George Moore Pariser Geschichten S. Fischer Verlag Berlin Deutsch von Max Meyerfeld   Erste bis sechste Auflage 1926   Alle Rechte vorbehalten Printed in Germany Der Blumengarten der Normandie Als ich bei meiner Ankunft in Paris – dummerweise trifft man um sieben Uhr morgens ein – auf dem grauen Bahnsteig auf und ab schritt, war ich noch ganz erfüllt vom Anblick des Meers; es hatte während der Überfahrt wie eine schöne blaue Ebene ohne Anfang und Ende ausgesehn, eine Ebene, über die das Schiff einen kleinen Lichtkreis warf, und seine Bewegungen glichen dem menschlichen Leben: vor ihm und hinter ihm Dunkel. Mir stand noch vor Augen, wie wir im Dämmerschein in den langgestreckten, buchtenreichen Hafen einliefen, eine halbe Stunde ehe wir fällig waren – bei Tagesanbruch. Gegen den grünen Himmel, am Rande der Klippen hin, stand eine Zickzacklinie zerbrochener Pfähle; ein einziger Stern schien am mattschimmernden Himmel, ein einziger Reflex zitterte im ruhigen Hafen. Kein Laut war zu vernehmen außer dem Aufspritzen der Schaufelräder, und der Wind war nicht stark genug, die Fischerboote aufs Meer hinaus zu treiben; sie schlingerten in der Flut mit schwach geblähten Segeln. Vom Verdeck des Dampfers aus beobachteten wir seltsame Schiffsmannschaften, wild aussehende Männer und Jungen, die sich über die Reling beugten. Und es war mir noch gegenwärtig, wie ich im Halbdunkel nach der Stadt gesucht hatte, nirgends aber eine Spur von ihr zu entdecken vermochte; und doch wußte ich, daß sie da war, in den Mantel der Dämmerung gehüllt, unter dem grünen Himmel, daß ihre Straßen zum Dom führten, der auf allen Seiten von Bogenpfeilern gestützt war und dessen rundes Dach im Gewühl der Schornsteinröhren verschwand. Eine absonderliche, ergreifende Stadt mit ihren Nonnen, Tauben, alten Giebeln, wundersamen Dachfenstern und Höfen, in denen sich einst französische Adlige versammelten – jetzt wird man in ein paar Stunden Fische da verkaufen. Ich habe einmal in Dieppe einen Sommer mit Freunden verlebt, lauter Künstlern: Sickert war da und Dujardin. Während wir jetzt auf den Zug warteten und den grünen Himmel beobachteten, der sich allmählich aus der Decke der Wolkenmassen herauswickelte, dachte ich an Dujardin und Blanche und an den Sommer, der schon zehn Jahre zurücklag. Ganz langsam tauchte die Stadt aus dem Nebel auf; ein paar Dächer erst waren sichtbar, als das Fischermädchen mit schwerfälliger Bewegung der Hüften die Kais hinunterschlenderte und wir aufgefordert wurden, unsre Plätze im Zug einzunehmen. Wir fuhren an den Kais dahin, durch die Vorstädte und dann in ein stilles Gartenland mit kleinen Feldern, Bächen und Hügelhängen, die plötzlich in Klippen übergingen. Die Felder und Hügel waren noch schattenlos, grau, und selbst die Gärten, die in Blüte standen, machten einen wehmütigen Eindruck. Aber wie soll ich ihre Schönheit beschreiben, als die ersten schwachen Lichter kamen, als über den Hügeln die ersten rosigen Wolken aufstiegen? Garten reihte sich an Garten, und die Landhäuschen lagen alle noch in tiefem Schlummer. Nicht zum zweiten Male gibt es auf der Welt eine solche Reise wie die von Dieppe nach Paris an einem schönen Maimorgen. Nie wieder vergißt man den ersten Anblick der Kathedrale zu Rouen in der demantnen Luft, nie wieder den Fluß mit seinen Abzweigungen und die in der tiefen Strömung verankerten hohen Schiffe. Man träumt von der Kathedrale noch, hat man Rouen längst hinter sich gelassen, und wenn man erwacht, ist man inmitten einer flachen grünen Landschaft: der Fluß schlängelt sich um Inseln und durch Felder, darauf einsame Pappeln stehn, die ehedem Corot und Daubigny mit Vorliebe aufsuchten. Man sieht förmlich die Stellen, wo sie ihre Staffelei hinsetzten – diese sanfte Bodenerhebung mit der einsamen Pappel war für Corot wie geschaffen, dieses fruchtbare Flußufer und schattenreiche Stauwasser für Daubigny. Bald danach kommt das erste Wehr in Sicht und dann die erste Heufähre; und mit jeder Minute wird der Fluß heiterer, anmutiger, er schlingt seine Arme um eine flache Insel mit grünem Wald, darin Krähen horsten. Bisweilen sehn wir ihn vor uns, wie er die blühende Landschaft einfaßt, als ob sie ein Kleid wäre, wie er sich hindurchzieht gleich einem Band aus weißer Seide, und dort drüben verschwindet das grüne Kleid in dünnen Musselindämpfen, die sich über den tiefen Horizont breiten. Wir können von dieser Gegend nicht genug bekommen, und es tut uns leid, wenn das erste Landhaus sichtbar wird. Erst eins und dann wieder eins lugt zwischen den blühenden Kastanien hervor; und auf der Freitreppe stehn oft blaue Vasen, und mitunter hängt am Holzbalkon eine metallne Laterne. Die Läden sind noch nicht auf, die schweren französischen Läden, die wir alle so gut kennen, die dem französischen Haus einen so behaglichen, zwanglosen Anstrich geben und von alter Kultur zeugen. Da plötzlich mutet eine Straße an, als ob wir in Paris wären. ›Ist es denn möglich, daß wir schon durch Asnières fahren?‹ dachte ich. Der Name flitzte vorbei. Ich freute mich, daß ich Asnières erkannt hatte. Am Ende jener sehr langen Straße liegt nämlich das Restaurant, in dem wir unsern Stammtisch hatten, und zwischen dem Restaurant und der Brücke das Ballokal, wohin wir immer tanzen gingen. Dort hab ich die schöne Blanche D'Antigny, von ihren Verehrern umschwärmt, gesehn. Dort saß sie meistens mit dem Komponisten der ulkigen Lieder, die sie sang; damals meinte ich noch, sie habe eine bezaubernde Stimme. Einmal erging sich Blanche mit mir unter den Kastanien dieses staubigen, kleinen bal de banlieue , und ich war sehr stolz auf ihre Gesellschaft. Sie ist dahin, auch Julia Baron; Hortense hat sie alle überlebt. Sie muß schon sehr alt sein, mindestens fünfundachtzig. Es müßte wundervoll sein, sie ›Mon cher amant, je te jure‹ mit der zittrigen Stimme einer Fünfundachtzigjährigen vortragen zu hören; es müßte wundervoll sein, sie das Lied singen zu hören, weil sie nicht weiß, wie wundervoll sie ist. Die alte Kokotte braucht einen Dolmetsch ihrer Gefühle; sie hat deren eine ganze Anzahl gehabt: mancher große Dichter hat ihrem Schmerz und ihrem Verfall Ausdruck geliehn. Keine fünf Minuten von diesem Tanzlokal entfernt war das kleine Haus, das Hervé bewohnte, wo wir so oft abends eingeladen waren und er uns nach dem Essen seine letzten Kompositionen vorspielte. Wir hörten ihnen zu, aber das Publikum wollte nichts mehr davon wissen. Sedan hatte seinen Melodien alles Prickelnde geraubt, und der arme compositeur toqué hat nie wieder vor den Ohren der Menge Gnade gefunden. Wir lauschten seinen fidelen Weisen in dem Glauben, sie könnten das alte nervöse Fieber aus den Tagen des Kaiserreichs noch einmal aufflackern lassen, die Zeit, da Hortense tanzte, da sie das Kaiserreich als Sprungbrett benutzte und Paris gröhlte: ›Cascade ma fille, Hortense, cascade‹ . Die große Hortense Schneider, die große Göttin des Übermuts, kam häufig hin und sang dort die Lieder, die ihr zu neuen Triumphen verhelfen sollten. Sie alterte damals schon, ihre Zeit war vorüber, wie die Hervés. Umsonst schichtete er Parodie auf Parodie; umsonst nahm er den Dirigentenstab selbst in die Hand – die Tage des Ruhms waren für beide dahin. Jetzt ist auch Asnières vergessen. Die moderne Jugend amüsiert sich in einer andern Vorstadt. Das Tanzlokal hat man abgerissen, nie wieder wird ein Orchester eine Note aus diesen armseligen Partituren spielen; selbst ihre Namen sind unbekannt. Ein paar Takte aus einem Pagenchor fallen mir ein – ich bin der einzige, der sich noch daran erinnert, alle Melodien sind in Vergessenheit geraten, wie Hortense, Blanche und Julia. Immerhin, ich bin in Paris. Fast das gleiche Paris; fast der gleiche George Moore. Meine Sinne erwachen wieder wie früher zu allen Freuden, meine Seele ist wie nur je hingerissen von dem göttlichen Gefühl, zu leben. Schon einmal hat sich meine Jugend durch deine weiße Pracht bewegt, du Stadt des Lichts, meine Träume streckten sich in der Freiheit deiner Felder aus. Jahre kommen und gehn, aber jedes Jahr seh ich Stadt und Umgebung im seligen Frühlingsrausch. Und da ich vor dem Kuckuck wieder abreise, solange die Blüten noch hell an den Zweigen glänzen, ist es so gekommen, daß für mich Paris und der Mai eins sind. Eine Kellnerin Von der Ahnung erfüllt, daß er Schottland nie wiedersehn werde, schrieb Stevenson in der Vorrede zu ›Catriona‹: ›Ich sehe, wie eine Vision, die Jugend meines Vaters und seines Vaters und den ganzen Strom des Lebens, das sich dort oben im Norden ergießt, vom Klange des Lachens und von Tränen begleitet; er wird auch mich zu guter Letzt, gleichsam in einer plötzlich hereinbrechenden Überschwemmung, an diese äußersten Inseln spülen. Und ich bewundere die Romantik des Schicksals und neige vor ihr das Haupt.‹ Liest sich die Stelle nicht, als ob sie unter dem Druck einer fieberhaften Erregung entstanden sei, als ob Stevenson noch beim Schreiben seinem Gedanken nachjage? Darum erinnert sie an eine Motte, die nach dem Lichte flattert. Aber so vag der Satz auch ist, er enthält einige hübsche Wendungen, und man wird ihn sich merken, obschon vielleicht nicht in seiner ursprünglichen Form. Das ›Lachen und die Tränen‹ und die ›plötzlich hereinbrechende Überschwemmung‹ wird man vergessen; dafür wird sich ein schlichterer Ausdruck in unserm Gedächtnis bilden. Das Gefühl, das Stevenson äußern wollte, sickert nur in den Worten ›Romantik des Schicksals – äußerste Inseln‹ durch. Wer empfindet sein Schicksal nicht als Romantik? Wer wundert sich nicht über das äußerste Eiland, an das ihn sein Schicksal einmal wirft? Giacomo Cenci, der auf Befehl des Papstes lebendig geschunden werden sollte, staunte gewiß über die Romantik des Schicksals, das ihn auf sein äußerstes Eiland: ein erhöhtes Brett legte, so daß der Scherge die Haut seines Körpers wie eine Schürze bequem aufrollen konnte. Und ein Hase, den ich einmal in Regent Street ein Tamburin schlagen sah, blickte mich so sehnsüchtig an, daß ich davon überzeugt bin, er staunte auf eine entfernte Art über die Romantik des Schicksals, das ihn aus dem Wald geholt und an sein äußerstes Eiland geworfen hatte – in diesem Fall: ein Karren. Doch keins dieser beiden sonderbaren Beispiele für die Romantik des Schicksals dünkt mich so wundervoll wie das Los eines versonnenen irischen Mädchens, das ich in einem gewissen äußersten Café des Quartier latin den Studenten Getränke servieren sah. Auch sie hat zweifellos über das Schicksal gestaunt, das sie ausgestoßen und es so gefügt hatte, daß sie im Tabaksqualm sterben solle, während sie Studenten Getränke brachte und zu jeder Unterhaltung bereit war, die sie von ihr verlangten. Gervex, Mademoiselle D'Avary und ich waren nach dem Theater, um uns ein halbes Stündchen zu zerstreun, in dies Café gegangen. Ich war der Ansicht, das Lokal sei für Mademoiselle D'Avary zu unfein, aber Gervex meinte, wir würden schon eine stille Ecke finden, und wir hatten uns zufällig eine ausgesucht, wo ein schmächtiges, zartes Mädchen bediente, ein Mädchen, umwittert von einer Mattigkeit, einer Schwäche und einer Grazie, die mich fesselten und rührten. Ihre Wangen waren dünn, und in den tiefen, grauen Augen lag etwas Sehnsüchtiges wie in einer Zeichnung von Rossetti; ihr gewelltes braunes Haar fiel über die Schläfe und war, tief bis in den Nacken hängend, nach der Mode Rossettis aufgesteckt. Die beiden Frauen sahen sich an: die eine gesund und reich, die andre arm und leidend; es war nicht schwer, die Gedanken zu erraten, die ihnen durch den Kopf zogen. Sie hatten sich gewiß voller Staunen die Frage vorgelegt, warum das Leben sie so verschiedene Wege hatte wandeln lassen. Doch ich muß zuerst erzählen, wer Mademoiselle D'Avary war und wie ich zu ihrer Bekanntschaft kam. Ich war zu Tortoni gegangen, einem früher berühmten Café an der Ecke der Rue Taitbout, ins Stammlokal Rossinis. Als Rossini seine fünfzigtausend Francs jährlich verdiente, soll er gesagt haben: ›Jetzt bin ich mit der Musik fertig, sie hat ihre Schuldigkeit getan – jetzt esse ich jeden Tag bei Tortoni‹. Noch zu meiner Zeit gaben sich bei Tortoni Künstler und Literaten ein Stelldichein, um fünf Uhr war alles da. Zu Tortoni führte mich mein erster Gang in Paris. Wenn man da gesehn wurde, war es bald bekannt, daß man in Paris war. Tortoni war eine Art Annonce. Dort hatte ich auch einen jungen Mann entdeckt, einen meiner ältesten Freunde, einen begabten Maler – ein Bild von ihm war im Luxembourg –, einen von den Frauen angeschwärmten Mann. Gervex (er war es) hatte mich bei der Hand genommen und mir mit ungestümer Redseligkeit auseinandergesetzt, ich sei die Person, die er suche; er habe von meiner Ankunft gehört und mich in allen Cafés von der Madeleine bis Tortoni gesucht, und zwar wolle er mich zum Essen einladen, damit ich die Bekanntschaft Mademoiselle D'Avarys mache; wir sollten sie in der Rue des Capucines abholen. Ich schreibe den Namen der Straße hin, nicht weil es für meine kleine Geschichte von Belang ist, wo sie wohnte, sondern weil der Name suggestiv wirkt. Wer Paris liebt, hört die Straßennamen gern; sie sind für Pariser Leben ebenso bezeichnend wie die lange Stufenflucht, die sich dicht an den gestrichenen Wänden emporzieht, wie die braun gestrichenen Türen auf den Treppenabsätzen und der Klingelzug. Auch Mademoiselle D'Avary ist dafür bezeichnend, denn sie war Schauspielerin am Palais Royal. Nicht minder war es mein Freund; er gehörte zu denen, die sich etwas darauf einbilden, daß sie kein Geld für Weiber ausgeben, deren Lebensauffassung in dem Satz liegt: ›Hat eine Lust, ins Atelier zu kommen, wenn man mit der Arbeit fertig ist, nous pouvons faire la fête ensemble ‹. Doch so viel sich zugunsten dieses Standpunkts vorbringen läßt, und man kann viel dafür anführen: ich hatte gedacht, als ich mich bewundernd in ihrem Salon umsah – einem Salon mit Bronzen aus dem sechzehnten Jahrhundert, Meißener Porzellan-Figuren, Etageren voll Silberzierat, drei Zeichnungen von Boucher (Boucher aus drei Perioden: ein französischer Boucher, ein flämischer Boucher und ein italienischer Boucher) – ich hatte gedacht, er hätte die Bemerkung unterdrücken können, ich solle ja nicht glauben, irgendeiner dieser Gegenstände sei ein Geschenk von ihm, und hatte gehofft, er werde, als sie hereintrat, nicht sagen, das Armband, das sie anhabe, sei nicht von ihm. Es schien mir ziemlich schlechten Geschmack zu verraten, sie daran zu erinnern, daß er keine Geschenke mache, denn seine Bemerkung warf auf ihre gute Laune einen Schatten; ich konnte es ihr ansehn: bei dem Vorschlag, auszugehn und mit ihm zu speisen, war sie nicht so heiter wie vorher. Wir aßen bei Foyot, in einem altmodischen Restaurant, noch unberührt vom Geschmack der Neuzeit, der weiß und gold gestrichene Wände, elektrische Tischlampen und Tafelmusik bevorzugt. Nach dem Essen gingen wir in ein Theater dicht beim Odéon und sahen ein Stück, in dem Schäfer von flüsternden Bächlein miteinander sprachen und sich für ein untreues Weib umbrachten. Trotzdem darin die Weinlese, festliche Aufzüge, Erntewagen, Lieder in bunter Reihenfolge vorkamen, ließ es uns kalt. In den Zwischenakten stattete Gervex in verschiedenen Teilen des Hauses Besuche ab und ließ es Mademoiselle D'Avary frei, sich mit mir anzufreunden. Ich bin herzensgern bereit, neben dem Wagen herzugehn, in dem Amor ein Liebespaar spazieren fährt. Als das Stück zu Ende war, sagte er: »Allons boire un bock« , und wir kehrten in einem Studentencafé ein – einem Café mit Tapeten und Tischen aus Eichenholz, altmodischen Krügen, in dem die Kellnerinnen Brusttücher aus dem achtzehnten Jahrhundert trugen, wo ein Student gelegentlich ein hohes Bierglas zwischen die Zähne nahm, es auf einen Zug leerte und Hals über Kopf hinauseilte, ohne auch nur den Mund zu verziehn. Mademoiselle D'Avarys elegante Schönheit lenkte die wilden Blicke aller anwesenden Studenten auf sich. Sie trug ein Kleid mit eingewebten Blumen, und unter dem großen Hut quoll ihr Haar, schwarz wie die Nacht, hervor. Ihre südliche Hautfarbe war reich getönt, gelb und dunkelgrün, da wo sich das Haar im Nacken lichtete; die Schultern glitten in üppiger Andeutung in das Spitzenmieder. Es gewährte einen besondern Reiz, ihre reife Schönheit mit der blassen, dem Verfall geweihten Schönheit der Kellnerin zu vergleichen. Mademoiselle D'Avary saß, den Fächer weit über ihren Busen gebreitet, mit leise geöffnetem Mund da, so daß die kleinen Zähne zwischen den roten Lippen hervorleuchteten. Die Kellnerin saß da, mit den magern Armen auf den Tisch gestützt, und beteiligte sich in allerliebster Weise an der Unterhaltung, wobei sie nur mit einem Blick verriet, daß sie wußte: sie war gescheitert, Mademoiselle D'Avary hatte es zu etwas gebracht. Erst nach einiger Zeit hörte das Ohr einen schwachen Dialektanflug heraus, einen Dialekt, der sich schwer lokalisieren ließ. Einmal fiel mir eine südliche Betonung auf, dann wieder eine im Norden übliche; schließlich vernahm ich einen unverfälscht englischen Klang bei ihr und sagte: »Sie sind ja aus England.« »Ich bin aus Irland. Meine Heimat ist Dublin.« Und indem ich mir ein Mädchen vorstellte, das in seinen starren Dubliner Bräuchen groß geworden, das die Romantik des Schicksals aber an dies äußerste Café gespült hatte, fragte ich sie, wieso sie sich hierhin verlaufen habe, Sie erzählte mir, schon mit sechzehn Jahren sei sie aus Dublin fort und vor sechs Jahren nach Paris gekommen, um sich als Kinderfräulein eine Stelle zu suchen. Sie sei mit den Kindern meistens in den Luxembourg-Garten gegangen und habe mit ihnen englisch gesprochen. Eines Tags habe sich ein Student neben sie auf die Bank gesetzt ... Der Rest der Geschichte ist leicht zu erraten. Er hatte kein Geld, sie auszuhalten, und so mußte sie in dieses Café gehn, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. »Es sagt mir gar nicht zu, aber was soll ich machen? Man muß doch leben. Der Tabaksqualm reizt mich so zum Husten.« Ich wandte den Blick nicht von ihr, und sie muß geahnt haben, was mir durch den Sinn zog, denn sie erzählte mir, sie habe nur noch einen Lungenflügel. Wir unterhielten uns davon, wie sie wieder gesund werden könne, wenn sie nach dem Süden ginge, und sie sagte, der Arzt habe ihr dazu geraten. Da ich sah, daß Gervex und Mademoiselle D'Avary in ein Gespräch vertieft waren, beugte ich mich vor und widmete meine ganze Aufmerksamkeit diesem versonnenen irischen Mädchen, das in seiner Schwindsucht so fesselnd war; sie hatte ein rotes Brusttuch um, die dünnen Arme kamen in den weiten Faltenärmeln zum Vorschein. Ich mußte ihr etwas zu trinken anbieten; so war es des Ortes der Brauch. Sie sagte, Trinken sei ihr schädlich, aber wenn sie es abschlage, bekomme sie Unannehmlichkeiten; es sei mir vielleicht einerlei, statt dessen für sie eine Scheibe Rindfleisch zu bezahlen. Rohes Fleisch sei ihr verordnet. Ich brauche nur die Augen zu schließen und sehe sie wieder, wie sie in die Ecke des Cafés ging, sich ein Stück Fleisch abschnitt und es wegstellte. Sie sagte, sie werde es noch vor dem Schlafengehn essen, also in zwei bis drei Stunden. Während ich mit ihr sprach, malte ich mir ein Häuschen im Süden aus inmitten von Oliven und Orangenbäumen, sah ein offnes Fenster, durch das die würzige Luft hereinströmt, und dieses Mädchen daran sitzen. »Ich möchte Sie gern mit in den Süden nehmen und Sie pflegen.« »Das bekämen Sie wohl bald über. Ich könnte Ihnen auch nur sehr wenig als Ersatz für Ihre Freundlichkeit bieten. Der Arzt hat mir jeden Verkehr verboten.« Wir müssen eine ganze Zeit geplaudert haben, denn es war wie das Erwachen aus einem Traum, als Gervex und Mademoiselle D'Avary sich zum Aufbruch rüsteten. Da er sah, wie ich mich für das Mädchen interessierte, sagte er lachend zu Mademoiselle D'Avary, der Anstand erfordere es, mich mit meiner neuen Freundin allein zu lassen. Seine Neckerei verstimmte; und obgleich ich gern noch geblieben wäre, folgte ich ihnen auf die Straße hinaus, wo der Mond hellstrahlend über dem Luxembourg-Garten stand. Wie ich schon vorhin sagte: ich bin herzensgern bereit, neben dem Wagen herzugehn, in dem Amor sin Liebespaar spazieren fährt; doch es ist traurig, wenn man sich um Mitternacht allein auf dem Pflaster befindet. Statt ins Café zurückzukehren, wanderte ich weiter, mit meinen Gedanken bei dem Mädchen, das ich kennen gelernt, und ihrem sichern Tod, denn in dem Café konnte sie nicht mehr lange leben. Wir alle denken gern um Mitternacht bei Mondschein nach, wenn die Stadt wie ein schwarzer italienischer Kupferstich aussieht, und von selbst kommen uns Verse, während wir den rauschenden Fluß betrachten. Nicht nur die Idee zu einem Gedicht kam mir in dieser Nacht, sondern auf dem Pont Neuf begannen die Worte zusammenzuklingen, und eh ich zu Bett ging, brachte ich noch die ersten Zeilen zu Papier. Am nächsten Morgen schrieb ich weiter, und ich brauchte einen ganzen Tag zu den folgenden Versen: ›Wir sind allein. Hör zu – ein Weilchen nur! Vernimm den Grund, warum dein müdes Lächeln und deiner Stimme Flötenklang so hold, und wodurch meine Liebe tiefer ist, als dir je Liebe ward von Männern. Sie hat deiner Augen Weichheit nur gelockt, die köstlich graue, oder deine schlanke Gestalt: so eine Grille, wie sie arglos Verliebten stets als Vorwand dient; – mich lockt das nicht. Ich will versuchen, es zu sagen, Hör zu! Ich sehe gern die Sonne sinken am hoffnungslosen Horoskop der Stunden, wenn melancholisch still der Himmel wird in ruhigem Farbenspiel, wie ein Choral in sanfter Töne Harmonie; so soll dein Leben wie ein wonniges Phantom dem Blick entgleiten, und dein Tod soll sein wie eines linden Abends heitre Schwermut ... Gönn mir die letzten Stunden! Meine Liebe ist des Geschenkes wert – ich bitt um sie. Hab ich bis jetzt auch nie geliebt, mich dünkt, dich könnt ich lieben; aus dem Wissen, daß die Zeit so kurz, erwüchs' ein zärtlich Mitleid, ein Schmerz, der adelt, eine Seligkeit, ein Reiz hoch über aller andern Liebe. Jetzt hat der Tod den Arm nach dir gereckt und heischt als seine Braut dich. Meine Seele (kann sein) mißdeutet ihre Leidenschaft; vielleicht ist's Liebe nicht, doch wie ein Veilchen dich welken sehn, wie eine freundliche Erinnrung, war ein seltsam köstliches Vergnügen, das weit außer dem Bereich des Durchschnittsmenschen, Hör mir zu! Ich will dir auf dem Land, wo Korn- und Weizenfelder in gelben Ebnen rauschend sich erstrecken, wo wald'ge Hügel, dichtbelaubte Wege, für unsern Honigmond ein Häuschen suchen. Von Heckenrosen-Grün umrankt sind Tür und Fenster, die zum schattigen Garten führen, wo wir an sonn'gen Frühherbstabenden allein spazieren werden; jeden Abend ein kürzres Stück, bis zum Orangenbaum am Gartenende dir zu weit. Du ruhst von Zeit zu Zeit und lehnst an meine Brust dein schlaffes Lilienantlitz. Später dann trag ich aufs Sofa an der Fensterbank den matten Leib, daß du den letzten Rest des säum'gen Abendglastes trinken kannst, wenn Blütenduft die Lüfte schwellt; derweil wird meine Seele mannigfach von Schmerzen zerrissen werden. Wie ein blauer Tag, der holder wird, da er entschwindet, und geruhige Heiterkeit und Farbenfülle gewinnt, je mehr die ernste Nacht hereinschleicht, wirst du auf ewig süß entschlafen; ich werd einen Tag und eine Nacht dein Antlitz mit großen Tränen netzen und alsdann dich unter rosenroter Stätte bergen. Dort darf ich Bände voll Gedichte träumen, dir widmen, und ich seh ein Glück darin, zu wissen, daß du niedrigen Begierden fortan entrückt bist, wie der schöne Stern, der an dem Abendzelt des Himmels steht. Der Tod raubt wenig nur; dein Tod hat mir geschenkt geläuterten Besitz und tiefen Frieden, der niemals ird'scher Leidenschaft beschieden.‹ Selbstverständlich keine gute Dichtung, aber Verse, die sich hören lassen können. In der drittletzten Zeile stören die sechs Füße; um sie zu beseitigen, wäre der Schluß etwa so zu modeln: Der Tod raubt wenig nur; ich dank dir, Tod, für die Erinnrung und die reine Liebe, die unerwidert blieb. Und indem ich die letzten Verszeilen vor mich hin murmelte, eilte ich ins Café am Luxembourg-Garten. Ich sann darüber nach, ob ich wohl den Mut fände, das Mädchen aufzufordern, mit mir nach dem Süden zu kommen und dort zu leben. Ich ahnte, daß ich es unterlassen würde, – der Gedanke war für mich verlockender als die Tat; denn die Seele eines Dichters ist nicht die Seele einer Florence Nightingale. Das versonnene irische Mädchen tat mir leid, und ich eilte zu ihr, ich wußte selbst nicht, warum; sicher nicht, um ihr das Gedicht zu zeigen – der Gedanke schon war unerträglich. Oft machte ich unterwegs halt und legte mir die Frage vor, warum ich hinginge, zu welchem Zweck. Ohne in meinem Herzen eine Antwort darauf zu finden, stürzte ich weiter mit dem dunkeln Gefühl, daß ich mein eignes Herz auf die Probe stellte. Ich wollte wissen, ob es zu einem Opfer fähig sei. Ich setzte mich an einen ihrer Tische und wartete, aber sie kam nicht. Da fragte ich den Studenten neben mir, ob er das Mädchen kenne, das an diesen Tischen in der Regel bediene. Er bejahte es und erzählte mir von ihrer Krankheit. Ihr Zustand sei hoffnungslos, nur eine Bluttransfusion könne sie retten; sie sei fast blutleer. Er beschrieb, wie man dem Arm eines gesunden Menschen Blut entnehmen und einem fast Blutlosen in die Adern einführen könne. Doch während er sprach, flimmerte es mir vor den Augen, und seine Stimme drang nicht mehr zu mir; ich hörte jemand sagen: »Sie sind sehr blaß«, und er bestellte mir einen Kognak. Auch der Süden konnte sie nicht retten, tatsächlich nichts mehr; und ich ging, an sie denkend, nach Hause. Zwanzig Jahre sind verstrichen. Wieder denke ich an sie. Armes, kleines, irisches Mädchen! Von einer plötzlich hereinbrechenden Überschwemmung zuletzt an ein äußerstes Café gespült. Armes Knochenhäufchen! Und ich neige das Haupt und bewundre die Romantik des Schicksals, das es so fügte, daß ich, der sie nur einmal gesehn, der letzte sein soll, der sich ihrer erinnert. Vielleicht hätte ich sie vergessen, war es nicht zufällig so gekommen, daß ich ein Gedicht auf sie machte – ein Gedicht, das ich ihr jetzt zueigne und ihrem namenlosen Andenken widme. Marie Pellegrins Ende Octave Barrès sah seine Freunde gern bei sich im Atelier. Ein paar von uns, die an sein Talent glaubten, stellten sich im Laufe des Nachmittags regelmäßig bei ihm ein. So lernte ich allmählich jedes Bild, jede Skizze von ihm kennen; aber man kennt nie alles, was ein Maler macht. Als ich eines Tags ins Atelier kam, erblickte ich ein Porträt in Lebensgröße, das ich nie zuvor auf der Staffelei gesehn. »Es stand im Hinterzimmer, an die Wand gelehnt«, sagte er. »Ich hab's herausgeholt, weil ich dachte, der russische Fürst, der den Pegasus bei mir bestellt hat, kauft's vielleicht.« Und er wandte sich ab, weil er meine Lobeserhebungen nicht mit anhören wollte; denn ein Maler hat es nicht gern, wenn man seine Erstlingswerke lobt oder schmäht. »Ich hab es gemalt, eh ich malen konnte.