Jugenderinnerungen eines alten Arztes von Adolf Kußmaul.     Siebente Auflage.     Stuttgart. Verlag von Adolf Bonz \& Comp. 1906.     Vorwort.       Mußt du Gram im Herzen tragen Und es Alters schwere Last, Lade dir aus jungen Tagen Die Erinnerung zu Gast.     Inhaltsverzeichnis. Erstes Buch.   Kindheit.         Einleitung Geschlecht und Name Mein Vater Ein Heft meines Vaters aus Schoenleins Klinik Früheste Erinnerungen In der Volksschule zu Boxberg Auf der Landstraße Im Pfarrhaus zu Buch am Ahorn Der Zehnte Zeitbegebenheiten Zweites Buch.   Auf dem Gymnasium. Wertheim Mannheim Das Mannheimer Lyceum Heidelberg Das Heidelberger Lyceum Mein Bruder Rudolf Napoleonkultus in Baden Die Duldsamkeit der Väter Komfort und Lebensgenuß Die alte Landstraße im Rheintal Die Eröffnung der ersten badischen Eisenbahn Drittes Buch.   Burschenleben. Der Maulesel Der Franzosenlärm 1840 Der Fuchs Die Burschenwelt Die Studentenschaft der Ruperto-Carola bis 1840 Das Schwabenkorps Korpsbrüder Ein Besuch bei Herrn Benazet in Baden Das Pauken Der S. C. Die Opposition Die allgemeine Studentenschaft Die Alemannia Der Neckarbund In memoriam Letzter Kommers Poetische Nachklänge Viertes Buch.   Medizinisches Studium. Romantik und Rationalismus zu Beginn des Jahrhunderts in Heidelberg Friedrich Tiedemann Die Anatomen Kobelt und Bischoff Naturforscher Das philosophische Zwangskollegium Die klinischen Anstalten Friedrich August Benjamin Puchelt Maximilian Josef von Chelius Franz Karl Naegele Hermann Naegele Jakob Henle Karl von Pfeufer Medizinische Studiengenossen Die gelöste Preisfrage Poliklinische Lehrzeit Fünftes Buch.   Vor und nach der medizinischen Staatsprüfung. Die Vorbereitung zur Prüfung Der ärztliche Lizenzschein und das Doktordiplom Die badische Staatsprüfung Die Verlobung Eine Lektion bei der alten Frau Doktorin Wunderkuren Purgierkuren und Blntentziehungen Vomierkuren Prüfung auf dem Krankenbette. Akuter Gelenkrheumatismus im Winter 1846–47 Sechstes Buch.   Reisebilder. Der Frühling 1847 Die Fahrt nach München München Lola Montez Schleißheim und Abschied von München Tegernsee und der Schandl Tirol Das Salzburger Land Das Salzkammergut Nach 33 Jahren Siebentes Buch.   Wien und Prag. In der Alservorstadt Umschau in Wien Politische Streiflichter Im allgemeinen Krankenhause Bei Rokitansky Bei Semmelweis Die junge Wiener Schule Weihnacht-Abend in Wien Prag Die Prager Fakultät Vereitelte Zukunftspläne Achtes Buch.   Im badischen Heere 1848 und 1849. Die Heimreise von Prag im März 1848 Eintritt in das badische Heer Die Heerfahrt nach Holstein im August 1848 Der Winter 1848–1849 in Lörrach In Schleswig-Holstein 1849 Widerwärtigkeiten und Heimkehr In Rastatt Weitere Erlebnisse in Rastatt Neuntes Buch.   In Kandern. Kandern Land und Leute Landpraxis und Landärzte Auf dem Pegasus Gelähmt Weiland Gottlieb Biedermaier Schluß     Erstes Buch. Kindheit. Längst Vergangenes liegt mir nah', Als ob gestern es geschah, Doch was gestern sich begeben, Will mir heute schon entschweben. Einleitung. Geboren am 22. Februar 1822 ist es mir vergönnt, am Ende des Jahrhunderts die Erinnerungen meiner Jugend niederzuschreiben. Ich preise mich glücklich, als ein Kind dieses Jahrhunderts durch das Leben gegangen zu sein, denn kaum einem von den unzähligen, in der Zeiten Schoß versunkenen, ist die Menschheit zu größerem Danke verpflichtet. Keines ist ihm vergleichbar an Mut und Geschick, in die tiefsten Geheimnisse der Natur einzudringen, keines hat mit gleich erfinderischem Geiste und gleichen Erfolgen die allgemeine Wohlfahrt gefördert und das Leben verschönert und veredelt, keines endlich entschlossener und siegreicher in allen Weltteilen die Ketten der Sklaverei gesprengt. Die Natur hat allen Dingen Grenzen des Raums und der Zeit gezogen, aber kühner denn je zuvor nahm der Mensch den titanischen Kampf mit ihr auf und durchbrach die Schranken, die sie seinen Sinnen, seinen leiblichen Kräften gesetzt hat. Mit den Werkzeugen der Wissenschaft bemeistert er Zeit und Raum, Stoff und Kraft. Er zerlegt die Materie in ihre Elemente und zwingt ihre Atome, neue Verbindungen mit neuen Eigenschaften und Werten einzugehen. Mit dem Spektrum enträtselt er den Bau des Weltalls, mit der Linse des Mikroskops den Bau der organischen Welt. Hinter der wechselnden Gestalt der Naturkräfte erkennt er deren Einheit und macht sie seinen Zwecken dienstbar. Listig entnimmt er dem Lichte Strahlen, begabt mit der Kraft, das Undurchsichtige zu durchdringen; gehorsam treiben Wärme und elektrischer Strom Schaufeln und 4 Räder, und sprengen befreite Spannkräfte die granitnen Wälle der Alpen. Mit eisernen Schienen hat dieses Jahrhundert den Erdball umgürtet, mit den Flügeln des Dampfes Wagen und Schiffe beschwingt, in allen Zonen dem Austausch der Güter und Gedanken offene Wege gebahnt. Mit der Geschwindigkeit des Blitzes eilt das gesprochene Wort von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, das geschriebene über Weltteile und Meere, ja, der Phonograph zaubert die Stimme des Verstorbenen aus der Tiefe der Grüfte. – Mit besserer Aussicht als die Theosophie vergangener Jahrtausende wagt sich die exakte Forschung an die Lösung des Problems der Weltschöpfung. Als Wissenschaft und Kunst hielt die Medizin gleichen Schritt mit den Naturwissenschaften und den technischen Künsten. Sie löste die unnatürliche Allianz, die sie mit der Spekulation geschlossen hatte, und nahm ihren richtigen Platz bei den Erfahrungswissenschaften. Als eine Schwester der Biologie teilt sie mit ihr Methode und Werkzeuge. Reich an Entdeckungen und Erfindungen, behorcht sie mit Glück Atmung und Kreislauf, beleuchtet die dunkeln Tiefen der Leibeshöhlen, mißt die bewegende und empfindende Kraft der Nervensubstanz und deckt die mörderischen Feinde auf, die, unsichtbar aus ihren Verstecken hervorbrechend, Völker und Individuen mit furchtbaren Seuchen heimsuchen und die Geschicklichkeit der Aerzte, Chirurgen und Geburtshelfer zu Schanden machen. Nicht länger steht die Heilkunst den vergifteten Pfeilen der grausamen Natur, die mit grimmiger Lust zerstört, was sie eben schuf, ratlos in Ohnmacht entgegen. Sie hat zwei Triumphe errungen, wie sie kein früheres Jahrhundert geahnt: durch die empfindlichsten Gebilde des Leibes hat sie die Schneide des Messers schmerzlos führen und die Wunde vor der Tücke der Sepsis wahren gelernt. Uns Deutschen gebietet die Pflicht, dem scheidenden Jahrhundert ein doppelt feuriges Danklied zu singen. Den patriotischen Sinn, der uns in der langen Zerrissenheit und dem unseligen Hader der Stämme, Fürsten und Konfessionen verloren gegangen war, hat es dem deutschen Volke wieder gegeben. Es schenkte uns zur rechten Stunde den Fürsten von unerschütterlichem Pflichtbewußtsein und 5 klarem Urteil, der mit sicherem Blick die genialen Helfer zu dem großen Werke der Wiederherstellung des Reiches fand, den Staatsmann und den Feldherrn, um die uns die Welt beneidet. In treuer Hingebung und felsenfestem Vertrauen folgte die Nation den herrlichen Führern und erkämpfte auf den blutgetränkten Schlachtfeldern Frankreichs die ersehnte Einheit und die Deutschland gebührende Stellung im Rate der Völker. Möchten die Söhne und glücklichen Erben den heiligen Besitz, den sie ebensowohl der klugen Besonnenheit, als dem Wagemut und Genie der Väter verdanken, treu schirmen und fernen Geschlechtern wahren. 6     Geschlecht und Name. Das Geschlecht Kußmaul ist schwäbisch. Der Stifter des badischen Zweigs war ein Tischler dieses Namens, der 1701 aus Württemberg nach dem Pfarrdorf Soellingen bei Durlach zog und hier eine Soellingerin zur Frau nahm. So wunderliche Familiennamen, wie der meinige, sind empfindsamen Gemütern anstößig, erregen die Teilnahme biederer Leute und die Heiterkeit gewöhnlicher Maier und Müller. Mein seltener, durch Alter und edle, freilich verborgene Bedeutung ausgezeichneter Name hat mir in jungen Jahren zuweilen Verlegenheit bereitet, jedoch manchmal auch recht vergnügte Augenblicke verschafft. Es kam vor, daß man mir nicht glauben wollte, wenn ich mich nannte, wie ich urkundlich hieß. Als Student ersteigerte ich in öffentlicher Auktion die Lieder von Béranger und rief dem Versteigerer meinen Namen für das Protokoll zu; er verbat sich den Spaß und das Publikum lachte. Besonders schlecht eignen sich solche Namen für angehende Schriftsteller, sogar auf medizinischem Gebiet, wie ich als junger Professor erfuhr. Bei meiner Berufung von Heidelberg nach Erlangen 1859 mußte ich der Universität, die mich unter ihre Mitglieder aufnahm, ein Programm vorlegen und schrieb eine Abhandlung: »Untersuchungen über das Seelenleben des neugeborenen Menschen« (Winter, Heidelberg). Ich hatte in Heidelberg neben anderen Fächern Psychiatrie gelehrt und mich bei meinen psychologischen Studien 7 mit der Entwicklungsgeschichte der Seele beschäftigt, namentlich der seelischen Tätigkeit des neugeborenen Menschen meine Aufmerksamkeit zugewendet. Weder die Philosophen noch die Naturforscher und Aerzte waren dieser Frage bis dahin auf dem Wege genauer Beobachtung und des Versuchs näher getreten. Die Ergebnisse meiner Untersuchung stellte ich in jener Schrift zusammen. Sie fand gute Aufnahme und hat noch kürzlich, nach 36 Jahren, eine dritte Auflage erlebt (Pietzcker, Tübingen, 1896). Bald nach ihrem ersten Erscheinen hatte man sie einer hohen Dame, die solche Probleme lebhaft interessierten, zu lesen empfohlen, aber mein Name war ihr schrecklich, sie rief, wie mir erzählt wurde: »nein! es ist unmöglich! so kann man nicht heißen!« – Der unmögliche Name hinderte sie später nicht, meinen ärztlichen Rat einzuholen. In Süddeutschland gibt es eine Reihe von Geschlechtern, die mit den Kußmaul namensverwandt sind, die Kuß, Küß, Küßwieder, und die Maul, die sich ohne Kuß behelfen. Die Küß sind Elsässer. Die linksrheinischen Alemannen lieben die Diphthongen und Triphthongen noch mehr als die rechtsrheinischen, sie machen aus gut güt, wandeln das Knie in Kneu um und das Zeitwort liegen in laijen, mich nannten sie in Straßburg, während ich dort dozierte, Küßmaul. Am bekanntesten ist aus dem Geschlechte der Küß der Professor der Faculté de médicine in Straßburg Emile Küß geworden, der letzte Maire der Stadt. Wie verbreitet die Kußnamen im Großherzogtum Baden sind, erfuhr ich im Winter 1849/50 auf einem Ball in Karlsruhe. Während der Tanz im besten Gang war, flog ein gedruckter Zettel durch den Saal mit der erfreulichen Anzeige, daß die Herren Kuß und Kußmaul und die Fräulein Küßwieder den Ball mit ihrer Gegenwart beehrten. In Süddeutschland erregte mein Name weniger Befremden, als in Norddeutschland. In den Jahren 1848 und 1849 marschierte ich als Militärarzt mit badischen Truppen mehrmals durch das Königreich Hannover und verweilte zweimal längere Zeit in den Herzogtümern Schleswig-Holstein. Wenn ich bei diesen Märschen nach der Ankunft in einem neuen Quartier der Dame des Hauses 8 meine Aufwartung machte, durfte ich, sobald ich meinen Namen nannte, eines vergnügten Empfangs und der neugierigen Musterung des Trägers eines so bedenklichen Namens sicher sein. Am muntersten empfing mich die hübsche Frau eines hannoverschen Kollegen, der sich den Militärarzt des angemeldeten badischen Bataillons ins Quartier ausgebeten hatte. Als ich in seinem Hause abstieg, befand sich der Kollege auf der Praxis und ich meldete mich bei seiner Gattin. Sie glaubte meinen Namen nicht richtig verstanden zu haben, sah mich zweifelnd an und bat, ihn zu wiederholen. Ich buchstabierte ihn vor und sie lachte mir fassungslos ins Gesicht. Mein alter Lehrer und Gönner Naegele, bei dem ich als Student Assistent war, hatte mir derlei Szenen wiederholt vorhergesagt und mich dringend ermahnt, den Namen zu ändern. Ich ließ mir aber nicht bange machen und erklärte ihm eines Tages trocken, daß ich einen vornehmen, altbewährten Namen trüge und ihn nun und nimmer ablegen würde. Meine Familie sei vom ältesten medizinischen Adel. Wir stammten von dem großen Oribasius , dem berühmten Leibarzte Julians, des Abtrünnigen. Nach dem Tode des Kaisers sei bekanntlich der verdiente Mann vom Hofe verbannt worden und zu den Goten an die Donau gezogen, die seinen Namen in Kußmaul übersetzt hätten. Os der Mund und Basium der Kuß, machten zusammen Oribasius . – Diese Etymologie war Wasser auf die Mühle meines verehrten, zu Scherzen aufgelegten Meisters. Einige Tage nachher feierte die Fakultät ein Fest in engstem Kreise. Die Herren unterhielten sich vortrefflich, und Naegele brachte die Rede auf mich. Er habe in mir von allen Assistenten der Fakultät den vornehmsten, denn ich stamme von dem großen Oribasius und sei erbötig, meine Abkunft von diesem Stammvater mit Pergament und Siegel nachzuweisen. Man lachte, aber der grundgelehrte Pathologe Puchelt, durch einen verstohlenen Wink Naegeles verständigt, verteidigte meine Ansprüche auf den stolzen Stammbaum. Am nächsten Morgen jedoch ließ Puchelt sein philologisches Gewissen keine Ruhe und zwang ihn, seinem Kollegen ein Briefchen zu schreiben, worin er ihm darlegte: Oribasius sei kein lateinisches, sondern ein latinisiertes griechisches Wort. Es habe mit Mund und Küssen 9 nichts zu tun, eher mit ὄρος, Berg, und βαίνω, ich gehe. Wolle man Oribasius verdeutschen, so wäre Berggänger oder allenfalls Bergmann richtiger. Seitdem ließ ich meine Ansprüche auf klassische Abstammung fahren, und wenn es eines Trostes bedurft hätte, würde ich ihn 25 Jahre später in der ehrenvollen Ableitung meines Namens gefunden haben, die der wackere deutsche Sprachkenner Ludwig Steub in seinem Buche: »Die oberdeutschen Familiennamen, München, 1870« aufgestellt hat. Danach ist Kußmaul ein zusammengesetzter Kosename, der auf germanische Ahnen reinen Blutes, gute und mutige Männer, bestimmt hinweist. Mit minniglichem Kusse hat die erste Silbe so wenig zu tun, als die zweite mit Mund oder Maul. Wie Friedrich aus Fritz, so entstand Kuß aus Kusso , was der Gute bedeutet, wie Gozzo und Gutilo , und Maul kommt von Mulo oder Mutilo , dem Mutigen. Die altgermanische Abstammung bekunden noch heute der lange Schädel und das Blau der Augen, die blonden Haare freilich hat das Alter längst gebleicht. Zum Schlusse lege ich Germanisten vom Fach einen Kußnamen zur Aufhellung vor, der mir gelegentlich eines Spaziergangs in der Nähe von Walzenhausen im Appenzeller Lande zur Kenntnis kam. Der Weg führte mich zu einem reizend gelegenen Bauernhof mit einer großen prächtigen Matte. Der Hof heißt der Kuß, die Matte die Kußmatte. Ob ein Kußservitut auf dem Gute ruht, konnte ich nicht erfahren In dem Ortsverzeichnis des amtlichen Handbuchs: »Das Großherzogtum Baden, Karlsruhe, 1885,« finde ich ebenfalls einen, zur Gemeinde St. Märgen aus dem Schwarzwald gehörigen »Kußhof« angeführt. . 10     Mein Vater. Ein » selfmade man « hat sich mein Vater vom armen Bauernjungen zum tüchtigen Arzte heraufgearbeitet. Je älter und einsichtiger ich geworden bin, desto besser lernte ich die Schwierigkeiten ermessen, die er dabei überwinden mußte, wobei ich freilich zugebe, daß es ihm mit den Mitteln, womit es damals gelang, heute nicht mehr gelingen könnte. – Was ich am meisten bewunderte, war, daß er sich, obwohl er unter der Dorfjugend aufgewachsen war und kein Gymnasium besucht hatte, doch eine gute allgemeine Bildung verschaffte, eine gewählte Sprache und gewinnende Umgangsformen. Ein kenntnisreicher Mann von heiterem Gemüt, von Geist und Witz, war er ein angenehmer Gesellschafter, wenn sein schwerer Beruf ihm Zeit dazu ließ. Sein klarer Verstand hielt ihn frei von Aber- und Wunderglauben, ebenso von dem Unglauben, der in den vierziger Jahren bei den deutschen Aerzten einriß, er blieb fest im Glauben an die hippokratische Heilkunst. Auch an Sonn- und Feiertagen war dem unermüdlichen Manne wenig Muße vergönnt. Neben seinem Amt als Physikus – so hießen damals die Bezirksärzte – besorgte er eine große Privatpraxis, meist zu Fuße. Er stand in der Regel schon vor der Sonne auf und marschierte oft 6–8 Stunden am Tage. In 29jährigem Staatsdienst nahm er nur einmal einen Urlaub von mehreren Wochen. Seine ruhige und teilnehmende Art, mit den Kranken zu verkehren, gewann ihm überall, wo er sich niederließ, bald das Vertrauen der Leute. Niemals stieg er, um die Gunst der Menge buhlend, 11 von der Höhe seiner Bildungsstufe herab, gegen vornehm und nieder bewahrte er die gleiche achtungsvolle Höflichkeit. Diese hält dem Arzte die Gemeinheit ferne und gewinnt ihm besser als rohe Manieren auch die Wertschätzung der Niedergestellten, die sich durch höfliches Benehmen des höher Gebildeten geehrt und gehoben fühlen. So rastlos tätige Aerzte erreichen selten ein hohes Alter, am wenigsten in der Landpraxis. Sie sind, wie Soldaten im Feld, stets in Gefahr alarmiert zu werden, oder im Gefecht. Das unregelmäßige Leben voller Verantwortung und ohne ausreichenden Schlaf und längere Erholung zehrt die Kraft des Körpers und namentlich die des Herzens vor der Zeit auf. Das wunderbare Pumpwerk, das den Leib Tag und Nacht ununterbrochen mit Blut versorgen muß, wenn nicht die ganze Maschine fast augenblicklich stille stehen soll, schlägt beim Erwachsenen im Jahre mehr als sechsunddreißig und ein halb Millionen Mal, beim Kinde noch öfter. Diese riesige Arbeit vermag es bei guter Leibesbeschaffenheit 70 Jahre und länger auszuführen, wenn nicht übermäßige Ansprüche die Leistungsfähigkeit des feinen Werkes früher abnützen. Mein Vater brachte sein Leben nur auf 60 Jahre, obwohl er nüchtern und einfach lebte, nur wenig gewürzte Kost nahm und leichten Landwein mäßig trank. Dem Kaffee allein war er fast leidenschaftlich ergeben, er trank ihn viel und stark; ich bin überzeugt, er wirkte nachteilig auf sein Herz und half sein Leben verkürzen. Er kannte seine Schädlichkeit und beschwor mich den Kaffee zu meiden, konnte selbst aber nicht davon lassen. Weil ich meinen Vater der ärztlichen Praxis mit Liebe und Eifer nachgehen sah, bin auch ich seinem Vorbilde gefolgt und Arzt geworden. Er nahm mich schon als Kind oft mit zu den Kranken auswärts. Mir schien der Beruf des Landarztes der beste. War es doch wunderschön, unter freiem Himmel durch Flur und Feld, Wald und Wiese zu streifen! Bäuerin und Edelfrau empfingen meinen Vater mit herzlicher Verehrung, und ein Teil ihrer Wertschätzung fiel sogar auf sein Söhnchen ab. Ein Zoll ihrer Dankbarkeit in Gestalt von Obst und Backwerk füllte beim Abschied meine Taschen. Als Physikus war mein Vater überdies eine Respektsperson, nur vor dem Herrn Oberamtmann zogen Bürger und 12 Bauer den Hut tiefer herab. Ich wollte Landarzt werden und schließlich Physikus, dies stand fest bei mir. Nur eine Zeitlang schwankte ich, ob ich nicht den Beruf eines Landgeistlichen vorziehen sollte, nachdem ich den köstlichen Frieden eines Landpfarrhauses gekostet, wo ich, wie das eigene Kind gehalten, zwei Jahre lang verweilt hatte, doch kehrte ich zu meinem ersten Vorsatz zurück, sobald ich wieder meinen Vater ärztlich wirken und walten sah. Der Geburtsort meines Vaters, die Wiege unseres Geschlechts, war Soellingen, ein Dorf der alten Markgrafschaft Baden-Durlach in dem lieblichen Pfinztal an der Straße von Durlach nach Pforzheim. Er kam hier am 23. Dezember 1790 zur Welt. Mein Großvater Johann Georg Kußmaul, wird in einer amtlichen Zuschrift, die ich bewahre, Chirurgus genannt. Mit diesem wohlklingenden Titel beehrte man die Feldscherer, doch besorgte er zweifelsohne die ganze ärztliche Praxis im Dorfe. Es war auf dem Lande noch nicht Brauch, studierte Aerzte aus den Städten zu Hilfe zu holen. Der Arzt aus der Amtsstadt Durlach wurde, wie mir mein Vater erzählte, kaum zwei- bis dreimal im Jahr ins Dorf gerufen, und wenn er hereinfuhr, so liefen die Leute zusammen und fragten, wer denn sterben müsse? Denn nur wenn es ans Sterben ging, ließ man den Doktor holen. – Mein Großvater starb schon mit 40 Jahren und ließ seine Witwe mit vier Kindern und wenig Mitteln zurück, doch meine Großmutter, obwohl nur auf den Betrieb einer kleinen Landwirtschaft angewiesen, schlug sich mit ihrer Familie tapfer durchs Leben und hatte noch die Freude, bei ihrem zum Arzte aufgestiegenen Sohne meine Taufe mitzufeiern. Soellingen war lutherisch. Mein Vater besuchte bis zum 14. Jahre die Volksschule und half der Mutter in Haus und Feld. Im Herbst hütete er mit den andern Dorfkindern, wie es Brauch auf dem Land, das Vieh auf den Wiesen. Eines Tages ging der Pfarrer des Orts, ein gutmütiger Herr, namens Jaeger, spazieren, und sah den Knaben, ein Buch in der Hand, bei den Kühen. Verwundert trat er zu ihm und besah das Buch, es war das lutherische Gesangbuch der baden-durlachschen Markgrafschaft. Sein Erstaunen wuchs, als er sich überzeugte, daß der junge Mensch, der eben aus der 13 Schule entlassen war, sämtliche Lieder des Gesangbuchs auswendig hersagen konnte. Dieser ungewöhnliche Trieb zu lernen und das gute Gedächtnis des Knaben machten einen solchen Eindruck auf ihn, daß er sich seiner annahm, ihm lateinischen Unterricht erteilte und Lehrbücher schenkte. Nach einiger Zeit tat er noch mehr. Weil der Knabe Wundarzt zu werden wünschte, benahm er sich mit dem befreundeten Amtschirurgen in Durlach und interessierte ihn für seinen Günstling. Der Amtschirurg hieß Kaercher und war der Vater des um das badische Schulwesen verdienten Philologen und Direktors des Karlsruher Lyceums Ernst Friedrich Kaercher. Er war ebenso gutmütig wie der Soellinger Pfarrer, jovial und ein guter Wundarzt. Obwohl er viel beschäftigt war, versprach er, den jungen Menschen gleichfalls zu unterrichten. Mein Vater mußte an mehreren Wochentagen nach Durlach gehen, wo ihn Kaercher in der Knochenlehre und den Anfangsgründen der Anatomie überhaupt, auch in der Verbandlehre und Wundbehandlung, unterwies und mitunter auf die Praxis mitnahm. Mit tiefer Rührung erzählte mir mein Vater: bisweilen sei Kaercher morgens über Land gewesen und müde und hungrig heimgekommen; er hatte eben gespeist, sein Schöppchen Wein getrunken und zu einem Schläfchen sich ausgestreckt, wenn der Schüler in das Zimmer trat; sogleich raffte er sich auf und begann den Unterricht. Seine weitere chirurgische Schulung erhielt mein Vater in Bruchsal, ehemals, bis 1803, die Residenz der Fürstbischöfe von Speier. Aus der bischöflichen Zeit befand sich noch in Bruchsal eine Schule für Hebammen und Chirurgen, die der berühmte Johann Peter Frank, der von 1772–1784 als Leibarzt des Fürstbischofs dort verweilte, eingerichtet hatte. – Nachdem mein Vater 1814 das Staatsexamen für Wundärzte in Karlsruhe abgelegt, wurde er Militärwundarzt bei den badischen Truppen, machte die Belagerung von Kehl und Straßburg mit und kam bis Lothringen. Hier befiel ihn der Typhus, vermutlich der Flecktyphus, den die Franzosen aus Rußland mitgebracht hatten; auch unter den Alliierten und schließlich in der bürgerlichen Bevölkerung wütete die Seuche. Mein Vater machte, und wie er meinte zu seinem Glück, den Typhus großenteils auf Stroh im offenen Wagen durch. Man hatte, wie ich zuerst von 14 ihm erfuhr, nach der Völkerschlacht bei Leipzig die typhösen Soldaten, die in offenen Schuppen lagen, besser davon kommen sehen, als die in den Hospitälern untergebrachten. Er lehrte mich die reine Luft bei der Behandlung der typhösen Krankheiten in ihrem großen Werte schätzen. Es ist unglaublich, welche verkehrten Anschauungen bei Laien und Aerzten bis tief in unser Jahrhundert herein auf diesem Gebiete der Heilkunst herrschten. Als ich in Kandern praktizierte, erzählte mir ein alter Bauer in Sitzenkirch, einem nahe gelegenen Dörfchen, von der schlimmen Seuche, die während des Krieges von 1814 bis 1815 dort in den Höfen und Hütten herrschte. Man sperrte die Kranken von der äußeren Luft ab, hielt die Fenster geschlossen und verwehrte den Durstigen Wasser zu trinken. Glücklicherweise sei ein Militärarzt durch Sitzenkirch gekommen und habe sich der Unglücklichen erbarmt, die Leute belehrt, Luft in die Stuben gelassen und die Kranken mit Wasser erquickt. Danach nahm die Sterblichkeit ab. Der alte Physikus B. in Kandern aber habe von dieser »neuen Methode, das Nervenfieber zu behandeln,« nichts wissen wollen, er scheute das Wasser noch mehr als die Luft. »Es hat ihm arg gruset vor dem Wasser,« so versicherte mich der Alte, » aber vom Wi hat er sölli viel ghalte .« Nach beendigtem Kriege verschaffte sich mein Vater durch die chirurgische Praxis die nötigen Mittel, um sich zunächst in Privatstunden die Kenntnisse für die gymnasiale Reifeprüfung zu verschaffen. Er bestand sie glücklich. – Welche Anforderungen in Latein und Griechisch an den Kandidaten gestellt wurden, weiß ich nicht, nur so viel, daß er in beiden Sprachen geprüft wurde, im Lateinischen noch als Physikus etwas, im Griechischen nicht mehr bewandert war. Jedenfalls aber wog er als Lateiner bedeutend mehr, als sein Physikatsvorgänger in Wiesloch, ein alter, in einer Klosterschule erzogener Herr, dessen Rezepte den Apotheker mitunter in große Verlegenheit brachten. Er verordnete eines Tags einem viel geblähten Amtsschreiber eine Unze » carponis animalis «, zu deutsch: Karpfen aus dem Tierreich. Der Apotheker lief zu meinem Vater und klagte: 15 Er könne sich unmöglich zu seinem Blutegelteich auch noch einen Karpfenteich anlegen. – Mein Vater beruhigte ihn: Der alte Kollege meine sicherlich Knochenasche, » carbo animalis «, Karpfen beziehe man ja besser und billiger als aus der Apotheke aus dem Gasthof zu den drei Königen. Sehr gut war mein Vater in der Botanik beschlagen. Ihm verdanke ich meine ersten Kenntnisse in dieser » scientia amabilis «, er lehrte mich Pflanzen suchen, bestimmen, sammeln und im Kräuterbuch geordnet einlegen. Die alten Aerzte schätzten die beschreibende Botanik in der Art, wie sie mein Vater mich betreiben lehrte, sehr hoch. In der Tat übt sie schon das Auge des Knaben für die künftigen ärztlichen Diagnosen. Auch kräftigen die botanischen Ausflüge den Leib. Endlich beglückt die Kenntnis der Pflanzen noch die späten Tage des Lebens, wenn das Herbarium längst ein Fraß der Motten geworden, mit holden Erinnerungen aus der Jugend. Das Gedächtnis bewahrt treu die schönen Bilder aus der Pflanzenwelt. Auf Spazierwegen und Reisen treten die Kinder Floras wie geliebte Jugendfreundinnen an uns heran. Nach überstandener Maturitätsprüfung erhielt mein Vater die damals nötige Staatserlaubnis, an der Universität Medizin zu studieren. Er wandte sich zuerst nach Heidelberg und von da im Frühjahr 1819 nach Würzburg, wo gerade das leuchtende Gestirn Schoenleins aufgegangen war. Außer der Klinik Schoenleins besuchte er noch die anatomischen Vorlesungen Hesselbachs und die physiologischen Doellingers. Er verweilte in Würzburg bis in den August 1820 und machte dann im Herbst das Karlsruher Staatsexamen in der inneren Medizin. Nunmehr besaß er die Lizenz in den drei Fächern der Heilkunde als »Arzt, Wundarzt und Hebarzt«, wie das Diplom lautete. Seine Ausdauer, sein Talent feierten den verdienten Triumph. Gleich nach dem Staatsexamen erhielt mein Vater die Stelle eines Assistenzarztes bei dem Landamt Karlsruhe in dem Marktflecken Graben und den Titel eines großherzoglichen Stabsarztes. Er hatte in Durlach meine Mutter kennen gelernt, Luise Böhringer, die 16 jüngste Tochter des bereits verstorbenen, mit Kindern reich gesegneten Besitzers der Glasfabrik Buhlbach bei Freudenstadt in Württemberg, und führte sie 1821 heim. Ein Jahr nachher kam ich zur Welt. Die glücklichen Eltern begrüßten den Erstgeborenen zärtlichst, und mein Vater erwies mir die erdenklichsten medizinischen Aufmerksamkeiten, untersuchte mich überall sorglich und legte mich auf die Wage. Ich wog 6½ Pfund, ward somit leicht befunden, doch schien meine übrige Beschaffenheit zu guten Erwartungen zu berechtigen. Es kamen im weiteren Verlauf der Ehe noch sechs Geschwister, aber mir allein, als dem Erstgeborenen, hatte mein Vater den Vorzug einer exakten Wägung zu teil werden lassen; – mein Leibesgewicht ist zu meiner Zufriedenheit stets in mäßigen Grenzen geblieben. Von Graben wurde mein Vater 1823 mit dem Titel eines Amtschirurgen nach Emmendingen im Breisgau versetzt, von da 1828 als Physikus nach Boxberg im Taubergrund, zuletzt, fünf Jahre später nach Wiesloch bei Heidelberg. Im Sommer 1850 raffte den teuern Mann ein Herzschlag mitten aus der Tätigkeit hinweg. Seit 30 Jahren litt er an aussetzendem Puls ohne objektive Symptome eines organischen Herzleidens. In den letzten Jahren war das Aussetzen häufiger geworden und hielt länger an. Er mußte unterwegs öfter stehen bleiben und wurde von Schwindel befallen mit Verdunklung des Gesichts. Er hielt mir in solchen Fällen den Arm hin zum Befühlen des Pulses und prophezeite, er werde plötzlich auf der Straße sterben. Scherzend trug er mir auf, ihn zu sezieren. »Du glaubst nicht,« fügte er bei, »wie sehr dein Befund mich interessiert.« Es traf ein, wie er vorausgesagt hatte. Auf dem Heimweg von der Praxis sank er beim Ueberschreiten eines Brückenstegs lautlos zusammen. Ein meinem Vater befreundeter Kollege führte seinen Wunsch aus. Das Herzfleisch des mageren Mannes hatte sich in der rastlosen Arbeit aufgezehrt, es war wie blaßgelbes Wachs geworden. Andere Fehler zeigte das Organ nicht. 17     Ein Heft meines Vaters aus Schoenleins Klinik 1819–1820. Aus den hinterlassenen Papieren meines Vaters besitze ich ein dickes Heft mit Aufzeichnungen aus der Klinik Schoenleins vom Juni 1819 bis zum August 1820. Wenn ich darin blättere, wird es mir wunderlich zu Mute. Ich hospitiere, von meinem Vater eingeführt, bei Schoenlein in den Sälen des Juliushospitals, der Professor und mein Vater sind jung, junge Studenten stehen um die Betten, alle stecken in altväterischen Röcken, und ich habe oft Mühe, ihre Reden zu verstehen. Es geht mir fast, wie dem Mann im Märchen, der in eine verzauberte Stadt mit längst verstorbenen Menschen gerät, deren Treiben ihn seltsam anmutet. Das Heft hat geschichtlichen Wert. Es gibt einen lebendigen Einblick in den Stand der inneren Medizin vor 80 Jahren und in die Lehrweise des jungen Meisters, der sich rasch den Ruf verschaffte, Deutschlands erster Kliniker zu sein. Der Schüler, der die Aufzeichnungen machte, war kein unreifer Student, er war drei Jahre älter als sein Lehrer und hatte selbst schon viele Kranke gesehen und behandelt. Auch geht aus manchen seiner Bemerkungen hervor, daß er nicht alle Diagnosen und Behauptungen des Professors gläubig hinnahm. Die Würzburger Klinik war eine der größten Deutschlands. Die klinischen Anstalten unserer meisten Universitäten waren noch äußerst mangelhaft eingerichtet, viele nur Polikliniken. Das Juliushospital bot Kranke in reicher Auswahl und mit mannigfachen Krankheitsformen. Das Heft verzeichnet 84 Kranke mit Angabe ihrer 18 Krankheiten, die mein Vater in dem einen Monat August 1820 in den Sälen Schoenleins gesehen hat. – Der junge Lehrer verwertete seinen klinischen Reichtum mit genialem Geschick. Er führte den Schülern möglichst viele Krankheitsbilder vor, sie mußten selbst untersuchen, die Diagnose stellen, die Behandlung vorschlagen; dabei griff er anleitend, erläuternd, verbessernd in anregendster Weise am rechten Fleck ein und erhielt seine Zuhörer in fortwährender Spannung. Das Heft nennt die Vorstellungen der Kranken wiederholt Disputationen, sie trugen oft fast den Charakter ärztlicher Konsilien. Ein solches Konsilium sei als Beispiel mitgeteilt. Am 8. Juli 1820 kam ein Mädchen mit aufgetriebenem Unterleib und starken Pulsationen » in scrobiculo cordis « In der Herzgrube, also in der oberen vorderen Magengegend unter dem Brustbein. in die Klinik. Am 9. Juli wurde »die Disputation über diesen casus « abgehalten. Der Praktikant, ein kühner Diagnostiker, erklärte den Fall ohne weiteres für ein Aneurysma Eine Pulsadergeschwulst. der Milzarterie. »Die meisten fielen ihm bei,« bemerkt mein Vater, »aber ich teilte diese Ansicht nicht, die Kausalmomente« – wir würden heute Anamnese sagen – »und die Konstitution der Kranken sprachen dagegen; ich meinte, das Klopfen rühre von Obstruktion Verstopfung. her.« Schoenlein teilte diese Ansicht. Es gebe vier Ursachen solchen Klopfens: Aneurysmen, Obstruktionen, verhärtete Eingeweide, die auf die Schlagadern, namentlich die Aorta, drückten, und die Hysterie. Er kam dabei auch auf Herzklopfen zu sprechen, das von »Entzündung des Plexus cardiacus « herrühre, und erzählte einen Fall von geheiltem Herzklopfen bei einem Mädchen nach abgelaufenem Typhus. Man habe das Klopfen auf ein organisches Herzleiden zurückgeführt, er aber habe diese Annahme bestritten, weil das Klopfen zu oft wechselte, und weil jeder Witterungswechsel darauf Einfluß hatte. Nachdem man Autenriethsche Salbe Pusteln bildende Brechweinsteinsalbe, noch in den vierziger Jahren viel angewendet. eingerieben hatte, sei das Mädchen in 6 Wochen 19 genesen und »lebe noch heute«. – Nach dieser Besprechung verordnete Schoenlein Diät und, um besser untersuchen zu können, zunächst Abführmittel. Am 14. Juli bezog er das Klopfen auf verhärtete Gekrösdrüsen, und von da an erhielt die Kranke Calomel, Rhabarber, Guajak, Löwenzahnextrakt, essigsaures Kali. Am 21. Juli war das Klopfen weniger; was weiterhin erfolgte, ist nicht angegeben. Die Hilfsmittel der klinischen Untersuchung waren noch äußerst dürftig, von Behorchen der Kranken mittelst Perkussion und Auskultation ist nirgends die Rede. – Die Unterlassung der Auskultation begreift sich aus dem Umstand, daß Laënnecs » Traité de l'auscultation médiate « Auscultation médiate ist das Behorchen mittelst des Höhrrohrs. erst 1819 im Druck erschien, aber es ist für die Deutschen beschämend, daß die Erfindung der Perkussion, die der Steiermärker Auenbrugger schon 1761 in Wien als » novum inventum « Die neue Erfindung. veröffentlicht hatte, noch in keiner Klinik Deutschlands geübt wurde. Sie mußte ihren Weg von Wien, wo ihr Maximilian Stoll im vorigen Jahrhundert nur eine flüchtige Aufmerksamkeit geschenkt hatte, nach Deutschland über Paris nehmen, um in ihrer außerordentlichen Bedeutung anerkannt zu werden. Erst Corvisart, Napoleons Leibarzt, hatte sie eingehender Prüfung gewürdigt und Auenbruggers Schrift, versehen mit einer französischen Uebersetzung und einem ausführlichen Kommentar, 1808 aufs neue herausgegeben. Zwölf Jahre nachher wurde sie in Schoenleins Klinik noch nicht geübt, – wie sehr war doch damals die französische Medizin der deutschen überlegen! Bei Besprechung des Empyems Hier ist unter Empyema die Ansammlung von Eiter im Sack des Brustfells gemeint. in der Klinik zählte Schoenlein die unsichersten Symptome auf, z. B. das Einschlafen eines Arms, aber der wichtigen Erscheinung des dumpfen Schalls, die durch den Schlag mit dem Finger oder Hammer an die Brustwand gewonnen wird, ist nicht gedacht. Die Diagnosen des jungen Klinikers ruhen noch ganz in herkömmlicher Weise auf dem schwachen Boden der symptomatischen 20 Auffassung der Krankheiten. Wo er versucht, die Diagnosen auf anatomischen Boden zu stellen, läuft er Gefahr, grob zu irren, weil die pathologische Anatomie zu wenig vorgearbeitet hatte. Diagnosen wie Synocha , Febris nervosa , Febris gastico-rheumatica , Typus e torpore u. a. dieser Art, die das Heft reichlich aufweist, sind heute aus den Kliniken verschwunden; Schoenlein selbst verwarf später die »essentiellen Fieber«. Die Diagnose der Lienitis oder Milzentzündung, die wir heute nur äußerst selten stellen dürfen, bringt das Heft häufig. Schoenlein führte die Magenblutungen meist auf Lienitis zurück, es war eben noch nicht durch die Anatomen Cruveilhier und Rokitansky festgestellt, daß sie meist von eigentümlichen Geschwüren des Magens herrühren. Ebenso schlimm sieht es mit den Typhusdiagnosen aus, hier ließen Schoenlein die pathologische Anatomie und die Aetiologie Die Lehre von den Krankheitsursachen. im Stich, man hat heute gut spotten, wenn er einen Ganglien- und einen Gehirntyphus unterschied. Das Heft teilt die Ergebnisse einiger klinischen Sektionen mit; man merkt deutlich: allerlei Veränderungen der Organe, die erst in der Leiche infolge von Senkung des Bluts nach den Gesetzen der Schwere, von Fäulnis u. s. w. vorkommen, wurden als Erzeugnisse der Krankheit, als Zeichen von Entzündung, Brand u. dgl. gedeutet. Die Behandlung ist stets eingehend besprochen. Schoenlein liebte das zuwartende Verfahren nicht, er griff mit Medikamenten entschieden ein, machte auch vielen Gebrauch von kaltem und warmem Wasser in Gestalt von Abwaschungen, Umschlägen, Begießungen, Wannen-, Sitz- und Fußbädern. Er beschrieb die pharmazeutische Zubereitung der Arzneimittel ausführlich, belehrte die Hörer über die Natur und Herkunft der Droguen und gab Rezeptformeln in Menge. Ebenso ausführlich verbreitete er sich über die Anzeigen der verschiedenen Heilmittel. An örtlichen und allgemeinen Blutentziehungen wurde nicht gespart, auch nicht bei typhösen Kranken. In dem Hefte findet sich noch keine Andeutung von dem naturhistorischen System der Pathologie, das Schoenlein später 21 aufgegebaut hat, und er ist noch nicht frei von naturphilosophischen Anwandlungen. »Leber und Milz,« steht wörtlich darin, »sind zwei entgegengesetzte Pole, Eisen und Quecksilber auch. Eisen ist das starrste und festeste, Quecksilber das weichste und durchdringendste Metall. Daraus läßt sich eine Theorie von dem Nutzen des Eisens in Milzkrankheiten aufstellen. So wirksam das Quecksilber bei den Krankheiten der Leber, ebenso wirksam ist das Eisen in Milzkrankheiten.« 22     Früheste Erinnerungen Aus dem Nebelmeer meiner frühesten Erinnerungen tauchen mir als erste lichte Punkte zwei Bilder auf, die sich an ein schmerzhaftes Ereignis in Emmendingen knüpfen. Lebhafte Kinder zieht es unwiderstehlich zum flackernden Herdfeuer der Küche, wie die Fliegen zum Kerzenlichte. Es ist weniger die Naschsucht wie bei Hund und Katze, die den kleinen Menschen in den verbotenen Raum lockt, als die Neugier und Lust an dem unterhaltenden Schauspiel, womit die Küche alle Sinne befriedigt. Es lodert die Flamme, es siedet der Topf und brodelt der Kessel, es dampft und duftet; die Köchin schürt die glühenden Kohlen, sie schneidet und schält, backt und brät und ist immer tätig; es geschehen die merkwürdigsten Verwandlungen: aus Mehl und Eiern wird Teig und ein gelblicher Kuchen, der in der Pfanne sich bräunt. Mit dem Angenehmen verbindet sich das Nützliche. Ist die Köchin dem Kinde hold, so gibt sie ihm Gutes zu kosten, und ist das Kind ein Leckermäulchen, so verlangt es noch mehr. Mein erstes Erinnerungsbild versetzt mich in die Küche. Im Röckchen laufe ich der Köchin in die Beine, sie hat gerade einen Topf mit siedendem Wasser vom Herde gehoben, schwankt, schüttet ihn aus und verbrüht mir den behaarten Kopf. Ich schreie unbändig, meine zum Tod erschrockene Mutter fliegt herbei und schließt mich in die Arme. Im zweiten Bild lieg' ich im Bette. Mein Vater ist von der Praxis heimgekommen, neigt sich über mein Haupt und besieht den Schaden. 23 Alles andere, was sich an die Verbrühung angeschlossen haben muß, ist in der Erinnerung nicht haften geblieben, nur diese beiden Augenblicke bleiben unauslöschbar beleuchtet. Als objektives Zeichen behielt ich eine narbige Vertiefung am Scheitel, die das Haupthaar von den Rändern her überdeckt. Eine spätere Erinnerung, vermutlich aus dem fünften Jahre, bietet Freunden der Seelenkunde ein Problem zur Lösung in müßiger Stunde. Die Beweggründe der Seele des Kindes beim Reden und Handeln sind meist durchsichtig, doch gibt es Ausnahmen, wo sie dunkel bleiben. Obwohl ich im ganzen lenksam war, so zeigte ich, als ich meine ersten Gebete lernen mußte, einen unbegreiflichen Starrsinn. Meine Mutter hatte mich die zwei bekannten kleinen Gebete gelehrt, das Tischgebet: »Komm Herr Jesus, sei unser Gast« u. s. w. und das Abendgebet im Bette: »Ich bin klein, mein Herz ist rein« u. s. w. Das Tischgebet sagte ich ganz richtig her, aber vor das Abendgebet setzte ich regelmäßig die Anrede: »Büble!« Ich betete: »Büble! Ich bin klein,« mochte meine Mutter es mir noch so ernstlich verweisen, zürnen und mich strafen. Von dem Büble ließ ich nicht, es stand leibhaftig vor mir, sobald ich das Abendgebet hersagen mußte, es hatte meine Größe und Gestalt, es sah einmal aus wie das andere Mal und hörte mir aufmerksam zu, wie ein guter Spielkamerad; zweifelsohne interessierte es sich für meine erfreuliche Mitteilung, daß ich klein und mein Herz rein sei. – Bekannte, mit denen ich das Problem besprach, meinten, ich hätte mir unter dem Büble das Christkind vorgestellt, ich hätte ja bei Tisch das Gebet an Jesus gerichtet, aber diese Hypothese ist unrichtig. Der Herr Jesus war für mich kein Büble, sondern ein freundlicher Mann mit einem Kelch in der Hand, genau so wie sein Bild an der Wand hing, und verschieden von dem Christkind, das auch sicher kein Büble war, sondern ein Mädchen, denn kurz vor Weihnacht war es in weiblichem Gewand mit Schleier und Rute in das Zimmer gekommen, hatte mich mit seiner Stimme ermahnt, folgsam zu sein, und mir goldene Nüsse und Aepfel beschert. – Zu meinem großen Verdruß ist es mir bis heute nicht gelungen, 24 das Rätsel sicher zu lösen; nur eins ist gewiß, das Büble war das Kind einer lebhaften Einbildungskraft, ein Phantasma. Als mein Vater 1828 von Emmendingen nach Boxberg versetzt wurde, legten wir den weiten Weg dahin in einer großen Mietkutsche zurück. Wir waren damals vier Kinder, und der Umzug machte uns großes Vergnügen, denn der Mensch ist ein geborener Nomade. Mit uns fuhr ein lieber, rothaariger Spielgefährte, ein junges Eichhorn oder Eichkätzchen. Es war an ein langes Kettchen gebunden und trieb sein possierliches Spiel mit Männchen machen und Nüsse knacken, bald auf dem Kutschendach, bald im Innern. Wurde es abends kühl, so schlüpfte es zu uns Kindern herein in die Wärme. Nachdem wir glücklich an den Neckar bei Hasmersheim gekommen waren, fuhren wir im Dunkel der Nacht die schlechte Straße ins Dorf herab, der Kutscher warf um und wir quetschten unseren armen Spielkameraden, der bereits bei uns untergeschlüpft war, unseliger Weise zu Tode. Wir waren untröstlich, bis uns der holde Freund der Kinder, der Engel mit der Mohnblume, die verweinten Augen zudrückte. 25     In der Volksschule zu Boxberg. Schon in Emmendingen hatte ich einigen Unterricht zu Hause erhalten, sogar mensa deklinieren lernen, in Boxberg sollte ich die Volksschule besuchen. Das armselige Städtchen – die Beamten nannten es den Bloxberg – hatte nur einen Lehrer, einen Schulmeister, wie sie nicht mehr vorkommen, auch damals war er wohl einzig in seiner Art. Der Schulmeister war ein baumstarker Mann in den Fünfzigen, ein gedienter Soldat, hatte die Kriege als Reitersmann mitgemacht, vermutlich bei den badischen Husaren, die später in Dragoner umgewandelt wurden, und konnte lesen, schreiben und die vier Spezies rechnen. Deshalb wurde er wahrscheinlich zum Schullehrer für gut befunden. Wir waren nur wenige Kinder in der Schule, und es ist mir nichts anderes daraus geblieben, als ein wenig biblische Geschichte vom König David und seinen Heldentaten wider den Riesen Goliath, die Philister und Amalekiter. Dazu erzählte der Alte uns begeistert, daß er auch beim Kriegshandwerk gewesen und wie er es in Feindesland gehalten habe. »Ich sag' euch, ihr Buben,« rief er uns grimmig zu, »es geht halt nichts in der Welt über einen rechtschaffenen Reitersmann im Krieg. Der steigt, wenn kommandiert wird, aufs Roß, reißt den Pallasch aus der Scheide, setzt die Sporen ein, und die ganze Schwadron reitet dem Bauern in den Klee oder die Frucht, wie es gerade kommt. Da schreit der Bauer, und die Bäuerin jammert, aber da hilft nichts und muß alles ruiniert werden. Und wenn 26 sich der Bauer widersetzt, so fliegt ihm der rote Hahn aufs Dach, daß die Flammen an allen Ecken aus der elenden Strohhütte 'rausschlagen. So ist es recht, und so muß es im Kriege zugehen!« Als ich meinem Vater erzählte, wie uns der Schulmeister biblische Geschichte lehrte, schüttelte er den Kopf und nahm mich aus der Schule. Ein Lehrer aus einem Nachbardorf sollte in der Woche mehrmals nach Boxberg kommen und mir Stunden geben. Da er aber nicht regelmäßig erscheinen konnte, so kam dabei nicht viel heraus. Nach vielen Jahren – wir waren inzwischen weggezogen – hörte ich wieder von dem Boxberger Schullehrer und was sich seither mit ihm begeben hatte. Ein junger Bauer hatte seine Tochter geheiratet, der alte Bauernfeind konnte sich aber mit dem Schwiegersohn nicht vertragen. Sein Haß wurde so groß, daß er ihm unter der Stalltüre auflauerte und ihn mit der Mistgabel tot schlug. Im Zuchthaus beschloß er seine Tage. 27     Auf der Landstraße. In dem nahen Flecken Schweigern behandelte mein Vater die Frau des Pfarrers Hermani; sie litt an Schwindsucht, nahm viel Schneckenbrühe, schlief auch einige Zeitlang im Kuhstall, worauf man damals viel hielt und schleppte sich mit der Krankheit leidlich hin. Aus Freundschaft erbot sich der Pfarrer, mir fünfmal in der Woche Unterricht zu erteilen, was mit großem Dank angenommen wurde. Anfangs ging die Sache gut. Man schnallte mir morgens das Schulränzchen auf den Rücken, und vergnügt trollte ich mich aus dem Hause. Man legt die Strecke bis Schweigern in einer halben Stunde zurück, ich brauchte anfangs eine Stunde für den Hinweg, 1½ bis 2 für den Heimweg, aber von Woche zu Woche dehnte sich der Weg, bis ich zuletzt erst gegen Mittag in Schweigern und am Abend wieder in Boxberg eintraf. Die Landstraße ließ mich nicht los, das ganze Naturreich verschwor sich, mich unterwegs festzuhalten, und wunderschöne Herbsttage spendeten ihren Segen dazu. Da winkten am Rain auf den Brombeerstauden schwarze Beeren, sie mundeten süß und mußten gepflückt werden. Nebenan lockten auch verführerische blaue Pfläumchen aus schwarzen Dornbüschen, aber ich ließ sie ruhig glänzen und gleißen, denn ich kannte ihre Tücke, es waren Schlehen. Ich hatte mehrmals nicht widerstehen können, und hinein gebissen, da zogen sie mir den Mund bis zu den Ohren. Darum war es klüger, sie hängen zu lassen und lieber auf die Aepfelbäume zu klettern und nachzusehen, ob die Aepfel schon reif seien. Waren sie noch unreif, so brauchte man 28 sie deshalb nicht hängen zu lassen, sondern tat besser, sie abzunehmen. Klopfte man die harte Frucht mit glatten Steinen, so wurde ihr Fleisch weich und saftig – wir sagten »mürbe« – und schmeckte köstlich wie säuerlicher Most. Zwar behauptete der Herr Apotheker, der die Knaben des Orts bei dem Schmausen der unreifen Aepfel betraf, sie würden die Ruhr davon bekommen, aber wir blieben ganz gesund. Auf den Aeckern schauten auch gutmütige weiße Rüben mit blauroten Backen aus dem Boden zu mir herauf. Ich verstand die Einladung, kostete und fand das Fleisch süßlich und etwas herb zugleich, für den Gaumen eine angenehme Abwechslung. Am besten jedoch schmeckten die Weintrauben der Rebgelände, die sich zwischen langen Wällen zusammengelesener Kalksteine an den Hügeln hinauf zogen. Neben solchen erfreulichen Bekanntschaften in der Pflanzenwelt verschaffte mir die Tierwelt allerlei angenehme Unterhaltung. Ich neckte die hurtigen Eidechsen, die in den Steinhaufen Versteckens spielten, haschte flatternde Libellen und Schmetterlinge, und jagte im Umpferbach nach Grundeln. Am liebsten aber schloß ich Freundschaft mit den neugierigen Ziegen und mutwilligen Böcken, die der Hirt – er war nur wenig älter als ich – an den Halden hütete. Ich bewunderte den Appetit der Tiere, womit sie ununterbrochen vom frühen Morgen bis zum späten Abend den Magen füllten, aber der Hirt fragte mich bedauernd: »Was? du bist ein Doktorsbub und kennst nicht einmal den Vers, den jeder Bauernbub versteht: »Heddel, bist satt?« – »Bis auf ein Blatt!« Dieses ungebundene Leben unter Gottes freiem Himmel gefiel mir über die Maßen, dem Pfarrer von Schweigern aber nicht, er brach den Unterricht ab und riet meinem Vater, mich außer Haus bei einem guten Pädagogen unterzubringen, er wolle ihm dabei behilflich sein. Wir waren nun wieder so weit wie zuvor. Aufs neue kam der Lehrer aus dem Nachbardorf, um mir Stunden zu geben, und mein Vater versuchte es selbst, mich in das Latein einzuführen. Beschäftigten Aerzten aber ist es nicht möglich, ihren Kindern 29 regelmäßigen Unterricht zu erteilen. Ging es nicht zu Hause, so nahm er mich mit auf die Praxis, um mit mir unterwegs zu deklinieren und zu konjugieren. Amo, amas, amat! Wie ich dies amo haßte! Neben dem Weg stieg aus dem Kornfeld jubilierend die Lerche zum Himmel, am Bache standen die schönsten Weiden zum Flötenschnitzen, in Busch und Wald lagen in den Zweigen versteckt die niedlichsten Vogelnester mit Jungen zum Ausheben, und ich mußte konjugieren: amo, amas, amat! Viel besser gefiel es mir, wenn mein Vater, statt Latein zu lehren, mir erzählte von Hannibal und Cäsar, von Kolumbus und Englands großer Seemacht, Napoleons Taten und Untergang. Oder wenn er mir die wilden Moorrüben und Cichorien am Wegrain wies, und im Lössand den kleinen Trichter, die Mördergrube, worin der Ameisenlöwe listig auf seine Beute lauert. Auch pflückten wir den herrlichen Frauenschuh ( Cypripedium calceolus ), der da und dort in jener Gegend auf dem Kalkboden gedeiht, und trugen ihn nach Hause ins Herbarium. Mein Vater wagte es sogar, mich der Leichenöffnung eines kleinen Kindes anwohnen zu lassen, und zeigte mir die wichtigsten Leibesorgane. Ich verschaffte mir hierauf einen toten Maulwurf und zergliederte ihn zum Abscheu der Dienstmädchen mit einem alten Bistouri. – Bald nachher wurde die Sektion eines Erwachsenen gerichtlich angesagt, und ich ließ meinem Vater keine Ruhe, bis er mich mitnahm. Sie fand in einer Dorfscheune statt, ich entwischte aber bald und trieb mich lieber im Freien umher. Ich nahte dem neunten Lebensjahr, als Pfarrer Hermani meinem Vater mitteilte, er glaube, in seinem Schwager, dem Pfarrer Ganz in Buch am Ahorn, den richtigen Erzieher für mich gefunden zu haben, und er täuschte sich nicht. Ich verließ das elterliche Haus und kam zu dem braven Manne, dessen verständige Führung mein ganzes Leben entscheidend beeinflußt hat. 30     Im Pfarrhaus zu Buch am Ahorn. Das Dörfchen dieses Namens lag, abgeschieden von der Welt, mit seiner Gemarkung größtenteils eingeschlossen in einem an Buchen und Ahornbäumen reichen Walde. In den zwei Jahren, die ich dort zubrachte, sah ich kaum andre Fremde, als Wallfahrer, die »vom heiligen Blut« in Walldüren kamen, und Zigeuner, die ebenso plötzlich erschienen, als verschwanden. – Die Wallfahrer zogen betend und singend, mit Kruzifix und Fahnen, durch den ganz evangelischen Ort, ohne sich aufzuhalten. Wenn die Prozession nahe genug ans Dorf kam, eilten die Kinder herbei, stellten sich zu beiden Seiten der Dorfstraße auf, streckten die Hände gegen die Wallfahrer und erhielten von ihnen kleine Stücke eines gelblichen, faden Gebäcks. – Die Zigeuner verweilten einige Tage draußen vor dem Dorfe und schlugen am Waldsaum ein Lager auf; die Weiber und Kinder liefen in die Häuser zu den Bauern, wahrsagten und holten Brot, Speck und Eier, Milch und Butter. Ich ging mit den andern Kindern hinaus an den Wald. Sie lagerten ums Feuer und brieten gerade ihr Lieblingsgericht am Spieße, – fette Igel. Der große Forst, der das Dorf umgab, hatte abgelegene Stellen, wo, nach Versicherung des Försters, der in dem nahen Ahornhofe einsam wohnte, echte Wildkatzen im Dickicht hausten. Ich selbst sah eines Tages tief im Wald eine riesige Katze sich in einer mächtigen Ahornkrone von Zweig zu Zweige schwingen. Pfarrer Ganz und seine Frau standen beide im Beginn der 31 dreißige und waren herzgute Leute. Sie hatten keine Kinder und behandelten mich wie ihr eigenes. So kam ich leicht über das Heimweh weg und fühlte mich bald zu Hause. Einen besseren Erzieher hätte ich nicht haben können, als diesen kleinen, klugen und nie verdrossenen Landpfarrer. Er war ein vergnügter Student gewesen und im Predigerrock kein Kopfhänger geworden; er liebte Kinder und verstand es ausgezeichnet, mich den ganzen Tag zu beschäftigen. Ein großer Kanzelredner war er sicherlich nicht, doch besaßen seine Predigten eine Eigenschaft, die der badische Prälat und Dichter Hebel als die beste bezeichnet, sie waren – kurz. Auch seine Gelahrtheit reichte nicht weit, für mich jedoch weit genug. Wie bei dem Pfarrer, war ich auch bei der Pfarrerin gut aufgehoben. Sie sorgte für mein leibliches Gedeihen und ihre Mehlspeisen waren köstlich. Fleisch kam nicht täglich auf den Tisch, und ich vermißte es nicht; Mehlspeisen und Obst zog ich dem besten Braten vor. Mein größtes Leibessen waren ihre zarten Kartoffelklößchen, sie sah mir liebevoll zu, wenn ich sie von dem Teller verschwinden machte, doch konnte sie zuletzt dem Gatten zurufen: »Lieber Ganz, wird es nicht doch des Guten zu viel?« Er aber lachte, weil er besser wußte, was der gesunde Magen eines Knaben zu leisten vermag und wie man ihn bei außergewöhnlichen Zumutungen leicht vor Schaden behütet: er dehnte den Spaziergang nach Tische ein Stündchen länger aus. Der Unterricht meines Mentors erstreckte sich auf Latein und Französisch, im zweiten Jahr auch auf Griechisch, er lehrte mich Rechnen und Geometrie, Naturlehre, Geschichte und Erdkunde, diese gefiel mir am besten. In den freien Stunden wurde regelmäßig spazieren gegangen, ich spielte in Hof und Garten, las und zeichnete, mit besonderer Vorliebe kolorierte und zeichnete ich auch Landkarten nach Anweisung meines Lehrers. Spielend erwarb ich mir dadurch gute geographische Kenntnisse; ich fertigte sogar geschichtliche Karten der Weltreiche Alexanders des Großen, der Römer und Karls des Großen. Er gab mir aus seiner wohlbestellten Bibliothek 32 Zimmermanns mehrbändige Länder- und Völkerkunde in die Hand, an der ich mich nicht satt lesen konnte. In der letzten Zeit meines Aufenthaltes ergriff mich eine gefährliche Lesewut. Der Pfarrer bewarb sich um die Pfarrstelle in Unterschüpf, mußte mehrmals verreisen, und ich wurde deshalb weniger überwacht. Ich hatte bisher nur die Fabeln Aesops, Hagedorns munteren Seifensieder und die unverfänglichen Gedichte eines Lichtwer und Gellert kennen gelernt. Die lebhafte Schilderung der greulichen Katzenmusik in Lichtwers lehrsamer Erzählung mit der Nutzanwendung: »Blinder Eifer schadet nur,« versetzte mich in ein krampfhaftes Lachen, aus dem ich den ganzen Abend nicht herauskam. Während des Pfarrers Abwesenheit machte ich mich nunmehr hinter Zschokkes Abällino und seine Novellen, die meine Phantasie mehr als gut erregten, zuletzt ritt ich sogar auf Wielands Hippogryphen ins alte romantische Land, wozu es noch mindestens sechs Jahre Zeit gehabt hätte. Unsere Spaziergänge richtete der Pfarrer ebenso unterhaltend als nützlich ein. Er lehrte mich alle Sträucher und Bäume des Waldes kennen; wir gruben Pflanzen aus und versetzten sie in den Garten am Pfarrhaus, schrieben ihre botanische Namen auf kleine Schilde und befestigten sie an Stäbe, die wir daneben steckten. – Auch lehrte er mich im Wald ein Spiel, das mir vielen Spaß machte. Ich kletterte an jungen, schlanken Birken bis nahe zum Gipfel hinauf, faßte dann den Stamm mit beiden Händen und ließ die Beine los. Meine Last bog das Bäumchen sachte mit mir zur Erde, ich kam stehend auf den Boden und ließ den Stamm fahren, im Nu schnellte die Birke in die alte gerade Stellung zurück. Das Vergnügen war groß, aber eines Tages nahm das Spiel ein unerwünschtes Ende. Ich war wie immer an dem Bäumchen zum Gipfel hinaufgeklettert, hatte ihn gefaßt und die Beine losgelassen, da entglitt der Stamm meinen Händen, und ich tanzte durch die Luft herab auf den Boden, wo ich weich im Laube niederfiel. Der Pfarrer erschrak, lief herzu, doch hatte ich keinen Schaden genommen. Ich durfte von da an das schöne Spiel nicht wieder üben. 33 Die Leute in den großen Städten halten das Leben auf dem Lande für einförmig und langweilig, es bietet jedoch für Kinder bessere und gesundere Unterhaltung als die Stadt. Zugleich lernen sie eine Menge nützlicher Dinge kennen, die dem Stadtkinde häufig zeitlebens bis zur Lächerlichkeit fremd bleiben. In das hastige, aufregende Treiben der Städte können sie später noch frühe genug eingeführt werden. Ich betrachte es noch heute als ein Glück, daß ich den größten Teil meiner Kindheit auf dem Lande verlebt habe. In jeder Jahreszeit gab es neues zu schauen: im Frühling pflügen und säen, Stecklinge setzen, pfropfen und Bäume schneiden, im Sommer Heu und Getreide ernten, im Herbste zahlreiche Früchte von Feld und Garten einheimsen, im Winter Arbeit genug in Scheune und Stall. In den Weingegenden kommen noch die Freuden des Rebenherbstes dazu; in Buch am Ahorn gab es keine Rebgärten, man kelterte, wenn ich mich recht erinnere, nur Aepfel und Birnen. Wie stolz war ich, wenn ich im Sommer hochthronend auf dem Erntewagen mit den vorgenannten Kühen in den Pfarrhof einziehen durfte, und welch ein Vergnügen, in der Scheune von hoch oben herabzuspringen in das duftende Heu! – Herrlich war es auch in der Erntezeit nach der Heimkehr vom Felde, wenn ich müde und hungrig mit dem Gesinde das köstliche Roggenbrot und Wurst oder Käse teilen durfte und den säuerlichen Wein dazu kosten. Was ist gegen solchen Genuß das Zuckerbrot des städtischen Konditors? – Das Feinste aber brachte das Schlachtfest im Winter, wenn es würzige Metzelsuppe gab mit zartem Wellfleisch und die Dorfjugend in den Pfarrhof kam, um die Brühe und die leckeren Bissen mitzukosten. Jedoch nicht immer ruht idyllisches Glück auf den ländlichen Hütten. – An einem Herbstabend war der Pfarrer mit mir nach dem nahen Dorfe Brehmen spazieren gegangen. Die Sonne begann eben unterzusinken, als wir aus dem Walde tretend das Oertchen vor unseren Füßen liegen sahen. Plötzlich schlugen Flammen aus dem Dachgiebel eines der Häuser, und in wenigen Minuten flog das Feuer, vom Winde getrieben, von Haus zu Haus, von Scheune zu Scheune. Heu und Frucht lagen aufgespeichert darin, das gierige 34 Element verzehrte die mühsame Arbeit eines ganzen Jahres; die rote Lohe sprühte hoch gen Himmel Mit Furcht und Grauen sah ich das traurige Schauspiel. Die armen Leute eilten hilflos auf der Brandstätte umher. Gelassener, als es eine städtische Bevölkerung zu tun vermocht hätte, nahmen die Bauern ohne Geschrei und Lärm ihr Unglück hin. Eilend waren zwei Jahre bei dem Pfarrer dahingegangen, er riet meinem Vater, mich nunmehr auf ein Gymnasium zu bringen. Ungern schied ich von ihm und seiner Gattin. Was mir beide gewesen, habe ich erst als Mann völlig würdigen gelernt. Auf dem Pfarrhaus wurde mir durch Gewöhnung an geregelte Arbeit ein Segen für das ganze Leben mitgegeben. – Ich sollte leider die guten Leute niemals wiedersehen. Der Pfarrer wurde nach Schüpf versetzt, einer weit angenehmeren Pfarrei, als die von Buch am Ahorn, aber er durfte das Glück nicht lange genießen. Die Ruhr, die 1834 im Herbste die Gegend heimsuchte, raffte beide in einer Woche hinweg. 35     Der Zehnte. Das Einkommen der Pfarrei Buch am Ahorn bestand größtenteils, wenn nicht ganz, aus dem Ertrage des Zehnten und der Gülten. Zwar ist der Zehnte schon in den fünf Büchern Mosis angeordnet, und die Römer hießen das eroberte Land rechts am Oberrhein die agri decumates , das Zehntland, aber trotz Mosis und der Cäsaren Gebot wollte den Bauern diese Einrichtung wenig einleuchten. Es war der Zehnte eine unerschöpfliche Quelle von Aerger und Verdruß für Geistlichkeit und Bauernschaft. Beide empfanden fast allenthalben seine Ablösung, die auf den Antrag der zweiten Kammer in den dreißiger Jahren ins Werk gesetzt wurde, als eine Wohltat. – Das Gedächtnis des Zehnten ist nahezu erloschen, darum sei ihm ein Wort der Erinnerung geweiht; er hat mir als Knaben frohe Stunden bereitet. War die Ernte- oder die Herbstzeit gekommen, so meldete sich der Zehnter, dem das Eintreiben des Zehnten oblag, beim Pfarrherrn. Er kam mit einem mehr als mannshohen spitzen Stabe, dem Zehntstabe, und zeigte dem Geistlichen an, daß er aufs Feld gehe, um seines Amtes zu warten. Ich durfte ihn mitunter auf seinen Gängen begleiten. Die Bauern waren gehalten, die Getreide-Garben in Reihen, Flachs und Hanf in Büscheln, Heu und Oehmd, Kartoffeln, Rüben, Bohnen u. dgl. in Haufen und Häufchen bereit zu legen und liegen zu lassen, bis der Zehnter mit seinem Stab erschien, nachsah, und jede zehnte Garbe, jeden zehnten Büschel oder Haufen wegnahm, auf den Wagen lud und wegführte. 36 Der Zehnter, ein ehemaliger Soldat, ein Vierziger, war ein stattlicher, heiterer Mann und mir freundlich zugetan. Er wahrte getreu des Pfarrers Vorteil und kannte die Bauernschliche von Grund aus. War er doch selbst aus dem Bauernstand hervorgegangen und führte das Sprichwort im Munde: »Der Bauer ist ein Lauer.« Nach Grimms Wörterbuch bedeutet Lauer einen Schelm und ist im 18. Jahrhundert ausgestorben. Im Munde des Zehnters war es aber noch im 19. lebendig. Auch lebt noch in den Kantonen Bern und Solothurn nach mündlicher Mitteilung der Spruch: »D Bure si (sind) Lüre, so lang si düre.« Er ließ sich nicht hinters Licht führen, und ich half ihm eifrig nachzählen und aufladen und freute mich seines Lobs. Heimgekehrt teilte er im Pfarrhof das Mahl mit dem Gesinde und würzte es mit Scherzen und lustigen Geschichten. Eine davon, eine Bauernparabel, habe ich gut im Gedächtnis behalten. Ein König setzte den Bauern einen Pfarrer ins Dorf, auf daß er ihnen Gottes Wort predige. Seine Antrittspredigt lautete: »Ihr Bauern, schafft euch hirschlederne Hosen an, denn sie halten den Leib im Winter warm, im Sommer kühl, und sind dauerhaft. Und ich sage euch, gebet Gott, was Gottes, und dem Könige, was des Königes ist.« – Diese Predigt gefiel den Bauern wohl, weil sie kurz war und nützlichen Rat mit dem heiligen Worte der Schrift verband. Darum waren sie ihres Pfarrers froh. Dieser aber war trägen Geistes und pflegte lieber seines Leibs, als seines Amts. Am nächsten Sonntag und an allen Kirchentagen des Jahres mahnte er die Bauern immer wieder, hirschlederne Hosen zu tragen und Gott und dem Könige zu geben, was ihnen gebühre. Dieweil aber der Mensch auch der besten Predigt überdrüssig wird, wenn sie einmal lautet wie das andre Mal, so schickten die Bauern Abgeordnete an den König und baten um einen andern Pfarrer. Als sie ihm aber erzählten, welche Gebote ihnen der Prediger so unermüdlich ans Herz lege, ergrimmte der König nicht über den Pfarrer, sondern über die Bauern, und hieß die Lümmel stehenden Fußes heimkehren. Und rühmte den Pfarrer vor seinem Hofe als den rechten Mann Gottes. 37     Zeitbegebenheiten. Auf dem großen Septembermarkt in Königshofen an der Tauber durfte ich mir kolorierte Bilderbogen kaufen und erfuhr daraus als Knabe zuerst von den Welthändeln der zwanziger Jahre, von den türkischen Greueln und den Heldentaten der Griechen und Russen in den Freiheitskämpfe der Griechen und dem russisch-türkischen Kriege von 1828/29. Natürlich schlug mein Herz für die christlichen Brüder. Mit dem wichtigsten Ereignis jenes Jahrzehnts, der Seeschlacht von Navarino am 20. Oktober 1827, machte mich ein großes Marionettentheater bekannt, das im Winter 1829/30 in Boxberg Vorstellungen gab. Die Seeschlacht war das Nachspiel des ergreifenden Stückes von Doktor Fausts Leben und Höllenfahrt. In stolzer Pracht, mit dem Halbmond auf der Flagge, segelte zuerst das Schiff des Kapudan-Pascha aus den Kulissen auf die Bühne, hinter dem Türken drein die Flotte der Alliierten, Linienschiffe und Fregatten, alle wohl gespickt mit Kanonen. Es war ein großartiges Schauspiel für uns kleine Landratten. Die Schiffe stellten sich in Schlachtordnung, ein furchtbares Schießen ging los, und es roch erschrecklich nach Pulverdampf, plötzlich flog das türkische Admiralschiff mit großem Knall in die Luft und der Vorhang fiel. – Fast 60 Jahre nachher, im August 1888, fuhr ich auf dem österreichischen Lloyd-Dampfer Urános an der Bucht von Navarino vorüber. Die Reisenden standen auf dem Verdeck, den Blick nach Bucht und Küste gerichtet, der Schlacht gedenkend. Ein englischer Gentleman erzählte 38 nicht ohne Stolz, sein Vater habe unter dem Admiral Codrington mitgekämpft. Was wollte das sagen? Ich hatte mit eigenen Augen das Schiff des Kapudan-Pascha mit Mann und Maus in die Luft fliegen sehen! Das Jahr 1830 brachte große Aufregung unter die Honoratioren des Amtsbezirks Boxberg, denn die Luft war gewitterschwanger und in Europa folgte eine Revolution der andern. Nach der Julirevolution der Franzosen kam der Abfall der Belgier von Holland und der Aufstand der Polen. So jung ich war, merkte ich doch, daß die Ansichten der Herren in dem Städtchen weit auseinander gingen. Der Herr Amtsrevisor verfocht stirnrunzelnd, mit starrer Bestimmtheit, die Ansprüche der Legitimität. Er schalt die aufständischen Völker samt und sonders Rebellen, auch die Griechen hieß er Hochverräter wider die geheiligte Majestät des Sultans; das Prinzip der staatlichen Ordnung verlange, daß der Sultan seinen aufrührerischen Untertanen die störrigen Köpfe vor die Füße lege. Das war sogar dem Herrn Amtmann zu viel; dieser gestrenge, aber billig denkende Beamte wollte das legitime Prinzip nicht in den Staaten der Ungläubigen und Barbaren gelten lassen, dagegen richtete sich sein bitterster Zorn gegen die Franzosen, die den Völkern stets mit schlimmem Beispiele, Hochverrat und Aufruhr vorangingen. Nur mein Vater wagte die Franzosen zu entschuldigen, ihr legitimes Herrschergeschlecht, die Bourbonen, erwiesen sich unfähig zu regieren, hätten nichts gelernt und nichts vergessen, wie damals die geläufige Redensart lautete. Ich verstand sie nicht, doch gab ich meinem Vater recht, weil er mein Vater war. Die Eingebornen in Boxberg und der ganzen Umgegend nahmen an den politischen Ereignissen kaum teil, sie verhielten sich stumpf dagegen. Während der größte Teil des Großherzogtums in lebhafte Bewegung geraten war, blieb das Land zwischen Neckar und Main fast unberührt von den welterschütternden Vorgängen. Der ehemalige badische Main- und Tauberkreis, der 1834 aufgehoben und mit dem Neckarkreis zu dem heutigen Unterrheinkreis verschmolzen wurde, stand, wenn wir etwa Wertheim ausnehmen, an Wohlstand und Bildung hinter den übrigen Teilen des Großherzogtums zurück. 39 Obwohl es ihm nicht an fruchtbarem Gelände und lieblichen Tälern und Höhen fehlte und die Hügel an Main und Tauber einen guten Wein erzeugen, so betrachteten doch viele Beamte diesen Landesteil als das badische Sibirien und sehnten sich wie Verbannte daraus weg. Seine Bewohner, ostfränkischen Stammes, standen an geistiger Begabung nicht tiefer als die Rheinfranken und Alemannen in den andern Teilen des badischen Landes, aber sie lebten abseits vom großen Verkehr und ihre politische Vergangenheit war eine schlimmere. Kaum irgendwo im ganzen heiligen römischen Reich lagen so wie zwischen Main und Neckar geistliche und weltliche, große und kleine Herrschaften bunt durcheinander, und fast nirgends vielleicht war der Bauer so schutzlos der Willkür der Bischöfe, des hohen und niederen Adels preisgegeben. Die mächtigsten Herren waren die Bischöfe von Mainz und Würzburg und der Pfalzgraf vom Rhein, von den kleinen die schlimmsten die Ritter von Rosenberg auf der Feste Boxberg. Die malerischen Ruinen dieser Burg, worin ich mich als Knabe mit den gleichaltrigen Gespielen so oft und gerne tummelte, sind von der Höhe über dem Städtchen verschwunden; ihre Steine dienten zum Bau des Stationsgebäudes, das in dem nahen Wölchingen an der Bahn von Heidelberg nach Würzburg liegt. In ewigen Fehden machten die gebietenden Herren einander und alle zusammen den Bauern das Leben sauer. Wie gestrenge die Rosenberger regierten, lehrt eine Erzählung, die noch bei den Bauern im Amte Boxberg umlief; ich erzähle sie, wie sie mein Vater mir erzählt hat. Eines Tages hatte sich der Junker von Rosenberg über seine fünf Dorfschulzen schwer geärgert. Er entbot sie zu sich auf sein Schloß. Vier davon trafen ein zur befohlenen Stunde, nur der fünfte, der Schulz von Schillingstadt, hatte sich unlieb verspätet. Erhitzt vom eiligen Lauf und keuchend kommt er in Boxberg am Fuße des Schloßbergs an und will gerade den Burgweg hinaufsteigen, da kommt ihm von oben ein Knecht entgegen, ein Schillingstadter Dorfkind, und ruft ihm zu: »Wohin so eilig, Gevatter?« – »Zum gnädigen Junker,« lautet seine Antwort, »er hat uns Schulzen 40 aufs Schloß geladen, ich fürchte fast, ich komme zu spät.« – Da meint der Knecht: »Ihr kommt noch zeitig genug, der gnädige Herr ist über euch Schulzen arg aufgebracht, er wartet nur noch auf Euch, die vier andern sind schon im Schloßhof aufgehängt.« Als der Schulz von Schillingstadt diese üble Auskunft erhalten hatte, kehrte er schleunigst um und salvierte seinen Leib. – Noch lange blieb es ein geflügeltes Wort bei dem Landvolk um Boxberg: »Fast wär' er zu spät gekommen, wie der Schulz von Schillingstadt!« Solche Zustände machen es begreiflich, warum gerade im Taubergrund schon 1476 der Pfeifer von Niklashausen den Kommunismus predigte, bis ihn der Bischof von Würzburg verbrennen ließ. – Fünfzig Jahre nachher erhob zu Ballenberg bei Krautheim der wilde Metzler das Banner des Bundschuhs. Bei Königshofen kam es am 2. Juni 1525 zwischen dem wohlgeführten Adel und dem zuchtlosen Bauernheere zur entscheidenden Schlacht. Der Truchseß von Waldburg vernichtete die Macht des Bundschuhs und hielt auf dem Schlachtfeld ein furchtbares Blutgericht. Wie Wolfgang Menzel in seiner Geschichte der Deutschen (Bd. 3. S. 53) nach dem Berichte von Hormayr erzählt, ließ der Bauernjörg, so hieß er beim Volk, die Gefangenen in der Reihe niederknien und sein »lustiger Knecht Hans« ging hinter ihnen mit dem Richtschwert auf und ab. Der Truchseß fragte, wer von ihnen beim Aufruhr gewesen sei? Keiner gestand es. Wer von ihnen die Bibel gelesen habe? Mehrere sagten ja, und jedem, der es bejahte, schlug der lustige Hans den Kopf ab unter lautem Gelächter der Junker. Ebenso jedem, der lesen und schreiben konnte. – Der alte gichtbrüchige Pfarrer von Schüpf hatte sich von vier Bauern zum Truchseß tragen lassen, um den Dank für seine dem Fürsten erwiesene Dienstbeflissenheit zu ernten, weil er den Bauern eifrig widerstrebt hatte. Der lustige Hans glaubte, der Pfarrer sei auch einer von den Rebellen, und schlug ihm flugs von hinten den Kopf ab. »Da habe ich,« erzählte der Truchseß selbst, »dem guten Hans seinen Fürwitz ernstlich verwiesen«. Nach diesem blutigen Tag war das Volk in die alte Knechtschaft gesunken. Es begann erst unter der badischen Herrschaft aus 41 seiner Erstarrung langsam aufzutauen, doch zogen die Bauern noch in den dreißiger Jahren, wenn ihr Geschäft sie an dem Amtshaus in Boxberg vorbeiführte, demütig die Mütze, auch wenn der Herr Amtmann nicht am Fenster stand. Noch immer regierte der Stock. Zuweilen sahen wir Kinder vor dem Amthaus die Pritsche herrichten. Dann eilten wir herbei, neugierig und besorgt, wir könnten das Schauspiel verfehlen. Ein armer Sünder wurde vom Büttel vorgeführt, aufgebunden und mit der ordnungsmäßig verfügten Zahl von Hieben bedacht. Sie trafen denjenigen Teil des Leibs, den die Natur – nach dem alten Glauben der Pädagogen – mit den innigsten Beziehungen zu den Organen der Sittenlehre ausgestattet hat. Aeußerlich erstarb der Bauer in Demut, aber es hieß von dem Taubergründer und Odenwälder im Bauland: »er red't nit aus«. Der Haß glimmte versteckt im Innern fort, wider den Junker, dem er Zehnten und Gülten entrichtete, und wider den Juden, der dem Bauern in Handel und Wandel, Listen und Schlichen weit überlegen war. Während der Julirevolution hielt sich das Land zwischen Main und Neckar ruhig, aber 18 Jahre nachher, als der Thron Louis Philipps im Februar 1848 in Trümmer ging, da durchbrach der verhaltene Groll die festen Schranken, die ihm die Staatsgewalt bisher gesetzt hatte. Was fast nirgendwo sonst im Großherzogtum geschah, ereignete sich dort. Haufen Vermummter zogen von Ort zu Ort, von Schloß zu Schloß, erbrachen die Archive, verbrannten die Gültenbriefe und Urkunden und plünderten die Juden. Wunderlicher Weise begab sich auch wieder ein Götz von Berlichingen, ein Nachkomme des alten Götz, ein Mannheimer Schulkamerad und Heidelberger Studiengenosse von mir, ein ritterlicher junger Herr, zu den aufrührerischen Bauern. Was er ausrichtete, habe ich nicht erfahren. Besser weiß ich Bescheid, wie es einem Studiosus Schloeffel erging, der gleichfalls von Heidelberg zu den Bauern gereist war, aber nicht um Ordnung zu stiften, wie der Sprosse des alten Rittergeschlechts, sondern um den Aufruhr zu schüren. Er war der 42 Sohn des wütenden schlesischen Demagogen Schloeffel, hatte anderthalb Jahre zuvor, während ich Assistent an Pfeufers medizinischer Klinik war, am Typhus darin gelegen und war dem Tode mit Mühe entronnen. Von daher kannte ich ihn persönlich und wußte, daß er wie sein Vater ein fanatischer Republikaner war. Zufällig traf ich ihn nach meiner Heimkehr von Prag und Wien im März unterwegs im Eilwagen auf der Strecke von Heidelberg nach Wiesenbach, wo wir uns trennten; ich fuhr nach Sinsheim, er nach Mosbach. Ich erriet den Zweck seiner Reise und warnte ihn, obwohl er mir sein Vorhaben nicht eingestand. Er lächelte überlegen, als ich ihm prophezeite, die Bauern würden ihn packen und den Gendarmen überliefern, denn sie stünden treu zur badischen Regierung, und ihr Haß gelte nur den Grund- und Standesherren und den Juden. Es kam, wie ich voraussah. Die Bauern ergriffen ihn, steckten ihn ein und übergaben ihn den Gendarmen, die ihn zurück nach Heidelberg ins Gefängnis brachten. Er blieb nicht lange in Haft, wurde amnestiert und freigelassen. – Am 21. Juni 1849 fand er als Adjutant Mieroslawskies den Tod auf dem Schlachtfeld bei Waghäusel. 43     Zweites Buch. Auf den Gymnasien. Hatte, gottlob! einen guten Magen, Kraut und Rüben konnt' ich vertragen, Bin gesund, bin frisch geblieben, Habe mich auch nicht krumm geschrieben.     Wertheim. Im Frühjahr 1833 kam ich auf das Gymnasium in Wertheim, das meinen Eltern am bequemsten lag. Ich blieb nur ein Jahr in der kleinen, an der Mündung der Tauber in den Main anmutig gelegenen Stadt. An Ostern 1834 vertauschte ich das Wertheimer Gymnasium mit dem Mannheimer Lyceum, weil mein Vater in diesem Jahre von Boxberg nach Wiesloch in die Rheinebene versetzt wurde. Auch in Wertheim wurde ich bei einem Geistlichen untergebracht, aber nicht, wie in Buch am Ahorn, als einziges Kind des Hauses, die Familie war mit Kindern reich gesegnet; ich mußte mich mit den Brosamen von Liebe begnügen, die für den kleinen Fremdling übrig blieben. Zwar die Frau des Geistlichen war nicht ohne Güte, er selbst aber kümmerte sich kaum um mich; den größten Teil des Tages hielt er sich abgeschlossen in seiner Studierstube, und schrieb seine Predigten oder arbeitete zu seinem besonderen Vergnügen in Pappe. Ueber meinen Aufenthalt in Wertheim habe ich nichts mitteilenswertes zu berichten, wenn ich ein einziges Ereignis ausnehme, woran ich gerne zurückdenke. Die Tauber teilt, von Süden kommend, die Stadt in zwei Hälften, eine kleinere linke und eine größere rechte, die durch eine Brücke verbunden sind. Die Wohnung des Pfarrers lag auf der Kleinseite nahe der Brücke. Die Tauber hatte hier ein starkes Gefälle, und in der Flut schwammen viele kleine Fische, die uns Kinder zum Angeln verlockten. Der Staden am Ufer der Kleinseite 46 unterhalb der Brücke eignete sich gut zum Auswerfen der Angeln, und es hielten sich deshalb hier gerne Knaben und Mädchen auf, teils um selbst zu fischen, teils um zuzuschauen. – Eines Nachmittags stahl ich mich aus der Wohnung, bog mir eine Stecknadel zu einer Angel zurecht, band sie mit Schnur, Kork und Federkiel an eine Rute und eilte damit zum Staden, wo ich bereits große Gesellschaft fand. Ich stellte mich zu unterst ans Ufer, befestigte eine Fliege an die Nadel und warf die improvisierte Angel in den Fluß. Unter den Kindern befand sich ein kleiner pausbackiger Junge im langen Röckchen. Er kam dem Flusse zu nahe und fiel hinein, die Flut trieb ihn rasch fort am Staden hin abwärts. Die Kinder erhoben ein großes Geschrei: »Die Polizei kommt!« und liefen davon. Ich allein blieb zurück und sah, wie die Strömung den Kleinen in seinem gebauschten Röckchen gegen mich herantrieb. Alsbald warf ich die Angelrute zur Seite, kniete am Ufer nieder, beugte mich vornüber, erwischte den Rock, zog den Knaben ans Land und stellte ihn auf die Beine. Dies alles geschah in einem Augenblick. Jetzt begann das Kind, das von Wasser triefte, furchtbar zu schreien. Die entflohenen Kinder liefen wieder herbei und faßten Mut, mich aber überkam jetzt erst die Angst vor der Polizei, die damals jedem Deutschen schon in der Wiege als grausiger Popanz vorgehalten wurde. Ich überließ den Geretteten seinen älteren Spielkameraden, die ihn zu seinen Eltern heimführten, Glasersleuten, die in der Nähe der Brücke wohnten, und lief, so rasch ich konnte, die Angel im Stiche lassend, nach Hause zu meiner Schulaufgabe. Es war mir am nächsten Tage bedenklich zu Mute, als mich der Pfarrer in seine Studierstube rufen ließ. Vermutlich hatte er erfahren, daß ich angeln gegangen war, statt mich hinter »den kleinen Broeder« – die lateinische Schulgrammatik jener Zeit – zu setzen, und ich war eines scharfen Verweises gewärtig. In der Tat, der Pfarrer hielt mir eine Strafpredigt über den Text: »Fischfang und Vogelstellen verdirbt manchen guten Gesellen.« Ich war herzlich froh, daß er nicht von dem Kinde sprach, das ich aus dem Wasser gezogen hatte, und nicht von der Polizei, vor der ich mich rechtfertigen zu müssen fürchtete. 47 Der Vorgang hatte ein Nachspiel. Wenige Tage darauf begann der große Wertheimer Jahrmarkt, der »Wörthmarkt«, auf den Wiesen vor der Stadt. Er dauerte 14 Tage und meine Schulkameraden hatten sich schon seit Wochen darauf gefreut, namentlich auf die Wurstbuden und Karusselle, und von ihren Eltern das Meßgeld dafür erhalten. Ich wagte nicht den Pfarrer darum anzusprechen, seine kalte Art hielt mich ab, und so hatte ich, als das Fest gekommen war, das leere Zusehen. Tiefbetrübt stand ich vor den Holzpferdchen, die so flink im Kreise liefen; beim Klange der Musik ritten meine Kameraden, kleine Degen in der Hand, an mir vorüber und stachen Ringe. Da berührte plötzlich jemand meine Schultern. Ich sah mich um und gewahrte einen freundlichen, noch jungen Bürgersmann, der mich anredete: »Bist du der Knabe, der mir meinen Kleinen aus der Tauber gezogen hat? Ich bin der Glasermeister, der an der Brücke wohnt und möchte dir eine Freude machen. Nimm hier, mein Lieber, einen Gulden Meßgeld!« – Warum ich mich schleunigst davon machte, statt zuzugreifen und auf ein Pferd zu steigen, was ich noch eben so sehnlich gewünscht hatte, kann ich nicht sagen. Ich fühlte mich beglückt und hätte um keinen Preis der Welt für meine Tat Geld angenommen. Nachdem ich eine kleine Strecke gelaufen war, sah ich mich nach dem Glaser um, er stand noch an dem Karussell und schaute mir lächelnd nach. 48     Mannheim. Als mein Vater im Frühjahr 1834 seine Ernennung zum Physikus des Amtsbezirks Wiesloch erhielt, war die Familie auf sieben Kinder angewachsen. Zuerst waren drei Söhne gekommen, dann drei Töchter, zuletzt noch ein Sohn; unsere Erziehung machte ihm grosse Sorgen. Um sie zu ermöglichen, entschloß er sich zu einem Opfer, dessen Größe nur richtig ermißt, wer den mühseligen Beruf eines Landarztes kennt: er verzichtete auf die Bequemlichkeiten der eigenen Familie und schickte unsere Mutter mit den Kindern nach Mannheim, wo wir gute Schulen besuchen konnten; er wohnte allein in Wiesloch und behalf sich mit mangelhafter Bedienung. Oft vergingen mehrere Wochen, bis er von seinen Geschäften abkommen konnte, um nach uns zu sehen. Er kam fast ausnahmslos zu Fuße; als ein ausgezeichneter Fußgänger benützte er abkürzende Wege durch die ausgedehnten Waldungen der Rheinebene. Die Ferien verbrachten wir bei ihm in Wiesloch. Das Bild von Mannheim und seiner Umgebung, wie es mir aus meiner Knabenzeit in der Erinnerung steht, ist von dem heutigen sehr verschieden. Durch den Frieden von Lunéville war Mannheim, bisher die Haupt- und Residenzstadt von Kurpfalz, 1803 an Baden gekommen und aus einer starken Festung eine offene Stadt geworden, doch war sie noch immer nicht über die Grenze ihrer ehemaligen Wälle hinausgewachsen. – Ihr Handel bedeutete wenig, ihre Industrie noch weniger, ihre breiten schnurgeraden Straßen zwischen den ermüdenden Häuserquadraten waren nur schwach belebt. Noch immer war 49 Mannheim mehr Residenz- und Garnisonsstadt als Handelsstadt. Das große ehemalige Residenzschloß der Kurfürsten diente der Großherzogin Stephanie von Baden als Witwensitz, und zahlreicher begüterter Adel, hauptsächlich der badischen Pfalz, war in Mannheim ansässig und bildete den Hof der sehr beliebten Fürstin. In fünf Kasernen lag die ansehnliche Garnison der Stadt, Infanterie, Kavallerie – je ein Regiment – und Artillerie. Das Buch eines Revisors am Ministerium in Karlsruhe, namens Heunisch: »Geographisch-statistisch-topographische Beschreibung des Großherzogtums Baden, nach offiziellen Quellen bearbeitet, 1833«, rühmt Mannheim als eine der schönsten Städte am ganzen Rheinstrom. Die große Regelmäßigkeit ihrer baulichen Anlage gefiel dem Revisor, einem Freunde der Symmetrie und Repositorien, außerordentlich, freudig bewegt fügt er hinzu: »In der Mitte der Stadt, ohnweit dem Pfälzerhofe, kann man zu den vier Toren und Barrieren hinaussehen.« Das Jahr 1834, in welchem wir nach Mannheim kamen, legte den Grund zu der mächtigen Entwicklung von Handel und Industrie der so glücklich an dem Zusammenfluß von Rhein und Neckar gelegenen Stadt; ein neuer Abschnitt ihrer Geschichte begann. Am 9. Juli fielen die Zollschranken zwischen dem badischen und bayerischen Rheinufer; am 10. September legte Großherzog Leopold den Grundstein zu den Bauten, die allmählich den Mannheimer Hafen zu dem größten Binnenhafen des europäischen Festlandes machten. Die Ein- und Ausfuhr von Gütern – ohne Floßholz – des Mannheimer Hafenverkehrs betrug 1835 nur 26 000 Tonnen, 1895 dagegen 3 280 000. – Die Mühlauinsel, die heute von Hafenkanälen durchzogen und mit Bahnschienen, Lagerhäusern und Werkstätten bedeckt ist, war damals noch ein Lustort mit Gärten und Spazierwegen und dem vielbesuchten Mühlauschlößchen, einer guten Gartenwirtschaft, wohin sogar Großherzogin Stephanie Gäste einlud. Als Festung hatte Mannheim auf dem linken Rheinufer einen Brückenkopf gehabt, die Rheinschanze. Sie war mit allen übrigen Festungswerken geschleift worden, der Ort aber, wo sie gestanden hatte, hieß noch immer die Rheinschanze. Es befanden sich hier keine andern Gebäude, als ein bayerisches Zollhaus mit seinem Schuppen 50 und eine kleine Strecke weiter unten am Rhein die Hemshöfe, einige Bauernhöfe, wo billiger Wein geschenkt wurde. Eine Schiffbrücke, die beim Eisgang abgeführt werden mußte, führte von der Rheinschanze nach der Stadt herüber. – So sah es Mannheim gegenüber da aus, wo sich heute Ludwigshafen hinstreckt, die bevölkertste Stadt der bayerischen Rheinpfalz, in Handel und Industrie die Rivalin Mannheims. Die Festungswälle rings um Mannheim waren abgetragen, die Gräben aber noch nicht völlig trocken gelegt und zugeworfen. Das Sumpffieber, das die Festung oft schwer heimgesucht hatte, war nicht gänzlich ausgerottet. – In weitem Bogen zog der alte Wallgraben vom Rhein her ostwärts um die Stadt bis zum Neckar; dicht mit Schilf bewachsen lief er durch das Wiesengelände, das die Gegend des heutigen großen östlichen Villenviertels mit der Ringstraße einnimmt. In dem Rohrdickicht nisteten und lärmten unzählige geschwätzige Rohrspatzen, sie reizten unsere Jagdlust, es glückte mitunter, sie mit den Händen zu fangen. Nicht minder lockte es uns, die Uferschwalben zu überlisten, die am hohen Rheingestade gegen Sandhofen hin ihre langen unterirdischen Gänge gruben. Angenehme Spielplätze bot der Schloßgarten mit seinen reizenden Wegen, grünen Wiesen, dichten Büschen und hohen Bäumen. Nur die Lieder der gefiederten Sänger unterbrachen die friedliche Stille des Parks. Heute ertönt hier der schrille Pfiff der Lokomotiven und rasseln lange Bahnzüge, beladen mit Gütern und Menschen, über die mächtige Brücke, die jedem Anprall von Flut und Eis widersteht, nach Ludwigshafen. Die Mannheimer waren noch keineswegs versöhnt mit der neuen Ordnung der Dinge, die ihre Stadt vom ersten Rang der Haupt- und Residenzstadt der Kurpfalz zum Range der zweiten des Großherzogtums Baden herabgesetzt hatte. Sie klagten um die entschwundenen herrlichen Zeiten des prachtliebenden Kurfürsten Karl Theodor. Die Geschichte hat ein strenges Gericht über den üppigen Fürsten gehalten, der mehr als ein halb Jahrhundert, bis 1799, die Pfalz regierte; aber die Mannheimer schwärmten für ihren Karl Theodor, wie die Franzosen für ihren Sonnenkönig Louis XIV. Der Regentenglanz des Pfälzers verhielt sich freilich zu dem des Franzosenkönigs wie das Schwetzinger Lustschlößchen und die Spielereien seines 51 Schwetzinger Lustgartens zu dem Prunkpalaste und dem Riesenpark Versailles. Ein Schimmer jedoch von dem erstorbenen kurpfälzischen Glanze leuchtete noch in die dreißiger Jahre hinein und ist noch heute nicht erloschen. Auf Mannheims »deutscher Nationalbühne« ist die Sonne unseres größten Dramendichters aufgegangen. Die Mannheimer schwärmten für ihr Theater, wie die Bewohner keiner anderen deutschen Stadt. – In meine Schulzeit fiel die erste Aufführung von Meyerbeers »Robert der Teufel«. Die Oper rief in allen Schichten der Bevölkerung bis zum Gassenkehrer herab eine Aufregung hervor, die bei der ersten Aufführung von Schillers Räubern am 13. Januar 1772 nicht größer gewesen sein konnte. Der Tanz der Nonnen auf den Gräbern, das Gold, das »nur Chimäre«, und nicht zuletzt das blaue Kleid von Frau Pirscher, der ersten Sängerin – »der Pärschern ihr blo Kleed« – beschäftigten alle Zungen. Die französischen Kriege und am meisten die Belagerung von 1795 durch die Oesterreicher hatten Mannheim furchtbar heruntergebracht. Seine Einwohnerzahl hatte 1777 die Höhe von 25 300 erreicht gehabt, sie war 1802 auf 13 000 gesunken und betrug 1834 erst 20 000, somit war die Ziffer von 1777 noch nicht wieder erlangt worden. Der gute und bescheidene Heunisch gibt am Schlusse der Beschreibung Mannheims der Hoffnung Ausdruck, die Stadt dürfte »leicht, bei dem Emporkommen des Handels, zu einer Größe von 30 000 Einwohnern gelangen.« Sie zählte 1897, am Schluß des Jahrhunderts, 100 000; ihre Nachbardörfer, Neckerau und Käfertal, die 1833 1450 und 1240 Einwohner hatten, erreichten den Umfang kleinerer Städte mit nahezu 8000 und 7000 Seelen; Ludwigshafen, die ehemalige öde Rheinschanze, zählte 40 000; großartige Fabriken erstrecken sich von Mannheim meilenweit rheinab und rheinauf am Strom. Auf derselben Bodenfläche finden heute siebenmal mehr Menschen ihren Unterhalt, viele Wohlstand und Reichtum. Zur Charakteristik Mannheims in meiner Schulzeit dient die Tatsache, daß ich am 24. Juni 1834 mit andern Knaben auf der Straße vor unserer Wohnung über das Johannisfeuer gehüpft bin. Das heidnische Fest der Sonnenwende durfte noch ungehindert mitten 52 in der Stadt begangen werden. Die Schuljugend zündete Holzscheiter an und setzte über das Feuer. – Schöner hat sich das uralte Fest im badischen Oberland erhalten. Die jungen Burschen zünden bei Einbruch der Dunkelheit auf den Höhen Holzstöße an, machen durchbohrte Holzscheiben glühend und schleudern sie mit Hilfe langer Stäbe als feurige Raketen in weitem Bogen durch die Nacht. Bei der Einweihung des Hafens zogen wir Lyceisten in dem langen Festzuge mit den Volksschülern, Bürgern und Beamten an den Rhein, wo Großherzog Leopold den Grundstein legte. Wie bei allen Festlichkeiten durfte hiebei das Bürgermilitär nicht fehlen. Im vollen Waffenschmuck rückten die Tapferen aus und boten den bewundernden Knaben ein schönes Bild der großen Armee des napoleonischen Kaiserreichs, dem Baden einst Heeresfolge geleistet hat. Die Truppen sammelten sich jeweils zum Ausrücken vor dem Wirtshaus zur Rose auf dem Marktplatz. Den Zug eröffnete eine Kompagnie Grenadiere mit hohen Bärenmützen, die der Mannschaft in ihren blauen Fräcken mit weißen Abzeichen und in weißen Hosen ein martialisches Aussehen verliehen. Ihnen voraus gingen und rasselten gewaltig die Tambours, an ihrer Spitze schritt majestätisch der Tambourmajor, schleuderte seinen langen Stab mit dem goldenen Knopf hoch in die Luft und fing ihn geschickt wieder auf. Auch zwei Sappeurs, mit Bärenmützen, Beil und Schurzfell und erstaunlich langen Bärten, imponierten uns gewaltig. Hinter der Infanterie kam eine Reiterschwadron, den Zug beschloß eine Batterie mit drei Kanonen, die Großherzog Leopold der Stadt geschenkt hatte. Dem Maifest auf der Kuhweide vor dem Heidelberger Tor am ersten Sonntag des Mai verlieh das Bürgermilitär seinen größten Schmuck. Es bezog Zelte, manöverierte und pokulierte. Einmal, ich war bei dem Ereignis zugegen, stieg im Westen ein Gewitter drohend am Himmel auf. Die Kanoniere hielten Kriegsrat. Sie verließen Zelt und Becher, bespannten ihre Geschütze, fuhren aufs freie Wiesenland und richteten ihre Kanonen gegen das Gewitter. Nach etlichen Schüssen klärte sich der Himmel lachend auf. Triumphierend kehrten die Krieger ins Lager zurück. 53     Das Mannheimer Lyceum. Man unterschied im Großherzogtum Baden bis in die fünfziger Jahre Gymnasium und Lyceum; der Studiengang der fünf unteren Klassen war in beiden der gleiche, dem Gymnasium aber fehlte die sechste Klasse des Lyceums mit den neu hinzutretenden Lehrfächern der Philosophie und Physik. Man zählte die Klassen nicht von oben nach unten wie heute, sondern ansteigend von der Prima zur Sexta, wie es in Bayern noch jetzt geschieht. Ich wurde in Mannheim für die Tertia reif befunden, hatte aber einige Schwierigkeit mitzukommen, namentlich in der Mathematik, weil meine Aufnahme in die Mitte des Schuljahrs fiel. Mit Hilfe eines gefälligen Mitschülers holte ich das Versäumte leidlich nach und wurde im Herbst in die Quarta befördert. Die Seele des Mannheimer Lyceums war der alternierende Direktor der Anstalt und Hauptlehrer der Sexta, Professor Nüßlin. Er war ein Schüler des großen Philologen Friedrich August Wolf und gehörte dem Lyceum seit 1807 an. Der ebenso geistvolle als liebenswürdige und formgewandte Mann stand bei seinen Kollegen, bei den Schülern und in ganz Mannheim in großer Achtung. Seine Sextaner entflammte er für die Ideale der alten, klassischen Welt, zumal der griechischen, und ich bedauere noch heute, den Unterricht des ausgezeichneten Lehrers nicht genossen zu haben, weil ich Mannheim schon in der Quinta verlassen mußte. Neben ihm war der bedeutendste Lehrer der Professor der Mathematik und Physik an den vier oberen Klassen, Wilhelm 54 Eisenlohr. Er schrieb ein vorzügliches Lehrbuch der Physik, das elf Auflagen erlebte und vierzig Jahre lang, von 1836–1876, in allgemeinem Gebrauche war. Er war ein heiterer, in der Schule niemals verdrossener, sehr beliebter Mann. Einen besonderen Stolz setzte Eisenlohr darein, auch wenig beanlagten Schülern mathematische Kenntnisse beizubringen; er behauptete, wie ich ihn sagen hörte, wenn die Schüler nicht rechnen lernten, so läge die Schuld an den Lehrern. – Die Regierung versetzte ihn 1840 als Professor der Physik an das Polytechnikum in Karlsruhe, wo er 1873 starb. – In Mannheim hat Eisenlohr die erste badische Gewerbeschule gegründet. In der Tertia, wo ich Aufnahme fand, war Professor Johann Peter Behaghel Hauptlehrer, der nachmalige, ganz im Sinne seines Vorgängers Nüßlin wirkende Direktor des Lyceums. Er war eben als Lehrer in Mannheim eingetreten und wußte sich rasch bei den Knaben Ansehen zu verschaffen. In Quarta erteilte den Unterricht in den klassischen Sprachen, auch in Geographie und badischer Geschichte, Professor Rappenegger, ein Schwarzwälder und katholischer Priester. Wie es mitunter geschieht, behielt ich von seinen Lehren das Unnützeste am besten. Gelegentlich der geographischen Besprechung der westindischen Inseln erfuhren wir, daß der Negerkönig Christof von Haiti am liebsten seinen Rheinwein getrunken habe, und aus der badischen Geschichte blieb mir die Ableitung der römischen Benennung des Schwarzwalds, Abnoba, aus dem alemannischen Deutsch. In dem wohlerhaltnen Römerbade zu Badenweiler steht noch heute ein Altar, geweiht der Diana Abnoba. Ueber diesen wunderlichen Namen braucht man sich den Kopf nicht zu zerbrechen. Wenn der Schwarzwälder von Herrischried oder Todtmoos an den Rhein herabstieg nach Augusta Rauracorum und der Legionär ihn zur Rede stellte: »Woher des Wegs, Freund?« so wurde ihm die Antwort: »Von oben abe!« Daraus machten die Römer durch Silbenumstellung Abnoba. Während ich in Quarta war, ließ mir mein Vater durch einen Schulmeister Unterricht im Schönschreiben erteilen, woran er sehr wohl tat. Eine alte Klage lautet: Docti male pingunt , zu deutsch: 55 Gelehrte haben eine schlechte Handschrift. Auf den Mittelschulen geschieht zu wenig für Schönschreiben. Schon aus Höflichkeitsgründen sollte man die Jugend wenigstens leserlich schreiben lehren, denn es ist unhöflich, dem Leser zuzumuten, seine kostbare Zeit mit der Enträtselung abscheulicher Hieroglyphen zu verderben. – Im ersten Jahre meines Aufenthalts in Mannheim benützten wir noch Federkiele, und die erste Schönschreibstunde verwendete der Schulmeister zum Unterricht im Schneiden, Spalten und Spitzen der Kiele. Bald nachher kamen die Stahlfedern in Gebrauch. Sie waren anfangs steif und zerkratzten das Papier, glitten aber bald leicht und biegsam darüber hinweg. In der Tertia, weniger schon in der Quarta, ging es bei den Lehrern, die es nicht verstanden, den Jungen Respekt einzuflößen, oft noch kindisch mutwillig zu, am schlimmsten bei dem französischen Sprachlehrer. Ein Franzose von Geburt, bereits in den Fünfzigen, erfreute sich der gutmütige Monsieur D. eines runden Bäuchleins. Er war unfähig, die Knaben zu bemeistern, schon der französische Accent, womit er das Deutsche aussprach, machte ihn der Klasse zur komischen Person. Wenn die Wogen in der Tertia hoch gingen, glich er ganz und gar dem Greise in dem bekannten Studentenliede: »Auf dem Dache sitzt ein Greis, Der sich nicht zu helfen weiß.« In seinen Lehrstunden wurde weniger Französisch als Unfug getrieben. – Um die Schüler in der Aussprache zu üben, mußten sie – es waren ihrer mindestens dreißig – den Text aus dem französischen Lesebuch zusammen laut syllabierend ablesen. Kam das Wörtchen avec , so machten sie sich immer den gleichen Spaß. Das Wort erinnerte sie an den »Sewek« der Odenwälder Bauern, auch Nebelspalter genannt, den dreispitzigen Hut, den noch viele Odenwälder trugen, wenn sie in die Stadt kamen. Warum die Knaben diesen Dreispitz Sewek nannten, weiß ich nicht; sobald sich ein Bauer in Mannheim damit blicken ließ, liefen ihm die Knaben auf der Straße nach und jubelten: »Sewek, Sewek!« Und wenn in der 56 Stunde A  –  vec syllabiert wurde, folgte regelmäßig hintennach Se – wek. Mochte sich Monsieur D. ereifern, so viel er wollte, Avec und Sewek waren unzertrennliche Geschwister. Bei einer solchen Leseübung ging es eines Tages dermaßen ausgelassen zu, daß Monsieur D. außer sich geriet und den Direktor holte. Nüßlin brachte den Schuldiener mit, der eine Rute trug. Mr. D. bezeichnete vier Bürschlein als die ärgsten Missetäter. Nüßlin hieß sie aus der Bank treten, sich in einer Reihe aufstellen und die Hände vorstrecken. Dann bestrich der Diener Hand für Hand mit kräftigem Hiebe. Wir andern mußten stehend als Zuschauer uns ein abschreckendes Beispiel an der Züchtigung nehmen. Wir fühlten kein Mitleid, nur Neugierde, wie die vier sich verhalten würden. Sie hatten, während der Sprachlehrer zu Nüßlin gelaufen war, in sicherer Erwartung der Rutenstreiche sich vermessen, sie lautlos zu ertragen. In der Tat zuckten sie wohl und wurden blaß, schrien aber nicht; wie junge Spartaner gingen die Bürschlein in die Bänke zurück. – Ob das Mittel lange gefruchtet hat, kann ich nicht sagen. Viele Schüler besuchten das Lyceum nur deshalb, weil es noch an höheren Realschulen fehlte, und verließen es schon in Tertia und Quarta. In der Tertia erhob sich in der Pause vor der letzten Stunde des Sommerhalbjahrs 1834 ein schon älterer, 15jähriger Schüler von kräftigem Gesichtsausdruck und nahm von uns Abschied mit den Worten: »Lebt wohl und bleibt bei eurem dummen Latein! Ich weiß Besseres und werde Schlosser!« Er strahlte von Zuversicht. Der junge Mensch hieß Karl Metz, ging wirklich zunächst in eine Mannheimer Schlosserwerkstätte und später nach Mülhausen im Elsaß, wo er ein geschickter Mechaniker wurde. Dann ließ er sich in Heidelberg nieder, gründete eine berühmte Fabrik für Feuerspritzen und organisierte das freiwillige deutsche Feuerwehrwesen. – Am Aufgang des Fahrwegs zum Schlosse steht ein Denkmal zu seinem Andenken, das ihm die deutschen Feuerwehren errichteten. Die Fremden, die vorbeigehen, halten den ausdrucksvollen Kopf der bronzenen Büste für den Kopf Bismarcks. – Ein anderer solcher Mitschüler, der erst später austrat, galt für ganz talentlos; mitleidig wurde ihm prophezeit, aus 57 ihm könne nichts werden. Er hat es in Mannheim vom unbemittelten Manne zum Großindustriellen und vielfachen Millionär gebracht. – Wie manches arme Kerlchen, das es in der Werkstätte oder im Kontor weiter brächte, wird unbarmherzig gezwungen, sich an Homer und Cicero abzuquälen. Lehrer der beschreibenden Naturwissenschaften war Professor Kilian, ursprünglich Theolog und Philolog. Er hatte sich die Naturgeschichte leidlich einstudiert, war Custos des Mannheimer Naturalien-Kabinetts und unterstützte die Schüler, die sich mit Sammeln von Naturalien befaßten, nach besten Kräften, machte auch Ausflüge mit uns. Ich besuchte mit ihm den Donnersberg, die Bergstraße bei Schriesheim und die Kalkhügel bei Wiesloch. Als Quartaner schloß ich Freundschaft mit drei Quintanern, die eifrigst botanisierten: Dettmar Alt, Franz Goerig, und Fritz Sauerbeck. Sie begnügten sich nicht mit Ausflügen in die Pfalz links und rechts vom Rhein, sie dehnten zuletzt ihre Fahrten ins Elsaß und den Schwarzwald aus und knüpften Verbindungen an mit den ersten Botanikern des Oberrheins. Von diesen drei Jünglingen wurde Alt, nachdem er lange Assistent bei Chelius gewesen, ein sehr beschäftigter Arzt in Mannheim, wo er leider in den besten Mannesjahren starb. – Auch Goerig studierte Medizin, praktizierte lange in Schriesheim an der Bergstraße und beschloß als Siebziger sein Leben in Mannheim. – Merkwürdigerweise blieb Sauerbeck allein zeitlebens der Botanik treu, obwohl er Jurist wurde. Er bereicherte die Algenkunde und vollendete nach dem Tode von August Jaeger in Freiburg dessen großes Werk: » Adumbratio Florae muscorum totius orbis terrarum, St. Gallis, 1870-79 «. Der gutherzige, von seinen juristischen Kollegen hochgeschätzte und von seinen Freunden warm geliebte Sauerbeck starb als Oberlandesgerichtsrat 1882. Ein Gönner der drei jungen Botaniker war der joviale Gartendirektor Zeyher in Schwetzingen. Er besaß ein großes Herbarium, namentlich reich an Pflanzen vom Kap der guten Hoffnung, wo sein Bruder dem botanischen Garten in der Kapstadt vorstand, und beschenkte die fleißigen Sammler daraus freigebig. Zweifellos war er 58 auch der neckische Urheber einer botanischen Ueberraschung, die ihnen eines Tags zu teil wurde, als sie die feuchten Niederungen bei Ketsch am Rhein – bekannt durch Scheffels Enderle von Ketsch – spähend durchstreiften. Sie entdeckten hier ein bisher in der deutschen Flora unbekanntes lilienartiges Gewächse, das sie gewaltig aufregte. Ein alter Botaniker, Suckow, der eine Mannheimer Flora herausgegeben hatte, wurde um nähere Bestimmung der Pflanze angegangen. Er fand, daß sie ein Kind der Bermuda-Inseln war, Sisyrinchum bermudanum , eine niedliche Schwertlilie. – Wie kam sie nach Ketsch? Zweifelsohne aus dem Schwetzinger Schloßgarten durch Zeyher; er wußte, daß seine jungen Freunde dieser Gegend schon längst einen Besuch zugedacht hatten. Ein eifriger Botaniker am Lyceum war auch Professor Doell, der Hauptlehrer der Sekunda, mit dem ich mehrere Ausflüge machte. Er hat später (1843) eine rheinische Flora herausgegeben, noch später (1857–62) eine badische in drei Bänden, und ist als Oberschulrat und Oberbibliothekar der großherzoglichen Bibliothek in Karlsruhe 1885 gestorben. Im Herbst 1835 kam ich in die Quinta. Hauptlehrer dieser Klasse war Professor Graeff, der mit Nüßlin als zweiter alternierender Direktor jährlich abwechselnd die Geschäfte der Anstalt besorgte. Obwohl ein guter Lehrer, war er launenhaft und deshalb wenig beliebt, doch wußte er sein Ansehen bei den Schülern zu wahren. Er hatte die für einen Lehrer bedenkliche Gewohnheit, seinen Sätzen das Umstandswort wieder, auch wiederum und dawiederum, als Flickwort einzuschalten. Die Quintaner behaupteten, er habe eines Morgens der Klasse mitgeteilt, ihr Mitschüler Maier sei in der Nacht dawiederum gestorben. Der talentvollste und fleißigste Schüler der Quinta ist später von allen der berühmteste Mann geworden, der nachmalige badische Staatsminister Julius Jolly. Er war der Sohn des Bürgermeisters von Mannheim, Ludwig Jolly, und der jüngere Bruder des in München verstorbenen Professors der Physik, Philipp Jolly. Obwohl der jüngste in der Klasse, war er stets der erste, einen Tag wie den andern in allen Fächern gleich sorgfältig vorbereitet, dabei auffallend 59 selbständig im Urteil. Eines Tages rühmte ich ihm die verhängnisvolle Gabel des Dichters Platen, dessen prosodische Kunstfertigkeit mir imponiert hatte, er aber erklärte kühl und bestimmt die damals so viel bewunderte Komödie für prosodische Künstelei ohne Poesie und Humor. Jolly war ungewöhnlich nüchtern und ernst für sein Alter, obgleich ihm der Sinn für Humor nicht abging. Eine lustige kleine Geschichte, die mit unserer Schulzeit zusammenhing, erzählte er mir in den siebziger Jahren, als ich ihn eines Tages amtlich in Angelegenheiten der Freiburger medizinischen Fakultät in Karlsruhe aufsuchte; er war damals Staatsminister und Excellenz. – »Du wirst dich,« begann er lächelnd, »an unsern Schulkameraden B. aus W. erinnern. Er ist Theologe geworden und jetzt Landpfarrer im Unterland. Ich habe ihn seit den Universitätsjahren nicht mehr gesehen, bis er gestern in Sachen seiner Gemeinde bei mir war. Er kam in mein Bureau, verbeugte sich beinahe bis auf den Boden und begann: »Excellenz geruhten . . .« Ich unterbrach ihn mit den Worten: »Lieber B., laß die Excellenz, wir sind alte Schulkameraden, teile mir dein Anliegen ohne weitere Umstände mit!« – Er verbeugte sich noch tiefer und fing wieder an: »Excellenz haben geruht . . .« – Da mußte ich lachen und sagte: »Nun gut, wie du willst, nenne mich Excellenz und Sie, ich bleibe bei dem alten Du.« 60     Heidelberg. Weil Heidelberg Wiesloch näher lag als Mannheim, ließ mein Vater die Familie an Ostern 1838 dorthin übersiedeln, ungern vertauschte ich das liebgewordene Mannheimer Lyceum mit dem Heidelberger. Der Frühling begann gerade die Landschaft mit Blüten zu schmücken. Von den Hügeln jenseits des Neckars leuchteten aus den Rebgärten die weißen großen Blumensterne der Mandelbäume herab ins Tal, und die Blütenknospen der Aprikosen-, Pfirsich- und Kirschbäume waren am Aufbrechen. Damals zierten mehr Mandelbäume als heute die Gärten, viele mußten im Laufe der Jahre andern, einträglicheren Arten von Obstbäumen weichen. Schade darum, denn zeitiger als diese, öffnen die Mandelbäume die Blumenkelche, und wo ihre Blüten den Hügel zieren, breitet der Lenz seinen Zauber früher über das Land. Die Vegetation bestimmt großenteils den landschaftlichen Charakter einer Gegend. Neben der frühen und üppigen Obstblüte sind es die Kastanienwälder der Höhen um Heidelberg, die der Landschaft ihren südlichen Charakter verleihen. Auf den trocknen Abhängen der roten Sandsteinhügel gedeiht der zahme Kastanienbaum des Südens besser als die heimische Buche und Eiche. Zwar seine Frucht, die Keste, wie sie der Pfälzer nennt, ist kleiner, als die Marone, die der Sommer Italiens zeitigt, aber schmackhaft ist auch sie, und der Baum wird groß, stark und schön. Reizend ist die wechselnde Färbung des Kastanienwalds im Laufe der Jahreszeiten. 61 Im Frühjahr prangt die Bergwand in frischem Grün, im Juni mischt es sich mit dem blassen Gelb der Kastanienblüte, auf der grünen Wand treten die gelben Kuppen der Baumkronen in schärferen Umrissen hervor. Nach der Blüte kehrt ein satteres Grün zurück, bis der Herbst das Laub mehr und mehr in ein bräunlichem Gelb und Rot taucht. Mein erster Spaziergang galt der Schloßruine und dem Schloßgarten, einem Park von mäßigem Umfang; aber kein Park der Welt gewährt auf so beschränktem Raum eine gleiche Fülle der mannigfaltigsten, herrlichsten Bilder. Von da flieg ich auf die Höhe, die das alte Schloß hieß, weil hier oben die letzten Mauertrümmer der ältesten Bergfeste Heidelbergs standen; sie haben in den fünfziger Jahren einer Wirtschaft, wo Molken geschenkt wurden, Platz gemacht und seitdem wird der Ort die Molkenkur genannt. Er bietet eine Aussicht auf die Schloßruine unter ihm, auf die Stadt, auf die Mündung des Neckartals, und ein prächtiges Panorama des Rheintals. Durch die fruchtbare Ebene windet sich anmutig in silbernen Schlangenlinien der Neckar dem Rhein entgegen, der aus der Mitte des Tals in leuchtenden Streifen aufblitzt. Der Blick reicht südwärts hinauf zu den Bergen des Schwarzwalds und über den Rheinstrom westwärts zu der rebengesegneten Hügelkette des Haardtgebirgs und dem Donnersberg, der sie mit ernstem Haupte geheimnisvoll überragt. – Am lohnendsten ist die Aussicht, wenn der glühende Sonnenball hinter den Bergen versinkt. Oft ist nur ein Schritt vom Erhabnen zum Lächerlichen. – Auf der Molkenkur genoß ich an einem schönen Sommerabend das Schauspiel des Sonnenuntergangs. Viele Gäste waren heraufgestiegen und richteten den Blick zur scheidenden Königin des Tags mit tiefer Andacht. Da ließ plötzlich eine Dame ihre Stimme hell erschallen: »O! wie schön ist es doch hier oben, auch wenn man eben aus Paris zurückgekehrt ist!« Ein zweiter Spaziergang führte mich über den Neckar auf den Philosophenweg, von dessen Höhe die Lage Heidelbergs am schönsten hervortritt. Hier mag die berühmte Ode an Heidelberg in Hölderlins 62 Seele aufgegangen sein. Wie ein Sohn begrüßt er innig und warm die geliebte Stadt: »Lange lieb' ich dich schon, möchte dich mir zur Lust Mutter nennen und dir schenken ein kunstlos Lied,     Du, der Vaterlandsstädte         Ländlich schönste, so viel ich sah.« Zu des begeisterten Dichters Füßen glänzt der Neckar, an der Stadt vorbei zieht der Flnß hinaus in die reizende Ebene, um hier liebend unterzugehen; in den Wellen beben die Bilder seiner Gestade und über ihn schwingt sich leicht und stark die Brücke, wie der Vogel des Waldes über die Gipfel fliegt. Von den Hügeln rauschen die Wälder herab auf die gigantische, schicksalskundige, von den Stürmen niedergerissene Burg, die Sonne gießt verjüngendes Licht auf das alternde, efeuumgrünte Riesenbild. »Sträuche blühen herab, bis wo im heitern Tal An den Hügel gelehnt oder dem Ufer hold     Deine fröhlichen Gassen         Unter duftenden Gärten ruhn.« Klassische Verse und ein wunderbares Gemälde der idealen Landschaft, aber kein kunstloses Lied, wie es das Volk zum Gesang hinreißt und wie fröhliche Gesellen es hinausschmettern im grünen Wald, auf schaukelndem Kahn, oder beim perlenden Wein. Der Meister, der diese Weise fand, mußte erst noch kommen. Als wir Gymnasiasten die Ode Hölderlins rezitierten, saß auch er noch auf der Schulbank und schmiedete in Karlsruhe deutsche Verse nach griechischem Takt. Bald aber lehrten ihn Fink und Lerche in Wald und Flur aus freier Kehle frisch und fröhlich singen. Der Frühling kam und sein Lied, ein Brautlied, zart und jubilierend, wie es nur der gottbegnadete Sänger singt, pries Altheidelberg, die Feine und Ehrenwerte.     »Und kommt aus lindem Süden Der Frühling übers Land, So webt er dir aus Blüten     Ein schimmernd Brautgewand. 63     Auch mir stehst du geschrieben Ins Herz gleich einer Braut, Es klingt wie junges Lieben     Dein Name mir so traut.« Und ins Herz blieb ihm die Schöne geschrieben bis zum letzten Hauche seines Lebens. Ein gebrochener Mann, todmüde, verlangte es ihn nach der Geliebten. In ihrem Anblick seine Qual vergessend, rüstete er sich zur letzten Wanderung in das unbekannte Land, von wo niemand wiederkehrt. Heidelberg gegenüber, in dem Hause Nr. 2 an der Neuenheimer Landstraße, damals Neckarhotel, wohnte Scheffel in dem Erdgeschoß linker Hand von Oktober 1885 bis zum 2. April 1886. An diesem Tage kehrte er nach Karlsruhe zurück und verschied eine Woche später, am 9. April, in dem Hause, wo seine Wiege gestanden hatte. In den dreißiger Jahren trug die Stadt noch immer ein ländlich schönes Gewand, wie es Hölderlin entzückt hatte, und noch immer lagen ihre fröhlichen Gassen, namentlich die der westlichen, »Vorstadt« genannten Hälfte, inmitten duftender Gärten. So lange Heidelberg befestigt gewesen war, hatte ein Wall mit Graben die östliche Altstadt von der westlichen Vorstadt geschieden; der Graben lief in der Richtung der heutigen Grabengasse vom Klingentor zum Neckar herab; was heute von den vielen Ziergärten der Vorstadt übrig ist, gibt keinen Begriff mehr von deren früherer Ausdehnung; sie mußten im Laufe der Zeit Straßen und Gebäuden weichen; wo Gärten blühten, stehen heute Wohnhäuser, Werkstätten, Fabriken, Schulen und Universitäts-Anstalten. Freilich nicht überall in der Vorstadt roch es nach Rosen und Veilchen, in dem westlichen Teile wehten die kräftigeren Düfte der Landwirtschaft und hausten Bauern, vielleicht die Nachkommen der Bewohner des Dorfes Bergheim, die Kurfürst Rupprecht II. gezwungen hatte, 1392 nach Heidelberg überzusiedeln. Eine alte Dame, die in der Vorstadt geboren und aufgewachsen war, wir nannten sie die Frau Doktorin, ich werde später genauer auf sie zurückkommen, erzählte uns Jünglingen gerne von den idyllischen Zeiten, die sie noch zu Beginn des Jahrhunderts in der geliebten Vaterstadt erlebt 64 hatte. In aller Frühe lief der Hirt mit Stab und Horn durch die Gassen der Vorstadt, tutete das Vieh aus den Ställen auf die Weide und trieb es abends wieder heim. Mit Vergnügen lauschte ich ihren Schilderungen und längst vergangenen Geschichten. Von diesen gefiel mir am besten die von dem höflichen Nachtwächter Eiselein. Er hielt gute Freundschaft mit den Studenten, damals in Stadt und Umgegend Juristen geheißen; sie ihrerseits betätigten ihre Wertschätzung des biederen Mannes mit Vorliebe um Mitternacht, wenn er in Hut und Mantel mit Spieß und Horn seines Amtes waltete, die zwölfte Stunde abblies und die schlummernde Bürgerschaft singend mit dem Sprüchlein mahnte: »Lobet den Herrn und laßt euch sagen, die Glocke hat zwölf geschlagen, bewahrt das Feuer und das Licht, damit niemand kein Schaden geschiecht!« Dann kamen sie an jeder Ecke herbeigelaufen, bald einzeln, bald truppweise, und grüßten ihn freundlich: »Guten Abend, guten Abend, Herr Eiselein, auch wieder fleißig beim Tuten!« Der höfliche Mann nahm bedächtig das Horn aus dem Mund und erwiderte den Gruß mit geziemendem Danke: »Man tut seine Schuldigkeit, meine Herren, wie es die hohe Obrigkeit gebietet.« Sie lobten seinen treuen Sinn, seinen schönen Gesang, schüttelten ihm die Hand und gingen weiter; aber es kamen immer wieder neue, wenn er gerade das Horn ansetzte, und grüßten ihn, worauf er doch danken mußte, bis er zuletzt die jungen Freunde höflichst ermahnte, ihres Weges zu gehen und sich lieber zu Hause aufs Ohr zu legen. Wenn endlich die letzten lachend weiter gezogen waren, so schüttelte er das graue Haupt und seufzte: »Juristen, böse Christen!