James Fenimore Cooper Der Spion Eine Amerikanische Erzählung aus dem Jahre 1780.   Nach der von dem Verfasser durchgesehenen, verbesserten, mit einem neuen Vorwort und mit Noten begleiteten Ausgabe übertragen von Dr. C. Kolb.   1841   Amerikanische Romane, neu aus dem Englischen übertragen. Sechster Band.     Lebt hier ein Mann, deß Herz so todt – Dem nie das Wort Entzücken bot: »Das ist mein theures Vaterland!«     Einleitung. Glücklicherweise ist der Mensch eben so geneigt, für die Tugend Sympathie zu fühlen, als sich den ansteckenden Einflüssen des Lasters hinzugeben. Ohne diesen Umstand, welcher dem alles Edlere erstickenden Hange, sich seinen Leidenschaften zu überlassen, als Zügel dient, möchten wohl die Wünsche der Besseren und Weiseren, daß das Reich der Gerechtigkeit und Menschenliebe immer festeren Fuß fassen werde, aller Hoffnung auf Erfüllung entbehren. Von allen edeln Gefühlen ist die Liebe zum Vaterlande das am allgemeinsten ansprechende. Jeder bewundert den Mann, der sich für das Wohl der Gemeinschaft, welcher er angehört, zum Opfer bringt, und verdammt den Andern schonungslos, welcher, sey es unter nichtigen Vorwänden oder durch den Drang der Verhältnisse getrieben, seinen Arm oder seine geistigen Kräfte zum Nachtheile des Landes gebraucht, das einen natürlichen Anspruch auf seine Treue hat. Die stolzesten Namen, die schönsten Hoffnungen sind in den Staub gesunken, wenn der Makel des Verraths an ihnen haftete. Man spricht mit Bewunderung von dem Römer, welcher die noch innigeren Bande des Blutes um des Vaterlandes willen hintansetzte, während Coriolans Muth und Kriegesglück den Unwillen über seinen Treubruch nicht vergessen läßt. In dem wahren Patriotismus liegt eine Reinheit, die den Menschen über alle unedlen Einflüsse der Selbstsucht erhebt und überdieß der Natur der Sache nach Diensten, welche der Familie oder der Verwandtschaft geleistet werden, niemals inwohnen kann. Sie zeigt den Glanz einer innern Erhebung, welcher sich kein Schatten von persönlichem Interesse beimischt. Der Verfasser der gegenwärtigen Erzählung lernte vor vielen Jahren einen ausgezeichneten Mann kennen, welcher sowohl um der eben genannten Eigenschaft willen, die er in den düstersten Tagen der amerikanischen Revolution entfaltete, als auch wegen der hohen Aemter, welche er während jener inhaltschweren Periode bekleidete, merkwürdig ist. Ich sprach einmal mit ihm über die Wirkungen, welche eine große politische Aufregung in den Charakteren hervorbringe und über die veredelnde Richtung, welche die einmal kräftig erweckte Vaterlandsliebe jedem Volke gibt. Da seine Jahre, die von ihm geleisteten Dienste und seine Menschenkenntniß ihn am ehesten befähigten, in einer solchen Unterhaltung den leitenden Faden zu führen, so hatte er vorzugsweise das Wort. Er sprach zuerst über die eigentümliche neue und würdige Richtung, welche das gewaltige Ringen des Volkes während des Krieges von 1776 den Ideen und Handlungen von Massen, deren Zeit vorher ganz von den gemeinsten Sorgen des Lebens hingenommen gewesen war, vorgezeichnet hatte, und beleuchtete sodann seine Ansichten durch eine Anekdote, deren Wahrheit er als selbst mithandelnde Person bezeugen konnte. Der Streit zwischen England und den Vereinigten Staaten von Amerika trug viele Züge eines Bürgerkriegs, ohne daß man ihn im strengen Sinne einen solchen nennen konnte. Obgleich das Amerikanische Volk dem Englischen nie eigentlich und verfassungsmäßig unterworfen war, so standen doch die Bewohner beider Länder unter einem gemeinschaftlichen Könige. Als die Amerikaner in Gesammtmasse den Gehorsam aufkündigten, und die Engländer sich bereit finden ließen, ihren Souverain bei dem Versuch, seine Gewalt wieder zu erringen, zu unterstützen, so entwickelte der Kampf bald alle entscheidenden Merkmale eines Bürgerkriegs. Eine große Anzahl europäischer Einwanderer, welche sich damals in den Colonien niedergelassen hatten, traten auf die Seite der Krone, und in vielen Distrikten gab ihr Einfluß, vereint mit dem der Amerikaner, welche dem angestammten Herrscherhause ihre Treue bewahren wollten, der königlichen Sache ein entschiedenes Uebergewicht. Amerika war damals zu jung und bedurfte zu sehr der Herzen und Hände, um derartige Zersplitterungen, so unbedeutend sie auch seyn mochten, mit Gleichgültigkeit anzusehen. Dieses Uebel wurde noch durch die Gewandtheit der Engländer, mit der sie aus solchen inneren Zwistigkeiten Nutzen zu ziehen wußten, vermehrt und mußte doppelt ernst betrachtete werden, als der Versuch gemacht wurde, in den Provinzen selbst Truppen auszuheben, welche in Verbindung mit den Europäischen die jungen Freistaaten zur Unterwerfung zwingen sollten. Der Congreß ernannte daher ein geheimes Haupt-Committee, welchem die ausdrückliche Aufgabe gesetzt war, diese Absicht zu vereiteln. In diesem Committee führte Herr – –, der Erzähler dieser Anekdote, den Vorsitz. Bei Ausübung der ihm übertragenen neuen Pflicht hatte Herr – – Gelegenheit, einen Agenten zu verwenden, dessen Dienst sich wenig von dem eines gewöhnlichen Spions unterschied. Man kann sich denken, daß der Mann in der Gesellschaft eine Stellung einnahm, welche ihn am ehesten geeignet machte, in einer so zweideutigen Rolle aufzutreten. Er war arm und was die gewöhnlichen Zweige des Unterrichts anbelangt, unwissend, aber von Natur besonnen, listig und furchtlos. Diesem Manne wurde der Auftrag ertheilt, auszukundschaften, in welchem Theile des Landes die Agenten der Krone ihre geheimen Machinationen spielen ließen, um Mannschaft anzuwerben; er mußte sich an die Plätze verfügen, scheinbar um diese Werbungen zu unterstützen – im Dienste der Sache, welcher er sich zu weihen vorgab, eifrig erscheinen und überhaupt allem aufzubieten, um sich so viel als möglich in den Besitz der Geheimnisse des Feindes zu setzen. Diese theilte er natürlich dem Committee mit, welches dann Sorge trug, durch alle ihm zu Gebot stehenden Mittel den Plänen der Engländer entgegen zu arbeiten, was auch oft mit gutem Erfolge geschah. Es versteht sich von selbst, daß ein derartiger Dienst mit großer persönlicher Gefahr begleitet war. Zu der Besorgniß, daß seine wahre Absicht entdeckt werden könnte, gesellte sich auch noch die, in die Hände der Amerikaner selbst zu fallen, welche derartige Vergehungen bei Landeseingeborenen unabänderlich viel strenger heimsuchten, als bei den Europäern, derer sie habhaft werden konnten. In der That wurde auch Herrn – –s Agent mehreremale von den jeweiligen Machthabern aufgegriffen und einmal sogar von seinen erbitterten Landsleuten zum Strange verurtheilt. Nur ein schleuniger geheimer Befehl an seinen Gefängnißwärter rettete ihn von einem schmählichen Tode. Man ließ ihn entwischen; und diese scheinbare – und in der That auch wirkliche – Gefahr trug viel dazu bei, ihm seine Rolle bei den Engländern zu erleichtern: Von den Amerikanern wurde er in seiner kleinen Sphäre als ein kühner und eingefleischter Tory betrachtet. In dieser Weise fuhr er während der ersten Jahre des Kampfes fort, trotz der Gefahren, die ihn stündlich umringten, und obschon er beharrlich der Gegenstand unverdienter Verwünschungen war, seinem Vaterlande heimlich Dienste zu leisten. Im Jahr – – wurde Herrn – – ein wichtiges und ehrenvolles Amt an einem europäischen Hofe übertragen. Ehe er seinen Sitz im Kongreß verließ, theilte er dieser Versammlung die ebengenannten Thatsachen mit, wobei ihn jedoch die Klugheit veranlaßte, den Namen dieses Agenten noch zu verschweigen, und bat um eine Belohnung für den Mann, welcher sich unter so großer persönlicher Gefahr dem Staate nützlich gemacht hatte. Es wurde zu diesem Ende eine annehmliche Summe ausgeworfen und dem Präsidenten des geheimen Committee's zu geeigneter Besorgung übergeben. Herr – – traf die nöthigen Maßregeln, seinen Agenten zu einer persönlichen Besprechung zu veranlassen, und kam mit ihm um Mitternacht in einem Walde zusammen. Herr – – lobte den Mann wegen seiner Treue und Gewandtheit, setzte ihm die dringende Nothwendigkeit auseinander, ihre Verbindung jetzt abzubrechen, und bot ihm zuletzt die Belohnung an. Der Andere trat zurück und lehnte es ab, sie anzunehmen. »Das Land bedarf aller seiner Mittel selbst,« sagte er, »und was mich anbelangt, so kann ich arbeiten oder meinen Unterhalt auf andere Weise gewinnen.« Alle Ueberredung war vergeblich, denn der Patriotismus hatte das Uebergewicht in der Seele dieses merkwürdigen Mannes, und Herr – –, der das Gold wieder mitnehmen mußte, schied mit tiefer Hochachtung von seinem Gefährten, der so lange, ohne irgend eine Belohnung anzunehmen, sein Leben gewagt hatte, blos um der Sache willen, welcher sie gemeinschaftlich dienten. Der Verfasser dieser Blätter weiß zwar, daß der Agent des Herrn – – in späterer Zeit sich eine Entschädigung für seine Leistungen gefallen ließ; es geschah aber erst, als das Land vollkommen in der Lage war, sie geben zu können. Es ist kaum nöthig, beizufügen, daß eine solche Erzählung, einfach und mit Wärme von einem Manne vorgetragen, der darin eine Hauptrolle spielte, auf alle Zuhörer einen tiefen Eindruck machte. Viele Jahre später wurde ich durch ganz zufällige Umstände, deren Mittheilung unnöthig ist, veranlaßt, eine Novelle zu schreiben, von der ich nicht voraussah, daß sie die erste einer ziemlich langen Reihe werden würde. Dieselben Zufälle, welche den Anlaß zu der Entstehung des Buches gaben, bestimmten auch den Schauplatz und den allgemeinen Charakter der Erzählung. Ersterer wurde in das Ausland verlegt, und in letzterem entwickelte sich ein unreifes Bestreben, fremde Sitten zu beschreiben. Als die Schrift veröffentlicht war, wurde dem Verfasser von seinen Freunden zum Vorwurf gemacht, daß er, ein Amerikaner von Herz und Geburt, der Welt ein Werk anbiete, welches vielleicht einigermaßen dazu beitragen könnte, die tändelnde Phantasie der jüngeren und unerfahrenen seiner Landsleute zu nähren, und daß er die Bilder dazu gesellschaftlichen Verhältnissen entnommen habe, die von denen, welchen er selbst angehöre, so ganz verschieden seyen. Ob schon nun der Autor weiß, wie viel von dem, was er gethan, rein zufällig war, so fühlte er doch, daß er bei diesem Tadel demüthig seine Schuld bekennen mußte; er entschloß sich daher, als einzige Sühne, welche in seiner Macht stand, sich das Schreiben eines zweiten Buches aufzuerlegen, dessen Gegenstand weder der Welt noch ihm selbst einen Hinterhalt ließe. Er wählte den Patriotismus zu seinem Thema, und es ist für diejenigen, welche diese Einleitung, wie auch die Novelle selbst lesen, kaum beizufügen nöthig, daß er den Helden der eben mitgetheilten Anekdote für das geeignetste Bild betrachtete, die Vaterlandsliebe in ihrer abgesonderten Erscheinung darzustellen. Seit der ersten Veröffentlichung des »Spions« hat man sich mit Erzählungen von verschiedenen Personen getragen, von welchen man annahm, daß der Schriftsteller sie bei Abfassung seines Romans im Auge gehabt habe. Da Herr – – nie den Namen seines Agenten erwähnte, so kann der Autor sich über die Identität desselben mit dieser oder jener Person nicht weiter auslassen, als es hier schon geschehen ist. Beide, Washington und Sir Henry Clinton, bedienten sich einer ungewöhnlichen Anzahl geheimer Emissäre, wie dieses in einem Kriege, der so vielfach den Charakter eines Bürgerkriegs trug und in welchem die sich bekämpfenden Parteien aus Männern desselben Blutes und derselben Sprache bestanden, kaum anders seyn konnte. Der Styl des Buches ist in dieser Ausgabe von dem Verfasser von neuem durchgesehen worden, wobei er bemüht war, dasselbe der Gunst, deren es sich bereits erfreuen durfte, noch würdiger zu machen, obschon er gestehen muß, daß in die ganze Anlage der Erzählung Mängel eingewoben sind, bei denen, wie bei einem baufälligen Hause, die Ausbesserung mehr Mühe kosten würde, als wenn man es neu aufrichtete. Zehn Jahre sind für das Meiste, was mit Amerika in Verbindung steht, ein Menschenalter, und unter andern Fortschritten sind die seiner Literatur nicht die unbedeutendsten. Zu der Zeit, in welcher das gegenwärtige Werk geschrieben wurde, ließ sich von der Veröffentlichung einer derartigen Schrift so wenig Erfolg erwarten, daß der erste Band des Spions schon mehrere Monate gedruckt war, ehe der Verfasser einen hinreichenden Grund fühlte, auch nur eine Zeile an dem zweiten zu beginnen. Die Bemühungen, welche auf eine undankbare Lebensaufgabe gewandt werden, sind selten ihres Urhebers werth, so gering auch sonst dessen Verdienste im Allgemeinen anzuschlagen seyn mögen. Eine glänzendere Aussicht beginnt jetzt für den Freistaat aufzudämmern, der nun im Begriffe steht, jenen Rang unter den Völkern der Erde einzunehmen, welchen ihm die Natur anwies und zu dem alle seine Einrichtungen nothwendig führen müssen. Sollte der Zufall einen Abdruck des gegenwärtigen Vorworts nach zwanzig Jahren einem Amerikaner in die Hände spielen, so wird er bei dem Gedanken lächeln, daß einer seiner Landsleute je Anstand nahm, ein schon so weit gediehenes Werk zu beendigen, bloß weil er besorgte, daß man seinem Lande ein Buch, welches vaterländische Interessen berührt, nicht werde lesen wollen. Paris , am 4. April 1831. Erstes Kapitel. Und mitten durch die Ruhe seiner Seele Ein kühner Zug die inn're Glut verrieth; – 's war irdisch Feuer, weichend dem Befehle Des höhern Geists, wie Aetnas Glanz verglüht, Wenn Phöbus Strahl den Horizont umzieht. Gertrude von Wyoming.   Es war gegen den Schluß des Jahres 1780, als man einen einsamen Reisenden seinen Weg durch eines der zahlreichen kleinen Thäler von West-Chester Da jeder Staat der Amerikanischen Union seine eigenen Bezirke hat, so findet sich's öfters, daß mehrere denselben Namen tragen. Der Schauplatz dieser Erzählung ist der Staat Neu-York, dessen Bezirk West-Chester sich zunächst an die Stadt anschließt. verfolgen sah. Der Ostwind mit seiner feuchten Kälte und zunehmenden Heftigkeit war der untrügliche Bote eines herannahenden Sturmes, der seiner Gewohnheit nach voraussichtlich mehrere Tage andauern mochte. Das kundige Auge des Wanderers blickte vergeblich durch das abendliche Dunkel, um ein geeignetes Obdach zu erspähen, wo er, so lange es der Regen, welcher bereits die Atmosphäre zu einem dicken Nebel umwandelte, nöthig machte, die für seine Absichten erforderlichen Bequemlichkeiten finden konnte. Aber es zeigte sich nichts, als die kleinen unbequemen Hütten der geringeren Classe von Ansiedlern, welche in dieser Gegend in einem Rufe standen, daß er es weder für sicher noch für klug hielt, sich ihnen anzuvertrauen. Der Bezirk West-Chester war, nachdem die Britten von der Insel Neu-York Besitz Die Stadt Neu-York liegt auf einer Insel, welche Manhattan heißt; sie ist an einem Punkte von dem Bezirk West-Chester nur durch eine Wasserstraße von der Breite einiger Fuße getrennt, über welche die sogenannte Königsbrücke führt. Während des Krieges war dort der Schauplatz vieler Gefechte, worauf auch in dieser Erzählung angespielt wird. genommen hatten, ein gemeinschaftlicher Boden, und beide sich bekämpfende Parthieen bedienten sich desselben zu Fortsetzung ihrer Operationen für den Rest des Revolutionskrieges. Ein großer Theil der Bewohner trug entweder aus alter Anhänglichkeit oder aus Furcht eine Parteilosigkeit zur Schau, welche sie in Wirklichkeit nicht fühlten. Die weiter unten liegenden Städte waren natürlich vorzugsweise unter der Herrschaft der Krone, während die mehr im Innern befindlichen, da sie durch die Nachbarschaft der Amerikanischen Truppen gesichert waren, kühn ihre revolutionären Ansichten und ihr Recht, sich selbst zu regieren, behaupteten. Eine große Anzahl trug jedoch Masken, welche sogar heut zu Tage noch nicht abgelegt worden sind, und mancher wurde zu Grabe getragen, mit dem Brandmale eines Feindes der Rechte seiner Landsleute, während er im Geheim ein nützlicher Agent der Leiter der Revolution war; indeß auf der andern Seite, wenn man die verborgenen Fächer manches glühenden Patrioten an's Licht hätte fördern können, die Beschützung der königlichen Sache unter Massen von brittischem Golde zu Tage gekommen wäre. Die schallenden Huftritte des edlen Rosses, welches der Reisende ritt, mochten wohl hin und wieder die Gebieterin einer ländlichen Wohnung, an welcher er vorbei kam, veranlassen, die Thüre des Hauses vorsichtig zu öffnen und sich den Fremden zu betrachten, während sie vielleicht mit rückwärts gewandtem Gesichte das Ergebniß ihrer Untersuchungen ihrem Gatten mittheilte, welcher im Innern des Gebäudes sich vorbereiten mochte, im Nothfalle seinen gewohnten Versteck in dem anliegenden Walde aufzusuchen. Das Thal lag ungefähr in der Mitte des Bezirks und beiden Armeen hinreichend nahe, um die Rückerstattung gestohlenen Guts zu keinem ungewöhnlichen Begebniß in dieser Gegend zu machen. Allerdings erhielt man nicht immer dieselben Gegenstände zurück, sondern man nahm in Ermangelung gesetzlicher Rechtspflege seine Zuflucht zu einem Ersatz im Allgemeinen, welcher dem beiläufigen Schaden des Benachtheiligten gleichkam, wobei dieser es häufig mit einer nicht unbeträchtlichen Zugabe für die jeweilige Nutznießung seines Eigenhums nicht allzu genau nehmen mochte. Kurz, es herrschte Gesetzlosigkeit in diesem Bezirke, und die Gerechtigkeit, welche hier galt, stand unter dem Gewalteinflusse persönlicher Interessen und der Leidenschaften des Stärkeren. Der Durchzug eines Reisenden, über dessen Charakter Niemand in's Klare kommen konnte, und der Anblick seines Pferdes, welches, obschon es nicht die Abzeichen des militärischen Dienstes trug, doch an der freien und kühnen Haltung seines Reiters Theil nahm, gab den nachstarrenden Bewohnern der verschiedenen Hütten Anlaß zu vielen Vermuthungen, welche bei Manchem, der sein Gewisses nicht frei fühlte, keine geringe Beunruhigung erweckten. Durch die Anstrengung des Tages ungewöhnlich ermüdet und besorgt, schnell ein Obdach gegen die stets sich mehrende Gewalt des Sturmes zu gewinnen, durch welchen der Regen in großen Tropfen niederzustürzen anfing, entschloß sich der Wanderer, aus der Noth eine Tugend zu machen, und bei der nächsten Wohnung, welche sich ihm darbot, um Einlaß zu bitten. Er fand hierzu bald Gelegenheit, ritt durch ein Paar vernachlässigte Schranken und klopfte, ohne aus dem Sattel zu steigen, laut an die Thüre eines sehr unscheinbaren Gebäudes. Auf diesen Anruf erschien ein Weib von mittlerem Alter, deren Aeußeres wenig einladender war, als das ihrer Wohnung. Die erschreckte Frau drückte furchtsam die Thüre halb wieder zu, da sie bei dem Strahle des großen Küchenfeuers einen berittenen Mann in so unerwarteter Nähe ihrer Schwelle sah, und ein Ausdruck des Schreckens mischte sich mit ihrer natürlichen Neugierde, als sie nach seinem Begehren fragte. Obgleich die Thüre zu dicht schloß, um eine Untersuchung der im Innern befindlichen Bequemlichkeiten zu gestatten, so hatte doch der Reiter genug gesehen, um veranlaßt zu werden, mit verlangenden Blicken noch einmal durch das Dunkel zu spähen, ob er nicht ein wirthlicheres Dach entdecken könne, ehe er mit übelverhehltem Widerwillen seine Lage und seine Wünsche kund gab. Seine Bitte wurde mit augenscheinlichem Mißmuth angehört, und ehe er sie noch geendigt hatte, schnell durch eine Erwiederung unterbrochen. »Ich kann nicht sagen, daß ich es liebe, einem Fremden in so kitzlichen Zeiten Quartier zu geben,« sagte das Weib in einem frechen und schneidenden Tone; »ich bin nichts, als ein einsames verlassenes Geschöpf, oder, was ebenso viel heißt, es ist Niemand als der alte Herr zu Haus; aber eine halbe Meile weiter unten liegt ein Haus an der Straße, wo Ihr ein Unterkommen finden könnt, ohne etwas dafür ausgeben zu müssen. Ich weiß, daß es für jene passender seyn wird, und mir ist es lieber, weil Harvey, wie ich vorhin sagte, fort ist. Ich wollte, er ließe sich rathen, und gäbe das Wanderleben auf; er weiß sich in dieser Zeit gut in die Welt zu schicken und sollte sein unsicheres Umherstreichen aufgeben, – ja, und sich einen ordentlichen Hausstand gründen, wie es andere Leute von seinen Jahren und seinem Vermögen auch machen. Aber Harvey Birch will seinen eigenen Weg gehen und wird zuletzt als Landstreicher sterben.« Der Reiter achtete nach dem Rathe, seinen Weg auf der Straße fortzusetzen, der keifenden Rede nicht weiter, sondern wendete langsam sein Pferd gegen die Schranken und schlug, zur Vorsorge gegen den Sturm, die Falten des weiten Mantels um seine männliche Gestalt, als etwas in den Worten des Weibes plötzlich seine Bewegung anhielt. »Das ist also die Wohnung des Harvey Birch?« fragte er unwillkührlich, brach aber schnell ab, augenscheinlich seine weiteren Worte unterdrückend. »Ei, man kann kaum sagen, daß es seine Wohnung sey,« erwiederte die Andere, indem ihr in der Hast der Antwort beinahe der Athem versagte; »er ist nie, oder doch so selten darin, daß ich mich kaum seines Gesichts erinnere, wenn er's einmal der Mühe werth hält, es seinem armen Vater und mir zu zeigen. Doch mir liegt wahrlich wenig daran, ob er je wieder zurückkömmt oder nicht; – kehrt nur bei dem ersten Gitter zur Linken an; – nein, was mich anbelangt, ich kümmere mich nichts darum, ob Harvey je sein Gesicht wieder sehen läßt, oder nicht – ich gewiß nicht.« Mit diesen Worten schlug sie ohne Umstände die Thüre vor dem Wanderer zu, der in der frohen Hoffnung, ein Unterkommen zu finden, welches ihm mehr Bequemlichkeit und Sicherheit verhieß, eine halbe Meile weiter ritt. Es war noch hell genug, um den Reisenden in den Stand zu setzen, die Verbesserungen Verbesserungen (improvements) nennen die Amerikaner jede durch menschliche Bemühung hervorgebrachte Veränderung in dem Urzustande des Landes; sie bedeuten in dem gegenwärtigen Falle das Fällen von Bäumen, wodurch der Boden in seinem Preise steigt. zu unterscheiden, welche sich in der Kulturbeschaffenheit und dem Gesammtanblick des Bodens um das Gebäude, dem er sich jetzt näherte, aussprachen. Es war ein langes, niedriges, steinernes, an jedem Ende mit einem Flügel versehenes Haus. Eine aus zierlichen hölzernen Säulen bestehende Halle lief an der Front des Gebäudes hin und gab, im Einklang mit den geordneten und in gutem Stand erhaltenen Einzäunungen und Außenbauten, dem Platze ein weit geselligeres Aussehen, als dieses bei den gewöhnlichen Wohnungen der Gegend der Fall war. Unser Wanderer leitete sein Pferd hinter einen Vorsprung der Mauer, wo es einigermaßen gegen Wind und Regen geschützt war, warf dann seinen Mantelsack über die Schulter und gab durch lautes Pochen an die Thüre seinen Wunsch, eingelassen zu werden, zu erkennen. Bald darauf erschien ein alter Schwarzer, welcher, ohne es für nöthig zu halten, unter solchen Umständen seiner Herrschaft eine Meldung zu machen, bei dem Scheine des Kerzenlichtes, das er in der Hand hielt, einen prüfenden Blick auf den Bittsteller warf und sodann seinem Gesuche um Aufnahme willfahrte. Der Reisende wurde in ein sehr schönes Besuchszimmer gewiesen, in welchem ein Feuer brannte, um die Trübseligkeit eines Oststurmes und eines Octoberabends zu erheitern. Nachdem er seinen Mantelsack dem höflichen Dienstmanne übergeben hatte, wiederholte er seine Bitte mit aller Artigkeit gegen den alten Herrn, welcher sich zu seinem Empfange erhob, machte den drei Damen, welche sich am Nähetisch beschäftigten, seine Verbeugung, und fing an, die Ueberkleider, welche er während seines Rittes getragen hatte, abzulegen. Als er das dichte Tuch, welches Hals und Kinn bedeckte, abnahm und den blauen Mantel und Ueberrock beseitigte, enthüllte er der beobachtenden Familie die hohe und ungemein anmuthige Gestalt eines Mannes, welcher ungefähr fünfzig Jahre zählen mochte. Seine Züge trugen den Ausdruck der Besonnenheit und Würde; seine Nase war gerade und näherte sich der griechischen Form; das graue Auge blickte ruhig, gedankenvoll und beinahe schwermüthig, während der Mund und die unteren Partieen des Gesichts auf einen festen und entschiedenen Charakter hindeuteten. Sein Reisekleid war einfach und ungeziert, doch so, wie es die höhern Classen seiner Landsleute zu tragen pflegten: auch war sein Haar in einer Weise verschnitten, daß er dadurch ein militärisches Aussehen erhielt, welches noch durch seine gerade und unverkennbar anmuthige Haltung gehoben wurde. Sein ganzes Aeußere war so ausdrucksvoll und entschieden das eines Mannes von Stande, daß, als er seine Ueberkleider abgelegt hatte, die Damen sich von ihren Sitzen erhoben, ihn zugleich mit dem Hausherrn auf's Neue bewillkommneten und die Begrüßungen erwiederten, die er ihnen wiederholt darbrachte. Der Wirth war um einige Jahre älter, als der Reisende, und zeigte durch sein Benehmen, seinen Anzug und seine ganze Umgebung, daß er viel in der besten Gesellschaft gelebt hatte. Der Damenkreis bestand aus einem unverheiratheten Frauenzimmer in den Vierzigen und zwei Mädchen, welche kaum die Hälfte dieses Alters erreicht zu haben schienen. Die Blüthe der älteren dieser Frauenzimmer war verschwunden, obgleich die Augen und die schönen Haare ihren Zügen einen ungemein angenehmen Ausdruck gaben; auch lag in dem Benehmen der Dame eine Weichheit und Leutseligkeit, welche ihr einen Zauber verliehen, den viele jugendlichere Gesichter nicht besitzen. Die beiden Schwestern, denn als solche ließ ihre Ähnlichkeit die jüngern Frauenzimmer erkennen, prangten in dem Stolze der Jugend, und die Rosen ihrer Wangen – eine vorzugsweise Eigenthümlichkeit der Schönen in West-Chester – gaben ihren tiefblauen Augen jenen Glanz, den man so gerne beschaut, und der gewöhnlich Unschuld und innern Frieden bekundet. Das Aeußere dieser drei Mädchen zeigte viel von der weiblichen Zartheit, durch welche sich das schöne Geschlecht in dieser Gegend auszeichnet, und ihr Benehmen gab, wie das des Herrn, zu erkennen, daß sie den höhern Ständen des Lebens angehörten. Herr Wharton, denn so hieß der Eigentümer dieser einsamen Besitzung, bot seinem Gaste ein Glas trefflichen Madeira's an, und nahm, ein zweites Glas in der Hand, wieder am Feuer Platz. Er schwieg einen Augenblick, als ob er sich mit sich selbst beriethe, wie weit seine Höflichkeit gehen dürfe; bald aber warf er einen prüfenden Blick auf den Fremden und begann mit der Frage: »Auf wessen Gesundheit habe ich die Ehre zu trinken?« Der Reisende hatte sich gleichfalls niedergelassen und blickte bei Herrn Whartons Anrede gerade gedankenvoll in's Feuer. Er wandte dann sein Auge langsam und mit dem Blicke gespannter Aufmerksamkeit auf seinen Wirth, und erwiederte, während ein schwaches Roth seine Züge überflog: »Harper.« »Herr Harper,« entgegnete der andere, mit der förmlichen Bestimmtheit jener Zeit; »ich habe die Ehre, auf Ihre Gesundheit zu trinken, und hoffe, daß Ihnen der Regen, welchem Sie ausgesetzt waren, keinen Nachtheil bringen wird.« Herr Harper beantwortete diese Höflichkeit mit einer schweigenden Verbeugung, und versank bald wieder in das Nachsinnen, in welchem er gestört worden war, und für das der lange Ritt, welchen er an diesem Tag in Wind und Wetter gemacht hatte, als ein natürlicher Entschuldigungsgrund gelten mochte. Die jungen Damen hatten ihre Sitze an dem Arbeitstische wieder eingenommen, während ihre Tante, Miß Jeanette Peyton, sich entfernte, um die nöthigen Vorkehrungen zu Befriedigung des Appetits ihres unerwarteten Gastes zu beaufsichtigen. Es herrschte eine kurze Stille, während welcher Herr Harper sich seiner nunmehrigen behaglichen Lage zu erfreuen schien; bald aber unterbrach sie Herr Wharton auf's Neue mit der Frage, ob vielleicht der Tabakrauch seinem Gefährten unangenehm sey, und als er eine verneinende Antwort erhielt, griff er sogleich wieder nach der Pfeife, welche er beim Eintritt des Reisenden bei Seite gelegt hatte. Es war augenscheinlich, daß der Wirth ein Gespräch anzuknüpfen wünschte; doch zögerte er einige Male – sey es, daß er fürchtete, einen gefährlichen Boden zu betreten, oder weil er die wohl absichtliche Schweigsamkeit seines Gastes nicht stören wollte – bis er sich eine weitere Bemerkung erlaubte. Endlich ermuthigte ihn eine Bewegung von Seite Herrn Harpers, welcher seine Augen über die Gesellschaft im Zimmer gleiten ließ, fortzufahren. »Ich finde es sehr schwer,« sagte Herr Wharton, indem er Anfangs vorsichtig die Gegenstände vermied, welche er zur Sprache bringen wollte – »mir die Sorte Tabak für meinen Abendzeitvertreib zu verschaffen, an welche ich gewöhnt bin.« »Ich sollte denken, die Läden in Neu-York könnten den besten im Lande liefern,« erwiederte der Andere. »Ei – freilich,« erwiederte der Wirth etwas zögernd, und erhob seine Augen zu Harpers Gesichte, ließ sie aber schnell wieder sinken, als er dem festen Blicke seines Gastes begegnete; »es mag wohl eine große Menge in der Stadt liegen, aber der Krieg hat jede, auch die unschuldigste Verbindung mit ihr zu gefährlich gemacht, als daß man wegen eines so unbedeutenden Artikels, wie der Tabak ist, eine solche zu unterhalten wagen sollte.« Die Dose, aus welcher Herr Wharton eben seine Pfeife wieder gestopft hatte, lag offen in dem Bereich einiger Zolle von dem Ellenbogen des Fremden, der jetzt ein wenig von ihrem Inhalt nahm und ihn auf eine zwar ganz natürliche Weise, aber doch so, daß sein Gefährte dadurch in große Unruhe gerieth, auf der Zunge prüfte. Ohne sich jedoch darüber auszusprechen, daß er die Qualität vorzüglich finde, verlor er sich wieder, zur großen Beruhigung seines Wirthes, in sein früheres Nachsinnen. Herr Wharton wollte aber den Vortheil, welchen er errungen, nicht gerne aus der Hand lassen, und fuhr, indem er sich mehr als gewöhnlich zusammennahm, fort: »Ich wünschte von ganzem Herzen, dieser unnatürliche Kampf wäre vorüber, daß wir doch wieder einmal in Friede und Liebe mit unsern Freunden und Verwandten zusammenkommen könnten.« »Es wäre allerdings sehr zu wünschen,« sagte Harper mit Nachdruck, indem er seinen Blick wieder zu dem Gesichte seines Wirthes erhob. »Ich höre seit der Ankunft unserer neuen Verbündeten von keinen besonders erfolgreichen Bewegungen,« sagte Herr Wharton, indem er die Asche aus seiner Pfeife klopfte, und dem Andern unter dem Vorwande, sich von seiner jüngsten Tochter eine Kohle geben, zu lassen, den Rücken kehrte. »Es ist, glaube ich, noch nichts davon zur öffentlichen Kunde gekommen.« »Glaubt man, daß wichtige Schritte geschehen werden?« fuhr Herr Wharton fort, der noch mit seiner Tochter beschäftigt war, aber in Erwartung einer Antwort unwillkührlich seine Verrichtung unterbrach. »Hat man irgend Andeutungen über solche?« »O, nichts Besonderes; aber es ist ganz natürlich, daß man von einer so gewaltigen Macht, wie die unter Rochambeau ist, irgend ein neues Unternehmen erwartet.« Harper nickte zustimmend mit dem Kopfe, ohne etwas Weiteres auf diese Bemerkung zu entgegnen, indeß Herr Wharton, nachdem er seine Pfeife angezündet hatte, den Gegenstand wieder aufnahm. »Sie scheinen im Süden thätiger zu seyn. Es hat das Ansehen, als ob Gates und Cornwallis dem Kriege dort ein Ende machen wollten.« Harper's Stirne runzelte sich; ein tieferer Schatten von Schwermuth überflog sein Antlitz, und in seinem Auge leuchtete der Strahl eines vorübergehenden Feuers, welches die Tiefe seiner Gefühle verrieth. Der Blick der jüngern Schwester hatte aber kaum Zeit gehabt, diesen Ausdruck verwundernd wahrzunehmen, als er auch schon wieder verschwunden war, und der Fassung, welche die Züge des Fremden auszeichnete, wie auch jener ausdruckvollen Würde, welche augenscheinlich die Herrschaft des Geistes bezeichnet, wieder Raum gab. Die ältere Schwester rückte einigemale auf ihrem Stuhle hin und her, ehe sie zu sprechen wagte, und begann dann in einem Tone, der nicht wenig triumphirend klang: »General Gates ist mit dem Grafen weniger glücklich gewesen, als mit dem General Burgoyne.« »Aber General Gates ist ein Engländer, Sara,« antwortete die jüngere Dame rasch; dann erröthete sie bis zur Stirne über ihre eigene Kühnheit, und durchwühlte hastig ihr Arbeitskörbchen, in der stillen Hoffnung, ihre Bemerkung sey unbeachtet geblieben. Der Reisende hatte sein Auge von einer Schwester auf die andere gerichtet, als sie nach einander ihre Meinungen preisgaben, und ein fast unbemerkliches Zucken der Muskeln seines Mundes verrieth eine neue Erregung, als er die jüngere scherzend fragte: »Darf ich mir die Frage erlauben, welche Folgerung sie aus diesem Umstande ziehen?« Franciska erröthete noch höher, als sie so geradezu um ihre Meinung über einen Gegenstand angegangen wurde, den sie unvorsichtiger Weise in der Gegenwart eines Fremden berührt hatte. Da sie aber die Nothwendigkeit einer Antwort einsah, so erwiederte sie nach einigem Zögern nicht ohne Stottern: »Nun – nun – mein Herr – meine Schwester und ich sind bisweilen verschiedener Meinung über die Tapferkeit der Engländer.« Ein vielsagendes Lächeln spielte um den Mund des unschuldigen Kindes, als sie schloß. »In welcher Beziehung unterscheiden sich wohl Ihre Ansichten über diesen Gegenstand?« fuhr Harper fort, indem er ihrem lebendigen Blicke mit dem Lächeln einer fast väterlichen Zartheit entgegen kam. »Sara glaubt, die Engländer seyen nie geschlagen worden, während ich in ihre Unüberwindlichkeit kein so großes Vertrauen setze.« Der Reisende hörte ihr mit jener zufriedenen Nachsicht zu, mit welcher das kräftige Alter so gerne die Glut jugendlicher Unschuld betrachtet; aber, ohne etwas zu entgegnen, wandte er sich wieder gegen das Feuer und blickte eine Weile schweigend auf die glimmenden Kohlen. Herr Wharton hatte sich vergebens bemüht, über die politischen Ansichten seines Gastes in's Klare zu kommen. Obgleich in dem Aeußern desselben nichts Zurückstoßendes lag, so forderte es doch auch nicht zur Mittheilung auf, sondern zeigte im Gegentheil eine augenfällige Zurückhaltung. Der Hausherr erhob sich daher, um den Fremden in ein anderes Zimmer zum Abendessen zu führen, ohne von ihm etwas, was irgend einen Aufschluß über seinen Charakter geben mochte, erfahren zu haben. Herr Harper bot Sara Warton den Arm, und sie traten mit einander in's Speisezimmer, während Franciska folgte, ohne zu wissen, ob sie nicht vielleicht die Gefühle des Gastes ihres Vaters verletzt habe. Der Sturm begann außen mit aller Heftigkeit zu toben, und die Regengüsse, welche gegen die Wände des Gebäudes schlugen, weckten jenes stille Gefühl von Behaglichkeit, welches solche Töne in einem angenehmen warmen Zimmer hervorzubringen im Stande sind, als plötzlich ein lautes Pochen den treuen Schwarzen wieder an das Außenthor rief. Eine Minute später kehrte der Diener wieder zurück und theilte seinem Herrn mit, daß ein zweiter Reisender, vom Sturm überfallen, um Einlaß und um ein Obdach für die Nacht bitte. Bei den ersten Tönen der ungeduldigen Aufforderung dieses neuen Bewerbers hatte Herr Wharton sich mit sichtlichem Mißbehagen von seinem Sitze erhoben, und während er die Blicke rasch von seinem Gaste zur Zimmerthüre gleiten ließ, schien er von dieser zweiten Störung etwas zu erwarten, was mit dem Fremden, der die erste veranlaßt hatte, in Verbindung stand. Er hatte kaum Zeit, dem Schwarzen leise den Auftrag zu geben, daß er den neuen Ankömmling hereinführen solle, als die Thüre hastig aufgerissen wurde, und der Fremde selbst ins Zimmer trat. Er hielt einen Augenblick an, als er Harpers ansichtig wurde, und wiederholte dann in mehr förmlicher Weise das Gesuch, welches er bereits dem Diener vorgetragen hatte. Herrn Wharton und seiner Familie kam dieser neue Besuch äußerst ungelegen; aber das Ungestüm des Wetters und das Ungewisse der Folgen, wenn man dem Fremden ein Obdach verweigerte, veranlasste den alten Herrn, wenn auch mit Widerwillen, der Bitte zu willfahren. Miß Peyton ließ einige Schüsseln wieder aufstellen, und der durchnäßte Eindringling wurde eingeladen, sich die Reste des Mahles gefallen zu lassen, von welchem die übrige Gesellschaft sich eben erhoben hatte. Er legte den rauhen großen Ueberrock bei Seite, nahm sehr gefaßt den angebotenen Stuhl und machte sich ohne Umstände an die Befriedigung der Anforderungen seines Appetites, der nicht im mindesten ekel zu seyn schien. Bei jedem Bissen aber warf er einen unruhigen Blick auf Harper, welcher sein Auge spähend auf ihm ruhen ließ, und ihn dadurch in große Verlegenheit setzte. Endlich füllte sich der neue Ankömmling ein Glas mit Wein, nickte, ehe er trank, seinem Beobachter bedeutungsvoll zu und sagte nicht ohne einige Bitterkeit des Tones: »Ich trinke auf unsere bessere Bekanntschaft, Herr! Ich glaube, es ist das erstemal, daß wir uns treffen, obgleich die Aufmerksamkeit, mit welcher Sie mich betrachten, mich das Gegentheil vermuthen läßt.« Die Qualität des Weines schien nach seinem Geschmack zu seyn, denn als er das Glas wieder auf den Tisch stellte, schnalzte er mit den Lippen, daß es durch das ganze Zimmer tönte; dann nahm er die Flasche und hielt sie einen Augenblick schweigend gegen das Licht, um die Klarheit und das Feuer seiner Farbe zu betrachten. »Ich denke nicht, daß wir uns früher gesehen haben, mein Herr,« erwiederte Harper mit einem leichten Anflug von Lächeln, als er die Bewegungen des Andern beobachtete; dann wandte er sich, scheinbar befriedigt vom dem Ergebniß seiner Untersuchung, zu Sara Wharton, welche neben ihm saß, und warf nachläßig die Bemerkung hin: »Sie werden ohne Zweifel Ihren gegenwärtigen Aufenthalt sehr einsam finden, nachdem Sie die Annehmlichkeiten des Stadtlebens gekostet haben.« »Ach, sehr,« versetzte Sara rasch. »Ich wünsche mit meinem Vater, daß dieser grausenvolle Krieg zu Ende wäre, um wieder einmal zu unsern Freunden zurückkehren zu können.« »Und Sie, Miß Franciska, sehnen Sie sich auch so sehr nach dem Frieden, wie Ihre Schwester?« »In mancher Hinsicht gewiß,« erwiederte das Mädchen, indem sie einen furchtsamen Blick auf den Frager warf; da sie aber in seinem Gesichte demselben Ausdrucke des Wohlwollens begegnete, wie früher, so fuhr sie mit leuchtendem Antlitz und einem sprechenden sinnigen Lächeln fort: »aber nicht auf Kosten der Rechte meiner Landsleute.« »Rechte?« wiederholte ihre Schwester ungeduldig. »Wessen Rechte können gewichtiger seyn, als die eines Souveräns? und welche Pflicht ist klarer, als der Gehorsam gegen diejenigen, welche ein natürliches Recht zu befehlen haben?« »Gewiß, keine,« sagte Franciska mit scherzender Heiterkeit, faßte zärtlich die Hand ihrer Schwester mit der ihrigen und fügte mit einem Lächeln gegen Harper bei: »Ich habe Ihnen bereits bemerkt, daß meine Schwester andere politische Ansichten hat, als ich. Wir haben aber einen unparteiischen Schiedsrichter in unserem Vater, welcher seine Landsleute und die Engländer liebt, und daher bei keinen von beiden Partei nimmt.« »Ja,« sagte Herr Wharton, indem er etwas beunruhigt zuerst den einen, dann den andern seiner Gäste anblickte; »ich habe nahe Freunde in beiden Armeen und fürchte den Sieg einer jeden, weil er die Quelle eines mich näher angehenden Unglücks werden kann.« »Ich denke, Sie werden in dieser Hinsicht wenig von den Yankees zu befürchten haben,« unterbrach ihn der an dem Tische sitzende Gast, indem er sich wieder ein Glas aus der bewunderten Flasche füllte. »Seine Majestät mag erfahrenere Truppen haben, als der Congreß,« erwiederte der Wirth ängstlich, »aber die Amerikaner haben sie mit einem ausgezeichneten Erfolg bekämpft.« Harper achtete nicht auf die Bemerkungen der sprechenden Personen und erhob sich mit der Bitte, daß man ihm ein Schlafgemach anweisen möchte. Ein kleiner Bursche wurde beauftragt, ihn zu seinem Zimmer zu führen, und nachdem der Reisende der ganzen Gesellschaft höflich gute Nacht gewünscht hatte, zog er sich zurück. Als die Thüre sich hinter Harper schloß, entfielen Messer und Gabel den Händen des unwillkommenen Eindringlings; – er erhob sich langsam von seinem Sitze, näherte sich mit aufmerksamem Horchen der Thüre des Zimmers, öffnete sie, schien auf die Tritte des sich Entfernenden zu lauschen und schloß sie wieder unter großem Schrecken und Staunen der Anwesenden. Dann war in einem Augenblick die rothe Perücke, welche seine schwarzen Locken verbarg, das große Pflaster, welches sein halbes Gesicht der Beobachtung entzog und der gekrümmte Rücken, der ihn als einen Fünfziger erscheinen ließ, verschwunden. »Mein Vater! mein theurer Vater!« rief der schöne junge Mann, »und ihr, meine lieben Schwestern, meine liebe Tante! – Sehe ich euch endlich wieder?« »Gott segne dich, mein Heinrich, mein Sohn!« rief der erstaunte, hoch entzückte Vater, während die beiden Schwestern ihn umarmten und in Thränen zerflossen. Der treue alte Schwarze, welcher von Kindheit an in dem Hause seines Gebieters erzogen worden und, als geschehe es in höhnendem Widerspruch mit seiner niedrigen Lage, den Namen Cäsar erhalten hatte, war der einzige weitere Zeuge dieser unerwarteten Enthüllung von Herrn Whartons Sohne. Er ergriff die ausgestreckte Hand seines jungen Herrn, bedeckte sie mit heißen Küssen und entfernte sich. Der Knabe, welcher Harpern geleitet hatte, trat nicht wieder in's Zimmer, und als der Neger nach einer Weile zurückkehrte, stellte gerade der junge Capitän die Frage: »Aber wer ist dieser Harper? – Wäre er wohl im Stande, mich zu verrathen?« »Nein – nein – nein – Massa Harry,« rief der Schwarze, indem er zuversichtlich den Kopf schüttelte; »ich haben gesehen – Massa Harper auf sein Knie – beten zu Gott – kein Mann, der beten zu Gott, sagen, daß ein guter Sohn kommen zu sehen alten Vater. – Schinder thun das – nicht Christ!« Diese üble Meinung von den Schindern beschränkte sich nicht allein auf Meister Cäsar Thompson, wie er sich selbst nannte – oder Cäsar Wharton, unter welchem Namen er dem kleinen Kreise, welcher etwas von seinem Daseyn wußte, bekannt war. Politik und vielleicht auch die Noth hatte die amerikanischen Heerführer in der Nähe von Neu-York veranlaßt, sich zu Ermüdung des Feindes gewisser untergeordneten Agenten von sehr zweideutigem Charakter zu bedienen, welche nebenzu ihre eigenen niedrigeren Zwecke verfolgten. Es war kein Zeitpunkt, auf ermüdende Untersuchungen von Mißbräuchen irgend einer Art einzugehen, und Unterdrückung und Ungerechtigkeit waren die natürlichen Folgen des Besitzes einer militärischen Macht, welche durch keine bürgerliche Gewalt gezügelt wurde. So bildete sich denn allmählig eine Rotte, welche sich einzig damit abzugeben schien, ihren Mitbürgern den geringen Ueberschuß zeitlicher Güter, deren sie sich erfreuen mochten, unter dem Vorwande des Patriotismus und der Freiheitsliebe abzunehmen. Gelegentlich fehlte es auch nicht, daß das kriegerische Ansehen derartige willkührliche Vertheilungen des Besitzthums erzwingen half, und ein unbedeutender militärischer Gewalthaber vermochte Handlungen der zügellosesten Raubgier und nicht selten der Mordlust – den Anschein von Gerechtigkeit zu verleihen. Von Seite der Engländer wurde gleichfalls nichts versäumt, die Loyalität aus ihrem Schlummer zu wecken, da sich hier zu ihrer Anwendung ein so ergiebiger Boden darbot. Doch waren ihre Freibeuter regelmäßige Corps, welche in ihrem edeln Gewerbe mehr systematisch zu Werk gingen. Lange Erfahrung hatte ihre Führer die Wirksamkeit der Kräftevereinigung kennen gelehrt, und wenn anders die Sage ihrer Handlungsweise nicht Unrecht thut, so hat der Erfolg, solche Vorsicht nicht wenig gerechtfertigt. Die Corps hatten, – wie wir vermuthen, wegen ihrer bekannten Vorliebe für diese nützlichen Thiere –, den bezeichnenden Namen der ›Kühjungen‹ erhalten. Cäsar dachte jedoch viel zu loyal, um Leute, welche in König Georg's des Dritten Dienst standen, mit den unregelmäßigen Kriegern zu verwechseln, von deren Ausschweifungen er so oft Zeuge gewesen war und gegen deren Raubsucht ihn nicht einmal seine Armuth und seine Leibeigenschaft zu schützen vermochte. Die Kühjungen erhielten daher nicht den ihnen gebührenden Antheil in seinem schwarzen Register, wenn er sagte, kein Christ, nur ein ›Schinder‹ wäre im Stande, ein zärtliches Kind zu verrathen, welches unter so großen Gefahren seinen Vater mit einem Besuche beehre. Zweites Kapitel So lebt er manches schöne Jahr vergnügt, Ununterbrochen; doch des Schicksals Tücke Trennt ihren Bund – dem Tod sie früh erliegt, Und nur Gertrude noch sich an den Vater schmiegt. Gertrude von Wyoming.   Der Vater des Herrn Wharton war in England geboren und stammte aus einer Familie, deren Einfluß auf das Parlament sie in den Stand setzte, einen jüngern Sohn in der Kolonie Neu-York zu versorgen. Der junge Mann hatte sich, wie hundert andere in seiner Lage, für immer in diesem Lande angesiedelt. Er nahm eine Frau, und der einzige Sprößling dieser Verbindung wurde früh nach England geschickt, um die Vortheile der dortigen Schulen zu genießen. Nachdem dieser seine Studien auf einer der Universitäten des Mutterlandes beendigt hatte, gestattete man dem Jüngling, sich im Leben selbst umzusehen, um die Gesellschaft und den in Europa geltenden Ton kennen zu lernen. Als er sich aber zwei Jahre in dieser Weise umhergetrieben hatte, starb sein Vater, wodurch er veranlaßt wurde, in die Heimath zurückzukehren, wo seiner ein geachteter Name und eine ansehnliche Hinterlassenschaft harrte. Es gehörte zu der Mode jener Zeit, die Söhne gewisser Familien in der englischen Armee oder Flotte, als der gewöhnlichen Stufenleiter des Emporkommens, unterzubringen. Die meisten hohen Stellen in den Colonien waren mit Männern besetzt, welche mit dem Waffendienst ihre Laufbahn begonnen hatten, und es war keine ungewöhnliche Erscheinung, daß ein alter Krieger das Schwert bei Seite legte, um sich auf den Bänken des höchsten Gerichtshofs den Hermelin umzuwerfen. Im Einklang mit diesen Ansichten hatte auch der ältere Wharton seinen Sohn zum Soldaten bestimmt, aber eine natürliche Weichlichkeit des Charakters, welche sich bereits bei dem Kinde aussprach, war seinen Wünschen in die Quere gekommen. Der junge Mann brachte ein Jährchen damit zu, die beziehungsweisen Vortheile der verschiedenen Waffengattungen zu erwägen, als ihm durch den Tod seines Vaters die Wahl erspart wurde. Das Behagliche seiner Lage und die Aufmerksamkeiten, welche an einen Jüngling verschwendet wurden, der sich eines der größten Besitztümer in den Colonien zu erfreuen hatte, kreuzten seine ehrgeizigen Plane. Die Liebe gab in der Sache den Ausschlag, und als Herr Wharton Gatte geworden war, fiel es ihm nicht mehr ein, an seine beabsichtigte kriegerische Laufbahn zu denken. So lebte er viele Jahre glücklich im Kreise seiner Familie und geachtet von seinen Landsleuten als ein Mann von Bedeutung und unbescholtenen Sitten, als auf einmal sein ganzes Glück, so zu sagen, mit einem Streich vernichtet wurde. Sein einziger Sohn, der im vorigen Kapitel eingeführte Jüngling, hatte in der Armee Dienste genommen und war kurze Zeit vor dem Anfang der Feindseligkeiten mit den Verstärkungen in sein Geburtsland zurückgekommen, welche das Ministerium in die mißvergnügten Gegenden von Nord-Amerika zu senden für gut hielt. Seine Töchter sollten eben in die Welt eingeführt werden, und ihre Erziehung schien die Benützung aller Hülfsmittel nöthig zu machen, welche das Leben in größeren Städten bietet. Die Gesundheit seiner Gattin nahm schon seit mehreren Jahren ab, und sie hatte kaum Zeit, ihren Sohn an's Herz zu drücken und sich des Beisammenseins ihrer Familie zu erfreuen, als die Revolution ausbrach und sich in leckender Flamme von Georgien bis nach Massachusetts verbreitete. Dieser Schlag war zu heftig für den kränkelnden Zustand der Mutter, welche ihren Sohn in's Feld ziehen sah, um gegen ihre eigenen Familienglieder im Süden zu kämpfen, und sie erlag der Ueberwucht desselben. In keinem Theile des amerikanischen Festlandes waren die Sitten der Engländer und ihre aristokratischen Begriffe von Adel und Familieneinfluß vorherrschender, als in einem gewissen Bezirke unmittelbar um die Hauptstadt Neu-York. Die Gewohnheiten der früheren holländischen Bewohner hatten sich zwar einigermaßen mit den englischen vermischt, aber doch behaupteten letztere entschieden das Uebergewicht. Die Anhänglichkeit an Großbrittanien wurde noch durch die häufigen Heirathen der Offiziere des Mutterlands in die reicheren und angeseheneren Familien der Nachbarschaft vermehrt, so daß sich bei dem Beginn der Feindseligkeiten durch diesen Zusammenfluß der Umstände die Kolonie fast auf die Seite der Krone hinüberneigte. Einige der ersten Familien erklärten sich jedoch für die Sache des Volkes, nahmen den Bemühungen der ministeriellen Partei gegenüber eine feste Stellung an und führten eine unabhängige republikanische Regierung ein, welcher sie, unterstützt von der Waffenmacht der Konföderation, Ansehen zu verschaffen wußten. Die Stadt Neu-York mit dem anliegenden Gebiet stand allein nicht unter der Herrschaft des neuen Freistaates, obgleich das königliche Ansehen sich nicht weiter erstreckte, als es durch die Gegenwart der Armee geltend gemacht werden konnte. Unter diesen Umständen bedienten sich die einflußreicheren königlich Gesinnten solcher Maaßregeln, wie sie gerade ihren Charakteren und ihren Verhältnissen angemessen waren. Viele ergriffen zum Schutze der Krone die Waffen und mühten sich, durch Tapferkeit und Anstrengung das, was sie für die Rechte ihres Fürsten hielten, zu sichern und ihre Besitzthümer gegen die Wirkungen des Konfiscationsgesetzes zu vertheidigen. Andere verließen das Land und suchten auf jener Insel, welche sie vorzugsweise ihre Heimath nannten, für die paar Monate der Verwirrung und Kriegsgefahr – denn länger konnte, wie sie sehnlich hofften, der Kampf nicht dauern – eine Zuflucht. Ein dritter und vorsichtigerer Theil blieb aus kluger Berücksichtigung seiner großen Besitzungen und vielleicht auch aus Anhänglichkeit an den Tummelplatz seiner Jugendjahre an der Stätte seiner Geburt. Zu diesen letzteren gehörte auch Herr Wharton. Nachdem er zur Vorsorge gegen künftige Unfälle im Geheimen all sein Geld in der englischen Bank niedergelegt hatte, entschloß sich dieser Ehrenmann, auf dem Schauplatze des Krieges auszuharren und eine strenge Neutralität zu beobachten, um sich unter allen Umständen seinen großen Grundbesitz zu sichern. Er war scheinbar ganz mit der Erziehung seiner Töchter beschäftigt, als ihm ein Verwandter, welcher bei der neuen Regierung eine hohe Stelle begleitete, die vertrauliche Mittheilung machte, daß der Aufenthalt in einer Gegend, wo sich jetzt ein brittisches Lager befände, von seinen Landsleuten nicht viel anders betrachtet werde, als ob er die Hauptstadt des brittischen Reiches zu seinem Wohnort gewählt hätte. Herr Wharton sah bald, daß dieses bei dem gegenwärtigen Stand der Dinge ein unverzeihlicher Fehler sey, und er entschloß sich sogleich, der Schwierigkeit dadurch zu begegnen, daß er sich auf's Land zurückzog. Er besaß ein Landhaus in der Grafschaft West-Chester, in welchem er seit vielen Jahren die heißen Sommermonate zuzubringen pflegte, weßhalb er es auch immer in einem wohnlichen und für seine Bequemlichkeit geeigneten Stande erhielt. Seine älteste Tochter war bereits in die Cirkel der modernen Damenwelt eingeführt; aber Franciska, die jüngere, bedurfte noch eines ein- oder zweijährigen Unterrichts, um mit dem gehörigen Glanze auftreten zu können – wenigstens war dies die Ansicht von Miß Jeanette Seyton, und da diese Dame, eine jüngere Schwester ihrer hingeschiedenen Mutter, ihr Vaterhaus in der Colonie Virginien verlassen hatte, um mit der ihrem Geschlechte eigentümlichen Aufopferung und Liebe die Obhut über ihre verwaisten Nichten zu übernehmen, so fühlte Herr Wharton wohl, daß ihre Meinung geachtet werden müsse. Im Einklang mit diesem Rathe mußte also die Eitelkeit des Vaters der Wohlfahrt seiner Kinder weichen. Herrn Whartons Herz war zerrissen, als er von Allem, was seine angebetete Gattin zurückgelassen hatte, sich trennen sollte; doch gehorchte er der Klugheit, welche ihn laut zu Erhaltung seiner zeitlichen Güter aufforderte, und zog sich nach den Locusten Eine in Amerika häufig vorkommende Baumart aus der Familie der Leguminosen, die von der Stellung der Blätter auch den Namen Heuschreckenbaum führt und deren häufiges Vorkommen ohne Zweifel der Gegend den Namen geliehen hat. zurück. Sein schönes Haus in der Stadt wurde inzwischen von der Tante und den Töchtern bewohnt. Das Regiment, zu welchem Capitän Wharton gehörte, bildete ein Theil der ständigen Besatzung der Stadt, und die Ueberzeugung, daß seine von ihm entfernten Töchter, um welche er immer ängstlich bekümmert war, in der Anwesenheit seines Sohnes des nöthigen Schutzes genössen, gereichte dem Vater zu nicht geringem Troste. Aber Capitän Wharton war ein junger Mann und – Soldat. Menschenkenntnis spielte bei ihm nur eine untergeordnete Rolle, und die Vorliebe für seinen Stand ließ ihn glauben, daß ein rother Rock nie ein unehrenhaftes Herz bedecken könne. Herrn Whartons Haus wurde, wie das einer jeden anderen Familie, welche man der Beachtung würdig hielt, der tongemäße Conversationsplatz müssiger Officiere aus der königlichen Armee. Die Folgen einer solchen Verbindung waren nur für wenige der besuchten Familien glücklich, für mehrere nachtheilig, weil dadurch Hoffnungen rege wurden, welche nie in Erfüllung gehen konnten – und unglücklicherweise für eine nicht geringe Anzahl verderblich. Der bekannte Reichthum des Vaters und vielleicht auch die Gegenwart eines hochsinnigen Bruders ließen zwar für die jungen Damen die letztere Gefahr nicht befürchten; aber es war unmöglich, daß die Huldigungen, welche Miß Sara's schöner Gestalt und lieblichem Antlitz dargebracht wurden, ganz auf unfruchtbaren Boden fielen. Ihr Körper zeigte die frühe Reife des Klimas, und eine sorgfältige Ausbildung ihrer Reize hatte sie unstreitig zur ersten Schönheit der Stadt gemacht. Keine, als vielleicht ihre jüngere Schwester, durfte hoffen, ihr diesen weiblichen Vorrang streitig zu machen. Aber Franciska hatte das bezaubernde Alter von sechszehn Jahren noch nicht ganz erreicht, und der Gedanke einer Nebenbuhlerschaft blieb der Seele beider sich zärtlich liebenden Mädchen fremd. In der That war es auch, außer der Unterhaltung mit Obrist Wellmere, Sara's größtes Vergnügen, die Blüthenknospen der kleinen Hebe zu betrachten, welche in der ganzen Unschuld der Jugend, mit der vollen Gluth einer feurigen Seele und der Schalkhaftigkeit angeborner Laune um sie spielte. War es vielleicht, daß der kleinen Franciska keine von den Artigkeiten, welche ihrer älteren Schwester so reichlich zuflossen, zu Theil wurde, oder hatte es einen anderen Grund – kurz, die Unterhaltungen über kriegerisches Verdienst, welche unter den süßen Herrchen von der Armee, die das Haus besuchten, so oft wiederholt wurden, übten auf die beiden Schwestern einen ganz entgegengesetzten Einfluß. Es gehörte damals zum Ton der brittischen Officiere, von ihren Feinden verächtlich zu sprechen, und Sara nahm die eiteln Prahlereien ihrer Verehrer für Wahrheit. Die ersten politischen Meinungen, welche Franciska's Ohr erreichte, waren daher von Hohnworten über das Benehmen ihrer Landsleute begleitet. Zuerst glaubte auch sie denselben; aber hin und wieder mußte ein General seinen Feinden Gerechtigkeit widerfahren lassen, um selbst Gerechtigkeit zu finden, und endlich wurde es Franciska etwas zweifelhaft, ob es denn auch mit der Unfähigkeit ihrer Landsleute seine Richtigkeit habe. Obrist Wellmere war unter denen, welchen es das meiste Vergnügen machte, ihren Witz über die unglücklichen Amerikaner auszulassen, und Franciska fing bald an, seiner Beredtsamkeit mit Argwohn und bisweilen mit Empfindlichkeit zuzuhören. Einmal befanden sich an einem drückend heißen Tage die Drei in dem Gesellschaftszimmer von Herrn Wharton's Hause. Der Obrist und Sara saßen auf dem Sopha und gaben unter dem gewöhnlichen nichts sagenden Geplauder dem Spiele ihrer Augen Raum, während sich Franciska an dem entgegengesetzten Ende des Zimmers mit ihrem Stickrahmen beschäftigte, als Wellmere plötzlich ausrief: »Wie wird sich die ganze Stadt über die Ankunft der Armee unter General Burgoyne freuen, Miß Wharton!« »Ach, wie angenehm muß das seyn,« erwiederte die gedankenlose Sara. »Man hat mir gesagt, es seien viele bezaubernde Frauen bei jener Armee. Gewiß wird sie, wie Sie sagten, Leben und Heiterkeit verbreiten.« Franciska strich die Fülle ihrer goldenen Locken zurück und erhob die Augen, welche von der Gluth ihres Nationalgefühls strahlten, dann lachte sie und fragte mit versteckter Schalkhaftigkeit: »Ist es so gewiß, daß man den General Burgoyne die Stadt erreichen läßt?« »Erreichen läßt?« wiederholte der Obrist. »Wer wird ihn wohl daran hindern, meine hübsche Miß Fanny?« Franciska war gerade in dem Alter, wo Mädchen am eifersüchtigsten auf ihre Stellung in der Gesellschaft sind, da man sie nicht eigentlich zu den Damen rechnen und doch auch nicht als Kinder behandeln kann. Das »hübsche Miß Fanny« klang zu vertraulich, um ihr zu behagen, und sie ließ ihre Augen wieder auf ihre Arbeit sinken, indeß ihre Wangen wie Purpur glühten. »General Stark hat die Deutschen abgefangen,« antwortete sie, und legte den Finger an ihre Lippe. »Könnte es General Gates nicht für zu gefährlich halten, die Britten frei ausgehen zu lassen?« »Ach! das waren Deutsche, wie Sie selbst sagen,« rief der Obrist, höchst verdrießlich über die Nothwendigkeit, sich überhaupt darüber aussprechen zu müssen; »bloße Miethtruppen! Aber wenn es sich um die eigentlichen brittischen Regimenter handelt, so werden Sie ganz andere Erfolge sehen.« »Daran ist gar kein Zweifel,« versetzte Sara, ohne auch nur im mindesten die Empfindlichkeit des Obristen gegen ihre Schwester zu theilen, aber doch bereits in ihrem Herzen den Engländern zu ihren Siegen Glück wünschend. »Ei, sagen Sie mir doch, Obrist Wellmere,« entgegnete Franciska, indem sie ihre heitere Laune wieder annahm und ihren schelmischen Blick auf den Offizier richtete; »war der Lord Percy von Lexington ein Verwandter von dem, welcher bei Chevy-Chase kämpfte?« »Ha, Miß Fanny, Sie werden eine Rebellin,« sagte der Obrist, welcher seinen Aerger weg zu lachen versuchte. »Was den Vorfall bei Lexington anbelangt, den Sie hier anzuführen belieben, so war er nichts weiter, als ein kluger Rückzug – so eine Art – von –« »Durchgehendem Gefecht,« unterbrach ihn das neckische Mädchen, indem sie einen großen Nachdruck auf das erste dieser Worte legte. »Sicherlich, meine junge Dame –« hier wurde Obrist Wellmere durch das Lachen eines Mannes unterbrochen, welchen er bisher nicht bemerkt hatte. Neben dem Zimmer, in welchem unsere Drei sich aufhielten, war ein kleines Familiengemach, und der Luftzug hatte die zwischen beiden befindliche Thüre geöffnet. Man erblickte jetzt einen hübschen jungen Mann, welcher in der Nähe des Eingangs saß und dessen lächelndes Gesicht bekundete, daß er der Unterhaltung mit vielem Vergnügen zugehört hatte. Er stand sogleich auf, und als er, mit dem Hute in der Hand, in die Thüre trat, zeigte sich ein schlanker wohlgebildeter Jüngling von dunkler Gesichtsfarbe, mit blitzenden, schwarzen Augen, aus welchen die Heiterkeit noch nicht ganz verwischt war, der den Damen seine Verbeugung machte. »Herr Dunwoodie!« rief Sara überrascht; »ich wußte nicht, daß Sie im Hause sind. Sie werden es in diesem Zimmer kühler finden.« »Ich danke Ihnen,« versetzte der junge Mann, »aber ich muß Ihren Bruder aufsuchen, der mich dort in den Hinterhalt legte, wie er es nannte, und seinem Versprechen gemäß schon vor einer Stunde hätte zurück seyn sollen.« Er verbeugte sich, ohne eine weitere Erklärung zu geben, höflich gegen die Frauenzimmer, zurückhaltend und mit Würde gegen den Obrist und entfernte sich. Franciska folgte ihm in die Halle und fragte ihn hastig mit hohem Erröthen: »Aber warum – warum verlassen Sie uns, Herr Dunwoodie? – Heinrich muß bald zurückkommen.« Der Jüngling ergriff eine ihrer Hände, und der ernste Ausdruck des Gesichtes gab einem Blicke der Bewunderung Raum, als er erwiederte: »Sie haben ihn hübsch abgefertigt, mein liebes Bäschen. Ach, vergessen Sie nie – nie das Land Ihrer Geburt, und erinnern Sie sich stets, daß Sie nicht nur die Enkelin eines Engländers, sondern auch die eines Peyton sind.« »Oh!« entgegnete das Mädchen lachend, »es würde schwer seyn, so etwas zu vergessen, so lange uns Tante Jeanette alle Augenblicke mit einer Vorlesung über unser Geschlechtsregister beglückt. – Aber warum wollen Sie fort?« »Ich bin im Begriff, nach Virginien zu gehen, und habe noch viel zu thun.« Während er dieses sagte, drückte er ihr die Hand, blickte, ehe er die Thüre schloß, noch einmal zurück, und rief: »Bleiben Sie Ihrem Lande treu – bleiben Sie eine Amerikanerin.« Als er sich entfernte, warf ihm das feurige Mädchen einen Kuß nach, kühlte dann mit ihren zarten Händchen ihre glühenden Wangen und eilte auf ihr Zimmer, um ihre Verwirrung zu verbergen. Zwischen der offenen Spottrede Franciska's und der übel verhehlten Verachtung des jungen Mannes hatte sich Obrist Wellmere in einer sehr unangenehmen Lage gefühlt. Er scheute sich jedoch, wegen solcher Kleinigkeiten in Gegenwart seiner Dame der Empfindlichkeit Raum zu geben, und begnügte sich daher, als Dunwoodie das Zimmer verlassen hatte, mit der höhnischen Bemerkung: »Sehr viele Freiheit für einen jungen Menschen in seiner Lage; – ein Ladenbursche mit einem Bündel, denke ich?« Der Gedanke, sich den zierlichen Peyton Dunwoodie als einen Ladenburschen vorzustellen, konnte Sara nie zu Sinne kommen, und sie blickte überrascht um sich, als der Obrist fortfuhr: »Dieser Herr Dun – Dun –« »Dunwoodie! O nein – er ist ein Verwandter meiner Tante,« rief die junge Dame, »und ein vertrauter Freund meines Bruders. Sie waren Schulgefährten und trennten sich erst in England, wo der eine zur Armee und der andere auf eine französische Militär-Academie ging.« »Er scheint sein Geld weggeworfen zu haben,« erwiederte der Obrist, und gab auf diese Weise die üble Laune, welche er zu verbergen bemüht war, zu erkennen. »Wir wollen das hoffen,« fügte Sara lächelnd bei, »denn man sagt, er wolle sich dem Heere der Rebellen anschließen. Er kam in einem französischen Schiff hier an und ist eben erst ausgewechselt worden. Sie werden ihm wohl bald in den Waffen begegnen.« »Nun, mag er. – Ich wünsche Washington viele solcher Helden;« dann brach er ab und lenkte das Gespräch auf einen angenehmeren Gegenstand. Einige Wochen nach diesem Auftritt streckte Burgoynes Armee die Waffen. Herr Wharton, welcher anfing, den Ausgang des Kampfes für zweifelhaft zu betrachten, entschloß sich, seine Landsleute mit sich auszusöhnen und zugleich seinem eigenen Verlangen nachzugeben, indem er die Töchter gleichfalls nach seinem gegenwärtigen Aufenthalt kommen ließ. Miß Peyton begleitete sie und seit dieser Zeit bis zu dem Beginn unserer Erzählung hatte sich die kleine Familie nicht wieder getrennt. So oft die Hauptarmee eine Bewegung machte, war natürlich Capitän Wharton mit thätig, und ein- oder zweimal war es ihm unter dem Schutze starker Truppenabtheilungen, welche in der Nähe der Locusten operirten, möglich geworden, die Seinigen auf einen Augenblick heimlich zu besuchen. Seit der letzten Zusammenkunft war aber ein Jahr verflossen, und der ungeduldige Heinrich hatte sich, um einen Besuch zu bewerkstelligen, der oben erwähnten Maske bedient. Unglücklicher Weise war an dem gleichen Abend ein unbekannter und ziemlich verdächtiger Gast in dem Hause seines Vaters, welches selten Jemand anders als seine gewöhnlichen Einwohner barg. »Aber glaubt ihr, daß er Argwohn gegen mich hat?« fragte der Capitän mit Besorgniß, nachdem er Cäsar's Meinung von den Schindern vernommen hatte. »Wie sollte er,« rief Sara, »da nicht einmal Dein Vater und Deine Schwestern Dich in Deiner Verkleidung erkannten?« »Es ist etwas Geheimnißvolles in seinem Benehmen. Seine Blicke sind zu spähend für einen gleichgültigen Beobachter,« fuhr der junge Wharton gedankenvoll fort, »und sein Gesicht scheint mir bekannt. Das kürzliche Schicksal Andrés hat viel Aufregung auf beiden Seiten hervorgerufen. Sir Henry droht Rache für seinen Tod und Washington ist so fest, als ob die halbe Welt unter seinen Befehlen stünde. Die Rebellen würden mich gerade jetzt als einen geeigneten Gegenstand für ihre Pläne betrachten, wenn ich so unglücklich seyn sollte, in ihre Hände zu fallen.« »Aber, mein Sohn,« rief der Vater in großer Unruhe, »Du bist kein Spion; Du bist nicht im Bereich der Linie der Rebellen – der Amerikaner, wollte ich sagen; – es gibt hier nichts auszukundschaften.« »Das möchte eine Frage seyn,« entgegnete der junge Mann sinnend. »Ihre Vorposten gingen bis zu den Weißen Ebenen herunter, und ich kam in meiner Verkleidung über dieselben hinaus. Es ist wahr, meine Absicht ist unschuldig; aber wird man mir's auch glauben? Matt würde meinen Besuch als den Deckmantel anderer Pläne betrachten. Erinnern Sie sich nur, lieber Vater, welche Behandlung Ihnen selbst vor einem Jahre widerfuhr, weil Sie mir Früchte für den Winter zuschickten.« »Das geschah in Folge der Anschwärzungen meiner freundlichen Nachbarn,« sagte Wharton, »welche hofften, bei dem Einzug meiner Güter hübsche Ländereien zu billigen Preisen an sich bringen zu können. Peyton Dunwoodie bewirkte aber bald unsere Befreiung, und wir wurden nur einen Monat festgehalten.« »Wie?« wiederholte der Sohn mit Bestürzung. »Man hat also auch meine Schwestern verhaftet? – Und Du, Fanny, schriebst mir keine Sylbe davon?« »Ich glaube,« sagte Franciska hocherröthend, »ich erwähnte der gütigen Behandlung, welche uns Dein alter Freund, .Major Dunwoodie zu Theil werden ließ, und daß er des Vaters Freilassung bewerkstelligte.« »Allerdings; – aber warst Du mit in dem Rebellenlager?« »Ja,« sagte der Vater freundlich; »Fanny wollte mich nicht allein gehen lassen. Jeanette und Sara besorgten die Wirthschaft in den Locusten, und dieses kleine Mädchen war meine Gefährtin in der Gefangenschaft.« »Und Fanny kehrte von diesem Schauplatz als eine größere Rebellin, denn je, zurück,« rief Sara unwillig. »Man sollte glauben, das Ungemach, welches ihr Vater erdulden mußte, hätte sie von allen derartigen Grillen heilen können.« »Was sagst Du zu dieser Beschuldigung, meine schöne Schwester?« erwiederte der Capitän heiter; »hat Peyton Dich gelehrt, Deinen König mehr zu hassen, als er es selber thut?« »Peyton Dunwoodie haßt Niemand,« sagte Franciska rasch; dann erröthete sie ob ihrer Hastigkeit und fügte bei: »er liebt Dich, Heinrich, wie ich recht wohl weiß, denn er hat es mir oft genug selbst gesagt.« Der junge Wharton klopfte seine Schwester lächelnd auf die Wange, und fragte sie in neckendem Flüstern: »Sagte er Dir nicht auch, daß er meine kleine Schwester Fanny liebe?« »Ach, Possen!« sagte Franciska, und die Ueberbleibsel der Abendmahlzeit verschwanden bald auf ihre Anordnung. Drittes Kapitel. Die Stoppelfelder deckte herbstlich Wetter Die Winde sausten durch die fahlen Blätter, Und hinter Lawmons Hügel taucht' hinab Der bleiche Mond, der jüngst noch Leuchte gab – Als aus der Stadt Gewühl den öden Pfad Der hagre Krämer trauervoll betrat. Wilson.   Wenn ein Sturm unterhalb der Hochebenen des Hudson durch den Ostwind eingeführt wird, so dauert er selten kürzer als zwei Tage. Als daher die Bewohner der Locusten sich am andern Morgen zum zeitigen Frühstück versammelten, schlug der Regen fast unter einem rechten Winkel gegen die Fenster des Gebäudes, und man durfte nicht daran denken, auch nur ein Thier, geschweige einen Menschen dem Sturm auszusetzen. Harper erschien zuletzt und entschuldigte sich, nachdem er zuvor den Zustand des Wetters untersucht hatte, gegen Wharton, daß er sich genöthigt sähe, seine Güte noch für länger in Anspruch zu nehmen. Die Erwiederung war dem Anscheine nach so artig, als die Entschuldigung, und Harper fügte sich der Nothwendigkeit mit einer Resignation, welche sehr verschieden von den Gefühlen war, die den alten Vater beängstigten. Dem Befehle des letztern gehorsam hatte Heinrich Wharton mit einer Abneigung, welche an Ekel gränzte, seine Maske wieder vorgenommen. Nach den ersten gegenseitigen Morgenbegrüßungen, an welchen die ganze Familie Theil nahm, fanden übrigens keine Berührungen zwischen dem Sohne des Hauses und dem Fremden mehr Statt. Es war zwar allerdings Franciska vorgekommen, ein leichtes Lächeln habe die Züge des Reisenden überflogen, als er in's Zimmer trat und ihrem Bruder erstmals begegnete; doch beschränkte sich dieses nur auf das Auge und schien nicht kräftig genug, die übrigen Muskeln des Gesichts zur Theilnahme zu veranlassen; auch verlor es sich schnell wieder in dem fast unveränderlichen, ruhigen, wohlwollenden Ausdruck, welcher in seinem Antlitze lagerte. Die Augen der zärtlichen Schwester flogen einen Moment ängstlich auf ihren Bruder und dann wieder auf den unbekannten Gast, dessen Blick sie traf, als er ihr eben mit besonderer Aufmerksamkeit eine der kleinen bei Tische gewöhnlichen Artigkeiten erweisen wollte, und das Herz des Mädchens, welches mit Ungestüm pochte, gewann bald wieder all die Ruhe, die mit der Jugend, Gesundheit und Lebhaftigkeit des lieblichen Wesens verträglich war. Sie saßen noch an der Tafel, als Cäsar eintrat, schweigend ein kleines Päckchen an die Seite seines Herrn legte und sich bescheiden hinter seinen Stuhl stellte, wo er, die Hand aus die Lehne desselben legend, in halb vertraulicher, halb respektvoller Stellung der weiteren Aufträge harrte. »Was ist das, Cäsar?« fragte Herr Wharton, indem er das Paquet umdrehte, um den Umschlag zu untersuchen, welchen er mit einigem Argwohn betrachtete. »Der 'bak, Herr; Harvey Birch kommen heim, und er bringen Euch ein wenig gut 'bak aus York. »Harvey Birch?« erwiederte der Hausherr bedächtlich, indem er einen verstohlenen Blick auf seinen Gast warf. »Ich kann mich nicht erinnern, daß ich ihm den Auftrag gab, für mich Tabak zu kaufen; doch da er ihn einmal gebracht hat, muß er auch für seine Mühe bezahlt werden.« Nur einen Augenblick unterbrach Harper während der Mittheilung des Negers sein schweigendes Mahl; sein Auge bewegte sich langsam von dem Diener auf den Herrn und sank alsbald wieder in seine frühere Verschlossenheit zurück. Sara Wharton war über diese Nachricht ungemein erfreut. Sie verließ ungeduldig ihren Sitz und befahl dem Neger, Harvey in das Zimmer zu führen; aber plötzlich besann sie sich wieder, wandte sich mit einem abbittenden Blicke an den Fremden, und fügte bei: »wenn Herr Harper die Gegenwart eines Hausirers entschuldigen will.« Das nachsichtige Wohlwollen, welches sich in den Zügen des Fremden aussprach, als er mit schweigender Verbeugung seine Zustimmung ausdrückte, sprach beredter, als die zierlichst gesetzte Phrase, und die junge Dame wiederholte ihren Befehl mit einer Unbefangenheit, welche jede weitere Verlegenheit verbannte. In den tiefen Fensternischen des Gebäudes befanden sich gepolsterte Sitze; und die reichen Damastvorhänge, eine Zierde des Besuchszimmers in der Königin-Straße Die Amerikaner veränderten, wie ehedem die Franzosen, in der Revolution die Namen vieler Städte und Straßen. So wurde in Neu-York die Kronenstraße zur Freiheitsstraße, die Königsstraße zur Fichtenstraße, und die Königin-Straße (damals einer der modernsten Stadttheile) zur Perlstraße. Die Perlstraße wird gegenwärtig hauptsächlich von Auktionären und der Gesammtheit guter trockener Großhändler zu Waaren-Niederlagen und Bureaus benützt. welche nach den Locusten verpflanzt worden war, liehen dem Gemach jenen unbeschreiblichen Eindruck von Behaglichkeit, welchen man bei der Annäherung des Winters so gern in den Häusern empfindet. Capitän Wharton zog sich in eine von diesen Nischen zurück, und ließ den Vorhang herunterfallen, wodurch er seine Person fast ganz der Beobachtung entzog; indeß seine jüngere Schwester, deren natürliche Freimüthigkeit einem mehr erzwungenen Wesen gewichen war, schweigend von einer zweiten Besitz ergriff. Harvey Birch war, wie er wenigstens häufig versicherte, von Jugend auf ein Hausirer gewesen, und die Gewandtheit, mit der er sein Gewerbe betrieb, war nicht geeignet, seine Behauptung Lügen zu strafen. Er stammte aus einer der östlichen Colonieen, und aus der höhern Bildung, welche bei seinem Vater bemerkt wurde, schloß man, daß beide in ihrer Heimath glücklichere Tage gesehen hätten. Harvey zeigte jedoch nur die gewöhnlichen Sitten des Landes und unterschied sich in nichts von Leuten seiner Classe, als durch seine Schlauheit und ein gewisses geheimnißvolles Wesen, welches sein Treiben umschleierte. Beide waren vor zehn Jahren in das Thal gekommen, hatten die armselige Hütte, bei welcher Harper seinen ersten erfolglosen Versuch gemacht hatte, gekauft und wohnten seitdem dort in Frieden, ohne daß man sie gerade besonders beachtete oder kannte. Der Vater widmete sich, bis Alter und Gebrechlichkeit ihn unfähig machten, der Kultur des Bodens, der zu seiner Wohnung gehörte, während der Sohn mit Eifer seinem kleinen Handel nachging. Ihr eingezogenes Leben hatte ihnen in der Nachbarschaft einen so guten Ruf erworben, daß sich ein Mädchen von fünfunddreißig Jahren veranlassen ließ, die Bedenklichkeiten ihres Geschlechts zu vergessen und die Stelle einer Wirthschafterin in dem kleinen Haushalt zu übernehmen. Katy Haynes' Rosen waren schon lange verblichen, und sie hatte bereits alle männlichen und weiblichen Bekannten den von ihrem Geschlecht so heiß ersehnten Bund schließen sehen, ohne für sich selbst viel von demselben hoffen zu dürfen, als sie, nicht ohne ihre besonderen Absichten, in die Familie der Birch's eintrat. Die Noth zwingt zu Manchem, und Vater und Sohn sahen sich veranlaßt, in Ermangelung eines Besseren, ihre Dienste anzunehmen, obgleich Katy manche Eigenschaften besaß, welche sie zu einer ganz erträglichen Haushälterin stempelten. Auf der einen Seite war sie reinlich, thätig, ehrlich und im Hauswesen erfahren. Andererseits aber war sie geschwätzig, eigennützig, abergläubisch und neugierig. In Folge der äußerst treulichen Anwendung dieser letzteren Eigenschaft hatte sie es, nach nicht ganz fünf Jahren ihres Aufenthalts bei dieser Familie, so weit gebracht, daß sie triumphirend erklären konnte, sie habe genug gehört, oder besser – erhorcht, um sie in den Stand zu sehen, über die frühern Verhältnisse ihrer Hausgenossen Auskunft zu geben. Hätte Katy genug prophetischen Geist gehabt, um das künftige Loos derselben vorauszusehen, so wäre wohl ihr Bestreben erreicht gewesen. Aus den geheimen Unterredungen des Vaters mit seinem Sohne hatte sie entnommen, daß eine Feuersbrunst ihren nothdürftigen Besitz verzehrt und sie der Armuth preisgegeben habe, und daß zu derselben Zeit die Zahl ihrer Familienglieder auf zwei zusammengeschmolzen sey. Es lag ein Beben in der Stimme des Vaters, wenn er auf jenes Ereigniß anspielte, daß sogar Katy's Herz ergriffen wurde; doch eine gemeine Neugierde ist durch keine Schranken im Zaum zu halten. Sie beharrte auf ihrem Spionirsystem, bis ihr eine sehr unumwundene Erklärung von Seiten Harvey's, welcher ihren Platz mit einer um einige Jahre jüngeren Weibsperson zu ersetzen drohte, die ernste Lehre gab, daß Gränzen vorhanden seyen, welche sie nicht überschreiten dürfe. Von dieser Zeit war der Neugierde der Haushälterin ein so heilsamer Zügel angelegt, daß sie, obgleich sie keine Gelegenheit zum Horchen verabsäumte, den Vorrath ihrer Kenntniß nur um wenig zu bereichern vermochte. Denumgeachtet hatte sie sich aber einen Umstand erlauscht, der für sie von nicht geringem Interesse war, und von der Zeit an, wo sie sich von demselben Kenntnisse verschafft hatte, bot sie Allem auf, einen Plan durchzusetzen, bei welchem ein doppeltes Anregungsmittel, Liebe und Habsucht, sie unterstützte. Harvey pflegte nämlich oft mitten in der Nacht dem Herde des Gemachs, welches zugleich als Küche und Wohnzimmer diente, geheimnißvolle Besuche abzustatten. Bei einer solchen Gelegenheit hatte ihn Katy beobachtet, und als er einstmal abwesend und der Vater anderweitig beschäftigt war, machte sie sich diesen Umstand zu Nutze, um einen der Herdsteine auszuheben, und entdeckte unter demselben einen eisernen Topf, aus welchem ihr ein Metall entgegenstrahlte, das auch das härteste Herz zu erweichen im Stande ist. Es gelang ihr, den Stein wieder an seine Stelle zu bringen, ohne daß die unwillkommene Nachforschung bemerkt worden wäre, und später erlaubte sie sich nie wieder einen zweiten Besuch. Aber von diesem Augenblick an hatte das Herz der Jungfrau seine Sprödigkeit verloren, und es lag nichts zwischen Harvey und seinem Glück, als seine eigene schlechte Beobachtungsgabe. Der Krieg that dem Gewerbe des Hausirers keinen Eintrag. Er ergriff im Gegentheil die kostbare Gelegenheit, welche die Unterbrechung des regelmäßigen Handels darbot, und schien ganz von der wichtigen Aufgabe, Geld aufzuhäufen, in Anspruch genommen zu seyn. Ein oder zwei Jahre trieb er seinen Handel ununterbrochen und mit verhältnißmäßigem Gewinn; endlich aber begannen dunkle und besorgliche Andeutungen einen Verdacht auf sein Treiben zu lenken, und die bürgerliche Behörde erachtete es für nöthig, seine Lebensweise genauer zu untersuchen. Er wurde verschiedenemale, jedoch nicht auf lange, festgenommen, da es ihm, im Vergleich mit dem, was er von der Verfolgung der Armeen zu erdulden hatte, ein Leichtes war, sich den Hütern des Gesetzes zu entziehen. Kurz, man konnte Birch nichts anhaben, und er setzte seinen Handel fort, obgleich er genöthigt wurde, sich sehr in Acht zu nehmen, besonders wenn er sich der nördlichen Gränze der Grafschaft, oder, mit andern Worten, den amerikanischen Linien näherte. Seine Besuche in den Locusten waren seltener geworden, und man sah ihn in seinem eigenen Hause so wenig, daß die in ihren Erwartungen getäuschte Katy bei Gelegenheit der Erwiederung, welche sie Harpern gab, ihrem überfüllten Herzen auf die oben erwähnte Weise Luft machte. Nichts schien jedoch die Thätigkeit des unermüdlichen Handelsmannes zu stören, und in der Hoffnung, einige Artikel abzusetzen, für welche er nur unter den reichsten Familien der Grafschaft Käufer finden konnte, hatte er es gewagt, muthig in der vollen Wuth des Sturmes die halbe Meile von seiner Wohnung zu Whartons Hause zurückzulegen. Einige Minuten, nachdem Cäsar die Befehle seiner jungen Gebieterin erhalten hatte, kam er wieder zurück und führte den Gegenstand der kleinen Abschweifung, welche wir uns eben erlaubt haben, in's Zimmer. Die Gestalt des Hausirers war ziemlich hoch, sogar von kräftiger Musculatur und starkem Knochenbau. Im ersten Augenblick mochte es zwar scheinen, als ob seine Kräfte der unbehülflichen Last des Sackes nicht gewachsen seyen, doch wußte er ihn mit großer Gewandtheit und Leichtigkeit zu handhaben, als wäre er blos mit Federn gefüllt. Seine unruhigen grauen Augen lagen tief in ihren Höhlen, und in den flüchtigen Momenten, während welcher sie auf den Zügen der mit ihm verkehrenden Personen weilten, schienen sie bis in die Tiefen der Seele zu dringen. Auch war in denselben ein doppelter Ausdruck zu erkennen, welcher für das Ganze des Mannes nicht wenig charakteristisch war. Wenn er mit fernem Handel beschäftigt war, erschien sein Gesicht lebhaft, thätig, gewandt und in ungewöhnlichem Grade schlau; wendete sich das Gespräch auf die gewöhnlichen Ereignisse des Lebens, so wurde der Ausdruck desselben zerstreut und unruhig; war aber zufälliger Weise die Revolution und das Vaterland, der Gegenstand der Unterhaltung, so schien sein ganzes Wesen eine Veränderung zu erleiden und alle seine Geisteskräfte sich in einem Punkte zu concentriren. So konnte er lange, ohne einen Laut vernehmen zu lassen, zuhören und unterbrach dann vielleicht sein Schweigen durch eine leichte, scherzende Bemerkung, welche zu sehr mit seinem vorigen Wesen im Widerspruch stand, um nicht erkünstelt zu seyn. Vom Kriege aber und von seinem Vater sprach er selten, und dann immer nur, wenn er es auf keine Weise umgehen konnte. Einem oberflächlichen Beobachter mochte wohl der Geiz als die Haupttriebfeder der Lebensweise dieses Mannes erscheinen – und, genau erwogen, paßte Harvey allerdings für die Plane der Jungfrau Katy Haynes so wenig als nur immer möglich. Als der Hausirer in das Zimmer trat, entledigte er sich seiner Last, die, wenn sie auf dem Boden stand, ihm fast bis zur Schulter reichte, und grüßte die Familie mit bescheidener Höflichkeit. Gegen Harper machte er, ohne die Augen aufzuschlagen, eine schweigende Verbeugung, da der herabgelassene Vorhang ihm die Gegenwart des Capitäns Wharton verbarg. Sara ließ ihm nur wenig Zeit zu den gewöhnlichen Begrüßungen, begann den Inhalt des Packes zu untersuchen und war zugleich mit dem Handelsmann geschäftig, die verschiedenen Waaren an's Licht zu fördern. Tische, Stühle und Boden waren bald mit Seidenstoffen, Flor, Handschuhen, Mousselin und dem ganzen Vorrathe eines fahrenden Handelsmannes überlegt. Cäsar hatte die Aufgabe, den Sack offen zu halten, so lange die Schätze desselben ausgekramt wurden, und ermangelte dabei nicht, seiner jungen Gebieterin beizustehen, indem er ihre Aufmerksamkeit auf einige Gegenstände des Putzes zu lenken suchte, welche ihm der schreienden Farben wegen besonderer Beachtung würdig schienen. Endlich hatte sich Sara mehrere Artikel ausgelesen, und nachdem die Preise zur Zufriedenheit abgehandelt waren, bemerkte sie in heiterem Tone: »Aber, Harvey, Ihr habt uns noch nichts Neues erzählt! Hat Lord Cornwallis die Rebellen wieder geschlagen?