen zuschanden macht?« »Nachime, fopp dich nicht,« rief er hierauf ingrimmig, »du meinst, ich ringe mir's schwer vom Herzen herunter, daß ich wieder mit dir in die Gasse zurückgehen will. Da irrst du dich aber gewaltig. Lieber heut' als morgen möcht' ich gehen . . . und wenn mir einer gleich bar Geld aufzählt, so heiß' ich nicht Schlome Hahn, wenn ich Feld und Haus nicht um die Hälfte hingebe, was es mich gekostet hat.« »Du wirst Schlome Hahn bis zu hundert Jahren heißen,« sagte Nachime mit feinem Lächeln, »und wirst Haus und Hof doch nicht um ein Spottgeld wegschleudern. Was ereiferst du dich auch? Was willst du mir einreden? Ich weiß vielleicht nicht, wie dir das Leben daran hängt?« »Aber du, Nachime, du?« meinte Rebb Schlome und ahnte nicht, wie sehr er sich durch diese Frage dem scharfen Auge eines Weibes bloßgestellt hatte. In der Tat war ihr dieses Offenbaren seiner eigentlichen Anschauung nicht entgangen; aber jenes feine Tastgefühl, das Frauen angeboren ist, belehrte sie zugleich, daß sie an dieser Entdeckung schonend vorübergehen müsse, wenn sie den Mann ins Verleugnen und Verstellen nicht noch tiefer drängen wollte. »Ich?« rief sie im Tone der Verwunderung, »ich? Ich will gar nicht mehr ins Geschäft, ich will eine Bäuerin sein! Ich seh' auch nicht ein, warum ich noch einen Haß gegen Haus und Feld haben soll! Bin ich denn blind? Ich seh' nicht, was in unserm Hab und Gut steckt? Ich weiß nicht, wie es in unserer Scheuer aussieht, und daß dies nur der Anfang ist? Daß Gott noch weiteren Segen für uns aufgehoben hat? Das allererste, mein' ich, was man im Hause haben muß, ist doch Brot, und hab ich das nicht? Kann ich mich über etwas beklagen? Es soll ein jüdisch Weib aufstehen, für das der Mann besser gesorgt hätte!« »Nachime, fopp dich nicht!« unterbrach sie wieder Rebb Schlome. »Laß mich die Gefoppte sein!« sagte darauf Nachime mit jenem entschiedenen Lächeln auf den Lippen, das sie nicht mehr verlassen zu wollen schien, »Schlome, ich bin es gerne. Nur in einem geb' ich dir recht, und das läßt sich leider Gottes nicht ändern: ich bin noch eine schlechte Bäuerin, ich bin wie ein Kind, dem der Lehrer mit aller Müh' und Gewalt nichts in den Kopf gebracht hat. Mein Kopf wird aber gut werden; das bissele vom ›Gewölb‹, was noch drinnen steckt, das muß heraus, und die Bäuerin muß hinein . . .« »Ich begreife dich nicht, Nachime,« sagte Rebb Schlome achselzuckend. »Und sieh dir nur den an,« rief sie mit einem Male laut und ergriff mit einer raschen Bewegung Anschels Hand, »sieh dir ihn an, Schlome, hast du so ein Bild des Schreckens schon gesehen? Sieh wie er zittert! Das ist Anschel, unser gut Kind, unser braves Kind, wie kein anderes zu finden ist auf der weiten Welt! Du weißt nicht alles, was unser Anschel ist, du kannst es nicht wissen! Wenn ich nicht aus Verzweiflung mir etwas angetan habe, so ist nur er daran schuld. Das Herz hat ihm geblutet, und er hat mich doch getröstet! Er hat mich aufs Feld hinausgeführt! Er hat mir gezeigt, wie du für das Brot des Hauses gesorgt hast. Sieh ihn nur an! Dem hängt die Seele am Felde, der ist damit verwachsen, und wenn du mit tausend Pferden an ihm zerrst und ziehst, den kannst du nicht mehr so leicht losreißen. Willst du dem Kind das ganze Leben verbittern? Das sag' ich dir, Schlome, ich laß von meinem Anschel nicht. Wo das Kind ist, da wird auch die Mutter sein, und zwingen laß ich mich zum zweiten Male nicht!« Laut weinend und mit beiden Armen den Sohn umschließend, als fürchtete sie in der Tat, der nächste Augenblick könne ihr befehlen, von ihm zu lassen, schien sie ihren Mann dennoch dazu herauszufordern. »Merkwürdig Weib!« rief Rebb Schlome selbst zwischen Lachen und Tränen, »wie kannst du nur daran denken, daß ich dich zwingen werde? Ich selbst will ja bleiben!