Leopold Kompert Eisik's Brille (1860) Warum läßt Gott die alten Leute aussterben und mit ihrem schönen weißen Haare in die Erde legen? Warum schont er nicht ihrer, wie er des Baumes schont, den er grünen, blühen und duften läßt, selbst wenn das grimmige Feuer des Himmels an dem knorrigen Stamme gezehrt hat? Es mag sein, daß er das Höhere und Feinere eher zu sich beruft, eben weil es so ist – aber kurzsichtig, wie wir sind, mit Gemüthern, die zwischen dem Heute und Morgen auf- und niederschwanken, begreifen wir nicht, warum das Naturgesetz unseren ›alten Leuten‹ ein so kurzes Ziel gesteckt hat. Nachgleitend, wie ein dunkler Schatten um die Zeit des Abends, folgt ihnen der Spruch des unsichtbar in den Höhen und Tiefen waltenden Richters: Siebzig Jahre! und wenn's hoch kommt, achtzig! Und ihr Stolz ist nicht immer ›Trübsal und Mühsal‹! Mitten in der Gewalt eines vollsäftigen Daseins werden sie gefällt; kein Baum im Walde ist so knorrig als oft mancher alte Mensch, so lebengetränkt vom Scheitel bis zur Fußspitze. Warum läßt Gott die alten Menschen aussterben? Ich möchte das gerne wissen, lieber fast als tausend andere unnütze Dinge, an denen ich im Grunde keine Freude habe. Aber an Euch hatte ich Freude, Ihr alten Leute aus meiner Kindheit! um euretwillen hätte ich das gerne gewußt. Ihr waret von jeher meine Lieblinge, und wenn einer von euch gegen mich ›dort oben‹ zeugen sollte, so zeuge er, ob ich jemals vergessen vor seinem grauen Haupte aufzustehen. Besonders Rebb Eisik Maier (dem der Friede der Gerechten sei) möge sagen, wie ich ihn geliebt habe, und um dieser Liebe willen mir es auch in seiner andern Welt verzeihen, wenn ich in dieser von ihm zu erzählen wage. Noch jetzt kann ich mir keine Rechenschaft ablegen, warum ich gerade Rebb Eisik Maier so sehr in mein Kinderherz eingeschlossen hatte. Ihm vor Allen hing ich an, wiewohl ich Großvater und Großmutter nicht mißte; an seinem ehrwürdigen Antlitz hafteten meine Blicke, wenn er betete; und traf es sich einmal, daß ich mit ihm zugleich in die Hallen des Bethauses eintreten konnte, so gab es gewiß kein seligeres Gemüth als das meine. Ich liebte ihn mit jener Unbewußtheit, die stets das Merkmal echter Liebe ist, weil nur sie uneigennützig ist. Ich könnte mich auch nicht erinnern, ob ich jemals von Rebb Eisik ein anderes Zeichen der Gunst erfahren habe, als daß er mir am Vorabend des ›Freudenfestes der Thora‹ ein buntes Panierchen schenkte, das er mir eigens ins väterliche Haus mit den Worten geschickt hatte: es komme von Rebb Eisik Maier! Aber dieses Panierchen hielt ich hoch und theuer, kein Fähnrich in blutiger Schlacht hätte sich muthiger gewehrt, wenn einer von meinen Feinden gewagt hätte, es mir zu entreißen. Es kam von Rebb Eisik – und so ward das Panierchen auch nicht zum Trödel geworfen, nachdem es am Freudenfest seine Schuldigkeit gethan, auch nicht zerrissen, sondern heilig und unverletzlich aufbewahrt, wie der Glaube an ein Märchen, und gleich diesem ging es auch im Laufe der Zeiten verloren! Rebb Eisik wohnte in dem schönsten Hause der ganzen ›Gasse‹; er galt allgemein als ein sehr reicher Mann. Spiegelhell glänzten die Fenster dieses Hauses, aber eben so rein erschien der alte Mann in seinem Anzuge und sonstigem Benehmen. Er trug stets ein weißes Halstuch, das schon aus der Ferne festtäglich glänzte, sonst trug er sich ganz nach der herrschenden Mode. Er war überhaupt von keiner hervorstechenden Eigenthümlichkeit; sein mildes Wesen bewahrte ihn davor. Bei keiner Gelegenheit drängte er sich vor, weder in der Gemeinde, noch im geselligen Verkehre. Mit der Stille eines gefaßten Gemüthes ging er seinen Weg; nur selten, daß er davon abwich. Das geschah nur, wenn er Streitigkeiten in der Gemeinde zu schlichten hatte, wie sie selten lange ausblieben. Dann konnte er wohl, wenn er auf Widerstand und Widerspruchsgeist stieß, in einige Heftigkeit gerathen; seine Stimme begann dann unsicher zu werden und seine Wangen sich höher zu färben. »Will denn keiner bei Zeit die Brill' herunternehmen?« rief er dann gewöhnlich mit überlauter Stimme. Es war merkwürdig, welche Kraft diesen wenigen Worten innewohnte; es war als hätte ein Zauberer seine Formel über eine sturmbewegte Fluth ausgesprochen. Sobald die Leute das von der Brille hörten, lächelten sie still vor sich hin, und die Streitigkeit nahm dann gewöhnlich ein gutes Ende. Es hat gar Mancher gelächelt, wenn Rebb Eisik das Wort »von der Brille« sprach, und es lächelt noch jetzt Mancher, wenn es sich ihm unwillkürlich auf die Lippen drängt. Denn Rebb Eisik gieng damit nicht haushälterisch um und brauchte es bei jeder Gelegenheit, wo er es schicklich anbringen konnte, jedesmal traf es aber, wie ein Nagel in die Holzwand fährt. Nie gieng die volle Wirkung um eines Härchens Breite verloren. Rebb Eisik hatte einen guten Freund, den Gemeindesänger Daniel Kremsier, der zu ihm in dem Verhältnisse eines Haus- und Hofministers zu seinem Potentaten stand. Daniel Kremsier hatte die bei Sängern und Musikantenvolk nicht selten anzutreffende Schwachheit, eine nicht geringe Leidenschaft für ein gutes Glas Wein zu besitzen. Den fand er nun jedesmal bei Rebb Eisik so gut und so schlecht er ihn selber trank, und es war daher wahrhaftig kein Wunder, wenn sich die durstige Kehle des Gemeindesängers als täglicher Gast bei dem reichen Manne einstellte. Dafür zeigte er sich aber auch in seiner Art dankbar, wie weit dies ein so durstiges Gemüth zugibt. Daniel Kremsier kam regelmäßig, sobald das Abendgebet vorüber war, und berichtete Rebb Eisik, der nur wenig aus dem Hause kam, Alles, was sich in der Gemeinde zutrug: von der Kindbetterin an, die am nächsten Sabbath ihren ersten ›Schulgang‹ machen sollte, bis zur kleinsten ›Parthie‹ in der Gasse, die von irgend einem ›Schadchin‹ unter dem Schleier des tiefsten Geheimnisses vorbereitet wurde. Daniel Kremsier war ein lebendiges Zeitungsblatt, nur mit dem Unterschiede, daß Zeitungsblätter öfters lügen, der Gemeindesänger aber niemals log. Denn dafür hatte er, wie bereits gesagt, eine zu durstige Seele, und eine solche spricht bekanntlich nur Wahrheit. Durch diesen Daniel Kremsier sind nun eine Menge von Äußerungen und Urtheilen, wie sie Rebb Eisik in den vertrauten Unterredungen mit seinem Zeitungsblatt zum Besten gab, bekannt geworden. Sie laufen alle auf die »Brille« hinaus, und man wird sogleich sehen, wie sich die ganze Lebenssumme von Erfahrungen, die gesammte Ladung möchte ich sagen, die mein alter Rebb Eisik aus den Stürmen und Fluthen seines Daseins ans Land gerettet hatte, in diesen wenigen Worten gesammelt hatte. Daniel Kremsier brachte einmal, nachdem er die Kehle sattsam angefeuchtet hatte, die Meldung, es sei von einer ›Partie‹ in der Gasse die Rede, die nach seiner Meinung nichts zu wünschen übrig lasse. Der Bräutigam ›habe‹ nichts und die Braut habe noch weniger. Aber sie wären sich Beide merkwürdig zugethan, und wenn man dem Bräutigam eine blanke Million auf den Tisch aufzählen würde, so ließe er auch von dem Mädchen nicht ab. »Und das meint Ihr in Ernst, Daniel?