Asiatische Novellen Arthur Graf Gobineau Die Liebenden von Kandahar Ihr fragt, ob er schön war? Schön wie ein Engel! Die Gesichtsfarbe leicht gebräunt, nicht in dem trüben, erdfarbenen Tone, dem sicheren Ergebnis einer Mischlingsherkunft; er war warmgebräunt wie eine Frucht, die in der Sonne gereift. Sein schwarzes Haar ringelte sich in üppigen Locken über die dichten Falten seines blauen, rotgestreiften Turbans; ein zierlicher, gewellter, ziemlich langer Schnurrbart umspielte die feinen Umrisse seiner klargeschnittenen, beweglichen, stolzen Oberlippe, welche das Leben, die Leidenschaft atmete. In seinem milden, tiefen Auge flammten leicht Blitze auf. Er war groß, kraftvoll, schlank, breit in den Schultern, schmal in den Hüften. Niemand war der Gedanke gekommen, seinem Geschlechte nachzuforschen; es war klar, daß das reinste Afghanenblut sein Wesen belebte, und daß, wer ihn betrachtete, den echten Abkömmling jener alten Parther, der Arsakes, der Orodes vor Augen hatte, unter deren Tritten die römische Welt in gerechtem Schrecken einst erschauderte. Seine Mutter hatte ihn, ahnend, was er gelte, bei seiner Geburt Mohsen, »der Schöne«, genannt, und das mit Fug und Recht. Unglücklicherweise fehlte ihm, der so ausgezeichnet an äußeren Vorzügen und nicht weniger vollkommen an Eigenschaften des Geistes war, den die erlauchteste Ahnenreihe ehrte, nur allzu viel: er war arm. Man hatte ihn eben ausgerüstet, denn er war seine siebzehn Jahre alt geworden; das war kein leichtes Ding gewesen. Sein Vater hatte den Säbel und den Schild geliefert; ein alter Onkel die Flinte, ein mittelmäßiges Waffenstück, hergegeben; Mohsen betrachtete es nur mit Verdruß und fast mit Scham; die elende Muskete hatte noch ein Steinschloß, und mehrere der Kameraden des jungen Edelmannes besaßen wundervolle englische Flinten neuesten Modelles. Doch war ein solcher altmodischer Prügel immer besser als nichts. Von einem Vetter hatte er ein vortreffliches Messer, drei Fuß lang und vier Zoll breit, scharf wie eine Nadel und von solchem Gewicht, daß ein wohlgezielter Streich hinreichte, um ein Glied abzutrennen. Mohsen hatte diese furchtbare Waffe in seinen Gürtel gesteckt und sehnte sich auf den Tod nach einem Paar Pistolen. Aber er wußte durchaus nicht, wann und durch welches Wunder er jemals in den Besitz eines solchen Schatzes gelangen könnte; denn noch einmal, das Geld mangelte ihm auf eine empfindliche Weise. Indessen, ob er's gleich nicht wußte, sah er doch, also bewaffnet, aus wie ein Fürst. Sein Vater betrachtete ihn, als er vor ihm erschien, von Kopf bis zu Fuß, ohne seine kalte, strenge Miene im geringsten zu verändern; aber aus der Art, wie er mit der Hand über den Bart strich, war klar zu ersehen, daß im Innern des alten Mannes eine Bewegung gewaltigen Stolzes vor sich ging. Seine Mutter schwamm in Tränen und küßte ihr Kind mit Leidenschaft. Es war ein einziger Sohn. Er küßte seinen Eltern die Hand und zog hinaus mit der festen Absicht, drei Pläne auszuführen, deren Vollendung ihm notwendig schien, um würdig in das Leben einzutreten. Die Familie Mohsens hegte, wie man nach dem Range, den sie einnahm, erwarten durfte, zweierlei tiefeingewurzelten Groll und zweierlei Rachegedanken. Sie war ein Zweig Ahmedzyys und seit drei Generationen in Fehde mit den Muradzyys. Die Uneinigkeit hatte zur Ursache einen Schlag mit der Reitpeitsche, den vor Zeiten einer dieser letzteren einem Lehnsmanne der Ahmedzyys gegeben hatte. Nun können diese Lehnsleute – welche, nicht afghanischen Blutes, unter der Obergewalt der Edelleute leben, das Land bebauen und die Gewerbe betreiben – wohl von ihren unmittelbaren Herren übel behandelt werden, ohne daß jemand etwas darin sehen dürfte; aber wenn ein anderer als ihr Gebieter die Hand gegen sie erhebt, so ist das eine unverzeihliche Beleidigung, und die Ehre befiehlt ihrem Gebieter, sich dafür eine ebenso furchtbare Genugtuung zu verschaffen, als wenn der Schlag, der gefallen, oder die Beschimpfung, die zugefügt worden, ein Glied der herrschaftlichen Familie selbst getroffen hätte. So war denn der schuldige Muradzyy von Mohsens Großvater durch einen Messerstich getötet worden. Seitdem waren acht Totschläge zwischen den beiden Häusern vollführt worden, und die letzten hatten einen Oheim und einen leiblichen Vetter des Helden dieser Geschichte zum Opfer gehabt. Die Muradzyys waren mächtig und reich; so war dringende Gefahr vorhanden, die ganze Familie unter dem Zorne dieser furchtbaren Feinde umkommen zu sehen, und Mohsen sann nichts Geringeres, als sich unmittelbar an Abdullah Muradzyy selbst, einen der Lieutenants des Fürsten von Kandahar, zu wagen und ihn zu töten; eine Tat, welche sogleich die Größe seines Mutes erkennen lassen und seinen Namen unbedingt gefürchtet machen mußte. Indessen war dies noch nicht das, was am meisten drängte. Sein Vater, Mohammed-Beg, hatte einen jüngeren Bruder, namens Osman, und dieser Osman, der Vater dreier Söhne und einer Tochter, hatte sich im Dienste der Engländer einiges Vermögen erworben, indem er lange Subahbar oder Kapitän in einem Infanterieregiment in Bengalen gewesen war. Sein Ruhegehalt, das ihm regelmäßig durch Vermittlung eines indischen Bankiers ausgezahlt wurde, trug ihm, neben ziemlicher Wohlhabenheit, eine gewisse Eitelkeit ein; außerdem hatte er im Punkte der Kriegskunst eigensinnige Ansichten, die, wenn es nach ihm ging, denen seines älteren Bruders Mohammed sehr überlegen waren; dieser schätzte nur den persönlichen Mut. Mehrere ziemlich scharfe Wortwechsel hatten zwischen den beiden Brüdern stattgefunden, und der ältere hatte, mit Recht oder mit Unrecht, die seinem Alter zukommende Ehrerbietung nur mangelhaft beobachtet gefunden. So waren denn die Beziehungen schon ziemlich schlecht, als eines Tages Osman-Beg, da er den Besuch Mohammeds erhielt, sich herausnahm, bei seinem Eintritt in das Zimmer nicht aufzustehen. Als er diese Ungeheuerlichkeit bemerkte, konnte Mohsen, der seinen Vater begleitete, seinen Unwillen nicht bemeistern, und da er nicht wagte, sich deshalb geradeswegs an seinen Oheim zu halten, so versetzte er dem jüngsten seiner Vettern, Elem, eine kräftige Ohrfeige. Dieser Zwischenfall war um so mehr zu bedauern, als bis dahin Mohsen und Elem die lebhafteste Zuneigung für einander empfunden hatten; sie wichen sich sozusagen nicht von der Seite, und eben zwischen diesen zwei Kindern wurden unaufhörlich die Träume von Rache ausgesponnen, welche ihrer Familie den von den Muradzyys auf eine so beklagenswerte Weise verdunkelten Glanz der Ehren wieder verschaffen sollten. Elem, über die Tat seines Vetters erbittert, hatte den Dolch gezogen und eine Bewegung gemacht, um sich auf ihn zu stürzen; aber die Alten hatten sich noch zur rechten Zeit ins Mittel gelegt und die Kämpfer getrennt. Am folgenden Tage blieb eine Kugel im rechten Ärmel von Mohsens Gewände stecken. Niemand täuschte sich darüber; diese Kugel kam aus Elems Gewehr. Sechs Monate gingen dahin, und eine drohende Ruhe schwebte über den beiden Wohnungen, welche aneinanderstießen und von wo aus man sich gegenseitig überwachte. Nur die Frauen begegneten sich noch manchmal; sie sagten sich Beleidigungen; die Männer schienen sich zu meiden. Mohsen hatte seit acht Tagen beschlossen, bei seinem Oheim einzudringen und Elem zu töten; seine Maßnahmen waren dementsprechend getroffen. Dies war der zweite Plan, den er zur Ausführung bringen wollte. Sein dritter Gedanke aber war folgender: wenn er Elem und Abdullah-Muradzyy getötet hätte, wollte er sich dem Fürsten von Kandahar vorstellen und ihn bitten, ihm eine Stelle unter seinen Kavalieren zu geben. Er zweifelte nicht, daß ein solcher Krieger, als welcher er sich bekannt zu machen gedachte, mit Achtung behandelt und mit Freuden angenommen werden würde. Es würde indessen heißen, ihm Unrecht tun, wollte man für die Doppeltat, welche seine Seele so mächtig bewegte, einen Antrieb feilen Eigennutzes annehmen. Auch würde man sich täuschen, wenn man dächte, daß, seinen Vetter Elem ums Leben zu bringen, ihm eine einfache Tat geschienen hätte und nicht schwer geworden wäre. Er hatte den Gefährten seiner Kindheit geliebt, er liebte ihn noch; zwanzigmal alle vierundzwanzig Stunden, wenn sein Gedanke, seinen Träumen nachjagend, auf einen vor anderen glänzenden traf, zuckte es wie eine Flamme vor seinem Geiste auf; es war Elems Bild, und er sagte sich: ich will es ihm erzählen! Was wird er davon denken? Dann fand er sich plötzlich in der Wirklichkeit wieder und verwies, ohne sich einen Seufzer zu vergönnen, diesen Gedanken von ehedem aus seinem Herzen, worin er nicht mehr leben durfte. Die Ehre sprach, die Ehre, und einzig die Ehre mußte gehört werden. Die Hindu, die Perser können sich ungezwungen dem Zug der Freundschaft, den Einflüssen ihrer Liebesneigungen überlassen, aber ein Afghane: was er sich selbst schuldig ist, geht allem vor. Keine Zuneigung, kein Mitleid kann seinen Arm hemmen, wenn die Pflicht spricht. Mohsen wußte es – das genügte. Er mußte für einen beherzten, mutigen Mann angesehen werden, er wollte, daß nie der Schatten eines Vorwurfes, nie der Verdacht einer Schwäche seinem Namen nahte. Das Beharren in einer so hohen Gesinnung kostet etwas: man gewinnt nicht ohne Mühe einen beneidenswerten Ruf. Ist er zu teuer um jeden Preis? Nein. Das war Mohsens Meinung, und der leuchtende Stolz, der auf seinem schönen Antlitz erglänzte, war der Widerschein dessen, was sein Herz verlangte. Wenn ihm jetzt, einmal gerächt, nicht für seine persönlichen Beschimpfungen – wo waren die? wer hatte sich je ihm genaht, um ihn zu beleidigen? –, gerächt aber für die über seine Angehörigen gebrachten Makel, die allgemeine Achtung, die Gerechtigkeit des Fürsten bald den Rang und die Vorzüge, den würdigen Lohn der Unerschrockenheit zuwiesen, so war nichts natürlicher, und es war nicht etwa ein Fehler, ein Unrecht, ein Irrtum, eine strafbare Begehrlichkeit von seiner Seite, wenn er auf sein Recht Anspruch erhob. Der Tag war noch nicht weit genug vorgerückt, um sich ans Werk zu begeben. Er bedurfte der ersten Abendstunde, des Augenblickes, wo die Finsternis auf die Stadt herabsinken würde. Um diesen Augenblick herbeikommen zu lassen, begab er sich ruhigen Schrittes nach dem Bazar, wobei er in seiner Haltung die kalte Würde bewahrte, die sich für einen jungen Mann von guter Herkunft geziemt. Kandahar ist eine prächtige, große Stadt. Sie ist von einer Mauer mit Zinnen umgeben, in den Flanken von Türmen gedeckt, in welche die Kugeln oft eingeschlagen haben. In einer Ecke erhebt sich die Zitadelle, der Aufenthaltsort des Fürsten, der bewegte Schauplatz vieler Umwälzungen, welchem das Klirren der Säbel, das Knattern des Gewehrfeuers, die Zurschaustellung der an den Torpfosten aufgehängten abgeschlagenen Köpfe weder Verwunderung noch Ärgernis erweckt. Die Masse der Häuser, von denen viele mehrstöckig sind, durchziehen in der Mitte, wie die Arterien eines großen Körpers, die ungeheuren, verwickelten Gänge, an welchen sich die Läden der Kaufleute aneinanderreihen. Diese letzteren sitzen da, rauchend, ihren Kunden von den kleinen Altanen herab Rede stehend, auf denen die Stoffe Indiens, Persiens und Europas geordnet liegen, während den gewundenen, ungepflasterten, holperigen, bald engen, dann auch wieder sehr breiten Weg entlang die Menge der Banjanen, Uzbeken, Kurden, Kizilbaschs kreist, Haufen an Haufen sich drängend, kaufend und verkaufend, dahineilend und Gruppen bildend. Reihen von Kamelen folgen einander unter dem Geschrei ihrer Treiber. Hier und da reitet ein reich gekleideter Häuptling daher, umgeben von seinen Leuten, welche, das Gewehr über der Schulter, den Schild auf dem Rücken, die Vorübergehenden unsanft beiseiteschieben und sich Platz machen. Anderswo heult ein fremder Derwisch ein mystisches Wort, sagt Gebete her und bittet um Almosen. Weiterab fesselt ein Märchenerzähler, mit untergeschlagenen Beinen auf einem groben Holzstuhle sitzend, eine aufgeregte Zuhörerschaft um sich, während der Krieger, der Diener eines Fürsten oder eines Großen, oder auch einfach auf der Jagd nach dem Glück begriffen, wie es Mohsen war, schweigend vorübergeht, einen verächtlichen Blick auf dies gemeine Volk werfend und ängstlich von demselben gemieden. Das Leben ist in der Tat ganz etwas anderes für sie und für ihn. Sie können lachen: nichts als Schläge verletzt sie oder macht ihnen Eindruck. Wenn ihnen nichts dazwischen kommt, werden sie lange leben: sie haben volle Freiheit, ihren Unterhalt auf tausenderlei Art zu gewinnen, jede ist ihnen recht; niemand verlangt von ihnen weder Strenge des Benehmens noch Achtung vor sich selbst. Der Afghane dagegen bringt, um das zu sein, was er muß, sein Leben damit hin, sich und die andern zu überwachen, und, immer voll Argwohn, seine Ehre vor sich, über alle Maßen empfindlich und eifersüchtig auf einen Schatten, weiß er im voraus, wie wenig zahlreich seine Tage sein werden. Sie sind selten, die Männer dieses Stammes, die nicht vor dem vierzigsten Jahre den Todesstreich empfangen, weil sie die andern getroffen oder bedroht haben. Endlich neigte sich das Licht des Tages unter den Horizont, und die ersten Schatten der Dämmerung breiteten sich in den Straßen aus: nur die höher gelegenen Terrassen waren noch von der Sonne vergoldet. Die Muezzins begannen einstimmig von der Höhe der Moscheen, groß und klein, die Gebetsstunde mit gellendem, langgezogenem Tone zu verkünden. Wie es der Brauch war, erhob sich ein allgemeiner Ruf in die Lüfte, der versicherte, daß Gott allein Gott und Mohammed der Prophet Gottes sei. Mohsen wußte, daß jeden Tag um diese Stunde sein Oheim und seine Söhne die Gewohnheit hatten, sich zum Abendgottesdienst zu begeben; alle seine Söhne, ohne eine Ausnahme; aber diesmal mußte eine gemacht werden. Elem, vom Fieber befallen, war bereits seit zwei Tagen krank und bettlägerig. Mohsen war gewiß, ihn in seinem Bette zu finden, in verlassenem Hause, denn die Frauen ihrerseits würden am Brunnen sein. Seit dem Anfang der Woche war er auf der Lauer, und er wußte diese Einzelheiten Punkt für Punkt. Im Gehen schüttelte er sein langes Messer im Gürtel, um sich zu vergewissern, daß die Klinge nicht an der Scheide festsäße. An der Haustür seines Oheims angekommen, trat er ein. Er schlug die Türflügel hinter sich zu, befestigte sie mit dem Querriegel und drehte den Schlüssel im Schlosse herum. Er wollte nicht überrascht noch gehindert sein. Welche Schande, wenn er sein erstes Unternehmen verfehlt hätte! Er durchschritt den düsteren Korridor, welcher in den engen Hof führte, und diesen Hof selbst, über das Bassin, das seine Mitte bezeichnete, setzte er hinweg; dann stieg er drei Stufen hinan und lenkte seine Schritte gegen Elems Zimmer. Plötzlich befand er sich von Angesicht zu Angesicht seiner Muhme gegenüber, welche in der Mitte des Korridors stehend ihm den Weg versperrte. Sie war fünfzehn Jahre alt, und man nannte sie Dschemyleh, »die Liebliche«. – Heil über dich, Sohn meines Oheims! sprach sie zu ihm, du kommst, um Elem zu töten! Mohsen empfand eine Blendung, und sein Auge ward trübe. Seit fünf Jahren hatte er seine Muhme nicht mehr gesehen. Wie das Kind, das zum Weibe geworden, verändert war! da stand sie vor ihm in der ganzen Vollkommenheit einer Schönheit, die er sich nie hatte träumen lassen, hinreißend an sich selbst, himmlisch in ihrem rotgeblümten Gazekleid, ihr schönes Haar, er wußte nicht wie, in blaue, durchsichtige, silbergestickte Schleier gefaßt, über denen eine Rose leuchtete. Sein Herz schlug, seine Seele wurde trunken, er konnte nicht ein einziges Wort erwidern. Sie aber fuhr mit klarer, rührender, sanfter, unwiderstehlicher Stimme fort: töte ihn nicht! er ist mein Liebling; er ist mir der geliebteste unter meinen Brüdern. Ich liebe dich auch; ich liebe dich noch mehr, nimm mich als dein Lösegeld! Nimm mich, Sohn meines Oheims, ich will dein Weib sein, will dir folgen, will dein werden, willst du mich? Sie neigte sich sanft zu ihm hin. Er verlor den Kopf: ohne zu begreifen, was vorging, noch, was er tat, fiel er auf die Knie und betrachtete mit Entzücken die himmlische Erscheinung, welche sich zu ihm herabbeugte. Der Himmel tat sich auf vor seinem Auge. Er hatte nie an etwas Ähnliches gedacht. Er schaute und schaute, er war glücklich und litt, er dachte nicht, er fühlte, er liebte und, gänzlich verloren in diesem endlosen, lautlosen Schauen wie er war, brachte ihn Dschemyleh, die sich mit reizender Gebärde ein wenig zurückgeworfen, gegen die Wand gelehnt und ihre beiden Arme hinterm Haupte verschlungen hatte, vollends von Sinnen, indem sie überirdische Strahlen aus ihren schönen Augen auf ihn herabsandte, in welchen er sich förmlich fing, ohne ihre Wärme, noch ihren Zauber ertragen zu können. Er senkte die Stirn so tief, so tief, daß sein Mund sich nahe einem Schöße des Purpurgewandes befand, dessen Saum er denn voller Zärtlichkeit ergriff und an seine Lippen führte. Da hob Dschemyleh ihren kleinen nackten Fuß und setzte ihn dem auf die Schulter, der, ohne zu reden, sich doch so deutlich zu ihrem Sklaven erklärte. Es war ein elektrischer Schlag; diese magische Berührung barg Allmacht in sich; der stolze Sinn des Jünglings, schon sehr erschüttert, zerbrach wie ein Kristall unter diesem fast unmerklichen Drucke, und durch alle Trümmer drang ein namenloses Glück, eine grenzenlose Seligkeit, eine Wonne an Kraft ohnegleichen in das ganze Wesen des Afghanen ein. Die Liebe verlangt von jedem das, was er Teuerstes besitzt, zum Geschenk; das muß er hergeben; und wenn man liebt, so will man eben auch dies zum Geschenk bringen. Mohsen gab seine Rache, gab die Vorstellung, die er sich von seiner Ehre gemacht, gab seine Freiheit, gab sich selbst dahin, und instinktiv suchte er noch in den tiefsten Gründen seines Seins, ob er nicht mehr geben könnte. Was er bis dahin himmelhoch und höher geschätzt hatte, erschien ihm dürftig angesichts dessen, was er seinem Abgott hätte hingeben mögen, und mit dem Übermaß seiner Anbetung vermochte er nicht Schritt zu halten. Knieend, den kleinen Fuß auf seiner Schulter, während er selbst bis zur Erde sich herabbeugte, hob er das Haupt seitwärts, und auch Dschemyleh blickte ihn an, zitternd, aber voll ernster Fassung, und sprach zu ihm: wohl bin ich dein! Jetzt entferne dich! Komm hierher, damit meine Eltern dir nicht begegnen, denn sie werden heimkommen. Du darfst nicht sterben, du bist mein Leben! Sie zog ihren Fuß zurück, nahm Mohsens Hand und hob ihn auf. Er ließ alles widerstandslos geschehen. Sie zog ihn in die hintersten Räume des Hauses, führte ihn zu einer Ausgangstüre und lauschte, ob sich nicht irgend ein gefährliches Geräusch vernehmen ließe. In Wahrheit, der Tod umgab sie. Ehe sie ihm öffnete, betrachtete sie ihn noch einmal, warf sich in seine Arme, gab ihm einen Kuß und sprach zu ihm: du gehst! Ach! du gehst! ... Ja! Wohl bin ich dein!... für immer, verstehst du? Tritte hallten in dem Hause wieder; Dschemyleh öffnete hastig die Tür: entferne dich! murmelte sie. Sie stieß den jungen Mann hinaus, und dieser befand sich in einem ausgestorbenen Gäßchen. Die Wand hatte sich wieder hinter ihm geschlossen. Die Einsamkeit beruhigte ihn nicht; im Gegenteil, der Wahn, welcher beim Anblick seiner Muhme sich seiner bemächtigt und damals, so schien es wenigstens, auf den äußersten Punkt gestiegen war, nahm eine andere Richtung, eine andere Gestalt an und verminderte sich nicht. Es schien ihm, als habe er Dschemyleh immer geliebt, als schlössen die wenigen Minuten, die verflossen, sein Leben, sein ganzes Leben ein. Zuvor hatte er mit nichten gelebt; er erinnerte sich nur unbestimmt, was er bis vor einer Stunde gewollt, gesucht, erwogen, gelobt, getadelt hatte. Dschemyleh war alles, füllte die ganze Welt aus, beseelte sein Dasein; ohne sie war er nichts, konnte, wußte er nichts; vor allem hätte ihn geschaudert, wenn ihm das möglich gewesen wäre, außer ihr das Geringste zu begehren oder zu hoffen. – Was habe ich getan? sprach er mit Bitterkeit zu sich; ich bin gegangen! Welch ein Feigling! Ich habe Angst gehabt! Habe ich Angst gehabt? Warum bin ich gegangen? Wo ist sie? Sie wiedersehen! Ach, sie wiedersehen! Sie nur noch einmal sehen! Aber wann? Niemals! Niemals werde ich sie wiedersehen! Ich habe sie nicht darum gebeten! Ich habe nicht einmal den Mut gehabt, ihr zu sagen, daß ich sie liebte! Sie verachtet mich? Was kann sie von einem Elenden wie ich denken? Sie! sie! Dschemyleh! Sie müßte zu ihren Füßen, unter ihren Füßen... einen Sultan, einen Herrn der Welt haben! Was bin ich? Ein Hund! Sie wird mich nie lieben! Er barg sein Gesicht in den Händen und weinte bitterlich. Inzwischen stieg die Erinnerung an eine himmlische Musik in seinem Geiste auf. – Sie hat mir gesagt: wohl bin ich dein! ... Hat sie's gesagt? hat sie's wirklich gesagt?... Und wie hat sie's gesagt!... Ich bin dein! ... Warum? ... Immer? ... Vielleicht hat sie nicht gedacht, was ich meine ... Ich gebe dem einen Sinn, den sie nicht hineingelegt hat... Sie wollte mir dadurch nur zu versteh« geben... Ach! was ich leide, wie mich verlangt zu sterben! Sie wollte ihren Bruder retten, nichts weiter! Sie wollte mir meine Ruhe rauben! Sie wollte meiner spotten!... Die Frauen sind treulos! Wohlan denn! mag sie spotten! mag sie mir meine Ruhe rauben! mag sie mich martern! Wenn ihr das gefällt, wer wehrt es ihr? Ich etwa? Nein, gewiß nicht, ich bin ihr Gut, ihr Spielzeug, der Staub ihrer Füße, was sie nur will! Und wenn sie mich zerbricht, sie wird wohl daran tun! Was sie will, ist gut! Ach! Dschemyleh! Dschemyleh! Er kam nach Hause, bleich, krank; seine Mutter bemerkte es. Sie nahm ihn in ihre Arme; er stützte sein Haupt auf die Knie und blieb einen Teil der Nacht, ohne zu schlafen, ohne zu reden. Das Fieber verzehrte ihn. Am andern Tage befand er sich ganz schlecht und blieb auf seinem Lager hingestreckt. Nach der seltsamen Schwäche, die sich seiner bemächtigte und seine Glieder abspannte, schien es ihm, als ob sein Ende nahe wäre, und er war froh darüber. Eine fast beständige Halluzination zeigte ihm Dschemyleh. Bald sprach sie in dem nämlichen Tone, dessen er sich so wohl erinnerte, die Worte aus, welche von da an sein eigentliches Dasein ausmachten: »Wohl bin ich dein.« Bald, und am öftesten, ließ sie den Blick der Verachtung auf ihn fallen, den er nicht an ihr gesehen hatte, den er aber sicher war, nur allzuwohl verdient zu haben. Dann wünschte er einem unbeglückten Dasein ein Ende gemacht. Es begegnete ihm auch, daß er nach Mitteln suchte, die Tochter seines Oheims wiederzusehen. Aber alsbald wurden seiner Phantasie durch die Unmöglichkeiten Fesseln angelegt. Er hatte einmal, ein einziges Mal, indem er allem die Stirn bot, in das Innere des feindlichen Hauses eindringen können. Wir wissen, was er dort tun wollte. Wollte er es jetzt darauf ankommen lassen, mit sich selbst, und sicherer noch, als sich selbst, die zu verderben, die er liebte? Außerdem, was würde sie denken, wenn sie ihn wiedersähe? Wollte sie ihn? Rief sie ihn? Wohl würde es ihm eine Freude sein, an der Stätte zu sterben, wo sie lebte, auf denselben Boden niederzusinken, den ihr geliebter Fuß betrat, in der geweihten Luft zu veratmen, die sie einatmete; nein, nichts anderes würde ihm das sein, als höchstes Glück; aber im Augenblicke, da er das Auge schlösse, unter der Qual der Wunde, die ihm Schwert oder Kugel gebracht, dem Blicke Dschemylehs zu begegnen, seine eisige Gleichgültigkeit, wie! seinen verächtlichen Abscheu zu erdulden, das wäre zu viel. Nein, er durfte nicht in dies Haus geraten. Mohsen war sicher überzeugt nur von dem einen: daß er nicht geliebt sei. Warum glaubte er das? Weil er allzusehr liebte. Der Wahnsinn der Liebe hatte ihn unversehens, jäh, gewaltsam, voll erfaßt; er hatte nichts davon begriffen, was ihm begegnete. Doch erinnerte er sich, was Dschemyleh ihm gesagt hatte. Ach! die Worte waren jedes einzeln, wie Perlen in seinem Herzen bewahrt; aber von dem vielen Hören und Wiederholen und Wiederhören und Erwägen begriff er sie nicht mehr, und er wußte nur, daß er nicht ein , nicht ein einziges Wort hatte antworten können; er war arg elend. Seine Mutter sah ihn dahinschwinden. Es wurde dem armen Knaben eng auf der Brust, eine dumpfe Hitze verzehrte ihn. Er war ein Kind des Todes. Alle Häuser der Nachbarschaft kannten seinen Zustand, und da nichts ein so plötzliches Leiden erklären konnte, so nahm man allgemein an, daß eine Behexung über ihn gebracht sein müsse, und man frug sich, von wo der Streich käme. Die einen wollten wissen, daß die Muradzyys ihn befohlen hätten, die andern beschuldigten ganz leise den alten Osman, daß er der Mörder wäre und die meuchlerische Zaubertat einem jüdischen Doktor bezahlt hätte. Es war eines Abends ziemlich spät. Seit zwei Tagen hatte der Jüngling kein einziges Wort mehr gesprochen. Sein Kopf war gegen die Wand gekehrt, seine Arme lagen schlaff und fühllos auf dem Bette; seine Mutter, die zuvor eine Fülle von Amuletts um ihn ausgebreitet hatte, aber keine Hoffnung mehr hegte, war darauf gefaßt, ihn verscheiden zu sehen und verschlang ihn mit den Augen, als plötzlich, zur großen Überraschung, fast zum Schrecken der armen Frau, Mohsen jäh den Kopf gegen die Tür wandte; der Ausdruck seines Gesichtes wechselte, ein Schimmer von Leben erleuchtete es. Er horchte. Seine Mutter hörte nichts. Er erhob sich und sprach mit zuversichtlicher Stimme die Worte: sie verläßt ihr Haus und kommt hierher! – Wer? mein Sohn! wer kommt hierher? – Sie selbst, Mutter, sie kommt! Offne ihr die Tür! antwortete Mohsen mit laut ausbrechender Stimme; er war außer sich; tausend Flammen loderten in seinem Auge auf. Die alte Frau gehorchte, ohne selbst zu wissen, was sie tat, diesem gebieterischen Befehl, und unter ihrer zitternden Hand tat die Tür sich voll auf. Sie sah niemand. Sie horchte, sie hörte nichts; sie blickte in den Korridor, alles war dunkel, sie sah nichts; eine Minute, zwei Minuten vergingen in solcher Erwartung, voller Ängste für sie, voll festen Glaubens für ihn. Da erwachte ein leichtes Geräusch; die Haustür öffnete sich, ein verstohlener, rascher Schritt glitt über die Steinplatten; eine Gestalt, erst undeutlich, löste sich aus der Finsternis; ein Weib zeigte sich, langte auf der Schwelle des Zimmers an, ein Schleier fiel, Dschemyleh stürzte auf das Bett zu, und Mohsen, einen Schrei der Seligkeit ausstoßend, fing sie in seinen Armen auf. – Da bist du! du bist es! du liebst mich? – über alle Welt! – Unglückliches Kind, rief die Mutter, so war es das, was dich tötete! Die beiden Liebenden hielten einander umschlungen und sprachen nicht; sie stammelten; sie schwammen in Tränen; sie betrachteten einander mit unauslöschlicher Leidenschaft, und wie eine Lampe, die fast versiegt ist, auf die man Öl gießt, so gewann Mohsens Seele das Leben, sein Leib die Kräfte wieder. – Was bedeutet das? sagte die Alte. Habt ihr euren Untergang und den unsern beschworen? Wird dein Oheim Dschemylehs Flucht nicht gewahr werden? Was wird's dann geben? Welche Not über uns hereinbrechen? Sind wir nicht genug heimgesucht? Tochter des Unheils, kehre heim! Verlaß uns! – Nimmermehr! rief Mohsen. Er richtete sich ganz auf, befestigte sein Gewand, schnürte seinen Gürtel, streckte die Hand nach der Wand aus, hakte seine Waffen los, legte sie an, tat ein neues Zündhütchen auf sein Gewehr, alles in einer Sekunde. Die letzte Spur von Niedergeschlagenheit war verschwunden. Wenn er Fieber hatte, so war es ein Kampfesfieber. Die Begeisterung strahlte auf seinem Gesichte. Dschemyleh half ihm das Gehenk seines Säbels festschnallen. Gefühle, ähnlich denen des Jünglings, belebten ihre reizenden Züge. In diesem Augenblicke trat der alte Mohammed, gefolgt von zweien seiner Leute, in das Zimmer. Als er seine Nichte erblickte, welche sich ihm zu Füßen warf und ihm die Hand küßte, war er einen Augenblick überrascht und vermochte eine Art von Bewegung nicht zu verbergen. Seine rauhen und stolzen Züge zogen sich zusammen. – Sie lieben sich! sagte sein Weib und wies auf die beiden Kinder. Mohammed lächelte und strich seinen Schnurrbart. – Schmach über meinen Bruder und über sein Haus! murmelte er. Cr hatte einen Augenblick den Gedanken, Dschemyleh die Tür zu weisen und überall zu erzählen, daß er sie wie eine Gefallene behandelt habe. Sein Haß hätte sich gehörig geweidet an dem Unheil, das er angerichtet. Aber er liebte seinen Sohn; er sah ihn an; er begriff, daß es so nicht leicht gehen würde, und so begnügte er sich mit dem möglichen Maße von Rache. – Schließen wir die Türen, sagte er. Wir werden ohne Zweifel bald angegriffen werden, und ihr, Frauen, ladet die Gewehre! Dschemyleh hatte das Haus ihres Vaters kaum eine Viertelstunde verlassen, als man ihrer Abwesenheit bereits inne geworden war. Sie konnte nicht am Brunnen sein, es war zu spät; noch auch bei einer Freundin, ihre Mutter wäre zuvor davon benachrichtigt gewesen. Wo war sie? Man argwöhnte irgendeinen Unfall. Seit mehreren Tagen hatte man sie düster und erregt gefunden. Was hatte sie? Der Vater, die Brüder, die Mutter gingen ins Stadtviertel. Die Straße war menschenleer; man hörte keinerlei Geräusch mehr. Osman, von einer Art Instinkt geleitet, schlich sich sachte an Mohammeds Wohnung heran, und wie er sich gegen die Hofmauer preßte, hörte er, daß man im Hause sprach. Er horchte. Es wurden Steine vor der Türe aufgeschichtet, Waffen instand gesetzt, Vorbereitungen getroffen, um einen Angriff zurückzuweisen. – Was für einen Angriff? sagte sich Osman. Wenn sich's um die Muradzyys handelte, würde mein Bruder mich benachrichtigt haben, denn in diesem Punkte verstehen wir uns. Er weiß das wohl. Ich würde ihm beistehen. Wenn es sich nicht darum handelt, dann um mich! Er horchte mit gesteigerter Aufmerksamkeit, und unglücklicherweise vernahm er folgenden Wortwechsel: Dschemyleh, gib mir die Büchse. – Hier ist sie! Es war die Stimme seiner Tochter. Ein Schauder fuhr ihm durch den Leib von der Scheitelspitze bis zur Fußsohle. Er begriff alles. Als in diesen letzten Tagen er und seine Söhne lachend erzählt hatten, daß Mohsen sterben würde, hatte Dschemyleh kein Wort gesagt, keinerlei Freude ausgedrückt, und er erinnerte sich sogar, daß er ihr einen Vorwurf daraus gemacht hatte. Jetzt erklärte sich alles. Die Unglückliche liebte ihren Vetter, und, was grauenhaft zu denken war, sie hatte die Verirrung so weit getrieben, daß sie ihre Familie, ihren Vater, ihre Mutter, ihre Brüder, deren Abscheu, deren Haß verriet, um sich über den Trümmern ihres Rufes einem Elenden in die Arme zu stürzen! Niemals hatte Osman sich träumen lassen, daß eine so blutige Schmach ihn hätte treffen können. Er blieb wie vernichtet auf der Stelle, wo der Klang der Stimmen, eine unmerkliche Schwingung der Luft, ihm soeben einen Schlag versetzt, eine Wunde geöffnet hatte, grausamer und schmerzhafter, als jemals Blei oder Stahl es gekonnt hätten. In den ersten Augenblicken war das Weh so heftig, das Leiden so brennend, die Demütigung so vollkommen, so tief, daß er gar nicht auch nur daran dachte, was er beschließen mußte. Er vermochte den Gedanken einer Vergeltung gar nicht zu fassen. Aber diese Erschlaffung dauerte nur kurze Zeit. Das Blut nahm wieder seinen Lauf, der Kopf wurde frei, das Herz begann wieder zu schlagen, er hatte einen raschen Einfall, rüttelte sich auf und ging nach Hause. Er sprach zu seiner Frau und zu seinen Söhnen: Dschemyleh ist ein Ungeheuer. Sie liebt Mohsen und hat sich zu dem Hunde von Mohammed geflüchtet. Ich habe eben ihre Stimme im Hofe dieser Menschen gehört. Du, Kerim, gehst mit dreien meiner Leute an die Tür dieser Strauchdiebe klopfen: du sagst ihnen, daß du augenblicklich deine Schwester begehrtest. Du machst viel Lärm, und wenn sie unterhandeln, so hörst du sie an, antwortest, lassest die Dinge sich in die Länge ziehen. Du, Serbaz, und du, Elem, mit unseren fünf anderen Kriegern, nehmt Hacken und Schaufeln und folgt mir. Wir greifen die Mauer dieser Schändlichen ohne Lärmen von der Gasse her an, und wenn wir ein genügendes Loch gemacht haben, dringen wir ein. Jetzt hört mich wohl, und was ich euch sagen will, das wiederholt euren Leuten, und zwingt sie zum Gehorsam. In diesem Winkel hier, zu Häupten meines Bettes, ihr seht ihn, will ich morgen früh drei Häupter haben: das Mohammeds, das Mohsens, das Dschemylehs! Jetzt in Gottes Namen ans Werk! Die Bewohner von Mohammeds Hause hatten kaum ihre Vorbereitungen zur Verteidigung beendet, als an ihre Tür geklopft wurde. – Da geht's los! murmelte das Haupt der Familie. Er stellte sich an die Spitze der Seinigen in den Korridor, welcher zur Haustüre führte. Hinter ihm hielt sich seine Frau, die ein Reservegewehr trug; neben ihm stand Mohsen mit seiner Muskete; neben Mohsen, ganz an ihn gelehnt, Dschemyleh, die Pike ihres Geliebten haltend; hinter ihnen die drei Lehnsleute, mit Dolchen bewaffnet. Die Besatzung hatte weder die Güte, noch die Zahl der Waffen für sich; aber sie war herzhaft. Niemand erbebte. Die stärksten Gefühle, die das Herz erfüllen können, herrschten dort ungeteilt; keine kleinliche Empfindung behauptete sich neben ihnen; Liebe, Haß, und zwar in einer Atmosphäre heroischer Unerschrockenheit, unter dem vollkommensten Vergessen der Vorteile des Lebens und der vermeintlichen Bitternisse des Todes: nichts anderes schwebte über diesen Häuptern. Man hatte auf den ersten Anruf der Belagerer nichts geantwortet. Eine neue Ladung von Kolbenschlägen und Fußtritten brachte der Tür eine zweite Erschütterung, die im Hause widerhallte. – Wer klopft da so? sagte Mohammed in barschem Tone. – Wir sind's, Oheim, antwortete Kerim. Dschemyleh ist bei Euch; laßt sie herauskommen! – Dschemyleh ist nicht hier, erwiderte der alte Afghane. Es ist spät; laßt mich in Ruhe. – Wir schlagen Euer Holzwerk ein, und Ihr wißt, was dann geschieht! – Ganz gewiß! Euch wird der Schädel zerschmettert und nichts weiter. Einen Augenblick herrschte Stillschweigen. Da sagte Dschemyleh, sich zu Mohsen neigend, ganz leise zu ihm: ich höre Geräusch auf der anderen Mauerseite. Erlaube mir, daß ich in den Hof gehe, um zu erkunden, was vorgeht. – Geh, sagte Mohsen. Das junge Mädchen näherte sich der Stelle, die sie bezeichnet hatte und horchte einen Augenblick hin. Dann kehrte sie, ohne unruhig zu werden, auf ihren Platz zurück und sagte: sie graben und werden eine Bresche machen. Mohsen dachte nach. Er wußte, daß die Mauer nur von Stampferde war; ziemlich dick zwar, aber alles in allem doch von geringer Widerstandskraft. Kerim hatte die Unterredung mit langen, verworrenen Drohungen wieder aufgenommen, auf welche Mohammed antwortete. Sein Sohn unterbrach ihn und teilte ihm mit, was er soeben vernommen. – Wir wollen auf die Terrasse steigen, schloß er, von da oben geben wir Feuer, und sie sollen Mühe haben, uns zu fangen. – Ja, aber am Ende werden sie uns fangen und wir werden nicht gerächt. Steig auf die Terrasse, von da springe mit Dschemyleh auf die Nachbarterrasse; flieht, gewinne das Ende der Straße; von da steig herab und eile ohne Aufenthalt bis ans andere Ende der Stadt zu unserem Verwandten Jusef. Er wird dich verbergen. Dschemyleh wird für die Ihrigen verloren sein. Bis man erfährt, wo du bist und wo du sie hingebracht hast, werben Tage vergehen. Das Gesicht unserer Feinde wird schwarz werden vor Schmach. Ohne zu antworten, warf Mohsen sein Gewehr über die Schulter, belehrte das junge Mädchen, was zu tun sei, küßte seiner Mutter die Hand, und die beiden Liebenden kletterten in Eile die enge, holperige Stiege hinan, welche zu dem das Haus beherrschenden flachen Dache führte; sie sprangen über eine Mauer, setzten eilenden Schrittes über eine Terrasse, zwei, drei, vier Terrassen hinweg, wobei Mohsen mit unendlicher Zärtlichkeit die Gefährtin seiner Flucht stützte, und erreichten den Einschnitt, in dessen Hintergrunde die enge Straße sich schlängelte. Er sprang hinab und fing die, die er liebte, in seinen Armen auf, denn sie zauderte nicht eine Sekunde, ihm nachzuahmen. Dann machten sie sich auf. Sie versenkten sich in die finsteren Windungen ihres Weges. Inzwischen stellte sich Mohammed, als sei er der Betrogene und fuhr fort, mit den auf der anderen Seite der Türe stehenden Angreifern Schimpfreden und Rufe zu wechseln, deren Absicht er von jetzt an sehr wohl begriff. Die Tür, unaufhörlich von neuen Anstürmen erschüttert, gab nach, die Bretter gingen auseinander, die Holzmasse stürzte mit großem Lärm ein; Mohammed und die Seinigen gaben trotzdem kein Feuer. Fast im nämlichen Augenblick klaffte eine genügend große Öffnung in der Mauer, und so befanden sich die Hausbewohner zwischen den beiden Trupps von Gegnern, die sie sozusagen in einen Schraubstock nahmen. Mohammed rief: ich werde nicht auf meinen Bruder, noch auf meines Bruders Söhne schießen! Gott bewahre mich vor einem solchen Verbrechen! aber, beim Gruß und Segen des Propheten, was habt ihr denn? Was soll diese Wut? Was redet ihr von Dschemyleh? Sucht doch, ob sie hier ist! Nehmt sie mit! Warum kommt ihr, mitten in der Nacht friedliche Leute, eure Verwandten, stören! Diese Klagerede, die so wenig zu den Gewohnheiten des Hausherrn stimmte, setzte die, an welche sie gerichtet war, in Erstaunen. Überdies versicherte man ihnen, daß Dschemyleh nicht da wäre. Hatten sie sich getäuscht? Die Unentschiedenheit beruhigte sie ein wenig. Die Zornesausbrüche mäßigten sich. Osman rief in schroffem Tone: wenn Dschemyleh nicht hier ist, wo ist sie dann? – Bin ich ihr Vater? erwiderte Mohammed. Was sollte sie bei mir tun? – Suchen wir! rief Osman den Seinen zu. Sie verteilten sich in den Zimmern, hoben die Vorhänge auf, öffneten die Kisten, durchsuchten die Ecken, und wir wissen, daß sie nichts antreffen konnten. Dieses Mißgeschick, die Miene tiefster Unschuld, welche Mohammed und seine Leute erkünstelten, vermehrte ihre Verwirrung. – Sohn meines Vaters, hub Mohammed mit liebreicher Stimme wieder an, mir scheint, daß ein großer Kummer dich bedrückt, und ich nehme meinen Teil daran. Was ist dir begegnet? – Meine Tochter ist entflohen, antwortete Osman, oder aber man hat sie mir geraubt. Auf alle Fälle entehrt sie mich. – Ich nehme meinen Teil daran, wiederholte Mohammed, denn ich bin dein älterer Bruder und ihr Ohelm. Diese Bemerkung machte einigen Eindruck auf Osman, und, ein wenig beschämt über den unnötigen Lärm, den er gemacht hatte, verabschiedete er sich beinahe freundschaftlich von seinem Bruder und nahm seine Leute mit. Der alte Mohammed fing, da er sich allein sah, an zu lachen; er hatte seinen Feind nicht allein ins Herz getroffen, sondern ihn noch dazu getäuscht und verhöhnt. Osman seinerseits kehrte, vollkommen entmutigt, nicht wissend, welchen Entschluß er fassen sollte, einem Wutausbruche hingegeben, den die Ohnmacht noch steigerte, mit seinen Söhnen und seinen Mannen nach Hause zurück, nicht um sich niederzulegen, nicht um zu schlafen, sondern um sich in einen Winkel seines Zimmers zu setzen und, die beiden Fäuste geschlossen gegen seine Stirn gestemmt, in der Nacht seines Verstandes danach zu suchen, wie er es anfangen solle, um die Spuren seiner Tochter wiederzufinden. In diesem Zustande fand ihn die hereinbrechende Morgendämmerung. In diesem Augenblicke trat einer seiner Mannen, sein Leutnant, sein Nayb, in das Zimmer und begrüßte ihn: – Ich habe Eure Tochter gefunden, sagte er. – Du hast sie gefunden? – Wenigstens glaube ich mich nicht zu täuschen; und auf alle Fälle, wenn die Frau, die ich für sie halte, es nicht ist, habe ich doch Mohsen-Beg gefunden. Osman hatte eine plötzliche Erleuchtung in seinem Geiste. Er wurde zum erstenmal inne, daß er in der Tat beim Eintritt in seines Bruders Haus seinen Neffen nicht bemerkt hatte; aber er war damals dermaßen außer sich und so darauf aus, sich zu mäßigen, um nicht sein Ziel zu verfehlen, daß er sich kaum über die nötigsten Tatsachen Rechenschaft hatte ablegen können. Er geriet insgeheim in Zorn wider sich selbst wegen seiner Verblendung, aber mit einem gebieterischen Winke befahl er dem Nayb, in seinem Berichte fortzufahren. Dieser setzte sich, um die Gleichheit des Ranges, zu dem seine Geburt ihn berechtigte, wohl zu wahren, und Hub folgendermaßen wieder an: Als wir bei Mohammed-Beg eintraten, sah ich mir alle Anwesenden an; das verhilft einem dazu, genau zu wissen, mit wem man's zu tun hat. Mohsen-Beg war nicht zugegen. Das wunderte mich. Ich fand es nicht natürlich, daß in einer Nacht, wo es, wie zu erwarten war, Flintenschüsse von hüben und drüben setzen würde, ein so tapferer junger Mann sich entfernt haben sollte. Da mir diese befremdende Tatsache zu denken gegeben hatte, so kehrte ich nicht mit Euch nach Hause zurück, sondern ging durch den Bazar, indem ich um die Wohnung Cures Bruders herumbog. Ich frug die Sicherheitswächter, ob sie keine Kunde von einem jungen Manne hätten, den ich ihnen beschrieb, allein oder von einer Frau gefolgt. Keiner hatte etwas dergleichen bemerkt, bis ich ihrer einen frug, welcher nicht nur meine Frage mit einem Ja beantwortete, sondern noch hinzufügte, daß die Person, welche er in der Begleitung, die ich ihm beschrieb, hatte vorbeigehen sehen, bestimmt Mohsen-Beg, der Sohn Mohammed-Begs von den Ahmedzyys, gewesen sei; er streckte den Arm nach der von den beiden Flüchtlingen eingeschlagenen Richtung aus und sagte mir die Stunde, in der er sie bemerkt hatte; es war gerade, während wir anfingen, die Tür Eures Bruders zu sprengen. Ich setzte meine Nachforschung fort, von jetzt ab dessen gewiß, daß sie die Mühe verlohnte, und nachdem ich mehrere Stunden damit hingebracht, einen Weg zu verfolgen und wieder zu verlassen, einen andern einzuschlagen, die Nachtwächter auszufragen, mich zu irren, die Spur wieder aufzufinden, gelang es mir endlich, von weitem die beiden Flüchtlinge zu entdecken, welche ich suchte. Es war in einem menschenleeren Viertel, inmitten eingefallener Häuser. Mohsen unterstützte seine, wie es schien, von der Anstrengung erschöpfte Gefährtin beim Gehen und warf unruhige und argwöhnische Blicke um sich. Ich barg mich vor seinem Auge hinter einer Mauerfläche, und von da beobachtete ich wohl, was er tat. Er suchte offenbar nach einem Schutz, in der Absicht, etwas Ruhe zu finden. Er gewann, was er wollte. Er stieg in einen halb eingestürzten kleinen Keller hinab und hieß die, welche er geleitete, dort eintreten. Nach Verlauf weniger Augenblicke kam er allein wieder herauf, sah sich sorgfältig die Umgebung an, und da er glaubte, nicht bemerkt worden zu sein, denn ich verbarg mich mit äußerster Sorgfalt, so rückte cr einige schwere Steine zurecht, um seinen Zufluchtsort zu verdecken und kehrte dann zu der Frau im Kellergeschoß zurück. Ich blieb einige Minuten, um mich zu überzeugen, daß er nicht vorhabe, sich zu entfernen. Er rührte sich nicht. Die Morgendämmerung begann den Himmel zu röten; ich mache Euch Meldung, und jetzt fasset den Entschluß, der Euch der weiseste scheint. Osman hatte den Bericht seines Nayb nicht unterbrochen. Als dieser aufhörte zu reden, erhob er sich und gab ihm den Befehl, seine Söhne und seine Mannen zu wecken. Als dies Volk auf war, rückte der Rachetrupp unter der Führung dessen, der soeben die Zuflucht der Liebenden entdeckt, ins Feld, und man zweifelte nicht, daß sie zu dieser Stunde, im Wahne vollkommener Sicherheit, tief im Schlaf sein würden. Um sich so auf die Freistatt der Schakale und der Hunde beschränkt zu sehen, mußten sie durch einen unvorhergesehenen Zufall des Schutzes beraubt worden sein, den zu finden sie vertraut hatten, als sie aus der belagerten Wohnung Mohammeds ausgezogen waren. In der Tat, die unglückseligen Kinder hatten kein Glück gehabt. Sie waren zwar ohne Unfall bis zum Hause ihres Verwandten Jusef gelangt, welches sehr weit von dem, das sie verließen, ablag. Dschemyleh, wenig an so lange Märsche gewöhnt und außerdem schwächlich und zart, verspürte eine außerordentliche Mattigkeit, die sie aber nicht eingestand; sie tröstete sich mit dem Glücke, bei Mohsen zu sein und der Hoffnung, sich bald mit ihm in Sicherheit zu befinden. Aber dieser erschütterte umsonst die Tür mit Kolbenstößen; nachdem er lange Zeit auf einfachere Weise angeklopft, gelang es ihm nicht, geöffnet zu bekommen, und als er ernstlich daran dachte, das Hindernis einzustoßen, rief ihm ein Nachbar zu, daß Jusef-Beg und die Seinen seit vierzehn Tagen nach Peschawer abgereist wären und in dem Jahre sicherlich nicht zurückkommen würden. Das war ein Blitzschlag auf das Haupt der Flüchtlinge. Während des ganzen Weges war Mohsen hinter Dschemyleh hergegangen, die Hand auf dem Deckel der Zündpfanne seines Gewehres, jeden Augenblick gewärtig, die Schritte des Feindes zu hören. Er konnte sich nicht denken, wie lange Zeit es seinem Vater gelingen möchte, Widerstand zu leisten; er wußte vielmehr gewiß, daß das Haus am Ende erstürmt werden würde; was dann geschähe, das frug er sich nicht, und sein Mut und seine Heiterkeit wurden aufrechterhalten durch die Gewißheit, eine sichere Zuflucht zu besitzen, wo er wochenlang mit seinem Schatze verborgen bleiben würde, ohne daß dieser irgendwelche Gefahr liefe. Aber als er sah, daß sein Oheim ihn im Stiche ließ und er auf der Straße stand und nicht wußte, wohin, und nicht eine Stätte auf Erden, nein, nicht eine Stätte in der ganzen Welt hatte, wo Dschemyleh vor Schmach und Tod gesichert sein könnte, als er vielmehr an den Schauern seines Leibes, an den Ängsten seiner Seele merkte, daß Schimpf und Rache hinter der Leidenschaft seines Lebens, hinter dem lieblichen Kinde hereilten, das er entführte, von dem er so zärtlich geliebt wurde und das er zum Sterben liebte, daß Tod und Schmach dies heilige Wunder alsbald, vielleicht ehe eine Minute vergangen, treffen würde; daß sie vielleicht in diesem Augenblicke um die Straßenecke bögen, wo er da mit ihr stand, nicht wissend, was aus ihnen werden solle, da fühlte er seinen Mut, nicht erloschen, nein, das fühlte er nicht, aber er merkte, daß dieser Mut erschlaffte, erschrak, erstarrte, und seine Heiterkeit gar, die verschwand. Gerade umgekehrt erging es Dschemyleh. Sie betrachtete ihren Geliebten, und da sie ihn bleich sah, sprach sie zu ihm: was hast du? bin ich nicht bei dir? Liegt mein Leben nicht in dem deinen? Wenn einer von uns stirbt, wird nicht der andere alsobald auch sterben? Wer soll uns trennen? – Niemand! erwiderte Mohsen. Aber du, du, du unglücklich werden! Du – getroffen! Bei diesem Gedanken barg er sein Gesicht in den Händen und fing bitterlich zu weinen an. Sie schob die tränenfeuchten, vor der Stirn und den Wangen, die sie liebte, zusammengezogenen Finger sanft zur Seite, und ihre Arme um Mohsens Hals schlingend fuhr sie fort: nein! o nein! nein! denke nicht an mich allein, denke an uns beide; und solange wir zusammen sind, steht alles wohl! Verbergen wir uns! Was weiß ich? Laß uns Zeit gewinnen! Lassen wir uns nicht gefangen nehmen! – Aber was tun? rief Mohsen, mit dem Fuße aufstampfend. Nicht eine Zuflucht! Und dein Vater verfolgt uns sicherlich zu dieser Stunde! Er findet uns, er wird uns finden! Wohin mit uns? Was soll aus uns werden? – Ja, wohin mit uns? fuhr Dschemyleh fort; ich, ich weiß es nicht; aber du wirst es ausfinden, dessen bin ich gewiß! Du findest es sogleich in deinem Kopfe aus, denn du, du bist tapfer, du zitterst vor keiner Gefahr, mein teurer, teurer Mohsen, und wirst dein Weib retten! Sie hielt ihn immerfort umklammert, nur ihre rechte Hand hatte den Hals des Jünglings losgelassen und streichelte seine Augen und trocknete deren Tränen. War es nun ein Rückschlag gegen die Anwandlung von Schwäche, die er durchgemacht, oder eine Wirkung des magnetischen Einflusses, welchen die Liebe über diejenigen, deren Gebieterin sie ist, verbreitet, Mohsen kam plötzlich wieder zu sich, die Klarheit kehrte seinem Haupte wieder, und, indem er sich aus der geliebten Umarmung, die ihn zurückhielt, sanft losmachte, betrachtete er Dschemyleh mit ruhiger Miene und sagte, ein neuer Mensch, gelassen: dieses Viertel ist vollkommen menschenleer und enthält viele Ruinen. Suchen wir einen Schutz für den Augenblick, einen Keller womöglich. Du wirst dich dort ausruhen, schlafen. Es wäre ein großer Zufall, wenn man uns dort entdeckte. Am Tage versuche ich dann mit aller möglichen Vorsicht auszugehen und zu essen zu bekommen. Alles in allem können wir den Hunger bis heut Abend ertragen, und wenn wir so zwölf bis fünfzehn Stunden vor uns haben, dann kommt uns vielleicht ein glücklicher Einfall und die Kunde, wie wir die nächste Nacht zu unserer Rettung verwenden mögen. Dschemyleh lobte den Plan, welchen ihr junger Beschützer ihr auseinandersetzte, und sie machten sich auf den Weg. Bald betraten sie die Stätte der Trümmer. Sie stiegen über mehrere Mauern. Einige Schlangen und andere giftige Tiere ergriffen hier und da vor ihnen die Flucht; aber sie bekümmerten sich nicht darum. Sie hatten einen allgemeinen Druck des Mißtrauens und blickten um sich; aber sie ließen sich nicht beikommen, daß sie entdeckt waren, und fühlten die Blicke des Spähers nicht auf sich ruhen. So gelangten sie zu dem kleinen Keller, in welchen Osmans Nayb sie hatte eintreten sehen. Nach einem Augenblick schlummerte Dschemyleh, welche ihr Haupt auf Mohsens Knie gelegt hatte, tief ein, eine natürliche Folge ihrer großen Jugend und der Erschöpfung ihrer Kräfte, und während einiger Minuten unterlag ihr Geliebter dem nämlichen Einflüsse. Aber plötzlich wurde er ganz wieder wach. Ein unerklärliches Unbehagen verscheuchte für ihn jede Spur einer Müdigkeit. Sein Blut jagte feurig durch seine Adern und siedete. Er merkte eine Gefahr. Er hatte zu viel zu verlieren. Er konnte nicht zu sehr auf der Hut sein, nicht zu sehr sich auf alles gefaßt halten; er betrachtete die Schläferin mit einer Rührung, einer Leidenschaft, einer Regung hingebender Neigung, welche in alle Fasern seines Wesens überströmte, und alsdann, nachdem er Dschemylehs Haupt sanft aufgerichtet, legte er dies angebetete Haupt auf ein Kräuterbüschel und ging hinaus, um die Umgegend zu überwachen. Er gewahrte nichts. Der Tag nahm rasch zu. Vom blauen Horizonte hoben sich, gleich einem goldig-grünen Schattenriß, die Terrassen einiger Häuser und mehrere dicht belaubte Bäume, die Zierden der benachbarten Höfe, ab. Er legte sich auf die Erde, um besser verborgen zu sein, und es blieb so eine ziemlich geraume Weile, vielleicht eine Stunde lang, vollkommen ruhig ringsumher. Endlich horte er deutlich ziemlich zahlreiche Schritte. Er hielt das Ohr hin und vernahm Geflüster. – Da sind sie! dachte er schnell. Nichts, das der Furcht geglichen hätte, rührte an seinen Mut, der hart wie Stahl. Er erhob sich auf ein Knie und zog sein langes Messer, das er gehörig in seiner Hand befestigte, und kaum war er so vorbereitet, als ein Mann über die Mauer stieg, hinter der er sich hielt. Es war der Nayb Osman-Begs. Er diente dem Feinde zum Führer. Mohsen erhob sich jäh, und fast ehe ihn der Nayb nur bemerkt hatte, brachte er diesem einen wütenden Streich über den Kopf bei, zerhieb seinen Turban von hellblauem, rotgestreiftem Tuch und streckte ihn tot auf den Platz hin, dann stürzte er sich auf einen anderen Angreifer, welcher dem Nayb zur Seite auftauchte: es war einer seiner Vettern, der älteste; er schlug ihn mit einem kräftigen Hiebe zu Boden und griff seinen Oheim selbst an. Dieser hatte nur soeben die Zeit, mit dem Säbel zu parieren; alsdann begann der ungleichste aller Kämpfe zwischen Mohsen und der Schar, die ihn verfolgte. Aber ohne es zu wissen, hatte er zwei Vorteile vor seinen Gegnern voraus. Erstens hatten die Schnelligkeit, das Ungestüm, das glückliche Gelingen seines Angriffes sie in die Defensive geworfen, und sie waren davon dermaßen betäubt, daß sie sich bei sich selbst frugen, ob Mohsen wirklich allein wäre. Sodann hatte Osman-Beg den Befehl gegeben, ihn lebendig gefangen zu nehmen; so war also nicht anzunehmen, daß man ihn treffen würde, und während seine Streiche saßen und gehörig saßen, begnügte man sich damit, ihn einzuschließen, da man sich nicht getraute, ihm zu nahe zu kommen, und man zählte nur auf sein Ermatten, um ihn niederzuwerfen. Er war noch weit von dieser äußersten Not entfernt, seine Kräfte schienen mit jedem Streiche, den er nach rechts und links führte, zuzunehmen. Indessen würde Osman-Begs Berechnung sich auf die Dauer doch als richtig erwiesen haben. Die Erschöpfung wäre für den tapferen Kämpfer gekommen. Zum Glück gab ein Zwischenfall, auf welchen niemand rechnete, bald den Dingen ein anderes Ansehen. Mohsen hatte, da er Nypb tötete, seinen Vetter verwundete und viele andere traf, alle seine Angreifer vor sich hergetrieben, und diese, denen es schwer fiel, auf den Beinen zu bleiben, wichen fortwährend zurück, so daß sie, ohne es zu wollen und vorherzusehen, alle miteinander aus den Ruinen heraustraten und sich am Rande der Straße befanden. Die Bevölkerung versammelte sich, um mit dem äußersten Interesse, wie es ein Handel dieser Art in jedem Lande, zumal aber unter so kriegerischen Leuten wie die Afghanen, hervorruft, über die Streiche zu Gericht zu sitzen. Eine sehr ausgesprochene Teilnahme gab sich in der Menge für den schönen tapferen Jüngling kund, welcher so derb darauf losschlug und für sich allein eine so große Anzahl Gegner übel zurichtete. Man war nicht gerade beleidigt darüber, daß man seine Feinde ihn mit ungleichen Kräften angreifen sah; derartige Regungen von Zartgefühl sind nicht zu allen Zeiten und an allen Orten anzutreffen, und im allgemeinen begreift man, welchen Nutzen es bringt, seinen Feind zu töten, wie man kann; aber Mohsen war tapfer, das sah man, man freute sich daran, jeder seiner kühnen Schläge rief ein Tosen begeisterter Zustimmung hervor; nichtsdestoweniger tat man nichts, um ihn aus der Gefahr zu reißen, außer daß man ganz laut Wünsche äußerte, mit denen zumal die Frauen, welche oben die Terrassen besetzt hielten, verschwenderisch bei der Hand waren. In diesem Augenblick erschien ein junger Mann zu Pferde. Sein blauer, rotgestreifter Turban war von feiner Seide, und dessen Fransen fielen zierlich über die Schulter herab. Ein kurzer Waffenrock von Kaschmir, den er anhatte, wurde von einem mit Edelsteinen besetzten Degengehenk um den Leib zusammengefaßt. Ein prachtvoller Säbel hing darin. Seine Beinkleider waren von rotem Zindeltaffet. Das Geschirr seines Tieres, eines echten Turkmenenschimmels reinster Rasse, erschimmerte von Gold, Türkisen, Perlen und prächtigen Farben. Vor dem Ritter her marschierten zwölf Kriegsleute, mit Schilden, Säbeln, Dolchen und Pistolen bewaffnet, das Gewehr über der Schulter. Er hielt plötzlich mit seinen Mannen an, um sich anzusehen, was da vorging, und dieses mißfiel ihm. Seine Stirn zog sich in Falten, sein Gesicht nahm einen hochfahrenden, furchtbaren Ausdruck an, und er rief mit mächtiger Stimme: wer sind diese Leute? – Ahmedzyys! antwortete eine Stimme aus der Menge; und warum Osman-Beg Ahmedzyy das Blut des jungen Mannes haben will, der da seit einer Viertelstunde dabei ist, sich zu verteidigen, das weiß Gott. – Aber ich, ich weiß es nicht, und es erscheint zu unverschämt, daß ein verfluchtes Geschlecht herkommt und die Leute mordet, in einem Viertel, das nicht das ihre, das das meine ist! Holla, Osman-Beg, gib nach, weiche zurück, laß deine Beute fahren, mach dich von hinnen, oder ich schwöre es bei den Gräbern aller Heiligen, du kommst nicht lebend von der Stelle! Und als wären diese Worte nicht peremptorisch genug gewesen, zog der Reiter seinen Säbel und ließ sein Roß mitten zwischen die Kämpfenden setzen; und seine Diener faßten ihre Schilde, zogen ihre Säbel, warfen Osman-Begs Leute durcheinander und trieben sie, als die bei weitem zahlreicheren, kurz angebunden von Mohsen zurück, welcher sich mit einem Schlage von einem leibhaftigen, ganz leibhaftigen Walle beschirmt fand, bereit, denen das Leben zu nehmen, welche das seinige bedrohten. Osman-Beg überschlug alsobald seine Lage. Er begriff die Unmöglichkeit des Kampfes, und, jeden Gegenvorwurf verschmähend, gab er in entschiedenem Tone seinen Leuten das Signal, sammelte sie und zog ab, nicht ohne seinem neuen Gegner mit einem Blicke, übervoll von Haß, Herausforderung und Racheverheißungen, Trotz geboten zu haben. Drauf konnte man sich wieder zurechtfinden. Mohsen unverhofft aus der Umklammerung eines so ungleichen Kampfes befreit und von dem Gedanken an die, die er liebte, beherrscht, fühlte sich sofort instinktmäßig getrieben, sich eilends gegen die Stelle umzukehren, wo er sie verborgen hatte; aber sie war ihm zur Seite und hielt ihm sein Gewehr hin, das er im Keller zurückgelassen hatte. Diese Tat des unterwürfigen, hingebenden Weibes, das seinem Gatten mitten im Kampfe eine Waffe brachte, gefiel der versammelten Menge und schien einen noch günstigeren Eindruck auf den jungen Ritter zu machen, welcher die Partei des Schwächeren ergriffen hatte. Er begrüßte Mohsen mit ernster Höflichkeit und sagte zu ihm: gepriesen sei Gott, der mich zur rechten Zeit hat kommen lassen! Und indem er mit dem Finger auf den Leib des verscheidenden Naybs deutete: Ihr habt einen starken Arm für Euer Alter! Mohsen lächelte kühl; dies verbindliche Wort machte ihn äußerst glücklich; er setzte seinem Feinde den Fuß auf die Brust, nahm dabei dieselbe Gleichgültigkeit an, die er für irgendeinen zertretenen Wurm gehabt haben würde, und antwortete, ohne sich sonst mehr mit ihm zu befassen: welches ist Eurer Exzellenz edler Name, damit ich Ihr danken könne, wie es meine Schuldigkeit ist? – Mein Name, erwiderte der Ritter, ist Akbar-Khan, und ich bin vom Stamme der Muradzyys. Dem erbitterten Feinde seines Geschlechtes verdankte Mohsen für den Augenblick sein Leben, und dieser Gegner fügte mit erhobener Stimme hinzu: mein Vater ist Abdullah-Khan, und ohne Zweifel wißt Ihr, daß er der Lieblingsvertreter und allmächtige Minister Seiner Hoheit ist, welche Gott erhalten möge! So war es nicht nur ein Mann aus einem erbfeindlichen Geschlechte, es war der eigene Sohn des grausamsten unter den Verfolgern seines Hauses, welcher zwar Mohsen und Dschemyleh gerettet hatte, aber sie tatsächlich in seiner Gewalt und so eingepreßt hielt, wie der Sperling es nur in dm Klauen des Habichts sein kann. Der Sohn Mohammed-Begs hatte sich, wenigstens für einige Zeit, gerettet gewähnt, und seine rasche Einbildungskraft hatte ihm sogar in einem lieblichen Bilde Dschemyleh ausgeruht, friedlich, glücklich dargestellt. Das Bild wurde mit rauher Gewalt aus seinem Haupte gerissen, und an seiner Statt trat die verhaßte Wirklichkeit in schwarzen Farben zutage. Hinter den Liebenden standen drohend der Oheim und die Schar der Mörder; wenn es ihnen durch Verbergen ihrer Namen und mittels einiger Lügen gelänge, sich von Akbar- Khan zu befreien, so mußten sie in einigen Minuten, höchstens in einigen Stunden, wieder der Gefahr verfallen, welche sicherlich auf sie lauerte. Es war heller Tag, sie konnten nicht mehr daran denken, sich zu verbergen. Da sie nicht wußten, wo eine Zuflucht finden, mußten sie in Gefangenschaft und Verderben geraten. Sich unter Akbar-Khans Schutz stellen, immer mit einigem Trug und indem sie sich für andere ausgaben, als sie waren, bedeutete ein sicheres Ende. Osman-Beg würde vermutlich nicht säumen, sie anzuzeigen, sie bekannt zu machen, und dann Akbar-Khan ihnen nicht allein den Untergang bereiten, sondern sie als Feige behandeln und ihnen, nicht ohne einen Anschein von Berechtigung, vorwerfen, daß sie sich vor ihm gefürchtet hätten; was sollte dann aus Dschemyleh werden? In seiner Angst blickte Mohsen auf sie; ein stolzes Lächeln strahlte auf dem Antlitz des jungen Mädchens. Eine seltsame Begeisterung lag in ihren schönen Augen. Sie sagte nicht ein Wort; er begriff sie: ich kenne Euren Vater nicht, sagte er zu Akbar, aber wer hat seinen Namen nicht gehört? Gefällt es Euch, die Hand, die Ihr über mein Haupt ausgebreitet habt, nicht zurückzuziehen? Dann führt mich zu ihm, und ich will zu euch allen beiden sprechen. Der junge Häuptling machte ein Zeichen der Beistimmung. Mohsen trat zur Seite seines Rosses; Dschemyleh ging hinter ihm; die Soldaten nahmen wieder die Spitze ein, und alle die Muradzyys, mit den beiden Ahmedzyys – von ihnen beschützt, von ihnen allen nicht gekannt - in ihrer Mitte durchschritten die Bazare, durchschritten den Hauptmarkt, kamen vor der Zitadelle an, drangen durch das Tor derselben, das von Soldaten, Dienern und Würdenträgern versperrt war, und gelangten, nachdem sie durch zwei enge Gäßchen gewandert, zu dem von Abdullah-Khan bewohnten Palaste, wo die ganze Gesellschaft eintrat. Akbar hatte einem Belutschensklaven zwei Worte gesagt, welcher sich beeilt hatte, ihm ins Innere des Hofes voranzugehen. In dem Augenblicke, wo der Häuptling vom Pferde stieg, kam dieser Sklave zurück, begleitet von einer Dienerin, welche sich mit Ehrerbietung an Dschemyleh wandte und sie einlud, ihr in den Harem zu folgen, wohin sie sie führen wollte. Kein Vorschlag konnte schicklicher und höflicher sein, und indem Akbar der Frau seines Gastes, die er gar nicht zu bemerken geschienen, diesen Empfang bereitete, hatte er sich benommen, wie man es von einem Manne seines Standes erwarten durfte. Mohsen schien durch eine Bewegung seiner linken Hand die junge Frau aufzufordern, die Einladung anzunehmen, und Dschemyleh wandte sich gegen die niedrige Tür, welche zur Wohnung der Frauen führte; sie hatte sich kaum in den engen Gang eingezwängt, als plötzlich Mohsen, auf einen schnellen Antrieb, ihr nachjagte. Er erreichte sie in dem Augenblicke, wo die Dienerin den inneren Vorhang aufhob, nahm sie bei der Hand, zog sie mit sich fort, setzte sich mit ihr in Eilschritt, warf ungestüm zwei Diener, die ihn aufzuhalten versuchten, zur Seite, stürzte sich in einen kleinen Garten voller Blumen, in dessen Mitte ein Bassin von weißem Marmor mit einem Springbrunnen war, stieg die drei Stufen hinan, welche er zu einem rotseidenen, buntbemalten Türvorhange führen sah, schob den Stoff zur Seite, trat in einen großen Saal ein, wo er in einer Ecke, auf dem Teppich sitzend, drei Frauen gewahrte, von denen die eine bejahrt, eine andere sehr jung war, warf sich, Dschemyleh an seiner Seite, vor der ältesten nieder, und, indem er den Saum des Gewandes derjenigen, die er für die Herrin des Hauses hielt, in die Hand nahm, rief er aus: schirmt uns! Tiefe Bestürzung malte sich in den Zügen der so angerufenen und ihrer beiden Gefährtinnen. Ihre Blicke richteten sich abwechselnd auf den verwegenen Betreter der geweihten Stätte und auf die, welche ihn begleitete; aber, wenn sie auch immerhin erstaunt waren, so hatte doch ihr Ausdruck nichts Feindseliges. Mohsens reizendes Gesicht verriet keinen Narren, noch weniger einen Unverschämten, und Dschemyleh, die ihren Schleier abgeworfen hatte, war so hübsch, so würdig, so edel in ihrer ganzen Haltung, daß eine Regung des Mitleids, der Teilnahme, der Zuneigung in den Augen derjenigen, deren Hilfe man anrief, aufzutauchen begann, welche übrigens noch nicht soweit zu sich selbst gekommen waren, um ein einziges Wort zu sprechen, als Abdullah-Khan und Akbar zu zwei verschiedenen Türen in das Gemach hereintraten. Der erstere, ein Greis mit düsterer, nachdenklicher Miene, kam zufällig. Er ging zu seiner Frau und wollte seine Tochter und seine Schwiegertochter besuchen. Der andere, anfänglich durch Mohsens unerhörtes Vorgehen verblüfft, eilte ihm nach, entschlossen zu züchtigen, was er mit einigem Rechte als etwas Ungeheuerliches betrachtete. Als er seinen Vater vor der Türe stehen und Mohsen dort auf dem Teppich kniefällig seiner Mutter zu Füßen sah, hielt er ein. - Was ist das? frug Abdullah-Khan. – Edle Frau, sagte Mohsen, immerfort das Gewand seiner Beschützerin mit beiden Händen festhaltend, edle Frau, ich bin ein Afghane; ich bin Edelmann; ich liebe dieses Weib, das mir zur Seite ist; sie liebt mich; ihr Vater ist des meinen Feind; wir haben uns geflüchtet; man will uns töten; ich will wohl sterben, aber sie soll nicht sterben, nicht mißhandelt, nicht gekränkt werden ... Edle Frau, man verfolgt uns, lauert uns auf. Euer edler Sohn hat uns soeben gerettet; wäre er fern, wären wir um so sicherer dem Untergang verfallen. Rettet uns! Die Frau erwiderte nichts, aber sie blickte ihren Gemahl mit flehender Miene an, und desgleichen die beiden jungen Frauen, die eine ihren Vater und Bruder, die andere ihren Gatten. Aber Abdullah-Khan zog die Stirn in Falten, setzte sich in einen Winkel des Saales und ließ die bitteren Worte fallen: was bedeuten diese tollen Streiche? Ei! seit wann ist ein Afghane, ein Edelmann dermaßen von der Furcht verwirrt, daß er sich nicht in genügender Sicherheit glaubt, wenn er bei mir ist? Mit dem Augenblicke, wo mein Sohn Euch in seinen Schutz nimmt, was wollt Ihr da noch mehr verlangen? Wer sollte es gewagt haben, Euch anzurühren? – Ihr! erwiderte Mohsen, indem er ihn fest anblickte. – Ich! rief der alte Häuptling. Er schüttelte den Kopf mit Verachtung und fuhr fort: Ihr seid toll! aber da die Unüberlegtheit nicht als eine Entschuldigung für eine Verwegenheit, wie die Eure, gelten darf, so sollt Ihr gezüchtigt werden. Und Abdullah-Khan machte ein Zeichen, als wollte er in die Hände schlagen, um seine Leute herbeizurufen. Aber Mohsen wandte sich von neuem zu der alten Frau und sagte zu ihr: Euer Gemahl wird mich nicht anrühren! Er wird mich weder züchtigen, noch beschimpfen lassen. Ihr werdet mich vor ihm behüten, edle Frau; ich bin Mohsen, Mohammeds Sohn, ein Ahmedzyy, und diese hier ist eine Muhme, die Tochter meines Oheims Osman; die Euren haben zwei meiner Verwandten vor nicht länger als drei Jahren umgebracht; da bin ich, da ist sie; Ihr könnt uns ohne alle Mühe töten, wollt Ihr es tun? Indem Mohsen diese letzten Worte aussprach, richtete er sich ganz gerade auf, und Dschemyleh mit ihm. Sie faßten sich bei der Hand und sahen Abdullah unverwandten Blickes an. Dieser preßte gewaltsam den Griff seines Messers, und seine hohlen Augen versprachen nichts Gutes, als die alte Frau zu ihm sagte: Herr, vernehmt die Wahrheit! Wenn Ihr an diese Kinder rührt, welche meinen Schutz angerufen haben, indem sie einen Schoß meines Gewandes faßten, so verliert Ihr Eure Ehre vor den Menschen, und Euer Antlitz, das schimmernd ist wie Silber, wird schwarz werden in ihren Augen! Abdullah sah nicht aus, als wäre er überzeugt. Es war klar, daß die Gefühle höchster Rachsucht in seinem Herzen loderten, tückisch, wild, gierig nach der Beute, die ihnen in den Wurf gekommen war, und daß, wenn andere Erwägungen auftauchten und sie im Zaume hielten, diese doch Mühe hatten zu widerstehen und von einem Augenblick zum andern unterliegen konnten. Nach dem Herkommen des kriegerischen, grausamen, blutgierigen, aber merkwürdig schwärmerischen Afghanenvolkes darf ein Todfeind von dem Augenblicke an nicht mehr angegriffen werden, wo er sich in den Harem seines Gegners geworfen und den Schutz der Frauen gewonnen hat. Die Ehre will, daß dieser Schutzflehende augenblicklich geheiligt werde; man kann ihn nicht berühren, ohne sich mit Schande zu bedecken, und es gibt berühmte Beispiele von der Herrschaft, welche diese Sitte auf überaus schwer zu erweichende Gemüter ausgeübt hat. Aber die Ehre dehnt ihre Anforderungen womöglich noch weiter aus und will, daß, wenn flüchtige Liebende den Beistand des ihrer Sache fremdesten Mannes anrufen, dieser Mann, wenn er sich der Tapferkeit und des Edelmutes rühmt, seine Hilfe nicht versagen kann und der Halt derer wird, welche gut genug von ihm gedacht haben, um ihn zum Kämpen zu erwählen. Auch ändert unter diesen Umständen die frühere Feindschaft nichts an der Pflicht; sie muß aufhören, muß vergessen werden, wenigstens für eine Zeitlang, und mit je größeren Gefahren es verbunden ist, sich der verfolgten Liebenden anzunehmen, um so strenger ist die Verpflichtung, allem Trotz zu bieten. Es ist in Indien, in Persien und in der Gegend von Kabul, Kandahar und Herat bekannt, daß der größere Teil der Streitigkeiten und Kämpfe zwischen den afghanischen Familien und Stämmen und oft entsetzlich blutiger Erbhaß keinen anderen Ursprung gehabt haben als die unglücklichen Liebenden gewährte und beharrlich gewährte Hilfe. Dies alles ist gewiß. Und doch – verschonen, was man verwünscht, wenn man es einmal in seiner Gewalt hat, unterstützen, was man haßt, vergeben um des Ehrenpunktes willen sind keine leichten Dinge, und wenn man sich ihnen unterwerfen soll, zaudert man. Das Schweigen herrschte einige Zeit im Saale von Abdullah-Khans Harem. Er fühlte tausend Schlangen an seinem Herzen nagen, und wiewohl er endlich die Notwendigkeit erkannte, sie herauszureißen, so vermochte er's doch nicht. Akbar hätte Mohsen gern erdolcht, aber es fiel ihm nicht schwer, die Befriedigung dieses Bedürfnisses zu unterdrücken; das Wohlwollen und die Achtung, welche er in dem verlassenen Viertel für ihn gefaßt hatte, da er ihn so vielen auf das Verderben des Jünglings wütend erpichten Leuten so herzhaft standhalten sah, waren ihm vor Augen geblieben, und gern hatte er der Stimme seiner Mutter Gehör gegeben, die Blicke seiner Schwester und seines Weibes verstanden und willkommen geheißen, so daß er sich mit seiner Ehre dahin geeinigt hatte, daß die beiden Ahmedzyys mit der Fingerspitze zu berühren, in der Absicht, ihnen Schaden zuzufügen, eine Schmach bedeuten würde, von der sein Haus sich nimmermehr loskaufen könnte. Aber es wollte wenig sagen, daß er davon überzeugt war; solange sein Vater es nicht war, hatte er gar nicht auch nur eine Meinung zu äußern. Abdullah blickte Mohsen und Dschemyleh unbeweglich an, und die beiden blickten ihn ebenso an. Sie flehten nicht, sie baten nichts. Sie hatten ein Recht auf ihn und übten es aus. Dieses Recht freilich war eines von denen, welches nur edle Seelen über sich gewinnen lassen; gemeine Seelen wissen nichts davon. Eben das sagten Abdullah die Augen der beiden Gefangenen. Wenigstens verstand er es so. Er erhob sich, ging gerade auf sie zu und sagte zu ihnen: ihr seid meine Kinder! Und er küßte sie auf die Stirn. Sie küßten ihm ehrerbietig die Hand und erfüllten dann die nämliche Obliegenheit bei der Frau des Häuptlings, indem sie sich vor ihr auf die Kniee warfen; aber die jungen Frauen nahmen Dschemyleh leidenschaftlich in den Arm, und Akbar war freudig bei der Hand, Mohsen in der leichten, vornehmen Weise zu begrüßen, welche das Vorrecht der auserlesenen Männer seines Volkes ist. Der junge Ahmedzyy erwiderte ihm seinen Gruß mit Achtung, wie einem älteren Bruder, und ging mit ihm hinaus, nachdem er sich vor den Bewohnerinnen des Harems verneigt hatte, bei denen ihm von dem Augenblicke an, wo er erlangt hatte, was er wünschte, die strengsten Anstandsregeln nicht mehr länger zu verweilen gestatteten. Akbar geleitete alsbald seinen neuen Freund in eines der Zimmer des Palastes, wohin er Kalians und Tee bringen ließ, und versicherte Mohsen wiederholt, daß er sich wie im eigenen Heim betrachten und frei über seine Umgebung verfügen dürfe. Aber gerade die Förmlichkeit, welcher der junge Muradzyy sich mit einer Art Bündigkeit und Feierlichkeit unterwarf, zeigte zur Genüge, daß er vielmehr eine Pflicht erfüllte und sich etwas darauf zugute tat, sie in ihrem ganzen Umfange zu erfüllen, als daß er einem natürlichen Antriebe gehorcht hätte. Mohsen verstand dies nicht nur so, sondern, da er die Gefühle seines Gastfreundes in dieser Hinsicht teilte, so fiel es ihm nicht schwer, auf ein derartiges Entgegenkommen durch stolz zum Ausdruck gebrachte Beweise der Dankbarkeit zu antworten und seinerseits deutlich zu verstehen zu geben, daß einzig die dringendste Notwendigkeit ihn hätte zwingen können, einen Beistand zu erbitten, welchen er für sich allein nimmermehr nachgesucht haben würde. So hielten der Beschützer und der Verpflichtete inmitten ziemlich gravitätischer Beweise gegenseitiger Ergebenheit die unverjährbaren Rechte der alten Feindseligkeit unversehrt aufrecht und erkannten sie einer dem andern gegenüber an. Inzwischen begannen sie mit edler Ungezwungenheit zu plaudern, und Mohsen erstattete den vollständigen Bericht über das, was ihm seit dem letzten Abend begegnet war. Er überging mit Stillschweigen, was unmittelbar auf seine Liebe Bezug hatte; sprach von Dschemyleh nur unter der Bezeichnung »meine Familie«, und Akbar seinerseits vermied in seinen Fragen und Bemerkungen mit der größten Sorge jede Anspielung auf das junge Mädchen, wiewohl im Grunde einzig von ihr in diesem langen Gespräche die Rede war. Unterdessen hatte sich ein Priester im Palaste eingefunden und Abdullah-Khan zu sprechen verlangt. Er war zu dem Häuptling hineingeführt worden, welcher, nachdem er ihn ehrerbietig begrüßt, ihn bat sich zu setzen und ihm den vornehmsten Platz anwies. Nachdem die Höflichkeitsbezeigungen ausgetauscht, der Tee aufgetragen und hernach wieder weggetragen war, schien der Priester sich einen Augenblick zu sammeln und anzuschicken, den Zweck seines Besuches auseinanderzusetzen. Er war ein Mann von etwa fünfzig Jahren, schöner Gestalt und wohlwollendem Aussehen; sein weißer Turban brachte seine etwas olivenbraune Gesichtsfarbe gut zur Geltung. – Exzellenz, sagte dies« Mann, ich heiße Mulla-Nur-Eddin und bin gebürtig von Ferrah. Mein Stand erklärt Euch zur Genüge, daß ich allerwärts Frieden und Eintracht suche, und darum eben habe ich seitens Osman-Begs des Ahmedzyys einen Auftrag an Euch übernommen. Wenn er glückt, so können die mutmaßlichen Folgen eines leidigen Mißverständnisses ferngehalten werden. – Mulla, antwortete Abdullah-Khan, ich bin selbst ein friedfertiger Mann und ganz damit einverstanden, mit dem Herrn, dessen Namen Ihr da ausgesprochen habt, auf freundschaftlichem Fuße zu leben. Unglücklicherweise besteht zwischen seiner Familie und der unsrigen mehr als eine Mißhelligkeit, und ich möchte wissen, welches die ist, die Ihr Euch in diesem Augenblicke angelegen sein laßt. – Die letzter Hand, antwortete Mulla-Nur-Edbin. Einem sittenlosen Menschen ist es gelungen, in die geheiligten Gemächer von Osman-Begs Hause einzudringen und eine ihrer höchsten Zierden daraus zu entführen. In Eurem wohlbekannten Edelsinne gewährt Ihr diesem Übeltäter Zuflucht, und indem Osman-Beg Euch von der Niederträchtigkeit seines Gegners, welche Euch sicherlich nicht bekannt ist, unterrichtet, zweifelt er keinen Augenblick, daß Ihr ihm den Schuldigen ausliefern werdet, damit er eine gerechte Züchtigung empfange. – In der Tat, erwiderte Abdullah-Khan kalt, die Einzelheiten, welche Eure Heiligkeit mir zu geben belieben, sind mir gänzlich neu, und Ihr öffnet mir wirklich die Augen. Ich war unverschämt belogen worden. Ich glaubte, daß Mohsen-Beg der eigene Neffe Seiner Exzellenz Osman-Begs wäre und sah nicht ein, warum nicht ein Ehebündnis zwischen zwei so nahen Zweigen einer und derselben Familie zustande kommen sollte. Ich bitte Euch um Vergebung meines Versehens, Mulla. – So weiß Eure Exzellenz nicht, daß die beiden Brüder, Osman und Mohammed, nicht in vollkommenem Einvernehmen leben? – Ich erinnere mich nicht recht, ob ich es nicht wußte, erwiderte Abdullah mit verächtlichem Ausdruck; die Ahmedzyys sind im allgemeinen unruhige Leute, und man würde nie damit zu Rande kommen, wollte man ihre Händel zählen. Nach dem, was Ihr die Güte habt, mir zu sagen, verabscheut für den Augenblick Osman seinen Bruder Mohammed und dessen Sohn; er will keine Verbindung zwischen den beiden Familien, verfolgt seinen Neffen, um ihn zu erwürgen, und seine Tochter, um sie umzubringen, und Mohsen flüchtet zu mir und bittet um Zuflucht bei den Muradzyys. Ihr werdet zugeben, Mulla, daß das Leute sind, die wohl Interesse verdienen. Hier schüttelte Abdullah den Kopf, entzückt über seine Darlegung und die Verachtung, womit er seine Erbfeinde überschüttet hatte. Aber der Mulla ließ sich durch diesen beißenden Ton nicht einschüchtern und hub kaltblütig folgendermaßen wieder an: ohne allen Zweifel wird das junge Mädchen sterben, und ihr Mitschuldiger mit ihr. Das kommt überhaupt gar nicht in Frage. Osman-Beg wünscht nur zu erfahren, ob Ihr einwilligt, ihm seine flüchtigen Sklaven auszuliefern, oder sie zu schützen gedenkt; einzig und allein dies komme ich Euch zu fragen. – Gesetzt den Fall, sagte Abdullah, indem er sich mit vertraulicher Miene zu dem Priester hinbeugte, daß ich nicht abgeneigt wäre. Euch zu willfahren, was würde dabei Vorteilhaftes für mich herauskommen? Darf ich Euch über diesen Punkt befragen, Mulla? – Gewiß. Wenn Eure Exzellenz einwilligt, mir die Schuldigen auszuliefern, so kann ich Ihr versprechen, daß Osman- Begs ganze Familie ihren alten Gesinnungen gegen die Muradzyys entsagen wird. Die Söhne werden in Euer Haus' eintreten, und Ihr sollt ihnen keinen Sold geben; der Vater aber weiß, daß Ihr einen Exerziermeister sucht, um Euren Kriegssklaven die europäische Mannszucht beizubringen: er will dieser Exerziermeister sein, und Tag und Nacht könnt Ihr auf ihn zählen. Ich brauche Euch nicht die Versicherung zu geben, daß Osman-Beg bereit ist, alle möglichen Eide auf die Heilige Schrift zu leisten, wenn Ihr diese Bürgschaft seiner Aufrichtigkeit verlangt. – Ich schätze solche Vorschläge sehr, und sie sind mir höchst vorteilhaft, rief Abdullah-Khan. Aber doch, nehmen wir einmal an, ich wiese sie zurück. Was wird mir dann begegnen? – Ich könnte Euch das auf eine zuverlässige Weise erklären, antwortete der Mulla; aber Ihr bekommt da Besuch, und Ihr werdet, ehe eine Minute um ist, erfahren, woran Ihr seid; Ihr werdet es erfahren, sage ich, auf eine weit vollkommenere und überzeugendere Weise, als wenn ein armer Mann wie ich länger das Wort führte. In diesem nämlichen Augenblick betrat den Hof, inmitten einer Flut von Dienern und mit dem ganzen Gepränge eines kostbaren Aufzuges, der Generalarzt des Fürsten von Kandahar, ein Mann von Ansehen vermöge der Gunst, die er bei seinem Herrn genoß. Er war kein echtbürtiger Afghane, sondern nur, was man einen Kizzilbasch nennt, ein Abkömmling persischer Kolonisten, eine Art Bürgerlicher. Man schätzt die Geburt dieser Leute nicht, hält aber große Stücke auf ihre Reichtümer und gelegentlich auf ihre Fähigkeiten. Dieser hier hieß Gulam-Ali und wurde mit der Auszeichnung empfangen, welche sein Amt am Hofe ihm eintrug. Übrigens war er ein Freund Abdullah-Khans. – Nun! sagte dieser zu ihm, nachdem den Anforderungen der Etikette Genüge geschehen, und man aus den Begrüßungen herausgekommen war, wenn ich dem Mulla glauben darf, so kommt Ihr hierher, um mir Euren Rat zu erteilen? – Gott bewahre mich davor! rief der Arzt aus. Wie wäre eine derartige Anmaßung möglich gegenüber einem, der weiser ist als ich? Ist es wahr, daß Ihr einen gewissen Missetäter namens Mohsen bei Euch aufgenommen habt? – Mohsen-Beg, der Ahmedzyy, ist in meinem Hause. Will Eure Exzellenz von ihm sprechen? – Getroffen. Ihr wißt, daß Seine Hoheit der Fürst (möge Gott seine Tage zur Ewigkeit machen!) ein Spiegel der Gerechtigkeit ist? – Der Gerechtigkeit und des Edelsinns! wer zweifelt daran? – Niemand. Aber der Fürst hat soeben einen Schwur getan, daß derjenige, welcher Osman-Beg hindern würde, seine Tochter und seinen Neffen zu bestrafen, selbst getötet, sein Haus geplündert und sein Vermögen eingezogen werden solle. – Der Fürst hat einen solchen Eid geschworen? – Ich versichere es Euch bei meinem Haupte. – Warum einen so hitzigen Entschluß fassen? – Ihr werdet das gleich begreifen. Der Fürst hat ein krankes Kind im Harem. Er hat gestern abend, um die Genesung des geliebten Wesens zu erwirken und die Mutter zu beruhigen, ein Gelübde getan, heute morgen dem ersten besten ihm Begegnenden die erste beste Bitte zu gewähren. Das Schicksal hat gewollt, daß Osman-Beg dieser erste war. Ihr wißt wohl, daß der Fürst seine Versprechungen hält? – Zumal diese da, murmelte Abdullah-Khan bestürzt. Er sah den Mulla an, sah den Arzt an und befand sich in größter Verlegenheit. Der Fürst von Kandahar war weder boshaft, noch tyrannisch; aber er liebte seine Frauen und Kinder zärtlich, und da er einmal ein Gelübde getan hatte, um die Krankheit aus seinem Harem zu verjagen, so hätte er dem sicherlich um nichts in der Welt untreu werden mögen, überdies verfehlte Abdullah-Khan nicht, sich die Pracht seines eigenen Palastes, die Schönheit seiner Tapeten und Teppiche, die bekannte Fülle seiner Goldkisten vorzuführen, und er fand nicht, daß diese Herrlichkeit einen mildernden Umstand zu seinen Gunsten ausmachte, wenn er durch eine unzeitige Auflehnung