« Die Frage mußte überhört worden seyn, denn der Hausirer begrub sich fast ganz in seinen Pack, brachte eine Partie Spitzen von äußerster Schönheit zum Vorschein, und hielt sie der Dame vor die Augen, um sie von ihr bewundern zu lassen. Miß Peyton ließ die Tasse, welche sie eben abtrocknete, aus der Hand fallen, und Franciska, welche bisher nur eines ihrer schelmischen Augen hatte sehen lassen, ließ nun das ganze liebliche Antlitz zum Vorschein kommen, das von einer Gluth strahlte, welche den Purpur der Damastvorhänge beschämte, von denen es bisher neidisch verhüllt gewesen war. Die Tante verließ ihr Geschäft und bald hatte Birch einen großen Theil dieses werthvollen Artikels abgesetzt. Die Lobsprüche der Dame hatten endlich auch die ganze Gestalt der jüngern Schwester sichtbar werden lassen, und Franciska stand eben langsam vom Fenster auf, als Sara ihre Frage mit einer Lebhaftigkeit der Stimme wiederholte, welche mehr in dem Vergnügen über ihren Kauf, als in der Tiefe der politischen Gefühle ihren Grund haben mochte. Die jüngere Schwester nahm ihren Sitz wieder ein, und schien sich mit dem Zuge der Wolken zu beschäftigen, indeß der Krämer, als er bemerkte, daß eine Antwort erwartet werde, langsam erwiederte: »Man spricht unten ein wenig davon, Tarleton habe den General Sumpter am Tigerflusse geschlagen.« Capitän Wharton streckte jetzt unwillkührlich seinen Kopf hinter dem Vorhang hervor in's Zimmer, und Franciska horchte mit athemlosen Schweigen, wobei sie zugleich bemerkte, daß Harper die ruhigen Augen über dem Buche weg, welches er zu lesen schien, auf den Krämer heftete, und dabei einen Antheil verrieth, der in ihm keinen gleichgültigen Zuhörer vermuthen ließ. »In der That!« rief Sara frohlockend; »Sumpter – Sumpter – wer ist das? Ich will Euch keine Stecknadel abkaufen, bis Ihr mir alle Neuigkeiten erzählt habt,« fuhr sie fort, indem sie lachend den Mousselin, welchen sie in der Hand hielt, wieder in den Pack warf. Der Hausirer zögerte einen Augenblick und warf einen verstohlenen Blick auf Harper, dessen Auge noch ruhig und bedeutsam auf ihm haftete; Birchs ganzes Wesen schien umgewandelt. Er näherte sich dem Feuer, nahm eine ordentliche Portion des beliebten virginischen Krauts aus seinem Munde, warf sie mit der Ueberfülle des Saftes, ohne Miß Peytons blanke Feuerböcke zu berücksichtigen, auf die Gluth und kehrte zu seinen Waaren zurück. »Er lebt irgendwo unter den Negern des Südens,« antwortete der Hausirer abgebrochen. »Nicht mehr Neger, als Ihr selbst seyn, Mister Birch,« unterbrach ihn Cäsar spitzig, indem er zugleich in großem Unwillen die Enden des Waarensackes fallen ließ. »Still, Cäsar – still – kümmere Dich nichts darum,« sagte Sara Wharton besänftigend, voll Ungeduld, weiter zu vernehmen. »Ein schwarz Mann so gut, als weiß, Miß Sally,« fuhr der beleidigte Neger fort, »so lange er sich gut aufführen.« »Und oft viel besser« erwiederte seine Herrin; »aber Harvey, wer ist dieser Sumpter?« Ein leichter Anflug von Laune zeigte sich vorübergehend auf dem Gesichte des Hausirers, der seine Rede wieder aufnahm, als ob er durch die Empfindlichkeit des Sclaven gar nicht unterbrochen worden sey: »Wie ich sagte, er lebt unter den farbigen Leuten des Südens« – Cäsar nahm die Enden des Packes wieder auf – »und hat kürzlich ein Gefecht mit dem Obersten Tarleton gehabt –« »In welchem er natürlich den Kürzern zog,« rief Sara zuversichtlich. »So sagen die Truppen in Morrisania.« »Aber was sagt Ihr?« wagte Herr Wharton in gedämpfter Stimme zu fragen. »Ich wiederhole, was ich gehört habe,« sagte Birch, indem er Sara ein Stück Tuch zur Einsicht vorlegte, welches sie jedoch schweigend zurückwies, augenscheinlich entschlossen, noch mehr hören zu wollen, ehe sie einen weiteren Kauf machte. »Je nun, sie sagen, in den Ebenen,« fuhr der Hausirer fort, indem er zuvor seinen Blick durch das Zimmer gleiten und einen Augenblick auf Harper ruhen ließ, »daß Sumpter mit Einem oder Zweien die einzigen Verwundeten seyen und daß die Regulären in Stücke gehauen wurden, denn die Miliz sey recht hübsch hinter einem Verhau verschanzt gewesen.« »Nicht sehr wahrscheinlich,« sagte Sara wegwerfend, »obgleich ich nicht daran zweifle, daß die Rebellen hinter Verhaue gekrochen sind.« »Ich denke,« sagte der Hausirer, indem er wieder einen Seidenstoff zum Vorschein brachte, »es ist besser, man habe einen Verhau zwischen sich und dem Geschütz, als wenn man zwischen die Kanonen und den Verhau zu stehen kömmt.« Die Augen Harpers sanken wieder ruhig auf die Blätter des Buches, welches er in der Hand hatte, indeß Franciska sich erhob, mit lächelndem Antlitz vorwärts trat, und mit einer Vertraulichkeit, welche der Hausirer früher nie an der jüngern Schwester bemerkt hatte, die Frage stellte: »Habt Ihr noch mehr von diesen Spitzen, Meister Birch?« Der fragliche Artikel wurde sogleich vorgelegt, und Franciska machte gleichfalls ihren Einkauf. Dann ließ sie dem Krämer ein Glas Branntwein reichen, welches mit Dank angenommen und auf die Gesundheit des Hausherrn und der Damen geleert wurde. »Man meint also, der Obrist Tarleton habe den General Sumpter geschlagen?« fragte Herr Wharton, indem er anscheinend damit beschäftigt war, die Tasse, welche durch die Eile seiner Schwägerin zerbrochen wurde, wieder zusammen zu passen. »Ich glaube, das ist in Morrisania die Ansicht von der Sache,« erwiederte Birch trocken. »Habt Ihr noch andere Neuigkeiten, Freund?« fragte Capitän Wharton, indem er es wieder wagte, den Kopf hinter dem Vorhang hervorzustecken. »Haben Sie gehört, daß Major André gehangen wurde?« Capitän Wharton fuhr zusammen; dann wurden für einen Moment bedeutungsvolle Blicke zwischen ihm und dem Krämer gewechselt, worauf er mit scheinbarer Gleichgültigkeit erwiederte: »Das muß schon vor einigen Wochen geschehen seyn.« »Macht seine Hinrichtung viel Aufsehen?« fragte der Vater, und wiederholte den Versuch, das zerbrochene Porcellän wieder zu vereinigen. »Sie wissen wohl, daß die Leute gern schwatzen, Squire?« »Sollte es vielleicht unten Bewegungen geben, welche das Reisen gefährlich machen, mein Freund?« fragte Harper, indem er in der Erwartung einer Antwort einen festen Blick auf den Krämer heftete. Einige Rollen Band entfielen Birchs Händen, und seine Züge verloren plötzlich ihren kühnen Ausdruck, als er langsam erwiederte: »Die reguläre Cavallerie ist schon seit einiger Zeit ausgezogen, und ich sah einige von de Lancey's Leuten ihre Waffen putzen, als ich an ihren Quartieren vorbeikam. Es würde mich nicht Wunder nehmen, wenn man ihnen bald auf die Spur käme, denn die Virginische Reiterei ist schon weit unten in der Grafschaft.« »Ist sie stark,« fragte Wharton, indem er in der Angst des Herzens seine Beschäftigung vergaß. »Ich habe sie nicht gezählt.« Franciska war die einzige, welcher die Veränderung in Birchs Wesen nicht entgangen war, und als sie sich wieder gegen Harper wendete, hatte dieser stillschweigend sein Buch wieder aufgenommen. Sie nahm einige von den Bändern, legte sie wieder weg und bemerkte, indem sie sich über die Waaren beugte, so daß ihr Haar in reichen Ringeln über ihr Gesicht herabfiel und das bis in den Nacken erröthende Gesicht beschattete – »Ich glaubte, die südliche Reiterei habe sich gegen den Delaware hingezogen?« »Möglich,«, versetzte Birch. »Ich kam in der Entfernung an den Truppen vorbei.« Cäsar hatte sich nun gleichfalls ein Stück Cattun ausgesucht, auf welchem die schrillen Farben von Roth und Gelb mit dem weißen Grunde einen lebhaften Contrast bildeten, und nachdem er es einige Minuten bewundert hatte, legte er es wieder mit einem Seufzer nieder und ließ den Ausruf vernehmen: »Sehr schöner Cattun!« »Das gäbe wohl ein recht hübsches Kleid für dein Weib, Cäsar!« sagte Sara. »Ja, Miß Sally,« antwortete der vergnügte Schwarze, »er machen alt Dinas Herz hüpfen vor Freude – so gar schön.« »Ja,« fügte der Hausirer listig bei, »Dina braucht nichts als dieses, um wie ein Regenbogen auszusehen.« Cäsar blickte seine Gebieterin sehnsüchtig an, bis sie Harvey nach dem Preise fragte. »Je nun, das kommt ganz auf die Kunden an,« antwortete der Handelsmann. »Wie?« versetzte Sara überrascht. »Je nachdem ich Käufer finde. Für meine Freundin Dina sollen Sie den Zeug zu vier Schilling haben.« »Das ist zu viel,« erwiederte Sara, indem sie sich nach weiteren Artikeln für sich selbst umsah. »Schrecklicher Preis für groben Cattun, Mister Birch,« brummte Cäsar und ließ die Oeffnung des Packes wieder fallen. »So wollen wir drei sagen,« fügte der Hausirer bei, – »wenn Ihr das besser findet.« »Gewiß, er es finden besser,« sagte Cäsar mit gutgelauntem Lächeln, und nahm die Sack-Enden wieder auf. »Miß Sally lieben drei Schilling, wenn Sie geben, und vier Schilling, wenn Sie nehmen.« Der Kauf wurde abgeschlossen; doch fehlte beim Messen des Tuches etwas an den wohlbekannten zehn Ellen, welche Dinas Umfang erforderte. Durch Beihülfe eines starken Armes und erfahrenen Auges von Seite des Krämers erhielt es jedoch gerade die nöthige Länge, wozu Birch gewissenhaft noch ein Band legte, welches den prächtigen Farben des Cattuns entsprach. Cäsar zog sich nun eilig zurück, um seiner bejahrten Gefährtin die erfreuliche Kunde mitzutheilen. Während dieser Kaufsverhandlungen hatte es Capitän Wharton gewagt, den Vorhang auf die Seite zu schieben, so daß er ganz sichtbar wurde, und fragte nun den Trödler, der seine zerstreute Waaren sammelte, um welche Zeit er die Stadt verlassen hätte. »In der Morgendämmerung,« war die Antwort. »So spät,« rief der andere überrascht; dann verbesserte er seinen Mißgriff und fuhr mit mehr Vorsicht fort: »Konntet Ihr so spät an den Vorposten vorbeikommen?« »Ja!« war die laconische Antwort. »Ihr müßt gegenwärtig mit den Officieren der britischen Armee sehr bekannt seyn, Harvey,« versetzte Sara, indem sie dem Hausirer listig zulächelte. »Ich kenne einige vom Ansehen,« sagte Birch, indem er sich im Zimmer umsah, den Capitän Wharton etwas stärker fixirte und seine Blicke endlich einen Moment auf Harper ruhen ließ. Herr Wharton hatte der Reihe nach jedem der Sprecher aufmerksam zugehört und seine angenommene Gleichgültigkeit so weit außer Acht gelassen, daß die Porcellänstückchen, mit deren Zusammenfügung er sich so viele Mühe gegeben hatte, in seinen Händen zerbrachen; und als er bemerkte, daß der Hausirer im Begriffe war, den letzten Knoten seines Bündels zuzuschnüren, fragte er plötzlich: »Werden wir wohl von dem Feinde wieder eine Störung zu erleiden haben?« »Wen nennen Sie Feind?« fragte Birch, indem er sich aufrichtete und dem Frager einen Blick zuwarf, vor dem die Augen des Herrn Wharton sich in Verwirrung niederschlugen. »Alle sind unsere Feinde, die unsere Ruhe stören,« sagte Miß Peyton, als sie bemerkte, daß ihr Schwager unfähig sey, etwas zu erwiedern. »Aber sind die königlichen Truppen drunten ausgerückt?« »Wahrscheinlich werden sie das bald thun,« antwortete Birch, erhob seinen Pack vom Boden und schickte sich an, das Zimmer zu verlassen. »Und die Truppen des Continents,« fuhr Miß Peyton mit sanfter Stimme fort, »sind die Truppen des Kontinents in der Grafschaft?« Harvey war im Begriff, etwas zu erwiedern, als sich die Thüre öffnete, und Cäsar, von seinem entzückten Weibe begleitet, hereintrat. Die Art der Schwarzen, von welcher Cäsar ein so ausgezeichnetes Probestück war, wird immer seltener. Der alte Haussclave, der, im Hause seines Herrn geboren und erzogen, den innigsten Antheil an dem Schicksale derer nahm, welchen zu dienen sein Loos war, macht nach jeder Richtung der unsteten Klasse Platz, welche das Erzeugnis der letzten vierzig Jahre ist, und deren Glieder das Land durchstreifen, ohne sich durch Grundsätze leiten oder durch Zuneigung fesseln zu lassen; denn es gehört mit zu dem Fluche der Leibeigenschaft, daß ihre Opfer sich selten die Eigenschaften eines freien Mannes anzueignen fähig sind. Das Alter hatte Cäsars kurzes krauses Haar gebleicht und sein Aeußeres noch ehrwürdiger gemacht. Ein langer und unausgesetzter Gebrauch des Kammes hatte den dichten Locken seines Vorderhaupts eine Richtung gegeben, daß sie wie eine steife Bürste in die Höhe standen und den Mann um einige Zolle höher erscheinen ließen. Das glänzende Schwarz des Jünglings war verschwunden und in ein schmutziges Braun übergegangen. Seine Augen, welche schrecklich weit von einander abstanden, waren klein und trugen einen Ausdruck von Gutmüthigkeit, der nur hin und wieder durch die Anmaßung eines verwöhnten alten Dieners unterbrochen wurde, und glänzten gerade in dem gegenwärtigen Augenblicke von innerem Vergnügen. Die Nase besaß in einem ausgezeichneten Grade alle Erfordernisse zum Riechen, aber in der bescheidensten Verträglichkeit, da von den sehr umfangreichen Nasenlöchern keines dem andern zu nahe kam. Der häßlich weite Mund wurde nur durch die doppelte Perlenreihe, welche er enthielt, erträglich. Dazu war Cäsar von Person klein und, wir würden sagen, viereckig, hätten nicht die Winkel und krummen Linien seiner Figur jedem mathematischen Ebenmaaß Trotz geboten. Seine Arme waren lang und muskulös und endigten in zwei knöcherne Hände, welche auf der einen Fläche eine grauschwarze Farbe, auf der andern ein welkes Gelb zeigten. An seinen Beinen hatte jedoch die Natur ihre wunderlichste Laune ausgelassen. Es fehlte zwar nicht an der Masse, wohl aber an gehöriger Vertheilung derselben. Die Waden befanden sich weder vorn noch hinten, sondern an der äußern Seite des Glieds, mehr in der Richtung nach vornen, und so dicht unter dem Knie, daß der freie Gebrauch dieses Gelenkes zweifelhaft erscheinen mochte. Ueber den Unterfuß, als die Grundlage, auf welchem der Körper ruhen sollte, hatte Cäsar in der That keine Ursache, sich zu beklagen, wenn es nicht wegen des Umstandes geschah, daß das Bein sich so nahe an dessen Mittelpunkt befand, um es hin und wieder zweifelhaft erscheinen zu lassen, ob er nicht rückwärts gehe. Was aber auch die Fehler seyn mochten, die ein Bildhauer an Cäsar Thompsons Aeußerem hätte entdecken können – sein Herz war an der rechten Stelle und hatte auch zweifelsohne seine richtigen Dimensionen. Dieser Ehrenmann erschien nun in Begleitung seiner alten Gefährtin, um die Gefühle seines Dankes in Worten auszudrücken. Sara nahm dieses mit großem Wohlgefallen auf, lobte den guten Geschmack des Mannes und meinte, der Anzug würde wahrscheinlich dem Weibe gut stehen. Franciska bot mit einem Antliz, das von einem Vergnügen strahlte, welches mit den erfreuten Gesichtern der Schwarzen zusammenstimmte, den Dienst ihrer Nadel an, um den bewunderten Kattun zu seinem künftigen Zwecke geeignet zu machen, was auch mit demüthigem Danke angenommen wurde. Als Cäsar hinter seinem Weibe und dem Krämer das Zimmer verließ und im Begriffe war, die Thüre zu schließen, konnte er sich nicht enthalten, in ein dankbares Selbstgespräch auszubrechen und laut zu sagen: »Gute kleine Lady – Miß Fanny – tragen Sorge für ihren Vater – machen auch gern ein Kleid für alte Dina.« Zu welchen Aeußerungen ihn sonst noch seine Gefühle veranlaßten, wissen wir nicht, aber man hörte noch immer den Ton seiner Stimme, als die Entfernung bereits die Worte unverständlich machte. Harper hatte in stiller Bewunderung des Auftritts sein Buch weggelegt, und Franciska's innere Zufriedenheit wurde noch erhöht, als sie das beifällige Lächeln auf einem Antlitz gewahrte, welches unter den Zügen tiefen Nachdenkens und schwerer Sorge jenen wohlwollenden Ausdruck verbarg, der das Kennzeichen der schönsten Gefühle des menschlichen Herzens ist. Viertes Kapitel. »Es ist des Fremden Blick und Gang, Die Haltung und der Stimme Klang; Sein Wuchs so männlich schlank und kühn, Wie einer Festung Batterien, Und mit des Helden Kraft erscheint Die leichte Anmuth mild vereint. In seinen majestät'schen Zügen Des Kriegs und Wetters Spuren liegen. – Doch müßt des Auges Würd' ihr schauen; Flöh' ich vor Feinden, voll Vertrauen Fleht hier ich Hülfe, in Gefahr Des Retters sicher ganz und gar – Doch wenn sein Blick dem Schuld'gen droht, Er muß ihn fürchten, mehr als Tod.« – »Genug!« rief die Prinzessin hier, »'s ist Schottlands Hoffen, Stolz und Zier.« Walter Scott.   Als der Hausirer sich entfernt hatte, verhielt sich die kleine Gesellschaft einige Minuten schweigend. Herr Wharton hatte genug gehört, um noch mehr beunruhigt zu werden, ohne daß die Befürchtungen wegen seines Sohnes erleichtert worden wären. Der Capitän wünschte Harpern in der Ungeduld seines Herzens an jeden andern Platz, nur nicht an den, welchen er mit solcher anscheinenden Gemüthsruhe einnahm, während Miß Peyton mit der sanften Gefälligkeit ihres Wesens, welche noch ein wenig durch das innerliche Vergnügen, einen so großen Theil von des Hausirers Spitzen zu besitzen, gehoben wurde, die Anordnung ihres Frühstückgeräthes vollendete. Sara war geschäftig, mit ihren Einkäufen aufzuräumen, wobei ihr Franciska, mit Vernachlässigung ihrer eigenen Erwerbungen, freundlich an die Hand ging, als der Fremde plötzlich das Stillschweigen durch die Worte unterbrach: »Wenn sich Capitän Wharton meinetwegen scheut, seine Verkleidung abzulegen, so wünsche ich, ihm seinen Irrthum zu benehmen. Wenn ich Gründe hätte, ihn zu verrathen, so könnten sie unter den gegenwärtigen Umständen nicht in Betracht kommen.« Die jüngere Schwester sank todtenbleich vor Schrecken auf ihren Stuhl. Miß Peyton ließ die Theekanne, welche sie eben vom Tisch genommen hatte, fallen, und Sara saß, ohne die in ihrem Schooße liegenden Einkäufe zu beachten, in sprachloser Ueberraschung. Herr Wharton stand betäubt, aber der Capitän sprang nach einer augenblicklichen Bestürzung in die Mitte des Zimmers und rief, indem er die einzelnen Stücke seiner Maske wegschleuderte: »Ich glaube Ihnen von ganzem Herzen, und diese lästige Verkappung soll nicht länger fortdauern. Aber ich muß gestehen, daß ich nicht begreife, wie Sie mich erkennen konnten.« »Sie sehen in Ihrer wahren Gestalt viel besser aus, Capitän Wharton,« sagte Harper mit einem leichten Lächeln. »Ich möchte Ihnen rathen, sich in Zukunft nie wieder so zu verhüllen. Das dort reicht hin, Sie zu verrathen, wenn es auch an anderen Anlässen zur Entdeckung mangelte.« Bei diesen Worten deutete er auf ein Gemälde über dem Kamingesims, welches den brittischen Officier in der Uniform seines Regiments darstellte. »Ich hatte mir geschmeichelt,« rief der junge Wharton lachend, »daß ich auf der Leinwand besser aussähe, als in meiner Vermummung. Sie sind ein guter Beobachter, Herr!« »Die Noth machte mich dazu,« entgegnete Harper, indem er sich von seinem Sitze erhob. Franciska trat ihm, als er im Begriffe war, sich zu entfernen, in den Weg, ergriff seine Hand und sprach mit Ernst, während ihre Wangen im reichsten Purpur glühten: »Sie können, Sie werden meinen Bruder nicht verrathen.« Harper betrachtete einen Augenblick die liebenswürdige Sprecherin in schweigender Bewunderung, drückte dann ihre Hände an seine Brust und entgegnete mit feierlicher Würde: »Ich kann, ich werde nicht.« Er ließ hierauf ihre Hände los, legte die seinige auf ihr Haupt und fuhr fort: »Wenn der Segen eines Fremden Ihnen von Nutzen seyn kann, so empfangen Sie ihn.« Dann wandte er sich ab, machte eine tiefe Verbeugung und zog sich mit einem Zartgefühl, welches von den Zurückbleibenden gebührend anerkannt wurde, auf sein Zimmer zurück. Auf die ganze Familie hatte das edle und feierliche Benehmen des Reisenden einen tiefen Eindruck gemacht und Alle, mit Ausnahme des Vaters, fanden in der Erklärung desselben eine große Beruhigung. Man suchte einige von des Capitäns abgelegten Kleidungsstücken hervor, die unter anderem Hausrath aus der Stadt mitgebracht worden waren; und der junge Wharton, der nun seine unbequeme Maske abgeworfen hatte, fing jetzt erst an, sich des Besuches zu freuen, welchen er mit so viel persönlicher Gefahr unternommen hatte. Herr Wharton begab sich auf sein Zimmer, um seine gewöhnlichen Geschäfte zu besorgen, und die jungen Damen, welche nun bei ihrem Bruder allein waren, plauderten mit ihm ohne Unterlaß über Dinge, die irgend ein besonderes Interesse für sie hatten. Selbst Miß Peyton wurde von dem Geiste ihrer jungen Nichten angesteckt, und so saßen sie wohl eine Stunde und gaben sich in sorgloser Zuversicht dem Vergnügen einer ungestörten Unterhaltung hin, ohne irgend an eine Gefahr, die über ihren Häuptern schweben mochte, zu denken. Die Stadt und die dortigen alten Freunde blieben dabei nicht lange vergessen; denn Miß Peyton, welche die innerhalb ihres Weichbilds verlebten angenehmen Stunden noch recht wohl im Gedächtniß hatte, erkundigte sich bald unter anderem auch nach ihrem alten Bekannten, dem Obristen Wellmere. »O!« rief der Capitän scherzend, »der ist noch immer so hübsch und galant, wie er von jeher war.« Wenn ein Weib auch nicht wirklich liebt, so hört sie doch selten ohne Erröthen den Namen des Mannes, den sie lieben möchte, oder mit dem sie die müßige Plaudersucht des Tages in eine nähere Verbindung gebracht hat. Ein Gleiches war auch bei Sara der Fall, welche lächelnd die Augen zur Erde senkte und von einem Purpur glühte, der ihre angeborenen Reize keineswegs verminderte. – Capitän Wharton achtete nicht des Antheils, welchen seine Schwester zu erkennen gab, und fuhr fort: »Er ist bisweilen schwermüthig; wir necken ihn oft dabei und sagen, er müsse verliebt seyn.« Sara erhob ihr Auge wieder zu ihrem Bruder, sah sich dann langsam in der übrigen Gesellschaft um und begegnete dabei dem schalkhaften Blicke ihrer Schwester, welche mit lebhaftem Lachen ausrief: »Ach, der arme Mann! Ist er in Verzweiflung?« »Ei, wie sollte er das? Er, der älteste Sohn eines reichen Mannes, hübsch und Obrist?« »In der That, gewichtige Gründe, um bei Vernunft zu bleiben,« sagte Sara mit erzwungenem Lächeln, »namentlich das letztere.« »Laß Dir sagen,« erwiederte der Capitän ernsthaft, »eine Obristlieutenantstelle bei der Garde ist eine recht hübsche Sache.« »Und Obrist Wellmere ein sehr hübscher Mann,« fügte Franciska bei. »Ach, Fanny,« entgegnete die Schwester, »Obrist Wellmere hat nie Deine Gunst besessen; er ist zu loyal gegen seinen König, um nach Deinem Geschmack zu seyn.« Franciska versetzte rasch: »Und ist Heinrich nicht auch loyal gegen seinen König?« »Kommt, kommt!« sagte Miß Peyton. »Keinen Streit über den Obristen – ich nehme ihn in meinen Schutz.« »Fanny hat die Majors lieber,« rief der Bruder und zog sie auf sein Knie. »Unsinn,« sagte das erröthende Mädchen und war bemüht sich dem Arme des lachenden Capitäns zu entwinden. »Es nimmt mich Wunder,« fuhr der letztere, fort, »daß Peyton, als er für die Befreiung meines Vaters Sorge trug, sich nicht auch zugleich Mühe gab, meine Schwester in dem Rebellenlager zu behalten.« »Das hätte seine eigene Freiheit gefährden können,« sagte das Mädchen lächelnd und nahm wieder ihren Sitz ein; »und ihr wißt ja, daß Dunwoodie für die Freiheit kämpft.« »Freiheit!«, rief Sara, »eine saubere Freiheit, wenn man Einen Herrn gegen fünfzig vertauscht.« »Schon das Recht, seine Herren zu vertauschen, ist eine Freiheit.« »Und zwar eine, welche ihr Frauenzimmer bisweilen gerne ausübt,« entgegnete der Capitän. »Ich glaube, wir lieben die Freiheit, diejenigen zu wählen, welche den ersten Platz einnehmen sollen; nicht wahr, Tante Jeanette?« versetzte das Mädchen lachend. »Ich?« versetzte Miß Peyton erstaunt; »was weiß ich von solchen Dingen, Kind? Da mußt Du jemand anders fragen, wenn Du über derartige Angelegenheiten Aufschluß erhalten willst.« »Ach, Du willst uns glauben machen, Du seyest nie jung gewesen; aber was soll ich von all den Erzählungen halten, welche ich von der schönen Jeanette Peyton gehört habe?« »Unsinn, Liebe; baarer Unsinn,« sagte die Tante, indem sie ein Lächeln zu unterdrücken suchte; »es ist thöricht, Alles zu glauben, was man hört.« »Unsinn nennst Du es?« rief der Capitän heiter; »noch zu dieser Stunde ist Miß Peyton General Montrose's Trinkspruch, wie ich erst in dieser Woche noch an Sir Heinrichs Tafel selbst gehört habe.« »Ach, Heinrich, Du bist so unartig, wie Deine Schwestern. Um Euern Thorheiten ein Ziel zu setzen, will ich euch meine bei uns verfertigten Stoffe zeigen, wenn man so kühn seyn darf, sie neben Birch's Herrlichkeiten sehen zu lassen.« Die jungen Leute erhoben sich in der besten Laune von der Welt, um ihrer Tante zu folgen. Als sie jedoch die Treppen hinangingen, um die Vorrathskammer zu besuchen, wo Miß Peyton die Produkte ihrer häuslichen Industrie aufbewahrte, konnte letztere sich nicht entbrechen, ihren Neffen zu fragen, ob General Montrose noch immer so viel an der Gicht leide, als dieß zur Zeit ihrer näheren Bekanntschaft der Fall gewesen sey. Es ist eine traurige Wahrnehmung, die wir bei vorrückendem Alter machen, daß selbst diejenigen, welche wir am meisten lieben, nicht von den Gebrechen desselben verschont bleiben. So lange das Herz frisch ist und die Aussicht in die Zukunft nicht durch die Flecken getrübt wird, die den Erfahrungen der Vergangenheit ankleben, sind unsere Gefühle am heiligsten, und wir legen unseren Freunden gerne alle Eigenschaften und eitle Tugenden bei, welche wir selbst gerne besäßen und die wir verehren gelernt haben. Die Achtung, welche wir für sie hegen, scheint ein Theil unseres Wesens zu seyn, und die Liebe, welche uns an unsere Verwandten knüpft, trägt ein Gepräge von Reinheit, welche im spätern Leben selten unbeeinträchtigt bleibt. Die Familie des Herrn Wharton erfreute sich für den ganzen Rest des Tages eines Glückes, wie sie es seit lange nicht gefühlt hatte – eines Glückes, das bei den jüngern Gliedern aus der Freude der innigsten Zuneigung und dem Austausch der uneigennützigsten Zärtlichkeit entsprang. Harper erschien erst wieder beim Mittagsmahle und zog sich, sobald abgetragen wurde, unter dem Vorwande einiger Geschäfte auf sein Zimmer zurück. Ungeachtet des durch sein Benehmen erweckten Vertrauens fühlte sich die Familie doch durch seine Abwesenheit erleichtert; denn Capitän Wharton's Besuch war sowohl wegen der kurzen Frist seines Urlaubs, als wegen der Gefahr einer Entdeckung nur auf wenige Tage beschränkt. Alle Furcht vor den Folgen war jedoch der Freude des Wiedersehens gewichen. Herr Wharton hatte zwar im Verlaufe des Tages ein paarmal seine Zweifel über den Charakter des unbekannten Gastes laut werden lassen und die Vermuthung geäußert, daß durch sein Mitwissen doch wohl eine Entdeckung seines Sohnes herbeigeführt werden könnte; aber dieser Gedanke wurde von allen seinen Kindern ernstlich zurückgewiesen, und selbst Sara vereinigte sich mit Bruder und Schwester, um der Biederkeit, welche sich in der ganzen äußern Erscheinung des Reisenden aussprach, das Wort zu reden. »Die Außenseite ist oft trügerisch, meine Kinder,« entgegnete der verzagte Vater. »Wenn Leute, wie Major André, sich zum Betruge brauchen lassen, so wäre es thöricht, in unserem Falle auf das Aeußere bauen zu wollen.« »Betrug?« fiel der Sohn rasch ein. »In der That, Sir! Sie vergessen, daß Major André im Dienste seines Königs handelte und daß die Gebräuche des Kriegs jenen Schritt rechtfertigten.« »Und rechtfertigte der Kriegsbrauch nicht auch seinen Tod, Heinrich?« fragte Franciska mit gedämpfter Stimme, da sie das, was sie für die Sache ihres Vaterlandes hielt, nicht verlassen wollte und doch ihr Mitgefühl an dem Unglücke des Mannes nicht zu unterdrücken vermochte. »Nie!« rief der junge Mann, indem er rasch von seinem Stuhle aufsprang und mit schnellen Schritten im Zimmer auf und ab ging; »Franciska, Du kränkst mich! Angenommen, es wäre mein Schicksal, gerade jetzt in die Hände der Rebellen zu fallen; Du könntest wohl auch meiner Hinrichtung das Wort reden – vielleicht zu Washington's Grausamkeit frohlocken?« »Heinrich!« entgegnete Franciska feierlich und bebte vor innerer Bewegung, indeß ihr Gesicht bleich, wie der Tod, wurde – »Du kennst mein Herz wenig!« »Verzeih, meine liebe Schwester, meine kleine Fanny,« versetzte der Jüngling reumüthig, drückte sie an die Brust und küßte die Thränen weg, welche ihr, ohngeachtet aller Entschlossenheit aus den Augen quollen. »Ich weiß wohl, es ist thöricht, auf Deine raschen Worte zu achten,« sagte Franciska, indem sie sich seinen Armen entwand, und ihr thränenfeuchtes Auge mit einem Lächeln zu ihm erhob: »aber Vorwürfe von denen, welche wir lieben, sind schmerzlich, Heinrich; besonders – wo wir – wo wir glauben – wo wir wissen« – die Blässe ihres Antlitzes wich dem Feuer der Rose, als sie mit zur Erde gesenktem Blicke und leiser Stimme hinzufügte »daß wir sie nicht verdienen.« Miß Peyton erhob sich von ihrem Stuhle, setzte sich auf einen andern in der Nähe ihrer Nichte, und sprach, indem sie freundlich ihre Hand ergriff: »Du solltest Dir das Ungestüm Deines Bruders nicht so zu Herzen gehen lassen. Du kennst ja das Sprichwort, daß die Jungen unbändig sind.« »Du könntest auch grausam sagen, wenn Du mein Benehmen dabei zum Maaßstab nehmen willst,« erwiederte der Capitän und setzte sich auf die andere Seite seiner Schwester; »aber wenn wir auf den Tod André's zu sprechen kommen, so sind wir alle äußerst empfindlich. Ihr habt ihn nicht gekannt; aber er war ein ungemein braver, ehrenwerther und geachteter Mann.« Franciska lächelte sanft und schüttelte den Kopf, ohne etwas weiter zu sagen: ihr Bruder aber fuhr, als er diesen Ausdruck ihrer Ungläubigkeit bemerkte, fort: »Du bezweifelst es und findest seinen Tod wohl gar gerecht?« »Ich bezweifle seinen Werth nicht im mindesten,« entgegnete das Mädchen ruhig, »und will glauben, daß er ein besseres Schicksal verdiente. Aber ich kann in Washington's Benehmen nichts Ungeeignetes finden. Ich kenne zwar die Gebräuche des Krieges nur wenig, und möchte lieber noch weniger davon wissen; aber mit welchen Hoffnungen auf Erfolg könnten die Amerikaner kämpfen, wenn sie von alle den Grundsätzen, welche lange Gewohnheit festgestellt hat, nur deshalb keinen Gebrauch machten, weil sie nicht in dem Interesse der Britten liegen?« »Was brauchen sie überhaupt zu kämpfen?« rief Sara ungeduldig. »Zudem sind ja doch alle ihre Handlungen ungesetzlich, weil sie Rebellen sind.« »Die Frauen sind nur Spiegel, welche die vor ihnen stehenden Bilder zurückgeben,« rief der Capitän in guter Laune. »In Franciska sehe ich den treuen Wiederschein des Majors Dunwoodie, und in Sara –« »Den des Obristen Wellmere,« fiel die jüngere Schwester lachend ein, obgleich sie wie Scharlach erröthete. »Ich muß gestehen, ich verdanke dem Major meine Betrachtungsweise, nicht wahr, Tante Jeanette?« »Ich glaube in der That, Du hast etwas von seiner Logik, Kind?« »Nun ja, ich gebe mich schuldig; und Du, Sara, hast die gelehrten Abhandlungen des Obristen Wellmere auch nicht vergessen.« »Ich hoffe, ich werde das Recht nie vergessen,« sagte Sara, deren glühende Wangen mit denen ihrer Schwester wetteiferten, und erhob sich unter dem Vorwande, die Hitze des Feuers vermeiden zu wollen. Den Rest des Tages über ereignete sich nichts von Belang; aber gegen Abend berichtete Cäsar, er habe in Harper's Zimmer flüsternde Stimmen vernommen. Das Gemach, welches der Reisende bewohnte, befand sich in dem äußersten Flügel des Gebäudes, in einer dem Gesellschaftszimmer der Familie ganz entgegengesetzten Richtung, und es schien, als hätte Cäsar, um der Sicherheit seines jungen Herrn willen, ein regelmäßiges Spionirsystem eingeführt. Diese Nachricht war für alle Glieder des Hauses beunruhigend; aber der Eintritt Harper's selbst, dessen wohlwollender und redlicher Blick auch in der Zurückhaltung, welche er beobachtete, nicht zu verkennen war, entfernte, mit Ausnahme Herrn Wharton's, aus jeder Brust den Zweifel. Die Kinder des Hauses und Miß Peyton glaubten, Cäsar müsse sich getäuscht haben, und der Abend entwich vollends ohne weitere Störung. Am Nachmittag des folgenden Tages war die ganze Gesellschaft im Besuchzimmer um Miß Peyton's Theetisch versammelt, als sich auf einmal das Wetter änderte. Die dünnen Wolken, welche nur in kleiner Entfernung über den Bergspitzen zu schweben schienen, trieben mit erstaunlicher Schnelligkeit von Westen nach Osten, obschon der Regen noch mit aller Macht an die gegen Abend gelegenen Fenster des Hauses schlug, in welcher Richtung auch der Himmel mit schwarzem Gewölke behangen war. Franciska betrachtete dieses Schauspiel mit dem sehnsüchtigen Wunsche der Jugend, dem Ueberdrusse des Eingesperrtseyns entrinnen zu können, als auf einmal, wie durch einen Zauberschlag, alles still wurde. Das Sausen des Windes hatte nachgelassen; die Wuth des Sturmes war vorüber, und mit einer raschen Wendung gegen das Fenster begegnete ihrem vergnügten Blicke der herrliche Strahl der Sonne, welche den nahen Wald beleuchtete. Der Baumschlag erglänzte unter den wechselnden Tinten des Octoberlaubes und strahlte von den nassen Zweigen den reichsten Glanz eines amerikanischen Herbstes zurück. In einem Augenblick hatten sich alle Bewohner des Hauses nach der gegen Süden sich öffnende Säulenhalle gedrängt. Die Luft war mild duftend und erfrischend, und gegen Osten hingen am Horizont dunkle sich häufende Wolken, ähnlich den sich zurückziehenden Massen eines geschlagenen Heeres. In kleiner Entfernung über dem Gebäude jagten noch die leichten Dünste mit wunderbarer Geschwindigkeit gegen Osten, während im Westen die Sonne sich Bahn gebrochen hatte und die heitere, neu erfrischte Landschaft mit ihren scheidenden Strahlen übergoß. Solche Augenblicke sind nur dem amerikanischen Klima eigen, und man erfreut sich derselben um so mehr, je rascher ein Gegensatz hervortritt, in welchem man mit Entzücken den Uebergang aus dem Getümmel wild bewegter Elemente zu der Stille eines ruhigen Abends so anmuthig, wie der sanfteste Juni-Morgen, schaut. »Welch eine großartige Scene!« sagte Harper mit gedämpfter Stimme; »wie herrlich, wie furchtbar erhaben. Möge bald eine solche Ruhe dem Kampfe folgen, in den mein Vaterland verstrickt ist, und ein gleich herrlicher Abend den Tag seiner Drangsale schließend.« Nur Franciska, welche ihm am nächsten stand, vernahm diese Worte. Sie blickte verwundert auf den Sprecher und sah, wie er mit entblößtem Haupte, aufrecht und die Augen gegen den Himmel erhebend, dastand. In seinem Antlitz war die Ruhe, welche ihm eigenthümlich zu seyn schien, nicht mehr zu erkennen, sondern es lag ein gewisser Ausdruck von Begeisterung auf demselben und eine leichte Röthe hatte die ernsten Züge überflogen. »Von einem solchen Mann haben wir keine Gefahr zu befürchten,« dachte Franciska; »diese Gefühle leben blos in der Brust des Tugendhaften.« Die Betrachtungen der Gesellschaft wurden jetzt durch die plötzliche Erscheinung des Hausirers unterbrochen. Er hatte den ersten Strahl der Sonne benützt, um zu dem Landhause zu eilen. Unbekümmert, ob sein Pfad trocken oder naß sey, die Arme hin und her schwingend und den Kopf um einige Zolle gegen den Körper vorwärts neigend, näherte sich Harvey mit seinem eigenthümlichen Gange und mit dem raschen weitausgreifenden Schritte eines wandernden Waarenhändlers der Halle. »Ein schöner Abend,« sagte der Krämer, nachdem er die Gesellschaft, ohne die Augen aufzuschlagen, begrüßt hatte; »ganz warm und angenehm für die Jahreszeit.« Herr Wharton stimmte dieser Bemerkung bei und erkundigte sich freundlich nach der Gesundheit seines Vaters. Harvey hörte dies, verharrte aber eine Weile in schwermüthigem Schweigen, und erst als die Frage wiederholt wurde, antwortete er mit einer Stimme, in welcher sich ein leichtes Beben nicht verkennen ließ: »Es geht schnell mit ihm zu Ende; Alter und Ungemach werden das Ihrige thun.« Der Hausirer wandte sein Gesicht von den Beobachtern ab, und nur Franciska bemerkte das schwimmende Auge und die bebenden Lippen des Mannes, der jetzt zum zweitenmal in ihrer Achtung stieg. Das Thal, in welchem Herr Wharton seinen Wohnsitz aufgeschlagen hatte, zog sich von Nordwest nach Südost, und das Landhaus lag an dem Abhange eines Hügels, von dem es seiner Länge nach in derselben Richtung begränzt wurde. Eine kleine durch das Zurücktreten des entgegengesetzten Hügels gebildete Oeffnung und die Abdachung des Bodens zum Niveau der Fluthhöhe gestatteten über den fernen, am Ufer befindlichen Wäldersaum eine Aussicht nach dem Sund. Den Küsten von Neu-York und Connecticuts gegenüber liegt eine Insel, welche mehr als 40 Stunden lang ist. Der Meeresarm, welcher sie von dem Festland trennt, heißt in dieser Gegend vorzugsweise »der Sund,« obschon man derartige Zwischenströmungen überhaupt mit dem technischen Namen Sund bezeichnet. In dem gegenwärtigen Falle wechselt die Breite des Wasserspiegels zwischen 5 und 30 Meilen. Die Oberfläche des Wassers, welches kurz zuvor noch mit ungestümer Wuth an die Küsten geschlagen hatte, verlor bereits sein unheimliches Dunkel in den langen unregelmäßigen Wellenlinien, die einem Sturme zu folgen pflegen, indeß der leichte Hauch des Südwests, ihre Spitzen berührend, mit seinen schwachen Kräften zur Beruhigung des Meeres beitrug. Man konnte jetzt einige dunkle Punkte unterscheidend, welche gelegenheitlich auftauchten und dann wieder hinter den sich dehnenden Wellen versanken; sie wurden aber nur von dem Hausirer beachtet. Er hatte sich in einiger Entfernung von Harper in der Halle niedergelassen und schien den Zweck seines Besuches ganz vergessen zu haben. Sein rasches Auge hatte jedoch bald die eben genannten Gegenstände erfaßt und aufmerksam gegen das Wasser hinblickend sprang er mit Lebhaftigkeit wieder auf, änderte seinen Platz, richtete mit unverkennbarem Mißbehagen das Auge auf Harper und sagte dann mit großem Nachdrucke: »Die Regulären müssen da unten ausgerückt seyn.« »Warum glaubt Ihr das?« fragte Capitän Wharton hastig. »Gott gebe, daß es wahr sey, denn ich bedarf ihres Schutzes auf meinem Rückwege.« »Jene zehn Wallfischboote würden nicht so schnell rudern, wenn sie nicht besser, als gewöhnlich bemannt wären.« »Vielleicht,« rief Herr Wharton in großer Unruhe, »sind es – es können auch Festländer seyn, welche von der Insel zurückkehren.« »Sie sehen wie Reguläre aus,« erwiederte der Hausirer bedeutungsvoll. »Aussehen?« wiederholte der Capitän. »Man kann ja nichts als Punkte sehen.« Harvey achtete dieser Bemerkung nicht, sondern schien das, was er jetzt mit verhaltenem Tone laut werden ließ, vor sich selbst hinzusprechen: »Sie liefen vor dem Sturme aus – haben diese zwei Tage über an der Insel angelegt – die Reiterei ist auf dem Weg – es wird bald ein Gefecht in unserer Nähe geben.« Während dieser Worte blickte Birch mehreremale mit augenscheinlichem Unbehagen auf Harper, der jedoch durch keinen Zug in seinem Gesichte irgend einen Antheil an der Sache verrieth. Er betrachtete schweigend die Landschaft und schien sich der Veränderung in der Atmosphäre zu freuen. Als Birch jedoch geendigt hatte, wandte sich der Fremde gegen seinen Wirth und theilte demselben mit, daß seine Geschäfte keine nutzlose Zögerung gestatteten; er wolle daher den schönen Abend benützen und noch einige Meilen weiter reisen. Herr Wharton drückte sein Bedauern aus, einen so werthen Gast zu verlieren; doch war es ihm von zu großer Wichtigkeit, die Abreise des Fremden zu beschleunigen, um nicht zu diesem Zwecke sogleich die nöthigen Befehle zu ertheilen. Die Unruhe des Hausirers nahm in einer Weise zu, von der sich kein Grund einsehen ließ, und sein Auge eilte immer wieder nach der Tiefe des Thales zurück, als ob er von dieser Seite her eine Unterbrechung erwarte. Endlich erschien Cäsar mit dem edeln Thiere, welches die Last des Reisenden aufnehmen sollte. Der Krämer half dienstfertig die Gurten anziehen, und den blauen Ueberrock sammt dem Mantelsack um den Sattelriemen befestigen. Als die nöthigen Vorbereitungen getroffen waren, schickte sich Harper an, Abschied zu nehmen. Gegen Sara und die Tante war sein Compliment ungezwungen und freundlich; als er aber zu Franciska kam, hielt er einen Augenblick inne, und sein Gesicht gewann den Ausdruck eines mehr als gewöhnlichen Wohlwollens. Seine Augen widerholten den Segenswunsch, welche früher seine Lippen ausgesprochen hatten, und das Mädchen fühlte ihre Wangen glühen und das Herz rascher schlagen, als er sich von ihr verabschiedete. Zwischen dem Wirthe und dem scheidenden Gaste fand ein Austausch wechselseitiger glatter Höflichkeit statt; aber als Harper dem Capitän Wharton freimüthig die Hand reichte, bemerkte er mit feierlichem Ernste: »Sie haben einen sehr gefährlichen Schritt unternommen, aus dem schlimme Folgen für Sie erwachsen können. In einem solchen Falle stünde es vielleicht in meiner Macht, meine Dankbarkeit für die Güte, welche mir Ihre Familie angedeihen ließ, zu bethätigen.« »Gewiß, mein Herr,« rief der Vater, welchen die Besorgnisse wegen der Sicherheit seines Sohnes alle zarteren Rücksichten vergessen ließen, »Sie werden von der Entdeckung, zu welcher Ihr Aufenthalt in meinem Hause Veranlassung gab, keinen Gebrauch machen.« Harper kehrte sich rasch gegen den Sprecher, und der Ernst, der allmählig seine Züge wieder umfangen hatte, wich einem milderen Ausdrucke, als er erwiederte: »Ich habe in Ihrem Hause nichts erfahren, mein Herr, was ich nicht schon vorher gewußt hätte; aber es ist besser für die Sicherheit Ihres Sohnes, daß ich von seinem Besuche Kenntniß habe, als wenn dieß nicht der Fall wäre.« Er verbeugte sich gegen die ganze Gesellschaft und, ohne den Hausirer anders zu beachten, als daß er ihm für seine gefällige Dienstleistung dankte, bestieg er sein Roß, ritt mit Gewandtheit und Anmuth durch das kleine Thor und verschwand bald hinter dem Hügel, welcher das Thal gegen Norden beschirmte. Die Augen des Krämers folgten der sich entfernenden Gestalt des Reiters, so lange sie sichtbar war. Als sie sich aus seinen Blicken verlor, athmete er tief auf, als ob eine schwere Sorge seiner Brust entnommen sey. Die Whartons hatten inzwischen schweigend über diesen Besuch und den Charakter ihres unbekannten Gastes nachgedacht, als sich endlich der Vater Birch mit der Bemerkung näherte: »Ich bin noch Euer Schuldner, Harvey, für den Tabak, welchen Ihr mir aus der Stadt mitzubringen so gefällig wart.« »Wenn er nicht so gut seyn sollte, als der frühere,« erwiederte der Hausirer, indem er noch einen letzten, zögernden Blick in die Richtung warf, welche Harper angeschlagen hatte, »so liegt die Schuld an dem Seltenwerden dieses Artikels.« »Ich finde ihn gut,« fuhr der Andere fort; »aber Ihr habt vergessen, mir den Preis zu sagen.« Die Züge des Krämers erlitten einen Wechsel und gingen von dem Ausdruck ernster Bekümmerniß in den seiner natürlichen Schlauheit über, als er antwortete: »Es ist schwer, einen Preis zu bestimmen. Ich glaube, ich muß das Ihrer eigenen Großmuth überlassen.« Herr Wharton holte eine ziemliche Hand voll mit dem Bilde Carls III. versehener Münzen aus seiner Tasche und reichte davon Birch drei Stücke zwischen dem Zeigefinger und dem Daumen hin. Harvey's Auge blinzte, als er die Belohnung sah und, eine ziemliche Quantität des besprochenen Artikels im Munde hin und her schiebend, streckte er ruhig seine Hand aus, in welche die Dollars mit ihrem angenehmsten Klang fielen. Aber nicht zufrieden mit der vorübergehenden Musik ihres Falles, ließ der Hausirer noch ein Stück nach dem andern auf den Treppensteinen der Halle klingen, ehe er sie in einen großen hirschledernen Beutel versorgte, den er den Augen der Zuschauer mit einer Schnelligkeit wieder zu entziehen wußte, daß Niemand zu sagen vermochte, an welchem Theile seines Körpers er ihn verborgen hatte. Als dieser wesentliche Punkt des Geschäftes zu seiner Zufriedenheit abgethan war, erhob sich der Krämer von seinem Sitz auf dem Boden der Halle und näherte sich der Stelle, wo Capitan Wharton seine Schwestern unter dem Arm hatte, die mit zärtlicher Theilnahme auf seine Unterhaltung lauschten. Die Aufregung über die vorausgegangenen Ereignisse hatte einen solchen Aufwand von Tabak, der dem Munde des Krämers stets nöthig war, erfordert, daß er sich zuerst nach neuem Kraut umsehen mußte, ehe er seine Aufmerksamkeit einem Geschäfte von minderer Wichtigkeit weihen konnte. Als dies geschehen war, fragte er abgebrochen: »Capitän Wharton, wollen Sie diese Nacht abreisen?« »Nein;« sagte der Capitan lakonisch, und blickte mit Zärtlichkeit auf die beiden Schwestern, welche in seinen Armen hingen. »Wollt Ihr, Meister Birch, daß ich eine solche Gesellschaft jetzt schon verlasse, da ich mich derselben vielleicht nie wieder zu erfreuen habe?« »Bruder!« sagte Franciska, »über solche Dinge zu scherzen, ist grausam.« »Ich vermuthe nur,« fuhr der Hausirer ruhig weiter, »daß jetzt, da der Sturm vorüber ist, die Schinder sich in Bewegung setzen könnten. Sie würden besser thun, Ihren Besuch abzukürzen, Capitän Wharton.« »O,« rief der brittische Officier, »diese Schufte lassen sich zu jeder Stunde mit einigen Guineen abfinden, wenn ich mit ihnen zusammentreffen sollte. Nein, nein, Meister Birch; ich will noch bis morgen hier bleiben.« »Geld konnte den Major André nicht retten,« entgegnete der Handelsmann trocken.« Beide Schwestern wandten sich nun unruhig gegen den Capitan, und die ältere bemerkte: »Du würdest doch besser thun, Harvey's Rath zu befolgen, lieber Bruder; denn sey versichert, seine Meinung in solchen Angelegenheiten ist nicht zu verachten.« »Ja,« fügte die jüngere bei, »wenn Dir, wie ich vermuthe, Meister Birch bei Deinem Hieherkommen an die Hand gegangen ist, so fordert es Deine Sicherheit und unser aller Glück, lieber Heinrich, daß Du jetzt auf ihn hörest.« »Ich kam allein heraus und werde mich auch wieder hineinfinden,« sagte der Capitän mit Entschiedenheit. »Unser Verkehr ging nicht weiter, als mir meine Verkleidung zu besorgen und mich wissen zu lassen, wann die Küste sauber sey; in letzterer Hinsicht habt Ihr Euch aber geirrt, Meister Birch.« »Sie haben Recht,« entgegnete der Hausirer mit einiger Theilnahme; »desto mehr Grund ist aber nun vorhanden, in dieser Nacht zurückzukehren. Der Paß, welchen ich Ihnen gab, wird Ihnen nur einmal dienen.« »Könnt Ihr mir keinen andern machen?« Die blasse Wange Harvey's zeigte eine ungewöhnliche Röthe, aber er blickte zur Erde und schwieg, bis der junge Mann mit noch größerer Bestimmtheit beifügte: »Ich werde diese Nacht noch hier bleiben, komme was da will.« »Capitän Wharton,« sagte der Krämer mit bedeutsamem Nachdruck, »nehmen Sie sich vor einem langen Virginier mit einem dichten Backenbart in Acht; er ist hart hinter Ihnen, wie ich weiß, und sogar der Teufel kann ihn nicht hintergehen; – mir selbst ist es blos ein einziges Mal gelungen.« »Er mag sich vor mir in Acht nehmen,« entgegnete Wharton hochmüthig. »Ich entbinde Euch übrigens aller weiteren Verantwortlichkeit, Meister Birch.« »Wollen Sie mir das schriftlich geben?« fragte der vorsichtige Hausirer. »Herzlich gern,« rief der Capitän mit Lachen; »Cäsar! – Tinte, Feder und Papier, damit ich meinem treuen Diener, Harvey Birch, mobilem Handelsmann und so fort – einen Abschied schreiben kann.« Das erforderliche Schreibmaterial wurde herbeigeschafft, und der Capitän schrieb unter Scherzen das gewünschte Certificat in Worten, wie sie ihm die Laune des Augenblickes eingab. Der Krämer nahm es in Empfang, legte es sorgfältig an die Seite der Bildnisse seiner katholischen Majestät, machte einen Kratzfuß gegen die Familie und schied, wie er gekommen war. Man sah ihn bald in der Ferne durch die Thüre seiner armseligen Wohnung schleichen. Der Vater und die Schwestern des Capitäns waren zu erfreut, den jungen Mann noch länger in ihrer Mitte behalten zu können, um eine Besorgniß auszusprechen oder überhaupt der Befürchtung Raum zu geben, daß seine Lage schlimme Folgen mit sich führen möchte. Als man sich jedoch zum Abendessen begab, erregte eine besonnenere Ueberlegung in dem Capitän andere Gedanken. Da er es nicht wagte, die Einfriedigung seines väterlichen Besitzthums zu überschreiten, so schickte er Cäsarn ab, um eine weitere Besprechung mit Harvey zu verlangen. Der Schwarze kehrte jedoch bald mit der unwillkommenen Nachricht zurück, daß es jetzt zu spät sey. Katy hatte ihm mitgetheilt, Harvey müsse schon meilenweit auf dem Wege nach Norden seyn, »da er, so bald man das Licht angezündet, mit seinem Pack die Heimath verlassen habe.« Es blieb daher dem Capitän nichts übrig, als Geduld zu tragen, bis etwa der Morgen eine Gelegenheit bot, ihn zu einem Entschluß über dem besten Weg, den er einzuschlagen hätte, zu leiten. »Dieser Harvey Birch mit seinem erfahrenen Auge und seinen bedeutungsvollen Winken, macht mich besorgter, als ich mir selbst gestehen mag,« sagte Capitän Wharton, indem er sich der Gedanken zu entschlagen suchte, an denen die Betrachtung seiner gefährlichen Lage keinen geringen Antheil nahm. »Wie wird es ihm doch nur möglich, in so schwierigen Zeiten ohne Belästigung im Lande auf und ab zu reisen?« fragte Miß Peyton. »Warum ihn die Rebellen so leicht durchschlüpfen lassen, ist mehr als ich beantworten kann,« sagte der Capitän nachdenkend; »aber Sir Henry würde nicht zugeben, daß ihm auch nur ein Haar seines Hauptes gekrümmt würde.« »Wirklich?« rief Franciska lebhaft. »Kennt ihn denn Sir Henry Clinton?« »Wenigstens scheint es so.« »Glaubst du, mein Sohn,« fragte Herr Wharton, »man habe von seiner Seite keinen Verrath zu befürchten?« »Ach – nein; ich habe das überlegt, ehe ich mich ihm anvertraute,« entgegnete der Capitän gedankenvoll. »Er scheint in Geschäftssachen sehr zuverläßig zu seyn. Auch wird ihn wohl die Gefahr für seinen Hals, wenn er in die Stadt zurückkehrt, von einer solchen schurkischen Handlung zurückhalten.« »Ich glaube,« sagte Franciska, in die zuversichtliche Weise ihres Bruders eingehend, »Harvey Birch ist nicht ohne edle Gefühle; wenigstens hat es bisweilen das Ansehen.« »O!« rief die Schwester freudig, »er ist ein loyaler Unterthan, und das ist in meinen Augen die erste aller Tugenden.« »Ich fürchte,« sagte ihr Bruder lachend, »daß bei ihm die Liebe zum Gelde die Liebe zu seinem Könige überwiegt.« »Dann,« entgegnete der Vater, »bist Du nicht sicher, so lang er Dich in seiner Macht hat, denn keine Liebe wird der Lockung des Geldes widerstehen, wenn die Habsucht mit in's Spiel kömmt.« »Und doch muß es eine Liebe geben, Vater,« erwiederte der Jüngling, indem er wieder in seine heitere Laune verfiel, »welche Allem widerstehen kann. Nicht wahr, Fanny?« »Da ist Deine Kerze; Du hältst den Vater über seine gewohnte Stunde auf!« Fünftes Kapitel. Durch Taroß Moor und Solway's Sand War blindlings ihm der Weg bekannt; Durch kühne Sprünge, schlaue Runden Entrann er Percy's besten Hunden. Durch unsre Ströme, breit genug – Schon oft sein muthig Roß ihn trug. Ihm war es gleich, Tag oder Nacht, Decembers Schnee und July's Pracht; Nacht oder Tag, nichts macht ihm Noth, Ob Mitternacht, ob Morgenroth. Walter Scott.   Alle Glieder der Wharton'schen Familie legten diese Nacht ihre Häupter mit der bangen Vorahnung auf die Pfühle, daß ihre gewöhnliche Ruhe auf irgend eine Weise unterbrochen werden möchte. Die Gemüthsaufregung ließ die Schwestern kein Auge schließen und am andern Morgen stunden sie auf, ohne der Erfrischung des Schlafes genossen zu haben. Als sie hastig von den Fenstern ihres Schlafgemachs das Thal überschauten, erblickten sie jedoch nichts, als die gewöhnliche Heiterkeit der Landschaft. Sie erglänzte von der sich entfaltenden Pracht eines jener milden und lieblichen Tage, welche hin und wieder zur Zeit des fallenden Laubes eintreten und, um ihrer Häufigkeit willen, den Amerikanischen Herbst den schönsten Jahreszeiten anderer Länder an die Seite stellen. Wir haben keinen Frühling; denn hier macht die Vegetation ihre Entwicklung im Sprunge, während sie unter den gleichen Breitengraden der alten Welt in's Leben zu kriechen scheint. Und wie herrlich ist erst ihr Scheiden! September, October – selbst noch der November und December sind Monate, in welchen man sich des Genusses freier Luft erfreuen darf, und wenn sie auch ihre charakteristischen Stürme haben, so sind diese von kurzer Dauer und lassen eine heitere Atmosphäre und einen wolkenlosen Himmel zurück. Da sich nichts entdecken ließ, was die Freude und die Harmonie eines solchen Tages möglicherweise hätte stören können, so gingen die Schwestern in das Gesellschaftszimmer hinunter, mit der erneuerten Zuversicht, daß die Sicherheit ihres Bruders nicht gefährdet sey und ihr häusliches Glück wohl keine Störung zu besorgen habe. Die Familie hatte sich früh zum Frühstücke versammelt und Miß Peyton war mit einem Anflug jener bis auf's Kleinlichste sich erstreckenden Genauigkeit, welche sich so gerne bei Jungfernwirthschaften einschleicht, scherzweise darauf bestanden, daß die mangelnde Gegenwart ihres Neffen keine Störung in der von ihr eingeführten Hausordnung machen solle. Die Gesellschaft saß daher bereits um den Tisch, als der Capitän eintrat, obgleich der noch unberührte Kaffee bewies, daß seine Abwesenheit von keinem seiner Verwandten unberücksichtigt geblieben war. »Ich denke, ich habe besser gethan,« rief er, indem er nach den gewöhnlichen Morgenbegrüßungen einen Stuhl zwischen seinen Schwestern nahm, »mir ein gutes Bett und ein so reichliches Frühstück zu sichern, statt mich der Gastfreundschaft des berufenen Corps der Kühjungen anzuvertrauen.« »Wenn Du schlafen konntest,« sagte Sara, »so bist Du glücklicher als Franciska und ich gewesen. Jedes Geräusch der Nachtluft schlug mir wie die Annäherung des Rebellenheeres an das Ohr.« »Ach,« erwiederte der Capitän lachend, »ich gebe zu, daß ich auch ein wenig unruhig gewesen bin – aber wie war es mit Dir –« er wandte sich dabei an seine jüngere, augenscheinlich begünstigtere Schwester und klopfte sie auf die Wange, »hast Du die Wolken für flatternde Fahnen und Miß Peyton's Aeolsharfe für die Musik einer Rebellen-Armee gehalten?« »Nein, Heinrich,«, entgegnete das Mädchen mit einem zärtlichen Blick auf ihren Bruder, »so sehr ich mein Vaterland liebe, so würde mir doch die Annäherung seiner Truppen in einem solchen Augenblick großen Kummer machen.« Der Capitän gab keine Antwort, erwiederte jedoch die Liebe, welche aus dem Auge der Schwester sprach, durch einen Blick brüderlicher Zärtlichkeit und drückte ihr schweigend die Hand, als plötzlich Cäsar, welcher an der Angst der Familie treulich Theil genommen und mit dem Grauen des Tages sich von seinem Lager aufgemacht hatte, um von einem der Fenster ein wachsames Auge auf die Umgebung zu werfen, mit einem Gesichte, dessen Farbe sich der eines Europäers näherte, ausrief: »Laufen – Massa Harry – laufen – wenn er lieben alt Cäsar, laufen – hier kommen Rebellenreiterei.« »Laufen?« wiederholte der brittische Offizier, indem er seinen ganzen militärischen Stolz aufbot. »Nein, Meister Cäsar, das Laufen ist mein Handwerk nicht.« Mit diesen Worten ging er bedächtlich auf das Fenster zu, an welches sich die Familie bereits in der größten Bestürzung gedrängt hatte. In der Entfernung von mehr als einer Meile ließen sich ungefähr fünfzig Dragoner blicken, welche auf einem der seitlichen Zugänge gegen das Thal herunter zogen. Neben dem an der Spitze des Trupps befindlichen Officier war die Gestalt eines Mannes in ländlicher Tracht zu erkennen, welcher in die Richtung des Landhauses deutete. Eine kleinere Abtheilung trennte sich nun von dem Geschwader und bewegte sich rasch auf den Ort ihrer Bestimmung zu. Als sie die Straße, welche in der Thalebene fortlief, erreicht hatten, wendeten sie ihre Pferde gegen Norden. Die Wharton's blieben in athemlosen Schweigen an ihre Stelle gefesselt und bewachten jede Bewegung der Reiter. Diese bildeten, als sie Birchs Wohnung erreicht hatten, schnell einen Kreis um dessen kleines Besitzthum und im Augenblick war sein Haus von einem Dutzend Schildwachen umringt. Zwei oder drei Dragoner stiegen nun ab und verschwanden; nach einigen Minuten kamen sie jedoch wieder in den Hof, und hinter ihnen Katy, aus deren heftigen Gesticulationen sich erkennen ließ, daß es sich nicht um Kleinigkeiten handle. Nach einer kurzen Besprechung mit der geschwätzigen Haushälterin langte die Hauptabtheilung des Trupps an; der vorangeschickte Haufen saß wieder auf und nun bewegten sie sich in Masse mit großer Eile auf die Locusten zu. Bis jetzt hatte Niemand in der Familie Geistesgegenwart genug gehabt, Vorkehrungen für die Sicherheit des Capitän Wharton zu treffen; aber die Gefahr war jetzt zu drängend, um einen längeren Verzug zu gestatten und so schlug man nun in der Eile verschiedene Mittel, ihn zu verbergen, vor, die jedoch alle von dem Stolze des jungen Mannes, als seines Charakters unwürdig, zurückgewiesen wurden. Es war zu spät, sich in die nahegelegenen Wälder zu flüchten, da er unvermeidlich bemerkt und, wenn ihm von den Reitern nachgesetzt wurde, nothwendig eingeholt werden mußte. Endlich warfen ihm seine Schwestern mit zitternden Händen seine frühere Verkleidung wieder über, deren einzelne Stücke Cäsar sorgfältig bei Händen behalten hatte, im Falle irgend eine Gefahr auftauchen sollte. Man war kaum mit dieser Vorkehrung eilig und unvollkommen zu Stande gekommen, als bereits die Dragoner mit Sturmesschnelle in den Hof und Garten hereinsprengten und das Haus des Herrn Wharton umzingelten. Es blieb nun nichts übrig, als dem bevorstehenden Verhör mit so viel Unbefangenheit, als die Familie an den Tag zu legen im Stande war, entgegen zu gehen. Der Führer des Trupps stieg ab und näherte sich, von einigen seiner Leute begleitet, der äußern Thüre des Gebäudes, welche Cäsar nur langsam und wiederstrebend zu dem Empfange des unwillkommenen Gastes öffnete. Die Frauen hörten den schweren Fußtritt des Reiters, als er dem Schwarzen zu der Thüre des Gesellschaftszimmers folgte, immer näher und näher kommen, und ihr Blut drängte sich aus dem Antlitz nach dem Herzen mit einem Schauder, welcher ihnen fast alle Besinnung benahm. Ein Mann, dessen kolossale Gestalt seine Riesenkraft verkündigte, trat in's Zimmer, lüpfte den Hut und grüßte die Familie mit einer Höflichkeit, welche mit seiner äußern Erscheinung nicht eben im Einklang zu stehen schien. Sein schwarzes, nach der damaligen Mode mit Puder bestreutes Haar hing wirre über die Augenbrauen herunter und sein Gesicht barg sich fast ganz in einem dichten ungestallten Backenbart. Doch war der Ausdruck seines Auges, so durchdringend er auch war, nicht böse, und die Stimme, obgleich tief und kräftig, nichts weniger als unangenehm. Franciska wagte es, einen furchtsamen Blick auf die eintretende Gestalt zu werfen, und erkannte mit einem Male den Mann, von dessen Scharfblick, Harvey Birch's Warnung zufolge, so viel zu befürchten stand. »Sie haben keine Ursache zur Unruhe, meine Damen,« sagte der Officier und hielt einen Augenblick inne, während dessen er die bleichen Gesichter um sich her betrachtete – »mein Geschäft wird sich auf einige Fragen beschränken; wenn diese offen beantwortet werden, so können Sie uns sogleich ihre Wohnung wieder verlassen sehen.« »Und was mögen das für Fragen seyn, Sir?« stammelte Herr Wharton, indem er sich von seinem Stuhl erhob und ängstlich die Antwort erwartete. »Hat sich ein fremder Herr während des Sturmes bei Ihnen aufgehalten?« fuhr der Dragoner mit einiger Theilnahme fort, indem er in gewissem Grade die Beängstigung des Vaters mitzufühlen schien. »Dieser Herr – hier – beehrte uns während des Regens mit seiner Gesellschaft und ist noch nicht abgereist.« »Dieser Herr?« wiederholte der Andere, indem er sich gegen Capitän Wharton wandte und ihn eine Weile betrachtete, bis der Ausdruck der Besorgniß auf seinen Zügen in den eines spöttischen Lächelns überging. Er näherte sich dem Jüngling mit einem Anstrich komischer Würde und fuhr mit einem tiefen Bücklinge fort: »Ich bedaure, mein Herr, daß es Sie so sehr an dem Kopf friert.« »Mich?« rief der Capitän überrascht, »es friert mich nicht an dem Kopf.« »Nun, ich vermuthete das wenigstens, weil Sie so schöne schwarze Locken mit dieser häßlichen alten Perücke bedecken. Es scheint aber, ich habe mich geirrt, und ich bitte daher um gefällige Verzeihung.« Herr Wharton stöhnte laut; die Damen aber, welche nicht wußten, wie weit sich der Scharfblick ihres Gastes erstreckte, verharrten bebend in starrem Stillschweigen. Der Capitän selbst bewegte seine Hand unwillkührlich nach dem Kopfe und gewahrte, daß die zitternde Hast seiner Schwestern einiges von seinem natürlichem Haar unbedeckt gelassen hatte. Der Dragoner beobachtete die Bewegung mit andauerndem Lächeln, schien sich aber alsbald wieder zu sammeln und fuhr, gegen den Vater gewendet fort: »Ich muß also hieraus entnehmen, mein Herr, daß innerhalb der letzten Woche kein Herr, Namens Harper, hier gewesen ist?« »Herr Harper?« wiederholte der andere und fühlte eine Last seiner Brust entnommen – »ja, – ich habe sein ganz vergessen; aber er ist wieder abgereist; und wenn etwas Verdächtiges in seinem Charakter war, so ist uns dieses ganz unbekannt geblieben – mir war er vollkommen fremd.« »Sie haben nur wenig von seinem Charakter zu besorgen,« antwortete der Dragoner trocken: »er ist also abgereist – wie – wann – und wohin?« »Er schied wie er kam,« sagte Herr Wharton, welcher aus dem Benehmen des Reiters wieder neue Hoffnung schöpfte, »zu Pferd, gestern Abend und schlug den Weg gegen Norden ein.« Der Officier hörte ihm mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zu; sein Gesicht begann allmälig von einem vergnügten Lächeln zu strahlen und sobald Herr Wharton seine lakonische Antwort beendet hatte, drehte er sich auf der Ferse um und verließ das Zimmer. Die Wharton's schlossen aus dieser Bewegung, es sey seine Absicht, dem Gegenstand seiner Ausforschungen selbst nachzuspüren. Sie bemerkten, daß der Dragoner im Vorhofe mit seinen beiden Lieutenants eine ernste, aber anscheinend erfreuliche Unterredung hielt. In wenigen Augenblicken waren an einige von dem Geschwader Befehle gegeben und Reiter verließen auf verschiedenen Pfaden das Thal in voller Hast. Die Ungewißheit der im Hause Befindlichen, welche mit gesteigertem Interesse diesem Auftritte zusahen, war bald zu Ende, denn der schwere Tritt des Dragoners verkündigte bereits seinen zweiten Besuch. Er verneigte sich wieder beim Eintritte in das Zimmer höflich, ging auf Capitan Wharton zu und sprach mit komischer Würde: »Da mein Hauptgeschäft abgethan ist, mein Herr, so möchte ich um die Erlaubniß bitten, die Eigenschaft dieser Perücke näher untersuchen zu dürfen.« Der brittische Officier ahmte die Weise des Andern nach, als er bedächtlich seinen Kopf enthüllte und die Perücke mit der Bemerkung auslieferte: »Ich hoffe, mein Herr, sie wird nach Ihrem Geschmack seyn.« »Ich kann das, ohne der Wahrheit zu nahe zu treten, nicht sagen,« erwiederte der Dragoner. »Mir ist Ihr dunkles Haar, aus welchem Sie mit so vielem Fleiß den Puder gekämmt zu haben scheinen, viel lieber. Aber das muß ein tüchtiger Hieb gewesen seyn, den Sie unter diesem ungeheuer schwarzen Pflaster verbergen.« »Sie scheinen ein so guter Beobachter zu seyn, daß ich Ihre Meinung darüber hören möchte, mein Herr,« sagte Heinrich, indem er den Tafft entfernte und die unbeschädigte Wange zeigte. »Auf mein Wort, Ihr Aeußeres verbessert sich rasch,« fuhr der Officier fort, den unbeugsamen Ernst in seinen Zügen bewahrend. »Wenn ich Sie nur überreden könnte, diesen alten Ueberrock mit jenem blauen Kleide dort an Ihrer Seite zu vertauschen, so wäre mir, glaube ich, nie eine angenehmere Umwandlung vorgekommen, seit ich selbst aus der Lieutenants-Uniform in die eines Capitäns gekrochen bin.« Der junge Wharton that mit großer Fassung, was von ihm verlangt wurde, und stand nun als ein sehr schöner und gutgekleideter junger Mann da. Der Dragoner blickte ihn einen Moment mit dem possierlichen Wesen, welches ihm eigenthümlich war, an und fuhr dann fort: »Eine neue Erscheinung auf dem Schauplatze. Sie wissen, es ist gebräuchlich, daß Fremde eingeführt werden. Ich bin Capitän Lawton von der Virginischen Reiterei.« »Und ich, mein Herr, bin Capitän Wharton, von Seiner Majestät sechzigstem Infanterie-Regiment,« erwiederte Heinrich mit einer steifen Verbeugung, in der er seine frühere Weise wieder annahm. Lawton's Züge änderten sich plötzlich und die angenommene scherzhafte Geziertheit verschwand. Er betrachtete die Gestalt des Capitän Wharton, welcher in seiner vollen Würde und mit stolzem Verschmähen jeder weiteren Verheimlichung vor ihm stand, und rief mit großem Ernste: »Capitän Wharton, ich bedaure Sie von ganzem Herzen!« »O, dann,« rief der Vater in äußerster Seelenangst, »wenn Sie ihn bedauern, warum ihn in Ungelegenheit bringen? – Er ist kein Spion, und nichts als der Wunsch, seine Freunde wieder einmal zu sehen, veranlaßte ihn, sich in seiner Verkleidung so weit von der regulären Armee zu entfernen. Lassen Sie ihn uns, und es gibt keine Belohnung, keine Summe, die ich nicht mit Freuden zahlen will.« »Herr, Ihre Angst für Ihren Freund entschuldigt diese Sprache,« sagte Lawton stolz; »aber Sie vergessen, daß ich ein Virginier und ein Mann von Ehre bin.« Gegen den jungen Mann gekehrt fuhr er fort: »Wußten Sie nicht, Capitän Wharton, daß unsere Vorposten bereits seit mehreren Tagen weiter unten stehen?« »Ich wußte es nicht, bis ich auf sie traf, und dann war es zu spät zum Rückzug,« sagte Wharton düster. »Ich kam, wie mein Vater bereits bemerkte, heraus, um meine Verwandte zu besuchen, da ich erfahren hatte, Ihre Truppen seyen zu Peekshill und in der Nähe des Hochlandes, sonst hätte ich gewiß das Wagestück nicht unternommen.« »Alles dieses mag ganz richtig seyn; aber die Geschichte mit André hat uns gelehrt auf der Hut zu seyn. Wenn Verrätherei bis zu dem Grade der Stabsoffiziere reicht, Capitän Wharton, so ziemt es den Freunden der Freiheit, ihre Vorsicht nicht schlummern zu lassen.« Heinrich verbeugte sich bei dieser Bemerkung in zurückhaltendem Schweigen, aber Sara wagte es, noch etwas zu Gunsten ihres Bruders hervorzubringen. Der Dragoner hörte ihr mit höflicher Beachtung und augenscheinlichem Mitleiden zu; um sich jedoch der Verlegenheit fruchtloser Gesuche zu entziehen, antwortete er sanft: »Ich bin nicht der Befehlshaber der Mannschaft, Madame. Major Dunwoodie wird entscheiden, was mit ihrem Bruder geschehen soll. In jedem Fall wird ihm eine freundliche und anständige Behandlung zu Theil werden.« »Dunwoodie?« rief Franciska mit einem Gesichte, in welchem sich die Gluth der Rose mit der Blässe der Furcht um die Oberhand stritt; – »Gott sey Dank! dann ist Heinrich gerettet!« Lawton betrachtete sie mit dem gemischten Ausdruck von Mitleid und Verwunderung, schüttelte dann bedenklich den Kopf und fuhr fort: »Ich hoffe das, und mit Ihrer Erlaubniß wollen wir die Sache seiner Entscheidung überlassen.« Franciska's Farbe ging von der Blässe der Furcht in die Gluth der Hoffnung über. Ihre Besorgnisse um ihren Bruder waren in der That sehr vermindert; doch bebten ihre Glieder, ihr Athem wurde kurz und unregelmäßig und ihr ganzes Aeußere zeigte die unverkennbaren Merkmale eines außerordentlichen Kampfes. Ihr zur Erde gesenkter Blick erhob sich gegen den Dragoner und sank dann wieder unbeweglich gegen den Fußteppich – sie hatte augenscheinlich die Absicht, etwas zu sagen, ohne im Stande zu seyn, es hervorzubringen. Miß Peyton beobachtete diese Bewegungen ihrer Nichte genau, trat dann, mit weiblicher Würde vor und fragte: »Dann, mein Herr, haben wir wohl das Vergnügen, den Major Dunwoodie nächstens in unserer Gesellschaft zu sehen?« »Er kann jeden Augenblick hier seyn, Madame,« antwortete der Dragoner, indem er den bewundernden Blick von Franciska abwandte. »Bereits sind Expressen auf dem Weg, ihm unsere Stellung mitzuteilen, und diese Kunde wird ihn unverzüglich in das Thal führen, wenn nicht allenfalls gewisse andere Rücksichten vorhanden sind, welche ihm einen Besuch besonders unangenehm machen könnten.« »Wir werden uns immer glücklich schätzen, den Major Dunwoodie bei uns zu sehen.« »O! ohne Zweifel; er ist aller Welt Liebling. Darf ich daher wohl bitten, zu erlauben, daß meine Leute absteigen und einige Erfrischung zu sich nehmen, da sie einen Theil seiner Schwadron ausmachen?« Es lag etwas in dem Benehmen des Reiters, um dessen willen Herr Wharton ihm die Unterlassung dieser Bitte gerne vergeben hätte; doch die eigene versöhnliche Stimmung des Hausbesitzers ließ an keine Gegenrede denken, und außerdem wäre es nutzlos gewesen, eine Einwilligung zu verweigern, die, wie er glaubte, wahrscheinlich erzwungen worden wäre. Er machte daher aus der Noth eine Tugend und gab die geeigneten Befehle, den Wünschen des Capitän Lawton entgegen zu kommen. Die Officiere wurden eingeladen, an dem Frühstück der Familie Theil zu nehmen, und nachdem außen die nöthigen Vorkehrungen getroffen waren, wurde der Einladung unbedenklich Folge geleistet. Der umsichtige Parteigänger hatte keine der für seine Lage so notwendigen Vorsichtsmaaßregeln verabsäumt. Auf den fernen Hügeln ließen sich Patrouillen blicken, die ihre Kameraden schützend umkreisten, während letztere in Mitte der Gefahr sich einer Sorglosigkeit hingaben, welche nur in der Wachsamkeit der dienstthuenden Mannschaft und in einer durch Gewohnheit erlangten Abhärtung ihren Grund haben konnte. Herr Wharton's Tisch hatte sich nur um drei Gäste vermehrt, und diese waren Männer, welche unter der durch den anhaltenden strengen Dienst erworbenen rauhen Außenseite die gefälligen Sitten der besseren Stände bargen. Diese Störung des häuslichen Familiencirkels trug daher durchaus das Gepräge des strengsten Anstandes. Die Damen überließen die Tafel ihren Gästen, welche fortfuhren, ohne Ziererei der Gastfreundschaft des Herrn Wharton die gebührende Ehre anzuthun. Endlich unterbrach Capitän Lawton auf einen Augenblick seine gewaltigen Angriffe auf die Buchweizenkuchen, um den Herrn des Hauses zu fragen, ob sich nicht zu Zeiten ein Hausirer, Namens Birch, in dem Thal aufhalte. »Nur zu Zeiten, glaube ich, Herr,« erwiederte Herr Wharton vorsichtig; »er ist selten hier – ich möchte sogar sagen, daß ich ihn nie zu Gesicht bekomme.« »Das ist doch sonderbar,« sagte der Reiter und warf dabei einen aufmerksamen Blick auf den verlegenen Wirth; »er ist doch Ihr nächster Nachbar, und da sollte man denken, er müßte bei Ihnen fast wie zu Hause seyn. Auch den Damen mag das etwas unbequem kommen, denn ich zweifle nicht, daß jener Mousselin im Fenstersitz zweimal so viel gekostet hat, als Birch dafür gefordert haben würde.« Herr Wharton drehte sich verwirrt um und sah einige von den neuen Einkäufen durch das Zimmer zerstreut. Die zwei Lieutenants mühten sich, ihr Lächeln zu verbergen; der Capitän aber griff mit einem Eifer wieder zu dem Frühstück, daß man hätte glauben können, er fürchte, nie wieder ein weiteres zu sich zu nehmen. Die Nothwendigkeit aber, neuen Vorrath aus Dina's Bereich herbeizuschaffen, gestattete bald einen neuen Ruhepunkt, welchen Lawton benützte. »Ich hätte gewünscht, die ungeselligen Gewohnheiten dieses Meister Birch zu unterbrechen, und habe deßhalb diesen Morgen bei ihm angerufen,« sagte er. »Wenn ich ihn zu Hause gefunden hätte, so würde ich ihn an einer Stelle aufgehoben haben, wo er sich in der besten Gesellschaft des Lebens hätte erfreuen können – wenigstens für eine kurze Zeit. »Und wo wäre das gewesen, Sir?« fragte Wharton, welcher die Notwendigkeit, etwas zu erwiedern, einsah. »Auf der Wachstube,« entgegnete der Reiter trocken. »Was ist denn das Vergehen des armen Birch?« fragte Miß Peyton, indem sie dem Dragoner die vierte Tasse Kaffee reichte. »Arm?« rief der Capitän; »wenn er arm ist, so muß König Georg seine Leute schlecht bezahlen.« »Ja, in der That,« sagte einer der Lieutenants, »Seine Majestät ist ihm ein Herzogthum schuldig.« »Und der Congreß einen Strick,« fuhr der commandirende Officier fort, indem er auf's Neue wieder den Kuchen zuzusprechen anfing. »Es thut mir leid,« sagte Herr Wharton, »daß einer meiner Nachbarn das Mißfallen unserer Regierung auf sich gezogen haben soll.« »Wenn ich ihn erwische,« rief der Dragoner, indem er einen andern Kuchen mit Butter bestrich, »so soll er mir an dem Aste einer seiner Namensverwandten Birch , Birke. baumeln.« »Er würde eine der Locusten, welche an seiner Thüre stehen, nicht übel zieren,« fügte einer der Lieutenants bei. »Lassen wir's jetzt beruhen,« fuhr der Capitän fort; »ich will ihn kriegen, noch ehe ich Major bin.