« fragte Rebb Eisik mit einem gewissen schelmischen Lächeln, das dem alten Manne sehr wohl anstand. »Was heißt, Rebb Eisik?« betheuerte der Gemeindesänger. »Ist denn das nicht eine Partie, wie es keine bessere gibt, wenn der Eine nichts hat und der Andere auch nichts und Keiner was zu verlieren hat?« »Daniel Kremsier, mir scheint, Ihr habt erst Ein Glas getrunken«, sagte Rebb Eisik mit vollem Ernste, »schenkt Euch ein und trinkt ein zweit' Glas, damit es ein Bissele heller wird in eurem Kopf. Denn Ihr habt eben eine große Narrethei von Euch gegeben.« »Wie heißt, Rebb Eisik?« fragte der Gemeindesänger sich verwundert stellend, ließ sich aber die Mahnung seines Potentaten nicht zweimal wiederholen. »Wie heißt?« äffte Rebb Eisik nach. »Das heißt: jetzt hat der Bräutigam noch die Brill' auf und sieht Alles doppelt. Die Nase von seiner Braut erscheint ihm doppelt so schön, als sie vielleicht in der Wirklichkeit ist, und wenn sie etwas redet, meint er vielleicht, Gott selbst in seinem siebenten Himmel kann nicht so fein reden. Laßt aber ein Jahr oder zwei vergehen, Daniel! laß sie Mann und Weib sein, Kinder um sie herumschreien und dergleichen, dann seh zu, Daniel Kremsier, ob er noch die Brille auf hat.« Der Gemeindesänger war als Zeitungsblatt viel zu diplomatisch, als daß er durch Widerspruch seine Existenz in Gefahr gebracht hätte. Er begnügte sich also, durch ein lautes Gelächter der Meinung Rebb Eisik's seinen Beifall zu schenken und bei dieser Gelegenheit sein Glas zum dritten Male zu füllen. Kluge Leute mögen aber entscheiden, ob mein alter Rebb Eisik mit seiner Brille Recht hatte oder Unrecht. Die Geschichte jener ›Gasse‹, in der sich jener Bräutigam befand, will wenigstens wissen, daß er schon nach Jahr und Tag mit allen zehn Fingern nach jener Million gegriffen hätte, die er damals verschmäht – wenn sie ihm nur jemand auf den Tisch gezählt hätte. Kurze Zeit darauf starb der alte, nahe neunzigjährige Rabbiner der Gemeinde. So lange er am Leben war, hatte man sich gehütet, aus Ehrfurcht vor dem Greise, der die Meisten in der ›Gasse‹ als Kinder gekannt hatte, irgend welche Verbesserungen oder, wie es hochdeutsch heißt, ›Reformen‹ in Gottesdienst und Schule anzubringen. Der Tod des alten Rabbi war das Zeichen zu einem erbitterten Kampfe der Parteien; unentschieden wogte dieser lange hin und her, bis am Ende der Sieg den jüngern Gemeindemitgliedern zufiel. Die Jüngern hatten einen ›Prediger‹ durchgesetzt, und mit diesem einen ›geregelten‹ Gottesdienst. Am meisten von diesen tiefeinschneidenden Veränderungen war Daniel Kremsier, der Gemeindesänger, betroffen, denn sie giengen ihm fast ans Leben. Er sollte nicht mehr die schöne Kunst seiner gesungenen Schnörkel üben, nicht mehr die wildaufschreienden Melodien einer uralten Zeit vor den Ohren der Leute, die seiner geworden waren, anbringen! Eine andere Zeit war gekommen und mit ihr ein musikalischer ›Cantor‹, der im Chore des trefflichen Sulzer in Wien gebildet worden war. Daniel Kremsier ward mit vollem ›Gehalte‹ verabschiedet; er war das Opfer eines Kampfes geworden, den man in unserer wortreichen Zeit ›Übergangsphase‹ zu nennen pflegt. Dieses schreckliche Wesen fuhr wie ein schweres Wagenrad über den Leib des armen Gemeindesängers! Traurig und tiefbekümmert kam eines Abends Daniel Kremsier zu seinem alten Freunde. »Was ist mit Euch vorgegangen, Daniel?« rief ihm dieser erschrocken entgegen. »Ihr seht ja aus, als hättet Ihr acht und vierzig Stunden hintereinander gefastet?« »Sieht man mir's also an?« meinte der Gemeindesänger wehmüthig und beschaute mit einer Art von Lust seinen ohnehin spindeldürren Leib. »Ist es denn ein Wunder, wenn ich so aussehe? Ich frag' Sie, Rebb Eisik: muß das Einem nicht das Herz abstoßen, wenn man dreißig Jahre vor Gott und den Menschen gesungen hat, und jetzt kommt so ein Hergelaufener, der nicht einmal ›Hebräisch‹ recht lesen kann, und schnappt Einem das Brot weg?« »Weggeschnappt hat er es Euch nicht, Daniel«, bemerkte Rebb Eisik ruhig, »und ich denke, die Gemeinde läßt es Euch an nichts fehlen. Euer Brot habt Ihr, Daniel.« »Was hab' ich vom Brot«, rief der abgesetzte Gemeindesänger mit kläglicher Stimme, »wenn ich nicht mehr singen kann? Soll mir das also nicht das Herz abstoßen, wenn so Einer mit seinem Chor in derselben Schul' singt, die mich mehr als dreißig Jahre kennt?« »Das ist's, was Euch so mager macht, Daniel?« meinte Rebb Eisik wieder mit seinem ruhigen Lächeln. »Daniel Kremsier, seid kein Narr auf eure alten Tage und zieht auch Ihr die Brill' einmal aus.« »Wie heißt, Rebb Eisik?« fragte der pensionirte Gemeindesänger ganz verblüfft. »Schenkt Euch erst ein, Daniel«, meinte Rebb Eisik kaltblütig, »ich will Euch dann sagen, was das heißt.« Trotz seines Kummers ließ das klägliche Opfer einer Übergangszeit diese Mahnung nicht zweimal wiederholen. Mit auffallender Hast griff er nach dem Glase, und sein vom Kummer abgezehrtes Antlitz begann eine leise Röthe anzunehmen. »Daniel Kremsier«, sagte hierauf Rebb Eisik, der mit Wohlgefallen die Veränderung bemerkt hatte, die mit seinem Gesellschafter vorgegangen; »Daniel, Ihr wißt, ich bin keiner von denen, die sich das ›Jüdsein‹ auf die leichte Achsel laden. Ich kenne Euch, Daniel, seit dreißig Jahren, und immer hat sich mein Herz an eurem Gesange und euren ›Stückeln‹ ergötzt. Wenn ich Euch am Jom Kipur mit nüchternem Magen habe so gewaltig schreien hören, daß die ganze Schul' gezittert hat, da ist mir das Herz vor Freude aufgegangen. Ich hab' es immer gespürt: Der weiß, was er von Gott will. Was wollt Ihr aber, wenn die Zeit andere Ohren bekommen hat? Für mich schreit und singt Ihr gut genug. Was könnt ihr thun, wenn sich die junge Welt die Brille aufgesetzt hat?« »Wieder Ihre Brille, Rebb Eisik!« meinte der Gemeindesänger mit einem Anflug von Verdrießlichkeit im Tone. »Helft Euch, Daniel, anders«, sagte der Alte ungerührt. »Ich kann Euch nur den einen Rath geben: Nehmt Ihr Eure Brille herunter, und Ihr werdet einsehen, daß Ihr für die jetzige Weit nicht mehr paßt.« Daniel Kremsier neigte wehmüthig sein Haupt, er mußte dem Rathe des Alten beistimmen, wie schwer es immer dem Opfer der neuen Zeit fiel. Und in der That, der abgesetzte Gemeindesänger zehrt noch heut zu Tage am Gnadenbrote der Gemeinde und hat die Brille heruntergenommen, ganz wie Rebb Eisik es ihm angerathen hat. So wie dem Gemeindesänger Daniel Kremsier ergieng es noch vielen Andern, denen Rebb Eisik mit seiner Brille kam. Nicht jeder lachte darüber, Manchem fuhr sie wie ein spitzer Pfeil in die Seele. Selbst der neue Prediger entgieng ihr nicht. Der junge Mann hatte im ersten Eifer seiner Stellung an gar Manches in der Gasse die Axt gelegt und hatte ins Feuer geworfen, was gar nicht abgestorben oder gar todt war, sondern bei einiger Nachsicht sogar ein schöneres Nachleben versprach. »Gebt gut Acht, Daniel«, sagte einmal Rebb Eisik zu seinem abgesetzten Gemeindesänger, »gebt gut Acht: Der Prediger wird auch bald seine Brille wegnehmen!