sich der Gütereinziehung aussetzte. Je mehr er nachdachte, desto verwirrter wurde er, und seine beiden Mitunterredner ließen ihm durch ihr Schweigen vollkommene Freiheit, in einer Betrachtung fortzufahren, die sie für heilsam hielten und von der sie die besten Ergebnisse erwarteten. Endlich erhob Abdullah-Khan das Haupt und rief in entschiedenem Tone: laßt meinen Sohn Akbar kommen! Nach Verlauf eines Augenblickes trat Akbar ein, grüßte und blieb an der Türe stehen. – Mein Sohn, sagte Abdullah mit gedehntem, ziemlich demütigen Tone, der von seinem gewöhnlichen stark abstach, es gefällt dem Fürsten (möchten die Tugenden Seiner Hoheit belohnt werden im Himmel und auf Erden!), es gefällt dem erlauchten Fürsten, mir die Austreibung Mohsens zu gebieten. Dieser Landstreicher soll seinem Oheim ausgeliefert werden, welcher ihn behandeln wird, wie er es zu verdienen scheint, ebenso wie auch die andere Schuldige! Alles, was der Fürst gebietet, ist gut. Ich will mich sogleich zu Seiner Hoheit begeben, um seine Befehle einzuholen und von des Oberherrn Güte ein Mittel zu erwirken, um mich so aus der Sache zu ziehen, daß mein Antlitz keine schwarzen Flecken davonträgt. Du nun, hüte dies Haus wohl während meiner kurzen Abwesenheit. Wache darüber, baß die beiden Verworfenen, welche es betreten haben, nicht daraus entweichen! ... Wache sorgsam darüber, mein Sohn! Du kannst wohl begreifen, welches entsetzliche Unglück ihre Flucht sein würde! Wenn sie das freie Feld gewännen, so würde es vielleicht niemals gelingen, sie wieder einzuholen! Du hast mich wohl verstanden, mein Sohn? Akbar verneigte sich und kreuzte seine beiden Arme über der Brust. Abdullah fuhr in seiner Rede fort, indem er sich an den Mulla und an den Arzt wandte. – Wundert euch nicht, daß ich ihm dies so ausdrücklich einschärfe. Die Jugend ist wenig einsichtig, sie ist leichtsinnig, und ich wollte um nichts in der Welt, daß ein Mann, dem Seine Hoheit das Urteil gesprochen hat, der verdienten Strafe entranne, und zumal durch irgendein Versäumnis von meiner Seite. Die beiden Anwesenden, einer wie der andere, angetan und erbaut von dem, was sie sahen und hörten, wollten sich von Abdullah-Khan verabschieden; aber dieser hielt sie zurück. – Nein! sprach er zu ihnen, es ziemt sich nicht, daß ihr mich verlasset. Man könnte später sagen, daß ich heimlich mit Mohsen gesprochen hätte, man konnte gar vieles sagen... Auch die Unschuld und die Treue dürfen sich dem Verdachte nicht aussetzen. Seid so gütig, mich alle beide zum Fürsten zu begleiten. Diese Bitte wurde gern gewährt, und die drei Männer verließen zusammen den Hof, bestiegen ihre Staatsrosse und langten, ein jeder von seinem Gefolge umgeben, bald im Palaste an, wo sie vor das Antlitz des Fürsten geführt wurden. Dieser empfing seinen Leutnant mit seiner gewohnten Güte. Während aber die Zusammenkunft dauerte, und sie war lang, weil Abdullah alle seine Kräfte, all seinen Geist, alle Hilfsmittel seines Verstandes in Betrieb setzte, um sie endlos zu gestalten, trug sich bei ihm zu Hause Folgendes zu: Akbar kehrte in die Gemächer, in denen sich Mohsen aufhielt, zurück und sprach zu ihm: der Fürst gebietet, daß wir Euch Euren Feinden ausliefern sollen. Mein Vater kann ihm nicht offen Trotz bieten; Seine Hoheit hat zu große Macht, aber er wird Euch durch List schützen. Wir wollen aufsitzen, ohne Zeit zu verlieren, die Stadt verlassen und das freie Feld gewinnen. Morgen ist morgen, und dann werden wir sehen, was zu tun ist. – Wohlan! antwortete Mohsen und erhob sich. Aber ein schwerer Kummer lastete auf ihm. Seit einer Stunde und länger hatte er sich gewöhnt, Dschemyleh allen Prüfungen entronnen zu wähnen. Er plauderte mit seinem Gastwirt und bewahrte äußerlich das kühle Ansehen, dessen ein Krieger sich nicht begeben darf; aber hinter dieser trügerischen Maske seines Gesichtes und seiner Haltung träumte er. Alle Flammen der Lust, alle Flammen der Liebe hatten Gewalt über sein Dasein. Wenn wir lieben, lieben wir einzig. Durch alles hindurch, über alles hinweg lieben wir, und dies goldene Gewebe bildet den unwandelbaren Grund, auf welchem alle wahren Gedanken aufgetragen werden. Was wir nach außen sprechen, ist nur Wortschwall. Wir hangen nicht daran, es gehört uns nicht an, und wenn wir Teil daran nehmen, so ist's nur, weil es im Geheimen in der Liebe seinen Grund hat oder auf sie hinausläuft. Was ist außer der Liebe? Was kann da sein? Welche Lust, welches Entzücken, sich ihr ganz hinzugeben, ohne für irgend etwas, das ihr fern, das Geringste zurückzubehalten! Pläne, Hoffnungen, Wünsche, Besorgnisse, höchste Schrecken, schnelle Heldentaten, grenzenlose Gewißheiten, Durchblicke zur Hölle, Fernsichten ohne Ende, blumige, von Sonnenglanz funkelnde, die bis ans Paradies reichen, alles ist die Liebe, und in der Geliebten liegen die Welten beschlossen. Außer ihr ist nur das Nichts, weniger als das Nichts, und als Schleier darüber die tiefste Verachtung. Solches empfand Mohsen. Aber in diesem Augenblicke mußte er aus dem Licht in die Dunkelheit übertreten, in die Dunkelheit, in der er seit dem Abend gewandelt, und der er seit einigen Augenblicken, wo das schmerzlichste Glück sein Wesen eingenommen und bemeistert hatte, entronnen war. Diese Zeit der Glückseligkeit war schon dahin. Er mußte wieder anfangen, in der Finsternis den steinigen, grundlosen Weg der Gefahren zu erklettern. Was er fühlte, war trotzdem immer die Liebe, die Liebe, vom Schmerze selbst gespornt, erhabener vielleicht noch, gewaltiger, stolzer und aus ihrer Kraft die Gewißheit schöpfend, daß sie nie sterben könne, von Bitternis sich nährend und doch dieses Weh jedem Glücke vorziehend. Und außerdem, es muß auch das gesagt werden, es gab wenigstens nicht den Kummer, den herbsten, schwersten, dem Geschick, das ihn auferlegt, am wenigsten von allen zu verzeihenden: es war wenigstens weder von Trennung noch von Abwesenheit die Rede. Es war nicht leicht, die Frauen des Harems zur Anerkennung der vorliegenden Notwendigkeit zu bringen. Khadidscheh, Akbars Mutter, Amyneh, seine Schwester, und Alyeh, seine Frau, stießen Wehrufe aus und fingen an zu weinen, aber die Zeit ging hin; gerade die Zuneigung, welche dle Herrinnen des Hauses für Dschemyleh gefaßt hatten, trug mit dazu bei, ihnen begreiflich zu machen, wie kostbar die Minuten waren, und trotz ihres Schluchzens und Wehrufens ließen sie die junge Geächtete sich aus ihren Armen reißen und Akbar folgen, welcher sie ihrem Geliebten zuführte. Man hatte in aller Eile die Pferde ausgerüstet und herbeigebracht. Akbar, Mohsen und Dschemyleh saßen auf, ein Dutzend Krieger desgleichen. Der Reiterzug schlug eine abgelegene Straße ein und gelangte im Schritt an eines der Tore der Zitadelle, das ins freie Feld führte, fest entschlossen, die Wachen niederzureiten, wenn diese versuchen sollten, ihn aufzuhalten; aber sie dachten nicht daran, und, einmal draußen, setzte Akbar sein Roß in Galopp, und seine Gefährten taten ihm dies nach. Zwei Stunden lang wurde die Gangart nicht einen Augenblick langsamer genommen, um die Pferde sich verschnaufen zu lassen. Aber diese waren von guter Rasse des Nordens, und ihr großer Schritt, die Standhaftigkeit, mit der sie ihn aushielten, bewirkte, daß ein tüchtiger Weg zurückgelegt wurde. Natürlich wurde nicht gesprochen; indessen setzte sich Akbar, der meinte, daß man weit genug und eine Verfolgung nicht mehr möglich sei, zumal niemand in der Stadt die Richtung kennen könne, die er eingeschlagen, Akbar setzte sich in Schritt und hielt sich rücksichtsvoll in ziemlich großer Entfernung von den beiden Liebenben, um ihnen volle Freiheit zur Unterhaltung zu lassen. Die Reiter waren teils ihm zur Seite, teils als Nachhut, teils auf den Flanken verteilt, alle schauten rings nach dem Horizont, wie ihn der Verlauf des Weges jedesmal gestaltete; und so sahen sich Mohsen und Dschemyleh so gut wie allein. – Bereuest du nicht? sagte der Jüngling. – Was? – Daß du mich geliebt, aufgesucht hast, daß du mir gefolgt bist? – Du wärest tot, wenn ich nicht gekommen wäre. Du warst am Tode. – Vielleicht wär' es aus zu dieser Stunde; du säßest friedlich daheim bei beiner Mutter, im Kreise der Deinen. – Und du wärest tot! fuhr Dschemyleh fort. Ich hätte dich alle Tage, die ich selbst lebte, gesehen; hätte dich gesehen, vor Augen und im Herzen, ohne dich auch nur eine einzige Sekunde durch Gram und Gewissensbisse wieder beleben zu können, und ich, ich wäre mit Schmach bedeckt in meinen eigenen Augen, feig, falsch, allem verhaßt, was meine Sünde hätte erraten können, meiner Liebe Mörderin, Verräterin an dem Gebieter meines Lebens! Von was sprichst du mir? Und was kannst du denn Besseres für mich ausdenken, als was ich habe? Mohsen! mein Leben, mein Licht, mein einziger Gedanke! So glaubst du, ich sei nicht glücklich seit gestern Abend? Aber bedenke doch! Ich habe dich nicht verlassen! Ich habe nimmaufgehört, bei dir zu sein! dein zu sein! Jedermann weiß, daß ich dein bin! Ich kann einzig dir angehören! Da reden sie von Gefahr! Aber gleich bin ich da, bei dir, dir zur Seite, dir gegenüber! Und je größer die Gefahr ist, um so weniger bleibe ich fern, um so näher komme ich dir, um so mehr gehe ich in dir auf! So zittre denn nicht; wäre ich nicht da, so fürchtetest du dich vor nichts! Warum willst du das Teil aus deinem Dasein verbannen, das ihm angehört, das ich bin, das nicht leben noch sterben kann, ohne dich? Schön ist die Schönheit; schöner und köstlicher ist die heilige Glut, die Allherrin Liebe. Nie kommt ein Götterbild, so vollkommen der Meister es ersonnen oder geschaffen haben mag, an Vollkommenheit einem Antlitz gleich, über das die hingebende Liebe diese wahrhaft himmlische Begeisterung ausgegossen hat. Mohsen ward trunken, da er Dschemyleh solches sagen hörte und sie anblickte, wie sie es sagte. Sie riß ihn mit sich fort in die Sphäre, wo vor der gegenwärtigen Empfindung Vergangenheit und Zukunft gleichermaßen zunichte werden. Und so schwebten diese Kinder, die ein seltsamer Schutz umgab, die ungebrochener, tätiger, wütender Haß verfolgte, die der Zufall verraten hatte, und die nur durch ein Wunder dem engen Bereich entrinnen konnten, dahinein ihr Verderben sie einschloß, darinnen sie kreisten, ja, diese Liebenden schwebten gemeinsam im Äther des vollkommensten Glückes, das der beglückteste Mensch je genießen kann! Sie waren in einem jener Augenblicke, wo der Geist, eben durch die Wirkung triumphierender Glückseligkeit, eine Lebendigkeit, ein Wahrnehmungsvermögen erwirbt, das dem gewöhnlichen überlegen ist. Alsdann mag man noch so versunken in das geliebte Wesen sein, nichts geht unbemerkt vorüber, nichts zeigt sich, das nicht im Herzen und mittels seiner im Gedächtnisse Spuren hinterläßt. Der Blick fällt auf keinen Kiesel, dessen Gestalt und Farbe nicht für immer fest in der Erinnerung bliebe; und die Schwalbe, welche in dem Augenblick den Himmelsraum durchfliegt, wo ein geliebtes Wort in deinem Ohre widertönt, du wirst sie immer, immer, bis zu den letzten Augenblicken deines Lebens, eilenden Fluges am Firmamente dahinziehen sehen, das du damals betrachtet und nimmer vergessen hast. Nein! Mohsen sollte den Eindruck dieser Sonne, die da zu seiner Rechten hinter einer Baumgruppe unterging, nicht mehr verlieren; und als Dschemyleh im zärtlichsten Tone zu ihm sagte: warum siehst du mich so an? und er ihr erwiderte: well ich dich liebe! und sie mit einer Haltung des Kopfes, die ihn trunken machte, hinzufügte: du meinst?..., in diesem Augenblicke gewahrte Mohsen, daß Dschemylehs Ärmel einen blauen Widerschein gab, und dieser Eindruck blieb ihm inmitten seines Liebeswahnsinns wie mit Feuer ins Gedächtnis geschrieben. Inzwischen war im Palaste zu Kandahar, im Hause Abdullah -Khans, in der Wohnung Mohammed-Begs und bei Osman alles in Verwirrung wegen der beiden Liebenden. Die beiden Brüder, jeder von seinen Leuten gefolgt, waren sich auf dem Bazar begegnet, und Mohammed, durch die Unkenntnis, in der er sich über das Los seines Sohnes befand, erbittert, hatte den ersteren angegriffen. Einige Vorübergehende hatten Partei genommen, Musketenschüsse und Säbelhiebe waren von beiden Seiten gewechselt worden; die Kaufleute, zumal die Hindu, hatten sich, wie das so ihre Weise, in Angstgeschrei Luft gemacht, und nach dem Lärm des Musketenfeuers, dem Geklirr der Klingen und zumal dem durchdringenden Geschrei, das ausgestoßen wurde, hätte man glauben können, daß die Stadt der Plünderung preisgegeben wäre. Und doch war niemand getötet worden, und als die Leute des Sicherheitsrichters die Kämpfenden glücklich getrennt und jeden nach seiner Seite heimgeschickt hatten, fand sich, daß die beiden Parteien sich kaum einige Schrammen beigebracht hatten. Indessen blieb doch dieses Zusammentreffen nicht ohne Folgen. Es brachte das Wesentliche der Sache unter die Leute. Man erfuhr in der ganzen Stadt, daß Mohsen, der Ahmedzyy, Dschemyleh, seine Muhme, entführt, und daß die Muradzyys ihnen Zuflucht gewährt hatten, aber daß der Fürst gebot, dem beleidigten Vater die Schuldigen auszuliefern. Darüber gab es denn große Spaltungen in den Meinungen. Die einen kamen, Mohammed ihre Dienste anzubieten, gemäß der Meinung, daß ein Ehrenmann die Liebenden immer unterstützen und beschirmen müsse; die andern waren der Ansicht, daß im Grunde hier nur eine Fortsetzung des Streites der Ahmedzyys und der Muradzyys vorläge, und daß, wenn Mohammed und sein Sohn sich mit den letzteren verbündeten, sie damit ihre Familie verrieten. Auf Grund einer solchen Schlußfolgerung ergriffen dann diese Logiker die Partei des echten und getreuen Ahmedzyys, Osman-Begs. Einige, denen die Frage an sich gleichgültig war, waren im höchsten Grade entrüstet über das Einschreiten des Fürsten. Sie fanden, daß dieser keineswegs das Recht habe, sich in einen Streit einzumischen, der ihn nichts anginge, und noch weniger, einem afghanischen Edelmanne die Auslieferung seiner Gastfreunde zu befehlen. Damit ergriffen sie Partei für Mohammed. Aber eine beträchtliche Anzahl stellte sich auf Osmans Seite, einzig um das Vergnügen zu haben, sich zu zanken. Kurzum, es stellte sich heraus, daß diese letztere Partei die Mehrheit hatte. So fiel denn die Stadt plötzlich einer großen Aufregung zur Beute; die Hindu, die Perser, die Juden, die friedlichen Geschäftsleute fingen an, ihre Läden zu schließen und sich in den Höfen der Moscheen anzusammeln, wobei sie jämmerliche Seufzer ausstießen und versicherten, daß der Handel für immer zugrunde gerichtet wäre; die Frauen aus dem Volke stiegen auf die Terrassen, von wo man sie wehklagen und im voraus das gewisse Elend ihrer Kleinen bejammern hörte; die Priester begaben sich gravitätisch in die angesehenen Häuser, um Frieden zu predigen und Mäßigung anzuempfehlen, wobei sie die Vorzüge der Sanftmut priesen, eines Seelenzustandes, von dem niemand im Lande jemals das Geringste gehört hatte. So gingen die Dinge bei den Leuten des Friedens. Zur selben Zelt kreuzten sich mehr oder minder dichte Gruppen, mehr oder minder starke Trupps, Leute zu Fuß und Leute zu Pferde, den blauen, rotgestreiften Turban fest an die Schläfe gedrückt, den Gürtel eng anschließend, den Schild am Arme, das Gewehr über der Schulter, mit geschäftigen Blicken und grimmigen Bärten, auf den Bazaren, die Vorübergehenden herumstoßend und bereit, sich an die Kehle zu springen. Doch tat man nichts dergleichen. Man wartete darauf, daß man organisiert würde, eine Direktion bekäme; die Ungewißheit schwebte in der Luft; entschlossen, sich zu schlagen, versprach man sich Vergnügen und Ehre davon; aber man brauchte anerkannte Führer und einen Plan. Dieser Stand der Dinge dauerte jedenfalls etwa zwei oder drei Tage; dann mußte alles zum Ausbruch kommen. Das ist so der Brauch. Der Fürst war in freundschaftlicher Besprechung mit Abdullah -Khan, dem Priester Mulla-Nur-Eddin und dem Arzte Gulam-Ali, als der Sicherheitsrichter der Stadt mit verstörter Miene ankam, um Seine Hoheit von dem, was vorging, in Kenntnis zu setzen. Der Priester und der Arzt waren innerlich befriedigt, da sie die Dinge diese Wendung nehmen sahen, indem der rasche Abschluß der Angelegenheit dadurch noch beschleunigt wurde; Abdullah-Khan aber war ganz bestürzt; das war mehr, als er vorhergesehen hatte; eine Art Aufstand paßte ihm für den Augenblick nicht, und da er überdies bemerkte, daß der Bericht des Sicherheitsvorstandes auf den Fürsten Eindruck machte, so sah er voraus, daß, wenn man die beiden Liebenden bei ihm nicht vorfände, der Zorn des hohen Herrn dadurch in ganz anderem Grade erweckt werden würde, als es ohne den Aufruhr der Fall gewesen wäre. Er hatte eine etwas verwickelte, aber doch ziemlich vernünftige Berechnung angestellt: indem er Mohsen und seiner Gefährtin Zuflucht gewährte, erwarb er sich einen großen Ruf durch seinen Edelmut, sodann hatte er die Freude, einem Teile, wenn nicht der Gesamtheit der Ahmedzyys einen schweren Schlag zu versetzen, indem er die Flucht seiner Schützlinge erleichterte; er gedachte den Anteil, den er daran gehabt, niemals einzugestehen, und sein Sohn Akbar sollte allein bloßgestellt werden. Einige Tage lang würde der Fürst verstimmt sein, dann ein Geschenk ihn beruhigen und Akbar in Gunst bleiben. Aber diese Berechnungen schlugen fehl; Abdullah-Khan sah sich vor einem Staatshandel; wenn der Fürst die Wahrheit erfuhr, dann war er zu fürchten. Es mußte ein Entschluß gefaßt werden. Abdullah-Khan faßte ihn auf der Stelle. Bis dahin war die Auslieferung der beiden Kinder in keiner Weise für ihn in Frage gekommen; er hatte nur ein Langes und Breites mit Worten gestritten und Lappalien betreffs der Art, wie die Auslieferung stattfinden sollte, sorgfältig untersucht, wobei er die Interessen seines Ansehens unaufhörlich in den Vordergrund stellte und sich dermaßen ängstlich zeigte, daß über diesen Gesprächen zwei tüchtige Stunden dahingegangen waren. Da der Fürst keinem Widerstände seitens seines Günstlings begegnete und außerdem die Unterhaltung, welche zeitweilig auf das Gebiet des Scherzes hinübergespielt wurde, ihm eine angenehme Zerstreuung verschaffte, so verlor er die Geduld nicht; es war ihm sehr gleichgültig, ob Mohsen und Dschemyleh eine halbe Stunde früher oder später ihrem Richter in die Hände fielen. Zuguterletzt indessen war man übereingekommen, daß Abdullah-Khan die Schuldigen schlecht und recht dem Fürsten überantworten solle, ohne sich weiter danach zu erkundigen, was Seine Hoheit mit ihnen zu machen gedächte, und daß es ihm sogar erlaubt sein sollte, sie unter den höchsten Schutz zu stellen, indem er noch ganz besonders seiner innersten Überzeugung Ausdruck gäbe, baß sie dort wohl aufgehoben und in Sicherheit wären. Ein Bote war alsdann in die Wohnung des Günstlings gesandt worden. Er kam in dem Äugenblicke, wo das Oberhaupt der öffentlichen Sicherheit den Bericht über die Vorgänge in der Stadt beendigte, zurück, um zu erklären, daß alles auf und davon wäre, Akbar, Mohsen und Dschemyleh, und daß man nicht wüßte, wo sie hin wären. Abdullah-Khan ließ seinem Herrn keine Zeit, sich zu ereifern. Er nahm in ernstem Tone das Wort: gewiß hat mein Sohn, der Freche (Gottes Fluch über ihn!), albernerweise die Schande seines Hauses gefürchtet und, ohne die Wirkung von Eurer Hoheit Güte abzuwarten, die beiden Verworfenen mit sich fortgenommen. Zum Glück weiß ich, wo sie wieder einzufangen sind. Sie sind in meinem Turme von Rudbar, vier Meilen von hier, im Gebirge. Dann zog er seinen Ring vom Finger und händigte ihn dem Sicherheitsvorstand ein: sendet, sagte er, sogleich einige Boten mit meinem Stallmeister, den Ihr unten finden werdet. Man soll diesen Ring meinem Sohne Akbar einhändigen, und ich will den Befehl niederschreiben, die Gefangenen Euren Leuten auszuliefern. Auf diese Weise wird das Übel wieder gut gemacht werden und die Stadt ihre Ruhe wiederfinden. Abdullah-Khan sprach in einem so klaren, bündigen Tone, daß der Unwille keinen Anlaß fand auszubrechen. Niemand wagte die vollkommene Ehrlichkeit des Mannes in Zweifel zu ziehen, welcher in der Tat in diesem Augenblicke nur zu aufrichtig war. Er war fest entschlossen, die jungen Leute zu verraten, auszuliefern; er hätte es vorgezogen, in diesem Punkte nicht nachzugeben; aber die Staatsräson, die Schicklichkeit wollten, daß er den Bedenken seines Stolzes Schweigen geböte, und er tat es. Ein Mann, der, in welchem Grade es auch sei, das Wohl der anderen unter seiner Leitung hat, verliert notwendig ein gutes Teil seiner zarteren Gemütsregungen, wenn er sie nicht alle verliert. Ein Hofmann lebt von Zugeständnissen, Stundungen, Mittelwegen jeder Art. Er hat nie den Erfolg, den er wünschte, wenn er ihn wünscht; ja, wenn er zur vollkommenen Entwickelung seiner Art Existenz gelangt, so wünscht er ihn überhaupt nicht mehr. Abdullah-Khan machte sich nicht sonderlich Sorgen um zwei Opfer mehr oder weniger: aber es hätte ihm gepaßt, den Ahmedzyys zu schaden. Das war für diesmal ohne zu ernste Unannehmlichkeiten nicht möglich. So verzichtete er denn darauf. Was den Ehrenpunkt anlangte, so hoffte er die Einbuße daran durch vermehrten Stolz wieder beizubringen. Er tröstete sich zumal in dem Gedanken, daß niemand mächtig genug wäre, um zu versuchen, ihn zum Erröten zu bringen, ohne daß er sich augenblicklich an ihm rächte. Wir nähern uns dem Ziele, wo diese Geschichte endet. Die Boten des Sicherheitsvorstandes langten, nachdem sie sich sehr beeilt, um die Mitte der Nacht an dem Turme an. Sie gewahrten in den Strahlen des vollen Mondes ein viereckiges, ziemlich niedriges Gebäude, von einer engen Tür und einigen Schießscharten unheimlichen Aussehens durchbrochen, auf einem Felsvorsprunge, in der Mitte des Abhanges einer öden Böschung gelegen. Nichts düsterer und unheilvoller. Die Boten stiegen ab, und der Führer der Truppe klopfte heftig an, um sich auftun zu lassen. Alles schlief. Ein Soldat der Besatzung zeigte sich am Eingang; er nahm die Eisenstangen weg, welche denselben verschlossen hielten. Man zeigte ihm das Siegel und den Brief. Er machte keinerlei Bemerkung, fügte sich ohne Zaudern und rief seine Kameraden, die sich nicht schwieriger zeigten als er. Inzwischen hatten die Unterredungen und das Hin- und Herlaufen Akbar geweckt. Der junge Häuptling erschien auf dem Flur einer Innentreppe. Der Aufstieg zu demselben war steil. Akbar beherrschte die Häupter derjenigen, an welche er sich barsch wandte. – Was bedeutet der Lärm? Und ihr, meine Mannen, warum laßt ihr diese Fremden ein? – Es sind Leute, die Seine Hoheit gesandt hat. Sie bringen einen Brief und den Ring Eures Vaters. Wir sollen die Gefangenen ausliefern. Akbar frug: mein Vater hat diesen Befehl gegeben? – Er selbst! Hier sein Ring, sage ich Euch, hier sein Brief. – Dann ist Abdullah-Khan ein Hund, und ich habe keinen Vater! Also redend, feuerte er seine beiden Pistolen auf die vor ihm versammelten Männer ab: einer von ihnen fiel, und es ward ihm mit einer Salve geantwortet, die ihn nicht traf. Er nahm den Säbel zur Hand. Im selben Augenblicke erschienen Mohsen und Dschemyleh zu Seiten des jungen Mannes. – Ahmedzyy, sagte er mit Nachdruck, du sollst sehen, daß die Männer meines Stammes keine Feiglinge sind! Er ergriff sein Gewehr und gab Feuer. Die Angreifer stießen einen Schrei der Wut aus und nahmen einen Anlauf zum Sturme. Mohsen schoß nun auch. Dschemyleh hielt bereits Akbars Waffe und lud sie. Dann machte sie es ebenso mit der ihres Gatten, und eine Viertelstunde lang versah sie dieses Amt, ohne die Fassung zu verlieren. Plötzlich führte sie die Hand nach dem Herzen und wankte; eine Kugel hatte ihr die Brust durchbohrt. In derselben Sekunde rollte Akbar, tödlich an der Schläfe verwundet, zu ihren Füßen. Mohsen warf sich über Dschemyleh, hielt sie, schloß sie in seine Arme, ihre Lippen vereinigten sich. Sie lächelten alle beide und sanken alle beide; denn eine neue Salve kam und traf den Jüngling, und ihre verklärten Seelen entschwebten gemeinsam himmelwärts. Geschichte Gamber-Alis Zu Schiras war ein Maler namens Mirza-Hassan, und man setzte hinzu Khan, nicht als wäre er im entferntesten mit einem Adelsdiplom ausgezeichnet gewesen, nur hatte es seine Familie für gut befunden, ihm von Geburt an das Khanat zu verleihen; es ist dies eine vielfach gebräuchliche Vorsichtsmaßregel, denn es ist angenehm, für einen vornehmen Mann zu gelten; und wenn zufällig der König sein Leben lang vergäße, Euch einen allermindestens geschmackvollen Titel zu bewilligen, was schadet's dann, wenn man ihn sich aneignete? Mirza- Hassan nannte sich also Mirza-Hassan-Khan, recht als ein großer Herr, und wenn man mit ihm sprach, so redete man ihn immer so an: wie steht's Befinden, Khan? Was er geschehen ließ, ohne eine Miene zu verziehen. Unglücklicherweise war seine Vermögenslage nicht geeignet, seinen Rang zu stützen. Er bewohnte ein bescheidenes, um nicht zu sagen elendes Haus in einem der Gäßchen nahe dem Bazar des Emirs, welcher damals, wo die Erdbeben ihn nicht gerüttelt hatten, noch stand. Diese Wohnung, in die man durch eine niedrige, in eine Mauer ohne Fenster und Luken gebohrte Tür eintrat, bestand in einem Hofraum von acht Metern ins Geviert mit einem Wasserbassin in der Mitte und einem armen Schlucker von Palmbaum in einer Ecke. Der Palmbaum glich einem Federbesen in Nöten, und das Wasser des Bassins faulte. Zwei verfallene Gemächer hatten keine Bedachung mehr; ein drittes war zur Hälfte bedeckt geblieben; das vierte hielt sich brav. Der Maler hatte darin sein Enderun, das heißt die Wohnung seiner Frau, Bibi-Dschanem (Frau Herzblatt), eingerichtet, und er empfing seine Freunde in dem anderen Zimmer, wo man den Vorteil genoß, halb im Schatten und halb in der Sonne zu sein, weil nur noch ein Bruchstück von Decke übrig war. Übrigens lebte Mirza-Hassan-Khan in vollkommener Eintracht mit Bibi-Dschanem allemal dann, wenn diese keinen Verbruß gehabt hatte. Aber wenn sie zufällig über eine Nachbarin Klage zu führen, wenn man ihr im Bade, wo sie Mittwochs sechs bis acht Stunden zubrachte, eine zweideutige Rede in betreff des Lebenswandels oder der Schliche ihres Gatten gehalten hatte, dann regnete es – ich muß es gestehen – Schläge auf die Ohren des Schuldigen. Keine Frau in Schiras, ja in der ganzen Provinz Fars konnte Anspruch darauf machen, die gefährliche Waffe des Pantoffels so geschickt zu handhaben wie Bibi-Dschanem, welche diese Art von Fechtkunst aus dem Grunde verstand. Sie nahm Euch das furchtbare Werkzeug bei der Spitze und ließ mit wunderbarer Geschicklichkeit den beschlagenen Absatz ihrem unglücklichen Ehegatten links und rechts auf Kopf, Gesicht und Hände herabfallen! Nur daran zu denken, macht einen schaudern: aber noch einmal, es war eine glückliche Ehe; derartige Katastrophen wieberholten sich nicht öfter als zweimal wöchentlich, und die übrige Zeit rauchte man zusammen den Kalian, trank gehörig gezuckerten Tee aus englischem Porzellan und sang die Lieder des Bazars, indem man sich mit der Fiedel dazu begleitete. Mirza-Hassan-Khan beklagte sich nicht ohne Grund über die schweren Zelten, welche ihn meistens nötigten, den größeren Teil seiner Habseligkeiten und zuweilen die seiner Frau zu versetzen. Aber wenn man sich in diesen Verdruß nicht gefügt hätte, so hätte man auf den Gedanken verzichten müssen, sich an Eingemachtem, an Backwerk, an Schiraser Wein und an Raki zu delektieren – was doch ausgeschlossen war. So fügte man sich denn. Man machte Anleihen, bei seinen Freunden, bei den Kaufleuten, bei den Juden, und da dies eine immerhin schwierige Operation war, indem der Khan nur einen schwachen Kredit genoß, so gab man Kleider, Teppiche, Koffer, was man nur hatte, preis. Wenn das Glück gerade lächelte und der Familie irgendein Stück Geld in die Hände fallen ließ, dann wurde ein sehr weises Finanzsystem in Anwendung gebracht: mit einem Drittel des Geldes belustigte man sich; mit dem zweiten spekulierte man; mit dem dritten löste man irgendeinen vermißten Gegenstand ein, oder auch man amortisierte die Staatsschuld. Dieses letztere Auskunftsmittel war selten. Die Ursachen einer so traurigen Lage brauchen nicht weit gesucht zu werden: grämliche und ungemütliche Leute wollten sie in der chronischen Unordnung und Unvorsichtigkeit der Ehegatten finden. Die reine Verleumdung! der einzige Grund war die sträfliche Gleichgültigkeit der Zeitgenossen gegen die Leute von Geburt und Talent. Die Kunst litt, mit einem Worte, an Auszehrung, und diese Auszehrung traf Mirza-Hassan-Khan und seine Frau Bibi-Dschanem unmittelbar. Die Kalemdans oder gemalten Tintenfässer verkauften sich schlecht; nach den Arbeitskästchen war die Nachfrage gering; unredliche Konkurrenten ohne das mindeste Verdienst fabrizierten Spiegelunterteile, über die sie hätten erröten müssen, und schämten sich ebensowenig, sie zu niedrigem Preise loszuschlagen; die Büchereinbände endlich kamen aus der Mode. Wenn der Maler über dieses trübselige Thema nachdachte, floß er über von bitteren Worten. Er betrachtete sich als die letzte und reinste Zierde der Schiraser Schule, deren kühn farbenprächtiges Wesen ihm höher stand als die zierlichen Künsteleien der Ispahaner Künstler, und er wurde nicht müde, das zu verkünden. Niemand kam ihm nach seiner Meinung gleich – wie! kam ihm gleich, kam ihm nahe – in der lebendigen Darstellung der Vögel; man hätte seine Schwertlilien und seine Rosen pflücken, seine Haselnüsse essen können, und wenn er sich damit abgab, Gestalten darzustellen, so übertraf er sich selbst! Ohne allen Zweifel, wenn der berühmte Europäer, der einstmals ein Bildnis von Hezret-e-Merlem (Ihrer Hoheit der Jungfrau Maria) verfertigt hat, mit dem Propheten Issa, in frühester Kindheit, auf dem Schoße (Gottes Segen und Heil über ihn!), wenn der die Weise, wie er ihn nachbildete, aufmerksam hätte betrachten können, wie er die Nase Hezret-e-Merlems und das Bein des Kleinchens, und vor allem, vor allem die Rücklehne des Stuhles wiedergab, dann würde dieser berühmte Europäer, sage ich, sich Mirza-Hassan-Khan zu Füßen geworfen und zu ihm gesagt haben: was für ein Hund bin ich doch, daß ich dir den Staub von den Schuhen küssen dürfte? Diese ohne Zweifel richtige Meinung, welche Mirza-Hassan- Khan von seinem persönlichen Werte hatte, gehörte ihm nicht ausschließlich an – ein sehr schmeichelhafter und von ihm gern hervorgehobener Umstand. Wenn die ungebildeten Leute, die Händler, die Handwerker, die Gelegenheitskäufer ihm seine Werke schlecht bezahlten und ihn bei der Erörterung von deren Wert gröblich beleidigten, so wurde er durch den Beifall der aufgeklärten und achtungswerten Menschen dafür entschädigt. Seine königliche Hoheit der Prinz-Statthalter beehrte ihn von Zeit zu Zeit mit einem Auftrage; das geistliche Oberhaupt selbst, der Imam-Dschume von Schiras, dieser ehrwürdige Prälat, dieser fromme, hohe, erlauchte Mann, und der Vezier des Prinzen, und dazu der Befehlshaber der Läufer, brachten es nicht über sich, in ihren noblen Taschen einem Tintenfasse Aufnahme zu gewähren, das nicht von ihm gearbeitet gewesen wäre. Ließe sich etwas denken, das geeigneter wäre, eine rechte Vorstellung von der Geschicklichkeit, ja von dem Genie des unvergleichlichen Malers zu geben, der das Glück hatte, Mirza- Hassan-Khan zu heißen! Und doch, es war schade; so viele glänzende Beschützer der Kunst glaubten genug für ihren großen Mann zu tun, indem sie seine Werke annahmen, und vergaßen immer, ihn zu bezahlen, und er war einfältig genug, sie nicht daran zu erinnern. Er begnügte sich damit, darüber zu seufzen und, so gut er konnte, die Pantoffelschläge zu parieren, welche es bei jedem Mißgeschick dieser Art setzte, denn Bibi- Dschanem unterließ nicht, alles, was sich Leidiges in der Welt zutrug, der Dummheit, der Albernheit oder dem Leichtsinn ihres teuren Gatten zuzuschreiben. Dieses Paar hatte einen schon ziemlich großen Sohn, welcher ein sehr hübscher Junge zu werden versprach. Seine Mutter war in ihn vernarrt; sie hatte ihn Gamber-Ali genannt. Mirza-Hassan-Khan hatte vorgeschlagen, ihn mit seinem Titel, der so erblich geworden wäre, auszustatten, aber Bibi-Dschanem sich dem nachdrücklich widersetzt und, in gewohnter Weise mit ihrem Gatten redend, zu ihm gesagt: Tropf! laß mich in Ruhe und schwatze mir nicht die Ohren voll mit deinen Dummheiten! Bist du nicht der Sohn, der eigene Sohn Dschafers, des Küchenjungen, und lebt da jemand, der das nicht wüßte? Zudem, was hat es dir geholfen, dich zu betiteln, wie du's tust? Man macht sich über dich lustig, und du verdienst darum doch nicht mehr Geld! Nein! mein Sohn hat die Albernheiten nicht nötig! Er besitzt bessere Mittel, sein Glück zu machen. Als ich mit ihm schwanger ging, habe ich zu seinem Besten eine Wallfahrt zum Imam-Zadeh-Kassem vollführt, und diese fromme Handlung verfehlt niemals ihre Wirkung; als er geboren worden, hatte ich mich zum voraus mit einem Astrologen versorgt ... ich, verstehst du, und nicht du, böser Vater! denn du denkst niemals an irgend etwas Nützliches! Ich hatte mich, sage ich, mit einem ausgezeichneten Astrologen vorgesehen; ich habe ihm zwei Sahabgrans gegeben. Er hat mir ausdrücklich versprochen, daß Gamber-All, so Gott will, Premierminister werden solle! Er wird es werden, dessen bin ich gewiß, denn alsobald habe ich ihm ein Beutelchen um den Hals genäht mit blauen Kügelchen, um ihm Glück zu bringen, und roten Kügelchen, um ihm Mut zu verleihen, ich habe ihm an beiden Armen Talismanbüchsen angebracht, worin Verse aus dem Buche Gottes eingeschlossen sind, die ihn vor allen Unglücksfällen beschützen werden. Inschallah! Inschallah! Inschallah! Inschallah! hatte Mirza-Hassan, mit tiefer Stimme, folgsam erwidert. Und so wurde dem Gamber-Ali durch die Sorgfalt einer klugen Mutter zu einer Rolle im Leben verholfen. Mit allen notwendigen Schutzwehren im Leben versehen, wie er war, gebot die Vernunft, daß man ihm eine anständige Freiheit gewähre. So konnte er denn bis zum Alter von sieben Jahren nach seinem Gefallen splitternackt mit seinen jungen Gespielen und Gespielinnen in seinem Stadtviertel herumlaufen. Er wurde beizeiten der Schrecken der Krämer und Delikatessenhändler, deren Datteln, Gurken und zuweilen sogar geröstete Fleischstücke er wunderbar geschickt auf die Seite zu schaffen wußte. Wurde er gefangen, so setzte es Schimpfreden, was ihm vollkommen gleichgültig war, und manchmal Schläge, aber nicht oft, weil man seine Mutter fürchtete. Sie war bei solchen Gelegenheiten wie eine Löwin, ja noch furchtbarer. Kaum, daß der kleine Gamber-Ali sich zu ihr flüchtete, in Tränen gebadet, mit einer Hand sich die Körperteile reibend, wo der jähzornige Kaufmann ihm zu nahe gekommen war, mit der andern sich Augen und Nase abwischend, kaum war es der Matrone geglückt, durch Schluchzen und Geschrei hindurch den Namen des Schuldigen zu verstehen, so verlor sie keinen Augenblick; sie brachte ihren Schleier in Ordnung und stürzte zur Türe hinaus wie eine Windhose, die Arme in der Luft schüttelnd und den Ruf ausstoßend: Muselmänner! sie erwürgen unsere Kinder! Auf dieses Signal eilten fünf oder sechs Gevatterinnen, welche, von kriegerischem Geiste beseelt, gewohnt waren, ihr in den Feldzügen dieser Art als Hilfstruppen zu dienen, hinten aus ihren Wohnungen herbei und folgten ihr, heulend und gestikulierend wie sie; unterwegs zog man Verstärkungen an sich und langte mit gewaltiger Streitmacht vor dem Laden des Schuldigen an. Der Bösewicht wollte sich erklären, man hörte ihn nicht, man fiel über alles her. Die Müßiggänger des Bazars beeilten sich, in die Aktion einzugreifen, die Polizisten stürzten sich in das Getümmel und suchten vergeblich mit Fußtritten und Stockschlägen die Ordnung wiederherzustellen. Was dem Kaufmann im günstigsten Falle begegnen konnte, war, daß er nicht eingesperrt wurde; denn eine Geldbuße mußte er am Ende immer erlegen, weil er sich erlaubt hatte, die öffentliche Ruhe zu stören. Unvermerkt erreichte Gamber-Ali den feierlichen Tag, wo seine Mutter, seine Jugendlust unterbrechend, ihm einen Schalwar oder Beinkleid überreichte, ihm einen Kulidscheh oder Rock, einen Gürtel und eine Mütze anlegte und ihn zur Schule schickte. Alle Welt muß das ja wohl durchmachen: Gamber- Ali wußte es und ergab sich darin. Zuerst besuchte er die Unterrichtsanstalt des Mulla Saleh, dessen Bude zwischen der eines Fleischers und der eines Schneiders lag. Einige fünfzehn Zöglinge, Mädchen und Jungen, weilten dort, mitsamt dem Lehrer wie Orangen in einen Korb gepreßt, denn Raum gab's kaum einige Fuß breit. Man lernte lesen und Gebete hersagen und von morgens bis abends wurde die Nachbarschaft durch das Geleier der Schülerbande in Schrecken gehalten. Gamber-Ali blieb nicht lange bei Mullah Saleh, weil dieser berühmte Professor, welcher, ehe er sich dem öffentlichen Unterricht widmete, Karawanen-Maultiertreiber gewesen war, die schlechte Gewohnheit hatte, auf seine Zöglinge recht tüchtig dreinzuhauen, wenn sie sich dazu hinreißen ließen, den Vorübergehenden mutwillige Streiche zu spielen, anstatt ihre ganze Aufmerksamkeit seinen weisen Lehren zuzuwenden. Gamber-Ali beklagte sich bei seiner Mutter, welche einen Einfall bei dem Professor machte, ihm die drei Groschen, die sie ihm für den fälligen Monat schuldete, an den Kopf warf und ihm kurz und bündig erklärte, daß er ihren Sohn nicht wiedersehen würde. Nachdem er diese Schule verlassen, kam der kleine Kerl an den geistigen Werktisch Mulla Jusefs, wo er ein halbes Jahr den Studien oblag; nach dieser Zeit wurde die Schule geschlossen, weil der Schulmeister Drogist wurde und den weißen Turban der Wissenschaft für die Lammfellmütze des bürgerlichen Lebens darangab. Der dritte Lehrer Gamber-Alis war ein ehemaliger Musketier eines ehemaligen Statthalters, von welchem die Überlieferung nur noch einen Zug kannte, nämlich, daß ihm der Hals abgeschnitten worden war. Wenn Mulla Jusef von diesem Gönner sprach, versicherte er mit überzeugter Miene, daß der Richter nicht gegen seine Pflicht gehandelt hätte. Was ihn selbst anlangte, so war er sanft, liebte die Kinder, schlug sie nicht, rühmte ihre Fortschritte, und empfing, außer seiner regelmäßigen Besoldung, viele kleine Geschenke von den Müttern, die von seinem Benehmen entzückt waren; sein Haus sah Honigkuchen und Backwerk von frischem Mehl und Hammelfett, mit Zucker bestreut, in Fülle hereinströmen, ohne die eingemachten Früchte und den Raki zu rechnen. Mit sechzehn Jahren war Gamber-Alis Erziehung beendet. Er las, schrieb und rechnete; er wußte alle vorgeschriebenen Gebete auswendig, konnte sogar die Menadschats singen, verstand ein wenig Arabisch, trug mit sehr angenehmer Stimme einige lyrische Poesien und Bruchstücke und Heldengedichte vor und liebte seine Eltern aufrichtig. Er verspürte eine tolle Lust, auf Abenteuer auszuziehen und sich um jeden Preis zu unterhalten, ausgenommen um den Preis seiner Haut, denn er war ein gewaltiger Hasenfuß. Diese Eigenschaft hinderte ihn so wenig, wie die meisten seiner Mitschüler, die mit ihm zugleich in die Welt eingetreten waren, das Wesen, das Benehmen, die lockere Haltung anzunehmen, welche in Persien das charakteristische Merkmal dessen bilden, was man in Andalusien die Majos nennt, das heißt die feinen jungen Leute der niederen Klasse. Er hatte weite, sehr schmutzige Beinkleider von blauer Baumwolle, einen Rock von grauem Filz mit herabhängenden Doppelärmeln, das Hemd offen, so daß es seine Brust frei ließ, die Mütze auf dem Ohr; der Gama oder breite, zweischneidige Säbel fiel über die Vorderseite seines Gürtels herab und diente seiner rechten Hand zur Stütze, während er in der linken eine Blume hielt, die zuzeiten auch in seinem Munde untergebracht war. Dieser prahlerische Anstrich stand ihm ausgezeichnet. Er hatte wundervoll schwarzgeringeltes Haar, Augen, so schön wie die eines Weibes, schwarzgeschminkte Brauen, den Wuchs einer Zypresse und in allen seinen Bewegungen Anstand, mehr als er brauchte. In solch jugendlichem Alter und solchem Aufzuge besuchte er die armenischen Kneipwirte; er fand dort zwar wenig strenggläubige Muselmänner, dafür aber viele Windbeutel seiner Art, gefährliche Vagabunden, von denen, die man Lutis oder Taugenichtse nennt, und die es ebensowenig genau damit nehmen, einen Messerstich zu versetzen, um ihr Mütchen zu kühlen als sich ein Glas Wein einzuschenken; mit einem Wort, er sah sehr schlechte Gesellschaft; was für viele Leute von lustiger Gemütsart soviel bedeutet wie, sich perfekt die Zeit zu vertreiben. Wo verschaffte er sich das für dies köstliche Leben unerläßliche Geld? Man würde aus vielen Gründen unrecht tun, hierüber genaue Untersuchungen anzustellen, und diese Manier, sich Renten zu stiften, hätte ihn dahin führen können, wohin er keine Lust hatte zu gehen, wenn nicht sein durch die Kunst des Astrologen geleitetes oder vorhergesehenes Geschick ziemlich schnell die Bahn vorgezeichnet hätte, die er verfolgen sollte, und dieses Ereignis trat an einem der ersten Tage des vollen Mondes im Schaban ein. Gegen vier Uhr nach dem Abendgebete hatte er sich in eine saubere kleine Schenke begeben, ziemlich nahe dem Grabmal, in welchem der Poet Hafis ruht. Es war dort eine schöne Versammlung: zwei Kurden von unheimlichem Aussehen, ein Mulla von der Sorte, die Heiratsverträge auf Zeit von zwei Tagen, vierundzwanzig Stunden und noch darunter verkaufen – eine Art von Moral, welche von dem pedantischen Teile des Klerus nicht sonderlich gutgeheißen wurde –; vier Maultiertreiber, sehr lustige Patrone, welche der Anblick der Hürden in keiner Weise einschüchterte, zwei kleine junge Leute vom Schlage Gamber-Alis, ein ungeheurer Toptjn oder Artillerist, aus Khorassan gebürtig, so lang, daß er gar kein Ende nahm, aber entsprechend breit, was das Gleichgewicht wieder herstellte; sodann ein Pischkedmet oder Kammerdiener des Prinzen-Statthalters, der verbotenerweise dorthin gekommen war. Der Armenier, der Wirt des Hauses, breitete eine Ochsenhaut über den Teppich und brachte nacheinander geröstete Mandeln, was den Durst reizt, weißen Käse, Brot und Stücke Kebab oder Hammelfilet, zwischen Fettresten und Lorbeerblättern, das Non plus ultra von Wohlgeschmack. Inmitten dieser Kleinigkeiten wurden feierlich ein Dutzend der Baggalis oder abgeplatteten Fläschchen aufgestellt, welche die verschämten Trinker leicht unter ihren Armen verbergen und nach Hause tragen können, ohne daß irgend jemand es gewahr wirk, und welche nichts Geringeres enthalten als Wein oder Branntwein. Man trank während zweier Stunden ziemlich in Frieden. Die Gespräche waren angenehm, so wie man sie von so distinguierten Leuten erwarten durfte. Es waren eben Lichter gebracht und mit einer neuen Ladung Flaschen auf das Tischtuch gesetzt worden, als der Mulla einen der beiden Kurden, der aus Leibeskräften und tiefster Nase eine klägliche Weise sang, unterbrach und folgenden Vorschlag machte: Euere Exzellenzen, da der Spiegel meiner Augen das ausgezeichnete Glück hat, heute so viele einnehmende Gesichter zurückzustrahlen, so kommt mir der Gedanke, ein Anerbieten darzubringen, das ohne Zweifel von irgendeinem der erlauchten Mitglieder der Gesellschaft mit Nachsicht aufgenommen werden wird. – Das Übermaß von Eurer Exzellenz Güte versetzt mich in Entzücken, antwortete einer der Maultiertreiber, welcher noch eine gewisse Kaltblütigkeit besaß, aber den Kopf in einer Weise hin und her wiegte, daß man hätte Schwindel bekommen mögen; was Ihr uns auch befehlen werdet, gerade das wollen wir tun. – Gar zu nachsichtig! erwiderte der Mulla. Ich kenne eine junge Frauensperson; sie wünscht sich mit einem angesehenen Manne zu verheiraten, und ich habe ihr versprochen, ihr einen ihrer würdigen Gatten ausfindig zu machen. Um ohne Scheu zu euch zu reden, wie man es zu erprobten Freunden darf, und euch nichts von der strengsten Wahrheit zu verhehlen, die bewußte Dame ist von einer Schönheit, um die Sonnenstrahlen erbleichen zu machen und den Mond selbst in Verzweiflung zu setzen! Die funkelndsten Sterne sind glanzlose Kiesel neben dem Diamant ihrer Augen! Ihr Leib ist wie ein Weidenzweig, und wenn sie ihren Fuß auf die Erde setzt, so sagt die Erde: »Schön Dank!« und kommt von Sinnen vor Liebe! Diese Beschreibung, welche doch ziemlich vorteilhaft über die Freundin des Mulla berichtete, brachte nur geringe Wirkung hervor, ja so gering, daß einer der Lutis mit einem Tremolo, das einem Gurgeln glich, an zu singen fing: »Der Premier, der ist ein Esel, und der König taugt nicht mehr!« Dies war der Anfang eines jüngst von Teheran eingeführten Liedes. Der Mulla ließ sich von seinem Gedanken nicht abbringen und fuhr mit weinerlicher Stimme, welche gegen das nasale Gemecker seines Kumpans mit überlegenen Kräften ankämpfte, fort: Euere Exzellenzen! diese himmlische Vollkommenheit besitzt hinter dem Bazar der Kupferschmiede ein Haus von drei Zimmern, acht beinahe neue Teppiche und fünf mit Kleidern gefüllte Truhen. Sie hat außerdem Kabbalehs oder Beschreibungen für ziemlich viel Geld; ich kenne die Summe nicht; aber sie kann nicht geringer als achtzig Tomans sein! Dieser zweite Abschnitt der Eigenschaften der Braut weckte alle Welt auf, und einer der Lutis rief aus: da bin ich! Sie will einen Mann? sie soll mich nehmen! Wo träfe sie es so gut? Ihr kennt mich, Mulla? Wenn ich sie nicht bekomme, liebe und gräme ich mich zu Tode! Damit gab er sich ans Weinen, und um einen Begriff von der Stärke seines Gefühls zu geben, zog er seinen Gama und wollte sich damit einen tüchtigen Schlag auf den Kopf versetzen; aber der Kanonier hielt ihn zurück, und da ein jeder, aufmerksam geworden, gewahrte, daß der Mulla nicht alles gesagt hatte, so beschwor man diesen, seinen Panegyrikus zu Ende zu bringen, um zu erfahren, ob sich nicht irgendein Schatten auf dem köstlichen Gemälde fände, das er gezeichnet hatte. – Ein Schatten, Exzellenz! Aber, Allergütigster! Möge jederlei Segen wie ein Regen auf eure edeln Häupter herabfallen! Welch ein Schatten könnte sich da finden? Eine unvergleichliche Schönheit, ist das ein Makel? Ein Vermögen, wie das, welches ich euch hergerechnet habe, ist das ein Fehler? Eine unbefleckte Tugend, vergleichbar einzig der der Gattinnen des Propheten, soll sie für euch ein Grund des Tadels sein? Diese Tugend nun aber, hochgemute Herren, ist keine von denen, die man versichert, ohne sie beweisen zu können! Sie ist unbestreitbar, auf unwiderlegliche Beweise begründet, und diese Beweise, hier sind sie! Cs ist ein Tobeh-Erlaß, von heute morgen datiert. Bei diesen Worten kannte der Enthusiasmus keine Grenzen mehr; der Luti, welchen man soeben abgehalten hatte, sich selbst totzuschlagen, benutzte den Augenblick, wo ein jeder, in seine eigenen Gedanken versunken, Augen und Hände zum Himmel erhob, Beh! Beh! Beh! murmelnd, und brachte sich eine Schmarre auf dem Schädel bei, die anfing zu bluten. Während dieser Zeit hatte der Mulla das kostbare Dokument entfaltet und begann, es seinem Publiko unter die Augen haltend, mit ehrfurchtgebietender Stimme zu lesen. Ehe er sich aber den so lebhaft gefesselten Zuhörern beigesellt, muß der Leser erfahren, was ein Tobeh-Erlaß ist. Wenn eine Frau Anlaß zum Ärgernis gegeben hat und allzu leichtfertig hierin rückfällig geworden ist, so kehrt die öffentliche Meinung sich unglücklicherweise gegen sie, und es entsteht daraus lästiges Gerede. Alsdann nimmt der Richter den Leichtfuß unter seine Aufsicht; er geht sie wiederholt um Geschenke an, er hält sich auf dem Laufenden über ihr Tun und Lassen, und nach einigem Mißgeschick verspürt die Dame ziemlich durchgehends das Bedürfnis, ihren Lebenswandel zu ändern. Das kann ihr nur gelingen, wenn sie sich verheiratet. Aber wie sich verheiraten in einer so schwierigen Lage wie die ihrige? Auf eine ganz einfache Art. Sie sucht einen frommen Mann auf, setzt ihm ihren Fall auseinander, schildert ihm die Verzweiflung, und der fromme Mann zieht sein Schreibzeug hervor. Er händigt ihr ein Stück Papier ein, welches der Büßerin bezeugt, daß sie von Reue über das Vergangene verzehrt wird, und da Gott in hohem Grade barmherzig ist, wenn man den festen Vorsatz hat, nicht in sein Unrecht zurückzuverfallen, so findet sich die ehemalige Sünderin von Kopf bis zu Fuße weiß gewaschen; niemand hat mehr das mindeste Recht, die Solidität ihrer Grundsätze zu verdächtigen, und sie ist ebenso heiratsfähig als das erste beste andere Mädchen, vorausgesetzt, daß sie nur einen Mann findet. Man kann nichts Wunderbareres sehen als diese plötzliche Umwandlung, und sie ist nicht teuer, geht wohl auch einmal vor sich, nachdem man sich über den Preis erst hat einigen müssen. Der Mulla las also mit deutlicher und eindringlicher Stimme das Dokument, dessen Wortlaut hier folgt: »Die p. p. Bülbül (Nachtigall), welche das Unglück gehabt hat, während mehrerer Jahre einen unbesonnenen Lebenswandel zu führen, versichert uns, daß sie dies tief beklagt und es bedauert, die Herzen der tugendhaften Leute betrübt zu haben. Wir bezeugen ihre Reue, die uns bekannt ist, und wir erklären ihren Fehler für getilgt.« Unter der Schrift war das Datum, welches sich in der Tat als das vom selben Morgen erwies, und das Siegel eines der ersten Geistlichen der Stadt. Das Vorlesen war noch nicht zu Ende, als der am meisten betrunkene der beiden Kurden erklärte, daß er entschlossen sei, jedermann zu töten, der unbesonnen genug wäre, ihm die Hand des Schützlings des Mulla streitig zu machen. Aber der Kanonier ließ sich nicht einschüchtern und langte dem Herausforderer einen Faustschlag mitten ins Gesicht; worauf einer der Kameraden Gamber-Alis einem der Maultiertreiber eine der Flaschen an den Kopf schleuderte, während der andere beinahe gleichzeitig ihm den Mulla auf den Leib warf; hier wurde das Handgemenge allgemein. Der Pischkedmet des Prinzen, eine amtliche Persönlichkeit, hatte Grenzen zu beobachten; er begriff instinktiv, daß seine Würde auf dem Spiele stand, und daß, wenn es schon an sich unangenehm ist, Prügel zu bekommen, es kompromittierend sein kann, deren Spuren auf der Nase oder an irgendeiner anderen Stelle des Gesichtes zu tragen: denn wie sollte man hoffen, daß rohe Menschen mit den nötigsten Rücksichten rechnen würden? Der würdige Diener erhob sich also, so gut er konnte, und stellte sich fest auf die Beine, und während er sich den Kopf mit den Händen schützte, machte er eine Bewegung, um sich zurückzuziehen, aber sein Gebärdenspiel wurde übel ausgelegt. Einige der Kämpfenden bildeten sich ein, er gehe mit dem Gedanken um, die Wache zu holen. Sie vereinigten sich daher in einer gemeinsamen Kraftanstrengung gegen ihn, aber sie waren nicht alle ihm zur Seite, und Gamber-Ali befand sich wie ein Schutzpolster zwischen dem armen Pischkedmet und seinen Angreifern, unter denen sich zwei der Maultiertreiber auszeichneten, welche noch mehr betrunken und folglich noch grimmiger waren als die andern. Der unglückliche Malerssohn war im Delirium der Angst; er stieß durchdringende Schreie aus und rief seine Mutter zu Hilfe. Sicherlich würde die tapfere Bibi-Dschanem sich nicht vergeblich von dem Liebling, den sie unterm Herzen getragen, haben beschwören lassen; aber ach! sie war fern und hörte nicht. Indessen hatte Gamber- Ali den Pischkedmet mit seinen Armen umschlungen, drückte ihn kräftig, und, je mehr Schläge er bekam, die dem armen Menschen zugedacht waren, desto mehr flehte er ihn bei allem, was er Helligstes in der Welt hätte, an, ihn zu retten, und doch diente er selbst, ohne es zu ahnen, dem, den er anrief, zum Schilde, auf welchen gewaltig losgehauen wurde. Wahrscheinlich würde der Kampf zum großen Schaden des Würdenträgers aus dem Palaste und des kleinen jungen Mannes ausgelaufen sein, wenn nicht der armenische Wirt, ein großer, strammer Patron, von langer Hand an dergleichen Szenen, welche ihm weder Erstaunen noch Aufregung verursachten, gewöhnt, plötzlich im Zimmer erschienen wäre. Ohne sich damit aufzuhalten, zu erfahren, wer recht oder unrecht hätte, packte er mit der einen Hand den Pischkedmet beim Kragen, mit der andern Gamber-Ali hinten am Rock und warf mit einem kräftigen Schub die beiden Unglücklichen durch die offene Tür, welche er wieder hinter ihnen schloß. Sie rollten, ein jeder nach seiner Seite, über den Sand hin und blieben eine gute Weile betäubt von dem Ruck, verspürten auch einige Schwierigkeit, sich wieder aufzurichten. Inzwischen beunruhigte ihnen ein und derselbe Gedanke den Sinn; ohne einander irgend etwas zu sagen, waren sie in der gleichen Angst, die Garnison möchte einen Ausfall machen, und da sie es für sehr geraten erachteten, das Weite zu suchen, so stellten sie sich mit einer gewaltsamen Anstrengung wieder auf die Beine. Der Pischkedmet sagte zu Gamber-Ali: Sohn meines Herzens, verteidige mich weiter! Verlaß mich nicht! Die heiligen Imans werden dich segnen! Gamber-Ali dachte gar nicht daran, die Einsamkeit aufzusuchen. Er näherte sich seinem Schützling, und alle beide verließen, einander an der Hand haltend, mit schlotternden Beinen, die Sackgasse, in welcher die Kneipe lag; als sie sich dann auf der Straße befanden, kehrte ihnen Mut und Stimme wieder: Gamber-Ali, sagte der Bediente aus dem Palaste, die Löwen haben nicht so viel Unerschrockenheit wie du! Du hast mir das Leben gerettet, und bei Gott, ich will es nimmermehr vergessen! Du sollst keinen Undankbaren verpflichtet haben. Ich werde dein Glück machen! Suche mich morgen im Palaste auf, und wenn ich nicht am Tore bin, so laß mich holen, ich werde dir gewiß etwas zu verkündigen haben. Aber vor allem schwöre mir, daß du zu niemand von dem sprechen wirst, was uns heut abend begegnet ist, und daß du deinem Vater, deiner Mutter, ja deinem Kopfkissen kein Sterbenswörtchen davon sagen willst! Ich bin ein gottesfürchtiger Mann, von aller Welt geachtet wegen der Strenge meiner Sitten, von der ich nie abgehe; du begreifst, Acht meiner Augen, daß ich viel Kummer leiden würde, wenn man mich etwa verleumdete! Gamber-Ali verpflichtete sich durch die schrecklichsten Eide, selbst einer Ameise, dem schweigsamsten und verständigsten aller Wesen, das Geheimnis seines neuen Freundes nicht anzuvertrauen. Er schwur bei dem Haupte dieses Freundes, bei dem seiner Mutter, seines Vaters und seiner Großväter väterlicher- und mütterlicherseits und wollte Hundesohn und Höllensohn geheißen sein, wenn er jemals über ihr gemeinsames Abenteuer den Mund auftäte. Nachdem er sodann diese furchtbaren Eide eine gute Viertelstunde lang vervielfacht hatte, nahm er Abschied von dem Pischkedmet, der sich ein wenig beruhigt hatte, ihn auf die Augen küßte und zu dem für den nächsten Morgen angesetzten Stelldichein sich treulich einzufinden versprach. Gamber-Ali hatte ausgestanden, da er geprügelt wurde, und er hatte Angst gehabt, er möchte totgeschlagen werden. Als die Gefahr vorüber und der Schmerz der blauen Male ein wenig gelinder geworden war, fühlte er sich äußerst frei; es war nicht sein erster Handel, und er hatte keine Veranlassung, wie der Pischkedmet, sich um seinen Ruf zu beunruhigen. So konnte er denn seine Einbildungskraft uneingeschränkt an den Versprechungen sich entzünden lassen, die er soeben erhalten hatte, und, den Kopf voll blendenden Feuerwerks, gesättigt von dem Glanze, der da aufgehen sollte, kam er in der besten Laune von der Welt beim. Vaterhause an. Alle herrenlosen Hunde des Stadtviertels kannten ihn und machten keinerlei feindliche Demonstration gegen seine Beine. Die Nachtwächter, unter den Schutzdächern der Läden ausgestreckt, hoben den Kopf bei seinem Nahen und ließen ihn vorüber, ohne ihn auszufragen. So schlüpfte er in seine Wohnung. Dort fand er, wiewohl die Nacht vorgerückt war, seine würdigen Eltern vor einer Flasche Branntwein und einem Lammsbraten, an welchem eine tüchtige Portion Fleisch fehlte, die bereits verzehrt war. Bibi-Dschanem spielte die Mandoline, und Mirza-Hassan-Khan, der seinen Rock und seinen Hut abgelegt hatte, den Kopf geschoren, als wäre er acht Tage alt, den Bart halb schwarz gemalt, mit einem Zollbreit weiß an der Wurzel, schlug voll Enthusiasmus auf ein Tamburin los. Die beiden Ehegatten sangen, mit vor Verzückung verdrehten Augen, aus voller Kopfstimme: »Zypresse mein, Tulpe mein, Laß uns schlürfen die himmlische Liebe ein!« Gamber-Ali blieb ehrerbietig vor der Schwelle des Zimmers stehen und begrüßte die Urheber seiner Tage. Er hatte mehr denn je die rechte Hand auf dem Knopfe seines Gamas; seine Mütze war eingetrieben, sein Hemde zerrissen, sein lockiges Haar sehr in Unordnung. Er sah aus – dachte Bibi-Dschanem, welche sich darauf verstand, insgeheim – wie der reizendste Strauchdieb, den der Schönheitssinn einer Frau sich träumen lassen könnte. – Setz dich, mein Herzblatt, sagte die Dame, indem sie ihre Mandoline hinlegte, während Mirza-Hassan-Khan einem kühnen Triller und einem kunstvollen Laufe ein jähes Ende bereitete. Von wo kommst du? Hast du dich gut amüsiert heute abend? Gamber-Ali hockte sich nieder, wie seine Mutter es ihm erlaubt hatte, aber bescheidentlich, und indem er gegen die Türbekleidung gelehnt verharrte, erwiderte er: ich habe dem Leutnant des Prinzen-Statthalters das Leben gerettet. Er wurde auf dem Felde von zwanzig Kriegsleuten, Tigern an Kühnheit und Wildheit, angefallen, lauter Mamacenys oder Bakhtyarys, glaube ich; denn nur diese beiden Stämme können solche Riesenmänner stellen! Ich habe sie angegriffen und sie mit Gottes Hilfe in die Flucht geschlagen! Damit nahm Gamber-Ali eine bescheidene Stellung ein. – Da hast du doch den Sohn, den ich zur Welt gebracht habe, ich allein! rief Bibi-Dschanem, indem sie ihren Gatten mit triumphierender Miene betrachtete. Küsse mich, mein Herz! küsse deine Mutter, mein Leben! Der junge Held brauchte sich nicht sehr zu bemühen, um die Zärtlichkeit seiner Anbeterin zu befriedigen; das Zimmer war klein; er bog den Leib ein wenig vor und brachte seine Stirn unter die ihm hingehaltenen Lippen. Was Mirza-Hassan-Khan anlangt, so begnügte er sich mit wahrhaft praktischem Sinne zu sagen: da ist etwas zu machen! – Was hat dir der Herr Leutnant gegeben? fuhr Bibi- Dschanem fort. – Er hat mich auf morgen zum Frühstück in den Palast eingeladen und wird mich Seiner Hoheit selbst vorstellen. – Du wirst zum General ernannt werden! verkündete die Mutter voller Überzeugung. – Oder zum Staatsrat! sagte der Vater. – Ich würde nicht unglücklich darüber sein, für den Anfang Zolldirektor zu werden, murmelte Gamber-Ali mit nachdenklichem Tone. Er glaubte mehr als die Hälfte von dem, was er eben zur Minute erfunden hatte, und das kam von den besonderen Gesetzen, welche für die geistige Sehweite der Orientalen obwalten. Ein Pischkedmet des Prinzen, welcher dem armen und interessanten Gamber-Ali wohlwollte, war notgedrungen ein Mann vom seltensten Verdienste, und wie hätte er folglich nicht der Günstling seines Herrn sein sollen? Da er der Günstling seines Herrn war, so war er sein wahrer Stellvertreter, jede Angelegenheit mußte ihm durchaus anvertraut werden, und war bei einer solchen Machtstellung die Annahme möglich, daß er bei den auf das Haupt seines Retters zu häufenden Belohnungen knausern würde? Zwar hatte Gamber-Ali nicht eine Schar wilder und furchtbarer Räuber zersprengt, aber warum sollte er sagen, daß er aus der Kneipe kam? Wem frommte solches Ausplaudern? War es nicht besser, seine ganze Geschichte mit einem ehrbaren Anstrich zu überziehen, da sie ja für ihn auf die außerordentlichste Weise endigen sollte? Übrigens war es offenbar, und der Pischkedmet hatte ihm kein Hehl daraus gemacht, daß er einen über alles Lob erhabenen Mut an den Tag gelegt hatte. Was Vater, Mutter und Sohn in dieser Glücksnacht an Träumen ausarbeiteten, läßt sich nicht verzeichnen. Bibi- Dschanem sah ihren Abgott schon im Brokatgewande eines Premierministers, und sie tat sich eine Bene in dem Gedanken, der Frau des Garkochs, die gestern abend übles von ihr geredet hatte, die Bastonnade verabreichen zu lassen. Doch aber mußte man ein wenig schlafen. Die drei Menschenkinder streckten sich gegen Morgen auf den Teppich und genossen während dreier Stunden, wie man so sagt, die Wonne der Ruhe; aber mit der Dämmerung sprang Gamber-Ali auf; er machte seine Waschungen, sagte, so gut es eben gehen wollte, und ziemlich summarisch, sein Gebet her, und trat auf die Straße, indem er sich in den Hüften wiegte, wie es einem Manne seines Standes zukam. Vor dem Palaste angekommen, sah er, wie gewöhnlich, vor dem Haupteingang eine Anzahl Soldaten, Bediente aller Grade, Bittsteller, Derwische, kurz Leute sitzen oder stehen, welche durch ihre Geschäfte oder ihre besonderen Verbindungen mit den zum Hause gehörenden Personen dorthin geführt worden waren. Er brach sich Bahn durch die Menge, wobei er die jungen, hübschen Burschen eigene Unverschämtheit zeigte, die man bei ihnen ziemlich leicht erträgt, und frug den Pförtner mit anmaßendem, durch ein artiges Lächeln gemildertem Tone, ob sein Freund Assadullah-Beg nicht zu Hause wäre? – Da ist er gerade, antwortete der Pförtner. – Möchte Ew. Exzellenz mir immer wohlgesinnt bleiben! versetzte Gamber-Ali und trat vor seinen Beschützer, welcher seinen Gruß in freundschaftlichster Weise aufnahm. – Euer Glück ist gemacht, sagte Assadullah (der Löwe Gottes). – Das verdanke ich Eurer Gnade! – Ihr verdient alles erdenkliche Gute. Nun hört, worum sich's handelt. Ich habe mit dem Ferrasch-Bachi, dem Obersten der Teppichleger Seiner Hoheit, von Euch gesprochen. Er ist mein Freund und einer der tugendsamsten und ehrenwertesten Menschen. Es wäre unrecht von mir, seine Rechtschaffenheit zu preisen; alle Welt kennt sie. Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit und Uneigennützigkeit leuchten in seinem Benehmen hervor. Er ist damit einverstanden, Euch unter die Zahl seiner Untergebenen aufzunehmen, und von heute ab gehört Ihr dazu. Natürlich müßt Ihr ihm ein kleines Geschenk darbringen; aber er hängt so wenig an den Gütern dieser Welt, daß dies einzig und allein den Sinn haben soll, ihm Eure Ehrerbietung zu bezeigen. Ihr händigt ihm fünf Tomans Gold und vier Zuckerhüte ein. – Möge der Segen des Propheten auf ihm ruhen! erwiderte Gamber-Ali, ein wenig aus der Fassung gebracht. Darf ich Euch fragen, welches mein Lohn sein wird in dem hervorragenden Amte, das ich ausfüllen soll? – Euer Lohn! sagte der Löwe Gottes halblaut, in vertraulichem Tone und um sich blickend, um sich zu vergewissern, daß niemand ihn höre. Euer Lohn beträgt acht Sahabgrans monatlich, aber der Haushofmeister Seiner Hoheit bezahlt durchgehends nur sechs. Ihr laßt ihm zwei für seine Mühe; so bleiben Euch also vier. Ihr werdet Eurem würdigen Vorgesetzten keine Undankbarkelt bezeigen wollen, indem Ihr ihm nicht zum mindesten die Hälfte anbietet? Ich kenne Euch, Ihr seid dazu nicht imstande; es wäre das unschicklichste Benehmen! Wir sagten also, daß Euch zwei Sahabgrans bleiben. Was könnt Ihr damit anderes anfangen, als den Naybéferrasch, den Anführer Eurer Rotte, damit traktieren, um Euch einen sicheren und ergebenen Freund in ihm zu gewinnen, denn, täuscht Euch nicht über ihn! unter ein wenig schroffen Formen ist ei ein goldenes Gemüt! – Möchte der Himmel ihn mit seinen Segnungen überschütten! versetzte Gamber-Ali, der sehr niedergeschlagen geworden war; aber was bleibt denn mir ? – Ich will es Euch sagen, mein Sohn, erwiderte der Löwe Gottes mit der ernsten und gesetzten Miene, welche seiner hohen Erfahrung und seinem ungeheuren Barte so wohl anstand. Jedesmal, wenn Ihr irgend jemand ein Geschenk im Auftrage des Prinzen oder Eurer Oberen überbringt, bekommt Ihr natürlich eine Belohnung von den mit dergleichen Gunstbezeigungen beehrten Persönlichkeiten, und um so mehr, da Ihr sehr hübsch seid, mein Sohn! Ihr müßt freilich mit Euren Kameraden teilen, was Ihr in Empfang genommen habt; aber Ihr seid nicht verpflichtet, ihnen genau zu sagen, was man Euch in die Tasche gesteckt hat; es lassen sich diesbezüglich kleine Vorbehalte machen, die Ihr sehr bald lernen werdet. Wenn Ihr sodann damit beauftragt seid, irgend jemand die Bastonnade zu geben, so ist es gebräuchlich, daß der Missetäter den Strafvollstreckern eine Kleinigkeit anbietet, damit sie weniger stark, oder auch wohl ganz vorbeischlagen. Da müßt Ihr wiederum ein wenig Übung gewinnen. Diese Art unschuldiger Geschicklichkeit kommt bald, zumal einem geistreichen Burschen wie Ihr. Da ich nicht zweifle, daß Eure Vorgesetzten bald dahin kommen werden, Euch zu schätzen, so werden sie Euch einen Auftrag geben, die Abgaben in den Dörfern einzutreiben. Dann ist's an Euch, Eure Interessen mit denen der Bauern, die nie zahlen wollen, mit denen des Staates, der immer einnehmen will, und denen des Fürsten, der böse werden würde, wenn er mit leeren Händen ausginge, in Einklang zu bringen. Glaubt mir, dies ist eine Goldgrube! Kurz, tausend Gelegenheiten, tausend Umstände, tausend Begegnungen werden sich darbieten, wo Ihr, wie ich nicht einen Augenblick zweifle, Wunder tun werdet; und was mich anlangt, so werde ich wahrhaft glücklich sein, wenn ich dazu habe beitragen können, Euch auf dieser Welt in eine gute Stellung zu bringen. Gamber-Ali begriff die verführerische Seite des ihm in seinen Einzelheiten so gefällig vor Augen geführten Bildes, und er war entzückt von so vielen glänzenden Vorzügen. Ein einziger Punkt beunruhigte ihn: Exzellenz, sagte er mit bewegter Stimme, möge der Inbegriff der Seligkeit Euch lohnen für das Gute, das Ihr an einer armen, hilflosen Waise tut! Aber da ich nichts auf der Welt besitze, als meine Hochachtung für Euch, wie könnte ich da dem ehrwürdigen Ferrasch-Bachi fünf Tomans und vier Zuckerhüte geben? – Ganz einfach, erwiderte der Löwe Gottes. Er ist so gut, daß er zu warten weiß. Ihr bringt ihm die kleine Opfergabe von Euren ersten Nebenverdiensten. - In diesem Falle nehme ich beglückt Euren Vorschlag an, rief Gamber-Ali, außer sich vor Freude. – Ich will Euch augenblicklich vorstellen, und Ihr tretet noch heute Euer Amt an. Hierauf drehte sich der Pischkedmet auf seinem Absatze herum, nahm seinen jungen Genossen mit sich durch die Menge und ließ ihn in den Hof eintreten. Dies war ein großer, leerer Raum, umgeben von niedrigen Gebäuden, welche aus graufarbigen, in der Sonne getrockneten Ziegeln aufgeführt waren. Letztere wurden an den Ecken durch Einfassungen von gebrannten Ziegeln, deren roter Schimmer den Gesamteindruck zu einem ziemlich glänzenden machte, wirkungsvoll unterbrochen. Hier und da hoben noch Mosaiken von blauer Fayence, mit Blumen und Arabesken verziert, das Ganze. Unglücklicherweise war ein Teil der Arkaden eingestürzt, andere schadhaft; aber die Ruinen sind einmal die Hauptsache bei jeder Ordnung der Dinge in Asien. Inmitten des Hofes spreizten sich ein Dutzend Kanonen mit oder ohne Laffetten, und Artilleristen saßen oder lagen ringsherum; Dschelodars oder Bereiter hielten Pferde, deren sammetweicher Rücken zum Teil mit karmesinroten, buntbestickten Schabracken bedeckt war; hier promenierte eine Gruppe Ferraschs, das Stäbchen in der Hand, um eine Ordnung aufrecht zu erhalten, die nicht vorhanden war; weiter ab ließen Soldaten ihr Mahl in Kesseln kochen; Offiziere durchschritten den Hof mit unverschämter, freundlicher oder höflicher Miene, je nachdem sie sich um die auf sie gerichteten Blicke kümmerten. Man begrüßte diesen; jener wiederum verneigte sich ehrerbietig vor einem mächtigeren; es war der Lauf der Welt, wie er in aller Herren Länder herrscht, nur mit einer vollkommeneren Natürlichkeit. Von dem großen Hofe aus drang Assadullah, gefolgt von seinem durch so viel Pracht geblendeten Rekruten, in eine andere, etwas weniger umfangreiche Einfriedigung ein, deren Mitte ein mit Wasser gefülltes viereckiges Bassin einnahm; die Wellen färbten sich lieblich in dem azurnen Widerschein der Bekleidung, welche große, mit einem herrlichen Blau emaillierte Ziegel bildeten. Auf den Rändern dieses Bassins erhoben sich ungeheure Platanen, deren Stämme unter dem dichten und reichen Geflecht riesenhafter, mit frischen gefüllten Blumen bedeckter Rosensträucher verschwanden. Gegenüber dem niedrigen und engen Eingang, durch welchen die Freunde eingetreten waren, zeigte ein sehr hoher Saal, den ein Europäer für den Bühnenraum eines Theaters gehalten haben würde – denn er war nach vorne vollständig offen und ruhte auf zwei kleinen bemalten, vergoldeten Säulen –, gleich einem Hintergrundsgemälde und Kulissen, das anziehendste, bezauberndste Gemisch von Malereien, Vergoldungen und Spiegeln. Reiche Teppiche bedeckten den ungefähr sechs Fuß über die Fläche des Hofes erhöhten Fußboden und dort, auf Polster gelehnt, umgeben von mehreren Herren von vornehmem Aussehen und von seinen hauptsächlichsten Dienern, geruhte Seine Hoheit der Prinz-Statthalter höchstselbst von einer ungeheuren Reisschüssel und einem Dutzend Gerichten in Porzellangeschirr zu frühstücken. Von den drei Seiten des Hofes, welche der Saal nicht einnahm, lagen zwei in Schutt, die dritte bot eine Reihe leidlich bewohnbarer Gemächer. Gamber-Ali fühlte sich sehr eingeschüchtert, da er sich in eigener Person an einem so ehrwürdigen Orte fand, und zu gleicher Zeit kam er sich doch ganz über alle Maßen wichtig vor, bloß weil ihm das glückliche Los geworden war, dort einzudringen. Fortan schien es ihm, als habe er nicht mehr seinesgleichen auf dieser Erde, da er einem Muster von Machthaber untergeben war, welcher, ohne daß jemand etwas dawider haben durfte, ihn in ganz kleine Stücke schlagen lassen konnte. Bevor er in diese königliche Wohnung eingetreten, war er für seine Person vollkommen unabhängig, und nie hätte der Prinz-Statthalter, der von seinem Dasein nichts wußte, ihn holen können. Fortan, nachdem er Nouker, Dienstbote, geworden, gehörte er der glücklichsten Menschenklasse an, welche den untersten Küchenjungen und den obersten Minister umfaßt, und er konnte die Freude haben, den Prinzen, bevor eine Viertelstunde um war, rufen zu hören: »Nehmt Gamber- Ali mit dem Stocke vor!« Was offenbar bedeuten würde, daß Gamber-Ali nicht der erste beste war, wie sein armseliger Vater, da der Prinz sich gnädigst herabließ, sich mit ihm zu befassen. Während er sich diesen dünkelhaften Betrachtungen hingab, sagte Assadullah zu ihm, indem er ihn mit dem Ellenbogen anstieß: da ist der Ferrasch-Bachi! Habt keine Angst, mein Sohn! Die Anempfehlung war nicht überflüssig. Der Oberste der Teppichleger des Prinzen-Statthalters von Schiras besaß ein ziemlich abstoßendes Äußere; die Hälfte seiner Nase war von der Krankheit, die man Blattern nennt, verzehrt; sein schwarzer, spitzer Schnurrbart erstreckte sich nach rechts und nach links einen halben Fuß weit von dieser Nase in Trümmern, seine Augen funkelten düster unter dichten Augenbrauen, und sein Gang erschien imposant. Er hüllte sich in ein prächtiges Gewand von Kermanischer Wolle, trug einen Dschubbeh oder Mantel von reich betreßtem russischem Tuch, und das Lammfell seiner Mütze war so fein, daß man beim bloßen Anblick seinen Preis auf mindestens acht Tomans veranschlagen konnte, was nach den Berechnungen des Abendlandes nicht viel weniger als hundert Franken machte. Dieser majestätische Würdenträger trat in abgemessener Haltung auf den Pischkedmet zu, welcher ihn grüßte, indem er die Hand aufs Herz legte; aber Gamber-Ali erlaubte sich eine derartige Vertraulichkeit nicht; er ließ seine Hände oben von der Lende herab bis unter die Kniee an den Beinen hinuntergleiten, und nachdem er sich so verbeugt hatte, soweit das möglich war, ohne mit der Nase auf die Erde zu stoßen, richtete er sich wieder auf, barg seine Finger im Gürtel, und wartete bescheiden und mit gesenkten Augen, bis man ihm die Ehre erweisen würde, ihn anzureden. Der Ferrasch-Bachi strich sich mit beifälliger Miene den Bart und setzte Assadullah durch einen gnädigen Blick von seiner Zufriedenheit in Kenntnis. Dieser beeilte sich zu sagen: der junge Mann hat Verdienst, er ist voller Ehrbarkeit und Bescheidenheit; ich kann es auf Eurer Exzellenz Haupt beschwören. Ich weiß, daß er anständige Leute aufsucht und schlechte Gesellschaft meidet! Eure Exzellenz wird ihn gewiß mit Ihrer unerschöpflichen Güte überschütten. Er wird alles in der Welt tun, um Sie zufriedenzustellen, und wir haben das ausdrücklich verabredet. – Das ist vortrefflich, antwortete der Ferrasch-Bachi, aber bevor wir abschließen, habe ich eine Frage unter vier Augen an diesen würdigen jungen Mann zu richten. Er nahm Gamber-Ali auf die Seite und sagte zu ihm: Herr Assadullah benimmt sich gegen Euch wie ein Vater. Aber gesteht mir, wieviel habt Ihr ihm verehrt? – Mit gütigstem Verlaube, sagte Gamber-Ali treuherzig, ich würde mir nicht erlauben, irgendwem ein Geschenk zu verehren, solange meine schlechten Glücksumstände mich zwingen, zu warten und die Tage zu zählen, bis ich Eurer Exzellenz meine Ehrerbietung bezeigen kann. – Aber zum mindesten hast du ihm etwas versprochen? erwiderte der Ferrasch-Bachi lächelnd. Wieviel hast du ihm versprochen? – Bei Eurem Haupte, bei dem Eurer Kinder! rief Gamber-Ali, ich habe mich auf nichts eingelassen, indem ich mir vorbehielt, über diesen Punkt Eure Befehle einzuholen. – Du hast wohl getan. Handle immer so besonnen, und es wird dein Schade nicht sein. Diesen uneigennützigen Rat gebe ich dir. Was mich anbelangt, so tue dir keinen Zwang an. Ich bin über die Maßen glücklich, dir dienen zu können. Aber da du ein Anfänger in der Welt bist, so mußt du lernen, jedem nach seinem Range dasjenige zukommen zu lassen, ohne das die Sterne am Himmel selbst ihren Dienst nicht verrichten können und das ganze Weltall der Zerrüttung zur Beute fallen würde. Du weißt, daß ein Pischkedmet kein Ferrasch-Bachi ist; daher kannst du dem ersteren billigerweise nur gerade die Hälfte von dem geben, was du dem letzteren bestimmst, und um dir dies noch etwas näher anzugeben, händige Assadullah, sobald du kannst, fünf Tomans und vier Zuckerhüte ein, nicht mehr! Du siehst, baß mir daran gelegen ist, dein Profitchen wahrzunehmen! Damit gab der Ferrasch-Bachi Gamber-Ali einen leichten freundschaftlichen Klaps auf die Wange, und nachdem er ihm angezeigt hatte, daß er hinfüro zu den Leuten des Prinzen gehöre, zog er sich zurück und begab sich dahin, wohin die Pflicht ihn rief. Der neue Diener der Großen konnte nicht umhin, einige Sorge wegen seiner Lage zu hegen. Der Löwe Gottes hatte ihm nur ein Drittel von dem angegeben, was er zu zahlen haben würde; anstatt fünf Tomans und vier Zuckerhüte betrugen seine Verbindlichkeiten fünfzehn Tomans und zwölf Zuckerhüte. Das war nicht einerlei. Aber er schlug sich diese Lappalien aus dem Sinn, dankte seinem Beschützer aus vollstem Herzen, küßte den Saum seines Gewandes und begab sich daran, wie das hinfort sein gutes Recht war, sich in den Höfen des Palastes bald hier, bald dort herumzutreiben, indem er sich zu seinen Kameraden gesellte, deren er einige bereits kannte, weil er ihnen bei den soliden Leuten begegnet war, die er gemeiniglich besuchte, und mit den übrigen Gespräche anknüpfte. Er wurde alsobald geschätzt, und man bezeigte ihm erstaunliche Aufmerksamkeiten. Der Tee des Prinzen schien ihm gut, und er konnte sogar, ohne daß man sonderlich acht darauf hatte, eine gewisse Anzahl Stücke Zucker in seine Taschen gleiten lassen. Sodann spielte man alle Arten harmloser Spiele, und da Gamber-Ali darin kein Neuling war, so gewann er bei dieser kunstvoll betriebenen Tätigkeit ein Dutzend Sahabgrans und die allgemeine Achtung. Kurz, er erschien jedem als das, was er in Wirklichkeit war, ein an Leib und Seele höchst artiger Bursche. Als er abends nach Hause kam, beeilte sich seine Mutter, ihn auszufragen. – Ich bin ganz alle vor Müdigkeit, antwortete er nachlässig. Der Prinz hat absolut darauf bestanden, daß ich mit ihm zu Mittag essen sollte. Wir haben den ganzen Tag die Karten vorgehabt, und ich habe ihm vorsichtigerweise nur das bißchen Geld hier abgewinnen wollen. Ein anderes Mal, wenn ich erst ganz fest in seiner Gunst eingenistet bin, behandle ich ihn nicht so gut. Wir sind übereingekommen, daß ich, um die Eifersüchtlinge nicht zu beunruhigen, einige Zeit lang so tun solle, als gehörte ich zu seinen Ferraschs, dann werde ich Vezier. Inzwischen habe ich nichts zu tun, als mich den ganzen Tag zu amüsieren. Wir reisen binnen kurzem nach Teheran, und seine Hoheit hat die Absicht, mich dem Könige zu empfehlen. Bibl-Dschanem schloß ihren himmlischen Sohn in ihre Arme. Da sie ein wenig Aufregung an ihm bemerkte, versprach sie ihm zum nächsten Morgen eine tüchtige Schale Weidenblättertee – ein wunderbares Schutzmittel gegen das Fieber -, und da Mirza-Hassan-Khan zehn Sahabgrans als Ertrag zweier verkaufter Tintenfässer nach Hause gebracht hatte, so bereitete sie Blätterteigkuchen und ein Gericht Kuftehs, Fleischklößchen von Gehacktem, in Weinblättern gebacken, deren Vortrefflichkeit ihr stets einen unbestrittenen Ruhm eingebracht hatte. Man aß und trank, und die halbe Nacht verging inmitten einer vollkommenen Fröhlichkeit. Am Morgen ging Gamber-Ali, nachdem er sein Elixier eingenommen und von der Mutter die Ermahnung bekommen hatte, sich von niemand erwischen zu lassen, um seinen Dienst im Palaste wieder aufzunehmen. Es ist ein wunderbares Ding um die Wahrheit! Sie schleicht sich durch die Lüge hindurch allerwärts ein, ohne daß die Menschen wissen können, wie. Die demnächstige Abreise des Prinzen-Statthalters nach der Hauptstadt erwies sich, wiewohl der junge Ferrasch, der sie gemeldet, nur die durch das Feuer seiner Einbildungskraft ihm gelieferten Anzeichen dafür besaß, als vollkommen richtig, und Gamber-Ali war ganz erstaunt, als seine Kameraden ihm meldeten, daß es innerhalb acht Tagen fortginge, indem der Prinz abberufen sei, ja sogar einen Amtsnachfolger erhalten habe – ein neuer Beweis für die wohlbekannte Weisheit der Regierung. Man hält sich in diesen Landen nicht damit auf, mit den Mandataren der Regierungsgewalt allzu genau abzurechnen. Man ernennt sie und schickt sie aus; sie nehmen den Ertrag der Steuern ein; sie behalten den größten Teil davon für sich, unter dem Vorwande, daß die Ernten schlecht gewesen sind, daß der Handel nicht geht, daß die öffentlichen Arbeiten die Mittel aufzehren. Man geht nicht auf unnütze Zänkereien mit ihnen aus und läßt gelten, was sie sagen. Dann, nach Verlauf von vier oder fünf Jahren, setzt man sie ab, läßt sie kommen und fragt sie, was sie vorziehen, Rechnung abzulegen oder eine bestimmte Summe Geldes zu bezahlen. Sie wählen stets den zweiten Modus dieses Vorschlags, weil es ihnen schwer fallen würde, vorschriftsmäßige Akten vorzulegen. So nimmt man ihnen denn die Hälfte oder zwei Drittel von dem, was sie gesammelt haben, wieder ab, und mit dem, was ihnen bleibt, machen sie dem Könige, den Ministern, den Damen des Harems, den einflußreichen Leuten Geschenke, und man überträgt ihnen dann um billigen Preis eine andere Statthalterei, welche sie verwalten, ohne das System zu ändern, um wieder am selben Ende anzukommen. Es ist dies eine Methode, deren Vorzüge nicht erst hervorgehoben zu werden brauchen; ihr Vorteil springt in die Augen. Die Bevölkerung ist hoch erfreut, wenn sie sieht, wie ihre Statthalter wieder herausgeben müssen; die Statthalter bringen ihr Leben damit zu, sich zu bereichern, und sterben schließlich arm, ohne sich doch je gedacht zu haben, daß dies ihr unvermeidliches Ende sein müsse. Die oberste Gewalt aber erspart sich die Sorgen der Überwachung und eine taktlose Hänselei ihrer Beamten. Nachdem Seine Hoheit der Prinz die Provinz, deren Hauptstadt Schiras ist, eine genügende Zeit lang ausgebeutet hatte, bat man ihn, zu kommen und den Säulen des Reiches, d. h. den Staatsoberhäuptern, zu erzählen, wie es gegangen; alles verlief so nach der Regel; aber, wie gewöhnlich, und well nichts auf dieser Welt vollkommen ist, war es ein harter Augenblick, welchen der in Ungnade Gefallene durchzumachen hatte. Er wußte nicht genau, in welchem Maße man ihn ranzionieren würde. Frühmorgens, sogar noch vor Tagesanbruch, hatte sein Haushofmeister die Flucht ergriffen, wobei er einige kleine Andenken von Wert mitnahm. Der Ferrasch-Bachi war in trüber Stimmung. Er traute seiner Lage nicht, welche schwerlich fernerhin so gewinnbringend bleiben konnte wie bisher. Die Pischkedmets tauschten ganz leise allerlei Betrachtungen aus; die Stalldienerschaft, die Ferraschs, die Soldaten, die Kavedschys, welche nichts zu verlieren hatten, waren außer sich vor Freude, daß es woanders hin gehen sollte. Jeden Augenblick verschwand dieser oder jener Gegenstand und würde sich nach einem Monat in irgendeinem Laden der Bazars wiedergefunden haben. Was das Volk von Schiras anlangt, so überließ es sich, als es die Neuigkeit erfuhr, einem Jubel, der dem Wahnsinn glich. Überall erhob man die Gerechtigkeit, den Edelmut und die Güte des Königs in den Himmel; man verglich ihn mit Nuschirwan, einem alten Monarchen, welchem man Tugenden zuschreibt, die man zu seiner Zeit ohne Zweifel irgendeinem andern zuschrieb, und es war ein wahrer Ausbruch von Liedern, eines immer noch boshafter und keckverleumderischer als das andere im Gesamtbereiche der Bazare der Stadt. Nichts gleicht der Undankbarkeit des Volkes. Der Ferrasch-Bachi nahm Gamber-Ali auf die Seite: mein Sohn, sagte er zu ihm, du siehst, daß ich sehr beschäftigt bin; ich muß die Zelte für die Reise gut instand setzen, Sorge tragen, daß die Maultiere beschlagen werden und kurz, daß es an nichts fehle. So habe ich denn keine Zeit, an meine eigenen Interessen zu denken. Hier hast du eine Anweisung auf acht Tomans, die mir einer der Schreiber des Arsenals, Mirza-Gaffar, unterschrieben hat, er wohnt auf dem grünen Platze links, neben der Pfütze. Suche meinen Schuldner auf; sage ihm, daß ich nicht länger warten kann, weil ich nicht weiß, wann ich wiederkomme, und daß ich nächste Woche abreise. Erledige diese kleine Angelegenheit zu meiner Zufriedenheit, und du sollst keinen Grund haben, es zu bedauern. Damit blinzelte er auf eine äußerst bedeutungsvolle Weise mit den Augen. Gamber-Ali versprach ihm voller Freude, es glücklich auszuführen, und machte sich rasch dahin auf den Weg, wohin sein Vorgesetzter ihn sandte. Er hatte keine Mühe, das Haus Mirza-Gaffars zu entdecken, und, nachdem er sich genähert, klopfte er heftig an die Tür. Er hatte seine Mütze schief aufgesetzt und sich mit seiner entschlossensten Miene bewaffnet. Nach Verlauf einer Minute wurde ihm geöffnet; er befand sich einem kleinen Alten gegenüber, welcher auf einer Hakennase eine ungeheure Brille trug. – Heil sei Euch! sagte Gamber-Ali barsch. – Und Euch desgleichen, mein liebenswürdiges Kind! erwiderte der Alte mit honigsüßer Stimme. – Habe ich den hochedlen Herrn Mirza-Gaffar vor mir? – Euren Diener. – Ich komme im Auftrage des Ferrasch-Bachi, und ich habe da eine Anweisung auf acht Tomans, welche Eure Exzellenz mir alsbald auszahlen wird. – Gewiß. Aber wollt Ihr mich nicht am Anblick Eurer Schönheit werden lassen? Die Engel des Himmels sind nichts im Vergleich mit Euch. Beehrt mein Haus, indem Ihr eine Tasse Tee darin nehmt. Es ist warm, und Ihr habt Euch allzu sehr bemüht, indem Ihr die Gewogenheit hattet, Euer Edlen hierher zu verfügen. – Allzu gütig! antwortete Gamber-Ali, der noch hochnäsiger wurde, da er die große Höflichkeit des kleinen Alten bemerkte. Indessen willigte er darein, näher zu treten, und setzte sich im Saale. Im Handumdrehen brachte Mirza-Gaffar eine Kohlenpfanne herbei, machte Feuer darin an, setzte einen kupfernen Teekessel auf die Kohlen, stellte Zucker in Bereitschaft, holte die Teebüchse, zündete den Kalian an, bot ihn seinem Gaste dar und leitete, nachdem er sich erkundigt, wie es mit seiner hochwerten Gesundheit stände und dem Himmel gedankt, daß nach dieser Seite alles gut ginge, die Unterhaltung folgendermaßen ein: Ihr seid ein so ganz ausgezeichneter, mit des Himmels Gaben gezierter junger Mann, daß ich nicht zaudere, Euch die volle Wahrheit zu sagen, und mögen Fluch und Verdammnis über mich hereinbrechen, wenn ich mich nach rechts oder links um eine Linie von der vollkommensten Wahrheit entferne. Ich will Euch im Augenblicke bezahlen, nur weiß ich nicht, wie es anfangen, weil ich keinen Heller habe. – Bleibt mir immer gewogen! erwiderte Gamber-Ali kalt, indem er ihm den Kalian reichte; aber ich bin von meinem verehrungswürdigen Gebieter nicht ermächtigt, dergleichen Reden anzuhören, ich muß Geld haben. Wenn Ihr mir das nicht gebt, so wißt Ihr, was eintritt: ins Feuer mit Eurem Großvater und selbst dem Großvater Eures Großvaters! Diese Drohung schien starken Eindruck auf den alten Schreiber zu machen, der zwar wahrscheinlich sich um eine solche Verheerung unter seinen Ahnen nicht sorgte. Er rief jetzt mit kläglicher Stimme: es gibt keinen Islam mehr! es gibt keine Religion mehr! Wo finde ich einen Beschützer, da dieses Hurisantlitz, dieser Vollmond aller Güte, mich ohne Huld ansieht? Wenn ich Euch gehorsamst zwei Sahabgrans anböte, würdet Ihr zu meinen Gunsten sprechen? – Ihr seid ganz außerordentlich gütig! erwiderte Gamber- Ali. Wo hat man je einen Ferrasch des Prinzen sich durch Annahme einer derartigen Summe entehren sehen? – Ich würde alle Schätze der Erde und des Meeres zu Euren Füßen niederlegen, wenn ich sie besäße, und wollte nichts davon für mich behalten; aber ich besitze sie nicht! Bei Eurem Haupte, bei Euren Augen, nehmt aus Erbarmen mit einem unglücklichen Greise die fünf Sahabgrans an, welche ich Euch herzlich gern biete, und habt die Güte, Seiner Exzellenz dem hochedlen Ferrasch-Bachi zu sagen, daß Ihr selbst mein tiefes Elend gesehen habet. – Ich will Euch eine bescheidene Bitte vorlegen, unterbrach ihn der Ferrasch. Ich bin sehr zufrieden, wenn ich Euch helfen und die erbetene Wohltat erwirken kann; aber Eure Exzellenz muß auch vernünftig sein. Ich will, um Euch Freude zu machen, das Geschenk eines Tomans, womit Ihr mich beehrt, annehmen; es war überflüssig, aber es würde mich unaussprechlich beschämen, wenn ich Euch vor den Kopf stieße. Also einen Toman, und – reden wir nicht mehr davon. Ihr händigt mir zwei Tomans für meinen Herrn ein und laßt es dann meine Sorge sein, die Sache in Ordnung zu bringen. Nur empfiehlt es sich, da unser Mann ein wenig reizbar und heftig ist, daß Eure Exzellenz binnen acht Tagen nicht in dero edlem Hause zum Vorschein kommt. Es könnte sonst Unannehmlichkeiten geben. Man stritt sich eine Stunde lang, trank mehrere Tassen Tee, nahm sich kräftig in den Arm, dann aber, als Gamber- Ali unerschütterlich blieb, biß der Arsenalschreiber in den sauren Apfel, gab ihm einen Toman für sich und zwei Tomans für seinen Vorgesetzten, und man trennte sich mit der gegenseitigen Versicherung vollkommenster Zuneigung. – Heil sei Euch! sagte Gamber-Ali zum Haupte der Ferraschs. – Schon gut! Was hast du erhalten? – Exzellenz, ich habe diesen elenden Kerl auf der Straße angetroffen, er wollte entfliehen; ich habe ihn beim Kragen gefaßt, ihm seine Missetat vorgeworfen und trotz der Vorübergehenden, die sich zwischen uns ins Mittel legen wollten, seine Taschen umgekehrt, hier bringe ich Euch den Toman, den ich darin gefunden habe, es war nichts welter da! – Du lügst! – Bei Eurem Haupte! bei meinem Haupte! bei meinen Augen! bei denen meiner Mutter, meines Vaters und meines Großvaters! Beim Buche Gottes, bei dem Propheten und allen seinen Vorläufern (Heil und Segen über sie!), ich sage Euch nichts als die reine Wahrheit! Der Ferrasch-Bachi schoß davon wie ein Pfeil und eilte, kochend vor Zorn, zum Hause des Schreibers, klopfte an – keine Antwort. Er erkundigte sich bei einem Seiler, welcher nicht weit davon wohnte. Der Seiler versicherte ihm, daß Mirza-Gaffar seit zwei Tagen verreist sei, und stützte seine Aussage durch eine Flut von Eidgeschwüren. Es war unbestreitbar, daß der Ferrasch-Bachi angeführt war. Er kehrte sehr betrübt in den Palast zurück. Gamber-Ali hatte offenbar keine Schuld. – Mein Sohn, sagte ihm sein Oberer, du hast dein Möglichstes getan, aber das Schicksal war gegen uns! Nach diesem Handel nahm Gamber-Alis Ansehen noch zu, und er wurde als die Perle des prinzlichen Hauses angesehen. Man gab ihm alle möglichen Aufträge; er fand seinen Vorteil dabei, und wenn es ihm auch gemeiniglich nicht so ganz nach dem Wunsche derer, welche ihn anstellten, glücken wollte, so war doch seine Ehrlichkeit so groß und sein Gesichtsausdruck so echt, daß man ihm nicht die Schuld für die Widerwärtigkeit der Umstände zuschreiben konnte. Mittlerweile waren die Vorbereitungen zur Abreise beendet, der Prinz gab den Befehl, sich auf den Weg zu machen. An der Spitze des Zuges bewegten sich Reisige, mit langen Lanzen bewaffnet, Soldaten, Stallknechte, welche Handpferde führten, sodann folgte Gepäck, die Bereiter des Prinzen, die vornehmsten Beamten seines Hauses, endlich der Prinz selbst, auf einem prächtigen Rosse, und alle Behörden der Stadt mit ihrem Gefolge, welche ihm anderthalb Meilen weit von Schiras das Geleit geben sollten, dann abermals Gepäck und andere Soldaten und andere Ferraschs und Maultiertreiber die Menge. Auf einer Parallelstraße folgte der Harem, die Frauen in Takht-e-Rewans oder Sänften eingeschlossen, welche vorn und hinten von einem Maultiere getragen wurden – nebenbei bemerkt, eine wundervolle Erfindung, um von der Seekrankheit, wie sie im Buche steht, sich einen genauen Begriff zu verschaffen –; die Dienerinnen waren in Kedschavehs, einer Art von Körben, die links und rechts an irgendeinem Reittiere angebracht waren. Man hörte aus sehr weiter Ferne die Unterhaltung, das Geschrei, das Gestöhn dieser erlauchten Persönlichkeiten und die Schimpfreden, mit denen sie die armen Maultiertreiber überschütteten. Dieser Triumphauszug hatte wohl oder übel auch seine weniger glänzenden Seiten. Das schöne Geschlecht der Stadt war in Menge herbeigeeilt, die Derwische begleiteten es; auch waren da eine Menge von Gamber-Alis alten Bekannten, deren zerrissene Kleider, Gamas, lange Schnurrbärte und Raufboldengesichter nicht viel Erbauliches versprachen. Sobald der Zug erschien, gab es ein Schreikonzert, und geheult wurde um so vollkommener, als Bibi-Dschanem sich mit einem Trupp ihrer Freundinnen, welche seit langem auf aller Art Angriffe geeicht und den größten Helden furchtbar waren, im Vordertreffen hielt. Die edelsten Bezeichnungen wurden von diesen Veteraninnen mit Leichtigkeit gefunden: Hund, Hundesohn, Hundeurenkel, Bandit, Dieb, Mörder, Räuber und viele andere Betitelungen, die unsere Sprache sich nicht gefallen lassen würde, und diese letzteren ganz besonders kamen brühwarm aus dem Munde dieser Kriegerinnen hervor. Mitten zwischen diesen Stoßgebeten sang ein Reservetrupp von Gassenjungen, hinter ihren Müttern gedeckt, mit volltönender Stimme Bruchstücke wie dieses hier: »Der Prinz von Schiras, Der Prinz von Schiras, Der ist ein Tropf, Der ist ein Tropf; Seine Mutter, die ist 'ne Metze, Und dito sein Schwesterlein!