« Nur langsam erholte sich die vielgeprüfte Stadt von den furchtbaren Drangsalen und Verwüstungen, die sie im 17. und 18. Jahrhundert erduldet hatte. Noch in den dreißiger Jahren unseres Jahrhunderts war sie kaum über die Grenzen ihres ehemaligen Festungsgebiets aus dem engen Neckartal in die Rheinebene hinausgewachsen. Jenseits der Sophienstraße standen nur wenige Gebäude. Vor dem Mannheimer Tor nahm die Stelle des heutigen schönen Bismarckgartens der stille Neckarhafen ein, ein Hafen ohne Schiffe. Ihm gegenüber südwärts lag der botanische Garten zwischen Sophien- und Rohrbacherstraße bis zur Leopoldsstraße, die den 65 landwirtschaftlichen Garten – er ist heute zu dem schattigen Neptungarten umgewandelt – von dem botanischen schied. In beiden Gärten befanden sich Teiche für Wasserpflanzen zu Lehrzwecken, vermutlich die letzten Reste versumpfter Festungsgräben, woraus an dieser Stelle mein Vater noch 1818 die Leiche eines verunglückten Juden herausholen sah. Nur eine Brücke, die alte auf den steinernen Bögen, die von der Altstadt über den Fluß führt, mit den Standbildern Karl Theodors, » palatinorum patris «, und der etwas leichtgemuten Pallas Athene mit Speer und Medusenschild, verband die beiden Ufer. Die neue Brücke auf eisernen Pfeilern, die heute im Westen Heidelberg mit Neuenheim verbindet, wurde erst 1877 dem Verkehr übergeben. Wollten wir an dieser Stelle über den Neckar, so mußten wir Kähne benützen; die Reisenden, die von Frankfurt herfuhren, mußten, am Neckar angelangt, ostwärts umbiegen und zur alten Brücke hinauffahren, um in die Stadt zu gelangen. Neuenheim war noch 1835 ein kleines Dorf mit 750 Einwohnern und ist erst 1891 ein Teil der Stadt geworden, die in meiner Schulzeit nur 13 400 Einwohner hatte, die Studenten und die Bewohner des Vorortes Schlierbach und des Kohlhofs mitgerechnet; heute (1900) hat Heidelberg mit Neuenheim 40 100 Einwohner. Der Schloßgarten hatte bereits seine jetzige Gestalt als Park. Zu Beginn des Jahrhunderts war er eine Wildnis, und die Schloßruine schien der gänzlichen Zerstörung, teils durch Naturgewalt, teils durch Menschenhand, verfallen. Wer in der Stadt Steine brauchte zum Bauen, brach sie aus den Mauern des Schlosses. Das »Wunder der Welt«, der hortus palatinus des Kurfürsten Friedrich V., des Winterkönigs, lag mit seinen Pomeranzen und Lorbeerbäumen, Springbrunnen und Marmorbildern begraben in Schutt und Gestrüppe, an gerodeten Stellen pflanzte ein Pächter Cichorie! Da sicherte, nach dem Uebergang der rechtsrheinischen Pfalz an das Haus Baden 1803, der neue Herrscher Karl Friedrich das Schloß vor weiterer Verwüstung und ließ die Anlagen, wie sie heute kaum verändert bestehen, als Lustgarten und zu forstbotanischen Zwecken 66 herstellen. Viele der Bäume und Sträucher des Gartens sind mir vertraute Jugendfreunde, Fink und Drossel singen auf ihren Zweigen die alten Lieder, nur das Lied der Königin des Gesanges, der Nachtigall, dem wir so oft in den lauen Nächten lauschten, vermisse ich. Sie nistete noch in den fünfziger Jahren in dem reizenden Tälchen zu Füßen des gesprengten Turmes, wir nannten es das Matthissons-Tälchen, dem elegischen, damals sehr gefeierten Dichter zu Ehren. Die Sängerin ist entflohen, verscheucht von dem jährlich wachsenden Lärm der Fremdenschwärme; sie nahm ihre Zuflucht zu der friedlichsten Stelle in Heidelbergs Umgebung, dem städtischen Friedhof an der Rohrbacher Straße, dem wenige in Deutschland an Schönheit gleichkommen. Wie der Schloßgarten, ist auch die schönste Straße der Stadt, die Leopoldsstraße mit Allee und Anlagen, eine Schöpfung der ersten Jahrzehnte dieses Jahrhunderts. Sie war 1830 fertig geworden, mit ihr die Sophienstraße, die an der Stelle der ehemaligen westlichen Umwallung zum Neckar und der neuen Brücke führt. Bis dahin war die Leopoldsstraße nur ein Fußpfad gewesen, den man am Ende des vorigen Jahrhunderts nach der Abtragung der Festungswerke angelegt hatte. Es geschah zur Zeit der französischen Revolutionskriege, und der Spazierweg erhielt den Namen »der Pariser«, weil auf ihm nach seiner Herstellung sofort die Franzosen, die alten schlimmen Bekannten, eingezogen waren, um ihren gewohnten Besuch abzustatten. Nachdem der Weg zur Fahrstraße geworden, hieß er noch immer »Pariser«, auch »Anlage«, sein amtlicher Name Leopoldsstraße, zu Ehren des Großherzogs Leopold, kam nur allmählich in Gebrauch. Als ich das Lyceum besuchte, standen erst wenige von den heutigen Bauten an der Leopoldsstraße, es waren nur Gärten und Anlagen da und die beiden alten Friedhöfe, der heutige an der Rohrbacher Straße wurde erst 1844 eingeweiht. Einer der alten Friedhöfe umgab die damals noch ganz schmucklose St. Peterskirche mit ihrem unfertigen Turm, der andere lag in dem Winkel zwischen Leopolds- und Sophienstraße bei der St. Anna-Kapelle. Auf diesem wohnte ich noch Beerdigungen bei. 67 Die Leopoldsstraße war ihrer schattigen Allee und der hübschen Ausblicke nach dem Schloß und den Bergen wegen, auch um ihrer geschützten Lage und friedlichen Stille willen, ein beliebter Spazierweg, namentlich für ältere Gelehrte, denen der Weg auf das Schloß zu steil war. Die bequem ansteigende Fahrstraße, die Stiftung eines Heidelberger Arztes, des Dr. Kleinschmidt, führt erst seit 1875 hinauf. Man war sicher, auf dem Pariser zu bestimmten Stunden gewissen Berühmtheiten der Universität zu begegnen. Ich sehe noch heute den alten Kirchenrat Paulus seine großen Augen, wie glühende Kohlen, auf die Begegnenden richten, den knorrigen Historiker Schlosser seinen Kopf mit dem einen durchdringenden Auge wie ein Vogel seitlich drehen, um zu grüßen, die vornehme Erscheinung des Pandektisten Thibaut an mir vorübergehen, auch den frommen Theologen Rothe und den berühmten Staatsrechtslehrer Zachariae, der stets einsam, steif und gerade in schäbigem Gewande daherschritt. Uns Studenten fiel am meisten sein abgegriffener hoher Filzhut auf, wir erzählten einander, er habe ihn testamentarisch der Bibliothek als eine der größten Sehenswürdigkeiten für künftige Zeiten zugewiesen. Es sind nun mehr als 50 Jahre verflossen. Die Universität hat ihr 500jähriges Jubiläum gefeiert, auch ich habe, als ihr dankbarer Schüler, ehemaliger Lehrer und als Abgeordneter der Straßburger Kaiser-Wilhelms-Universität, vom 2. bis 7. August 1886 daran teilgenommen. Altheidelberg hat das Gewand der ländlichen Schönen, das einst Hölderlin und uns in der Jugend so wohl gefiel, abgelegt und mit der anspruchsvolleren Tracht der modernen Touristen- und Industriestadt vertauscht. Seit der Dampf Herrscher der Welt geworden, muß die Stadt sich an den Lärm und Ruß der Bahnzüge, der rasselnden Omnibusse, rauchenden Schlote und Fabrikessen gewöhnen. Spekulation und Industrie ließ sie frei gewähren und vergaß, daß die beiden kein ästhetisches Gewissen drückt. Es konnte nicht ausbleiben, daß dem wertvollsten Besitze der Stadt, ihren landschaftlichen Reizen, da und dort empfindlicher Abbruch geschah. So zu Häupten des Schlosses, wo eine Fremdenherberge von ausgesuchter Häßlichkeit auf die edlen Trümmer der Paläste 68 eines kunstsinnigen Fürstengeschlechtes herabschaut. Ja, man hat es sogar zugelassen, daß die wunderbar schöne Aussicht, die das Schloß von der Gartenterrasse darbot, viele Jahre lang durch einen Schleier grauer Rußwolken verdeckt wurde, die von den turmhohen Kaminen eines riesigen Zementwerkes über den westlichen Teil der Stadt und deren Umgebung ausgeschüttet wurden. Wie beklagte ich den armen Scheffel! Man hat sein bronzenes, vorzüglich gelungenes Standbild am 11. Juli 1891 auf der Terrasse aufgestellt. Vom hohen Granitsockel herab richtet er den Blick nach den sonnigen Hügeln der Haardt. Vier Jahre lang spähte der Arme vergebens und sah nur Ruß und Rauch. Da erbarmten sich die Elemente des Dichters. Feuer verzehrte das Werk der pietätlosen Spekulation in einer Nacht, am 4. Februar 1895, und heute lacht ihm die gesegnete Pfalz wieder in alter Schönheit entgegen. 69     Das Heidelberger Lyceum. Bei dem Tausch des Mannheimer Lyceums mit dem Heidelberger bin ich nicht gut gefahren, aus einer Schule mit idealem Streben kam ich in eine mit handwerksmäßigem Betriebe. Lehrer ersten Rangs, wie Nüßlin und Eisenlohr, hatte Heidelberg nicht. Leider mußte ich hier noch ein halbes Jahr in Quinta und zwei Jahre in Sexta zubringen, ehe ich zur Universität abgehen konnte. In Quinta herrschte ein böser Geist. Obwohl die Schüler im Alter von 16–18 Jahren standen, gefielen sich die meisten noch in Knabenstreichen, wie sie in Mannheim kaum in Quarta vorkamen. Am schlimmsten trieben es die ältesten; es waren rohe Bursche darunter, die man schon aus den unteren Klassen hätte entfernen sollen. Vergeblich regnete es Mahnungen, Verweise und tagelange Karzerstrafen. – Mit den Schulstrafen geht es, wie mit manchen Arzneien, ihr allzu häufiger Gebrauch stumpft dagegen ab. Hauptlehrer der Quinta und alternierender zweiter Direktor des Lyceums war ein alter pedantischer Herr in weißer Halsbinde, über das unbewegliche Gesicht mit immer gleicher, würdiger Miene kam nie ein flüchtiger Strahl heiteren Lächelns. Und doch war auch dieses ausgetrocknete Männchen einmal jung gewesen, hatte Romane geschrieben, sogar erlebt, freilich war es schon lange her. Wie die meisten unserer älteren Professoren hatte er Theologie und Philologie studiert; er lehrte Latein und Griechisch und erteilte den evangelischen Schülern den Religionsunterricht. Wir lasen mit ihm kursorisch das Neue Testament im griechischen Urtext und übersetzten 70 es ins Deutsche. Da er nie ein erläuterndes Wort dazu sprach, so war diese sog. Religionsstunde nichts als eine weitere griechische Stunde, wir hätten ebensogut den Hesiod mit ihm lesen können. Sie unterschied sich von dem andern lediglich durch das Gebet, was ihr voranging. Er hatte zwei Gebete verfaßt, die er abwechselnd auf dem Katheder vorlas, das eine schloß mit den Worten: »hegen mögen«, das andere mit »Glauben rauben«. Nach dem Amen erhob er das gesenkte Haupt und schaute andächtig zur Stubendecke. Als er nun eines Morgens gerade das »hegen-mögen-Gebet«, wie wir es nannten, geendet hatte und in gewohnter Weise zur Decke aufsah, blieb er starr vor Entsetzen. Ueber dem Katheder tanzte eine lustige Figur aus steifem Papier in der Luft. Ohne ein Wort zu verlieren, eilte er fort und holte den ersten alternierenden Direktor, der alsbald kam und mit gelassenem Ernste den Frevel beschaute. Eine Untersuchung folgte. Der Täter, der älteste und roheste Schüler der Klasse, wurde rasch zum Geständnis gebracht. Mit Hilfe eines feuchten Ballens gekauten Papiers am Ende eines Fadens, woran er die Figur befestigt, hatte er sie kurz vor Beginn der Stunde geschickt über das Katheder an die Decke geschleudert. – Die Direktoren beriefen eine Konferenz sämtlicher Lehrer und der Missetäter wurde ausgestoßen. Pedanten sind beliebte Zielscheiben mutwilliger Jungen. Der alte Herr verstand es wenigstens, sein Ansehen bei der Jugend durch seine ernste Würde so zu wahren, daß nur die frechsten Burschen sich an ihn wagten. Schlimmer erging es einem andern unserer Lehrer. Der Unglückliche, im übrigen ein wohlmeinender Mann, hatte ein reizbares Temperament und explodierte wie trockenes Pulver auf die albernste Neckerei hin, obwohl er bereits in den Fünfzigen stand. Die Jungen benützten deshalb jede Gelegenheit, ihn »grün und blau« zu ärgern. Ließ er sich zuletzt dazu hinreißen, sie mit Kosenamen, wie »Troßbuben, Stallknechte, Pferdejungen« u. dgl. zu belegen, so war ihr sehnlichster Wunsch erfüllt, und sie nickten einander befriedigt zu. Direktor Brummer leitete die oberste Klasse. Er stand im Rufe eines guten Philologen und wurde von den Schülern sehr 71 respektiert; aber auch bei ihm blieben uns die idealen Grundsätze der alten Welt verschlossen, über die rein grammatische Schulung kamen mir nicht hinaus. Nur durch eigenen Trieb und privates Studium habe ich mich mit den Meisterwerken der griechischen und römischen Literatur und dem Geiste, der sie durchweht, bekannt gemacht. Gar übel stand es um unsern mathematischen Unterricht. Die Schulbehörde hatte damit einen Docenten der Universität betraut, dessen wissenschaftliche Arbeiten bei seinen Fachgenossen recht geschätzt waren, seine Lehrmethode aber taugte nichts. Von meinen sämtlichen Mitschülern konnte ihm nur einer folgen, der bei einem Privatlehrer besondere Stunden nahm. Ebensowenig taugte sein Unterricht in der Physik; wir bekamen keine Versuche, keine Apparate zu sehen, nur mathematische Formeln auf der Schultafel. Die Unzufriedenheit der Schüler war groß. Sie führte bald nach meinem Abgang vom Lyceum zu einer Verschwörung. Die Jungen wollten seine Entfernung aus dem Lyceum durchsetzen und blieben deshalb bei der öffentlichen Schulprüfung auf alle seine Fragen die Antwort schuldig. Die Verabredung lag offen zu Tage. Man wies die Rädelsführer aus dem Lyceum, den Zweck ihres Komplotts haben sie nicht erreicht. In der Sexta war Philosophie vorgeschrieben. Die Schulbehörde hatte einen Fachgelehrten dafür gewonnen und eben angestellt, einen Schüler Krauses. Er muß sich eines gewissen Ansehens erfreut haben, denn bald nachher wurde er als Lehrer der Philosophie an eine Universität berufen. Wir waren voll Erwartung; er sollte uns in Logik, Psychologie und Metaphysik unterrichten, und er ließ es an Eifer und Mühe nicht fehlen, aber doch lag die Schuld nicht an uns, wenn wir von der höchsten aller Wissenschaften nur wenig begriffen. Unser Lehrer war schwerfällig und ungelenk, leiblich und geistig. Er diktierte uns stundenlang in die Feder, war aber nicht imstande, seine Lehrsätze mündlich klar zu entwickeln. Am besten gefiel mir seine Metaphysik, er versuchte es, dem Uebersinnlichen mit dem Kreidestift durch bildliche Darstellung beizukommen. Er malte Gott und die Welt mit sämtlichen Kräften, die das All bewegen und zusammenhalten, in Form von ineinander 72 geschachtelten Kreisen an die Schultafel. Die Zeichnung leuchtete mir ein, und vor Freude dichtete ich ein metaphysisches Trinklied nach Baggesens Beispiel, und wir sangen es nach der Melodie: »Die Welt ist rund und muß sich drehn«, Samstag abends im Bremeneck; man hatte uns erlaubt, in dieser, durch die Rodenstein-Lieder jetzt so berühmt gewordenen Bierwirtschaft einmal in der Woche heitere Geselligkeit zu pflegen. Endlich, im Herbst 1840, schlug die Stunde meiner Erlösung aus dem verhaßten Froschteiche. Als Erster mußte ich die lateinische Abgangsrede halten. Außer dem Prüfungskommissär, Professor Kaercher aus Karlsruhe, achtete von den vielen Teilnehmern und Gästen niemand auf mein schönes Latein, und es kam mir vor, als ob dieser Einzige nicht sonderlich davon erbaut wäre. Nach meiner, wie ich glaube, berechtigten Ueberzeugung habe ich das letzte Jahr auf dem Lyceum nutzlos verloren; ich hätte es besser für neue Sprachen, Zeichnen, Mathematik und Naturwissenschaften verwendet. Wie es in den unteren Klassen aussah, weiß ich aus eigener Kenntnis nicht zu sagen, ich könnte deshalb das Kapitel schließen, aber mancher Leser früge vielleicht enttäuscht: wo bleiben denn die berühmten Schulgeschichten von dem merkwürdigen Kauz, der damals das Klassenzepter über der Quarta schwang? und in der Tat, zu dem Bilde jener Zeit gehört notwendig die lange, vornübergebeugte Gestalt des Klassenlehrers der Quarta mit den buschigen Brauen, den wulstigen Lippen und der bedächtigen Rede, deren dialektische Färbung die nahe ländliche Heimat des unvergeßlichen Schulmanns unschwer verriet. Der Kreis seiner noch lebenden Schüler verengt sich immer mehr, es ist hohe Zeit, seine Aussprüche zu sammeln, ehe er, zur mythischen Gestalt verblaßt, in Nacht und Nebel versinkt. Einer meiner alten, mir leider kürzlich entrissenen Freunde gehörte zu jenem Kreise. Er war zu trüben Verstimmungen geneigt, und wenn der finstere Geist über ihn kam, besaß ich ein sicheres Mittel, diesen zu bannen; ich zitierte den Schatten des seligen X. Dann ging die Sonne der Heiterkeit strahlend am Himmel auf, wie in den längst entschwundenen Tagen der Heidelberger Schulzeit. Eine 73 kleine Blütenlese aus den Erzählungen meines Freundes sei dem Andenken des berühmten Professors gewidmet. Der gelehrte Thebaner liebte es, seinen Quartanern Kommentare zu den Schriftstellern, die sie übersetzten, zu diktieren. Das Wort Scala schien ihm einer Erläuterung dringend bedürftig. » Ad vocem: Scala! « rief er der Klasse zu, »schreibt, ihr Buben: vermöge einer Treppe pflegten die Römer aus dem unteren in den oberen Stock zu gelangen.« Auch große Gelehrte sind mitunter zerstreut. So ist es denn nicht zu verwundern, daß es ihm begegnete, die lateinischen Genusregeln zu vergessen. – »Wer ist heute an der Reihe?« begann er eines Tages die Stunde. – »Der Müller, Herr Professor!« rief es zurück aus den Bänken. – »Gut! Müller, nenne mir die geschlechtlichen Beugeformen von ille !« – » Ille, illa, illud , jener, jene, jenes.« – »Falsch, Müller! vivat sequens! Fischer, sag' du's!« – » Ille, illa, illum. « – » Recte dixisti , du hast recht! 'runter, Müller! 'nauf Fischer!« – Da protestiert Müller: »Herr Professor, hier in meiner Grammatik von Zumpt steht illud !« – Er schaut hinein, da steht illud . »Guck emol an,« korrigiert er sich, »der Zumpt hat wahrhaftig illud . Da wollen wir Gnade vor Recht ergehen lassen. Müller, du kannst meinethalben sitzen bleiben!« Die Topographie der alten Welt gibt harte Nüsse aufzuknacken. – »Sag' einmal, Müller, auf welchem Ufer des Euphrat hat Babylon gelegen?« – »Auf dem linken , Herr Professor.« – »Fischer, sag' du's besser!« – »Auf dem rechten! « – »Gut, Fischer, setz' dich 'nauf!« – Aber der Müller protestiert: »Herr Professor, in meinem Buche steht: Babylon hat an beiden Ufern gelegen!« – »Ich will euch etwas sagen,« erklärt jetzt der Professor, »ihr habt beide recht. Dein Babylon, Müller, hat auf dem linken Ufer gelegen, dein Babylon, Fischer, auf dem rechten, und mein Babylon am linken und rechten. In Gottes Namen, ihr könnt beide sitzen bleiben!« Am besten zog er sich in der Geschichtsstunde aus großer Verlegenheit. Er hatte gerade von der Schreckenszeit der französischen Revolution erzählt und daß die Franzosen sogar ihren 74 König geköpft hätten. Ein vorlautes Bürschlein rief: »Die Königin haben sie auch geköpft!« – »Ei! wo denkst du hin?« korrigiert er den Knaben, »die Franzosen sollen ihre Königin geköpft haben? Ein so höfliches, man darf sagen, galantes Volk!« – Der Schüler blieb jedoch bei seiner Behauptung: »In meinem Buche steht's, die Franzosen haben auch die Königin geköpft, nur später!« – Es bleibt nichts übrig, er muß einlenken. –»Ja freilich später,« gibt er zu, »später freilich! da haben sie natürlich auch die Königin geköpft!« 75     Mein Bruder Rudolf Der Bruder, der mir im Alter am nächsten stand, hieß Rudolf. Er besuchte, wie ich, das Lyceum, hätte aber besser für eine Kriegsschule getaugt. Schlank und hoch gewachsen, hatte sich mein Bruder mit siebzehn Jahren bereits so kräftig entwickelt, wie ein neunzehnjähriger Jüngling. Er glich meiner Mutter, hatte dunkle Haare, eine bräunliche Hautfarbe und die stolze Haltung eines spanischen Hidalgo. Sein verwegenes Herz kannte nicht Furcht noch Gefahr und dürstete nach Abenteuern. Die Kinderjahre hatten ein so kräftiges Gedeihen Rudolfs nicht voraussehen lassen. Seine Augen waren lange skrofulös entzündet und dadurch am Sehen verhindert gewesen; als er eines Tages unter der Bettlade eine blinde Ratte fing, war die Freude der Geschwister groß, – ein Blinder hatte eine Blinde gefangen! Im zehnten Jahre befiel ihn nach einem leichten Stoß an das Schienbein eine Beinhautentzündung, die ihn monatelang ans Bett fesselte. Mit dem Eintritt der Mannbarkeit verlor sich diese krankhafte Anlage völlig, er wurde stark und kerngesund. Je länger der Knabe latein und griechisch trieb, desto weniger gefielen ihm die alten Sprachen, seine Zeugnisse wurden mit jedem Jahre schlechter. Als mein Vater im Sommer 1841 wieder einmal nach Heidelberg kam, um bei uns nachzusehen, waren Rudolfs Noten so überaus schlecht ausgefallen, daß er, in hohem Grade aufgebracht, dem großen Menschen eine Ohrfeige gab. Rudolf entfernte 76 sich schweigend, ging aus dem Hause und kam nicht wieder. Alles Nachforschen war vergeblich, er blieb verschwunden. Nach einigen Tagen erhielt mein Vater aus Mannheim einen Brief von unbekannter Hand, des Inhalts, man habe seinen Sohn auf dem Dampfschiff abfahren sehen, er habe eine Fahrkarte nach Straßburg gelöst. Damals befuhren Dampfschiffe, die Adler genannt, den Oberrhein bis Straßburg und Basel. Erkundigungen in Straßburg stellten fest, daß sich ein junger Mann, Rudolf Osmund, der von Mannheim kam, bei der Fremdenlegion hatte anwerben lassen. Dieser Osmund war unser Rudolf, er hatte Straßburg bereits verlassen und den Marsch nach Toulon angetreten, dem Sammelorte der Legionäre, von wo sie nach Algier verschifft wurden. Mein Vater erschrak in den Tod, in Algier mußte sein Sohn an Leib und Seele verderben. Unverzüglich fuhr er nach Karlsruhe und suchte Hilfe bei dem Minister des Aeußeren. Auf dem Bureau des Ministeriums erteilte man ihm den Rat, sich unverzüglich an die französische Gesandtschaft zu wenden. Hier nahm ein junger Attaché sein Gesuch teilnehmend entgegen und versprach ihm, es solle von seiten der Gesandtschaft was irgend möglich geschehen. Die Entlassung Rudolfs aus der Armee stieß nach des Attachés Versicherung auf keine Schwierigkeit bei den französischen Behörden, weil er das gesetzliche Alter zum Eintritt in das Heer noch nicht erreicht hatte. Bedenklicher war ein anderer Umstand. Einzig und allein der Kriegsminister war berechtigt, über die Entlassung zu verfügen. Somit mußte das Gesuch nach Paris gerichtet werden, und bis hier der Befehl ausgefertigt und nach Toulon gelangt sein konnte, schwamm Rudolf bereits auf dem Meere nach Algier. In diesem Falle war nicht mehr mit Sicherheit auf die Ausführung des Befehls zu rechnen. Mit so schwachem Troste kehrte mein Vater nach Hause zurück. Wer beschreibt seine Freude, als nicht lange nachher eine amtliche Anzeige eintraf, der Legionär Rodolphe Osmond sei auf Befehl des Kriegsministers und Marschalls Soult aus dem französischen Heerdienst entlassen und bereits auf dem Heimweg. In der Tat, der verlorene Sohn traf bald in Heidelberg ein und brachte eine Flasche 77 Tisane de Champagne aus Welschland mit, die er vergnügt zur Feier seiner Heimkehr mit uns Geschwistern leerte. Getrieben von dem Gefühle inniger Dankbarkeit fuhr mein Vater wieder nach Karlsruhe und erfuhr hier, daß die Rettung seines Sohnes einzig und allein durch das persönliche Eingreifen des jungen Attachés möglich geworden war. Der gutherzige Franzose gehörte einer vornehmen Familie an und war ein Vetter des Präfekten in Straßburg. Von tiefem Mitleid mit meinem Vater ergriffen, hatte er sich unverzüglich an den Präfekten gewandt und ihn vermocht, den Kriegsminister in Paris mittelst des damals in Frankreich benutzten optischen Telegraphen um die Entlassung Rudolfs anzugehen. Der Minister schickte gleichfalls telegraphisch den Befehl nach Toulon, wo er gerade noch rechtzeitig, am Abend vor der Einschiffung der Legionäre, ankam. Leider konnte mein Vater dem Attaché seinen Dank nicht persönlich aussprechen, der junge Herr hatte Karlsruhe eben verlassen und war nach Frankreich zurückgekehrt. Mein Vater war ein großer Franzosenfreund – ich werde darauf zurückkommen – und dieses Erlebnis bestärkte ihn vollends in seiner Franzosenliebe. Sobald er mich wieder sah, begrüßte er mich mit den Worten: »Begreifst du nun, weshalb ich für diese Nation so eingenommen bin? Was hat der Franzose nicht alles für mich getan, obwohl ich ihm fremd gegenüberstand und nur ein unbedeutender Arzt vom Lande bin! Präfekten und Minister hat er aufgeboten, um mir meinen Sohn wieder zu verschaffen, und für deinen Bruder, diesen dummen Jungen, sogar den Staatstelegraphen durch ganz Frankreich in Bewegung gesetzt. Gott lohne es ihm, wenn er einst selbst Familie besitzt, an seinen Kindern!« Freilich war damit nur eine drückende Sorge beseitigt, um einer andern Platz zu machen. Was sollte jetzt mit dem Geretteten geschehen? – Ein Freund meines Vaters in Karlsruhe riet ihm, es nochmals mit den hnmanistischen Studien in dem ganz vorzüglich geleiteten Karlsruher Lyceum zu versuchen, und erbot sich, Rudolf in die eigene Familie aufzunehmen. Dieses Anerbieten wurde dankbar angenommen, und die hohe Gestalt des Jünglings zierte jetzt die 78 Bänke des Karlsruher Lyceums. Er wurde bald in der Klasse beliebt, das bestandene Abenteuer verlieh ihm einen romantischen Schimmer, und ein unleugbares poetisches Talent verschaffte ihm gleich talentierte Freunde. Einige Mitschüler, Ludwig Eichrodt, Karl Blind u. a. hatten einen Dichterbund geschlossen, dem er beitrat. Weniger erbaut von ihm schienen seine Lehrer. Er stand nach wie vor mit den alten Sprachen auf gespanntem Fuße, und ein lateinischer, mit Fehlern reich gespickter Stil bereitete seinen klassischen Studien für immer ein Ende. Die argen Versündigungen wider die edle Sprache Latiums in diesem Schriftstück hatten den Professor S., den größten Schulfuchser des Lyceums, ganz aus dem Häuschen gebracht. Mit dem Stilheft in der Hand hatte er sich vor dem unglücklichen Lateiner aufgestellt und die ganze Flut seiner vernichtenden Kritik über ihn ergossen. Seine Erregung wuchs von Minute zu Minute, und zuletzt erhob er die Hand, als wolle er zum Schlage ausholen. In geziemender Haltung hatte der Schüler stehend bisher mit kalter Ruhe den Tadel hingenommen, jetzt aber erhob auch er die Hand, und die Augen der ganzen Klasse hafteten bange an der peinlichen Scene. Da sank zuerst die Hand des Lehrers, die des Schülers folgte, erleichtert atmete die Klasse auf, aber das Schicksal Rudolfs war besiegelt, die letzte Lateinstunde hatte für ihn geschlagen. Schon vorher hatte der Freund meines Vaters ihn gebeten, er möge ihm Rudolf wieder abnehmen, er könne die Verantwortung für diesen verwegenen Menschen nicht länger tragen. Der gute Mann war ein ängstlicher Bureaubeamter, an den Schreibtisch gebunden und der freien Luft entwöhnt. Er fürchtete das kalte Wasser wie den bösen Feind und mußte schaudernd erfahren, daß Rudolf – es war im Winter – im Rhein zwischen den Eisschollen sich badend vergnügt habe. Seit dieser Nachricht, so lautete sein Brief, bekomme er eine Gänsehaut, wenn er Rudolf ansehe. In dieser betrübten Lage ging mein Vater auf den Vorschlag eines befreundeten Beamten in Wiesloch ein; für einen Menschen, wie Rudolf, konnte man keinen verkehrteren erdenken. Der Amtsrevisor, ein gewiegter Kameralist, hatte an dem Jüngling Gefallen 79 gefunden und meinte, er könne ihn zu seinem Gehilfen und mit der Zeit zu einem brauchbaren Beamten seines Fachs erziehen. Er nahm ihn auf die Schreibstube, und Rudolf fand sich, in Ermangelung eines Besseren, eine Weile darein. Da überraschte ihn eines Tages sein Vorgesetzter beim Reinschreiben eines Liedes zum Lobe der edeln Schreiberzunft, das er soeben auf dem Bureau gedichtet hatten statt die ihm überwiesenen Rechnungen zu revidieren. Das Gedicht war betitelt »Federfuchserlied«; Eichrodt hat ihm unter seinen gesammelten Dichtungen einen Platz angewiesen. Federfuchserlied.             Ich bin ein lust'ger Tintenfisch, Auf Akten hinterm Bureautisch     In Eile konzipiert; Zum Vorschein kam die reine Hand Zuerst, als man mich kunstgewandt     Ans Licht herausradiert.     Wenn sich die Sonn' am Himmelsdom Als wie ein roter Tintenstrom     Auf Gottes Welt ergießt, Weckt mich ein Jucken in der Hand, Ich schreibe, bis zuletzt gewandt     Ein guter Schnörkel schließt.     Ich treib' es, wie die Sonn' es treibt, Die ihren Bogen auch beschreibt     Und erst am Abend ruht: So lenk' ich rastlos meinen Kiel Nach einem vorgeschriebenen Ziel     Mit federleichtem Blut.     Diktiert der Tod mir Punktum vor, Laßt mir die Feder hinterm Ohr,     So ihr mich sandelt ein; Statt Hobelspänen soll Papier Im Tode wie im Leben mir     Die Unterlage sein. 80     »Hier unten modert das Konzept, Die Abschrift hoch im Himmel schwebt,«     Soll meine Grabschrift sein, Nur sei ich sicher eines Schrecks, Nur macht mir keinen Tintenklecks     Auf meinen Leichenstein! Außer sich kam der Amtsrevisor zu meinem Vater gelaufen und erklärte ihm rundweg, das Kameralfach vertrage sich nicht mit dem Dichten, er möge seinen poetischen Sohn vom Bureau wegnehmen. Rudolf war dessen herzlich froh. Er wollte als Soldat auf Offiziersbeförderung dienen. Mein Vater brachte ihn nach Freiburg in das dortige Infanterieregiment, aber der Gamaschendienst behagte ihm nicht auf die Dauer. Er schrieb meinem Vater, es währe ihm zu lange, bis er in badischen Diensten den Marschallstab erringe, überhaupt sei ihm Europa zu enge, es verlange ihn nach der neuen Welt. Mit guten Empfehlungen an Bekannte in New-York fuhr er über das Weltmeer. Mein Vater und ich begleiteten ihn nach Mannheim, wo er das Dampfschiff zur Fahrt nach Rotterdam bestieg. Bei der Abfahrt stand er wie ein junger Cortez auf dem Verdeck und winkte uns Abschied zu. Meinem Vater brach fast das Herz, wir gingen in den nahen Schloßgarten, heiße Tränen rannen ihm über die Wangen. In New-York gab Rudolf seine Empfehlungskarten nicht ab, es lockte ihn nach kriegerischen Taten unter dem Sternenbanner. Zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko war Krieg entbrannt; bald nach der Ankunft trug ihn ein Schiff als Soldaten der Republik nach Tampico an der mexikanischen Küste, wo General Scott die amerikanischen Truppen sammelte, die zur weiteren Fahrt nach Vera Cruz bestimmt waren. Im Lager von Tampico hätte er fast, ehe er den Feind gesehen, durch Pulver und Blei geendigt. Der englischen Sprache noch nicht mächtig, verstand er eine Weisung seines Sergeanten nicht, worauf sich dieser, über den Ungehorsam außer sich, tätlich an ihm vergriff. Rudolf gab ihm den Schlag mit Zinsen zurück und würgte ihn bis zum Ersticken. Soldaten eilten 81 dem Sergeanten zu Hilfe. Gebunden und ins Loch gesteckt, der Todesstrafe gewärtig, kritisierte er sich selbst richtig mit dem Vierzeiler: »Im Land der Freiheit Knecht Auf Tod und Krüppel hin, Da sieht man wieder recht, Daß ich ein Esel bin.« Mit großem Humor erzählt der Abenteurer im ersten Bande der bald eingegangenen Münchener Hauschronik, erschienen im Verlag von Braun und Schneider, wie ihm sein Kapitän Mackenzie Pardon erteilte, und welche Treffen und Schlachten er dann unter dessen tapferer Führung auf dem Boden Mexikos ausfechten half. In der Nacht, die der Schlacht von Cerrogordo, am 18. April 1847, vorausging, auf der Feldwacht unter dem leuchtenden Sternenhimmel des feindlichen Landes, schweiften die Gedanken des reuigen Sohnes über das Weltmeer zur fernen Heimat, zum Grabe der Mutter, zu dem treuen, in nimmer müder Sorge sich verzehrenden Vater; seinem gepreßten Busen entquoll ein tief empfundenes Gedicht: Memento mori!         Sohn der Verirrung, laß Gedanken Hinüber übers Weltmeer schwanken, Nicht alles wirst du wieder finden Wie einst im Lande deiner Sünden. –                 Memento mori! Im Schoß der Erde ruht der Kummer, Der Himmel ist des Todes Schlummer, Noch hör' ich ihre Worte wehen: »Wir werden uns nicht wiedersehen!«                 Memento mori! Und du, gekreuzigt' Herz, aus Gluten Der Wunden Liebe nur zu bluten, Mißbrauchte Großmut ohne Ende, Ach, daß ich je vergelten könnte!                 Memento mori! 82 Lebt wohl! Schon nahen die Geschütze Heran zur Schlacht; schon zucken Blitze Durch Nacht und Blut die Fahnen wehen; Ob wir uns jemals wiedersehen?                 Memento mori! Zuletzt, bei der Erstürmung Tschepultepeks, zerschmetterte ihm eine Kugel den rechten Oberarm. Der Arzt wollte den Arm abschneiden. »Nein, Doktor!« protestierte er, »den Kopf, aber nicht den Arm!« Das Glied blieb erhalten, wurde wieder brauchbar und kräftig, nur bezeichnete eine faustgroße Knochenverdickung ( Callus ) noch beinahe zwei Jahre nachher, als er im Herbst 1849 nach Hause kam, die Stelle, wo der Knochen zersplittert worden war. Als ich fragte: »wo hast du die Splitter hingebracht?« lächelte er listig »ich habe sie an vielen Orten versenkt, im See der Hauptstadt Mexiko, im Mexikanischen Meerbusen, andre im Mississippi und Ohio, etliche im Atlantischen Meer und der Nordsee, die letzten im Rhein und Neckar.« – »Warum denn so weit auseinander?« – »Die Sache ist leicht zu begreifen, mein lieber Bruder. Du weißt ja, wir müssen im Fleische auferstehen, und ich bin ein großer Sünder. Ruft mich die Weltposaune vor das jüngste Gericht, so gewinne ich Zeit, und es mag manches Jahr vergehen, bis ich meine Knochen zusammengefunden habe.« Eine echte Landsknecht-Natur! Er ist nach Nordamerika zurückgekehrt, überschickte mir das Manuskript der Geschichte seiner Abenteuer nach Kandern, wo ich mich als Arzt niedergelassen hatte, und schrieb dazu: »Die Union hat mich reichlich mit Land bedacht und mir eine Pension ausgesetzt, so daß zeitlebens für meine Bedürfnisse wohl gesorgt ist. Du siehst, ich habe es ohne Gelehrsamkeit weiter gebracht, als du mit deinem Studium.« – Im fernen Westen, als ein Farmer und ehrwürdiger Patriarch, starb er vor einigen Jahren im Kreise seiner Kinder und Enkel. 83     Napoleonkultus in Baden. Wie unbegreiflich es auch dem heutigen Geschlecht erscheinen mag, in meiner Jugend gab es in Baden und den Ländern am Rhein überhaupt Franzosenfreunde in großer Zahl; mein Vater, dessen Franzosenliebe ich bereits erwähnte, stand somit nicht allein. – Wie war dies möglich? Konnten sich deutsche Männer den Lehren der vaterländischen Geschichte so ganz verschließen? – Hatte nicht Frankreich seit Jahrhunderten Heer auf Heer über die Grenze geschickt, Deutschland verwüstet und ausgeplündert, seine Städte verbrannt und große Provinzen vom Reiche gerissen? – Was im Osten der Türke, war im Westen der Franzose, ja schlimmer als der Erbfeind der Christenheit hatte der allerchristlichste König auf dem deutschen Boden gehaust, und in den Trümmern des Heidelberger Schlosses hallte es immer noch wieder von dem Rufe der welschen Mordbrenner: » Brulez le Palatinat! « In den neunziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts hatten unsere Nachbarn das Lilienbanner mit der Trikolore vertauscht. Unter dem Feldgeschrei: »Krieg den Palästen!« »Friede den Hütten!« zogen sie über den Rhein. Aber die Beutegier war die alte, und sie schonten ebensowenig die Hütte des Bauers, wie das Schloß des Edelmanns. Kamen wir Schüler in die Ferien nach Wiesloch, so erzählte uns der alte Posthalter Greif, der noch die Kriege der Republik erlebt hatte, Abends in den drei Königen, ehe er am Wirtstische müde einnickte, Geschichten aus den Tagen, da die Sansculottes bald siegend, bald geschlagen durch die Pfalz 84 zogen. » Changez! changez! « riefen sie auf der Landstraße den Begegnenden zu, die besseres Schuhwerk trugen, und » tout de suite! tout de suite! « in Stadt und Dorf, wenn sie Kisten und Kasten leerten, Wurst und Schinken aus dem Rauchfang holten, Hühner und Gänse aus den Ställen mitgehen hießen. Seitdem, so belehrte uns der alte Posthalter, rufen die Wieslocher: »Dutzwitt! Dutzwitt!« wenn es gilt, rasch in Haus und Hof aufzuräumen. – Wie die Unterländer wußten die Oberländer von dem Uebermute der ungebetenen Gäste zu erzählen. Besser als der Griffel der Gelehrten zeigte mir eine Geschichte aus dem Munde eines Landwirts im Kanderer Tale, wie es damals in den Bergen des Schwarzwalds zuging. – In einem der Bauernhöfe hatte sich ein Kürassier einquartiert und drangsalierte das Haus mit tonnerre de dieu! und sacre du bleu! Die Frau mußte ihm aufwarten mit Schweinefleisch und Nudeln und der Bauer dienstbereit zur Seite stehen bei Tisch, mit der Schere in der Hand, und die Nudeln abschneiden, die ihm beim Schmausen zu lange über die Lippen herabhingen. Nur selten wagte das gequälte Volk offenen Widerstand. So im Kapplertal bei Achern, wo sich die Bauern unter kriegserfahrenen Führern tapfer zur Wehre setzten und den Feind verhinderten, in das Tal einzudringen. Mitunter trotzten auch einzelne unerschrocken der Gewalt. Meine Mutter erzählte mir oft von ihrem Vater, seinem Mut und seiner Stärke. Als württembergischer Reiter hatte er den Pallasch geführt, ehe er die Buhlbacher Glashütte bei Freudenstadt im Schwarzwald in seinen Besitz brachte. Die Hütte liegt am östlichen Fuße des Kniebis. Die Franzosen hielten im Winter die Schanzen auf dem Rücken des Berges besetzt. An einem sonnigen Tage kam ein Trupp zur Glashütte herab, mein Großvater bewirtete sie gastfrei, sie fingen aber bald an, Unfug zu treiben und die Herren zu spielen. Da holte er seinen langen Reitersäbel und jagte sie aus dem Hause. – Einige Tage nachher kam ein Holzfäller gelaufen: »O Herr, es wimmelt von Franzosen den Berg herab, sie haben es auf Euch abgesehen!« Der tapfere Mann bewaffnete sich und seine Leute und verrammelte das Haus. Sie kamen und verlangten Einlaß. Er 85 weigerte sich zu öffnen und drohte, als sie sich anschickten, die Türe einzustoßen, der Gewalt mit Gewalt zu begegnen. Sie wagten es nicht, ernstlich vorzugehen, vermutlich weil der Herzog von Württemberg mit Frankreich einen Separatfrieden abgeschlossen hatte; sie unterhandelten deshalb mit freundlichem Zuspruch: er möge getrost herauskommen, sie wollten ihm kein Leid antun und möchten nur den alten Soldaten sehen, der ihre Kameraden mit dem Säbel aus dem Hause gejagt hätte. Er trat unerschrocken unter sie, sie drückten ihm die Hand und zogen darauf von dannen. Zuweilen rächten sich die Bauern grausam für erlittene Unbill. Im Herbst 1831 hatte mich mein Vater zu einer Fußreise von Boxberg nach dem Breisgau mitgenommen, auf dem Rückweg wanderten mir durch das Schapbacher Tal. Da schloß sich ein alter Schwarzwälder meinem Vater an und erzählte ihm aus den Kriegszeiten, von den Untaten der welschen Marodeure in den einsamen Weilern und Höfen der Berge, und wie die Bauern furchtbare Rache nahmen, wenn sie die Räuber fingen. Meinem Vater grauste, als ihm der Alte schilderte, wie sie eines Tags einen Brandstifter in den Backofen schoben und lebendig verbrannten. Mit grimmigem Behagen malte der Unhold die Scene, wie er mithalf den Franzosen hineinschieben in die Glut, wie das Opfer sich wehrte und um Erbarmen flehte. Er schloß mit den Worten: »Das Französle hat im Backofe pfiffe wie 'ne Mus« (gepfiffen wie eine Maus). Auf die Kriege der Republik folgten die des Kaiserreichs mit der Gründung des Rheinbunds auf den Trümmern des deutschen Reichs. Die badische Markgrafschaft unter Karl Friedrich wuchs zum Großherzogtum, den Königstitel lehnte der Fürst mit weisem Bedacht ab. Dem alliierten Lande blieben jetzt die Kriegsgreuel auf dem eigenen Boden erspart, aber seine Söhne starben und verdarben in dem Dienste des welschen Imperators unter der brennenden Sonne Spaniens und auf den Eisfeldern Rußlands. Wenn die junge Mannschaft ausgehoben wurde, ging der Schrecken durch alle Mutterherzen; dem Tode geweiht zogen die Söhne in die weite Ferne, und wenige kehrten in die Heimat zurück. Ein Augenzeuge erzählte mir: »An dem Tage, wo die Rekruten ihr Dorf verließen, schlugen 86 sie in sinnloser Wut alles kurz und klein. – Es waren die Aermsten und Rohsten, die zur Schlachtbank geliefert wurden, die Wohlhabenden kauften sich los. Die vereinte Macht Europas stürzte den Titanen. Die Glorie des Besiegten strahlte fast noch blendender von der einsamen Insel im fernen Weltmeer über den Erdball, als von dem Kaiserthron. Sein tragisches Geschick, einzig groß in der Weltgeschichte, erschütterte das wandelbare Herz des Volks. Als er in die Gruft stieg, leuchtete sein Bild wie die versinkende Sonne in die hereinbrechende Nacht der politischen Reaktion. Der tote Cäsar hob sich gewaltig ab von dem Pygmäengeschlechte, das nach seinem Sturze die Zügel der Welt führte, ohne die Stimme der Zeit und das Sehnen ihrer Völker zu begreifen. Kein Wunder, daß die Geschichte des Kaiserreichs zur ruhmreichen Legende ward, zur Epopöe, wie die des großen Alexander, ja, auch der Liberalismus verklärte den glücklichen und klugen Erben der Revolution zu dem weisen und getreuen Hüter seiner errungenen Schätze, die blinde Masse sah sogar in dem Menschenverächter einen Märtyrer im Kampfe für die Freiheit wider den Absolutismus, einen Völkerheiland, den die Despotie an den Felsen im Meere geschmiedet hätte. Am üppigsten wucherte die tolle Legende bei den Franzosen, und weil sie ihren Abgott nicht mehr lebendig erlangen konnten, holten sie seine Leiche. In Deutschland sangen Heine, »der Tambourmajor der Revolution«, und Freiherr von Zedlitz, Metternichs Freund, den Ruhm des Kaisers um die Wette. Mit den Grenadieren, die aus Rußland heimkehrten, jammerte der eine: »Daß Frankreich verloren gegangen, Besiegt und zerschlagen das große Heer, – Und der Kaiser, der Kaiser gefangen.« Der andere ließ in glühender Begeisterung den toten Cäsar in den elysäischen Feldern Heerschau halten über die tapferen Scharen, deren Gebeine die Sonne Aegyptens und der russische Schnee bleichten. Ich hörte noch 1848 die badischen Soldaten auf dem Marsche Lieder zum Ruhme Napoleons singen, freilich hatten die braven 87 Burschen keine Ahnung, wem die Verse galten. Ihr Lobgesang erschallte »dem Sohne des Ruhmes und der Ehre«, aber sie sangen beharrlich, man mochte sie noch so oft korrigieren: »dem Sohne des Mondes und der Erde«. Wie im Gedichte feierte die Kunst auch im Bilde den toten Kaiser und schmückte die Wände der Gasthöfe und Privathäuser bis zu den Hütten der Dörfer herab mit den Großtaten Napoleons als General Bonaparte und als Kaiser. Die Bilder haben heute fast überall denen von Kaiser Wilhelm und seinen Paladinen Platz gemacht. Auch humoristische Legenden heftete das Volk an die große historische Erscheinung. In Schwaben war die beliebteste die vom Roehrle; im Norden blieb sie vermutlich unbekannt und im Süden wird sie auch bald ganz vergessen sein. Nur selten sieht man noch den Steindruck, worauf die Geschichte von Roehrle und Napoleon gezeichnet ist, drum will ich versuchen, sie aufzubewahren. Roehrle war ein Schenkwirt in Schwaben, der als Jäger in der napoleonischen Armee gedient hatte, und ein großer Aufschneider. Noch heute bezeichnet man in Südwestdeutschland einen unterhaltenden Aufschneider mit seinem Namen. Auf dem Bilde präsentiert Roehrle in der Jägeruniform das Gewehr vor Napoleon, der mit verschränkten Armen, im kleinen Hut, grünen Frack und weißen Lederhosen vor ihm steht, darunter das Zwiegespräch: Napoleon: Ist Roehrle von Häfnersneuhausen Im Volksmund heißt das Dörfchen Neuenhaus im württembergischen Oberamt Nürtingen Häfner-Nenhausen, weil es fast nur von Häfnern bewohnt wird. (Vgl. die Biographie des Dichters Friedrich Geßler von B. Bartels, Lahr 1892, S. 84.) nicht da? Roehrle: Hier, Eure Majestät. Napoleon: Er hat sich bei der gestrigen Affäre brav gehalten. Bitt' Er sich eine Gnade aus. Roehrle: Brauch' keine Gnade, Majestät. Hab' nur meine Schuldigkeit getan. 88 Napoleon: Roehrle! Roehrle! Er ist ein Himmel-Herrgott-Sakermenter! – Wir Lyceisten teilten den Napoleonkultus nicht. Wir sangen begeistert die Lieder von Arndt und Körner, unsre Helden waren die Blücher, Schill und Hofer, und das deutsche Vaterland war uns kein geographischer Begriff, wie den Staatsmännern und Diplomaten jener Zeit. Es kam wohl vor, daß ich mit meinem Vater politisierte und die Schale meines patriotischen Zorns über den korsischen Abenteurer und den welschen Erbfeind im Westen ergoß; bei einer solchen Gelegenheit hielt er mir folgende Standrede: »Wie gut ist es doch, daß du nicht vor 50 oder 60 Jahren zur Welt gekommen bist! Hättest du mit eigenen Augen das unglaubliche politische und wirtschaftliche Elend gesehen, worin wir damals steckten, so würdest du über Napoleon anders urteilen. Das heilige römische Reich war aus tausend Lappen und Läppchen zusammengeflickt, am buntesten und abscheulichsten am Oberrhein. Hier saßen, hohl aufgeblasen im stolzen Gefühle ihrer Reichsunmittelbarkeit, aber in jämmerlich zerlumpten Gewändern, die Glieder und Stände des Reichs durcheinander: Herzöge und Fürsten, Grafen und Freiherrn, gefürstete und ungefürstete Aebte und Bischöfe samt dem deutschen Ritterorden, freie Städte und Städtchen, das reichsunmittelbare Dörfchen Hammersbach nicht zu vergessen! Sollten sie aber für des Reichs Ehre und Sicherheit eintreten, so kargten sie schimpflich mit Hellern und Pfennigen, pochten auf ihre Gerechtsame und Freiheiten, und hielten mit den ganzen und halben Soldaten zurück, die sie zur Reichsarmee zu stellen hatten. – Lange vor dem Rheinbund, der deine Galle überfließen macht, öffneten geistliche und weltliche Kurfürsten den Franzosen als Alliierte die Tore des Reichs.« »Aus dem politischen Elend floß das wirtschaftliche. Jedes Gebiet hielt fest an seinen Schlagbäumen, am eigenen Gericht und Galgen, am eigenen Maß und Gewicht, und legte Verkehr, Handel und Industrie des Nachbars lahm, in dem Wahne, so das eigene Interesse zu fördern. – Lies doch in Hebels Hausfreund, wie der Adjunkt die Leute belehren mußte, als es galt, sie mit dem einheitlichen 89 neuen Maß und Gewicht in dem neu geschaffenen Großherzogtum zu versöhnen!« »In jeder Herrschaft, in jedem Städtlein war's anders: andere Ellen, andere Schoppen, andere Simri oder Sester, anderes Gewicht. In dem nämlichen Orte, in der nämlichen Mühle, im nämlichen Wirtshaus, im nämlichen Kaufladen hatte man für verschiedene Waren verschiedenerlei Maß und zwar herkömmlich, nicht ungerechter Weise: ein anderes Maß für Bier, ein anderes für Oel, ein anderes für Branntwein, einen anderen Sester für glatte Frucht, einen anderen für rauhe.« »Ich bin kein schlechterer Patriot als du, aber wir Alten bewahren Napoleon ein dankbares Andenken. Nur seine eiserne Hand vermochte den Besen zu führen, der den Augiasstall des heiligen römischen Reiches ausfegte. Ich lasse mir ihn nicht schelten, auch nicht die Franzosen; ohne sie gäbe es in Süddeutschland keine Verfassungen, auch die badische nicht, die Großherzog Karl mit klugem Verständnis 1818 seinen Untertanen verlieh.« Es war mit meinem Vater in diesem Punkte nichts auszurichten. 90     Die Duldsamkeit der Väter. Mit Wehmut gedenk' ich der schönen Tage, wo noch die milde Luft kirchlicher Duldsamkeit in der badischen Heimat wehte, und die Gebote der Bergpredigt höher standen, als die Dogmen der Konfessionen. In meiner Erinnerung hebt sich der Glaubensfriede der Väter wohltuend ab von dem wilden Gezänk und Fanatismus der Gegenwart. Eine Union der evangelischen Bekenntnisse, wie sie damals in Baden und in Preußen durchgeführt wurde, wäre heute nicht ausführbar. Zentrum und Antisemiten waren noch unbekannte politische Parteien, an den beiden Hochschulen wurde noch kein Jude grundsätzlich von den Studentenverbindungen ausgeschlossen, schon der Gedanke konfessioneller, evangelischer oder katholischer Verbindungen wäre dem Hohne der Gesamtheit verfallen gewesen. Noch immer wirkten Priester aus der Schule der Sailer, Wessenberg und Hirscher in der katholischen Kirche, und das flammende Zeichen des Syllabus hing noch nicht am Himmel. Aus dieser guten alten Zeit wird in Karlsruhe erzählt, daß man nichts arges darin fand, wenn in den Räumen der dortigen Museumsgesellschaft Hebel, der Prälat der evangelischen Landeskirche, der katholische Dekan und der Stadtrabbiner eine Whistpartie zusammen spielten. Nur damals konnte man die wundersame Geschichte von den zwei Pfarrern im badischen Oberland für glaublich halten, die sich innig befreundeten, obwohl der eine den evangelischen Glauben bekannte und der andere den katholischen. In Liebe und Sanftmut belehrten sie einander mit so gutem 91 Erfolge, daß der evangelische katholisch und der katholische evangelisch wurde. Mein Vater, ein evangelischer Rationalist, schloß, während er in Graben praktizierte, warme Freundschaft mit zwei Geistlichen der Umgegend, einem evangelischen von der Richtung des frommen Spener, und einem frommen katholischen. Sie bestand dauernd fort, auch nachdem er Graben verlassen hatte. Als er später nach Wiesloch versetzt wurde, kam er wieder in die Nähe seiner beiden theologischen Freunde. – Der katholische Pfarrer wohnte in dem Dorfe Rheinsheim am Rhein, vier Wegstunden von Wiesloch; er schrieb meinem Vater sofort, er wünsche seine ältesten Knaben zu sehen – wir waren 12, 10 und 8 Jahre alt – und erwarte uns zu Besuche. Unsre Mutter hing mir ein Täschchen über die Schultern, wir brachen auf, wanderten nach Rheinsheim, es war Herbst, wir waren gut bei ihm aufgehoben. Zwei Tage lang blieben wir im Pfarrhaus, speisten mit dem ehrwürdigen Herrn im Garten, zum Nachtisch brach er uns herrliche Pfirsiche vom Baum. Mit herzlichen Grüßen, die Taschen beladen mit süßem Kuchen, kehrten wir nach Wiesloch zurück. – Der evangelische Geistliche hieß Rutz, er war Pfarrer in Mauer, einem Dorf an der Elsenz, zwei Stunden von Wiesloch. Er war ein Mann von tiefem Gemüt und reicher Phantasie. Unter dem Namen Rudolphi gab er reizende Kindermärchen, Schneeglöckchen betitelt, bei Sauerländer in Frankfurt a. M. heraus. Sie erlebten drei Auflagen und sind nicht mehr aufzutreiben. Uns Kindern gefielen sie außerordentlich. Die Aufklärer des vorigen Jahrhunderts prophezeiten, es komme bald die Zeit, wo die Kirche in der Schule aufgehen werde, aber ungeachtet unserer besseren Einsicht in den Bau und das mechanische Getriebe des Weltalls, hat sich die Kluft zwischen Wissen und Glauben mehr wie je erweitert. Die Hoffnung, daß die menschliche Einsicht sie mit der Zeit überbrücken werde, scheint aussichtslos, und der Abgrund zwischen Vernunft und Gottesglaube auf der einen Seite, Aber- und Unglaube auf der andern, ist von bodenloser Tiefe. Wenn die Scheiterhaufen nicht mehr lodern, so ist dies nicht 92 das Verdienst der Kirche, und sollte der Atheismus die Herrschaft erringen, so würden die Jakobiner der Mutter Marianne von neuem Arbeit verschaffen; dennoch bestände der alte Gegensatz von Geist und Herz ungelöst fort. Die metaphysischen Bedürfnisse der Menschheit sind nicht minder groß, als die physischen. Die Philosophie hat nie den religiösen Hunger der Völker zu stillen vermocht, und in diesem Unvermögen der Wissenschaft wurzelt die Kraft und die Macht der Kirche. Ein Kaplan V. (Köln. Volksz., 2. März 1899) schreibt mir wenig Urteilskraft zu, weil ich die Geschichte von der gegenseitigen Bekehrung der zwei Pfarrer erzähle, die sich doch unmöglich habe zutragen können. Sie beweise nur, wie es in den Köpfen mancher Gelehrten aussehe, wenn es sich um die Religion handle. – Leider ersieht man hieraus, wie es in den Köpfen mancher Kapläne aussieht, wenn es sich um die Toleranz handelt. Der große Leibniz erzählt »zur Beförderung religiöser Duldsamkeit« die Geschichte der gegenseitigen Bekehrung zweier englischer Theologen, der Brüder Johann und Wilhelm Rainold, unter der Regierung der Königin Elisabeth. Johann wohnte in den spanischen Niederlanden und war katholisch geworden, Wilhelm lebte in England und war Protestant geblieben. Sie disputierten brieflich und zuletzt mündlich so lange, bis jeder vom andern überzeugt, Religion und Aufenthalt wechselte. Johann schrieb gegen die Idolatrie der römischen Kirche, Wilhelm bewies, daß die Lehre Calvins der Türkenreligion nahe verwandt sei (Guhrauer, Biogr. Leibnizens, Bd. 2., S. 350). 93     Komfort und Lebensgenuß. Man hat es uns in der Jugend lange nicht so bequem gemacht, wie unsern Kindern und Enkeln.     »Mußten als Knaben uns täglich plagen Mit Stein und Zunder und Feuerschlagen, Was ein Zündholz der Welt bedeute, Wissen nur wir, die alten Leute.     »Mußten verlieren der Stunden viele Mit Richten und Schneiden der Federkiele, Wie man geschickt die Spitze muß spalten, Lernten am Schreibtisch wir nur, die Alten.     »Mußten an schlecht gedruckten Dichtern Quälen die Augen bei Unschlittlichtern, Putzten, damit es hell genug wäre, Fleißig den Docht mit der Lichtputzschere.« Die Ansprüche unserer Väter in den ersten Jahrzehnten des Jahrhunderts an Komfort waren sehr gering. Baukunst und Kunstgewerbe waren tief heruntergekommen, der Sinn für behagliches Wohnen und bequemes Hausgeräte schien verloren gegangen. – Man erschrickt, wenn man in Weimar die Wohnungen unserer größten Dichter aufsucht. Wie dürftig ist das Gartenhaus im Schloßpark, wo Goethe sieben Jahre zubrachte; scherzend gestand er selbst: »Uebermütig sieht's nicht aus, Hohes Dach und niedres Haus.« 94 Das geräumige Wohnhaus, daß er nachher in der Stadt für seine Sammlungen und sich einrichten ließ, ist weder gefällig von außen noch innen bequem, sein Schlafgemach enge, das Arbeitszimmer des weltumspannenden Geistes von rührender Bescheidenheit. – Geradezu entsetzlich ist in Schillers Hause die Dachkammer, worin der brustkranke Dichter schlief, ehe er sein Bett in das Arbeitszimmer nebenan bringen ließ, wo er starb. Die schmalen und kurzen deutschen Betten mit den dicken Federdecken, die herabfallen, wenn der Unglückliche, der darunter schlafen soll, sich umdreht, waren die stehende Klage der reisenden Engländer und Franzosen. Ebenso die kleinen Wasserbecken auf den armseligen Waschtischen. Man trifft solche Einrichtungen heute nur noch da und dort in den Gasthäusern kleiner Landorte.     »Schlafen Sie wohl! geruhsame Nacht!« – Habe gedankt und ins Bett mich gemacht. Ach! es war eine Nacht voll Schrecken, Durfte die Beine nicht biegen und strecken, Hörte die Mäuslein rascheln und tanzen, Doch am schlimmsten waren die Wanzen. Hab' es nicht aus den Ohren gebracht:     »Schlafen Sie wohl, geruhsame Nacht!« Wie traurig es mit den Gewandstoffen aussah, zeigen die Kleidungsstücke im Münchner Nationalmuseum, die König Ludwig I. von Bayern sowohl von sich als seiner Gemahlin Therese aufbewahren ließ. Der König hat sie der Nachwelt nicht zur Bewunderung, sondern zu lehrreicher Vergleichung vermacht. Die Färbung der Gewebe verdankt der modernen Chemie solche Fortschritte, daß König Davids sidonischer Purpur mit der Anilinpracht unserer geputzten Dienstmädchen schwerlich zu wetteifern vermöchte. Die letzte Hungersnot hat unser Vaterland 1816 und 1817 heimgesucht. Seither gab es wohl einzelne Mißjahre, aber der erleichterte Weltverkehr ließ es nicht mehr zu wirklicher Hungersnot kommen. Als Lyceist sah ich noch kleine Weißbrote, bei uns Wasser- oder Kreuzerwecke, im Elsaß Soubrötle, in Norddeutschland Semmeln genannt, die man aus den Hungerjahren aufbewahrt hatte, sie waren nicht größer als Walnüsse. 95 Die Früchte des Meeres, die man als Seefische und Schaltiere aus seinen Tiefen holt, erhält man heute mit Eilzügen allenthalben im Binnenland auf Eis frisch zugeführt. Wir kannten sie als Studenten nur mariniert, gesalzen und geräuchert, als großes Labsal nach durchzechten Nächten, frische Hummern und Austern lernte ich erst in Hamburg 1848 schätzen. Viele meiner Bekannten vermochten sich mit diesen leckeren Bissen zeitlebens nicht zu befreunden, weil sie ihre Bekanntschaft nicht in der Jugend gemacht hatten. Ich hätte diese Tatsache als Professor der Medizin in Straßburg beherzigen und in den siebziger Jahren zwei alte Studienfreunde nicht mit solchen ungewohnten Genüssen überraschen sollen, als sie meiner Einladung folgend aus Offenburg zu mir herüberkamen. Sie hatten mir eine Jagdbeute geschickt, ein junges Reh, ich beschloß dankbar, sie mit Austern und Hummern zu regalieren. Der Markt in Straßburg ist mit Erzeugnissen der See vorzüglich versehen, und ich freute mich im voraus an dem Vergnügen, das ich dem Gaumen der lieben Freunde bereiten würde. Leider erging es den Armen wie der Landmaus in der äsopischen Fabel bei der Stadtmaus. Sie saßen hungrig vor ihren Tellern und rührten nicht Austern noch Hummern an, erst der Rehbraten brachte sie und mich aus großer Verlegenheit. Sogar die Genußmittel Kaffee und Tee, die heute schon den Kindern – sicherlich nicht zu ihrem Vorteil – zum Frühstück vorgesetzt werden, spielten damals bei weitem nicht die Rolle wie heute. Suppen aus Hafermehl, auch Kartoffelsuppe und solche aus geröstetem Mehl, waren noch in vielen bürgerlichen Familien der Städte und besonders beim Landvolk das gebräuchliche erste Frühstück. In dem Freiburger Krankenhause wurde bis 1864 Suppe zum Frühstück verabreicht; die Kranken, namentlich die kranken Köchinnen, rebellierten aber von Jahr zu Jahr mit größerer Heftigkeit und blieben lieber nüchtern, als daß sie Suppe aßen; man sah sich zuletzt gezwungen, Kaffee zu geben. Der chinesische Tee war noch in den fünfziger Jahren beim Landvolk kaum bekannt. – Als Arzt in Kandern ritt ich 1852 an einem schönen Sommerabend nach Bürgeln auf der Höh', einer 96 ehemaligen Propstei der Aebte von St. Blasien mit einer berühmten Aussicht. Zwei Damen aus Hamburg, Kurgäste von Badenweiler, kamen gerade heraufgewandert und bestellten bei der Wirtin Tee mit Milch und Butterbrot. Die Markgräflerin in der schwarzen Flügelhaube machte ein verwundertes Gesicht und brachte bald nachher Butter, Brot, Milch und einen heißen Aufguß von Lindenblüten. Nun war die Reihe sich zu verwundern an den Hamburgerinnen, und sie bemühten sich vergeblich, der guten Frau begreiflich zu machen, was chinesischer Tee sei. 97     Die alte Landstraße im Rheintal. Seit der Riese Dampf den Verkehr der Personen und Güter auf eisernen Schienen besorgt, ist die Poesie von der Landstraße abseits geflüchtet und wird in der alten bunten Gestalt wohl niemals wiederkehren. Verklungen ist der seelenvolle Klang des Posthorns, der das Nahen des Eilwagens und der Extrapost verkündete, verschwunden das leichte Gefährt des Handelsreisenden und der schwere Frachtfuhrwagen, der ächzend seine tiefen Geleise in den Boden eingrub. Starke Pferde zogen bei munterem Schellengeläute zu vieren und fünfen die hochgetürmte Last; der Fuhrmann, die Geißel schwingend, schritt auf festen Beinen neben den Rossen einher, in Zipfelmütze und Fuhrmannskittel, in Kniehosen und Wadenstrümpfen, in schweren, über die Knöchel reichenden Schnallenschuhen; in der Linken hielt der wetterfeste Mann die kurze Tabakspfeife mit dem Maßholderrohr und dem messingbeschlagenen Ulmerkopf. Unter dem Wagen auf der Schaukel wiegte sich ein wachsamer Hund. Verschwunden endlich ist der ehrbare Handwerksbursche mit Felleisen und Knotenstock; statt seiner wandert auf der verödeten Straße der arbeitsscheue Stromer, am liebsten in Gesellschaft zu zweien oder dreien, mit leichtem Bündel, von Dorf zu Dorf, von Herberge zu Herberge. Ich habe bereits erwähnt, daß ich im Herbst 1831 meinen Vater auf einer Fußreise von Boxberg nach dem Breisgau begleiten durfte. Wir benützten die Landstraße viel, ein kleines Erlebnis auf 98 ihr zeichnet getreu die Zeit und die Menschen. In Durlach hatten wir übernachtet, waren früh aufgebrochen und einige Stunden landaufwärts gegangen. Da kam hinter uns her eine Extrapost gefahren und holte uns ein. Zwei Reisende saßen im Wagen, beide in mittleren Jahren. Der eine, ein auffallend langer Herr, saß, ins Lesen vertieft, auf der uns abgewandten Seite und achtete nicht auf die Gegend, der andre, von kleinerem, gedrungenem Bau, besah sich Land und Leute. Als dieser uns bemerkte, weilte sein Blick ein wenig auf mir. Dann wechselte er mit dem Langen einige Worte, befahl dem Postillon zu halten und lud meinen Vater freundlich ein, mit mir in den Wagen einzusteigen und mitzufahren. Die Einladung wurde dankend angenommen, und bald entspann sich eine lebhafte politische Unterhaltung zwischen ihm und meinem Vater, die sich um die Julirevolution und ihre Folgen drehte. Der freundliche Mann war ein Schweizer, sein langer Gefährte ein Engländer; der Zufall hatte sie zusammengeführt. Der Engländer sprach kein Deutsch, aber der Schweizer englisch. Bisweilen fragte der Schweizer den Engländer um seine Ansicht über diese oder jene politische Frage und erhielt stets eine kurze, bestimmte Antwort, worauf der Englishman sofort wieder zu seinem Buche griff. – Die beiden Reisenden waren mir äußerst merkwürdig, ich hatte vorher zwar von Schweizern und Engländern gehört, aber keine bis dahin gesehen. – Noch lange nachher stellte ich mir, so oft von diesen Nationen die Rede war, die Schweizer als gedrungen und gerne plaudernd vor, die Engländer als lang und einsilbig mit dem Buche in der Hand. – Wir legten ein gutes Stück Weg mit den beiden Herren zurück; wo wir uns verabschiedeten, ist mir entschwunden. Nicht nur an unterhaltender Staffage, auch an landschaftlichem Reize hat die Landstraße verloren; weil sie eine Menge edler Nußbäume mit ihren stolzen Stämmen und prächtigen Kronen einbüßte; das feste Holz der schönen Bäume mußte zu Gewehrschäften dienen. Viele Gasthöfe von großem Rufe, wo die Fuhrleute sowohl wie die Reisenden gerne einkehrten, sind seither eingegangen. Auch 99 die berühmte Post zu Müllheim hat ihren Schild eingezogen und das Sprüchlein gilt nicht mehr: »Z' Müllen an der Post, Tausigsappermost! Trinkt me nit 'n gute Wi! Goht er nit wi Baumöl i Z' Müllen an der Post!« Das Haus, worauf sich der Vers Hebels bezieht, liegt nicht oben in der Stadt Müllheim, sondern unten im Tal an der Landstraße, eine Strecke unterhalb des Bahnhofs. Die Poesie ging Hand in Hand mit dem Volkshumor, und als sie flüchtete, ist er ihr gefolgt. Wie das Steindruckbild des schwäbischen Roehrle ist auch das des schwäbischen Hansjörgle, das einst neben ihm an den Wänden der Herbergen hing, verschwunden. Der Hansjörgle war ein Fuhrmann und Nachts müde in der Herberge eingekehrt: Er hat seine Pferde besorgt und liegt jetzt auf der Ofenbank mit der Zipfelmütze auf dem Haupt in Pfülben und Decken eingegraben. Noch ruht er in süßem Schlummer, da öffnet das Annamareile, die dralle Herbergsmagd und getreue Freundin der Fuhrleute, die Türe und ruft herein: »Hansjörgle! steh' auf! die andern Fuhrleut' sind schon aufgebrochen und fahren mit den Wagen die Brücke 'nab!« Doch das schiert ihn wenig. Er brummt und meint: »Laß sie nur fahren! Sie haben weiter heim, als ich.« – Sie geht, kommt aber bald wieder und meldet, daß die Spatzen schon murren, es sei wirklich an der Zeit aufzustehen. – Es läßt ihn abermals ungerührt: Die Spatzen sollen murren nach Herzenslust, sie haben kleinere Köpfle, als die schwäbischen Fuhrleute. – Wiederum muß das Annamareile unverrichteter Sache abziehen, doch sie kennt die schwache Seite des Hansjörgle, zum drittenmal kehrt sie zurück und bringt die erfreuliche Nachricht, die Wirtin trage bereits die Morgensuppe auf. Da springt er mit einem Satz vom Lager und schreit: »Hurtig! hurtig! wo isch mi große Löffel!« – Eile tut jetzt not! Er fürchtet zu wenig abzubekommen. Freilich hatte die Landstraße auch ihre üble Seite. Wer 100 beispielsweise die vier Wegstunden von Mannheim nach Heidelberg nicht zu Fuße zurücklegen mochte und den Eilwagen der Post oder den Landauer des Lohnkutschers zu teuer fand, war auf den Hauderer angewiesen, der mit seinem Omnibus den Verkehr der beiden Städte unter sich und mit den großen dazwischen liegenden Dörfern vermittelte. Mit Grauen gedenke ich einer solchen Fahrt, die ich als Mannheimer Lyceist nach Heidelberg ausführte. Wir waren nur vier Passagiere: eine Matrone aus Holland mit ihrer erwachsenen Tochter, eine Mannheimer Bürgersfrau und ich. Der Kutscher war ein junger, leichtfertiger Bursche. Er hielt überall an, wo ihm das Wirtshaus oder die Kellnerin gefiel, trank über den Durst und blieb halten, so lang es ihm beliebte. Der Wein stieg ihm bald in den Kopf, und es machte ihm großes Vergnügen, die Frauen beim Fahren zu ängstigen. Er fuhr im Zickzack von einer Seite zur andern bis nahe an den Wegrain. Wenn dann der Wagen in den Graben zu fallen drohte und die Frauen aufschrieen, grinste er vor Vergnügen. Wir wären zu Fuße in derselben Zeit und mit weniger Gefahr nach Heidelberg gekommen. Man konnte von Glück sagen, wenn man mit solchen heillosen Kutschern unversehrten Leibes ans Ziel kam. Wie viel sicherer, rascher und angenehmer fährt es sich heute mit der Eisenbahn, die seit 1840 die Städte Mannheim und Heidelberg verbindet und dem Reisenden jetzt täglich mehr als zwanzig Züge nach beiden Richtungen zur Verfügung stellt. Ihre Eröffnung fällt in die Zeit, wo ich eben das Lyceum verlassen hatte; ihr sei das letzte Kapitel dieses Buchs gewidmet. 101     Die Eröffnung der ersten badischen Eisenbahn. Die erste in Baden erbaute Eisenbahn und eine der ersten in Deutschland war die von Mannheim nach Heidelberg. Nur wenige Leute hatten eine richtige Vorstellung von dem neuen Verkehrsmittel, dessen Betrieb und Bedeutung sich nur langsam dem allgemeinen Verständnis erschloß. Bekanntlich schoben die Bauern die Schuld an der Kartoffelkrankheit, die gleichzeitig mit der Einführung der Eisenbahnen Deutschland heimsuchte, auf den Ruß in den Dampfwolken, die von den Lokomotiven auf die Felder ausgeschüttet wurden; es dauerte viele Jahre, bis der ungerechte Verdacht aus ihren Köpfen wich. Am 12. September 1840 wurde die Bahn feierlich eröffnet und die erste Fahrt von Heidelberg nach Mannheim ausgeführt. Dieses Ereignis veranlaßte nach der Erzählung, die bei den Schülern des Lyceums umlief, ein bedauerliches Abenteuer, das einem ihrer Professoren eine recht verdrießliche Stunde bereitete. Es hing aufs innigste mit der erwähnten mangelhaften Einsicht in das neue Verkehrswesen zusammen und wird hier nur deshalb berichtet, um zu zeigen, wie dunkel es in Eisenbahndingen auch in solchen gelehrten Köpfen aussah, die sich mit der physikalischen Wissenschaft von Berufs wegen bekannt machten. Die Behörden hatten die Honoratioren Heidelbergs zu der Festfahrt eingeladen und unter diesen auch den Herrn Professor am Lyceum, dessen ich als eines wohlmeinenden, aber reizbaren Schulmannes früher gedacht habe. Er beschloß sofort, zu eigner und 102 seiner Familie, auch zweier Pensionäre Belehrung – es waren im ganzen 8 Personen – sich an dieser hochinteressanten Fahrt zu beteiligen. Als der Tag der Einweihung gekommen war, machte sich die Gesellschaft etwas verspätet mit raschen Schritten auf den Weg zum Bahnhof. Während sie gingen, hielt der Herr Professor mit den Seinigen Rat, in welchem Teile des Zugs sie am sichersten führen. Einer der Söhne, der jüngste, riet in den vordersten Wagen einzusteigen, weil man die Lokomotive von da am besten überwachen könne. Der Vater aber erinnerte sich gelesen zu haben, man solle den hintersten Wagen wählen, denn weit vom Schuß sei weit von der Gefahr, und entschied für den hintersten. Auf dem Bahnhof stand der Zug gerade zur Abfahrt bereit, die Gesellschaft mußte sich eilen und stürzte in den letzten, glücklicherweise leeren Wagen. Sie saßen bequem und sicher. Ein schriller Pfiff, der Zug flog rasselnd davon. »Vater!« schrieen die Söhne, »der Zug fährt fort, und wir bleiben sitzen!« –»Dumme Jungen!« erwiderte der Vater, »was fällt euch ein? Der Wagen ist in vollem Flug, man merkt es nur nicht, das ist ja eben die große Geschwindigkeit!« – Er dachte an die Erde, die mit rasender Geschwindigkeit um die Sonne fährt, und wir merken es nicht. – Diesmal betrog ihn die Astronomie, der Wagen war abgehängt und blieb stehen, der Zug war längst aus dem Bahnhof, als sie ausstiegen und in die Stadt zurückkehrten. Bald nachher fuhr auch ich zum erstenmal auf der Bahn nach Mannheim. In Friedrichsfeld machte der Zug einen kurzen Halt, dann fuhr er weiter. Kaum war er wieder in Gang gekommen, so sah ich aus einem der offenen Stehwagen, die es in den ersten Jahren gab, eine Mütze herausfliegen, und hinterdrein sprang der Bauer heraus, dem der Wind sie entführt hatte. Das Publikum schrie, der Zug hatte noch keine große Geschwindigkeit, die Lokomotive blieb stehen, der Bauer war in den Sand gefallen, erhob sich, raffte seine Mütze auf und stieg mit ruhigem Gemüte wieder in den Wagen. Der große Eindruck, den die dampfspeienden Ungeheuer mit ihren riesigen Wagenzügen anfangs auf die Beschauer machten, läßt 103 sich nur mit dem vergleichen, den sie noch heute auf die Kinder ausüben; keine andere Erscheinung wirkt so mächtig wie ein eilender Bahnzug auf ihre Sinne. So oft mein Vater in den ersten Monaten nach der Eröffnung der Bahn nach Heidelberg kam, mußte ich ihn vor die Stadt an eine günstige Stelle im Felde begleiten, wo er den Zug bequem vorübereilen sah. Noch immer höre ich seine Worte: »Nichts ergreift mich mehr als diese Erfindung. Eine neue Welt ersteht, und ich sinne vergeblich, wie sie sich gestalten mag.« 104       Drittes Buch. Burschenleben.     Laßt die Flammen himmelan Von den Fackeln lodern! Nach der Jugend goldnem Morgen Und des Alters Last und Sorgen     Müßt im Grab ihr modern.     Der Maulesel. Als glücklicher Maulesel verbrachte ich sechs rosige Wochen bei meinem Vater in Wiesloch. Die bilderreiche Sprache des Studenten nennt die Jünglinge, die nicht mehr Schüler und noch nicht akademische Bürger sind, Maulesel. Sie hängen nicht mehr als Grautiere ihre Köpfe im Pferch des Gymnasiums und sind jetzt freigelassen und aufgestiegen zur höheren Stufe des mulus . Nach den seligen Tagen der Kindheit, wo noch keine Schulwolke am Himmel steht, ist die goldene Mauleselzeit im Leben die schönste. Ich vertrieb mir die sechs Wochen mit naturwissenschaftlichen Studien und Ausflügen, auch unter Beistand meines Vaters mit Knochenlehre, und harrte mit Ungeduld des Augenblicks, wo die Vorlesungen in Heidelberg beginnen würden. Es war mir zu Mute, wie acht Jahre zuvor auf der Reise mit meinem Vater in Karlsruhe, wo ich im Hoftheater neben ihm saß und es kaum erwarten konnte, bis der Vorhang endlich aufging. Bisher hatten mich nur Marionetten entzückt, jetzt aber saß ich vor einer wirklichen Schaubühne und sollte Mozarts Don Juan sehen und hören. Der Abend war herrlich, und er wäre noch schöner gewesen, wenn nicht zu meiner Rechten ein alter Kanzleirat gesessen hätte, der unnötigerweise Furcht hatte, ich könne das Spiel ernst nehmen und Schaden an meiner Gesundheit leiden. Ich begriff ja den Sinn der Handlung nicht und schwelgte glückselig in der Betrachtung der wechselnden Bilder und den süßen Melodien der Musik; darum war es überflüssig, daß der Kanzleirat in steter 108 Sorge mich jedesmal tröstete, so oft eine Scene bedenklich wurde, und mir zusprach: ich solle nicht bange sein, denn alles, was auf der Bühne vorgehe, sei kein wirkliches Ereignis, sondern eitel Blendwerk. Gleich zu Beginn des ersten Aktes, wo der gottlose Kavalier den Gouverneur mit dem Degen niedersticht, und dieser singend das Leben aushaucht, flüsterte mir der Kanzleirat zu: »Aengstige dich nicht, mein Kind, der Stich hat dem alten Manne nichts getan, er stellt sich nur tot.« – So ging es durch die ganze Oper fort, und bei den schönsten Scenen, wo es gehörig Hiebe absetzte, quälte mich der lästige Nachbar mit seinem Zuspruch. – Ja, zuletzt noch beim Aufbruch, nachdem der Bösewicht in den Flammen der Hölle versunken war, mahnte er mich: »Gräme dich nicht, mein Söhnchen, um den Don Juan, ich kenn' ihn persönlich, er ist ein braver Mann und geht jetzt ganz solide nach Hause. Seine Frau wartet auf ihn mit dem Essen, und es ist kein Scheinessen, wie das Geflügel aus Pappe, das ihm sein Bedienter, der Leporello, vorgesetzt hat.« Wie damals in Karlsruhe, stand ich jetzt als Mulus mit heißem Erwarten vor dem Vorhang einer Bühne, doch sollte sich darauf wirkliches Leben abspielen, das fröhliche Burschenleben, und ich selbst mitspielen auf der akademischen Bühne. Sicherlich setzte es dabei Hiebe ab und richtige, wirkliche Hiebe, die mir kein Kanzleirat als Blendwerk ausreden konnte, doch war meine Haut nicht sehr empfindlich, und ich hatte kräftige Arme, mich zu wehren. Auch ist es von der Natur gut eingerichtet, daß die Jugend Schmerzen leichter vergißt, als gute Bissen, die ihr ein gütiges Geschick zwischen hinein auftischt. 109     Der Franzosenlärm 1840. Als ich im Oktober 1840 die Universität besuchte, sah es in der politischen Welt bedenklich aus. Thiers, Louis Philippes heißblütiger Minister, hatte gerade in die Kriegstrompete gestoßen, und die Franzosen verlangten wieder einmal den Rhein als Frankreichs natürliche Grenze. Beim Abschied sah mein Vater ernst darein. »Ich fürchte,« sagte er zu mir, »ehe der Frühling wiederkehrt, marschieren die Rothosen durchs Land.« – Wer hätte es ihnen wehren können? Das Ausfallstor in Straßburg stand offen, ihre Armee galt für die beste der Welt, die schlecht gerüsteten süddeutschen Truppen wären ihrem Anprall nicht gewachsen gewesen. Nach meiner Ankunft in Heidelberg bestellten mich einige alte Schulkameraden auf den Abend in das neue Essighaus, eine Bierwirtschaft in der Plöck. Als ich hinkam, fand ich den Saal gefüllt mit Bürgern und Studenten. Eine Musikbande spielte, und von allen Seiten verlangte man stürmisch das Rheinlied von Becker:     »Sie sollen ihn nicht haben, Den freien deutschen Rhein, Ob sie wie gier'ge Raben     Sich heiser darnach schrein.« Die Poesie dieser »deutschen Marseillaise«, wie sie spöttisch genannt wurde, war herzlich schlecht, aber das Lied gefiel in ganz Deutschland als entschiedene Antwort auf die welsche Herausforderung. Es mußte zweimal gespielt werden und wurde zweimal begeistert gesungen. Andre patriotische Lieder folgten. Wie immer 110 erklang zuerst die klagende Frage: Was ist des Deutschen Vaterland? und hinterdrein: Lützows wilde verwegene Jagd. Befriedigt ging man dann nach Hause. Wir Studenten gaben uns das Wort, in die Armee einzutreten, sobald die Franzosen Ernst machten. Glücklicherweise verrauschte der Lärm bald, wir konnten ungehindert unseren Studien nachgehen. Auch den blödesten Augen war es klar geworden, daß der unruhige Nachbar im Westen noch immer der alte war, bedacht auf Raub und Gloire. Der deutsche Staatenbund, wie ihn der Bundestag in Frankfurt vertrat, sicherte namentlich in Süddeutschland die Grenze nicht. Der nationale Einheitsgedanke, das Verlangen nach einer starken Reichsgewalt unter Mitwirkung des verfassungsmäßig vertretenen deutschen Volks, flammte mit großer Stärke wieder empor. Der Same des deutschen Einheitsgedankens war in den Befreiungskriegen aufgegangen, aber die deutschen Bundesregierungen hatten ihn nach der Besiegung Frankreichs aus allen Kräften niedergehalten und als Hochverrat verfolgt. Nach einem kurzen Erwachen in den heißen Julitagen 1830, wo die Franzosen den Thron der Bourbonen aufs neue umstießen, versank der deutsche Michel wieder in Schlummer. Jetzt erweckte ihn die gewaltige Fanfare von jenseits des Rheins, und von da an ist er wach geblieben. Ein anderes Ereignis des gleichen Jahres erregte weitgehende patriotische Erwartungen: die Thronbesteigung Friedrich Wilhelms IV. von Preußen. Das Heldenland der Blücher und Scharnhorst, der Reformstaat der Stein und Hardenberg, schien seine deutsche Aufgabe vergessen zu haben; fast gleichgültig überließ er die Besorgung der deutschen Angelegenheiten dem Reichskanzler Oesterreichs, dem Fürsten Metternich, dem schlimmsten Feinde des deutschen Einheitsgedankens und verfassungsmäßiger Volksrechte. Man erzählte große Dinge von dem offenen Sinne des eben auf den preußischen Thron gelangten Königs für alles Schöne und Gute, für Kunst und Wissenschaft, und man verglich ihn an Geist und Witz mit Friedrich dem Großen. Seine ersten Regentenhandlungen gewannen ihm das Herz der akademischen Jugend. Gleich 111 nach dem Antritt seiner Regierung erließ er eine Amnestie, die Demagogenhetze hörte auf. Die Burschenschafter verließen die Festungen und Kerker, der alte Arndt, der Liebling der Studenten, erhielt sein Lehramt wieder, und den aus Göttingen vertriebenen, eidgetreuen Professoren Dahlmann und Gebrüdern Grimm überwies er preußische Lehrkanzeln. So war man guter Dinge und hoffte, der König werde sich von Metternichs unheilvollem politischem Systeme lossagen, in Preußen die längstverheißene Verfassung einführen und die Lösung der deutschen Frage in die Hand nehmen. Mit einem Worte, man erwartete eine neue Aera für Preußen und ganz Deutschland; der Zollverein, der bereits unter seines Vaters Regierung eine große Zahl deutscher Staaten in segenbringender Weise wirtschaftlich fester verbunden hatte, schien sie vielverheißend einzuleiten. Es ist bekannt, wie diese Hoffnungen sich nicht erfüllten. An Stelle einer nüchternen Staatskunst führte die Romantik das Ruder des preußischen Staates, und das Schiff trieb rettungslos in die wilden Strudel der Revolution. Die studentischen Bewegungen, die ich in diesem dritten Buche meiner Erinnerungen schildern werde, spiegeln die allgemeine Erregung der Geister, namentlich im Süden Deutschlands, getreu wieder. 112     Der Fuchs. Die Vorlesungen begannen in der zweiten Hälfte des Oktobers. Am 19. November wurde ich von dem Prorektor der Universität, dem Professor der Theologie Karl Ullmann, mit feierlichem Handschlag in die Matrikel der Ruperto-Carola aufgenommen. Als ein unschuldiges Füchslein lebte ich zunächst nur meinem Studium. Punkt 8 Uhr morgens war ich regelmäßig auf dem Weg zur Anatomie. Ich trug einen braunen Flausrock, auf dem Haupt eine leichte Mütze, um den Hals eine lange seidene Binde, breit und hoch geschlungen, und in der Rechten den Stolz des Füchsleins, eine lange, fast auf den Boden reichende, dampfende Tabakspfeife. Das Rauchen bekam mir nicht gut, aber ich rauchte doch, nicht um des Tabaksdampfes und seines Duftes willen, sondern einzig der Tabakspfeife selbst wegen, sie war das Abzeichen des freien Musensohns:     »Knaster, den gelben Hat uns Apollo präpariert, Und uns denselben     Rekommandiert.« Der Studiosus trug die Tabakspfeife bald kurz bald lang, das Füchslein möglichst lang, der Korpsstudent mit Quasten in den Farben seiner Verbindung. Je »krasser« der Fuchs, d. h. je kürzer zuvor er von der Schule abgegangen war, desto größer die Lust, wie die olympischen Götter auf dem Wolkensteg, mitten in Qualm und Dampf der Tabakspfeife auf der Straße einherzusteigen. 113 Ich bewahre das Konterfei eines Füchsleins aus Westfalen von erschreckender Dünnheit des Leibes, und darum Pips geheißen, eines Mediziners, der stets eine Pfeife trug, die ihm vom Munde bis zum Boden reichte. Er kneipte mit den Schwaben, weil einige seiner Landsleute diesem Korps angehörten. Auf dem Bild ist er in ganzer Figur von vorn dargestellt. Man sieht unter dem Schild der Studentenmütze seine starke und scharfgebogene Nase mit den angrenzenden Teilen des Gesichts, der übrige Körper ist versteckt hinter dem dicken langen Pfeifenrohr mit den großen Quasten, dem riesigen Porzellankopf, dem Wassersack, und den mächtigen Dampfwolken. Nur in der Mitte des Pfeifenrohrs bemerkt man die Hände, die es umklammern, und neben dem Wassersack auf dem Boden die Fußspitzen, die seitlich davon hervorschauen. Der gute Pips! Er überlebte die ärmlichen Freuden seiner Burschenzeit nicht lange; auf seinen Wangen blühten schon die Rosen der beginnenden Auszehrung. Er wäre unsäglich gern ein flotter Korpsstudent und Mensurheld geworden, aber er hatte nicht die Kraft, den Schläger zu schwingen. Um seinen guten Willen zu ehren, erlaubten ihm die Schwaben, ihre »Renoncenfarben« zu tragen, er kaufte sich zu seiner Pfeife die größten schwarzgelben Quasten, die er auftreiben konnte. – Das arme Kerlchen fühlte sich nur wohl in Gesellschaft der stärksten und am meisten gefürchteten Schwabenburschen, es strömte ein Kraftgefühl von diesen »Haupthähnen« auf den Pips aus, das ihn glückselig machte. Die Wände der Studentenzimmer – Buden genannt – waren häufig mit Tabakspfeifen jeder Größe und von mancherlei Stoff und Gestalt behangen, außerdem mit Hiebwaffen, namentlich Schlägern, und mit Bändern in den Farben der Verbindung, sowie zahlreichen Silhouetten, auch einzelnen Steindruckbildern von Freunden und Bekannten. Der Verbrauch von Zigarren stand hinter dem von Varinas und Kanaster, in Rollen zum Rauchen aus der Pfeife, weit zurück. Die Vorliebe der akademischen Jugend für die Tabakspfeife hatte in Heidelberg einem Zweige der Porzellanmalerei zu hoher Entwicklung verholfen und ihn lohnend gemacht; es gab Künstler auf 114 diesem Gebiete, die auf den Pfeifenköpfen vortreffliche Kopien berühmter Gemälde lieferten, namentlich aber mit dem Einzeichnen von Wappen und Zirkeln der Verbindungen und den Namen der Mitglieder viel Geld verdienten. Man beschenkte sich gegenseitig zum Andenken mit solchen Pfeifenköpfen. – Das Wirtshaus zur Molkenkur ist die Schöpfung eines Pfeifenmalers Namens Wagner. Das Pfeifenrauchen erzeugte in Heidelberg auch einen besonderen Handelszweig, den Binsenhandel. Das durchaus notwendige, häufige Reinigen der Pfeifenrohre ließ sich am besten mittelst sog. Binsen ausführen. Man besorgte das garstige Geschäft ungern selbst und überließ es, wie auch das Anrauchen der Pfeifenköpfe, das den Magen stark angreift, am liebsten den Herrendienern, von den Studenten Stiefelfüchse genannt, denen das Wichsen der Stiefel und das Putzen der Kleider oblag. – Unter Binsen verstand man die langen und steifen Halme einer hohen Grasart, der Molinia coerulea , die auf den Berghalden um Heidelberg in Menge wächst. Mit eigentlichen Binsen haben diese Grashalme wenig gemein. – Den Handel damit betrieb ein Mensch von kretinischem Aussehen, aber spekulierendem Sinn, der auf dem Schloßberg Haus und Familie besaß. Er schnitt und sammelte die reifen Halme, trocknete sie vollends, band sie zu Büscheln, brachte und verkaufte sie den Pfeifenrauchern in den Wirts- und Privathäusern. Er reiste sogar mit seiner Ware und war an vielen deutschen Universitäten als Heidelberger Binsenbub bekannt. Da er sich beschränkter stellte, als er war, so galt er bei den Musensöhnen für das Urbild geistiger Beschränktheit, und man nannte »Binsenwahrheiten« solche, die sogar der Binsenbub verstand. Der Ausdruck ist aus der Studentensprache in die Schriftsprache übergegangen, seine Herkunft dürfte vergessen sein. Nach dem Tode Binsenbubs I übernahm sein jüngerer Bruder Binsenbub II das Geschäft. Er war das Zerrbild des Gründers dieser Dynastie und überbot ihn weit an groteskem Benehmen. Als die Tabakspfeife in den fünfziger Jahren mehr und mehr der Zigarre wich, und der Binsenhandel nicht mehr rentierte, versuchte er es mit Blumensträußchen und überreichte sie in Gasthöfen, 115 öffentlichen Gärten und an den Bahnhöfen namentlich reisenden Damen unter lächerlichen Grimassen und Verbeugungen. Nachdem auch diese Heidelberger Berühmtheit das Zeitliche gesegnet hatte, besorgte noch durch eine Reihe von Jahren den Vertrieb von Blumensträußchen eine zwerghafte weibliche Person, der es jedoch nicht gelang, sich die Gunst der Reisenden wie ihr männlicher Vorgänger zu erringen. Die lithographische Kunst hat den Binsenbuben und einige andere sonderbare Figuren des alten Heidelbergs im Bilde aufgenommen, und die Altertümer-Sammlung im Schlosse bewahrt es der Nachwelt auf. Diese darf dafür doppelt dankbar sein, da die Gegenwart, wie es scheint, darauf verzichtet hat, an Stelle der alten Originale neue zu liefern. Auf dem Schloßberg, wo die Binsenbuben hausten, wohnte die Bergkapelle, drei alte Musikanten, gebückte Gestalten mit Baßgeige, Fiedel und Klarinette, die in den Bierhäusern aufspielten. Als ich von der geliebten Musenstadt und meinen Freunden scheiden mußte, ließen wir sie zu uns kommen, sie spielten mir zum letztenmal die fröhlichen Studentenweisen. Von den vielen kuriosen Gestalten war die wunderlichste der Hofrat Diehl, ein alter, angeblich durch das Lesen unverdauter philosophischer Schriften übergeschnappter Knopfmachergeselle, die Studenten tauften ihn Hofrat, und von da an hieß er stets der Hofrat Diehl, auch einfach der Hofrat. Er stand mit der studierenden Jugend auf dem Fuße des Kommilitonen und diskutierte mit ihr am Biertisch im gewähltesten Hochdeutsch über wurstliche und bierliche Prinzipien. Die Unterhaltung wurde sehr lebhaft, aber ernst geführt. – Die Studenten hatten ihm ein großherzoglich hessen-darmstädtisches Hofratsdiplom ausgefertigt und ihn veranlaßt, nach Darmstadt zu reisen, um sich bei Hofe untertänigst zu bedanken. Der Beamte, an den man ihn zunächst in Darmstadt wies, erkannte den Geisteszustand des verdrehten Philosophen, man versah den armen Hofrat mit dem nötigen Reisegeld und schickte ihn wieder nach Heidelberg zurück. Endlich sei noch des roten Fischers gedacht, der gleichfalls 116 häufig abgebildet wurde, ein großer, starker, ehemaliger Fischer, mit rötlichem Haar und rotbraunem Gesicht, ein Bramarbas, der auch im Winter mit aufgeschlagenen Hemdärmeln ging. Er hatte sich den Korps fast unentbehrlich gemacht, stellte bei den Mensuren die Wachen gegen Ueberfälle durch die Pedelle auf und sorgte für die nötige Vorbereitung bei Kommersen und Ausfahrten. Auch war ihm bei Kommersen ein stereotyper Trinkspruch vorbehalten: »auf die Herren Füchse und das weibliche Geschlecht!« – Die Tabakspfeifen sind heute von den Straßen verschwunden, das Tabakrauchen ist geblieben. Neben dem Bier ist das Schmauchkraut der mächtigste Götze der Deutschen, ihm huldigt der Millionär und der Proletarier, vor ihm hat im Kampf um das Monopol Bismarck sogar die Waffen gestreckt. 117     Die Burschenwelt. Der Handschlag des Prorektors hatte mich zum akademischen Bürger, zum freien Burschen gemacht; nicht länger mehr durch Schulzwang, sondern freier Herr meiner Kraft sollte ich von nun an selbst meine Zukunft schmieden. Ich trat in eine neue Welt. Inmitten der Alltagswelt der Philister hatte sich der deutsche Student eine eigene geschaffen, die Burschenwelt mit eigentümlichen Sitten und Gebräuchen, Festen und Waffen, Liedern und Melodien, ja mit eigener Sprache. Man hatte ihm zwar das Recht genommen, farbige Bänder um Brust und Mütze zu tragen, aber auch die einfarbige Mütze wußte er so zu richten, daß man aus ihr und dem leichten Gruß, womit er dem Kommilitonen über die Straße zunickte, den Musensohn sofort erriet. Wie diese Welt entstand, war in Dunkel gehüllt. Auch heute weiß, so viel mir bekannt, niemand zu sagen, wie und wann der Fuchsenritt und das Fuchsbrennen aufgekommen sind, das Kommersieren beim Schlägerklang, die prächtige Melodie des Landesvaters, und der feierliche Schwur beim Durchbohren der Mütze.     »Ich durchbohr' den Hut und schwöre, Halten will ich stets auf Ehre, Und ein braver Bursche sein.« Und immer noch ist der Student erfinderisch in neuen wunderbaren Bräuchen. Um die Mitte des Jahrhunderts ersann er zum Trinkspruch bei dem Bierkrug, dem der helle, fröhliche Klang des 118 Weinglases beim Anstoßen abgeht, das donnernde Exercitium des Salamanders, aber wer es ersann, und wo und wann der erste Salamander gerieben worden, die Gelehrten haben es nicht ergründet. Trotz unaufhörlichen Wechsels der Burschengeschlechter hat diese Welt einen festen Bestand. Alte Sitten und Sprüche, Melodien und Lieder vergehen und neue kommen, das gaudeamus aber wird niemals untergehen. Und damit die Burschenwelt auf festem Grunde durch alle Zeiten treibe, hat sie sich den Komment geschaffen, eine Verfassungsakte und ein Gesetzbuch zugleich, nach dessen Richtschnur sie Freiheit und Ehre wahrt, die Waffen wählt und führt, und den Humpen hebt und leert. Als Hieb-, Verrufs- und Trinkkomment scheiden sich die sorglich bestellten Teile dieses, mit den ehrwürdigen leges barbarorum germanischer Urzeit wetteifernden Gesetzbuchs. Die Seele des Burschenlebens, ohne die es unterginge, sind die Verbindungen. Man hat sie auf Tod und Kerker verfolgt, immer sind sie, kaum vernichtet, wieder erstanden. Der Trieb unsrer Jugend, an den Hochschulen sich in Brüderschaften zusammenzuschließen und für einander fest und treu einzustehen, muß im deutschen Blute liegen. Die Jünglinge lieben farbige Abzeichen, und das Band, das ihre Brust umschlingt, ist das Symbol der innigen Vereinigung, die dem einzelnen die gesammelte Kraft der Brüder zur Verfügung stellt. Wie der Bund dem einzelnen Stärke verleiht, so sichert die vereinte Macht der Verbindungen dem Burschentum kräftigen und dauernden Bestand. Und so lange der Student Ehre und Vaterland auf seine Fahne schreibt, wird die deutsche Nation unter den Völkern in Ehren bestehen. Ein verlockender Zauber schimmert auf dieser romantischen Welt. Unzählige Jünglinge voll Lebensmut und Tatenlust hat er gefesselt, und wer den wirbelnden Reigen auf sicheren Beinen mittanzt, wird weder Reue noch dauernden Schaden davon tragen. Ein goldner Schatz heitrer Erinnerungen begleitet ihn durch die wechselnden Schicksale des Lebens. 119     Die Studentenschaft der Ruperto-Carola bis 1840. Drei Monographien haben sich mit der Geschichte der Heidelberger Studentenschaft des 19. Jahrhunderts befaßt. – Heyck hat ihr Treiben im Beginn des Jahrhunderts geschildert (Heidelberg, Winter, 1886). – Die Korps ließen zur Feier des 500jährigen Jubiläums der Universität 1886 eigene Annalen im Selbstverlage drucken. – Zuletzt hat E. Dietz die Geschichte der Burschenschaft geschrieben (Heidelberg, Petters, 1895). Als Karl Friedrich von Baden 1803 – damals Kurfürst, seit 1806 Großherzog – die Universität in Heidelberg als Regent übernahm, war die altehrwürdige Stiftung des Wittelsbachers Ruprecht I. von der Pfalz (1386) dem Untergange nahe. Unter der langen Regierung des ganz in die Schlingen der Jesuiten gefallenen Kurfürsten Karl Theodor (1742–1799) war sie mehr und mehr in Verfall geraten, und 1801 hatte sie der Friede von Lunéville ihrer Gefälle und Besitzungen links vom Rhein, und damit ihrer Einkünfte, fast ganz beraubt. Karl Friedrich gab ihr aufs neue die finanziellen Mittel zu gedeihlichem Bestehen, berief ausgezeichnete Professoren an Stelle der alten unbrauchbaren und drang nachdrücklich auf die Verbesserung von Geist und Sitten ihrer Schüler. Er wurde der Neubegründer der Hochschule. Sie blühte prächtig empor, und die Zahl ihrer Studierenden nahm rasch und beträchtlich zu. – Mit Recht verbindet die dankbare Universität den Namen ihres Stifters mit dem ihres Wiederherstellers und nennt sich seitdem Ruperto-Carola . Ein schlimmer Geist herrschte unter den Studierenden, als der neue Regent die Reform der Hochschule ins Werk setzte. In geheime 120 Orden und Landsmannschaften geteilt, überboten sie einander in rohen Ausbreitungen, Duellen und Prügeleien, die akademische Freiheit verwechselnd mit Ziellosigkeit. Karl Friedrich trat dem wüsten Treiben mit scharfen Erlassen entgegen, doch hätten diese allein wenig ausgerichtet, wenn nicht die besseren Lehrer und Einrichtungen der Universität auch bessere Schüler nach Heidelberg gebracht hätten. Sie kamen aus ganz Deutschland und besaßen oder gewannen eine richtigere Einsicht in Wesen und Zweck des akademischen Studiums, in die sittlichen und nationalen Aufgaben der Universitäten. Ein kräftiger Drang zur Reform brach damit auch in dem Verbindungswesen durch. Dieses bessere Streben fand seinen ersten Ausdruck in der Gründung der Korps, die sich an Stelle der Orden und Landsmannschaften bildeten. Sie bedeuteten einen wirklichen Fortschritt im Verkehr der Studenten unter sich und mit der Außenwelt, indem sie nicht bloß das Holzen, wie man die Prügeleien nannte, sondern jede tätliche Beleidigung der Kommilitonen unter sich strenge verdammten und die kommentmäßigen Grenzen der wörtlichen Beleidigung scharf feststellten. Im Fall die Beleidigung eine »Satisfaktion« durch die Waffen erheischte, so regelte der Komment genau die Wahl der Waffen und die Art ihrer Führung. – Die Regierung verkannte das Löbliche dieser Bewegung, sie sah in den Korps nichts als die alten, gänzlich verrohten Landsmannschaften unter neuem Namen und schritt auf das schärfste gegen sie ein. Um sie gleich im Beginn ihrer Gründung sicher zu vernichten, ließ die Behörde 44 Studierende auf einmal relegieren, ohne jedoch ihr Ziel zu erreichen. – Es läßt sich freilich nicht in Abrede stellen, daß die Korps noch in vielen Stücken die Nachfolger der alten Landsmannschaften waren, wie sie denn anfangs auch die Aufnahme ihrer Mitglieder von deren Heimat abhängig machten. Die Befreiungskriege brachten neue Gedanken und Ziele in das deutsche Verbindungswesen. Viele Jünglinge hatten den Krieg mitgemacht. Sie kamen als feurige Patrioten an die Universitäten zurück, das Treiben der Korps befriedigte sie nicht, ihre Blicke gingen über die landsmannschaftlichen Grenzen hinaus in das weite, gemeinsame Vaterland. Sie wollten nicht mehr Schwaben und Westfalen oder gar Cimbern, Heruler und Vandalen sein, sondern deutsche 121 Burschen, und darum gründeten sie die deutsche Burschenschaft mit dem Wahlspruch: Ehre, Freiheit und Vaterland. Es bleibt das unsterbliche Verdienst dieser alten Burschenschaft, den Einheitsgedanken, den die französische Zwingherrschaft bei den Besten der Nation geweckt hatte, treu gepflegt und in alle Gauen getragen zu haben. Haben auch tolle Fanatiker sich bis zum Verbrechen hinreißen lassen, ihre Verirrungen mindern den verdienten Ruhm der deutschen Burschenschaft nicht. Auch in Heidelberg erstand eine Burschenschaft, die bald mehr Mitglieder umfaßte, als alle Korps zusammen. Da geschah 1819 Sands unsinnige und unselige Tat. Er gehörte der Burschenschaft in Jena an, und war von da über Heidelberg nach Mannheim gegangen, um einen frivolen Lustspieldichter als gefährlichen Feind des Vaterlandes mit dem Dolche niederzustoßen. Es mag unglaublich erscheinen, der Mörder erregte weit mehr Teilnahme als sein Opfer, namentlich bei den Frauen und Jungfrauen der Pfalz. Sie schmückten das Bild des blondgelockten, schlanken Jünglings in der kleidsamen Burschentracht, der sein junges Leben dem Scharfrichter hingeben mußte, mit Immortellen und hingen es auf im verschwiegenen Schlafgemach. Auch Splitter des Schafotts, worauf der beschränkte Schwärmer geendet, wurden als kostbare Reliquien aufbewahrt. Das Schafott wurde Eigentum des Heidelberger Scharfrichters, der ihn enthauptet hatte und es beim Bau eines Gartenhäuschens verwendete, das noch heute in den Weinbergen links am Weg, der von der Rohrbacher Straße nach Speierers Hof führt, zur Tiefe herabschaut. Auch dieses Andenken ist jetzt verschwunden. Das Verbrechen Sands zog als unmittelbare Folge die Karlsbader Beschlüsse nach sich; sämtliche Verbindungen, Burschenschaft und Korps wurden aufgehoben, aber trotz Bundes- und Landesverbots bestanden sie mit zeitweiligen Unterbrechungen fort. Kamen landesherrliche Kommissäre nach Heidelberg, um nachzusehen, so lösten sich die Verbindungen auf, reisten die Kommissäre nach Karlsruhe zurück, so taten sich die Verbindungen sofort wieder zusammen. – Burschenschaft und Korps bewahrten ungeachtet häufiger Zwistigkeiten 122 ein kommentmäßiges Benehmen gegen einander, faßten auch wohl in allgemeinen studentischen Angelegenheiten gemeinsame Beschlüsse. So blieb es bis zur Julirevolution 1830. Die große Aufregung, die sie in Deutschland hervorrief, wurde gefährlich für die Burschenschaften. Die Heidelberger beteiligte sich als Körperschaft im Mai 1832 an dem Hambacher Feste, dessen Teilnehmer als Aufwiegler und Hochverräter in Untersuchung gezogen wurden. Einige ihrer Mitglieder halfen sogar im April 1833 bei dem Frankfurter Attentat die Hauptwache stürmen. Danach brachen schwere Zeiten herein. Die bloße Teilnahme an der Burschenschaft war Hochverrat. Viele ihrer Mitglieder flüchteten über die Grenzen, selbst über das Weltmeer, andere büßten den Rausch der Jugend mit langer Kerkerhaft. Die preußische Regierung verhängte sogar Todesstrafe, teils auf dem Rade, teils durch Enthauptung, aber vollzog sie nicht. In Baden ließ man es bei leichter Haft in der sog. Festung Kißlau bei Bruchsal bewenden. Seitdem blieb die Burschenschaft in Heidelberg unterdrückt; jeder Versuch, sie neu aufzutun, zog unfehlbar die Relegation nach sich. Auch die Korps waren anfangs streng verboten und fristeten ein kümmerliches Dasein, wurden jedoch nach wenigen Jahren stillschweigend geduldet, nur durften sie öffentlich keine Farben tragen. Die ganze Universität mußte für die Sünden der Burschenschaft büßen, mit ihr die badische Schwesteruniversität in Freiburg. Die preußische Regierung verbot 1833 den Besuch beider als Hochschulen der Demagogie. Die Zahl ihrer Studierenden sank bedeutend. In Heidelberg waren drei Korps aus Mangel an Leuten sofort gezwungen, sich aufzulösen. Erst 1839 nahm Preußen sein Verbot zurück. Am 1. April 1840 zeigten die Korps bei der feierlichen Bestattung des Professors Thibaut, daß sie von neuem bedeutend erstarkt waren. Sie veranstalteten dem hochverehrten Lehrer einen großartigen Leichenzug, wie ihn Heidelberg nie gesehen, und die gesamte Studentenschaft fügte sich willig ihrer Leitung. Mit dem ganzen Pompe studentischer Aufzüge bewegte er sich durch die Straßen. Ich war im letzten Jahre Lyceist, tief ergriffen sah und bewunderte ich den Glanz und die Herrlichkeit des Burschentums. 123     Das Schwabenkorps. In den ersten Wochen des Semesters lebte ich ausschließlich meinem Studium, saß untertags in den Hörsälen oder dem anatomischen Präpariersaal und abends auf meiner Bude hinter den Büchern, – kurz gesagt, ich war, was der flotte Bursch ein richtiges Kamel nannte. Auf die Dauer jedoch war ich zum Einsiedler nicht geschaffen. Einer meiner früheren Schulkameraden redete mir eines Abends zu, ihn auf die Schwabenkneipe zu begleiten; er war Mitkneipant des Korps geworden. Die Korps gewährten unbescholtenen Studenten die Gunst, gegen einen mäßigen Beitrag ihre Kneipe und ihren Fechtboden zu besuchen, sich auf diesem im Schlagen zu üben, sicherten ihnen außerdem Schutz und bei etwaigen Ehrenhändeln Waffen und Sekundanten zu. Besondere Verpflichtungen übernahm der Mitkneipant nicht. Ich folgte der Einladung, um mir die Gesellschaft anzusehen, wenn sie mir nicht gefiel, so brauchte ich nicht wiederzukommen. Die Suevia war das älteste Korps in Heidelberg. Es bestand seit 1810 und besteht noch heute. Auch hatte es seit einer langen Reihe von Jahren dieselbe Kneipe in Miete, ein großes Lokal in bester Lage der Stadt an der Hauptstraße gegenüber der Winterschen Buchhandlung, in der nunmehr eingegangenen Brauerei zur alten Pfalz, zwischen Hauptstraße und Ludwigsplatz. Die Kneipe war, wie alle Korpskneipen jener Zeit, sehr einfach eingerichtet, sie hatte nur Tische, die in Hufeisenform aneinander gereiht standen, und ungefähr 40 Holzstühle. Die Wände waren mit Bildern behangen, teils mit, teils ohne Rahmen, meist Lithographien: Porträts alter Schwaben oder Aufnahmen des ganzen Korps, auch Darstellungen des 124 Burschenlebens und mancherlei Scherze anderer Art, wie die vom Roehrle und Hansjörgle (s. S.  87 und 99 ). Eigene Klubhäuser, wie sie die Verbindungen heute besitzen, gab es nicht. Die Kneipe war an diesem Abend stark besucht, die Gesellschaft sehr aufgeräumt, und ich unterhielt mich gut. Namentlich gefiel mir mein Nachbar, der Stud. jur. Karl Wieland aus Karlsruhe. Er stand schon im vorletzten Semester und war nur noch »passives« Mitglied der Verbindung; er sprudelte geradezu von neckischen und witzigen, mitunter bizarren Einfällen, seine Augen blitzten von munterem Feuer, auf der linken Wange trug er eine kurze, aber tiefe Hiebnarbe. Wir wurden gute Freunde. Ein Jahr nachher machte er sein Staatsexamen und brachte es im Laufe der Jahre bis zum Senatspräsidenten am Oberlandesgericht in Karlsruhe, wo der liebenswürdige und geistreiche Mann 1884 starb. Da es mir bei diesem Besuche in der Suevia wohl gefallen hatte, ließ ich mich als Mitkneipant einschreiben und kam an den drei oder vier vorgeschriebenen Kneipabenden in der Woche regelmäßig als Gast. Die Mitglieder der Verbindung waren fast lauter badische Landsleute, die meisten hatten das Karlsruher Lyceum absolviert. Auch gehörten ihr einige Westfalen und preußische Rheinländer an, weil die Suevia mit dem Korps der Westfalen in Bonn ein Kartell eingegangen hatte, was die Mitglieder dieser Verbindung verpflichtete, wenn sie Bonn mit Heidelberg vertauschten, bei der Suevia einzutreten, wie umgekehrt die Mitglieder dieser in Bonn bei der Guestphalia. Das Bier auf der Schwabenkneipe war leicht und billig; der Schoppen, vier Deciliter, kostete zwei Kreuzer. Es lud oft wenig zum Trinken ein, mitunter bestellten wir es beim Kellner als »ein Glas Gift.« Die neuen Freunde, die ich in der alten Pfalz gewann, rieten mir, in die Verbindung einzutreten. Mein Bedenken, es reiche mein Taschengeld nicht dazu aus, wußten sie zu zerstreuen. In der Tat war das Korpsleben noch billig, auch bei geringen Mitteln konnte man seine Freuden genießen. Bier und Tabak kosteten wenig. Die besseren bayerischen Biere waren freilich teuer, aber sie wurden 125 nur ausnahmsweise getrunken, man fing überhaupt erst an, sie in einzelnen Restaurationen auszuschenken; der Transport aus den Bezugsorten, München, Erlangen und Kulmbach war bei den wenigen fertigen Eisenbahnen noch allzu schwierig und kostspielig. Wein wurde nur bei Ausflügen und beim Stiftungsfest getrunken. Stutzerhafte Kleidung wurde verhöhnt. Der Haarkräusler verdiente bei den Musensöhnen noch wenig, nur ausnahmsweise an Ballabenden, machte er bessere Geschäfte; der Student ordnete sein Haar mit eigener Hand, und viele trugen es lang. Man hatte noch keine besonderen Kneipröcke und saß am liebsten, wenn es die Wärme im Sommer oder der Ofen im Winter zuließ, zwanglos in Hemdärmeln, viele mit dem bunten Cerevismützchen auf dem Haupt, die Korpsburschen mit dem Band um die Brust. Die Mitkneipanten mußten sich mit der einfachen schwarzen Mütze begnügen, die Renoncen oder Korpsfüchse hatten das Anrecht auf die Farben schwarz und gelb an Mütze und Pfeifenquasten, nur der Korpsbursch war berechtigt, in stolzer Würde das Band mit den drei Farben schwarz gelb weiß zu tragen. Die heute bevorzugte gelbe Mütze kam erst in den letzten Jahren meiner Studienzeit auf. – Um elf Uhr trat der Pedell, Pudel genannt, in die Kneipe und gebot Feierabend. Er nahm keine Notiz von den farbigen Abzeichen, denn die Korps waren, obwohl verboten, von den Behörden geduldet; auch bei öffentlichen Aufzügen prangten die Korps in ihren Farben. So wagte ich es denn, noch vor Abschluß des Jahres 1840 um Aufnahme in die Verbindung einzukommen. Senior war der nachmalige badische Minister Rudolf von Freydorf, er nahm mich unter die Renoncen des Korps auf, und man erwartete, daß ich als braves Schwabenfüchsle möglichst bald die Mensurprobe ablegen werde. Ich übte mich fleißig auf dem Fechtboden, dessen Besuch Füchsen und Burschen zur heiligen Pflicht gemacht war. In kurzer Zeit war ich mit der Führung des Schlägers hinreichend vertraut, lernte auch etwas Säbel schlagen. Nachdem ich meine Tapferkeit an den Tag gelegt, wurde ich im Sommer 1841 unter die Burschen aufgenommen. Jetzt gehörte ich zu der studentischen Ritterschaft, worin Prinzen und Barone, Beamten und Bauernsöhne einander als freie 126 und gleiche Burschen ehrten; auf die »obskuren Kamele«, die sich kein farbiges Band im Turnier erstritten, sahen wir mitleidig, viele mit Verachtung herab. Das Schlägerschlagen kräftigt den Arm, der die Waffe führt, aber die Muskeln des übrigen Leibs haben wenig Nutzen davon. An den drei Universitäten Jena, Erlangen und Würzburg hatte noch vor kurzem der Stoßkomment gegolten, die Mensuren wurden mit dem Stoßdegen, Pariser genannt, ausgefochten, man hatte sich deshalb dort auf dem Fechtboden mit Stoßrappieren eingeübt. Diese Uebungen im Fleuret- oder Stoßfechten nehmen weit mehr die gesamte Muskulatur in Anspruch, als die mit dem Schlägerrappier, und machen den Leib gewandter, aber die Mensur auf Pariser ist weit gefährlicher, als die auf Schläger. Die spitze Klinge des Parisers drang leicht in die Lungen, der Verletzte warf Blut aus und wurde nur zu oft siech und schwindsüchtig, wenn er nicht gar tot auf dem Platze blieb. Die Regierungen hatten lange vergeblich versucht, diese gefährlichen Paukereien aus der Welt zu schaffen; sie waren glücklich, als die Studenten endlich selbst den Stoßkomment mit dem minder bedenklichen Hiebkomment vertauschten. Auf dem Fechtboden wurden die Füchse streng ermahnt, nicht bloß hauen, sondern auch parieren zu lernen. Geholzt sei nicht gefochten. Die Aufgabe eines guten Schlägers sei die, den Gegner zu zeichnen, aber man solle sich nicht zeichnen lassen. Es sei eine Schmach, wenn das Paukbuch, worin das Korps die sämtlichen von ihm ausgeteilten und empfangenen »Schmisse,« d. i. Wunden, eintrug, am Ende des Semesters eine Unterbilanz zeige, und die Suevia vielleicht sogar eine Reihe von »Abfuhren« erlitten habe. »Abgeführt« war der Paukant dann, wenn er infolge der Verwundung den Kampf aufgeben mußte. – In dem besseren Parieren, vielleicht auch in der damals üblichen verhängten Auslage, die das Parieren leichter machte, mag die Ursache zu suchen sein, daß die greulichen Verunzierungen des Gesichtes, wie sie heute so häufig sind, damals seltener vorkamen. Neben dem Pauken spielte das Kommersieren eine wichtige Rolle im Leben des Korpsstudenten. Die Verbindung kommersierte unter sich oder bei dem Antritts- oder Abschiedskommers der Korps mit 127 allen andern zusammen, lud auch wohl befreundete ein oder wurde von diesen eingeladen. Das höchste Fest der Verbindung war der jährliche Stiftungskommers, der auswärts abgehalten wurde. Ein »solenner« Schmaus leitete ihn ein, und das edle Getränk des Bacchus floß in Strömen. Ehe die Feier begann, sorgten erfahrene Männer für die unentbehrliche Totenkammer, ein abgelegenes, mit gutem Stroh belegtes Asyl für die Abgefallenen. Es galt für ungehörig, sich vor dem Landesvater seiner vollen Burschenwürde zu begeben, aber nachher weder für schimpflich noch für unerläßlich. Den Preis errangen die starken Zecher, die bis zum Morgengrauen fort pokulierten und das nächtliche Werk mit tollem Unfug krönten. – Bei einem Stiftungskommers in Schwetzingen, im Dezember 1840, endete das Fest mit dem Zertrümmern des Hausgeräts, was nicht niet- und nagelfest war. Der Gastwirt nahm die Verwüstung gelassen hin. Er wußte, wie die Herren es hielten, und hatte vorgesorgt. Was Wert besaß, war aus dem Weg geschafft und allerlei Gerümpel von schadhaften Tischen und Stühlen, blinden Spiegeln und ausgedienten Gläsern und Schüsseln in die bedrohten Räume gebracht worden. Auf der Rechnung erschienen die Geräte als neu zu vollem Werte angesetzt. – Was blieb übrig? Man mußte die hohe Zeche begleichen und zog aus ihr die Lehre, in Zukunft auf den kostspieligen Schlußakt zu verzichten oder es doch billiger bei einigen zerschlagenen Flaschen und Gläsern bewenden zu lassen. Viel Vergnügen gewährten den Musensöhnen die »Spritzfahrten« in die schöne Umgebung. Unter »Spritzen« verstand der Student Lohnkutschen zum Selbstkutschieren. Besonders gefielen sich die Füchse als Rosselenker. Glücklicherweise erwiesen sich die gutmütigen Klepper auf der Heimfahrt in der Regel klüger und zuverlässiger als die angeheiterten Jünglinge auf dem Kutschbock. Aber zu festlichen Aufzügen war die Spritze nicht schicklich. Dazu brauchte man Kutscher in Gala, stolze Landauer und gute Pferde mit feinem Geschirr. Gegen Schluß meines zweiten Semesters gab die Suevia einem scheidenden Ehrenmitgliede ein feierliches Geleite, ein Komitat. Der verdiente Veteran, stattlich und wohlbeleibt, Hamster genannt, war um seines gesunden Verstandes und glücklichen Humors willen der Verbindung doppelt wert und teuer. Vierzig bis fünfzig Freunde 128 zu Pferd und Wagen bewegten sich mit dem »alten Hause« in festlichem Aufzug durch die Straßen, es war eine Auffahrt wie aus den Tagen von Louis XV., die Teilnehmer in herkömmlicher Weise großenteils kostümiert in der eleganten Tracht jener Zeit. Wie ein Souverän unter seinen Getreuen nahm der Gefeierte den Hintersitz eines Sechsspänners ein, ihm gegenüber zwei Füchslein prächtig ausstaffiert als » Chapeaux d'honneur «, in Vierspännern folgten die »Chargierten«, in Zweispännern die übrigen. Was der Student bei solchen Gelegenheiten brauchte an Federhüten und Tressen, Jabots und Manschetten, Schärpen, seidenen Kniehosen und zierlichen Degen, hielten die Trödler in gutem Stande bereit. Wir fuhren nach Schriesheim, wo ein Mahl gerichtet war, nahmen gebührend Abschied und – brachten den Freund mit sinkender Sonne wieder nach Heidelberg in die alte Pfalz zurück. Das Biertrinken hatten die Korps in die feste Ordnung des Bierkomments gebracht. Der Senioren-Konvent setzte halbjährlich ein Vorgericht ein, das die Korps mit Richtern beschickten. In meinen letzten Semestern behandelten wir in der Suevia diesen »Bierhock« als einen abgestandenen Scherz, in den ersten aber war noch streng auf Vor- und Nachtrinken nach der Ordnung des Bierkomments gehalten worden. Obwohl ich sein Lobredner nicht sein möchte, so zwingt mich doch mein gerechter Sinn, anzuerkennen, daß er unter besonderen Umständen die gute Sitte in Kraft erhielt und sicherte. Einer der alten Herrn, als gefährlicher Schläger von den Feinden, als großer Schreier in der Kneipe gefürchtet, ließ seine Freunde oft nicht zu Worte kommen. Trieb er es zu arg, so ermahnten sie ihn, seine Stimme zu mäßigen, widrigenfalls man ihn zu Boden tränke. Er war ein starker Mensch, aber das Biertrinken vertrug er schlecht. Beachtete er die Warnung nicht, so wurde er unbarmherzig mundtot gemacht. Ein wohlgeeichter älterer Korpsbruder trank ihm 2 Schoppen vor, einen »Doktor«, die er, gehorsam dem Komment, nachtrinken mußte, und stellte ihm, falls ihm diese Bierpromotion nicht genüge, die höchste mit 4 Schoppen zum Bierpapst in Aussicht. Die zwei genügten jedoch. Wehklagend bezwang er sie, nach dem zweiten neigte er das Haupt, kreuzte die Arme, legte die Stirne auf den Tisch, schlief und – schwieg. 129     Korpsbrüder. Mit tiefer Wehmut mustere ich die lange Reihe der 44 Korpsburschen, die von 1841 bis zum Herbst 1844 der Suevia mit mir angehörten. Ihre Namen sind mit dem Korpswappen auf einem riesigen Pfeifenkopf eingebrannt, den mir stud. jur. Edmund Kamm aus Karlsruhe verehrte. Von den 44 atmen nur noch zwei im rosigen Licht, auch der liebenswürdige Geber dieses Andenkens ist in das dunkle Reich des Todes hinabgestiegen. Er starb 1895 als Präsident des Konstanzer Landgerichts. » Ubi sunt, qui ante nos in mundo fuere? « Wo sind, die aus dieser Welt Sind vor uns geschieden? ( Gaudeamus ) Von den zwei Ueberlebenden bin ich der eine. Der andere ist Wilhelm Pleikart, Freiherr von Gemmingen, Oberstkammerherr des Großherzogs Friedrich von Baden. Die meisten meiner ehemaligen Korpsbrüder haben es zu geachteten Lebensstellungen gebracht, mehrere zu hervorragenden, einige sind leider frühe gestorben oder verdorben. In weiteren Kreisen machten sich bekannt Rudolf von Freydorf, der mich ins Korps aufnahm, Hermann von Hillern, Gemahl der Dichterin Wilhelmine von Hillern, gestorben 1882 als Präsident des 130 Landgerichts in Freiburg i. Br., der Chirurg Bernhard Beck, Friedrich Kapp, Eugen Regenauer, Heinrich Lepique, endlich Heinrich Goll. Rudolf von Freydorf führte als Student auf der Hirschgasse eine gefährliche Klinge und im Rate der Senioren eine gefürchtete Zunge. Im Jahre 1870 hat er als badischer Minister des Auswärtigen beim Ausbruch des französischen Kriegs seine alte Schlagfertigkeit in den Depeschen bewiesen, die er mit dem Duc de Grammont wechselte. Im Spätherbst 1858 hatte ich mit meinem ehemaligen Senior eine medizinisch-interessante Begegnung beim Schwurgericht in Mannheim, gelegentlich eines Rechtsfalls, wobei er das Amt des Staatsanwalts und ich das des ärztlichen Sachverständigen versah. Ich war damals a. o. Professor der Medizin in Heidelberg und hatte kurz vorher einer Versammlung der deutschen Augenärzte in Heidelberg angewohnt, wo Albrecht von Graefe sein neues Verfahren mitteilte, das akute Glaukom auf operativem Wege zu heilen, und Bericht gab über die damit erzielten Heilungen der schlimmen, das Auge mit Erblindung bedrohenden Krankheit. – Ich erschrak, als mich Freydorf begrüßte; die Pupille seines rechten Auges war weit und starr und blaugrün statt schwarz. Er teilte mir auf Befragen mit, daß er vor kurzem eine heftige Entzündung an diesem Auge gehabt habe, doch sei sie glücklich geheilt, er habe in der letzten Zeit wie früher auch in den Nächten hinter den Akten gesessen, gelesen und geschrieben. Ich verschwieg ihm meine Bedenken nicht, denn ich hielt die Sache für ein mit Erblindung abgelaufenes akutes Glaukom und veranlaßte ihn, nach Heidelberg zu kommen, wo ich ihn einem meiner Bekannten, Dr. Jung, einem Schüler von Graefe und Helmholtz und nachmaligem Professor der Augenheilkunde in Moskau, vorstellte. Eine genaue Untersuchung ergab, daß die Sehkraft des rechten Auges bereits vernichtet war, bei geschlossenem linken Auge vermochte Freydorf mit dem rechten nicht einmal das Licht einer brennenden Kerze wahrzunehmen. Das linke Auge war noch gesund, aber nach wenigen Wochen begann, wie Jung gefürchtet, das Glaukom auch an diesem. Sofort unterzog sich der schwer Bedrohte der Graefeschen Operation; Prof. Franz Chelius führte sie mit vollkommenem Erfolg aus, das Auge wurde 131 gerettet. Freudig bewegt schied Freydorf von Heidelberg mit den Worten: »Gott sei Dank! ich bin mit einem blauen Auge davon gekommen.