« »Leider Gottes aber«, klagte Daniel, in dessen Gemüth trotz allen Weines noch ein bitterer Tropfen lag, »leider Gotts! er hat sie aber noch auf. Soll man warten, bis kein Jüdenkind mehr in der ›Gasse‹ sein wird? Dann wird er sie gewiß herunternehmen.« »Schadet nichts, Daniel, schadet gar nicht«, bemerkte dagegen Rebb Eisik. »Die Jüdenkinder hören sobald nicht auf; aber der Prediger wird bald aufhören. Auch er hat die Brill' noch auf, und da meint er, er sieht jedes Fleckele und jedes schwarze Pünktchen in unserer heiligen Religion doppelt so groß als sie sind. Er ist umgekehrt wie jener Bräutigam! Der hat zu viel Schönes an seiner Braut gesehen und unser Prediger sieht wieder zu viel Schwarzes. Der Eine hat schon die Brille herabgezogen, der Andere wird es auch thun. Und je länger es dauert, Daniel, desto besser. Denn je hastiger Einer eine Sache in sich aufnimmt, je fester er überzeugt ist, daß er in der Sache Recht hat, desto gründlicher ist dann seine Besserung. Nur die Menschen nicht zwingen! nur abwarten bis das Nachdenken sich von selbst einstellt. Ich möchte mit Euch eine Million wetten, Daniel, daß wir Beide es noch erleben, wie der Prediger seine Brille herunternimmt.« Offenherzig gestanden, so gut sonst Daniel Kremsier die Brillensprache seines Freundes verstand, diesmal war sie ihm zu ›hoch‹. Noch fühlte er sich zu tief in seiner Ehre gekränkt, an die ihm jener ›Hergelaufene‹ mit seinem Chore so freventlich griff, als daß er sich so leicht zur Weltanschauung Rebb Eisiks hätte erheben können. Dennoch war er zu gescheidt, um gegen ihn Einspruch zu erheben; Rebb Eisik hatte etwas von der Halsstarrigkeit kluger Leute, die auf einen einmal erprobten Lebenssatz kein Stäubchen der Widerrede wehen lassen. Vielleicht war dieß mit der Grund, daß Daniel Kremsier der Äußerung seines Freundes über den neuen Prediger eine größere Verbreitung verschaffte, als Rebb Eisik selbst wünschte. So gelangte sie auch ans Ohr des neuen Predigers, er ward davon lebhaft getroffen. Der junge Mann mußte sich gestehen, daß sie zwar nicht neu war, aber eine Art Wahrheit enthielt, die er am wenigsten aus dem Munde eines alten Mannes erwartet hatte. Glühend vom Eifer für dasjenige, was er für das Bessere hielt, war er der Meinung, in jedem alten Manne der Gemeinde lauere ein Feind, der die frisch ausgestreute Saat zu vernichten strebe. Wie jedes eifrige und entbrannte Gemüth im Grunde von Nichtduldung des ihm entgegengesetzten Stoffes ausgeht, den es niederzuringen sucht, so hatte auch der junge Prediger vergessen, duldsam zu sein. Jetzt hörte er aus dem Munde eines der ältesten Männer in der Gemeinde die Mahnung, mit ihm selbst, dem Prediger, Geduld und Nachsicht zu brauchen. Er fühlte sich davon einigermaßen beschämt; zugleich aber entbrannte seine Seele im Zorn, daß man es wagen könne, seine Ansichten zu verdächtigen und ihnen nur eine zeitliche Beschränkung einzuräumen. In der ersten Aufwallung wollte er sich darüber auf der Kanzel auslassen, und hatte bereits einen Text dazu gefunden. Aber eine unerklärlich laut sprechende Stimme in seinem Innern hielt ihn zum Glücke von diesem unüberlegten Schritte ab. Die Beschämung behielt die Oberhand. Er beschloß den alten Mann, den er nur oberflächlich hatte kennen gelernt, aufzusuchen; es zog ihn mehr als gewöhnliche Neugierde zu ihm. An einem Sabath, an welchem er gepredigt, stellte sich der junge Prediger unerwartet bei Rebb Eisik ein. Der alte Mann war von der Ehre dieses Besuches lebhaft gerührt; über sein Antlitz flog es wie freundlicher Sonnenschein. Man sah es ihm an, er fühlte sich von der Auszeichnung geschmeichelt. Es ist dieß ein Zug, den wir namentlich an alten Leuten bemerkten, wenn sie von jungen Leuten aufgesucht werden. »Wissen Sie, Rebb Eisik«, begann der Prediger nach den ersten einleitenden Worten, nachdem ihm der Alte selbst einen Stuhl zugeschoben hatte, »warum ich zu Ihnen gekommen bin?« »Wie soll ich das errathen?« meinte Rebb Eisik lächelnd. »Bin ich doch kein Prophet!« »Und doch, Rebb Eisik«, rief der Prediger mit leichtem Hohne, »haben Sie vorausprophezeit, daß ich mich in kurzer Zeit ändern werde.« »Wissen Sie also auch schon von meiner Brille, Herr Prediger?« meinte Rebb Eisik ganz unbefangen, ohne im mindesten erschrocken auszusehen. »Sie halten mich also für einen Heuchler«, rief der junge Mann etwas lebhaft, »für Einen, der anders denkt und anders handelt?« Rebb Eisik legte wie beschwichtigend seine Hand auf den Arm des Predigers. »Sie haben noch nicht die Brille abgelegt, Herr Prediger«, meinte er mit seinem vertraulich milden Lächeln. »Wie verstehen Sie das, Rebb Eisik?« »Sehen Sie, Herr Prediger«, sagte der alte Mann mit seinem unerschütterlichen Lächeln, »wären Sie der Heuchler und Min, den Sie mir in den Mund legen, so hätten Sie nicht etwas unterlassen, als Sie in diese Stube eingetreten sind.« »Ich hätte etwas unterlassen?« rief der junge Prediger lebhaft. »Dort an der Thüre«, meinte Rebb Eisik, indem er seinen Finger ausstreckte, »hängt eine Mesusah, wie sie in jedem guten Jüdenhause zu finden ist. Denn mit Gott soll man eintreten und mit Gott soll man austreten. Diese Mesusah haben Sie unterlassen zu küssen.« Eine brennende Röthe überflog das sonst blasse Antlitz des jungen Mannes. Rebb Eisik bemerkte dieses Zeichen innerer Beschämung; in seinem milden Herzen keimte sogleich die Reue auf »Weh thun habe ich Ihnen nicht wollen, Herr Prediger«, sagte er, und drückte inniger auf dessen Arm. »Ich danke Ihnen, Rebb Eisik«, rief der junge Mann und ergriff die Hand des Greises, »ich danke Ihnen für die Lehre, die Sie mir so eben gegeben haben. Ich will sie nicht vergessen.« Rebb Eisik wußte nicht, wie ihm geschah. Er schaute dem jungen Manne eine lange Weile in das geröthete Gesicht. Vielleicht war es Argwohn, der in diesem Augenblicke sein sonst so mildes Gemüth durchzuckte. Ein junger Mensch in der Blüthe und Fülle seiner Jahre stand – so vor ihm und er hielt ihn doch für beleidigt! Dann aber rief er mit weicher Stimme: »Um Gottes Willen reden Sie nicht weiter, Herr Prediger. Es ist nicht gut, wenn Derjenige, der Gottes Wort zu verkündigen hat, seine Fehler sogleich eingesteht. Es ist das nicht gut. Was soll dann der gemeine Mann thun? der muß am Gelehrten immer das sehen, was die Kinder Israels an Moses gesehen haben, wie er vom Berg Sinai heruntergestiegen ist.« »Meinen Sie den heiligen Zorn beim Anblick des goldenen Kalbes?« rief der junge Prediger in hoher Aufregung. »Nein, Herr Prediger«, meinte der Alte milde, »ich meine den leuchtenden Schein um seinen Kopf, den ihm Gott geliehen hat, wie er die steinernen Tafeln brachte.