« Während einiger Minuten schien Seine Hoheit, ohne Zweifel lebhaft angezogen von der Unterhaltung der Herren in seiner Umgebung, nicht zu sehen; was vorging, noch zu hören, was vor seinen Ohren gesagt, oder vielmehr geschrieen wurde. Mit der Zeit indessen verlor er die Geduld und gab dem Ferrasch- Bachi ein Zeichen. Dieser erteilte seinen Leuten den Befehl, den Auflauf mit Peitschenhieben zu zerstreuen. Ein jeder gab sich bereitwilligst daran, und Gamber-Ali, gleich den anderen zuschlagend, vernahm eine wohlbekannte Stimme, welche ihm ins Ohr schrie: verschone deine Mutter, mein Schatz! Und laß uns, deinen Vater und mich, so schnell du kannst, nach Teheran kommen, um deine Herrlichkeit zu teilen! – So Gott will, soll das bald sein! rief Gamber-Ali mit Begeisterung. Darauf fiel er mit aller Gewalt über eine andere alte Unruhstifterin her, packte einen Derwisch beim Barte und schüttelte ihn tüchtig. Diese tapfere Tat brachte die Menge zum Weichen. Die Ferraschs betrachteten mehr denn je ihren Kameraden wie einen Löwen, und da sie den Aufruhr sich legen sahen, so begaben sie sich wieder zu ihrer Nachhut, wobei sie lachten wie toll. Die Reise ging ohne Unfall vor sich. Nach zwei Monaten Weges kam man in Teheran, dem »Wohnsitze der höchsten Gewalt« nach dem amtlichen Ausdrucke, an, und die Unterhandlungen zwischen dem Prinzen und den Säulen des Reiches begannen. Von hüben und von drüben wurden viele Listen aufgeboten, es setzte Drohungen und Versprechungen ohne Zahl, man suchte nach Mittelwegen. Bald ging es vorwärts, bald wieder rückwärts mit der Streitfrage. Der Großvezier war für Strenge; die Mutter des Königs neigte zur Milde, nachdem sie einen schönen, gut gefaßten, von Brillanten entsprechenden Wertes umgebenen Türkis bekommen hatte. Die Schwester des Königs zeigte sich übelwollend; aber der oberste der Kammerdiener war ein ergebener Freund; freilich widersprach diesem der geheime Rendant des Palastes, immerhin! aber was den ständigen Pfeifenträger anging, so konnte man nicht an seinem Wunsche zweifeln, alles sich zum Besten kehren zu sehen. Gamber-Ali kümmerte sich wenig um die Interessen der Großen. Seine Angelegenheiten fingen an, eine ziemlich schlechte Wendung zu nehmen, und häufig kamen ihm Besorgnisse über sein Los. Er war selbst mit schuld daran. Da er sich ein wenig verwöhnt sah, so hatte er bei sich selbst beschlossen, weder dem Ferrasch-Bachi noch dem Pischkedmet Assadullah irgend etwas zu geben. Obwohl er, wie allgemein bekannt war, schon häufig Gelegenheit zu Nebenverdiensten gehabt, hatte er doch immer, gegen den augenscheinlichen Tatbestand, behauptet, daß er gänzlich von Mitteln entblößt sei, was ihn nicht hinderte, einen Teil des Tages dem Spiel obzuliegen und ziemlich großtuerisch Gold vorzuzeigen. Seine beiden Beschützer hatten schließlich die Augen aufgetan. Es waren ernste Leute; sie sagten kein Wort. Indessen bemerkte Gamber-Ali bald, daß er nicht mehr mit der gleichen Auszeichnung, und vor allem nicht mehr mit der gleichen Leutseligkeit behandelt wurde. Die einträglichen Besorgungen wurden ihm nicht mehr übertragen; sie fielen an andere; die Fron- und Zwangsarbeiten, Pfähle einrammen, Zelte ausbessern, Teppiche schütteln, beschäftigten ihn einen guten Teil des Tages. Wenn er sich, wie ehedem, erlaubte, in der Gegend der Küchen herumzustreichen, so schickte ihn der Küchenmeister, ein großer Freund Assadullah Begs, mit unfreundlichen Worten nach Hause, kurz, alles hatte sich geändert, und der arme Junge merkte, daß die Widersacher, die er sich durch seine Finessen und Kunststücke geschaffen hatte, nur auf eine Gelegenheit warteten, um das ganze Gewicht ihrer Rache auf ihn herabfallen zu lassen. Es war, was die Pariser Zeitungen eine gespannte Situation nennen. Eines Morgens, als die Ferraschs sich vor dem Tore die Zeit vertrieben, rang Gamber-All, immer guter Laune, trotz seiner Sorgen, immer flink und munter, mit zweien oder dreien seiner Kameraden, und, abwechselnd sie verfolgend und von ihnen verfolgt, fand er sich gegen die Bude eines Fleischers gedrängt. Einer der Mitspielenden, namens Kerim, ein schwacher, brustkranker Bursche, nahm zum Spaß eines der auf der Fleischbank liegenden Messer und bedrohte damit lachend Gamber-Ali; dieser riß ihm ohne Arg das Gerät aus der Hand, aber wie er sich so mit ihm herumschlug, traf er ihn durch ein fast unerklärliches Verhängnis in die Seite. Kerim sank blutüberströmt zu Boden. Einige Minuten später verschied er. Der unschuldige Mörder verlor in seiner Verzweiflung völlig den Kopf; die übrigen Ferraschs, welche Zeugen der Tat und von dem Unfreiwilligen derselben überzeugt waren, beeilten sich, ihn vor den Gefahren des ersten Augenblickes zu schützen. Sie drängten ihn in den Stall, und in höchster Hast sank Gamber-Ali gegen das rechte Bein des Lieblingsrosses Seiner Hoheit, fest entschlossen, diesen unverletzlichen Zufluchtsort während des Restes seiner Tage nicht mehr zu verlassen. Nach Verlauf von zwei Stunden indessen war er ein wenig beruhigt. Der Küchengehilfe hatte ihm unter dem Siegel des tiefsten Geheimnisses anvertraut, daß der Bruder des Verstorbenen mit zwei Vettern in den Palast gekommen wäre. Sie hatten mit dem Ferrasch-Bachi gesprochen, und dieser hatte sie vor aller Welt gefragt, wie sie ihre Rechte geltend zu machen gedächten. Sie hatten geantwortet, man solle ihnen den Mörder geben, damit sie nach ihrer Weise mit ihm verführen, oder aber fünfzig Tomans. – Fünfzig Tomans! hatte der Ferrasch-Bachi mit verächtlichem Tone geantwortet, fünfzig Tomans für den schlechtesten meiner Leute, der vor Ablauf eines Monats von selbst gestorben sein würde! Bleibt mir gewogen. Ihr treibt euer Gespötte mit den Leuten! Wenn ihr zehn Tomans wollt, so will ich sie selbst geben, damit meinem Gamber-Ali keine Plackereien erwachsen. Solches erzählte Kassem, der Küchenjunge, und Gamber-Ali freute sich aus vollstem Herzen über die günstige Wendung, welche seine Angelegenheit nahm. Er wunderte sich über die Verblendung seines Vorgesetzten in betreff seiner. Aber er kannte sich als so liebenswürdig, daß er im Grunde doch alles begriff. Er plauderte lange mit seinem Freunde; dann, gegen Mitternacht, legte er sich auf der Streu neben dem geweihten Rosse zur Ruhe und schlief fest ein. Mit einem Male rüttelte ihn eine kräftige Hand bei der Schulter: er schlug die Augen auf; vor ihm stand der Mirakhor, der Krippenmeister, eine gefürchtete Persönlichkeit, die in jedem großen Hause den Bereich der Pferde und der Stallungen unter sich hat, und der sogar die Dschelodars oder Bereiter gehorchen. – Bursche, sagte er zu Gamber-Ali, du wirst dich aus dem Staube machen und Fersengeld geben, es sei denn, du habest fünfzig Tomans, um sie deinem Herrn, dem Ferrasch-Bachi, ebensoviel, um sie dem Pischkedmet Assadullah, und genau ebensoviel deinem Knechte zu geben. Wenn du nicht willst oder nicht kannst – ab mit dir! – Aber sie werden mich töten! schrie der arme Teufel. – Was verschlägt mir das? Zahle oder ziehe ab! Indem er so sprach, hob der Mirakhor, der eine Art Riese war, ein Mafi-Kurde, ein wahrer Teufelssohn, wie sich dessen seine Landsleute rühmen, Gamber-Ali beim Halse in die Höhe, mit derselben Leichtigkeit, wie er's einem Hühnchen getan haben würde, schleppte ihn trotz seines Geschreies und seiner Kraftanstrengungen bis zur Stalltüre, und dort blickte er ihm mit Tigeraugen ins Gesicht und rief ihm zu: zahle oder packe dich! – Ich habe nichts mehr! heulte Gamber-Ali, und durch einen Zufall, der sich nicht oft wiederholt hat, sprach er wahr. Seine letzten Groschen waren am Morgen im Spiele draufgegangen. – Wohlan, erwiderte sein furchtbarer Bezwinger, dann laß dich von Kerims Verwandten abstechen wie einen Hammel! Er schüttelte sein Opfer kräftig und warf es auf den Hof; dann kehrte er in den Stall zurück und schloß die Tür. Gamber- Ali, im höchsten Entsetzen, wähnte sich zuerst inmitten seiner Feinde; der Mond schien glänzend; der Himmel war von herrlicher Klarheit, die Terrassen der Stadt fingen seinen Schimmer auf, die Bäume wiegten sich wonnig, die Sterne schwebten gleich Lampen in einer Atmosphäre, deren Unendlichkeit über sie hinaus sich verlor. Aber Gamber-All war keineswegs in der Stimmung, an den Schönheiten der Natur sich zu begeistern. Er gewahrte nur, daß tiefes Schweigen herrschte; die Stallknechte schliefen hier und dort in ihren Decken; das Übermaß des Schreckens brachte dem Sohne Bibi-Dschanems eine plötzliche Eingebung und eine Art Mut. Ohne länger zu überlegen, lief er zum Eingang des Hofes und sprang hinüber, er durchlief eilends die Straßen, wandte sich links und befand sich vor der Stadtmauer. Es fiel ihm nicht schwer, eine Öffnung darin zu entdecken; er ließ sich in den Graben hinab, kletterte die Außenböschung wieder hinauf und nahm dann im Galopp seinen Weg durch die Wüste. Die Schakale heulten, aber er kümmerte sich nicht darum. Eine oder zwei Hyänen zeigten ihm ihre durch das Dunkel leuchtenden Augen und suchten vor ihm das Weite. Die Leute von starker Einbildungskraft haben immer nur eine einzige Empfindung auf einmal. Gamber-Ali hatte zu große Angst vor Kerims Verwandten, um etwas anderes zu fürchten. So lief er denn, ohne anzuhalten, ohne Atem zu schöpfen, drei Stunden lang, und der Tag kam heran, als er in den Flecken Schah-Abdulazim eintrat. Er hielt sich nicht damit auf, dessen Häuser zu betrachten; vielmehr beschleunigte er abermals seine Flucht und langte in dem Augenblicke vor der Moschee an, wo der Tag anbrach; er öffnete ungestüm die Tür, stürzte sich auf das Grabmal des Heiligen, und als er sich gerettet fühlte, wurde er ruhig ohnmächtig. Abdulazim war zu seiner Zeit eine sehr gottselige Persönlichkeit, ein Agnat oder Cognat Ihrer Hoheiten Hassan und Hussein, der Söhne Seiner Hoheit des Vetters des Propheten, Heil und Segen über ihn! Die Verdienste Abdulazims sind unermeßlich; aber in diesem Augenblicke schätzte Gamber-Ali von diesen nur ein einziges, nämlich, baß die Moschee mit der vergoldeten Kuppel, welche über dem Grabe des Heiligen gebaut ist, von allen Asylen das unverletzlichste ist; so daß Gamber- Ali, einmal dort angekommen, sich ebenso sicher sah, als er es vor achtzehn Jahren in Bibi-Dschanems teurem Mutterschoße gewesen war. Als er sich im Zustande der Ohnmacht genugsam erholt hatte, kam er wieder zu sich und setzte sich am Fuße des Grabmals. Er war nicht allein; ein Mensch mit schmutzigem, fahlem Gesicht weilte neben ihm. – Beruhigt Euch, mein Junge, sprach der Biedermann zu ihm. Wer auch Eure Verfolger sein mögen, Ihr seid hier in vollkommener Sicherheit, ebenso sicher wie ich selbst. – Mit gütigstem Verlaub, erwiderte Gamber-Ali. Dürfte ich Euch um Euren edlen Namen fragen? – Ich heiße Mussa-Riza, versetzte der Fremde mit dreister Miene; ich bin Europäer, sogar Franzose, und unter meinen Landsleuten nennen sie mich Brichard. Aber ich habe durch Gottes Gnade den Islam angenommen, um mit einigen kleinen Händeln, die gegen mich schwebten, ins reine zu kommen, und der Gesandte meines Volkes hat die Niederträchtigkeit, daß er mich aus Persien ausweisen lassen will. So bleibe ich denn hier, um nicht in seine Hände zu fallen, und tue Wunder, um die Herrlichkeit unserer erhabenen Religion zu beweisen. – Segen über Euch! sagte Gamber-Ali andächtig; aber er bekam etwas wie Angst vor diesem zerlumpten Europäer und beschloß bei sich, ihn sorgfältig zu überwachen. Der Besuch des Aufsehers in der Moschee, welcher am Vormittage stattfand, war ihm angenehmer; man gab ihm zu essen, versprach ihm auf Grund der dem Orte gewordenen Schenkungen für täglich eine gute Kost und verbürgte ihm, daß niemand sich einfallen lassen würbe, in dem ehrwürdigen Heiligtume, in das er zu flüchten das Glück gehabt habe, ihn zu belästigen. Man wollte ihn sogar überreden, sich nicht auf das Innere der Moschee zu beschränken; er konnte ohne Scheu sich nach Belieben in den Höfen herumtreiben, wäre es auch dem Polizeioberhaupte zum Trotze; aber er wollte hiervon nichts wissen. Vergeblich suchten ihn die Flüchtlinge, die in ziemlicher Anzahl dieses weitere Gebiet des geweihten Territoriums bewohnten und in allen Ecken haushielten, zu einer liebenswürdigen und lustigen Unterhaltung zu verlocken, und boten ihm tausend Gelegenheiten, um ein wenig Verkehr zu pflegen; er hatte zu große Angst, er wollte sich niemals von dem heiligen Grabmal entfernen. Den andern war es ein Leichtes, sich einem mäßigen Schutze anzuvertrauen! Was hatten sie denn schließlich getan? Irgendeinen Kaufmann bestohlen? Ihren Herrn geprellt? Einen Subalternbeamten erzürnt? Es war klar, daß man um solch kleiner Vergehen willen nicht die Privilegien der Moschee verletzen und sich die Empörung der Geistlichkeit und des gemeinen Volkes zuziehen würde! aber er! das war allerdings ein anderer Fall! Er hatte das Unglück gehabt, über den Schwachkopf von Kerim herzufallen, der dummerweise gestorben war. Blutschuld lastete auf ihm, mehr noch, die Feindschaft des Schurken von Ferrasch-Bachi verfolgte ihn. Das Grabmal, die Asche des heiligen Imam genügten kaum, um ihn zu schützen; der Imam hätte noch dazu auferstehen und selbst herbeikommen müssen. So beharrte er denn fest dabei, Mussa-Riza Gesellschaft zu leisten. Die beiden Helden lebten in beständigem Alarmzustande. Jedes neue Gesicht, das in der Moschee auftauchte, bedeutete ihnen ein Spion; Gamber-Ali glaubte in jedem einen geheimen Abgesandten aus dem Hause des Prinzen zu erkennen und sein Gefährte einen der Leute seines Gesandten. Zwei jammervolle Existenzen! Die Unglücklichen magerten zusehends ab, als eines Morgens eine große Bewegung entstand und sie sich verloren glaubten; die Wächter teilten ihnen mit, daß der König seine Absicht kundgetan habe, am selben Tage zu Schah-Abdulazim seine Andacht zu verrichten. Demzufolge putzte man denn ein wenig, stäubte oberflächlich ab und breitete Teppiche aus. Die Bevölkerung des Fleckens war auf den Beinen. Mussa-Riza teilte seinem Kameraden einen überaus zutreffenden Gedanken mit, den nämlich, daß sie auf der Hut sein möchten, um nicht mittels des Auflaufes, der sicherlich den Eintritt, den Aufenthalt und den Auszug Seiner allerhöchsten Majestät des Königs der Könige begleiten würde, von ihren Verfolgern entführt zu werden. Der Sohn Bibi-Dschanems fand diese Bemerkung verständig, und von dem Augenblicke an, wo sie sich seines Geistes bemächtigte, lehnte er sich heftig gegen die Steine des Grabmals und wandte die Schultern nur davon ab, um die Brust dafür nahe zu bringen. Indessen wurde der Lärm draußen entsetzlich. Das Gedröhn der Böller auf Kamelsrücken hallte von allen Seiten wieder. Man hörte die Hoboen und Handtrommeln, welche die Musik dieser Artillerie, Zamburek genannt, bildeten, in der Ferne auftauchen, dann zunehmen, dann hell losbrechen; eine Menge königlicher Ferraschs und Läufer in roten Uniformen und großen, hohen, mit Flitterkram verzierten Hüten stürzte sich in die Moschee. Nach ihnen traten weniger eiligen Schrittes ein die Ghulams oder adeligen Junker, die Flinte über der Schulter, und die höheren Diener und die Adjutanten und die Herren Geheimen, die Mogerrebs-ul-Hezret, diejenigen, welche der allerhöchsten Gegenwart, und die Mogerrebs-ul-Khaghan, diejenigen, welche dem Landesherrn selbst sich nahen, und endlich erschien der Landesherr selbst, Nasr-Eddin-Schah, der Kadschare, Sultanssohn, Sultansenkel, und näherte sich dem Reliquienkästchen. Man breitete einen Betteppich unter seinen erhabenen Füßen aus, und der Herr des Staates begann eine gewisse Anzahl Rikaats, Verneigungen und Kniebeugungen begleitet von Stoßgebeten auszuführen, so wie seine Frömmigkeit, der Stand seiner Privatangelegenheiten und die Stimmung des Augenblicks sie ihm eingaben. Aber, inmitten des Lärms, der nicht nachließ, und so sehr auch der Fürst in seine Andachtsübungen versenkt war, konnte es doch nicht fehlen, daß er die beiden leichenblassen Gesichter bemerkte, welche sich unter dem Schütze des Heiligen, zu dessen Vermittlung er selbst seine Zuflucht nahm, verschanzt hatten. Den ersten, Mussa-Riza, kannte er und kümmerte sich nicht um seine Angelegenheit; der zweite war ihm gänzlich neu; sein hübsches Gesicht, seine Blässe, seine augenscheinliche Not, seine Jugend zogen ihn an, und als er seine Gebete nach Wunsch beendigt hatte, frug er den Hüter der Moschee, wer dieser Mensch wäre und aus welchem Grunde er sich so am Grabmale des Imams hielte. Der Hüter der Moschee, von Natur sehr teilnehmend, setzte dem Könige Gamber-Alis Abenteuer in einer Weise auseinander, die höchst geeignet war, sein Mitleid zu erregen. Es gelang ihm dies denn auch ohne Mühe, und die allerhöchste Gegenwart sprach zu dem armen Teufel: auf, im Namen Gottes! Erhebe dich und zieh von dannen! Es soll dir nichts zuleide geschehen! Das war ohne Zweifel genügend, und Gamber-Ali hätte begreifen sollen, daß er unter den Fittichen des landesherrlichen Schutzes, die sich so wunderbar über ihm ausgebreitet hatten, hinfort keine Furcht mehr zu behalten brauche. Aber er sah das Licht nicht, wo es war. Sein Geist war derart gestört, daß er die ungereimtesten Dinge annahm. Er bildete sich ein, der König spräche nur so zu ihm, um ihn zum Verlassen des Asyls zu bringen, und die Ghulams hätten den Befehl, ihn an der Pforte der Moschee umzubringen. Warum, wie konnte er sich einreden, daß er selbst, sein Gebieter, sich dazu verstehen würde, der Mitschuldige von Kerims Verwandten zu werden? Es war eine von jenen Narreteien, welche in einem kranken Hirne entstehen. Anstatt sich seinem Retter zu Füßen zu werfen, ihm zu danken, ihn mit Segenswünschen zu überschütten, was ihm obendrein noch ein reichliches Almosen eingebracht haben würde, fing er an, entsetzliche Schreie auszustoßen, den Propheten und alle Heiligen anzurufen und zu erklären, man könne ihn morden, wo man wolle, und sogar auf der Stelle, aber entfernen werde er sich nicht. Der König hatte die Güte, mit ihm vernünftig zu überlegen. Er suchte ihn zu beruhigen, wiederholte ihm mehrere Male, daß er in Wahrheit von niemand irgend etwas zu fürchten habe, und daß hinfort sein Leben gesichert sei; es gelang ihm nicht, ihn zu überzeugen, und da natürlich verlor die allerhöchste Gegenwart die Geduld, warf Gamber-Ali einen furchtbaren Blick zu und sagte barsch zu ihm: stirb denn, Hundesohn, wenn du es so willst! Damit ging die allerhöchste Gegenwart von dannen, und sein Gefolge verließ die Kirche. Alsobald, ohne Zeit zu verlieren, nahm Gamber-Ali, überzeugt, daß sein letztes Stündlein herannahe und seiner äußersten Hilfsmittel sich bedienend, das Stück Zeug, das er als Gürtel trug, ab, zerriß es in mehrere Streifen, machte einen Strick daraus, befestigte ein Ende dieses Strickes um seinen Leib und das andere um das Grabmal, um den Widerstand verlängern zu können, wenn die Scharfrichter kämen. Er fürchtete auch, denn was fürchtete er nicht? man möchte, um ihn leichter und ohne Ärgernis fortzuschaffen, ein Betäubungsmittel in die Nahrung mischen, welche die Hüter der Moschee ihm reichten. Er entschloß sich, überhaupt nicht mehr zu essen. An jenem Tage wies er denn also die Speisen zurück. Die liebreichsten Bitten seitens der Priester, die Aufmunterungen der Frommen, der regelmäßigen Besucher der Moschee, welche sich der Reihe nach seine Geschichte erzählen ließen, nichts vermochte ihn wankend zu machen. Er blieb fest. Die Nacht schlief er nicht; er achtete auf alles. Jedes Geräusch, das Zittern des Laubwerkes der Bäume, durch welche der Wind fuhr, das Geringste brachte ihn außer sich. Während des folgenden Tages blieb er auf dem steinernen Fußboden ausgestreckt, nur von Zeit zu Zeit den Kopf hebend, um zu sehen, ob man seinen Strick nicht losgebunden habe; dann ließ er seine Stirn auf die Hände herabsinken und verfiel wieder in einen Halbschlummer voll drohender Halluzinationen. Inzwischen war in allen Häusern von Teheran, auf den Plätzen, in den Bazaren, in den Badeanstalten von nichts anderem die Rede als von seinem Abenteuer. Die Berichte von seinem Gespräche mit dem König, unter die Leute gebracht, vergrößert, abgeändert, umgewandelt, auf alle Weise verschönert, dienten endlosen Kommentaren als Text. Die einen wollten, er habe Kerim mit Vorbedacht getötet; die anderen behaupteten im Gegenteil, Kerim habe ihn töten wollen und er sich nur verteidigt. Ein dritter, weiserer, war überzeugt, daß Kerim niemals existiert habe und Gamber-Ali das Opfer einer vom Ferrasch-Bachi seines Prinzen und Assadullah, dem Pischkedmet, ersonnenen Verleumdung sei; die Frauen waren auf das Gerücht von der außerordentlichen Schönheit des Flüchtlings von Schah-Abdulazim diesem alle gewogen und wollten ihn auch alle sehen, so daß am dritten Tage mit der Morgenröte schon Scharen berittener Frauen, auf Eseln, andere auf Maultieren, einige zu Pferde, mit Zofen und Mägden, kurz die weibliche Bevölkerung in Masse sich auf den Weg nach der heiligen Moschee machte, und so groß war die Menge, daß von dem Stadttore bis zu dem Flecken keine Unterbrechung in der unendlich langen Reihe der Pilgerinnen stattfand. Dies Völkchen hatte die Moschee bald gefüllt, man trat sich, man drängte sich, man kletterte aufeinander, um wenigstens das Glück zu haben, Gamber-Ali zu betrachten; Rufe wurden laut: wie schön er ist! Gebenedeit sei seine Mutter! Iß doch, mein Sohn: Trinke doch, mein Sohn! Stirb doch nicht, herziges Onkelchen! Ach, Himmelsbruder! willst du mein Herz zerreißen? Herzens-Gamber-Ali! da hast du Eingemachtes! da Zucker! da Milch! da Kuchen! Sprich zu mir! Sieh mich nur an! Höre mich! Niemand soll dich anrühren! Bei meinen Augen, beim Leben meiner Kinder! Wer es wagen sollte, dich scheel anzusehen, den würden wir in Stücken reißen! Aber auf diese beruhigenden Reden erwiderte Gamber-Ali nicht ein Wort. Er war von Aufregung und Hunger erschöpft und wandelte in der Tat langsam der Brücke von Girat zu, über welche die Toten ihren Weg nehmen. Und während nun die Frauen, alte und junge, vermählte und jungfräuliche, sich so nach Schah-Abdulazim begaben, und die blauen Schleier und Rubends oder weißen Kopftürme am heiligen Orte abwechselnd ein- und ausfluteten, wobei es Seufzer, Geschrei und Händeringen setzte vor Kummer über den drohenden Verlust des schönsten jungen Mannes, der je gewesen, sah man plötzlich am Stadttore die Soldaten der Wache aufspringen, ihre Kalians im Stiche lassen und ehrerbietig salutieren. Ein, zwei, drei Kavaliere setzten flink über die Brücke, die über den Stadtgraben geschlagen war; hinter ihnen her zog in nicht geringerer Eile ein Haufe wohl berittener Dienerschaft, und hinter diesem wieder erschien, Wolken von Staub aufwirbelnd, ein hochfeiner, europäischer Wagen, mit sechs großen Turkmenern bespannt, welche mit roten und blauen Federbüschen geschmückt waren, gefahren, wie man so sagt, à la Daumont D. h. mit Stangenreitern. Anm. d. Übers. , und in dem Wagen saßen vier Damen, ganz verborgen in ihren blauen Schleiern und ihren Rubends. Diese artige Erscheinung bahnte sich ohne Umstände einen Weg durch die Kavalkaden von Eseln und Maultieren, so daß sie bald zu Schah-Abbulazim ankam; die Kaleskadjys oder Vorreiter hielten vor dem Haupttore der Moschee; die Kavaliere waren den vier Damen beim Aussteigen behilflich, und diese traten unverzüglich in den heiligen Raum ein; ihre Dienstboten brachen ihnen auch dort höchst ungeniert Bahn, so daß die Neuankömmlinge trotz des Geschreies und der Schimpfreden der unsanft zur Seite geworfenen Weiber sich, wie sie es wünschten, just Gamber-Ali gegenüber befanden. Die eine derselben kauerte sich neben dem jungen Burschen auf die Erde nieder und sagte mit sanfter Stimme zu ihm: du hast nichts mehr zu fürchten, mein Herz! Kerims Verwandten haben um dreißig Tomans einen Vergleich geschlossen; hier dein Begnadigungsschreiben; niemand hat mehr ein Recht auf dein Leben. Komm und folge mir! ich habe die dreißig Tomans erlegt. Aber Gamber-Ali war nicht mehr imstande, irgend etwas zu begreifen. Er betrachtete düstern Blickes das Papier, welches die Dame ihm hinreichte, und machte keine Bewegung. Da erhob die Wohltäterin des Flüchtlings, die sich eben dadurch als eine Person von Entschlossenheit bekundete, ihre Stimme und sprach zu ihren Leuten: ruft sofort den Hüter der Moschee! Dieser Würdenträger war nicht fern; er eilte herbei, und da einer der Kavaliere ihm einige Worte ins Ohr gesagt hatte, so vollführte er eine nicht weniger demütige Verbeugung als die Torwächter der Stadt und erklärte, daß sein Leben für seinen Gehorsam bürge. – Hier ist die Lossprechung dieses Menschen, sagte die Dame; da er in diesem Augenblicke außerstande ist, irgend etwas zu begreifen, so will ich ihn in meinem Wagen fortschaffen. Ich hoffe, das heißt nicht die heilige Freistätte verletzen, denn da er nicht mehr schuldig ist, noch verfolgt wird, so kann er auch kein Flüchtling mehr sein. Was meint Ihr dazu? – Alles, was Eure Exzellenz zu befehlen geruhen, ist unfehlbar gut, antwortete der alte Priester. – So willigt Ihr in meine Bitte? – Bei meinen Augen! Die Dame gab ein Zeichen, und ihre Kavaliere schickten sich an, den Strick zu lösen und Gamber-Ali, der alsbald ein klägliches Geschrei ausstieß, in ihren Armen wegzutragen. Bei diesen Schmerzenslauten wurden die Frauen, welche die Moschee anfüllten, erschüttert; mehrere unter ihnen waren gegen die ein wenig hitzigen Manieren der die Unbekannte begleitenden Ghulams eingenommen worden, und es erhob sich ein allgemeines Gemurmel, inmitten dessen man Ausfälle wie diese unterschied: welche Niederträchtigkeit! Es gibt keinen Islam mehr! zu Hilfe, Muselmänner! Sie schänden die Freistatt! Was ist das für ein alter ausgehungerter Vampyr, der junge Leute verzehren will? Hundetochter! Tochter eines Vaters, der in der Hölle brennt! Wir wollen deinen Ahn braten! Laß den Jungen! Wenn du dir herausnimmst, ihn anzurühren oder nur anzusehen, so zerreißen wir dich mit Nägeln und Zähnen! Die Wut wuchs, und die Dienerschaft der Dame war bereits dabei, sie und ihre Kammermädchen zu umstellen, um sie von den Angreifenden zu trennen. Man muß dieser Dame Gerechtigkeit widerfahren lassen, ihr Mut war auf der Höhe der Lage. Sie erwiderte Schimpfreden mit Schimpfreden und zeigte sich auf diesem Gebiete nicht weniger erfinderisch als die Angreiferinnen. Man nannte sie alt, sie nannte ihre Feindinnen klapperig; man verdächtigte die Reinheit ihrer Absichten; sie erwiderte mit den unerhörtesten Anschuldigungen. In diesem leidenschaftlichen Gespräche zwischen Personen des schwachen und schüchternen Geschlechtes verschwendete man gegenseitig wahre Schätze von Schimpfreden, und es darf ohne Übertreibung versichert werden, daß die respektabelsten und gelehrtesten unter den Fischweibern, welche eine der Hauptzierden von Paris und London bilden, an diesem schönen Tage etwas hätten lernen können. Nichts ist so ausgefeilt, abgemessen und bilderreich als die Sprache des Orientalen; aber einer Orientalin kommt es nur darauf an, so energisch wie möglich auszudrücken, was sie sagen will. Um diesem Auftritt ein Ende zu machen, nahm der Hüter der Moschee den Begnadigungsbrief, bestieg den Member, das heißt die Kanzel, machte eine kleine Einleitung, las die Urkunde vor, feierte in hochtrabenden Wendungen die Nächstenliebe, die Sittsamkeit, die Güte und alle die Kardinal- und Prinzipal-, Unbeflecktheits- und sonstigen Tugenden, womit die verschleierten reinen Wesen geziert sind, welche die Sprache nicht nennen, ja selbst die Phantasie nicht im Traume schauen darf, und schloß mit einer beredten Beschwörung, besagten Tugenden und besagter Nächstenliebe freien Lauf zu lassen, indem Gamber -Alis Leben, wenn man nicht, und zwar sofort, für ihn sorgte, die nächsten Stunden nicht überdauern würde. Bei einem so traurigen Schlusse ging von allen Seiten das Schluchzen los. Mehrere Frauen begannen sich erschreckliche Faustschläge auf die Brust zu geben und riefen dazu: Hassan! Hussein! Ya Hassan! Ya Hussein! (Die Anrufung der heiligen Märtyrer.) Andere verfielen in Krämpfe; die der unbekannten Dame am nächsten stehenden, gerade die, welche derselben ihre ganz bestimmte Absicht erklärt hatten, sie mit Nägeln und Zähnen zu zerreißen, fingen an, den Saum ihres Schleiers zu küssen und erklärten sie für einen Engel, der vom Himmel herabgekommen und sicherlich ebenso ausgezeichnet durch seine Jugend und Schönheit wie durch die Vollkommenheit seines Gemütes sei, und sie waren ihr behilflich, Gamber- Ali zu halten, welcher sich sträubte, aber doch in den Wagen geschafft wurde, dessen Vorhänge man herunterließ. Dies getan, saßen die Kavaliere wieder auf, die Kaleskadjys gaben ihrem Gespann eins mit der Peitsche, drehten um, fuhren nach Teheran zurück und verschwanden. Der Sohn Bibi-Dschanems war gänzlich ohnmächtig geworden in der Überzeugung, daß es um ihn geschehen, daß er gefangen sei und umgebracht werden würde. Über die Maßen geschwächt, wie er war, durch seinen Geisteszustand und durch das Fasten, bemächtigten sich seiner das Fieber und die Wahnphantasien, und er wurde schwer krank. In den Augenblicken, wo das Bewußtsein ihm wiederkehrte, glaubte er sich in einem Gefängnisse. Und doch hatte der Anblick des Zimmers, in das man ihn gebracht hatte, nichts, das ihn in dieser traurigen Meinung hätte bestärken können. Es war ein allerliebstes Zimmer. Seine Wände waren weiß angestrichen, und die regelrechten, viereckigen Vertiefungen, in welche wohl Kästchen und Blumenvasen gestellt werden, waren von rosa und goldenen, auf Hellgrün noch besser sich abhebenden Malereien eingerahmt. Das Bett war mit ungeheuren rotseidenen Steppdecken ausgestattet; Kopfkissen und Pfühle, große und kleine, mit feiner Leinwand überzogen und gestickt, waren ihm zahlreich unter Kopf und Arme gelegt. Er wurde von einer Negerin bewacht, die zwar alt und häßlich, aber sehr wohlwollend war, jeder seiner Bitten willfahrte, ihn hätschelte, ihn Herzensonkelchen nannte und in keiner Weise einem Henker glich. Zwei- oder dreimal täglich empfing er den Besuch eines Hakim- Bachi oder Oberarztes, welcher Jude und ihm als der praktische Arzt à la mode der seinen Welt wohl bekannt war, und er konnte nicht umhin, sich bei sich zu gestehen, daß allein schon die Tatsache, von Hakim-Massi behandelt zu werden, eine wahrhafte Ehre ausmache, auf die man stolz sein könne. Hakim-Massi hatte ihm mit seiner gewöhnlichen Güte gesagt, daß alles aufs beste ginge, daß er binnen wenigen Tagen wieder auf sein und daß seine Genesung um so schneller vonstatten gehen würde, als ihm die Überzeugung kommen würde, daß er weder von Kerims Verwandten noch vom Könige noch von irgendwem mehr etwas zu fürchten habe. Da diese Versicherungen von einer so ausgezeichneten Persönlichkeit wie Hakim -Massi kamen, so mußten sie wohl Eindruck auf den jungen Mann machen; und da die Negerin es den ganzen Tag bestätigte, so ließ die Verwirrung seiner Einbildungskraft allmählich nach. Als der Kranke so weit war, daß er Sinn für Zerstreuungen hatte, besuchten ihn ein höchst liebenswürdiger Mulla, welcher ihm zu seinem glücklichen Geschicke gratulierte; ein im Bazar sehr bekannter Handelsherr, welcher ihm einen hübschen Türkisenring überreichte; ein Vetter im siebenten Grade des Häuptlings des Sylsupurstammes, welcher ihn zur Falkenjagd zu sich einlud, sobald er sich ganz erholt fühlen würde. Als er anfing aufzustehen, erfuhr er von seiner Negerin, daß er vier Bedienten zu seiner Aufwartung habe und ohne Zagen begehren könne, was ihm gefällig wäre. – Aber Herzenstante, rief endlich Gamber-Ali, wer bin ich denn? Wer seid Ihr? Sollte man mir von ungefähr den Hals abgeschnitten haben, ohne daß ich es bemerkte? Bin ich schon im Paradiese? – Es kommt absolut nur auf dich an, mein Sohn, erwiderte die Negerin, es so einzurichten, daß dem so sei, und zwar, ohne dich irgendwie zu härmen. Jedenfalls bist du für den Augenblick sicher ein Mann von Stande, denn du bist Nazyr, bist Generalverwalter des Vermögens und der Güter Ihrer Hoheit Perwareh-Khanum (Madame Schmetterling), welche seit acht Tagen durch des Königs Güte den amtlichen Titel Lezzet-Edduleh (die Wonne der Macht) erhalten hat. Bei diesen Worten versank Gamber-Ali in den Fluten eines solchen Entzückens, daß ihm Pulsschlag, Atem und Sprache völlig Versagten. Das erstemal, wo er auf dem Hofe des Palastes erschien, fand er die Bedienten vor sich aufgestellt, versteht sich, nach ihren Graden in der Rangordnung. Alle begrüßten ihn mit tiefer Ehrerbietung, und er ließ sie Revue passieren, wie das die Pflichten seines Amtes mit sich brachten. Er war gekleidet in einen ungeheuren Dschubbeh oder Havelock von weißem Tuch, besetzt mit bunter Seide; darunter trug er ein Kaschmirgewand und zog von Zeit zu Zeit höchst ungezwungen ein kleines perlengesticktes Atlastäschchen aus der Brust, nahm eine niedliche Uhr daraus hervor und sah nach, welche Zeit es sei. Er hatte rotseidene Beinkleider. Kurz, sein Anzug war zu seiner vollsten Zufriedenheit. Als er zum Bazar spazierengehen wollte, führte man ihm ein allerliebstes Pferd, angeschirrt nach der Weise der Hofherren, vor. Einer der Dschelodars stützte ihn unterm Ann, damit er aufsäße, und vier Ferraschs marschierten vor ihm her, wählend sein Kaliandjy seine Pfeife ihm zur Seite trug. Er wurde auf den Galerien erkannt, und einstimmige Segenswünsche wurden laut, wo er vorüberkam. Die Frauen zumal überschütteten ihn mit Artigkeiten. Zwar legten sie ihm mehrere ziemlich indiskrete Fragen vor, welche ihn zum Erröten brachten, und lichteten Empfehlungen und Ratschläge an ihn, deren er nicht zu bedürfen glaubte. Aber alles in allem war er entzückt über seine Popularität. Er hatte Grund, es zu sein, was doch wohl – beiläufig gesagt, um den Leuten, welche bei jeder Geschichte eine Moral wünschen, eine Freude zu machen – beweist, daß das wahre Verdienst am Ende immer seine Belohnung erhält. Alles muß uns zu der Annahme bestimmen, daß Gamber- Ali in seinem Berufe als Verwalter hervorragende Eigenschaften entwickelte, denn man sah ihn allmählich aus einem Zustande verhältnismäßigen Reichtums zu offenbarem Überfluß gelangen. Ein Jahr war noch nicht verstrichen, da ritt er nur noch kostbare Pferde; er hatte Rubinen, Saphire, Diamanten vom schönsten Glanze an den Fingern. Kam den ersten Juwelieren irgendeine Perle von ungewöhnlichem Werte vor, so beeilte man sich, ihn davon zu benachrichtigen, und selten einmal, daß er nicht der glückliche Käufer des Schatzes wurde. Da die Angelegenheiten des ehemaligen Statthalters von Schiras eine schlimme Wendung genommen hatten, so befanden sich der Ferrasch-Bachi und Assadullah-Beg ohne Stelle. Es war nicht auf lange; Gamber-Ali, jetzt Gamber-Ali-Khan, nahm sie in seinen Dienst und erklärte sich sehr zufrieden mit ihrem Eifer. Sobald er sich in einer glücklichen Lage gesehen, hatte er nicht gesäumt, seine Eltern kommen zu lassen. Unglücklicherweise starb sein Vater in dem Augenblicke, da sie sich auf den Weg machen wollten. Bibi-Dschanem brach in eine Verzweiflung aus, welche alle Schranken niederriß; sie zerfetzte sich das Gesicht mit solchem Ungestüm und stieß auf dem Grabe des Toten so durchdringende Klagerufe aus, daß man nach dem Zeugnis ihrer Freunde niemals in der Welt eine so treue, so ihren Pflichten hingegebene Frau gekannt hatte. Indessen kam sie wieder zu ihrem Sohne und war entzückt, da sie ihn schön und gut im Stande wiedersah. Aber sie blieb nicht im Palaste, weil, ohne daß man sich den Grund davon erklären konnte, eine so ausgezeichnete Persönlichkeit der Prinzessin nicht gefiel. So bekam sie denn ein Haus für sich allein und wählte es in der Umgegend der großen Moschee, wo sie bald den bestverdienten Ruf einer außerordentlich frommen und über alles, was im Stadtviertel vorging, sehr genau unterrichteten Frau gewann. Sie hat, man muß das zu ihrem Ruhme sagen, nie gelitten, daß ein Unrecht des Nächsten im Verborgenen blieb, und was das anlangte, dem Tun und Lassen ihrer Nachbarn und Nachbarinnen die weiteste Öffentlichkeit zu geben, so blieb sie eine unvergleichliche große Glocke. Nach Verlauf von zwei Jahren verspürte die Prinzessin, welche nicht weniger gottselig als Bibi-Dschanem war, die Sehnsucht, die heilige Wallfahrt nach Mekka zu machen, und nachdem sie sich dazu entschlossen, erklärte sie, daß der ehrliche Gamber-Ali-Khan ihr Reisegemahl sein solle. Der Reisegemahl ist unstreitig eine der sinnvollsten Einrichtungen in Persien. Eine Frau von Stande, welche eine lange Fahrt machen und von Stadt zu Stadt ziehen will, kann um ihres Seelenheiles willen wohl ihre Ruhe opfern und Mühsal auf sich nehmen. Indessen ist sie doch an die Anstandsrücksichten gebunden und würde den Gedanken nicht ertragen können, mit Maultiertreibern, Krämern, Zollbeamten oder den Behörden der Orte, die sie passiert, in direkten Verkehr zu treten. Aus diesem Grunde nimmt sie, wenn sie keinen Gemahl besitzt, eigens für diese Gelegenheit einen. Es versteht sich, daß der glückliche Sterbliche nichts weiter vorstellt als einen Haushofmeister mit erweiterter Befugnis. Wer möchte mehr darin sehen? Gamber- Ali-Khan war ein bedeutender Mann; kurz, er ging mit der Wonne der Macht auf die Reise, und diese, in Bagdad angekommen, war so zufrieden mit seiner Rechtschaffenheit und seiner Art, die Rechnung zu führen, daß sie ihn allen Ernstes heiratete, und es ist Nächstenpflicht, anzunehmen, daß sie nie Grund hatte, es zu bereuen. Übrigens versicherte das auch Bibi-Dschanem. Hier ist die Geschichte zu Ende: der bewundernswürdige, grundgelehrte Astrolog, von welchem eingangs die Rede war, hat sie oft mit Varianten erzählt. Er führte sie als einen unwiderleglichen Beweis für die Zuverlässigkeit seiner Kunst an. Hatte er nicht am Tage der Geburt Gamber-Alis vorhergesagt, daß dieser Säugling Premierminister werden würde? Zwar ist er's noch nicht; aber warum sollte er's nicht werden? Der Turkmenenkrieg Ich heiße Ghulam-Hussein. Aber da dies der Name meines Großvaters war, und natürlich meine Eltern, wenn sie von ihm sprachen, immer sagten »Aga«, das heißt Gnaden, so nannte man mich bloß Aga, aus Hochachtung für das Haupt der Familie, dessen Name sich nicht so obenhin aussprechen läßt; und so heiße ich denn, wie die unzähligen Landsleute, welche ich in der Welt habe und welche auf den Namm Aga hören, aus demselben Grunde, weil ihre Großväter gleich ihnen Ali, Hassan, Mohammed oder Gott weiß wie hießen. So bin ich also Aga. Mit der Zeit, als das Glück mir gelächelt, das heißt, als ich einen ziemlich anständigen Rock und einige Schahis in der Tasche hatte, habe ich es für angemessen befunden, mir den Titel »Beg« beizulegen. Aga-Beg klingt nicht übel. Leider bin ich für gewöhnlich so wenig vom Glücke begünstigt gewesen, daß mein Titel Beg bei manchen Gelegenheiten vor der armseligen Beschaffenheit meines Aufzugs verschwunden ist. In diesem Falle bin ich zu Baba-Aga, Onkel Aga, geworden. Ich habe mich darein ergeben. Seit Umstände, bei denen, ich gestehe es, mein Wille in keiner Weise ins Gewicht fiel, mir erlaubt haben, in der heiligen Stadt Meschhed das Grabmal der Imams zu besuchen und, so oft ich nur konnte, die Suppe der Moschee zu essen, hat es mir vor allem natürlich geschienen, mich mit dem Titel Meschhedi, Pilgrim von Meschhed, zu schmücken. Das gibt das Ansehen eines frommen, ernsten und gesetzten Mannes. So habe ich das Glück, mich, bald unter dem Namen Baba-Meschhedi-Aga, oder auch unter dem, welchen ich vorziehe, Meschhedi-Aga-Beg allgemein bekannt zu sehen. Aber Gott lenkt alles, wie es ihm gefällt! Ich bin geboren in einem kleinen Dorfe von Khamseh, einer Provinz, welche an Azerbeidschan grenzt. Mein Dorf liegt am Fuße der Berge, in einem reizenden kleinen Tale mit vielen murmelnden Bächen, die durch das höhe Gras dahinfließen, wobei sie vor Freude plätschern und über die glatten Steine wegsetzen. Ihre Ufer sind sozusagen gesperrt von dichten Weiden, deren Laub so grün und frisch ist, daß es ein Vergnügen anzusehen ist, und die Vögel nisten darin in Masse und machen ein Durcheinander darin, daß einem das Herz lacht. Es gibt nichts Ungenehmeres in der Welt, als sich unter dies kühle Obdach zu setzen und einen guten Kalian voll duftender Dampfwolken zu rauchen. Man baute bei uns viel Getreide; wir hatten auch Reisfelder und Zwergbaumwolle, deren zarte Stämmchen durch schachbrettförmig herumgepflanzte Ölnußbäume sorgfältig gegen die Sommerhitze geschützt waren; ihre breiten Blätter bildeten Sonnenschirme über den weißen Flocken ihrer Kameraden. Ein Mustofi, Staatsrat von Teheran, ein reicher und angesehener Mann, namens Abdul Hamid- Khan, bezog die Einkünfte des Dorfes. Er beschützte uns sorgfältig, so daß wir weder vom Statthalter von Khamseh noch von irgend jemand etwas zu fürchten hatten. Wir waren vollkommen glücklich. Was mich anlangt, so gestehe ich, daß die Feldarbeit mir nicht zusagte, und es machte mir unendlich viel mehr Freude, die Trauben, Wassermelonen, Melonen und Aprikosen zu kosten, als mich mit ihrer Zucht zu befassen. Auch war ich kaum fünfzehn Jahre alt, als ich mich einem Stande gewidmet hatte, welcher mir weit besser gefiel, als das Bauernleben. Ich war Jäger geworden. Ich schoß die Rebhühner, die Birkhühner, die Haselhühner herunter, ich suchte die Gazellen und die Rehe im Gebirge auf; ich tötete hin und wieder einen Hasen, aber es lag mir nicht viel daran, weil dieses Tier die schlechte Gewohnheit hat, sich von Kadavern zu nähren, daher niemand es gern ißt(?); und da es schwer ist, ihn loszuschlagen, so bedeutet auf ihn schießen sein Pulver umsonst verknallen. Allmählich dehnte ich meine Streifzüge sehr weit aus, indem ich bis tief hinein in die Wälder von Ghylan hinabstieg; ich lernte von den gewandten Schützen dieses Landes, nie einen Fehlschuß zu tun, was mir, wie ihnen, das Selbstvertrauen eingab, auf den Anstand nach Tigern und Panthern zu gehen. Das sind tüchtige Tiere, und ihre Felle verkaufen sich gut. So wäre ich denn ein mit seinem Geschick äußerst zufriedener Mann gewesen, indem ich mit meinem Handwerk mir die Zeit vertrieb und Geld genug verdiente, was ich natürlich weder meinem Vater, noch meiner Mutter sagte, wenn ich mich nicht plötzlich verliebt hätte, was alles verdarb. Gott ist der Herr! Ich hatte eine kleine Base im Alter von vierzehn Jahren, welche Leïla hieß. Ich begegnete ihr sehr gern und begegnete ihr sehr oft. Da wir uns eine Menge Dinge zu sagen hatten und nicht gerne dabei unterbrochen waren, so hatten wir uns unter den Weiden, welche den Hauptbach umsäumten, an der dichtesten Stelle einen köstlichen Schlupfwinkel ausgesucht, und wir blieben dort stundenlang, ohne die Länge der Zeit gewahr zu werden. Anfangs war ich sehr glücklich, aber ich dachte so viel, so über die Maßen viel an Leïla, daß ich, wenn ich sie nicht sah, Ungeduld und Unruhe verspürte, und hierhin und dorthin lief, um sie aufzufinden. So entdeckte ich ein Geheimnis, welches mich in einen Abgrund des Kummers stürzte; ich bemerkte, daß ich nicht der einzige war, dem sie Stelldicheins gab. Sie war so treuherzig, so nett, so gut, so zärtlich, daß ich sie nicht einen einzigen Augenblick im Verdachte der Untreue hatte. Dieser Gedanke würde mir den Tod gebracht haben. Dennoch war ich sehr aufgebracht, da ich fand, daß andere sie beschäftigen, vergnügen, zum mindesten zerstreuen konnten, und nachdem ich mich lange gefragt, ob ich ihr meinen Kummer anvertrauen dürfe, was mich demütigte, und mir eingestanden hatte, daß ich mich nicht beklagen dürfe, sagte ich ihr alles. – Siehst du, Tochter meines Oheims, rief ich eines Tages, und weinte heiße Tränen dabei, mein Leben geht dahin, und in einigen Tagen wird man mich auf den Friedhof tragen! Du plauderst mit Hassan, du redest mit Kerim, du lachst mit Suleiman, und ich bin fast gewiß, daß du Abdullah einen Klaps gegeben hast! Ich weiß wohl, daß kein Arg dabei ist, und daß sie alle deine Vettern sind, wie ich, und daß du nicht imstande bist, die Eide zu vergessen, die du mir geschworen hast, nur mich allein zu lieben, und daß du mir keinen Schmerz bereiten willst! Aber bei alledem, ich leide, ich gebe den Geist auf, ich sterbe, ich bin tot, sie haben mich begraben, du wirst mich nicht wiedersehen! O Leïla, meine Liebste, mein Herz, mein Schatz, habe Mitleid mit deinem Sklaven, er ist äußerst unglücklich! Und indem ich diese Worte aussprach, vergoß ich noch einmal so viele Tränen, brach in Wehrufe aus, warf meine Mütze weg, gab mir Faustschläge auf den Kopf und wälzte mich auf der Erde. Leïla zeigte sich tief ergriffen, beim Anblick meiner Verzweiflung, sie warf sich mir an den Hals, küßte mich auf die Augen und erwiderte mir: vergib mir, mein Licht, ich habe unrecht gehabt, aber ich schwöre dir bei allem, was es Heiligstes gibt, bei Ali, bei den Imams, beim Propheten, bei Gott, bei deinem Haupte, daß ich's nicht wieder tun will, und zum Beweise, daß ich dir Wort halte, sollst du mich sogleich von meinem Vater zur Ehe erbitten! Ich will keinen andern Gebieter als dich, und ich will dir gehören alle Tage meines Lebens! Und sie fing wieder an mich zu küssen, heftiger als zuvor. Ich für mein Teil wurde sehr unruhig und bekümmert. Gewiß liebte ich sie wohl, aber ich hatte ihr nie gesagt, daß ich Geld hatte, weil ich Angst hatte, sie möchte es haben wollen, und es möchte ihr gelingen, mir es abzunehmen. Sie von meinem Oheim zur Ehe erbitten bedeutete die unvermeidliche Verpflichtung, meinem Vater, meiner Mutter, meiner ganzen Verwandtschaft, ebenso gut wie ihr selbst, das Dasein meines kleinen Schatzes zu gestehen. Was sollte dann aus mir werden? Ich war ein ruinierter Mann! Anderseits hatte ich ein außerordentliches Verlangen, Leïla zu heiraten, was mich mit dem höchsten Glücke, das sich in dieser und in der andern Welt denken läßt, überhäufen mußte. Überdies hatte ich dann von den Dienstbeflissenheiten Hassans, Kerims, Suleimans und Abdullahs, welche mich langsam zu Tode marterten, nichts mehr zu fürchten. Dennoch hatte ich noch keine Lust, mein Geld herzugeben, und ich sah mich in einer so großen Verlegenheit, daß mein Schluchzen zunahm und ich Leïla, von einer unaussprechlichen Angst überwältigt, in meine Arme schloß. Sie glaubte, daß sie allein die Ursache dieser leidenschaftlichen Aufwallungen wäre, und sie sprach zu mir: mein Leben, warum hast du so großen Kummer in dem Augenblicke, da du weißt, daß du mich besitzen wirst? Ihre Stimme drang mir so lieblich auf den Herzensgrund, als sie diese Worte aussprach, daß ich anfing, den Kopf zu verlieren, und ich erwiderte: weil ich so arm bin, daß ich selbst den Rock, den ich trage, schuldig bin! Ich schwöre bei deinem Haupte, daß ich nicht imstande gewesen bin, ihn zu bezahlen, obgleich er sicherlich keine fünf Sahabgrans wert ist! Wie soll ich da meinem Oheim die Aussteuer bezahlen, die er von mir verlangen wird? Wenn er sich mit einer Verschreibung begnügen wollte! ... Glaubst du, daß das unmöglich wäre? – O! unmöglich! Ganz unmöglich! erwiderte Leïla, den Kopf schüttelnd. Wie sollte mein Vater eine so hübsche Tochter wie mich für nichts dahingehen? Man muß auch vernünftig sein. Indem sie dies sagte, fing sie an aufs Wasser zu blicken und mit zerstreuter Hand einige kleine Blümchen zu pflücken, welche am Ufer entlang im Grase wuchsen; zu gleicher Zeit zog sie ein so artiges Mäulchen, daß ich mich außer mir fühlte. Indessen antwortete ich klugerweise: das ist ein sehr großes Unglück! Ach! Ich besitze nichts in der Welt! – Ist das wirklich wahr? sagte sie und warf ihre Arme um meinen Hals, wobei sie mich, das Haupt zur Seite geneigt, mit einer Miene ansah, daß ich, ohne zu wissen wie und völlig den Verstand verlierend, murmelte: ich habe dreißig Goldtomans zwei Schritte von hier vergraben. Und ich zeigte ihr mit dem Finger den Baumstamm, an dessen Fuße ich meinen Schatz eingescharrt hatte. Sie fing an zu lachen, während ein kalter Schweiß mir von der Stirne floß. – Lügner! rief sie, indem sie mir einen Kuß auf die Augen gab: wie wenig du mich liebst! Nur durch viele Bitten bringe ich die Wahrheit aus dir heraus! Jetzt suche meinen Vater auf und begehre mich von ihm. Du versprichst ihm sieben, und gibst ihm fünf, indem du ihm schwörst, daß du ihm die beiden andern später bringen werdest. Er soll sie nie zu sehen bekommen. Ich für mein Teil will es schon fertig bringen, ihm zwei davon abzuluchsen, die ich dir dann wieder zurückbringe, und auf diese Weise werde ich dir nur drei Tomans gekostet haben. Siehst du nicht, wie sehr ich dich liebe? Ich war entzückt von diesem Schlusse und beeilte mich, meinen Oheim aufzusuchen. Nach zweitägigen Verhandlungen, bei welchen meinerseits viele Bitten, Eide und Tränen mit unterliefen, kam ich endlich zum Ziele und heiratete meine vielgeliebte Leïla. Sie war so reizend, sie hatte eine so vollendete Kunst, ihren Willen durchzusetzen (später erfuhr ich, wie sie das anfing und woher diese so unwiderstehliche Macht kam), daß, als mich Leïla einige Tage nach der Hochzeit überredet hatte, mich mit ihr in Zendschan, der Hauptstadt der Provinz niederzulassen, sie es fertig brachte, sich noch einen prächtigen Esel von ihrem Vater geben zu lassen und überdies ihm einen schönen Teppich mit fortzunehmen, ohne ihn um Erlaubnis darum zu fragen. Sie ist unbestreitbar die Perle der Frauen. Wir waren kaum an unserem neuen Wohnort eingerichtet, wo wir, dank den fünfundzwanzig Tomans, die mir blieben, ein lustiges Leben zu führen begannen, weil Leïla sich amüsieren wollte und ich selbst sehr damit einverstanden war, als wir Kerim eintreffen sahen, einen ihrer Vettern, auf die ich so eifersüchtig gewesen war. Im ersten Augenblick hatte ich einige Anwandlungen, es noch zu sein; aber meine Frau machte sich so gehörig über mich lustig, daß sie mich selbst zum Lachen brachte, und überdies war Kerim ein so guter Junge! Ich faßte eine außerordentliche Freundschaft für ihn, und, offen gestanden, er verdiente es; denn nie habe ich einen solchen Erzschäker gesehen; er hatte uns immer Geschichten zu erzählen, daß ich hätte bersten mögen. Wir brachten ein gutes Teil der Nächte damit zu, Raki zusammen zu trinken, und schließlich war er auf mein Bitten im Hause wohnen geblieben. Ein Vierteljahr lang gingen die Dinge so recht gut. Dann wurde ich übler Laune. Es kamen Dinge vor, die mir mißfielen. Was? das kann ich nicht sagen; aber Leïla ärgerte mich, und ich fing an, zu untersuchen, warum ich mir so sehr den Kopf von ihr hatte verdrehen lassen. Ich entdeckte eines Tages den Grund davon, als ich meine Mütze flickte, deren Futter aufgerissen war. Da fand ich mit Erstaunen ein Päckchen, bestehend aus Seiden-, Wollen- und Baumwollengarn von verschiedenen Farben, welchem eine Haarlocke genau in der Farbe derjenigen meiner Frau beigemengt war, und es wurde mir nicht schwer, den Talisman zu erkennen, welcher mich bezaubert hielt. Ich beeilte mich, diese verhängnisvollen Gegenstände zu beseitigen, und als ich meine Mütze wieder auf den Kopf setzte, hatten meine Gedanken einen ganz anderen Lauf genommen; ich kümmerte mich um Leïla nicht mehr, als um die erste beste andere. Dagegen vermißte ich schmerzlich meine dreißig Tomans, von denen mir nicht sonderlich viel übrig geblieben, und das machte mich träumerisch und grämlich. Leïla bemerkte es. Sie wollte mit mir kokettieren, wogegen ich aber vollkommen unempfindlich blieb, wie das ja natürlich war, weil ihre Zauberkünste nichts mehr über mich vermochten; darauf wurde sie böse, Kerim mischte sich hinein, es entstand ein Streit daraus. Ich weiß nicht genau, was ich sagte, noch was mein Vetter antwortete, aber ich zog meinen Gama und wollte ihm einen ordentlichen Stich durch den Leib geben. Er kam mir zuvor und brachte mir mit dem seinigen, den er erhoben hatte, eine Schnittwunde am Kopfe bei, daraus das Blut reichlich zu fließen begann. Auf Leïlas entsetzliches Geschrei eilten die Nachbarn herbei, und mit ihnen die Polizei, so daß man schon an den unglücklichen Kerim Hand anlegen wollte, um ihn ins Gefängnis zu führen, als ich ausrief: o Gott! um Gott! bei Gott! Rührt ihn nicht an! Er ist mein Vetter, er ist der Sohn meiner Tante! Er ist mein Freund und das Licht meiner Augen! mein Blut ist ihm vergönnt! Ich liebte Kerim sehr, unendlich viel mehr als Leïla, und wäre untröstlich gewesen, wenn ihm wegen einer elenden Geschichte, die uns meines Erachtens völlig freistand untereinander auszumachen, ein Unglück begegnet wäre. Ich sprach mit soviel Beredsamkeit, daß, wiewohl mir das Blut übers Gesicht rann, am Ende doch alles sich beruhigte: man ließ uns allein, Kerim verband meine Wunde, wie auch Leïla, wir umarmten uns alle drei, ich legte mich nieder und schlief ein. Am folgenden Tage wurde ich vom Ketkhoda oder Beamten des Viertels vorgeladen, welcher mir mitteilte, daß ich unter die Leute, welche ausersehen wären, Soldaten zu werden, mit aufgenommen sei. Ich hätte darauf oder auf etwas Ähnliches gefaßt sein sollen. Niemand kannte mich in Jendschan, wo ich fremd war; ich hatte dort keinen Beschützer. Wie hätte ich nicht mit zu allererst in ein solches Loch fallen sollen, wo jeder natürlich sich beeilt hatte, mich hineinzustoßen, um sich oder die Seinigen zu befreien? Ich wollte schreien und Vorstellungen machen; aber ohne sich weiter aufzuregen, ließ mich der Ketkhoda an den Felekeh festbinden. Man warf mich auf den Rücken; zwei Ferraschs nahmen die Enden des Stockes und hielten mir die Füße in die Höhe, zwei Büttel schwangen mit grimmiger Miene jeder ein Rutenbündel und verabreichten dem Stock, an welchem ich festgebunden war, eine Tracht Prügel, weil ich ihnen im Fallen jedem einen Sahabgran in die flache Hand hatte gleiten lassen. Freilich begriff ich darum nicht weniger hinfort sehr wohl, auf was ich mich gefaßt zu halten hätte, wenn ich versuchte, mich länger gegen mein Geschick aufzulehnen. Sodann überlegte ich mir, daß ich keinen Groschen besäße, daß ich nicht wüßte, wo ein noch aus; daß es vielleicht langweilig wäre, rechtsum und linksum und die lächerlichen Marschübungen zu machen, welche man die Fußsoldaten auszuführen zwingt, aber daß es schließlich doch auch in diesem Metier vielleicht Tröstungen und Sporteln gäbe, die ich noch nicht kannte. Endlich, und vor allem, machte ich mir klar, daß ich meinem Geschick nicht entrinnen könne, und daß, da mein Geschick sei, Soldat zu werden, ich mich darein ergeben und gute Miene machen müsse. Als Leïla vernahm, was mir begegnet, erhob sie ein entsetzliches Zetergeschrei, gab sich Faustschläge ins Gesicht und auf die Brust und riß sich was vom Haupte. Ich tröstete sie, so gut ich konnte, und auch Kerim tat sein möglichstes dazu. Sie ließ sich am Ende überreden, und da ich sie in einer ruhigeren Stimmung sah, hielt ich folgende Rede: Licht meiner Augen, alle Propheten, die Imams, die Heiligen, die Engel und Gott selbst sind meine Zeugen, daß ich nur bei dir leben kann, und hätte ich dich nicht, ich schwöre es bei deinem Haupte, so wäre ich wie tot und weit schlimmer! In dieser traurigen Verfassung habe ich mich nur mit deinem Glücke befaßt, und da ich von dannen muß, was soll da aus dir werden? Das Klügste ist, daß du deine Freiheit wiederbekommst und einen Gatten finden mögest, der weniger unglücklich ist als ich! – Teurer Aga, antwortete sie mir, indem sie mich umarmte, was du an unendlicher Liebe für mich empfindest, das habe ich ebenso in meinem Herzen für einen so teuren und angebeteten Gatten, wie der meine, und da, vermöge einer natürlichen Wirkung der Tatsache, daß die Frauen dem, was sie lieben, weit mehr hingegeben sind als die Männer, ich noch viel geneigter, bin mich aufzuopfern, als du es sein kannst; so denke ich denn, ich werde um jeden Preis besser tun, dir deine Freiheit zurückzugeben. Was mich anlangt, so ist mein Schicksal bestimmt: ich werde hier bleiben, um zu weinen, bis keine einzige Träne mehr in meinem armen Leibe vorhanden ist, und dann werde ich verscheiden. Bei diesen traurigen Worten fingen Leïla, Kerim und ich in Kompanie an zu seufzen. Man hätte uns alle drei einander gegenüber auf dem Teppich sitzen sehen können, wie wir, mit einem Baggali Raki in blauer Flasche zwischen uns und unseren drei Schalen, unsere Häupter hin und her bewegten und jammervolle Klagerufe ausstießen, unterbrochen von Ausrufungen: Ya Ali! Ya Hassan! Ya Hussein! o mein Auge! o mein Leben! Ich bin des Todes! Dann nahmen wir uns in den Arm und fingen von neuem an zu schluchzen. Leïla und ich beteten uns wirklich an, und nie hat der allmächtige Gott ein treueres Weib geschaffen, noch wird er es schaffen können. Ach ja! ach ja! das muß wahr sein, und ich kann mich noch der Tränen nicht erwehren, wenn ich daran denke! Am folgenden Morgen begaben sich meine teure Gattin und ich zu guter Stunde zum Mulla und ließen die Scheidungsurkunde aufsetzen, dann ging sie nach Hause, nachdem sie mir aufs zärtlichste Lebewohl gesagt hatte. Ich meinesteils begab mich ganz geradeswegs zum Bazar, in die Bude eines armenischen Schnapshändlers, wo ich sicher war, Kerim zu treffen. Ich hatte seit drei Tagen einen Gedanken, der inmitten meiner Kümmernisse doch noch immer mich stark beschäftigte. – Kerim, sagte ich zu ihm, ich habe die Absicht, mich heute vor meinem Sultan, das heißt meinem Kapitän, zu präsentieren. Wie ich höre, soll er ein kritteliger Mann sein, der etwas in der Feinheit sucht. Wenn ich ihm in diesem löcherigen und fleckigen Rocke, den ich anhabe, meine Aufwartung mache, wird er mich sehr übel aufnehmen, und dieser unangenehme Anfang kann dann einen sehr unglücklichen Einfluß auf meine militärische Zukunft haben. Ich bitte dich daher, mir für diese wichtige Gelegenheit deinen neuen Kulidscheh zu leihen. – Mein guter Aga, antwortete mir Kerim, ich kann dir deinen Wunsch durchaus nicht erfüllen. Ich habe heute etwas Wichtiges vor; ich verheirate mich, und da muß ich, des Ansehens bei meinen Freunden willen, durchaus neue Kleider anhaben. Überdies hänge ich außerordentlich an meinem Kulidscheh; er ist von gelbem, gewalktem Hamadaner Tuch, mit einer hübschen Borte von Kandaharer Seide besetzt; es ist das Werk Baba-Tahers, des Schneiders, der für die größten Herren der Provinz arbeitet, und er hat mir selbst versichert, daß er nie etwas so Vollkommenes verfertigt hat. So bin ich denn entschlossen, nach meiner Hochzeitsfeierlichkeit meinen Kulidscheh zu verpfänden, weil ich, der ich heute kein Geld habe, morgen viele Schulden haben werde, und du begreifst demzufolge, daß ich, selbst um dir zu gefallen, mich meiner einzigen Hilfsquelle nicht würde berauben können. – Dann, erwiderte ich, indem ich mich der tiefsten Verzweiflung überließ (denn in der Tat, dieser Kulidscheh setzte mich in Entzücken, und ich dachte nur hieran), dann bin ich ein verlorener, ruinierter, von der ganzen Welt verlassener Mann, ohne irgend jemand, der sich im mindesten um meine Leiden kümmerte. Diese schmerzlichen Worte rührten meinen Freund. Er begann mir zuzureden; er sagte mir alles, was er Tröstliches ersinnen konnte, fuhr fort, sich wegen seiner Verheiratung, wegen seiner offenkundigen Armut, und noch wegen tausend anderer Dinge zu entschuldigen, und am Ende, da er mich so verzweifelt sah, ließ er sich erweichen und warf mir folgende trostreiche Worte zu: wenn ich sicher wäre, daß du mir meinen Kulidscheh in einer Stunde wiedergäbest! – Bei was soll ich es dir schwören? antwortete ich voll Feuer. – Du gibst ihn mir wieder? – Sofort! Vor Ablauf einer Stunde! Nur so lange, um mich zu zeigen und wieder zurückzukommen! Bei deinem Haupte! Bei meinen Augen! Bei Leïlas Leben! Bei meinem Heile! Möchte ich während der ganzen Ewigkeit brennen wie ein verdammter Hund, wenn du deinen Rock nicht wiederhast, ehe du sein nur begehrt hast! – Dann komm. – Er führte mich in sein Zimmer, und ich sah das prächtige Gewand. Es war gelb! Es war herrlich! Ich war entzückt; ich legte es flink an. Kerim rief aus, es wäre ein Rock, wie man ihn nicht wiedersähe, der Schneider wäre ein bewunderungswürdiger Mann, und sicherlich würde er ihn aus Dankbarkeit eines Tages bezahlen. – Aber, setzte er hinzu, es ist nicht möglich, ohne Unehre einen solchen Rock zu zerrissenen blauleinenen Hosen zu tragen. Hier meine neuen rotseidenen Schalvars. – Ich zog sie mit Windeseile an. Ich spazierte zwei Stunden lang in allen Bazaren herum. Die Frauen sahen mich an. Ich war auf dem Gipfel des Glückes. Ich begegnete darauf zwei Burschen, welche gleich mir für das Regiment angeworben waren. Wir gingen zusammen zu einem Juden, uns zu erfrischen. Sie wollten am nämlichen Abend nach Teheran aufbrechen und zur Truppe stoßen. Ich beschloß, mich mit ihnen fortzumachen, und nachdem ich mir von dem einen von ihnen einige Kleidungsstücke, und vom andern das übrige geborgt hatte, legte ich meinen prachtvollen Anzug sorgfältig zusammen; während der Jude den Rücken gewandt hatte, gewannen wir die Tür, dann die Straße, dann den Ausgang der Stadt, und, über allerhand Schnurren, die wir vorbrachten, aus vollem Halse lachend, traten wir in die Wüste ein und marschierten die halbe Nacht. Unsere Reise war sehr lustig, sehr glücklich, und ich fing an, zu finden, daß das Soldatenleben mir vollkommen gefiel. Einer meiner beiden Gefährten, Rustem-Beg, war Bekyl, Sergeant einer Kompagnie. Er schlug mir vor, unter ihm einzutreten, und ich nahm mit Eifer an. – Siehst du, Bruder, sagte er mir, die Dummköpfe bilden sich ein, daß es ein großes Unglück sei, Soldat zu sein. Verfalle nicht in diesen Irrtum. Es gibt nichts Unglückliches in dieser Welt als die Tröpfe. Du bist keiner und ich auch nicht, unb auch Khurschyd hier nicht. Verstehst du ein Handwerk? – Ich bin Jäger. – In Teheran ist das keine Erwerbsquelle. Werde Maurer; er ist Schmied, unser Freund Khurschyd, ich, ich bin Wollkämmer. Du gibst mir ein Viertel deines Soldes; der Sultan bekommt die Hälfte in seiner Eigenschaft als Kapitän; du machst von Zeit zu Zeit dem Nayb oder Leutnant ein kleines Geschenk, der nicht übermäßig sein, aber auch nicht böse ist; der Oberst nimmt natürlich den Rest, und du lebst wie ein König mit dem, was du verdienst. – So verdienen die Maurer viel in Teheran? – Sie verdienen etwas. Aber es gibt außerdem eine Menge Mittel, sich das Leben angenehm zu machen, unb ich werde sie dich lehren. Er lehrte mich unterwegs eines, und das war sehr ergötzlich. Da er seine Vollmacht als Bekyl bei sich hatte, so stellten wir uns in einem Dorfe als Steuereinnehmer vor. Die Bauern ließen sich vollständig von uns übertölpeln und machten uns nach vielen Unterhandlungen ein kleines Geschenk, damit wir einwilligen sollten, die Abgaben nicht zu erheben und ihnen eine Frist von vierzehn Tagen zu geben, was wir gerne bewilligten, und so zogen wir, mit Segenswünschen überhäuft, von dannen. Nach einigen anderen Scherzen der nämlichen Art, welche sämtlich zu unserem Vorteil, zu unserer Belustigung und zu unserem Ruhme ausliefen, hielten wir endlich unseren Einzug in die Hauptstadt durch das Schimiraner Tor, und wir gingen eines schönen Morgens uns unserem Serheng, dem Obersten Mehdi-Khan, vorstellen. Wir verneigten uns tief vor diesem großen Manne, in dem Augenblicke, wo er über den Hof seines Hauses schritt. Der Bekyl, welcher ihn bereits kannte, stellte uns, Khurschyd und mich, vor und lobte in sehr kräftigen Ausdrücken unsere Tapferkeit, unseren Gehorsam und unsere Ergebenheit gegen unseren Vorgesetzten. Der Oberst schien außerordentlich von uns eingenommen und schickte uns mit einigen gütigen Worten zur Kaserne. Von da an fand ich mich dem zweiten Regiment Khamseh einverleibt. Ich muß jedoch gestehen, daß gewisse Seiten des Militärlebens ganz und gar nicht heiter sind. Es will nichts sagen, daß man um seinen Sold kommt, und im Grunde, da die Veziere die Generäle aussaugen, so gestehe ich, daß es mir natürlich scheint, daß diese die Obersten aussaugen, welche ihrerseits von den Majoren leben, diese von den Kapitäns, und die Kapitäns von den Leutnants und von ihren Soldaten. Es ist Sache dieser letzteren, auf Mittel zu sinnen, um anderwärts ihren Lebensunterhalt zu finden, und Gott sei Dank verbietet ihnen das niemand. Aber das Böse ist, daß es europäische Exerziermeister gibt, und alle Welt weiß, daß nichts so brutal und albern ist als der eine oder der andere dieser Ferynghys (Franken). Sie führen immer die Worte Anstand und Rechtschaffenheit im Munde und behaupten, sie wollten, daß der Sold des Soldaten regelmäßig ausbezahlt werde. Das wäre nun ja an sich nicht übel; aber dafür möchten sie Lasttiere aus uns machen, was abscheulich wäre, und, gerade herausgesagt, wenn ihnen ihre Pläne gelingen sollten, so wären wir dermaßen zu beklagen, daß das Leben nichts mehr wert wäre. Sie möchten uns z. B. zwingen, tatsächlich in den Kasernen zu wohnen, jede Nacht darin zu schlafen, genau zu den Stunden, die ihre Uhr ihnen anzeigt, heimzukommen und auszugehen: so daß man absolut werden würde wie Maschinen, und man hätte nicht einmal die Möglichkeit mehr, anders als nach dem Takt zu atmen: was Gott doch nicht gewollt hat. Dann würden sie uns alle ohne Unterschied auf dem Platze antreten lassen, sommers in der Sonnenhitze, winters im Regen, zu was? Um die Beine zu heben und zu senken, die Arme hin und her zu bewegen, den Kopf rechts oder links zu drehen. Vallah! Billah! Tallah! Nicht einer unter ihnen wäre imstande, zu erklären, zu was diese Narrenspossen dienen mögen! Was mich anlangt, so gestehe ich, wenn ich einen von diesen Leuten vorbeigehen sehe, so gehe ich aus dem Wege, weil man nie wissen kann, welch ein Anfall von Tollwut sie ergreifen werde. Glücklicherweise hat der Himmel, indem er sie sehr roh schuf, sie zum mindesten ebenso dumm gemacht, so daß man ihnen für gewöhnlich alles aufbinden kann, was man will. Gepriesen sei Gott, der den Muselmännern dieses Schutzmittel gegeben hat! Ich für mein Teil habe alsobald eingesehen, was es um die europäischen Exerziermeister war, und mich ihnen so fern wie möglich gehalten; da der Vekyl, mein Freund, Sorge getragen hatte, mich dem Sultan zu empfehlen, so ging ich nie zu dem sogenannten Exerzieren, und mein Leben war recht erträglich. Unser Regiment war gekommen, um das Regiment Suleimanyeh, das nach Schiras gesandt worden, zu ersetzen; so gehörte ich denn einem Detachement an, das einen der Wachtposten innehatte. Diese Hunde von Europäern, welche Gott verdammen möge! behaupteten, daß man alle Tage die Posten ablösen und die Leute in die Kaserne zurückschicken müsse. Sie wissen nicht, was sie ersinnen sollen, um den armen Soldaten zu quälen. Glücklicherweise war es dem Obersten nicht darum zu tun, sich beständig ärgern und stören zu lassen, so daß man, einmal auf Wache, sich dort häuslich einrichtet, sich's bequem macht, und nicht für vierundzwanzig Stunden, sondern für zwei oder drei Jahre, kurzum manchmal für die Zelt, daß das Regiment in der Stadt in Garnison liegt, sich daselbst einquartiert. Unser Posten war ziemlich angenehm. Er nahm die Ecke zweier Alleen des Bazars ein. Es war ein Gebäude, das aus einem Zimmer für den Nayb und aus einem großen Saale für die Soldaten bestand. Es waren keine Fenster darin, sondern nur eine Tür, welche auf eine längs der Straße sich hinziehende Holzgalerie führte, und das ganze war drei Fuß hoch über der Erde. In der Umgebung unseres Bauwerks boten uns viele Läden ihre Reize dar. Da war erstlich ein Obsthändler, welcher seine Trauben, seine Melonen und Wassermelonen in Pyramiden ausgestellt hatte oder sie Gewinde über den Köpfen der Kunden bilden ließ. In einer Ecke des Standes machte sich eine Kiste mit getrockneten Feigen breit, daraus der würdige Kaufmann uns immer etwas zu nehmen erlaubte, wenn wir des Abends mit ihm ins Plaudern über alle Arten von interessanten Gegenständen kamen. Ein wenig weiter wohnte ein Fleischer, welcher uns ausgezeichneten Hammel verkaufte; aber auf ein Viertel, das ihm davon bezahlt wurde, kamen freilich deren vier, deren Verschwinden ein unergründliches Geheimnis für ihn blieb. Er erzählte uns jeden Tag voll Verzweiflung die Entwendungen, deren Opfer er war, und da wir ihm von Zeit zu Zeit einen Dieb brachten, der den Betrug anerkannte, den gestohlenen Gegenstand erstattete und sich Verzeihung erwirkte, so tat er uns nie das Unrecht an, Verdacht gegen uns zu fassen. Ich erinnere mich noch mit Rührung eines Garkochs, dessen Ofen Düfte, würdig eines Paradieses, aushauchten. Er verstand sich auf eine Manier, Kebabs zuzubereiten, welche einfach unnachahmlich war. Jedes Stück Fleisch wurde so gerade richtig geröstet und so gehörig mit den Säften von Lorbeerblättern und Thymian gesättigt, daß man die ganze himmlische Glückseligkeit im Munde zu haben glaubte. Aber einer der Hauptreize unserer Nachbarschaft war vor allem der Märchenerzähler, der sich im Hofe eines verfallenen Hauses niedergelassen hatte; er trug jeden Tag vor einer von Bewunderung durchdrungenen, vor Neugier atemlosen Zuhörerschaft Geschichten von Feen, von Genien, von Prinzen und Prinzessinnen, von gewaltigen Helden vor, das Ganze untermischt mit Stücken in Versen, die so lieblich anzuhören waren, daß man halb närrisch davon schied. Ich habe da viele Stunden verbracht, welche mir unbeschreibliche Wonnen verursacht haben. Mit einem Worte, es ist vollkommen wahr, daß das Leben auf Wache ein äußerst angenehmes ist. Unser Nayb, ein hübscher Bursche, erschien niemals. Nicht allein überließ er seinen gesamten Sold seinen Vorgesetzten, sondern er machte ihnen auch noch artige Geschenke, so daß es mir gestattet war, Pischkedmet, Kammerdiener in einem großen Hause zu sein, was mehr eintrug als seine Leutnantschaft. Der Vekyl, mein Freund, ging jeden Morgen aus, und ich sehe ihn noch in seinen großen Beinkleidern, welche ehedem weiß gewesen waren, in seinem Kamisol von rotem Tuch, das an den Ellenbogen durchlöchert war, seinem Wehrgehänge von ungewisser Farbe, seiner eingetriebenen Mütze, seinen großen Stock in der Hand. Er ging seiner Wege, um sein Handwerk als Wollkämmer zu betreiben und kam oft acht Tage lang nicht nach Hause. Wir andern, die wir nicht wußten, wo übernachten, wir kamen gewöhnlich zwischen Mitternacht und zwei Uhr morgens auf Posten