« Er stand vor mir, mit der Palette in der Hand, und setzte mir seine neue Technik auseinander: bis zum Beginn des neunzehnten Jahrhunderts habe man alle Bilder zuerst einfarbig ausgeführt und dann lasiert; was wir unter "Malerei" verstünden, das sei von Greuze erfunden worden. Eines Tags habe er im Louvre etwas bei Delacroix entdeckt, etwas, das ihm nicht ganz einwandfrei erschienen. Dies Etwas habe ihn zum Nachdenken angeregt. Rubens habe ihm jedoch das Geheimnis offenbart. Rubens habe ihn malen gelehrt. Es sei gewiß gefährlich, umzukehren, seine Erziehung von vorn anzufangen; aber was habe man für eine Wahl – in den Schulen werde einem das Malen ja doch nicht beigebracht. Ich hatte alles, was er mir zu sagen wußte, schon vorher gehört und konnte meine Überzeugung nicht aufgeben, daß der Mensch in den Ideen seiner Zeit leben muß, ob sie nun gut oder schlecht sind. Es ist leicht gesagt: wir müssen uns einfach die Technik eines Rubens zu eigen machen und sie ängstlich vor jedem Übergriff unsrer Persönlichkeit bewahren; nein, in der Kunst wird unsre Persönlichkeit durch die von uns angewandte Technik bestimmt. Octaves Porträt interessierte mich mehr als der Pegasus und die drei fleischfarbenen Liebesgöttinnen, die eine Blumenschale über dem Kopf halten. Das Porträt war roh und gewaltsam, aber das war auch der Mann, der es gemalt hatte, gemalt hatte, als er noch Manets Schüler war, und die Technik Manets entsprach dem Temperament meines Freundes. Wir alle sind heutzutag Impressionisten; wir sind darauf aus, was wir empfinden und sehn aufzuzeichnen. Die sorgsam vorbereitete rhetorische Art eines Rubens stimmte so wenig zu Octaves Temperament, wie die Art John Miltons zu meinem. Ein Hauch von Goyas Art fand sich im Hintergrund, in der Kontrastierung von grau und schwarz, und eine Spur von Manets schlichter Auffassung im Gesicht, doch diese Anklänge waren nur schwach und nicht von Belang, denn sie gehörten unsrer Zeit an. Bei der Betrachtung seines Modells hatte er etwas gesehn, etwas empfunden. Er hatte dies hart, roh festgehalten, aber doch festgehalten; und darauf kommt es schließlich an. Sein Modell hatte ihn inspiriert. Das Wort "inspiriert" beleidigte ihn. Ich nahm es daher zurück; sagte, er hätte Glück gehabt mit seinem Modell, und er gab so viel zu: das magere Mädchen mit dem olivenfarbenen Teint, mit den Feinen, zarten Zügen und dem blauschwarzen Haar, das dicht anlag wie Federn – sie trug ihr Haar wie die Amsel ihren Flügel – das hätte einen zum Malen getrieben. Nachdem ich mich an dem Gesicht erbaut, bewunderte ich das schwarzseidene Kleid, worin er sie gemalt hatte – ein schwarzseidenes Kleid mit schwarzem Spitzenüberwurf. Sie trug graue Perlenohrringe und eine Perlenhalskette. Mich interessierte die Malerei, die so ganz anders war als Octaves jetzige Art, aber mehr noch das Weib selbst. Das Bild enthüllte mir etwas in der menschlichen Natur, das ich nie zuvor gesehn, woran ich nie zuvor gedacht hatte. Das Seelische auf dem Bild war so stark, daß ich die Malerei vergaß und an das Weib zu denken begann. Sie glich so gar nicht den andern, die ich bei Octave Barrès im Atelier getroffen hatte – in einem Atelier, das die Weiber mit Vorliebe besuchten. Anscheinend verkehrten dort alle möglichen Arten Weiber, in Wirklichkeit aber waren alle derselben Art. Gegen vier Uhr nachmittags kamen sie an und blieben, bis man sie wegschickte. Er ließ sie Klavier spielen und singen; ließ sie, wie er sich auszudrücken Pflegte, in der Wohnung grouiller , und sie erzählten von den Malern, denen sie gesessen, von ihren Kleidern und zeigten uns ihre Schuhe und Strumpfbänder. Er nahm kaum von ihnen Notiz, ging hin und her in Gedanken an seine Malerei, an seine archaische Malerei. Ich fragte mich oft, ob sein Äußeres irgendwie damit zu tun habe, daß er die moderne Technik aufgegeben, und gewiß, sein Äußeres war mit im Spiele: er sah nicht wie ein moderner Mensch aus, sondern wie ein Lehnsherr des sechzehnten Jahrhunderts; der Bart, die gebrochene Nase, das hierarchische Wesen halfen die Ähnlichkeit vervollständigen, und die Wolljacke, die er anhatte, erinnerte an einen Küraß, einen Panzer. Selbst in der Wahl seiner Wohnung schien er instinktiv dem Modernen aus dem Wege zu gehn: er hatte ein Atelier in einer Straße gefunden, deren Namen noch nie jemand gehört hatte, in die man nur schwer gelangte. Und das Atelier war ebenfalls hinter großen, bröckligen Mauern versteckt, mitten auf einem Grundstück, wo Kohl gezogen wurde. Octave war stets – seinen eignen Worten zufolge – dans une dèche épouvantable ; gleichwohl brachte er es fertig, sich im Stall hinter dem Garten ein Vollblut zu halten, und er ließ das Pferd kommen, sobald die Dämmerung hereinbrach. Dann sagte er: »Mes amis et mes amies, je regrette, mais mon cheval m'attend« . Und die Weiber sahen ihn mit Vergnügen aufsteigen, und manch eine dachte sicher, wenn er davonritt: er sieht wie ein Kentaur aus. Doch wer war das verfeinerte Mädchen? dies – ein Bild sagt Dinge, die sich nicht in Worte übertragen lassen – dies Mädchen mit der olivenfarbenen Haut, das einem Raffael als Madonna gesessen haben könnte, das so ganz anders war als Octaves übliche Weiber? Sie gehörten zur Montmartre-Sippe, aber dieses Wesen war vielleicht eine spanische Prinzeß. Da fiel mir ein: Octave hatte gesagt, er habe das Bild hervorgeholt in der Hoffnung, der Russe, der den Pegasus bei ihm bestellt, werde es kaufen, und der Gedanke durchfuhr mich: sie ist vielleicht die Geliebte des Fürsten. Seine Geliebte! Ah, ein märchenhaftes Glück! Was mochte sie erlebt haben? Ich brannte vor Begier, es zu erfahren, und langweilte mich bei Octaves anscheinend endlosem Geschwätz über seine Technik. Alles, was er sagte, hatte ich schon oft vernommen, aber ich hörte alles wieder mit an und sprach, um ihn günstig zu stimmen, mein Bedauern aus, daß das Bild nicht in seiner jetzigen Manier gemalt sei. »Es hat sein Gutes, das Bild«, sagte ich, »und das Modell – Sie haben offenbar Glück gehabt mit Ihrem Modell.« »Ja, sie war ein gutes Modell, aber es war schwer, sie zum Sitzen zu bekommen. Eine Conciergetochter – das hätten Sie nicht gedacht, was?« Mein Erstaunen belustigte ihn, und er brach in Lachen aus. »Sie kennen sie nicht?« sagte er. »Es ist Marie Pellegrin.« Und als ich ihn fragte, wo er sie getroffen, entgegnete er: bei Alphonsine; aber ich wußte nicht, wo Alphonsine wohnte. »Ich esse dort heut abend. Ich treffe sie da. Sie geht wieder mit dem Fürsten nach Rußland. Sie hat während ihrer Ferien im Quartier Bréda gewohnt. Sacré nom! Schon halb sechs, und ich habe meine Pinsel noch nicht ausgewaschen.« Auf meine Frage, was er mit den Ferien im Quartier Bréda meine, antwortete er: »Das will ich Ihnen alles im Wagen erzählen.« Aber kaum waren wir im Wagen, da fiel ihm ein, daß er einer Frau, die ihm zu sitzen versprochen, Bescheid hinterlassen müsse; er beteuerte, es werde uns nur ein paar Minuten aufhalten, und gab dem Kutscher die Adresse. Man führte uns in einen Salon – die Dame lief aus ihrem Schlafzimmer, wobei sie sich in ihren Peignoir hüllte, und die Sitzung wurde mitten auf dem gebohnten Parkettboden besprochen. Endlich kehrten wir zum Wagen zurück, aber wir saßen noch nicht recht, als ihm eine andre Verabredung einfiel. Er kritzelte Zettel in den Pförtnerlogen und erzählte mir zwischendurch alles, was er von der Geschichte Marie Pellegrins wußte. Dies zarte Geschöpf, das, wie mir eine Ahnung gesagt hatte, nicht zur Montmartre-Sippe gehören konnte, war die Tochter eines Concierge der äußeren Boulevards. Mit fünfzehn Jahren war sie davongelaufen und im Elysée Montmartre als Tänzerin aufgetreten. Sa jupe avait des trous, Elle aimait des voyous, Ils ont des yeux si doux. Aber ein russischer Fürst hatte sie eines Tages zu Gesicht bekommen und ihr einen Palast in den Champs-Elysées gebaut; doch sie hatte den russischen Fürsten samt seinem Palast satt. Durch das Halten des Wagens wurde Octave in seiner Erzählung unterbrochen. »Da sind wir«, sagte er und griff nach der Klingel, die an einem rasselnden Draht hing. Die grüngestrichene Tür in der bröckligen Wand wurde geöffnet, und ich erblickte eine untersetzte Frauensperson – Alphonsine. Und ihr Bild, eine von Octave gezeichnete Karikatur in Lebensgröße, sah mir von der getünchten Wand des Hühnerstalls entgegen. Er hatte sie mit zwei Katzen gezeichnet, die ihr um die Beine schnurrten, und darunter geschrieben: Ils viennent aprés le mou. Ihr Garten war ein mit Kies aufgeschütteter Raum; ich glaube, es stand ein Baum darin. Von Mauer zu Mauer war ein Zelt gespannt; und ein schäbiger Kellner deckte die Tische (zwei an der Zahl), stellte vor jedes Besteck eine Flasche Wein und legte lange Brotstangen in regelmäßigen Abständen auf. Er wurde durch das Klingeln in einem hin gestört und mußte zur Tür eilen, um die Gesellschaft hereinzulassen. Dann und wann erkannte ich ein Gesicht, das ich schon im Atelier gesehn hatte: Clementine, die voriges Jahr die Elsa studiert hatte und dieses Jahr ›La femme de feu, la cui, la cui, la cuisinière‹ in einem Caféchantant sang, und Margaret Byron, die eben aus Rußland geflüchtet war – sie soll da eine elende Kampagne gehabt haben. Die Mehrzahl war hors concours , denn Alphonsinens Haus war für die bejahrte Courtisane, was das Invalidenheim in Chelsea für die Veteranen ist: eine Art irdisches Paradies, voll Oktoberstimmung. Ich musterte die Menge. Wie konnte nur eins von diesen Weibern das Wesen interessieren, dessen Bild ich bei Barrès im Atelier gesehn hatte? Die da zum Beispiel, die ich jeden Morgen in der Rue des Martyrs in schmierigem Peignoir mit einem Korb am Arm auf den Markt gehn sah. So viel ich auch suchte: ich konnte unter den Weibern keine Freundin, unter den Männern keinen Liebhaber für Marie finden – weder die beiden beleibten, schon angejahrten Herren mit mächtigem Backenbart, die früher vermutlich Börseaner gewesen waren, kamen in Frage, noch der ausgemergelte Journalist, den ich mit Octade über ein Duell sprechen hörte, das er kürzlich ausgefochten. Auch nicht der kleine, rotblonde Schotte, dessen Französisch die Weiber nicht verstanden und dessen Englisch mir beinah unverständlich blieb. Ebensowenig der Kerl, der wie ein Oberkellner aussah – Alphonsinens Liebhaber; er war wirklich Kellner gewesen und erzählte mit der Miene eines Napoleon, der von Waterloo spricht, er habe ein fashionables Café auf den Boulevards »kreiert«. Keinen von diesen konnte ich Marie zuschreiben, und Octave sprach gleichgültig von ihr; es habe ihn gereizt, sie zu malen, und jetzt hoffe er, sie werde den Russen dahinbringen, das Bild zu kaufen. »Aber sie ist ja gar nicht da«, sagte ich. »Sie kommt gleich«, erwiderte Octave. Dann sprach er weiter mit Clementine, einer hübschen Blondine, die man allabendlich im Rat Mort sah. Erst als die Suppenteller abgetragen wurden, sah ich ein junges Weib in schwarzem Kleide durch den Garten kommen. Sie war's – Marie Pellegrin. Sie trug ein ähnliches Kleid wie das auf dem Bild, aus schwarzer Seide, mit Spitzen besetzt, und ihr schwarzes Haar war um das wohlgestaltete Köpfchen herumgeschlungen. Sie war ganz das Bild und doch mehr. Sie hatte ein eignes Lächeln, ein wehmütiges Lächeln, das aus der Tiefe ihres Wesens zu stammen schien, und eine weiche, melodische Stimme, unberechenbar wie die eines Vogels. Während des Essens bemerkte ich, daß sie ganz unvermittelt zu sprechen anfing, wie ein Vogel zu singen anhebt, und ebenso plötzlich hörte sie auf. Ich habe nie ein Weib gesehn, das so ganz sie selbst war, und ihre Schönheit legte sich mir manchmal wie ein sanfter Nebelschleier vor die Augen – sie entschwand meinen Blicken (beinahe wenigstens), und ich aß mechanisch weiter. Mit einemmal schienen wir fertig, und eh ich es noch wußte, erhoben wir uns von Tische. Als wir dem Hause zuschritten, wo der Kaffee serviert werden sollte, fragte mich Marie, ob ich Karten spiele; doch ich bat, mich zu verschonen: lieber wolle ich dasitzen und sie ansehn, sagte ich. Und just in diesem Augenblick wurde mir eine schmächtige Person mit rotem Haar, die gleichzeitig mit Marie gekommen war und bei Tisch neben ihr gesessen hatte, vorgestellt. Ich erfuhr, daß sie mit Marie eng befreundet sei, daß die beiden zusammen wohnten, sooft Marie wieder auf dem Montmartre hause. Sie war als La Glu bekannt; mit ihrem richtigen Namen hieß sie Victorine. Sie hatte Manet für sein Bild der Olympia gesessen, aber das war viele Jahre her. Ihr Gesicht war schmäler geworden, doch ich erkannte das rote Haar und die braunen Augen, kleine, dicht zusammenstehende Augen, die an des petits verres de cognac erinnerten. Ihr Skizzenbuch wurde herumgereicht, und als es in meine Hände kam, bemerkte ich, daß sie kein Korsett anhatte und ein altes, graues Wollkleid trug. Sie steckte eine Zigarette nach der andern an, beugte sich, den Arm um Maries Schultern geschlungen, vor und riet ihr, was sie ausspielen solle. Es war Ecarté. Nach einer Weile sah ich, daß Marie viel verlor, und etwas später suchte La Glu sie zum Aufhören zu überreden. »Noch eine Partie.« Dabei verlor sie den letzten Louis, den sie auf dem Tisch liegen hatte. »Jemand muß mir den Wagen bezahlen«, sagte sie. Wir wollten ins Elysée Montmartre gehn, und Alphonsine lieh ihr zwei Louis, pour passer sa soirée . Wir alle fuhren in Wagen fort, und die kleinen Pferde mußten kräftig die steilen Straßen hinauf anziehn. Die Federn auf den Hüten der Weiber wippten über das Verdeck. Marie saß in einem der vordersten Wagen und wartete auf uns an den hohen Stufen, die von der Straße zum bal führten. »Es ist mein letzter Abend«, sagte sie, »der letzte Abend, den ich für lange Zeit im Elysée sein werde.« »Kommen Sie nicht bald wieder?« »Sehn Sie, man hat mir fünfmalhunderttausend Francs geboten, wenn ich drei Jahre nach Rußland gehe. Stellen Sie sich vor, was das heißt: es drei Jahr' ohne das Elysée aushalten.« Und sie blickte sich um, wie ein Engel das Paradies anblickt, aus dem er vertrieben werden soll. »Die Bäume sind so schön«, sagte sie, »wie im Märchen.« Und ganz so nahmen sie sich aus, in das sommerlich warme Dunkel hinaufragend, unnatürlich grün über den Bogenlampen. Inmitten eines Kreises weißer Glasbirnen spielte das Orchester auf einer Estrade, und die Tänzer wirbelten ihre Partnerinnen herum, als ob es Kreisel wären. »Ich sitze immer da drüben unter den Bäumen in der Ecke«, sagte sie. Und sie wollte mich grade auffordern, mich zu ihr zu setzen, als ihre Aufmerksamkeit von mir abgelenkt wurde: die Menschen hatten sich zu Gruppen zusammengeschlossen, und ich hörte, wie einer dem andern zuflüsterte: »Das ist die Pellegrin.« Als der Kellner sie kommen sah, zog er sehr auffällig Tische und Stühle zur Seite, und in ein paar Minuten saß sie unter ihrem Baum, sie und La Glu , ihre Freunde um sich, und Marie spendierte Absinth, Kognak und Zigaretten. Plötzlich bildete sich ein kleiner Zug unter den Bäumen; er kam auf sie zu, Marie wurde ein großer Blumenkorb überreicht und ihrer ganzen Gesellschaft Sträußchen. Von verschiedenen Seiten des Tanzlokals schollen Hochrufe herüber: »Vive Marie Pellegrin, la reine de l'Elysée!« Die Musik setzte ein, die Menschen stürzten hin, um einer Quadrille zuzusehn, bei der zwei Weiber mit Leichtigkeit den Herren die Hüte mit der Fußspitze herunterschlugen. Und während ich ihnen zuschaute, hörte ich, zu Ehren Maries werde ein besonders großartiges Feuerwerk veranstaltet, da es bekanntgeworden, daß dies ihr letzter Abend im Elysée sei. Da vernahm man auch schon ein Zischen: die Rakete stieg zu ihrer ganzen Höhe empor, hoch hinauf zum dicht bezogenen Himmel. Dann schlug sie um, der Stern fiel eine kurze Strecke und zerplatzte: er löste sich in Türkisblau auf und ging in Rubinrot über, schön wie die Farbe der Blumen, wie Rosen oder Tulpen. Immer wieder änderte sich das fallende Feuer, Und Marie stand auf einem Stuhl und sah zu, bis die letzten Funken verglommen waren. »Sieht sie jetzt nicht ganz wie mein Bild aus?« fragte Octave. »Sie haben, scheint's, ihre Seele wundervoll geahnt.« Er zuckte verächtlich die Schultern. »Ich bin kein Psycholog, ich bin Maler. Aber ich habe was mit ihr zu sprechen.« Und mit einer Unbekümmertheit, die schon fast Frechheit war, bahnte er sich einen Weg durch die Menge und rief ihr zu, er habe sie etwas zu fragen; und sie gingen zusammen rings um das Tanzlokal. Ich konnte es nicht begreifen, daß er ihren Reizen gegenüber so gleichgültig war, und dachte darüber nach, ob er es von jeher gewesen. Nach einem Weilchen kamen sie zurück. »Ich will mein möglichstes tun«, hörte ich sie sagen; dann kehrte sie eilig um zu ihren Gefährten. »Sie haben wohl genug vom Elysée?« »Ah! qu'elle est jolie ce soir; et elle fera joliment marcher le Russe .« Wir schritten schweigend dahin. Octave merkte gar nicht, daß er etwas gesagt hatte, was mich vielleicht unangenehm berührte; er war mit seinen Gedanken bei seinem Bild. Gleich darauf meinte er, es tue ihm leid, daß sie nach Rußland gehe. »Ich möchte gern ein andres Porträt von ihr anfangen, jetzt da ich malen kann.« »Glauben Sie, daß sie nach Rußland geht?« »Ja, aber sie kommt bald wieder, und dann soll sie mir noch einmal sitzen. Man hält es kaum für möglich, wie wenig von der Kunst der Malerei bekannt ist. Sie ist in Vergessenheit geraten. Die alten Meister haben in zwei Tagen etwas ganz vollendet gemacht, woran wir wochenlang herumstümpern. In zwei Tagen war Rubens mit der Untermalung in grau fertig, und das Lasieren hat er mit Geschick und Leichtigkeit sicher in einer halben Stunde besorgt. Er hat mit dem Lasieren tiefere Farben erzielt, als jemand es heute kann, wenn er auch noch so viel Farbe auf die Leinwand tut. Die alten Meister hatten eben Technik, und die gibt's jetzt nicht mehr. Ein Pinsel taugt so gut wie der andre; ob man von oben oder von unten streicht – darauf kommt's nicht an, solang etwas auf der Leinwand steht. Manet hat damit angefangen, und Cezanne hat – nun, er hat die Sache spruchreif gemacht: die Malerei ist bankrott.« Ich folgte seiner Auseinandersetzung ohne rechte Lust, denn ich hatte schon oft gehört, was er zu sagen hatte, aber Octave redete immer, wie ihm der Schnabel gewachsen war; und an dem Abend wollte er über Malerei sprechen, nicht über Marie, und ich war daher froh, als wir zu der Stelle kamen, wo sich unsre Wege trennten. »Sie wissen doch – der Russe kommt morgen ins Atelier. Ich hoffe, er kauft mir das Bild ab.« »Hoffentlich«, sagte ich. »Ich würde es selbst kaufen, wenn ich das Geld dazu hätte.« »Ich möchte lieber, daß Sie etwas nehmen, was ich seitdem gemacht habe – nur nicht das Weib, dem Sie nachlaufen ... verzeihn Sie einen Augenblick. Sie sitzen mir doch übermorgen?« »Ja«, sagte ich, »ich komme.« »Und dann kann ich Ihnen auch sagen, ob er das Bild gekauft hat,« Drei Tage später fragte ich Octave auf der Schwelle, ob der Russe das Bild genommen habe; er sagte, bis jetzt sei noch nichts endgültig abgemacht. Marie war mit dem Fürsten nach Petersburg gegangen. Das war die letzte Kunde, die mir für viele Monate von ihr wurde. Aber selten verstrich eine Woche ohne ein Ereignis, das mich an sie erinnerte. Eines Tags schlug ich eine sibirische Reisebeschreibung an der Stelle auf, die davon erzählt, wie ein Knabe, der einem Stamm asiatischer Wilden angehörte, aus seiner Wüstenei, wo man ihn verlassen und dem Tode nahe aufgefunden hatte, weggeschleppt und nach Moskau gebracht worden war. Der Herr, der ihn gefunden hatte, adoptierte und erzog ihn, und der gezähmte Wilde wurde mit der Zeit ein stadtbekannter junger Modeheld, der keine Spur seiner Herkunft verriet, bis er eines Tags zufälligerweise einen seines Stammes traf. Der Mann war nach Moskau gekommen, um Felle zu verkaufen; und der Geruch der Felle weckte in ihm eine Sehnsucht nach der Heimat, Der gezähmte Wilde wurde schwermütig. Umsonst versuchte sein Adoptivvater, diesen ursprünglichen Trieb zurückzudrängen; Geldgeschenke linderten indes sein Heimweh nicht. Er verschwand, und man hörte jahrelang nichts von ihm, bis eines Tags eine Karawane mit der Nachricht zurückkam, ein Mensch unter den Wilden hätte sich durch sein Französisch verraten. Als man ihn zur Rede stellte, leugnete er jede Kenntnis des Französischen; er gab vor, nie in Petersburg gewesen zu sein, und äußerte auch nicht den Wunsch, dorthin zu gehn. – Was war diese Geschichte denn anders als die Geschichte Marie Pellegrins? Wenn sie ihrer russischen Fürsten und Paläste überdrüssig war, kehrte sie zur Erholung ins Quartier Bréda zurück. Ein paar Tage darauf hörte ich bei Barrès im Atelier, daß sie aus Rußland geflohen sei. An diesem Abend ging ich zu Alphonsine zum Essen, weil ich hoffte, sie dort zu sehn. Aber sie war nicht da. Es war niemand außer Clementine und den beiden Börseanern da. Gespannt wartete ich auf Nachricht von ihr. Ich wollte nicht ihren Namen erwähnen, und das unerquickliche Mahl war fast zu Ende, bevor ihr Name fiel. Ich hörte, sie sei krank; zwar nicht auf den Tod krank, aber doch bedenklich. Alphonsine gab mir ihre Adresse: etwas weiter hinauf auf derselben Seite wie der Cirque Fernando, fast dem Elysée Montmartre gegenüber. Die Hausnummer könne ich durch Fragen feststellen, meinte sie, und ich fuhr davon, die steile, steinige Rue des Martyrs hinauf, bemerkte das Café, alsdann die Brasserie und noch ein wenig weiter den Obsthändler und den Photographen. Wenn ein Druck auf uns lastet, achtet man auf Zufälligkeiten, und auf mir lastete ein Druck, und ich war zum Nachdenken zu erregt. Das erste Haus, vor dem wir hielten, war grade das richtige, und der Concierge sagte: »Vierter Stock«. Im Hinaufsteigen dachte ich an La Glu , an ihr schlampiges Kleid und ihr rotes Haar, sie kam auch auf das Klingelzeichen heraus und hieß mich in einen ausgeräumten Salon eintreten, wo wir uns an den Kamin stellten, »Sie hat vor, heut abend ins Elysee zu gehn. Wollen Sie nicht näher treten? Sie sind ihr gewiß willkommen. Drei oder vier von uns sind da. Sie kennen sie doch – Clementine, Margaret Byron?« Und sie erwähnte noch einige andre Namen, die mir entfallen sind, öffnete eine Tür und rief: »Marie, es kommt Besuch, ein Herr, den wir bei Alphonsine getroffen haben. Du kennst doch den Engländer, den Freund von Octave Barrès.« Sie reichte mir die Hand; ich hielt sie lange fest. »Comme les Anglais sont gentils! Dès qu'on est malade –« Mir ist, als hätte Marie den Satz nicht beendet; oder aber ich hörte das Ende nicht, doch ich weiß noch ganz gut, daß sie von meiner Abneigung gegen Karten sprach. »Sie haben bei Alphonsine nicht mitgespielt an dem Abend, als ich mein ganzes Geld verlor. Sie haben sich lieber Victorines Zeichnungen angesehn. Sie hat noch bessere gemacht. Möchten Sie sie nicht sehn? Wir spielen inzwischen fertig. Dann will ich mit Ihnen plaudern. Also bei Alphonsine haben Sie von mir gehört? Ich soll sehr krank sein, nicht wahr? Aber jetzt, da ich wieder hier bin, wird's mir auch bald gut gehn. Auf dem Montmartre geht's mir immer gut – nicht, Victorine?« »Nous ne sommes installées encore« , sagte Marie mit Anspielung auf die kärgliche Einrichtung und weil Uhr und Leuchter auf dem Boden standen. Aber waren zu wenig Stühle da, so lag doch eine Menge Geld und Schmuck zwischen dem Bettzeug; und Marie tändelte während des Spiels mit dem Schmuck. Sie trug weite Spitzenärmel, und die dünnen Arme kamen in ihrer schmächtigen Zartheit zum Vorschein, wenn sie sie hochhob und sich andre Ohrringe ansteckte. Ihre feine, wie eine Elfenbeinfigur geformte Schönheit, die kleine Nase mit den wundervollen Flügeln und vor allem der Mund, dessen Enden in schwache, unschlüssige Linien ausliefen, stach grell ab von den rohen Zügen um sie herum. Dann und wann flog etwas wie Zärtlichkeit über ihr Gesicht. Octave hatte sie in ihrem Wesen erkannt, was er auch sagen mochte; er hatte ihr wahres Selbst gemalt – ihre Seele. Und Maries Seele stieg wie eine Wasserblume in ihren Augen empor, und dann entschwand die Seele den Blicken, und ich sah eine andre Marie, une grue , die mit fünf Bekannten aus Alphonsines Kreis Karten spielte, wobei sie Geld und Gesundheit einbüßte. Eine Flasche Absinth stand auf einem schönen Empire-Tischchen, das ihr der Fürst geschenkt hatte, und Bijou, Clementines kleiner Hund, schlief auf einem gestickten Kissen. Bijou war eins von den lieben japanischen oder chinesischen Wachtelhündchen, die den King Charles-Hündchen gleichen. Sie bekam nächstens Junge, und ich streichelte ihr das seidene Fell, in Gedanken an die ihr bevorstehenden Schmerzen, als ich mit einemmal Clementines Stimme laut über den andern vernahm, und da ich aufblickte, sah ich ihr Gesicht in lebhafter Bewegung. Ich hörte, beim Kartengeben sei gemogelt worden. Gleich darauf warfen die Weiber die Karten hin, und La Glu sagte zu Clementine, sie sei hier überflüssig – elle ferait bien de débarrasser les planches ; das waren ihre Worte. Ich hörte noch mehr Beschuldigungen und zwischendurch die jammernde Stimme Maries, die mich bat, keine Silbe von all dem zu glauben. Die Weiber packten sich am Haar und zerkratzten sich die Gesichter; Marie richtete sich im Bett auf und beschwor sie, ein Ende zu machen; dann fiel sie weinend zurück. Einen Augenblick wollte es scheinen, als ob sie sich wieder hinsetzten und weiter spielten, doch plötzlich riß jede ihr Geld an sich und dann alles Geld, das sonst noch erreichbar war. Sie nannten sich Diebinnen, als sie sich durch die Tür stießen, und ich hörte sie noch den ganzen Weg die Treppe hinunter schimpfen. Bijou sprang vom Stuhl und folgte seiner Herrin. »Helfen Sie mir suchen«, bat Marie, und da ich ihr half, sah ich, wie ihre schwachen Hände das Bettzeug durchwühlten. Ein Teil des Schmucks fehlte, ein Armband und einige Perlen, sowie ihr ganzes Geld. Marie sank in die Kissen zurück, außerstande zu sprechen, und jeden Augenblick befürchtete ich einen Blutsturz. Sie fing zu weinen an, und ihr kleines Spitzentuch war bald durchnäßt. Ich mußte ihr ein andres holen. Das gestohlene Geld hatte ihr ein fournisseur aus dem Quartier bezahlt, der ihr zweitausend Francs für ihre garniture de cheminée gegeben hatte. Ein paar Francs fanden sich noch zwischen dem Bettzeug, und die, sagte sie, genügten, pour passer sa soirée . Sie bat mich, zur Schneiderin zu gehn und nach dem Kleid zu fragen, das man ihr für zehn Uhr versprochen habe. »Um elf Uhr werd ich im Elysée sein. Au revoir, au revoir! Lassen Sie mich jetzt ein bißchen ruhn. Ich sehe Sie heut abend. Sie wissen ja, wo ich immer sitze, in der Ecke links, der Platz ist immer für mich reserviert.« Ihre Augen schlossen sich. Ich konnte sehn, daß sie schon eingeschlafen war. Ihr ruhiger, vernünftiger Schlaf gemahnte mich an ihr wildes, unvernünftiges Leben. Ich stand da und betrachtete sie, den armen Schmetterling, der hier ganz allein lag, von Freunden und Spießgesellen ausgeräubert. Doch sie schlief friedlich, nachdem sie die von den andern übersehenen paar Francs gefunden hatte, die es ihr ermöglichten, ihren Abend im Elysee zu verbringen. An den Fürsten konnte man ja schreiben; er war gewiß ihrer überdrüssig, weil sie nicht fähig war, ein anständiges Leben zu führen, und er wußte, daß, wenn er ihr Geld schickte, es denselben Weg gehn würde wie seine letzte Spende. Wenn Marie am Leben blieb, würde sie eines Tages gebackene Kartoffeln auf der Straße verkaufen. So tief zu sinken – konnte sie denn etwas dafür? Octave würde sagen: ›Qu'est-ce que cela peut nous faire, une fille plus ou moins fichue ... si je pouvais réussir un peu dans ce sacré métier!‹ So redete er, aber in seiner Malerei dachte er tiefer; sein Bild von ihr war mehr als bloßer Zynismus. Sie wollte heut abend ins Elysée gehn. Jetzt war es sechs Uhr – also um zehn sollte das Kleid da sein. Ich mußte sofort zur Schneiderin eilen, Vielleicht war es klüger, es nicht zu tun – sie lag in ihrem Bett, friedlich und schön. Im Elysée dagegen würde sie Absinth trinken und Zigaretten rauchen bis drei Uhr in der Frühe. Doch ich hatte es ihr versprochen; sie würde es mir nicht verzeihn, wenn ich mein Wort bräche. Ich machte mich also auf den Weg. Die Schneiderin sagte, Madame Pellegrin werde ihr Kleid um neun Uhr bekommen. Um halb elf Uhr war ich im Elysée und wartete auf sie. Wie oft ging ich um den Kiesweg herum! Das unnatürliche Grün der Kastanienblätter und das Emporschnellen der Fußspitze in der Quadrille wurden mir allmählich lästig. Hin und wieder bildete sich ein Menschenschwarm, und dann verlief sich die Flut wieder unter den Bäumen zu den Zinkstühlen und -tischen, wo Bier und Zigarren als Genüsse winkten. Ich bemerkte, daß Maries Freundinnen den Abend in der Ecke links verbrachten; doch sie riefen mich nicht an ihren Tisch, da sie wohl wußten, ich könne mir denken, daß sie das Geld, das sie ausgaben, gestohlen hatten. Mißmutig und verdrossen ging ich fort, froh in einer Beziehung, daß Marie nicht gekommen war. Kein Zweifel, die Schneiderin hatte sie im Stich gelassen, oder sie hatte sich zu krank gefühlt. Ich hatte keine Gelegenheit, in der Frühe zu ihr hinzugehn und mich nach ihr zu erkundigen; denn ich frühstückte mit Octave und saß ihm am Nachmittag. Wir waren mitten in der Sitzung, er hatte eben meinen Kopf skizziert, als wir Schritte auf der Treppe hörten. »Nur ein paar Weiber«, sagte er. »Ich hätte Lust, gar nicht aufzumachen.