« »Rebb Eisik, was sind Sie für ein Mann!« rief der Prediger entzückt aus, und ergriff aufs neue seine Hand, und schaute ihm mit leuchtenden Blicken in das feine Antlitz. »Loben Sie mich nicht zu sehr«, bat Rebb Eisik mit liebenswürdiger Bescheidenheit, »ich verdien's gar nicht.« »Sagen Sie mir nur, Rebb Eisik«, rief der Prediger noch immer ergriffen, »sagen Sie mir nur, woher hat sich dieser Schatz echter Lebensweisheit bei Ihnen gesammelt? Sie sind nicht nur klug, Sie sind auch ein großer Menschenkenner und prüfen Herz und Nieren. Sie haben in meine Seele einen tiefen Blick gethan. Wer hat Sie den gelehrt? Denn aus Büchern werden Sie doch nicht viel gelernt haben!« Rebb Eisik schwieg eine geraume Weile; aber auf seinem Antlitze malte sich deutlich die Freude, sein Lob aus dem Munde des jungen Mannes zu vernehmen. »Nein, gelernt hab' ich nicht viel, mein Herr Prediger«, meinte Rebb Eisik lächelnd, »nicht einmal so viel, was Sie nicht schon vor zwanzig Jahren vergessen hätten. Aber ich hab' meine Brille bald abgelegt.« »Ich glaube Sie zu verstehen, Rebb Eisik«, rief der Prediger lebhaft. »Sie sind wahrscheinlich frühzeitig durch eine harte Schule des Lebens gegangen, und aus den derben Stößen und Püffen, die Sie da erhalten haben, lernten Sie das Leben selbst beurtheilen und dessen Erscheinungen auf ihr wahres Maß herabsetzen. In dieser strengen Schule sind Ihre Augen geschärft worden, und das nennen Sie, Rebb Eisik: die Brille ablegen.« »Man sieht und hört es Ihnen an«, sagte Rebb Eisik schmunzelnd, »daß Sie ein Prediger sind. Sie können und verstehen Ihre Sache. Sollt' man nicht meinen, Sie hätten jetzt gerade über eine Stelle in der Bibel gesprochen, über die ein Anderer weggeschluppert wäre, während Sie etwas Schönes und Erhabenes darin finden! Aber glauben Sie nur nicht so etwas von mir, Herr Prediger. Ich hab' wirklich die Brille abgelegt.« »Wie?« fragte der junge Mann mit einiger Verwirrung. »Oder besser gesagt«, ergänzte sogleich Rebb Eisik, »ich hab' eine wirkliche Brille abgelegt.« Der Prediger starrte den Sprecher mit einer Miene an, als sei er überzeugt, dieser rede irre. »Sie wissen also wirklich noch nichts von meiner Brille?« rief Rebb Eisik, der die Verwunderung des Predigers wohl bemerkt hatte. »Kein Wort«, betheuerte der junge Mann. »So freut es mich wirklich in der Seele, daß ich gerade Ihnen die Geschichte von meiner Brille wieder erzählen kann. Hier in der ›Gasse‹ kennt sie jedes kleine Kind. Sie sollen daraus ersehen, Herr Prediger, daß ich Ihnen am wenigsten habe mit meiner Brille wehe thun wollen.« »Rebb Eisik!« rief der Prediger vorwurfsvoll. »Gut, gut«, meinte der Alte, »entscheiden Sie selbst, wenn ich fertig bin. Werden Sie aber auch genug Geduld haben, einen plauderhaften alten Mann so lange anzuhören?« »Tage lang könnte ich Ihnen zuhören!« rief der Prediger begeistert. Rebb Eisik lächelte fein und begann: »Ich bin das einzige Kind sehr reicher Eltern gewesen. Da Sie in unserer Gemeinde nicht geboren sind, so können Sie auch nicht wissen, was für ein Mann mein Vater gewesen ist. Stellen Sie sich nur das Eine vor. Wenn man von Rebb Anschel Maier gesprochen hat, so hat man sich darunter etwas wie jetzt Baron Rothschild vorgestellt. In ganz Böhmen und Mähren, ja selbst in Wien hat man seinen Namen gekannt, und wenn Einem ein Wechsel vorgekommen, auf dem die Unterschrift meines Vaters gestanden ist, so hat er gewiß gesagt: der ist so gut wie baares Geld. Damit will ich nur zeigen, was für ein Mann er gewesen ist. Meine Mutter war draußen im Reich geboren; der Vater hat sie auf der Frankfurter Messe kennen gelernt, wohin er zweimal im Jahre kam. Es war eine merkwürdig feine und besondere Frau; sie hat geschrieben, deutsch und jüdisch, wie kaum ein Mann, was in der damaligen Zeit viel geheißen hat. Man hat ihr auch nachgesagt, daß sie französische Bücher hat lesen können und auf dem Clavier gespielt hat. Das ist in jener Zeit wie ein Wunder angesehen worden. Wie aber die Menschen sind! Die große Bildung ist das Unglück meiner Mutter gewesen. Sie ist deßwegen ordentlich beschrieen worden und keine Frau in der Gemeinde hat sich unterstanden, mit ihr in einen näheren Verkehr zu treten. Die Leute glaubten immer, sie müßten mit ihr französisch reden, und weil das keiner wußte, haben sie zuletzt gar nicht mit ihr gesprochen. Dadurch ist meine Mutter nie heimisch geworden in der ›Gasse‹, sie hat sich immer als Fremde betrachtet! Nur gegen meinen Vater und mich war sie nicht fremd, uns hat sie gezeigt, wie sie war und was in ihr verborgen lag. Als das einzige Kind war ich ihr Augapfel. Gott der Lebendige weiß, woher so eine Mutter all die Liebe und Zärtlichkeit für ihr Kind bekommt. Worauf gar kein anderer denkt, darauf denkt eine Mutter, was Keinem eine Sorge macht, das bekümmert sie und macht ihr das Herz schwer. Ich will wetten, nicht Amram, der Vater Mosche's ist's gewesen, der den guten Gedanken mit der Prinzessin hatte, sondern seine Mutter. Wie sollte ein Mann auf so etwas verfallen! Man hätte auch von der meinigen sagen können: Gott habe sie eigens zu einer Mutter bestimmt und mich zu ihrem Sohn! Fremd, wie sie in der Gasse war, hatte sie auch kein Verlangen, als ich schon zehn bis zwölf Jahre alt geworden, ihr Haus auch nur auf eine Stunde zu verlassen. Nur in der Frühe und am Abend, wenn ich in ›Schul‹ gehen mußte, kam ich von ihr weg; sonst bin ich keine Minute aus ihren Augen entschwunden. Der Vater war beinahe immer auf Geschäftsreisen; der konnte sich wenig um mich bekümmern. Kein Mensch wunderte sich auch, daß mir die Mutter den ersten Unterricht ertheilte; von ihr lernte ich lesen, schreiben und rechnen, ja selbst die Bibel habe ich von Keinem gelernt als von ihr. Als wenn es heute geschehen wäre, erinnere ich mich noch jetzt, wie der Vater einmal von der Leipziger Messe etwas mitbrachte, das in ein graues Papier eingewickelt war. Ich wollte darnach greifen und es aufmachen, da schrie aber mein Vater auf, als hätte ich meine Hand in glühendes Eisen getaucht. ›Wozu hast Du mir es also mitgebracht, Vater‹, rief ich weinend, ›wenn ich es nicht anrühren darf?