zurück; aber durchgängig waren wir alle um acht oder neun Uhr auf und davon, bis auf einen oder zwei, die aus irgendeinem Grunde einwilligten, das Haus zu hüten. Es ist wohl bekannt, daß die Soldaten auf Wache absolut nur dazu da sind, vor den vornehmen Persönlichkeiten, die vorübergehen, das Gewehr zu präsentieren. Das taten wir denn auch sehr regelmäßig. Wenn sich ein Herr zu Pferde, von Dienern umringt, aus weitester Ferne in einer der Alleen zeigte, die auf unsere Wache mündeten, setzten uns alle Labenbesitzer mit lautem Zuruf davon in Kenntnis. Unsere Abteilung, die aus etwa zwanzig Leuten bestand, hatte nie mehr als vier oder fünf Vertreter, welche natürlich mit Plaudern oder mit Schlafen beschäftigt waren; oft war sogar niemand da. Dann stürzten aus allen Läden Hilfstruppen hervor, welche unsere Flinten aus den Ecken, darein wir sie geworfen, hervorholten, in prächtiger Ordnung in Reih und Glied traten, einer von ihnen machte den Vekyl, einer den Nayb, und alle präsentierten das Gewehr mit der martialischen Gravität der grimmsten Europäer. Der vornehme Mann verbeugte sich voll Güte, und alles war in Ordnung. Ich erinnere mich mit Vergnügen an diese vortreffliche Wachmannschaft, diese wackeren Nachbarn, an das reizende Leben, das ich damals geführt habe, und ich wünsche lebhaft, daß ich in meinen alten Tagen eine ähnliche Lage wiederfinden möchte. Inschallah! Inschallah! Nicht daß ich ein viel größerer Stubenhocker gewesen wäre als meine Kameraden. Nach dem Rate des Bekyls war ich Maurer geworden und verdiente in der Tat einiges Geld; was mir aber weit besser gelang, war, solches zu verleihen. Kerims kostbares Gewand, das ich nicht gesäumt hatte, einem Trödler zu verkaufen, hatte mir ein Stammkapital verschafft, und ich fing an, Vorschüsse zu machen, sei es meinen Kameraden, sei es Bekannten, welche ich alsbald mir von allen Seiten zuströmen sah. Ich gewährte nur sehr kleine Darlehen und verlangte sehr rasche Rückzahlung. Solch große Vorsicht war durchaus notwendig, sie hatte auch ziemlichen Erfolg. Indessen begegnete es mir auch, daß ich's mit Schuldnern zu tun hatte, von denen ich nichts erhalten konnte. Um diesen Übelständen die Wage zu halten, entlieh ich selbst und zahlte nicht immer zurück; so daß ich schließlich der Meinung bin, daß ich niemals sonderlich starke Verluste erlitten habe. Inzwischen ließ ich mir's angelegen sein, mich meinen Vorgesetzten angenehm zu machen; ich präsentierte mich manchmal beim Obersten; ich zeigte mich voll Eifer beim Major; ich war, ich darf es wohl sagen, der Freund des Sultans; der Nayb zog mich in sein Vertrauen; ich suchte mir andauernd das Wohlwollen des Bekyls zu erhalten, welchem ich oft kleine Geschenke darbrachte; dies alles gestattete mir, nie einen Fuß in die Kaserne zu setzen; ebensowenig hat man mich beim Exerzieren gesehen, und ich verwandte den Rest meiner Zeit teils auf meine Geschäfte, teils auf meine Vergnügungen, ohne daß jemand etwas dagegen einzuwenden gefunden hätte. Ich gestehe, daß ich gern die Kneipen der Armenier und der Juden besuchte; eines Tages aber, als ich vor dem königlichen Kollegium vorüberging, kam mir die Lust an, dort einzutreten, und ich wohnte im Garten einer Vorlesung des gelehrten Mulla-Aga-Teherany bei. Ich war davon bezaubert. Von diesem Tage an fand ich Gefallen an der Metaphysik, und man sah mich oft unter den Zuhörern dieses famosen Professors. Es war dort übrigens eine auserlesene und zahlreiche Gesellschaft: Studenten, Soldaten wie ich, Nomadenreiter, Herren und Bürger. Wir diskutierten über die Natur der Seele und über das Verhältnis Gottes zum Menschen. Es gab nichts Hinreißenderes. Ich begann damals die Gesellschaft gelehrter und tugendhafter Leute aufzusuchen. Ich verschaffte mir die Bekanntschaft einiger stiller Personen, welche mir gewisse Lehren von großer Tragweite beibrachten, und ich begann zu begreifen, was ich bis dahin nicht getan hatte, daß alles in der Welt quer geht. Es ist unbestreitbar, daß die Reiche von schauderhaften Schurken regiert werden, und wenn man allen diesen Leuten eine Kugel in den Kopf jagte, so ließe man ihnen nur Gerechtigkeit widerfahren; aber zu was? Die, welche nach ihnen kämen, würden schlimmer sein. Gepriesen sei Gott, der – aus Gründen, die wir nicht kennen – gewollt hat, daß Bosheit und Dummheit das Weltall regieren! Es begegnete mir auch ziemlich oft, daß ich an meine teure Leïla und an meinen vielgeliebten Kerim dachte. Dann fühlte ich, daß die Tränen mir in die Augen stiegen; aber es war nicht von langer Dauer. Ich kehrte zu meinen Schuldnern, zu meinen Gläubigern, zu meiner Maurerarbeit, zu meinen Kneipen, zu meinen Zechbrüdern, zur Philosophie Mulla-Aga-Teheranys zurück, und ich gab mich ganz und gar dem höchsten Willen hin, welcher alles nach seinen Absichten geordnet hat. Ein Jahr lang ging alles in dieser Weise, das heißt sehr gut. Ich bin ein alter Soldat, und ich kann sagen, daß man nie eine bessere Einrichtung gesehen hat. Eines Abends, nachdem ich drei Tage fortgeblieben, kam ich gegen zehn Uhr auf die Wache zurück und war äußerst erstaunt, dort fast alle meine Kameraden und selbst den Nayb anzutreffen. Sie saßen im Kreise auf der Erde; eine blaue Lampe beleuchtete sie notdürftig, und alle zerflossen in Tränen. Wer aber am heftigsten weinte, war der Nayb. – Heil sei Euch, Exzellenz! sagte ich zu ihm; was gibt es denn? – Das Unglück ist über das Regiment hereingebrochen, erwiderte mir der Offizier mit einem Schluchzen. Die erlauchte Regierung hat beschlossen, das Turkmenenvolk zu vertilgen, und wir haben den Befehl, morgen nach Meschhed aufzubrechen! Bei dieser Nachricht fühlte ich mein Herz sich zusammenpressen, und ich machte es wie die andern: ich setzte mich hin und weinte. Die Turkmenen sind, wie jedermann weiß, ein furchtbares Volk. Sie machen beständig Einfälle, welche sie »Tjapaô« nennen, in die Provinzen des wohlbehüteten Iran, welche ihren Grenzen benachbart sind, und sie nehmen die armen Bauern zu Hunderten mit. Sie verkaufen diese dann den Uzbeken von Khiwa und Bokhara. Ich finde es natürlich, daß die erlauchte Regierung den Entschluß gefaßt hat, auch den letzten dieser Plünderer auszurotten, aber es war im höchsten Grade verkehrt, unser Regiment dorthin zu schicken. So brachten wir denn einen Teil der Nacht damit hin, uns zu betrüben; da uns jedoch alle diese Verzweiflung nichts nützte, so fingen wir schließlich an zu lachen und waren in bester Laune, als bei Tagesanbruch Mannschaften vom Regiment Damghan kamen, um uns abzulösen. Wir nahmen unsere Gewehre, und nachdem wir eine gute Stunde darauf verwandt hatten, unseren Freunden im Viertel Lebewohl zu sagen, zogen wir aus der Stadt und stießen zum übrigen Regiment, welches vor dem Douleter Tore in Schlachtordnung aufgestellt war. Ich erfuhr damals, daß der König in Person uns Revue passieren lassen würde. Es waren dort vier Regimenter; jedes sollte sich auf tausend Mann belaufen, zählte aber tatsächlich nicht viel mehr als drei- oder vierhundert. Es war das unsrige, das zweite Kamseher, ein Regiment Ispahan, ein anderes von Gum, und das erste Ardebyler; sodann zwei Batterien Artillerie und nahezu tausend Reiter, Sylsupurs, Kakewends und Alawends. Der Anblick war prachtvoll. Unsere rot und weißen Uniformen machten einen prächtigen Eindruck neben den weiß und blauen Anzügen der übrigen Truppenteile; unsere Offiziere hatten enge Beinkleider mit goldenen Streifen und orangefarbene, himmelblaue oder rosa Kulidschehs; dann langten nacheinander an der Myrpendi, Divisionsgeneral, mit seiner Suite; der Emir Tuman, welcher zweimal so viel Mannschaft befehligt, mit einem starken Trupp Reiter; der Sypeh-Salar, noch reicher an Gefolge, und endlich der König der Könige selbst, die Minister, alle die Säulen des Reichs, eine Menge Diener; es war prächtig. Die Trommeln wirbelten mit einem entsetzlichen Spektakel; die europäische Musik spielte im Takt, die Leute mit ihren seltsamen Instrumenten wiegten sich auf der Stelle hin und her, um nicht auseinander zu kommen, die Pfeifen und Tamburins der Kamelartillerie pfiffen und schnarrten; die Menge von Männern, Frauen und Kindern, die uns von allen Seiten umringten, war trunken von Freude, und wir teilten voll Stolz die allgemeine Zufriedenheit. Plötzlich, nachdem der König mit den großen Herren auf einer Anhöhe Platz genommen, wurde der Befehl gegeben, die Tamaschaoffiziere hierhin und dorthin sprengen zu lassen. Es ist recht merkwürdig, daß die Europäer, deren Sprachen ebenso abgeschmackt sind wie ihr Sinn, den Vorteil gehabt haben, dieses Wort, das die Sache vollkommen wiedergibt, von uns zu entlehnen. Nur sagen diese Schwachköpfe in ihrer Unfähigkeit, ordentlich auszusprechen, »Etat-Major«. »Tamascha« ist bekanntlich alles, was dazu dient, ein schönes Schauspiel zu geben, und es ist die einzige nützliche Sache, die ich je in der europäischen Taktik bemerkt habe. Aber man muß auch gestehen, daß es allerliebst ist. Sehr hübsche junge Leute, so fein wie nur möglich gekleidet, auf schönen Pferden, setzen sich von allen Seiten her in Bewegung, kommen und gehen, machen kehrt in gestrecktem Galopp; es ist hinreißend anzusehen; sie dürfen nicht im Schritt reiten, das würde den Spaß verderben, es ist eine wunderhübsche Erfindung, Gott sei gepriesen dafür! Als der König sich eine Zeitlang damit unterhalten hatte, diesen Tamascha anzusehen, wollte man ihm zeigen, wie man die Turkmenen behandeln würde, und zu dem Zwecke hatte man eine Mine bereitet, welche man in die Luft sprengte. Nur nahm man sich nicht die Zeit, zu warten, bis die Soldaten in der Umgegend aufgefordert wären, sich zurückzuziehen, so daß man ihrer drei oder vier tötete; bis auf diesen Zwischenfall verlief alles sehr gut, und es gab viel Spaß. Sodann ließ man drei Ballons aufsteigen, was lautes Händeklatschen hervorrief, und zum Schluß defilierten Infanterie, Kavallerie und Artillerie vor dem Könige vorbei, und am Abend wurde der Befehl gegeben, sich unmittelbar in Marsch zu setzen, was zwei Tage später auch geschah. Die erste Woche unserer Fahrt verlief gut. Das Regiment rückte am Fuße der Berge entlang in der Richtung nach Nordosten vor. Wir sollten unseren General, unseren Obersten, den Major, den größeren Teil der Kapitäns, nach zweimonatlichem Marsche in Meschhed oder sonstwo antreffen. Wir waren lauter gemeine Soldaten, mit drei oder vier Sultans, den Naybs und unseren Vekyls. Wir marschierten mit gutem Mute. Jeden Tag gegen zwei Uhr morgens begaben wir uns auf den Weg, kamen gegen Mittag an irgendeinem Orte an, wo es Wasser gab, und richteten uns dort ein. Die Kolonne rückte in kleinen Gruppen vor, indem ein jeder sich mit seinen Freunden zusammentat, wie es ihm paßte. Wenn man müde war, hielt man im Marsche inne, schlief sein gehörig Teil, dann stieß man wieder zur Truppe. Wir hatten, nach der Sitte aller Regimenter, eine lange Reihe Esel bei uns, welche unser Gepäck, die Vorräte derjenigen, die solche besaßen, und unsere Gewehre mitsamt unseren Patronentaschen trugen, denn Ihr könnt wohl denken, daß niemand so dumm war, sich unterwegs mit seinen Waffen zu beschweren; zu was auch? Einige Offiziere besaßen für sich allein zehn oder zwölf Esel, aber zwei Soldaten von unserer Kompanie besaßen deren zwanzig, die sie zu Teheran im Augenblick des Abmarsches gekauft hatten, und ich hatte mich mit ihnen verbunden, denn sie hatten da einen guten Einfall gehabt. Diese zwanzig Esel waren mit Reis und Butter beladen. Wenn wir am Menzil, das heißt am Halteplatz, anlangten, packten wir unseren Reis, unsere Butter und sogar Tombaky aus und verkauften zu ziemlich hohem Preise. Aber es wurde gekauft, und unsere Spekulation war sehr glücklich, denn man mußte wohl zu uns seine Zuflucht nehmen, sonst hätte man sich gleich von den ersten Tagen an in einer großen Not befunden. Jedermann weiß, daß in den großen Tälern Irans, gerade in denjenigen, durch welche die Straßen führen, sehr wenig Dörfer sind; die Bauern sind nicht so verrückt, daß sie herkämen und sich gerade den Soldaten am Wege niederließen. Sie würden weder Rast noch Ruhe haben und am Ende Hungers sterben, ohne die Unannehmlichkeiten aller Art zu rechnen, welche ihnen unbedingt zustoßen würden. So setzen sie sich denn im Gegenteil fernab von den Straßen und so, daß es nicht immer leicht ist, bis zu ihnen zu gelangen. Aber auch die Soldaten sind nicht unfindig; wenn wir am Menzil anlangten, unterwiesen uns diejenigen unter uns, welche das Land kannten. Die am wenigsten vom Marsche Ermüdeten fingen an zu suchen; es waren manchmal noch drei oder vier Meilen hin und ebensoviel zurück zu machen. Aber die Hoffnung, unsere Vorräte zu vermehren, hielt uns aufrecht. Ein Dorf mußte überrascht werden. Das war nicht immer leicht. Diese Bauern, die verfluchten Hunde, haben eine solche Schlauheit! Hatte man uns von ferne bemerkt, dann lief alle Welt, Männer, Weiber, Kinder, davon, und nahmen auch das letzte Titelchen ihrer Habe mit. Alsdann fanden wir nur die vier Wände jedes Hauses vor und nichts mitzunehmen, und wir mußten noch einmal so müde zum Rastplatze zurück, um die schlechten Witze unserer Kameraden über uns ergehen zu lassen. Wenn wir glücklicher waren und die Dörfer zu fassen kriegten, bei Gott! dann hauste der Prügel gar arg, wir schlugen blindlings drauf los und kehrten dann mit Getreide, Reis, Hammeln und Hühnern heim. Aber das war nicht oft, es begegnete uns auch, daß wir auf grausame und tückische Völker trafen, welche, in größerer Zahl als wir, uns mit Flintenschüssen empfingen, und dann mußten wir die Flucht ergreifen, heilfroh, wenn wir ohne einen schlimmeren Unfall heimkamen. Wer bei solchen Gelegenheiten keine tüchtigen Beine besitzt, ist wirklich nur ein armer Teufel! Es wäre ungerecht, ein Hehl daraus zu machen, daß die erlauchte Regierung uns angekündigt hatte, wir würden während des ganzen Feldzugs sehr gut verpflegt werden. Aber niemand hatte daran geglaubt. Diese Dinge gehören zu denen, welche die erlauchten Regierungen alle sagen, die aber auszuführen ihnen unmöglich ist. Der Höchstkommandierende wird sich hüten, sein Geld, das er in der Tasche behalten kann, dafür auszugeben, um den Soldaten gute Kost zu verschaffen. Tatsächlich machten auch meine Kameraden und ich nach Verlauf von vierzehn Tagen, da wir keinen Reis mehr zu verkaufen hatten, die Bude zu; man hätte im ganzen Regiment keine zwei armseligen Brote mehr aufgefunden, und wir fingen an, die Esel aufzuessen. Ich habe nie wildere Bauern gesehen als die in Khorassan. Sie wohnen in befestigten Dörfern; wenn ein armer Soldat herannaht, schließen sie ihre Türen, steigen auf ihre Mauern, und wenn man nicht so vorsichtig ist, sich in aller Eile davonzumachen, so bekommt man eine Kugelsalve, die euch nicht fehlt. Möchten die Väter und die Großväter dieser entsetzlichen Mordgesellen auf ewig im tiefsten Abgrunde der Hölle brennen und nimmer Linderung finden! Inschallah! Inschallah! Inschallah! Wir fingen also an, die Esel aufzuessen. Die Unglücklichen! ich habe vergessen, euch zu sagen, daß ihrer nicht viele übrig waren. Da sie selbst nichts zu beißen hatten, so hatten sie sich einer nach dem andern dafür entschieden zu sterben, und ihre Kadaver bezeichneten unseren Weg. Die wenigen, welche wir mit unendlich vieler Mühe davon behielten, waren schlecht ernährt; wir hatten jedesmal, wenn wir am Halteplatz anlangten, die Mühe, noch weitab in den Bergen Gras für sie zu holen. Außerdem waren sie von Müdigkeit erschöpft. Freilich hatten wir ziemlich beizeiten angefangen, sie von unseren Flinten und unserem Lederzeug, das wir in die Wüste warfen, zu befreien, aber wir hatten solange wie möglich Wert darauf gelegt, unser Gepäck zu behalten. Kurzum, wir mußten das, was wir als das wertvollste ansahen, uns selber auf den Buckel packen. Was schrecklich war, es fehlte an Wasser. Wir mußten mehr als den halben Tag damit zubringen, Löcher in die Erde zu machen, um ein wenig zu entdecken. Wenn es uns noch am besten erging, gelang es uns, einen salzig schmeckenden Schlamm zu Tage zu fördern, der, so gut es gehen wollte, zur Klärung durch Lappen durchgetrieben wurde. Am Ende hatten wir nichts mehr zu essen als Kraut, ein wenig Kraut. Viele unserer Kameraden machten es wie unsere Esel, sie starben. Das hinderte uns nicht zu singen; denn wenn man über die vom Leben unzertrennlichen Übel in Verzweiflung geraten sollte, dann wäre es besser, nicht in der Welt zu sein, und übrigens kommt mit Geduld alles wieder in Ordnung. Der Beweis dafür ist, daß es den Überresten des Regimentes gelang, Meschhed zu gewinnen. Freilich, sehr stolz sahen wir nicht aus, als wir in die heilige Stadt einrückten. Der Major war uns mit einigen Kapitäns und einer Anzahl Händlern in Lebensmitteln aller Art entgegen gekommen. Wir bezahlten ziemlich teuer, was sie uns gaben; wir hatten solchen Hunger, daß wir uns nicht die Mühe gaben, sonderlich zu feilschen. Man weiß es nicht, wenn man derartige Unfälle nicht erlebt hat, man weiß es nicht, was es heißt, mit einem Male mit seinen zwei Augen einen gesottenen Hammelskopf zu schauen, der einem angeboten wird. Das gute Mahl, welches wir dort hielten, brachte uns wieder Freude ins Herz, der Major nannte uns Hundesöhne, weil wir unsere Flinten verloren hatten; aber er ließ eine gewisse Zahl anderer an uns verteilen, welche bei dieser Gelegenheit vom Regiment Khosrova entliehen wurden, und nachdem wir zusammengeschossen hatten, um ihm ein kleines Geschenk zu machen, war das gute Vernehmen zwischen ihm und uns wiederhergestellt. Wir kamen überein, daß er einen günstigen Bericht über unsere Führung an den Obersten erstatten sollte, für welchen wir gleichfalls ein Geschenk, das sich auf zehn Tomans belief, vorbereiteten. Als diese Anordnungen getroffen waren, wurde unser Einzug in Meschhed auf den folgenden Tag festgesetzt. Zur bestimmten Stunde setzten sich die Trommler der übrigen bereits in der Stadt angelangten Regimenter an unsere Spitze. Das war unerläßlich, denn wir hatten unsere Trommeln so gut wie unsere Flinten weggeworfen. Ein großer Trupp Offiziere nahmen auf den Pferden, welche man hatte finden können, hinter den Trommlern Aufstellung, und alsdann rückten wir vor, in so guter Ordnung, als nur möglich war. Wir mochten ungefähr zwei- bis dreihundert sein. Die Leute in der Stadt nahmen uns ziemlich gleichgültig auf, denn seit einem Monat erfreute man sie oft mit dem Schauspiel derartiger Einzüge, welche nichts sonderlich Anziehendes für sie hatten. Man wies uns sodann einen Platz an, um daselbst zu lagern; aber da der Boden sumpfig war, so zerstreute sich alles in der Hoffnung, in der Stadt Obdach und Versorgung zu finden. Ich meinesteils lenkte meine Schritte alsbald nach der Moschee der heiligen Imams. Die Frömmigkeit zog mich dorthin, aber auch der Gedanke, daß ich eine der Suppenportionen abbekommen könnte, die man dort für gewöhnlich an die Unglücklichen verteilt; und unglücklich, wohl war ich berechtigt, mich dafür auszugeben. Das ganze Weltall kennt nichts Schöneres als die ehrwürdige Moschee von Meschhed. Ihre große Kuppel, ihr prachtvolles, herrliches Tor, die zierlichen Glockentürme an ihren Seiten, das ganze von oben bis unten mit blau, gelb und schwarz emaillierten Ziegeln bekleidet, und ihr prächtiger Hof mit dem großen Bassin, das für die Waschungen bestimmt ist, das Schauspiel reißt einen zur Bewunderung hin. Von Morgen bis Abend bringen Massen von Pilgern, welche aus Iran, aus Turkestan, aus den entlegensten Teilen Indiens und aus den fernen Ländern von Rum kommen, dem Imam Riza (gepriesen sei sein Name!) einen unaufhörlichen Tribut von Kniebeugungen, Gebeten, Geschenken und Almosen dar. Der heilige Raum ist immer von einer lärmenden Menge angefüllt; Scharen von Armen kommen, sich die Nahrung zu holen, welche die Mullas ihnen täglich bereiten. Auch würden sie sich mit Freuden für die Privilegien der Moschee töten lassen. Ich schritt voll Ehrerbietung und Rührung durch die Gruppen nach vorwärts, und als ich bescheidentlich an einen der Pförtner, dessen Haupt mit einem großen, gelehrten weißen Turban bebeckt war, die Frage richtete, wohin ich mich begeben müsse, um meinen Part bei der Verteilung zu bekommen, zeigte mir dieser würdige und respektable Turban, oder vielmehr das Haupt, das damit beladen war, ein überraschtes und dann vergnügtes Gesicht, und ein breiter Mund, der sich inmitten eines großen, schwarzen Bartes öffnete, während zwei kohlschwarze Augen vor Lust erglänzten, begann Freudenrufe auszustoßen. – Die heiligen Imams seien gesegnet! Du bist es, du bist es selbst, Baba Aga? – Ich selber! antwortete ich, indem ich den, der mit mir sprach, fest anblickte, und nach einem Moment des Schwankens, nachdem ich ihn völlig erkannt hatte, rief ich aus: Vallah! Billah! Tallah! Du bist's, Vetter Suleiman? – Ich selber, Freund und Vetter, Licht meiner Augen! Was hast du mit unserer Leïla angefangen? – Ach! sprach ich zu ihm, sie ist tot! – O mein Gott! welch ein Unglück! – Sie ist tot, fuhr ich mit trostloser Miene fort, denn wäre ich sonst hier? Ich bin Kapitän im zweiten Regiment Khamseh und äußerst glücklich, dich wiederzusehen. Mir war der Einfall gekommen, Suleiman zu sagen, daß Leïla tot wäre, weil ich nicht gerne mit ihm von ihr sprechen und möglichst schnell zu einem anderen Gesprächsthema übergehen wollte; aber er tat das nicht mit. – Barmherziger Gott! rief er aus, tot! Leïla ist tot! Und du hast sie sterben lassen. Elender, der du bist? Wußtest du denn nicht, daß ich nur sie allein in der Welt liebe, und daß sie von je nur mich geliebt hat? – Oho! nur dich, antwortete ich ihm zornig, nur dich, das ist ein wenig kühn, was du mir da behauptest! Warum hast du sie in dem Falle nicht geheiratet? – Weil ich absolut nichts besaß! Aber gerade an deinem Hochzeitstage hat sie mir geschworen, daß sie sich von dir scheiden lassen würde, um mich aufzusuchen, sobald ich ihr ein anständiges Haus bieten könnte! Darum habe ich mich aufgemacht, bin hierher gekommen und einer der Pförtner der Moschee geworden, und ich wollte ihr meine gegenwärtigen Glücksumstände kundtun, da kommst du und wirfst mich durch diesen unerwarteten Schlag darnieder! Und damit fing er an zu weinen und zu schreien und bewegte den Kopf dabei hin und her. Ich hatte große Lust, ihm einen tüchtigen Faustschlag übers Gesicht zu versetzen, denn ich war ganz und gar nicht erbaut von dem, was er mir eben offenbart hatte; zum Glück erinnerte ich mich plötzlich, daß dies hinfort weit mehr Kerims Sache als die meine wäre, und so beschränkte ich mich darauf, auszurufen: arme Leïla! Sie hat uns wohl alle beide geliebt! Ach! welch ein Unglück, daß sie tot ist! Suleiman sank mir bei diesem Worte in die Arme und sprach zu mir: Freund und Vetter, nimmer werden wir einander trösten! Komm in mein Haus; ich will, daß du mein Gast seist, und während der ganzen Zeit, die du in Meschhed bleibst, soll alles, was ich besitze, dein sein! Ich war tief gerührt durch diesen Beweis von Güte des teuren Suleiman, welchen ich immer aus Herzensgrunde gellebt hatte, und da ich ihn so betrübt sah, nahm ich den aufrichtigsten Anteil an seinem Kummer und mischte meine Tränen mit den seinigen. Wir gingen durch den Hof von dannen, und unterwegs stellte er mich den Mullas vor, denen wir begegneten. – Dies, sprach er zu ihnen, mein Vetter Aga-Khan, Major im Regiment Khamseh, ein Held aus alten Zeiten! nicht Rustem, noch Afrasyâb sind ihm an Tapferkeit gleichgekommen! Wenn ihr eine Tasse Tee mit uns nehmen wollt, werdet ihr meinem armen Hause eine ganz besondere Ehre antun. Ich brachte vierzehn Tage bei Mulla Suleiman zu. Es war ein Augenblick, ein recht kurzer Augenblick der Wonne. Während dieser Zeit wurden die Trümmer der Regimenter wieder gesammelt, welche meist in keiner besseren Verfassung als das unsrige waren, was nach einem langen Marsche wohl erklärlich ist. Man gab uns – einigen wenigstens – Schuhe; man händigte uns Flinten oder wenigstens Geräte, welche Flinten glichen, ein. Ich werde davon später reden. Als wir so ziemlich ausgerüstet waren, erfuhren wir eines schönen Morgens, daß die Marschordre gegeben wäre, und daß das Regiment nach Merv zu aufbrechen würde. Ich war nicht übermäßig zufrieden. Das hieß diesmal mitten in die Turkmenenhorden hineinmarschieren, und Gott weiß, was passieren konnte! Ich verbrachte einen sehr traurigen Abend mit Mulla Suleiman; er versuchte mich zu trösten, so gut er konnte, der brave Mensch, und goß mir eine Menge Tee mit gehörig viel Zucker ein; wir tranken auch ein wenig Raki. Er kam auf Leïlas Geschichte zurück und ließ mich vielleicht zum zehnten Male die näheren Umstände beim Tode des armen Kindes erzählen. Es kam mir wohl der Gedanke, ihn aus seinem Irrtum zu reißen, aber da ich ihm einmal die Dinge auf die eine Art erzählt hatte, erschien es mir natürlicher, dabei zu bleiben und ihn nicht in neue Verlegenheiten zu stürzen. Der arme Freund! Er war so gut gegen mich gewesen, daß ich mir in der Stimmung, in welcher ich mich befand, ein trauriges Vergnügen daraus machte, mir zahlreiche Einzelheiten ins Gedächtnis zurückzurufen, welchen ich diesmal Erinnerungen beimischte, die mir bis dahin entgangen waren, und aus denen sich ergab, daß das liebe Kind, welches wir alle beide betrauerten, bevor sie den Geist aufgegeben, seiner mit großer Liebe gedacht habe. Ich kann nicht eigentlich behaupten, daß meine Berichte lügenhaft gewesen wären: denn ich hatte so sehr das Bedürfnis, von mir selbst und von anderen gerührt zu werden, daß es mir ganz leicht fiel, von traurigen und ergreifenden Dingen zu reden, und wahrlich, ich kann versichern, daß ich ihm mein Herz ordentlich ausschüttete. Suleiman und ich weinten nochmals zusammen, und als ich ihn gegen Morgen verließ, schwur ich ihm aus tiefstem Herzensgrunde, ihn niemals zu vergessen, und wie man sieht, habe ich Wort gehalten. Er umarmte mich seinerseits mit wahrer Liebe. Ich stieß darauf wieder zu meinen Kameraden: das Regiment trat den Marsch an, ich mit ihm, in Reih und Glied, meinem Bekyl zur Seite. Wir waren sehr zahlreich. Ich sah Kavallerie vorbeireiten; es waren Mannschaften von den südlichen und westlichen Stämmen. Sie sahen ziemlich gut aus, besser als wir; aber ihre schlecht genährten Pferde taugten nicht viel. Die Generäle waren in Meschhed geblieben. Es scheint, das ist durchaus nötig so; weil sich s aus der Ferne besser dirigiert als aus der Nähe. Die Obersten hatten es den Generälen nachgemacht, ohne Zweifel aus dem nämlichen Grunde. Kurz, wir hatten wenig Offiziere mit höherem als Hauptmannsrang, und das ist sehr in der Ordnung, weil die Offiziere nicht dazu da sind, um sich zu schlagen, sondern um die Löhnung der Soldaten einzukassieren. Fast alle Führer waren reisige Nomaden: diese waren mit uns gekommen; aber bekanntlich ist diese Art Menschen sehr wenig gebildet, roh, und hat nur die Schlacht im Kopfe. Die Artillerie hatte man vorausgeschickt. Wir marschierten seit drei Tagen. Es regnete wie mit Gießkannen und war sehr kalt. Wir marschierten mit großer Mühe auf einem schlammigen Boden, in welchem diejenigen, die nicht ausglitten, bisweilen bis an die Waden einsanken; jeden Augenblick mußten wir über breite Erdeinschnitte voller Morastwasser setzen; es war keine Kleinigkeit. Ich hatte bereits meine Schuhe verloren und war, wie meine Kameraden, vom vielen in den Morast fallen, bis an den Gurt ins Wasser geraten und auf allen Vieren an steilen Rändern hinklettern über und über mit Kot bedeckt und dermaßen naß geworden, daß ich vor Kälte bebte. Vom Tage vorher bis zum Abend hatte ich nichts gegessen. Mit einem Male hörten wir Geschützfeuer. Unsere Rotten machten plötzlich Halt. Wir hörten Geschützfeuer. Es gab mehrere Salven; dann hörten wir auf einmal nichts mehr. Ein Augenblick des Schweigens trat ein; plötzlich sahen wir ein Gespann mit Artilleristen mitten in unsere Reihen einfallen, welche auf Tod und Leben auf ihre Pferde lospeitschten und sich auf uns warfen. Einige Leute wurden zermalmt; die es konnten, machten sich aus dem Wege. Die Geschütze rumpelten, flogen in die Luft, blieben still stehen und fielen am Ende die einen in den Dreck, die anderen ins Wasser; die Kanoniere schnitten die Zugriemen der Bespannung ab und suchten schnell wie der Wind das Weite. Es war ein Tumult, ein Wirbelwind, ein Getümmel, ein Wetterstrahl; zum Begreifen hatten wir keine Zelt, und fast alsobald bemerkten die, welche im ersten Gllede standen, eine Kavalleriewolke, welche sich reißend schnell auf uns zu bewegte. Ein allgemeiner Ruf erhob sich: die Turkmenen! die Turkmenen! gebt Feuer! Ich unterschied absolut nichts, ich sah einige Leute, die, anstatt ihr Gewehr herunterzukriegen, sich hinter den Kanonieren herstürzten. Ich wollte es gerade ebenso machen, als der Bekyl, mich am Arme festhaltend, mir mitten in dem Spektakel ins Ohr rief: halt Stand, Aga-Beg! Die heute ausreißen, sind verlorene Leute! Er hatte recht, vollkommen recht, der brave Bekyl, und meine Augen erbrachten mir unmittelbar den Beweis dafür. Ich sah, wie ich euch da sehe, die Kavalleriemasse, von der ich eben sprach, wie durch Zauber sich in unzählige Rotten teilen, welche die Ebene durchsprengten, die Hindernisse mit der Geschicklichkeit von Leuten, die im Lande Bescheid wissen, vermieden, kehrt machten, die Flüchtlinge umringten und packten, sie mit Schlägen zu Boden warfen, ihnen die Waffen abnahmen und zu Hunderten Gefangene machten. – Da seht ihr's! da seht ihr's, Kinder! rief von neuem der Bekyl, da habt ihr das Los, das euer wartet, das unser wartet, wenn wir's nicht verstehen, beisammen zu bleiben! Vorwärts! Mut! Fest! Feuer! Wir waren da unser fast fünfzig. Das entsetzliche Schauspiel, das sich vor unseren Augen entfaltete, gab den Crmahnungen des Sergeanten eine solche Gewalt, daß, als ein Haufe dieser verfluchten Raubgesellen gegen uns vorrückte, unser Trupp sich eilends in Rotten zusammenschloß, und wir gaben in der Tat Feuer und luden wieder und gaben ein zweites und ein drittes und ein viertes Mal Feuer. Bei den heiligen Imams! wir sahen einige von diesen Ketzern, diesen verdammten Hunden, diesen Parteigängern Abubekrs, Omars und Osmans, fallen; möchten diese Ungeheuer auf ewig in der Hölle brennen! wir sahen sie fallen, sage ich euch, und das brachte uns so in Zug, daß wir auf das Kommando des Bekyls, ohne uns zu trennen, alle wie ein Mann vormarschierten, um den Feind aufzusuchen, der stehengeblieben war und nicht zu uns kam. Nach einem Augenblick des Schwankens wich er zurück und machte sich davon. Während dieser Zeit machten die übrigen Turkmenenbanden noch weiter Jagd auf die Fliehenden, gabelten sie auf, töteten ihrer einige, schlugen auf die anderen los und nahmen mit sich fort, was Beine hatte. Wir stießen ein Triumphgeschrei aus: Allah,, Allah! Ya Ali! Ya Hassan! Ya Hussein! Wir waren außer uns vor Freude; wir waren frei und fürchteten uns vor nichts. Im Grunde waren wir vollkommen glücklich. Unser fünfzig ungefähr, die wir waren, hatten die Probe gemacht, daß dreißig unserer Flinten in brauchbarem Zustande waren. Mit meiner war es freilich eine andere Sache; erstens hatte sie keinen Hahn, und dann war der Lauf gesprungen. Aber es war trotzdem ein tüchtiges Gewehr, wie ich es in der Folge erprobte; ich hatte das Bajonett, das keine Dille hatte, mit einer starken Schnur befestigt; dies Bajonett hielt wundervoll, und ich wartete nur auf eine Gelegenheit, mich seiner zu bedienen. Ich will euch noch erzählen, daß unser Beispiel Nachahmer gefunden hatte. Wir gewahrten in einer kleinen Entfernung drei oder vier Gruppen von Soldaten, die Feuer gaben, und die Turkmenen wagten nicht näher zu kommen. Außerdem hatte ein Trupp von nahezu drei- bis vierhundert Reitern den Feind behende angegriffen und ihm Gefangene und eine Kanone wieder abgenommen. Unglücklicherweise wußte niemand, was aus den Kanonieren und ihren Munitionswagen geworden war. Wir warfen das Geschütz in einen Graben. Eine Stunde lang sahen wir, wie die Turkmenen in der Ferne noch weitere Mannschaften gefangennahmen; dann verschwanden sie mit ihren Gefangenen am Horizont. Darauf näherten sich unsere verschiedenen Haufen einander, wir sahen, daß wir alles in allem beinahe sieben- bis achthundert an Zahl sein mochten. Das war nicht viel gegen die sechs- bis siebentausend, welche von Meschhed ausgezogen waren. Aber schließlich, es war doch etwas, und als wir uns wiederfanden, zweifelten wir, in Erwägung, welch furchtbare Löwen wir wären, nicht einen Augenblick daran, daß wir imstande sein würden, ein Terrain zurückzuerobern, wo die Turkmenen uns nicht fangen könnten. Wir waren so zufrieden, daß nichts uns schwierig dünkte. Es fügte sich, daß unser Führer der Yuz-Baschi der Reiter war. Es war ein Kurde namens Rezy-Khan, ein großer, schöner Mann, mit kurzem Barte, feurigen Augen und prächtig ausgerüstet. Er war so voller Freude, daß sein Glück sogar sein Pferd zu begeistern schien, und Roß und Reiter sprühten Feuer in jeder Bewegung. Auch war da ein gewisser Abdulrahim von den Bakhtyarys, ein großer Bruder Lustig mit Elefantenschultern. Er rief uns zu: Kinder! Kinder! Ihr seid wahre Rustems und Iskenders! Wir wollen dies Turkmenenpack bis auf den letzten Mann vertilgen! Wir waren entzückt. Es wurde ein Lied angestimmt. Die Infanterie hatte zwei Führer: einen Leutnant, den ich nicht kenne, und unseren Bekyl. Der brave Mann rief: jetzt brauchen wir Lebensmittel und Pulver! Da bemerkten wir, daß wir Hungers sterben wollten. Doch gab es Mittel dagegen. Wir fingen allesamt an, Kräuter in der Ebene auszureißen. Ein Teil wurde für die Pferde aufbewahrt. Von den übrigen beschlossen wir Suppe zu machen. Aber der Regen fiel fort und fort in Strömen, und es war um so schwieriger, Feuer anzumachen, als kein Holz da war. Man hätte mit dürrem Gras welches anmachen können, dessen hatten wir, soviel wir begehrten; nur war es feucht. So ergaben wir uns denn darein, das Gras zu essen, wie es war. Das schmeckte nicht gut, aber der Magen war gefüllt und schrie nicht mehr. Was das Pulver anlangte, so blieb die Frage schwierig. Beim Auszuge von Meschhed hatte man uns so gut wie keines gegeben. Die Generäle hatten es verkauft. Galt es nun, sich welches zu verschaffen, so war das diesmal mühsam. Wir hoben einige Patronen von den Toten auf. Wir hatten ungefähr dreihundert Flinten, die imstande waren loszugehen, und alles in allem für jede Flinte drei Ladungen. Rezy-Khan empfahl jedem wohl an, nicht zu schießen, ehe er Befehl dazu gäbe. Aber es herrschte eine solche Freude, daß einige ihre Ladungen noch am Abend zur Feier des Sieges abfeuerten; übrigens machte das wenig aus; wir hatten gute Bajonette. Durch einen sehr günstigen Zufall wurde in der Umgegend eine Art verschanztes Lager entdeckt, ein Bau der alten Heiden, mit vier steinernen Wällen und einer Art Lache in der Mitte. Wir bargen uns dort, um die Nacht darin zuzubringen; wir taten wohl daran: denn mit dem Morgengrauen kamen die Turkmenen wieder, und da sie zahlreicher waren als wir, so würden wir ziemliche Last gehabt haben, wenn sie uns abermals im freien Felde angegriffen hätten. Hinter unseren Mauern her gaben wir Feuer auf die Feinde und töteten ihrer einige. Voller Wut saßen sie ab und kletterten wie Ameisen an unseren Steinwällen empor; da gingen wir ihnen mit dem Bajonett zu Leibe, Rezy-Khan an der Spitze; wir richteten sie so übel zu, daß sie nach zehn Minuten langer Anstrengung kehrtmachten und das Weite suchten. Zum Unglück wurden Rezy-Khan und der große Bakhtyary, welche wie die Tiger kämpften, alle beide getötet. Ich erhielt einen Messerstich in den Arm; aber Gott ist groß! es war nur eine Schramme. Nun sehe aber einer, was für Bösewichter die Turkmenen sind! Sie flohen, aber nicht sehr weit. Sie kamen fast augenblicks wieder und begannen einen Ritt um unsere Mauern zu machen. Sie hatten anscheinend bemerkt, daß wir nicht viel geschossen hatten. Sie wurden leicht gewahr, daß wir ganz und gar nicht mehr schossen. Das hatte seinen guten Grund: Pulver gab's nicht mehr! Kein Körnchen, kein Atom! Gott weiß ganz genau, was er tut! Unsere Feinde wollten es darauf mit einem neuen Sturme versuchen, und ein Teil von ihnen verwandelte sich noch einmal in Infanterie. Da fingen sie an wie Ameisen auf die Böschung des Forts zu klettern! Den Bekyl an der Spitze, kamen wir hervor; wir werfen sie abermals durcheinander, töten ihrer ein Dutzend, sie suchen das Weite, die Kavallerie attackiert uns, wir haben nur eben Zeit, in unser Loch zurückzukehren, und sehen von weitem das Haupt des Vekyl auf einer Lanzenspitze zwischen den Turkmenen unterwegs. Ich darf nicht vergessen, euch zu sagen, daß wir die Nacht sehr gefroren hatten. Kein Fädchen an unserem armen Leibe war trocken. Dabei regnete es immer noch. Ein wenig nasses Gras im Magen hielt uns schlecht aufrecht. Ich für meine Person litt sehr, und es waren uns an sechzig Leute gestorben, ohne daß man sich erklären konnte, warum und wie. Der allerhöchste, barmherzige Gott hatte es so gewollt! Die Nacht war wieder sehr schlimm; wir hatten nur das einzige Mittel, uns gegeneinander zu pressen, um uns versuchsweise ein wenig ins Gedächtnis zurückzurufen, was Wärme sei. Gegen Morgen jedoch klärte sich der Himmel auf. Es war kalt. Wir waren darauf gefaßt, angegriffen zu werden. Der Leutnant wurde tot gefunden. Erst gegen Mittag erschienen die Turkmenen, aber sie blieben in ziemlicher Entfernung; am Abend faßten sie sich ein Herz und umkreisten auf Schußweite die Verschanzung. Dann zogen sie sich zurück. Die Nacht raubte uns abermals Mannschaft. Schließlich waren wir nur noch vierhundert, und niemand befehligte uns. Aber wir wußten, was wir zu tun hatten, und im Falle eines Angriffes würden wir nochmals mit dem Bajonett über die Gottlosen hergefallen sein. Jedoch waren wir alle sehr entkräftet. Es war nahezu um die Stunde des Asrgebetes, und die Sonne neigte sich gegen den Horizont, als wir in der Ferne die Turkmenenscharen in größerer Zahl als an den vorhergehenden Tagen herankommen sahen. Männiglich erhob sich, so gut er konnte, und nahm sein Gewehr. Aber zu unserem großen Erstaunen machte der ganze Haufe in weiter Entfernung von uns halt, und nur vier oder fünf Reiter trennten sich von dem Gros ihrer Kameraden und näherten sich uns, wobei sie uns freundschaftlich zuwinkten und, so gut sie konnten, zu erkennen gaben, daß sie uns zu sprechen wünschten. Mehrere der unsrigen waren der Meinung, wir sollten plötzlich hervorbrechen und ihnen die Köpfe abschneiden; aber wozu? Darauf machte ich, wie auch andere Kameraden, aufmerksam, und nach einer kurzen Erörterung pflichtete mir alles bei. Wir gingen denn also diesen Hundesöhnen entgegen, und nachdem wir ihnen tiefe Verbeugungen gemacht, führten wir sie in unsere Umwallung. Jedermann setzte sich auf die Erde, so daß wir einen Kreis um die Ankömmlinge bildeten, welche wir auf den Pferdedecken Platz nehmen hießen. Vallah! Billah! Tallah! War das ein großer Unterschied zwischen ihnen und uns! Wir, wir sahen aus wie Gespenster, die sich im Drecke herumgewälzt haben, triefend von Elend; sie trugen gute Kleider mit Pelzwerk, glänzende Waffen und prächtige Mützen. Als sie Platz genommen hatten, und mir der Auftrag geworden war, das Wort zu führen, da sprach ich zu diesem Verfluchten: Heil über euch! – Über euch gleichermaßen! antworteten sie. – Wir hoffen, versetzte ich, daß Euerer Exzellenzen Gesundheit nichts zu wünschen übrig läßt, und mögen euer aller Herzen beglückt sein in dieser Welt und in der anderen! – Eure Exzellenz ist unendlich gütig, erwiderte der älteste der Turkmenen. Es war ein hoher Greis mit platter Nase, einem Gesicht, rund wie eine Wassermelone, hier und da einigen Barthaaren und Augen wie ein umgekehrter Halbmond. – Welche Befehle wollen Euere Exzellenzen uns überbringen? fuhr ich fort. – Wir, sagte der alte Turkmene, kommen, Eueren Hoheiten eine Bitte vorzutragen. Ihr wißt, daß wir unglückliche Familienväter sind, arme Landleute, Sklaven des Königs der Könige und Diener des wohlbehüteten Iran! Seit Jahrhunderten bemühen wir uns mit allen Mitteln, die in unserer Macht stehen, der erlauchten Regierung unsere über alle Maßen große Zuneigung zu beweisen. Unglücklicherweise sind wir sehr arm; unsere Frauen und Kinder schreien nach Brot; die Felder, die wir bebauen, bringen nicht genug, um sie zu ernähren, und wenn wir nicht einige Gelegenheit hätten, ein bißchen Sklavenhandel mit Glück zu betreiben, was niemand Schaden zufügt, so müßten wir vor Elend umkommen, wir und die unsrigen. Warum uns verfolgen? – Alles, was Cure Exzellenz uns soeben auseinandergesetzt hat, ist ganz genau die Wahrheit, erwiderte ich. Was uns anlangt, so sind wir ganz gemeine Soldaten; wenn man uns hierhergeschickt hat, so wissen wir nicht warum, und jetzt, da Eurer Exzellenzen Güte uns schon überglücklich gemacht hat, wagen wir euch um die Erlaubnis zu bitten, in die heilige Stadt Meschhed zurückzukehren, von wo wir gekommen sind. Der Turkmene verbeugte sich auf die liebenswürdigste Weise und antwortete mir: wollte der Himmel, daß dies möglich wäre! Meine Kameraden und ich sind ganz bereit, euch unsere Pferde anzubieten und euch zu bitten, tausend Beweise unserer Freundschaft anzunehmen. Aber urteilet selbst über unsere traurige Lage! Die erlauchte Regierung hat uns ohne Grund angegriffen, uns, die wir niemand etwas zuleide taten, und außerdem sind die Lebensmittel rar. Ihr habt nichts zu essen; wir, wir haben seit einer Woche fast nichts gegessen. Kommt mit uns. Ihr sollt gut behandelt werden. Wir wollen euch weder nach Bokhara noch nach Khiwa verkaufen. Wir wollen euch bei uns behalten, und wenn eure Freunde euch auslösen wollen, werden wir ganz geneigt sein, die billigsten Lösegelder zu akzeptieren. Ist es nicht besser, unter unseren Zelten an einem guten Feuer ruhig eure Befreiung abzuwarten, als euch der Gefahr auszusetzen, unterwegs vor Elend umzukommen? Der alte Turkmene sah aus wie ein ehrlicher Mann. Seine Kameraden huben an, uns von frischem Brote, dicker Milch und Hammelbraten zu reden. Da entstand eine große Bewegung unter uns. Plötzlich warf männiglich sein Gewehr weg, und nachdem die Gesandten sich erhoben hatten, folgten wir ihnen aus freiem Antriebe. Als wir mit ihnen bei den Reitern anlangten, fanden wir eine vortreffliche Aufnahme; wir erhielten unseren Platz mitten in dem Trupp, und während wir marschierten, plauderten wir mit unseren Gebietern, die uns brave Leute schienen; von Zeit zu Zeit allerdings erhielt einer von uns einen tüchtigen Peitschenhieb, aber das war, weil er nicht schnell genug marschierte: im übrigen verlief alles sehr gut, außer daß es für so müde Leute, wie wir, ein wenig hart war, einen Weg von acht Stunden durch das Ackerland machen zu müssen, ehe wir das Lager, zu dem man uns führte, erreicht hatten. Die Frauen und Kinder waren uns entgegengekommen. Dies war der schwerste Augenblick, den wir durchzumachen hatten. Anscheinend waren in dieser Menge Witwen von einigen Tagen, deren Gatten wir getötet hatten, und Mütter, welche erzürnt über das waren, was wir ihren Söhnen angetan hatten. Die Frauen sind schlimm in allen Ländern der Welt; diese hier waren fürchterlich». Das mindeste, was sie uns antun mögen, wenn man sie hätte gewähren lassen, wäre gewesen, uns mit ihren Nägeln zu zerreißen. Die Kinder waren sehr damit einverstanden, uns so schlecht zu behandeln, und für den Anfang empfingen sie uns mit Geheul und einem Hagel Steine. Zum Glück zeigten sich die Männer ganz und gar nicht geneigt, uns verderben zu lassen, und halb brummend, halb lachend, ab und zu auch diesen Furien einige Kopfnüsse gebend, brachten sie uns glücklich in das Lager und setzten unsere Feindinnen und ihre kleinen Hilfsmannschaften, wenn auch nicht außer stand, uns zu schimpfen, was uns keinen Schmerz verursachte, aber wenigstens außer stand, uns blutig zu schlagen. Als wir alle auf dem Platze versammelt waren, wurden wir gezählt und davon in Kenntnis gesetzt, daß diejenigen, welche zu entfliehen versuchten, auf der Stelle getötet werden würden. Nach dieser Erklärung wurden wir unter die verschiedenen Reiter verteilt, die uns gefangen genommen hatten und deren Sklaven wir wurden. Der und der gewann so zehn Kriegsgefangene, ein anderer fünf und dieser zwei. Ich für meine Person wurde einem noch sehr jungen Burschen zugesprochen, der mich alsbald mit nach Hause nahm. Mein Herr war nicht arm; ich bemerkte das, da ich unter sein Zelt trat. Dies Zelt war von der Art derer, die man Alatyk nennt, nämlich mit Verschlagen und Wänden von Weidengeflecht, die mit dichtem Filzwerke bebeckt waren; der Fußboden war von Holz, mit Teppichen belegt; drei oder vier Kisten, in Farben aller Art bemalt, ein großes Bett mit Kissen, und inmitten des Zeltes ein Ofen, von welchem eine angenehme Wärme ausströmte. In dieser allerliebsten Wohnung gewahrte ich eine junge Frau; sie stillte einen Säugling. Ich begrüßte sie ehrerbietig, sicherlich war es meine Gebieterin, aber sie schlug die Augen nicht nach mir auf, kaum baß sie ihren Mann anblickte. Ich will euch gleich erzählen, was die Turkmeninnen eigentlich für Frauen sind. Nichts sonderlich Anziehendes. Sie sind so häßlich, daß sie den Teufel in die Flucht jagen könnten; Zeugin dessen die junge Dame aus dem Zelte, in das ich geführt wurde, welche übrigens, wie ich nachher erfuhr, eine der Schönheiten des Landes war. Das hätte ich mir anfangs schwerlich träumen lassen. Sie glich einem Tebryzer Packträger. Sie hatte breite, flache Schultern, einen dicken Kopf, kleine Augen, vorspringende Wangen, einen Mund wie ein Scheunentor, eine platte Stirn und auf der Brust zwei Berge. Ich habe noch schlimmere gesehen. Diese Frauen sind dumm, boshaft, roh und verstehen sich nur auf die Arbeit, aber man läßt sie auch arbeiten wie Maultiere, und man tut recht daran. Der Hausherr sagte zu der Frau: tu das Kind auf die Seite und richte mir das Abendessen. Die Frau gehorchte sogleich. Sie fing an, mit Schüsseln und Tellern herumzuwirtschaften und gab mir ein Zeichen, ihr aus dem Zelte hinauszufolgen; ich gehorchte unverzüglich, da ich den Gedanken gefaßt hatte, sie durch meinen Eifer zu erweichen. Sie führte mich in eine Art Hütte, welche als Küche diente, wo ein gewisses Etwas in einem Kessel kochte. Sie gab mir ein Zeichen, das ich nicht recht verstand; ohne mir etwas zu erklären, langte sie einen Stock und versetzte mir damit einen Schlag über den Kopf. – Das wäre, dachte ich, eine Art Ungeheuer, das mir das Leben nicht leicht machen wird. Ich täuschte mich. Sie war ein braves Weib. Sie schlug mich oft, sie war pünktlich, wollte, daß alles auf ihre Weise geschähe; aber sie nährte mich gut, und als sie sich ein wenig an mich gewöhnt hatte, sprach sie mehr mit mir, und es gelang mir mehr als einmal, sie zu hintergehen, ohne daß sie es je gemerkt hätte. Wenn sie guter Laune war, sagte sie zu mir, aus vollem Halse lachend: nicht wahr, ihr Leute aus Iran, ihr seid dümmer als unsere Pferde? – Ja, Herrin, antwortete ich demütig, das ist wohl wahr. Gott hat es so gewollt! – Die Turkmenen, fuhr sie fort, plündern euch aus, bestehlen euch, führen euch selber mit fort und verkaufen euch an wen sie wollen, und ihr wißt kein Mittel zu finden, sie daran zu hindern. – Es ist wahr, Herrin, antwortete ich abermals; aber das macht, weil die Turkmenen geistreiche Leute sind, und wir, wir sind Esel. Darauf fing sie wieder an, laut aufzulachen, und bemerkte nie, daß ihre Milch und ihre Butter zu meinen Gunsten abnahmen. Ich habe immer beobachtet, daß die stärksten Leute immer die wenigst gescheiten sind. Da seht zum Beispiel die Europäer! Man hintergeht sie, so viel man will, und überall, wo sie hinkommen, bilden sie sich ein, daß sie uns überlegen wären, weil sie die Herren sind; sie wissen die Wahrheit nicht zu schätzen – und werden es nimmer lernen –, daß der Geist hoch über der Materie steht. Die Turkmenen zeigen sich genau ebenso. Sie sind Tölpel wie sie. Ich wurde von meinen Eigentümern dazu angestellt, Holz zu spalten, Wasser zu tragen, die Hammel auf die Weide zu treiben. Wenn ich nichts zu tun hatte, ging ich über Land spazieren. Ich hatte mir einige Freunde gemacht und sang Lieder. Ich verstand auch Fallen für den Mäusefang anzufertigen und brachte einigen Frauen die Bereitung persischer Gerichte bei, die die Männer wundervoll fanden. Meine Belohnung war Tee mit Butterbrot und Kuchen. Ziemlich oft gab es auch Hochzelten, und ich tanzte dabei, was allen Anwesenden viel zu lachen gab, die übrigens sehr guter Laune waren, und man kann wohl begreifen, warum. Unser Lager, die Nachbarlager und das gesamte Volk waren in einem Zustande der Begeisterung aus Anlaß des Sieges. Gefangene gab's im Überfluß, und man rechnete darauf, viel mit ihnen zu verdienen. Sodann waren, nachdem einmal die erste Regung von Mißstimmung vorüber war, sämtliche Witwen von ihrer Lage entzückt, und es konnte gar nicht anders sein, denn ein junges Turkmenenmädchen ist keine fünf Goldtomans wert, und es bedarf besonderer Umstände, damit man eine aufsuche, wenn man sich verheiraten will. Hingegen hat eine Witwe großen Wert und wird oft sehr hoch geschätzt. Das kommt von der Erfahrung, die sie sich in der Führung eines Haushalts erworben hat, von ihrem Ruf als sparsame Wirtschafterin, und von ihrer Gewohnheit, alles um sich her zu leiten. Und außerdem weiß man bestimmt, ob sie ihrem Manne Kinder schenken kann oder nicht. Was die Liebe angeht, so könnt ihr euch wohl denken, daß bei dem Aussehen dieser Damen davon nicht die Rede ist, niemand denkt daran oder begreift auch nur, was das sein mag. Ich versuchte einmal, meiner Herrin von der so rührenden, so schönen Liebe zu erzählen, welche Medjinun für Leïla empfand und welche mir meine eigene Leïla ins Gedächtnis zurückrief und mich in eine Flut von Weh stürzte. Meine Herrin prügelte mich schmählich, weil ich es gewagt hatte, ihr mit derartigen Albernheiten beschwerlich zu fallen. Sie war noch sehr jung; aber sie hatte bereits zwei Männer gehabt vor dem, den sie für den Augenblick besaß, und drei Kinder obendrein. Auch genoß sie eines über die Maßen großen Ansehens, und es war eine Ehre für mich, die ich zu würdigen wußte, einer solchen Dame anzugehören. Ungefähr drei Monate lebte ich dort ziemlich friedlich, und ich begann mich an mein Los zu gewöhnen (in der Tat war es, wie ich gesagt habe, nicht sehr hart), als ich eines Morgens, da ich müßig im Lager herumspazierte, von zwei anderen Sklaven, Persern gleich mir, Soldaten des Regimentes Gum, angeredet wurde, die mir sagten, sie wüßten bestimmt, ja, die mir bei ihren Häuptern schwuren, daß wir noch selbigen Tages befreit und nach Meschhed zurückgeschickt werden würden. Man hatte dieses Gerücht schon so oft in Umlauf gesetzt, und so oft hatte es sich als falsch herausgestellt, daß ich anfing zu lachen und meinen Kameraden den Rat gab, dem, was man ihnen verheißen hatte, nicht zu viel Glauben zu schenken und auch fernerhin sich mit einer gehörigen Portion Geduld zu versehen. Indessen, als ich sie verließ, fühlte ich mich, wie jedesmal, wenn ich derartige Neuigkeiten hörte, ziemlich beunruhigt und aufgeregt. Ich weiß wohl, daß genug garstige Dinge in Iran vorkommen und daß man dort viel Übles findet; und doch ist es Iran, und ist das beste, das heiligste Land der Erde. Nirgends in der Welt empfindet man soviel Lust und soviel Freude. Wenn man dort gelebt hat, will man dahin zurück: und wenn man dort ist, will man da sterben. Ich glaubte ganz und gar nicht an das, was meine beiden Kameraden mir gesagt hatten, und doch schug mir das Herz, und ich fühlte mich traurig, so traurig, daß ich, anstatt meinen Spaziergang fortzusetzen, zu meinem Herrn zurückkehrte. Er war eben vom Pferde gestiegen, und ich sah ihn mit seiner Frau plaudern. Als er mich bemerkte, rief er mich. – Aga, sagte er zu mir, du bist nicht mehr mein Sklave, du bist ausgelöst; du bist mein Gast und wirst nach Meschhed abmarschieren. Ich erschrak, da ich diese Worte vernahm, dermaßen, daß ich mich im Begriffe glaubte zu ersticken, und mir schien, als sähe ich das Zelt sich um mich drehen. – Was diese Iranier dumm sind! sagte die Frau lachend; was ist denn dabei Außergewöhnliches? Deine Regierung hat ihre Soldaten um den Preis von zehn Tomans den Kopf losgekauft. Man hätte sie ihr weniger billig verkaufen können, aber da diese Dummheit einmal gemacht ist und wir unser Geld eingestrichen haben, so mach dich heim und spiele nicht den Dummkopf. Kaum hörte ich, was das Geschöpf sagte. Vor meinen Augen zog's vorüber wie ein Gesicht. Ich sah, ja ich sah das liebliche Tal von Khamseh, wo ich geboren bin, ich gewahrte genau den Bach, die Weiden, das Grasdickicht, die Blumen, den Baum, an dessen Fuß ich mein Geld eingegraben hatte, meine schöne, angebetete Leïla in meinen Armen, meine Jagden, meine Gazellen, meine Tiger, meinen teuren Kerim, meinen trefflichen Suleiman, meinen erzbraven Abdullah, alle meine Vettern, den Bazar von Teheran, die Bude des Krämers und die des Garkochs, die Gesichter der Leute, die ich kannte; ja, ja, ja, mein ganzes Leben erschien mir in diesem Augenblicke, und eine Stimme rief in mir: du wirst es wieder anfangen! Ich fühlte mich trunken von Glück! Ich hätte singen, tanzen, weinen, alle, die sich meinem Geiste zeigten, umarmen mögen in diesem Augenblicke höchster Seligkeit, und ich fing an Angstrufe auszustoßen. – Tropf! sagte die Frau zu mir, du hast gestern abend und vielleicht noch heute morgen Raki getrunken. Wenn ich dich je wieder dabei erwische!... Der Mann fing an zu lachen. – Du wirst ihn nie wieber dabei erwischen, denn er geht noch heute, und von diesem Augenblicke an, ich wiederhole dir's, Aga, bist du frei! Ich war frei! Ich stürzte aus dem Zelt und lenkte den eilenden Schritt nach dem Hauptplatze in der Mitte des Lagers. Aus allen Wohnungen kamen meine armen Kameraden hervor, ebenso begeistert wie ich. Wir umarmten uns, wir unterließen nicht, Gott und den Imams zu danken; wir riefen aus vollem Herzen: Iran! geliebtes Iran! Licht meiner Augen! Und dann erfuhr ich allmählich, wie es zuging, daß wir plötzlich der Finsternis enttauchten, um in ein so schönes taghelles Licht einzugehen. Anscheinend war seit dem Untergange unserer Armee und dem Beginne unserer Gefangenschaft sehr vieles vorgegangen. Als der König der Könige vernahm, was geschehen, war er in gewaltigen Zorn gegen seine Generäle geraten und klagte sie an, daß sie ihre armen Soldaten ganz allein gegen den Feind hätten ziehen lassen, ohne sie zu begleiten; er hatte sie auch angeklagt, daß sie die für sie bestimmten Lebensmittel, Pulvervorräte, Waffen und Kleidungsstücke verkauft hätten, und schließlich seinen festen Entschluß erklärt, allen Schuldigen den Hals abschneiden zu lassen. Er hätte vielleicht wohl daran getan, wenn er diese Drohung ausgeführt hätte. Aber wozu schließlich? Nach diesen Generälen wären ganz ähnliche wiedergekommen; das ist der Lauf der Welt. Daran ist nichts zu ändern. Und so verfuhr Seine Majestät weit weiser, indem sie ihren Zorn beschwichtigte. Es kam nur dazu, daß die Minister und die Säulen des Reiches eine tüchtige Menge Geschenke von den Angeklagten erhielten; einer oder zwei von diesen wurden auf einige Monate zurückberufen; der König bekam prachtvolle Präsente, und es wurde beschlossen, daß die Führer alle gefangenen Soldaten von den Turkmenen loskaufen, und zwar auf ihre Kosten loskaufen sollten, weil sie die Ursache des Unglücks wären, das diesen armen Teufeln zugestoßen war. Nachdem die Frage also geordnet, hatten sich die Generäle natürlich an die Obersten und die Majore gehalten, welche es genau so gemacht hatten wie sie. Sie drohten ihnen mit Stockprügeln, mit Absetzung, ja sogar mit Kopfabschneiden, und ruhten nicht, bis schließlich auch nach dieser Seite eine Verständigung erzielt war. Die Obersten und Majore gaben ihren Vorgesetzten Geschenke, und diese kamen ein wenig wieder auf die Kosten, welche die Sorge um ihre Sicherheit ihnen in Teheran auferlegt hatte. Inzwischen hatten sie Abgesandte unter die Turkmenenstämme ausgeschickt, um über den Rückkauf der Gefangenen zu verhandeln. Es hatte einige Schwierigkeit gekostet, sich zu verständigen. Doch aber war man einig geworden, und so kam es denn, daß wir, nachdem wir in eine unglaubliche Aufregung, in eine Art Verzückung versetzt worden, und von unseren ehemaligen turkmenischen Herren und Freunden Abschied genommen hatten, uns auf den Weg nach Meschhed machten, wobei wir ein Tempo anschlugen, dafür stehe ich euch, wie der Vogel, der davonfliegt. Das Wetter war prächtig; bei Nacht glänzten die Sterne am Himmel wie Diamanten; tagsüber bedeckte schönes, helles Sonnenlicht Himmel und Erde mit Goldflittern, welche seinem Flammenkreise entfluteten. Das ganze Weltall lachte uns an, uns arme, unglückliche Soldaten, ja die unglücklichsten, verlassensten, schlechtestbehandelten aller Wesen, die wir der übergroßen Not entrannen, um wenigstens wieder aufs neue zu hoffen, und wir marschierten munter und sangen aus voller Kehle, und so kamen wir bis zwei Stunden vor Meschhed. Wir sahen deutlich vor uns am blauen Himmel die Kuppeln und Minarets und emaillierten Mauern der heiligen Moschee und die unzähligen Häuserreihen der Stadt herankommen; und wie wir daran dachten, was wir alsbald Gutes im Innern dieser himmlischen Erscheinung für uns finden würden, fanden wir uns plötzlich durch zwei quer über den Weg aufgestellte Regimenter angehalten, vor denen sich ein Trupp Offiziere befand. Wir machten halt und grüßten tief. Ein Mulla schritt aus der Gruppe der Offiziere hervor und kam auf unseren Trupp zu. Als er in Hörweite war, erhob er beide Hände in die Luft und richtete folgende Anrede an uns: Kinder! Gelobt sei Gott, der mächtige, barmherzige Herr der Welten, der den Propheten Jonas aus dem Bauche des Walfisches und euch aus den Händen der grimmigen Turkmenen errettet hat! – Amen! rief unser ganzer Trupp. - Ihr müßt ihm dafür danken, indem ihr demütig in Meschhed einzieht, demütig, sage ich euch, und wie es sich für unglückliche Gefangene geziemt! – Wir sind bereit! wir sind bereit! – So sollt ihr denn alle, Kinder, als gottselige Männer und gläubige Muselmannen, Fesseln an eure Hände anlegen, und die gesamte Bevölkerung, von diesem Beweise eures Unglücks gerührt, wird euch mit Segenswünschen und Almosen überhäufen. Wir fanden diesen Einfall ausgezeichnet und waren entzückt davon. Darauf näherten sich Soldaten aus den Reihen der beiden Regimenter. Sie legten uns Halseisen um den Hals und Handschellen um die Hände, und so wurden Rotten von acht bis zehn Gefesselten aus uns gebildet. Das gab uns viel zu lachen, und wir befanden uns sehr wohl so, wiewohl das Metallgewicht ein wenig beschwerlich war; aber es hieß ja nur, es während einiger Stunden tragen, und das war eine Lappalie. Als unser Anzug beendet war, setzten sich die Trommeln, die Musik, die Offiziere und ein Regiment an der Spitze in Bewegung; dann kamen wir in unserem kläglichen Aufzuge, aber äußerst zufrieden, und das andere Regiment folgte uns auf dem Fuße nach. Bald gewahrten wir die Menge der Meschhedis, welche uns entgegenkamen. Wir begrüßten sie und hatten die Freude, uns mit Segenswünschen überschütten zu hören. Inzwischen wirbelten die Trommeln, die Musik spielte und einige Geschütze gaben uns zu Ehren Salven ab. Als wir erst in der Stadt waren, wurden wir getrennt; die einen schlugen diese, die anderen eine andere Straße ein, und Soldaten geleiteten uns. Ich wurde mit den sieben gefesselten Kameraden der nämlichen Rotte, die Handschellen an der Faust und das Halseisen am Halse, auf eine Wache geführt, und es wurde uns erlaubt, uns auf die Terrasse zu setzen. Dort forderte uns der Sergeant, welcher unseren Geleitstrupp befehligte, auf, die Vorübergehenden um milde Gaben anzugehen. Dieser Einfall war vorzüglich; wir brachten ihn augenblicklich mit wunderbarem Erfolge zur Ausführung. Männer, Weiber und Kinder brachten uns um die Wette Reis, Fleisch und selbst Leckereien; Geld gab man uns wenig. Ich glaube, die braven Leut', die uns zu Hilfe kamen, hatten selbst nicht viel. Abends kam ein Offizier. Wir baten ihn, uns losbinden und einen jeden von uns seine Geschäfte besorgen zu lassen. Ich für meinen Teil dachte nur daran, eine gute Nacht, deren ich sehr bedurfte, bei meinem Freund und Vetter, Mulla Suleiman, zuzubringen. Der Offizier sagte uns: Kinder, ihr müßt vernünftig sein. Ihr seid durch die unvergleichliche, übermenschliche Großmut meines Oheims, des Generals Ali-Khan, befreit worden. Er hat euren Herren für jeden von euch zehn Tomans gegeben. Wäre es da billig, daß er eine so beträchtliche Summe verlöre? Nein, das wäre nicht billig, das müßt ihr zugeben. Anderweitig wieder, ließe er euch ziehen, so seid ihr zwar große Ehrenmänner, und es ist euch nicht zuzutrauen, daß ihr eure Schulden nicht anerkennen würdet, aber das Unglück will, daß ihr hier keine Hilfsquellen habt. Wo sollten arme Soldaten Geld finden? In diesem Gedanken will mein Oheim, die Güte selbst, euch dazu verhelfen. Indem er euch die Kette am Halse läßt, bis ihr jeder fünfzehn Tomans zusammengebracht habt, die ihr ihm dann getreulich einhändigt, verschafft er euch ein Mittel, das Herz der Muselmänner zu rühren und die öffentliche Wohltätigkeit in Betrieb zu setzen. Betrübt euch nicht! Erzählt euer Unglück, bittet weiter bei denen, die euch nahen. Ruft sie alle herbei, die wackeren Leute, die da vorbeigehen! Sie werden kommen! Ihr seht, daß sie euch sehr gut nähren. Allmählich wird das Mitleid sie noch mehr ergreifen, und ihre Börsen werden sich auftun. Ich hintergehe euch nicht. In einigen Tagen, wenn ihr keine Hoffnung mehr habt, hier etwas zusammen zu bekommen, wird man euch weiterbefördern. Ihr kehrt so nach Teheran zurück; von da geht ihr nach Ispahan, nach Schiras, nach Kermanscha, und so durch alle Städte des wohlbehüteten Iran, und am Ende bezahlt ihr eure Schuld. Der Offizier schwieg, wir aber gerieten in Zorn; Verzweiflung erfaßte uns, wir fingen an, ihn Hundesohn zu nennen, und waren auf dem besten Wege, auch seinen Oheim, die Frauen, die Mutter, die Töchter seines Oheims (vielleicht hatte er gar keine) ebensowenig zu schonen, als auf ein Zeichen unseres Peinigers unsere Wächter über uns herfielen und wir geprügelt, zu Boden geworfen und mit Füßen getreten wurden. Mir wurde beinahe eine Rippe eingeschlagen, und mein Kopf war ganz geschwollen von zwei dicken Beulen. So mußten wir denn wohl Vernunft annehmen. Ein jeder unterwarf sich, und nachdem ich für mein Teil in einem Winkel eine gute halbe Stunde geweint, faßte ich mich und begann von neuem mit kläglicher Stimme die Vorübergehenden um Almosen zu bitten. Es fehlte nicht an wohltätigen Menschen, und alle Welt weiß, daß, dank dem allmächtigen Gotte! im Islam große Bereitwilligkeit vorhanden ist, den Unglücklichen zu Hilfe zu kommen. Die Frauen zumal drängten sich in großer Zahl um uns her; sie betrachteten uns, sie weinten; sie baten uns um den Bericht unserer Unglücksfälle. Diese waren groß, und wie man sich denken kann, suchten wir sie nicht zu verkleinern; im Gegenteil, wir verfehlten nie, unseren Erzählungen hinzuzufügen, daß unsere Frauen, unsere fünf, sechs, sieben, acht kleinen unmündigen Kinder uns zu Hause erwarteten und vor Hunger umkämen. Wir nahmen so eine gehörige Menge kleines Geld und zuweilen auch Silberstücke ein. Übrigens hatten einige unter uns mehr Glück als die anderen. Cs ist bekannt, daß unsere Regimenter unter den Armen angeworben werden, die sich dem Soldatenleben nicht entziehen können, weil sie weder Freunde noch Beschützer haben. Wenn man Soldaten will, liest man auf den Straßen und in den Schenken der Städte und in den Bauernhäusern alles auf, was keinen Einspruch beibringen kann. So waren wir da in unseren Ketten erwachsene Männer, Kinder von fünfzehn Jahren und Greise von siebzig, weil man, einmal Soldat, es für sein ganzes Leben ist, es sei denn, daß man es fertig bringe, sich befreien zu lassen ober zu entfliehen. Die, welche die meisten Almosen unter uns empfingen, waren die jüngsten. Einer war da, ein hübscher Junge von sechzehn Jahren, in Zendschan geboren, der wurde nach vierzehn Tagen erlöst, so überhäufte man ihn von allen Seiten. Freilich hatte er auch ein Engelsgesicht. Mir für meine Person gelang es, Mulla Suleiman von meinem traurigen Los benachrichtigen zu lassen. Der brave Junge eilte herbei, warf sich mir um den Hals und gab mir im Namen unserer teuren Leïla einen Toman. Das war viel. Ich dankte ihm sehr. Vielleicht hätte ich noch mehr von ihm bekommen; aber am nächsten Tage hieß man uns von Meschhed aufbrechen, um uns nach Teheran zu führen. Meine Kameraden und ich machten ein Lied, das unsere Unfälle erzählte, und wir gaben es den lieben langen Weg den Bauern zum besten. Das brachte uns immer ein wenig ein. Übrigens verpflegte die Nächstenliebe der Muselmänner die armen Gefangenen besser, als sie es ehedem für die Soldaten des Königs getan hatte, und unsere Wächter machten sich das zunutze wie wir. Nur mußte jeder von uns wohl auf seine kleinen Einnahmen acht haben, denn wir selbst wie unsere Soldaten dachten natürlich nur daran, uns dessen zu bemächtigen, was nicht unser war. Ich hielt mein Geld in einem Stück blauen Kattun verwahrt; ich zeigte es niemand und hatte es mit einer Schnur unter meinen Kleidern befestigt. Als wir in der Hauptstadt ankamen, besaß ich – ich kann es ja jetzt wohl gestehen – mit dem Goldtoman, welchen mein Vetter mir gegeben hatte, einigen Sahabgrans in Silber und einer tüchtigen Partie Kupferschahis ungefähr drei und ein halb Tomans. Einige meiner Kameraden waren, dessen bin ich gewiß, reicher als ich; aber andere waren auch wieder ärmer; denn ein alter Kanonier namens Ibrahim, welcher mein Kettennachbar war, erhielt niemals etwas, so häßlich war er. In Teheran angekommen, führte man uns just auf meine alte Wache und stellte uns auf der Terrasse aus. Die Leute des Viertels, die mich wiedererkannten, eilten herbei; ich berichtete von unseren Unfällen, und alles war im Begriffe, uns ordentlich etwas zu geben, als sich ein wahres Wunder begab. Gott sei gelobt! Die heiligen Imams seien gesegnet und ihre geheiligten Namen gepriesen! Amen! Amen! Ehre sei Gott, dem Herrn der Welten! Ehre sei Gott! Ehre sei Gott! Ein Wunder, sage ich, begab sich, und das war dieses. Wie immer, hatten sich viele Frauen um uns versammelt. Sie drängten sich aufeinander und näherten sich, so weit sie konnten, um uns gut zu betrachten, so daß ich, der ich dem Publikum unser Mißgeschick erzählte, sozusagen eine Wand von blauen und weißen Schleiern mir gegenüber fand, die schnurgerade vor mir aufgeführt war. Ich war gerade bei diesem Satze, den ich oft salbungsvoll und verzweiflungsvoll wiederholte: o Muselmänner! o Muselmänner! Es gibt keinen Islam mehr! Die Religion ist verloren! Ich bin aus Khamseh! Ach! ach! ich bin aus der Gegend von Zendschan! Ich habe eine arme blinde Mutter, meines Vaters beide Schwestern sind verkrüppelt, meine Frau ist gelähmt, und meine acht Kinder kommen vor Elend um! Ach, Muselmänner! wenn eure Nächstenliebe sich nicht beeilt, mich zu befreien, so stirbt das alles Hungers, und ich, ich sterbe vor Verzweiflung! In diesem selben Augenblicke vernahm ich neben mir einen durchdringenden Schrei, und eine Stimme, die ich im Nu erkannte, und die mir wie ein Feuerpfeil durchs Herz ging, rief: o Gott! bei Gott! um Gott! es ist Aga! Ich zauderte nicht eine Sekunde: Leïla! rief ich aus. Was half es ihr, daß sie mit ihrem dichten Schleier bedeckt war, ihr Gesicht erstrahlte förmlich vor meinen Blicken! Ich fühlte mich von der Freude in die höchste Höhe des siebenten Himmels emporgerissen. – Halt dich ruhig, sagte sie mir, du wirst noch heute oder spätestens morgen befreit! Damit wandte sie sich ab und verschwand mit zwei anderen Frauen, die sie begleiteten, und am Abend, da ich vor Ungeduld vergehen wollte, kam ein Offizier mit einem Vekyl; meine Kette wurde gelöst, und der Offizier sagte zu mir: geh, wohin du willst, du bist frei! Als er diese Worte aussprach, fühlte ich mich in die Arme, ja in die Arme wessen wohl geschlossen? Meines Vetters Abdullah! Gott! was freute ich mich, da ich ihn sah! – Ach! mein Freund, mein Bruder, mein Liebling, sagte er zu mir, welch ein Glück! Welch ein Wiederbegegnen! Als ich von unserem Vetter Kerim erfuhr, daß sie dich mit zu den Soldaten genommen hätten, welchem über alle Maßen großen Kummer hätte ich mich da nicht hingeben mögen! – Der gute Kerim ! rief ich aus. Wir haben uns immer zärtlich geliebt, er und ich! Wenn mir auch zuweilen, wie ich gestehe, Suleiman lieber gewesen ist. Dabei fällt mir ein, weißt du, daß Suleiman ... Damit erzählte ich ihm, was aus unserem würdigen Vetter geworden, und wie er im Begriffe war, ein sehr gelehrter Mulla und ein großer Mann in Meschhed zu werden. Dieser Bericht gefiel Abdullah sehr. – Ich bedaure, sagte er mir, daß unser anderer Vetter sich nicht ein so schönes Los hat gewinnen können. Es ist das ein wenig seine Schuld. Du weißt, daß er die bedauernswerte Gewohnheit hatte, den kalten Tee im Übermaß zu lieben. Dieser Ausdruck: »der kalte Tee« bezeichnet, wie jedermann weiß, unter Leuten, die auf sich halten, das schauderhafte Getränk, das man Raki nennt. Ich schüttelte mit zugleich tiefbetrübter und unwilliger Miene den Kopf: Kerim, antwortete ich, trank kalten Tee, ich weiß das nur zu gut; ich habe lange Zeit außerordentliche Anstrengungen gemacht, um ihn dieser schmählichen Gewohnheit zu entreißen; es ist mir nie gelungen. – Und doch, fuhr Abdullah fort, könnte seine Lage schlimmer sein. Ich beschäftige ihn als Maultiertreiber, und er transportiert Waren auf dem Wege von Tebriz nach Trebizond. Er verdient sich sein Brot ganz ordentlich. Was höre ich? rief ich aus, solltest du Kaufmann geworden sein? – Ja, mein Bruder! erwiderte Abdullah mit bescheidener Miene. Ich habe einiges Vermögen erworben, und das hat mir heute erlaubt, dir zu Hilfe zu kommen, als die unglückliche Lage, in der du dich befandest, mir von meiner Frau offenbart worden ist. – Von deiner Frau! Ich war außer mir vor Erstaunen. – Gewiß, da Kerim nicht die Mittel hatte, sie zu unterhalten, wie dies himmlische Geschöpf es verdiente, so hat er eingewilligt, sich von ihr scheiden zu lassen, und ich habe sie geheiratet. Ich war nicht sonderlich zufrieden. Aber was konnte ich machen? Mich meinem Geschick unterwerfen. Dem entrinnt man nicht. Sehr oft hatte ich Gelegenheit gehabt, diese Wahrheit zu erkennen. Sie war mir soeben noch einmal schlagend zum Bewußtsein gekommen, und ich gestehe, in einer Weise, die mir empfindlich war. Ich sagte kein Sterbenswörtchen. Indessen folgte ich Abdullah. Als wir beim neuen Tore angekommen waren, brachte er mich in ein sehr hübsches Haus und geleitete mich ins Enderun. Dort fand ich Leïla auf dem Teppich sitzend. Sie nahm mich sehr gut auf. Zu meinem Unglück fand ich sie hübscher, verführerischer als je, und die Tränen kamm mir und schwellten mir das Herz. Sie bemerkte es, und als nach dem Tee Abdullah, der Geschäfte hatte, uns allein gelassen, sagte sie zu mir: mein guter Aga, ich sehe, daß du ein wenig unglücklich bist. – Ich bin es sehr, erwiderte ich, indem ich den Kopf senkte. – Man muß vernünftig sein, fuhr sie fort, und ich will dir nichts verbergen. Ich gestehe, daß ich dich sehr geliebt habe und dich noch liebe, aber ich bin auch nicht unempfindlich gegen die guten Eigenschaften Suleimans gewesen, Kerims Heiterkeit und Frohsinn haben mich entzückt und Abdullahs Verdienste mir die größte Achtung und Rührung eingeflößt. Wenn man eine Erklärung von mir verlangte, welchem meiner vier Vettern ich den Vorzug gäbe, so würde ich den Wunsch äußern, daß man aus den vieren einen einzigen Mann machen könnte, und diesen, dessen bin ich ganz gewiß, würde ich leidenschaftlich und für immer lieben. Aber ist es möglich? Das frage ich dich. Weine nicht. Sei überzeugt, daß du für immer in meinem Herzen lebst. Ich konnte Suleiman nicht heiraten, der nichts besaß. So habe ich mich denn dir zugewandt. Du bist ein wenig leichtfertig gewesen; aber ich verzeihe dir. Ich weiß, daß du mir zärtlich ergeben bist. Kerim brachte mich auf die Heerstraße des Elends. Abdullah hat mich reich gemacht. Ich muß nun auch meinerseits verständig sein und werde ihm treu sein bis zum Tod, wobei ich immer an euch drei als an Männer denken kann .... Kurz, ich habe dir nun genug hiervon gesagt. Abdullah ist dein Vetter; hab ihn lieb; mache dich ihm nützlich, und er wird alles für dich tun, was möglich ist. Du kannst dir wohl denken, daß ich dabei nicht hinderlich sein werde. Sie sagte mir noch viele liebreiche Worte, welche im ersten Augenblicke mir meine Traurigkeit vermehrten. Indessen, da hier keine Hoffnung war, und das begriff ich nur zu wohl, so ergab ich mich darein, für Leïla nur noch der Sohn ihres Oheims zu sein. Abdullah hatte in seiner Eigenschaft als Kaufmann oft mit bedeutenden Persönlichkeiten zu tun. Er erwies ihnen Gefälligkeiten und hatte Einfluß bei ihnen. Ihm habe ich es zu danken, daß ich zum Sultan im Regiment Khasseh oder Leibregiment ernannt wurde, welches ständig in Teheran im Palaste garnisoniert, die Wache bezieht, Wasser trägt, Holz spaltet und Maurerarbeiten verrichtet. So bin ich denn also Kapitän und fing an, die Soldaten auszusaugen, wie man mich selbst ausgesogen hatte, was mir eine sehr ehrenvolle Stellung verschaffte, und worüber ich mich nicht zu beklagen habe. Wir sind des Königs Garden; oft ist die Rede davon gewesen, daß wir eine prächtige Uniform bekommen sollten, ja man spricht noch immer davon. Ich glaube, man wird bis an der Welt Ende davon sprechen. Manchmal besteht der Vorsatz, uns zu kleiden wie die Mannschaften, welche über das Leben des Kaisers aller Reußen wachen, nämlich grün mit Goldtressen und -Stickereien. Andere Male sollen wir rot gekleidet werden, immer mit Tressen, Stickereien und Goldfransen. Aber wie könnten die Soldaten, wenn sie so angezogen wären, sich nützlich machen? Und wer sollte diese schönen Trachten bezahlen? So lange nun, bis man da einen Ausweg gefunden, haben unsere Leute zerrissene Hosen und oft nichts auf dem Kopfe. Als ich Offizier war, wollte ich mit meinesgleichen leben und machte viele Bekanntschaften. Unter ihnen aber schloß ich mich ganz besonders an einen Sultan an, einen Burschen von ausgezeichnetem Charakter. Er hat lange Zeit bei den Ferynghys gelebt, wohin man ihn zu seiner Ausbildung geschickt hatte. Er hat mir sehr sonderbare Dinge erzählt. Eines Abends, wo wir ein wenig mehr kalten Tee als gewöhnlich getrunken hatten, brachte er Ansichten gegen mich zur Sprache, die ich vollkommen verständig fand. – Siehst du, Bruder, sagte er zu mir, alle Iranier sind Tölpel, und die Europäer sind Dummköpfe. Ich bin bei ihnen erzogen worden. Erst hat man mich aufs Gymnasium geschickt, und dann, als ich gerade so gut wie diese verwünschten Kerle das Nötige gelernt hatte, um durch die Examina zu kommen, trat ich in ihre Militärschule, die sie Saint-Cyr nennen, ein. Da blieb ich zwei Jahre, wie sie selbst es tun, dann, nachdem ich Offizier geworden, bin ich hierher zurückgekehrt. Man wollte mich anstellen; man frug mich um meine Meinung, was ich für empfehlenswert hielte. Ich habe es gesagt, da hat man mich verlacht, hat einen wahren Haß auf mich geworfen, mich als Ungläubigen, als Unverschämten behandelt und die Prügelstrafe über mich verhängt. Im ersten Augenblicke wollte ich mir das Leben nehmen, weil die Europäer einen derartigen Unfall wie eine Schande betrachten. – Die Tröpfe! rief ich aus, indem ich mein Glas leerte. – Ja, sie sind Tröpfe, sie begreifen nicht, daß alles bei uns, die Gewohnheiten, die Sitten, die Interessen, das Klima, die Luft, der Boden, unsere Vergangenheit, unsere Gegenwart das, was bei ihnen das allereinfachste ist, radikal unmöglich machen. Als ich sah, daß mein Tod ganz und gar nichts nützen würde, arbeitete ich meine Erziehung um. Ich hörte auf, Meinungen zu haben, reformieren zu wollen, zu tadeln, zu widersprechen, und ich wurde wie ihr alle: ich küßte den Säulen der Macht die Hand und sagte ja, ja, gewiß! zu den größten Abgeschmacktheiten! Da hörte man allmählich auf, mich zu verfolgen; aber da man mir nach wie vor nicht traut, so werde ich immer nur Kapitän bleiben. Wir kennen alle beide Generäle von fünfzehn Jahren und Marschälle von achtzehn. Wir kennen auch brave Krieger, die nicht wissen, wie man ein Gewehr lädt; ich, ich habe fünfzehn Jahre hinter mir und werde im Elend und unter dem Drucke eines unheilbaren Verdachtes umkommen, weil ich weiß, wie man Truppen führt, und was man tun müßte, um in drei Monaten mit den Turkmenen an der Grenze fertig zu werden. Verflucht seien die Bösewichter von Europäern, die schuld an meinem Unglück sind! Diese Nacht tranken wir so gehörig, daß ich erst am nächsten Abend von dem Teppich, auf den ich gefallen war, aufstehen konnte, und meinen Kameraden ließ ich dort. Dank Abdullahs Protektion werde ich wohl, glaube ich, dies Jahr Major werden, wenn man mich nicht gar zum Obersten macht. Inschallah! Inschallah! Der große Zauberer Derwisch Bagher erzählte eines Tages die folgende Geschichte, nach dem Zeugnisse Abdy-Khans, welcher sie selbst von Lutfullah-Hindy gehört hatte, der sie von Riza-Bey aus Kirmanschah hatte, und dies sind alle ganz bekannte Leute, deren Wahrheitsliebe über jedem Verdacht steht. Vor wenigen Jahren lebte zu Damghan ein junger Mann mit Namen Mirza-Kassem. Er war ein vortrefflicher Muselmann. Seit kurzem verheiratet, vertrug er sich gut mit seiner reizenden Frau. Er trank weder Wein noch Branntwein, so daß die Nachbarschaft aus der Gegend, wo er wohnte, niemals Lärmen zu hören bekam; beiläufig bemerkt, ein Umstand, welcher bei Völkern, die vom Lichte des Islam erleuchtet sind, gewöhnlicher sein sollte; aber Gott ordnet die Dinge an, wie es ihm gefällt! Mirza-Kassem prahlte in keiner Weise mit Luxus und übertriebenem Aufwand; er verzehrte auf eine durchaus schickliche Weise eine Rente aus den Erträgen zweier Dörfer und das Einkommen aus einer ziemlich beträchtlichen Geldsumme, die er ehrbaren Kaufleuten anvertraut hatte. Er betrieb kein Gewerbe; und da er keinen Ehrgeiz besaß und nicht danach frug, ein berühmter Mann zu werden, so hatte er es standhaft abgelehnt, in Dienst zu treten. Nicht als ob sein bekannter guter Charakter ihm nicht zu wiederholten Malen die verführerischsten Anträge eingebracht hätte. Indem er nun so darauf verzichtet hatte, Premierminister zu werden, und ein Mann sich doch beschäftigen muß, hatte er eine gewisse Liebhaberei für geistige Dinge in sich erwachen gefühlt. In seiner Jugend, nachdem er die Schule verlassen, hatte er Theologie studiert, in dem schönen neuen Kaschaner Kolleg, wo er unter prächtigem Laubwerk die gelehrten Vorlesungen von Professoren, die nicht ohne Verdienst waren, gehört und in seinen Heften genug verschiedene Meinungen der besten Ausleger der Heiligen Schrift eingesammelt hatte. Auch die Jurisprudenz hatte ihn einen Augenblick angezogen; aber diese verschiedenen Kenntnisse, so ehrwürdig sie ihm auch erscheinen mochten, sprachen doch nicht sonderlich zu seiner Einbildungskraft; so daß er, nachdem er an Fragen wie diese hier: existiert der Imam Mehdy in der Welt mit oder ohne Selbstbewußtsein? nur mäßig sich vergnügt, allmählich sich von diesen Wonnen der Betrachtung zurückgezogen hatte und in einen ziemlich traurigen Müßiggang zu verfallen drohte, als der Zufall ihn mit einem Manne in Verbindung brachte, welcher einen entscheidenden Einfluß auf ihn ausübte. Es war an einem Abend in Ramazan. Unglücklicherweise halten die Gläubigen selten ganz streng das in dieser geheiligten Zeit vom Gesetze gebotene Fasten ein. Indessen gibt es – man muß das auch zugeben – fast niemand, der nicht Wert darauf legte, in dem Rufe zu stehen, als täte er's, und so wird wenigstens der Schein gewahrt. So sind es denn gerade die gewissenlosen Menschen, welche zur gewöhnlichen Frühstücksstunde ganz gemächlich in einem Winkel ihr Reisgericht verzehrt haben, die, wenn der Abend kommt, am eifrigsten über den Hunger, der sie nicht plagt, über die Schwäche, die sie nicht befällt, Klage führen und mit dem flehentlichsten Geschrei den Sonnenuntergang herbeirufen. Man muß Gott und seinem Propheten danken, daß einem in der heiligen Festzelt dies erbauliche Schauspiel in allen Städten Irans im