« »Doch«, sagte ich, überzeugt, daß es Maries Freundinnen seien, die uns Nachricht von ihr brachten. Und so war es auch. Man hatte sie tot auf dem Balkon gefunden in dem Kleid, das eben von der Schneiderin gekommen war. Im stillen hoffte ich, Octave werde den Vorfall nicht mit einem gemeinen Witz abzutun suchen, und ich war wirklich über seinen Ernst erstaunt. »Selbst Octave hält an sich«, sagte ich, »on ne blague pas la mort. « »Was hatte sie denn auf dem Balkon zu tun?« fragte er. »Das ist mir unklar.« Wir alle betrachteten ihr Bild und suchten in den Zügen des Gesichts zu lesen. »Ich denke mir, sie ist auf den Balkon gegangen, um das Feuerwerk zu sehn. Gegen elf fängt es an.« Eine von den Weibern hatte es gesagt, und ihre Worte schienen des Bildes Deutung. La Butte Wenn ich morgen zum Frühstück fahre, wird sich das Panorama von Paris meinen Blicken enthüllen, Prospekt nach Prospekt: grüne Rasenflächen, weiße Gebäude, Villen im Schmucke der Blumen; heute fahr ich durch die glühweiße Hitze der Rue Blanche zum Frühstück. Der Rücken des Kutschers wird immer krummer vor Müdigkeit, und er wäre längst, vom Schlaf übermannt, zusammengesunken, wenn die großen Pflastersteine das Gefährt nicht von einer Seite auf die andre schuckelten. Noch müssen wir die Rue Lepic hinanklimmen; das arme, einer Ohnmacht nahe, kleine Tier wird nie imstande sein, mich bis zur Butte zu ziehn. Ich lasse deshalb meinen Wagen halten, teils aus Mitleid, teils weil ich die Rue Lepic studieren möchte, so typisch ist sie für die besseren unteren Volksschichten. In der Rue Blanche findet man portes-cochères , aber in der Rue Lepic sind die Haustüren eng, teilweise vergittert, und münden auf einen schmalen Gang, an dessen Ende, zwischen Wand und Treppe eingezwängt, kleine Zimmer liegen, in denen die Portierfrauen – ewig en camisole – beim Gemüseputzen und bei Näharbeiten sitzen. Die an die ausgebleichten gelben Wände zurückgeklappten Holzblenden lassen einen Streifen des weißen Bettvorhangs sehn und eine schwerfällige Frau von mittlerem Alter en camisole ; sie geht hin und her zwischen dem Kochherd, darauf, in einem Blecheimer eingeweicht, ein Kaninchen liegt, und den Männern, die bei ihrem Handwerk im Fenster sitzen. Der Ledergeruch folgt mir mehrere Schritte. Ein paar Häuser weiter fitzt ein Mädchen und garniert einen Hut, daneben die Mutter. Das Mädchen blickt auf, blaß und erschöpft von der Hitze. An der nächsten Straßenecke wohnt der marchand de vins , gegenüber der schmutzige kleine charbonnier , und um ein Loch, das er seine boutique nennt, steht eine Gruppe Weiber in verschossenen Peignoirs und plumpen gestickten Pantoffeln. Sie tragen Körbe am Arm. Überall Spuren eines kärglichen, bescheidenen Lebens, aber nirgends der blöde arme Schlucker, der bei uns in London auf den Straßen so häufig ist – der Barfüßige, das scheue, ängstliche Geschöpf, der Mann, der an einer Rinde nagt und sich das schwarze, zerlumpte Hemd über die schwindsüchtige Brust zieht. Der Asphalt ist kochend heiß, die Steine strahlen unerträgliche Wärme aus, meine Füße schmerzen und brennen. Am obern Ende der Straße komme ich in eine noch ärmere Gegend, eine noch steilere Straße, die jedoch so eng ist, daß sich die Häuserschatten schon über das Pflaster zu breiten begonnen haben. An ihrem Ende ist eine Treppe, darüber ein kleiner Grashügel, darüber eine Windmühle, die ihre schwarzen, regungslosen Flügel in die Luft streckt. Sie ist jetzt nämlich ein stummes Prunkstück, ein Reklameschild für das Tanzlokal Moulin de la Galette. Die Straße wird auf der Höhe immer weißer, und an der Butte ist sie ganz leer, nur die weißen Strahlen der Mittagssonne füllen sie aus. Von dem blassen Himmel heben sich scharf ab eine verfallene Fassade und geborstene Säulen, die inmitten verwüsteter, von hohen, bröckligen, weißen Mauern umschlossener Gärten stehn. Ich blicke durch einen verfallenen Torbogen und sehe einen Springbrunnen plätschern, aber nirgends Bewohner, die zu diesen Häusern gehören – nur einen Arbeiter, eine Grisette, ein Kind, das in all dem Schutt weint. Die Butte Montmartre ist reich an Anregungen. Hier müssen früher vornehme Leute gewohnt haben. War diese Stätte wirtlich einmal unbebautes Land? Heut ist dort ein romantischer Müßiggang und Schlendrian zu Hause. Links führt ein eisernes Tor mit verrosteten Angeln auf eine weite Terrasse, an deren Ende eine Häuserreihe steht. In einem dieser Häuser wohnt mein Freund. Ich ziehe die Klingel, und ich denke dabei, die Freude, ihn wiederzusehn, lohne die Mühe des Aufstiegs, und meine Gedanken lassen die lange Zeit, die ich Paul kenne, vorübergleiten. Wir haben uns von jeher gekannt, seit wir zu schreiben begannen. Paul ist leider nicht zu Hause. Das Mädchen kommt mit einem Kind auf dem Arm – schon wieder ein Kind! – an die Tür und teilt mir mit, Monsieur und Madame seien den ganzen Tag aus. Es ist also nichts mit Frühstücken, Rauchen und Literatursimpeln; mir steht nur der lange Rückweg bevor – Droschken sind hier oben nicht zu haben –, ein langer Rückweg durch die bratende Sonne. Und es ist auch kein Trost, mir sagen zu lassen, ich hätte vorher schreiben und ihnen mein Kommen anzeigen sollen. Aber ich muß mich erst ausruhn und um Erlaubnis bitten, mich hinzusetzen ... Ah, da kommt das Mädchen und bringt Rotwein und Mineralwasser; sie meint, ich solle mich lieber ins Arbeitszimmer als in die vordere Stube setzen, da sei es angenehmer. Und sie hat recht, denn im Vorderzimmer dringen die weißen Sonnenstrahlen durch den Spalt der Jalousien und liegen wie Säbelklingen auf dem Boden. Das Arbeitszimmer ist kühl, der Wein erfrischend. Das Haus ist, scheint's, an den schroffen Bergabhang gebaut. Fünfzig Fuß – nein, mehr: hundert Fuß unter mir liegen Gärten, Gärten, die irgendwie in die Berghöhlung gesprengt und mit Bäumen bepflanzt sind – mit hohen Bäumen, denn es sind Schaukeln daran angebracht, sonst könnte ich nicht erkennen, daß sie hoch sind, Hier vom Fenster aus machen sie den Eindruck von Sträuchern, und hinter den Häusern, die um diese Gärten liegen, breitet sich Paris über die Ebene aus, ein Meer von Ziegeln und Steinen, ganz in weiß getaucht, wenn die Sonne einen Bahnhof oder einen breiten Boulevard bescheint: eine verschwommene rötliche Masse, wie eine riesige Ziegelei. Und fern im Hintergrund eine Hügelkette, und über der Ebene ein matter Himmel, blaß wie Zigarettenasche. Ich kann diese Stadt nicht ohne tiefe Bewegung betrachten; mein ganzes Leben hängt daran. In meiner Jugend bin ich hierher gekommen, habe mich Paris ergeben, ohne je meine Unternehmungen weiter als bis Bas-Meudon, Ville d'Avray und Fontainebleau auszudehnen. Paris hat mich zu dem gemacht, was ich bin. Wieviel meiner geistigen Ausbildung verdanke ich Paris? Und indem ich so ein idealeres Vaterland gewonnen habe als das, welches mir die Geburt in arroganter Weise vorgeschrieben, da ich es mir mit Vorbedacht gewählt, hab ich meine Lebensspanne verdoppelt. Existiere ich nicht in zwei Ländern? Hab ich mich nicht mit zwei Garnituren Gedanken und Empfindungen versehn? Ach, die köstliche Wonne, un pays ami zu besitzen –ein Land, in das man gehn kann, wenn man das stumpfe Einerlei des Lebens so satt hat, daß man wahnsinnig werden könnte, wo man mit Gewißheit alle Gefühle des häuslichen Herdes findet und obendrein unberechenbare Launen. Die Freude an einer Literatur, die einem gehört, ohne einem ganz zu eigen zu sein, die einer wundervollen Mätresse gleicht, an der man sich für alle Trivialitäten des Lebens entschädigt! Der Vergleich läßt nichts zu wünschen übrig; denn obschon ich diese Franzosen besser kenne als irgendwen auf der Welt, müssen sie stets mein Vergnügen im Leben bleiben, aber nicht meine Arbeit. Merkwürdig, daß dem so ist, denn wahrhaftig, ich kenne sie merkwürdig gut. Ich kann sie ihr Leben von Stunde zu Stunde ausfüllen sehn; weiß, was sie im gegebenen Falle sagen würden. Da ist zum Beispiel Paul. Ich verstehe nichts so vollkommen wie seine Denkart. Ich kenne ihre gewöhnliche Farbe, jeden einzelnen Ton, und doch kann ich Paul nicht zum Helden eines Romans machen, der auf dem Montmartre spielt, so gut ich diesen auch kenne. Ich weiß, wann Paul sich ankleidet, wie lang er dazu braucht, was er anzieht. Ich weiß, was er zum Frühstück ißt und durch welche Straßen er geht – ihre Länge, ihre Farbe, ihr Geruch sind mir bekannt. Ich weiß genau, wie ihm das Leben aufgegangen ist, wie es auf ihn gewirkt hat. Ich erinnere mich noch an den Tag, als ich ihm in London vorgestellt wurde. Paul in London! Er wollte dort mit einer petite fermiére zusammenkommen, in die er sich vernarrt hatte, als er in der Normandie war, um einen Roman zu vollenden. Paul ist fonciérement bon ; er hat sie geheiratet, und hier wohnen sie jetzt. Sie haben ein Speisezimmer mit einem schönen eichenen Büfett und sechs dazu passenden Stühlen. Links liegt das Schlafzimmer, darin steht die Wiege für ihr Kind, die ihnen le grand, le cher et illustre maître zum Geschenk gemacht hat. Paul und Madame Paul stehn um zwölf Uhr auf, dann vertrödeln sie beim Frühstück Zeit; Freunde sprechen vor, und man vertrödelt bei den petits verres Zeit. Gegen vier Uhr fängt Paul an, seinen Artikel zu schreiben, den er bis zum Diner fertig oder fast fertig bekommt. Sie vertrödeln beim Diner Zeit, bis Paul seinen Artikel in die Redaktion bringen muß. Er vertrödelt in der Druckerei oder im Café Zeit, bis die Fahnen gesetzt sind, und wenn er sie korrigiert hat, vertrödelt er in den vielen Cafés des Faubourg Montmartre Zeit, raucht ungezählte Zigarren und tritt seinen Heimweg nach der Butte erst zwischen drei und vier Uhr morgens an. Paul ist dick und von gleichmäßigem Temperament. Er schwört den lieben langen Tag auf den Naturalismus, besonders nach dem Frühstück bei den petits verres. Er hat keinem Menschen je ein unfreundliches Wort gesagt, gewiß nie einen unfreundlichen Gedanken gehabt. Er hat sich früher viel mit Grisetten abgegeben, aber seit er verheiratet ist, hat er für nichts andres mehr Sinn als für seine Frau. Il écrit des choses raides , aber keine Frau hat je einen besseren Mann gehabt. So, jetzt kennt man ihn ebensogut wie ich. Da stehn seine Bücher; eins heißt: Lucie Pellegrins Ende – die Erzählung, die ich grade fertig geschrieben habe. Ich muß wohl erklären, was mich dazu bewog, denselben Stoff wie Paul zu behandeln, den seines allerbesten Romans. Eines Tags erzählte ich ihm von Marie Pellegrin, und er war erstaunt zu hören, daß sie Marie und nicht Lucie heiße. Er hat sie nie gesehn, war nie bei Alphonsine gewesen, hatte die Geschichte vielmehr wiedergegeben, wie er sie von den Weibern aufgeschnappt hatte, die sich um Mitternacht im Rat Mort eine soupe a I'oignon leisten. Und er bedauerte, mich nicht gekannt zu haben, als er seinen Roman schrieb, denn ich hätte ihm ihre Geschichte mit echterem Anteil als die Weiber im Rat Mort erzählen und ihm viele hübsche Einzelzüge liefern können, die sie nicht bemerkt oder vergessen hatten. Das wäre mir ein leichtes gewesen, denn Marie Pellegrin ist in meinem Gedächtnis eingebettet wie eine Miniatur in ihrem Futteral. Ich brauche nur auf die Feder zu drücken, und ich sehe ihr schön geformtes Köpfchen, das blasse, olivenfarbene Gesicht, die dunkeln Augen und das schwarzblaue Haar. Marie Pellegrin ist wirklich mit meinem Leben verwachsen – warum soll ich also Bedenken tragen, ihr Geschick zu erzählen? Bloß deshalb, weil mein Freund es dem Hörensagen nach aufgezeichnet hatte? Ich hingegen kannte sie; ich habe sie auf dem Sterbebett gesehn. Bin ich daher nicht naturgemäß ihr Biograph, und wird man meine Ansprüche auf ihre Geschichte nicht allgemein gelten lassen und mich von dem Vorwurf des Plagiats freisprechen? Ich sehe ferner die Rougon-Macquart-Reihe, jeder Band ein Geschenk des Dichters, Goncourt, Huysmans, Duranty, Céard, Maupassant, Hennique u. a., kurz, die Werke der Schriftsteller, mit denen ich groß geworden bin, die mir das erste literarische Lätzchen umgebunden haben. Doch da stehn Les Moralités Légendaires von Jules Laforgue und Les Illuminations von Rimbaud. Paul hat diese Bücher nicht gelesen; sie wurden ihm vermutlich zur Besprechung geschickt und sämtlich unaufgeschnitten seiner Bibliothek einverleibt; ihre Verfasser haben keinen Umgang mit ihm. Das bringt mich auf den Gedanken, daß man eigentlich nur von seiner Generation etwas weiß. Allerdings, ich kenne die Symbolisten etwas besser als Paul. Ich bin der jüngste Naturalist, der älteste Symbolist. Die Naturalisten ahmten die Kunst der Malerei nach, die Symbolisten die Musik; und seit den Symbolisten hat es keine künstlerische Offenbarung mehr gegeben – das Spiel ist aus. Wenn Huysmans, Paul und ich tot sind, wird es ebenso unmöglich sein, einen naturalistischen Roman zu schreiben wie das Megatherium ins Leben zurückzurufen. Wo steckt Hennique? Wenn Monet tot ist, wird es ebenso unmöglich sein, ein impressionistisches Bild zu malen wie den Ichthyosaurus ins Leben zurückzurufen. Alle fünfundzwanzig Jahre stirbt ein Ideenmikrokosmos aus, und den nächsten, der zum Vorschein kommt, werd' ich nicht begreifen, so wenig wie Corot Monet begriff ... Hat die Jugend gestern abend an die Tür der Opéra Comique geklopft? Wenn die Musik die Jugend war, dann tut es mir leid um sie. Zum zweiten Male war ich hingegangen, um mir diese Musik anzuhören, doch nach dem dritten Alt verließ ich das Haus in heller Wut. Ein Freund, der mich begleitet hatte, ging gleichfalls, aber aus einem andern Grund: ihm taten die Ohren weh, mir der Verstand. Warum, fragte ich ihn, hat die Flöte die chromatische Tonleiter zu spielen, wenn der Jüngling sagt: »II faut que cela soit un grand navire«? Und warum sind alle Celli in Bewegung, wenn die Jungfrau zur Antwort gibt: »Cela ou bien tout autre chose«? Ich litt darunter, daß Orchester und Sänger sich hatten scheiden lassen, um sich zum Schluß – vielleicht – wieder zu vereinigen. Die Sänger sprachen zur Musik, ihre Stimmen schwebten auf und ab, monoton wie Sandwellen, die sich meilenweit hinziehn, und ich hatte mich in der Sandwüste verirrt. Im ›Lohengrin‹ gibt es einen Akkord, auf dem Elsas Stimme ausruhn kann; ein andres Motiv soll auf einen gewissen Vorgang der Handlung hinweisen: wenn Ortrud das Geheimnis am Portal des Münsters hinausschreit, und zwar in der einfachsten Form des Motivs, so mag man diese Technik als roh verwerfen, aber das roheste Melodram ist mir lieber als dies widerliche Hinundherpendeln zwischen grau und violett. Während ich über die Musik der jüngeren Generation nachsinne und an die peinliche Verwirrung zurückdenke, die sie mir bereitet hat, höre ich von der andern Seite der Häuserreihe die Melodie herüberschallen: ›Da hör ich die Wahrheit‹, dachte ich, ›aus dem Mund eines herumziehenden Straßensängers, der wahrscheinlich kein trou hat, wo er sein Haupt niederlegen kann. Et moi aussi, je reste dans mon trou, et mon trou est assez beau pour que j'y reste, car mon trou est – Richard Wagner. Mein trou ist der Ring, der sakrosankte Ring.‹ Wieder verfalle ich in Nachdenken. Liszt, Wagner und Strauß wollten Musik schreiben, das war ihre ausgesprochene Absicht. Mag Wotan noch so lange mit Mutter Erde Zwiesprache halten: der Augenblick kommt, da die Geigen anheben zu singen. Ah, wie der Lenz im Orchester erwacht, wie die Liebenden in den Tann fliehn! ... Mittlerweile hat der Straßensänger sein wehleidiges Lied weiter gesungen. Ich denke nicht mehr an Paul, denke an nichts mehr als die Philosophie des Spielmanns von der Butte und wiederhole, während ich mir den Weg durch die Zickzack-Straßen bergab suche, in einem fort: Verflossene Liebschaften Ich habe einen Besuch bei lieben Freunden vor, die mir herzlich zugetan sind. Mit dem Zug käm' ich hin, dem spaßigen, kleinen chemin de fer de ceinture , und es ist eigentlich schade, sich den Bahnhof St. Lazare mit seinem Sonntag-Morgen-Trubel entgehn zu lassen, wenn die Pariser mit ihren Freundinnen oder ihren Frauen nach einem beliebten Ausflugsort fahren. Ich eile nie diese breiten Treppen hinan, die zu den hohen, weiten Hallen führen mit ihren Bücherständen (darauf die Romane mit den reizenden gelben Umschlägen) und ihren kleinen, ringsum blau gestrichenen guichets , ohne das Gefühl einer glücklichen Leichtheit – eines Frohsinns, den ich dem Pariser Mai zuschreibe. Aber die Straßenbahn, die über die Place de la Concorde geht, fährt bis nach Passy, und so sehr ich den spaßigen, kleinen chemin de fer de ceinture liebe, ich liebe diese Straßenbahn noch mehr. Sie dampft an den Kais hin zwischen der Seine und dem Garten der Champs-Elysées, meilenweit zwischen blühenden Kastanien, so daß der Fahrdamm mit den Schatten der Kastanienblätter wie ein Schachbrett ausgelegt ist; die Zweige hängen einem zu Häupten, und in einem Augenblick gelinden Sinnentaumels greife ich nach einer Blüte, liebkose sie einen Moment und werfe sie dann fort. Die beherzten kleinen Dampfboote stemmen sich der Flut entgegen und steuern auf die Landungsplätze zu. Der muntre Fluß ist mir lieber als die melancholische Themse, an deren Ufern die blöde Moral wie Unkraut wuchert. Sieh nur die weißen Bauten, die Säulen, die Treppen mit ihrem Geländer, die Kuppeln in der blauen Luft, die denkmalgeschmückten Rasenplätze! Paris, wie alle heidnischen Städte, ist voll Statuen. Ein bißchen später rollen wir an Gärten vorbei – Fröhlichkeit ist in der Luft ... Und dann tauchen allmählich die Straßen von Passy auf, schäbige Straßen, wie in London. Ich mag sie nicht. Dafür entschädigt der Bahnhof; der kleine Bahnhof unter Bäumen wie aus einer Spielzeugschachtel gleicht einem Kartenhaus, aus dem der Zug in die phantastischen Wunder des Landes hinausdampft. Der helle Wald, an dem er entlang eilt, mutet an wie der Putzwarenladen der Jahreszeit. Es ist eine Freude, in Paris alles zu beobachten: die auf ihrem Bock eingenickten Kutscher, die unter den Kastanienbäumen duselnden Pferdchen, die Arbeiter, die sich mit ihrer Bluse über einen grün gestrichenen Tisch in der Laube lehnen und Wein trinken zu sechzehn Sous das Liter, die Villen in Auteuil mit ihren reichen Holzschnitzereien, ihren prächtigen Eisengittern und die sommerliche Stille um die girlandenbekränzten Villen. Auteuil ist so französisch, seine Symbolik hat etwas Bezauberndes. Auteuil gleicht einer Blume, deren Blüte sich dem Kusse der Luft erschließt, deren Wurzeln sich tastend im fruchtbaren Erdreich Raum suchen. Ach, dies Frankreich, seine Weinberge und Gärten, sein Sinnenleben! Gedanken kommen ungerufen, meine Gedanken singen im Chor, und ich weiß kaum, was sie singen. Sie singen wie die Sonne. Fragt mich nicht nach ihrer Bedeutung! Sie bedeuten so viel und so wenig wie die Sonne, zu der ich gehöre – die Sonne Frankreichs, an der ich mich dreißig Tage laben werde. Der Mai bringt mich zu lieben, teuren Freunden, die mich in Auteuil erwarten; der Juni führt mich wieder von ihnen fort. Da liegt die Villa! Und dort, unter den wie Girlanden schmückenden Bäumen, sitzt mein Freund in hellgelbem Anzug vor der Staffelei. Wie die Sonne durch das Blätterwerk spielt, über das üppige, lange Gras hüpft! Und inmitten blühender Rhododendren sitzt ein kleines Mädchen von vier Jahren, sein Modell; Kleid und Mützchen nehmen sich ganz unmöglich weiß aus unter dem hohen, grellen Hellgrün. Jahr um Jahr derselbe herzliche Empfang, derselbe spontane Willkomm in diesem Garten mit Rhododendren und blühenden Kastanien. Ich möchte im Garten bleiben, aber ich darf nicht, denn das Frühstück ist fertig, et il ne faut pas faire manquer la messe à Madame. La messe! Wie weich das Wort ist! Wir nehmen kaum daran Anstoß, eine alte Dame in ihrem Wagen fortfahren zu sehn, pour entendrela messe . Die vom Glauben gesäuberte Religion ist etwas Erquickliches, fast etwas Liebliches. Es gibt Früchte, die getrocknet besser schmecken als frisch; eine solche Frucht ist die Religion, und wenn nichts von ihr übrig bleibt als die angenehme, vertraute Gewohnheit, läßt sie sich gutheißen. Denn ohne unsre Gewohnheiten wäre das Leben ein unbeschriebenes Blatt, wär' es ganzleicht, ohne Perspektive, wie man von einem Bilde sagen würde. Unsre Gewohnheiten sind unsre Geschichte; sie erzählen, woher wir gekommen und wie wir zu dem geworden, was wir sind. Das ist ein gar nicht übler Gedanke, leider reicht die Zeit nicht, ihn auszudenken – da kommt der Doktor! Er lüftet sein Hauskäppchen; wie schön ist die Gebärde! Er hat etwas Würdevolles, wie es nur Herzensgüte verleiht; und seine Güte ist reine Veranlagung, unabhängig von jeder Formel, ein Ding an sich wie Manets Malerei. Degas hat einmal gesagt: ›Ein Mensch, dessen Profil nie einer gesehn hat‹; der Ausspruch paßt auf die schöne Güte, die über sein Gesicht strömt, ein Licht aus dem Paradies. Doch warum aus dem Paradies? Das Paradies ist eine häßliche Erfindung der Kirche, und Engel sind eine häßliche hebräische Erfindung. Es wäre unverzeihlich, wollte man in Auteuil an Engel denken. Ein Engel ist ein Snob im Vergleich mit dem lieben Doktor, und ein Engel hat Flügel. Nun, die hatte auch das wundervolle Hühnchen, das man für den Bedarf der Tafel gemästet, wie ein Gemüse gezüchtet hatte. Ein lieber Vogel, den man nie herumlaufen und sich langweilen ließ wie unser unbeholfenes englisches Huhn. Er lebte, um fett zu werden, ohne sich irgendwelches unnütze Wissen oder Lebensverlangen anzueignen. Er wurde in zarten Jahren ein Kapaun, und dann führte man ein Röhrchen in seinen Schlund ein und päppelte ihn künstlich, bis er kaum noch gehn konnte, bis er nur noch nach seinem Bette wankte, und da lag er denn, glücklich verdauend, bis die Stunde nahte, wo er aufs neue gestopft wurde. So wuchs er heran ohne Wissen, ohne Empfindung, ohne Gefühl vom Dasein und bewegte sich allmählich, friedsam auf den ihm vorgezeichneten Lebenszweck zu – auf eine köstliche Mahlzeit! Gibt es einen idealeren Lebenszweck, größeren Ruhm, als ein fettes Hühnchen zu sein? Die Hammelgerippe, die in Fleischerläden hängen, erfüllen nachgrade das Gewissen Europas mit Grauen. Einem Hammel den Hals durchschneiden, ist ein widerlicher Akt; aber einem Vogel mit einer langen Schere, die eigens dazu gemacht ist, die Zunge abknipsen, ist standesgemäß. Nun ja, er schlägt ein paar Augenblicke die Flügel, aber wir dürfen uns dadurch, daß die Federn herumspritzen, nicht aus dem Gleichgewicht bringen lassen. Der Mensch ist barmherzig und hat das Hühnchen vor dem Leben bewahrt. Wie ein Spargel ist es gewachsen. Da wir grade von Spargeln reden – es sind welche da aus Argenteuil, dick wie ein Regenschirm und wundervoll saftig! Noch ein Wort über den Wein. In England schmecken französische Rotweine wie Tinte, aber in Frankreich schmecken sie nach der Sonne. Die Melonen sind erst im Juni gut – die hier kommt gewiß aus Algier. Immerhin, es ist die Sorte, die ich am liebsten mag: die nahrhafte, rote Melone, die man nur in Frankreich bekommt; etwas für den Augenblick und dann vergessen. Aber das Hühnchen bleibt einem immer in der Erinnerung; noch in zwanzig Jahren werd' ich von einem Hühnchen erzählen, das eine zwanzigjährige Unsterblichkeit gewann, indem es ein fettes Hühnchen ward. Wer von uns wird so lang unsterblich bleiben? Als wir von Tische aufstehn, ruft mich der Doktor in sein Arbeitszimmer: er will mir eine ausgezeichnete Zigarre geben, bevor er sich von mir verabschiedet; und nachdem ich sie angesteckt, folge ich meinem Freund ins Atelier am Ende des Gartens, einen luftigen Salon, den er in mattgelben und dunkelblauen Farben eingerichtet hat. An den Wänden hängen Proben der großen modernen Meister – Manet und Monet. Diese Ansicht einer Ebene von Monet – ist sie nicht leicht hingeworfen? Sie ist flüssig wie ein japanisches Aquarell: der tiefe Himmel verschwimmt in dem fahlen Licht, der Kirchturm des Städtchens taucht in dem Dunst auf. Und da die berühmte Tanzstunde von Degas – die Tänzerin kommt die Wendeltreppe herab, nur ihre Beine sind sichtbar, da die Treppe das Bild mitten durchschneidet. Rechts sieht man die Ballettschule und den Tanzlehrer; es hat etwas nicht geklappt, er streckt die Hände aus und macht ihnen dringende Vorhaltungen; eine Gruppe Balletteusen sitzt im Vordergrund auf Stühlen, ihre Mütter bedecken ihnen die Schultern mit Tüchern – gute Mütter, die ängstlich auf das Wohl ihrer Töchter, auf ihr Vorwärtskommen im Leben bedacht find. Dies Bild verrät einen wißbegierigen, spürenden, ätzenden Geist, und auf den schottischen Schal ist man so wenig gefaßt wie auf ein Adjektiv bei Flaubert. Ein Porträt von Manet hängt dicht daneben, wuchtig, dauerhaft, rätselvoll wie die Natur. Degas ist der intellektuellere, aber wie wenig bedeutet Intellekt im Vergleich mit einer Begabung wie der Manets! Gestern war ich im Louvre, und nachdem ich vom vielen Betrachten und Reben müde geworden war – ich hatte dort einen besondern Auftrag zu erledigen –, bog ich zu meiner Erholung in den Saal Carré ein, wanderte darin umher und wartete auf Anregung. Vor langer Zeit war mir die Mona Lisa ein Erlebnis, und ich weiß noch, wie mich Tizians Grablegung bezaubert hat; ein andermal war ich von der unparteiischen Glätte eines Terborchschen Interieurs entzückt, aber dieses Jahr bannte mich Rembrandts Porträt seiner Frau. Das Gesicht erzählt ihr Leben, ihre weibliche Schwäche, und es scheint, als kenne sie die Bürde ihres Geschlechts und die Bürde ihres Sonderschicksals – sie ist Rembrandts Frau, eine Dienerin, eine Trabantin, eine Wächterin. Der Eindruck, den dies Bild hervorbringt, ist fast körperlicher Art. Es überfällt einen wie Musik, wie ein plötzlicher Parfümhauch. Tritt man näher, so schwinden die Augen zu braunen Schatten dahin; entfernt man sich, so beginnen sie ihre Geschichte zu erzählen. Der Mund ist bloß ein kleiner Schatten, aber welche sehnsüchtige Zärtlichkeit liegt darauf! Die Farbe des Gesichts ist weiß, mit Asphalt schwach getönt, und durch das Gelb der Wangen bricht etwas rosa Krapp durch. Sie trägt eine Pelzjacke, aber der Pelz war für Rembrandt keine Mühe, er strebte nicht nach realistischem Ausdruck. Es ist Pelz – das genügt. In den Ohren hängen graue Perlen, auf der Brust steckt eine Spange, und unten auf dem Bilde streckt sich eine Hand aus dem Rahmen. Diese Hand gemahnt, wie das Kinn, an die alte Mär, daß Gott ein wenig Lehm nahm und daraus den Menschen schuf. Dies Kinn und die Hand und der Arm sind, ohne mit Geschicklichkeit zu prunken, geformt, wie die Natur formt. Das Bild sieht ans, als sei es auf die Leinwand gehaucht, Hat nicht ein großer Dichter gesagt, Gott habe seinen Odem in Adam geblasen? Und hier verhält es sich ebenso. Die andern Bilder scheinen daneben trocken und unbedeutend. Die in der Literatur berühmte Mona Lisa, die ein paar Meter davon entfernt hängt, kommt mir gemacht vor im Vergleich mit diesem Porträt. Ich habe ihr langweiliges Lächeln damit entschuldigen hören, sie lächle über den Unsinn, den sie über sich reden höre. Dies zaudernde Lächeln, das es mir in der Jugend angetan hatte, dünkt mich jetzt nur noch eine Grimasse und die blassen Berge so wenig geheimnisvoll wie ein Globus oder eine Landkarte in geringer Entfernung. Die Mona Lisa ist eine Art Rätsel. ein Akrostichon, ein poetisches Dekokt, eine Ballade, ein Rondell, ein Villanell, das heißt eine Ballade mit wiederkehrendem Schlußreim, eine Sestine – das ist sie: eine Sestine. Die Mona Lisa, die im Motiv mehr Literatur als Malerei ist, hat viele Dichter angezogen. Wir müssen ihr viele mittelmäßige Verse verzeihn um einer unvergleichlichen Prosastelle willen. Sie hat die rätselhafte Mißhandlung der Ölfarbe, das trockne Lasieren mit terre verte , hinter sich und ist in den Besitz des ewigen Lebens gelangt, hat ihre Unsterblichkeit in Paters Prosa gefunden. Degas ist schon im Absterben begriffen; Jahr um Jahr wird er mehr dahinwelken, bis eines Tags ein großer Prosaschriftsteller erstehn und seinen Geist in das ihm eigne Medium übertragen wird – in die Literatur. Die Mona Lisa und die Tanzstunde sind intellektuelle Bilder, sie wurden mehr mit dem Hirn als mit dem Temperament gemalt; und was ist aller Intellekt neben einer Begabung wie der Manets! Leonardo machte Wege, Degas macht Witze. Gestern hab ich einen gehört, der mich weit mehr entzückt hat als alle Wege, denn ich habe das Radeln aufgegeben. Irgend jemand sagte, er mache sich nichts aus Daumier, worauf Degas eine Weile still blieb; endlich sagte er: »Würden Sie Raffael einen Daumier zeigen, er würde ihn bewundern, würde den Hut abziehn; aber wenn Sie ihm einen Cabanel zeigten, würde er seufzend sagen: ›Daran bin ich schuld‹.