« »Gott zahl dir das, Vater,« schrie Anschel aus der Umarmung seiner Mutter heraus. Nachime aber wand sich langsam von ihrem Sohne los, und als sie sich nun wieder gegen ihren Mann wendete, bot ihr Antlitz einen erschreckend ernsten Anblick dar. Tiefe Blässe lag darauf; um die Mundwinkel zuckte der alte bittere Schmerzenszug. »Auf die Prob', Schlome,« sagte sie mit eisiger Kälte, »hast du mich nicht stellen müssen, du hättest das viel wohlfeiler gehabt. Hättest du nicht gleich sagen können: Nachime, ich geh' von hier nicht fort . . . willst du auch hier bleiben?« »Sei nicht bös, Mutter,« nahm Anschel sogleich das Wort, der es wohl fühlte, der böse Eindruck des Augenblickes müsse mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden, wenn nicht giftig schleichendes Unkraut nachkeimen sollte, »kennst du denn nicht den Vater und seine Art?« Auch Tille kam herbei und ergriff flehend die Hand der Mutter. Mit feuchtglänzenden Augen blickte sie zu ihr hinan; auch das Kind wußte klar und bestimmt, um was es sich in dieser bedeutsamen Minute handle. »Mutter,« rief es. »Laß alles so, wie es ist!« »Hat er denn nötig gehabt, mich auf die Probe zu stellen?« sagte sie darauf noch immer grollend. Sie hatte die Blicke zu Boden gesenkt, finster und unheilverkündend stand sie da. »Nachime, sieh mich einmal an!« rief plötzlich Rebb Schlome. Da schlug Nachime, wie einem innern Machtgebot folgend, langsam die Augen in die Höhe. An dem Antlitze ihres Mannes blieben sie haften; treu und beredt glänzten ihr seine Augen entgegen. »Merkwürdig Weib,« sagte er, »was du bist! Ich hab' dich auf die Prob' stellen wollen, ja, das ist wahr, und ich will's gar nicht ableugnen . . . Aber kannst du böse sein über so eine Probe? Das aber hör' jetzt von deinem Manne: So wahr ich hier die Hand auf Tilles Kopf lege, und Gott uns das Kind erhalten soll, so wahr hätte ich mein Wort gehalten, wenn ich nur ein Brösele gehört hätte . . . . daß du gehen willst!« »Du wärst gegangen, Schlome?« rief Nachime aufs tiefste ergriffen von dem feierlichen Tone ihres Mannes, und mit zuckenden Lippen, noch blässer durch das Entsetzen, schrie sie: »Und wegen mir wärst du gegangen, Schlome!?« »Ich wär' gegangen!« sagte Rebb Schlome mit der ganzen Fülle seiner Stimme. * Nie war die siebentägige Trauer um einen Toten in stillerer Seligkeit begangen worden als in dem Hause Rebb Schlomes. Engel der innigsten Friedsamkeit schienen durch die Räume der Bauernwohnung zu schweben und überall Spuren ihrer leuchtenden Fittiche zu hinterlassen. Eliehs selbst ward nur wenig gedacht. War das die Sühne seines Fehls? Oder ist das überhaupt der Eigennutz wiedergewonnenen Glückes? Als sie nach den sieben Tagen wieder von ihren Trauerschemeln aufstanden, das Leben ihres Hauses sie wieder zu neuer Tätigkeit berief, war es ihnen allen, als hätten sie einen erquickend schönen Traum geträumt, einen Traum, den sich der Wachende ins Gedächtnis prägt, um ihn nicht zu vergessen. Menschen, die einen schweren Läuterungsprozeß durchgerungen, haben das Eigentümliche, daß sie nicht gerne davon sprechen, auch wollen sie nicht, daß ihn ein anderer berührt. Eine starke Scheu, als könnte dadurch ein gewisser Bann über ihr schwererkämpftes Glück ausgesprochen werden, hält sie ab. Und so wollen auch wir die ferneren Schicksale dieses Hauses nur insoweit berühren, als es zur Einheit dieser »Geschichte« notwendig erscheint. Rebb Schlome und Nachime blieben ihrem Worte treu; sie hielten aneinander, als wäre die Zeit um fünfundzwanzig Jahre von einer mächtigeren Hand, als der der Menschen, zurückgerückt worden, in wahrer Liebe und echtem Erkennen ihres gegenseitigen Wesens. Nachime hat sich allmählich zu einer Bäuerin ausgebildet, die dem schönen Hofe mit Tüchtigkeit und Sachkenntnis vorsteht. In ihrem Schaffen und Wirken ist, wir möchten sagen, etwas Vornehmes und Selbstbewußtes; es liegt, bei aller Mißdeutung, die dieses Wort etwa erfahren dürfte, viel Aristokratisches in ihrem ganzen Gebaren. Aber das wird sie und die Ihrigen vor dem Versumpfen bewahren, wird sie stets daran gemahnen, mitten in dem böhmischen