« Das Ideal eines ritterlichen Korpsburschen ohne Furcht und Tadel war Bernhard Beck, gebürtig aus Freiburg, der Sohn des Professors der Chirurgie Karl Josef Beck und Schüler von Stromeyer, dem Nachfolger seines Vaters. Er hatte in Freiburg das Korps der Rheinländer aufgetan und nur sein letztes Semester in Heidelberg zugebracht. Er ist, von Großherzog Friedrich in den erblichen Adelstand erhoben, als Generalarzt a. D. 1894 in seiner Vaterstadt, wohin er sich zurückgezogen hatte, aus dem Leben geschieden. Unwandelbar treu seinen Freunden ergeben, ist Beck auch mir zeitlebens ein treuer Freund geblieben, obwohl ich, wie ich bald erzählen werde, im Herbst 1844 dem Korps abtrünnig wurde. Er hat mich kurz nachher, an Ostern 1845, auf seiner Heimreise aus den Hospitälern von Paris und Berlin in Heidelberg aufgesucht und ist einige Tage mein Gast geblieben. Vier Jahre vor seinem Tode veröffentlichte er in dem Organ der deutschen Korpsstudenten, den »Akademischen Monatsheften« vom 26. Dezember 1890, seine Lebensbeschreibung und schickte sie mir mit der Widmung: »Dem alten Freunde und Korpsbruder als Neujahrsgruß.« Diese Lebensgeschichte ist ein kulturgeschichtliches Dokument ersten Rangs zur Beleuchtung des studentischen Geistes der deutschen Hochschulen des 19. Jahrhunderts. Nie fand das Korpsleben einen wärmeren Lobredner, als unsern »Bernhard«. Er blieb, wie er sich selbst rühmt, den, »Korpsidealen« seiner Jugend treu bis ans Ende. Das Korpsleben sei, in richtiger Weise genossen und durchgeführt, die beste Schulung des Jünglings auf der Universität und bilde männliche, makellose Charaktere. – Sicherlich besaß Beck eine große Willens- und Arbeitskraft neben einem unbedingten Selbstvertrauen. Er wußte mit seltener Beharrlichkeit als Student seine Zeit so zwischen Studium, Fecht- und Mensurboden einzuteilen, daß er mit vorzüglichen Kenntnissen von der Hochschule abging. Er kam nur an den vorgeschriebenen Abenden auf die Kneipe, trank wenig und rauchte nicht. Er ist mit der Zeit ein abgesagter Feind des Tabakrauchens geworden. Welch 132 ein großer Mensurhahn Beck gewesen, erhellt aus den Worten, die ich in seiner eigenen Fassung getreu wiedergebe: »Noch nicht 21 Jahre alt, hatte Beck, als schneidiger Gegner und fixer Schläger bekannt, 51 Mensuren auf Schläger, Säbel und Pistolen rühmlichst ausgefochten.« Bernhard Beck bewahrte seine Lust am Waffentanz durchs fernere Leben. Er wurde ein gefeierter Militärchirurg. In den Jahren 1848 und 1849 eilte er auf die Schlachtfelder Italiens, wo ihm Radetzky eigenhändig die goldene Verdienstmedaille an die Brust heftete. Als badischer Militärarzt machte er die Feldzüge von 1866 und 1870/71 mit. In der dreitägigen Schlacht an der Lisaine rief ihn eine erschütternde Botschaft zu dem verwundeten Sohne, dem eine Kugel durch beide Oberschenkel gegangen war. Wunderbarerweise hatte sie die wichtigen Nerven und Gefäße, auch die Knochen nicht verletzt. In sieben Feldzügen, erzählt Beck in seiner Biographie, hat er 36 Schlachten und Gefechten, Belagerungen und Blockaden angewohnt. Das eiserne Kreuz I. Klasse und unzählige Orden schmückten seine tapfere Brust. Ein ebenso treuer Freund wie Beck war mir Friedrich Serger, der 1892 als Präsident des Oberlandesgerichts in Karlsruhe starb. Er studierte zuerst in Bonn, gehörte dort dem Korps der Westfalen an und wurde dann Senior der Schwaben. Mit ihm verlor das Land einen seiner besten Juristen und edelsten Männer. Obwohl viele Jahre durch das Weltmeer von Europa geschieden, blieb mir auch Friedrich Kapp aus Hamm in Westfalen in fester Freundschaft verbunden. Er war ein schöner Jüngling, der schönste vielleicht der Hochschule, eine Hermannsgestalt mit goldblondem, das kühne Haupt umwallendem Haar, heiter und frei gesinnt. Er beendigte seine juristischen Studien in Berlin, beteiligte sich 1848/49 an der Revolution und flüchtete dann nach den nordamerikanischen Freistaaten. In New-York errang er sich als Advokat eine unabhängige Stellung, wurde ein genauer Kenner des amerikanischen Rechts, der Geschichte und der wirtschaftlichen Verhältnisse der großen Republik. So ausgerüstet machte er sich als Publizist und Geschichtschreiber einen angesehenen Namen. Von seinen zahlreichen Schriften sind wohl am 133 bekanntesten die Lebensbeschreibungen der deutschen Offiziere, die unter den Fahnen Washingtons fochten, und die Geschichte des Soldatenhandels der kleinen deutschen Fürsten in der schlimmsten Periode deutscher Vergangenheit. Sein Patriotismus führte ihn 1870 nach Deutschland zurück, wo er in Berlin lebte; mehrmals in den Reichstag gewählt, starb er unerwartet rasch 1884. Am 6. Dezember 1897 verschied Eugen von Regenauer, einer der Besten der Suevia. Während des deutsch-französischen Kriegs in den Reichsdienst berufen, bewies er in Elsaß-Lothringen ein großes Geschick zu organisieren und erwarb sich dort große Verdienste um das Steuer- und Zollwesen. Nach Baden zurückgekehrt, wurde er von Großherzog Friedrich zum Präsidenten der Generalintendanz der Zivilliste ernannt, und in den erblichen Adelstand erhoben. Heinrich Lepique, dessen ich später noch gedenken werde, wurde Vorstand der badischen Zolldirektion, Vertreter des Großherzogtums bei den Zollkonferenzen des deutschen Reichs und Gr. Bad. Geheimer Rat. Mein wackerer Freund starb am 22. März 1902. Zum Schluß noch einige Worte über Heinrich Goll, dessen die Biographen Scheffels und Eichrodts wiederholt als eines Bekannten der beiden Dichter gedenken. Er war ein Karlsruher Kind, wie sie, aber einige Jahre älter, hatte die Rechte studiert, wurde jedoch Publizist und versuchte sich auch als Lustspieldichter. Er war eine Falstaffnatur und nicht ohne Humor, aber schwerfällig an Geist und Leib. Als Redakteur der Karlsruher Zeitung beschloß er 1883 sein Leben. 134     Ein Besuch bei Herrn Benazet in Baden. Herr Benazet war der weltbekannte Spielpächter, der in Baden residierte. In den prächtigen Sälen des Konversationshauses zogen seine Kroupiers mit immer gleicher Miene die Goldrollen der Millionäre, wie die Silberlinge leichtsinniger Studenten ein. Wer die berühmte Bäderstadt besuchte, machte Herrn Benazet seine Aufwartung und ging leichter von dannen, als er gekommen. Im Herbst 1842 erhielt ich von meinem Vater Geld zu einer Ferienreise in den Schwarzwald, bei dieser Gelegenheit machte auch ich die Bekanntschaft des vielgenannten Franzosen und teilte das Los der unzähligen Gimpel, die sich von ihm rupfen ließen. Da man heute bis Monte Carlo reisen muß, um sein Geld an einer öffentlichen Spielbank los zu werden, so befriedigt es vielleicht die Neugierde unerfahrener Leser, wenn sie vernehmen, wie ich es anfing, um in Baden gründlich aufs Trockene gesetzt zu werden. Das Reisegeld hatte ich mir durch Abfassung einer naturwissenschaftlichen Topographie des Amtsbezirks Wiesloch verdient, ich hatte sie auf den Wunsch meines Vaters ausgearbeitet, der sie der obersten Sanitätsbehörde des Landes einsandte. Sie hatte mir viel Vergnügen gemacht, denn ich war im Laufe der Jahre mit der botanisch und geologisch interessanten Gegend gut bekannt geworden. Mit 24 fl., gleich 41 Mark 28 Pf., in der Tasche, konnte damals ein anspruchsloser Student weit reisen, namentlich wenn er den größten Teil des Wegs zu Fuße zurücklegte und da und dort bei Freunden und Verwandten gastliche Aufnahme fand. 135 Ich reiste über Heilbronn, Stuttgart und Tübingen zunächst in den württembergischen Schwarzwald und besuchte den ältesten Bruder meiner Mutter auf der Glashütte Buhlbach bei Freudenstadt. Von da stieg ich über den Kniebis nach Allerheiligen, besah mir die Renchbäder und Rippoldsau, kehrte über den Kniebis nach Buhlbach zurück und wanderte dann das Murgtal hinab zu den Hüttenwerken von Gaggenau, wo einer meiner Korpsbrüder wohnte. Seine Familie lud mich ein, über den nächsten Tag, einen Sonntag, bei meinem Freunde zu verweilen, was ich dankend annahm. Am Montag gedachte ich dann meine Fußreise über die Berge nach Baden und weiter in den Schwarzwald hinauf fortzusetzen. Zu meiner Freude teilte mir am nächsten Tag mein Freund mit, daß er mich einige Tage begleiten werde; sein Vater habe ihn bereits mit dem nötigen Reisegeld versehen; auch füge es sich geschickt, daß ein Bekannter morgen mit eigener Kutsche in Geschäften nach Baden fahre und uns einlade, mit ihm den Wagen zu teilen. Mein Freund war einer der angesehensten Burschen der Verbindung, eine distinguierte Erscheinung, ein schöner Jüngling, mutig wie Achill und gut talentiert, aber nicht wenig exzentrisch. Sein Vorname war Anton, er fand den Namen plebejisch und häßlich und nannte sich Antonin; die Freunde freilich hießen ihn nach dem französischen Schneider in Baden, der ihm seinen höchst eleganten Anzug lieferte, Chevard. Am Morgen vor der Abfahrt überraschte mich Antonin mit der Frage, wieviel Geld ich in Baden bei Herrn Benazet aufs Spiel setzen wolle? Ich gestand ihm fast beschämt, daß ich daran noch nicht gedacht hätte, worauf er mich belehrte, noble junge Leute wie wir dürften unter keinen Umständen Baden besuchen, ohne die Bekanntschaft mit den Salons des Herrn Benazet zu machen. Man müsse sich aber vorher mit guten Grundsätzen wappnen und fest vornehmen, wieviel man riskieren und gewinnen wolle. Er werde streng nach diesem Prinzip handeln und 10 fl. riskieren, um 60 zu gewinnen. Verwundert fragte ich: »Warum gerade 60 fl.?« – »Meine Rechnung,« erwiderte er, »ist klar und einfach. Wir brauchen 60 fl., um vierspännig nach Straßburg zu fahren, dort als feine Leute im Hotel 136 de Paris abzusteigen und ein gutes Diner einzunehmen.« – Die Rechnung leuchtete mir ein, ich wollte, seinem Beispiele folgend, gleichfalls 10 fl. wagen, um 60 zu gewinnen. In Baden angelangt, stiegen wir im Hotel de France ab, verabschiedeten uns von dem Herrn, der uns mitgenommen hatte, legten unsere Reisetäschchen im Gasthof ab und eilten, um nicht unsere Zeit nutzlos zu verlieren, sofort zu den Spielsälen. Da ich vom Spiele nichts verstand, händigte ich Antonin meine 10 fl. ein und bat ihn, für mich zu spielen. Er beabsichtigte, zuerst mit den seinigen und dann mit den meinigen um Fortunas Gunst zu werben, – nur dem Wagenden winkt das Glück. Wir gingen zunächst zu den Karten, und Antonin verfolgte den Gang des rouge et noir mit aufmerksamen Blicken. Eine Zeitlang kam mit merkwürdiger Regelmäßigkeit Schwarz heraus, mein Freund hielt es für geraten, weil endlich wieder Rot kommen müsse, auf diese Farbe zu setzen, aber er rechnete falsch; plötzlich fragte er mich, ob ich noch gesonnen sei, mein Glück zu versuchen, seine 10 fl. seien dahin, und meine an der Reihe. Bei dem aufregenden Klang der Münzen hatte der Spielteufel mich ganz gefangen, ich erwiderte rasch: »Gewiß, aber setzen wir auf Schwarz, denn Schwarz ist die Grundfarbe unserer Schwabenmützen und bringt uns sicher Glück.« – In der Tat, im Nu hatte ich 40 fl. gewonnen. Durch den Verlust Antonins gewitzigt, schlug ich ihm vor, das Spiel abzubrechen und mit einer Spazierfahrt in nächster Umgebung der Stadt vorlieb zu nehmen. – Entrüstet verwies er mir meine Schwäche und wandte sich mit dem Rufe: » Aut Caesar aut nihil! « zur Roulette in dem anstoßenden Saal. Hier teilte er die 40 fl. in zwei Häufchen, setzte sie auf die höchsten Ziffern, der Würfel rollte, und der Kroupier strich beide ein. – Unmutig führte ich Antonin zu rouge et noir zurück, wo meine zehn Gulden den andern eiligst nachflogen, obwohl ich aufs neue der Grundfarbe unserer Mützen vertraute. Sehr verstimmt kehrte ich mit Antonin in den Gasthof zurück und setzte mich mit ihm an die Mittagstafel, aber mir mundete weder Speise noch Trank. In meinen Ohren hallte es unablässig: » Messieurs, faites votre jeu! « – Nach Tisch bestand ich darauf, ungeachtet der 137 ernsten Abmahnung meines Freundes, das verlorene Geld wieder zu gewinnen, verlor abermals, und wollte das letzte, was ich besaß, daran wagen, aber Antonin ergriff mich am Arm und führte mich ins Freie. – Besorgt fragte er: »Was bleibt dir übrig?« – »Mein ganzer Besitz ist noch ein Taler,« klagte ich, »du mußt mir mit Reisegeld aushelfen.« – »Unmöglich!« gab er zur Antwort, »ich besitze keinen Pfennig mehr.« – »Aber, um des Himmels willen!« rief ich außer mir, »wie kann das sein? Du hast doch grundsätzlich nur 10 fl. eingesetzt?« – »Ganz richtig, aber diese zehn waren all mein Reisegeld.« Bestürzt sahen wir uns an. Wir waren beide abgebrannt. Auf Schusters Rappen angewiesen, holten wir zunächst unsre Reisetäschchen aus dem Gasthof, hängten sie um und marschierten »Arm am Beutel, krank am Herzen« hinter dem Konversationshaus zur Iburg empor, um von da herab, über Steinbach, Bühl zu erreichen, wo wir hofften, daß uns ein guter Freund den nötigen Mammon zur Weiterreise vorstrecken werde. Sein Vater, der Apotheker des Orts, war ein wohlhabender Mann, kein Zweifel, er würde den bedrängten Freunden seines lieben Sohnes gerne in der Not aushelfen. Wir langten in dem hübsch gelegenen Städtchen voll Zuversicht an, traten in die Apotheke und fanden den Alten mit seinem Provisor in der Offizin eifrig beschäftigt, Pillen zu drehen. Er empfing uns auffallend kühl und gab uns, auf unsre Erkundigungen nach seinem Herrn Sohne, den kurzen Bescheid, er liege leidend zu Bette. Wir verlangten teilnehmend, ihn zu besuchen, und wurden in sein Zimmer geführt. Es sah greulich darin aus, keine liebende Hand schien sich des armen Goliath, wie ihn seine Freunde nannten, und seiner Stube zu erbarmen, – wir wären am liebsten gleich wieder umgekehrt; aber er war unsre Hoffnung, unser Stab und Stecken, gern oder ungern mußten wir in der drückenden Atmosphäre bleiben. Leider verhieß uns sein Empfang wenig Tröstliches. Er streckte seinen dicken Kopf mit dem roten Gesicht und der leuchtenden Karfunkelnase aus dem Bette und grüßte uns verwundert mit den Worten: »Was führt euch zu mir?« – Ruhig vernahm er unser Anliegen: »Ihr trefft es schlecht. Ich habe keinen roten Heller, nichts 138 als mein rotes Gesicht, und dieses hat mich um die Gunst meinem soliden Alten gebracht. Laßt jede Hoffnung fahren! Bei mir ist nichts zu holen.« – Antonin wandte ein, sein edler Vater werde sich doch wohl erweichen lassen, wenn er ihm beweglich zu Gemüte führe, aus welch guten Familien seine Freunde stammten. – »Ihr kennt meinen Alten schlecht,« erwiderte er, »ich weiß ganz genau, was er jetzt schon denkt: »»Das sind Freunde meines saubern Sohnes, die nur ankehren, um ihn anzupumpen, weil sie ihr Geld bei Benazet gelassen haben.«« Wir schieden unverrichteter Sache aus der ungastlichen Apotheke und wanderten weiter nach dem Flecken Renchen, wo einst der Verfasser des Simplicissimus als Amtmann des Bischofs von Straßburg haus gehalten hat. Auch Renchen hatte eine Apotheke, und ihr Besitzer war ein Vetter von mir, er konnte uns nicht im Stiche lassen. Der Gute empfing mich herzlich, und Antonin tat sein bestes, um ihn uns geneigt und möglichst freigebig zu stimmen. Der Apothekerstand, behauptete er, sei wie kein anderer berufen, der Menschheit in ihren vielen Nöten zu helfen. Ich hielt es für besser; nicht zu lange, wie die Katze um den heißen Brei, zu gehen, nahm den Herrn Vetter zur Seite und erhielt, was wir brauchten. Er hätte uns sogar gerne einige Tage bei sich behalten, aber es trieb uns, noch an demselben Abend Offenburg zu erreichen, wo uns liebe Freunde erwarteten. Wir mieteten ein »Berner Wägelchen« und fuhren von dannen. Nachdem wir einen Tag in Offenburg verweilt hatten, wanderten wir zusammen ins Kinzigtal. In Hausach trennten wir uns, er ging nach Gaggenau zurück, ich nach Triberg, stieg von da in das Elztal hinüber und ging über Waldkirch und Emmendingen nach Freiburg, wo ich acht Tage lang bei meinem Freunde Beck zu Gaste war. Zum Schlusse die Versicherung, daß ich die Lehre, die mir Herr Benazet erteilte, nicht zu teuer erkauft habe. Die kleine Schröpfkur hat mich zeitlebens vor der Spielwut geschützt. 139     Das Pauken. Die Korps nannten sich zum Unterschied von den rein gesellschaftlichen Studentenvereinen mit Recht Waffenverbindungen, denn sie pflegten das blutige Waffenspiel fast mehr noch als die brüderliche Geselligkeit und übten es nach den festen Satzungen des Paukkomments. Sie nannten die Waffengänge Paukereien oder Mensuren und führten sie in Heidelberg und an den meisten Hochschulen mit dem Korbschläger aus, in Leipzig und Halle mit dem Glockenschläger, ausnahmsweise griffen sie zu Säbel und Pistole, der Schläger blieb jedoch die eigentliche und eigentümliche Waffe des deutschen Studenten. – Die Bezeichnung Duell für den kommentmäßigen Zweikampf auf Hiebwaffen war ungebräuchlich, sie wurde selbst dann, wenn die Schußwaffe gewählt wurde, nur ausnahmsweise angewendet. Bei den gewöhnlichen leichten Paukereien war durch geeignete Schutzvorrichtungen, die in ihrer Gesamtheit der Paukwichs genannt wurden, dafür gesorgt, daß nur das Gesicht und die Brust völlig ungeschützt blieben. Der Komment ließ jedoch auch schwere Paukereien zu, die den Namen Duelle wohl verdienten, auf Schläger und Säbel, wobei die Schutzvorrichtungen eingeschränkt wurden oder ganz wegfielen. Zu Anfang der vierziger Jahre stand das Paukwesen in vorher nie gesehener Blüte. Es war zum gröbsten Paukunwesen geworden, unter vier Augen bezeichneten wir selbst es ganz aufrichtig als Pauksimpelei und Paukeselei. Die meisten älteren Burschen der Suevia hatten 10–12, auch 20, einige sogar 40–60 Mensuren hinter sich; 140 das Korpsband, worauf man sie einschrieb, reichte bei diesen kaum aus, sie alle aufzuzeichnen. Dies war nicht immer so gewesen. Die alten Herren der Suevia im Philistertum versicherten, daß noch in den dreißiger Jahren manche Schwabenbursche nur ein- bis zweimal oder sogar niemals auf der Mensur gestanden hätten. Als die Korps bei ihrer Gründung 1810 den Paukkomment ausdrücklich zur Hebung des Burschentones einführten, verboten sie jede tätliche Beleidigung von Kommilitonen mit Androhung der Strafe des Verrufs – nicht einmal an den Kleidern durfte der Gegner bei Streithändeln angefaßt werden – und formulierten genau den »Tusch«, das beleidigende Wort, das sofort dem Wortwechsel ein Ende machte und die Forderung auf die Mensur nach sich zog. Außer dem »dummen Jungen« und dem weit schärferen »Hundsfott« wurde kein andres beschimpfendes Wort für kommentmäßig erachtet. Mit der vollzogenen Mensur aber war die Beleidigung ausgelöscht, die Satisfaktion gegeben, wie es das Lied besagt: »Hat der Schmiß gesessen, Ist der Tusch vergessen.« Hieraus geht hervor, daß die Mensur ehemals als Mittel zu dem löblichen Zwecke gewählt worden war, die Streithändel und damit die Duelle unter Burschen zu vermindern, jetzt aber war die Mensur selbst Zweck geworden, und man tuschierte, um sich auf der Mensur zu messen, um durch Pauken Ansehen zu gewinnen. Je mehr Tusche, desto mehr Mensuren, je mehr Mensuren, desto mehr Ehre. – Der Stolz des Korps waren seine Waffengänge. Man schlug sich nicht mehr für die Ehre der eigenen Person, sondern zu Ruhm und Ehre seines Korps, » in gloriam patriae «. Solche Paukereien nannte man »Skandäler pro patria «, wobei die sonderbare Verwechslung von Korps und Vaterland unterlief. Unter den Korpsbrüdern selbst mußten alle Ehrenhändel friedlich ausgetragen werden. Es ist mir nie ein Duell unter den Schwaben zu Ohren gekommen, während sie mit den andern Korps, abwechselnd bald mit diesen, bald mit jenen, ewig in Fehde standen, wie der alte 141 Götz von Berlichingen und seine ritterlichen Vettern sich ehemals einander ununterbrochen ihre Eisenwämse ausklopften. – Die Suevia hatte sogar einen Erbfeind in der Rhenania, weil ihr diese die Mannheimer Füchse wegkaperte, während sie doch als anerkannte Vertreterin der badischen Studentenschaft auf die Mannheimer Anspruch zu haben meinte. Die beiden Verbindungen haßten sich gegenseitig, und an Ostern 1842 hatte die Erbitterung einen hohen Grad erreicht. Auf dem allgemeinen Abschiedskommers pflegte jeder Hader zu schweigen, diesmal aber kam es zu einem kaum erhörten Skandal. Der Senior der Rhenanen hatte es gewagt, unsern Korpsbruder Bernhard Beck, diesen Ausbund von Tapferkeit, zu hänseln und seinen Mut anzuzweifeln, worauf ihm dieser, ohne ein Wort zu erwidern, eine kommentwidrige Ohrfeige versetzte. Eine solche Verletzung des Komments unter Korpsburschen war in Heidelberg noch nie vorgekommen. Der Seniorenkonvent erteilte der Rhenania die Erlaubnis, Beck beim Amte zu verklagen, das solche Vergehen mit Konsilium oder Relegation bestrafte, aber Beck hatte sein Abgangszeugnis von der Hochschule bereits in der Tasche und verließ Heidelberg sofort. Für ihn sollte nunmehr die ganze Suevia büßen. Im nächsten Semester verbündeten sich vier der bestehenden sechs Korps, um die Schwaben zu züchtigen, die nur in den Nassauern, die heute nicht mehr bestehen, treue Alliierte fanden. Die Suevia war gerade in diesem Semester auf einen Bestand von wenigen Leuten zurückgegangen, ihre sechs Korpsburschen mußten jeder zehnmal die Mensur betreten, doch kämpften sie fast in allen Waffengängen siegreich. Ungeachtet ihres guten Willens hatte es den Korps zu Anfang des Jahrhunderts nicht recht gelingen wollen, den rohen Burschenton zu verfeinern. Sie rückten einander häufig abends auf die Kneipe, randalierten und kontrahierten, wobei es oft garstig zuging. Da beschloß der Seniorenkonvent, immer bedacht auf die Hebung der Sitten, diesen Brauch abzuschaffen und für das Paukbedürfnis in anderer Weise zu sorgen. Er dekretierte ewigen Frieden zwischen den Korpskneipen, verbot die gegenseitigen Einbrüche pro gloria patriae und richtete besondere Kontrahierabende ein, in zu diesem Zweck gemieteten Sälen, am liebsten im faulen Pelz. 142 Abends zur festgesetzten Stunde zogen sämtliche Korps in hellen Haufen von ihren Kneipen in die Arena zu fröhlichem Tuschieren, jedes besetzte den Tisch, den seine Füchse im voraus belegt hatten. Waren sie alle eingetroffen, so war die Neugierde groß, welche Losung die verschiedenen Korpskonvente ausgegeben hatten, doch die unheimliche Stille währte nicht lange. Ein Bursche erhob sich und schleuderte einem ebenbürtigen Kämpen an einem der feindlichen Tische höhnenden Schlachtruf zu. Besaß der Gegner Witz, so erwiderte er mit Gegenhohn, wenn nicht, was die Regel war, sofort mit dem Tusch. Nach dieser ersten »Kontrahage« ging das Kampfgeschrei an allen Tischen los. Die Luft schwirrte von dummen Jungen, dazwischen sausten einzelne schwere Hundsfotte nieder. Die Helden der Ilias hätten ihre helle Freude an dem Treiben gehabt. Die schweren Forderungen, die an diesen Abenden gestellt wurden, kamen nicht alle zum Austrag. In und außer dem Saale waren Lauscher auf der Lauer, auch die Kellner paßten auf und berichteten den Pedellen, diese dem Universitätsamtmann. Manches schlimme Duell wurde dadurch verhindert. Der Amtmann zitierte die Kontrahenten und verlangte das Versprechen auf Ehrenwort, sich nicht zu schlagen, verweigerten sie es, so drohte er mit Karzer bis zu besserem Besinnen. Um die Forderungen zum Austrag zu bringen, schickte das herausgeforderte Korps seinen Kartellträger mit dem Bestimmzettel dem feindlichen auf die Kneipe. Die Person dieses Heroldes, eines Korpsburschen, war durch seine Mission geheiligt. Er wurde mit ausgesuchter Höflichkeit empfangen und Tag und Stunde der Mensuren artigst mit ihm vereinbart. Solche Bestimmungsmensuren wurden von den persönlichen, auf private Streithändel hin, unterschieden. Wie schlimm das Paukwesen war, wußte der Paukarzt Hofacker am besten. Er hatte in 24 Jahren mehr als 20 000 Mensuren auf Hiebwaffen, denen er beiwohnte, aufgezeichnet. Seine reiche Erfahrung auf diesem Gebiete der Wundarzneikunde verwertete er zu zwei Abhandlungen, die 1828 und 1836 in den Heidelberger klinischen Annalen erschienen; er brachte darin wertvolle Mitteilungen über die Wiederanheilung abgehauener Nasen- und Lippenstücke. Das Verbot, Hunde 143 auf die Mensur mitzunehmen, wurde zum Teil darauf zurückgeführt, daß eine Dogge die abgehauene Nasenspitze ihres Herrn bei solcher Gelegenheit eiligst aufgeschnappt und mit besonderem Appetit verzehrt habe. – Tödliche Verwundungen durch Hiebwaffen waren äußerst selten, nur die damals bei der mangelhaften Einsicht in die Natur der Wundgifte häufig nachfolgenden Infektionskrankheiten, namentlich die Kopfrose, brachte das Leben zuweilen in Gefahr. Ueber die Häufigkeit der Pistolenduelle läßt sich nichts Gewisses sagen, weil man sie sehr geheim hielt. Während ich in der Suevia war, sind mir fünf Pistolenduelle bekannt geworden, die von Schwaben ausgeführt wurden. Es ist merkwürdig, daß sie unblutig verliefen, vielleicht nur, weil die Pistolen wenig taugten. Doch wurde in einem dieser Duelle einem Schwaben, der eben aus Berlin zurückgekehrt war, der runde Hut, den er sich von da mitgebracht hatte, auf dem Kopfe, ohne daß die Kugel die Haut berührte, durchschossen, in dem andern, wo ich sekundierte, streifte die Kugel des Schwaben dem Gegner die Haut an der rechten Schulter. Die Anlässe zu diesen fünf Duellen waren der nichtigsten Art. Nur ein Pistolenduell verlief, während ich in Heidelberg studierte, tödlich. Ein Studiosus juris W., Korpsbursche der Rhenania und Sohn eines verstorbenen Heidelberger Stadtdirektors, geriet aus geringer Ursache beim Verlassen des Hörsaals mit einem andern Rechtsbeflissenen, der keiner Verbindung angehörte, in einen Wortwechsel und ließ sich zu einer rohen kommentwidrigen Beschimpfung des verachteten Kamels hinreißen. Vergeblich ließ ihn der schwer Beleidigte auffordern, abzubitten; ungeübt in der Führung der Hiebwaffen mußte er Pistolen wählen. Das Duell fand oberhalb der Hirschgasse statt, der Beleidigte hatte den ersten Schuß, die Kugel drang dem Rhenanen in den Unterleib. Man trug ihn zu seiner Mutter in die Stadt, er war ihr einziges Kind, in ihren Armen hauchte er am 29. Januar 1841 sein Leben aus. Die Korps bestatteten den Gefallenen feierlich. Auf dem Kirchhof kam es zu einem ärgerlichen Auftritt zwischen dem strenggläubigen evangelischen Stadtpfarrer und dem Senior der Rheinländer. Jener 144 schleuderte sein Anathema auf die Unsitte des Duells und bezeichnete den Rächer seiner Ehre als einen Mörder, worauf ihm der Senior am Grabe widersprach. Die Regierung schickte einen Beamten, um diese Vorgänge zu untersuchen und der Duellwut zu steuern. Es führte zu nichts, man hieb und schoß sich nach wie vor. Dieses Duell hatte wichtige Folgen im Schoße der Studentenschaft selbst. Es rief wegen des äußerst verächtlichen Schimpfwortes, das der Korpsbursche dem Kamel erteilt hatte, unter den Wilden eine große und nachhaltige Erbitterung hervor und trug wesentlich dazu bei, eine mächtige Opposition wider die Korps und ihre Paukwut zu wecken. Fast zu gleicher Zeit kostete jugendlicher Unverstand und Korpsübermut auch einem Rhenanen in Freiburg das Leben. Der junge Korpsbursche, ein allgemein beliebter, hübscher und liebenswürdiger Adeliger, ließ sich, aufgeregt vom Weine, hinreißen, grundlos einen Philologen zu beleidigen, der lediglich seinen Studien lebte und seinen schon von Geburt an verstümmelten rechten Arm nur unvollkommen gebrauchen konnte. Auch der Freiburger Korpsbursche konnte es nicht über sich gewinnen, Abbitte zu leisten, und büßte dies mit dem Leben. Der Verstümmelte, unfähig Hiebwaffen zu führen, wählte die Pistole und schoß den Beleidiger nieder. Die Furien des Gewissens verfolgten den unglücklichen Schützen durchs ganze Leben. 145     Der S. C. Der Senioren-Konvent oder S. C. war der Bundesrat der Korps, den sie mit ihren Senioren beschickten. Er vertrat sie in allen gemeinschaftlichen Angelegenheiten, war ihre oberste ausführende und richterliche Behörde auf der Grundlage des Komments und beanspruchte zugleich die Leitung der ganzen Studentenschaft und das oberste Richteramt in allen Ehrenhändeln der Kommilitonen. – Auch die Philister ließ er nach Umständen seine Macht fühlen, steckte sie in Verruf und entzog ihnen bald mit, bald ohne Verhör die Kundschaft. Seine angemaßte Suprematie über die »Wilden« stützte der S. C. auf die Fiktion: wer bei den Korps nicht eintrete, verzichte damit freiwillig auf seine studentischen Rechte zu ihren Gunsten. Gegen diesen merkwürdigen Rechtssatz hatten die Wilden bisher keinen ausdrücklichen Protest erhoben. Noch am 1. April 1840 hatten sie sich bei der Beerdigung Thibauts fast vollzählig eingestellt und den Anordnungen der Korps willig Folge geleistet. Seit dem unglücklichen Duell jedoch, das dem Rhenanen W. das Leben gekostet und die maßlose Verachtung vieler Korpsburschen gegen die Wilden aufgedeckt hatte, war dies anders geworden; es bemächtigte sich dieser eine wachsende Erbitterung, die zuletzt zur offenen Rebellion führte. Im Winter 1840/41 beschickten den S. C. nicht weniger als sieben Korps. Ich zähle sie nach ihrem Alter auf: Schwaben, Westfalen, Hanseaten, Rheinländer, Saxoborussen, Nassauer und Schweizer. Das jüngste und kleinste Korps, das sich immer nur für kurze Zeit auftat und dann wieder verschwand, war die Helvetia. Drei 146 Schweizer waren bei den Schwaben eingetreten, zwei davon halfen im November 1843 die Helvetia aufs neue stiften, nachdem sie schon in meinem ersten Semester sich aufgelöst hatte; der dritte, der treue Fehrli aus dem Kanton Schaffhausen, brachte es nicht über sich, die Suevia zu verlassen. Er war Mediziner, jedoch kein Freund der Kollegia, was Anlaß gab, daß ihm seine deutschen medizinischen Korpsbrüder eines Tags als freiem Bürger der Schaffhauser Republik gratulierten, weil diese den Zwang einer ärztlichen Staatsprüfung nicht dulde. Er belehrte die Spötter eines besseren: der Kanton habe freilich ein ärztliches Staatsexamen, sogar in Chemie, und der Examinator sei ein »ganz verflixter Chaib« von Apotheker. Eine angesehene Verbindung waren die Hanseaten, die der nachmalige Hamburger Bürgermeister Petersen gestiftet hatte. Es gehörten ihr viele Hamburger an, meist sehr feine und fleißige Leute; sollten ihre Bestimmungsmensuren mit wichtigen Kollegien zusammenfallen, so bestanden sie auf Verlegung der Mensuren; kein anderes Korps folgte diesem löblichen Beispiel. Außer den Hamburgern gehörten der Hanseatia einige andere Norddeutsche an, namentlich Mecklenburger. Innere Zerwürfnisse der Verbindung führten 1841 zu ihrer Auflösung, die Hamburger traten alle aus und ein Mecklenburger, stud. jur. Franz Howitz aus Rostock, gründete an ihrer Stelle mit einigen Landsleuten und Niedersachsen die noch heute blühende Vandalia. Die Hamburger, lauter Leute in hohen Semestern, kneipten bis zu ihrem Abgang von Heidelberg mit den Schwaben. Infolge dieser Vorgänge lernte ich den ebenso fleißigen, als geistvollen Mediziner Eduard Cohen kennen, der in den Osterferien 1842 die allgemeine Chemie und hauptsächlich die Stöchiometrie in Art eines freundschaftlichen Privatissimum mit mir durchnahm; wir benützten dazu die frühesten Morgenstunden. Er ist einer der gesuchtesten Aerzte Hamburgs geworden und Arzt in Bismarcks Familie, wenn der Fürst in dem nahen Friedrichsruh verweilte. Wie hoch ihn dieser schätzte, lehrt ein Brief dankbarster Anerkennung, den er nach Cohens am 4. Dezember 1884 erfolgtem Tode den Hinterlassenen schrieb. Franz Howitz, der Stifter der Vandalia, war ein Korpsbursche von dem Schlag unseres Bernhard Beck, ein von seinen Freunden 147 sehr respektierter und von dem Segen des Korpswesens felsenfest überzeugter Mann. Im Gesichte hatte er etwas von einer Bulldogge, seine Vandalen hütete er, wie eine Henne ihre Küchlein. Die Vandalen nannten ihn die alte Hanne, warum, ist mir unbekannt. – Von seinen Vandalen ist am berühmtesten geworden Rudolf von Bennigsen. Obwohl ich nie vorher ein Wort mit diesem prächtigen Mann gesprochen hatte, auch nachher auf der Hochschule seine Bekanntschaft nicht gemacht habe, kreuzten wir doch die Waffen pro gloria patriae , wurden jedoch nach einigen Gängen von den Pedellen verjagt. Die Nassauer waren eine große Verbindung, fast ausnahmslos von dem Herzogtum Nassau und der freien Stadt Frankfurt beschickt. Sie hielten mit den Schwaben gute Freundschaft. Die Westfalen, meist Norddeutsche und Kurländer, auch einige Süddeutsche, Rumänen und ein Schweizer waren darunter, hatten im Sommer 1844 den liebenswürdigen stud. jur. Gustav Gans zu Putlitz, den bekannten Dichter, als Senior an ihrer Spitze. Von den Saxoborussen, die damals mehr Bürgerliche in ihren Reihen hatten, als heute, ist mir der nachmalige Kunst- und Literaturhistoriker Hermann Hettner in Erinnerung. Bei den Rhenanen waren mehrere meiner früheren Schulkameraden eingetreten, was mir bei der großen Feindschaft zwischen Schwaben und Rhenanen mitunter peinlich wurde, doch blieben wir einander treu. Vielleicht der witzigste von allen Korpsburschen war ein Rhenane, stud. jur. Ludwig Knapp aus Darmstadt. Er verließ die Universität schon an Ostern 1841 und kehrte als Dozent des Rechts zu ihr zurück (1848–1858). Er hat sich durch ein »System der Rechtsphilosophie« (1857) bekannt gemacht und starb 1858. Knapp, als Dozent ein hervorragendes Mitglied des Engeren, befreundete sich innig mit Scheffel, der ihm in seinen Rodensteinliedern als Knappen des weinfröhlichen Ritters ein Denkmal gesetzt hat. Die Rhenania löste sich im Herbst 1842 auf. An ihre Stelle trat das Korps Palatia, meist Mannheimer mit dem früher erwähnten (S.  41 ) Freiherrn Götz von Berlichingen als Senior an der Spitze. Da die Korps nur geduldet, aber nicht amtlich anerkannt waren, mußten die Universitätsbehörden, wenn sie mit ihnen verhandeln 148 wollten, sich durch Mittelspersonen an den S. C. wenden. Ein so ungehöriges Verhältnis untergrub den Rechtssinn der akademischen Jugend, schwächte das Ansehen der Behörden und steigerte die Ueberhebung der Korps auf der einen Seite und die Erbitterung der Wilden auf der andern. Die Geschichte des Fackelzugs zu Ehren des am 3. Mai 1842 in Karlsruhe vermählten hohen Paares, des Erbprinzen Ernst von Sachsen-Koburg-Gotha mit der Prinzessin Alexandrine von Baden, mag zur richtigen Beleuchtung dieser merkwürdigen Zustände an der Hochschule dienen. Die Neuvermählten wollten auf der Reise nach Koburg in Heidelberg übernachten, und der Amtmann ließ den S. C. durch die Pedellen wegen eines Fackelzugs befragen. Die Korps zeigten keine Lust, diese Huldigung darzubringen, denn sie waren übler Laune, weil der Amtmann seit einiger Zeit alles aufbot, um das Pauken auf der Hirschgasse unmöglich zu machen. Vermutlich handelte er auf höhere Weisung. Das Treiben in dem berüchtigten Pauksaal war zum europäischen Skandal geworden, namentlich englische Reisende berichteten Schauergeschichten von den blutigen Szenen, denen sie als Gäste zugeschaut hätten. Diesem Aergernis sollte ein Ende gemacht und der S. C. gezwungen werden, seine Turniere an andere Orte zu verlegen. Zu diesem Ende schickte der Amtmann die Pedellen fast täglich über den Neckar, ließ die Paukanten verjagen oder abfassen und in das Karzer sperren, das kostspielige Paukzeug wegnehmen. Deshalb verweigerten die Korps den Fackelzug und blieben auch auf des Amtmanns ausdrückliches Appellieren an ihre erprobte Loyalität störrisch, denn in Pauksachen hörte selbst diese auf. So standen die Dinge, als Howitz dem S. C. den Vorschlag machte, dem Amtmann zu bedeuten, man würde den Fackelzug unter der Bedingung bringen, daß er das Pauken auf der Hirschgasse wieder wie früher zulasse. Sein Vorschlag fand Beifall, nur die Schwaben und Rhenanen rieten von diesem Vorgehen ab. Sie waren diesmal der gleichen Meinung, man solle bei dem abschlägigen Bescheide verharren; der Amtmann dürfe sich einen solchen Hohn nicht bieten lassen, auch werde der Fackelzug dürftig ausfallen, die Wilden seien ebenso unzufrieden mit den Korps wie mit den Behörden und 149 würden keine Heeresfolge leisten. Sie wurden aber überstimmt und der Vorschlag zum Beschluß erhoben. – Der Amtmann gab nur schöne Worte und keine bindenden Versprechen; zuletzt kam der Fackelzug wirklich zustande, fiel aber, wie vorausgesehen war, dürftig aus, und der Amtmann blieb dem S. C. seinen Dank schuldig. Den Korps blieb nichts übrig, als den Paukplatz zunächst nach Ziegelhausen in den Adler und von da später nach Neuenheim in die Rose zu verlegen. Obwohl die Korps der Politik fern blieben, beschlossen sie doch, dem Geiste der Zeit ein Zugeständnis zu machen und bei den Verhandlungen des S. C. die Oeffentlichkeit und Mündlichkeit einzuführen. Bisher waren die Sitzungen insofern geheim gewesen, als ihnen außer den abgeordneten Senioren niemand hatte beiwohnen dürfen, wie wenn es sich darin um die wichtigsten Staatsgeheimnisse handelte. Auch wurden die Verhandlungen, namentlich in Klagesachen, schriftlich geführt und schleppten sich, wie im seligen Reichskammergericht, endlos hin mit Repliken und Dupliken, wobei die älteren Juristen in spitzfindiger Rabulisterei schon für die künftige Praxis ihre Federn übten. – Es wurde eine Kommission niedergesetzt, die Reformvorschläge ausarbeitete. Die Korps nahmen sie an, und die Reform wurde sofort ins Werk gesetzt. Jeder Korpsbursche hatte von nun an das Recht, den Verhandlungen des S. C. in ehrfurchtsvollem Schweigen zu lauschen, und das schriftliche Verfahren wurde durch ein abgekürztes mündliches ersetzt. In der Kommission hatte auch ich gesessen und hier die nähere Bekanntschaft des Seniors der Westfalen v. Putlitz gemacht. Wie wichtig wir die Sache nahmen, erhellt aus einigen Zeilen unter seiner Silhouette, die er mir nach dem Schluß des Semesters von Berlin schickte: »Wenn unser gemeinsames Werk fertig ist, so mache ich es dir zur Pflicht, mir ein Exemplar als Andenken an die Stunden zu schicken, die mir immer eine freundliche Erinnerung sein werden.« 150     Die Opposition. In den wenigen Jahren vom Herbst 1840 bis Herbst 1844 war die politische Unzufriedenheit zu einer erstaunlichen Höhe in ganz Deutschland angewachsen. Die Politik beschäftigte alle Kreise und bemächtigte sich auch der deutschen Poesie wie nie zuvor, selbst nicht in den Befreiungskriegen. Ueberall las, sang und rezitierte man die Verse der Heine, Hoffmann von Fallersleben, Freiligrath, Herwegh und zahlloser anderer Poeten und Poetaster. Am meisten zündeten die Gedichte eines Lebendigen. Als ich eines Morgens durch die Friedrichsstraße ging, lag ein vor kurzem zum Amtmann ernannter alter Herr der Suevia am Fenster seiner Wohnung und rief mich zu sich hinein. Er war von äußerst loyaler, streng monarchischer Gesinnung, aber die Kraft und mehr noch der Bombast der Herweghschen Muse hatten den Amtmann, der sich ums Leben gern deklamieren hörte, mächtig ergriffen. Er machte die Türe fest hinter mir zu, schloß das Fenster, warf sich in die Brust und donnerte:     »Reißt die Kreuze aus der Erden, Kreuze sollen Schwerter werden, Gott im Himmel wird's verzeih'n!« Wenn ein großherzoglich badischer Amtmann sich in der Poesie der Freiheitssänger so stark berauschte, wer mochte es den Studenten verdenken, wenn sie erst recht den feurigen Trank in vollen Zügen schlürften? In der Tat, die allgemeine Erregung trieb an allen 151 Universitäten und nicht zum wenigsten in Heidelberg hohe Wogen; die überwiegende Mehrzahl der Studierenden verlangte mit wachsender Heftigkeit eine gründliche Reform des Studentenlebens. War doch, wie ich eben erzählte, ein Hauch des neuen Geistes sogar in den Komment der Korps gedrungen; aber gerade gegen diese richteten sich hauptsächlich die Angriffe der reformlustigen Kommilitonen und die liberale Presse sekundierte ihnen. Man bezeichnete die Korps als die gefügigen Werkzeuge Metternichs, als eines der Glieder an der großen, um den edeln Leib der Mutter Germania gelegten Kette, die sie in schmählicher Knechtschaft halte, und beschuldigte die Regierungen, daß sie systematisch die Anmaßung der Korps auf Suprematie in der Studentenschaft und ihr Treiben begünstigten. Wider das Gesetz würden sie geduldet und sogar über kecke Herausforderungen der Behörden mit Nachsicht weggesehen. Die autokratischen Machthaber benützten die Korps einzig zu dem Zwecke, die akademische Jugend von der Teilnahme an öffentlichen Dingen abzulenken, ihren idealen Sinn und das deutsch-patriotische Gefühl zu ertöten. Der Schwabenkneipe gegenüber wohnte der Buchhändler Christian Friedrich Winter, der langjährige freisinnige Bürgermeister und Landtagsabgeordnete der Stadt Heidelberg. Man schrieb ihm den Ausspruch zu, das Schwabenkorps sei eine konzessionierte Brutanstalt zur Züchtung von Karlsruher Bureaukraten. Daran war nur soviel richtig, daß die meisten Schwaben Söhne von Staatsdienern waren und ebenfalls Staatsdiener werden wollten. Wie die meisten Alten sahen auch die meisten Jungen in der Beschränkung des Landesfürsten und mehr noch seiner Beamten durch die Verfassung eine schädliche Einrichtung. Einer oder der andere glaubte fest an das Dogma von der bureaukratischen Erbweisheit. Es wagte sogar ein Ehrenmitglied der Suevia, das ihr freilich späterhin keine Ehre machte und im Leichtsinn unterging, in der Kneipe die Behauptung: das Schwabenkorps sei der Grundpfeiler des badischen Staats, – von da an erhielt er den Beinamen »der Staat«. Auch ließ sich nicht leugnen, daß einige der reaktionärsten Beamten aus der Suevia hervorgegangen waren, beispielsweise der schlimmste von allen Zensoren der Presse, der Freiherr Uria von Sarachaga. Er wurde nach 1849 Stadtdirektor in Freiburg und 152 ließ hier bei Nacht und Nebel ein Denkmal beseitigen, das die dankbare Stadt dem Geschichtsschreiber Karl v. Rotteck gesetzt hatte. Da die Korps samt und sonders die gleichen Grundsätze bekannten, so traf der Vorwurf des »Vaters Winter« die Suevia nicht allein, sondern die Korps alle ohne Ausnahme, aber er war ungerecht. Sie hatten keinen politischen Charakter und nahmen Fort- und Rückschrittler gleich bereitwillig auf, vorausgesetzt, daß sie sich dem Komment unterwürfen, nach Vorschrift kneipten und paukten. Ein fertiges politisches Glaubensbekenntnis besaßen die jungen Leute nicht, sie konnten ebenso gut zu schwarzen Reaktionären wie zu roten Revolutionären ausreifen. Friedrich Hecker, »eine Feder auf dem Hut, lechzend nach Tyrannenblut« war ein wilder Bursche des ehemaligen Korps der Hassia in Heidelberg gewesen. Er hieß der rote Hecker zum Unterschied von seinem zahmeren Bruder Karl, dem schwarzen Hecker, der bei den Rheinländern eingetreten war. Die beiden Korps gerieten aneinander und schickten sich Mensurforderungen pro patria zu, auch Friedrich Hecker forderte seinen Bruder Karl; seitdem hieß er der krasse Hecker. Es mag unglaublich erscheinen, aber Karl Hecker, später Professor der Chirurgie und mein Kollege in Freiburg i. Br., bestätigte mir diese Geschichte, die ich als Student gehört hatte, mit dem Beifügen, daß er die Paukerei abgelehnt habe. Heckers politischer Gegner Karl Mathy, der liberale badische Staatsminister, war aus der Heidelberger Burschenschaft hervorgegangen, ebenso das Haupt der preußischen Kreuzzeitungsmänner, Friedrich Julius Stahl, der in Heidelberg Sprecher der Burschenschaft gewesen war. Den patriotischen Grundgedanken der Burschenschaft hat keiner aus ihren Reihen verwirklicht, diese Mission war einem Korpsburschen aus Göttingen beschieden, dem Studiosus Otto von Bismarck. Im Winter 1842/43 erzählte mir ein Schulkamerad, der mit mir Medizin studierte, daß er sich einer angenehmen Gesellschaft 153 angeschlossen habe, die sich unter dem Namen Lumpia in der Brauerei zum Schiff zusammenfinde. Ihr geistiges Haupt sei ein stud. jur. Hermann Becker aus Elberfeld, dessen Witz und geselliges Talent er nicht genug rühmen konnte. Daß Becker wirklich schlagenden Witz besaß, erfuhren die Korps bald aus verschiedenen Zeitungsartikeln, worin er ihre Suprematie entschieden zurückwies und sich mit großem Humor über ihr Treiben lustig machte. Anfangs las ich die Artikel mit einigem Aerger, aber bei ruhiger Ueberlegung mußte ich gestehen, daß ich selbst schon ähnliche Gedanken gehegt, und zugeben, daß der rote Becker, wie man ihn nannte, recht habe. Er wurde später Sprecher der Bonner Burschenschaft, beteiligte sich an der Bewegung von 1848/49 und hat sich nachher als Bürgermeister der Stadt Köln und Mitglied des preußischen Herrenhauses weithin bekannt gemacht. – Aus der Lumpia ist nach einiger Zeit eine burschenschaftliche Verbindung Ruperta geworden. Ungefähr gleichzeitig mit der Ruperta bildete sich eine zwanglose Gesellschaft aus Wilden und früheren Burschenschaftern, die meist von Jena gekommen waren, unter dem Namen Walhalla. Sie war zahlreich, und es gehörten ihr viele tüchtige junge Männer an, einige zeichneten sich später im deutschen Reichstag aus. Ich nenne Ludwig Bamberger, Wilhelm Genast, Meyer von Thorn, Versmann, den Bürgermeister von Hamburg, Professor Aegidi in Berlin und Karl Esmarch, den verstorbenen Prager Rechtslehrer. Auch einige badische Landsleute waren ihr beigetreten, die man nicht ungleichartiger hätte aussuchen können. Neben dem strenggläubigen, von tiefster Frömmigkeit beseelten und strengmonarchischen Theologen Specht, der 1888 als evangelischer Pfarrer in Ispringen bei Pforzheim starb, gehörten ihr drei junge Republikaner an: Karl Daenzer, der in Amerika als geachteter Publizist eine neue Heimat fand, Florian Moerdes, ein dünkelhafter junger Mensch, der 1849 im Handumdrehen vom Rechtspraktikanten zum Minister des Innern aufstieg, endlich der zerfahrene Karl Steinmetz aus Durlach. Steinmetz wurde 1849 von dem Durlacher Wahlbezirk in die konstituierende Versammlung nach Karlsruhe geschickt. Als die preußischen Truppen nach der Schlacht bei Waghäusel heran marschierten, geriet einer von den Abgeordneten in ihre 154 Hände. Empört stellte Steinmetz in der Versammlung die zornige Frage an den Diktator Brentano, was die Regierung in dieser Sache für Maßregeln zu ergreifen gedenke? Brentano erwiderte: »Sie wird den Bürger Steinmetz den Preußen entgegen schicken, um die Freilassung des Gefangenen zu verlangen.« Trotz ihrer unheimlichen Lage mußte die ganze Versammlung lachen. Vergl. Häußer, Denkwürdigkeiten zur badischen Revolution, S. 609. Die Walhallesen wollten auf streng gesetzlichem Wege vorgehen und eine geschlossene Gesellschaft bilden, die weder Korps noch Burschenschaft sein und sich von gewöhnlichen bürgerlichen Gesellschaften kaum unterscheiden sollte. Sie legten den Behörden Statuten vor, wonach sie auf alle äußeren Abzeichen verzichten, an Stelle des Duells ein Ehrengericht einsetzen und sich ausschließlich sittlichen, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Aufgaben widmen sollten. Der Senat lobte ihr Streben, aber das Ministerium wies sie ab mit dem Bemerken: Studentenverbindungen gerieten auch bei den löblichsten Absichten auf Abwege. Darauf hielten sich die Walhallesen ohne Statuten zusammen. Nach dem Vorgang der freisinnigen Gegner der Regierung in der badischen Kammer nannten sich die Gegner der Korps in der Heidelberger Studentenschaft gleichfalls Opposition. Sie gründeten eine akademische Reformzeitung, die in Mannheim erschien, die »Zeitschrift für Deutschlands Hochschulen«. Als Redakteur wurde ein ehemaliger Burschenschafter gewonnen, der Oberhofgerichtsadvokat Gustav von Struve, ein Idealist und Sonderling. Er lebte als Vegetarianer, befaßte sich eifrig mit Phrenologie und redigierte das Mannheimer Journal, ein Blatt von gemäßigt liberaler Richtung, erst später wurde er zu dem wütenden Revolutionär der Jahre 1848/49. Zweifelsohne trug zu dieser Wandlung der ununterbrochene, erbitterte Kampf gegen die Zensur bei, die in Mannheim dem rücksichtslosesten aller badischen Zensoren, dem Freiherrn Uria von Sarachaga überlassen war. So sah es in der Heidelberger Studentenschaft aus, als mein letztes Semester herankam, das interessanteste von allen, das Wintersemester 1844/45. 155     Die allgemeine Studentenschaft. Ein Semester nach dem andern war eilend dahin gegangen, aus dem Füchslein ein Jungbursch, aus dem Jungburschen ein Altbursch geworden. Nachdem ich zuletzt als Senior das Korps geleitet, war ich aus der Reihe der aktiven Mitglieder getreten, und die Verbindung hatte mich unter ihre Ehrenmitglieder aufgenommen. Fast in dem gleichen Schritt war ich als Mediziner aus dem anatomischen Präpariersaal in die klinischen Säle zum Auskultanten und Praktikanten und schließlich zum Assistenten vorgerückt, und der romantische Schimmer des Korpslebens begann vor dem Ernste der Wirklichkeit und angesichts der Aufgaben des ärztlichen Berufes zu erblassen. Ich konnte es mir nicht länger verhehlen: das Tun und Treiben der Suevia und der Korps überhaupt drehte sich immer und ewig um Kneipen und Pauken. Mephistopheles hatte offenbar recht:     »Mit wenig Witz und viel Behagen Dreht jeder sich im engen Zirkeltanz, Wie junge Katzen mit dem Schwanz.« Dazu kam die leidige Politik. Die öffentliche Meinung hatte sich mehr und mehr erhitzt und ich mich mit ihr. Mit lebhafter Teilnahme verfolgte ich den Gang der Ereignisse in Deutschland und Frankreich, meine Sympathien begleiteten die liberale Partei diesseits wie jenseits des Rheins. Stand ich aber auf der Seite der politischen Opposition, so konnte ich folgerichtig die studentische nicht verdammen, da sie die Grundsätze des Liberalismus mit jener teilte. Auf neutralem Boden, wie ihn botanische Ausflüge, die klinische Gemeinschaft und 156 das Zusammentreffen in Professorenfamilien gewährten, kam ich angenehmen Kommilitonen näher, die der Reformpartei angehörten, ich lernte sie schätzen und ihre Begebungen würdigen. Mocht' ich es äußerlich auch ungern bekennen, ich entfremdete mich allmählich dem Korpswesen. Es entbehrte der idealen Ziele, die mein frei und patriotisch gesinntes Herz erstrebte; die Burschenehre, der die Waffen-Verbindungen ihre blutigen Opfer pro patria brachten, wurde mir unverständlich, und die Gunst, deren sie sich bei den Regierungen erfreuten, verdächtig. So war der Herbst 1844 herangekommen, die Vorlesungen hatten bereits begonnen. Als ich eines Morgens hinter den Büchern saß, überraschte mich in früher Stunde mit seinem Besuche einer meiner liebsten Freunde, den ich seit den Osterferien nicht mehr gesehen hatte. Es war stud. jur. Eduard Bronner, gebürtig aus Wiesloch, somit mein nächster Landsmann, der Sohn des badischen Oekonomierats Bronner, des Besitzers der dortigen Apotheke, eines ungemein rührigen Mannes, der seinen Titel den Verdiensten verdankte, die er sich um den Weinbau in Baden erworben hatte. Mein Freund hatte das Heidelberger Lyceum besucht und seine ersten medizinischen Studienjahre gleichfalls in Heidelberg zugebracht, war auch Schwabenbursche geworden. Der Ruf des Chirurgen Stromeyer hatte ihn nach Freiburg gezogen, wo er zwei Semester verweilte, sein letztes wollte er jetzt wieder in Heidelberg verbringen. Kaum angekommen suchte er mich auf, um sein Herz auszuschütten. Er wollte eine patriotische Pflicht erfüllen, ich sollte dabei mithelfen. Eduard Bronner war von Gestalt klein, aber gewandt und von aufgewecktem, edlem Geiste, freigesinnt und ein schwärmerischer Patriot. Er hatte im Laufe des letzten Jahrs die Ueberzeugung der liberalen Presse gewonnen, daß die Korps die unbewußten Werkzeuge des Metternichschen Systems seien; die Pflicht gegen das Vaterland erheische, die Opposition in ihren Bestrebungen zu unterstützen. Der Krebsschaden des Studentenlebens sei das Mensurwesen, wie es die Korps ausgebildet und zu ihrer wesentlichen Aufgabe gemacht hätten. Es beschäftige sie völlig und mache sie blind und taub für die höchsten Ideale des Lebens, zur größten Freude der Blittersdorf, Hassenpflug, 157 Abel und wie die Kreaturen Metternichs sonst noch hießen. Das Uebel sei schwer zu heilen, aber es müsse gelingen, wenn man richtig vorgehe. Um das Mensurwesen zu erhalten, benützten die Korps mit vielem Geschick die Scheu der deutschen Jugend, feig zu erscheinen. Sie würfen der Opposition vor, daß sie die Korps nur aus Mensurscheu bekämpfe. Darum suchten sie die Duellgegner durch beleidigende Herausforderungen zum Pauken zu zwingen, und wenn dies gelinge, sei ihr Zweck erreicht: das Mensurwesen dauere fort. Man habe es ja erlebt, daß Reformverbindungen mit der Gewöhnung an das Pauken zu Waffenverbindungen und schließlich zu Korps ausgewachsen seien. Durch Ehrengerichte ließen sich solche, rein aus Paukwut gestellte Forderungen einfach abweisen, aber es müßten sich wenigstens anfangs Burschen an die Spitze der Bewegung stellen, die durch ihre Vergangenheit über jeden Verdacht der Feigheit erhaben seien, somit vor allen solche, die das Waffenspiel mitgemacht hätten. Er schlage mir vor, mit ihm und andern gleichgesinnten Burschen der Suevia das Banner der Reform aufzustecken. Ich zauderte, obwohl die Idee mir einleuchtete, aber ich lief Gefahr, bei dem Unternehmen einen großen Teil meines letzten Semesters zu verlieren und den Termin der Staatsprüfung hinausschieben zu müssen. Dennoch ließ ich mich überreden, den Vorschlag mit einigen unserer Korpsbrüder zu besprechen, von denen wir wußten, daß sie unsere Ansichten teilten. Es waren stud. jur. Franz Volk aus Offenburg, stud. cam. Heinrich Lepique und stud. jur. Edmund Kamm, beide aus Karlsruhe. Sie begrüßten das Vorhaben mit Freude, und wir setzten es ungesäumt ins Werk, denn rasch reift zur Tat der Entschluß der Jugend.   Wie war es möglich, daß wir glauben konnten, mit der studentischen Reform und namentlich mit der Bekämpfung des Paukwesens ein großes patriotisches Werk zu tun? Heute, nach mehr als 50 Jahren und fast dreißig Jahre nach der Gründung des deutschen Reichs, ist es schwer, sich in jene traurigen Zeiten zurückzuversetzen, wo der Bundestag farbige Bänder und Mützen fürchtete, der Gedanke der 158 Reichseinheit mit Zuchthaus, Rad und Richtschwert bedroht war, und selbst ein Fritz Reuter mit jahrelangem Kerker das Verbrechen büßte, das schwarzrotgoldne Band um die Brust getragen zu haben. Der allgemeine Haß gegen die deutschen Staatslenker war zu einer starken Macht geworden, niemand vermag heute die Größe unsrer Sehnsucht nach einem großen, freien und in der Welt geachteten Vaterlande zu begreifen. Der deutsche Bund ist untergegangen, das ersehnte deutsche Reich erstanden, der Traum unsrer Jugend erfüllt. Auch mag der Musensohn heute nach Lust Mütze und Brust mit farbigen Bändern schmücken, in Korps, Burschenschaft und Verbindungen mannigfachster Art eintreten, ohne daß Kaiser und Kanzler erschrecken. Vieles ist anders geworden, das Pauken aber ist geblieben, mir scheint sogar, als ob es üppiger noch in die Halme geschossen sei denn früher. Auch die Burschenschaften und die farblosen Verbindungen zerfetzen sich Wange und Stirne um die Wette. Mit dem braunen Sohne Nubiens wetteifert der studierende Deutsche, narbige Abzeichen auf dem entstellten Gesichte zu tragen. Wir zeigten unsern Austritt schriftlich an und verzichteten auf jede mündliche Erörterung, weil sie nur zu nutzloser Erbitterung geführt hätte und wir in Frieden aus der Suevia scheiden wollten. Das Reformprogramm der neuen Verbindung, die wir stifteten und Alemannia nannten, wurde vorerst nur mündlich unter uns fünfen vereinbart. Die ersten drei Studierenden, die sich uns anschlossen, waren ein älterer Mitkneipant der Suevia, Louis Bachelin aus Karlsruhe, und zwei jüngere studiosi juris , Josef Scheffel aus Karlsruhe, der bereits in München ein Jahr studiert hatte, und Sigmund Pfeufer aus Bamberg; diese beiden hatten die Schwabenkneipe einen Tag, bevor wir das Korps verließen, aufgesucht und waren uns fünfen sofort gefolgt. In kurzer Zeit wuchs die Alemannia auf nahe an 50 Mitglieder heran, darunter sechs Burschenschafter aus Jena, Tübingen und Bonn. Die Aufnahme Bachelins war eine Demonstration. Er hinkte infolge eines Hüftleidens und konnte wegen Schwächlichkeit den Schläger nicht führen, hatte somit nicht für das Korps getaugt. Wir nahmen 159 ihn auf, denn die Alemannia sollte keine Waffenverbindung, sondern eine Gesellschaft ehrenwerter Burschen und die Aufnahme nur an diese Bedingung, die er erfüllte, geknüpft sein. Hatten wir uns doch genügend überzeugt, daß Mensurfertigkeit und Ehrenhaftigkeit verschiedene Dinge sind. Kaum hatte sich die Alemannia gebildet, so folgte das Korps der Pfälzer, eine starke und durch gefährliche Schläger ausgezeichnete Verbindung, unserem Beispiel. Sie traten mit Ausnahme von zwei oder drei aus dem S. C. und stellten sich als Reformverbindung mit uns in die Reihen der Opposition. Wir traten in Unterhandlung mit ihnen, den Rupertern und Walhallesen wegen Organisation einer »allgemeinen Studentenschaft«, die, wie der Name anzeigt, auf der Grundlage des allgemeinen Stimmrechts eingerichtet werden sollte. Um unseren Grundsätzen nicht zu widersprechen, luden wir auch die Korps schriftlich ein, an unseren Beratungen durch Abgeordnete teilzunehmen, obwohl wir richtig voraussahen, daß sie darauf nicht eingehen würden; sie sahen ja in dem S. C. die einzig berechtigte, die Studentenschaft vertretende Behörde. Merkwürdigerweise führte unsere Aufforderung an die Walhallesen, mit uns zu Beratungen zusammentreten, zu einer Spaltung dieser Gesellschaft. Die Mehrheit witterte überklug hinter unserem Vorgehen eine Falle des S. C. und lehnte sie anfangs ab. Sie fürchteten, wir wollten die Opposition durch List in das Lager der Korps überführen. Es kam zu heftigen Erörterungen, die Minderheit sagte sich von der Walhalla los und trat als Albingia mit uns in freundschaftliche Verbindung. Darunter befanden sich mehrere nachmalige Professoren der Rechtswissenschaft, Karl Esmarch, Marquardsen, Stintzing, Aegidi, der Berliner Statistiker Meizen, der Hamburger Bürgermeister Versmann u. a. – Mit Aegidi, Marquardsen, Stintzing schloß ich Freundschaft, die beiden letzten wurden später meine Kollegen in Erlangen. – Erst nach einiger Zeit ließen die andern Walhallesen ihr Mißtrauen fahren. Wir waren nunmehr fünf Reformverbindungen: die Alemannia, Palatia, Albingia, Ruperta und Walhalla, und zählten mehr als doppelt so viele Mitglieder, wie die Korps. Um ihnen sofort zu 160 zeigen, daß ihre Suprematie zu Ende sei, benützten wir eine Gelegenheit, die sich gerade darbot. Es mußten die Wahlen für die Krankenkommission der Universität und in der Museumsgesellschaft für die Ballkommission seitens der Studenten vorgenommen werden. Bisher hatte der S. C. die Kommissäre dort und hier ernannt, wir bestanden auf unserem Recht und ballotierten sie mit großer Stimmenmehrheit aus diesen Stellen. Nachdem sich die Reformverbindungen geeint hatten, machten sie sich an die Ausarbeitung einer Verfassung der allgemeinen Studentenschaft , wie wir sie von nun an dem Sonderbunde des S. C. gegenüber als organisierte Körperschaft bezeichneten. Jeder Student galt für gleichberechtigt; nach diesem Grundsatze verfuhren wir schon bei der Wahl des Ausschusses, der den Auftrag erhielt, die Satzungen einer Verfassung zu entwerfen. Die Verbindungen wählten für je zehn ihrer Mitglieder einen Abgeordneten, und die Wilden hatten dasselbe Recht, sie machten jedoch von ihrem Rechte kaum Gebrauch. Der Ausschuß bildete eine Art konstituierender Versammlung, seine Verhandlungen rückten nur langsam vom Fleck. Die Redelust der jungen Herren war groß, es wurde erschrecklich viel und klug getiftelt, spintisiert und auf Prinzipien geritten. Der Vorsitzende war Aegidi. Er besaß ein großes Geschick die Verhandlungen zu leiten, wir nannten ihn anerkennend den kleinen Thiers, da er diesem berühmten Parlamentarier wie an Beredsamkeit, so auch an Leibesgestalt glich. Dank seiner Umsicht kam die Sache zu einem glücklichen Ende, und der Entwurf wurde von den fünf Verbindungen ohne Widerspruch angenommen. Von jetzt an besorgte ein Verwaltungsausschuß nach der Richtschnur einer sorgfältig ausgeführten Geschäftsordnung die Angelegenheiten der Studentenschaft. Schwieriger, als die meisten gedacht, war die Einrichtung eines Ehrengerichts, und das, was man schließlich fertig brachte, taugte nicht viel. Die Ansichten über das Duell gingen zu weit auseinander, nur in einem Punkte stimmten sie alle überein: man verdammte die Bestimmungsmensuren. Das Gericht wurde, vermutlich um seinem Urteil ein möglichst großes Ansehen zu verschaffen, mit 161 nicht weniger als 25 Richtern besetzt, auch durfte es keine Strafen, sondern nur seine Mißbilligung aussprechen. Glücklicherweise brauchte es nie zu tagen, kein Mensch nahm es in Anspruch, denn, so unglaublich es erscheinen mag, es kam im Laufe des ganzen Semesters zu keinem Ehrenhandel, noch weniger zu einem Duell. Die Korps sollten die Freude nicht haben, daß die Opposition unter sich selbst pauke. Obwohl unter den 300 jungen Leuten, die sich an der Reform beteiligten, ein reger Verkehr bestand und viel und lebhaft diskutiert wurde, kam es doch nie zu Injurien und Forderungen, man war in der Tat besser erzogen, als man bis dahin wußte. Man lernte sich zügeln, auch wenn es laut und heiter zuging. Machte die Opposition doch oft gemeinsame Spaziergänge auf das Schloß oder die Hirschgasse zu Hunderten, und jeder Student war willkommener Gast. Unser Vorgehen wirkte auf die Korps zurück. Die Mensuren nahmen bei ihnen mehrere Jahre lang an Häufigkeit ab. Mag auch mancherlei Torheit bei unserer Reformbewegung unterlaufen sein, sie machte uns Ehre und füllte eines der schönsten Geschichtsblätter der Heidelberger Studentenschaft. 162     Die Alemannia. Die Aufgabe der Alemannia, wie sie uns Stiftern vorschwebte, war gewiß löblich: die Pflege einer heiteren Geselligkeit, guter Sitten, vaterländischer Gesinnung, eines wissenschaftlichen Geistes und die Sorge für Kräftigung des Leibes durch Turnen und Fechten. Eine politische Verbindung sollte die Alemannia nicht sein, die Verirrungen und das Schicksal der Burschenschaft schreckten davon ab. Wir verlangten kein fertiges politisches oder religiöses Glaubensbekenntnis, nur ein redliches Streben nach Bildung des Geistes und Charakters. Als künftige Staatsbürger glaubten wir jedoch eine Pflicht zu erfüllen, wenn wir uns schon auf der Hochschule die nötige politische Einsicht verschafften. In einer unsrer ersten Sitzungen besprachen wir diese Frage, und ich erbot mich, Professor Gervinus um die Gefälligkeit zu bitten, uns ein Lehrbuch zum Studium der Politik zu empfehlen, so wie man Kompendien empfiehlt zum Studium der Weltgeschichte oder Erdkunde. Ich kannte Gervinus persönlich; als einer der eidgetreuen sieben Göttinger Professoren erfreute er sich bei den Studenten einer allgemeinen Verehrung; die Korps hatten ihm einen Fackelzug gebracht, und ich war unter den Abgeordneten gewesen; wie es in solchen Fällen Brauch, hatte er mich danach zu Tisch geladen. Mein Vorschlag wurde gutgeheißen, ein Karlsruher Füchslein, Karl Blind, begleitete mich; Gervinus nahm uns freundlich auf und riet uns, das Buch von Machiavelli über den Fürsten zu lesen. Ich kaufte es mir in einer billigen Uebersetzung, las es mit großer Andacht und war nachher so klug wie zuvor. Es ist mit der Politik ungefähr wie mit 163 der Heilkunst, man lernt sie nicht aus Büchern. Gute praktische Kurse hat uns Deutschen erst Bismarck erteilt. Wir ließen es bei diesem Versuche, von Verbindungswegen politische Belehrung zu holen, ein für allemal bewenden und stellten es jedem anheim, sie sich zu verschaffen, wie und wo es ihm gutdünke, aus Geschichtswerken, Flug- und Zeitschriften. Bei der allgemeinen Gärung in Deutschland gärte es natürlich auch in den Köpfen der Alemannia, in den einen mehr, den andern weniger. Allgemach gruppierten sich die Mitglieder der Verbindung in zwei Hälften, eine größere rechte und eine kleinere linke. Der rechte Flügel hielt fest an dem ursprünglichen Programm: die Alemannia sollte lediglich studentische Reformverbindung sein und das Burschenleben in seiner Eigenart, jedoch von den übeln Bräuchen gereinigt und geläutert aufrecht erhalten; der linke dagegen verlangte radikale Grundsätze in Philosophie, Religion und Politik, mit Betätigung der politischen Ueberzeugung schon auf der Hochschule. Noch ehe das Semester zu Ende ging, kam es zur Trennung, die vielversprechende Verbindung zerfiel. Einstweilen aber dachte noch niemand an eine solche Möglichkeit, und man kneipte einträchtig zusammen in der Wirtschaft zum Horn am Neckar, den heutigen »Vier Jahreszeiten«, am unteren Ende der Haspelgasse. Die Alemannia wählte sich Gold, Blau, Gold zu ihren Farben. Dadurch wird in Scheffels Gaudeamus ein Gedicht verständlich, das er am 29. Juni 1856 unter den Palmen Bordigheras abgefaßt und mir unmittelbar nachher zugeschickt hat. Krank und fiebernd war er aus den überschwemmten Niederungen des Rhonetals nach der Riviera gekommen. Zum Sterben elend lag er am Strande, den Blick gerichtet auf die tiefblaue Flut des Meeres, da zauberte ihm der Goldglanz, der über sie hinschimmerte, die Tage der Alemannia zurück: »Hier umglänzt mich die alte blaugoldne Pracht, Die der Jugend Leid mir versüßte.« Verwundert las ich diese fast Heineschen Zeilen. Im Horn am Neckar hatten die Freunde niemals der Jugend Leid an Scheffel bemerkt. Er muß es recht geheim getragen haben. Die Mehrzahl der Alemannen waren Süddeutsche, die 164 Minderzahl Norddeutsche. Einige Ausländer besuchten die Kneipe als angenehme Gäste. Erinnerlich ist mir der Amerikaner Franklin Taylor, ein Neffe des Dichters, Publizisten und Gesandten der Union 1878 in Berlin, Bayard Taylor, und ein Holländer, Peter Fuchs, geboren in Paramaribo. Ich lernte diesen sprachgewandten, feingebildeten jungen Mann ein Jahr nachher genauer kennen und schätzen, er brachte die Ferien in Wiesloch zu, wo ich täglich mit ihm verkehrte. Er hatte zuerst in Bonn studiert und dem Korps der dortigen Palatia angehört. Ich habe nie wieder von ihm gehört, er war gesonnen, nach Nordamerika auszuwandern. Wir feierten unsern ersten Kommers im Gasthof zum Weinberg am Marktplatz. An dieser Stelle soll einst der berühmte Gasthof zum Hirschen gestanden haben, wo der Ritter Götz mit der eisernen Hand Einkehr hielt, auch, wie Scheffel erzählt, der wilde Jäger vom Odenwald, der Rodensteiner. Es war tiefer Winter geworden, und die Erde lag in Eis und Schnee, als bei Musik und Schlägerklang die heiteren und ernsten Burschenweisen erklangen. In langen Reihen saßen wir zu Tische. Die Lieder hatten sich die Alemannen zum Teile selbst gedichtet. Die Palme trugen die markigen Verse Blinds davon: »Außen Schnee und Eis, Innen grünes Reis, Innen treibt die junge Frühlingskraft.« Mit den Liedern wechselten die feurigen »Pauken« begeisterter Redner. Den meisten Beifall erntete der Trinkspruch des langen Braun, eines treuen Freundes von Scheffel, mit dem er ein Jahr zuvor aus dem Karlsruher Lyceum abgegangen war. Julius Braun war ein Sonderling, aber ein braver Student und seinen Freunden wert. Der Kommers war im vollen Gang, da wischte er seine Brille, bat ums Wort, richtete sich in seiner ganzen Länge auf und beschwor mit lauter Stimme die Alemannia inständig, treu zusammen zu stehen. Er deutete hinauf zum Schloß und rief: »Ihr Brüder, haltet fest zusammen, fest, wie dort oben auf der Burg der gesprengte Turm!« – Unser langer Freund, von der festlichen Stimmung hingerissen, hatte nur an das starke Mauerwerk des Turms gedacht und nicht an die 165 Sprengkraft des Pulvers. Wir lachten, aber wir hätten nicht lachen sollen. Braun war ein Unglücksrabe und sprach wider Willen prophetische Worte. Ehe der Schnee im Frühling auf den Dächern schmolz, lag der stolze Bau der Alemannia, von der Politik gesprengt, in Stücken. Julius Braun hatte sich von der Theologie zur Kulturgeschichte gewandt. Er war ein gläubiger Schüler des Professors der Philosophie Eduard Roeth und wurde ein überzeugter Anhänger von dessen Irrlehre, wonach die Kultur Westasiens und Griechenlands aus dem Mutterschoße Aegyptens hervorgegangen sei. Braun bereiste Aegypten und Griechenland und bezeichnete mit richtigem Blick den Ort, wo später Schliemann seine berühmten Ausgrabungen Trojas vornahm, als die Stätte, wo die Stadt des Priamos gestanden habe. Privatdozent in Heidelberg geworden, gewann er eine edle, geistvolle Gattin aus dem kunstsinnigen Geschlechte der Artaria, wurde als Professor der Kunstgeschichte nach Tübingen berufen, von wo er nach kurzem Verweilen nach München übersiedelte und hier in den besten Mannesjahren 1869 starb. Es waren wissenschaftliche Kränzchen in Aussicht genommen, aber die vielen Sitzungen zur Einrichtung der allgemeinen Studentenschaft und der Verbindung ließen keine Zeit dazu übrig. Dagegen erfreute uns einmal in der Woche eine Kneipzeitung. Ihre Herausgeber waren Scheffel und drei Karlsruher Füchse, Karl Blind, Ludwig Eichrodt, der sich nachher durch zahlreiche scherzhafte Dichtungen in weiten Kreisen bekannt gemacht hat, und Moritz Ellstädter, der nachmalige verdiente badische Finanzminister. Diese drei bildeten mit drei andern aus Karlsruhe im Herbst abgegangenen Jünglingen, dem Mediziner Wilhelm Wagner, den Juristen Aaron Frank und Fritz Sommerschuh, den Kreis der sechs Karlsruher Füchse, die fest zusammenhingen und Karl Blind als ihren geborenen Führer betrachteten. Sie hatten schon auf dem Lyceum einen schöngeistigen Bund geschlossen und waren zusammen in die Alemannia eingetreten. Wagner, den sie den Wendelin nannten, lieferte für die Kneipzeitung viele lustige Bilder. Kein Mensch konnte ahnen, daß in Gestalt des blonden, bescheidenen und heitern, fast mädchenhaft dreinschauenden stud. jur. 166 Josef Viktor Scheffel, ein Prinz aus Genieland bei der Alemannia eingekehrt war. Die Gedichte, womit er die Kneipzeitung bedachte, verrieten den künftigen Dichter des Trompeters von Säkkingen, des Gaudeamus und Ekkehard noch nicht, sie dufteten noch alle stark nach der Karlsruher Schullampe. Ich bin in ihrem Besitz und werde Proben daraus mitteilen. Ludwig Eichrodt übertraf ihn an leichtem Versbau und neckischer Laune. Ellstädter und Blind lieferten ihre Beiträge in ungebundener Form, obwohl das erwähnte Bundeslied von Blind seine poetische Begabung entschieden an den Tag legte. Größer noch als sein Dichtertalent war sein Selbstgefühl. Wie ich den Mitteilungen des Biographen Scheffels, Johannes Proelß, entnehme Scheffels Leben und Dichten, Berlin 1887. Seite 45–49. , hat Blind selbst noch vierzig Jahre nachher mit großer Befriedigung in der Wiener Neuen Freien Presse 1886 erzählt, wie tief er auf den unbedeutenden Scheffel herabgesehen habe; er und seine Freunde hätten den trockenen Philister einer engeren freundschaftlichen Verbindung für unwert gehalten. Die Mitarbeiter an der Kneipzeitung unterzeichneten mit angenommenen Namen oder mit Bilderzeichen. Blind unterschrieb sich Teuterich, Scheffel Tasso, lieber noch zeichnete er den Umriß einer Tasse unter seine Beiträge. Den Namen Tasso verschuldete ein schrecklicher Kalauer. Die Freunde hatten ihn eines Tages im Horn vor dem Beginn des Kneipabends bei einer Tasse Tee überrascht, deshalb mit Hohn überhäuft und Tasso getauft. Aber nur in der Bierzeitung hieß er so, im persönlichen Umgang schon von der Schule her »der Josef«. Als »Meister Josefus vom dürren Ast« korrespondierte er als Rechtspraktikant in Säckingen mit dem Heidelberger Engeren. Erst lange nachher, nachdem er sich mit dem bösen Schicksal viel herumgeschlagen, zuletzt aber gemeint hatte, Sieger geblieben zu sein, nannte er sich mit seinem zweiten Vornamen Viktor. Dem Josef gefiel es besser in der fröhlichen Burschenwelt am grünen Neckar, als vorher in München unter den klerikalen Professoren, die den warm empfohlenen Studenten in ihre Familien eingeführt hatten. Er war ein wohlgelittener Kamerad, und einer der 167 liebenswürdigsten. Schon damals besaß er die köstliche Gabe, Erlebtes mit fesselndem Humor in der breiten, jedoch gemilderten Karlsruher Mundart zu erzählen. Auch hatte er schon die Eigenart, in der Unterhaltung ab und zu die Augen zu schließen, als wolle er die Vorhänge der Augenlider niederziehen, um dahinter ungestört die zuströmenden Einfälle und Bilder zu ordnen. Man erzählt allerlei Studentenstreiche von unsrem Freunde; Johannes Proelß (a. a. O. S. 55 u. folg.) hat einige der Nachwelt überliefert. Aus dem Wintersemester, das ich mit ihm verlebte, weiß ich keine zu berichten. Mit Unrecht stellt man sich übrigens den Studiosus Scheffel als ein großes Kneipgenie vor. Er betrieb seine Studien ernst und gewissenhaft, bestand ein gutes Examen und hätte nach dem Zeugnis eines meiner Bekannten am Bruchsaler Hofgericht, bei dem er praktizierte, vollkommen das Zeug zu einem Oberlandesgerichtsrat gehabt, wenn er nicht vorgezogen hätte, unter die Poeten zu gehen. Wie bewandert er im Corpus juris war, lehrte ein herrlicher Trinkspruch in den Räumen der Heidelberger Museumsgesellschaft auf seinen alten Lehrer Vangerow 1855. Seine Freunde hatten Scheffel zu Ehren ein Abendessen veranstaltet, dem auch ich anwohnte. Vangerow präsidierte und begrüßte seinen ehemaligen Schüler mit herzlichen Worten. Scheffel, der nicht wissen konnte, daß ihm gerade Vangerow diese Ehre erweisen würde, dankte ihm ohne langes Besinnen und wand ihm aus lauter Pandektensprüchen einen prächtigen Kranz dankbarer Verehrung um das Haupt. Wir waren alle von Bewunderung hingerissen, und Ludwig Knapp rief ihm zu, nachdem die Gläser verklungen hatten: »Meister Josefus, nie wieder wird Euch ein Trinkspruch so gelingen, wie dieser!« In der Alemannia gewann Scheffel seinen innigsten Universitätsfreund, den stud. jur. Karl Schwanitz aus Eisenach, der noch heute als sächsischer Geh. Justizrat in dem schönen Ilmenau weilt, der heitere und ehrwürdige Vorstand der berühmten Waldgemeinde Gabelbach, und seinen späteren Verleger, den stud. jur. Bonz aus Stuttgart, dem leider kein hohes Alter beschieden war. Beide hatten der Burschenschaft angehört, Schwanitz der Teutonia in Jena, Bonz der Tübinger Burschenschaft. 168     Der Neckarbund. Am 29. Januar 1845 machte mir Adolf Hexamer, ein älterer Mediziner, die Mitteilung, daß er und zehn andre Alemannen sich entschlossen hätten, auszutreten, weil das Programm der Verbindung ihnen nicht mehr genüge. Sie wollten nicht auf halbem Wege stehen bleiben, sondern die Grundsätze des entschiedenen Fortschritts in Wissen, Glauben und Politik pflegen. Einige Gleichgesinnte aus den andern Verbindungen würden sich ihnen zugesellen. Diese Nachricht überraschte und erschreckte mich. Ich beschwor ihn, seine Freunde möchten ihr Vorhaben nochmals mit einigen von uns Aelteren besprechen, ihr Schritt sei verhängnisvoll, ihre Verbindung werde ein politischer Klub sein und die ganze studentische Reform gefährden; es war vergebens. Er rückte nun mit der vollen Wahrheit heraus: ihre Verbindung war bereits Tatsache, sie nannten sich den Neckarbund, außer den zehn Alemannen hatten sich ihnen noch drei Mitglieder andrer Verbindungen angeschlossen. Sie verzichteten auf farbige Bänder als kindische Abzeichen, legten ihre blauen Mützen ab und stolzierten zunächst in grünen Samtmützen einher, vertauschten diese aber bald mit den dunkeln Filzhüten, die man 1848 nach dem roten Hecker Heckerhüte, auch Freischärlerhüte nannte. Blind, der mit sämtlichen oben genannten Karlsruher Füchsen dem Neckarbunde beitrat, hat, wie Proelß (a. a. O.) mitteilt, darüber mit den Worten berichtet, ihre grünen Samtkappen oder grauen Filzhüte seien manchem Landsmannschafter aus adligem Geblüt oder bureaukratischer Familie ein Dorn im Auge gewesen, denn sie hätten 169 »eine sehr vorangeschrittene Richtung« bedeutet im philosophischen Deuten und in den politischen Bestrebungen, von denen Südwestdeutschland damals erfüllt und erregt gewesen. Bei der Aufnahme in den Bund habe eine gewisse Ausschließlichkeit geherrscht, »da die Grundsätze stark gepflegt wurden. Wir lasen Feuerbach, Bruno Bauer, Strauß, Spinoza, erfreuten uns an allem, was im Sinne der deutschen Freiheit an die Oeffentlichkeit trat in gebundener oder womöglich recht ungebundener Rede. Wir verfolgten aufmerksam die Vorgänge in Frankreich, und Louis Blancs Geschichte der zehn Jahre wurde mit dem gleichen Eifer studiert, wie Carlyles Geschichte der französischen Revolution.« Die merkwürdigste Persönlichkeit, die dem Neckarbunde beitrat, war jedenfalls Peter Michel, ein Student der Philosophie, der von Bamberg frisch auf die Hochschule gekommen war, der Sohn eines bayerischen Offiziers. Er hatte sich auf der Schule beim Turnen einen Absceß des rechten Psoasmuskels im Unterleibe zugezogen und lange Zeit Bett und Zimmer hüten müssen. Noch immer erinnerte seine gebeugte Haltung und die fast leichenhafte Blässe seines Gesichtes an die überstandene schwere Krankheit. Er war eine auffallende Erscheinung: rabenschwarzes Haar hing ihm dicht und lang auf die Schultern herab, seine Nase war in scharfem Bogen geschnitten, seine dunkeln Augen glühten, er trug einen schwarzsamtenen polnischen Schnürrock und weite Pumphosen; ein kleiner schwarzer Bart begann bereits Kinn und Wangen zu umsäumen. In seiner weichen fränkischen Mundart erzählte er uns, nachdem er in der Alemannia heimisch geworden war, daß ihn auf seinem langwierigen Krankenlager eine wahre Lesewut befallen hätte. Er habe mit besonderer Gier philosophische Werke gelesen, Spinoza und Hegel, zuletzt Feuerbach. Von den Philosophen wandte er sich zu Proudhon und Fourier, wurde ein eifriger Bekenner der neu aufgetauchten sozialistischen Lehre und beschloß, auf der Hochschule Philosophie zu studieren und Apostel des Sozialismus zu werden. Warum er gerade Heidelberg, das sich damals keines hervorragenden Philosophen erfreute, für sein Studium aussuchte, weiß ich nicht. Von den Vorlesungen des Ordinarius, Freiherrn von 170 Reichlin-Meldegg, war die besuchteste über Goethes Faust wenig mehr als ein Rendezvous sich belustigender Studenten, und Dozent Roeth, der 1846 zum a. o. Professor der Philosophie ernannt wurde, gewann seinen Ruf als Lehrer hauptsächlich erst durch Julius Braun, Blind und die Neckarbündler, die seinen gewagten Hypothesen mit dem vollen Vertrauen gläubiger Jünger lauschten, obwohl sich seine kühnen Behauptungen gegenüber der genaueren wissenschaftlichen Prüfung als Irrlehren erwiesen. Auch der dritte, Hofrat Kapp, war kaum ganz ernst zu nehmen. Sei dem, wie ihm wolle, unserem Michel gefiel Heidelberg, wo ihn seine sozialistische Mission von Anfang an mehr beschäftigte, als sein Fachstudium. Gleich nach seiner Ankunft sah er sich, wie er selbst seinen Freunden später vertraute, bei verschiedenen Verbindungen, auch Korps, auf ihren Kneipen um, ob er fruchtbaren Boden für sein Evangelium fände. Der tauglichste schien ihm die Alemannia, die ihn aufnahm. Er brachte seine Lehren sehr bescheiden, sogar sanft und schmeichelnd vor und gewann allmählich einen großen Einfluß auf Hexamer und Blind, obwohl er sie nie zu entschiedenen Sozialisten bekehrte. Im Neckarbund rückte er mit seinem inneren Menschen ohne weiteren Zwang heraus, konnte unbändig grob sein und wie ein Flötzer schimpfen auf die »Holben« und »Liberolen, nomentlich solche Jommermenschen, wie den Gervinus«. – Wie ernst es ihm aber mit dem Evangelium, das er verkündete, war, bewies er 1849. Wie ein Feldprediger der Revolution zog er mit den aufständischen badischen Truppen wider den Feind. In dem Treffen bei Oos am 30. Juni drang ihm eine Kugel in den Leib, er endete tödlich verwundet in dem städtischen Hospital in Baden. So besiegelte er seinen Glauben mit dem Tode. Wie es mit dem Neckarbunde weiter ging, ist mir aus den Erzählungen meines späteren Freundes Tenner, der ihm eine Zeitlang angehörte, und aus der Kneipzeitung des Neckarbundes, in die ich Einsicht erhielt, bekannt. Er schritt auf der abschüssigen Bahn, die er eingeschlagen hatte, keck weiter, und einige seiner Mitglieder, namentlich Blind, Steinmetz, Michel und Hexamer beteiligten sich bald tätig an Volksversammlungen und als eifrige Korrespondenz an der 171 radikalen Presse. Die Kneipzeitung wurde namentlich von Blind mit satyrischen Erzeugnissen bedient, die mit besonderer Vorliebe die » Enfants terribles « der radikalen Partei aufs Korn nahmen. Beinahe klassisch sind zwei parodierende »Motionen« geraten, die der, auf der äußersten Linken sitzende Abgeordnete Offenburgs, Hofrat Kapp, seit 1840 o. Professor der Philosophie in Heidelberg, in die badische Kammer eingebracht haben sollte. Die eine lautete auf »die Erfüllung des Wortbruchs«, die andre auf »Verallgemeinerung der Hundesteuer«. In dem ersten Antrag donnerte der feurige Redner auf »das Schlangennetz des Bajonettismus, das sich um das Mark der Nation gelegt hat«, im zweiten »auf die zweibeinigen Fleischerhunde, die der deutschen Nation den letzten sauern Knochen von der Lippe reißen und in den eigenen Beutel stecken«. Die Schicksale der Neckarbündler haben sich sehr verschieden gestaltet. Die meisten beteiligten sich an der badischen Revolution; die Rolle, die Blind in ihr gespielt hat, ist hinreichend bekannt. – Von den Karlsruher Füchsen schloß sich Wilhelm Wagner gleich der ersten Erhebung an, dem Heckerputsche im Frühling 1848, und ging 1849 nach dem Scheitern des großen Aufstandes nach Nordamerika. Er machte in dem Bürgerkriege den berühmten Reiterzug Sheridans als Feldarzt mit, wurde des badischen »Diktators« Brentano Schwiegersohn und starb als praktischer Arzt in Chicago. Auch Frank und Sommerschuh gründeten sich eine neue Heimat in Amerika; beide weilen nicht mehr unter den Lebenden. Adolf Hexamer, der hauptsächlich, wie ich sicher erfuhr, den linken Flügel der Alemannia zum Austritt angetrieben hatte, spielte in der badischen Revolution eine Rolle, die von Häußer eine schlimme Kritik erfuhr. Er war in Koblenz geboren, seine Mutter aber nach Heidelberg gezogen, der Erziehung ihrer Kinder wegen. Seine beiden jüngeren Brüder beteiligten sich mit ihm an dem Aufstand. Nach den ersten unglücklichen Gefechten an der Bergstraße flüchtete die Familie nach der Schweiz und von da nach New-York, wo Adolf als Arzt praktizierte und frühe starb. Einer aus dem Neckarbund, ein Rheinpreuße, war schon 1846 nach Amerika ausgewandert. Er war an die Schrift von Max 172 Stirner geraten: »Der Einzige und sein Eigentum.« Sie kam seinen natürlichen Instinkten entgegen, weil sie den rücksichtslosesten Egoismus des Individuums verficht, dem er schon vorher, nur nicht auf wissenschaftlich-philosophischer Grundlage, gehuldigt hatte. Am Schlusse seiner Rechtsstudien erklärte er seinem Vater, einem angesehenen Arzte, er sei europamüde, es verlange ihn sehnlichst nach dem Lande der Freiheit. Sobald er dessen Zustimmung erlangt hatte, verteilte er an seine Heidelberger Bekannten Abschiedskarten mit der Aufschrift: »Ernst P. aus Amerika«, und fuhr nach Hause. Hier verschaffte ihm sein Vater eine wohlhabende Frau und ließ ihn als glücklichen Ehemann in das Land der Verheißung übersiedeln. Nach einigen Jahren zog es ihn nach den Weinhügeln des Rheinstroms zurück, er ließ Frau und Kind im Stich und war wie vorher »Ernst P. aus Europa«. Nicht alle Neckarbündler trieben ihr Schiff in das stürmische Fahrwasser der badischen Erhebung. Zwei haben es zu Ministerstellungen gebracht, der liebenswürdigste der Karlsruher Füchse, Ludwig Eichrodt, nur zum badischen Amtsrichter. Ueber die Gefahren der Revolutionsjahre half ihm eine schwere Brustfellentzündung weg, über die niedrigen Sorgen des Lebens die Muse, seine heitere Freundin bis zum letzten Atemzuge. Sie umschwebte ihn auf der Gerichtsstube und wenn er aufs Land fuhr zu gerichtlichem Augenscheine:     »Wohin ich schaue und wandle Begegnet mir unversehns, Zur Poesie verkläret,     Die alte Jurisprudenz.« 173     In memoriam. Der Abfall des Neckarbundes wurde von den Zurückgebliebenen schwer empfunden, sie begingen den Fehler, sich weiter zu spalten; im nächsten Semester verschwand die Alemannia, und an ihre Stelle traten neue Verbindungen, wie man in der angeführten Schrift von Dietz lesen kann, wo die Ereignisse bis auf unwesentliche Einzelheiten richtig dargestellt sind. Mannigfaltig, wie die Schicksale der Neckarbündler, waren auch die der Alemannen. Nur wenige von ihnen sind noch am Leben, fast alle bereits in das dunkle Reich der Toten geschieden. Die beiden Idealisten Eduard Bronner und Franz Volk, die mit mir aus der Suevia gingen, zog ihr schwärmerischer Patriotismus in den wilden Strudel der badischen Revolution. Für die todgeborne deutsche Reichsverfassung der Frankfurter Nationalversammlung setzten sie Vermögen und Existenz auf einen aussichtslosen, verzweifelten Wurf. Bronner hatte sich 1848 in Wiesloch als Arzt niedergelassen und im Frühjahr 1849 gerade sein geliebtes und liebenswertes Weib heimgeführt, als der Sturm losbrach. Sein Wahlbezirk schickte ihn als Abgeordneten in die sog. konstituierende Versammlung in Karlsruhe. Nach der Niederlage der Aufständischen bei Waghäusel floh er in die Schweiz, irrte mit seiner jungen Frau durch Frankreich und fand erst im Juli 1852 ein sicheres Asyl in England. In Bradford, inmitten einer ansehnlichen deutschen Kolonie, erwarb er sich als ein in allen Fächern der Heilkunde bewanderter, ebenso geschickter als 174 aufopfernder Arzt das unbedingte Vertrauen seiner Landsleute und als gentleman die Achtung der Engländer. Er gründete ein Hospital für Augen- und Ohrenkranke, das erste dieser Art, das außerhalb Londons in England eingerichtet wurde; nach seinem Tode übernahm es die Stadt Bradford als Eigentum. – Welch dankbare Verehrung ihm die Kolonie zollte, zeigte das originelle Fest, das sie zur Feier deiner silbernen Hochzeit 1874 mit ihm beging. Die gesamte Jugend, die er in Bradford als glücklicher Geburtshelfer im Laufe von 22 Jahren ans Licht der Welt gefördert hatte, erschien teils auf eigenen Füßen, teils auf den Armen ihrer Mütter und Ammen, um ihm ihre Glückwünsche darzubringen. Und weder sie, noch ihre Eltern kamen mit leeren Händen, jene brachten ihm einen Check von 600, diese von 1000 Pfund und machten so die silberne Hochzeit zur goldenen. – Im Jahre 1877 erwies die Medicochirurgical Society Bradfords dem Foreigner die seltene Auszeichnung, ihn zu ihrem Vorsitzenden zu erkennen. – Seine grenzenlose Hingebung verkürzte des edeln Mannes Leben. Im März 1895 befiel ihn eine Bronchitis. Der Bitten und Warnungen der Gattin nicht achtend, eilte er in eisiger Nacht an das Bett eines seiner Kranken, der dringend nach ihm verlangte. Eine Pneumonie war die Folge und raffte ihn am 18. hinweg. Ganz Bradford beklagte den schweren Verlust. Vergl. badische Biographien von Fr. v. Weech, Bd. II., S. 57. Franz Volk war eine ritterliche, schöne Erscheinung von kräftigen, edeln Zügen. Auch ihn hatte sein heimatlicher Wahlbezirk, die Stadt Offenburg, 1849 nach Karlsruhe abgeordnet; er war noch Rechtskandidat und in der Vorbereitung zum Staatsexamen begriffen. Volk besaß Vermögen, das der Fiskus nach dem Aufstand einzog. mittellos weilte er als Flüchtling in der Schweiz, von wo aus er nach Amerika auswandern wollte, doch vertauschte er vorher in Zürich das Studium des Rechts mit dem der Medizin, weil er in der neuen Welt als Arzt sein Auskommen leichter zu finden hoffte. Eine schwere Brustfellentzündung befiel ihn und schädigte seine Gesundheit für das ganze Leben. Nachdem ihm die Amnestie von 1857 die Rückkehr nach Baden ermöglicht hatte, ging er seiner geschwächten 175 Gesundheit halber nach der Heimat zurück und beendigte in Heidelberg seine medizinischen Studien. Da ich inzwischen daselbst Dozent geworden war, konnte ich ihm vielfach nützlich sein. Es ist ihm nicht leicht geworden, wie er mir mehrmals klagte, das Denken des Juristen mit dem des Mediziners zu vertauschen. Während sich jenes in Syllogismen streng an der Schnur der Gesetzesparagraphen zum festen Urteil fortbewegt, läuft das medizinische suchend und vergleichend durch eine labyrinthische Galerie von Bildern, ehe es zum Abschluß und Entschluß gelangt. Dennoch ist unser Jurist schließlich ein guter Arzt geworden. Nach glücklich bestandenem Examen ließ sich Volk in seiner Vaterstadt nieder. Papa Volk, wie ihn schon als Knaben seine Mitschüler nannten, gewann das ärztliche und politische Vertrauen seiner Mitbürger. Kaum ein anderes Gemeinwesen des Großherzogtums ist so in politische Parteien gespalten wie Offenburg, aber die Bürgerschaft erwählte ihn einmütig dreimal von je fünf zu fünf Jahren zu ihrem Bürgermeister. Leider unterlag er am 1. März 1890 den Folgen der Krankheit, die ihn als Flüchtling in Zürich heimgesucht hatte. v. Weech, a. a. O. Bd. II., S. 480. Volk hinterließ eine lesenswerte Schrift: »Hexen in der Landschaft Ortenau und der Reichsstadt Offenburg«, Lahr, 1882, einen wertvollen Beitrag zur Geschichte des Hexenwesens. In der Alemannia war Volk weitaus der beste Redner gewesen. Ich habe ihn zuletzt, als er in Offenburg bei einer öffentlichen Feier seine Vaterstadt vertreten mußte, reden gehört und der volkstümlichen, kernigen Worte mich gefreut, die er an die Teilnehmer des Festes richtete. Am 29. Juli 1883 wurde in Gegenwart zahlreicher Gäste das Denkmal Okens eingeweiht, das die Stadt dem verdienten Naturforscher und Patrioten in Gestalt einer wohlgelungenen, von Volz in Karlsruhe ausgeführten Büste auf einen ihrer Brunnen gesetzt hat. Lorenz Oken (eigentlich Okenfuß) ist als armer Bauernknabe in dem Dörfchen Bohlsbach bei Offenburg zur Welt gekommen und hat auf dem Gymnasium dieser Stadt seine erste gelehrte 176 Bildung empfangen. Neben den Naturforschern der benachbarten Universitäten waren deshalb auch der Gemeindevorstand von Bohlsbach, die Schuljugend des Dorfes und das Gymnasium von Offenburg zu der Einweihung geladen. Professor Weismann von Freiburg würdigte und feierte den Naturforscher, Volk den Patrioten. Den Bohlsbacher Bauern rief er zu: »Seid stolz darauf, daß euer barfüßiges Lorenzli ein Mann geworden, dessen Andenken wir ein Jahrhundert nach seiner Geburt hier feiern,« – die Gymnasiasten ermahnte er, auch unter dem Sonnenhimmel ihrer Jugend der ernsten Pflicht eifriger Pflege der Wissenschaft und der Ausbildung eines ehrenfesten Mannescharakters nicht zu vergessen, denn sie seien später vorwiegend berufen, Ferment und Träger der Bildung zu sein. Einer der liebsten Freunde ist mir Sigmund Pfeufer geworden. Er war der jüngste Bruder meines Lehrers Karl Pfeufer und studierte die Rechte. In Heidelberg bei seinem Bruder angekommen, sprach er diesem den Wunsch aus, das Burschenleben mitzumachen, wie er mir viele Jahre nachher erzählt hat, und erhielt von ihm den Rat, sich an mich zu wenden. Ich kann mir das große Vertrauen, das mir mein Lehrer schenkte, nur aus dem Umstand erklären, daß ich es fertig gebracht hatte, als Korpsbursche die Preisfrage der medizinischen Fakultät mit Erfolg zu bearbeiten. Sigmund suchte mich auf der Schwabenkneipe auf und folgte mir in die Alemannia, die wir gerade stifteten. Pfeufer war ein klarer Kopf, ein Mann von Geist und unverwüstlicher Laune bei großer Arbeitskraft. Nach der Staatsprüfung ging er nach Paris, um das französische Recht und Schwurgericht kennen zu lernen, beim Ausbruch der Februarrevolution eilte er nach Bayern zurück. Am 1. März kam er auf dem Heimweg nach Mainz und fand hier angekündigt, daß am nächsten Tag die Nassauer in Wiesbaden Revolution hätten. Es belustigte ihn, daß die Nassauer ihre Revolution einen Tag vorher anzeigten, gewissermaßen freundlich zu der Vorstellung in Wiesbaden einluden, er beschloß, sich die Sache anzusehen. Neugierig fuhr er in den Kursaal hinüber, wo eine Volksversammlung wirklich stattfand und 177 die damals üblichen Forderungen an den Herzog, der eben in Berlin abwesend war, gestellt wurden. Der Minister versprach einstweilen, bis zu des Herzogs Rückkehr, Preßfreiheit und gestand Volksbewaffnung zu, die aus den Vorräten des Zeughauses sogleich ins Werk gesetzt wurde. In einem launigen Briefe schilderte Pfeufer diese Vorgänge den Seinigen in Bamberg, der Brief gelangte in die Hände des Freiherrn von Lerchenfeld, dem bald nachher die Leitung eines liberalen Ministeriums in Bayern übertragen wurde, und erwarb ihm die Gunst dieses klugen Staatsmanns, der sich daraufhin seiner Dienste versicherte. Während des Krieges 1870/71 versah Pfeufer in Speier den wichtigen Posten eines Präsidenten der Rheinpfalz. Als nach beendigtem Kriege in Bayern aufs neue ein liberales Ministerium ans Ruder kam, wurde er im August 1871 Minister des Innern. König Ludwig II. erhob ihn 1887 in den erblichen Adelstand. Zuletzt verwaltete er das Amt eines Präsidenten von Oberbayern bis zu seinem Tode im September 1894. Ein mir gleichfalls teurer Freund war Eduard Pickford. Englisches und deutsches Blut kreiste in seinen Adern. Sein Vater war in Manchester Spinnereibesitzer gewesen, hatte eine deutsche Dame, eine geborene Schunk, geehlicht, 1811 sich von den Geschäften zurückgezogen und in Heidelberg niedergelassen. Vor dem Karlstor baute er sich eine noch heute vorhandene Villa, auffallend durch ihre niedrigen Säulen an der Eingangstüre; man sieht es ihr nicht mehr an, daß Kaiser Alexander I. im Juni 1815 sein Hauptquartier darin aufgeschlagen hatte, wie eine Inschrift, versteckt unter dem Balkon über der Türe, der Nachwelt in lateinischer Sprache vermeldet. Das unansehnliche Haus hat eine interessante Geschichte. In seinen Räumen empfing der Kaiser die überspannte Frau von Krüdener, die im Gewande einer Seherin seiner schwärmerischen, der Mystik zugeneigten Seele die romantische Idee von der heiligen Allianz der Fürsten und Völker einflößte. – Der alte Pickford hatte zehn Kinder, die meist von der Schwindsucht hingerafft wurden; ein älterer Bruder meines Freundes war Percy Pickford, Dozent der Medizin in Heidelberg von 1844–54, ein strebsamer und beliebter 178 Arzt. Er und auch Eduard Pickford erlagen dieser Geißel ihrer Familie. – Eduard war zum Kaufmann bestimmt gewesen und dazu in Leipzig und Lyon erzogen worden, aber eine unwiderstehliche Neigung trieb ihn zum Studium der Volkswirtschaft. Er war Dozent von 1849 bis 1864, leitete volkswirtschaftliche und politische Zeitschriften im Geiste des Freisinns und Freihandels und machte sich seiner Vaterstadt vielfach nützlich durch Gründung eines Gewerbevereins, eines Arbeiterbildungs- und eines Vorschußvereins. Sie wählte ihn deshalb 1863 und 1865 zu ihrem Vertreter in der zweiten badischen Kammer. In Karlsruhe erlag der tätige Mann am 19. März 1866 seinen Leiden. Vgl. v. Weech, a. a. O. Bd. II, S. 136. Von andern, denen ich näher trat, gedenke ich noch des stud. jur. Westphal aus Schwerin, eines wackeren Jünglings, nachmaligen Bürgermeisters von Schwerin und mecklenburgischen Reichstagsabgeordneten; ferner Fridolin Sandbergers, der als Professor der Mineralogie und Geologie 1898 in Würzburg starb; endlich des Mediziners Felix Kunde aus Berlin. Kunde hatte sich durch einige gute experimentelle Arbeiten über den Ursprung der Galle in der Leber, die Ursache des grauen Stars beim Diabetes u. a. bereits vorteilhaft bekannt gemacht, als er mich in Heidelberg aufsuchte, es mag im Herbst 1856 gewesen sein. Er war auf der Durchreise nach dem Süden, litt an der Schwindsucht und gab sich keiner Täuschung über sein Schicksal hin. »Meine Tage sind gezählt,« klagte er mir beim Abschied, »ich sterbe ungern, denn ich hatte gewünscht, meinen physischen Tod durch reifere Arbeiten in unserer Wissenschaft zu überleben.« Er starb 1865 in Rom. Gregorovius (römische Tagebücher, 1892, S. 296) berichtet am 27. Febr. 1865: »Gestern starb Dr. Kunde an der Schwindsucht. Wir begruben ihn heute. Als man ihn vor seinem Sterben fragte, ob er noch etwas wünsche, sagte er ruhig: den Tod, und starb.« Außer Schwanitz, Westphal und mir sind meines Wissens die noch einzig lebenden Alemannen: der in Heidelberg praktizierende Medizinalrat Karl Mittermaier und der in Konstantinopel wirkende deutsche Botschaftsarzt und konsultierende Arzt des Sultans, Georg von Mühlig. 179 Karl Mittermaier ist ein Sohn des berühmten Heidelberger Rechtsgelehrten und war mit seinem jüngeren Bruder Franz, der die Rechte studierte, in die Verbindung eingetreten. Franz mußte bald nach beendigtem Studium, eines Lungenleidens wegen, nach Madeira reisen, wo er drei Winter mit Nutzen verbrachte, begleitet von seinem Bruder Karl, der, gestützt auf seine eigenen Beobachtungen, eine sorgfältige Monographie der als klimatischer Kurort viel gepriesenen Insel veröffentlichte. Franz lebte dann geheilt als Privatgelehrter in Heidelberg, mit seinem Bruder für das Wohl der geliebten Vaterstadt eifrig besorgt, und erreichte ein Alter von 66 Jahren. Er starb an einem unerwarteten Rückfall der Tuberkulose 1891. Georg Mühlig, geboren in Zweibrücken, wuchs in der Levante auf, wo sein Vater sich als Kaufmann niedergelassen hatte. Nach früh erledigter Promotion in Heidelberg und eifrigen Studien in Wien und Prag ließ er sich in Konstantinopel nieder, wo er, im Besitze vorzüglicher Kenntnisse und der Hauptsprachen der polyglotten Stadt, rasch eine große Praxis erwarb. In seinem gastlichen Hause verlebte ich im September 1887 unvergeßliche, herrliche Tage. Die Reise nach der Türkei über Griechenland habe ich mit dem Reichstagsabgeordneten Dr. Hammacher ausgeführt, dessen Bekanntschaft gleichfalls aus der Heidelberger Studienzeit datiert; er war damals von Bonn zu Besuche gekommen und als Korpsbursche der Guestphalia Gast der Suevia gewesen. 180     Letzter Kommers. Am 4. März 1845 feierte die allgemeine Studentenschaft ihren Abschiedskommers. Der große Saal der Hirschgasse war dicht gefüllt, Aegidi, der Vorstand des Verwaltungsausschusses, zählte die Gäste, es waren gegen 280. Die Studentenschaft sah mit Befriedigung auf das Wintersemester zurück. Sie hatte sich eine freie Verfassung gegeben, den Zwang alter Vorurteile gebrochen, nie noch waren die Einzelnen so leicht und angenehm einander nahe gekommen; als Söhne eines Vaterlandes, unbekümmert um den Volksstamm, das Land oder die Kirche, der sie angehörten, hatten sie einander schätzen und lieben gelernt. In gehobener Stimmung beging die Jugend das Fest nach alter Burschenweise, bei Musik, Gesang und Schlägerklang. Mitternacht war herangekommen und Arndts mächtiges Vaterlandslied eben verklungen. Plötzlich stimmte die Musik die Marseillaise an, und der Neckarbund, der vollzählig erschienen war, fiel, den französischen Text singend, in die Melodie ein. Er hatte die Ueberraschung ins Werk gesetzt und freute sich der Empörung, die der häßliche Streich an allen andern Tischen im Saale hervorrief. Ein furchtbarer Lärm erstickte die welsche Hymne. Dem wohlbegonnenen Feste drohte ein beschämender Ausgang, da gelang es Aegidi, die Rednerbühne zu ersteigen und die hochgehenden Wogen durch patriotische und begütigende Worte zu glätten. Er schloß mit dem feurigen Zuruf: »Brüder, auf Wiedersehen zu Frankfurt im deutschen Parlament!« Jubelnder Beifall brauste durch den Saal, und die Präsides kommandierten: » Silentium! Initium fidelitatis! « 181     Poetische Nachklänge. I. Der Untergang der Alemannia ging dem Studiosus Scheffel tief zu Herzen. Er gab seinem Schmerz Ausdruck in zwei langen Gedichten, die ich in der Urschrift bewahre. Das eine Gedicht hat er in den Osterferien zu Karlsruhe verfaßt, einen kunstreichen »Chor nach Sophokles«, mit Strophen und Antistrophen und einem verschwenderischen Reichtum an Anapästen nach Platens Art. Vielleicht interessiert eine Probe daraus den Leser. »Denn war's nicht fidel, als hier in dem Horn, im menschengefülleten Saale Zusammen noch kam, wer immer das Haupt mit blauer Mütze bedeckte? Und als im Gespräch die Meinungen laut man wechselseitig ertauschte Und die vollen Gläser ertönten mit Macht, und der Geist sich rieb an dem Geiste? Das rege Leben bestehet ja nur im Kampf der verschiednen Prinzipe Und gewähret mehr Lust, als wenn sich nur Gleichdenkende abseparieren Und dieser schon weiß, was jener wohl will, und jener, was dieser sich denket. Drum preis ich mir auch die Vergangenheit an, wo stolz noch trug seine Krone Der kräftige Stamm, Alemannia genannt, als weithin schattende Eiche.« Ein Stoßseufzer, gekleidet in die Prosa des Wittelsbacher Dichterkönigs, schließt den rührenden Gesang: »Ich aber – gesungen habend – ein müder Barde, ziehe mich zurück in die alte leuchtende Urnacht meines Geistes.« Das zweite Gedicht stammt aus den ersten Tagen des Sommersemesters 1845. Aus den Ferien nach Heidelberg zurückgekehrt, vermißte Scheffel viele der geliebten Freunde, sie waren ins Philisterium 182 abgegangen oder nach andern Universitäten gezogen; öde und verlassen lag das Horn am Neckar, die Alemannenkneipe; in 29 vierzeiligen Versen beklagte er den Untergang der schönen Verbindung. Der Leser wird es mir Dank wissen, wenn ich ihm von den 29 Versen nur 7 vorlege.         »Es ging durch Heidelbergs Straßen Ein Jüngling, gramerfüllt! Im frohen Lenzesspiele Ein traurig Winterbild. Er trägt eine blaue Kappe Und ein blaugoldnes Band, Und schaut mit schweren Tränen Hinaus ins blühende Land. Er wandelt traurigen Schrittes Zum Horn am Neckar hin Und sitzt im leeren Zimmer Mit schmerzdurchwühltem Sinn. Und mit gebrochner Stimme Ruft er im einsamen Saal: Ihr öden, trüben Mauern, Euch klag' ich meine Qual! Wie tönten hier einst helle Die Lieder aus voller Brust, Wie saßen hier einst die Genossen In frischer Jugendlust! Wie drang im Sturmesbrausen Von diesem Raume hier Der Ruf in die Winternächte: Hoch Alemannia dir!!! Das war in jenen Tagen Ein starker Bruderbund! Und jetzt – o traurig Schicksal – Ist alles auf dem Hund!« 183 II. Fünf Jahre später, nachdem die Revolutionsstürme über Europa hingebraust waren und eine trübselige Stille sich über Deutschland gelagert hatte, führte mich ein Familienereignis aus dem Schwarzwald, wo ich auf dem Lande praktizierte, nach Heidelberg. Die Jünglinge, mit denen ich hier einst goldene Tage verlebte, hatte das Schicksal nach allen Richtungen zerstreut. Wie Scheffel irrte ich verlassen durch die Straßen, umschwebt von den Bildern der Vergangenheit. Heimgekehrt nach dem Schwarzwald wurde mir der Praxisgaul, der mich durch Feld und Wald trug, zum Pegasus, und auf dem Sattel des treuen Tieres schmiedete ich das folgende Gedicht, womit ich das Buch der Burschenzeit abschließe. Besuch in Heidelberg 1850. An des Neckars trauten Ufern Schmückten wir uns heitre Hallen, Bei des Gaudeamus Klängen Ließen wir die Schläger schallen. Einsam jüngst in Sommertagen Ging ich wieder durch die Straßen, Wo wir einst als flotte Söhne An der Musen Tische saßen. Wo sind, die mich froh begrüßten, Jener Brüder traute Scharen, Wenn ich nach den Ferien wieder Bin zum Tor herein gefahren? Ach, so manche fern der Heimat Sind verbannt in fremden Landen; – Werd' ich je sie wiedersehen, Die so nahe mir gestanden? Andre muß ich klüger preisen Die daheim nach Glücke trachten Und es schon zu Amt und Würden, Ja sogar Familie brachten. 184 Ihrer keinem doch von allen Ist der große Wurf gelungen, Keiner hat mit gleichem Schweiße Einen Gaul wie ich errungen. Einen faulen Gaul, auf dem er, Mit den scharfen Sporen treibend, Reitet zu den kranken Bauern, Dichtend und Rezepte schreibend. Dennoch würd' ich gerne meinen Gaul und meine Lieder geben, Dürft' ich von den frohen Tagen Einen einmal noch erleben. An des Neckars trauten Ufern Schmückten wir uns heitre Hallen, Doch die Kränze, die wir wanden, Sind verdorrt und abgefallen. Einsam wandl' ich, ungegrüßet, – Ach! das sind jetzt andre Zeiten, Kam zu uns ein alter Bursche, Durft er nicht verlassen schreiten. Eifrig liefen wir zusammen, Solchen werten Gast zu ehren, Unsre Humpen, unsre Hörner Mußt' er bis zur Neige leeren. Auf der Hirschgaß blut'ger Stätte Mußt' ihn unsre Kunst entzücken, Und zuletzt noch mit Rappieren Hieben wir ihn fast zu Stücken. Ja, ich gäbe Gaul und Lieder, Könnt' es sich noch einmal fügen, Daß sie mich zu Boden tränken Und mir brav das Fell zerschlügen. 185     Viertes Buch. Medizinisches Studium. Gute, fast vergess'ne Zeit, Oeffne deine Tore weit: Sieh! in stolzer Majestät Naht die alte Fakultät.     Romantik und Rationalismus zu Beginn des Jahrhunderts in Heidelberg. Mitten in dem Zusammenbruch des heiligen römischen Reichs trieb die Romantik in Deutschland zu Beginn des Jahrhunderts üppige Blüten. Ihre Poeten schwärmten für die mittelalterliche, mondbeglänzte Zaubernacht, für girrende Troubadours und psalmodierende Waldbrüder; ihre Gelehrten spähten nach wunderbaren Schätzen in der verborgenen Tiefe der Geheimlehren, Mythologien und Völkersagen. Die Einbildungskraft entrang sich den Zügeln der nüchternen Kritik und wagte die kecksten Einbrüche in die Natur- und Heilkunde. Uebersättigte Sinne und unbefriedigte Gemüter lechzten nach Seligkeit und Erlösung und suchten sie im Schoße der römischen Kirche. Für solche Stimmungen und Richtungen war Heidelberg der gelegenste Ort. Unter den melancholischen Trümmern seiner Burg, an den Ufern seines rauschenden Stroms, in der Waldeinsamkeit seiner Berge ließ es sich köstlich träumen und dichten. Heidelberg, meinte Goerres Vgl. Georg Weber, Heidelberger Erinnerungen, Stuttgart, 1886, S. 105 u. f. , der 1806 und 1807 hier weilte und wirkte, sei selbst prächtige Romantik und ein Wundermärchen der Vorzeit. – Achim von Arnim und Clemens Brentano hausten am Fuße des Schloßbergs im »faulen Pelz« und ließen des Knaben Wunderhorn 1806 in die Weite klingen. – Der volkstümlichste Sänger der romantischen Dichterschule, Josef von Eichendorff, 188 studierte 1807 und 1808 in Heidelberg. – Unwillig sah Tieck, bei einem seiner Besuche der Schloßruine, die unwegsame Wildnis, die ihn bis dahin entzückt hatte, in einen Park mit sauberen Wegen umgeschaffen. – Die altdeutschen Gemälde der Gebrüder Boisserée, heute ein kostbarer Besitz der Münchner alten Pinakothek, leuchteten damals in ihren herrlichen Farben auf Goldgrund in dem heutigen Amthaus am Karlsplatz. – Creuzers symbolische Lehren erregten Goethes Interesse, der sich auf dem Schloß oben, wie die Steintafel im Stückgarten meldet, 1814 und 1815 »sinnend und dichtend« erging. Viele Gedichte des westöstlichen Divan sind hier entstanden, und das merkwürdige Laub eines Baumes aus dem Osten, der in den Schloßgarten gepflanzt war, reizte ihn zu symbolischer Deutung. Es war eine Gingko Salisburya adiantifolia, Lam. , ein taxusartiger Baum, dessen Blätter aus Nadeln zusammengesetzt und aus zwei innig verschmolzenen Hälften gebildet zu sein scheinen. Er schrieb in das Buch »Suleika« die Verse mit der Aufschrift: »Dieses Baums Blatt, der von Osten Meinem Garten anvertraut, Gibt geheimen Sinn zu kosten, Wie's den Wissenden erbaut.« Der Sinn, den der Dichter, der Frankfurter Freundin gedenkend, in das Blatt legte, war das Geheimnis eines Bundes, der aus zwei liebenden Wesen eines macht: »Fühlst du nicht aus meinen Liedern, Daß ich eins und doppelt bin?« Am Ufer des Neckars vor dem Karlstor wurde sogar die Politik zur Romantik und tauchte die weltgeschichtliche dunstige Gestalt der heiligen Allianz der christlichen Fürsten und Völker vor des Zaren Seele empor. Aus der Vergangenheit jener ersten Jahrzehnte ragten in meine 189 Studienzeit nur noch wenige, fast verwitterte Säulen herein. Wenn wir jungen Leute den hochbetagten, einst so viel gefeierten Creuzer sich abends zur Museumsgesellschaft schleppen sahen, fragten wir uns verwundert: »War es möglich? Konnte dieser Alte mit der roten Perücke einst das Herz einer edlen, schönen und geistreichen Jungfrau so in Liebe entzünden, daß sie dem, durch die Bande der Kirche und der Dankbarkeit bereits gefesselten Freunde nicht zu entsagen vermochte und sich verzweifelnd den Dolch in den Busen stieß?« Mit dem Schimmer der Romantik war es zu Anfang der vierziger Jahre in Heidelberg vorbei. Heftige Gegner waren ihr schon bei der Wiedergeburt der Universität erstanden, trotzige, auch hagebuchene Verfechter des Rationalismus, der in der medizinischen Fakultät von Beginn an ausschließlich herrschte. Damit die Heidelberger Universität im Glanze berühmter Namen gleich bei der Neubegründung weithin strahle, berief Karl Friedrich 1805 den sprachgewaltigen Johann Heinrich Voß, der den Deutschen den Homer geschenkt hat, wie einst Luther die Bibel. Der Löwe von Eutin hatte sich in Jena zur Ruhe gesetzt, als ihn Karl Friedrich einlud, nach Heidelberg überzusiedeln, um an der Hochschule mitzuwirken, nicht als tätiger Professor auf der Lehrkanzel, sondern einzig durch seine anregende Gegenwart, und er folgte dem Rufe. Der streitfertige, knorrige Niedersachse wirkte mit elektrischer Kraft durch Reibung und Induktion und brachte mit Wettern und Blitzen dem fruchtbaren Erdreich Segen. Mit Schwert und Schild wahrte er grimmig die reine Wissenschaft vor der Verführung durch die leichtfertigen Romantiker, Symboliker und Mystiker. In seinen Augen waren die Goerres und Creuzer gefährliche Phantasten, ihre Lehren eitles Geflunker; des Knaben Wunderhorn schalt der Grobian einen »zusammengeschaufelten Wust« Wörtlich aus Georg Weber, a. a. O. S. 147. und »heillosen Mischmasch von allerhand bugigen, schmutzigen, trutzigen und nichtsnutzigen Gassenhauern, samt einigen abgestandenen Kirchenhauern«. Ebenso wie die Wissenschaft war der Glaube dem ehrlichen Manne Verstandes- und Herzenssache zugleich. Er haßte die katholisierende Richtung 190 der Zeit und schrieb sogar dem alten Jugendfreunde und Göttinger Hainbundgenossen den Absagebrief mit der Aufschrift: »Wie ward Fritz Stolberg ein Unfreier?« Voß zur Seite stand bis zu dessen Tode 1826 der nicht minder streitbare Schwabe, der großherzoglich badische geheime Kirchenrat, Professor der Exegese und »Erzvater des Rationalismus«, Gottlob Paulus, in den Augen der Orthodoxen der leibhaftige Antichrist. Auf meiner erwähnten Ferienreise in den Schwarzwald 1842 begrüßte mich mein strenggläubiger Oheim in Buhlbach mit den Worten: »Hat der Teufel euern Paulus in Heidelberg noch immer nicht geholt?« – Der Teufel fürchtete die scharfen Waffen des unerschrockenen Theologen, der ihm keine Macht und nicht einmal die Existenz zugestand, und Paulus hat es, trotz ewiger Fehden auf allen Gebieten des Wissens, Glaubens und des öffentlichen Lebens, auf 90 Jahre gebracht; er ist erst 1851 gestorben. Glücklicher, als Voltaire einst für die Sache des schändlich verurteilten Calas stritt, rettete Paulus dem Kölner Fonck das, nach dem Urteil des Schwurgerichts verwirkte Leben. Er wagte noch Kühneres, fast Unglaubliches, denn er trat furchtlos für das junge Deutschland ein und für Gutzkows gottlose »Wally, die Zweiflerin«, obwohl der hohe Bundestag jenes in Acht getan und Gutzkow, auf Menzels Betreiben, vor die Gerichte gestellt hatte. Der unermüdliche Kämpe hat sich auch die Medizin verpflichtet. Vgl. die geistvolle Würdigung der Tätigkeit von Paulus in den bad. Biogr. Bd. II, durch Prof. Hausrath in Heidelberg. Fast früher als die Aerzte erkannte der Theologe die Gefahr, womit Schellings Naturphilosophie die Heilkunde bedrohte. Den Einfluß solcher Phantasmen auf das ärztliche Studium nannte er »tragisch«, man könne solcher»Taschenspielerei« nicht frühe genug ein Ende machen. Es sei ein gefährliches Spiel, die Medizin am Studiertisch aus dem Kopfe, statt aus der Beobachtung und dem Versuche, aufzubauen. Der Rationalist besah sich ohne Brille die Welt. Wenn die deutsche Medizin fast in allen Stücken hinter der französischen und englischen zurückblieb, so war nur die schlechte 191 Methode der deutschen Forschung daran Schuld, die sich durch blendende Phrasen auf die Abwege oft geistreicher, aber hohler Spekulation hatte verlocken lassen. Neben Paulus und anderen Gelehrten, z. B. dem Geschichtsschreiber Schlosser, pflegte innige Freundschaft mit dem alten Voß der berühmte Anatom Friedrich Tiedemann. Er war von dem trefflichen Berater und Minister Karl Friedrichs, dem Freiherrn von Reitzenstein, 1816 von Landshut berufen worden. Die Wahl war ausgezeichnet, denn was damals die deutschen medizinischen Fakultäten am nötigsten brauchten, waren nüchterne Forscher, und nüchterner als Tiedemann konnte niemand sein. Während die Vorlesungen Schellings alle andern Zuhörer hinrissen, wurde er, der sie in Würzburg besucht hatte, gerade durch sie von allen naturphilosophischen Anwandlungen für immer geheilt. Seitdem blieb er, wie er seinem Schwiegersohn Bischoff v. Weech, Bad. Biogr., Bd. II, S. 352. erzählte, ein unentwegter Anhänger Franz Bacons. – Eine Anekdote, die in Heidelberg umlief, kennzeichnet vorzüglich das hausbackne Urteil des Anatomen. Ein befreundeter Professor, der Orientalist Hanno, überreichte ihm ein Bändchen überschwenglicher Gedichte, die er eben dem Druck übergeben hatte. Tiedemann las darin den gewagten Ausdruck: »Auch mein Herz ist voll bis über'n Rand!