« Meine Gedanken werden durch das Klavier unterbrochen; mein Freund spielt, und es ist eine Freude, Musik in seinem luftigen Atelier zu hören. Aber ich muß einige Weiber besuchen, Weiber, die ich jedesmal in Paris besuche, und ich habe mich schon zu lang im Atelier aufgehalten. Ich muß fort. Doch wohin soll ich gehn? Meine Gedanken pilgern durch die Gassen Passys und messen die Entfernung zwischen Passy und dem Triumphbogen. Einen Augenblick möchte ich mich wohl unter die Bäume setzen und die Menschen beobachten, die vom Rennen zurückkommen. Wäre sie nicht tot, ich könnte in ihrem Häuschen einkehren, das in den Festungswerten zwischen Fliederbüschen liegt. Da hängt ihr Porträt an der Wand, von Manet gemalt, mit dem Barett, das sie zu tragen pflegte. Wie wundervoll der Pinselstrich ist! Die Perlen – wie gut sind sie wiedergegeben! Und während ich über seine erstaunliche Technik nachsinne, sehe ich sein Atelier vor mir, sehe das schlanke Weib hereintreten, hell wie eine Teerose: Mary Laurant. Die Tochter eines Bauern und die Geliebte aller bekannten Männer jener Zeit – ich hätte vielleicht sagen sollen: aller hervorragenden Männer. Ich nannte sie immer toute la lyre . Als ich sie das letztemal sah, sprachen wir von Manet. Sie erzählte mir, sie lege jedes Jahr ihm den ersten Flieder aufs Grab. Bringt ihr einer ihrer vielen Freunde etwa Blumen aufs Grab? Das Denkwürdige an ihr war ihre Lebenslust, ihr Verlangen, alle Freuden des Daseins auszukosten, und wie sie sich dieses Wunsches bewußt war, den Augenblick zu genießen. Evans, der bekannte Zahnarzt, setzte ihr fünfzigtausend Francs jährlich aus; war der eines Abends wütend, als er Manet auf der Treppe begegnete! Um ihren Liebhaber loszuwerden, lud sie ihn zum Essen ein in der Absicht, nach Tisch Migräne vorzuschützen ... Er bestand darauf, sie müsse sich hinlegen. Doch sobald ihr Gast fort war, legte sie den Schlafrock ab, unter dem sie ihr Ballkleid anhatte, und winkte Manet, der an der Straßenecke wartete, mit dem Taschentuch zu. Aber als sie zusammen hinuntergingen, wem begegneten sie? Dem Zahnarzt qui a oubli´s ses carnets . Er war so verblüfft, seine schöne, aber ungetreue Geliebte zu treffen, daß er die nächsten drei oder vier Tage nicht zu ihr kam. Mary fragte sehr wenig nach seinem Ärger: ein andrer Freund hatte ihr nämlich schon fünfzigtausend Francs jährlich ausgesetzt, und da sie nun so ungefähr ihre hunderttausend Francs im Jahr hatte, widmete sie sich der Liebe zu Künstlern und der Unterhaltung mit denen, die Bücher schrieben, komponierten und Bilder malten. Wir Menschen sind kompliziertere Geschöpfe als die Tiere; wir lieben vermittels der Phantasie, wenigstens stachelt die Phantasie die Sinne und leistet ihnen gewissermaßen Adjutantendienste. Die Kellnerin verliebt sich in Nummer eins, weil er die Gläser besser auswischt als Nummer zwei, und Mary verliebte sich in Coppée um seines Sonetts ›Le lys‹ willen, und er wurde ihr gleichgültig, als er Gedichte machte wie ›La nourrice‹ ‹ oder ›Le petit épicier de Montrouge qui cassait le sucre avec mélancolie‹ . Um diese Zeit, als sich ihr Verhältnis seinem Ende zuneigte, wurde ich Mitbewerber. Da kam eines Tags Madame Albazi in Manets Atelier, ein herrliches Wesen, in einem von russischen Steppenpferden gezogenen Wagen – so sagte sie; aber wer kann wissen, ob ein Pferd aus der Steppe oder vom Roßkamm kommt? Und es ist auch nicht von Belang, wenn die Dame ungewöhnlich fesselnd ist, wenn man bei ihr denkt: das wäre die Mätresse für einen Attila! Nicht ganz so hat Manet sie gesehn, aber etwas davon hat sie auf seinem Pastell. Da hält sie einen weit aufgeschlagenen Schildpattfächer über ihren Busen, und auf einem der Fächerstäbchen hat Manet seinen Namen gezeichnet. Ein großer Maler weiß allemal, wo er zu signieren hat, und er zeichnet nie zweimal an der gleichen Stelle. Sie war zu Manet gekommen, um ihm zu sagen, daß sie ihm an diesem Tage nicht sitzen könne, weil sie ins Bois fahre, und nach kurzer Unterhaltung bat sie mich und einen jungen Mann, der zufällig in Manets Atelier anwesend war, sie zu begleiten; und wir fuhren dahin, von den russischen Pferden gezogen, und der junge Mann und ich überlegten den ganzen Weg, wer von uns beiden die meiste Chance bei der Gräfin hätte. Wir rangen heiß um sie; aber an diesem Tag erwählte ich das klügere Teil: ich ließ ihn schwatzen, Gedichts aufsagen und alle seine Aphorismen herunterrasseln, die er seit Jahren gesammelt hatte. Eine innere Stimme raunte mir zu, daß sein Witz umsonst sei, denn sie war schwarz wie ein Rabe und ich goldgelb wie eine Sonnenblume. An der Ecke der Rue de Ponthieu wurden wir ihn los. Einige Tage später saß sie Manet. Das Pastell hängt jetzt bei einem Freund von mir; ich habe es ihm geschenkt. Das Bild einer Frau, die man kennt, hat man nie so gern um sich wie das Bild einer Unbekannten. Die eignen Erinnerungen und die Auffassung des Malers befehden sich. Ich denke mit Freuden zurück an die lange, feine Nase, die sprühenden Augen und den Mund, der einer roten Frucht glich. Das Pastell hat mir einmal gehört, es hing in meinem Zimmer; denn mit jener geistigen Anmut, die ihm stets eigen, sagte Manet eines Tags: »Ich habe Ihnen immer ein Bild versprochen«, und er suchte unter den Pastellen an der Wand und kehrte sich mit den Worten um: »Das da kommt Ihnen wohl von Rechts wegen zu.« Als ich Hals über Kopf aus Paris floh und meine Sachen versteigert wurden, kam die Gräfin zur Auktion und erstand ihr Bild. Sie ließ es dann später einem Händler ab, von den Preisen gelockt, die Manets Bilder erzielten, und als ich hörte, daß es feilgeboten werde, kaufte ich es – wie gesagt – für einen Freund. Nun habe ich die ganze Geschichte erzählt, ohne etwas zu unterschlagen, bis auf den einen Zug, daß Jahre danach, als ich ›Les Confessions d'un jeune Anglais‹ in der Revue Indépendante veröffentlicht hatte, Mary Laurant mich kommen ließ – ah, sie war sehr unternehmungslustig: sie schickte den Herausgeber der Zeitschrift zu mir, und es wurde ein Zusammentreffen verabredet. Sie war wundervoll in ihrem Garten. Sobald ich kam, sagte sie: »Mein lieber ..., Sie müssen mich jetzt verlassen; ich möchte mit unserm Freund hier allein bleiben.« Mary war schön, aber sie wollte um ihres Witzes willen geliebt und bewundert werden, und als ich sie fragte, warum sie Evans, den bekannten Zahnarzt, nicht aufgebe, antwortete sie: »Das wäre gemein. Ich begnüge mich damit, ihn zu betrügen.« Alsdann – diese vertrauliche Mitteilung schien eine besondere Bedeutung zu haben – setzte sie hinzu: »Ich bin kein Weib, das man im Garten gewinnen kann.« Ihr Garten war ein zwischen Fliederbüschen versteckter kosiger Winkel in den Festungswerken. Sie wollte mir ihr Haus zeigen; wir gingen hinein und plauderten lange in ihrem Boudoir. Doch ich wußte, daß sie damals Mallarmés Geliebte war, und deshalb ist aus diesem caprice litéraire nichts geworden. Meine Gedanken stoßen überall auf Weiber. Warum nicht? Womit sollen sie sich sonst beschäftigen? Etwa mit Kupferbergwerken? Die Weiber sind der rechtmäßige Inhalt alles männlichen Denkens. Wir heucheln Teilnahme für andre Dinge. Im Rauchzimmer hab ich zugehört, wenn sich Männer von der Jagd unterhielten, und mir gesagt: ›Euer Interesse ist ja nur Mache – an welches Weib denkt ihr?‹ Wir vergessen der Weiber für kurze Zeit, wenn wir an die Kunst denken, aber nur vorübergehend. Die rechtmäßige Beschäftigung für den männlichen Verstand ist das Weib. Ich lausche meinem Freund, der mir Musik vorspielt – Musik, die mich kühl läßt: Brahms –, und überlege, welches von den Weibern, die ich früher gekannt habe, ich am liebsten besuchen möchte. Im Frühling wäre der Spaziergang von Passy nach den Champs-Elysées angenehm und nicht zu weit. Ich sehe gar zu gern die Rasenplätze, die Pappeln und Villen, die hohen Eisengitter und die in den Bäumen versteckten Blumenvasen. Das ist Paris. Der Geist des Landes, der Geist, welcher einer langen Vergangenheit entstammt und sich als ererbte Schönheit und Kraft definieren läßt, offenbart sich überall in Paris; und einen schöneren Tag, die schlanken, weißen Hauser, die Villen, die Bäume und die Rasenplätze zu sehn, kann man sich kaum denken. Ich würde mich für all das interessieren, aber mein wirtliches Interesse wäre doch bei einer kleinen Anhöhe, einer Reihe Häuser (acht oder neun) dicht am Triumphbogen, den gewöhnlichsten der ganzen Gegend. Sie war fürs Gewöhnliche, und ich habe mich oft gefragt, was mich zu ihr hinzog. War es nur ihr blondes, hinten hochgekämmtes Haar, ihre duftende Haut, oder waren es ihre perversen, verfeinerten Sinne? Nein, es war mehr, aber man frage mich nicht nach weiteren Erklärungen. Ich denke mit Vergnügen an das Rauschen ihres geblümten Kleides, das wie ein Parfüm vorüberzog, wenn sie aus ihrem frivolen Schlafzimmer in den Salon kam. Ein geschmackloser Raum, steif und spießbürgerlich trotz den Krönchen, die über den Porträts angebracht waren. Ich sehe das Bild zweier Kinder: sie ist die schönere, und in ihren blauen Augen und den dünn geschweiften Lippen ist eine Mischung von Verlangen und Unstetigkeit. Wie das Kind war, ist das Weib: Georgette hat es fertiggebracht, eine ganze Wand ihres Schlafgemachs mit Trophäen zu tapezieren, die sie auf den Schlachtfeldern der mit glühendem Eifer getanzten Kotillons erbeutet hat. Das andre Kind ist von gelassenerem Wesen, und selbst auf dem Bilde verraten seine leicht gebräunten Löckchen weniger Sinnlichkeit als die der Schwester. Seine Augen haben etwas Nachdenklicheres, und es wäre keine Kunst gewesen, der einen Schwester Kinder, der andern Kotillon-Auszeichnungen zu prophezein. Wir saßen oft auf dem Balkon ihres Schlafzimmers, lasen, plauderten oder beobachteten den hinter dem Mont Valérien verblassenden Himmel, wenn die Schatten vorüberglitten und die Silhouette des Berges markierten. In Stunden wie der jetzigen, wenn wir in einem Atelier träumen, denken wir derer, die uns betrogen, durch die wir gelitten haben, und in solchen Stunden tauchen Gesichter aus der Vergangenheit auf, Gesichtsfragmente, die Rundung eines Nackens, die Weiße einer Hand und – die Augen. Ich sehe ihre Augen vor mir ... Eines Tages im Garten, der in üppigem Juniglanz gleißte, ging ihr Gatte mit einem Freund vor uns her, und ich bestürmte sie. »Mir ist's recht«, sagte sie und blickte zu mir auf, »Sie können mich jetzt küssen.« Aber ihr Gatte war vor uns, er war ein untersetzter Mann, und da war ein tiefes Wasser, und ich sah einen Streit voraus, einen unerquicklichen – gesteh deine Schuld, dann bist du sie los: ich getraute mich nicht, sie zu küssen, und ich glaube, sie hat mir diesen Mangel an Courage nie verziehn. All das liegt zwanzig Jahre zurück. Ist es nicht albern, einen ganzen Nachmittag an so dummes Zeug zu denken? Doch aus solchem Zeug ist unser Leben gemacht. Soll ich sie jetzt besuchen und auf der absteigenden Linie sehn? Das graue Haar in dem Blond ist bei ihr noch nicht zum Vorschein gekommen, es wird nie grau werden, aber als ich sie zuletzt sah, war sie ein bißchen eingeschrumpft. Und nächstes Jahr wird sie noch älter sein. In ihrem Alter zählt jedes Jahr doppelt. Andre verdienen eher einen Besuch. Aber wenn ich dieses Jahr nicht zu ihr gehe, werde ich dann nächstes gehn? Im Geiste geh ich an ihrem Haus vorüber und denke an einen Mann, von dem sie mir viel erzählt hat: um seinetwillen ist sie von Hause weggerannt. Er war als alter Mann in einen schimpflichen Skandal verwickelt – ein schmutziges, aber bezeichnendes Ende für den Don Juan des neunzehnten Jahrhunderts. Vielleicht liebte sie den großen, bärtigen Kerl, dessen Photographie sie mir einmal gezeigt hat. Er hat sich umgebracht, weil ihm seine Mittel nicht erlaubten, auf dem Fuße zu leben, wie er es wünschte. So hat sie es dargestellt. Ich glaube aber, es waren Erpressungen im Spiel: sie mußte den Verwandten des Toten für die Herausgabe von Briefen Geld bezahlen. Diese sinnlichen Amerikanerinnen gleichen Orchideen. Wer würde zwischen einer Orchidee und einer Rose schwanken? Sie war dunkeln, ungeschlachten Männern gewogen, die aussahen, als ob sie Koffer schleppen könnten, daneben auch dem weiblichen Geschlecht. »Mädchen verstehn sich besser aufs Lieben als die Männer«, sagte sie einmal zu mir. Es sind nun zwanzig Jahre her, daß sie sich mir in ihrem schummerigen Coupé an den Hals warf, und es war, als sei ein Geist der Sinnlichkeit aus einer Welt von Wohlgerüchen und Spitzen hervorgetreten. Ich stelle mir vor, ich sei die Champs-Elysées hinunter- und über die Place de la Concorde gegangen. Die Seine fließt vorbei, ganz so wie zu der Zeit, als Notre Dame im Bau begriffen war, ganz so, wie es in tausend Jahren sein wird. Auch in tausend Jahren werden Männer noch stehn bleiben und dem Lauf des Flusses zusehn, werden dabei an kleine blonde Frauen denken und den Schauder, den diese durch alle Poren rieseln lassen können – jetzt, aber nicht mehr in zwanzig Jahren. John Donne, Ehrwürden, behauptet, gewisse Geistererscheinungen brächten nicht das Haar zum Stehn, sondern das Fleisch in Aufruhr; die meinen regen mich lediglich zu dem Gedanken an, daß Flüsse nicht dazu da sind, Schiffe ins Meer zu tragen, sondern unser Gedächtnis flottzumachen. Gar manches liebe Mal bin ich über den Pont Neuf gegangen auf meinem Wege zu einem andern Weib – gleichfalls einer Amerikanerin! Es kommt die Zeit, wo unsre Wünsche vertrocknen und absterben, aber das sexuelle Interesse erlischt nie, und es bereitet uns Vergnügen, in mittleren Jahren an die zu denken, die wir in der Jugend genossen haben. Sie, die mir jetzt vorschwebt, wohnt weit draußen im Quartier latin, in einer schlecht gepflasterten Straße. Wie mein Wagen von einer Seite auf die andre geschleudert wurde! Ich bin so oft dort gewesen, daß ich alle Läden kenne, weiß, wo sie aufhören, und gegenüber ihrem Haus, da wo die Straße bergab geht, steht eine weißgetünchte Wand. Die Concierge ist noch dieselbe, etwas dicker, etwas schwerfälliger; sie hatte immer ein Kind auf dem Arm, jetzt gibt es bei ihr keine Kinder mehr; sie sind wohl erwachsen und in die Welt gezogen. Früher war es am Fuß der Treppe immer stockfinster, und ich bin manchmal auf den Stufen ausgeglitten, so eilig hatte ich es. Der Ton der Klingel ist mir noch gegenwärtig und die fieberhafte Aufregung, mit der ich wartete. Ihre Wohnung machte den Eindruck, als hätte nie jemand darin gesessen. Selbst im Atelier herrschte steife Ordnung, und die Prachtbände auf den Tischen sahen aus, als wären sie nie aufgeschlagen worden. Sie hielt nur einen Dienstboten, ein kleines, rothaariges Mädchen. Als ich das Mädchen nach einer Abwesenheit von so vielen Jahren noch vorfand, sprach ich mit Lizzie von der alten Zeit. Sie erzählte mir, wie es ihrem Mädchen ergangen. Es hatte gekündigt, weil es heiraten wollte, und war nach zehnjähriger unglücklicher Ehe wieder zu seiner alten Herrin gekommen, zu dieser scheinheiligen, vorsichtigen, abgefeimten Amerikanerin, die unter der Maske ihres schlichten Wesens eine tolle Sinnlichkeit verbarg. Lizzie hatte bestimmt viele Liebhaber, aber ich wußte bloß von ihr, daß sie sinnlich war, denn schließlich konnte mir dies Geheimnis nicht vorenthalten werden. Sie war religiös, eine fromme Protestantin. Und indem ich an sie denke, schweifen meine Gedanken übers Meer, und ich stehe in der Londoner Nationalgalerie vor van Eycks Bild und studiere die feierliche Sinnlichkeit in den Zügen des Mannes. Er hat beim Sprechen die Hand erhoben wie ein Kanzelredner; Geste und Ausdruck sagen uns ebenso deutlich, als ob wir ihn hörten, daß er seinem Weib Belehrungen zuteil werden läßt (Ermahnungen sind sein Steckenpferd), wenn er ihr zu verstehn gibt, ihr jetziger Zustand – die abermalige Schwangerschaft – sei ein Akt des göttlichen Willens. Sie hört ihm zu, doch, wie seltsam! ein Ausdruck, als ob sie ihn teilweise begriffe, spiegelt sich in ihrem Gesicht, das eher einen Meerschweinchen- als einen Kaninchen-Typus wiedergibt. Die beiden sind scharf differenziert; offenbar lag es mit in der Absicht des Malers, uns zu zeigen, welche Kluft zwischen zwei menschlichen Wesen sein kann. Der Mann ist sich peinlich klar über sich, die Frau von einer glücklichen Unbewußtheit. Alles auf dem Bilde verrät Ordnung; das Gesicht des Mannes zeugt von einem Verstand, der sich tagaus tagein, jahraus jahrein gleichbleibt, von unveränderlichen Leidenschaften, unveränderlichem Beten. Seine Tracht, der breitrandige Hut, der in langen, geraden Falten herabfallende Rock, die Schnabelschuhe – all das gehört durchaus zu ihm. Vom Zimmer sieht man nur wenig, aber den Leuchter, der an der Decke hängt und von dem gegenüberstehenden Spiegel zurückgestrahlt wird, kann man nicht vergessen. Diese Reflexe haben sich dreihundert Jahre gehalten, sie sind heute noch ebenso wie an dem Tag, als sie gemalt wurden; das gleiche gilt für den Mann. Er lebt ewig, ist ein Typus, den die Natur immer wieder hervorbringt, denn er ist wohl unbedingt notwendig im Leben. Dieser nüchterne, flämische Raum ist für den Charakter meiner Geliebten fast ebenso bezeichnend wie ihre eignen Gemächer. Ich spürte immer ein Frösteln, ein Gefühl der Förmlichkeit, wenn die Tür aufging, während ich in ihrem abgezirkelten Salon auf sie wartete. Jeder Stuhl stand an seinem bestimmten Platz, illustrierte Prachtwerke mit Goldschnitt lagen auf den Tischen ... In ihren Zimmern war es nicht sehr hell; schwere Gardinen klebten an den Fenstern, gewirkte Tapeten bedeckten die Wände; auf dem Flur standen Truhen aus Eichenholz. Nun wird man sich diese Frau vorstellen können, wie sie an einem Eichentisch auf mich wartete, sich ihrer Gedanken ein wenig schämte, aber ihrer nicht Herr zu werden vermochte. Einmal hörte ich sie Klavier spielen – es machte einen affektierten Eindruck auf mich. Da ich meine Gedanken in die Vergangenheit zurücklenke, steigt Vergessenes wieder zur Oberfläche. Jetzt taucht eins ihrer Kleider auf! ein dunkelgrünes, ganz das gleiche Olivengrün wie der Rock des Mannes. Sie trug ihr Haar kurz wie ein Knabe, und der von kleinen Locken über und über bedeckte Kopf beeinträchtigte keineswegs den Typus der Neuengländerin, in deren Sprachschatz noch biblische Redensarten vertreten sind. Lizzie war ein wundersamer Nachkömmling der Puritaner, die auf der ›Mayflower‹ über den Atlantischen Ozean fuhren und sich in Neu-England ansiedelten. Paris hatte sie nicht verändert. Sie war le grave Puritan du tableau ; ich sage absichtlich: le grave Puritan , denn von einem gehorsamen, kindlichen Weibe war nichts in Lizzie, abgesehn von ihrem Geschlecht. Da ihre Natur mit ihren Idealen im Kampfe lag, hatte ihr Wesen etwas Studiertes, und sie trug eine gezierte Heiterkeit zur Schau, mit der sie nicht zu brechen wagte. Sie gab ihre Seele nie völlig preis, verfiel nie in Vertraulichkeiten; bis zu einem gewissen Grade blieben wir uns daher immer fremd. Denn Liebende kennen einander erst, sobald sie sich ihre Enttäuschungen und ihre Heimlichkeiten mitteilen; die heftigste Erregung sagt uns wenig, man vergißt sie, – der Augenblick jedoch, wenn ein Weib seufzt und sich zu schlichter Vertraulichkeit versteht, schwebt uns noch nach Jahren vor und ruft sie uns zurück, mag sie nun unter der Erde sein oder tausend Meilen entfernt. Dieses Intime fehlte ihr, aber sie hatte etwas Wahres und Wirkliches an sich, etwas, das ich heute nicht in Worte kleiden kann; sie war eine gescheite Frau – das war es, und deshalb huldige ich ihr alljährlich durch einen Besuch. Vor zwanzig Jahren begannen diese Höflichkeits-Visiten; sie sind nicht immer erfreulich, doch ich finde mich damit ab. Unsre Unterhaltung ist oft gekünstelt, es gibt peinliche Verlegenheitspausen; dann blicken wir uns an und denken gewiß der Veränderungen, die die Zeit bewirkt hat. Einer ihrer größten Reize war ihre Figur – ich habe selten eine hübschere gesehn –, und sie hat sich deren Grazie noch zum Teil bewahrt. Aber ihre Hände verraten ihr Alter; sie sind an den Gelenken dicker geworden, die Hände, die einst so schlank waren. Voriges Jahr hat sie sich eine alte Frau genannt; es schien mir eine Schande und ganz überflüssig, so etwas zu sagen, denn kein Mann hört es gerne, wenn eine Frau, die er geliebt hat, von ihrem Alter spricht. Warum soll man auf sein Alter aufmerksam machen, besonders wenn man es Lügen straft? Und sie sah voriges Jahr erstaunlich jung aus für eine Frau von fünfundfünfzig Jahren; so alt behauptete sie zu sein. Auch nach meinem Alter erkundigte sie sich. Die Frage ging mir gegen den Strich, und eh ich es recht gewahr wurde, hatte ich sie angeschwindelt. Ich hasse Menschen, die mich zu Notlügen zwingen. Unser Beisammensein wurde peinlich, und um ihm ein Ende zu machen, fragte sie mich, ob ich nicht ihren Gatten begrüßen wolle. Wir fanden den alten Mann allein in seinem Atelier, unter dem Schein der Lampe in die Betrachtung eines Kupferstichs versunken. Er glich weit mehr einem Bild als irgendeiner seiner Malversuche. Sie fragte ihn, ob er sich meiner erinnere, worauf er sich erhob und etwas vor sich hinbrummelte. Um ihm auf die Sprünge zu helfen, erwähnte ich, daß ich sein Schüler gewesen. Der gute Alte sagte, natürlich erinnere er sich, er wolle mir gerne seine Bilder zeigen, aber Lizzie warf ein – vermutlich sagte sie es aus Nervosität, es war jedoch eine höchst taktlose Bemerkung –: »Ich glaube, Liebster, Mr. ... macht sich gar nichts aus deinen Bildern.« So berühmt man auch sein mag, es kränkt einen immer zu hören, daß jemand, selbst wenn der Betreffende noch so unbedeutend ist, für unsre Kunst nichts übrig hat. Doch ich rettete die Situation durch einige, wie ich glaube, scharfsinnige, witzige Bemerkungen. Nicht immer fällt einem das rechte Wort im rechten Augenblick ein, doch es wäre grausam, ihr Vorwürfe zu machen und mich damit herauszureißen, daß sie mir unrecht tue, daß ich wie alle Kunstfreunde meine Meinung oft geändert hätte, aber nach vielen Irrfahrten wieder auf das Wahre gekommen fei. Und um den Alten hinters Licht zu führen, fing ich von Ingres an. Meiner Liebe zu ihm sei ich stets treu geblieben; wie könne ich Ingres lieben, ohne ihn zu lieben? Das Gegenteil war die Wahrheit, aber der alte Herr gab eine sehr feine Antwort. Seine eigne hohe Stellung außer acht lassend, entgegnete er: »Wir können Ingres beide lieben, aber wahrscheinlich lieben wir nicht denselben Ingres.« Ich behauptete, keinen Ingres zu kennen, für den ich nicht schwärme, und fragte ihn, welchen er bewundere, und wir plauderten dann vergnüglich über die Apotheose Homers und die Bilder im Museum zu Montauban. Darauf sagte der alte Mann: »Ich muß Mr. ... meine Bilder zeigen.« Er hatte gewiß nur an sie gedacht während der ganzen Zeit, als wir über das Museum in Montauban sprachen. »Ich muß Ihnen meine Madonna zeigen.« Und er fügte erklärend hinzu, das Gesicht des Jesusknäbleins sei noch nicht fertig. Es war wundervoll, diesen alten Herrn zu sehn, der bald achtzig sein mußte und an seinen Bildern das gleiche Interesse nahm wie vor fünfzig Jahren. Ein stumpfsinniger Leser denkt vielleicht, die Hauptsache sei doch gewesen, daß ich einmal seine Frau geliebt. Aber wie könnte das den Ausschlag geben! Überlege einen Augenblick, lieber Leser – alle Leser sind lieb, selbst die stumpfsinnigsten –, und du wirst innewerden, daß du noch in herkömmlichen Anschauungen und Vorurteilen befangen bist. Vielleicht, lieber Leser, denkst du, sie und ich hätten auf die Knie fallen und beichten sollen. Hätten wir es getan, er würde uns für rohes Pack gehalten haben – voilà tout . Was wird aus ihr werden, wenn er einmal stirbt? Wird sie nach Boston zurückkehren? Werd ich sie je wiedersehn? Voriges Jahr hab ich mir zugeschworen, sie nicht mehr zu besuchen. Ihr war es wohl ebenso angenehm, wenn ich wegblieben ... Und sie hat recht; denn wenn ich nicht bei ihr bin, ist sie bei mir. Aber in demselben Zimmer, von den vertrauten Möbeln umgeben, sind wir durch die unübersteigbare Vergangenheit getrennt. Will ich sie mir erhalten, so muß ich mit ihr brechen. Der Gedanke erheitert mich; ich habe ihn wohl aus irgendeinem Buch, es kommt mir vor, als sei er angelesen. Hab ich einmal gelesen, daß ein Mann seiner Geliebten den Laufpaß gab, um sie völliger zu besitzen? Einerlei – heute trifft es jedenfalls auf mich zu: wenn ich sie besitzen will, darf ich sie nie wiedersehn. Trotzdem war es ein nettes Erlebnis, einmal eine ganze Woche lang die zu besuchen, die ich damals geliebt habe; und ich kann mir einen Beau Brummel der Gefühle vorstellen, der alljährlich nach Paris geht und bei jeder seiner Mätressen einen Tag verbringt. Es hat damals noch andre gegeben. Da war zum Beispiel eine Madame ... Schon der Name ist schön, echt französisch, er versetzt mich ins Mittelalter nach Mittelfrankreich; denn ich habe mir von jeher eingebildet, die schlanke Frau, die so schnell im Denken und so aufrichtig in ihren Worten war, die ihre Seele so flink austeilte wie Karten, müsse in der Nähe von Tours geboren sein. Sie war so ganz Französin, daß sie aus dem Herzen Frankreichs stammen mußte; so französisch wie der Bordeaux; wie Balzac, der auch aus Tours stammte. Ihre Stimme, ihre Gedanken, ihre Worte hatten etwas Hinreißendes; in ihrer Gesellschaft war man wirklich in Frankreich, und als ihr Geliebter machte man alle Situationen eines französischen Liebesromans durch. Sie bewohnte das, was man in Paris ein Hotel nennt; es hatte seinen eignen Concierge, und es machte einem Spaß, den Mann sagen zu hören: ›Oui, monsieur, Madame la Marquise est chez elle‹ , und man fühlte sich geschmeichelt, in einem mit blauer Seide ausgespannten Boudoir unter einem Louis XVI.-Kronleuchter aus Bergkristall auf eine Marquise zu warten und von ihren Lippen die Worte zu vernehmen: »Ich fürchte, Sie denken zu oft an mich.