Überflusse verschafft wird. Eines Abends also saßen Mirza-Kassem und ein Dutzend seiner Freunde mit untergeschlagenen Beinen am Stadttor vor dem Korbe eines Melonenhändlers und warteten auf den Augenblick, wo die Sonnenscheibe, die sich bereits dem äußersten Rande des Horizontes näherte, ihnen das Vergnügen machen würde zu verschwinden. Zum mindesten die Hälfte dieser pünktlichen und gewissenhaften Leute, deren blühendes Gesicht nicht von harter Lebensweise kündete, hielten den Kalian wohl angezündet in der Hand und warteten nur auf das Versinken des Gestirns in der beginnenden Dämmerung, um die Spitze des Rohres in den Mund zu schieben und sich in ein Gewölk von Dampf zu hüllen. – So geh doch hinab! geh doch hinab! brummte der dicke Ghulam-Ali mit mürrischem Tone, indem er das geliebte Gerät um eines Zolles Breite an seine Lippen drückte; geh doch hinab, Sonne, Hundesproß, und dein Vater soll brennen, um des Leidens willen, das du uns verlängerst! – O! Hassan! o! Hussein! heilige Imams! Ich schwöre, daß die Sonne bereits seit einer guten Stunde verschwunden ist, rief Kuli-Ali, der Tuchmacher, kläglich; ich weiß nicht, was wir für Blinde sind, daß wir nicht sehen, daß es Nacht ist! Wenn es Nacht gewesen wäre, wie dieser gute Muselmann versicherte, so war es noch reichlich hell genug, um das zu merken. Aber sein Wink hatte keinen Erfolg. Mirza-Kassem seinerseits war geduldig und sagte nichts. Nur betrachtete er mit einigem Wohlgefallen zwei harte Eier, welche vor ihm lagen, als plötzlich die Geschütze von der Citadelle sich vernehmen ließen. Nunmehr war es offiziell, daß die Sonne verschwunden war; alle Kalians fingen daher zugleich an zu dampfen, die Bude mit Melonen, harten Eiern und Gurken wurde augenblicklich geplündert; während dieser Zeit füllten die Teeverkäufer ihre Gläser mit dem kochend heißen Getränk; die Menge bemächtigte sich derselben mit Ungestüm; die Gläser wurden leer und wieder gefüllt, es wurde gesungen, geschrien, gelacht, man drängte sich, man stieß sich herum, es war ein gar lustiges Treiben. Da befand sich zwei Schritte entfernt von Mirza-Kassem ein großer Derwisch, eckig wie ein Stein, schwarz wie ein Maulwurf, von tausend Sonnen verbrannt, bekleidet nur mit einem Beinkleide von blauer Baumwolle, das Haupt bloß, darauf ein Wald zerzauster schwarzer Haare, flammenden Auges, wild, hart und streng anzusehen. Er trug über der Schulter eine messingene Stange, die in ein Schlangengeflecht auslief; zur Seite hing ihm die Kokosnuß, Kuskul genannt, herab, welche seiner Brüderschaft eigentümlich war. Dieser Mann hatte, selbst für einen Derwisch, ein so seltsames Aussehen, daß Mirza- Kassems Blick sich unwillkürlich auf ihn heftete und nicht davon abwenden konnte. Der Fremde wiederum betrachtete den, der ihn so starr ansah. – Heil über Euch, sagte er zu ihm mit sanfter, wohlklingender Stimme, wie man sie bei einem solchen Wesen ganz und gar nicht erwartete. – Auch Euch Heil und Segen! antwortete ihm Mirza-Kassem höflich. – Ich bin, fuhr der Derwisch fort, wie Eure Exzellenz sehen kann, ein elender Bettler, weniger als ein Schatten, dem Dienste Gottes und der Imams geweiht. Ich komme eben in dieser Stadt an, und wenn Ihr mich diese Nacht auf Eurer Terrasse, in Eurem Stalle, oder wo Ihr wollt, beherbergen könnt, so werde ich Euch dankbar dafür sein. – Zuviel Ehre, antwortete Mirza-Kassem, daß Ihr mir solche Gunst erweist! Habt die Gewogenheit, Eurem Sklaven zu folgen, er wird Euch den Weg zeigen. Der Derwisch führte die Hand an die Stirn zum Zeichen der Einwilligung und ging mit seinem Führer von dannen. Sie durchschritten zusammen mehrere gewundene Straßen, in denen die Hunde des Bazars bereits anfingen sich zu versammeln; die wenigen noch offen gebliebenen Läden wurden geschlossen; farbige Laternen leuchteten an den Türen einer Anzahl alter Häuser, während die Wächter des Viertels mit den Gevatterinnen plauderten, welche damit beschäftigt waren, in dem inmitten der Straße fließenden Bache ihre Leinwand zu waschen, wobei sie den Beinen der etwas zerstreut Vorübergehenden die peinlichsten Überraschungen bereiteten. Der Weg der beiden neuen Freunde war jedoch nicht allzulang; denn nach Verlauf von ungefähr einer Viertelstunde machte Mirza- Kassem halt vor einer kleinen Spitzbogentür in einer Steinwand; er hob den Klopfer von verzinntem Eisen, klopfte dreimal an, und nachdem ein Negersklave geöffnet hatte, führte er den Derwisch ins Haus und hieß ihn auf eine sehr herzliche Weise willkommen. Er ließ ihn den kleinen Hof von ungefähr zehn Fuß ins Geviert durchschreiten, welcher mit großen Ziegelplatten belegt, und in dessen Mitte ein Bassin war. Die Ziegel, mit dem dieses bekleidet, waren im schönsten Azurblau glasiert, und ein gar frisches Wasser war eine Lust zu sehen. Rosenstöcke, über und über voll hochroter Blüten, standen ringsumher. Nachdem sie einige Stufen hinaufgestiegen, befand sich der Derwisch in einem Saale von mäßiger Größe, welcher nach der Seite der Rosenstöcke offen war; die Wände waren gefällig rot und blau bemalt, mit goldener und silberner Beblümung; chinesische Vasen voller Hyazinthen und Anemonen standen in den Ecken; ein schöner kurdischer Teppich bedeckte den Boden, Kissen von weißem, rotgestreiftem Kattun das etwas niedrige Sofa, das man Takhteh nennt, und auf welchem Mirza-Kassem seinen Gast einlud, sich niederzulassen. Dieser machte die Umstände, welche die Lebensart verlangt. Er verbat sich soviel Ehre, indem er seine Unwürdigkeit anführte. – Ich bin, wiederholte er mehrere Male mit Bescheidenheit, nur ein höchst elender Derwisch, ein Hund, weniger als Staub in Eurer Exzellenz Augen. Wie sollte ich die Dreistigkeit besitzen, in solchem Grade dero Güte zu mißbrauchen? So sprach der Derwisch; aber doch lag auf seinem ganzen Wesen ein Gepräge von Vornehmheit, kurz gesagt, von so augenscheinlicher Würde, daß der ehrliche Mirza-Kassem eingeschüchtert wurde und sich frug, ob er einen solchen Mann nicht untertänig um Verzeihung bitten müsse, daß er die Kühnheit gehabt, ihn mit sich nach Hause zu nehmen. Innerlich sprach er zu sich: was ist das für ein Derwisch? Er sieht aus wie ein König, und scheint mehr dazu angetan, ein Kriegsheer zu befehligen, als auf der Landstraße umherzuirren! Indessen hatte der Derwisch Platz genommen. Der kleine Negersklave brachte den Tee; aber der Derwisch wollte nur die Hälfte eines Glases Wasser trinken. Der Kalian wurde gleichfalls gereicht; der Derwisch dankte, indem er anführte, daß seine Grundsätze ihm den Genuß von etwas derart überflüssigem nicht erlaubten, so daß Mirza-Kassem, welcher gerne einige wohlduftende Dampfwolken eingesogen hätte, sich für verpflichtet hielt, den Glaubenseifer des heiligen Mannes zu loben und das verführerische Werkzeug mit der Versicherung zurückzuschicken, daß er seinerseits ebenfalls nicht die Gewohnheit habe, sich desselben zu bedienen. War dies wahr, war es nicht wahr? Gott weiß genau, wie es darum steht! Amen. Darauf nahm der Derwisch das Wort und drückte sich folgendermaßen aus: Eure Exzellenz geruht mich mit vieler Gnade zu überhäufen; ich muß Ihr sagen, wer ich bin. Das Königreich Dekan, von welchem Ihr sicher habt reden hören, ist eines der mächtigsten Reiche Indiens; es hat mich zur Welt kommen sehen. Ich bin einige Jahre lang der Günstling und Minister des Herrschers gewesen. Damit ist Euch genugsam gesagt, daß es mir an keinem der nutzlosen Dinge des Lebens gefehlt hat, ich weiß aus eigener Erfahrung, welchen Verdruß ein reichbesetzter Harem einbringen kann; ich kenne alle Widerwärtigkeiten des Reichtums; ich habe Edelsteine schillern sehen, als daß ich nicht lange Zeit den Hang hätte besitzen sollen, solche zu betrachten, und die Gunst des Fürsten anlangend, so gibt es über diesen Gegenstand keine einzige Beobachtung der Philosophen, deren Wahrheit und Wert ich nicht besser als die meisten unter ihnen zu schätzen wüßte. Denkt Euch, wie hoch ich sie anschlage! Ich verblieb also in einer so falschen Stellung nicht lange Jahre, und ich zog mich zurück, um mich einzig dem Studium hinzugeben. Das Ergebnis meiner Arbeiten hat mich dahin geführt, auch diesen Beruf als zu beschwerlich und zu viele unwürdige Zerstreuungen im Gefolge führend aufzugeben. Ich habe alles verlassen. Allein lebend und hinfort zufrieden mit meinem Kuskul und meinem blauen Baumwollenbeinkleide, glaube ich Euch eine große Wahrheit aussprechen zu können, die Ihr nicht glauben werdet, die aber gleichwohl darum nicht weniger das ist, was sie ist. Dieser arme Teufel, der nichts hat, und der vor Euch steht, besitzt die Welt! Indem er diese Worte aussprach, sah der Derwisch Mirza- Kassem ins Gesicht, und mit einem solchen Ausdruck von Hoheit und Gewalt, daß dieser ganz betreten davon war; er hatte kaum die Zeit, die durch die Umstände angezeigten Worte auszusprechen: Gott sei gepriesen! Ihm sei Lob und Dank dafür! – Nein! fuhr der Derwisch fort, und seine ganze Person nahm mehr und mehr einen ehrfurchtgebietenden, einen Herrscherausdruck an; nein, mein Sohn, Ihr glaubt mir nicht! Die Macht kündigt sich in Euren Augen durch ein großes Gepränge an; man kann nicht damit bekleidet sein, wenn man nicht in prächtigen Seiden-, Samt-, Kaschmir-, silber- und goldgestickten Gazegewändern auf einem Rosse herankommt, dessen Geschirr mit Perlen und Smaragden besäet ist, umringt von einem unermeßlichen Gefolge bewaffneter Diener, deren Ungestüm und keckes Gebaren die Würde ihres Gebieters zu erkennen geben. Ihr denkt über diesen Punkt wie alle Welt. Aber Ihr seid gut gegen mich gewesen; ohne mich zu kennen, ohne irgendwie zu vermuten, wer ich bin, habt Ihr mich aufgenommen und behandelt wie einen König. Ich werde Euch meine Dankbarkeit dafür beweisen, indem ich Euch von einer falschen Denkungsart befreie, welche den Geist eines Mannes wie Ihr nicht länger herabwürdigen darf. So wisset denn, daß dies und das, was dem großen Haufen unmöglich, für mich einfach und leicht auszuführen ist. Ich will Euch unmittelbar einen Beweis dafür geben. Nehmt meine Hand und haltet meine Finger so, daß Ihr das Schlagen der Pulsader fühlt; was sagt Ihr dazu? – Die Pulsader, antwortete Mirza-Kassem ein wenig verwundert, schlägt so regelmäßig, wie sie soll. – Wartet, versetzte der Derwisch, indem er das Haupt neigte, und mit leiserer Stimme, wie wenn er alle seine Kräfte auf sein Vorhaben konzentrierte; wartet, und der Puls wird nach und nach aufhören zu schlagen. – Was sagt Ihr da? rief Mirza-Kassem im äußersten Erstaunen. Das kann kein Mensch machen. – Und doch mache ich's, antwortete der Derwisch mit einem Lächeln. Und in der Tat, der Puls wurde allmählich langsamer, wurde dann so schwach, daß Mirza-Kassems Finger Mühe hatte, ihn wiederzufinden, und stand endlich ganz still. Mirza- Kassem war betroffen. – Wenn Ihr es befehlt, sagte der Derwisch, soll die Bewegung wieder anheben. – So laßt sie wieder anheben! Es vergingen einige Sekunden, und die Pulsbewegung zuckte wieder auf, kam in Takt und nahm nach und nach ihren natürlichen Umfang wieder an. Mirza-Kassem sah den Derwisch an und war geteilt zwischen Empfindungen, welche bald etwas von Bewunderung und bald von Schrecken hatten. – Ich habe Euch gezeigt, sagte der seltsame Mann, welcher ihn so im Banne hielt, was ich über mich selbst vermag. Laßt eine Kohlenpfanne bringen. Mirza-Kassem gab dem kleinen Neger den Befehl, das, was der Derwisch wünschte, herbeizuschaffen, und ein Becken, bis zum Rande mit gut angeglühten Kohlen gefüllt, wurde vor den Mann hingestellt, welcher sich seiner für den so wunderbaren Beweis seiner unbegrenzten Gewalt über die Elemente bedienen wollte. Die Beweislegung fand in der Tat statt. Der Derwisch schien sich nachdrücklich zu sammeln; sein Mund schloß sich so fest, daß seine Lippen aneinander gewachsen schienen; seine Augen versanken noch tiefer in ihre Höhlen; Schweißtropfen perlten auf seiner Stirn, seine Wangen zogen sich und wurden von der Glut bleifarben; plötzlich streckte er den Arm aus, wie wenn eine Feder losgeschnellt wäre, und legte ihn just mitten auf die Kohlen, in welche er seine geschlossene Faust hineinversenkte; Mirza-Kassem stieß einen Schreckensschrei aus; aber der Wundertäter lächelte und behielt seine runzelige Hand mitten im Feuer. Zwei oder drei Minuten vergingen; er zog seine Hand zurück, zeigte sie seinem Wirte, und dieser sah, daß weder Brandflecken noch Wunde daran war. – Das ist nicht alles, sagte der Derwisch. Ihr wißt, was ich vermag, um meinen Leib zu bändigen und die Elemente meinen Launen, mögen sie auch noch so sehr ihrer Natur zuwider sein, gehorsam zu machen; merkt jetzt auf, was ich über den Menschen vermag; ich sage, über alle Menschen, ich sage, über die gesamte Menschheit! Er sprach diese Worte mit einem verächtlichen Ausdruck, der so sehr einer Schmähung glich, baß Mirza-Kassem mehr und mehr dadurch beunruhigt wurde. Aber der Derwisch beachtete es nicht und sagte zu ihm: laßt mir ein Stück Blei oder Eisen reichen. Ein Dutzend Flintenkugeln wurde gebracht; er legte sie auf die Kohlen, und sie begannen bald zu schmelzen, zumal er das Feuer mit seinem Atem in Gang brachte. Sodann nahm er aus dem schwarzen, baumwollenen Gürtel, welcher sein Beinkleid hielt, eine kleine Zinnbüchse, in der Mirza-Kassem rotes Pulver gewahrte. Der Derwisch nahm eine Fingerspitze voll daraus und warf sie auf das Blei; wenige Augenblicke waren verflossen, da neigte er sich und sagte mit ruhiger Stimme: es ist geschehen. Er legte auf das Sofa vor Mirza-Kassem einen blaßgelben Barren hin, welchen dieser alsobald für Gold erkannte. – Und das ist's, rief der Derwisch mit triumphierender Miene, was ich über die Menschen vermag! Ist's genug? Bedarf ich des Glanzes, der Pracht, der Üppigkeit, des Übermutes? Und Ihr, mein Sohn, lernt hinfort verstehen, daß die Macht nicht in dem liegt, was sich zur Schau stellt, sondern einzig in der Gewalt starker Geister, was das gemeine Volk nicht glaubt! – Ach! mein Vater, antwortete Mirza-Kassem mit vor Aufregung zitternder Stimme, es genügt noch nicht einmal, daß die Geister stark sind, um so hohe Vorrechte zu genießen; sie müssen verstanden haben, sie zu ersinnen und sich ihrer zu bemächtigen. Sie bedürfen des Wissens! – Und mehr als das, erwiderte der Derwisch. Sie bedürfen der Entsagung, der Kasteiung, der gänzlichen Unterwerfung des Körpers unter den Geist, und der vollkommenen Reinheit des Herzens, und dies sind keine Verdienste, welche sich ohne Mühe und Arbeit erlangen lassen. Aber genug von diesem Gegenstande! – Nein! o nein! rief Kassem, und heftete das vor Verlangen brennende Auge auf seinen Gast; nein! Da ich das Glück habe, Euch so zu Füßen zu sitzen, so entzieht mir nicht so schnell Eure Unterweisung! Verschließet nicht den Quell, aus dem Ihr mich einen Schluck habt tun lassen! Sprecht, mein Vater! Belehrt mich! Unterrichtet mich! Ich will erfahren, was es zu tun gilt! Ich will es tun! Ich mag dies unnütze, nichtssagende Dasein, das bisher das meine gewesen ist, nicht länger dahinschleppen in der Welt. Kassem war von der gefährlichsten der Begierden: der nach dem Wissen erfaßt worden; seine schlummernden Triebe wurden wach und sollten ihm nicht einen Augenblick mehr Ruhe lassen. Da begann der Derwisch mit leiser Stimme zu ihm zu reden. Er offenbarte ihm ohne Zweifel gar seltsame Dinge. Die Gesichtszüge seines Zuhörers wurden verstört. Sie machten in jeder Minute die verschiedensten Ausdrucksformen durch und erlitten die jähesten Veränderungen. Bald drückten sie eine Bewunderung ohne Grenzen, fast einen Zustand der Verzückung aus. Es schien, wenn man diese in Tränen gebadeten Augen, diesen Blick sah, wie er sich in etwas Geheimes und Unerreichbares verlor, als wolle Kassem vergehen, bemeistert von der hehrsten und fesselndsten der Offenbarungen. Plötzlich trat der Schreck an die Stelle der Freude; Kassems Züge dehnten sich, sein Mund öffnete sich ein wenig, sein Blick wurde starr. Er schien fürchterliche Abgründe zu gewahren, über die er sich hinüberbeugte auf die Gefahr, das Gleichgewicht zu verlieren und in die Tiefe hinabzurollen. So verging die ganze Nacht, indem er den Reden zuhörte, welche so furchtbare Umwälzungen in seinem Inneren hervorbrachten und seine Gedanken so verwirrten. Endlich bleichte das Morgenlicht die Gipfel der Terrasse, und der Derwisch, welcher ihn mehrmals vergeblich aufgefordert hatte, ein wenig Ruhe aufzusuchen, bestand diesmal nachdrücklicher darauf und schwur, er würde nicht mehr reden und nichts weiter offenbaren. Kassem war erschöpft, außer Atem; er gehorchte; der Derwisch war allein im Saale und streckte sich auf das Sofa, während er bekümmert und wankenden Schrittes durch die engen Flurgänge von dannen ging, einige Stufen hinab und dann wieder hinaufstieg und, nachdem er einen Türvorhang in die Höhe gehoben, ins Enderun eintrat. Der Neger schlief auf einer Strohmatte im ersten Zimmer, wo der graue Schimmer der Morgenröte schwach gegen das rötliche rauchende Licht einer kleinen irdenen Lampe ankämpfte, welche die Gegenstände ihres Bereiches noch färbte, während das übrige in eine fast schwarze Finsternis versenkt blieb. Von da aus betrat der junge Mann das Gemach, wo seine Frau friedlich in ihrem großen Bette schlief, das mit massenhaften, in der Weise des schottischen Tartan hochrot, grün und gelb gewürfelten Seidenstoffen bedeckt, hier und da das Laken von seinem grauen Kattun durchscheinen ließ, auf welchem Blumen in verschiedener Färbung aufgedruckt waren. Die Kissen in großer Zahl, in jeder Gestalt und Größe, die einen dreieckig, die anderen viereckig, andere rund, sanken unter dem Haupte der Schläferin ein, stützten ihre Arme oder lagen aufs Geratewohl durcheinander. Kassem betrachtete einen Augenblick die hübsche Amyneh und stieß einen Seufzer aus. Dann setzte er sich düster und sorgenvoll in eine Ecke des Zimmers und blieb dort, ohne sich zu rühren. Er hielt den Goldbarren fest in seine Hand gepreßt und hatte ihn nicht losgelassen, seit der Inder ihn ihm übergeben hatte. Von Zeit zu Zeit blickte er ihn an, beschaute ihn, berauschte, begeisterte sich an diesem Anblick; es war der sinnfällige Beweis, daß alles, was ihm im Kopfe herumging, kein Traum, sondern ganze, sichere Wirklichkeit war. Er betrachtete diesen Goldbarren, und seine Augen schlossen sich, und mit einem Male, in einem Halbschlummer, schien es ihm, als ob das Stück Metall in seiner flachen Hand anschwölle und atmete, als ob es ein lebendes Wesen wäre. Er fuhr plötzlich vor Schreck aus dem Schlafe auf, in einem Zustande unbeschreiblicher Angst, betrachtete abermals dies Wunder, dessen Besitzer er geworben war, fand es unbeweglich, wie ein Stück Metall es sein muß, und von neuem seine Lider schließend, schlummerte er, dahingetragen in den Wirbel seiner Gedanken. Endlich blieb die Müdigkeit Siegerin über das Sinnen, und Kassem fiel in tiefen Schlaf. Ein Kuß auf die Stirn weckte ihn. Er blickte auf. Amyneh kniete neben ihm, drückte ihn ans Herz und sagte zu ihm: bist du krank, mein Herz? Warum hast du dich heut Nacht nicht niedergelegt? O! Heilige Imams! Er ist krank! Was hast du, mein Leben? Willst du nicht zu deiner Sklavin reden? Kassem sah, daß es heller Tag war, und, seiner Frau den Kuß zurückgebend, den er von ihr empfangen hatte, antwortete er ihr: Segen über dich! Gott sei Dank bin ich nicht krank! – Gott sei Dank! rief Amyneh. – Nein, ich bin nicht krank. – Was hast du denn gestern Abend mit dem fremden Derwisch gemacht? Solltest du, gegen deine Gewohnheit, Branntwein getrunken und geröstete Melonenkerne gegessen haben, um dir mehr Durst zu machen? – Gott bewahre mich davor! rief Kassem; nichts dergleichen hat's gegeben; wir haben nur bis sehr spät von seinen Reisen geplaudert ... Wo ist er; mein Gast? Ich muß wieder zu ihm. Und indem er so sprach, sprang Kassem auf die Beine; aber Amyneh fuhr fort: es ist schon lange heller Tag, und die Sonne war noch nicht aufgegangen, als Bulur, unser Neger, den Derwisch im Hofe neben dem Bassin niedergekauert gesehen hat; er sprach seine Gebete und vollzog die vorgeschriebenen Waschungen. Dann hat er in einer Kupferschale ein wenig Reis gekocht, auf den er eine Fingerspitze voll Salz geworfen; er hat ihn gegessen und ist gegangen. – Wie, gegangen! rief Kassem bestürzt, wie, gegangen? Das ist nicht möglich! Er hatte mich noch tausend Dinge von der äußersten Wichtigkeit zu lehren! Es ist nicht möglich, daß er gegangen ist! – Und doch ist er's, antwortete Amyneh, ein wenig erstaunt über die Aufregung ihres Gatten. Was hattest du denn mit diesem Manne zu schaffen? Kassem antwortete nichts, und mit düsterer, gereizter, verschlossener Miene trat er aus dem Zimmer und verließ das Haus. Er hatte ohne Unterlaß den Goldbarren festgehalten. Er eilte geradeswegs zum Bazar und ging zu einem ihm bekannten Juwelier. – Heil sei Euch, Meister Abdurrahman, sagte er zu ihm. – Heil auch Euch, Mirza, erwiderte der Geschäftsmann. – Tut mir einen Gefallen; sagt mir, was dieses Metall wert ist. Meister Abdurrahman setzte seine ungeheure Brille auf die Nase, betrachtete den Barren, brachte ihn unter das Probiergerät und antwortete ruhig: es ist gutes, richtiges Gold, frei von jeder Legierung, nahezu hundert Tomans wert. Wenn Ihr es wünscht, will ich es genau wiegen und Euch den Preis mit Abzug einer ganz kleinen Vergütung einhändigen. – Ich danke Euch, antwortete Kassem, aber für den Augenblick drängt mich nichts, mich von dem Ding zu trennen, ich werde aber seiner Zeit und gehörigen Orts meine Zuflucht zu Euch nehmen. – Wenn es Euch gefallen wird, erwiderte der Kaufmann. Er grüßte Kassem, der Abschied nahm und sich entfernte. Er ging durch die Bazare und streifte längs der Läden hin; aber die lustigen Anreden der Frauen, welche sich (man weiß das nur zu gut) unter dem Schleier alles erlauben, die Rufe und Begrüßungen seiner Bekannten, die groben Vermahnungen der Maultier- und Kameltreiber, daß er ihren Tieren Platz zu machen habe, welche sich in endlosen Reihen folgten, eins an des anderen Schwanz gebunden, und mit Ballen beladen, bei deren Berührung man für jedes seiner Glieder fürchten mußte, alles dies, das ihn für gewöhnlich unterhielt, belästigte ihn heute bis zum Zornigwerden. Er empfand das dringende Bedürfnis, allein zu sein, der Welt von Gedanken hingegeben, welche ihn tyrannisierten und ihn ohne Widerrede besitzen wollten. Er verließ die Stadt, und nachdem er einen Ort in der Wüste erreicht hatte, wo sich eine Gruppe großer verfallener Grabmäler erhob, trat er unter eine der zur Hälfte eingestürzten Kuppeln und begab sich in einen schattigen Winkel. Dort setzte er sich und überließ sich den ihn beherrschenden Gedanken, welche wie ein Schwärm Raubvögel über ihn herstürzten. Es gibt in allen Straßen unserer Städte Irans Brunnen. Unsere Straßen sind eng und der Brunnen ist just in der Mitte. Niemals hat man daran gedacht, ihn, wie in den Städten Europas, mit einer Mauer zu umgeben, so daß er zu ebener Erde seine Öffnung hat, eine weit bequemere Einrichtung. Wenn er aus einer oder der anderen Ursache versiegt, so hält man sich nicht damit auf, ihn auszufüllen, was zuviel Zeit kosten und Mühe verursachen würde. Man bedeckt ihn mit zwei oder drei Dielen, und mit der Zeit häuft sich die Erde darauf an. Natürlich faulen die Bretter, ungeschickte Füße bringen sie zum Einstürzen, und überall anderwärts als in unserem Lande, würde irgendein Vorübergehender, ein Kind, ein Tier jeden Augenblick in die Lücke stürzen und sich in der Tiefe des Brunnens den Tod holen. Bei uns ist das selten, weil der allgütige und allbarmherzige Gott, welcher es uns erlassen hat, über viele Dinge nachzudenken, dafür Sorge trägt, uns die unangenehmen Folgen, die unser Vertrauen auf ihn haben könnte, zu ersparen. Dennoch kann man nicht darauf schwören, daß nicht zuweilen jemand in dem Abgrund verschwinde. Kassem hatte einen derartigen Abgrund in einem Winkel seines Gehirnes; er kannte ihn selbst nicht; er war hineingestürzt. Er arbeitete dort heftig hin und her und sollte nicht herauskommen. Übrigens dachte er daran auch in keiner Weise. Gepackt, gebunden von dem, was sich seiner Einbildungskraft, seines Geistes, seines Herzens, seines Gemütes bemächtigt hatte und alle deren Kräfte bemeisterte, ließ er sich's gar nicht einfallen, ihm Widerstand zu leisten; und nicht allein ließ er alles mit sich geschehen, sondern er ließ sich mit Leidenschaft verzehren. Kurz, ein einziger Gedanke beherrschte ihn: zu wandeln, und entschlossen zu wandeln, auf der Bahn seines Propheten. Was galt die Welt, inmitten deren er bis dahin gelebt hatte? Nichts, schlechterdings nichts; Schlamm war sie, physisch und moralisch Schlamm; mit einem Worte, nichts. Er wollte sich höher erheben und über diesem Weltall schweben, in das Geheimnis der Kräfte eindringen, welche allem Bewegung verleihen, sowohl dieser Welt, wie vielen anderen, größeren, stattlicheren, erhabeneren. Er wußte, daß die Ursubstanz gefunden, beherrscht, verwandelt werden konnte; der Inder tat das; er hielt den körperlichen Beweis davon in der Hand, er, Kassem; er wollte es auch tun! Er wußte, daß man alle bewegenden und schaffenden Kräfte, selbst die unbändigsten, selbst die höchsten, fassen, leiten könne; er wollte diese Macht; er wußte, daß man es fertig bringen könne, nicht mehr zu sterben. Freilich, kein Wesen stirbt! Aber er wußte, daß man das gegenwärtige Leben, unter der gegenwärtigen Hülle, behalten könne, ohne den Begriff der derzeitigen Individualität zu verlieren. Wohlan! das war es, was er erreichen wollte. Da, in einem Augenblicke namenloser Begeisterung, in dem Gedanken an das, was aus ihm, Kassem, werden würde, rief er aus: und ich, ich, wie ich da bin, habe ich denn solche Not, in die Sphäre einzugehen, darin ich hinfort wirken soll, daß ich dieses Stück Gold da in meiner Hand aufbewahre, just als hätte es in meinen Augen den Wert, den ich ihm gestern beilegte? Er betrachtete es und warf es voll Verachtung in die Trümmer. Aber – und das beschäftigte ihn vorzüglich – alles gewinnt sich nur um einen Preis, der dem Werte dessen, was man aufsucht, angemessen ist. Das hatte er erwogen und fand doch die Bedingung sehr hart. Aber dennoch kämpfte er gegen die Leidenschaft, welche sich ihm in eine Pflicht verwandelt hatte, nicht an, und nachdem er selbst die letzten Gegenstimmen zum Schweigen gebracht hatte, erhob er sich, schlug den Weg nach seinem Hause ein, kehrte heim und erschien vor seiner Frau. Diese erhob sich, um ihn zu empfangen und bewillkommnete ihn, wie gewöhnlich, mit der herzlichsten Fröhlichkeit. Als sie aber die düstere Miene und die gerunzelte Stirn ihres Mannes sah, ein Schauspiel, an das sie nicht gewöhnt war, da preßte sich ihr das Herz zusammen, und das arme Kind setzte sich schweigend ihm zur Seite. – Amyneh, sagte Kassem, du weißt, ob ich dich liebe, und ob jemals eine größere Liebe zwei Seelen vereinigt hat. Ich für mein Teil glaube es nicht; die Liebe meines Herzens zu dem deinen ist ohnegleichen. Auch blutet dies Herz; es will seinen Genossen betrüben. – Was hast du denn? was willst du? antwortete Amyneh, indem sie die Hand nahm, die ihr nicht hingehalten worden. – Ich meine, daß jeder Mensch sein Los, sein Kismet, im Leben hat; dies Los ist ihm lange vor seiner Geburt bestimmt. Es ist fix und fertig, wenn er zur Welt kommt, und mag er damit einverstanden sein oder ihm widerstreben, er muß es annehmen, muß es ergreifen und sich darein schicken. – Daran ist kein Zweifel, erwiderte Amyneh und sah dabei aus, als wäre sie ein wenig von sich eingenommen. Aber dein Los ist nicht so übel, und du hast keine Veranlassung, bei dem Gedanken daran so die Stirn zu runzeln. Dein Los bin ich, und du hast mir manchmal, mehr als einmal, ja sogar oft versichert, daß du kein anderes verlangtest. Kassem konnte sich trotz seiner düsteren Stimmung eines Lächelns bei der Anmut der jungen Frau nicht erwehren; als diese das sah, lehnte sie sich vollends mit den Ellbogen auf ihres Mannes Kniee und suchte höchst zuversichtlich durch die Weise, mit der sie ihn ansah, ihm den Kopf zu verdrehen. Es war ihr dies oft geglückt; für diesmal mißlang es ihr. – Amyneh, hub er wieder an, mein Los, mein Kismet ist, noch heute aufzubrechen und dich für immer zu verlassen! – Für immer? Mich verlassen? Aufbrechen? Ich will nicht! – Auch ich nicht, ich will nicht! Aber es ist mein Kismet, und dagegen ist nichts einzuwenden. Der Derwisch hat mir die Augen geöffnet. Ich habe gemerkt, zu was der Himmel mich beruft. Ich muß gehen. – Wohin? ... Mein Gott! Barmherziger Gott, ich werde toll werden! Und die arme Amyneh rang die Hände, und zwei Tränenströme quollen aus ihren Augen hervor. Dann ergriff sie Kassems Arm und rief ihm zu: so rede doch! rede doch! Wohin willst du gehen? – Ich will wieder zu dem Derwisch. – Wo ist er? – Er ist nach Khorassan aufgebrochen, er wird Meschhed, Herat und das Kabuler Land durchwandern; ich werde ihn spätestens in den Bergen von Bamyan wiederfinden. – Was bedarfst du seiner? – Ich bedarf seiner, er bedarf meiner. Ohnehin tue ich ja wohl besser, dir alles zu sagen. – Zweifellos tust du besser, sage mir alles. Ach! mein Gott! mein Gott! ich werde toll! Sprich, Geliebter, mein Kind, mein Leben! Sprich! Kassem, von Schmerz, Zärtlichkeit und Mitleid ergriffen, nahm Amynehs Hand, drückte sie und hielt sie in der seinigen, während er das Folgende erzählte: der Derwisch vermag alles. alles in der Welt! Er hat mir's diese Nacht bewiesen! Er vermag alles, bis auf ein einzig Ding, und das wird er ohne einen Gefährten niemals zustande bringen. Seit mehreren Jahren hat er diesen Gefährten gesucht. Er hat Persien, Arabistan, die Türkei durchzogen, um ihn zu finden; er ist auf der Suche nach ihm in Ägypten gewesen und hat sich sogar jenseits ins Land Magreb begeben, durch die Landstriche, welche die Ferynghys, Franken genannt, innehaben. Überall hat er nur Leute von beschränktem Geist oder zaghaftem Herzen gesehen. Die meisten hörten ihm mit Wohlgefallen zu, solange er ihnen von den Möglichkeiten, Gold zu machen, sprach; aber wenn er ihre Geister emporziehen wollte, dann gab s kein Mittel mehr! Die eifrigen wurden kalt. Der Derwisch verlor den Mut nicht. Er war gewiß, daß der Mann, der seinen Plänen not tat, in der Welt existiere; das Verfahren des Raml, die geworfenen und auf der Sandplatte zusammengestellten Augen hatten ihm durch unfehlbare Berechnungen diese Erkenntnis gebracht. Nur kannte er den Ort nicht, wo dieser Freund seines Herzens sich befand. Er wollte ihn eben in Turkestan suchen, als er gestern durch die Stadt gekommen ist. Er hat zu mir gesprochen, er hat mir sein Herz ganz und gar erschlossen. In dem meinigen hat es getagt. Auf mich kommt es an. Ich bin der Erkorene! Ich allein kann das Rätsel lösen. Wohlan denn! Ich bin bereit! Ich muß gehen! Ich gehe! Tot oder lebendig will ich dem Derwisch helfen, das letzte Geheimnis herauszubringen! Kassem hatte mit einer solchen Begeisterung gesprochen, seine letzten Worte waren von einer so unerschütterlichen Überzeugung und Entschlossenheit durchdrungen, daß Amyneh das Haupt senkte. Aber es galt die Vernichtung ihres Glückes; sie blieb nicht lange die Besiegte, und hub nun auch ihrerseits mit fester Stimme an: aber ich? – Du! du! was soll ich dir sagen? Ich liebe dich über alles in der Welt; aber was ich tun muß, ich kann es nicht verhindern. Eine Kraft, furchtbarer als du fassen kannst, reißt mich fort, trotz der Liebe, die ich für dich habe. Ich muß gehorchen ... Ich gehorche! Du ziehst dich zu deinen Eltern zurück . .. Komme ich wieder.... dann ... Aber werde ich wiederkommen? Was wird aus mir werden? Wer kann es wissen? Darf ich etwas anderes begehren als meine Aufgabe? Kurz, wenn ich wiederkomme ... – Wenn du wiederkommst, wirst du mein sein? – Ganz und gar! antwortete Kassem mit einer Rührung und einer Wärme, welche wohl bewiesen, daß die Liebe durch die neue Leidenschaft nicht ausgelöscht worden war; ja, ganz und gar! Für immer! Ich werde nur an dich denken! Nur dich wollen! Indessen ... höre! Es ist dies so wenig wahrscheinlich, daß ich wiederkomme! ... Alles ist dunkel bei dem, was ich tue ... Vielleicht wäre es vernünftiger von dir ... Wenn du dir von mir raten lassen willst, so werde ich die Scheidung verlangen, du nimmst einen anderen Mann ... Du bekommst Kinder ... Damit fing Kassem im äußersten Herzeleid an zu weinen. Amyneh verspürte bei all seinem Schmerze einige Schauer von Freude, ja, sogar bereits von Hoffnung, und sie antwortete: nein, ich willige nicht in die Scheidung; ich werde dich erwarten, ein Jahr, zwei Jahre, drei Jahre, zehn Jahre ... bis an meinen Tod! Bis an meinen Tod, hörst du? Und der wird weit schneller kommen, wenn du selbst stirbst. Ich will mich auch nicht zu meinen Eltern zurückziehen. Ich kenne sie. Sie würden glauben, daß ich unglücklich sei, nicht über deine Abwesenheit, sondern über mein Alleinsein; sie würden mich wieder verheiraten wollen. Ich will bei deiner Schwester bleiben, und dorthin mußt du wieder zu mir kommen, sobald du kannst. Kassem trocknete sich die Augen, und nachdem er Amyneh umarmt, ließ er sein Haupt eine ziemlich geraume Weile an dem treuen Herzen ruhen, von welchem er sich trennen wollte. Das Schweigen wurde nur durch Schluchzen und lange Seufzer unterbrochen. Endlich frug Amyneh mit leiser Stimme: wann willst du fort? – Heut abend, antwortete Kassem. – Nein! Gönne mir noch diese Nacht, du gehst dann morgen. Ich aber, ich will zu deiner Schwester hin, sie zu benachrichtigen; morgen hilfst du mir dann, alles zu ihr hinüberschaffen zu lassen; wenn du mich dort eingerichtet siehst, dann ... dann magst du mich verlassen... Aber ich will, daß du mich dort denkst, damit du, wenn du erst fern weilst, mich, meine Kleidung, mein Gemach ... und alles, was mich umgibt, im Geiste erschauen kannst! Und sie fing wieder an zu weinen, aber sanfter; dann, da sie merkte, daß sie nicht allzuviel Zeit zu verlieren habe, erhob sie sich endlich von der Seite ihres Mannes, zog große Strumpfhosen an, welche die Frauen zum Ausgehen anlegen, hüllte sich in den großen Hyader oder Mantel von blauer Baumwolle, welcher den Kopf oder die ganze Person verhüllt, befestigte mittels zweier goldener, mit Granaten ausgelegter Spangen in Taubenform den Rubend oder Schleier von dichtem Perkalin, welcher an der Stelle der Augen von einem engen Netzgitter durchbrochen war, und also bereit, drückte sie dem in eine Art dumpfer Erschlaffung gesunkenen Kassem noch einmal die Hand und ging hinaus. Als sie auf der Straße war, wurde ihr das Herz so schwer, und sie fühlte sich so unglücklich, so verlassen, daß sie beinahe laut aufgeschrien hätte, um das Erbarmen der Vorübergehenden anzuflehen; sie hätte es ohne Zweifel getan, und jeder hätte sie beklagt, aber sie besann sich anders, als sie vor der Moschee vorbeikam. Sie trat dort ein und sprach ihre Gebete. Sie sagte mit leidenschaftlicher Geläufigkeit eine tüchtige Anzahl Rikaats her und betete mehr als zehnmal ihren Rosenkranz ab, indem sie mit Inbrunst die neunzig Namen des barmherzigen Gottes wiederholte. Glücklicherweise befanden sich auch andere Frauen in dem Heiligtume, eine unter andern, die erzählte, daß ihr einziges Kind im Alter von drei Jahren in der äußersten Gefahr wäre; diese Betrübten mitsammen, und Amyneh mit ihnen, hielten einander aufrecht, indem sie recht aus Herzensgrunde beteten. Nachdem sie eine gute Stunde hierauf verwandt, brach die junge Frau auf; an der Tür fand sie arme Kranke um den Brunnen versammelt, sie teilte zahlreiche Almosen unter sie aus und entfernte sich, mit Segnungen überhäuft. Alle die Formeln: Heil sei mit Euch! Gott gebe Euch ein vollkommenes Glück! Möchtet Ihr mit allen Gütern überhäuft sein. Ihr und die Eurigen! und andere ähnliche mußten wohl melodisch im Ohre der armen Leidenden widertönen, und sie sagte sich, daß vielleicht Gott sich ihrer erbarmen würde. Sie begegnete Kavalieren; sie zogen vorbei, im Gefolge einer gewichtigen Persönlichkeit, die auf einem schönen Rosse saß. Sie näherte sich demütig und bat um ein Almosen. Man sah wohl an ihrem Mantel von feinstem Tuche, an ihrem Rubend von glänzender Weiße und an ihren kleinen neuen Pantoffeln von grünem Leder, daß sie keineswegs aus Not so die Hand ausstreckte, und die Krieger und der alte Herr, welche sich sagten, daß sie's täte, um sich vor Gott zu demütigen und eine Gnade zu erlangen, verfehlten nicht, ein kleines Geldstück in die Hand zu legen, die sittsam in einen Zipfel des Mantels gehüllt, ihnen hingestreckt worden, und begleiteten ein jeder seine Gabe mit einem wohlwollenden Kopfnicken und einer Sühneformel. Nachdem Amyneh solchermaßen getan, was in ihren Kräften stand, um sich die Güte und Nachsicht der Gottheit zu gewinnen, lenkte sie ihre Schritte nach dem Hause ihrer Schwägerin und kam bald dort an. Diese Schwägerin war kein gewöhnlicher Charakter. Sie ist wohl eine Zeichnung wert. Man nannte sie mit ihrem Namen Zemrud-Khanum, Frau Smaragdin. Sie war mindestens zehn Jahre älter als Kassem und hatte Mutterstelle bei ihm vertreten. Auch empfand er für sie eine tiefe Hochachtung, eine sehr große Verehrung, und das alles mit einiger Furcht gemischt, ein Gefühl, dies letztere nämlich, welches von Aziz- Khan, dem Gemahl der Dame, in hohem Grade geteilt wurde. Freilich ließ Zemrud-Khanum in den Punkten, wo sie einmal ihre feste Überzeugung hatte, nicht nach. Von dem General, ihrem Gatten, als zweite Frau geehelicht, hatte sie ein halbes Jahr darangesetzt, um die erste fortschicken zu lassen; aber es war ihr gelungen. Seitdem hatte sie, wiewohl Aziz-Khan mehrmals versucht hatte, ihr die handgreifliche Wahrheit zum Verständnis zu bringen, daß ein Mann von seinem Range und Vermögen unrecht an sich handelte, indem er nur eine geheiligte Person in dem Bereiche seines Enderuns hätte, das heißt, indem er, ganz wie ein gemeiner Bürger, nur eine einzige Frau besäße, niemals von irgendeiner Neuerung dieser Art etwas wissen wollen, und das Feuer, womit sie an die Mägde und Bedienten Ohrfeigen und zuweilen sogar Schläge mit dem Pfeifenrohr austeilte, hatte Aziz-Khan zu denken gegeben. Er vermied es, seinen Bart und seine Würde in Erörterungen bloßzustellen, deren Ausgang ihm nicht zum voraus bekannt war. Auch hütete er sich, wenn er übler Laune war, das zu Hause merken zu lassen; in diesem Falle ging er nach dem Bazar spazieren. So war Zemrud-Khanum eine ausgezeichnete Frau, unumschränkte Gebieterin ihres Reiches, verehrt und gefürchtet, umringt von einer Herde von acht Kindern, deren ältestes, ein Junge, ungefähr fünfzehn Jahre zählen mochte, und dies alles hatte sie in löblicher Ordnung und Stille und, ohne daß auch nur gemuckst wurde, im Gange! Sie war leicht böse und leicht wieder gut. Ihre Stimme wurde im Zorne bei weitem die schärfste des Stadtviertels; aber es kam auch vor, daß es die sanfteste war, wenn sie sich darangab, jemand zu trösten. Sie war edelmütig wie ein Sultan, mildtätig wie ein Prophet, und obendrein war ihr, die einst außerordentlich hübsch gewesen, davon noch mit vollen vierzig Jahren etwas geblieben; sie hatte viel Geist, machte allerliebste Gedichte und spielte Târ mit einer solchen Vollkommenheit, daß ihr Gemahl, Aziz- Khan, wenn sie sich herbeiließ, ihm vorzuspielen, anfing, eine Viertelstunde lang den Kopf zu wiegen, dann sich in Verzückung ans Murmeln gab: ausgezeichnet! ausgezeichnet! ausgezeichnet! und schließlich Tränen vergoß und sich den Kopf gegen die Wand stieß. Als Amyneh in den Salon ihrer Schwägerin eintrat, fand sie daselbst Besuch vor, wie ihr das übrigens die Anwesenheit zweier den ihrigen ganz gleicher Paar Pantoffeln verraten hatte, welche sich vor der Tür befanden. Die beiden Damen, die in diesem Augenblicke auf den Polstern saßen, waren niemand Geringeres als Bülbül-Khanum, Frau Nachtigall, und Lulu-Khanum, Frau Perle, die eine die dritte Frau des Statthalters, und die andere die alleinige und einzige Gattin des Oberhauptes der Geistlichkeit, des jungen und liebenswürdigen Mulla-Sadek, des kundigsten Backwerkliebhabers, der sich in ganz Damghan finden ließ. Diese Damen waren alle beide hübsch, sehr elegant und rechte Spötterinnen. Da Zemrud- Khanum ihrerseits zum Trübsinn nur neigte, wenn man sie durch Widerspruch dazu zwang, so war die Unterhaltung gut im Zuge; man sprach von neuen Moden, Putz, Gesundheit der Kinder, Eigenheiten der Ehemänner, ja wohl auch von Zornesausbrüchen dieser Herren; was immer eine große Rolle bei den vertraulichen Mitteilungen der Frauen spielt als das sicherste Mittel, ihre so seltenen Verdienste zur Geltung zu bringen, und schließlich, das Geläster, das Geläster, das Geläster! Dieses Salz, dieser Pfeffer, dieser spanische Pfeffer, dieses Nec plus ultra der geselligen Freuden; kurz, alles, was sich nur sagen läßt und sogar, und vornehmlich, was sich verschweigen ließe, alles wurde tapfer durchgenommen, und das war ein Gelächter, das nur aufhörte, um von vorn wieder anzufangen. Drei Dienerinnen, davon zwei Belutschinnen und eine Negerin, in Seide und Kaschmir gekleidet, reichten in diesem Augenblicke emaillierte und mit Edelsteinen besetzte goldene Kalians, und die Damen rauchten nach Herzenslust, als die betrübte Amyneh eintrat. Für gewöhnlich war sie keine unwürdige Teilnehmerin solcher Zusammenkünfte; im Gegenteil, sie brachte dazu eine Heiterkeit und ein so artiges, frisches Lachen mit, daß man Lieder darauf gemacht hatte, welche allerwärts gesungen wurden: »Amynehs Lachen!« Ach! heute war keine Rede von Amynehs Lachen! die arme Kleine ließ ihren Mantel und ihren Schleier fallen, küßte ihrer Schwägerin die Hand, welche sie zärtlich auf die Augen küßte, und setzte sich, nachdem sie die anwesenden Damen wie zwei Freundinnen begrüßt hatte. – Mein Gott! Kind, rief Zemrud-Khanum, was hast du denn? Die Augen rot? Hast du etwa gar geweint? Sollte das Kassems Schuld sein? In dem Falle schick ihn mir; ich werde ihn wieder auf den rechten Weg bringen! Ach! diese Männer! diese Männer! Wir waren just bei diesem Thema! Aber tröste dich, tröste dich! Du darfst deine schonen Augen nicht verderben! – Sich die Augen verderben um einen Mann! sagte Lulu, die elegante Frau des geistlichen Würdenträgers, welche Narrheit! Dabei fällt mir ein, liebe Amyneh, mein Herz, mein Augenlicht, vielleicht könnt Ihr mir genauer erzählen, was gestern der Gulnar-Khanum mit ihrem Manne begegnet ist? Es scheint, daß es eine entsetzliche Szene gegeben hat! – Ich erfuhr nichts davon, antwortete Amyneh sehr leise, indem sie sich die Augen trocknete und einen Seufzer erstickte. – Ich kenne die Geschichte aufs allergenaueste, rief die Lebensgefährtin des Statthalters, welche lange schwarze, mandelförmig geschnittene Augen und auf den Wimpern eine gehörige Dosis Surmeth hatte, was ihnen einen übernatürlichen Glanz verlieh. Es scheint, daß Seid-Hussein in einem Augenblicke, wo ihm die Galle überlief, sich hat einfallen lassen, die Ohren seiner Gattin betrachten zu wollen. – Wie abscheulich! riefen Zemrud und Lulu wie aus einem Munde. – Eine Roheit! fuhr Bülbül die Achseln zuckend und mit einem Tone unnachahmlicher Ziererei fort; aber kurz, er hat es gewollt, und obwohl sich Gulnar sehr zur Wehr gesetzt hat und sogar böse geworden ist, hat ihr doch Seid-Hussein am Ende ihren Tschargat in Unordnung gebracht, dergestalt, daß er das rechte Ohrläppchen gesehen hat, und an diesem Ohre goldene und saphirene Ringe, die er sich nicht erinnert geschenkt zu haben! Daher denn großer Spektakel, wie ihr euch denken könnt. – Gulnar-Khanum ist aber auch von einer Unvorsichtigkeit! eiferte Lulu. Wie mag man nur solche Ohrringe tragen, wenn man des gesitteten Benehmens seines Mannes nicht sicher ist? Meiner würde sich nimmermehr erlauben ... – Gulnar, erwiderte Bülbül, glaubte sich gegen alles gesichert, weil sie, wie es der Brauch ist, die übrigen Ohrringe, die, welche harmlos waren, nicht an den Ohren, sondern auf ihrem Tschargat befestigt trug, ganz wie wir andern. – Dabei fällt mir ein, unterbrach Lulu, weil wir gerade von Moden sprechen ... Hier wurden abermals die Kalians und der Tee gebracht, und Amyneh hoffte mit Recht, daß, wenn die ersteren geraucht und der letztere getrunken wäre, die Visite bald ein Ende nehmen würde, und während jede der schönen Frauen ihre Tasse in der Hand hielt, fuhr Lulu in ihrer Rede fort: weil wir gerade von Moden sprechen, sagte ich, habt ihr die neue Art Unterkleider gesehen, die die Armenier von Teheran mitgebracht haben? Alle Frauen sind, scheint's, darin vernarrt, weil die Europäer solche unter ihre Kleider anziehen, und sie nennen sie Yiletkeh. Ich habe mir drei bestellt ... – Ich nur zwei, erwiderte Bülbül, eines von Goldstoff und das andere von rotgeblümtem Silberstoff. Es ist äußerst bequem für die Säuglinge. Die Unterhaltung zog sich noch eine Weile in diesem Tone hin, dann nahmen die beiden Damen Abschied, umarmten Zemrud und Amyneh und zogen sich zurück, indem sie Dienerinnen, Kaliaren, Bediente, nicht ohne großen Lärm, wie sich das für Personen von solchem Range gehörte, mit sich fortnahmen. Jetzt fand sich Amyneh imstande, zu erzählen, was sie auf dem Herzen hatte. Sie tat es mit äußerster Leidenschaftlichkeit, und Zemrud, außer sich vor Entrüstung und Zorn, und zugleich vor Neugierde und Besorgnis wegen eines so erstaunlichen Falles, sagte zu ihr, indem sie Mantel und Schleier nahm: bleib hier, meine Tochter, ich will mit Kassem reden gehen und, ich verspreche dir, wie sich's gehört. Kurz, bleibe hier, erwarte mich, und vor allen Dingen höre auf, dich zu betrüben. Der Junge ist mein Bruder, aber ich betrachte ihn wie meinen Sohn; ich habe ihn erzogen, ich habe ihn verheiratet. Dein Vater hat sich aufs edelmütigste gegen ihn betragen, denn die zweihundert Tomans, die Kassem gegeben hat, um dich zu bekommen, und von denen, beiläufig bemerkt, mein Mann die Hälfte hergeliehen hatte, die hat dein Vater ganz auf deine Ausstattung verwandt, und noch einiges mehr. Vallah! Billah! Tallah! wir wollen doch sehen, aus welcher Tonart Meister Kassem mir antworten wird! Beruhige dich, sage ich, und sei gewiß, daß alles dies nichts zu bedeuten hat. Damit machte sich Zemrud-Khanum auf den Weg, in Kriegsrüstung und wohl verhüllt, weder Magd noch Diener mitnehmend, so daß man sie nur dem Blitze vergleichen konnte, der einen Gewitterhimmel durchfurcht und dessen majestätische Schrecknisse verkündet. Amyneh blieb auf dem Teppich in tiefer Niedergeschlagenheit sitzen und hörte kaum die Stimme der Hoffnung, welche noch ein Echo in ihrem Herzen zu wecken suchte. Sie wartete zwei volle Stunden; nach Verlauf dieser Zeit kehrte Zemrud zurück. Sie nahm ihre Schleier ab, sie war außer Fassung, bleich, und man sah, daß die starke Frau geweint hatte. Sie setzte sich neben Amyneh, ergriff ihre Hand, und da sie sah, daß diese nicht ein Wort sagte, die Augen nicht aufschlug und starr vor sich hinblickte, zog sie sie an ihr Herz und sprach zu ihr, indem sie sie mit Küssen bedeckte: wir sind sehr unglücklich! In der Tat, sie waren sehr unglücklich. Kassem war sehr freundlich, sehr rücksichtsvoll gegen seine ältere Schwester gewesen; aber in seinem Entschlusse, am nächsten Tage aufzubrechen, hatte er sich unerschütterlich gezeigt, indem er erklärte, daß er diesen Aufschub nur der zärtlichen Liebe, die er für Amyneh hege, bewilligt hätte; daß er aber, wenn man ihn quälen und mit Klagen heimsuchen sollte, die sein eigener Schmerz ihm unerträglich mache, noch denselben Abend aufbrechen würde; und alles Flehen, alle Vernunftgründe, alle Vorwürfe Zemruds hatten nichts anderes von ihm erlangen können. – Er ist behext, mein liebes Herz, sagte Zemrud, indem sie den Bericht von ihrem verunglückten Feldzuge beschloß, behext von diesem furchtbaren Zauberer. Die Leute dieser Art verfügen über eine unwiderstehliche Macht, und da, wo sie gebieten, ist es gewiß, daß nichts übrig bleibt, als sich zu unterwerfen. Kassem ist in der Gewalt dieses Mannes. Man muß hoffen, ja man muß glauben, daß es zu seinem Besten ist; denn nach dem, was er mir erzählt hat, scheint der Derwisch die besten und liebreichsten Absichten zu haben. Er ist ein frommer Mann und unfähig, Böses zu tun. Auch ich habe Zauberer gekannt; es waren die ehrwürdigsten Leute von der Welt, Wunder an Wissen! Ich wiederhole dir's also, beruhige dich! Es ist besser, dein Mann tut unter dem Schutze des Inders große und gewaltige Dinge, als wenn er beispielsweise in den Krieg zöge, wo selbst die Gunst des Königs (dessen Größe wachse und erstarke!) ihn nimmer davor bewahren könnte, daß er einen bösen Hieb davontrüge. Diese Art von Trost, welchen Zemrud ihrer kleinen Schwägerin spendete, mochte nun viel oder wenig wert sein, das tut nichts zur Sache. Sie hatte keinen anderen zu ihrer Verfügung, und sie bediente sich seiner, soviel sie konnte, indem sie ihn in allen Formen wieder vorbrachte und immer jede Darlegung mit der festen Versicherung, mit dem eidlichen Versprechen beschloß, daß Kassem auf alle Fälle nicht länger als ein Jahr abwesend bleiben würde, und daß es durchaus vernunftgemäß und natürlich wäre, anzunehmen, daß er als Besitzer eines ungeheueren Vermögens zurückkäme, welches sie alle in der Familie, Männlein und Fräulein, in den Stand setzen würde, ihre Liebhabereien zu befriedigen. Am Ende sagte Amyneh, welche sich ein wenig Gewalt angetan hatte, sie wolle nun gehen, und kehrte nach Hause zurück. Sie fand dort Kassem in einem Zustande, der nicht viel besser war als der ihrige. In dem Augenblicke des Abschieds von seiner Frau, seinem Hause, seinen Gewohnheiten, seinem Glücke, seiner Liebe war die Begeisterung schwächer geworden. Der Entschluß blieb, weil er ihn weder aus seiner Phantasie, noch aus seinem Willensleben herausreißen konnte; aber er war schwarz verschleiert, und das Herz tat sich im Überflusse gütlich daran, sich zu winden, sich zu beklagen, zu seufzen, Beschwerde zu erheben; kurz, um das Ding beim rechten Namen zu nennen, Kassem war sehr unglücklich, wie man es ist, wenn man, zwischen Pflicht und Liebe gestellt, von der Pflicht sich fortgezogen wähnt. Es kommt nicht viel darauf an, zu untersuchen, was dieser letztere Ausdruck in jedem einzelnen Falle besagen möge. Kassem nahm an, daß seine Pflicht sei, den Derwisch zu suchen und einzuholen. Er mußte sich wohl unterwerfen. Mit dem so seinen, so zarten, so göttlichen Gefühl, das den Frauen in allen Ländern eigen ist, wenn sie lieben, und das allein hinreichen würde, die wahrhaft himmlischen Wesen der Schöpfung aus ihnen zu machen, begriff Amyneh den Kampf, der in der Seele ihres Mannes sich noch behauptete, und instinktiv vermied sie, was denselben schwerer und grausamer für den Leidenden hätte machen können. – Vielleicht, sprach sie bei sich selbst, könnte es mir gelingen, ihn acht Tage, höchstens einen Monat bei mir zu behalten! Aber wie würde er leiden! ... Und am Ende?... Wie? Er würde doch auf und davon wollen!... So gibt sie den Kampf auf und zeigt sich ergeben. Sie sagt nur: du kehrst wieder? – Ja! ja! ich kehre wieder ... ich schwöre dir's zu, Amyneh! Wie sollte ich nicht wiederkehren? Sei gewiß, wenn du mich nicht mehr wiedersehen solltest, dann... Sie legte ihm die Hand auf den Mund. – Ich werde dich wiedersehen, sagte die beste der Frauen, und ihre Stimme wurde fester. Gewiß, ich werde dich wiedersehen! Denk an mich, nicht wahr? – Ja, ich will daran denken ... will oft daran denken... Nein! sieh an, ich will immer daran denken! O Amyneh! meine Amyneh! Geliebte! Wie sollte ich's nur anfangen, nicht immer an dich zu denken? Bedenke doch nur, was du mir bist!... Wußte ich das etwa bis auf diesen Augenblick?... Ich hatte mir nie träumen lassen, daß ich dich verlieren könnte... Dich verlieren... Soll ich dich denn verlieren? – Nein! du wirst mich nicht verlieren. Ich werde ruhig dort bei deiner Schwester sein. Ich will viel Geduld... viel Mut haben... Ich bin gewiß, daß dir nichts zustoßen wird, Kassem! Leg noch einmal deinen Kopf auf meinen Schoß. So verging die Nacht unter der schmerzlichsten Verzweiflung und den zärtlichsten Liebkosungen, eines tröstete das andere, und am öftesten war es Amyneh, welche unter der schlimmen Behandlung, die das Geschick ihnen auferlegte, mutig das Haupt erhob. Als der Tag erschien, rief sie die Dienstboten und befahl ihnen, die Teppiche aufzuheben, alles in die Koffer zu verschließen, das Haus leer zu machen; sie ließ Maultiere holen, und das Hausgerät wurde zu Zemrud-Khanum hinübergeschafft. Die Leute des Stadtviertels, durch dies rührige Treiben aufmerksam gemacht, waren wie ein Ameisenhaufen aus ihren Häusern herausgekommen; sie blieben, die einen auf der Türschwelle, die andern auf der Straße stehen, oder auch saßen auf Wetterdächern der Krambuden, ohne die zu rechnen, welche auf ihre Terrassen gestiegen waren. Es war ein großer Haufen. Als Amyneh sah, daß nichts mehr in der Wohnung, und daß die vier Wände eines jeden Zimmers leer waren, hüllte sie sich in ihre Schleier und brach auf. Kassem folgte ihr, kehrte aber dann nach Verlauf einer Stunde zurück. Er war allein mit dem kleinen Negersklaven. Ein wenig mußte man noch auf ihn warten. Dann zündete der Sklave mitten auf dem größten Platze des Stadtviertels ein großes Feuer an, und als der Scheiterhaufen ganz hoch emporloderte, erschien denn auch Kassem auf der Straße. Er hatte Kopf und Oberkörper, Füße und Schenkel bloß und trug nur ein Unterbeinkleid von weißem Leinen. In der Hand hielt er die Kleider, welche er am Tage vorher angehabt hatte, ein rotseidenes Beinkleid, Kulidscheh von grauem, schwarzbesetztem deutschen Tuch, Dschubetz von roter geblümter Vermanwolle und eine sehr feine Lammfellmütze. Er schritt auf den Scheiterhaufen zu; er legte dort alle die Kleidungsstücke nieder, welche unter seinen Augen verzehrt wurden. So legte er das Gelübde der Armut und Askese ab. Die Menge sah ihm zu; sie war tiefbewegt. Man liebte ihn. Was Wunder? Man hatte ihn ganz klein gekannt; er war jung, er war schön; bis dahin war er immer glücklich gewesen und hatte sich verbindlich gegen die einen, äußerst wohltätig gegen die anderen gezeigt. Die Frauen weinten; einige stießen laute Klagen aus, indem sie mit den Armen gestikulierten und sprachen: welch ein Unglück! welch ein Unglück! Im Grunde aber war man hoch erbaut. In den Augen derer, welchen die Dienstboten die Sache erklärt hatten, war Kassem der hingebende Diener der Wissenschaft mit ihrer Entsagung, und nichts schien schöner. Als das Opfer beendet war, rief der neue Derwisch nach Art seiner Brüder mit gellender Stimme aus: »Hu!« das heißt: »Er!« das Wesen der Wesen, der, welcher alles, was lebt, in seinem Schoße begreift und aufbewahrt, Gott. Die Segensrufe wurden laut: Gott behüte ihn! Die heiligen Imams mögen über ihm wachen! O Gott! o Gott! erhalte ihn! Alle Propheten seien mit ihm! Kassem dankte mit einem Neigen des Hauptes und verließ den Platz. In dem Augenblicke, wo er die Straße erreichte, welche aus der Stadt hinausführte, reichte ihm ein alter Bakkal oder Krämer eine kleine kupferne Schale, indem er ihn bat, sie als Andenken an ihn anzunehmen, was er tat; dann ging er einige Schritte weiter, da trat, von seinem Vater geschickt, das Kind des Tischlers, das fünf Jahre alt war und das er oft gestreichelt hatte, auf ihn zu und brachte einen kräftigen Wanderstab geschleppt. Auch den nahm Kassem. Aber seine Festigkeit verließ ihn einen Augenblick; er konnte einige Ausbrüche des Schluchzens nicht zurückhalten und faßte krampfhaft das Kind, das er in seine Arme drückte. Es war die bittere Erinnerung an das, was er verlor. Er faßte sich jedoch noch zeitig genug, und nachdem er sich mit großen Schritten entfernt, befand er sich bald außerhalb der Stadt und wanderte in der Richtung nach Osten, das heißt nach Khorassan zu, wo, wie er fühlte, der Inder ihn erwartete und rief. Sobald er sich in der Wüste befand, so seines Weges zog und die Kiesel auf der Straße mit seinem Stocke schlug, fühlte er sich frei in der weiten Welt, und sein Herz beruhigte sich. Er geriet in Begeisterung und sah sich in Gedanken bereits als Herr, als unumschränkter Herr all der glorreichen Geheimnisse, deren Enthüllung der Inder ihm angekündigt und versprochen hatte. Nichts von Gemeinheit oder Gier war in seinem Enthusiasmus; was er wollte, war nicht das Vermögen, die Menschen unter die Macht des Zaubers zu bringen, Und noch weniger, durch die Verwandlung der Metalle den Allerweltsreichtum zu besitzen. Er wollte die Weisheit und das Eindringen in die erhabensten Geheimnisse der Natur. Er sah sich im voraus verklärt, über die Wünsche, über die Nöte hinaus; er sah sich als einen Asketen, welchem nichts mangelt an Reichtümern des Gemütes und Vollkommenheiten des Geistes, und welcher, durch sein Wissen und seine gänzliche Verachtung der irdischen Dinge in den innersten Schoß der Gottheit versetzt, so einer Glückseligkeit ohne Grenzen teilhaftig wird. Er hatte sehr große Kämpfe, furchtbares Ringen gegen seine weltlichen Neigungen gefürchtet, ehe er dahin gelangte. Aber nichts von dem. Er selbst verwunderte sich jetzt über die Leichtigkeit, mit welcher er sich von Amyneh getrennt hatte, die er doch am Tage zuvor noch vergötterte, und indem er sich so freien und leichten Herzens, fast gleichgültig gegen den Verlust fühlte, den er sich auferlegt hatte, erkannte er mit Bewunderung die tiefe Weisheit des indischen Derwischs. Dieser hatte ihm, als Kassem auf der Unmöglichkeit, sich von seiner Frau zu trennen, bestanden, die Gleichgültigkeit, die er in diesem Augenblicke empfand, ganz genau vorhergesagt. – Die menschlichen Leidenschaften, so hatte der Weise sich ausgedrückt, sind keineswegs so stark, noch so schwer zu brechen, wie der große Haufe der Menschen sich einbildet. Unerschöpflich in ihrem Wesen, haben sie doch nur einen Schein von Macht, und wenn man mit Gewalt den Fuß darauf setzt, so seufzen sie erst, dann schweigen sie, und als Schatten, denn das sind sie, werden sie am Ende vor dem unerbittlichen Willen bald zunichte. Wer zweifelt daran? die schwachen Seelen; aber wir, die wir zur Herrschaft über die Welt, über die anderen Menschen und vor allem über uns selbst geschaffen sind, wir wissen, daß es hierum so bestellt ist. Verlaßt Euer Haus, macht Euch auf, und Euer Haupt, von verderblichen Sorgen befreit, wird nicht sobald in der freien Luft sein, so werdet Ihr Euch wundern über die Ängste, deren Gespenster Eure Einbildungskraft in diesem Augenblicke sieht, und die nicht wagen werden, Euch auch nur anzugreifen. Und so war es. Kassem dachte an Amyneh nur wie an einen fernen Traum, der keine Einwirkung mehr auf den Geist ausübt; und, wie wir gesehen, ganz und gar seinen unermeßlichen Entwürfen hingegeben, deuchte ihn, als schwebe er auf ihren Flügeln dahin. Er fand sich in sich wieder, ruhig und glücklich. Acht Tage vergingen so. Jeden Abend kam er in ein Dorf und setzte sich unter den Baum, welcher die Mitte des Hauptplatzes bedeckte. Die ältesten der Bauern, der Mulla, manchmal ein oder mehrere andere Derwische, Wanderer gleich ihm, setzten sich ihm zur Seite, und ein Teil der Nacht verfloß in Unterhaltungen der verschiedensten Art. Bald waren es Reiseberichte, bald Schlachtenberichte; oft wurden die schwierigsten Fragen der Metaphysik von diesen Bauernköpfen verhandelt, wie das im ganzen Orient so der Brauch ist, und man hörte gern Kassems Bemerkungen, denn man sah wohl, daß er studiert hatte. Was die zum Leben notwendigen Dinge anlangte, so fand er allerwärts leicht eine Matte, um sich niederzulegen, und seine Reisportion. Er hatte sich zu wiederholten Malen nach dem erkundigt, den er einholen wollte. Man hatte ihn vorbeiziehen sehen: er dachte, da der Inder wenig Vorsprung vor ihm hätte, so würde er ihn leicht einholen. Am neunten Tage der Reise ging er, wie gewöhnlich, in lebhaftem Schritte seines Weges dahin und blickte ohne Langeweile und ohne Ermüdung auf den unendlichen Bereich der Wüste, welche, steinig, gewellt, von Schluchten, Felsen, Hügeln durchschnitten, ganz fern am Horizonte von zwei Reihen prächtiger Berge eingefaßt war, die das Spiel des Lichtes gleich Edelsteinen färbte, als er im tiefsten Inneren seiner Seele einen unerwarteten Druck, eine plötzliche Wallung, einen Schmerz, einen Ruf inne wurde. Seine Seele kehrte sich sozusagen auf sich selbst und sprach zu ihm: Amyneh! Sie hatte es ganz leise gesagt. Er hörte es trotzdem, und mit ihm hörte es sein Herz, und mit seinem Herzen alle Fibern seines Wesens und alle Echos, die in seinem Gedächtnisse, seinem Gefühle, seinem Verstande, seiner Phantasie, seinen Gedanken vorhanden waren, all dieses wachte auf und begann mit Leidenschaft zu rufen: Amyneh! Es war, wie wenn Kinder nach ihrer Mutter verlangen, wie den Unglücklichen sein mußte, welche in den Wogen der Sündflut ertranken, als sie ihre Hände zum Himmel erhoben und weinend sagten: rette uns! Er war gar überrascht, Kassem, er war gar überrascht! Er glaubte, daß die ganze Vergangenheit verschwunden wäre; keineswegs; die Vergangenheit zeigte sich gerade vor ihm, laut brauste sie heran, als Herrscherin, ihr Gut, ihre Beute zurückfordernd, ihn, Kassem, zurückfordernd, und er hörte etwas wie ein drohendes Gemurmel: was hast du mit der Wissenschaft zu schaffen? Was willst du mit der höchsten Gewalt? Was gehen dich die Magie und die Herrschaft der Welten an? Du gehörst der Liebe! Du bist der Sklave der Liebe! Der Liebe entlaufener Sklave, komm zurück zu deiner Herrin! Und wie Kassem gesenkten Hauptes seinen Weg fortsetzte, da holte ihn die fast unzertrennliche Gefährtin einer tiefen Liebe, ihre rächende Gefährtin ein, und eine unwiderstehliche Traurigkeit bemächtigte sich seiner, ganz wie das Dunkel der Nacht am Abend das Gefilde überfällt. Vergebens setzte sich der junge Mann zur Wehre, er war gefangen, war wiedergefangen. Er hatte geglaubt, daß es nichts wäre, Amyneh zu lieben und sie zu verlassen. Aber die Liebe hatte seiner gespottet. Er wiederholte sich: die Leidenschaft ist nichts; man blicke ihr nur ins Gesicht, dann fällt sie hin! Wohl sah er ihr ins Gesicht; sie fiel nicht hin; sie bemeisterte ihn, und er war es, der sich schwach, ja schwach werden fühlte, und der sich niederwarf. Er wollte sie verjagen, aber wer war der Herr in ihm? Die Liebe oder er? Die Liebe war es! und die Liebe wiederholte unermüdlich: Amyneh! Und alles in des armen Kassem gesamtem Wesen hub wieder an und sprach: Amyneh! Und diese Stimme, und diese flehenden, erzürnten, eigensinnigen, mit einem Worte, allmächtigen Stimmen hörten nicht mehr auf, und Kassem vernahm in seinem Inneren nur noch diese einzigen Worte: Amyneh! meine Amyneh! Was tun? Was er tat. Er blieb standhaft und setzte seinen Weg fort. Er ging so vor sich hin; er hatte all seinen Frohsinn, all seine Begeisterung, alle seine Hoffnungen, ja selbst das Gefallen an seinen Hoffnungen verloren, und er nagte an der Bitternis eines tiefen, unheilbaren Kummers. Bei jedem Schritte empfand er, daß er sich, nicht von seinem Glücke, nein, von der Quelle seines Lebens entferne; sein Leben war schwerer, beengter, mühseliger, kampfreicher, weniger wertvoll und flößte dem, der es hinschleppte, geringeres Verlangen ein, es zu behalten. Und doch schritt er fürder, der arme Liebende. – Ich kann nicht zurück; ich habe versprochen, habe gelobt, zu dem Inder zu stoßen. Wie sollte ich seine Geheimnisse nicht erfahren? O Amyneh! meine Amyneh! meine teure, vielgeliebte Amyneh! Es ist sehr schade, daß die Menschen, welche viel Phantasie und Gemüt haben, vom Geschick nicht in die Verfassung gebracht sind, nur ein einzig Ding auf einmal zu wollen. Wie gut würde alles für sie verlaufen! Wie frei, ungeteilt, rückhaltlos, unbedenklich und sorglos würden sie sich der einzigen Leidenschaft hingeben, die sie erfaßte! Unglücklicherweise erlegt ihnen der Himmel immer mehrere Aufgaben auf. Kein Zweifel, weil sie mehr und besser sehen als die andern, haben sie ihre Gedanken vieler Orten eindringen lassen; sie lieben dies, sie lieben das. Sie wollen wie Kassem die unaussprechlichen Geheimnisse besitzen, und wie er lieben sie ein Weib zur gleichen Zeit, wo sie die Wissenschaft lieben, und können nicht mit Maßen, mit Ruhe lieben; was alles wieder ins Gleiche bringen würde. Nein! zu ihrem Unglücke müssen die Leute wie Kassem nichts halb tun können und verlangen von sich selbst nach vielen Seiten immer das Vollkommene. Es begegnet ihnen fast immer, daß sie tief unglücklich sind, weil sie nicht alles auf einmal zu erreichen vermögen. Wenn er wenigstens die Zuversicht gehabt hätte, welche seine Schwester Zemrud sich bemüht hatte, Amyneh einzuflößen: in einem, in zwei Jahren heimzukehren... Aber nein! Er konnte diesen Trost nicht als möglich gelten lassen. Er wußte, daß er, einmal in der Gewalt des indischen Derwischs, für immer als Richtschnur seiner Lebensführung die befolgen würde: die Erkenntnis ist langwierig, und das Leben ist kurz. So war es denn geschehen um die Bilder, welche die Vergangenheit ihm zeigte; seine Glückseligkeit war erloschen. – Am Ende werde ich alt werden, sagte er sich; ich werde alt werden; werde Amyneh vergessen. Diese Vorstellung tat ihm mehr weh als alles Übrige zusammen genommen. Er wollte lieber leiden, wollte sich lieber auf den Tod vom Schmerze gemartert fühlen. Er wollte nicht vergessen! das hieß, sich selbst verleugnen, zunichte werden und einem neuen Kassem Platz machen, welchen er nicht kannte und aus dem Grunde haßte. Er versuchte sich zu beruhigen in dem Gedanken an die schönen Dinge, die er erfahren sollte, und an die Wunder, die zu schauen ihm jeden Tag vergönnt sein würde, und die, so fügte er voll Überzeugung hinzu, die Herrlichkeit der glänzendsten Erdendinge, ja sogar, sagte er sich ganz leise, Amynehs Schönheit bei weitem übertreffen. Diese Einflüsterung seines Verstandes machte ihn schaudern, und eine Stimme erhub sich in seinem Herzen, welche bitter erwiderte: und Amynehs Liebe? Gibt es auch etwas in höchster Himmelshöhe, das sie an Wert überragte? So war denn Kassem so vollkommen unglücklich, so niedergeschlagen, so traurig, wie nur ein Mensch sein kann. Er tat heiße Gelübde, um so bald wie möglich dem Derwisch zu begegnen; denn es erfaßten ihn derartige Anfälle von Mutlosigkeit, daß er sich zuweilen auf die Erde warf und dem Schluchzen überließ. – Wenn er bei mir ist, sagte er sich, werde ich abgezogen werden, werde an das denken, was er mir sagt. Er wird mich zum hehren Schauen der Wahrheit zurückführen. Ich werde nicht glücklich sein, aber Mut wiederfinden; denn den brauche ich. Mein Los ist, den großen Plänen meines Meisters zu dienen; ich will mein Los tragen. Im Grunde hatte er nichts mehr auf der Welt, das ihn fesselte. Zwischen zwei Leidenschaften hin und her gezogen, hegte er – so sehr er litt – nur noch den einen Wunsch, einen Augenblick der Rast zu gewinnen und zu erfahren, was Ruhe sei, und den Frieden zu kosten. Wie die Tage dahingingen, kam es so weit mit ihm, daß er gar nicht mehr wußte, was ihn in dieser Welt glücklich machen könnte, so sehr deuchte ihm nur von unmöglichen Dingen zu träumen. Amyneh! Sie war so fern! Sie entfernte sich mit jedem Tage! Er hatte sie verloren; dieses angebetete Bild war in seinen Tränen versunken, er sah es nicht mehr recht; vom vielen Trauern, Sehnen, Herbeirufen, Beweinen und Nichterreichenkönnen schien es ihm in der Welt, in der er selber lebte, nicht mehr vorhanden zu sein, keine Wirklichkeit auf Erden zu haben; er wagte nicht mehr an die Möglichkeit zu glauben, es jemals wiederzugewinnen, und die Liebe zur Wissenschaft wiederum, die erste, einzige Ursache seines Kummers, ob er die noch empfand, war er sich nicht recht sicher. Aber in diesem. Punkte täuschte er sich. Die schmerzliche Wißbegierde, zu deren Sklaven ihn die Worte des Derwischs gemacht hatten, hielt ihn in Wirklichkeit fester umklammert, als er glaubte. Es war ihm nicht recht klar, warum ihm in seiner Vereinsamung, in seiner Verlassenheit die erzürnte und leidende Liebe ihre Qualen nicht erspare, und doch hätte er begreifen müssen, daß diese Liebe, so mächtig, wenn es galt, ihn zu martern, dennoch nicht gänzlich Siegerin blieb; denn bei alledem und trotz alledem kehrte Kassem, von diesem Stachel durchbohrt, nicht etwa wieder um; er zog seines Weges, aber nicht nach Amyneh zu; er zog seines Weges, um den Derwisch wiederzufinden, und er schien eine Kette am Halse zu haben, die ihn zog. Diese Kette war sein Kismet, sein Los. Er war dahingeschlichen, wider Willen, seinen Gefühlen, seinen Wünschen, seinem Herzen, seiner Leidenschaft, allem zum Trotz; und doch zog er seines Weges und konnte nicht anders. Was noch seltsamer war, daß er im Grunde weit entfernt war, zu wissen, was er suchen wollte, und noch weniger, was er zu erringen gedachte. Der Inder hatte ihm nur all seine Macht gezeigt und versichert, daß er seiner bedürfe. Sein aufgeregter Sinn, seine plötzlich in Feuer und Flammen gesetzte Phantasie taten, sagten das übrige. Er wollte schauen, er wollte dienen; er sah nur ganz unbestimmt Höhen und Tiefen, über denen der Schwindel schwebte; er wollte sich willenlos diesem Schwindel, diesem gigantischen Genius in die Arme, an den Hals werfen, dessen Blicke, auf die seines inneren Menschen gerichtet, ihn bezauberten, und, einmal in dieser furchtbaren Gemeinschaft, wußte er nicht, was ihm begegnen würde; aber er suchte auch gar nicht einmal es auszuforschen. Es war in Wahrheit der Schwindel, auf den er es abgesehen hatte. Ich weiß nicht, ob die leidenschaftliche Liebe jemals anerkennen kann, daß eine andere Leidenschaft eine würdige Nebenbuhlerin für sie sei; aber wenn es eine gibt, der sie dieses Recht einräumte, oder die sie sich's aneignen zu lassen geneigt wäre, ohne sich allzusehr zu entrüsten, so, scheint es, muß es gerade die sein, welche Kassem in ihre krampfhaften Arme preßte. Begeisterung gegen Begeisterung, Raserei gegen Raserei; die der einen kommt der der anderen gleich; auf der einen wie auf der anderen Seite gleich viel Entsagung, gleich viel Erkenntnis, vielleicht gleich viel Blindheit; und wenn die Liebe sich rühmen kann, die Seele, welche sie in die blauen Himmelsgefilde der Sehnsucht entrückt, über die Gemeinheiten der Erde hinweg mit sich fortzureißen, so hat ihre Nebenbuhlerin, eben die, welche Kassems Seele gleichzeitig mit der Liebe besaß, das Recht, zuversichtlich zu antworten, daß die Macht, die sie ausübe, auf nicht weniger erhabene Ziele gerichtet sei. So durcheilte der unglückliche Liebende die steinigen Ebenen, von einer unerbittlichen Sonne ausgeglüht, bar alles dessen, was nach Vegetation ausgesehen hätte: vor seinen unachtsamen Augen hatte er immer Horizonte, deren Kreise unermeßlich waren und sich unaufhörlich ausdehnten; er ging vorwärts, und litt, und weinte, und er fühlte sich vergehen, und dennoch zog er seines Weges. Es half ihm nichts, daß er vorwärts kam, es gelang ihm nicht, seinen Meister zu erreichen. Seit vierzehn Tagen bereits hatte er seine Spur verloren; er hatte gefragt, er befrug die Dorfleute, die Reisenden; niemand hatte den Inder gesehen. Man kannte ihn nicht. Ohne Zweifel hatte Kassem in irgendeinem Augenblicke eine andere Richtung eingeschlagen, was in diesen Gegenden nicht schwer hält, wo es, genau genommen, keinerlei Weg gibt. Aber Kassem konnte sich nicht erwehren, in diesem Umstände die Macht seines Kismets zu erkennen. – Wenn ich meinen Meister, sagte er sich mit Bitterkeit, in den ersten Tagen, wo der Schmerz mich befallen, angetroffen hätte, so würde ich ohne Zweifel nicht die Kraft besessen haben, ihn ihm zu verbergen. Er hätte mich streng getadelt, und ich hätte bei dieser unbesonnenen Mitteilung nichts gewonnen als beständige Vorwürfe, und vielleicht ... wie! vielleicht? ... Ganz gewiß ein Mißtrauen, das, ohne mir Amyneh wiederzugeben, mich unzweifelhaft jahrelang dem Heiligtum der Wissenschaft, dessen ich für unwürdig erklärt worden wäre, ganz fern gehalten haben würde. Jetzt habe ich, es nicht mehr in der Hand, weil ich den Kelch der Leiden bis auf den Grund geleert habe, in der Tiefe meines Unglücks wie versunken bin und gar nicht auch nur daran denke, mich je herauszuziehen. Nein! ich werde dem Inder nicht ein Wort sagen! Ich werde ihm mein Geheimnis nicht zeigen! Er könnte es nicht begreifen. Er ist ein hartes Gemüt, allem verschlossen, was nicht das Erhabene ist, das er aufsucht. Er ist bereits Gott; ich, ach! ach! Was bin ich? Ach! was bin ich? Kassem zog durch viele Länder, durch verlassene, durch bewohnte Stätten; er wurde hier leutselig, anderwärts übel aufgenommen; er kam in Städte; er durcheilte die Straßen Herats und sodann die des großen Kabul. Aber er war von einer tiefen Gleichgültigkeit gegen alles. In der Tat, man konnte nicht sagen, daß er lebte. Die doppelte Überspannung, welche sein Wesen hinriß und zerriß, ließ ihn nicht einen Augenblick auf das Niveau der alltäglichen Interessen herabsinken. Er wanderte, aber er träumte und sah nur seine Träume. Es war ein Wunder, daß er die Erde mit dem Fuße berührte, denn, er war ganz und gar nicht auf der Erde. Als er Kabul erreicht hatte, hielt er sich, wie ich eben sagte, keineswegs damit auf, die Merkwürdigkeiten dieser berühmten Stadt zu besichtigen, welche bekanntlich in Stein gebaute und dazu mehrstöckige Häuser hat, sondern er beeilte sich, aus ihr herauszukommen, und nach einigen Tagen gelangte er zu den Höhlen von Bamyan, wo er sicher war, den Derwisch zu finden. In der Tat, nachdem er deren zwei oder drei durchsucht, gewahrte er beim Eintritt in eine der Grotten seinen Meister, auf einem Steine sitzend und mit der Spitze seines Stabes Linien ziehend, deren kunstvolle Verbindungen auf ein Wahrsagewerk deuteten. Ohne das Haupt zu wenden, rief der Inder mit der wohlklingenden Stimme, welche bei ihm so merkwürdig war: gelobt sei der höchste Gott! Er hat seinen Dienern die Mittel verliehen, nie überrascht zu werden! Tritt näher, mein Sohn! Genau in diesem Momente des Tages mußtest du ankommen! Da kommst du, da bist du! Ich lobe deinen Eifer, dessen unendliche Reinheit mir verbürgt ist; ich lobe deine Hochsinnigkeit und Hochherzigkeit; meine Berechnungen beweisen sie mir, und ich kann nicht daran zweifeln. Von dir kann ich nur lauter Gutes, lauter Tugendsames, lauter Hilfreiches erwarten, und dennoch, ich weiß nicht, wie es kommt, daß unerklärliche Hindernisse vor unseren Arbeiten aufsteigen! Kassem näherte sich bescheiden und küßte dem Weisen die Hand. Aber dieser, in seine Betrachtungen versunken, schlug gar nicht einmal das Auge nach ihm auf und verblieb im unbeweglichen Anschauen der Linienverbindungen, welche er in den Sand gezeichnet hatte und an welchen er nachdenklich Abänderungen vornahm. Der junge Mann sah ihn mit einer Art von schwärmerischem Glücke an. Er fühlte sich nicht mehr allein. Er war einem Wesen nahe, das in seiner Weise ihn liebte, das ihn schätzte, dem er etwas war und das auf ihn zählte. Er hätte gar gern den Derwisch umarmt; er hätte sich an seinen Hals werfen, ihn an sein leidendes Herz drücken mögen. Aber es schien nicht, daß etwas Derartiges möglich wäre; Kassem schob diese Gedanken, fast über sich selbst lächelnd, beiseite; er begnügte sich, seinen Meister mit inniger Zuneigung schweigend zu betrachten, ohne zu versuchen, ihn in dem Nachsinnen zu unterbrechen, darin dieser fortfuhr, und dessen Tiefe er bewunderte, ohne es zu verstehen. Endlich indessen erhob der Inder das Haupt und schaute seinen Gefährten unverwandten Blickes an. – Die Stunde ist gekommen, sagte er; wir sind am festgesetzten Ort: wir wollen unsere Arbeiten beginnen. Hoffen wir alles, wie es auch sein mag! – Was sucht Ihr? sprach Kassem zu ihm; was erwartet Ihr? was wollt Ihr? – Ich weiß nicht, antwortete der Inder; was ich will, das kenne ich nicht. Was ich kenne, ist unermeßlich. Not tut mir das Jenseits. Not tut mir das letzte Wort. Wenn ich es habe, sollst du es teilen, und ohne die unzähligen Straßen gezogen zu sein, die ich durchlaufen habe, sollst du alles besitzen, ohne Sorge, ohne meine Ängste, ohne mein Herzeleid, ohne meine Zweifel, ohne mein Verzweifeln. Begreifst du? Bist du glücklich? Kassem schauderte. – Ohne Verzweifeln? sprach er zu sich selbst, ist das wohl wahr? Werde ich nicht ebensoviel gezahlt haben wie er? Gleichwohl fühlte er sich von den Worten seines Meisters hingerissen. Sein Herz belebte sich neu und jubelte auf. Er hoffte nun auch. Er war einem seiner Lebensziele nahe. Einen Augenblick vergaß er das andere. – Auf! rief er kraftvoll, gehen wir! Ich folge Euch! ich bin bereit! – Du hast keine Furcht? murmelte der Derwisch. – Vor nichts in der Welt! erwiderte Kassem. In Wahrheit, das Leben war von allem das, woran er am wenigsten hing. Der Derwisch erhob sich und ging in die Grotte. Kassem folgte ihm. Sie versenkten sich in die Tiefen der Erde. Bald ließ des Tages Helle sie im Stich. Sie schritten fürder, in der Dämmerung, bald dann in der Finsternis. Der eine wie der andere sprach kein Wort. Nach Verlauf einiger Zeit fühlte Kassem unter seinen vorgehaltenen Händen den bloßen Felsen, und er bemerkte, daß der Derwisch ihn mit seinen Fingern betastete. Um sie her häuften sich Steinblöcke, welche bei Erdstürzen dorthin geschleudert worden waren und welche sie erstiegen hatten. Der Derwisch stöhnte tief, schöpfte Atem und begann abermals zu stöhnen. Kassem machte sich klar, daß sein Meister die Felsen zu verrücken suchte. Plötzlich fühlte er sich kräftig bei der Hand gefaßt, und der Derwisch, der ihn gewaltsam mit sich zurückriß, brachte ihn an einen Ort, wo ein Streifen Tageslicht hereinbrach. – Es ist etwas in dir, rief er, was uns am Gelingen hindert! Ich sehe es jetzt, ich weiß es, ich bin dessen gewiß! Du bist rechtschaffen, du bist hingebend, du bist gut und treu! Aber es ist da ein Etwas! Ich weiß nicht, was! Du bist nicht ganz ungeteilt beim heiligen Werke! Rede! Gestehe! – Es ist wahr, antwortete Kassem zitternd, es ist wahr; verzeiht mir. Ich bin nicht so, wie ich sollte. – Was gibt's? rief der Derwisch, die Zähne aufeinanderpressend; verbirg mir nichts, mein Sohn, ich muß alles wissen, um Abhilfe zu schaffen. Habe keine Furcht, rede! Kassem zauderte einen Augenblick. Er war ganz bleich geworden. Er begriff, daß er nicht zaudern dürfe. Er war dort nicht im Angesichte der Welt, sondern im Angesicht einer furchtbaren Unendlichkeit. – Ich liebe, sagte er. – Was? – Amyneh! – Ach! Unglücklicher! Der Inder rang die Hände und blieb wie versunken in einen Schmerz, der keine Worte fand. Endlich bezwang er sich. – Du kannst mir nicht viel helfen, sagte er. Dein guter Wille ist gelähmt. Hier bedarf es einer freien Seele; die deine ist es nicht. Indessen, du bist ganz rein von allem Bösen; du warst derjenige, den ich bedurfte ... Du vermagst noch etwas ... Ich werde nicht zurückweichen ... Ich werde alles besitzen ... besitzen, was ich will!... Aber um welchen Preis! ... Du aber, du wirst nichts besitzen. Nichts! Verstehst du?... Es ist nicht meine Schuld! es ist nicht die deine! Ach! ein Weib!... ein Weib!... Fluch sei den Weibern! Sie sind der Verderb! sind die Geißel, gegen die kein Widerstand ist! sind das Verderben!... Und dennoch gehen wir! komm mit mir! in einer Viertelstunde wäre es zu spät! Als er diese letzten Worte vollendet, rief eine Stimme am Eingang der Höhle: komm, Kassem, komm! Kassem schauderte an allen Gliedern. Ihm schien, als erkenne er diese Stimme. Aber der Inder faßte ihn mit Macht und, ihn halb gewaltsam mit sich fortreißend, rief er ihm zu: hör nicht drauf, oder alles ist verloren! Die Stimme ließ sich von neuem vernehmen: komm, Kassem, komm! Kassem wurde halb wahnsinnig. Er erkannte die Stimme vollkommen; aber sein alter Meister riß ihn immer noch mit sich fort und rief ihm zu: kehre dich nicht, um! hör nicht drauf! Folge mir! Ich weiß, daß ich sterben werde! Aber wenigstens will ich sterbend finden! Kassem ließ sich hinreißen. Er ging, er ward geschleppt, aber er leistete keinen Widerstand. Seine Liebe zu seinem Meister, eine fieberhafte, rasende Wißbegierde beherrschte ihn. Er wußte, wer ihn rief: er hatte keinen anderen Willen mehr, als dem furchtbaren Geheimnis entgegenzueilen. Plötzlich befand er sich dicht am Felsen, an der nämlichen Stelle, wo einige Augenblicke früher seine Hände getastet. hatten. – Stelle dich dahin, sagte der Inder, indem er ihn in eine Art Einbiegung tief hineinstieß; da! da! Gut!... Du läufst weniger Gefahr, und jetzt – ich weiß es, ich fühle es – werde ich alles erfahren! Kassem hörte ihn von neuem stöhnen, stoßen, zerren, schlagen; und zu gleicher Zelt standen ihm die Haare zu Berge vor Grausen, denn der Derwisch sprach in einer gänzlich unbekannten Sprache Formeln im Kehlton, deren Macht gewiß unwiderstehlich war. Plötzlich ließ sich ein fürchterliches Getöse in der Grotte vernehmen; Kassem fühlte, wie die Steine sich heftig bewegten, die Erde unter seinen Füßen wankte; die Felsen entglitten seinen Händen, das Licht drang von allen Seiten ein; ein entsetzlicher Einsturz hatte das Gewölbe geöffnet; er blickte hin, er sah den Derwisch nicht mehr, und an der Stelle, wo der weise, allmächtige Zauberer einen Augenblick vorher noch gewesen sein mußte, türmte sich ein Haufe ungeheurer Trümmer auf, welche von ihrer Stelle zu heben alle Menschenkräfte ohnmächtig gewesen wären; aber am Eingang der Höhle, die hinfort vom Lichte des Tages überströmt war, sah Kassem Amyneh, bleich, atemlos, ihm die Arme entgegenstreckend. Er eilte auf sie zu, er schloß sie in seine Arme, er schaute sie an; ja, sie war es. Sie hatte es nicht übers Herz bringen können, ihn zu erwarten. Sie war ihm nachgegangen, sie war ihm gefolgt; sie fand ihn wieder, sie behielt ihn. Reiseleben »Ich möchte«, sagte Valerio, »dich lieber bei deinen Eltern lassen.