Dorfe vor dem eigentlichen Verbauern sich zu hüten. Das Rechnen hat sie nicht abgelegt; aber ihr Rechnen ist das einer sorgsam haushaltenden Frau, die das Kleinste wie das Größte in das Bereich ihrer Augen zu ziehen weiß, nicht das finster lauernde Blicken nimmer ruhenden Argwohns. Auch zu dem Dorfe ist ihre Stellung eine andere geworden; die Frauen haben in ihr die Ebenbürtige erkannt, sie scheut nicht mehr die Berührung, sie sucht sie vielmehr auf. Ein Umstand, vielleicht unwesentlicher Natur, belehrt uns am besten über das Verhältnis des Hauses zum Dorfe. Rebb Schlome hat die Scheuer, nach Anschels Rat, nur zu dem ungefähren Werte derselben assekurieren lassen, und Nachime hat beigestimmt. Die Glücklichen fühlen sich sicher im Schoße der neuen Heimat und fürchten nichts. Vier Wochen nach Eliehs Heimgang, als gerade die dreißig Trauertage zu Ende waren, starb der Vetter Koppel. Ohne eigentlich ausgesprochene Krankheit, mühe- und kampflos, war der letzte Anhänger des Königssohnes Absalon hinübergeschlummert; den »Mogen Dovid«, den er seit dessen glücklicher Wiedergewinnung nicht von sich entfernt hatte, hielt er noch in den krampfhaft geschlossenen Händen. Auf dem Brandeiser »guten Ort«, in der Nähe Eliehs, damit dieser doch »etwas« von der Freundschaft neben sich liegen habe, wie Rebb Schlome sich ausdrückte, begruben sie den Vetter Koppel. Seinem Nachlasse aber räumte man an der Ostseite der großen Stube den ihm gebührenden Platz ein; von dort soll er hoffentlich nicht sobald beseitigt werden! Wojtech ist im Hause geblieben; er ist der treueste Knecht, ein wachsamer Hüter des Gutes seines Herrn. Der alte Trübsinn ist nicht von ihm gewichen; noch scheint die Einheit dieses seltsam zerrütteten Lebens nicht hergestellt. Aber die dunkeln leidenschaftlichen Ausbrüche haben aufgehört; er ist fast demütig geworden! Zwischen ihm und Anschel inmitten, ruht das ungelöste Geheimnis von Eliehs Liebe und Tod. Sie haben sich ihre Vermutungen nicht mitgeteilt; seitdem Anschel das bei Elieh gefundene Liebeszeichen an den Knecht abgetreten, ist der Name des Unglücklichen nicht über Wojtechs Lippen erklungen. Ob Anschel seine junge Liebe vergessen wird? Für Wunder solcher Art hat das Schaffen in freier Natur seine Heilkraft nicht verloren! . . . Aus der schweren Prüfung wird er als ein Mann hervorgehen voll stillen Ernstes, voll gewichtiger Kraft . . . Auch Tille, die der Mutter in allem treu beisteht, was das Haus betrifft, ist indessen zur blühenden Jungfrau herangereift. Seit sie die Verlobte eines wackern jungen Landmannes aus der Nachbarschaft ist, der gleich Anschel aus der »Gasse« heraus das grüne Feld wählte, fällt es Rebb Schlome eigentümlich, sie noch »Kind« zu nennen. Er wird sich schwer daran gewöhnen, das letzte Röschen seiner Ehe im Hause zu missen. So wächst und gedeiht das Haus! Das grüne Feld liegt nicht mehr draußen vor dem Dorfe; es ist gleichsam ins Haus hineingewachsen, und die dazwischen wandeln und gedeihen, sind frisch wie die Frucht des Feldes, sind jünger geworden, als wären sie von einem wohltätigen Zauber umfangen. Ein bitterer Schmerz widerfuhr kurz darauf dem Hause Rebb Schlomes; wir können ihn nicht verschweigen. Wir meinen: die teilweise Aufhebung des Rechtes, auf eigenem Grund und Boden zu sitzen. Wurde auch Rebb Schlome durch diese Maßregel nicht berührt, da die Erwerbung seines Hofes vor die Zeit, da jenes »Patent« erging, fiel – ihm und den Seinigen hat sie doch tiefes Weh bereitet. Sich so in der Ausschließlichkeit eines Rechtes zu wissen, welches eben im Bewußtsein, daß es die Allgemeinheit umschließt, wurzelte, während Tausende und Hunderttausende von Brüdern wieder mit einem Male in die dunkle Masse der Rechtlosen gestoßen wurden, hatte für sie alle etwas Beengendes und Drückendes! Auch diese Schmerzenszeit ist vergangen. Jenes »Patent« ist feierlichst zurückgenommen worden. Gegenwärtig waltet ungeschmälerte »Besitzfähigkeit – am Pflug.«