« – »Aber was fällt Ihnen ein, mein Lieber?« so verwies er dem bestürzten Dichter seinen unglücklichen Vergleich, »meinen Sie, das Herz sei eine Waschschüssel?« Der induktiven Methode huldigte wie Tiedemann die ganze medizinische Fakultät. Diese bestand im Beginn meines Studiums neben ihm aus dem Ordinarius Franz Carl Naegele, Maximilian Josef Chelius, Benjamin Puchelt und Leopold Gmelin, aus dem Extraordinarius Theodor Bischoff und dem Prosektor Ludwig Kobelt. Daß die induktive Methode nicht notwendig den Forscher und Lehrer trocken und ledern machen müsse, bewies in diesem Kreise der alte Geburtshelfer Naegele, einer der unterhaltendsten Professoren, die je einen Lehrstuhl einnahmen. Kaum eine der deutschen medizinischen Fakultäten stand so fest 192 auf dem einzig sichern naturwissenschaftlichen Boden wie die Heidelberger, und nur eine war ihr an Bedeutung ihrer Lehrer überlegen, die Berliner. Den Triumvirn Johannes Müller, Dieffenbach und Schoenlein waren die Tiedemann, Chelius und Puchelt nicht ebenbürtig, Naegele allein, um den sich Berlin vergeblich bemüht hatte, durfte sich ihnen als gleicher zur Seite stellen. Freilich hatte die Fakultät bereits zu altern begonnen. Sie fühlte es selbst, daß sie der Zufuhr frischen Blutes bedürfe, und auf ihren Antrag berief die Regierung 1844 den Anatomen Henle und den Pathologen Pfeufer. Ich hatte das Glück, ein Jahr noch den Unterricht auch dieser bedeutenden Männer genießen zu können. Indem ich jetzt die medizinische Lehrweise und die Lehrer der Heidelberger Schule meiner Studienjahre schildere, habe ich keine andere Absicht, als anspruchslose Bilder zu liefern, wie sie mein Kopf und mein dankbares Herz im Gedächtnis bewahren. 193     Friedrich Tiedemann. In dem westlichen Stadtteil, zwischen der Hauptstraße und der Brunnengasse, stand bis zum Beginn des Jahrhunderts ein Dominikanerkloster im Garten; Kurfürst Friedrich der Siegreiche hatte es 1476 gestiftet, Kurfürst Max Josef, später König von Bayern, 1799 aufgehoben, Karl Friedrich von Baden um 11 000 fl. angekauft und der Universität übergeben. Sämtliche medizinischen und naturwissenschaftlichen Anstalten wurden in den Räumen des Klosters untergebracht und sein Garten zum botanischen umgeschaffen. – Die Zeit war noch billig für die Hochschulen. Als ich 1840 die Universität bezog, befand sich in dem ehemaligen Kloster von den medizinischen Anstalten nur noch die gemeinsame für Anatomie und Physiologie; die Kliniken mit der Entbindungsanstalt waren schon lange ausgezogen und hatten im Marstallgebäude ein besseres Unterkommen gefunden. Auch der botanische Garten war vor die Stadt gelegt, die naturwissenschaftlichen Institute für Physik, Chemie und Zoologie waren in dem Kloster geblieben. Dem anatomischen Unterricht diente die Klosterkirche; man konnte ihre frühere Bestimmung und ihre einzelnen Teile noch leicht erkennen. Das Chor war zu einem hellen Amphitheater und Hörsaal geworden, von drei Seiten strömte das Tageslicht frei herein; das Schiff war Präpariersaal, die Sakristei Leichenkammer. Diese Einrichtung der Kirche für anatomische Zwecke hatte der Vorgänger Tiedemanns getroffen: Jakob Fidelis Ackermann, vorher Professor an der Mainzer Hochschule und 1805 von da nach 194 Heidelberg berufen, ein tüchtiger Mann. Er führte die anatomischen Präparierübungen in Heidelberg ein und erteilte zugleich den ersten praktischen, zunächst nur poliklinischen Unterricht in Medizin und Chirurgie. Die Stadt schätzte ihn als geschickten Arzt, er stand noch in den vierziger Jahren bei der Bevölkerung in gutem Andenken. Wie man sieht, vertrat Ackermann vier Hauptfächer der Heilkunde: Anatomie, Physiologie, innere Medizin und Chirurgie mit Einschluß der Augenheilkunde. Der damalige Umfang dieser Wissenschaften gestattete der Kraft eines Einzigen auszuführen, was heute nur der vereinten Tätigkeit von fast einem Dutzend Professoren gelingt. Am meisten kann man erstaunen und erschrecken über die heute unerlaubte Verbindung der Anatomie und Chirurgie in einer Professur. Wenn dieselbe Hand morgens Leichen präparierte, kurz bevor sie Abscesse eröffnete, Glieder abnahm oder Wunden verband, so lief der Kranke Gefahr, daß ihm tödliches Gift vom Leichentisch in die Wunde übertragen wurde. Der Chirurg beraubte sich so selbst durch seinen weiteren Beruf als Anatom der Frucht seiner Arbeit. Man steckte eben noch in der tiefsten Unwissenheit über die Natur und die Quellen der Wund- und Blutvergiftungen, der Infektionen durch faulige Stoffe und Eiter. Glücklicherweise bestand diese Vereinigung von Anatomie und Chirurgie in Heidelberg nur bis zu Ackermanns Tod 1815. Schon 1816 wurden die beiden Professuren getrennt, die Anatomie nebst der Physiologie Tiedemann, die Chirurgie nebst der Augenheilkunde Chelius zugewiesen. So geschickt auch Chelius war, den Ruf einer glücklichen Hand verdankte er doch zum guten Teil dem Umstand, daß er nur in dem kurzen Sommersemester, wenn er den Operationskurs erteilte, mit Leichen zu tun hatte. – Anders war es z. B. in Göttingen, wo Martin Langenbeck Professor der Anatomie und Chirurgie bis zum Ende der vierziger Jahre in einer Person war. Er empfand es als eine schwere Kränkung, als man ihn endlich in seinem 72. Lebensjahre nötigte, das chirurgische Lehramt aufzugeben, denn er fühlte sich noch kräftig genug zur Besorgung der beiden Professuren. Unter Tiedemanns Leitung verschaffte sich die Heidelberger 195 anatomische Anstalt bald einen großen Ruf im In- und Ausland. Beim großen Publikum verliehen der anatomischen Sammlung hauptsächlich die Gerippe des Schinderhannes und schwarzen Peters ein besonderes Ansehen, bei den Anatomen von Fach die Präparate Tiedemanns und seiner Prosektoren Fohmann und Arnold. Am berühmtesten waren die Saugaderpräparate Fohmanns, die als einzig in ihrer Art gepriesen wurden. Auch der größte anatomische Kenner Deutschlands, Johannes Müller, nannte sie»herrlich und unübertrefflich,« obwohl er mit dem Bedenken nicht zurückhielt, es möchten nicht alle diese von Fohmann eingespritzten feinen Wege wirkliche Saugadern sein. Heute würde die Anstalt den bescheidensten Ansprüchen eines öffentlichen Lehrers der normalen Anatomie des Menschen nicht mehr genügen, in meiner Studienzeit dienten ihre Räume noch außerdem zum Unterricht in der Physiologie, der vergleichenden und pathologischen Anatomie und zur Aufnahme sämtlicher anatomischen Sammlungen. Die Physiologie machte freilich kaum andere Ansprüche, als den der Mitbenützung des Hör- und Präpariersaals, ein Instrumentarium besaß sie noch nicht. – Im Anfang seiner Heidelberger Tätigkeit hatte Tiedemann neben den drei anatomischen Lehrzweigen und der Physiologie noch die Zoologie gelehrt, 1822 aber diese letzte abgetreten, 1835 auch die Physiologie, die vergleichende und pathologische Anatomie. Bronn dozierte seit 1821 Zoologie und Theodor Bischoff seit 1835 die drei letztgenannten Fächer. – Wie haben sich doch diese Verhältnisse seitdem anders gestaltet! Die fünf Fächer, die einst Tiedemann an der neubegründeten Universität ganz allein, unterstützt von einem Prosektor und einem Diener, bewältigte, sind heute selbständig; jedes besitzt seine besondere Lehrkanzel und verfügt über eigene Gebäude, eigene Sammlungen, Dotationen, Professoren, zahlreiche Assistenten und Diener. Wir Studenten hielten unser anatomisches Institut für sehr großartig, schon deshalb, weil wir seine Bedeutung nach der unsres berühmten Lehrers bemaßen, er aber kannte dessen Unzulänglichkeit und plante einen besseren und größeren Neubau. Auch dieser sollte für Anatomie und Physiologie zugleich eingerichtet werden. In der 196 Tat wurde er 1846 bis 1848 ausgeführt. Tiedemann hätte jedoch besser getan, seinem jüngeren, gleichfalls für Anatomie und Physiologie berufenen Kollegen Henle die Einrichtungen zu überlassen, da dieser mit den neuen Bedürfnissen der beiden Lehrfächer besser vertraut war, als er. Das Gebäude, das den Anforderungen Henles nicht entsprach, wurde hinter der alten Anstalt aufgestellt und hat im Laufe der Zeit noch manche Aenderungen bis zu seiner jetzigen, lediglich anatomischen Zwecken dienenden, Einrichtung erfahren. An der Stelle, wo das alte, aus der Dominikanerkirche eingerichtete Anatomiegebäude gestanden hat, steht jetzt der Friedrichsbau für Physik und Mineralogie. In Landshut hatte sich Tiedemann bereits durch zoologische, vergleichend anatomische und durch bildungsgeschichtliche Arbeiten über das Gehirn großes Ansehen verschafft, seinen Weltruf aber verdankte er hauptsächlich drei in Heidelberg ausgeführten wissenschaftlichen Werken. Es waren: seine prächtigen, bei den Aerzten sehr beliebten, Kupfertafeln über die Schlagadern des Menschen (1822), ferner die mit Leopold Gmelin herausgegebenen zwei Bände: »Die Verdauung nach Versuchen« (1826), endlich seine Schrift: »Ueber das Hirn des Negers, verglichen mit dem des Europäers.« – Das große Werk über die Verdauung hatten Tiedemann und Gmelin der Pariser Akademie eingereicht, die 1823 eine Preisaufgabe über diesen Gegenstand ausgeschrieben hatte. Als die Akademie aber den beiden Gelehrten 1500 Fr. » à titre d'encouragement «, also zur Aufmunterung, wie studierenden Anfängern, zuschickte, wiesen sie diese ihrer unwürdige Anerkennung zurück. – Der Schrift über das Negerhirn waren wichtige vergleichende Untersuchungen über den Hirnbau der Säugetiere, namentlich der Affen und besonders des Orang-Utang, vorausgegangen. Sie erschien 1838 zuerst in englischer Sprache und fiel in die Zeit der unermüdlichen Tätigkeit von Wilberforce und andern Negerfreunden, die 1838 zur Freilassung sämtlicher Sklaven in den britischen Kolonien geführt hat. Ungeachtet seiner 59 Jahre war Tiedemann noch immer ein schöner Mann, hoch und schlank gewachsen, von regelmäßiger Gesichtsbildung und vornehmer Haltung. 197 Er machte auf mich, das Füchslein, in der ersten Vorlesung einen großen Eindruck. In schwarzem Talar und Barett trat er wie ein Hohepriester der Wissenschaft in das Amphitheater, nahm uns Hörern gegenüber an einem kleinen Tische Platz, breitete ein Heft vor sich aus, las und gab zunächst eine Auseinandersetzung des Wesens der Anatomie und ihres Nutzens. Eindringlich ermahnte er uns, das Kollegium nicht zu schwänzen und uns in jeder freien Stunde im Präpariersaal fleißig zu üben. Noch heute klingen mir seine Worte am Schlusse der Vorlesung in die Ohren: »Aerzte ohne Anatomie gleichen den Maulwürfen. Sie arbeiten im Dunkeln, und ihrer Hände Tagewerk sind – Erdhügel.« Seine Vorlesungen waren Vorlesungen im wahren Sinne des Worts, sorglich ausgearbeitet und das Pensum für jede Stunde niedergeschrieben. Blatt für Blatt, Wort für Wort las er es ab, bedächtig und deutlich, mit etwas näselnder lauter Stimme. Gewissenhaft kam jeder Muskel, auch der kleinste an der Wirbelsäule, zu seinem Rechte, wurde genau beschrieben nach Lage und Gestalt, Anheftung und mutmaßlicher Bestimmung, nicht das winzigste Körnlein des trockenen Futters durfte verloren gehen. Es war oft zum Sterben langweilig. – Erläuternde Tafelzeichnungen, wie sie schon Henle übte, unterbrachen die Vorlesungen nicht, wohl aber zahlreiche Demonstrationen meist frisch verfertigter Präparate. Der Beschreibung des Muskels, des Gefäßes oder des Nervs folgte dessen Vorweis. – Tiedemann winkte dem Diener Jakob, der mit dem Präparat bereit stand, erhob sich und wandelte, von ihm gefolgt, im Halbkreis durch das Amphitheater, mehrmals machte er Halt und erläuterte genau mit den Worten des Heftes den beschriebenen Teil. – Waren solche Demonstrationen in Aussicht, so rüstete man sich im voraus mit Lesestoff; ich wählte mir einen medizinischen; Dr. Katzenbergers Badereise von Jean Paul. Eine große Ueberraschung, ein Meisterstück anatomischen Anschauungsunterrichts, erwartete uns, als die Anatomie des Darms an die Reihe kam. Die große Länge dieses häutigen Schlauches, die beim Erwachsenen zwanzig und einige Fuß beträgt, wurde uns in unvergeßlicher Weise vor Augen geführt. Beim Eintritt in den 198 Hörsaal sahen wir das Amphitheater bekränzt mit einer Riesenguirlande, gebildet aus diesem wichtigen Organ, dessen unzählige Schleimhautzöttchen als die Wurzeln unseres Leibs in die verdaute Nahrung eintauchen und diese als Milchsaft ( chylus ) dem Blute zuführen. – In der Erinnerung an jenes Bild begriff man in der späteren Praxis leicht, daß es unendlich schwer hält, den vielgewundenen Schlauch mit den zahllosen Falten, Zotten und Nischen von eingedrungenem giftigem Staube oder gar von Myriaden mikroskopischer Lebewesen zu säubern. Obgleich Tiedemann die Physiologie an Bischoff abgegeben hatte, liebte er es doch, einen und den andern lehrreichen physiologischen Versuch in die anatomische Vorlesung einzuflechten. – Ebenso berühmt als drollig war der Versuch zum Nachweis des Uebergangs flüchtiger, eingeriebener Oele von der Haut in die Nieren. Dazu diente Terpentinöl, das sich rasch durch Veilchenduft des Nierensekrets verrät. Beim Beginn der Vorlesung stand Jakob mit dem Oelfläschchen gerüstet bereits im Hintergrund. Tiedemann las uns zuerst an seinem Tische den Gang des kommenden Versuches vor, besah seine Uhr und winkte. Sofort rieb sich Jakob die Hände mit dem Oel ein und ging dann zur Seite. Von zehn zu zehn Minuten kam er und brachte in offenem Gefäße beweisende Substanz, die zur Prüfung in den Bänken von Hand zu Hand ging, während die Vorlesung über die Anatomie der Nieren ihren Gang nahm. Mit unbegrenztem Wohlwollen kam Tiedemann fleißigen Schülern entgegen. Der fleißigste von allen war ein origineller Frankfurter, der es später zum berühmten Physiologen gebracht hat: Moritz Schiff. Schon das Aeußere des kleinen Mannes war auffallend. Er trug abweichend von den Kommilitonen den Hals ganz frei und über dem Rock einen breit herausgelegten Hemdkragen. Sein Wissensdurst war unstillbar. Hatte Tiedemann ein Präparat zuerst vorlesend beschrieben und dann noch mehrmals in denselben Worten vor den Bänken demonstriert, so ließ es ihm keine Ruhe, bis er den unermüdlichen Lehrer nach der Vorlesung dazu gebracht hatte, das Präparat zum fünften oder sechsten Male zu beschreiben. Tiedemann war bei den Luftwegen angelangt und hatte einen freigelegten Kehlkopf 199 nebst der Luftröhre mit den Worten vorgewiesen: »Sie sehen hier, meine Herren, den menschlichen Kehlkopf mit der Luftröhre; er enthält das Stimmorgan in Gestalt der unteren oder echten Stimmbänder; sie geraten in tönende Schwingungen, wenn sie gespannt und angeblasen werden. In der Tat, würde ich sie bis zur Bildung einer feinen Ritze spannen und durch die Luftröhre kräftig anblasen, so entstünde ein – Ton!« Die Vorlesung war zu Ende, die Hörer verließen den Saal, nur Schiff blieb zurück, lief zu dem Präparat und schaute stehend auf Tiedemann. Freundlich lächelte der ehrwürdige Herr: »Herr Schiff, es scheint Ihnen die Sache noch nicht hinreichend klar zu sein. Nun wohlan! Sie sehen hier den menschlichen Kehlkopf mit der Luftröhre u. s. w.« Schiff hing mit feurigen Augen an seinen Lippen, bis er zu den Worten gekommen war: »und würde ich durch die Luftröhre kräftig blasen,« – da hielt er nicht länger mehr an sich und brach heraus: »Ach! Herr Geheimerrat, blasen Sie!« – Tiedemann wurde nicht böse und lächelte dem wißbegierigen Schüler freundlich zu: »Herr Schiff, das geht nicht an, ich würde mich beschmutzen.« Leider trafen den verdienten Meister an seinem Lebensabend schwere Schicksalsschläge. Sein ältester Sohn beteiligte sich 1849 an der badischen Revolution und wurde standrechtlich erschossen, die beiden andern wanderten nach Amerika aus. Er verließ Heidelberg, ging zuerst nach Frankfurt, dann nach München, wo seine mit dem Anatomen Bischoff verheiratete Tochter lebte. Ich besuchte dort meinen alten verehrten Lehrer kurz vor seinem Tode, im Oktober 1860, was ihm, wie mir Bischoff mitteilte, große Freude machte. – Er starb am 22. Januar 1861. 200     Die Anatomen Kobelt und Bischoff. Es traf sich unglücklich, daß die Anatomen, die sich Tiedemann zugesellt hatte, der Prosektor und Professor Ludwig Kobelt und der Professor Theodor Bischoff, einander nicht ausstehen konnten. Einen größeren Gegensatz, als ihn die beiden schon im Aeußeren darboten, konnte es nicht leicht geben: der Prosektor war ein dünnes, schwächliches Männchen, äußerst reizbar, ein kleiner Topf, der rasch überschäumte, der Professor Bischoff dagegen ein starker, massiver Mann, der lieber verschlossene Türen aufstieß, als sachte aufschloß. Im Alter waren sie fast gleich; Kobelt war 1804 in Kork bei Kehl geboren, Dozent seit 1832, a. o. Professor seit 1835; Bischoff, 1807 in Hannover geboren, war 1835 von Bonn als Dozent gekommen und 1837 a. o. Professor geworden. Kobelt präparierte ausgezeichnet, hielt Kollegium über Knochen- und Bänderlehre und demonstrierte diesen toten Stoff recht lebendig. Seine Entdeckung des Nebeneierstocks hat ihm einen Ehrenplatz in der anatomischen Wissenschaft gesichert. Bischoff trug frei vor über Physiologie und pathologische Anatomie; die beiden Kollegia bedeuteten wenig, der physiologischen Vorlesung fehlten die Versuche, der anatomischen die Präparate, einige in Weingeist aufbewahrte Schaustücke, namentlich Mißgeburten, mußten hier aushelfen. Dagegen hielt er uns ganz ausgezeichnete, stark besuchte, obwohl in der Studienordnung nicht vorgesehene, Vorträge über Entwicklungsgeschichte mit Demonstrationen. Die Brutmaschine war stets im Gang, die Vorlesung kostete vielen 201 weiblichen Kaninchen das Leben, mit einem Eifer ohnegleichen erklärte er uns die Vorgänge am bebrüteten Ei des Huhns und dem befruchteten des Säugetiers. Kobelt und Bischoff konnten sich so wenig vertragen, daß es schließlich zu einem öffentlichen Aergernis kam, was dem Ansehen der beiden Gelehrten in Heidelberg schadete. Wir waren eines Morgens in fleißigem Präparieren begriffen, als einer der Präparanten an den Muskeln, die er eben bloßgelegt hatte, etwas Merkwürdiges entdeckte. Er rief uns an seinen Tisch, wir sahen das Fleisch weiß punktiert, und die unzähligen Punkte entsprachen winzigen, steinharten Knötchen, die darin fest eingebettet steckten. Kobelt wurde herbeigeholt. Er schnitt ein Stückchen aus dem Muskel und eilte damit auf sein Arbeitszimmer, um es mikroskopisch zu untersuchen. Bald darauf kam Bischoff in den Saal, man erzählte ihm von dem seltsamen Befund, worauf er sich gleichfalls etwas von dem punktierten Fleische zur Untersuchung mitnahm. Beide fanden, daß es sich um verkalkte Trichinen handle. Owen in London hatte 1805 diesen Wurm entdeckt und Trichina spiralis getauft. Die große pathologische Bedeutung des Parasiten hat aber erst mein späterer Erlanger Kollege, der Professor der pathologischen Anatomie, Friedrich Albert Zenker, 1860 als Prosektor im Dresdener Krankenhaus erkannt, bis dahin ist Owens Trichine nur ein Kuriosum gewesen. Ihre Beschreibung durch Kobelt und Bischoff brachte nichts Neues, aber die beiden Anatomen gerieten über die Berechtigung, den Fund zu veröffentlichen, einander in die Haare und trugen ihren Streit zum allgemeinen Aergernis in die öffentlichen Blätter. Die Regierung mußte eingreifen, sie versetzte Kobelt 1841 als Prosektor nach Freiburg, und der dortige Prosektor Alexander Ecker mußte seine Stelle mit der in Heidelberg vertauschen. Bischoff erhielt 1843 einen Ruf als ordentlicher Professor nach Gießen, die badische Regierung hielt ihn nicht zurück und berief, um seine Stelle auszufüllen, Henle von Zürich als zweiten Ordinarius für Anatomie und Physiologie, neben Tiedemann. 202     Naturforscher. Die badische Studien- und Prüfungsordnung für Mediziner bestimmte genau eine große Zahl naturwissenschaftlicher Fächer, die wir belegen mußten. Fehlte dem Kandidaten bei der schriftlichen Meldung zum Staatsexamen auch nur eines der vorgeschriebenen Besuchszeugnisse, so wurde er zurückgewiesen und nicht eher zugelassen, bis er das Versäumte nachgeholt hatte. – Wir nannten solche Vorlesungen, die wir nach Vorschrift und nicht aus eigener Wahl belegten, Zwangskollegia . Diesem Zwang lag die richtige Idee zu Grunde, daß der Arzt in den Naturwissenschaften bewandert sein solle. Natur- und Heilkunde sind Geschwister. Physikus und Medikus waren ehemals gleichbedeutend. In Baden und in andern deutschen Staaten hießen die Bezirksärzte noch immer Physizi und noch heute tragen in England die bestgebildeten inneren Aerzte den Namen » Physician «. Der praktische Erfolg des Kollegienzwangs blieb freilich hinter dem erstrebten Ziel beträchtlich zurück. Vorgeschrieben waren Vorlesungen über Physik, Chemie, Zoologie, Botanik und Mineralogie, außerdem die naturwissenschaftlich-medizinischen über medizinische Botanik und pharmazeutische Chemie. Im Staatsexamen wurde der Kandidat in allen diesen Fächern bis auf eines der wichtigsten, die Physik, geprüft. Physik und Chemie hörte ich im ersten Semester, die beschreibenden Naturwissenschaften unklugerweise erst in späteren Semestern, nachdem die Kliniken das Interesse dafür bereits abgeschwächt hatten. 203 Ordentlicher Professor der Physik war G. W. Muncke, weit besuchter aber als die Vorlesungen des Ordinarius, waren die des Extraordinarius Philipp Jolly. Er war der ältere Bruder meines Mannheimer Schulkameraden Julius Jolly, hatte sich aus eigenen Mitteln ein schönes Kabinett eingerichtet, trug glänzend vor, experimentierte elegant und sicher, und wurde nach Munckes Tod 1846 dessen Nachfolger. Leopold Gmelin, einer der verdientesten Veteranen der Ruperto Carola , trug in einem Semester und einer Vorlesung anorganische und organische Chemie vor. – Unser verehrter Lehrer war in Göttingen 1788 geboren, stammte aber aus der schwäbischen Familie Gmelin, die seit Beginn des achtzehnten Jahrhunderts auffallend viele und ausgezeichnete Naturforscher hervorgebracht hat. Er dozierte in Heidelberg seit 1813, wurde 1817 ordentlicher Professor und starb 1853. In der Medizin hat er sich durch seine bereits erwähnten, mit Tiedemann herausgegebenen Versuche über Verdauung berühmt gemacht, die Gmelinsche Probe auf Gallenfarbstoff ist jedem Arzt geläufig. Sein Aeußeres war ungemein einnehmend, der prächtige Kopf mit dem geistvollen, freundlichen Gesichte von üppig gelocktem, schneeweißem Haar umwallt; seine Freunde verglichen ihn treffend mit einem blühenden Kirschbaum. Merkwürdigerweise schien Gmelin im Vortrag befangen, wie ein Anfänger, er brachte die Worte stockend und hastend hervor, die zahlreichen Versuche aber, womit er das Gesagte begleitete, mißlangen ihm nie. – Praktische Uebungen der Mediziner im chemischen Laboratorium waren noch nicht eingeführt, sie kamen erst durch Liebig in Gießen allmählich zur Aufnahme. Im Jahre 1840 ließ sich Hermann Delffs aus Kiel, ein Schüler Pfaffs, als Dozent für Chemie in Heidelberg nieder. Zwei Hamburger Mediziner, Buck und Sonntag, hatten seine Vorlesungen belegt und rühmten seinen klaren und bündigen Vortrag, was mich veranlaßte, organische Chemie bei ihm zu belegen. Er machte die Hörer mit Liebigs epochemachenden Entdeckungen und grundlegenden Anschauungen bekannt. Obwohl er sie mit manchen bedenklichen Wenn und Aber begleitete, regten mich seine Mitteilungen dermaßen an, daß ich mir die beiden berühmten Werke des genialen Reformators: 204 »Die organische Chemie in ihrer Anwendung auf Agrikultur und Physiologie,« 1840, und »Die Tierchemie oder organische Chemie in ihrer Anwendung auf Physiologie und Pathologie« 1842, sofort anschaffte, in den Ferien auszog und die Hauptsachen auswendig lernte. Am liebsten wäre ich zu Liebig selbst nach Gießen gegangen, aber die Verhältnisse ließen dies leider nicht zu. Außerdem hörte ich bei Delffs pharmazeutische Chemie. Nur kurz bemerke ich noch, daß ich die Zoologie bei Bronn belegte, die systematische Botanik bei Wilhelm Bischoff – der kleine Bischoff genannt zum Unterschied von dem großen, dem Anatomen Theodor Ludwig –, die pharmazeutische Botanik bei dem Dozenten Markus Aurelius Höfle, die Oryktognosie endlich bei Blum. Außer diesen »Zwangskollegien« nahm ich noch einen Kurs über Pflanzenbestimmen bei dem Botaniker Bischoff und hörte die ebenso belehrende, als unterhaltende Vorlesung von Leonhard über Geologie. Dieser kleine, alte, aber noch immer quecksilberne Herr wurde der Steinritter genannt; er hatte sich auf der Liste zu einem Festessen als Ritter Cäsar von Leonhard eingeschrieben, eine solche Gelegenheit ließ sich der große Cyniker und Spötter Morstadt, Professor der juristischen Fakultät, nicht entgehen, er schrieb seinen Namen darunter: Eduard Morstadt, Fußgänger. 205     Das philosophische Zwangskollegium. Die badische Studienordnung wünschte nicht nur naturwissenschaftlich-, sondern auch philosophisch-gebildete Aerzte und legte den Kandidaten deshalb die Verpflichtung auf, bei der Meldung zum Staatsexamen ein Zeugnis vorzuweisen, das den Besuch eines mindestens vierstündigen philosophischen Kollegiums bescheinigte. – Ein alter, armer, geplagter Landarzt nahm diese, vielfach bemängelte, Bestimmung in Schutz und belobte sie: eine gute Dosis Philosophie sei den Aerzten recht nützlich und helfe ihnen in der Praxis über die vielen Illusionen weg, die sie aus der Studienzeit mitbrächten. Seit 1839 gehörte Professor Christian Kapp der philosophischen Fakultät an, zuerst als Honorarius, seit 1840 als Ordinarius. Er war ein reicher Mann und schuf den schönen Garten, der heute die Landfriedsche Villa jenseits des Neckars an der Neuenheimer Landstraße umschließt. Es machte ihm Freude, vor einem großen Auditorium zu lesen; für das Wintersemester 1840/41 hatte er ein Publikum über Logik und Metaphysik angekündigt, leider nur dreistündig in der Woche. Glücklicherweise war Kapp ein ebenso gefälliger, als eifriger Lehrer und ließ sich auf das Ansuchen von uns Medizinern willig dazu herbei, das Kollegium vierstündig zu lesen. Damit war uns geholfen, die Bestimmung der Studienordnung erfüllt. Ich besuchte – es sei redlich gestanden – die belegte Vorlesung nur ein einziges Mal; der Hörsaal war gedrängt voll Wißbegieriger, Kapp konnte mich unmöglich vermissen, und so blieb ich, von der einen Stunde völlig befriedigt, getrost daraus weg. Aber ich fühlte mich dem edlen Lehrer tief verpflichtet, und als er für das nächste Semester abermals ein Publikum ankündete: »Ueber Politik und 206 Weltgeschichte,« beeilte ich mich, es zu belegen, um durch meine Unterschrift auf der Liste ihm zu zeigen, wie dankbar ich sei. Wie es kam, daß ich dieses merkwürdige Publikum gar nicht besuchte, ist mir nicht erinnerlich. Am Ende meines letzten Semesters holte ich bei dem mir durch seinen Neffen Fritz Kapp persönlich bekannten und wohl gewogenen Philosophen die Besuchszeugnisse. Er empfing mich mit gewohnter Liebenswürdigkeit und testierte: »Mit ausgezeichnetem Eifer und größter Aufmerksamkeit.« Der Kollegzwang hatte unglaubliche Mißbräuche zur Folge. Er kam niemand zu gut, als undotierten oder schlecht dotierten Dozenten; viele Vorlesungen wurden nicht aus Lust und Liebe zur Sache und nicht mit der nötigen Sachkenntnis angekündigt und abgehalten, sondern einzig der Vorschrift und des Honorars wegen. Etliche Beispiele mögen diese Behauptung begründen. Ein den Studenten geradezu lächerlicher Dozent las unter andern Zwangskollegien regelmäßig eine einstündige Vorlesung über Tierheilkunde, obwohl er kaum je in andere Ställe gekommen war, als in den seinigen und in die der Landorte, wo er auf der Praxis seine Rosinante einstellte. Er kündigte eines Tages am schwarzen Brett im Universitätsgebäude Vorlesungen an: »nach Verlangen über alle Zweige der medizinischen Wissenschaft.« Ein Student schrieb dahinter: »und über alle Zweige des menschlichen Wissens.« Drei badische Mediziner hatten in ihrem letzten Semester zu spät bemerkt, daß sie versäumt hatten, die Vorlesung über Zoologie zu belegen, und daß der Ordinarius für dieses Semester keine angekündigt hatte. Sie wandten sich an einen, im übrigen kenntnisreichen Dozenten der Physiologie, in dessen Kasse eine dauernde Ebbe herrschte, und trafen mit ihm ein Abkommen. Er verpflichtete sich, ihnen ein dreistündiges Privatissimum über Zoologie zu testieren, wenn sie ihm ihrerseits versprächen, es nie zu schwänzen. Dafür gab er die Zusage, das ganze Tierreich innerhalb einer Woche abzuhandeln. Der Lehrer und die Schüler hielten redlich Wort. 207     Die klinischen Anstalten. Der medizinische Unterricht an den Universitäten bestand Jahrhunderte lang nur in der Auslegung der Werke des Hippokrates und Galen, mitunter auch ihres gelehrten arabischen Nachtreters Avicenna. In der Mitte des 16. Jahrhunderts reformierte Vesal die menschliche Anatomie und befreite sie von den groben Irrtümern Galens; 1628 entdeckte Harvey den Blutkreislauf. An Stelle des blinden Autoritätsglaubens trat seitdem allmählich die freie, auf Beobachtung und Versuch gestützte Forschung. Ein systematischer Unterricht an den Krankenbetten, die praktische, »klinische«, Unterweisung der Schüler kam erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts durch Boerhaave in Holland und seine Schüler in Gang, es währte jedoch noch lange, bis in das 19. Jahrhundert hinein, ehe der klinische Unterricht an den Universitäten allgemein eingeführt war. Otto Heinrich, »der Pfalzgraf am Rheine«, vielleicht der geistreichste der alten Pfälzer Kurfürsten, erteilte schon 1585 den Professoren der medizinischen Fakultät den weisen Rat, »ehrbare« Studenten zu den Krankenbesuchen in der Stadt mitzunehmen, »nach eingeholter Erlaubnis der Familien«. Ob und wie lange, bei der kurzen Regierung des Fürsten, seine Weisung befolgt wurde, ist unbekannt. Einen ohnmächtigen Anlauf zur Einführung eines praktischen Unterrichts unternahm auf dem Papier 1786 Kurfürst Karl Theodor. Er behielt sich »gnädigst bevor, bei besseren, des fisci academici Umständen«, Einrichtungen zu einem » collegium clinicum « in Heidelberg »mildest« zu treffen. Da aber »die besseren, des fisci 208 academici Umstände« unter seiner Regierung nicht kommen wollten, so blieb die Universität ohne Kliniken, bis sie an Baden fiel. Karl Friedrich erst, ihr Neubegründer, schaffte ihr die fehlenden Mittel zur Herstellung der nötigen Anstalten und berief tüchtige klinische Lehrer. In dem überkommenen medizinischen Lehrkörper fand Karl Friedrich glücklicherweise einen Mann von Kopf und Herz, der ihm mit gutem Rat an die Hand ging, einen Heidelberger von Geburt, Franz Anton Mai. Auf Drängen der menschenfreundlichen, an dem eigenen Leibe schwergeprüften Gemahlin des Kurfürsten Karl Theodor war 1766 in Mannheim eine Entbindungsanstalt errichtet worden; Mai, erst 24 Jahre alt, wurde als Hebammenlehrer mit der Leitung dieser Anstalt betraut. Man vergleiche die Festrede von Otto Becker: Zur Geschichte der medizinischen Fakultät in Heidelberg, vom 22. November 1876. Sieben Jahre später zum Professor in Heidelberg ernannt, hatte er sich durch geburtshilfliche Schriften Ansehen verschafft, auch war sein witziger »Stolpertus, ein junger Arzt am Krankenbette«, ein viel gelesenes Buch. Dieser tatkräftige Mann riet Karl Friedrich den Ankauf des Dominikanerklosters für die Zwecke der Universität, bewirkte die Verlegung der Mannheimer Entbindungsanstalt und Hebammenschule nach Heidelberg und ihren Anschluß an die Hochschule, ihm endlich verdankte man außer der Berufung Ackermanns auch die von Franz Karl Naegele als a. o. Professor der Geburtshilfe und Direktor der Entbindungsanstalt. Schon ein Jahr vor Ackermanns, 1815 erfolgtem Tode war Professor Conradi von Marburg als Pathologe nach Heidelberg berufen worden, er richtete in dem Dominikanerkloster die erste stationäre Klinik ein und verband sie mit der Poliklinik, die Ackermann geschaffen hatte. Ein Jahr nach dem Tode Ackermanns kam, wie schon erwähnt, Tiedemann für Anatomie und Physiologie, und noch ein Jahr später, 1817, wurde Maximilian Josef Chelius mit dem Lehrstuhl für Chirurgie und Augenheilkunde betraut. Er war badischer Regimentsarzt gewesen und zählte erst 23 Jahre, erwies sich aber als der richtige Mann, denn er war ein geschickter Chirurg und tüchtiger Organisator in einer Person. 209 Demnach besaß die medizinische Fakultät in Heidelberg schon 1817 drei von einander getrennte Kliniken: eine medizinische, chirurgisch-ophthalmologische und geburtshilfliche. Auch wurde den drei Kliniken schon ein Jahr nachher ein besseres Unterkommen verschafft. Die Stadt besaß die ehemaligen Kasernengebände des Marstallhofs und trat sie bereitwillig für die Zwecke des klinischen Unterrichts ab. Die geburtshilfliche Klinik mit der Entbindungsanstalt richtete sich in dem kleineren westlichen Bau ein, die medizinische und chirurgische Klinik bezogen den größeren südlichen. Conradi folgte 1824 einem Rufe nach Göttingen und wurde durch Puchelt aus Leipzig ersetzt. – In den drei Kliniken am Marstallhof unter Puchelt, Chelius und Naegele empfing ich meinen ersten klinischen Unterricht. Als die badische Regierung 1842 die Heil- und Pflegeanstalt für irre Kranke, die bisher in dem ehemaligen Jesuitenseminar, der heutigen Kaserne, untergebracht war, nach Illenau verlegte, siedelten die medizinische und die chirurgische Klinik in die dadurch frei gewordenen, bedeutend größeren Räume jenes Gebäudes über, und die Entbindungsanstalt bezog den südlichen Bau am Marstallhof, den die beiden andern Kliniken bisher inne gehabt hatten. Nur wenige medizinische Fakultäten Deutschlands erfreuten sich damals so großer klinischer Anstalten, die ausschließlich den Unterrichtszwecken dienten und unabhängig von Gemeinden und geistlichen Stiftungen nur der Aufsicht des Staates unterworfen waren. 210     Friedrich August Benjamin Puchelt. Die Wiege des Lehrers, der mir den ersten klinischen Unterricht in der inneren Medizin erteilte, hatte in einem ländlichen Pfarrhause der sächsischen Lausitz gestanden. Geboren 1783 hatte Puchelt in Leipzig studiert, hier sich habilitiert und die 1812 gegründete Poliklinik vortrefflich geleitet. Vgl. W. His, d. J., Geschichte der med. Klinik zu Leipzig. Leipzig, Vogel. 1899. S. 19. u. 54. Er war seit 1820 Ordinarius für Pathologie und Therapie, als ihn die badische Regierung für diese Fächer nach Heidelberg berief und mit der Direktion der inneren Klinik und Poliklinik betraute. Die klinischen Hörer und Praktikanten nannten Puchelt, der recht gemütlich mit ihnen verkehrte, den alten Benno. Eine bereits ergraute, mächtige Mähne wallte um das Haupt des untersetzten, etwas beleibten Meisters, aus seinen kurzsichtigen, schmal geschlitzten Augen blickte er freundlich auf Schüler und Kranke. Man sah ihm das viele Sitzen und Studieren an, er litt an venösen Stauungen, die er auf »erhöhte Venosität« zurückführte, einen Krankheitsbegriff, den er selbst geschaffen und noch 1833 in einer besonderen Schrift, die diesen Titel führte, »revidiert und verteidigt« hatte. Es war kein Wunder, daß der grundgelehrte Kliniker an Störungen des venösen Kreislaufs litt; die Lebensweise, die so viele Professoren mit ihm teilten, mußte sie herbeiführen. Nachdem er in der verbrauchten Luft des Studierzimmers, Hörsaals und der Krankenstuben den Tag zugebracht hatte, ging er abends zur Erholung statt in die freie Luft, an den Whisttisch des Museums – das Klubhaus 211 der Honoratioren – bis er zum Abendessen heimging und danach am Schreibtisch saß bis tief in die Nacht. Es blieb ihm für seine große literarische Tätigkeit keine andere Zeit, denn er besorgte gewissenhaft nicht nur sein Lehramt und die klinischen Kranken, er war auch Hausarzt vieler Familien und fuhr nicht selten zu Konsultationen mit den Aerzten der Umgegend. Nur wenige Kliniker mochten sich mit Puchelt an umfassendem Wissen und literarischer Fruchtbarkeit messen. Mit gutem Bedacht hat der große Bibliograph Ersch gerade ihn zum medizinischen Mitarbeiter an seinem Handbuch der deutschen Literatur auserwählt und Josef Frank gleichfalls seine Mithilfe bei der von ihm herausgegebenen elfbändigen medizinischen Encyklopädie erbeten, ihren letzten Band bearbeitete Puchelt 1843 nach Franks Tode. Die Schrift, die ihm zuerst Ansehen und die Professuren in Heidelberg und Leipzig verschaffte, war seine Monographie der Venenkrankheiten 1818. Sein Hauptwerk, das »System der Medizin in Umrisse dargestellt,« erschien in erster Auflage von 1825–32, in zweiter 1835, es hat vier Bände, dem ein fünfter beigegeben ist, der nur ein umfassendes Literaturverzeichnis und Register enthält. Da er dieses Werk ausdrücklich seinen Zuhörern gewidmet hatte, drang ich in meinen Vater, es mir anzuschaffen; er ging darauf ein, und ich war stolz auf den reichen Besitz, habe es aber nicht fertig gebracht, die 3000 Paragraphen durchzulesen. Außer diesen Arbeiten hat Puchelt noch viele Schriften, Abhandlungen, Berichte, Programme und Tabellen veröffentlicht, ein Buch von Capuron über Kinderkrankheiten übersetzt, die damals vielgelesenen Heidelberger klinischen Annalen redigiert und mit seiner Fakultät auch die medizinischen Annalen, die Fortsetzung der klinischen, herausgegeben. – Ein erstaunlicher Aufwand nächtlichen Fleißes! Es wäre unrecht, in dem Kliniker Puchelt nur einen Bücherwurm zu sehen. Er war ein guter Beobachter und hat zuerst die Perityphlitis als besondere Form von Entzündungen in der rechten Darmbeingrube unter diesem noch heute gebräuchlichen Namen unterschieden; in der Klinik hat er sie uns wiederholt vorgezeigt und diagnostizieren gelernt. – Seine innere Behandlung freilich war 212 die damals übliche mit Calomel und Blutentziehungen, die nur allmählich einer besseren mit Anwendung von Opiaten wich. Ich muß hier erwähnen, daß mich schon mein Vater in seiner Praxis diese Methode benützen lehrte und vor der Calomelbehandlung warnte. Er berief sich dabei auf die Empfehlung des Rostocker Professors Samuel Gottlieb Vogel, eines der gewiegtesten Praktiker jener Zeit. – Bald nachher erschien die kleine, epochemachende Schrift des Karlsruher Arztes Dr. Adolf Volz: »Die durch Kotsteine bedingte Durchbohrung des Wurmfortsatzes«, 1846, die in der Lehre von der Perityphlitis, ihrem Ursprung und ihrer Behandlung einen wesentlichen Fortschritt bedeutete. – Mit der genaueren Kenntnis der Entzündung des Wurmfortsatzes und mit der Einführung der antiseptischen Wundbehandlung ist der letzte große Schritt auf diesem so wichtigen Gebiete der Pathologie geschehen; der chirurgische Eingriff hat vielen tausenden, die früher an der Entzündung und Durchbohrung des Wurmfortsatzes zu Grunde gingen oder langem Siechtum dadurch verfielen, das Leben gerettet oder doch rasche Genesung verschafft; bis dahin hatte man nur zum Messer gegriffen, wenn schwappende Abscesse mit Durchbruch drohten. Als feiner Beobachter erwies sich Puchelt noch 1845 in einer Abhandlung »Ueber partielle Empfindungslähmungen«, die er in den medizinischen Annalen veröffentlichte. Mit den Lehren Laënnecs und der Technik der Perkussion und Auskultation hatte sich Puchelt vertraut gemacht. Er war imstande, die Gegenwart von Luft und Eiter im Brustfellraum auch in Fällen zu konstatieren, wo die Zeichen fehlten, die schon vor Laënnec die Diagnose ermöglicht hatten. Dies war damals viel, wo erst einige seiner klinischen Kollegen in Deutschland und wenige deutsche Aerzte überhaupt perkutieren und auskultieren gelernt hatten. – Bezeichnend für den Stand der Krankenuntersuchung bei den Aerzten jener Zeit ist eine lustige Geschichte, die viel erzählt wurde und heute vergessen sein dürfte. Ein deutscher, in Paris geschulter und im Beklopfen und Behorchen der Brust wohl geübter junger Arzt kehrte in seine Vaterstadt zurück und verschaffte sich rasch eine große Praxis. Sein Ruf drang aufs Land und ein brustkranker reicher Bauer ließ ihn 213 zu sich rufen. Er fuhr zu ihm, mit dem Perkussionshammer bewaffnet, und bearbeitete damit die Brust des Bauern gründlich. Nachdem er diese Untersuchung beendet, nickte ihm der Patient befriedigt zu: »Herr Doktor, Euer Klopfen hat mir gut getan, – wann kommt und klopft Ihr mich wieder?« Auch Chemie und Mikroskopie hatten eben ihren Einzug in die Klinik gehalten, der Assistenzarzt Dr. Markus Aurelius Höfle hatte sie eingeführt. Er stammte vom badischen Bodensee, hatte sich viel mit Botanik beschäftigt und eine Flora der Bodenseegegend geschrieben. Er wurde 1844 Privatdozent der Medizin und gab 1848 eine kleine verdienstliche Schrift heraus, die schon 1850 eine zweite Auflage erlebte: »Ueber Chemie und Mikroskopie am Krankenbette«. Der fleißige Mann erlag 1855 einem Darmtyphus, der in Heidelberg nie ausging, häufig mörderisch wütete und erst seit geregelter Abfuhr der Fäkalien selten geworden ist. Verliefen die klinischen Fälle tödlich, so ließ Puchelt durch den Assistenzarzt in seiner und der Schüler Gegenwart die Sektion machen. Der Zweck war: nachzusehen, wo und wie die Krankheit den tödlichen Schaden angerichtet hätte. Es geschah nach dem Vorbild Morgagnis, Professors in Padua, des Vaters der pathologischen Anatomie; er ist zuerst methodisch an die Aufgabe gegangen, Sitz und Ursachen der Krankheiten durch die Anatomie zu erforschen, wie es der Titel De sedibus et causis morborum per anatomen indagatis, libri v. Venet. 1761. des großen Werkes besagt, das er 1761 herausgegeben hat. Namentlich in Frankreich und England, weniger in Deutschland, waren die Aerzte in seinem Sinne bemüht, die Pathologie mit Hilfe der Anatomie aufzuklären. In den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts hatten sich durch Forschungen in dieser Richtung hauptsächlich die bereits erwähnten großen Aerzte Corvisart und Laënnec, auch Antoine Bayle in Frankreich, Mathew Baillie und Carswell in England, Alois Vetter in Deutschland, hervorgetan; viele andre tüchtige, jüngere Arbeiter folgten ihrem Beispiele. Zur Kontrolle der ärztlichen, am Krankenbette gestellten Diagnosen dienten die Sektionen noch wenig, weil die Diagnosen bis 214 dahin nur symptomatisch gewesen waren. Man entnahm sie nur dem Symptomenbild am Lebenden und sprach von Wassersucht, Gelbsucht, Blausucht, hitzigem Fieber, Schlagfluß, Brechdurchfall u. s. w., wie von wesentlichen Krankheiten, während diese Zustände und Vorgänge nichts als die äußeren Erscheinungen innerer physiologischer Geschehnisse und anatomischer Veränderungen sind. Deckte nun nach dem Tode das Messer den Sitz des Leidens und die Natur der krankhaften Veränderungen auf, so lief der Arzt keine Gefahr, durch den Leichenbefund bloßgestellt zu werden. Hatte er z. B. Wassersucht diagnostiziert, so brauchte diese Diagnose keine Bestätigung, sie war unter allen Umständen richtig, die Sektion zeigte nur noch weiter, von wo die Wassersucht ihren Ausgang genommen hatte. Es gereichte sogar dem Arzte jetzt zur Rechtfertigung und den Angehörigen des Verstorbenen zur Beruhigung, wenn, wie so oft, bald das Herz, bald die Leber, bald die beiden Nieren so übel zugerichtet befunden wurden, daß auch der Laie einsehen mußte, unter solchen Umständen sei eine längere Erhaltung des Kranken am Leben oder gar seine Rettung ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Uebrigens begann man bereits anatomische Diagnosen zu stellen. Um ein Beispiel zu geben: man hatte bisher unter Pneumonie (Lungenentzündung) ein Krankheitsbild verstanden mit den Kennzeichen: Beginn mit Frost, worauf Hitze folgt, Stechen auf der Brust, Atemnot, roter Auswurf, akuter kritischer Verlauf u. s. w. Laënnec hatte die anatomischen Veränderungen, die im Verlaufe dieser Krankheit an den Lungen vor sich gehen, genau beschrieben und danach verschiedene Stadien unterschieden: die entzündliche Anschoppung ( Engouement ), die gänzliche Verdichtung ( Hepatisation ) u. s. w. Mit Hilfe des Beklopfens und Behorchens der Brust war es ihm weiter gelungen, diese Stadien schon zu Lebzeiten zu erkennen und genau zu bestimmen, wo die Pneumonie in den Lungen begann, wie sie sich weiter darüber verbreitete oder ihren Rückzug nahm. Damit hatte die Pathologie und Diagnostik einen gewaltigen Schritt vorwärts getan. – In ähnlicher Weise verfeinerten sich die Diagnosen von der heute verpönten Art: Wassersucht, Gelbsucht, Blausucht u. s. w. Man hatte z. B. bei den Sektionen der 215 Wassersüchtigen bald dieses, bald jenes Organ entartet gefunden und erkannt, daß die Wassersucht je nach der Natur dieser Leichenbefunde besondere Eigentümlichkeiten des Krankheitsbildes im Leben darbot. Somit nahm sie ihren Ausgang von verschiedenen Störungen in den Verrichtungen der Organe, und danach verlangte man genauere Diagnosen: anatomische , – man wollte wissen, ob die Wassersucht vom Herzen, von der Leber, den Nieren oder von andern Organen ausgehe. Offenbar mußte sich danach die Prognose und die Behandlung verschieden gestalten. Die Klinik Puchelts fiel demnach in die Zeit, wo die Pathologie aus ihrer ersten symptomatologischen Periode in ihre zweite, die anatomische , überging. Es dauerte nicht lange mehr und diese erreichte ihren Höhepunkt; in der Mitte des Jahrhunderts wurde sogar die Anatomie aus der dienstbaren Magd die gebietende Herrin der Pathologie, nachdem sie durch zahlreiche wichtige Entdeckungen unentbehrlich und Rokitanskys epochemachendes »Handbuch der speziellen pathologischen Anatomie« 1844 Gemeingut der Aerzte geworden war. Hand in Hand damit ging die Vervollkommnung der klinischen Untersuchungsmethoden mit physikalischen und chemischen Hilfsmitteln, und in genialer Weise stellte Skoda die Perkussion und Auskultation mit Hilfe des Experiments auf den Boden der physikalischen Wissenschaft, verwertete sie zugleich richtiger und sicherer, als bisher, für die Diagnose. Unser Puchelt steckte, wenn ich ein grobes Bild gebrauchen darf, mit einem Bein noch tief in der rein symptomatologischen Entwicklungsperiode der Pathologie, mit dem andern schickte er sich an, in die anatomische einzutreten. Es glückte ihm aber nicht mehr, in diese ganz zu gelangen. Das Schicksal der zweiten Auflage seiner einst mit so großem Beifall aufgenommenen Monographie der Krankheiten des Venensystems hing damit zusammen, sie erschien 1843 und wurde mit Achselzucken ausgenommen.   Puchelts Auffassung des Wesens der Krankheit war die damals allgemein geltende ontologische , die nur ganz allmählich der heutigen physiologischen wich. Die ontologische Pathologie 216 sah in den Krankheiten selbständige Wesen, heute betrachtet sie die Medizin als physiologische Vorgänge, die unter dem störenden Einfluß schädlicher Ursachen, demnach unter andern Lebensbedingungen, in abgeänderter, uns unzuträglicher und das Leben häufig bedrohender Weise verlaufen. Nach der glücklich beseitigten Anschauung unserer Väter hauste die Krankheit wie ein feindliches Wesen im Körper, wählte sich bald dieses, bald jenes feste Organ oder die Säfte: Blut, Lymphe, Galle u. s. w., zu ihrem Sitze und störte von da aus die Leibesverrichtungen. Abnorme Erscheinungen, wie z. B. Stechen, Atemnot, schneller Puls, waren die Merkzeichen ihrer gefährlichen Gegenwart, die veränderte Beschaffenheit der Organe, wie der Leichenbefund sie feststellte, die schlimme Frucht ihrer Tätigkeit. Wollte man den Kranken kurieren, so mußte man ihm den bösen Feind durch Erbrechen, Purgieren, Schwitzen, Blutlassen u. dgl. Eingriffe aus dem Leib schaffen, oder ihm mit Droguen zusetzen, wie man schmarotzende Würmer mit gewissen Getränken aus dem Darm abtreibt. Selbstverständlich verlangten daneben mechanische Beschädigungen mechanische Hilfe, gefährliche Produkte der Krankheit, Neubildungen z. B., wenn es mit inneren Mitteln nicht gelang sie zu beseitigen, chirurgische Eingriffe, eingedrungene Gifte, Gegengifte, seelische Störungen auch seelische Gegenmittel. Wie fest noch die Ontologie in Puchelt wurzelte, mag dem Leser die Lehre zeigen, die er uns bis zuletzt in der Klinik vortrug, wonach der Typhus aus dem gastrischen Fieber und dieses aus dem Gastricismus hervorgehe. Sie erinnerte an die Genesis, wonach Japhet von Noah und Noah von Lamech erzeugt wurde. Wäre Lamech nicht gewesen, so hätte es nie einen Noah oder Japhet gegeben. Ging man dem Gastricismus oder dem gastrischen Fieber mit Brechmitteln, Purganzen, besonders dem Calomel gehörig zu Leibe, so konnte es nicht zum Typhus kommen. – Man darf mit Puchelt deshalb nicht rechten, bei seinem berühmtesten klinischen deutschen Zeitgenossen, Schoenlein, trat die ontologische Auffassung der Krankheiten nicht weniger scharf zu Tag, sein naturhistorisches System ordnete sie in Familien und Arten, wie die beschreibenden Naturforscher es mit Pflanzen und Tieren machen. 217 Die physiologische Auffassung der Krankheiten brach sich nur allmählich Bahn. Dies hing zusammen einesteils mit der langsam reifenden physiologischen Einsicht, andernteils mit den großen Schwierigkeiten, die es hatte, in die Natur der Krankheitsursachen, der unzähligen uns bedrohenden Schädlichkeiten, einzudringen, mit andern Worten, mit dem langsamen Reifen der ätiologischen Wissenschaft. Dieselben Methoden der Forschung, die wir benützen müssen, um die Natur der normalen physiologischen Vorgänge aufzudecken, führen uns auch zum Ziele, wenn wir die pathologischen aufklären wollen, denn die Medizin ist eine Naturwissenschaft, ein Teil der Biologie, der Lehre vom Leben. Derjenige Teil der Medizin, der sich mit der Erforschung der allgemeinsten krankhaften Vorgänge: Fieber, Entzündung, Ansteckung u. s. w. beschäftigt, ist die allgemeine Pathologie oder pathologische Physiologie . So weit sie auf experimentellem Boden fußt, wird John Hunter, Morgagnis Zeitgenosse, als ihr Begründer angesehen. Pathologische Anatomie und Physiologie werden bereits seit beinahe anderthalb Jahrhunderten wissenschaftlich gepflegt, mit der Kenntnis der Schädlichkeiten aber, die den Organismus krank machen, d. i. mit der Aetiologie , die einen der wichtigsten Teile der allgemeinen Pathologie bildet, sah es zu der Zeit, als Puchelt lehrte, noch mißlich aus. Man kannte noch nicht einmal die Lebensgeschichte und Lebensbedingungen der parasitischen Insekten und Eingeweidewürmer, die dem unbewaffneten Auge sichtbar sind, geschweige die der noch kaum erschlossenen Welt der mikroskopischen Geschöpfe. – Den Generationswechsel und die Ammenzeugung beschrieb der Däne Steenstrup erst 1842. – Der Ursprung der noch damals in heute unbegreiflicher Weise äußerst gefürchteten Krätzkrankheit aus eigenartigen parasitischen Milben war zwar schon lange behauptet, aber erst in den dreißiger Jahren festgestellt worden. Die Mehrzahl der Aerzte, selbst gefeierte klinische Lehrer, hingen noch fest an dem Glauben, es liege der Krankheit nicht die Milbe, sondern eine Schärfe der Säfte zu Grunde. Hahnemann und der Tübinger Kliniker Antenrieth fabelten von einer im Leibe versteckten, unsichtbaren Psora, die auf der Haut 218 den Ausschlag und in den inneren Organen Entartungen, Schwindsucht und Wassersucht verursache. Wir Praktikanten lachten über die mystische Psora und fingen sie in Gestalt einer Milbe, des Acarus scabiei , mit spitzigen Nadeln; wir führten diese durch die Haut in die Gänge, die sich die Milbe darin bis zu der leicht erkennbaren Stelle frißt, wo sie in der Kälte ruhig sitzt, in der Wärme aber zu geschäftiger, ihrem Wirte äußerst lästiger Tätigkeit erwacht. Wir kurierten nicht selten die Krankheit, die seit Monaten und Jahren homöopathischen und allopathischen inneren Mitteln getrotzt hatte, in wenigen Tagen ohne allen Schaden, mit Schmierseife und Bädern. Keine Krankheit ist heute in jeder Hinsicht besser aufgeklärt als diese, die Naturgeschichte der Milbe hat sie aufgeschlossen. – Eine wichtige Entdeckung, die zahlreiche andere ähnliche nach sich zog, machte Schoenlein 1839. Er fand in mikroskopischen Pilzfäden, dem Achorion Schoenleini die Ursache einer abscheulichen Hautkrankheit, des Favus. – Fast wichtiger noch wurde der Nachweis, daß die Muskardine der Seidenraupen eine durch Pilzfäden, die den ganzen Leib der Tiere durchsetzen, hervorgerufene Krankheit sei. Gerade diese Entdeckung stellte Henle obenan unter den Tatsachen, auf die er eine Theorie der Kontagien baute, wonach kleinste, freilich erst noch sichtbar zu machende Lebewesen den miasmatischen und kontagiösen Seuchen zu Grunde lägen. Sie ist seither durch zahlreiche Entdeckungen für viele Krankheiten zur Gewißheit erhoben worden. Wir mußten uns noch mit den geniis morborum der alten Pathologen begnügen, dem genius epidemicus, endemicus, rheumaticus, gastricus, biliosus, nervosus und ihren zahlreichen Brüdern und Vettern. Freund Scheffel, der von ihrem Dasein durch uns erfuhr, machte uns sofort auf einen genius aufmerksam, der uns fast entgangen wäre, – Altheidelbergs feuchten genius loci !   Beherzigt man den Stand der medizinischen Wissenschaft zu Anfang der vierziger Jahre, so darf die Pucheltsche Klinik ungeachtet aller ihrer Schwächen und Mängel doch als eine der besten jener Zeit in Deutschland gerühmt werden. Es fehlte ihr auch nicht an Kranken wie so vielen Kliniken an den kleinen Universitäten, 219 denn es standen ihr täglich 40 bis 50 »Fälle« zu Gebote. Unser Lehrer gab sich die redlichste Mühe mit uns, fehlte in den beiden Jahren, die ich mit ihm auskultierte und praktizierte, nicht eine Stunde, er lehrte uns bei der Visite die Kranken ausfragen und untersuchen, Diagnosen und Prognosen stellen, ordinieren und Krankengeschichten verfertigen, erläuterte auch, wo es not tat, die Fälle durch lebendige kleinere und größere Vorträge. In Wien und Prag war seine Diagnostik freilich weit überholt, an den andern deutschen Universitäten kaum irgendwo. Eins nur war an Puchelt auszusetzen und wurde ihm gefährlich, sobald ein klinischer Rivale ihm darin überlegen war: seine übermäßige diagnostische und therapeutische Vorsicht, die zuweilen über das gebotene Maß hinaus ging, bis zur Zaghaftigkeit und zur ängstlichen Unschlüssigkeit. Puchelt hatte sich bis zum Frühjahr 1844 der Gunst seiner klinischen Schüler erfreut. Sie hatten ihm noch im Winter 1842/43 ein Fackelständchen gebracht, wobei ich mitwirkte. Er dankte herzlich und rief uns zu: es sei ein schöner und wahrer Spruch Goethes, was man in der Jugend wünsche, habe man im Alter in Fülle, aber der Spruch betrog ihn. Sein Alter war voll von bitteren Enttäuschungen. Nachdem Pfeufer von Zürich eingetroffen war und als zweiter klinischer Lehrer zu wirken begonnen hatte, wandten sich die jungen Mediziner fast ausnahmslos ihm zu, und Puchelts Klinik verödete. Obwohl die zweite Klinik nur wenig mehr als ein drittel von der Bettenzahl der ersten faßte, fand die zuströmende Menge der Hörer doch kaum Platz in ihren Räumen. – Dieser unerwartete Abfall der Schüler mußte den alten Herrn schwer getroffen haben. Bald suchten ihn daneben böse Gebrechen heim. Der Arme verlor das Augenlicht. Fast erblindet hielt er noch Vorträge über Geschichte der Medizin, aber 1852 sah er sich gezwungen, das Lehramt ganz niederzulegen, und 1856 raffte ihn ein barmherziger Schlagfluß weg. Was mochte den Abfall verschuldet haben? Puchelt übertraf Pfeufer an pathologischem Wissen und stand an diagnostischer Fertigkeit nicht allzuweit hinter ihm zurück; was Pfeufer ihm überlegen machte, war dessen mächtige, die Jugend fesselnde, entschlossene 220 Persönlichkeit. Nahm der Schüler Pfeufer zum Vorbild, so winkte ihm Erfolg und Glück in der künftigen Praxis, während Puchelts Zaghaftigkeit ihn entmutigte. Im Kollegsaal gar ließen die tödlich langweiligen, aus dem Buche abgelesenen Vorlesungen des alten Professors keinen Vergleich zu mit den freien, frischen Vorträgen des jungen. Eine denkwürdige Erinnerung an eine der Vorlesungen Puchelts über allgemeine Pathologie mag ein Bild von seiner Vortragsweise im Kollegium dem Leser geben und dieses Kapitel schließen. Puchelts Vorlesungen über spezielle und allgemeine Pathologie fanden abends statt. Nachdem ich sie einigemal gehört, besuchte ich sie nur noch an den seltenen Tagen, wo mich die Freunde vor der Zeit zum Biere verleitet hatten und ich befürchten mußte, meinen ganzen Abend zu verlieren. Um dieser Gefahr zu entgehen, rettete ich mich an einem Winterabend aus dem Freundeskreise zu Puchelt. Auf den Straßen lag Schnee und Eis, im Hörsaal strömte behagliche Wärme aus dem glühenden Ofen. Einige Talgkerzen verbreiteten ein Dämmerlicht in dem stillen Raum, worin sich nur spärliche Hörer, eine Auswahl von fleißigen Jünglingen, zusammengefunden hatten. Wie immer trat fast unbemerkt mit leisem Schritte der Meister unter uns, bestieg den Lehrstuhl, legte den ersten Band seines Handbuchs auf den Pult, beugte das Haupt nahe darüber und ließ nun das System in sanftem Regen auf uns niederrieseln. Mit wechselndem Glück, im ganzen siegreich, erwehrte ich mich des Schlummers, der mich zudringlich beschlich; mein Nachbar zur Rechten dagegen erlag in dem Kampfe, er nickte tiefer und tiefer, kreuzte zuletzt die Arme und legte das schwere Haupt zu sanftem Schlafe darüber. – Die Vorlesung ging zu Ende, der Meister schloß das Buch und verließ geräuschlos, wie er gekommen, Lehrstuhl und Saal. Der Nachbar schlummerte weiter. Wir mochten ihn nicht wecken, er schlief so gut, wir verständigten uns durch leise Winke, löschten die Lichter und schlichen davon. – Er wollte uns nie gestehen, wie lang er süßes Vergessen der Sorgen und Mühen eines braven Musensohns in dem trauten, der Wissenschaft geweihten Raume gefunden hatte. 221     Maximilian Joseph von Chelius. Die Autokraten des 18. Jahrhunderts legten den Söhnen ihrer Günstlinge das Offizierspatent schon in die Wiege, Karl Theodor von der Pfalz auch das Professorspatent. Der Heidelberger Professor galt deshalb nur wenig in der gelehrten Welt. Bei der medizinischen Fakultät kam dazu, daß sie weder die nötigen Lehranstalten besaß noch Kranke zur Verfügung hatte; so war es kein Wunder, daß die von ihr promovierten Doktoren bei der eignen Regierung in Mannheim in schlechtem Ansehen standen. Dies änderte sich im 19. Jahrhundert von Grund aus, nachdem Karl Friedrich von Baden die Universität neu gestaltet und die medizinische Fakultät mit Lehranstalten und ausgezeichneten Professoren ausgestattet hatte. Heidelberg wurde in wenigen Jahrzehnten ein medizinisches Salerno, eine stark besuchte ärztliche Schule, eine Zufluchtsstätte, zu der die Kranken aus allen Ländern pilgerten. Von den Klinikern war es hauptsächlich Chelius, dessen Ruf als Chirurg und Augenarzt unzählige Fremde herbeizog. Chelius war 1794 in Mannheim geboren. Er siedelte als neunjähriger Knabe mit den Eltern nach Heidelberg über, bezog schon mit 15 Jahren die Universität und wurde mit 18 promoviert, was heute nicht mehr gelingen dürfte. Seine weitere Ausbildung erhielt er zunächst in Landshut bei Philipp Walther, dem ausgezeichneten Chirurgen und gedankenreichen Arzte, und in Wien bei den Chirurgen Kern, Zang, Rust und dem vortrefflichen Augenarzte Beer. Walthers und Beers gedachte er im Kreise seiner Schüler oft und gern. Mit 19 Jahren zog er als badischer Regimentsarzt 1813 und 1815 mit 222 der Armee nach Frankreich und besuchte nach beendigtem Kriege zunächst die großen Pariser Hospitäler und dann auch mehrere in Deutschland. Mit 23 Jahren wurde er 1817 zum a. o. Professor für Chirurgie und Augenheilkunde ernannt, ein Jahr nachher zum ordentlichen. Er hatte dieses Lehramt 47 Jahre inne bis 1864 und starb 1876 im 82. Lebensjahre. Zehn Jahre vorher war er in den erblichen Adelsstand erhoben worden. Drei Dinge verschafften Chelius das ungewöhnliche Ansehen und Vertrauen, dessen er sich bei den Aerzten und bei dem Publikum erfreute: sein chirurgisches Lehrbuch, seine glückliche Hand, endlich seine vornehme, mit Menschenfreundlichkeit gepaarte, würdige und wohltuende Art des Benehmens. Als ich in seine Klinik eintrat, stand er noch im Zenith seines Ruhms, während ich sie besuchte, begann sein Glanz als Lehrer zu erbleichen, das Publikum aber bewahrte ihm als Arzt sein Vertrauen bis ans Ende. Das Handbuch der Chirurgie war eine schriftstellerische Leistung ersten Rangs, vermöge seiner zweckmäßigen Anlage, Ausführung und praktischen Brauchbarkeit. Es erlebte acht starke Auflagen in 35 Jahren, von 1822–1857, und wurde in elf Sprachen übersetzt. Die Söhne benutzten es noch wie die Väter, es stand auf den Bücherschäften der Chirurgen aller Weltteile. Ja, es kam, wie ein württembergischer Apotheker versicherte, der aus Kalifornien nach Heidelberg gereist war, um Chirurgie bei Chelius zu studieren, sogar an die südlichste Spitze der neuen Welt. Der etwas verschrobene Herr hatte in Kalifornien Pillen sowohl gedreht als ärztlich verordnet, wäre aber in seinen alten Tagen noch gerne Chirurg geworden. In vollem Ernst erzählte er Chelius: »Herr Geheimer Rat, ich habe ihr weltberühmtes Handbuch an einen Ort gebracht, wohin es vorher noch nicht gedrungen war. Als ich um das Kap Horn segelte, studierte ich darin, es fiel mir über Bord, sank in die Tiefe und ist da geblieben.« Chelius verfaßte auch ein Handbuch der Augenheilkunde, der erste Band erschien 1839, der zweite 1844, als der erste bereits zu veralten begann. Neue Gedanken, Erfindungen, Operationen verdankt die Chirurgie Chelius nicht, darin überragten ihn von deutschen Kollegen der 223 ältere Gräfe, Michel Jäger, Dieffenbach und Stromeyer, aber sein Handbuch sicherte ihm das Verdienst, die besten Grundsätze und Heilverfahren der Chirurgie seiner Zeit über die ganze Erde verbreitet zu haben. Chelius operierte schön und sicher. Er war in seiner Kunst wie in seinen politischen Anschauungen streng konservativ. Mein Schulfreund Dettmar Alt war lange Jahre sein Assistent und gewann ein sicheres Urteil über die Heilerfolge seines Meisters in und außer der Klinik. Er kam zur Ueberzeugung, daß Chelius sich das allgemeine Vertrauen weit mehr noch durch glücklich erhaltene, als glücklich entfernte Gliedmaßen erworben habe. Er bewahrte beim Operieren eine bewundernswerte Ruhe, was vor der Einführung der Aether- und Chloroformnarkose eine schwierigere Sache war als heute. Ich sah ihn niemals aufbrausen und heftig werden, nie seine edle Haltung verlieren; auch die gemeinsten Naturen hielt er durch seine feinen Formen und klugbemessenen Worte in den gebührenden Schranken. Den Fünfzigen nahe war Chelius noch immer ein schöner Mann, schlank gebaut von Mittelgröße, feinen Gesichtszügen und Gliedern. Er pflegte die ambulatorische Klinik, die der Visite vorausging, auf einem hohen runden Stuhle sitzend abzumachen, die Beine häufig gekreuzt und einen Fuß frei in der Luft wiegend. Wir bewunderten dann dessen Kleinheit und meinten, auch die zierlichste Dame dürfte unsern Meister darum beneiden. Im Sommer gab Chelius den Operationskurs früh 5 Uhr. Wir Studenten waren oft schlaftrunken, er einen Morgen wie den andern frisch und munter. Die Vorlesungen über Chirurgie und Augenheilkunde hielt er morgens von 8–9 im Winter, von 7–8 im Sommer. Obwohl er sehr gut aus dem Stegreife sprach, las er doch seine Handbücher ab, nur nicht in der Weise Puchelts wie ein murmelnder Quell, sondern pathetisch, fast feierlich. Die Klinik begann um 11 Uhr und dauerte 1–2 Stunden, je nachdem operiert wurde oder nicht. In der ambulatorischen Klinik, die nur bei größeren Operationen vorher vom Assistenten allein erledigt wurde, gab es viel zu sehen und zu verordnen, beim Untersuchen aber ging es oft flüchtig zu und gaben die »Schnelldiagnosen« zu manchen Scherzen Anlaß. 224     Franz Karl Naegele. Der alte Naegele, wie wir ihn zum Unterschied von seinem Sohn und Nachfolger Hermann nannten, war der Senior der Fakultät und 1778 in Düsseldorf geboren. Sein Vater August Naegele war Direktor der dortigen kurpfälzischen medizinisch-chirurgischen Schule und verwendete ihn schon in früher Jugend als Prosektor und Repetitor. Nachdem er in Straßburg, Freiburg und Bamberg studiert und in Bamberg promoviert hatte, ließ er sich in Barmen nieder, wurde hier Physikus, erteilte Hebammenunterricht und beschäftigte sich vorzugsweise mit Geburtshilfe und Frauenkrankheiten. Die badische Regierung berief ihn 1807 als a. o. Professor für diese Fächer nach Heidelberg, betraute ihn mit der Leitung der Entbindungsanstalt und ernannte ihn 1810 zum Ordinarius. Er gehörte der Heidelberger Hochschule 44 Jahre an, schlug mehrere Berufungen nach andern Universitäten aus, 1829 eine nach Berlin, und starb am 21. Januar 1851. Unter den Begründern der wissenschaftlichen Geburtshilfe nimmt Franz Karl Naegele den ersten Rang ein. Er hat wie kein anderer durch genaue Untersuchungen ihre anatomischen und physiologischen Grundlagen befestigt, ihre Pathologie anatomisch bereichert und ihre Methodik geschärft. – Seine Schriften über den Mechanismus der Geburt (1822), das normale weibliche Becken (1825), das schrägverengte und andere fehlerhafte Becken des Weibes (1839) sind Meisterwerke von unvergänglichem Werte. Als praktischer Geburtshelfer galt zwar Naegele für einen 225 ängstlichen Operateur, doch hat er sich auch um die ausübende Geburtshilfe nicht wenig verdient gemacht. Er versah die Geburtszange mit einem ebenso einfachen als geschickten Schlosse, die »Naegelesche Zange« übertraf an Handlichkeit und Leichtigkeit alle andern. Mit Eifer verfocht er die Grundsätze des Wieners Boer, dessen schonendes, humanes Vorgehen er uns nicht genug rühmen konnte, und bekämpfte den sträflichen Mißbrauch, den manche Geburtshelfer seiner Zeit, namentlich der ältere Osiander in Göttingen, mit gewaltsamen Eingriffen in den normalen Geburtsvorgang trieben. Endlich bescherte er den Hebammen ein ausgezeichnetes Lehrbuch, das 11 Auflagen erlebte; der Geschichtschreiber der Geburtshilfe, Professor I. v. Siebold, rühmte es als ein treffliches Handbuch, das auch von Geburtshelfern mit Nutzen gelesen werde. Naegeles Klinik diente nur zum Unterricht in der Geburtshilfe. Obwohl seine erste größere Schrift »Erfahrungen und Abhandlungen aus dem Gebiete der Krankheiten des weiblichen Geschlechts« (1812) mitteilte, nahm er in seiner Anstalt, vermutlich aus Mangel an Raum, keine andern Frauen als Schwangere und Gebärende auf. Das wenige, was wir Studenten von Frauenkrankheiten lernten, wurde uns in den beiden andern Kliniken gelehrt. Die großen, mit dem Bauchschnitt verbundenen Operationen, – insbesondere die Ovariotomie (das Herausschneiden des Eierstocks), die einige heutige Frauenärzte hundert und selbst tausendmal vornahmen, – galten damals, vor der Einführung der Antisepsis, für verbrecherische, zuchthauswürdige Wagestücke, weil sie fast sicher zum Tode führten, während sie heute in der Regel Heilung bringen. Die Vorlesung unsres Meisters hielt auch die Schläfrigsten munter, er sprach frei, geistreich und witzig; jeden Gegenstand, auch den trockensten, wußte er unterhaltend darzustellen. Man hörte ihm mit demselben Vergnügen zu, wenn er die willkürlich aufgehellten Schemata der Geburtslagen des »symmetrischen« Baudelocque unter die überlebten Glaubensartikel der alten Geburtshilfe verwies, als wenn er die Geschichte der Geburtszange oder des Kaiserschnitts vortrug. Weil seine Rede so leicht und frisch dahin floß, konnte man meinen, er spräche heiter aufgelegt aus dem Stegreif, aber er hatte 226 sich stets sorgfältig auf das Kollegium vorbereitet. Gerne flocht er belehrende Erlebnisse in seinen Vortrag ein und erläuterte ihn durch Demonstrationen, wobei ihm zahlreiche Präparate aus seiner Sammlung zu Gebote standen. Ich erfreue vielleicht manche Leser, wenn ich aus meinem Kollegheft über Dystokien vom Sommer 1842 eine Probe zum besten gebe. Ich entnehme sie einem seiner Vorträge über die Mißstaltungen des Beckens, die den Geburtsakt behindern. Er handelte von dem Becken, das durch Knochenerweichung im spätern Leben verengt wird, »die Berliner nennen es das osteomalacische«, fügte er mit leisem Spotte hinzu. Ein solches Becken legte er uns vor, es war das erste dieser Art, in dessen Besitz er als Physikus in Barmen 1803 gekommen war, als die Stadt noch dem Herzogtum Berg unter kurpfälzischer Hoheit angehörte. An ihm beobachtete er zuerst die Verengung des Beckenausgangs, bisher war ihm nur dessen Erweiterung bekannt gewesen, wie sie bei dem, durch Rhachitis in der Kindheit verunstalteten Becken vorkommt. Die dramatischen Umstände, unter denen er sich das Präparat verschafft hatte, schilderte er mit folgenden Worten: »Es stand 1803 in einem öffentlichen Blatte: ein Chirurgus Namens Peter Walker, habe mit einem Rasiermesser den Kaiserschnitt gemacht, Mutter und Kind tot geschnitten. Ob man in dem Herzogtum Berg Schindersknechte als Chirurgen hätte? Ich wurde von der Regierung beauftragt, die Sache zu untersuchen. Den Mann kannte ich als braven Chirurgen. Er war mein Schüler gewesen, und nun sollte ich ihn mit Gerichtsdienern und Soldaten heimsuchen. »Bei der Untersuchung mußte ich hauptsächlich darauf sehen, ob der Kaiserschnitt angezeigt war oder nicht. Da gab der redliche Mann an: er hätte ihn gemacht wegen äußerster Beckenenge, denn er hätte seinen Fingen nicht durch den Beckenausgang bringen können. Ich hustete, gab Nasenbluten vor, ging hinaus, ließ ihn rufen und stellte ihm vor: der Beckeneingang sei so eng gewesen, denn nach dem damaligen Stande des Wissens war der Ausgang immer weit, sogar weiter als gewöhnlich, wie es auch bei dem rhachitischen Becken wirklich die Regel ist. Allein er ließ sich nicht irre machen und beteuerte 227 bei Gott und allen Heiligen, er könne keine andere Aussage machen.« »Nun gerieten wir, ich im Bewußtsein der Wissenschaft gegenüber dem ignoranten Chirurgen, der im Gefühle der Wahrheit seiner Sache, immer eifriger in Hitze. Wir stießen zusammen, die Töpfe gaben Scherben. Ich erklärte eine Ausgrabung für notwendig. – Gut! ich konnte und durfte der Aussage nicht glauben. – Der Totengräber wollte das Grab nicht finden, weil tiefer Schnee lag, bis ich es mit ihm machte, wie Jupiter mit der Danae.« »Meine Herren, betrachten Sie jetzt das Becken – – Peter Walker hatte recht!«   In meinen letzten vier Semestern nahm mich Naegele als Assistenten. Ich trat ihm jetzt nahe und wurde mit der Eigenart meines Lehrers genau bekannt. Meine Aufgabe war: die Bücher zu führen, die Geburten zu leiten, die Praktikanten einzuüben und für Geburts- und Krankengeschichten zu sorgen. – Ungeachtet seiner Jahre kam der alte Herr fast zu allen Geburten und verweilte halbe und ganze Nächte in der Anstalt. So verkehrte ich denn viel mit ihm und hatte die beste Gelegenheit, seinen jugendlich frischen Geist, seinen sprudelnden Witz zu bewundern. Aber man mußte sehr auf der Hut bei ihm sein und jedes Wort auf die Goldwage legen. Logische Verstöße ließ er nicht ungerügt durchgehen, alberne Fragen bestrafte er mit Spott, banale Redensarten reizten ihn zum Zorn. Einer der Praktikanten hatte eine Krankengeschichte vorzulesen und spendete zuletzt der »gütigen Mutter Natur«, die der Wöchnerin so liebreich geholfen hätte, das gebräuchliche warme Lob. Naegele machte ein böses Gesicht und rief: »Bleiben Sie mir mit Ihrer gütigen Mutter drei Schritte vom Leibe! Wäre sie so gutmütig, wie die gedankenlosen Leute sie rühmen, so gäbe sie nun und nimmer zu, daß die Katze ihr abscheuliches Spiel treibt mit der Maus und der Dorndreher so entsetzlich grausam die Insekten spießt. Wer anders hat denn diese schrecklichen Triebe den Tieren eingepflanzt, als Ihre gepriesene Mutter Natur? Es ist freilich wahr, sie verfügt über wunderbare Werkzeuge und Errichtungen, womit sie uns heute nützt und morgen vernichtet. Suchen Sie keine Barmherzigkeit 228 bei der Natur! Bei den Menschen mögen Sie Mitleid finden. Wir müssen die Natur zwingen, uns ihre Werkzeuge zu unserem Vorteile abzutreten.« Uebler noch spielte Naegele einem Ausländer mit, einem jungen portugiesischen Arzte, einem kleinen runden Lebemann, der gut deutsch sprach und nach Heidelberg gekommen war, um sich bei ihm weiter auszubilden. Er ging aber lieber zur Frau Sternwirtin in der Haspelgasse, die das beste bayrische Bier ausschenkte und eine gute Küche führte. Nachdem er eine Zeitlang aus der Klinik weggeblieben war, erschien er eines Morgens wieder, sichtlich aufgeregt, und ruhte nicht, bis er an Naegele die Frage richten konnte, unbekümmert um die vielen Studenten, die umherstanden: »Herr Geheimer Rat, kennen Sie die Frau Sternwirtin in der Haspelgasse?« – Naegele schüttelte abweisend das Haupt, und man merkte wohl, daß ihn die einfältige Frage verdroß. Der Portugiese ließ sich nicht warnen und fuhr fort: »Herr Geheimer Rat, diese merkwürdige Frau ist schon zehn Monate guter Hoffnung und kann noch immer nicht niederkommen. Was ist Ihre Meinung?« – »Behüte uns der Himmel, die Frau kriegt den Antichrist!« rief der Alte und drehte dem verblüfften Herrn den Rücken. Welch frisches Leben in unserem Meister noch pulsierte, verriet schon sein Gang. Er ging nicht den bedächtigen Schritt des Greises, sondern eilend, das Haupt mit den kurzsichtigen Augen und der langgestreckten Nase vornüber gebeugt. Betrat er die Anstalt, so begrüßte er uns gerne mit irgend einer launigen Bemerkung, beklagte sich z. B. über das schlechte Straßenpflaster mit dem Seufzer: die heillosen Steine riefen ihm täglich seine Sünden ins Gedächtnis. War er in der Stimmung, sich mit uns zu unterhalten, so merkten wir es gleich, wenn ihm ein launiger Gedanke durch den Kopf ging. Er schloß dann die Augen und fuhr mit den fünf Fingern etliche Male über die Nase herab, öffnete dann plötzlich die Lider und brachte den Einfall zu Tage. Machte ihm sein Scherz besondere Freude, so trat er auf den Nächsten zu und schaute ihm prüfend ins Gesicht, ob seine Worte gezündet hätten. – Die auffallende Gewohnheit, während der Unterhaltung bisweilen die Augen zu schließen, hatte, wie 229 schon erwähnt, auch Scheffel, doch strich dieser dabei nicht mit den Fingern über das Gesicht. Nicht immer jedoch war unser Lehrer heiter gestimmt. Er hatte seine trüben Tage, wo er in sich gekehrt die Einsamkeit aufsuchte und traurigen Erinnerungen nachhing. Eine blühende Tochter, sprühend wie er von Geist und heiterer Laune, hatte unerwartet der Tod aus glücklicher Ehe weggerafft. – Ein Jahr lang, erzählte man mir, erkannte man ihn nicht wieder, kein Scherz kam über seine Lippen, man fürchtete für sein Leben. In der Erfüllung seiner Pflicht und im Umgang mit der Jugend erholte er sich allmählich von dem schrecklichen Schlage. Eines Tages mußte ich Naegele in seinem Hause aufsuchen. Als ich eintrat, verließ ihn gerade ein Herr, der im Rufe eines großen Aufschneiders stand. Naegele war sehr aufgeräumt und erklärte mir den Grund seiner Heiterkeit: »Dieser Mensch lügt, daß sich die Balken biegen. Er versteht aufzuschneiden, wie der selige Münchhausen. Es ist etwas schönes um die Kunst zu lügen, doch ist sie nicht so leicht, wie die Leute meinen. Mein lieber Freund, bedenken Sie wohl, wie öde wäre das Leben ohne die Poeten!« Obwohl er auch an derben Spässen Gefallen fand, wenn Humor darin steckte, so erlebten wir doch eines Tags in der Klinik eine überaus lächerliche Geschichte, die ihm ärgerlich war, weil sie dem Rufe seiner Anstalt im Auslande schaden konnte. Wenn Personen in der Anstalt aufgenommen wurden, so mußten sie im Hörsaal in das Aufnahmebuch eingeschrieben werden. Dies geschah stets zu Beginn der Klinik. Die Aufzunehmende wurde Naegele gegenüber gesetzt, und er richtete unabänderlich zwei Fragen an sie, die eine: wann sie geboren sei, und die zweite: wann sie zum letztenmal die Regeln gehabt habe. Eines Morgens brachte unser Meister zwei vornehme Aerzte in die Klinik und lud sie ein, sich neben ihn an den Tisch zu setzen, auf dem ich das Buch führte, rings herum saßen die Studenten. Eine Bauernmagd aus dem Odenwald wurde hereingeführt, die erschrecklich stumpf in die Welt blickte. Sie nahm den üblichen Platz ein und Naegele stellte die erste Frage: »Meine Gnädige, 230 wann sind Sie geboren?« – Die Arme verstand die Frage nicht, ich mußte ihr zu Hilfe kommen und erklären: »Sie sollen angeben, in welchem Jahre und an welchem Tage Sie geboren sind.« – Sie begriff jetzt und gab die Antwort in der heimischen Mundart; »Uff de Daach, wu der Hölzerlips keppt worren is.« Auf den Tag, wo der Hölzerlips geköpft worden ist. – Der Hölzerlips war ein odenwälder Landsmann, ein Räuber und Mörder, der 1812 auf dem Marktplatz in Heidelberg hingerichtet worden war. – Die Studenten lachten, aber Naegele wurde unwillig und rief mir zu: Die Herren möchten sich um der Reputation der Klinik willen zusammennehmen. Die Fremden seien englische Aerzte und verstünden kein deutsches Wort. Sofort trat Ruhe ein, und Naegele richtete die zweite Frage an die Odenwälderin, die ihn so blöde wie vorher anstarrte. »Nun, Sie Gans,« redete er sie diesmal an, »Sie wird hoffentlich wissen, wann Sie die letzte Reinigung gehabt hat?« – Ihr Gesicht leuchtete, sie hatte verstanden und rief: »Uf selbigen Daach, wu die Beckebach keppt worren is.« – Die Beckenbach war auch eine Landsmännin aus dem Odenwald; sie hatte ihren Mann mit Gift umgebracht und war vor sieben Monaten auf dem Feld am Rohrbacher Weg enthauptet worden. – Nach dieser zweiten Antwort waren die jungen Leute nicht mehr zu halten, sie platzten hilflos heraus. Die Zeitrechnung nach Hinrichtungsterminen war zu überraschend. Die Engländer blickten auf den Professor, eine so vergnügte Klinik war ihnen neu, er bemerkte kurz, die Person spreche einen lächerlichen Jargon. Die Studenten beruhigten sich mit Mühe, und die Klinik ging dann ihren gewohnten würdigen Gang. Nach meinem medizinischen Examen brachte ich noch ein Jahr in Heidelberg zu und verkehrte auch in dieser Zeit mit meinem Lehrer. Da ließ mich eines Tages seine Gemahlin zu sich rufen und bat mich, ihren Mann zu einer Konsultation nach Heilbronn zu begleiten; sie fürchte, es könne ihrem 68jährigen, kurzsichtigen Gatten etwas zustoßen, wenn er allein reise, der Ausflug nahm zwei Tage in Anspruch. Gerne sagte ich zu. 231 Früh am Morgen fuhren wir mit dem Eilwagen nach Heilbronn, das Wetter war herrlich, der Alte in rosiger Stimmung. Nachmittags gleich nach der Ankunft verfügten wir uns mit den beiden behandelnden Aerzten in die Wohnung der Kranken. Sie litt an einer Bauchgeschwulst zweifelhafter Natur. Es stand damals noch schlecht mit der Diagnose dieser Geschwülste. Naegele hielt den Herren Kollegen einen prächtigen Vortrag, worin er seine schönsten Raketen steigen ließ, und erzählte ihnen die lehrreichsten und unterhaltendsten Geschichten von kleinen und großen Böcken, die man auf diesem Reviere schießen könne. Mit gleichem Geschicke verstand er die tief gesunkene Hoffnung der Kranken aufzurichten. Nach der Konsultation folgten wir einer freundlichen Einladung, die berühmte Papierfabrik des Verwandten eines der Aerzte zu besichtigen. Naegele wurde mit großen Ehren empfangen. Die Damen des Hauses waren begierig, den vielgenannten Frauenarzt kennen zu lernen, und er zog das ganze Register seiner Liebenswürdigkeit auf. Eine der beiden Damen nahm mich entzückt zur Seite und meinte: von allen Geheimeräten der Welt sei dieser der charmanteste. Kaum war ich mit ihm allein, so richtete er die Frage an mich: »Jetzt sagen Sie mir, habe ich meine Sache gut gemacht? Ich habe mein Bestes getan, um den Damen zu gefallen, jedoch nur Ihnen zu liebe. Sie sollten sehen, wie Sie es anfangen müssen, um vorwärts zu kommen. Glauben Sie mir, ohne Frauengunst bringt es der Arzt zu nichts!« Am nächsten Morgen kehrten wir auf dem kleinen Dampfschiff, das damals zwischen Heidelberg und Heilbronn den geringen Verkehr vermittelte, nach Hause zurück. Naegele bewunderte eine Weile die liebliche Landschaft, bald aber weihte er seine Aufmerksamkeit der hübschen jungen Frau eines Landpfarrers, die unterwegs mit ihrem Manne eingestiegen war. Er vertrieb dem Weibchen mit Plaudern und Scherzen die Zeit, und sie fand großes Gefallen an seiner Unterhaltung. Der Pfarrer empfand zuletzt eine Anwandlung von Eifersucht, er fragte mich, wer der Herr sei, der mit solcher Galanterie seine Frau unterhalte. Ich beruhigte ihn, es sei der Geheimerat Naegele und ich sein Schüler, er mache nur mir zu liebe 232 seiner Frau die Cour, er habe mich auf eine Konsultation mitgenommen, um mich das Kurieren und das Courmachen zu lehren. Frau Naegele, eine liebenswürdige Matrone, die Tochter des früher erwähnten Geburtshelfers Mai, dankte mir herzlich: Ihr Mann sei sehr befriedigt heimgekommen; – ich meinesteils versicherte, daß ich kaum je so viel für die künftige Praxis von meinem Lehrer gelernt hätte, wie auf dieser Reise. Naegele blieb mir stets gewogen. Er riet mir, die akademische Laufbahn einzuschlagen, doch durfte ich daran nicht denken. So oft ich nach Heidelberg kam, suchte ich ihn auf, zuletzt im Herbst 1849. Ich fand ihn tief gedrückt. Die Revolution hatte dem alten Manne arg mitgespielt, obwohl ihm kein persönliches Leid widerfahren war. Ein abgesagter Feind der Politik hatte er mir einst erklärt, eine Wöchnerinnensuppe interessiere ihn mehr, als alle Politik, im Jahre 1848 rächte sie sich. Täglich wurde vor seinem Haus am Ludwigsplatz exerziert, kommandiert und getrommelt, das Heckerlied gesungen und »Schleswig-Holstein meerumschlungen«. Freischärler und Soldaten aller Waffengattungen marschierten auf, Freund und Feind nahm Quartier bei ihm, die bewaffnete Macht vertrieb sogar 1849 die weibliche Besatzung seiner Anstalt und nahm die Räume selbst ein. Die Aufregung darüber brach die letzte Kraft des alten Herrn, er überlebte das schreckliche Jahr nicht lange. Die Anregungen, die mir mein Lehrer erteilte, waren nicht verloren. Zwar habe ich die Geburtshilfe nur 5–6 Jahre ausgeübt, aber meine 1859 erschienene Schrift über eine Klasse wichtiger Bildungsfehler der Gebärmutter Von dem Mangel, der Verkümmerung und Verdopplung der Gebärmutter, u. s. w. Mit 58 Holzschnitten. Würzburg, Stahel, 1859. hat gezeigt, daß der Same, den er ausgestreut, auf keinen unfruchtbaren Boden gefallen ist. 233     Hermann Naegele. Die Geburtshelfer Naegele Vater und Sohn waren grundverschiedene Naturen. Dem Sohne ging die heitere, witzige und lebhafte Art des Vaters ab; er war ernst, trocken und gemessen, ging wenig unter die Menschen, wurde in dem besten Mannesalter kränklich und starb mit 40 Jahren, kurz nachdem er zum Nachfolger seines Vaters ernannt worden war, am 15. Juli 1851. Hermann Naegele gab ein treffliches Lehrbuch der Geburtshilfe heraus. Die erste Auflage erschien 1843–45, an der dritten arbeitete er in seinem Todesjahre 1851, Professor Grenser in Dresden vollendete sie und besorgte alle folgenden Auflagen bis zur achten 1872. – Das Buch enthielt die Lehren des Vaters, verdankte aber die lichtvolle, knappe und doch erschöpfende Darstellung, also die wesentlichsten Eigenschaften eines guten Lehrbuchs, dem Sohne. Das ärztliche Publikum glaubte auch diese Vorzüge des Buchs dem Vater zuschreiben zu müssen und bestritt dem Sohne das Verdienst, das ihm in Wahrheit zukam. Wiederholt klagte er mir sein Leid; ich sah seine viel korrigierten Entwürfe und begriff den gerechten Verdruß des tief Gekränkten. 234     Jakob Henle. Der bedeutendste Mann der Fakultät, als Forscher und Lehrer zugleich, war neben Naegele unstreitig sein junger Kollege Henle. Man konnte ihn noch über Naegele insofern stellen, als der Geburtshelfer nur sein beschränktes Fach lehrte, während Henle außer Anatomie und Physiologie, für die er berufen war, auch allgemeine Pathologie las. Für diese Vorlesung war der ideenreiche Mann wie geschaffen, denn in der Schule des großen Johannes Müller Joh. Müller war als Anatom und Physiolog gleich groß. Seine größte wissenschaftliche Tat war die Begründung des für die Physiologie des Nervensystems, wie für die Erkenntnistheorie bedeutsamsten Gesetzes von der spezifischen Energie der Sinnesnerven. Helmholtz stellt in seinem Vortrag »Das Denken in der Medizin«, 1877, den Wert dieser wissenschaftlichen Errungenschaft der Newtonschen Entdeckung des Gravitationsgesetzes gleich. aufgewachsen, hatte er sich die dazu erforderlichen reichen biologischen Kenntnisse in umfassender Weise angeeignet und besaß die Gabe, klar und anregend vorzutragen, in seltenem Maße. Er wagte sich ohne Scheu an die höchsten Probleme der medizinischen Wissenschaft; wo reife Früchte noch nicht zu pflücken waren, griff er zu unreifen und präsentierte sie verführerisch auf silbernen Schalen. Sein mächtiger Lehrdrang trieb ihn, über den Kreis der Mediziner hinaus zu wirken, er las ein stark besuchtes Kollegium über Anthropologie für Hörer aus allen Fakultäten. Geboren 1809 in Fürth bei Nürnberg war Henle mit seinen Eltern 1815 nach Mainz und später von da nach Koblenz übergesiedelt. Hier machte er die persönliche Bekanntschaft seines aus dieser Stadt gebürtigen späteren Lehrers Müller, der seine ganze Zukunft bestimmte. Müller war damals Professor in Bonn und kam in den 235 Ferien häufig nach Koblenz. – Henle studierte zuerst in Heidelberg und hörte Anatomie bei Tiedemann, ging dann nach Bonn und erfreute sich hier der Gunst und Führung Müllers. Nachdem er 1832 in Bonn promoviert und 1833 das medizinische Staatsexamen absolviert hatte, fügte es sich, daß in diesem Jahre Müller als Ordinarius für Anatomie und Physiologie nach Berlin berufen wurde und ihn zu seinem Prosektor machte. Er entfaltete jetzt eine außerordentlich fruchtbare Tätigkeit auf den drei Gebieten der Anatomie, Zoologie und pathologischen Physiologie, seiner Zulassung zum Lehramte aber stellten sich politische Schwierigkeiten in den Weg. Er wurde in Untersuchung gezogen und in die Hausvogtei gesperrt, weil er in Bonn der Burschenschaft angehört hatte. Es bedurfte der Fürsprache Alexanders von Humboldt, damit er endlich 1837 das Recht, an der Universität zu dozieren, erlangte. Drei Jahre nachher berief ihn die Züricher Regierung als Ordinarius für Anatomie und Physiologie an ihre Hochschule. Schon wenige Jahre später, im Frühjahr 1844, folgte er einem Rufe als ordentlicher Professor für dieselben Fächer neben Tiedemann nach Heidelberg. Er lehrte hier mit großem Erfolge bis 1852, wo er nach Göttingen an Langenbecks Stelle für Anatomie übersiedelte und am 13. Mai 1885 sein in rastloser Tätigkeit verbrachtes Leben beschloß. In die Zeit von Henles Berliner Aufenthalt fiel der Beginn einer neuen Epoche der biologischen Wissenschaften, die auf die Medizin mächtig zurückwirkte. Sie wurde durch die berühmte Schrift Schwanns, gleichfalls eines Schülers von Müller, herbeigeführt, die 1839 unter dem Titel erschien: »Mikroskopische Untersuchungen über die Uebereinstimmung in der Struktur und dem Wachstum der Tiere und Pflanzen.« – Schwann war fast von gleichem Alter, wie Henle, geb. 1810 in Neuß bei Köln, und Kustos am Berliner anatomischen Museum. Er wurde 1839 als Anatom nach Löwen berufen und starb als Professor der Universität Lüttich 1882. Anknüpfend an die Lehre des Botanikers Schleiden von der Pflanzenzelle , begründete Schwann die Lehre von der tierischen Zelle . Dasselbe mikroskopische Formelement dient zum Aufbau des Pflanzen- und Tierleibs, die Zelle ist gewissermaßen der 236 Baustein des belebten Naturreichs gegenüber dem Kristall des unbelebten. Aus der Zelle und ihren vielgestalteten Abkömmlingen wachsen hervor die Pflanzen- und Tiergewebe, aus den Geweben die Organe, aus den Organen die zusammengesetzten Organismen. Aufgerichtet auf der sicheren Grundlage mikroskopischer und entwicklungsgeschichtlicher Untersuchungen, beschenkte die Schwannsche Zellenlehre die biologischen Wissenschaften mit einer fruchtbaren leitenden Idee, die ihnen allen neue Ziele der Forschung, neuen Inhalt und neue Gestalt verschaffte. Zunächst war es die Anatomie, die aus der Zellenlehre den größten Gewinn zog. Die Gewebelehre , zu der im Beginn des Jahrhunderts Bichat in Paris den Grund gelegt, gewann durch sie ihre heutige Gestalt. Eine neue anatomische Welt tat sich uns jungen Medizinern auf in dem Werke Henles: »Allgemeine Anatomie«, 1841. Es fesselte die Leser fast noch mehr durch die weiten Aussichten, die es eröffnete, als durch das, was es bereits fertig darbot. Sobald die Berufung Henles bekannt geworden war, trieb mich die Neugier, sein Buch zu lesen. Den Eindruck auf mich kann ich nur mit dem der Liebigschen Schriften vergleichen, ich verfuhr damit, wie mit diesen, ich zog es aus und lernte seinen wesentlichen Inhalt auswendig. Der Genuß, den mir die »Allgemeine Anatomie« bereitete, reizte mich, die »Pathologischen Untersuchungen«, die Henle schon 1840 herausgegeben hatte, gleichfalls zu lesen. Von den Abhandlungen, die er darin zusammengestellt hat, ist die: »Ueber Miasmen und Kontagien« weitaus die berühmteste geworden. Gestützt auf die damals noch so dürftigen Kenntnisse der Parasitenlehre, versuchte Henle mit erstaunlichem Scharfsinn der Ursache der Seuchen auf die Spur zu kommen. Mit prophetischem Blick versuchte er ihre parasitische Natur zu beweisen, und seine Hypothese ist – wenigstens für die Mehrzahl der Seuchen – zur feststehenden Tatsache geworden. Mit großer Spannung sahen wir der Ankunft Henles entgegen, mit kaum geringerer der seines Freundes Pfeufer. Fast gleichzeitig 237 hatte die badische Regierung auch diesen für Heidelberg gewonnen und auch ihm war der Ruf eines ausgezeichneten Lehrers vorausgegangen; er sollte als zweiter Ordinarius für innere Klinik und Pathologie neben Puchelt wirken. Die beiden waren im gleichen Jahre 1840, nach Zürich gekommen und zogen an Ostern 1844 zusammen nach Heidelberg. Sie hatten in Zürich einen Freundschaftsbund für das Leben geschlossen, standen im Alter sich nahe und harmonierten in ihren politischen und Weltanschauungen. Im letzten Jahre ihres Züricher Aufenthalts verbanden sie sich zur Herausgabe einer medizinischen Zeitschrift und schickten das erste Heft mit einem Programm aus Henles Feder in die Welt, einem kriegerischen Manifeste: »Ueber medizinische Wissenschaft und Empirie.« Schon der Titel: »Zeitschrift für rationelle Medizin«, den die Freunde gewählt hatten, konnte für eine Herausforderung gelten. Was heißt »rationell« anders, als vernünftig oder einsichtig? War denn die Medizin bisher unvernünftig gewesen und ohne Einsicht betrieben worden? Mußten Henle und Pfeufer erst eine vernünftige Medizin schaffen? Offenbar bedeutete das Schlagwort »rationell« einen Kampfruf zum Angriff auf die herrschenden Schulen, und mit spöttischem Lächeln nannten die alten Herren, auf die es gemünzt war, die beiden Herausgeber der Zeitschrift »die Dioskuren der rationellen Medizin«. Die Berechtigung der rationellen Forderungen des Manifestes erscheint heute so selbstverständlich, daß man sich wundern könnte, warum Henle sie aufstellte und mit so großem Aufwande von Dialektik und scharfem Witze verfocht. Kein vernünftiger Mediziner wird heute leugnen, was das Programm verlangt: daß die Medizin nur aus einer durch Einsicht geläuterten Erfahrung hervorgehen soll. Sie kann unmöglich diese nötige Einsicht erlangen ohne genaue Beobachtung der Kranken, ohne die Hilfsmittel des Mikroskops, der physikalischen Untersuchung und Werkzeuge überhaupt, ohne Chemie, anatomisches Skalpell und physiologischen Versuch. Endlich bedarf die Medizin der Kenntnis aller Naturwissenschaften, die imstande sind, die Natur der Schädlichkeiten aufzudecken, die uns krank machen und die der Mittel, die uns heilen. – Sollte ein Mann von Henles 238 Scharfblick gegen Windmühlen gefochten haben? Sicherlich hätten wir jungen Mediziner in diesem Fall sein Manifest nicht mit so großem Interesse gelesen. Die Medizin jener Zeit begann sich eben damals erst vollbewußt aus den Banden der Naturphilosophie und des Aber- und Köhlerglaubens zu lösen. Es waren noch immer viele gelehrte Aerzte der Meinung, die Medizin lasse sich aus einem allgemeinen Prinzip systematisch ableiten. In Bayern mußten sich Wissenschaft und Kunst des Heilens sogar unter die Theosophie beugen; der allmächtige Obermedizinalrat Ringseis, der auf die Besetzung der ärztlichen Stellen und Professuren im Königreich einen oft entscheidenden Einfluß übte, leitete die Krankheiten aus dem Sündenfall ab und kurierte sie mit den Gnadenmitteln der Kirche. – Man begreift, daß die medizinische Jugend der vormärzlichen Zeit, die ein fortschrittlicher, kampflustiger Geist beseelte, mit Jubel das Schwirren der Geißel begrüßte, die der witzige Anatom über den Häuptern der Dunkelmänner schwang. Da ich nur noch zwei Semester vor mir hatte, so konnte ich nicht mehr Anatomie bei Henle hören, sondern belegte nur sein Kollegium über Physiologie und erhielt von ihm die Erlaubnis, das über allgemeine Pathologie gratis zu besuchen. Außerdem verschaffte ich mir später noch das Heft eines guten Freundes, das er in der Vorlesung über Anthropologie nachgeschrieben hatte, und schrieb es ab. Ich habe somit Physiologie und allgemeine Pathologie zweimal als Student belegt, jedoch nur bei Henle regelmäßig besucht, bei Bischoff einigemale, bei Puchelt fast regelmäßig geschwänzt, was ich zur weiteren Illustration meiner früheren Auslassungen über Zwangskollegien hier bemerke. In der allgemeinen Pathologie teilte uns Henle außer den Hauptergebnissen seiner »Pathologischen Untersuchungen« die Quintessenz seines großen »Handbuchs der rationellen Pathologie« mit, woran er bereits arbeitete, das jedoch erst 1846–1853 im Druck erschien. Es war ein großartiges, aber verfrühtes, auch mißlungenes Unternehmen, sämtliche Erscheinungen und Vorgänge am kranken Organismus auf ihre nahen und entfernten Ursachen zurückzuführen. Die Hypothesen überwucherten das tatsächlich Gegebene und 239 Erweisbare, wie in dem Handbuch, so auch in der Vorlesung, aber wir hatten keinen Schaden davon, denn die Vorlesung regte uns kräftig zum Denken an und verdarb uns nicht zu grauen Theoretikern für die künftige Praxis. Henles Vortrag war wie ein klarer munterer Quell, auf dessen leichtbewegter Fläche heitere Lichter spielen. Obwohl er seine Sätze sehr einfach fügte und eine wohltuende Ruhe bewahrte, blieb er doch stets unterhaltend, seine Bemerkungen, witzige Vergleiche, überraschende Gedankenblitze ließen keine Ermüdung zu. Kam ein Scherz über seine Lippen, so zuckte ein Lächeln um seinen Mund, er tippte auch wohl mit einem Finger an die Nasenspitze und warf das Haupt ein wenig zur Seite, als wolle er den unbewacht entschlüpften Einfall von sich abschütteln. In kurzer Zeit erwarb sich der junge Professor die Gunst seiner Hörer. Schon im Winter 1844/45 brachten sie ihm ein Fackelständchen und feierten ihn als Gelehrten, wie als Lehrer und als unerschrockenen, freisinnigen Forscher. Seine studentische und politische Vergangenheit trug mit dazu bei, ihn der akademischen Jugend lieb und wert zu machen. Eine kleine Hiebnarbe auf der linken Wange erinnerte sie daran, daß er der Burschenschaft angehört und deshalb in der Hausvogtei gesessen hatte. Auch umwob sein Haupt der goldene Schimmer einer romantischen Liebe, die bald nachher zu seiner ersten Ehe führte. Sein Schwiegersohn und Biograph, Professor Merkel in Göttingen, hat das Idyll sehr anziehend erzählt. Auerbach, mit Henle befreundet, benützte es zu seiner bekannten Erzählung: »Die Frau Professorin«, und Frau Birch-Pfeiffer brachte es in »Dorf und Stadt« sogar auf die Bühne, beide freilich in einer Gestalt, die Henle verletzte. Die Heirat Henles mit einem liebenswürdigen Mädchen aus niederem Stande – er hatte es bei seiner Schwester zuvor ausbilden lassen – entsprach der sozialen Stimmung der vormärzlichen Zeit. Es waren namentlich die Mediziner, die aus der anatomischen Gleichheit der Töchter Evas ihre soziale Gleichberechtigung herleiteten. Mehrere meiner Bekannten und zwei angesehene Professoren der faculté de médicine in Straßburg stiegen von ihrer 240 akademischen Höhe zu den ungelehrten Töchtern des Volks herab, um sie zu sich herauf zu holen. Doch wurde mir auch im Frühjahr 1847 ein Korb bekannt, den sich ein Heidelberger Dozent, ein Anatom und Schüler Henles, bei einem schlichten Kinde der fröhlichen Pfalz geholt hatte. Er meinte, seinem angebeteten Meister wie in seinem Studium, so auch in der Wahl seiner Gattin nacheifern zu müssen. Seine junge, frische Aufwärterin gefiel ihm, und er machte ihr einen Heiratsantrag mit dem Vorschlag, sie aus seinen Mitteln in einer Damenpension zur standesgemäßen Erziehung unterzubringen. Er kam damit übel an. Was dem Herrn Doktor einfalle, fragte sie entrüstet. Sie habe bereits ihren Liebsten, dem sie fein genug erzogen sei. Ihr Schatz sei ein schmucker Fleischer, der zwei solcher schmächtigen Doktoren aufwiege.   Zwischen den jungen, von Zürich berufenen Professoren und den alten wollte sich je länger desto weniger ein freundliches Verhältnis gestalten. Sie waren zu verschieden in Jahren, politischen Anschauungen, gesellschaftlichen Gewohnheiten, zweifelsohne auch in ihren Ansichten über das medizinische Lehren und Lernen. Merkel hat in der Biographie Henles (S. 214) einen Brief mitgeteilt, den dieser an Pfingsten 1844 an seine Angehörigen geschrieben hat, – der Brief wäre wohl besser ungedruckt geblieben. Er ist aus einer schrecklichen Stimmung hervorgegangen, die sich vermutlich aus Ereignissen, die Merkel andeutet, in Henles elterlicher Familie erklärt. Henle nennt darin seine alten Kollegen langweilige Zöpfe, unter denen zu sitzen für ihn und Pfeufer eine »Degradation« sei, sie benützten den Ruf und die herrliche Lage Heidelbergs, um sich in behaglicher Ruhe zu mästen, und schlössen sich gegen Eindringlinge ab; alles, außer ihren Wohnungen, Landhäusern und Weinbergen, sei in einem erbärmlichen Zustande. – Welche ungerechten Beschuldigungen! Die langweiligen Zöpfe hatten Heidelbergs medizinischen Weltruf geschaffen und die Berufung der Züricher bei der Regierung beantragt. Glichen diese in gesegneter Arbeit ergrauten Gelehrten zur Ruhe gesetzten, feisten Mandarinen? Seit wann ziemte sich's nicht für einen akademischen Lehrer, ein eigenes Heim, die 241 Sehnsucht des Aermsten, zu erwerben? Zu eignem Herd und Haus hatten es die alten Herren allerdings gebracht, aber ein Landhaus besaß keiner, vielleicht wohl einen Rebgarten; aber was wollte das in Heidelberg bedeuten? Der Einzige, der es zu größeren Glücksgütern gebracht hatte, war Chelius, und dieser hatte sie durch seine unermüdliche Tätigkeit und ein seltenes chirurgisches Geschick erworben. Henle und Pfeufer fanden bald jüngere und gleichgestimmte Kollegen außerhalb der Fakultät: Jolly, Häuser, Gervinus, v. Vangerow u. a., denen sie nahe traten. Die Wogen der Politik stiegen mit jedem Jahre höher. Gervinus gründete die deutsche Zeitung. Aus seiner Feder floß eine Reihe von Artikeln, die den »reaktionären Perücken« der Heidelberger Hochschule samt und sonders derb zu Leibe gingen, aber den Fortschrittlern gute Censuren erteilten. Der gallige Jurist Morstadt erwiderte mit einer Grobheit, würdig des göttlichen Hirten Eumaeos. Die gegenseitige Erbitterung der Liberalen und Konservativen erreichte eine bisher unbekannte Höhe. Zwischen Henle und Tiedemann kam es zu einem häßlichen Auftritt. Tiedemann hatte die Einrichtung des Neubaus für Anatomie und Physiologie ausschließlich in die Hand genommen. Henle fand sie seinen Bedürfnissen so wenig entsprechend, daß er beim Ministerium um Abhilfe einkam. Bei den amtlichen Verhandlungen, die zwischen beiden jetzt gepflogen wurden, ließ sich der hitzige Alte zu unverzeihlichen persönlichen Beleidigungen hinreißen und nahm sie nur gezwungen zurück. Bald danach, 1849, legte er sein Amt nieder und Henle wurde die Leitung der ganzen Anstalt übertragen. Infolge des reaktionären Umschlags in Baden nach den Revolutionsjahren verlor Heidelberg 1852 Henle und Pfeufer, zwei Jahre nachher Jolly. Die Regierung warf die gemäßigt Liberalen in einen Topf mit den Radikalen und Revolutionären. Henle ließ man nach Göttingen ziehen, Pfeufer und Jolly nach München, sie waren alle mißliebig geworden. – Als Hauptwerk und letztes großes Vermächtnis hinterließ Henle den Aerzten seine »Systematische Anatomie«, 1871–1879. 242     Karl von Pfeufer. Mein zweiter klinischer Lehrer, Karl Pfeufer, stammte aus der alten Bischofstadt Bamberg, die Deutschland zwei seiner berühmtesten Mediziner gegeben hat: Ignaz Döllinger, den Anatomen und Physiologen, und Lukas Schoenlein. Bamberg besaß seit 1647 eine Universität, freilich ohne medizinische Fakultät, die sie erst 1769 erhielt. Eine Bedeutung erlangte die Fakultät unter der Regierung des vorletzten Fürstbischofs, Franz Ludwig von Erthal (1779–1795), nachdem dieser menschenfreundliche Regent eine Hebammenschule und nach ihr ein großes Krankenhaus zu Lehrzwecken hatte herstellen lassen. Marcus der Aeltere, Vgl. die lehrreiche Biographie, verfaßt von Dr. Friedrich Roth: Dr. Adalbert Friedrich Marcus, Bamberg 1889. der Leibarzt des Bischofs, führte einen geordneten klinischen Unterricht ein, was viele Schüler herbeizog, ihre Zahl stieg auf 100. Wie ich früher erwähnte, hat auch Naegele sen. in Bamberg studiert. Nachdem infolge des Lunéviller Friedens das Bistum an Bayern gefallen war, wurde die Universität aufgehoben, doch blieb an Stelle der medizinischen Fakultät eine medizinisch-chirurgische Schule bis 1836 erhalten. Der Vater meines Lehrers, Christian Pfeufer, war 1802, kurz vor Aufhebung der Fakultät, zum Professor ernannt worden; nach ihrer Aufhebung 1805 wurde er als Gerichtsarzt aufs Land versetzt, nach Marcus Tod 1814 mit der Leitung des Bamberger Krankenhauses betraut; er hielt Vorlesungen darin, so lange die chirurgische 243 Schule bestand. Daß er ein tüchtiger Arzt war, beweist seine noch heute lesenswerte Schrift über den Scharlach (1819). In der Heilkunde herrschte zu Anfang des Jahrhunderts eine wilde Gärung; die gefährlichen Lehren des Schotten Brown hatten gerade in Bamberg an Marcus und Röschlaub eifrige Verteidiger gefunden; an diesen Ausschweifungen nahm Chr. Pfeufer keinen Teil, auch hielt er sich von dem Vampyrismus ferne, der damals selbst Typhösen Ströme Bluts entzog. Er starb 1852. Karl Pfeufer war geboren 1806, studierte Medizin in Erlangen (1824) und Würzburg. In Erlangen schloß er Freundschaft mit dem Dichter Platen, dessen Tagebuch (1796–1825) er fast 40 Jahre später (1860) herausgab. Er selbst geriet hier in das poetische Fahrwasser, in Würzburg aber erfüllte ihn die zunehmende Bewunderung von Schoenleins Tätigkeit mit Liebe zur Medizin, und aus dem unsicheren Strom der Dichtkunst fand er den Weg zurück auf den festen Boden des ärztlichen Berufs. Schoenlein, dessen geniales Wesen er mir bis zu seinem Tode begeistert pries, machte ihn zu seinem Assistenten. Als solcher erteilte er, wie Kerschensteiner Joseph Kerschensteiner: Das Leben und Wirken des Dr. Karl v. Pfeufer, Augsburg, 1871. erzählt, in Schoenleins Klinik die ersten Kurse über Perkussion und Auskultation 1828. – Die bayerische Regierung schickte ihn zum Studium der asiatischen Cholera, die von Rußland her gerade ihren ersten Einbruch nach Deutschland über Preußen ausgeführt hatte, in die heimgesuchten Provinzen. – Im folgenden Jahre besuchte er Wien und ließ sich im Juli 1832 in München nieder, um sich hier an der Hochschule zu habilitieren. Walther, Döllinger u. a. schenkten ihm ihre Gunst, er wurde ein beschäftigter Praktiker, aber Ringseis, der freigesinnte und charakterfeste Leute nicht um sich duldete, verhinderte seine Zulassung. Wiederholte spätere Versuche, Dozent zu werden, scheiterten. – Nachdem die Cholera im August 1846 zum erstenmale die bayerischen Grenzen überschritten, in Mittenwald ihren Einzug gehalten und die Einwohner in die wildeste Aufregung versetzt hatte, eilte Pfeufer im Auftrag der Regierung in das Städtchen und brachte Beruhigung und 244 geordnete Hilfe. Fürst Wallerstein, der damalige Minister, erkannte mit warmen Worten sein großes Verdienst an, und schickte ihm zur Belohnung die königliche Ernennung als Landesgerichtsphysikus der Vorstadt Au, die ihm keineswegs erwünscht war; die heißersehnte Zulassung aber zur Fakultät blieb ihm nach wie vor verweigert! – So sah es in dem medizinischen Bayern unter dem pfäffischen Regiment Ringseis aus. Unvermutet befreite ihn aus dieser unerquicklichen Lage ein Ruf an die Klinik in Zürich als Nachfolger Schoenleins. Sein ehemaliger Lehrer war 1833 aus Würzburg, dessen medizinische Fakultät durch ihn so großen Aufschwung genommen hatte, geflüchtet, um einer in nichts begründeten Anklage auf Hochverrat zu entgehen, und war in Zürich mit offenen Armen aufgenommen worden. Im Jahre 1840 berief Friedrich Wilhelm IV. den bayerischen Hochverräter als Leibarzt und Leiter der inneren Klinik nach Berlin. Es wechseln Zeiten und Menschen! – Ehe Pfeufer den Ruf nach Zürich annahm, machte er einen letzten Versuch, ein Lehramt in München zu erhalten. Er fragte bei dem gebietenden ultramontanen Staatsminister Abel an, ob er auf eine Professur in München hoffen dürfe, aber dieser gab ihm, wie Kerschensteiner erzählt, »aus angeborner Grobheit eine ungeschlachte Antwort.« Obwohl es nicht leicht war, als Nachfolger eines Schoenlein, der auf der Höhe seines Ruhmes stand, Anerkennung zu erringen, gewann Pfeufer doch ungemein rasch die Zuneigung seiner Schüler und das Vertrauen der Einwohner und Behörden Zürichs. Im gleichen Jahre wie er, war Henle von Berlin nach Zürich gekommen. In ihm fand er einen mitstrebenden Kollegen und Freund für das ganze Leben. Henle wurde ihm Führer in der neu aufgegangenen biologischen Welt. Sie gründeten, wie ich bereits erwähnte, die Zeitschrift für rationelle Medizin und folgten an Ostern 1844 zusammen dem fast gleichzeitig an sie ergangenen Rufe nach Heidelberg. Hier lehrte Pfeufer neben Puchelt als zweiter innerer Kliniker und o. Professor der Pathologie bis zum Herbste 1852. Inzwischen hatten sich die Verhältnisse in Bayern unter dem edelgesinnten König Maximilian II. anders gestaltet. – Ringseis hatte seine Macht eingebüßt. Pfeufer wurde an seiner Stelle als 245 Leiter der zweiten inneren Klinik berufen und zugleich der technische Berater des Ministeriums in den Sanitätsangelegenheiten des Königreichs, als solcher erwarb er sich um Bayern unvergängliche Verdienste. Karl Thiersch, der berühmte, in Leipzig 1895 verstorbene Chirurg, damals Dozent in München, später mein Fakultätskollege in Erlangen, hat mir einst erzählt, welch ein seliges Gefühl der Erlösung über ihn und alle jungen strebsamen Aerzte in München gekommen sei, als mit Pfeufer die rationelle Medizin in den Räumen einzog, wo bisher Ringseis die schlimmen Früchte des Sündenfalls außer mit Brechmitteln, Purganzen und Aderlässen eifrig mit den heiligen Sakramenten, Sakramentalien und Gebeten aus dem Leibe der Menschen geschafft hatte. Er wurde, wie die Jugend gehofft, ihr väterlicher Freund und Förderer ihrer wissenschaftlichen Arbeiten. So nahm er an Pettenkofers und Thierschs bekannten Untersuchungen über Verbreitung und Ursache der Cholera lebhaften Anteil. Fast wichtiger noch war die Befreiung von der büreaukratischen Vormundschaft, die der ärztliche Stand in Bayern seinen elfjährigen Bemühungen verdankte. Bis dahin hatten die Kreismedizinalräte den Aerzten den Ort angewiesen, wo sie die Praxis ausüben, nach Umständen versauern und verkommen mußten, er setzte trotz großer Hindernisse ihre Freizügigkeit durch und machte sie zu Herrn ihres Geschickes. – Der prächtige Mann schied am 13. September 1869 auf einem Ausflug nach Pertisau am Achensee, inmitten der Seinigen, plötzlich aus dem Leben, das Herz versagte unerwartet seinen Dienst. Pfeufer gehörte zu den Klinikern, die weniger durch ihre Schriften als durch mündliche Unterweisung auf ihre Zeit einwirkten, wie Schoenlein, Krukenberg und Oppolzer. Seine literarischen Erzeugnisse beschränkten sich auf einige Aufsätze in der Zeitschrift für rationelle Medizin, einen Bericht über Cholera in Mittenwald, eine musterhaft volkstümliche Anweisung, wie man sich bei der Cholera zu verhalten habe; – das ist so ziemlich alles, was er veröffentlicht hat. In keinem Gebiete der Pathologie wirkte er bestimmend auf deren Gang. Seine Bedeutung lag in dem Unterricht, den er in der Klinik und seinen guten Vorlesungen zahlreichen Schülern erteilte. In Heidelberg dürfte er als Lehrer seine Höhe erreicht haben. – Ueber Schoenleins 246 naturhistorisches System war er längst hinausgekommen, das Manifest der »Zeitschrift für rationelle Medizin« sagte ihm entschieden ab, wenn auch unter tiefen persönlichen Verbeugungen vor dem »großen Arzte,« der es aufgestellt hatte; die klinische Methode aber und die Behandlungsweise seines Lehrers behielt er bei. Im großen und ganzen stand er auf dem physiologischen Boden, auf den vorzugsweise die Engländer: John Hunter, Marshal Hall, Charles Bell, Graves, Stockes u. a. die Pathologie gestellt hatten; er empfahl uns diese Koryphäen der englischen Medizin neben den Franzosen Andral und Louis angelegentlich zum Studium. Die Persönlichkeit Pfeufers war wie zum Arzte geschaffen. Er war groß und breit gebaut; schwarzes, dicht aufragendes, buschiges Haar krönte das mächtige Haupt und ließ nur unten einen schmalen Saum der hohen Stirne unbedeckt; feste Kraft, verbunden mit Güte, sprach aus seinen Zügen. – Kaulbach hat ihn in ganzer Gestalt, am Arbeitstische sitzend und sinnend in die Weite blickend, getreu dargestellt. – Seine ruhige, ernste und doch freundliche Art am Krankenbette, sein angenehmes Sprachorgan, das Geschick und die Geduld, womit er das Examen vornahm, mußte die Hilfesuchenden mit Zuversicht erfüllen. Unsicheres ängstliches Zaudern kannte er nicht. Es ist erstaunlich, daß Pfeufer ungeachtet der Kleinheit seiner Klinik, die sich anfangs auf zwei kleine Säle mit je acht Kranken nebst zwei Dachkammern für Hautkranke beschränkte, die Schüler dauernd anzog und festhielt. Er war bei der geringen Auswahl genötigt, sehr ausführlich auf die einzelnen Fälle einzugehen, da er aber gut sprach und die wichtige Kunst verstand, auch gewöhnliche Fälle, die übrigens für den Anfänger die wertvollsten sind, interessant zu machen, so ermüdete er die Zuhörer nicht. Ganz besondere Sorgfalt verwendete er auf die Behandlung, wovon wir uns für die künftige Praxis den größten Nutzen versprachen. Nicht minder beliebt als die Klinik waren die beiden Vorlesungen Pfeufers: über spezielle Pathologie und Therapie die eine, über Heilmittellehre die andere; diese lief damals noch ganz und gar auf Arzneimittellehre hinaus. Ich hörte beide, obwohl ich sie als Zwangskollegia bereits absolviert hatte, jene bei Puchelt, diese schon im 247 dritten Semester bei dem a. o. Professor Dierbach, einem alten bescheidenen Männchen, (geb. 1788, gest. 1845). Er lehrte seit 1817 an der Hochschule, war ursprünglich und wesentlich Pharmazeut und ein grundgelehrter Botaniker, mit der Medizin praktisch jedoch nicht vertraut. Er hat u. a. eine Floria apiciana (Flora für Leckermäuler) und eine Flora mythologica verfaßt. Die außer Gebrauch gekommenen Kräuter waren ihm die interessantesten und die Frage, mit welchem Oele sich die Hexen beim Walpurgisritt eingerieben haben mochten, für ihn ein Gegenstand ernster Erwägung. Er entschied sich für das grüne Bilsenkrautöl. – Pfeufer sprach frei, war stets sorgfältig vorbereitet, der Student konnte aus seiner Vorlesung ein »gutes Heft« nach Hause tragen. Mochte unser Lehrer auch in ernster würdigster Haltung mit uns verkehren, unter seinen Freunden war er ein heiterer, beliebter Gesellschafter. Bei öffentlichen Gelegenheiten tat er sich wiederholt als guter und geistreicher Redner hervor und verschaffte sich bald Ansehen in den liberalen Kreisen der Stadt. Man rühmte seine Zunge, sie fand wie beim Trinkspruch, so bei der Auswahl der Weine das Beste und Feinste. Er stand hierin seinem Freunde, dem Geschichtsforscher Häußer am nächsten. Uns Medizinern schärfte er als ärztliche Pflicht ein, alle unsere Sinne im Interesse unserer Klienten möglichst auszubilden und insbesondere dem Geschmacksinn sein gutes Recht nicht vorzuenthalten, selbst auf die Gefahr des Zipperleins hin. Kehre es bei uns ein, so möchten wir uns mit Sydenham, dem englischen Hyppokrates, trösten: die Gicht bevorzuge die geistreichsten Leute. Diese schmeichelhafte Aussicht gefiel uns; wir hofften, einer solchen Auszeichnung mit der Zeit würdig befunden zu werden; einstweilen beneideten wir unsern Meister, wenn er zeitweise mit schmerzhaftem Großzehenballen über die spitzen Steine des Spitalhofs zur Klinik hinkte. 