« Lucies Augen füllten sich mit dicken Tränen. Sie sah den Sprecher mit dem Ausdruck schmerzlichsten Kummers an, »Aber wir sind doch seit acht Tagen verheiratet!« murmelte sie. »Ja, und seit drei Tagen weiß ich von unserem Ruin«, antwortete Valerio mit düsterer Miene. »Du mußt leben, und ich finde hier nichts zu tun. Eine Art Mauer schließt sich um mein jähes Elend, und wenn ich nicht den einzigen Ausweg ins Auge fasse, durch den ich entschlüpfen kann, dann packt mich die Verzweiflung. Also, meine Lucie, ich habe ein Anerbieten angenommen. Ich werde abreisen, ich werde für dich arbeiten; aber dich in meine neue Existenz hineinzuzwingen, dazu fehlt mir offen gestanden die Entschlußkraft.« »Wenn ich dich geliebt habe«, antwortete Lucie und faßte seine beiden Hände, »so ist das nicht meine Schuld. Ich kann mir nicht denken, was aus mir werden sollte. Ich muß dir folgen, ich muß mit dir zusammenleben. Alles andere kommt nicht in Frage.« So sprechend, lehnte sich Lucie an die Brust ihres Mannes; sie nahm den Kopf des geliebten Gatten zwischen ihre Hände! sie bedeckte seine Stirn und seine Haare mit leidenschaftlichen Küssen, und Valerio, bezwungen und Kuß für Kuß erwidernd, sagte: »Gut, abgemacht, du sollst mit mir reisen.« Es kann den Leser wenig interessieren, zu hören, wie und weshalb Valerio Conti fünf Tage nach seiner Hochzeit erfahren hatte, daß ein ungetreuer Verwalter ihn um sein Vermögen gebracht habe. Er war ein tätiger Mensch von Geist, Kenntnissen und Verdienst. Er war mehrere Jahre im Orient gereist, und einer seiner Freunde, der von seinem Unglück gehört hatte, verwandte sich sofort für ihn und forderte ihn auf, nach Konstantinopel zurückzukehren in der Sicherheit, daß er dort oder in den türkischen Provinzen eine Stellung finden würde. Er verkaufte, was er besaß. Der Schwiegervater, außer sich darüber, daß er einen ruinierten Schwiegersohn besäße, und dann, daß dieser Schwiegersohn auch noch seine Tochter weit weg entführen wolle, gab ihm nur ganz wenig mit und erklärte ihm unter heftigen Vorwürfen, niemals mehr zu bewilligen; und die beiden armen jungen Liebenden, der eine sechsundzwanzig Jahre, die andere achtzehn Jahre alt, schifften sich in Neapel auf einem Kursdampfer ein, und der trug sie durch die hellenischen Fluten nach dem alten Byzanz. Die Kunst zu reisen ist ebensowenig die Sache jedermanns wie die Kunst zu lieben, Verständnis für jemanden zu haben und mitzufühlen. Nicht jedermann versteht die tiefe Bedeutung davon zu erfassen, wie der Ortswechsel immer neue Erscheinungen heraufziehen läßt, ebensowenig wie nicht jeder fähig ist, das Wesen einer Sonate von Beethoven, eines Gemäldes von Leonardo da Vinci oder Veronese, der Venus von Arles oder der Passion der Bianca Capello zu verstehen. An Bord des Schiffes, das nun Valerio und Lucie entführte und die blaue Wasserfläche zwischen den schimmernden Inselchen und dem Archipel durchschnitt, befand sich auch eine Gruppe von jenen Herdenvieh-Reisenden, die die Mode jedes Jahr aus ihren Gehegen aufscheucht, weil sie, wie sie angeben, eine Orientreise machen wollen. So reisen sie denn in den Orient und kommen dann wieder von dort zurück. Aber sie sind nach ihrer Rückkehr nicht klüger als vorher. Sie kennen weder die alte noch die neue Geschichte der Gegenden und Stätten, sie wissen weder das Wie noch das Warum der Dinge. Die Landschaften, die nicht der Normandie oder der Grafschaft Somerset ähnlich sind, erscheinen ihnen einfach lächerlich. Die Straßen der Städte haben ja keine Bürgersteige, in der Wüste ist es sehr heiß; die viel zu zahlreichen Ruinen sind von kleinen Tieren bewohnt, die man Skorpione nennt; die in aufdringlicher Masse vorhandenen Flöhe erlauben sich infame Ausflüge auf die Körper der Vorübergehenden; die Eingeborenen fordern zu viel Backschisch, und ihr Kauderwelsch versteht man nicht. Aber auf all diese kindischen Bemerkungen kommt es schließlich nur wenig an, und man glaubt gewöhnlich, daß der Reisende sich auf diese kostbaren Beobachtungen beschränkt, die letzten Endes ohne große Mühe zur Erweiterung von Erfahrungen ausgenützt werden und ihn etwas tiefer in den Kern der Sache eindringen lassen könnten. Was ihn im Grunde so engstirnig macht, ist, daß er nicht zu sehen versteht. Er wird niemals, und wenn er so lange reiste wie Isaak Laquedem, der ewige Jude der späteren Sage, die Schönheiten, die Einzelheiten, die bezeichnenden Züge alles dessen sehen, was sich seinem Auge darbietet. Darin liegt ein unendlicher Ruhm der alles vermögenden und guten Weisheit, daß sie zwar zweifelsohne den Dummen und Bösen die Herrschaft über die Welt geschenkt hat, aber andererseits es nicht gewollt hat, daß diese Bösen und Dummen imstande sind, ihre Vollkommenheiten zu erfassen, ihre Süßigkeiten zu kosten und ihre Werte wirklich zu besitzen. An Bord des Postschiffes befanden sich zwei oder drei Engländer, drei oder vier Franzosen, fünf oder sechs Deutsche, die stark durch das Mittagessen und Frühstück in Anspruch genommen waren, täglich eine Partie Whist spielten und die übrige Zeit mit zwei Schauspielerinnen plauderten, die für das Theater in Pera verpflichtet waren. Ferner war da ein Möbelhändler, der sich in Smyrna niederlassen wollte. Solche Leute reisen in den Orient und kommen ebenso geistig bereichert zurück, als wenn sie sich einmal in einer leeren Stube umgedreht hätten. Nochmals Lob und Preis der gütigen und wohlwollenden Vorsehung, die für ihre Erwählten manches ausschließlich vorbehalten hat! Valerio wußte viel, Lucie dagegend war unwissend. Aber sie fühlte instinktmäßig den Wert wirklich wertvoller Dinge. Sie erriet deren verborgenen Sinn mindestens ebensogut wie Valerio, vielleicht sogar mit noch etwas mehr Feingefühl und lechzte nach Aufklärung. Nichts entging ihr. Die neuen Erscheinungen wirkten stark auf sie ein und führten sie auf Märchen, in die ihre Einbildungskraft sich widerstandslos vertiefte. Ein griechischer Milizsoldat, ein Palikare stieg an Bord; er wiegte sich mit der den Albanesen eigenen anmaßenden Art Siegermiene in den Hüften. Das genügte, um Lucies Geist in die akrokeraunischen Berge zu versetzen, von deren schauriger Schönheit ihr Gatte ihr bei dieser Gelegenheit erzählte. Die himmelblauen Wogen, von denen die eine die andere sanft vor sich herschob, entführten ihre Gedanken nach den unsichtbaren Küsten jenes Afrika der Sandwüsten, der Löwen, der gewalttätigen Menschen in einer gewalttätigen Natur. Und dieser Naturgarten von Halbedelsteinen, von Ametysten, Topasen, Turmalinen und Rubinen, die man Archipel nennt, der wie mitten in die Saphirbläue des Meeres hineingezaubert scheint, ließ sie die Vorstellungen der antiken Völker verstehen. In einem Zeitalter von soviel Glanz und Wundern von quellendem Leben, Wechsel und verführerischer Schönheit mußte in den Seelen dieser Völker die tiefe Überzeugung geboren werden, daß die Götter anwesend und gegenwärtig seien, daß die Strahlen der Sonne nichts anderes als die Haare des göttlichen Lenkers Apollo selbst sein könnten, daß Aurora mit ihren Rosenfingern das beseligende Himmelslicht bilde, und daß die Feuerfunken, welche die heilige Nacht lächelnd in ihren Schleiern berge, ohne sie zu verbergen, geschweige denn auszulöschen, an der Stirn Andromedas, Callistos und der homerischen Zwillinge aufgeflammt seien, der hohen Herren und Schützer der Schiffe. Als Lucie auf Valerios Arm gelehnt bei prachtvollem Wetter jene Landspitze bläulich schimmernder Felsen betrachtete, auf denen sich die weißen Säulen des Tempels von Sunium erheben, war sie wie geblendet. Die Anmut, die Majestät, die unsterbliche Jugend sprachen gleichzeitig zu ihr aus diesen verstümmelten aber noch aufrechten Resten dieses Tempels, in dessen Schatten sich Plato niedergelassen und gelehrt hat. Eine Lehre Dantes, die der Orden des heil. Dominikus übernommen hat, besagt, daß die Verdammnis des Menschen darin bestehen wird, daß er im Überfluß das besitzen wird, was er während seines irdischen Daseins geliebt, erstrebt und gewünscht hat. So für die ganze Zeit der Ewigkeit in den Besitz seiner Wünsche gesetzt, muß er zu seiner Pein zugleich erkennen, was hoch darüber steht, aber mit der Gewißheit, es niemals erreichen zu können. Was tut's! Es ist eine der Mitgaben für diese Welt, daß man sich mit dem schlechtesten Weltlauf zufrieden geben könnte, wenn das mächtige Naturgefühl auf uns bestimmend wirkt. Wenn man mit großen Augen schaut, und wenn man das liebt, was man sieht, es vollständig dadurch sich zu eigen macht, daß man mit der erfinderischen Erkenntnis des Geistes es festhält, dann macht man sich zum Herren der Natur selbst: man wandelt auf ihren Höhen und dringt in ihre Tiefen. Es ist wahrlich keine Kleinigkeit, an den vom Asiatischen Olymp beherrschten Ebenen der Troas entlang zu fahren und dort Tenedos schauen zu dürfen! Schritt vor Schritt erweitern sich die durch die Dardanellen eingeengten Küsten vor den Reisenden, das Marmara-Meer öffnet sich. Und im Hintergrund dieses weiten und gerundeten Beckens erscheint die majestätische Höhe, die durch die von unzähligen Türmen unterbrochene byzantinische Mauer, den Gürtel Konstantinopels, eingefaßt wird; es erscheint dann dieser Mauergürtel selbst, innerhalb dessen sich ein Wald von Minarets und Kuppeln über das dunkle Laub zahlreicher Zypressen erhebt. Man hat den Anblick von Konstantinopel mit dem von Neapel verglichen. Aber welche Ähnlichkeit besteht zwischen dem reizendsten Genrebildchen und dem weitestgespannten geschichtlichen Gemälde, das man kennt, zwischen einem Meisterwerk von Claude Lorrain und einem Wunderwerk von Veronese? Man hat diesen Blick auch mit dem auf die Bucht von Rio de Janeiro verglichen. Aber dort handelt es sich um ein prachtvolles Durcheinander von unzähligen Seen, die sich unter zerfetzten Bergzügen aneinanderreihen, Bergzüge, deren senkrechte, waldgekrönte Felssäulen mächtige Orgeln zu sein scheinen, wo nur die reine physische Natur uns entgegentritt, wo keine Erinnerung vom Menschen spricht, wo nur die Augen geblendet staunen. Was hat diese rein materielle Überfülle gemein mit dem Anblick von Konstantinopel, diesem geistig belebten, prächtigen, sprechenden Schauplatz der größten Vergangenheit, den die geschichtlichen Erinnerungen und die erhabensten Schöpfungen des Genies für immer beleben? Was ist schließlich die vollendeteste aber wortlose und nicht zu uns sprechende Landschaft gegenüber einem Schauspiel von so sprechender Gewalt? Wenn die physische Natur nicht von der moralischen befruchtet ist, versetzt sie die Seele nur schwach in Erregung. Und deshalb werden die blendendsten Naturschauspiele der Neuen Welt niemals den Eindruck der weniger glänzenden der Alten Welt erreichen. Valerio hatte von Neapel einen Empfehlungsbrief an einen der Gesandten, den Vertreter einer Großmacht, mitgebracht. Der Graf von P. empfing ihn sehr warm und empfand bald, mit welch seiner, tief angelegter, empfänglicher und seltener Natur er zu tun hatte. Er selbst gehörte auch zu solchen Naturen. Er hatte viel gesehen, viel erfahren, viel gelernt und alles festgehalten. Sein Gedächtnis und sein Herz bewahrten noch die Schwingungen, die von früheren Gemütseindrücken herrührten, was keine allgemeine Gabe ist. Mit einem Wort, trotz der abstumpfenden Wirkungen des Weltgetriebes war er fähig geblieben, sich für irgend jemand oder irgend etwas zu begeistern. Das junge Paar entzückte ihn. Diese beiden reisenden Schwalben, die kein Nest mehr hatten und aufgescheucht durch die Welt flatterten, flößten ihm Sympathie ein. Er beschäftigte sich mit ihren Interessen, und eines Morgens faßte er bei einem Besuch bei ihnen sie beide an den Händen und hielt ihnen folgende kleine Rede: »Ihr Schicksal scheint mir für den Augenblick gesichert zu sein. Hören Sie von mir, daß die letzten in Europa so vielfach ausgestorbenen Reste von Großmut und Ritterlichkeit hier noch in der Seele von einigen Türken vom alten Schlage leben. Ich spreche nämlich von jenen Ottomanen, die noch die Janitscharenzeiten gekannt haben. Dank der Verwendung von meinen Freunden dieses Schlages vertraut man Ihnen, Valerio, eine Mission sehr unbestimmten Charakters an den östlichen Grenzen des Reiches an. Ihre Auftraggeber wissen selbst nicht, was Sie zu tun haben werden und kümmern sich auch kaum darum, es zu erfahren. Worauf es ihnen ankommt, ist, daß Sie in den Dienst der Hohen Pforte eintreten. Sie sollen die Wälder, die Minen und die Strecken prüfen, wo man Straßen anlegen könnte, die man notabene übrigens niemals bauen wird. Und Sie werden sich darüber zu äußern haben, wenn Ihnen das paßt. Sie sind an alle Gouverneure des Reiches empfohlen. Wenn Sie zurückkommen werden, wird man Ihnen eine Stellung geben, die Ihnen vielleicht die Kenntnis dessen geben wird, was die moderne Sprache so stolz »das praktische Leben« nennt, das heißt, Sie werden alle die Nichtigkeiten, all das dumme Zeug und die Niedertracht der heutigen Zustände kennenlernen. Also nochmals, mein liebes junges Paar, reisen Sie! Sie werden während einiger Monate nichts anderes zu tun haben, als vorwärts zu reisen, wohin Sie wollen, wie Sie wollen, schnell oder langsam. Niemand wird Sie drängen. Ich habe solch Leben kennengelernt und weine ihm ewig nach: es ist das einzige und alleinige eines denkenden Wesens würdige Leben. Gehen Sie, seien Sie zufrieden, erfüllen Sie die Welt mit Ihrer Liebe und Ihre Liebe mit dem ganzen unendlichen Reiz der weiten Welt!« So sehen wir Valerio und Lucie an den fernen Küsten von Trapezunt landen. Hinter ihnen liegt das Schwarze Meer, jener Pontus Curinus, der soviel gesehen hat, der aber vor allen Dingen die Erinnerung an den antiken Argonautenzug festhält, von ihm so beredt erzählt. Auf dem Quai drängte sich eine Menge von Europäern, die man dort Franken nennt: Seeleute, Händler, Abenteurer aller Art, Ionier, Griechen, Malteser, Dalmatiner, Franzosen, Engländer, eine trübe Masse, die in die Tiefen der Menschheit hinabreicht. Ihre Anschauung ist indes hie und da durch einen Zug gekennzeichnet, der ihnen einen Teil des Abstoßenden nimmt: sie haben den Instinkt für das Unvorhergesehene, Neigung zu Regsamkeit und Kühnheit, manchmal auch eine Art des Sichgehenlassens, würdig eines Kapitano der italienischen Komödie, das der Originalität nicht entbehrt. Unter dieser buntscheckigen hin und her wogenden Menge bewegten sich mit der Perlenschnur in der Hand auch einige Osmanen. Beinahe alle waren durch moderne europäische Kleidung verunstaltet, die sie nach ihrer Art, nämlich nach ihrer geschmacklosen Weise, auffaßten und trugen: ein kastanienbrauner oder blauer Überrock zeigte aufgeschlitzte oder zerrissene Ärmel, mit denen man leichter die vorgeschriebenen Waschungen vornehmen konnte, die ganz gewöhnlichen Hosen waren beschmutzt, ein schlecht gewaschenes Hemd zeigte einen schlecht sitzenden Kragen, um den sich ein eng und unordentlich geknüpfter Schlips wand. Der Fez war auf den Hinterkopf zurückgeschoben, die schmutzigen Finger hielten zugleich mit der Perlenschnur eine dicke Zigarette. Als auf den haßerfüllten Ratschlag der Zauberin von Colchis die armen Töchter des Jason es unternommen hatten, ihren Vater zu verjüngen, als sie ihn nackt ausgezogen, in Stücke geschnitten, in eine kochende Brühe gelegt hatten, als sie ihn endlich aus dieser Brühe Stück für Stück wieder herausgenommen, geknetet und zugerichtet hatten, da, denke ich mir, hatte der arme Jason etwa die Figur, die Haltung und das ganze beklagenswerte äußere Ansehen eines »modernen« Türken. Von diesen Rittern von der traurigen Gestalt hoben sich tscherkessische Auswanderer in ihrer unheimlichen und angriffslustigen Haltung ab. Diese wild aussehenden Menschen hatten auf gastliche Aufnahme durch die Türken, die ja Muselmänner wie sie selbst sind, gerechnet, um bei ihnen Ersatz für ihre Heimat zu finden, die sie in den Händen der Russen hatten lassen müssen. Sie hatten nichts als Hungersnot, Achselzucken und Ablehnung gefunden. Verzweiflung sprach aus ihren Augen, das Unglück beugte ihren Rücken, der Tod stand in seiner ganzen Schrecklichkeit vor ihnen. Untätig und halb resigniert sahen sie die Schiffe auf der Reede und die landenden Passagiere an. Und daneben musterte ein Abaze, braun gekleidet, mit seinen kurzen, enganliegenden Hosen, seinem Turban von derselben Farbe wie sein Gewand, das Gewehr auf der Schulter, den Dolch im Gürtel, seine Frau achtungsvoll zehn Schritte hinter sich, ein ausgesprochener Brigantentyp, die Neuangekommenen wie ein Raubtier, das eine Herde Büffel beäugt und darauf aus ist, eines der Tiere zu fassen, das sich von Herde und Hirt abgesondert hat. Trapezunt hat an sich nichts besonders Bemerkenswertes. Der Name bedeutet hier mehr als die Tatsache. Die Häuser sind weder türkisch noch europäisch, sie schielen nach beiden Bauarten. Von der Vergangenheit erzählen wenige Reste, und die sind unbedeutend. Die Straßen sind breit und zu weit für die niedrigen Krambuden, die sie einfassen. Die rot und himmelblau angestrichenen Bauten zeigen keinen vernünftigen Architekturstil. Alles in allem, Trapezunt erweckt nur deshalb Anteilnahme, weil es ein letztes Wort und das erste eines Rätsels darstellt: es ist die Pforte von Asien. Jenseits der Stadt tut sich das Unbekannte auf. An seinen Toren kauert das Abenteuer, das hinter dem Reisenden sich auf das Kreuz des Pferdes hockt und mit ihm reitet. Als Valerio und Lucie, begleitet von türkischen Zapthies, die der Gouverneur ihnen gestellt hatte, einige Meilen auf der großen Landstraße vorwärts gekommen waren, die mit großen Steinblöcken gepflastert eher einem antiken Trümmerrest als einer neuzeitlichen Anlage glich, fanden sie sich inmitten einer ganz idyllischen Natur von Wiesen, Bäumen, die den Lauf der Bäche säumten, von Bergen, die sie zur Rechten begleiteten. Bald aber steigerte sich die Szenerie zur Größe, die Idylle wurde zum Heldengedicht. Und die Melodie, die die beiden Liebenden in ihrem Herzen tönen hörten, wuchs zur Symphonie, deren Akkorde und Akzente ihre ganze Seele ausfüllten. Es war ein süßer Taumel, der mit immer gleichbleibender Stärke sie über sich selbst hinaushob. Sie ritten auf ihren Pferden, die fröhlich die feingebauten Köpfe schüttelten, ihrer Begleitung voraus und fühlten sich allein, ganz allein, fühlten nur einer den anderen. Welch Lebensgefühl empfanden sie! Wie liebten sie sich! Und nichts hinderte sie, sich zu lieben. Keine Sorge streifte mit ihren schwarzen Schwingen ihre aufknospende Zärtlichkeit, und am Busen der weiten Natur konnten sie sich ungehemmt ihren einfachen und großen Gefühlen hingeben, wie jenes glückliche Menschenpaar des Paradieses es einst in der Morgenröte der Weltenschöpfung hatte tun können vor der Zeit des Sündenfalles und knechtender Arbeit. Valerio und Lucie hatten ja auch tatsächlich eine Art von Eden betreten, sie ritten ja inmitten der Täler des Taurus! Während mehrerer Tage stiegen vor ihren Blicken die Uferhöhen eines breiten, ruhigen, klaren Flusses, der majestätisch zum Meere hinabfloß, gegen das Innere des Landes hinan. Dichte Wälder bedeckten die Rücken der harmonisch sich aufbauenden Berge. Holzhütten schmiegten sich an die Hänge und kletterten bis fast an die Spitzen hinan. Herden weideten auf den Grasflächen umher, und der Wind trug die Klänge ihrer Herdenglocken weiter. Am Fuß der Berge breiteten ungeheure Bäume gefällig ihre Kronen aus. Bäume mit runzliger Rinde, mit in Grün schwelgendem und kühn verschlungenem Geäst, Bäume, deren Wurzeln sich aus dem Erdreich aufbäumten und auf deren Wurzelgeflecht alle möglichen Sorten von Moosen und Gräsern prangten, unzählige Blumen, namentlich Immergrün freudig ihre Blüten entfalteten. Überall Kraft und Lebensfülle, Anmut und Reiz! Adler und Falken zogen ihren Jagdflug hoch am Himmelszelt, Singvögel trieben ihr fröhliches Wesen im Grün. Steile, sich unvermittelt aus dem Schoß des Waldes erhebende Felsen bildeten über den Wolken eine Art weiter Esplanade, auf der sich irgendeine riesige Befestigung erhob, ein zerstörtes Werk der Byzantinischen Kaiser. Es gibt nichts in Europa, was sich mit dergleichen in bezug auf Ausdehnung und Höhe und unglaubliche baukünstlerische bizarre Launen vergleichen ließe. Da kann man sich an der Wirklichkeit ein Bild von der Anlage der Zauberschlösser machen, die der Zauberer Atlant und seinesgleichen mit einem Zauberwort erstehen ließen, um ritterlichen Ruhmesgedanken sinnlichen Ausdruck zu verleihen. Bevor die Kreuzfahrer solche überwältigende Bauten kennengelernt hatten, war es unmöglich, auch für die kühnste dichterische Erfindung, die Phantasie der Zuhörer mit so etwas erregen zu wollen: sie hätten nicht daran geglaubt. Kurtinen riesigster Ausdehnung; an ihren Eckpunkten aus Stein gehauene Mouscharabys, einen auf den anderen getürmt; Türme, die wieder Bündel von Türmchen tragen, und diese wieder mit Glockentürmchen besetzt; ein Innen- und Kernwerk, wie in Spitzenarbeit aufgebaut; Tore, die für die Unermeßlichkeit geschaffen scheinen, Fenster, durch die man bis in alle Tiefen des Himmels schauen zu können glaubt. Und das alles in riesigen Ausmaßen, aber zugleich unglaublich zierlich und geschmackvoll, so stellt sich alles dem Blick dar. Und, ich wiederhole, darunter ziehen die Wolken, während die Sonne sich verliebt auf den Plattformen spiegelt, die mit zahllosen Zinnen gekrönt sind. Als das Paar in Erzerum ankam, wurde es dort vom Gouverneur mit offenen Armen empfangen. Er war von Geburt ein Kurde, hatte in Paris die Schule besucht und einige Zeit in Konstantinopel im Amtsbereich der Hohen Pforte zugebracht. Zum Sekretär der Botschaft in Berlin ernannt, war er dort drei Jahre geblieben, um dann als Minister an einen Hof zweiten Ranges versetzt zu werden. Er stieg zum Kaimakan, also Stellvertreter des Großveziers, in Beirut auf und nach einem Jahre zum Pascha von Erzerum. Er war ein liebenswürdiger Gesellschafter, nicht überzeugter Muselmann, aber andererseits auch keineswegs Christ. Sein Glaube an die Zukunft seiner Regierung und seines Landes ging nicht sehr weit. Er glaubte wenig an Verdienste, noch weniger aber an Verwirklichung von Reformen. Aber er glaubte sehr stark an die Notwendigkeit, seine eigene Stellung möglichst günstig gestalten zu müssen. Seine europäischen Gewohnheiten hatten keineswegs seine asiatischen Instinkte erstickt. Diese ihrerseits versuchten nicht zu sehr, sich gegen seine Erfahrung und seine Erziehung aufzulehnen. Er liebte die intime Pflege seiner Toilette, obwohl er nicht mehr jung war, er fand an Pariser Lehnstühlen und Möbeln Geschmack, er umgab sich gern mit Albums und hielt besonders darauf, daß es an seiner Tafel so zuginge, als wenn er im Faubourg St. Honoré gelebt hätte. Zu diesem Zweck hielt er sich einen französischen Koch und einen Haushofmeister. Auch war er auf das »Siècle« und das »Journal illustré« abonniert. Kurz, Osman Pascha gab sich als Mann von Geschmack, dem nur einige kleine Mängel anhafteten: Die Vergoldung war nicht bis in das Innere des kurdischen Metalls gedrungen. Seit einigen Jahren war diese hervorragende Persönlichkeit verheiratet, und, weil er klugerweise klar darüber war, daß eine Tochter aus gutem osmanischen Hause in sein Heim nur Gewohnheiten der alten Mode hineintragen würde, denen er sich keineswegs anpassen wollte, hatte er es vorgezogen, seine Wahl auf eine zirkassische Sklavin fallen zu lassen, die ihm ein kaukasischer Kaufmann und russischer Untertan zu recht hohem Preise verkauft hatte. Das junge Wesen war hübsch, sprach französisch, kannte etwas von Geographie und spielte auf dem Klavier geschickt Walzer und Tänze. Das war mehr als nötig, um das häusliche Glück Osman Paschas zu sichern. Und dieses Glück war vollständig. Hanum kleidete sich als seine Gemahlin europäisch und trug nur Pariser Moden, die sie auch ihre beiden Kinder, einen Knaben und ein Mädchen, tragen ließ. Sie langweilte sich in Erzerum. Sie wäre gern ins Theater gegangen, zum Ball ins Bois de Boulogne, zu den Rennen in Chantilly, zum Abendessen im Café Anglais. Das »Journal des Modes« hatte ihr das Vorhandensein solcher reizenden Welt entschleiert, und sie träumte von ihr. Für die zivilisierten Asiaten ist bei den Herren das Klubleben, bei den Damen das der Halbwelt das Ideal eines vernünftigen Lebens. Osman Pascha und Fatmeh-Hanum waren über die Ankunft von Valerio und Lucie entzückt: Das war doch eine Abwechslung. Sie dauerte aber nur wenige Tage. Erzerum ist keine anziehende Stadt. Sie liegt auf einer kahlen Hochfläche, die dem Winde ausgesetzten Straßen sind kalt. Die Umgebung, eine unfruchtbare Hochebene, ist unfreundlich. Es regnet dort beständig, der Himmel ist grau. Valerio blieb dort nur grade so lange, um sich mit dem Haupt der Karawane, die nach Persien abging, und der er sein ferneres Schicksal anvertrauen wollte, ins Einvernehmen zu setzen. Er entließ seine Zapthies, die ihn nicht weiter begleiten durften, und mit dem Führer der Maultiere einig geworden, zeigte er Osman Pascha seine Abreise an und nahm Abschied von ihm. Lucie machte es bei Fatmeh-Hanum im Harem ebenso. Es gab Ausdrücke des größten Bedauerns, Tränen und Umarmungen ohne Ende. Dann, gegen zwei Uhr nachts, verabschiedeten sich Valerio und Lucie mit zwei muselmanischen Bediensteten von ihren liebenswürdigen Wirten und machten sich auf den Weg, um sich mit ihren zukünftigen Reisegenossen zu vereinigen. Die Karawane hatte, wie es der Brauch will, die Stadt schon vor zwei Tagen verlassen und eine halbe Stunde vor der Stadt Lager aufgeschlagen. Sie war ansehnlich. Bei klarem Mondschein sah man die Umrisse der Maultiere und Pferde, die mit den Beinen an Pflöcken festgemacht waren und ihr Morgenfutter fraßen; man rüstete zum Aufbruch. Hie und da waren Feuer angezündet. Warenballen erhoben sich wie Mauern und bildeten an verschiedenen Stellen Zellen, die die Eigentümer benutzten, um ihr derzeitiges Mobiliar, bestehend aus Teppichen und Decken, auf und unter denen sie geschlafen hatten, wegzuschaffen. Diese beweglichen Bauten bildeten gewissermaßen Straßen, in denen die Menge schon sehr geschäftig umherlief. Da und dort erhoben sich leichte Zelte, deren Leinwand die Lichtstrahlen der Innenlampen durchdringen ließ, und darunter glitten die Schatten hin und her. Viele Kleinkrämer hielten auf der Erde hockend neben einem Kohlenbecken Kuchen und kleine Brötchen aus Blätterteig, den Apparat für Kaffee und Tee, Tassen, Milch, etwas Hammelfleisch oder Geflügel bereit. Man frühstückte, man kam und ging, die Maultiertreiber trugen die Ballen herbei, banden sie mit Stricken zusammen und begannen die Tiere zu beladen. Fromme Leute verrichteten mit lauter Stimme ihre Gebete. Valerio ließ sich zum Karawanenführer weisen, nachdem er Lucie für einige Augenblicke bei einer türkischen Familie gelassen hatte, die nach Bajazid ging, und an welche der Pascha die junge italienische Dame empfohlen hatte. Ein Führer der Maultiere und der Karawane hat keinen staatlichen Rang, keine Würde wie die Beamten der muselmanischen Länder. Nichtsdestoweniger ist er in gewissem Sinne eine bedeutende Persönlichkeit. Er genießt zwei in der Welt sehr seltene Vorrechte: erstens er hat über alles zu befehlen, was mit ihm in Berührung kommt, und seine Autorität wird niemals in Zweifel gezogen. Und ferner ist seine Rechtschaffenheit stets unbestritten, und tatsächlich ist sie selten angreifbar. Was nun den Karawanenführer Kerbelay-Husein betraf, mit dem Valerlo in Verhandlungen stand, war dieser zweite Punkt völlig geklärt. Sobald man ihn nur mit einiger Aufmerksamkeit musterte, erkannte man in seinem Gesicht sofort den Zug gediegener Redlichkeit. Kerbelay-Husein war ein Mann von mittlerer Statur, untersetzt und bemerkenswert stark. Die Hälfte seines Gesichts bis zu den Backen herauf war von einem schwarzen, kurzen gekräuselten Bart bedeckt. Die Augen blickten frei und kühn, mit gradem und festem Blick, die Gesichtsfarbe war sonnengebräunt. Der ernste und kluge Ausdruck ließ einen Mann ahnen, der gewohnt ist, an seine Verantwortlichkeit zu denken. Kerbelay-Husein war aus der Provinz Chusistan, dem alten Susiana, wohin auch die Mehrzahl seiner Gefährten gehörte. Er hatte dreihundert Lastmaultiere zu eigen, was einen ganz beträchtlichen Besitz ausmacht. Aber wie es einem Manne seines Berufes zukommt, gab er sich keinen pomphaften Titel, nannte sich nicht einmal Beg, ging in sehr saubere, aber sehr gewöhnliche Wolle gekleidet und begnügte sich damit, einer der herrischsten und unbeugsamsten Gesetzesvertreter zu sein. Übrigens ereiferte er sich niemals und war damit zufrieden, an Hartnäckigkeit dem hartnäckigsten seiner Maultiere gleichzukommen. »Herr« sagte nun also Valerio zu dieser Persönlichkeit, »Ihr geht nach Täbris?« »Inschallah, wenn es Gott gefällt« antwortete Kerbelay-Husein mit devoter Zurückhaltung. »Wieviel Tage rechnet Ihr für diese Reise?« »Gott allein weiß es«, entgegnete der Führer immer noch im selben Ton. »Das wird vom guten oder schlechten Wetter abhängen, vom Zustand der Weideplätze für meine Maultiere, vom Preis des Futters an den verschiedenen Haltestellen und endlich vom Aufenthalt, den wir in Bajazid und anderswo machen werden.« »So könnt Ihr mir also nicht irgendwie vorher sagen, wann ungefähr wir ankommen werden?« Der Maultierführer lächelte: »Ich habe viel mit Europäern verkehrt«, sagte er, »und ich habe immer festgestellt, daß sie Eile haben. Glaubt mir, die Stunde des Todes kommt immer. Ihr habt ja Zeit. Nicht eine Minute früher, nicht eine später, als das Schicksal es will, werden wir in Täbris ankommen. Seid ohne Sorge, vertraut mir, und beunruhigt Euch nicht unnötig.« »Ihr macht den Eindruck eines ehrlichen Mannes«, erwiderte Valerio, »und ich glaube, daß Ihr es seid. Ich möchte mit Euch ein offenes Wort reden. Ich habe eine junge Frau, und ich fürchte, langdauernde Reiseanstrengungen würden für sie eine bedenkliche Probe darstellen. Deshalb möchte ich mich mit Euch beraten, was man tun könnte, damit meine Frau möglichst wenig leidet. Und dann möchte ich Euch noch etwas fragen. Ich trage für die Reise einiges Geld bei mir, und unter soviel Menschen wie hier in der Karawane fühle ich mich in seinem Besitz etwas unbehaglich. Ich fürchte bestohlen zu werden.« »Das wird sich allerdings sicher ereignen, bevor zwei Tage abgelaufen sind«, antwortete der Karawanenführer, »wenn Ihr Eure Börse selbst aufhebt. Gebt sie mir. Ich werde Eure Auslagen auf der Reise begleichen und Euch vom Rest Rechnung ablegen, wenn wir an unserem Bestimmungsort angekommen sein werden.« Valerio hatte nichts anderes bezweckt, als dies Angebot herauszufordern und beeilte sich, das, was er besaß, in die Hände Kerbelay-Huseins zu legen. Dieser zählte das Geld und dann noch einmal, legte es in einen Koffer, ohne in irgendeiner Form den Empfang zu bescheinigen, wie es doch der Brauch ist. Er machte selbst darüber zu Valerio folgende Bemerkung: »Ich bin einmal bis nach Trapezunt gegangen und zweimal bis nach Smyrna. Es scheint, daß Ihr Europäer große Diebe seid, denn Eure Geschäftsleute verlangen voneinander beständig Sicherheiten. Aber Ihr werdet verstehen, daß der ganze Karawanenhandel einfach unmöglich wäre, wenn die Maultierführer nicht ehrenhafte Leute wären, die es durchaus nicht nötig haben, fortwährend ihre Rechtschaffenheit zu bekräftigen. Gerade jetzt ein Beispiel! Ein Großkaufmann in Teheran zählt auf mich. Er hatte mir vor einem Jahre 80 000 Toman anvertraut, um ihm Wollen- und Baumwollenstoffe, Porzellan, Kristalle, Seiden- und Samtwaren zu besorgen, die ich in Konstantinopel kaufen sollte. Ich habe 60 000 Toman ausgegeben und bringe ihm den Rest zurück. Ich habe einen Bruder, der eine Karawane von Bagdad nach Schiras, von Schiras nach Jesd und von Jesd nach Kirman führt. Er hat letzthin einen Auftrag von 10 000 Toman für einen Posten Schals gehabt, die für einen Geschäftsmann in Kairo bestimmt waren. Er hat 15 000 Toman ausgegeben, die man ihm auf sein Wort hin vollständig ausgezahlt hat. Wenn wir Maultierführer auch nur den geringsten Grund zum Verdacht gegen uns gäben, ich wiederhole es, was würde da aus dem Handel werden? Wahrhaftig, Effendi, man muß dem allerhöchsten und barmherzigen Gott großen Dank wissen, daß er, während er alle Menschen als Diebe erschaffen hat, es nicht hat zulassen wollen, daß die Maultierführer es auch seien!« So schloß Kerbelay-Husein lachend, und da man ihm gerade seinen Tee brachte, bot er Valerio eine Tasse an, der sie annahm. »Nunmehr«, fuhr der Biedermann fort, »habt Ihr eine andere Frage an mich gerichtet, und weil ich diese stets für die gewichtigste gehalten habe, beantworte ich sie zuletzt. Ihr müßt die Freiheit entschuldigen, mit der ich über Eure Familie sprechen werde. Ich weiß, daß die Europäer in diesem Punkte nicht so empfindlich sind wie wir, und lobe das. Denn in der von uns so betonten Zurückhaltung liegt viel von Verstellung, das weiß grade ich als Familienvater; ich habe vier verheiratete Töchter, die alle Kinder haben, und so spreche ich zu Euch von Eurer Frau wie von einer meiner Töchter, nachdem ihr mir nun einmal das Vertrauen geschenkt habt, mich betreffs ihrer zu befragen.« »Kerbelay-Husein, Ihr seid ein würdiger Mensch«, erwiderte Valerio, »ich werde Euch mit ganzer Aufmerksamkeit und vollem Vertrauen anhören.« »Zunächst, Ihr habt Unrecht getan, Eure Frau auf die Reise, die Ihr vorhabt, mit Euch zu nehmen. Ich verstehe vollkommen, was das heißt, Eure Frauen. Das ist ganz etwas anderes wie die unsrigen. Das sieht man ja auf den ersten raschen Blick in den von den Franken bewohnten Städten. Dagegen unsere Frauen? Man setzt zwei davon auf ein Maultier, die eine zur Rechten, die andere zur Linken, ein blaues Zeltdach darüber und drei oder vier Kinder auf ihre Knie. Sie schwatzen und schlafen, und man bekümmert sich nicht mehr um sie. Sind es große Damen von Rang, so gibt man ihnen an Stelle dieser Kedjavehs einen Takht-è-révan, ein großes Gehäuse, das von zwei Tieren getragen wird, eines vorn, eines hinten. Das rollt und schlingert wie ein Schiff, aber sie sind sehr gern darin. Eure Frauen aber sind zu verfeinert. Ihr lehrt sie soviel Dinge, Ihr verwöhnt sie dermaßen, daß es unmöglich ist, sie in dieser Art zu behandeln. Meine Meinung ist daher, sie sollten nicht in unser Land kommen, wo es keine Wagen gibt, keine schönen Möbel, und wo es obendrein zuviel Sonne, zuviel Hitze oder Kälte, zuviel Anstrengungen gibt, denen sie nicht gewachsen sind.« »Was soll das bedeuten, daß Ihr mich so ängstlich machen wollt, Kerbelay-Husein?« antwortete Valerio. »Gott sei Dank ist meine Frau stark und auch gesund, und bisher hat sie sich an alles gewöhnt und nicht gelitten.« »Gewiß, gewiß! Gott sei Dank, daß es so gewesen ist. Aber die Schwierigkeiten beginnen jetzt erst. Immerhin, schließlich wird alles gut gehen, Inschallah, Inschallah! Ich will Euch nicht grundlos ängstlich machen, Effendi, nur Euch vorsichtig machen, denn Ihr wißt, daß Ihr Europäer kaum einen Begriff davon habt, was gesunder Menschenverstand heißt. Ich hoffe ja, daß das bei Euch nicht zutrifft. Ich habe ein hübsches kleines Pferd, das Paßgang geht, ich werde es Euch sofort zustellen, damit es Eure Frau tragen kann. Es verdient eine bessere Belastung als bisher.« Als Valerio dem würdigen Karawanenführer seinen Dank aussprach, hörte man durchdringendes Geschrei, Wutausbrüche und einen schrecklichen Lärm. Ein Maultiertreiber teilte die erregte Menge und kam gestikulierend herbeigelaufen. »Was gibt's?« fragte Kerbelay-Husein mit Ruhe. »Da ist solch ein Hund von einem Schemsije«, antwortete der Maultiertreiber, »der darauf besteht, sich der Karawane anzuschließen. Hat man jemals von einer solchen Unverschämtheit gehört! Wir wollen ihn zum Teufel jagen, aber er widersetzt sich!« »Ich werde mit ihm sprechen«, antwortete Kerbelay-Husein in gewichtigem Ton und machte sich in der Richtung, die das Geschrei und die Unruhe der Menge ihm bezeichneten, auf den Weg. Valerio folgte ihm, und sie kamen außerhalb des Lagers am Ufer eines kleinen Baches an, das von einem Felsen überragt war; am Fuß dieses Felsens stand ein Mann, den die Leute der Karawane beschimpften und bedrohten. Die Türken waren besonders wütend, die Perser höhnten und schimpften, die katholischen Armenier streckten mit Ausdrücken von Schmerz und Entrüstung die Arme zum Himmel, einige Juden schüttelten bedächtig den Kopf und stöhnten über die grauenhafte Scheußlichkeit dieser Gottverlassenheit, aber sie machten nicht viel Lärm. Einzelne Steine wurden auf den Träger dieser allgemeinen Verachtung gezielt und prallten an dem Felsen ab; kurdische Kinder hatten sie geworfen. Der Schemsije stand aufrecht, wand sich aber in allen seinen Gliedern, um den nach ihm gezielten Geschossen zu entgehen, bis Kerbelay-Husein mit einer Handbewegung Einhalt gebot. Er schien an die vierzig Jahre alt zu sein. Sein Gesicht schien sanft oder richtiger süßlich und scheu. Sein Mund verzog sich zum Lächeln, seine Blicke suchten den Boden und liefen schnell hin und her. Er war nach kurdischer Art gekleidet, trug aber eine sehr kleine, weiße Mütze. In der Hand hatte er einen kleinen runden Schild, mit Schnüren und Quasten verziert, den er krampfhaft hoch hielt, um sich damit gegen die Steinwürfe zu decken. Er trug Dolch und Säbel, schien aber keineswegs Lust zu haben, sie zu gebrauchen. »Was willst Du, Hund?« sagte Kerbelay-Husein streng zu ihm. »Gnädiger Herr«, erwiderte der Schemsije mit einem unnachahmbaren Lächeln und äußerster Unterwürfigkeit, »ich bitte um die Erlaubnis Eurer Exzellenz, mich der Karawane anschließen zu dürfen, um bis Avadjyk mitzugehen. Ich will nicht irgend jemand zur Last fallen, ich erbitte kein Almosen. Habt nur die Güte, mir zu gestatten, mich Euch anzuschließen, mehr brauche ich nicht.« Ein allgemeiner Schrei der Entrüstung erhob sich von allen Seiten. »Was soll das bedeuten?« fragte Valerio. »Ist denn dieser Mann ein Verbrecher oder ein Aussätziger?« Kerbelay- Husein zuckte leicht die Achseln. »Es ist eben ein Ungläubiger, ein Schemsije«, antwortete er ganz leise dem Fragenden, »er betet die alten heidnischen Götzen an und auch, wie man sagt, die Sonne. Die Türken möchten ihn am liebsten auffressen, weil er weder Osman noch Omar noch Abubekr verehrt, die Perser würden ihn lieber auffressen sehen, weil sie Lärm und Spektakelstücke lieben, die Christen und Juden ergreifen mit Freuden diese Gelegenheit, um sich als eifrige Parteigänger des einigen Gottes zu zeigen. Nur Gott weiß mit Sicherheit, was an alledem daran ist. Ich für mein Teil würde meine ganze Karawane in Unordnung bringen, wenn ich die Gefühle der Leute verletzen würde. Der Schemsije darf sich uns nicht anschließen.« »Marsch, fort!« schrie er mit rauher Stimme, »marsch, Du Ungläubiger, Du verruchter Bösewicht, mach Dich aus dem Staube! Wie kommst Du zu der Frechheit, Dich einer solchen ehrenwerten Gesellschaft anschließen zu wollen?« »Ich bin Untertan des Sultans wie Ihr«, antwortete der Schemsije mit ziemlich fester Stimme. »Wenn ich allein nach Avadjyk gehe, würde ich unterwegs bestohlen und meuchlings ermordet werden. Ihr habt nicht das Recht, mich zurückzuweisen. Ich tue niemandem Böses, und die neuen Gesetze sind für mich ebenso gültig wie für die Muselmanen und die Leute des Korans.« Darauf erhob sich ein tolles Wutgeschrei unter den Angehörigen der Karawane, die Steine begannen wieder von allen Seiten zu fliegen und selbst Säbel wurden gezogen, bis Kerbelay-Husein um sich herum drei oder vier gutsitzende Stockhiebe austeilte, die den Opfern Schmerzensrufe entlockten, aber den allgemeinen Sturm beruhigten. Und dann überschrie er die Menge: »Ich kümmere mich nicht um die neuen Gesetze. Scher Dich weg! Beunruhige ehrenhafte Leute, die ihren Geschäften nachgehen, nicht länger! Und wenn Gott in seiner unerforschlichen Weisheit Dir gestattet, die Welt mit Deiner Gegenwart zu beschmutzen, so sei das zum mindesten nicht unter uns!« Ein allgemeiner Beifall setzte dieser erbaulichen Ansprache ein Ende. Valerio, der den Schemsije betrachtete und Tränen über seine Wangen rinnen sah, wurde erregt und sagte barsch zu Kerbelay-Husein und so laut, daß er von der Menge gut verstanden wurde: »Ich nehme diesen Mann als meinen Bediensteten an! Ich weiß nicht, was ein Schemsije oder dergleichen ist, und ich kümmere mich nicht darum. Wenn irgend jemand mich oder die Meinigen angreift, wird er es mit dem Wesir von Erzerum zu tun bekommen. Versteht Ihr das, Kerbelay-Husein?« »Vollkommen«, erwiderte dieser mit einem zustimmenden Augenblinzeln. »Aber ich will andererseits auch niemand in Verlegenheit bringen, wer es auch sei. Muselmanen, Christen und Juden! Ihr habt gehört, was soeben der europäische Herr gesagt hat. Ich bin ein armer Karawanenführer, und ich muß mich den Befehlen der Regierung unterwerfen. Wenn irgend jemand unter Euch nicht damit zufrieden ist, fordere ich ihn auf, in Erzerum zu bleiben. Aber Ihr seht, die Tiere sind schon beladen, gehen wir!« Auf dieses Zauberwort hin zerstreute sich die Menge plötzlich, von Sinn und Leidenschaft für ihre Geschäfte und unmittelbaren Interessen erfaßt. Während die beladenen Kamele und der Rest vorbeizogen, ergriff der Schemsije Valerios Hand und küßte sie. »Meine Frau«, sagte er ganz leise, »liegt in Avadjyk im Sterben. Ich war nach Erzerum gekommen, um ein wenig Arbeit zu finden. Ich bringe Geld zurück. Gott segne und erhalte Euch!« »Warum befiehlst Du mich nicht allen Deinen Göttern an?« fragte Valerio lächelnd zurück. »Ich will Eurem Glauben nicht zu nahe treten«, erwiderte der Mann des alten Glaubens, »Euch aber doch meine ganze Dankbarkeit ausdrücken.« Valerio beeilte sich mit seinem neuen Diener Lucie aufzusuchen und setzte ihr auseinander, wie alles gekommen sei. Das kleine im Paßgang gehende Pferd von Kerbelay-Husein kam an, Lucie bestieg es und fand es ganz nach ihrem Geschmack. Valerio setzte sich wie gewöhnlich zu ihrer Linken. Der Schemsije ging zu Fuß auf der anderen Seite, einige Diener folgten. Als die Sonne ganz aufgegangen war, beleuchtete sie die Karawane in vollem Marsch: es war ein prächtiges und eindrucksvolles Schauspiel. Der unermeßliche, aus zweitausend Reisenden bestehende Zug dehnte sich über eine weite Strecke des Geländes aus. Reihen von Kamelen und Maultieren folgten sich ohne Unterbrechung. Sie wurden überwacht von Wärtern, die den Kopf mit runden oder zylinderförmigen Filzmützen bedeckt hatten. Formen, ganz wie sie die antiken Vasen und Skulpturen zeigen; sie flickten Wollzeug oder strickten im Gehen. Kerbelay-Husein ritt ein sehr ruhiges Pferd und ließ ernsthaften Gesichts seine Kette zwischen den Fingern durchgleiten. Er war von einigen ebenso ernsten Reitern wie er selbst begleitet, teils Mullas, teils angesehenen Kaufleuten. Diese achtunggebietende Gruppe war offenbar Gegenstand allgemeiner Hochschätzung. Hier eilten Geschäftsleute, die ihre Reittiere vorwärts trieben, dort sah man ziemlich reichgekleidete Leute, die anderen Berufen als denen des Handels angehörten, entweder Abgesandte des Gouverneurs oder Militärs oder Grundbesitzer. Dann kam die Menge, meist zu Fuß, plaudernd, gestikulierend, lachend, hin- und herlaufend. Ab und zu rief einer dieser Leute einem Maultiertreiber zu: »Bruder, da ist ein Tier, das nichts trägt, darf ich aufsitzen?« »Ja«, antwortete der Maultiertreiber, »aber was gibst Du mir dafür?« Der Preis wurde im Weitergehen ausgemacht, der Mann zahlte und brüstete sich dann auf dem Tier. Dann kamen die Frauen, die eine Gruppe für sich bildeten. Sie machten viel mehr Lärm als die Männer: das war ein Gezwitschere, Lachen, Schreien, Fluchen mit Angstrufen, Beschwörungen vermischt ohne Ende, und die Kinder unterbrachen sie von Zeit zu Zeit mit durchdringendem Kreischen. Das alles und dazu die Kamele, Pferde, Maultiere, Esel, Hunde, weiter Griesgrämige und Elegants, Priester, Muselmanen, Christen, Juden und was weiß ich noch, denke man sich als eine große Masse! Und dieser Lärm, den sie macht! Diese Masse drängt vorwärts, kommt langsam weiter, aber zugleich scheint sie um sich selbst herum zu wirbeln und zu strudeln; denn besonders die Fußgänger sind in beständiger Bewegung, laufen von der Spitze bis zum Ende des Zuges und vom Ende wieder bis zur Spitze, um jemand zu sprechen, jemanden zu treffen, irgendwen zu irgendjemand hinzuführen. Alles bleibt in dauernder Erregung und Bewegung. Lucie war angesichts dessen gleichzeitig in höchstem Maße betäubt, erstaunt, erheitert. Sie erbat von ihrem Gatten tausend Erklärungen auf einmal über die verschiedenen Teile dieses neuen Schauspiels. Bis jetzt war sie niemals auch nur auf den Gedanken gekommen, daß eine solche Umwelt möglich sei. Übrigens gewinnt gerade hier, in einem solchen geordneten Durcheinander, Charakter und Geist der Asiaten am ungezwungensten Gestalt. Gegen acht Uhr hielt die Karawane an, um den ganzen Tag zu ruhen, und brach erst in der Nacht gegen zwei Uhr wieder auf. Kerbelay-Husein kam in seiner treuen Fürsorge für sein junges Ehepaar selbst, um den ausgesuchten Platz zu zeigen, wo er ihr Zelt aufrichten ließ. Man schlug es mitten in dem schönen Quartier auf, das man in Europa das aristokratische nennen würde. Dort wohnten nur ernste, hochansehnliche Leute. Es war der ehrenvollere, aber auch weniger unterhaltende Teil des Lagers als die anderen. Deshalb nahm Valerio seine wohlverschleierte Lucie mit, um sich überall ein wenig umzusehen. Auch das, was man als das bürgerliche Quartier bezeichnen konnte, zählte eine ganze Anzahl Zelte, aber meistens kleine und niedrige. Der größte Teil der Bevölkerung baute nur Ballen aufeinander, bedeckte sie mit Stoffplanen, die ausgespannt als Schutz gegen Sonnenstrahlen für den Eigentümer dienten, einen Eigentümer übrigens, der in keiner Weise Immobilien besaß. Einzelne dieser Aufmachungen waren sehr hübsch und bequem mit Teppichen und Polstern wohl versehen. Im Volksquartier traf man nur auf Biwaks, angezündete Feuer und einige aus den Packsätteln der Kamele und Maultiere hergestellte Unterschlupfe. Dort schliefen die Leute höchst anspruchslos im grellen Sonnenlicht, ihre groben Überwürfe über dem Kopf. Und überall, in allen drei Quartieren, richteten sich Garküchen, Spezereibuden, Verkäufer von Tee und Kaffee ein, und in mehr als einem Winkel, dessen Herr unabänderlich ein Armenier war, hörte man den Ton einer Gitarre und eines Tamburins. Es war ratsam, sich nicht in diese Winkel vorzuwagen. »Madame«, sagte eine schwache Stimme auf italienisch, »Madame, ich begrüße Sie und stelle mich Ihnen als eine sehr unglückliche Frau vor.« »Aus welchem Lande sind Sie?« fragte Valerio. »Aus Triest, mein Herr, ich heiße Madame Euphemia Cabarra. So wie ich vor Ihnen stehe, mache ich zum siebenundzwanzigsten Male diese Reise von meiner Geburtsstadt nach Teheran.« »Also haben Sie wohl ein schwerwiegendes Interesse, das Ihnen ein solch hartes Leben auferlegt?« fragte Valerio. Die Frau war nicht sehr groß. Ihre außerordentliche Magerkeit fiel auf, ihre hakenförmige Nase, ihr dünngeschnittener Mund, ihre kleinen glänzenden Augen gaben ihrem ganzen Gesicht einen wenig sympathischen Ausdruck von Härte und Raubgier. Sie antwortete: »Zuerst folgte ich meinem Mann, einem Militärmusiker, der von der persischen Regierung angeworben worden war. Vermittelst eines kleinen Handels gelang es mir, einige gute Geschäfte zu machen. Herr Cabarra starb. Ich kehrte nach Triest zurück, um andere Handelswaren zu kaufen und kehrte wieder nach Hause zurück. So habe ich weiter gekauft, gewonnen, verloren und habe mir das Kommen und Gehen angewöhnt. Ich liebe jetzt diese Lebensart mehr als jede andere. Manchmal nehme ich auch Dienst als Köchin entweder in einem Harem, in dem man gern einmal europäische Gerichte kennenlernen will, oder in irgendeiner Gesandtschaft. Gegenwärtig trage ich einen kleinen Packen Kinderspielzeug mit mir. Ich spare mein Geld, ich wohne mit den Maultiertreibern, esse Brot und Käse und diene Gott so gut als möglich.« »Das ist ein sehr hartes Leben«, rief Lucie aus. »Meine schöne Dame«, fuhr die Frau mit ernster und grämlicher Stimme fort, »jedes menschliche Geschöpf hat sein Schicksal zu tragen. Das Leben, das ich führe, sehe ich nicht für ein Unglück an. Ich habe in seinem Verlauf viele merkwürdige Dinge gesehen.« »Daran zweifle ich nicht«, versetzte Valerio. »Sie müßten sie irgend jemand erzählen, der sie niederschreiben könnte, das würde sicher ein anziehendes Buch werden.« »Das Buch ist geschrieben«, sagte Madame Euphemia Cabarra und zog ein kleines Duodezbändchen aus Ihrer Tasche, das auf dickem gewöhnlichen Papier und in mäßigem Druck hergestellt war. Sie bot es Valerio, der die erste Seite las. Da stand: »Die eigentümlichen und wahrhaftigen Abenteuer einer Triestiner Dame auf den zahlreichen Reisen, die sie ganz allein in der Türkei, in Persien, im Lande der Turkmenen und in Indien ausgeführt hat zum größten Ruhme Gottes und zum Triumphe der Religion.« Valerio blätterte hin und her, aber er las durchaus nichts, was auf die von der Verfasserin besuchten Länder Bezug gehabt hätte. Das Ganze bestand in einer Reihe von Anekdoten und unzähligen Fällen, in denen die Tugend der Madame Cabarra in die größten Gefahren geraten und aus denen sie rein wie ein Kristall und völlig triumphierend hervorgegangen war. Und von diesem Zeitpunkt an heftete sich diese hochehrenwerte Dame an Lucie und Valerio, übernahm übrigens auch für einen kleinen Lohn die Besorgung ihrer Küche. Nach einer Reihe von Tagen entdeckte Valerio im Lager noch einen anderen Europäer. Das war ein ganz junger Mann aus Neuchâtel in der Schweiz. Er hatte sich durch das Lesen von Reisehandbüchern in den Orient verliebt und machte Verse. Er wollte, wie er sagte, nur aus den wirklichen Quellen der Begeisterung und des Erhabenen schöpfen, und sein Ideal war Lalla Rookh von Thomas Moore. Das Schlußurteil von Valerio über ihn war, daß er ein halber Narr wäre. Die Verse, die der junge Enthusiast ihm gleich beim ersten Zusammentreffen zeigte, erschienen ihm abgeschmackt. Der arme Junge wußte nicht viel von Bedeutung. Er trug lange Haare, einen Gürtel von roter Seide, ein Schwert mit Kreuzgriff wie die alten Ritter, hohe Stiefel mit goldenen Sporen und eine Feder auf dem Hut. Dagegen war sein Reisegeld nur gering, und um es zu sparen, folgte er dem Beispiel von Madame Cabarra: er aß mit den Maultiertreibern und schlief auf deren Decken. Er war mager, blaß, schwächlich, seine Lunge angegriffen. Ehe man die persische Grenze erreichte, starb er, und ein Arzt der Quarantäne, ein früherer sächsischer Student, ließ ihn begraben und setzte auf sein Grab einen Stein, in den er selbst den Namen des Dahingegangenen und darüber eine Lyra einritzte. Das war ohne Zweifel ein Trost für die irrende Seele dessen, der dieses Instrument nie hatte spielen können. Offenbar genügt ein voll einer Einbildung steckender Kopf und ein blindes Drauflosgehen noch nicht, um mit den Dingen dieser Welt fertig zu werden. Der Anblick dieser unglücklichen Persönlichkeit, die abgesehen von ihrer fixen Idee, in Chaux de Fonds oder Moûtiers vielleicht einen ganz guten Kanzlisten hätte abgeben können, erfüllte Lucies Herz mit Traurigkeit. Aber es blieb nichts anderes übrig, als das Schicksal nach Gefallen mit seiner Beute spielen zu lassen. Jeder Tag bescherte den beiden Liebenden irgendein neues persönliches Erlebnis, das eine tragisch wie das des Dichters, seltsam und grotesk wie das der Triestinerin, rührend wie das nun folgende oder würdig der Beachtung wie das, was dann folgen soll. Lucie bemerkte nahe bei ihrem Zelt jeden Morgen eine kleine aus dem Gatten, der Frau und einem Kinde bestehende Familie. Der Mann mochte an die zwanzig Jahre alt sein, die Frau vierzehn oder fünfzehn. Sie unterließ es nie, Lucie zu grüßen, und obgleich sie nicht mit ihr sprechen konnte, machte sie sich mit Zeichen verständlich, und diese Zeichen waren die liebenswürdigsten und anmutigsten von der Welt. Der Mann bemühte sich um kleine Dienste, die er für seine beiden Lagernachbarn besorgen konnte. Er hatte das Zelt abzubrechen, es zusammenzulegen, die Maultiere zu beladen, und alles dies tat er ohne Unterwürfigkeit und mit der schönen Anmut und der natürlichen Fröhlichkeit, die den Orientalen eigen ist, die zu leben wissen. Er erzählte selbst Valerio seine Geschichte. »Ich heiße«, begann er, »Redjeb-Aly und bin aus einem Dorf der Umgebung von Jesd. Diese meine Frau ist auch meine Base. Wir sind zusammen erzogen worden, und unsere Eltern hatten seit unserer Geburt bestimmt, uns beide zu verheiraten. Jetzt vor zwei Jahren sollte der Plan ausgeführt werden. Aber da wurde das junge Mädchen krank, und jeder mußte glauben, daß sie sterben würbe. Der jüdische Arzt machte kein Hehl daraus. Sie hatte nur noch wenige Stunden zu leben, und als ich sie auf ihrem Lager bleich und sterbend sah, ihr Vater und der meinige, ihre Mutter und die meinige weinten, schluchzten und herzzerreißende Klagen ausstießen, konnte ich diesen Anblick nicht mehr ertragen. Ich drückte einen Kuß auf ihre Lippen, um ihr und meinen Hoffnungen Lebewohl zu sagen und stürzte auf die Straße. Als ich die Schwelle meines Hauses überschritt und, die Augen voller Tränen, nicht sah, was ich tat, stieß ich gegen irgend jemand, der mich ungestüm in seine Arme schloß. ›Was hast du?‹ sagte er zu mir mit rauher Stimme. ›Laß mich‹, antwortete ich zornig, ›ich bin nicht in der Laune, mit irgend jemand zu sprechen.‹ ›Ich aber, ich bin auf der Welt,‹ rief er aus, ›um mit den Betrübten zu sprechen und sie zu trösten. Erzähle mir dein Unglück, vielleicht kann ich helfen.‹ Daraufhin betrachtete ich den, der mich anhielt und sah, daß es ein alter Derwisch mit weißem Bart und mit einem zugleich wohlwollenden und strengen Gesichtsausdruck war. ›Nun denn, Vater,‹ antwortete ich, ›der Tod ist in diesem Hause! Laß mich nun gehen, du weißt jetzt alles!‹ Ich riß mich gewaltsam von ihm los, stieß ihn von mir weg und floh. Er aber machte, wie ich später erfahren habe, keinerlei Anstrengungen, mich zurückzuhalten und trat schnell bei meinen Eltern ein. Er drang in das Zimmer vor, wo meine Braut mit dem Tode rang, entfernte die Herumstehenden mit einer Handbewegung, bemächtigte sich des Armes der Kranken, zog, ohne ein Wort zu sagen, eine Lanzette aus der Tasche und führte einen starken Aderlaß aus. Dann, während das Blut in Strömen floß, nahm er aus seinem Gürtel eine kleine Flasche, die eine rote Flüssigkeit enthielt, goß einige Tropfen in ein Glas Wasser und ließ meine Base einige Schlucke nehmen. Darauf machte er die Türe ganz weit auf, befahl jedermann, hinauszugehen, sich im Hof aufzuhalten und nicht wieder einzutreten; denn, sagte er, das Kind braucht Luft. Er selbst setzte sich am Fuß des Bettes nieder und heftete seine Augen auf die Sterbende. Was sage ich, die Sterbende? Als ich eine Stunde später zurückkam, sicher, nur noch eine Leiche vorzufinden, sah ich sie in ihrem Bette, die Augen ganz groß geöffnet, wieder bei Besinnung, der Mund versuchte zu lächeln. Sie sah mich an!! Möge der höchste und heiligste Gott dem Derwisch für den Blick, den ich ihm verdanke, das Glück der Auserwählten schenken! Während drei Tagen verließ der Greis die eben von ihm Gerettete nicht. Wir boten ihm alles an, was wir besaßen, um ihm unsere Dankbarkeit zu bezeugen. ›Ich wüßte nicht, was ich damit anfangen sollte,‹ antwortete er uns lächelnd. ›Indem ich nichts besitze, besitze ich alles. Doch es steht in Eurer Macht, mir einen großen Dienst zu erweisen.‹. ›Sprecht,‹ antworteten wir, ›Ihr habt alles Recht und alle Macht über Eure Sklaven.‹ ›Nun gut also,‹ antwortete er, ›wie ich es schon sagte, ich bin alt, und meine Kräfte sind nicht mehr groß. In meiner Jugend habe ich das Gelübde getan, zehn Wallfahrten nach Kerbela auszuführen. Neun habe ich geleistet, aber ich fühle mich nicht mehr imstande, die Verpflichtung einer zehnten zu erfüllen. Darob habe ich unendliche Gewissensbisse, mein Leben ist getrübt, und ich werde nur dann sicher sein, nach meinem Tode nicht gestraft zu werden, wie es einem Meineidigen geschehen muß, wenn irgend jemand von Euch einwilligt, mich zu vertreten, sich nach dem Grabe der Heiligen zu begeben und, ihnen, indem er sich vor ihrem Grabe niederwirft, folgendes zu verkünden: ›O heilige Imame, geheiligte Märtyrer von Kerbela, der Derwisch Daud kommt in meiner Person zu Euch, um den Staub Eurer Grabstätte zu küssen.‹ ›Ich, ich werde dies tun,‹ rief ich aus, ›ich schwöre es Euch bei Eurem Haupte und dem Haupte derer, die Ihr gerettet habt, und nicht eines der Teilchen der Verdienste, die eine solch heilige Handlung mit sich bringt, wird Eurem Anteil durch mich entzogen werden. Alles wird Euch zufallen, alles wird Euch gehören, und später, wenn ich hierher zurückgekehrt sein werde, dann werde ich nochmals und dann für meine eigene Rechnung herausziehen, um den Imams dafür zu danken, daß sie durch Euer Dazwischentreten das Leben derjenigen gerettet haben, die meine Frau werden soll.‹ Der Derwisch umarmte mich, und ich reiste ab. Ich erfüllte sein Gelübde und brachte darüber von dem Wächter der heiligen Moschee eine Bescheinigung mit. Als ich dann zurückkehrte, übergab ich ihm die Urkunde, worüber er sich sehr befriedigt zeigte, und verheiratete mich dann.« Nach diesen Worten schwieg der junge Mann und schien einen Augenblick zu zögern. Aber Valerio bemerkte, daß er dies nur tat, well er mit Rührung kämpfte. In der Tat fuhr er dann auch nach kurzer Zeit mit leiser und etwas zitternder Stimme fort: »Ich möchte Euch nun weiter sagen, daß meine Frau so gut und lieb ist, und daß ich sie so sehr liebe, daß es mir nun noch mehr als meine Pflicht erschien, den Heiligen meinen Dank dafür darzubringen, daß sie sie mir geschenkt haben. Ich schuldete ihnen sicherlich auch von meinem Teil aus eine Wallfahrt. Ich führte sie aus und kehrte heim. Als ich zum dritten Male wallfahrten wollte, diesmal aus Dankbarkeit, sagte sie mir, daß auch sie Dankbarkelt empfände, und so seht Ihr uns diesmal zusammen mit unserem Kinde reisen. Aber ich bemerke, daß ich Ew. Exzellenz ermüde. Ew. Exzellenz hatten die unendliche Güte, mich bis ans Ende anzuhören. Ich habe als ganz niedriger Mann mit Eurer Großmut gröblichen Mißbrauch getrieben.« Es gibt dort in Asien manche solcher Seelen, die nur in ihrer Einbildungskraft und ihrem Herzen leben, deren ganzes Dasein sich in einer Art von tätiger Träumerei abspielt. Sie enthalten sich um so leichter jeder Berührung mit dem, was man das wirkliche und praktische Leben nennt, weil diese Art von Lasten und Verpflichtungen für menschliche Schultern dort nur für die Reichen und Vermögenden besteht. Die Armen dürfen, wenn sie wollen, nichts tun. Nahrung und Unterschlupf werden ihnen weder auf der Karawanenreise noch in den Städten jemals fehlen. Das Gleichnis von den Vögeln unter dem Himmel, denen der himmlische Vater gibt, was sie nötig haben, ist wahr nur im Reiche der Sonne. Seitdem Redjeb-Aly die Bekanntschaft von Valerio gemacht hatte, war er zusammen mit dem Schweizer Dichter einer der Tischgenossen des italienischen Zeltes geworden. Aber sie hatten bald noch einen neuen Genossen, der nannte sich Seyd-Abdurrahman und war ein Gelehrter. Er erzählte eines Morgens in folgender Weise seine Geschichte: »Ich bin in Ardebyt geboren, einer berühmten Stadt, wenig vom Meer von Chozer entfernt, das Ihr Europäer das Kaspische nennt. Da meine Familie nur Mullas zu den ihren zählt, meinen Vater, drei Onkel, acht Vettern, alle Mullas, konnte es nicht daran fehlen, daß ich auch eine sehr gelehrte Persönlichkeit wurde, und das geschah denn auch. Ich wurde so oft und so weidlich geprügelt, daß ich die Theologie und Metaphysik, die Geschichte und Dichtkunst von Grund aus lernte, und noch zählte ich keine fünfzehn Jahre, als man mich schon in allen Kollegien der Provinz einen der spitzfindigsten Wortklauber nannte, den man je von der Höhe eines Katheders hatte donnern hören. Das verhinderte mich aber durchaus nicht, eine gewisse Neigung für den Wein zu fassen, die mich dann zum Branntwein führte, und diese im übrigen verfluchte Flüssigkeit vollführte in mir eine geistige Umwandlung von ungeheurem Wert. Ich verstand eines schönen Tages die Nichtigkeit aller Dinge. Der Prophet erschien mir nicht mehr so erhaben, wie Ihr ihn Euch denken mögt. Die Vorträge, welche ich vor Haufen von Studenten im Kolleg gehalten hatte, kamen mir ebenso abgeschmackt vor wie die, mit denen man mich selbst gefüttert hatte. Und angesichts des allgemeinen Zusammenbruchs aller meiner Überzeugungen entschloß ich mich, mich auf Reisen zu begeben, um meine Urteilskraft zu erneuern, mir, wenn irgend möglich, festere Kenntnisse zu erobern als die alten und mich außerdem durch das Erleben von unterhaltenden und merkwürdigen Ereignissen zu zerstreuen. Seit zehn Jahren nun führe ich dies Leben und habe niemals Ursache gehabt, es zu bereuen. Ihr habt vielleicht einige Male einen großen Jungen von gutem Aussehen bemerkt, dem ich mich im allgemeinen auf unseren Tagereisen angeschlossen habe. Es ist ein Bäcker aus Kabul, der ebenso wie ich der Leidenschaft des Reisens fröhnt. Zum achten Male reist er diese Straße hier und kehrt mit dem festen Entschluß nach Afghanistan zurück, unverzüglich nach Nord-Indien aufzubrechen und dort Kaschmir, Samarkand und Kaschgar zu besuchen. Ich selbst bin zweimal in diesen Landstrichen gewesen, und wenn ich noch einmal dorthin komme, werde ich bis an das Chinesische Meer vorstoßen. Jetzt komme ich von Ägypten und denke, mich nach Belutschistan zu begeben.« »Sehr schön, aber sagt uns nun einmal, Seyd,« antwortete Valerie zusammenfassend, »kurz, was für Vorteile habt Ihr nun von so vielen Anstrengungen eingeheimst?« »Sehr bedeutende,« versetzte der Reisende, »zunächst bin ich den viel größeren Mühseligkeiten des seßhaften Lebens aus dem Weg gegangen, einem Handwerk, dem ewigen Zusammenleben mit Dummköpfen, der Feindschaft der Großen, den Sorgen des Besitzes, der Führung eines Hausstandes, dem Abkanzeln der Dienstboten, dem Unterhalt einer Frau, der Aufzucht der Kinder. Alles das bin ich los. Ist das etwa nichts?« »Aber damit habt Ihr auch die entsprechenden Vorteile verloren.« »Ach, darum kümmere ich mich nicht,« rief Seyd-Abdurrhaman mit einer Gebärde der Verachtung aus. »Mich entschädigt dafür, daß es keine von Muselmanen bewohnte Landschaft gibt, die ich nicht kenne. Ich habe die berühmtesten Städte und Stätten gesehen, von denen die Geschichte erzählt. Ich habe mit den Gelehrten aller Länder verkehrt. Ich habe die Schlußrechnung all der Meinungen, die an einem Ort vertreten, am anderen bestritten werden, aufgestellt. Und das Ergebnis von allem: ich bin zu der Erkenntnis durchgedrungen, daß der größte Teil der Menschen noch weniger wert ist als ein Sandkorn, daß die sogenannten Wahrheiten Trug, die Regierungen Arsenale der Verruchtheit sind, daß die wenigen über das Universum hin verstreuten Weisen die einzigen sind, die wahrhaft leben, und daß der höchste Gott, welcher diesen Haufen von Schmutz und Schande geschaffen hat, in dem nur wenige Goldkörner glänzen, zu dieser Handlung Beweggründe gehabt haben muß, die wir nicht kennen, und deren scheinbare Abgeschmacktheit sicherlich Gründe von einer anbetungswürdigen Tiefe verbirgt.« »Amen«, murmelte Redjeb-Aly, der nicht ein Wort von diesem ganzen Erguß verstanden hatte, außer, daß dem Schöpfer der Welten die schuldige Verehrung ausgedrückt worden war. Der Dichter suchte einen Reim auf das Wort »verlieren«. Der Schemsije lächelte mit einer gewissen Ironie. Seyd-Abdurrhaman bemerkte es, wandte sich lebhaft gegen ihn und nahm ihn mit folgenden Worten aufs Korn: »Du spottest,« rief er triumphierend, »du spottest über das, was ich eben gesprochen habe, weil du glaubst, du Elender, dessen Name ein Schrecken und dessen Person ein Ekel ist für die Völker, in deren Mitte du lebst, weil du glaubst, allein die Wahrheit zu besitzen, und daß es dieser armen Welt so ergehe wie einer zertretenen, glanzlosen, gelb gewordenen, ihrer Fassung beraubten und beinahe unkenntlich gewordenen Perle! Nun gut. So wie, du da stehst, Schemsije, will ich dich den anderen als Beispiel hinstellen, und sie werden sehen, daß du ihr Muster bist. Deine Vorväter sind mächtig gewesen. Ihre Irrtümer haben sich über so viele Länder ausgebreitet, die sich nunmehr zu anderen Glaubenssätzen bekennen, so daß jetzt unter dem Himmel kaum Platz ist für so viel verschiedene Religionen. Deine Narrheiten wurden als so weise wie die strengsten Folgerungen der gesunden Vernunft betrachtet. Deine Vorfahren erläuterten sie mit Überzeugung in Tempeln von Marmor und Porphyr. Das alles hat sich geändert. Der Geist der Menschen hat sich anderem Glauben zugewandt. Aber tröste dich, diese Ansichten werden eines Tages ebenso behandelt werden wie die deinige. Und die Massen werden einen Muselmann, einen Juden, einen Christen mit demselben Auge ansehen wie heute dich.« Der Schemsije neigte sich, ohne zu antworten. Valerio aber fragte den Seyd: »Ihr habt so viel Gegenden durchstreift, habt Ihr niemals europäischen Boden betreten?« »Niemals«, antwortete der Seyd verlegen. »Und woher kommt das?« fuhr Valerio fort. »Was sollte ich dort suchen? Was könnte ich dort finden? Ihr werdet meine Worte nicht falsch auffassen und nicht glauben, daß sie mir von irgendeiner, eines Philosophen unwürdigen Voreingenommenheit eingegeben sind?« »Auf keinen Fall«, antwortete Valerio, »ich kenne die Weite und Freiheit Eurer Gedanken, Seyd, und ich würde Euch niemals ähnlicher Schwächen verdächtigen; also sprecht frei heraus und belehrt mich durch Eure Erfahrung!« »In den europäischen Ländern zu reisen bietet für einen Weisen keinen Vorteil«, antwortete der Seyd überzeugt. »Erstens ist man dort nie in Sicherheit. Auf Schritt und Tritt begegnet man dort Soldaten, die mit verächtlichen Mienen einherstolzieren. Polizisten stehen überall in den Straßen und fragen jeden Augenblick, wohin man geht, was man ist und was man treibt. Wenn man es unterläßt, ihnen zu antworten, wird man in ein Gefängnis gesetzt, aus dem wieder herauszukommen man viele Mühe hat. Man muß die Taschen voller Boujourouldys, Pässe und zahlloser papierner Dokumente haben; fehlen sie, so setzt man sogar sein Leben aufs Spiel. Ich versichere Euch, daß dem so ist. Ich habe es von glaubwürdigen Leuten erzählen hören, welche den muselmanischen Gesandten in diese Teufelsländer gefolgt waren.« Redjeb-Aly hörte diese Enthüllungen mit erschrockener Miene. Valerio fing an zu lachen: »Fahrt nur fort, Seyd, ich bitte Euch. Es ist manches Wahre in dem, was Ihr sagt, und ich bitte Euch dringlichst, fortzufahren.« »Nun gut denn, da ich Euch nicht ärgere, füge ich noch hinzu, daß, wenn man das Glück hat, diesen Gefahren zu entkommen und nicht ins Gefängnis gesteckt zu werden, weil man das oder jenes getan hat, was man nicht tun darf, daß man dann immer in der großen Gefahr schwebt, Hungers zu sterben. Wenn man arm ist, darf man es nicht sagen. Niemand denkt daran, Euch zu fragen, ob Ihr schon zu Mittag gegessen habt, und das, was in den muselmanischen Ländern noch nicht ein Huhn kostet, verschlingt in Euren geizigen Ländern närrische Summen. Also, was soll daraus werden? Hier und übrigens auch anderswo wird mir, wenn ich mich auf der Straße zum Schlafen lege, keiner etwas sagen, bei Euch kommt das Gefängnis in Frage. Und so ist's mit allem: Herzenshärte bei den gewöhnlichen Leuten, Grausamkeit und Strenge bei den Herrschenden und Freiheit nirgends! Und obendrein ein Klima ebenso ungastlich wie alles andere. Ich bin niemals darüber erstaunt gewesen, Effendi, das zu bemerken, was Ihr ja so gut wie ich beobachtet haben müßt, nämlich, daß diejenigen Europäer, welche zu uns kommen, um in unserer Mitte zu leben, sich nicht wieder von uns trennen können und schnell unsere Gewohnheiten annehmen. Dagegen kann man niemanden von uns anführen, der die geringste Lust hätte, in Euren Ländern zu bleiben und sich dort niederzulassen.« »Das alles trifft ziemlich so zu«, erwiderte Valerio, »aber ich muß Euch entgegenhalten, daß die Zahl der Asiaten, die nach Europa reisen, jedes Jahr zunimmt.« »Das stimmt«, rief der Seyd, »das sind Militärs, die man aussendet, um das Exerzieren und die militärischen Organisationen kennenzulernen; das sind Arbeiter, welche die Telegraphenstangen setzen müssen; das sind Ärzte, welche lernen, einen Leichnam zu sezieren, lauter Sklavenberufe, stumpfsinnige und herabwürdigende Gewerbe oder unreine. Aber es hat sich noch niemand durch den Kopf gehen lassen, daß die Europäer, die grobe und gewöhnliche Sachen verstehen, nicht die geringste Ahnung von höheren Wissenschaften haben. Sie wissen weder etwas von Theologie noch von Philosophie. Man spricht nie von ihren Dichtern, weil sie von all den Künsten der schönen Sprache nichts wissen, weder den Stabreim kennen, noch die Art sich bilderreich und kunstvoll auszudrücken. Weiter habe ich sagen hören, daß ihre Sprachen nur rohe und inkorrekte Dialekte sind. Aus alledem geht hervor, daß Europa auf seine Naturen keinerlei Anziehung ausüben kann, und darum wiederhole ich Euch, daß niemals ein Mensch von feinerer Lebensart dorthin seinen Fuß setzen wird, wenn er dazu nicht durch Befehle der Regierung gezwungen wird.« Seyd-Abdurrhaman hatte diese seine Ansprache in einem von fester Überzeugung durchdrungenen Ton beendet, und so fand Valerio es nicht für angebracht, Gegengründe vorzubringen; man sprach von anderen Dingen, über die man eher einer Meinung sein konnte. Inzwischen setzte die Karawane ihren Marsch fort. Die Landschaft wechselte. Man durchquerte die gebirgigen Landstriche von Hoch-Armenien. Die rauschenden, felsenumsäumten Ufer waren erreicht, die jenen wilden Wassersturz einengen, dessen weiterer Lauf später Euphrat heißt. Man kam vorwärts, aber allerdings langsam. Zuerst marschierte man täglich nur sieben bis acht Stunden; denn die Beweglichkeit eines so großen Marschkörpers ist gering. Dieser Körper bewegte sich in einer Art würdevoller Vorsicht und Kaltblütigkeit, die durch nichts sich in Erregung bringen läßt. So hielt man oft halbwegs vor der als Tagesziel bezeichneten Station und das aus guten Gründen. Kerbelay-Husein war nämlich täglich darauf angewiesen, die Meldungen seiner Boten zu empfangen, welche er einige Tagereisen voraus in die verschiedenen Dörfer geschickt hatte, damit sie mit den Bauern über die Menge Futter und Häcksel verhandelten, die er für seine Tiere benötigte, über die Anzahl Hammel und Hühner, über die Posten Reis und Gemüse, die er für die ihm anvertraute Bevölkerung brauchte. Oft stellten die Bauern unannehmbare Forderungen in betreff des Preises. Man stritt mit ihnen herum, und die Bevollmächtigten des Maultiertreibers stellten ihnen den Wettbewerb der anderen Dörfer entgegen. Oft verständigten sich die letzteren mit ihren Nachbarn, um zusammen sehr hohe Bedingungen aufzustellen und durchzudrücken. Von seiten der Diplomaten der Karawane wurden dann Vorschläge und Gegenvorschläge, Ausflüchte, Kniffe und Bestechungen bei diesem oder jenem ihrer Widersacher unternommen oder Bitten, die durch Geschenke an die örtlichen Gewalthaber unterstützt wurden, um zu erreichen, daß diese geeignete Befehle gäben, die Habsucht der Dorfleute zu bändigen. Ununterbrochen kamen die Unterhändler zu Kerbelay-Husein zurück, um zu berichten, was sie erreicht hatten, um neue Aufträge zu erhalten, um neue Angebote fortzubringen. Der Karawanenführer war beschäftigt wie der leitende Minister eines großen Staates. Wenn alles nach Wunsch zu gehen schien, wenn das Futter, der Häcksel, die Lebensmittel zu billigstem Preise und im Überfluß beigebracht waren, marschierte die Karawane schneller, geregelter, sicherer. War das Gegenteil der Fall, dann traten Verzögerungen ein. Wenn es nicht gelungen war, sich zu verständigen und die Bewohner der an der Marschlinie gelegenen Dörfer an unvernünftigen Forderungen festhielten, dann gebrauchte Kerbelay-Husein ein letztes Mittel. Er gab bekannt, daß er die direkte Marschlinie verlassen würde, und, wenn diese Drohung ihren Zweck nicht erreichte, schritt er zur Ausführung. Das war dann ein Staatsstreich. Dann ging die ganze Karawane, ohne daß die Mehrzahl der Reisenden es überhaupt merkte, querfeldein und begann einen langen Umweg, um weniger wucherische Landstriche aufzusuchen. Und sehr oft geschah es dann, daß dle Bauern in der Angst, sichere Vorteile zu verlieren, sich unterwarfen und Abordnungen schickten, um Kerbelay-Husein zu bitten, umzukehren. In solchem Falle weigerte er sich mit Bestimmtheit, bis ihm genügende Entschädigungen für die Verspätung und die unnötigen Mühen zugestanden worden waren. Öfters ließen auch die Lieferanten sie ziehen in der Sicherheit, ihre Ware anderwärts anzubringen. Er zog dann, immer wieder seine Kundschafter voraussendend, seiner Wege und überließ sich dem guten Glück. Er hatte nicht eine Minute Ruhe. Sein Kopf arbeitete unaufhörlich. Er betrachtete sein Karawanenvolk wie Moses das seine auf dem Zug durch die Wüste. Und seine Gewöhnung an solche Verantwortlichkeit, seine tiefe Kenntnis der Charaktere der Leute, mit denen er verhandelte, und der Kundschafter, die er verwendete, gaben ihm eine respektverschaffende Sicherheit und Festigkeit. Aber was die größten Verzögerungen verursachte, war das Antreffen einer reichlichen Viehweide. In diesen Fällen, die schon einige Tage vorher mit Begeisterung von den Kundschaftern angekündigt wurden, blieb man wohl zwei, selbst drei Wochen auf demselben Fleck. Das Lager wurde in besonders umständlicher Art und unter dem Gesichtspunkt aller der Bequemlichkeiten aufgeschlagen, die jeder sich leisten konnte. Es schien, als ob man eine Ewigkeit dort bleiben wolle. Jeder schien wie die Apostel im Evangelium zu sagen: »Hier ist gut sein, lasset uns drei Zelte aufschlagen: eins für dich, eins für Mose, eins für Elias!« Die Kamele, die Maulesel, die Esel wateten im üppigen Grase, in dem sie bis an den Bauch versanken. Die Maultiertreiber betrachteten mit Freude, wie ihre Tiere sich augenscheinlich auf diesem appetitreizenden Ruheplatz von ihren Anstrengungen erholten. Der Anblick des Grün und der Blumen entzückte aller Augen, und der ganze Bienenstock der Karawane summte lustiger; alles kam, ging, plauderte miteinander, rührte sich, der Handel, die Schliche, die Käufe und Verkäufe, die, wie erwähnt, nicht einmal der Marsch unterbrochen hatte, belebten sich. Denn eine Karawane ist eine bewegliche Stadt, und die Unternehmungen und Vergnügungen einer Stadt ruhen hier ebensowenig wie in seßhaften Gemeinwesen. Diese derart verlängerten Halte und einen Teil ihrer Zeit benutzten Lucie und Valerio, um Ausflüge in die Umgebung zu machen. Man befand sich schon in den reichen Bergen von Kurdistan, deren Schönheit viel herber als die des Taurus ist, wo die Schluchten viel tiefer und die Hänge viel steiler sind, wo aber die fruchtbare Natur mit ihren Geschenken nicht weniger freigebig ist. Die beiden Liebenden waren jung und sie waren beherzt. Sie folgten nicht immer buchstäblich den weisen Warnungen Kerbelay-Huseins, der sie vorsichtig machen und von allzu weiten Ausflügen abhalten wollte. »Ihr wißt nicht«, sagte er ihnen, »was Euch zustoßen kann. Die Kurden – der Himmel möge sie strafen! –sind zwar nicht lauter Räuber und Mörder, aber die Ausnahmen sind selten, und man soll niemand in Versuchung führen. Daher rate ich, Euch nicht so weit vom Lager zu entfernen, daß Ihr die Beute einiger Strolche werden könntet.« Ein kleines Abenteuer gab diesen Worten eine gewisse Bekräftigung. Valerio und Lucie, begleitet vom Dichter, vom Schemsije und von Redjeb-Aly, hatten sich eines Morgens auf den Weg gemacht, um in einiger Entfernung ein Dorf zu besichtigen, dessen malerische Lage man ihnen sehr gerühmt hatte. Alle waren sehr vergnügt. Der Dichter, etwas weniger angegriffen als gewöhnlich, schaute auf seinem Mietsgaul viel vorteilhafter als gewöhnlich aus und verglich sich mit einem Ritter alter Zeiten; er glich ihm mehr als je in bezug auf seine Feder, den Degen und die Sporen, weniger als je in allen anderen Beziehungen. Redjeb-Aly sang aus vollem Halse ein persisches Lied, der Schemsije, wie stets, in sich gekehrt, marschierte, ohne etwas zu sagen, neben Lucies Pferd. Der von dem Berg eng eingeschlossene Weg war reizend, führte an vielen Wohnstätten aus geschlagener Lehmerde und abgeplatteten Dächern vorbei, die in Obstbäume gebettet mit Äpfeln, Birnen und Pflaumen und von Weinreben umkränzt waren. Plötzlich befand man sich in einem völligen Engpaß, der sich an einem Bach entlangschlängelte und von hohen Steilabfällen beherrscht wurde. Man hörte heftig schießen. Valerio griff sofort in die Zügel des Pferdes seiner Frau. Der Schemsije zog mit einer Beweglichkeit, die ihm Ehre machte, seinen Säbel und warf sich vor Lucie, um sie mit seinem Körper zu decken. Der Dichter, den Degen in der Hand, rief den heiligen Georg an, und Redjeb-Aly legte sich auf die Erde und schrie: »Ich bin tot!« Die Erregung war groß und Grund dazu war ja auch vorhanden. Aber plötzlich hörte man von allen Seiten von den Berghängen her: »Habt keine Angst! Ihr seid nicht gemeint! Geht nur weiter! Man schießt nicht auf Euch!« Und die Schießerei wurde einen Augenblick unterbrochen. Valerio, diesen Waffenstillstand benutzend, machte mit Lucies Pferd kehrt, der kleine Trupp ging im Galopp davon und hörte damit nicht auf, bis er vom Lager aufgenommen war, wo Kerbelay-Husein lächelnd die Einzelheiten des Abenteuers erfuhr. »Wenn Ihr mich heute morgen vorher davon benachrichtigt hättet«, sagte er zu Valerio, »daß Ihr die Absicht hättet, nach dieser Richtung Euch zu wenden, so hätte ich Euch abgeraten. Ich wußte, daß zwei Stämme der Nachbarschaft die Absicht hatten, sich zu schlagen. Denn das ist ihre stete Beschäftigung, und damit niemand Schaden geschieht, bleibt nichts übrig, als sie sich in Ruhe herumschießen zu lassen. Gott ist groß, und was er tut, das ist weise.