« Dabei bog sie die Hände über die Stuhllehne, so daß es mir leicht gemacht wurde, sie zu ergreifen. Sie hätten seit fünfhundert Jahren nichts in der Küche getan, sagte sie – ein guter Witz im rechten Augenblick. Der Salon führte in ein zwanzig Fuß hohes Treibhaus, das den Garten fast ganz einnahm; hier empfing die Marquise ihre Besucher. Ich weiß nicht mehr, wer der Liebhaber der Marquise war, als sie ihre letzte Fête veranstaltete, und welches Stück gespielt wurde; ich weiß nur noch, daß das Gros der Gäste bei leichten Erfrischungen sitzenblieb, als ob sie den Abendschmaus witterten, und daß wir, um sie loszuwerden, uns förmlich von der Marquise verabschieden mußten. Wir krochen dann hinten ums Haus, schlichen auf der Dienstbotentreppe in die Schlafzimmer und hielten uns da versteckt, bis die andern Gäste anständigerweise nicht länger bleiben konnten. Sobald der letzte fort war, wurde die Bühne abgeschlagen und der Tisch gedeckt. Werde ich je den Augenblick vergessen, als das Glasdach des Treibhauses sich blau zu färben begann und die erwachenden Sperlinge piepsten! Wie übernächtig wir alle aussahen, aber wir blieben bis acht Uhr morgens. Dieses Fest wurde mit den letzten Vermögensresten der armen Marquise bezahlt. Sie verarmte dann vollends, und ihre Tochter Suzanne ging zur Bühne und entdeckte ein gewisses schauspielerisches Talent, das ihr Glück geworden ist. Ich will heut abend ins Vaudeville, wo sie auftritt; vielleicht verabreden wir, gemeinsam das Grab ihrer Mutter zu besuchen. Auf den Friedhof zu gehn und Azalienblüten aufs Grab zu streun – das wäre eine hübsche sentimentale Narretei. Aber meine abenteuerliche Rundfahrt würde im ganzen sieben Besuche umfassen. Madame ... wäre Nummer vier. Ich höre, sie verliert ihr Augenlicht; sie soll in einem etwa fünfzig Meilen von Paris entfernten Schloß aus der Zeit Ludwigs XIII. leben, einem Schloß mit hohen Giebeln und vielen Läden, steifen Gärten mit Brückengeländern und Fischteichen et des charmilles – was heißt das? Hainbuchengänge. In einem solchen Laubgang mit einer fast erblindeten Frau zu promenieren und mit ihr von der Vergangenheit zu plaudern, das wäre wahrhaftig ein Erlebnis, ›weit über Menschliches hinaus‹. Madame ... kreuzte unsern Liebesroman. Sie würde auch zu der Galerie gehören – also Nummer fünf –, und weitere zwei werden mir noch beim Abendessen einfallen. Doch jetzt muß ich fort, der Tag ist zu Ende. Paris hebt sich von einem strohfarbenen Himmel ab. Ich muh fort, der Tag ist vorüber. Irgendwo wird die Einleitung zum Tristan gespielt, die letzten Töne rieseln an mein Ohr. Und ich sage mir: wieder ist ein herrlicher Tag hinab, ein Tag des Nachdenkens über Kunst und Frauen – gibt es etwas andres, worüber man nachdenken könnte? Zum Glück wird es morgen ebenso sein wie heute. Morgen werde ich wieder über Kunst und Frauen nachdenken; und übermorgen werde ich mich mit dem befassen, was ich den guten alten Bischof M'Cormac in seiner Predigt einmal nennen hörte, ›die entwürdigende Leidenschaft der Liabe‹. Ninons Tafelrunde Der Tag erstirbt in schlaffer Schwüle. Der Atem des warmen Abends weht über die Stadt; im fahlen Licht, wenn das Tönegewirr verstummt, wirkt das Leben in seiner ganzen Grellheit auf Ohr und Hirn. Es war noch früh am Abend, als ich nach Hause ging. Ich setzte mich ans Fenster und las, bis mich die Dämmerung überraschte; und als meine Augen den gedruckten Lettern nicht mehr folgen konnten, nahm ich das Buch zwischen Zeigefinger und Daumen, stützte den Kopf aus die andre Hand, blickte in den Garten hinaus und ließ mein Herz in Träumen schwelgen. Das anregende Buch (ein Maler war der Verfasser) handelte von der komplizierten Technik der niederländischen Kunst. In mir hat es alle möglichen Erinnerungen geweckt, Erinnerungen an herzzerreißende Kämpfe, jugendliche Leidenschaftlichkeit, bittere Ernüchterungen; es hat mir eine Menge Gedanken und Erlebnisse zurückgerufen. Erschöpft vom Ansehn vieler wunderschöner Bilder und vom Widerstreit der Gefühle, überlasse ich mich nun gerne den sanften Sinnestäuschungen des Zwielichts. Ich sehe, wie sich eine Laublinie über die Themse zieht, doch die Linie verschwimmt in einem grauen Wasserstreifen, auf den kein Lichtstrahl fällt. Speicher und ein Fabrikschornstein ragen gespensterhaft grau empor; so kalt ist die graue Farbe, daß man sie durch schwarz und weiß erzielen könnte, wobei man die warme Umbratönung kaum nötig hätte. Hinter den Speichern und dem Fabrikschornstein ist der Himmel düster und regungslos, doch ein wenig höher ist er gelblich weiß, und da bewegen sich auch die Wolken. Vier Laternen, zwei zu beiden Seiten des Schornsteins, leuchten über den Fluß; eine geht beständig aus – immer die gleiche Laterne –, im nächsten Augenblick flackert sie wieder auf. Vor meinem Fenster schwingt ein schöner Zweig gleich einem Federfächer. Er allein ist auf dem Bilde bis in die Einzelheiten ausgeführt. Ich sehe ihm zu, wie er sich sanft, fast unmerklich wiegt, und fühle mich versucht, die Blätter zu zählen. Unter ihm, ein wenig ferner, zwischen ihm und dem Fluß, bricht die Nacht in den Gärten herein; dort zieht zwischen tiefernstem Grün der schwarze Fleck eines Rockes vorüber, und in gleicher Höhe hüpft von Ast zu Ast ein verspäteter Sperling, der auf der Suche nach einem angemessenen Ruheplatz seine Genossen weckt. In den spitzen Türmen der Temple-Gardens sind die Tauben schon schlafen gegangen. Ich kann die Taubenschläge unter den kegelförmigen Schieferhauben sehn. Die plumpe, abgehetzte, gemeine Gegenwart ist von mir geglitten wie ein Kleidungsstück, und ich sehe die Vergangenheit mit ihren weit zurückliegenden Kämpfen und ihrem Herzeleid als eine kleine Schaubude und beobachte sie mit derselben lässigen Neugier wie das schablonenhafte Possenspiel eines Theaterstücks. Bilder der Vergangenheit kommen und gehn ohne mein Zutun. Viele dieser Erinnerungen sind mir eine liebe Gewohnheit geworden, aber jetzt taucht eine zum erstenmal auf – fünfzehn Jahre hat sie geschlummert, nun steigt sie empor wie eine Wasserpflanze oder eine Blume – das Boudoir der Gräfin Ninon de Calvador. Ihr Boudoir oder ihr Salon, mag man es nennen, wie man will, das Zimmer, in das ich vor vielen Jahren, als ich sie besuchte, geführt wurde. Ich war damals ein junger Mensch, sehr hager, mit hängenden Schultern und mattgoldnem Haar, wie Manet es mit Vorliebe gemalt hat. Ich hatte mich mit einem großen Bukett eingefunden, denn Ninon hatte ihren jour de fête , und ich war überrascht und einigermaßen enttäuscht, eine dicke Brünette zu treffen, die schon viele Falten am Halse hatte und kein Korsett trug; man konnte sich Ninon kaum anders vorstellen als in einem Peignoir – dem unvermeidlichen blauen Peignoir. Sie saß, als ich eintrat, neben einem dunkeln, breitschultrigen jungen Mann; sie hockten dicht zusammen. Er erhob sich aus seiner Ecke und zeigte mir das impressionistisch gemalte Bild eines Bahnhofs. Er gehörte zu den jungen Männern, die damals glaubten, man brauche nur die graue, schieferfarbige, geradlinige Malerei Bastien Lepages durch rosa und gelbe Punkte zu ersetzen, um sicher zu guter Kunst zu gelangen. Hernach, im Laufe des Abends, erfuhr ich, daß man ihn scheel ansah, denn selbst auf dem Montmartre galt es als schimpflich, sich von seinem Verhältnis freihalten zu lassen. Villiers de l'Isle-Adam, der früher Ninons Liebhaber gewesen, gab auf den Vorwurf, er habe ihre Gastfreundschaft in zu reichem Maße genossen, die Antwort: »Que de bruit pour quelques cótelettes!« und man verzieh ihm sein Vergehn um dieses Witzes willen, der die moralischen Anstrengungen und Schwierigkeiten des ganzen Viertels in nuce zusammenzufassen schien. Als Villiers ihr Liebhaber war, stand er in mittleren Jahren, während Ninon noch ein junges Weib war; doch als ich sie kennen lernte, interessierte sie sich für die jüngere Generation, blieb allerdings mit ihren sämtlichen alten Liebhabern befreundet und entzog ihnen niemals ihre Gastfreundschaft. Wie komisch war die Wut des Impressionisten auf Villiers! Er beschuldigte ihn, Ninons Vermögen zu einem großen Teil verschwendet zu haben, worauf Villiers erwiderte: »Er spricht ganz wie der Concierge in meiner Erzählung ›Les demoiselles de Bienfillatrie‹ .« Der arme Villiers war wirklich nicht so tadelnswert; es gehörte zu Ninons Naturell, ihr Geld hinauszuwerfen, und die Bilder an den Wänden waren Zeugen dafür, daß sie viel für die moderne Kunst ausgab. Sie war sicher eine reiche Frau gewesen; das Gerücht wollte wissen, daß sie ihre fünfzigtausend Francs im Jahr verzehre, und in diesem Fall sagte das Gerücht nur die Wahrheit, denn das brauchte man mindestens, um in ihrem Stil zu leben und für alle Schriftsteller, Musiker, Maler, Bildhauer des Montmartre offnes Haus zu halten. Auf den ersten Blick mochte ihre Gastfreundschaft unvernünftig erscheinen, aber wenn man nachdenkt, merkt man, daß sie sich mit den Regeln aller Geselligkeit im Einklang befindet. Es muß ein Prinzip der Sichtung geben: waren etwa die ratés , die sie bewirtete, weniger amüsant als die Leute, die man am Grosvenor Square oder in den Champs-Elysées trifft? Jeder Freund des Hauses konnte einen Fremden einführen; das ist das gewöhnliche Verfahren, bei Ninon erfuhr dieser Brauch jedoch eine Einschränkung, die ich sonst nirgends angetroffen habe: ein Freund konnte nur dann einen Dritten mitbringen, wenn dieser ein raté war, mit andern Worten: wenn er komponierte, Verse machte, malte oder meißelte auf eine Art, die beim gewöhnlichen Publikum nicht Anklang fand; die Unfähigkeit, den Geschmack des großen Publikums zu treffen, war der hier vorwaltende Maßstab. Die Fenster von Ninons Boudoir gingen auf den Garten hinaus. Als ich mein Erstaunen äußerte über seine Größe und die hohen Bäume, die darin standen, gestattete sie mir, meiner Bewunderung freien Lauf zu lassen und weiter zu forschen. Und ich schritt um den Teich herum voll Interesse für die zahlreichen Enten, die Katzen, die Gesellschaft von Papageien und Kakadus, die von ihren Stänglein herunterkletterten und über den Rasen stolzierten. Ich stieß auf einen Dachs mit seinen Jungen, und als ich näher kam, verkrochen sie sich in einer ungeheuren Höhle, und hinter der Laube entdeckte ich einen schlafenden Bären; da machte ich mich eilig aus dem Staube. Doch auf dem Wege zum Hause hörte ich eine wohlbekannte Stimme. ›Das ist Augusta Holmes, die singt ihre Oper‹, dachte ich, ›alle verschiedenen Rollen – Sopran, Alt, Tenor und Baß.‹ Sie war damals in aller Munde, ich stellte mich ans Fenster und horchte, bis mit einemmal ein wohlbekannter Geruch dem Gesang ein Ende machte. Ninons Katze hatte sich schlecht aufgeführt. Man riß ein Fenster auf, aber es strömte nicht genug frische Luft hinein. Augusta und ihre Bewunderer mußten das Klavier verlassen und kamen heraus, froh, die Abendluft zu atmen. Wie gerne seh ich geblümte Kleider und Frauen, die sich unter dem Abendhimmel ein Tuch um die Schultern schlingen! Was für ein herrlicher Abend war es! Und wie gut erinnere ich mich des Dichters, der den dunkelnden Himmel einem blauen Schleier verglich, auf dem der Mond wie ein goldner Käfer sitze. Eine der Damen hatte eine Gitarre mitgebracht, und aufs neue tönte Augustas Stimme durch die Stille, so daß wir von der Schönheit des Gesangs näher herangelockt wurden; während die Komponistin ihre Lieder vortrug, nahm man eine schwärmerische Haltung ein, und manche Hand sank nachdenklich in den Schoß. Unter den Gesichtern im Schatten bemerkte ich ein Weib von außerordentlicher Schönheit; ihr Haar hatte nur einen schwachen Goldglanz. Ninon sagte mir, es sei eine Cousine von ihr, die sie seit vielen Jahren nicht gesehn; wie Claire ihre Wohnung in der Rue des Moines herausgefunden habe, sei ihr unklar. Man tuschelte sich zu, sie sei mit einem reichen commerçant in Tours verheiratet. Dies steigerte noch den geheimnisvollen Reiz. Später am Abend verriet mir die Dame, sie sei nie in Künstlerkreisen gewesen, und bat mich, ihr die anwesenden Berühmtheiten zu zeigen und den Grund ihrer Berühmtheit anzugeben. »Wer ist das – der auf den Teich zu schlendert, der mit der grauen Hose und dem schwarzen Rock? Oh!« Den Ausruf meiner Begleiterin hatte der ungewohnte Anblick Verlaines verursacht: er hatte nämlich grade seinen Hut abgenommen (der Abend war noch immer warm), und der große kahle Schädel, der wie eine Klippe über den zottigen Brauen hing, zottig wie Ginstersträucher, jagte ihr einen tüchtigen Schreck ein. Der Dichter setzte seinen Spaziergang um den Weiher fort; plötzlich kam er auf uns zu und blieb stehn, um mit mir zu sprechen. Ich war ihm nur ein Vorwand; offenbar wollte er sich mit meiner Begleiterin unterhalten. Wie merkwürdig wußte er seinen Ton ihr anzupassen, doch wie bezeichnend für sein Wesen waren die Worte, die ich vernahm, als ich beiseiteging, um sie allein zu lassen: »Ob ich in ein junges Mädchen oder in einen jungen Mann verliebt bin?« Meine Dame lief mir nach und packte mich am Arm. »Sie dürfen mich nicht mit ihm allein lassen«, sagte sie. Infolge seines Genies begriff Verlaine die Außenwelt ein wenig schwer – alles, was in ihm lag, war klar, alles Fremde dunkel. Es wurde uns daher nicht ganz leicht, ihn abzuschütteln; sobald er aber außer Hörweite war, fragte meine Begleiterin voll Eifer, wer er sei, und das Verständnis, das sie an den Tag legte, setzte mich in Erstaunen. »Ist er Priester? Ich meine: war er einmal Priester?« »Eine Kreuzung zwischen Kaschemme und Kirchenkonsistorium. Es ist der Dichter Verlaine. Der Sänger der süßesten Verse in französischer Sprache – er hat eine Art zu singen wie das Rotkehlchen. Sie haben das Rotkehlchen im Herbst auf einem Johannisbeerstrauch singen hören; das Rotkehlchen beichtet seine kleine Seele vom höchsten Ast herunter, sein Lied ist nur eine Zeichnung seiner Seele. So verhält es sich auch mit Verlaine. Sein Talent ist eine Vision seiner Seele, und er zeichnet sie auf, wie man mit dem Bleistift skizziert, ohne sich darum zu kümmern, ob das, was er zeichnet, gut oder schlecht ist. Er weiß, die Gesellschaft sieht in ihm einen Ausgestoßenen, aber die Auffassung der Gesellschaft ist nicht die einzige, auch das weiß er, und ferner, daß er zwar bisweilen ein Wüstling, ein besoffener, tierischer Kerl ist, aber dann wieder ein Poet, ein mit Sehergabe Begnadeter, der einzige Dichter, den der Katholizismus seit Dante hervorgebracht hat. Huysmans, der Ehrenretter Gilles de Rais' – da drüben steht er, der sich eben mit dem Impressionisten unterhält, der kleine, schmächtige Mann mit dem dichten Haar, das ihm tief in die Stirn hineinhängt –, Huysmans spricht an einer Stelle, da wo er den Prozeß dieses Scheusals aus dem fünfzehnten Jahrhundert, dieses andern Ritter Blaubarts, beschreibt, von der weißen Seele des Mittelalters. Er muß dabei an Verlaine gedacht haben, denn Verlaine hat sich einen Katholiken des Mittelalters genannt, das heißt: eine weiße Seele, in der Sünde und Buße regelmäßig abwechseln wie Nacht und Tag. Der Dichter hat nicht so vielen kleinen Knaben die Hälse abgeschnitten, wie Gilles de Rais es tat, was diesen nicht hinderte, sich für einen guten Katholiken zu erklären. Verlaine hält sich nicht, wie sein mittelalterlicher Ahn, bei Betrachtungen über Gottes Großvater, den Mann der heiligen Anna, auf, er überläßt sich der Kirche, wie ein Kind einem Märchen, er fragt nicht danach, ob die Empfängnis der Jungfrau unbefleckt war. Die Bildhauer des Mittelalters haben sie ganz allerliebst dargestellt in einem Mantel mit weiten Falten, sie haben ihr ein zierliches Krönchen aufs Haupt gesetzt. Dergleichen liebt Verlaine, das inspiriert ihn, er fühlt, daß der kirchliche Glaube zu ihm gehört, und sein dichterisches Genie äußert sich darin, daß er seine eigne Geschichte erzählt. Er ist einer der großen Seelenkünder. Von literarischem Standpunkt aus läßt sich manches zugunsten des Glaubens vorbringen, wenn er nicht mit praktischer Ausübung verknüpft ist. Die Annahme des Dogmas bewahrt einen vor der Erörterung von Glaubensfragen; sie gestattet Verlaine, sich völlig auf Tatsachen zu konzentrieren, bringt ihn von Ideen ab – dem Fluch der modernen Literatur – und macht ihn zu einem göttlichen Vagabunden, der sein Leben in der Kneipe und im Krankenhaus verlebt. Nur wer sich von allen Vorurteilen befreit hat, gelangt dem Leben auf den Grund, hat den wahren Geschmack des Lebens – das Aroma wie von einem Weine, der lang im Keller gelagert. Und Verlaine ist sich dessen bewußt. Manchmal meint er, er hätte mehr dichten können, dann seufzt er, aber er faßt sich schnell wieder. ›Schließlich hab ich doch so manchen Band geschrieben, und was wäre die Kunst ohne das Leben, ohne die Liebe?‹ Darauf gibt es eine Strophe bei ihm; ich wünschte, ich könnte sie Ihnen zitieren. Seine Verse sind durchgehends so ansprechend, so zart, schlank wie die Birke und ebenso elegisch. Eine Birke, die sich über den Rand eines Sees neigt, gemahnt mich an Verlaine. Er ist ein Seedichter, aber der See liegt in einer Vorstadt, nicht weit von einem Tanzsalon. Ich komme auf den See zu sprechen, weil ich lange Zeit glaubte, die Verse: Ton âme est un lac d'amaur Dont mes pensèes sont les cygnes. Vois comme ils font le tour ... seien von Verlaine, doch dazu sind sie nicht originell genug. Ihre Schönheit – sie sind wirklich schön – hat etwas Konventionelles, Dutzende von Dichtern könnten sie geschrieben haben, während keiner als Verlaine eines seiner Gedichte, seiner echten, verfaßt haben könnte. Seine Begierden versteigen sich gelegentlich bis zum Kruzifix. Sehr oft liegen sie im Rinnstein, sind überhaupt kaum noch Poesie, besitzen fast nur die eine Schönheit, wahr zu sein, und selbstverständlich den Reiz einer dem Ohre schmeichelnden Metrik, denn er hört ein Lied in französischen Versen, wie es kein französischer Dichter vor ihm je gehört hat, ein so leichtflüssiges, das alle Töne von der Verzückung der Nachtigall bis zur kurzen Homilie des Rotkehlchens in sich schließt. Oui, c'était par un soir joyeux de cabaret, Un de ces soirs plutôt trop chauds où l'on drait Que le gaz du plafond conspire à notre perte Avec le vin du zinc, saveur naïve et verte. On s'amusait beaucoup dans la boutique et on Entendait des soupirs voisins d'accordéon Que ponctuaient des pieds frappant presque en cadence. Quand la porte s'ouvrit de la salle de danse Vomissant tout un flot dont toi, vers où j'etais, Et de ta voix qui fait que soudain je me tais, S'il te plaît de me donner un ordre péremptoire. Tu t'écrias ›Dieu, qu'il fait chaud! Patron, à boire!‹ Sie stammte aus der Pikardie. Er erzählt von ihrem gräßlichen Dialekt, und in der fünften Elegie berichtet er weiter, wie sich sein Schatz zu betrinken pflegte. Tu fis le saut de ... Seine et, depuis morte-vive, Tu gardes le vertige et le goût du néant.« »Aber wie kann ein Mann so etwas ausplaudern?« fragte mich meine Begleiterin, und wir standen inmitten des Gartens und blickten uns an, bis ein Affe mit possierlichen Sprüngen auf mich zukam und mir in die Arme hüpfte; ich betrachtete das absonderliche, kleine, runzlige Gesicht, die langen, mit Haaren besäten Vorderbeine und sagte: »Verlaine hat ein erstaunliches Sprachvermögen, und sein Genie, ganz wie das Manets, kennt keine andre Scham als die: sich zu schämen. Seiner Schamlosigkeit verdanken wir seine schönsten Gedichte, die er sämtlich in Dachstuben, Kneipen und im Hospital geschrieben hat – jawohl, und im Gefängnis.« »Im Gefängnis! Er hat doch nicht gestohlen?« Und die Frau des commerçant sah mich entsetzt an – ich glaube, sie faßte mit der Hand nach der Tasche. »Nein, nein, lediglich eine Liebesgeschichte, ein Streit mit Rimbaud in einer Lasterhöhle – ein Messer blitzte – Rimbaud wurde verwundet, und Verlaine hat dafür drei Jahre gesessen. Der gute Rimbaud soll Reue gezeigt und die Liebe abgeschworen haben; es heißt, er sei in ein Kloster gegangen und habe irgendwo am Gestade des Roten Meers zum Preise Gottes den Boden umgegraben. Seine guten Vorsätze erwiesen sich indes als trügerisch. Verlaine ist der einzige, der weiß, wo er ist, und will es nicht verraten. Die letzte sichere Nachricht, die wir von ihm hatten, war: er habe sich einer arabischen Karawane angeschlossen und sei mit diesen Wanderern in die Wüste gezogen, da ihm die Wildnis mehr zusage als die Zivilisation. Verlaine fand mehr Gefallen an der zivilisierten Wildnis, darum blieb er in Paris. Und so treibt er es weiter, lebt in Verbrecherquartieren, betrinkt sich, schreibt im Krankenhaus wunderschöne Gedichte, und wenn er dann wieder herauskommt, verliebt er sich in Dirnen. Dans ces femmes d'ailleurs je n'ai pas trouvé l'ange Qu'il eût fallu pour remplacer ce diable, toi! L'une, fille du Nord, native d'un Crotoy, Etait rousse, mal grasse et de prestance molle; Elle ne m'adressa guère qu'une parole Et c'était d'un petit cadeau qu'il s'agissait, L'autre, pruneau, d'Agen, sans cesse croassait, En revanche, dans son accent d'ail et de poivre, Une troisième, récemment chanteuse au Havre, Affectait le dandinement des matelots Et m' ... engueulait comme un gabier tançant les flots, Mais portrait beau vraiment, sacredié, quel dommage La quatrième était sage comme une image, Châtain clair, peu de gorge et priait Dieu parfois: Le diantre soit de ses sacrés signes de croix! Les seize autres, autant du moins que ma mémoire Surnage en ce vortex, contaient toutes l'histoire Connue, un amant chic, puis des vieux, puis ›l'îlot‹ Tantôt bien, tantôt moins, le clair café falot Les terrasses l'été, l'hiver les brasseries Et par degrés l'humble trottoir en théories En attendant les bons messieurs compatissants Capables d'un louis et pas trop repoussants Quorum ego parva pars erim , me disais-je. Mais toutes, comme la première du cortège, Dès avant la bougie éteinte et le rideau Tiré, n'oubliaient pas le ›mon petit cadeau‹. In den Versen, die ich eben zitiert habe, heißt es, wenn Sie sich erinnern wollen: die vierte war keusch wie ein Bild, ihr Haar mattbraun, sie hatte kaum einen Busen und betete manchmal zu Gott. Er haßte Frömmigkeit von jeher, wenn sie seinem Vergnügen ins Gehege kam, und in der nächsten Zeile sagt er: ›Der Teufel hol' die heiligen Kreuzeszeichen‹.« »Kennen Sie denn eins von den Frauenzimmern?« »O ja, wir alle kennen die schreckliche Sara. Sie schlägt ihn.« »Ist sie hier?« »Er wollte sie mitbringen – er hat sie sogar wirklich einmal mitgebracht. Leider war sie so betrunken, daß sie nicht über die Schwelle kommen konnte, und Ninons Geliebter, der Maler, der Lokomotiven malt, erhielt den Auftrag, dem Dichter klarzumachen, daß Sara durch ihre Unmäßigkeit in anständiger Gesellschaft unmöglich sei. ›Ich weiß, Sara hat ihre Fehler‹, brummte er als Erwiderung auf alles vernünftige Zureden, und es war verlorene Mühe, ihm beizubringen, daß andre Menschen Sara nicht mit seinen Augen ansehn. ›Ich weiß, sie hat ihre Fehler‹, wiederholte er, ›die haben aber auch andre. Wir alle haben unsre Fehler.‹ Und es hat lange Zeit gedauert, bis wir ihn so weit hatten, daß er wiederkam. Der Hunger hat ihn hergeführt.« »Wer ist denn der Mann mit dem eingefallenen Brustkasten? Wie feierlich er aussieht mit seinem Geißbart!« »Das ist der berühmte Cabaner. Wenn Sie mit ihm sprechen, wird er Ihnen sagen, sein Vater sei ein zweiter Napoleon gewesen. Er hat viele Aphorismen verfaßt, z. B. folgenden: ›Drei Militärkapellen sind dazu nötig, in der Musik den Eindruck der Ruhe hervorzubringen.‹ Er kommt jeden Abend ins Café ›Nouvelle Athènes‹ und ist da eine Art Sammelpunkt. Seine Ballade ›Der marinierte Hering‹, sagt er, sei so gehalten, daß Wagner sie vielleicht nicht, Liszt jedoch ganz bestimmt verstehn würde.« »Werden seine Kompositionen gespielt? Finden sie Absatz? Wovon lebt er? Doch wohl kaum von seiner Musik?« »Doch, von seiner Musik: er spielt zu Walzern und Polkas auf in der Avenue de la Motte-Picquet. Damit verdient er täglich fünf Francs. Für sein Zimmer zahlt er fünfunddreißig Francs im Monat. Da nächtigen viele Enterbte der Kunst, viele von denen, die Sie hier sehn. Sein Zimmer ist möbliert – ah, Sie sollten es einmal sehn. Wenn Cabaner eine Kommode braucht, kauft er ein Wasserbecken, und der Venus von Milo hat er den Kopf abgehaun, damit sie ihn nicht mehr an die Leute erinnere, die ihm auf der Straße begegnen. Jetzt könne er sie bewundern, sagte er, ohne daß unsaubere Gedanken seiner Begeisterung Abbruch täten. Ich könnte Ihnen stundenlang erzählen von seiner Selbstlosigkeit, seiner Liebe zur Kunst, seiner verrückten Musik und seinen noch verrückteren Gedichten. Er selbst schreibt nämlich die Verse zu seiner Musik.« »Ist er zu gut fürs Publikum oder nicht gut genug?« »Da fragen Sie mich, was wir uns seit zehn Jahren fragen ... Dort drüben der Herr, der eben an seinem Kragen herumzerrt, ist der berühmte Villiers de I'Isle-Adam.« Und ich weiß noch, welches Vergnügen es mir bereitete, dieser einfältigen Frau alles zu erzählen, was ich über Villiers wußte, »Er hat gar kein Talent, nur Genie; deshalb ist er ein raté «, sagte ich. Aber die Dame war gar nicht so einfältig, wie ich vermutet hatte: eine oder zwei Fragen, die sie an mich richtete, brachten mich auf die Bemerkung, Villiers' Genie trete nur strichweise, wie Gold im Quarz, auf. »Der Vergleich ist alt, aber es gibt keinen besseren für Villiers; denn wenn er nicht in Stimmung ist, hat seine Schriftstellerei sehr viel Ähnlichkeit mit Quarz.« »Sein langer Name – –« »Sein Name gehört auch zu seinem Genie. Er hat ihn angenommen, und dadurch sind seine Schriften beeinflußt. Hab ich ihn doch sagen hören: ›Cur je porte en moi les richesses stériles d'un grand nombre de rois oubliés.‹ « »Ist er aber auch ein legitimer Sprößling?« »Legitim in dem Sinne, daß er den Namen nötiger brauchte als irgendeiner von denen, die ihn rechtmäßig geführt haben.« In diesem Augenblick ging Villiers an uns vorüber, und ich machte ihn mit ihr bekannt. Sehr bald fing er davon an, daß seine ›Eve‹ eben herausgekommen sei und großen Erfolg habe. »On m'a dit hier de passer à la caisse ... I'édition était épuisée, vous voyez – il paraît, la fortune est venue ... même à moi.« Aber Villiers war in Kleinigkeiten oft ermüdend redselig. Sobald sich daher die Gelegenheit bot, fragte ich ihn, ob er uns nicht eine seiner Schnurren erzählen wolle; dabei erinnerte ich ihn an eine, die er, wie ich erfahren, kürzlich in den brasseries zum besten gegeben, von einem Mann, der nach einem stillen Dorfe fahndete, wo er sich ausruhn könne, von einem abgespannten Komponisten oder so etwas. Ob er sie aufgezeichnet habe? Nein, noch nicht, aber jetzt, wo er wisse, daß sie mir gefallen habe, werde er morgen früher aufstehn. Jemand holte ihn fort, so daß ich meiner Gefährtin die Geschichte selber erzählen mußte. »Besser, er schreibt sie nie«, sagte ich, »denn der halbe Reiz liegt in seiner Stimme, in seinen Gebärden, und mit jedem Jahr wird es weniger, was er von seinem Wesen aufs Papier bringt. Man muß ihn im Café seine Geschichten erzählen hören. Wie ausgezeichnet er sie vorträgt! Sie sollten ihn einmal erzählen hören, wie ein Mann, der nach langer Krankheit in der Genesung begriffen ist, von seinem Arzt den Rat empfängt, auf dem Lande Ruhe zu suchen, wie er auf der Karte den Namen eines Dorfes liest, der ihn angenehm berührt, und hinfährt, weil er der Überzeugung ist, dort arkadische Zustände zu finden. Jedoch das Dorf, das er vom Coupéfenster aus wahrnimmt, ist ein grämliches, gottverlassenes Nest inmitten einer öden Ebene. Und noch schlimmer als die Natur sind die Menschen, die er am Bahnhof sieht; sie stecken in alles die Nase, durchwühlen ihm das Gepäck, und allmählich hält er sie alle für Räuber und Mörder. Er möchte ausrücken, aber er getraut sich nicht, denn sie sind ihm auf den Fersen. Da dreht er sich nach seinen Verfolgern um und fragt, ob sie ihm den Weg zu einem Logis zeigen können. Die Pointe dieser Geschichte von Villiers ist, wie sich in der Seele des Mannes ein Verdacht regt und gleich einem Krebsgeschwür ausbreitet. Gar bald sind die Dörfler davon durchdrungen, daß der Mann Anarchist ist und Sprengstoffe zur Anfertigung von Bomben in seinen Koffern hat. Deshalb haben sie Angst, sie anzufassen. Sie begleiten ihn also bis zu dem Landhaus, wo sie ihn hingewiesen haben, und teilen ihre Befürchtungen dem Pächter und seiner Frau mit. Villiers kann um Mitternacht im Café den Kriegsrat, den sie in der Küche abhalten, aus dem Stegreif darstellen; aber wenn der Morgen kommt, ist er nicht imstande zu schreiben, sein Hirn ist leer. Sie müssen einmal abends ins ›Neue Athen‹ kommen und ihn hören. Da malt er, über den Tisch gelehnt, das Entsetzen der Knechte und des Pächters aus, wie sie ganz bestimmt annehmen, das Haus werde in die Luft fliegen. Das Geräusch ihrer Schritte auf der Treppe jagt dem armseligen Rekonvaleszenten einen furchtbaren Schreck ein. Er setzt sich im Bett auf und horcht, der Schweiß steht ihm in großen Tropfen auf der Stirn. Er soll nicht aufstehn, aber er muß. Villiers kann das Geräusch der Fußtritte auf der krachenden Treppe suggerieren – jawohl, und den Wahnsinn des Kranken, der die Tür mit Möbeln verrammt, und die Todesqualen der draußen Wartenden, die den Lärm drinnen hören. Als sie endlich ins Zimmer brechen, finden sie einen Toten. Der Schreck hat ihn getötet. – Sie müssen ins Café kommen und von Villiers selber die Geschichte hören. Wir wollen uns morgen abend im ›Neuen Athen‹ treffen ... Wollen Sie mein Gast sein? Das Essen ist da wirklich gar nicht so schlecht. Vielleicht nehmen Sie damit vorlieb.