248     Medizinische Studiengenossen. Die Mediziner, die mit mir in Heidelberg studierten, kamen aus allen deutschen Bundesstaaten, mit Ausnahme Oesterreichs; vom Ausland kamen fast nur Schweizer und einige Holländer. – Obwohl die badische Regierung es den Landeskindern freistellte, an welcher Universität sie studieren wollten, gingen sie doch fast alle in den ersten Semestern nach Heidelberg oder Freiburg, in den letzten zogen einige Berlin vor, des genialen Dietzenbach wegen. – Von den deutschen Staaten war die freie Reichsstadt Hamburg auffallend stark vertreten. Die dortige Prüfungsbehörde sah es gerne, wenn die Hamburger Mediziner zuerst in Heidelberg studierten und promovierten, als Doktoren aber vor dem Staatsexamen noch ein Jahr lang in der Poliklinik zu Halle bei Krukenberg praktizierten. Ich habe bereits einiger meiner medizinischen Studiengenossen gedacht, so des Hamburgers Eduard Cohen, der beiden Chirurgen und badischen Landsleute Bernhard Beck und Franz Chelius, meiner nächsten Freunde Eduard Bronner und Franz Volk, des Physiologen Schiff aus Frankfurt a. M. u. a. Von badischen Medizinern hebe ich noch hervor den nachmaligen Professor der Anatomie in Tübingen, Hubert Luschka aus Konstanz, mit dem sich nur Schiff und Moleschott an beharrlichem Fleiße messen durften, ferner die beiden Karlsruher, Theodor Freiherr von Dusch und Adolf Hoffmann, endlich Karl Schaible aus Offenburg und Adolf Tenner aus Heidelberg. Theodor von Dusch war der einzige Student der Medizin, der eine Zeitlang in einem chemischen Laboratorium arbeitete. Besondere 249 Empfehlungen hatten ihm diese glückliche Gelegenheit bei Leopold Gmelin, seinem späteren Schwiegervater, verschafft. Nach seinem Staatsexamen ließ sich Dr. v. Dusch zuerst in Mannheim nieder, wo er 1852 mit Professor Schröder die wichtigen Versuche machte: »Ueber die Filtration der Luft durch Baumwolle,« auch 1854 Untersuchungen über Diabetes veröffentlichte. In diesem Jahre siedelte er nach Heidelberg über, habilitierte sich auf Grund wertvoller Forschungen über die Pathogenie (Entstehung) der Gelbsucht und gelben Leberatrophie, und wurde zwei Jahre nachher, 1870, o. Professor der Fakultät. Sein wissenschaftliches Hauptwerk ist das »Lehrbuch der Herzkrankheiten«, 1868. Ein großes und bleibendes Verdienst erwarb er sich um Fakultät und Stadt durch die Gründung eines Kinderhospitals, der Louisenheilanstalt, die zugleich dem klinischen Unterrichte dient. Er starb, ein Opfer der Influenza, am 13. Januar 1890. Vgl. bad. Biogr. Bd. IV. S. 91. Adolf Hoffmann wurde Militärarzt, machte die Feldzüge von 1848/49, 1866 und 1870/71 mit, zuletzt als Generalarzt, nahm 1871 nach dem Kriege den Abschied und lebte in seiner Vaterstadt Karlsruhe, verehrt als Arzt und eifrig tätig für das Gemeinwohl und namentlich für die Interessen des ärztlichen Standes, wozu ihn ein großes Verwaltungstalent befähigt hat. Er starb am 27. Oktober 1899. Vgl. Aerztl. Mitt. aus und für Baden 1899, Nr. 21. Karl Schaible wurde durch die Politik der Medizin abtrünnig. Gezwungen, 1849 ins Ausland zu flüchten, fand er nach längerem Aufenthalt in Frankreich eine hervorragende Stellung in England als Professor für neue Sprachen an der Kriegsschule in Woolwich und als Examinator an der Londoner Universität. Er wurde englischer Bürger, nach 21 Dienstjahren unter rühmlicher Anerkennung seiner Tätigkeit, britischer Staatspensionär und kehrte 1883 in die badische Heimat zurück, wo er am 22. September 1899 in Heidelberg aus dem Leben schied, bis an sein Ende literarisch tätig. – Von den vielen Schriften, die er im langen Laufe der Jahre 250 veröffentlicht hat, pädagogischen, historischen und militärmedizinischen Inhalts, hat er mir eine der lehrreichsten gewidmet: »Die höhere Frauenbildung in Großbritannien« 1894. Vergl. K. H. Schaible: Siebenunddreißig Jahre aus dem Leben eines Exilierten. Stuttgart: in Kommission bei Adolf Bonz u. Comp. 1895. Das erste medizinische Semester Adolf Tenners war mein letztes. Seine persönliche Bekanntschaft machte ich erst zehn Jahre später, nachdem ich mich im Herbst 1854 in Heidelberg niedergelassen hatte, um die akademische Laufbahn einzuschlagen. Er nahm an den Versuchen, die mich damals beschäftigten, lebhaft Anteil und unterstützte mich bei ihrer Ausführung, sein gesundes Urteil war mir dabei nützlich und wir schlossen Freundschaft. Trotz seines Widerspruchs ließ ich die Abhandlung, die 1858 in Moleschotts Zeitschrift und dann als besondere Schrift erschien: »Ueber Ursprung und Wesen der fallsuchtartigen Zuckungen«, unter unserer gemeinsamen Flagge in die Welt segeln. Er war ebenso zuverlässig als Freund wie als Arzt. Als Leibarzt des Großherzogs Friedrich von Baden hat er seinen verantwortungsvollen Posten 25 Jahre lang, von 1870 bis zu seinem 1895 erfolgten Tode, mit stets gleichem Vertrauen seines Fürsten, in Ehren behauptet. Bei Chelius und Puchelt praktizierte mit mir noch stud. Binswanger aus Bayern, der Gründer der, von einem seiner beiden Söhne fortgeführten, bekannten Heilanstalt in Kreuzlingen bei Konstanz; ferner Lippert aus Hamburg, der als vielbeschäftigter Arzt in Nizza starb; endlich Guido Weiß, der sich von der Medizin zur Publizistik wandte. Erwähnen muß ich noch als Kommilitonen meiner ersten Semester den nachmaligen Berliner Kliniker und Chirurgen Adolf Bardeleben aus Frankfurt a. O. Er war jedoch drei Jahre älter als ich und glich bereits einem jungen Professor. Naegele hatte ihn zu seinem klinischen Assistenten gemacht; als Bischoff 1843 den Ruf nach Gießen annahm, folgte ihm Bardeleben dahin als Prosektor. Auf botanischen Ausflügen machte ich nähere Bekanntschaft mit zwei Medizinern, die sich nach dem Examen ganz den 251 Naturwissenschaften widmeten. Der eine war Georg Heinrich Mettenius aus Frankfurt a. M.; als Professor der Botanik in Leipzig erlag er 1866 der asiatischen Cholera, der andere, A. von Frantzius aus Danzig widmete sich der Zoologie. Er schloß sich dem berühmten Zoologen E. von Siebold an, wurde sein Assistent in Breslau und Privatdozent, verehelichte sich mit einem Mädchen unter seinem Stande und verließ deshalb Europa. In Costarica wirkte er als Arzt und Naturforscher und kehrte erst nach dem Tode seiner Frau nach Deutschland zurück. Von Jugend auf hatte er an Asthma gelitten, jetzt war er tuberkulös und verbrachte seine letzten Lebensjahre in Freiburg, wo wir unsere Jugendbekanntschaft erneuerten. Er starb 1877 und hinterließ in Freiburg ein gutes Andenken, denn er hat den Kindergärten dieser Stadt eine ansehnliche Stiftung vermacht. Endlich gedenke ich noch Jakob Moleschotts, eines der drei holländischen Mediziner, die mit mir studierten. Die genauere Bekanntschaft dieses ungemein liebenswürdigen Mannes machte ich jedoch erst nach meinem Staatsexamen im Sommer 1846, wo wir an einem gemeinschaftlichen Mittagstisch speisten, worauf ich im nächsten Buche zurückkommen werde. Sein Fleiß, sein Wissensdurst hatten keine Grenzen, seine Lebhaftigkeit war außerordentlich und hat ihn bis zu seinem Tode nicht verlassen. Ich darf das Kapitel nicht schließen, ohne ein dankbares Wort an den Schatten eines wohl längst hinübergegangenen Mitpraktikanten zu richten, dessen reif überlegte Diagnosen in der ambulatorischen Klinik uns ebenso sehr erfreuten, wie seine »Schnelldiagnosen«. Wir nannten unsern Kollegen, einen Regensburger, nach dem ebenso kühnen, als gelehrten Emir Algeriens, der damals den Franzosen den libyschen Boden doppelt heiß machte, Abdelkader. Er trug ganz und gar das scharfgeschnittene Gepräge eines arabischen Wüstensohns: eine dichte schwarze Mähne schmückte sein Haupt, und unter der geschwungenen lang und unten kolbig auslaufenden Nase beschattete ein schwarzer Schnurrbart die schmalen Lippen. Auf der Nase prangte eine goldene Brille mit riesigen Gläsern, die ihm ein ungemein gelehrtes Aussehen verliehen. Eines Morgens erschien ein alter Maurergeselle und stellte sich 252 respektvoll vor Chelius hin. Abdelkader war als Praktikant an der Reihe und stand schon zum Vortreten bereit. Der Maurer hatte eine geschwollene Backe, er harrte schweigend auf die Aufforderung, sein Anliegen vorzubringen. Chelius winkte. Abdelkader trat vor, warf einen prüfenden Blick auf die Backe und rief, ohne ängstlich zu zaudern: » Abscessus malae ! Man muß sogleich einschneiden!« Der Mann erschrak, holte einen Ballen Kautabak aus dem Munde, die Geschwulst verschwand. Er sei nicht krank, versicherte er bestimmt, ihm fehle gottlob nichts, er komme nur, um über ein krankes Kind Bericht zu erstatten. Aus diesem diagnostischen Mißgeschick zog Abdelkader die Lehre, in Zukunft die Leute erst auszufragen und dann die Diagnose zu stellen. Als er wieder an die Reihe kam, erschien eine Bauersfrau und streckte ihre beiden Hände gegen Abdelkader. Die Handgelenke waren verdickt, alle Fingergelenke knotig verunstaltet, die Finger verkrümmt. Abdelkader untersuchte diesmal genau, betastete sorglich beide Hände und alle Gelenke, überlegte und fragte: »Frau, hat sie die Gicht gehabt?« – »Ich hab' sie noch!« bestätigte die Alte. Was mag aus Abdelkader geworden sein? fragten wir uns später bisweilen im Kreise der alten Kommilitonen. Endlich, nach langen Jahren erfuhren wir seine Schicksale. Er war in russische Dienste als Militärarzt getreten, die Tscherkessen hatten ihn gefangen und vor Schamyl, den gefürchteten Feind der Russen, geführt. Er bangte für sein Leben. Prüfend richtete der Fürst seinen Adlerblick auf den Doktor, jedoch nicht lange. »Laßt ihn laufen!« rief er, »er kehre zu den Moskowitern zurück, dort wird er uns nützlicher sein!« 253     Die gelöste Preisfrage. Die Heidelberger Universität feiert ihr Stiftungsfest jährlich am 22. November, dem Geburtstage Karl Friedrichs, ihres Wiederherstellers. Mit der Feier verbunden ist die Verkündung wissenschaftlicher von sämtlichen Fakultäten gestellten Preisfragen für die akademische Jugend und die Verleihung der, nach Karl Friedrichs Bestimmung gestifteten, goldenen Medaillen an die glücklichen Preisträger des abgelaufenen Studienjahrs. Unter Zuströmen zahlreicher Gäste versammelt sich die akademische Körperschaft in der Aula, der Prorektor hält die Festrede und gibt die Geschichte der Hochschule vom letzten Jahr. Die Feier schließt mit der lauten Verkündigung der Namen der preisgekrönten Jünglinge und der neuen Preisfragen für das laufende Jahr. Diese Einrichtung ist für Studenten und Dozenten gleich nützlich. Jene lockt sie über das Brotstudium hinaus zu höher gesteckten Zielen, diesen ist sie ein Gradmesser der geistigen Regsamkeit der Studentenschaft und der eigenen Kraft und Befähigung, die Jugend zur Arbeit anzuspornen. – Obwohl die Wogen des Studentenlebens hoch gingen, war das Jahr 1843/44 ein fruchtbares gewesen. Wie es gute und schlechte Getreide- oder Weinjahre gibt, so auch gute und schlechte Studienjahre. Das vergangene gehörte zu den besten der Ruperto-Carola ; sämtliche Preisaufgaben der Fakultäten waren gelöst worden, die theologische sogar doppelt. Die medizinische Fakultät hatte ihre Aufgabe der Augenheilkunde entnommen. Es war verlangt worden »eine anatomisch-physiologische 254 und pathologische Untersuchung der verschiedenen Farben, die unabhängig von den durchsichtigen Medien im Grunde des Auges erscheinen.« Chelius hatte dieses Thema ausgewählt, sein Sohn Franz, der die Kliniken mit mir besuchte, fragte mich, ob ich wohl Lust trüge, es zu bearbeiten, sein Vater stelle mir seine Bibliothek zur Verfügung. Vor der Einführung des Augenspiegels glich die Diagnostik der Augenkrankheiten dem Bestimmen der Pflanzen durch einfaches Betrachten beim Botanisieren in Wald und Feld, wie ich es viel geübt hatte. In den großen Ferien hatte ich das Handbuch der Augenheilkunde von Chelius gut einstudiert und die darin beschriebenen Bilder so genau im Kopf behalten, daß es mir in der Klinik mehrmals gelang, auch solche Fehler am Auge, die bisher noch nicht zur Beobachtung gekommen waren, zu diagnostizieren. Da mein Lehrer hieraus ersehen hatte, daß mich die Augenheilkunde besonders anzog, ließ er mich durch seinen Sohn einladen, die Preisfrage in Angriff zu nehmen. Ohne langes Besinnen war ich dazu bereit. Mein Vater hatte mir einst gesagt, ich könne ihm keine größere Freude bereiten, als wenn ich die goldene Karl-Friedrich-Medaille heimbrächte; es gelang mir vielleicht, ihn damit zu überraschen. Zunächst erkundigte ich mich genauer, worauf es die Preisfrage eigentlich absah. In der Hauptsache wünschte Chelius, wie ich von ihm selbst erfuhr, eine kritische Zusammenstellung der zahlreichen bestehenden Theorien über das Wesen des Glaukoms, derselben Krankheit, die, wie ich früher erzählte, Rudolf v. Freydorf um ein Auge gebracht hat. Sie erhielt ihren Namen von der blaugrünen Farbe, die der Augenstern, auch Pupille genannt, statt des normalen Schwarz bei ihr annimmt. Glaukos bedeutet im Griechischen blaugrün; diese auffallende Farbenänderung galt für das wesentliche Kennzeichen der Krankheit, heute erachtet man andere Symptome für noch wichtiger und beständiger als die grünliche Färbung. Eifrig machte ich mich an die Literatur meines Themas. Sie war groß, und ich mußte sie aus den Bibliotheken der Universität und meiner Lehrer Chelius und Tiedemann zusammentragen. Es 255 war mir ein großer Genuß, die Wissenschaft vom gesunden und kranken Auge durch ihr weites Quellengebiet zu verfolgen. Dabei merkte ich bald, daß die Frage nach der abnormen grünen Farbe des Augensterns von der Vorfrage abhängt, warum der normale Augenstern schwarz erscheint? Diese Vorfrage läuft darauf hinaus: warum sieht man hinter den durchsichtigen Gebilden des Auges, hinter der Hornhaut, dem Augenwasser, der Kristallinse und dem Glaskörper, nicht die völlig undurchsichtigen Gefäße der Sehhaut und die Eintrittsstelle des Sehnervs? Man kann sie sofort sichtbar machen, wenn man, wie im vorigen Jahrhundert Mery beobachtet hat, ein ausgeschnittenes Auge, etwa ein Kalbsauge, unter Wasser betrachtet. Dieser Versuch beweist, daß dioptrische Einrichtungen der Erscheinung zu Grunde liegen. Soviel wurde mir klar, mehr leider nicht. Die Frage: warum ist die Pupille schwarz, scheint so nahe zu liegen, daß man meinen sollte, sie müsse sich der Forschung frühe schon aufgedrängt haben. Zu meiner Ueberraschung fand ich sie nirgends aufgestellt. Die schwarze Farbe der Pupille erschien so selbstverständlich, daß sogar der Versuch von Mery unbeachtet geblieben war. – Es wiederholte sich eine gemeine Erfahrung. Der Mensch fragt eher nach dem Grunde der fernsten und der letzten Dinge, als nach der Ursache der nächsten. Die Erschaffung und der Untergang der Welt beschäftigten die Menschheit Jahrtausende lang und Kosmogonien wurden ersonnen und der jüngste Tag beschrieben, ehe sie die Fragen aufwarf, warum der Apfel zur Erde fällt und der Pendel schwingt. Erst wenn solche, anscheinend einfache Fragen über den Grund »selbstverständlicher« Dinge aufgestellt werden, erkennt man bei ernstlicher Prüfung ihre schwierige und verwickelte Natur. Es gilt, sie in ihre Teile zu zerlegen und zu ermitteln, wie das Ganze aus ihnen entsteht. Dabei kann es geschehen, daß alle Punkte bis auf einen einzigen klar gelegt werden, und dieser einzige ist gerade der Angelpunkt. Bleibt er dunkel, so ist alle auf die Forschung verwandte Arbeit vergeblich. – So ist es mir ergangen. Donders, der berühmte Physiolog in Utrecht, dem die gesamte Wissenschaft vom Auge so viel verdankt, veranlaßte seinen Schüler 256 van Tright, die Geschichte des Augenspiegels bis zum Jahre 1854 zu schreiben; Dr. Schauenburg hat die Schrift ins Deutsche übersetzt (Lahr, 1854). Sie erkennt mir ein doppeltes Verdienst zu. Ich hätte, erzählt sie, als der erste die Frage aufgeworfen und richtig formuliert, warum das innere Auge dunkel erscheine, und ich hätte gleichfalls zuerst mich bemüht, aus Merys Versuchen Nutzen für die Praxis zu ziehen. In der Tat machte ich den ersten Versuch, einen Augenspiegel zu konstruieren. Es gereicht mir noch heute zur größten Freude, als Student zuerst die Bedeutung eines Problems erkannt zu haben, das freilich nur das Genie eines Helmholtz zu lösen vermochte. Ich gab meine Abhandlung vor meinem Abgang von der Universität an Ostern 1845 heraus. Sie führt den Titel: »Die Farbenerscheinungen im Grunde des menschlichen Auges. Heidelberg, Karl Groos«, 1845 Ich beschrieb darin den Augenspiegel, den ich konstruiert hatte, und sagte den Nutzen vorher, den es haben müsse, wenn es gelänge, den Augengrund sichtbar zu machen. Mit meinem Augenspiegel erging es mir, wie dem bekannten spanischen Edelmann mit seiner Stute. Es war die beste in dem Reiche Karls V., worin die Sonne niemals unterging. Das herrliche Tier hatte nur einen Fehler, man konnte auf ihm nicht reiten, es war tot. Mein Augenspiegel war der beste der Welt, denn es gab nur einen, den meinigen, aber er hatte den Fehler, man konnte damit nicht sehen. Die Fakultät erteilte mir den Preis. Nach damaligem Brauche wurden die Preisträger zum Festmahle der Universität geladen und von ihren Fakultätsdekanen bewirtet. Ich saß zur Rechten Tiedemanns; er war liebreich gegen mich, wie ein Vater, mein eigener konnte kaum zärtlicher gegen mich sein. Das Urteil der Fakultät war lateinisch abgefaßt. Es lautet wortgetreu: » Non dolet ordo, unam tantummodo commentationem traditam esse. Auctor enim hujus commentationis ea, quae ad quaestionem referenda sunt, eximia eruditione tractavit, praeclara sagacitate disjudicavit, experimentis ab ipso institutis auxit et laudata diatribe ita omne tulit punctum, ut fere nihil relictum esse videatur. Quare commentationem praemio ornandam esse uno ore censuit ordo medicorum. - Tiedemann, h. t. Decanus. « Auch meine Abhandlung hatte ich in lateinischer Sprache vorlegen müssen, doch legte ich der lateinischen Uebersetzung die deutsche Urschrift in einem besonderen Hefte bei. Der Fürwitz trieb mich, an dem lateinischen Hefte – es hatte Schreibbogenformat, wie auch das deutsche – einige Blätter an den Ecken, je zwei zusammen, einzubiegen; ich wollte sehen, ob das lateinische gelesen würde, wie ohne Zweifel das deutsche. Als ich beide zurückerhielt, waren die lateinischen Blätter noch immer fest an den Ecken verbunden, die deutschen gelöst. Die Fakultät überschüttete meine Abhandlung mit Lob. Nach ihrem einstimmigen Urteil sollte ich die Frage mit solchem Aufwand von Gelehrsamkeit, Scharfsinn und Versuchen bearbeitet haben, daß fast jeder Punkt erschöpfend behandelt worden sei; ich wußte es besser, als die Fakultät: gerade an dem Angelpunkte war ich gescheitert. Der Schlüssel des Geheimnisses steckte in der Optik, meine Kenntnisse reichten nicht aus; ich ging zu Professor Jolly, dem Physiker, ob er mir nicht helfen könne. Er fragte mich, ob denn die Sache so wichtig wäre. So wichtig, erwiderte ich, daß die Erfindung des Instruments, das mich beschäftigt, eine neue Augenheilkunde schaffen würde. Ich verstand nicht, ihm die Sache deutlich zu machen. Er riet mir, polarisiertes Licht zu versuchen. Was sollte mir das helfen? Ich ließ die Versuche liegen, denn das Examen stand vor der Türe. Einst klagte ich Helmholtz, wie es mir ergangen sei. Er tröstete mich. Brücke, der berühmte Physiologe, dem seine Versuche über das Augenleuchten die praktische Bedeutung dieser Frage so nahe gelegt hatten, wäre daran vorbeigegangen, und der geniale Gräfe hätte sich mit dem Problem des Augenspiegels vergebens beschäftigt. – Eins hatte ich doch erreicht, meinem Vater hatte ich einige glückliche Stunden bereitet. 258     Poliklinische Lehrzeit. Nachdem ich ein Jahr lang klinischer Praktikant gewesen, rückte ich zum poliklinischen vor und erhielt als solcher das Stadtviertel am Schloßberg zugeteilt. – Wie schon erwähnt, stand die Poliklinik unter Puchelts Leitung, aber die poliklinischen Praktikanten durften innerhalb weiter Grenzen selbständig handeln; in schwierigen Fällen berief man einen der älteren Praktikanten oder den Assistenzarzt Dr. Höfle. Unerschrocken kurierten wir darauf los, bange Zweifel und Sorgen störten unsere Nachtruhe nicht; je unerfahrener der Anfänger, desto weniger fürchtet er die Schlingen und Fallen, die dem Arzte allenthalben gelegt sind. – »Als ich jung war,« seufzte Peter Frank, einer der erfahrensten Aerzte aller Zeiten, »fürchteten die Kranken mich, jetzt, da ich grau geworden bin, fürchte ich die Kranken.« An einem schönen Dezembertag 1843 war mein Vater nach Heidelberg gekommen, und wollte die Aussicht vom Schlosse genießen. Wir stiegen den alten Fahrweg hinauf – der neue wurde erst 30 Jahre später angelegt – und mit Selbstgefühl wies ich auf die Hütten und Häuser rechts und links. »Seit kurzem,« erzählte ich ihm, »besorge ich die Kranken dieses Stadtviertels als wohlbestallter Poliklinikus. Frei nach Schiller darf ich singen: »Dies alles ist mir untertänig, Ich ordiniere hier nicht wenig, Gestehe, daß ich glücklich bin!« »Du ordinierst hoffentlich nicht allein.« – »Ganz allein,« erwiderte ich stolz. – »Und du fürchtest dich nicht?« – »Vor wem sollte ich mich fürchten. Kein Mensch tut mir etwas.« – »Aber du den 259 Menschen. O Gott, deine armen Kranken!« – Aergerlich rief ich aus: »Drei Wochen schon bin ich der Bergarzt, und es ist mir noch niemand gestorben.« – »Das wird schon kommen,« warnte er. Mein Ruf verbreitete sich rasch. Nach einigen Wochen drang er schon über die Neckarbrücke. Ein Bote kam von Neuenheim: »Der Herr Doktor möchten recht bald den alten Jakob besuchen.« – Wie mir dies wohltat! Der höfliche Pfälzer würdigte mich des Doktortitels und des Pluralis majestatis . Ich versprach zu kommen. Zwar hatten die Neuenheimer keinen Anspruch auf meine poliklinische Behandlung, aber mit dem alten Jakob mußte ich eine Ausnahme machen. War er doch einst in besseren Zeiten der Kneipwirt der Curonia gewesen, des Korps der Kurländer, als er noch die Schenke zum Steinbruch an der Neuenheimer Landstraße besessen hatte. Das Korps und die Schenke waren eingegangen, der Alte bewohnte jetzt ein Häuschen an der Ziegelhäuser Landstraße. Ich fand den Jakob im Bette und stellte die Diagnose » Pneumonia notha «, zu deutsch, »unechte Lungenentzündung«. – Die Bezeichnung ist nicht mehr gebräuchlich, weil sie lächerlich ist; mit demselben Rechte könnte man eine Stecknadel eine unechte Nähnadel nennen; wir bezeichnen die Krankheit heute als » Bronchitis capillaris acuta « und verstehen darunter eine Entzündung der feinsten Bronchien oder Luftröhrenäste; sie ist ein gefährliches Ding, besonders für alte Leute mit abgenützten Lungen. Es stand schlimm um den Alten, aber ich vertraute auf Hufelands » Enchiridion medicum , das Vermächtnis 50jähriger Erfahrung« eines großen Meisters, das benützteste Handbuch der Heilkunde jener Zeit. Zur Vorbereitung auf die poliklinische Praxis hatte ich es in den Ferien durchstudiert. Darin standen in Reih und Glied die Krankheiten mit ihrem Signalement und dahinter gute Rezepte, sie zu kurieren. Ich verordnete dem Alten Senega und Goldschwefel, verhieß ihm Genesung und tat noch ein übriges zu Hause, indem ich den »kleinen Sobernheim« zu Rate zog, das beliebteste Handbuch der Arzneimittellehre bei uns Klinizisten. Es gab außerdem einen »großen Sobernheim«, ein »Handbuch der praktischen Arzneimittellehre in tabellarischer Form, 4, 2 Teile«, 1836. Ueberhaupt war kein Mangel an 260 »pharmakodynamischer« Literatur. Das Erstaunlichste an zügellosen Phantasien leistete der Königsberger Kliniker Ludwig Wilhelm Sachs in den drei dicken Bänden des »Handwörterbuchs der praktischen Arzneimittellehre«, das er mit Fr. Phil. Dulk 1837–39 herausgab. Mein Vater besaß das Buch, ich habe es längst als Kuriosum an eine Bibliothek verschenkt. Bei einem zweiten Besuche tags darauf lobte Jakob meine Mittel, doch weniger sein Befinden. Er bat um kräftigere Arzneien zur Stärkung seiner Lebensgeister. Ich gab ihm China, Kampfer und Benzoe, und riet zu altem Wein, der besten Arznei für alte Schenkwirte. Diesmal konnte es nicht fehlen, hatte ich ihm doch die besten Tonica , Excitantia und Expectorantia ausgesucht. Leider befiel mich in der Nacht eine heftige Mandelentzündung, die mich einige Tage an Bett und Haus fesselte. Da ich keine Nachrichten mehr aus Neuenheim erhalten hatte, mußte mein Kranker genesen sein. Mein erster Gang galt ihm. Ich betrat das Häuschen und das Zimmer, worin er gelegen hatte. Sein Bett war leer. Eine Frau in tiefer Trauer begrüßte mich: »Herr Doktor, Sie suchen den Jakob. Er ist bald nach ihrem letzten Besuche, mitten in der Nacht, aus diesem irdischen Leben geschieden. Gestern haben wir ihn beerdigt. Ihre Arzneien haben ihm bis zur letzten Stunde gut getan.« Was hatte mein Vater gesagt? »Es wird schon kommen!« – Mein erster Patient hatte das Zeitliche gesegnet. Betrübt wandelte ich über die Brücke nach Hause. Zum Glück tröstet die Jugend sich rasch. Mir fiel eine Geschichte ein, die sich nach meines Freundes Karl Wieland Erzählung in der Schlierbacher Poliklinik zugetragen hatte, sie war weit ärgerlicher für den Praktikanten als die meinige. Der Praktikant in Schlierbach, ein medizinischer Bramarbas, eilte eines Tages mit wichtiger Miene durch das Karlstor zu seinen Kranken, da wurde er durch einen Leichenzug aufgehalten; zwei Särge kamen hintereinander mit Geistlichen und Leidtragenden. Er stellte an den Letzten im Zuge die Frage, was das bedeute? – »Ei, Herr Doktor, das sind ja die beiden Patienten, die Sie behandelt haben.« – Wütend entgegnet er: »Ei was? Ich habe ja drei behandelt!« 261     Fünftes Buch. Vor und nach der medizinischen Staatsprüfung. Kaum war als Arzt ich approbiert, Mit bester Note ausstaffiert, So schüttelt mich das Fieber ernst: »Nun sorge, Kerl, daß du was lernst!«     Die Vorbereitung zur Prüfung. Trüb gestimmt hielt ich an Ostern 1845 mein Abgangszeugnis von der Universität in der Hand, die schönen Tage in Heidelberg waren zu Ende, ich war Philister und mußte nach Wiesloch ziehen. Mein Vater wollte nicht länger einsam seine alten Tage an den Ufern der Leimbach vertrauern und ließ die Familie zu ihm zurückkehren. Mein erster Gang in dem Städtchen galt meinem Freunde Bronner, auch er war als Prüfungskandidat zu den heimatlichen Penaten heimgekehrt. Wir besprachen unsere Lage ernstlich und gestanden uns aufrichtig, daß wir viele kostbare Zeit mit Kommersieren und Reformieren vergeudet hatten, unser Wissen war eitel Stückwerk und voller Löcher zum Durchfallen. Leider half uns die Reue zu nichts; statt Buße zu tun in Sack und Asche, war es klüger, uns ruhig mit den Büchern einzuspinnen und das Versäumte nachzuholen. Wir nahmen den Kalender und berechneten genau, wie viele Tage oder Wochen wir für jedes einzelne Prüfungsfach und für alle zusammen zum Einstudieren nötig hätten; es ergab sich das unerwartete Facit eines ganzen Jahres, falls wir mit vollen Ehren bestehen wollten, denn die Zahl der vorgeschriebenen Fächer aus den Naturwissenschaften und der eigentlichen Medizin war Legion. Wir ließen uns jedoch nicht entmutigen und führten unser Vorhaben mit festem Beharren durch. Da unsere elterlichen Wohnungen äußerst unruhig waren, bezogen wir stille Zimmer in einem Hause am Südende der Stadt mit dem Blick ins Freie. Hier studierten wir jeder für sich das 264 Pensum nach dem festgesetzten Plane, machten uns bündige Auszüge zum Memorieren und hörten uns das Gelernte täglich ab; auch repetierten wir in größeren Zwischenräumen das Wichtigste. – Diese Methode der Vorbereitung auf strenge Examina darf aufs beste empfohlen werden; nach Ablauf des Jahres konnten wir mit größter Gemütsruhe es wagen, in Karlsruhe vor dem Teufel selbst zu paradieren – sein voller Name und Titel war Sigmund Teuffel, großherzoglich badischer Geheimer Rat, Direktor der Sanitätskommission, die dem Ministerium des Innern als oberste Sanitätsbehörde des Großherzogtums beigegeben war, und Vorstand der medizinischen Prüfungskommission. Das Examenschifflein, das uns in den sichern Hafen der ärztlichen Praxis tragen sollte, war mit vielem, nach der glücklichen Landung alsbald unnützem, Ballaste beladen. Es ist noch heute so, doch war es ehemals viel schlimmer damit bestellt, als heute, und ganz wird es sich niemals vermeiden lassen. Ist man in eigener Person einst mit all dem vorgeschriebenen Wissen glücklich durch die Klippen der alten Staatsprüfung gesegelt, so begreift man, warum Genies wie Skoda und Dieffenbach nach zuverlässigen Versicherungen an den Felsen gescheitert sind. Sie hatten den toten und an sich wertlosen Ballast verachtet und litten, zu leicht beladen, deshalb Schiffbruch. – Kleineren Geistern, die das gleiche Los traf, war das Mißgeschick der Genies Balsam für ihre Wunde, ja fast mit Stolz wiesen sie auf ihre berühmten Schicksalsgenossen. 265     Der ärztliche Lizenzschein und das Doktordiplom. Die oberste Sanitätsbehörde des Großherzogtums Baden war zugleich die ärztliche Prüfungsbehörde und hielt in Karlsruhe die Staatsprüfung ab, von deren Ausfall die »Lizenz,« oder, wie heute die amtliche Bezeichnung lautet, die »Approbation« zur Ausübung der Heilkunst im badischen Lande abhing. Nur der staatliche Lizenzschein berechtigte zur Praxis, das Doktordiplom der Universitäten, auch der Fakultäten des eigenen Landes, gewährte das Recht nicht dazu. Die Promotion verlieh dem Mediziner nur den Schmuck des Doktortitels, mit dem das Publikum freigebigst auch die Heilgehilfen, bis zum Barbier herab, bedachte. Nur diejenigen, die sich an den Universitäten dem Lehrfach widmen wollten, waren genötigt, zu promovieren. Obwohl der Lizenzschein schwieriger zu erwerben war, als das Doktordiplom, so beschränkte sich seine Bedeutung doch einzig auf die engen Grenzen des badischen Landes, im Auslande war er wertlos. Dort galt nur das Doktordiplom, namentlich gereichte das Heidelberger auch in fernen Weltteilen seinen Besitzern zu besonderer Empfehlung. – Die alten Herren der Fakultät waren auf das Karlsruher Staatsexamen nicht gut zu sprechen, und ich selbst hörte Tiedemann sagen: »Das Heidelberger Doktordiplom wird allenthalben respektiert, nur nicht in der Türkei und im Großherzogtum Baden!« Die Mehrzahl der badischen Aerzte begnügte sich mit dem staatlichen Lizenzschein, sie verzichteten auf das Diplom der Fakultät, nicht weil sie es gering schätzten, sondern der Kosten halber. Das 266 medizinische Studium war von allen das kostspieligste, das Staatsexamen verursachte einen weiteren Aufwand durch den mehrwöchentlichen Aufenthalt in Karlsruhe und die Erlegung der Prüfungstaxe; sie betrug 114 fl. 30 Kr. Auch mußte nach der Prüfung der junge Arzt sich zahlreiche, teure Instrumente anschaffen, und viele gingen zu ihrer weiteren Ausbildung noch an größere Hospitäler. Auch ich unterließ es zu promovieren, obwohl mein väterlicher Freund Naegele mir dringend dazu geraten hatte. Das Heidelberger Diplom sei in den fernsten Ländern angesehen, wo nicht einmal der Name des Großherzogtums Baden bekannt sei; ich könne nicht voraussehen, welches Los mir die Zukunft bringe. Leider mußte ich ihm erklären, daß ich meinem Vater nach den großen Opfern, die er mir bereits gebracht hätte, keine weiteren zumuten dürfe. Er kam von da an nicht mehr auf die Sache zu sprechen. Nachdem ich aber die Preisfrage mit Auszeichnung gelöst hatte, stellte er, ohne mir vorher ein Wort davon zu sagen, in einer Sitzung der Fakultät den Antrag, sie möge mich auf Grund meiner Abhandlung gratis zum Examen pro gradu zulassen. Gegen Erwarten drang er nicht durch. Eine Minderheit war dagegen; darunter befand sich Henle, der seine radikale Seite herauskehrte und das Doktordiplom für einen alten Zopf erklärte, den man den jungen Leuten nicht ohne Not anheften solle. Diese, nahe an Verachtung streifende, Geringschätzung der Promotion hatte Naegele arg verdrossen. Er sah in dem Heidelberger Doktortitel eine besondere Auszeichnung. Die Fakultät hatte bei den Promotionen auf gute Dissertationen strenge geachtet, denn darin beruhte zum großen Teil das Ansehen, worin die Graduierten der Heidelberger Fakultät standen. Namentlich hielt Naegele seine Schüler zu guten Dissertationen an, und viele dieser Abhandlungen werden noch heute zitiert und geschätzt. Tief gekränkt verriet mir mein Gönner den Vorgang, den er hätte verschweigen sollen. – Henle mag für seine Ablehnung gute Gründe gehabt haben, mit dem Grund aber, den er vorbrachte, kann es ihm nicht ernst gewesen sein, denn er hat noch 40 Jahre lang in Heidelberg und Göttingen Doktorzöpfe angeheftet. 267     Die badische Staatsprüfung. Die alte badische Prüfungsordnung, wonach wir uns 1846 richten mußten, kannte noch keine besondere Vorprüfung in Anatomie, Physiologie und Naturwissenschaften, wie sie heute im deutschen Reiche besteht, seit die norddeutsche Prüfungsordnung 1873 für das ganze Reich eingeführt worden ist. Jedoch muß ich bemerken, daß die badische Sanitätskommission schon im Juni 1858 die alte Ordnung revidiert und eine besondere Vorprüfung für die genannten Fächer eingerichtet hatte. Für diese zog sie die Professoren der badischen Hochschulen bei, nur in den eigentlich medizinischen behielt sie sich auch ferner die Prüfung vor. Nach der alten Einrichtung zerfiel die Staatsprüfung in drei aufeinander folgende Abschnitte: einen ersten für die innere Medizin mit Einschluß der Anatomie, Physiologie und Naturwissenschaften, einen zweiten für die Chirurgie und Augenheilkunde, einen dritten für die Geburtshilfe. Es war den Kandidaten gestattet, jeden dieser Abschnitte für sich zu erledigen, und demgemäß erteilte ihnen der staatliche »Lizenzschein« das Recht, in jedem der drei Fächer gesondert im badischen Lande die Heilkunst auszuüben, als innerer Arzt, Wund- und Hebarzt. Es gab Aerzte, die nur als innere oder nur als Chirurgen, ja sogar nur als Geburtshelfer praktizieren durften. In Freiburg lebte z. B. ein geschätzter Hebarzt, der mit mir die geburtshilfliche Staatsprüfung absolviert hatte und nie eine andere machte, er war sozusagen eine männliche Hebamme. – Spezialisten im heutigen Sinne, Augen- und Ohrenärzte, Nasen- und Kehlkopfärzte, gab es nicht. 268 Es wurden jährlich zwei Prüfungstermine ausgeschrieben, der eine im Frühjahr; der andere im Herbst. Die Prüfung war ganz überwiegend schriftlich, nur am Ende jedes Abschnittes kam eine kurze mündliche in einigen Abendstunden hinzu. Da sie im ganzen mit den An- und Abmeldungen bei den Herrn Examinatoren gegen vier Wochen in Anspruch nahm, war sie des vielen und langen Sitzens wegen sehr angreifend, wir folgten deshalb dem Beispiel der Mehrzahl und absolvierten im Frühjahr die Medizin, die anstrengendste von den dreien, im gleichen Termine die Geburtshilfe, und erst im Herbst die Chirurgie. – Den Mai und den Sommer verbrachten wir in Heidelberg, wo Bronner bei Naegele als Assistent eintrat und ich im Laufe des Semesters an Pfeufers Klinik Assistent wurde. – Ich trieb hauptsächlich chirurgische Studien und besuchte regelmäßig die Klinik von Chelius, wo sein Sohn Franz, heimgekehrt von längeren Reisen im Ausland, viel und glänzend operierte. An Ostern 1846 hatte die badische Prüfungsbehörde eine wichtige Aenderung des bisherigen Verfahrens ins Werk gesetzt; zum erstenmal wurden die Kandidaten zu einer, allerdings sehr unvollkommenen, klinischen Prüfung in Medizin und Chirurgie an das Krankenbett geführt. Sie geschah im städtischen Hospital, durch den sehr geschätzten Doktor Molitor, der uns gnädig behandelte; sie nahm für den einzelnen Kandidaten kaum eine halbe Stunde in Anspruch. Dazu wurde die Morgenstunde von 8–9 verwendet, vor dem Beginn der schriftlichen Prüfung, die im medizinischen Abschnitt fast den ganzen übrigen Tag, mit Ausnahme der Mittagsstunden von 12–2, bis abends 8 Uhr währte. In diesem nahezu 2 Wochen dauernden Abschnitt allein wurden nicht weniger als 35 Aufgaben zur schriftlichen Bearbeitung gestellt, für die meisten wurde zwei Stunden Arbeitszeit gewährt. – In der chirurgischen Prüfung und mehr noch in der geburtshilflichen, die nur 5 Tage erforderte, minderten sich die Ansprüche der Kommission an das Sitzfleisch der Kandidaten beträchtlich. – Die schriftlichen Prüfungen wurden in einem Saale des Lyceums unter der wechselnden Aufsicht der Kommissäre vorgenommen, wir saßen jeder an einem besonderen Schreibtisch, behandelten alle stets dasselbe Pensum und schrieben darauf los, daß 269 uns die Nägel brannten. Mein Freund Bronner wurde eines Abends von dem vielen Schreiben so nervös, daß er plötzlich aufbrach, die angefangene leichte anatomische Aufgabe – Beschreibung des Magens – liegen ließ und davonging mit der Versicherung, er werde in diese Torturschreibanstalt nicht mehr zurückkehren. Ein Gang in freier Luft brachte ihn wieder in Ordnung. Einen oder den andern Leser interessiert es vielleicht zu erfahren, aus welchen wissenschaftlichen Fächern uns die schriftlichen Fragen vorgelegt wurden, doch wird es genügen, die aus dem ersten Prüfungsabschnitt anzuführen. Die Fächer waren folgende: Zoologie und vergleichende Anatomie, allgemeine, spezielle und pharmazeutische Botanik; Mineralogie; allgemeine, physiologisch-pathologische, pharmazeutische, gerichtlich-medizinische und medizinisch-polizeiliche Chemie; allgemeine, spezielle und pathologische Anatomie; Physiologie, allgemeine und spezielle Pathologie und Therapie; Semiotik; Materia medica , Rezeptierkunst und Droguenlehre; Geschichte der Medizin; Medicina forensis mit Abfassung eines gerichtlichen Gutachtens auf der Grundlage von uns eingehändigten Akten; medizinische Polizei (sie entsprach ungefähr der heutigen öffentlichen Hygiene); endlich Tierarzneikunde. – Mußte da nicht dem Kandidaten auf dem Schreibstuhl zuletzt das bekannte Mühlrad im Kopfe herumgehen? Ein heiterer Vorfall in jenem Examen belehrt über den Wert solcher fast ausschließlich schriftlichen Prüfungen. Examinator in Botanik war der Professor dieses Fachs am Karlsruher Polytechnikum, der berühmte nachmalige Berliner Professor Alexander Braun, der einzige Nichtmediziner, den die Prüfungskommission aufgenommen hatte, nachdem der Arzt und Naturforscher Christian Gmelin, Brauns Lehrer und Verfasser einer großen Flora badensis-alsatica , 1837 aus der Sanitätskommission und dem Leben zugleich geschieden war. – Auf botanische Kenntnisse legte die alte Prüfungsordnung großen Wert. Es wurde nicht nur die Beantwortung von drei schriftlichen Fragen aus diesem Gebiete verlangt, der Examinator mußte auch in der mündlichen Schlußprüfung dem Kandidaten den Puls fühlen. Diese Prüfung wurde in dem Sitzungszimmer der Sanitätskommission im Ministerium des 270 Innern vor der Gesamtheit der Examinatoren abgehalten. Es wurden hier lebende Pflanzen, Mineralien, Droguen, chemische Präparate, anatomische Bilder und wichtige Instrumente vorgelegt und Fragen daran geknüpft. Eine der drei schriftlichen botanischen Aufgaben hatte eine Beschreibung der Pflanzenfamilie der Kreuzblütler oder Cruciferen verlangt mit Aufzählung der Arznei- und Küchengewächse, die ihr in großer Zahl angehören. Am Tage bevor sie uns zur Bearbeitung übergeben wurde, war sie durch Zufall zu unsrer Kenntnis gekommen. Es war nun ganz erstaunlich, wie die sämtlichen Kandidaten über Nacht die gewiegtesten Cruciferenkenner wurden und ausgezeichnete Abhandlungen über diese nützliche Pflanzenfamilie lieferten. Einer der Kandidaten war badischer Untertan, sein Vater aber lebte in Leipzig, deshalb war der Sohn dort aufgewachsen und ein Schüler der Leipziger Universität geworden. Er wollte jedoch in Baden die Heilkunst ausüben und machte deshalb seine Prüfung in Karlsruhe; seine medizinischen Kenntnisse waren gut, er ist ein beschäftigter Arzt geworden, in der Botanik aber war er ein greulicher Stümper. – Wir gingen zusammen in die mündliche Schlußprüfung des medizinischen Abschnitts, und er verhehlte mir unterwegs seine Besorgnisse nicht. »Es tut mir leid um unsern Examinator, den Professor Braun,« sagte er mir vertraulich, »er soll ein liebenswürdiger Herr sein; ich habe ihm sicherlich durch meine gediegene Arbeit über die Cruciferen viele Freude bereitet, aber ich fürchte, ihn heute zu betrüben, denn aus dieser interessanten Familie kenne ich – aufrichtig sei es gestanden – nur zwei, von mir sehr geschätzte Kräuter: den Blumenkohl und das Sauerkraut.« – Er sah mich dabei wehmütig an, und vergeblich suchte ich ihn zu trösten. Etwas gespannt harrte ich auf den Augenblick, wo Braun unsern Kollegen einlud, ihm gegenüber Platz zu nehmen. Mit freundlicher Miene überreichte er ihm einen prächtigen Stock blühenden Löwenzahns mit Wurzeln und Blättern, Linnés Leontodon Taraxacum . Unter dem Namen »wilde Cichorie«, im Elsaß als » Pisse-en-lit «, kommen ihre gelben Schosse im Frühjahr auf den 271 Markt und dienen zu einem gesunden Salat oder Gemüse. Unser Freund erkannte das Kraut sofort und rief auf die Frage, wie es heiße, vergnügt: »Es ist Salat!« – Braun lachte: »Ei, das ist nicht übel! Gewiß kennen Sie auch die Pflanze, die ich Ihnen jetzt einhändige.« – Es war eine fußhoch aufgeschossene blühende Staude der Fedia olitoria , die mit den ersten Strahlen der Frühlingssonne wie ein grünes Röschen auf den Ackerfeldern zu Tage kommt und von den Alemannen poetisch »Sonnenwirbele«, von den Köchinnen prosaisch Feldsalat genannt wird. – Der Kandidat gab sie nach kurzem Betrachten an Braun mit den Worten zurück: »Dieses Kraut ist mir unbekannt!« – »Aber, Herr Kandidat,« meinte Braun, »als guter Salatkenner sollten Sie doch auch den Feldsalat kennen!« – »Herr Professor,« entgegnete jener gekränkt, »dieses Kraut essen wir in Leipzig nicht.« Ich muß den Herren Examinatoren nachrühmen, daß sie alle, bis auf zwei, geschickt und mit guter Auswahl die Fragen prüften, weder zu scharf, noch zu oberflächlich. Dies Lob verdiente auch der so gefürchtete Teuffel. Er prüfte in der Arzneimittellehre, die sich gerade auf den physiologischen Boden zu stellen begann. Ich hatte mir für das Staatsexamen das Handbuch der Heilmittellehre des skeptischen Oesterlen, das ein Jahr vorher in erster Auflage erschienen war, zum Studium erwählt und eingeprägt. Teuffel prüfte mich eingehend nach wohlerwogenem Plan über die schweißtreibenden Heilmittel; ich zählte sie sämtlich mit Einschluß des Aderlasses, der Brechmittel u. s. w. vollzählig auf, so viele ihrer eben damals bekannt waren – es waren lange nicht so viele, als es heute gibt – vergaß auch zum Schlusse die Linden- und Holderblüten nicht. Er nickte zufrieden und wollte nur noch wissen, welche von diesen Blüten am stärksten Schweiß treibe. Da juckte es mich unwiderstehlich, den Teufel zu necken und ich meinte, sie wirkten im Aufguß mit gleicher Stärke, wenn sie gleich heiß getrunken würden. Mit väterlicher Miene wies er mich zurecht, meine Vermutung widerspreche seiner langen Erfahrung, die flores sambuci überträfen die flores tiliae bei weitem an diaphoretischer Kraft. Der Medizinalrat W. L. Kölreuter, in früheren Jahren als Balneologe angesehen, nunmehr aber veraltet und überdies fast taub, prüfte noch immer in Chemie und Pharmakognosie. Er legte einem Kandidaten im mündlichen Examen eine kristallinische kleine Stange von Cyanquecksilber zum Bestimmen vor und ließ den verlegenen jungen Mann so lange an dem heftigen Gifte mit der Zunge prüfen, daß die Kommission in Aufregung geriet und endlich einer der Herrn dem gefährdeten Kandidaten zurief: »Hören Sie doch auf, zu lecken, es ist ja Cyanquecksilber!« – Erfreut rief dieser nun Kölreuter ins Ohr: »Es ist Cyanquecksilber!« womit der Examinator sich befriedigt erklärte. Auffallend unwissend war der Kommissär der anatomischen Fächer, obwohl er noch in jungen Jahren stand. Am schlimmsten sah es aus mit seinen mikroskopischen Kenntnissen. Er hatte uns unter andern schriftlichen Aufgaben auch die erteilt, die topographische und pathologische Anatomie der Achselhöhle zu behandeln. Ich ließ mein schwaches mikroskopisches Licht leuchten und beschrieb bei Erwähnung der Neubildungen die geschwänzten und ungeschwänzten Krebszellen, über die damals viel verhandelt wurde, zeichnete sie auch stark vergrößert auf das Papier. Bald nachher hielt er mich auf der Straße an, lobte meinen Aufsatz und erzählte mir: »Auch ich habe kürzlich mit den Zellen, die Sie beschreiben, Bekanntschaft gemacht. Ich schnitt geschwollene Drüsen aus der Achselhöhle einer Frau und sah Krebszellen darin, sie waren so groß wie Haselnüsse.« 273     Die Verlobung. Sobald ich im Besitze des ärztlichen Lizenzscheines war, hatte ich nichts Eiligeres zu tun, als mich zu verloben. Ich will den sonnigsten Lenztag meines zur Neige gehenden Lebens beschreiben und süßen Trank aus dem bitteren Kelche der Erinnerung schlürfen. Unverdrossen hatten mein Freund und ich durch den ganzen Sommer 1845 unser tägliches Pensum studiert, der Herbst war gekommen, die Rebhügel schmückten sich mit buntfarbigem Laub, und dazwischen leuchteten die goldnen und schwarzblauen Trauben hervor. Mit einemmal ließ der Fleiß des Freundes nach, er lief schon Vormittags aus der Klause und kam erst abends zurück. Unwillig mahnte ich ihn an unser Gelöbnis beharrlicher Treue, die wir den Büchern geschworen, aber er lachte, unsre letzten Studien über die Skelette der Wirbeltiere hätten ihm eine kleine Erholung dringend nötig gemacht. Glücklicherweise habe seine Schwester – sie war ein hübsches Kind von 16 Jahren – Besuch von drei Pensionsfreundinnen, in deren munterer Gesellschaft er sich bereits besser fühle. Ich möge darum Nachsicht üben, schon in den nächsten Tagen flögen die reizenden Vögelchen davon, er verspreche dann durch verdoppelten Fleiß das Versäumte einzuholen. Trotz meines Kopfschüttelns eilte er fort, kam jedoch gegen Abend früher als in den letzten Tagen zurück, um mich zu einem Spaziergang aufzufordern. Wir gingen ein halbes Stündchen und kamen auf dem Rückweg an einem Rebgarten seines Vaters vorbei. Hier machte er Halt und lud mich ein, in dem Garten die Trauben 274 zu kosten. Arglos folgte ich ihm und traf da seine Schwester im Kreise ihrer Freundinnen. Sie schnitten Trauben und unterhielten sich dabei, wie es im Rebherbst Brauch ist, mit Feuerwerk. Eine allerliebste Kleine ließ gerade ein Sprühteufelchen auffliegen. Das Feuer und der Knall ängstigten sie nicht, und die Tapferkeit stand ihr ungemein anmutig. Die Rakete zündete; kaum war sie aufgeflogen, stand ich in Flammen. Wir gingen nach dem Städtchen zurück, und, angelangt an der Apotheke, lud mich Eduards Schwester ein, das Abendbrot mit der Gesellschaft zu teilen. Ich folgte willig. Man speiste und scherzte, ich war stille. Ein seltsames Fieber hatte mich befallen, von dem ich weder bei Puchelt, noch bei Pfeufer gehört, es nahm mir die Eßlust, ich brachte nur wenige Bissen über die Lippen. – Heiße Liebe kann nicht schmausen. Wer sich in Klagen ergeht, daß ihn das Sehnen und Grämen um die Dame seines Herzens verzehre, und die Teller dabei wie ein Drescher leert, belügt sich selbst, oder will die andern täuschen. Erst in später Stunde ging ich in meine Wohnung zurück. Der Schlaf, der mir sonst ein treuer Freund war, floh mich heute. Unruhig warf ich mich auf meinem Lager hin und her. Sprühteufelchen blitzten durch das dunkle Zimmer, und das liebliche Gesicht der Feuerwerkerin tauchte vor mir auf und nieder. Erst gegen Morgen schlief ich ein. Erwacht litt es mich nicht zu Hause, es zog mich unwiderstehlich zur Apotheke. Es war, als ob mir am Abend zuvor der Provisor einen Zaubertrank heimlich unter den Wein gemischt hätte. Mit Schrecken sah ich vor der Steintreppe des Hauses den Omnibus halten, der den Bahndienst besorgte. Es war ein gefürchtetes Fuhrwerk, das die Reisenden wohlgerüttelt an den Bahnhof brachte, der eine halbe Stunde vor der Stadt liegt, und es ging die Sage, daß dieser Wagen am jüngsten Tage die hartgesottensten Sünder Wieslochs weich und bußfertig vor den Weltrichter bringen müsse. – Mir ahnte Schlimmes. Sollte der Wagen im Begriff sein, diese hübsche Kleine zu entführen? Leider täuschte ich mich nicht. Soeben kam sie mit ihren Freundinnen Abschied nehmend aus dem Hause 275 und stieg die Treppe herab. Der steife Postknecht Hannadel (Hans Adam), der steifste der ganzen Pfalz, trieb zur Eile. Sie stieg ein, und wollte auch ich einen Druck der zierlichen Hand haben, so mußte ich ohne Säumen mit einsteigen. Nun mochte es holpern und rumpeln, rütteln und schütteln, glückselig fuhr ich mit an den Bahnhof. Das Ziel war rasch erreicht, aber auch hier tat Eile not und war es unmöglich Abschied zu nehmen. Der Zug war im Begriffe abzufahren, die Billette konnten kaum hurtig genug gelöst werden. Die Fahrt ging nur bis zur nächsten Station, bis Langenbrücken. Hier mußte die Kleine aussteigen und im Postwagen die Fahrt fortsetzen nach dem Städtchen Sinsheim, von wo sie erst nach Hause, dem Dörfchen Treschklingen an der württembergischen Grenze bei Heilbronn, abgeholt werden sollte. In Langenbrücken stand der Wagen, ein guter Omnibus mit einer vorderen Abteilung für zwei Personen, bereit. Mit raschem Blick übersah ich die Lage. Auch hier fehlte die Zeit, um Abschied zu nehmen, ich mußte schleunigst den einen der Vorderplätze dem lieben Kinde sichern, den andern mir, und mit nach Sinsheim reisen. Gedacht, getan! Nun saßen wir allein beisammen, so meinten wir, aber unsichtbar war mit uns ein dritter Fahrgast eingestiegen, ein kleiner Hexenmeister mit Flügeln, Bogen und Köcher, er wob geschickt ein unsichtbares Band um uns, ein Band, so fest, daß es keine irdische Gewalt mehr zu lösen vermochte. Unterwegs bei einem Halt redete der Schaffner meine Gefährtin als meine Frau an, er hielt uns für ein junges Ehepaar; sie errötete, mir wurde es wunderbar zu Mute, im heißen Vorgefühle unsäglichen künftigen Glücks. Ehe wir es uns versahen, waren wir in Sinsheim angelangt, es mußte geschieden sein! Der Landauer stand bereit, der Luise Amande zu ihren Eltern heimholte, – nie traf der Name »Amanda«, die Liebenswürdige besser zu. Der Vater, Theodor Wolf aus Hof im Voigtland, verwaltete als grundherrlicher Rentamtmann die Güter des Freiherrn von Gemmingen-Treschklingen und die einiger seiner Vettern. Er war ein wackerer Mann und angesehener Beamter, seine Gattin Regina Baunach die Enkelin des letzten 276 regierenden Bürgermeisters der freien Reichsstadt Wimpfen; ihre Ehe war mit sechs Kindern gesegnet. Der Wagen fuhr von dannen, betrübt sah ich ihm nach, bis er den Augen entschwand. Ich gelobte mir still im Busen: »Diese tapfere und heitere Kleine muß dir zu eigen werden, dein guter Kamerad auf der Fahrt durchs Leben!« – Sie ist es mir geworden, heiter und mutig in guter und schlimmer Zeit, wie sie das wechselnde Schicksal und das eherne Gesetz der unerbittlichen Natur über die Sterblichen verhängt. Ich mußte in Sinsheim über Nacht bleiben. Noch ehe die Sonne aufging, verließ ich mein Lager und wanderte durch das Elsenztal bis Hoffenheim und von da über die Hügel nach Wiesloch. Auf dem letzten Teile des Wegs durch die Wiesen sah ich meinen Vater mit seinen langen Praxisschritten gegen mich heraneilen. Er hatte sich wie immer früh auf den Weg gemacht und war verwundert, mir hier zu begegnen. Ich erklärte ihm, daß ich tags zuvor eine junge Freundin der Bronnerschen Familie nach Sinsheim begleitet hätte. Er verlor kein Wort und ging ruhig weiter. 277     Eine Lektion bei der alten Frau Doktorin. Mein Freund Bronner hatte als Heidelberger Lyceist und Student in der Sandgasse bei der Witwe eines Arztes gewohnt, die alte Frau Doktorin genannt. Ihr Mann, Dr. Ottendorf, war jung von dem Typhus weggerafft worden, der nach dem russischen Feldzug die Rheinlande verheerte. Da sie unbemittelt war und ihre beiden Kinder gut erziehen wollte, mietete sie ein Haus und gab Studenten Kost und Wohnung. Bronner war ihr in liebevoller Verehrung ergeben, mietete sich nach dem medizinischen Examen im Frühjahr 1846 aufs neue für das Sommerhalbjahr bei ihr ein und bestimmte mich, gleichfalls bei ihr zu wohnen, bis ich als Assistent der Pfeuferschen Klinik im akademischen Krankenhause einziehen konnte. Mit uns speiste bei der alten Frau Doktorin ungefähr ein Dutzend junger Leute, die Mediziner Moleschott und Schaible, die Juristen Bonz, Volk u. a. In seinen Erinnerungen gedenkt auch Moleschott freundlich der Frau Doktorin und ihres Kosttisches. Sie führte an der Tafel den Vorsitz; ihre Küche war einfach und schmackhaft, das Getränke lauteres Wasser, wie damals an den meisten Studententischen, die Unterhaltung äußerst lebhaft. An Stoff dazu fehlte es nie, es gärte ja allenthalben in der Welt, und sonderbare Blasen stiegen aus der Tiefe. Ein Gesundheitsapostel war nach Heidelberg gekommen. Er nannte sich Ernst Mahner und wandelte mit priesterlicher Würde in langem Gewande barhäuptig, mit wallenden Haaren und mächtigem Vollbart durch die Straßen. Er hatte seine Heilslehre nach Mosis 278 Vorbild in zehn Gebote gekleidet, schlug sie öffentlich an, wie Luther seine Thesen und verteidigte sie öffentlich in Vorträgen gegen mäßiges Eintrittsgeld. Er eiferte wider die geistigen Getränke und das »stinkgiftige Schmauchkraut«, rühmte das Wasser und pries bombastisch die gütige Mutter Natur nach Art der heutigen Naturärzte. Böse Zungen sagten ihm nach, sein Gesetz sei strenger, als der Apostel gegen sich selbst und behaupteten fest, sie hätten Mahner im weltlichen Gewande bei Trüffelpastete und Sherry im Hinterstübchen eines Mannheimer Restaurants überrascht. Auf diesen wunderlichen Heiligen kam bei Tische häufig die Rede. Er hatte auch unter den Studenten einige Jünger gefunden: Einer von ihnen, ein Philologe und Sonderling, saß unter uns am Tische, ohne daß wir wußten, wie nahe er Mahner stand. Er blieb stumm bei unseren Gesprächen und Scherzen und schaute gemessen und ernst darein, wie der Gerechte unter den Sündern. Zuletzt merkten wir doch, daß sein Gesicht noch tiefere Falten zog, wenn wir auf Mahner zu sprechen kamen, nach einigen Wochen verschwand er und kam nicht wieder. Es wurde uns erzählt, er steige jetzt mit seinem Meister täglich auf den Königsstuhl, um dort oben im Walde auf den Wegen und Halden Sonnenbäder zu nehmen; sie liefen fast unbekleidet barfuß einher. Leider hatte die Polizei kein hygienisches Einsehen, sie verbot diese stärkenden Uebungen, um den Damen der Stadt den verleideten Besuch des Königsstuhls wieder zu ermöglichen. Mahner war wirklich ein ungewöhnlich abgehärteter Mensch. Die Zeitungen berichteten von einem erstaunlichen Schauspiel, das er an einem sonnigen Wintertage den Bewohnern von Mainz bereitet hatte. Auf einer Eisscholle stehend, in Sandalen und nur an den Hüften bekleidet, soll er, einen Becher Rheinwasser schwingend, auf dem Strom an der Stadt vorbei getrieben haben. – Der Abhärtung ungeachtet hat er kein hohes Alter erreicht. Verkommen im Elend, starb er im städtischen Hospital zu Konstanz, wie mir mein Freund und Schüler, Medinzinalrat Dr. Honsell, der ihn dort behandelt hat, erzählte. In diesen Sommer fiel auch der berühmte Brand im Hutzelwald, der dem pfälzischen Poeten Nadler zu dem lustigsten seiner 279 Gedichte Anlaß gab. An dem Tage dieses Ereignisses erhielt Bronner Besuch von seiner Schwester. Sie kam in Begleitung derselben heiteren Gesellschaft, die im verwichenen Herbst bei ihr in Wiesloch zu Gaste gewesen war. Die jungen Damen teilten mittags unser Mahl bei der Doktorin; kaum war es zu Ende, so erscholl Feuerlärm. Wir hörten, es brenne im Hutzelwald, und stiegen sofort auf den Speicher des Hauses, um nach der Gegend des Waldbrandes auszuschauen; in der Tat sahen wir den Rauch über den Gaisberg aufsteigen. Das gefährliche Element trieb nunmehr sein bedenkliches Spiel an zwei Orten zugleich, draußen im Wald und in der Stadt auf dem Speicher der Doktorin. Eines Tages lieferte uns ein medizinisches Ereignis im Hause Stoff zur Unterhaltung. An der Köchin war ein Wunder geschehen. Sie hatte die schönsten Jahre, doch nicht die Gefühle der Jugend, hinter sich und litt an Hysterie. Von Zeit zu Zeit verlor sie plötzlich das Vermögen, laut zu sprechen, und konnte sich nur mit flüsternder Stimme verständlich machen. Weder die Aerzte der Stadt noch die der Kliniken hatten ihr zu helfen vermocht, aber ein altes Waschweib riet ihr ein wirksames Mittel. Wurde sie stimmlos, so gebrauchte sie seitdem Sympathie und die Stimme kam wieder. Bronner und ich waren neugierig, hinter ihr Geheimnis zu kommen, gaben ihr schöne Worte und erreichten unser Ziel. – Eines Morgens kam sie zu uns aus der Küche gelaufen, hatte ihre Stimme verloren und deutete auf die Kehle, die ihr eine unsichtbare Hand gewaltsam zuschnürte. Kaum hörbar flüsterte sie uns zu, wir sollten jetzt Zeugen des Wunders sein. Hierauf ging sie drei Schritte geradeaus, hielt einen Augenblick inne, wisperte unverständliche Worte, ging dann drei Schritte, ohne sich umzuwenden, rückwärts, blieb wieder stehen, blickte hinter sich, wisperte aufs neue, spie dreimal aus und begrüßte uns glückselig mit glockenheller Stimme: »gelobt sei Jesus Christus! Ihr Herren, ich bin geheilt!« – Wir freuten uns mit ihr, fragten, was dies alles zu bedeuten hätte und erhielten genaue Auskunft. Nach den ersten drei Schritten hatte sie die höchsten drei Namen angerufen, nach den drei letzten aber dem Teufel, der ihr die Kehle von hinten würgte, in das Gesicht gespieen 280 und geflüstert: »Dies ist für Dich, o Satan! hebe dich hinweg von mir!« – Eine so schmähliche Behandlung mißfiel dem Teufel, er ließ die Gequälte los. Diese Kur wurde mittags bei Tische besprochen, belacht und von den Medizinern den erstaunten Freunden aus den andern Fakultäten erläutert. Sie ergingen sich mit Vergnügen in der Schilderung hysterischer Leiden, der eigentümlichen Krämpfe, Lähmungen, Geschmacksverirrungen, die mit diesem Namen belegt werden, und der wunderlichen Vorliebe solcher nervösen Personen für allerlei auffallend riechende Arzneistoffe, wie z. B. Baldrian, Bibergeil und Teufelsdreck, die in den Büchsen der Apotheker unter den gelehrten Namen Valeriana , Castoreum und Asa foetida aufbewahrt werden. Anfangs, als wir die Wunderkur erzählten, lachte die Doktorin mit, als wir aber unsere medizinische Weisheit auskramten und uns über die armen Weiblein lustig machten, wurde sie ernst und stille. – Nach Tische lud sie Bronner und mich freundlich ein, bei dem schönen Wetter in ihrem Gärtchen vor dem Mannheimer Tor eine Tasse Kaffee mit ihr zu trinken. Wir mochten sie nicht kränken und sagten zu. Bei duftendem Mokka in der Jasminlaube verriet uns die würdige Matrone den Grund ihrer Einladung. Sie sei uns, versicherte sie, aufrichtig gewogen und halte uns für gute Jungen, auch versprächen wir, mit der Zeit tüchtige Aerzte zu werden, und hätten uns ganz hübsche Kenntnisse erworben, von der Hysterie aber, einem der wichtigsten Kapitel der Pathologie, verstünden wir, sie müsse es mit Bedauern sagen, recht wenig. Davon habe sie sich heute mittag bei unseren Tischgesprächen unlieb überzeugt. Es fehle uns an Erfahrungen, die wir erst im Verkehr mit der Frauenwelt gewinnen würden, bisher seien wir zu ausschließlich mit Männern umgegangen. Sie wolle sich deshalb erlauben, uns über Hysterie die Erfahrungen, die sie an sich selbst gemacht, mitzuteilen. Sie mache kein Hehl daraus, daß sie selbst der Hysterie unterworfen sei, schwer darunter gelitten habe und noch immer zeitweise von hysterischen Anwandlungen heimgesucht werde. Bei dieser unerwarteten Eröffnung wurden wir nicht wenig 281 verlegen, lächelten und entgegneten ihr: sie wolle uns nur necken, wie solle eine Dame von ihrer verständigen Einsicht und Willensstärke zu hysterischen Leiden kommen? Es möge sich ab und zu um überreizte Nerven handeln, aber nicht um Hysterie. »Glaubt mir, meine jungen Freunde,« erwiderte sie, »ich war und bin nach dem Urteil erfahrener Aerzte hysterisch und habe schwer an Krämpfen und Lähmungen gelitten. Daß es zu der Krankheit bei mir kam, ist nicht zu verwundern. Als junge Frau verlor ich unerwartet meinen Gatten und stand mit zwei kleinen Kindern mittellos in der Welt, einzig auf meine schwachen Kräfte angewiesen, vielleicht auch etwas verwöhnt. Mit äußerster Anstrengung hielt ich mich über dem Wasser. Oft überwältigte mich die Sorge und die Last der Arbeit, meine Nerven, meine Stimme, meine Beine versagten, auch Krämpfe befielen mich, ich litt an Schmerzen und meinte unterliegen zu müssen. Mein alter gutmütiger Hausarzt, Dr. Nebel, verschrieb mir eine Arznei nach der andern mit wechselndem Erfolg. Einmal kam eine Zeit, wo seine Mittel samt und sonders nicht verfingen, der gute Doktor wußte sich nicht mehr zu helfen und riet, den Geheimenrat Naegele beizuziehen.« »Ich ging,« fuhr unsere Freundin fort, »auf diesen Vorschlag ein. Die beiden Aerzte kamen kurz vor Tische zu mir und setzten sich, der eine links, der andere rechts neben mich. Ich mußte meine Leiden schildern, und mein Hausarzt ergänzte meine Krankengeschichte. Naegele hörte aufmerksam zu und sah dann eine Weile stumm vor sich hin. Es wurde so still im Zimmer, daß man die Wanduhr ticken hörte. Aergerlich dachte ich: »Da sitze ich nun im tiefsten Elend zwischen diesen beiden Stockfischen und keiner kann mir helfen!« – Plötzlich fuhr Naegele mit den Fingern über die Nase herab, sah mir nahe in die Augen und sagte: »Ich weiß, was Sie in diesem Augenblicke denken.« – »Nun denn, was denke ich?« – »Sie denken: ich komme mir vor, wie der Gekreuzigte zwischen den beiden Schachern.« – »In der Tat,« rief ich erbost, »es ist so, ich leugne es nicht.« – Naegele lächelte, erhob sich, drückte mir die Hand und versprach, am Abend nochmals zu kommen, falls der Kollege einwillige. Er kam und flößte mir durch klugen Zuspruch Vertrauen und Mut ein; 282 ich erstarkte in kurzer Zeit so, daß ich meine Arbeit wieder aufzunehmen vermochte.« Sie schloß mit den Worten: »Der lächerliche Zauber eines alten Waschweibs hat meiner Köchin mehr genützt als die besten Rezepte der Aerzte. Der Hokuspokus tat bei der dummen Person Wunder, weil sie an Wunder glaubt. Die Rezepte hätten gewirkt, wenn die Aerzte es verstanden hätten, sie mit Zauberkräften auszustatten. Bei einer solchen Küchengans muß man schon mit dem Teufel kommen, um etwas auszurichten, bei wundergläubigen Standespersonen braucht es andere Mittel: magnetische Striche, homöopathische Kügelchen u. dgl. Solche Dinge hätten bei mir, einer alten Rationalistin aus des Kirchenrats Paulus Schule, nicht verfangen, ich bedurfte des Zuspruchs einen erfahrenen Mannes von Geist und Herz. – Den Baldrian übrigens, über den ihr euch heute so lustig gemacht habt, lasse ich mir nicht schelten. Ein Täßchen Baldrianaufguß hat mich oft wunderbar belebt. Ich glaube an seine Kraft, auch wenn ich nicht gesehen hätte, daß unsre Hauskatze sich vor Freude auf den duftenden Wurzeln wälzt, wenn sie durch Zufall darüber gerät. Diese zarten Geschöpfe und wir armen Frauen haben Nerven von gleich empfindlicher Feinheit.« 283     Wunderkuren. Unter dem Namen Wunderkuren begreift das Publikum auffallende Heilungen mannigfacher Art. Bisweilen ist es der Zufall, der Heilungen fertig bringt, die den behandelnden Arzt selbst in Verwunderung setzen und ihm den weder erstrebten noch erwünschten Ruf eines Wunderdoktors einbringen. Eine ergötzliche Geschichte aus der eigenen Praxis hat mir mein Vater erzählt. Eines Tages kam ein Bote aus einem entfernten Dorfe des Rheintals nach Graben, wo mein Vater damals praktizierte, und verlangte ihn zu einem Bauern, der sich seit einigen Wochen übel fühlte, wenig mehr aß, mager und schwach wurde und das Bett hütete. Die Sache eile nicht, ließ der Kranke sagen, könne mein Vater nicht selbst in den nächsten Tagen kommen, so möge er ihm einstweilen eine Arznei durch den Boten schicken. Mein Vater verschrieb ihm eine Eibischabkochung mit Syrup, die keinesfalls schaden konnte, und machte sich einige Tage nachher auf den Weg zu dem Kranken. Inzwischen hatte der unschuldige Trank Wunder getan. Der Bauer war außer Bett und ließ sich, als mein Vater bei ihm eintrat, gerade eine gebratene Taube schmecken und trank ein Glas Wein dazu. Er begrüßte meinen Vater vergnügt: »Herr Doktor, das habt Ihr gut gemacht, aber es war eine Roßkur, sie hat mich gründlich ausgefegt und die Krankheit ausgetrieben. Zum zweitenmal brächt' ich die Ameisen nicht hinunter, auch blieben noch einige übrig in dem Arzneifläschchen, es steht dort am Fenster.« 284 Erstaunt betrachtete mein Vater den Rest der Arznei. Sie enthielt große Ameisen. Ihre scharfe Säure oder der Ekel, mit dem sie der Bauer hinabgewürgt, hatte wie ein starkes Brechmittel dem Bauern die Gesundheit wiedergebracht, – soviel stand fest. Wie aber waren die Insekten in die Arznei gekommen? Nicht ohne Schwierigkeit gelang es meinem Vater, das Rätsel zu lösen. Der Bote, der die Arznei geholt hatte, war des Bauern Knecht, der Tag war heiß gewesen, der Knecht müde. Im Schatten eines Föhrenwaldes, den er passieren mußte, ließ er sich nieder, um zu ruhen, nahm die Arzneiflasche aus der Tasche und legte sie zur Seite. Der Schlaf überkam ihn und als er aufwachte, fand er den Stöpsel ausgetrieben; wie das gekommen, wußte er nicht zu sagen, vielleicht hatte er selbst aus Neugierde ihn herausgenommen und den Trank versucht. Ein kleiner Teil der Arznei war ausgeflossen, aus einem nahen Ameisenhaufen wanderten die Tierchen in langer Prozession zu dem süßen Saft und in die Flasche. Eilig verschloß er die Flasche, steckte sie wieder zu sich und ließ heimgekehrt ruhig seinen Herrn, dessen Zorn er fürchtete, die Arznei samt den Ameisen nach Vorschrift stündlich einen Eßlöffel voll genießen. Auch eine Namensverwechslung kann zur Wunderkur führen, wovon uns Naegele eine lächerliche Geschichte zum besten gab. An der Heidelberger Hochschule war von 1806–1824 Hofrat Schelver Professor der Botanik. Er befaßte sich neben der Botanik mit magnetischen und Kräuterkuren und stand beim Landvolk im Rufe eines Wunderdoktors. Eines Tags bat ihn eine Bauersfrau um ein Mittel gegen Rheumatismus, ihr Mann habe den »Fluß« im rechten Arm und sei unfähig, ihn zu gebrauchen. Er riet Hahnenfuß auf den Arm zu binden und meinte damit den scharfen Wiesenranunkel, aber die gute Frau schlachtete ihren alten Haushahn, schnitt ihm die Beine ab und band sie auf den Arm. Der Fluß heilte, und der Professor erfuhr mit Verwunderung, welche Heilkraft in den Beinen des alten Haushahns gesteckt habe. Derlei Kuren sind eher wunderliche Kuren als wirkliche Wunderkuren. Das Wunder beginnt erst dann, wenn der Glaube Berge versetzt und scheinbar Unmögliches fertig bringt. 285 Als Student erlebte ich eine solche Kur in meines Vaters Praxis. Ich ging mit ihm an der Wohnung eines kleinen Handwerkers in Wiesloch vorbei, dessen Frau er an einem unheilbaren Krebsleiden behandelte. Der Mann, ein guter Mensch und meinem Vater aufrichtig zugetan, hatte ihn kommen sehen, lief eilig heraus und lud ihn ein, ins Haus zu treten und sich von der unerwartet erfolgten Heilung seiner Frau zu überzeugen. Es sei ein großes Wunder geschehen. Die Frau habe hinter dem Rücken ihres Mannes einen Wunderdoktor kommen lassen, einen Bauern aus einem entfernten Dorfe, der im Rufe stehe, schon viele, in den Augen der Aerzte unheilbare Kranke rasch kuriert zu haben. Der Doktor sei heute dagewesen, habe der Kranken den Leib mit Salbe bestrichen, die Krankheit mit geheimkräftigen Worten besprochen und ihr zuletzt befohlen, im Namen Gottes aufzustehen und zu wandeln. Darauf habe sie das Bett verlassen, was sie seit vielen Wochen nicht mehr gekonnt, und wandle jetzt ohne Stütze durch das Zimmer. Mein Vater ließ mich mit zu der Kranken gehen, das arme Weib, blaß und abgezehrt, stand wirklich frei im Zimmer, blickte verzückt zum Himmel und pries die Gnade Gottes und den Wundertäter, der ihr geholfen habe. – Die Kur half nicht lange. Die ungeheure Aufregung, worin sich die Kranke befand, beschleunigte den tödlichen Ausgang des Leidens, nach wenigen Tagen trug man sie auf den Kirchhof. Die Psychologie beginnt erst seit kurzem, die Vorgänge im Nervensystem da, wo leibliches und seelisches Geschehen sich verflechten, mit den Strahlen der psychophysischen Untersuchungsmethoden zu beleuchten. Noch immer herrscht hier tiefe Dunkelheit, und es gibt kein Gebiet der Medizin, wo der Aber- und Wunderglaube größere Triumphe feierte, als gerade auf diesem. Phantasten und Schwindler treiben hier ihr geschäftiges Wesen, und selbst der ernste Forscher fällt leicht in gefährliche Fallstricke. Die Rolle, die in der ersten Hälfte des Jahrhunderts der tierische Magnetismus ausschließlich spielte, muß er heute mit dem Hypnotismus und der Suggestion teilen. Es gelten jedoch auch für diese modernen Kurmethoden die Warnungen, die der welterfahrene 286 Stromeyer im ersten Bande seiner Erinnerungen (S. 344, 347, 417) an die Aerzte richtet. Jedenfalls verstößt die hypnotische Suggestionstherapie gegen einen der obersten Grundsätze in der Behandlung der Nervenkrankheiten: Alles zu meiden, was das geschwächte Ich noch mehr schwächt, und nichts zu unterlassen, was es kräftigt und insbesondere den ohnmächtigen Willen aufrichtet. Nur zu leicht macht sie den Kranken zum energielosen Werkzeuge des Hypnotiseurs und zum traurigen moralischen Schwächling. Zu diesem bedenklichen Kurmittel sollte der Arzt nur im äußersten Notfall greifen. Zu den echten Wunderkuren gehören die meisten Kuren, die als sympathetische bekannt sind. Sie finden noch heute, in dem Zeitalter der großen Entdeckungen auf allen Gebieten der Naturwissenschaft und der Enthüllung so vieler, den Alten unbegreiflichen Geheimnisse, auch unter den Gebildeten häufig Gläubige, ja es scheint, als ob die neu entdeckten und oft verblüffenden scheinbaren Naturwunder gerade unter den Gebildeten der Wundersucht Vorschub leisteten. – Aus welchem Dünger des dicksten Aberglaubens die meisten sympathetischen Volksmittel wie Pilze hervorschossen, mag die Sammlung lehren, die ein ehemaliger, äußerst schreibseliger Dozent der Rostocker Fakultät, Dr. G. F. Most, unter dem Titel herausgab: »Die sympathetischen Mittel und Kurmethoden, Rostock« 1842. Diese Schrift steht würdig neben Dr. Paullinis berüchtigter »heilsamer Dreckapotheke« 1696. Dennoch mag ein und das andere sympathetische Mittel mit demselben Recht eine unbefangene Prüfung verdienen, wie sie die ekelhaften Arzneistoffe des Moschus, Bibergeils, der gepulverten Küchenschabe ( Blatta orientalis ) gefunden haben, und wie sie die heutige, oft überaus kindische Organotherapie findet. Als ein sympathetisches, der Prüfung nicht unwertes Volksmittel dürfte sich die sog. »Taubenkur« bei den eklamptischen Anfällen der Kinder empfehlen. Das Volk am Ober- und Mittelrhein nennt derlei Krämpfe Gichter, in Bayern Fraisen. Das Verfahren ist einfach. Man preßt den Börzel einer lebenden Taube an den After des befallenen Kindes; nach kurzer Zeit sollen die Krämpfe aufhören. Ich habe das Mittel einmal in den fünfziger Jahren unter dringenden Umständen, wo mich die Verzweiflung der Eltern in große 287 Verlegenheit brachte, weil verschiedene andere Verfahren völlig versagten, angewendet, und die Krämpfe verschwanden fast augenblicklich. Sie hatten schon einen halben Tag anhaltend fortgedauert, das Schauspiel war äußerst traurig, die Ursache eine tuberkulöse Entzündung der Rückenmarks und Gehirnhäute, die sich zu einer Caries der Rückenwirbel gesellt hatte. Der Vater war Naturforscher und mir befreundet, ich schlug ihm vor, das unschädliche Mittel zu versuchen. Es waren Tauben zur Hand, man holte ein prächtiges, gut gefüttertes, warmes Tierchen aus dem Taubenschlag und legte es nach Vorschrift an. Nach wenigen Sekunden festen Anpressens, wobei die Taube heftig zitterte, streckte sich der Knabe wie bei Tetanus, und damit hatten die Zuckungen ein Ende, kamen auch bis zum Tode, der nach 24 Stunden eintrat, nicht wieder. Nicht lange nachher leistete mir eine modifizierte »Taubenkur« eigener Erfindung gute Dienste bei einem alten, von argen »Herzkrämpfen« schon lange heimgesuchten hysterischen Fräulein. Die Dame stammte aus vornehmem Hause und war schon mit 16 Jahren wegen nervöser Leiden nach Heidelberg in die magnetische Behandlung des erwähnten Professors Schelver gebracht worden, doch hatte er wenig ausgerichtet. Die Dame wurde allmählich an den Beinen gelähmt. Sie ließ sich eine kleine Villa in Neuenheim bauen. Als ich zu ihr gebeten wurde, hatte sie ihre Villa seit mehr als 30 Jahren nicht mehr verlassen und seit 16 Jahren nicht mehr das Bett. Nach dem Tode Schelvers war sie homöopathisch behandelt worden, seit einigen Jahren hatte sie keinen Arzt mehr beigezogen. Ein treuer Kreis von Freundinnen scharte sich täglich um die liebenswürdige Kranke, eine von ihnen widmete sich ihr ganz, wohnte bei ihr und besorgte Haus und Küche, nachmittags kamen die andern von Heidelberg herüber. Um drei Uhr wurde sie regelmäßig von »Herzkrämpfen« befallen, die Arme litt unsäglich, sie versicherte bestimmt, ihr Herz bleibe oft zehn Minuten lang stehen! Die Freundinnen litten mit ihr, sie umstanden das Bett, die einen jammernd, die andern tröstend, wieder andere hilfreich beispringend mit kölnischem Wasser, englischem Riechsalz, zarten Reibetüchern u. dgl. unentbehrlichen Dingen. 288 Zu dem Kreise dieser barmherzigen Gemeinde fand ein gutmütiger Sachse, ein stud. jur. , Zutritt. Die Damen meinten magnetische Kräfte an ihm zu verspüren und baten ihn, einen Versuch damit an der kranken Freundin zu unternehmen. Er ließ sich dazu bewegen, es war kein Zweifel, seine Striche wirkten wohltätig auf das gequälte Herz, und von nun an fuhr er jeden Nachmittag mit der Fähre über den Neckar zu der Dulderin, die seinem Fluidum mit Sehnsucht entgegenharrte. Aber er hatte seine Kräfte überschätzt, am Ende des Semesters fühlte der Samariter sich erschöpft und elend, er mußte Heidelberg verlassen und suchte auf Rigikaltbad Erholung. Bald nachdem der gute Sachse abgereist war, wählte mich eine der Freundinnen zu ihrem Arzte. Sie entdeckte an mir, was ich nicht gewußt, nicht einmal geahnt, magnetische Kräfte und veranlaßte die Kranke, mich zu sich zu bitten. Hier erfuhr ich erst von meinen verborgenen Tugenden und weshalb man mich begehrte. Ich sollte die magnetische Kur, die der Kranken so wohltätig gewesen, aufs neue aufnehmen. Sie flehte mich um Linderung ihres Leidens an und erweckte meine aufrichtige Teilnahme. Ihre edeln und feinen Züge, ihr weiches Silberhaar unter dem weißen Spitzenhäubchen, ihre sanfte Stimme und Duldermiene rührten mich, aber die magnetische Behandlung mußte ich ablehnen. Indem ich erwog, wie ich ihr nützen könne, fiel mir die Taubenkur ein. Ich erzählte ihr von dem Volksglauben, wonach schon die Gegenwart dieser, angeblich so sanften Geschöpfe im Krankenzimmer die Nerven beruhige, und was ich kürzlich in der Praxis erlebt hatte. Ich schilderte ihr das Verfahren bei Krämpfen der Kinder, schlug ihr vor, Tauben anzuschaffen und beim Nahen der Herzkrämpfe sie an das Herz, den leidenden Teil, zu pressen. Meine Worte machten sichtlich Eindruck, und ich empfahl mich. Nach vierzehn Tagen wurde ich wieder gerufen. Als ich die Türe des Krankenzimmers öffnete, gurrte mir ein zärtliches Pärchen Turteltauben entgegen. Die Freundinnen hatten Erkundigungen eingezogen und erfahren, daß von allen Tauben die Turteltauben die meiste beruhigende Kraft besäßen. Die Kranke dankte 289 mir herzlich; mein Rat hatte sich bewährt. Sie hatte dabei eine merkwürdige Beobachtung gemacht. »Ich habe gefunden,« erklärte sie, »daß ein Unterschied zwischen den Täubchen besteht, das Männchen übertrifft an wirksamer Kraft das Weibchen merklich.« Vor kurzem noch erfuhr ich von Verwandten der Dame, die hochbetagt aus dem Leben schied, daß ihr die Taubenkur noch viele Jahre lang Erleichterung gebracht habe. 290     Purgierkuren und Blutentziehungen. In dem Malade imaginaire faßt der Baccalaureus die drei Grundpfeiler der Heilkunst seiner Zeit in das köstliche Küchenlatein: » Clysterium donare, Postea saignare, Ensuita purgare. « Die Examinatoren des künftigen Praktikers, die » savantissimi doctores «, klatschten ihm lebhaft Beifall: » Bene, bene, bene, bene Respondere, Dignus, dignus est intrare In nostro docto corpore. « An Doktoren nach der Art von Molières Mr. Purgon fehlt es auch heute nicht. Und noch immer kann es ein spekulativer Kopf, wie zu den Zeiten des Dr. Morison und des Erfinders der Kaiserpillen, zum Krösus bringen, wenn er, »zum Heile der Menschheit«, neue Mischungen von Pillen, Latwergen und Spezies zum Purgieren ersinnt und geschickt vertreibt. Glücklicherweise bricht sich die Einsicht mehr und mehr Bahn, daß eine hygienisch geregelte Lebensweise, einfache und richtig gewählte Küche, tägliche Muskelübungen und der rechte Gebrauch des kalten Wassers von Jugend auf, die Droguen entbehrlich machen. Dennoch behält der alte Spruch häufig recht: » Qui bene purgat, bene curat « Gut kuriert, wer gut purgiert. , vorausgesetzt, daß er die kleine 291 Abänderung erfährt: » Bene curat, qui recte purgat « Gut kuriert, wer richtig purgiert. , d. h. die Purganzen können großes leisten, wenn sie zur rechten Zeit bei der rechten Gelegenheit Anwendung finden. Dagegen sind die Saigneurs Blutzapfer. Saigner = zur Ader lassen. und Grandsaigneurs der alten Zeit verschwunden. Einer der vornehmsten zu Anfang des vorigen Jahrhunderts war Broussais († 1838); er sah, weil er die Leichenbefunde falsch deutete, überall das Gespenst der » gastroentérité «(Magendarmentzündung) und bedeckte deshalb den Unterleib der meisten Kranken, insbesondere der Typhösen, mit Blutegeln. – Ein Grandsaigneur noch in meiner Studienzeit war ein verdienter Diagnostiker, Bouillaud. Er bekämpfte die Entzündungen mit Aderlässen »Schlag auf Schlag«, beim Gelenkrheumatismus namentlich floß das Blut in Strömen. Er fand für seine Methode eifrige Schüler in Menge, die meisten in Frankreich. – Erst um die Mitte des Jahrhunderts machte die junge Wiener Schule, Skoda an der Spitze, der Blutvergeudung ein Ende. Die Heilkunst teilt mit den andern edeln Künsten das Los, daß jedem Fortschritt eine Uebertreibung auf dem Fuße folgt, die den entgegengesetzten Weg der bisher eingehaltenen Richtung einschlägt. Auf den Vampyrismus kam die noch heute herrschende übertriebene Blutscheu, die jedoch ihrem Ende entgegenzugehen scheint. Man geizt mit dem kleinsten Tropfen Blut in lächerlicher Weise. Man hätte in meiner Jugend weit mehr Grund gehabt, schonend damit umzugehen, denn man nährte sich schlechter und sorgte im ganzen weit weniger für die hygienischen Bedingungen unseres leiblichen Wohlergehens. Am schlechtesten war für die weibliche Jugend gesorgt; man bannte sie in das Haus, ließ sie kaum ihre Muskeln durch Turnen, gymnastische Spiele, Schwimmen, Schlittschuhlaufen u. dgl. üben, nur sehr allmählich wurde ihre Erziehung in dieser Hinsicht besser und das Vorurteil überwunden: dergleichen Uebungen schickten sich nicht für das weibliche Geschlecht. Die Bleichsucht war deshalb viel häufiger. Nur die Ansprüche der Schule an die männliche und 292 weibliche Jugend sind heute bedenklich hinaufgeschraubt, was zur größeren Vorsicht mit Blutentziehungen mahnen muß, denn die Nervosität auch der höheren Grade ist infolgedessen heute verbreiteter als früher; schon damals, wo die Blutentziehungen so wenig gefürchtet wurden, warnten davor die erfahrenen Irrenärzte bei gesteigerter Reizbarkeit des Gehirns. Das Aderlaßmännlein war schon in meiner Jugendzeit aus den Kalendern verschwunden, worin es einst eine große Rolle gespielt hatte. Es stellte eine menschliche Figur dar, worauf sämtliche Blutadern, die sich zum Aderlassen eignen, eingezeichnet waren; dabei standen Vorschriften, in welchen Monaten das Blut am besten aus dieser oder jener Ader geholt werden solle. In den Köpfen des Landvolks vieler Gegenden aber lebte das Aderlaßmännlein fort und der Brauch wurde eingehalten, das »abgenützte« Blut von Zeit zu Zeit wegzuschaffen. Man nahm es weg in der Absicht, mit ihm die »Unreinheiten« und »Schärfen« aus den Säften zu bringen und es durch reines und besseres zu ersetzen. Schröpfen und Aderlassen dienten zu Regenerationskuren, wie man sich gelehrt ausdrückt, und da die Welt sich dreht, so beginnt man heute wieder zu der alten Methode, die bei den Bauern am längsten anhielt, zurückzukehren. Was gestern unsinnig schien, gilt aufs neue für Weisheit. Wie vor 60 Jahren gibt es heute wieder unter den Aerzten Lobredner des Aderlasses, sogar bei der Bleichsucht. Namentlich im badischen Oberlande hielt der Bauer fest an der altherkömmlichen Frühlingskur mit Schröpfen und Aderlassen. Dort haben sich von altersher viele kleine Badekurorte – »Bauernbäder« – erhalten, in die das Landvolk noch heute mit Beginn des Frühjahrs an Sonn- und Feiertagen strömt, der Hofbauer mit der Bäuerin zu Wagen, der kleine Bauer auf Schusters Rappen. In den sechziger Jahren war es noch häufig Brauch bei den Bauern, daß sie zuerst im heißen Bade das Blut nach außen trieben und es dann mit Schröpfen aus der Haut und mit dem Schnäpper aus der Ader holen ließen. Ein reichliches Mahl mit gutem Weine beschloß die Kur und brachte frisches Blut in die leeren Schläuche. In der Pfalz ging der Bauer, nachdem er den langen Winter 293 hindurch mehr als gut hinter dem Ofen gesessen hatte, wenn die lauen Lüfte wehten und er sich jetzt matt und schwer in den Gliedern fühlte, zum Apotheker. Irgend eine Purganz, besonders das Wiener Tränklein aus Senne und Seignettesalz, verschaffte ihm leichteres Blut und Gemüt; reichte der Trank nicht aus, so mußte der Bader mit dem Schnäpper nachhelfen. – Sein Pfarrer machte es wenig anders. Es gab Pfarrhäuser, wo die Frau Pfarrerin in einem riesigen Topf den Senna-Aufguß bereitete, der die ganze Familie an einem Tag von den aufgehäuften Schlacken des Winters befreite. – Die Gebildeten in den Städten machten Frühlingskuren, gingen täglich am frühen Morgen einige Wochen lang spazieren, tranken dazu lösende Mineralwässer, auch frische Kräutersäfte oder Molken. Gegen Störungen im Blutlauf, Kopfschmerz, Schwindel, Herzklopfen u. dgl. wurden, nach eigenem Ermessen oder auf ärztlichen Rat, nicht selten mit gutem und raschem Erfolge, Blutegel oder Schröpfköpfe angesetzt, häufig auch Blut aus der Ader entnommen. Die Häufigkeit der verordneten Blutentziehungen erscheint heute unglaublich. – Einer kräftigen Bürgersfrau aus Kandern, die ich persönlich kennen lernte, hatte ihr Hausarzt wegen einer angeblichen Hirnentzündung und daran sich anschließenden Unterleibsentzündung in sechs Wochen siebenmal zur Ader gelassen und 60 Blutegel gesetzt. Sie stand in den Fünfzigen und erreichte ein Alter von 83 Jahren. – Sogar schwächlichen Personen zapfte man oft Blut ab. Ich hörte eine magere Pfarrersfrau in den Vierzigen meinem Vater erzählen, daß man ihr wegen häufig wiederkehrenden Blutspeiens im Laufe der Zeit gegen dreißig Aderlässe gemacht habe. Sie starb an der Schwindsucht im Alter von 52½ Jahren. In den Heidelberger Kliniken waren Lanzetten und Schnäpper fast täglich in Arbeit. Als Assistenzarzt der Pfeufer'schen Klinik mußte ich die Apothekerrechnungen revidieren, sie betrugen für Blutegel jährlich mehr als für Arzneien, obwohl auch an diesen nicht gespart wurde. Wir Assistenten wurden bald Meister im Aderlassen, heute gibt es Professoren, die nie einen Aderlaß machten oder auch nur machen sahen. – Pfeufer erteilte genaue Vorschriften und lehrte uns mancherlei Kunstgriffe beim Aderlassen; er verwies uns 294 namentlich auf die vorzügliche Schrift von Marshall Hall über Blutentziehungen (übers. v. Breßler, Berlin, 1837). Sie enthält auch die Beschreibung der schweren, an hitzige Hirnwassersucht erinnernden Erscheinungen, die, namentlich in England, infolge unsinniger Blutentziehungen am häufigsten bei Kindern beobachtet wurden. Der Mißbrauch eines wirksamen Mittels schließt seinen richtigen Gebrauch nicht aus. Man kann sogar mit Brot, Milch, Wasser und andern zum Leben nötigen Dingen, wenn sie zur Unzeit oder unrichtig benützt werden, Kranke umbringen. Vor allen Dingen müßte man die Kaltwasser- und Naturheilanstalten schließen, wenn man die Menschheit vor dem Mißbrauch an sich guter Kurmethoden schützen wollte. Sie schießen unter der Leitung unwissender Pfuscher, die sich hinter dem tönenden Titel von Direktoren verstecken, an allen Ecken und Enden wie Pilze empor und leben von der Leichtgläubigkeit und mangelnden Einsicht des Publikums in biologischen und medizinischen Dingen, gutenteils freilich auch von dem Mißbrauch, den die Aerzte mit dem Rezeptieren treiben. – Hier ist nicht der Ort, darauf einzugehen. Ich will nur zeigen, wie übertrieben die heutige Blutscheu vieler Aerzte und noch mehr der Nichtärzte ist, und deshalb noch einige Erfahrungen aus meinem Leben, zunächst eine aus den Studentenjahren, mitteilen. Wenn sich bei den Hiebwunden, die es auf der Mensur absetzte, Geschwulst, Schmerz und Fieber einstellten, wie dies vor der antiseptischen Wundbehandlung die Regel war, so nahm Hoffacker, der berühmte Paukdoktor, Blut aus der Armvene. Die Erleichterung war häufig, wie ich an mir selbst erfuhr, auffallend groß und außer Verhältnis zu der vorübergehenden Anwandlung von Schwäche, die der Aderlaß bei einem oder dem andern Studiosus hervorrief. Eine längere Herabsetzung der Körperkraft nach derartigen Blutentziehungen bei Kommilitonen ist nie zu meiner Kenntnis gekommen. Ich selbst war nicht vollblütig, auch nur von mittlerer Körperkraft, und verlor durch einen Aderlaß ein Pfund Blut ohne die geringste unangenehme Wirkung. Eine tiefe Wunde in dem Kleinfingerballen der rechten Hand hatte eine starke Schwellung mit Schmerz und Fieber zur Folge gehabt. Die erste Nacht verlief fast schlaflos, 295 es war mir morgens schlecht zu Mute, und ich wartete sehnsüchtig auf Hoffacker und seine Lanzette. Er nahm mir zuerst acht, dann auf meine Bitte noch vier, im ganzen zwölf Unzen (ein Pfund alten Medizinalgewichts) Blut aus der Ader. Es wurde mir so leicht im Arm und Kopf, daß ich ihn dringend bat, noch mehr laufen zu lassen, doch ging er nicht darauf ein. Ich verspürte nicht die geringste Schwäche und fuhr vier Tage nachher mit Freunden auf dem Rheine zu einem Kommers nach Bonn hinab. Einige Jahre darauf, 1847, in Wien, ließ ich mir wegen eines akuten Trachoms mit starker, schmerzhafter Anschwellung der Augenlider wieder ein Pfund Blut nehmen, aber diesmal verspürte ich keine Erleichterung, hatte überhaupt keinen Nutzen davon. Als die hitzigsten Vorkämpfer der jungen Wiener Schule den Aderlaß aus der Liste der Heilmittel löschten, haben sie das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Er ist allerdings in der Praxis da, wo er früher unbedingt geboten schien, meist entbehrlich, aber unter besonderen Umständen kann seine Unterlassung den Tod eines Kranken verschulden, den kein anderes Mittel so sicher verhütet hätte. Verführt von den Lehren jener Schule, habe ich bei einer Kranken mit äußerst akut auftretender Brightscher Nierenentzündung und rasch anwachsendem Lungenödem meine Zeit mit ableitenden Mitteln aus Darm und Haut verloren, und sie erstickte durch das Wasser, das die Lungen überflutete. In einem ganz gleichartigen Falle bald nachher, machte ich, dadurch gewarnt, bei der Sticknot einen kleinen Aderlaß, augenblicklich wurde die Atmung frei, wie durch Zauber, das Eiweiß schwand rasch aus dem Harn und die Kranke genas in wenigen Tagen. – Aehnliche rasche Erlösung aus Todesgefahr durch drohende Ueberflutung der Lungen sah ich einige Male bei Personen mit enormer Verengung der rechten Vorhofsmündung und bei Lungenentzündung. Es braucht meist keine großen Aderlässe, die bei organischen Herzfehlern oder bei geschwächten Personen bedenklich wären, schon kleine von 150–200  grm können rettend wirken, es kommt hauptsächlich auf die Raschheit an, womit die Blutmenge vermindert wird. Man muß, wie man uns auf der Hochschule lehrte, die Kranken 296 stets aufrecht setzen, den Schnitt schräg, nicht quer oder der Länge nach, und nicht zu kurz durch die Vene führen, nachdem man die Binde über ihr angelegt hat, auf daß, wenn irgend möglich, das Blut sich im Strahl entleere. Dann kommt es am sichersten zur plötzlichen Verminderung des Blutdrucks und den Erscheinungen, die wir als günstige Zeichen begrüßten: leichte Anwandlung von Ohnmacht, Schweiß und freieres Atmen. Man braucht die beginnende Ohnmacht nicht zu fürchten, sie verliert sich, sobald der Kranke in die Rückenlage gebracht wird. 297     Vomierkuren. Es ist ein heikles Thema, woran ich mich wage, aber ich darf es nicht umgehen, wenn ich schildern will, wie die ärztliche Praxis in meiner Jugend ausgeübt wurde. Wem davor graut, mag das Kapitel überschlagen. Neben Purganzen und Aderlässen verordneten die Aerzte mit Vorliebe Vomitive, besonders häufig jungen Personen bis in das Säuglingsalter herab, selten nur älteren Leuten. Heute gilt das Verfahren für fast barbarisch und es wird nur ausnahmsweise benützt, obwohl es ein echtes und vielbewährtes Naturheilverfahren ist, erlernt von der Lehrmeisterin Natur, zugleich ein klassisches, das angeblich schon in den Vomitorien des kaiserlichen Roms fleißig geübt wurde. Hierüber schrieb mir der berühmte Verf. der »Darstellungen aus der Sittengeschichte Roms«, Prof. L. Friedländer: »Die (meines Wissens den Archäologen völlig unbekannte) Benennung von Räumen in den römischen Kaiserpalästen als Vomitorien dürfte auf dem Einfall eines Dilettanten beruhen, der von der Häufigkeit des Gebrauchs der Vomitive im alten Rom eine gewiß sehr übertriebene Vorstellung hatte. Die einzigen Kaiser, von denen wir wissen, daß sie sich ihrer gewohnheitsmäßig bedienten, sind Claudius und Vitellius. Die einzige Stelle, in der das Wort vorkommt, (Macrob. Saturnal. VI, 4,3) lautet: et nunc vomitoria in spectaculis dicimus, unde homines glomeratius ingredientes in sedilia se fundunt. Unser Magen ist mit einer Einrichtung ausgerüstet, durch die er sich automatisch von schädlichem Inhalt befreit. Der überfüllte Magen des Säuglings stößt ohne äußeres Zutun das Uebermaß der genossenen Milch aus und erleichtert sich dadurch seine Aufgabe. 298 »Speikinder, Gedeihkinder!« lautet ein alter Ammenspruch. Das Erbrechen ist ein reflektorischer Vorgang zwischen Nerven und Muskeln. Er schafft unverdauliche Speisen und Gifte aus dem Magen und sichert dadurch Gesundheit und Leben. Wie der Mensch sind auch zahlreiche Tiere mit dieser nützlichen Mechanik ausgestattet; sein treuer Begleiter, der Hund, besitzt sie in großer Vollkommenheit, ohne besondere Vorkehrungen gelingt es kaum, ihn mit vielen Giften, die dem Menschen äußerst gefährlich sind, durch Einbringen in den Magen zu töten, er weist sie sofort zurück. Man verwendete zum Vomieren die Brechwurzel oder Radix Ipecacuanhae , die unter Ludwig XIV. aus Brasilien nach Paris kam, und den schon länger bekannten und heftiger wirkenden Brechweinstein oder Tartarus stibiatus . Die heutige Medizin verfügt noch über ein drittes Mittel zu diesem Zweck, das Apomorphin ; schon in der winzigen Gabe von 1  centigramm vermag es, unter die Haut eingespritzt, den Magen von Gift zu befreien. Man gab die Vomitive nicht nur zur Entleerung des Magens, sie dienten auch zur Entfernung von Schleim und kroupösen Häuten aus den Luftwegen. Außerdem erhoffte man Nutzen von ihrer mächtigen Einwirkung auf die absondernde Tätigkeit zahlreicher Drüsen; beim Vomieren ergießen sich daraus Ströme von Speichel und Schleim, Galle und Schweiß, damit beabsichtigte man die in das Blut und die Gewebsäfte des Körpers bereits eingedrungenen Kontagien und Miasmen herauszuschwemmen. Endlich hoffte man mittelst der Erschütterungen, die mit dem Eingriff verbunden waren, verstimmte Saiten im Nervensystem wieder zum richtigen Schwingen umzustimmen. Wie prompt und sicher in vielen Fällen dieses Heilverfahren sich erwies, kann von den lebenden Aerzten vielleicht niemand aus eigener Erfahrung besser berichten als ich. Mindestens 8–9 Mal habe ich Vomitive eingenommen, nicht bloß in jungen Jahren, auch noch im Mannesalter, zuletzt 1864. Ziemlich seuchenfest, blieb ich in meiner Jugend von den Krankheiten, die namentlich das Kindesalter bedrohen, Scharlach, Masern, Kenchhusten u. dgl., ganz verschont. Auch der Darmtyphus, der die 299 meisten meiner Geschwister befiel, ließ mich unberührt, obwohl ich sie pflegen half, und befiel mich erst im reifen Mannesalter, 1863, in der leichten Form des sog. Schleimfiebers. Nur zwei ungefährliche Krankheiten suchten mich bis in das Mannesalter häufig heim: eine oberflächliche (lakunäre) fieberhafte Mandelentzündung, die mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks jedesmal in drei Tagen ablief, und eine Störung der Magenverrichtungen in Gestalt eines fieberlosen Gastrizismus oder ausnahmsweise eines gastrischen Fiebers. Vermutlich verschuldete jedesmal irgend eine schädliche Speise den verdorbenen Magen, doch weiß ich darüber nichts Genaueres anzugeben. Die Erscheinungen verliefen in der Regel so, daß ich mich morgens beim Erwachen matt und unwohl fühlte, mein Kopf war eingenommen, nicht aufgelegt zur Arbeit, ich hatte keine Eßlust, einen üblen Geschmack und eine garstige Zunge. Nahm ich ein Brechmittel, so genas ich sofort, zögerte ich, so zog sich das Leiden in die Länge, bis ich mich endlich doch entschloß, die häßliche aber sichere Kur zu gebrauchen. Eine Purganz leistete die gleichen prompten Dienste nicht. Als ich die Quinta in Heidelberg besuchte, erwachte ich eines Morgens mit Fieber und gastrischen Erscheinungen. Das Fieber erreichte mittags eine solche Höhe, daß meine besorgte Mutter meinen Vater durch einen Expressen von Wiesloch holen ließ. Er kam erst spät abends, das Fieber war noch gestiegen und Kopfweh hinzugetreten. Er verschrieb mir sofort eine Schüttelmixtur aus Ipeca und Brechweinstein. Die Wirkung war großartig. Ich sank danach in tiefen Schlaf, erwachte spät am Morgen fieberfrei und bis auf ziemliche Mattigkeit hergestellt. – Ein andres Mal, ich war bereits Mediziner, konnte ich mich bei einem fieberlosen, äußerst widerlichen Gastrizismus mehrere Tage lang nicht zum Einnehmen des Vomitivs entschließen und meinte durch Fasten allein zum Ziele zu kommen. Nach einigen Tagen vergeblichen Abwartens, griff ich zu dem erprobten Mittel in früher Morgenstunde und es erfolgte die gewohnte vesuvische Eruption reichlicher Gallenmengen. Hierauf sank ich in tiefen, erquickenden Schlaf und nahm, sobald ich erwachte, die gebräuchliche, mit etwas saurem Rahm bereitete Wassersuppe. 300 Nachmittags ging ich aufs Schloß und speiste da oben mit prächtigem Appetit zwei köstliche Kalbsrippchen mit gerösteten Kartoffeln, eine Flasche Münchner Bier mundete dazu herrlich. Die Genesung war vollkommen. Eine ganz energische Kur mit Tartarus stibiatus gebrauchte ich 1853 als praktischer Arzt in Kandern, wo mich mein strapazierender Beruf auf das Krankenlager warf und eine Myelitis spinalis mir die untere Körperhälfte lähmte. Ich ziehe jedoch vor, die Geschichte dieser schweren Krankheit, die in mein Leben wie kein anderes Ereignis bestimmend eingriff, erst im letzten Buch dieser Erinnerungen zu erzählen. Das letzte Vomitiv nahm ich 1864 als Kliniker in Freiburg i. B.; auf die Umstände, die mich zu seinem Gebrauche veranlaßten, gehe ich näher ein, weil sie, wie ich glaube, pathologisch und therapeutisch hinreichend merkwürdig sind. Meine Haut war damals noch wenig abgehärtet, ich war unvorsichtig und fuhr bei windigem Wetter mit Kollegen vom Lande auf offenem Wagen zwei Tage hintereinander zu Konsultationen; von der zweiten kehrte ich abends spät unwohl heim. Morgens erwachte ich etwas fiebernd und blieb zu Bette; auf der Brust fühlte ich links hinten unten ein leises Stechen und in der Kehle einen Reiz zum Räuspern, nicht zum Husten. Dabei warf ich einen kleinen Ballen glasigen Schleims aus und fing ihn unter Wasser in einem zufällig zur Hand stehenden Becken auf. Da entrollte sich zu meinem Erstaunen und Schrecken der Ballen als ein mehr als fingerlanges, stricknadeldickes, ziemlich derbes Bäumchen, mit zahlreichen, immer feiner sich verzweigenden Aestchen, das sich nur in den Bronchien gebildet haben konnte. Ich befürchtete den Beginn jener schlimmen, äußerst quälenden, chronischen Bronchitis mit baumförmig verzweigtem, fibrinösem Auswurf, ein oft unheilbares Leiden, das z. B. unsern Examinator, den Geh. Rat Dr. Teuffel, in den letzten Jahren seines Lebens böse mitgenommen hatte. Mein Assistent kam, mich zu besuchen, und hörte an der Stelle, wo ich das leise Stechen empfand, ein feines Knistern. Weil das Räuspern und Auswerfen der Dendriten sich fort und fort wiederholte, verschrieb ich mir ein kräftiges Vomitiv. 301 Nachdem es stark gewirkt hatte, hörte der Dendritenauswurf auf, ich räusperte noch von Zeit zu Zeit etwas ungeformten Schleim aus, fühlte mich besser, hütete einige Tage das Zimmer und war vor Ablauf der Woche gänzlich hergestellt. Das Auffallendste bei dieser merkwürdigen Bronchitis acutissima mit nur halbtägigem Auswurf von Dendriten war der Umstand, daß die Bäumchen und der Auswurf überhaupt ohne Husten, lediglich durch Räuspern, aus den Luftwegen herauf befördert wurden. – Einen ähnlichen Fall fand ich in der Literatur nicht beschrieben. – * * * Der Leser, der mit der Geschichte der Medizin nicht vertraut ist, wird nun die Frage aufwerfen: wie konnte es kommen, daß ein der Natur entlehntes, anscheinend so rationelles und durch tausendfältige Erfahrung erprobtes Heilverfahren heute nur noch ausnahmsweise benützt wird? Daß es Gefahren in sich schließt, konnte ja auch den alten Aerzten nicht verborgen geblieben sein, und in der Tat verboten sie seinen Gebrauch bei vielen Fehlern und Krankheiten auf das strengste, beispielsweise bei Herzfehlern, schwachem Herzen, brüchigen Schlagadern, Leibschäden, Entzündung der Magenschleimhaut, der Därme und des Bauchfells, bei ausgebildeter Bleichsucht und vielen andern solchen »Kontraindikationen«. Ungeachtet dieser Einschränkung blieb noch ein weites Feld übrig, wo die Vomierkur zulässig und nützlich erschien; erst in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts ist ihr Gebrauch mehr und mehr eingeengt worden und heute gibt man die Brechmittel fast nur noch, um in dringenden Fällen giftige Substanzen aus dem Magen zu entfernen, sucht sie sogar bei verdorbenem Magen, wo sie einst so große Triumphe feierten, durch mildere Verfahrungsweisen zu ersetzen. Das Schicksal dieser Kurmethode ist eines der lehrreichsten Beispiele, um zu zeigen, welchen ungeheuren Einfluß die Entdeckungen der pathologischen Anatomie auf die Therapie gehabt haben und haben mußten. Die große Einschränkung des Gebrauchs der Vomitive war die Folge einer der wichtigsten Bereicherungen unserer anatomischen Kenntnisse, die wir zwei Forschern ersten Rangs auf diesem 302 Gebiete verdanken: Cruveilhier in Paris und Rokitansky in Wien. Sie fällt in das Ende des vierten Jahrzehnts, kurz vor den Beginn meiner medizinischen Studien. Fast gleichzeitig haben die beiden berühmten Anatomen, Cruveilhier 1838, Rokitansky 1839, die ärztliche Welt mit dem runden Magengeschwür, seiner Häufigkeit und großen praktischen Bedeutung bekannt gemacht. Ich hebe als besonders wichtig aus der Lehre von diesem eigentümlichen Geschwüre, das außer im Magen auch noch im angrenzenden Zwölffingerdarm angetroffen wird, nur einiges hervor, was hier Erwähnung verdient. Vor dem Eintritt der Geschlechtsreife wird das Geschwür äußerst selten gefunden, von da an häufig, seltener bildet es sich im Greisenalter. Die Bleichsucht begünstigt seine Entstehung. Es ist die häufigste Ursache der Magenkrämpfe, die mit starker Säurebildung, heftigen Schmerzen und Blutbrechen verlaufen, es hat eine Neigung, die Magenwand zu durchbohren, und die stürmischen Bewegungen, die mit dem Brechakte verbunden sind, können durch die Zerrung der Magenwände eine Zerreißung an der verdünnten Geschwürstelle herbeiführen. Wäre man nun imstande, die Geschwüre durch sichere Zeichen in allen Fällen vom einfachen Gastrizismus zu unterscheiden, so würde man auch heute noch unbedenklich gegen diesen die Brechkur anwenden dürfen, es gibt aber vereinzelte, wenn auch seltene Fälle, wo sich das Geschwür hinter dem Bilde eines unverdächtigen Gastrizismus versteckt, und dies ist der Grund, weshalb man so vorsichtig geworden ist. Weit seltener jedoch, als man annehmen könnte, scheinen Brechmittel Zerreißungen der Magenwand herbeigeführt zu haben. Der Grund davon dürfte ein mehrfacher sein. Am häufigsten wurden sie bei Kindern verordnet, bei denen die Geschwüre kaum vorkommen, bei Bleichsucht waren sie verboten, ebenso bei schmerzhaften Zuständen des Magens. Mir persönlich ist nur einmal ein solches Ereignis zur Kenntnis gekommen, es brachte 1854 einen Wundarzt aus der Gegend von Würzburg auf die Anklagebank. 303     Prüfung auf dem Krankenbette. Akuter Gelenkrheumatismus im Winter 1857/47. Niemand hatte sich über meinen ärztlichen Lizenzschein mehr gefreut als meine Mutter. Leider waren ihre Tage bereits gezählt; aus Furcht vor dem Messer der Chirurgen verheimlichte sie ein böses Leiden so lange, bis es zum Operieren zu spät war. Erst 48 Jahre alt, schied sie nach unsäglichen Qualen am 19. November 1846 von uns. Kurz zuvor, für meine arme Mutter ein Jahr zu spät, war in Boston die große Erfindung gemacht worden, chirurgische Operationen mittelst eingeatmeter Aetherdünste schmerzlos auszuführen. Als meine Mutter starb, war ich seit einigen Monaten Assistenzarzt an der inneren Klinik Pfeufers. Ich wohnte im Krankenhause, ohne zu ahnen, daß ich meine genauesten pathologischen Beobachtungen darin am eigenen Leibe machen sollte. In der Weihnachtswoche streckte mich ein heftiger Gelenkrheumatismus auf das Schmerzenslager und wich erst gegen Ende Februar. Er züchtigte meinen verzärtelten Leib für die groben hygienischen Sünden, die ich, als Arzt doppelt strafbar, hätte vermeiden sollen. Seit anderthalb Jahren hatte ich die meiste Zeit am Studiertisch gesessen, war nur wenig in die frische Luft gegangen, hatte meine Muskeln kaum geübt und meine Haut nicht methodisch mit kaltem Wasser abgehärtet. Zwar hatte mir der Lizenzschein die beste Note erteilt, aber in Wirklichkeit war ich ein Stümper. Hätte ich nur das Abc der Gesundheitslehre gekannt und befolgt, so wäre ich sicher vor der Krankheit geschützt gewesen. 304 Allerlei Störungen in meinem Wohlbefinden hatten mich im Sommer 1846 nach und nach zum Hypochonder gemacht. Die lästigen Empfindungen deutete ich irrig und bezog sie auf ein schweres Leiden. Sie wären durch richtige Lebensweise leicht zu beseitigen gewesen, aber in meinen falschen Ideen befangen, gebrauchte ich verkehrte Mittel. Zwar beschränkte ich meine Nahrung auf leicht verdauliche, reizlose Kost und nahm fast keine erhitzenden Getränke, aber ich machte mir nur wenig Bewegung und gebrauchte, statt täglicher kalter Abwaschungen des ganzen Körpers und kalter Bäder, warme Bäder, die mir ein vorübergehendes Behagen verschafften, meine Haut jedoch noch mehr verweichlichten. Als ich zuletzt im Beginn des Winters auf eine richtigere Auffassung meines Leidens kam und mir fest vornahm, meinen krankhaften Empfindungen nicht mehr nachzugehen, verschwanden sie wie auf einen Schlag, ich machte mir mehr Bewegung und fühlte mich besser, aber zur Abhärtung meiner Haut tat ich zu wenig und büßte dafür bitter. Ueber Weihnachten war ich im Urlaub bei meinem Vater zu Besuche. In der letzten Nacht holte man ihn auf offenem Wagen nach auswärts, nicht warm genug bekleidet fuhr ich mit ihm, es war eisig kalt, ich fror auf dem ganzen Wege. Am nächsten Morgen kehrte ich nach Heidelberg zurück, ich fühlte mich unbehaglich, und das Unwohlsein nahm in den nächsten Tagen zu. Wenn ich mich vom Sitze erhob, um zu gehen, war ich steif in den Gelenken und hatte Schmerzen darin, ich verlor den Appetit, fröstelte, schlief schlecht und hatte schlimme Träume, doch besorgte ich meinen Dienst. In der dritten Nacht aber weckte mich zu mitternächtiger Stunde ein wütender Schmerz im Ballen der linken großen Zehe, es war mir, als würde er in einen glühenden Schraubstock gepreßt, und ich fieberte. So hatte uns Pfeufer die mitternächtige Einkehr des Podagras geschildert, als ich zwei und einhalb Jahr zuvor seine Vorlesungen über Gicht gehört. Ich erstaunte: so frühe sollte ich schon durch den Besuch des Podagras ausgezeichnet werden? Hätte es mich nicht so heillos am großen Zehen geschmerzt, so wäre ich fast stolz auf die große Auszeichnung gewesen. Ich wagte sogar Pfeufer bei seinem Morgenbesuche meine Vermutung auszusprechen, wurde aber 305 mit der kurzen Bemerkung abgefertigt, nicht das vornehme Zipperlein sei bei mir eingekehrt, sondern ein ganz gemeiner Gelenkrheumatismus, und der schlimme Geselle werde sechs Wochen lang das Lager mit mir teilen. Meinem Bettgenossen gefiel es sogar noch länger bei mir, und er übte seine tückischen Künste an meinen Gelenken mit besonderem Mutwillen. Er sprang fast täglich auf neue, auch solche, die er meist verschont, z. B. die Kiefergelenke und die Verbindungen der Nackenwirbel, ergriff oft mehrere zugleich und einige wiederholt. Ich lag unbeweglich auf dem Rücken, wie ein Käfer, den böse Buben mit der Nadel lebend auf ein Brett spießten, und konnte kein Glied rühren vor Schmerzen. In Schweiß gebadet wurde ich von Friesel krebsrot und lag auf an mehreren Stellen. Nach einigen Tagen empfand ich morgens Stechen in der Herzgegend mit Beklemmung. Pfeufer stellte die Diagnose auf Entzündung des Herzbeutels; er gab meinem Vater sogleich Nachricht von meiner Erkrankung und seinem Befunde, ohne mich von dem Briefe in Kenntnis zu setzen. Abends wurde ich von dem Besuche meines Vaters überrascht und aufgeregt. Ich hatte stets seine Ruhe am Krankenbette bewundert, heute verließ ihn die Fassung. Schluchzend trat er zu mir, Pfeufer mußte ihm meinen Zustand als bedenklich geschildert haben; er tat mir unsäglich leid. Um ihn zu beruhigen, stellte ich mich ärgerlich über seine unnötige Erregtheit, mein Befinden sei bereits gebessert, er möge getrost heimkehren. Er nahm sich zusammen und verweilte nicht lange. – Ich überdachte, nachdem er weggegangen war, meinen Zustand mit der größten Gemütsruhe und bedauerte, falls ich stürbe, nur meinen Vater, der so große Opfer vergeblich gebracht haben sollte. – Sechs Jahre später sah ich dem Tode abermals ins Gesicht. Wie anders war es mir da zu Mute. Ich besaß Familie und sollte sie unversorgt zurücklassen. Die Behandlung meiner Krankheit bietet nur wenig Interesse. Ich nahm keine andern Arzneien als ein Wiener Tränkchen am ersten Tag und wegen der gänzlichen Schlaflosigkeit und gesteigerten Schmerzen in der Nacht vom Ende der ersten Woche an jeden Abend eine kleine Gabe Morphium, einen Viertelgran. Pfeufer verordnete 306 mir Colchicum, aber ich konnte mich nicht entschließen, es zu nehmen. Auf das Herz ließ er mir einige Tage lang einen Eisbeutel legen. Meine entzündeten Gelenke wurden in dicke Lagen von Werg eingeschlagen, ein damals allgemein gebräuchliches örtliches Verfahren, das mir die Schmerzen vermehrte, weshalb ich nach einigen Tagen dringend bat, mich damit zu verschonen. Dagegen empfand ich äußerst wohltuend alle Morgen Abwaschungen am ganzen Leibe mit warmem Wasser, dem Kalilauge zugesetzt war, einer Mischung von 30 Teilen des offizinellen Liquor Kali caustici auf 1000 Teile Brunnenwasser. Die Hälfte davon weiter verdünnt mit der 4–6 fachen Menge badewarmen Wassers von ungefähr 28°  R diente zur Abwaschung. Mittelst eines Badeschwamms wurde ein Teil des Leibes nach dem andern vorgenommen und jeder für sich mit einem zarten Tuche abgetrocknet. – Die Stunde nach dieser Waschung war viele Wochen lang die einzige, leidlich erträgliche. – Ich habe dieses Verfahren, das von Schoenlein stammt, in meiner Praxis zeitlebens beibehalten und darf es warm empfehlen. Bei dieser einfachen Behandlung bin ich schließlich genesen, an meinem Herzen blieb lange Zeit eine vermehrte Erregbarkeit zurück, die mich namentlich gegen Kaffee und Tee empfindlich machte, weit weniger gegen Wein. Wie überall, wo Entzündungen auftraten, meinten viele Aerzte damals, auch beim Gelenkrheumatismus die Blutentziehungen nicht entbehren zu können. Einer der meist beschäftigten Aerzte in Heidelberg setzte einem meiner daran erkrankten Bekannten an jedes größere Gelenk, sobald es zu schmerzen anfing, 6–10 Blutegel, mindestens 60 im ganzen, ohne irgend einen wohltätigen Einfluß auf den Gang der Krankheit. – Daß der Aderlaß nichts nütze, hatte ich als Assistent bei Naegele erfahren. Es war mir die kleine Schrift eines englischen Arztes – ich glaube, er hieß Macleod – in die Hände geraten, worin der Aderlaß als ein besonders wirksames Mittel gegen den akuten Gelenkrheumatismus empfohlen war. Hat man noch keine eigene Erfahrung, so ist man leichtgläubig. Es lagen gerade zwei kräftige Personen heftig von der Krankheit 307 befallen in Naegeles Klinik, und mit seiner Genehmigung entzog ich jeder ein Pfund Blut. Der Erfolg war null. Der Rheumatismus nahm unbehindert seinen, schließlich günstigen Verlauf. Ich hätte besser getan, der Lehre Puchelts Glauben zu schenken, wonach der akute Gelenkrheumatismus eine, wie er sich ausdrückte, »cyklische« Krankheit sei, die sich durch Blutentziehungen in ihrem Gange nicht irre machen lasse. Mein Appetit war sechs Wochen lang gänzlich verschwunden, dagegen quälte mich ein unlöschbarer Durst infolge der riesigen Schweiße. Neben frischem Wasser trank ich anfangs große Mengen von Limonade und später von Buttermilch. – Die erste feste Speise, die ich zu mir nahm, waren geschabte säuerliche Aepfel. Unter solchen Umständen war es kein Wunder, daß ich zum Skelett abmagerte. Der Vater meines Freundes Bronner besuchte mich acht Tage, nachdem ich das Bett verlassen hatte. Tief erschreckt schrieb er seinem Sohne Eduard nach Paris, ich sei dermaßen abgezehrt, daß ich unmöglich genesen könne. Noch heute bin ich den Freunden und Bekannten dankbar, die mir in den Nächten hilfreich beistanden, darunter Prof. Karl Schaible, dessen ich schon früher gedachte, Geh. Hofrat Oskar Diruf sen. in Kissingen und Heinrich Medicus, evang. Pfarrer in Triest. Eine treffliche Pflegerin war mir eine der klinischen Wärterinnen, eine lange, schlanke Person, die meine Freunde die große Seeschlange nannten. Sie war mir dankbar zugetan, weil ich sie in den Herbstferien an einer Perityphlitis glücklich behandelt hatte; nach einem Aderlaß waren Geschwulst, Schmerz und Fieber rasch bei ihr verschwunden. Die arme Seeschlange! Ein langes Leben schien ihr beschieden, aber sie hatte ein zärtliches Herz und vermochte die Untreue ihres Geliebten, der ihr die Ehe versprochen, nicht zu überleben. Sie verschaffte sich im Hospital ein Fläschchen Opiumtinktur. Im Wahne, das Mittel, dem so viele Kranke Ruhe und süßen Schlaf verdanken, müsse ihr in großer Gabe einen leichten Tod verschaffen, leerte sie es auf einen Zug und büßte ihren Irrtum mit einem langen und schweren Todeskampf. 308 Meine schmerzhafte Krankheit ist mir ein guter Lehrmeister geworden. Wer selbst auf der Folterbank gelegen hat, fühlt am wärmsten mit den Gemarterten, er begreift ihr Jammergeschrei, aber auch ihre leisen Seufzer finden bei ihm volles Verständnis. Es gibt viele Dinge in der ärztlichen Praxis, die der wissenschaftlichen Medizin gleichgültig sind, aber für den Kranken Labsal und Balsam; wer auf dem Krankenbette und nicht bloß an ihm geprüft wurde, weiß den Wert eines mitfühlenden Blickes, eines guten Wortes zur rechten Zeit am besten zu schätzen; den Physiologen läßt es gleichgültig, wie die Kissen für den Kranken gelegt werden, für den praktischen Arzt ist es eine ernste, wichtige Sache. Mit dem Eintritt der Wiedergenesung bemächtigte sich meiner ein Wolfshunger, der Magen versuchte sogar eines Tags zu meinem Schrecken die sanfte Stimme des Herzens mit ungestümen Forderungen zu übertönen. Ich war bereits außer Bette, als sich mir meine Braut und meine älteste Schwester zu Besuch ansagten. Ich ließ ein Mahl richten und wir speisten zusammen. Da gerieten in meinem Innern zwei Stimmen feindlich aneinander. Die eine kam aus dem Herzen und ermunterte die lieben Kinder: »Ihr guten Mädchen, greift fleißig zu und laßt es euch schmecken!« Die andere murrte aus der Tiefe: »Ich beschwöre euch, laßt mir genug übrig!