« Da die Officiere es ernstlich zu meinen schienen und sich einer Sprache bedienten, wie sie bei Leuten von so rauhem Gewerbe, zumal wenn ihnen eine Absicht fehlgeschlagen hat, gewöhnlich ist, so hielten es die Wharton's für das Geeignetste, das Gespräch abzubrechen. Es war Niemanden von der Familie unbekannt, daß Harvey Birch als verdächtig aufgegriffen und von der Amerikanischen Armee hart bedrängt worden war. Sein Entkommen aus ihren Händen, wie auch seine wiederholten Verhaftungen hatten öfters einen Gegenstand der Unterhaltung für das ganze Land gebildet, um so mehr, da zu geheimnißvolle Umstände dabei unterliefen, um so leicht vergessen zu werden. In der That beruhte auch der Groll Capitän Lawton's gegen den Hausirer auf keinem andern Umstand, als auf dem unerklärlichen Verschwinden des Letzteren aus dem Gewahrsam von zweien seiner zuverlässigsten Dragoner. Es waren nämlich noch keine zwölf Monate verflossen, seit man Birch um das Hauptquartier des commandirenden Generals hatte schleichen sehen, und zwar zu einer Zeit, wo jeden Augenblick wichtige Bewegungen zu erwarten stunden. Als dieser Umstand dem Officier, welcher mit der Bewachung der Zugänge zu dem amerikanischen Lager beauftragt war, gemeldet wurde, schickte er sogleich den Capitän Lawton ab, um dem Krämer nachzusetzen. Mit allen Pässen des Gebirgs vertraut und in der Erfüllung seiner Pflicht unermüdlich, gelang es dem Dragonerführer endlich, nach vieler Anstrengung seinen Zweck zu erreichen. Die Streifpartie hatte bei einem Bauernhofe Halt gemacht, um eine Erfrischung zu sich zu nehmen, und der Gefangene war von ihm selbst in ein Zimmer eingeschlossen und der Obhut obgenannter beiden Soldaten übergeben worden. Alles, was später bekannt wurde, war, daß man in der Nähe der Schildwachen ein Weib bemerkt hatte, welche sich eifrig mit häuslichen Verrichtungen beschäftigte, und insbesondere sehr aufmerksam auf die Bedürfnisse des Capitäns war, bis dieser sich ernstlich in Bearbeitung seines Abendessens vertieft hatte. Nachher waren weder Weib noch Hausirer zu finden. Der Pack war allerdings noch da, aber geöffnet und beinahe leer, und eine kleine Thüre, die ein anliegendes Zimmer mit dem, in welchem der Krämer gefangen saß, in Verbindung brachte, stand offen. Capitän Lawton konnte diesen Betrug nie vergeben. Sein Haß gegen die Feinde war kein besonders gemäßigter, aber dieser Vorfall galt ihm zugleich als eine Verhöhnung seines Scharfsinnes, welche er sich tief zu Herzen nahm. Er verharrte in unheilschwangerem Schweigen und brütete über dieser List seines Gefangenen, während er zugleich das Geschäft, in welchem er eben begriffen war, mechanisch fortsetzte, als nach einer Weile, die wohl hinreichte, um ein behagliches Mal zu sich zu nehmen, auf einmal der kriegerische Ton einer Trompete an die Ohren der Gesellschaft schlug und mit ihrer erschreckenden Melodie das Thal erfüllte. Der Reiter erhob sich plötzlich von der Tafel und verließ mit dem Rufe: »Geschwind, meine Herren, auf's Pferd; da kömmt Dunwoodie!« in Begleitung seiner Officiere und in größter Eile das Zimmer. Mit Ausnahme der Wachen, welchen Capitän Wharton's Beaufsichtigung übertragen war, saßen alsbald alle Dragoner auf und eilten ihren Kameraden entgegen. Der vorsichtige Führer hatte keine der Vorkehrungen außer Acht gelassen, welche in einem Kriege, wo sich die Sprache, das Aeußere und die Tracht der kämpfenden Parteien so sehr glichen, doppelt nöthig waren. Als er jedoch der seiner Mannschaft um's Doppelte überlegenen Reiterschaar nahe genug war, um die Gesichtszüge unterscheiden zu können, drückte Lawton seinem Pferde die Sporen in die Weiche und war in einem Augenblick an der Seite seines Befehlshabers. Der Platz vor dem Landhause war bald wieder von der Reiterei besetzt, und unter den gleichen Vorsichtsmaaßregeln wie früher beeilten sich die neuangekommenen Truppen, an dem für ihre Kameraden bereiteten Mahle Theil zu nehmen. Sechstes Kapitel. – Laß den Erob'rer seines Ruhms Sich brüsten. – Wer des Herzens heißes Wallen Mit Mannheit gegen Schönheitszauber stählt, Zwar dessen Bande fühlt, jedoch nicht fällt, Der ist der bravste, größte Held von Allen. Moore.   Die Frauen der Wharton'schen Familie hatten sich an einem Fenster versammelt, da sie bei dem eben erzählten Auftritte auf's Lebhafteste betheiligt waren. Sara betrachtete die Annäherung ihrer Landsleute mit einem Lächeln verächtlicher Gleichgültigkeit, denn sogar das Aeußere von Leuten, welche sie sich in die unheilige Sache der Empörung verwickelt dachte, konnte in ihr nur Geringschätzung erwecken. Miß Peyton blickte, auf das Schauspiel mit stolzer Freude, die in der Betrachtung ihren Grund hatte, daß die im Hofraume sich tummelnden Braven zu den Kerntruppen ihres heimatlichen Bodens gehörten, während Franciska mit so ungeteiltem Interesse zusah, daß ihr für keinen andern Gedanken Raum blieb. Die beiden Haufen hatten sich noch nicht vereinigt, als ihr rasches Auge bereits einen einzelnen Reiter aus der ihn umgebenden Mannschaft herausgefunden hatte. Es kam ihr vor, als ob selbst das Roß dieses jugendlichen Kriegers sich bewußt sey, daß es die Last keines gewöhnlichen Mannes trage; denn seine Hufe berührten die Erde nur leicht und sein luftiger Tritt war der gezügelte Gang des kampfbegierigen Vollbluts. Der Dragoner saß mit einer Festigkeit und Leichtigkeit im Sattel, welche bewies, wie sehr er sich, selbst und das Roß in seiner Macht habe, und seine hohe, volle und sehnigte Gestalt vereinigte in sich das schönste Ebenmaaß der Behendigkeit und Kraft. An diesen Officier erstattete Lawton seinen Bericht, worauf sie beide, Seite an Seite über das Feld dem Landhause zuritten. Franciska's Herz klopfte in heftigen Schlägen, als der Befehlshaber des Geschwaders einen Augenblick anhielt und das Gebäude mit einem Auge betrachtete, dessen dunkles Feuer selbst in der Entfernung sichtbar war. Ihre Farbe wechselte, und als sich der junge Mann aus dem Sattel schwang, sah sie sich einen Augenblick genöthigt, wegen des Bebens Ihrer Glieder zum Sessel ihre Zuflucht zu nehmen. Der Officier gab dem Rittmeister rasch einige Befehle, eilte in den Hofraum und näherte sich dem Landhause. Franciska erhob sich von ihrem Stuhle und verschwand aus dem Zimmer. Der Dragoner stieg die Treppen der Halle hinauf und war kaum bei der äußern Thüre angelangt, als sie sich zu seinem Einlasse öffnete. Franciska hatte die Stadt sehr jung verlassen und war dadurch verhindert worden, im Einklang mit der Gewohnheit des Tages ihre angeborenen Reize auf dem Altare der Mode zum Opfer zu bringen. Ihr reiches goldenes Haar fiel ungezwungen in den natürlichen Locken der Kindheit über ihre Schultern und beschattete ein Gesicht, auf welchem der vereinte Zauber der Gesundheit, Jugend und Natur blühte; – ihr Auge war sprechend, wenn auch ihre Zunge schwieg; ihre zierlichen kleinen Hände waren ineinander verschlungen und gaben, da sie die untere Fläche derselben mit dem Ausdrucke der Erwartung nach vorn kehrte, ihrer Erscheinung eine Lieblichkeit und ein Interesse, die ihren Liebhaber einen Augenblick in stummer, schweigender Bewunderung an die Stelle fesselten. Franciska führte ihn schweigend in ein unbesetztes Zimmer, dem gegenüber, in welchem die Familie versammelt war, legte, dann unbefangen ihre beiden Hände in die des Kriegers und rief: »Ach, Dunwoodie, wie glücklich macht es mich, in mehrfachem Betracht, Sie hier zu sehen. Ich habe Sie hieher geführt, um Sie auf das Wiedersehen eines unerwarteten Freundes, den Sie in jenem Zimmer treffen werden, vorzubereiten.« »Welchem Grunde ich es immer zu danken haben mag,« entgegnete der Jüngling, indem er ihre Hände an seine Lippen drückte, ich fühle mich nicht weniger glücklich, Sie allein zu sehen. Franciska, die Prüfung, welche Sie mir aufgelegt haben, ist grausam. Krieg und Entfernung können uns vielleicht bald auf immer scheiden.« »Wir müssen uns der Gewalt der Notwendigkeit fügen. Aber es ist jetzt nicht der Augenblick für eine solche Sprache. Ich habe Ihnen andere und wichtigere Dinge mitzutheilen.« »Was kann von größerer Wichtigkeit sein, als Sie durch ein unauflösliches Band an mich zu ketten? Franciska, Sie sind kalt gegen mich – gegen mich, aus dessen Seele weder der Dienst des Tages noch die Unruhe der Nacht Ihr Bild auch nur einen Augenblick zu verbannen im Stande war.« »Theurer Dunwoodie,« sagte Franciska, und hielt ihm, fast zu Thränen bewegt, ihre Hand entgegen, indeß die Röthe ihrer Wangen allmählig wieder zurückkehrte, »Sie kennen meine Gefühle. Ist dieser Krieg zu Ende, so mögen Sie meine Hand für immer hinnehmen; aber ich kann nie einwilligen, mich durch ein engeres Band, als das, welches schon zwischen uns besteht, an Sie zu knüpfen, so lange Sie meinem einzigen Bruder in den Waffen gegenüber stehen. Ja, in dem gegenwärtigen Augenblick erwartet dieser Bruder Ihren Ausspruch, ob er zur Freiheit zurückkehren, oder einem wahrscheinlichen Tode entgegen gehen soll.« »Ihr Bruder?« rief Dunwoodie und fuhr todesblaß zurück; – »Ihr Bruder?« Erklären Sie sich deutlicher – welcher fürchterliche Sinn liegt in Ihren Worten verborgen?« »Hat Ihnen Capitän Lawton nicht mitgetheilt, daß er selbst heute Morgen Heinrich in Verhaft genommen hat?« fuhr Franciska mit kaum hörbarer Stimme fort, wobei sie ihrem Geliebten mit einem Blicke der tiefsten Bekümmerniß in's Auge sah. »Er sagte mir, er habe einen verkleideten Capitän des sechzigsten Regiments angehalten, ohne mir jedoch seinen Namen oder den Ort, wo die Verhaftung vorfiel, zu nennen,« entgegnete der Major in dem gleichen Tone und suchte, den Kopf auf seine Hände stützend, den Sturm der Gefühle in seinem Innern vor seiner Gefährtin zu verbergen. »Dunwoodie! Dunwoodie!« rief Franciska, indem alle ihre frühere Zuversicht sich in den schreckhaftesten Besorgnissen verlor, »was bedeutet diese Unruhe?« Als der Major langsam das Gesicht, welches, den Ausdruck der tiefsten Bekümmerniß zeigte, wieder erhob, fuhr sie fort: »Gewiß, Gewiß – Sie können Ihren Freund – meinen Bruder – Ihren Bruder – nicht einem schmählichen Tode preisgeben.« »Franciska!« rief der junge Mann im schmerzlichsten Seelenkampfe – »was kann ich thun?« »Was Sie thun können?« entgegnete sie mit einem wilden Blick auf ihn; »könnte der Major Dunwoodie seinen Freund – den Bruder seiner Verlobten, in die Hände des Feindes liefern?« »O, sprechen Sie nicht so unfreundlich mit mir, theuerste Miß Wharton – meine liebe Franciska! Ich würde jeden Augenblick für Sie – für Heinrich – in den Tod gehen; – aber ich darf meine Pflicht nicht vergessen – kann meine Ehre nicht in die Schanze schlagen. Sie selbst würden die Erste seyn, welche mich um einer solchen Handlung willen verachtete.« »Peyton Dunwoodie!« sagte die todtenbleiche Franciska mit feierlichem Ernste, »Sie haben mir gesagt – Sie haben mir geschworen, daß Sie mich liebten –« »Ich thue es noch,« unterbrach sie der Krieger mit Wärme; – sie aber winkte ihm, zu schweigen und fuhr mit einer von Furcht bebenden Stimme fort: »Glauben Sie, ich könne mich in die Arme eines Mannes werfen, dessen Hände von dem Blute meines einzigen Bruders befleckt sind?« »Franciska, Ihre Worte schneiden mir tief in's Herz –« Dunwoodie hielt einen Augenblick inne, um seine Gefühle zu bekämpfen, und fuhr mit einem erzwungenen Lächeln fort? »aber wir quälen uns im Grunde vielleicht mit unnöthigen Besorgnissen, und Heinrich ist wohl, je nach dem Erfund der Umstände, nur als ein Kriegsgefangener zu betrachten, in welchem Falle ich ihn auf sein Ehrenwort frei geben kann.« Es gibt kein täuschenderes Gefühl als die Hoffnung, und es scheint das glückliche Vorrecht der Jugend zu seyn, alle Freuden, welche sich von ihr ausbeuten lassen, zu kosten. Ein offenes Herz ist am wenigsten geneigt, Anderen zu mißtrauen, und wir nehmen gerne an, daß die Dinge sich in Wirklichkeit so verhalten, wie sie nach unsern Gedanken seyn sollten. Die verzagende Schwester entnahm diese aufblitzenden Hoffnungen mehr aus dem Auge, als aus den Worten des jungen Kriegers. Das Blut strömte wieder in ihre Wangen und sie rief mit Lebhaftigkeit: »O, daran zu zweifeln ist ja nicht der mindeste vernünftige Grund vorhanden. Ich wußte es ja – ich wußte es, Dunwoodie, daß Sie uns in der Stunde unserer größten Noth nicht verlassen würden.« Die Macht ihrer Gefühle gewann die Oberhand, und das geängstigte Mädchen machte ihrem gepreßten Herzen durch einen Strom von Thränen Luft. Die Pflicht, diejenigen zu trösten, welche uns theuer sind, ist eines der köstlichsten Vorrechte der Liebe, und obgleich Major Dunwoodie nur wenig Trost in der Vermuthung, die sich ihm im Augenblicke darbot, fand, so war es ihm doch unmöglich, das liebliche Wesen zu enttäuschen, welches sich, als er die Spuren ihrer Gefühle von ihren Wangen wischte, an seine Schulter lehnte und in der Zuversicht, ihren Bruder gerettet und unter dem Schutze ihres Geliebten zu wissen, wieder neu auflebte. Als sich Franciska hinreichend gesammelt hatte, um ihre Empfindungen zu beherrschen, eilte sie in das andere Zimmer voran, um ihrer Familie die frohe Kunde mitzutheilen, welche bei ihr bereits zur zuversichtlichen Ueberzeugung geworden war. Dunwoodie folgte widerstrebend und mit unheilvollen Ahnungen; aber wenige Augenblicke brachten ihn in den Kreis seiner Verwandten, und er hatte aller seiner Entschlossenheit aufzubieten, um diese schwere Prüfung mit Festigkeit zu bestehen. Die Begrüßung der jungen Männer war herzlich und offen – von Heinrich Whartons Seite geschah sie sogar mit einer Ruhe, als ob gar nichts vorgefallen sey, was seine Fassung hätte stören können. Der schreckliche Gedanke, bei der Verhaftung seines Freundes in irgend einer Weise mitwirken zu müssen, die Gefahr für das Leben des Capitäns Wharton und Franciska's herzzerreißende Erklärungen hatten jedoch in der Brust des Majors Dunwoodie eine Unruhe erzeugt, welche er sich vergebens zu verbergen mühte. Die Aufnahme von Seiten der übrigen Familie war herzlich und aufrichtig, sowohl aus alter Achtung, als in Berücksichtigung früherer Verpflichtungen, wozu noch die Hoffnungen kamen, welche sich deutlich genug in den Augen des ihm zur Seite stehenden errötenden Mädchens aussprachen. Nachdem er mit jedem Familienglied die üblichen Begrüßungen ausgetauscht hatte, winkte er der Wache, welcher der vorsichtige Lawton die Obhut über den Gefangenen anvertraut hatte, das Zimmer zu verlassen. Dann wandte er sich an Capitän Wharton und begann mit Milde seine Nachforschung. »Erzähle mir, Heinrich, welche Bewandtniß es mit der Verkleidung hat, in welcher Capitän Wharton Dich gefunden haben will, und erinnere Dich – erinnere Dich – Capitän Wharton – daß Deine Antworten ganz freiwillig sind.« »Ich habe mich der Verkleidung bedient, Major Dunwoodie,« erwiderte der englische Officier mit Würde, »um mich in den Stand zu setzen, meine Verwandten zu besuchen, ohne daß ich Gefahr liefe, in Kriegsgefangenschaft zu gerathen.« »Du legtest sie aber nicht früher an, als bis Du Lawton's Reiter kommen sahest?« »O nein,« unterbrach ihn Franciska lebhaft, indem sie in der Angst um ihren Bruder alles Andere vergaß; »Sara und ich haben sie ihm angezogen, als die Dragoner erschienen. Nur unsere Ungeschicklichkeit ist Schuld, dass er entdeckt wurde.« Dunwoodie's Züge strahlten, als er einen, zärtlichen Blick auf die Sprecherin werfend, ihre Auseinandersetzung vernahm. »Wahrscheinlich also einige von Euern Kleidungsstücken, welche bei der Hand waren und im Drange des Augenblicks benützt wurden?« »Nein,« sagte Wharton mit Würde; »ich habe in diesen Kleidern die Stadt verlassen. Ich habe sie mir zu dem Zweck, für welchen sie verwendet wurden, beschaffen lassen und beabsichtigte, mich ihrer heute bei meiner Rückkehr wieder zu bedienen.« Die erblassende Franciska eilte erschreckt von ihrem Bruder und ihrem Geliebten weg, zwischen welche die Gluth ihrer Gefühle sie geführt hatte, als die schreckliche Wahrheit in ihrer Seele aufdämmerte, und sank auf einen Stuhl, von dem aus sie die jungen Männer mit wirren Blicken betrachtete. »Aber die Vorposten – die Truppen in den Ebenen?« fügte Dunwoodie bei, indem, er sich erbleichend abwendete. »Auch an ihnen kam ich in meiner Verkleidung vorbei. Ich bediente mich dabei dieses Passes, welchen ich kaufte, und der, da er Washington's Namen trägt, vermuthlich ein nachgemachter ist.« Dunwoodie nahm ihm rasch das Papier aus der Hand und betrachtete eine Weile schweigend die Unterschrift. Da gewann endlich allmählig der Soldat über den Menschen die Oberhand, und mit einem forschenden Blick auf den Gefangenen stellte er die Frage: »Capitan Wharton, woher haben Sie dieses Papier?« »Das ist eine Frage, welche, wie ich glaube, Major Dunwoodie kein Recht zu stellen hat.« »Verzeihung, mein Herr! meine Gefühle haben mich zu einer Unziemlichkeit verleitet.« Herr Wharton, welcher mit dem lebhaftesten Antheil zuhörte, hatte seine Gefühle soweit bekämpft, daß er einzuwenden vermochte: »Gewiß, Major Dunwoodie, das Papier kann von keinem Belang seyn. Solcher Kunstgriffe bedient man sich täglich im Kriege.« Dieser Name ist nicht nachgemacht,« sagte der Dragoner mit leiser Stimme, indem er die Schriftzüge untersuchte. »Gibt es noch unentdeckten Verrath unter uns? Washington's Vertrauen ist mißbraucht worden, denn der erdichtete Name und der Paß selbst sind von verschiedener Hand geschrieben. Capitän Wharton, meine Pflicht gestattet es mir nicht, Sie auf Ehrenwort frei zu lassen. Sie müssen mich nach den Hochlanden begleiten.« »Ich erwartete nichts anderes, Major Dunwoodie.« Dunwoodie wandte sich langsam zu den Schwestern und Franciska's Gestalt hielt auf's Neue seinen Blick gefesselt. Sie hatte sich von ihrem Sitz erhoben und stand wieder mit gefalteten Händen und bittender Stellung vor ihm. Da er sich unfähig fühlte, seine Gefühle länger zu bemeistern, bediente er sich schnell eines Vorwandes für eine vorübergehende Entfernung und verließ das Zimmer. Franciska folgte ihm, und, gehorsam dem Winke ihres Auges, trat der Krieger wieder in das Zimmer, in welchem sie ihre erste Besprechung gehalten hatten. »Major Dunwoodie,« sagte Franciska in kaum hörbarer Stimme, als sie ihm zu sitzen winkte; die Leichenblässe ihrer Wangen war dem lebhaftesten Scharlach gewichen, welcher nach und nach ihr ganzes Antlitz überflog; – sie kämpfte einen Augenblick mit sich selber und fuhr dann fort: »ich habe Ihnen bereits zugestanden, daß ich Sie schätze, und ich will dieses selbst jetzt, wo Sie mich auf's schmerzlichste betrüben, nicht verhehlen. Glauben Sie mir, mein Bruder hat sich keines weiteren Vergehens, als der Unklugheit, schuldig gemacht. Unser Vaterland kann keinen Nichtswürdigen erzeugen.« Sie hielt wieder eine Weile inne, wobei ihr fast der Athem verging; sie erblaßte, ward wieder roth und fügte endlich mit hastiger schwacher Stimme bei: »Ich habe versprochen, Dunwoodie, Ihr Weib zu werden, sobald der Frieden im Vaterlande wieder hergestellt seyn wird. Lassen Sie meinen Bruder auf sein Ehrenwort frei, und ich will heute noch mit Ihnen an den Altar treten, sie in's Lager begleiten und als Gattin eines Soldaten alle Entbehrungen eines Soldaten tragen lernen.« Dunwoodie ergriff die Hand, welche das erröthende Mädchen in der Lebhaftigkeit ihrer Gefühle gegen ihn ausstreckte und drückte sie einen Augenblick an seine Brust; dann erhob er sich von seinem Sitze und ging im furchtbarsten Seelenkampfe im Zimmer auf und ab. »Franciska, ich beschwöre Sie – nichts weiter, wenn Sie mir nicht das Herz brechen wollen.« »Sie weisen also das Anerbieten meiner Hand zurück?« sagte sie, mit Würde sich erhebend, obgleich ihre blasse Wange und die bebenden Lippen den heftigen Widerstreit ihrer Empfindungen bekundeten. »Sie zurückweisen? Habe ich sie nicht mit Bitten und Thränen gesucht? – War sie nicht das Ziel aller meiner irdischen Wünsche? Aber sie unter solchen Umständen anzunehmen, würde uns beide entehren. Wir wollen jedoch das Beste hoffen. Heinrich muß frei gesprochen werden – vielleicht wird er nicht einmal vor Gericht gestellt. Sie dürfen überzeugt seyn, daß ich alle meine Kräfte zu seinen Gunsten aufbieten werde, und – glauben Sie mir, Franciska – ich bin nicht ohne Einfluß bei Washington.« »Jenes unglückselige Papier, jener Mißbrauch seines Vertrauens, auf welchen Sie anspielten, wird ihn gegen die Sache meines Bruders verhärten. Wenn Drohungen oder Bitten seinen strengen Gerechtigkeitssinn hätten beugen können, würde André wohl hingerichtet worden seyn?« Als Franciska diese Worte kaum ausgesprochen hatte, verließ sie in hoffnungsloser Verzweiflung das Zimmer. Dunwoodie blieb eine Minute in dumpfer Betäubung stehen; dann folgte er ihr in der Absicht, sich zu rechtfertigen und ihre Besorgnisse zu zerstreuen. Als er in den Vorsaal trat, welcher die beiden Zimmer von einander trennte, begegnete ihm ein kleiner zerlumpter Knabe, welcher einen Augenblick seine Uniform musterte, ihm dann ein Stückchen Papier in die Hand drückte und unmittelbar darauf wieder durch die äußere Thüre des Gebäudes verschwand. Sein verwirrter Gemüthszustand und die Flüchtigkeit dieser Erscheinung ließen den Major kaum Zeit, zu bemerken, daß der Bote ein gering gekleideter Bauerjunge war, und daß er eines der Spielzeuge, wie man sie in den Städten zu kaufen pflegt, in der Hand hatte, welches er mit dem vergnügten Bewußtsein, für die Ausrichtung des verlangten Dienstes gut belohnt worden zu seyn, zu betrachten schien. Der Soldat richtete sein Auge auf das Blatt in seinen Händen. Es war ein schmutziger Fetzen mit fast unleserlichen Schriftzügen, aus denen er mit einiger Mühe die Worte herauszubringen vermochte: »Die Regulären sind in der Nähe, Reiterei und Fußvolk.« Vor einigen Jahren starb zu Bedford in West-Chester ein Gutsbesitzer, Namens Elisha H –. Dieser Mann war einer von Washington's zuverläßigsten Spionen. Es gehörte zu H – s Vertragsbedingungen, daß man nie durch dritte Personen mit ihm verkehre, weil die Gefahr zu groß war. Auch war es ihm gestattet, in Sir Henry Clinton's Dienste zu treten, und Washington hatte eine so große Zuversicht zu seiner Vaterlandsliebe und Verschwiegenheit, daß er ihm oft minder wichtige militärische Bewegungen anvertraute, um ihn in den Stande zu setzen, durch die Mittheilung derselben an den englischen General in dessen Vertrauen noch höher zu steigen. In dieser Weise setzte er seine Dienstleistungen geraume Zeit fort, und der Zufall führte ihn einmal gerade in einem Augenblicke nach dem damals von den Engländern besetzten Neu-York, als eine Truppenabtheilung im Begriffe war, nach einem kleinen Hafen bei Bedford (seiner Heimath) aufzubrechen, wo die Amerikaner eine Proviantniederlage hatten. Es war H – ein Leichtes, die Stärke und die Bestimmung der zu diesem Dienst commandirten Mannschaft zu erfahren, aber er war in Verlegenheit, wie er dem Befehlshaber zu Bedford die geeigneten Mitteilungen machen solle, ohne seinen wahren Charakter gegen einen Dritten zu verraten. Die Zeit reichte nicht, Washington aufzusuchen, und unter diesen Umständen entschloß er sich endlich, dem Amerikanischen Commandanten ein Schreiben zugehen zu lassen, in welchem er ihm die Gefahr und die Zeit, um welche der Angriff zu erwarten stand, mittheilte. Er wagte es sogar, diese Note, welche er vorsichtigerweise mit verstellter Hand geschrieben hatte, mit den Anfangsbuchstaben seines Namens E. H. zu unterzeichnen, weil er glaubte, daß dadurch seiner Warnung mehr Gewicht gegeben werde, denn es war ihm wohl bekannt, daß er von seinen Landsleuten beargwöhnt werde. Da sich seine Familie in Bedford befand, so ließ sich das Schreiben mit Leichtigkeit besorgen. Es kam in guter Zeit an, während H – selbst in Neu-York zurückblieb. Der Amerikanische Commandant that, was jeder verständige Officier in einem ähnlichen Falle gethan haben würde. Er sandte Washington das Schreiben durch einen Courier und erbat sich Verhaltungsbefehle, indem er zugleich seine kleine Mannschaft in Bereitschaft setzte, dem Angriff nach Kräften zu widerstehen. Das Hauptquartier der Amerikanischen Armee war damals in den Hochlanden. Glücklicherweise traf der Bote Washington auf einer Beobachtungsrunde am Anfange derselben. Das Schreiben wurde ihm übergeben und als er es im Sattel gelesen hatte, schrieb er nur mit dem Bleistift darunter: »Glauben Sie alles, was Ihnen E. H. mittheilt. Georg Washington.« Die Note wurde dem Courier mit der Einschärfung zurückgegeben, auf Leben und Tod zu reiten. Der Courier erreichte Bedford, die Britten bereits ihren Angriff gemacht hatten. Der Commandant las die Antwort und steckte sie in die Tasche. Die Amerikaner wurden geschlagen und ihr Führer getödtet. Man fand bei ihm H-s Schreiben mit der von Washington beigefügten Zeile. Des andern Tags wurde H– vor Sir Henry Clinton gerufen. Nach mehreren allgemeinen Fragen gab letzterer plötzlich seinem Spion die Note und fragte ihn, ob er die Handschrift kenne und wer dieser E.H. sey. »Es ist Elias Hadden, der Spion, welchen Sie gestern zu Powles Hook hängen ließen.« Diese besonnene Antwort, verbunden mit der Thatsache, daß den Tag vorher ein Spion gehangen worden war, dessen Name dieselben Anfangsbuchstaben hatte, und H–s Ruhe retteten ihn. Sir Henry Clinton entließ ihn und sah ihn nachher nie wieder. Dunwoodie erschrack und verließ, alles über den Pflichten des Soldaten vergessend, plötzlich das Landhaus. Als er so in aller Hast auf die Reiterschaar zueilte, bemerkte er eine Vedette, welche von den fernen Bergen mit verhängten Zügeln einhersprengte. Einige Pistolenschüsse wurden schnell nach einander abgefeuert, und im nächsten Augenblick ließen die Trompeten des Corps ihre belebenden Töne erklingen, welche zu den Waffen riefen. Als der Major den freien Platz erreichte, wo die Schwadron sich gelagert hatte, traf er alles in lebhafter Bewegung. Lawton saß bereits im Sattel und blickte in kampflustiger Erwartung auf das entgegengesetzte Ende des Thales, wobei er den Trompetern in Tönen, welche nur wenig schwächer, als die ihrer Instrumente waren, zurief: »Nur zugeblasen, Jungen, und laßt diese Engländer wissen, daß die Virginische Reiterei zwischen ihnen und dem Ziele ihres Marsches ist.« Die Vedetten und Streifwachen kamen nun angesprengt und erstatteten hastig nach einander dem commandirenden Officier Bericht, der mit einer Ruhe und Entschiedenheit, welche auf sichern Gehorsam rechnen ließen, seine Befehle ertheilte. Nur ein einzigesmal, als er sein Pferd wendete, um in den Vordergrund der Ebene zu reiten, wagte es Dunwoodie, einen Blick auf das Landhaus zu werfen, und sein Herz schlug schneller als gewöhnlich, als er an dem Fenster des Zimmers, wo er mit Franciska gesprochen hatte, eine weibliche Gestalt mit ringenden Händen bemerkte. Die Entfernung war zu groß, um ihre Züge zu unterscheiden, aber der Krieger zweifelte nicht, daß es seine Gebieterin sey. Bald aber war die Blässe seiner Wangen und der gramvolle Blick entschwunden. Als er gegen den beabsichtigten Wahlplatz hinritt, begann ein kriegerisches Feuer aus seinen sonnverbrannten Zügen zu strahlen, und seine Dragoner, welche in dem Gesichte ihres Führers den sichersten Propheten ihres Schicksals fanden, sahen wieder das gewohnte Leuchten der Augen und die glühende Begeisterung, deren Zeugen sie so oft bei dem Beginne einer Schlacht gewesen waren. Durch den Anschluß der Vedetten und der mitherstreifenden Mannschaft wuchs die Reiterei nahe zu bis auf zweihundert Köpfe an. Auch war noch eine kleine Anzahl Leute da, welche man gewöhnlich als Wegweiser benutzte, in Fallen der Gefahr aber der Mannschaft einverleibte, wo sie dann den Dienst der Infanterie verrichteten. Dunwoodie ließ diese absitzen und die Hindernisse wegräumen, welche die Bewegungen der Reiterei stören konnten, was durch die Vernachlässigung der Feldwirtschaft, welche der Krieg veranlaßte, vergleichungsweise zu einer leichten Aufgabe wurde, da die langen Reihen fester und dauerhafter Mauern, welche nun alle Theile des Landes durchziehen, vor vierzig Jahren noch nicht bekannt waren. Die leichten und losen Steinaufwürfe der damaligen Zeit waren mehr durch das Reinigen der Felder gebildete Schutthaufen, als dauerhafte Gränzen, und erforderten die anhaltende Aufmerksamkeit des Landbebauers, um sie gegen die Wuth der Stürme und die Einflüsse des Winterfrostes zu bewahren. Einige davon, unmittelbar um Herrn Wharton's Güter, waren mit mehr Sorgfalt angelegt; aber diejenigen, welche weiter unten das Thal durchschnitten, waren jetzt fast durchgängig nur Trümmer, über welche die Virginischen Rosse mit der Leichtigkeit des Windes wegsetzten. Hin und wieder stand wohl noch eine kurze Linie aufrecht; da aber keine derselben den Grund, auf welchem Dunwoodie zu schlagen gedachte, durchkreuzte, so brauchten blos die leichteren Einzäunungen niedergeworfen zu werden. Die Verrichtung ging schnell und wirksam vor sich, und die dabei beschäftigte Mannschaft zog sich an den ihr für den Beginn des Gefechtes angewiesenen Posten zurück. Major Dunwoodie hatte von seinen Kundschaftern jede nöthige Mittheilung über den Feind erhalten, um in den Stand gesetzt zu seyn, seine Vorkehrungen zu treffen. Der Thalgrund war eine Ebene, die zu beiden Seiten leicht gegen das Gebirg anstieg und zwischen inne eine natürliche Wiese bildete, welche sich an den Ufern eines kleinen Flusses hinzog, durch dessen Gewässer sie oft überschwemmt und befruchtet wurde. Das kleine Wasser konnte an allen Stellen seines Laufes leicht durchwatet werden, und der einzige Ort, wo er den Bewegungen der Cavallerie hemmend in den Weg trat, war, wo es sein Bette von Westen nach der Ostseite des Thales wendete, weil dort seine Ufer steiler und weniger zugänglich waren. An dieser Stelle wurde jedoch der Fluß von der Heerstraße mittelst einer rohgearbeiteten hölzernen Brücke gekreuzt, was denn auch weiter unten, eine halbe Meile oberhalb der Locusten, wieder der Fall war. Das Gebirg auf der östlichen Seite des Thales war abschüssig und beschränkte letzteres hin und wieder durch Felsenvorsprünge fast um die Hälfte seiner gewöhnlichen Breite. Einer dieser Ausläufer befand sich nur in kurzer Entfernung in dem Rücken der Dragoner, und Dunwoodie beauftragte den Capitän Lawton, sich mit zwei Zügen hinter demselben aufzustellen. Der Officier gehorchte, mit einer Art mürrischen Widerwillens, welcher jedoch einigermaßen durch das Vorgefühl der Wirkung gemildert wurde, die sein plötzliches Hervorbrechen auf den Feind machen mußte. Dunwoodie kannte seinen Mann und hatte den Rittmeister für diesen Dienst ausgewählt, einmal, weil er seine Tollkühnheit im Kampfe fürchtete, und dann, weil er wußte, daß man sich im Falle der Noth auf ihn verlassen konnte. Capitän Lawton war jedoch nur im Angesichte des Feindes vorschnell, denn bei allen andern Gelegenheiten beobachtete er die vollkommenste Umsicht und Selbstbeherrschung, die er nur bisweilen, wenn es anzubinden galt, vergaß. Links an dem Felde, auf welchem Dunwoodie dem Feind zu begegnen beabsichtigte, lag ein dichter Wald, welcher das Thal auf die Entfernung einer Meile begränzte. Dahin zog sich nun das Häufchen der Wegweiser zurück und nahm seine Stellung am Saume des Gehölzes, so daß sie in den Stand gesetzt waren, ein wirksames Feuer auf die vorrückende Kolonne des Feindes zu eröffnen. Es läßt sich nicht annehmen, daß alle diese Vorbereitungen von den Bewohnern des Landhauses unbemerkt blieben. Im Gegentheil waren alle Gefühle, welche die menschliche Brust bestürmen können, bei den Zeugen dieser Scene in reger Thätigkeit. Nur Herr Wharton blickte hoffnungslos auf den Ausgang des Kampfes. Wenn die Engländer siegten, so wurde sein Sohn allerdings befreit; aber was mußte dann sein eigenes Schicksal seyn? Er hatte bisher mitten unter den drängendsten Verhältnissen seinen neutralen Charakter bewahrt. Der Umstand, einen Sohn in der königlichen oder, wie man es nannte, in der regulären Armee zu haben, hätte beinahe den Einzug seiner Güter veranlaßt, der nur durch seine eigene Klugheit und durch die Verwendung eines einflußreichen Verwandten, der eine hohe Stelle in der Republik bekleidete, vermieden wurde. Er war im Herzen eifrig königlich gesinnt, und als Franciska im letzten Frühjahr nach ihrer Rückkehr aus dem Amerikanischen Lager ihm erröthend die Wünsche ihres Liebhabers mittheilte, war ihm die Einwilligung, welche er zu der Verbindung seiner Tochter mit einem Rebellen gab, eben so sehr durch die zunehmende Notwendigkeit, sich eines Beschützers unter den Republikanern zu versichern, als durch die Sorge für das Glück seines Kindes abgedrungen worden. Wurde sein Sohn nun befreit, so mußte er mit ihm in der öffentlichen Meinung als ein Verschwörer gegen sein Vaterland gelten; und blieb Heinrich in der Gefangenschaft, so stand diesem ein Kriegsgericht bevor, dessen Folgen noch fürchterlicher seyn konnten. Herr Wharton liebte seine Schätze, noch mehr aber seine Kinder, und er starrte daher mit einer Ausdruckslosigkeit in seinem Gesichte auf die draußen statthabenden Bewegungen, welche die Schwäche seines Charakters auf's bezeichnendste verrieth. Ganz anderer Art waren die Gefühls seines Sohnes. Capitän Wharton war zwei Dragonern zur Bewachung übergeben worden, von denen der eine mit gemessenem Schritt in der Säulenhalle auf und ab ging, während der andere angewiesen war, mit dem Gefangenen in dem gleichen Zimmer zu bleiben. Der junge Mann sah mit einer Bewunderung, welche mit ängstlichen Besorgnissen für seine Freunde gemischt waren, den Bewegungen Dunwoodie's zu. Am wenigsten behagte ihm der Hinterhalt, in welchem Lawton's Abtheilung aufgestellt war, deren Führer man von dem Fenster des Landhauses aus zu Fuß vor der Front seiner Abtheilung auf und ab gehen sah, um seine Ungeduld abzukühlen. Heinrich Wharton warf einige hastige forschende Blicke umher, um irgend ein Mittel zur Befreiung zu erspähen, aber stets begegnete er den Augen seiner Schildwache, welche mit der Achtsamkeit eines Argus auf ihn geheftet waren. Er wünschte mit dem Feuer der Jugend, an dem ruhmvollen Kampfe Theil zu nehmen, und doch sah er sich gezwungen, einen mißvergnügten Zuschauer des Schauspiels abzugeben, in welchem er selbst so gerne handelnd aufgetreten wäre. Miß Peyton und Sara fuhren fort, die Vorbereitungen mit verschiedenen Gefühlen zu betrachten, unter denen die Besorgniß über des Capitäns Schicksal das hervorstechendste war, bis sich der Augenblick des Blutvergießens zu nähern schien; dann erst zogen sie sich mit der Furchtsamkeit ihres Geschlechts nach einem innern Zimmer zurück. Nicht so Franciska; – sie eilte nach dem Gemache, wo sie Dunwoodie verlassen hatte und verfolgte von einem der Fenster jede seiner Bewegungen mit der innigsten Theilnahme. Die Schwenkungen der Züge und andere todbringenden Vorbereitungen blieben alle unbeachtet; sie sah nur ihren Geliebten, indeß in ihrem Innern Bewunderung mit dem Gefühle der tödtlichsten Angst wechselte. In einem Augenblick strömte ihr das Blut zum Herzen, wenn sie den jungen Krieger, seine Leute ermuthigend und belebend, durch die Reihen reiten sah; und in dem nächsten erstarrte es bei dem Gedanken, daß gerade diese Tapferkeit, welche sie so sehr schätzte, ein Grab zwischen ihr und dem Gegenstand ihrer Betrachtung öffnen könne. Sie blieb am Fenster, bis sie nicht mehr hin zu schauen vermochte. In einem Felde links von dem Landhause und unfern der Nachhut des Geschwaders befand sich eine kleine Gruppe, welche sich mit ganz anderen Dingen als die, welche um sie vorgingen, zu beschäftigen schien. Sie bestand aus zwei Männern und einem Mulattenknaben. Die hervorstechendste Person dieser Gesellschaft war ein Mann, dessen Magerkeit seine hohe Gestalt noch übermäßiger erscheinen ließ. Er trug eine Brille, war unbewaffnet und unberitten, und schien seine Aufmerksamkeit zwischen einer Cigarre, einem Buche und den Ereignissen in der Ebene zu theilen. Franciska faßte den Entschluß, diesen Leuten ein Billet zur Besorgung an Dunwoodie zugehen zu lassen. Sie schrieb daher eilig mit dem Bleistift: »Kommen Sie zu mir, Peyton, wenn es auch nur auf einen Augenblick wäre;« und Cäsar tauchte aus der Kellerküche auf, vorsichtig hinter dem Gebäude vorbei schleichend, um der Wache in der Vorhalle nicht zu begegnen, welche mit der Höflichkeit eines gemeinen Reiters geboten hatte, daß Niemand von der Familie das Haus verlassen solle. Der Schwarze überlieferte das Schreiben dem Herrn, mit der Bitte, es an den Major Dunwoodie zu bestellen. Der Mann, an welchen sich Cäsar wandte, war der Chirurg der virginischen Reiterei, und die Zähne des Afrikaners klapperten, als er auf dem Boden die verschiedenen Instrumente erblickte, welche für den Fall einer Operation in Bereitschaft lagen. Der Doctor selbst schien seine Vorkehrungen mit vielem Vergnügen zu betrachten, als er bedachtsam die Augen von seinem Buche aufschlug, um das Billet dem Knaben zur Besorgung an den commandirenden Officier zu übergeben, und vertiefte sich dann wieder, in seine Lectüre. Cäsar zog sich langsam zurück, während die dritte Person, die ihrer Kleidung nach ein untergeordneter Gehülfe des Arztes seyn mochte, die kaltblütige Frage an ihn stellte: »ob er sich ein Bein abnehmen lassen wolle?« Diese Frage schien den Schwarzen an das Vorhandenseyn dieser Glieder zu erinnern, und er machte einen so wackeren Gebrauch von denselben, daß er die Vorhalle in demselben Augenblick erreichte, in welchem Major Dunwoodie in kurzem Galopp ansprengte. Die kräftige Schildwache richtete sich auf dem Posten, zog den Säbel und salutirte mit militärischem Anstand, als der Officier vorbeiging; kaum aber war die Thüre geschlossen, so wandte sie sich gegen den Neger und sprach in scharfem Tone: »Höre, Schwarzer, wenn Du das Haus wieder ohne mein Vorwissen verlässest, so werde ich Dir eines Deiner Ohren mit diesem Rasirmesser abbarbieren.« So an einem anderen Gliede bedroht, zog sich Cäsar eilig nach seiner Küche zurück und brummte Einiges vor sich hin, wobei die Worte »Schinder und rebellischer Schurke« den Haupttheil des Selbstgespräches bildeten. »Major Dunwoodie,« sagte Franciska zu ihrem eintretenden Liebhaber, »ich habe Ihnen vielleicht Unrecht gethan. Wenn ich hart erschien –« Die innere Bewegung des geängstigten Mädchens gewann die Oberhand, und sie brach in Thränen aus. »Franciska!« rief der Krieger mit Wärme, »Sie sind nie hart, nie ungerecht, als wenn Sie an meiner Liebe zweifeln.« »Ach, Dunwoodie,« fuhr das schluchzende Mädchen fort, »Sie sind im Begriff, Ihr Leben in der Schlacht auf's Spiel zu setzen. Erinnern Sie sich, daß es ein Herz gibt, dessen Glück auf Ihrem Leben beruht. Ich weiß, Sie sind tapfer; seyen Sie vorsichtig –« »Um Ihretwillen?« fragte der entzückte Jüngling. »Um meinetwillen;« erwiederte Franciska mit kaum hörbarer Stimme und sank an seine Brust. Dunwoodie drückte sie an sein Herz und wollte eben seine Gefühle aussprechen, als der Ruf einer Trompete aus dem südlichen Ende des Thales erklang. Einen Kuß der Liebe auf ihre nicht widerstrebenden Lippen drückend, riß sich der Krieger von der Geliebten los und eilte nach dem Kampfplatz. Franciska warf sich auf ein Sopha, begrub ihr Haupt in seinen Kissen und den Shawl über ihr Gesicht werfend, um so wenig als möglich von dem Schlachtlärm zu hören, blieb sie in dieser Lage, bis das Rufen der Streiter, das Knallen des Gewehrfeuers und der donnernde Hufschlag der Pferde aufgehört hatten. Siebentes Kapitel. Das Wild ist los; Folgt Eurer Lust. Shakespeare.   Der rauhe und uncultivirte Boden des Landes, die vielen Verstecke, die große Entfernung von ihrer Heimath und die Leichtigkeit, womit sie sich bei ihrer unbestrittenen Beherrschung des Meeres nach den verschiedenen Punkten des Kriegsschauplatzes begeben konnten – alles dieses hatte die Engländer abgehalten, sich bei ihren Bemühungen, die empörten Colonien zu Paaren zu treiben, einer starken Cavalleriemacht zu bedienen. Nur ein Regiment regulärer Reiterei war im Verlaufe des Krieges von dem Mutterlande abgeschickt worden. Dagegen wurden an verschiedenen Orten, wie es gerade mit den Plänen der königlichen Befehlshaber zusammenstimmte oder dem Bedürfniß der Zeit angemessen war, Legionen und Freicorps errichtet. Diese waren nicht selten aus Leuten zusammengesetzt, welche in den Colonien ausgehoben worden waren; bisweilen verwendete man aber auch Züge aus den Linienregimentern dazu, und der Soldat mußte Muskete und Bajonet bei Seite legen, um den Säbel und Karabiner führen zu lernen. Ein großer Theil der Hülfstruppen wurde in dieser Weise umgewandelt und namentlich waren es die hessischen Jäger, aus welchen man ein Corps schwerer und unbehülflicher Reiterei gemacht hatte. Einer solchen Macht gegenüber standen die kühnsten Geister Amerika's. Die Officiere der meisten Cavallerieregimenter des Continentalheeres waren Männer von Stande aus dem Süden. Der kühne und begeisterte Muth der Befehlshaber hatte sich hier selbst den Gemeinen mitgetheilt, die mit großer Sorgfalt und Umsicht für den Dienst, welchen sie zu verrichten hatten, ausgewählt worden waren. Der ganze Eroberungskrieg der Engländer beschränkte sich auf den Besitz einiger der größeren Städte oder auf Märsche in Gegenden, wo es bereits an allem Kriegsbedarf fehlte, indeß die leichten Truppen ihrer Feinde das ganze Innere des Landes durchstreiften. Die Amerikanische Armee hatte mit beispiellosen Mühseligkeiten zu kämpfen. Da sie aber im Besitz der Macht war und sich in den Kampf für eine Sache verwickelt sah, welche jede Strenge rechtfertigte, so sorgten die Officiere der Reiterei achtsam für die Bedürfnisse des Heeres, wie denn auch ihre Mannschaft gut beritten und die Pferde wohl genährt, folglich für den Dienst äußerst brauchbar waren. Vielleicht konnte die ganze Welt keine bravere unternehmendere und unwiderstehlichere Corps leichter Reiterei aufweisen, als sich zu der Zeit, von welcher wir schreiben, unter den Truppen des Continents befanden. Dunwoodie's Mannschaft hatte oft ihre Tapferkeit gegen den Feind erprobt und saß nun voll muthigen Verlangens im Sattel, wieder einmal den Gegnern entgegengeführt zu werden, welche sie selten erfolglos bekämpft hatte. Ihre Wünsche wurden bald gestillt, denn ihr Führer hatte sich kaum auf's Pferd geschwungen, als bereits eine feindliche Abtheilung um den Fuß eines Hügels, welcher die Aussicht nach Süden begränzte, herumkam. Wenige Minuten reichten hin, den Major die Waffengattung des Gegners unterscheiden zu lassen. Er erkannte in dem einen Zuge die grünen Jacken der Kühjungen und in dem andern die ledernen Sturmhauben und die Holzsättel der Jäger. Ihre Anzahl mochte ungefähr der unter seinem Commando stehenden gleichkommen. Als der Feind auf dem freien Platze in der Nähe von Harvey Birch's Wohnung anlangte, machte er halt und stellte sich in Reihen, augenscheinlich um sich für den Angriff vorzubereiten. Gleichzeitig zeigte sich auch im Thale eine Abtheilung Fußvolk, welche sich gegen die Ufer des bereits erwähnten Flüßchens vordrängte. Major Dunwoodie zeichnete sich nicht weniger durch Besonnenheit und Umsicht, als durch unerschrockenen Muth in der Stunde der Gefahr aus. Er erkannte sogleich seinen Vortheil und eilte, ihn zu benützen. Er ließ die Mannschaft, welche unter seinem Befehl stand, sich langsam zurückziehen, als der junge Deutsche, der die feindliche Reiterei commandirte, in der Besorgniß, einen leichten Sieg zu verlieren, das Zeichen zum Angriff gab. Es gab wenig kühnere Truppen, als die Kühjungen, die nun mit einer Zuversicht, welche ihren Grund in dem Rückzuge des Feindes und in dem Bewußtseyn, im Rücken gedeckt zu seyn, hatte, zur Verfolgung heransprengten. Die Hessen folgten langsamer aber in besserer Ordnung. Jetzt begannen die Trompeten der Virginier ihre muntere Weisen und wurden von der Mannschaft im Hinterhalte auf eine Art erwiedert, welche bis zu dem Herzen des Feindes drang. Dunwoodie's Schaar machte in vollkommener Ordnung eine Schwenkung, öffnete sich, und als das Zeichen zum Angriff gegeben war, tauchten Lawton's Reiter aus ihrem Verstecke auf, voran ihr Führer, der den Säbel über seinem Haupte schwang und seine Commandoworte mit einer Stimme rief, welche sogar das kriegerische Schmettern der Trompeten übertönte. Der Angriff war zu schnell für die verwirrten Abtheilungen des Feindes. Sie zerstreuten sich nach allen Richtungen und eilten so geschwind aus dem Feld, als ihre West-Chester-Rosse sie zu tragen vermochten. Nur wenige wurden verwundet, aber die, welche den Waffen ihrer racheentbrannten Landsleute begegneten, überlebten den Streich nie, um erzählen zu können, woher er kam. Der härteste Schlag traf die armen Unterthanen des deutschen Tyrannen. An den strengsten Gehorsam gewöhnt traten diese Unglücklichen dem Angriffe tapfer entgegen, aber sie zerstoben vor den muthigen Rossen und den kräftigen Armen ihrer Gegner, wie Spreu vor dem Winde. Viele von ihnen wurden buchstäblich niedergeritten und Dunwoodie sah das Feld bald von dem Feinde gereinigt. Die Nähe des Fußvolks hinderte jedoch die Verfolgung, und die wenigen Hessen, welche unbeschädigt entkamen, suchten Schutz hinter seiner Linie. Die schlaueren Flüchtlinge zerstreuten sich in kleinen Banden und gelangten auf verschiedenen Abwegen wieder zu ihrer alten Station vor Harlaem. Bei diesem Rückzug hatten Vieh, Eigenthum und Personen viel zu leiden, denn die Zerstreuung eines Corps Kühjungen war nur die Verbreitung eines Uebels. Es läßt sich nicht erwarten, daß bei einem in solcher Nähe spielenden Auftritt die Einwohner des Landhauses ohne Antheil an dem Ausgang desselben blieben. In der That waren dabei die Gefühle Aller, von der Küche bis zum Besuchszimmer, in der gespanntesten Erregung. Angst und Schrecken hatten die Damen verhindert, länger Zuschauerinnen zu bleiben: sie fühlten aber deßhalb nicht weniger. Franciska verharrte in der oben berührten Lage und sandte glühende unzusammenhängende Gebete für das Wohl ihrer Landsleute zum Himmel, obgleich in dem Innersten ihrer Seele statt ihres Volkes das anmuthige Bild Peyton Dunwoodie's stand. Ihre Tante und Schwester waren weniger ausschließend in ihren Gebeten, aber Sara begann, als die Schrecken des Krieges ihren Sinnen nähere traten, weniger Freude an dem gehofften Siege zu fühlen. Die Bewohner von Herrn Wharton's Küche bestanden aus vier Personen – nämlich aus Cäsar, seinem Weibe, seiner Enkelin, einem glänzend schwarzen Mädchen von zwanzig Jahren, und dem bereits genannten Knaben. Die Schwarzen bildeten den Rest eines Negerstammes, welcher von Whartons Vorfahren mütterlicher Seite, den Abkömmlingen der früheren holländischen Kolonisten, den Gütern einverleibt worden war. Zeit, Ausartung und Tod hatten sie bis zu dieser kleinen Anzahl vermindert, und der Knabe, ein Weißer von Farbe, war von Miß Peyton dem Haushalte beigefügt worden, um sich seiner als eines Ausläufers bedienen zu können. Nachdem Cäsar die Vorsicht angewendet hatte, sich hinter den Schirm einer Mauerecke zu begeben, um gegen eine sich verirrende Kugel sicher zu seyn, sah er mit Vergnügen dem Scharmützel zu. Die Schildwache in der Vorhalle stand nur wenige Fuß von ihm entfernt und ging in den Geist der Jagd mit allem Feuer eines erprobten Schweißhundes ein. Sie bemerkte die Nähe des Schwarzen und seine vorsichtige Stellung mit geringschätzendem Lächeln und pflanzte sich in der Richtung des Feindes hin, die unbewehrte Brust unerschrocken jeder möglichen Gefahr blosgebend. Als der Dragoner so Cäsars Sicherungsmaaßregeln eine Weile mit unaussprechlicher Verachtung zugesehen hatte, begann er mit großer Kälte: »Du scheinst für die Sicherheit Deiner liebenswürdigen Person sehr besorgt zu seyn, Meister Schwarzfell.« »Eine Kugel treffen farbigen Mann so gut als weißen,« brummte der Schwarze, ärgerlich und warf einen sehr zufriedenen Blick auf seine Verschanzung. »Gesetzt, ich machte den Versuch –« erwiederte der Dragoner indem er bedächtlich eine Pistole aus dem Gürtel zog und auf den Neger richtete. Cäsars Zähne klapperten bei dieser Bewegung des Soldaten, obgleich er nicht glaubte, daß es so ernstlich gemeint sey. In diesem Augenblick fing Dunwoodie's Abtheilung an, sich zurückzuziehen, und die königliche Reiterei begann ihren Angriff. »Da, Mister leicht Reiter,« sagte Cäsar hastig, da er den Rückzug der Amerikaner für Ernst nahm; »warum Ihr Rebellen nicht fechten? – Sieh – sieh, wie König Georgs Leute Major Dunwoodie machen davon laufen. Wohl guter Herr; aber er nicht lieben zu fechten gegen die Reg'ler.« »Gott verdamme deine Regulären,« rief der Andere heftig: »warte nur einen Augenblick, Schwarzer, und Du kannst den Rittmeister Jack Lawton hinter jenem Hügel hervorbrechen und diese Kühjungen zerstreuen sehen, wie einen Schwarm Wildgänse, die ihren Führer verloren haben.« Cäsar hatte vermuthet, Lawtons Trupp habe aus denselben Gründen, welche ihn veranlaßt hatten, die Mauer zwischen sich und das Schlachtfeld zu bringen, den Schirm des Hügels aufgesucht; aber die Wirklichkeit entsprach bald der Prophezeiung des Reiters, und der Schwarze mußte bestürzt die gänzliche Verwirrung der königlichen Reiterei mit ansehen. Die Schildwache hatte ihre Freude über den Sieg seiner Kameraden durch lautes Jauchzen an den Tag gelegt, welches bald seinen Gefährten; dem die unmittelbare Bewachung Heinrich Wharton's übertragen war, an das offene Fenster des Besuchszimmers brachte. »Sieh, Tom, sieh,« rief der vergnügte Reiter, »wie Capitän Lawton die hessischen Lederkappen fliegen macht – und jetzt hat der Major das Pferd ihres Führers getödtet – zum Teufel, warum haut er nicht den Deutschen zusammen und rettet das Pferd?« Einige Pistolen wurden auf die fliehenden Kühjüngen abgefeuert und eine matte Kugel zerbrach einige Fuß von Cäsar eine Glasscheibe. Der Schwarze kroch in der Stellung, die man dem großen Versucher unseres Geschlechtes zu geben pflegt davon, um im Innern des Gebäudes Schutz zu suchen, und begab sich unmittelbar in das Wohnzimmer. Der Hofraum vor den Locusten war gegen die Straße hin durch eine dichte Hecke gedeckt und die Pferde der beiden Dragoner standen aneinandergekoppelt in dieser Einzäunung, des Aufbruchs ihrer Herren harrend. In diesem Augenblick sprengten zwei Kühjungen, welchen der Rückzug zu den Ihrigen abgeschnitten war, mit wüthender Hast durch den Thorweg, in der Absicht, nach dem Walde hinter dem Landhause zu entwischen. Die siegreichen Amerikaner hatten die flüchtigen Deutschen bis zu der Schußlinie der feindlichen Infanterie verfolgt, und die beutelüsternen Krieger, in dem einsamen Hofe keine unmittelbare Gefahr für sich fürchtend, gaben einer Versuchung nach, welcher nur wenige in ihrem Corps zu widerstehen vermochten, – nämlich der Gelegenheit, zu wohlfeilen Pferden zu kommen. Mit einer Kühnheit und Gegenwart des Geistes, welche nur die Früchte einer langen Vertrautheit mit ähnlichen Scenen seyn konnten, eilten sie fast unwillkührlich auf ihre beabsichtigte Beute zu. Sie waren eben im Begriff, die Zügel der Pferde zu trennen, als der Reiter in der Vorhalle seine Pistolen abfeuerte und mit gezogenem Säbel zu ihrer Rettung herbeistürzte. Der Eintritt Casars in das Zimmer hatte den im Hause befindlichen Dragoner veranlaßt, seinen Gefangenen fester in's Auge zu fassen; aber die neue Unterbrechung zog ihn wieder an das Fenster. Er beugte sich mit dem Körper weit vor und bemühte sich, durch fürchterliche Flüche, Drohungen und Geberden die Plünderer von ihrem Raube wegzuschrecken; Der Augenblick war verführerisch. Dreihundert von des Capitäns Kameraden waren in dem Bereich einer Meile von dem Landhaus, herrenlose Pferde liefen in allen Richtungen umher – Heinrich Wharton ergriff daher die nichts ahnende Schildwache bei den Füßen und warf sie durch das Fenster kopfüber in den Hof. Cäsar verschwand aus dem Zimmer und legte einen Bolzen vor die äußere Thüre. Der Fall des Soldaten war nicht tief, und als er wieder auf den Füßen stand, wendete er einen Augenblick seine Wuth gegen den Gefangenen. Das Fenster in dem Angesichte eines solchen Feindes zu ersteigen, war jedoch unmöglich, und als er durch die Thüre gehen wollte, fand er den Eingang verriegelt. Sein Kamerad rief ihn nun laut um Hülfe an, und alles andere vergessend, eilte der überlistete Reiter zu dessen Beistand. Eines der Pferde war bald gerettet, aber das andere hing bereits an dem Sattel des einen Kühjungen, und alle vier zogen sich nun unter gegenseitigen wüthenden Säbelhieben und weithin schallenden Flüchen hinter das Gebäude zurück. Cäsar öffnete die Thüre, und rief, auf das zurückgebliebene Pferd deutend, welches ruhig das welke Gras im Hofe abfraß –: »Laufen – nun – laufen – Massa Harry – laufen.« »Ja,« rief der Jüngling und schwang, sich in den Sattel – »jetzt ist's in der That Zeit, sich davon zu machen, mein ehrlicher Bursche!« Er winkte hastig seinem Vater zu, welcher in sprachloser Angst an dem Fenster stand und die Hände segenspendend gegen sein Kind ausstreckte. »Gott segne dich, Cäsar, – grüße die Mädchen,« fügte er bei, und jagte mit der Schnelligkeit des Blitzes aus dem Thorwege. Der Afrikaner folgte ängstlich seinen Bewegungen, als er die Landstraße gewann, sah, wie er rechts abbeugte, an dem Fuße einiger Felsen, welche an der Seite senkrecht anstiegen, in wüthender Hast fortsprengte und endlich hinter einem Vorsprung, welcher ihn dem Blicke entzog, verschwand. Der entzückte Cäsar schloß die Thüre, legte einen Riegel nach dem andern vor und drehte den Schlüssel, bis er sich nicht mehr bewegen ließ, indeß er die ganze Zeit über von dem glücklichen Entkommen seines jungen Herrn mit sich selbst redete. »Wie gut er reiten – ich selbst es ihn lehren – grüßen junge Lady – Miß Fanny würde nicht lassen küssen alten farbigen Mann eine rothe Wange.« Als das Schicksal des Tages entschieden war und die Zeit zum Begraben der Todten herannahte, fand man hinter den Locusten zwei Kühjungen und einen Virginier unter der Zahl der Erschlagenen. Zum Glücke für Heinrich Wharton beobachteten die spähenden Augen des Mannes, der ihn gefangen genommen, gerade durch ein Taschenfernrohr die Infanteriereihen, welche ihre Stellung an dem Ufer des Flüßchens noch beibehielten, indeß der Rest der Hessischen Jäger unter ihren Schirm zu kommen suchte. Whartons Pferd war von der besten Race Virginiens; es trug ihn mit der Schnelligkeit des Windes durch das Thal, und das Herz des Jünglings begann bereits, in der Freude der gelungenen Flucht heftiger zu schlagen, als der laute Ruf einer wohlbekannten Stimme an sein erschrecktes Ohr schlug: »Brav gemacht, Capitän! Sparen Sie die Peitsche nicht und wenden Sie sich links, ehe Sie über den Bach setzen!« Wharton wendete überrascht das Haupt und sah auf einem Felsenvorsprung, von welchem aus das Thal in einer Vogelperspektive zu überschauen war, seinen früheren Führer, Harvey Birch, sitzen. Der Krämer hatte den Pack, welcher an Umfang viel verloren hatte, zu seinen Füßen liegen, und winkte dem Jüngling freudig zu, als dieser unter ihm vorbeiflog. Der englische Capitän befolgte den Rath dieses geheimnißvollen Wesens, und da er bald einen Waldweg fand, welcher nach der das Thal durchschneidenden Landstraße führte, so sprengte er in dieser Richtung weiter und war bald seinen Freunden gegenüber. In der nächsten Minute hatte er die Brücke hinter sich und hielt dann sein Roß vor seinem alten Bekannten, dem Obristen Wellmere an. »Capitän Wharton!« rief der Befehlshaber der englischen Truppen überrascht, – »im Hausrock und auf dem Pferde eines Rebellen-Dragoners! Kommen Sie aus den Wolken in diesem Anzug und in dieser Weise?« »Gott sey Dank,« rief der Jüngling tief aufathmend, »ich bin gerettet und den Händen meiner Feinde entkommen. Noch vor wenigen Minuten war ich ein Gefangener und mit dem Galgen bedroht.« »Mit dem Galgen, Capitän Wharton? Sicher würden es diese Verräther an ihrem König nicht gewagt haben, mit kaltem Blute einen zweiten Mord zu begehen. Ist es nicht genug, daß sie André getödtet haben? Warum hätte man Sie mit einem ähnlichen Schicksal bedrohen sollen?« »Unter dem Vorwande eines ähnlichen Vergehens,« sagte der Capitän und theilte der Gruppe Zuhörer in kurzen Worten die Art seiner Gefangennehmung, die Gründe seiner Befürchtungen und die Weise seines Entkommens mit. Während er erzählte, hatten sich die flüchtigen Deutschen hinter der Infanterieabtheilung gesammelt und Obrist Wellmere rief laut: »Ich gratulire Ihnen von ganzem Herzen, mein wackerer Freund. Gnade ist ein Wort, welches diese Verräther nicht kennen. Sie sind daher doppelt glücklich, unbeschädigt ihren Händen entronnen zu seyn. Machen Sie sich bereit, mir beizustehen; »Sie sollen bald eine edle Genugthuung haben.« »Ich glaube nicht, Obrist Wellmere, daß irgend Jemand persönliche Beleidigung von einer Mannschaft zu befürchten hat, welche unter Major Dunwoodie's Commando steht,« erwiederte der junge Wharton mit einem leichten Glühen des Gesichts; »sein Character ist eines solchen niedrigen Benehmens nicht fähig. Eben so wenig halte ich es jedoch für zweckmäßig, Angesichts der virginischen Reiterei, welche jetzt von dem errungenen Vortheil entflammt seyn muß, über den Bach zu setzen und in das offene Feld zu rücken.« »Glauben Sie in der That, daß sie Ursache haben, sich auf die Zerstreuung der Irregulären und der trägen Hessen etwas zu Gute zu thun?« sagte der andere mit verächtlichem Lächeln. »Sie sprechen ja von der Sache, als ob Ihr gepriesener Herr Dunwoodie, denn Major ist er nicht, die Leibwachen Ihres Königs geschlagen hätte.« »Und ich muß mir die Erlaubnis nehmen, zu sagen, Obrist Wellmere, daß, wenn die Leibwachen meines Königs auf jenem Felde stünden, sie auf einen Feind treffen würden, den sie nicht ohne Gefahr verachten dürften. Mein gepriesener Dunwoodie, Sir, ist als Cavallerie-Officier der Stolz von Washington's Armee,« versetzte Heinrich mit Wärme. »Dunwoodie – Dunwoodie?« wiederholte der Obrist langsam; »ich muß diesen Herrn schon früher irgendwo getroffen haben.« »Man hat mir gesagt, Sie hätten ihn einmal einen Augenblick zu Neu-York in dem Hause meiner Schwestern gesehen,« entgegnete Wharton mit einem lauernden Lächeln. »Ach, ich erinnere mich eines solchen jungen Menschen; und hat der allermächtigste Kongreß dieser aufrührerischen Colonien einem derartigen Helden die Führung seiner Soldaten anvertraut?« »Fragen Sie dort den Führer der Hessischen Reiterei, ob er den Major Dunwoodie wohl dieses Vertrauens für würdig hält.« Obrist Wellmere entbehrte jenes Stolzes nicht, welcher den Muth des Mannes im Angesicht der Feinde zu heben geeignet ist. Er hatte in Amerika lange Zeit Dienste gethan, ohne je mit andern als neugeworbenen Truppen oder den Milizen des Landes zusammenzutreffen. Diese fochten allerdings hin, und wieder furchtlos, aber eben so oft zogen sie es auch vor, ohne ein Gewehr abgedrückt zu haben, davon zu laufen. Auch war der Obrist zu sehr geneigt, nach dem Aeußeren zu urtheilen, und hielt es daher für unmöglich, daß Leute, deren Gamaschen so reinlich, deren Tritte so regelrecht und deren Schwenkungen so genau waren, geschlagen werden konnten; zudem mußte ihnen ja, da sie Engländer waren, der Sieg vornweg gewiß seyn. Obrist Wellmere war noch nicht oft im Felde gewesen, sonst würden diese Ansichten, die er aus der Heimath mitgebracht hatte und die durch den Dünkel des Garnisonslebens noch vermehrt worden waren, viel früher verschwunden seyn. Er horchte daher auf die warme Gegenrede des Capitän Wharton mit einem hochmüthigen Lächeln und fragte dann: »Sie wollen doch nicht, mein Herr, daß wir uns vor diesen gepriesenen Reitern zurückziehen, ohne etwas gethan zu haben, um ihnen einen Theil des Ruhmes, welchen sie nach Ihrer Annahme gewonnen haben, wieder abzunehmen?« »Ich wollte Sie nur auf die Gefahr aufmerksam machen, Obrist Wellmere, der Sie entgegen zu gehen im Begriffe sind.« »Gefahr ist ein Wort, das dem Soldaten nicht ziemt,« fuhr der brittische Befehlshaber mit einem höhnischen Lächeln fort. »Und eines, welches das sechzigste Regiment so wenig scheut, als irgend ein anderes Corps im Dienste des Königs,« rief Heinrich Wharton heftig. »Geben Sie nur Befehl zum Angriff und lassen Sie unsere Thaten sprechen.« »Nun erkenne ich wieder meinen jungen Freund,« sagte Wellmere besänftigend. »Wenn Sie uns übrigens vor dem Beginne des Kampfes etwas mitzutheilen haben, was uns bei dem Angriff in irgend einer Weise nützlich werden könnte, so wollen wir es anhören. Sie kennen die Stärke der Rebellen. Sind vielleicht noch einige im Hinterhalt?« »Ja,« erwiederte der junge Mann, noch immer über des Andern Hohn entrüstet; »am Rande dieses Waldes, rechts von Ihnen, liegt eine kleine Abtheilung Fußvolk; die Reiter sind sämmtlich vor Ihnen.« »Sie sollen mir nicht lange bleiben,« rief Wellmere, indem er sich an die paar Officiere in seiner Nähe wandte. »Meine Herren, wir wollen in Masse über den Strom setzen und uns in der jenseitigen Ebene aufstellen, sonst sind wir nicht im Stande, diese tapferen Yankees in den Bereich unserer Musketen zu locken. Capitän Wharton, ich nehme ihren Beistand als Adjutant in Anspruch.« Der Jüngling schüttelte mißbilligend den Kopf zu einer Bewegung, welche sein gesunder Verstand als vorschnell mißbilligte, schickte sich jedoch munter an, in dem bevorstehenden Kampfe seine Pflicht zu thun. Während dieser Unterredung, welche in geringer Entfernung von den brittischen Reihen und Angesichts der ganzen Amerikanischen Reiterei abgehalten wurde, hatte Dunwoodie seine zerstreuten Truppen wieder gesammelt, die wenigen Gefangenen in Sicherheit gebracht und sich auf das Feld zurückgezogen, wo seine Leute bei der ersten Erscheinung des Feindes ausgestellt gewesen waren. Zufrieden mit den bereits errungenen Vortheilen, und in der Meinung, die Engländer würden zu klug seyn, um ihm Gelegenheit zu geben, sie noch mehr zu schwächen, war er im Begriff, die Wegweiser von ihrem Posten zurückzuziehen und einige Meilen weiter rückwärts an einem günstigen Orte für die Nacht Quartier zu machen, indem er zu Bewachung der feindlichen Bewegungen bloss ein ansehnliches Observationscorps in der Ebene zurückzulassen beabsichtigte. Capitän Lawton horchte nur mit Widerwillen auf die Gründe seines Befehlshabers, und hatte eben sein Fernglas an's Auge gebracht um zu sehen, ob sich keine Gelegenheit zu einem vorteilhaften Angriffe darbiete, als er plötzlich ausrief: »Was ist das? Ein blauer Rock unter jenen scharlachenen Herrschaften? So wahr ich es zu erleben hoffe, mein altes Virginien wieder zu sehen – es ist mein maskirter Freund vom Sechzigsten, der schöne Capitän Wharton, welcher meinen zwei besten Leuten entwischt ist!« Er hatte noch nicht ausgeredet, als der von den genannten beiden Helden Übriggebliebene bei seinem Corps anlangte, indem er sein eigenes Pferd und die der gefallenen Kühjungen mit sich brachte. Er meldete den Tod seines Kameraden und die Flucht des Gefangenen. Da dem Getödteten die unmittelbare Bewachung des jungen Wharton anvertraut worden war und der andere über die Verteidigung der Pferde, welche vorzugsweise unter seiner Aufsicht standen, nicht getadelt werden konnte, so hörte ihn der Rittmeister zwar mit Unmuth, aber ohne Zorn an. Diese Nachricht brachte eine gänzliche Veränderung in Major Dunwoodie's Planen hervor. Es wurde ihm auf einmal klar, daß seine eigene Ehre durch das Entweichen seines Gefangenen gefährdet sey. Er nahm daher den Befehl zu Abberufung der Wegweiser zurück, ritt an die Seite seines Capitäns, und beachtete eben so sorgfältig als der ungestüme Lawton jede Gelegenheit, welche einen erfolgreichen Angriff gegen den Feind hoffen ließ. Kaum zwei Stunden früher hatte Dunwoodie den Zufall, welcher ihm Heinrich Wharton als Gefangenen zuführte, für den härtesten Schlag gehalten, der ihn je getroffen; und jetzt ersehnte er eine Gelegenheit, unter Gefahr des eigenen Lebens seines Freundes wieder habhaft zu werden. Alle anderen Rücksichten verloren sich unter dem Sporne des gekränkten Stolzes und bald hätte er wohl mit Lawton an Verwegenheit gewetteifert, wäre nicht in diesem Augenblick Wellmere mit seiner Mannschaft über ben Bach in die Ebene gerückt. »Da,« rief der entzückte Rittmeister, indem er auf diese Bewegung mit dem Finger deutete – »da geht John Bull in die Mausefalle und noch dazu mit weit offenen Augen.« »Er wird doch nicht seine Leute in dieser Ebene aufstellen?« erwiederte Dunwoodie lebhaft; »Wharton muß ihm von dem Hinterhalt gesagt haben. Aber wenn er es thut –« »So wollen wir ihm kein Dutzend gesunde Häute in seinem Bataillon lassen,« unterbrach ihn der Andere, indem er sich in den Sattel schwang. Die Wahrheit wurde bald deutlich, denn die englischen Truppen rückten im Blachland etwas vor und entwickelten sich mit einer Regelmäßigkeit, welche ihnen an einem Musterungstage in ihrem Hyde-Park Ehre gemacht haben würde. »Macht euch fertig – zu Pferd!« schrie Dunwoodie. Das letztere Wort wurde von Lawton mit einer Donnerstimme wiederholt, so daß es bis zu Cäsar's Ohren gelangte, welcher an dem offenen Fenster des Landhauses stand. Der Schwarze bebte furchtsam zurück, denn er hatte sein ganzes Vertrauen zu Lawton's Furchtsamkeit verloren und sah ihn beständig vor seiner Seele, wie er mit hochgeschwungenem Säbel aus dem Hinterhalte hervorbrach. Als die brittische Linie langsam und in der größten Ordnung vorrückte, eröffnete die Wegweiser-Abtheilung ein tüchtiges Feuer, welches besonders die zunächst stehende Abtheilung der königlichen Truppen hart bedrängte. Wellmere folgte dem Rathe des Veteranen, der ihm zunächst im Range stand, und sandte zwei Compagnien ab, um das Amerikanische Fußvolk aus seinem Versteck zu vertreiben. Die Bewegung verursachte eine leichte Verwirrung und Dunwoodie benutzte diesen günstigen Augenblick zum Angriff. Man hätte nicht leicht einen für die Bewegungen der Reiterei geeigneteren Grund finden können und das Eindringen der Virginier war unwiderstehlich. Sie hatten dabei vorzüglich das dem Wald gegenüber liegende Ufer im Auge, um dem Feuer ihrer verborgenen Freunde auszuweichen und erreichten ihre Absicht vollständig. Wellmere, welcher an der Spitze seines linken Flügels stand, wurde durch die ungestüme Wuth der Angreifer niedergeworfen und nur die zeitige Herbeikunft Dunwoodie's schützte ihn gegen den tödtlichen Hieb eines Dragonersäbels. Der Major half ihm auf, setzte ihn auf ein Pferd und übergab ihn der Bewachung seiner Leute. Dem Officier, welcher den Angriff auf die Wegweiser angerathen hatte, war auch die Ausführung desselben anvertraut worden, doch genügte für diese irreguläre Abtheilung schon eine Bedrohung. In der That war auch ihr Dienst zu Ende und sie zog sich am Saume des Waldes hin, um wieder zu ihren Pferden zu kommen, welches im obern Theile des Thales unter einer Bewachung zurückgelassen worden waren. Die linke Linie der Britten würde von den Amerikanern überflügelt, so daß der Angriff von vorn und hinten geschah, wodurch die Niederlage dieser Abtheilung vollständig wurde. Als aber der zweite Befehlshaber bemerkte, welche Wendung das Treffen nahm, so drehte er rasch seine Mannschaft und empfing die vorbeisprengenden Dragoner mit einem tüchtigen Musketenfeuer. Heinrich Wharton hatte sich freiwillig diesem Trupp angeschlossen, um die Wegweiser vertreiben zu helfen. Da traf plötzlich eine Kugel seinen linken Arm, wodurch er veranlaßt wurde, die Zäume mit der andern Hand zu fassen, und als die Dragoner vorbeijagten, die Luft mit ihrem Schlachtrufe und ihrem schmetternden Trompetentönen erfüllend, entriß, sich das Pferd, welches der junge Mann ritt, dem Zügel, eilte nach und befand sich mit seinem Reiter, der mit dem verwundeten Arme das wilde Thier nicht zu bändigen vermochte, bald an Capitän Lawton's Seite. Der Dragoner begriff im Augenblick die komische Lage seines neuen Kameraden: er hatte jedoch nur noch Zeit, ehe er in die Linie der Engländer eindrang, ihm laut zuzurufen – »Das Pferd kennt die gerechte Sache besser, als sein Reiter, Capitän Wharton, Sie sind willkommen in den Reihen der Freiheit.« Demungeachtet säumte Lawton nicht, als der Angriff vorüber war, seinen Gefangenen wieder in sicheren Gewahrsam zu bringen, und übergab ihn, da er seine Verwundung bemerkte, der Nachhut. Die Virginischen Reiter theilten ihre Gunstbezeugungen an die Abtheilung der königlichen Infanterie, welche nun großentheils ihrer Gnade preisgegeben war, mit nicht sehr höflichen Händen aus. Auch Dunwoodie beeilte sich, als er bemerkte, daß der Rest der Hessen sich wieder in die Ebene gewagt hatte, Jagd auf sie zu machen, holte ihre ärmlichen schlecht genährten Pferde bald ein und zerstreute in Kurzem die Ueberbleibsel dieses Geschwaders. Inzwischen war es einem großen Theil der Engländer gelungen, unter dem Schutze des Pulverdampfes und der Verwirrung, welche auf dem Schlachtfelde herrschte, hinter die Linie ihrer Landsleute zu kommen, welche noch in bester Ordnung parallel mit dem Saume des Waldes stand, mit dem Feuern aber inne gehalten hatte, weil sie besorgen mußte, den Freund zugleich mit dem zu treffen. Die Flüchtlinge erhielten den Befehl, im Walde selbst und unter dem Schutze der Bäume eine zweite Linie zu bilden. Diese Vorkehrung war noch nicht ganz beendet, als Capitän Lawton einem jungen Mann, welcher eine andere Abtheilung der in der Ebene zurückgebliebenen Reiterei commandirte, zurief, die noch undurchbrochene Reihe der Engländer anzugreifen. Der Vorschlag wurde eben so schnell angenommen, als er gemacht worden war, und die Schaar stellte sich zu diesem Zweck in Schlachtordnung. Der Eifer des Führers verhinderte indeß die geeigneten Vorbereitungen, um den Erfolg zu sichern, und die Pferde wurden bei ihrem Ansprengen durch eine verheerende Musketensalve in Verwirrung gebracht. Beide, sowohl Lawton als sein jüngerer Kamerad, stürzten unter dem Kugelregen. Zum Glück für den Ruhm der Virginier kehrte in diesem verhängnißvollen Augenblick Major Dunwoodie auf den Wahlplatz zurück; er sah die Unordnung seiner Truppen, zu seinen Füßen den im Blute sich wälzenden Georg Singleton, einen Jüngling, welcher ihm durch viele trefflichen Eigenschaften theuer war, und Lawton vom Pferde gestürzt und zur Erde gestreckt. Das Auge des jugendlichen Kriegers sprühte Feuer. Er ritt zwischen der Schwadron und dem Feinde auf und nieder und rief mit einer Stimme, welche Aller Herzen traf, seine Dragoner zu ihrer Pflicht zurück. Seine Gegenwart und seine Worte wirkten wie ein Zauberschlag. Der Schlachtlärm schwieg; schnell bildete sich eine geschlossene Linie; der Ruf zum Angriff erscholl; ihren Führer an der Spitze fegten die Virginier quer durch die Ebene mit einem Ungestüm, welchem nichts widerstehen konnte, und in einem Augenblicke war das Feld vom Feinde gereinigt. Was nicht getödtet war, suchte den Schutz der Wälder. Dunwoodie zog sich nun langsam aus dem Bereiche des Musketenfeuers, welches die unter den Bäumen versteckten Engländer fort unterhielten, zurück und begann das schmerzliche Geschäft, seine Todten und Verwundeten zu sammeln. Der Wachtmeister, welcher den Auftrag erhalten hatte, den Capitän Wharton nach einem Orte zu bringen, wo er wundärztlichen Beistand finden konnte, beeilte sich, denselben auszuführen, um so bald als möglich wieder auf den Kampfplatz zurückzukommen. Sie hatten noch nicht die Mitte der Ebene erreicht, als der Capitän einen Mann bemerkte, dessen Außenseite und Beschäftigung seine Aufmerksamkeit in hohem Grade in Anspruch nahm. Sein Kopf war kahl und unbedeckt, indeß eine wohlgepuderte Perücke halb aus den Taschen seiner Beinkleider heraussah. Er hatte den Rock ausgezogen und die Hemdärmel bis an die Ellenbogen zurückgestreift. Seine Kleider waren mit Blut befleckt und Gesicht und Hände trugen dieselben Kennzeichen seines Gewerbes. Er hatte eine Cigarre im Mund, in seiner Rechten einige sonderbar geformte Instrumente und in der Linken den Rest eines Apfels, welcher gelegentlich die vorerwähnte Cigarre ablöste. Er stand in Betrachtung verloren vor einem Hessen, welcher bewußtlos zu seinen Füßen lag. In geringer Entfernung befanden sich drei bis vier Wegweiser, welche, auf ihre Musketen gelehnt, mit gespannter Aufmerksamkeit nach dem Kampfplatze hinblickten, und an der Seite des Arztes stand ein Mann, den die Werkzeuge, die er in der Hand hielt, und die blutigen Kleider als einen Gehülfen desselben bekundeten. »Hier, mein Herr, ist der Doctor,« sagte Heinrichs Begleiter sehr kaltblütig; »er wird in einem Augenblick Ihren Arm bepflastert haben.« Dann winkte er den Wegweisern näher, flüsterte ihnen, auf den Gefangenen zeigend, einige Worte zu und jagte dann in tollem Rennen wieder seinen Kameraden zu. Wharton näherte sich der sonderbaren Gestalt und wollte eben, da er nicht bemerkt zu werden schien, den Beistand des Mannes ansprechen, als dieser sein Schweigen durch ein Selbstgespräch unterbrach: »Ja, diesen Mann hat Capitän Lawton getödtet. Ich weiß das so gewiß, als ob ich selbst den Streich hätte führen sehen. Wie oft habe ich mir nicht Mühe gegeben, ihn zu lehren, wie man einen Hieb führen kann, der den Feind unschädlich macht, ohne sein Leben zu vernichten. Es ist grausam, das menschliche Geschlecht so unnöthiger Weise zu vertilgen, und zudem machen Streiche wie diese jeden Beistand der Kunst fruchtlos und alles Licht der Wissenschaft zu Schanden.« »Wenn es Ihre Zeit gestattet, mein Herr,« sagte Heinrich Wharton, »so möchte ich für eine leichte Verletzung Ihre Hülfe in Anspruch nehmen.« »Ah!« rief der Andere auffahrend und den Bittsteller vom Kopf bis zu den Füßen betrachtend, »Sie kommen von dem Feld da unten; es wird dort viele Arbeit geben?« »In der That,« antwortete Heinrich, indem er das Anerbieten des Wundarztes, ihm den Rock ausziehen zu helfen, annahm; »es ist ein unruhiger Tag; ich kann es Ihnen versichern.« »Unruhig?« wiederholte der Wundarzt, mit dem Auskleiden beschäftigt; »Ihre Nachricht macht mir viele Freude, mein Herr, denn so lange man unruhig ist, muß noch Leben da seyn, und wo Leben ist, hat man, wie Sie wissen, noch Hoffnung; doch hier ist meine Kunst zu Ende. Ich brachte einmal einem Patienten das Gehirn wieder hinein; aber dieser Mann da, glaube ich, muß wohl todt gewesen seyn, ehe er mir zu Gesicht kam. Es ist ein seltener Fall, mein Herr, ich muß es Ihnen doch zeigen – es ist gleich dort bei dem Zaune, wo Sie die vielen Körper bei einander bemerken. – Ah! die Kugel ist um den ganzen Knochen herumgegangen, ohne ihn zu zerbrechen. Sie dürfen sich Gluck wünschen, in die Hände eines alten Praktikers gefallen zu seyn, sonst hätten Sie dieses Glied leicht verlieren können.« »Wirklich?« sagte Heinrich mit einiger Unruhe; »ich hielt die Verletzung nicht für so ernsthaft.« »O, die Wunde hat nicht so viel zu sagen, aber Sie haben einen gar hübschen Arm für eine Operation, so daß ein Neuling recht wohl hätte in Versuchung gerathen können.« »Zum Teufel!« rief der Capitän, »kann es denn Jemanden ein Vergnügen machen, ein Mitgeschöpf zu verstümmeln?« »Herr,« sagte der Wundarzt mit Ernst, »eine wissenschaftlich ausgeführte Amputation ist eine sehr schöne Operation, und ohne Zweifel hätte ein jüngerer Mann versucht werden können, in der Eile des Geschäfts die Eigenthümlichkeiten des Falles zu übersehen.« Die weitere Unterhaltung wurde durch die Erscheinung der Dragoner, die sich langsam nach ihrem früheren Standorte zurückzogen, und durch die Bitten leicht verwundeter Soldaten unterbrochen, welche heranritten, um sich von dem Arzte geschwind verbinden zu lassen. Die Wegweiser übernahmen Wharton's Bewachung und mit schwerem Herzen trat der junge Mann den Rückweg zu seines Vaters Landhaus an. Die Engländer hatten durch die wiederholten Angriffe ungefähr ein Drittel ihres Fußvolkes verloren. Die Uebrigen sammelten sich wieder in dem Walde; und da Dunwoodie sah, daß sie eine zu feste Stellung genommen hatten, um mit Erfolg angegriffen werden zu können, ließ er eine starke Abtheilung unter Kapitän Lawton zurück, mit dem Befehle, ihre Bewegungen zu beobachten und jede Gelegenheit zu ergreifen, um sie vor ihrer Wiedereinschiffung zu beunruhigen. Der Major hatte Nachricht erhalten, daß eine andere Abtheilung in der Richtung des Hudson vorrücke, und seine Pflicht forderte, daß er sich bereit hielt, ihre Absicht gleichfalls zu vereiteln. Kapitän Lawton erhielt daher seine Befehle mit der strengen Einschärfung, nichts gegen den Feind zu unternehmen, wenn sich nicht die Aussicht eines günstigen Erfolgs darböte. Die Verletzung dieses Officiers bestand nur aus einem Streifschuß an dem Kopf, welcher ihn betäubt hatte, und er schied mit der lachenden Erklärung von dem Major, daß, wenn er sich wieder vergäße, alle glauben dürften, er sei tiefer getroffen worden. So zogen beide ihre Straße. Die Britten hatten nur leichte Mannschaft, ohne Bagage, und dabei die Weisung, gewisse Vorräthe, von denen kund geworden war, daß sie für die amerikanische Armee gesammelt würden, zu vernichten. Sie zogen sich nun durch den Wald nach den Höhen, hielten sich längs des Gebirgskammes, wo sie von der Reiterei nichts zu befürchten hatten, und begannen in dieser Weise ihren Rückzug nach den Booten. Achtes Kapitel. Des Krieges Wuth das Land verheert, Frißt rings des Bürgers Habe, Und unter des Soldaten Schwert Sinkt Mutter hin und Knabe. Doch Aehnliches – ihr wißt es leider – Ist jedes großen Siegs Begleiter. Die letzten Töne der Schlacht verhallten in den Ohren der geängstigten Bewohner des Landhauses und gaben nun der Ruhe des Feierabends Raum. Franciska hatte sich fortwährend bemüht, sich gegen das Getümmel abzuschließen und bot umsonst aller Entschlossenheit auf, um dem gefürchteten Ausgang mit Ruhe entgegen zu sehen. Die Stelle, auf welcher der Angriff gegen die Infanterie stattgefunden hatte, war nur eine kleine Meile von den Locusten entfernt, und ihre Bewohner konnten, wenn das Musketenfeuer schwieg, sogar die Stimmen der Soldaten vernehmen. Herr Wharton hatte sich nach der Flucht seines Sohnes, deren Zeuge er gewesen, nach dem Zufluchtsorte seiner Schwägerin und seiner ältesten Tochter begeben, und alle drei erwarteten hier ängstlich weitere Nachrichten von dem Wahlplatze. Unfähig, länger in der qualvollen Ungewißheit ihrer Lage zu verharren, gesellte sich Franciska bald zu dieser bekümmerten Gruppe, und Cäsar erhielt den Auftrag, den Stand der Dinge außer dem Hause zu untersuchen und Bericht zu erstatten, auf welche Seite sich der Sieg geneigt hätte, indeß der Vater in Kürze seinen bestürzten Kindern die Art und Weise von ihres Bruders Entkommen erzählte. Sie hatten sich jedoch noch nicht von ihrer Ueberraschung erholt, als die Thüre aufging, und Capitän Wharton, begleitet von ein paar Wegweisern, welchen der Schwarze folgte, vor ihnen stand. »Heinrich – mein Sohn, mein Sohn!