« Die Frau des commerçant zauderte. Sie versprach zu kommen, und sie kam. Aber sie war kein interessantes Verhältnis. Woran das lag, weiß ich nicht mehr, und nur zu gerne schlag ich sie mir aus dem Sinn, denn ich möchte an den wunderlichen Dichter denken, den wir seine Verse vortragen hörten unter der Espe, auf die sich einer der Affen geflüchtet hatte. Durch den Nebelschleier der Jahre kann ich sein Helles Haar sehn, das ihm um die Schultern wallte, seine blauen Augen und seine schmale Nase. Hat ihn nicht einmal jemand einen sinnlichen Christus genannt? Auch er war hinter der Frau des commerçant her. Und hat er an sie nicht seine anstößigen Verse gerichtet? Beruhigen Sie sich, Leserin – anstößig lediglich vom prosodischen Standpunkt. ›Ta nuque est de santal sur les vifs frissons d'or, Mais c'est une autre que j'adore.‹ Die Frau des commerçant , mir untreu, entzückt von dem Dichter, freudig erregt, sich poetisch angeschwärmt zu hören, rückte näher heran. Seltsam – nicht wahr? –, daß ein paar verstreute Worte mir im Gedächtnis geblieben sind. ›Il m'aime, il m'aime pas, et selon l'antique rite Elle effleurait la marguerite.‹ Die Weiber sitzen noch im Kreise da, wie gebannt; die Nacht begeistert ihn, und er improvisiert Scherz nach Scherz. Ach, könnt' ich mich auf seine Serenade besinnen, aber ich erinnere mich nur noch an Cabaners Ballade ›Der Salz-Hering‹. ›Er kam daher und hielt in seiner Hand schmutzig, schmutzig, schmutzig, Einen dicken Nagel spitz, spitz, spitz, Und einen Hammer schwer, schwer, schwer. Er lehnte die Leiter hoch, hoch, hoch, An die Wand weiß, weiß, weiß. Er stieg hinauf die Leiter hoch, hoch, hoch, Und hielt den Nagel spitz, spitz, spitz, An die Wand – bum, bum, bum! Er band an den Nagel eine Schnur lang, lang, lang, Und an ihr Ende einen gesalznen Hering trocken, trocken, trocken. Dann warf er hinab den Hammer schwer, schwer, schwer, Stieg von der Leiter hoch, hoch, hoch, Hob auf den Hammer und ging fort, fort, fort. Seitdem hat an der Schnur lang, lang, lang, Ein gesalzner Hering trocken, trocken, trocken, Gebaumelt sacht, sacht, sacht. Von mir vertont ward die Geschichte schlicht, schlicht, schlicht, Sie mache alte ernsten Männer toll, toll, toll, Und reize zum Lachen die Kinder klein, klein, klein.‹ Zu diesem Text schrieb Cabaner seine Musik, ›die Wagner nicht verstehn, der Liszt aber lauschen würde‹. Lieber, lieber Cabaner, wie gut ich dich mit deinem Geißbart sehe und auf dem Baum den Affen, der dich beständig unterbrach; er hatte nichts von Liszt, er schwatzte die ganze Nacht. Ein Affe hatte schon früher am Abend seine Kette durchgerissen und ließ sich nicht bestimmen, herunterzukommen; der Schuft hatte es sich irgendwie in den Kopf gesetzt, uns um Cabaners Vorträge zu bringen. Bald darauf fingen die Hähne an, sich gegenseitig ihren Weckruf zuzuschrein, obwohl es erst Mitternacht war; und ihr schrilles Krähen tönte so laut, daß ich aufwachte und zu meiner Überraschung mich am Fenster meiner Wohnung in King's Bench Walk sitzen fand. Noch vor einer Sekunde war ich in Madame Ninon de Calvadors Garten, so ganz mit Leib und Seele, wie ich jetzt in meiner Londoner Wohnung bin. Madame Ninon de Calvador – was ist aus ihr geworden? Kennt man das Ende ihrer Geschichte nicht? Während ich so dasitze und ins Dunkel starre, zuckt mir eine Erinnerung durch den Kopf. Villiers, der erst kam, als das Essen halb vorüber war, hatte einen jungen Mann mitgebracht. Er fummelte an seinem Kragen herum, entschuldigte seine Verspätung, versicherte, er habe schon gespeist, und stellte dann der Tischgesellschaft seinen Freund vor als einen genialen, überaus genialen jungen Menschen. Höre ich nicht noch Villiers' nervöse, hysterische Stimme? Höre ich nicht noch die Stimme des Journalisten, als er den Maler – Ninons Galan – fragte, ob er auch seine Bilder verkaufe, wodurch er sofort einen schlechten Eindruck machte? Durch ein Versehn stellte man ihm einen Teller hin, von dem eine der Katzen gefüttert worden war. Der Teller hätte jedem andern gegeben werden können: Villiers hätte nicht daran Anstoß genommen, und Cabaner wußte überhaupt nie, was er aß. Zufällig kam der Teller vor den Journalisten. Nun weiß ich noch, der junge Mensch machte einen Heidenlärm; er schlug mit der Faust auf den Tisch und schrie: »Eh bien, je casse tout« . Jawohl, er hat dann im Gil Blas einen Artikel geschrieben, ›Ninons Tafelrunde‹, und daraus ersah sie zum erstenmal, wie die Welt über ihre Gastlichkeit dachte und wie falsch ihre Bestrebungen, die Kunst und die Künstler zu unterstützen, ausgelegt wurden. Irgend jemand hat es mir erzählt: wer, kann ich nicht mehr sagen; es ist schon so lange her. Doch wenn ich mich nicht täusche, hab ich davon reden hören, daß dieser Artikel für Ninon der Todesstoß war. Die Vergänglichkeit dieser Welt ist stets ein ergreifender Gegenstand zum Nachdenken, und es ist seltsam, wie ein Zufall manchmal eine Szene mit allen Einzelheiten zurückruft – die Silhouette eines Baumes am dämmernden Himmel, die behaarte Häßlichkeit des Affen auf seinen Zweigen, eine watschelnde Entenschar, die sich über das graue Gras zum Teich begibt, ein Dichter, der sich mit der Frau eines ›commerçant‹ unterhält, Madame de Calvador, die sich auf den Arm ihres Freundes stützt. Hätt' ich eine Palette, ich könnte das Blau des Peignoir und das matte Grau des Himmels aufeinander abstimmen. Könnte aus der düstern Vorstadt ein Bild machen. Hätt' ich eine Feder, ich tonnte auf diese Menschen aus entschwundener Zeit Verse schreiben; aber das Bild wäre neben dem Traum ein verhutzeltes Ding, und die Verse würden hinken. Im Augenblick, da ich nach einer Feder suchte, würde das Lustgefühl, das mir die stille Betrachtung bereitet und das noch anhält, dahin sein. Lieber am Fenster sitzenbleiben und die Stimmung auskosten. Sie ist fast vorüber, schon regt sich der Trieb zur Betätigung ... Ich gäbe viel für weitere Erinnerungen, aber sie lassen sich nicht herbeiwinken, und in mir ist es jetzt dunkel, dunkel wie im Garten. Der fächerartig schwingende Zweig vor meinem Fenster ist geradezu eine einzige grüne Masse; der letzte Sperling ist zur Ruh gegangen. Ich höre keinen Laut ... Ich höre ein Pferd am ›Strand‹ traben. Im Luxembourg-Garten Es gab eine Zeit, da war mein Traum nicht die Literatur, sondern die Malerei. Und ich weiß noch ganz gut, wie ein Amerikaner eine kleine Kopie von Ingres' ›Perseus und Andromeda‹ bei mir bestellte, wie ich auf einem hohen Schemel im Luxembourg saß und mich abmühte, den entsetzensvollen Ausdruck des zurückgeworfenen Kopfes, der weit ausgebreiteten, an den Fels geketteten Arme und die Schönheit des bis dicht ans Meer vorgestreckten Fußes herauszubekommen. Seit meinen Kopistentagen ist das Bild in den Besitz des Louvre übergegangen. Was aus meiner Kopie geworden ist, ob ich sie je fertiggemacht und den mir dafür versprochenen Betrag empfangen habe – daran liegt sehr wenig. Die Erinnerungen an eine Kunst, die man freiwillig aufgegeben, gehören nicht zu den angenehmen. Vielleicht ist das arme Ding jetzt in einem der Weststaaten, wo die Leute so wenig Verständnis haben, daß sie darin eine Skizze zum Originalgemälde sehn. Ich hoffe bloß, es ist verweht und hat den Schutt und Staub dieser Welt vermehrt ... Doch warum denk' ich überhaupt daran? Nur weil eine interessantere Erinnerung damit verknüpft ist. Nachdem ich einen ganzen Morgen daran gearbeitet hatte, verließ ich das Museum mit einem Gefühl halber Befriedigung über meine Zeichnung, aber voll Angst vor dem geflügelten Ungetüm, das meiner am Nachmittag harrte. In jenen Tagen war ich arm, für das Quartier latin allerdings reich. Ich verkehrte in einer Gesellschaft von Kunstschülern, mit denen ich zum Frühstück in einem sonderbaren kleinen Café zusammentraf; das Essen kostete uns etwas mehr als einen Franc. Auf dem Rückweg vom Café – es war kurz nach zwölf, denn ich hatte besonders zeitig an diesem Morgen gefrühstückt – packte mich plötzlich die Faulheit. Es war mir nicht möglich, wieder an die Arbeit zu gehn. Ich hatte das Gefühl, ich müßte den Vögeln und dem Sonnenschein zusehn (sie schienen sich so gut zu verstehn), und ich warf mich auf eine Bank und dachte darüber nach, ob man etwas Gescheiteres auf der Welt tun könne, als sich rauchend in eine Lindenallee setzen, um über Parts und sich selbst nachzusinnen. Jeder oder doch fast jeder, mit Ausnahme der oberen Klassen vielleicht, deren Vorstellungen von Paris sich auf die Hauptverkehrsstraßen beschränken – die Rue de Rivoli, die Rue de la Paix –, kennt den Luxembourg-Garten. Und wie ich so dem Spiele des April zusah und dem Plätschern des Wassers lauschte, das am Ende der Allee aus einer von einem großen steinernen Neptun umschlossenen Schale niedertroff, da umspannten meine Gedanken nicht nur den Garten, sondern das ganze Paris, soweit ich es kannte, die Altstadt, die weit hinter dem Hòtel de Ville und dem Boulevard St. Antoine liegt. Ich dachte an einen selten besuchten Palast, der jetzt ein Museum ist, an die schöne Symmetrie seines von Jean Goujon mit Basreliefs geschmückten Hofes. Vor acht Tagen war ich mit Mildred dort gewesen; aber da sie, wie ich merkte, nie von Madame de Sévigné gehört hatte und es ihr einerlei war, ob sie in dem oder jenem Palast gewohnt, sprach ich von der Place des Vosges und schlug ihr vor, vielleicht dorthin zu gehn, denn ich hoffte, sie werde sich dafür interessieren, weil hier ehedem der alte französische Adel gehaust hatte. Beim Sprechen tauchten vor meinem geistigen Auge die Farben der Place des Vosges auf: die Backsteinbauten mit ihren hübschen gelben und braunen Tönen, die schmiedeeisernen Gitter, die Dächer mit ihrer hohen Steigung, die schlanken Schornsteine. Während ich neben ihr hinschritt, suchte ich mich zu entsinnen, ob dort auch Säulengänge vorhanden. Sonderbar, wie leicht man vergißt; aber auch wie leicht man sich erinnert! Die Place des Vosges hat mir immer mehr gegolten als eine Schaustellung der schönsten Zivilbaukunst in Frankreich. Der Sinn eines Volkes formt sich wie ein Felsen: durch den Prozeß einer langsamen Ansammlung, und es braucht Jahrhunderte, bis ein so charakteristischer Vorstellungskomplex wie die Place des Vosges zustande kommt. Man kann sie nicht betrachten – ich wenigstens kann es nicht –, ohne der großen Zeiten der Monarchie zu gedenken und der pittoresken Namen, die aus Balzacs Romanen und der französischen Geschichte bekannt sind. In seiner Etude de Catherine de Médicis spricht Balzac von einer Madame de Sauve – gewiß, sie hat auf der Place des Vosges gewohnt. Monsieur de Montresser hat hier wohl eine erste Etage innegehabt. Le Comte Vouverand de la Loyere, La Marquise d'Osmond, Le Comte de Coëtlogon, La Marquise de Villefranche, Le Duc de Cadore und viele andre Namen fallen mir ein, doch ich will diese Erzählung nicht damit belasten. Das richtigste wäre wohl, zu ermitteln, wer auf der Place des Vosges gewohnt hat; aber ich fürchte, die Nachforschungen würden sich in die Länge ziehn und am Ende die aufgewandte Mühe nicht wert sein. Denn wenn auch nicht ein Träger der von mir erwähnten Namen auf der Place des Vosges gewohnt hat, so steht doch fest, daß andre mit ebenso erlauchten Namen hier zu Hause waren. Der Platz sieht heut ebenso wie im siebzehnten Jahrhundert aus, nur haben sich da kleine Handelsleute der Gegend angesiedelt. Die letzte Größe, die hier gelebt hat, war Victor Hugo; man hat sein Haus in ein Museum verwandelt, in dem die interessantesten Reliquien des großen Dichters aufbewahrt werden. Ich schüttete Mildred mein Herz aus, und meine Begeisterung fachte in ihr genügendes Interesse an, mit mir dorthin zu gehn; denn ich konnte an jenem Tag auf Begleitung nicht verzichten, wenn sie auch weit davon entfernt war, die ideale Begleiterin auf einem so sentimentalen Spaziergang zu sein. Nachher besuchten wir gemeinschaftlich Notre-Dame, die Kais und die alten Straßen, aber Mildred gebrach es wohl an historischem Sinn. Als wir nämlich im Glänze der untergehenden Sonne, wenn die mit Denkmälern geschmückte Seine am schönsten ist, nach Hause gingen, tat sie den Ausspruch, Paris sei gar nicht so übel für eine alte Stadt. Die Erinnerung an diese recht plumpe Bemerkung trieb mir ein Lächeln auf die Lippen, als ich die dunkelgrüne Allee hinabsah, durch die die Aprilsonne schimmerte. Doch meine Gedanken weilten nicht lange bei ihr; sie wurden abgelenkt durch die Schönheit einer architektonischen Linie, die sich kühn vom blassen Frühlingshimmel abhob. Er war zart wie ein verblichener Seidenstoff des achtzehnten Jahrhunderts; nur das Blau war ein junges Blau, wie das einer eben aufgeblühten Blume. Und ich glaubte in den dahinziehenden Wolken die Umrisse mächtiger Gruppen und einzelner Figuren zu entdecken und verglich diese Luftskulpturen mit der Skulptur der Dächer. In jedem Winkel des Palastes stehn Statuen, in jeder Ecke des Gartens findet man Gruppen oder einzelne Figuren. Das alte Rom hatte sechzigtausend Statuen – allemal auf drei- oder vierunddreißig Einwohner eine Statue. In Paris ist das Verhältnis der Statuen zur Bevölkerung nicht so groß; immerhin, es gibt deren in Hülle und Fülle. Keine Stadt hat seit den Tagen der Antike so viele besessen, und deshalb gemahnt mich Paris stets an die große Zeit Griechenlands und Roms, als diese Welt die einzige Welt war. Hat man sich am Sonnenlicht müde gesehn, so gibt es keine größere Freude, als sich in die Betrachtung der herrlichen Balustraden zu versenken, der vornehmen Treppenstufen, der langen Reihen beschnittener Linden, der ebenmäßigen Steinbecken, deren jedes auf eine besondre Art ausgehauen ist. ›Wie formschön diese Gärten sind‹, sagte ich mir und träumte von felsigen Hügeln, wo am Eingang kühler Grotten ein Neptun liegt mit einer Vase in den Armen, aus der das Wasser fließt. Gestern abend noch, ging ich in diesen Gärten mit einem Bildhauer spazieren; wir standen sinnend vor dem Brunnen Carpeaux', bewunderten Fremiets Pferde und schritten dann zu Watteaus Statue, die man passenderweise in einer Vertiefung aufgestellt hat zwischen Rasenbeeten, wie er sie mit Vorliebe gemalt. In diesem Augenblick wurde ich in meinen schwärmerischen Betrachtungen gestört. »Ich dachte, Sie vor der Staffelei im Museum zu finden. Aber nein, hier sitzt er in der schönen Allee und faulenzt. Am Abend werden Sie uns dann vorreden, Sie hätten den ganzen Tag gearbeitet.« »Wollen Sie mit mir spazieren gehn?« fragte ich. Vielleicht, dachte ich, interessieren sie die Gärten; wenn nicht, müssen sie doch die Menschen, denen wir begegnen, angenehm beschäftigen. Es war grade die rechte Zeit, dem Mann zuzusehn, der jeden Morgen die Spatzen füttern kam. Er hatte sie gelehrt, ihm Brotkrumen von den Lippen holen, und ich dachte mir, Mildred sähe gern den spaßhaften Vögelchen zu, wie sie ihm um die Füße hüpften; sie waren so possierlich, so ganz von sich erfüllt und schienen völlig Bescheid zu wissen. Wenn wir Glück hatten, trafen wir vielleicht auch Robin Hood; denn in jenen Tagen pflegte im Luxembourg-Garten ein Mann herumzuwandern, der das Kostüm des Geächteten trug und mit Bogen und Köcher bewaffnet war. Die seltsamen Menschen, denen man im Luxembourg-Garten begegnet, bilden einen Teil seines Netzes. Habe ich doch sogar einmal einen Mann in voller Rüstung gesehn, nicht in Plattenrüstung, sondern in einem schönen Kettenpanzer aus dem dreizehnten Jahrhundert! Er saß auf einer Bank und verzehrte sein Frühstück, sein Helm neben ihm – offenbar ein Modell, das aus einem der Ateliers zur Mittagstunde gekommen war, oder auch ein exalté oder ein fumiste ; aber dann ein ganz harmloser, gewiß keiner aus dem Quartier latin, denn selbst der jüngste von uns wußte, daß mehr als eine Rüstung dazu nötig sei, die Stammgäste des Gartens zu verblüffen. Als wir einige Stufen hinabschritten, begegneten wir einem alten Mann und seiner Frau, einem bejahrten Ehepaar, den Siebzigern nahe, das Fußball spielte, und es war rührend, die Sprünge dieser ehrwürdigen Leute in der wohligen Aprilsonne mitanzusehn. Ich machte Mildred darauf aufmerksam und erzählte ihr ferner, in einem andern Teil des Gartens fänden sich drei alte Damen ein, die Tänze vorführten. Aber da ich merkte, daß Mildred sich nicht dafür interessierte, nahm ich die erste Gelegenheit wahr, von etwas anderm anzufangen. Sie zeigte mehr Teilnahme für das Leben im Quartier , für das Tanzlokal Bullier, für meine Grisetten- und Studentengeschichten; und es fiel mir auf, daß sie jeden vorübergehenden Studenten musterte, seine schlanke Figur, die sich in dem langen, eng anschließenden Gehrock markierte, sein unter dem Schlapphut über die Schultern fließendes Haar, genau so wie sie vor acht Tagen jeden Herrn an Bord des Schiffes betrachtet hatte, als wir von Folkestone nach Boulogne fuhren. Wir hatten uns auf dem Schiff getroffen; ich bemerkte sie, sobald ich an Bord kam. Ihre ruhige, feine Kleidung war unverkennbar französisch, hatte aber nichts gemein mit den überladenen französischen Kleidern, die Engländerinnen so oft kaufen und so schlecht tragen. Das Korsett, das sie anhatte, mußte eins von den kleinen Bandstreifenmiedern mit ganz wenig Fischbeinstäbchen sein, und als sie auf dem Verdeck promenierte, zog sie beständig ihren Ledergürtel noch fester an und rückte ihn zurecht, wobei sie erst über die eine und dann über die andre Schulter blickte. Sie erinnerte mich an ein Vögelchen, so flink war sie in ihren Bewegungen und so wachsam. Man durfte sie ansehnlich nennen, wenn auch nicht grade hübsch; ihre Lippen waren dünn, der Mund zu fest geschlossen, die Unterlippe fast ganz verschwindend, die Augen gingen an den Enden sehr in die Höhe, die Brauen waren schwarz und berührten sich beinahe. Als ich sie das nächste Mal sah, saß sie bei Tische neben mir – wir waren zufällig in demselben Hotel abgestiegen, einem kleinen Hotel in der Rue du Bac. Ihre Mutter war bei ihr, eine ältliche, gelassene englische Dame, mit der die Tochter in sehr zärtlicher Weise sprach: ›Ja, liebste Mama‹; ›nein, liebste Mama‹. In ihrer Stimme war etwas Lustiges, obwohl sie nie zu lachen oder zu scherzen schien; aber ihr Gesicht hatte einen traurigen Ausdruck, und sie seufzte in einem fort. Nach aufgehobener Tafel ging ihre Mutter ans Klavier und spielte mit scharfer Betonung und sehr geräuschvoll den Cake Walk. »Wir haben in Nizza Cake Walk getanzt. Liebe Mama, kannst du noch den famosen Two-step spielen?« Ihre Mutter nickte lächelnd und fing dann eine Sonate von Beethoven an; aber sie hatte kaum wenige Takte gespielt, als die Tochter sie unterbrach: »Hör' auf zu spielen, Mama! Komm, unterhalte dich mit uns!« Ich fragte sie, ob sie Beethoven nicht möge; sie zuckte die Achseln; ein reizbarer Ausdruck prägte sich in ihrem Gesicht aus. Entweder wollte sie jetzt nicht von Beethoven sprechen, oder sie vermochte sich keine Ansicht über ihn zu bilden. Nach dem Interesse zu urteilen, das sie für den Cake Walk gezeigt hatte, sagte ich: »Der Cake Walk ist lustiger – nicht wahr?« Die bissige Bemerkung schien an ihr abzuprallen; sie saß da und starrte mich mit unstetem Blick an, so daß es mir unmöglich war zu sagen, ob ich ihn als Gleichgültigkeit oder Dummheit auslegen sollte, »Mildred ist eine gute Beethoven-Spielerin. Meine Tochter liebt Musik. Sie spielt Violine besser als irgend jemand, den Sie in Ihrem ganzen Leben gehört haben.« »Na, da muß sie wirklich sehr gut spielen, ich habe Sarasate gehört und –« »Wenn Mildred nur üben wollte!« Und sie drängte ihre Tochter, mir etwas vorzuspielen. »Ich habe meine Schlüssel nicht da, sie sind oben. Nein, Mama ... laß mich doch, ich hab andre Sachen im Kopf.« Ihre Mutter ging wieder ans Klavier und spielte die Sonate weiter. Mildred sah mich an, zuckte die Achseln und wandte sich dann den illustrierten Zeitschriften zu, die sie für stumpfsinnig erklärte. Wir fingen darauf eine Unterhaltung über Reisen im Ausland an, in deren Verlauf ich erfuhr, daß Mutter und Tochter nur einen geringen Teil des Jahres in England verlebten. Der Kontinent sei ihr viel lieber, sagte Mildred; englische Kleider seien abscheulich; über englische Bilder wisse sie nichts, aber sie habe den Verdacht, daß sie nicht viel wert seien – warum wäre ich sonst nach Frankreich gegangen, um zu malen? Sie gab indes zu, einige nette Engländer zu kennen, aber die Yankees – ah, die Yankees! Da sei einer in Biarritz gewesen. Ob ich Biarritz kenne? Nein, auch Italien nicht. Die Italiener seien nette Menschen. Da habe sie einen in Cannes getroffen ... »Sie müssen nicht denken, ich hätte kein Interesse für Bilder, denn wirklich – ich habe welches. Aber ich muß immer Ihren Ring ansehn. Er gleicht meinem so. Den da hat mir ein Ire gegeben, und er sagte dabei, der Fluch Moreen Dhus träfe mich, wenn ich ihn verschenkte.« »Wer ist denn Moreen Dhu? Ganz unbekannte Größe!« »Fragen Sie mich nicht. Ich bin durchaus ungebildet. Die Menschen kriegen mich schon satt, wenn sie mich zwei Tage hintereinander sehn.« »Das wird wohl kaum stimmen. Sonst würden Sie's nicht sagen.« »Warum nicht? Es wäre mir nicht im Traum eingefallen, das zu sagen, wenn's nicht wahr wäre.« Am folgenden Abend bei Tisch bemerkte ich, daß sie sorgsamer als gewöhnlich gekleidet war. Sie hatte eine cremefarbene Toilette an, dazu einen kirschroten Gürtel und eine kirschrote Schleife an einer Seite des Halses. Sie sprach auch weniger, schien befangen. Und nach Tisch machte sie einen ängstlichen Eindruck. Ich konnte mich des Gedankens nicht erwehren, daß sie ihre Mama fortwünschte und eine Ausrede suchte, sie zu Bett zu bekommen. »Liebe Mama, willst du uns nicht die Appassionata vorspielen?« »Aber Milly, du weißt doch ganz gut, daß ich sie nicht kann.« Trotzdem ließ Mama sich überreden, nicht nur die Appassionata zum besten zu geben, sondern ihr ganzes Repertoire. Sie durfte nicht vom Klavier aufstehn und hatte grade was von Sydney Smith begonnen, als die Tür aufging und ein Männerkopf für eine Sekunde sichtbar wurde. Da mir Mildreds lebhaftes Interesse für die Männer bekannt war, fragte ich: »Haben Sie den Herrn gesehn? Ein hübscher, frischer junger Mann!« Sie legte den Finger an die Lippen und schrieb auf ein Stück Papier: ›Kein Wort davon! Er ist mein Bräutigam. Mutter weiß nicht, daß er da ist. Sie verweigert ihre Einwilligung, weil er keinen Pfennig hat.‹ »Danke schön, Mama, danke. Du hast die Sonate prachtvoll gespielt.« »Willst du nicht was spielen, Liebchen?« »Nein, Mama, ich bin zu müde. Wir haben einen anstrengenden Tag hinter uns.« Und die beiden wünschten mir gute Nacht. Ich blieb allein im Gesellschaftszimmer zurück und wollte einen Brief zu Ende schreiben. Doch eh ich noch zur Unterschrift gelangt war, kam Mildred sehr aufgeregt, ja ein wenig bestürzt herein. »Ist's nicht schrecklich?« sagte sie. »Ich war mit meinem Bräutigam im Speisesaal – der Kellner hat uns erwischt, als wir uns küßten. Ich beschwor ihn, Mama nichts zu verraten. Er sagte: ›Foi de gentilhomme‹ . Hoffentlich hält er reinen Mund.« »Warum wollen Sie Ihren Bräutigam nicht hier hereinkommen lassen? Ich gehe gleich zu Bett.« »Nein, ich möchte Sie nicht um alles hinaustreiben. Ich seh ihn ja nachher in meinem Schlafzimmer. Da sind wir sichrer. Wenn man ein reines Gewissen hat, ist's ganz einerlei, was die Leute sagen.« Ein paar Tage später, als ich eben meinen Farbenkasten umhängen wollte, hörte ich, wie jemand auf dem Gang vor meinem Zimmer stehnblieb. Sie streckte den Kopf durch die offne Tür und sagte: »Sie waren neulich abends riesig anständig, als Donald hereinsah. Ich weiß, Sie werden's für dreist halten – ich bin nun mal das unverschämteste Geschöpf auf der Welt –, aber haben Sie was dagegen, wenn ich meiner Mama sage, ich ginge mit Ihnen in den Louvre, Bilder betrachten? Sie verraten mich nicht – was?« »Ich petze nie.« »Mein lieber Schatz muß heimfahren. Er ist ohne Urlaub aus dem Geschäft geblieben. Vielleicht fliegt er deswegen. Aber er bleibt noch eine Nacht. Können Sie jetzt mitkommen? Mama ist im Salon. Sagen Sie ihr eben ein Wort, dann wollen wir zusammen ausgehn. Donald wartet an der Ecke.« Am andern Morgen, als ich beim Rasieren war, klopfte jemand an meine Tür, »Entrez!« »Oh – Verzeihung! Ich wollte Sie nicht verfehlen. Ich warte im Salon auf Sie,« Als ich hinunterkam, zeigte sie mir einen Trauring. Sie hatte Donald geheiratet oder gab es wenigstens vor. »Er war gestern nacht bei mir im Zimmer. Ach, bin ich müde! Weiß der Himmel, wir hatten eine tolle Nacht, und jetzt will Mama mit mir Einkäufe machen. Können Sie nicht bleiben und mit mir plaudern? Nachher machen wir uns dann aus dem Staub und gehn irgendwohin ... Oder malen Sie heute?« »Das grade nicht. Ich wollte in ein Museum – ein weiter Weg von hier. Ich habe nie das Haus der Madame de Sévigné gesehn.« »Wer ist das?« »Die Frau, die die berühmten Briefe geschrieben hat.« »Ich fürchte, ich langweile Sie nur. Aber Bücher kann ich nicht mitsprechen.« »Kommen Sie lieber! Sie können doch nicht den ganzen Morgen allein hier im Hotel bleiben.« Aus irgendeinem Grunde, den ich vergessen habe, konnte sie nicht mit Donald ausgehn. Vermutlich bestimmte mich mein Wissenstrieb, der sich auf alles Menschliche erstreckt, ihrem Wunsche, mich zu begleiten, nachzugeben, obgleich ich, wie ich ihr sagte, Madame de Sévignés Haus besuchen wollte. Bei dieser Gelegenheit sahen wir uns auch, wie ich schon erzählt habe, Victor Hugos Haus auf der Place des Vosges an, und als wir abends an den Kais entlang heimgingen, machte sie die komische Bemerkung, Paris sei für eine alte Stadt ›gar nicht so übel‹. Wer den Ausspruch gehört hat, mußte sich für die Sprecherin interessieren; wenigstens war das bei mir der Fall. Als wir vor der Tür unsers Hotels anlangten, kam mir zum Bewußtsein, daß ich den ganzen Tag mit ihr über Dinge gesprochen, die ihr nichts bedeuten konnten. Madame de Sévigné und Jean Goujon, Alt-Paris und was damit zusammenhängt, hätten sich ein andermal studieren lassen; aber eine Gelegenheit, Mildred zu studieren, bot sich vielleicht nie wieder. An diesem Abend war ich eingeladen. Am nächsten Tag sah ich sie nicht. Am Tag darauf, als ich im Luxembourg-Garten saß und der wohligen Aprilsonne und den Vögeln in der Allee, die mich von der Arbeit weggelockt hatten (ich habe das schon erzählt), voll Bewunderung zusah, kam mir Mildred plötzlich in den Sinn, eine Ahnung, ich würde sie nie wiedersehn. Eben hatte ich den Wunsch gehabt, mit ihr im Garten spazierenzugehn, als ich ihre Stimme hörte. Solche Zufälligkeiten sind häufig, und doch befremden sie uns stets, wir halten sie beinahe für ein Werk der Vorsehung. Ich eilte Mildred entgegen und fragte sie, ob sie mit mir im Garten promenieren wolle. Gar bald schlugen wir die Richtung nach dem Museum ein; um sich bei mir in Gunst zu setzen, hatte Mildred den Besuch der Sammlungen angeregt. Abschlagen wollt' ich ihr es nicht, obschon ich die Besorgnis hegte, etliche Bilder und Statuen würden mich von dem Plan, den ich jetzt verfolgte, ablenken; er bestand darin, herauszubekommen, ob Donald ihr erster Liebhaber gewesen und ob die kleine süße Mama irgend etwas wittere. »Also Ihre Frau Mutter weiß nichts davon, daß Sie verheiratet sind?