« – Gottlob, sie aßen bescheiden, wie Vögelchen, die knurrende Stimme verstummte und das Herz hüpfte vor Freude. 309     Sechstes Buch. Reisebilder.     Das Ränzel leicht beladen, Im Herzen leichtes Blut, Und einen Kameraden Zur Seite wohlgemut,     So wird die Reise gut.     Der Frühling 1847. Als der Frühling in das Land kam, sah ich wieder frisch in die blühende Welt und behauptete, das Wonnegefühl der Wiedergenesung wiege die erduldeten Leiden auf. Was ich vor meiner Krankheit achtlos und ohne Dank hingenommen, den freien Gebrauch der Glieder und der Organe zum Atmen und Speisen, oder nachts die bequeme Lage und den ruhigen tiefen Schlaf, all das war mir jetzt unsäglicher Genuß. Mit Freude begrüßte ich die Freunde, die im Herbste nach Paris gegangen waren und heimgekehrt mich jetzt besuchten, darunter Eduard Bronner, alle elegant gekleidet, wie ich sie nie gesehen, nach der neuesten Pariser Mode. Neugierig lauschte ich ihren Schilderungen des modernen Babylon, seines Lebens und Treibens, seiner Paläste, prächtigen Straßen, Plätze und Lustgärten, seiner berühmten Aerzte, Gelehrten und Staatsmänner. Sie rühmten den freien patriotischen Sinn der Franzosen, ihr freundliches Entgegenkommen, ihre gefälligen Umgangsformen. Ueber die politische Stimmung Frankreichs gaben sie ernsten Bericht. Der Thron des Bürgerkönigs Louis Philippe stand nicht fest, Mißgriffe und Unwürdigkeiten in der inneren und äußeren Politik, vor allem aber die Habsucht des Königs, hatten die öffentliche Meinung erbittert und ihn um Achtung und Ansehen gebracht. Schlechte Ernten mit Verteuerung des Brotes drückten auf die Stimmung der Massen, die Käuflichkeit einzelner hoher Staatsbeamten und furchtbare Verbrechen in den obersten Schichten der Gesellschaft regten die niederen, der 312 politischen Rechte beraubten Klassen gegen die höheren auf. Geheime Gesellschaften waren unermüdlich an der Arbeit, das Königtum zu stürzen. Presse und Bühne eiferten um die Wette gegen die Verworfenheit der Aristokratie und Bourgoisie und priesen mit glänzenden Phrasen die tugendhafte Welt der gamins de Paris und der ouvriers seiner Vorstädte. Die jungen Mediziner hatten in Paris fleißig eingekauft und sich für die Praxis mit chirurgischen Instrumenten und ganzen Bestecken bei Charrière und Luer, einzelne auch schon mit Mikroskopen bei Oberhäuser, ausgerüstet. Dies ist jetzt anders geworden; wie in so vielen Dingen hat sich auch darin Deutschland unabhängig von Frankreich gemacht und fabriziert selbst vorzügliche Instrumente. Das Neueste, was die Freunde mitbrachten, war die große Erfindung der Aetherbetäubung zu schmerzloser Ausführung chirurgischer Eingriffe. Am 13. November 1846 hatte Elie de Beaumont der Akademie der Wissenschaften einen Brief seines Freundes, des Mediziners und Naturforschers Charles Jackson aus Boston, mitgeteilt; eine neue Epoche der Chirurgie begann. Auf den Rat Jacksons hatte der Zahnarzt Morton am 1. September mit Hilfe eingeatmeten Aetherdunstes zum erstenmal eine Zahnoperation schmerzlos vollzogen und der Chirurg Warren am 16. Oktober eine Geschwulst am Halse entfernt. Seit Jenners Einführung der Kuhpockenimpfung hatte keine Erfindung im Gebiete der Heilkunst Aerzte und Publikum so mächtig bewegt, wie diese amerikanische, die über Paris ihren Einzug in die alte Welt halten sollte. Die Physiologen und Aerzte der französischen Hauptstadt hatten die einschläfernde und schmerzstillende Kraft des Aethers sofort bestätigt und näher studiert, auch Apparate zur wirksamsten Einatmung der Dünste ersonnen, die Heimgekehrten brachten sie mit. Pfeufer wünschte Versuche über die Aetherwirkung zu machen, wozu sich ihm die jungen Aerzte zur Verfügung stellten. Auf meinem Studierzimmer wurden sie ausgeführt und von Pfeufer im 6. Bd. der Zeitschrift für rationelle Medizin veröffentlicht. Einer unsrer Freunde verriet in dem Stadium des Aetherrausches, das dem Schlafe vorausgeht, ein süßes Geheimnis, woran wir natürlich herzlichst 313 teilnahmen. In zärtlichen welschen Worten beteuerte er der verlassenen Pariser Freundin seine deutsche Treue. Bronner eröffnete mir seine nächsten Pläne. Er wollte nach Wien gehen, dessen alte medizinische Anziehungskraft durch das neu an seinem Himmel aufgegangene Doppelgestirn Rokitansky und Skoda erstarkt war. Ich wäre unendlich gern mit ihm gegangen, doch fehlte mir der nervus rerum , das Geld. Pfeufer erkundigte sich gütig um meine Zukunftspläne und drang darauf, daß ich mich um ein Staatsstipendium zu Reisezwecken bewerbe. Ich wußte, daß mein Gesuch aussichtslos wäre, aber ich durfte ihn nicht durch Widerspruch kränken; er schrieb mir einen warmen Empfehlungsbrief an den maßgebenden höheren Beamten in Karlsruhe, der ihm persönlich bekannt und geneigt war. Damit reiste ich nach Karlsruhe, wurde vorgelassen und stehend bedeutet, daß die badische Regierung keine Ursache habe, Aerzte mit Reisemitteln zu unterstützen, es gäbe deren übergenug im Lande, fast auf jedem Dorfe sitze ein Doktor. Wenn an der Landesheilanstalt Illenau eine Hilfsarztstelle frei würde, wolle man mich, falls ich eine solche in Aussicht nähme, berücksichtigen. Glücklicherweise gelang es mir, von einem privaten Gönner auf Treu und Glauben tausend Gulden vorgestreckt zu erhalten, mit dieser Summe konnte ich ein Jahr auf Reisen zubringen. An einem schönen Maientag – es war der Dienstag der Pfingstwoche – fuhren Bronner und ich von Wiesloch ab. Unser nächstes Ziel war München; die ärztliche Fakultät der bayerischen Hauptstadt lockte uns nicht, sie bedeutete wenig, einzig und allein der Kunstschätze halber wollten wir dort eine Woche verweilen. König Ludwig I. hatte München zu einer der sehenswertesten Städte Deutschlands gemacht. 314     Die Fahrt nach München. Den Weg von Heidelberg nach München legt man heute mit dem Schnellzug bequem in acht Stunden zurück. Damals war von der ganzen Strecke, die wir von Wiesloch nach München durchfahren mußten, nur der kleine Teil von Wiesloch bis Bruchsal und der größere am Ende der Reise von Augsburg bis München mit Schienen belegt, durch ganz Württemberg und von Ulm bis Augsburg mußten wir den Eilwagen benutzen. Wir kamen am ersten Tag abends nach Stuttgart, nachdem wir in Vaihingen an der Enz Mittag gemacht hatten, fuhren eng zusammengepfercht die Nacht hindurch bis Ulm, wo wir halb gerädert ankamen, wurden in Günzburg paßpolizeilich genau verhört, und verbrachten die zweite Nacht zu Augsburg in den altberühmten drei Mohren. Erst am dritten Tage erreichten wir München. Gleich bei der Abfahrt von Wiesloch bekamen wir einen älteren Herrn und eine junge Dame zu Reisegefährten, die, wie wir, nach München fuhren. Er stand in den Fünfzigen, sie war ein blühendes Mädchen, hübsch, heiter und noch nicht zwanzig Jahre alt. Es waren Onkel und Nichte; er schrieb sich in den Gasthöfen als Gutsbesitzer vom Niederrhein ein und erzählte uns bei Gelegenheit, daß er als Rentner lebe und den Sommer in Tirol zubringe, wohin ihn seine Nichte in diesem Jahr zum erstenmal begleite. Der Onkel hatte nichts Anziehendes, die Nichte gefiel uns besser. In Vaihingen wurde Halt gemacht und zu Mittag gegessen. Da stellte es sich beim Tischgespräche heraus, daß man unserem 315 Reisegefährten gegenüber die Worte auf die Goldwage legen mußte. Mein Freund unterhielt sich mit der Nichte über die Sehenswürdigkeiten, die uns in München erwarteten. Sie bemerkte ihm, daß sie neugierig sei, den Gottesdienst in der griechischen Kapelle dort kennen zu lernen, worauf er in aller Unschuld erwiderte: er meine gehört zu haben, daß der griechische Kultus noch unterhaltender sei, als der römisch-katholische. Es lag ihm nichts ferner, als die Absicht, Andersgläubige zu kränken, aber der Onkel hatte zugehört, fuhr empor und rief ihm über den Tisch zu: »Herr Doktor, die Kirche ist kein Theater! Ihre Aeußerung ist nur durch Ihre Jugend zu entschuldigen.« – Mein Freund schwieg mit richtigem Takt, und die Nichte brachte klug und geschickt das Gespräch auf ein andres, unverfängliches Thema. – Nach Tische besprachen wir unter uns die Szene. Der Onkel war offenbar ein kirchengläubiger und glaubenseifriger Mann, aber er hatte nicht gelernt, seine Heftigkeit zu zügeln; wir beschlossen, des Zwischenfalls nicht zu achten, aber dessen eingedenk auf unsrer Hut zu sein. Wir verkehrten, als wäre nichts vorgefallen, mit Onkel und Nichte weiter, scherzten und lachten mit dieser, der Onkel lächelte dazu und gemahnte uns so an einen sauern Obstkuchen mit aufgestreutem Zucker. In den »drei Mohren« zu Augsburg legte man uns das merkwürdige Fremdenbuch vor. Der berühmteste Gast, der in dem Hause Quartier genommen, war Napoleon nach den großen Tagen von Ulm. In dem Buche stand ausdrücklich, wie der siegreiche Korse den Magistrat der freien Reichsstadt beim Einzug begrüßt hatte. Seine Worte lauteten, ich glaube mich ihrer zu erinnern, wie folgt: »Ihr habt ein heilloses Pflaster, es ist Zeit, daß ich Euch einen Monarchen gebe, der für ein besseres sorge!« – Er hielt Wort, der Preßburger Friede vernichtete die alte Reichsfreiheit der schwäbischen Stadt und brachte sie an Bayern. Nachdem wir Augsburg am Morgen des folgenden Tages besichtigt hatten, fuhren wir nachmittags nach München. Der Onkel rühmte den »Oberpollinger« als gut und billig. Wir stiegen dort ab. Ueber der Türe unsres Schlafzimmers glänzten in weißer Kreide die Buchstaben der heiligen drei Könige: †  C. M. B.  †. An 316 dem Dreikönigstage kam alljährlich der Kapuziner mit Wedel und Weihwasser, besprengte das Haus und betete um himmlischen Schutz und Segen für Wirt und Gäste. In der Hut der drei Könige, der berühmteren Reisenden der christlichen Welt, schliefen wir sicher und gut; außerhalb des Hauses, auf den Wanderungen durch die Straßen, vertrauten wir auf das Münchner Kindl und verweilten so, wohlbeschirmt, sieben schöne und lehrreiche Tage in der bayerischen Residenz. 317     München. Um nicht unvorbereitet Isarathen zu sehen, hatte ich in den letzten Wochen vor der Abreise versucht, Kuglers Kunstgeschichte zu studieren, aber ohne rechten Nutzen, es fehlten mir die nötigen Anschauungen. Sehr erwünscht war meinem Freunde und mir ein Empfehlungsbrief, den uns ein Oheim der beiden Landschaftsmaler Rottmann, der in Wiesloch als pensionierter Amtmann lebte, an seine Neffen mitgegeben hatte. Die Rottmann stammten aus der badischen Pfalz, aus Handschuchsheim bei Heidelberg, auch ihr Vater war Maler gewesen. Der alte Amtmann war ein seelenguter Herr und hatte sich in seinen Mußestunden der Dichtkunst beflissen, auch ein Bändchen Gedichte herausgegeben, worin er zur Freude der Wieslocher seinen Amtsbezirk besang und dem Dorfe Rauenberg den unvergeßlichen Vers widmete: »In dem Tale überzwerg Liegt das Dörfchen Rauenberg.« Wir machten gleich in den ersten Tagen Gebrauch von dem Briefe, aber leider war der ältere Bruder Karl, der berühmte Maler der italienischen Landschaften in den Arkaden und der griechischen in der neuen Pinakothek, verreist, der jüngere, Leopold, empfing uns freundlich und erteilte uns einige nützliche Ratschläge. An einen dritten Landsmann und großen Maler in spe hatte uns Ludwig Eichrodt gewiesen, an seinen Freund Sudler, Jünger der Kunstschule, ein vielversprechendes Talent zeitlebens; Eichrodt 318 hat ihm in seinen gesammelten Gedichten (Bd. II, S. 420 u. f.) ein poetisches Denkmal gesetzt. Sudler erbot sich, uns in seinen freien Stunden, woran es ihm niemals fehlte, in München zu führen und führte uns zunächst in das Hofbräu. Hier, beim schäumenden Bierkrug und scharfen Radi, erwies er sich als der überlegene Meister der Zukunft, »Gescheiter als alle die Laffen Lessing, Kaulbach und andre, die was schaffen.« Wenn er tatenlos es dennoch zu nichts gebracht hat, so entschuldigt ihn der Dichter mit der, einem solchen Genius nicht ausreichenden Güte des gemeinen Tageslichtes, er harrte auf glühendes Nordlicht, »Und so brachte niemals Sudler Etwas Fertiges zu stand, Sudler war ein großer Hudler Auf der edlen Leinewand.« Die vielen Profan- und Kirchenbauten, die König Ludwig errichten ließ, standen bereits zum großen Teile, wie die alte Pinakothek und die Glyptothek, oder waren der Ausführung nahe, wie die neue Pinakothek und die Basilika, die Propyläen waren in Aussicht genommen. Kunstschätze aller Art und aller Zeiten hatte der König mit wunderbarem Kennerblick und Geschick nach München gebracht und in herrlichen Palästen allgemein zugänglich ausgestellt. Die ersten Künstler Deutschlands schmückten die Räume seiner Residenz und die neuen Bauten mit zahllosen prächtigen Werken. Mochte man auch über die bayerische Feldherrnhalle mit dem einzigen Tilly spotten oder über den Obelisken zum Andenken an die 40 000 Bayern, die »auch für des Vaterlandes Befreiung in Rußland starben«, jedenfalls waren die Denkmäler ein großer Schmuck der Stadt und halfen mit, sie zu einer der schönsten Deutschlands zu machen. Die alte Mönchsstadt und Residenz der bayerischen Herzöge war 1806 Königssitz geworden. Das Münchner Kindl in der braunen Kutte konnte sich nicht aus vollem Herzen über die glänzende Wandlung der Stadt freuen. Graf Montgelas, des ersten bayerischen Königs Maximilian Josef gebietender Minister, war den Kutten 319 nicht gewogen und ein rücksichtsloser Vertreter der Omnipotenz des Staates. Bessere Zeiten kehrten für das Kindlein wieder, als mit dem Tode Max Josefs, 1825, Ludwig I. den Thron bestieg. Anfangs zwar schüttelte es den Kopf bedenklich, als mit den Mönchen und Nonnen die leicht geschürzten Musen aus Hellas auch in die Stadt einzogen, aber vergnügt sah es bald die Kunst mit der Kirche bei Bock und Salvator sich gut vertragen. Die große Bedeutung König Ludwigs I. für die deutsche Kunst wird erst heute ganz begriffen; wie der Ritter in dem Märchen vom Dornröschen, hat er sie aus totenähnlichem Schlummer erweckt. Aber die Jugend der vierziger Jahre sah in dem König lediglich einen Tyrannen nach mediceischem Vorbilde, der die Staatsmittel des armen Bayern in Bauten und in den Launen seiner künstlerischen Neigungen verschwende. Daß die Millionen, die er mit methodischer Berechnung aufwandte, einst der Hauptstadt Bayerns und dem ganzen Lande, ja der deutschen Kunst, reichen Zins tragen würden, ahnte kaum jemand, und vollen Dank erntete er während seiner Regierung nur bei den Künstlern, denen er eine große Stätte schuf. Obwohl der König gut deutsch gesinnt war, hat er die Zuneigung der patriotischen, aber zugleich frei gesinnten deutschen Jugend nicht besessen, denn aufgewachsen in dem Glauben an die unbeschränkte Macht der Fürsten von Gottes Gnaden, wollte er kein Titelchen seines göttlichen Rechtes preisgeben und haßte die von seinem Vater dem Königreiche 1818 verliehene Verfassung. Er meinte, seines fürstlichen Amtes gerecht zu walten, wenn aber die Gerichtshöfe das Gesetz nicht nach seinem Gefallen auslegten, ließ er die Richter seine Ungnade fühlen. Vor dem Landtage 1831 hatte er feierlich erklärt, er möchte kein unbeschränkter Herrscher sein, aber auch loyalen Männern von liberaler Gesinnung ließ er bei der großen Demagogenhetze der dreißiger Jahre bös mitspielen. Wir jungen Mediziner beklagten mit tiefem Mitleid das herbe Los des Dr. Eisenmann, eines der besten Schüler Schoenleins. Die Gerichte hatten ihn aus nichtigen Gründen wegen Hochverrats zum Tode verurteilt und der charakterfeste, zu Kerkerstrafe begnadigte Mann blieb 16 Jahre in der Fronfeste eingesperrt, weil er sich 320 unerschütterlich weigerte, vor dem Bilde des Königs die verlangte Abbitte zu tun. Erst das Jahr 1848 verschaffte dem Dulder die Freiheit. Auch die deutsche Muttersprache versuchte der König unter sein absolutes Regiment zu beugen, aber sie spottete seiner. Staunend skandierten wir seine Distichen unter den Arkaden und stolperten vergnügt über die ungelenken Versfüße. Wir waren den ganzen Tag unterwegs, es gab so unendlich viel zu sehen, und keine der Schöpfungen des kunstsinnigen Königs sollte uns entgehen. Eine einzige Stunde nur verwendeten wir auf das medizinische München. Die beiden bedeutendsten Männer, die seit der Verlegung der Landshuter Universität 1826 nach München an der medizinischen Fakultät gewirkt hatten, waren Ignaz Döllinger, der 1841 starb, und Philipp von Walther. Man hatte Walther, den geistvollen und berühmten Chirurgen, der sich früher schon in Landshut als Physiolog und Chirurg eines großen Rufes erfreut hatte und 1818 nach Bonn berufen worden war, wo er als Lehrer, wie als Praktiker eine außerordentliche Verehrung genoß, 1830 nach München geholt; bald aber bereute er bitter, dem Rufe nach Bayern gefolgt zu sein. Die Ränke der mächtigen Gegner im Schoße der Fakultät zwangen ihn 1836, seine Klinik an den heute vergessenen Professor Wilhelm abzutreten und nur noch Vorlesungen abzuhalten. Chelius und Pfeufer hatten des ausgezeichneten Mannes so oft in tiefer Verehrung gedacht, daß wir begierig waren, ihn zu sehen, und ihn im Hörsaale aufsuchten, aber wir trafen es schlecht. Zwar seine imponierende Persönlichkeit erfüllte uns mit Ehrfurcht, aber das Thema aus der Augenheilkunde, worüber er vortrug, war das denkbar unglücklichste. Er las über die Ophthalmia trichomatosa , zu deutsche die Augenentzündung beim Weichselzopf. Dieser Zopf ist heute mit vielen andern Zöpfen aus der Medizin beseitigt. Damals galt er noch für ein endemisches, an klimatische Schädlichkeiten der Weichselländer gebundenes Leiden des Kopfhaars, in Wirklichkeit aber ist er ein Erzeugnis der Unreinlichkeit ihrer Bewohner, die zur unlösbaren Verfilzung der Haare führt, und weicht der Schere und Seife. 321 Walther beschrieb den Weichselzopf genau und handelte drei Viertelstunden von dessen Erscheinungen und Folgen, möglichen Ursachen, Prognose und Behandlung; – wir verließen wenig erbaut den Hörsaal. Auch Louis Stromeyer, der ausgezeichnete Chirurg, dessen Klinik mein Freund Bronner in Freiburg besucht hatte, war ein Jahr lang (1841/42) Mitglied der Münchener Fakultät gewesen, ehe er in Freiburg wirkte. Mein Kollege Prof. Josef Gerlach in Erlangen, der in München eine Zeitlang studiert hat, erzählte mir eine Geschichte, die mit dazu beitrug, Stromeyer den Aufenthalt in München zu verleiden, und ihn bewog, einen Ruf nach Freiburg anzunehmen. Ringseis forderte eines Tags Stromeyer auf, einem Kranken der inneren Klinik mittelst des Bauchstichs Wasser abzuzapfen. Stromeyer weigerte sich, nachdem er den Kranken untersucht hatte, die Operation vorzunehmen, weil kein Wasser im Bauche sei. Darauf machte Ringseis selbst den Stich, es kam nur Luft, der Kranke starb; die Schüler erzählten den Vorgang Stromeyer in der Klinik, und dieser bemerkte spitz: »Man nennt dies den trockenen Stich, so sticht man die Leute ab.« Ringseis wurde diese Aeußerung hinterbracht, er verklagte Stromeyer bei der Fakultät, die den Widerruf der Beleidigung vor den Schülern verlangte. Stromeyer gehorchte mit den Worten: »Ich widerrufe, was ich gesagt: so sticht man die Leute nicht ab!« 322     Lola Montez. Wie ich der Biographie aus der Feder von Sepp: »Ludwig Augustus, König von Bayern«, Schaffhausen 1859, entnehme, warnt der heilige Hieronymus, der gelehrteste lateinische Kirchenvater, vor überschwenglicher Liebe zur Schönheit, sie mache den Menschen einseitig und verdreht, möge er noch so hoch geadelt sein. Aristoteles und Seneca hätten sich in gleichem Sinne ausgesprochen. – Die Ereignisse der letzten Regierungsjahre des Königs Ludwigs I. zeugen für das richtige Urteil des weisen Hieronymus. Seit 1837 hatte der König in seinem Günstling Abel, einem politischen Renegaten, einen Minister ganz nach seinem Sinne gefunden. Zehn Jahre lang, bis 1847, bekämpfte Abel, als der entschiedenste Feind der Verfassung, den bayerischen Landtag und Reichsrat, und erwies sich zugleich als ein willfähriges Werkzeug der Ultramontanen. Da geschah, kurz bevor wir die Fahrt nach München antraten, unerwartet Unglaubliches. Der König entließ am 16. Februar 1847 seinen Günstling und ernannte ein liberales Ministerium. Die Welt vernahm das Ereignis mit Staunen. Wie war das Unmögliche möglich geworden? Was hatte den König plötzlich so gänzlich umgewandelt? Das Alles hatte, es war die reine Wahrheit, eine Bajadere mit ihrem Tanzen getan, und der Name Lola Montez, bisher in weniger Leute Munde, erlangte mit einemmal historische Berühmtheit. In der Tat, die junge Schöne hatte das Herz des alternden Königs in Flammen gesetzt und schwang mit tollem Uebermut ihr Pantöffelchen über dem gesalbten Haupte. Wenn sie winkte, so flogen die Minister aus ihren Aemtern und die Professoren von ihren 323 Lehrstühlen. Mit der Reitpeitsche wies sie der hohen Polizei die Türe; den Studenten, die ihr ein Pereat vor dem Hause brachten, trank sie lachend Champagner zu und bewarf die zugeströmte drohende Menge mit Bonbons. Vor den Augen Europas spielte sich eine Staatsaktion ersten Ranges ab, wie eine lustige Operette. Lola Montez – unter diesem Namen hatte die Tänzerin sich eingeführt – war geboren zu Montrose in Schottland, die Tochter eines englischen Offiziers Gilbert und einer Kreolin Oliverras. Mit 15 Jahren war sie in Bath aus der Pension entlaufen, hatte sich mit einem jungen Kapitän James verheiratet und mit ihm nach Kalkutta eingeschifft. In den Offizierskreisen der ostindischen Kompagnie herrschte ein ausgelassenes Leben, in dieser Schule wurde sie zur Courtisane. Sie verließ ihren Mann, kehrte nach Europa zurück, vertauschte in Spanien, wo sie längere Zeit verweilte, ihren englischen Namen, wurde Tänzerin und ging aus einer Hand in die andere. In Paris erregte sie Aufsehen, und ein Journalist, Dujarrier, wurde ihrethalben im Duell erschossen. Von Paris aus besuchte sie die Bühnen der meisten Hauptstädte Europas, zuletzt, nach einer Kur bei Chelius in Heidelberg und einer Nachkur in Baden-B., reiste sie nach München, wo sie anfangs Oktober 1846 ihre erste Gastrolle gab und den König alsbald in Fesseln schlug. Wenn ich Sepp, der die meisten dieser Angaben gesammelt hat, richtig verstehe, so liebte der König das schöne Menschenbild nicht anders als wie er die schönen Marmorbilder seiner alten Pinakothek anbetend verehrte. Auch im Gedichte pries er die anmutige Heiterkeit und das Feuer der vermeinten Andalusierin: »Heitern Sinnes, froh und helle, Lebend in der Anmut hin, Schlank und zart, wie die Gazelle, Bist du, Andalusierin, Voll von Feuer, voll von Leben, Ist dein Wesen, ist dein Streben.« Der dringlichen Einreden Abels ungeachtet, verlieh der starrsinnige König der Tänzerin den Titel einer Gräfin von Landsberg und das bayerische Heimatrecht. Der Minister mußte gehen und Lola stieg von den Brettern, die nur die Welt bedeuten, auf die 324 wirkliche Weltbühne. Ein Hexensabbat ging in der bayerischen Hauptstadt los. Bisher hatten die Münchner sich nur beim Bierwalzer gedreht, jetzt schwenkten sie sich im raschen Tempo des Bolero und Fandango. Wenn die Tänzerin mit den Castagnetten klapperte, hüpfte jung und alt. Auch den Pöbel erfaßte der Taumel, und der Thron begann in den Fugen zu knarren. Nur die Geistlichkeit hielt sich fest auf den Beinen und wartete die rechte Zeit ab, um den Zauber zu bannen. Wie man sich denken kann, war unsere Neugierde, die schöne Circe zu sehen, groß. Zweimal war die Gelegenheit mir günstig, ihr Bild, und zweimal, sie selbst zu betrachten. Maler Sudler hatte uns in Kaulbachs Atelier geführt. Der berühmte Künstler hatte Lola auf des Königs Geheiß gemalt, ihr aber einen widrigen Ausdruck gegeben. Der König war darüber entrüstet und verschwieg sein Mißfallen nicht: »Kaulbach, Sie haben eine Giftmischerin gemalt und nicht die Gräfin Landsberg!« – Es ließ sich nicht leugnen, das Bild Kaulbachs schmeichelte ihr nicht. Dagegen war das Porträt gelungen, das Stieler gemalt hatte; es hing unter den Frauenbildern der Schönheitsgalerie im Festsaalbau der Residenz, der Betrachtung des Publikums zugänglich. Hier nahm ich es mit Freund Bronner in Augenschein. Wir eilten hinter dem Lakaien, der mit der ganzen Würde eines königlichen Bedienten dem Schwarme der Besucher vorausging, in raschem Trabe durch die Säle. Plötzlich stockte der Zug in der Galerie und drängte sich auf einen Knäuel zusammen. Der Führer verweilte, bis sich alle um ihn gesammelt, deutete auf eins der Bilder und rief mit sonorer Stimme respektvoll: »Sennora Dolores Montez, Gräfin von Landsberg.« Niemand wollte sich von dem Bilde trennen, aber der Führer schritt weiter, der Zug setzte sich wieder in Bewegung, immerhin war es uns beiden gelungen, das Porträt genügend zu betrachten. Sennora Montez erschien uns wirklich würdig, unter diesen ausgewählten Schönen als eine der reizendsten zu prangen. In Person sahen wir den Gegenstand der allgemeinen Neugierde zuerst im Hoftheater. Der König, die Herzogin von Leuchtenberg, die Kaiserin Witwe von Brasilien und ihre Tochter beehrten die Vorstellung mit ihrer Gegenwart, die Taglioni tanzte. Lola saß in einer 325 Loge ersten Ranges, an die Brüstung gelehnt, gut sichtbar. Der König und sie klatschten den meisten Beifall. – Am folgenden Tage sah ich sie ganz in der Nähe, von Angesicht zu Angesicht. Der Weg führte mich durch die Barer Straße an dem Hause vorüber, das ihr der König geschenkt hatte. Sie saß am Fenster zu ebener Erde, den Blick abwärts gerichtet. Ich erkannte sie, blieb stehen und prüfte ihre Züge aufmerksam. Sie glich genau dem Bilde in der Schönheitsgalerie, war wirklich reizend, hatte schwarze Haare und tiefblaue Augen. Plötzlich bemerkte sie mich, lachte und verließ das Fenster. Wer weiß heute noch viel von Dolores Montez? – »Wenn die Dolores vorbei sind, hören die Schmerzen auf,« witzelten die Münchner fliegenden Blätter, nachdem ein allerhöchster Befehl die Gräfin Landsberg am 11. Februar 1848 gezwungen hatte, binnen einer Stunde abzureisen und das Land zu verlassen. Der Hexentanz war zu Ende; ein Aufruhr, geschürt und ausgenützt von den Ultramontanen, hatte den König genötigt, sie preiszugeben. »Hieße sie Loyola Montez,« grollte er, »so wäre alles still geblieben.« Am 20. Februar legte er im 61. Jahre seines tätigen Lebens, des Regierens müde, das Zepter nieder mit dem Geständnis: »eine neue, ihm fremde Zeitrechnung habe begonnen.« Sein edler Sohn, Maximilian II., ergriff es mit der Versicherung: »dieser Zeit Gebote zu verstehen und auch zu vollbringen,« und hielt Wort. Die Ausgewiesene spielte sich auf als Befreierin Bayerns aus den Banden der Ultramontanen. Sie hielt Vorträge in der alten und neuen Welt, schriftstellerte über die Kunst, die Schönheit zu erhalten, verheiratete sich noch mehrmals, wurde schwindsüchtig, gelähmt, bußfertig und starb im Elend zu Greenwood bei New-York. Auf ihrem Grabsteine steht geschrieben: » Mrs. Eliza Gilbert, died January 17, 1861, aged 41 years. « Die wenigen Worte lassen nicht erraten, wer die Eliza Gilbert war, deren Gebeine unter dem Rasen modern. Verständlicher wäre die Aufschrift: »Wanderer, störe den Schlummer der müden Tänzerin nicht, die hier ruht. Sie war die ausgelassenste ihres Jahrhunderts: Dolores Montez .« 326     Schleißheim und Abschied von München. Zu unserer großen Freude trafen wir in München Freund Sigmund Pfeufer, er beendete eben sein Staatsexamen. Wir machten am Mittwoch vor dem Fronleichnamstag mit ihm einen Ausflug nach Schleißheim, um die dortige Bildergalerie zu sehen; Onkel und Nichte, auch unser Landsmann Sudler, schlossen sich uns an. Der Tag verlief äußerst vergnügt. Die strotzenden Wangen Josephinchens – so hieß die Nichte – blühten noch rosiger als sonst, und ein Strahl sonniger Heiterkeit stahl sich sogar von der Jugend auf das sauertöpfige Gesicht des Onkels. Von den vielen Gemälden, die das alte kurfürstliche Schloß in Schleißheim damals bewahrte, ist mir kein einziges in Erinnerung geblieben, wohl aber ein kleines Abenteuer, wozu die muntere Nichte Anlaß gab. Als gewissenhafter Geschichtschreiber darf ich es nicht verschweigen. Der Onkel, der Maler und ich waren mit dem Führer bereits in dem letzten Saale angelangt, die Nichte mit Bronner und Pfeufer in dem dahinter gelegenen Saale zurückgeblieben. Ermüdet von dem vielen Schauen achtete ich nur mit halbem Ohr auf die eintönige Erklärung der Gemälde, da vernahm ich deutlich ein Pfeifen im Walzertakt und ein Schleifen von tanzenden Füßen; die Laute kamen aus dem Nebensaale. Auch der Führer schien sie zu hören, er hielt einen Augenblick mit dem Erklären inne und lauschte; plötzlich tönte es dumpf wie ein schwerer Fall; hurtig lief er in den Saal zurück, und besorgt eilte ich ihm nach. Er sah sich prüfend an allen vier 327 Wänden um, die Gemälde hingen sämtlich in richtiger Verfassung an ihren Stellen, befriedigt kehrte er zurück, ohne auf die Gesellschaft weiter zu achten. Ich dagegen betrachtete sie mit neugierigen Augen. Was konnte geschehen sein? Josephinchen stand da, purpurübergossen, das Bild größter Verlegenheit, Pfeufer, ebenfalls verlegen, lächelte, nur Bronner sah frei von Befangenheit vergnügt darein. Von ihm erfuhr ich, was sich eben zugetragen. Die junge Dame hatte ihre Aufmerksamkeit nicht lange auf die alten Gemälde gerichtet, weit mehr interessierten sie die Spiegel und Konsols und vor allem der prächtig eingelegte Fußboden. »Wie schade!« rief sie ihren Kavalieren zu, »ein Parkett, so herrlich und glatt und gänzlich unbenützt!« Kaum hatte sie diese Andeutung gemacht, so faßte sie Pfeufer um die Hüfte, Bronner pfiff, und das Pärchen drehte sich durch den Saal. Plötzlich brachte das tückische Parkett Josephinchen zu Fall, sie zog ihren Tänzer nach, doch wie der Blitz raffte sich dieser elastisch empor und die Dame mit. Als der Führer eintrat, standen beide wieder fest auf den Füßen. Diese Vorgänge hatten sich sehr rasch abgespielt und entgingen dem Onkel gänzlich. Obwohl er hinreichend bibelkundig war, verstand er doch die versteckten Anspielungen nicht, die auf dem Heimwege fielen, die alte, ewig sich wiederholende Geschichte von Adam und Eva, dem Sündenfall, und ach! dem verlornen Paradiese. Am Fronleichnamstag waren wir begierig, die große Prozession zu sehen. Der Maler führte Bronner und mich morgens bei guter Zeit in ein passend gelegenes Kaffeehaus, wo wir im ersten Stock ein Fenster in Beschlag nahmen, vor dem die Prozession defilierte; zu uns gesellte sich das zutrauliche Nannerl, die fesche Kellnerin des Hauses, und gab uns manche erwünschte Auskunft. Der Zug war großartig. Der Erzbischof mit der Geistlichkeit, der König mit den Prinzen, der Hofstaat, Adel und Minister, Militär und Bürger, Männer und Frauen, alt und jung, zogen mit Musik, betend und singend, viele nur plaudernd, vorüber. Auch Ringseis sah ich hier zum ersten und letzten Mal, er durfte nicht fehlen. Ganz gegen Ende des Zugs kam psalmodierend ein Trupp Franziskaner. »Jetzt paßt auf!« kicherte das Nannerl, »seht ihr den Dicken in der Mitte? er 328 wird gleich heraufschauen und mir zuwinken.« – So geschah es. Der Dicke in der Kutte blickte zu Nannerl herauf, winkte und schmunzelte. Der Tag war heiß, und die Andächtigen strömten nach der Prozession durstig in die Bierkeller. In der Fronleichnamsoktave wird der berühmte Bock ausgeschenkt; wir wollten die Gelegenheit nicht versäumen, ihn an der Quelle zu kosten, und zogen nach einem mit Bäumen bepflanzten Hofraum in der Nähe des Hofbräuhauses, wo er verzapft wurde. Es ging da lustig zu, gedruckte Bocklieder wurden ausgeteilt und gesungen, eine Nachfeier der Prozession. Am folgenden Morgen nahmen wir Abschied von München und fuhren in die Berge. 329     Tegernsee und der Schandl. Wir hatten unsre Koffer von Hause nach Wien voraus spedieren lassen, und wanderten mit leichten, über die Schultern gehängten Taschen in die Alpen. Bis Tegernsee benützten wir den Stellwagen. Dahin fuhren auch mit uns Onkel und Nichte, die einen schweren Koffer mit sich führten und in Tegernsee einige Tage verweilen wollten, während wir nur zu übernachten beschlossen, um noch einen letzten Abend mit der Nichte zuzubringen und am Morgen darauf früh nach Tirol aufzubrechen. Aber das Schicksal bestimmte es anders. Der Onkel hatte in München in Erfahrung gebracht, daß es seit kurzem in Tegernsee außer dem Gasthof zur Post einen neuen »zum Schandl« gebe, der ebenso gut und billiger sei, auch schöner und höher liege. Dort wollte er sich einmieten, und wir folgten bereitwillig seinem Vorschlag, gleichfalls in dem Schandl abzusteigen. Bei der Ankunft in Tegernsee hielt der Stellwagen am Gasthof zur Post; die Dienstboten dieses Hauses weigerten sich, den Koffer unseres Reisegefährten in einen andern Gasthof zu tragen, er mußte sich nach Trägern im Orte umsehen und schlug uns vor, einstweilen mit der Nichte voranzugehen und im Schandl Quartiere zu bestellen. Die Nichte in unsrer Mitte, stiegen wir einem kleinen Bach entlang bergan, gingen aber fehl. Entweder verstanden wir die Leute nicht, die wir nach dem Weg zum Schandl fragten, oder sie verstanden uns nicht. Nachdem wir länger als eine Viertelstunde gestiegen waren, wurden wir erst richtig belehrt, mußten umkehren, 330 denselben Weg bergab gehen und einen Brückensteg überschreiten, um auf der andern Seite zu dem Schandl zu gelangen. Als wir die Brücke erreicht hatten, wechselte mein Freund einen Blick mit der jungen Dame, den sie ohne weitere Erklärung verstand. Die Brücke war nagelneu, hinreichend breit und glatt, und sie chassierten hinüber. Dann eilten wir zu dem nahen Schandl. Der Gasthof hatte ganz und gar ein ländliches Aussehen; um in das Haus zu kommen, gingen wir durch einen geräumigen Hof. Hier stand bei Wirt und Wirtin der Onkel mit rotem, zornigem Gesicht, er war offenbar außer sich, weil wir noch nicht eingetroffen waren, und machte seinem großen Aerger mit Schelten Luft. Ein wenig abseits standen Knecht und Magd und konnten ihre Freude über das Schauspiel, das der fremde Herr vor ihnen aufführte, nicht verbergen, sie brannten offenbar vor Begierde, die Scene zu genießen, die es jetzt bei unserem Eintreffen absetzen würde. Wir eilten sofort auf den Onkel zu, um uns zu entschuldigen, aber er achtete auf Bronner und mich nicht, sondern wandte sich nur an die Nichte und zeigte ihr seine rechte Hand, woran die Haut ein wenig abgeschürft war. Er hatte nur einen Träger für seinen Koffer aufgetrieben und in seiner Ungeduld mitgeholfen, ihn heraufzuschaffen, statt den Schandlwirt dafür sorgen zu lassen. »Schau her, wie ich zugerichtet bin,« rief er der Nichte zu, »während ich mich mit dem Gepäck abquäle, läufst du mit den jungen Herren in den Bergen herum, statt hier Quartier zu bestellen.« Vergebens versuchten wir es nochmals, alle Schuld auf uns zu nehmen; er ließ uns nicht zu Worte kommen und wies uns barsch ab: »Ich habe nicht mit Ihnen zu rechten, sondern einzig mit meiner Nichte.« Ich schämte mich vor den Wirtsleuten und Dienstboten, wandte mich an meinen Freund und forderte ihn auf, mit mir ins Haus zu gehen, mit der Bemerkung: es sei doch sonderbar, daß der Herr unsere Entschuldigung nicht einmal anhören wolle. Damit schlug ich dem Fasse den Boden vollends aus. Der Alte hatte in Göttingen zu einer Zeit studiert, wo das Wort »sonderbar« einen »Tusch« bedeutete und auf der Mensur gesühnt werden mußte. Ich hatte nicht entfernt daran gedacht, ihn zu beleidigen und ein Duell herbeizuführen; er aber rief, 331 aufs äußerste erregt: »Mein Herr, Ihre Herausforderung beachte ich nicht. Meine Kirche verbietet den Zweikampf. Sie beleidigen mich vergeblich!« – Hierauf ergriff er den Arm der Nichte, die sich mäuschenstill verhielt, und führte sie ins Haus. Auch wir verlangten ein Zimmer und hielten Rat, was zu tun. Mit dem alten Hitzkopf konnten wir nicht länger verkehren, wir beschlossen, ohne Säumen aufzubrechen und noch heute nach Kreuth zu wandern. Wir waren gerade zu diesem Entschluß gelangt, als wir durchs Fenster Onkel und Nichte zum See hinabgehen sahen; vermutlich wollte er seinen Zorn im Freien abkühlen. Somit hatten wir keine Begegnung mehr im Hause zu fürchten. Wir hatten in München die Gedichte Kobells in oberbayerischer Mundart als Andenken für die Nichte eingekauft, schrieben jetzt eine freundliche Widmung in das Buch und ließen es auf ihr Zimmer tragen. Dann hängten wir unsere Täschchen um und machten uns auf den Weg nach Kreuth. Eine Zeitlang gingen wir verstimmt neben einander her. Unser Wörterbuch war um ein neues Wort reicher geworden. Schandl bedeutete in Zukunft ein plötzliches Zerwürfnis unter Reisegefährten, einen Riß, der ein kaum geknüpftes Band Knall und Fall und für immer löste. Bald jedoch verscheuchte die frische Luft der Berge Verdruß und Betrübnis. Wir trösteten uns mit einem Schnaderhüpferl eigner Poesie: Auf Reisen da gibt's halt Oft plötzlich einen Wandl, Die Freundschaft vom Morgen Wird abends zum Schandl. In Kreuth schmeckte uns das Abendbrot ganz gut, und als wir unsere Betten aufsuchten, weihten wir, eingedenk der göttlichen Taglioni und der Zauberin Lola, ein Viertelstündchen der edeln Tanzkunst, bevor wir uns niederlegten und in tiefen, erquickenden Schlummer sanken. 332     Tirol. In früher Morgenstunde überschritten wir die bayerische Grenze und tranken am Achensee den ersten Tirolerwein. Beim schönsten Sonnenschein trug uns ein Nachen über den träumerischen See, und wir gingen hinab ins Inntal, wo wir in Jenbach übernachteten. Der nächste Tag war ein Sonntag. Am vormittag sahen wir in Schwatz einen malerischen Aufzug von Bergknappen, die ihren Schutzheiligen feierten; nachmittags erfreuten wir uns auf dem Berg Isel bei Innsbruck an dem Treiben der Kaiserjäger und des tiroler Volks in seinem bunten Sonntagsschmuck. Den ganzen Montag widmeten wir den Sehenswürdigkeiten der tiroler Hauptstadt und wanderten am Dienstag, vom Wetter stets begünstigt, durch das Inntal zurück in das Zillertal. Wir waren nicht lange gegangen, so kamen wir an ein Gasthaus mit dem Schilde zum Erzherzog Johann und sahen auf der Steintreppe des Hauses einige junge Tiroler festlich geschmückt mit Federn und wehenden Bändern an den Hüten. Was mochte da los sein? Wir fragten, was für ein Fest man begehe, und erhielten artige Auskunft. Der Wirt hatte zur Feier seiner Hochzeit die Bewohner des Tals geladen, auch wir waren willkommene Gäste, wenn wir an dem Feste teilnehmen wollten; gegen Erlegung eines Guldens konnten wir mitschmausen und mittanzen nach Herzenslust, für saubere Diandln versprachen uns die Burschen zu sorgen. Dieser verlockenden Aufforderung, eine Tiroler Hochzeit mitzumachen, widerstanden wir nicht; wir zahlten unsern Gulden, und die 333 neuen Freunde hielten Wort. Zunächst knüpften sie an unsere Hüte als Zeichen, daß wir berechtigte Gäste seien, rote Korduanstreifen, die über unsern Nacken lang herabhingen und sich seltsam genug an den hohen Zylindern ausnahmen. Wir trugen auf der Reise, worüber man sich heute verwundern dürfte, wie es aber damals häufig Brauch war, solche, von den Studenten Angströhren oder Schlote genannte Hüte. Bronner hatte den seinigen, einen schwarzen Filzhut, von Paris mitgebracht, ich den meinigen, einen grauen Klapphut oder Chapeau claque , in Heidelberg als Pariser Neuigkeit angeschafft. Nachdem wir so von den Burschen herausstaffiert worden, führten sie jedem von uns eine holde Jungfrau aus den Hütten des Tales zu, sie sollten unsre untrennbaren Partnerinnen sein an den Tafel und Tanzfreuden des Hochzeitsfestes bis zum nächsten Morgen. Die Gäste waren bereits zahlreich versammelt, und noch immer strömten neue herbei. Es war bald Mittag, ein guter Bratenduft kam von der Küche, und im Tanzsaal stimmten die Musikanten bereits die Geigen. Man ging paarweise hinter einander zu Tische; auch wir gingen im Zuge, die Diandln am Arm, und nahmen mit ihnen Platz. Mächtige Schüsseln mit dampfender Suppe wurden aufgetragen und aus tiefen Tellern mit ruhigem Behagen geschlürft. Der erste Gang war damit beendet, wir brachen auf und wieder in geschlossenem Zuge wanderten die Paare zum Tanzsaal. Wir drehten uns rüstig im Walzer, und genau eine Stunde, nachdem wir uns zum ersten Gange gesetzt hatten, saßen wir wieder im Speisesaal beim zweiten. In dieser Ordnung wechselten von Stunde zu Stunde Schmaus und Tanz bis in die tiefe Nacht. Sicherlich wäre das Fest einförmig geworden, aber Sänger und Jodler ließen sich zwischen hinein hören, und ausgezeichnete Tänzer und Tänzerinnen zeigten ihre Künste, wodurch es zu angenehmer Abwechslung kam. In besonderer Erinnerung ist mir ein Liebeslied, das ein flotter Bursche zum besten gab, ein Spottlied zugleich auf die Pinzgauer Sennen des Salzburger Grenzlandes. Der Zillertäler ahmte einen Pinzgauer nach, der, mit einem dicken Halse behaftet, dem Diandl in Vierzeilern seine heiße Liebe gesteht. Mit jeder Zeile drückt das 334 harte Kröpferl schwerer auf seine Kehle und wird die Stimmritze enger, Liebes- und Atemnot streiten sich in seinen Mienen, bis die Stimme zuletzt in einem langgezogenen, heiseren Geräusch gänzlich erstickt. Erschöpft schaut er kläglich umher, das mitleidlose Publikum lacht, aber er beginnt aufs neue einen Vers des Liedes mit demselben jammervollen Schlusse. Im Laufe des Nachmittags kam ein schmuckes Ehepaar angefahren, angesehene Wirtsleute aus dem Tal und Meister im Schuhplattler, dem Tanze der Aelpler. Die Gesellschaft hieß sie freudig willkommen, bildete im Tanzsaal einen Kreis, in dessen Mitte das Paar die Zuschauer entzückte, er durch geschmeidige Kraft, sie durch gewinnende Anmut. Nach einigen weiteren Gängen und Tänzen waren wir des Festes satt und müde. Die jungen Tiroler hatten uns natürlich nicht die feinste Blüte des Zillertals zugeführt, die behielten sie lieber für sich. Zwar unsre Diandln waren gute Seelen und flink auf den Beinen, aber ein Schnaderhüpferl paßte auf die lieben Kinder und kam mir nicht aus dem Sinn, es lautete, so viel ich mich noch erinnere: Mein Diandl ist sauber, Mein' Lust und mein' Freud, Sie melket die Geißen Und ist nit zu g'scheit. Ich verstand zu wenig von der Melkwirtschaft, und unsre Unterhaltung kam deshalb öfters ins Stocken. Meinem Freunde Bronner ging es nicht besser. Wir verständigten uns durch Winke, verabschiedeten uns unter einem glaubwürdigen Vorwand und gingen aus dem Hause, um durch einen Spaziergang das Selchfleisch und die Knödeln des letzten Ganges besser zu verdauen. Im Begriffe, das Haus zu verlassen, sahen wir ein offenes Fuhrwerk vorfahren, Onkel und Nichte saßen darin und bemerkten uns. Josephinchen begrüßte uns mit freudigem Zuruf, auch der Onkel grüßte leicht, sein Zorn schien verraucht. Sie stiegen ab, wir konnten der Begegnung nicht ausweichen, die Nichte erzählte uns, 335 daß der Onkel sich im Tale eingemietet habe und, weil sie von der Hochzeit gehört hätten, mit ihr hergefahren sei, damit sie das Treiben sich ansehe. Wir wünschten ihr viel Vergnügen, gingen aber nicht in das Wirtshaus zurück, denn es fehlte uns jede Lust, die Bekanntschaft mit dem reizbaren Onkel zu erneuern, und führten den beschlossenen Spaziergang aus. Als wir am Abend heimkamen, waren unsre alten Reisegefährten auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Der Rest des Abends verstrich im Herrenstübchen in guter Unterhaltung mit den Notabeln des Tals. Darunter befanden sich weitgereiste Leute, die auch unsre Heimat kannten. Für die Nacht war uns ein ruhiges Zimmer abseits vom Festlärm angewiesen worden. Wir schliefen gut, bis uns vor Tagesanbruch eine greuliche Katzenmusik erweckte. Als sich die Neuvermählten endlich vom Feste auf ihr Zimmer geschlichen hatten, war ihre Abwesenheit bemerkt worden, und die ledige Jugend versuchte nach altem Brauche des Tals, die zärtliche Unterhaltung des Paares zu stören. Der Lärm trieb uns aus Bett und Haus, wir brachen nüchtern auf, nahmen unser Frühstück erst in dem nahen Zell, dem Hauptorte des Tals, und machten uns dann auf die Wanderung über die hohe Gerlos in das Pinzgau. 336     Das Salzburger Land. Auf der hohen Gerlos schlug das Wetter um; wir gingen, es war am 9. Juni, eine Stunde lang in starkem Schneegestöber und kamen durchnäßt abends in Krimml an. Am andern Morgen besichtigten wir die großartigen Wasserfälle und gingen im Regen die Straße durch das Pinzgau herab. Dabei summten wir, um uns bei guter Stimmung zu erhalten, das schöne Lied vor uns hin, das wir so oft als Studenten gesungen, von der Pinzgauer Wallfahrt. Was uns früher unverständlich geblieben, begriffen wir jetzt beim Wandern, warum das Lied den Pinzgauern nachsagt: »Sie taten gerne singen und kunnten's nit gar schön.« Wir fanden wirklich bestätigt, was der Zillertaler Sänger bei der Hochzeit zwei Tage zuvor höhnend uns angedeutet hatte: die Bewohner des Gaus, Männer und Frauen, trugen sämtlich eine Last am Halse, die dem Wohllaut des Gesanges nicht förderlich ist. Der Regen nahm so überhand, daß wir uns ein Fuhrwerk verschafften, um rascher vom Fleck zu kommen. Am Eingang der Rauris hellte sich der Himmel etwas auf. Wir besahen uns den Kitzlochfall und verglichen ihn sinnend mit dem Krimmlfall, als es eben wieder zu regnen begann. Das berühmte Distichon der Arkaden, das Rom und Florenz mit einander vergleicht und den Geboten der Prosodie selbstherrlich Trotz bietet, ward uns Vorbild. Gerade der klassische Zweizeiler schien uns am besten geeignet, unser Urteil poetisch einzukleiden. Ist doch das Distichon nach Schiller selbst ein herrlicher Springquell: »im Hexameter steigt die flüssige Säule, im Pentameter 337 drauf fällt sie melodisch herab.« Also machten wir uns ans Werk und ließen das Wasser des Wildbachs im Hexameter kühn über die Versklippen hinwegsetzen, wobei es auf einen Fuß mehr oder weniger nicht ankam, im Pentameter drauf anmutig tanzen durchs Tal. Kitzlochfall, dir fehlt, was der Krimmlfall hat, diesem, was jener, Wär' euer Wasser vereint, wär' es des Wassers zuviel. Uns war schon der Regen zuviel geworden; wir waren herzlich froh, unsre durchweichten Kleider in einer Mühle, wo wir ein gutes Unterkommen fanden, am Herdfeuer getrocknet zu bekommen. Am 11. Juni stiegen wir durch den Klammpaß hinauf ins Gasteiner Tal. Bei Hofgastein überraschte uns ein Schneegestöber, wie drei Tage zuvor auf der Gerlos. Wir kehrten »beim Moser« ein und speisten recht gut an der Mittagstafel für 20 Kreuzer Münz. Mit uns teilten am Tisch das Mahl der kaiserliche Badearzt und einige kaiserliche Offiziere, die zur Kur hier verweilten. Nach Tische zeigte uns der freundliche Herr Kollege die Badeeinrichtungen und belehrte uns über die Tugenden der Gasteiner Thermen. »Die chemische Analyse,« so schloß er seinen Vortrag, »findet in unsern Thermen nichts als warmes Wasser, aber die Herrn Chemiker haben das feine Prinzip, was darin wirkt, den Brunnengeist, noch nicht erwischt. Er hält sich versteckt, doch kann man ihn deutlich wahrnehmen, wenn man gute Riechnerven besitzt. Belieben die Herren nur zu prüfen!« – Wir prüften; ein leichter, wenn auch kein feiner Geruch war in dem Badezimmer nicht zu verkennen. Die meisten badeärztlichen Schriftsteller jener Zeit waren noch voll des Lobs der Brunnengeister ihrer Quellen und streuten ihnen Weihrauch, bald in Prosa, bald in Versen. Einer von meinen Kollegen in der Freiburger Fakultät der sechziger Jahre, ein geschätzter Balneologe, hatte in begeisterter Andacht den Stahlbrunnen des Renchtals eine feurige Hymne gesungen, der Hauptvers lautete: »Das ist der flüchtige Brunnengeist, Der schwellend durch die Adern kreist Und mit der wunderbarsten Kraft Im Körper neues Leben schafft.« 338 Er klagte mir eines Tages bitter, daß seine badeärztlichen Kollegen seine Verse, ohne ihn zu nennen, in ihre Brunnenschriften aufnähmen. Ich versuchte vergebens ihn zu trösten. – Dem Publikum leuchtete der Renchtaler Eisengeist schon deshalb ein, weil das Renchtal neben dem Eisengeist auch einen ausgezeichneten Kirschengeist hervorbringt. Von Hofgastein gingen wir nachmittags nach Bad Gastein. Der »Straubinger« nahm uns nicht auf; für diesen vornehmen Gasthof war vermutlich unser Reisegepäck zu leicht. Man wies uns von da zum »oberen Krämer«, der uns Obdach gab. Nachdem wir uns in dem schönen Kurort genügend umgesehen und durch ein Bad erquickt hatten, nahm uns am nächsten Tage nach Tisch ein Kutscher aus Salzburg als Rückfracht mit. Vor der Abfahrt meldete sich noch ein dritter Fahrgast in Gestalt eines hochwürdigen Herrn, eines Kuraten, mit dem wir uns gut unterhielten. Er war ein belesener Mann und warmer Verehrer der Professoren der Theologie Staudenmaier und Hirscher in Freiburg. – In seiner Gesellschaft kamen wir abends nach Werfen. In diesem hübsch gelegenen Marktflecken stiegen wir am Gasthof zur Post ab. Wir bestellten ein Zimmer und setzten uns sogleich zu Tische. Auch der Kurat verlangte ein Zimmer, ging aber, ohne ins Haus zu treten, zunächst zu seinem Amtsbruder, dem Ortsgeistlichen, um wegen der Frühmesse am nächsten Morgen Rücksprache zu nehmen. Während wir unsern Appetit stillten, kam der Wirt, um zu fragen, ob es uns störe, wenn der hochwürdige Herr über Nacht das Zimmer, das er uns versprochen habe, mit uns teile, es sei das einzige, das in dem stark besetzten Hause zur Verfügung stehe, und es habe drei Betten. Wir blickten uns verlegen an, doch faßte ich mich rasch und erwiderte: der Herr Kurat werde uns nicht stören, wir aber ihn, wie ich fürchte, denn uns binde ein Gelübde, wir müßten alle Abend vor dem Schlafengehen Fandango tanzen. Der Wirt verzog keine Miene und ging. Als wir bald darauf nach unserem Zimmer verlangten, führte uns der Hausknecht über die Straße in ein Privathaus und schloß uns darin eine gute Stube mit zwei Betten auf. Ohne ein Wort zu wechseln, machten wir uns an die 339 Erfüllung unseres Gelübdes. In einem Zimmer neben uns hörten wir laute Stimmen in lebhafter Unterhaltung, die sofort verstummten, als der Tanz begann. An diesem Abend übertraf mein Freund, der ungemein gelenkig war, die Lola und selbst die Taglioni. Unfähig, es ihm gleich zu tun, warf ich mich, vor Lachen fast erstickt, in die Kissen, bald bestieg auch er, sehr befriedigt von seinen Leistungen in dem höheren Gebiete der Tanzkunst das Lager. In dem Nebenzimmer war es wieder laut geworden, wir aber wurden stille und schliefen vortrefflich. Bei Anbruch des Tages und prächtigem Wetter fuhren wir weiter nach Salzburg, kamen gegen Abend in der wunderschönen Stadt an, die der Welt den göttlichen Mozart beschert hat, und stiegen im Mohren ab. Die Küche dieses Gasthofs stand in großem Rufe und wir fanden, es war Sonntag, das Speisezimmer mit Salzburger Bürgern und ihren schöneren Hälften dicht besetzt. Beim Mustern des Speisezettels fiel uns ein Gericht auf, das wir nicht kannten: »gebackene Aeutern« Mein Freund wandte sich an eine hübsche Frau, die ihm zur Seite saß, und erkundigte sich, was die Aeutern bedeuteten, ob es vielleicht Fische seien? Aber die Schöne errötete sittsam und schwieg. Er geriet in Verlegenheit und fürchtete, eine unschickliche Frage gestellt zu haben. Der Gatte der Nachbarin, gerührt von des Fremden Unschuld, klärte ihn auf: Aeutern seien gebackene Kuheutern und in Salzburg ein beliebtes Essen. Bronner dankte und entschuldigte sich bei der Frau Nachbarin, sie schwieg noch immer, schien jedoch beruhigt, denn offenbar hatte der fremde Gast nicht daran gedacht, ihr zu nahe zu treten. Wir verzichteten übrigens auf die Aeutern, und dieser Leckerbissen ist mir bis heute noch nicht zu teil geworden. Nach Tische gewährte uns der Mönchsberg das Schauspiel eines Sonnenunterganges von unvergeßlicher Schönheit. Wir verweilten zwei Tage in Salzburg, besahen das Grabdenkmal des großen medizinischen Kraftgenies, der sein Wanderleben hier beschlossen hat, des Theophrastus Bombastus Paracelsus ab Hohenheim, besuchten den Friedhof, wo Mozarts Constanze ruht, und machten einen Ausflug über Berchtesgaden nach dem Königssee. 340 In dem Stellwagen nach Berchtesgaden fuhr mit uns ein Kleeblatt von Reisenden, das sich in München zusammengefunden hatte, wie man es nicht wunderlicher hätte zusammensetzen können: ein baumstarker Brauereibesitzer von Passau, ein dünner, schwächlicher Kanzleibeamter aus Pest, und ein langer, schlanker dänischer Offizier. Der Bierbrauer war ein jovialer Mensch, der an derben Spässen seine Freude hatte, der Ungar ein drolliges Männchen mit einer schwarzen Perücke, die auf dem völlig kahlen Haupte ewig unruhig hin und her rutschte, der Däne, ein junger Mann von guter Lebensart, hatte sich wohl nur aus Mangel an besserer Gesellschaft diesen beiden angeschlossen. Der Brauer trieb fortwährend sein Spiel mit dem kleinen Ungarn, wie ein großer Jagdhund mit einem possierlichen Dackerl. Diesem Kleeblatt begegneten wir nochmals am Tage darauf in dem Gasthof auf dem Gaisberg, den wir bestiegen hatten, um oben zu übernachten und am folgenden Morgen zu dem Wolfgangsee in das Salzkammergut hinabzusteigen. Die drei waren vor uns angekommen und saßen in dem Wirtszimmer vergnügt beim Weine. Der Passauer trieb wie tags zuvor seine derben Scherze mit dem Ungarn, und der Däne machte den Zuschauer. Gerade sahen wir die Perücke des Ungarn sich lebhaft nach vorn hin bewegen, der Bayer saß gegenüber, sprang plötzlich in die Höhe und holte sie mit einem kühnen Griffe. Den kahlen Schädel beleuchtete die Abendsonne mit ihren letzten Strahlen. Der Bayer lachte unbändig über sein gelungenes Attentat, der Skalpierte saß, wie vom Blitze getroffen, eine kurze Weile stumm und starr auf seinem Stuhle, plötzlich sprang auch er empor, wütend vor Zorn, der ihn dem Bayern noch possierlicher machte, und drang mit geballten Fäusten auf den Schänder seines Hauptes ein. Dieser, immer toller lachend, lief hurtig mit der Perücke davon und der Ungar hinterdrein, der Däne schämte sich seiner Gefährten und verschwand. Neuer Lärm vor dem Hause trieb uns an das Fenster. Der Bayer setzte dem Ungarn gerade wieder die Perücke aufs Haupt und versuchte, ihn zu besänftigen, aber der tief gekränkte kleine Mann blieb unversöhnlich. Der Gaisberg war dem Kleeblatt zum Schandl geworden.     Das Salzkammergut. Vom Gaisberg gingen wir an den St. Wolfgangsee herab und nahmen nachmittags in St. Gilgen eine Erfrischung. Jenseits des Sees ragte der Schafberg empor, der Rigi des Salzkammerguts, den wir ersteigen wollten. Er ist 1750 m hoch und bietet eine der schönsten und weitesten Aussichten in den östlichen Alpen. Auf seinem Gipfel stand ein kleines Gasthaus, das später abbrannte und durch ein größeres ersetzt wurde. In St. Gilgen versicherte man uns, das Haus oben sei in diesen Tagen bereits für Gäste geöffnet worden, weshalb wir aufbrachen, obwohl es schon vier Uhr war, in der sicheren Erwartung, dort Unterkunft zu finden. Wir nahmen weder Führer noch Proviant mit. Nachdem wir über die Hälfte des Wegs zurückgelegt hatten, gingen wir fehl und mußten eine Zeitlang aufs Geratewohl emporsteigen, bis wir bei zwei leerstehenden Sennhütten den richtigen Pfad wieder fanden. Als wir den Gipfel erreichten, war die Sonne am Untergehen, die Aussicht entzückend, das Gasthaus aber verschlossen und noch nicht bezogen. Unsre Lage war höchst verdrießlich. Nach kurzem Beraten beschlossen wir, sogleich umzukehren, um vor völliger Dunkelheit die Sennhütten, an denen wir beim Aufsteigen vorüber gekommen waren, zu erreichen und hier die Nacht zuzubringen. In diesem Augenblick sahen wir einen Arbeiter hinter den Felsen hervorkommen, einen Mann in den Vierzigen, der als Maurer hier oben zu tun gehabt hatte, und sich uns jetzt als Helfer in der Not erwies. 342 Er verfügte über Schwarzbrot, Schmalz und Salz, eine Pfanne, um Suppe darin zu bereiten, und einen Löffel, um sie zu speisen. Wasser war in der Nähe, Becher hatten wir selbst. Bald knisterte ein kleines Herdfeuer zwischen den Steinen, an denen es da oben nicht fehlte, und es währte nicht lange, so konnten wir unsere knurrenden Mägen stillen. Die Nacht war inzwischen hereingebrochen. Unser Wohltäter legte eine Leiter ans Haus, und wir stiegen mit ihm in einen engen Raum unter dem Dach, wo wir in altem Stroh ein Lager fanden. Ein kalter Wind strich durch die Sparren, ich fror, namentlich an den Beinen, trotzdem sank ich in Schlaf. Als wir uns frühe erhoben, waren meine Knie steif und schmerzhaft, wie im Winter in den ersten Tagen des Rheumatismus. Unter Schmerzen stieg ich mit meinem Freunde nach St. Wolfgang hinab, wo der Maurer wohnte, der uns den Führer machte. Hier mieteten wir ein Fuhrwerk nach Ischl. Ich kam besser davon, als ich erwartete. Nach einer gut durchschlafenen Nacht im warmen Bette fühlte ich mich wohler, nahm noch ein warmes Bad und konnte meinen Freund auf kleinen Spaziergängen begleiten. – Seit dieser Nacht auf dem Schafberg behielt ich viele Jahre eine große Empfindlichkeit in den Knien, sie knarrten und schwollen häufig schmerzhaft an. Ischl mit seinen berühmten Soolbädern war damals der beliebteste Sommeraufenthalt der vornehmen Gesellschaft Wiens. Davon konnte man sich auf Schritt und Tritt leicht überzeugen. An jedem Aussichtspunkt, an jeder Ruhebank, in jedem Pavillon war angemerkt, welche hohe Herrschaften die Stätte ihrer Gegenwart gewürdigt hatten. Irgend eine kaiserliche Hoheit hatte sich über eine schöne Aussicht befriedigt geäußert, eine Durchlaucht auf einer Ruhebank sinnend oder im Lesen verloren gesessen, eine erlauchte Dame den Mokka eines Kaffeepavillons gerühmt, ein hochgeborener Graf in einer Weinschenke sogar zu einem Glase »Heurigen« sich herbeigelassen. Dieser byzantinischen Gesinnung der Ischler entsprang ein kleines Abenteuer, das mich verdroß, meinen Freund dagegen sehr belustigte. Auf einem unsrer kleinen Spaziergänge sahen wir an einer 343 hübsch gelegenen Mühle, mit der ein Gartensaal verbunden war, angeschrieben, daß hier frisches Bier vom Fasse zu haben sei. Wir waren durstig, betraten den Saal und fanden ihn leer; an der Wand leuchtete uns eine Gedenktafel entgegen, worauf geschrieben stand, daß hier ein Erzherzog inkognito ein Glas Bier getrunken habe, aber noch rechtzeitig erkannt worden sei, worauf er geruht habe, die Güte des Biers gnädigst zu rühmen. Nachdem wir von dieser Begebenheit gebührend Vermerk genommen, läuteten wir, setzten uns an einen bequemen Tisch und legten unsre Hüte auf Stühle neben uns. Mein Klapphut lag so, daß man innen das große Wappen des Pariser Hutmachers mit einer mächtigen goldfarbenen Krone darüber sehen konnte. Bald erschien eine dienstfertige Alte, es war die Wirtin, und fragte nach unserem Begehren. Wir bestellten Bier. Beim Weggehen verweilte sie einige Augenblicke bei meinem Hute und schaute erstaunt hinein. Als sie mit dem Bier wiederkehrte, kam sie in Begleitung ihres Mannes, der uns mit unterwürfiger Freundlichkeit begrüßte und dann meinem Klapphut, vermutlich auf Mitteilungen seiner Frau hin, eine besondere Aufmerksamkeit schenkte. Das alte Paar erinnerte an Philemon und Baucis; wir forderten die Leute auf, an unserem Tische Platz zu nehmen, und da der Alte seine Augen immer wieder auf meinen Hut richtete, nahm ich diesen in die Hand, erklärte ihm die Mechanik und ließ die Federn springen. Ich glaubte, daß ihn diese Einrichtung neugierig gemacht hätte, es stellte sich aber heraus, daß sie ihn ziemlich kalt ließ, es mußte etwas anderes an dem Hute sein, was ihn interessierte. Er brachte das Gespräch auf die kaiserliche Familie und den Hof, namentlich erkundigte er sich angelegentlich nach einem Erzherzog Este, der erwartet werde. Freund Eduard merkte eher als ich, worauf er abzielte, nahm eine sehr vornehme Haltung an und verneigte sich, so oft ich sprach, ehrfurchtsvoll vor mir. Als ich erklärte, daß mir der Erzherzog und seine Absichten unbekannt seien, gab sich Philemon nicht zufrieden und fragte geradezu, wie lange ich geruhen wolle, in Ischl zu verweilen. Nun begriff ich und wurde böse, weil mein Freund sich aufs neue tief vor mir verneigte, ich erklärte dem 344 Wirt bestimmt, er scheine sich in meiner Person zu irren, ich sei ein Arzt aus dem Reich, komme vom Rhein und reise nach Wien. Auch dies half nicht, er lächelte ungläubig. Bronner zuckte die Achseln und machte Miene, als wollte er sagen: »Glaubt ihm nicht, der hohe Herr wahrt nur sein Inkognito.« Dies bestärkte den Alten in seinem Irrtum. Er fragte: »Wie kommen Sie denn zu dem Krönl im Hut, wenn Sie nicht zum Hofe gehören?« Das war mir zu viel. Ich stand auf, zahlte die Zeche mit einigen Kreuzern, ließ Bronner die seinige bezahlen, setzte den Klapphut auf und empfahl mich. Jetzt endlich merkten die guten Leute, daß sie keine zweite Gedenktafel in die Wand einzulassen brauchten. Dies war mein letztes Reiseabenteuer. Es lehrte mich, daß wie die Kleider auch die Hüte Leute machen. Diesmal tat's ein Klapphut, ein Jahr darauf ein militärischer Schiffhut mit wallenden Federn und leuchtenden Kokarden, wie ich im achten Buche erzählen werde. Im späteren Leben habe ich viel weitere und interessantere Reisen gemacht, aber kaum eine so fröhliche wie diese. Unsere Alpenfahrt ging zu Ende. Wir machten noch einen Ausflug nach dem wildromantischen Hallstadter See, fuhren über den Traunsee nach Gmunden und von da mit der Pferdebahn nach Linz. Im »roten Krebsen« traf ich einen Bruder meiner Braut, einen Ingenieur. Wir reisten am andern Morgen zusammen auf der Donau nach Wien. Die Hügellande längs des Stromes machten nicht den Eindruck auf mich, den ich erwartet hatte, die Alpen hatten mich gegen ihre Reize abgestumpft. Abends 4 Uhr landete das Dampfschiff in Nußdorf, es war am 20. Juni, ein Omnibus brachte uns in die Kaiserstadt. 345     Nach 33 Jahren. Eine lange Zeit war dahingegangen, 33 Jahre, ohne daß ich je ein Wort vernommen, was aus unsern Reisegefährten, dem Onkel und der Nichte, geworden war. Nach menschlichem Ermessen war er nicht mehr am Leben, von ihr hatte uns der Onkel anvertraut, daß sie bereits mit einem Notar in Köln verlobt wäre, wir hatten keine Ursache, ihm nicht zu glauben, und so mußte sie wohl längst eine sorgliche Hausfrau und Mutter, vielleicht schon Großmutter sein. Ich war bereits seit mehreren Jahren Professor der Medizin in Straßburg an der neu errichteten Universität, als mich ein Brief von der Hand der Nichte überraschte. Sie wohnte, wie ich daraus ersah, in einer Stadt am Rheine, jedoch nicht in Köln, war auch nicht verheiratet, sondern war Nonne, ein englisches Fräulein, geworden und hatte den Namen Josephine abgelegt. Der längst zu seinen Vätern heimgegangene Onkel hatte geglaubt, daß ihr lebhaftes Temperament sie für den Ehestand nicht geeignet mache, und sie ins Kloster gebracht. Sie fühlte sich glücklich in ihrem Berufe als Lehrschwester. – Es war klar, der Onkel hatte uns in München hinters Licht geführt und in frommer Absicht eine irdische Brautschaft vorgeschoben, um eine himmlische für die Zukunft zu sichern. Er hätte bei der Wahrheit bleiben dürfen, ich hatte meinen Brautstand nicht verheimlicht und Freund Eduard nicht die geringste Lust gezeigt, sich zu binden. Wie war sie dazu gekommen, mir zu schreiben? Sie hatte 346 meinen Namen oft nennen hören, als konsultierender Arzt war ich viel in die Stadt gekommen, wo sie lebte, bei der Seltenheit meines Namens lag der Gedanke nahe, ich möchte ihr ehemaliger Reisegefährte sein. Sie war neugierig, zu erfahren, was aus mir und meinen Freunden geworden sei, und ob ich meine Luise heimgeführt hätte; der Name meiner Braut war ihr in Erinnerung geblieben. Gerne gab ich ihr die gewünschten Aufschlüsse und sie wunderte sich, wie sie mir dankend für meine Zeilen schrieb, welche Lose das Geschick uns bestimmt hatte. Ihr Schleißheimer Tänzer hatte es zum bayerischen Minister gebracht; der andre, der mit ihr zum Schandl über die Brücke chassierte, war Freischärler geworden, 1849 ins Ausland geflüchtet und hatte sich in der Fremde als hochgeachteter Arzt ein glückliches Heim geschaffen. Sie lud mich ein, sie zu besuchen, und ich war entschlossen, bei nächster Gelegenheit der Einladung zu folgen; aber als ich nicht lange nachher mein Vorhaben ausführen wollte, war Schwester Beate aus dem Leben geschieden. 347     Siebentes Buch. Wien und Prag.     Aus Tod wächst Leben. Du kannst Schätze heben: Frucht und Wein, Leuchte nur in die Gruft hinein Mit Leben weckendem Sonnenschein!     In der Alservorstadt. Als Kinder sangen wir gerne das Lied: »'s gibt nur a Kaiserstadt, 's gibt nur a Wien, Ah! da muß es prächti sein, da möcht i hin.« Begierig lauschten wir den Schilderungen der fernen Kaiserstadt an der blauen Donau. In unserer kindlichen Phantasie war sie ein endloser Prater, am Stromufer hingestreckt, durchflutet von unzähligen geputzten Menschen, ein herrlicher Lustgarten mit Wurstel- und Tanzbuden, beim Klange des lieben Augustin drehten sich die lustigen Wiener, und überall winkten an gedeckten Tischen Gläser mit goldnem Wein und Schüsseln mit Backhändln und süßen Krapfen, man durfte nur zugreifen, es war gerade wie im Schlaraffenland. Bald wurden wir gelehrte Gymnasiasten und lasen Schiller, auch seine Xenien, und wußten genau, wen unser großer Dichter mit den Phäaken an der Donau meinte: »Mich umwohnt mit glänzendem Aug' das Volk der Phäaken, Immer ist's Sonntag, es dreht immer am Herd sich der Spieß.« Es kamen die akademischen Jahre. Zu Kommers und Tanz erklangen die melodischen Weisen der Lanner und Strauß, auf der Bühne ergötzte uns die naive, heitere Muse der Raimund und Nestroy. 350 Jetzt waren wir als junge Aerzte in der Kaiserstadt eingezogen, begierig, zu sehen, zu genießen, vor allem zu lernen und bei den großen Meistern medizinischen Wissens reiche Schätze zu sammeln. Wien aber war uns jungen Patrioten mehr als nur ein Prater oder ein großer klinischer Lehrsaal, es leuchtete uns über der prächtigen Stadt ein Schimmer der versunkenen Glorie deutscher Reichsherrlichkeit. Ja, die Schatzkammer der Hofburg bewahrte die ehrwürdigen Reliquien des heiligen römischen Reiches deutscher Nation, Zepter und Krone. Seit einem halben Jahrtausend waren ja die Geschicke Deutschlands, freilich nicht immer zu seinem Heile, an das Haus Habsburg geknüpft gewesen, das hier in der Ostmark des Reiches residierte. Aus den Toren Wiens waren die kaiserlichen Heere die Donau hinabgezogen wider den Türken, den Erbfeind der Christenheit, und an den Rheinstrom wider den Franzosen, den Erbfeind des Reichs. Noch immer machte ihr keine andre Stadt in den weiten deutschen Landen den ersten Rang streitig, und der vornehmste unter den Fürsten des deutschen Bundes war der Kaiser von Oesterreich. An Glanz der Geschichte, Pracht der Paläste, Schönheit der Lage und Umgebung kam in Deutschland der kaiserlichen Residenz keine gleich. Nicht geringer als der Ruhm der Stadt war das Lob der Gemütlichkeit ihrer Bewohner und der Liebenswürdigkeit des österreichischen Volksstammes überhaupt. In der Tat hatte uns auf der Wanderung durch die Alpen die treuherzige Art und das freundliche Entgegenkommen des Volkes ungemein angesprochen, nur stimmten die Mautplackereien und Paßscherereien, denen der Reisende in dem Bereiche der schwarzgelben Grenzpfähle ausgesetzt war, nicht zu dem Lobe der österreichischen Gemütlichkeit. Kein Tag verging, wo nicht die Pässe einmal oder öfter visitiert wurden, die Grobheit der kleinen Beamten übertraf bei weitem die der unsrigen, und wollte man nicht aufgehalten sein und nutzlos seine Zeit verlieren, so durfte man mit halben und ganzen Zwanzigern nicht kargen. Gleich am Tage nach unserer Ankunft eilten wir aus der Alservorstadt, wo wir zunächst Wohnung gefunden, nach dem weit entlegenen Mautgebäude, um unsere Koffer zu holen. Nach vielem 351 Laufen und Bitten, unter Aufwand von großer Geduld und kleiner Münze, wurden sie endlich zur Stelle geschafft und visitiert. Beim Durchwühlen der Kleider und Wäsche stießen die Bediensteten auf Druckschriften, die anatomischen Werke Hyrtls und Rokitanskys. »Was?« wurden wir angeherrscht, »Sie haben Druckschriften? Damit müssen S' unverzüglich auf das Zensuramt!« – »Es sind nur Bücher zum Studieren,« meinten wir, »wir sind Aerzte, die hier studieren wollen.« – »Das geht die kaiserliche Maut nichts an!« war die Antwort, »über Druckschriften befindet das kaiserliche Zensuramt. Wenn die Bücher unschuldig sind, so dürfen S' darin studieren.« – So nahmen wir denn unsre Bücher unter den Arm und ein kaiserlicher Mautsoldat führte uns auf das nahe Zensuramt, wo wir rasch und höflich abgefertigt wurden. Hyrtl und Rokitansky erwiesen sich als unschuldig. Darüber war der erste Tag fast ganz hingegangen, am Abend vergaßen wir den ausgestandenen Verdruß im Volksgarten, dem Sammelplatz der eleganten Welt, wo der Walzerkönig Strauß den Fiedelbogen bald als Zepter schwang, bald damit heitere Weisen den Saiten entlockte und die schlanke Gestalt dabei im Takte wiegte. Am andern Morgen gingen wir auf das Polizeiamt, um die Pässe vorzulegen und die Aufenthaltskarten zu holen. Der Beamte fand unsere Papiere in Ordnung, besah uns prüfend und stellte uns die Erlaubnisscheine aus. Beim Verlassen des Bureaus trafen wir einen Bekannten von Heidelberg, Dr. Prieger aus Meiningen, nachmaligen preußischen Generalarzt, der, wie wir, zu Studienzwecken nach Wien gekommen war. Wir begrüßten einander und kamen überein, daß wir ihn vor dem Hause erwarten wollten. Lachend kam er bald zu uns und erzählte seine Unterhaltung mit dem Polizisten. »Ah!« sagte ihm dieser, nachdem er Einsicht von seinem Passe genommen, »Sie sind aus Sachsen und nicht aus Baden, wie die beiden Herren, die vor Ihnen hier gewesen sind. Bei diesen heißt es: aufpassen! Das badische Land liegt zu nah' an der Schweiz, wo es gefährlich zugeht, Sachsen liegt gottlob weiter weg.« Diese Mitteilung unsres Kollegen war uns nicht angenehm; wir befürchteten, die Polizei möchte uns den Aufenthalt in Wien 352 erschweren, aber sie legte uns nie das geringste Hindernis in den Weg. Die Schreiberseele hatte sich auf ihrem Bureau wohl nur recht wichtig gemacht. Auf die Empfehlung eines Landsmannes nahmen wir zuerst Kost und Logis bei einem Junggesellen, einem gelernten Koch, in der Alserstraße, dem allgemeinen Krankenhause gegenüber. Das Essen war gut, mit uns speisten einige junge Ungarn, große Patrioten; den Vorsitz am Tische führte der Wirt, ein feister Mensch, mit polnischem Namen; er verekelte uns gleich in den ersten Tagen durch sein unsauberes Gespräch dermaßen das Mahl, daß wir nach Umlauf einer Woche das Haus verließen, in der Nähe eine bessere Wohnung bezogen und im Gasthause speisten. Wir hatten diese neue Wohnung zufällig in einem großen Eckhause der Alserstraße entdeckt, elegant eingerichtete Zimmer, die uns zu billigem Preise überlassen wurden. Unser Mietsherr verweilte gesundheitshalber auf dem Lande und wollte, wie man uns sagte, erst im Herbste in die Stadt zurückkehren, wo wir die Zimmer wieder räumen sollten. Es war der pensionierte Professor der Pathologie und inneren Klinik, Franz Xaver von Hildenbrand, genannt der jüngere, zum Unterschied von seinem berühmten Vater, dem Kliniker Johann Valentin von Hildenbrand, dem Verfasser einer geschätzten Monographie des Flecktyphus. Hildenbrand, der Vater, war 1818 am Gehirnschlag gestorben, den Sohn hatte gleichfalls ein Schlagfluß getroffen und unfähig zum Lehren gemacht. Wie uns die jungen Aerzte im Krankenhause mitteilten, hatte dieser als Examinator den Kandidaten Skoda, seinen späteren Nachfolger, in der Staatsprüfung durchfallen lassen. Als er im Herbste heimkehrte, überließ er uns noch für kurze Zeit eines der großen Zimmer, das wir in Benützung gehabt; wir waren ihm für diese Gefälligkeit dankbar und machten ihm deshalb unsere Aufwartung, die er mit einem Gegenbesuche artig erwiderte. Er war ein stark gebauter, breitschultriger Herr nahe dem 60. Lebensjahre, weder sein Gesichtsausdruck noch seine Unterhaltung verrieten die schwere Verletzung, die sein Gehirn erlitten hatte. Nach dem Anfall lagen seine geistigen Fähigkeiten 353 lange darnieder, man hatte ihn einem Magnetiseur in Behandlung gegeben und allmählich war seine Intelligenz zurückgekehrt, aber die linke Seite blieb gelähmt und wurde steif, er ging am Stock, unterstützt von einem Bedienten. Es interessierte ihn offenbar sehr, von uns zu vernehmen, wie uns Skoda gefiele. Wir verhelten ihm unsre Bewunderung des genialen Mannes nicht, er aber meinte, Skoda möge wohl als Diagnostiker von Brustkrankheiten geschickt sein, zum Kliniker tauge er nicht. Wir hatten schon im Herbst Wien verlassen wollen, jedoch ein akutes Trachom befiel mich, und zwang mich zu bleiben, nach erfolgter Heilung der Augen verlängerten wir den Aufenthalt bis über Weihnachten. Die letzten zwei Monate wohnten wir bei einem kleinen Rentner, einem Bäcker, der sich zur Ruhe gesetzt hatte, in der Kirchengasse der Alservorstadt. 354     Umschau in Wien. Die Wiener Altstadt hatte 1847 noch hohe Wälle, Basteien, und Tore, wie zur Zeit der Türkenbelagerung 1683, und ein breites Glacis, eine weite einförmige Rasenfläche trennte sie von den großen Vorstädten. Auf zahllosen Fahr- und Fußwegen, die das Glacis kreuz und quer durchschnitten, bewegten sich eilende Menschen, wie wandernde Ameisen, aus den Vorstädten in die innere Stadt und aus ihr in diese. Nur ein kleiner Teil, Brunnenglacis geheißen, war mit Anlagen als Park bepflanzt, der heutige Stadtgarten; er diente den Kindern als Spielplatz, und im Frühjahr tranken die Wiener hier Brunnen zur Kur. Wälle und Glacis sind heute verschwunden, ich fand mich nach 30 Jahren nicht mehr zurecht. Die prächtige Ringstraße umschließt jetzt die innere Stadt; große, den mannigfachsten Zwecken dienende Gebäude, Meisterwerke der Baukunst, erheben sich da, wo einst Wind und Staub ihr lästiges Wesen trieben. Wir benützten in den ersten Wochen unseres Aufenthalts an den Werktagen jede freie Stunde, um die Merkwürdigkeiten der Stadt zu besichtigen, ihre Beschreibung erläßt mir der Leser gerne. Eine der schönsten Sammlungen, die mich besonders entzückte, die Esterhazygalerie, ist 1865 von Wien nach Ungarns Hauptstadt gebracht worden. – An Sonn- und Feiertagen machten wir Ausflüge in die reizende nahe und weite Umgebung, fast immer von dem schönsten Himmel begünstigt. Eine eigentümliche und billige Gelegenheit zu solchem Vergnügen gewährten die »Linienschiffe«, die draußen an den »Linien«, vor den Toren der äußeren, die Vorstädte umgebenden Wälle die Ausflügler erwarteten. Es waren Bauernwagen, sog. Leiterwagen, 355 mit Bänken; sie standen schon in frühester Morgenstunde bereit und entführten uns zu irgend einem der Dörfer in der Umgegend. Von da aus wanderten wir dann weiter nach vorgesteckten Zielen von Ort zu Ort, durch Feld und Wald, und kehrten meist erst spät am Abend zurück. Ueberall lagerte in Höfen und Gärten, unter schattigen Bäumen und am frischen Wiesenquell, fröhliches Volk und erfreute sich bei Zitherspiel, Gesang und Tanz seines Daseins. Diese Ausflüge gehören zu den schönsten Erinnerungen meines Wiener Aufenthalts. Wir nahmen unser Frühstück in den Kaffeehäusern, unsere Mahlzeiten in den Speisehäusern der Alservorstadt, ausnahmsweise, je nach Umständen, in andern Stadtteilen. Die Wiener Küche stand unsrer heimischen nahe und mundete uns wohl, ebenso fanden wir die leichten Weine des Landes, mit Wasser gemischt, wie der Wiener sie trinkt, angenehm und zuträglich. Auch lernten wir bald die Küchensprache des Landes, bestellten uns zum Frühstück »Kapuziner« mit »Kipfeln« und zum Mittag- und Abendtische in der ersten Zeit mit Vorliebe Gerichte mit uns fremden Namen, was mitunter zu verdrießlichen Täuschungen führte. »Ungrisches Rebhuhn« erwies sich als gemeine Sülze, »Kaiserfleisch« als »geselchtes« Schweinefleisch, »Jungfernbraten« als »Schweinernes« mit Wacholder. Am schlimmsten fuhr ich an einem der ersten Abende mit »Paprika-Golasch«, zerstücktem Schmorbraten, stark gewürzt mit ungarischem Pfeffer. Wie höllisches Feuer brannte mich mein empfindlicher Gaumen die ganze Nacht, und ich litt unsäglichen Durst. Die Preise für Wohnung und Kost verhielten sich zu denen in der Heimat, wie die österreichischen Münzgulden zum rheinischen Silbergulden, etwa wie 2 Mark zu 1 Mark und 72 Pfennig. Einige Aufzeichnungen aus meinem Tagebuch teile ich mit, einem und dem andern Leser mögen sie Interesse bieten. Für unsern »Kapuziner«, das heißt, den Kaffee mit »Obers« (Rahm, Sahne), am Morgen mit Kipfeln zahlten wir 10–12 Kreuzer Münz. Das Mittagessen bestand in der Regel aus Suppe, zwei Fleischspeisen mit Beilagen, einer Mehlspeise und einem Seidel weißen Wein. Die Speisen wurden auf der Karte ausgewählt. Essen und Wein zusammen kam für jeden höchstens auf 30 bis 40 Kreuzer Münz. Als Abendessen finde ich 356 einmal genau notiert Selchfleisch mit Knödeln nebst einer Maß Bier, bezahlt mit 23 Kreuzern Münz. Eines Tages statteten wir dem berühmten »schwarzen Kamel« in der Altstadt einen Besuch ab, neugierig auf allerlei uns unbekannte Leckerbissen und Weine, die hier in besonderer Güte geboten wurden. Ein seltsames Servitut lastete auf der Wirtschaft. Die Speisen durften nicht auf einem Tischtuch, sondern nur auf einem Wachstuch vorgesetzt und keine Servietten gegeben werden, statt ihrer diente weiches, weißes Papier. Wir ließen uns Bologneser Mortadella und Gorgonzolakäse geben und tranken dazu alten Vöslauer, Tokaier und Cyperwein. Mein Anteil an der Zeche betrug 54 Kreuzer Münz. Zweimal stiegen wir zu einem Abschiedstrunk mit Landsleuten in den Esterhazykeller hinab. Man nahm zu der Orkusfahrt Brot und Käse mit. Im Keller waren keine Stühle gestattet, man behalf sich zum Sitzen mit Holzklötzen zwischen den Faßgestellen. Als wir in das Licht des Tags zurückkehrten, tanzten die Straßen vor Freude uns wiederzusehen. Im Winter machten wir sogar eine Fahrt unter die Erde, die ins Elysium führte, eine lange Reihe zu vergnügtem Treiben aufgeputzter Kellerräume, aus dem letzten führte eine Eisenbahn ans Ende der Welt, nach Australien. Wie die Welt im Elysium, hörte die Wiener Gemütlichkeit bei den Kellnern auf, sie rupften, soviel sie nur konnten, die mit dem schlimmen Münzwesen Oesterreichs nicht vertrauten Fremden. Ihre Unredlichkeit wurde durch die doppelte Währung in »Schein und Münz« kräftig unterstützt. Der Kellner stellte die Rechnung in »Schein« aus, auch Wiener Währung genannt, der Gast zahlte in Konventionsmünze, »Münz« kurz genannt; jene verhielt sich zu dieser wie 5:2. Verlangte z. B. der Kellner 50 Kreuzer Schein, so zahlte man 20 in Kupfer oder Silber. Man mußte deshalb die Note stets im Kopfe umrechnen. Es war erstaunlich, wie rasch die Kellner dies auszuführen verstanden und nie zu ihrem Nachteil. Hierin, wie beim Addieren der Zeche und beim Herausgeben von Münze, erwiesen sie sich als Meister im Prellen. Eine Menge Kupfergeld lief im kleinen Verkehr um und 357 beschwerte die Taschen. Es gab Kupfersechser im Werte von 6 Kreuzern Münz, größer als die silbernen Maria-Theresia-Taler, die in Baden als Laub- oder Kronentaler umliefen und 2 fl. 42 Kr. rheinisch galten. Neben diesen großen Talern liefen bei uns kleine österreichische Silbertaler zu 1 fl. 20 kr. um, auch vereinzelt noch Vierteltaler, genannt »Silberkäsperle«, endlich in großer Menge die österreichischen Silberzwanziger und Silberzehner, die 24 und 12 Kr. rheinisch galten und Sechsbätzner und Dreibätzner hießen. Man rechnete im Kopfe noch immer mit Batzen, obwohl es längst keine mehr gab; der Batzen bedeutete 4 Kreuzer rheinisch, etwa 11 Pfennige der heutigen deutschen Markwährung. Während alle österreichischen Silbermünzen bei uns Geltung hatten, wurde das österreichische Kupfergeld nicht angenommen. Ganz neu waren für mich die Trinkgelder, die man in Wien den Zahlkellnern entrichtete, etwa zwei Kreuzer Münz nach Tische; diese Unsitte bestand am Rheine noch nicht. Wir trafen noch eben rechtzeitig in Wien ein, um vor dem Schlusse der italienischen Oper Rossinis Barbier von Sevilla zu hören. Im Winter bescherte die deutsche Oper zwei Neuheiten, Flotows Martha und Meyerbeers Hugenotten. Es charakterisiert die damaligen Zustände in Oesterreich, daß Titel und Text der Meyerbeerschen Oper bei Hof und Geistlichkeit Anstoß erregten und in »Welfen und Ghibellinen« umgewandelt werden mußten. Eine der bedeutendsten Sängerinnen an der deutschen Oper war die aus Baden-Baden gebürtige k. k. Kammersängerin Anna Zerr, begabt mit einer prächtigen, umfangreichen Stimme; die Martha war eigens für sie komponiert. Bad. Biographien, Bd. 2, S. 357 u. f. Sie verscherzte 1851 Titel und Stelle, weil sie so unvorsichtig gewesen war, bei einer Gastreise in London, auf Bitten der Herzogin von Kent, der Mutter der Königin, im Salon des Lord Stuart zum Besten der ungarischen Flüchtlinge mitzuwirken. Das Schauspiel im Burgtheater galt für das erste in Deutschland, nirgends wurden klassische Stücke besser aufgeführt. Auch dieses Theater zierten zwei Landsmänninnen aus Baden, die geistvolle Amalie Haizinger Bad. Biographien, Bd. 1, S. 332. und ihre anmutige Tochter aus erster Ehe, Luise 358 Neumann, später Gräfin von Schönfeld, »ein gar lieber Narr«, wie unsere Wiener Bekannten meinten. Erst später gelang es uns, Nestroy zu sehen. Er trat in einem seiner Stücke im Karlstheater auf, mit ihm spielte Scholz, dessen komische Kraft kaum ihresgleichen hatte. Scholz erschien am Ende des ersten Aktes, er hatte nur über eine Mauer auf der Bühne hereinzuschauen und ein paar Worte zu rufen: »Ha! da ist er!« Sobald sein drolliges Gesicht erblickt wurde, brach das Publikum, ehe er noch den Mund auftat, in ein riesiges Gelächter aus, das nach dem Fallen des Vorhanges noch lange anhielt. Nach dem Theater machten wir eines Abends in ungewöhnlicher Weise die Bekanntschaft eines der Primärärzte am allgemeinen Krankenhause. Wir waren begleitet von einem jungen befreundeten deutschen Kollegen, der die Sucht hatte, Zitate in die Unterhaltung einzuflechten, namentlich aus den Schriften Lichtenbergs, für den er schwärmte, aber auch aus medizinischen Werken. Das Theater hatte uns heiß und durstig gemacht, und wir kehrten deshalb am Schottentor in einer Wirtschaft ein, wo man gutes Bier schenkte. Das Lokal war stark gefüllt, mit Mühe fanden wir an einem kleinen Tische, woran ein Herr in reiferen Jahren bereits beim Bier saß, drei freie Plätze. Wir begrüßten ihn, er dankte uns ruhig und ernst, wir setzten uns nieder und unterhielten uns über die gehörte Oper. Unser Freund verteidigte eben eine gewagte Behauptung und zitierte zur Bekräftigung des Gesagten wieder einmal seinen Lieblingsschriftsteller. Da fiel plötzlich der Herr in die Unterhaltung mit den Worten ein: »Entschuldigen Sie, das Zitat ist nicht ganz richtig, den Ausspruch hat nicht Lichtenberg getan, sondern Jean Paul Richter.« Unser Freund machte ein saures Gesicht, wagte jedoch nicht zu widersprechen. Wir wandten uns jetzt zu medizinischen Dingen, und es währte nicht lange, so zitierte er in einer anatomischen Frage Rokitanskys Handbuch. Zu unserm Erstaunen unterbrach ihn der Unbekannte, der immer mit gleichem Ernste unserem Gespräche zuhörte, abermals: »Sie erlauben, Rokitansky hat das nicht gesagt, sondern sein Schüler, Professor Engel in Zürich.« Diesmal nahm unser Freund die Berichtigung nicht schweigend hin, erregt erwiderte er: »Mein Herr, Sie mögen in der 359 schönen Literatur gut zu Hause sein, aber in medizinischen Dingen lasse ich mich nicht meistern, ich bin Doktor der Medizin.« »Ich auch,« sagte der andere gelassen, »ich bin Primararzt an dem allgemeinen Krankenhause.« Wir stellten uns gegenseitig vor, sein Name war uns bereits bekannt, wir wußten, daß er einer großen Abteilung für innere Kranke vorstand. Unser Freund machte gute Miene zum bösen Spiel und drückte dem Herrn Primararzt seine Freude aus, eine so angenehme Bekanntschaft gemacht zu haben. Wir erbaten uns alle drei die Erlaubnis, ihn am nächsten Morgen bei seiner Visite begleiten zu dürfen, was er zusagte. Wir waren pünktlich auf die Minute in der Abteilung des Herrn Primararztes, die einige hundert Kranke verpflegte. Darunter waren Skorbutische in Menge, die uns ungemein interessierten. Der Skorbut war uns bis jetzt unbekannt geblieben, und in Wien herrschte er gerade epidemisch. Die Visite ließ uns keine Zeit, die Kranken genau zu betrachten; sie war ein Dauerlauf, ein medizinisches Wettrennen des Primararztes mit seinen Assistenten, wer am ersten durch die Säle komme; nur bei einigen besonders schweren Fällen wurde etwas ausgeschnauft. Nach der Visite, der Herr Primararzt hatte sich empfohlen, war einer der Sekundarärzte so gütig, uns mit einigen seiner Kranken noch etwas genauer bekannt zu machen. 360     Politische Streiflichter. Seit wir die Grenze Oesterreichs überschritten hatten, schien die Weltgeschichte plötzlich stille zu stehen. Es gab in Oesterreich keine politische Presse; was sich Zeitung nannte, waren lediglich Anzeigeblätter mit einigen dürftigen Nachrichten über politische Zeitbegebenheiten. Auf unsrer Reise nach Wien hatten wir keine deutsche Zeitung »aus dem Reich«, worunter man die deutschen Bundesstaaten außerhalb Oesterreichs verstand, zu sehen bekommen, in den Vorstädten Wiens lag nur in wenigen Kaffeehäusern die Augsburger allgemeine Zeitung auf, die unsre einzige politische Quelle bildete; in den großen Kaffeehäusern der inneren Stadt wurden auch französische Zeitungen und amtliche deutsche gehalten, aber es fehlte uns an Zeit, den weiten Weg nur um ihrer willen zu machen. Unsre Wiener Bekannten lasen die Grenzboten, die unter Kurandas Leitung in Leipzig erschienen und die österreichischen Zustände beleuchteten; sie waren verbotene Frucht und wurden deshalb mit um so größerer Begierde genossen. In einer kleinen Wirtschaft begegnete ich dem »Hansjoergel«, einer in Monatsheften, wenn ich mich recht erinnere, erscheinenden Zeitschrift, die in erkünsteltem Volkston für Thron und Altar sich heftig ereiferte. Die Mediziner, deren nähere Bekanntschaft wir machten, verhehlten uns die Verachtung nicht, die sie für ihre Regierung empfanden. Ohne Rückhalt ergossen sie die Lauge ihres grimmigen Spottes über das herrschende System. Ferdinand der Gütige, wie die Offiziösen ihn nannten, war wegen Geistesschwäche unfähig zu 361 regieren, statt seiner besorgte eine »Staatskonferenz« unter dem Vorsitze des Erzherzogs Ludwig die Staatsgeschäfte. Gehaßte Regierungen können lange bestehen, wenn sie stark sind, verachtete und schwache sind dem Untergang verfallen. Zwar die große Stille in Oesterreich stach auffallend ab von den drohenden Wetterzeichen in Frankreich, aber sie trügte, in der Tiefe arbeiteten furchtbare vulkanische Kräfte. In wenigen Monaten brachen sie hervor und setzten das Reich in Flammen, beim Klange des Fuchsenritts der Wiener Studenten brach das System und die Herrschaft Metternichs zusammen. Was unsre Bekannten in den ärztlichen Kreisen besonders empörte, war das Günstlingswesen, das sich ohne Scheu bei der Besetzung offener Stellen an den Hospitälern, in der Fakultät und dem staatsärztlichen Dienste hervorwagte. Man nannte Professoren, Primar- und Sekundarärzte, auch Physizi, die ihre Stellung dem Patronate vornehmer Schürzen und einflußreicher Kutten verdankten. Trotz dieser Unzufriedenheit waren unsere Bekannten große österreichische Patrioten und dem Erzhaus treu ergeben. Deutschland war ihnen Ausland. Zwar unser süddeutsches Wesen, erklärten sie ehrlich, mute sie als ein verwandtes an, aber eine norddeutsche oder gar preußische Brüderschaft blieb ihnen unverständlich. Dennoch begann der deutschnationale Gedanke in Studentenkreisen Wurzel zu fassen. Wir lernten einen Mediziner aus Siebenbürgen kennen, der uns einlud, mit ihm und seinen Freunden einen Abend zuzubringen; sie hatten eine Burschenschaft Saxonia gegründet, trugen Farben und sangen Lieder von Arndt und Körner. Das systematische Niederhalten freien Bürgersinns und Männerstolzes schien uns auch das Ehrgefühl der akademisch Gebildeten herabgedrückt zu haben. Der deutsche Student fühlte sich im Ringkampf für Geistesfreiheit, Wahrheit und Recht als Kommilitone seiner Professoren, der österreichische war zu sehr nur der untergebene Schüler. Der Burschenkomment unsrer Hochschulen war voll Roheit, aber an dem Grundsatz hielt er fest: die Mannesehre steht höher als das Leben und danach regelte er die Formen seines Umgangs mit den Kameraden. Wir waren nicht wenig betroffen, als wir an dem Mittagstische, wo wir mit einigen Sekundar- und Assistenzärzten 362 zusammen speisten, unsre Kollegen einander in aller Freundschaft Kosenamen erteilen hörten, die kein deutscher Student von einem andern hingenommen hätte. Am peinlichsten berührte uns eine Scene in Hebras Kurs über Hautkrankheiten, sie zeigte, wie in Oesterreich sogar ein Mann in akademischer Stellung und von hervorragenden Verdiensten um die Heilkunst keine Ahnung hatte, welche Achtung er der gewöhnlichen Menschenwürde schulde. Wir saßen gegen 20 Kursisten an einer langen Tafel, an deren oberem Ende Hebra dozierte. Er besprach die Blutunterlaufungen der Haut und ihre Ursachen und handelte gerade von den vibices , den blutigen Striemen infolge mechanischer Einwirkungen. »Die schönsten vibices ,« erzählte er, »können Sie Samstags drüben in der Alserkaserne sehen, wenn der Profoß die Mannschaften, die sich in der Woche vergangen haben, über die Bank spannt und aushaut.« Ein unwilliges Murren ging um den Tisch und vom unteren Ende her, wo einige Ungarn saßen, rief eine zornige Stimme: »Schande für Oesterreich!« – »Ah was!« erwiderte Hebra mit größter Ruhe, »hören S', was die Offiziere sagen: mit den Polakeln und Slovakeln wird man halt nit anders fertig.« – »Noch einmal sag' ich,« hallte es von unten zurück, »Schande für Oesterreich, daß es seine Völker nur durch das Hinterteil erziehen will.« Allgemeiner Beifall. Hebra ließ sich nicht im mindesten aus seinem Gleichmut bringen und fuhr in seinem Vortrag weiter: »Es gibt noch andere Formen von Blutunterlaufung, eine hat den prächtigen Namen Purpura, zu ihr wollen wir nunmehr übergehen.« 363     Im allgemeinen Krankenhause. Wie groß auch die medizinischen Erwartungen waren, mit denen ich nach Wien ging, sie wurden von der Fülle dessen, was ich für meine ärztliche Ausbildung vorfand, weit übertroffen. In der Alservorstadt lagen ungeheure Heil- und Lehranstalten bequem beisammen. Zwei große Reformatoren der Heilkunst, Rokitansky und Skoda, wirkten darin, tüchtige Schüler lehrten in ihrem Sinne, und es sollte mir vergönnt sein, Zeuge einer der segensreichsten Entdeckungen im Gebiete der Heilkunst zu werden: ein bis dahin unbekannter junger Geburtshelfer, Semmelweis, war der Quelle einer der furchtbarsten Seuchen, des Kindbettfiebers, auf die Spur gekommen. Wien verdankt seine Bedeutung für die Heilkunst der Kaiserin Maria Theresia und ihrem edlen Sohne Joseph II. Die große Regentin berief van Swieten, einen Schüler Boerhaaves, des ersten Arztes seiner Zeit und Hauptbegründers der heutigen klinischen Unterrichtsmethode, als Leibarzt und zugleich als Ordner des medizinischen Unterrichts in Oesterreich, von Leiden nach Wien. Dazu war van Swieten der rechte Mann. Er sorgte für die Ausstattung der Wiener Universität mit Kliniken, eingerichtet nach dem Muster Boerhaaves, und für die nötigen Lehrkanzeln. So ist er Stifter der älteren Wiener Schule geworden, deren Ruhm bis in den Beginn dieses Jahrhunderts hell erstrahlte und deren bedeutendste Vertreter de Haën, Stoll und Stoerck gewesen sind. Joseph II. errichtete 1784 nach den Plänen Quarins das allgemeine Krankenhaus, das von 364 keinem andern in Europa an Umfang erreicht wurde, daneben das Gebärhaus, das Irrenhaus, Narrenturm genannt, und das Findelhaus. Außerdem ließ er 1785 auf den Rat Brambillas zur Erziehung von Feldärzten die medizinisch-chirurgische Akademie – das Josephinum – errichten. – Was besagen die Pyramiden der Pharaonen, die Kaiserpaläste Roms, oder das Prunkschloß des Sonnenkönigs in Versailles, gemessen an dem Maßstab des Verdienstes um das Menschengeschlecht, gegenüber diesen Bauten Kaiser Josephs II., des Schätzers der Menschheit? Die Errichtung einer eigenen Lehranstalt für pathologische Anatomie 1817 führte einen erneuten Aufschwung der medizinischen Wissenschaft in Wien herbei. Rokitansky stellte die Pathologie auf ein festes anatomisches Fundament und fand in dem genialen Skoda, seinem Schüler und Freunde, den Pathologen, der mit ihm die »junge Wiener Schule« begründete, wie sie von Wunderlich 1841, zum Unterschiede von der alten van Swietens, in einer kleinen Schrift: »Wien und Paris«, genannt wurde. Die Lehren dieser Meister und ihrer Jünger hatten einen außerordentlichen Einfluß auf die ärztliche Praxis in Deutschland. Im allgemeinen Krankenhause waren die klinischen Anstalten der Fakultät für innere Medizin und Chirurgie, für jede zwei, und die Augenklinik untergebracht. Außer diesen, zu Lehrzwecken dienenden Abteilungen bestanden noch große andre zur ärztlichen Behandlung innerer und äußerer Kranken unter der Leitung von Primarärzten, daneben noch besondre für Brustkranke, Frauenleiden, Hautkranke und Syphilitische. – Mit dem Krankenhause hing das Gebärhaus zusammen, das zwei Abteilungen hatte: die geburtshilfliche Klinik für Aerzte und die Abteilung für den Unterricht der Hebammen. – Baulich getrennt von dem Krankenhause, jedoch nahe bei ihm, stand die Irrenanstalt. Seit 1844 durfte theoretischer und praktischer Unterricht darin erteilt werden. In der Hauptsache war sie noch immer der gefürchtete »Narrenturm«. – Das Findelhaus befand sich unweit von dem allgemeinen Krankenhause in der Alserstraße. Um den Meinigen daheim die Größe dieser Anstalten begreiflich 365 zu machen, schrieb ich ihnen, es verpflege das allgemeine Krankenhaus ebensoviele Kranke, als ganz Wiesloch Einwohner habe, über 2000. In dem kleinen Leichenhause wurden außer den Sektionen aller im Kranken- und Gebärhaus, Narrenturm und Findelhaus Verstorbenen auch noch die gerichtlichen Sektionen der Stadt vorgenommen, diese in einer besonderen Kammer, im ganzen jährlich gegen 1600. Die Zahl der jährlichen Geburten im Gebärhause betrug ungefähr 3000. – Das Findelhaus nahm nicht bloß die Findlinge aus der Stadt auf, sondern auch tausende der Neugeborenen des Gebärhauses. Wir kamen nach Wien, als eben die Ferien begannen, aber es wurden noch Kurse abgehalten und im Leichenhause täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen, vormittags eine Menge Sektionen ausgeführt, zu denen wir freien Zutritt hatten. Wir nützten unsre Zeit möglichst aus. Hebras Kurs über Hautkrankheiten, den wir sofort besuchten, begann schon um 7 Uhr im Sommer und dauerte bis neun. Dann gingen wir ins Leichenhaus. Nachmittags besuchten wir mehrere Kurse. Als im Herbste die Kliniken wieder eröffnet wurden, gingen wir häufig zu Skoda und dem Chirurgen Schuh und erhielten die Erlaubnis, einige Wochen lang im Gebärhause zu praktizieren. Eine Zeitlang begleiteten wir im November und Dezember die Chirurgen Dumreicher und Sigmund bei ihrer Morgenvisite, sie begannen den Tag sehr frühe, Sigmund war schon um halb sieben, Dumreicher um sieben Uhr auf seiner Abteilung. Der lehrreichste von den zahlreichen Kursen, die wir belegten, war der von Hebra. Er nahm drei Monate in Anspruch und wurde viermal in der Woche, jedesmal in zwei Stunden, abgehalten. In der ersten handelte Hebra die Hautkrankheiten systematisch ab, in der zweiten stellte er Kranke vor und machte mit uns die Visite in seiner Abteilung. Man sah Kranke in Menge, beispielsweise führte er uns zur Veranschaulichung seiner Vorträge 14 Fälle von Lupus vor, 7 von Prurigo u. s. w., auch lernte man die verschiedensten Formen kennen. Sein Vortrag war klar und oft 366 unterhaltend, nicht selten aber überschritten seine kritischen Ausfälle jedes erlaubte Maß. Im Findelhause nahmen wir einen neuen Kurs über Krankheiten der Neugeborenen, die der Hilfsarzt der Anstalt, Dr. Bednar, erteilte. Man hatte da reiche Gelegenheit, die mannigfachsten und schlimmsten Formen septischer Erkrankungen im ersten Kindesalter kennen zu lernen, die ich glücklicherweise in Privathäusern kaum wieder sah. So lange man die Mittel, der Sepsis zu begegnen, nur unzureichend kannte, waren diese in löblicher Absicht gegründeten Anstalten kaum besser als Mördergruben. Noch ein dritter Kurs sei hervorgehoben, den uns der Sekundararzt Spatzenegger auf der Abteilung für Brustkranke über Perkussion und Auskultation erteilte. Diese Abteilung war 1840 für Skoda geschaffen worden, und Spatzenegger war Assistent bei ihm gewesen. Der gemütliche, in den Dreißigen stehende Herr erzählte uns viel Rühmliches von Skodas einfacher und bedürfnisloser Art zu leben. Er selbst kam später als Professor der inneren Medizin nach Salzburg, seiner Vaterstadt, und starb dort 1877. Aeußerst anregend war Skodas Klinik. Er gemahnte mich in seiner schlichten Art, sogar in Bewegung und Gestalt, an den bescheidenen Landpfarrer Gans, von dem ich im ersten Buche erzählte. Skoda besaß die Kunst des klinischen Unterrichts in seltenem Maße. Erstaunlich war die Sicherheit seiner Diagnosen im Gebiete der Brustkrankheiten. Im Oktober war ich Zeuge eines großes Triumphes, den seine physikalische Untersuchungsmethode feierte, die ärztlichen Kreise Wiens waren voll des Ruhmes seiner Kunst. Er stellte in der Klinik einen jungen Mann vor mit angeborenem Verschluß der Brustaorta, sein Assistent Löbel hatte den Fehler erkannt, und Skoda bestätigte die Diagnose. Der Fall ist in Cannstatts Jahresbericht von 1848, Bd. III, S. 149 ausführlich beschrieben. Hat man Gelegenheit gehabt, ein solches seltenes Vorkommnis zu sehen, oder die Beschreibung davon sich gut eingeprägt, so ist es leicht, den Fehler wieder zu erkennen. Ich bin zweimal in der Lage gewesen, diese Diagnose am Lebenden zu machen, das letztemal bei einem bekannten Lothringer Arzte, dem Dr. Raeiß in Pfalzburg. Ein 367 leider frühe verstorbener Assistent von mir, Dr. Paul Maier, Dozent der Straßburger Fakultät, hat sie durch die Obduktion bestätigt. Auf der Abteilung von Dumreicher wohnte ich im Dezember der ersten Chloroformnarkose bei. Im November hatte sie Simpson in Edinburg an Stelle der Aethernarkose eingeführt, sie kommt rascher zustande als diese, doch ist sie gefährlicher. Die Abteilung Dumreichers besaß keinen eigenen Operationssaal, er mußte inmitten der Kranken operieren oder diese vorher wegbringen lassen. Dumreicher war über diesen unbegreiflichen Mißstand äußerst ungehalten, wie man sich denken kann. Assistent bei ihm war Linhart, der als Professor der Chirurgie in Würzburg 1877 starb. – Bei Sigmund machte ich die flüchtige Bekanntschaft seines Assistenten Dr. Fischhof, der sich später in der Politik einen Namen gemacht hat. – Sehr gut gefiel mir die frische Art des Chirurgen Schuh. – Dagegen sprach mich Rosas, dessen Augenklinik ich einige Male besuchte, wenig an; besser als dessen Grandezza sagte mir die einfache Art seines Spezialkollegen Friedrich Jaeger am Josephinum zu. 368     Bei Rokitansky. Im hintersten Winkel des Areals, auf dem die Bauten des allgemeinen Krankenhauses errichtet sind, lag das Leichenhaus, eine armselige Baracke. Hier verweilte ich mehr, wie irgendwo sonst in Wien, jede neue Sektion verfolgte ich mit neuer Spannung. Außer der Kammer zur Aufbewahrung der Leichen verfügte das kleine Haus über zwei ineinandergehende Lokale, ein größeres für die Sektionen der in den Anstalten Verstorbenen, und ein kleineres für die gerichtlichen Sektionen, woran es in der großen Stadt fast niemals fehlte. Ein Privatzimmer oder ein besonderer Arbeitsraum für Rokitansky war nicht vorgesehen. Die Sektionen nahmen den ganzen Vormittag in Anspruch. Rokitansky machte die eigentlich klinischen und die gerichtlichen, alle übrigen, weit zahlreicheren, machten die Assistenten. Erster Assistent war Dr. Lautner, der später an die medizinische Schule in Kairo berufen wurde. Die Leichenbefunde wurden ausnahmslos zu Protokoll diktiert. Rokitanskys Protokolle waren ungemein lehrreich; sie gaben das Wesentliche des Befundes in so gedrungener Kürze und doch so erschöpfend in plastischer Darstellung, daß ich sie gleich in den ersten Tagen nachzuschreiben begann. Ich finde in meinen Heften 170 Protokolle und genaue Aufzeichnungen neben fast ebenso vielen kurzen Notizen, im ganzen habe ich nahezu 300 Sektionen im Laufe eines halben Jahres angewohnt. – Besonders nützlich erschienen mir Zeichnungen des situs viscerum , d. h. der Lage der Eingeweide, namentlich in der Bauchhöhle; ich fertigte sie mir in großer Zahl 369 an und kann dieses Verfahren angehenden Aerzten nicht genug empfehlen. Die Lage erleidet viele individuelle und durch Krankheit bedingte Abweichungen, deren Kenntnis für Diagnose und Behandlung gleich wichtig ist. Wer nur wenig Sektionen gesehen hat und diese Verschiedenheit nicht kennt, wird in der Behandlung der Unterleibskrankheiten nie Besonderes leisten. Die Gesichtszüge Rokitanskys trugen den Stempel großer Herzensgüte und Zuverlässigkeit, jedermann verehrte ihn. Er war auffallend schweigsam. Im Leichenhause öffnete er den Mund nur, um Protokolle zu diktieren. Nachdem ich vier Monate lang Stammgast im Leichenhause gewesen war, geschah es an einem schönen Herbstmorgen, daß die Skalpelle kurze Zeit ruhten. Ich benützte die Pause, um vor die Türe zu treten und frische Luft zu schöpfen. Gleich nachher erschien auch Rokitansky und stellte sich nahe bei mir in die Sonne, die warme Luft des Hofes behagte ihm sichtlich. Mit einemmal wandte er sich gegen mich, nickte mir freundlich zu und bemerkte: »Heute ist schönes Wetter!« – Ich war überrascht. Wenn Jairi Töchterlein, plötzlich auferstanden, mit lautem Gruße aus dem Leichenhause zu mir gewandelt wäre, hätte ich mich nicht mehr gewundert, doch nahm ich mich zusammen und erwiderte bestätigend: »Ja, es ist wirklich ein schöner Tag!« – Die Unterhaltung war damit zu Ende, es war die erste und einzige, die ich ihn führen hörte. Wie wenig mitteilsam auch und trocken Rokitansky für gewöhnlich erschien, so wurde er doch plötzlich umgewandelt, wenn während der Sektionen Ungewöhnliches zu Tage kam. Dann fing er Feuer, man sah es am Leuchten seiner Augen; sein Blick bohrte sich sofort in den merkwürdigen Fund, er griff zu Skalpell und Schere, setzte sich an einen kleinen Tisch, den einzigen, der zur Hand war, und vertiefte sich ganz, präparierend und sinnend zugleich, in das anatomische Rätsel, das vor ihm lag. Mein Freund und ich hätten gerne einen Kurs über pathologische Anatomie bei dem großen Meister genommen, er gab Privatissima, aber wir brachten die nötige Zahl von Teilnehmern nicht zusammen. Die Wiener trösteten uns: wir verlören weniger, als 370 wir meinten, Rokitansky sei ein großer Anatom, aber ein mittelmäßiger Lehrer. So ließen wir es denn bei einem Kurse von wenigen Stunden über Sektionstechnik bewenden, den uns ein früherer Assistent Rokitanskys, Dr. Gatscher, erteilte. Zum Schlusse sei noch erwähnt, daß ich im Leichenhause mehrmals einem schlank gebauten jungen Manne begegnete, dessen feine Züge mir auffielen. Es war Ludwig Tuerck, später Leiter einer für ihn gegründeten Abteilung für Nervenkranke im allgemeinen Krankenhause; er hat sich bekanntlich durch seine Verdienste um die Einführung des Kehlkopfspiegels und durch wichtige anatomische und klinische Untersuchungen in den schwierigen Gebieten des Nervensystems ein dauerndes Andenken gesichert. 371     Bei Semmelweis. Wir machten die persönliche Bekanntschaft dieses trefflichen Mannes in dem geburtshilflichen, ganz vorzüglichen Operationskurse, den wir bei ihm genommen hatten. Als er hörte, daß Bronner und ich Assistenten des alten Naegele gewesen seien, den er tief verehrte, nahm er uns auf wie Freunde. Er förderte unsre Studien, so viel er nur konnte und verschaffte uns im Winter die ersehnte, damals nicht leicht zu erlangende Erlaubnis, im Gebärhause sechs Wochen zu praktizieren. Mochte er die ganze Nacht durchwacht haben, wir kamen ihm niemals ungelegen. Von allen Bekanntschaften, die ich in Wien gemacht habe, ist mir die von Semmelweis in angenehmster und dankbarster Erinnerung geblieben. Als wir ihn kennen lernten, hatte er die große segensreiche Entdeckung, die ihm die Menschheit verdankt, kurz zuvor gemacht, sie beschäftigte ihn fortwährend und war der Gegenstand unserer täglichen Gespräche mit dem trefflichen Manne. Ignaz Philipp Semmelweis war ungarischer Staatsbürger und 1818 in Ofen geboren. Er war mehr als mittelgroß, breit und stark gebaut, sein Gesicht rund, mit etwas vortretenden Backenknochen, seine Stirne hoch und das Kopfhaar dünn; er hatte auffallend fleischige, geschickte Hände, ein lebhaftes Temperament, große Arbeitskraft und Arbeitslust, ein warmes und gewissenhaftes Herz. Als Semmelweis seine Kraft der Geburtshilfe widmete, war der schlimmste Feind der Gebärhäuser, der die Wöchnerinnen in furchtbaren Seuchen dezimierte, das Kindbett- oder Puerperalfieber, aber auch in den Privathäusern raffte diese Krankheit die teuere Gattin dem Gatten, die geliebte Mutter der Familie weg. Ratlos 372 standen die Geburtshelfer dieser Geißel des Frauengeschlechts gegenüber. Semmelweis erzählte uns, daß er gleich in den ersten vier Monaten, nachdem er seine Hilfsarztstelle angetreten, 15% aller Entbundenen durch die Seuche verloren habe; niedergedrückt von dem Bewußtsein seiner Ohnmacht, habe er sich tief unglücklich gefühlt. Unerwartet sei ihm, gelegentlich der Sektion eines hochgeschätzten Kollegen, des Professors der Anatomie Kolletschka, ein Licht aufgegangen, das ihm die ersehnte Aufklärung über die Natur und Ursache der mörderischen Krankheit verheißen und schließlich wirklich verschafft habe. Kolletschka hatte sich an einem verletzten Finger eine Leichenvergiftung zugezogen und war ihr am 13. März 1847 erlegen. Semmelweis wohnte der Leichenöffnung bei; ihr Befund überraschte ihn ungemein, er stimmte überein mit dem Befunde bei seinen, am Kindbettfieber verstorbenen Entbundenen. Das konnte kein Zufall sein. Er schloß daraus, dasselbe faulige Gift, das den Anatomen getötet, töte auch die Wöchnerinnen. Bei Kolletschka war es durch den verletzten Finger in das Blut eingedrungen, bei den Wöchnerinnen drang es während der Geburt durch die bei diesem Vorgange verletzten Leibesteile. Der Anatom hatte sich das Gift selbst in den Körper gebracht, den Gebärenden führten es Finger zu, die mit faulenden Stoffen in Berührung gekommen waren. – Eine auffallende, bisher unerklärte Tatsache fand darin ihre einfache Erklärung. Die beiden Abteilungen des Wiener Gebärhauses, obwohl unter einem Dache gelegen, wurden von der Seuche ungleich häufig und heftig heimgesucht, sie wählte mit Vorliebe die Abteilung für den Unterricht der Aerzte und verschonte die für den Unterricht der Hebammen. Die Erklärung lag nunmehr nahe: die Mediziner beschäftigten sich mit anatomischen Studien im Leichenhause, die Hebammen nicht. Auf diese Erwägung gestützt, wurde fortan niemand zu Untersuchungen auf der Klinik zugelassen, der sich nicht vorher die Hände sorgfältig mit Chlorkalklösung gereinigt hatte; sie galt damals für das beste desinfizierende Mittel, wir besitzen heute noch wirksamere. Die Sterblichkeit nahm darauf ab. Die Annahme lag nahe, daß nicht bloß das faulige Gift aus Leichen die Seuche verschulde, es konnte ebenso gut den Gebärenden 373 aus eiternden Wunden und Geschwüren von pflegenden Händen zugeführt werden. Gerade zu der Zeit, als ich mit meinem Freunde im Gebärhause praktizierte, lieferten zwei äußerst lehrreiche Beobachtungen den zwingenden Beweis für diese Annahme. In einem Briefe, datiert vom zweiten Weihnachtstage, teilte ich sie meinem Vater mit. Es wurden zu zwei verschiedenen Zeitpunkten zwei Frauen in die Anstalt gebracht: eine Müllersmagd vom Lande mit einem schlecht gepflegten, eiternden Amputationsstumpfe am Oberarm, und ein armes Weib mit einer verjauchten Neubildung am Halse der Gebärmutter, beide waren bereits von Wehen befallen. Sie wurden deshalb sofort in den Gebärsaal geschafft, wo stets einige Frauen der Niederkunft entgegenharrten. Beide Male kam es zu kleinen Seuchen des bösartigen Kindbettfiebers, sie beschränkten sich auf diejenigen Entbundenen, die mit den unglücklichen Personen im Gebärsaale gelegen und mit ihnen untersucht worden waren. In der Geschichte der Medizin wird Semmelweis neben Lister als einer der größten Wohltäter des Menschengeschlechts fortleben. Sein Scharfsinn verdient kein geringeres Lob, als der des englischen Chirurgen. Dieser konnte sich auf Pasteurs epochemachende Untersuchungen stützen, Semmelweis schöpfte einzig und allein aus der klinischen Beobachtung und dem anatomischen Befunde. – Die antiseptische Behandlung ist heute, wie in der Chirurgie, so am Gebärbette gesetzlich eingeführt, und strafbar sind Arzt und Hebamme, die ihre Vorschriften nicht strenge befolgen. Semmelweis hat den Triumph seiner Lehre nicht erlebt, er stieß auf Mißachtung und Widerspruch vieler der angesehensten Geburtshelfer, doch ließ er sich dadurch nicht von dem richtigen Wege abbringen; erst nach seinem Tode fand er die verdiente Anerkennung, und seit einigen Jahren ziert sein Standbild die Hauptstadt Ungarns. Der Name Semmelweis bleibt mit der Geschichte der jungen Wiener Schule innig verknüpft. 1855 erhielt er die Professur für Geburtshilfe an der Universität in Pest. Die langen Kämpfe, die der gemütvolle Mann im Interesse der Frauenwelt führen mußte, haben zweifelsohne zu einer Seelenstörung 374 beigetragen, die seine letzten Lebensjahre verdüsterte. Er starb 1865. Wer ausführlich über das Leben von Semmelweis und die Geschichte seiner Entdeckung belehrt sein möchte, lese die gediegene Schrift eines der berufensten Fachmänner: Alfred Hegar, Ignaz Phil. Semmelweis, sein Leben u. s. Lehre. Freiburg i. Br. u. Tübingen, 1882. Als ich vor unsrer Abreise von Wien Abschied von Semmelweis nahm, gab ich ihm das Versprechen, dem alten Naegele seine Entdeckung mitzuteilen. Ich habe meine Zusage erfüllt, aber meine Worte verhallten in dem Brausen der Revolution, die dem alten Herrn, wie ich erzählte, so übel mitspielte. Da ich mir die Aufgabe gestellt habe, die Menschen und Zustände meiner Jugendjahre getreu zu schildern, darf ich den Professor Klein, den Vorgesetzten von Semmelweis, nicht mit Stillschweigen übergehen. Ich bin ihm wiederholt im Gebärhause begegnet, der Professor war eine der typischen Figuren aus dem nachjosephinischen Oesterreich, wo die Protektion oft sicherer als das Verdienst zu amtlichen Stellen und Lehrkanzeln verhalf. Joseph II. hatte Kleins Vorgänger, den hochbegabten Lukas Johann Boër, auf den ersten Schulen Europas zum Geburtshelfer erziehen lassen und ihm die Lehrkanzel für Geburtshilfe in Wien verliehen. Boër galt für den ersten Mann seines Fachs in Europa und stand bei dem Kaiser in großer Gunst. Gerade deshalb war er den Nachfolgern Josephs nach dessen frühem Tode und nicht minder dem Klerus verhaßt. Dazu kam das Unglück, daß die erste Gemahlin des Erzherzogs und späteren Kaisers Franz, die Erzherzogin Elisabeth, wenige Stunden, nachdem sie Boër entbunden hatte, von Eklampsie befallen wurde und starb. Nunmehr hatten seine Feinde gewonnenes Spiel am Hofe, und Boër legte schließlich, der Ränke müde, 1822 sein Lehramt nieder. Unter den Bewerbern um die erledigte Stelle galt Klein, Professor in Salzburg, für den unbedeutendsten – Boër hatte ihn ausdrücklich als solchen bezeichnet – aber deshalb eben berief man ihn an seine Stelle, um den verhaßten Josephiner recht zu kränken. – Ich erzähle diese Dinge, wie sie mir in Wien erzählt wurden. Klein machte auf uns den Eindruck eines ganz gewöhnlichen Praktikers. So lange wir in seiner Abteilung beschäftigt waren, 375 kam er ab und zu in den Gebärsaal, hielt sich jedoch immer nur kurze Zeit darin auf und ignorierte meinen Freund und mich völlig, vielleicht weil er, nach der Versicherung der österreichischen Praktikanten, die Ausländer nicht leiden konnte. Eines Abends aber ging er sogleich, nachdem er eingetreten war, an das Bett der Gebärenden, die ich zu besorgen hatte, und fragte mich nach dem Stand der Geburt, worauf ich genaue Auskunft gab. So weit verfuhr er nach der Ordnung, dann aber verstieß er gegen Takt und Sitte. Wollte er meine Angabe kontrollieren, so mußte er selbst nachuntersuchen oder den Assistenten, Semmelweis, dazu auffordern, er rief aber die Hebamme ans Bett, um nachzuprüfen. Dies wäre schon einem Studenten gegenüber unpassend gewesen, mir, einem approbierten Arzte gegenüber, war es ganz ungehörig, doch mußte ich es hinnehmen und jedenfalls zunächst schweigend das Weitere abwarten. Vermutlich, um ihm zu gefallen, erklärte die Hebamme meine richtige Angabe für unrichtig. Klein warf mir daraufhin einen strafenden Blick zu mit der Frage, was ich dazu sage? Ich erwiderte ruhig, die Hebamme irre sich, ihr Befund sei falsch, der meinige richtig. Nicht nur ich, alle anwesenden Praktikanten und Semmelweis, der hinter Klein stand und über seinen Vorgesetzten sichtlich aufgebracht war, waren gespannt, was er jetzt tun werde. Er schwieg, überlegte einen Augenblick und prüfte, wie es sich vorher geschickt hätte, selbst. Ich war meiner Sache so sicher, daß ich auch Klein, im Falle er der Hebamme zugestimmt, widersprochen hätte; Semmelweis kannte gleichfalls meine Fertigkeit in diesem Abc der Geburtshilfe und war entschlossen, wie er mir nachher sagte, wenn nötig, gleichfalls nachzuprüfen und für mich einzutreten. Es war jedoch nicht nötig, Klein war ehrlich, nickte mir freundlich zu und sagte: »Sie haben recht!