« rief der erschrockene Vater, indem er, unfähig vom Stuhle aufzustehen, ihm die Arme entgegen streckte; »was muß ich sehen? Bist Du wieder gefangen und in Lebensgefahr?« »Das Glück hat diese Rebellen begünstigt,« sagte der Jüngling mit erzwungenem Lächeln und nahm jede seiner trostlosen Schwestern, bei der Hand. »Ich habe ritterlich für meine Freiheit gekämpft, aber der arge Geist der Rebellion ist auch in ihre Pferde gefahren. Die Mähre, welche mich trug, führte mich, ich bekenne es, ganz gegen meinen Willen, gerade in den Mittelpunkt von Dunwoodie's Truppen.« »Und Du wurdest wieder gefangen?« fuhr der Vater fort, indem er einen furchtsamen Blick auf die bewaffneten Begleiter warf, welche mit in's Zimmer getreten waren. »Es ist so, lieber Vater. Dieser Herr Lawton, der so weit steht, hatte mich im Augenblick wieder in seinen Klauen.« »Warum Sie nicht ihn nehmen gefangen, Massa Harry,« rief Cäsar verdrießlich. »Das,« sagte Wharton lächelnd, »ist leichter gesagt, als gethan, Meister Cäsar, zumal da diese Herren (er blickte dabei auf die Wegweiser) es für geeignet gehalten haben, mich des Gebrauchs meines bessern Armes zu berauben.« »Verwundet?«, riefen beide Schwestern gleichzeitig. »Nur eine Schramme, die mich aber im entscheidendsten Augenblicke wehrlos machte,« fuhr der Bruder beruhigend fort, indem er zugleich das beschädigte Glied ausstreckte, um die Wahrheit seiner Worte zu bekräftigen. Cäsar warf einen Blick des bittersten Unwillens, auf die irregulären Soldaten, welche nach seiner Meinung Theil an dieser That hatten, und verließ das Zimmer. Wenige Worte genügten, um Alles mitzutheilen, was Capitän Wharton von dem Schicksale des Tages wußte. Er hielt den Ausgang noch für zweifelhaft, denn als er die Ebene verließ, zogen sich die Virginier gerade von dem Schlachtfelde zurück. »Sie haben das Eichhörnchen auf den Baum gejagt,« sagte eine der Wachen abgebrochen, »und den Grund nicht verlassen, ohne einen tüchtigen Jagdhund zurückzulassen, wenn es wieder herunter kömmt.« »Ja,« fügte sein Kamerad trocken bei, »ich denke, Capitän Lawton wird die Nasen derer, welche noch übrig sind, zählen, ehe sie ihre Wallfischboote zu sehen kriegen.« Franciska hielt sich während dieses Dialogs an einer Stuhllehne und haschte mit athemloser Angst jede Sylbe auf, welche ausgesprochen wurde; ihre Farbe veränderte sich plötzlich, ihre Glieder bebten, bis sie endlich mit verzweifelter Entschlossenheit die Frage hervorbrachte: »Ist irgend ein Officier verwundet – auf – der – einen – oder andern Seite?« »Ja,« antwortete der Mann höflich; »diese jungen Leute aus dem Süden sind so voll Feuer, daß es selten zu einem Kampfe kommt, ohne daß einer oder der andere etwas auf's Dach kriegt. Einer der Verwundeten, welcher der Mannschaft vorauseilte, sagte mir, Capitän Singleton sey gefallen und Major Dunwoodie –« Franciska hörte nichts weiter, sondern fiel leblos auf einen Stuhl zurück. Die Bemühungen ihrer Freunde brachten sie jedoch bald wieder zu sich, und der Capitän wandte sich mit der ängstlichen Frage an den Mann: »Gewiß ist Major Dunwoodie nicht verletzt?« »Fürchten Sie nichts für den,« fügte der Wegweiser bei, ohne die Bestürzung der Familie zu beachten. »Es gibt ein Sprüchwort, wer für den Strick geboren ist, ersäuft nicht. Wenn dem Major eine Kugel etwas anhaben könnte, so müßte er schon lange unter den Todten seyn. Ich wollte eben sagen, daß er sehr bekümmert ist wegen Capitän Singleton's Tod: wenn ich aber gewußt hätte, daß die Lady so große Stücke auf ihn hält, so würde ich nicht so frei mit meiner Rede herausgegangen seyn.« Franciska erhob sich nun schnell von ihrem Stuhle, stützte sich mit Wangen, auf denen sich die Gluth der Verwirrung kund gab, auf ihre Tante und war im Begriff, das Zimmer zu verlassen, als Dunwoodie selbst erschien. Die erste Regung des ergriffenen Mädchens war die einer ungetrübten Freude; in dem nächsten Augenblicke bebte sie aber erblassend vor dem ungewöhnlichen Ausdrucke, welcher sich auf seinem Gesichte lagerte, zurück. Der Ernst des Kampfes furchte noch seine Stirne und sein Auge blickte starr und strenge. Das zärtliche Lächeln, welches sonst bei dem Anblicke der Geliebten auf seinem sonnverbrannten Gesichte strahlte, war dem trüben Blicke der Sorge gewichen, seine ganze Seele war nur von Einer überwältigenden Erregung ergriffen, und ohne weitere Vorbereitungen ging er zu seinem Zwecke über. »Herr Wharton,« begann er mit Ernste, »in Zeiten wie die gegenwärtige, dürfen wir uns nicht lange bei leeren Complimenten aufhalten. Einer weinet Officiere ist, wie ich fürchte, auf den Tod verwundet und auf Ihre Gastfreundschaft rechnend habe ich ihn gleich mit hieher gebracht.« »Es freut mich, mein Herr, daß Sie das gethan haben,« sagte Herr Wharton, welcher wohl begriff, wie wichtig es für ihn war, den amerikanischen Truppen eine Verbindlichkeit aufzulegen; »Der Bedürftige ist immer willkommen, und doppelt, wenn er ein Freund des Major Dunwoodie ist.« »Ich danke Ihnen, Mein Herr, sowohl in meinem Namen, als in dem Namen dessen, der außer Stand ist, Ihnen seinen Dank abzustatten,« entgegnete der andere schnell. »Wenn Sie es also erlauben, so wollen wir ihn an einen Ort bringen, wo ihn der Wundarzt unverzüglich untersuchen und über seinen Zustand berichten kann.« Hiegegen ließ sich nichts einwenden, und Franciska fühlte einen Stich durch's Herz, als ihr Verehrer das Zimmer verließ, ohne auch nur einen Blick auf sie geworfen zu haben. Die hingebende Liebe des Weibes duldet keine Nebenbuhlerschaft. Alle Zärtlichkeit des Herzens, die ganze Macht der Einbildungskraft sind der Herrschaft dieser tyrannischen Leidenschaft unterworfen, und wo Alles gegeben wird, wird auch viel dagegen verlangt. Franciska hatte ängstliche, qualvolle Stunden wegen Dunwoodie erlebt, und er hatte für sie nicht einen Gruß, nicht einmal einen freundlichen Blick. Die Gluth ihrer Gefühle war nicht gemindert, aber die Schwungkraft ihrer Hoffnungen gelähmt. Als die Träger mit dem Körper von Dunwoodie's fast entseeltem Freunde an ihr vorbei kamen, um ihn nach dem zu seiner Aufnahme bereiteten Gemache zu bringen, warf sie einen Blick auf den Mann, mit welchem sie Dunwoodie's Liebe theilen sollte. Sein bleiches, gespensterartiges Gesicht, das tiefliegende Auge und der röchelnde Athem ließen sie das Bild des Todes in seiner fürchterlichsten Form schauen. Dunwoodie stand ihm zur Seite und hielt seine Hand, wobei er den Männern oft und ernstlich einschärfte, den Kranken mit der größten Behutsamkeit fortzubringen – kurz, er legte alle Sorgfalt an den Tag, welche die zärtlichste Freundschaft bei einer solchen Gelegenheit einzuflößen im Stande ist. Franciska ging ihnen mit leisen Tritten voran und hielt mit abgewandtem Antlitz die Thüre offen, durch welche der Verwundete zu seinem Lager getragen werden mußte; erst, als der Major bei seinem Eintritt in das Zimmer ihr Gewand streifte, wagte sie es, ihr sanftes blaues Auge zu ihm aufzuschlagen. Aber der Blick blieb unerwiedert und ein unwillkührlicher Seufzer, entfuhr ihr, als sie die Einsamkeit ihres Zimmers aufsuchte. Capitän Wharton unterzog sich freiwillig gegen seine Hüter der Verpflichtung, keinen weiteren Fluchtversuch zu machen und unterstützte seinen Vater in Ausübung der Obliegenheiten der Gastfreundschaft. Als er in dieser Absicht durch den Vorsaal ging, begegnete ihm der Wundarzt, welcher seinen Arm so geschickt verbunden hatte und eben im Begriff war, sich zu dem verwundetem Officier zu begeben. »Ah!« rief der Schüler des Aeskulap, »ich sehe, es geht Ihnen gut. Aber halt! Haben Sie eine Stecknadel? – Nicht? – hier habe ich eine. – Sie müssen Ihre Wunde gegen den Luftzug schützen, sonst könnten noch einige Jüngere mit Ihnen zu thun bekommen.« »Behüte Gott,« brummte der Capitän leise, indem er sorgfältig seinen Verband ordnete – als auf einmal Dunwoodie sich in der Thüre zeigte, und mit lauter ungeduldiger Stimme rief: »Beeilen Sie sich, Sitgreaves, beeilen Sie sich, oder Georg Singleton wird sich zu Tode bluten.« »Was! Singleton! Gott behüte! Lieber Himmel – ist es Georg – der arme kleine Georg?« rief der Arzt, indem er mit augenscheinlicher Bekümmerniß seinen Schritt beschleunigte, und an die Seite des Krankenbettes eilte. »Er lebt doch noch, und so lange Leben da ist, ist Hoffnung vorhanden. Dieß ist heute der erste ernstliche Fall, wo der Patient nicht schon todt war. Capitän Lawton lehrt seine Leute mit so wenig Schonung zuhauen. Armer Georg – bei Gott, es ist eine Musketenkugel. Der junge Leidende richtete die Augen auf den Mann der Wissenschaft und mühte sich, ihm mit einem matten Lächeln die Hand entgegenzustrecken. Es lag eine Aufforderung in dem Blick, und der Geberde, welche dem Wundarzt tief zu Herzen ging. Er nahm seine Brille ab, um sich ein ungewohntes Naß aus den Augen zu wischen, und ging dann sorgfältig an die Ausübung seiner Pflicht. Während der nöthigen Vorbereitungen machte er jedoch seinen Gefühlen einigermaaßen durch Worte Luft. »Wenn es nur eine Kugel ist, so habe ich stets einige Hoffnung; sie trifft nicht immer das Leben; aber, du guter Gott Capitän Lawton's Leute hauen so auf's Ungefähr ein – gewöhnlich durchschlagen sie die Jugularis oder Carotis, oder spalten den Schädel, und alles das ist schwer zu heilen – der Patient ist meistens schon todt, ehe man zu ihm kömmt. Es ist mir nur einmal gelungen, das Hirn eines Menschen mit Erfolg zu reponiren, obgleich ich es heute schon dreimal versucht habe. Man kann leicht sagen, wo Lawton's Leute angegriffen haben, denn sie hauen ganz auf gut Glück zu.« Die Gruppe um Capitän Singleton's Lager war zu sehr an die Weise ihres Chirurgen gewöhnt, um sein Selbstgespräch zu beachten oder zu erwiedern, und harrte, ruhig des Augenblicks, wo die Untersuchung beginnen sollte. Diese' fand nun statt, und Dunwoodie faßte den Operateur mit einem Ausdruck in's Auge, als ob er in dessen Seele lesen wollte. Der Verwundete zuckte bei dem Einbringen der Sonde, und ein Lächeln stahl sich über die Züge des Wundarztes, als er murmelte: »Es ist nichts vor ihr in diesem Quartier gewesen.« Er ging nun allen Ernstes an sein Werk, setzte die Brille auf und warf seine Perücke bei Seite. Die ganze Zeit über stand Dunwoodie in fieberischem Schweigen und hielt die eine Hand des Kranken in seiner eigenen, wobei er auf Doctor Sitgreave's Gesicht Acht hatte. Endlich stöhnte Singleton leicht auf und der Wundarzt erhob sich schnell mit den Worten: »Ah! es ist eine Lust, so eine Kugel zu verfolgen. Man möchte sagen, sie schlängle sich durch den menschlichen Körper, ohne ein zum Leben nöthiges Organ zu beschädigen; aber was Capitän Lawton's Leute anbelangt –« »Reden Sie,« unterbrach ihn Dunwoodie; »ist Hoffnung vorhanden? – können Sie die Kugel finden?« »Es ist nicht schwer, etwas zu finden, was man schon in der Hand hat, Major Dunwoodie,« erwiederte der Wundarzt, indem er kaltblütige den Verband vorbereitete; »sie nahm, was der gelehrte Bursche, Kapitän Lawton, einen Circumbendibus nennt, einen Weg, welchen die Säbel seiner Leute nie nehmen, obgleich ich mir alle Mühe gegeben habe ihn zu lehren, wie man wissenschaftlich zuhauen müsse. Erst heute sah ich ein Pferd, welchem der Kopf halb vom Rumpfe getrennt war.« »Das,«, sagte Dunwoodie, indem ihm das Blut wieder zu den Wangen strömte und seine dunkeln Augen von dem Strahle der Hoffnung blitzten, »das war etwas von meiner Arbeit. Ich selbst habe jenes Pferd getödtet.« »Sie?« rief der Chirurg, und ließ überrascht seinen Verband fallen. »Sie? – Aber Sie wußten doch, daß es ein Pferd war?« »Ich gestehe, es kam mir so vor,« sagte der Major lächelnd und brachte einen Trank an die Lippen seines Freundes. »Solche Hiebe, wenn sie den menschlichen Körper treffen, sind verhängnißvoll,« fuhr der Doctor während seines Geschäftes fort; »sie machen die Wohlthaten, welche aus dem Lichte der Wissenschaft fließen, zu nichts und haben keinen Zweck für den Kampf, da man alles erreicht hat, wenn der Feind unschädlich gemacht ist. Ich saß manche kalte Stunde, Major Dunwoodie, während Capitän Lawton sich schlug, und nach all meinem Harren kam mir auch nicht ein einziger bemerkenswerther Fall zu Händen – nichts als leichte Verletzungen oder tödtliche Wunden! Ach, der Säbel ist eine schlimme Waffe in einer ungeschickten Hand. Ja, Major Dunwoodie, ich habe viele Stunden vergebens aufgewendet, um Capitän Lawton diese Wahrheit zu Gemüthe zu führen.« Der ungeduldige Major deutete schweigend auf seinen Freund, und der Wundarzt beschleunigte die Arbeit. »Ach, armer Georg, es war nahe daran, aber –« Er wurde durch einen Boten unterbrochen, welcher berichtete, daß die Gegenwart des commandirenden Officiers auf dem Felde nöthig sey. Dunwoodie drückte die Hand seines Freundes und winkte dem Doctor, ihm zu folgen. »Was meinen Sie,« flüsterte er, als sie die Flur erreicht hatten; »wird er davon kommen?« »Ja!« »Gott sey Dank!« rief der Jüngling und eilte hinunter. Dunwoodie besuchte einen Augenblick die Familie, welche in dem gewöhnlichen Gesellschaftszimmer versammelt war. Sein Gesicht war nicht mehr finster und seine Begrüßungen trugen, obgleich sie eilig waren, den Ausdruck der Herzlichkeit. Heinrichs Flucht und neue Gefangenschaft berührte er nicht: er schien zu glauben, der junge Mann habe sich immer an dem Orte, wo er ihn vor dem Treffen verlassen hatte, aufgehalten, denn auf dem Schlachtfelde waren sie sich nicht begegnet. Der englische Officier zog sich mit stolzem Schweigen in ein Fenster zurück und ließ den Major ununterbrochen seine Mitteilungen machen. Der Aufregung, welche die Ereignisse des Tages in den Gefühlen der Schwestern hervorgebracht hatten, war eine Erschlaffung gefolgt, die ihre Zungen band und Dunwoodie besprach sich daher nur mit Miß Peyton. »Ist Hoffnung vorhanden, Vetter, daß Ihr Freund seine Wunde überleben wird?« fragte die Dame, indem sie mit einem Lächeln wohlwollender Achtung ihrem Verwandten entgegen kam. »Alle Hoffnung, wertheste Dame, alle Hoffnung,« antwortete der Krieger freudig. »Sitgreaves sagt, er werde davon kommen, und er hat mich nie getäuscht.« »Ihre Freude kann nicht größer seyn, als die meinige bei dieser Nachricht. Wer dem Major Dunwoodie so theuer ist, muß nothwendig auch in dem Herzen seiner Freunde Theilnahme erregen.« »Er ist es würdig, daß man an ihm den wärmsten Antheil nimmt, Madame,« erwiederte der Major mit Innigkeit. »Er ist der gute Genius unseres Corps und von uns Allen gleich geliebt – so mild, so gerecht, so edel, sanft wie ein Lamm und arglos wie die Taube. Nur in der Stunde des Kampfes ist Singleton ein Löwe.« »Sie sprechen von ihm, als ob er Ihre Geliebte wäre, Major Dunwoodie,« bemerkte die Jungfrau lächelnd, indem sie einen Blick auf ihre Nichte warf, welche blaß in einer Ecke des Zimmers saß und zuhorchte. »Ich liebe ihn nicht weniger,« rief der aufgeregte junge Mann; »aber er braucht Pflege und Wartung, denn alles hängt jetzt von der Sorgfalt ab, die man auf ihn verwendet.« »Verlassen Sie sich auf mich, Sir; es soll ihm unter diesem Dache an nichts gebrechen.« »Verzeihen Sie, theuerste Dame; Sie sind das Wohlwollen selbst; aber Singleton bedarf einer Aufmerksamkeit, welche den meisten Männern lästig fallen könnte. In solchen Augenblicken und in einem Zustand, wie der seinige, vermißt der Soldat die zarte Sorge der Frauen am meisten.« Als er dieses sagte, richtete sich sein Auge mit einem Ausdruck auf Franciska, der wieder zu dem Herzen seiner Geliebten drang. Sie erhob sich mit glühenden Wangen von ihrem Sitze und sprach: »Alle Aufmerksamkeit, welche schicklicher Weise auf einen Fremden verwendet werden kann, soll Ihrem Freunde mit Freuden zu Theil werden.« »Ach!« rief der Major kopfschüttelnd, »das kalte Wort Schicklichkeit wird ihn tödten. Er muß mit Liebe gehegt und gepflegt werden.« »Das sind Dienste für eine Schwester oder Gattin.« »Eine Schwester?« wiederholte der Krieger, und das Blut strömte ihm ungestüm zu den Wangen; »eine Schwester? er hat eine Schwester, welche morgen bei Zeiten, hier seyn kann.« Er hielt inne und sann eine Weile schweigend nach. Dann warf er einen unruhigen Blick auf Franciska und flüsterte vor sich hin: »Singleton bedarf ihrer, und so muß es geschehen.« Die Damen hatten den wechselnden Ausdruck seiner Züge, mit Ueberraschung wahrgenommen und Miß Peyton bemerkte nun, daß die Gegenwart einer Schwester des Capitän Singleton, wenn eine solche in der Nähe seyn sollte, ihr selbst und ihren Nichten nur sehr erwünscht seyn würde. »Es muß geschehen, meine Dame; es läßt sich nicht anders machen,« entgegnete Dunwoodie mit einem Zögern, das mit seinen früheren Erklärungen wenig übereinstimmte. »Ich werde noch in dieser Nacht nach ihr schicken.« Dann näherte er sich, als ob er den Gegenstand abzubrechen wünsche, dem Capitän Wharton und fuhr sanft fort: »Heinrich Wharton, die Ehre ist mir theurer als das Leben, aber ich weiß, daß ich sie Deinen Händen sicher anvertrauen kann. Du sollst hier unbewacht bleiben, bis wir die Gegend verlassen, was vor ein paar Tagen nicht geschehen wird.« Alle Abgeschlossenheit in dem Benehmen des englischen Officiers verschwand; er ergriff die dargebotene Hand, des Andern und erwiederte mit Wärme: »Dein großmüthiges Vertrauen soll nicht mißbraucht werden, Peyton, und sollte auch der Galgen, an welchem Dein Washington den Major André hängen ließ, zu meiner Aufnahme bereit seyn.« »Heinrich, Heinrich Wharton,« sagte Dunwoodie vorwurfsvoll, »Du kennst den Mann, der an der Spitze unserer Armeen steht, wenig, sonst würdest Du ihn nicht in dieser Weise tadeln. Doch die Pflicht ruft mich hinaus. Ich lasse Dich da, wo ich selbst so gerne weilen möchte und wo Du wenigstens nicht ganz unglücklich seyn kannst.« Als er an Franciska vorüberging, warf er ihr ein Lächeln der zärtlichsten Liebe, das ihr so theuer war, zu, und sie vergaß eine Weile den schmerzlichen Eindruck, welchen er durch sein Benehmen unmittelbar nach dem Treffen auf sie gemacht hatte. Unter den Veteranen, welche, durch den Drang der Umstände veranlaßt, die Ruhe des Alters mit dem Dienst für das Vaterland vertauscht hatten, befand sich auch der Obrist Singleton. Er war in Georgien geboren und hatte in frühern Jahren in der Armee gedient. Als der Kampf für die Freiheit begann, bot er dem Vaterlande seine Dienste an, die aus Achtung für seinen Charakter auch angenommen wurden. Seine Jahre und seine leidende Gesundheit hatten ihn jedoch verhindert, selbst zu Felde zu ziehen, weßhalb mehrere bedeutende Posten seinem Befehl anvertraut wurden, wo er durch seine Wachsamkeit und Treue, ohne sich selber wehe zu thun, nützlich werden konnte. In dem letzten Jahre waren ihm die Pässe nach den Hochlanden übertragen worden, und das Quartier, welches er gegenwärtig mit seiner Tochter inne hatte, lag nur eine kurze Tagereise über dem Thale, wo Dunwoodie den Feind getroffen hatte. Von seinen zwei Kindern war das andere der mehrerwähnte verwundete Officier. Dorthin also beabsichtigte der Major einen Boten mit der unglücklichen Kunde von des Capitäns Zustand zu schicken und eine Einladung von den Damen des Hauses mitzusenden, die nicht verfehlen konnte, die Schwester unverzüglich an das Krankenlager ihres Bruders zu bringen. Als Dunwoodie diesen Dienst mit einem Widerstreben, welches nur dazu beitrug, seine frühere Aengstlichkeit noch auffallender zu machen, in Vollzug gesetzt hatte, eilte er nach dem Lagerplatze seiner Truppen. Der Rest der Engländer wurde bereits über den Gipfeln der Bäume sichtbar, wo sie in geschlossenen Reihen und mit großer Vorsicht längs des Gebirgskammes hinzogen, um zu ihren Booten zu gelangen. Die von Lawton befehligte Dragonerabtheilung blieb ihren Flanken ziemlich nahe und wartete ungeduldig eines günstigen Augenblicks, um einen Streich gegen sie zu führen. Auf diese Weise verlor man beide Parteien bald aus dem Gesichte. In unbedeutender Entfernung über den Locusten lag ein kleines Dorf, in welchem sich mehrere Wege kreuzten und von wo aus man also leicht in die umliegende Gegend gelangen konnte. Es war ein Lieblingsquartier der Reiterei, und die leichten Truppen der Amerikanischen Armee machten hier oft während ihrer Ausflüge in das untere Land halt. Dunwoodie hatte zuerst die Vortheile, welche der Ort darbot, entdeckt, und da er in der Grafschaft bleiben mußte, bis er aus den Hochlanden weitere Befehle erhielt, so ließ sich nicht erwarten, daß er in dem gegenwärtigen Falle diesen Platz übersehen hätte. Die Truppen erhielten die Weisung, sich hieher zurückzuziehen und ihre Verwundeten mitzunehmen, indeß andere mit der traurigen Pflicht, die Todten zu beerdigen, beschäftigt waren. Während der junge Krieger diese Vorkehrungen traf, bot sich ihm ein neuer Gegenstand der Verlegenheit dar. Während er das Schlachtfeld entlang ritt, traf er auf den Obristen Wellmere, welcher in dumpfem Brüten über sein Mißgeschick da saß, und darin nur hin und wieder durch die flüchtige Höflichkeit der Amerikanischen Officiere unterbrochen wurde. Die Besorgnisse um Singleton hatten Dunwoodie bisher seinen Gefangenen ganz vergessen lassen, und er näherte sich ihm nun mit Entschuldigungen über diese Vernachlässigung. Der Engländer nahm die Höflichkeit kalt auf und klagte über eine Beschädigung, welche er durch einen zufälligen Sturz seines Pferdes erhalten zu haben vorgab. Dunwoodie, welcher gesehen hatte, wie er von seinen Leuten ohne besondere Umstände niedergeritten worden war, lächelte leicht und bot ihm den Beistand des Wundarztes an. Dieser konnte ihm nur in dem Landhause zu Theil werden, und dahin schlugen nun beide den Weg ein. »Obrist Wellmere?« rief der junge Wharton bestürzt, als sie in das Zimmer traten. »Ist also das Kriegsglück auch gegen Sie so grausam gewesen?. – Doch Sie sind willkommen in dem Hause meines Vaters, obgleich ich wünschen möchte, wir hätten Ihren Besuch günstigeren Umständen zu verdanken.« Herr Wharton empfing den neuen Gast mit der behutsamen Vorsicht, welche seinem Charakter eigen war, und Dunwoodie verließ das Zimmer, um an das Lager seines Freundes zu eilen. Hier hatte sich alles günstig gestaltet, und der Major theilte dem Wundarzt mit, daß unten ein weiterer Patient seiner Kunst bedürfe. Der Ton dieses Wortes reichte hin, den Doctor in Bewegung zu setzen und, seinen Verbandzeug aufraffend, ging er, um den neuen Klienten aufzusuchen. An der Thüre des Wohnzimmers traf er auf die Damen, welche sich eben entfernten. Miß Peyton hielt ihn einen Augenblick zurück, um sich nach dem Befinden des Capitän Singleton zu erkundigen. Franciska lächelte in ihrer natürlichen schalkhaften Weise, als sie die seltsame Gestalt des kahlköpfigen Practicus erblickte; Sara dagegen war zu bestürzt über das unerwartete Zusammentreffen mit dem englischen Obristen, um ihn zu beachten. Wir haben bereits mitgetheilt, daß Obrist Wellmere ein alter Bekannter der Familie war. Sara war schon so lange von der Stadt entfernt, daß dieser Herr sie gewissermaaßen schon aus dem Gedächtniß verloren hatte, obgleich die Erinnerungen des Mädchens noch ziemlich lebhaft waren. Es gibt eine Periode in dem Leben der Frauen, in welcher man sie für die Liebe vorzugsweise zugänglich nennen kann; es ist das glückliche Alter, wo sich die Kindheit in die sich entfaltende Reife verliert – wo das arglose Herz sich mit Blüthenträumen trägt, welche nie in Erfüllung gehen können, und wo die Phantasie Ideale schafft, welche den eigenen fleckenlosen Traumgestalten nachgebildet sind. In diesem glücklichen Alter hatte Sara die Stadt verlassen und ein Bild der Zukunft mit sich genommen, das, wenn es auch ursprünglich nur oberflächlich haftete, in der Einsamkeit bald tiefer drang, und in diesem träumerischen Gemälde stand Wellmere im Vordergrund. Das Ueberraschende dieser Begegnung hatte sie einigermaaßen überwältigt, und sie war, nachdem sie die Begrüßung des Obristen entgegengenommen hatte, aufgestanden, um, gehorsam dem Winke ihrer achtsamen Tante, sich zu entfernen. »Wir dürfen uns also –« bemerkte Miß Peyton, nachdem sie den Bericht des Wundarztes über seinen jungen Patienten angehört hatte – »mit der Hoffnung schmeicheln, daß er wieder genesen wird?« »Gewiß, Madame,« erwiederte der Doctor, indem er sich bemühte, aus Achtung gegen die Damen seine Perücke zurecht zu setzen; »gewiß, wenn ihm die erforderliche Pflege und Wartung zu Theil wird.« »Hieran soll es ihm nicht fehlen,« sagte die Jungfrau mild. »Alles was wir haben, steht ihm zu Gebot, und Major Dunwoodie hat einen Erpressen nach seiner Schwester abgesendet.« »Seiner Schwester?« wiederholte der Practiker, mit einem besonders bedeutungsvollen Blicke. »Nun, wenn der Major nach ihr geschickt hat, so wird sie wohl kommen.« »Man sollte glauben, die Gefahr ihres Bruders wäre ein zureichender Grund, um sie hieher zu bringen.« »Ohne Zweifel, Madame,« fuhr der Doctor lakonisch fort, verbeugte sich tief und machte den Damen Platz, so daß sie vorbeigehen konnten. Die Worte und das Benehmen dieses Mannes gingen bei der jüngern Schwester nicht verloren, da in ihrer Gegenwart Dunwoodie's Name nie unbeachtet erwähnt werden konnte. »Mein Herr,« rief Doctor Sitgreaves, indem er sich bei seinem Eintritt an den einzigen im Zimmer befindlichen Scharlachrock wandte – »man hat mir mitgetheilt, daß Sie meiner Hülfe bedürfen. Gott gebe, daß Sie nicht mit dem Capitän Lawton in Berührung gekommen sind, denn in diesem Falle möchte es mit meinen Dienstleistungen wohl zu spät seyn.« »Da muß ein Mißverständniß vorwalten, mein Herr,« sagte Wellmere stolz. »Major Dunwoodie sollte mir einen Wundarzt schicken und nicht ein altes Weib.« »Es ist Doctor Sitgreaves,« sagte Heinrich Wharton rasch, obgleich er nur mit Mühe das Lachen unterdrücken konnte. »Der Drang der Geschäfte des heutigen Tags hat ihn verhindert, die gewöhnliche Aufmerksamkeit auf seinen Anzug zu verwenden.« »Verzeihen Sie, mein Herr,« fügte Wellmere bei, indem er verdrießlich seinen Rock bei Seite legte, um seinen verwundeten Arm, wie er es nannte, zu zeigen. »Mein Herr,« sagte der Chirurg trocken, »wenn das Diplom von Edinburgh – ein Gang durch Ihre Londoner Spitäler – die Amputation einiger hundert Glieder – das Operiren am menschlichen Körper in jeder Weise, die von dem Lichte der Wissenschaftlichkeit gebilligt wird – ein gutes Gewissen und die Anstellung des Continental-Congresses einen Wundarzt machen können, so bin ich einer.« »Verzeihen Sie, mein Herr,« wiederholte der Obrist steif. »Capitän Wharton hat den Grund meines Irrthums bereits angegeben.« »Ich bin dem Capitän Wharton dafür sehr verbunden,« sagte der Chirurg, und begann mit einer Kaltblütigkeit und Förmlichkeit seine Amputationsinstrumente zu ordnen, daß es den Obersten eiskalt durchrieselte. »Wo sind Sie verwundet, mein Herr? Was, ist es nur dieser kleine Riß am Oberarm? Wie mögen Sie zu dieser Wunde gekommen seyn, Sir?« »Durch den Säbel eines Rebellendragoners,« sagte der Obrist mit Nachdruck. »Nimmermehr! Nicht einmal der zarte Georg Singleton würde Sie so harmlos angeblasen haben.« Er nahm ein Stückchen Heftpflaster aus seiner Tasche und legte es auf die Beschädigung. »Das, mein Herr, wird vollkommen Ihrem Zwecke entsprechen und ich bin überzeugt, daß Sie nichts Weiteres von mir verlangen.« »Was halten Sie denn für meinen Zweck, mein Herr?« »Daß Sie sich in Ihren Berichten als verwundet aufführen können,« versetzte der Doctor mit großer Festigkeit. »Sie können, dann sagen, daß ein altes Weib Sie verbunden habe – oder wenn das auch nicht der Fall war, so hätte eine solche es doch leicht thun können.« »Eine sehr ungewöhnliche Sprache!« brummte der Engländer. Jetzt trat Capitän Wharton in's Mittel, erklärte den Verstoß des Obristen für die Wirkung eines aufgeregten Gemüthes und körperlicher Leiden, und es gelang ihm theilweise, den gekränkten Arzt so weit zu besänftigen, daß er sich endlich bereit finden ließ, die weiteren Beschädigungen des Andern zu untersuchen. Sie bestanden hauptsächlich aus Quetschungen, Folgen des Sturzes mit dem Pferde, gegen welche Sitgreaves in der Eile einige Verordnungen gab und sich dann entfernte. Als die Reiterei die nöthigen Erfrischungen zu sich genommen hatte, schickte sie sich an, sich nach dem bezeichneten Lagerplatze zurückzuziehen, und es lag nun Dunwoodie ob, die geeigneten Verfügungen über die Gefangenen zu treffen. Sitgreaves erhielt den Auftrag, in Herrn Wharten's Hause zu bleiben, um dem Capitän Singleton abzuwarten. Auch erfüllte der Major gerne Heinrich's Bitte, den Obristen Wellmere gegen sein Ehrenwort zurückzulassen, bis sich die Truppen landaufwärts in Bewegung setzten. Alle übrigen Gefangenen waren Gemeine; man brachte sie eilig zusammen und führte sie unter starker Bedeckung in's Innere des Landes. Die Dragoner brachen bald nachher auf, und die Wegweiser vertheilten sich in kleinen, von berittenen Patrouillen begleiteten Haufen durch die Grafschaft, so daß sie von dem Wasser des Sundes bis an den Hudson eine Kette von Wachposten bildeten. Der Schauplatz dieser Erzählung liegt zwischen diesen beiden Gewässern und ist nur einige Meilen breit. Dunwoodie zögerte noch vor dem Landhause, nachdem er bereits Abschied genommen hatte, und entfernte sich nur ungern – aus Besorgniß für seinen verwundeten Freund, wie er sich selbst glauben machen wollte. Ein Herz, das noch nicht verhärtet ist, leidet bald unter einem Ruhme, der durch das Blut des Mitmenschen erkauft wird. Als Peyton Dunwoodie sich selbst überlassen und nicht mehr durch die Traumbilder, welche ihm die Hitze der Jugend den ganzen Tag über vorgespiegelt hatte, aufgeregt war, begann er zu fühlen, daß es noch andere Bande gäbe, als die, welche den Krieger an die starren Gesetze der Ehre fesseln. Er wankte zwar nicht in seiner Pflicht, aber doch fühlte er, wie mächtig die Versuchung war. Die feurigen Pulse des Kampfes hatten nachgelassen; der ernste Ausdruck seines Auges wich allmählig einem sanfteren Blicke, und die Betrachtungen über den errungenen Sieg hatten nichts Erfreuliches für ihn, wenn er dachte, mit welchen Opfern er erkauft worden war. Als er den letzten zögernden Blick auf die Locusten warf, dachte er nur daran, daß dieses Gebäude Alles, was er am meisten liebte, einschließe. Der Freund seiner Jugend war gefangen und in einer Lage, welche für dessen Ehre und Leben fürchten ließ. Der edle Gefährte seiner Mühen, der unter der rohen Lust des Krieges sich die gefällige Milde des Friedens bewahrte, lag als das blutige Opfer seines Sieges darnieder. Das Bild des Mädchens endlich, welches an diesem Tage nur eine beschränkte Herrschaft in seiner Brust geübt hatte, tauchte wieder in seiner vollen Lieblichkeit vor ihm auf und bannte den Nebenbuhler Ruhm aus seiner Seele. Der letzte Nachzügler des Corps war bereits hinter den nördlichen Bergen verschwunden, als der Major mit Widerstreben sein Pferd nach derselben Richtung wendete: Franciska, von rastloser Unruhe getrieben, wagte sich nun furchtsam in den Säulengang des Landhauses. Der Tag war mild und heiter und die Sonne strahlte majestätisch an dem wolkenlosen Himmel. Das Getümmel, welches erst kürzlich das Thal durchwühlt hatte, war einer Todtenstille gewichen und die Natur erschien so herrlich, als ob sie nie durch die Leidenschaften der Menschen getrübt worden wäre. Nur eine einzige Wolke – der Pulverdampf, welcher sich gesammelt hatte, hing über der Ebene, und auch dieser zerstreute sich allmählig und ließ keine Spur des Kampfes mehr über den friedlichen Gräbern seiner Opfer. Alle die widerstreitenden Gefühle, alle die stürmischen Ereignisse dieses verhängnißvollen Tages erschienen dem Mädchen nur wie Trugbilder eines ängstlichen Traumes. Dann wandte sie sich; ihr Blick traf auf die enteilende Gestalt des Mannes, welcher auf dieser Bühne eine so ausgezeichnete Rolle gespielt hatte – und die Täuschung war entschwunden. Sie erkannte ihren Geliebten, und mit der Wirklichkeit kehrten alle andern Erinnerungen zurück. Sie eilte auf ihr Zimmer, mit einem Herzen, eben so bekümmert, als das, welches Dunwoodie aus dem Thale mit fort nahm. Neuntes Kapitel. Ein Blick nur in die Thaleskluft, Ein Athem nur in freier Luft – Da hört den wilden Ruf der Hetze Der Arme immer näher – näher; Doch etliche gewagte Sätze Entziehen ihn der Macht der Späher; Und vorwärts eilend frei in's Weite Sucht er Uam-Vars wilde Heide. Walter Scott.   Die von Capitän Lawton geführte Schaar hatte den nach seinen Booten zurückweichenden Feind mit unablässiger Wachsamkeit beobachtet, ohne irgend eine günstige Gelegenheit zum Angriffe zu finden. Der erfahrene Nachfolger des Obristen Wellmere kannte die Macht seines Feindes zu gut, um die Unebenen des Gebirges zu verlassen, ehe er gegen das Ufer hinunter zu steigen genöthigt war. Bevor er jedoch diese gefährliche Bewegung versuchte, ließ er seine Leute ein geschlossenes Viereck bilden, das nach allen Seiten von Bajonetten starrte. Der ungeduldige Reiterführer erkannte wohl, daß tapfere Soldaten in einer solchen Stellung von der Cavallerie nicht mit Erfolg angegriffen werden könnten, und so sah er sich wider Willen genöthigt, in ihrer Nähe zu bleiben, ohne Gelegenheit zu finden, ihren langsamen und sichern Marsch gegen die Küste zu stören. Ein kleiner Schooner, der dem Feinde von der Stadt zum Schutze beigegeben worden war, lag mit seinen Kanonen an dem Einschiffungsplatze. Lawton war klug genug, die Thorheit, gegen solche Streitkräfte zu kämpfen, anzuerkennen, und so wurde es den Engländern möglich, sich ohne Belästigung einzuschiffen. Die Dragoner blieben an dem Gestade, bis der Feind sich ihren Blicken entzogen hatte, und begannen dann voll Verdruß ihren Rückzug zu dem Hauptcorps. Der aufsteigende Abendnebel dunkelte bereits durch das Thal, als Lawton's Abtheilung wieder in das südliche Ende desselben gelangte. Die Bewegung ging langsam und, der Bequemlichkeit halber, nicht in geschlossenen Reihen vor sich. An der Spitze ritt der Capitän und ihm zur Seite sein ältester Lieutenant, mit dem er sich eifrig zu besprechen schien, während der Nachtrab von einem jungen Cornet geführt wurde, der ein Liedchen summte und sich die Annehmlichkeiten eines Strohlagers nach der Ermüdung eines harten, Tagesdienstes vergegenwärtigte. »Es ist Ihnen also auch aufgefallen?« sagte der Rittmeister. »Ich erinnerte mich dieses Gesichtes im Augenblick wieder, als mir zu Augen kam, denn es ist eines von denen, welche man nicht leicht vergißt. Bei meiner Treue, Tom, das Mädchen macht dem Geschmacks des Majors keine Unehre.« »Sie würde dem ganzen Corps Ehre machen,« antwortete der Lieutenant mit einiger Wärme; »solche blaue Augen können leicht einen Mann für zartere Beschäftigungen gewinnen, als unser rauhes Gewerbe mit sich bringt. In der That, ich glaube, solch ein Mädchen könnte sogar mich in Versuchung bringen, Sattel und Säbel an den Nagel zu hängen und nach der Stopfnadel und dem Nähkissen zu greifen.« »Meuterei, Sir, Meuterei!« rief der Andere lachend. »Wie können Sie es wagen, mit dem heitern, bewunderten und noch obendrein reichen Major Dunwoodie in der Liebe zu rivalisiren? Sie, ein Lieutenant bei der Reiterei, welcher nichts als ein Pferd besitzt, und dazu erst noch keines von den besten? dessen Capitän so zäh ist wie ein Stricke und so viele Leben hat, als eine Katze.« »Wahr,« erwiederte der Lieutenant gleichfalls mit Lachen, »aber der Strick kann reißen und Grimalkin ihr Leben verlieren, wenn Sie noch oft so toll darein fahren, wie diesen Morgen. Was halten Sie von mehreren solchen Püffen, als der des schwirrendes Käfers war, welcher Sie heute aus den Rücken legte?« »Ach, reden Sie nicht davon, mein guter Tom; schon der Gedanke daran macht mir Kopfweh;« versetzte der Andere achselzuckend. »Ich möchte es einen Vorschmack der Nacht nennen.« »Der Todesnacht?« »Nein, Sir. – der Nacht, welche dem Tag folgt. Ich sah Myriaden von Sternen, welche doch ihr Antlitz vor der Gegenwart der königlichen Sonne verbergen sollten. Ich glaube, nur diese dicke Mütze hat mich, zu Ihrem Troste, noch etwas länger erhalten, trotz der Katzenleben.« »Ich habe allen Grund, es der Mütze Dank zu wissen,« sagte Mason trocken; »sie oder der Schädel muß eine ordentliche Dicke gehabt haben, ich gebe es zu.« »Kommen Sie, kommen Sie, Tom; Sie sind ein privilegirter Spottvogel, und deßhalb will ich es Ihnen hingehen lassen,« erwiederte der Capitän gut gelaunt; »aber Singletons Lieutenant wird, wie ich fürchte, für den Dienst dieses Tages einen bessern Fang machen, als Sie.« »Ich glaube, man wird uns beiden den Schmerz ersparen, eine Beförderung durch den Tod eines Freundes und Kameraden erkauft zu haben,« bemerkte Mason sanft. Dem Vernehmen nach hält Sitgreaves die Verletzung nicht für tödtlich.« »Ich hoffe das von ganzer Seele,« rief Lawton; »denn trotz seines bartlosen Kinns hat der Junge das muthigste Herz, das ich je getroffen habe. Es wundert mich aber, daß die Leute sich doch so gut, hielten, obgleich wir beide in dem gleichen Augenblick stürzten.« »Ich sollte Ihnen für dieses Kompliment danken,« erwiederte der Lieutenant mit Lachen; »aber meine Bescheidenheit erlaubt es nicht. Ich that mein Bestes, sie zum Stehen zu bringen, aber umsonst.« »Sie zum Stehen zu bringen?« brüllte der Capitän. »Wollten Sie denn die Leute mitten im Angriff Halt machen lassen?« »Es kam mir so vor, als wollten sie einen schlimmern Weg einschlagen,« antwortete der Lieutenant. »Ah! unser Fall veranlaßt sie rechtsum zu machen?« »Vielleicht war es euer Fall, vielleicht auch die Furcht vor dem eigenen. Wir waren, bis uns der Major sammelte, in einer bewunderungswürdigen Unordnung.« »Dunwoodie? der Major hatte es ja gerade mit dem Deutschen zu thun.« »Ja, aber er beeilte sich, den Deutschen abzuthun. Er sprengte mit den beiden andern Zügen in kurzem Galopp an, ritt mit der gebieterischen Weise, welche seiner Aufregung im Kampfe eigen ist, zwischen uns und den Feind, und ehe man sich's versah, hatte er uns wieder in Schlachtordnung. Dann« – fügte der Lieutenant mit Feuer bei – »jagten wir John Bull in die Büsche. O, es war ein herrlicher Angriff, Kopf an Kopf, und Schweif an Schweif, bis wir über sie her waren.« »Zum Teufel! welcher Anblick ist mir entgangen!« »Sie haben das alles verschlafen.« »Ja,« erwiederte der Andere mit einem Seufzer; »das ging alles für mich und den armen Singleton verloren. Aber, Tom, was wohl Georg's Schwester zu dem schöngelockten Mädchen in jenem weißen Hause dort sagen wird? –« »Ach! vielleicht hängt sie sich an ihren Strumpfbändern auf!« sagte der Lieutenant. »Ich habe allen gebührenden Respekt vor meinen Obern, aber zwei solche Engel sind mehr als Einem Manne gebührt, wenn er nicht ein Türke oder ein Hindu ist.« »Ja, ja,« versetzte der Capitän rasch; »der Major predigt immer den Jüngeren Moral, aber er ist im Grund doch ein schlauer Fuchs. Haben Sie nicht bemerkt, wie sehr er auf die Kreuzwege über dem Thal versessen ist? Nun, wenn ich meine Leute zweimal an demselben Orte Halt machen ließe, so würdet ihr alle darauf schwören, daß ein Weiberrock um den Weg seyn müsse.« »Man kennt Sie eben bei dem Corps.« »Nun, Tom, Ihr böses Maul ist unbesserlich – aber,« er beugte den Körper in der Richtung, nach welcher er hinsah, vorwärts, als ob er sich dadurch, das Unterscheiden der Gegenstände in der Dunkelheit erleichtern wolle, »was für ein Thier schleicht rechts von Ihnen durch das Feld?« »'s ist ein Mensch,« sagte Mason, den verdächtigen Gegenstand aufmerksam betrachtend. »Seinem Höcker nach ist's ein Dromedar!« fügte der Rittmeister bei, während er schärfer hinblickte. Dann wendete er plötzlich sein Pferd von der Landstraße ab und rief: »Harvey Birch! – greift ihn – todt oder lebendig!« Nur Mason und einige der vorderen Dragoner hatten den plötzlichen Ausruf verstanden, obgleich er durch den ganzen Zug, gehört wurde. Ein Dutzend Reiter, den Lieutenant an ihrer Spitze, folgten dem ungestümen Lawton und ihre Eile bedrohte den Gehetzten mit einem schnellen Ende des Wettlaufes. Birch hatte vorsichtig seine Stellung auf dem Felsen beibehalten, auf welchem er von dem flüchtigen Heinrich Wharton bemerkt worden war, bis der Abend die Gegenstände in Dunkel zu hüllen begann. Von dieser Höhe aus hatte er alle Ereignisse des Tages mit angesehen. Mit klopfendem Herzen erwartete er den Aufbruch von Dunwoodie's Mannschaft und zügelte mit Mühe seine Ungeduld, bis die Nacht seine Bewegungen gefahrlos zu machen versprach. Er hatte jedoch noch nicht den vierten Theil des Weges zu seiner Wohnung zurückgelegt, als sein geübtes Ohr die Tritte der näher kommenden Reiterei unterschied. Auf die zunehmende Dunkelheit vertrauend entschloß er sich übrigens, weiter zu gehen, wobei er, da er sich niederduckte und in dieser Weise rasch das Feld entlang glitt, unentdeckt zu entrinnen hoffte. Capitän Lawton war zu sehr in die vorhin aufgeführte Unterhaltung vertieft, um seine Augen, wie er gewohnt war, nach allen Richtungen hinschweifen zu lassen, und da der Krämer an den Stimmen bemerkte, der Feind, welchen er am meisten fürchtete, sey bereits über ihn hinaus, so gab er seiner Ungeduld nach und richtete sich auf, um größere Schritte nehmen zu können. In dem Augenblick aber, als sich sein Körper über die Schatten der Ebene erhob, wurde er gesehen und die Jagd begann. Birch war unbewaffnet; einen Augenblick starrte ihm das Blut in den Adern ob der hereinbrechenden Gefahr und seine Beine versagten den gewohnten und besonders jetzt so wichtigen Dienst: – aber auch nur einen Augenblick. Schnell warf er seinen Pack bei Seite, schnallte instinktartig den Gurt fester um den Leib und wandte sich zur Flucht. Er wußte, daß seine Gestalt den Verfolgern aus dem Gesicht kommen mußte, sobald er die Linie zwischen ihnen und dem Walde gewann. Dies gelang ihm auch bald und nun spannte er alle Kräfte an, um den Wald selbst zu erreichen, als mehrere Reiter in geringer Entfernung links an ihm vorbeijagten und ihn von diesem Zufluchtsorte abschnitten. Als sie näher kamen, warf sich der Krämer zu Boden und so ritten sie, ohne ihn zu bemerken, weiter. Aber nun wurde ein Verharren in dieser Lage zu gefährlich. Er stand auf, hielt sich unter dem Schatten des Waldes, an dessen Saume die Reiter sich gegenseitig anriefen und zur Wachsamkeit aufforderten, und eilte in paralleler aber entgegengesetzter Richtung mit der Marschlinie der Dragoner mit unglaublicher Hast weiter. Lawton's Befehle waren nur von denen, welche ihm unmittelbar folgten, deutlich vernommen worden, obgleich auch der übrigen Mannschaft die Verwirrung der Jagd nicht entgehen konnte. Die Leute waren daher im Ungewissen, was sie zu thun hätten, und der obenerwähnte Cornet suchte von dem Reiter neben ihm den Zweck dieser Bewegungen zu erforschen, als nicht weit hinter ihnen ein Mann mit einem gewaltigen Sprunge über den Weg setzte. In demselben Augenblick klang Lawton's Stentorstimme mit dem Rufe durch das Thal: »Harvey Birch! – fangt ihn, todt oder lebendig!« Der Blitz von fünfzig Pistolen, erleuchtete die Gegend, und die Kugeln pfiffen in jeder Richtung um den Kopf des unglücklichen Krämers. Das Gefühl, der Verzweiflung erfaßte sein Herz und in der Bitterkeit dieses Augenblicks rief er: »Gehetzt wie ein Thier des Waldes!« Das Leben mit seinem Gefolge erschien ihm als eine Last und er war im Begriffe, sich seinen Feinden zu ergeben. Doch die Natur behielt die Oberhand. Wurde er ergriffen, so hatte er allen Grund zu befürchten, daß man bei ihm sich die gerichtlichen Formen ersparen und daß die nächste Morgensonne wahrscheinlich Zeuge seiner schmählichen Hinrichtung seyn werde, weil er bereits zum Tode verurtheilt und nur durch List diesem Schicksale entgangen war. Diese Betrachtungen, in Verbindung mit den näher kommenden Tritten seiner Verfolger, kräftigten ihn zu neuen Anstrengungen. Er floh auf's Neue. Zum Glück lag auf seinem Wege der Theil einer Mauer, welcher der Zerstörung des in dem anliegenden Waldgehege stattgehabten Kampfes widerstanden hatte. Er fand kaum Zeit, seine erschöpften Glieder über dieses Bollwerk wegzuschwingen, als zwanzig seiner Feinde die entgegengesetzte Seite erreichten. Die Pferde sträubten sich in der Dunkelheit über die Mauer wegzusetzen, und mitten in der Verwirrung der sich bäumenden Rosse und der Flüche ihrer Reiter wurde es Birch möglich, einen Bergabhang zu entdecken, auf dessen Höhe er sich vollkommene Sicherheit versprechen durfte. Das Herz des Hausirers klopfte hoch in freudiger Hoffnung, als plötzlich Capitän Lawton's Stimme wieder in seinem Ohr klang, der seinen Leuten zurief, Platz zu machen. Der Befehl wurde befolgt; der furchtlose Reiter sprengte in vollem Gallopp gegen die Mauer, drückte seinem Pferde die Sporen in die Seite und flog wohlbehalten über das Hinderniß weg. Das triumphirende Hurrah der Leute und der donnernde Hufschlag des Pferdes verkündigten dem Hausirer die ganze Größe der Gefahr. Er war beinahe erschöpft und sein Geschick schien nicht länger zweifelhaft. »Halt, oder stirb!« klang es in furchtbarer Nähe über ihm. Harvey warf einen hastigen Blick rückwärts und sah, einen Sprung hinter sich, den Mann, welchen er am meisten fürchtete. Im Lichte der Sterne erblickte er den aufgehobenen Arm und den drohenden Säbel. Furcht, Erschöpfung und Verzweiflung bemächtigten sich seiner und das gejagte Opfer fiel vor dem Dragoner nieder. Lawton's Pferd strauchelte über den auf der Erde liegenden Krämer, und beide, Roß und Reiter stürzten mit Macht zu Boden. Mit Gedankenschnelle war Birch wieder auf seinen Füßen und ergriff den Säbel des gefallenen Dragoners. Rache ist nur zu süß für die Leidenschaft des Menschen. Es gibt wenige, die nie die verführerische Lust gefühlt haben, erhaltene Kränkungen auf das Haupt des Urhebers zurückfallen zu lassen; – und doch wissen auch Manche, wie viel süßer es ist, Böses mit Gutem zu vergelten. Alles Schlimme, was der Krämer erduldet hatte, blitzte ihm jetzt durch die Seele. Einen Augenblick gewann sein böser Dämon die Oberhand und Birch holte mit der gewaltigen Waffe aus, aber im nächsten fiel sie auch unschädlich an der Seite des wieder auflebenden aber hülflosen Reiters nieder und der Krämer verschwand hinter dem schützenden Felsen. »Helft dort dem Capitän Lawton!« schrie Mason, der mit einem Dutzend seiner Leute heranritt. »Einige von Euch können mit mir absteigen und diese Felsen durchsuchen. Der Schurke hat sich hier versteckt.« »Halt!« brüllte der Capitän, indem er sich mit Mühe aufrichtete. »Wer von Euch absitzt, ist des Todes. Tom, mein guter Junge, helfen Sie mir, meinen Rothschimmel wieder auf die Beine zu bringen.« Der erstaunte Lieutenant willfahrte schweigend, indeß die verwunderten Dragoner so fest in ihren Sätteln sitzen blieben, als ob sie mit ihren Thieren zusammengewachsen wären. »Ich fürchte, Sie sind schwer verwundet,« sagte Mason mit einiger Theilnahme, als sie wieder in die Landstraße eingebeugt hatten, und biß in Ermanglung besseren Tabaks das Ende einer Cigarre ab. »Ein wenig, glaube ich,« erwiederte der Capitän nach Luft schnappend, wobei ihm das Reden schwer wurde; »ich wünschte, unser Knocheneinrichter wäre zur Hand, um den Zustand meiner Rippen zu untersuchen.« »Sitgreaves ist in Herrn Wharton's Hause bei Capitän Singleton zurückgelassen worden.« »Dann will ich dort mein Nachtquartier aufschlagen, Tom. In so schweren Zeiten kann man nicht viele Umstände machen. Zudem hat der alte Herr, wie Sie sich erinnern werden, einen gewissen Verwandtschaftsrespekt vor dem Corps. Ich kann nicht daran denken, bei einem so guten Freunde vorbeizugehen, ohne Halt zu machen.« »Und ich will den Zug nach den Kreuzwegen führen; denn wenn wir alle dort abstiegen, würden wir eine Hungersnoth in's Land bringen.« »Eine Lage, mit der ich nie etwas zu schaffen haben will. Der Gedanke an die Kuchen der holdseligen Jungfrau ist kein schlechter Trost für einen vierundzwanzigstündigen Aufenthalt im Spital.« »Oh, bei Ihnen geht's noch nicht an's Sterben, wenn Sie schon wieder an's Essen denken können!« rief Mason lachend. »Sicher wäre es mein Letztes, wenn ich das nicht mehr könnte,« bemerkte der Capitän ernsthaft. »Capitän Lawton,« sagte die Ordonnanz, welche dem commandirenden Officier zur Seite ritt, »wir kommen nun zu dem Hause des Krämerspions. Ist es Ihr Wunsch, daß wir es anzünden?« »Nein!« brüllte der Capitän mit einer Stimme, daß der erschrockene Wachtmeister zurückfuhr; »seyd Ihr denn Mordbrenner? Könntet Ihr ein Haus mit kaltem Blute anstecken? Laßt nur einen Funken nahe kommen und die Hand, welche ihn trägt, soll nie wieder einen ähnlichen Dienst thun!« »Zum Henker!« brummte hinten der schläfrige Cornet, welcher auf seinem Pferde nickte; »es ist noch Leben in dem Rittmeister, trotz seines Sturzes.« Lawton und Mason ritten schweigend weiter und letzterer stellte Betrachtungen über die wunderbare Veränderung an, welche der Fall in dem Benehmen seines Rittmeisters hervorgebracht hatte, bis sie endlich an dem Gitter des Wharton'schen Hauses anlangten. Die Reiterabtheilung setzte ihren Marsch fort, indeß Lawton mit seinem Lieutenant und seinem Bedienten absaß und langsam auf die Thüre des Landhauses zuging. Obrist Wellmere hatte sich bereite auf sein Zimmer zurückgezogen; Herr Wharton befand sich allein mit seinem Sohne in einem andern Kabinet, und die Frauenzimmer beschickten den Theetisch für den Wundarzt der Dragoner, welcher eben von dem Besuche seiner Patienten kam und den einen im Bett, den andern unter dem wohlthätigen Einfluß eines ruhigen Schlafes gefunden hatte. Einige gewöhnliche Fragen von Seiten der Miß Peyton hatten des Doctors Herz aufgeschlossen, denn er kannte all Personen ihrer ausgedehnten Verwandtschaft in Virginien und bildete sich sogar ein, er müsse die Lady selbst schon gesehen haben. Die freundliche Dame lächelte, denn es kam ihr unmöglich vor, diesen neuen Bekannten schon sonst wo getroffen zu haben, ohne daß sie sich seiner Eigenthümlichkeiten sollte erinnern können. Doch wurde dadurch die Verlegenheit ihrer gegenseitigen Stellung sehr vermindert und eine Art von Unterhaltung eingeleitet, in welcher der Doctor vorzugsweise das Wort führte, da die Nichten blos zuhörten und die Tante im Grunde auch nicht viel weiter that. »Wie ich sagte, Miß Peyton, es waren blos die schädlichen Ausdünstungen der Niederung, welche die Pflanzungen Ihres Bruders zu einem unzweckmäßigen Aufenthalt für den Menschen machten; aber die vierfüßigen Thiere waren –« »Gott sey mit uns, was ist das?« sagte Miß Peyton erblassend, als sie den Knall der auf Birch abgefeuerten Pistolen vernahm. »Es klingt auf und nieder wie eine Lufterschütterung, wie sie durch die Entladung von Feuergewehren veranlaßt wird,« erwiederte der Wundarzt, indem er mit vieler Gleichgültigkeit seinen Thee schlürfte. »Ich würde glauben, daß Capitän Lawton's Zug auf dem Rückwege begriffen sey, wenn ich nicht wüßte, daß der Rittmeister nie Pistolen gebraucht und daß er den Säbel auf eine furchtbare Weise mißbraucht.« »Gütige Vorsehung!« rief die bestürzte Jungfrau, »er wird doch nicht jemand ein Leides damit zufügen?« »Ein Leides zufügen?« wiederholte der Andere schnell; »sicherer Tod ist es, Madame; Hiebe, so wild auf's Ungefähr, als man sich nur denken kann; und was ich ihm auch sagen mag, es ist Alles vergebens.« »Aber Capitän Lawton ist ja der Officier, der diesen Morgen hier war, und ist gewiß ein Freund von Ihnen« sagte Franciska schnell, als sie bemerkte, daß ihre Tante ernstlich beunruhigt war. »Ich finde nicht gerade, daß er unfreundlich gegen mich gesinnt ist. Der Mann wäre nicht so übel, wenn er nur wissenschaftlich zuhauen lernen wollte. Man muß doch Jeden von seinem Gewerbe leben lassen, Madame; aber was soll aus einem Chirurgen werden, wenn seine Patienten todt sind, ehe er sie zu Gesicht bekommt?« Der Doctor fuhr fort, über die Wahrscheinlichkeit oder Unwahrscheinlichkeit, daß die Schüsse von dem zurückkehrenden Reiterhaufen herrührten, eine Rede zu halten, bis ein lauter Schlag an die Thüre den Damen neuen Anlaß zum Schrecken gab. Der Wundarzt griff instinktartig nach einer kleinen Säge, welche den ganzen Tag, in der vergeblichen Hoffnung, bei einer Amputation dienen zu dürfen, seine treue Begleiterin gewesen war, versicherte den Damen mit großer Besonnenheit, daß er sich zwischen sie und die Gefahr stellen wolle und machte sich bereit, der Aufforderung Folge zu leisten. »Capitän Lawton!« rief der Chirurg, als er den Rittmeister auf den Arm seines Lieutenants gestützt, mühsam über die Schwelle schreiten sah. »Ah, mein lieber Knocheneinrichter, sind Sie es? Sie sind zur glücklichen Stunde da, um mein Gerippe zu visitiren; aber legen Sie diese lumpige Säge bei Seite.« Mason erklärte mit wenigen Worten die Art, wie der Rittmeister zu seinen Verletzungen gekommen, und Miß Peyton bewilligte gerne die erforderlichen Bequemlichkeiten. Während man zu diesem Zwecke ein Zimmer einrichtete und der Arzt einige geeignete Vorkehrungen traf, wurde der Capitän eingeladen, in dem Wohnzimmer auszuruhen. Auf dem Tische stand eine Schüssel, welche eine gediegenere Nahrung enthielt, als man gewöhnlich bei einer Abendzwischenmahlzeit aufstellt, und daher bald die Aufmerksamkeit der Dragoner auf sich zog. Miß Peyton erinnerte sich, daß die am Morgen an ihrem eigenen Tische eingenommene Erfrischung wahrscheinlich die einzige gewesen seyn mochte, deren die Reiter sich an diesem Tage zu erfreuen gehabt, und lud sie daher freundlich ein, sich des Vorhandenen zu bedienen. Das Anerbieten bedurfte keines Nöthigens und in wenigen Minuten saßen beide behaglich an einem Geschäfte, welches nur hin und wieder von einer Gesichtsverzerrung des Capitäns unterbrochen wurde, dem augenscheinlich jede Bewegung des Körpers Schmerz verursachte. Diese Unterbrechungen beeinträchtigten jedoch die Hauptverrichtung wenig und der Rittmeister war bereits mit dem Vollzug einer so wichtigen Obliegenheit glücklich zu Ende gekommen, als der Wundarzt zurückkehrte, um ihm anzuzeigen, daß in einem obern Zimmer Alles zu seiner Bequemlichkeit bereit sey. »Was! Sie essen?« rief der erstaunte Arzt; »Capitän Lawton, wollen Sie sterben?« »Ich habe kein besonderes Verlangen darnach,« sagte der Dragonerführer, indem er aufstand und den Damen seine Abschiedsverbeugung machte, »und deßhalb habe ich mich zu Fristung meines Lebens mit dem nöthigen Material versehen.« Der Wundarzt brummte mißbilligend und verließ hinter dem Rittmeister und Mason das Zimmer. Jedes Hans in Amerika hatte damals ein Gemach, welches man vorzugsweise das beste nannte, und dieses war, nicht ohne den unsichtbaren Einfluß Sara's, dem Obristen Wellmere zugefallen. Eine Daunendecke, wie sie in einer hellen, kalten Nacht so besonders wohlthätig auf zerschlagene Glieder wirkt, bedeckte das Bett des englischen Officiers. Eine schwere silberne Kanne mit dem reichen Basrelief des Wharton'schen Wappens enthielt das Getränk, welches er die Nacht über nehmen sollte, indeß bei den beiden Amerikanischen Rittmeistern hübsche Porcellängefäße diesen Dienst versehen mußten. Sara war sich wohl selbst nicht einmal des stummen Vorzugs, welchen sie in dieser Weise gegen den englischen Officier an den Tag gelegt hatte, bewußt, und für den Capitän Lawton mochten, abgesehen von seinen Verletzungen, Bett, Kanne und alles, das Getränk ausgenommen, sehr gleichgültige Dinge seyn, da er wohl die Hälfte seiner Nächte in den Kleidern, und nicht wenige davon im Sattel zugebracht hatte. Nachdem er von seinem kleinen, aber sehr bequemen Zimmer Besitz genommen hatte, begann Doctor Sitgreaves den Stand seiner Beschädigungen zu untersuchen. Dieser wollte eben mit der Hand über den Körper seines Patienten fahren, als Lawton ungeduldig ausrief: »Sitgreaves, thun Sie mit den Gefallen und legen Sie mit diese verhenkerte Säge weg, oder ich werde zu meinem Schutz nach dem Säbel greifen müssen; ihr Anblick macht mit das Blut zu Eis.« »Capitän Lawton, Sie haben für einen Mann, der so oft Glieder und Leben auf's Spiel setzte, eine unbegreifliche Furcht vor einem äußerst nützlichen Instrument.« »Der Himmel bewahre mich vor seinem Nutzen,« sagte der Reiter mit einem Achselzucken. »Sie werden doch das Licht der Wissenschaft nicht soweit verachten, daß Sie einen chirurgischen Beistand zurückweisen würden, bei dem diese Säge nothwendig seyn könnte?« »Allerdings würde ich das!« »Wie, Sie könnten?« »Ja, Sie sollen mich nicht wie ein Ochsenviertel zerstücken, so lange noch genug Leben in mit ist, um mich vertheidigen zu können,« rief der entschlossene Dragoner; »aber ich werde schläfrig; – sind einige meiner Rippen zerbrochen?« »Nein!« »Einige meiner Knochen?« »Nein!« »Tom, ich werde Ihnen dankbar seyn, wenn Sie mir jenen Krug reichen.« Als er getrunken hatte, wandte er bedächtlich seinen Gefährten den Rücken zu und rief gutmüthig: »Gute Nacht, Mason – gute Nacht, Galen.« Capitän Lawton hegte eine hohe Achtung von den chirurgischen Kenntnissen seines Kameraden, aber er war ziemlich ungläubig gegen Wirksamkeit innerlicher Arzneimittel bei körperlichen Leiden. Mit einem vollen Magen, einem muthigen Herzen und einem guten Gewissen, behauptete er oft, könne ein Mann der Welt und allen ihren Wechselfällen Trotz bieten. Die Natur hatte ihn mit dem zweiten ausgestattet, und er gab sich in der That auch alle Mühe, die beiden andern Erfordernisse seines Glaubensbekenntnisses zu bethätigen. Es war ein Lieblingsspruch von ihm, daß die Augen das allerletzte und die Kinnladen das vorletzte seyen, was von dem Tod angegriffen werde, und hieraus folgerte er, daß die Natur sonnenklar habe beweisen wollen, der Mensch solle nach seinem eigenen Gutdünken bestimmen, was in das Heiligthum seines Mundes zugelassen werden dürfe; wenn man daher keinen Appetit mehr habe, so müsse man das blos sich selber zuschreiben. Der Wundarzt, dem diese Ansichten seines Patienten nicht unbekannt waren, betrachtete den Rittmeister, als er ihm und Mason so höflich den Rücken zukehrte, mit einem Blicke mitleidiger Verachtung, steckte die Phiolen, welche er ausgepackt hatte, mit einer Sorgfalt, die fast an Verehrung gränzte, wieder in seine lederne Feldapotheke, schwang, als er fertig war, triumphirend seine Säge und entfernte sich, ohne sich so weit herabzulassen, die Abschiedsbegrüßung des Reiters einer Beachtung zu würdigen. Mason bemerkte an dem Athmen des Capitäns, daß sein eigenes »Gute Nacht« wohl nicht mehr gehört werden dürfte, und beeilte sich, den Damen sein Compliment zu machen, worauf er zu Pferde stieg und seinem Zug in vollem Galopp nachsprengte. Zehntes Kapitel. Der Geist im Scheiden noch den Theuren ruft, Sein letzter Blick verlangt nach frommen Thränen; Denn Liebe stirbt selbst nicht im Moderduft Und in der Asche glimmet fort ihr Sehnen. Gray.   Die Besitzungen des Herrn Wharton dehnten sich rund um seine Wohnung auf einige Entfernung aus; der größte Theil des Bodens war jedoch unangebaut und trug nur hin und wieder ein einzelnes Gebäude, das unbewohnt und dem Einsturze nahe war. Die Nachbarschaft der streitenden Heere hatte fast jede Spur des Feldbaues aus der Gegend verbannt, denn der Landwirth wandte vergeblich seine Zeit und den Fleiß seiner Hände auf, da eine gefüllte Kornkammer dem nächsten besten fouragirenden Reiterhaufen als eine willkommene Beute erschien. Niemand bebaute den Boden einer andern Absicht, als um die nöthigsten Mittel zur Erhaltung des Lebens zu gewinnen, und nur diejenigen machten eine Ausnahme, welche einer der sich gegenüberstehenden Armeen nahe genug lagen, um gegen einen Ueberfall der leichten Truppen des feindlichen Heeres gesichert zu seyn. Solchen bot jedoch der Krieg eine goldene Erndte, zumalen denjenigen, welche sich des Vortheils erfreuten, ihre Erzeugnisse an die brittische Armee absetzen zu können. Herr Wharton bedurfte seines Eigenthums nicht zum Zwecke seines Lebensunterhalts, und fügte sich daher gerne in die vorsichtige Politik des Tages, indem er sich nur auf die Erzeugung solcher Artikel beschränkte, welche bald in seinen eigenen Mauern aufgezehrt werden konnten oder sich leicht vor den spähenden Augen einer fouragirenden Mannschaft verbergen ließen. In Folge dessen hatte der Grund, auf welchem das Gefecht geliefert worden, kein einziges bewohntes Gebäude, als das, welches dem Vater von Harvey Birch zugehörte. Dieses Haus stand zwischen dem Platze, wo die Cavallerie aneinander gerathen war, und dem, wo der Angriff auf Wellmere's Fußvolk stattgefunden hatte. Der Tag war für Katy Haynes fruchtbar an Ereignissen gewesen. Die kluge Haushälterin hatte hinsichtlich ihrer politischen Gefühle stets die strengste Neutralität beobachtet. Ihre Verwandten standen auf der Seite des Vaterlandes, aber die umsichtige Jungfrau verlor, wie so manche Frauenzimmer mit glänzenderen Hoffnungen, nie den wichtigen Moment aus dem Auge, an dem man von ihr das Opfer der Vaterlandsliebe auf dem Altar der häuslichen Eintracht fordern könnte. Und doch erregte es dem guten Weibe trotz ihrer Schlauheit je zuweilen ein ernstes Bedenken, wie weit sie ihrer Zunge Raum geben dürfe, um doch gewiß zu seyn, daß sie der von dem Krämer begünstigten Sache zu Gefallen spreche. Es lag so viel Zweideutiges in dem Thun und Treiben des Letzteren, was ihr oft, wenn sie in dem unbehorchten Heiligthum ihres Haushalts eine Philippiea gegen Washington und seine Nachtreter eröffnen wollte, die Lippen versiegelte und Mißtrauen in ihre Seele pflanzte. Kurz, das ganze Benehmen des geheimnißvollen Wesens, dem sie ihre volle Aufmerksamkeit widmete, war geeignet, auch Leuten den Standpunkt zu verrücken, welche das Leben und die Menschen in einem weiteren Umfange kennen gelernt hatten, als dieses bei Birch's Haushälterin der Fall war. Die Schlacht auf den Ebenen hatte den vorsichtigen Washington auf die Vortheile, welche der Feind seiner Organisation, Bewaffnung und Mannszucht verdankte, aufmerksam gemacht, und es war nun seine Aufgabe, die Mängel des eigenen Heeres durch Sorgfalt und Wachsamkeit zu verbessern. Indem er seine Truppen nach den Hochlanden im nördlichen Theile der Grafschaft zog, konnte er den Angriffen der königlichen Armee Trotz bieten, und so blieb es denn Sir William Howe unbenommen, sich der unfruchtbaren Eroberung einer verlassenen Stadt zu erfreuen. Die sich bekämpfenden Armeen versuchten später nie wieder ihre Kräfte innerhalb der Gränzen von West-Chester, obgleich selten ein Tag verging, ohne daß in ihrem Bereich irgend ein Streifzug ausgeführt wurde, oder ohne daß ein Morgen aufdämmerte, an dem nicht die Einwohner von Ausschweifungen, die im Dunkel der Nacht verübt worden, zu erzählen gehabt hätten. Die meisten Wanderungen des Hausirers fielen auf Stunden, welche man gewöhnlich zur Ruhe verwendet, und die Abendsonne verließ ihn häufig an dem einen Ende des Thales, während sie ihn an dem kommenden Morgen, auf dem andern wieder antraf. Der Pack war sein beständiger Begleiter, und Manche, welche ihn zur Zeit, wo er fernen Handel betrieb, aufmerksam beobachteten, kamen auf die Vermuthung, daß die Aufhäufung von Gold sein einziger Lebenszweck sey. Man sah ihn oft fast brechend unter seiner Last in der Nähe der Hochlande, und dann wieder am Harlaemflusse, wo er mit leichteren Schritten gegen Abend wanderte. Immer war jedoch sein Auftauchen flüchtig und ungewiß. Was er in den Zwischenzeiten trieb, blieb jedem Auge verborgen. Auch verschwand er Monate lang gänzlich, ohne daß eine Spur seines Ziehens zu entdecken gewesen wäre. Die Höhen von Harlaem waren von starken Truppenabtheilungen besetzt; das nördliche Ende der Insel Manhattan starrte von den Bajonetten der englischen Vorposten, und doch gelang es dem Hausirer, unbemerkt und unangetastet durchzukommen. Auch näherte er sich häufig den amerikanischen Linien, doch stets in einer Weise, welche jeder Verfolgung Trotz bot. Manche in den Schlünden des Gebirgs aufgestellte Schildwache wußte von einer seltsamen Gestalt zu erzählen, welche man im Abendnebel hatte dahin gleiten sehen, und da diese Kunde auch zu den Ohren der Officiere gelangte, so war der Krämer auch wirklich, wie bereits mitgetheilt wurde, schon zweimal in die Hände der Amerikaner gefallen. Das erstemal entkam er kurz nach seiner Gefangennehmung dem Capitän Lawton; das zweitemal wurde er jedoch zum Tode verurtheilt. Als man aber an dem zu seiner Hinrichtung bestimmten Morgen den Käfig öffnete, war der Vogel ausgeflogen. Diese außerordentliche Flucht war aus dem Gewahrsam eines der Lieblingsofficiere Washington's, dabei der ausgesuchtesten Schildwachen, welche man für würdig gehalten hätte, die Person des Oberbefehlshabers selbst zu hüten, bewerkstelligt worden. An Bestechung und Verrath ließ sich bei solchen geachteten Männern nicht denken und bald gewann bei dem gemeinen Soldaten der Glaube Eingang, daß der Hausirer einen Bund mit dem Teufel habe. Katy verwarf jedoch diese Annahme immer mit Unwillen, denn nach reiflicher Erwägung der Umstände war die Haushälterin in den geheimen Winkeln ihres Herzens zu dem Schlusse gekommen, daß der böse Feind seine Zahlungen nicht in Gold mache. Die kluge Jungfrau berechnete weiter in ihren Gedanken, daß Washington dieses eben so wenig thue, da Versprechungen und Papier alles war, was dem Führer der amerikanischen Truppen zu Belohnung geleisteter Dienste zu Gebot stand. Zwar wurde nach der Verbündung mit Frankreich das Silber häufiger im Lande; aber obgleich Katy's spähende Augen keine thunliche Gelegenheit vorbei gehen ließen, um einen Blick in den hirschledernen Beutel zu werfen, so konnte sie doch nie entdecken, daß sich ein Bild Ludwigs unter die wohlbekannten Gesichter Georgs III. eingedrängt hätte. Kurz, Harvey's geheime Schätze zeigten in ihrem Gepräge deutlich, daß sie eine Beisteuer aus den Händen der Engländer war. Birch's Hans war zu verschiedenen Malen das Augenmerk der Amerikaner gewesen, die es, wiewohl stets vergeblich, auf die Person des Besitzers abgesehen hatten; denn der muthmaßliche Spion besaß Mittel, sich von ihren Absichten zu unterrichten, so daß er jedesmal ihre Anschläge zu vereiteln vermochte. Einmal, als eine starke Abtheilung des Continentalheers einen ganzen Sommer über die Kreuzwege besetzt hielt, war sogar von Washington Befehl gekommen, Harvey Birch's Thüre keinen Augenblick außer Acht zu lassen. Der Auftrag wurde auf's strengste befolgt und während dieser langen Periode blieb der Krämer unsichtbar; die Truppen zogen ab, und in der folgenden Nacht erschien Birch in seiner Wohnung. Harvey's Vater hatte wegen des verdächtigen Charakters seines Sohnes viel zu leiden. Aber ungeachtet man das Benehmen des alten Mannes auf das sorgfältigste beobachtete, so konnte doch nie etwas zu seinem Nachtheile erwiesen werden; auch war sein Eigenthum zu unbedeutend, um den Eifer der gewerbsmäßigen Patrioten rege zu erhalten, da der Einzug und Verkauf desselben ihre Mühe nicht belohnt haben würde. Alter und Kummer standen jetzt im Begriff, ihn aller weiteren Beunruhigungen zu überheben, denn das Oel in der Lampe seines Lebens ging zur Neige. Die neue Trennung des Vaters von dem Sohne war schmerzlich gewesen, aber beide unterwarfen sich mit Ergebung dem, was sie für ihre Pflicht hielten. Der alte Mann hatte seinen lebensgefährlichen Zustand vor seinen Nachbarn geheim gehalten, um noch in den letzten Augenblicken sich der Gesellschaft seines Kindes erfreuen zu können. Die Verwirrung des Tages und die zunehmende Furcht, Harvey möchte zu spät kommen, trugen dazu bei, das Ende zu beschleunigen, das er noch eine kleine Weile aufzuschieben sich sehnte. Als die Nacht anbrach, mehrte sich sein Uebelbefinden in einem so hohen Grade, daß die bestürzte Haushälterin einen müßigen Knaben, der sich während des Kampfes mit im Hause eingeschlossen hatte, nach den Locusten schickte, um einen Gefährten für ihre trostlose Einsamkeit herbeizuholen. Cäsar war die einzige entbehrliche Person, und von der gütigen Miß Peyton mit Eßwaaren und kräftigenden Arzneimitteln beladen, wurde der Schwarze abgesandt, um diesen nachbarlichen Liebesdienst zu verrichten. Die Arzneien konnten jedoch dem Sterbenden nichts mehr nützen, und das einzige, was ihm noch schwer auf dem Herz zu liegen schien, war die Besorgniß, ob er sein Kind wohl noch einmal sehen werde. Der Lärm, welchen Harvey's Verfolgung veranlaßte, wurde von denen im Hause vernommen, ohne daß sie den Grund desselben ahnten, denn beide, der Schwarze und Katy, wußten, daß weiter unten ein Theil der Amerikanischen Reiterei stehe, und vermutheten daher, daß jenes Getümmel nichts weiter, als die Rückkehr derselben zu bedeuten habe. Sie hörten die Dragoner langsam an dem Gebäude vorbeiziehen, und die Haushälterin enthielt sich, den weisen Einschärfungen ihres schwarzen Gefährten zu Gefallen, ihrer Neugierde Raum zu geben. Der alte Mann hatte die Augen geschlossen und schien zu schlafen. Das Haus enthielt zwei große Stuben und eben so viele kleinere. Eine der erstern diente als Küche und Wohnzimmer; in dem andern lag Harvey's Vater; von den kleineren war das eine das Heiligthum unserer Vestalin, das andere die Vorrathskammer für die Lebensmittel. In der Mitte erhob sich ein großer steinerner Rauchfang, welcher die beiden größeren Gemächer trennte und zu entsprechend großen Feuerstellen in denselben führte. Eine helle Flamme brannte auf dem Herde des Wohnzimmers und innerhalb der Steinschicht des ungeheuern Kamins saßen Cäsar und Katy zu der Zeit unserer gegenwärtigen Erzählung. Der Afrikaner suchte eben der Haushälterin seine eigene Behutsamkeit beizubringen und ihr die Gefahren einer müßigen Neugierde auseinander zu setzen. »Am besten, nie den Teufel versuchen,« sagte Cäsar und verdrehte dabei die Augen, daß der Glanz des Feuers nur noch das Weiße derselben beleuchtete. »Ich selbst verlieren beinahe ein Ohr für forttragen ein kleines Stückchen Brief. Viel Unglück kommen aus Neugierde. Wenn nie gewesen ein Mann neugierig, Afrika zu sehen, so würden nicht seyn farbige Leute außerhalb ihrer Heimath; aber ich wünschen, Harvey zurückkommen.« »Es ist sehr rücksichtslos von ihm, in einer solchen Zeit wegzubleiben, sagte Katy schmälend. »Angenommen, sein Vater wollte jetzt sein Testament machen, wer wäre da, um dieses ernste und wichtige Geschäft zu bereinigen? Harvey ist ein ausschweifender und sehr rücksichtsloser Mensch.« »Vielleicht er es schon vorher machen?« »Es sollte mich nicht wundern, wenn er das gethan hätte;« erwiederte die Haushälterin. »Er sieht oft ganze Tage in die Bibel.« »Dann er lesen ein sehr gutes Buch,« sagte der Schwarze feierlich. »Miß Fanny hie und da Dina daraus vorlesen.« »Ihr habt Recht, Cäsar. Die Bibel ist das beste von allen Büchern, und ein Mann, der so oft darin liest, als Harvey's Vater, muß wohl seine Gründe haben, warum er es thut. Das ist nicht mehr als natürlich.« Sie erhob sich von ihrem Sitze, stahl sich leise zu einer Kommode in dem Zimmer des kranken Mannes, nahm ein große, schwerfällig gebundene und mit starken Messingklampen versehene Bibel heraus und kehrte mit derselben zu dem Neger zurück. Das Buch wurde hastig geöffnet und sie begannen sogleich, die Blätter durchzusehen. Katy war jedoch nichts weniger als eine geübte Leserin, und Cäsarn waren die Buchstaben durchaus fremd. Eine Zeit lang war die Haushälterin bemüht, das Wort Matthäus aufzusuchen, und als sie es gefunden hatte, zeigte sie es mit großer Selbstgefälligkeit dem Neger. »Sehr wohl, nun sehen es durch,« sagte der Schwarze, indem er der Haushälterin über die Schulter sah und ein langes dünnes Licht von gelbem Talg in einer Weise hielt, daß es sein schwaches Licht aus die Blätter warft. »Ja, aber ich muß ganz von vorne anfangen,« erwiederte die andere und blätterte sorgfältig zurück, bis sie endlich in der Ungeduld zwei Blätter zumal umschlug, wo sie dann am Ende auf eine Seite stieß, welche beschrieben war. »Hier,« sagte die Haushälterin in bebender Erwartung, »hier sind seine eigenen Worte; ich würde jetzt die ganze Welt darum geben, wenn ich wüßte, wem er die schweren silbernen Schuhschnallen vermacht hat.« »Lesen es,« sagte Cäsar lakonisch. »Und die schwarze Wallnußkommode; denn Harvey kann ein solches Möbel doch nicht brauchen, so lange er ein Junggeselle ist.« »Warum er es nicht brauchen, so gut als sein Vater?« »Und die sechs silbernen Eßlöffel; Harvey bedient sich immer eines eisernen.« »Vielleicht er es sagen, ohne so viel reden,« versetzte der Schwarze nachdrücklich, indem er mit einem seiner krummen schmutzigen Finger auf das Buch deutete. Durch diese wiederholte Aufforderung und die eigene Neugierde angetrieben, fing Katy an zu lesen. Um jedoch schnell zu dem Theile zu kommen, welcher für sie am meisten Interesse hatte, begann sie gleich in der Mitte. »Chester Birch, geboren den ersten September 1755 –« buchstabirte die Jungfrau mit einer Bedächtigkeit, welche ihrer frühern Gelehrigkeit in der Schule nicht besonders zur Ehre gereichte. »Gut! was er geben dem?« »Abigail Birch, geboren den zwölften Juli 1757 –« fuhr die Haushälterin in derselben Weise fort. »Ich denke, er ihr geben muß die Löffel.« »Den ersten Juni 1760. An diesem Schreckenstage entzündete das Strafgericht Gottes mein Haus.« – Ein schweres Aechzen aus dem anstoßenden Zimmer ließ die Jungfrau unwillkührlich das Buch zuklappen, und Cäsar erbebte einen Augenblick vor Angst. Keines von beiden hatte genug Entschlossenheit, um nach dem Zustande des Leidenden zu sehen, dessen schweres Athmen jetzt wieder wie früher fortging. Katy wagte es jedoch nicht, die Bibel wieder zu öffnen und legte sie, nachdem sie die Klampen sorgfältig geschlossen hatte, schweigend auf den Tisch. Cäsar griff wieder nach seinem Stuhle und bemerkte nach einem furchtsamen Blick durch das Zimmer: »Ich haben glaubt, es gehen aus mit ihm.« »Nein,« sagte Katy feierlich, »er wird nicht sterben, bis die Fluth vorbei ist oder der erste Hahn den Morgen ankräht.« »Armer Mann!« fuhr der. Schwarze fort, indem er sich noch tiefer in den Kammwinkel drückte. »Ich hoffen, er schlafen ruhig nach sein Tod.« »Es würde mich nicht befremden, wenn er es nicht thäte; denn man sagt, ein ruheloses Leben lasse einem auch im Grabe keine Rast.« »Johnny Birch ein sehr guter Mann in sein Weise. Nicht jeder Mann können seyn ein Pfarrer; denn wenn das, wer wollte seyn Versammlung?« »Ach, Cäsar, nur der ist gut, wer gut handelt. Könnt Ihr mir sagen, warum man, ehrlich erworbenes Gold in dem Schooß der Erde verbergen sollte?« »Ei, ich denken, es muß seyn, zu halten Schinder ab, es zu finden. Wenn er wissen, wo liegt, warum er es nicht ausgraben?« »Es mögen Gründe vorhanden seyn, welche Ihr, nicht einseht,« sagte Katy und rückte den Stuhl so, daß ihre Kleider, den Zauberstein,« unter welchem die Schätze des Hausirers verborgen lagen, bedeckten; dabei war es ihr aber doch unmöglich, sich des Sprechens über etwas zu enthalten, was sie nur sehr ungerne entdeckt haben würde; »aber eine rauhe Außenseite birgt oft einen angenehmen Kern.« Cäsar stierte in dem Gebäude umher, denn er fühlte sich außer Stande, die Bedeutung der Worte seiner Gefährtin zu ergründen, als seine rollenden Augen auf einmal bewegungslos wurden und seine Zähne vor Furcht erklapperten. Katy bemerkte sogleich die Veränderung in dem Gesichte des Schwarzen und als sie sich umwandte, sah sie den Krämer selbst in der Thüre des Zimmers stehen. »Ist er noch am Leben?« fragte Birch zitternd und augenscheinlich über die Antwort auf seine Frage besorgt. »Gewiß,« sagte Katy, indem sie hastig aufstand und ihm dienstfertig ihren Stuhl anbot: »Er muß leben bis zum Morgen, oder doch bis die Fluth vorüber ist.« Ohne sich um etwas weiteres, als, den Umstand, daß sein Vater noch am Leben sey, zu bekümmern, trat der Hausirer leise in das Zimmer des Sterbenden. Das Band, welches Vater und Sohn zusammenknüpfte, war nicht von gewöhnlicher Art. Sie waren sich gegenseitig ihr Alles auf der ganzen weiten Welt. Wenn Katy einige Zeilen weiter gelesen hätte, so würde sie die traurige Geschichte ihrer Mißgeschicke gefunden haben. Sie hatten mit einem Schlage Wohlstand und Familie verloren, und von diesem Tage an bis zur gegenwärtigen Stunde war ihnen Ungemach und Verfolgung auf dem Fuße nachgeschritten. Harvey trat an's Bette, beugte sich über dasselbe und flüsterte mit einer vom Sturm der Gefühle fast erstickten Stimme in das Ohr des Kranken: »Vater, kennt Ihr mich?