« »Nichts. Wenn doch Donald nur nach Hause fahren möchte! Aber er will noch eine Nacht bleiben. Ich glaube, ich hab es Ihnen schon erzählt. Die liebe süße Mama hat keine blasse Ahnung. Donald hat das Zimmer neben meinem. Als das Mädchen heute morgen das warme Wasser brachte, lag er noch in meinem Bett und schlief. Aber sie verrät nichts.« Auf dem Weg zum Museum bekam ich einen flüchtigen Einblick in Donalds Vergangenheit: ich erfuhr beiläufig, daß sein Vater ein reicher Mann war; aber der Junge galt seit seinem sechzehnten Jahr für einen Taugenichts. Schon als junger Bursch war er zur See gegangen und dritter Maat auf einem Kauffahrteischiff geworden; in einem amerikanischen Hotel war er Stiefelputzer gewesen, und unmittelbar vor seiner Ankunft in Paris hatte er mit einem betrunkenen Heizer einen Boxkampf ausgetragen, der ihm als Siegespreis fünf Pfund einbrachte. Sie fragte mich, welches die besten Bilder seien, aber sie vermochte nicht bei der Sache zu bleiben, und ihre Versuche, sich die Namen der Maler einzuprägen, hatten etwas Rührendes. »Ingres – sagten Sie? Ich muß mir das merken. Puvis de Chavannes? Komischer Name! Aber sein Bild gefällt mir. Dem Mann da hat er Donalds Schultern gegeben«, meinte sie und legte ihre Hand auf meinen Arm. Vor dem Bild eines nackten Jünglings, der inmitten einiger grauen Felsen saß, von grauen Bäumen und einem grauen Himmel umgeben, hielt sie mich zurück. Der Jüngling auf dem Bild hatte dunkle Locken, und Mildred sagte, sie würde zu gern neben ihm sitzen und ihm mit der Hand durchs Haar fahren. »Er hat Muskeln wie Donald. Starke Männer sind mein Schwarm. Ich hasse die Kleinen. Donalds Brust ist mit Haaren besät, und seine Beine und Arme sind über und über rauh. Himmlisch! Gestern nacht standen wir nebeneinander vor dem Spiegel – splitternackt ... Warum ich Ihnen das sage? Ich habe mich nie getraut, mit einem Mann davon zu reden, aber Sie sind eine mitfühlende Brust. Und ich hab eine Ahnung, Sie haben auch was erlebt. Sonst könnten Sie nicht so viel Mitgefühl haben.« Von Liebe und Liebenden sprachen wir im Weitergehn. Unsre Unterhaltung setzte gelegentlich aus; denn so interessant mir auch Mildred war – und mein Interesse ging sehr tief –: manchmal lenkte der Anblick eines Bildes meine Aufmerksamkeit ab. Im Skulpturensaal wollte es mir scheinen, als habe Mildred für Plastik mehr übrig als für Malerei. Sie blieb nämlich plötzlich vor Rodins ›L' âge d'airain‹ stehn, und ich legte mir im stillen die Frage vor, ob sie wirklich für die künstlerische Schönheit der Bildhauerarbeit empfänglich sei oder ob ihr Interesse ganz und gar dem Modell gelte, das Rodin benutzt hatte. Die Plastik ist eine primitivere Kunst als die Malerei; die Plastik und die Musik sind die beiden primitiven Künste, die dem Werturteil der Menge zugänglich sind. So wenigstens suchte ich Mildreds Verhältnis zu Rodin zu erklären; und gleichzeitig stieg der Gedanke in mir auf, jemand, der dem Sexuellen so geneigt sei, könne der Kunst nicht anteillos gegenüberstehn. Denn mag das Sexuelle auch der Kunst voraufgegangen sein: die Kunst trat in der Geschichte der Menschheit sehr früh in den Dienst des Sexuellen und hat ihr seitdem stets wirksame Hilfe geleistet. Selbst in der modernen Zeit, trotz der Erfindung des Telephons und des Automobils, sind wir, wenn sich Liebesbeziehungen anspinnen, auf die Kunst angewiesen. Heutzutage fängt ein Verhältnis damit an, daß Mann und Frau einander Bücher schicken. Eh es Bücher gab, diente die Musik den Zwecken des Liebenden. Denn als der Mann nicht mehr durch Raub die Weiber an sich brachte, ging er zum Ufer des Flusses, schnitt ein Ried, machte daraus eine Flöte und spielte sie zur Lust seiner Liebsten, Erst nachdem er sie durch seine Musik gewonnen hatte, zeigte er für die Melodie um ihrer selbst willen Interesse. Derlei ergötzliche Gedanken zogen mir in der Galerie durch den Kopf - wie wär es auch anders möglich gewesen, da ich ja mit Mildred dort war? – ›und ich erörterte die Frage, wie wenig wahrscheinlich es sei, daß ein Wesen von Mildreds hoher Spannkraft vor dem Traum des Künstlers von einem schlanken Jüngling empfindungslos sein konnte – noch dazu bei einem solchen Jüngling, der sich wie eine Lilie in der Wonne des Erblühens neigte. »Das einzige, was ich an ihm auszusetzen habe, ist, daß der Abstand vom Knie zum Fuß nicht lang genug ist. Der Oberschenkel dagegen scheint zu lang. Es gefällt mir besser, wenn die Strecke vom Knie zum Fuß länger ist als die vom Knie zur Hüfte. Hab ich da was Dummes gesagt?« »Ganz und gar nicht. Ich glaube, Sie haben recht. Ihre Proportionen sind auch mehr nach meinem Geschmack. Eine kurze tibia ist unschön.« »Sicher, in Italien gibt es solche Jünglinge. (Ein schwärmerischer Blick leuchtete aus ihren Augen.) Ich weiß nicht – Hab ich Ihnen schon erzählt, daß wir nächste Woche nach Italien gehn?« »Ja, ich weiß.« Ihre Gedanken bewegten sich sprungweise, in rechten Winkeln. Sie stand mit dem Rücken nach der Statue zu und erzählte mir, wie sie Donalds Bekanntschaft gemacht habe. Sie und ihre Mutter lebten damals in einer Pension, die auf demselben Platz lag, wo Donalds Vater wohnte; und sie pflegten auf dem Platz spazierenzugehn, und als sie eines Tages nach Hause lief, um sich vor einem Regenschauer in Sicherheit zu bringen, hatte er ihr seinen Schirm angeboten. Das war im Juli. Ein paar Tage darauf ging sie für vier Wochen nach Tenby. In Tenby war sie mit Toby Wells intim bekannt geworden; es war ihm gelungen, eine Zeitlang Donald in ihrer Gunst zu verdrängen. Sie hatte Toby schon in Nizza kennengelernt, aber in Nizza hatte sie Dutzende von allerliebsten Männern und dachte nicht im Traum an Toby; doch in Tenby kam er wie ein Sendbote des Himmels. »Tobys Mama war auch da. Wir ließen gewöhnlich die beiden Mütter ausfahren und hatten dann den Speisesaal den ganzen Nachmittag für uns.« »Aber Sie haben Donald doch viel lieber als Toby?« »Selbstverständlich. Er ist jetzt hier, um sich mit mir trauen zu lassen. Gehn Sie mir mit Toby – die ganze Geschichte hab ich längst vergessen. Sehn Sie, ich lernte Donald kennen, als ich nach London zurückkehrte.« Und ich lauschte mit größter Spannung ihrem Bericht, wie sie und Donald in verschiedenen Stadtteilen Zimmer mieteten, damit man ihre Spur nicht verfolgen könne. »Donald mußte sich die Beine ablaufen, um eine passende Stube zu bekommen. Ich riet ihm immer, wenn möglich eine zu nehmen über einem Putzmacherladen. Zweimal wöchentlich kamen wir zusammen. Nach ein bis zwei Monaten waren alle Absteigequartiere der Gegend erledigt, denn wir gingen nie zweimal in dieselbe Bude. Den ganzen Tag waren wir zusammen. Um zwölf ging ich zu ihm und blieb bis fünf, und am Nachmittag tranken wir unsern Tee miteinander. Einmal hatten wir ganz vergessen, daß das Teebrett noch auf dem Boden stand; es war schon dunkel im Zimmer, ich sprang aus dem Bett, mit dem Fuß mitten in die Marmelade hinein ... Aber sehn Sie sich doch nur den Rücken von dem Weib an! Wo ihr Kopf steckt! Warum Rodin wohl ein Weib in dieser Lage dargestellt hat?« Sie blickte mich an, und ein forschender, neugieriger Zug trat auf ihrem Gesicht hervor. In einem Anfall von Schüchternheit beeilte ich mich, ihr zu versichern, die Statue heiße ›La Danaïde‹. »Rodin bringt oft eine banale Sinnlichkeit in die Kunst. Manchmal kann man ein Werk von ihm gradezu l'article de Paris nennen. Bisweilen verdirbt er es sich durch eine Sentimentalität, deren bekanntester Vertreter Gounod ist – ein schrecklicher Kerl, der eine Art Badewasser-Melodie jedem Weib, das ihm unter die Finger kam, über den Rücken goß – ob Margarete oder Magdalena, war ihm ganz gleich.« »Haben Sie je ein Bild gesehn, das ›Vertige‹ heißt? Ein Weib, an ein Sofa gelehnt, und ein Mann hinter dem Sofa, der sich vorbeugt und sie küßt? Donald sagt, ich mache immer die Augen zu, wenn er mich küßt – ganz ebenso.« »Ich merke, die Erinnerungen an gestern nacht stecken noch in Ihnen. Offenbar ist das heute nicht der rechte Tag zum Besuch einer Bildergalerie. Kommen Sie – wir wollen uns setzen und von weniger ernsten Dingen plaudern. Von Verhältnissen. Sie finden doch nichts dabei, mit mir davon zu sprechen? Mir können Sie traun, das wissen Sie ja. Also wieviel Liebhaber haben Sie vor Donald gehabt?« »O je, Dutzende. Ich weiß nicht mehr. Darum, sollt ich meinen, denkt ein Mann nicht schlechter von uns, und ich bin immer ganz ehrlich. Donald hab ich gestanden, ich hätte zwei gehabt ... aber ich bin natürlich ein Racker gewesen. Mit sechzehn Jahren fing ich an. Ein Freund meines Bruders, der mit ihm auf die Jagd ging, kam jeden Tag angeritten. Weiß Gott, der sah fesch aus in seinen Reithosen und dem Jagdrock. Er hat mich immer geküßt – das gefiel mir natürlich, und eines Tages ging die Sache vor sich auf dem Heuboden ... Ah, war das heiß im Heu! Danach trieben wir's über die Hutschnur.« »Und was war das Ende von der Liebelei?« »Er mußte weg. Aber andre ließen natürlich nicht lange auf sich warten.« »Und jedesmal bilden Sie sich ein, Sie seien verliebt?« »Du meine Güte – nein! Ich habe Donald sehr lieb, mehr als irgendeinen. Aber es ist ein Gefühl, das sich abnutzt.« »Binnen kurz oder lang wird Ihnen einer begegnen, in dem Sie ganz und gar aufgehn. Dann wird sich aus all den flüchtigen Liebschaften eine große Leidenschaft entwickeln, die keinen Wechsel mehr kennt.« »Meinen Sie wirklich? Ich weiß nicht recht.« »Zweifeln Sie daran?« »Meiner Ansicht nach kann mich ein Mann nicht vollständig absorbieren, ein einziger Mann mein Leben nicht ausfüllen.« »Auch Donald nicht?« »Donald ist ein Prachtmensch. Er packt mich bei den Schultern, zieht mich an sich und ruft: ›Nur nicht sprechen, nur nicht sprechen!‹ Manchmal ist er wild wie ein Indianer. Wissen Sie noch – an dem Morgen, ein paar Tage nach unsrer Ankunft?« »Ihre Hochzeitsnacht?« »Jawohl, meine Hochzeitsnacht.« Wir interessieren uns für jeden und jede, der er selbst oder sie selbst ist, und dies Mädchen war sicher sie selbst, ganz sie selbst. Da reiste sie nun mit ihrer stillen, ehrbaren Mutter herum, die nicht das geringste ahnte, und verkörperte scheinbar einen Typus – Typus ist kaum das rechte Wort, denn sie war eine Ausnahme. Noch nie hatte ich eine ihres Schlags gesehn, eine von ihrer Aufrichtigkeit und ihrer Unternehmungslust; das war doch wenigstens eine, die den Mut ihres Trieblebens hatte. Sie war mannstoll, sozusagen, aber dann und wann bekam ich doch eine andre Mildred zu Gesicht: wenn sie seufzte, wenn ein leiser, unbefriedigter Zug auf ihrem Gesicht hervortrat, und die andre Mildred tauchte nur einen Augenblick empor, wie eine Wasserblume oder eine Schlingpflanze an die Oberfläche eines Stroms. »Ich habe schon schauderhaft schreckliche Zeiten durchgemacht. Ich würde lieber den ersten besten heiraten als ein uneheliches Kind bekommen. Manchmal bete ich – ich habe solche Angst. Dann sage ich zu Gott, wenn er mich diesmal heil davonkommen läßt, will ich's nie wieder tun. Aber irgendwie geht's dann wieder von neuem an ... Und Sie wissen doch, es ist meine feste Absicht, ein gutes Mädel zu sein. Man soll gut sein, das ist meine Überzeugung. Aber wahrhaftig, wenn man die Bibel liest – Ach, müssen Sie fort? Es war mir eine solche Erleichterung, mich mit Ihnen auszusprechen. Seh' ich Sie denn heut abend? Im Hotel ist doch sonst niemand, mit dem ich mich unterhalten kann. Mama wird Klavier spielen; und wenn sie Beethoven spielt, geht sie mir auf die Nerven.« »Sie spielen Violine – nicht wahr?« »Ja.« Wieder trat der eigentümliche traurige Blick, der mir so bezeichnend für sie erschienen war, auf ihrem Gesicht zutage, und ich legte mir die Frage vor, ob dieser Ausdruck, der ihre Stirn jäh umwölkte, auf Dummheit oder auf eine plötzliche Verstandes- oder Gefühlsregung zurückzuführen sei. »Schade, daß Sie nicht im Hotel essen.« »Es tut mir auch leid. Ich esse mit Studenten im Quartier latin. Die würden Sie amüsieren.« »Ich wünschte, ich wär eine Grisette.« »Dann würd' ich Sie mitnehmen. Jetzt muß ich mich aber verabschieden. Ich muß noch mit meiner Malerei vorankommen.« Am Abend kehrte ich erst spät ins Hotel zurück und brach am nächsten Morgen schon früh auf. Doch am übernächsten Tag überraschte sie mich im Luxembourg-Garten, und als wir selbander dahinschritten, erzählte sie mir, Donald sei abgereist. »Er hatte keine andre Wahl – er mußte zurück. Er war doch ohne Urlaub aus dem Büro geblieben und hatte bloß zwei Pfund in der Tasche, mein armer Schatz. Ich weiß nicht, hab ich Ihnen eigentlich erzählt, daß er sich die zwei Pfund zur Reise pumpen mußte?« »Nein, die kleine Tatsache haben Sie mir unterschlagen. Sehn Sie, Sie sind so ganz von Ihrer eignen Person in Anspruch genommen, daß Sie meinen, all das interessiere jeden andern ebenso wie Sie.« »Das war unhöflich.« Und sie blickte mich vorwurfsvoll an. »Das ist das erstemal, daß Sie mir etwas Unliebenswürdiges gesagt haben. Wenn ich mit Ihnen geplaudert habe, dachte ich, es interessiere Sie. Außerdem glaubte ich, Sie interessierten sich auch ein bißchen für mich, und ich habe den weiten Weg gemacht –« Ich war gerührt und bat sie dringend, mir zu glauben, daß meine Bemerkung im Spaß gefallen sei, nur um sie zu necken. Doch ich brauchte lange Zeit, bis ich sie dazu brachte, ihren Satz zu beenden. »Sie haben den weiten Weg gemacht, sagten Sie –« »Ich wollte Ihnen nur mitteilen, daß wir morgen nach Rom fahren. Ich wollte nicht von hier fort, ohne Sie noch einmal zu sehn; aber ich habe mich, scheint's, in Ihnen getäuscht. Ihnen wär es ganz egal gewesen.« Sie hatte ihren Violinkasten bei sich; der Vorschlag, ihr ihn zu tragen, schien der einfachste Ausweg aus meiner heiklen Lage; doch sie wollte ihn nicht aus der Hand geben. Ich fragte sie, ob sie in einem Konzert mitgewirkt habe oder ob sie aus der Stunde komme. Nein – ja warum habe sie dann ihren Violinkasten bei sich? »Fragen Sie nicht! Lassen Sie mich in Ruhe! Es ist ganz einerlei. Ich kann jetzt doch nicht spielen, und vor zehn Minuten hatte ich noch solche Lust dazu.« Diese leichten Temperamentswallungen waren nichts Seltenes bei Mildred; ich wußte, daß die jetzige bald vorübergehn werde. Um den Prozeß möglichst zu beschleunigen, schlug ich vor, uns zu setzen, und fing von Donald an. »Ich will nichts von ihm hören. Sie haben mich beleidigt.« »Schade, daß Sie von Paris fortgehn. Das ist der allerschönste Monat. Wie erquickend es hier ist – die weiche, gleichmäßige Wärme der Luft, – das Sonnenlicht schimmert wie ein Lebewesen durch die Blätter, das Wasser rieselt am andern Ende der Allee. Wir sind ganz allein hier, Mildred. Nun sagen Sie mir doch: warum haben Sie Ihren Violinkasten bei sich?« »Na, wenn Sie's durchaus wissen wollen«, sagte sie, »ich hab ihn mitgenommen für den Fall, daß ich Sie treffen würde. Ich dachte, Sie möchten mich vielleicht einmal spielen hören. Morgen früh reisen wir. Ich kann im Hotel nicht spielen, in dem stickigen kleinen Raum, Und dann würde Mama mich auch begleiten wollen.« »Spielen Sie mir hier im Luxembourg-Garten vor!« »Hier kann man machen, was man will. Keiner kümmert sich um den andern.« Und sie deutete mit ihrem Sonnenschirm auf einen lang aufgeschossenen Dichter mit einer ihm über die Schultern fließenden Mähne, der am andern Ende der Allee auf und ab ging und seine Gedichte rezitierte. »Ihr Spiel wird ihn vielleicht stören.« »Wenn's ihm nicht gefällt, wird er sich verziehn. Aber ich habe keine Lust zum Spielen. Ich kann nicht spielen, wenn ich nicht dazu aufgelegt bin, und ich war so recht in Stimmung, bis Ihre Bemerkung –« »Welche Bemerkung?« »Sie wissen ganz gut«, antwortete sie. Der Wunsch, sie hier im Garten Geige spielen zu hören, steigerte sich bei mir – es war ein bezaubernder Augenblick: das durch die transluciden Blätter fallende Licht und der lustwandelnde Dichter versetzten meine Gedanken in ein andres Zeitalter. Ich sah ein Bild vor mir entsteh« – darauf mich selbst, den Dichter und das Fräulein, das uns Geige vorspielte; wettere Gestalten zur Vervollständigung der Komposition waren nicht vorhanden. Cabanels Bild des Florentiners drängte sich dazwischen und störte meine Phantasieschöpfung: das Bild Dantes, der am einen Ende einer Steinbank einem geängsteten Mädchen seine Verse vorliest, während ihr Geliebter sie von dem Manne fortzieht, der in der Hölle gewesen und die Qualen der Verdammten mit angesehn, der dem durch den Luftraum taumelnden unglücklichen Liebespaar aus Rimini begegnet war und von ihren eignen Lippen ihr Schicksal vernommen hatte. Wie eine Eidechse liegt ein Wann auf einer niedrigen Mauer und lauscht der Erzählung des Dichters. Doch warum ein so bekanntes Bild beschreiben? Warum es überhaupt erwähnen? Nur weil sich sein Motiv aufdrängte und mir meinen Traum zerstörte, eine unfruchtbare Idee, die ich unbestimmt in der Natur gewahrte, ohne sie fassen zu können. Die trügerische Anregung zu einem Bild zog an mir vorüber, und so eifrig verfolgte ich die Vision, daß ich nicht die Kraft besaß, Mildred zu bitten, mir etwas vorzuspielen. Der Klang ihrer Violine mochte mir förderlich sein, aber er mußte von selbst kommen, so wie alles andre kam, ohne Folge, ohne Logik. In diesem Augenblick vernahm mein Ohr die Töne einer Violine; ein alter Tanzrhythmus wurde gespielt, und in dem von der Sonne beglänzten Zwischenraum tauchten drei weibliche Wesen auf, die eine Gavotte tanzten, bald im Licht nach vorne kommend, bald in den Schatten zurückweichend. Die eine, die die Geige spielte, lehnte sich bisweilen an einen Baum; bisweilen schloß sie sich den andern an und spielte, während sie tanzte. »Ich kenne die Gavotte. Wir wollen zu ihnen gehn. Ich will ihnen aufspielen, wenn es ihnen recht ist.« Gar bald schien das geigende Fräulein in Mildred die bessere Spielerin zu erkennen. Es reichte seine Fiedel einem Zuschauer, und die Gavotte nahm ihren Fortgang, derart, daß die drei alten Damen knicksten, ihre Röcke aufnahmen und sich auf die Fußspitzen hoben mit der Anmut verflossener Zeiten. Niemals, glaub' ich, schien mir die Wirklichkeit so sehr ein Traum. ›Wer mögen die drei Damen nur sein?‹ fragte ich mich; und indem ich mich, wie ein Verzauberter, auf eine Bank sinken ließ, träumte ich, es wären drei Schwestern, letzte Sprossen einer adligen Familie, die im Verlauf mehrerer Generationen ihr Vermögen eingebüßt, bis ihnen schließlich nichts mehr blieb, so daß die armen alten Jungfern Mittel und Wege ersinnen mußten, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Ich malte mir als Schauplatz ein großes Haus aus, das sie am folgenden Morgen räumen sollten, stellte mir vor, wie sie sich berieten in dem Glauben, betteln gehn zu müssen, bis die eine, die die Geige spielte, sagte, es werde ein Ereignis eintreten, das sie vor dem Schimpf des Bettelns bewahre. Noch bevor ihre letzte Brotkruste aufgezehrt sei, werde jemand kommen und ihnen sagen, ein Vermögen harre ihrer. Und also geschah es: an dem Tag, als sie ihre letzte Kruste teilten, fand die eine, die glaubensstark und zuversichtlich geblieben war, unvermutet einen alten Brief. Sie las so lange, daß die andern sie fragten, was denn ihre Teilnahme errege. ›Ich hab es euch ja gesagt‹, rief sie, ›wir werden gerettet werden, Gott in seiner großen Gnade wird uns nicht auf die Straße setzen und betteln gehn lassen. Der Brief hier enthält ganz ausführliche Anweisungen, wie man die Gavotte getanzt hat, als unsre Ahnen auf der Place des Vosges wohnten.‹ – ›Aber was nützt es uns denn, den richtigen Gavotten-Tanzschritt zu kennen?‹ fragte die jüngste Schwester. – ›Sehr viel‹, versetzte die ältere finster. ›Ich kann Geige spielen, und wir drei können tanzen lernen. Wir wollen im Luxembourg-Garten bei schönem Wetter die Gavotte tanzen – die echte Gavotte, wie man sie getanzt hat, als Madame de Sévigné in einer bemalten, von sechs Pferden gezogenen Kutsche vorfuhr und den mit Basreliefs von Jean Goujon geschmückten Hof ihres Hotels betrat.‹ Diese Geschichte träumte ich, als ich auf der Bank saß und der zierlichen, heiteren Musik lauschte, die wie ein lebendiges Wesen dahinfloß. Unter den Händen der alten Jungfer kratzte die Musik, wie abgestorbene Blätter auf einem Fußpfade rascheln, ohne Betonung, ohne Rhythmus; jetzt hüpfte die alte Gavotte dahin wie der Frühling, hold wie die knospenden Bäume, wie das Sonnenlicht auf dem Rasen. Mildred brachte den Gegensatz zwischen den gestoßenen und den gebundenen Tönen heraus. Wie lustig das klang! Erfüllt von der Mode der Zeit – Perücken, Degen, Verbeugungen, Galanterie! Wie gemächlich! Wie reizvoll! Wie trefflich sie es verstand! Wie ausgezeichnet die alten Damen danach tanzten! Wie entzückt alle waren! Sie spielte weiter, bis die alten Fräulein nicht mehr tanzen konnten und sich hinsetzten, um ihr zuzuhören. Nachdem sie einige wenige Melodien angegeben, die ich nicht kannte, spielte sie etwas, das ich unbedingt schon vorher gehört hatte – in der Kirche. Sie begann auf der G -Saite und spann den langen, langen, scheinbar endlosen Satz aus; er war so streng, eine solche Herausforderung des Protestantismus, daß ich an eine Seele auf ihrem Weg zum Stuhl des höchsten Richters denken mußte, die, einem Zwang gehorchend, unterwegs beichtet, wie sie der Lust gefrönt und Erlösung gesucht, und ihre Verteidigung fast in trotzigem Ton vorbringt. Mildred freilich konnte nicht begreifen, daß man sich religiös so erhoben fühlte, und doch hatte ihr Spiel den Gedanken in mir erweckt. Hatte man sie ihn spielen gelehrt? Gab sie den Gedanken einer fremden Person wieder? Ihr Spiel klang nicht wie ein Echo; es schien aus dem Herzen zu strömen oder aus einem unbewußten Selbst, einem früheren, vor der Geburt liegenden Selbst, das in seiner jetzigen Gestalt nur in der Musik hervortrat, von einer rätselhaften Strömung an die Oberfläche getragen, um von einer andern wieder verschlungen zu werden. Sie spielte noch mehreres, ohne zu wissen, was sie gleich darauf spielen werde. Und dann, als ob sie einer plötzlichen Regung nachgebe, andre Dinge zu beichten, intonierte sie eine ganz schlichte, gesangvolle Weise, die dann und wann – den Eindruck machte es mir – von leisen, zitternden Geständnissen unterbrochen wurde. Mir war, als sah ich beim Scheiden des Tages in dämmrigem Boudoir eine der Frauengestalten von Alfred Stevens, nur viel verfeinerter – eine, deren Geliebter ihr untreu geworden, oder auch eine, die ihrer Liebhaber überdrüssig ist und, da sie nicht weiß, womit sie sich beschäftigen soll, zwischen Kloster und Tanzsaal schwankt. Ach, diese wunderschöne klagende Melodie – wie gut Mildred sie spielte! – daran sich das kleine Crescendo anschließt, und dann besinnt sich die Seele auf sich selbst, beweint ihre Schwäche, beichtet ihre Torheiten in wohlgesetzter, lieblicher Sprache, die scheinbar ihre Worte dem Zufall anheimgibt und doch so tiefe Dinge sagt, tief wie Bach. Nur in einer andern, leichteren, anmutigeren, offenbar mehr an der Oberfläche haftenden Form, die aber ebenso tief ist; denn wenn wir auf den Grund der Dinge gehn, sind sie alle tief, eins so tief wie das andre, genau wie alle Dinge seicht sind, eins so seicht wie das andre. Waren die Mystiker nicht zu allen Zeiten der Ansicht, daß die Dinge nicht in sich existierten, sondern im Auge, das sieht, im Ohr, das hört? Eine Menge Zuhörer hatte sich eingefunden; denn Mildred spielte aus dem großen Schweigen heraus, das in jeder Seele ist, in der der Buhlerin so gut wie in der der Heiligen, und sie spielte weiter, ohne auf die Zahl der Menschen zu achten, die sie um sich versammelt hatte. Als sie aufhörte und zu mir zurückkam, sagte ich: »Sie spielen wundervoll. Warum haben Sie gesagt, Sie mögen Beethoven nicht?« »Das hab ich nicht gesagt. Sie wissen ganz gut, daß Mama die Appassionata nicht spielen kann.« »Warum sind Sie nun nicht immer so?« »Ich weiß nicht. Man kann nicht immer dieselbe sein. Ich fühle anders, wenn ich spiele. Die Stimmung kommt nur manchmal über mich. Früher hab ich viel gespielt, jetzt spiel ich nur gelegentlich, wenn ich mich dazu aufgelegt fühle.« Wir gingen durch die Alleen an den Statuen vorüber, fast ohne sie zu beachten, so sehr waren unsre Gedanken noch bei der Musik. »Ich muß jetzt nach Hause«, sagte sie. »Ich habe noch zu packen. Mama kann nicht packen, ich muß es für sie tun. Hoffentlich sehn wir uns eines Tages wieder.« »Was hätten wir davon? Ich mag Sie nur, wenn Sie spielen, und leider sind Sie nicht oft in Stimmung.« »Das tut mir leid. Vielleicht, wenn Sie mich besser kennen würden –« »Sie sind doch jetzt verheiratet. Ich denke mir, Donald wird Sie in Rom abholen?« »Nein – ich glaube nicht, daß er's einrichten kann. Er hat kein Geld dazu.« »Und Sie werden ein andres Verhältnis anfangen?« »Wer weiß! Nach den Erfahrungen dieser Woche ist mir alle Lust vergangen.« Sie blieb plötzlich vor einem Modewarenladen stehn und sagte: »Die Kragen da gefallen mir, die Stehumlege – sie sind das Allerneuste. Gefallen sie Ihnen so gut wie die hohen Stehkragen, die acht Zentimeter hohen? Als die modern waren, konnten die Herren kaum den Kopf bewegen.« Dann machte sie einige Bemerkungen über Krawatten und ihre Lieblingsfarbe – violett. »Wahrhaftig, da ist ein hübsches Violett. Mein armer Donald! Er ist bildschön. Ich möchte so gern ihm sechs Paar seidene Unterhosen schenken. Er hat nur ein Paar, und die Stiefel, die er anhatte – schrecklich. Mein armer Schatz!« Danach wurde kein Wort mehr über Musik gesprochen. Ich kann nicht bestimmt angeben, was sie an diesem Tag im Luxembourg-Garten gespielt hatte; meine Liebe zur Musik war noch nicht völlig erwacht – was könnte es gewesen sein? Die Namen Bach und Chopin kamen mir in den Sinn. »Ich kann nicht von Musik sprechen«, sagte sie, als wir in die Rue du Bac einbogen, und sie eilte die Stufen des Hotels hinan, ganz erfüllt von der andern Mildred. Sie bat ihre Mutter, den Cake Walk zu spielen, und tanzte zu meinem Vergnügen den ›famosen Two-step‹, wie sie ihn in Nizza gelernt hatte. Es fiel mir auf, daß sie außerordentlich komisch aussah, als sie im Zimmer auf und ab hopste. Die Kinnlinie verzerrte sich, und das gibt dem Gesicht immer einen etwas komischen Ausdruck. Dann ging sie mit mir hinunter, und als wir an der Hoteltür standen, sagte sie: »Ich will Ihnen etwas erzählen, das gestern passiert ist, als ich mit Mama aus war. Es war bei Cook im Büro. Als wir hineinkamen, sah ich einen Yankee – ah; wundervoll angezogen! Himmlische Lackstiefel! ›Du allerliebster, süßer Mann‹, dachte ich, ›wirst du mich denn gar nicht mal anschaun?‹ Und schon sah er mich an und machte mir ein Zeichen, so'n ganz kleines mit der Zunge – Sie wissen ja. Dann zog er sein Visitenkartentäschchen heraus, faltete eine Karte zusammen, legte sie hinter sich aufs Fensterbrett, warf mir einen Blick zu und trat zur Seite. Ich ging also hin und steckte sie ein. Mama hat nicht das geringste bemerkt, aber die jungen Leute, und ich bin wohl sehr rot geworden. Er bewohnt eine Etage in der Avenue de I'Opéra) er muß reich sein. Als ich nach Hause kam, schrieb ich ihm: da ich ihm angesehn hätte, daß er Amerikaner sei, wolle ich ihm sein ungewöhnliches Benehmen, das mich so in Erstaunen gesetzt, verzeihn. Ich führe morgen von Paris nach Rom, und wenn ihn sein Weg zufällig je in die Gegend brächte, Briefe p. Adr. Thomas Cook würden mich stets erreichen. Dann setzte ich meinen Namen darunter – aber er wird natürlich nie kommen.