‹ ›Wart' bis auf die Nacht‹, sagte mein Vater unruhig und versteckte das graue Packer an einem sicheren Orte. Ich weinte und jammerte, die Mutter aber tröstete mich. Als die Nacht gekommen war, holte der Vater das Packer aus dem Verstecke herbei, nachdem er sich früher überzeugt hatte, daß alle Thüren und Fenster fest verschlossen waren. Der graue Umschlag ward hinweggenommen; es waren fünf Bücher, die mir der Vater hinlegte. ›Das ist ja Chumesch‹ (die fünf Bücher Mosis), rief ich, beinahe enttäuscht. ›Um Gottes willen schweig, wenn du nicht willst, daß ich dir die Bücher wegnehmen soll‹, schreit mein Vater ganz ängstlich, und ich habe das auch auf Zureden der Mutter versprechen müßen. Aus dem Chumesch hat sie mich unterrichtet. Erst lange Jahre darauf habe ich die Vorsicht und Angst meines Vaters begriffen. Wenn man jenes Chumesch bei uns hätte angetroffen, Gott der Lebendige weiß, was uns damals geschehen wäre! Es war mit der deutschen Übersetzung von Moses Mendelssohn aus Dessau! Wie ich mein dreizehntes Jahr erreicht, sollt' ich in die Fremde, um da ein Geschäft zu lernen. Das war damals so der Brauch; nach der Bar Mizwah mußte ein Jüngel fort. Jetzt soll man es anders damit halten; die heutige Welt möchte für dreizehnjährige Kinder noch gerne eine Amme im Hause haben. Die gute Mutter hat lange nicht gewollt, endlich aber hat es der Vater durchgesetzt. Ich bin nach Prag zu dem großen Geschäftsmanne Abraham Taussig gekommen, der zu jener Zeit ein Spezereigeschäft in der Meiselgasse neben der Schul' gehabt hat. Bei dem bin ich volle vier Jahre in der Lehre gewesen und bin während dieser Zeit niemals zu meinen Eltern auf Besuch gekommen. Ich sollt' mich entwöhnen, sagte mein Vater. Gut! ich hab' mich entwöhnt, hab' gelernt was zu lernen war; aber wie die vier Jahre um waren, und ich einmal einen Brief erhalte, daß ich nach Hause kommen sollt', da hab' ich mich doch außerordentlich gefreut. Denn mit mir war indessen eine große Veränderung vorgegangen. Als ein kleiner ›Krupp‹ hatte ich die Heimath verlassen, in die Höhe geschossen wie eine Hopfenstange kehrte ich zurück. Was werden die Leute in der ›Gasse‹ zu Dir sagen? fiel mir jeden Augenblick ein. Nun weiß ich nicht, wie es gekommen ist. Einen Tag vor meiner Abreise gehe ich durch die Zeltnergasse; ich wollte mir die Stadt noch einmal ansehen. Da bleibe ich, ohne daß ich eigentlich an etwas Bestimmtes dachte, vor dem Gewölbe eines Brillenmachers stehen. Wie ich mir so eine Weile die verschiedenen Dinge in dem Auslagskasten betrachte, kommt mir plötzlich der Gedanke: ›Wie wär's, wenn ich mit einer Brille auf den Augen vor meine Eltern hintreten möcht'! Mit so einer Brille sieht man wenigstens um etliche Jahre älter aus. Die Leute werden dich dann gar nicht erkennen.‹ Ohne weitere Überlegung trete ich also in den Laden ein, und kaufe mir die erste beste Brille! So lange als ich noch in Prag mich befand, habe ich sie nicht aufzusetzen gewagt, da haben mich die Leute ja gekannt. Aber kaum bin ich im Wagen, habe ich sie in Einem fort probirt. Die Ungewohnheit, so etwas auf meiner Nase und vor meinen Augen zu tragen, hat gemacht, daß ich die Brille in den ersten Stunden gern hundertmale auf die Straße hinaus geworfen hätte. Immer hat mich aber der Gedanke zurückgehalten, die Leute werden dich nicht erkennen und Du siehst damit viel älter aus! Und immer hab' ich aufs Neue die Brille aus dem Futterale herausgenommen und aufgesetzt. Merkwürdig, was der Mensch vermag, wenn er nur will! Wie ich noch zwei Stunden von meiner Heimat war, da habe ich die Brille gar nicht mehr gespürt, sie war mir auf der Nase wie angewachsen. Das hat mich mehr gefreut, als wenn ich eine Million mit nach Hause gebracht hätte. Wie ich an dem guten Ort, vorüberfahre, der, wie Sie wissen, an der Prager Straße liegt, wer kommt mir da entgegen? Naphtali Kremsier, der Vater unseres frühern Gemeindesängers Daniel, der mit Hasenhäutchen ist hausiren gegangen. Der sieht in den Wagen hinein, in dem ich langsam an ihm vorüberfahre und ruft gleich: ›S'Gotts willkumm, Eisik, bist Du auch schon zurück?‹ Ich glaub' im ersten Augenblick trifft mich schon vor Schrecken der blasse Tod! Gleich der erste Mensch, der mir begegnet, erkennt mich! Ein Anderer hätte nun die Brille von der Nase gerissen und sie in tausend Stücke zerbrochen. Ich aber – ich habe sie behalten! ›Sie sollen mich doch nicht erkennen‹, hab' ich in meinem Ingrimm ausgerufen. Niemals werde ich nun vergessen, wie ich von meiner guten Mutter bin aufgenommen worden. Noch jetzt fühle ich die heißen Thränen, wie sie über meine Wangen heruntertröpfelten, indem sie mich minutenlange gar nicht aus den Armen lassen wollte! Ich alter Junge spür's noch, es geht mir wie ein Messerstich durch das Herz, wenn ich an diese Stunde denke. Denn wissen Sie, was für ein Gedanke mir unter den Thränen meiner Mutter, unter ihrem Lachen und Weinen gekommen ist? Es hat mich geärgert, daß mich meine Eltern so gar leicht erkannt hatten, daß sie kein Wort über mein Aussehen, kurz über meine Brille sagten! Ist das nicht etwas, um noch jetzt darüber sich reuig an die Brust zu schlagen? Erst als ich eine Viertelstunde später meinen Eltern gegenüber saß, immerfort die Augen meiner Mutter auf mir, die sich an ihrem Sohn gar nicht satt sehen konnten, sagte mein viel ruhigerer Vater: ›Weißt Du, Jettel, ich finde unser Eisik hat sich etwas verändert; er hat etwas Fremdes in seinem Gesichte, ich könnt' aber nicht sagen, worin es besteht.‹ Ich wurde roth wie ein Mädchen, zu dem man auf die Beschau kommt. Also endlich doch! Meine gute Mutter stand auf, beinahe erschreckt von diesen Worten meines Vaters und blickte mir lange ins Gesicht. ›Ich find' ihn nicht verändert‹, meint sie hierauf, ›er hat noch ganz sein altes Aussehen.‹ Da blickt auch der Vater schärfer nach mir hin, und auf einmal bricht er in ein Gelächter aus, daß davon das ganze Haus erzittert. ›Jettel‹, ruft er keuchend, ›hättest Du denken können, daß sich das Jüngel so etwas von Prag wird mitbringen?‹ ›Was denn?‹ ruft sie erblassend. ›Siehst Du denn nicht die zwei Laternen, die unser Eisik vor den Augen hat?‹ Da schreit die Mutter auf und stürzt auf mich zu. ›Ist Dir etwas an den Augen geschehen?‹ spricht sie und zittert dabei, als wäre ich wirklich halbblind nach Hause gekommen. Ich konnte nicht reden, das Wort blieb mir in der Kehle; ich habe nur den Kopf geschüttelt. Was soll ich länger verzählen? Der Vater hat in Einem fort gelacht, die Mutter aber ist von Minute zu Minute besorgter worden, denn je mehr ich mit dem Kopfe schüttelte, desto mehr glaubte sie, mir fehle was an den Augen. Da brauche ich endlich vor lauter Zureden und Beschämung die schändliche Lüge: der berühmte Doktor Jonas Jeitteles in Prag hätte mir einmal in die Augen gesehen und gesagt: ich müßt' eine Brille tragen! So bin ich nach vier Jahren in der Fremde mit einer Lüge vor die guten Eltern getreten! Von diesem Augenblicke an hat freilich der Vater mit seinem Gelächter, was mir am meisten weh gethan, eingehalten, die Mutter aber, merkwürdig fein, wie die Weiber sind, hat mir nicht geglaubt. Sie hat es aber nicht merken lassen, und erst wie wir allein waren, hat sie mir es gesagt, und durch vieles Zureden und Schmeicheln die ganze Wahrheit aus mir herausgebracht. Es hat mich aber einen Kampf gekostet. Die gute Mutter! Statt nun darauf zu dringen, daß ich die Brille ablege, schon deshalb, weil ich gelogen hatte, hat sie zugegeben, daß ich sie behalte. Sie hat mir die Beschämung und das Gelächter meines Vaters ersparen wollen! Ich hab' die Brille auch