« Der Vater schloß die Augen auf, und ein freudiges Lächeln flog über seine bleichen Züge, welches den leichenhaften Ausdruck derselben, so bald es verschwunden war, nur noch ergreifender hervorhob. Der Krämer benetzte die trockenen Lippen des Kranken mit einem Stärkungsmittel, welches er mitgebracht hatte, und auf einige Minuten schienen sich die Kräfte des Leidenden wieder neu zu beleben. Er fing an zu reden, – aber nur langsam und mit Anstrengung. Katy wurde durch die Neugierde zum Schweigen gebracht; auf Cäsar übte das Entsetzen den gleichen Eindruck, und Harvey schien mit verhaltenem Athem den Worten des scheidenden Geistes zu lauschen. »Mein Sohn,« sagte der Vater mit hohler Stimme; »Gott ist eben so gnädig, als gerecht! Wenn ich den Kelch des Heils in meiner Jugend von meinen Lippen stieß, so reicht er ihn mir gnädig in meinem Alter. Er hat mich gezüchtigt, um mich zu reinigen, und ich gehe jetzt hin, um mich mit unsern hingeschiedenen Lieben zu vereinigen. Ueber ein Kleines, mein Kind, wirst Du allein stehen. Ich kenne Dich zu gut, um nicht voraus zu sehen, daß Du einsam durch's Leben pilgern wirst. Das gebrochene Rohr mag wohl grünen, aber es wird sich nicht wieder aufrichten. Du trägst etwas in Dir, Harvey, was Dich auf den rechten Weg führen wird. Fahre fort, wie Du angefangen; denn die Pflichten des Lebens dürfen nicht vernachlässigt werden – und –« Ein Geräusch in dem anliegenden Zimmer unterbrach den sterbenden Mann, und der ungeduldige Krämer eilte hinaus, um nach der Ursache desselben zu sehen, wobei ihm Katy und Cäsar folgte. Der erste Blick auf eine in der Thüre stehende Gestalt verkündigte dem Krämer nur zu gut den Grund der Störung und das Schicksal, welches seiner wahrscheinlich harrte. Der Eindringling war ein Mann in den jüngeren Jahren, obgleich seine Gesichtszüge auf ein von schlimmen Leidenschaften durchwühltes Gemüth schließen ließen. Sein Anzug war so schlecht, zerrissen und unscheinbar, daß sich daraus wohl eine verstellte Armuth erkennen ließ. Sein Haar war frühzeitig ergraut und das tiefliegende düstere Auge zeigte nichts von dem kühnen offenen Blicke der Unschuld. Es war eine Unruhe in seinen Bewegungen und eine Aufregung in seinem Benehmen, welche das Schaffen einer verderbten Seele, verriethen und die einen eben so unangenehmen Eindruck auf Andere machten, als er selbst sie wohl schmerzlich in seinem Innern fühlte. Dieser Mann war der berüchtigte Führer einer der vielen Gaunerbanden, welche aus Verbrechern jeder Art, von dem einfachen Dieb an bis zum Mörder, bestanden und unter dem Vorwande des Patriotismus das Land unsicher machten. Hinter ihm standen mehrere andere eben so gekleidete Gestalten, deren Züge jedoch nichts weiter, als die Gleichgültigkeit einer viehischen Rohheit ausdrückte. Alle waren mit Musketen und Bajoneten bewaffnet und mit dem gewöhnlichen Wehrbedarf des Fußvolkes versehen. Harvey sah wohl ein, daß Widerstand hier vergebens sey, und fügte sich ruhig ihrem Begehren. In einem Augenblick war er und Cäsar ihrer besseren Kleider beraubt, wogegen ihnen zum Austausche die der zwei Schmutzigsten aus der Bande überlassen wurden. Dann führte man sie in zwei verschiedene Zimmerecken, setzte ihnen die Musketenmündungen auf die Brust und forderte sie auf, alle Fragen, welche man an sie richten würde, gewissenhaft zu beantworten. »Wo ist Dein Pack?« war die erste Frage an den Krämer. Hört mich,« sagte Harvey zitternd vor innerer Erregung; »im nächsten Zimmer, liegt mein Vater im Todeskampfe. Laßt mich zu ihm gehen, seinen Segen empfangen, seine Augen zudrücken – und Ihr sollt Alles haben – ja, Alles.« »Antworte mir auf meine Frage, oder diese Muskete wird Dich in den Stand setzen, dem alten Fasler Gesellschaft zu leisten. Wo ist Dein Pack?« »Ich werde Euch nichts sagen, wenn Ihr mich nicht zu meinem Vater laßt,« sagte der Hausirer entschlossen. Sein Peiniger erhob mit boshaftem! Hohnlachen den Arm und war im Begriff, seine Drohung in Vollzug zu setzen, als ihn einer seiner Gefährten zurückhielt. »Was willst Du thun?« sagte er; »hast Du denn die Belohnung ganz vergessen? Sag' uns, Birch, wo Deine Habseligkeiten sind, und Du darfst zu Deinem Vater gehen!« Birch willfahrte sogleich, und einer der Gesellen wurde abgeschickt, um die Beute aufzusuchen. Er kam bald wieder zurück, warf den Bündel auf die Flur, und schwur, daß er federleicht sey. »Ha,« rief der Anführer, »dann muß sich das Gold irgendwo finden, welches er für den Inhalt gelöst hat. Gib uns Dein Gold, Meister Birch; wir wissen, daß Du hast, denn Du bist mit dem papiernen Continentalgeld nicht zufrieden – nein, sicher nicht.« »Ihr brecht Euer Wort,« sagte Harvey. »Gib uns Dein Gold,« rief der! Andere wüthend und stieß mit dem Bajonete nach dem Krämer, bis den Stößen das Blut in Strömen folgte. In diesem Augenblick ließ sich eine leichte Bewegung in dem nächsten Zimmer vernehmen, und Harvey schrie bittend: »Laßt mich – laßt mich zu meinem Vater gehen, und Ihr sollt Alles haben.« »Ich schwöre, daß ich dich dann gehen lassen will,« sagte der Schinder. »Da habt Ihr den Bettel,« rief Birch und warf den Beutel, den er ohngeachtet des Kleidertausches zu verbergen gewußt hatte, von sich. Der Räuber nahm ihn mit höllischem Lachen von dem Boden auf und sprach: »Ja, aber zu Deinem Vater im Himmel will ich Dich ziehen lassen.« »Ungeheuer! Hast Du kein Gefühl, keine Treue, keine Ehrlichkeit?« »Wenn man den hört, sollte man glauben, er habe noch keinen Strick um den Hals gehabt,« sagte der Andere lachend. »Ihr braucht Euch nicht so sehr zu beunruhigen, Meister Birch. Wenn der alte Mann Euch auch um einige Stunden den Vorsprung abgewinnt, so könnt Ihr sicher seyn, daß Ihr ihm morgen noch vor dem Mittagessen folgen werdet.« Diese gefühllose Rede übte keine Wirkung auf den Hausirer, der mit verhaltenem Athem auf jeden Ton aus dem Zimmer seines Vaters lauschte, bis er seinen eigenen Namen mit hohlen Grabestönen aussprechen hörte. Jetzt konnte Birch sich nicht länger halten, sondern rief in schneidendem Tone: »Vater! weg – Vater! ich komme – ich komme,« und stürzte an seinem Hüter vorbei, war jedoch im nächsten Augenblick durch das Bajonet eines andern aus der Bande an die Wand gespießt. Zum Glücke entkam er durch die rasche Bewegung dem Stoße, welcher es auf sein Leben abgesehen hatte, so daß er nur durch die angehefteten Kleider festgehalten wurde. »Nein, Meister Birch,« sagte der Schinder, »wir kennen Dich zu gut als einen aalglatten Schelm, um Dich aus dem Gesichte zu lassen. – Dein Gold! Dein Gold!« »Ihr habt es bereits,« sagte der Krämer im herbsten Seelenkampfe. »Ja, wir haben den Beutel; aber wir wissen, daß Du deren mehrere führst. König Georg ist ein pünktlicher Zahlmeister und Du hast ihm manchen guten Dienst geleistet. Wo ist Dein Schatz? Wenn Du ihn nicht auslieferst, wirst Du Deinen Vater nie wieder sehen.« »Nehmt den Stein unter jenem Weibe dort weg,« rief der Krämer hastig – »nehmt den Stein weg!« »Er ist wahnsinnig! er ist wahnsinnig!« sagte Katy, indem sie mit instinktartiger Schnelle den Stein verließ und auf einen andern trat. In einem Augenblick war dieser aufgerissen, aber es fand sich, nichts als Erde darunter. »Er rast! Ihr habt ihn um den Verstand gebracht,« fuhr die zitternde Haushälterin fort. »Würde ein Mann, der bei Sinnen ist, sein Gold unter dem Heerd verscharren?« »Schweig, plauderhafte Thorin!« rief Harvey. »Hebt den Eckstein auf, und Ihr findet, was Euch reich und mich zum Bettler machen wird.« »Und dazu zu einem recht verächtlichen,« sagte die Haushälterin bitter, »denn ein Krämer ohne Waaren und ohne Geld läuft aller Welt zum Gespötte umher.« »Es wird immer noch genug übrig bleiben, um einen Strick für ihn zu bezahlen,« erwiederte der Schinder, welcher nicht lässig war, Harvey's Anweisung zu befolgen, und bald auf einen Vorrath englischer Guineen stieß. Das Gold wurde schnell in einen Sack gefüllt, ungeachtet der Einsprache der Jungfrau, welche erklärte, daß sie für ihre Dienstleistungen noch nicht bezahlt sey und daß zehn Guineen davon von Rechtswegen ihr Eigenthum seyen. Entzückt von einer Beute, welche ihre Erwartungen bei weitem überstieg, schickte sich die Bande zum Abzug an, indem sie beabsichtigte, den Krämer an die Amerikanischen Truppen auszuliefern und die auf seine Ergreifung gesetzte Belohnung anzusprechen. Alles war bereit und sie wollten Birch, welcher sich entschlossen weigerte, auch nur einen Zoll breit von der Stelle zu gehen, auf den Armen fortbringen, als in ihrer Mitte eine Gestalt erschien, welche auch den Muthigsten dieser Unholde erstarren machte. Der Vater hatte sich von seinem Lager erhoben und war dem Angstruf seines Sohnes nachgewankt. Um seinen Körper war das Betttuch geworfen und das starre Auge und die hageren Züge gaben ihm das Aussehen eines Wesens aus einer andern Welt. Selbst Katy und Cäsar hielten die Erscheinung für den Geist des alten Birch; sie flüchteten sich schreiend aus dem Hause und die ganze Schaar der erschreckten Schinder stürzte ihnen nach. Die Aufregung, welche dem kranken Manne Kraft gegeben hatte, schwand jedoch bald wieder, und der Hausirer trug ihn auf den Armen nach seinem Bette. Die nun folgende Abspannung beschleunigte den Schluß der Scene. Das starre Auge des Vaters war auf den Sohn gerichtet, seine Lippen bewegten sich, aber kein Laut entströmte seinem Munde. Harvey beugte sich zu ihm nieder und empfing mit dem letzten Athemzug den Segen des sterbenden Vaters. Ein Leben voll Entbehrungen und Ungemach verbitterte die meisten der nachfolgenden Stunden des Hausirers. Aber unter keinem Leiden, unter keinem Mißgeschick, welches Armuth und Verkennung ihm bereitete, hat ihn je die Erinnerung an diesen Segen verlassen. Er leuchtete stets über den Bildern der Vergangenheit und warf seine heiligen Strahlen auf die trübsten Stunden innerer Verzweiflung; er erheiterte seinen Blick in die Zukunft, indem er ihm fromme Gebete in die Seele goß, und beruhigte das sturmbewegte Herz durch die Erinnerung an eine treulich geübte Kindespflicht. Die Flucht Cäsars und der Haushälterin war zu schnell gewesen, um viel Ueberlegung zuzulassen; doch, hatten sie sich instinktartig von den Schindern getrennt. Als sie eine kleine Strecke von dem Hause entfernt waren, hielten sie an, und die Jungfrau begann mit feierlicher Stimme: »O Cäsar! war es nicht schrecklich, daß er umging, ehe er noch in's Grab gelegt wurde? Es muß das Geld gewesen seyn, was ihm keine Ruhe ließ. Man sagt, Kapitän Kidd spucke noch an der Stelle, wo er in dem vorigen Kriege Geld vergraben habe.« »Ich nie mir denken, daß Johnny Birch haben so groß Aug!« sagte der Afrikaner, dessen Zähne noch von Furcht klapperten. »Es könnte wahrlich eine lebende Seele zum Wahnsinn bringen, so viel Geld zu verlieren. Harvey ist nun gar nichts mehr, als ein verächtlicher, bettelhafter Wicht. Mich soll es Wunder nehmen, wer ihm in Zukunft nur die Haushaltung führen mag!« »Vielleicht ein Gespenst Harvey auch nehmen weg,« bemerkte Cäsar, indem er sich näher an die Seite der Jungfrau drückte. Aber ein neuer Gedanke hatte die Einbildungskraft der letzteren ergriffen. Sie hielt es nicht für unwahrscheinlich, daß die Beute in der Verwirrung der Flucht vergessen worden sey, und nachdem sie sich einige Zeit mit Cäsar hin und her berathen hatte, beschloßen beide, sich zurück zu wagen, über diese wichtige Thatsache Gewißheit einzuziehen und wo möglich sich nach dem weiteren Schicksale des Hausirers zu erkundigen. Sie näherten sich langsam und vorsichtig dem gefürchteten Orte, und da die Jungfrau kluger Weise der Rückzugslinie der Schinder folgte, so wurde jeder Stein darum angesehen, ob er nicht der verlassene Goldhaufen sey. Aber obgleich der augenblickliche Schrecken und das Geschrei Cäsars Jene zu einer hastigen Flucht veranlaßt hatte, so hielten sie ihren Mammon doch mit so festen Griffen, daß er ihnen von dem Tode selbst nicht wieder abgejagt worden, wäre. Da in dem Hause alles ruhig war, bot endlich Katy aller ihrer Entschlossenheit auf und trat in die Wohnung ein, wo sie den Hausirer mit schwerem Herzen die letzten traurigen Pflichten gegen den Todten erfüllen sah. Wenige Worte genügten, um Katy ihren Irrthum zu benehmen; aber Cäsar fuhr bis zu seinem Tode fort, die schwarzen Bewohner seiner Küche mit gelehrten Abhandlungen über Gespenster in Verwunderung zu setzen und zu erzählen, wie schrecklich das Aussehen von Johnny Birch gewesen sey. Die Gefahr nöthigte den Krämer, sogar die wenige Zeit, welche der Amerikanische Brauch zu Bestattung eines Hingeschiedenen zuläßt, abzukürzen, und unter Katy's und des Schwarzen Beihülfe wurde das traurige Geschäft bald beendigt. Cäsar übernahm freiwillig den Gang einiger Meilen zu Bestellung eines Sarges und der Leichnam blieb in seinem gewöhnlichen Anzug, anständig mit einem Betttuch bedeckt, liegen, bis der Bote zurückkam. Die Schinder hatten sich Hals über Kopf nach dem Walde geflüchtet, der nur in kurzer Entfernung von Birch's Hause lag, und als sie sich im Schutze seiner Schatten befanden, machten sie Halt, um sich von ihrem panischen Schrecken zu erholen. »Was, in des Teufels Namen, hat Eure feigen Herzen ergriffen?« rief der unmuthige Führer fast athemlos. »Die nämliche Frage möchte ich an Dich thun,« entgegnete einer der Gesellen trotzig. »Euerer Furcht nach glaubte ich, es sey uns ein Trupp von de Lancey's Leuten auf der Ferse. O, Ihr seyd tapfere Herren, wenn es an's Laufen geht!« »Wir folgen unserm Hauptmanne!« »Dann folgt mir wieder zurück! Laßt uns den Schuft greifen und den Lohn gewinnen.« »Ja; und bis wir das Haus erreichen, wird der schwarze Schurke den tollen Virginier gegen uns aufgebracht haben. Mein Seel', ich will's lieber mit fünfzig Kühjungen zu thun haben, als mit diesem einzigen.« »Thor!« rief der erzürnte Führer, »weißt Du nicht, daß Dunwoodie's Reiterei an den Kreuzwegen ist, volle zwei Meilen von hier?« »Ich kümmre mich nichts d'rum, wo die Dragoner sind, aber ich will darauf schwören, daß ich Capitän Lawton in des alten Wharton's Haus gehen sah, während ich eine Gelegenheit abpaßte, das Pferd des brittischen Obristen aus dem Stall zu holen.«. »Und wenn er käme, würde eine Kugel so einen Dragoner aus dem Süden nicht eben so gut zum Schweigen bringen, als einen aus Alt-England?« »Ja; aber es ist nicht gut, in ein Hornissen-Nest zu stechen. Ritzt einem von diesem Corps nur die Haut und Ihr werdet nie wieder ruhig bei Nacht auf's Fouragiren gehen.« »Sey's d'rum,« brummte der Führer, während sie sich tiefer in den Wald zogen; »dieser einfältige Hausirer wird bleiben, um den alten Teufel begraben zu sehen; und obgleich wir ihn beim Leichenbegängniß nicht berühren dürfen (denn das würde jedes alte Weib und jeden Pfaffen in Amerika gegen uns in den Harnisch jagen), so wird er doch bleiben, um nach seinen Habseligkeiten zu sehen, und so mag dann die morgige Nacht allen seinen Bekümmernissen ein Ende machen.« Mit dieser Drohung zogen sie sich in einen ihrer gewöhnlichen Schlupfwinkel zurück, bis ihnen etwa die Dunkelheit Gelegenheit gab, auf das Eigenthum irgend eines Staatsangehörigen einen Angriff zu üben, ohne eine Entdeckung befürchten zu müssen. Elftes Kapitel. O weh! o weh! o grausenvoller Tag, O Jammertag! o qualenvollster Tag, Den ich in meinem Leben je geschaut! O Tag! o Tag! o Tag! Verhaßter Tag! Nie gab es einen Tag so schwarz als diesen! O Schreckenstag! o Schreckenstag! Romeo.   Die Familie in den Locusten hatte geschlafen oder gewacht, ohne von den beunruhigenden Auftritten in Birch's Wohnung die mindeste Kunde zu erhalten. Die Einbrüche der Schinder wurden immer so im Geheim betrieben, daß den Beraubten nicht nur jeder Beistand abgeschnitten, sondern auch oft durch die Drohung zukünftiger Plünderungen die mitleidige Theilnahme der Nachbarn verkümmert wurde. Die Damen waren wegen der Vermehrung der häuslichen Geschäfte eine Stunde früher als gewöhnlich aufgestanden und Capitän Lawton hatte gleichfalls, trotz seines leidenden Körpers, sein Lager verlassen, da er nie von der Regel abging, nicht länger als sechs Stunden zu schlafen. Dieß war einer von den wenigen Punkten der Gesundheitspflege, in welchen die Ansichten des Reiters und des Arztes stets harmonirten. Der Doctor hatte die ganze Nacht durch, ohne ein Auge zu schließen, an Kapitän Singleton's Bette gewacht. Gelegenheitlich wollte er auch dem verwundeten Engländer einen Besuch machen; da dieser aber mehr am Geiste als am Körper leidend war, so wurde diese Störung sehr ungnädig aufgenommen. Einmal wagte es auch der Doctor, sich auf einen Augenblick leise an das Bette seines widerspenstigen Kameraden zu stehlen, und es war ihm beinahe geglückt, seine Hand wegzukriegen, um den Puls zu fühlen, als der träumende Dragoner einen schrecklichen Fluch ausstieß, welcher den klugen Chirurgen zurückbeben machte und ihn an die in dem Corps verbreitete Sage erinnerte, daß Capitän Lawton immer nur mit einem Auge schlafe. Die ganze Gruppe hatte sich in einem der Gesellschaftszimmer versammelt, als die Sonne sich über die östlichen Berge erhob und die Nebelmassen, welche die Niederungen einhüllten, zu zerstreuen begann. Miß Peyton blickte aus einem Fenster nach der Hütte des Hausirers hin und drückte ihre theilnehmende Besorgniß über das Befinden des kranken Mannes aus, als plötzlich die Gestalt Katy's aus dem dichten Schleier einer an der Erde hinziehenden Wolke, deren Nebel in den heiteren Strahlen der Sonne verschwanden, auftauchte und in hastigen Schritten auf die Locusten zueilte. Es lag etwas in dem Aeußern der Haushälterin, was ein ungewöhnliches Unglück verkündete und die gutherzige Wirthschafterin in den Locusten öffnete die Thüre des Zimmers mit der wohlwollenden Absicht, den Gram, welcher so mächtig auf der Besuchenden zu lasten schien, zu besänftigen. Ein näherer Blick auf Katy's verstörte Züge befestigte Miß Peyton in ihrem Glauben, und mit der Erschütterung, welche edle Gemüther bei einer plötzlichen und ewigen Trennung selbst von dem geringsten ihrer Bekannten stets erfahren, fragte sie schnell: »Katy, ist er dahingegangen.?« »Nein, Madame,« antwortete die verstörte Jungfer mit großer Bitterkeit, »er ist noch nicht gegangen; aber jetzt kann er gehen, so bald es ihm beliebt, denn das Schlimmste ist schon geschehen. Ich glaube in der That, Miß Peyton, sie haben ihm nicht so viel Geld gelassen, um einen andern Anzug zu Bedeckung seiner Blöße kaufen zu können, denn ich kann Ihnen sagen, der, welchen er gegenwärtig hat, ist keiner von den besten.« »Wie?« rief die Andere erstaunt, »konnte Jemand das Herz haben, einen Mann in solcher unglücklichen Lage zu berauben?« »Herz?« wiederholte Katy nach Luft schnappend; »Leute wie diese haben gar keine Eingeweide. Berauben und Unglück, in der That! Ach, Madame, in dem eisernen Topf lagen offen, vor meinen Augen, vier und fünfzig Giuneen in Gold, außer dem, was noch unten lag und was ich nicht zählen konnte, ohne mich der Hände zu bedienen. Auch berührte ich es nicht gerne, denn es gibt da so ein Sprüchlein; aber dem Ansehen nach konnte es nicht weniger als zweihundert Guineen gewesen seyn, das, was sich in dem hirschledernen Beutel befand, nicht mitgerechnet. Aber Harvey ist nun wenig besser, als ein Bettler, und ein Bettler, Miß Jeanette, ist das allerverächtlichste Geschöpf auf Gottes Erdboden.« »Armuth ist bemitleidenswerth, aber nicht verächtlich,« sagte die Dame, ohne den ganzen Umfang des Unglücks begreifen zu können, das ihren Nachbar in der letzten Nacht überfallen hatte. »Aber was macht der alte Mann? Geht ihm sein Verlust sehr zu Herzen?« Katy's Züge verloren den natürlichen Ausdruck der Sorge und gingen in den der Trauer über, als sie antwortete: »Er ist glücklich allen Erdenleiden entnommen; das Klingen des Geldes holte ihn noch einmal aus dem Bette heraus, und die Erschütterung war zu heftig für seine arme Seele. Er starb ungefähr zwei Stunden und zehn Minuten vor dem Hahnenruf, so weit wir das angeben können. –« Sie wurde durch den Arzt unterbrochen, welcher herbeikam und sich mit großem Antheil nach der Natur seiner Krankheit erkundigte. Nach einem Blick auf die Gestalt des neuen Bekannten ordnete Katy instinktartig ihren Anzug und erwiederte: »Die Drangsale der Zeit und der Verlust seines Vermögens haben ihn auf's Krankenlager geworfen. Er nahm von Tag zu Tag mehr ab, und alle meine Bemühungen und Aengsten waren umsonst; denn Harvey ist jetzt nicht mehr als ein Bettler, und wer wird mich nun für alle meine Dienstleistungen bezahlen?« »Gott wird Euch für alles Gute, was Ihr an ihm gethan habt, belohnen;« sagte Miß Peyton mit Milde. »Ja,« fiel die Jungfrau hastig und mit einer Miene frommer Ergebung ein, die aber schnell dem bezeichnenden Ausdruck einer mehr weltlichen Sorge Platz machte; »aber dann habe ich auch meinen Lohn von drei Jahren her in Harvey's Händen gelassen, und wie soll ich nun wieder zu dem gelangen? Meine Brüder sagten mir zwar oft, ich solle mein Geld verlangen; aber ich dachte immer, Rechnungen zwischen Verwandten seyen bald abgemacht.« »Seyd Ihr denn mit Birch verwandt?« bemerkte Miß Peyton, als jene inne hielt. »Ach,« erwiederte die Haushälterin nach einem kleinen Zögern, »es war nach meiner Meinung fast eben so. Es soll mich Wunder nehmen, wenn ich nicht das Haus und den Garten ansprechen kann, obgleich man jetzt sagt, es werde ohne Zweifel, da es nun Harvey gehört, mit Beschlag belegt werden.« Sie wandte sich nun an Lawton, welcher schweigend dasaß und seine durchbohrenden Blicke unter den dichten Augbrauen hervor auf ihr haften ließ. »Vielleicht weiß mir dieser Herr Auskunft zu geben – er scheint Antheil an meiner Geschichte zu nehmen.« »Madame,« sagte der Reiter mit einer tiefen Verbeugung: »Ihr und Eure Erzählung, beides ist außerordentlich anziehend.« Katy lächelte unwillkührlich – »aber meine geringen Kenntnisse erstrecken sich auf nichts Weiteres, als eine Schwadron in's Feld zu führen und sie dort zu gebrauchen. Ich möchte Euch aber den Doctor Archibald Sitgreaves empfehlen; das ist ein Herr von umfassendem Wissen und unbegränzter Menschenliebe – die wahre Milch menschlicher Sympathieen und ein Todfeind aller nicht wissenschaftlichen Schnitte!« Der Wundarzt gab sich eine Würde und pfiff, während er einige Arzneifläschchen auf dem Tische betrachtete, ein Liedchen vor sich hin; die Haushälterin aber verbeugte sich gegen ihn und fuhr fort: »Ich denke, Sir, ein Weib hat von ihres Mannes Eigenthum kein Leibgeding anzusprechen, wenn sie nicht wirklich verheirathet waren?« Sitgreaves hatte den Grundsatz, daß man keinen Zweig des Wissens verachten dürfe, und war daher in allen Dingen, wenn sie auch nichts mit seiner Kunst zu thun hatten, erfahren. Zuerst erhielt ihn der Unwille über den Spott seines Kameraden schweigend; aber plötzlich änderte er seinen Vorsatz und antwortete der Fragerin mit einem gutmüthigen Lächeln: »Meiner Ansicht nach nicht. Wenn der Tod Eurer Hochzeit zuvorgekommen ist, so fürchte ich, gibt es kein Gegenmittel gegen den strengen Spruch des Rechts.« - Dieses klang Katy angenehm, obgleich sie von dem Ganzen nichts als die Worte »Tod« und »Hochzeit« verstand. Auf diese Theile der Rede richtete sie also ihre Antwort. »Ich glaubte, er warte nur auf den Tod des alten Herrn, um zu heirathen,« sagte die Haushälterin mit niedergeschlagenen Augen; »aber jetzt ist er nichts als ein verächtlicher Bursche, oder was dasselbe ist, ein Krämer ohne Haus, Waaren und Geld. Es möchte einem Manne in solchen Verhältnissen wohl schwer fallen, ein Weib zu kriegen. – Meinen Sie das nicht auch, Miß Benton?« »Ich kümmere mich wenig um solche Dinge,« sagte die Dame mit einiger Würde. Während dieses Zwiegesprächs hatte Capitän Lawton das Gesicht und das Benehmen der Haushälterin mit einem höchst komischen Ernste betrachtet, und besorgend, die, Unterhaltung möchte in's Stocken gerathen, fragte er scheinbar mit großer Theilnahme: »Ihr glaubt also, daß es Alter und Gebrechlichkeit war, was den alten Herrn zuletzt hingerafft hat?« »Und die unruhigen Seiten. Unruhe lastet schwer auf einem Krankenbette; aber ich denke, seine Seit war um, und wenn das der Fall ist, so liegt wenig daran, von welchem Doctor man Arznei einnimmt.« »In dieser Hinsicht muß ich Euch zurecht weisen,« unterbrach sie der Wundarzt. »Es ist zwar wahr, wir müssen alle sterben, aber wir dürfen uns des Lichts der Wissenschaft bedienen, um den Gefahren, welche uns zustoßen, zu begegnen, bis –« »Wir secundum artum sterben können,« rief der Dragoner. Der Arzt würdigte diese Bemerkung keiner Antwort; da er es aber für der Würde seiner Zunft angemessen erachtete, die Unterhaltung fortzuführen, so fügte er bei: »Vielleicht hätte in dem gegenwärtigen Falle eine umsichtige Behandlung das Leben des Patienten verlängern können. Was hatte er für einen Beistand?« »Keinen,« entgegnete die Haushälterin schnell. »Ich hoffe, er hat seinen letzten Willen in dem Testament niedergelegt.« Der Wundarzt achtete nicht auf das Lächeln der Damen und fuhr in seinen Fragen fort: »Ohne Zweifel ist es weise, sich auf den Fall des Todes vorzusehen. Aber unter wessen Pflege stand der Hingeschiedene während seiner Krankheit?« »Unter der meinigen,« antwortete Katy, indem sie sich ein etwas wichtiges Ansehen gab. »Aber ich kann wohl sagen, daß es weggeworfene Mühe war, denn Harvey ist ein zu erbärmlicher Bursche, um mich gegenwärtig in irgend einer Weise schadlos halten zu können.« Die wechselseitigen Mißverständnisse störten die Unterhaltung nur wenig, denn beide glaubten sich wenigstens großentheils zu verstehen, und Sitgreaves verfolgte den Gegenstand weiter. »Und wie habt Ihr ihn behandelt?« »Mit Liebe und Freundlichkeit, Sie können sich darauf verlassen,« sagte Katy etwas empfindlich. »Der Doctor meint die medicinische Behandlung, Madame,« bemerkte Capitän Lawton mit einem Gesichte, welches dem Leichenbegängnisse des Hingeschiedenen Ehre gemacht haben würde. »Ich docterte ihn meistens mit Kräutern,« sagte die Haushälterin mit einem Lächeln über ihren Irrthum. »Mit simplicibus also,« erwiederte der Wundarzt; »sie sind in den Händen der Laien besser, als die eingreifenderen Mittel. Aber warum brauchtet Ihr keinen regulären Beistand?« »Ach, du mein Gott, Harvey hat schon genug wegen seines häufigen Verkehrs mit den Reglern gelitten,« versetzte die Haushälterin; »er hat sein Alles verloren und muß nun als ein Vagabund durch's Land ziehen; und ich habe allen Grund, den Tag zu bereuen, an dem ich je die Schwelle seines Hauses betrat.« »Doctor Sitgreaves meint nicht einen regulären Soldaten, sondern einen regulären Arzt, Madame,« sagte der Reiter. »Oh!« rief die Jungfrau sich selbst verbessernd; »aus dem triftigsten aller Gründe – weil keiner zu haben war, und so übernahm ich denn selber seine Pflege. Wenn ein Doctor zur Hand gewesen wäre, so hätten wir ihn gewiß gerne gebraucht. Was mich anbelangt, so bin ich wegen des Docterns bekannt, obgleich Harvey sagt, ich bringe mich mit Arzeneien unter den Boden; aber ich wette, er kümmert sich wenig darum, ob ich lebe oder sterbe.« »Ihr zeigt darin Euern Verstand,« sagte der Wundarzt, indem er sich der Jungfrau näherte, welche ihre Handflächen und Fußsohlen der belebenden Hitze eines tüchtigen Feuers entgegen hielt, um in ihren Herzensnöthen wenigstens einigen Trost zu haben. »Ihr scheint mir eine kluge verständige Frau zu seyn, und manche, welche Gelegenheit haben, sich richtigere Ansichten zu verschaffen, würden wohl gut thun, Euch um Euere Kenntnisse und die Achtung, welche Ihr gegen das Licht der Wissenschaft habt, zu beneiden.« Obgleich ihn die Haushälterin nicht ganz verstand, so sah sie doch ein, daß er ihr eine Artigkeit gesagt habe; sie war daher sehr erfreut über seine Worte, und durch dieselben aufgemuntert fuhr sie lebhafter fort: »Man hat mir immer nachgesagt, es fehle mir nichts, als die Gelegenheit, um einen ganzen Arzt aus mir zu machen. Ehe ich in das Haus von Harvey's Vater kam, nannte man mich nur den Schürzendoctor!« »Mehr wahr, als höflich, möchte ich behaupten,« entgegnete der Wundarzt, welcher den Charakter des Weibes aus lauter Bewunderung vor dem Respect, welchen sie gegen die Heilkunst an den Tag legte, ganz aus dem Gesichte verlor. »In Ermangelung erleuchteterer Rathgeber ist die Erfahrung verständiger Matronen bei Bekämpfung der Fortschritte einer Krankheit hoch anzuschlagen; unter solchen Umständen, liebe Frau, ist es schrecklich, gegen Unwissenheit und Starrsinn ankämpfen zu müssen.« »Schlimm genug, wie ich aus eigener Erfahrung weiß,« rief Katy triumphirend; »Harvey ist in solchen Dingen so starrköpfig, wie ein unvernünftiges Thier. Man sollte denken, die Pflege, welche ich auf seinen bettlägerigen Vater verwendete, hätte ihn belehren können, daß man eine gute Abwartung nicht verachten dürfe. Aber er wird es schon noch erfahren, was es ist, wenn in einem Hause eine sorgsame Frau fehlt, obgleich ich weiß, daß er zu erbärmlich ist, um je wieder ein Haus zu besitzen.« »In der That, ich kann mir leicht vorstellen, wie wehe es Euch thun muß, es mit einem so eigensinnigen Menschen zu thun zu haben,« erwiederte der Wundarzt mit einem vorwurfsvollen Blick auf seinen Kameraden; »aber Ihr solltet Euch über solche Meinungen erheben, und die Unwissenheit, deren Kinder sie sind, nur bemitleiden.« Die Haushälterin zögerte einen Augenblick, da ihr die Bedeutung der Worte des Chirurgen nicht ganz klar war. Sie fühlte jedoch, daß er ihr etwas Höfliches und Freundliches gesagt hatte, und erwiederte, indem sie den natürlichen Fluß ihrer Zunge ein wenig anhielt: »Ich sagte Harvey oft, sein Benehmen sey verwerflich, und erst in der letzten Nacht erwahrte sich meine Behauptung vollständig. Zwar sind die Meinungen solcher Ungläubigen nicht von besonderer Bedeutung; aber doch ist es schrecklich, wie er sich zuweilen beträgt. Wenn ich nur daran denke, wie er mir die Nadel wegwarf –« »Was?« unterbrach sie der Wundarzt, »gibt er sich das Ansehen, als ob er den Gebrauch der Nadel verachte? Aber es ist ja täglich mein Geschick, auf Leute zu treffen, welche eben so verkehrt sind und eine noch strafwürdigere Verachtung gegen die Kenntnisse an den Tag legen, die aus dem Lichte der Wissenschaft fließen.« Während der Doctor so sprach, wandte er das Gesicht gegen Lawton; da er aber auf denselben hinunter blicken mußte, so blieben seine Augen nicht lange auf den abgemessenen ernsten Zügen des Reiters haften. Katy hörte mit bewundernder Aufmerksamkeit zu, und fügte, als der Andere seine Standrede geschlossen hatte, bei: »Dann glaubt Harvey auch nicht an Ebbe und Fluth.« »Wie? Nicht an Ebbe und Fluth?« wiederholte der Aesculap verwundert. »Traut er denn seinen Sinnen nicht? Aber vielleicht bezweifelt er nur den Einfluß des Mondes auf dieselben.« »Ja, so ist's,« rief Katy, vor Vergnügen zitternd, daß sie einen Gelehrten getroffen hatte, welcher ihre Lieblingsmeinungen unterstützen konnte. »Wenn Sie ihn hören würden, Sie müßten denken, er glaube nicht einmal, daß es so ein Ding, wie der Mond ist, gibt!« »Es ist der Fluch des Unglaubens und der Unwissenheit, liebe Frau, daß sie aus sich selbst Nahrung ziehen. Wenn der Geist einmal heilsame Belehrung verwirft, so verfällt er unwillkührlich auf Aberglauben und naturwidrige Folgerungen, welche die Sache der Wahrheit eben so sehr beeinträchtigen, als sie von den Hauptgrundsätzen menschlicher Erziehung abweichen.« Die Jungfrau war zu sehr von Bewunderung ergriffen, um es zu wagen, diesen Worten mit einer unverdauten Antwort zu begegnen, und der Wundarzt fuhr nach einer kurzen Pause philosophischer Geringschätzung fort: »Daß ein Mann mit gesunden Sinnen an dem Fluß der Gezeit zweifeln kann, ist mehr, als ich für möglich gehalten hätte. Der Starrsinn ist jedoch ein gefährlicher Gast und kann uns leicht in die größten Irrthümer führen.« »Sie glauben also, Ebbe und Fluth üben eine Wirkung auf den Zeitfluß?« fragte die Haushälterin. Miß Peyton erhob sich und winkte ihren Nichten, ihr in der nahen Speisekammer an die Hand zu gehen, während das dunkle Gesicht des aufmerksamen Lawton einen Augenblick von geheimer Lachlust strahlte, die er aber so kräftig unterdrückte, daß sie eben so schnell wieder verschwand, als sie aufgetaucht war. Nach einem kurzen Nachdenken, ob er auch die Sprecherin richtig verstanden habe, glaubte der Wundarzt, dem Drang nach Belehrung, wenn er gegen eine mangelhafte Erziehung anstrebt, etwas zugestehen zu dürfen und erwiederte: »Ihr meint wohl den Mond; viele Philosophen haben gezweifelt, in wie weit er auf Ebbe und Fluth einwirke; aber ich glaube, daß man willkührlich das Licht der Wissenschaft verwirft, wenn man nicht annimmt, er erzeuge beides, den Ab- und den Zufluß.« Da der Zufluß eine Krankheit war, welche Katy nicht kannte, so dachte sie, es sey das Beste, zu schweigen. Aber die Neugierde, zu erfahren, was der Doctor unter gewissen wichtigen Lichtern, auf welche er so oft anspielte, verstehe, ließ sie nicht lange ruhen, und sie wagte es endlich, mit der Frage herauszurücken: »Sind die Lichter, von denen Sie reden, vielleicht das, was man in unsern Gegenden Nordlichter nennt?« Aus Mitleid mit ihrer Unwissenheit wäre der Wundarzt vielleicht in eine weitläufige Erörterung des fraglichen Gegenstandes eingegangen, wenn, er nicht durch Lawton, der sich nicht mehr zu halten vermochte, unterbrochen worden wäre. Der Capitän hatte bisher mit großer Selbstbeherrschung zugehört; aber jetzt brach er in das heftigste Lachen aus, bis ihn der Schmerz seiner Glieder an seinen Sturz erinnerte und ihm die Thränen in dickeren Tropfen über die Wangen rollten, als man es je früher an ihm bemerkt hatte. Endlich aber ergriff der gekränkte Wundarzt die Gelegenheit einer Pause und sagte: »Für Sie, Capitän Lawton, mag es wohl eine Quelle des Triumphes seyn, wenn ein ununterrichtetes Weib etwas mißversteht, worüber sogar Männer der Wissenschaft lange verschiedener Meinung waren. Sie bemerken aber doch, daß diese achtbare Matrone die Lichter nicht zurückweist – sie verwirft nicht die Anwendung geeigneter Instrumente, um Beschädigungen des menschlichen Körpers wieder auszugleichen. Sie erinnern sich vielleicht noch, mein Herr, ihrer Anspielung auf den Nutzen der Nadel.« »Allerdings,« rief der belustigte Reiter, »um des Hausirers Hosen auszubessern!« Katy erhob sich in augenscheinlichem Verdruß und stellte sich in Bereitschaft, ihre Eigenschaften nun in einem desto höheren Glanze hervorleuchten zu lassen. »Es war kein gewöhnlicher Gebrauch,« sagte sie, »zu welchem ich die Nadel bestimmte. Ich wollte sie zu einem besseren Zwecke verwenden.« »Erklärt Euch weiter, Madame,« sagte der Wundarzt ungeduldig, »damit dieser Herr sehen möge, wie wenig Grund er zu seinem Frohlocken hat.« Aus diese Aufforderung hielt Katy einen Augenblick inne, um die nöthige Beredsamkeit zu Ausschmückung ihrer Erzählung zu sammeln. Das Wesentliche ihrer Mitteilung bestand darin, daß ein Kind, welches von den Armenpflegern Harvey anvertraut worden war, in der Abwesenheit des Hausherrn sich eine große Nadel, in den Fuß getreten hatte. Das beschädigende Instrument wurde nun sorgfältig mit Fett beschmiert, in Wolle gewickelt und untergewissen Besprechungen in einen Kaminwinkel gelegt, während der Fuß, aus Furcht, die sympathetische Einwirkung zu stören, sich selbst überlassen wurde. Die Ankunft des Krämers brachte eine gänzliche Veränderung in dieser bewunderungswürdigen Behandlung hervor, und die Folgen davon drückte Katy an dem Schlusse der Erzählung mit den Worten aus: »Man durfte sich daher nicht Wundern, daß das Kind nachher am Hundskrampf starb.« Doctor Sitgreaves ging nach dem Fenster, um den schönen Morgen zu bewundern, und gab sich alle Mühe, die Basiliskenblicke seines Kameraden zu vermeiden. Aber ein Gefühl, das er nicht bezwingen konnte, nöthigte ihn endlich doch, dem Capitän, Lawton in's Gesicht zu sehen. Die Züge desselben zeigten nichts als den Ausdruck der Theilnahme an dem Schicksale des armen Knaben; aber die siegstrahlenden Augen schnitten dem betäubten Manne der Wissenschaft in die Seele. Er murmelte etwas von dem Zustande seiner Patienten und entfernte sich in aller Eile. Miß Peyton erkundigte sich nun mit der ganzen Theilnahme ihrer schönen Seele nach dem Stand der Dinge in der Wohnung des Hausirers und horchte geduldig auf die weitschweifigen Mittheilungen Katy's über die Ereignisse der letzten Nacht. Die Haushälterin vergaß nicht, insbesondere bei der Größe des Verlusts an Geld, welchen Harvey erlitten hatte, zu verweilen, und sparte keineswegs ihre Vorwürfe darüber, daß er ein Geheimniß verrathen habe, welches so leicht zu bewahren gewesen wäre. »Denn, Miß Peyton,« fuhr sie fort, nachdem sie eine Weile Athem geschöpft hatte, »ich hätte mir das Geheimniß nicht einmal mit meinem Leben entreißen lassen. Sie konnten ihn im äußersten Falle doch nur umbringen, jetzt kann man aber sagen, daß sie ihn an Leib und Seele todtgeschlagen haben, oder was dasselbe ist, sie haben ihn zu einem verächtlichen Landstreicher gemacht. Es soll mich Wunder nehmen, wen er jetzt zu heirathen gedenkt, oder wer ihm Haus halten wird. Was mich anbelangt, so ist mir mein guter Name zu kostbar, um bei einem ledigen Manne zu bleiben, obgleich er, im Grunde genommen, nie daheim ist. Ich bin entschlossen, ihm heute noch zu sagen, daß ich nach dem Leichenbegängniß keine Stunde mehr als ledige Person in seinem Hause bleiben will. Und ihn heirathen? – daran mag ich gar nicht denken, wenn er sein Wanderleben nicht aufgibt und mehr in der Heimath bleibt.« Die gütige Wirthin in den Locusten ließ Katy ihre überströmenden Gefühle ausgießen und brachte durch einige umsichtige Fragen, welche eine tiefere Kenntniß von den Winkelzügen des menschlichen Herzens auf dem Felde der Liebe verriethen, als sich von einer Jungfrau wohl erwarten ließ, aus der Haushälterin genug heraus, um sich von der Unwahrscheinlichkeit zu überzeugen, daß Harvey je seine Person und die kümmerlichen Ueberreste seiner Glücksgüter Katy Haynes anbieten werde. Sie äußerte daher, daß sie bei dem gegenwärtigen größeren Umfange ihres Hauswesens eines Beistandes benöthigt sey, und drückte den Wunsch aus, Katy möchte ihren Aufenthalt nach den Locusten verlegen, im Falle der Hausirer ihrer Dienste nicht weiter bedürfte. Nach einigen vorläufigen Bedingungen von Seite der vorsichtigen Haushälterin wurde der Vertrag abgeschlossen; dann jammerte Katy noch eine Weile über die Größe ihres eigenen Verlusts und Harvey's Unempfindlichkeit, drückte ihre Neugierde aus, was wohl noch aus dem Krämer werden möchte und entfernte sich endlich, um die nöthigen Vorbereitungen zu dem Leichenbegängniß zu treffen, welches noch an demselbigen Tage stattfinden sollte. Lawton hatte sich aus Zartgefühl während der Unterredung der beiden Frauen zurückgezogen. Besorgniß führte ihn in das Zimmer des Capitän Singleton, welchen, wie wir bereits mitgetheilt, alle Officire des Corps um seines Charakters willen sehr lieb gewonnen hatten. Der junge Dragoner hatte bei so manchen Gelegenheiten gezeigt, daß sein eigenthümliches sanftes Wesen nicht Folge eines Mangels an Entschlossenheit war, und die fast weibliche Zartheit seines Benehmens und seines Aeußern konnte ihm daher auch den Augen dieser Parteigängertruppen nicht zum Nachtheile gereichen. Dem Major war er so theuer, wie ein Bruder, und die Hingebung, mit welcher er den Anordnungen seines Arztes Folge leistete, hatten ihn zu Doctor Sitgreaves Liebling gemacht. Das Ungestüm, mit welchem das Corps in seinen kühnen Angriffen zu Werke ging, hatte nach einander alle Officiere in den jeweiligen Gewahrsam des Wundarzts gebracht. Bei solchen Anlässen wurde dem Capitän Singleton von dem Manne der Wissenschaft die Palme der Lenksamkeit zuerkannt, indeß Capitän Lawton auf dem schwarzen Register stand. Sitgreaves erklärte oft in seiner einfachen trockenen Weise, die sich durch nichts außer Fassung bringen ließ, daß es ihm weit mehr Vergnügen mache, den erstern verwundet eingebracht zu sehen, als jeden andern Officier der Schwadron, und daß Lawton ihm am allerwenigsten zusage – ein Compliment und eine Verurtheilung, welche Singleton gewöhnlich mit ruhigem gutmüthigem Lächeln hinnahm und die von dem letzteren mit einer gravitätischen Verbeugung des Dankes erwiedert wurde. Bei der gegenwärtigen Gelegenheit trafen der gekränkte Wundarzt und der höhnische Dragoner in Singleton's Zimmer als auf einem Grunde zusammen, wo beide in dem gleichen Interesse handeln konnten. Sie vereinigten eine Weile ihre Bemühungen, dem verwundeten Officier Erleichterung zu verschaffen, woraus sich der Arzt nach dem für seine eigene Bequemlichkeit eingerichteten Zimmer zurückzog. Hier wurde er jedoch nach einigen Minuten durch den Eintritt Lawton's überrascht. Der Sieg des Dragoners war so vollständig gewesen, daß er fühlte, er könne jetzt der Großmuth Raum geben; er rief daher, indem er seinen Rock freiwillig auszuziehen begann, dem Doctor unbefangen zu: »Sitgreaves, thun Sie mir den Gefallen und kommen Sie meinem armen Leichnam ein wenig mit dem Lichte der Wissenschaft zu Hülfe.« Der Wundarzt begann bereits, den Spott, unerträglich zu finden. Als er aber einen Blick auf seinen Kameraden wagte, bemerkte er mit Ueberraschung seine Vorbereitungen und in Lawton's ganzem Benehmen einen Ausdruck von Aufrichtigkeit, welcher bei ähnlichen Gesuchen nicht in seiner Weise lag. Er milderte daher den beabsichtigten Ausbruch seiner Empfindlichkeit zu der höflichen Frage: »Bedarf Capitän Lawton irgendwie meiner Handreichung?« »Sehen Sie selbst zu, mein lieber Doctor,« sagte der Reiter gelassen. Es kommt mir vor, als ob auf meiner Schulter ein Regenbogen in allen Farben spiele.« »Sie haben ganz recht; es ist so,« sagte der andere, indem er den Theil mit vieler Zartheit und Umsicht untersuchte. »Zum Glück ist aber nichts zerbrochen. Es ist ein wahres Wunder, daß Sie noch so gut davon gekommen find.« »O, ich bin von Jugend auf ein rüstiger Springer gewesen und es fällt mir bei, daß ich schon etliche Male vom Pferde gestürzt bin; aber, Sitgreaves –« fuhr er mit Nachdruck fort, indem er auf eine Narbe seines Körpers deutete – »erinnern Sie sich noch dieses Stückchens Arbeit?« »Vollkommen, Jack; sie wurde brav gefaßt und prächtig herausgezogen. Aber glauben Sie nicht, es wäre besser, etwas Oel auf diese Quetschungen anzuwenden?« »Ohne Zweifel,« entgegnete Lawton mit unerwarteter Nachgiebigkeit. »Nun, mein lieber Junge,« rief der Doctor freudig, indem er das anempfohlene Linderungsmittel gleich selber in die beschädigten Stellen einrieb, »glauben Sie nicht, es wäre besser gewesen, wenn man es schon gestern Nacht gethan hätte?« »Ganz wahrscheinlich.« »Ja, Jack, wenn Sie mich aber einen Aderlaß hätten vornehmen lassen, als ich Sie zuerst sah, so würde das Ihnen einen unendlich wesentlicheren Dienst geleistet haben.« »Nichts vom Aderlassen,« sagte der Andere entschieden. »Es ist nun zu spät; aber eine Dosis Ricinus-Oel würde die bösen Säfte ganz prächtig abführen.« Der Rittmeister erwiederte hierauf nichts, biß aber die Zähne in einer Weise zusammen, welche wohl erkennen ließ, daß die Feste seines Mundes nicht ohne entschlossenen Widerstand angegriffen werden könne, und der erfahrene Arzt wechselte daher den Gegenstand der Unterhaltung. »Es ist doch Schade, John,« sagte er, »daß Sie den Schuft nicht fingen, nachdem Sie sich um seinetwillen so vieler Mühe und Gefahr unterzogen hatten.« Der Dragoner-Rittmeister gab keine Antwort und der Wundarzt fuhr, während er den Verband an die verwundete Schulter legte, fort: »Wenn ich überhaupt einmal wünschen könnte, ein Menschenleben zerstört zu sehen, so wäre es nur, um diesen Verräther hängen zu sehen.« »Ich glaubte, Ihr Geschäft sey das Curiren und nicht das Umbringen,« sagte der Reiter trocken. »Ja, aber wir haben seinen geheimen Mittheilungen so schwere Verluste zu danken, daß mich bisweilen eine sehr unphilosophische Aufwallung gegen diesen Spion beschleicht.« »Sie sollten solcher feindseligen Gesinnung gegen irgend einen Nebenmenschen keine Nahrung geben,« versetzte Lawton in einem Tone, daß dem Wundarzt die zur Befestigung des Verbandes bestimmte Stecknadel aus der Hand fiel. Er blickte dem Patienten in's Gesicht, um alle Zweifel an der Identität desselben zu beseitigen; als er jedoch sah, daß er wirklich die Worte seines alten Kameraden, des Capitäns John Lawton, vernommen hatte, nahm er seine verblüfften Fähigkeiten wieder zusammen und fuhr fort: »Ihre Lehre ist richtig, und ich kann ihr im Allgemeinen nur beipflichten. – Aber John, mein guter Junge, sitzt der Verband gut?« »Vollkommen.« »Ich bin im Ganzen derselben Meinung; aber jede Sache läßt eine gar vielseitige Betrachtung zu; daher auch kein Fall ohne Ausnahme. – Lawton, befinden Sie sich wohl?« »Ganz.« »Es ist nicht nur grausam gegen den Leidenden, sondern auch bisweilen ungerecht gegen Andere, wenn man ein Menschenleben zerstört, wo durch eine gelindere Züchtigung derselbe Zweck erreicht würde. – Nun, Jack, wenn Sie nur – bewegen Sie Ihren Arm ein wenig – wenn Sie nur – ich hoffe, Sie fühlen sich jetzt leichter, mein lieber Freund?« »Um Vieles.« »Wenn Sie, mein lieber John, nur Ihre Leute lehren würden, mit mehr Umsicht zuzuhauen; es würde ja zu demselben Zwecke führen – und mir ein großes Vergnügen machen. Der Doctor seufzte tief auf, nachdem es ihm gelungen war, sich von dem, was ihm so nahe am Herzen lag, zu befreien; der Dragoner aber zog kaltblütig seinen Rock wieder an und sagte bedächtlich, als er sich entfernte:. »Ich kenne keinen Zug, welcher verständiger zuhaut; sie spalten gewöhnlich den Schädel vom Wirbel bis auf die Zähne.« Der getäuschte Wundarzt sammelte seine Instrumente und ging mit schwerem Herzen, um den Obristen Wellmere auf seinem Zimmer zu besuchen. Zwölftes Kapitel. In diesem Feenbild lebt eine Seele So mächtig wie in riesigen Gestalten; Die zarten Glieder, die wie Espen beben Im Sommerabendhauch, durchströmt ein Geist, Der sich erheben kann zu Himmelshöhen Und seines milden Auges klare Fenster Erleuchten mit des Aethers Strahlenglanz. Duo   Die Anzahl und die Beschaffenheit der Gäste hatte die häuslichen Sorgen der Miß Jeanette Peyton sehr vermehrt. Der Morgen fand Alle wieder neu belebt, mit Ausnahme des jugendlichen Dragoner-Rittmeisters, an welchem Dunwoodie so tiefen Antheil nahm. Die Wunde dieses Officiers war sehr bedeutend, obgleich der Wundarzt fortwährend versicherte, daß keine Gefahr vorhanden sey. Sein Kamerad Lawton hatte, wie im vorigen Kapitel bemerkt wurde, sein Lager verlassen, und auch Heinrich Wharton erwachte aus seinem Schlafe, welcher durch nichts als durch einen Traum getrübt wurde, in dem der Capitän unter den Händen eines chirurgischen Novizen eine Amputation erleiden zu müssen vermeinte. Als er jedoch entdeckte, daß er nur geträumt hatte, fand sich der Jüngling sehr gestärkt durch den Schlummer, und Doctor Sitgreaves entfernte alle weiteren Besorgnisse durch die bestimmte Versicherung, er werde in vierzehn Tagen wieder ganz hergestellt seyn. Während dieser ganzen Zeit hatte sich Wellmere nicht blicken lassen. Er frühstückte auf seinem eigenen Zimmer und erklärte ungeachtet eines gewissen bedeutungsvollen Lächelns, von Seiten des Mannes der Wissenschaft, daß er zu schwach sey, um das Bette verlassen zu können. Der Chirurg überließ ihn daher der Bemühung, seinen Verdruß in der Einsamkeit seines Zimmers zu verbergen, um sich der angenehmeren Aufgabe, eine Stunde an Georg Singleton's Lager zuzubringen, zu unterziehen. Als der Doctor bei Letzterem eintrat, überflammte eine leichte Röthe das Gesicht seines Patienten. Er ging daher rasch auf ihn zu, legte den Finger an den Puls des Jünglings und winkte ihm zu schweigen, während er vor sich hinmurmelte: »Zunehmende Fiebersymptome, schneller Puls – nein, nein, mein lieber Georg, Sie müssen still und ruhig bleiben, obgleich Ihre Augen besser aussehen und Ihre Haut feucht ist.« »Ach, mein lieber Sitgreaves,« sagte der Jüngling, indem er die Hand des Arztes ergriff, »Sie sehen, daß ich kein Fieber mehr habe; forschen Sie, ob etwas von Jack Lawton's Reif auf meiner Zunge ist?« »Nein, in der That,« sagte der Wundarzt, als er, um in den Schlund sehen zu können, den Mund des Kranken mit einem Löffel so weit öffnete, als ob er Willens wäre, das Innere desselben in eigener Person zu besuchen. »Die Zunge ist nicht belegt und der Puls wird wieder ruhiger. Ah, der Aderlaß hat Ihnen gut gethan. Die Venäsection ist ein herrliches Specificum für südliche Constitutionen. Aber dieser tollköpfige Lawton hat sich gestern Nacht hartnäckig gegen das Aderlassen geweigert, obgleich er vom Pferde gestürzt ist. – Ei, Georg, Ihr Fall kömmt mir sonderbar vor,« fuhr der Doctor fort, indem er instinktartig seine Perücke wegwarf; »Ihr Puls ist weich und gleichförmig, Ihre Haut feucht, aber das Auge leuchtet und die Wangen glühen. – Ich muß diese Symptome genauer untersuchen.« »Ruhig, mein lieber Freund; ruhig,« sagte der Jüngling, auf das Kissen zurücksinkend, indem er alle Röthe, welche seinen Gefährten beunruhigt hatte, wieder verlor. »Ich glaube, Sie haben durch das Herausziehen der Kugel Alles gethan, was mein Zustand bedurfte. Ich versichere Sie, ich bin frei von Schmerzen, nur noch schwach.« »Capitän Singleton,« sagte der Wundarzt heftig, »es ist sehr anmaßend von Ihnen, Ihrem ärztlichen Beistand sagen zu wollen, daß Sie frei von Schmerzen seyen. Wenn wir nicht fähig wären, in solchen Dingen zu entscheiden, wozu wäre das Licht der Wissenschaft? Schämen Sie sich, Georg, schämen Sie sich; selbst der verkehrte Bursche, John Lawton, könnte sich nicht starrsinniger benehmen.« Der Patient lächelte, wehrte den Arzt, als er den Verband abnehmen wollte, sanft ab und fragte mit wiederkehrender Gluth der Wangen: »Sagen Sie mir, Archibald« – eine vertrauliche Anrede, welche selten das Herz des Operateurs zu besänftigen verfehlte – »sagen Sie mir, welcher himmlische Geist durch mein Zimmer glitt, als ich vorhin in halbem Schlummer dalag?« »Wenn mir Jemand bei meinen Patienten in's Gehege geht,« rief der Doctor hastig, »so will ich ihn – Geist oder nicht Geist – lehren, was es heißt, sich in Anderer Geschäfte zu mischen!« »Ruhig, mein Freund, es wurde keine Einmischung geübt, nicht einmal beabsichtigt. Sehen Sie« – er zeigte auf den Verband – »es ist Alles, wie Sie es verlassen haben; – aber die Gestalt glitt durch das Zimmer mit der Anmuth einer Fee und der Zartheit eines Engels.« Nachdem sich der Wundarzt überzeugt hatte, daß sich Alles in dem früheren Zustande befand, nahm er bedächtig seinen Sitz wieder ein, setzte die Perücke auf und fragte mit einer Kürze, welche dem Lieutenant Mason Ehre gemacht haben würde: »Hatte sie ein Frauenkleid an, Georg?« »Ich sah nichts, als ihre himmlischen Augen – ihr blühendes Antlitz, ihren majestätischen Schritt – ihre Anmuth,« erwiederte der junge Mann mit mehr Feuer, als der Arzt mit seiner geschwächten Constitution für verträglich hielt. Er legte daher die Hand auf den Mund des Sprechenden, um dem Fluß seiner Rede Einhalt zu thun, indem er selbst fortfuhr: »Es muß Miß Jeanette Peyton gewesen seyn, eine Dame von herrlichen Eigenschaften, mit – hem – mit einer Art von Gang, wie Sie ihn beschrieben haben – ein sehr einnehmendes Auge; und was ihr blühendes Antlitz betrifft, so darf ich sagen, daß die Pflichten der Menschenliebe ihr Gesicht so lieblich färben können, als die Rosen auf den Wangen ihrer jugendlicheren Nichten.« »Nichten? Hat sie denn Nichten? Der Engel, welchen ich sah, kann wohl eine Tochter, Schwester oder Nichte, aber nimmermehr eine Tante seyn.« »Still, Georg, still! Das Sprechen hat Ihren Puls wieder in Aufruhr gebracht. Sie müssen sich ruhig verhalten und sich auf die Ankunft Ihrer Schwester vorbereiten, welche in einer Stunde hier seyn wird.« »Was? Isabelle? – Und wer hat nach ihr geschickt?« »Der Major.« »Aufmerksamer Dunwoodie!« flüsterte der erschöpfte Jüngling und sank wieder auf das Kissen zurück, auf welchem er, nach dem Befehle seines ärztlichen Beistandes, ruhig liegen blieb. Auch Capitän Lawton war bei seinem ersten Morgenbesuch von allen Gliedern der Familie mit vielen höflichen Fragen über sein Befinden empfangen worden; für die Bequemlichkeit des englischen Obristen jedoch sorgte ein unsichtbarer Geist. Sara hatte absichtlich sein Zimmer nicht betreten; aber sie wußte, wo jedes Glas stand, und hatte mit eigenen Händen den Inhalt jeder Schüssel, welche auf seinen Tisch kam, zubereitet. Zur Zeit unserer Erzählung waren wir Amerikaner ein gespaltenes Volk, und Sara hielt es nur für ihre Pflicht, die Einrichtungen des Landes zu lieben, an welchem sie, als an dem Vaterlande ihrer Vorfahren, hing. Sie hatte jedoch noch andere, dringlichere Gründe für den Vorzug, welchen sie im Stillen dem Engländer zuerkannte. Sein Bild hatte zuerst die Leere ihrer jugendlichen Phantasie erfüllt – ein Bild, das sich durch viele der anziehenden Eigenschaften, welche ein weibliches Herz fesseln können, auszeichnete! Es ist wahr, daß sich seine persönlichen Vorzüge mit denen von Peyton Dunwoodie nicht messen durften, sie waren aber demungeachtet keineswegs zu verachten. Sara hatte sich diesen Morgen im Hause umgetrieben, indem sie oft sehnsuchtsvolle Blicke nach der Thüre von Wellmere's Gemach warf, ängstlich besorgt, wie es wohl mit seinen Wunden stehen möge, obgleich sie sich scheute, Erkundigung darüber einzuziehen. Die Furcht, ihre Theilnahme zu deutlich an den Tag zu legen, hielt ihre Zunge gebunden, bis endlich die jüngere Schwester mit der Unbefangenheit der Unschuld die ersehnte Frage an Doctor Sitgreaves richtete: »Obrist Wellmere,« sagte der Chirurg ernsthaft, »ist in einem Zustande, den ich einen freiwilligen nennen möchte. Er ist krank oder gesund, wie es ihm gerade zusagt. Sein Fall, junge Dame, übersteigt die Gränzen meiner Kunst, und ich denke, Sir Henry Clinton wäre der beste Helfer für seine Umstände. Freilich hat Major Dunwoodie den Verkehr mit diesem Arzt etwas schwierig gemacht.« Franciska lächelte, obgleich mit abgewandtem Gesicht, während Sara mit der Würde einer beleidigten Juno das Zimmer verließ. Ihr eigenes Gemach gab ihr jedoch nur wenig Trost; sie ging daher durch den langen Gang, der zwischen allen Gemächern des Gebäudes hinlief, bei welcher Gelegenheit sie bemerkte, daß die Thüre zu Singletons Zimmer offen stand. Der verwundete Jüngling war allein und schien zu schlafen. Sie wagte es daher, leise einzutreten und beschäftigte sich einige Minuten mit dem Ordnen der Tische und dem Zurechtstellen der für den Kranken bestimmten Erfrischungen, ohne zu wissen, was sie that, indem sie sich vielleicht einbildete, diese wenigen weiblichen Dienstleistungen gälten einem andern. Die natürliche Glut ihrer Wangen war durch den Wink des Wundarztes noch erhöht worden, ohne daß sich das Feuer ihrer Augen im geringsten vermindert hätte. Die Tritte des sich nähernden Doctors veranlaßten sie jedoch, schleunig mittelst einer Nebentreppe an die Seite ihrer Schwester zurückzukehren. Beide Mädchen suchten nun frische Luft in dem Säulengange vor dem Hause und während sie Arm in Arm miteinander auf und ab gingen, entspann sich zwischen ihnen das folgende Gespräch – »Dieser Wundarzt des Majors Dunwoodie hat etwas Widerliches an sich, so daß ich ihn von Herzen gerne hinweg wünschen möchte,« sagte Sara. Franciska richtete ihr lachendes Auge auf die Schwester, ohne etwas zu entgegnen; Sara wußte jedoch den Ausdruck desselben zu deuten und fügte hastig bei: »Doch ich vergesse, daß er zu den berufenen Corps der Virginier gehört und daß man deßhalb nur mit Ehrfurcht von ihm sprechen darf.« »Mit so viel Achtung, als dir beliebt, liebe Schwester; es ist nicht zu besorgen, daß du hierin mehr thuest, als mit Recht verlangt werden kann.« »Nach deiner Meinung freilich nicht,« sagte die ältere mit einiger Wärme; »aber es kömmt mir vor, als ob sich Herr Dunwoodie eine Freiheit herausgenommen habe, welche die Rechte der Verwandtschaft übersteigt. Er hat unseres Vaters Haus zu einem Spital gemacht.« »Wir sollten dankbar dafür seyn, daß es keine Kranken zu beherbergen hat, welche uns näher angehen.« »Dein Bruder ist einer davon.« »Wahr, wahr,« fiel Franciska bis an die Schläfen erröthend ein; »aber er kann das Zimmer verlassen und hält das Vergnügen, bei den Seinigen zu weilen, durch seine Wunde nicht für zu theuer erkauft. Wenn nur,« fügte sie mit bebenden Lippen bei, »der schreckliche Verdacht beseitigt wäre, der auf seinem Besuche haftet – ich würde dann seine Verwundung nicht hoch anschlagen.« »Du hast nun die Früchte der Rebellion in unserem eigenen Hause. Der Bruder verwundet, gefangen, vielleicht ein Schlachtopfer, der Vater in Kummer und Sorge, in seiner häuslichen Ruhe gestört und möglicher Weise sogar seines Besitzthums beraubt, weil er seinem Könige treu ist.« Franciska setzte ihren Spaziergang schweigend fort. Während sie nach dem nördlichen Eingange zum Thale blickte, waren ihre Augen fest auf den Punkt gerichtet, wo sich der Weg plötzlich hinter einem Bergvorsprung verlor; und vor jeder Wendung, welche ihr die Stelle aus dem Gesichte rückte, zögerte sie, bis eine ungeduldige Bewegung der Schwester sie zur Eile trieb, um mit derselben gleichen Schritt zu halten. Endlich sah man eine Chaise, nur von einem Pferde geführt, langsam und vorsichtig ihren Weg durch die Steine suchen, welche die sich durch's Thal windende Landstraße uneben machten, und gegen das Landhaus her einlenken. Franciska's Farbe wechselte, als der Wagen allmählich näher kam; und wie sie erst eine weibliche Gestalt an der Seite eines schwarzen Bedienten darin erkennen konnte, bebten ihre Glieder von innerer Bewegung, daß sie sich auf Sara stützen mußte. Einige Minuten, später langten die Reisenden am Hofthore an. Es wurde von dem der Kutsche folgenden Dragoner – demselben, welchen Dunwoodie an Capitän Singletons Vater abgesandt hatte – geöffnet. Miß Peyton ging ihrem Gaste entgegen und die Schwestern vereinigten sich mit ihr in der freundlichsten Bewillkommnung, wobei Franciska kaum das Auge von dem Gesichte des neuen Ankömmlings abzuwenden vermochte. Die Dame war jung, von leichtem und zartem Bau, in den schönsten Verhältnissen. Ihr Auge war groß, seelenvoll, schwarz und durchdringend, obschon sich hin und wieder etwas Wildes darin zeigte. Ihr üppiges Haar fiel, frei von dem damals üblichen Puder, in rabenschwarzen Ringeln herunter, indeß einige der Locken ihre Wangen beschatteten und durch ihren Kontrast mit dem blendenden Weiß der Haut der ganzen Erscheinung einen fast geisterhaften Ausdruck gaben. Doctor Sitgreaves half ihr aus dem Wagen und als sie die Vorhalle erreicht hatten, warf sie einen fragenden Blick auf den Arzt. »Ihr Bruder ist außer Gefahr und wünscht, Sie zu sehen, Miß Singleton,« sagte der Praktiker. Die Dame brach in einen Strom von Thränen aus. Franciska war mit einer Art unruhiger Bewunderung in das Anschauen von Isabellens Antlitz und Bewegungen verloren da gestanden; nun eilte sie aber mit schwesterlicher Theilnahme an die Seite ihres Gastes, umschlang den Arm derselben liebevoll mit dem ihrigen und führte sie nach einem abgelegenen Zimmer. Diese Bewegung geschah so freimüthig, so rücksichtsvoll und zartfühlend, daß selbst Miß Peyton ihre Einmischung unterließ und dem jungen Pärchen nur mit den Augen und einem wohlgefälligen Lächeln folgte. Ein gleiches Gefühl theilte sich den übrigen Umstehenden mit, die sich nun wieder zu ihren gewöhnlichen Beschäftigungen begaben. Isabella überließ sich dem edeln Einflusse Franciska's ohne Widerstreben und weinte, mit letzterer in dem Zimmer angelangt, stille auf den Schultern des achtsamen Mädchens, welches sie zu beruhigen suchte, bis es Franciska schien, daß ihre Thränen das für den gegenwärtigen Anlaß geeignete Maaß überschritten. Miß Singletons Schluchzen war eine Weile heftig und unbezwinglich, bis sie sich endlich, mit augenscheinlicher Anstrengung, durch die freundlichen Worte ihrer Gefährtin beruhigen ließ und ihre Thränen zu unterdrücken vermochte. Ihren Blick zu Franciska's Augen erhebend, stand sie auf und ein Strahl lieblichen Lächelns überflog ihre Züge. Sie bat wegen des Uebermaaßes ihrer Aufregung um Entschuldigung und wünschte in das Zimmer des Kranken geführt zu werden. Das Wiedersehen der Geschwister war warm, aber von Isabellens Seite in Folge des Zwanges, den sie sich anthat, gefaßter, als sich nach dem vorangegangenen Gemüthssturme erwarten ließ. Sie fand das Aussehen ihres Bruders besser und die Gefahr geringer, als ihre lebhafte Phantasie sich vorgestellt hatte. Ihre Lebensgeister hoben sich allmälig und gingen aus dem früheren trostlosen Zustande zu einer Art Heiterkeit über. Ihre schönen Augen leuchteten mit erneuertem Glanze und ihr Antlitz stralte von einem so bezaubernden Lächeln, daß Franciska, welche sie auf ihre ausdrückliche Bitte mit in's Krankenzimmer begleitet hatte, mit Staunen die Züge betrachten mußte, welche neben einem ihr unbegreiflichen Zauber eine so wunderbare Biegsamkeit besaßen. Der Jüngling warf, als sich die Schwester seinen Armen entwunden hatte, einen ernsten Blick auf Franciska, und vielleicht genügte dieser erste Blick auf die lieblichen Züge unserer Heldin, um ihn das Auge in getäuschter Erwartung abwenden zu lassen. Er schien verwirrt und rieb sich nachsinnend die Stirne, wie Jemand, der aus einem Traum erwacht. »Wo ist Dunwoodie, Isabella?« sagte er. »Die herrliche Seele wird nie müde, Liebesdienste zu erweisen. Nach einem so schweren Tag, wie der gestrige, brachte er die Nacht damit zu, mir eine Pflegerin zu verschaffen, deren Gegenwart allein schon im Stande ist, mich dem Krankenlager zu entreißen.« Der Ausdruck in dem Gesichte der Lady veränderte sich, ihr Auge streifte wild durch das Gemach, so daß Franciska, welche ihre Bewegungen mit ungeminderter Theilnahme beobachtete, ängstlich zurückschrack. »Dunwoodie? Ist er denn nicht hier? Ich hoffte ihn an der Seite meines Bruders zu finden!« »Er hat Pflichten, welche seine Gegenwart anderswo verlangen. Die Engländer sollen sich an dem Hudson hinziehen, und da haben unsere leichten Truppen vollauf zu thun. Gewiß würde ihn nichts Anderes so lange von dem Lager eines verwundeten Freundes ferne halten. Aber, Isabella, das Wiedersehen hat dich zu sehr angegriffen; du zitterst.« Isabella gab keine Antwort; sie streckte die Hand, gegen den Tisch aus, auf welchem die Erfrischungen des Capitäns standen, und die aufmerksame Franciska begriff sogleich ihren Wunsch. Ein Glas Wasser belebte die Schwester wieder einigermaßen, so daß sie zu sagen vermochte: »Ohne Zweifel fordert es seine Pflicht: man sagt oben, daß eine Abtheilung königlicher Truppen dem Laufe des Flusses folge – und doch bin ich, kaum zwei Meilen von hier, an unserer Reiterei vorbeigekommen.« Der letztere Theil ihrer Rede war kaum hörbar und klang eher wie ein Selbstgespräch, welches nicht für die Ohren ihrer Gefährten bestimmt war. »Auf dem Marsch, Isabella?« fragte ihr Bruder lebhaft. »Nein, abgesessen und augenscheinlich Rasttag haltend,« war die Antwort. Der Dragoner blickte verwundert in das Gesicht seiner Schwester, welche mit zur Erde gesenktem Blicke in völliger Geistesabwesenheit da saß, und vermochte sich ihr Benehmen nicht zu erklären. Dann sah er auf Franciska, welche, durch den Ernst seiner Züge erschreckt, aufstand und hastig fragte, ob er eines Beistandes bedürfe. »Wenn Sie die Unhöflichkeit verzeihen wollen,« sagte der verwundete Offizier, indem er sich im Bette aufzurichten suchte, »so möchte ich wohl einen Augenblick um Capitän Lawtons Gesellschaft bitten.« Franciska beeilte sich, diesen Wunsch sogleich dem genannten Herrn mitzutheilen, und kehrte, durch eine Theilnahme getrieben, welche sie nicht zu bewältigen vermochte, wieder zu ihrem Sitz an Miß Singletons Seite zurück. »Lawton,« sagte der Jüngling ungeduldig, »hast du etwas von dem Major gehört?« Das Auge der Schwester wandte sich nun zu dem Gesichte des Reiters, welcher sich mit dem Anstand und der Freimüthigkeit eines Soldaten gegen die Dame verbeugte. »Seine Ordonnanz ist zweimal hier gewesen, um zu fragen, wie es in unserem Lazarethe gehe.« »Und warum kam er nicht selbst?« »Das ist eine Frage, welche der Major beantworten muß. Du weißt übrigens, daß die Rothröcke um den Weg sind, und Dunwoodie hat das Commando. Man muß auf die Engländer Acht haben.« »Wahr,« sagte Singleton langsam, als ob ihm die Gründe des Andern einleuchteten, »aber wie kommt es, daß Du unthätig bist, wenn es zu thun gibt?« »Mein rechter Arm ist nicht im besten Stande und mein Rothschimmel führt diesen Morgen einen gar schlenkerigen Gang; außerdem gibt es noch einen weiteren Grund, den ich anführen könnte, wenn ich nicht besorgen müßte, Miß Wharton würde ihn mir nimmer vergeben.« »Ich bitte, sprechen Sie, ohne mein Mißfallen zu befürchten,« sagte Franciska, indem sie das gutmüthige Lächeln des Reiters mit der ihrem lieblichen Gesichte natürlichen Schalkhaftigkeit erwiederte. »Nun, die Düfte, die aus Ihrer Küche aufsteigen,« rief Lawton derb – »verbieten mir, diese Besitzungen zu verlassen, bis ich im Stande bin, aus eigener Ueberzeugung von der Fruchtbarkeit des Landes ein Zeugniß abzulegen.« »O, Tante Jeanette gibt sich alle Mühe, der Gastfreundlichkeit meines Vaters Ehre zu machen,« entgegnete das Mädchen lachend, »und da ich ihr von der Arbeit weggelaufen bin, so muß ich wohl, um ihre Gunst wieder zu gewinnen, meinen Beistand anbieten.« Franciska eilte fort, um ihre Tante aufzusuchen, machte sich aber auf ihrem Wege ernste Gedanken über den Charakter und die außerordentliche Reizbarkeit der neuen Bekannten, welche die Zahl der Bewohner des Landhauses vermehrt hatte. Der verwundete Officier folgte ihr mit den Augen, als sie sich mit Kindesanmuth nach der Thüre bewegte und bemerkte nach ihrem Verschwinden: »Solch' eine Tante und solch' eine Nichte sind selten zu finden, Jack. Diese scheint eine Fee; aber die Tante ist ein Engel.« »Ha, mit Deinem Befinden steht es nicht übel, wie ich sehe, da sich Dein Enthusiasmus für das schöne Geschlecht wieder zu regen beginnt.« »Ich müßte eben so undankbar als unempfindlich seyn, wenn ich nicht der Liebenswürdigkeit von Miß Peyton das Wort reden würde.« »Eine gute mütterliche Dame; doch was ihre Liebenswürdigkeit anbelangt – nun das ist Geschmacksache. Einige Jahre weniger, mit aller Achtung vor ihrer Klugheit und Erfahrung, würden mir wenigstens weit besser zusagen.« »Sie kann noch nicht zwanzig seyn,« erwiederte Singleton schnell. »Je nachdem man zählt. Wenn Du bei dem Wendepunkt des Lebens anfängst – gut. Wenn Du aber nach der gewöhnlichen Weise rechnest, so mag sie ungefähr ihre vierzig auf dem Rücken haben.« »Du hältst irriger Weise die ältere Schwester für die Tante,« sagte Isabella, indem sie ihre schöne Hand auf den Mund des Kranken legte; »aber Du mußt dich ruhig verhalten! Deine Gefühle greifen dich zu sehr an.« Das Erscheinen des Doctor Sitgreaves, welcher mit einiger Unruhe die zunehmenden fieberischen Symptome seines Patienten bemerkte, unterstützte diese Weisung, und Lawton entfernte sich, um seinem Rothschimmel, der bei dem Burzelbaume der letzten Nacht sein Leidensgefährte gewesen war, einen Condolenzbesuch abzustatten. Zu seiner großen Freude erfuhr er von dem Bedienten, daß das Pferd eben so gut Reconvalescent sey, als sein Herr, und Lawton fand nach mehrstündiger Anwendung von Einreibungen in die Glieder des Thiers, daß es nun wieder im Stande sey, seine Füße in eine systematische Bewegung, wie er es nannte, zu setzen. Es wurde daher Befehl gegeben, das Pferd zu einem Ritt nach den Kreuzwegen bereit zu halten, sobald dessen Gebieter die Wohlthat der nahen Mittagsmahlzeit mitgenossen habe. Während dieses vorging, besuchte Heinrich Wharton den Obristen Wellmere auf seinem Zimmer, und es gelang ihm, durch die Sympathie ihres Geschicks den Engländer wieder zu guter Laune zu bringen. Letzterer wurde dadurch in den Stand gesetzt, aufzustehen und bereitete sich vor, einem Nebenbuhler zu begegnen, über den er so leichthin, und wie der Erfolg zeigte, so unverständig abgesprochen hatte. Wharton wußte, daß ihr Unfall, wie beide ihre Niederlage nannten, eine notwendige Folge von des Obristen Uebereilung war; aber er unterließ es, von etwas anderem, als von dem unglücklichen Zufall zu sprechen, welcher die Britten ihres Anführers beraubte, und dem er gutmüthiger Weise die ganze nachherige Schlappe zuschrieb. »Kurz, Wharton,« sagte der Obrist, indem er ein Bein aus dem Bette streckte, »man könnte es einen Zusammenfluß ungünstiger Umstände nennen. Ihr eigenes, unlenksames Pferd verhinderte, daß Sie dem Major meinen Befehl bringen konnten, den Rebellen bei Zeit in die Flanken zu fallen.« »Sehr wahr,« erwiederte der Capitän, indem er mit dem Fuße einen Pantoffel an's Bett schob; »wäre es uns geglückt, einige tüchtige Seitenfeuer auf sie zu eröffnen, so hätten diese tapferen Virginier wohl rechtsum machen müssen.« »Ja, und das in vollem Rennen,« schrie der Obrist und ließ das andere Bein seinem Gefährten folgen. »Zudem war es nöthig, die Wegweiser zu verscheuchen, wie Sie ja selber wissen, und diese Bewegung gab ihnen die beste Gelegenheit zum Angriff.« »Allerdings,« sagte der Andere und rückte den zweiten Pantoffel an's Bett, »und der Major Dunwoodie übersieht nie einen Vortheil.« »Ich denke, wenn wir die Geschichte noch einmal durchzumachen hätten,« fuhr der Obrist fort, indem er sich auf die Füße half, »so möchte sich der Fall ganz anders gestalten; indeß ist doch die Hauptsache, deren sich die Rebellen rühmen können, meine Gefangenschaft. Sie haben gesehen, wie ihr Versuch, uns aus dem Wald zu treiben, abgeschlagen wurde.« »Wenigstens würde es geschehen seyn, wenn sie einen Angriff gemacht hätten,« sagte der Capitän und warf dem Obristen die übrigen Kleider zu. »Ach, das ist ganz dasselbe,« entgegnete Wellmere, indem er sich anzukleiden begann; »es ist die Hauptsache in der Kriegskunst, eine Stellung einzunehmen, daß der Feind eingeschüchtert wird.« »Ohne Zweifel, auch werden Sie sich erinnern, daß er in einem seiner Angriffe vollständig in Verwirrung gebracht wurde.« »Allerdings – allerdings,« rief der Obrist lebhaft, »wäre ich nur dabei gewesen, um den Vortheil zu benützen, so hätten wir diesen Yankees wohl den Appetit verderbt.« Während er so sprach und seine Toilette beendigte, kam er noch in größeres Feuer, und bald war er bereit, in der Gesellschaft zu erscheinen, da er sich nun in seiner eigenen guten Meinung völlig wieder hergestellt sah und sich in die volle Ueberzeugung hineingearbeitet hatte, daß seine Gefangennehmung nur eine Folge von Zufällen gewesen sey, welche außer dem Bereiche menschlicher Berechnung lägen. Die Kunde, daß Obrist Wellmere an der Tafel erscheinen werde, verminderte keineswegs die Vorbereitungen zum Mahle, und Sara, nachdem sie die Begrüßung dieses Ehrenmannes hingenommen und sich teilnehmend nach dem Zustand seiner Beschädigungen erkundigt hatte, entfernte sich, um bei der Auszierung der Gerichte, welche damals auf dem Lande so gewöhnlich war und auch heut zu Tage noch hin und wieder einen wichtigen Theil der Küchenverrichtungen ausmacht, mit ihrem Rathe und ihrem Geschmack an die Hand zu gehen. Dreizehntes Kapitel. – – Ich bleibt hier und esse, Und wär's mein Letztes. Der Sturm.   Der Duft der Zubereitungen, welcher bereits von Capitän Lawton nicht unbeachtet geblieben war, begann das ganze Innere des Landhauses zu erfüllen. Gewisse süße Wohlgerüche, welche aus Cäsars unterirdischem Gebiete aufstiegen, gaben dem Reiter die angenehme Ueberzeugung, daß seine Geruchsnerven, welche bei derartigen Gelegenheiten eben so scharf waren, als seine Augen bei andern, ihre Dienste treulich verrichtet hatten, und um die Wohlthat, die köstlichen Düfte von der ersten Hand zu bekommen, recht zu genießen, pflanzte sich der Dragoner an ein Fenster des Gebäudes, so daß keiner der mit den Specereien des Ostens gewürzten Wohlgerüche seinen Zug nach den Wolken nehmen konnte, ohne zuvor der Nase des Rittmeisters seinen Weihrauch gezollt zu haben. Lawton überließ sich jedoch nicht früher diesem behaglichen Geschäfte, als bis er alle Vorbereitungen getroffen hatte, dem Feste so viel Ehre zu machen, als seine sparsame Garderobe gestattete. Die Uniform seines Corps war eine Einlaßkarte zu den besten Tafeln, und obgleich diese durch treuen Dienst und einen nicht sehr schonsamen Gebrauch etwas abgenutzt war, so hatte ihr doch die Bürste für die gegenwärtige Gelegenheit ein ziemlich respektables Aussehen gegeben. Sein Kopf, welchen die Natur mit rabenschwarzen Haaren ausgestattet hatte, wetteiferte nun mit der Weiße des Schnees, und seine derbknochige Hand, welche dem Säbel so wohl anstand, sah mit einer fast mädchenhaften Zimperlichkeit unter einer Manschette hervor. Weiter gingen übrigens die Verschönerungen des Dragoners nicht, wenn man nicht etwa noch die Stiefel, welche in mehr als sonntäglichem Glanze strahlten, und die Sporen, die im Glanze der Sonne wie der schönste Messing blinkten, dazu rechnen will. Cäsar ging mit einer Miene von Wichtigkeit durch die Gemächer, welche sogar diejenige, die ihn bei seinem traurigen Morgengeschäfte begleitet hatte, übertraf. Der Schwarze war schon früh von der Botschaft, mit der ihn der Hausirer beauftragt hatte, zurückgekehrt, und, gehorsam dem Befehle seiner Gebieterin, zeigte er sich zu jeder Leistung bereit, welche sein Dienst von ihm forderte. Auch war er in der That so eifrig in Erfüllung desselben, daß er sich nur einige Augenblicke Zeit nahm, um seinem schwarzen Stammverwandten, der Miß Singleton nach den Locusten begleitet hatte, einen Theil der wunderbaren Ereignisse mitzutheilen, welche sich in der letzten merkwürdigen Nacht zugetragen hatten. Durch eine umsichtige Benützung solcher zufälligen freien Momente gelang es jedoch Cäsar, so viele Hauptpunkte seiner Geschichte auszukramen, daß sein Gast Mund und Augen in den weitesten Dimensionen aufsperrte. Der Geschmack am Wunderbaren war jedoch unsern beiden schwarzen Ehrenmännern so tief eingepflanzt, daß es Miß Peyton für nöthig hielt, ihr Ansehen zu gebrauchen, um Cäsar zu veranlassen, den Rest seiner Erzählung auf eine geeignetere Gelegenheit zu verschieben. »Ach! Miß Jinett«, sagte Cäsar kopfschüttelnd und mit einem Gesichte, welches alle seine Gefühle ausdrückte; »'s war schrecklich gewesen, zu sehen Johnnie Birch gehen auf seinen Füßen, als er schon todt liegen.