« Ich habe Mildreds Geschichte zu einer bestimmten Zeit ihres Lebens wahrheitsgemäß berichtet. Wer viel reist, trifft mitunter Menschen, deren Individualität so stark ausgeprägt ist, daß sie fortlebt. Mildreds Persönlichkeit ist mir viele Jahre lebendig geblieben, und ich habe diese Darstellung von ihr gegeben, weil sie mir geeignet scheint, einen Einblick in das Rätsel des Lebens zu gewähren, ohne dies Rätselvolle im mindesten zu zerstören. Bringen Sie die Lampe! Mehrere Tage schon hat kein Wind die Bäume bewegt, die Landschaft macht mir den Eindruck einer Nachtwandlerin – ganz die gleiche Stille, das Geheimnisvolle, die ehrfürchtige Scheu. Das dichte Laub der Esche rührt sich nicht; selbst an den obersten Zweigen verharren die fingerförmigen Blätter in ihrer Ruhe. Der Hagedorn, der aus einer zerfallenen Mauer herauswächst, färbt sich braun und gelb, mit den Stockrosen ist's vorbei, die Astern kommen. Gestern abend ging das Blaßrosa des Himmels in ein feierliches Blau über, wie es um Mitternacht zu sehn ist. Er war nur spärlich gestirnt: der blendende Jupiter stand im Zenit; der rote Mars hing unter dem dekorativ wirkenden Vollmond über dem Horizont ... Die letzten Septembertage! Und jeden Tag stirbt das Licht einige Minuten früher. Um halb sechs spürt man einen Schauer um die Beine; es muß ein Frosthauch in der Luft liegen. Darum hängen die Blätter auch so kläglich herab. Es liegt bestimmt ein Frosthauch in der Luft, so daß man sich versucht fühlt, das Feuer anzuzünden. Es ist schwer zu sagen, ob man friert oder ob man sich nach der Gesellschaft des Kamins sehnt. Der Tee ist vorüber, die Dämmerung bricht herein, der Schurke Kleinmut lauert in den Ecken. Bei Tagesschluß, wenn man sein Werk hinter sich hat, stehn lähmende Gedanken auf im Studierzimmer und im Atelier. Da ist der Architekt – er zeichnet eben die sechsunddreißigste Säule (es sind im ganzen dreiundvierzig); mitten in der Arbeit hat ihn die Dämmerung überrascht, es ist ihm weh ums Herz, als er sich von seinem Pult erhebt. Einerlei, ob seine Begabung groß oder klein ist – er kommt nicht um die Frage herum, wem es etwas verschlägt, wenn er die letzten sieben Säulen unvollendet läßt. Da ist der Novellist. Zwei, drei oder vier weitere Geschichten sind nötig, einen Band von vorgeschriebener Seitenzahl zu füllen. Die Dämmerung hat ihn in der Arbeit unterbrochen, und als er vom Schreibtisch aufsteht, fragt er sich, wem es etwas verschlägt, ob er die letzten Erzählungen schreibt oder nicht. Schreibt er sie, so werden seine Ideen einen flüchtigen Lenz grünen, eines kurzen Sommers genießen; wenn sein Garten im Herbst welkt, werden seine Seiten schon fast vergessen sein; sie werden dem Winter eher zum Opfer fallen als sein Garten – vielleicht. Die Blüten, die er für unsterblich hielt, find sterblicher als die Rose. ›Warum‹, denkt er, soll sich die Welt für meine Erzählungen mehr erwärmen als für die tausend und eins Erzählungen, die in diesem Jahr veröffentlicht werden? Auch mein Buch gehört zu der Anzahl Banalitäten, aus denen der Überdruß erwächst, den wir Leben nennen.‹ Seine Gedanken flattern über die Vergangenheit hin, und sein eignes Leben dünkt ihn kaum wesenhafter als die Tagesarbeit vor der Staffelei, wenn er Maler, am Sekretär, wenn er Schriftsteller ist. Er kommt sich vor wie ein Pferd, das beständig um einen Brunnen herumgeht; doch das Pferd pumpt Wasser – Wasser ist eine Notwendigkeit, während die Kunst, selbst wenn sein Schaffen den Namen Kunst verdient, seines Wissens für keinen Menschen eine Notwendigkeit ist. Wer er auch sein mag, es mangelt nicht an Beweisen, daß die Welt ganz gut ohne seine Tätigkeit auskommt. Aber wenn er davon auch durchdrungen ist – und in der Stimmung, die ich jetzt beschreibe, scheint es ihm Gewißheit –: er muß weiter arbeiten. Zur Arbeit ist der Mensch geboren, heißt es im Alten Testament; er muß seine Furche bis ans Ende des Ackers ziehn, sonst würde er sich, hinlegen und vor lauter Langeweile sterben oder wahnsinnig werden. Er fragt sich, warum er ein Verfertiger von Götzenbildern wurde – ›ein Verfertiger von Götzenbildern, ein Verfertiger von Götzenbildern‹, ruft er, ›der für seine Waren keinen Abnehmer finden kann! Lieber Matrose auf dem Weltmeer oder Soldat auf dem Schlachtfeld!‹ Seine Gedanken reißen ab, er beginnt von einem Leben der Tätigkeit zu träumen. Es wäre köstlich, denkt er, auf einem Schiff nach Südamerika zu fahren, wo es so gut wie unbekannte Wälder und Gebirgsketten gibt. Er hat von den wilden Hirten der Pampas gelesen, die so mit ihrem Pferde verwachsen sind, daß sie keine Weile zu Fuß gehn können, ohne sich auszuruhn; wenn er am Herbstabend vor dem Kamin sitzt, kann er sie durch das hohe Gras der Pampas im Galopp reiten und drei, durch Lederschnüre verbundene Bälle schleudern sehn. Die Waffe heißt Bolus. Wenn sie durch die Luft saust, umschlingt sie die Beine der Guanakos und bringt sie zu Fall. Aber fände er auch, falls er nach Amerika ginge, seine Befriedigung im Jägerleben? Vermag der Künstler seine Träume beiseitezuschieben und sich mit dem Leben des Jägers zu begnügen? Seine Träume würden ihm folgen: wenn er abends am Lagerfeuer säße, würde er darüber nachsinnen, wie er die Schatten malen oder von dem rohen Leben derer erzählen solle, die um ihn herumsitzen und Charqui essen. Nein, ihm bleibt nichts andres übrig, als seine Ackerfurche weiter Zu ziehn; er muß Geschichten schreiben, bis sein Hirn dahinschwindet oder der Tod dazwischenkommt. Jetzt klingen Kirchenglocken durch die stille Luft, wundervoll friedliche Töne, wie sie seit ewig langer Zeit schon hallen; er hört ihnen gerne zu und denkt dabei an Choräle und die schlichten Predigten des guten Geistlichen. Soll er aufstehn und hingehn? Vielleicht würde der Gottesdienst seine Verzagtheit lindern; aber er hat nicht so viel Mut im Herzen. Er kann nichts weiter tun, als ein Streichhölzchen anstecken; das Feuer flammt auf. Es ist ein Herbstnachmittag, an dem grade so viel Frost in der Luft liegt, daß einem das Feuer willkommen ist. Und während er sich in seinen Sessel schmiegt, beschwichtigt die Wärme den Geist und das Fleisch, und im Halbschlummer des Fleisches erwacht der Geist. Wie – fällt ihm die Geschichte jetzt ein? Ja; sie formt sich, unabhängig von seinem Willen, und er spricht: Möge sie Gestalt annehmen!‹ Und der Schauplatz, der vor seinem geistigen Auge emporsteigt, ist ein Tanzsaal. Er sieht die Damen alle in einer Reihe, zarte Nacken und Arme junger Mädchen, und junge Herren in schwarz, die sich an den Türen drängen. Etliche Paare bewegen sich nach dem Rhythmus eines schmachtenden Walzers, einer französischen Imitation von Strauß, eines Walzers, der jetzt nicht mehr gespielt wird, den vielleicht alle vergessen haben mit Ausnahme von ihm – eines Walzers, den er vor zwanzig langen Jahren gehört hat. Der Walzer hat seitdem unbeachtet in seinem Kopf gelegen, aber jetzt hört er ihn wieder ganz; noch nie war er imstande, sich auf diese Coda zu besinnen, und nun bringt sie den Duft von Veilchen mit – das Parfüm einer kleinen blonden Frau, die sich in Träumen ergeht, während sie mit dem jungen Mann tanzt, der ebenso blond wie sie. Nehmt an, sie hat mehr ihn engagiert als er sie, nehmt an, sie trug ein Crêpe de chine-Kleid, vielleicht irgendwo weiß verziert, und eine weiße Schleife um den Hals. Nehmt an, sie war eine Witwe, deren Mann ein halbes Jahr nach ihrer Vermählung starb – vor sechs Monaten. Nehmt an, sie kam aus einem fernen Weltteil, aus Amerika – Baltimore tut es ebensogut wie jede andre Stadt, vielleicht noch besser, denn der Träumer am Kamin hat nicht die geringste Ahnung, ob Baltimore inmitten einer Ebene liegt oder von Bergen eingeschlossen ist, ob seine Häuser aus Marmor, Ziegeln oder Stein sind. Nehmt an, sie stammte aus Baltimore, aus einer Straße mit einem reizvollen Namen – Cathedral Street–, es muß eine Cathedral Street in Baltimore geben. Der Klang der Kirchenglocken hat gewiß den Träumer angeregt, Cathedral Street zu wählen, sie dort wohnen zu lassen ... Der Ball müßte privat stattfinden, ein kleiner Ball, den sie besuchen dürfte, wiewohl ihr Mann erst ein halbes Jahr tot war. Als Amerikanerin würde sie den schleifenden Boston-step tanzen, und die beiden würden zusammen durch die verschiedenen Gruppen gleiten, bald vor-, bald rückwärts, hier den Tänzern ausweichend, dort wieder zum Vorschein kommend hinter einer Gruppe von Franzosen und Französinnen, die hin und her hopsen, auf dem Boden herumtrampeln, wobei die Herren die Damen halten, als ob es Gitarren wären. Eine amerikanische Witwe legt beim Tanz ihrem Partner die Hand auf die Schulter, schmiegt sich in ihn hinein, findet bei ihm zwischen Arm und Hüfte ein Ruheplätzchen und lehnt ihren Kopf an seine Schulter. Sie folgt jedem seiner Schritte; wenn er plötzlich nach links schwenkt, gibt es nie eine Stockung, einen Stoß, sie bewegen sich stets nach dem gleichen Rhythmus. Wie wonnig sind diese Augenblicke des rhythmischen Gleichmaßes und des Sexualreizes, wie stark, wenn das Weib ein kleines, schwarz gerändertes Taschentuch nimmt und es ihrem Tänzer in die Manschette schiebt mit leise flüsternden Worten, aus denen hervorgeht, daß er es behalten soll! Jedem, dem das widerfährt, wird das Leben ein Lied. Ein kleiner Vorfall dieser Art erhebt ihn aus dem öden Einerlei des körperlichen Daseins. Der Grund für die namenlose Seligkeit liegt wohl darin, daß man wieder sozusagen im Takt marschiert; man hat sich in die große Prozession eingeordnet und hilft werktätig mit im großen Betrieb. Es läßt sich nicht bestreiten: in solchen Augenblicken des Sexualreizes kommt einem der Rhythmus mehr zum Bewußtsein als zu jeder andern Zeit, und schließlich bedeutet Rhythmus doch Freude. Rhythmus schafft Musik, Poesie, Bilder. Wonach wir alle hinterher sind, ist: Rhythmus, und des jungen Mannes Leben insgesamt geht auf dem Heimweg nach einer Melodie, nach derselben Melodie, wie die Sterne ihm zu Häupten gehn. Alles vereinigt sich zum Wettgesang. Und er singt, als er an der Pförtnerloge vorbeikommt und bedauert das arme schlafende Ehepaar – was wissen sie von Liebe? – armselige Geschöpfe, die nicht imstande sind, die Freude des Rhythmus zu fühlen. Beseligt steigt er die Treppe hinauf, der Rhythmus hat es ihm angetan, Worte folgen Gedanken, Reime folgen Worten, und er setzt sich an seinen Schreibtisch, nimmt einen Bogen Papier hervor und schreibt. Ein Lied regt sich in ihm, ein duftiges Lied von blondem Haar und Wohlgerüchen – das Taschentuch inspiriert ihn. Das Rondell muß ihm vollendet gelingen; ein Rondell oder etwas Ähnliches, das er ihr morgen vorlesen wird, denn sie hat sich mit ihm verabredet. Wo? Kein besseres Stelldichein für Liebende als der Garten der Kirche de la Trinité. Er verbringt die Nacht in mattem Schlaf; aber das mehrmalige Erwachen ist köstlich, denn bei jedem Erwachen nimmt er einen schwachen Veilchenduft wahr. Er träumt von blondem Haar, träumt davon, wie sorgfältig er sich frühmorgens ankleiden will. Wird er in den gelben oder den grauen Beinkleidern ihr besser gefallen? Soll er eine violette oder eine graue Krawatte umbinden? Diese Fragen sind von Wichtigkeit; gibt es wichtigere für einen jungen Wann von fünfundzwanzig Fahren, der im Garten der Kirche de la Trinité ein himmlisches Meißner Figürchen mit blondem Haar und Vergißmeinnichtaugen trifft? Er weiß, sie wird kommen, nur hofft er, daß sie ihn nicht allzulange warten läßt. Um zehn Uhr ist er bestimmt an Ort und Stelle, geht auf und ab und betrachtet die Kindermädchen und die in den Schatten gefahrenen Wagen mit den Kleinen. Bei andrer Gelegenheit hätte er wohl für die Kindermädchen Augen gehabt, aber heut ist das hübscheste häßlich; sie sind bloß das tägliche Brot des Daseins. Heut steht ihm ein größerer Leckerbissen in Aussicht. Das hofft er wenigstens, und die zwanzig Jahre, die verflossen sind, haben nicht vermocht, den Augenblick auszulöschen, als er sie zu ihrem Stelldichein über den Kiesweg kommen sah, eine zierliche Blondine in schwarzem Kleid. Der Träumer sieht sie und ihren Freund zusammen aus dem Garten gehn. Er folgt ihnen die Straße hinunter, hört sie plaudern und miteinander verhandeln, wohin sie zum Frühstück gehn sollen. Sie in ein Pariser Restaurant zu führen, wäre ein zu alltägliches Vergnügen. Er hat sich in den Kopf gesetzt, mit ihr aufs Land zu fahren. Beide wollen auf dem warmen Gras sitzen und möglicherweise Küsse tauschen. Aller Herzen sehnen sich nach dem Lande, wenn sie verliebt sind; und sie möchte von ihm im Schatten der Bäume hören, daß er sie liebt. Sie ist Chloe und er – wer immer Chloes Geliebter war. Wohin gehn sie? Nach Bougival? Mancherlei ließe sich zu seinen Gunsten anführen, aber er ist schon dort gewesen. Auch in Meudon. Er möchte mit ihr irgendwohin fahren, wo er noch nicht war und vielleicht nie wieder hinkommen wird. Vincennes? Der Name ist allerliebst, er lockt ihn. Und sie fahren hin und kommen gegen elf Uhr an, ein bißchen zeitig fürs Frühstück. Die Sonne scheint, der Himmel ist blau, weiße Wolken breiten sich aus, wie fröhliche Wimpel kommen sie ihm vor. Er freut sich des Sonnenscheins – alles ist verheißungsvoll, von guter Vorbedeutung, die Wolken sind die Liebesfähnchen des Himmels. Wie die Gedanken in seinem Kopfe plappern, wie sich die Bilder darin drängen – vielleicht auch bei ihr! Überdies hat er ein Gedicht an sie in der Tasche. Er muß es ihr vorlesen, und damit sie es besser hören kann, setzen sie sich aufs Gras. Vor zwanzig Jahren wuchs gegenüber den Villen das Gras noch wild, standen einige Bäume und Büsche, hier und dort eine Bank für Liebespärchen, für alle möglichen Menschen; aber Liebespärchen meinen, diese Welt sei nur für sie da. Nur die Liebe kommt ernstlich in Betracht, und alle Musik und Poesie, alle Bilder und Skulpturen haben einzig den Zweck, die Liebe anzufachen, die Liebe zu verherrlichen, die Liebe als die einzige ernsthafte Beschäftigung erscheinen zu lassen. Vincennes mit seinen Bäumen und weißen Wolken, die am blauen Himmel emporsteigen, galt an diesem Tage den Liebenden als eine sehr angemessene Fassung für ihre Zärtlichkeiten. Die süße kleine Frau – der Träumer kann sie auf dem warmen Gras sehn – sitzt, so gut es geht, hinter einigen Sträuchern versteckt; das schwarze Kreppkleid verbirgt ihre Füße oder tut doch so. Weiße Strümpfe waren damals die Mode. Sie hat weiße Strümpfe an; wie hübsch und reizend sie sich in den kleinen schwarzen Schuhen ausnehmen! Die jüngere Generation kennt nur schwarze Strümpfe; der Reiz der weißen ist nur dem reiferen Alter bekannt. Doch der junge Mann muß ihr sein Gedicht vorlesen. Sie soll es zu hören bekommen, denn es gefällt ihm, und er ist überzeugt, es wird ihm ihre Gunst erringen helfen. Und als sie ihn fragt, ob er im Schlaf an sie gedacht, kann er die Antwort geben, daß ihr nach Veilchen duftendes Taschentuch ihn mehrmals geweckt habe, daß das Aufwachen köstlich gewesen. Um wieviel Uhr er denn zu Bett gegangen sei? Sehr spät; er sei aufgeblieben und habe ein Gedicht an sie gemacht, das von der Schönheit ihres blonden Haares Kunde gebe. »Lady, strähle dein Haar, das so lang und sonnig klar. Keine süßre Blume sprießt im Mai, als dein loses Haar, wenn es meine Füße umfließt. Lady, strähle dein Haar, das so lang und sonnig klar. Die Locken, gold wie die Sonne, auf Bildern der Madonne erglänzten nie halb so schlicht wie dein verzaubert Haar, an Schatten reich und an Licht. Lady, strähle dein Haar, das so lang und sonnig klar. Lady, strähle dein Haar, das so lang und sonnig klar; ein Netz von Golde spann' aus deinem Zauberhaar, bis alles in deinem Bann. Lady, strähle dein Haar, das so lang und sonnig klar.« »Zeigen Sie einmal Ihr Gedicht her ... Es ist ganz reizend. Aber was meinen Sie mit ›verzaubertem Haar‹? Wollen Sie damit sagen, daß mein Haar Sie bezaubert hat? ›Ein Netz von Golde spann‹ ... ›Strähle‹ – soll das heißen: aufkämmen?« »Dame, tressez vos cheveux blonds Qui sont si lourds et si longs – wie gut das im Französischen klingt!« »Ich verstehe kein Französisch, aber Ihr Gedicht gefällt mir trotzdem. Wissen Sie, daß es mir sogar sehr gut gefällt?« Es ist leicht, unter solchen Umständen verständnisvolles Lob für seine Verse einzuheimsen. Die beste Ode des Horaz würde einem jungen Weib nicht so viel sein wie die mäßige Reimerei des jungen Mannes, den sie liebt. Ein Glück, daß es so ist. Das ist des Träumers Lebensauffassung, wenn er versonnen im Schatten sitzt, dann und wann vom Kaminfeuer beleuchtet. Er denkt noch an das warme Gras und die kahlen Büsche. An diesem Frühlingstag war das Laub in Vincennes kaum dicht genug für verliebte Leute. Er sucht sich zu entsinnen, ob er ihren weißen Knöchel, während sie das Gedicht las, mit der Hand umspannte. Wenn er sich recht erinnert, geschah es, und sie verbot es ihm und tat ein bißchen beleidigt, indem sie ganz wie ein zimperliches junges Ding erklärte, derlei müsse er unterlassen, sie wäre nicht mit ihm ausgegangen, wenn sie geahnt hätte, daß er sich solche Freiheiten herausnähme. Aber sie ist ihm nicht ernstlich böse. Wie könnte sie auch? Hat er nicht von ihrem verzauberten Haar gesprochen? Und was kümmert es sie, daß der Ausdruck einem andern Dichter entlehnt ist? Ihr kommt es darauf an, daß er ihr Haar für zauberhaft hält, und ihre Hände greifen danach. Der junge Wann fleht sie an, es aufzulösen, es über die Schultern fallen zu lassen. Er muß den Lohn für sein Gedicht erhalten, und als einzigen Lohn will er den Anblick ihres herabwallenden Haares nehmen. »Aber ich kann doch nicht hier auf der Wiese mein Haar aufmachen. Gibt es denn kein andres Zahlungsmittel?« Und sie neigt sich ein wenig nach vorn, während ihre Augen fest auf ihn gerichtet sind. Der Träumer kann ihre Augen sehn – helle, junge Augen –, doch er vermag sich nicht mehr zu erinnern, ob ihre Lippen voll oder schmal waren. Ach, er denkt aber an ihre Küsse! An einem solchen Tag küßt ein junger Mann seine Begleiterin, und man darf es füglich bezweifeln, ob die junge Dame je wieder mit ihm ausginge, wenn er sich dessen unter den beschriebenen Umständen enthielte. Allein das Liebespärchen muß vorsichtig sein in Vincennes. Die Dame mit dem zauberhaften Haar hat eben einen ältern Herrn erspäht, der in geringer Entfernung von ihnen mit seinen beiden Söhnen auf einer Bank sitzt. »Bitte, seien Sie still. Er hat uns gesehn – auf mein Wort!« »Und wenn schon! Er wird an seine eigne Jugend denken, ehe seine Kinder zur Welt kamen. Außerdem macht er einen freundlichen Eindruck.« Später wenden sich die Liebenden mit einer Frage an ihn, denn selbst Verliebten fließt die Zeit dahin, und sie beide verspüren Lust zu frühstücken. Der freundliche Herr zeigt ihnen den Weg zum Restaurant. Er besteht sogar darauf, sie eine Strecke zu begleiten, und sie erfahren von ihm, daß das Restaurant eben erst eröffnet worden sei zur Saison; diese habe noch nicht recht angefangen, aber sie würden gewiß etwas zu essen bekommen können, einen Eierkuchen und ein Kotelett. Ein Romanschriftsteller von Beruf würde sich jetzt dies Restaurant ausmalen; seine Gedanken würden sich schon an ein cabinet particulier klammern, und seine Phantasie würde, falls er Naturalist wäre, mit Behagen die Tatsache vermerken, daß der Spiegel mit Namen von Liebespärchen vollgekritzelt war, und er würde die häßlichsten Namen aussuchen. Doch wenn du, lieber Leser, auf ein cabinet particulier in dieser Geschichte rechnest und auf eine Liebesszene, die sich darin abspielt, so blättere sofort um – du wirst sonst bitter enttäuscht sein. Diese Geschichte enthält nichts, was dich moralisch entrüsten – soll ich sagen: deine prüde Empfindlichkeit verletzen könnte? Als der Dichter mit rotbraunem Haar und die ährenfarbige Amerikanerin in Vincennes frühstückten, wählten sie einen Tisch am Fenster in dem langen, mit Tischen vollgepfropften Hauptsaal und wurden von einem Heer von Kellnern bedient, die vom Faulenzen müde waren. Damals gab es bestimmt einen See in Vincennes, mit einer Insel darauf und hoch gewachsenen jungen Bäumen, durch die die Morgensonne schien. Die Liebenden weideten sich an dem Anblick, an den hübschen Spiegelungen und den Schwänen, die sich an der Insel tummelten. Der Romanschriftsteller vom Fach ruft: ›Aber wenn sich keine Liebesszene im Restaurant abspielt, wie soll dann die Geschichte enden?‹ Warum müssen Geschichten enden? Und wäre ein sinnliches dénouement ein besserer Schluß als – sagen wir: ein Regenschauer, der die Liebenden überrascht, als sie das Restaurant verlassen? Ein solcher Zufall wäre doch möglich gewesen: nichts ist Ende April oder Anfang Mai wahrscheinlicher als ein Schauer, und ich kann mir vorstellen, wie das Pärchen von Vincennes zu einem Concierge ins Gartenhäuschen am Tor einer Villa stürzt. »Nur ein paar Minuten«, sagen sie. »Der Regen wird gleich aufhören.« Aber sie sind noch nicht lange dort, da kommt ein Dienstmädchen mit drei Schirmen; einer ist für Marie, einen gibt sie mir, einen behält es für sich. »Wer ist denn das? Sie haben mir doch gesagt, Sie kennen in Vincennes keinen Menschen.« »Tu ich auch nicht.« »Aber Sie müssen doch die Leute kennen, die hier wohnen. Das Dienstmädchen behauptet, Monsieur (damit meint es seinen Herrn) kenne Monsieur (damit sind Sie gemeint).« »Ich schwöre Ihnen, ich kenne hier niemand. Aber gehn wir ruhig hin, es wird ein Hauptspaß werden.« »Was wollen wir denn zur Erklärung sagen? Wollen wir uns für Vetter und Cousine ausgeben?« »Daran glaubt kein Mensch mehr. Wollen wir uns für Mann und Frau ausgeben?« Der Träumer sieht zwei Gestalten; das Gedächtnis reflektiert sie wie ein Konvexspiegel, verkleinert sie zu einem Zehntel ihrer Originalgröße, aber er sieht sie trotzdem deutlich und folgt ihnen durch den Regen, die Stufen zur Villa hinan. Der junge Mann beteuert in einem fort, daß er noch nie in Vincennes gewesen, daß er niemand am Ort kenne, und das Abenteuer hat sie beide etwas erregt. Wer mag nur der Besitzer des Hauses sein? Ein Mann mit Durchschnittsgeschmack, will es scheinen; während sie auf den Wirt warten, prüfen sie den türkischen Teppich, die reich gepolsterten Kanapees und Sessel. Eine famose Situation, aus der ein Romanschriftsteller von Beruf spaßige Verwicklungen herausholen könnte. Er würde auf den ersten Blick sehn, daß le bon bourgeois et sa dame und die Kinder Englisch treiben, und das wäre für die ganze Familie eine Gelegenheit, ihre Sprachkenntnisse zu üben. Der Romanschriftsteller von Beruf würde auf den ersten Blick sehn, daß die Familie das junge Paar ins Herz schließt, und es müßte in seiner Geschichte weiter in Strömen gießen, so daß ihnen die Rückkehr nach Paris abgeschnitten wäre. Warum sollen sie nicht zum Abendessen bleiben? Nach Tisch würde der Romanschriftsteller von Beruf eine Anzahl Nachbarn einführen und sie tanzen und musizieren lassen. Was leichter, als glauben zu machen, daß la bourgeoise an diesem Tag ihren Jour hat! Das junge Paar würde in einer entfernten Ecke sitzen und alles vergessen bis auf sein eignes holdes Selbst. Le bourgeois et sa dame würden sie mit freundlichem Interesse beobachten und es für eine Höflichkeitspflicht halten, ihnen zu verschweigen, daß nach zwölf keine Züge mehr gehn; und wenn sich die Liebenden endlich zum Aufbruch entschlössen, würden ihnen le bourgeois et la bourgeoise mitteilen, ihr Zimmer sei fix und fertig, es gäbe keine Möglichkeit mehr, diese Nacht nach Paris zurückzufahren. Eine famose Situation, die sich vorteilhaft auf die Bühne bringen ließe – auf die französische Bühne. Ein famoses, wiewohl peinliches Dilemma, in dem sich eine junge Dame da befindet, zumal wenn sie leidenschaftlich in den jungen Mann verschossen ist. Der Romanschriftsteller von Beruf würde sagen: ›Bitter bereute die junge Witwe das Opfer, das sie der Moral gebracht hatte, als sie dem jungen Wann gestattete, sie für seine Frau auszugeben,‹ Dann würde er dem Leser versichern, die hübsche Amerikanerin habe sich ganz so benommen, wie es einer Dame unter den gegebenen Verhältnissen zieme. Doch da ich kein Romanschriftsteller von Beruf bin, will ich nicht darzustellen versuchen, wie eine Dame in solcher Lage handeln soll, und es wäre abgeschmackt, wollte ich die Vermutung erwecken, als wäre die Dame leidenschaftlich verliebt gewesen. Die von meiner Einbildungskraft geschaffene Situation ist sinnreich erdacht; leider hat sie sich nicht zugetragen. Die Natur spinnt ihre Romane anders. Gewiß kehrten die Liebenden aus Vincennes, lediglich von ihren Erlebnissen etwas erregt, zurück. Der Leser möchte wissen, ob eine weitere Verabredung getroffen wurde. War dies der Fall, so muß es für den nächsten oder übernächsten Tag gewesen sein; haben wir uns nicht damit vertraut gemacht, daß die junge Witwe bereits ihr Retourbillett gelöst hatte? Sagte sie nicht, sie kehre Ende der Woche nach Amerika zurück? Er hatte gesagt: ›In ein paar Tagen wird uns der Atlantische Ozean trennen‹, und diese Tatsache hatte sie beide sehr traurig gestimmt, denn der Atlantische Ozean ist ein Ungeheuer und läßt nicht mit sich spaßen, besonders in Liebesangelegenheiten. Es wäre vernünftiger gewesen, der Dichter hätte die Einladung des Bourgeois zum Abendessen angenommen. Freunde hätten, wie erwähnt, sich vielleicht eingefunden, es wäre ein Tanz improvisiert worden oder es hätte wieder zu regnen angefangen. Irgend etwas wäre bestimmt geschehn, so daß sie den Zug versäumt hätten, und dann wäre die Aufforderung an sie ergangen, über Nacht zu bleiben. Die Witwe sprach nicht Französisch, aber der junge Mann; er würde sich mit dem bourgeois et sa dame vollkommen verständigt haben, und die liebe kleine Witwe hätte unter Umständen nichts von dem Verhängnis – glückliches Verhängnis! – erfahren, bis der Zeitpunkt für das Paar heranrückte, sich auf sein Zimmer zu begeben. Aber er, der Esel, hat die Gelegenheit, die ihm der Regen bot, verpaßt, und dieser Ausflug aufs Land hatte weiter keine Folge, als daß sie versprach, nächstes Jahr wiederzukommen und den Boston-step mit ihm zu tanzen; in der Zwischenzeit müsse er ihr Strumpfband am Arm tragen. Ging die Anregung dazu von ihm oder von ihr aus? Erhielt er das Strumpfband, als sie von Vincennes im Wagen heimfuhren oder als sie sich das nächste Mal in Paris trafen? Eine Antwort auf diese Fragen brächte die Geschichte nicht weiter; genüge es festzustellen, daß sie sagte, das Gummiband werde ein Jahr halten; wenn sie es dann an seinem Arm finde, so wisse sie, daß er ihr treu geblieben. Er habe ferner noch das kleine Taschentuch, das sie ihm gegeben; er müsse es in einer Schublade aufbewahren, dann würde vielleicht noch eine Spur des Parfüms nach dem langen Trennungsjahr vorhanden sein. Gewiß beanspruchte sie auch, daß er ihr einen Abschiedsbrief auf das Schiff schickte, mit dem sie die Heimreise antrat. Statt dessen machte er, der leichtsinnige Bursche, Verse, und das Ende dieses ganzen Liebeshandels, der so schön begonnen, wäre ein ärgerlicher Brief von ihr, der ihm für immer Lebewohl sagte: er sei ihrer nicht würdig, weil er den Brief zu spät zur Post gegeben. All dies hat sich vor zwanzig Jahren zugetragen. Vielleicht deckt der Nasen schon ihre reizende kleine Person, wird auch mich binnen kurzem decken. Nichts währt ewig; das Leben ist nur ein Wechsel. Was wir Tod nennen, ist bloß Wechsel. Tod und Leben greifen beständig ineinander über, sind unentwirrbar verhaspelt, nichts hat etwas zu bedeuten, alles ist ein Strom des Wechsels, in dem die Dinge dahingleiten. Manchmal sind die Ereignisse freudiger, manchmal unerquicklicher Natur, und weder in den freudigen noch in den unerquicklichen vermögen wir irgendeinen Zweck zu entdecken. Zwanzig lange Jahre sind es her, Hoffnung Hab ich nicht, kein Fünkchen. +++ Meine Stimmung neigt sich ihrem Ende zu, es ist mir weh ums Herz – ich springe auf, blicke mich um und rufe: »Wie dunkel es im Zimmer ist! Warum ist noch kein Licht angesteckt? Bringen Sie die Lampe!«