behalten; ich habe geglaubt, ich hätte erst jetzt ein Recht darauf. Und wie ich am andern Tag durch die ›Gasse‹ gegangen bin, und manche Leute haben mich wirklich nicht sogleich erkannt, und haben mir verwundert nachgesehen, da habe ich in meiner Seele eine Freude empfunden, nicht anders als ob mich der Kaiser von Wien zum Oberstburggrafen gemacht hätte. Viele Leute haben mich ausgelacht, denn in der damaligen Zeit war es nichts Gewöhnliches, daß ein achtzehnjähriges Jüngel mit einer Brille gesehen wurde, und was gar nicht in meiner Natur gelegen ist: ich bin dadurch keck und übermüthig geworden. Und gerade unter die Leute, von denen ich gewußt habe, sie können meine Brille nicht ausstehen (leiden), gerade unter die bin ich am liebsten gegangen. Zuletzt hab' ich's dazu gebracht, daß sich die Leute meine Brille gefallen ließen. Denn wer in der Welt am längsten aushält, der hat's ja gewonnen. Das Schönste an der Sache war, daß bei dieser Narrethei mit der Brille mein Kopf für das Geschäft ganz unbrauchbar geworden war. Ich zeigte kein rechtes Geschick dafür und erst später habe ich eingesehen, daß eigentlich die Brille daran schuld war. Mein Vater klagte oft: ›Ich weiß gar nicht, was denn eigentlich das Jüngel in Prag gelernt hat. Was hab' ich davon, daß er eine Brille auf der Nase trägt? Wo er etwas sehen soll, sieht er doch nichts!‹ Die gute Mutter entschuldigte mich, wie sie konnte; oft habe ich aber den Vater sehr verdrießlich gesehen. Trotz dem bekam ich meine Brille immer lieber, denn man kann sich in ein Ding, das kein Leben hat, ebenso gut verlieben, als in eines mit Fleisch und Bein, und ich kann sagen: ich war verliebt. Da kam mein Vater einmal von einer Geschäftsreise mitten in der Woche zurück; denn gewöhnlich geschah dieß am Freitag. Sein Gesicht war blaß und die Augen tief eingesunken. Die Mutter schrie laut auf, als sie seiner ansichtig wurde; es hat ihr gleich nichts Gutes geahnt. Doch auf alle Fragen die sie an ihn richtete, antwortete der Vater nicht, er sperrte sich in seine Schreibstube ein und durch das Schlüsselloch konnten wir bemerken, daß er schreibe. Gegen Abend rief er die Mutter zu sich; nach einer schrecklich langen Stunde kam sie heraus, mit verweinten Augen, todtblaß im Gesicht. Auch sie wollte mir nicht sagen, was vorgehe, und nach Allem zu schließen, mußte etwas Schreckliches vorgegangen sein. In derselben Nacht fuhr der Vater wieder fort, er sagte nicht wohin. Volle zehn Tage blieb er aus; am Freitag kam er wieder. Aber sein Aussehen war dasselbe traurige wie das erste Mal, und wie ihn die Mutter fragte, was er ausgerichtet, schüttelte er mit dem Kopfe. Wir verlebten einen Sabbath, wie ihn mein größter Feind nicht erleben soll. Und bei allem dem habe ich nicht gewußt, was denn vorgieng. Sabbat zu Nacht, nach dem Nachtmal, sagte mein Vater mit einem Male zu mir: ›Eisik, ich hab' mit Dir etwas zu reden, komm' auf meine Stube.‹ Zitternd und bange folgte ich ihm. ›Eisik‹, sagte mein Vater zu mir, als wir allein in seiner Stube waren. ›Du hast vielleicht bis jetzt gemeint, ich bin ein reicher Mann.‹ ›Bist Du's nicht?‹ sagte ich auf den Tod erschrocken. ›Nein‹, sagte der Vater mit gebrochener Stimme, ›ich bin mehr als arm geworden. Ich kann nicht einmal zahlen.‹ Ich habe nur ein ›Schmah Jisroel‹ ausrufen können, die Sinne sind mir fast vergangen. Mein Vater hatte Mitleid mit mir. ›Was kannst Du dafür‹, sagte er, ›daß Du keinen Kopf fürs Geschäft hast?‹ Das Wort hat mir erst recht durchs Herz geschnitten; ich fing an laut zu weinen. Nun erzählte mir der Vater, daß er schon seit einigen Jahren einen Rückgang im Geschäfte verspüre, der Mutter und mir habe er es lange verschwiegen, denn ihm scheine, mir wäre meine Brille viel lieber als das Geschäft, und weil er das bemerkt, habe er die ganze Sache in sich hineingegessen. Aber das Unglück wachse ihm über den Kopf, länger könne es nicht verschwiegen werden. Das Alles aus dem Munde eines Vaters zu hören und sich dabei sagen müssen: Es geht Dich an! Ich hab' damals meine Sünden abgebüßt, aber eingesehen habe ich sie doch nicht. ›Meine Brill' soll also Schuld sein am Unglück?‹ fragte ich ein über das andere Mal. ›Ja‹, sagte der Vater, ›denn daß Du mich nicht verstehst, daran ist eben Deine Brille schuld.‹ Da habe ich geschwiegen, denn wenn das Herz von Unrecht sich gekränkt meint, verschließt es sich. Der Vater aber erzählte nun weiter, wie es mit ihm stehe. Der ›Bankrott‹ war so gut wie fertig. In den zehn Tagen, die er verreist war, hatte der Vater halb Böhmen durchzogen und überall die Gläubiger aufgesucht, um sich mit ihnen zu vergleichen. Die meisten hatten sich mit ihm verglichen, nur ein einziger, und dem wir das meiste schuldig waren, Rebb Joel Bidschof in Kollin hatte es rund abgeschlagen. Der hat den Vater wie einen Dieb behandelt, als er ihm mit dem Vergleich kam, und hat gedroht, wenn er nicht sein ganzes Geld bis auf einen Groschen bekäme, wollt' er ihn ins ›Criminal‹ bringen. So etwas hat man meinem Vater sagen sollen! ›Und ist gar keine Hilfe?‹ frug ich ihn jetzt. ›Gar keine‹, antwortete er traurig ›Joel Bidschof ist zu hart, der hat ein Herz wie ein Stück Eisen.‹ ›Vielleicht schickst Du mich zu ihm!‹ sag' ich plötzlich, als wäre mir eine Eingebung von Gott gekommen. ›Dich‹, ruft mein Vater und lacht spöttisch, ›Dich mit Deiner Brille!‹ Ich weiß nicht, was mir in diesem Augenblicke die Kraft gegeben hat, diesen Spott zu überhören. Ich sage wieder: ›Schick mich nur, Vater, schick mich.‹ Er aber hat immer wieder mit der Brille angefangen, Gott der Lebendige weiß, wie ich das ertragen habe. Endlich nachdem ich wieder darauf zurückkomme, daß er mich schicken solle, sagt er: ›Meinetwegen, geh, Eisik! Ausrichten wirst Du so nichts. Das sag' ich Dir aber: Zieh' nur vor allem deine Brille aus.‹ Am andern Morgen, in aller Frühe, bin ich mit einer besonderen ›Gelegenheit‹ fort nach Kollin. Die Mutter weinte, als ich von ihr Abschied nahm, der Vater aber, halb traurig, halb lachend, meint noch zu guter Letzt: ›Es ist nur gut, daß wir schön Wetter haben, damit Du Dich doch ein Bissele wenigstens unterhältst. Denn ausrichten wirst Du ja doch nichts. Ich hab' nichts ausgerichtet, willst Du's?‹ Die Brille hab' ich natürlich aufbehalten; es muß, wenn ich darüber nachdenke, doch aus Trotz gewesen sein, wegen der vom Vater erlittenen Kränkung. In solcher Gemüthsverfassung bin ich fort. Nach Kollin hat man in jener Zeit beinahe zwei Tage gebraucht, die man jetzt in weniger als einem Tage zurücklegt. Ich habe also Zeit gehabt, darüber nachzudenken, wie ich mit Rebb Joel Bidschof reden wollte. Merkwürdigerweise ist mir auch nicht die geringste Furcht angekommen. ›Ist der Joel Bidschof ein Minister oder Kaiser, daß ich mit ihm nicht sollt' reden dürfen? und bin ich nicht auch Rebb Anschel Maier's Sohn?