« Diese Worte bildeten den Schluß der Unterredung, obgleich der Schwarze zu seiner Beruhigung sich selbst gelobte (was er denn auch redlich hielt), später den wichtigen Gegenstand in ordentlichen Abhandlungen zu beleuchten. Sobald der Geist in dieser Weise glücklich beseitigt war, gediehen Miß Peytons Geschäfte herrlich, und als die Sonne zwei Stunden nach Mittag zurückgelegt hatte, begann eine förmliche Procession aus der Küche zum Gastzimmer, Cäsarn an der Spitze, der mit der Geschicklichkeit eines Equilibristen einen Truthahn auf den Flächen seiner dürren Hände balancirte. Nach ihm kam der Bediente des Capitän Lawton, welcher in steifer Haltung und mit gespreizten Beinen, als ob er sein Pferd unter sich hätte, einherschritt und einen duftigen ächt virginischen Schinken, ein Geschenk von Miß Peytons Bruder in Accomac, vor sich her trug. Der Träger dieses würzigen Gerichts faßte das ihm anvertraute Gut mit militärischer Präcision in's Auge, und als er den Ort seiner Bestimmung erreichte, mochte es wohl zweifelhaft erscheinen, ob der Mund des Dieners oder das Fett des Schweinchens einen saftigeren Anblick biete. Der Dritte in der Reihe war der Bediente des Obristen Wellmere, welcher auf der einen Hand eine Schüssel mit fricassirten Hühnern, auf der andern eine Platte mit Austernpastetchen trug. Hinter diesem kam der Gehilfe des Doctors Sitgreaves, welcher instinktartig eine ungeheure Terrine ergriffen hatte, da sie den ihm bekannten Gefässen am meisten ähnlich sah: er folgte seinem Vorgänger auf dem Fuße, bis die Brille, welche er als ein Merkmal seines Amtes trug, von den Dämpfen der Suppe so vollständig angelaufen war, daß er, als er in dem Speisezimmer anlangte, seine Last zur Erde setzen und die Gläser entfernen mußte, um seinen Weg durch das aufgehäufte Porcellängeschirr und die Tellerwärmer zu finden. Dann erschien ein anderer Reiter, welcher den Capitän Singleton zu bedienen hatte; und als ob er seinen Appetit nach dem schwächlichen Zustand seines Herrn abgemessen hätte, begnügte er sich, einem Paar gebratenen Enten das Geleit zu geben, bis ihn endlich ihr verführerischer Wohlgeruch bereuen ließ, eben noch ein Frühstück, das für die Schwester seines Gebieters bestimmt war, neben seinem eigenen verschlungen zu haben. Der weiße Knabe, welcher zum Hause gehörte, bildete den Nachtrab; er seufzte unter der Last getrockneter Früchte, womit ihn die Köchin in unvorsätzlicher Steigerung überladen hatte. Dieß waren jedoch bei weitem nicht alle Zurüstungen für das festliche Mahl. Cäsar hatte kaum seinen Vogel, welcher vor einer Woche noch in den Hochlanden herumflatterte und sich wohl wenig davon träumen ließ, daß er so zeitig einen solch' schönen Zug werde anführen dürfen – niedergesetzt, als er sich auch gleich wieder mechanisch auf den Fersen drehte und seine Marschlinie nach der Küche einschlug. Diese Bewegung des Schwarzen wurde nach einander von seinen Gefährten nachgeahmt, woraus unmittelbar eine zweite Procession der gleichen Ordnung begann. In Folge dieser bewunderungswürdigen Einrichtung fanden ganze Flüge von Tauben und Wachteln, Ketten von Rebhühnern uni Schaaren von Plattfischen und Seebarschen ihren Weg zu der übrigen Gesellschaft. Ein dritter Aufzug brachte annehmbare Quantitäten von Kartoffeln, Zwiebeln, Rüben, Reis, kalter Schaale und den übrigen Beigaben eines guten Diners. Der Tisch seufzte unter der Masse dieser Gerichte, und Cäsar Betrachtete, nachdem er jede Schüssel, die nicht von ihm selbst aufgestellt war, anders gerückt hatte, die Anordnung mit großer Selbstgefälligkeit, worauf er sich entfernte, um den Festordnern die Mittheilung zu machen, daß sein Geschäft glücklich beendet sey. Eine halbe Stunde, ehe die eben mitgetheilte Küchenprocession begann, waren die Damen auf dieselbe unerklärliche Weise verschwunden, in welcher die Schwalben bei Annäherung des Winters unsichtbar werden. Ihr Frühling trat aber bald wieder ein, und die ganze Gesellschaft versammelte sich in einem Zimmer, welches das Boudoir genannt wurde, da es mit indianischem Kattun ausgeschlagene Polsterbänke und keine Seitentische enthielt. Die gütige Wirthin hielt die gegenwärtige Gelegenheit nicht nur für würdig, außerordentliche Küchenvorbereitungen zu machen, sondern fand es auch für passend, sich den Gästen, in deren Bewirthung sie sich glücklich fühlte, in einem geeigneten Anzuge vor zustellen. Auf ihrem Kopfe prangte eine Haube vom feinsten Schleiertuch, mit einer Bordüre von breiten Spitzen, die sich in einer Weise über das Gesicht herein legten, daß sich ein Bouquet künstlicher Blumen gar zierlich auf ihrer schönen Stirne ausnahm. Die natürliche Farbe des Haares war unter der Masse von Puder, welche es bedeckte, ganz verschwunden, und nur ein loses Löckchen an den Schläfen hob einigermaaßen das Steife der Frisur und gab dem Antlitz einen Ausdruck weiblicher Weichheit. Ihr Kleid bestand aus schwerem, veilchenfarbenen Seidenstoff, war tief ausgeschnitten und hatte ein fest anliegendes Leibchen von demselben Zeuge, welches das Ebenmaaß der Form von der Schulter bis zur Hüfte in treuen Zügen hervortreten ließ; weiter nach unten war der Anzug voll reicher Falten und zeigte, daß in dieser Beziehung Sparsamkeit keine Schwäche des Tages war. Eine schmale Garnirung ließ die Kunst der Nähterin recht augenfällig werden und trug dazu bei, der ganzen Gestalt eine majestätische Würde zu geben. Die hohe Figur der Dame wurde wenigstens noch um einen Zoll durch die Absätze ihrer aus dem Stoffe des Kleides verfertigten Schuhe erhöht. Die Aermel waren kurz und knapp anliegend, bis sie an den Ellenbogen in breite Manschetten von doppelt und dreifach übereinander gelegtem und mit Dresdener Spitzen besetztem Schleiertuche übergingen, die bei jeder Bewegung des Armes in reichen Falten herunterfielen und die Weiße des schöngeformten Armes und der zierlichen Hand nur noch mehr hervorhoben. Eine dreifache Reihe von Perlen umgab dicht den Hals, und ein Spitzentuch verhüllte den Theil der Brust, welchen die Seide unbedeckt gelassen hatte und den Miß Peyton nunmehr nach vierzigjähriger Erfahrung zu verbergen gelernt hatte. In diesem Anzuge und mit der aufrechten, würdevollen Haltung, welche so bezeichnend für die Mode jener Zeit war, hätte die Jungfrau wohl eine Schaar moderner Schönheiten verdunkeln können. Sara's Geschmack hatte gleichen Schritt mit dem Putze ihrer Tante gehalten und ein Kleid, das sich nur in Stoff und Farbe von dem vorhin beschriebenen unterschied, ließ ihre gebieterische Gestalt in gleich vortheilhaftem Lichte erscheinen. Es bestand aus Rosa-Atlas. Auch forderten zwanzig Jahre nicht jene Vorsicht, welche die Klugheit in den Vierzigen anräth, und so verbarg nichts als eine neidische Bordüre ausgesuchter Spitzen einigermaaßen, was der Atlas unverhüllt ließ. Der obere Theil der Brust und die zarte Wölbung der Schulter strahlten in ihrer ganzen natürlichen Schönheit, während der Hals, wie bei der Tante mit einer dreifachen Perlenschnur geziert war, welcher Ohrgehänge aus dem gleichen Gestein entsprachen. Die Haube fehlte und das à la Chinoise frisirte Haar ließ die schneeweiße Marmorstirne in ihrer ganzen Lieblichkeit erscheinen. Einige ungehorsame Locken fielen anmuthig auf den Nacken herab und ein Bouquet künstlicher Blumen leuchtete gleichfalls, einer Krone ähnlich auf ihrem Scheitel. Miß Singleton hatte ihren Bruder der Aufsicht des Doctor Sitgreaves überlassen, dem es gelungen war, seinen Patienten in einen tiefen Schlaf zu bringen, nachdem er einige der Aufregung des Wiedersehens folgende fieberische Symptome beseitigt hatte. Die Schwester ließ sich durch die aufmerksame Wirthin der Locusten bereden, an dem Feste Theil zu nehmen, und saß an Sara's Seite, von dieser Dame im Aeußern wenig verschieden, nur daß sie den Gebrauch des Puders für ihre rabenschwarzen Locken verschmäht hatte und daß die ungewöhnliche hohe Stirne und das große feurige Auge ihren Zügen einen Ausdruck der Gedankenfülle gaben, welcher durch die Blässe ihrer Wangen noch möglichst erhöht wurde. Die letzte endlich, aber nicht die geringste in der Entfaltung weiblicher Reize, war Herrn Wharton's jüngere Tochter. Franciska hatte, wie bereits erwähnt wurde, die Stadt vor dem Alter verlassen, in welchem man gewöhnlich in die Kreise der Frauen von Welt eingeführt wird. Einige abenteuerliche Geister hatten bereits angefangen, gegen die verjährte Herrschaft einer beengenden Mode anzukämpfen, und auch das jugendliche Mädchen hatte es gewagt, sich auf das bischen Anmuth zu verlassen, welches die Natur selbst ihr bescheert hatte – aber dieses Bischen war ein Meisterstück. Franciska hatte es zwar im Laufe des Morgens einigemale versucht, auf ihren Putz eine mehr als gewöhnliche Sorgfalt zu verwenden; wenn sie aber ihren Entschluß bethätigen wollte, so blickte sie jedesmal vorher einige Minuten erwartungsvoll gegen Norden, worauf ihr Vornehmen wieder zu Wasser wurde. Zur anberaumten Stunde trat unsere Heldin in blaßblauem Kleide von demselben Schnitte, wie das ihrer Schwester, in das Versammlungszimmer. Ihr Haar floß in wilden natürlichen Ringeln über ihre Schultern, während die Ueberfülle desselben durch einen langen niedrigen Kamm von lichtem Schildkrott, dessen Farbe sich kaum von dem Goldglanze ihrer Locken unterscheiden ließ, auf den Wirbel des Kopfes festgehalten wurde. Ihr Anzug war ohne Fältchen und Runzel, und schloß sich mit einer solchen Zierlichkeit ihren Formen an, daß man wohl auf die Vermuthung kommen konnte, das schlaue Mädchen habe mehr als eine bloße Ahnung von den Reizen, welche sie zur Schau trug. Ein Kragen von reichen Dresdener Spitzen ließ die Umrisse ihrer Gestalt noch weicher erscheinen. Ihr Kopf war ohne weiteren Schmuck und um ihren Hals schlang sich eine goldene Kette, welche vorn mit einem werthvollen Karniol schloß. Einmal, aber auch nur einmal, als sie zur Tafel gingen, sah Lawton ein Füßchen aus den Falten ihres Kleides hervorschlüpfen, dessen zierliche Form sich im blauen Atlasschuh mit der Brillantschnalle gar liebliche ausnahm. Der Reiter holte einen tiefen Seufzer, als er sich dachte, wie bezaubernd ein solcher Fuß, wenn er auch nicht für einen Steigbügel paßte, in einer Menuette erscheinen müßte. Als der Schwarze auf der Schwelle des Zimmers erschien, machte er jene tiefe Verbeugung, welche seit Jahrhunderten die Deutung enthält: »Das Mahl ist bereit.« Herr Wharton, in einem Tuchkleid mit ungeheuern Knöpfen, näherte sich Miß Singleton mit vielen Förmlichkeiten und verbeugte den gepuderten Kopf fast bis zu der Hand herab, welche er der Dame anbot. Doctor Sitgreaves bezeugte Miß Peyton die gleiche Huldigung, die aber erst nach einer kleinen Pause angenommen wurde, welche die Jungfrau dazu verwendete, ihre Handschuhe anzuziehen. Obrist Wellmere wurde von Sara mit einem Lächeln beglückt, als er ihr denselben Dienst leistete; und Franciska bot Capitän Lawton mit mädchenhafter Verschämtheit die Spitzen ihrer zierlichen Finger. Es ging nicht ohne großen Zeitverlust und einige Verwirrung ab, bis die ganze Gesellschaft, zu Cäsar's großer Freude, unter der geeigneten Beobachtung der Etiquette und des Vorrangs, an der Tafel Platz gefunden hatte. Der Schwarze wußte wohl, daß die Speisen durch das Stehen nicht besser werden, und obgleich er hinreichend im Stande war, das Unangenehme einer kalt gewordenen Mahlzeit zu begreifen, so überstieg es doch großenteils sein Begriffsvermögen, alle die wichtigen Folgen sich klar zu machen, welche aus der strengen Beobachtung einer gewissen Rangordnung für die menschliche Gesellschaft erwachsen. Die ersten zehn Minuten befanden sich alle, mit Ausnahme des Dragoner-Rittmeisters, in einer recht angenehmen Stimmung, und selbst Lawton würde sich vollkommen glücklich gefühlt haben, wenn ihn nicht eine übermäßige Höflichkeit von Seiten des Wirthes und der Dame Jeanette Peyton von der angenehmen Beschäftigung, sich an seinen Lieblingsspeisen zu laben, abgehalten hätte, wodurch er sich genöthigt sah, seine Zeit auf becomplimentirende Zurückweisung anderer Gerichte, welche ihm minder anständig waren, zu verwenden. Endlich begann die Mahlzeit allen Ernstes, und das nun herrschende allgemeine Schweigen sprach beredter, als tausend Zungen für Dina's Geschicklichkeit. Zunächst kam die Reihe an das Anstoßen mit den Damen; und da der Wein ausgezeichnet und die Gläser von ziemlichem Umfang waren, so ertrug der Reiter diese Unterbrechung mit großer Gutmüthigkeit. Ja, er war so besorgt, keinen Anstoß zu geben und die zarteren Punkte des Anstandes zu erfüllen, daß er diese Artigkeitserweisung bei der ihm zunächst sitzenden Dame begann, und so fort fuhr, bis keine seiner schönen Gesellschafterinnen ihm mit Recht den Vorwurf einer Parteilichkeit machen konnte. Lange Entbehrung von Allem, was mit einem wirklich edeln Rebenblute Aehnlichkeit hatte, mochte hiebei den Capitän Lawton entschuldigen, zumal die gegenwärtige Versuchung gar zu einladend war. Herr Wharton war zu Neu-York einer von jenen Politikern gewesen, die es vor dem Kriege zu ihrem Hauptgeschäft machten, sich in Clubbs zu vereinigen, um sich in weisen Meinungen über die Zeichen der Zeit zu ergehen, wobei sie den begeisternden Einfluß des Saftes einer gewissen Traube nicht verschmähten, die an der Südseite der Insel Madeira wächst, und deren Feuergeist seinen Weg über Westindien, wo er im westlichen Archipel erst seine Tugenden erproben muß, auch nach den nordamerikanischen Kolonien findet. Man hatte einen ziemlichen Vorrath dieser Herzstärkung aus den Kellern der Stadt herausschaffen lassen, und ein Pröbchen davon funkelte aus einer vor dem Capitän stehenden Bouteille in seiner lieblichen Ambrafarbe, deren Glanz durch die schräg einfallenden Strahlen der Sonne noch erhöht wurde. Die Speisen waren zwar mit der größten Ordnung und Zierlichkeit aufgetragen worden, dagegen hatte die Beseitigung der benützten Schüsseln viele Aehnlichkeit mit der Verwirrung eines militärischen Rückzugs. Der Tisch wurde fast in der Weise der fabelhaften Harpyen geräumt, und unter Kratzen, Stoßen, Zerbrechen und Verschütten verschwanden die Reste des überreichlichen Mahles. Und nun begann eine zweite Reihe von Processionen, mittelst deren die Tafel mit einer hübschen Ladung von Gebäck sammt den üblichen Zuthaten belegt wurde. Herr Wharton schenkte der Dame, welche zu seiner Rechten saß, ein neues Glas ein, schob die Flasche einem anderen Gaste zu und sprach mit einer tiefen Verbeugung: »Miß Singleton wird uns die Ehre schenken, einen Toast auszubringen.« Obgleich in dieser Anmuthung nichts anderes lag, als was bei solchen Gelegenheiten zur Tagesordnung gehörte, so begann doch die Dame zu zittern; sie wurde roth und wieder blaß und schien sich alle Mühe zu geben, ihre Gedanken zu sammeln, so daß ihre Verwirrung die Aufmerksamkeit der ganzen Gesellschaft auf sich zog. Endlich sprach Isabella leise und mit einer Anstrengung, als ob sie vergeblich nach einem andern Namen gesucht hätte: »Major Dunwoodie.« Diese Gesundheit wurde von Allen mit Freuden getrunken, den Obristen Wellmere ausgenommen, welcher nur die Lippen benetzte und mit etwas verschüttetem Weine Figuren auf den Tisch zeichnete. Endlich brach Obrist Wellmere sein Schweigen und sagte laut zu Capitän Lawton: »Ich denke, Sir, dieser Herr Dunwoodie wird für den Vortheil, welchen ihm mein Unglück über mein Commando gab, in der Rebellenarmee vorrücken.« Der Rittmeister hatte die Bedürfnisse seines Magens in vollem Maaße befriedigt und es mochte wohl, mit Ausnahme Washington's und seines unmittelbaren Vorgesetzten, keinen Sterblichen geben, um dessen Mißfallen er sich im mindesten gekümmert hätte. Er verhalf sich daher zuerst zu einem Bischen von seiner Lieblingsbouteille und antwortete dann mit bewunderungswürdiger Kälte: »Ich bitte um Verzeihung, Obrist Wellmere – Major Dunwoodie ist den vereinigten Staaten Nordamerika's zur Treue verpflichtet, und gegen wen er Verpflichtungen hat, gegen den hält er sie. Ein solcher Mann kann also kein Rebell genannt werden. Ich hoffe, daß er vorrücken wird, einmal, weil er es verdient und dann, weil ich ihm der nächste im Range bin. Was Sie ein Unglück nennen, weiß ich nicht, Sie müßten denn das Zusammentreffen mit der Virginischen Reiterei darunter verstehen.« »Wir wollen uns nicht um Worte streiten, mein Herr,« sagte der Obrist hochmüthig. »Ich sprach, wie es mir die Pflicht gegen meinen König gebot; aber nennen Sie es kein Unglück, wenn ein Corps seinen Anführer verliert?« »Ohne Zweifel,« erwiederte der Reiter mit Nachdruck. »Miß Peyton, wollen Sie uns mit einem Toast beehren?« rief der Herr des Hauses, ängstlich bemüht, diesen Dialog« abzubrechen. Die Dame verbeugte sich mit Würde, als sie den Namen »General Montrose« nannte, und ein leichtes, lange vermißtes Roth stahl sich über ihre Züge. »Kein Wort läßt eine vielfachere Deutung zu, als das Wort Unglück,« sagte der Wundarzt, ohne die schlaue Wendung des Wirthes zu berücksichtigen. »Einige halten dasselbe für ein Unglück, was andere für ein Glück halten. Unglück erzeugt Unglück. Das Leben ist ein Unglück, denn es kann das Mittel zu anhaltendem Unglück werden, und der Tod ist ein Unglück, weil er die Freuden des Lebens abkürzt.« »Auch ist es ein Unglück, daß unser Tisch nicht immer einen Wein, wie diesen, führt;« fiel der Reiter ein. »Wir wollen darauf anstoßen, Sir, da er nach Ihrem Geschmack zu seyn scheint,« sagte Herr Wharton. Lawton füllte sein Glas bis zum Rande und leerte es mit dem Toaste: »baldiger Friede, oder Kampf auf Tod und Leben!« »Ich thue Bescheid, Capitän Lawton, obgleich mir die Art Eurer Manöver nicht zusagt,« entgegnete der Wundarzt. »Nach meiner einfältigen Meinung sollte die Cavallerie in der Nachhut bleiben, um den Sieg vollständig zu machen, nicht aber vornweg zu Erringung desselben benützt werden. Ersteres sollte man ihre natürliche Beschäftigung nennen, wenn man sich anders eines solchen Ausdrucks bei einem so künstlich zusammengesetzten Körper bedienen kann; denn die ganze Geschichte zeigt, daß die Reiterei stets am meisten geleistet hat, wenn sie gehörig in der Reserve gehalten wurde.« Das Gespräch, welches nun mehr einen didactischen Charakter annahm, gab der Miß Peyton einen Wink, welchen sie nicht vernachlässigte. Sie erhob sich und verließ mit den jüngeren Damen das Zimmer. Fast gleichzeitig baten auch Herr Wharton und sein Sohn, ihre Entfernung zu entschuldigen, die wegen des Todes eines nahen Nachbars nöthig geworden fey, und zogen sich gleichfalls zurück. Der Aufbruch der Damen war für den Wundarzt das Signal, seine Cigarre hervorzuholen, die er dann auch mit einer Umsicht dem Mundwinkel zuführte, welche die Unterhaltung auch nicht die mindeste Unterbrechung erleiden ließ. »Wenn Wunden und Gefangenschaft durch irgend etwas versüßt werden können, so geschieht es durch das Glück, in der Gesellschaft von Damen zu dulden, wie sie uns eben verlassen haben,« bemerkte der Obrist galant, als er, nachdem sich die Thüre geschlossen hatte, wieder seinen Sitz einnahm. »Theilnahme und eine gütige Behandlung üben ihren Einfluß auf das menschliche System,« erwiederte der Wundarzt in seinem Adeptentone, indem er mit dem kleinen Finger die Asche von seiner Cigarre drückte. »Es besteht ein sehr inniger Zusammenhang zwischen den moralischen und physischen Empfindungen; doch um eine Kur zu vollenden und die Natur auf die rechte Linie zurückzuführen, von der sie in Folge einer Krankheit oder Zufälligkeit abgewichen ist, bedarf es einer kräftigeren Einwirkung, als die ist, welche eine Theilnahme üben kann, der es an den erforderlichen Kenntnissen fehlt. In solchen Fällen ist das Licht –« Der Chirurg warf zufällig einen Blick auf den Rittmeister und hielt inne. Nach zwei oder drei hastigen Zügen aus seiner Cigarre versuchte er es jedoch, seinen Satz zu endigen – »In solchen Fällen ist die Wissenschaft, welche aus dem Lichte fließt –« »Sie wollten sagen, Sir –« bemerkte Obrist Wellmere, indem er aus seinem Glase schlürfte – »Ich wollte sagen,« fuhr Sitgreaves fort, indem er Lawton den Rücken kehrte, »daß ein Breiumschlag nie einen zerbrochenen Arm einrichten wird.« »Schade,« rief der Dragoner; »denn, das Essen ausgenommen, könnte ein Brei nicht unschuldiger verwendet werden.« »An Sie, Obrist Wellmere,« fuhr der Chirurg fort, »an Sie, als einen Mann von Erziehung« – der Obrist verbeugte sich – »kann ich mit Sicherheit appelliren. Sie müssen bemerkt haben, welche fürchterliche Verheerung die Reiter unter der Leitung dieses Herrn in Ihren Reihen angerichtet haben;« – der Obrist sah wieder ernst aus – »wie die Hiebe derselben unausbleiblich den Faden des Lebens durchschnitten, ohne einem die Hoffnung zu einer wissenschaftlichen Wiederanknüpfung zu lassen: wie sie Wunden schlugen, welche der Kunst des erfahrensten Praktikers Hohn sprechen. Nun berufe ich mich auf Sie, meines Triumphes gewiß – sagen Sie, wäre Ihr Corps nicht eben so gut geschlagen worden, wenn alle Ihre Leute zum Beispiel den rechten Arm verloren hätten, als so, wo es ihnen an die Köpfe ging?« »Der Triumph Ihrer Berufung ist etwas voreilig, Herr!« entgegnete Wellmere. »Wird die Sache der Freiheit nur einen Schritt durch eine solche rücksichtslose Grausamkeit im Felde gefördert?« fuhr der Wundarzt fort, der sich nicht gerne von seinem Lieblingsthema abbringen ließ. »Ich muß erst noch lernen, ob die Sache der Freiheit überhaupt durch die Dienste eines Mannes in der Rebellenarmee gefördert wird,« versetzte der Obrist. »Nicht die Sache der Freiheit? Guter Gott, für was kämpfen wir denn?« »Für die der Sclaverei, Sir; ja, nur für die der Sclaverei. Ihr setzt die Tyrannei eines Pöbels auf den Thron eines gütigen, milden Fürsten. Was hat denn Eure gepriesene Freiheit für einen Halt?« »Einen Halt?« wiederholte der Wundarzt mit Unwillen, als er eine so absprechende Beschuldigung gegen eine Sache vernahm, die ihm seit Jahren als heilig erschienen war. »Ja, Herr, was hat sie für einen Halt? Euer wohlweiser Kongreß hat ein Manifest erlassen, in welchem die Gleichheit politischer Rechte proclamirt wird.« »Das ist wahr, – und 's ist ein ganz schöner Aufsatz.« »Ich spreche nicht von dem Aufsatz; aber wenn er eine Wahrheit seyn soll, warum setzt Ihr nicht Eure Sclaven in Freiheit?« Diese Beweisführung, welche des Obristen Landsleute tausend sprechenden Thatsachen als unwiderlegbare Antwort entgegenstellen, verlor durch die Art, wie sie aufgeführt wurde, nichts an ihrem Gewicht. Jeder Amerikaner fühlt sich gedemüthigt, wenn er sich in die Nothwendigkeit versetzt sieht, sein Vaterland gegen die scheinbare Haltlosigkeit und Ungerechtigkeit seiner Gesetze zu vertheidigen. Seine Gefühle sind in einer solchen Stellung dieselben, wie die eines Ehrenmannes, der sich gezwungen findet, eine entehrende Beschuldigung von sich abzuwälzen, obschon er weiß, daß die Anklage falsch ist. Da Sitgreaves' Verstand nichts weniger als unklar war, so stellte er sich bei diesem Aufruf auf eine würdige Weise zur Wehre. »Wir halten es für eine Freiheit, eine entscheidende Stimme in dem Rathe zu haben, durch den wir regiert werden. Wir halten es für hart, von dem Könige eines Volkes beherrscht zu werden, welches dreitausend Meilen von uns entfernt lebt und das weder gleiche politische Interessen mit uns hat, noch haben kann. Ich spreche nicht von Unterdrückung. Das Kind war heran gewachsen und konnte seine Majoritätsrechte ansprechen. In solchen Fällen gibt es nur ein Tribunal, vor dem die Völker ihre Rechte geltend machen können – es heißt Gewalt; und an dieses haben wir uns jetzt gewendet.« »Solche Lehren mögen allerdings Euren gegenwärtigen Zwecken angemessen seyn,« sagte Wellmere mit höhnischem Lächeln, »aber ich fürchte nur, sie sind allen Ansichten und der ganzen Handlungsweise civilisirter Völker zuwider.« »Sie sind im Einklang mit der Handlungsweise aller Nationen,« versetzte der Chirurg, und erwiederte zugleich das lächelnde Beifallwinken Lawton's, welcher an dem gesunden Verstände seines Kameraden Gefallen fand, so wenig ihm auch sonst dessen medicinisches Gesalbader, wie er es nannte, zusagte. »Wer wird sich wohl beherrschen lassen, wenn er selbst herrschen kann? Es gibt in dieser Beziehung nur einen vernünftigen Grundsatz, nämlich den, daß jede Gemeinschaft das Recht hat, sich selbst zu regieren, und daß sie dabei die göttlichen Gesetze in keiner Weise außer Acht lassen darf.« »Aber doch hält man im Einklang mit diesen Gesetzen seine Mitmenschen in Banden?« fragte der Obrist mit Nachdruck. Der Wundarzt griff nach dem Glase, räusperte sich und kehrte zu der Streitfrage zurück. »Sir,« sagte er; »die Sclaverei ist schon sehr alten Ursprungs und scheint sich auf keine besondere Religion oder Regierungsform zu beschränken. Jede Nation des civilisirten Europa's hält oder hielt ihre Mitmenschen in einer gleichen Art Knechtschaft.« »Sie werden Großbrittanien ausnehmen, mein Herr,« rief der Obrist stolz. »Nein, Sir,« fuhr der Chirurg zuversichtlich fort, als er fühlte, daß er im Begriffe war, den Krieg auf das Gebiet des Andern hinüber zu spielen; »auch Großbrittanien kann ich nicht ausnehmen. Englands Kinder, Englands Schiffe und Englands Gesetze haben diese Praxis zuerst nach unsern Staaten gebracht und auf sie fällt daher der ganze Vorwurf. England besitzt keinen Fuß breit Land, wo ein Neger nützlich seyn könnte, ohne daß es Sclaven dort hielte. In England selber sind freilich keine, aber da sind die physischen Kräfte so aufgehäuft, daß es einen großen Theil derselben als Arme erhalten muß. Das Nämliche gilt von Frankreich und den meisten andern Europäischen Staaten. So lange wir damit zufrieden waren, Colonien zu bleiben, hatte man nichts gegen unser Sclavensystem einzuwenden. Jetzt aber, da wir uns entschlossen zeigen, uns so viel Freiheit, als uns das fehlerhafte System des herrschenden Mutterstaates gelassen hat, aufrecht zu erhalten, macht man es uns zum Vorwurf. Will Euer Gebieter die Sclaven seiner Unterthanen befreien, wenn es ihm gelingen sollte, die neuen Staaten zu unterjochen – oder will er etwa die Weißen zu derselben Knechtschaft verdammen, welche er so lange bei den Schwarzen ruhig mit angesehen hat? Es ist wahr, wir setzen den Gebrauch fort; aber dem Uebel läßt sich nur allmählig abhelfen, wenn man nicht dafür ein größeres schaffen will. Doch wird ohne Zweifel seiner Zeit einmal die Freilassung der Sclaven erfolgen, und diese schönen Gegenden werden glücklich seyn, ohne daß ein einziges Ebenbild des Schöpfers sich in einem Zustande befindet; welches ihn unfähig macht, über die Güte dieses Schöpfers zu urtheilen.« Der Leser, erinnere sich, daß Sitgreaves vor vierzig Jahren sprach und Wellmere also nicht im Stande war, dieser prophetischen Behauptung zu widersprechen. Als der Engländer fand, daß sich der Gegenstand immer mehr verwickle, zog er sich nach dem Zimmer zurück, wo sich die Damen versammelt hatten. Er setzte sich zu Sara und unterhielt sich hier auf eine angenehmere Weise, indem er Geschichtchen aus dem modernen Leben der Hauptstadt erzählte und tausend kleine Anekdoten aus der Zeit ihrer früheren Bekanntschaft in Erinnerung brachte. Miß Peyton hörte, während sie den Theetisch beschickte, mit Vergnügen zu, und Sara beugte oft das Antlitz auf ihr Nähzeug nieder, wenn ihre Wangen unter den Schmeichelreden ihres Gefährten erglühten. Das mitgetheilte Gespräch bewirkte einen völligen Waffenstillstand zwischen dem Wundarzt und seinem Kameraden, und nachdem erster noch einen Besuch bei Singleton gemacht hatte, verabschiedeten sie sich von den Damen und bestiegen ihre Pferde, der eine um die Verwundeten im Lager zu besuchen, der andere, um wieder zu seinem Zuge zu stoßen. Beide wurden aber an dem Hofthore durch ein Ereigniß angehalten, welches wir in dem nächsten Kapitel mittheilen wollen. Vierzehntes Kapitel. Nie seh' ich wieder um die Schläfen flocken Des theuren Hauptes dünne Silberlocken: Der Demuthsblick in des Gebetes Stunden, Voll Glaubensmuth, voll Stärke, ist verschwunden. Doch er ist selig! klage nicht mehr, Herz, Und trag' in stiller Armuth deinen Schmerz. Crabbe.   Wir haben bereits gesagt, daß die Sitten der Amerikaner nur einen kurzen Aufenthalt in dem Trauerhause gestatten, und die Nothwendigkeit, für seine Sicherheit zu sorgen, hatte den Krämer genöthigt, sogar diese kleine Frist noch abzukürzen. In der Verwirrung und Aufregung der in den früheren Kapiteln beschriebenen Ereignisse war der Tod des alten Birch unbeachtet geblieben; demungeachtet wurde aber eine hinreichende Anzahl der nächsten Nachbarn zusammengebracht, um den Hingeschiedenen mit den üblichen Feierlichkeiten zur letzten Ruhestätte zu bringen. Die Annäherung dieses kleinen Leichenzugs hatte die Bewegung des Rittmeisters und seines Kameraden angehalten. Vier Männer trugen den rohgearbeiteten Sarg, und vier andere gingen voraus, um gelegentlich ihre Freunde abzulösen. Der Hausirer kam unmittelbar hinter der Bahre, und ihm zur Seite ging Katy Haynes in tiefster Betrübniß. Den Leidtragenden folgte Herr Wharton und der englische Capitän. Zwei oder drei alte Männer und Frauen mit etlichen nachzügelnden Knaben schloßen den Zug. Capitän Lawton saß mit dumpfem Schweigen im Sattel, bis die Träger an ihm vorbei waren. Da erhob Harvey zum erstenmal den zur Erde gesenkten Blick und sah den gefürchteten Feind in seiner unmittelbaren Nähe. Der erste Eindruck des Krämers war der der Flucht; aber schnell sammelte er sich wieder, richtete das Auge auf den Sarg seines Vaters und ging mit festen Schritten, aber mit klopfendem Herzen an dem Dragoner vorbei. Der Rittmeister nahm langsam den Hut ab und blieb mit unbedecktem Haupte, bis Herr Wharton und sein Sohn vorüber waren, worauf er, von dem Wundarzt begleitet, in tiefem Schweigen gemächlich hinter dem Zuge herritt. Cäsar kam aus der Kellerküche des Landhauses und schloß sich, mit einem ernsten und feierlichen Gesichte dem Leichenbegängnisse an, obgleich er sich dabei in respektvoller Entfernung von den Reitern hielt, die er mit scheuen Blicken maß. Der alte Neger hatte sich um den Arm, ein wenig über dem Ellenbogen, ein blendend weißes Tellertuch gebunden, denn es war das erstemal seit der Abreise aus der Stadt, daß er Gelegenheit hatte, sich in dem Traueraufzuge eines Sclaven zu zeigen. Er war ein großer Verehrer des Anstandes und mochte zu seinem gegenwärtigen Gepränge theilweise wohl durch den Wunsch veranlaßt worden seyn, den schwarzen Freund aus Georgien mit allen Förmlichkeiten eines Leichenbegängnisses von New-York bekannt zu machen. Die Entfaltung seines Eifers ließ sich gut an und hatte bei seiner Rückkehr nichts Weiteres, als eine milde Zurechtweisung über das Ungeeignete seines Benehmens von Seite der Miß Peyton zur Folge. Gegen die Begleitung des Leichenzugs ließ sich zwar nichts einwenden, aber das Umbinden des Tellertuchs erschien als eine überflüssige Zeremonie bei der Bestattung eines Mannes, der während seines Lebens keines Dieners bedurft und sich die Verrichtungen eines solchen immer selbst geleistet hatte. Der Kirchhof lag auf dem Besitzthume des Herrn Wharton, und war von diesem Herrn einige Jahre vorher zu diesem Zwecke ausgezeichnet und mit Steinwällen umgeben worden. Er war jedoch nicht zum Begräbnißplatze für seine eigene Familie bestimmt. Ehe die Feuersbrunst, welche ausbrach, als die brittischen Truppen von New-York Besitz ergriffen – Trinity in Asche legte, verkündigte dort ein gut vergoldetes Täfelchen in der Mauer die Tugenden seiner hingeschiedenen Eltern, und in einem Flügel der Kirche moderten unter marmornen Denkmalen ihre Gebeine in aristokratischer Ruhe. Capitän Lawton machte, als der Leichenzug von der Straße gegen die Ruhestätte der Todten einlenkte, eine Bewegung, als ob er ihm folgen wolle; ein Wink von seinem Gefährten machte ihn jedoch aufmerksam, daß er einen falschen Weg einschlage. »Welcher von den verschiedenen üblichen Methoden, die sterblichen Reste eines Menschen zur Ruhe zu bringen, geben Sie den Vorzug, Capitän Lawton,« sagte der Wundarzt, als sie sich von der kleinen Procession trennten. »In einigen Ländern gibt man sie den Thieren preis, in andern hängt man sie in der Luft auf, um sie auf dem Wege der luftigen Zersetzung in ihre Urelemente aufzulösen; dort schichtet man Holzhaufen auf, um den Leichnam im Feuer zu verzehren, und da gräbt man ihn in den Schooß der Erde; jedes Volk hat seine eigentümliche Weise. Welcher geben Sie nun den Vorzug?« »Es kömmt wohl bei allen auf Eines heraus,«, sagte der Reiter, indem er dem Zuge mit den Augen folgte, »obwohl schleunige Beerdigung wohl das reinste Feld macht. Welche sagt Ihnen am meisten zu?« »Diejenige, welche bei uns üblich ist, denn die andern drei lassen keine Section zu. Bei dieser kann der Sarg in anständiger Ruhe liegen bleiben, während die Ueberreste der Wissenschaft zu nützlichen Zwecken dienen. Ach, Capitän Lawton, ich dachte mir's nicht, als ich zur Armee kam, daß ich beziehungsweise nur so wenige Gelegenheit zu einem derartigen Geschäft finden würde.« »Wie oft im Jahre mag Ihnen dieses Vergnügen wohl zu Theil werden?« sagte der Capitän, indem er den Blick von dem Kirchhof abwandte. »Etwa ein Dutzendmal, auf Ehre! Meine beste Lese ist, wenn das Corps abgesondert operirt; beim wenn wir bei der Hauptarmee sind, müssen so viele junge Bursche befriedigt werden, daß selten ein gutes Subject an mich kommt. Diese Neulinge schneiden schrecklich verschwenderisch d'rauf los und sind so gierig wie die Geier.« »Ein Dutzendmal?« wiederholte der Reiter erstaunt, »so viel erhalten Sie ja nur von meinen Händen.« »Ach, Jack!« erwiederte der Doctor, indem er den Gegenstand mit zarter Umsicht näher zu rücken suchte, »ich kann selten etwas mit Ihren Patienten anfangen; Sie verunstalten sie auf eine fürchterliche Weise. Glauben Sie mir, John, ich sage es Ihnen als Freund, Ihr System taugt durchaus nichts. Sie zerstören das Leben auf eine unnöthige Weise und verstümmeln den Körper so, daß er zu dem einzigen Gebrauch, den man von einem Todten noch machen kann, verdorben ist.« Der Reiter schwieg, weil er dieß für das sicherste Mittel hielt, den gegenseitigen Frieden aufrecht zu erhalten, und der Wundarzt, welcher noch einen Blick nach dem Begräbnißplatze zurückwarf, ehe sie um den Hügel hinumritten, der die Aussicht nach dem Thale schloß, fuhr mit einem unterdrückten Seufzer fort: »Nächtlicher Weile ließe sich wohl die Leiche eines natürlich Verstorbenen von jenem Kirchhofe wegholen, wenn man nur Zeit und Gelegenheit dazu hätte. Der Patient war wohl der Vater der Frau, welche wir diesen Morgen sahen?« »Sie meinen den Schürzen-Doctor – die Dame mit dem Gesicht der Aurora borealis ?« sagte der Reiter mit einem Lächeln, das seinem Gefährten einiges Unbehagen zu verursachen begann. »Nein, das Frauenzimmer war nicht die Tochter des Verstorbenen, sondern nur seine schürzendocternde Wärterin; und Harvey, dessen Name den beharrlichen Refrain ihres Liedes ausmachte, ist niemand anders, als der berüchtigte Krämerspion.« »Was? derselbe, der Sie aus dem Sattel hob?« »Niemand hat mich je aus dem Sattel gehoben, Doctor Sitgreaves,« sagte der Dragoner ernst. »Ich fiel durch einen Fehltritt meines Rothschimmels, und Reiter und Roß küßten mit einander die Erde.« »Eine brünstige Umarmung, denn Sie tragen die Liebesmale noch auf Ihrer Haut. Aber's ist doch Jammerschade, daß Sie nicht ausfindig machen können, wo der ausplaudernde Schuft verborgen liegt.« »Er ging hinter der Leiche seines Vaters her.« »Und Sie haben ihn passiren lassen?« rief der Wundarzt, indem er sein Pferd anhielt. »Laßt uns Augenblicks umkehren und ihn fest nehmen! Morgen können Sie ihn hängen sehen, und dann, Gott verdamme ihn – dann will ich ihn seciren.« »Sachte, sachte, mein lieber Archibald! Wollen Sie einen Mann anhalten, während er seinem Vater die letzte Liebespflicht erweist? Ueberlassen Sie ihn mir und ich setze meinen Kopf zum Pfand, es soll ihm sein Recht werden.« Der Doctor murrte unzufrieden über den Aufschub der Vergeltung, doch mußte er aus Achtung für den Anstand sich beruhigen. Sie setzten ihren Ritt nach den Quartieren des Korps fort, wobei sie sich noch in verschiedenen Streitfragen über die geeignetste Behandlung eines menschlichen Leichnams ergingen. Birch behielt das ernste und gefaßte Benehmen bei, welches einem männlichen Leidtragenden bei solchen Gelegenheiten ziemt, und Katy blieb es überlassen, die zärtlichere Trauer ihres Geschlechtes an den Tag zu legen. Es gibt Menschen, deren Gefühle so beschaffen sind, daß sie nur in geeigneter Gesellschaft weinen können, und der Jungfrau war ein großer Antheil von dieser geselligen Tugend zugemessen. Sie warf ihre Blicke rund auf die kleine Versammlung, und als sie bemerkte, daß sich alle Gesichter der wenigen anwesenden Weiber in feierlicher Erwartung auf sie richteten, war auch im Augenblick die entsprechende Wirkung da. Die Jungfer begann allen Ernstes zu weinen und erregte dadurch bei den Zuschauern eine nicht unbeträchtliche Theilnahme und große Achtung gegen die Zartheit ihres Herzens. Man sah die Muskeln des Hausirers sich bewegen, und als die erste Schaufel Erde mit dem dumpfen hohlen Tone, welcher so beredt die Sterblichkeit des Menschen verkündet, auf die letzte Behausung seines Vaters fiel, wurde sein ganzer Körper einen Augenblick von convulsivischen Zuckungen ergriffen. Er beugte sich, vom Schmerz zerrissen nieder: die Finger arbeiteten, während, die Arme leblos herunterhingen und in seinem Gesichte lag ein Ausdruck, der das Ringen seiner Seele verkündete. Bald hatte er jedoch die vorübergehende Empfindung bewältigt. Er erhob sich wieder, schöpfte tief Athem, blickte mit erhobenem Antlitz um sich und schien in dem Bewußtseyn, sich selbst bezwungen zu haben, zu lächeln. Das Grab ward bald zugeworfen. Ein roher Stein wurde an beiden Enden aufgerichtet, um die Stelle zu bezeichnen, und der Rasen, dessen welke Vegetation ein Bild der Erdenschicksale des Verblichenen gab, deckte bald den kleinen Hügel – der letzte Dienst der Liebe! Als alles vorbei war, zogen die Nachbarn, welche sich theilnehmend der Uebung dieser ernsten Pflicht unterzogen hatten, ihre Hüte und blickten auf den trauernden Sohn, welcher sich jetzt wirklich ganz einsam auf der Welt fühlte. Der Krämer entblößte gleichfalls sein Haupt, zögerte einen Augenblick, um sich zu sammeln, und begann dann zu sprechen. »Freunde und Nachbarn,« sagte er, »Ich danke Euch für Euren Beistand bei dem Begräbnisse eines theuren Todten, der jetzt für immer meinen Augen entrückt ist.« Eine feierliche Pause folgte dieser üblichen Anrede. Die Gruppe zerstreute sich schweigend, und nur wenige begleiteten die Leidtragenden bis zum Trauerhause, an dessen Schwelle sie sich, achtungsvoll verabschiedeten. Nur ein Mann folgte Katy und dem Krämer ins Innere der Wohnung – er war in der ganzen Gegend unter dem bezeichnenden Namen »der Speculant,« bekannt. Katy sah ihn mit klopfendem Herzen und unter bangen Ahnungen in's Haus treten, aber Harvey bot ihm höflich einen Stuhl und schien auf diesen Besuch vorbereitet zu seyn. Der Hausirer ging zu der Thüre, sah sich vorsichtig im Thale um, kehrte dann schnell zurück, und begann das folgende Gespräch: »Die Sonne senkt sich bereits zum Untergange. Meine Zeit ist drängend. Hier ist die Verschreibung über Haus und Hof; alles ist in der gesetzlichen Form abgemacht.« Der Andere nahm das Papier und studirte den Inhalt desselben mit einer Bedächtlichkeit, welche zum Theil in seiner Vorsicht und zum Theil in dem unglücklichen Umstände ihren Grund hatte, daß ferne Jugenderziehung sehr vernachlässigt worden war. Die Zeit dieser langweiligen Prüfung benützte Harvey, um einige Gegenstände zusammenzuraffen, welche er nebst anderen Vorräthen aus der Hütte mit sich nehmen wollte. Katy hatte bereits den Hausirer gefragt, ob der Todte ein Testament hinterlassen habe, und betrachtete daher die Bibel, die zu unterst in einem neuen Pack lag, welchen sie zu seiner Bequemlichkeit zugerichtet hatte, mit der rücksichtsvollsten Gleichgültigkeit; als aber nun die sechs silbernen Löffel sorgfältig beigepackt wurden, erwachte in ihr das Gefühl, sich einer so handgreiflichen Nichtachtung ihrer Ansprüche entgegenzustellen, und sie brach ihr Schweigen. »Wenn Ihr heirathet, Harvey, so könnt Ihr diese Löffel wohl entbehren.« »Ich werde nie heirathen.« »Nun wenn Ihr das gegenwärtig auch nicht im Sinne habt, so ist doch jetzt keine Zeit, nicht einmal für Euch, solche rasche Gelübde zu thun. Man kann nicht wissen, was selbst in Eurer Lage noch geschehen kann. Aber ich möchte doch wissen, was einem einzelnen Mann so viele Löffel nützen können. Ich für meinen Theil halte es für die Pflicht eines jeden Mannes, der sein gutes Auskommen hat, daß er ein Weib und eine Familie ernähre.« Zu der Zeit, als Katy in solcher Weise ihren Gefühlen Luft machte, bestand das Vermögen von Weibern ihrer Klasse in einer Kuh, einem Bette, den Arbeiten ihrer Hände in der Form verschiedener Kissenüberzüge, Bettüberwürfe, Leintücher, und wenn's recht gut ging, in dem Besitz von einem halben Dutzend silberner Löffel. Die Haushälterin hatte sich, durch Fleiß und Klugheit die ersteren Erfordernisse angeeignet, und man kann sich leicht vorstellen, daß sie Gegenstände, die sie so lange schon als ihr Eigenthum betrachtet hatte, in dem ungeheuern Packe mit einer Unzufriedenheit verschwinden sah, welche durch die dem Handgriffe vorangehende Erklärung keineswegs gemindert wurde. Harvey nahm jedoch keine Rücksicht auf ihre Meinungen und Gefühle, sondern fuhr fort, den Sack zu füllen, bis er fast wieder zu der Größe seiner gewöhnlichen Last angewachsen war. »Ich bin doch ein wenig ängstlich wegen dieser Uebertragung,« sagte der Käufer, nachdem er sich endlich durch die Artikel des Vertrages durchgearbeitet hatte. »Warum das?« »Ich fürchte, sie möchte vor dem Gerichte nicht gelten. Ich weiß, daß morgen zwei aus der Nachbarschaft hingehen, um auf Confiscation anzutragen, und wenn ich vierzig Pfund für das Anwesen gäbe, und alles verlieren müßte – es wäre ein Todesstoß für mich.« »Sie können nur nehmen, was mein ist,« sagte der Hausirer. »Zahlt mir zweihundert Dollars, und das Haus ist Euer. Ihr seyd zu gut als Whig bekannt, als daß Ihr nur die mindeste Beunruhigung zu fürchten haben könntet.« Während Harvey diese Worte sprach, drückte sich eine ungewöhnliche Bitterkeit, gemischt mit der schlauen Sorge für den Verkauf seines Eigenthums, in seinem Benehmen aus. »Sagt hundert, und der Handel ist geschlossen,« erwiderte der Mann mit einem Grinsen, das für ein gutmüthiges Lächeln gelten sollte. »Der Handel geschlossen?« wiederholte der Krämer erstaunt, »ich dächte, das sey schon vorher geschehen.« »Ein Kauf gilt erst dann,« erwiederte der Andere kichernd, »wenn die Papiere ausgeliefert sind und der Kaufschilling auf dem Tisch liegt.« »Ihr habt die Abtretung.« »Ja, und ich will sie behalten, wenn Ihr mit dem Geld zufrieden seyn wollt. – Kommt, ich will nicht hart seyn – macht hundert und fünfzig. Hier – hier – ich habe gerade die Summe bei mir.« Der Hausirer blickte durch das Fenster und bemerkte mit Schrecken, daß die Nacht immer näher rückte, denn er wußte wohl, wie sehr durch sein Verweilen im Hause nach Einbruch der Dunkelheit sein Leben gefährdet wurde. Doch konnte er den Gedanken nicht ertragen, in einem bereits abgeschlossenen Handel auf diese Weise betrogen zu werden. Er zögerte. »Nun,« sagte der Käufer aufstehend, »vielleicht findet Ihr zwischen jetzt und Morgen einen andern Mann, der auf den Kauf eingeht. Wenn das aber nicht der Fall ist, so wird später Euer Anwesen nicht mehr viel Werth seyn.« »Nehmt das Geld, Harvey,« sagte Katy, welcher es unmöglich war, einer Versuchung, wie die vor ihr liegende, zu widerstehen, denn die Kaufsumme blinkte ihr in schönen englischen Guineen entgegen. Ihre Stimme weckte den Krämer und ein neuer Gedanke schien in ihm aufzutauchen.« »Ich will mir den Preis gefallen lassen,« sagte er. Dann wandte er sich gegen die Haushälterin, drückte ihr einen Theil des Geldes in die Hand und fuhr fort: »Hätte ich andere Mittel, Euch zu bezahlen, so würde ich lieber Alles verloren haben, ehe ich mich hätte um einen Theil meines Eigenthums betrügen lassen.« »Du wirst doch Alles verlieren,« brummte der Fremde mit einem höhnischen Lachen vor sich hin, als er aufstand und das Gebäude verließ. »Ja,« sagte Katy, indem sie ihm mit den Augen folgte; »er kennt Eure Schwäche, Harvey; er denkt mit mir, daß Euch nun, da der alte Herr todt ist, eine sorgsame Hand fehlen wird, die auf Eure Sachen Acht gibt.« Der Hausirer traf immer noch Vorkehrungen zu seiner Abreise und achtete nicht auf die Anspielungen der Jungfrau, durch die sie wieder auf ihren Angriff zurückkam. Sie hatte so viele Jahre in der Erwartung gelebt, Hoffnungen erfüllt zu sehen, die nun einen ganz andern Gang zu nehmen schienen, daß der Gedanke an eine Trennung sie mehr zu beunruhigen anfing, als sie selbst, einem zu Grunde gerichteten, freundlosen Mann gegenüber, für möglich gehalten hätte. »Habt Ihr noch ein anderes Haus, wo Ihr hinziehen könnt?« fragte Katy. »Die Vorsehung wird, auch mir für eine Heimath sorgen.« »Ja,« sagte die Haushälterin, »aber vielleicht wird sie nicht nach Eurem Geschmacke seyn.« »Der Arme muß mit Allem zufrieden seyn.« »Gewiß; – ich bin auch, leicht zufrieden« rief Katy schnell, »aber ich habe Alles gern anständig und in der Ordnung; es würde übrigens nicht schwer werden mich zu bereden, diese Gegend zu verlassen, denn ich kann nicht gerade sagen, daß mir die Weise der Leute hier herum besonders gefällt.« »Das Thal ist lieblich,« sagte der Krämer mit Wärme, »und die Leute sind, wie anderswo auch. Doch, alles das hat keinen Werth, für mich. Jetzt ist mir ein Ort wie der andere, und jedes Gesicht ist mir ein fremdes.« Als er dieses sprach, ließ er das, was er eben einpacken wollte, aus der Hand fallen und setzte sich mit dem Blick des trostlosesten Elends auf eine Truhe. »Nicht doch, nicht doch,« sagte Katy, indem sie ihren Stuhl der Stelle, wo der Krämer saß, näher rückte; »nicht doch, Harvey! Ihr solltet doch wenigstens mich noch kennen. Mein Gesicht kann Euch gewiß nicht fremd seyn.« Birch wandte die Augen langsam nach ihrem Antlitz, welches in dem gegenwärtigen Augenblicke mehr Gefühl und weniger Selbstsucht zeigte, als er je vorher an ihr bemerkt hatte; dann ergriff er ihre Hand freundlich, wobei seine eigenen Züge etwas von ihrem schmerzlichen Ausdruck verloren, und sprach: »Ja, gutes Weib – Ihr wenigstens seyd mir keine Fremde; Ihr werdet mir Gerechtigkeit widerfahren lassen und wenn es auch nur eine parteiische wäre; wenn Andere mich schmähen, so werdet Ihr vielleicht aus innerem Antriebe etwas zu meiner Verteidigung sagen.« »Das will ich; das würde ich!« rief Katy lebhaft. »Ich will Euch die Stange halten bis auf den letzten Blutstropfen. Sie sollen nur kommen und Euch etwas anhaben wollen! Ihr habt Recht, Harvey, ich bin parteiisch und gerecht gegen Euch. Was ist's' auch, wenn Ihr den König liebt? Ich habe oft sagen hören, daß er im Grunde ein guter Mann sey. Aber es ist keine Religion in dem alten Lande, denn alle Welt sagt, daß die Minister verzweifelte Spitzbuben seyen.« Der Hausirer ging in augenscheinlichem Seelenharme in der Stube auf und nieder; sein Auge trug einen Ausdruck von Wildheit, den Katy früher nie an ihm bemerkt hatte, und er trat mit einer Würde auf, welche die Haushälterin erschreckte. »So lange mein Vater lebte,« sprach Harvey, unfähig, seine Gefühle zu unterdrücken, vor sich hin, »gab es doch Eine Seele, welche in meinem Herzen lesen konnte. Ach, welch ein Trost war es für mich, wenn ich von meinen gefahrvollen geheimen Wegen, wo mich nur Nachstellungen und Leiden geleiteten, heim kehrte und seinen Segen, sein Lob vernehmen durfte. Doch er ist dahin,« fuhr er fort, indem er seine Schritte anhielt und einen wilden Blick nach der Ecke warf, wo sein Vater zu sitzen pflegte, »und wo ist Jemand, der mir Gerechtigkeit widerfahren ließe?« »Ach, Harvey! Harvey!« »Ja, noch Einer lebt, der mich kennen wird, der mich kennen muß, ehe ich sterbe. O, es ist schrecklich, zu sterben und einen solchen Namen zurückzulassen.« »Sprecht nicht vom Sterben,« sagte die Jungfrau, indem sie ihre Blicke ängstlich im Zimmer herumgleiten ließ und etwas Holz zum Feuer legte, um ein helleres Licht zu erhalten. Die Aufwallung des Krämers war vorüber. Sie war durch die Ereignisse des vergangenen Tages und durch das lebhafte Gefühl seiner Noth erregt worden. Leidenschaftlichkeit behielt jedoch nie lange die Oberhand über die Vernunft dieses seltsamen Mannes, und als er bemerkte, daß die Nacht mit ihren Schatten bereits die benachbarten Gegenstände verdunkelte, warf er hastig seinen Pack über die Schulter, nahm Katy freundlich bei der Hand und sagte ihr Lebewohl. »Es thut mir wehe, mich von Euch trennen zu müssen, gute Frau,« sagte er; »aber die Stunde ist da, und ich muß scheiden. Alles, was ich im Hause zurücklasse, ist Euer; mir kann es nichts nützen und Euch mag es vielleicht gute Dienste thun. Lebt wohl! Wir sehen uns später wieder.« »Ja, in dem Reiche der Finsterniß!« schrie eine Stimme, welche den verzweiflungsvollen Krämer auf die Truhe zurückwarf, von der er eben aufgestanden war. »Was? noch ein anderer Pack, Meister Birch, und in der Geschwindigkeit so gut ausgestopft?« »Habt Ihr mir noch nicht genug Uebles zugefügt?« rief der Hausirer, als er seine Festigkeit wiedergewonnen hatte und mit Energie aufspringend. »Ist es nicht genug, daß Ihr die letzten Stunden eines Sterbenden verbittert und mich zu einem armen Manne gemacht habt? Was wollt Ihr weiter?« »Dein Blut!« sagte der Schinder mit hämischer Kälte. »Und für Geld?« schrie Harvey; »wie der alte Judas wollt Ihr Euch mit dem Blutsolde bereichern?« »Ja, und 's ist dazu ein schöner Sold, mein ehrenwerther Herr – fünfzig Guineen, fast so viel, als diese Deine Vogelscheuche da in Gold wiegt.« »Hier,« sagte Katy schnell, »hier sind fünfzehn Guineen – und diese Commoden, dieses Bett, es ist alle meine Habe. Wenn Ihr Harvey nur eine Stunde Vorsprung lassen wollt, so soll es Euch gehören.« »Eine Stunde?« sagte der Schinder, die Zähne fletschend und gierige Blicke auf das Geld werfend. »Nur eine einzige Stunde; da – da habt Ihr das Geld!« »Halt!« rief Harvey, – »traue diesen Bösewichtern nicht!« »Sie kann trauen, wem sie will,« versetzte der Schinder mit boshaftem Lachen. »Das Geld ist in guten Händen, und Dir, Meister Harvey, wollen wir die Unverschämtheit um der fünfzig Guineen willen hingehen lassen, die man uns für die Auslieferung eines solchen Galgenvogels auszahlen wird.« »Nun, so geht,« sagte der Hausirer stolz; »bringt mich zu Major Dunwoodie; er wird wenigstens menschlich seyn, wenn er auch streng ist.« »Ich kann etwas Besseres thun, als in einer so sauberen Gesellschaft so weit zu gehen. Dieser Major Dunwoodie hat schon einen oder zwei Torie's laufen lassen; aber Capitän Lawton's Zug ist eine halbe Meile näher einquartiert, und des Rittmeisters Empfangschein wird uns unsere Belohnung so gut sichern, als der des Majors. Wie behagt Dir der Gedanke, diesen Abend mit Capitän Lawton Deine Suppe zu essen, Meister Birch?« »Gebt mir mein Geld, oder setzt Harvey in Freiheit,« schrie die Haushälterin empört. »Die Bestechung ist zu gering, gute Frau, wenn nicht vielleicht noch Geld in diesem Bette verborgen ist; –« er stach dabei mit dem Bajonet in das Bettzeug und machte sich das schadenfrohe Vergnügen, es zu zerreißen und den Inhalt desselben in dem Zimmer auszustreuen. »Wenn es noch ein Gesetz im Lande gibt, so muß mir mein Recht werden,« schrie die Haushälterin, die im Eifer für ihr neu erworbenes Eigenthum ihre persönliche Gefahr nicht mehr berücksichtigte. »Auf dem neutralen Grunde gilt nur das Recht des Stärkern; aber Eure Zunge ist nicht so lang, als mein Bajonet, und es wird das Beste seyn, Ihr laßt es nicht auf einen Streit zwischen beiden ankommen, sonst möchtet Ihr den Kürzeren ziehen.« In dem Schatten der Thüre stand eine Gestalt, welche ängstlich vermied, sich unter der Bande der Schinder sehen zu lassen; aber eine hell auflodernde Flamme, welche durch einige von den Räubern in's Feuer geworfene Gegenstände erzeugt wurde, ließ den Krämer das Gesicht des Käufers seines kleinen Besitztums erkennen. Gelegentlich bemerkte Harvey ein Flüstern zwischen diesem Manne und einem nahestehenden Schinder, wodurch die Vermuthung in ihm rege wurde, daß er das Opfer einer Übereinkunft sey, an welcher jener Elende Theil genommen habe. Aber Reue war jetzt zu spät, und der Krämer folgte der Rotte mit festen und ruhigen Schritten, als ob es zum Siege und nicht zum Galgen ginge. Als sie durch den Hof zogen, fiel der Führer der Bande über einen Holzblock und wurde dadurch ein wenig beschädigt. Der Kerl sprang wieder auf und erfüllte, erbittert über diesen Unfall, die Luft mit Flüchen. »Das Donnerwetter soll in diesen Block fahren!« rief er. »Man kann sich in einer solchen pechfinstern Nacht nicht einmal rühren. Werft einen Feuerbrand in jenen Werghaufen dort, daß es auch hell in der Gegend werde.« »Halt!« brüllte der Speculant; »Ihr werdet mir das Haus anzünden!« »Und dafür um so besser sehen,« sagte der Andere und warf den Brand mitten in das brennbare Material. In einem Augenblick stand das ganze Gebäude in Flammen. »Kommt, laßt uns nach den Höhen ziehen, so lange wir noch Licht für unsern Weg haben.« »Spitzbuben!« schrie der aufgebrachte Käufer; »ist das Eure Freundschaft, das der Dank, daß ich Euch den Hausirer an's Messer lieferte?« »Du wirst gut thun, aus dem Lichte zu gehen, wenn Du uns mit Schimpfen zu unterhalten gedenkst; wir möchten sonst zu gut sehen, um das Ziel zu verfehlen,« rief der Führer des Zugs. Im nächsten Augenblick ging die Drohung auch in Erfüllung, obgleich glücklicherweise weder der erschreckte Speculant, noch die nicht weniger entsetzte Jungfrau, die sich durch diesen Handstreich aus einem verhältnißmäßigen Wohlstand wieder in Armuth versetzt sah, getroffen wurde. Die Klugheit rieth Beiden zu einem schleunigen Rückzuge und am kommenden Morgen stand von der Wohnung des Hausirers nichts mehr, als der bereits erwähnte ungeheure Schornstein. Fünfzehntes Kapitel. Kleinigkeiten, leicht wie Wind, erscheinen Der Eifersucht als kräftige Beweise, Wie Worte aus der Bibel. Othello.   Das Wetter, welches seit dem Sturme mild und heiter gewesen war, änderte sich jetzt plötzlich mit der dem amerikanischen Klima eigentümlichen Schnelligkeit. Im Osten blies der Wind kalt von den Bergen und Schneegestöber verkündigten die Ankunft des November, eines Monats, dessen Temperatur von der Hitze des Sommers bis zur eisigen Kälte des Winters wechselt. Franciska betrachtete von dem Fenster ihres Zimmers aus den langsamen Zug der Leichenprocession mit einer Wehmuth, welche zu tief war, um in dem gegenwärtigen Schauspiele ihren Grund zu haben. Es lag etwas in dieser traurigen letzten Dienstleistung, was im Einklang mit den Gefühlen des Mädchens stand. Als sie umher blickte, sah sie die Bäume sich beugen unter der Gewalt des Sturmes, der mit einem Ungestüm durch das Thal fegte, daß sogar die Gebäude erzitterten; und der Wald, der so spät noch mit seinen verschiedenen Farben im Strahle der Sonne geprangt hatte, verlor beinahe seinen ganzen Reiz, da die Blätter sich von den Zweigen losrissen und stoßweise im Winde dahin wirbelten. In der Entfernung konnte man auf den Höhen einige Dragoner bemerken, welche die Zugänge zu den Quartieren des Corps bewachten und mit dicht angezogenen Mänteln, gegen den Sattelknopf vorgebeugt, dem scharfen Winde trotzten, der so spät noch von den großen Süßwasserseen herwehte. Franciska sah die hölzerne Behausung des Hingeschiedene im Dämmerlichte des Abends verschwinden – ein Anblick, der das Düstere der Scene noch erkältender machte. Capitän Singleton schlief unter der Aufsicht seines Bedienten, während seine Schwester sich bereden ließ, von ihrem Zimmer Besitz zu nehmen, um die Ruhe nachzuholen, welche ihr durch die Nachtreise verkümmert worden war. Miß Singleton's Gemach stand mit dem der beiden Schwestern durch eine besondere Thüre sowohl, als durch den gemeinschaftlichen Hausgang in Verbindung. Die Thüre war etwas geöffnet und Franciska näherte sich ihr in der wohlwollenden Absicht, sich von dem Zustande ihres Gastes zu überzeugen; sie bemerkte jedoch zu ihrer großen Ueberraschung, daß die, welche sie schlafend zu finden erwartete, nicht nur wach, sondern in einer Weise beschäftigt war, welche an keine Ruhe denken ließ. Die schwarzen Locken, welche während der Mahlzeit dicht um den Scheitel geschlungen waren, wallten aufgelöst über Schultern und Brust und liehen ihren Zügen einigermaßen einen wilden Ausdruck, während die leichenhafte Blässe der Dame einen seltsamen Gegensatz zu dem tiefschwarzen Auge bildete, das mit der gespanntesten Aufmerksamkeit auf ein Gemälde, welches sie in der Hand hielt, geheftet war. Franciska verging der Athem, als eine Bewegung Isabella's sie das Porträt eines Mannes in der wohlbekannten Uniform der südlichen Reiterei erkennen ließ. Sie haschte nach Luft und legte unwillkührlich die Hand auf's Herz, um das Wogen desselben zu bewältigen, denn sie glaubte dieselben Züge zu erkennen, die so tief in ihre eigene Seele eingegraben waren. Franciska fühlte, daß es nicht schicklich sey, in das Heiligthum der Geheimnisse Anderer sich einzudrängen; auch band die Heftigkeit der Aufregung ihre Zunge, und sie zog sich nach einem Stuhle zurück, von dem aus sie die Fremde noch sehen konnte, denn es war ihr unmöglich, die Augen von dem Gesichte derselben abzuwenden. Isabella war zu sehr von ihren eigenen Gefühlen in Anspruch genommen, um die bebende Gestalt der Zeugin ihrer Bewegungen zu bemerken, und drückte das leblose Bild mit einem Feuer an ihre Lippen, welches die heftigste Leidenschaft verrieth. Der Ausdruck auf dem Antlitz der schönen Fremden war so wechselnd und die Uebergänge so rasch, daß Franciska kaum Zeit hatte, sich eine Vermuthung über den Charakter einer Erregung zu bilden, bis diese schon wieder durch eine andere gleich ausdrucksvolle und gleich auffallende verdrängt wurde. Liebe und Gram schienen jedoch die vorherrschenden Züge zu seyn; letzterer sprach sich in großen Tropfen aus, welche in rascher Aufeinanderfolge von ihren Wangen auf das Gemälde fielen und ein Seelenleiden bekundeten, das zu tief lag, als daß es sich in den gewöhnlichen Schmerzäußerungen hätte Luft machen können. Jede Bewegung Isabella's trug das Gepräge der ihrem Wesen eigenthümlichen Ueberspanntheit und jede Leidenschaft übte der Reihe nach in ihrer Brust ein Uebergewicht. Die Wuth des Sturmes, der um das Gebäude pfiff, stand im Einklang mit solchen Gefühlen; sie erhob sich und trat an das Fenster ihres Gemaches. Ihre Gestalt war nun den Augen Franciska's verborgen, und diese wollte eben aufstehen, um sich ihrem Gaste zu nähern, als auf einmal Töne eines durchdringenden Gesanges erklangen, welche sie in athemlosem Schweigen an ihre Stelle fesselten. Die Weise war wild und die Stimme unkräftig, aber die Gluth des Vortrags übertraf Alles, was Franciska je gehört hatte. Sie stand still, und mühte sich, selbst den leisen Ton ihres Athems zu unterdrücken, bis der folgende Gesang geendet war: Kalt bläst der Wind von Gebirges Höhen Und kahl steht die Eiche im Land, Träge die Nebel den Quellen entwehen, Am Bach glänzt der eisige Rand; Die ganze Natur sucht der Ruhe Lust – Doch des Friedens Schlummer flieht meine Brust. Lange mein Volk schon die Stürme durchtoben. Doch die Tapferen stehen der Fluth; Kraftvoll ringet die Freiheit nach oben Gestählt durch des Führers Muth – Verbotener Ehrgeiz entfaltet sein Spiel, Doch ein Herz, das bricht, kennt kein frohes Gefühl. Draußen liegt Flur und Hain umzogen Von des Winters erstarrender Wuth, Doch meiner Pulse rasches Wogen Sengt südlicher Sonne Gluth. Da außen trägt Alles sein Eisgewand, Doch im Herzen lodert verzehrender Brand. Franciska's ganze Seele war hingerissen von den leisen Tönen des Gesanges, obgleich der Inhalt desselben einen Sinn ausdrückte, der in Verbindung mit gewissen Ereignissen des gegenwärtigen und vorhergehenden Tages in der Seele des warmherzigen Mädchens ein Gefühl von Unruhe zurückließ, welches ihr bisher fremd gewesen war. Als die letzten Laute in dem Ohr des bewundernden Mädchens verklungen waren, trat Isabella vom Fenster zurück, und jetzt zum erstenmal traf ihr Auge auf das blasse Gesicht der Zuhörerin. Ein Glutstrom übergoß zu gleicher Zeit beider Wangen und die gegenseitig sich begegnenden Augen suchten betroffen die Erde; doch gingen die Mädchen auf einander zu und reichten sich die Hände, ehe es eine wagte, der andern in's Gesicht zu blicken. »Dieser plötzliche Witterungswechsel und vielleicht auch der Zustand meines Bruders haben mich in eine melancholische Stimmung versetzt, Miß Wharton,« sagte Isabella mit leiser bebender Stimme. »Ich denke, Sie haben wenig für ihren Bruder zu besorgen,« sagte Franziska in derselben verlegenen Weise. »Wenn Sie ihn aber gesehen hätten, als Major Dunwoodie ihn herbrachte –« Franciska hielt mit einem Gefühl von Scham inne, über das sie sich keine Rechenschaft geben konnte, und als sie ihre Augen erhob, sah sie, wie Isabella ihr Gesicht mit einem Ernste betrachtete, welcher ihr das Blut wieder stürmisch nach den Schläfen trieb. »Sie haben von Major Dunwoodie gesprochen –« sagte Isabella mit schwacher Stimme. »Ja; er brachte den Capitän Singleton in's Haus.« »Kennen Sie Dunwoodie? Haben Sie ihn oft gesehen?« Francisca wagte es noch einmal, ihrem Gaste in's Antlitz zu sehen; sie begegnete aber wieder den durchbohrenden Blicken Isabellens, welche das Innerste ihrer Seele durchdringen zu wollen schienen. »Sprechen Sie, Miß Wharton; ist Ihnen Major Dunwoodie bekannt?« »Er ist ein Verwandter von mir,« sagte Francisca, durch die seltsame Weise ihrer Gefährtin beängstigt. »Ein Verwandter?« wiederholte Miß Singleton, in welchem Grade? – Sprechen Sie, Miß Wharton, – bei Allem, was Ihnen heilig, sprechen Sie.« »Unsere Eltern waren Geschwisterkinder,« erwiederte Franciska leise. »Und er soll Ihr Gatte werden?« fuhr die Fremde mit Ungestüm fort. Franciska fühlte sich gekränkt und ihr ganzer Stolz erwachte bei diesem unverhüllten Angriff auf ihre Gefühle. Sie ließ ihre Augen mit einigem Selbstgefühl von dem Boden auf die Fragerin gleiten, aber Isabellens blasse Wangen und bebende Lippen bewältigten augenblicklich ihre Empfindlichkeit. »Es ist so – meine Vermuthung ist gegründet. Sprechen Sie, Miß Wharton; ich beschwöre Sie – haben Sie Mitleid mit meinen Gefühlen und sagen Sie mir – ob Sie Dunwoodie lieben?« Es lag ein rührender Ernst in Miß Singleton's Stimme, der jede Spur von Unwillen aus Franciska's Seele drängte, und die ganze Antwort, welche letztere geben konnte, bestand darin, daß sie ihr glühendes Gesicht mit den Händen bedeckte, und, um ihre Verwirrung zu verbergen, auf ihren Stuhl zurück sank. Isabella ging einige Minuten schweigend auf und ab, bis es ihr gelang, den innern Sturm zu bezwingen; dann näherte sie sich der Stelle, wo Franciska noch mit verhülltem Antlitz saß, um die Röthe der Scham vor der Gefährtin zu verbergen, nahm sie bei der Hand und sprach mit augenscheinlich erzwungener Fassung: »Vergeben Sie mir, Miß Wharton, wenn mich ein unbezwingliches Gefühl eine Unziemlichkeit begehen ließ; der dringende Grund – die schreckliche Ursache –« sie zögerte. Franciska erhob jetzt ihr Antlitz und traf wieder mit Isabellens Blicken zusammen. Sie sanken sich in die Arme und drückten ihre brennenden Wangen aneinander. Die Umarmung währte lange – sie war heiß und aufrichtig – kein Laut wurde gesprochen, und als sie sich trennten, kehrte Franciska ohne weitere Erklärung nach ihrem Zimmer zurück. Während dieser außerordentliche Auftritt in Miß Singleton's Zimmer vorging, wurden auch in dem Gesellschaftszimmer Dinge von nicht geringer Wichtigkeit verhandelt. Die Verwendung der Reste einer Mahlzeit, wie die von uns beschriebene, war ein Geschäft, welches nicht wenig Mühe und Berechnung erforderte. Zwar hatte sich manches von dem Wildpret in die Taschen von Capitän Lawton's Bedienten verirrt und auch der Gehülfe des Doctor Sitgreaves hatte berechnet, wie ungewiß ein langer Aufenthalt in einem so guten Quartiere sey. Demungeachtet aber war noch mehr übrig geblieben, als die kluge Miß Peyton mit Vortheil zu verwenden wußte. Cäsar und seine Gebieterin hielten daher eine lange und vertrauliche Berathung über dieses wichtige Geschäft, und die Folge davon war, daß Obrist Wellmere ganz der Gastfreundlichkeit Sara Wharton's überlassen blieb. Die gewöhnlichen Gemeinplätze der Unterhaltung waren bald erschöpft und endlich berührte der Obrist mit jener Unbehaglichkeit, welche gewissermaßen unzertrennlich von dem Bewußtseyn eines begangenen Fehlers ist, die Ereignisse des vorigen Tages. »Wir dachten nicht, Miß Wharton, daß dieser Herr Dunwoodie, als ich ihn zum erstenmale in Ihrem Hause in der Königin-Straße sah, sich zu dem mannhaften Krieger heranbilden würde, als welchen er sich erwiesen hat,« sagte Wellmere, indem er seinen Verdruß unter einem Lächeln zu verbergen suchte. »Allerdings mannhaft, wenn wir in's Auge fassen, welchem Feinde er es zuvorthat,« sagte Sara mit zarter Berücksichtigung der Gefühle ihres Gefährten. »Es war in der That ein großes Unglück – in jeder Hinsicht – daß Ihnen dieser Unfall begegnete; denn ohne Zweifel würden sonst die königlichen Waffen wie gewöhnlich triumphirt haben.« »Und doch ist das Vergnügen einer Gesellschaft, wie sie dieser Unfall mir zuführte, durch die« Leiden eines gekränkten Ehrgeizes und eines verwundeten Körpers nicht zu theuer bezahlt,« fügte der Obrist mit besonderer Zärtlichkeit bei. »Ich hoffe, das letztere ist nicht von großer Bedeutung,« sagte Sara, und beugte sich unter dem Scheine, einen Faden an ihrer Nähterei abzubeißen, vorwärts, um ihr Erröthen zu verbergen. »In der That, in Vergleichung mit dem ersteren von keiner Bedeutung,« fuhr der Obrist in derselben Weise fort. »Ach, Miß Wharton, in solchen Augenblicken fühlen wir erst recht den Werth der Freundschaft und der Sympathie.« Wer es nicht selbst erfahren hat, kann sich nicht leicht vorstellen, welche schnelle Fortschritte die Liebe in dem warmen Herzen eines weiblichen Wesens in dem kurzen Zeiträume einer halben Stunde zu machen vermag, besonders wenn es schon vorher von schmachtender Sehnsucht ergriffen ist. Sara fand die Unterhaltung, als sie auf Freundschaft und Sympathie ablenkte, zu ansprechend, um eine Unterbrechung zu wagen; aber sie richtete ihr Auge auf den Obristen und bemerkte, wie das seinige mit einer Bewunderung auf ihren Zügen ruhte, welche deutlicher und zärtlicher sprach, als es Worte nur immer thun konnten. Ihr vertrauliches Gegenüber wurde erst nach einer Stunde unterbrochen, und obgleich der Obrist nichts ausgesprochen hatte, was von einer erfahrenen Matrone für »entscheidend« erklärt worden wäre, so war doch das Mädchen von den tausend Süßigkeiten, welche er ihr gesagt, so entzückt, daß sie sich mit leichterem Herzen, als je seit der Gefangenschaft ihres Bruders durch die Amerikaner, zur Ruhe begab. Sechszehntes Kapitel. So laßt denn die Gläser klingen, Und froh dazu uns singen; Der Soldat ist ein Mann, Das Leben nur eine Spann, Der Soldat muß trinken und singen. Othello.   Der Ort, wo das Corps der Dragoner sich lagerte, war, wie gesagt, ein Lieblingsstandquartier seines Commandanten. Ein halbes Dutzend verfallener Häuser bildete das Dorf, welches von den unter einem rechten Winkel sich schneidenden beiden Straßen den Namen der »Kreuzwege« erhalten hatte. Nach der Gewohnheit des Tages wurde eines der ansehnlichsten dieser Gebäude ein Bewirthungshaus für Menschen und Vieh« genannt. Auf einem rauhen Brette an einem galgähnlichen Pfosten, welcher den früheren Schild getragen hatte, stand mit Röthel angeschrieben: »Elisabeth Flanagan ihr Hotel« – ein Witz, welchen sich irgend ein müßiger Spaßvogel des Corps gemacht hatte. Die Matrone, deren Name in dieser Weise zu einer so unerwarteten Würde erhoben worden, verrichtete bei dem Corps die Dienste einer Marketenderin, einer Wäscherin und um uns des Ausdrucks von Katy Haynes zu bedienen, eines Schürzendoctors. Sie war die Wittwe eines im Dienst gefallenen Soldaten, der, wie sie selbst, auf einer fernen Insel geboren, frühe sein Glück in den Colonien von Nordamerika versucht hatte. Sie zog überall mit den Truppen herum, und da letztere zu jener Zeit selten länger als auf ein Paar Tage Halt machten, so sah man den Karren des Weibes immer beschäftigt, ziemliche Vorräte von Artikeln, von denen sich annehmen ließ, daß sie die Anwesenheit der Wirthin stets willkommen machten, in's Lager zu führen. Betty wußte mit einer fast übernatürlichen Behendigkeit ihre Wirthschaft aufzuschlagen und ihr Geschäft zu beginnen. Bisweilen diente der Karren selbst als Bude, ein andermal zimmerten die Soldaten aus Gegenständen, wie sie gerade zu haben waren, ein Obdach zusammen; bei der gegenwärtigen Gelegenheit hatte sie jedoch von einem leeren Gebäude Besitz genommen, welches sie, indem sie die zerbrochenen Fenster mit schmutzigen Beinkleidern und der halbtrockenen Wäsche der Soldaten verstopfte, gegen die nun ziemlich nachdrücklich werdende Kälte geschützt, und zu einem »sehr elleganten Logis,« wie sie es nannte, umgewandelt hatte. Die Mannschaft war in die anliegenden Scheunen vertheilt, während die Officiere im »Hotel Flanagan« welches sie scherzweise das Hauptquartier nannten, ihre Niederlage hatten. Betty war bei jedem Reiter des Corps wohl bekannt: sie wußte jeden derselben bei seinem Tauf- oder seinem Ekelnamen, wie es ihr gerade am besten zusagte, zu nennen, und obgleich sie allen, welche nicht durch Gewohnheit mit ihren guten Eigenschaften vertraut waren, durchaus unleidlich vorkommen mochte, so war sie doch der allgemeine Liebling dieser kriegerischen Parteigänger. Ihre Mängel bestanden in einer kleinen Vorliebe für den Branntwein, einer alles Maaß überschreitenden Unreinlichkeit und einer Zunge, welche allen Anstand und alle Schicklichkeit außer Acht ließ – ihre Tugenden in einer unbegränzten Liebe zu dem adoptirten Vaterland, großer Ehrlichkeit in ihrem nach gewissen bekannten Grundsätzen geübten merkantilischen Verkehr mit den Soldaten und einer großen Guthmüthigkeit. Hiezu kommt noch, daß Betty das Verdienst hatte, die Erfinderin jenes Getränkes zu seyn, welches bis auf die gegenwärtige Stunde allen Patrioten, welche eine Winterreise zwischen den Haupt- und Handelsstädten dieses großen Staates machen, unter dem bezeichnenden Namen Cocktail (Hahnenschwanz) bekannt ist. Elisabeth Flanagan war sowohl durch ihre Erziehung, als durch andere Umstände ausgezeichnet geeignet, diese Verbesserung des Brantweins in höchster Vollkommenheit in's Werk zu setzen, denn einmal war sie buchstäblich in fleißiger Benützung des Hauptbestandtheils ihrer Erfindung aufgewachsen, und dann hatte ihre Bekantschaft mit den Virginiern sie auf den Wohlschmack welchen die Münze den Kühltränken verleiht, aufmerksam gemacht, wodurch sie in den Stand gesetzt wurde, durch eine weise Verbindung dieser Elemente den fraglichen Artikel erst recht zu seiner Berühmtheit zu bringen. Dieß war also die Wirthin des Hauses, welche, ohne die kalten Nordstürme zu berücksichtigen, das rothe Gesicht ihrem ankommenden Liebling Capitän Lawtyn, und seinem Gefährten ihrem Lehrer wundärtzlichen Angelegenheiten, bis zur Thüre entgegen trug. »Ah, so wahr ich auf Beförderung hoffe, meine liebenswürdige Elisabeth – meinen schönsten Gruß!« rief der Rittmeister, als er sich aus dem Sattel schwang. »Diese verwünschte naßkalte Luft von Canada hat mir um die Knochen gepfiffen, daß ich durch und durch erkältet bin; aber der Anblick Eures glühenden Gesichtes thut einem so wohl, wie ein Feuer um Weihnachten.« »Nun, wahrlich, Capitän Jack, Sie stecken immer voll Complimenten,« erwiederte die Marketenderin, indem sie ihrem Kunden den Zügel abnahm. »Aber geschwind hinein, Schatz, wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist; das Gehäge ist hier nicht so fest wie in den Hochlanden, und es gibt, d'rinnen etwas, was einem Seel und Leib erwärmen kann.« »Ah, ich sehe, Ihr habt die Zäune in Contribution gesetzt, – nun, das mag dem Körper wohl thun,« sagte der Kapitän ruhig; »aber, ich habe heute einen Zug aus einer Flasche von geschliffenem Glas mit silbernem Untersatz gethan, und ich zweifle, ob ich für den nächsten Monat Eurem Whisky einen Geschmack abgewinnen kann.« »Wenn Ihre Gedanken auf Silber und Gold gehen, so ist bei mir freilich nur wenig davon zu finden, obgleich ich ein kleines Bischen von dem Continentalgeld bei einander habe,« sagte Betty gut gelaunt; »aber was ich da drinnen habe, das darf man in einem diamantenen Geschirr auftischen.« »Was mag sie wohl meinen, Archibald?« fragte Lawton; »die alte Hexe sieht aus, als ob mehr hinter ihren Worten stäcke!« »Wahrscheinlich ist's eine Wanderung ihrer Geisteskräfte, hervorgebracht durch den zu häufigen Gebrauch berauschender Getränke,« bemerkte der Wundarzt, indem er bedächtlich den linken Fuß über den Sattelknopf warf und auf der rechten Seite vom Pferd herunterrutschte. »Ohne Zweifel, mein theurer Juwel von einem Doctor: aber ich habe mir's gedacht, Sie würden auf dieser Seite herunterkommen Das ganze Corps steigt auf der linken Seite ab nur Sie nicht« sagte Betty, indem sie dem Rittmeister zuwinkte; »aber ich habe in Ihrer Abwesenheit die Verwundeten mit dem Fette des Landes genährt.« »Barbarische Dummheit!« schrie der Wundarzt in panischem Schrecken. »Menschen, die in der Fieberhitze daliegen, mit kräftigen Substanzen zu nähren! Weib, Weib, Ihr wärt im Stande, die Kunst eines Hippokrates zu Schanden zu machen!« »Pah!« sagte Betty mit ungemeiner Fassung. – »Was machen Sie gleich für einen Lärm um ein Schlückchen Whisky. Es waren nur ein Paar Maas unter volle zwei Dutzende, und ich gab ihn den Jungen nur, damit sie besser einschlafen möchten – nur als Schlaftropfen.« Lawton und sein Gefährte traten nun in das Gebäude, und die ersten Gegenstände, welche ihnen in die Augen fielen, machten den geheimen Sinn von Betty's tröstlicher Verheißung leicht begreiflich. Ein langer Tisch, aus den Brettern der Seitenwand eines Gebäudes zusammengenagelt, lief durch die Mitte der größten Stube und trug eine Reihe höchst ärmlicher Töpfergeschirre zur Schau. Der Geruch der Speisen drang aus der benachbarten Küche, aber der anziehendste Gegenstand war ein Krug von ziemlichem Umfang, welchen Betty als den beachtungswerthesten Gegenstand ganz oben hingepflanzt hatte. Lawton überzeugte, sich bald, daß er den ihm wohl bekannten ambrafarbigen Saft der Rebe enthielte und erfuhr zugleich, daß er, von den Locusten aus, dem Major Dunwoodie von seinem Freunde Wharton, Capitän in der königlichen Armee, als Geschenk zugeschickt worden sey. »Und 's ist dazu ein königliches Geschenk,« sagte der Lieutenant, der diese Erklärung gab, grinsend, »Der Major gibt uns zu Ehren des Sieges ein Gelag und den Hauptaufwand bestreitet, wie Sie selbst sehen und wie es auch in der Ordnung ist, der Feind. Alle Welt, ich denke, wenn wir mit einem solchen Stoff laden würden, könnten wir einen Sturm auf Sir Henry's Hauptquartier machen und den Ritter selbst herausholen.« Der Dragoner-Rittmeister war keineswegs mißvergnügt bei der Aussicht, einen Tag, der so angenehm angefangen hatte, auf eine fröhliche Weise zu beendigen. Er war bald von seinen Kameraden umringt, welche ihn mit Fragen über seine Erlebnisse überhäuften, indeß der Wundarzt mit klopfendem Herzen daran ging, den Zustand seiner Verwundeten zu untersuchen. Ungeheure Feuer flackerten in den Kaminen des Hauses und machten durch den hellen Schein, welchen die lodernden Holzstöße um sich warfen, die Lichter überflüssig. Die Gruppe im Innern, etwa ein Dutzend an der Zahl, bestand aus lauter jungen Männern, aber erprobten Soldaten, und ihre Unterhaltung war ein seltsames Gemische von soldatischer Derbheit und von feinerer Weltbildung. Ihre Uniform war zierlich, aber einfach, und die Hauptgemeinplätze ihres Gespräches drehten sich um die Behandlung und die Eigenschaften ihrer Pferde. Einige versuchten auf den Bänken, welche sich an den Wänden hinzogen, zu schlafen, während Andere in den Gelassen des Hauses hin und her gingen und wieder Andere in ernster Besprechung über Gegenstände, welche mit ihrem Berufe in Verbindung standen beisammen saßen. Hin und wieder brachte, wenn die Küchenthüre sich aufthat, der zischende Ton der Bratpfanne und der einladende Duft der Speisen eine Stockung in diese wichtigen Beschäftigungen, so daß selbst die Schläfer die Augen öffneten und den Kopf aufrichteten, um zu sehen, wie weit die Vorbereitungen gediehen seyen. Die ganze Zeit über saß Dunwoodie in sich gekehrt bei dem Feuer und hatte sich in Gedanken vertieft, worin ihn keiner der Officiere zu stören wagte. Während er sich bei Sitgreaves angelegentlich nach Singleton's Befinden erkundigte, herrschte ein tiefes und achtungsvolles Schweigen im ganzen Zimmer; als er aber mit seinen Fragen zu Ende war, trat wieder die gewöhnliche Ungezwungenheit und Freimüthigkeit ein. Ob der Beschickung der Tafel machte sich Mistreß Flanagan nur wenig Sorge, und Cäsar würde sich schrecklich darüber vernommen haben, wenn er Zeuge der Formlosigkeit gewesen wäre, mit welcher die Gerichte, von denen jedes dem andern zum Verwundern ähnlich war, vor so vielen Herren von Stande aufgestellt wurden. Als man sich zu Tische setzte, wurde jedoch dem Vorrange die strengste Rücksicht gezollt: denn trotz aller Freimüthigkeit in dem Benehmen der Officiere wurden doch stets die Regeln der militärischen Etiquette mit einer Aufmerksamkeit, welche an eine religiöse Verehrung gränzte, beobachtet. Die meisten Gäste hatten zu lange gefastet, um bei Befriedigung ihres Appetits besonders ekel zu seyn. Dieß war jedoch bei Capitän Lawton nicht der Fall; er fühlte einen unerklärlichen Widerwillen, als Betty ihre Seltenheiten auftischte, und konnte sich nicht entbrechen, gelegentlich einige Bemerkungen über den Zustand der Messer und das wolkigte Aussehen der Teller hinzuwerfen. Betty's Gutmüthigkeit und ihre persönliche Vorliebe für den Beleidiger hielt sie eine Zeit lang ab, seine Anspielungen zu erwiedern, bis Lawton, als er es versucht hatte, ein Stückchen schwarzen Fleisches zu seinem Munde zu führen, mit dem gezierten Wesen eines verwöhnten Kindes fragte: Was für ein Thier mag das wohl gewesen seyn, als es noch lebte Mistreß Flanagan?« »Ach, Capitän, war es nicht meine alte Kuh?« erwiederte die Marketenderin mit einer Wärme, welche zum Theil in ihrem Mißvergnügen über die Neckereien dieses Lieblings, zum Theil in dem Kummer über den Verlust der Hingeschiedenen ihren Grund hatte. »Was?« brüllte der Rittmeister, und der Bissen quoll ihm im Munde, als er eben schlucken wollte, »die alte Jenny?« »Der Teufel,« schrie ein Anderer und ließ Messer und Gabel fallen, – »die den Feldzug in Jersey mit uns machte?« »Die nämliche,« versetzte die Herrin des Hotels mit einer Jammermiene, »ein herrliches Thier, das im Nothfall sogar von weniger als von der Luft zu leben vermochte. Gewiß, meine Herren, es ist herzzerschneidend, eine solche alte Freundin essen zu müssen.« »Und sie ist schon so weit zusammen gegangen?« fragte Lawton, indem er mit dem Messer nach dem aus dem Tische befindlichen Ueberreste zeigte. »Nein, Capitän,« sagte Betty spitzig, »ich habe zwei Viertel davon an einige von Ihrem Zuge abgegeben; aber beim Teufel, ich sagte ihnen kein Wort davon, was sie für eine alte Freundin gekauft hätten, weil ich fürchtete, es möchte ihnen den Appetit verderben.« »Donnerwetter!« schrie der Rittmeister mit verstelltem Grimme, »da werden mir meine Bursche ja so mager wie eine Bohnenstange und ducken sich vor einem Engländer, wie die Virginia-Neger vor ihrem Treiber!« »Nein,« sagte Lieutenant Mason, indem er Messer und Gabel in einer Art von Verzweiflung fallen ließ, »meine Kinnbacken haben mehr Mitgefühl, als die Herzen mancher Menschen. Sie weigern sich durchaus, die Reste ihrer alten Bekannten zu zermalmen.« »Probiren Sie ein Tröpfchen von dem Präsent,« sagte Betty begütigend und goß eine ziemliche Portion Wein in eine Trinkschaale, welche sie als Vorkosterin des Corps leerte. »Meiner Treu, es ist im Grunde doch nur ein läpperiges Getränke!