« So schloß der weiseste aller Karawanenführer, und von diesem Tage an unterließ Valerio nicht mehr, seine Ratschläge über Ausdehnung und Richtung von Spazierritten, die er mit Lucie machen wollte, einzuholen. Eines der Hauptvergnügen des Marsches war das Zusammentreffen auf dem Lagerplatz mit einer anderen, von der entgegengesetzten Seite ankommenden Karawane. Natürlich haben in derartigen Fällen die beiderseitigen Führer der zwei großen umherziehenden Haufen im voraus sichergestellt, daß sie sich nebeneinander niederlassen können, ohne ihre Daseinsbedingungen in Frage zu stellen. Dann machen zwei Städte einander gegenüber halt, zwei wahrhaftige Städte. Die eine kommt von Westen, die andere ist von Osten aufgebrochen: man stelle sich vor, daß Samarkand und Smyrna sich am Fuße der Berge begegnen, die Medien von der Gegend des Tigris und Euphrat trennen. Auf dieser Seite, unter diesen Zelten, unter diesen Lagerhütten findest du Ostperser, Osmanen, Turkmenen, Uzbeken, Leute, die von den fernen Grenzen Chinas kommen, ja selbst aus den wenig bekannten Landstrichen, die inmitten der Provinzen des himmlischen Reiches die Lehren und Gedanken des arabischen Islam aufgenommen haben. Im Gegensatz dazu siehst du auf der anderen Seite Westperser, Osmanlis, Armenier, Jesdiden, Syrier und Leute des fernen Europa, die uns schon begegnet sind und mit denen wir uns seit Anfang dieser Geschichte beschäftigt haben. In diesen zwei Städten finden sich aber gleichgeartete Elemente vor, besonders die Juden. Sie kommen sowohl von Damaskus und Aleppo, als von Buchara und von der Halbinsel Mangischlak. Mancher von ihnen reist, um Geschäfte zu machen, aber mancher ist z.B. auch ein Bevollmächtigter der Gemeinde von Jerusalem. Er reist, um die Almosen der Gläubigen für die Bewohner der heiligen Stadt einzusammeln und heimzubringen. Er kommt überall hin, um seine Ernte einzuheimsen. Geht er dieses Jahr nach Teheran, so war er das vorige Jahr in Kalkutta. Später erhielt China seinen Besuch, und überall wird er mit Hochachtung von seinen Religionsbrüdern aufgenommen. Es ist ein ernster, gefestigter und strenger Mann. Er kennt die Welt und weiß besser als irgend jemand den tatsächlichen Zustand des Erdkreises. Er ist nicht so demütig wie seine Religionsbrüder und duldet weder Widerspruch noch Schimpf. Im Notfall gibt er sich als Angehöriger der französischen Nation zu erkennen, legt einen Reisepaß dieser Nation vor, der ihn als in Algier geboren bezeichnet, ruft mit Selbstbewußtsein den Schutz der Konsuln an und droht, sich an die Zeitungen zu wenden, wenn sie ihm nicht Gerechtigkeit widerfahren ließen. Das ist also eine gefährliche Persönlichkeit, vor der man sich in acht nehmen muß. Dieser Bevollmächtigte hat sehr schnell veranlaßt, daß die Juden der beiden Karawanen sich in seinem Zelt vereinigen. Und dort erfährt man gegenseitig, was es auf der einen oder anderen Seite zu kaufen und zu tauschen gibt, weiter die Namen der großen Kaufleute, Art und Wert der Lebensmittel, die sie bei sich führen, endlich große und kleine Neuigkeiten. Derlei Zusammentreffen veranlassen im allgemeinen einen ziemlich langen Aufenthalt für die beiden Karawanen, wenigstens immer, wenn die Jahreszeit und die Sicherheit der Plätze und der Lebensmittelversorgung es erlauben. Es tritt dann übrigens auch eine Verschiebung in den beiden Bevölkerungen ein. Die einen kehren mit den Orientalen nach dem Osten zurück, andere, die mit ihnen gekommen, schließen sich den Leuten an, die von Osten gekommen waren. Man hat vielerlei zuwege gebracht, Beziehungen angeknüpft, sich getummelt, und nun sagt man sich Lebewohl und trennt sich. Aber es gibt auch Karawanen einer ganz anderen Art, und mit diesen in Berührung zu treten, beeilt man sich nicht. Im Gegenteil, man beschleunigt gern seinen Marsch, um nicht in ihrer Nähe lagern zu müssen. Das sind die heiligen Karawanen, deren Maultiere, Kamele und Pferde an Stelle der Waren Bahren mit Toten tragen, die man in irgendeiner heiligen Stadt, in Meschèd, Goum oder Kerbel begraben will. Diese Karawanen machen übrigens zunächst keinen traurigeren Eindruck als die anderen. Man singt, lacht und amüsiert sich dort ebensogut. Es muß betont werden, daß auch ihre Führer, ehrenwerte Tschausch mit ihren weiten Turbanen, verehrungswürdige Mullas mit ebenso ernsten Kopfbedeckungen sind. Häufig werden hier Koranverse gebetet. Aber man kann nicht den ganzen Tag beten, und in den langen und häufigen Zwischenräumen hört auch der strengste Vorbeter gern eine gute Geschichte oder erzählt selbst eine. Kommt man an den Ruheplatz, so wird der Turban beiseitegelegt, und in Unterhosen und Nachtmützen macht man es sich bequem. Man lobt Gott, daß er das »Lebenswasser« erschaffen hat. Inzwischen haben pietätvolle Söhne, andächtige Brüder den Leichnam ihrer bedauernswerten Verwandten vom Saumsattel des Maultieres herabgenommen. Man hat die Leichenkisten übereinander auf den Boden gestellt. Oder besser noch, man hat sie da gelassen, wo sie gerade hingefallen sind. Man kann sie ja am nächsten Tage zusammenraffen, und wenn man sich in seinem Kasten getäuscht hat, – entscheidend bleibt ja doch, daß jeder Verstorbene letzten Endes den gleichen Ruheplatz unter dem Schutz und in der Nachbarschaft des Heiligen haben wird. Alles wäre also in schönster Ordnung, wenn nur der Geruch, der den schlecht verpackten Leichnamen entströmt, nicht an sich unangenehm wäre und häufig genug einen Krankheitsherd bildete. Das allein ist's, was dazu führt, daß man die Totenkarawanen meidet. Im Gegensatz dazu verschmäht man nicht das Zusammentreffen mit einem großen Herrn, der mit zwei- oder dreihundert Reitern auf die Jagd geht oder dem Könige seine Huldigungen darbringen will. Es ist das eine vergnügliche Abwechslung. Manchmal ist's auch ein Zuwachs für die Sicherheit. Zwei- oder dreihundert Vornehme der Stämme, bis an die Zähne bewaffnet, sind keine kleine Hilfe in den von den kurdischen Djellalys ober anderen oft heimgesuchten und beunruhigten Landstrichen der nördlichen Gegenden oder von den Bakthyarys und den Luren geplagten des Südens. Dann tauscht man, während man Seite an Seite reist, große Höflichkeiten und kleine Geschenke aus, die denen, die sie erhalten, niemals beschwerlich fallen. Immer weiter bewegt sich die Karawane und kommt von Zeit zu Zeit endlich in der Nachbarschaft einer wirklichen und standfesten Stadt an. Solche Städte sind selten. Wenn man sich unter den Mauern einer dieser Städte niedergelassen hat, dann verdoppeln die umherschweifenden Angehörigen der Karawanen ihre Tätigkeit und Beweglichkeit. Dem einen gelingt es, seine in Trapezunt gemachten Erwerbungen anzubringen. Er macht ein anständiges Geschäft und verschafft sich eine neue Warenladung. Ein anderer verläßt die Zahl von Freunden, die er sich seit seiner Abreise erworben hat, und bleibt in der Stadt oder will sich auch einer anderen Karawane anschließen; er wird durch neue Ankömmlinge ersetzt. Deine Bekanntschaften verlassen dich, und man nimmt unter Umarmungen zärtlich von ihnen Abschied; einige weinen, andere bedauern mit endlosem Wehklagen die Unbeständigkeit des Schicksals. Aber schon treten andere Persönlichkeiten in deinen Gesichtskreis; man kennt sie nicht, man spricht von ihnen, sucht ihnen näherzutreten. Man unternimmt es, sie anzusprechen; man will aus Unbekannten Bekannte machen, und auch sie wollen nichts anderes. Die Tage gehen vorüber, die Geschäfte vorwärts. Man sagt zueinander: »Morgen brechen wir auf! Ich weiß aus guter Quelle, daß Kerbelay-Husein diese Absicht hat. Er hat es zu Murad Bey gesagt.« »Und ich weiß es sicher von Nurreddin Effendi, der es von einem sehr vertrauten Freunde von Kerbelay-Husein erfahren hat.« »Seid Ihr dessen sicher?« »Ich bin dessen sicher. Bei meinem Haupte! Bei dem Eurigen! Bei meinen Augen! Bei allen Imams und den neunundneunzigtausend Propheten!« Am nächsten Tage bricht man nicht auf; aber acht Tage später. Man reist in gleicher Weise wie bis dahin. Man begegnet neuen Abenteuern, guten, schlechten, niemals denselben, immer voneinander verschiedenen, wie eins der Blätter, die zu Millionen das Dach eines dichten Waldes bilden, vom anderen; und man könnte mit einem Maultierführer und mit soundsoviel seiner Genossen jahrhundertelang reisen, und man würde niemals dieselben Erfahrungen machen oder derselben Verknüpfung der Umstände begegnen. So kann man sich vorstellen, warum die Menschen, wenn sie einmal dies Dasein gekostet haben, ein anderes gar nicht mehr ertragen können. Sie lieben das Unvorhergesehene, sie besitzen es, oder richtiger, sie geben sich ihm vom Abend bis zum Morgen und wieder vom Morgen bis zum Abend anheim. Begierig nach Erregungen sind sie stets damit gesättigt. Neugierig sitzen sie stets an der Neuigkeitstafel. Unbeständig haben sie nicht einmal die Zeit, sich über das zu langweilen, was ihnen entschwindet. Endlich, leidenschaftlich erregt gegenwärtigen Sinneseindrücken gegenüber, sind sie dadurch gleichzeitig von den Schatten der Vergangenheit befreit, die ihnen und ihrer unaufhörlichen Entwicklung ja nicht folgen können, und noch in höherem Grade von der ängstlichen Besorgnis um die Zukunft, da sie ja von dem gebieterischen Dasein der Gegenwart verscheucht wird. So also schaut das Antlitz des Reiselebens aus, das ist seine Sprache, und das kündet sie der Einbildungskraft dessen, der sie sich zu eigen macht und sie zu nützen weiß. Unglücklicherweise hat jede Frucht einen Wurm, der sie benagt, und die prächtigsten Blumen der Schöpfung bergen ein heimliches Gift, das um so gefährlicher ist, je auffallender und schöner die Farben der Pflanze sind. Wir hatten gesehen, wie Lucie zuerst einen tiefgehenden und freudigen Eindruck von all den so verschiedenen Bildern erhalten hatte, die sich vor ihren Augen hintereinander entrollten oder auch gleichzeitig sich aufdrängten. Die Erscheinungsformen dieser neuen Länder hatten ihre Begeisterung hervorgerufen, und mit äußerster Wißbegierde hatte sie sich der zahllosen Aufklärungen, die ihr gegeben wurden, bemächtigt. Sie hatte sich an dem Duft von so einzigartigen Offenbarungen berauscht, und die von ihr so grundverschiedenen menschlichen Wesen, die sich täglich vor ihren Augen bewegten, ließen gleichzeitig für die einen ihre Sympathie, für die anderen eine starke Abneigung entstehen. Nichts hatte für sie an Teilnahme eingebüßt. So standen die Dinge, als eines Nachts ein Gedanke, ein Eindruck genügten, um alles in ihr zu verändern. Sie war mit dem Gefühl einer unerklärlichen Unbehaglichkeit erwacht, und das erstemal seit ihrer Hochzeit fühlte sie sich traurig, nun aber auch traurig bis zum Tode. Sie gab sich über nichts Rechenschaft, sie wußte nichts, sie fühlte nichts Bestimmtes. Trotzdem fing sie an zu weinen, ohne es zu wollen, beinahe ohne es zu wissen. Nach und nach erstickten die Tränen sie, sie begann laut zu schluchzen, und als Valerio erwachte, fand er sie, ihren Kopf in seinen Armen verbergend und nicht einmal mehr versuchend, eine Art Verzweiflung zu beherrschen. Die Überraschung des jungen Ehemanns war außerordentlich, sein Schreck nicht geringer. Er nahm seine Frau in seine Arme. »Was hast du, Lucie?« sagte er zu ihr. Sie konnte nicht antworten, sie weinte zu sehr. Sie drückte sich an das Herz, das ihr gehörte, aber der Trost, den sie dort suchte, die Sicherheit, welche sie dort fand, vermochte doch, nicht, sie zu beruhigen. »Ich weiß nicht, was ich habe,« sagte sie mit gebrochener Stimme, »ich bin sehr unglücklich! Ich suche selbst, was mich niederdrückt. Denn ich fühle es, ich bin niedergedrückt. Ich habe das Gefühl, als ob ich in einem Gefängnis bin, als ob alle Türen hinter mir verschlossen sind. Nein, das ist es nicht! Es kommt mir so vor, als ob ich in einer Wüste verloren bin und als ob Sandwüsten ohne Ende sich folgen und ich ihnen niemals entrinnen kann. Nein! Auch das ist es nicht! Ich fühle mich wie eingeschlossen in einem engen Grab und über mir lastend die Grabplatte. Aber nein, nein, alle diese Bilder sind zu schrecklich, und doch, Valerio, ja, sie sind alle wahr! Ich fange an, die Idee zu begreifen, die mich beherrscht!« »Erkläre sie mir, sei rückhaltlos offen!« riet der junge Gatte, indem er ihren Kopf an seine Brust preßte. »Sage mir alles, damit ich dich tröste.« »Nun gut! Das Gefängnis, die Wüste, das Grab, alles das ist wahr. Ich fühle mich gefangen! Valerio, ich muß fort von hier! Ich habe alles gesehen, alles in mich aufgenommen, bin erfreut gewesen, entzückt, begeistert, ich leugne es nicht. Aber plötzlich kommt mir zum Bewußtsein, daß wir allein sind, vollkommen vereinsamt inmitten einer Welt, die uns fremd ist!« »Wie, du hast Angst? Wovor hast du Angst? Du bildest dir eine Gefahr ein?« »Ich bilde mir nur das ein, was ich sehe: diese absolute geistige Einöde ohne jedes Gegengewicht, die um uns gähnt. Angst? Ich habe keine Angst. Oder wenigstens keine bestimmte. Aber – im Anfang sah ich, begriff ich nur die Oberfläche der Dinge, und da ich sie so ansah, wie sie ist, bunt und in steter Bewegung, freute ich mich über sie und ahnte nicht den Untergrund. Aber jetzt, siehst du nicht selbst, daß wir vom Unbekannten umringt sind, von unermeßlicher, unbegrenzter Fremdheit? Schaut uns nicht alles, dem wir uns nähern, so an, wie wir es selbst anschauen, nämlich ohne uns zu verstehen, wie auch wir das alles nicht verstehen? Wir schweben auf einer hohlen See, deren Kräfte wir nicht kennen, ein Windstoß kann leicht ein Unwetter heraufbeschwören, wir können in einen Wirbel hineingerissen werden. Wir haben keinen Kompaß, um uns zurechtzufinden. Und ebenso wie wir nichts, aber auch rein gar nichts von dem Lande kennen, das sich hinter diesen vor uns aufsteigenden Bergen ausbreitet, so wissen wir auch nicht, welche Triebfedern in den Leuten, die wir in diesem Augenblick für die harmlosesten und besten ansehen, die Geister und die Willenskräfte bewegen, welche plötzlichen Funken ihrer Einbildungskraft entflammen. Zum Beispiel, wer sagt mir, daß der Schemsije nicht einmal mit dem Säbel in der Hand bei uns eindringen wird, um uns den Hals abzuschneiden und seinen Göttern damit ein Opfer zu bringen? Ja, ja, ja, lache nicht! Und dies Opfer wird er vielleicht um so höher bewerten, als dieser Mensch uns vielleicht liebt und damit also seine Wohltäter und seine Dankbarkeit zum Opfer bringen würde. Wie soll ich wissen, was in solchen Köpfen aufkeimt und vor sich geht, die so verschieden von den unseren sind und die schon in ihrem Gesichtsausdruck etwas ganz Neues für uns bedeuten? Und selbst dieser Kerbelay-Husein, dessen Gradheit und Rechtschaffenheit wir rühmen, seit wir ihn kennen, wissen wir denn genau, was er unter Gradheit und Rechtschaffenhelt versteht? Was gibt es Gemeinsames zwischen diesen Leuten und uns? Also gut, wenn du so willst: ich habe Angst! Ich wünsche mich in ein anderes Land zurück, in unseres, das wir unser ganzes Leben lang vor Augen gehabt haben, das keine Geheimnisse, nichts Unbekanntes für uns birgt; für das wir geschaffen sind und das für die Anlagen geschaffen ist, die wir vom Himmel empfangen haben. Ich möchte wieder die Menschen sehen, die wir verstehen können, in deren Mienen zu lesen wir gewöhnt sind, und die unter gut und böse dasselbe verstehen wie wir! Kurz und gut, Valerio, es ist wahr, ich fühle mich hier verloren. Wir sind hier vereinsamt, und ich gebe zu, ich habe Angst! Ich habe Angst! Ich will hier nicht bleiben! Laß uns fortgehen!« Bei diesen Worten schloß sie ihren Mann noch fester in ihre Arme und schluchzte noch herzbrechender. Sie war einem Rückschlag anheimgefallen, der sich in Asien ziemlich regelmäßig bei wenig oder gar nicht gestählten Naturen einstellt. Sie werden von einer Art Panik erfaßt, die sich in plötzlichen, nur durch innere Bewußtseinsvorgänge erregten Angstanfällen äußert, Anfälle, die sich häufen und bis zur völligen Verrücktheit steigern und verschärfen. Der eine – solche Beispiele sind allbekannt – faßt sofort den Entschluß zu fliehen und schlägt durch ernsthafte Gefahren sich nach Europa durch, um durchaus eingebildeten Gefahren zu entgehen. Der andere sieht jede Minute seinen Mörder vor der Tür. Wenn er in seinem Zimmer sitzt, dessen Tür wohlverschlossen ist, hört er Schritte auf dem Gang: das ist ein fanatischer Muselman, der dort kommt, an der Wand entlang gleitet, sich heranschleicht, eintritt, den Dolch schon in der Hand, zustoßen wird!! Aber er beruhigt sich wieder: es war nur sein eigener Diener, der ihm seinen Tee brachte und auf den Tisch stellte. Aber der Kranke findet bei ihm einen eigentümlichen Ausdruck: dieser Mensch brütet eine böse Tat aus. Er hat nichts gewagt, weil er sah, daß man auf der Hut war. Jetzt wird er wiederkommen! Er wird mit seinen beiden Pistolen durch das Fenster hineinschießen. Manchmal gewinnt der Wahnkranke seine ganze Kaltblütigkeit wieder zurück, gewöhnt sich an die Umwelt, in die er nun einmal versetzt worden ist, und dann ist seine Heilung gesichert. Aber es kommt auch vor, daß das Übel standhält, seine Macht befestigt, und dann verfällt man all den schrecklichen Äußerungen jenes Leidens, das man Heimwehkrankhelt nennt. Als Valerio Lucie derart leiden sah, überwältigte auch ihn die Furcht. Der Tag brach an, und die ein wenig eingedämmte Angst der Nacht machte einer Mattigkeit, einer Abspannung Platz, die von keiner guten Vorbedeutung war. Die junge Frau bemühte sich diesen und den folgenden Tag, sich zusammenzunehmen, um ihren Mann nicht zu betrüben. Aber es war ihr nicht möglich, sich zu ihrer verlorenen Begeisterung zurückzufinden. Sie nahm an nichts mehr Anteil, sie fühlte sich innerlich beengt und abgekühlt. Ein tiefer, unheilbarer Widerwille bemächtigte sich ihrer mehr und mehr und durchdrang alle ihre Äußerungen. Kerbelay-Husein merkte an ihrer Blässe, daß die Dinge nicht mehr wie früher standen. Er erriet im großen und ganzen, was vorging, weil er schon derartige Fälle erlebt hatte. »Ich habe Euch gewarnt,« sagte er zu Valerio eines Morgens auf dem Marsch, »ich habe Euch gewarnt. Die Frauen Eures Landes sind nicht für das Leben, das wir führen, geschaffen. Die Eure ist besonders empfindlich. Sie kann auf die Dauer den Anblick unserer langen Bärte und Kleider nicht ertragen, sie, die an glatte Gesichter und kurze Kleider gewöhnt ist. Wenn Ihr darauf besteht, Eure Reise fortzusetzen, werdet Ihr sie verlieren, ich sage Euch das frei heraus.« »Das ist ja wahr,« sagte Valerio gesenkten Hauptes, »meine Frau ist krank. Aber glaubt Ihr nicht, daß sich ihr Zustand bessern könnte, glaubt Ihr, daß seine Folgen so gefährlich werden könnten?« »Ich wiederhole Euch, treibt den Versuch nicht weiter. Gleich beim nächsten Halt werden wir mit einer Karawane zusammentreffen, die nach Bagdad geht. Verlaßt mich, schließt Euch an jene an und kehrt über Aleppo und Beirut nach Europa zurück.« Valerio gab nach und wurde dafür unverzüglich belohnt. Sobald Lucie von dem, was kommen sollte, Kenntnis erhalten hatte, empfand sie eine unmittelbare Erleichterung. Sie lächelte zum ersten Male nach einigen Tagen mit befreitem Ausdruck. Die Trennung von allen Freunden, die sie sich erworben hatte, wurden ihr schwer, während sie einige Stunden vorher sie verabscheut und gefürchtet hatte. Als der Schemsije sich verabschiedete, machte ihm die junge Frau einige Geschenke, die mit einem Ausbruch von Dankbarkeit angenommen wurden; der arme Teufel schwur der Europäerin ein ewiges Gedenken, und er hat Wort gehalten. Der Dichter verfaßte ein Sonett, dessen Abschrift sorgfältig aufgehoben wurde. Die Frau von Redjeb-Aly drückte ihre Wohltäterin lange an ihr Herz, und diese erwiderte die Umarmungen mit echter Rührung. In diesem Augenblick wünschte sie fast, nicht fortzugehen. Aber der Entschluß war gefaßt. Kerbelay gab ihr feierlich seinen Segen, wobei er sie seine Tochter nannte, und so siedelte sie mit Valerio in das Lager der anderen Karawane über. Ein Jahr später waren Valerio und seine reizende Frau in einem Salon Berlins zum Tee. Dort waren Diplomaten, Militärs, Gelehrte und geistreiche und liebenswürdige Frauen versammelt. Man veranlaßte die junge Reisende, ihre Abenteuer in Asien zu erzählen, und sie tat das mit einer Begeisterung, einem Feuer, einem Entzücken, das ihr besonders reizend stand. »Ja, ich versichere Ihnen«, sagte sie, »ich trauere dieser Zeit als der schönsten meines ganzen Lebens nach. Ich bin dem Grafen von P. ganz besonders dankbar, daß er meinen Mann zum Sekretär der ottomanischen Gesandtschaft an diesem Hof hat ernennen lassen. Aber wenn das nicht geschehen wäre, würde ich noch in jenem Orient sein, den ich nur zu schnell durcheilt habe, und der in allen meinen Erinnerungen die glücklichsten, glänzendsten und unvergeßlichsten Empfindungen erweckt, die ich jemals erlebt habe.« »Ach,« sagte Valerio, »Du vergissest, meine Liebe, daß diese Empfindungen Dich töteten, und daß das Ende noch gerade zur rechten Zeit gekommen ist.« »Gnädige Frau,« fügte der Professor Kaufmann, der ein wenig Pedant war, hinzu, »der menschliche Egoismus bewahrt ebensogut die Eindrücke eines Vergnügens, das ihm schlecht bekommen ist, wie die einer schweren Krankheit, die ihn hätte vernichten können.« Die Tänzerin von Schemacha Don Juan Moreno y Rodil war Leutnant bei den Segovia-Jägern, als sein Regiment sich in eine Militärverschwörung verwickelt sah, deren Ausführung fehlschlug. Zwei Majore, drei Hauptleute und eine Handvoll Sergeanten wurden gefaßt und füsiliert. Unser Held jedoch entkam, und nachdem er sich ein paar Monate lang in höchst kümmerlicher Verfassung in Frankreich herumgetrieben hatte, glückte es ihm dank der Anknüpfung einiger Verbindungen, sich ein Offizierspatent für den russischen Dienst zu verschaffen. Er erhielt alsbald Befehl, zu seiner Truppe im Kaukasus zu stoßen, wo in jenen Tagen frischer und fröhlicher Krieg zum täglichen Brot gehörte. Der Leutnant Moreno schiffte sich also in Marseille ein. Er war schon von Natur auffallend ernst veranlagt, und seine Verbannung, seine elende Lage und mehr als alles das der tiefe Schmerz, eine Dame, die er innig verehrte, zum mindesten auf Jahre verlassen zu müssen, verstärkten seine natürliche Veranlagung derartig, daß wohl niemand weniger als er Lust verspüren konnte, den Freuden des Daseins nachzujagen. Nach angestrengter Fahrt landete das Schiff, das ihn trug, und ging bei dem Städtchen Poti am Schwarzen Meer, damals dem Haupthafen auf der Europa zugekehrten Seite des Kaukasus, vor Anker. Von einem teils sandigen, teils schlammigen, mit Sumpfpflanzen bewachsenen Gestade aus erstreckte sich ein zur Hälfte im Wasser stehender Wald endlos ins Innere des Landes hinein, längs den Ufern eines breiten Flusses, dessen vielfach gewundener Lauf reich an Felsen, Schmutzmassen und weggespülten Baumstämmen war. Es war der Phasis, der »goldene Strom« des Altertums, heutzutage Rion genannt. Inmitten einer üppigen Vegetation gedeiht hier nicht minder üppig das Fieber, unter dessen Herrschaft alles, was bewegliches Lebewesen heißt, zu leiden hat, während die Pflanzenwelt um so besser fortkommt. Das Fieber hat das Zepter des Aietes und der Sonnenkinder an sich gerissen und gebietet als unumschränkte Herrin. Die Häuser, die mitten im stehenden Wasser und zwischen den großen Stämmen beschnittener Bäume erbaut sind, erheben sich zum Schutz gegen Überschwemmungen auf Pfählen und sind durch riesige Balkenstege miteinander verbunden; die schweren, schindelgedeckten Dächer strecken ihre schildkrötenförmige dichte Fläche weit vor und schützen so, soweit möglich, die engen Fenster der fast wie Schneckenhäuser aussehenden Behausungen vor den häufigen Regengüssen. Moreno war von dem ungewohnten Anblick dieser Dinge einigermaßen betroffen. Seine Eigenschaft als russischer Offizier war auf seinem Schiffe bekannt, und als solcher war er auch nach seiner Landung angemeldet worden. So kam es, daß er in einer ziemlich breiten Straße, in der er ratlos umherirrte, einen hochgewachsenen strohblonden jungen Mann mit ausgesprochener Plattnase auf sich zukommen sah, dessen nahaneinander stehende Augen in die Luft starrten und dessen Oberlippe mit einem spärlichen und stachligen katerartigen Schnurrbart geziert war. Der junge Mensch war nicht schön, aber gewandt und kräftig und von offenem, freundlichem Aussehen. Er trug den Waffenrock eines Genieoffiziers und darauf die silberne Achselschnur, die denjenigen Angehörigen der Truppe verliehen wird, die sich während ihres Studienganges ausgezeichnet haben. Ohne sich viel von der förmlich-zurückhaltenden Begrüßung Don Juans aufhalten zu lassen, redete der Bursch ihn frisch und geradezu folgendermaßen auf französisch an: »Eben erfahre ich, Herr, daß ein Offizier von den Imerethi-Dragonern in Poti eingetroffen ist und zu seiner Truppe in Baku stoßen will. Der Offizier sind Sie. Ich stehe als Kamerad gern zu Ihrer Verfügung, ich mache denselben Weg wie Sie. Wenn es Ihnen recht ist, reisen wir zusammen, und, um aufs nächstliegende zu kommen, bitte ich mir die Ehre aus, Ihnen im Grand Hotel de Colchide da hinten ein Glas Champagner anbieten zu dürfen. Wenn ich übrigens nicht irre, so ist die Dinerzeit nicht mehr fern; ich habe einige Freunde von mir eingeladen, und Sie werden mir gewiß das Vergnügen verstatten, sie Ihnen vorstellen zu dürfen.« Alles das sagte er mit ausgesuchtem Anstand und in der temperamentvollen Art, von der die Russen ein Teil geerbt zu haben scheinen, seitdem die Franzosen, die für ihre Erfinder gelten, sie verloren haben. Der spanische Verbannte nahm den Handschlag des Ankömmlings entgegen und erwiderte: »Mein Name ist Juan Moreno.« – »Und ich heiße Assanoff; das heißt, eigentlich heiße ich Murad, Sohn Hassan Beys, ich bin Russe, das heißt eigentlich Tatar aus der Provinz Scherwan und, Ihnen zu dienen, Muselman dazu, das heißt so ungefähr in der Art, wie es Herr von Voltaire hätte sein können, der große Mann, dessen Werke ich, wenn ich nicht gerade Paul de Kock vorhabe, mit Vergnügen lese.« Hierauf schob Assanoff seinen Arm unter denjenigen Morenos und zog ihn mit sich nach einem Platz, der dem Fluß gegenüber lag, und auf dem man schon von weitem ein großes niedriges Haus oder eine lange Baracke bemerkte, an deren Vordergiebel in weißen Buchstaben auf einem himmelblauen Brett die Inschrift prangte: »Grand Hotel de Colchide, gehalten von Jules Marron (Aîné),« alles auf französisch. Beim Eintritt in den Saal des Hotels, wo der Tisch gedeckt war, fanden die beiden Offiziere ihre Genossen schon versammelt, wo sie in kleinen Schlückchen Kornbranntwein tranken und dazu Kaviar und getrockneten Fisch aßen, um ihren Appetit zu reizen. Von diesen Genossen verdienen wenigstens einige eine nähere Erwähnung; zwei französische Handlungsbeflissene, von denen der eine in den Kaukasus gekommen war, um Seidenwürmerfutter, der andere, um Baumrinde einzukaufen; ferner ein Ungar, ein recht schweigsamer Reisender, und ein sächsischer Posamentier, der in Persien sein Glück machen wollte. Alles das sind aber nur Statisten, die mit unserer Geschichte nichts zu tun haben. Wir werden uns mehr an die nun folgenden halten müssen. Zunächst stellte sich Madame Marron (Aîné) dar, die bei der Festlichkeit den Vorsitz führen sollte. Es war dies eine gute dicke Person, die sicher schon die Vierzig überschritten, bei Überschreitung dieser Grenze keineswegs auf ihre Verführungskünste verzichtet hatte, wenigstens ließen ihre höchst herausfordernden Blicke, die beständig auf Kriegsfuß zu stehen schienen, darauf schließen. Madame Marron (Aîné) besaß recht reichliche Farben und verfügte in dem Gesamtumfang ihrer Persönlichkeit über Reize, die bestenfalls nur über das Mittelmaß hinausgingen, die sie aber dafür mit weitherzigster Freigebigkeit zur Geltung brachte; sie trug schwarze Locken, die in langen Ringeln an ihren Wangen herunterfielen und höchst reizvoll bis zum Gürtel reichten. Die Dame besaß eine lebhafte Unterhaltungsgabe und wußte ihre Rede mit schmuckvollen Ausbrücken zu zieren und durch ihren Marseiller Dialekt zu beleben. Die Firma ging, wie wir bereits erfahren, unter dem Namen von Herrn Marron (Aîné), aber selbst die nächsten Vertrauten der Madame Marron (Aîné) wußten von diesem Gatten nicht mehr zu sagen, als daß sie ihn nie gekannt und nie jemand anders über ihn reden gehört hätten als seine Frau, die von Zeit zu Zeit und dann und wann die Hoffnung durchschimmern ließ, er werde nun endlich bald ankommen. Sehr viel besser verbürgt war die Tatsache, daß die schöne Wirtin des Grand Hotel de Colchide in Poti unter dem Namen Leokadia lange Zeit hindurch in Tiflis von sich reden gemacht hatte; sie war dort Modistin gewesen, und die ganze Kaukasusarmee, Infanterie, Kavallerie Artillerie, Genie und Pontoniere (und von all denen gab's genug!) hatten sich widerstandslos vor der Macht ihrer Reize gebeugt. »Ich weiß ganz gut,« sagte Assanoff zu Moreno, indem er ihm diese Dinge in Kürze berichtete, »ich weiß ganz gut, Leokadia ist weder jung noch besonders hübsch. Aber was will man in Poti machen? Der Teufel ist hier noch boshafter als anderwärts, und dann bedenken Sie – eine Französin! eine Französin in Poti! Wie sollte man da widerstehen?« Er stellte darauf seinen Kameraden einen Mann von ganz außerordentlich hohem Wuchs vor, einen kräftigen, blonden Menschen mit blaßgrauen Augen, dicken Lippen und einem Gesichtsausdruck von ausgesprochener Jovialität. Es war ein Russe. Der Hüne lächelte; er trug ein nicht gerade elegantes, aber bequemes Reisekostüm, das sogleich seines Trägers deutliche Absicht verriet, aller Unbehaglichkeit aus dem Wege zu gehen. Gregor Iwanitsch Wialg war ein reicher Grundbesitzer, eine Art von Landjunker, und zu gleicher Zeit Sektierer. Er gehörte zu einer der vielgeschmähten, aber in der Christenheit immer wieder auftretenden Gemeinschaften, die von Zelt zu Zelt von den größeren Verbänden mit Feuer und Schwert ausgerottet werden, nichtsdestoweniger aber, wie gewisse Grasarten, einige Samenkörner unbemerkt verstreuen und so wieder emporschießen. Er war mit einem Wort ein Duchoborze oder »Feind des Geistes«. Die russische Regierung und die russische Geistlichkeit stehen dieser Religionsgemeinschaft, der Wialg angehörte, feindselig gegenüber, und wenn sie deren Mitgliedern in den inneren Provinzen des Reichs auf die Spur kommen, so verurteilen sie sie zwar nicht wie im Mittelalter zum Tode, greifen sie aber auf und deportieren sie nach dem Kaukasus. Die »Feinde des Geistes« glauben, daß der gesunde, gute, unschuldige, friedliche Teil des Menschen das Fleisch sei. Das Fleisch kennt an und für sich keinen schlechten Instinkt, keinen widernatürlichen Drang. Nahrungsaufnahme, Fortpflanzung, Ruhe sind seine Aufgaben. Gott hat sie ihm verliehen und ruft sie ihm vermittelst der Triebe immer wieder in Erinnerung. So lange es nicht verderbt ist, sucht es ganz rein und einfach Gelegenheit zu seiner Befriedigung, was mit dem Wandel auf den Bahnen der himmlischen Gerechtigkeit gleichbedeutend ist, und je befriedigter es ist, desto näher kommt es der Heiligkeit. Was den Menschen verdirbt, ist der Geist. Der Geist kommt vom Teufel. Er ist für die Entwicklung und Erhaltung der Menschheit vollkommen unnütz. Er allein erweckt die Leidenschaften, erfindet angebliche Bedürfnisse und angebliche Pflichten, die wider Recht und Ordnung die Bestimmung des Fleisches hemmen und endlose Übel nach sich ziehen. Der Geist hat die Neigung zum Widerspruch und Streit, zu Ehrgeiz und Haß in die Welt gesetzt, vom Geist stammt auch der Mord, denn das Fleisch lebt nur, um sich zu erhalten und keineswegs, um zu zerstören. Der Geist ist der Vater der Torheit, der Heuchelei, der Unregelmäßigkeiten jeder Art und folglich auch der Mißbräuche und Ausschweifungen, die man gewöhnlich dem Fleisch vorwirft, dem braven Gesellen, der eben wegen seiner Unschuld so leicht zu verführen ist; und deshalb haben wahrhaft religiöse und wahrhaft erleuchtete Menschen die Pflicht, den armen Burschen zu verteidigen und die Verführungen des Geistes nach Kräften von ihm fern zu halten. Aus alledem folgt, daß es keine positive Religion mehr geben darf, damit niemand unduldsam und verfolgungssüchtig werde, keine Ehe, damit es keinen Ehebruch mehr gebe, keinen Zwang gegen irgendwelche Neigung, damit jede Auflehnung des Fleisches auf diese Weise völlig unterdrückt werde, und endlich, daß alle Verstandesbildung als ein hassenswürdiges Bestreben, das nur zum Triumph der Sündhaftigkeit führt und nie anders als zugunsten des Teufels gewirkt hat, grundsätzlich zu verwerfen sei. Die »Feinde des Geistes«, die somit alle Ergebnisse intellektueller Arbeit verschmähen, schätzen nicht einmal industrielle Tätigkeit und sind dafür, diese auf die Anfertigung des Notwendigsten und die einfachsten Produktionsarten zu beschränken. Im Gegensatz dazu schlagen sie den Wert des Pfluges außerordentlich hoch an und bewähren sich als erfahrene Ackerbauer und musterhafte Viehzüchter. Die Bauernhöfe, die sie im Kaukasus begründet haben, sind schön, gut gehalten und ertragreich, und wenn es auch allzu klassisch und poetisch wäre, die dort herrschenden Sitten mit denen zu vergleichen, die einst in den Tempeln der Göttin Syriens in Schwang gingen, so kann man doch getrost behaupten, daß der Duchoborze in seinen Gewohnheiten und seinem Tun und Treiben dem amerikanischen Mormonen weit über ist. »Sie können gar keinen liebenswürdigeren Menschen als den da finden,« sagte Assanoff zu seinem Freunde, indem er auf den Widersacher des gesunden Menschenverstandes wies, »einen besseren, vergnügteren, gefälligeren Mann gibt's überhaupt nicht! Ich habe in seiner Nachbarschaft im Quartier gelegen, nicht weit vom Gebirg; und wie ich mich da unterhalten habe, wie nützlich er mir gewesen ist, das ist gar nicht zu sagen, das können Sie gar nicht glauben. He, Gregor Iwanitsch! alter Narr! verfluchter Lump! laß dich umarmen! Reist du morgen mit uns?« – »Jawohl, Herr Leutnant, ich will's hoffen; ich wüßte wenigstens nicht, weshalb ich morgen nicht mit Ihnen reisen sollte. Aber bis nach Baku fahren? nein! davon kann nicht die Rede sein! Ich bleibe in Schemacha!« – »Das ist doch ein ganz elendes Nest,« erwiderte Assanoff, indem er sich, wie die übrigen Gaste, an den Tisch setzte und seine Serviette entfaltete. - »Sie wissen nicht, was Sie reden,« antwortete der Sektierer, indem er einen riesigen Löffel voll Suppe in seinem Munde verschwinden ließ, denn Madame Marron (Aîné) bediente die Gäste nach ihrem Rang, und eine kleine abchasische Magd hatte soeben Gregor Iwanitsch einen vollen Teller hingestellt. Leokadia, die den Kaukasus bis ins kleinste kannte, glaubte in die Unterhaltung eingreifen zu müssen. »Seien Sie still,« rief sie, indem sie einen Blick auf Gregor Iwanitsch warf, aus dem tiefe Entrüstung sprach, »ich weiß wohl, wes Geistes Kind Sie sind und worauf Sie anspielen wollen. Aber ich dulde ein für allemal nicht, daß an meinem Tisch und in dem ehrbaren Haus des Herrn Marron (Aîné) Dinge gesagt werden, bei denen selbst ein Pionier erröten müßte.« Leokadia wurde selbst hochrot, zum Beweis dafür, daß ihre Schamhaftigkeit keineswegs hinter derjenigen der Truppe zurückstehe, deren Grad von Tugend sie soeben gekennzeichnet hatte. »Na, na, nur keine Eifersucht,« erwiderte Assanoff mit einer beschwichtigenden Handbewegung. »Sie mit Ihrer Erfahrung scheinen Schlingen zu sehen, wo meine Unschuld gar keine ahnt. Seien Sie nur ganz unbesorgt! ich halte mit unerschütterlicher Treue an meinen Schwüren! Erkläre mir doch einmal, Gregor Iwanitsch, was du mir eigentlich hast andeuten wollen; ich bin eine neugierige Seele.« – »Es ist sattsam bekannt,« nahm der Duchoborze wieder das Wort und schenkte sich dabei ein riesiges Glas Kachetiwein ein, »daß die Stadt Schemacha wegen der Feinheit in der Wahl ihrer Genüsse berühmt ist. Sie war ehemals Residenz eines unabhängigen Tatarenfürsten, und es wurde dort eine Schule für Tänzerinnen unterhalten, die allerwärts bewundert wurden und bis in die Provinzen Persiens hinein berühmt waren. Natürlich strömte alles Volk in Masse diesem erfreulichen Ort zu, um den Anblick und die Unterhaltung so vieler schöner Mädchen zu genießen. Aber die Vorsehung wollte nicht, daß die Mohammedaner in alle Ewigkeit einen solchen Schatz für sich allein haben sollten. Unsere kaiserlichen Truppen griffen, wie so viele andere Residenzen einheimischer Fürsten, auch Schemacha an. Die Ungläubigen wehrten sich nach Leibeskräften, und als sie zu unterliegen drohten, packte sie die Wut. Damit nicht die Russen ihrerseits ihr Glück kosten sollten, entschlossen sie sich, die Tänzerinnen samt und sonders zu massakrieren.« – »Das ist so eine von den Gemeinheiten, die mich, wenn sie öfter vorkämen, wahrhaftig noch deiner Religion in die Arme treiben könnten,« warf Assanoff dazwischen. – »Aber zur vollen Durchführung des Blutbads kam es nicht.« – »Na, um so besser!« – »In dem Augenblick, als die Schlächterei begann, nahmen die russischen Regimenter den Ort mit stürmender Hand. Das Schauspiel war furchtbar: die klaffende Bresche ließ ganze Ströme von Soldaten durch, und diese hatten nichts Eiligeres zu tun, als die rasenden Verteidiger, die nicht um eines Fingers Breite zurückwichen, niederzumachen. Zu ihrem größten Erstaunen fanden unsere Leute hier und dort junge Mädchenleichen, mit roten und blauen, gold- und silbergestickten Schleiergewändern geschmückt und mit Juwelen bedeckt, in ihrem Blut auf dem Pflaster liegen. Beim weiteren Vordringen in die Straßen gewährten sie zahlreiche Gruppen solcher Opfer, die noch lebten, aber von den Muselmanen mit Säbelhieben niedergestreckt wurden. Nun stürzten sie sich mit verdoppelter Kühnheit ins Getümmel, und so kam es, daß sich nach Überwindung alles Widerstandes herausstellte, daß man von den anbetungswürdigen Geschöpfen, die den Ruhm Schemachas bis zum Himmel erhoben hatten, etwa ein Viertel gerettet hatte.« – »Hätte deine Geschichte nicht einen halbwegs glücklichen Ausgang,« rief Assanoff, »so hätt' ich nicht weiteressen können. Aber bei der Wendung, die du ihr gegeben hast, werde ich wohl noch bis zum Dessert durchhalten. Madame, würden Sie wohl so liebenswürdig sein, mir Champagner geben zu lassen?« Die Bewegung, welche diese Bitte zur Folge hatte, unterbrach die Unterhaltung auf einen Augenblick. Aber nachdem man die Gesundheit des neu im Kaukasus angekommenen Offiziers ausgebracht hatte – ein Vorschlag, den Madame Marron (Aîné) mit so viel Liebenswürdigkeit machte, daß es den lustigen Genieoffizier, wenn es in seiner Natur gelegen hätte, sich um dergleichen Lappalien zu kümmern, von Rechts wegen hätte beunruhigen müssen – nahm einer der Gäste den Faden der Unterhaltung wieder auf. »Ich bin,« sagte er, »vor einigen Wochen nach Schemacha gekommen und habe mir erzählen lassen, die geschätzteste Tänzerin sei dort eine gewisse Umm Djehan. Sie verdreht allen die Köpfe.« - »Umm Djehan,« fiel der »Feind des Geistes« grob ein, »ist ein ganz jämmerliches Mädel; ein launisches, dummes Ding. Sie tanzt schlecht, und man redet von ihr nur wegen ihrer unverträglichen Natur und ihrer ungezogenen Schrullen. Übrigens ist sie nicht einmal hübsch; nicht im allergeringsten!« – »Mir will scheinen, Freundchen,« rief Assanoff, »wir haben keinen besondern Grund, mit dem jungen Persönchen zufrieden zu sein?« – »In dem Sinn, wie Sie die Sache auffassen,« begann der frühere Redner wieder, »ist allerdings an Umm Djehan wohl nicht viel dran. Ich bin aber mit einem pensionierten Infanterieoffizier zusammengekommen, der sie von Jugend auf kannte. Die Schöne gehört einem jetzt vertilgten lesghischen Stamm an, und Sie werden wissen, daß ihre Landsleute nicht gerade im Ruf der Sanftmut stehen. Als sie drei oder vier Jahre alt war, wurde sie von Soldaten mitten in den Trümmern eines brennenden Gebirgsdorfs aufgegriffen, neben der Leiche ihrer Mutter, die über einem Offizier, den sie erdolcht, tot hingestreckt lag. Eine Generalsgattin nahm sich ihrer an und beabsichtigte, sie europäisch erziehen zu lassen. Sie wurde sehr liebevoll behandelt und gut gekleidet, genau wie die beiden eigenen Töchter des Hauses. Sie hatte dieselbe Erzieherin, die auch die jungen Mädchen zu unterrichten hatte, und lernte schnell und besser als diese Russisch, Deutsch und Französisch. Aber eins ihrer Lieblingsspiele war, junge Katzen in kochendes Wasser zu tauchen. Zehn Jahre war sie alt, als sie ihre Gouvernante, die biedere Mademoiselle Martinet, weil sie von ihr acht Tage zuvor »kleines Dümmchen« genannt worden war, auf einem Treppenabsatz beinahe erwürgt hätte und es wenigstens dahin brachte, ihr eine prächtige kastanienbraune Haartour auf ewig dienstuntauglich zu machen. Ein halbes Jahr darauf kam's noch besser. Es fiel ihr ein, oder vielmehr sie hatte nie vergessen, daß die jüngere Tochter ihrer Wohltäterin sie ein Jahr zuvor beim Spiel gestoßen hatte; dabei war sie gefallen und hatte sich eine Beule an der Stirn geschlagen. Sie hielt sich für verpflichtet, diesen Schimpf zu tilgen, und zerschnitt ihrer kleinen Gefährtin durch einen wohlgezielten und kräftig geführten Stich mit dem Taschenmesser die Backe – zum Glück nichts weiter, denn ihre Absicht war gewesen, ihr ein Auge auszustechen. Nach diesem letzten Streich hatte die Generalin genug: sie verstieß den jungen Unband aus ihrem Haus und ihrem Herzen und übergab ihn samt einer kleinen Geldsumme einer mohammedanischen Frau. Vierzehn Jahre alt geworden, riß Umm Djehan von Derbent, dem Wohnsitz ihrer neuen Pflegemutter, aus. Zwei Jahre lang wußte man nicht, was aus ihr geworden sei. Und nun steckt sie unter der Tänzerinnentruppe und wird unterrichtet, geleitet und beaufsichtigt von Frau Furugh el Hösnet oder Schönheitglanz. Übrigens hat Gregor Iwanitsch recht. Manch einer hat schon versucht, Umm Djehan zu verführen, aber niemandem ist es geglückt.« Assanoff fand diese Geschichte so wundervoll, daß er Moreno seine Begeisterung mitteilen wollte. Aber das war verlorene Liebesmüh. Der Spanier nahm an dem, was er die Streiche einer hergelaufenen Person nannte, keinerlei Anteil. Da er sich infolgedessen schweigend verhielt, nahm der Ingenieur ihn für einen mürrischen Gesellen und begann sich um so weniger um ihn zu kümmern, je stärker seine eigene Phantasie durch den Champagner zu heller Glut entzündet wurde. Nach beendeter Mahlzeit begaben sich die Franzosen und der Ungar auf ihre Zimmer, desgleichen Moreno. Assanoff seinerseits begann mit zwei anderen Gästen und Madame Marion (Aîné) Karten zu spielen, während der »Feind des Geistes« ihnen mit immer unsicherer werdenden Blicken zuschaute und dazu Branntwein trank. Diese verschiedenen Vergnügungen dauerten so lange, bis die Spieler über ein dumpfes Gepolter neben ihnen in jähem Schreck auffuhren: es war Gregor Iwanitsch, der lang hingeschlagen war. Assanoff war inzwischen sein Geld losgeworden. Es hatte eben zwei Uhr früh geschlagen. Alle gingen zu Bett, und das Grand Hotel de Colchide, gehalten von Herrn Marron (Aîné), lag in tiefer Ruhe. Es war kaum fünf Uhr, als ein Hotelbediensteter an Morenos Schlafzimmertür pochte, um ihn zu mahnen, daß die Stunde der Abfahrt nahe sei. Einige Augenblicke darauf erschien Assanoff auf dem Korridor. Den Militärmantel trug er mehr als bloß nachlässig um die Schultern geworfen, das recht zerknitterte rote Seidenhemd saß höchst unordentlich um feinen Hals, und seine weiße Mütze schien wie aufgestülpt auf sein dickes, lockiges Haar, in das keinerlei Toilettenkunst Ordnung gebracht hatte. Sein Gesicht war wüst, bleich und in die Länge gezogen, die Augen gerötet. Er empfing Don Juan mit einem fürchterlichen Gähnen, wobei er die Arme in ihrer ganzen Länge ausstreckte. »Na, alter Freund,« rief er, »wir müssen also fort? Stehen Sie gern außer Dienst so früh auf, oder auch im Dienst? He! Georg! Quadratschafskopf l Hol uns eine Flasche Champagner, um uns in Zug zu bringen, oder der Teufel soll mich holen, wenn ich dir nicht die Knochen zerbreche!« – »Nein, keinen Champagner,« sagte Moreno, »wir wollen gehen. Sie denken nicht daran, wie nachdrücklich wir gestern gemahnt worden sind, bei dem weiten Weg, den wir vor uns haben, nur ja rechtzeitig aufzubrechen.« »Gewiß, gewiß, ich denke schon daran. Aber in erster Linie bin ich Edelmann, und ein Kerl wie ich kann sein Tagewerk doch nicht wie ein Lump beschließen.« – »Fangen wir es zunächst einmal als vernünftige Menschen an und gehen wir.« Der Ingenieur ließ sich überreden, und indem er das »Erdbeerlied« trällerte, das damals im Kaukasus sehr in der Mode war, wanderte er mit seinem Gefährten nach dem Ufer des Flusses zu, den sie hinauffahren mußten. Ihr Fahrzeug war so einfach wie möglich und stimmte zu den Ansprüchen eines so verwöhnten und kultivierten Mannes, wie der tatarische Offizier es war, nicht im entferntesten. Man hatte ihnen ganz einfach einen langen schmalen Kahn und vier Bootsknechte zur Verfügung gestellt, die in ihrem eigenen Interesse sehr viel weniger von ihren Rudern Gebrauch machten, als von einem langen Seil, an das sich zwei von ihnen anspannten, um, am Ufer entlang gehend, nach Art von Schiffzugpferden den Kahn am Strick zu schleppen. Hätte die Mannschaft der Argo, als sie unter dem Befehl Jasons in die Gegend kam, ein solches Gespann gesehen, so würde schon sie es primitiv gefunden haben. Es existierte zwar ein Dampferdienst, von dem die europäischen und amerikanischen Zeitungen einiges Aufhebens gemacht hatten, nur daß leider dieser Dienst bald aus diesem, bald aus jenem Grund nicht in Betrieb war. Kurz, wenn Moreno und Assanoff nach Kutaïs und von da nach Tiflis und Baku wollten, blieb ihnen keine andere Wahl, als sich in ihren dürftigen Nachen zu setzen; und so taten sie denn auch. Es war ein erbaulicher Anblick, sie in dem engen Fahrzeug zu sehen, das durch ein weißes Zeltdach vor den Strahlen der Sonne geschützt war, wie sie, mitten zwischen ihren Koffern sitzend oder liegend, rauchten und schwatzten, schliefen oder schwiegen und mit geradezu majestätischer Langsamkeit vom Fleck kamen, indem zwei der Schiffer das Boot mit Stangen fortbewegten und die beiden anderen, den Strick um die Schulter, nach Kräften zogen und in gebückter Haltung, Schritt für Schritt, die Böschung entlang gingen. Man kann eigentlich nicht sagen, daß der Wald erst beim Ausgang von Poti anfängt. Vielmehr steckt Poti gewissermaßen mitten im Walde drin. Läßt man aber die viereckige Steinumwallung mit ihren Türmen hinter sich, in denen vorzeiten die Muselmanen ihre Sklaven zusammenpferchten, für die Poti der Hauptstapelplatz im Kaukasus war, so sieht man kein Wohngebäude mehr und könnte glauben, in Gegenden zu sein, die noch keines Menschen Fuß betreten. Es scheint, als könne es nichts Verlasseneres, nichts Ungastlicheres, Wilderes und Rauheres geben. Der reißende Fluß rollt seine schlammigen und Sand mit sich spülenden Wellen durch ein steiniges Bett, gegen dessen Felsen seine Wasser unaufhörlich anbrausen; die Ufer sind dank den plötzlichen und schonungslosen winterlichen Hochfluten zernagt und abschüssig und erscheinen bald als verwüstete Flächen, bald als schroffe Böschungen; fortgeschwemmte Baumstämme strecken ihre verstümmelten Arme in die Luft, als wollten sie um Erbarmen flehen, rollen dann zu dreien oder vieren übereinander und rennen sich bis zur Hälfte in den Boden ein, bleiben aber immer noch in Erschütterung, immer noch in vergeblicher Bewegung, denn der grollende Fluß geht mit stärkerem Brausen über sie weg oder durch ihre Äste hindurch; und zu beiden Seiten dieses Getöses das feierliche Schweigen eines scheinbar grenzenlosen Waldes. Der Leser vergegenwärtige sich das Bild: der Fluß brüllt, heult, springt, wirbelt und rennt; das Boot mit den Offizieren geht in dem langsamen, abgemessenen Tempo der beiden Männer, die es ziehen, stromaufwärts; die Blätter des Waldes erschauern im Morgenwind, die einen sind groß, die andern klein, die einen beschattet, die andern im Licht; durch ferne Lichtungen hindurch schillern die Sonnenstrahlen auf dem Grün und lassen helle Lichtstreifen einfallen, die ihr koboldartiges Spiel treiben; von dem blauen und klaren Himmel heben sich die feinumrissenen Gipfel einiger größerer Eschen, Buchen und Eichen ab, die das Volk ihrer kleinen Genossen überragen. Moreno betrachtete dies geradezu wunderbare Schauspiel befremdet und gefesselt zugleich, als Assanoff, der seine Lebensgeister allmählich gesammelt hatte und wieder zu sich gekommen war, den Vorschlag machte, ans Land zu gehen, um so gleichzeitig das Boot leichter zu machen und sich das Vergnügen eines Spaziergangs zu gönnen. Der spanische Offizier nahm den Vorschlag bereitwilligst auf, und die beiden Gefährten begannen durchs hohe Gras zu marschieren, wobei sie ihr Fahrzeug überholten, und, sicher, es schon wieder anzutreffen, hin und wieder in eine Lichtung hinein einen Abstecher machten. Bei dieser Gelegenheit konnte Moreno bemerken, daß die Waldgegend, die der Rio durchströmt, keineswegs so verlassen sei, wie es ihm zunächst geschienen hatte. Von Zeit zu Zeit sahen er und sein Kamerad plötzlich aus dem Dickicht aufgescheuchte Rudel kleiner schwarzer Schweine hervorbrechen, Tiere, die unsern Frischlingen sehr ähnlich sehen, mit langen, starren Borsten und zierlichen Beinen, und so lebhaft und gewandt, so munter und hübsch, daß ihre Vettern in Europa sie samt und sonders verleugnen würden. Das kleine Volk riß beim Anblick der Fremden durchs Gebüsch aus, was die Beine halten wollten, und lenkte so ihre Blicke wohl auf eine unter den Bäumen verborgene viereckige hölzerne Hütte, die den bläulichen Dampf ihres Herdes zum Himmel emporsandte und, wie man getrost versichern kann, allemal von Menschen – Männern, Weibern, Kindern – bewohnt war, denen das Schicksal die Gabe der Schönheit eben so reichlich beschert hatte wie die Lumpen der Armut. Seit es menschliche Kulturen gegeben hat, ist es wohlbekannt, daß die Bevölkerung des Phasistales schön ist. Man hat ihr diese seine Meinung zu erkennen gegeben, indem man sie raubte oder verkaufte, anbetete oder abschlachtete, da ja nun einmal die Menschen, im ganzen wie im einzelnen genommen, eine andere Art ihre Liebe zu bekunden vom Himmel nicht zu eigen erhalten haben. Trotz alledem ist es gewiß, daß diese Schönheit nicht als verhängnisvoll betrachtet zu werden braucht, denn aus den Wäldern des Phasis und dem Elend ihrer Hütten sind genug berühmte und mächtige Königinnen, genug gebietende Favoritinnen und Königsgeschlechter hervorgegangen. Um alle beide, Weiber wie Männer, auf den Thron, oder den Thron unter ihre Füße zu bringen, hat das Schicksal nichts von ihnen verlangt, nicht Geist noch Gaben noch ruhmvolle Geburt, es hat sich einzig mit ihrer schönen Erscheinung begnügt. Nicht selten pflegt das Gerücht zu übertreiben: wenn ein Reisender zufällig ein hübsches Mädchen zu sehen bekommt, das ihm einen erfreulichen Eindruck hinterläßt, so überträgt er diesen auf eine ganze Provinz, und die unangenehmen Eigenschaften einer rothaarigen Wirtin werden durch den Machtspruch eines derartigen Richters gar auf alle Wirtinnen eines ganzen Reichs ausgedehnt. Aber in unserem Fall liegt nichts Derartiges vor: die Natur hat sich hier in der Tat selbst übertroffen und die Phantasie hinter sich gelassen. Alles, was über die körperliche Vollkommenheit der Bevölkerung am Phasis je geschrieben, gesagt und gesungen worden ist, ist buchstäblich wahr, und selbst das mißwollendste Urteil wird, wenn es der Wahrheit die Ehre geben will, nichts davon abdingen können. Was ganz besonders bemerkenswert und aller Regel zuwider erscheint, ist der Umstand, daß diese Bauern und Bäuerinnen, ihrem Elend zum Trotz, von einer ganz außerordentlichen Vornehmheit und Anmut der Erscheinung sind. Ihre Hände sind reizend, ihre Füße entzückend. Form, Gelenke und alles andere an ihnen einfach vollendet, und man kann sich leicht denken, wie ebenmäßig und gerade der Gang derartiger Geschöpfe sein muß, in deren Bau kein Tadel zu finden ist. Assanoff war an den Anblick imerethischer und ghurielischer Mädchen viel zu sehr gewöhnt, um so betroffen zu sein wie Moreno. Er fand sie wohl hübsch, aber da sein Schwarm nun einmal die Zivilisation war, so erkannte er den Reizen der Madame Marron (Aîné), wenn schon sie mit den Jahren etwas fadenscheinig geworden waren, einen bedeutend höheren Rang zu. Es wird dem Leser vielleicht aufgefallen sein, daß der »Feind des Geistes« die Fahrt der Offiziere nicht mitmachte, obwohl man nach seinen Versicherungen am vorausgehenden Abend diese Absicht bei ihm hätte voraussetzen sollen. Assanoff, der im Augenblick der Abfahrt sehr wenig Herr seiner Sinne war, hatte sich um die Abwesenheit seines Freundes gar nicht gekümmert; er dachte erst daran, als das Boot schon ziemlich weit war. Moreno hatte an der abendlichen Unterhaltung keinen Teil genommen, so daß Gregor Iwanitsch volle Freiheit gehabt hatte, nach seinem Belieben zu handeln. Über Nacht war ihm Rat gekommen. Er hatte sich so zwischen seiner Trunkenheit hindurch überlegt – denn nie war er schlauer und gewitzigter, als wenn er bezecht war – daß es eine Dummheit sei, in Schemacha zusammen mit einem solchen Durchgänger wie Assanoff einzutreffen, der doch nur seinen Vergnügungen nachgehen würde und der ihm obenein durchaus nicht einmal angenehm war. Gregor Iwanitsch war auch keineswegs so verblendet, um anzunehmen, der Ingenieur werde zum Dank für die vielen Vergnügungen, zu denen er ihm teils in Befolgung seiner religiösen Grundsätze, teils aus angeborener Gutmütigkeit verhelfen, seinerseits den Edelmütigen spielen und zum erstenmal in seinem Leben Bedenken tragen, ihm ins Gehege zu kommen oder ihm Ärger zu verursachen. Im Gegenteil, er wußte aus sicherer Erfahrung, daß nichts dem zivilisierten Tataren so lieb sein würde als ein derartiger Zusammenstoß, aus dem sich unfehlbar eine hinreichende Menge guter oder übler Späße, Eulenspiegeleien und Renommistereien würden herausziehen lassen, um ein ganzes Jahr hindurch alle Garnisonen und Quartiere im Kaukasus zu unterhalten. Infolgedessen verzichtete er auf die Erfüllung seines Versprechens, entschloß sich, allein und schnell zu reisen, und nahm ein paar Stunden nach Abfahrt der Soldaten eine eigene Barke. Er richtete sich so ein, daß zwischen ihm und den Vorauffahrenden ein kleiner Abstand blieb, um dann, als die Dunkelheit hereingebrochen war, anstatt mit den beiden Freunden in einer der Bretterhütten zu übernachten, wie solche von Staats wegen für den Bedarf der Reisenden eingerichtet sind, vielmehr die Vorspannkräfte seiner Bootsleute zu verdoppeln. So erreichte er am Morgen Kutaïs, nahm die Post, fuhr durch Tiflis ohne Aufenthalt durch und gelangte nach Schemacha. Schemacha ist keine große, ja nicht einmal eine merkwürdige Stadt. Die alte Eingeborenenniederlassung ist fast völlig verschwunden, um einer Menge moderner Bauten Platz zu machen, die zwar ganz gut gemeint sein mögen, jedenfalls aber jeder Physiognomie ermangeln. Auch die reichen Mohammedaner haben sich ihren Bedürfnissen und Gewohnheiten angepaßte russische Häuser bauen lassen; man sieht staatliche Magazine, Kasernen, eine Kirche, kurz, das, was man überall zu sehen bekommt, und der Polizeichef, ein ehemaliger Kavallerieoffizier, ein wackerer Mann, der Singvögel züchtete und einen beträchtlichen Teil seines Lebens in dem riesigen Käfig zubrachte, wo er seine Zöglinge untergebracht hatte, war neben dem Gouverneur der bestlogierte Mann im Land, weil seine Wohnung der eines deutschen Mittelbürgers am nächsten kam. Gregor Iwanitsch Wialg begab sich zunächst dorthin, klopfte an die Tür und ward eingelassen. Er betrat den Salon ganz mit der aufgeknöpften Manier, die ihm eigen war; er grüßte nicht einmal das Heiligenbild, das hoch oben in einer Ecke hing. »Mein bester Freund,« sagte er, »ich habe eine große Reise hinter mir; ich komme von Konstantinopel und, unmittelbar, von Poti. Ich habe mir keine Stunde Ruhe gegönnt und bringe Ihnen Glück mit.« - »Das soll mir hochwillkommen sein,« erwiderte Paul Petrowitsch, »wirklich hochwillkommen. Es ist eine ganz brave Frauensperson, das Glück, wenn schon von einem gewissen Alter und nicht ohne Launen. Aber ich dächte, deshalb hätte ihm noch niemand auf der Welt je wissentlich seine Tür verschlossen.« »Mit einem Wort, ich habe in unseren Geschäften mehr Erfolg gehabt, als ich mir je hätte träumen lassen.« – »Erzählen Sie mir nur alles haarklein«, entgegnete Paul Petrowitsch mit glückseliger Miene, indem er sein blaubaumwollenes Taschentuch mit roten Streifen über seine Knie breitete und eine große Prise Tabak zur Nase führte. »Die Geschichte ist nämlich so. Wie wir abgemacht, bin ich nach meinem Abschied von Ihnen vor zwei Monaten zunächst nach Redut-Kale gegangen und dort mit dem Armenier zusammengetroffen, mit dem ich mich verabredet hatte. Er hat mir die Sachlage auseinandergesetzt. Er und seine Helfershelfer haben, wahrhaftig für einen billigen Preis, sechs kleine Mädchen und vier kleine Jungen gekauft. Er meint, daß von den hoffnungsvollen Kindern wenigstens vier einmal ungewöhnlich schön werden, und ein kleines Mädchen, das er geradezu für ein Stück Brot gekauft hat, verspricht unbedingt etwas ganz Außerordentliches.« – »Du erquickst mein Herz, liebe Seele,« rief Paul Petrowitsch. »Der Armenier hat mir erklärt, wenn er schon voriges Jahr das denkbar beste Vorhandene völlig ausverkauft habe, so wolle er diesmal seine Ware noch verbessern.« – »Er ist ein gescheiter Mensch, das hab' ich immer gesagt und gedacht,« brummte Paul Petrowitsch vor sich hin. »In dieser Absicht,« fuhr Gregor fort, »hat er ein hübsches Landhaus gekauft und wohnt nun dort mit vier Mädchen, seinen zwei Nichten, einem Neffen und einem Vetter seiner Frau, im ganzen zehn Personen. Sie können meinem Bericht doch folgen?« – »Gewiß.« »Für all dies kleine Volk hat er sich nun Pässe verschafft, Papiere, Urkunden, so schön man sie nur haben kann, kurz alles, was er braucht. Ich habe in seinen Büchern den Preis gesehen, und, offen gesagt, die Sache ist nicht teuer gewesen.« – »Darüber könnte ich mich fast ärgern,« sagte der Polizeichef. »Das heißt die Autorität in Mißkredit bringen, wenn ihre Vertreter sich zu so leichten Zugeständnissen verstehen. Aber vielleicht habe ich zu strenge Grundsätze. Fahren Sie fort!« »Der Armenier hat einen russischen und einen französischen Sprachlehrer angenommen, welch letzterer zu gleicher Zeit Geographie lehrt, dazu noch eine schweizerische Erzieherin. Die Kosten für diese Maßregeln werden ihn nicht gerade zugrunderichten, und das Ergebnis seiner Spekulation wird sein, daß unsere Gesellschaft von jetzt ab allen Türken, die in Europa erzogen sind und sich ein angenehmes Heim schaffen möchten, oder auch sonst Leuten jeden Bekenntnisses, die Schönheit und Begabung zu schätzen wissen, geeignete Frauen und tüchtige Verwalter wird beschaffen können.« – »Dieser Armenier ist doch wahrhaftig ein feiner Kopf,« murmelte Paul Petrowitsch, indem er seine Augen zum Himmel erhob und seine Hände über dem Bauch zusammenfaltete. »So was Ähnliches hat unser amerikanischer Geschäftsteilhaber in Konstantinopel bei der Teilung des letztjährigen Gewinns auch gesagt. Das steht jedenfalls außer Zweifel, daß der Weg, auf dem wir uns jetzt befinden und die unbegrenzte Ausdehnung unseres Geschäfts uns zu Zielen führen werden, die weit über unsere Hoffnungen hinaus liegen.« – »Das denk' ich auch, mein lieber, vortrefflicher Freund. Aber was mehr besagen will – denn ich denke nicht nur an meinen eigenen Besitz, ich kümmere mich auch um das Glück meines Nächsten! Ich bin sogar in erster Linie Menschenfreund! – bedenke nur, wieviel Gutes wir stiften!« »Das ist ganz klar,« erwiderte Gregor Iwanitsch mit überlegenem Grinsen, »wir kaufen für einhundert Rubel pro Stück armes kleines Affenzeugs auf, das sonst verurteilt ist, sein Leben hier unten in Hunger und Schmutz zu fristen, wir machen es artig und sanftmütig, liebenswürdig und verträglich, und nachher wird dann so was zu großen Damen und richtigen Herren, oder doch mindestens zu braven Bürgersleuten und tüchtigen Dienern. Ich möchte wissen, wer auf der Welt mehr Ruhm beanspruchen könnte als wir! Aber ich bin nicht zu dir gekommen, um zu moralisieren. Da hast du deinen Gewinnanteil.« Bei diesen Worten zog Gregor Iwanitsch aus seiner Überziehertasche ein großes Portefeuille, aus dem Portefeuille einen Packen Bankbilletts, und eine gute halbe Stunde waren die beiden Freunde in Rechnungen vertieft, deren Ergebnis offenbar bei Paul Petrowitsch eine lebhafte Befriedigung hervorrief. Als die Geldmanscherei endlich zu Ende war, rief der würdige Polizeichef mit lauter Stimme nach Branntwein, und während die Gläser sich füllten, geleert wurden und von neuem füllten, sprach der »Feind des Geistes« zu seinem Gesellen: »Auch die beste Münze hat ihre Kehrseite. Das vorige Jahr war gut, das nächste wird noch besser werden, aber dieses Jahr haben wir fast lauter Nieten, dank der schwachköpfigen Leokadia Marron, die uns drei Mädchen gekauft hat, mit deren Figur eine unliebsame Veränderung vor sich gegangen ist. Wenn unsere treffliche Tanzmeisterin, Furugh el Hösnet, uns helfen wollte, so könnte sie es wohl, und ihre Hilfe würde sehr gelegen kommen.« »Väterchen, du mußt nicht versuchen, mich zu hintergehen. Du möchtest Schönheitglanz selbst verkaufen. Aber du tust nicht wohl daran, denn sie wird nicht wollen, und ich ebensowenig.« »Auf was für eine verrückte Idee du da verfällst, Paul Petrowitsch! Schönheitglanz hätte sich vielleicht ganz gut unterbringen lassen, wenn sie und ebenso wir vor ein fünfzig Jahren gelebt hätten, wo der Geschmack noch etwas anderes war, als was wir heute darunter verstehen. Diese Frau muß ja ein Gewicht haben von ... Na, welches Gewicht könnte sie überhaupt nicht haben? Heutzutage will man nur noch zierliche Frauen und redet dann von seiner Erscheinung. Ich bin ganz sicher, Schönheitglanz würde keine zweihundert Dukaten einbringen und davon mindestens die Hälfte für sich behalten wollen, wenn nicht mehr. Das nenne ich kein Geschäft. Schieb mir doch nicht so lächerliche Ideen unter. Keine Minute habe ich an Schönheitglanz gedacht: aber Umm Djehan, darüber ließe sich reden. Sie ist nicht hübsch, aber sie spricht französisch und russisch. Man müßte ihr einen ziemlich starken Anteil am Gewinn überlassen, aber da wir bei ihr weder Erziehungs- und Ernährungs-, noch auch Unterhaltungskosten gehabt haben, so würde das nichts bedeuten. Ich habe gerade in Poti einen französischen Baumrindenhändler gesprochen, der mir versichert hat, er kenne in Trapezunt einen alten zurückgezogenen Kaïmakam, der eine wohlerzogene Frau suche, und zwar will er eine Mohammedanerin, um sich die Mühe der Bekehrung zu sparen. Mir will scheinen, Umm Djehan passe dafür ausgezeichnet.« »Umm Djehan wird deines Kaïmakams Fall sein, wenn dein Kaïmakam ihr Fall ist,« antwortete sententiös der Polizeichef. »Sprich darüber mit Schönheitglanz. Du wirst ihre Meinung hören.« Mit diesen Worten trennten sich die Geschäftsfreunde; wir müssen hier aber noch eine Bemerkung einflechten. Man würde dem »Feinde des Geistes« sehr unrecht tun, wenn man in ihm einen erfolgreichen Rivalen unserer Opernbösewichte oder auch nur irgendwie einen bösartigen Menschen sehen wollte. Er war das eine so wenig wie das andere. Im Punkt der Moral huldigte er den Anschauungen seiner Glaubensgenossen, und das war nicht seine Schuld, denn er war von und mit ihnen und wie sie erzogen worden. Man könnte sogar fast sagen, daß er es ganz harmlos meinte, da er in dem, was er für Vernunft und Wahrheit hielt, nichts Unrechtes erblicken konnte. Er war ein durch Mißleitung verdrehter Kopf, aber kein eigentlicher Schelm, und was seine Geschäfte betrifft, so betrieb er sie mit einer Gewissensruhe, die vielleicht ebenso berechtigt war wie die der Herren Heiratsvermittler in Paris, die auf eine vierzigjährige erfolgreiche Tätigkeit zurückblicken. Die europäischen Gesetze verbieten den Sklavenhandel aufs strengste; das erleidet keinen Zweifel, und unter diesem Gesichtspunkt waren der russische Polizeichef, der armenische Händler, der amerikanische Spekulant und der französische Handlungsreisende – nebenbei bemerkt alles Christen – ganz einfach nicht mehr noch weniger als Lumpen. Aber in einem Lande, wo selbst unter den normalsten Bedingungen Ehen niemals anders geschlossen werden als durch wirklichen oder doch wenigstens scheinbaren Kauf der Frau, wo der männliche Sklave unmittelbar nach den Kindern und vor der Dienerschaft kommt, konnte es wenigstens dem »Feind des Geistes« und seiner asiatischen Kundschaft an der nötigen Gewissensruhe unmöglich fehlen. Es soll dies nicht gesagt sein, um Gregor Iwanitsch ein Loblied zu singen, sondern nur, um ihn ins rechte Licht zu rücken. Er war, das kann man unbedenklich versichern, Lebemann aus Überzeugung und dank seiner Glaubenslehre in der Verfolgung seines eigenen und der Beförderung fremden Genusses frei von allen und jedem Bedenken, von Natur aus gefällig und endlich niemandem in der ganzen Welt irgendwie übel gesinnt, den Geist natürlich ausgenommen, der all unser Unglück hienieden anrichtet. In diesem Punkt bestand er auf seiner Überzeugung. Als er den Polizeichef verlassen hatte, begab er sich zu Schönheitglanz und fand die Dame in dem gleichen erfreulichen Gesundheitszustand, in dem er sie bei seinem letzten Besuch verlassen hatte. Sie befand sich in einem Zimmer, das trotz seiner fast europäischen Bauart nichtsdestoweniger tatarisch möbliert und eingerichtet war. Man sah zwar an den geweißten Kalkwänden goldene Rahmen mit kolorierten Kupferstichen, die die Geschichte von Cora und Alonzo darstellten, ferner ein Steindruckbildnis des Marschalls Paskewitsch, der einen ungeheuerlichen Schnurrbart trug und dank einer wahrhaft genialen Idee des Künstlers mit einem Auge in der Richtung nach Eriwan und mit dem andern nach Warschau sah; aber trotz dieser Anleihen bei einem fremdländischen Luxus war der Teppich, der auf dem Boden lag, persisch, und die Wände entlang standen kleine schmale Polsterbänke, die als Diwane dienten und mit einheimischen Stoffen bedeckt waren. Schönheitglanz saß mit ihrem Vollmondgesicht, Augen, die wie zwei etwas verblaßte Diamanten funkelten, einem Mund, der die Farbe eines Granatapfels trug, und einer Formenfülle in ihrer Gesamterscheinung, die einen echten Osmanli in wahre Verzückung versetzt hätte, in sich zusammengekauert mitten in einem Haufen von Kissen und rauchte kunstgerecht ihren Tschibuk, den sie mit der rechten Hand hielt, wahrend die linke, faul auf dem Polster ruhend, die Perlen eines Tesbih oder mohammedanischen Rosenkranzes drehte. Kurz, sie ging gewissenhaft ihrer täglichen Beschäftigung nach, die im Nichtstun bestand. Indessen wäre es verwegen zu behaupten, daß sie an nichts gedacht hätte. Einen solchen paradiesischen Zustand kennen die Männer in sehr vielen Ländern, aber ob die Frauen irgendwo und -wie dazu gelangen, steht zu bezweifeln. Die Tanzlehrerin dachte also wahrscheinlich an etwas. Als sie Gregor Iwanitsch erblickte, sagte sie mit einer gewissen Lebhaftigkeit zu ihm: »Es Selamu Aleikum! Seid willkommen!« – »Aleik es Selam, Herrin«, erwiderte der »Feind des Geistes«, »meine Augen erstrahlen über das Glück, Euch zu sehen.« – »Bismillahi! Nehmt bitte Platz!« - Sie klatschte in die Hände, und eine sehr schmutzige Magd erschien. – »Bring uns eine Flasche Raki und zwei Gläser.« Gregor hatte sich gesetzt, und als der Branntwein zwischen ihm und der Herrin des Hauses stand, hatte die Flasche einen zwei- bis dreimaligen Angriff auszuhalten. Als die beiden sich dann in genügend behaglicher Verfassung befanden, begannen sie ihre Unterhaltung. »Herrin,« sagte der »Feind des Geistes«, »ich habe soeben dem ehrenwerten Paul Petrowitsch eine ausgezeichnete Gelegenheit dargelegt, Umm Djehans Glück zu machen.« – »Wenn Ihr Glück machen wollt,« antwortete Schönheitglanz, »so wird sie Euch das voraussichtlich sehr wenig danken. Immerhin müßte man wissen, wie Ihr Euch die Sache denkt.« Gregor Iwanitsch machte mit der rechten Hand eine Bewegung in der Luft und schüttelte den Kopf in einer Weise, die Uneigennützigkeit und Edelmut ausdrücken sollte. »Pah,« sagte er, »das weiß ich wohl! Wenn ich mich ihr in der Angelegenheit nützlich erweisen wollte, so würde ihr das heute ebensowenig Eindruck machen, wie das vor drei Monaten der Fall war. Sie will von ihrem Diener nichts wissen, das steht fest, und dieser ihr Diener hat auch gar keine Lust, sich Unannehmlichkeiten auf den Hals zu ziehen und dann noch obenein Mißachtung zu ernten. Derartige Dummheiten überlaß ich den Dienern des Geistes. Nein, laßt mich aus dem Spiel. Ich will ganz einfach Umm Djehan die Heirat mit einem Kaïmakam vorschlagen. Um gleich alles herauszusagen, ich habe neulich ihre Photographie mitgenommen, die vor acht Jahren die Generalin hat anfertigen lassen. Ich habe sie dem würdigen Herrn, von dem ich rede, gezeigt, und wahrhaftig, er hat Feuer gefangen. Ich wiederhole, er ist ein würdiger Herr. Er ist erst siebzig Jahre; er gilt für einen strengen Muselman; er trinkt weder Wein noch Branntwein, was Umm Djehan bei ihrem ausgesprochenen Haß gegen solche schöne Dinge sehr gefallen wird; noch stärker verabscheut er die Europäer, was ihr, die ihre Empfindungen in diesem Punkte nur schlecht verhehlt, ebenfalls recht sein wird; endlich ist er auch reich. Ich kenne Güter von ihm in drei Dörfern in der Umgebung von Batum, und er hat obenein ein hübsches Einkommen aus den Silberminen von Gümüsch Chana. Nun seht zu, was Ihr tun wollt.« – »Ich liebe Umm Djehan zärtlich,« erwiderte Schönheitglanz. »Sie ist meine Adoptivtochter. Mein Herz blutet schon beim bloßen Anhören Eurer Worte; was soll aus mir werden, wenn ich mich von dem Kind trennen muß? Tausend Tode werde ich sterben; begraben wird man mich müssen; ich bin jetzt schon begraben! Das will überlegt sein! Wieviel will man mir denn für meine Einwilligung zu einem solchen Opfer geben?« Gregor Iwanitsch streichelte sich das Kinn. - »Das ist in der Tat eine wichtige Sache. Umm Djehan soll ein Drittel von dem bekommen, was der Kaïmakam zahlt; das zweite Drittel bekomme ich als der eigentliche Stifter der glücklichen Verbindung, und das dritte Drittel sollt Ihr mit unserm lieben und guten Freund, dem Polizeichef, teilen. Der Käufer bietet zweitausend Silberrubel.« – »Zweitausend Silberrubel?« antwortete die Tanzlehrerin mit bestürzter Miene, »wo denkt Ihr hin? Wie habt Ihr einen derartigen Vorschlag nur anhören können, ohne geradewegs herauszulachen? Ein Mädchen, das eine wahre Perle von Tugend und Unschuld ist, das nie anders getanzt hat als vor den angesehensten Leuten wie vor Generalen und Obersten, höchstens – ein- oder zweimal – vor Majoren! Ein Mädchen, das russisch und französisch spricht, als ob sie diese Sprachen erfunden hätte, das zudem lesen und schreiben kann und sich sogar auf Geographie versteht! Ein Mädchen, das ...!« Gregor Iwanitsch legte ihr mit sanfter Vertraulichkeit die Hand auf den Mund und setzte seinerseits die Litanei fort: »Ein Mädchen, das reizend, aber auch sehr mager ist, das ganz hübsche, aber für gewöhnlich nicht besonders zärtlich blickende Augen hat; ein Mädchen, das eine Menge schöner Dinge weiß, ganz gewiß, das aber auch das Messer sehr erbaulich zu handhaben versteht, wovon ich selbst den Beweis an meiner Schulter trage, und das leider nicht immer besonders liebenswürdig gelaunt ist; kurz, ein Mädchen, das ein eingefleischter Teufel ist. Für sie zweitausend Rubel bezahlen heißt meines Erachtens sein eigenes Unglück so teuer wie nur möglich erkaufen.« – »Aber für mich soll nur ein Sechstel der Summe sein und nicht mehr?« »Ein Drittel wollt Ihr sagen.« – »Wieso? Ich soll doch mit Paul Petrowitsch teilen!« »Natürlich werdet Ihr ihm doch alles abnehmen, ganz abgesehen von dem, was Ihr ihm schon ohnehin geraubt habt. Wollt Ihr mir glauben, daß er sich, wenn er getrunken hat, an meinem Herzen über das Unglück ausweint, in das Ihr ihn stürzt? Gregor Iwanitsch, sagt er mir dann, dies Weib ist so schön, so liebenswürdig, so verlockend, daß sie mich ins Grab bringen wird, und zwar in derselben Bekleidung, die ich bei meiner Geburt trug! Und dann vergießt er Ströme von Tränen, ich muß ihm die Augen trocknen und ihn persönlich zu Bett bringen. Redet also keine Torheiten! Ihr werdet ein Drittel für Euch haben, und wenn Ihr nicht wollt, so laßt Ihr's bleiben!« – »Nun wohl denn! Gregor Iwanitsch, Ihr seid für mich der reinste Vater, das kann ich gar nicht oft genug sagen. Wenn ich allein bin, so ruf ich oft: Schönheitglanz, bedenke nur, daß Gregor Iwanitsch dein Vater ist! Sagt also Paul Petrowitsch nur, er solle mir eine goldene Uhr schenken, mit Blumen in Schmelz darauf, so wie die Frau des Provinzialgouverneurs eine hat; dann wollen wir wegen Umm Djehan miteinander sprechen.« – »In diese Geschichten mische ich mich nicht. Ihr könnt von Paul Petrowitsch haben, was Ihr nur wollt, und habt keinen Vermittler dazu nötig. Übrigens die Zeit drängt. Wollt Ihr noch heute mit der Erledigung unseres Geschäftes den Anfang machen oder nicht?« Schönheitglanz wiegte mit unterwürfigem Ausdruck ihren Kopf von rechts nach links. »Man kann Euch nichts abschlagen, Gregor Iwanitsch! Wallahi! Billahi! Tallahi! Ich will mich gleich ans Werk machen; aber schenkt mir doch bitte zur Erinnerung an Eure Güte den kleinen Türkisring, den Ihr da an der linken Hand tragt. Türkisen bringen Glück!« – Der »Feind des Geistes« zog liebenswürdig den Ring von seinem Finger und bot ihn der Dame dar, die ihn zunächst an ihre Stirn führte und dann aus ihrem Busen eine Kaschmirbörse hervorzog, in der sie ihre neue Erwerbung zu andern Stücken älteren Datums verschwinden ließ. Alsdann nahm Gregor Iwanitsch Abschied; fast im gleichen Augenblick brachte Schönheitglanz mit merklicher Anstrengung ihre schwere Masse in die Höhe, stellte sich auf die Füße und ging, mit einer wiegenden Bewegung der Hüften, die täglich unzählige Bewunderer zum Entzücken hinriß, aus dem Zimmer, den Tschibuk in der einen Hand und den Rosenkranz in der andern. An den Türen der Zellen, die von mehreren ihrer Schülerinnen bewohnt waren, schritt sie ohne weiteres vorbei, um endlich diejenige Umm Djehans zu öffnen. Sie trat ein. Der Raum war klein und eng. Nichts stand darin als in einer Ecke ein sehr kurzes Sofa. Keine europäischen Stiche, nirgends irgendwelcher Luxus; kein Tschibuk – Umm Djehan rauchte nicht; kein Glas, keine Flasche – sie trank auch nicht; einfach nichts, nicht einmal ein Schmink- oder Bleiweißnäpfchen – sie schminkte sich nicht, was bei einer Stadtbewohnerin unerhört war, so daß sogar diejenigen, die ihr am meisten wohlwollten, diese Laune als einen der bedauerlichsten Züge ihres Charakters bezeichneten. Als die Lehrerin eintrat, saß die junge Tänzerin da, die Wange auf die linke Hand, den Ellenbogen auf ein Kissen gestützt. Sie starrte in völliger Gedankenlosigkeit und Sinnesabwesenheit vor sich hin. Bekleidet war sie mit einem engen Gewand von karmesinroter Seide mit gelben, blaugeblümten Streifen. Ein rotes goldgesticktes Schleiertuch war in das schwarze Haar geflochten; um den Hals trug sie eine goldene emaillierte Kette und in den Ohren wie an den Armen Schmuckstücke gleicher Art. Gregor Iwanitsch hatte recht: Umm Djehan war nicht, was man eigentlich hübsch nennt. Trotzdem hatte sie ihn gefesselt und eingenommen, und das war begreiflich. Es strömte von diesem jungen Mädchen etwas mächtig Verlockendes aus. Wollte man die Gründe dafür angeben, man würde keine finden; nichtsdestoweniger verspürte man unaufhörlich die Wirkung dieser Eigenschaft. Sie war eins von den Geschöpfen, die hinreißen, berauschen, dämonisch bestricken, ohne selbst sagen zu können wie und warum. Es ist wahr, ein kühlerer Beurteiler hätte nur ein einziges Beiwort auf sie anzuwenden gefunden; er würde gesagt haben: Sie ist fremdartig, aber kein Beurteiler wäre in ihrer Gegenwart kühl geblieben. – »Liebe Seele,« sagte Schönheitglanz, indem sie sich ihrer Schülerin zur Seite setzte, »hört mir wohl zu, es handelt sich um ein großes Geheimnis.« – Als sie hierauf Umm Djehans Augen auf die ihrigen gerichtet sah, begann sie ihr die eben stattgehabte Besprechung mit Gregor Iwanitsch von einem Ende zum andern zu erzählen. An den zahlreichen rhetorischen Vorsichtsmaßregeln, die sie anwandte, an den verlockenden Wendungen, die sie in ihre Erzählung einschob, an dem honigsüßen und schmeichlerischen Ton aller ihrer Worte, an dem, was sie verschwieg, wie an dem, was sie mit vielen Schwüren beteuerte, merkte man deutlich, daß die Tanzlehrerin nicht erwartete, die junge Lesghierin leicht umzustimmen. So war sie denn angenehm überrascht, als jene ihr nach einem Augenblick ganz kurzer Überlegung eine ermutigende Antwort gab, auf die sie nicht gefaßt war. – »Wie soll ich mich denn,« sagte sie, »versichern, daß dieser Gregor Iwanitsch und die andern mir keine Schlinge legen?« – »Du wärst also geneigt, Blume meiner Seele, den Kaïmakam zum Mann zu nehmen?« – »Auf der Stelle, aber ich will mich nicht betrügen lassen.« Sie stieß diese Worte heftig heraus; ihre Augen, die ohnehin mit der übrigen Gesichtsfläche nicht gleich standen, sondern mit etwas tragischem Ausdruck unter einer gewölbten Stirn lagen, schienen sich noch tiefer in ihre Höhlen zurückzuziehen, und ihre Miene wurde so sprechend, daß Schönheltglanz im Ton der Überzeugung antwortete: »Wie sollte man wohl mit derartigen Dingen sein Spiel treiben? Übrigens wäre es doch wohl nicht leicht, so etwas ins Werk zu setzen.« Umm Djehan antwortete nicht. Sie heftete ihren Blick auf den Fußboden und versank in Träumerei. Von so seltsamer Fügsamkeit gerührt, legte ihre Herrin ihr den Arm um den Hals und wollte sie küssen, als die schmutzige kleine Magd eintrat. »Herrin,« sagte sie, »der Herr Polizeichef läßt Euch sagen, Ihr solltet heut abend mit Djemile und Talheme zum Gouverneur kommen, um zu tanzen.« – »Gibt es denn ein Fest?« – »Es sind fremde Gäste da.« – »Offiziere?« – »Jawohl, Offiziere. Sein Diener hat's mir gesagt. Aber auch Muselmanen, Aga Chan und Schemseddin Bey.« – »Weißt du, ob Gregor Iwanitsch dort sein wird?« – »Ich weiß nicht; aber der Herr Polizeichef sagt, Ihr solltet die schönsten Kleider anziehen; es wird große Geschenke geben.« Der kleine Schmutzfink entfernte sich. »Große Geschenke, große Geschenke! das ist leicht gesagt,« murmelte Schönheitglanz; »versprochen bekomme ich sie mit großer Sicherheit jedesmal, aber wollte ich daran glauben, ich müßte Hungers sterben. Trotzdem – man muß hingehen, das ist klar. Wie sollte man sich der Sache entziehen? Du aber, mein Augapfel, wo du nun mit dem Kaïmakam so gut wie verheiratet bist, hast nicht nötig, solche Hunde zu unterhalten, und kannst hierbleiben, wenn es dir paßt.« – »Ganz und gar nicht paßt es mir. Im Gegenteil, ich gehe mit Euch und den andern zum Gouverneur. Seht her! eben als Ihr mit Durr es Seman spracht (d. h. Perle der Zeit; so lautete in der Tat der Name der jungen Maritorne), habe ich dreimal hintereinander das Istichara befragt und dreimal dieselbe Zahl von Perlen gehabt.« Sie zeigte ihren Rosenkranz, den sie fest in beiden Händen hielt, murmelte zwischen den Zähnen ein Stückchen von einem Gebet und stand auf. Schönheitglanz wußte gegen einen so zwingenden Beweisgrund wie die Entscheidung des Istichara schlechterdings nichts einzuwenden, und da sie sich soeben ungewöhnlich angestrengt hatte, so kehrte sie in ihr Zimmer zurück, um bis zur Ankleidestunde zu schlafen, und überließ Umm Djehan nach ihrem Belieben den Gedanken an das neue Abenteuer, in das ihr ohnehin schon so bewegtes Leben sie verstricken zu wollen schien. Es war durchaus richtig, daß der Gouverneur von Schemacha sich in Unkosten zu stürzen beabsichtigte. Er gab zwei Offizieren, die nach Baku reisten, ein Mahl, nämlich dem Leutnant Assanoff und dem Kornett Moreno, und hatte bei dieser Gelegenheit die Offiziere des in der Stadt liegenden Infanterie-Bataillons und seinen Herzensfreund, den Polizeichef eingeladen. Obwohl später als der »Feind des Geistes« waren Assanoff und Don Juan doch eingetroffen, von der Fahrt etwas ermüdet und gelangweilt, aber um so vergnügter darüber, nunmehr nahe am Ziel zu sein, denn Baku ist von Schemacha nicht mehr weit entfernt. In Tiflis waren sie kaum einige Stunden geblieben; die vorgesetzte Behörde hatte sie in Rücksicht auf Gerüchte von ernsthaften Bewegungen im Daghestan verpflichtet, unverzüglich jeder zu seiner Truppe zu stoßen. Für Moreno war das eine tröstliche Aussicht. Je mehr er sich von Spanien und der Dame, die er liebte, entfernte, um so mehr verwandelte sich die Entmutigung der ersten Stunden in eine krankhafte Resignation, die am Kern seines Lebens nagte. Er fühlte, daß seine frühere Existenz zu Ende sei, empfand aber keine Neigung, eine neue zu beginnen. Herodot erzählt, daß, wenn im alten Ägypten das Heer mit dem Tun und Lassen des Herrschers unzufrieden gewesen sei, die Männer der Kriegerkaste ihre Waffen zur Hand genommen, sich abteilungsweise zusammengeschlossen hätten und der Grenze zumarschiert wären. Die Diener des verlassenen Monarchen eilten ihnen auf seinen Befehl nach und sagten: »Was wollt Ihr tun? Ihr verlaßt die Euern? Ihr gebt leichten Muts Eure Häuser und Eure Besitztümer auf?« Jene antworteten mit Stolz: »Besitztümer? Mit dem, was wir in der Faust führen, gedenken wir uns wertvollere zu erringen! Häuser? Die kann man bauen. Weiber? Die gibt's aller Orten, und diejenigen, die wir finden werden, können uns neue Kinder schenken.