‹ hab ich oft zu mir selbst gesagt. Ich habe mir also vorgenommen, mir von dem Manne nichts gefallen zu lassen, er sollte sehen, daß ich kein Jüngel mehr sei, und wenn er mit mir aufbegehrte, so wollte ich auch mit ihm aufbegehren. Mit solchen und noch andern ähnlichen Vorsätzen bin ich nach Kollin gekommen; es war gerade Mittag. ich, nicht faul, und entschlossen, lasse mir gleich Rebb Joel Bidschofs Haus zeigen, und ohne daß ich etwas gegessen oder getrunken hätte, gehe ich hin. Das Haus ist nicht weit von dem Wirthshause gelegen, wo ich abgestiegen war. Wie ich davor gestanden bin, hat mir doch das Herz gewaltig gepocht; erst jetzt ist mir recht eingefallen, wie viel von dem Nichtgelingen meines Besuches abhing. Das hat aber nur eine kleine Minute gedauert, ich hab' in mir Anschel Maier's Sohn gespürt, und hab' mir die Brille zurecht gerückt. ›Ist Rebb Joel Bidschof zu Hause‹, frag' ich ganz keck ein Mädchen, welches ich im Vorhaus treffe. ›Ja‹, sagte sie, ›gehen Sie nur hinein, er ist ganz allein in seiner Stube.‹ Das war mir nicht recht, denn mit Rebb Joel Bidschof hätte ich gern vor der ganzen Welt gesprochen, um ihm zu beweisen, wer ich und wer er sei. Indessen da dies nicht anging, klopf' ich beherzt an die Thüre und trete ein. Im ersten Augenblick habe ich in der Stube kein lebendes Wesen bemerkt. Auf einmal höre ich aus einem Winkel eine dünne Stimme sagen: ›Gott's willkumm.‹ Ich sehe hin, woher die Stimme gekommen ist, und erblickte ein kleines Männchen, mit einem Sammtkäppchen auf dem Kopfe, vor einem großmächtigen Schreibtisch sitzen und mit Geldzählen beschäftigt. ›Bin ich recht bei Rebb Joel Bidschof?‹ frag' ich ganz beherzt. ›Ja‹, ruft die dünne Stimme Rebb Joels, und dreht sich nicht einmal nach mir um, sondern fährt im Geldzählen fort. Eine Weile darauf sagt er: ›Wer bist Du? und was willst Du?‹ Dieses ›Du‹ hat mich gewaltig verdrossen. Was hat Joel Bidschof mit mir, den er nicht einmal kennt, ›Du‹ zu reden? Darum Antwort' ich mit einer Keckheit ohne Gleichen: ›Ich bin Rebb Anschel Maiers Sohn, und bin gekommen, um mit Ihnen zu sprechen.‹ ›Bringst Du Geld mit?‹ fragt Rebb Joel Bidschof mit seiner spitzigen Stimme. ›Nein!‹ sagte ich darauf. Da schiebt mein Rebb Joel den Stuhl, worauf er sitzt, mit einer Kraft zurück, wie ich sie dem kleinen ›Krupp‹ nicht zugetraut hätte, und mit einem Male springt er knapp an mich hin. Jetzt erst habe ich ihn von Angesicht zu Angesicht gesehen: so klein und dünn er war, hat er doch ein Gesicht gehabt, wie ein Wolf; ein Paar Augen haben darin gefunkelt unter buschigen Augenbrauen, wie von einer Katze in der Nacht; man hat sich ordentlich davor fürchten müssen. Mit diesen Augen sieht mich der kleine Joel Bidschof vom Kopf bis zu Füssen an, als wollt er mich von innen und von außen wie einen Sack Wolle mustern und sagt dann mit seiner Fistelstimme: ›Du bringst also kein Geld mit, Jüngel?‹ ›Nein‹, antworte ich noch einmal und gar nicht keck ›aber der Vater will sich mit Ihnen vergleichen.‹ Da wird der kleine Krupp Feuer und Flammen, sein Gesicht roth und die Augen speien ordentlich ein grünes Gift auf mich. Dann hub er an: ›Und Dich hat Dein Vater zu mir geschickt, um sich mit mir zu vergleichen, mit Joel Bidschof? Dich keckes Jüngel mit der Brill' auf der Nas', schickt der Schnorrer zu mir, und meint, er wird was ausrichten? Hat er gemeint, ich bin selbst so ein Schnorrer, wie er? Einer, der mich fußfällig bitten sollt', schickt mir so ein grünes Jüngelchen mit einer Brill' auf der Nase? Jetzt mach', daß Du fortkommst, und sag' deinem Vater: vom Vergleich ist keine Rede! Ins Criminal muß er, und das hat Joel Bidschof gesagt, der noch niemals sein Wort gebrochen hat.‹ Gott der Lebendige weiß es, wie ich aus der Stube und von dem grimmigen Wolf fortgekommen bin, ich weiß es noch heute zu Tage nicht. Es hat mich aber eine solch Furcht vor den Augen Joel Bidschofs gepackt, ein solches Zittern und Zagen, daß ich zur Thür draußen war, und zum Hause hinaus, noch ehe ich an eine Gegenrede hätte denken können. Und selbst wie ich wieder in der Gasse stand, wirkte die Furcht vor dem schrecklichen Joel in mir fort. Ich bin gelaufen, so weit als mich meine Füße tragen konnten; erst bei dem Wirthshause, in welchem ich eingekehrt war, machte ich Halt. Aber, lebendiger Gott! in welchem Zustande! Zerschlagen und zerbrochen von der großen Kränkung, die ich so eben erlebt, beschämt und gedemüthigt, wie ein Hund, den man mit dem Stocke verjagt hat, so war mein Zustand. Ich rannte auf meine Stube, ich glaubte noch immer die Stimme Rebb Joels hinter mir zu hören. Dort warf ich mich der Länge nach aufs Bett und vergrub mein Gesicht in den Kissen. Dann aber hat der Schmerz über die erlittene Kränkung in mir aufgeschrieen; wie ein kleines Kind habe ich angefangen zu weinen, und unaufhaltsam sind meine Thränen geflossen. Ich hab' mich hingewünscht, wo mich kein Menschenauge mehr gesehen hätte und hab' mein Leben verflucht. Mich so zu behandeln, mich, Anschel Maier's Sohn! Wenn das die gute Mutter gewußt hätte, was mir in dieser Stunde geschehen war! Meine Thränen sind immer stärker geflossen; ich habe geglaubt, mein Leben wird mit ihnen dahinfließen. Aber sie haben doch aufgehört, wie das immer geschieht, wenn sich das Herz zu sehr anstrengt. Dafür ist aber in mir ein anderes Gefühl aufgekommen; ich habe mich rächen wollen an Joel Bidschof. Da bin ich aufgesprungen und Gott hätte ihn schützen mögen, den hartherzigen Menschen, wenn ich ihn in diesem Augenblicke vor mir gehabt hätte. Einmal hatte ich sogar schon die Thüre aufgerissen, und habe zu Joel Bidschof eilen wollen. Aber dabei ist es auch verblieben. Weiter als bis zur Thüre bin ich nicht gekommen, und daß ich es nur geradezu heraussage: ich habe mich gefürchtet! Dann habe ich mich wieder aufs Bett geworfen, und habe geweint und gejammert, und mir das Leben verwünscht. Dazwischen bin ich auch aufgesprungen und habe gegen Joel Bidschof die Faust geballt. So habe ich es die halbe Nacht getrieben, bis ich gegen Mitternacht vor lauter Weinen und Klagen in einen tiefen Schlaf verfiel. Wie lange ich so geschlafen habe, weiß ich nicht; aber auf einmal ist es mir, als ob ich meines Vaters Stimme neben mir vernähme, und der spricht: ›Siehst Du, Eisik, das alles haben wir Deiner Brille zu verdanken. Daß Joel Bidschof sich nicht erweichen läßt, und daß ich ins Criminal komme, wer ist daran anders schuld, als Du und deine Brille?