« Als das Eis einmal gebrochen war, wurde Dunwoodie ein Glas Wein überreicht, welcher das edle Naß mit einer Verbeugung gegen seine Kameraden, die diese Begrüßung mit tiefem Schweigen anerkannten, austrank. Bei den ersten Gläsern beobachtete die Gesellschaft einige Förmlichkeit, indem die Officiere patriotische Toaste ausbrachten und ihre freiheitsliebenden Gesinnungen pflichtschuldigst an den Tag legten. Der Wein that jedoch bald seine gewöhnliche Wirkung, und ehe die zweite Schildwache an der Thüre abgelöst wurde, war alle Erinnerung an das armselige Mahl in dem Jubel der Gegenwart verschwunden. Doctor Sitgreaves kam zu spät, um noch etwas von Jenny abzukriegen, aber doch immer zeitig genug, um Capitän Whartons Geschenk alle Ehre anzuthun. »Ein Lied, Capitän Lawton, ein Lied!« riefen gleichzeitig zwei oder drei von der Gesellschaft, als sie bemerkten, daß der Rittmeister noch nicht ganz in seiner geselligen Laune war. »Stille, Capitän Lawton wird uns ein Lied zum Besten geben!« »Meine Herren,« erwiederte Lawton und sein dunkles Auge blickte weinselig, obgleich sein Kopf so undurchdringlich wie ein Brett war; »ich habe nicht viel von einer Nachtigall, aber wenn Sie Nachsicht mit mir haben wollen, so will ich wohl der Aufforderung entsprechen.« »Nun, Jack,« sagte Sitgreaves und rückte aus seinem Stuhle, »wissen Sie das Lied noch, das ich Sie gelehrt habe? – doch halt – ich habe es geschrieben in der Tasche.« »Bewahre, bewahre, guter Doctor,« sagte der Rittmeister, indem er sein Glas mit großer Bedachtsamkeit wieder füllte; »diese harten Namen wollten mir nie eingehen. Meine Herren, 's ist mein eigenes bescheidenes Fabrikat, was ich vorzutragen gedenke.« »Stille, Capitän Lawton singt,« brüllten fünf oder sechs auf einmal, und der Rittmeister begann mit schöner voller Stimme nachstehende Worte in der Weise eines bekannten Trinklieds zu singen, wobei einige seiner Kameraden den Chor mit einer Kraft behandelten, daß das gebrechliche Gebäude, in welchem sie sich befanden, erzitterte. Frisch auf, Kameraden, der Becher kreist! Frisch auf bei dem Safte der Reben! Wer weiß, ob uns Morgen die Sonne gleißt. Denn kurz ist das Menschenleben. Wer dem Feinde blickt muthig in's Angesicht, Der kennt seine letzte Stunde nicht. Alte Mutter Flanagan, Komm, schenk ein die leere Kann'; Du schenkst ein, wir trinken den Wein, Gute Betty Flanagan. Wer das arme Leben umfaßt mit Brunst, Stets ruht auf derselbigen Stelle, Und die Ehre tauschet um faulen Dunst, Bleibt ewig ein feiger Geselle. Treff' es früh oder spät, wenn Gefahr ist nah Ist auch der furchtlose Reiter da. Alte Mutter etc. Wenn feindliche Schaaren bedrohen das Land, Und Weiber und Liebchen klagen, So halten wir kühn für die Freiheit Stand, s gilt Sieg oder Tod da zu wagen. Wir wollen im Vaterland Herren seyn, Oder lieber vermehren die himmlischen Reihn. Alte Mutter etc. Bei dem Refrain jeder Strophe ermangelte Betty nicht, der an sie gerichteten Aufforderung Folge zu leisten und dem Geheiß der vereinten Chorusstimmen zur großen Belustigung der Sänger buchstäblich zu entsprechen, wobei sie sich nicht wenig auf die Ehre einbildete, in dem Gesänge selbst zu figuriren. Die Wirthin hatte sich mit einem Getränke versehen, das ihrem an starke Würze gewöhnten Gaumen mehr zusagte, als das geschmacklose Geplemper des Kapitäns Wharton, so daß sie dadurch in den Stand gesetzt war, ziemlich leicht mit der Heiterkeit ihrer Gäste gleichen Schritt zu halten. Der Beifall, welchen Capitän Lawton ärndtete, war allgemein, den Wundarzt ausgenommen, welcher schon bei dem ersten Chor von seinem Sitze aufstand und voll classischen Unwillens in der Stube auf und ab ging. Die Bravo's und Bravissimo's erstickten eine Zeit lang jeden andern Lärm; als diese jedoch allmählich nachließen, kehrte der Doctor zu dem Sänger zurück und rief mit Hitze: »Capitän Lawton, ich wundere mich, daß ein anständiger Herr und tapferer Officier in so ernsten Zeiten keinen andern Gegenstand für seine Muse finden kann, als solche bestialische Anrufungen an das allbekannte Lageranhängsel, die schmutzige Elisabeth Flannagan. Man sollte denken, die göttliche Freiheit gäbe eine edlere Begeisterung, und die Leiden unseres Vaterlandes wären ein würdigeres Thema.« »Heisa!« schrie die Wirthin, indem sie mit drohender Geberde aus den Doctor zuging, »wer kann mich schmutzig nennen? der Meister Laxantius, der Meister Klystierspritze –« »Friede!« sagte Dunwoodie mit einer nicht viel stärkern Stimme, als gewöhnlich, der aber dennoch die tiefste Stille folgte. »Weib, verlaßt das Zimmer. Und Sie, Doctor Sitgreaves, nehmen Sie Ihren Sitz ein und veranlassen Sie keine Störung der Festlichkeit.« »Fortgemacht, fortgemacht,« sagte der Wundarzt, indem er sich mit gefaßter Würde wieder niederließ. »Verlassen sie sich d'rauf, Major Dunwoodie, ich bin nicht unbekannt mit den Regeln des Decorums und weiß mich recht wohl in die Zugaben der Geselligkeit zu fügen.« Betty zog sich eilig, aber auf einigen Umwegen, nach ihrem eigenen Territorium zurück, da sie nicht gewohnt war, den Befehlen des commandirenden Officiers zu widersprechen. »Major Dunwoodie wird uns mit einem sentimentalen Liede beehren,« sagte Lawton, indem er sich gegen seinen Anführer mit komischem Ernste verbeugte. Der Major zögerte einen Augenblick und sang dann mit kräftiger, schöner Stimme die folgenden Worte: Wohl Mancher liebt der Sonne Gluth, Wo lebenswarm in rascher Fluth Des Blutes Welle eilet; Doch süßer ist das milde Licht, Das zitternd sich im Aether bricht. Von Luna's Strahl ertheilet. Der eine liebt der Tulpe Pracht, Die feurig ihm entgegenlacht In ihrem stolzen Nicken; Doch glücklich, wem der Liebe Hand Den Kranz aus duft'gen Rosen wand, Des Bräut'gams Stirn zu schmücken. Dunwoodie vergab seiner Würde nie etwas gegenüber von seinen Untergebenen, und der Beifall, welcher seinem Liede folgte, war zwar weniger stürmisch, als der, welcher Lawtons Leistung zu Theil wurde, dafür aber schmeichelhafter. »Wenn Sie nur einige klassische Anspielungen mit Ihrer zarten Phantasie in Verbindung bringen würden, Sir,« begann der Doctor, nachdem er an den Beifallsäußerungen der Uebrigen redlichen Antheil genommen hatte, »so möchten Sie einen recht artigen erotischen Dichter abgeben.« »Wer kritisirt, muß auch selbst etwas machen können,« sagte Dunwoodie mit einem Lächeln; »ich fordere den Doctor Sitgreaves auf, uns eine Probe des Styls zu geben, den er so sehr bewundert.« »Doctor Sitgreaves muß singen! Doctor Sitgreaves muß singen!« hallte es von allen Seiten des Tisches lustig wieder. »Eine classische Ode von Doctor Sitgreaves!« Der Wundarzt machte eine höfliche Verbeugung, trank sein Glas aus und ließ vorläufig einige Hms vernehmen, worüber sich drei oder vier junge Cornets am untern Ende der Tafel höchlich ergötzten. Er begann dann mit krächzender, klangloser Stimme die folgende Strophe zu singen: Hat jemals dich durchschauert Amors Macht, Berührten dich schon seiner Pfeile Spitzen, Hast du den immer Nahen fern gedacht, Der dir gelacht aus Ihres Auges Blitzen? Dann konntest du die Flammenschmerzen fühlen, Die selbst Galenus nicht vermag zu kühlen. »Hurrah!« schrie Lawton; »Archibald verdunkelt die Musen selbst. Seine Worte fließen wie ein Waldstrom im Mondlicht und seine Melodie ist eine Bastardbrut von Nachtigall und Eule.« »Capitän Lawton!« schrie der Operator gereizt, »Sie machen sich selbst durch Ihre Unwissenheit verächtlich, wenn Sie also das Licht classischer Bildung verachten.« Ein lautes Klopfen an die Thüre des Gebäudes verwandelte den Lärm in Todtenstille, und die Dragoner griffen unwillkührlich zu den Waffen, um aus das Schlimmste gefaßt zu seyn. Die Thüre ging auf und die Schinder traten ein, den unter der Last seines Packes gebeugten Hausirer nachzerrend. »Wer ist der Capitän Lawton?« fragte der Anführer der Bande, indem er sich mit einiger Bestürzung umsah. »Er steht zu Diensten,« sagte der Rittmeister trocken. »Nun, ich übergebe hier Ihren Händen einen abgeurtheilten Verräther; es ist Harvey Birch, der Krämerspion.« Lawton erstaunte, als er seinem alten Bekannten in's Gesicht sah; dann wandte er sich mit einem verdrüßlichen Blick zu dem Sprecher und fragte: »Und wer seyd Ihr, Herr, daß Ihr so unverhohlen von einem Nachbar sprecht? – aber« er verbeugte sich gegen Dunwoodie, – »Verzeihung, Sir; – hier ist der commandirende Officier selbst – an ihn mögt Ihr Euer Geschäft bestellen.« »Nein,«, sagte der Mann mürrisch, »Ihnen will ich den Hausirer ausliefern, und von Ihnen spreche ich die ausgesetzte Belohnung an.« »Seyd Ihr Harvey Birch?« sagte Dunwoodie, indem er mit einer Würde vortrat, welche den Schinder augenblicklich in eine Ecke der Stube zurücktrieb. »Ich bin's,« sagte Harvey stolz. »Und ein Verräther an Euerm Vaterlande;« fuhr der Major mit Ernst fort. »Wißt Ihr, baß ich das Recht habe, Euch in dieser Nacht hinrichten zu lassen?« »Es ist nicht der Wille Gottes, eine Seele so schnell vor sein Angesicht zu rufen,« sagte der Krämer feierlich. »Ihr habt Recht,« sagte Dunwoodie. »Ihr sollt noch einige kurze Stunden Frist für Euer Leben haben. Da aber Euer Vergehen den Soldaten zu sehr verhaßt ist, so dürft Ihr nicht hoffen, ihrer Rache zu entkommen. Ihr sollt morgen sterben!« »Wie Gott will!« »Ich ließ mich's manche schöne Stunde kosten, den Schelm zu erwischen,« sagte der Schinder, indem er ein wenig aus seinem Winkel hervortrat, »und ich hoffe, Sie werden mir einen Ausweis geben, der mich zu Erhebung der Belohnung berechtigt; es war versprochen, daß sie in Gold ausbezahlt werden solle.« »Major Dunwoodie,« sagte der in's Gemach tretende Officier, welcher den Dienst des Tages hatte, »die Streifwachen melden, daß ein Haus in der Nahe des gestrigen Schlachtfeldes abgebrannt sey.« »Es war die Hütte des Hausirers,« brummte der Anführer der Bande. »Wir haben ihm keine Schindel auf dem Dach gelassen. Wir hätten sie schon vor Monaten niedergebrannt, aber wir bedurften des Nestes als einer Falle, um den schlauen Fuchs in seinem eigenen Loche zu fangen.« »Ihr scheint mir ein sehr umsichtiger Patriot zu seyn,« sagte Lawton. »Major Dumwoodie, ich unterstütze das Gesuch dieses würdigen Herrn, und bitte mir die Gunst aus, ihm und seinen Gesellen die Belohnung auszahlen zu dürfen.« »Es sey so – und Ihr, unglücklicher Mann, bereitet Euch auf das Schicksal vor, welches Euch unabänderlich morgen vor dem Aufgange der Sonne treffen wird.« »Das Leben hat nur wenig Reiz für mich,« sagte Harvey, indem er langsam die Augen aufschlug und die fremden Gesichter im Gemache mit wilden Blicken betrachtete. »Kommt, würdige Söhne Amerika's,« sagte Lawton, »folgt mir und nehmt eure Belohnung in Empfang.« Die Bande machte von dieser Einladung ungesäumten Gebrauch und folgte dem Kapitän zu den seinem Zuge angewiesenen Quartieren. Dunwoodie hielt einen Augenblick inne, da es seiner Natur widerstrebte, über einen besiegten Feind zu triumphiren und fuhr dann fort: »Ihr seyd bereits vor dem Kriegsgericht gestanden, Harvey Birch, und es ist eine erwiesene Wahrheit, daß Ihr ein zu gefährlicher Feind für Amerika's Freiheit seyd, als daß man Euch könnte leben lassen.« »Erwiesene Wahrheit?« wiederholte der Krämer verwundert und richtete sich in einer Weise auf, welche dem Gewichte seines Packes zu trotzen schien. »Ja, erwiesene Wahrheit. Es lastet der Vorwurf auf Euch, daß Ihr Euch stets in der Nähe der Continentalarmee aufhieltet, in der Absicht, ihre Bewegungen auszukundschaften, sie dem Feinde mitzutheilen und ihn dadurch in den Stand zu setzen, Washingtons Plane zu vereiteln.« »Glauben Sie, daß Washington das Nämliche sagen wird?« »Ohne Zweifel wird er das; gerade Washingtons Ausspruch ist es, der Euch verurteilt.« »Nein, nein, nein,« rief der Krämer mit einer Stimme und einem Benehmen, welches Dunwoodie in Erstaunen setzte: »Washington sieht weiter, als die stumpfen Blicke dieser angeblichen Patrioten. Hat er nicht sein Alles an einen entscheidenden Wurf gewagt? Wenn ein Galgen für mich bereit ist, drohte er nicht auch ihm selbst? – Nein, nein, nein – Washington würde nimmermehr sagen, führt ihn zum Galgen.« »Habt Ihr, unglücklicher Mann, vielleicht dem Obergeneral etwas zu entdecken, was Euch das Leben retten könnte?« sagte der Major, als er sich von der Ueberraschung über das sonderbare Benehmen des Hausirers wieder erholt hatte. Birch zitterte und heftige Bewegungen kämpften in seiner Brust. Sein Gesicht nahm die gespensterhafte Blässe des Todes an und seine Hand zog eine kleine zinnerne Büchse aus den Falten seines Hemdes. Er öffnete sie, ließ in dem Inhalt derselben einen schmalen Streifen Papier unterscheiden, welchen er einen Augenblick mit starrem Auge betrachtete, – und schon stand er im Begriffe, das Dokument dem Major Dunwoodie hinzureichen, als er plötzlich die Hand zurückzog und ausrief: »Nein – es sterbe mit mir; ich kenne die Bedingungen meines Dienstes und will mir das Leben nicht mit ihrem Verrathe erkaufen. Es soll mit mir sterben.« »Gebt das Papier her, und Ihr könnt vielleicht Gnade finden;« rief Dunwoodie, indem er eine wichtige Entdeckung für die Sache, welcher er diente, erwartete. »Es stirbt mit mir,« wiederholte Birch; seine bleichen Züge überflog ein Glutstrom und sein ganzes Gesicht leuchtete. »Greift den Verräther,« rief der Major, »und entreißt das Geheimniß seinen Händen.« Dem Befehle wurde augenblickliche Folge geleistet, aber die Bewegungen des Krämers waren schneller und in einem Augenblicke hatte er das Papier verschlungen. Die Officiere hielten erstaunt inne, aber der Wundarzt rief diensteifrig: »Haltet ihn! ich will ihm ein Brechmittel geben.« »Gott behüte!« sagte Dunwoodie abwehrend. »Sein Verbrechen ist zwar groß; aber auch seine Strafe wird schwer seyn.« »Führt mich fort,« sagte der Hausirer, indem er den Pack von seinen Schultern herunter gleiten ließ und mit einer Würde auf die Thüre zuging, die allen unbegreiflich schien. »Wohin?« fragte Dunwoodie verwundert. »Zum Galgen!« »Nein,« sagte der Major, indem er vor seinem eigenen Blutbefehle zurückschauderte; »meine Pflicht gebietet mir zwar, Euch hinrichten zu lassen; aber es hat keine solche Eile. Ihr sollt bis morgen um neun Uhr Zeit haben, Euch auf Euer schreckliches Loos vorzubereiten.« Dunwoodie flüsterte seine Befehle einem Lieutenant ins Ohr und hieß den Hausirer sich entfernen. Die Unterbrechung, welche durch diesen Auftritt veranlaßt wurde, machte der ganzen Tafellust ein Ende und die Officiere gingen auseinander, um sich zur Ruhe zu begeben. Bald war nur noch der schwerfällige Tritt der Schildwache zu vernehmen, welche vor dem Hotel Flanagan auf dem gefrorenen Boden hin und her ging. Siebenzehntes Kapitel. 's gibt Menschen, deren wandelbare Züge Ausdrücken jede zarte Herzensregung, Die Lieben, Hoffen, Mitleid wiederstrahlen, Wie Bilder einer blanken Spiegelfläche. Doch kalte Klugheit weiß der Seele Farben Mit einer Außenseite zu umgeben, Die argen Trug mit ihrem Schleier deckt. Duo.   Der Officier, dessen Händen Dunwoodie den Krämer anvertraut hatte, übertrug das Geschäft der Bewachung dem Sergeanten der Hauptwache. Capitän Whartons Geschenk hatte dem jungen Lieutenant ziemlich zugesetzt, und eine gewisse tanzende Bewegung, welche alle Gegenstände vor seinen Augen annahmen, mahnte ihn an die Nothwendigkeit, der Natur durch Schlaf wieder aufzuhelfen. Nachdem er den Unterofficier ermahnt hatte, keine Vorsicht, die für die Bewachung eines solchen Gefangenen räthlich erscheinen mochte, außer Acht zu lassen, hüllte sich der junge Mann in seinen Mantel, legte sich in der Nähe des Feuers nieder und fand bald die Ruhe, deren er bedurfte. An der Hinterwand des Gebäudes zog sich ein rohgezimmerter Schuppen hin, welcher an dem einen Ende einen kleinen Verschlag hatte, wo man die wenigen nöthigen Hausgeräthe aufzubewahren pflegte. In Folge der Gesetzlosigkeit der Zeit waren jedoch alle Gegenstände von einigem Werthe daraus verschwunden, und Betty Flanagan hatte gleich nach ihrer Ankunft diesen Ort erspäht und zu Aufbewahrung ihrer beweglichen Habe, wie auch zu ihrem eigenen Schlafgemach ausersehen. Zugleich waren die Ergänzungswaffen und das Gepäck des Corps darin niedergelegt und diese vereinigten Schätze der Aufsicht einer Schildwache anvertraut, welche vor der Scheune als Schutzposten der Nachhut des Hauptquartiers Parade machte. Ein zweiter Soldat, der in der Nähe des Hauses zur Bedeckung der Officierspferde aufgestellt war, hatte das Gemach von der Seite im Auge, und da dieses keine Fenster und außer der Thüre keinen weiteren Ausgang hatte, so hielt es der bedächtige Wachtmeister für den geeignetsten Ort, wo er seinen Gefangenen bis zum Augenblick seines Todesganges versorgen konnte. Sergeant Hollister hatte sich durch mehrere Gründe zu dieser Wahl bestimmen lassen. Der eine war die Abwesenheit der Wäscherin, welche vor dem Küchenfeuer lag und von einem Angriff des Corps gegen den Feind träumte, wobei ihr das Geräusch ihrer Nase als die Angriffsfanfare der Virginier vorkommen mochte. Ein anderer Grund lag in der eigentümlichen Ansicht, welche der Veteran von Leben und Tod hegte, und die ihn bei dem Corps in den Geruch einer musterhaften Frömmigkeit und Heiligkeit gebracht hatte. Der Sergeant hatte mehr als ein halbes Jahrhundert gelebt und die Hälfte dieser Zeit in den Waffen zugebracht. Die beständige Wiederkehr plötzlicher Todesfälle vor seinen Augen hatte einen Eindruck auf ihn gemacht, welcher von den gewöhnlichen Folgen solcher Begebnisse für die Sittlichkeit sehr verschieden war, und man kannte ihn nicht nur als den charakterfestesten, sondern auch als den zuverlässigsten Soldaten in seinem Zuge, weßhalb ihn auch Capitän Lawton in Anerkennung seines Werthes zu seiner Ordonnanz ernannt hatte. Der Wachtmeister führte Birch schweigend zu der Thüre seines Gefängnisses und öffnete dieselbe mit der einen Hand, indem er mit einer Laterne, welche er in der andern hielt, dem Krämer in seinen Gewahrsam vorleuchtete. Dann setzte er sich auf ein Faß, welches etwas von Betty's Lieblingsgetränke enthielt, und winkte seinem Gefangenen, sich auf einem zweiten gleichfalls nieder zu lassen. Die Laterne wurde auf den Boden gestellt, und nach einem festen Blicke in das Gesicht des Hausirers bemerkte der Sergeant: »Ihr seht mir aus, als ob Ihr dem Tod wie ein Mann entgegengehen wolltet, und ich habe Euch an diesen Ort gebracht, damit ihr ungestört und in Ruhe Eure Gedanken sammeln könnt.« »Es ist ein schrecklicher Platz, um sich für den letzten Gang vorzubereiten,« sagte Harvey und sah sich mit erstorbenen Blicken in seinem kleinen Gefängnisse um. »Ei, was das anbelangt,« erwiederte der Veteran, »so kann dies nicht besonders in Betracht kommen, wenn ein Mensch das wichtige Geschäft vor sich hat, über seine Gedanken die letzte Heerschau zu halten, damit sie geeignet seyn mögen, die Musterung einer anderen Welt zu passiren. Ich habe hier ein Büchlein; ich mache mir's immer zur Pflicht, ein wenig darin zu lesen, ehe es in ein Treffen geht, und ich habe gefunden, daß es einem in der Stunde der Noth große Stärkung verleiht.« So sprechend zog er eine Bibel aus der Tasche und reichte sie dem Krämer hin. Birch nahm das Buch mit großer Verehrung, aber das zerstreute Wesen des Gefangenen und sein rollendes Auge erregte in dem Sergeanten Vermuthung, daß die Angst über die Gefühle des Hausirers die Oberhand gewinnen werde, und er versuchte es daher, sein Amt als Tröster noch weiter zu versehen. »Wenn Euch noch etwas schwer auf dem Herzen liegt, so ist's jetzt die beste Zeit, es los zu werden. Wenn Ihr Jemand Unrecht gethan habt, so nehmt das Wort eines ehrlichen Dragoners – ich will Euch hülfreich die Hand bieten, es wieder gut zu machen.« »Es gibt wenige, die nicht etwas drückt,« sagte der Hausirer, indem er das stiere Auge auf seinen Gefährten heftete. »Wahr – die Sünde liegt in der Natur des Menschen – aber es kömmt bisweilen vor, daß der Mensch Handlungen begeht, welche ihm zu andern Zeiten großen Kummer machen. Es kann im Grunde doch Keiner wünschen, mit dem Bewußtseyn einer schweren Schuld in die Ewigkeit zu gehen.« Harvey hatte die ganze Zeit über den Ort untersucht, wo er die Nacht zubringen sollte, und nichts entdeckt, was ihm als Mittel zur Flucht dienen konnte. Da aber das Gefühl der Hoffnung die Brust des Menschen am allerspätesten verläßt, so achtete der Hausirer wieder mehr auf den Dragoner und heftete so spähende Blicke auf dessen sonnverbrannte Züge, daß Sergeant Hollister vor der Wildheit des Ausdrucks, welcher sich in dem Gesichte des Gefangenen aussprach, die Augen niederschlug. »Man hat mich gelehrt, die Bürde meiner Sünden zu den Füßen meines Erlösers niederzulegen,« erwiederte der Hausirer. »Hm, ja – alles das ist gut genug,« versetzte der Andere; »aber man muß sie auch gut zu machen suchen, so lange sich eine Gelegenheit dazu bietet. Seit dem Beginn des Krieges hat es stürmische Zeiten im Lande gegeben, und viele sind ihres rechtmäßigen Eigenthums beraubt worden. Ich finde es oft schwer, sogar meine gesetzliche Kriegesbeute vor meinem Gewissen zu verantworten.« »Diese Hände,« sagte der Krämer, indem er seine mageren, knöchernen Finger ausstreckte, »haben jahrelang mit Mühsal gekämpft, aber sich nie an fremdem Gute vergriffen.« »Es ist gut, wenn dem also ist,« sagte der ehrliche Krieger, »und ohne Zweifel gereicht Euch das zu einer großen Beruhigung. Es gibt drei große Sünden, und wenn der Mensch diese von seinem Gewissen fern hält, so mag er wohl, unter Gottes Gnade, hoffen, die Musterung mit den Heiligen im Himmel zu passiren: diese Sünden sind Diebstahl, Mord und Desertion.« »Gott sey Dank!« sagte Birch mit Wärme, »ich habe noch keinem meiner Mitmenschen das Leben genommen.« »Einen Menschen im rechtmäßigen Kampfe tödten ist nichts weiter, als Pflichterfüllung. Ist die Sache, für welche man kämpft, unrecht, so fällt, wie Ihr wißt, die Schuld auf die Nation, und der Einzelne hat dann seinen Theil hienieden mit dem ganzen übrigen Reste des Volkes zu büßen; aber ein mit kaltem Blut geübter Mord ist ein Verbrechen, das in den Augen Gottes dem Verlassen seiner Fahne am nächsten steht.« »Ich war nie Soldat und konnte daher nie desertiren,« sagte der Hausirer und ließ den Kopf melancholisch auf die Hand sinken. »Ja, aber Desertiren ist etwas mehr, als von seiner Fahne weglaufen, obschon dieses unstreitig die schwerste Unterabtheilung davon ist. Es gehört auch zum Desertiren, wenn man sein Vaterland in der Stunde der Noth verläßt.« Birch bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und sein ganzer Körper bebte. Der Sergeant verwandte kein Auge von ihm: bald aber gewannen bessere Gefühle über seinen Widerwillen die Oberhand und er fuhr mit mehr Milde fort: »Aber auch diese Sünde kann, wie ich glaube, Vergebung finden, wenn man sie aufrichtig bereut; und es kann im Grunde wenig ausmachen, wann oder wo ein Mensch stirbt, wenn er nur wie ein Mann und wie ein Christ stirbt. Um aber dies zu können, empfehle ich Euch, Eure Gebete zu sprechen und ein wenig zu ruhen. Es ist keine Hoffnung zur Begnadigung vorhanden, denn Obrist Singleton hat den gemessensten Befehl ergehen lassen, Euch aus der Welt zu schaffen, wo man Euch immer aufgreife. Nein – nein – nichts kann Euch retten.« »Ihr habt Recht,« rief Birch. »Es ist nun zu spät – das einzige Rettungsmittel habe ich selbst zernichtet. Aber Er wird wenigstens meinem Andenken Gerechtigkeit widerfahren lassen.« »Was für ein Rettungsmittel,« fragte der Sergeant, dessen Neugierde durch die Worte des Krämers erregt worden war. »Es ist nichts,« versetzte der Hausirer, indem er wieder in seine natürliche Weise zurückfiel und das Haupt sinken ließ, um die ernsten Blicke seines Gefährten zu vermeiden. »Und wer ist der Er?« »Niemand,« fügte Harvey bei, als fürchte er zu viel zu sagen. »Nichts und Niemand kann Euch in dem gegenwärtigen Augenblick wenig helfen,« sagte der Sergeant und stand auf, um sich zu entfernen. »Legt Euch auf das Bett der Mistreß Flanagan und versucht es, ein wenig zu schlafen. Ich will Euch morgen bei Zeit wecken, und wünsche vom Grunde meines Herzens, Euch einen Dienst leisten zu können, denn es gefällt mir nicht besonders, einen Menschen wie einen Hund aufhängen zu sehen.« »Daun könntet Ihr mich von diesem schmählichen Tode retten,« sagte Birch und faßte, hastig aufspringend, den Dragoner am Arme – »Und ach, was wollte ich nicht geben, um Euch zu belohnen!« »Wie könnte ich das?« fragte der Sergeant, indem er den Gefangenen mit Ueberraschung anblickte. »Seht,« sagte der Hausirer und zog einige Guineen aus der Tasche, »dieß ist eine Kleinigkeit gegen das, was ich Euch zu geben gedenke, wenn Ihr mir zur Flucht verhelft.« »Und wenn Ihr der Mann wäret, dessen Bild aus dieses Gold geprägt ist, nimmermehr würde ich auf einen solchen verbrecherischen Vorschlag hören,« sagte der Reiter und warf die Geldstücke mit Verachtung auf den Boden. »Geh – geh – armer Wicht, und mache deinen Frieden mit Gott, denn Er allein ist es, der Dir noch helfen kann.« Der Sergeant nahm die Laterne auf und verließ mit der Geberde des Unwillens den Krämer, welcher nun Zeit hatte, Betrachtungen über sein nahes schreckliches Schicksal anzustellen. Birch sank verzweifelnd aus Betty's Lager, indeß sein Hüter den Schildwachen die geeigneten Befehle zur sicheren Verwahrung des Gefangenen gab. Hollister schloß die Einschärfungen, welche er dem Soldaten vor dem Schuppen ertheilte, mit den Worten: »Du haftest mit dem Kopfe dafür, daß er Dir nicht entspringt. Bis morgen darf Niemand bei ihm ein- oder ausgehen.« »Aber,« sagte der Reiter, »mein Befehl lautet, die Waschfrau hinein oder heraus zu lassen, so oft es ihr gefällt.« »Nun, diese kannst Du passiren lassen, aber nimm dich in Acht, daß der verschmitzte Krämer nicht in den Falten ihres Weiberrocks herausschlüpft.« Er ging dann weiter und gab jeder der Schildwachen in der Nähe dieses Ortes die gleichen Befehle. Eine Weile nach der Entfernung des Sergeanten herrschte in dem einsamen Gefängniß des Hausirers die tiefste Stille, bis der Dragoner an der Thüre laute Athemzüge vernahm, welche bald in das Schnarchen eines in tiefem Schlafe liegenden Menschen übergingen. Der Mann ging aus seinem Posten auf und ab und machte seine Betrachtungen über diese Gleichgültigkeit gegen das Leben, welche der Natur ihre gewohnte Ruhe sogar an der Schwelle des Grabes gestatten konnte. Harvey Birchs Name war jedoch bei dem Corps zu lange ein Gegenstand des Abscheu's gewesen, als daß sich den Gefühlen der Schildwache auch nur ein Gedanke von Mitleid beigemischt hätte. Ungeachtet der Rücksicht und Freundlichkeit, welche der Sergeant an den Tag gelegt hatte, war unter der ganzen Mannschaft kein Zweiter des gleichen Ranges, welcher ein ähnliches Wohlwollen gegen den Gefangenen bewiesen haben würde, oder der nicht, wie der Veteran, die Bestechung zurückgewiesen hätte, wenn es auch vielleicht aus minder ehrenwerthen Gründen geschehen wäre. Es lag eine Art von Unmuth und Neid in den Gefühlen des Mannes, welcher die Thüre des Gefängnisses bewachte, weil er sah, daß der Gefangene sich eines Schlafes erfreute, dessen er selbst beraubt war, und daß er eine so ärgerliche Gleichgültigkeit gegen die Todesstrafe bewies, welche wegen vielfachen Verraths an der Sache der Freiheit und des Vaterlandes durch die militärische Strenge über ihn verhängt war. Mehr als einmal fühlte er sich versucht, die Ruhe des Krämers durch Schmähreden und Vorwürfe zu stören, aber die Kriegszucht, unter welcher er stand und wohl auch ein dunkles Schamgefühl über die Rohheit einer solchen Handlung, hielten ihn von diesem Vorhaben zurück. Seine Betrachtungen wurden jedoch bald durch die Erscheinung der Waschfrau unterbrochen, welche wankend aus der Küchenthüre kam und Flüche gegen, die Bedienten der Officiere brummte, deren Neckereien ihren Schlaf bei dem Feuer gestört hatten. Die Schildwache verstand von ihren Verwünschungen genug, um den Fall zu begreifen, aber alle seine Bemühungen, mit dem erbosten Weibe ein Gespräch anzuknüpfen, waren fruchtlos; und so ließ er sie in das Gemach eintreten, ohne ihr von dem bereits darin befindlichen Bewohner Nachricht zu ertheilen. Man hörte ihren schweren Körper auf das Bette fallen, dann trat für einige Zeit Stille ein, die aber bald durch das erneuerte Athmen des Hausirers unterbrochen wurde, und wenige Minuten später schnarchte Harvey wieder so laut, als ob gar keine Unterbrechung stattgefunden hätte. Jetzt kam die Ablösung, und die abziehende Schildwache, welcher die Todesverachtung des Krämers in die Nase gestochen hatte, rief, nach Mittheilung der erhaltenen Befehle, dem Nachfolger zu: »Du kannst dich durch Tanzen warm erhalten, John; der Krämerspion hat seine Fidel gestimmt, wie Du selbst hören kannst, und es wird nicht lange dauern, so fängt Betty auch an, eins aufzustreichen.« Der Spaß erregte allgemeines Gelächter bei der Runde, welche nun weiter zog, um ihrem Dienste nachzukommen. In diesem Augenblick öffnete sich die Thüre des Gefängnisses und Betty erschien wieder und humpelte gegen ihr früheres Quartier zu. »Halt!« sagte die Schildwache und erwischte sie bei den Kleidern. »Wißt Ihr gewiß, daß der Spion nicht in Eurer Tasche steckt?« »Könnt Ihr den Schuft nicht in meiner Kammer schnarchen hören, Ihr schmutziger Lumpenhund,« sprudelte Betty und zitterte vor Wuth am ganzen Leibe; »ist es so weit gekommen, daß man einer ehrsamen Frauensperson ein Mannsbild in die Schlafkammer legt, Ihr Galgenstrick?« »Pah! meint Ihr den Burschen, der morgen gehängt werden soll? Seht, er schläft ja bereits. Morgen wird er wohl noch ein längeres Schläfchen machen.« »Hände weg, Ihr Schelm!« rief die Waschfrau und ließ eine kleine Flasche zurück, welche ihr der Reiter glücklich abgerungen hatte. »Aber ich will zu Capitän Jack gehen und ihn fragen, ob es in der Ordnung ist, mir so einen Galgenvogel von Spion in die Kammer zu legen – ja und sogar auf mein ehrsames Wittfrauenbett, Ihr Dieb, Ihr!« »Schweigt, alte Jesabel,« sagte der Soldat lachend und nahm die Bouteille vom Mund, um Athem zu holen, »sonst werdet Ihr den Ehrenmann aufwecken – oder wollt Ihr einem Menschen nicht einmal den letzten Schlaf gönnen?« »Ich will den Capitän Jack aufwecken, Ihr heilloser Spitzbube, und ihn herbringen, daß er sieht, wie man mit mir umgeht. Ihr sollt mir alle den Schabernack büßen, den ihr einer ehrsamen Wittwe angethan habt.« Mit diesen Worten, welche aber nichts weiter, als ein Gelächter der Schildwache erzielten, stolperte Betty um das ganze Ende des Gebäudes und schlug den nächsten Weg nach den Quartieren ihres Lieblings, des Capitäns John Lawton ein, um bei ihm Beistand zu suchen. Aber weder der Officier noch das Weib ließ sich die Nacht über blicken und es ereignete sich nichts mehr, was die Ruhe des Krämers stören konnte, der zur großen Verwunderung der nach und nach aufziehenden Posten durch sein Schnarchen zeigte, welch geringen Einfluß der Gedanke an den Galgen auf seinen. Schlaf zu üben im Stande sey. Achtzehntes Kapitel. Ein Daniel kommt, zu richten! ja, ein Daniel! – Wie ehr' ich dich, o weiser junger Richter! Der Kaufmann von Venedig.   Die Schinder folgten dem Capitän Lawton bereitwillig nach den Quartieren, in welchen der Zug des Rittmeisters lag. Dieser Officier hatte bei allen Gelegenheiten so viel Eifer für die Sache, welcher er diente, gezeigt, er beachtete im Angesichte des Feindes persönliche Gefahr so wenig, und seine hohe Gestalt und seine strengen Züge trugen so viel dazu bei, ihn furchtbar zu machen, daß er gewissermaßen der renommirteste Mann seines Corps war. Allerdings nahm man irriger Weise seine Unerschrockenheit für Wildheit und seinen ungezügelten Eifer für natürlichen Hang zur Grausamkeit. Andererseits hatten aber einige Acte der Milde, oder – um es geeigneter auszudrücken – einer nicht buchstäblichen Gerechtigkeitspflege dem Major Dunwoodie den Ruf einer ungeeigneten Nachsicht erworben, wie es überhaupt selten ist, daß der Tadel oder der Beifall der Menge dem Verdienste angemessen ausfällt. In der Gegenwart des Majors fühlte sich der Anführer der Bande unter dem Einflüsse einer Beengung, welche den Lasterhaften, der anerkannten Tugend gegenüber, stets befällt; aber als er das Haus verlassen hatte, glaubte er auf einmal, sich unter dem Schutze eines gleichgesinnten Geistes zu befinden. Es lag ein Ernst in Lawtons Benehmen, welcher die meisten von denen, die den Mann nicht genauer kannten, irre führte, und unter seinem Zuge war ein Sprichwort im Schwunge: »Wenn der Rittmeister lacht, so hat er's auf eine Strafe abgesehen.« Der Räuberführer rückte seinem Geleiter näher und begann ein vertrauliches Gespräch. – »Es ist immer gut, wenn man seine Freunde von den Feinden zu unterscheiden weiß« sagte der halb privilegirte Freibeuter. Auf diese einleitende Bemerkung antwortete der Capitän nur durch einen unverständlichen Laut, welchen sich der Andere als eine Zustimmung deutete. »Ich vermuthe, Major Dunwoodie steht bei Washington sehr in Gunsten?« fuhr der Schinder in einem Tone fort, der eher einen Zweifel, als eine Frage ausdrückte. »Manche glauben so.« »Viele Freunde des Congresses in dieser Gegend,« fuhr der Mann fort, »wünschen, daß die Virginische Reiterei von einem andern Officier commandirt würde. Was mich anbelangt, so könnte ich unserer Sache manchen wichtigen Dienst leisten, gegen den die Einbringung des Krämers eine Kleinigkeit wäre, wenn ich nur hin und wieder durch einen Zug Reiter gedeckt würde.« »Wirklich? Zum Beispiel?« »Es ließe sich in der Sache für den Officier eben so gut ein ordentlicher Schnitt machen, wie für uns, die wir sie ausführten,« sagte der Schinder mit einem vielsagenden Blicke. »Aber wie?« fragte Lawton etwas ungeduldig und beschleunigte seine Schritte, um den Uebrigen weit genug vorauszukommen, damit das Gespräch nicht behorcht würde. »Ei, in der Nähe der königlichen Linien, sogar unter ihren Kanonen ließe sich mancher gute Fang thun, wenn wir stark genug wären, um de Lancey's Das Partheigänger-Corps, welches den Namen der Kühjungen trug, wurde von dem Obrist de Lancey commandirt. Dieser Edelmann, denn ein solcher war er von Geburt und Erziehung, machte sich bei den Amerikanern durch seine raffinirte Grausamkeit verhaßt, obgleich es nicht erwiesen ist, daß er wirklich im den wilden Handlungen der rohen Kriegsführung seiner Leute mitschuldig war. – Obrist de Lancey gehörte einer Familie an, welche großen Einfluß in den amerikanischen Colonien hatte und sein Onkel war als Gouverneur von Neu-York gestorben. Er darf nicht mit andern dieses Namens und dieser Familie verwechselt werden, da mehrere solche in der königlichen Armee dienten. Sein Vetter, der Obrist Oliver de Lancey, war zu der Zeit unserer Erzählung Generaladjutant der britischen Streitkräfte in Amerika und der Nachfolger des unglücklichen André. Die Kühjungen wurden bisweilen auch Refugee genannt, weil sie ihre Zuflucht zu dem Schutz der Krone genommen hatten. Leute abzuhalten, und unsern Rückzug so decken könnten, daß wir den Weg nach der Königsbrücke frei behielten.« »Ich dachte, die Refugees nähmen dieses Wild schon für eigene Rechnung.« »Ein Bischen thun sie das wohl, aber sie müssen auf ihre eigenen Leute zu viele Rücksicht nehmen. Ich bin zweimal unten gewesen und habe im Einverständniß mit ihnen operirt. Das erstemal benahmen sie sich ehrlich, aber das zweitemal überfielen sie uns, jagten uns fort und behielten die Beute für sich.« »Das war in der That sehr unfreundschaftlich gehandelt. Es wundert mich nur, daß sich ein ehrlicher Mann mit solchen Schuften einlassen mag.« »Es ist immer nöthig, mit einigen von ihnen in gutem Vernehmen zu bleiben, wir könnten sonst aufgehoben werden; aber ein Mann ohne Ehre ist weniger, als ein Vieh. Glauben Sie, daß man dem Major Dunwoodie trauen darf?« »Ihr meint, hinsichtlich seiner Grundsätze von Ehre?« »Gewiß; Sie wissen, man hatte von Arnold eine gute Meinung, bis der königliche Major aufgegriffen wurde.« »Ei, ich glaube nicht, daß Dunwoodie sein Commando verkaufen würde, wie Arnold zu thun wünschte. Auch glaube ich nicht, daß man ihn bei einem so delicaten Geschäft, wie Ihr es im Schilde führt, allzutief in die Karten blicken lassen darf.« »Das ist just meine Ansicht,« erwiederte der Schinder mit einer gewissen Selbstzufriedenheit, welche das innere Vergnügen, einen Charakter so gut beurtheilt zu haben, nicht verkennen ließ. Mittlerweile waren sie bei einem Bauernhause von etwas besserem Aussehen angekommen, dessen ziemlich weitläufige Außengebäude für die damalige Zeit sich in einem recht erträglichen Zustande befanden. Die Reiter waren in den Scheunen vertheilt, während die Pferde in den langen Schuppen standen, die den Hofraum gegen den kalten Nordwind schützten. Letztere fraßen ruhig und waren vollständig gesattelt und aufgezäumt, so daß nur noch die Zügel eingelegt werden durften, um bei dem ersten Zeichen zum Aufbruch fertig zu seyn. Lawton entschuldigte sich für einen Augenblick und trat in sein Quartier. Bald kehrte er aber mit einer gewöhnlichen Stalllaterne zurück und leuchtete nach einem großen Baumgute voran, welches die Gebäude von drei Seiten umgab. Die Bande glaubte, es geschehe in der Absicht, den interessanten Gegenstand noch weiter und besser besprechen zu können, ohne daß man Gefahr liefe, behorcht zu werden, und folgte dem Rittmeister in tiefem Schweigen. Der Schinderhäuptling näherte sich dem Capitän und nahm das abgebrochene Gespräch wieder auf, wobei er den Andern tiefer in seine Plane einzuweihen und sich selbst als einen klugen Kopf darzustellen beabsichtigte. »Glauben Sie, daß die Colonien am Ende doch noch den Sieg über den König davon tragen werden?« fragte er mit der geheimnißvollen Miene eines Politikers. »Den Sieg davon tragen?« wiederholte der Capitän auffahrend – dann nahm er sich wieder zusammen und fuhr fort: »Ohne Zweifel werden sie das. Wenn's die Franzosen nicht an Geld und Waffen fehlen lassen, so können wir die königlichen Truppen in sechs Monaten aus dem Lande jagen.« »Nun, ich hoffe auch, daß es bald geschehe; dann werden wir eine freie Regierung haben, welche uns, die wir für sie gefochten haben, auch belohnen wird.« »Oh!« rief Lawton, »Eure Ansprüche sind unbestritten; und diese elenden Tories, welche zu Haus im Frieden leben und für ihre Güter Sorge tragen, sollen mit verdienter Verachtung behandelt werden. Ich denke, Ihr habt keinen eigenen Grund und Boden?« »Noch nicht – aber es müßte schlimm zugehen, wenn ich nicht einen eigenen Heerd fände, ehe es zum Frieden kommt.« »Recht so; denkt auf Euern eigenen Vortheil und Ihr denkt auf den Vortheil des Vaterlandes: verfolgt den Zweck Euerer Dienste, lacht die Tories aus, und ich wette meine Sporen gegen einen rostigen Nagel, Ihr werdet's wenigstens bis zum Distriktsschreiber bringen.« »Glauben Sie nicht, daß Pauldings Der Autor hat hier auf einen Gegenstand angespielt, der ein zu locales Interesse hat, um der Mehrzahl der Leser gegenwärtig zu seyn. – Bekanntlich wurde André von drei Landleuten angehalten, welche wegen der Raubzüge des Feindes auf Kundschaft lagen. Der Führer dieses kleinen Häufleins hieß Paulding. Die Uneigennützigkeit, mit welcher sie die Anerbietungen ihres Gefangenen zurückwiesen, ist geschichtliche Thatsache. Leute rechte Thoren waren, weil sie dem königlichen Generaladjutanten nicht durchhalfen?« sagte der Mann, der jetzt bei dem freimüthigen Benehmen des Rittmeisters alle Vorsicht bei Seite legte. »Thoren?« rief Lawton mit bitterem Lachen, »ja wohl Thoren! König Georg hatte sie besser bezahlt, denn er ist reicher. Sie wären für ihr ganzes Leben gemachte Herren geworden. Aber Gott sey Dank, es ist ein durchdringender Geist in dem Volke, der an's Wunderbare gränzt. Leute, die nichts haben, handeln, als ob die Schätze Indiens von ihrer Treue abhingen; denn nicht Alle sind Schurken wie ihr, sonst wären wir schon lange wieder Englands Sclaven.« »Wie?« rief der Schinder, indem er zurückfuhr und die Muskete auf des Rittmeisters Brust anschlug, »bin ich verrathen, und stehen Sie mir als Feind gegenüber?« »Elender!« brüllte Lawton, und sein Säbel klirrte in der stählernen Scheide, als er dem Kerl die Muskete damit aus der Hand schlug. »Versuch' es nochmal, Dein Gewehr auf mich anzulegen und ich haue Dich bis zum Nabel auseinander!« »Sie wollen uns also nicht bezahlen, Capitän Lawton?« sagte der Schinder und zitterte an allen Gliedern, denn gleichzeitig sah er eine Abtheilung berittener Dragoner anrücken, welche die ganze Bande schweigend umringte. »Oh, Dich zahlen; ja, Du sollst Deinen Lohn in vollem Maaß erhalten. Hier ist das Geld, das Obrist Singleton für die Einbringer des Spions gesendet hat« – er warf den Gaunern mit Verachtung einen Beutel voll Guineen vor die Füße. »Aber legt die Waffen nieder, ihr Schurken, und seht, ob das Geld richtig gezählt ist.« Die eingeschüchterte Bande that, wie ihr befohlen wurde, und während sie dem angenehmeren Theile des Aufrufs begierig Folge leistete, nahmen einige von Lawton's Leuten heimlich die Flintensteine aus ihren Musketen. »Nun,« schrie der ungeduldige Capitän – »ist's recht so? Habt Ihr eure versprochene Belohnung?« »Das Geld ist ganz richtig,« sagte der Führer, »und nun wollen wir, mit Ihrer Erlaubniß, nach Hause gehen.« »Halt! soweit hätten wir unser Versprechen gelöst. Nun kommt aber ein Act der Gerechtigkeit. Wir haben Euch für das Einfangen des Spions bezahlt, aber jetzt wollen wir Euch auch für das Sengen, Rauben und Morden züchtigen. Ergreift sie, Jungen, und gebt jedem von ihnen, nach dem Gesetze Moses – vierzig weniger einen.« Dieser Befehl traf keine tauben Ohren. Im Augenblicke waren die Schinder ausgekleidet und mit Pferdehalftern an eben so viele Apfelbäume befestigt, als nöthig waren, um jeden der Rotte gehörig zu versehen. Dann blitzten die Säbel und mit Zauberschnelle waren fünfzig Zweige von den Bäumen abgehauen. Von diesen wurden die biegsamsten ausgewählt und es fanden sich bald bereitwillige Dragoner zur Führung dieser Waffe. Capitän Lawton gab seinen Leuten die menschenfreundliche Weisung, die Vorschrift des mosaischen Gesetzes nicht zu übersteigen, und nun begann in dem Obstgarten eine babylonische Verwirrung. Das Schreien des Bandenführers ließ sich leicht von dem seiner Leute unterscheiden, ein Umstand, der vielleicht der Ermahnung Lawton's an den Stockmeister zuzuschreiben war, daß man es hier mit einem Officier zu thun habe, dem eine ungewöhnliche Ehre gebühre. Die Execution ging recht artig und rasch von Statten und es fiel keine weitere Unregelmäßigkeit dabei vor, als daß keiner der Zuchtmeister eher zu zählen anfing, als bis er sein Instrument in einem Dutzend oder mehr Hieben versucht hatte, um, wie sie sich ausdrückten, den rechten Fleck ausfindig zu machen. Sobald diese summarische Abfertigung zur Zufriedenheit erledigt war, befahl Lawton seinen Leuten, den Schindern ihre Kleider zu geben und dann wieder aufzusitzen, da sie eigentlich bestimmt waren, landabwärts zu patrouilliren. »Ihr seht, mein Freund,« sagte Lawton, als er sich zum Abzuge anschickte, zu dem Häuptling der Schinder, »ich kann Euch im Nothfalle bedecken. Wenn wir oft zusammentreffen, so sollt Ihr stets mit Wunden bedeckt werden, die zwar nicht sonderlich ehrenvoll, aber nichts desto weniger recht wohl verdient sind.« Der Kerl antwortete nicht. Er nahm seine Muskete wieder auf und trieb seine Kameraden zu schleunigem Aufbruch an. Als alle fertig waren, marschirten sie finster auf einige Felsen in der Nähe zu, welche von dichtem Gehölz überhangen waren. Der Mond ging eben auf und ließ die Gruppe der Dragoner deutlich unterscheiden. Da wandte sich die ganze Bande plötzlich um, schlug an und drückte die Gewehre ab. Die Dragoner bemerkten die Bewegung und hörten das Knacken der Schlösser. Sie erwiederten diesen vergeblichen Versuch mit einem schallenden Gelächter und der Rittmeister rief ihnen zu: »Ah, ihr Schurken, ich kannte Euch wohl und habe Euch daher die Flintensteine wegnehmen lassen.« »Ihr hättet mir auch den in der Tasche nehmen sollen,« brüllte der Führer und feuerte im nächsten Augenblick sein Gewehr ab. Die Kugel streifte Lawton's Ohr, der jedoch, nur den Kopf schüttelte und lachend rief: »Um ein Haar gefehlt, ist so gut als um eine Meile.« Einer der Dragoner hatte die Vorbereitungen des Schinders gesehen, den die übrige Bande nach dem Fehlschlagen ihres Racheversuchs allein zurückließ, und drückte eben seinem Pferde die Sporen in die Seite, um ihm nachzusetzen, als der Kerl feuerte. Die Entfernung nach den Felsen war nur unbedeutend und die Schnelligkeit des Pferdes zwang den Führer, das Geld und die Muskete im Stich zu lassen, um seinem Feinde zu entkommen. Der Soldat kehrte mit seiner Beute wieder um und brachte sie seinem Capitän; aber Lawton wies sie zurück und sagte dem Reiter, er solle sie behalten, bis der Schuft in Person erscheine, um sein Eigenthum zurück zu fordern. Es wäre jedoch kein leichtes Geschäft für eine der damals in den neuen Staaten bestehenden Gerichtsbehörden gewesen, die Rückerstattung des Geldes in Vollzug zu setzen, denn es wurde bald darauf von Sergeant Hollister an die Mannschaft von Lawton's Zuge in gleichen Portionen vertheilt. Die Patrouille zog ab, und der Rittmeister kehrte langsam zu seiner Wohnung zurück, um sich zur Ruhe zu begeben. Da fiel ihm plötzlich eine Gestalt auf, welche sich langsam unter den Bäumen fortbewegte und die Richtung nach dem Walde einschlug, in der die Schinder sich zurückgezogen hatten. Er wandte sein Pferd, ritt vorsichtig näher und erkannte zu seinem großen Erstaunen die Waschfrau, welche sich zu dieser ungewohnten Stunde an einem solchen Platze befand. »Was, Betty? Wandelt Ihr im Schlaf, oder träumt Ihr mit offenen Augen?« rief der Reiter. »Fürchtet Ihr nicht dem Geist der alten Jenny auf ihrem Lieblingsweideplatz zu begegnen?« »Ach, Sie sind's, Capitän Jack!« erwiederte die Marketenderin in dem Dialekte ihrer Heimath und taumelte in einer Weise, welche es ihr schwer machte, den Kopf auszurichten, »'s ist weder Jenny, noch ihr Geist, was ich suche, sondern nur einige Kräuter für die Verwundeten. Sie haben eine besondere Kraft, wenn man sie beim aufgehenden Monde holt, und das trifft jetzt just zu. Sie wachsen dort unter dem Felsen, und ich muß eilen, sonst verliert der Zauber seine Wirkung.« »Närrin, Ihr würdet besser thun, in Euer Bett zu gehen, als unter diesen Felsen herumzuwandern; wenn Ihr von einem herabfielet, würdet Ihr Arme und Beine brechen. Zudem haben sich die Schinder auf diese Höhen geflüchtet, und wenn Ihr ihnen in die Hände gerathet, so möchten sie leicht für die gesunden Hiebe, die sie eben von mir erhalten haben, an Euch Rache nehmen. Kehrt lieber um, Alte, und bringt Euern Schlaf zu Ende; wir brechen morgen auf.« Betty achtete nicht auf diesen Rath und setzte ihren schwankenden Spaziergang gegen die Anhöhe fort. Als Lawton die Schinder berührte, hielt sie einen Augenblick an, dann aber ging sie wieder weiter und verschwand bald unter den Bäumen. Als der Capitän in sein Quartier zurückkam, fragte ihn die Schildwache an der Thüre, ob ihm Mistreß Flanagan begegnet sey und fügte bei, sie sey hier vorbeigekommen, habe die Luft mit Drohungen gegen ihre Quälgeister im »Hotel« erfüllt, und nach dem Rittmeister gefragt, um bei ihm Abhülfe ihrer Beschwerden zu suchen. Lawton hörte den Mann mit Verwunderung an, und ein neuer Gedanke schien in ihm aufzuleuchten. Er ging nach dem Obstgarten zurück, kehrte aber Bald wieder um, ging dann einige Minuten in raschen Schritten vor der Thüre des Gebäudes auf und ab, worauf er hastig in's Haus trat, sich in den Kleidern auf ein Bett warf und bald in einen tiefen Schlaf versank. Inzwischen hatte die Freibeuterbande glücklich die Spitze des Gebirgs erreicht, wo sie sich nach verschiedenen Richtungen zerstreuten und in den Tiefen des Waldes Verstecke suchten. Als sie jedoch sahen, daß keine Verfolgung mehr zu befürchten war, die in der That auch von der Reiterei nicht gut zu bewerkstelligen gewesen wäre, wagte es der Führer, die Rotte durch ein Pfeifchen zu versammeln, und in kurzer Zeit war die entmuthigte Mannschaft wieder auf einem Punkte beisammen, wo sie von dem Feinde wenig zu besorgen hatten. »Nun,« sagte einer der Burschen, während die andern ein Feuer anzündeten, um sich gegen die schneidend kalte Nachtluft zu schützen, »mit unsern Geschäften in West-Chester wäre es jetzt zu Ende. Die Virginische Reiterei wird uns bald heiß genug aufsitzen, so daß es nicht gut bleiben ist.« »Ich muß sein Blut sehen,« brummte der Führer, »und wenn mich der nächste Augenblick das Leben kosten sollte.« »Oh, Du bist ein gar männlicher Held hier außen in den Wäldern,« schrie der Andere mit wildem Lachen. »Warum hast Du, der Du Dich so sehr mit Deinem guten Zielen brüstest, Deinen Mann auf dreißig Ellen gefehlt?« »Der Reiter machte mich irre, sonst hätte mir der Capitän Lawton auf dem Platze verenden sollen. Außerdem schauderte ich vor Frost, so daß ich keine stete Hand mehr hatte.« »Sage lieber vor Furcht, dann ist's doch keine Lüge,« versetzte sein Kamerad höhnisch. »Ich für meinen Theil glaube, daß es mich nie wieder frieren wird. Mein Rücken brennt mich; als ob tausend glühende Bratröste auf ihm lägen.« »Und Du willst Dir feiger Weise eine solche Behandlung gefallen lassen und wohl gar den Stock küssen, der Dich geschlagen hat?« »Das Stockküssen dürfte kein leichtes Geschäft seyn. Der meinige zerflog auf meinen Schultern in so kleine Stücke, daß es schwer halten würde, eines aufzufinden, welches groß genug wäre, um geküßt werden zu können; aber ich will doch lieber nur die halbe Haut verlieren, als die ganze und die Ohren obendrein. Und das wird unser Loos seyn, wenn wir diesen tollen Virginier wieder in Versuchung führen. Ich wollte ihm lieber gutwillig so viel von meiner Haut abtreten, daß er sich ein Paar Stiefelriemen drauß machen lassen könnte, wenn er mich nur mit dem Ueberreste durchschlüpfen ließe. Wenn Du aber gewußt hättest, wo man am besten durchkommt, so hättest Du Dich an den Major Dunwoodie gehalten, der nicht halb so viel von unserer seinen Aufführung weiß.« »Schweig, Du alberner Schwätzer!« brüllte der erboste Führer; »Dein Gewäsche wäre im Stande, den vernünftigsten Menschen toll zu machen. Ist es nicht genug, ausgeplündert und geprügelt worden zu seyn? Sollen wir uns noch durch Dein Narrengeschwätz quälen lassen? Hilf den Proviant auspacken, wenn noch etwas im Schnappsack ist, und probire, ob Dir damit nicht das Maul gestopft wird.« Dieser Aufforderung wurde Folge geleistet, und die ganze Bande schickte sich unter Stöhnen und Verkrümmungen, welche in dem wunden Zustande der Rücken ihren Grund hatten, an, ein spärliches Mahl zu bereiten. Ein großes Feuer von trockenem Holze brannte in einer Felsenöffnung, und endlich fingen sie an, sich von der Verwirrung ihrer Flucht zu erholen und die zerstreuten Sinne wieder zu sammeln. Als der Hunger beschwichtigt war und Viele ihre Kleider bei Seite gelegt hatten, um die beschädigten Theile besser pflegen zu können, begann die Rotte, auf Vergeltungsmaaßregeln zu sinnen. In dieser Weise wurde eine Stunde hingebracht und verschiedene Vorschläge gemacht, welche aber alle, da ihr Erfolg von persönlichem Muthe abhing, wegen der damit Verbundenen großen Gefahr wieder verworfen wurden. Bei der großen Wachsamkeit des Corps war an eine Ueberraschung nicht zu denken, und die Hoffnung, den Capitän Lawton einzeln abzufangen, war gleichfalls vergeblich, da der Reiter sich seinen Dienst unablässig angelegen seyn ließ und so schnell in seinen Bewegungen war, daß eine derartige Begegnung nur durch einen ungemein günstigen Zufall herbeigeführt werden konnte. Zudem war es noch äußerst ungewiß, ob ein solches Zusammentreffen einen für sie günstigen Ausgang hoffen ließ, denn die Schlauheit des Rittmeisters war allbekannt, und auf West-Chesters rauhem und felsigem Boden konnte der furchtlose Parteigänger bekanntermaaßen verzweifelte Sprünge machen, wie denn auch steinerne Mauern nur geringe Hindernisse für die Angriffe der südlichen Reiterei waren. Allmählich nahm die Unterhaltung nun eine andere Richtung, bis sich die Bande über einen Plan vereinigte, der sie rächen und zugleich ihre alten Gelüste befriedigen sollte. Das ganze Vorhaben wurde auf das genaueste erwogen, alle Zeit festgesetzt und die Art der Ausführung bestimmt – kurz, alle vorläufigen Verabredungen zu ihrem schurkischen Unternehmen waren vollständig genommen, als sie auf einmal durch eine laute Stimme aus ihren Berathungen aufgeschreckt wurden. »Hierher, Capitän Jack! – Hier sitzen die Schurken um ein Feuer herum und essen! – hierher, und schlagt die Spitzbuben todt, wo ihr sie findet! – Geschwind, steigt ab, und laßt sie eure Pistolen kosten!« Dieser schreckliche Anruf reichte hin, die ganze Philosophie der Bande über den Haufen zu werfen. Sie sprangen auf, stürzten tiefer in den Wald und zerstreuten sich, da sie bereits über einen Sammelplatz für ihre beabsichtigte Expedition überein gekommen waren, nach allen vier Himmelsgegenden. Man hörte noch gewisse Töne und verschiedene Stimmen, welche sich zuriefen; da aber die Gauner gut zu Fuße waren, so verschwanden auch diese bald in der Entfernung. Bald darauf tauchte Betty Flanagan aus der Dunkelheit auf und nahm ganz kaltblütig von dem, was die Schinder zurückgelassen hatten, Besitz; es bestand namentlich aus Lebensmitteln und verschiedenen Kleidungsstücken. Die Waschfrau setzte sich bedächtlich nieder und tafelte anscheinend mit großer Zufriedenheit. Sie saß dann wohl eine Stunde, den Kopf auf die Hand gestützt, in tiefem Sinnen verloren, da; dann raffte sie einige von den Kleidern, wie sie ihr gerade zu behagen schienen, zusammen und zog sich in den Wald zurück. Das Feuer warf noch seinen glimmenden Strahl auf die benachbarten Felsen, bis der letzte Funke dahinstarb und Finsterniß wieder die einsame Stelle bedeckte. Neunzehntes Kapitel. Was magst das Herz du länger quälen? Kannst ja die erste beste wählen! 's ist toll zu gehen, Tod – zu weilen; Fort, fort, zu Orra laß mich eilen! Lappländisches Liebes-Lied.   Dunwoodie's Schlummer war unterbrochen und unruhig, während seine Kameraden in tiefem Schlafe aller ihrer Wagnisse und Gefahren vergaßen. Der Major hatte sich die Nacht in fortwährender Aufregung auf dem schlechten Lager, auf das er sich in den Kleidern gelegt hatte, hin und her geworfen und stand, ohne irgend einen seiner Leute zu wecken, unerquickt wieder auf, um sich durch einen Spaziergang in der freien Luft Erleichterung zu verschaffen. Der sanfte Schimmer des Mondes verlor sich bereits in dem Dämmerlichte des Morgens; der Wind hatte sich gelegt, und die aufsteigenden Nebel ließen noch einen jener Herbsttage hoffen, welche unter diesem veränderlichen Himmelsstriche in zauberhaft raschen Uebergängen einem Sturme zu folgen pflegen. Die zum Aufbruche des Corps bezeichnete Stunde hatte noch nicht geschlagen, und da er keineswegs die Absicht hatte, seinen Kriegern die von den Umständen gestattete Erholung zu verkümmern, so streifte er in tiefem Nachsinnen über das Mißliche seiner Stellung und in innerem Widerstreite zwischen den Anforderungen seiner Pflicht und seiner Liebe über den Schauplatz hin, wo die Schinder ihre Strafe empfangen hatten. Dunwoodie hegte zwar ein unbedingtes Vertrauen zu der Unschuld des Capitän Wharton; aber er war keineswegs versichert, daß einem Kriegsgericht dieselbe Ueberzeugung beigebracht werden könne, und so fühlte er, abgesehen von der persönlichen Theilnahme, welche er für den englischen Officier hegte, nur zu sehr, daß Heinrichs Hinrichtung jede Hoffnung einer Vereinigung mit dessen Schwester unwiederbringlich zerstören müsse. Er hatte den Abend vorher einen Officier an den Obristen Singleton, der die vorgeschobenen Posten befehligte, abgeschickt, um die Gefangennehmung des brittischen Capitäns zu melden, die Ueberzeugung des Majors von der Unschuld des Gefangenen auszusprechen und um weitere Verhaltungsregeln zu bitten. Diese wurden nun mit jeder Stunde erwartet, und Dunwoodie's Unruhe nahm zu, je näher der Augenblick kam, der den Freund seinem Schutze entziehen konnte. In dieser wirren Gemüthsstimmung wanderte er, ohne zu wissen, wohin er ging, auf dem Baumgute weiter, bis ihm die Felsen, welche die Flucht der Schinder beschützt hatten, Halt geboten. Er wollte eben wieder umwenden, um zu seinem Quartier zurückzukehren, als ihm der befehlende Ruf an's Ohr schlug: »Steh, oder Du bist des Todes!« Dunwoodie drehte sich überrascht um und erblickte die Gestalt eines Mannes, der in kurzer Entfernung über ihm auf einem Felsenabhange stand und eine Muskete auf ihn gerichtet hielt. Da es aber noch nicht helle genug war, um die Gegenstände deutlich zu erkennen, so bedurfte es für ihn eines zweiten Blickes, und der Major entdeckte mit Staunen, daß ihm der Hausirer gegenüber stehe. Er erkannte augenblicklich das Gefährliche seiner Lage, verschmähte aber, sich zu ergeben oder die Flucht zu ergreifen, selbst wenn diese noch möglich gewesen wäre, und rief daher dem Krämer mit fester Stimme zu: »Wenn ich gemordet werden soll, so gib Feuer; denn nimmermehr werde ich Dein Gefangener.« »Nein, Major Dunwoodie,« sagte Birch und ließ seine Muskete sinken »es ist nicht meine Absicht, Sie zu tödten oder Sie zum Gefangenen zu machen.« »So sage, was Du von mir willst, geheimnißvolles Wesen,« sagte Dunwoodie, der sich kaum zu überzeugen vermochte, daß die vor ihm stehende Gestalt nicht ein Gebilde seiner erhitzten Phantasie sey. »Ihre gute Meinung,« antwortete der Hausirer bewegt; – »ich möchte, daß alle guten Menschen mich mit Milde beurtheilten.« »Es kann Euch wohl gleichgültig seyn, was die Leute von Euch halten, denn Ihr scheint außer dem Bereich ihres Urtheils zu seyn.« »Gott erhält das Leben seiner Diener, bis ihre Stunde schlägt,« versetzte der Krämer feierlich. »Vor wenigen Stunden noch war ich Ihr Gefangener und mit dem Galgen bedroht; jetzt aber sind Sie der meinige; – doch Sie sollen frei ausgehen, Major Dunwoodie. Aber es sind Andere um den Weg, welche Sie mit weniger Schonung behandeln dürften. Was kann Sie ihr Säbel, einer Waffe, wie der meinigen und einer sichern Hand gegenüber, nützen? Lassen Sie sich von einem Manne rathen, der Ihnen nie ein Leides that und auch nicht die Absicht hat, es je zu thun, – wagen Sie sich nie ohne Gefolge und zu Fuß an die Gränzen eines Waldes.« »Habt Ihr vielleicht Kameraden, die Euch zur Flucht behülflich waren, und die weniger großmüthig sind als Ihr selbst?« »Nein – nein, ich bin ganz allein, und Niemand kennt mich, als Gott und Er.« »Welcher Er?« fragte der Major mit einer Neugierde, welche er nicht zu beherrschen vermochte. »Niemand!« fuhr der Krämer fort, indem er sich zusammen nahm; – »aber bei Ihnen, Major Dunwoodie, ist's ein anderer Fall. Sie sind jung und glücklich und haben in der Nähe Menschen, die Ihnen theuer sind. Denen, welche Sie am meisten lieben, droht Gefahr – Gefahr von innen und außen. Verdoppeln Sie Ihre Wachsamkeit – verstärken Sie Ihre Patrouillen und seyen Sie verschwiegen. Wenn ich Ihnen mehr sagte, so könnten Sie, bei der Meinung, welche Sie von mir haben, eine Hinterlist vermuthen. Aber erinnern Sie sich an die, welche Ihnen am theuersten sind, und sorgen Sie für ihren Schutz.« Der Hausirer schoß seine Flinte in die Luft, warf sie von sich, so daß sie dem betroffenen Major vor die Füße rollte, und als diesem die Ueberraschung und der entschwindende Rauch wieder einen Blick nach Birch's Standorte gestattete, war die Stelle leer. Der Hufschlag von Pferden und der Ton der Hörner weckten den jungen Mann aus der Betäubung, in welche ihn diese sonderbare Scene versetzt hatte. Der Knall der Muskete hatte eine Patrouille nach, der Stelle geführt und das ganze Corps in Bewegung gebracht. Der Major kehrte, ohne sich gegen seine Leute irgend wie in Erörterungen einzulassen, schleunig nach dem Quartiere zurück und traf hier die ganze Schwadron, welche mit Ungeduld ihres Führers harrte, in den Waffen und zum Angriffe bereit. Der dienstthuende Officier hatte einigen Soldaten befohlen, den Schild am Hotel Flanagan herabzunehmen und den Pfosten für die Hinrichtung des Spions bereit zu halten. Dunwoodie hatte inzwischen von der durch Lawton an den Schindern geübten Züchtigung Nachricht erhalten, und da er sein Zusammentreffen mit Birch geheim halten wollte, so machte er seinen Officieren glauben, er hätte die Muskete, welche wahrscheinlich von einem der Gauner verloren worden sey, selbst abgeschossen. Als man ihn jedoch daran erinnerte, daß es wohl geeignet seyn werde, den Krämer noch vor dem Abmarsche aufknüpfen zu lassen, kam ihm Alles, was er gesehen hatte, wie ein Traum vor und er folgte, von einigen, seiner Officiere begleitet, dem Wachtmeister Hollister zu dem Orte, wo man den Hausirer aufbewahrt glaubte. »Nun, Bursche!« sagte der Major zu der Schildwache an der Thüre, »ich hoffe, Du hast Deinen Gefangenen noch in sicherer Verwahrung.« »Er schläft noch,« erwiederte der Soldat, »und macht dabei einen Lärm, daß ich kaum den Ruf der Alarmhörner davor hören konnte.« »Macht die Thüre auf und bringt ihn heraus.« Dem Befehl wurde Folge geleistet; als aber der ehrliche Veteran in das Gefängnis trat, fand er zu seiner äußersten Bestürzung das Gemach in keiner geringen Unordnung. Statt des Krämers war nur noch sein Rock vorhanden, und ein Theil von Betty's Garderobe war in wilder Verwirrung auf dem Boden zerstreut. Die Waschfrau selbst lag in völliger Bewußtlosigkeit auf dem Bette und hatte dieselben Kleider an in welchen man sie das letztemal gesehen hatte, – eine kleine schwarze Mütze ausgenommen, welche sie beständig zu tragen pflegte, so daß im Allgemeinen angenommen wurde, sie verrichte den Dienst einer Tag- und einer Nachthaube. Das Geräusch der Eintretenden und die Ausrufe des Staunens weckten das Weib. »Wollt Ihr das Frühstück haben?« sagte Betty und rieb sich die Augen, aus. »Meiner Treu, es kommt mir vor als ob ihr mich selbst fressen wolltet – aber nur eine kleine Geduld, meine Guten, und Ihr sollt es besser als je gebraten haben.« »Gebraten?« wiederholte der Wachtmeister, indem er seine religiöse Gelassenheit und die Anwesenheit der Officiere vergaß, »wir wollen Dich braten, Du Jesabel! – Du hast dem verdammten Hausirer durchgeholfen.« »Behaltet die Jesabel und den verdammten Hausirer nur für Euch, Herr Wachtmeister,« schrie, die leicht aufgebrachte Betty. »Was habe ich mit Hausirern und Durchhelfen zu thun? Ich könnte eine Hausirersfrau seyn und in Seide einhergehen, wenn ich den Sawny M'Twill geheirathet hättet, statt einem Haufen schuftiger Dragoner nachzuziehen, die nicht wissen, wie man eine verlassene Frau mit Anstand zu behandeln hat.« »Der Bursche hat meine Bibel zurückgelassen,«, sagte der Veteran, indem er das Buch vom Boden aufnahm. »Statt darin zu lesen und sich wie ein guter Christ auf sein Ende vorzubereiten, hat er seine Zeit nur dazu verwendet, sein Entkommen zu bewerkstelligen.« »Und wer wird da bleiben und sich wie ein Hund aushängen lassen?« schrie Betty, welche den Fall allmählich zu begreifen anfing; »es ist nicht jeder dazu geboren, ein Ende zunehmen, wie es Euch blühen wird, Meister Hollister.« »Ruhig!« sagte Dunwoodie. »Meine Herren, die Sache muß auf's strengste untersucht werden. Es ist außer der Thüre kein weiterer Ausgang, vorhanden, und da konnte er nicht durch, wenn nicht die Schildwache seine Flucht unterstützte oder aus ihrem Posten schlief. Ruft die Wachmannschaft zusammen.« Da die abgelösten Soldaten nicht gerade auf ihre Wachstube beschränkt waren, so hatte die Neugierde sie bereits nach dem Platze gezogen; aber alle betheuerten, daß Niemand das Gemach verlassen habe, und nur die vorhin erwähnte Schildwache gestand zu, daß Betty an ihm vorbeigekommen sey, die er der Ordre zufolge hätte passiren lassen. »Erlogen, Du Dieb – erlogen!« schrie Betty, welche mit Ungeduld seiner Entschuldigung zugehört hatte. »Willst Du einer verlassenen Wittwe die Ehre abschneiden, indem Du sagst, ich gehe mitten in der Nacht aus dem Felde herum? Ich bin die ganze lange Nacht hier gelegen und habe so fest geschlafen, wie ein Wickelkind.« »Hier, Sir,« sagte der Sergeant, indem er sich ehrerbietig an Dunwoodie wandte, ist etwas Geschriebenes in meiner Bibel, was vorhin nicht da stand; denn da ich keine Familien-Notizen einzutragen habe, so leide ich kein Geschreibsel in diesem heiligen Buche.« Einer von den Officieren las laut: »Gegenwärtiges mag bezeugen, daß, wenn ich meine Freiheit wieder erlange, dieses allein mit Gottes Hülfe geschieht, dessen heiligem Schutz ich mich demüthig empfehle. Ich bin genöthigt, die Kleider des Weibes zu nehmen, für die sie jedoch in ihrer Tasche eine Entschädigung finden wird. Kraft meiner eigenen Unterschrift Harvey Birch.« »Was,« tobte Betty, »hat der Spitzbube einer armen Wittwe ihr Alles mitgenommen? – Hängt ihn. – Fangen Sie ihn und lassen Sie ihn hängen, Major, wenn es anders noch Gesetze und Gerechtigkeit im Lande gibt!« »Seht in Eurer Tasche nach,« sagte einer der jüngern Offnere, der sich, unbekümmert um die Folgen, an dem Auftritte belustigte. »Ah, meiner Treu!« rief die Waschfrau, als sie eine Guinee hervorzog, »das ist ein Juwel von einem Hausirer! Möge er lange leben und sein Handel gedeihen; die Fetzen sind ihm wohl gegönnt – und wenn es bei ihm je zum Hängen kommen sollte, so ist schon mancher größere Schelm frei ausgegangen.« Als Dunwoodie sich umwandte, um das Gemach zu verlassen, sah er den Capitän Lawton mit gekreuzten Armen dastehen und die Scene in tiefem Schweigen betrachten. Dieses Benehmen, so verschieden von dem gewöhnlichen Eifer und Ungestüm des Rittmeisters, fiel dem Major auf. Ihre Augen begegneten sich; dann gingen sie einige Minuten in ernster Besprechung miteinander auf und ab, und als Dunwoodie zurückkehrte, schickte er die Wache wieder nach ihrem gewöhnlichen Sammelplatze. Nur der Wachtmeister Hollister blieb noch länger bei Betty zurück, die in sehr guter Laune war, weil sie ihre Garderobe noch in einem Zustande gefunden hatte, der durch die Guinee des Krämers wahrlich mehr als ausgewogen wurde. Die Waschfrau hatte den Veteranen schon lange Zeit in besondere Affection genommen und war mit sich eins geworden, gewisse Ungelegenheiten zarterer Natur, welche dem Corps gegenüber mit ihrer Stellung in Verbindung standen, dadurch auszugleichen, daß sie den Wachtmeister zum Nachfolger ihres seligen Mannes machte. Der Dragoner schien seit einiger Zeit diesen Vorzug mit Vergnügen zu Bemerken; und da Betty wohl einsah, daß sie ihren Verehrer durch ihr Ungestüm gekränkt habe, so entschloß sie sich, dieses Versehen nach Kräften wieder gut zu machen. Außerdem war sie trotz ihrer Rohheit und Ungeschlachtheit zu sehr Weib, um nicht zu wissen, daß die Augenblicke der Versöhnung die einflußreichsten sind: sie füllte daher ein Glas mit ihrem Morgentrunk, und reichte es ihrem Gefährten als Sühnopfer dar. »Einige rasche Worte zwischen Freunden haben nichts zu bedeuten, wie Ihr wissen werdet, Sergeant,« begann die Waschfrau; »ich habe auf den Michel Flanagan nie ärger geschimpft, als wenn ich ihn am liebsten hatte.« »Michel war ein guter Soldat und ein braver Mann,« erwiederte der Dragoner, indem er das Glas leerte. »Unser Zug deckte die Flanke des Regiments, als er fiel, und ich setzte selber an jenem Tage mit meinem Pferde über seine Leiche weg. Der arme Bursche! er lag so ruhig auf seinem Rücken da, als ob sich nach jahrelangem Krankenlager seine Kräfte in einem natürlichen Tode verzehrt hätten.« »Ja, Michel hielt etwas auf's Verzehren, das muß wahr seyn; so zwei, wie wir, konnten einen tüchtigen Riß in die Vorräthe machen, Sergeant. Aber Ihr seyd ein nüchterner verständiger Mann, Meister Hollister, und würdet in der That einen recht brauchbaren Ehemann abgeben. –« »Ach, Frau Flanagan! ich bin da geblieben, um mit Euch über einen Gegenstand zu sprechen, der mir schwer auf der Seele liegt, und ich möchte Euch wohl mein Herz öffnen, wenn Ihr Zeit habt, mich anzuhören. »Wenn ich Zeit habe?« rief das Weib ungeduldig; »ich würde Euch anhören, und wenn die Officiere nie mehr einen Mundvoll zu essen kriegen sollten; aber da – nehmt noch ein Tröpfchen, Schatz – es wird Euch Courage geben, frei mit der Farbe herauszugehen.« »Ich habe für eine so gute Sache schon genug Courage,« versetzte der Veteran, ohne von ihrer Freigebigkeit Gebrauch zu machen. »Betty, glaubt Ihr, die Person, welche ich in der letzten Nacht in diese Kammer sperrte, sey wirklich der Krämerspion gewesen?« »Und wer sollte es sonst gewesen seyn, mein Guter?« »Der Böse.« »Was? – der Teufel?« »Ja, Niemand anders, als Beelzebub selbst in der Verkleidung eines Hausirers; und die Bursche, die wir für Schinder hielten, waren seine Gehülfen.« »Wahrhaftig, Ihr seyd in einer Beziehung so ziemlich auf dem rechten Wege, denn wenn des Teufels Gehülfen in der Grafschaft West-Chester los sind, so darf man sie nirgend anders, als unter den Schindern suchen.« »Frau Flanagan, ich meine wirkliche Geister des Abgrunds, die Fleisch angenommen haben. Der Böse wußte, daß man den Hausirer Birch am allerehesten aufgreifen werde, und so nahm er dessen Gestalt an, um in Eure Kammer zu kommen.« »Und was sollte denn der Teufel von mir wollen?« schrie Betty entrüstet; »gibt es nicht bereits Teufel genug im Corps, ohne, daß einer aus der bodenlosen Hölle zu kommen brauchte, um eine arme Wittfrau zu erschrecken?« »Es wurde ihm nur um Eures Seelenheils willen gestattet, zu kommen. Ihr wißt, er verschwand in Eurer Gestalt durch die Thüre, und das ist ein Vorbild Eures künftigen Schicksals, wenn Ihr Euren Lebenswandel nicht bessert. O, ich habe es wohl gesehen, wie er zitterte, als ich ihm die Bibel gab. Glaubt Ihr, liebe Betty, irgend ein Christenmensch würde auf diese Weise in das heilige Buch geschrieben haben, wenn er nicht allenfalls Geburts- und Todesfälle, oder ähnliche wichtige Hausvorfallenheiten einzutragen gehabt hätte?« So sehr die Waschfrau von der Zartheit in dem Benehmen ihres Verehrers erbaut war, so argen Anstoß erregte bei ihr seine Vermuthung. Sie zügelte jedoch den Ausbruch ihres Unwillens und erwiederte mit der Zungengeläufigkeit ihrer Landsleute: »Und hätte mir wohl der Teufel die Kleider bezahlt, he? – ja und noch obendrein über den Werth bezahlt?« »Ohne Zweifel ist das Geld falsch,« sagte der Sergeant, den eine solche augenscheinliche Ehrlichkeit von Seiten eines Wesens, welches bei ihm in so schlechtem Geruche stand, ein wenig in Verwirrung brachte. »Auch mich hat er mit blinkendem Golde in Versuchung geführt, aber der Herr gab mir Kraft, Widerstand zu leisten.« »Das Goldstück sieht gut aus; aber Capitän Jack soll's mir auswechseln, und zwar heute noch; der kümmert sich kein Bischen d'rum, was immer für ein Teufel mit im Spiele seyn mag.« »Betty, Betty,« versetzte der Wachtmeister, »sprecht nicht so unehrerbietig von dem bösen Feinde, er ist immer zur Hand und könnte Euch Eure Reden gedenken.« »Pah, wenn er überhaupt ein Herz im Leibe hat, so kümmert er sich nichts um ein paar Nasenstüber von einer armen verlassenen Frau. Gewiß, kein anderer ehrlicher Christenmensch könnte das thun.« »Aber der Schwarze hat kein Hetz, wohl aber einen Rachen, womit er die Menschenkinder verschlingt,« sagte der Dragoner, indem er ängstlich um sich blickte; »und es ist am besten, wenn man sich allenthalben Freunde macht, denn man kann nie vorher wissen, was eine solche Erscheinung mit sich bringt. Aber, Betty, kein Mensch hätte unerkannt diesen Platz verlassen und durch alle Schildwachen kommen können. Laßt Euch daher diesen Besuch zu einer ernsten Warnung dienen –« Hier wurde das Gespräch durch eine gebieterische Aufforderung an die Marketenderin, das Frühstück zu besorgen, unterbrochen und das Pärchen mußte sich trennen. Doch hoffte das Weib im Geheim, daß die Theilnahme, welche der Soldat an den Tag legte, mehr irdischer Natur sey, als er sich wohl selbst gestehen mochte, während dagegen der Wachtmeister ernstlich darüber nachsann, wie er eine Seele aus den Krallen des Bösen rette, der nach seiner Meinung lauernd durch das Lager ging, um Opfer auszusuchen. Während des Frühstücks langten mehrere Eilboten an, von denen einer Nachrichten über die Stärke und den Zweck der am Hudson operirenden feindlichen Streitkräfte mittheilte, indeß ein anderer Befehl brachte, den Capitän Wharton unter guter Bedeckung nach dem ersten Posten in den Hochlanden zu senden. Dieser letztere Befehl, von dessen buchstäblicher Vollziehung nicht abgegangen werden durfte, machte bei Dunwoodie das Maaß des Kummers voll. Beständig stand ihm Franciska's Verzweiflung vor der Seele, und wohl fünfzigmal versuchte er es, sich auf's Pferd zu werfen und nach den Locusten zu eilen, aber ein unbezwingliches Gefühl hielt ihn immer wieder zurück. Zufolge des höhern Befehls wurde ein Officier mit einer kleinen Anzahl Dragoner nach dem Landhause geschickt, um Heinrich Wharton nach dem Ort seiner Bestimmung zu bringen. Dunwoodie übergab zugleich dem Führer der kleinen, mit dem Vollzug der Ordre beauftragten Abtheilung einen Brief an seinen Freund voll der innigsten Versicherungen, daß diese Maaßregel seine Sicherheit nicht gefährde, und daß er unablässig bemüht seyn werde, die baldige Befreiung des Gefangenen zu erwirken. Lawton wurde mit einem Theile seines Zuges zum Schutz der Verwundeten zurückgelassen, und sobald die Soldaten ihren Morgen-Imbis zu sich genommen hatten, brach das Lager auf und das Hauptcorps rückte nach dem Hudson vor. Dunwoodie prägte dem Capitän Lawton seine Befehle in öfterer Wiederholung ein, weilte bei jedem Wort, das der Hausirer hatte fallen lassen, und erwog mit allem ihm zu Gebote stehenden Scharfsinn die wahrscheinliche Bedeutung der geheimnisvollen Warnungen, bis er für eine weitere Verzögerung seiner Abreise keinen Entschuldigungsgrund mehr aufzufinden wußte. Da fiel ihm auf einmal ein, daß über den Obristen Wellmere noch keine Verfügungen getroffen worden seyen, und nun erst gab er seinen geheimen Wünschen nach und schlug, statt der Nachhut seines Corps zu folgen, den Weg nach den Locusten ein. Dunwoodie wurde von seinem Pferde mit der Schnelligkeit des Windes dahin getragen, und es war kaum eine Minute vergangen, als sich ihm von der Höhe aus die Aussicht nach dem einsamen Thale aufthat. Als er das Gebirg hinab sprengte, erblickte er in der Entfernung Heinrich Wharton mit seinem Geleite, welcher eben auf einen Engpaß, der nach den Standquartieren der Hochlande führte, zuritt. Dieser Anblick vermehrte die Eile des bekümmerten jungen Mannes, und als er um einen Bergvorsprung, hinter welchem sich das ganze Thal öffnete, herumbeugte, traf er plötzlich auf den Gegenstand seiner Wünsche. Franciska war der Abtheilung, welche ihren Bruder abgeführt, von ferne gefolgt, und fühlte sich nun, als sie ihren Augen entschwand, auf einmal von Allem, was ihr auf der Welt am theuersten gewesen, verlassen. Dunwoodie's unerklärliches Fernbleiben und der Schmerz, sich von Heinrich unter solchen Umständen trennen zu müssen, hatten alle ihre Standhaftigkeit gebrochen. Sie war auf einen Stein am Wege niedergesunken und schluchzte, als ob ihr das Herz brechen wolle. Dunwoodie sprang vom Pferde, warf die Zügel über den Hals des Thieres und befand sich in einem Augenblicke an der Seite des weinenden Mädchens. »Franciska, – meine Franciska!« rief er, »warum diese Betrübniß? – Lassen Sie sich die Lage Ihres Bruders nicht so tief zu Herzen gehen. Sobald es mein gegenwärtiger Dienst gestattet, will ich mich zu Washington's Füßen werfen und seine Befreiung erbitten. Der Vater seines Vaterlandes wird einem seiner Lieblingskinder diese Gunst nicht versagen.« »Major Dunwoodie, ich danke Ihnen für den Antheil, den Sie an meinem armen Bruder nehmen,« sagte das bebende Mädchen, indem sie ihre Augen trocknete und sich mit Würde erhob; »aber eine solche Sprache ist sicherlich mir gegenüber am unrechten Orte.« »Am unrechten Orte? Sind Sie nicht mein – durch die Einwilligung Ihres Vaters – Ihrer Tante – Ihres Bruders – und durch die Stimme Ihres eigenen Herzens, meine süße Franciska?« »Major Dunwoodie, ich wünsche nicht, einer Dame, welche frühere Ansprüche auf Ihre Zuneigung hat, in den Weg zu treten,« versetzte Franciska mit einer Stimme, deren leichtes Beben die erzwungene Festigkeit verrieth. »Niemand anders, ich schwöre es bei dem Himmel, – niemand anders hat irgend einen Anspruch an mich!« rief Dunwoodie mit Feuer; »Sie allein sind die Herrin meiner innigsten Gefühle.« »Sie haben eine so vielseitige und erfolgreiche Erfahrung, Major Dunwoodie, daß es mich nicht befremdet, wenn Sie mit geringer Mühe die Leichtgläubigkeit unseres Geschlechts zu täuschen wissen,« erwiederte Franciska, indem sie ein Lächeln versuchen wollte, das jedoch unter dem Beben der Gesichtsmuskeln in der Geburt erstickte. »Bin ich denn ein Elender, Miß Wharton, daß Sie mich mit solcher Rede empfangen? – Wann hätte ich Sie je getäuscht, Franciska? und wer hat den Samen des Zweifels in Ihr reines Herz gestreut?« »Warum hat der Major Dunwoodie das Hans seines künftigen Schwiegervaters in der letzten Zeit nicht mit seiner Gegenwart beehrt? Hat er vergessen, daß es einen Freund auf dem Krankenlager und einen andern in tiefster Bekümmerniß birgt? Ist ihm sein Gedächtniß so untreu geworden, daß er sich nicht mehr erinnern konnte, es befinde sich dort sein verlobtes Weib? Oder fürchtete er vielleicht, noch eine Zweite zu treffen, die auf diesen Titel Anspruch machen könnte? O Peyton, Peyton, wie haben Sie mich hintergangen! O der thörichten Leichtgläubigkeit der Jugend, welche mich in Ihnen den Inbegriff alles Rechtlichen, Edeln und Hochherzigen zu suchen veranlaßte!