« Nach dieser Antwort marschierten sie weiter, ohne sich durch irgend etwas aufhalten zu lassen. Moreno war kein so derber Haudegen, wie solche denn in der Gegenwart überhaupt kaum noch begegnen. Mag es nun eine Folge der Gesittung oder größerer Zartheit und Schwäche der Phantasie und des Herzens sein, es gibt heutzutage wenig Menschen, deren Glück und Lebenskraft nicht außerhalb ihrer selbst läge, in einem fremden Wesen oder einer fremden Sache. Fast jeder gleicht heute einem Embryo: er empfängt seine Nahrung von einem Lebensherd, der nicht der seine ist, und wenn man ihn unbedacht von diesem trennt, so ist es sehr fraglich, wenn nicht gar unmöglich, daß er noch gedeihen kann. Obenein machte auf Moreno alles, was er bis jetzt in der neuen Sphäre, in die er verpflanzt war, gesehen hatte, den Eindruck eines Traums, eines Traums von der ganz besonders verwirrenden Art, in der der Verstand nicht mehr aus noch ein weiß. Assanoff hatte ihm zwar in seiner Weise erklärt, was um sie her vorging; aber abgesehen davon, daß der Ingenieur in alledem nur etwas ganz Natürliches sah und daher gerade über die erklärungsbedürftigsten Dinge leicht hinwegging, war er von fahriger Art und außerstande, eine Erklärung oder einen Gedankengang durchzuführen. Trotzdem schloß sich Moreno an ihn an. Assanoffs offenkundige Neigung zum Trunk stieß ihn ab, aber seine Fröhlichkeit zog ihn wieder zu ihm hin. Assanoff war ein Wirrkopf, aber er hatte doch überhaupt Kopf; er faselte für gewöhnlich, aber hin und wieder zeigte er wirklich Herz. Auf dem langen Weg, während des endlosen engen Beisammenseins erzählte er Moreno mancherlei, und dieser seinerseits ließ sich herbei, ihm Bekenntnisse zu machen. Assanoff war von den Leiden des Verbannten lebhaft gerührt, und das Mitgefühl, das er ihm bewies, war fast so zart wie das eines Mädchens mit seinem Liebhaber. Hin und wieder, wenn er von sich selbst sprach, bekannte er, daß er nach seiner eigenen Meinung nichts weiter sei, als ein schlecht abgehobelter und, wie er hinzufügte, von der Kultur herzlich wenig beleckter Wilder, widerrief aber dies Geständnis bald und erklärte sich für einen Edelmann. Kurz, er rechnete es sich zur Ehre an, in Moreno die Überlegenheit der Intelligenz und des Charakters anzuerkennen. Der Leser wird sich erinnern, daß in Kreuzfahrergeschichten stets ein edler Emir, ein tapferer Beduine oder doch wenigstens ein treuer Sklave vorkommt, der sein Los mit dem des christlichen Ritters verknüpft. Wenn es darauf ankommt, läßt sich ein solcher Getreuer willig für seinen Herrn töten und opfert so sein eigenes Interesse dem des andern. Diese Vorstellung erweist sich in der abendländischen Phantasie so mächtig, daß man sie noch in den Novellen des Cervantes findet, und Walter Scott hat sie durch die beiden sarazenischen Diener des Templers Brian de Boisguilbert gewissermaßen sanktioniert. Und in Wahrheit hat diese Meinung ihren guten Grund. Herz und Phantasie, die einzigen Kräfte, die zur Hingebung treiben, sind bei den Asiaten ganz außerordentlich entwickelt, und vermöge ihrer großen Liebesfähigkeit haben sie sich häufig genug für den Gegenstand ihrer Liebe geopfert. So gab sich auch Assanoff, sobald er in Moreno eine der seinigen sympathische Natur erkannt hatte, seiner Neigung für ihn ehrlich und widerstandslos hin. Das Mahl beim Gouverneur glich allen Festlichkeiten dieser Art. Es wurde viel getrunken. Assanoff war natürlich der letzte, eine solche Gelegenheit vorbeigehen zu lassen! Er war derartig im Zug, daß er sich selbst übertroffen hätte, wenn ihn Morenos Bemerkungen nicht etwas in Schranken gehalten hätten; so hatte es denn bei einem feuerroten Gesicht, einem leicht schwankenden Gang und noch größerer Zusammenhanglosigkeit der Rede als sonst sein Bewenden. Um Moreno nicht vor den Kopf zu stoßen, trieb er es diesmal nicht weiter. Nach Aufhebung der Tafel begab man sich in den Salon und begann zu rauchen. Eine halbe Stunde später erschienen in der Mitte der Offiziere, die sich zum größten Teil in einem noch vorgerückteren Stadium befanden als Assanoff, zwei hervorragende Persönlichkeiten aus der eingeborenen Bevölkerung. Aga Chan und Schemseddin Bey begrüßten alle Anwesenden mit so viel Würde und liebenswürdigster Verbindlichkeit, als ob sie nicht das geringste Auffallende bemerkten. Nachdem sie die angebotenen Pfeifen abgelehnt und erklärt hatten, sie rauchten nicht, nahmen sie Platz. Mäßigkeit in allen Dingen und Nüchternheit waren damals bei den Mohammedanern des Kaukasus aus Widerspruchsgeist stark im Schwang und wohl gelitten. Nach Verlauf einiger Minuten meldete man die Tänzerinnen. Der Gouverneur befahl, sie hereinzuführen und sie erschienen. Schönheitglanz schritt voran, dann kam Umm Djehan, gefolgt von Djemile und Talheme, zwei recht anmutigen jugendlichen Mädchen, die nicht weniger geschmückt waren als ihre Herrin. Alle waren mit langen Gewändern bekleidet, die gerade und in reichen Falten zu den Füßen herabfielen. Auf der Seide und den Schleierstoffen funkelten Gold und Silber, die mit übertriebener Üppigkeit und Verschwendung ihre Kleider zierten. Die darüber liegenden Halsketten, die lang herabhängenden Ohrringe, die zahlreichen Armbänder, Gold und Geschmeide, alles funkelte und klirrte bei jeder Bewegung der schönen Gestalten. Trotzdem wendeten die Blicke sich unwillkürlich auf Umm Djehan, sei es wegen der fehlenden Schminke, sei es wegen ihres ernsteren Schmucks, oder aber – und das war zweifellos der wahre Grund – wegen des sieghaften Zaubers ihrer Persönlichkeit. Wer sie einmal angeblickt hatte, konnte die Augen nicht mehr von ihr wenden. Sie warf auf jeden der Reihe nach einen kalten und gleichgültigen, beinahe dreisten und herausfordernden Blick, und darin lag kein geringer Reiz. Zudem, wenn sie auch ganz bedeutend minder schöne Augen hatte als Djemile, wenn ihrer Erscheinung die Rundung Talhemes fehlte und sie in keiner Hinsicht mit einer solchen Fülle der Reize aufwarten konnte wie Schönheitglanz in ihrer wahrhaft königlichen Siegesgewißheit, so setzte sie dafür jeden in Verwirrung, und ohne Anstrengung vermochte sich niemand ihrem Zauber zu entziehen. Keine berühmte Modesängerin oder Schauspielerin in Europa hätte je einen Salon mit größerer Würde betreten oder mit mehr Ehrenbezeugung empfangen können, als es bei den Tänzerinnen der Fall war. Sie ihrerseits grüßten niemanden als die beiden mohammedanischen Würdenträger, auf welche alle, außer Umm Djehan, einen höchst einschmeichelnden Blick des Einverständnisses warfen, worauf jene mit einem feinen Lächeln erwiderten, indem sie sich dabei den Bart in einer Weise strichen, daß selbst der Marschall Herzog von Richelieu es sich zur Ehre angerechnet hätte. Hierauf ließen sich die Frauen in einem Winkel des Zimmers eng aneinander geschmiegt auf dem Teppich nieder und nahmen eine so völlig teilnahmslose Haltung an, als seien sie hier zur bloßen Dekoration. Inzwischen waren hinter ihnen vier Männer erschienen, denen niemand die geringste Beachtung schenkte. Sie kauerten sich alsbald im entgegengesetzten Winkel des Zimmers, den Tänzerinnen gegenüber, nieder; es waren die Musikanten. Der eine hielt eine leichte Gitarre, Tar genannt; der andre eine Art Geige mit langem Hals oder Kemantja; der dritte hatte ein Rehab, eine andere Art von Saiteninstrument, und der vierte ein Tamburin, ein für jede asiatische Musik unentbehrliches Zubehör, da der Rhythmus aufs allerschärfste hervorgehoben werden muß. Einhellig bat die Gesellschaft, mit dem Tanz zu beginnen. Der Gouverneur und der Polizeichef übernahmen es ganz besonders, Schönheitglanz diesen allgemeinen Wunsch zu unterbreiten, und nachdem sie sich so lange hatte bitten lassen, wie es sich für einen seines Wertes sich bewußten Künstler schickt, und dabei obendrein durch liebenswürdige Verlegenheit ihre Bescheidenheit bekundet hatte, erhob sie sich, schritt langsam bis zur Mitte des Saales vor und machte den Musikanten ein kaum merkliches Zeichen mit dem Kopf, worauf alle Instrumente gleichzeitig einsetzten. Alle hatten ihre Stühle an die Wand zurückgeschoben, so daß der weite Mittelraum völlig frei blieb. Zu einer äußerst langsamen und eintönigen Melodie, die der Schlag des Tamburins mit abgerissenen, dumpfen und scharfen Tönen begleitete, machte nun die Tänzerin, ohne sich vom Fleck zu bewegen, die Hände in die Hüften gestemmt, einige Bewegungen mit dem Kopf und dem Oberkörper. Langsam drehte sie sich um ihre eigene Achse. Sie sah niemanden an, sie erschien völlig teilnahmslos und in ihre Sache vertieft. So erweckte sie die Erwartung einer Tätigkeit, die sich nicht einstellte, und eben wegen dieser Enttäuschung wuchs die Spannung mit jedem Augenblick. Man kann die Wirkung, die eine derartige Erregung hervorruft, mit nichts eher vergleichen als mit der Empfindung, die man am Meeresufer hat, wo das Auge von jeder neuen Welle erwartet, sie werde die vorige übertreffen, höher und weiter schlagen als sie, wo man, immer wieder von neuem enttäuscht, bei dem Rauschen jeder neuen Woge vergeblich auf ein verstärktes Geräusch wartet und trotzdem am Strand sitzen bleibt; ganze Stunden verfließen so, und doch wird es einem schwer, sich zu entfernen. Ganz so verhält es sich mit dem Zauber, den die Kunst asiatischer Tänzerinnen auf die Sinne ausübt. Es fehlt ihr alle Mannigfaltigkeit, alle Lebendigkeit, nur selten bringt eine unerwartete Bewegung einige Abwechselung mit sich, aber von der taktmäßigen Kreisbewegung strömt trotzdem eine Betäubung aus, der der Geist schließlich erliegt, und von der er sich einlullen läßt wie von einer Trunkenheit, die allmählich zum Halbschlaf führt. Nun bewegte sich die starke Tänzerin langsam vom Platz, wobei sie ihre runden Arme halb ausstreckte; sie schritt nicht, sie glitt nur mit fast unmerklicher Bewegung; sie strebte auf die Zuschauer zu und erweckte, indem sie sich langsam an allen vorüberbewegte, in jedem einzelnen die fast ängstlich gespannte Erwartung, sie werde ihm ein Zeichen der Beachtung schenken. Aber nichts dergleichen geschah. Nur als sie sich den beiden Muselmanen gegenüber befand, gab sie ihnen andeutungsweise ein neues, wohlverstandenes Zeichen der Ehrerbietung und Bevorzugung, indem sie den ganz kurzen Aufenthalt, mit dem sie die andern beehrt, hier verdoppelte, was sehr wohl bemerkt ward und lebhaften Beifall fand, denn bei einem derartig abgemessenen Tanz tritt auch die feinste Nuance scharf hervor. Als die Musik innehielt, machte sich die Begeisterung der Zuschauer in lautem Händeklatschen Luft. Nur Moreno blieb kalt, denn an derartigen Dingen gewinnt man nicht auf den ersten Anblick Geschmack, vielmehr ist zum Wohlgefallen an solchen Nationalvergnügungen in allen Ländern einige Erfahrung und Vertrautheit mit den Verhältnissen erforderlich. Ganz anders verhielt sich Assanoff, dessen helle Begeisterung in ganz unerwarteter Art zum Ausdruck kam. »Weiß Gott,« sagte er, »ich bin ein zivilisierter Mensch und in Petersburg auf der Kadettenschule gewesen; aber der Teufel soll mich holen, wenn es in ganz Europa etwas gibt, was sich dem Schauspiel, das wir eben gesehen haben, auch nur irgendwie vergleichen läßt! Und nun soll einer von euch mit mir die Lesghi tanzen. Hat denn keiner mehr einen Tropfen Blut in den Adern? Seid ihr denn alle verstumpft oder alle Russen?« Ein tatarischer Offizier, der bei der Infanterie stand, erhob sich sofort und nahm Assanoff bei der Hand. »Nun wohl denn,« sagte der Krieger mit Stolz, »Murad, Sohn Hassan Beys, bist du deines Vaters Sohn, so zeig', was du kannst!« Der Ingenieur antwortete ihm mit einem harten und kalten und doch zugleich flammenden Blick, wie ihn Moreno nie zuvor gesehen hatte, und alsbald begannen die beiden Tataren in ihren Militärmänteln die Lesghi zu tanzen. Die Musik hatte mit der barbarischen Melodie, die zu diesem Tanz gehört, kräftig eingesetzt. Da war nichts Schleppendes, nichts Einschläferndes. Murad, Hassans Sohn, war nicht mehr betrunken, er erschien wie ein Fürstensohn, ja, wie ein Fürst selbst. Man hätte ihn für einen Krieger des alten Mongolen Chubilaï halten können. Das Tamburin rasselte und prasselte, als wollte es in glühender Wallung zu Kriegsgreuel und Eroberung aufrufen. Die Anwesenden waren außer dem Spanier von Wein und Branntwein benommen und hatten weder Assanoffs Worte gehört, noch auch verstanden, welche Leidenschaft ihn bewegte. Alles was sie von dem doch gewiß seltsamen Auftritt begriffen, war, daß der Ingenieur ganz ausgezeichnet die Lesghi tanzte, und so spielte sich die Aufführung des Schauspiels, das Kampf, Mord und Blut und somit auch Empörung darstellt, vor den Augen der Eroberer ab, ohne daß diese sich einfallen ließen, auch nur das geringste davon zu verstehen, geschweige denn, vor der Bedeutung des Tanzes zu erschrecken. Nur Don Juan blieb über den veränderten Ausdruck von Assanoffs Zügen betroffen, und als der Tanz unter dem Freudengetrampel all der russischen Offiziere sein Ende erreicht hatte und die allgemeine Aufmerksamkeit durch das Erscheinen zahlreicher Diener mit neuen Pfeifen, Tee und Branntwein abgelenkt wurde, zog er den Freund in einen Winkel des Zimmers, zufällig denjenigen, in welchem sich die Tänzerinnen befanden, die während der Lesghi alle aufrecht gestanden hatten, und sagte ihm halblaut: »Bist du verrückt? Was soll die Komödie, die du da eben gespielt hast? Wie kannst du dich nur so zur Schau stellen? Kannst du denn deine Heimatliebe nicht anders bekunden als durch solche Verrenkungen?« »Schweig,« erwiderte Assanoff schroff, »du weißt nicht, was du redest! Solche Sachen kannst du nicht verstehen! Gewiß, ich bin ein Feigling, ich bin ein elender Kerl, und der erbärmlichste Mensch in der ganzen Welt ist dieser ehrlose Schuft Djemiloff, mit dem ich eben getanzt habe, denn wenn er auch tanzt wie ein echter Mann, so ist er nichtsdestoweniger verkommen! Aber sieh, es gibt doch noch Augenblicke, wo man spürt, wie das Herz, so jämmerlich es bei unsereinem sein mag, sich erhebt, und der Tag ist noch nicht gekommen, wo ein Tatar die Töchter seines Landes tanzen sieht, ohne daß sich hinter seinen Augenlidern blutige Zähren bilden.« Vielleicht bildeten sich wirklich dort, wo Assanoff meinte, blutige Zähren – aber wer kann es wissen? Soviel ist jedoch gewiß, daß ihm große Tränen die Wangen herabrollten. Er trocknete sie schleunigst mit einer Hand, ehe man sie bemerken konnte, als er fühlte, daß die andere ergriffen wurde: er wandte sich um und erblickte Umm Djehan. Sie raunte ihm eilig auf französisch zu: »Diese Nacht! zwei Stunden vor dem Desteh! an meiner Tür! Klopf nicht an!« Sie entfernte sich sofort wieder; ihn seinerseits gab dies Wort aus dem Munde eines schönen Mädchens, eines Mädchens, das bisher für unempfindlich und gänzlich unüberwindlich gegolten, das den Ruhm aller Tänzerinnen der Stadt gleichsam in sich verkörperte, eben weil sie so wenig geneigt war, ihre Talente zu betätigen – dies süße Wort gab ihn mit einem Schlage der Zivilisation wieder, die er wenige Minuten zuvor so völlig schien vergessen zu wollen, und indem er seinen Arm in den Morenos schob, zog er den spanischen Offizier einige Schritte fort und flüsterte ihm ins Ohr: »Verflucht! bin ich ein Glückspilz! Ich hab' ein Stelldichein!« – »Mit wem?« – »Mit der Feinsten, die du dir denken kannst! Morgen will ich dir alles erzählen. Aber aufgepaßt! Ich darf mich nun nicht mehr bezechen!« – »Allerdings! Du scheinst heut abend schon ohne das genügend den Kopf verloren zu haben.« – »Kopf, Herz, Sinne und den Verstand noch obenein! Eine feine Geschichte! eine feine Geschichte! Ich will das Mädel zu meinem Burschen machen! Ich entführe sie nach Baku und dann geben wir Künstlervorstellungen! Aber still! Bis morgen früh müssen wir verschwiegen sein wie die Troubadoure.« Erneutes massenhaftes Gesundheittrinken im Bunde mit den strahlenden Augen von Schönheitglanz, Djemile und Talheme – denn Umm Djehan hielt sich unter dem Schutz der beiden ernsten Muselmanen, der sich, ohne den äußeren Anschein davon zu haben, als sehr wirksam erwies, beiseite – ferner der furchtbare Lärm, die Tänze, die wieder begannen und noch einige Stunden fortdauerten, all diese Genüsse der abendlichen Zusammenkunft taten schließlich die Wirkung, die zu erwarten stand. Der Gouverneur wurde ins Bett getragen, der Polizeichef gelangte in das seinige auf den Schultern von vier Männern; die eine Hälfte der Offiziere blieb auf dem Schlachtfeld liegen, die andere besäte mit ihren edlen, wenn auch besiegten Leibern die Straßen. Die drei Tänzerinnen kehrten in ihr Heim zurück, oder auch nicht, denn es hat sich nie recht feststellen lassen, wie es sich damit verhielt. Umm Djehan erreichte jedenfalls die gemeinsame Behausung ohne sie, und zwar unter dem Schutz der beiden neugewonnenen Freunde, die nach dem Abschied von ihr noch aus tiefstem Herzen die elenden Schweine von Christen verfluchten, die sie aus Klugheit zu schonen gezwungen waren. Was Assanoff anbetrifft, so führte er Moreno bis zu ihrer gemeinsamen Wohnung, dem Posthause, und als er sah, daß die Stunde des Stelldicheins ungefähr gekommen war, rannte er eiligst hin und stellte sich an die Tür der Tänzerinnen, ohne im übrigen irgendein Lebenszeichen zu geben, so wie Umm Djehan es ihm anbefohlen hatte. Die Straße war einsam und völlig still, die Nacht finster; es war etwa noch drei Stunden bis zur Morgenröte. Die Jahreszeit war Anfang September. Tagsüber hatte es geregnet und so war es nicht warm. Die Erwartung dauerte nicht lange. Assanoff, der ganz Ohr war, hörte Schritte im Hause; die Tür öffnete sich sacht, und eine Stimme fragte ganz leise: »Seid Ihr da?« Er schob seinen Arm durch den Türspalt, ergriff eine Hand, die sich ihm entgegenstreckte und erwiderte: »Gewiß! Wie sollt' ich denn nicht da sein? Bin ich denn ein Esel?« Umm Djehan zog den Offizier hinein und schloß die Tür ebenso geräuschlos wieder zu, wie sie sie geöffnet hatte; dann ging sie ihrem Gast vorauf, überschritt eilig den kleinen Mittelhof des Hauses und trat von da mit ihm in den Hauptsaal. Dort befanden sich Diwane, die an die Wände gestellt waren, einige Stühle und ein Tisch, auf dem eine Lampe brannte. Umm Djehan wandte sich gegen den Offizier und sah ihn mit so dreistem Blick an, daß er unwillkürlich einen Schritt zurücktrat. Dann betrachtete er das Mädchen mit Überraschung. Sie hatte ihre Tänzerinnenkleidung abgelegt; sie war gekleidet wie eine Edelfrau aus dem Daghestan und trug im Gürtel ein paar Pistolen und ein Messer. Sei es Zufall, sei es Absicht, ihre Hand bewegte sich einen Augenblick nach den Waffen hin. Mit gebieterischer Gebärde wies sie Assanoff einen Sessel und nahm selbst wenige Schritte von ihm auf dem Diwan Platz. Sie hielt in der Hand den Rosenkranz, an dem sie, als sie zum erstenmal persönlich in unserer Geschichte erschien, die Zeremonie des Istichara vorgenommen hatte; während der folgenden Erzählung machte sie sich häufig mit den Korallenperlen zu schaffen und ließ sie zwischen ihren Fingern hin und her gleiten. »Sei willkommen, Murad! Seit vier Jahren befrag' ich unaufhörlich diesen Rosenkranz, ob ich dich sehen werde; heute hat er es mir bejaht; deshalb bin ich zum Gouverneur gegangen, und nun bist du da!« – »Nach der Art, wie du mich empfängst, versteh' ich nicht recht, was ich hier soll.« – »Du wirst es gleich verstehen, Sohn meiner Tante.« – »Was soll das heißen?« »Ich war vier Jahr alt und du zwölf, ich denke noch daran, und du hast's vergessen! Oh, Sohn meines Bluts, Bruder meiner Seele,« rief sie plötzlich mit leidenschaftlichem Ausbruch und streckte dem jungen Manne ihre zitternden Hände entgegen, »siehst du denn nicht, wenn du träumst, unsern Aul, unser Dorf, auf seiner Felsenspitze, die gradauf ins Blau des Himmels steigt, und die Wolken tief unter ihm in den baum- und steinbesäten Tälern? Siehst du es nicht, das Nest, dem wir entstammen, hoch über der Ebene, hoch über den gewöhnlichen Bergen, hoch über den knechtischen Menschen, zwischen den Horsten der Adler, mitten in Gottes freier Luft? Du siehst sie nicht mehr, unsere Schutzmauern, unsere Türme, wie sie über den Abgrund hängen, unsere Kastelle, die terrassenförmig eins über das andere emporsteigen, treue Wächter sie alle, wie sie mit ihren Luken gierig nach dem fernen Feinde ausspähen? Und ihre flachen Dächer, wo wir im Sommer schliefen, und die engen Straßen, und das Haus Kassim Beys, dem unsern gegenüber, und das Arslan Beys davor, und Selim und Murid, deine Spielkameraden, die in ihrem Blut hingesunken sind, und meine Gefährtinnen, Aïscha, Lulu und Peri, die kleine Subeide, die ihre Mutter noch auf dem Arme trug? Ha! elender Feigling! Die Soldaten haben sie alle in die Flammen geworfen, und der Aul ist über ihren Häuptern verbrannt!« Assanoff begann sich ganz außerordentlich unbehaglich zu fühlen. Auf seiner Stirn perlten einzelne Schweißtropfen. Mechanisch legte er die Hände auf die Knie und hielt sie fest gepreßt. Aber er sprach kein Wort. Umm Djehan fuhr mit gedämpfter Stimme fort: »Du träumst also niemals von jener Nacht? Du legst dich nieder, schlummerst ein und bleibst dann wohl wie eine träge Fleischmasse bis zum Morgen oder wohl gar bis zum Mittag von deinen Gedanken verlassen! Und schließlich tust du wohl daran! Dein ganzes Leben ist ja nur ein Tod! Du gedenkst an nichts? an nichts von alledem? Dein Oheim, mein Vater, mein Vater – weißt du wohl? Nein! du weißt nichts! So will ich's dir sagen: mein Vater also, Elam Bey, ward an den Baum gehängt, links aufwärts am Saumpfad; dein Vater, mein Oheim, ward mit einem Bajonettstich an seine Haustüre genagelt. Das weißt du nicht mehr? Zwar du warst erst zwölf Jahr alt, aber ich war nur vier und habe nichts von alledem vergessen! Nein, nichts! nichts, sag' ich dir, nicht den kleinsten, nicht den winzigsten Umstand. Dein Oheim hing, als ein Soldat mich vorbeischleppte, an seinem Baum wie der Rock da an der Wand hinter dir an seinem Nagel!« Assanoff rann ein eisiger Schauer durch das Gebein; er glaubte die zappelnden Füße seines Vaters und seines Oheims auf seinen Schultern zu spüren, aber er sprach kein Wort. »Und dann,« fuhr Umm Djehan fort, »griff man dich mit ein paar andern Jungen, die zufällig dem Feuer und Schwert entronnen waren, auf. Man schickte dich auf die Kadettenschule nach Petersburg und erzog dich, wie die Franken sagen! Man entzog dir die Erinnerung, man entzog dir dein Herz, man raubte dir deinen Glauben, ohne sich auch nur zu bemühen, dir einen andern zu schenken; dafür lehrte man dich aber gründlich zechen, und nun finde ich dich wieder mit Zügen, die durch Unmäßigkeit früh verwelkt, mit Wangen, die blau geädert sind; als einen Mann? Nein! Als einen Lumpen! Doch das weißt du selbst!« Assanoff, derartig durch das Mädchen und vor allem durch die Bilder, die nur zu getreuen, nur zu ungeschminkten, nur zu wahren Bilder, die sie ihm wieder heraufrief, geknickt und gedemütigt, Assanoff suchte sich zu verteidigen! »Ich habe aber doch immerhin was gelernt,« murmelte er, »ich verstehe mein Soldatenhandwerk, und noch niemand hat mir Mangel an Mut vorwerfen können. Ich mache meiner Familie keine Schande, ich hab' Ehre im Leib.« »Ehre? Du!« schrie Umm Djehan mit wildester Empörung, »solche Faseleien magst du deinesgleichen erzählen! glaube aber nicht, daß du mir mit so hochtönenden Worten Eindruck machst. Bin ich nicht auch unter Russen erzogen worden? Ehre! Das heißt, man beansprucht Glauben, wenn man lügt, man will für rechtschaffen gelten, wenn man ein Schurke ist, für ehrlich, wenn man beim Spiel betrügt. Stößt man dann mit einem andern Narren seiner Art zusammen, so schlägt man sich mit ihm als Ehrenmann und findet womöglich gerade dann dabei den Tod, wenn man zufällig einmal nicht unrecht hat. Das nennt man dann Ehre; und wenn du wirklich welche hast, Sohn meiner Tante, so kannst du dich für einen vollendeten Europäer halten, für einen Bösewicht und Verräter, Räuber und Mörder, ohne Glauben, ohne Gerechtigkeit, ohne Gott, für ein Schwein, das von jedem nur denkbaren Rausche trunken ist und sich in allen Mistpfützen des Lasters wälzt.« Die Giftigkeit dieses Ausfalls schien Assanoff alles Maß zu überschreiten, und so kam er wieder etwas zu sich selbst. »Wer zu viel beweisen will, beweist nichts,« sagte er frostig, »lassen wir den Streit darüber, ob er nun berechtigt oder unberechtigt sein mag; jedenfalls hat man mich, ohne mich vorher viel zu fragen, zu einem zivilisierten Menschen gemacht. Das bin ich geworden; das muß ich auch bleiben. Du kannst mir nicht beweisen, daß ich irgendwie übel daran tue, wenn ich lebe wie meine Kameraden. Um dir übrigens nichts zu verhehlen: ich langweile mich dabei; ich weiß nicht warum, denn es fehlt mir nichts, und doch fehlt mir alles. Hat es eine Kugel auf mich abgesehen – sie mag mich mitnehmen. Rafft mich der Branntwein dahin – wohl bekomm's ihm! Sonst hab' ich keinen Wunsch ... Also, Umm Djehan, ich freue mich, dich zu sehen. Warum bist du aber nicht bei der Generalin geblieben? Das war doch etwas Besseres als dies Haus!« – »Dieses Weib,« erwiderte die Tänzerin im Ton des Hasses und der Verachtung, »dieses Weib! Sie hat die Frechheit gehabt, mehrmals und sogar in meiner Gegenwart zu erklären, sie wolle mir die Mutter ersetzen! Sie hat mehrmals und wiederum in meiner Gegenwart gesagt, daß die Lesghier nur Wilde seien, und als ich ihr eines Tages erwiderte, daß unser Blut reiner sei als das ihre, hat sie gelacht. Dieses Weib! sie hat mich einmal am Arm genommen und wie eine Magd zum Zimmer hinausgeschoben, weil ich, zu klein, um bis zu ihren Götzenbildern zu reichen, auf einen Sessel gestiegen war, um sie herunterzuwerfen. Übrigens weißt du ganz gut, ihr Mann war es gewesen, der die Truppen gegen unsern Aul führte.« Einen Augenblick schwieg Umm Djehan, dann rief sie plötzlich: »Ich wartete nur auf den Tag, wo ich stark genug wäre! Sechs Monate später – und ich hätte ihr beide Töchter ermordet!« – »Du machst offenbar nicht viel Flausen,« sagte Assanoff lachend. »Zum Glück hat man dich durchschaut und rechtzeitig fortgejagt.« Er sprach diese Worte in einem leichten Ton, der zu dem von vorhin in nicht geringem Gegensatz stand. Umm Djehan betrachtete ihn einen Augenblick, ohne eine Silbe zu verlieren, dann streckte sie den Arm nach dem Diwan aus, ergriff einen Tar, eine tatarische Mandoline, die zufällig dort lag, und begann zerstreut sie zu stimmen; allmählich, als geschähe es ganz unabsichtlich, begann sie zu spielen und zu singen. Ihre Stimme war von unendlicher Süße und der alleräußersten Eindringlichkeit. Erst sang sie ganz leise, und man hörte sie kaum. Es schien zunächst, als vernähme man nur einzelne Akkorde, nur Töne, die keine weitere Absicht miteinander verbände. Aber unmerklich löste sich aus diesen verschwommenen Klängen eine bestimmte Melodie, gerade wie wenn aus dichtem Nebel eine ätherische Gestalt sich bildet, allmählich stärker hervortritt und endlich voll zur Erscheinung gelangt. Von einer unwiderstehlichen Bewegung, einer starken Erwartung, einer allmächtigen Erinnerung ergriffen hob Assanoff das Haupt und horchte. Ja! sichtlich horchte er, mit ganzem Ohr und ganzem Sinn, von ganzem Herzen und von ganzer Seele. Bald mischten sich Worte in den Gesang. Es war ein lesghisches Gedicht: es war eben das Lied, das die Töchter des Stammes am liebsten und häufigsten sangen, als Assanoff noch ein Kind war. Die ungeheure Macht, der sieghafte Zauber, den ein derartiger Eindruck ganz allgemein auf den Menschen ausübt, die als Gebirgsbewohner im Schoß einer kleineren Gesellschaft aufgewachsen sind, ist sattsam bekannt: wo die Unterhaltungen gering an Zahl sind, übt die Erinnerung an sie eine um so mächtigere und dauerndere Herrschaft über die Phantasie. So haben die Schweizer ihren Kuhreihen und die Schotten ihren Dudelsackruf. Assanoff fühlte sich von einer ganz gleichen Macht ergriffen. Sein Geburtsort lag gar nicht weit von Baku, und zwar mitten zwischen einer Menge von Abhängen, die den seltsamsten und großartigsten Anblick bieten, den man nur haben kann. Eine Ansammlung von steilen Bergspitzen, die durch tiefe Täler weit voneinander getrennt sind, erhebt sich auf schmalen Grundflächen bis in die Schneeregion. Die kleinen felsigen Abplattungen dieser riesigen Spitzen, Flächen, von denen man, solange man noch entfernt ist, schwören möchte, nur Adler könnten darauf nisten, sind von Dörfern bedeckt, die sich, so gut es gehen will, dort niedergelassen und festgeklammert haben: es sind die Auls jener furchtbaren Menschen, die nie etwas anderes gekannt haben als Kampf, Plünderung und Zerstörung. Dort haben die Lesghier ihren Aufenthalt, immer auf der Wacht, bald kühn nach Beute, bald mißtrauisch nach Angreifern ausspähend, mit weitreichendem Blick und alles beherrschender Achtsamkeit. Umm Djehans Gesang zauberte vor Assanoffs erschütterter Seele die Erinnerung an den väterlichen Aul bis zur greifbarsten Lebendigkeit hervor. Alles sah er wieder, alles, was er wirklich oder vermeintlich vergessen hatte. Alles! Die befestigte Außenmauer, die Abgründe, in deren unheimliche Tiefen sein Kinderauge mit unbezähmbarer Neugier hinabgetaucht war; die Straße, die sonnverbrannten oder schneebedeckten Terrassen, die Häuser, sein Haus, seine Kameraden, seinen Vater, seine Mutter, seine Verwandten, seine Freunde, seine Feinde – nichts, was er nicht wieder erblickt hätte! Die Worte, die Umm Djehan sprach, die Reime, die sie miteinander verschlang, packten ihn wie mit Adlersklauen und entführten ihn in die Schluchten des Gebirgs, auf die steilen Pfade, wo er so oft, im Gebüsch verborgen, den Marsch der russischen Kolonnen ausgespäht hatte, um ihn dem Vater zu melden. Denn bei den Lesghiem sind die Söhne der Edlen kühne und verschlagene Krieger von Kindesbeinen an. Ein mächtiger Zauber erfüllte die Seele des nur schlecht umgebildeten Barbaren. Sein Gehaben war europäisch, seine Laster sprachen russisch und französisch; aber der tiefe Grund seiner Natur, seine Triebe, seine Eigenschaften und Talente, was er an Tugenden besaß, alles das war noch tatarisch wie der beste Teil seines Bluts. Was ward aus Murad, Hassans Sohn, dem Ingenieuroffizier im Dienst Seiner Kaiserlichen Majestät, dem ehemaligen Zögling der Kadettenschule, dem Preisträger bei ihren Prüfungen, als seine Base, ohne ihren Gesang und ihr Spiel auf dem Tar zu unterbrechen, sich erhob und quer durch das Zimmer einen langsamen Tanz von kräftigem Rhythmus auszuführen begann? Er sprang vom Stuhl auf, warf sich in einer Ecke zur Erde, nahm den Kopf zwischen beide Hände, die er krampfhaft in sein Haar vergrub, und verfolgte, obwohl Tränen ihm den Blick trübten, mit schmerzlicher Begier die Bewegungen des Tanzes, genau so, wie er es bei Furugh el Hösnet getan hatte, nur mit unendlich mehr Angst und gewißlich mit unendlich mehr Leidenschaft. Und was ebenso gewiß ist: Umm Djehan tanzte ganz anders als ihre Meisterin! Ihre Schritte waren ausdrucksvoller, ihre Bewegungen, obwohl noch zurückhaltender, ergriffen nur um so mehr. Es war der Tanz, es war der Gesang des Aul; von der ganzen Persönlichkeit des Mädchens ging etwas wie ein elektrischer Strom aus, der auf ihren Verwandten von allen Seiten eindrang. Plötzlich hielt sie mit einem Ruck inne, unterbrach ihren Gesang, warf den Tar auf die Kissen und kauerte sich neben Assanoff nieder; sie umschlang seinen Hals mit den Armen und sprach: »Denkst du daran?« Ein Schluchzen erschütterte ihn von oben bis unten, Angstschreie entrangen sich seinem Munde, er verbarg sein Haupt an der Brust und zwischen den Knien seiner Base. Den großen Burschen in so schmerzlicher Erschütterung zu sehen, war ein Anblick zum Erbarmen. »Du denkst also daran?« fuhr die Lesghierin fort. »Du siehst doch, wie du mich wiederfindest? Ich war die Magd der Franken und bin entflohen: ich war die Magd der Muselmanen, und sie haben mich geschlagen; ich bin in den Wald gelaufen und bin vor Hunger und Frost fast umgekommen; nun bin ich hier, aber ich will nicht bleiben ... du begreifst wohl warum ... gerade du, denn warum bist du diese Nacht gekommen? Siehst du, du begreifst ganz wohl? Man will mich an einen Kaïmakam verkaufen, irgendwo in der Türkei; aus Furcht vor Schlimmerem und um nicht weiter damit gequält zu werden, habe ich zugesagt. Ich bin dein Fleisch, ich bin dein Blut, rette mich! Nimm mich zu dir, Sohn meines Oheims, du meine Liebe, mein Heil, meine teure Seele, rette mich!« Sie nahm ihn beim Kopf und küßte ihn leidenschaftlich. »Ich werde dich retten,« antwortete Assanoff lebhaft, »alle Teufel sollen mich erwürgen, wenn ich dich nicht rette! Du bist ja mein ganzes Geschlecht! O diese Russen! daß der Himmel sie vernichte! Sie haben mich völlig getötet, völlig verbrannt, völlig vernichtet! Aber hundertfach will ich ihnen das Leid helmzahlen, womit sie mich überhäuft haben und dich nicht weniger! Soll ich desertieren?« – »Ja, desertiere!« – »Wollen wir zusammen in die Berge gehn und uns mit den andern aufrührerischen Stämmen verbinden?« – »Ja, ich will!« »Bei meiner Ehre, ich will nicht minder! Und gleich soll es geschehen, das heißt morgen oder vielmehr heute, denn die Morgenröte dämmert schon herauf! Wir wollen wieder werden, was wir sind, Lesghier und Freie! Und ich werde dich heimführen, Tochter meiner Tante, und du sollst gerettet sein und ich auch! Denn ein für allemal: ich bin und bleibe ein Tatar! Was gibt es gemeinsames für Murad, den Sohn Hassan Beys, und all diese fränkischen Herren! Weiß ich nicht ganz gut, was sie wert sind? Hast du Gogol gelesen? Das ist ein Schriftsteller! Der springt mit ihnen um, wie sie's verdienen! O diese Schurken!« Und indem er plötzlich aufsprang, rannte er mit großen Schritten im Zimmer hin und her, wie in einem Anfall von Wahnsinn. Dann blieb er vor Umm Djehan stehen, sah sie fest an, ergriff ihre beiden Hände und sagte: »Du bist wirklich sehr hübsch, ich liebe dich von ganzem Herzen und werde dich heiraten, auf Ehrenwort! Bei unserm Hochzeitsfeste wollen wir Russenköpfe auf der Tafel haben, ist dir das recht?« – »Gewiß! und für jeden Kopf tausend Küsse!« – »Kannst du Französisch?« – »Jawohl.« – »Um so besser, so können wir's hin und wieder zu unserer Unterhaltung sprechen!« – »Murad, Sohn Hassan Beys, welche Schmach! vergiß diese schändlichen Dinge auf immer!« – »Du hast recht, ich bin ein Tatar und nichts andres, will auch nichts andres sein, und in tausend Stücke soll man mich zerhacken, wenn unsere Kinder nicht die trefflichsten Muselmanen werden! Aber nun genug der Worte! Was noch zu tun bleibt, ist folgendes: ich verlasse dich jetzt, weil der Tag anbricht. Zur Mittagszeit suche mich im Posthaus auf. Dort werde ich dich als meine Ordonnanz einkleiden. Um ein Uhr reisen wir in einem großen Tarantas, den ich gemietet habe, ab; wir fahren rasch drauflos; sechs Meilen von hier biegen wir vom Wege ab, und dann gute Nacht! Die Russen sollen dich hier nicht mehr wiedersehen; und ich will ihnen nicht anders mehr vor die Augen kommen als den Säbel in der Hand!« Umm Djehan stürzte sich in seine Arme. Sie küßten sich, und Assanoff schritt hinaus. Als er sich auf der Straße befand, war er von sich und seinen Plänen gleichmäßig entzückt und höchst verliebt in seine Base, die er anbetungswürdig fand. Aber leider hatte er, nicht gewohnt, jemals mehr als einen Gedanken zu gleicher Zeit zu verfolgen, völlig seinen Reisegefährten vergessen: als er Umm Djehan das Posthaus als Ort des Stelldicheins bezeichnet hatte, hatte er nicht im entferntesten daran gedacht, daß Moreno ihn dort erwartete. Jetzt fiel es ihm auf einmal wieder ein. »Teufel!« sagte er, »das ist eine schöne Dummheit!« Aber er blieb nicht lange besorgt; das war er nicht gewohnt, ebensowenig wie er nachzudenken pflegte. »Ich will mich Moreno völlig eröffnen. Er hat selbst konspiriert, er weiß, wie das ist. Weit entfernt mich zu stören wird er mir helfen.« Als er in den Saal trat, wo der Spanier auf einem Lederbett schlief, weckte er ihn ohne weiteres. »Alle Achtung!« sagte er, »wer hat dir denn die großartige Lagerstätte verkauft? Ich habe sie ja noch gar nicht bei dir gesehen.« »Gewiß hast du sie gesehen. Ich habe sie in Tiflis durch die Bemühungen eines Landsmannes von mir bekommen; du mußt dich doch erinnern, daß du mir bei der Gelegenheit sehr gelehrt und zu meiner großen Überraschung auseinandergesetzt hast, alle Juden im Kaukasus seien spanischen Ursprungs. Aber ich denke, du wirst mich nach einer Mahlzeit und Abendunterhaltung wie die gestern nicht deshalb in aller Frühe wecken, um mit mir ein Examen über die Verfolgungen Philipps II. anzustellen, vor denen die Juden nach Saloniki entflohen, von wo sie nun bis hierher ihre Fühlhörner ausstrecken.« – »Nein, ganz gewiß nicht; aber verzeih mir, ich bin etwas verwirrt. Ich verlasse mich ganz auf deine Treue. Umm Djehan ist meine Base, ich bin entschlossen, sie zu heiraten. Ich will mit ihr in die Berge flüchten. Kurz, ich desertiere und erkläre den Russen den Krieg.« Don Juan sprang in höchstem Erstaunen von seinem Lager auf. »Bist du verrückt?« sagte er zu seinem Gefährten. – »Mein ganzes Leben lang bin ich's gewesen und hoffe es bis zu meinem letzten Atemzug zu bleiben. Aber in diesem Augenblick gedenke ich die edelste, ritterlichste und vornehmste Handlung zu vollführen, die sich nur denken läßt, und ich meine, du wirst mich am wenigsten davon abbringen wollen.« – »Und warum denn das, bitte?« – »Weil du genau dasselbe getan hast, und ich eben diesem Umstand die Ehre verdanke, dein Freund zu sein.« »Aber geh doch! ich sehe nicht die geringste Ähnlichkeit! Ich habe mich in eine Verschwörung eingelassen, weil meine Kameraden es taten, und mich nicht von ihnen getrennt; obenein handelte es sich um meinen rechtmäßigen Fürsten. Was du aber ins Werk zu setzen gedenkst, ist nichts weiter als Brigantentum. Du willst mit Banditen verschwinden, mit einer Luftspringerin – erlaube, daß ich dir das sage; und aus einem vornehmen und liebenswürdigen Manne, der du bist, aus einem glänzenden Offizier, der bestimmt erscheint, in allen Salons mit Auszeichnung behandelt zu werden, gedenkst du dich in eine Art von plumpem Wilden zu verwandeln, der gerade gut genug ist, daß man ihn im ersten besten Waldwinkel über den Haufen schießt.« »Du vergißt, baß mein Vater auch ein solcher plumper Wilder war und gerade so über den Haufen geschossen worden ist, wie du sagst.« – »Lieber armer Freund, nichts liegt mir ferner, als dich kränken zu wollen; aber wenn dein Vater ein solches, gewiß nicht beneidenswertes Ende genommen hat, so brauchst du doch noch nicht ln voller Absicht auf dasselbe auszugehen. Hör' zu, Assanoff, wir wollen einmal vernünftig reden, wenn es geht! Dein Vater war ein Wilder? Gut! aber du für dein Teil bist keiner. Was ist denn so Schlimmes daran? Die Menschen können sich doch nicht von Geschlecht zu Geschlecht alle einander gleichen. Soll ich dir sagen, wie du mir vorkommst?« – »Sprich nur frei heraus.« – »Lachen könnt' ich über dich, denn wenn du so fortfährst, wirst du einfach lächerlich.« Der Ingenieur errötete tief. Die Furcht vor der Lächerlichkeit machte ihn bestürzt. Dennoch hielt er stand: »Lieber Freund, Umm Djehan wird gleich erscheinen. Du kannst dir denken, daß ich sie nicht wieder heimschicken werde. Gedenkst du mich andernfalls zu verraten? Lächerlich oder nicht, der Wein ist abgezapft und will getrunken sein.« Darauf setzte er sich, begann zu pfeifen und schenkte sich aus einem Fläschchen, das zur Hand stand, ein Glas Branntwein ein. Moreno sah ein, daß er ihn nicht vor den Kopf stoßen dürfe. Er hörte daher auf, in ihn zu dringen, und beschäftigte sich, meist schweigend, mit seiner Morgentoilette. Assanoff seinerseits war auch nicht besonders redselig und unterbrach seine Träumerei nur hin und wieder durch ein paar nichtssagende, nebenbei hingeworfene Worte. Er war recht verlegen geworden. Der Widerspruch seines Freundes machte ihn befangen, und obenein fand er selbst, nun er wieder bei kaltem Blute war, seine Pläne nicht mehr so leicht ausführbar oder vielmehr ihre Ausführung nicht mehr so wünschenswert, wie sie ihm in jenem Augenblick der Begeisterung und Erregung erschienen war; und dann: Umm Djehan hatte auf sein Gemüt den lebhaftesten Eindruck gemacht, zum Teil auf Grund ihrer Verwandtschaft mit ihm, noch mehr durch ihre Schönheit, und am meisten durch die Eigenart ihrer Persönlichkeit; aber sie heiraten! Ehrlich gestanden fand er sie doch recht rückständig, so perfekt sie auch im Französischen sein mochte. In Wahrheit stand die Sache so, daß der arme Assanoff weder Russe noch Wilder noch zivilisierter Mensch war, sondern von allem nur etwas, und die bedauernswerten Wesen, die das Leben in Übergangszeiten und -ländern derartig verbildet, sind sehr unvollkommene und elende Geschöpfe, die mehr zu Laster und Unglück als zu Tugend und Glück bestimmt erscheinen. Um seine Gedanken anzuregen und einen Ausweg ausfindig zu machen, begann er zu trinken, und nach einigen Gläsern verfiel er auf ein Mittel, um der augenblicklich größten Verlegenheit, der bevorstehenden Ankunft Umm Djehans, zu entrinnen. Das Mittel war höchst einfach; es bestand lediglich darin, daß er, während Moreno ihm gerade den Rücken kehrte, seine Mütze nahm und so die Aufgabe, mit seiner Base, die er eben erst so plötzlich zu seiner Reisegefährtin, Genossin und Braut gemacht hatte, alles nach bestem Vermögen ins reine zu bringen, seinem treuen Freunde überließ. Als es Mittag schlug, hatte Umm Djehan bereits ohne Schwierigkeit ihre Wohnung verlassen können, da die Tänzerinnen, endlich mit Gottes Hilfe heimgekehrt, nichts Eiligeres und Notwendigeres zu tun gehabt hatten, als ihrem Ruhebedürfnis nachzukommen und sich zu Bett zu legen. Durch entlegene Straßen war Umm Djehan, nach Art tatarischer Frauen verschleiert, zum Posthaus gelangt und hatte leise an die Eingangstür geklopft. Assanoffs Ordonnanz öffnete ihr; schnell und ohne ein Wort zu sagen, schritt sie an dem Soldaten vorbei, und dieser, der annahm, daß die Offiziere die Frau erwarteten, dachte gar nicht daran, irgendwelche Frage an sie zu richten. So trat die Tänzerin in den Saal, wo Moreno gerade beschäftigt war, für die in einer Stunde bevorstehende Abfahrt seinen Koffer zuzuschnallen. Er erhob bei dem Geräusch seine Augen, erblickte das Mädchen und sah sich unwillkürlich nach Assanoff um. Zur Verwirrung ließ ihm Umm Djehan keine Zeit. »Herr,« sagte sie zu ihm, »ich komme her, den Leutnant Assanoff aufzusuchen. Er wird Ihnen gesagt haben, daß ich seine Base bin, und da er unzweifelhaft eine vertrauensvolle Seele ist, so hat er gewiß auch hinzugefügt, daß ich seine Braut bin. Er scheint abwesend zu sein, und so erlauben Sie mir wohl, auf ihn zu warten.« – »Fräulein,« erwiderte Moreno kühl, bot aber trotzdem der Neuangekommenen einen Stuhl an, »Sie haben recht, Assanoff ist wirklich vertrauensvoll, ich weiß, daß Sie seine Base sind, oder wenigstens, daß er es glaubt. Was aber die Brautschaft anbetrifft und alle ihre Folgen, von denen Sie nicht reden, so ist es damit noch nicht so weit und ich muß Sie bitten, Ihre Pläne zu ändern.« »Und warum?« – »Sie würden Assanoff zugrunde richten und obenein nicht einmal einen Vorteil davon haben.« Umm Djehan nahm eine feindselige Miene an. »Wer sagt Ihnen denn, daß ich einen Vorteil dabei suche? Hat Assanoff Sie beauftragt, in dieser Weise mit mir zu sprechen?« Moreno fühlte, daß er sich von seinem Eifer nicht hinreißen lassen dürfe. Er brach daher, um in der Fechtersprache zu reden, den Waffengang ab und suchte eine andere Angriffsstelle. »Sehen Sie, Fräulein, Sie sind keine alltägliche Persönlichkeit, und man braucht Sie nicht lange zu sehen, um in Ihren Zügen Ihre ganze Seele zu lesen. Lieben Sie Assanoff?« – »Ganz und gar nicht.« Aus ihren Augen leuchtete Verachtung. »Was wollen Sie denn aus ihm machen?« – »Einen Mann. Er ist ein Weib, ein Feigling, ein Trunkenbold. Er glaubt alles, was man ihm sagt, und ich kann mit ihm anfangen, was ich will. Wie soll ich ihn denn lieben können? Aber er ist meines Oheims Sohn, der einzige Verwandte, der mir noch geblieben ist, ich dulde nicht länger, daß er sich ehrlos wegwirft; er soll mich zu sich nehmen, ich werde sein Weib; wen soll ich denn heiraten, wenn nicht ihn? Ich werde ihn von seinem schändlichen Wandel abbringen, ihm dienen und ihn behüten, und fällt er, so fällt er als ein Tapfrer im Kampf mit den Feinden seines Hauses, und ich werde ihn rächen.« Moreno war einigermaßen erstaunt. Er hatte Verwandte in der Berggegend von Barcelona, aber nie war ihm eine Catalanin noch auch ein Catalane von der Tatkraft dieses zierlichen Mädchens vorgekommen. Hätte er ein würdiges Gegenstück zu ihr finden wollen, er hätte bis in die Tage der Almogavaren zurückgreifen müssen; aber so weit zu suchen, fehlte ihm die Zeit. »Ich bitte Sie, Fräulein, seien Sie nicht so aufgeregt. Assanoff hat es nicht verdient, daß Sie in solchem Tone von ihm sprechen. Er ist ein Ehrenmann, und Sie werden ihn nicht auf Abwege bringen.« – »Wer sollte mich daran hindern?« – »Ich!« – »Sie?« – »Allerdings!« – »Wer sind Sie denn überhaupt?« – »Juan Moreno, ehemals Leutnant bei den Segovia-Jägern, jetzt Kornett bei den Imerethi-Dragonern, groß als Verehrer der Damen, aber auch verzweifelt starrköpfig.« Er hatte noch nicht ausgesprochen, als er plötzlich, kaum einen Zoll von seiner Brust, eine Klinge aufblitzen sah. Unwillkürlich griff er zu und hatte noch eben Zeit, Umm Djehans Handgelenk zu fassen, als ihm das scharfe Messer schon ins Fleisch fuhr. Er verdrehte seiner Gegnerin den Arm, ohne sie loszulassen. Sie ließ die Waffe trotzdem nicht fallen und sah ihn mit Tigeraugen an – er sie mit Löwenaugen, denn der Zorn war in ihm lebendig geworden, und er drängte sie heftig an die Wand. »Na, Fräulein,« sagte er, »was soll denn die Kinderei? Wär' ich nicht, der ich bin, ich würde mit Ihnen genau das machen, worauf Sie hinaus wollen.« – »Was würdest du denn machen?« erwiderte Umm Djehan ungestüm. Moreno begann zu lachen, ließ sie, ohne die geringste Bewegung, die auf die Absicht gedeutet hätte, sie zu entwaffnen, plötzlich los und antwortete: »Küssen würde ich Sie, Fräulein, denn das pflegt den jungen Mädchen zu begegnen, die sich herausnehmen, einen Burschen zu necken.« Bei diesen Worten zog er sein Tuch aus der Tasche und drückte es gegen seine Brust. Das Blut floß stark und befleckte sein Hemd. Der Stich war gut geführt, aber glücklicherweise nicht durchgedrungen; andernfalls hätte Moreno der Länge lang den Boden gemessen, ohne je wieder aufzustehen. Umm Djehan lächelte und sagte mit triumphierender Miene: »Viel hat nicht gefehlt! Ein andermal werde ich sicherer zustoßen.« – »Schönen Dank! Ein andermal werde ich besser auf meiner Hut sein. Übrigens werden Sie einsehen, daß Sie sich Ihre Sache ganz und gar verdorben haben. Komm her, Assanoff, sieh einmal, was das Fräulein Schönes angestellt hat.« Assanoff stand auf der Schwelle; sein Gesicht war karmesinrot, die Augen traten ihm aus dem Kopf. Er kam eben vom Polizeichef, dessen Raki ihm den Rest gegeben hatte, und der Himmel fügte es, daß seine Trunkenheit ihn zu wildem Abscheu gegen Umm Djehan aufstachelte. »Der Teufel soll sie holen, das Fräulein! Was hat sie denn noch angerichtet? Höre, Umm Djehan, sieh zu, daß du mich in Frieden läßt! Was soll ich mit deinen alten Geschichten? Glaubst du etwa, ich werde mich viel um den Kaukasus scheren oder um die Bestien, die drin hausen? Mein Vater, meine Mutter? Sieh, unter vier Augen sage ich's dir: elende Räuber waren sie, und meine Tante gar – o die verfluchte Hexe! Du wirst doch nicht leugnen wollen, daß sie eine Hexe war! Übrigens will ich für mein Teil den nächsten Winter in Paris verbringen! In den berühmtesten Kaffeehäusern will ich speisen, die kleinen Theater will ich besuchen! Du kommst mit, Moreno! nicht wahr, Moreno, du kommst mit! Ja, Brüderchen, laß mich nicht allein! Wir gehen in die Oper! Umm Djehan, hör', komm her, gib mir den Arm! Da wirst du Mädchen sehen, die vom Tanzen schon etwas mehr verstehen als du, weiß Gott! Hör' mal zu! nein, komm näher, ich will dir was sagen: wollen wir zusammen zu Mabille gehen? ... Das muß schon in jeder Hinsicht das aller ...« Es wird behauptet, daß der menschliche Blick mit seiner Festigkeit auf wilde Tiere eine wunderbare Wirkung ausübe, daß er sie erschrecke, zurückweichen und gewissermaßen zu nichts zusammenschrumpfen lasse. Mag das seine Richtigkeit haben oder nicht, Assanoff vermochte jedenfalls die ausdrucksvollen Blicke, die das Mädchen fest auf seine Augen heftete, nicht zu ertragen; er schwieg, dann drehte er sich in der offenbaren Absicht, seinem Unbehagen zu entrinnen, nach rechts und nach links um; kurz, dieser neue Anlaß zur Verwirrung trieb das Durcheinander in seinem Kopf auf den Gipfel: er fiel aufs Bett und rührte sich nicht mehr. Da wandte sich Umm Djehan zu Moreno und sagte kalt: »Sie können zufrieden sein, Herr. Sie sehen ebensowohl wie ich, Ihr Freund ist zur Ausführung der Torheit, die Sie befürchteten, unfähig. Ich gratuliere Ihnen dazu. Er ist doch ein noch zivilisierterer Mensch, als ich gedacht hatte. Er hat eben seinen Vater verleugnet, er hat das Andenken des Weibes, das ihn zur Welt gebracht hat, mit Füßen getreten. Sie haben gehört, wie er seine Familie beschimpfte, und was sein Land in seinen Augen ist, hat er Ihnen nicht verhehlt. Ich verstehe nicht, weshalb der Himmel uns beide beim Untergang unseres Stammes verschont hat, weshalb mir, dem Weibe, das Herz in der Brust schlägt, das er hätte haben sollen, und ihm die Feigheit gegeben worden ist, die mich nicht beschimpft hätte. Aber die Dinge sind nun einmal so und lassen sich nicht ändern. Gott ist mein Zeuge! Seit ich mich selbst kenne, habe ich immer nur einen Wunsch gehabt: ihn zu sehen, der dort hingestreckt liegt wie ein unreines Tier! Ja! Gott weiß es! Da ich wußte, er sei am Leben, habe ich mir im größten Leid immer und immer wiederholt: Noch ist nicht alles verloren! Er lebt, Murad! Er wird kommen und mir helfen!... Ich gedenke vor allem an eine der elendesten Nächte meines elenden Lebens; ich saß allein im tiefen Wald, zwischen Baumwurzeln: seit zwei Tagen hatte ich nichts gegessen als ein Stück verdorbenen Zwiebacks, das Soldaten am Rand ihres Lagers fortgeworfen hatten; es war Winter; der Schnee rieselte auf mich nieder. Ich befragte meinen Rosenkranz, und sein untrüglicher Spruch wiederholte mir: Du wirst ihn wiedersehen! du wirst ihn wiedersehen! Und in der fürchterlichen Tiefe meines namenlosen Elends hielt diese Hoffnung mich aufrecht. Alle Tage sagte ich mir seitdem: Ich soll ihn wiedersehen? Aber wo? aber wann? Das Istichara sagte mir, es werde bald, es werde hier geschehen. Da bin ich hierher gekommen. Gestern ward mir von neuem Kunde. Nun war ich sicher, daß der Augenblick kommen werde, und in der Tat, ich hab' ihn gesehen, hier ist er. Sie sehen ihn ja auch. Sie sind Europäer, Sie sind ohne Zweifel stolz darauf, was Ihre Landsleute aus ihm gemacht haben; mir, die ich nichts als eine Barbarin bin ... mir werden Sie gestatten müssen, anderer Meinung zu sein. Behalten Sie ihn denn! Er wird nicht unter den Kriegern seines Volkes mit mir weilen, er wird nicht zum Kampf eilen, um sein Land zu rächen, ich will auch nicht mehr reden, um ihn frei zu machen, denn ich weiß nun, daß es nicht mehr möglich ist. Er wird seine Base, die einzige, die letzte Tochter seines Stammes nicht schützen, er wird sie nicht aus Elend und Verzweiflung emporziehen. Nein! Nein! Nein! Wieder hinein stößt er sie! Leben Sie wohl, Herr, und wenn der Fluch eines schwachen Weibes, das Ihnen nie etwas zuleide getan, in der Wage ihres Schicksals einiges Gewicht haben sollte, so möge er alles aufwiegen, was...« »Nein, Umm Djehan, nein! Verfluchen Sie mich nicht! Verzeihen Sie die bösen Worte, die ich Ihnen zu hören gegeben – ich kannte Sie nicht. Jetzt, wo ich weiß, wer Sie sind, gäbe ich viel darum, wenn ich Ihnen helfen könnte. Kommen Sie, liebes Kind, setzen Sie sich nieder. Sprechen Sie zu mir wie zu einem Bruder. Ich glaube wie Sie, wir leben in einer übeln Welt, und, mag sie barbarisch oder kultiviert sein, auch das Bessere von beiden ist nicht viel wert. Haben Sie irgendwelchen Bedarf? Kann Ihnen Geld helfen? Ich habe selbst nicht viel; aber da, nehmen Sie den Rest. Um jeden Preis möchte ich Ihnen dienen können. Sie sehen mich an! Ich lege Ihnen keine Schlinge. Und sehen Sie – was den armen Assanoff angeht, hätte ich ihn nicht Ihnen abwendig gemacht, er würde es selbst gemacht haben. Sie kennen jetzt seine Art. Was könnten Sie von ihm erwarten?« – »Sie für Ihren Teil betrinken sich also nicht?« fragte Umm Djehan im Ton einer gewissen Überraschung. »In meinem Lande ist das nicht üblich,« erwiderte er. »Aber sprechen wir doch von Ihnen! Was soll aus Ihnen werden? Was gedenken Sie zu tun?« Sie heftete ihre Augen für einige Sekunden auf die Morenos und sagte: »Lieben Sie in Ihrem Lande ein Weib?« Don Juan erblaßte leicht, wie wohl ein Verwundeter tut, wenn man unversehens das offene Fleisch berührt; er erwiderte jedoch: »Ja, ich liebe ein Weib.« – »Lieben Sie es sehr?« – »Von ganzer Seele!« Umm Djehan raffte ihren Schleier zusammen, hüllte ihn um ihr Gesicht und schritt der Türe zu. Dort blieb sie einen Augenblick auf der Schwelle stehen, wandte sich zu Moreno um und sprach mit all der Feierlichkeit, welche die Asiaten in solche Worte zu legen wissen: »Der Segen Gottes sei über ihr.« Der Offizier war bis ins tiefste Herz ergriffen. Umm Djehan war verschwunden. Assanoff schnarchte wie ein Murmeltier. Die Ordonnanz meldete, daß angespannt sei und der Tarantas warte; man brachte den Ingenieur in den Wagen, und in gestrecktem Galopp verließen die beiden Freunde Schemacha. Bald verlor sich die kleine Stadt hinter ihnen in den Staubwolken, die ihre vier Räder ungestüm aufwirbelten. Die Landschaft vor und hinter Schemacha, nach Baku zu, ist von eigentümlicher Größe und Majestät. Sie bietet nicht mehr gerade den im Kaukasus gewöhnlichen Anblick. Dort Mengen von schroffen Felswänden, Wälder voll Dunkel und Schrecken, Täler, in denen die Sonne sich kaum zu verweilen getraut; gewaltige Gießbäche, die sich in breiten Fällen auf riesige Felsen stürzen, im Kampf mit deren Massen hoch aufschäumen und sich in reißende Ströme verteilen; Engpässe von erstickender Schmalheit; Schluchten wie die des Suram, die mit ihren schwindelerregenden Abhängen und Höhen an Märchenschilderungen erinnern; endlich, mitten zwischen allem, träge fließende Gewässer, und diese eben sind es, die den Übergang vermitteln zwischen den bedrückenden Bildern des Gebirgs und demjenigen, welches das große Tal nach Baku zu darbietet. Hier findet sich umgekehrt weiter Raum, reichliche helle Luft und klares Licht; der Boden ist tonig, im Sommer staubt es, aber der Staub ist fein, fast unmerklich und doch erstickend; der Winter bringt statt dessen tiefen Schmutz, in dem auch die leichtesten Troikas bis zu den Radnaben versinken; zur Rechten wie zur Linken laufen die fernen Bergreihen neben der Fläche her: das Ganze wirkt schon wie ein Vorläufer der großen Täler, der großen Bergketten, der endlosen Ausdehnungen in Persien. Moreno war von seinem unerwarteten Zusammentreffen mit der Tänzerin, besonders aber von der Vorstellung, die er sich von ihr machte und der Art, wie er sie zu verstehen suchte, derartig ergriffen, daß er gegenüber der großartigen Szenerie, die der Wagen mit seinen vier Rossen durcheilte, fast unempfindlich blieb und sich in seine Gedanken verlor. Die Brustwunde fuhr fort, einigermaßen zu schmerzen; das Fleisch war stark aufgerissen. Don Juan hatte sich nach Möglichkeit verbunden, aber die schmerzliche Empfindung, die heftige Erschütterung, wodurch die junge Lesghierin dem Offizier gewissermaßen in einem einzigen Augenblick beigebracht hatte, wer sie sei, und die Erinnerung, die er an sein Zusammentreffen mit ihr forttrug, ließen in die Gedanken, die er daran knüpfte, nichts Bitteres sich hineinmischen, und so war Morenos Endurteil ebenso gesund wie gerecht. Vielleicht hätte ein Deutscher, ein Nordländer, Mühe gehabt, sich solch einen Charakter zu erklären, den ein Spanier dagegen als dem seinen verwandt empfinden konnte. Umm Djehan, das unglückliche Mädchen, war in ihrem ganzen Leben keinen Augenblick über den Eindruck hinweggekommen, den ihr die Einnahme des Aul gemacht hatte. Beständig hatte dies Schauspiel vor ihren Augen gestanden und stand noch davor; immer noch sah sie die Flammen, die ihr Haus verzehrten, die Leichen der Ihren, wie sie übereinandergestürzt dalagen, die wilden und erbitterten Gesichter der Soldaten; immer noch gellten in ihren Ohren die Schreie der Not und Verzweiflung, das Knattern der Gewehre, der wilde Lärm der Sieger. Die Fürsorge, die ihr während ihrer Kindheit in der Familie der Generalin zuteil geworden, hatte sie durchaus nur dahin verstanden, daß sie in Mörderhände gefallen sei; sie betrachtete sich nicht nur als Sklavin, sondern sogar als gedemütigte Sklavin, und der Überschwang, mit dem ihre Beschützerin, sonst eine vortreffliche Frau, jedem neuen Besucher die wahrhafte Geschichte der kleinen Lesghierin erzählte, sicher nur in der Absicht, das Kind dadurch interessant zu machen, verfehlte niemals, auf Umm Djehan den Eindruck der ungeheuersten Beschimpfung zu machen. Sie sah darin nichts als Ruhmredigkeit und Anmaßung der Sieger. Sie zu unterrichten machte viel Mühe, obwohl sie, wie alle Asiaten und besonders die Angehörigen ihres Volkes, eine erstaunliche Auffassungsgabe besaß; als sie aber nach und nach merkte, daß Wissen für ein Verdienst galt und die Töchter der Generalin, die viel weniger gut und leicht lernten, bei jedem Erfolge, den sie erzielte, ausgezankt wurden und weinten, hatte sie ihre Bemühungen verdoppelt und bekundete große Freude daran, ihnen diese Unannehmlichkeit öfter zu verschaffen. Vorübergehend hatte sie sogar einen Gedanken von viel stärkerer Tragweite gefaßt. Da sie keinen Augenblick bezweifelte, daß die Russen, gegen die sie in ihrem kleinen Herzen ebensoviel Verachtung wie Haß trug, alle ihre Erfolge lediglich der Hexerei zu verdanken hätten, und daß die Geheimnisse solcher Hexerei gewiß nirgends anders zu finden seien als in den Büchern, aus denen man so viel Wesens machte, so hatte sie sich vorgesetzt, eine Zauberin zu werden. Aber so eifrig sie auch alles las, was ihr in die Hände fiel, leider fand sie nichts darin, was sie zum Ziel geführt hätte, und so sank ihr der Mut. Trotzdem zweifelte sie nie, daß feindliche Zauberkräfte bei allen ihren Angelegenheiten im Spiel seien; denn dem Geist und dem Herzen nach blieb sie durchaus Lesghierin, und die Richtung ihrer Gedanken änderte sich ebensowenig wie die ihrer Neigungen. Wie sie Assanoff gesagt hatte, wußte sie in der Tat von jeher, daß er dem Blutbad entronnen sei und in der Kadettenschule erzogen werde. Von dem Augenblick an hatte sie in ihm ihren künftigen Gatten gesehen; nach ihrer Denkweise durfte sie gar keinen andern wählen. Um diesen einen Punkt hatten sich all ihre Träume gedreht; alle ihre Entschließungen waren, soweit sie nicht aus Leidenschaft und Haß hervorgingen, deren sie nie völlig Herr war, immer nur auf das eine Hauptziel gerichtet, mit ihrem Vetter wieder zusammenzutreffen. Sie war viel zu mißtrauisch, um sich irgendwo anders Rats zu erholen als beim Istichara, aber dafür war ihr Vertrauen zu den Orakelsprüchen ihrer Rosenkranzperlen auch grenzenlos. Als sie, um leben zu können, Tänzerin geworden war, hatte sie darin nicht die allergeringste Erniedrigung gesehen; die Tänzerinnen von Schemacha genießen eines Rufes, der dem Ruhm sehr nahe kommt; zudem sind überhaupt die Frauen in Asien, ob sie nun auf der sozialen Leiter hoch oder tief stehen mögen, gesellschaftlich nichts; sie können alles anfangen; sie sind eben, ob Kaiserin oder Sklavin, Frauen und bleiben Frauen, und so können sie alles sagen und alles tun, ohne für ihr Reden und Handeln vor dem Richterstuhl der Vernunft und Billigkeit weiter verantwortlich zu sein; sie haben einzig mit der Leidenschaft zu rechnen, die sie, je nachdem, verschlingt, vernichtet oder krönt. Umm Djehan war weit davon entfernt, lasterhaft zu sein; sie war vollkommen keusch und rein; aber ebensowenig war sie auch tugendhaft, weil sie auf den Antrieb irgendwelcher Neigung hin sofort auf ihre Reinheit verzichtet hätte, ohne Kampf und Widerstand, ja sogar ohne das geringste Gefühl des Unrechts. Trotzdem erschien es ausgeschlossen, daß sie zugunsten eines Franken ihre Zurückhaltung aufgeben werde; ihre Abneigung gegen diese Rasse war zu stark. Gregor Iwanitsch, der »Feind des Geistes«, hatte allerdings einen Augenblick geglaubt, an der jungen Tänzerin ein lebhaftes Wohlgefallen zu finden und natürlich auch nicht das geringste Bedenken getragen, ihr dies zu bekunden; und wenn auch für sie eine Gefahr von seiner Seite nicht vorhanden war, so hatte die Sache doch zur Folge gehabt, daß ihre Lehrerin Schönheitglanz sie mit einer Reihe von guten Ratschlägen und einschmeichelnden Reden, und zwischendurch mit Worten des Tadels und Vorwürfen bedachte, die sich freilich in Rücksicht auf die Furcht, die Umm Djehan jedem Nähertretenden einflößte, in maßvollen Grenzen hielten. Das Mädchen widerstand, weil es Assanoff erwartete und das Istichara ihm fester und fester versprach, er werde bald kommen. Nur um des lieben Friedens willen hatte sie ihre Zustimmung dazu gegeben, daß sie an den alten Kaïmakam in der Gegend von Trapezunt als Sklavin oder als Frau, was ein und dasselbe bedeutet, verkauft werden sollte. So gewann sie Zeit und machte sich gar kein Bedenken daraus, gegebenenfalls noch in letzter Stunde ihr Wort zu brechen. So war Umm Djehan; so war sie bisher gewesen, ein armes, tiefunglückliches und beklagenswertes Geschöpf, obwohl sie über ihr eigenes Schicksal nicht weinte und niemandes Mitleid beanspruchte. Wie schon gesagt, verstand Moreno das Wesentliche dieser Lage sehr wohl. Assanoff erwachte nach ein paar Stunden endlich. Er wurde bald brummig und unangenehm, nahm Umm Djehans Namen nicht in den Mund, gedachte der Vorgänge in Schemacha nicht mit dem leisesten Wort und verfiel schließlich in eine solche geistige und körperliche Abspannung, daß Moreno Mitleid mit ihm hatte. Er merkte wohl, daß in dem Herzen des Tataren zwischen Trieben und Neigungen, Gewohnheiten und Schwächen, Zugeständnissen und Gewissensbissen ein furchtbarer Kampf tobte, in dem keine der streitenden Mächte sich kraftvoll genug erwies, um den Sieg zu erringen. So ging die Reise sehr betrübt zu Ende, und auch der spanische Verbannte begann, von dem Zustand, in dem er seinen Freund sah, angesteckt, das Leben unerträglich zu finden. Als der Wagen endlich in Baku einfuhr, machte ihn der erste Anblick der Stadt nicht froher. Das Kaspische Meer, diese geheimnisvolle düstre Fläche, die noch ungastlicher erscheint, als die europäischen Ufer, die ein Drittel von ihr begrenzen, reichte mit seinen bleifarbenen Wogen, über denen ein grauer, drückender Himmel stand, bis an den fernen Horizont. Es hatte eben geregnet; die Straßen und Wege lagen drei Fuß tief in gelbem Schlamm, einem außerordentlich zähen Schlamm, aus dem Wagen, Menschen und Tiere nur mit Mühe herauskamen. Die Vorstädte mit ihren Holzhäusern russischer Art, ihren Regierungsmagazinen, ihren Schuppen und Fabriken, aus deren hohen Schornsteinen der Steinkohlenrauch bis zum Himmel emporstieg, waren von einer halb aus Tataren, halb aus Soldaten bestehenden Menge belebt. Hin und wieder ging eine europäisch gekleidete Dame vorüber, deren Hut an westliche Moden wenigstens erinnerte. In der alten Festungsmauer der ehemaligen tatarischen Fürstenresidenz stand noch das kleeblattförmige Tor, und als der Wagen hindurchfuhr, verfolgten ihn eingeborene Betteljungen, die das Rad schlugen und mit kläglichem Geheul auf französisch schrien: »Geben Sie Geld, Monsiou! Bandalun!« Das sollte bedeuten, baß man sie nicht nur mit Geld bedenken, sondern ihnen obenein auch noch eine Hose ( pantalon ) bewilligen dürfe. Derartige Bildung verbreiten dort lustige junge Offiziere mit großer Freigebigkeit. In den engen Straßen der Stadt, wo die meisten Häuser noch nach alter Art gebaut sind, bemerkt man zwischen zahlreichen Firmenschildern russischer Kaufleute und Handwerker auch solche mit Aufschriften wie: »Bottier de Paris,« »Marchande de Modes.« Allerdings vermag solche Spekulation auf die Leichtgläubigkeit kaum wirklich zu täuschen, und was man in diesen Läden kauft, ist derartig, daß auch der ärgste Hinterwäldler über die Herkunft der Waren kaum in Zweifel sein kann. Einmal angekommen, ward Assanoff durch die Bewegung endlich etwas abgelenkt. Er rüttelte sich empor und zeigte wieder seine frühere Laune; mit andern Worten: er lebte wieder auf. Moreno seinerseits ward seinem Obersten vorgestellt, von den Kameraden wohl aufgenommen und von den Europäern gefeiert, und da er unter dem Zwang der Notwendigkeit stand, war er darauf bedacht, weniger als bisher zurückzuschauen. Nach Verlauf von drei Monaten hatte er seine Leutnantsepauletten wieder. Er nahm an einer Expedition teil, tat dabei wacker seine Pflicht und wurde Rittmeister. Der Soldat hat seine besondere Art, das Leben anzusehen: verspräche man ihm das Paradies für den Verzicht auf seine Anziennität und die Hölle für eine höhere Charge, so würde kaum einer zaudern; und wenn doch der und jener die Gegenwart Gottes vorzöge, so würde er die ganze Ewigkeit damit zubringen, sein Opfer zu bejammern. Trotzdem ließ Don Juan seine Herzenswünsche mehrere Jahre lang noch nach Spanien schweifen. Seine Liebe verursachte ihm allerdings nicht mehr die quälende Pein wie in den ersten Monaten; sie ward zu einer zarten Gewohnheit, zu einer melancholischen Stimmung, von der seine Seele gewissermaßen durchsättigt war. Er schrieb häufig und erhielt auch Antwort; die Liebenden hofften nach bestem Können auf das Ende ihrer Trennung. Als die Politik die Streitaxt begrub, die das Herzensband zerschnitten hatte, mußten sie bald einsehen, daß es Moreno seine materiellen Lebensbedingungen nicht gestatteten, den Kaukasus zu verlassen, da er nichts besaß als seinen Sold und einen neuen Beruf nicht mehr ergreifen konnte, und die junge Frau war auch nicht reich genug, um sich mit dem Geliebten wieder vereinen zu können. So blieb alles, wie es war. Keiner von beiden verheiratete sich; nach und nach hörten sie auf, sich völlig unglücklich zu fühlen; aber glücklich wurden sie nie. Lange vor der Zeit, von der wir hier reden, kam Moreno eines Nachts nach einer Abendgesellschaft beim Generalgouverneur ziemlich spät nach Hause und sah von fern in der einsamen Straße, die an dem ehemaligen, jetzt in ein Pulvermagazin verwandelten Palast des Tataren-Chans vorbeiführt, eine weibliche Gestalt, die mit ihm in gleicher Richtung ging. Es war Winter, kalt, der Schnee bedeckte die Erde mehrere Zoll hoch, alles war gefroren, und die Nacht war finster. Moreno sagte sich: Wer kann dies unglückliche Wesen sein? Der Rittmeister hatte viel Elend und Unglück in nächster Nähe gesehen; auch sein eigenes Dasein war nicht heiter gewesen. Unter solchen Umständen wird der Mensch entweder schlecht oder besonders wacker: Moreno war wacker geworden. Soweit es die Finsternis gestattete, verfolgten seine Augen mitleidsvoll jenes Geschöpf, wie es so ganz allein daherschritt; und da er zu bemerken glaubte, daß sie innehielt und schwankte, beschleunigte er seine Schritte, um sie zu erreichen und ihr zu helfen, als er plötzlich mit äußerstem Erstaunen gewahrte, daß sie gerade vor seiner Tür stillstand und gleichzeitig hinter ihm eilige Schritte ertönten. Er wandte sich um und erkannte sofort den Duchoborzen. Gregor Iwanitsch war barhäuptig, ohne Pelz und bewegte sich so eilig vorwärts, wie es seine stark angewachsene Leibesfülle ihm nur erlaubte. Moreno glaubte, und zwar mit Recht, daß der »Feind des Geistes« die Frau einholen wolle, und der Gebanke kam ihm, es könne dies in böser Absicht geschehen. Er ergriff ihn daher am Arme und rief laut: »Wohin wollen Sie?« – »Herr Rittmeister, ich muß Sie bitten, halten Sie mich nicht auf. Das arme Mädchen ist ausgerissen.« – »Wer? Von welchem Mädchen reden Sie?« – »Zu Auseinandersetzungen ist jetzt keine Zeit, Herr Rittmeister; aber wo Sie gerade hier sind, helfen Sie mir doch, sie zu retten. Vielleicht ist es noch möglich, ach! und wenn irgend jemand sie beruhigen kann, so sind gewiß Sie es!« Er zog Moreno mit sich fort. Dieser ließ ihn, erstaunt wie er war, gewähren, und als er nur noch einige Schritte von seinem Hause entfernt war, sah er mit Schrecken, wie die Frau die Hände gegen die Tür streckte, um sich aufrecht zu erhalten, und dabei schwankte; im nächsten Augenblick mußte sie über die Schwelle stürzen; er fing sie auf, umschlang sie mit den Armen und sah ihr ins Gesicht: es war Umm Djehan. Als sie ihn erblickte, verfiel sie in eine Art von elektrischem Krampf, der ihr für einen kurzen Augenblick blitzartig neue Kraft gab; sie warf die Arme um seinen Hals, küßte ihn heftig und sagte nichts als das eine Wort: »Lebewohl!« Dann lösten sich ihre Arme, und sie ließ sich zurückfallen; bestürzt sah er sie an, und wirklich, er sah, daß sie tot war. In eben dem Moment kam auch Gregor Iwanitsch hinzu und half ihm, den leblosen Körper aufrecht zu halten. Moreno wollte ihn in seine Wohnung tragen. »Nein,« sprach der »Feind des Geistes« kopfschüttelnd, »das arme Kind ist bei mir krank gewesen, ich werde sie daher auch beerdigen lassen, und auf meine Kosten soll sie begraben werden. Nun ist sie tot; sie hat mich nicht geliebt! aber ich wollte ihr wohl, und das ist genügend Grund dafür, daß ich mich als ihren einzigen Verwandten betrachten darf.« – »Was ist denn eigentlich geschehen?« fragte Moreno. – »Wenig genug. Sie hat nicht verkauft werden wollen, sie hat nicht nach Trapezunt gewollt; sie hat sich geweigert zu tanzen, und was noch nie geschehen war, was man noch nie an ihr gesehen hatte, Tage und Nächte verbrachte sie mit Weinen, sie zerschlug sich die Brust und zerriß sich das Gesicht mit den Nägeln. Schönheitglanz wußte nicht mehr, was sie mit ihr anfangen sollte und hatte große Lust, sie loszuwerden. Da sagte ich für mein Teil zu Umm Djehan: Meine Tochter, du bist auf falschem Weg, und zwar verdreht dir offenbar der Geist den Kopf. Laß doch die dummen Gedanken! Trink', lach', sing', unterhalte dich und laß deinen Launen die Zügel schießen; du bist jung, du bist hübsch, du erregst Bewunderung und tanzest wie eine Fee; der General sogar wird dir zu Füßen liegen, wenn du willst. Warum willst du eigentlich nicht? Sie antwortete mir: Weil ich liebe, ohne wieder geliebt zu werden! Mehr konnten wir von ihr nie erfahren. Ich aber, der ich früher in sie verliebt war, legte jetzt kein Gewicht mehr darauf, sondern nahm sie in aller Freundschaft und führte sie auf meinen Pachthof, worin sie auch willigte. Ich pflegte sie, ich suchte sie zu zerstreuen – aber was denken Sie? vor lauter Weinen fing sie schließlich an zu husten, und ich ließ einen Arzt holen. Der erklärte, daß sie sich sehr schonen und Kälte vermeiden müsse. Wissen Sie, was sie getan hat? Hingegangen ist sie und hat sich im Schnee gewälzt! Ja! der Geist! der Geist! Reden Sie mir nur von dem nicht! Aber ihr seid ja alle blind, ihr Heiden! Endlich, vor drei Tagen, hat sie mir wahrhaftig gesagt, was ich Ihnen jetzt erzählen will; es ist der barste Unsinn, aber trotzdem, es sind genau ihre eigenen Worte. Sie sagte zu mir: Führe mich nach Baku. Was willst du denn dort? antwortete ich. Sterben, erwiderte sie. Der Jammer schnürte mir die Kehle zu, und ich erwiderte hart: Hier läßt sich' s gerade so gut sterben wie in Baku. Nein! Ich will auf der Türschwelle des Rittmeisters Moreno sterben. Ich glaubte, sie rede im Wahnsinn; nie hatte sie Ihren Namen ausgesprochen; nie, sage ich Ihnen, nicht ein einziges Mal. Aber sie ward böse und erwiderte mir zornig: Verstehst du mich nicht? Wenn sie sich ärgerte, kam ihr Blut aus dem Munde, und sie hatte dann stundenlang zu leiden. Ich gab also nach. Nun schön! Gehen wir also! Wir sind hierher gekommen. Sie hat mich eben nach Hilfe geschickt mit der Versicherung, daß sie sich schlechter fühle, was leider nur zu wahr war; und während ich ihr gehorchte ... Sie sehen ja selbst.« Ein Schluchzen schnitt dem armen Teufel die Stimme ab. Moreno empfand einen tiefen Kummer. Das war freilich nicht vernünftig. Das größte Glück, das Umm Djehan begegnen konnte, war ihr eben zuteil geworden. Was hätte im Leben aus ihr werden sollen? Wäre sie eine wahrhafte und treue Lesghierin geblieben, der Verlust Assanoffs und ihrer Jugendträume hätte ihre Seele nicht gebrochen; sie hatte viel gelitten, sie würde auch weiterhin zweifellos noch gelitten haben, aber ihr befriedigter Stolz und ihr gesichertes Selbstbewußtsein hätten sie bis zum Ende aufrecht erhalten, und ob sie nun weiterhin durch den Zauber ihrer Tanzkunst die Kenner von Schemacha entzückt oder dem weltfremden Harem des alten Kaïmakam den Vorzug gegeben hätte, sie hätte jedenfalls ein hohes Alter erreichen und wie die Frauen der alten Patriarchen am Lebensabend in einen friedlichen und ehrenvollen Tod hinüberdämmern können. Aber auch sie war schließlich den Göttern der Heimat untreu geworden. Sie hatte sich dagegen gesträubt, sich dagegen empört und war als Opfer dieses ihres Widerstandes tapfer gefallen: aber trotzdem bleibt es nicht minder wahr, im Grund ihres Herzens war sie schwach geworden: sie hatte einen Franken geliebt! Als Moreno Assanoff die ganze Geschichte erzählte, ward der zivilisierte Tatar davon aufs äußerste ergriffen; acht Tage lang wurde er nicht nüchtern, und wo man ihn auch traf, sang er die Marseillaise. Später beruhigte er sich.   Nachwort Der Verfasser der »Asiatischen Novellen« trat in seinen letzten Lebensjahren in den Freundeskreis Richard Wagners, dem er durch seine Gesinnung längst innerlich verbunden war. Als er starb, brachten die »Bayreuther Blätter« einen Nachruf, dem hier das Wichtigste über Leben und Schaffen des Grafen Gobineau entlehnt sei. Im Jahre 1816 geboren, einem alten französischen (aus Norwegen eingewanderten) Geschlechte entstammt, verbrachte Joseph Arthur Gobineau seine Kindheit zum Teil in der Schweiz, seine erste Jugend in der Bretagne bei seinem Vater, welcher, wie der Sohn vertraulich es ausdrückte, an Voltaire als Teufel, an Karl X. als Heiligen, beides mit gleicher Bewunderung, glaubte. Mit dem zwanzigsten Jahre ungefähr wurde er zu einem älteren Bruder seines Vaters nach Paris geschickt; dieser Oheim verbrauchte die ganze dem Geschlechte der Gobineaus eigene ungestüme Energie in politischen Verschwörungen zugunsten der Bourbonen, und war zu einem vollständigen Sonderling entartet, als der Neffe behufs weiterer Ausbildung bei ihm eintraf. Er empfing diesen unter seinem Dache, ohne ein Wort mit ihm zu wechseln, beständig den Kopf in große Zeitungen versteckt, in welchen er die erhofften oder gefürchteten Nachrichten suchte, und ließ ihn durch einen Kammerdiener bewirten, bis nach drei Wochen vollständiger Verlassenheit der Jüngling eines Tages zu ihm trat und ihm erklärte, wenn diese Behandlung fortdauern solle, würde er sich in diesem Hause erschießen, was dem Herrn desselben denn doch nicht angenehm sein dürfte. Der Verschwörer legte diesmal die Zeitung aus der Hand, sah jenen etwas verwundert an, schwieg zwar wieder für den Augenblick und griff wiederum zu seiner papiernen Wehr, bekümmerte sich aber von nun an um den als Seinigen erkannten und vermachte ihm später sein ganzes Vermögen. Die politische Laufbahn des Grafen begann, als seine Partei von ihrem Haupte die Weisung erhielt, wieder in Staatsdienste zu treten: es war dies unter der Republik von 1848. Er wurde Sekretär der französischen Gesandtschaften in der Schweiz, in Hannover, in Frankfurt; dann wurde er abwechselnd mit den Gesandtschaftsposten in Griechenland, Persien (wohin er ein erstes Mal als Gesandtschafts-Sekretär geschickt worden war), Brasilien und Schweden betraut. In Stockholm blieb er bis zum Jahre 1877, wo er infolge der ihn ernstlich anwidernden politischen Verhältnisse seines Vaterlandes gern den plötzlich ihm gekündigten diplomatischen Dienst aufgab. Sein Alter war der vollständigen Heimatlosigkeit preisgegeben; mit seinem Vaterlande in jeder Beziehung zerworfen, wählte er Rom, wohin eine edle Freundschaft ihn zog, zu seinem Aufenthalte. Dorthin lenkte er von neuem seine Schritte, als ihn am 13. Oktober 1882 in Turin der Tod erreichte. Gleich rastlos wie sein äußeres Leben nimmt sich die erstaunliche, die entlegensten Gebiete umfassende geistige Tätigkeit des Grafen aus. Von Richard Wagner einst befragt, wie es ihm angekommen sei, in so früher Jugend so übermäßigen Studien sich zu widmen, wie seine ersten Werke es bekunden, erwiderte Gobineau, er verdanke das einem Lehrer, den er haßte. Dieser wies ihn vorzüglich auf das klassische Altertum, – und ihm zum Ärger und zugleich um den Seinigen zu beweisen, daß nicht Trägheit ihn hierbei bestimmte, wandte er sich von der römischen Welt ab und der orientalischen zu; denn »alles war bei mir persönlich«, fügte er mit Entschiedenheit hinzu. Von diesem Gesichtspunkt darf man demnach die Reihe seiner Arbeiten überblicken, um ihn im Sinne Schopenhauers mit der Bedeutung größten Lobes als Dilettanten, das heißt als einen, der aus freier Neigung seinem Studium sich widmet, aufzufassen. Wohl mag es der Abstand gewesen sein, den er gewiß früh genug zwischen sich und der ihn umgebenden Welt, vielleicht noch unbewußt, empfunden hat, welcher, seinen Forschungssinn weckend, ihn darauf hinwies, die Verschiedenartigkeit der Menschen zu beachten und durch Zeitschichten hindurch zu verfolgen, wobei sein festhaltender Geist es ihm ermöglichte, bestimmte große Linien zu ziehen und zu dem Schluß der unzweifelhaften Überlegenheit der germanischen Rasse zu gelangen. Das große Werk » Essai sur l'inégalité des races humaines « erschien schon im Jahre 1853. Dieses seltenste Beispiel eines Jugendwerkes verriet das Alter seines Autors so wenig, daß einer der wenigen, die es damals gelesen hatten, Herrn von Prokesch-Osten, Gobineau fragte, ob der Verfasser sein Vater wäre. Es gab einen anderen, welcher das Werk beachtete: Schopenhauer. In einer seiner Hauptschriften zitierte er: » L' homme est l'animal méchant par excellence , sagt Gobineau.« Sonst aber dauerte es ein Vierteljahrhundert, bis in der enthusiastischen Aufnahme des Werkes von seiten Richard Wagners der Verfasser einen Lohn und Ersatz für die allgemeine Unbeachtung fand. Dann schrieb Gobineau die »Geschichte der Perser« und die » Réligions et philosophies dans l'Asie centrale « und als Nebenfrucht seines langen Aufenthalts in Persien die » Nouvelles Asiatiques « (1876), vollendete Erzählungen von eigentümlichstem Gepräge, nicht der aus einem fremdartigen Leben geschöpften Stoffe wegen, sondern dank der meisterhaften, mit dem Humor und der Anmut von »1001 Nacht« angehauchten, dabei durchaus originellen Darstellung. In der Einleitung sagt Gobineau: »Mir hat nicht vorgeschwebt, die mehr oder weniger bewußte Unsittlichkeit der Asiaten und den Hang zur Lüge zu schildern, der sie beherrscht. Ich habe dies nicht außer acht gelassen, aber es genügt mir nicht. Es erschien mir geboten, auch anderes nicht im Dunkel zu lassen: hier Heldenmut, dort aufrichtig romantische Gesinnung, hier die angeborene Herzensgüte, dort das grundehrliche Wesen. Bei anderen wieder durfte die bis zum Übermaß gesteigerte Vaterlandsliebe, der vollkommene Edelsinn, die Hingebung und Zärtlichkeit, bei allen aber die unvergleichliche Hemmungslosigkeit und die unwiderstehliche Gewalt der ersten Gemütsregung – sei diese nun gut oder eine der schlimmsten – nicht übersehen werden. Desgleichen wollte ich auch nicht eine einzelne Landschaft schildern. Daher versetze ich den Leser bald in die Gebirgsdörfer der Tscherkessen, bald in türkische, persische oder afghanische Städte, das eine Mal in fruchtbare Täler, das andere Mal in dürre und staubreiche Ebenen ... Die Asiatischen Novellen verfolgen den Zweck, eine gewisse Zahl von Spielarten der asiatischen Denkweise vorzuführen und zu zeigen, worin sich diese Denkweise von der unseren entfernt.« Gobineau will Dichtung auf Grund des Erlebten geben, nicht moralisieren. Dies ist ihm in dem Maße gelungen, daß diese Novellen zu seinen großen Werken zählen, nicht geringer an Wert als die ein Jahr jüngere »Renaissance« und der erst nach dem Tode des Dichters gedruckte, großartige »Amadis«.