‹ Mit einem Schrei, den ich noch jetzt höre, bin ich aufgewacht; mein Körper war eiskalt, ein solch' Entsetzen hat mich erfaßt. Die Stimme des Vaters habe ich so deutlich vernommen, daß ich selbst, als ich aufgewacht und zur Besinnnung gekommen war, nicht glauben wollte, daß ich geträumt hatte. Aber es war nur meine eigene Stimme gewesen, die Stimme meiner eigenen Seele, die während meines Schlafes mit sich selbst gesprochen hatte. Ich konnte nicht mehr einschlafen. Die Worte meines Vaters, die eigentlich meine eigenen waren, tönten mir immer wieder in den Ohren. Ich mit meiner Brille war also wirklich schuld! Das ist mir jetzt nach und nach immer klarer und heller geworden. Und je deutlicher sich mir die ganze Narrethei mit der Brille vorstellte, desto mehr ist meine Verzweiflung gewachsen. Wenn ich in dieser Nacht nicht grau und weiß geworden bin, so ist das ein Wunder. Aber um zwanzig Jahre wenigstens bin ich älter geworden in dieser Nacht. In der Stille dieser Verzweiflung, die kein Auge gesehen hat, als der heilige Gott im Himmel, bin ich zu einem neuen Leben erwacht. Ich hab' es gespürt, wie eine eigene Kraft durch meinen ganzen Kopf geflossen ist, wie es stoßweise vom Herzen zum Kopfe hinaufarbeitete. Dann bin ich ruhiger geworden. Etwas Merkwürdiges war mit mir vorgegangen. Eine Demuth war über mich gekommen, wie ich sie niemals gekannt hatte. Joel Bidschof hatte Recht, wenn er mich so behandelte. Was mußte ich, der junge unerfahrene Mensch, mit solcher Frechheit zu ihm kommen? Mit der Brille auf der Nase ihn bereden, daß er sich mit meinem Vater ausgleichen sollte? Aller Stolz und Narrethei war von mir gewichen; jede erlittene Kränkung hat in mir geschwiegen. Joel Bidschof hat an dir nur gethan, wie du es verdient hast, schrie ich immerfort. Und nicht ich war der Beleidigte und Gekränkte, sondern er! Da fragte ich mich: Was ist jetzt zu thun? und wie eine Gottesstimme ertönte es in mir: Thu' Buße und geh' Joel Bidschof um Verzeihung bitten! Ja, abbitten! Wie der Gedanke einmal in mir sich gemeldet hatte, da ließ er auch nicht mehr von mir. Das Einzige, was mir schien, daß ich noch thun könnte, war, daß ich zu Joel Bidschof gieng und ihn, als den Beleidigten, um Verzeihung bat. So weit war es mit mir gekommen! Und wie ein Ertrinkender nach einem Strohhalm, so habe ich nach diesem einzigen Mittel gegriffen, um mir Recht zu verschaffen. Dabei hat mich eine Freude ergriffen, als sollte ich an etwas besonders Angenehmes gehen. Ich habe den Morgen kaum erwarten können; denn es stand fest in mir, Joel Bidschof abzubitten. Wie neu erwacht, habe ich mich in aller Frühe, als es Tag geworden war, an Gott gewendet. So wie damals habe ich dann niemals mehr im Leben gebetet. Jedes Wort unserer heiligen Sprache ist mir besonders wichtig, und für meine Lage berechnet vorgekommen. Inzwischen war es heller Tage geworden, und ich mit dem ›Oren‹ fertig. Jetzt habe ich die Thüre nicht mehr aufgerissen; ich habe mich ja nicht mehr rächen wollen. Langsam und gefaßt, wie ein müder Mensch bin ich durch die Gassen gegangen. Die Brille hatte ich zu Hause gelassen! ›Ist Rebb Joel Bidschof zu Hause?‹ habe ich wieder gefragt. Er war eben aus ›Schul‹ zurückgekommen und man zeigte mir die Thüre zu seiner Stube. Da ist er wieder wie gestern, mit dem Rücken mir zugewendet, an seinem Schreibtische gesessen und hat Geld gezählt. ›Guten Morgen, Rebb Joel‹, sag' ich fast unhörbar. Er dreht sich nicht einmal um, und schreit nur mit seiner Fistelstimme: ›Den guten Morgen zurück.‹ Was ich jetzt weiter reden sollte, war mir in diesem Augenblicke ganz unbewußt. Ich weiß nur, daß ich dagestanden bin und kein Wort aus der Kehle herausgebracht habe; sie war mir wie zugeschnürt. Nach einer guten Weile ruft Joel, ohne sich umzuwenden: ›Wer bist Du, und was willst Du?‹ ›Ich bin's, Rebb Joel‹, sage ich und ein Thränenfluß stürzt mir aus den Augen. Da dreht sich Joel Bidschof um und schreit: ›Bist Du nicht Anschel Maier's Sohn?‹ Ich konnte vor heftigem Weinen nicht antworten; er aber springt auf, gerade so wie gestern, und springt auf mich zu, als wollte er mir ein Leids anthun. ›Was willst Du wieder?‹ schreit er, ›habe ich Dir gestern nicht die Thür' gewiesen?‹ Aber ihm selbst vergeht jetzt jedes Wort; auf einmal hält er ein, wie wenn ihm die Stimme versagt hätte, und sieht mich wieder mit seinen stechenden Augen an. Da schlägt er die Hände über einander und ruft ganz erschrocken: ›Jüngel, bist Du wirklich Anschel Maier's Sohn? Um Gottes willen, wie siehst Du aus! Bist Du über Nacht im Grab gelegen?‹ Gott der Lebendige weiß, was in diesem Augenblicke mit Joel Bidschof vorgegangen ist; er war aber wie verändert. Ich konnte nur schluchzen; wenn ich reden wollte, erstickte mich fast der Krampf ›Bist Du krank, Jüngel?‹ ruft er dann und faßt mich bei der Hand. Da endlich bricht's aus mir mit großer Anstrengung heraus: ›Verzeihen Sie mir, Rebb Joel!‹ und kaum habe ich das Wort gesprochen, springt Joel Bidschof von mir zurück und starrt mich mit seinen Augen an. Die aber waren jetzt nicht mehr so funkelnd; etwas besonders Mildes hat daraus geblickt. ›Bist Du wirklich Anschel Maier's Sohn, der gestern bei mir gewesen ist? Ich erkenn Dich ja gar nicht mehr! Und die Brill' hast Du auch ausgezogen!‹ Joel Bidschof selbst konnte kaum reden, er mußte sich von mir abwenden. Nach einer guten Weile dreht er sich wieder zu mir um, und ein ganz anderer Mensch ist vor mir gestanden. Joel Bidschof hat Thränen im Auge gehabt. Da nimmt er mich wieder bei der Hand: ›Jüngel‹, sagte er weich, ›Du sollst sehen, daß ich nicht der hartherzige Mensch bin, für den Du mich wahrscheinlich gehalten und verflucht hast. Ich seh' Dir's an, mit Dir ist eine große Veränderung vorgegangen. Gestern als Du bei mir eingetreten bist mit deiner kecken Miene und mit der Brill' auf der Nas', da war ich ergrimmt gegen Dich und wärest Du vom Himmel gekommen, Du hättest bei mir nichts ausgerichtet. Heute aber erkenne ich Dich nicht mehr; Du bist demüthig geworden, mein lieb Jüngel, und hast deine Brille ausgezogen! Dafür sollst Du sehen, was es Joel Bidschof vermag! Nicht nur, daß ich von deinem Vater jeden Vergleich annehme, den er mir vorschlägt, sag' ihm auch, Joel Bidschof stellt ihm sein ganzes Vermögen zur Verfügung, damit er sich wieder aufhelfe, und wenn er Dich fragt: Wie so hat Joel Bidschof sich so schnell geändert, so sag' ihm, weil Du die Brill' ausgezogen hast!...‹ Was soll ich weiter verzählen? Wie ich nach Hause gekommen bin? was mein Vater dazu gesagt hat? So etwas läßt sich nur erleben. Genug, Joel Bidschof hat treu und redlich sein Wort gehalten, der Vater hat sich wieder aufgeholfen, und ich bin ein tüchtiger Geschäftsmann geworden. Sie kennen mein gutes Weib, Gott soll mir sie noch lange erhalten. Sie ist das Mädchen, das mir das erste Mal die Thüre zu Rebb Joels Stube gezeigt hat. Sie ist Rebb Joel Bidschof's Tochter, mit dem der Friede sei! Das Alles ist geschehen, weil ich meine Brille ausgezogen habe. Die Brille hab' ich noch; aber gebraucht hab' ich sie seit jener fürchterlichen Nacht nicht mehr. Von da an schreibt sich mein Spruch her. Sie werden ihn jetzt verstanden haben, Herr Prediger!« Tief bewegt drückte der junge Mann meinem alten Rebb Eisik die Hand. »Ich gebe Ihnen mein Wort, Rebb Eisik«, sagte er milde, »ich werde sie mir merken, diese Geschichte von Ihrer Brille.«