« – Es war ihm, wie die Oesterreicher meinten, nur darum zu tun gewesen, den Ausländer zu demütigen. Für die Bestrebungen seines Assistenten fühlte Klein keine Teilnahme. Die Koryphäen der jungen Wiener Schule, namentlich Skoda und Hebra, erkannten die Tragweite der Entdeckung von Semmelweis und unterstützten ihn möglichst, Klein aber stellte sich seinen Untersuchungen hindernd in den Weg, schwerlich aus Bosheit, sondern aus Unverstand. 376     Die junge Wiener Schule. Die pathologische Anatomie war in Deutschland, bis Rokitansky erschien, nicht mit demselben Eifer und Erfolg bearbeitet worden, wie in Frankreich und England, nur die Bildungsfehler hatten in Joh. Friedr. Meckel, dem Sohne, einen Forscher ersten Ranges gefunden. Darum war auch die Pathologie in Deutschland zurückgeblieben, sie hat aus den ersten Jahrzehnten des Jahrhunderts keine Leistungen aufzuweisen, die sich mit denen eines Laënnec, Bretonneau oder Bright messen dürfen. Mit Rokitansky erst gewann die pathologische Anatomie auch in Deutschland den durchgreifenden Einfluß auf die Pathologie, den sie bei den Franzosen und Engländern bereits errungen hatte; Rokitansky wurde, um mich des treffenden Vergleichs von Virchow zu bedienen, der Linné dieser Wissenschaft, und hat sie zum unentbehrlichen Bestande der praktischen Aerzte gemacht. Ganz aus eigener Beobachtung schöpfend hat er die Anomalien der Organe unvergleichlich scharf und bündig gezeichnet und sie den Aerzten geordnet vor Augen gestellt, wie Linné die Pflanzen. Sein Handbuch der speziellen pathologischen Anatomie (1842–1844) bedeutet einen Markstein in der Geschichte der deutschen Medizin und hat auf die ärztliche Praxis einen ungeheuren Einfluß ausgeübt. Leider verließ er in seinem später (1846) erschienenen Handbuch der allgemeinen pathologischen Anatomie die sichere Straße der nüchternen Beobachtung, die er bisher gegangen war, und schlug gefährliche Irrwege ein. Viele seiner Jünger folgten dem bewunderten Meister in die nebeligen Gebiete 377 der grundlosen Spekulation. Es bedurfte der Warnrufe Virchows, um die anatomische Forschung in die ihr gesteckten Grenzen zurückzubringen. Wie Rokitansky das anatomische Haupt der jungen Wiener Schule geworden ist, so wurde sein Schüler Skoda ihr klinisches. Er verdankt seinen Weltruf den großen Verdiensten, die er sich um die physikalische Diagnostik erwarb, er schuf den wissenschaftlichen Boden, auf dem die Perkussion und Auskultation beruhen, die bisher nur grob empirisch geübt wurden, und hat sie überdies mit wertvollen neuen Zeichen bereichert. Dadurch hat er die Pathologie der Atem- und Kreislaufsorgane ungemein gefördert. Studenten und Aerzte strömten nach Wien, um bei ihm die Kunst der physikalischen Diagnostik und ihre sichere Verwertung zu erlernen. Er dirigierte seit 1840 eine eigene Abteilung für Brustkranke, wurde 1846 zum Professor ernannt und mit dem klinischen Unterrichte betraut. – Ich will es versuchen, die Reform, die wir Skoda auf dem Gebiete der physikalischen Diagnostik verdanken, dem nicht medizinischen Leser verständlich zu machen. Laënnec und seine Schüler waren bestrebt gewesen, mit Hilfe des Beklopfens und Behorchens der Wände des Körpers Zeichen aufzufinden, die ohne weiteres bestimmte Krankheiten so kenntlich machen sollten, wie etwa das Zirpen die Grille oder der Wachtelschlag die Wachtel anzeigt. Das Tuberkelknacken sollte die Tuberkeln der Lunge verraten, das Knisterrasseln den Beginn oder die Lösung der Lungenentzündung, das Reibegeräusch die Entzündung von Brust- oder Herzfell. – Skoda zeigte das Verkehrte dieses Vorgehens, das nicht selten zu Irrtümern führte. Wenn die Schallerscheinungen vom normalen Verhalten beim gesunden Menschen abweichen, so bedeutet dies an sich zunächst nichts als ein verändertes physikalisches Verhalten der Organe, von denen sie ausgehen. Streng genommen ist deshalb die nächste Aufgabe der diagnostischen Verwertung der akustischen Symptome die: festzustellen, was für physikalische Veränderungen an diesen Organen vor sich gingen. Die zweite Aufgabe besteht sodann darin, die anatomischen Organveränderungen zu bestimmen, die den physikalischen zu Grunde 378 liegen. Zuletzt erst kommt es zur Diagnose der Krankheit, die zu den anatomischen Veränderungen führte. Ein einfacher Schluß aus dem akustischen Symptom unmittelbar auf die Krankheit ist nicht erlaubt und die Diagnose unter allen Umständen eine zusammengesetzte geistige Operation, die ihren Stoff drei verschiedenen Orten entnimmt, der Klinik, dem Leichenhause und der physikalischen Werkstätte. Skodas Kritik beschränkte sich jedoch nicht auf die Diagnostik, wie sie bisher geübt wurde, sie erstreckte sich auf das ganze Gebiet der Pathologie und insbesondere auch der Therapie. Die Heilkunde in dem Zustande, worin sie sich damals befand, erschien ihm als ein Chaos, ein wüster Sumpf, aus dem nur zwei mit geordnetem, fruchtbarem Erdreich bedeckte Inseln hervorragten, die pathologische Anatomie und die physikalische Diagnostik. Im übrigen war sie ihm ein wirres Gemenge roher Beobachtung und Erfahrung, unerwiesener, widersprechender Lehrmeinungen, Vorschriften und Kurverfahren. Ueberall galt es, unbekümmert um die alten Schulsätze, die Medizin von Grund aus neu aufzubauen. Schonungslos legte er, im privaten Umgang mit seinen Schülern und in der Klinik selbst, die Lücken und Schäden der bisher geübten Heilkunst bloß. Der Einfluß eines so scharfsinnigen Kopfes und unerschrockenen Denkers auf seine Schüler war ungeheuer; sie schrieben den Zweifel als obersten Wahrspruch auf ihr Banner, glaubwürdig war für sie einzig und allein, was Rokitansky und Skoda lehrten, und nur, was man in Wien mit eigenen Augen gesehen und geprüft hatte; was von außen kam, stieß auf Zweifel, selbst höhnischen Widerspruch, keine Ueberlieferung war ihnen heilig. Auch die bedeutendsten Männer der jungen Schule trieben die Zweifelsucht ins Unglaubliche. In dem Hefte, das ich in Hebras Kurse niederschrieb, findet sich folgender Vortrag über die graue Färbung der Haut, die Argyria, die durch lange fortgesetzten innerlichen Gebrauch des Höllensteins (salpetersauren Silbers) entsteht: »An die Argyria, meine Herrn, glaube ich nicht. Das salpetersaure Silber wird im Magen sogleich zu Chlorsilber zerlegt und geht durch den Darm ab (wörtlich!). Man gab das Mittel in Wien 379 Epileptischen jahrelang, ohne daß die Haut sich gefärbt hätte. In Paris und Berlin hat man alle Augenblicke die Argyria aufzuweisen, vielleicht scheint in Berlin die Sonne schöner. Argyria? Dazu bitt' ich ein Fragezeichen zu machen.« Drei Monate nachher sah ich in Prag bei Oppolzer einen Fallsüchtigen, der lange das Silbersalz genommen hatte und tief grau auf der Haut geworden war, später noch viele. – Ob wohl die Kranken in Wien das verordnete Mittel lange genug eingenommen hatten? Wenn wir das bei einem Hebra erlebten, wessen mußte man nicht erst bei den Kleinen im Geiste gewärtig sein. Wir hatten die beiden Kinderspitäler besucht, das von Mauthner gegründete, woraus später das St. Annaspital erwuchs, und das Franzensspital in der Vorstadt Wieden; es war uns aufgefallen, daß wir weder hier, noch auf dem Leichentische des allgemeinen Krankenhauses jemals einen Fall von Diphtherie zu sehen bekamen, während wir sie bei uns zu Hause in Form von Croup, und Bronner in Paris in verschiedenen schlimmen Formen, oft zu sehen Gelegenheit gehabt hatten. Gegen Ende unsres Aufenthalts in Wien fragte ich einen Assistenten Rokitanskys, sein Name ist mir entfallen, ob die Diphtherie in Wien nicht vorkomme? worauf er die Gegenfrage an mich richtete, ob ich an diese französische Dichtung glaube? Zwei hervorragende Vertreter der jungen Wiener Schule besorgten den ärztlichen Dienst in dem noch nicht lange eingerichteten Bezirkskrankenhause auf der Wieden: der feurige, in Galizien geborene Joseph Dietl als Primararzt und Friedrich Wilhelm Lorinser als Primarchirurg. Wir suchten sie in dem Hospital auf und wurden sehr artig von beiden empfangen. Dietl machte uns mit seinen Erfolgen bei der Pneumonie bekannt, die er ohne Aderlaß behandelte. Ein Jahr nachher veröffentlichte er seine bekannte Schrift: »Der Aderlaß in der Lungenentzündung,« die wesentlich dazu beitrug, die Blutentziehungen bei der Pneumonie abzuschaffen. Er versicherte uns bestimmt, daß eine erste Lungenentzündung niemals töte, wenn man sie ruhig ihrem natürlichen Lauf überlasse, eine Behauptung, die ich leider in dieser apodiktischen Fassung später nicht bestätigt fand. – Lorinser hatte 1845 in den österreichischen 380 Jahrbüchern seine Beobachtungen über die sogen. Phosphornekrose der Kieferknochen mitgeteilt und zuerst die schädlichen Einwirkungen der Phosphordämpfe in den Zündholzfabriken auf die Kieferknochen kennen gelernt; er zeigte uns zwei junge Mädchen mit diesem abscheulichen Leiden und zahlreiche Knochenpräparate. Lorinser, ein guter Chirurg und namentlich Orthopäd, war einer der größten Zweifler des jungen Wiens und bekämpfte auch gesicherte Glaubenssätze als Aberglauben, er sah bekanntlich in der allgemeinen Syphilis nichts als Merkurialismus, und bestritt die eigentümliche Art der Hundswut, über die wohl heute kein Streit mehr möglich ist. Der Schritt von der grundsätzlichen Skepsis zum Nihilismus war nicht groß. Nur mechanische und äußere Eingriffe, wie sie die Chirurgen und Hebra bei seinen Hautkranken übten, galten für wirksam, die innere Heilkunst aber erschien vielen nur als Firlefanz, Wunder- und Aberglaube; die Aerzte, behaupteten sie, täuschten sich selbst oder andere, und die Erfolge, die sie ihrer Kunst zuschrieben, seien einzig das Werk der Naturheilkraft. Wie mächtig dabei der Glaube an Wunder und Autoritäten mitwirke, zeigten ja die Kuren der Homöopathen, der Wallfahrtsheiligen und Wundertäter aller Art. Derlei Behauptungen konnte man täglich hören, am beliebtesten war die Phrase: die innere Therapie ermangle der wissenschaftlichen Begründung, ohne Wissenschaft aber gebe es keine Kunst. Die gemeinste Erfahrung widerlegte diese hohle Redensart. Nicht nur die schönen Künste, auch die praktischen, wie die Kriegs- und Staatskunst, fanden eher ihre Meister als ihre Professoren. Gerade die Anatomie, auf der die junge Schule ihr pathologisches Gebäude errichtete, schien den Nihilismus zu rechtfertigen. Mancher medizinische Schwächling sah mit Schrecken in der Leiche die Zerstörung der Organe durch die Krankheit. Die Heilkunst konnte einem Feinde nicht gewachsen sein, der die Kraft hatte, solche Verheerungen anzurichten. Kam es im Gegenteil ausnahmsweise vor, daß es der Sektion nicht gelang, die Todesursache aufzudecken, so gefiel man sich in der Klage, wie man glauben könne, ein unsichtbarer Feind lasse sich fassen und überwältigen? 381 Einige Schuld an solchen verzweifelten Anschauungen trugen die verunglückten Versuche Skodas, im Bunde mit dem befreundeten Chirurgen Schuh die entzündlichen Ergüsse in den Brustfellraum auf operativem Wege zu heilen. Aus ihren schlechten Ergebnissen zogen die Pessimisten den Schluß, man solle die Heilung der Brustentzündung ruhig der Natur überlassen, es müßte denn sein, daß der Eiter durchbrechen wolle und die Natur bei ihren Heilbemühungen doch nicht ganz geschickt verfahre; nur in diesem Falle sei chirurgische Hilfe nötig. Wir wissen jetzt ganz gut, warum Skodas und Schuhs Kuren mißlangen, und erzielen heute bei Vermeidung ihrer Fehler mit besserem Verfahren bessere Erfolge. Bei vielen Jüngern Skodas war es geradezu Axiom geworden: Nichtstun sei das beste in der inneren Medizin. Nun ist es zwar nach Sokrates der Anfang der Weisheit, zu wissen, daß man nichts wisse; aber nichts zu tun, ist nicht der Anfang der Kunst. Wenn die gelehrten Aerzte dies nicht begreifen, so kann man es den Kranken nicht verübeln, wenn sie die gewünschte Hilfe bei ungelehrten Laien suchen, die sie ihnen bestimmt versprechen. Mit der feinen Diagnose und ihrer Bestätigung hinterher an der Leiche ist dem Kranken nicht gedient. Der Vorwurf, den die heutige Medizin der Schule Skodas macht, daß sie dem Rufe der wissenschaftlich gebildeten Aerzte beim Publikum Schaden gebracht und der Pfuscherei Tor und Tür geöffnet habe, ist nicht unbegründet. Man lese nur, wie der geistreiche Feuilletonist W. Schlesinger Wiener Wochenschrift 1855, S. 827. das damalige Verhältnis zwischen »Arzt und Publikum« geschildert hat. Die Koryphäen der Schule gaben sich dazu her, Homöopathen im Konsilium die Diagnosen zu machen, die Behandlung der Kranken aber deren Gutdünken zu überlassen, obwohl sie die homöopathischen Mittel und Verdünnungen belachten. Lehrer und Schüler vergaßen die eigentliche Aufgabe der Medizin: das Heilen. Damit sank die beste aller menschlichen Künste von ihrer Höhe tief herab. Es kam so weit, daß manche junge Aerzte beinahe mit größerer Neugierde der Bestätigung ihrer 382 anatomischen Diagnose als dem Erfolge ihres Kurverfahrens entgegensahen. Bei einem Ausflug nach dem Kahlenberg ging mir diese Verkehrtheit nicht aus dem Sinn und ließ mich nicht ruhen, bis ich meinen Gefühlen poetischen Ausdruck verliehen hatte. So entstand das Gedicht, womit ich diese Betrachtung schließe. Der Spaziergang.         Ging ein Wiener Mediziner Mit dem Freunde durch die Flur; Rief der Freund: wie hell und heiter Lacht der himmlische Azur! Sprach der Wiener Mediziner: Einen Himmel gibt es nicht, Nur vom irdischen Planeten Reflektiertes blaues Licht. Durch die Felder, durch die Auen Schweiften sie zum grünen Wald; Rief der Freund: wie voll und prächtig Der Gesang der Amsel schallt! Sprach der Wiener Mediziner: Leidlich hört das Lied sich an, Doch den Amseln ward verliehen Ein zu lautes Stimmorgan. Aus dem dunklen Buchenwalde Zogen sie zum lichten Hain; Rief der Freund: wie lieblich duften Hier die Veilchen an dem Rain! Sprach der Wiener Mediziner: Die Familie Viola Dient uns vielfach zum Vomieren, Sonderlich die Ipeka. Von des Berges stolzem Gipfel Schauten tief sie in den Grund; Rief der Freund: dort wohnt mein Liebchen Kugelrund und kerngesund! 383 Sprach der Wiener Mediziner: Traue du dem Liebchen nie, Ist sie erst dein Weib geworden, Quält sie dich mit Hysterie. In des Waldes kühler Schenke Suchten Labe sie beim Wein; Rief der Freund: ein edles Feuer Strömt in meine Adern ein! Sprach der Wiener Mediziner: Ei, ich glaube, du bist toll, Dieser Wein ist ganz gemeiner Fuselreicher Alkohol! Rief der Freund: wie wird mir plötzlich? Dreht die Welt im Ring sich um? Bohren Messer mir im Schädel? Droht mir das Delirium? Sprach der Wiener Mediziner: Bist ein wunderschöner Fall, Hast Entzündung des Gehirnes, Und gehörst ins Hospital. Rief der Freund: wie herrlich kühlet Mir das Eis den heißen Kopf! Doch nach vierundzwanzig Stunden War er weg, der arme Tropf. Sprach der Wiener Mediziner: Holt die Säge stark und groß, Daß ich ihm den Schädel öffne, Ob ich traf die Diagnos! 384     Weihnacht-Abend in Wien. Wir verabredeten uns mit einigen Bekannten, Dr. Julius Geinitz aus Altenburg, Dr. Friedrich Wieger aus Straßburg, u. a., den Weihnachtsabend zusammen zuzubringen. – Geinitz, ein geschickter Chirurg, ließ sich bald nachher in seiner Vaterstadt nieder und hat dort mehr Blasensteinschnitte gemacht, als die meisten deutschen Chirurgen, denn nirgends in Deutschland kommen Blasensteine häufiger vor, als bei den Bauern des Herzogtums Sachsen-Altenburg. Vgl. J. Geinitz, Ueber die Steinkrankheit im Altenburgischen. Deutsche Klinik, 1858. Wieger ist 1876 mein Kollege an der neu errichteten Kaiser-Wilhelms-Universität in Straßburg geworden. – Als Ort unsrer Zusammenkunft bestimmten wir das Weinhaus des kaiserl. Hoflieferanten Leidenfrost in der Altstadt. Ehe wir uns zu unsern Bekannten begaben, beschlossen Bronner und ich, unsre Hauswirtin aufzusuchen, eine artige Wienerin, die uns viele Gefälligkeiten erwiesen hatte, um sie zu fragen, womit wir ihrem Töchterchen, einem lieben Kinde von 6–7 Jahren, Freude machen könnten; wir wollten ihm ein Andenken unter den Christbaum legen. Sie empfing uns mit betrübter Miene: ihr Mann wolle nichts vom Christbaum und von Bescherung überhaupt wissen, er stamme aus dem Reich, aus der Gegend von Walldürn, war somit ein Landsmann von uns, und behaupte, bei ihm zu Hause würfen die Leute nicht so unnötig das Geld zum Fenster hinaus. 385 Sie hätte ihrem Kinde eine Puppe, eine »Gretel«, bescheren wollen, er aber gebe es nicht zu. Wir schämten uns des filzigen Landsmannes, gingen eilends fort und trieben, um die Ehre unserer badischen Heimat zu retten, einen schönen Christbaum auf, kauften das nötige Zubehör und eine niedliche Puppe. Nachdem wir unsere Schätze heimgebracht, riefen wir die Mutter und baten sie, uns den Baum schmücken zu helfen. Mit zitternden Händen, Tränen in den Augen, stand sie uns bei, die Lichter wurden angezündet und es wurde geklingelt. Das Kind kam schüchtern herein, zuerst sprachlos vor Staunen über den leuchtenden Baum; als wir ihr aber die Puppe zeigten, die ihr beschert war, stürzte sie darauf zu und drückte sie fest an ihre Brust mit dem Schrei: »a Gretel! a Gretel!« Der Alte war hinter ihr hereingekommen und lachte mit dem ganzen breiten Gesichte. Wir ermahnten ihn, sich zu bessern und in Zukunft weniger filzig zu sein. Vergnügt, als hätten wir die schönste Bescherung in der Heimat mit den Unsrigen gefeiert, gingen wir zu unsern Bekannten und tranken »türkischen« Wein, Negodiner aus Serbien, das damals noch zur Türkei gehörte; erst viele Jahre nachher habe ich diesen guten Wein wieder gekostet in Belgrad, der nunmehrigen Hauptstadt des Königreichs Serbien. 386     Prag. Am 27. Dezember fuhren wir abends 8 Uhr vom Nordbahnhof in Wien ab und langten am 28. nachmittags 4 Uhr in Prag an. In dunkler Nacht flogen wir über Wagram und das Marchfeld und machten Mittag auf einem dritten berühmten Schlachtfeld, in Kolin. Ich bestellte mir einen gebratenen Indian und ging ihm energisch zu Leibe, aber der zähe Bursche wehrte sich verzweifelt; ich griff eben zu einem Glase Melniker, um mich zu einem neuen Angriff zu stärken, als hinter mir plötzlich der Ruf erschallte: »Hobt's an Boß?« und von Tisch zu Tisch ging der Ruf weiter: »Hobt's an Boß, hobt's an Bossierschein?« Ohne diesen Refrain ging es in Oesterreich beim Reisen nicht ab. In Prag übernachteten wir im blauen Stern und suchten am nächsten Morgen ein besser gelegenes Quartier am Roßmarkt. Beim Weggehen meldeten sich fünf dienstbare Geister zum Trinkgeld: das Stubenmadel, der Zimmerkellner, der Portier, der Lohndiener und der Hausknecht, dieser allein hatte uns wirklich gedient. Er bekam einen Zwanziger, die andern ein Zehnerl. In dem Unfug mit den Trinkgeldern kam die böhmische Hauptstadt der Kaiserstadt gleich, lästiger noch als dort war die Musik unermüdlicher Drehorgeln, Streich- und Blasinstrumente in Hof- und Wirtschaftsräumen. Nach dem heiteren Wien erschien uns Prag düster, des Merkwürdigen und Malerischen aber bot uns die Stadt die Fülle. 387 Großartig schön war der Blick von Hradschin oder dem Wyssehrad in die Stadt herab, namentlich wenn die Sonne warm auf dem Talkessel und der gefrorenen Moldau lag. Auf einem unsrer Spaziergänge zum Hradschin sah ich zuerst einen Böhmen in der wenig kleidsamen tschechischen Nationaltracht. Es war ein vornehmer Herr, er verschwand in einem der Paläste, die dort herabschauen. Bald nachher begegnete ich in der Stadt dem Professor der Medizin Hamernik in der gleichen Tracht, sie stand dem beleibten Sonderling mit dem kurzen Hals zwischen den breiten Schultern schlecht, er stolzierte aber gar selbstgefällig am Sonntag darin einher. Die meisten Gebildeten, die wir auf der Straße sprechen hörten, sprachen deutsch, die Leute der niederen Klassen tschechisch. Der Haß der tschechischen Bevölkerung gegen die Deutschen als ihre Unterdrücker wurde bereits lebhaft geschürt, in Wien aber hatten unsere österreichischen Bekannten behauptet, gerade die Tschechen lieferten Metternich seine gefügigsten Beamten; gefährlicher noch, fügten sie scherzend hinzu, als diese, seien die böhmischen Köchinnen, die mit erstaunlichem Geschick die guten Wiener in ihre Netze zu bringen verstünden. Bekanntlich schwärmten die deutschen Freiheitssänger von 1848 für alle unterdrückten Nationen, für Griechen und Polen, Tscherkessen und Serben, und feierten ihre Helden im Lied und Epos. Ein Deutschböhme aus sächsischem Stamme, Alfred Meißner, 1822 in Teplitz geboren, besang den grimmigen Hussiten Ziska mit großem Beifall 1846, das Gedicht erschien in Dresden und erlebte mehrere Auflagen. Er hatte Medizin studiert und war ein Schüler Oppolzers, den er sehr verehrte. Ich begegnete ihm eines Tages in dessen Arbeitszimmer im Krankenhause; er war gerade von Paris zurückgekehrt. Das hübsche Gesicht fiel mir auf, sein eleganter Pariser Anzug stach von dem wenig modernen des schlichten Klinikers ungemein ab. Erst nachdem er sich verabschiedet hatte, sagte mir Oppolzer: »Der junge Herr war Dr. Meißner, der den Ziska besungen hat, sein Gedicht soll schön sein, es wird ihm aber wenig Freunde in Oesterreich machen.« 388 Wir wohnten und speisten mit vielen andern jungen Aerzten im Erzherzog Stephan. Zwei davon, gute Deutsche, waren große Freiheitsschwärmer und machten die Bekanntschaft eines ledigen Advokaten, eines eingefleischten Tschechen, der gleichfalls im Gasthause wohnte. Er nahm an einem Tische abseits von uns seine Mahlzeit ein, abends suchten ihn die beiden auf und lauschten andächtig, wenn er ihnen die unvergleichlichen Tugenden seiner Nation pries. Nach einiger Zeit machte er ihnen einen ökonomischen Vorschlag. Die Zimmervermieter kauften in Prag, wie es auch Brauch war in Wien, das Brennholz für die Oefen klein gespalten und korbweise beim »Greisler«, dem Kleinhändler für Holz und Speisewaren. Der Advokat rechnete ihnen eine hübsche Ersparnis vor, wenn sie zusammen das Holz in Scheitern vom Großhändler nähmen und es dann im Hofe des Gasthauses durch die Holzmacher sägen, spalten und auf die Zimmer schaffen ließen. Die Sache hatte nur einen Haken. Sie sollten abwechselnd die Holzmacher überwachen, um nicht Gefahr zu laufen, daß ein guter Teil davon auf die Seite gebracht würde. »Meine Nation ist die erste der Welt,« beteuerte der tschechische Freund, »sie ist, wie keine, mit Tugenden ausgestattet, nur eine geht ihr ab, mit fremdem Eigentum nimmt sie es nicht genau.« Daran scheiterte die Ausführung des verlockenden Vorschlags. 389     Die Prager Fakultät. Wir waren nicht wenig überrascht, Prag weit mehr als Wien von jungen Aerzten besucht zu finden, die aus allen Teilen Deutschlands, aus der deutschen Schweiz und Holland zu ihrer weiteren praktischen Ausbildung dahin gekommen waren. In großer Gesellschaft begrüßten wir in der Sylvesternacht das Jahr 1848, das den Völkern so viel versprach und so wenig hielt. Bald wurde uns klar, warum die Prager Fakultät, obwohl sie streng genommen nur ein Filial der Wiener Schule war, der Wiener Fakultät den Rang abgelaufen hatte und ihr zu Studienzwecken von den reisenden Aerzten vorgezogen wurde. Sie kam ihren Bedürfnissen in liebenswürdigster und sachverständigster Weise entgegen und hatte eine Menge guter praktischer Kurse für sie eingerichtet, nur Hebras vorzüglicher Kurs über Hautkrankheiten fand in Prag nicht seinesgleichen. Auf einem wichtigen Gebiete der Heilkunst war Prag Wien sogar weit voraus, es besaß eine neue, musterhaft gebaute und geleitete Irrenanstalt, worin psychiatrischer Unterricht erteilt wurde, während in Wien noch immer, zum Skandal der fremden Besucher des allgemeinen Krankenhauses, das Geschrei der Irren aus den kleinen vergitterten Fenstern des Narrenturms in den Hof vor dem Leichenhause hinabschallte. Auch verdiente die Fakultät den Dank der zugereisten Aerzte durch die Erlaubnis, die sie ihnen bei der Gesellschaft der Prager Aerzte erwirkt hatte, deren Lesezimmer unentgeltlich zu benützen. Es lagen darin viele medizinische Zeitschriften auf und war eine kleine Bibliothek damit verbunden. Ich habe hier viele 390 Abendstunden zugebracht und die vorzüglichsten Abhandlungen der Wiener und Prager Koryphäen gelesen und ausgezogen. Der berühmteste und beliebteste Lehrer Prags war Oppolzer. Die herzliche Güte, womit er uns empfing, machte mich fast verlegen. Ich gab in einem Brief an meinen Vater den Empfindungen hierüber mit den Worten Ausdruck: »Als Kollegen und Freunde, ja als Ebenbürtige empfing uns der große Meister, nicht als medizinische Abcschützen und Ignoranten, wie wir es wirklich sind.« Johannes Oppolzer, ein Deutschböhme aus dem Städtchen Gratzen, war gerade 40 Jahre alt und stand auch als Forscher und Lehrer auf der Höhe seines Wirkens. Er hielt morgens von 9–10½ innere Klinik, nachdem er in seiner großen Abteilung mit 150 Betten im Krankenhause die Visite gemacht hatte, bei der ich ihn einige Male begleitete. Seine Klinik verfügte über 40 mit ausgesuchten Kranken belegte Betten. Die Vorträge hielt er lateinisch; die Märzrevolution machte kurz nachher dem Latein in den deutschen Kliniken, wo es noch etwa im Gebrauch war, ein Ende. Ich habe mich als klinischer Lehrer der lateinischen Sprache nur einmal bedient, in Freiburg, um von dem Kranken, einem Gärtnerburschen, nicht verstanden zu werden, erreichte jedoch meinen Zweck nicht. Er gab auf alle Fragen mit stereotypem Lächeln einfältige Antworten, die den Unmut meiner Schüler erregten. Ich beschwichtigte sie mit den Worten, der Arzt dürfe am Krankenbette nie die Geduld verlieren, der kranke Jüngling sei zwar ein großer Esel, aber sie sollten bedenken, er habe nicht wie sie das Glück gehabt, in einem Gymnasium klassische Bildung zu empfangen. Darauf lachte der Bursche ganz unbändig. Ich wurde jetzt böse und fragte, warum er so einfältig lache? »Ei!« gab er zur Antwort, »ich muß lachen, weil ich auch Gymnasiast gewesen bin.« Die Vorträge Oppolzers waren einfach in Form und Inhalt und hoben das Wesentliche wohl geordnet und klar hervor. So, wie der ganze Mann schlicht, bescheiden und doch sicher, unbedingtes Vertrauen erweckend, vor uns stand, prunkte auch sein Unterricht nicht mit schönen Reden und geistreichen Hypothesen. Was er gab, war gutes, nahrhaftes Brot. Ebenso lehrreich, wie seine Vorträge und Demonstrationen waren die klinischen Sektionen, die der 391 Prosektor der pathologisch-anatomischen Anstalt, Dr. Dittrich, für ihn ausführte. Oppolzer leitete sie häufig mit einigen Worten ein, begleitete und schloß sie mit nützlichen Bemerkungen, forderte uns auch in gewissen Fällen vor der Sektion auf, eine und die andre Untersuchung an der Leiche auszuführen. Nach der Sektion lud er uns nicht selten ein, ihn auf sein Arbeitszimmer zu begleiten, wo ein Mikroskop und chemische Reagentien zur Benützung für diagnostische Zwecke aufgestellt waren. Man konnte hier Fragen an ihn richten und war einer freundlichen Beantwortung sicher. Oppolzer hat in Prag mehrere wertvolle pathologische Abhandlungen in der Prager Vierteljahrsschrift veröffentlicht, später, nachdem er 1848 nach Leipzig und zwei Jahre darauf nach Wien berufen worden war, beschränkte er seine literarische Tätigkeit je länger, desto mehr auf klinische Mitteilungen in der Wiener mediz. Wochenschrift, meist durch die Feder seiner Assistenten; seine riesige Praxis ließ ihm keine Zeit zum Schreiben. Während meines Aufenthalts in Prag hieß es, er beschäftige sich mit der Abfassung eines Handbuchs der Pathologie, man war sehr gespannt darauf, aber es ist nie erschienen; die Vorlesungen Oppolzers, die sein Schwiegersohn Stoffela herausgab und nicht zu Ende führte, enthalten nur bekannte Dinge. Oppolzers Begabung reichte nicht entfernt an das Genie Skodas, aber als praktischen Lehrer stellten wir Aerzte ihn über den großen Kritiker und Reformator. Im Besitze einer reichen und sichern Erfahrung, durchdrungen von der humanen Aufgabe der Heilkunde und fest im Glauben an die Heilkunst, war er ein getreuer Ekkehard in den Nöten und Gefahren der Praxis. Mit ruhiger Weisheit verzichtete er auf mathematische Gewißheit und erreichte das Mögliche und Beste durch einfache Mittel, ein Kennzeichen tüchtiger Aerzte. Als im Januar meine Knie rheumatisch anschwollen und mich mit Schmerzen quälten, fragte ich Oppolzer um Rat, seine Verordnungen charakterisieren die hippokratische Art seiner Therapie. Er riet mir keine Arznei, nicht einmal Einreibungen, nur Flanell um beide Gelenke, Vermeidung erhitzender Speisen und Getränke, ich solle eine Zeitlang nur von Milch, Eiern, weißem Fleisch, Gemüsen und 392 Obst leben. Ich befolgte seine Vorschriften, die Knie wurden besser, aber Heilung erzielte ich erst später durch Kaltwasserbehandlung, auf die er nicht hinwies. Neben der inneren Klinik von Oppolzer bestand noch die von Jaksch, die weniger besucht war, doch hielten einige meiner Bekannten große Stücke auf Jaksch als feinen Diagnostiker; sie behaupteten scherzhaft, er sei imstande, bei Klappenfehlern der Aorta genau anzugeben, welche von den drei Taschen erkrankt sei. Ganz vorzüglich war die chirurgische Klinik unter der Leitung von Franz von Pitha, einem edeln, feingebildeten, humanen und geschickten Manne. Sehr beliebt war auch Arlt, der »Supplent« für Augenheilkunde. Da mir die ruhige Hand zu seinen Operationen versagt war, wollte ich keine Zeit mehr auf dieses Fach verwenden und besuchte seine Klinik nicht. Zufällig hörte er meine Bekannten in der Klinik meinen Namen nennen, der ihm auffiel, und erfuhr auf Befragen, daß ich der Verfasser der Heidelberger Preisschrift über die Farbenerscheinungen im Augengrunde sei, die er gelesen und günstig rezensiert hatte, was ich nicht wußte. Er forderte mich danach auf, ihn zu besuchen und lehrreiche anatomische Präparate bei ihm anzusehen. Ich folgte dieser Einladung und freute mich der Lobsprüche, die er meiner Schrift spendete. Sie taten meinem jungen Autorherzen wohl; in Wien hatte man mein Büchlein keines Wortes und vermutlich keines Blicks gewürdigt, denn was konnte aus dem Reiche Gutes kommen? Die Prager waren doch bessere Menschen! Die interessanteste der Prager Lehranstalten war für uns das neue Irrenhaus, die Schöpfung des Primararztes Riedel, den man den Reformator des österreichischen Irrenwesens nennen darf. Er hat 1851 auch die neue Irrenanstalt in Wien vollendet, zu deren Bau die Regierung bereits 600 000 fl. bewilligt hatte. – Riedel empfing uns sehr freundlich und erteilte einem Assistenten den Auftrag, uns durch die weite Anstalt zu führen; wir verweilten vier ganze Stunden darin. – Oesterreich verdankt Riedel die erste Einführung eines psychiatrischen klinischen Unterrichts der Mediziner. Die Größe dieses Verdienstes weiß der am besten zu schätzen, der 393 mit den großen Vorurteilen zu kämpfen hatte, die selbst bei den Psychiatern dagegen bestanden. In Baden hat sich Chr. Roller um die Einführung einer geordneten Irrenpflege unvergängliche Verdienste erworben, die Landesheil- und Pflegeanstalt Illenau erbaut und rühmlichst geleitet, die Einrichtung psychiatrischer Kliniken aber an den Universitäten Heidelberg und Freiburg hartnäckig bekämpft. Erst 1874, drei Jahre vor seinem 1877 erfolgten Tode, drangen die Fakultäten mit ihren Anträgen durch. Einen viel besuchten und gerühmten Kurs über Perkussion und Auskultation erteilte Professor Hamernik auf seiner Abteilung für Brustkranke; ich mußte auf diesen Kurs verzichten, er war mir zu teuer, kostete 16 fl., und mein Reisegeld ging zur Neige. Statt dessen nahm ich mit Bronner einen ganz vorzüglichen Kurs über chirurgische Anatomie bei Professor von Patruban im Karolinum, dem alten Universitätsgebäude, worin einst Huß gelehrt hatte und das anatomische Institut sich befand. Endlich gedenke ich noch des ausgezeichneten pathologisch-anatomischen Kurses, den uns im allgemeinen Krankenhause der bereits erwähnte Prosektor Franz Dittrich erteilte. Geboren 1815 in Nixdorf in Böhmen, war er ein Schüler Hyrtls und Rokitanskys, wurde Assistenzarzt bei seinem Freunde Jaksch und dem Geburtshelfer und Frauenarzte Kiwisch von Rotterau; jetzt war er an die Stelle Dlauhys getreten, der als Professor der gerichtlichen Medizin nach Wien versetzt worden war. Sein Kurs wurde von mehr als dreißig Aerzten besucht. Die reichen klinischen Erfahrungen, die Dittrich gesammelt hatte, wußte er vortrefflich zu verwerten, sie machten seinen Kurs doppelt lehrreich, obwohl er seinem Lehrer Rokitansky mit großem Vertrauen auch auf die Irrwege der Krasen- und Blastemlehre folgte. Die glänzendste Entdeckung Dittrichs war die der syphilitischen Natur gewisser Lebergeschwülste, die der Anatom Bochdalek und Oppolzer 1845 fälschlich für in Heilung begriffene Krebse gehalten hatten. Sie fiel in das Jahr 1849. Ein Jahr nachher berief ihn die bayerische Regierung an die innere Klinik nach Erlangen, wo er der Fakultät zu raschem Aufschwung verhalf und sich großer Verehrung erfreute. Nach seinem Tode 1859 bin ich sein Nachfolger geworden. 394     Vereitelte Zukunftspläne. In Wien hatte die pathologische Anatomie mich so angezogen, daß ich daran dachte, mich ihr ganz zu widmen und dem Winke Naegeles folgend die akademische Laufbahn einzuschlagen. Der fruchtbare Boden, auf dem das Skalpell so reiche Ernte gehalten hatte, versprach noch größere Ausbeute, wenn er mit der Linse des Mikroskops durchforscht würde. Hatte ich doch bei Bischoff und Henle gesehen, was die Entwicklungsgeschichte und die Gewebelehre diesem Werkzeug verdankten. Die mikroskopische Bearbeitung der pathologischen Anatomie schien mir eine der dringendsten und lohnendsten Aufgaben der medizinischen Wissenschaft. In Wien war dafür wenig geschehen, noch kaum ein Anfang gemacht. Florian Heller hatte hier 1844 ein Archiv für pathologische Chemie und Mikroskopie gegründet, aber die Zeitschrift ging schon 1847 ein. Sie diente dem diagnostischen Bedürfnis der Aerzte mehr als der strengen Wissenschaft, ähnlich wie des Heidelberger Dozenten Hoefle »Chemie und Mikroskopie am Krankenbette.« Anders stand es in Berlin, wo Schwann der mikroskopischen Forschung einen leitenden Gedanken gegeben und Johannes Müller in seiner Schrift über den feineren Bau der Geschwülste schon 1838 ein Vorbild auch auf diesem speziellen Gebiete medizinischer Untersuchung geschaffen hatte. Einer meiner alten Heidelberger Bekannten, der Zoologe von Frantzius, war im Herbst von Triest her, wo er mit Siebold und Ecker Seetiere untersucht hatte, nach Wien gekommen und hatte mir dringend geraten, nach Berlin zu gehen und den ihm befreundeten Prosektor der 395 Charité, Rudolf Virchow, aufzusuchen; er bearbeite mit Geist und Erfolg die pathologische Anatomie im Sinne Müllers und Schwanns. Es schien mir aber, der äußeren Schwierigkeiten halber, zu unsicher, ob ich nach der Heimkehr es wirklich unternehmen könne, mich als Dozent in Heidelberg niederzulassen; ich mochte deshalb das mit meinem Freunde Bronner gefaßte Vorhaben, zunächst noch Prag zu besuchen, nicht aufgeben; gelang es mir, nach der Heimkunft jene Schwierigkeiten zu überwinden, so hoffte ich unter Henles Aegide dort mein Ziel zu erreichen. In Prag trat mir der verführerische Gedanke, der mich schon in Wien so lebhaft beschäftigt hatte, wieder nahe. Im Lesezimmer der Aerzte las ich die zwei Dezembernummern der Berliner medizinischen Zeitung 1846, worin Virchow den allgemeinen Teil von Rokitanskys Handbuch der pathologischen Anatomie kritisierte. Die Kritik war wie eine Bombe in das Lager der Wiener Schule niedergefahren. Virchow nannte das Buch gefährlich, einen Ueberfall der Klinik durch die Anatomie, die mit unerwiesenen, willkürlichen chemischen und physiologischen Hypothesen über die ihr gesteckten Grenzen weit hinaus in das Gebiet der Pathologie greife. Rokitansky habe zu den vielen spekulativen, haltlosen Systemen der Pathologie ein neues geliefert, das seinem großen anatomischen Verdienst Eintrag tue. Gleich nachher fiel mir das 1. Heft seines 1847 mit Reinhard herausgegebenen Archivs für pathologische Anatomie und Physiologie in die Hände. Die zündenden Worte seines Programms: »Ueber die Standpunkte der wissenschaftlichen Medizin« ergriffen mich mächtig. Der junge Anatom ging dem faulen Skeptizismus und Nihilismus der Wiener scharf zu Leibe. Er zeichnete mit sicherer Hand die Ziele und Wege, die der Medizin ihr zwiefacher Charakter als Naturwissenschaft und tätige Kunst in der pathologischen Forschung vorschreibt. Die Heilkunst sei keine Wissenschaft, die man einzig um ihrer selbst willen pflegen dürfe, für sie gelte das Wort: scientia est potentia! Wissenschaft ist Macht. Sie dürfe nicht auf den Wolken thronen, sondern müsse auf festen Beinen unter dem Volke wandeln und 396 sorgen, ihm Leben und Gesundheit zu schirmen. Der Ausbau der pathologischen Anatomie geschehe nicht durch Aussinnen von lustigen Hypothesen und Systemen, sondern nur durch geduldige Arbeit am Sezier- und Mikroskopiertisch, in chemischen und physiologischen Werkstätten. Tüchtige, herrliche Worte, begleitet von der Morgengabe, die der junge anatomische Forscher der pathologischen Wissenschaft brachte, den glänzenden Entdeckungen der Leukaemie und Embolie, die zu den größten der Medizin gehören! Unwiderstehlich zog es uns jetzt nach Berlin; aber der Tag unserer Heimreise war bereits auf den 1. März festgesetzt und meine verfügbaren Mittel reichten nur eben noch bequem bis nach Hause. Mein Freund war besser daran. Großmütig schlug er mir vor, seinen elenden Mammon mit ihm zu teilen und mich nicht von ihm zu trennen; sein Besitz reiche auf etliche Monate für uns beide, wir wollten nicht eher heimkehren, bis wir Virchows Bekanntschaft gemacht hätten. Während ich noch schwankte, ob ich auf das Anerbieten eingehen solle oder nicht, entlud sich das politische Gewitter, das schon lange im Westen gedroht hatte. Am 23. Februar hatte Guizot seine Entlassung von Louis Philippe verlangt und erhalten. Abends fiel in Paris der verhängnisvolle Schuß aus der Menge, die sich vor dem Ministerium des Aeußern gestaut hatte, die bedrohte Wache erwiderte ihn mit einer Salve aus 50 Gewehren, Verwundete und Leichen bedeckten das Pflaster. Dieses Blutbad kostete dem König den Thron. Am 24. morgens legte er seine Krone nieder und entfloh nach England. Am 25. oder 26. vormittags gingen wir unsern täglichen Weg in das Krankenhaus. Oppolzers erster Assistent kam uns frohlockend entgegen: »Gute Botschaft meine Herrn! Louis Philippe ist gestürzt, die Republik proklamiert!« Wir gingen in unsre Wohnung zurück und rüsteten uns zur Abreise. Von Berlin war nicht mehr die Rede. Es trieb uns heim an den Rhein. Am letzten Februar reisten wir ab. 397     Achtes Buch. Im badischen Heere 1848 und 1849. Mit Morgenrot und Lerchenschlag Brach an im Lenz ein Blütentag, Und als herniederstieg die Nacht, Verhagelt war die ganze Pracht.     Die Heimreise von Prag im März 1848. Der Postwagen brachte uns von Prag nach Aussig an der Elbe, das Dampfschiff von da nach Dresden. Wir verweilten hier zwei Tage und bewunderten die reichen Kunstschätze der sächsischen Königsstadt; sie war so ruhig, als säße Louis Philippe noch immer ganz sicher auf Frankreichs Throne. Von Dresden fuhren wir mit der Eisenbahn nach Leipzig, wo wir gleich nach der Ankunft vormittags einen unserer Heidelberger Bekannten aufsuchten und zu Hause trafen, einen Rechtskandidaten namens Scharf aus dem sächsischen Voigtlande. Seine Freunde hielten große Stücke auf ihn, sein Charakter war fest und zuverlässig, an politischer Reife war er den meisten überlegen, er hatte ein bestimmtes Programm seines künftigen bürgerlichen Verhaltens und stand entschieden auf dem Boden des konstitutionell-monarchischen Systems. Von einem republikanischen Deutschland, wofür manche Brauseköpfe schwärmten, wollte er nichts wissen und versprach der eben zur Welt gekommenen französischen Republik keine Dauer. An der Wand seines Zimmers hingen zwei Glockenschläger und mehrere Büchsen, er war ein gewandter Fechter und guter Schütze. Wir fragten unsern Freund nach dem Stande der Politik in Leipzig; halb ernst, halb scherzhaft gab er zur Antwort: »Es kann täglich losgehen, vielleicht heute schon!« Wir meinten: »Da kommen wir ja gerade recht und können gleich mitmachen!« »Gut!« erwiderte er, »ich kann euch mit zwei vorzüglichen Büchsen dienen.« – Wir sahen etwas verlegen drein, denn wir hatten uns nie auf dem 400 Schießstand geübt. Er lachte: »Ich merke wohl, wie es um euch steht, ihr seid von den Freiheitshelden, die nicht schießen können. Nun, da nehmt ihr eben, wenn es losgeht, die Glockenschläger und verteidigt damit die Barrikaden! – Na, Kinder,« fuhr er nach einer kleinen Pause fort, »seid mir nicht böse! Ich denke, unser König läßt es nicht zum äußersten kommen und bewilligt die bescheidenen Wünsche seiner treuen Leipziger. Aber es ist Zeit zum Frühschoppen, ohne ihn geht es in diesen bewegten Zeiten nicht ab. Ich will euch mit unsrem sächsischen Mirabeau bekannt machen, Robert Blum, unsrem Volkstribunen; wir werden hören, was für neueste Nachrichten von Dresden eingelaufen sind, und was darauf weiter beschlossen wird.« – Er führte uns in ein Bierhaus, wo in einem Nebenzimmer ein Dutzend junger Bürger und Studenten Robert Blum erwarteten. Bald darauf kam dieser eilig herein, setzte sich zu uns und teilte die Parole aus. Sie lautete friedlich, die Glockenschläger durften ruhig hängen bleiben. Das ungewöhnlich häßliche, aber ausdrucksvolle Gesicht des großen Volksmanns und Patrioten ist mir unvergeßlich geblieben. – Wir verweilten zwei Tage in Leipzig, nahmen Abschied von Scharf und hörten nie wieder von ihm. Er litt an Gallensteinen, vielleicht ist er diesem Leiden früh erlegen. Unser Heimweg führte über Halle weiter nach Weimar, wo wir den Manen unsrer größten Dichter und ihres edlen fürstlichen Freundes den Tribut frommer Verehrung darbrachten. Von da eilten wir nach Eisenach und feierten am 8. März ein angenehmes Wiedersehen mit unsrem Freunde Schwanitz, der hier in seiner Vaterstadt als »Stadtgerichts-Accessist« praktizierte, uns auf die Wartburg begleitete und abends in eine Bürgerversammlung mitnahm. Sie wurde in dem großen Saale der »Erholung« abgehalten, worin drei Monate später das von 1500–1800 Musensöhnen beschickte Studentenparlament tagte, das ebenso fruchtlos über eine Verfassung der deutschen Studentenschaft beriet, wie das Frankfurter in der Paulskirche über die deutsche Reichsverfassung. Die Bürgerversammlung beschloß einstimmig, eine von den angesehensten Bürgern der Stadt bereits gutgeheißene und von Schwanitz verlesene Adresse an den Großherzog von Weimar zu schicken, worin ihm 401 die Wünsche des Volkes vorgelegt wurden; es waren dieselben Forderungen, die damals die gebildeten Bürger allenthalben in Deutschland an ihre Regierungen stellten: Preßfreiheit, Schwurgerichte, öffentliches Gerichtsverfahren, deutsche Nationalvertretung und allgemeine Volksbewaffnung. Sie sind heute alle erfüllt, die letzte in Gestalt der allgemeinen Wehrpflicht. Daß es noch immer Leute gibt, die das Jahr 1848 in Bausch und Bogen verdammen, ist unbegreiflich, aber die Menschen, die mit Einsicht Geschichte lesen, sind dünn gesät. – An diese allgemeinen politischen Wünsche wurden noch besondere wirtschaftliche des sachsen-weimarischen Volkes geknüpft. Zuletzt verliefen die bisher ruhigen Verhandlungen durch die Taktlosigkeit eines Teilnehmers stürmisch. Die Nacht war längst eingebrochen, als wir im Eilwagen nach Frankfurt a. M. abfuhren. Am folgenden Morgen, bei häßlichem, regnerischem Wetter überholten wir eine Kompagnie kurhessischen Fußvolks; die Leute sahen unlustig drein, sie marschierten nach Hanau. Was hatten die freisinnigen Hanauer dem Kurfürsten wieder für Aerger bereitet? In Frankfurt musterten wir im Saale des Römers sinnend die lange Reihe der deutschen Kaiser von Karl dem Großen bis auf Franz II. Würden wir es erleben, daß eine starke Hand das Zepter des deutschen Reichs aufs neue aufnähme, oder sollte Deutschland nach wie vor das Aschenbrödel der Nationen bleiben? Die Main-Neckarbahn war bereits am 1. August 1846 von Heidelberg bis Sachsenhausen dem Verkehr übergeben worden und wurde 1848 bis Frankfurt geführt. Als wir der Bergstraße entlang gen Heidelberg fuhren, lag die geliebte Landschaft noch halb im Winterschlafe. Ohne uns aufzuhalten, fuhren wir weiter nach Wiesloch, ungeduldig, die Unsrigen zu sehen. 402     Eintritt in das badische Heer. Bei der unsichern Weltlage traf das badische Kriegsministerium Vorkehrungen und forderte die Aerzte des Landes zum Eintritt ins Heer auf. Man erwartete allgemein große Kriege und befürchtete namentlich, daß Kaiser Nikolaus ein Deutschland mit freien Einrichtungen an den Grenzen des russischen Reichs nicht dulden werde; die Franzosen fürchtete man weniger und erblickte in ihnen eher künftige Verbündete gegen das drohende Kosakentum. Mein Vater riet mir dringend, mich zum Militärdienste zu melden, denn die erschütterte Ordnung hatte für Handel und Kredit schlimme Folgen; er sah richtig voraus, daß die Privatpraxis in den nächsten Jahren wenig abwerfen werde. Ich mußte den Gedanken, mich in Heidelberg niederzulassen, endgültig aufgeben und folgte dem Beispiel mehrerer meiner Studiengenossen, die sich bei dem Kriegsministerium bereits gemeldet hatten. Da einige Wochen vergingen, bis ich eingerufen wurde, unterstützte ich so lange meinen Vater in der Praxis. Sie gab mir Gelegenheit, einige Fälle von Wurstvergiftung zu beobachten und samt dem Leichenbefund in der Zeitschrift der badischen Aerzte für Staatsarzneikunde zu beschreiben. Bekanntlich hat Justinus Kerner, der Weinsberger Arzt und Dichter, diese in Süddeutschland nicht seltene Vergiftung zuerst beschrieben (1817–1821). Die politische Bewegung war anhaltend im Steigen begriffen. Am 19. März besuchte ich die große Volksversammlung in Offenburg. Aus dem ganzen Großherzogtum, namentlich aus dem 403 Oberlande, strömten Leute herbei, zwei- bis dreitausend, in der Mehrzahl Landleute in ihren malerischen Volkstrachten; die Versammlung glich einem schönen Volksfeste. Alles schwelgte in wonniger Erwartung des Mannasegens, den der plötzlich angebrochene Völkerfrühling über das Land ausschütten werde. Die Reden atmeten Zuversicht und besonnene Mäßigung. Welcker, der bewährte Kämpfer für Volksfreiheit und Bundesreform, mahnte, nicht zu vergessen, daß die deutsche Verfassungsfrage nicht in dem südwestlichen Winkel am Rhein entschieden werden könne. Sogar Hecker, der ungestüme Führer der Roten, hielt seine Freunde von überstürzten Anträgen zurück. Bedenklich war nur am Schlusse der Versammlung die Ernennung eines Landesausschusses neben dem gesetzlichen Organe der Volksvertretung, der zweiten Kammer, und die Zusammensetzung des Ausschusses aus 16 Mitgliedern der äußersten Linken unter Führung Heckers; der Ausschuß sollte die errungenen politischen Schätze hüten und mehren. Allenthalben im Lande begannen sich Volksvereine zu bilden und übten sich Freiwillige in den Waffen, die Vereine wurden dem Ausschusse unterstellt. Schon acht Tage nach dieser ersten großen Volksversammlung, am 26. März, wurde eine zweite in dem Schloßhof zu Heidelberg abgehalten, die vorzugsweise von Bewohnern der rechts- und linksrheinischen Pfalz besucht war und einen andern, entschieden revolutionären Charakter trug. Die Partei des Advokaten v. Struve, der zum fanatischen Jakobiner geworden war, schickte von Mannheim ihre tollsten Brandredner herüber. Zwischen den Reden knallte Schuß auf Schuß, um die Aufregung zu steigern. In den Pausen trat ein junger Mensch in schwarzem Samtrock und Heckerhut, eine rote, weithin leuchtende Binde um den Hals, auf die Tribüne, die vor dem Bandhaus aufgerichtet war, blickte ernst und wichtig auf das Volk hernieder, das den weiten Hofraum ganz anfüllte, und erregte die allgemeine Neugier, worauf er es abgesehen hatte. Es ist Blind, hieß es, einer der Getreuen des Bürgers Struve! Wie in allen Städten und Städtchen des Landes, übten sich auch in Wiesloch viele junge Leute freiwillig in den Waffen; Freund Bronner und ich traten in ihre Reihen, exerzierten abends mit der 404 Muskete und suchten die Ordnung zu erhalten; in dem benachbarten Walldorf hatte man Ausschreitungen gegen die Juden begangen, in Wiesloch sie bedroht, aber es gelang uns, sie hier zu schützen. Unser Drillmeister war ein gedienter alter Soldat, der zwar als Handwerker in dem Städtchen sein kümmerliches Brot verdiente, jedoch noch immer mit ganzer Seele Soldat war. Stolz auf sein Amt und den Titel Leitmann – so lautete verdeutscht der welsche Name Lieutenant – hatte er keinerlei politisches Interesse oder Verständnis. Im Sommer 1849 zog er überglücklich an der Spitze seines Fähnleins ins Feld wider das Reichsheer, das an der Bergstraße in Baden einrückte, und ging blindlings auf den Feind los; eine hessische Kugel streckte ihn tot zur Erde. Mit der politischen Erregung wuchs auch der persönliche Haß der Parteien gegeneinander, es fehlte nicht an unerquicklichen Vorgängen und schlimmen Zusammenstößen. Als ich in der zweiten Hälfte des April zum Heeresdienst einberufen wurde, folgte ich gerne der Weisung, mich ungesäumt bei dem Obersten des 1. Infanterieregiments in Rastatt zu melden. Nach meiner Ankunft suchte ich zunächst einen Bekannten, einen Oberleutnant der Garnison auf, um mich über die mir so gänzlich fremden Verhältnisse zu erkundigen, ich hatte ihn bei seinem Bruder, einem meiner Universitätsfreunde, kennen gelernt. Er empfing mich freundlich, nur beunruhigte ihn ein zarter Flaum, der sich seit kurzem, ziemlich verspätet, auf meiner Oberlippe hervorgewagt hatte; es waren die ersten Sprossen eines Schnurrbarts. »Mein lieber Doktor«, warnte er mich, »ich sehe zu meinem Leidwesen auf Ihrer Lippe einen reglementwidrigen Schnurrbart und rate Ihnen wohlmeinend, lassen Sie das Ding noch heute entfernen. Sie ersparen dem Herrn Oberst morgen, wenn Sie sich melden, einen verdrießlichen Anblick und sich selbst den ersten Verweis. Ich zweifle nicht, Sie teilen meine Meinung. Schnurrbärte eignen sich schlecht für gebildete Zivilisten, am schlechtesten aber für Militärpersonen.« Was durfte ich dagegen einwenden? Das Reglement befahl und der Flaum verschwand, doch konnte ich nicht unterlassen, dem Herrn Oberleutnant vorherzusagen, in wenigen Wochen würden 405 die Schnurrbärte wie Pilze beim Regen in der ganzen Armee emporschießen. Ich blieb nur kurze Zeit in der Bundesfestung und erhielt anfangs Mai Befehl, mich zu dem Bataillon Leiblein zu verfügen, das ich am 21. Juni mit dem Bataillon Holtz vertauschen mußte; beide waren zu einer Brigade abkommandiert, die in den Aemtern Offenburg, Lahr und weiter hinauf die Grenze zu überwachen hatte. Der Heckerputsch ging gerade zu Ende, und zuletzt, am 27. April, war die deutsch-französische Legion unter Bornstein und Herwegh bei Dossenheim im Schwarzwald auseinandergesprengt worden. Wir zogen kreuz und quer durch das Rheintal, kamen bis Staufen hinauf und stießen nirgends auf Bewaffnete, nur auf volle Schüsseln und Weinflaschen; die Wunden, die ich zu heilen fand, hatten einzig Bacchus und Venus geschlagen. Bei einem vorübergehenden Aufenthalt in Offenburg begegnete ich in dem damals so berühmten Gasthofe zur Fortuna, wo der Besitzer, Herr Pfaehler, uns freigebig bewirtete, dem Oberleutnant, der mich bei meinem Eintritt in das Heer mit den reglementarischen Gepflogenheiten bekannt gemacht hatte. Mein Schnurrbart war seitdem in größter Schönheit aufgeblüht, auch ihn schmückte jetzt eine etwas struppige Pflanzung noch junger, borstiger Haare. 406     Die Heerfahrt nach Holstein im August 1848. Im Sommer 1848 wurde der deutschen Armee, die unter General von Wrangel in Schleswig-Holstein stand, eine, aus Abteilungen des VIII. Bundesarmeekorps zusammengesetzte Division unter dem Befehle des württembergischen Generalleutnants von Miller zugewiesen. Die badische Abteilung bildete eine Brigade unter dem Kommando des Obersten von Roeder in der Stärke von 5 Bataillonen, je eines von den 5 Infanterieregimentern zu 950 Mann, und einer Fußbatterie. Das Bataillon Holtz, dem ich als Feldarzt angehörte, war eines der ausgewählten fünfe. Viele junge Leute, darunter auch einige Universitätsfreunde, hatten als Freiwillige in der Brigade Aufnahme gefunden. Aus den geträumten Lorbeeren in den meerumschlungenen Herzogtümern ist nichts geworden, keinen einzigen »danske Landssoldat« bekam die Brigade zu Gesicht. Der Abmarsch unseres Bataillons erfolgte von Rastatt am 13. August. Bei Tagesanbruch stand es marschbereit, und wir hätten wohlgetan, sofort aufzubrechen, denn es war noch kühl und ein heißer Tag in Aussicht, aber man hatte der Rastatter Bürgerschaft zugestanden, die scheidende Truppe mit einem Abschiedstrunk zu bewirten. Als wir endlich ausrückten, brannte die Sonne schon recht warm auf die angeheiterten Köpfe. Gegen Mittag begannen viele zu wanken, schließlich lagen die Leute zu Dutzenden längs der Straße. Ich hatte vollauf Arbeit, schnürende Riemen zu lösen, Ermattete und Ohnmächtige zu beleben, doch ging es ohne Todesfall ab. Unter den Freiwilligen des Bataillons befand sich ein Theologe, 407 der die Hochschule absolviert, aber sein Examen noch nicht gemacht hatte; seine Heidelberger Freunde nannten ihn, um seines treuherzigen und etwas ruppigen Wesens willen, den Förster. Er hatte sich im Frühjahr bei seinen Eltern, braven Pfarrersleuten in der Nähe von Freiburg, auf das Examen vorbereitet, als der Aufstand losbrach, Hecker über den Schwarzwald marschierte und die Aufständischen Freiburg verbarrikadierten. Da litt es ihn nicht zu Hause; statt mit Gottes Wort auf der Kanzel zu Frieden und Gehorsam zu mahnen, griff er zum Gewehr und kämpfte auf der Barrikade wider den Feind, der die Stadt erstürmte. Es gelang ihm, unversehrt zu entkommen, und seine Teilnahme an dem Kampfe blieb verborgen. Aber der Pulverdampf, das Zischen der Kugeln, die Aufregungen des Gefechts hatten unsrem »Förster« wohl gefallen, und als die badische Brigade gegen die Dänen geschickt wurde, meldete er sich in Rastatt als Freiwilliger, um für das Vaterland an der Nordmark des Reichs zu streiten. Ich sah ihn im heißen Sonnenbrand mühsam daher marschieren, den schweren Tschako auf dem Haupte, die Last des Tornisters auf dem Rücken, die Muskete auf der Schulter; darum lud ich ihn ein, auf dem »Pflasterkasten«, der Ambulance, aufzusitzen, denn ich besorgte, er werde, der Anstrengung noch ungewohnt, wie so viele andre, zusammensinken. Er wies mich jedoch bestimmt ab und marschierte weiter, bis wir die ersehnten Quartiere in dem Städtchen Mühlburg bei Karlsruhe bezogen. – Kaum hatte ich meine dringendsten Geschäfte erledigt, so eilte ich, ihn aufzusuchen. Ich fand ihn gesund und gut aufgehoben, traute aber meinen Augen nicht: es war eine Stunde vergangen, und doch steckte er noch in voller Rüstung und saß, mit Tschako und Tornister, das Gewehr in der Hand, ernst vor sich hinblickend, auf dem Rande des Bettes, das ihm für die kommende Nacht zugerichtet war. Ich erschrak: »Um Gottes willen, Förster,« rief ich ihm zu, »hat dich ein Sonnenstich um den Verstand gebracht? Was fehlt dir?« – »Nichts fehlt mir, aber ich ruhe und raste nicht, bis ich mich an die Montur und Armatur gewöhnt habe!« Der wackere Förster hat die Fahrt nach Holstein glücklich mitgemacht und sich an Montur und Armatur gewöhnt. Er ist 1849 über das große Wasser gesegelt und hat in 408 der neuen Welt eine neue Heimat gefunden, nicht als Prediger und nicht als Soldat, sondern bei einem friedlich ehrsamen bürgerlichen Gewerbe. Wir verweilten in dem Städtchen Mühlburg bis zum 16. August. Am 15. besichtigte Großherzog Leopold die Brigade in Karlsruhe. Leider war die Völlerei bei den Truppen eingerissen, sie wurden allenthalben zu reichlich mit Wein bewirtet, darunter litt die Mannszucht. Am 15. abends vergriff sich ein betrunkener Soldat auf dem Wege von Karlsruhe nach Mühlburg an einem Leutnant tätlich, dieser zog den Degen und durchbohrte ihm die Lunge. Ich leistete dem Verwundeten den ersten Beistand. Erst am 19. August erreichten wir nach vier kleinen Tagemärschen das große Dorf Seckenheim bei Mannheim. Auf dem Marsch erzählte mir ein Korporal namens Groß, ein schöner Mann und gewesener Schauspieler, er sei weit in Deutschland herumgekommen, auch schon in Holstein gewesen. Man habe dort das beste Fleisch der Welt, aber die üppige Holsteiner Küche verlange einen starken Magen. Der seinige sei gottlob der Aufgabe gewachsen. – In Seckenheim nahm das Abschiedtrinken kein Ende. Am 20. wurde abends nach Mannheim abmarschiert, um zwei Uhr nachts das Bataillon auf drei Dampfschiffe verladen und den Rhein hinab nach Köln spediert. Einer der Oberfeldwebel gab Befehl, man solle ihn erst bei Ehrenbreitstein aus dem Schlafe wecken, er wünsche die berühmte Festung zu sehen, was auch geschah; am besten gefiel ihm an der Festung, daß man Reben um sie pflanzte. Wir landeten bei sinkender Nacht in Köln, fuhren am 21. mit der Bahn durch Rheinland und Westfalen nach Bückeburg, am 22. nach Harburg und am 23. Morgens früh zu Schiffe über die Elbe nach Altona, wo der Brigadestab bereits Quartier bezogen hatte. Nach unsrer Ankunft erhielten wir Befehl, uns nicht anders als in Paradeuniform auf den Straßen von Altona und Hamburg zu zeigen. Generalarzt Griesselich, der das Sanitätswesen der Brigade leitete, erteilte mir persönlich nebst andern Weisungen auch die, recht bald ein großes Feldspital zu besichtigen, das in Altona neu 409 eingerichtet worden war. Nachdem ich die nötigen Geschäfte in meinem Quartier besorgt hatte, vertauschte ich meine Dienstmütze mit dem Paradehut der badischen Militärärzte, suchte das Feldspital auf, mit dessen Einrichtungen mich ein junger, hier angestellter Zivilarzt aus Hannover bekannt machte, und lenkte dann meine Schritte nach Hamburg, um hier mein verspätetes Mittagsmahl einzunehmen. Der Kollege begleitete mich bis zur Vorstadt St. Pauli. Mein ärztlicher Paradehut war ein prächtiger Schiffhut, geziert mit einem mächtigen Busche flatternder Hahnenfedern, mit goldenen Tressen und zwei riesigen, über einander weithin glänzenden Kokarden, der deutschen, schwarzrotgolden, und der badischen, goldrotgolden. Er war das Entzücken der Dorfjungen gewesen, wenn ich in der badischen Heimat genötigt war, mit ihm durch die Ortschaften zu reiten, sie liefen mir dann bewundernd nach und riefen: »der General! der General!« Wie ich jetzt bescheiden zu Fuße gegen das Tor von St. Pauli hinschritt, das von der Hamburger Kommunalgarde bewacht war, hörte ich plötzlich den Posten aus Leibeskräften die Wache herausrufen. Die ganze Mannschaft stürzte zu den Gewehren und nahm Stellung zum Salutieren. Ich blickte hinter mich, um zu sehen, wem das Salutieren gelten solle, aber mein Begleiter belehrte mich: »Es gilt Ihnen, Herr Kollege, oder doch Ihrem Hute! Es sind in letzter Zeit so viele hohe Offiziere und uniformierte Prinzen durch Hamburg gekommen, Ihr Hut wetteifert mit den schönsten, die man bis jetzt gesehen hat. Halten Sie sich zum Gegengruße bereit! Bedenken Sie die große Ehre, die unsrem Stande widerfährt!« Wir schritten vorüber, die Wache präsentierte, ich grüßte mit Würde. – Wie einst in Ischl mein Pariser Klapphut, verhalf mir an diesem denkwürdigen Tage mein medizinischer Paradehut zu unverdientem hohem Ansehen. Doch schon am nächsten Tage waren die Herren von der Kommunalgarde über die Bedeutung meiner Uniform besser unterrichtet. Als mich mein Weg diesmal an der Hauptwache der Stadt vorbeiführte, sah der Posten von ferne den leuchtenden Schiffhut, rief die Wache heraus und es stürzte die gesamte Mannschaft zu den Gewehren. Schon harrte ich der Ehren des gestrigen Tags, da musterte mich der Kommandant der Wache 410 flüchtig und wies die Truppe in ihr Lokal zurück, nur der Posten schulterte. Diesmal war ich der Getäuschte. Nachdem mich mein Kollege in St. Pauli verlassen hatte, begegnete mir ein Soldat meines Bataillons, ein gemütlicher Schwarzwälder, er hielt mich an und fragte: »Wissen Sie schon, Herr Feldarzt, was dem Herrn Generalarzt zugestoßen ist?« – Ich verneinte und erfuhr, er sei vom Pferde gefallen. Diese Nachricht regte mich nicht auf, der Soldat erzählte sie so ruhig und der Unfall verwunderte mich nicht; die Militärärzte waren meist schlechte Reiter, der lange Friede hatte ihrer Reitkunst, falls sie je reiten gekonnt, Eintrag getan. Auch Griesselich hatte es, wie ich später erfuhr, verlernt und sich erst, kurz bevor er nach Holstein abging, ein Pferd gekauft. Darum erkundigte ich mich gelassen, ob der Generalarzt Schaden genommen habe. »Es muß wohl sein,« erwiderte er, »denn das Pferd ist auf dem Dammtorwall mit ihm durchgegangen, weil es vor den Windmühlen gescheut hat; aus dem Sattel geschleudert, ist er mit den Sporen im Steigbügel hängen geblieben und eine Strecke weit geschleift worden.« – »Um Gottes willen!« rief ich entsetzt, »wo ist er?« – »Ich habe mitgeholfen, ihn auf die Dammtorwache zu tragen, er war bewußtlos und blutete aus den Ohren.« Der Soldat führte mich zum Dammtor. Da lag der Unglückliche. Vor wenigen Stunden hatte er noch mit gewohnter Frische, gesund und heiter, mit mir gesprochen, jetzt lag er blaß und unbesinnlich auf der Pritsche, ein verlorener Mann, mit zerschmettertem Schädel, das erste und einzige Opfer dieses ruhmlosen Heerzugs! Gleich nach mir traf der Stabschirurgus der freien Stadt Hamburg ein, er hieß, wenn ich mich recht erinnere, Fleischmann. Er stand mir getreulich bei, wir brachten den Verunglückten in das nächstgelegene Hospital, eine Stiftung der Freimaurer. Bald darauf erschien der Kommandierende unsrer Brigade mit seinem Stabe. Ich erhielt Befehl, bei Griesselich bis zum nächsten Tage zu wachen. Die Besinnung kehrte ihm nicht wieder. Er verschied am 31. August. Am 25. August verließ unser Bataillon Altona. Wir marschierten in kleinen Tagmärschen durch das westliche Holstein über Pinneberg, Elmshorn und Itzehoe in die Gegend der Pöschendorfer 411 Heide, wo die Kompagnien, die Quartiere häufig wechselnd, viele kleine, meist sehr arme Ortschaften bezogen. Der Stab, dem ich angehörte, war immer gut aufgehoben, zuletzt, vom 3. bis 16. September, in Mehlbeck, wo wir, infolge des Waffenstillstands von Malmoe, Befehl zum Rückmarsch erhielten. Der größte Teil des holsteinischen Landes, das ich bei dieser Gelegenheit kennen lernte, ist von der Natur wenig gesegnet. Sitten und Lebensweise der Bewohner wichen von denen Süddeutschlands bedeutend ab. An einem der Marschtage kam ich abends zu einem wohlhabenden patriotischen Bauern ins Quartier, sein Gehöfte war sehr ansehnlich, ich erhielt eine große Stube zugewiesen, und gleich nach der Ankunft wurde mir ein prächtiges Stück gesalzenes Schweinefleisch vorgesetzt. Es hatte eine zolldicke Lage Speck, auf dem Speck lag fingerdick Zucker und Zimmet. Ich schnitt den Speck mit dem Zucker und Zimmet weg und ließ mir das Fleisch gut schmecken. Als ich zu schlafen wünschte, schob man eine Schiebtür von einem Verschlag an der Wand zurück, worin ein Bett mit einer riesigen Eiderdunendecke lag. Mit Grauen beschaute ich die Gruft, nahm das Bett ohne die Decke heraus, legte es auf den Boden und schlief vortrefflich. In Elmshorn, auf dem Rückmarsch, lud ein patriotischer Hufschmied den Stab zu Tische. Wir bekamen eine dicke Reissuppe, mit Ingwer verschwenderisch gewürzt, einen saftigen, mit Gewürznelken reich bespickten Rinderbraten, schönen Lattich mit Rahm und Zucker, ohne Oel und Essig angemacht, und mit Scheiben von harten Eiern belegt, dazu guten Rotwein. Uebel erging es mitunter den Kompagnien auf den armen Dörfern und Gehöften der Heide. Die Naturalverpflegung der Truppen war noch nicht eingeführt, und wir waren auf die Quartiergeber angewiesen. Besonders schlecht ging es geraume Zeit der dritten Kompagnie, der unser Korporal Groß angehörte, der schöne, ehemalige Schauspieler. Bei einem ärztlichen Besuche, den ich der Kompagnie abstattete, beklagte er sich bitter bei mir. Der vorher so blühende Mann hatte eingefallene Wangen und einen aufgetriebenen Leib, er lag im Quartier bei einer alten, armen Wittwe auf Stroh, 412 sie pflegte ihn nach besten Kräften und setzte ihm dreimal täglich Kartoffel in der Schale mit Buttermilch vor. Ich beklagte ihn: »Korporal, Sie hatten recht, als Sie mir auf dem Marsche nach Seckenheim prophezeiten, daß die holsteiner Küche einen guten Magen verlange, aber trösten Sie sich, es geht das Gerücht, wir sollen in die fetten Marschen gelegt werden, wo es wieder Rinderbraten gibt und guten Wein!« Unsere Leute konnten hier nicht einmal Schnaps auftreiben. Vielen Offizieren ging es gleichfalls schlecht. Ein Hauptmann mußte das Schlafgemach mit der Familie des Quartiergebers teilen; Vater, Mutter, Tochter und der Hauptmann schliefen in derselben Stube in zwei getrennten Wandverschlägen. An einem schönen Septembertag war große Inspektion der Division v. Miller durch den Höchstkommandierenden der Armee, General von Wrangel; die badische Brigade bildete den rechten Flügel der Aufstellung. Der berühmte General »Drauf« wie ihn seine Soldaten nannten, kam im Wagen angefahren, trug aber riesige Reiterstiefel in denen er fast versank. Als er die Reihen musternd durchschritt, mochten die großen Stiefel die Spottlust einiger leichtsinnigen Pfälzer gereizt haben, sie lächelten, der alte Haudegen aber vertrieb ihnen das Lachen. »Ihr lacht?« donnerte er sie an, »wartet, ihr Bürschchen, ich will euch das Lachen vertreiben. Ihr seid verwöhnt; bei euch zu Hause hattet ihr Fleisch und Wein, hier, in Holstein, bekommt ihr noch Speck und Schnaps, ich werde euch nach Jütland schicken, dort sollt ihr bei Wasser und Brot im Biwak liegen!« – Die Rede verbreitete Schrecken. Konnte das Fasten noch ärger werden, als auf der Holsteiner Heide? – Glücklicherweise blieb es bei der Drohung. Es kam der Befehl, nach Baden heimzumarschieren, nur ein Bataillon, das Oberstleutnant v. Porbeck kommandierte, mußte in den Herzogtümern zurückbleiben und überwintern. Der Arzt dieses Bataillons, ein Dr. Wallerstein, der in Karlsruhe in Garnison stand und Frau und Kinder, auch Privatpraxis hatte, klagte mir bei einer zufälligen Begegnung, wie ungern er bleibe. Ich erbot mich, mit ihm zu tauschen; er wandte sich nach Karlsruhe, ehe aber die Genehmigung dazu eintraf, war ich mit meinem Bataillon auf dem Marsche durch das Königreich Hannover, die Cholera war 413 in der heimkehrenden Brigade aufgetreten, und ich durfte deshalb das Bataillon nicht verlassen. Wir hatten die schlimme Seuche in Hamburg aufgelesen, in dessen Vororten die Truppen einquartiert worden waren, ich lag am 19. und 20. September mit einem Teil unsres Bataillons in Horn. Den größten Teil des 19. brachte ich in Hamburg zu und besuchte mit Dr. Cohen das allgemeine Krankenhaus, sah vormittags 40 Cholerakranke und wohnte nachmittags 6 Sektionen bei. Am 21. fuhr das Bataillon nach Harburg, um hier zu übernachten; als ich mich eben gelegt hatte, holte man mich zu zwei plötzlich von der Cholera befallenen Soldaten, bei denen ich die ganze Nacht bis zum Abmarsch des Bataillons am Morgen verweilte. Mein Lehrer Pfeufer und viele Aerzte sahen damals in der Eindickung des Blutes, als Folge der riesigen Wasserverluste durch die Ausleerungen, die Ursache des tödlichen Verlaufs im Choleraanfall; er hatte uns deshalb, um das Blut dünner zu machen, Aderlässe empfohlen. Ich befolgte den Rat, unerleichtert starben die beiden armen Burschen bald nach unserem Abmarsch. Es waren die einzigen Aderlässe, die ich bei der Cholera zeitlebens gemacht habe. In Lüneburg hatten wir am 24. Ruhetag. Die Bürgerwehr feierte an diesem Tage das Fest ihrer Fahnenweihe und lud uns zu einem Ball ein. Auf dem weiteren Marsche über Uelzen nach Hannover und in Hannover selbst, von wo uns die Bahn am 29. nach Köln brachte, meldeten sich noch zwei Cholerakranke, die wir zurücklassen mußten. Auch Freund Förster schleppte sich, unterstützt von einem andern Freiwilligen, bei der Abfahrt von Hannover krank an den Bahnhof; er litt an Cholerine, und bat mich flehentlich, ihn nicht zurückzulassen. Ich legte ihn auf Stroh in den Gepäckwagen und nahm ihn mit, er nahm Opium und genas. In Köln kamen wir nachts 2 Uhr an. Unsre Leute mußten in einer übelriechenden Reitschule auf schlechtem Stroh ohne Abendbrot zwei Stunden zubringen, bis Reveille geschlagen wurde und wir die Dampfschiffe zur Fahrt rheinaufwärts besteigen konnten. Die badische Infanterie trug damals Mäntel aus weißen Schaffellen; als das Bataillon in die Reitschule getrieben wurde, wie eine Schafherde in die Hürde, 414 begannen die Leute zu blöken, worüber unser guter alter Major außer sich geriet, aber was war dagegen zu machen? Der letzte Mann, der an Brechruhr schwer erkrankte, meldete sich gerade bei der Abfahrt auf dem Dampfschiff, wir mußten ihn mitnehmen und konnten ihn erst in Koblenz ans Land bringen, wo er in das Militärhospital getragen wurde. Er genas nach einigen Tagen, aber sein Wärter erkrankte und erlag der Seuche in 20 Stunden. Bis dahin war kein Fall von Cholera in Koblenz vorgekommen. Der Wasserstand war niedrig, die beiden Schiffe, die uns aufwärts trugen, kamen nur bis St. Goar und Goarshausen. Der Stab übernachtete in Oberwesel. Am nächsten Tage marschierten wir nach Bingen, setzten hier über den Rhein nach Rüdesheim und nahmen Quartier in Geisenheim, wo ich in der Familie eines Freundes einen angenehmen Tag verlebte. Dann ging es durch den Rheingau nach Mainz, von da mit der Bahn nach Frankfurt; ich verbrachte hier einige Stunden mit Scheffel; den 2. Oktober fuhren wir nach Heidelberg und den 3. über Karlsruhe und Rastatt, an beiden Orten offiziell begrüßt, nach Ettenheim. Hier blieben wir acht Tage und marschierten dann nach Lörrach und Umgegend. Am 21. September waren Struve und Blind von der Schweiz aus nach Lörrach gekommen, hatten die Republik proklamiert, ihre bewaffneten Haufen aber waren bei Staufen zersprengt und sie selbst auf der Flucht gefangen genommen worden. Die Grenze wurde deshalb gegen erneute Einbrüche in den Rheinwinkel bei Basel von einer badischen Brigade bewacht, zu der das Bataillon Holtz stoßen sollte. Der heiße Sommer hatte gute Trauben gezeitigt. Schwer beladene Wagen mit jungem Wein begegneten uns in Menge, als wir durch die obere Markgrafschaft nach Lörrach hinaufzogen. Vor jedem neuen Wagen erscholl der Gruß der vergnügten Soldaten: »Achtung, Bataillon! präsentiert das Gewehr!« 415     Der Winter 1848/49 in Lörrach. Im Oktober 1848 wurde ich vom Feldarzt zum Oberarzt befördert. Als solcher blieb ich den ganzen Winter im Bataillon Holtz, dessen Stab in Lörrach lag, einige Wochen im Dezember ausgenommen, wo das Bataillon in die Ortschaften am Rhein zwischen Grenzach und Wehr verlegt wurde. In Lörrach war ich gut aufgehoben. Ein dort ansässiger Schweizer Fabrikbesitzer, Rudolf Hofer, nahm den Adjutanten des Bataillons, Oberleutnant Specht, und mich in sein Haus, wir wurden wie Freunde der Familie gehalten und sind zeitlebens befreundet geblieben. Ich stand mit den Offizieren in angenehmem Verkehr und schloß mit einigen von gleichem Alter dauernde Freundschaft. Meine ärztliche Tätigkeit befriedigte mich, sie beschränkte sich nicht mehr auf das trostlose Einerlei des Bataillonsdienstes; der Kommandant der Brigade, Oberst v. Rottberg, überwies mir das in Lörrach neu eingerichtete Feldspital zur Besorgung. Zwar kam bald nachher ein Regimentsarzt zur Brigade, dem die Oberleitung des Feldspitales zustand, er ließ mich jedoch frei schalten und kam nur ab und zu, um nachzusehen. Er war ein guter, alter Herr, der in der langen Friedenszeit allmählich gebrechlich und schwachsinnig geworden war, an einem Auge sah er nicht viel und am andern wenig mehr. Nur so lange ich abwesend war, machte er statt meiner die tägliche Visite. Dabei bereitete ihm sein schwaches Gesicht ein ärgerliches Mißgeschick, wie mir der Feldscher, der den Rundgang mitmachte, nach meiner Rückkehr erzählte, als ich den Spitaldienst wieder übernommen hatte. Die Geschichte wäre heute 416 unmöglich, damals lag kein Grund vor sie zu bezweifeln. Der Regimentsarzt hatte einen Soldaten entlassen, und das Bett, worin dieser gelegen, war dadurch frei geworden. Diese Entlassung war dem alten Herrn entfallen, obwohl er sie selbst verfügt hatte, er trat an das leere Bett und stellte die gewohnte Frage: »Maier, wie geht es Ihm?« Da keine Antwort erfolgte, wurde er unwillig und rief in das Bett hinein: »Maier, geb' Er Antwort und streck Er die Zunge heraus!« Die Soldaten ringsum in den Betten freuten sich königlich. »Herr Regimentsarzt,« erlaubte sich der Feldscher zu erinnern, »der Mann ist entlassen!« »Das mußten Sie mir gleich sagen,« murrte der Regimentsarzt und ging weiter. Ich machte in jenem Winter nützliche Erfahrungen über vorgeschützte Krankheiten. Infolge der gelockerten Mannszucht nahmen die Ausschreitungen der Soldaten zu; teils um den wohlverdienten Strafen zu entgehen, teils um dem Dienste sich zu entziehen, täuschten sie Krankheiten vor. Einen merkwürdigen Fall von simulierten Krämpfen will ich mitteilen. Eines Abends holte mich eine Ordonnanz aus einer Gesellschaft von Offizieren auf die Hauptwache und berichtete, man habe einen Soldaten eingebracht, der betrunken in einem Weinhaus großen Lärm gemacht und Unfug verübt habe, er liege jetzt in furchtbaren Krämpfen auf der Wache, und dem Unteroffizier scheine der Zustand bedenklich. Einige der jüngeren Offiziere begleiteten mich, das Schauspiel, das sich uns darbot, war wirklich erstaunlich. Der große, starke Mensch lag anscheinend bewußtlos auf dem Boden in heftigen Krämpfen, mit verzerrtem Gesicht und blinzelnden Augen. Sein Leib flog, mit großer Kraft geschleudert, im Bogen auf und nieder, er schlug mit den Armen um sich, beugte und streckte auch die Beine stoßweise mit ungewöhnlicher Kraft. Daß es sich nicht um Epilepsie handle, ließ sich sofort feststellen, die Pupillen reagierten gegen das Licht, auch glichen die Krämpfe keiner der bekannten Formen. Es stand bei mir fest, der Mann simuliere, nur war mir die Kraft und Geschmeidigkeit seines Leibes in hohem Grade auffallend. Die Zuschauer, mit Einschluß der Offiziere, waren voll Mitleids und fürchteten das Schlimmste. 417 Ich kannte den Soldaten, er hatte krank im Hospital gelegen, war mir zu Danke verpflichtet, hatte sich dort gut aufgeführt und schien mir kein böser, nur ein leichtfertiger Mensch. Zunächst beruhigte ich die Umstehenden, verhieß Heilung und befahl, mir eine Gießkanne kalten Wassers vom Brunnen zu holen. Damit, erklärte ich mit gehobner Stimme, würde ich das Haupt des Mannes übergießen, hoffentlich genüge dieses erprobte Verfahren, ihn herzustellen. Man brachte das Wasser, ich nahm die Kanne zur Hand und wiederholte die Drohung, doch verfing sie nicht, und ich hielt mich nicht für berechtigt, sie auszuführen und das eiskalte Wasser über den schweißtriefenden Menschen mit dem starkklopfenden Herzen auszugießen. Sein Rausch war offenbar nicht ganz vergangen, seine Zurechnungsfähigkeit gemindert, und meine ärztliche Pflicht verbot mir, seine Gesundheit zu gefährden. Was aber tun? Ich wollte meine Diagnose zweifellos sicher stellen und verfiel im festen Vertrauen, daß der Mann mir dankbar ergeben sei, auf ein Mittel, das mich bös gefährdete, wenn meine Voraussetzung mich betrog. Ich machte mir an seinen Füßen, er lag auf dem Boden, zu schaffen und stellte mich so, daß er mich bei den Bewegungen seiner Beine treffen mußte, er wich aber geschickt ein wenig aus und schonte mich. Jetzt meiner Sache völlig gewiß, befahl ich, ihn in das Arrestlokal zu bringen, auf Stroh zu legen, die Türe zu schließen und erst morgens zu öffnen, wenn ich wieder käme. Es geschah. Am Morgen hatte der Soldat seinen Rausch ausgeschlafen. Er wollte mir weiß machen, daß er an dem fallenden Weh leide. Ich sagte ihm, er habe mich gestern abend geschont, als ich mich an seine Füße stellte, dafür wolle ich ihn heute beim Rapport schonen und alles auf Konto des Weines schieben; wenn er aber die Krampfkomödie wiederhole, so würde ich mit der ganzen Wahrheit herausrücken. Soweit war die Sache klar gestellt, aber es fehlte noch das Tüpfelchen auf dem i, das mir der Feldscher verschaffte; die ungewöhnliche Muskelkraft und Gelenkigkeit verdankte der Simulant seinem Berufe, er war Seiltänzer. 418     In Schleswig-Holstein 1849. Ende März wurde das Bataillon nach Kandern und den umliegenden Orten verlegt. Am 14. April abends empfing ich den Befehl, unverzüglich nach Schleswig aufzubrechen, um den Oberarzt des Bataillons v. Porbeck, Dr. Wallerstein, dessen ich oben gedacht, zu ersetzen und mich zunächst bei dem Kriegsministerium in Karlsruhe zu melden. Schon während des Winters hatte ich, auf Anfrage seitens dieser Behörde, meine in Holstein gegebene Erklärung, mit Wallerstein tauschen zu wollen, erneut, auch zweimal Befehl erhalten, nach den Herzogtümern abzureisen, aber jedesmal gleich nachher Gegenbefehl; einmal hatte ich schon zur Abfahrt bereit im Wagen gesessen. Merkwürdigerweise hatte Wallerstein die Erlaubnis erhalten, nach Karlsruhe zurückzukehren, ehe Ersatz für ihn eingetroffen war, obwohl der Krieg nach Ablauf des Waffenstillstandes sicher in Aussicht stand. In der Tat empfing das Bataillon v. Porbeck schon am 6. April die Bluttaufe bei Ulderup im Sundewitt. Es hatte sich tapfer geschlagen und dreißig und etliche Mann an Toten gehabt. Der Abschied von dem Bataillon Holtz zeigte mir, daß ich bei den Offizieren und der ganzen Mannschaft wohl gelitten war. Man brachte mir abends ein Ständchen, und mehrere Offiziere, mein alter Major selbst und sein Adjutant begleiteten mich am andern Morgen an den Bahnhof in Schliengen. Auf dem Kriegsministerium in Karlsruhe erhielt ich Paß und Geld für die Reise, auch die Erlaubnis, in Wiesloch Abschied von meinem Vater zu nehmen. Ich nahm mit Diener und Pferd denselben Weg nach Holstein, wie im Jahre zuvor. Von Altona brachte mich die Bahn, die nordwärts bis Rendsburg führte, in diese Festung, 419 wo ich erfuhr, daß das Bataillon v. Porbeck in der Umgegend von Eckernförde stehe. Ich stieg zu Pferde und erreichte die kleine, durch das Seegefecht am 5. April plötzlich berühmt gewordene Stadt, am Abend. Ein guter Gasthof nahm mich für die Nacht auf. In Eckernförde sah ich zum erstenmal das Meer und hörte sein klagendes Rauschen. Auf dem grünen Spiegel der langgestreckten Bucht lag nahe der Stadt am nördlichen Ufer die eroberte Fregatte Gefion, weiter draußen in der Bucht das Wrack des Linienschiffs Christian VIII. Diese Schiffe hatten zu den schönsten der dänischen Flotte gehört; begleitet von einem Dampfer, hatten die Truppen in Eckernförde landen sollen, aber die Stadt wurde durch zwei Strandbatterien mit holsteinischer Artillerie tapfer verteidigt. Die Schiffe beschossen die Batterien und die Stadt vergebens, sie versuchten zur offenen See zurückzusegeln, jedoch ein widriger Wind hielt sie fest, nur der Dampfer entkam, die beiden Kriegsschiffe mußten sich übel zugerichtet ergeben. Ehe es gelungen war, ihre Besatzung ganz an das Land zu schaffen, brach auf Christian VIII. Feuer aus und drang in die Pulverkammer. Das riesige Schiff flog in die Luft und 200 Dänen mit ihm; der tapfere Unteroffizier Preußer, von den Holsteiner Kanonieren, der die Geschütze der Südbatterie geschickt gerichtet hatte und auf das Schiff gekommen war, um die Dänen retten zu helfen, hatte das gleiche Schicksal. Von den beiden Schiffen kamen 1200 Mann in Gefangenschaft. Mit einem holsteinischen Militärarzt bestieg ich die Gefion. Noch immer klebte Blut an den Wänden und zahlreiche Löcher und zersplittertes Gebälk zeigten die Wege, welche die holsteinischen Kugeln durch den Schiffsleib, die Masten und Raaen genommen hatten. Von den 48 Kanonen der Fregatte sah ich noch ein Dutzend, die andern waren bereits nach Rendsburg gebracht. Wir tranken auf dem Verdecke dänischen Punsch und stießen an auf ferneres Glück der deutschen Waffen. Die weiteren Schicksale der Gefion erzählt ein lesenswerter Aufsatz in der Beilage Nr. 102 zur Münchener Allg. Ztg. vom 4. Mai 1899, unterzeichnet P. K. Am Ufer lagen überall zerstreute Trümmer des Linienschiffs. 420 Ich fand einen angeschwemmten, vom Salzwasser gebleichten, von der Sonne getrockneten Brief eines Matrosen Christians VIII.; mein, der dänischen Sprache kundiger Kollege übersetzte mir ihn, der Brief war kurz vor dem Treffen geschrieben. Der arme Bursche berichtete seiner bekümmerten Mutter, daß es ihm gut ergehe. Jetzt schlummerte er vermutlich im Seetang, oder die Leiche war bereits herausgefischt und ruhte auf dem Friedhofe. Die Leichen der in die Luft Gesprengten waren alle in den Seetang getrieben worden, an manchen Tagen wurden 6–8 herausgeholt. – Ich hob ein Stück Segelstange am Ufer auf, ließ mir davon in der Stadt einen Briefbeschwerer machen und drei Kartätschenkugeln darauf befestigen, die das Linienschiff in die Stadt geschleudert hatte. Ich besitze das Andenken noch, meine einzige Trophäe aus jenem Kriege. Der Stab des badischen Bataillons lag auf dem Gute Wolfshagen. Ich meldete mich nachmittags bei dem kommandierenden Oberstlentnant v. Porbeck, einem Manne von vornehmer Haltung in den Vierzigen. Schon am folgenden Tage erteilte er mir den willkommenen Auftrag, die Feldspitäler in Rendsburg, Schleswig, Flensburg und auf dem Rückweg in Eckernförde zu besuchen. Ich sollte mich nach unsern badischen kranken und verwundeten Soldaten umsehen und einen Bericht für das Kriegsministerium in Karlsruhe über das Ergebnis meiner Reise erstatten. Ein Leutnant nahm Teil an der Fahrt, er hatte die Aufgabe, das ärarische Eigentum, das die Verstorbenen in den Spitälern hinterlassen hatten, zu sammeln. Am nächsten Morgen reisten wir ab und legten den ganzen Weg auf requirierten Fuhrwerken zurück. Mein Begleiter war einer von den Leutnants, die man im vergangenen Jahre auf das Drängen der Radikalen aus Unteroffizieren zu Offizieren befördert hatte. Es waren tüchtige Leute darunter, mein Begleiter aber war in der Leutnantsuniform Feldwebel geblieben, ein »Kommißleutnant«. Seine allgemeinen Kenntnisse gingen über die eines ehrsamen Schuhmachers jener Zeit nicht hinaus, eine Unterhaltung mit ihm war unmöglich, für die Aufgabe aber, nach den Montur- und Armaturstücken zu sehen, war er der rechte Mann. Alles andre war ihm gleichgültig, überall trieb er zur größten Eile, als ob uns der Feind aus den Haken säße. 421 Unterhaltender als mein Begleiter war die breite, kriegerisch belebte Heerstraße von Rendsburg nach Schleswig und Flensburg. Gleich unter den Toren Rendsburgs sperrte ein langer Artilleriepark den Weg. An Munitions- und Proviantkolonnen mußten wir häufig langsam vorüberfahren. Soldaten fast aller Bundeskontingente und Waffengattungen zogen des Wegs, eine bunte Musterkarte von Uniformen, kein Offizier kannte sich darin aus. Viele der begegnenden Soldaten kamen aus den Hospitälern oder suchten sie auf. Es war ein Hin- und Herfluten von den Standorten der Truppen zu den Lazaretten und von diesen zurück zu jenen. Die meisten kamen aus der Schmierseife oder gingen hinein, der zehnte Teil unseres Bataillons erwies sich gewöhnlich bei den Wochenvisitationen reif für diese Kur. Jenseits von Schleswig stießen wir auf dänische Gefangene unter holsteinischer Bedeckung, sie kamen aus Jütland, wo die junge Armee der Holsteiner mehrfach siegreich war, namentlich bei Kolding am 23. April einen glänzenden Sieg erfocht. Darüber ging ein großer Jubel durchs Land, aber die Kehrseite der Medaille zeigte die vielen bekümmerten Gesichter der Väter, die in den Postwagen aus den Flensburger und jütischen Hospitälern von ihren verwundeten oder den Wunden erlegenen Söhnen heimfuhren. Auch die Wirtshäuser, Krüge geheißen, die an der Landstraße lagen, boten Neues. Neben schlechten Schnäpsen und noch schlechterem Bier und Wein schenkten sie Met aus. Ich habe ihn jedoch nicht gekostet, mich gelüstete nicht nach dem Trunke Walhallas. Für Hospitäler und Pflege der Verwundeten und Kranken war ausgezeichnet gesorgt. Die großen Verdienste von Langenbeck und Stromeyer um den Sanitätsdienst in den Herzogtümern 1848 und 1849 und um die Kriegschirurgie überhaupt sind unvergessen. – Ich fand in Rendsburg für Kranke und Verwundete sieben Hospitäler mit 700 Betten und für Passanten eines mit 80 eingerichtet, in Schleswig faßten sechs Hospitäler 600 Betten, in Flensburg zehn Hospitäler tausend. Außerdem hatte man in Hadersleben, Apenrade und Christiansfeld welche hergestellt. Die Sachsen und Bayern, die am 13. April bei der Erstürmung der Düppeler Schanzen große Verluste erlitten hatten, behandelten ihre Verwundeten in eigens von ihnen eingerichteten 422 Häusern, dazu kamen noch zwei kleine Hospitäler in Kiel mit 160 Betten und ein großes Lazarett in Altona mit tausend. Die Verwundeten von Ulderup waren nach Flensburg gebracht worden; vier waren ihren Wunden erlegen, zwei noch in Gefahr, die anderen guter Dinge und voll Sehnsucht nach ihren Kameraden im Bataillon. Ich ging in Flensburg auf den schön gelegenen Friedhof; man hatte den gefallenen Kriegern ein besonderes Viertel eingeräumt. Da lagen die Feinde versöhnt im Tode beisammen. Auf allen Grabhügeln wehten kleine Fahnen, deutsche: schwarz-rot-gold, holsteinische: blau-weiß-rot, preußische: schwarz-weiß, und Danebrogs mit weißem Kreuz auf rotem Grunde. Die Flensburger, zu zwei Fünfteln Deutsche, zu drei Fünfteln Dänen, waren unermüdlich im Schmücken der Gräber mit Blumen, Schleifen und Kränzen. Ununterbrochen strömten Leidtragende aus und ein, in vielen Augen standen Tränen. Mit großem Interesse besuchte ich in Eckernförde das »Invalidenlazarett«, wo die dänischen Verwundeten der Gefion und Christians VIII. von dänischen Aerzten behandelt wurden. Es lagen noch gegen fünfzig darin. Die Wunden waren meist durch Holzsplitter verursacht, viele waren ganz schauerliche Rißwunden der Weichteile und Splitterbrüche der Knochen. Die dänischen Aerzte schienen mir tüchtige Leute. – Außer diesem Lazarett befanden sich in Eckernförde noch zwei Hospitäler für die deutschen Truppen, sie waren nur schwach belegt, und von dem Treffen am 5. April fanden sich nur noch drei Verwundete vor, zwei holsteinische Kanoniere und ein fürstlich reußischer Füselier. Nachdem ich diese Aufgabe gelöst, hatte ich keine Tätigkeit mehr, die mich befriedigte; ich beneidete meine Kollegen, die in den Hospitälern unter der Leitung ausgezeichneter Chirurgen reiche Erfahrungen sammeln konnten. Das Bataillon zog, ohne Aussicht, mit dem Feinde zusammen zu stoßen, faullenzend auf den fetten Gütern an der Ostküste umher. Die einzige chirurgische Operation, die ich ausführte, war die Amputation des Oberarms eines unsrer Soldaten, der mit seinem Gewehr auf unerlaubter Jagd durch eine Hecke geschlüpft war, einen sogen. Knick, wobei die Ladung losging und ihm den Knochen 423 zerschmetterte. Wir waren einer Brigade unter dem Kommando des Herzogs Ernst von Koburg zugeteilt, die, aus thüringischen und süddeutschen Truppen buntscheckig zusammengesetzt, die Aufgabe hatte, die Küste zwischen der Schlei und dem Kieler Hafen zu sichern. Die Dänen aber hüteten sich, nach ihrer furchtbaren Niederlage bei Eckernförde, nochmals hier eine Landung zu versuchen, somit konnten uns keine Lorbeeren blühen. Die Dänen begnügten sich mit der Beobachtung der Küste und der Sperrung von Handel und Verkehr mit ihren wenigen Kriegsschiffen. Ingrimmig sahen wir ihr Linienschiff Skjold, die Fregatte Freia und den Dampfer Hekla vor dem Kieler Hafen und der Mündung der Schlei kreuzen und knirschten vor Empörung über die schimpfliche Ohnmacht Deutschlands zur See. Zwar hatten die Holsteiner eine Flotille im Kieler Hafen gebaut und bemannt. Sie besaßen sechs Kanonenboote und einen kleinen Schraubendampfer, den Bonin. Sie faßten den Plan, mit diesen Schiffen die Freia, die gerade vor dem Hafen lag, zu überraschen und wegzunehmen, aber der Befehlshaber des Unternehmens war seiner Aufgabe aus Mangel an Mut oder Geschick nicht gewachsen. Wir waren gerade in Altbülk am Eingang des Kieler Hafens beim Frühstück, als ich deutlich schießen hörte: man lachte mich aus, als ich dies behauptete, aber ich behielt recht. Es folgte immer deutlicher Schuß auf Schuß, und die ganze Gesellschaft eilte durch das Gehölz, das den Hof Altbülk vom Meere trennt, ans Ufer. Ich hatte jetzt Gelegenheit vom Lande aus einem Seegefechte anzuwohnen. Das Manövrieren der Kanonenboote nahm sich gar hübsch aus, führte aber zu keinem Ziele. Es wurde viel Pulver von den Holsteinern vergeudet, während die Dänen nur selten schossen, als ob sie den Feind verachteten, aber besser trafen. Sie schickten dem Bonin einen Schuß in die Schraube und zwangen ihn, nach Kiel heimzukehren. Der Dampfer Hekla holte jetzt noch den Skjold herbei. Es war ein schöner Anblick, als das majestätische Linienschiff mit vollen Segeln heranfuhr. Die Kanonenboote fuhren in den Kieler Hafen zurück, und betrübt ging ich nach Hause. Die Quartiere, die wir bezogen, lagen alle im dänischen Wohld: der Edelhof Wolfshagen, Knoop, von wo ich mehrmals Kiel 424 besuchte, Altbülk, Augustenhof, Hohenlied, Windeby und Eckernförde. Der Herzog von Koburg wohnte in Gettorf und lud uns eines Abends zum Maiwein. Nur einmal marschierten wir über den dänischen Wohld hinaus nach Schwansen und Angeln. Vom Kirchturm in Kappeln sah man die dänischen Kriegsschiffe; sie setzten nachts Boote aus und holten sich frische Milch vom Lande und die neuesten Nachrichten. Die anglischen Dörfer an der Küste waren dänisch gesinnt, die im Binnenlande deutsch. Mein Quartiergeber in Kappeln war ein reicher Käsehändler und deutscher Patriot. Er hatte eine große schwarz-rot-goldene Fahne herausgehängt, worauf die Worte standen: » Vivat! es lebe die Freiheit!« Er tischte mir eine gute Mahlzeit auf und zum Nachtisch sechserlei Käse in allen Farben. Den Rückweg nach Eckernförde nahmen wir über Missunde, wo eine Brücke über die Schlei führte. In der Nacht vom 5. auf den 6. Juli gelang den Dänen der Ueberfall bei Fridericia und erlitt die holsteinische Armee jene furchtbare Niederlage, die das ganze Land in tiefe Trauer stürzte. Die Armee war der Stolz der Holsteiner gewesen. Sie hatten die allgemeine Wehrpflicht eingeführt; vor der Erhebung der Herzogtümer hatten dem Heere nur die Aermsten angehört, jetzt umfaßte es die ganze waffenfähige Jugend; früher verachtet, von den Dänen kommandiert und geprügelt, stand es jetzt im Ansehen und hatte bei Kolding und Gudsoe die an Zahl überlegenen Feinde geschlagen. Darum fuhr die schreckliche Kunde von Fridericia in Hütten und Schlösser nieder, wie ein vernichtender Wetterschlag; es gab in Holstein kaum eine Familie, die nicht in einem ihrer Angehörigen schmerzlich getroffen war. Schlimmer noch schallte eine Kunde bald nachher durch das Land: Preußen hatte am 12. Juli einen schmählichen Waffenstillstand mit Dänemark abgeschlossen und zunächst Schleswig preisgegeben. Ein Jahr später kam Holstein an die Reihe; die Schamröte steigt uns Alten noch heute ins Gesicht, wenn wir der Geschichte jener schmachvollen Jahre gedenken. Die schleswig-holsteinische Frage war der Angelpunkt der deutschen Politik, an ihm setzte Bismarck seinen Hebel mit Meisterschaft an und sprengte den jämmerlichen Bundestag aus den losen Fugen. 425     Widerwärtigkeiten und Heimkehr. Am 11. Mai, einige Wochen nachdem ich die Heimat verlassen, nahm die Meuterei des badischen Heeres in Rastatt ihren Anfang, verbreitete sich von da wie eine ansteckende Seuche über alle Standorte im Großherzogtum und verhalf der Umsturzpartei zum Siege. Sie ergriff fast sämtliche Truppenteile, der Großherzog und die meisten Offiziere verließen das Land. Der Triumph der Revolution währte nicht lange, die Niederlage der Aufständischen bei Waghäusel am 21. Juni bereitete ihr ein Ende mit Schrecken. Wie konnte es kommen, daß die badische Armee, wie auf einen Schlag, Pflicht und Eid vergaß, alle Mannszucht abwarf und mit Sack und Pack ins Umsturzlager überlief, nachdem sie doch noch im Jahr zuvor bei den Aufständen von Hecker und Struve sich völlig zuverlässig erwiesen hatte? Der Ursachen waren es mehrere und es verlohnt sich, sie genau zu kennen. In Baden bestand die Konskription, die Wohlhabenden konnten sich vom Militärdienste loskaufen, sog. Einsteher traten für sie ein. Die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht machte dem Einstandswesen ein Ende; die badische Regierung schaffte es ab, nachdem sie die deutschen Grundrechte anerkannt hatte, die vom Parlament in Frankfurt aufgestellt und von der Reichsregierung verkündet worden waren. Bisher waren es fast nur gediente Soldaten gewesen, die Einstandsverträge abgeschlossen hatten, die meisten Unteroffiziere waren Einsteher, sie konnten, wenn sie aus dem Heere schieden, mit dem erworbenen Kapital bürgerliche Geschäfte gründen. Die Aenderung 426 schädigte die Unteroffiziere und erregte große Unzufriedenheit, die Regierung versprach Entschädigung durch Löhnungszulagen, säumte aber zu lange mit der Erfüllung ihres Versprechens. Ein zweiter Grund lag gleichfalls in einer Verfügung der Reichsregierung, der die badische nachkam: die Aushebungsziffer war von 1% auf 2% erhöht worden. Dadurch kamen auf einmal zu viele Rekruten ins Heer, Leute, der Mannszucht ungewohnt und der Verführung leicht zugänglich. In vielen Köpfen gärte es von unverdauten Freiheits- und Gleichheitsideen, manche eben eingestellte Rekruten hatten sich schon an den Aufständen von 1848 beteiligt. Schlimmer noch als diese Verhältnisse, mußte das ewige Umherziehen und Wechseln der Quartiere in dem aufgewühlten Lande den soldatischen Geist der Truppen schädigen. Da die allgemeine Wehrpflicht noch nicht ausgleichend gewirkt hatte, war die soziale Kluft zwischen Befehlenden und Untergebenen ohnehin weit größer als heute, jetzt gewannen die Offiziere die Fühlung mit ihren Leuten noch schwieriger. Aufsicht und Unterweisung der Mannschaft litten Not. Ueberall winkten in dem Weinlande die Wirtsschilder und lauerten gefährliche Verführer, die schlimme Lehren vom bedingten Soldatengehorsam und der freien Wahl der Offiziere predigten, und goldne Berge verhießen als Lohn für den Abfall. Das Schlimmste endlich verschuldete die Regierung, als sie, auf die Grundrechte hin, den Soldaten das Recht bewilligte, Versammlungen unter sich abzuhalten und über ihre Angelegenheiten frei zu beraten. Damit brach der Boden der Disziplin ganz zusammen. Dies waren die wirklichen Ursachen der badischen Soldatenmeuterei, nicht aber, wie die Aufwiegler behaupteten, die harte Behandlung der Untergebenen durch die Vorgesetzten. Das Offizierkorps war human, Ausnahmen waren selten. In den drei Bataillonen, denen ich angehörte, schien es nur ein einziger Offizier, ein Kompagnieführer darauf angelegt zu haben, das Ehrgefühl seiner Leute zu töten, allen andern Offizieren konnte nicht der leiseste Vorwurf gemacht werden. Man kann sich denken, daß die Vorgänge in der Heimat große Bestürzung bei dem Bataillon in Holstein hervorriefen und viel 427 besprochen wurden. Das Los der Angehörigen und Freunde zu Hause gab Grund genug zu Befürchtungen und Sorge. Auch war es klar, daß die unsinnige Erhebung ein schlimmes Ende nehmen und die Aussicht auf die Erfüllung der patriotischen Hoffnungen des Frühjahrs 1848 immer trüber werden mußte. Bald nachdem der Großherzog das badische Land verlassen hatte, begab sich eine wunderliche Geschichte im Bataillon Porbeck, die sogar in den Denkwürdigkeiten des Herzogs Ernst von Sachsen-Koburg (Bd. 1 S. 44) Aufnahme fand. Einer der Hauptleute, namens Schwartz, war durch die Vorgänge daheim aus Rand und Band gekommen, wozu es bei ihm freilich nicht viel brauchte. Er war ein braver Soldat und bei den Kameraden wohl gelitten, galt auch für einen guten Mathematiker und hatte in der Kriegsschule Unterricht erteilt, aber er war ein närrischer Kauz, ein konfuser und, wie mir schien, im Kopf nicht ganz richtiger Mensch. Wie der Herzog erzählt, brachte ihm der Hauptmann die Gage, die ihm eben ausbezahlt worden war, mit der Erklärung, er nehme das Geld nicht an, weil es ihm nicht von der badischen provisorischen Regierung ausbezahlt worden sei. Einen Großherzog habe er nicht mehr, und von Preußen, das mit seinem Vaterlande Krieg führe, wolle er nicht einen Groschen haben, er sei daher genötigt, ohne Gage zu dienen. – Es ist merkwürdig, daß der Herzog nicht erkannte, wessen Geistes Kind der Hauptmann war, merkwürdiger noch, daß Oberstlentnant v. Porbeck darüber im Dunkeln blieb, er kam eben, bei seinem kühlen, vornehmen Wesen, seinen Offizieren nicht nahe genug. Ein Demokrat, wie v. Porbeck meinte, war der arme Schwartz nicht. Erst wenige Tage vorher hatte er mich ins Vertrauen gezogen: er wolle seine Entlassung nehmen, nach Baden gehen und im Schwarzwald für den Großherzog einen Guerillakrieg entzünden! Von dem Herzog ging Schwartz in Begleitung von zwei befreundeten Hauptleuten, die sich ihm anschlossen, um ihn zu beruhigen, zu dem Oberstleutnant und meldete ihm, was er dem Herzog vorgetragen hatte. Es kam zu einer lebhaften Verhandlung, und weil es darüber Mittag wurde, speisten die drei Herren mit dem Stabe. Außer ihnen nahmen der Adjutant des Bataillons, 428 zwei bis drei andre Offiziere und ich an dem Mahle teil. Ich hatte keine Ahnung von dem Vorgefallenen und war erstaunt über die eigentümliche Tischunterhaltung, die unser Vorgesetzter mit Schwartz führte. Sie bewegte sich ganz auf politischem Gebiet, er nahm ihn, wie man zu sagen pflegt, ins Gebet, verwickelte ihn in lächerliche Widersprüche und brachte den aufgeregten Mann zu den unsinnigsten Behauptungen. Die Szene war peinlich, man mußte den Hauptmann bemitleiden. Unerwartet richtete der Oberstleutnant das Wort an mich, ich hatte still unten an der Tafel gesessen, und rief: »Was ist Ihre Meinung, Herr Oberarzt? Sie sind wohl auch ein versteckter Demokrat!« Obgleich mich diese Anrede unangenehm berührte, erwiderte ich ganz ruhig: »Was ich bin, bin ich offen, aber ich rede bei Tische nicht gerne über Politik.« Er schwieg und hob gleich nachher die Tafel auf. Es war mir unbegreiflich, was meinen Vorgesetzten dazu vermocht hatte, mich über meine politische Gesinnung so auffallend und verletzend zu inquirieren. Ich hatte in meinem ganzen Verhalten dazu keinen Grund gegeben, im Kreise der Offiziere zwar meine liberalen und patriotischen Gesinnungen nicht verleugnet, wenn es die Ehre gebot, sie freimütig zu bekennen, mit Untergebenen aber grundsätzlich nie politisiert. Mit dem Oberstleutnant selbst zu politisieren hatte ich bisher weder für schicklich noch für notwendig erachtet: mißtraute er mir, so konnte er mich unter vier Augen vernehmen. Dies tat er nicht, wohl aber hielt er mich von diesem Tag an für einen entschiedenen Demokraten, dem man nicht über den Weg trauen dürfe, und erging sich, wenn ich, wie es so oft vorkam, mit ihm speiste, gerne in scharfen politischen Bemerkungen, die ihre Spitze mitunter sehr deutlich gegen mich kehrten. Meine Stellung wurde unangenehm, so daß ich beschloß, sobald wir nach Baden heimgekehrt wären, meinen Abschied einzureichen, um meine Freiheit wieder zu gewinnen. Ich hatte in der Regel bei seinen Aeußerungen geschwiegen, aber einmal, es war in Windeby am Mittagstisch, ging er mir zu weit, ich konnte mein junges Blut nicht bemeistern. Er war an diesem 429 Tage, vielleicht infolge unangenehmer Nachrichten von Hause, ungemein aufgeregt und verstieg sich zu dem Ausspruch: in seinen Augen sei jedermann, der sich in den Dienst einer Insurrektion begebe, ein Schurke. Ich sah in dem Schurken eine Herausforderung und bemerkte trocken: wenn diese Ansicht richtig wäre, so stände es schlimm um uns alle, da wir für die holsteinische Insurrektion kämpften. Es folgte eine tiefe Stille. Ich erwartete, für meine Bemerkung in Arrest geschickt zu werden, und dies war auch die Meinung des Adjutanten, wie er mir nach Tisch sagte, aber der Oberstleutnant verschob die Sache auf spätere Zeit, bis zur Rückfahrt des Bataillons nach der Heimat. Der Befehl dazu kam, nachdem der badische Aufstand mit der Uebergabe der Festung Rastatt an die Preußen am 23. Juli seinen Abschluß gefunden hatte. Wir zogen in kleinen Märschen, die von vielen Rasttagen unterbrochen wurden, durch Holstein zur Elbe, und in den ersten Tagen des August durch einen großen Teil von Hannover nach Preußisch-Minden. In Holstein konnte ich einen Ausflug nach Plön und seinem schönen, schwermütigen See machen, von Verden aus Bremen und seinen Ratskeller besuchen. Preußisch-Minden war damals noch Festung. Vor ihren Toren machte das Bataillon halt. Zu unserm Erstaunen kam uns hier der badische Hauptmann v. Davans entgegen. Er überbrachte dem Oberstleutnant Befehle des Kriegsministers aus Karlsruhe, einer dieser Befehle betraf den Hauptmann Schwartz und mich. Wir hatten uns unverzüglich nach Hause zu begeben und bei dem Kriegsminister zu melden. Es stand gerade ein Bahnzug nach Köln zur Abfahrt bereit, wir brauchten nur einzusteigen. Unterwegs auf der Bahn und auf dem Dampfschiff bei der Rheinfahrt von Köln nach Mannheim war, wie man sich denken kann, der unerwartete Befehl zur schleunigsten Heimreise wiederholt Gegenstand unserer Unterhaltung. Was mochte der Oberstleutnant nach Hause berichtet haben? Wir waren uns keiner Schuld bewußt, und der Hauptmann wurde nicht müde, mich zu versichern: »Sie können uns nichts anhaben und müssen uns für die Heimreise Extradiäten bezahlen!« Gleich nach der Ankunft in Karlsruhe meldeten wir uns beim 430 Kriegsminister, General von Roggenbach. Der Hauptmann trat zuerst ein, kam bald vergnügt wieder heraus und eilte auf mich zu: »Ich hab' es Ihnen ja gleich gesagt, sie können uns nichts anhaben, ich hole mir jetzt meine Diäten!« Hauptmann Schwartz ist derselbe Offizier, dessen Johannes Proelß in seinem »Dichten und Leben Scheffels« (S. 157–163) gedenkt, weil er dem Dichter unbegreifliche Widerwärtigkeiten bereitete, als dieser in der Stelle eines Rechtspraktikanten in Säckingen verweilte. Es war kurz nach der Revolution, und man versteht seine auffallenden Handlungen 1849 in Schleswig und 1850 in Säckingen nur, wenn man weiß, daß der Hauptmann in der Irrenanstalt Illenau endete. Im Herbste 1855 machte ich dort psychiatrische Studien, traf meinen alten Kriegskameraden Schwartz und habe manchen Spaziergang mit ihm ausgeführt. Er war unheilbar krank, doch fand ich ihn kaum konfuser, als im Sommer 1849 in Schleswig-Holstein. Nach dem Hauptmann trat ich bei dem Minister ein. Er war ein Herr, der in allgemeinem Ansehen stand und dessen würdige Art meine Sympathie gewann. Er empfing mich mit den Worten: »Sie sind mir als Erzdemokrat bezeichnet.« Ich fragte, ob man mir das leiseste Vergehen zur Last legen könne? Ich wolle meine politische Ueberzeugung nicht verheimlichen und betrachte die Ablehnung der Reichsverfassung von Seiten Preußens als ein Unglück. Er hörte mich ruhig an und meinte, meine Ueberzeugung teilten ganz loyale Leute. Er wolle die Unterredung kurz machen. Er sei entschlossen gewesen, mir den Abschied zu geben, habe aber Erkundigungen eingezogen, die so zu meinen Gunsten lauteten, daß er seinen Entschluß ändere, ich könne somit weiter dienen. Ich dankte und bat um acht Tage Urlaub, den er mir ohne weiteres gewährte. Die Freude des Wiedersehens mit meiner Familie und meiner Braut war groß. Das Gerücht hatte die auffallend beschleunigte Heimkehr zu der Erzählung aufgebauscht, Schwartz und ich seien wegen Aufruhrs in Schleswig verhaftet und in Ketten nach Rastatt in die Kasematten verbracht worden. Nach abgelaufenem Urlaub erhielt ich zuerst den Befehl, mich 431 in Kehl, und acht Tage später den, mich in Rastatt zum Dienste zu melden. Hier, in Rastatt wurde mir unvermutet klar, weshalb mir Oberstleutnant v. Porbeck nach dem Ausbruch der Revolution in Baden mit einem Male so mißtrauisch und verletzend entgegengetreten war. Den Aufschluß erteilte mir in überraschender Weise ein kriegsgefangener Kollege, Dr. Welcker, ein Sohn des berühmten Rechtslehrers, Volksmanns und Bundestagsgesandten von 1848. Wir kannten uns von den Heidelberger Kliniken her, doch waren wir uns nicht näher getreten. Er war in der aufständischen Armee Generalstabsarzt geworden und hatte mir eine besondere Anerkennung zu erweisen gedacht, indem er mir ein Patent als Regimentsarzt ausfertigen ließ und dieses an das Kommando des Bataillons in Schleswig amtlich abschickte. Davon hatte ich keine Ahnung. Er hatte mir die schlimme Suppe eingebrockt und wunderte sich noch, daß ich ihm den Dank dafür schuldig blieb. 432     In Rastatt. Die Bundesfestung Rastatt hatte eine gemischte Besatzung von badischen und österreichischen Truppen; beim Beginn der Meuterei zogen die Oesterreicher ab, und die aufrührerischen Badener blieben Herren der Festung und der drei sie umgebenden Forts, die mit A, B und C bezeichnet waren. Fast sämtliche Offiziere verließen Rastatt und das Land, einige waren von den zuchtlosen Soldaten schändlich mißhandelt worden; an ihre Stelle traten von den Truppen gewählte Unteroffiziere. Zum Gouverneur der Festung bestellte der Pole Mieroslawsky, den die provisorische Regierung zum Heerführer der badischen Armee ernannt hatte, Nikolaus Tiedemann, einen Sohn des Anatomen, einen tapfern Offizier, aber unsteten und wirren Mann, der früher zuerst in badischen und dann in griechischen Diensten gestanden hatte. Nachdem die Aufständischen die Festung am 23. Juli den belagernden Preußen übergeben hatten, wurde Tiedemann vor das Standgericht gestellt und am 10. August erschossen. Die Aufständischen hatten sich auf Gnade und Ungnade ergeben. Sie mußten die Waffen ablegen und wurden in die Kasematten abgeführt, gegen 6000 Mann, Linie, Volkswehr und Freischaren, Legionen genannt, Abenteurer, die aus aller Herren Länder zusammengeströmt waren. Mit ihnen wurden viele bürgerliche, der Teilnahme an dem Aufstand mit Recht oder Unrecht beschuldigte Personen gleichfalls in die Kasematten gebracht. Rastatt kehrte unter die Herrschaft des Großherzogs zurück, blieb jedoch von den Preußen besetzt, zahlreiche Offiziere und Unteroffiziere der in Neugestaltung begriffenen badischen Armee versahen mit den preußischen gemeinsam den Festungsdienst. 433 Ein Augenzeuge, Professor Fickler am Gymnasium in Rastatt, hat die Vorgänge bei der Meuterei und die Ereignisse bis zur Uebergabe der Festung an die Preußen in einer Schrift: »In Rastatt 1849«, (Rastatt, Hanemann, 1853, 2. Aufl. 1899) treu und gut geschildert. Ein andrer Zeuge, Albert Foerderer, ein Rastatter von Geburt und damals Schüler des Gymnasiums, später Pfarrer der katholischen Gemeinde in Lahr, hat auch die nach der Uebergabe erfolgten Begebenheiten in einem Hefte: »Erinnerungen aus Rastatt 1849«, (Lahr, Schömperlen, 1881, 2. Aufl. 1899) erzählt; Foerderer fiel bekanntlich 1889 unter dem Mordstahl eines Stromers, eines Anarchisten. Die Verpflegung der vielen Gefangenen machte in der ersten Zeit große Schwierigkeit, sie litten Hunger, Durst und Frost. Der schlimmste Aufenthalt war in den ungesunden Kasematten des Forts C, doch wurde dies geräumt, sobald die Entlassung vieler unschuldig befundnen Gefangenen Raum geschafft hatte, die Zurückbleibenden wurden sämtlich in dem minder ungesunden Fort A verwahrt. Den Bemühungen des preußischen Kommandanten der Festung, Majors v. Weltzien, der unter rauher Schale ein menschenfreundliches Herz trug, gelang es, die schwierige Aufgabe zu bewältigen. Auch die Gefangenen erkannten dankbar sein Verdienst an, besonders dann, als nach seinem Weggang ein Kürassieroberst seine Stelle einnahm und ohne sich, wie sein Vorgänger, selbst in den Kasematten umzusehen, scharfe und nicht immer zu billigende Verfügungen traf. Freilich muß man zugeben, daß die Gefangenen selbst dazu beitrugen, ihr Los zu verschlimmern. Manche neckten und höhnten ihre verhaßten Wächter, wo sie glaubten, es sicher wagen zu dürfen, diese haßten nicht minder die Freischärler und antworteten, wenn es irgend geschehen konnte, mit wohlgezielten Schüssen. Gleich nach der Uebergabe begannen die Gerichte ihr trauriges Amt. Die meist gravierten Gefangenen kamen vor das Standgericht. Sämtliche Richter wurden dem preußischen Heere entnommen, je einer aus den sieben Rangstufen vom Gemeinen aufwärts bis zum Major; badische Juristen führten die Untersuchung; Anwälte wurden als Verteidiger zugelassen. Die Sitzungen waren öffentlich und wurden in einem großen Saale des markgräflichen Schlosses, das der 434 Türkenbesieger Ludwig von Baden erbaut hatte, abgehalten. Die Zutrittskarten erhielt man auf der Kommandantur. Das Standgericht erkannte nur auf Tod durch Pulver und Blei oder auf Zuchthaus. Am 6. August wurden die ersten Todesurteile gefällt, am 20. Oktober das letzte, im ganzen 19; auf Zuchthaus erkannte das Standgericht zuletzt am 26. Oktober; drei Monate war es somit in Tätigkeit. – Außer in Rastatt waren auch in Mannheim und Freiburg Standgerichte eingesetzt worden, und neben ihnen und noch lange nach ihnen waren allenthalben im Lande die ordentlichen Gerichte vollauf beschäftigt, das verletzte Gesetz zu sühnen. Tausende büßten den Rausch der Revolution mit dem Verluste von Freiheit, Hab und Gut, oder wanderten in die Verbannung. In den ersten Tagen des September trat ich meinen Dienst in Rastatt an. Zuerst erhielt ich den Auftrag, täglich die Gefangenen im Fort C zu besuchen, drei Tage nachher wurde mir ein großes Notlazarett im Fort A zur Aufnahme kranker Gefangener übergeben. Es setzte sich aus zwei ansehnlichen, einstöckigen Gebäuden zusammen, die unter einem rechten Winkel nebeneinander standen; das Haus Nr. 2 lehnte an die Mauer des Forts, die der Stadt zugekehrt war; von dem Abort seines oberen Stocks aus konnte man bequem auf diese, sehr breite Mauer gelangen. Vor dem Lazarett stand ein Wachthaus für die preußische Mannschaft, die es unter dem Befehle eines Unteroffiziers zu überwachen hatte. Um Entweichungen aus dem Bau Nr. 2 über die Mauer auf das Glacis herab und von da in die Stadt zu verhüten, stand ein besonderer Posten auf der Mauer selbst. Wie der Name es schon besagt, war das Notlazarett nur notdürftig eingerichtet. Die beiden Häuser konnten gegen 200 Personen aufnehmen, ein Teil der Aufgenommenen mußte mit Strohsäcken und Wolldecken auf dem Stubenboden vorlieb nehmen. Die Mehrzahl lag in Betten ohne Matratzen auf Strohsäcken, und es fehlte an Weißzeug. Die Kost war ausreichend, wenn auch nicht für Kranke zugerichtet. Ungeachtet dieser Mißstände waren die Gefangenen, die aus den unterirdischen Räumen in das helle Licht der Lazarettzimmer kamen, glückselig. Uebrigens waren nur wenige ernstlich krank, aber alle heruntergekommen durch das unordentliche Leben, das sie schon 435 vor der Gefangenschaft geführt hatten, durch das anfängliche Hungern und Dürsten nach der Uebergabe, das Liegen auf dem bloßen Erdboden der Kasematten, bis er mit Stroh belegt wurde – in den Forts A und C fehlte noch die Holzbekleidung –, endlich durch die nagenden Gewissens- und Insektenbisse. Am häufigsten litten sie an Durchfall und leichter Ruhr. Mein Dienst war schwer und kaum zu bewältigen. Nach 14 Tagen erhielt ich Aushilfe; der längste Arzt des Großherzogtums, ein Dr. Frei, später Amtsarzt in Engen, wurde mir als zweiter Arzt beigegeben. Ich wohnte und speiste in der Stadt, ging schon früh um 7 Uhr in das Fort, kam selten vor 2 Uhr zum Mittagessen, kehrte nach Tisch ins Lazarett zurück und hatte oft bis 8 oder 9 Uhr darin zu tun. Außer dem Hospitaldienst hatte ich häufig krank Gemeldete in den Kasematten zu besuchen. Ging ich endlich spät todmüde zu Bett, so raubten mir die Schwärme springender Insekten, die ich aus dem Fort heimbrachte, die ersehnte Nachtruhe. Mutter Natur muß auf die Erhaltung der flinken kleinen Springer einen besonderen Wert legen, sonst hätte sie die unbarmherzigen Quäler nicht mit einer fast unglaublichen Fruchtbarkeit bedacht. Nur wer verlassene Kasematten besucht hat, worin Menschen auf Stroh gelegen haben, vermag sich davon eine richtige Vorstellung zu machen. Mein Vater besuchte mich im Oktober; befreundete Offiziere führten ihn auf seinen Wunsch, die Einrichtung einer modernen Festung kennen zu lernen, in das Fort B, worin keine Gefangenen lagen; während der Belagerung aber hatten viele Familien aus der Stadt in den Kasematten dieses Forts Unterkunft gefunden. Nachdem ihm die Herrn die Wälle und Basteien gezeigt, bat er, auch die Kasematten sehen zu dürfen, worauf sie einem Unteroffizier Befehl erteilten, ihn hineinzuführen; ich begleitete ihn, sie blieben wohlweislich im Hofe und rieten uns, recht rasch wieder herauszukommen. Wir verweilten nur einige Minuten in den noch teilweise mit Stroh belegten Räumen und kehrten dann sorglos zurück. Kaum erblickten uns die Offiziere, so riefen sie uns dringend zu, wir möchten sofort unsre Kleider mit kräftigen Schlägen bearbeiten, zwei dienstfertige Unteroffiziere sprangen herbei und schlugen mit den Händen auf unsre Röcke und Beinkleider, 436 die mit zahllosen braunen Insekten besät waren; wie Wolken stäubten sie davon. Trotz der schärfsten Bewachung und der größten Lebensgefahr wagten die Gefangenen häufig Fluchtversuche, und obwohl jede Beihilfe mit standrechtlicher Behandlung bedroht war, förderten die Bewohner Rastatts doch, so viel sie vermochten, die Entweichungen. Zwar hatte die Bürgerschaft während der Revolution viel durch die Aufständischen gelitten, aber die lange Dauer des Standrechts hatte Mitleid mit ihrem harten Lose geweckt. Die aus den Forts in die Stadt Entkommenen wurden in den Häusern versteckt, auch wohl mit Kleidern und Passierscheinen versehen, um bei der ersten günstigen Gelegenheit unter fremden Namen durch die Tore der Festung zu gelangen. Den Unglücklichen aber, die auf der Flucht ergriffen wurden, erging es schlimm. Ich selbst war zugegen, als in eines der Hospitäler der Stadt zwei junge Burschen eingebracht wurden, die am hellen Tage einen verwegenen Fluchtversuch unternommen hatten. Sie waren über die Wälle geklettert und über das freie Feld hin in der Richtung zum Rhein gelaufen; man hatte ihnen Reiter nachgeschickt, und jetzt brachte man sie, durch Säbelhiebe schrecklich zugerichtet, nach der Stadt zurück. Dem einen war der Schädel gespalten, er war gerade gestorben, der andre hatte tiefe Wunden am Kopf und rechten Arm, denen er nach wenigen Stunden erlag. – Nicht ganz so schlecht erging es einem großen starken Westpreußen, der ehemals in der Armee gedient hatte. Er war in die Stadt entkommen, wo er nichts besseres zu tun wußte, als dem langentbehrten Schnaps reichlich zuzusprechen; trunkenen Mutes versuchte er ohne Passierschein durch das Tor der Festung zu schreiten, aber seine stramme Haltung und sein Dialekt machten ihn der Wache verdächtig; sie nahm ihn fest, er leistete Widerstand, wurde mit scharfen Hieben arg bedacht und blutüberströmt zu mir geführt; wie ein geduldiges Lamm ließ er sich jetzt die Wunden nähen und verbinden. Aus meinem Lazarett entwichen drei Gefangene mit Geschick und Glück: ein badischer Dragoner und zwei Studenten. Der Dragoner war schwer graviert und sollte am nächsten Morgen 437 vor das Standgericht kommen. Am Abend zuvor sah ich ihn im Hofe bei dem Untersuchungsrichter, einem Herrn von S., stehen. Dieser hatte ihn zu einer letzten Unterredung rufen lassen und gab ihm freundliche Worte; mich erinnerte die Unterhaltung an das Spiel der Katze mit der gefangenen Maus. Der Dragoner war ein hübscher Bursche von militärischer Haltung, er trug noch seinen Waffenrock, der ihm gut stand. Das Liebesmühen des Herrn Untersuchungsrichters schien ihn wenig zu rühren, er sah lächelnd vor sich nieder und schwieg. In der Nacht entkam er; wie er es machte, erfuhr ich nicht. Nicht lange nachher gelang es den beiden Studenten zu entfliehen. Der eine war der nachmalige Publizist und Historiker Karl Hillebrand, der 1884 in Florenz starb, der andere ein ihm befreundeter junger Franzose, namens Roignon. Angeblich litten sie noch an einer mäßigen, in Heilung begriffenen Ruhr. Sie lagen in einem großen, stark mit Kranken belegten Saale des oberen Stocks im Hause Nr. 2 auf einem großen Strohsack nahe der Türe, von wo sie nur wenige Schritte zum Abort zu gehen hatten. Der Unteroffizier, der die Aufsicht in dem Bau 2 führte, ein Badener, sagte mir, daß die beiden Studenten nachts viel auf den Abort liefen und den Schlaf ihrer Zimmergenossen störten. Zur Rede gestellt, entschuldigten sie ihr unruhiges Treiben mit ihrem Leiden und versprachen, sich fernerhin möglichst leise zu verhalten. Der Unteroffizier traute ihnen nicht und behauptete, sie trügen sich mit der Absicht über die Mauer zu entfliehen. Nach einer stürmischen Nacht begab ich mich, wie jeden Morgen, zu früher Stunde in das Fort. Unter dem Tore traf ich zwei badische Offiziere, sie hatten nachts Dienst in dem Fort gehabt und verließen es eben. Es waren frühere Feldwebel, die 1848 zu Offizieren befördert worden waren. Sie hielten mich an und teilten mir als neuestes mit, daß in der letzten Nacht zwei meiner Gefangenen – es waren die beiden Studenten – entwichen seien. Sie bezeugten mir ihre Teilnahme und meinten, die wiederholten Entweichungen aus meinem Hospitale müßten mir äußerst unangenehm sein. Diese Bemerkung ärgerte mich, und ich war so unvorsichtig, ihnen zu erwidern, sie verwechselten ihre militärische Aufgabe mit meiner ärztlichen. Es sei ihre Sache, die Gefangenen zu bewachen, meine, sie zu kurieren. Es würde 438 mich nicht betrüben, wenn meine Patienten samt und sonders in einer Nacht davonliefen; ich gäbe den Herren die Versicherung, von Stund' an wären die armen Teufel alle kuriert. – Sie machten verblüffte Gesichter, empfahlen sich und erzählten die Aeußerung weiter. Im Lazarett bestätigte mir der Unteroffizier die Flucht der Studenten. Er meinte, sie hätten in ihrem großen Strohsack ein Seil verborgen gehabt und sich damit über die Mauer herabgelassen. Die dunkle, stürmische Nacht habe ihr Entkommen begünstigt. Vermutlich habe die Schildwache auf der Mauer Schutz vor dem Wetter gesucht und sich in eine sichere Ecke zurückgezogen. Diesen Umstand hätten sie geschickt benützt, es sei ja gewiß schon längst alles Nötige für die Entweichung vorbereitet gewesen. Ohne daß ich es ahnte, beschäftigte sich noch einer der im Lazarett aufgenommenen Gefangenen mit Fluchtversuchen, die mir teuer zu stehen gekommen wären, wenn man mich nicht rechtzeitig gewarnt hätte. Wären sie entdeckt worden oder geglückt, so wäre ich vermutlich selbst vor das Standgericht gekommen, denn man würde angenommen haben, daß ich sie begünstigt hätte. Der Gefangene war ein verkommener Student, den ich bei meinem Besuche in Freiburg 1842 auf der Rheinländerkneipe hatte kennen lernen. Er stammte aus guter Familie, war der Schwager eines angesehenen Herrn von altem Adel, die Rheinländer hatten ihn in das Korps aufgenommen, er stand aber wenig in Achtung und verkam. Die größte Schuld daran trug ein großes Familienstipendium, das ihm die Mittel zu einem flotten Leben gewährte. Dieses Stipendium hat nach der Bestimmung des Stifters einen doppelten Zweck: es soll dessen Nachkommen das Studieren erleichtern und, wenn es an berechtigten Bewerbern fehlt, für die naturwissenschaftlichen Sammlungen der Freiburger Universität verwendet werden. Unser Student, ich nenne ihn M., nahm es mit dem Studium gründlich, er belegte zuerst einige Jahre lang sämtliche Kollegien der Jurisprudenz, dann der Medizin, zuletzt der Philosophie, hätte sich auch noch als Theologe inskribiert, wenn dies angegangen wäre. Zu einem Examen brachte er es nicht. Die Revolution kam ihm gerade recht, er wurde Zivilkommissär, erhob Kontributionen, geriet nach Rastatt und wurde in die Kasematten gebracht. 439 Eines Tages meldete M. sich krank und ließ sich zu mir in das Lazarett führen. Er war nicht krank, nur herabgekommen und erholte sich bald. Fast gleichzeitig mit ihm kam ein andrer verunglückter Student, den ich von Heidelberg her kannte; dieser war politisch nicht graviert und mit der Volkswehr nach Rastatt gekommen. Beide baten mich, sie bei mir zu behalten, und da ich Fouriere brauchte, ließ ich Betten für sie in meinem Ordinationszimmer in Bau 1 aufschlagen, so daß sie getrennt von dem großen Haufen schlafen konnten, erwies ihnen auch andre Dienste. M. sagte mir, daß er jedenfalls zu Zuchthausstrafe verurteilt werde, aber er verlasse sich auf seinen Schwager, durch dessen Verwendung er hoffe zur Auswanderung nach Amerika begnadigt zu werden. Da er sicher darauf rechne, so warte er die Zukunft ruhig ab, sonst könne er jeden Tag, wann es ihm beliebe, entkommen. Er belog mich, denn er hatte bereits einen mißlungenen Versuch dazu gemacht, wollte ihn auch nächstens erneuern. Sein Plan war klug erdacht und fußte darauf, wie ich meine Visite eingerichtet hatte. Ich ging immer zuerst in das Ordinationszimmer und legte hier meine Dienstmütze, den Degen und einen langen Offiziersmantel ab. Dann besorgte ich die Kranken im Bau 1 und danach die im Bau 2. Während ich nun in diesem Bau beschäftigt war, hatte er meine Dienstmütze aufgesetzt, meinen Degen angelegt, meinen Mantel umgetan und war in dieser Verkleidung unaufgehalten an der Hospitalwache vorüber gegangen. Er hätte auch die Torwache des Forts unbeanstandet passiert, aber er sah zwei badische Offiziere, die ihn kannten, in das Fort eintreten und gegen ihn herankommen; da er fürchtete, von den Herren erkannt zu werden, kehrte er um und ging in das Lazarett zurück. Diese Dinge hatte mir ein Gefangener verraten, Bürgermeister Sallinger von Rastatt, den man wegen Beteiligung am Aufstand in die Kasematten gesteckt hatte; das Oberhofgericht sprach ihn später als schuldlos frei; er ist als Bürgermeister seiner Vaterstadt in den achtziger Jahren gestorben. Er war leidend ins Lazarett gekommen, und ich hatte ihm und einigen andern anständigen Leuten ein besondres Zimmer eingeräumt, auch sonstige Erleichterungen verschafft. Sallinger beriet sich mit seinen Zimmergenossen, ob sie mir das Geheimnis ihres 440 Mitgefangenen, hinter das sie gekommen waren, verraten dürften; sie beschlossen, es mir unter der Bedingung mitzuteilen, daß ich gegen M. davon schwiege. Sie waren einstimmig der Ansicht, daß sie mir mehr Rücksicht schuldeten, als ihrem Schicksalsgefährten, dessen übeln Leumund sie überdies kannten. Von diesem Tag an ließ ich den Mantel in der Stadt, und setzte, wenn ich in die zweite Abteilung ging, die Dienstmütze auf, schnallte auch den Degen um. M. wurde wirklich, wie er vorausgesehen hatte, zu Zuchthausstrafe verurteilt und bald nachher, wie man damals sagte, »nach Amerika begnadigt«. Es vergingen dreizehn Jahre, ich war Professor in Erlangen geworden, als ich von Freiburg i. Br. einen Brief von ihm erhielt folgenden Inhalts: »Lieber Freund, ich bin aus Amerika zurückgekehrt, aber die badische Regierung will nichts für mich tun. Ich muß mich deshalb an meine Freunde wenden. Schicke mir umgehend hundert Gulden!« Auf Antwort wartete er vergebens. Von Erlangen 1863 nach Freiburg berufen, wurde ich zwei Jahre später Prorektor der Universität. Eines Nachmittags, nach der Sprechstunde trat M. bei mir ein. Ich erkannte ihn sofort, fragte aber kühl nach Namen und Begehr. Er trug mir nunmehr sein Gesuch vor und bat um meine Vermittlung als Prorektor. Er habe, wie ich wisse, Anspruch auf das B.sche Familienstipendium und wolle aufs neue studieren, die Stiftungskommission aber verweigere es ihm. Er begreife dies um so weniger, als er der Universität ein wertvolles Geschenk für die zoologische Sammlung gemacht habe. Ich versagte ihm meine Hilfe. Er hat sie vermutlich auch nicht erwartet, es war ihm um etwas andres zu tun. Er holte ein Bändchen »Erinnerungen aus der Revolution 1849« aus der Tasche und bat mich, es ihm abzunehmen. Ich zahlte ihm den verlangten Gulden, worauf er ging. Abends blätterte ich in dem traurigen Machwerk. Er rühmte darin sein edles Herz. Es wäre ihm in Rastatt leicht gewesen, aus der Festung zu entweichen, aber er habe es nicht getan, um einen ungenannten Wohltäter nicht in Schaden zu bringen. Am nächsten Tag begegnete ich dem Kustos der zoologischen Sammlung, Professor Fischer, und erkundigte mich, was für ein wertvolles Geschenk M. ihr gemacht habe. Er lachte, es bestand in dem Balg eines ganz gemeinen Storchs. 441     Weitere Erlebnisse in Rastatt. Menschen der verschiedensten Art, von feinster Bildung und größter Roheit, Idealisten und Lumpen, Biedermänner und Halunken, hatte das Jahr 1849 in den Kasematten Rastatts zusammengeführt. Die meisten beklagten und verwünschten ihr Schicksal, einige nahmen es mit Leichtsinn oder stumpfer Ergebenheit hin. Einen merkwürdigen Gegensatz boten zwei Bauernknechte. Der eine war ein starkgebauter Mensch aus der Rheinpfalz, den seine aufständischen Landsleute gezwungen hatten, mit ins Feld zu ziehen, er war nach Rastatt geraten und wußte nicht wie. Als ich eines Tags in die Kasematten des Forts A gerufen wurde, fand ich den Unglücklichen auf Stroh an der Wand liegend und in voller Verzweiflung; er fluchte der Revolution und den Freischärlern, die ihn zeitlebens ins Elend gebracht hätten. Der arme Kerl war auf dem feuchten Boden der Kasematten lahm an den Beinen geworden; seine Mitgefangenen mieden ihn scheu. – Der andere Bursche, aus der Gegend von Buchen im badischen Bauland, ein schwächlicher, blasser Mensch, sah aus wie ein Knabe, obwohl er mindestens 18 Jahre zählte; er war mit der Volkswehr nach Rastatt gekommen. Seit einigen Tagen befand er sich wegen Unwohlseins im Lazarett, doch war er bereits wieder hergestellt, als eines Morgens die Ordonnanz aus der Stadt mit der Liste der Leute kam, die aus der Gefangenschaft entlassen wurden und frei heimkehren durften. Darunter befand auch er sich. Ich ließ ihn zu mir ins Ordinationszimmer holen und verkündete ihm sein Glück; aber, statt in Jubel 442 auszubrechen, wie die meisten Entlassenen, sah er stumm und traurig drein. Als ich ihn nunmehr aufforderte, der Ordonnanz sich anzuschließen, um das Fort zu verlassen, bat er mich schüchtern, ihn lieber in die Kasematten zurück zu schicken. Ich traute meinen Ohren nicht, und die Umstehenden waren außer sich über den einfältigen Menschen. Er dauerte mich und ich fragte ihn, warum er nicht vorziehe, zu den Seinigen heimzukehren? Da stellte es sich heraus, daß er keine besaß, weder Eltern noch Geschwister, noch irgend welche Verwandte. Er war seit frühester Kindheit Waise, mittellos unter dem Vieh der Bauern aufgewachsen, hatte nie ein liebreiches Wort und nie satt zu essen bekommen. In den Kasematten waren ihm die Mitgefangenen freundlich begegnet, der arme Bursche war endlich satt geworden, darum wäre er lieber geblieben. Er besaß keinen Heller Reisegeld, ich gab ihm etwas Münze mit auf den Weg, betrübt schritt er hinter dem Unteroffizier aus der Türe. Einen allzeit guten Humor bewahrte »ein lustiger Musikante« vom Main, Philipp Reuter von Wertheim, obwohl das Damoklesschwert des Standrechts über ihm hing. Weniger der Freisinn, als der Leichtsinn, hatte ihn zu den Aufständischen geführt. Er war Kameralpraktikant in Donaueschingen gewesen. Wie Fickler erzählt, war er als ausgezeichneter Musiker am Hofe des Fürsten von Fürstenberg, eines großen Musikfreundes, geschätzt und als ein stets aufgeräumter Gesellschafter in den Kreisen der kleinen Residenzstadt gerne gesehen gewesen. Mit dem Ausbruch der Revolution kam er als Kriegskommissär zum Heere und zuletzt als Proviantmeister nach Rastatt. Kurz vor der Uebergabe der Festung hatte er sich eine grobe Ungebühr zu Schulden kommen lassen, die ihm das Leben kosten konnte. In dem Militärspital hatte es an Weißzeug gefehlt, stark angeheitert requirierte er es in dem Hause des vor den Meuterern geflüchteten Bankiers Meyer, und bedrohte Frau Meyer mit gewaltsamem Vorgehen. Wegen einer leichten Ruhr befand er sich jetzt, nahezu hergestellt, im Lazarett. Als ich ihn zum erstenmal bei der Morgenvisite sah, war er gerade beschäftigt, in nachlässiger Toilette mit einem großen Fliegenwedel die lästigen Stubengäste an den Wänden zu verfolgen und rief, zum Ergötzen seiner 443 Stubenkameraden, grimmig: »Tod den Tyrannen! Tyrannenblut muß fließen!« Ein hochgewachsener Mensch in den Dreißigen, trug Reuter langes, dunkles Haupthaar, die Züge seines länglich geschnittenen Gesichtes atmeten sorglose Jovialität. Er war wirklich noch nicht ganz wiedergenesen und rückte, nachdem ich ihn einige Tage behandelt, vor den Zimmergenossen mit der Bitte gegen mich heraus, ich möchte ihm nächstens, wenn der Untersuchungsrichter sich bei mir nach seiner Gesundheit erkundige, bezeugen, daß er noch nicht kräftig genug sei, vor dem Standgerichte zu erscheinen. Er wisse, seine Akten für das Standgericht seien nahezu abgeschlossen, er wünsche aber, daß der Termin zu seiner Aburteilung noch etwa 14 Tage hinausgeschoben werde, je länger, desto besser. Die Richter müßten doch endlich des Erschießens müde werden, er hoffe dann eher mit dem Leben davon zu kommen. Das Zuchthaus sei zwar kein »Pläsier«, aber besser, als der Tod im Wallgraben. In der Tat gelang es, den Untersuchungsrichter davon zu überzeugen, daß Reuter für das Standgericht noch nicht hinreichend hergestellt sei. Am 15. Oktober teilte mir mein Patient mit, daß er am nächsten Vormittag vor die Richter geführt werde. Er dankte mir für alle erwiesene Güte und war voll Zuversicht, es lasse sich auch in Bruchsal leben, und er hoffe auf baldige Begnadigung nach Amerika. Bisher hatte ich weder Zeit noch Lust gehabt, den Sitzungen des Standgerichts anzuwohnen, diesmal aber trieb es mich, hinzugehen. Ich wollte den lustigen Musikanten die Rolle eines Tragikers spielen sehen. In der Tat war es ein merkwürdiges Schauspiel, dem ich anwohnte, Philipp Reuter verdiente Bewunderung. Bescheiden, ein bleicher, leidender, mitleidswerter Mann, saß er, leicht vornübergebeugt, auf der Anklagebank. Er konnte seine Angst nicht ganz verbergen, obwohl er sich alle Mühe gab, die Miene des Gerechten und Tugendhaften, den das Unglück verfolgt, zu bewahren. Er lauschte aufmerksam auf die Worte des Anklägers, der Zeugen und des Verteidigers, keines entging ihm. Die Aussagen der Zeugen warfen mitunter Streiflichter auf die Amtsführung des Herrn Proviantmeisters, die eine allgemeine Heiterkeit entfesselten, doch er blieb 444 ruhig und gelassen. Erst als zuletzt der kritische Zeitpunkt gekommen war, wo Bankier Meyer an Stelle seiner Frau aussagte, trat seine innere Erregung und ängstliche Spannung unverkennbar zu Tage, aber bald atmete er erleichtert auf, der Zeuge wollte ihn offenbar nicht verderben, seine Mitteilungen lauteten weniger belastend, als er hatte fürchten müssen. Zuletzt ergriff Reuter selbst das Wort zu seiner Verteidigung. Er stotterte wie der große Demosthenes, und der Sprachfehler geriet ihm zum Vorteil, er machte ihn mitleidswerter. Aber das Stottern verlor sich, als der Redner ins Feuer geriet, die gebeugte Gestalt streckte sich mehr und mehr in die Höhe. Fast achtunggebietend stand er vor den Richtern, ein pflichtgetreuer, edler Proviantmeister, der für seine kranken, nackten Soldaten Leib- und Bettwäsche suchte und sich im Uebereifer zwar zu hitzigen Schritten hinreißen ließ, aber ein Räuber und Erpresser war er nicht. Erschöpft sank er auf seinen Stuhl nieder. Man war versucht, ihm Beifall zu klatschen. – Die Richter diktierten ihm zehn Jahre Zuchthaus. Er verbüßte nur einen Teil dieser Strafe wirklich, man verwendete sich für ihn, und jenseits des Meeres erfreute sein schönes Spiel nicht lange nachher die Bewohner des neuen Weltteils. Ein andrer Standrechtskandidat in den Räumen des Notlazaretts war ein Sachse, Namens Peters. Er lag, von mäßiger Ruhr befallen, Tag und Nacht zu Bette, sah elend aus und tief gedrückt. Was er war und begangen hatte, erfuhr ich erst später. Er war Literat und hatte sich bei dem Ausfall nach Niederbühl und dem Anzünden dieses vor den Toren Rastatts gelegenen Dörfchens so hervorgetan, daß ihm das Todesurteil gewiß schien. Eines Tages fand ich bei der Morgenvisite sein Bett leer. Zwei Soldaten waren gekommen und hatten ihn, ohne zuvor bei mir anzufragen, herausgeholt und in die Stadt vor den Untersuchungsrichter geführt. Dieses Vorgehen empörte mich, ich machte augenblicklich eine Eingabe, beschwerte mich und erhielt von da an zugestanden, daß man meine Kranken nicht mehr, ohne vorher mein Gutachten einverlangt zu haben, in die Stadt holte. Man richtete jetzt im Lazarett selbst ein Verhörzimmer ein. 445 Am folgenden Morgen wünschte Peters mich unter vier Augen zu sprechen. Ich schlug ihm die Bitte mit dem Bemerken ab, ich gewähre keine geheimen Unterredungen, werde aber, meinen ärztlichen Pflichten getreu, für ihn tun, was ich könne. Nachdem die Sache dieses schwer Gravierten schließlich spruchreif geworden war, ließ mich eines Abends der Untersuchungsrichter, Herr von S., in das Verhörzimmer bitten. Er saß an einem langen, mit Akten belegten Tische, mir zugekehrt, neben ihm ein Schreiber, hinter ihm stand in der Ecke des Zimmers Peters. Der Richter stellte mir die Frage, ob »Herr Peters« nunmehr so weit hergestellt sei, daß er vor dem Gericht erscheinen könne. Der arme Mensch in der Ecke warf mir flehende Blicke zu und rang die Hände. Ich verstand ihn und erklärte, Herr Peters befinde sich wesentlich besser, seine Kräfte aber ließen noch viel zu wünschen übrig. Ich fürchte, daß seine Schwäche vor dem Gericht zu Ohnmachten führe, auch sei es nicht ausgeschlossen, daß sein kaum beseitigtes Leiden unangenehme Scenen veranlasse. Meine Worte waren für den Standrechtskandidaten wie Ostergeläute, er begleitete sie mit eifrigem Zunicken und Winken. Der Richter lächelte und schloß die Sitzung. Ich bin überzeugt, mein Gutachten kam auch ihm erwünscht. Wir waren schon tief im Oktober, das Standgericht hatte der »blutigen Exempel« gerade genug statuiert und wurde bald nachher aufgelöst. – Peters entging so dem Tode. Er kam nicht mehr vor das Standgericht und verbüßte seine Strafe im Zuchthause. Lange Jahre nachher las ich in der Zeitung den Tod des Schriftstellers Peters in Leipzig. Er habe, wurde dazu bemerkt, 1849 politisch schwer belastet, in den Rastatter Kasematten gelegen und sei nur durch einen menschenfreundlichen, badischen Militärarzt dem Tode durch Pulver und Blei entgangen. Peters wurde zu 8 Jahren Zuchthaus verurteilt und nach 7 Jahren begnadigt. Er verehelichte sich 1856 mit der Schriftstellerin Luise Otto, die sich um die Hebung der weiblichen Bildung und die Eröffnung neuer Berufszweige für Frauen große Verdienste erwarb – ihre Ehe war ideal, doch starb P. schon 1864. (Gartenlaube 1898. Nr. 41.) 446 Ein preußischer Leutnant, v. Bernigau aus Köln flößte mir von allen Kranken die größte Teilnahme ein. Er hatte zuletzt zu Mühlhausen in Thüringen in Garnison gestanden. Einer seiner gewesenen Kameraden war zu dem Rastatter Kriegsgericht kommandiert, ich suchte ihn im Interesse meines Kranken auf und hörte, daß er bis zu seinem Abgang vom Regiment geachtet und beliebt gewesen sei. Er hatte, von der politischen Bewegung hingerissen, seinen Abschied genommen und sich der provisorischen Regierung in Baden zur Verfügung gestellt. Sie hatte ihm die Führung eines Bataillons übertragen, an dessen Spitze er gegen die Bundestruppen an der Bergstraße focht. Die Zuchtlosigkeit seiner Soldaten veranlaßte ihn, den Befehl niederzulegen. Er fühlte sich krank, blieb unbegreiflicherweise in Heidelberg, obwohl die Preußen einrückten; von der Größe seines Vergehens gegen die Militärgesetze scheint der Unglückliche keinen Begriff gehabt zu haben. Man brachte ihn nach Rastatt in die Kasematten, von wo er in das Lazarett kam. Das Standgericht hatte ihn bereits am 25. August zum Tode verurteilt, seinen Spruch jedoch nach Berlin zur Bestätigung geschickt, obwohl das Gesetz bestimmte, daß die standrechtlichen Urteile innerhalb der ersten 24 Stunden vollstreckt werden müßten. Erst acht Wochen nachher wurde das Urteil vollzogen. Ich hatte dem liebens- und bedauernswerten Manne das einzige mit nur einem Bette versehene Zimmer, worüber das Lazarett verfügte, eingeräumt. Alle die Seelenqualen, die Victor Hugo in » Les derniers jours d'un condamné « mit Meisterschaft geschildert hat, sah ich den Unglücklichen erdulden. Als ich am 20. Oktober morgens in das Ordinationszimmer trat, überbrachte man mir den letzten Gruß des Verurteilten; am Abend spät war die Bestätigung des Richterspruchs von Berlin eingetroffen, vor Tagesgrauen hatte man ihm das Urteil verlesen, festen Schrittes war er zum Tode gegangen. Man wird es begreiflich finden, daß ich des Rastatter Aufenthalts und des Militärdienstes überhaupt von Woche zu Woche müder wurde. Auch wurde infolge der wachsenden Strenge des Festungs-Kommandanten der Lazarettdienst immer unangenehmer und zuletzt lebensgefährlich. 447 Manche Erleichterungen, die Major v. Weltzien gewissen Gefangenen zugestanden hatte, entzog ihnen sein Nachfolger. Dem Bürgermeister Sallinger z. B., der am Magen litt, wurde die Erlaubnis genommen, seine Kost von Hause zu beziehen. Als ich eines Morgens zur Visite kam, klagten mir die Kranken, sie hätten die ganze Nacht ohne Wasser zubringen und Durst leiden müssen, die preußische Wache hätte am Abend niemand mehr aus dem Hause gelassen, um Wasser zu holen. Ich suchte den wachhabenden Unteroffizier auf, um Auskunft zu verlangen. Er saß in der Stube auf der Bank, rauchte, blieb sitzen und starrte mich unverschämt an. Für diesen Menschen war jeder Badener, ob er Epauletten trug oder nicht, ein Freischärler. Zuerst forderte ich ihn auf, sich augenblicklich vor mir zu erheben, widrigenfalls ich meinen Epauletten Achtung verschaffen würde. Jetzt erhob er sich und erteilte mir in geziemender Haltung den verlangten Bescheid. Um jede Entweichung zu verhüten, war strenger Befehl ergangen, daß mit einbrechender Dunkelheit niemand mehr aus dem Lazarett herausdürfe. Der Kommandant hatte es nicht für nötig erachtet, den Aerzten Anzeige davon machen zu lassen. Man behalf sich von jetzt an damit, daß man vor Sonnenuntergang hinreichende Mengen Wassers ins Lazarett schaffte. Ein unglaublicher Befehl erschien an dem Tag, wo ich meinen Dienst in Rastatt andern Händen übergab. Ich war Mitte Oktober um Entlassung aus der Armee eingekommen und erhielt zu Ende des Monats zunächst einen Urlaub. Oberarzt Neck war mein Nachfolger in dem Notlazarett. Wir gingen abends, nachdem ich ihn darin umhergeführt, zusammen in ein Speisehaus, wo wir mit zwei badischen Offizieren zusammentrafen. Sie erzählten uns von einem eben erschienenen Befehle des Kommandanten, wonach sich von nun an in dem Lazarette niemand mehr an dem Fenster zeigen dürfe, widrigenfalls die Wache scharf hinein schießen werde. Es seien Verhöhnungen der Wachmannschaft vorgekommen, dem müsse ein Ende gemacht werden. Uns Aerzten war keine Mitteilung des Ukas zugegangen, der Kommandant hielt derlei Rücksichten für unnötig. Die Offiziere fragten, was wir darauf tun würden? Ich hatte mit der Sache nichts mehr 448 zu schaffen und die Erlaubnis, schon am andern Morgen Rastatt zu verlassen. Neck, offenbar sehr überrascht und nicht gleich zu ruhiger Ueberlegung fähig, erklärte mit elegischem Heroismus: »Sterb' ich, so sterbe ich im Dienste!« Wir zuckten die Achseln und meinten, es wäre klüger gegen den Befehl sofort Vorstellungen einzulegen. Neck schien am andern Morgen diese Unterhaltung vergessen zu haben. Er mußte die Mandeln eines Kranken untersuchen, setzte ihn des bessern Lichtes halber ans Fenster und schickte sich eben an, ihm die Zunge mit dem Spatel niederzudrücken, als ihm eine Kugel am Ohr vorbeipfiff und in die Zimmerdecke einschlug. Jetzt eilte er zum Kommandanten und erwirkte Rücknahme des Befehls. Als ich mich in Karlsruhe bei dem Generalstabsarzte Meier abmeldete, erzählte mir der alte Herr sehr erregt, er habe am letzten Sonntag in Rastatt bei der Parade einen unangenehmen Auftritt mit dem Herrn Festungskommandanten gehabt. Dieser habe die badischen Militärärzte beschuldigt, sie unterstützten das Entweichen der Gefangenen. Was ich darüber wisse? Meine Antwort lautete: mir sei davon nichts bekannt, er möge aber den Herrn Kommandanten bitten, die badischen Militärärzte nicht geradezu für vogelfrei zu erklären. Am 27. Dezember erhielt ich den erbetenen Abschied, nachdem ich vorher, am 16. Dezember, die Großherzoglich badische Felddienstmedaille für treuen Dienst im Krieg erhalten hatte. 449     Neuntes Buch. In Kandern. Wollt Ihr werben beim Glück um Gunst, Lernet die edle Schmiedekunst, Schwinget den Hammer mit großem Fleiß, Formet das Eisen, so lang es heiß, Und verbrennt ihr die Finger dabei, Machet nicht gleich ein groß Geschrei!     Kandern. Bald nachdem ich die Armee verlassen hatte, speiste ich eines Tages an der Tafel des Badischen Hofs in Baden-Baden und kam einem biederen Ehepaar gegenüber zu sitzen, das aus Holland den Rhein heraufgefahren war, um sich ein wenig in der Welt umzusehen. Einige Schüsseln, die der Kellner auftrug, waren den guten Leuten fremd, und der Gatte tat sein Möglichstes, die teure Ehehälfte über die Natur der unbekannten Gerichte zu belehren. – »Was sind das für Fische?« fragte er, als ihm Forellen gereicht wurden. »Forellen, mein Herr!« Er fand sie gut und erklärte der Gattin: »Die Forelle ist ein Fisch, den wir in Holland nicht kennen, aber es ist doch ein guter Fisch!« – Es kamen Artischocken. »Was ist das für ein Gemüse?« – »Es sind Artischocken.« – Mit Messer und Gabel machte er sich daran, die äußeren stacheligen Blättchen zu zerteilen, brachte wirklich ein Stück davon in den Mund und zerstach sich die Zunge. Darauf legte er die Gabel nieder und belehrte die Gattin, die abwartend zugeschaut hatte: »Artischocken sind ein italienisches Gemüse, nicht angenehm, aber interessant zu essen.« Die Scene gemahnte mich an meine militärischen Erfahrungen. Ich hatte Stacheln im Heerdienst gefunden, doch Interessantes erlebt. Ohne mich zu grämen, hatte ich den Degen abgelegt, meinen Schiffhut verwahrte ich als kostbare Reliquie einer glänzenden Vergangenheit in sicherem Schrein und bewegte mich wieder in bürgerlichem Gewand, das mich weniger schön, aber bequemer kleidete. An der Schlei und der Eider hatte ich oft sehnsüchtig der herrlichen Landschaft in der badischen Heimat oben bei Basel gedacht, 452 wo der Rheinstrom nach dem Norden sich wendet und Wiese und Kander, die munteren Töchter des Schwarzwalds, sich mit ihm vermählen. Der gesegnete Winkel umschließt die Aemter Lörrach, Schopfheim und Müllheim, den südlichsten Teil der altbadischen oberen Markgrafschaft, das Heimatland Hebels, verklärt von dem Schimmer der Poesie. Ein Volk alemannischen Stammes, regen und betriebsamen Geistes, bewohnt die schönen Gauen. Ein Jahr war gerade verflossen, seit ich mich in dem Städtchen Kandern von dem Bataillon Holtz, mit dem ich innig verbunden gewesen, verabschiedet hatte, um nach den nordischen Marken aufzubrechen. Inzwischen war einer der beiden Aerzte, die in Kandern praktiziert hatten, weggezogen, man gedachte meiner und forderte mich auf, die Stelle des Abgegangenen einzunehmen. In den ersten Tagen des März folgte ich dem willkommenen Rufe. Es gelang mir rasch, Vertrauen und Praxis zu erwerben. Mit rührender Geduld hatte meine Braut des Bräutigams, des fahrenden Doktors, geharrt, jetzt war der feste Boden gefunden, worauf ich den eigenen Herd errichten konnte. Im August wollte ich mein geliebtes Weib heimführen, da starb plötzlich mein Vater, wir mußten die Hochzeit verschieben, bis der Herbst ins Land zog. Auf das brausende Epos der Revolution mit dem tragischen Abschluß hinter den Mauern Rastatts folgte ein friedliches Idyll häuslichen Glücks. Meine ärztliche Tätigkeit gewährte mir volle Befriedigung und ein mehr als ausreichendes Einkommen. Ein erstgebornes Töchterchen, natürlich ein Wunderkind, lachte den glückseligen Eltern im zweiten Jahre des Kanderer Aufenthalts, aus der Wiege entgegen. Kein Wunder ist größer, kein Schauspiel entzückender, als die Entwicklung einer Menschenseele. Eine Sache war freilich schlimm bestellt in Kandern. Die gesellschaftlichen Verhältnisse waren greulich zerrüttet, die Bürgerschaft tief gespalten, selbst in dem Schoße der Familien hauste die Zwietracht. In den kleinen Gemeinden des Großherzogtums hatte die Revolution den bürgerlichen und häuslichen Frieden noch tiefer untergraben, als in den großen. In den Landstädten wohnten die Leute zu nahe beisammen, die steten Berührungen wurden zur dauernden Reibung, 453 die politische Gegnerschaft zur Todfeindschaft. Die nächsten Verwandten haßten sich oft am grimmigsten. Seit der Aufstand niedergeschlagen war, hatte sich die Stellung der Parteien von Grund aus verändert. Die oben gewesen, lagen jetzt unten, besiegt, schwer getroffen, unzählige Hochverratsprozesse gingen den unbarmherzigen Gang des Gesetzes. Ein furchtbarer Abend ist mir unvergeßlich. Einer der angesehensten Männer, das Haupt der unterlegenen Partei, der Bürgermeister der Stadt, war, des Hochverrats angeklagt, in die Schweiz entflohen. Die mit den Kindern zurückgebliebene Gattin, eine treffliche Frau, hatte mich zum Arzte genommen. Der Entflohene, schwer leidend, kehrte zurück. Nach einigen Tagen kamen die Gendarmen, das Hofgericht hatte sein Urteil gesprochen, er sollte aus den Armen von Frau und Kindern in das Zuchthaus abgeholt werden. Ich wurde hinzugerufen und mußte die bittere Verzweiflung der Familie mit durchmachen: der Mann, der das höchste Ehrenamt der Gemeinde bekleidet hatte, wurde jetzt schimpflich in das Zuchthaus geführt! Die ersten Jahre nach der Revolution waren im ganzen Lande schrecklich. Allmählich glätteten sich die Wogen. Unter dem milden Zepter des Fürsten, dem heute ganz Deutschland Liebe und Verehrung zollt, kamen wieder bessere Tage, es wurde vergeben und vergessen. Auch dem Hochverräter von 1849 ist noch ein schöner Lebensabend geworden, seinen Mitbürgern ward es vergönnt, ihn nochmals an die Spitze ihres Gemeinwesens zu stellen. Ungefähr zu derselben Zeit, wie ich, war ein junger Geistlicher, Hermann Strübe aus Schopfheim, als Vikar nach Kandern gekommen, ein kluger, klarer Kopf, ein warmes, heiteres Herz, ohne die Voreingenommenheit vieler seiner Amtsbrüder, ein ausgezeichneter Kanzelredner und trefflicher Prediger christlicher Liebe und Versöhnung. Seiner Jugend ungeachtet schenkten ihm bald beide Parteien Vertrauen. Die düstere Stimmung im Städtchen hellte sich auf, das gesellschaftliche Leben gestaltete sich freundlicher. Mir wurde der gleichaltrige Mann ein treuer Freund und ist einer der wenigen aus der Jugend, die mir der Schnitter, der uns alle mäht, übrig gelassen hat. 454     Land und Leute. Hinter Kandern erhebt sich in üppigem Waldschmuck einer der schönsten Schwarzwaldberge, der Hochblauen. Aus dem quellenreichen Urgestein seiner südlichen Abhänge entspringt der Kanderbach und eilt in starkem Gefälle von Marzell und Vogelbach herab nach Kandern. Er tritt hier in das Hügelland, das dem Schwarzwalde vorgelagert an den Rhein sich erstreckt, und mündet bei Eimeldingen in dessen Flut. Unweit davon, eine Meile nordwärts, steigt an dem Rheinstrom steil empor der Isteiner Klotz, ein Korallenstock aus der Zeit der Jurabildung. Zu den Burgtrümmern seiner Höhe führt ein romantischer Fußpfad, teilweise eingehauen in die Felswand, oben reicht der Blick weithin über das Rheintal zu den Vogesen des Oberelsaß und der Jurakette der Schweiz. Milder, als auf den Schwarzwaldbergen, wehen die Lüfte auf den Vorlandhügeln. Prächtige Nußbäume zieren die Wege zwischen den saubern Dörfern, Weizen und Wein trägt der fruchtbare Boden. Meine Praxis umfaßte das Gebiet vom Hochblauen bis zum Isteiner Klotz. Zu Fuß, zu Pferd und im leichten Wagen besuchte ich die zahlreichen Ortschaften. Liebliche Landschaftsbilder entzückten mich in den Tälern, großartige Panoramen auf den Höhen. Zwei der schönsten Aussichtspunkte winken ganz in der Nähe des Städtchens: das vielgepriesene Bürgeln, weit vorspringend am Blauen mit der alten Propstei der gefürsteten Abtei St. Blasien, und der Turm der Ruine Sausenburg, der einsam hervorragt aus der dichtbewaldeten grünen Bergwand. 455 In besonderer Erinnerung blieb mir ein Ritt, den ich in meinem Berufe nach Endenburg ausführte, einem hochgelegenen Dörfchen im Amte Schopfheim. Ein Gewitter war niedergegangen, in köstlicher Luft nahm ich meinen Weg durch den Wald zur Scheideck hinauf, wo General von Gagern am 20. April 1848 den Tod gefunden hat. Dort biegt die Straße nach Endenburg ab. Wo sie aus dem Walde tritt, öffnet sich eine weite Aussicht südwärts gegen die Schweiz. Plötzlich, wie durch Zaubermacht, lag in kristallener Klarheit die ganze Kette der Schweizer Hochalpen vor mir; sie erschienen so nahe, als könnte man Steine auf die Schneefelder werfen. Ueberrascht hielt ich mein Pferd an und blickte bewundernd nach der nahe gerückten Ferne. Am Wegrain saß ein alter, in schwerer Arbeit ergrauter Bauer und betrachtete, in Andacht versunken, das herrliche Bild. Unerwartet wandte er sich an mich; das Herz war ihm aufgegangen, er mußte seine Gefühle aussprechen. »O! wie groß und schön,« redete er mich an, »sind die Werke der Schöpfung!« »Ja!« wiederholte ich seine Worte, »sie sind groß und schön,« grüßte und ritt nachdenkend weiter. – Es wird behauptet, der Sinn für landschaftliche Schönheit sei das Erzeugnis unserer modernen, hochfeinen Bildung, die Worte des armen Bäuerleins beweisen, daß die neuzeitliche Kultur ihn nicht erzeugt, sondern nur geschärft haben kann. Die Bewohner des Hochblauen hießen in Kandern die »Wälder« (Schwarzwälder) zum Unterschiede von denen des Hügellandes zwischen Kandern und dem Rheine. Obwohl sie eines Stammes und eines Bekenntnisses, des evangelischen sind, und die Weiber die gleichen Flügelhauben und »Fürtücher« (Brusttücher) tragen, waren sie doch damals ungleich in Gesittung, der Wälder stand tief unter dem Markgräfler der Vorhügel. Wie dies seither geworden ist, vermag ich nicht zu sagen. Die auffallende Verschiedenheit mochte ihren Grund teils in der größeren Abgeschlossenheit der Gebirgsorte, teils und mehr noch in deren rauherem Klima haben. Der Wald und die Viehzucht brachten dem Wälder die Mittel zum Unterhalt des Lebens, die sonnigen Hänge der Vorhügel spendeten den Bewohnern des Tieflandes Weizen und Wein. Lebensweise und Genuß gestalteten sich für jene anders als für diese. 456 Schon die verschiedene Art, wie die Leute dort und hier wohnten und ihre Wohnräume beleuchteten, mußte bei der langen Dauer der Winternächte und des Winters überhaupt einen verschiedenen Einfluß auf die Gesittung üben. Die Dörfer des Hügellandes hatten nur ziegelgedeckte Häuser aus Stein oder Fachwerk mit lichten, getünchten Stuben, worin das Talglicht und die Oellampe Eingang gefunden hatten; das Petroleum diente damals noch nicht zur Beleuchtung. Das ruhige Licht gestattete den Familien an den Winterabenden höhere geistige Unterhaltung durch Lesen von Druckschriften. Anders in den Bergen. Hier herrschte noch das flackernde Licht der billigen, stark rußenden Lichtspäne, die der Wälder selbst aus dem Holze seiner Fichten und Tannen Man belehrt mich von zuständiger Seite, die Lichtspäne seien aus Buchenholz geschnitzt worden. an der Schnitzbank schnitzte. Vom Ruße geschwärzt, glänzten die Wände der Stuben in den geschindelten, strohbedeckten Hütten. Das unruhige Licht taugte nicht zum Lesen. Brach der frühe Abend herein, so sammelte sich die Familie in der dunkeln Stube, und bald flammte der entzündete Holzspan. Der Bauer streckte sich gähnend auf die warme Bank am riesigen Kachelofen, Frau und Tochter, beim Hofbauern auch die Magd, spannen den selbstgezogenen Hanf und Flachs, die Söhne unterhielten die Flamme der Späne, gingen ab und zu, besorgten den Stall und zogen aus zum Licht- oder Kiltgang. Den Landmann trieb auch im Winter die Sorge um das Vieh frühe vom Lager, es heischt sein Futter lange bevor die Sonne sich erhebt. Für den Doktor, den sein Beruf erst spät abends das Bett hatte aufsuchen lassen, kam namentlich der Wälder allzu frühe von den Bergen herab, um ein Rezept, vielleicht den Doktor selbst zu holen. Schon um 4 Uhr läutete er nicht selten an der Hausglocke. Mit diätetischem Rat und milder Arznei war ihm nicht gedient, er verlangte starke Getränke in großen »Gutteren« (Flaschen), oder Latwergen und Pulver, die tüchtig »obsi« und nidsi« wirkten, d. h. nach oben und unten »trieben«, auch Aderlässe, Schröpfkopfe, Blutegel, die das dicke, schwarze Blut aus den Adern nähmen. Guter »Brenz« 457 (Branntwein) zur Stärkung der »Lebensgeister« war ihm stets besonders willkommen. Bei dem Wälder stand die »heilsame Dreckapotheke« des gelehrten Paullini von 1696, oder richtiger der Unrat, den er empfahl, noch in großem Ansehen. Ein Dorfschmied im Gebirge verordnete einem Kranken mit Darmverschlingung und Miserere nach dem Grundsatze Hahnemanns: similia similibus (Aehnliches durch Aehnliches) eine Abkochung von Roßäpfeln ( stercus equinum ), aber nicht in homöopathischer, sondern in allopathischer Gabe, gläserweise zu nehmen! Und der schauderhafte Trank wurde getrunken. Derlei Roheiten kamen im Tieflande nicht mehr vor. Das Volk besaß gutes Urteil und war verständiger Belehrung und diätetischen Verordnungen zugänglich. Aus dem ärztlichen Berater wurde leicht ein geschätzter Hausfreund. Man mußte sich aber in der gastfreien, rebengesegneten Markgrafschaft hüten, bei jedem Besuche das vorgesetzte Krüglein zu leeren. Kaum war man ins Haus getreten, so wurden in der Regel Kanderer Bretzeln, ein gefüllter Weinkrug und Gläser aufgetischt. Die Bretzelchen, kleine knusperige Laugenbretzelchen, sind heute in ganz Deutschland als »Freiburger« bekannt und beliebt; das Gebäck ist eine Kanderer Erfindung und war damals kaum über das Gebiet der oberen Markgrafschaft hinaus bekannt. Später kamen sie, durch einen spekulativen Freiburger Bäcker, allgemach bis nach Norddeutschland, sie werden jedoch weit stärker gesalzen, als früher, und dienen in den Bierwirtschaften hauptsächlich dazu, den Gaumen der Gäste durstig zu stimmen und zum Trinken zu reizen. – Beim ersten Besuche eines Kranken durfte ich den Willkommtrunk nicht abschlagen, es wäre mir, namentlich bei minder wohlhabenden Leuten, die nur über saueren Wein geboten, als Beleidigung angesehen worden; hatte ich aber Bescheid getan, so bat ich, mir bei den folgenden Besuchen nur dann Wein vorzusetzen, wenn ich seiner zu meiner Erfrischung bedürfte. So vermied ich eine in der Markgrafschaft und den Weinländern überhaupt gefährliche Klippe für Aerzte. Von den Rebsorten, die dort gepflanzt werden, sind es hauptsächlich die verschiedenen Arten der »Gutedel«, deren Trauben den 458 Wein liefern, der als »Markgräfler« geschätzt ist. Seine Blume ist mild und schwach, sein Gehalt an Alkohol gering, er erhitzt wenig, ist mäßig genossen ein angenehm erheiterndes, ungefährliches Getränke, auch sehr haltbar. Bei den reichen Bauern lagerte noch »Kometenwein« von 1811, als Merkwürdigkeit wurde sogar da und dort noch hundertjähriger Wein in Flaschen bewahrt. Die alten Markgräflerweine bekommen jedoch einen Firnisgeschmack, der ihren Wohlgeschmack beeinträchtigt. Als ich in der Markgrafschaft praktizierte, mag dort in den Reborten mehr Wein als Wasser getrunken worden sein. Der Wein war der eigentliche Haustrank. In vielen Bauernhäusern erhielten schon die Kinder bei Tische Wein, sobald sie das Alter erreicht hatten, um mitzuspeisen, je nach dem Alter erhielten sie die gefüllten Weingläser in abgestufter Größe vorgesetzt. Der Wein galt für ein Stärkungsmittel, sogar die Hebammen huldigten diesem irrigen und gefährlichen Glauben. Sie ließen die Frauen, um die Geburt zu erleichtern, ein Glas um das andere trinken, ich sah nur Nachteil davon, es erschwerte und verzögerte den natürlichen Hergang. Es gab Leute, die täglich 4, 5 und mehr Flaschen Wein tranken. In fast allgemeinem Gebrauche war das »Nünitrinken« (Neunuhrtrinken) beim zweiten Frühstück, wobei man aber nicht außer acht lassen darf, daß die Leute meist schon von 5 Uhr an gearbeitet und das erste Frühstück, die »Morgensuppe«, gleich nach dem Aufstehen genommen hatten; zu ihrem Wein speisten sie Brot, Käse, Speck, Fleisch. Unglaublich dürfte die Schoppenzahl klingen, die den Schnittern während der Ernte zugestanden wurde, 12, 16 und mehr für den Tag, aber der Erntewein war ein Getränke, weniger erregend als durstlöschend, sein Gehalt an Alkohol gering, an Säure groß, der Wasserverlust bei der heißen Arbeit vom Aufgang bis zum Niedergang der Sonne riesig. Da galt in Wahrheit der Spruch des Rodensteiners: »Man spricht vom vielen Trinken stets, Doch nie vom vielen Durste.« Ungeachtet dieses reichlichen Weingenusses waren wirkliche Trunkenbolde und Säufer doch nicht häufig. Ein Räuschchen ab und zu galt für erlaubt. Gleich am ersten Tag nach meiner Ankunft in 459 Kandern sah ich aus den Fenstern des Gasthofs zur Krone, wo ich abgestiegen war, ein altes Bäuerlein in rosigster Laune zickzackförmig seinen Weg aus dem Städtchen nehmen. Als ich über den seltsamen Gang des Alten den Kopf schüttelte, bedeutete mich der ernste und sehr solide Kronenwirt, der auch schon in vorgerückten Jahren stand: ich solle dem Bäuerlein sein »Rüschli« zu gute halten, wir seien eben im Markgräflerlande, wo ein solches Vorkommnis der Achtbarkeit auch des ältesten Mitmenschen keinen Eintrag tue. Schweren Formen von Alkoholismus bin ich in der Markgrafschaft bei Personen, die nur Landwein und keine gebrannten Wasser tranken, nicht begegnet, öfter leichteren Formen des Delirium alkoholicum , wenn sie von fieberhaften und rasch die Kräfte herabsetzenden, akuten Krankheiten befallen wurden, Pneumonie z. B. und Ruhr. Opium leistete in solchen Fällen mitunter nichts, das Delirium schwand am ersten, wenn der ausgesetzte oder bedeutend eingeschränkte Weingenuß wieder gestattet wurde. Die stärkeren Weine aus den guten Jahren kamen nur bei den Reichen und auch bei diesen nur bei besonderen Gelegenheiten auf den Tisch. Sie galten für gefährlich und wurden deshalb nicht als gewöhnlicher Haustrunk zugelassen. Der Bauer, der sich im Wirtshaus einen Schoppen Wein (4 Deziliter) zu 8 bis 10 Kreuzern bestellte, galt für einen Verschwender, sein leibliches und wirtschaftliches Verderben wurde sicher prophezeit, auch der reiche Bauer sollte den Schoppen zu 6 Kreuzern trinken und der kleine Mann sich mit dem Batzenwein, d. h. dem Schoppen zu 4 Kreuzern, begnügen. Eine nachahmenswerte Einrichtung für alle Weinlande war in der Markgrafschaft die des »Schimmelireitens«. Unter dem Schimmeli verstand man kein Rößlein aus dem Stall, sondern einen weißen, bauchigen Tonkrug, der auf dem Anrichtetisch allezeit bereit stand, um in den Keller »geritten« zu werden. Kamen Gäste, so ging der Hausherr oder der Sohn hinab, um ihn am Fasse zu füllen und den Trank frisch für den Gast herauf zu holen. Dieses Schimmeli war ein Heiligtum der Familie und ihr Stolz, es wurde sorglich gehütet und stammte oft schon von den Großeltern und Urgroßeltern, meist 460 von Vater und Mutter. Man sah den Namen der Stifter und ihren Hochzeitstag darauf eingetragen, umkränzt von einem Rosenzweig oder von Vergißmeinnicht. Ich sah noch Krüge aus dem vergangenen Jahrhundert. Sie waren gefüllt tausendmal aus dem Keller heraufgetragen und geleert worden und stets unversehrt geblieben oder hatten doch nur am Schnabel etwas Schaden gelitten. Das Schimmeli sollte in ehrsamer Besonnenheit seinen Weg auf und nieder nehmen, dem Gaste Erfrischung und Erheiterung spenden, aber nicht der Trunksucht dienen, darin lag seine Bedeutung. So begreift es sich denn auch, daß es in der Markgrafschaft nicht an alten Leuten fehlte, deren weinfrohe Philosophie an die des weisen Hafis erinnerte, Zecher im Silberhaare, deren goldene Sprüche als geflügelte Worte von Mund zu Munde gingen. Wenn ich durch die fröhliche Markgrafschaft ritt, ließ es mir keine Ruhe, ich mußte die Sprüche in Verse kleiden. So entstanden die drei nachfolgenden Lieder, die freilich für das Kommersbuch wasserfroher Abstinenzler nicht gedichtet sind. Alte Zecher. 1. Im Verstecke.            Im Keller, in traulicher Ecke, Umlagert von Fässern dicht, Da fand ich ein kühles Verstecke, Da sieht man den Alten wohl nicht. Es sind nun hinüber geschieden All meine Gefährten im Frieden,     Ach, wenn mich nur keiner verrät,     Daß ich mich noch auf Erden verspät', Ich glaub', daß der Herr mich vergessen tät.     Der liebste Gespiele des Lebens, Er starb mir erst gestern dahin, Ich warnte den Guten vergebens Vor Wasser und Medizin; Kaum hat er vom Weine gelassen, So mußt' er beim Wasser erblassen, 461     Ach, wenn mich nur der nicht verrät,     Daß ich mich noch auf Erden verspät', Ich glaub', daß der Herr mich vergessen tät.     Seit siebenundachtzig Jahren Bin ich dem Rheinwein hold, Ich konnte nichts sich'res erfahren Vom himmlischen Rebengold, Drum fürcht' ich, es möchte mein Magen Dort oben den Wein nicht vertragen;     Ach, wenn mich nur keiner verrät,     Daß ich mich noch auf Erden verspät', Ich glaub', daß der Herr mich vergessen tät.     Mich deucht, meine weingrüne Seele Taugt nicht in den Himmel hinein, Dort müssen wir ganz ohne Fehle, Weißleuchtend wie Lammwolle sein, Dort läutert man uns erst im Feuer, Ja, wär's nur Muskat und Tokayer!     Ach, wenn mich nur keiner verrät,     Daß ich mich noch auf Erden verspät', Ich glaub', daß der Herr mich vergessen tät.     Und find' ich die Freunde auch alle Im himmlischen Freudensaal, Mir graut vor der vornehmen Halle, Dem güldnen Gemach und Pokal; Ich lobe, ein schlichter Geselle, Beim Glas mir im Keller die Quelle.     Ach, wenn mich nur keiner verrät,     Daß ich mich noch auf Erden verspät', Ich glaub', daß der Herr mich vergessen tät. 2. Die Gefahr.             Mein Arzt begann zu Frau und Kindern Und warnte meiner Freunde Schar: Ihr müßt ein großes Unglück hindern, Des Alten Augen droht Gefahr; 462     Den Keller müßt ihr ihm verschließen! – Nein, nein, das laß ich nicht geschehn, Es soll nicht um der Fenster willen Das ganze Haus in Trümmer gehn.     Ich misse gern die trüben Lichter Und die gemeine Erdenwelt, Wenn nur der Wein dem alten Dichter Die sieben Himmel froh erhellt.     Den Keller wollt ihr mir verschließen? Nein, nein, das laß ich nicht geschehn, Es soll nicht um der Fenster willen Das ganze Haus in Trümmer gehn.     Wollt ihr den Fisch der Flut berauben, Den Salamander seiner Glut? Mir ist der goldne Saft der Trauben Mein Augenlicht, mein Lebensblut.     Den Keller wollt ihr mir verschließen? Nein, nein, das laß ich nicht geschehn, Es soll nicht um der Fenster willen Das ganze Haus in Trümmer gehn.     Wenn einst mein letztes Lied gesungen, Das letzte Stückfaß ausgeleert, Des letzten Bechers Klang verklungen, Auf meinem Grab von Freunden wert:     Dann mögt ihr mir den Keller schließen, Dann soll es unverwehrt geschehn, Doch jetzt soll um der Fenster willen Das Haus noch nicht in Trümmer gehn. 3. Der Chorgesang.             Ein alter Zecher saß und sang, Im Rebgeländ am Tisch, Bei Zitherspiel und Gläserklang, Die Herbstluft wehte frisch, Von Söhnen und von Enkeln scholl, Der Chorgesang gar schön und voll:     Chor : O lieber Vater, sing uns doch Das neue Lied vom Kellerloch. 463     Ich bin ein durstig Kellerloch, Gewölbt aus Ziegelstein, Darein drang niemals Wasser noch, Doch manch ein Eimer Wein; Dringt Wasser in den Keller ein, Wird's um das Haus geschehen sein.     Chor : O laß es draus, du altes Haus, Der Mensch ist keine Wassermaus.     Ich bin am Bach der Weidenstumpf Noch grün und wurzelnaß, Ein munter Haupt auf morschem Rumpf, Erhalt ich mir am Faß, Und sitz' ich einst nicht mehr am Faß, So reis' ich mit dem letzten Paß.     Chor : O lieber Vater, bleib am Faß Noch lange grün und wurzelnaß.     Ich bin ein alter Kaktusdorn, Gar kahl und runzelkraus Doch blüht mir an der Nase vorn Ein roter Blumenstrauß; Erblaßt mir einst mein roter Strauß, Dann ist es mit dem Kaktus aus.     Chor : O Vater, Vater, blühe du Mit deinem Strauße immerzu!     So saß und sang der gute Greis, Sein Glas bald leer, bald voll, Indes der Kinder Auge heiß Von Rührung überquoll: Sie tranken tief bis in die Nacht, Dann ward der Greis ins Bett gebracht.     Chor : O schlafe süß, du guter Greis, Der uns so schön zu singen weiß. 464     Landpraxis und Landärzte. Die Landpraxis stellt größere Anforderungen an die Kraft und Kunst der Aerzte, als die Stadtpraxis. Sie verlangt namentlich in den Bergen starke abgehärtete Menschen, die großen Strapazen bei Tag und Nacht und jeglichem Wechsel der Witterung gewachsen sind. In allen Fächern der Medizin soll der Landarzt gut gesattelt sein, mit gleicher Geschicklichkeit die innere, wie die äußere Medizin und die Geburtshilfe ausüben. In dringenden Fällen, auch der verwickeltsten Art, deckt ihn niemand mit schützendem Schilde, auf eigene Verantwortung muß er entschlossen handeln, wie der Soldat auf einsamem Posten in Feindesland. Es hat mir als Kliniker Nutzen gebracht, durch diese Schule gegangen zu sein, sie lehrte das Wesentliche und Notwendige von dem Unwesentlichen und Unnötigen unterscheiden, mit einfachen Dingen auszukommen und praktisch Erprobtes nicht für theoretisch Empfohlenes, Ungewisses hinzugeben. Drei Seuchen, die Ruhr, der Darmtyphus und der Keuchhusten, suchten in den Jahren 1850–1853 Kandern und die Umgegend heim. Meine Erfahrungen über die Verbreitungsweise der beiden ersten Seuchen von einem Ort zum andern habe ich damals in den »Mitteilungen des badischen ärztlichen Vereins«, herausgegeben von Robert Volz, veröffentlicht. – Sehr bösartig verlief der Keuchhusten in den Schwarzwälder Hütten zur Winterszeit, weit schlimmer als in den Häusern der tiefer gelegenen Dörfer; Schuld daran trug wohl die größere Schwierigkeit, jene zu ventilieren. Wo ich mich durch die Sektionen belehren konnte, führte ich sie unbedingt aus. Bei der aufgeklärten Bevölkerung des Hügellandes stieß ich nie auf Widerstand, nicht selten wurden sie ausdrücklich 465 von den Hinterbliebenen verlangt. Für mich dienten sie zur Kontrolle meiner Diagnose und Therapie, der Pfuscher in seiner selbstzufriedenen Unwissenheit bedarf ihrer nicht; den Angehörigen brachten sie häufig tröstliche Beruhigung, wohl auch die Mahnung, rechtzeitig geeignete Vorkehrungen gegen die Wiederkehr gleichen Leidens in der Familie zu treffen. Da man wußte, welchen Wert ich auf Sektionen legte, forderte mich eines Tages der Gemeindediener eines kleinen, nahe am Rhein gelegenen Dorfes auf, ich möchte seine Tochter, die an einer chronischen, tuberkulösen Bauchfellentzündung litt und bei abgezehrtem Leibe einen riesig geschwollenen Bauch hatte, sezieren, sobald sie, wie ja vorauszusehen war, ihren Leiden erlegen sein würde. Die ganze Gemeinde sei neugierig, zu erfahren, was in diesem großen Bauche des Mädchens stecke. Obwohl auch ich die Kranke für verloren hielt, verwies ich ihm seine Rede: man dürfe nie von der Sektion sprechen, ehe der Kranke gestorben sei! Sie war ein Mädchen von 16 Jahren und genas, obwohl sie in einer elenden Hütte lag, schlecht verpflegt wurde und außer Lebertran kaum ein Arzneimittel nahm. Dieser Fall der in der Regel tödlich verlaufenden Krankheit war der erste, den ich spontan heilen sah; ich habe später ähnliche »Naturheilungen« beobachtet: die Krankheit heilte ohne jede Behandlung mit Medikamenten, Hydrotherapie oder chirurgischen Eingriffen; als unumgänglich notwendig erwies sich nur ruhiges Liegen und passende Ernährung. Wie wohl angebracht meine Vorsicht gegenüber dem Gemeindediener war, hat der unerwartet günstige Verlauf der Krankheit gelehrt. Welche Fülle von Spott hätte sich über den sektionslustigen jungen Doktor ergossen, wenn er begierig zugesagt hätte, den Wunsch der Gemeinde zu erfüllen! Im 4. Hefte des Archivs für physiologische Heilkunde von 1852 habe ich zwei interessante, in Kandern gemachte Beobachtungen jener akuten vielfachen Knochenentzündung veröffentlicht, die erst zwei Jahre später durch die Epoche machende Abhandlung von Chassaignac als akute Osteomyelitis allgemein bekannt wurde: einen Fall mit Ausgang in Genesung, den andern mit tödlichem Verlaufe und Sektionsbefund. 466 In den Dörfern des Hochblauen ist es mir nur einmal gelungen, die Erlaubnis zur Vornahme einer Leichenöffnung zu erhalten. Sie geschah unter Umständen, die ich schildern will, da sie für Ort und Leute charakteristisch waren. Der Dorfschreiner von Vogelbach zeigte mir persönlich an, daß seine Frau gestorben sei. Ich hatte sie nur einmal besucht. Eine hitzige Krankheit hatte sie in wenigen Tagen weggerafft; es lag mir viel daran, die Richtigkeit meiner Diagnose: Darmtyphus, an der Leiche zu kontrollieren. Der Schreiner war in jungen Jahren in der Fremde gewesen und deshalb etwas weniger in Vorurteilen befangen als die anderen Vogelbacher, aber alles Zureden nützte nichts. Vergeblich setzte ich ihm guten Wein vor, rühmte seine Weltkenntnis und große Einsicht, er blieb meinen Vorstellungen unzugänglich, bis ich endlich seine schwache Seite entdeckte. Ich versprach, ihm das Honorar für meinen ärztlichen Besuch zu erlassen, worauf er einwilligte. Am folgenden Morgen ritt ich nach seinem Dorfe hinauf. Als ich seinem Hause nahe kam, erhoben zwei erwachsene Töchter, die auf mich gelauert hatten, ein großes Geschrei, unklugerweise hatte er ihnen unsere Verabredung mitgeteilt. Er selbst war schwankend geworden, doch hielt er schließlich seine Zusage und führte mich ins Haus. In der Wohnstube saß ein alter Schwarzwälder, ein hausierender Zunderhändler, bei einem Gläschen Schnaps. Die Töchter hatten ihm erzählt, was mich herführe und unwillig rief er dem Schreiner zu: »He, Schriner, Ihr werdet doch bigott Eure Frau nit ufschnide lo (aufschneiden lassen)? Das dürft Ihr der Seligen nit z'leid tun!« Der Schreiner aber blieb fest. Wir gingen ins Nebenzimmer, wo sich meine Diagnose richtig erwies. Als ich aber mit dem Schreiner wieder herauskam und das Haus verließ, rief uns der alte Zunderhändler giftig nach: »Schriner, Euer Dokter is e junge (ein junger), er will an Eurer Frau lehre (lernen), die alte Döktere bruche d'Lüt nit ufz'schnide (brauchen die Leute nicht aufzuschneiden)!« Mit diesem Pfeil im Busen ritt ich nach Hause.   In den drei Aemtern Lörrach, Schopfheim und Müllheim praktizierten genau ein Dutzend Aerzte. Der angesehenste und einer 467 der besten des Landes war Physikus Dr. Zeller in Lörrach. Ich hatte seine Bekanntschaft schon als Militärarzt im Winter 1848/49 gemacht, er war mir gewogen, und ich mußte ihm, nachdem ich mich in Kandern niedergelassen hatte, noch einige Monate vor seinem am 18. Dezember 1851 erfolgten Tode die Brust untersuchen, über den Zustand seiner Lungen Aufschluß geben, auch versprechen, wenn die Zeit dazu gekommen, als treuer Kollege seinen Leib sorglich zu obduzieren, was ich redlich ausführte. Er litt schon seit langen Jahren an Tuberkulose der Lunge, kompliziert mit Erweiterung der Bronchien. Sein Nachfolger wurde Dr. Sauerbeck, vorher langjähriger Badearzt in Rippoldsau, ein angenehmer, strebsamer und ehrenwerter Kollege. Zeller starb, kaum älter als 50jährig, unverehelicht; seine große Gewissenhaftigkeit hatte ihn abgehalten, an sein unsicheres Los das Schicksal eines Weibes zu binden. In seinem letzten Willen vermachte er fast sein ganzes, in seinem Berufe erworbenes Vermögen zu wohltätigen Zwecken und hat sich dadurch im badischen Lande ein gesegnetes Andenken geschaffen. Ein Drittel, über 17,000 fl., diente zur Stiftung einer Unterstützungskasse für bedürftige Witwen und Waisen badischer Aerzte, ein zweites vermachte er der Anstalt zur Rettung sittlich verwahrloster Kinder, das letzte dem Spital in Lörrach, seinem Geburtsort Heidelsheim und der Landesirrenanstalt Illenau. Ein ausgezeichneter Arzt, ein Mann von Geist und Herz und angenehmen Formen, erfreute sich Zeller allgemeiner Beliebtheit. Von den witzigen Aeußerungen Zellers verdient eine, die in Lörrach großes Vergnügen bereitete, aufbewahrt zu werden. Ein kleiner Postbeamter litt an einer unheilbaren Krankheit, die sich seiner Behörde zu sehr in die Länge zog. Ungeduldig verlangte sie von ihm, als Physikus, eine bestimmte Angabe über den endlichen Abschluß der Krankheit. Zeller bedauerte im höflichsten Kurialstil, daß die Medizin keine so präzisen Abfahrtsstunden habe, wie die großherzoglich badische Post. Neben Zeller und dem geistreichen Dr. Kaiser praktizierte in Lörrach als dritter Kollege noch ein großes Original, Dr. Brodhag. 468 Da die heutige, nivellierende Zeit so seltsame, scharf ausgeprägte Persönlichkeiten nicht mehr hervorbringt, will ich seiner kurz gedenken. Er glich einem alten Husarenmajor, trug einen martialischen Schnurrbart und war ein strammer Reiter. Das Publikum holte ihn vornehmlich in ganz verzweifelten Fällen. Wenn keiner seiner Kollegen mehr wagte, mit Brechmitteln und Aderlässen einzugreifen, wagte es sicher noch der Doktor Brodhag. Ging dann der Tod an dem Kranken vorüber, wie dies vorkam, so war sein Ruf auf lange hin wieder gesichert. In der Medizin, wie in der Politik, hielt er nichts von halben Mitteln. Bei einer Volksversammlung in den Revolutionsjahren schwang er auf der Rednerbühne eine Sense, die nach seiner Angabe zur Kriegswaffe geschmiedet worden war, und schwur, so wahr er Brodhag heiße, dem Menschen, dem sie durch den Leib fahre, helfe kein Doktor mehr. »Gott straf' mich,« schrie er, »wollt Ihr die Freiheit erringen, so greift zur Sense!« Nach dem Aufstand zur Rechenschaft gezogen, wurde er zu längerer Haft verurteilt. Wieder frei geworden, kehrte Brodhag zu seiner Gattin heim, mit der er in kinderloser Ehe lebte. Während seiner Gefangenschaft war Meister Schmalhans im Hause eingezogen, und das Publikum, das früher so häufig seinen Rat geholt, hatte sich verlaufen. Wochenlang kam niemand, finster brütete er vor sich hin. Endlich erscheint ein Bauer vom Lande, die Frau empfängt ihn, heißt ihn warten und bringt ihrem Gatten die frohe Botschaft. Dieser aber befiehlt kurz angebunden, der Bauer solle warten. Die Frau, an blinden Gehorsam gewöhnt, hält den Mann mit allerlei Ausflüchten im Wartezimmer hin. Zuletzt wird der Bauer ungeduldig; sie faßt sich ein Herz und meldet es dem strengen Gebieter mit flehenden Worten: »Lieber Brodhag, der Bauer drängt und der Metzger hat eben die Rechnung geschickt und verlangt Bezahlung!« – »Laß das Pferd satteln!« herrscht er sie an. Beruhigt verkündet sie dem Bauern: »Der Doktor läßt eben satteln, somit wird er gleich zur Hand sein.« – Das Pferd ist bald gesattelt, der Doktor geht die Treppe in den Hof hinab und steigt auf. Der Bauer eilt ihm nach und verlangt Bescheid. »Verfluchte Kanaillen!« ruft er ihm zu, »habt ihr Bauern den Brodhag so lange auf euch warten lassen, so sollt 469 ihr jetzt auch auf den Brodhag warten.« Damit reitet er davon. – Es währte nicht lange, und der tolle Doktor erfreute sich wieder seiner alten Kundschaft. Wunderbare Kuren wurden von einem alten, klugen Arzte in Schliengen erzählt, der von beiden Ufern des Oberrheins, aus dem Elsaß und Baden, einen außerordentlichen Zulauf hatte. Er sollte einem Bauern in Haltingen einen kranken Magen herausgeschnitten und durch einen Kalbsmagen ersetzt haben. Seitdem verschmähe der Geheilte die »Schüfeli« (Vorderschinken), sein früheres Leibessen, und halte sich nur an grünes Gemüse. Diese merkwürdige Geschichte, die mancher ehrliche Wälder glauben mochte, war vermutlich von dem Kanderer Bretzelibeck ersonnen worden, der um scherzhafte Einfälle nie verlegen war. Einem Bauern aus dem nahen Hammerstein an der Straße nach Basel, einem albernen Menschen und großen Pfuscher in der Tierarzneikunde spielte er eines Abends übel mit. Der Quacksalber saß im Weinhaus und prahlte vor den Gästen mit seinen glänzenden Kuren. Der Bäcker erhielt davon Kunde, eilt in die Weinstube und fragt den Quacksalber: »Wißt Ihr schon, was dem Apotheker für eine unselige Verwechslung mit Euern Rezepten passiert ist? Ihr habt heute zwei Rezepte verschrieben, eines für einen Kanarienvogel und eins für eine Kuh. Man hat die Arzneien verwechselt, dem Kanarienvogel hat es, Gott sei Dank, nicht geschadet, aber die Kuh ist krepiert.« Man sieht, der launige Geist Hebels lebte noch fort in der Markgrafschaft. 470     Auf dem Pegasus. Die Jahre vergingen in Kandern rasch, ich fühlte mich glücklich in meinem Berufe, meiner Häuslichkeit und meiner Freiheit. Wenn mir die Praxis Zeit ließ, fehlte es mir weder an guten Büchern noch an klugen, heiteren Menschen zur Unterhaltung, und die Gegend selbst bot nicht bloß landschaftlich, sondern auch für den Naturforscher viel des Schönen und Interessanten. In Kandern, Lörrach und Basel wohnten Freunde und Bekannte in großer Zahl, mit denen ich manche angenehme Stunde in ernstem und heiterem Verkehr zubrachte; von Zeit zu Zeit erfreuten mich auch alte Universitätsfreunde mit ihrem Besuche. Unter diesen alten Bekannten befand sich Ludwig Eichrodt, dessen ich bereits wiederholt gedachte (S.  166 und 172 ), damals Rechtspraktikant in Achern und bald darauf in Durlach. Er hatte sich schon 1848 durch ein Gedicht in den Münchener Fliegenden Blättern, die Wanderlust: »Nach Italien, nach Italien«, als Humorist und Meister in lustigem Reimen und Dichten bekannt gemacht und war geradezu unerschöpflich im Verseschmieden. Er schickte und brachte mir seine poetischen Erzeugnisse und nahm andre dagegen von mir in Empfang, die ich schon seit den Heidelberger Studienjahren auf Lager oder auch erst in Kandern geschmiedet hatte. Diese Bierzeitungspoesie hat er später, ohne mich erst zu fragen, teils im Lahrer Kommersbuch, teils bei seinen eigenen Gedichten untergebracht. Einer dieser Scherze ist die Geschichte von dem verlorenen Sohn in Mesopotamien, ein Widerhall der »Wanderlust« Eichrodts im Gewand einer Romanze; er mag sie aus diesem 471 Grunde als sein eigenes Kind angesehen haben, obwohl er nur wenige, und nicht gerade glückliche, Aenderungen daran vorgenommen hat. Bei diesen mutwilligen Sprüngen ließ es mein Pegasus nicht bewenden. Es lüstete ihn nach reinerer Luft und höheren Regionen. Unter den blühenden Obstbäumen, in den duftenden Rapsfeldern des Hügellandes, in den Tannenforsten des Blauen umgaukelten mich phantastische Gestalten und bunte Bilder. Ich verfaßte eine Anzahl Gedichte, die ich später vergaß und verlegte, bis sie mir der Zufall vor einigen Jahren wieder in die Hand spielte. Neue kamen keine mehr hinzu, nachdem ich die Wälder und Matten Kanderns mit den Laboratorien und Hospitälern der Universitäten vertauscht hatte. Als ich sie wieder sah, freute ich mich herzlich der wiedergefundenen Kinder. Ich putzte sie ein wenig heraus, ließ sie für meine Freunde als »poetische Jugendsünden« des Dr. Oribasius drucken und widmete sie dem Genossen meiner Kanderer Tage, der mir damals als Stadtvikar die Absolution dafür erteilt hatte, Herrn Hermann Strübe, heute Kreisschulrat in Heidelberg. Als gewissenhafter Autobiograph werde ich einige davon bekennen. Aus den poetischen Jugendsünden des Dr. Oribasius. 1. Der Naturforscher.             Es glüht und sprüht der goldne Reps Durchs Land den würz'gen Duft, Ein Apfelblütenregen Fällt nieder an den Wegen,     Von Liedern schallt die Luft.     Im Wonnemond mit Brillenglas Durchstreift voll Sammlergier Ein Forscher Flur und Felder, Die Wiesen und die Wälder,     Nach Kräutern und Getier. 472     Er steigt hinan ins Rebgebirg, Da ruht ein Eidechslein Auf weichem Moos am Steine Im warmen Sonnenscheine     Und blinzelt faul darein.     Ein braun Gesicht, ein schlanker Leib, Ihr Kleid ist goldengrün, Das niedliche Persönlein Trägt auf dem Haupt ein Krönlein     Und blickt ihn an so kühn.     Er ruft: »Ei! welch ein seltner Fund! O nie beschrieb'ne Art! Wie leuchten und wie blitzen Am Haupt die goldnen Spitzen     Der Krone wunderzart!«     »Ach! wärst du mein! Wie fang' ich's an?« – Er naht mit leichtem Fuß, Er faßt sie an der Kehle Und wirft mit roher Seele     Sie in den Spiritus.     O weh! du grundgelehrtes Haus, Was hast du da gemacht? Wie wirst du es beklagen, Wenn dir die Kinder sagen,     Wen du da umgebracht!     Wie hast du doch dein Glück verscherzt, Wie warst du doch so blind! Ein Kuß auf Mund und Wangen, Dich hätt' in Lieb' umfangen     Das schönste Königskind. 2. Die gute Haut.             Ich hatt' einen Freund, eine gute Haut, Der hatt' einen Knecht, einen Freund, eine Braut. 473     Auf diese Drei hat die gute Haut Wie auf drei Felsen getrost gebaut.     Einst kam der Teufel um Mitternacht Und hat ihm einen Kristall gebracht.     Das war ein Kristall, der glänzte klar Und zwang die Leute, zu reden wahr.     Da rief er den Knecht: »Bist du ehrlich und treu? – »Ach, Meister, ich stehle dir Hafer und Heu.«     Und bat den Freund: »O, beichte mir laut!« – »Du Gimpel, mich küsset und herzt deine Braut.«     Er flehte zur Braut: »Mein Gott, ist es wahr?« – »Ei, freilich, mein Lieber, schon über ein Jahr.«     Da schrie gar zornig die gute Haut Und prügelte Knecht und Freund und Braut.     Dann nahm er zur Hand den argen Stein Und schleudert' ihn wild ins Meer hinein.     Ein Jahr verstrich. Die gute Haut Hatte wieder den Knecht, den Freund, die Braut. 3. Die Eule.             Einsam, tief im dunklen Forst, Zwischen Stacheleich und Ginster, Saß, zum Sterben still bereit, Eine Eule, alt und finster.     Kam ein brauner Edelfalk Angeflogen bei der Kranken, Ihr zu spenden guten Trost Mit Unsterblichkeitsgedanken:     »Freue dich, aus dunkler Nacht Zu der Sonne aufzufahren, Wo die Falken hell im Licht Kreisen mit den Königsaaren.«     Auch ein frommes Täubchen kam, Um der Feindin zu vergeben: »Wenn du erst gestorben bist, Dann beginnt ein bess'res Leben.«     »In der Unschuld Lichtgewand Darfst du mit den Turteltauben Zärtlich gurren, schnäbeln auch, Im Gezweig der Rosenlauben.«     Selbst ein Esel stand bereit, Sie mit seinem Trost zu quälen, Denn bei unserm Herzeleid Dürfen nie die Esel fehlen.     Sprach: »Geduld! es wird der Hirt Für der Erde Last und Qualen Deinen Lohn dir dort mit Heu Und mit Disteln ausbezahlen.«     Sterbend rief die Eule aus: »Ach, ich will's euch redlich sagen, In stockfinstrem Paradies Möcht' ich fette Mäuse jagen!« 4. Der Mann im Mond.             Der bleiche Mann im bleichen Mond Das ist ein Gott, der einsam wohnt, Von jeder lieben Seele fern,     Auf einem wüsten, toten Stern.     Da thront der Gott im Dämmerlicht Und freut sich nicht und härmt sich nicht, Und ist nicht jung und wird nicht alt,     Bleibt ewig stumm und ewig kalt. 475     Doch einmal kam's ihm in den Sinn: Er möchte nach der Erde hin, Zu sehen, ob die Erde sei     Auch eine Welt voll Wüstenei.     Das Wandern fiel ihm gar nicht leicht, Und als er unsern Stern erreicht, Sah man den Mond jetzt ohne Mann,     Doch focht das niemand weiter an.     Die Erde prangte grad im Mai Und war voll Duft und Melodei, Doch wie es blühte, wie es sang,     Er merkte Blüte nicht und Klang.     Und wo er ging auf Berg und Tal, Ward Laub und Gras vom Froste fahl, Der Fluß gefror vor seinem Blick, –     Dann stieg er in den Mond zurück.     Und wieder thront er stumm und bleich In seinem öden, kalten Reich Und weiß nun, daß die Erde sei     Auch eine Welt voll Wüstenei. Die Bäume. Die Linde.             Ein grüner Dom, so rag' ich in die Luft, An Laub und Blüten reich und voll von Duft, Die Bienen summen drin und singen fromm das Lob Des Meisters, dessen Hand die Blütenzweige wob;     Still ruht der Honigseim in zarter Kelche Schacht, Der tausend Seelen satt und fröhlich singen macht, Und fröhlich sing' ich selbst dies Lied von meinem Leben,     Das, andre zu erfreu'n, mir gnädig ward gegeben. Die Tanne.     Ich trag' mein Haupt in scharfer Nadeln Schutz, Mir deucht vergänglich Laub nur eitler Putz; 476 Ich mach' ein streng Gesicht, wenn schon der Lenz erwacht, Doch grün' ich frisch und stark, wenn Schnee und Eis erkracht,     Dann rüttl' ich mein Gezweig in lust'gem Uebermut Und schüttle meinen Schnee dem Jäger auf den Hut; Er nimmt mich mit nach Haus, zum frohen Weihnachtsfeste,     Und seinen Kindern bring' ich willig jetzt das Beste. Die Eiche.     So lang ich lebe, scheint mein Wirken klein, Die herbe Frucht lädt nicht zum Kosten ein, Erst wenn die Axt mich fällt, wird klar, was ich getan, Wozu ich Jahr um Jahr legt Ring an Ringe an.     Dann ist mein festes Holz ein starker Schirm und Wall! Ich fliege mit dem Wind, trotz Sturm und Wogenprall, Und bring' in sichern Port die Güter ferner Zonen,     Den kühnen Wagemut mit Golde reich zu lohnen. Die Pappel.     Ich weiß nicht, was ich bin und was ich soll, Doch halt' ich mich recht stolz und würdevoll; Zum Himmel schoß ich auf und steh' wie ein Soldat In Reih' und Glied am Weg, kerzengerad!     Was kümmert mich das Volk, das Schatten begehrt? Dazu ist doch der Pappelbaum zu edel und zu wert! Der Amtmann lobt mich sehr: »Was kann man Schön'res sehen,     Als solche schnurgerade Pappelalleen?« Der verdorrte Baum.     Ich hatte guten Grund und Sonnenlicht Und trug nur fahles Laub und blühte nicht, Ich hatte Regenguß und trieb doch keine Frucht, Drum hat in seinem Zorne der Herr mich verflucht,     Mir dorrt das Mark im Stamm, mir dorren Zweig und Ast, In meinem Wipfel singt kein liederfroher Gast, Mich scheut und flieht der Mensch, nur einer ist gekommen,     Der hat mit frevler Hand das Leben sich genommen. 6. Das Zeichen des Nostradamus.             Mir ward ein Buch des Nostradam, Daraus ich Wunder viel vernahm Von schwarzer Kunst geheimen Zeichen, Mit Zauberkräften sondergleichen, Nie noch zuvor gehörte Dinge: Wie Tote man zu reden zwinge.     Im Mondenschein, bei heller Nacht, Hab' ich mich auf den Weg gemacht, Das Herz gestärkt mit Weine wacker Ging ich hinaus zum Totenacker, Und an der Gräber langen Zeilen Ließ ich die Blicke musternd weilen.     Da prangt in lichtbeglänzten Reih'n Aus Marmor kostbar Stein an Stein, Worauf in goldner Schrift zu lesen, Wer die darunter einst gewesen, Die Bürger, Väter, Söhne, Gatten, So lang sie Blut und Odem hatten.     Mit Staunen wurd' ich da gewahr Das Lob der heimgegangnen Schar, Wie man so reiche Tugendgaben Mit unsern Vätern hat begraben, Daß ich begriff in junger Seele: Warum uns heut' die Tugend fehle.     Vor einer Urne blieb ich stehn, Darunter war der Spruch zu sehn: »Hier ruht der Waisen treuer Vater, Der Witwen Tröster und Berater, Der Helfer der bedrängten Armen, Ein Herz voll Großmut und Erbarmen.«     Das Zeichen macht' ich in die Luft, Da sprang weitauf das Tor der Gruft, Der Tote kam hervor mit Klagen: »Weh mir, ich will die Wahrheit sagen, Ich stahl, wo ich nur konnte stehlen, Und wußt' mein Opfer nie zu fehlen.« 478     Dann seufzt' er tief und sank hinab, Und über ihm schloß sich das Grab; Ich aber bin fürbaß gegangen Und sah ein hohes Grabmal prangen, Drauf glänzten ob der Eisenpforte Im Mondenlicht die stolzen Worte:     »Gesegnet, der hier Ruhe fand! Es weint um ihn das Vaterland; Ihm war die starke Hand beschieden, Die Ordnung hat gebracht und Frieden.« Als ich gelesen diese Zeilen, Das Zeichen macht' ich ohne Weilen.     Der Tote trat gleich aus dem Tor: »Wohlan, die Wahrheit hör' dein Ohr! Mir war von Gott die Kraft gegeben, Mein Volk aus Knechtschaft zu erheben, Ich aber legte kluge Schlingen, Um's fester noch ins Joch zu bringen.«     Er schwieg und seufzt' und sank zurück; Das Tor schloß sich im Augenblick. Mit Zaudern lenkt' ich drauf die Schritte Bis nahe zu des Friedhofs Mitte; Da war ein prächtig Kreuz zu schauen, Aus schwarzem Marmorstein gehauen.     Und auf dem Kreuze las ich dort: »Hier schläft ein Christ nach Gottes Wort, Der siegreich mit dem Fleisch gerungen, Der Kirche heilsam Schwert geschwungen, Und lebend schon von der Gemeine Umstrahlt war von dem Heiligenscheine.«     Mein Zeichen hab' ich nun gemacht; Der Tote stieg aus Grabesnacht: »Ich will die lautre Wahrheit sprechen, Zwar ist kein Mensch ganz ohne Schwächen, Doch bist du jetzt zu einem frommen Und ganz gerechten Mann gekommen. 479     »Ich hab' gestritten lang und bang, Bis ich Vernunft und Herz bezwang, Mit Schrift und Schwert das Volk gelehret, Das Volk gezüchtigt und bekehret. Nun harr' ich hier im Schoß der Erde, Daß ich dort oben selig werde.«     Er sprach's und sank, doch eh' er schlief, Hat er geseufzt so schmerzlich tief, Daß ich erkannte zur Genüge, Wie der sich noch im Tod betrüge. Ich wich entsetzt. Mit eis'gem Schauern Enteilt' ich aus des Friedhofs Mauern. 7. Barsillai.             »Barsillai, mein Lieber,« sprach David beim Scheiden, »Du ließest in Scharlach und Seide mich kleiden, Du hast mich gespeist und gebettet weich, Als ich flüchtig durchirrte mein abtrünnig Reich.     »Die Fürsten und Edeln in meinen Staaten, Sie haben an Absalon mich verraten, Vergalten mit Aufruhr mir Ehren und Gold, Du danktest mir nichts und bliebst mir hold.     »Du hast mir in Trübsal zur Seite gesessen, Das soll meine Seele dir nimmer vergessen, Wie kann ich dir lohnen? Wie führ' ich es aus? Komm mit mir nach Zion und teile mein Haus!«     Drauf jener: »Mein König, es soll dich nicht kränken, Du möchtest mit Gnade mich fürstlich bedenken, Doch siehe, wie Silber erglänzet mein Haar, Im Nacken lastet das achtzigste Jahr.     »Drum willst du die Treue nach Wunsche mir lohnen, So lasse mich ferner in Ruhe wohnen Und sterben da, wo mir Weib und Kind Und Vater und Mutter begraben sind. 480     »Was soll zu Zion im Königshause Mein stumpfer Gaumen bei deinem Schmause? Ein anderes Bett, ein anderes Brot, Mein Herr und König, das wäre mein Tod.     »Meine müde Seele in stillem Sinnen, O, lasse die goldenen Fäden sie spinnen Vom grauen Flachs der Vergangenheit Hier, wo ich verbrachte die Jugendzeit.     »Ja, laß unter meinen alten Bäumen Von meinen Jugendgespielen mich träumen, Die sind schon lange hinweg gerafft, Die Bäume prangen in voller Kraft.     »Ich möchte zu Hause in Frieden sterben, Doch sieh hier den Chimeham, meinen Erben, Den jungen Gesellen, er sehnt sich hinaus. Nimm diesen statt meiner hinauf in dein Haus.     »Es dürstet den Knaben nach Taten und Ehre, Bei deinen Helden, in deinem Heere, Vor deinen Augen, in deiner Hut, Da wird er trefflich, da wird er gut!     »Er zieht jetzt mit freudigem Herzen von hinnen, Doch werden die Jahre der Jugend verrinnen, Der Abend wird kommen, dann nimmt er den Stab Und wandert zu Barsillais Grab.« 481     Gelähmt. Nachdem ich mich drei Jahre, bis zum Februar 1853, in Kandern stets wohl befunden, hielt ich mich allen Anstrengungen der Praxis für gewachsen, doch ich wurde jetzt eines anderen belehrt. Der Winter war bis dahin auffallend milde verlaufen, die Rosenstöcke in den Gärten trieben noch im Dezember und Januar Blüten, erst im Februar kam Schneefall und Eis. Den ganzen Winter hindurch war der Krankenstand groß gewesen, jetzt wuchs er zu einer solchen Höhe, daß ich die Praxis kaum bewältigen konnte. Es verfloß kaum eine Nacht, wo ich nicht durch die Hausglocke aus dem Bette getrieben wurde, um zu ordinieren oder Kranke, bald in der Stadt, bald auf den Dörfern, zu besuchen; ich konnte nur selten mehr zur rechten Zeit speisen, aß auch nicht genug, endlich kleidete ich mich, um nicht in meinen Bewegungen, namentlich beim Reiten in den Bergen behindert zu sein, viel zu leicht. Wenn ich den Wagen benützte, mußte ich mir selbst den Kutscher machen. Mein Pferd, Reit- und Wagenpferd zugleich, reichte mir zuletzt nicht mehr aus, ich mußte noch ein zweites haben. Albert Bitzius, der Berner Pfarrer, der unter dem Namen Jeremias Gotthelf die besten Bauernromane schrieb, die ich kenne, hat in der meisterhaft aus der Wirklichkeit gegriffenen Geschichte: »Wie Anna Jowaeger haushaltet und wie es ihr mit dem Doktern erging,« die Strapazen der Gebirgspraxis getreu geschildert. Ich darf dies behaupten, denn ich habe sie aus eigener Erfahrung zur Genüge kennen gelernt. Auch ein Körper von Stahl läuft da Gefahr, zu erliegen, und von Stahl war der meinige nicht. Zwei meiner späteren Freiburger Assistenzärzte, tüchtige, pflichttreue, junge Männer, sind nach kurzer Praxis in den Bergen, der eine da, wo ich gewirkt, Opfer ihres Berufes geworden. Um einen Begriff von den Anforderungen einer solchen Praxis 482 zu geben, erzähle ich die Geschichte der schweren Erkrankung, die mich Ende Februar befiel. Auf den dringenden Brief eines Kollegen, des Physikus Schweikhard von Schopfheim, den ich besonders schätzte, begab ich mich zu einer Konsultation nach dem hochgelegenen, von Kandern nur auf schlechten und häufig steilen Wegen erreichbaren Dorfe Tegernau im Amte Schopfheim. Ich ritt vor Sonnenaufgang von Hause weg und kam erst spät abends in der Dunkelheit wieder. An vielen Stellen war Glatteis, ich mußte vom Pferd absteigen und es am Zügel vorsichtig führen, der Schnee drang mir durch die Stiefel. Auf dem Heimweg hatte ich die Empfindung an den Fußsohlen, als ob ich auf rauhem Filz ginge, es war ein Gefühl von Vertaubung der Haut, dessen ernste Bedeutung ich verkannte. Kaum hatte ich mich müde zu Bette gelegt, so kam ein Bauer aus Egringen, einem Dorfe, dem Rheine zu gelegen, um mich zu seiner Frau zu holen, die an einem eingeklemmten Schenkelbruche litt. Er hatte mich schon in der Nacht zuvor aus dem Bette geläutet, um mich mitzunehmen, aber ich konnte die Konsultation mit Dr. Schweikhard nicht rückgängig machen und hatte ihn deshalb an andere Aerzte verwiesen. Diesen war die Einrichtung nicht gelungen, er kam jetzt wieder, es blieb mir nichts übrig, als mit ihm zu fahren und zu versuchen, was meine Kunst vermöchte. In der Tat, es gelang mir, die Arme von ihren Qualen zu befreien, aber erst, nachdem ich sie in ein warmes Bad hatte bringen lassen. Darüber war die Nacht vergangen; es hatte Zeit gekostet, bis eine Badewanne im Dorfe aufgetrieben und das Wasser im Waschkessel heiß gemacht worden war. Der helle Morgen war angebrochen, als ich heimkam. An Ruhe war nicht zu denken, ich hatte den ganzen Tag zu tun und hoffte, den versäumten Schlaf in der nächsten Nacht nachzuholen; leider sah ich mich getäuscht. Eben hatte ich mich unter die Decke gestreckt, als die unbarmherzige Nachtglocke wieder läutete. Ein Bote rief mich zu dem Kinde eines befreundeten Pfarrers in dem Dorfe Hertingen, es sollte an Croup leiden, doch handelte es sich, wie ich bald feststellte, nur um einen einfachen, heftigen Katarrh der oberen Luftwege. Ich hatte für 483 alle Fälle ein Brechmittel aus der Apotheke mitgenommen und blieb bei dem Kinde, bis es gewirkt hatte. So war es wieder Tag geworden, als ich nach Hause kam, und neue Arbeit wartete auf mich. Es schneite stark, und ich mußte gleich nach Tische im Schlitten nach dem abgelegenen Hofe Maugenhardt fahren. Der Weg war stellenweise verschneit und nicht genau einzuhalten, auf dem Heimweg fiel der Schlitten um, ich versank mit dem halben Leib in tiefen Schnee. Bis auf die Haut eisig durchnäßt kam ich nach Hause, konnte aber nicht sogleich das Bett aufsuchen. Endlich legte ich mich, wurde jedoch nicht warm und war erst gegen Mitternacht ein wenig eingeschlafen, als mich plötzlich Stiche in der Brust links unten und hinten weckten. Ich fürchtete eine Brustfellentzündung, atmete aber ohne Schwierigkeit. Schlaflos und fiebernd verbrachte ich die Nacht und wollte am Morgen gerade einschlummern, als der Bader des Städtchens erschien, mich zu erinnern, daß ich versprochen hatte, an diesem Morgen ein Mädchen, das bei ihm Wohnung genommen, an einer Hasenscharte zu operieren. Sie war schon als Kind einmal operiert worden, ohne Erfolg, und erwartete ihn von mir, weil ich einem Knaben ihres Dorfs den entstellenden Fehler beseitigt hatte. So stand ich denn auf, wie elend ich mich auch fühlte, und ging ans Werk. Die Operation gelang, das Mädchen erlangte ein hübsches Gesicht, fand bald einen Mann und wanderte mit ihm nach Nordamerika. In meine Wohnung zurückgekehrt, mußte ich noch einige »Wälder« abfertigen, ehe ich endlich die ersehnte Bettruhe fand. Meine Krankheit war jetzt leicht zu diagnostizieren. Ich fühlte eine große Schwäche in beiden Beinen, konnte kaum darauf stehen, sie waren gelähmt, die Füße taub, es stellten sich Wadenkrämpfe ein und gänzliche Lähmung der Blase; offenbar litt ich an einer Entzündung des Rückenmarks oder seiner Häute im untersten Teile des Wirbelkanals. Eine schreckliche Aussicht eröffnete sich mir. Entweder stieg die Entzündung vom Lendenmark zum Halsmark aufwärts, lähmte mir die Arme und zuletzt die Atmungsorgane, so daß ich ersticken mußte, oder sie machte tiefer unten halt, hinterließ eine Lähmung der unteren Körperhälfte und machte mich wahrscheinlich zur Ausübung meines Berufs dauernd unfähig. 484 Meine Lage war sehr schlimm. Vor allen Dingen bedurfte ich chirurgischer Hilfe. Leider hatte der Kollege, der neben mir im Orte praktizierte, wie ich aus seinem eigenen Munde wußte, noch niemals den Katheder eingeführt und diese so häufige und wichtige, nicht selten auch schwierige Operation dem Bader überlassen, dessen Geschicklichkeit ich nicht recht traute. Da fiel mir zu meinem Glücke ein, daß einer meiner Basler Freunde, Dr. Theodor Schneider, der bis vor kurzem Assistent der chirurgischen Klinik gewesen war, seine Stelle aufgegeben hatte, um in wenigen Wochen nach Amerika zu reisen. Er verweilte gerade zu Besuche bei seinem Oheim, dem Pfarrer Schneider in Feldberg bei Müllheim. Ich schickte ihm einen Boten, konnte aber die Ankunft meines Freundes nicht abwarten, meine Qual wurde unerträglich, gegen Mittag mußte ich mich doch dem Bader anvertrauen. Obwohl er zum Ziele kam, folgte dem Eingriff eine Entzündung. Abends kam mein Freund. Mit aufopfernder Hingebung verweilte er einige Wochen bei mir und besorgte mich und meine Kranken; niemand hat mich in meinem ganzen Leben so zu Danke verpflichtet, wie er. Mein Freund und Samariter lebt heute, von der ärztlichen Tätigkeit zurückgezogen, in Dornach bei Basel. Unsere anatomische Kenntnis der Rückenmarkskrankheiten stand damals noch auf schwachen Füßen. Ich stellte mir vor, daß es sich um eine Meningitis lumbaris rheumatischen Ursprungs handle, um einen wässrigen trüben Erguß in und zwischen die Häute des untersten Abschnitts des Rückenmarks und seiner Nervenstränge, von ähnlicher Beschaffenheit, wie die Flüssigkeit, die in den Gelenken beim akuten Rheumatismus gefunden wird. Meine Krankheit für rheumatisch anzusehen, berechtigten mich die vorausgegangenen Umstände und die Abwesenheit von anderen bekannten Ursachen, namentlich von Infektionen. Daraus schöpfte ich einigen Trost, da ich schon einmal eine schwere rheumatische Krankheit glücklich überstanden hatte; noch mehr Hoffnung faßte ich, als die Entzündung in den nächsten Tagen nicht höher stieg. Gleich am ersten Tage nahm ich ein Wiener Tränkchen, um den Abfluß des venösen Blutes aus dem Wirbelkanal in die Bauchhöhle zu erleichtern, und versuchte dann, an den folgenden Tagen, durch warme 485 Bäder die gestörte Hauttätigkeit wieder herzustellen. Mein Zustand blieb unverändert, ich litt viel an Schmerzen und Krämpfen in den Beinen, mit Unterstützung konnte ich mühsam stehen, jedoch nicht gehen. Gegen Ende der ersten Woche verleiteten mich Sorge und Ungeduld zu einer eingreifenden Kur, die ich bei einem andern Kranken nicht gewagt hätte; sie fußte hauptsächlich auf meinem Vertrauen zu den so oft an mir erprobten Heilwirkungen des Brechweinsteins. Dieses Mittel wirkte bei mir schon in der kleinen Gabe eines Gran (0,06  gm ) sicher, rief ungemein reichliche Ausscheidungen hervor, riesige Ergüsse, die, wie ich hoffte, zur Aufsaugung der ausgeschwitzten Flüssigkeit im Wirbelkanale führen würden. So nahm ich denn dreimal in einer Woche, je über den andern Tag, die Dosis von einem Gran nüchtern und lebte an diesen Tagen nur von Wassersuppen. Die Wirkung auf die Ausscheidungen war stets die gleich mächtige, und von der Stunde an, wo die dritte Dosis gewirkt hatte, war die Anwendung des Katheders nicht mehr nötig und schwanden die Krämpfe und Schmerzen, während die Lähmung der Beine sich weit langsamer verlor. Ich konnte erst Mitte April das Bett verlassen und zu Anfang Mai mich aus dem Hause wagen. Viele Jahre hat es gedauert, bis ich mich von der Lähmung ganz erholte. Während ich im April noch das Bett hütete, Freund Schneider war abgereist, trug sich ein Zwischenfall zu, der mir unvergeßlich bleibt. Ein Bauer, der nicht wußte, daß ich erkrankt war, wollte mich zu seinem Kinde holen. Er stand in den Vierzigen und bot ein prächtiges Bild männlicher Kraft. Ich wies ihn an meinen Kanderer Kollegen. Als er auf starken Beinen das Zimmer verließ, seufzte ich: »O, daß ich meinen lahmen Leichnam gegen den kerngesunden Leib dieses Bauern umtauschen dürfte!« – Acht Tage nachher besuchte mich mein Kollege, und ich erkundigte mich nach dem Kinde. »Das Kind,« erwiderte er, »ist rasch genesen, aber der Bauer tot.« Entsetzt rief ich: »Unmöglich!« Dennoch war es so, der scheinbar kerngesunde Mann war plötzlich gestorben. Seit diesem Erlebnis habe ich keinen Menschen mehr um seine blühende Gesundheit beneidet. 486     Weiland Gottlieb Biedermaier. Während meiner Wiedergenesung ergriff mich im Monat Mai eine unwiderstehliche Sehnsucht, Altheidelberg zu sehen. Obwohl ich mich noch schwach auf den Beinen fühlte, unternahm ich die Fahrt. Unterwegs stieg ich in Karlsruhe aus, um Heinrich Goll, der im Jahre zuvor mein Gast in Kandern gewesen, einen Gegenbesuch zu machen; er wohnte bei seinen Eltern, die mich freundlich aufnahmen. Die Reise aber bis Karlsruhe hatte mich so angegriffen, daß ich nach kurzem, eintägigem Aufenthalt aus Furcht vor einem Rückfall, nach Kandern zurückkehrte, ohne Heidelberg gesehen zu haben. Golls Vater, Vorstand des Hauptsteueramtes, besaß in seiner kleinen Bibliothek ein Buch, das er hoch hielt: die Gedichte eines Dorfschulmeisters Samuel Friedrich Sauter aus Flehingen im Kraichgau, nahe der württembergischen Grenze. Sauter hatte in seinem 75. Lebensjahre, 1845, seine gesammelten Gedichte bei Crenzbauer und Hasper in Karlsruhe »in Kommission gegeben« und fünf Jahre nachher das Zeitliche gesegnet. Ich fand das Buch zufällig, es stand in der »guten Stube«. Vater Goll war so gütig, mir es nach Kandern mitzugeben, wo ich es acht Tage behielt und mit unbeschreiblichem Vergnügen durchlas. In den Gedichten entdeckte ich einen bisher ungehobenen Schatz einer eigenartigen Poesie von ungewöhnlich komischer Kraft. Die Gedichte waren meist ganz ernst gemeint und nicht auf Erregung der Lachmuskeln berechnet; aber gerade weil sie diese unbeabsichtigte Wirkung hatten, wirkten sie doppelt lustig, und darin lag der Humor. Der Dichter war ein altväterischer Dorfschulmeister gewesen und zeitlebens frei geblieben von sentimentalen, weltschmerzlichen und politischen Anwandlungen. Dadurch unterschied er sich wesentlich von andern Dichtern, die, der wechselnden poetischen Zeitströmung 487 huldigend, gleichfalls unbeabsichtigte komische Wirkungen erzielten. Er war ganz und gar naturwüchsig und harmlos. Seine poetische Ader glich den friedlichen Bächlein seiner stillen Kraichgauer Heimat, über die er kaum je hinauskam. Seine Muse kannte nur die Freuden und Leiden seines Dorfes, hier hatte er mit den andern Jungen die Zwetschgen geschüttelt und die Walnüsse von den Bäumen gebengelt, hier als Schulmeister die Jugend in der Furcht Gottes und des Herrn Amtmanns erzogen, hier hatten ihm die Gevattersleute seine Appollonia »gekuppelt«, die Gute, die 33 Jahre getreu mit ihm gehaust und ihm sieben Kinder beschert hatte. Ihr Tod hatte ihn zum betrübten Witwer gemacht. »Traurig ist es einsam leben!« sang der Verlassene, »einsam schlafen, nichts daneben!« Eignes und fremdes Leid bewegte sein Herz, und das »Zeitungsblättle« hielt ihn mit den großen Weltereignissen auf dem Laufenden. »Leipzigs achtzehnten Oktober schrieb er in das Zeitbuch mit Zinnober.« Teilnehmend besang er den großen Brand in Kürnbach, »diesem Marktfleck zweier Staaten, abgeteilt bei Hessen und bei Baden.« Rührend flehte er zum Himmel: »Es steht ein Wetter grad über der Erd, wenn's nur ins Württembergische fährt!« Und innigen Dank spendete sein warmes Gemüt dem Pfarrverweser Fesenbeck, der sich die Liebe der Flehinger verdient hatte: »Fesenbeck, bei deinem Scheiden Werden unsre Augen naß, – Alle wollen dich begleiten, Sieh die große Menschenmass'! Nie noch war die Liebe größer Gegen einen Pfarrverweser.« Zu meinem Erstaunen fand ich mitten unter diesen drolligen Gedichten drei mir bekannte, die zu Volksliedern geworden waren, auch in Gedichtsammlungen Aufnahme gefunden hatten und für Erzeugnisse des Wandsbecker Boten Claudius galten, an dessen Dichtungsweise sie erinnerten. Zwei davon hatte ich als Student singen hören, das »Kartoffellied« und das »Lied vom Dorfschulmeisterlein«. In jenem verkündet er das Lob eines Wohltäters der Menschheit: »Herbei, herbei zu meinem Sang, Hans, Jörgel, Michel, Stoffel, 488 Und singt mit mir das Ehrenlied Dem Bringer der Kartoffel.« Fast möchte man glauben, es habe dieses Lied den Bildhauer Friederich in Straßburg angeregt, den englischen Seehelden Drake in Stein auszuhauen, und der Nachbarschaft Offenburg zu schenken, wo er in Admiralstracht vor dem Rathause steht und von den Bauern, die zu Markte fahren, der Kartoffelmann genannt wird, weil ein Kranz von Kartoffelknollen zu den Füßen des Admirals angebracht ist. – In dem Liede vom armen Dorfschulmeisterlein: »Willst wissen du, mein lieber Christ, wer das geplagtste Männlein ist?« wird der Poet vom unbewußten Humoristen zum bewußten Schelm, bleibt aber immer der gleiche, gutmütige biedere Alte, dem die Natur Gift und Stachel versagt hat. – Das dritte Gedicht nahm sich unter den andern aus wie eine reizende Kornblume im Rübenfeld, es war der »Wachtelruf«: »Horch, wie schallt's draußen so lieblich hervor!« Ob das prächtige Lied ganz auf Sauters Boden gewachsen ist, scheint mir nicht sicher, denn im ersten Bande von des Knaben Wunderhorn (Heidelberg und Frankfurt 1806, S. 159) findet sich bereits ein Gedicht »Wachtelwacht«, das einem fliegenden Blatt entlehnt ist und mit dem Rufe anhebt: »Hört, wie die Wachtel im Grünen schön schlägt: lobet Gott! lobet Gott!« Immerhin ist das Lied Sauters entschieden schöner und singbarer, die Idee aber scheint er dem fliegenden Blatt entlehnt zu haben. Mein unerwarteter Fund gab Anlaß zur Einführung des Dichters »Biedermaier« in den deutschen humoristischen Musenhain. Nach Kandern zurückgekehrt, schnitt ich sofort dessen drollige Figur aus der Sauterschen Sammlung heraus, stellte eine Anzahl der Gedichte unverändert, andere abgeändert, sowie einige, neu von mir in Sauters Geiste verfaßte, zusammen und überschickte »das große Werk weniger Tage«, wie ich mich ausdrückte, nebst einer Vorrede, welche die Biedermaierpoesie scharf charakterisierte, meinem Freunde Eichrodt, der damals in Durlach wohnte. Ich forderte ihn zur Mitarbeit auf mit der Bemerkung: »Obschon du den Sauter nicht übertreffen kannst, so dürfte dir's doch gelingen, ihn zu erreichen.« Ich legte Sauters Gedichte bei und bat, sie dem alten Goll zurückzugeben. Daran 489 reihte sich ein Briefwechsel. Eichrodt schickte mir zahlreiche Gedichte, die bis auf wenige nicht in die Kategorie der echten Biedermaierpoesie gehörten. Wir kamen deshalb überein, sie einem fingierten, von der Politik bereits angekränkelten und mit Schiller und Goethe befreundeten Buchbinder Treuherz unterzuschieben. Eine dritte Kategorie solcher komischer Gedichte, die durch witzige, mit Glück nachgeahmte Naivetät absichtlich Heiterkeit zu erzielen trachteten, unterschieden wir das Schartenmeiersche; unter dem Namen Schartenmeier hat bekanntlich der Aesthetiker Fr. Th. Vischer als Student das köstliche Bänkelsängerlied vom Helfer Brehm seinen Freunden vorgetragen. Wer sich für die Geschichte der Biedermaier-Schöpfung interessiert, findet sie ausführlich erzählt in der Biographie Eichrodts von Kennel Kennel (Professor am Gymnasium in Speier), Ludwig Eichrodt, ein Dichterleben, Lahr, Schauenburg, 1895. S. 75–83. , der sie aktenmäßig nach meinen, aus Eichrodts Nachlaß mitgeteilten Briefen dargestellt hat. Das Buch Biedermaier im 2. Bande von Eichrodts gesammelten Dichtungen stammt bis auf wenige Gedichte, die Eichrodt zurecht gemacht oder verfaßt hat, aus Sauters Sammlung oder von mir, die Vorrede ist wörtlich dieselbe, die ich ihm von Kandern schickte. Auch die Vorrede zu den Gedichten des Buchbinders Treuherz habe ich geschrieben, diese Gedichte aber hat alle, bis auf die politischen Triolette, die von mir herrühren, Eichrodt verfaßt. In der Vorrede zu den Biedermaier-Gedichten hatte ich bemerkt, daß sich auch bei den größten Dichtern Biedermaiersche Gemeinplätze fänden. Die Herausgeber der Fliegenden Blätter, denen Eichrodt unsere Scherze überschickte, machten sich auf diesen Wink hin den Spaß, dem Sauter-Biedermaier ein echtes Sprüchlein von Goethe aus der Abteilung »Parabolisch«: »Eins wie's andere,« unterzuschieben, ohne daß es beanstandet wurde. Ausdrücklich sei noch bemerkt, daß ich in einer Note zu dem Vorwort auf Sauter, als den echten und eigentlichen Biedermaier, hinwies, um keines Plagiats geziehen zu werden. Seit ich jedoch Gedichte nach seinem Vorgang und Vorbild verübte, hat mich die Muse gemieden. 490     Schluß. Sobald ich hoffen durfte, meine Gesundheit wieder zu erlangen, entschloß ich mich, die Landpraxis aufzugeben, weil ich ihr nicht mehr gewachsen war, und kam auf den alten Gedanken zurück, die akademische Laufbahn einzuschlagen. Ich hatte ihn aufgegeben, weil mir die Mittel dazu fehlten, jetzt hatte ich sie mir in der Praxis erworben, sie konnten für 2–3 Jahre hinreichen. Mein Plan war, mich im Sommer durch Seebäder völlig herzustellen und im Herbste nach Würzburg zu gehen, um dort nochmals zu studieren und zu promovieren. Dann erst wollte ich mich in Heidelberg niederlassen und habilitieren. Zur Badekur wählte ich die Küste der Normandie. Auf dem Wege dahin besuchte ich in Paris Karl Schaible, der dort in Verbannung lebte, aber gerade im Begriffe war, Frankreich mit England zu vertauschen. Er entschloß sich, mit mir an die See zu gehen, wir verweilten mehrere Wochen zusammen in dem kleinen Dorfe Sanvic bei Havre, machten auch Ausflüge nach Trouville, das gerade bei der vornehmen Welt in Aufnahme kam, nach Etretat und Honfleur. Die Bäder kräftigten mich, ohne mich gänzlich herzustellen. Nach Würzburg zog mich Virchow. Seit dem Herbste 1849 lebte er nicht mehr in Berlin. Die preußische Regierung hatte ihm seiner demokratischen Gesinnung wegen im Frühjahr 1849 die Prosektur weggenommen und das Dozieren nur aus besonderer Gnade bis auf weiteres gestattet. Dies hatte ihn bestimmt, einem Rufe der bayerischen Regierung nach Würzburg zu folgen, wo er die medizinische Jugend mächtig anzog und mit erstaunlicher Fruchtbarkeit fortfuhr, die Heilwissenschaft durch wichtige Entdeckungen und Ideen zu fördern. Preußen und Bayern hatten die Rollen vertauscht; einst hatte Preußen Schoenlein, unbekümmert um die Anklage auf 491 Hochverrat, die ihm in Würzburg gedroht, nach Berlin geholt, jetzt berief Bayern ebenso unbekümmert den erklärten Demokraten Virchow von Berlin nach Würzburg. Ich blieb zwei Semester in Würzburg, hörte, nochmals immatrikuliert, Vorlesungen und Kurse bei Virchow, Koelliker und Scherer, arbeitete im Winter täglich mehrere Stunden im Präpariersaal und im Sommer im chemischen Laboratorium. Mit Heinrich Müller, dem frühe verstorbenen, um die Erforschung des mikroskopischen Baus der Sehhaut so verdienten Anatomen, erneuerte ich die schon in Heidelberg gemachte Bekanntschaft,. und mit Nikolaus Friedreich, dem nachmaligen Heidelberger Kliniker, der gerade Dozent geworden war, schloß ich Freundschaft. Der Zufall machte mich gleich am ersten Tage zu seinem Tischnachbarn im Gasthofe zum Schwanen. Er war noch unverheiratet, und ich hatte meine Frau bei ihren Eltern zurückgelassen, erst an Ostern kam sie nach. Friedreich und ich richteten einen Mittagstisch um 5 Uhr für uns ein, um den Tag besser ausnützen zu können; George Harley, später Professor und Physician am London University Hospital, der Verfasser einer geschätzten Monographie der Leberkrankheiten, und mehrere ältere Studenten der Medizin schlossen sich uns an. Gegen Ende des Sommersemesters promovierte ich, wobei mir Friedreich opponierte. Um eine in der Praxis schmerzlich empfundene Lücke meines ärztlichen Wissens auszufüllen, ging ich von Würzburg nach der badischen Landes-Irrenheilanstalt Illenau, wo ich den größten Teil des Herbstes mit psychiatrischen Studien verbrachte. Neben dem Direktor Roller und den Aerzten Hergt und Fischer waren hier als Hilfsärzte Gudden, traurigen Andenkens, und Kast angestellt. Gudden beschäftigte sich eifrig mit mikroskopischen Untersuchungen, zeigte mir seine lehrreichen Präparate, namentlich über Hautparasiten, und setzte mir seinen Plan auseinander, die physiologischen Verrichtungen der Gehirnteile durch ihre operative Ausschaltung bei neugebornen, am Leben zu erhaltenden Tieren, aufzuklären. Auch Kast war ein gescheiter Kopf von selbständigem Urteil. Aus dem steten Verkehr mit diesen jungen Aerzten und aus den Krankenvisiten mit den erfahrnen älteren zog ich großen Gewinn. 492 Erst zu Beginn des Winters siedelte ich mit Frau und Kindern nach Heidelberg über; zu dem ersten Töchterchen war noch in Kandern, kurz nachdem ich das Krankenlager verlassen hatte, ein zweites gekommen. Im folgenden Jahre habilitierte ich mich. Von meinen alten Lehrern fand ich nur noch Chelius und Delffs; an Henles Stelle lehrte Fr. Arnold Anatomie und Physiologie, statt Pfeufer leitete Hasse die innere Klinik, Geburtshelfer war Lange. Ich vermochte erst später ganz zu ermessen, welch ein Wagnis ich unternommen hatte, als ich mitten aus der Landpraxis heraus mich entschloß, mit noch siechem Körper und beschränkten äußeren Mitteln die akademische Laufbahn einzuschlagen. Der Versuch ist über Erwarten gelungen, und die Krankheit hat mir statt Verderben Glück gebracht; wäre ich auch länger gesund und Landarzt geblieben, so wäre ich doch zweifelsohne frühe den Strapazen erlegen, aber die Ausführung meines Wagnisses ist mir nicht leicht geworden. Kaum war ich in Heidelberg eingezogen, so sah ich mich beinahe gezwungen, zur Praxis zurückzukehren. Aus unklugem Mitleid hatte ich in Kandern beim Weggehen meinem Hauswirte, einem gutmütigen, aber schwachen Menschen mit großer Familie, der in Gant geraten war, den Einzug meiner Ausstände, gegen einen Anteil an der Einnahme, übergeben; er hatte den Einzug zwar besorgt, aber das Geld für sich und seine Familie verbraucht. Schlimmer noch war es, daß meine Gesundheit Jahre lang schwach und schwankend blieb; das Gespenst einer rückfälligen Lähmung erschreckte mich von Zeit zu Zeit, vermutlich wäre ich den Sorgen und Mühen unterlegen, hätte mir nicht die treue Gefährtin, deren Tapferkeit ich einst richtig erkannt, stets unverzagten und heiteren Sinnes ermunternd zur Seite gestanden. Seit der überstandenen Lähmung war meine Haut, wie nie zuvor, gegen Temperatureinflüsse empfindlich geworden; sie war es auch nach den Seebädern geblieben, obwohl ich in den nächsten Jahren methodisch in der kalten Jahreszeit laue Wannenbäder und in der warmen, kalte Fußbäder gebrauchte; einige Versuche mit der kalten Brause bekamen mir schlecht. Auch bei warmem Wetter durfte ich es nicht wagen, aus Furcht mich zu erkälten, ohne Ueberzieher im 493 Freien zu sitzen, auf kaltem Boden bekam ich rasch kalte, schwer zu erwärmende Füße. Es befielen mich Schmerzen und ein Gefühl von Schwäche in Lende und Beinen, wie beim Beginn meiner Lähmung, ich mußte mich Stunden lang niederlegen und fürchtete, nie wieder ganz gesund zu werden; alle die Opfer an Geld und Mühe glaubte ich vergeblich gebracht zu haben. Eine lästige Erscheinung war auch im heißen Sommer eine übermäßige Transpiration nachts im Bette; sie raubte mir den erquickenden Schlaf. Ich führte sie auf eine Lähmung der schweißabsondernden Hautnerven infolge der Entzündung des Rückenmarks zurück, erst nach zwei Jahren erkannte ich ihren wirklichen Grund. Vor dieser Krankheit hatte ich nie Unterjacken angelegt, seither trug ich Flanelljacken mit kurzen Aermeln auch in der Nacht. Die Wolle überreizte mir in der Bettwärme die Haut; von der Nacht an, wo ich die Flanelljacke wegließ und sie nur noch bei Tage trug, hörte der Nachtschweiß auf und erquickte mich wieder ein ruhiger Schlaf. Ich trug jetzt in der Nacht wie früher ein baumwollenes Hemd und aus Vorsicht darüber noch eine baumwollene Jacke, was ich vorher nicht getan. Die Flanelljacken untertags vertauschte ich später mit Netzjacken; in der kalten Jahreszeit griff und greife ich seitdem zu wollenen, in den wärmeren Monaten zu baumwollenen, je nach der Temperatur bald mit dickeren Fäden und engen Maschen, bald mit dünneren Fäden und weiten Maschen; auch seidene Netzjacken benutze ich im Sommer; über leinene Jacken habe ich kein Urteil aus eigener Erfahrung. Bekanntlich stehen die »normalwollenen« Herren von der hygienischen Industrie in heftiger Fehde mit den »normalbaumwollenen« und den »normalleinenen«; es dürfte hier wie in den meisten Dingen der alte Spruch des weisen Plinius zutreffen: Non omnibus eadem conveniunt , zu deutsch: Kein Ding taugt für jedermann. Vgl. die vortreffliche Abhandlung von M. Rubner : »Bekleidungsreform und Wollsystem.« (Zeitschr. f. diätat. u. physikalische Therapie II, 1.) Weit länger hat es gedauert, bis ich lernte, meine Füße vor Erkältung zu schützen, überhaupt meinen Körper gegen Temperatureinflüsse widerstandsfähig zu machen, mit einem Worte, mich abzuhärten. 494 Die gebräuchlichen Mittel zum Warmhalten der Füße: Pelzfutter des Schuhwerks, eingelegte Fußsohlen, Ueberschuhe und dergl. sind Palliativmittel und härten die Haut nicht ab, tragen nach Umständen dazu bei, sie noch weicher zu machen. Pelzfutter wird durch das Wasser, das auf der Haut stets abdunstet, bald feucht, leitet dann die Wärme zu gut und ist nur schwierig trocken zu halten. Ueberschuhe taugen nur dann, wenn sie den Fuß nicht luftdicht umschließen. Am wärmsten hielten mich ganz kurze, nur an die Knöchel reichende Uebersocken, die ich über den langen Untersocken trug und mindestens einmal am Tag mit neuen wechselte. Unangenehm aber ist dabei, daß man das Schuhwerk entsprechend weiter einrichten muß. Wirkliche Abhärtung erzielte ich allmählich durch Jahre lang fortgesetztes tägliches Eintauchen der Füße in kaltes Wasser und Abwaschen der Beine mit dem Schwamm bis zu den Knien herauf, mit rasch nachfolgendem Wiedererwärmen im Bette, morgens kurz vor dem Aufstehen. Dieses einfache Verfahren läßt sich zu jeder Jahreszeit leicht ausführen, und es verlangt keine großen Vorkehrungen. Jedes zur Aufnahme beider Füße hinreichend große, tiefe und starke Wasserbecken eignet sich dazu. Am besten wird das Becken schon am Abend zuvor mit Wasser so hoch gefüllt, daß die Füße darin bis über die Knöchel eintauchen, und an das Bett gestellt; daneben sind Trockentücher gerichtet. Befolgt man gewisse Vorsichtsmaßregeln, so lernt die verzärtelteste Haut das kalte Wasser ertragen. Man darf nur nicht gleich mit zu niedrigen Temperaturen beginnen; man fängt, je nachdem die Individuen reagieren, mit 20, ja 22 und 24° R an und geht ganz sachte im Laufe von Wochen auf 16° R, nur ausnahmsweise tiefer, herab. Unter allen Umständen muß man dem kurzen, nur wenige Sekunden währenden Fußbade ein rasches Erwärmen der Beine folgen lassen. Dies geschieht in der Regel in wenigen Minuten, wenn man sie nach flüchtigem Abtrocknen in das warme Bett zurückbringt; ein Abreiben ist unnötig; je rascher sie in das Bett zurückgebracht werden, desto besser wird das Fußbad ertragen; nur bei zu niedriger Temperatur kann es länger als 10 Minuten dauern, bis sie gut warm werden. Bei sehr geschwächten und 495 alten Personen meide man zu niedere Temperaturen und bleibe bei 16 bis 20° R. Statt solche einfache, zu jeder Jahreszeit und fast allenthalben leicht zu beschaffende Fußbäder zu gebrauchen, huldigen romantische Schwärmer für »Naturheilmittel« dem Wassersport des Barfußlaufens auf taufrischen Wiesen und blinkenden Schneefeldern. Das Beispiel der Proletarier, die im Sommer barfuß laufen, lehrt, daß die Fußsohlen dadurch hart, schwielig, und gegen den kalten Fußboden unempfindlich gemacht werden, aber der alte Spruch des Plinius behält recht. Was in Wind und Wetter aufgewachsenen Burschen und Dirnen keinen Schaden bringt und sie hart zu machen mithalf, kann den Zärtlingen, die sich vom Arbeitstisch an solche Kuren wagen, Ischias, Eiweißharnen und Siechtum bringen, wie ich es in der Praxis erlebte; einmal büßte sogar ein unkluger Mensch eine solche ungeschickte Schneepromenade mit Brand der Zehen. Zur Abhärtung der Haut des ganzen Körpers genügt selbstverständlich die tägliche Einwirkung des kalten Wassers nur auf die Füße nicht, der ganze Körper muß ihr täglich unterzogen werden. So lange ich aber anfangs es versuchte, morgens mit der gewöhnlichen Methode der allgemeinen Abwaschung in der Wanne stehend mein Ziel zu erreichen, bekam ich von Zeit zu Zeit rheumatische Schmerzen danach, bald da, bald dort, auch wenn ich gleich nachher noch das warme Bett aufsuchte; erst als ich die Abwaschung des Leibes mit dem Fußbad nicht auf einmal vornahm, sondern abgesetzt in zwei aufeinander folgenden Abteilungen, blieb ich für immer von Rheumatismen verschont und erreichte meinen Zweck der Abhärtung völlig. Ich darf so empfindlichen Personen, wie ich es gewesen, folgendes Verfahren empfehlen. Man nimmt zuerst das Abwaschen des Körpers bis herab zu den Knien vor, am besten stehend oder kniend über das Wasserbecken gebeugt, und läßt das Wasser aus dem Schwamm namentlich über Nacken und Hals kräftig strömen; dann trocknet man rasch sich ab, hüllt den Leib ein, setzt sich auf den Bettrand und taucht jetzt die Füße in das Becken, das am Bette steht, wäscht die Beine bis zu den Knien herauf, trocknet sie flüchtig und zieht sie zuletzt unter die warme Bettdecke zurück. Waschung und 496 Fußbad beanspruchen wenige Minuten, in 10 bis 15 weiteren Minuten längstens wird der ganze Körper im Bette warm. Man steht dann sofort auf. Wohl denen, die solcher vorsichtiger Methoden der Abhärtung nicht bedürfen und schon in der Kindheit daran gewöhnt wurden, morgens gleich beim Aufstehen ein flüchtiges kaltes Wannenbad, eine kalte Brause oder eine Abwaschung des ganzen Körpers im kalten Sitzbad zu gebrauchen! Hiemit bin ich zum Schlusse meiner Erinnerungen gekommen. Den wiederholten Aufforderungen alter und junger Freunde, meine Lebensgeschichte zu schreiben, habe ich damit nur teilweise entsprochen, aber ich glaube sie nicht weiter, als bis zur Aufnahme meiner akademischen Tätigkeit führen zu sollen. Die spätere Periode meines Lebens ist den Fachgenossen bekannt und würde andern Lesern kaum Interesse bieten, wohl aber mag die Geschichte meiner Jugend Aerzten und Nichtärzten Lesenswertes bringen. Der Weg, den ich vom Landarzt zum klinischen Lehrer zurücklegte, hat vielfach Neugierde erregt, weil er nur selten, wenn je, begangen worden ist. Meine Erinnerungen geben darüber Aufschluß; sie liefern zugleich Beiträge zur Geschichte des medizinischen Unterrichts und der Medizin selbst in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, die den jüngeren Aerzten wenig bekannt ist, sowie zur Geschichte unsres deutschen Universitätswesens, unsrer Kultur und politischen Entwicklung. Möchten die Bilder aus meinen Jugendjahren dem Leser ebensoviel Vergnügen bereiten, als mir ihre Aufzeichnung gewährte. * * * Der Abend verglüht und die Nacht bricht ein, O flimmernder Staub im Sonnenschein, Bald wirst du im Dunkel verschwunden sein.