« »Franciska, ich sehe, wie sehr Sie sich selbst täuschen,« rief Dunwoodie und seine Züge sprühten Feuer; »Sie sind ungerecht gegen mich; bei Allem, was mir theuer auf Erden ist, Sie thun mir Unrecht.« »Schwören Sie nicht, Major Dunwoodie,« unterbrach ihn Franciska und ihr Gesicht leuchtete in der Gluth weiblichen Stolzes. »Die Zeit ist vorbei, wo ich auf Eide baute.« »Miß Wharton, wollen Sie mich zum Thoren machen? Soll ich in meinen eigenen Augen so verächtlich werden, mich dessen zu rühmen, was mich die Wiedererlangung Ihrer Achtung hoffen läßt?« »Bilden Sie sich nicht ein, Sir, daß dieß so ein leichtes Geschäft seyn dürfte,« entgegnete Franciska und trat den Rückweg zum Landhaus an. »Wir sprechen das letztemal allein mit einander; – aber – vielleicht – ist meinem Vater der Verwandte meiner Mutter, willkommen.« »Nein, Miß Wharton, ich kann jetzt sein Haus nicht betreten, ohne meines selbst unwürdig zu handeln. Sie treiben mich in Verzweiflung von sich, Franciska. Ich gehe einem ernsten Dienste entgegen, aus dem ich vielleicht nicht mehr wiederkehre. Wenn mich die Hand des Schicksals erfaßt, so lassen Sie wenigstens meinem Andenken Gerechtigkeit widerfahren, und denken Sie, daß der letzte Hauch meines Lebens ihrem Glücke geweiht war.« Mit diesen Worten setzte er den Fuß in den Steigbügel; aber ein Blick des geliebten Mädchens drang ihm durch die Seele und hinderte die Ausführung seiner Absicht. »Peyton – Major Dunwoodie,« sagte sie, »könnten Sie je die heilige Sache vergessen, für die Sie das Schwert ergriffen haben? Die Pflichten gegen Gott und gegen das Vaterland verbieten Ihnen jede übereilte Handlung. Das Letztere bedarf Ihrer Dienste, und zudem –« ihre Stimme brach und sie konnte nicht weiter fortfahren. »Und zudem?« hallte es von dem Munde des Jünglings wieder, der an ihre Seite eilte und ihre Hand mit der seinigen faßte. Franciska sammelte sich jedoch schnell wieder, stieß ihn kalt zurück und ging der Heimath zu. »Müssen wir so scheiden?«, rief Dunwoodie im schmerzlichsten Seelenkampfe; »bin ich ein Nichtswürdiger, der eine solch' grausame Behandlung verdient? Sie haben mich nie geliebt und wollen nur Ihren eigenen Wankelmuth durch Beschuldigungen bemänteln, die Sie nicht einmal auszusprechen wagen.« Franciska hielt an und sandte einen Blick so voll Unschuld und Innigkeit zurück, daß Dunwoodie zermalmt hätte zu ihren Füßen sinken und um Vergebung bitten mögen; sie winkte ihm jedoch ruhig zu seyn, und begann: »So hören Sie mich denn, Major Dunwoodie – zum letztenmale. Es ist eine bittere Erfahrung, wenn wir zum erstenmale zur Erkenntniß unserer eigenen Unwürdigkeit kommen, und diese Wahrheit habe ich leider kürzlich selbst empfinden müssen. Ich lege Ihnen nichts zu Last und habe gegen Sie keine Beschuldigungen – nein, nicht einmal in Gedanken. Wären auch meine Ansprüche an Ihr Herz gerecht, so wäre ich Ihrer doch nicht würdig. Nein, Peyton, Sie sind für die Größe und den Ruhm, zu Thaten des Muthes und der Tapferkeit bestimmt und bedürfen einer Seele, die der Ihrigen gleich ist, die sich über die Schwäche ihres Geschlechtes zu erheben vermag. Ich wäre eine Last, die Sie in den Staub zöge; aber mit einem Wesen an Ihrer Seite, welches das Gegentheil von mir wäre, könnten Sie sich zu dem Gipfel menschlichen Ruhmes aufschwingen. Einem solchen trete ich Sie, zwar mit schwerem Herzen, aber freiwillig ab, und will – ach, wie glühend will ich beten, daß Sie mit ihm glücklich seyn mögen.« »Liebenswürdige Schwärmerin!« rief Dunwoodie, »Sie kennen weder sich selbst, noch mich. Nur ein Weib, so sanft, so edel und hingebend, wie Sie, kann meine Seele erfüllen. Täuschen. Sie sich nicht mit träumerischen Ideen von Großmuth, die mich nur elend machen könnten.« »Leben Sie wohl, Major Dunwoodie,« sagte das bewegte Mädchen, und hielt einen Augenblick inne, um Athem zu gewinnen. »Gedenken Sie der Ansprüche, welche das verblutende Vaterland an Sie hat, und seyen sie glücklich.« »Glücklich!« wiederholte der junge Krieger mit Bitterkeit, als er ihre leichte Gestalt durch das Hofgitter gleiten und hinter dem Gehäge verschwinden sah; »– ja, jetzt bin ich in der That recht glücklich.« Er schwang sich in den Sattel, drückte seinem Pferde die Sporen in die Seite und holte bald seine Schwadron ein, welche auf unebenen Pfaden langsam gegen die Ufer des Hudson vorrückte. So peinlich auch Dunwoodie's Gefühle bei diesem unerwarteten Ausgang der Unterredung mit seiner Geliebtem seyn mochten, so standen sie doch in keinem Vergleich mit denen, welche das zärtliche Mädchen selbst empfand. Das scharfe Auge der Eifersucht hatte Franciska bald in Isabella Singleton die Leidenschaft für Dunwoodie entdecken lassen. Ihrer zarten Rückhaltung schien es unmöglich, daß diese Liebe sich ohne Erwiederung hätte entfalten können, denn obgleich ihre warmen Gefühle, welche sie kunstlos an den Tag legte, frühe das Auge des jungen Soldaten angezogen hatten, so war doch Dunwoodie's ganze männliche Freimüthigkeit und die hingebendste Huldigung nöthig, um ihre Gegenliebe zu gewinnen. Sobald aber diese gewährt war, gab sich das Mädchen derselben mit der ganzen Kraft und Ausdauer ihrer Seele hin. Aber die ungewöhnlichen Begebenheiten der letzten paar Tage, das veränderte Benehmen ihres Geliebten während dieser Ereignisse, seine Kälte gegen sie, vor allem aber die romanhafte, fast abgöttische Leidenschaft Isabellens, hatten in Franciska's Seele fremdartig Empfindungen erweckt. Mit dem Verdacht gegen die Aufrichtigkeit ihres Liebhabers stieg auch der nie fehlende Begleiter uneigennütziger Liebe auf – das Mißtrauen gegen den eigenen Werth. Im Augenblicke der Aufregung schien ihr die Aufgabe, den Geliebten einer würdigeren abzutreten, leicht, aber die Phantasie versuchte es vergeblich, das Herz zu täuschen. Dunwoodie war kaum verschwunden, als unserer Heldin das ganze Schmerzensgewicht ihrer Lage auf die Seele fiel. Dem Jünglinge mochten die wichtigen Obliegenheiten seines Commando's einige Zerstreuung gewähren, dagegen fand das Mädchen in der Erfüllung ihrer kindlichen Pflichten nur eine armselige Erleichterung, ihres Kummers, obgleich der Zustand ihres Vaters, dessen geringe Thatkraft durch die Entfernung seines Sohnes beinahe völlig zernichtet war, die zärtlichste Sorgfalt von Seite der ihm gebliebenen Kinder in Anspruch nahm, um nur den alten Mann nur so weit aufzurichten, daß er die gewöhnlichen Lebensverrichtungen zu vollziehen im Stande war. Zwanzigstes Kapitel Vergrößert ihren Reiz durch Schmeichelei'n, Nennt einen Engel sie, mag noch so schwarz sie seyn. Der Mann, der eine Zung' hat, ist kein Mann, Wenn er mit ihr kein Weib gewinnen kann. Edelleute von Verona.   Dunwoodie hatte nicht nur den Befehl in Obrist Singleton's Schreiben, sondern auch den Zustand seines verwundeten Freundes im Auge, als er die Anordnung traf, den Capitän Lawton mit Wachtmeister Hollister und zwölf Dragonern zum Schutze der Verwundeten und der schweren Bagage des Corps zurückzulassen. Umsonst wendete Lawton ein, daß er für den activen Dienst geeigneter sey, und das seine Leute dem Tom Mason nicht mit der freudigen Zuversicht zum Angriff folgen würden, welche sie unter seiner Führung an den Tag zu legen pflegten; – der Major blieb fest, und der Rittmeister sah sich wider seinen Willen genöthigt, zu dem mißliebigen Auftrage die möglichst gute Miene zu machen. Ehe Dunwoodie schied, schärfte er ihm nochmals ein, ein wachsames Auge auf die Bewohner des Landhauses zu haben, mit dem besonderen Beisatze, daß er, so bald irgend eine verdächtige Bewegung in der Nachbarschaft bemerklich würde, seine gegenwärtigen Quartiere verlassen und dieselben auf Herrn Wharton's Besitzungen verlegen solle. Die Worte des Krämers hatten in der Brust des Majors eine unbestimmte Ahnung von Gefahren, welche der Familie in den Locusten drohten, erweckt, obschon er sich nicht denken konnte, woher sie wohl kommen und welcher Art sie seyn mochten. Einige Zeit nach dem Abmarsch des Corps ging der Rittmeister vor der Thüre des Hotels auf und ab und verwünschte innerlich sein Schicksal, das ihn in einem Augenblicke, wo ein Zusammentreffen mit dem Feinde zu erwarten stand, zu einer ruhmlosen Unthätigkeit verdammte. Nebenzu antwortete er auf Betty's Fragen, welche hin und wieder aus dem Innern des Gebäudes heraus mit ihrer schrillen Stimme eine nähere Erklärung der mit der Flucht des Hausirers in Verbindung stehenden Vorfälle verlangte, die ihr immer noch nicht klar werden wollten. Während dieser Unterhaltung kam auch der Wundarzt von einem der entfernter stehenden Gebäude her, wo er sich bis jetzt mit seinen Patienten beschäftigt hatte, so daß ihm von allen Ereignissen des Morgens, selbst den Aufbruch des Corps nicht ausgenommen, nicht das Mindeste zu Ohren gekommen war. »Wo sind denn alle die Schildwachen hingekommen, John?« fragte er, während er sich verwundert umsah, »und warum treffe ich Sie hier so allein?« »Fort – Alles fort, mit Dunwoodie dem Flusse zu. Sie und mich hat man da gelassen, um für ein paar Blessirte und etliche Weiber Sorge zu tragen.« »Nun, es ist mir lieb,« sagte der Wundarzt, »daß Major Dunwoodie so viel Einsicht hat, die Verwundeten nicht weiter schaffen zu lassen. Frau Elisabeth Flanagan, macht, daß ich etwas unter die Zähne kriege, um meinen Appetit beschwichtigen zu können. Ich muß eine Leiche seciren und habe Eile.« »Hier bin ich, Herr Doctor Archibald Sitgreaves,« tönte es aus Betty's Munde wieder, die ihr rothes Gesicht durch ein zerbrochenes Küchenfenster zeigte; »Sie kommen immer zu spät. Es ist nichts mehr zu essen da, als Jenny's Haut und die Leiche, von der Sie gesprochen haben.« »Weib,« sagte der Wundarzt unmuthig, »haltet Ihr mich für einen Kannibalen, daß Ihr mir mit solch ungewaschenem Geschwätze kommt? – Ich befehle Euch, mir geschwind eine Nahrung zuzurichten, wie sie für einen hungrigen Magen paßt.« »Ich kümmere mich um Ihren Befehl nicht so viel , denn er gleicht mehr dem leeren Knall der Schlüsselbüchse, als einer Kanonenkugel,« versetzte Betty mit einem Winke gegen den Rittmeister; »und ich sage Ihnen, daß Ihr Magen hungrig bleiben soll, wenn ich Ihnen nicht ein Stück von Jenny's Haut kochen darf. Die Jungen haben mich ganz aufgezehrt.« Lawton legte sich nun in's Mittel, um den Frieden zu erhalten und versicherte den Wundarzt, er habe bereits die geeigneten Leute ausgeschickt, um neuen Vorrath herbeizuschaffen. Der Operateur vergaß, durch diese Erklärung etwas ermuthigt, bald seinen Hunger und gab seine Absicht, schnell an das Geschäft zu gehen, zu erkennen. »Und wo haben Sie denn Ihr Subject?« fragte Lawton. »Je nun, der Hausirer,« sagte der Andere und warf einen Blick nach dem Schildpfosten. »Ich sagte Hollistern, er solle das Gerüst ziemlich hoch machen, damit beim Falle die Halswirbel nicht zu sehr dislocirt würden, denn ich möchte ein Skelet aus ihm machen, so schön als irgend eines in den Staaten Nordamerika's. Der Bursche sieht nicht übel aus und hat ein prächtiges Knochenwerk; es läßt sich etwas ausgezeichnet Schönes aus ihm machen! Ich habe mir schon lange etwas der Art gewünscht, um damit meiner alten Tante in Virginien, die mir als Knabe so manches Gute erwiesen, ein Geschenk zu machen.« »Zum Teufel,« rief Lawton, »Sie wollen doch der alten Frau nicht die Knochen eines todten Mannes schicken?« »Warum nicht?« versetzte der Wundarzt. »Was gibt es Edleres in der ganzen Schöpfung, als die Gestalt des Menschen? und das Skelet bildet so zu sagen ihre Elementartheile. Aber wo ist denn der Körper hingekommen?« »Auch fort.« »Fort? Und wer hat sich erkühnt, mir bei meinen Accidenzien in's Gehäge zu kommen?« »Sicherlich der Teufel,« sagte Betty, »und er wird seiner Zeit auch Sie abführen, ohne viel nach Ihrer Erlaubniß zu fragen.« »Still, Hexe!« sagte Lawton, der nur mit Muhe sein Lachen zu unterdrücken vermochte; »spricht man so mit einem Officier?« »Was braucht er mich die schmutzige Elisabeth Flanagan zu nennen?« schrie die Waschfrau, indem sie verächtlich mit den Fingern schnippte. »Ich kann mich einer freundlichen Behandlung ein Jahr lang erinnern, aber einem Feinde muß ich wenigstens einen Monat aufsitzen.« Frau Flanagan's Freundschaft und Feindschaft war jedoch dem Wundarzt ganz gleichgültig, da er an Nichts als seinen Verlust dachte; und Lawton hielt sich für verpflichtet, seinem Freunde die wahrscheinliche Weise, wie diese Beeinträchtigung vor sich gegangen seyn mochte, auseinander zu setzen. »Es war ein wahres Glück, Sie Juwel von einem Doctor, daß er ihren Händen entkommen ist,« rief Betty, als der Rittmeister geendet hatte. »Sergeant Hollister sah ihn so zu sagen von Angesicht zu Angesicht und sagte, es sey nicht der Hausirer, sondern Beelzebub selber gewesen, obgleich er sich dießmal etwas weniger lügenhaft, diebisch und verworfen aufgeführt hat. Sie möchten wir wohl eine saubere Figur gemacht haben, wenn Sie so in Beelzebub hineingeschnitten hätten, wäre er von dem Major gehangen worden. Ich glaube nicht, daß er unter ihrem Messer besonders ruhig geblieben wäre.« So in doppelter Weise – um seine Mahlzeit und um sein Geschäft – betrogen, erklärte Sitgreaves plötzlich, daß er nach den Locusten zu gehen beabsichtige, um sich nach Kapitän Singleton's Befinden zu erkundigen. Lawton bot ihm seine Begleitung an, und bald saßen sie auf ihren Pferden, wobei jedoch der Wundarzt sich noch manchen derben Witz von der Waschfrau gefallen lassen mußte, bis er aus dem Bereiche ihrer Kehle war. Sie ritten eine Weile schweigend neben einander her, da Lawton bemerkte, daß sein Freund sowohl, um seiner getäuschten Erwartung willen als auch wegen Betty's Ausfällen nicht in der besten Stimmung war. Endlich versuchte er es, die Gefühle desselben wieder zu beruhigen. »Das war ein herrliches Lied, Archibald, was Sie gestern Abend angefangen hatten, als wir durch die Rotte, welche den Hausirer brachte, unterbrochen wurden,« sagte er. »Die Anspielung auf den Galen war ungemein passend.« »Ich wußte wohl, daß es Ihnen gefallen müsse, Jack, wenn sich die Weindünste in ihrem Kopf verloren hätten. Die Poesie ist eine achtbare Kunst, obgleich ihr die Präcision einer wahren Wissenschaft und der wohlthätige Einfluß auf den lebenden Organismus abgeht, welcher die Arzneikunst auszeichnet. Man könnte eigentlich ihre Einwirkung auf das Leben eher eine herabstimmende als eine kräftigende nennen.« »Und doch war ihre Ode eine wahre Kraftbrühe des Witzes.« »Ode ist keineswegs die richtige Bezeichnung für das Gedicht. Ich möchte es eher eine klassische Ballade nennen.« »Wohl möglich,« versetzte der Dragoner; »da ich aber nur den ersten Vers gehört habe, so war es schwer, das Gedicht zu classificiren.« Der Wundarzt räusperte sich unwillkührlich und begann seine Kehle zu klären, obgleich er kaum wußte, auf was diese Einleitung hinauslaufen solle. Aber der Rittmeister heftete das schwarze rollende Auge auf seinen Gefährten, und als er bemerkte, daß sich dieser in großer Unbehaglichkeit im Sattel hin und her schob, fuhr er fort: »Die Luft ist ruhig und der Weg einsam; wollen Sie mich nicht auch den Rest hören lassen? Es ist nie zu spät, einen Verlust nachzuholen. »Mein lieber John, nichts würde mir ein größeres Vergnügen machen, wenn ich nur glauben dürfte, es trüge etwas dazu bei, die Irrthümer, welche Sie aus Gewohnheit und Nachlässigkeit eingesogen haben, zu verbessern.« »Wir nähern uns jetzt einigen Felsen, links, da drinnen; das Echo wird den Genuß verdoppeln.« Auf diese Ermuthigung, und zugleich durch die Meinung angespornt, daß er eben so geschmackvoll singe als dichte, zeigte sich der Wundarzt bereit, der Bitte mit aller Würde zu entsprechen. Es verging einige Zeit mit Räuspern und dem Aufsuchen des rechten Tones, und Lawton hatte, als diese beiden Punkte im Reinen waren, die geheime Freude, seinen Freund beginnen zu hören. »Hat jemals dich« – »Horch!« unterbrach ihn der Dragoner, »was ist das für ein Geräusch in den Felsen?« »Wahrscheinlich der Wiederhall der Melodie. Eine kräftige Stimme gleicht dem Athem der Winde.« »Hat jemals dich« – »So hören Sie doch!« sagte Lawton, indem er sein Pferd anhielt. Aber er hatte kaum ausgesprochen, als ein Stein vor ihm niederfiel und harmlos über den Weg hinrollte. »Ein unschuldiger Schuß!« rief der Reiter. »Weder die Waffe, noch die Kraft, die sie in Bewegung setzte, verräth eine besonders schlimme Absicht.« »Steinwürfe veranlassen selten mehr als Quetschungen,« sagte der Operateur und sah umsonst nach allen Richtungen hin, um die Hand, welche dieses Geschoß geschleudert hatte, zu entdecken. »Es muß ein Meteor seyn, denn es ist weit und breit außer uns kein lebendes Wesen.« »Hinter diesen Felsen dürfte sich leicht ein ganzes Regiment verstecken lassen,« erwiederte der Rittmeister, indem er abstieg und den Stein aufhob. »Ach, hier ist ja die ganze Erklärung des Geheimnisses.« An dem so seltsam niedergefallenen Steine war ein Stückchen Papier auf eine sinnreiche Weise angeheftet. Der Rittmeister riß es ab, öffnete es und las die folgenden mit einer nicht sehr leserlichen Hand geschriebenen Worte: »Eine Musketenkugel reicht weiter als ein Stein, und gefährlichere Dinge, als Kräuter für Verwundete sind in den Felsen von West-Chester verborgen. Ihr Pferd mag gut seyn, aber kann es Sie einen schroffen Felsen hinan tragen?« »Du hast Recht, seltsamer Mensch,« sagte Lawton; »Muth und Gewandtheit vermögen wenig gegen schleichende Mörder in diesen verwünschten Pässen.« Er bestieg sein Pferd wieder und rief mit lauter Stimme: »Habe Dank, unbekannter Freund; ich will deiner Warnung gedenken.« Eine hagere Hand hob sich einen Augenblick über einem Felsen in die Luft, und nachher wurde von den Beiden in dieser Richtung nichts mehr gesehen oder gehört. »Eine ganz außerordentliche Unterbrechung,« sagte Sitgreaves bestürzt, »und ein Brief von sehr geheimnißvollem Inhalt!« »O, es ist nichts, als der Witz irgend eines Tölpels, der einem Paar Virginier durch diesen plumpen Kunstgriff Furcht einjagen wollte,« sagte der Rittmeister, indem er den Zettel in die Tasche steckte. »Aber auf mein Wort, Herr Archibald Sitgreaves, ein verdammt ehrlicher Bursche ist diesen Morgen Ihrem Sectionstische entgangen.« »Der Hausirer? Dieser berüchtigtste aller im Dienste des Feindes stehende Spione? Ich meine, es hätte dem Kerl eine Ehre seyn sollen, mit seiner Leiche eine so nützliche Wissenschaft fördern zu helfen.« »Er mag ein Spion seyn – er muß wohl einer seyn,« sagte Lawton nachdenkend; »aber er hat ein Herz, über den Haß erhaben, und eine Seele, die einem Soldaten Ehre machen würde.« Der Wundarzt stierte bei diesem Selbstgespräche seinen Gefährten an, indeß die scharfen Blicke des Rittmeisters auf einer andern Felsengruppe ruhten, die überhängend fast die Straße versperrte, welche sich um ihren Fuß herumwand. »Was das Pferd nicht ersteigen kann, mag dem Fuße des Mannes erreichbar seyn,« rief der vorsichtige Partheigänger. Er schwang sich aus dem Sattel, sprang über einen Steinhaufen weg und begann den Berg an einer Stelle zu ersteigen, welche ihm bald eine Vogelperspective über die fraglichen Felsen sammt allen ihren Schluchten erwarten ließ. Diese Bewegung war kaum ausführt, als Lawton die Gestalt eines Mannes erblickte, der sich bei seinem Näherkommen eilig weiter schlich und an der entgegengesetzten Seite des Felsenabsprunges verschwand. »Geschwind, Sitgreaves, – geschwind,« schrie der Rittmeister, indem er über jedes Hinderniß wegsetzte, um den Flüchtling zu verfolgen; »bringt den Schurken um, wenn er nicht halten will.« Dem ersten Theile dieser Aufforderung wurde pünktliche Folge geleistet, und in wenigen Augenblicken sah der Wundarzt einen mit einer Muskete bewaffneten Mann über den Weg eilen, der augenscheinlich den Schutz des aus der andern Seite liegenden dicken Waldes aufsuchte. »Halt, mein Freund! halt, wenn's beliebt, bis Capitän Lawton da ist!« rief der Chirurg, als er den Menschen mit einer Schnelligkeit dahinfliehen sah, welche seiner ganzen Reitkunst Hohn sprach. Diese Einladung schien aber dem Fußgänger neuen Schreck einzujagen. Er verdoppelte seine Anstrengungen und hielt nicht einmal an, um zu athmen, bis er das Ziel seiner Rennbahn erreicht hatte. Nun erst drehte er sich um, feuerte seine Muskete auf den Wundarzt ab und war im Augenblicke verschwunden. Lawton hatte schnell die Landstraße wieder gewonnen, warf sich in den Sattel und war an der Seite seines Kameraden, als die Gestalt eben unsichtbar geworden war. »In welcher Richtung ist er entflohen?« rief der Rittmeister. »John,« sagte der Wundarzt, »gehöre ich etwa zu der kämpfenden Mannschaft?« »Wohin ist der Schuft geflohen?« versetzte Lawton ungeduldig. »Wohin Sie ihm nicht folgen können – in den Wald. Aber ich wiederhohle es, John – gehöre ich etwa zu der kämpfenden Mannschaft?« Als der getäuschte Reiter sah, daß ihm sein Feind entwischt sey, richtete er die vor Unmuth glühenden Augen auf seinen Kameraden; aber allmählich verloren die Muskeln seines Gesichtes den finstern Ausdruck, die Brauen wurden freier und die wilden Blicke gingen in das verstohlene Lachen über, welches so oft seine Züge überflog. Der Wundarzt saß in würdevoller Fassung auf seinem Pferde; sein schmaler Leib streckte sich und warf sich mit dem vollen Unwillen des Bewußtseyns einer unbilligen Behandlung in die Brust. »Warum ließen Sie diesen Spitzbuben entkommen? fragte der Rittmeister. »Einmal im Bereich meines Säbels hätte ich ihn zu einem geeigneten Gegenstand für Ihren Sectionstisch machen wollen.« »Ich konnte ihn unmöglich hindern,« sagte der Wundarzt indem er auf die Schranken deutete, vor welchen er sein Pferd hatte Halt machen lassen. »Der Schelm schwang sich über die Verzäunung weg und ließ mich auf der andern Seite stehen. Auch nahm er nicht die mindeste Rücksicht auf meine Vorstellungen, obgleich ich ihm sagte, daß Sie mit ihm zu sprechen wünschten.« »Das war in der That ein recht unhöflicher Schlingel. Aber warum setzten Sie nicht über die Verzäunung, um ihn zum Stehen zu zwingen? Sie sehen doch, daß da nur drei Balken sind, durch die Betty Flanagan mit ihrer Kuh hätte kommen können.« Zum erstenmale wandte jetzt der Wundarzt seine Augen von der Stelle ab, wo der Flüchtling verschwunden war, und richtete den Blick auf seinen Gefährten. Sein Kopf senkte sich jedoch nicht im mindesten, während er erwiederte: »Es ist meine demüthige Meinung, Capitän Lawton, daß weder Elisabeth Flanagan noch ihre Kuh nachahmungswerthe Beispiele für den Doctor Archibald Sitgreaves sind. Es wäre ein sauberes Compliment für die Wissenschaft, wenn es hieße, ein Doctor der Medicin hätte beide Beine gebrochen, weil er sie ungeschickterweise gegen ein paar Balken anrennen ließ.« Bei diesen Worten brachte der Wundarzt die fraglichen Glieder beinahe in horizontale Richtung, eine Stellung, welche in der That jedem Eintreten in irgend etwas, was einem Engpaß glich, Trotz zu bieten schien. Aber der Rittmeister rief hastig, ohne diesen augenscheinlichen Unmöglichkeitsbeweis einer solchen Bewegung zu beachten: »Hier ist gar nichts, Mann, was Sie Halt zu machen genöthigt hätte, denn eine ganze Reihe könnte in vollem Laufe mit Stiefeln und Schenkeln durchkommen, ohne einen Sporn einzulegen. Pah, ich bin oft gegen die Bajonete der Infanterie über größere Hindernisse, als dieses hier, angesprengt.« »Wollen Sie sich gefälligst erinnern, Capitän John Lawton, daß ich weder der Bereiter des Regiments, noch der Exerciermeister, weder ein schwächlicher Cornet, noch – mit aller schuldigen Achtung vor der Bestallung des Continental-Congresses sey es gesagt – ein tollköpfiger Rittmeister bin, der sein Leben so wenig als das seiner Feinde achtet. Ich bin nur ein armer demüthiger Gelehrter, Sir, ein einfacher Doctor der Medicin, ein unwürdiger Promotus von Edinburgh und derzeit Wundarzt bei den Dragonern – nichts weiter, wie ich Ihnen versichern kann, John Lawton.« Mit diesen Worten drehte er den Kopf seines Pferdes nach dem Landhause und nahm seinen Ritt wieder auf. »Ach, er hat Recht,« brummte der Dragoner; »hätte ich aber den schlechtesten Reiter in meinem Zug bei mir gehabt, ich, würde den Schuft aufgegriffen und dem Gesetze doch wenigstens ein Opfer überliefert haben. Aber, Archibald, Niemand kann gut reiten, wenn er die Beine, wie der Koloß zu Rhodus, auseinanderspreizt. Sie sollten sich weniger in den Steigbügel stämmen und sich mehr durch das Knie festhalten.« »Ich habe den gehörigen Respect vor Ihrer Erfahrung, Capitän Lawton, erwiderte der Wundarzt, »aber meine Meinung ist, daß ich nichts weniger, als ein incompetenter Richter hinsichtlich der Muskelbewegung bin, betreffe sie nun das Knie oder irgend einen andern Theil des menschlichen Körpers. Wenn ich auch nur dürftig meine Schule durchmachte, so brauche ich doch nicht jetzt erst zu lernen, daß das Gebäude um so fester ruht, je weiter die Basis ist.« »Wollen Sie aber mit ihren paar Beinen die ganze Landstraße einnehmen, wo doch ein halbes Dutzend ganz behaglich neben einander herreiten kann, wenn Sie die Füße ausstrecken, wie die Sensen an den Streitwagen der Alten?« Die Anspielung, auf die Sitten der Alten besänftigte einigermaßen den Unwillen des Wundarztes und er versetzte mit etwas weniger Hochmuth: »Sie sollten mit Achtung von den Gebräuchen derer sprechen, welche vor uns gelebt haben, und wenn sie auch in manchen Zweigen des Wissens, zumal in der edeln Wundarzneikunst, weit zurück waren, so haben sie uns doch manche herrliche Winke zu unserer Veredelung hinterlassen. Außerdem zweifle ich nicht, Sir, daß Galen bereits Wunden, die durch die erwähnten Sensen geschlagen wurden, behandelte, obgleich kein gleichzeitiger Schriftsteller dieser Thatsache Erwähnung thut. Ach, das müssen schreckliche Beschädigungen gewesen seyn und sicherlich den Aerzten jener Zeit große Unlust bereitet haben!« »Gelegenheitlich mag wohl ein Körper mitten entzweigeschnitten worden seyn, dessen Wiedervereinigung den Scharfsinn dieser Herren freilich auf eine schwere Probe setzen mußte. Und da sie so achtbare und gelehrte Männer waren, so zweifle ich nicht, daß es ihnen auch gelang.« »Was? zwei Stücke eines menschlichen Körpers, die durch ein schneidendes Instrument getrennt wurden, wieder zu den Functionen des thierischen Lebens zu vereinigen?« »Ja, Leute, die durch eine derartige Sense auseinander geschnitten wurden, wieder zusammen zu flicken, um sie auf's Neue für den Kriegsdienst brauchbar zu machen!« »Das ist unmöglich, – ganz und gar unmöglich,« schrie der Wundarzt. »Vergebens versucht es der menschliche Geist, Capitän Lawton, die Kräfte der Natur zu überbieten. Denken Sie sich nur, mein Bester, in einem solchen Falle werden alle Arterien getrennt – alle Eingeweide zerrissen – alle Nerven und Sehnen zerschnitten, und was noch wichtiger ist, Sir –« »Sie haben genug gesagt, Doctor Sitgreaves, um den Zögling einer kunstverwandten Schule zu überzeugen. Nichts soll mich veranlassen, je gutwillig eine solche unwiederbringliche Theilung an mir vornehmen zu lassen.« »Gewiß, man hat wenig Vergnügen an einer Wunde, welche ihrer Natur nach unheilbar ist.« »Das meine ich auch,« sagte Lawton trocken. »Was halten Sie wohl für das größte Vergnügen im menschlichen Leben?« fragte der Wundarzt plötzlich. »Hm, das ist Geschmacksache.« »Ganz und gar nicht!« rief der Wundarzt. »Es liegt in dem Mitansehen oder? vielmehr in dem Gefühl, wie sich die Verheerungen einer Krankheit durch das Licht der Wissenschaft unter Beihülfe der Natur wieder ausgleichen. Ich zerbrach mir einmal absichtlich meinen kleinen Finger, um den Knochenbruch wieder einrichten und auf die Vorgänge der Heilung Acht geben zu können. Das war freilich nur ein kleiner Maaßstab, wie Sie einsehen werden, lieber John. Aber das durchdringende Gefühl bei dem Zusammenwachsen der Knochen, verbunden mit der Betrachtung, was die menschliche Kunst Hand in Hand mit dem Walten der Natur vermag, übertraf jede Lust, die ich je in meinem Leben gefühlt habe. Um wie viel größer hätte das Vergnügen seyn müssen, wenn es sich um ein wichtigeres Glied, etwa um einen Arm oder ein Bein gehandelt hätte?« »Oder gar um den Hals –,« versetzte der Rittmeister. Mittlerweile waren die beiden Reiter an Herrn Whartons Landhause angelangt. Da Niemand erschien, um sie einzuführen, ging der Rittmeister nach dem Zimmer, wo gewöhnlich die Besuche empfangen wurden. Als er öffnete, blieb er einen Augenblick stehen, verwundert über die Scene, welche sich ihm darbot. Die erste Person, welche ihm in's Auge fiel, war der Obrist Wellmere, der sich mit einer Innigkeit über Sara's erröthende Gestalt beugte, welche das durch Lawtons Eintreten veranlaßte Geräusch von beiden Theilen überhört werden ließ. Gewisse bedeutungsvolle Merkmale, welche dem schärfen Blicke des Dragoners nicht entgingen, weihten ihn auf einmal in das hier obwaltende Geheimnis ein, und er war im Begriffe, sich so leise, als er eingetreten war, wieder zurückziehen, als ihm auf einmal sein Gefährte, der ohne Umstände in's Zimmer stürmte, den Weg vertrat. Er ging sogleich auf Wellmere's Stuhl los, ergriff instinktartig den Arm des Obristen und rief: »Ach du mein Gott! – schneller, unregelmäßiger Puls – glühende Wange, – feuriges Auge – starke Anzeichen von Fieber, die alle sorgfältig beachtet werden müssen.« Bei diesen Worten hatte der Doctor, seiner summarischen Behandlungsweise gemäß (eine Schwäche, welche die meisten Militärärzte mit ihm gemein haben), das Lanzet hervorgeholt und traf einige andere Vorkehrungen, welche seine Absicht, gleich an's Werk zu gehen, au den Tag legten. Aber der Obrist, welcher sich inzwischen von seiner Ueberraschung erholt hatte, stand stolz von seinem Stuhle auf und sprach: »Mein Herr, diese Röthe hat nur in der Wärme des Zimmers ihren Grund und ich bin Ihnen bereits zu sehr für Ihre Geschicklichkeit verpflichtet, um Ihnen noch weitere Mühe zu machen. Miß Wharton weiß, daß ich vollkommen gesund bin, und ich versichere Sie, daß ich mich in meinem Leben nie wohler und glücklicher fühlte.« Diese letzteren Worte wurden mit einem besondern Nachdruck ausgesprochen und brachten, so angenehm sie auch in Sara's Ohr klingen mochten, eine neue Glut auf ihre Wangen, – ein Umstand, der von Doctor Sitgreaves, welcher der Richtung von seines Patienten Auge folgte, nicht übersehen wurde. »Ihren Arm, mein Fräulein, wenn's gefällig ist,« sagte der Wundarzt und trat mit einer Verbeugung auf sie zu. »Angst und Nachtwachen haben auf Ihren zarten Körper übel gewirkt, und ich bemerke Symptome an Ihnen, welche nicht vernachlässigt werden dürfen.« »Entschuldigen Sie, Sir,« sagte Sara, indem sie sich mit weiblichem Stolze aufraffte; »die Hitze ist erdrückend und ich gehe, um Miß Peyton von Ihrer Anwesenheit in Kenntnis zu setzen.« Es war nicht schwer, mit der Einfalt des Wundarztes in's Reine zu kommen, Nun aber mußte Sara ihr Auge erheben, um den Gruß Lawtons zu erwiedern, der den Kopf fast bis zu der Hand herabneigte, mit welcher er der Dame die Thüre öffnete. Ein einziger Blick war hinreichend. Sie blieb ihrer selbst so weit mächtig, um sich mit Würde zurückzuziehen; aber kaum fühlte sie sich von ihren Beobachtern befreit, als sie in einen Sessel sank und sich dem gemischten Gefühl von Scham und Wonne überließ. Sitgreaves bot dem britischen Obristen auf's Neue seine Dienste an, ohne daß sie günstiger aufgenommen worden wären, und zog sich dann, durch diese herabwürdigende Behandlung ein wenig gekränkt, nach dem Zimmer des jungen Singleton zurück, wohin ihm Lawton bereits vorangegangen war. Einundzwanzigstes Kapitel. O Heinrich, wenn du um mich wirbst, Leist' ich dir Widerstand? Wenn, Theurer, du mein Herz gewannst, Verweigr' ich dir die Hand? Der Eremit von Warkworth.   Der Promotus von Edinburgh fand seinen Patienten sehr gebessert und völlig fieberfrei. Isabella, deren Wangen jetzt wo möglich noch bleicher, als bei ihrer Ankunft waren, wachte mit zärtlicher Sorgfalt an dem Krankenbette, und die Damen des Landhauses vergaßen der gastlichen Obliegenheiten nicht, obgleich sie von Sorge und Kummer schwer gedrückt waren. Franciska fühlte sich zu ihrem trostlosen Gast mit einer unwiderstehlichen Theilnahme hingezogen, die sie sich nicht zu erklären vermochte. Sie hatte Dunwoodie's und Isabellens Schicksal unwillkührlich in ihrer Phantasie verkettet und empfand es mit der romantischen Glut einer großen Seele, daß sie ihrem früheren Geliebten am treuesten diene, wenn sie dem Gegenstande seiner zartesten Neigungen mit Liebe entgegen komme. Isabella nahm ihre Aufmerksamkeit dankbar hin, aber keine von beiden erlaubte sich irgend eine Anspielung auf die geheime Quelle ihres Kummers. Da Miß Peytons Gesichtskreis selten über den Bereich der sichtbaren Welt hinausging, so schien ihr Heinrich Wharton's Lage ein zureichender Grund für die blassen Wangen und das thränenfeuchte Auge ihrer Nichte, und wenn Sara weniger Sorge als ihre Schwester verrieth, so ermangelte die unerfahrene Tante nicht, auch hiefür einen Grund zu finden. Die Liebe erscheint tugendhaften Frauen stets als ein heiliges Gefühl, welches Allem, was in seine Sphäre kömmt, eine Weihe ertheilt. Obgleich Miß Peyton sich die Gefahr, welche ihren Neffen bedrohte, aufrichtig zu Herzen nahm, so sah sie doch wohl ein, daß die Unruhe des Krieges der Liebe nicht förderlich sey, und daß Augenblicke, welche die Gunst des Zufalls gewährte, nicht unbenützt vorübergehen dürften. So vergingen einige Tage ohne irgend eine Störung in dem gewohnten Treiben, der Bewohner des Landhauses und der in den Kreuzwegen cantonirenden Mannschaft. Der Muth der Ersteren wurde durch die Ueberzeugung von Heinrichs Unschuld und die Zuversicht zu Dunwoodie's erfolgreichen Bemühungen in dieser Angelegenheit aufrecht erhalten, während Letztere ungeduldig der Nachricht von einem Treffen und dem Befehle zum Aufbruch, welcher stündlich erwartet wurde, entgegen sah. Aber Lawton hoffte auf beides vergebens. Briefe des Majors meldeten, daß der Feind, als er von der Niederlage und dem Rückzüge der Abtheilung, welche gleichzeitig operiren sollte, benachrichtigt worden sey, eine rückgängige Bewegung gemacht und sich hinter den Werken des Forts Washington sicher gestellt habe, wo er sich nunmehr unthätig verhalte; daß man übrigens jeden Augenblick gewärtig seyn müsse, er werde einen Schlag führen, um für den widerfahrenen Schimpf Rache zu nehmen. Zugleich wurde dem Rittmeister auf's neue Wachsamkeit eingeschärft und dem Briefe ein Compliment über Lawton's Eifer und unbezweifelte Tapferkeit beigefügt. »Außerordentlich schmeichelhaft, Major Dunwoodie,« brummte der Dragoner, indem er das Schreiben auf den Boden warf und in der Stube auf und abschritt, um seine Ungeduld zu beschwichtigen. »Sie haben für diesen Dienst gar geeignete Hüter ausgelesen. Laß doch sehen – ich habe da für die Interessen eines gebrechlichen, unschlüssigen, alten Mannes Sorge zu tragen, von dem man nicht weiß, ob er zu uns oder zu dem Feinde gehört; – dann vier Weiber; – nun, drei davon wären so übel nicht, aber sie scheinen nicht besonders erbaut von meiner Gesellschaft; und die vierte – sie mag brav genug seyn, aber sie hat ihre Vierzig auf dem Rücken; zwei oder drei Schwarze; eine geschwätzige Haushälterin, die von nichts, als von Gold und verächtlichen Krämern, von Zeichen und Vorbedeutungen schnattert; und endlich der arme Georg Singleton. Nun, den laß ich gelten, ein leidender Kamerad hat Ansprüche auf den Soldaten – und so will ich mich eben gutwillig fügen!« Nach diesem Selbstgespräch setzte sich der Rittmeister auf einen Stuhl und fing an zu pfeifen, um sich zu überreden, daß ihm die ganze Sache gleichgültig sey. Während er dabei nachlässig seinen gestiefelten Fuß hin und her schlenkerte, warf er das Gefäß um, welches seinen ganzen Branntweinvorrath enthielt. Dieser Unfall wurde sogleich wieder gut gemacht, als aber Lawton den hölzernen Krug wieder an seinen Platz stellte, sah er neben demselben ein Billet auf der Bank liegen. Er riß es auf und las: »Der Mond wird erst nach Mitternacht aufgehen – eine geeignete Zeit bis dahin für Thaten der Finsterniß.« Der Rittmeister konnte sich in der Hand nicht irren; es war augenscheinlich dieselbe, welche ihn bei Zeiten vor dem lauernden Meuchelmorde gewarnt hatte. Er sann lange über die Bedeutung dieser beiden Mittheilungen und die Gründe nach, welche den Hausirer veranlassen konnten, einen unversöhnlichen Feind in dieser Weise zu begünstigen. Lawton wußte, daß er ein feindlicher Spion war, denn es war eine vor dem Kriegsgericht erwiesene Thatsache, daß er dem englischen Oberbefehlshaber über eine wenig gedeckte Abtheilung amerikanischer Truppen Nachricht zugeführt hatte. Allerdings waren die Folgen dieses Verraths zufällig durch einen Befehl von Washington verhindert worden, welcher das Regiment kurze Zeit vor der Ankunft der Engländer, welche es abzuschneiden gedachten, zurückzog; aber das Verbrechen blieb dasselbe. »Vielleicht,« dachte der Parteigänger, »will er mich für den Fall einer neuen Gefangenschaft zu seinem Freunde machen. Jedenfalls hat er einmal mein Leben geschont, wo es ihm ein Leichtes war, mich zu tödten, und bei einer andern Gelegenheit hat er es gerettet. Ich will mir Mühe geben, eben so großmüthig zu seyn, als er, und Gott bitten, daß er nie meine Pflicht mit meinen Gefühlen in Widerstreit gerathen lasse.« Der Rittmeister konnte aus dem Zettel nicht darüber klug werden, ob die angedeutete Gefahr das Landhaus oder seine eigene Leute bedrohe. Endlich neigte er sich mehr zu der letzteren Ansicht und entschloß sich daher, in der Dunkelheit nicht auszureiten. Die Gleichgültigkeit, mit welcher der Reiterführer der bevorstehenden Gefahr entgegen sah, wäre wohl jedem Bewohner einer friedlichen Gegend in einer Zeit der Ruhe und Ordnung unbegreiflich vorgekommen. Aber die Betrachtungen des Officiers betrafen mehr die geeigneten Vorkehrungen, den Feind in eine Falle zu locken, als seinen Nachstellungen zu entgehen; sie wurden übrigens bald durch die Ankunft des Wundarztes unterbrochen, der von seinem täglichen Besuche in den Locusten zurückkam. Sitgreaves brachte dem Capitän Lawton eine Einladung von Miß Peyton, welche ihn ersuchen ließ, diesen Abend bei Zeiten das Landhaus mit seiner Gegenwart zu beehren. »Ha!« rief der Rittmeister; »dann haben sie sicher auch einen Brief erhalten.« »Nichts scheint mir wahrscheinlicher,« versetzte der Wundarzt; »es ist ein Caplan von der königlichen Armee im Landhaus, der die verwundeten Britten auslösen soll und einen Befehl von Obrist Singleton zu ihrer Freilassung mitgebracht hat. Ein tollerer Einfall läßt sich übrigens nicht denken, als sie jetzt fortschaffen zu lassen.« »Ein Geistlicher, sagen Sie? – Ist er ein tüchtiger Trinker – so ein rechter Lagerfaullenzer – ein Bursche, der eine Hungersnoth im Regiment erzeugen kann? Oder sieht er wie ein Mann aus, dem es Ernst mit seinem Berufe ist?« »Ein recht achtbarer, ordentlicher Herr und keineswegs der Unmäßigkeit ergeben, so viel sich aus seinem Aeußern schließen läßt, entgegnete der Wundarzt; »ein Mann, der in der That seine Gratias auf eine recht regelmäßige und geeignete Weise vorbringt.« »Bleibt er die Nacht über dort?« »Zuverlässig; er wartet auf die Auswechselung; aber tummeln Sie sich, John; wir haben keine Zeit zu verlieren. Ich will nur noch vorher bei zwei oder drei Engländern, welche morgen mit fort sollen, eine Aderlässe vornehmen, um einer möglichen Entzündung vorzubeugen, und bin im Augenblicke wieder da.« Capitän Lawton hatte bald seine Gallauniform angezogen, und als sein Gefährte bereit war, schlugen sie mit einander den Weg nach dem Landhause ein. Dem Rothschimmel hatten einige Tage der Ruhe so gut bekommen, als seinem Herrn, und Lawton wünschte sehnlichst, als er sein muthiges Roß an dem früher erwähnten Felsenpasse anhielt, daß sein hinterlistiger Feind, beritten und bewaffnet, wie er selbst, ihm entgegentreten möchte. Aber weder ein Feind noch eine sonstige Störung hielt sie in ihrem Ritte auf, und sie erreichten die Locusten, als die Sonne eben die letzten scheidenden Strahlen in das Thal warf und die Spitzen der entlaubten Bäume vergoldete. Der Rittmeister erfaßte jedes nicht ungewöhnlich verhüllte Verhältnis mit dem ersten Blicke, und so sagte ihm das, was er beim Eintritt in's Haus bemerkte, mehr, als Doctor Sitgreaves durch die Beobachtungen eines ganzen Tages erfahren hatte. Miß Peyton hieß ihn mit einem Lächeln willkommen, welches außer den Gränzen gewöhnlicher Höflichkeit lag und augenscheinlich mehr aus den Gefühlen des Herzens, als aus den Vorschriften der Etiquette entsprang. Franciska wankte in tiefer Bewegung und mit thränenfeuchten Augen umher, indeß Herr Wharton in einem Sammetrocke, der sich in den ersten Gesellschaftszirkeln hätte zeigen dürfen, zum Empfang seiner Gäste bereit stand. Obrist Wellmere trug die Uniform eines Officiers der königlichen Haustruppen, und Isabella Singleton saß in dem Besuchszimmer, in das Gewand der Freude gekleidet, die jedoch der Schatten in ihren Zügen Lügen strafte, während ihr Bruder mit glühenden Wangen und dem Ausdrucke des bewegtesten Antheils im Blicke an ihrer Seite stand, so daß man in ihm kaum einen Patienten erwartet hätte. Da er schon seit drei Tagen das Zimmer verlassen durfte, so vergaß Doctor Sitgreaves, welcher in stumpfer Verwunderung um sich blickte, ihm wegen seiner Unvorsichtigkeit Vorwürfe zu machen. Capitän Lawton benahm sich bei dieser Scene mit der vollen Würde eines Mannes, dessen Geistesgegenwart sich nicht leicht durch Neuigkeiten außer Fassung bringen läßt. Seine Complimente wurden mit dergleichen Artigkeit erwiedert, und nachdem er mit den verschiedenen anwesenden Personen einige Worte gewechselt hatte, näherte er sich dem Wundarzt, der sich in einer Art verwirrten Staunens in eine Ecke des Zimmers zurückgezogen hatte, um seine Sinne wieder zu sammeln. »John,« flüsterte der Wundarzt neugierig, »was wollen denn diese Festlichkeiten besagen?« »Daß Ihre Perücke und mein schwarzer Kopf sich besser ausnehmen würden, wenn etwas Mehl aus Betty Flanagan's Küche darauf gestreut wäre. Aber es ist nun zu spät, und so müssen wir eben in unserer jetzigen Bewaffnung in's Treffen.« »Geben Sie Acht; – da kömmt der Feldcaplan im vollen Ornate, eines Doctor Divinitatis . Was mag das zu bedeuten haben?« »Eine Auswechselung,« sagte der Rittmeister. »Die Verwundeten Amor's treten zusammen, um mit dem Gotte ihre Rechnungen abzuschließen, indem sie sich durch das Gelöbniß gegenseitiger Treue gegen seine Pfeile sicher stellen.« Der Wundarzt legte den Finger an seine Nase und begann nun den Fall zu begreifen. »Ist es nicht eine himmelschreiende Schmach, daß so ein Sonnenscheinheld aus den Reihen des Feindes herkommen und uns die schönste Pflanze, die auf unserem Boden wuchs, wegstehlen darf?« brummte Lawton, »eine Blume, die so ganz geeignet wäre, die Brust eines Mannes zu schmücken?« »Wenn der Ehemann sich nicht besser macht, als der Patient, so fürchte ich, John, daß die Dame ihre Noth mit ihm haben wird.« »Sey's drum,« sagte der Reiter unmuthig, »sie hat gewählt unter den Feinden ihres Vaterlandes, und so mag sie denn die guten Eigenschaften der Fremdlinge erproben.« Die Unterhaltung wurde durch Miß Peyton unterbrochen, welche den Beiden mittheilte, daß sie eingeladen worden seyen, um die Vermählung ihrer ältesten Nichte und des Obristen Wellmere mitzufeiern. Die Herren verbeugten sich, und die gute Tante fuhr in Folge des ihr inwohnenden Anstandsgefühls fort, zu erzählen, daß die beiderseitige Bekanntschaft sich von früherer Zeit her schreibe und ihre Liebe keineswegs ein Werk der letzten Tage sey. Lawton verbeugte sich hierauf noch förmlicher; der Wundarzt aber, welcher immer eine Freude daran fand, mit der Jungfrau zu plaudern, erwiederte: »Das menschliche Herz ist bei verschiedenen Individuen verschieden beschaffen. Bei dem einen sind die Eindrücke lebhaft und vorübergehend, bei dem andern mehr tief und dauernd. Es gibt auch in der That Philosophen, welche einen Zusammenhang zwischen den physischen und geistigen Kräften des Lebens annehmen; aber ich, für meinen Theil, Madame, glaube, daß die einen mehr unter dem Einflusse der Gewohnheit und der Liebe zur Geselligkeit stehen, während die andern ganz und gar den eigentümlichen Gesetzen der Materie unterworfen sind.« Nach dieser Bemerkung kam die Reihe an Miß Peyton, sich zu verbeugen, worauf sie sich mit Würde zurückzog, um die Braut in die Versammlung einzuführen. Die Stunde rückte heran, in welcher nach amerikanischer Sitte die Ehegelöbnisse ausgetauscht werden mußten, und Sara folgte ihrer Tante, unter den mannigfaltigsten Gemüthserregungen erglühend, in das Besuchszimmer. Wellmere eilte ihr entgegen, um die Hand, welche sie ihm mit abgewandtem Gesichte hinbot, zu fassen, und jetzt schien sich der englische Obrist zum erstenmal auf die wichtige Rolle zu besinnen, welche er bei den bevorstehenden Ceremonien zu spielen hatte. Bisher war sein Benehmen zerstreut und unruhig gewesen; jetzt aber schien alles, bis auf das Bewußtseyn seines Glückes, bei dem lieblichen Anblicke, der vor seinen Augen in strahlender Herrlichkeit auftauchte, verschwunden zu seyn. Alle erhoben sich von ihren Sitzen, und der Geistliche hatte bereits sein Formular aufgeschlagen, als Franciska's Abwesenheit bemerkt wurde. Miß Peyton entfernte sich, um die jüngere Nichte aufzusuchen, und fand sie auf ihrem Zimmer in Thränen zerfließend. »Komm, meine Liebe, die heilige Handlung erwartet uns,« sagte die Tante, indem sie zärtlich ihren Arm um den ihrer Nichte schlang; »suche Dich zu fassen, damit der Wahl Deiner Schwester die gebührende Ehre widerfahre.« »Ist er – kann er ihrer würdig seyn?« »Wie sollte er nicht?« erwiederte Miß Peyton; »ist er nicht ein Mann von Stande? – ein tapferer, wenn auch unglücklicher Krieger? Gewiß, meine Liebe, er scheint alle Eigenschaften zu besitzen, welche ein Weib glücklich machen können.« Franciska hatte ihren Gefühlen Luft gemacht, und gab sich nun alle Mühe, sich so weit zu sammeln, daß sie in der Versammlung erscheinen konnte. Um jede durch diese Zögerung veranlaßte Verlegenheit zu beseitigen, richtete der Geistliche einige Fragen an den Bräutigam, von welchen übrigens eine durchaus nicht zu seiner Zufriedenheit beantwortet wurde. Wellmere sah sich nämlich zu dem Geständnisse genöthigt, daß er sich mit keinem Ring vorgesehen habe: ein Umstand, welchen der heilige Mann für ein canonisches Hinderniß der Einsegnung der Ehe erklärte. Die Berufung auf Herrn Wharton hinsichtlich der Richtigkeit dieser Entscheidung wurde bejahend beantwortet, wie denn auch wohl das Gegentheil erwiedert worden wäre, wenn der Geistliche die Frage in einer Weise gestellt hätte, um auf ein anderes Resultat zu führen. Der Eigenthümer der Locusten hatte durch den Schlag, welcher ihn in dem kürzlichen Unfalle seines Sohnes betroffen, die wenige Geisteskraft, welche er im allgemeinen besaß, völlig verloren, und seine Zustimmung zu dem Einwurfe des Caplans wurde daher eben so leicht erlangt, als seine Einwilligung zu Wellmere's übereilter Freierei. Während die Gesellschaft sich so in peinlicher Verlegenheit befand, traten Miß Peyton und Franciska ein. Der Wundarzt der Dragoner näherte sich der ersteren und bemerkte, indem er ihr einen Stuhl bot: »Es scheint, Madame, daß ungünstige Umstände den Obristen verhindert haben, sich mit denjenigen Decorationen zu versehen, welche das Herkommen und die Kirche als unerläßlich vorschreibt, wenn man in den Stand der heiligen Ehe treten will.« Miß Peyton warf einen ruhigen Blick auf den betroffenen Bräutigam, und da es ihr vorkam, als ob er sich, so gut als es Zeit und Gelegenheit erlaubte, hinreichend herausgeputzt hätte, so sah sie wieder fragend auf den Sprecher zurück. Der Wundarzt verstand ihren fragenden Blick und beeilte sich, ihm zu willfahren. »Man ist,« bemerkte er, »im Allgemeinen der Meinung, daß das Herz auf der linken Seite des Körpers liege, und daß die Verbindung der Glieder dieser Seite mit dem, was man den Sitz des Lebens nennen kann, weit inniger ist, als die der entgegengesetzten Organe. Dieß ist jedoch ein Irrthum, der nur aus einer völligen Unbekanntschaft mit dem organischen Bau des ganzen animalischen Gewebes entspringen konnte. Dieser unrichtigen Meinung zufolge hält man dafür, daß der vierte Finger der linken Hand eine Eigenschaft in sich berge, welche keinem anderen Ausläufer der Handwurzel zukomme, weßhalb er denn auch der Ordnung gemäß während des Trauungsactes mit einem Ring umgeben wird, als ob man damit die Liebe an die Ehe fesseln wolle, die doch am besten durch die Anmuth des weiblichen Charakters gesichert wird.« Bei diesen Worten legte der Doctor seine Hand ausdrucksvoll an's Herz, und verbeugte sich, als er schloß, fast bis zur Erde. »Ich weiß nicht, Sir, ob ich Sie recht verstehe,« versetzte Miß Peyton, deren schlechte Fassungsgabe der Leser durch den Bombast des Operateurs hinreichend entschuldigt erachten wird. »Ein Ring, Madame – ein Ring fehlt für die Copulationsceremonie.« Die Dame begriff, so bald sich der Chirurg deutlich ausgesprochen hatte, im Augenblick die unangenehme Lage des Brautpaars. Sie warf einen Blick auf ihre Nichten, und bemerkte mit einigem Mißvergnügen in den Zügen der jüngern eine geheime Schadenfreude, während Sara von einer Schamröthe übergossen war, welche die achtsame Tante wohl zu deuten wußte. Sie hätte sich jedoch um alles in der Welt keinen Verstoß gegen die Gesetze der weiblichen Etiquette erlaubt. Die Damen alle erinnerten sich im ersten Augenblick, daß der Trauring der seligen Mutter und Schwester unter ihrem übrigen Schmucke friedlich in einem verborgenen Gewölbe lag, welches man in frühern Tagen hatte anfertigen lassen, um solche Kostbarkeiten den Klauen raublustiger Freibeuter zu entziehen, welche die Gegend unsicher machten. Nach diesem geheimen Aufbewahrungsorte hatte man das Silbergeschirr und sonstige werthvolle Gegenstände geflüchtet, und dort lag auch der bis zu diesem Augenblick vergessene Ring in nächtlicher Ruhe. Es war jedoch seit undenklichen Zeiten Sache des Bräutigams, dieses zur Trauung unumgängliche Erforderniß herbeizuschaffen und Miß Peyton hätte um keinen Preis einen Schritt gethan, durch welchen dem üblichen Vorrecht ihres Geschlechts bei dieser feierlichen Gelegenheit zu nahe getreten worden wäre – wenigstens in keinem Falle, ohne daß dieser Verletzung des Anstandes durch eine gehörige Dosis von Verlegenheit und Unlust die gebührende Sühne zu Theil wurde. Keine der Frauenzimmer machte daher von diesem Umstand Gebrauch, die Tante aus Rücksichten des weiblichen Schicklichkeitsgefühls, die Braut aus Scham, und Franciska, weil ihr jede Verlegenheit willkommen war, welche das Gelübde ihrer Schwester verzögerte. Es blieb dem Doctor Sitgreaves vorbehalten, das peinliche Schweigen zu unterbrechen. »Wenn, Madame, ein einfacher Ring, welcher einmal meiner Schwester gehörte –« er hielt an und fuhr nach einigen Räuspern wieder fort – »wenn, Madame, ein Ring von der genannten Beschaffenheit zu dieser Ehre zugelassen werden kann, so bin ich in dem Besitze eines solchen: auch läßt er sich leicht aus meinem Quartier in den Kreuzwegen herbeischaffen, und ich zweifle nicht, daß er dem Finger, für welchen er nöthig ist, passen wird. Es ist eine auffallende Aehnlichkeit zwischen – hm – meiner seligen Schwester und Miß Wharton, sowohl in der Größe als in dem anatomischen Bau, und bei allen edleren Geschöpfen lassen sich stets dieselben Verhältnisse durch die ganze animalische Oeconomie bemerken.« Ein Blick von Miß Peyton erinnerte Obrist Wellmere an seine Pflicht; er sprang vom Stuhle auf und versicherte dem Wundarzt, daß er ihm durch nichts eine größere Verbindlichkeit auflegen würde, als wenn er diesen Ring holen ließe. Der Wundarzt verbeugte sich mit einer Miene von Wichtigkeit und entfernte sich, um sein Versprechen durch Absendung eines Boten in Vollzug zu setzen. Die Tante ließ ihn gehen; da es ihr aber nicht behagte, einen Fremden in ihr Hausregiment eingreifen zu sehen, so folgte sie ihm auf dem Fuße und traf die Vorkehrung, daß statt des Bedienten des Doctors, welcher sich freiwillig zu diesem Dienste angeboten hatte, Cäsar mit der Botschaft beauftragt wurde. Demzufolge erhielt Katy Haynes die Weisung, den Schwarzen in das leere Wohnzimmer zu holen, wohin sich Miß Peyton mit dem Wundarzte begab, um die nöthigen Befehle zu ertheilen. Die Einwilligung zu dieser schnellen Vereinigung von Sara und Wellmere, zumal in einer Zeit, wo das Leben eines Familienangehörigen in so großer Gefahr stand, floß aus der Vermuthung, daß der ungeordnete Zustand des Landes ein späteres Zusammentreffen der Liebenden unmöglich machen konnte, und von Herrn Wharton's Seite auch aus der geheimen Furcht, daß der Tod seines Sohnes seinem eigenen Leben ein frühes Ziel stecken könnte und er dann seine übrigen Kinder ohne Beschützer zurücklassen müßte. Miß Peyton hatte zwar zu dem Wunsche ihres Schwagers, die zufällige Anwesenheit des Geistlichen zu benützen, ihre Zustimmung gegeben; sie hielt es aber nicht für nöthig, die beabsichtigte Hochzeit ihrer Nichte, selbst wenn es die Zeit erlaubt hätte, in der Nachbarschaft ausposaunen zu lassen, und glaubte daher, daß sie dem Neger und ihrer Haushälterin ein tiefes Geheimniß mittheile. »Cäsar,« begann sie mit einem Lächeln, »Du sollst nun erfahren, daß Deine junge Gebieterin, Miß Sara, diesen Abend mit dem Obristen Wellmere vermählt werden wird.« »Ich denken, ich es sehen voraus,« sagte Cäsar kichernd; »alt schwarz Mann kann sagen, wenn eine junge Lady seyn verliebt.« »Wirklich, Cäsar? Ich hätte nicht geglaubt, daß Du nur halb so viel Beobachtungsgabe besäßest. Da Du aber bereits weißt, für welchen Anlaß man Deiner Dienste bedarf, so gib auf den Auftrag dieses Herrn Acht und sieh zu, daß Du ihn auf's Pünktlichste ausrichtest.« Der Schwarze wandte sich mit ruhiger Unterwürfigkeit gegen den Wundarzt, welcher folgendermaßen anfing: »Cäsar, Deine Gebieterin hat Dich bereits mit dem wichtigen Ereignisse bekannt gemacht, welches in diesem Hause gefeiert werden soll: aber es fehlt an einem Ringe für den Finger der Braut, ein Erforderniß, welches aus uraltem Herkommen beruht und von mehreren Zweigen der christlichen Kirche bei ihren Trauungsförmlichkeiten beibehalten wurde, wie denn auch bei der Installation der Prälaten der Ring als ein Sinnbild der Vermählung mit der Kirche dient, was Dir hoffentlich klar seyn wird.« »Vielleicht, wenn Massa Doctor es noch einmal sagen,« unterbrach ihn der alte Neger, dessen Gedächtniß gerade da am meisten sich zu verwirren anfing, als der Andere seine Berufung auf Cäsars Fassungsgabe vorbrachte; »ich denken, es dießmal merken zu können.« »Es ist unmöglich, Honig von den Steinen zu sammeln, Cäsar, und ich will mich daher in dem Wenigen, was ich Dir zu sagen habe, kurz fassen. Reite nach den Kreuzwegen und gib dieses Schreiben dem Sergeanten Hollister oder der Frau Elisabeth Flanagan, worauf man Dir das zur Trauung Nöthige einhändigen wird; dann kehre spornstreichs wieder hieher zurück.« Der Brief des Wundarzts, welcher dem Boten übergeben wurde, war in folgenden Worten abgefaßt: »Wenn das Fieber den Kinder verlassen hat, so gebt ihm zu essen. Laßt dem Watson noch drei Unzen Blut heraus. Seht nach, ob das Weib Flanagan keinen ihrer Branntweinkrüge im Spitale hat stehen lassen. Legt dem Johnson einen frischen Verband an und entlaßt den Smith zum Dienst. Schickt mir durch den Ueberbringer dieses den Ring, der an der Kette der Uhr hängt, welche ich Euch als Zeitmesser für die richtige Abreichung der Arzneien dort gelassen habe. Archibald Sitgreaves, M.D. Wundarzt bei den Dragonern.« »Cäsar,« sagte Katy, als sie mit dem Schwarzen allein war, »steckt den Ring, welchen Ihr erhaltet, in Eure linke Tasche, denn sie ist dem Herzen am nächsten. In keinem Fall versucht es, ihn an Eure Finger zu stecken – das brächte Unglück.« »An den Finger stecken?« fiel der Neger ein und streckte die knochigen Handgelenke aus, »glaubt Ihr, Miß Sally's Ring gehen an alt Cäsar's Finger?« »Es ist gleichgültig, ob er geht oder nicht geht,« sagte die Haushälterin, »aber es hat was Schlimmes zu bedeuten, wenn der Trauring nach der Hochzeit an den Finger eines Andern gesteckt wird, und es ist gewiß eben so gefährlich, wenn man es vorher thut.« »Ich sagen Euch, Katy, ich nicht daran denken, ihn zu thun an mein Finger.« »So macht, daß Ihr fortkommt, Cäsar, und vergeßt die linke Tasche nicht. Wenn Ihr an dem Kirchhof vorbei kommt, so nehmt den Hut ab, und kommt überhaupt bald wieder zurück, denn gewiß gibt es nichts Geduldprüfenderes, als mit der Copulation hingehalten zu werden, wenn eine Person einmal darauf versessen ist, zu heirathen.« Nach dieser Ermahnung verließ Cäsar das Haus und saß bald fest im Sattel. Er war von Jugend auf, wie Alle seiner Race, ein eifriger Freund des Reitens, aber unter der Last von sechzig Wintern hatte sein afrikanisches Blut einigermaßen von der angeborenen Wärme verloren. Die Nacht war finster und der Wind sauste winterlich schneidend durch das Thal. Als Cäsar bei dem Kirchhof anlangte, entblößte er mit abergläubischer Scheu das graue Haupt und warf manchen ängstlichen Blick um sich, jeden Augenblick befürchtend, daß ihm ein übernatürliches Wesen in den Weg trete. Es war noch hell genug, um jetzt ein Geschöpf von mehr irdischem Stoffe sich von den Gräbern wegschleichen zu sehen, welches sich augenscheinlich gegen die Straße zu bewegte. Philosophie und Vernunft streiten vergeblich mit früheren Eindrücken und der arme Cäsar entbehrte selbst dieser gebrechlichen Verbündeten. Aber er saß fest auf einem von Herrn Wharton's Kutschenpferden, klammerte sich instinktartig an den Hals des Thieres und ließ den Zügel schießen. Hügel, Wälder, Felsen, Zäune und Häuser flogen mit der Schnelligkeit des Blitzes an ihm vorüber, und der Schwarze begann eben, sich auf das Ziel und den Zweck seines Rennens zu besinnen, als er auf dem Platze anlangte, wo die Wege sich schnitten und das Hotel Flanagan in seiner baufälligen Armseligkeit vor ihm stand. Der Anblick eines lustig brennenden Feuers sagte dem Neger zuerst, daß er bei einer menschlichen Wohnung angelangt sey, zugleich aber stieg ihm auch die ganze Furcht vor den blutigen Virginiern auf. Seine Pflicht mußte jedoch erfüllt werden: er stieg daher ab, band das schäumende Roß an einen Zaun, und näherte sich mit leisen Tritten dem Fenster, um Kundschaft einzuziehen. Vor einem lodernden Feuer saßen hier Sergeant Hollister und Betty Flanagan, und erquickten sich beiderseitig an einem guten Trunke. »Ich sage Euch, lieber Wachtmeister,« sagte Betty, indem sie den Krug absetzte, »'s ist ganz unvernünftig, zu denken, daß es etwas anderes als der Hausirer war, gewiß und wahrhaftig; wo war denn der Schwefelgestank, die Flügel und der Pferdefuß? Außerdem, Sergeant, ist es nicht reputirlich, einer ehrsamen Wittwe nachzusagen, sie hätte Beelzebub zum Schlafkameraden gehabt.« »Das ist gleichgültig, Frau Flanagan, wenn Ihr Euch nur jetzt seinen Fängen und Krallen zu entreißen sucht,« erwiederte der Veteran und bekräftigte diese Bemerkung mit einem tüchtigen Zuge. Cäsar hatte genug gehört, um sich zu überzeugen, daß ihm von diesem Paare aus wenig Gefahr drohe. Da seine Zähne bereits vor Kälte zu klappern begannen, so erschien ihm die Behaglichkeit in der Stube gar zu einladend, und er näherte sich vorsichtig der Thüre, an welcher er demüthig anklopfte. Die Erscheinung Hollisters mit gezogenem Säbel und die rauhe Frage, wer außen sey, trugen keineswegs dazu bei, die verwirrten Sinne des armen Schwarzen wieder in Ordnung zu bringen, aber die Furcht selbst lieh ihm die Kraft, seine Botschaft auszurichten. »Tritt näher,« sagte der Sergeant mit einem prüfenden Blick auf den Neger, als dieser durch den Glanz des Feuers beleuchtet wurde, »tritt näher und gib Deine Depesche ab. Hast Du die Parole?« »Ich nicht denken, zu wissen was das sey,« sagte der Schwarze am ganzen Leibe zitternd, »obgleich Massa, der mich senden, mir gab viel Dinge zu sagen, die ich nicht verstehen.« »Wer sagst Du, hätte Dir diesen Auftrag gegeben?« »Nu, es seyn gewesen der Doctor; er mir sagen, zu reiten Galopp, wie man immer thun, wenn Doctor schicken.« »So, Doctor Sitgreaves also; der kennt die Parole selbst nie. Nun, wenn es Capitän Lawton gewesen wäre, Schwarzer, so würde er Dich nicht in die Nähe einer Schildwache geschickt haben, ohne Dir die Parole zu geben. Es gehörte Dir eigentlich eine Pistolenkugel durch den Schädel, aber das wäre grausam, denn obgleich Du ein Schwarzer bist, so bin doch ich keiner von denen, welche glauben, die Neger hätten keine Seelen.« »Sicher hat ein Neger, so gut eine Seele, als ein Weißer,« sagte Betty; »komm her, alter Mann, und wärme Dein klapperndes Gerippe an diesem Feuer. Ich wette, ein Guinea-Neger hat die Wärme eben so gern, als ein Soldat seinen Branntwein.« Cäsar gehorchte schweigend, und ein auf der Bank liegender Mulattenknabe wurde aufgeboten, das Schreiben des Wundarztes nach dem Quartier der Verwundeten zu tragen. »Da,« sagte die Waschfrau, indem sie Cäsarn ein Pröbchen von dem Stoffe, der ihrem Gaumen am meisten zusagte, einhändigte; »laß Dir's belieben, armer Schlucker; es wird Deine schwarze Seele in ihrem miserabeln Körper aufthauen und Dir neue Lebensgeister für den Heimwege geben.« »Ich sage Euch, Elisabeth,« sagte der Wachtmeister, »daß die Seelen der Neger gerade so sind, wie die unsrigen. Wie oft hörte ich den guten Herrn Whitfeld sagen, daß es im Himmel keinen Unterschied der Farben gebe. Wir haben daher allen Grund, zu glauben, daß die Seele dieses Schwarzen so weiß sey, als unsere eigene, oder sogar die des Major Dunwoodie.« »Gewiß es so seyn,« rief Cäsar ein wenig mürrisch, als sein Muth durch Frau Flanagan's Getränk sich wieder belebte. »Eine gute Seele ist er jedenfalls, der Major,« versetzte die Waschfrau, »eine freundliche Seele – ja, und eine tapfere Seele dazu. Ich denke, Ihr werdet auch dieser Meinung seyn, Wachtmeister?« »Was das anbelangt,« versetzte der Veteran, »so gibt es Einen, der sogar über Washington steht, wenn es gilt, die Seelen zu richten. Aber das muß ich sagen, Dunwoodie ist ein Ehrenmann, der nie sagt: ›geht, Bursche‹, sondern immer: ›kommt, Jungen‹, und wenn einem armen Burschen ein Sporn, ein Sprungriemen oder sonst etwas am Lederwerk fehlt, so läßt er es nicht an klingender Münze gebrechen, den Schaden wieder gut zu machen – und dieß noch obendrein aus seinem eigenen Beutel.« »Warum bleibt Ihr denn müßig hier, wenn das, was ihm das Theuerste ist, von Gefahr bedroht wird?« ließ sich auf einmal eine schreckhaft abgebrochene Stimme vernehmen. »Zu Pferd, zu Pferd! und folgt Euerm Capitän – und das schnell, oder Ihr kommt zu spät.« Diese unverhoffte Unterbrechung brächte eine augenblickliche Verwirrung unter den Zechern hervor. Cäsar floh instinktartig nach dem Heerde, wobei er sich einer Hitze aussetzen mußte, die einen Weißen gebraten haben würde. Sergeant Hollister machte rechtsum und ergriff den Säbel, dessen Klinge im Nu vom Lichte des Feuers erblinkte; als er aber in dem Eindringling den Hausirer erkannte, der in der offenen, zu einem Hintergebäude führenden Thüre stand, so prallte er nach der Richtung des Schwarzen zurück, da die militärische Taktik ihn wohl die Vortheile einer Kräfteconcentration kennen gelehrt hatte. Betty allein hielt bei ihrem Tische Stand. Sie füllte den Krug auf's Neue mit dem Stoffe, der bei den Soldaten unter dem Namen Choke dog (Hundewürger) bekannt war, und hielt ihn dem Hausirer entgegen. Zugleich richtete sie die schon seit einiger Zeit vor Liebe und Branntwein schwimmenden Augen auf den Krämer und rief ihm gutmüthig zu: »Meiner Treu, Ihr seyd willkommen, Herr Hausirer, oder Herr Birch, oder Herr Beelzebub, oder wie Ihr sonst heißen mögt. Jedenfalls seyd Ihr ein ehrlicher Teufel und ich hoffe, daß Euch meine Röcke gute Dienste geleistet haben. Kommt her, Bester, und schürt mir das Feuer; Sergeant Hollister wird Euch nichts zu leide thun, denn er fürchtet, Ihr könntet's ihm später eintränken – ist's nicht so, mein liebes Wachtmeisterchen?« »Weiche von mir, Satan!« schrie der Veteran und drückte sich noch näher an Cäsar, wobei er abwechselnd bald das eine und bald das andere Bein in die Höhe hob, je nachdem gerade eines besonders von der Hitze gesengt wurde. »Fahre ab im Frieden! Hier ist Niemand, der Dir dienen will, und Deine Bemühungen um das Weib sind vergeblich, denn die zärtliche Hand der Gnade wird sie gegen Deine Krallen schützen.« Die Stimme des Sergeanten versagte, aber seine Lippen fuhren fort, sich zu bewegen, und ließen nur hin und wieder die abgebrochenen Worte einer Gebetformel vernehmen. Das Gehirn der Waschfrau war in einem so wirren Zustande, daß sie nicht ganz begreifen konnte, was ihr Verehrer meinte. Plötzlich aber fuhr ihr ein neuer Gedanke durch den Kopf, welcher sie in Worte ausbrechen ließ. »Geht es irgend jemanden etwas an, wenn mich der Mann sucht, he? Bin ich nicht eine ehrsame Wittwe und mein eigener Herr? Und Ihr wollt von Zärtlichkeit sprechen, Sergeant, und doch kann ich allerwege nichts davon sehen! Ihr sollt wissen, daß Herr Beelzebub hier unumwunden sein Begehren aussprechen darf, und gewiß und wahrhaftig; ich will ihn anhören.« »Weib,« sagte der Hausirer, »schweig, und Ihr, thörichter Mann, besteigt Euer Pferd, waffnet Euch, sitzt auf und jagt, was Ihr wißt und könnt, Eurem Capitän zu Hülfe, wenn Ihr Euch anders der Sache, welcher Ihr dient, würdig machen und nicht Schmach auf den Rock häufen wollt, den Ihr tragt.« Der Krämer entschwand den Augen des betroffenen Kleeblatts mit einer Schnelligkeit, welche ungewiß ließ, nach welcher Richtung er sich geflüchtet hatte. Als Cäsar die Stimme eines alten Bekannten hörte, tauchte er aus seinem Winkel auf und kam furchtlos bis zu der Stelle hervor, wo Betty zwar in einem Zustande gänzlicher Geistesverwirrung, aber dennoch ritterlich das Feld behauptet hatte. »Ich wünschen, Harvey anhalten,« sagte der Schwarze; »wenn er reiten den Weg hinab, so ich gern haben seine Gesellschaft; – ich nicht denken, Johnny Birch etwas thun seinem eigenen Sohn.« »Armer, einfältiger Wicht!« rief der Veteran, als er nach einem tiefen Athemzuge seine Sprache wieder fand; »glaubst Du, daß diese Erscheinung Fleisch und Blut hatte?« »Harvey ist nicht viel Fleisch,« versetzte der Schwarze, »aber ein sehr hübscher Mann.« »Pah; liebes Wachtmeisterchen,« schrie die Wäscherin, »sprecht doch einmal vernünftig und erinnert Euch an das, was Euch der Mann gesagt hat. Ruft Eure Burschen heraus und seht ein bischen nach Capitän Jack. Bedenkt, Schatz, daß er Euch heute sagte, Ihr solltet auf den ersten Wink zum Aufsitzen bereit seyn.« »Ja, aber nicht, wenn mich der Arge dazu auffordert. Laßt Capitän Lawton, den Lieutenant Mason oder den Cornet Skipwit nur ein Wort sagen, und Niemand ist schneller im Sattel, als ich.« »Ha, ha, Wachtmeister, wie oft habt Ihr nicht gegen mich groß gethan, daß sich das Corps vor keinem Teufel fürchte.« »Das hat vollkommen seine Richtigkeit, sobald wir am hellen Tage in Reihe und Glied stehen. Aber es ist eben so gottlos als tollkühn, den Satan zu versuchen, und noch obendrein in einer Nacht, wie diese. Hört Ihr den Wind durch die Bäume sausen? und horch, ich vernehme das Geheul der bösen Geister mitten durch!« »Ich ihn sehen« sagte Cäsar, und seine Augen glotzten übernatürlich aus ihren Höhlen hervor. »Wo,« fiel der Sergeant ein, indem er die Hand unwillkührlich wieder an den Griff seines Säbels legte. »Nein – nein,« sagte der Schwarze, »ich sehen, Johnny Birch kommen aus sein Grab – Johnny umgehen, ehe er begraben.« »Ach, dann muß er in der That ein schlimmes Leben geführt haben,« sagte Hollister. »Der selige Geist darf ruhen bis zur allgemeinen Heerschau, aber Gottlosigkeit läßt die Seele weder in diesem, noch in dem kommenden Leben rasten.« »Aber was soll aus Capitän Jack werden?« rief Betty unmuthig. »Ist es Eure Ordre, daß Ihr Alles vergessen und auf keine Warnung hören sollt? Ich hätte eine gute Lust, meinen Karren einzuspannen und hinunterzufahren, um dem Capitän zu erzählen, daß Ihr Euch vor Beelzebub und vor einem todten Manne fürchtet und daß er von Euch keinen Beistand zu erwarten habe. Es soll mich dann Wunder nehmen, wer morgen die Ordonnanz des Zuges seyn wird. Hollister heißt sie dann in keinem Falles.« »Nein, Betty, nein,« sagte der Sergeant, indem er der Marketenderin vertraulich die Hand auf die Schulter legte, »wenn einmal in dieser Nacht Pferde gebraucht werden müssen, so kann es durch den geschehen, der die Mannschaft unter sich hat und ihr mit gutem Beispiel vorangehen soll. Der Herr sey uns gnädig und sende uns Feinde mit Fleisch und Blut.« Ein weiteres Glas bestärkte den Veteranen in seinem Entschlusse, der nur durch die Furcht vor dem Mißfallen seines Rittmeisters hervorgebracht wurde, und er schickte sich alsbald an, die zwölf Mann, welche unter seinem Commando geblieben waren, aufzubieten. Der Knabe kam mit dem Ring zurück und Cäsar verwahrte ihn sorgfältig in der Westentasche zunächst seinem Herzen, worauf er sein Pferd bestieg, die Augen schloß, sich an der Mähne festhielt und in einem Zustand völliger Unempfindlichkeit fortritt, bis das Thier an der Thüre des warmen Stalles hielt, aus dem es noch so spät aufgescheucht worden war. Die Bewegungen der Dragoner gingen weniger schnell von Statten, denn sie wurden mit so vieler Vorsicht abgemessen, als die Befürchtung eines Ueberfalls von Seiten des bösen Feindes in eigener Person zu rechtfertigen schien. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Nicht sey die Zunge eigner Schmach Verkünder; Mit süßer Rede wirb und brich die Treue; Des Lasters Anstrich gleich' der Tugend Boten. Komödie der Irrungen.   Cäsars Renner hatte die vier Meilen von den Locusten bis nach den Kreuzwegen, trotz der mitgetheilten Zwischenvorfälle, in der unglaublich kurzen Zeit von einer Stunde hin und her zurückgelegt. Während dieser Zeit befand sich die in Herrn Wharton's Hause versammelte Gesellschaft nicht in der angenehmsten Lage. Die Herren bemühten sich, die verdrießlichen Augenblicke so viel als möglich zu verkürzen, aber eine erkünstelte Heiterkeit ist wohl am wenigsten geeignet, die Herzen aufthauen zu machen. Braut und Bräutigam haben seit undenklichen Zeiten das Recht, ernst zu seyn, und die meisten der anwesenden Freunde schienen bei dem gegenwärtigen Anlasse ihrem Beispiele folgen zu wollen. Der Obrist legte das Gefühl seines Glückes auf eine eigenthümliche Weise an den Tag, indem sein Gesicht alle Grade der Unbehaglichkeit ausdrückte, während Sara an seiner Seite saß und die Zögerung zu benützen schien, um für die feierliche Ceremonie die nöthige Fassung zu gewinnen. Dieses verlegene Schweigen wurde durch den Doctor Sitgreaves unterbrochen, indem er sich an Miß Peyton wendete, an deren Seite er sich einen Sitz zu verschaffen gewußt hatte. »Die Ehe, Madame, gilt vor den Augen Gottes und der Menschen als ein ehrenwerther Stand und ist in unserm Zeitalter so zu sagen ganz auf die Gesetze der Natur und der Vernunft zurückgeführt worden. Die Alten haben bei Sanctionirung der Polygamie die Zwecke der Natur ganz aus dem Gesicht verloren und Tausende einem armseligen Zustande preisgegeben. Aber mit den Fortschritten der Wissenschaften lernte man die Weisheit und die Wichtigkeit des Naturgesetzes erkennen, daß der Mann nur Ein Weib haben solle.« Wellmere warf einen finstern verdrießlichen Blick auf den Wundarzt, um demselben seinen Widerwillen gegen die Fadheit, solcher Bemerkungen zu erkennen zu geben, indeß Miß Peyton nach einigem Zögern, als fürchte sie, einen gefährlichen Boden zu betreten, erwiederte: »Ich habe bisher geglaubt, Sir, wir hätten diese Einrichtung der christlichen Religion zu verdanken.« »Ganz richtig, Madame, es ist irgendwo in den Vorschriften der Apostel vorgesehen, daß die beiden Geschlechter in dieser Hinsicht fortan gleiche Rechte haben sollten; denn wie könnte die Polygamie mit der Heiligkeit des Wandels bestehen? Wahrscheinlich wurde diese weise Anordnung von Paulus getroffen, der ein großer Gelehrter war, wobei er vielleicht häufig über diesen wichtigen Gegenstand mit Lucas conferirte, der sich bekanntlich zum practischen Arzte herangebildet hatte.« Es läßt sich nicht absehen, wie weit dieses Thema Sitgreave's thätige Phantasie noch geführt haben würde, wenn er nicht unterbrochen worden wäre. Lawton, der bisher ein schweigender, aber aufmerksamer Beobachter gewesen war, benützte nämlich den Gegenstand der Unterhaltung plötzlich zu der Frage: »Sagen Sie mir doch, Obrist Wellmere, wie wird die Bigamie in England bestraft?« Der Bräutigam fuhr zusammen und erbleichte bis zu den Lippen. Er faßte sich jedoch schnell wieder und antwortete mit einer Leichtigkeit, wie sie einem so glücklichen Manne ziemte: »Mit dem Tode, – der gerechten Vergeltung eines solchen Verbrechens.« »Mit Tod und Section,« fuhr der Wundarzt fort. »Es ist selten, daß das Gesetz einen möglichen Nutzen, der sich von einem Uebelthäter noch erzielen läßt, übersieht. Bigamie ist, zumal beim Manne, ein abscheuliches Verbrechen.« »Mehr noch, als die Ehelosigkeit?« fragte Lawton. »Gewiß,« versetzte der Wundarzt, ohne sich aus der Fassung bringen zu lassen: »wer im ledigen Stande verbleibt, kann sein Leben der Wissenschaft und der Erweiterung seiner Kenntnisse weihen, und es ist nicht nöthig, daß er etwas zur Propagation seiner Species beitrage; aber der Elende, der die natürliche Anlage des Weibes zur Leichtgläubigkeit und zu zarter Hingebung mißbraucht, versündigt sich auf die nichtswürdigste Weise, besonders auch wegen des niedrigen Betrugs, den er dabei anwendet.« »In der That, Sir, die Damen müssen Ihnen außerordentlich dafür verbunden seyn, daß sie die Thorheit zu ihren natürlichen Anlagen zählen.« »Capitän Lawton, der animalische Organismus des Mannes ist edler, als der des Weibes. Seine Nerven haben weniger Sensibilität, der ganze Bau ist weniger geschmeidig und nachgiebig. Ist es daher ein Wunder, daß der Hang zum Vertrauen, zur Hingebung mehr in der Natur des Weibes, als in der des Mannes liegt?« Wellmere schien bei einer so übel gewählten Unterhaltung alle Geduld zu verlieren. Er sprang von seinem Sitze auf und schritt verstört im Zimmer auf und ab. Der Geistliche, welcher Cäsars Rückkehr mit Ungeduld erwartete, hatte Mitleid mit der Lage des Bräutigams und gab dem Gespräch eine andere Wendung, bis die Ankunft des Schwarzen der ganzen Verlegenheit ein Ende machte. Das Billet wurde, dem Doctor Singleton eingehändigt, da Miß Peyton Cäsarn die gemessene Weisung ertheilt hatte, sie in keiner Weise mit seinem Auftrag in Verbindung zu bringen. Es enthielt einen summarischen Bericht über die verschiedenen, von dem Wundarzt gemachten Verordnungen und die Meldung, daß dem Schwarzen der Ring übergeben worden sey. Cäsar lieferte ihn aus, und ein Zug von Melancholie überflog Sitgreaves Stirne, als er einen Augenblick den Reif schweigend betrachtete und dann, ohne auf Zeit und Ort Rücksicht zu nehmen, in folgendes Selbstgespräch ausbrach: »Arme Anna, Du warst so heiter, wie nur Unschuld und Jugend ein Herz machen können, als dieser Ring gefertigt wurde, um bei Deiner Hochzeit zu dienen; aber ehe die Stunde kam, hat Gott Dich zu sich genommen. Ach, Schwester, wie viele Jahre sind seitdem dahin geschwunden, aber nie konnte ich die Gefährtin meiner Kindheit vergessen.« Ohne zu ahnen, daß seine Worte gehört worden, ging er auf Sara zu, steckte den Ring an ihren Finger und fuhr fort: »Sie, für die er bestimmt war, ruht lange im Grabe, und der Jüngling, dessen Geschenk er war, folgte bald ihrer geheiligten Seele nach. Nehmen Sie ihn, Miß Wharton, und Gott gebe, daß er dazu diene, Sie so glücklich zu machen, als Sie es verdienen!« Sara fühlte einen Stich durch's Herz, als der Wundarzt in dieser Weise seinen Gefühlen Luft machte; aber Wellmere bot ihr die Hand und führte sie vor den Priester, welcher nunmehr die Trauungsförmlichkeiten begann. Die ersten Worte dieser bedeutungsvollen Handlung veranlaßten eine Todtenstille im Zimmer, und der Geistliche sprach eine feierliche Ermahnung, worauf er das Brautpaar das Gelöbniß der Treue ablegen ließ, ehe er die wirkliche Einsegnung vornahm. Der Ring war jedoch aus Unachtsamkeit und in der Aufregung des Augenblicks an dem Finger geblieben, an welchen ihn der Doctor gesteckt hatte, was eine kleine Unterbrechung veranlaßte, und als der Geistliche im Begriffe war, fortzufahren, zeigte sich plötzlich mitten in der Gesellschaft eine Gestalt, welche auf einmal der ganzen heiligen Handlung Halt gebot. Es war der Hausirer. Sein Blick war bitter und ironisch, und ein warnend ausgehobener Finger schien dem Diener der Kirche zu verbieten, in der Ceremonie fortzufahren. »Kann Obrist Wellmere hier kostbare Augenblicke vergeuden, wahrend sein Weib über's Meer ihm entgegen eilt? Die Nächte sind lang und der Mond hell; – einige Stunden werden ihn nach der Stadt bringen.« Durch diese plötzliche unerwartete Anrede wie entgeistert, verlor Wellmere einen Augenblick seine Besinnung. Sara jedoch wurde durch die Erscheinung des Krämers, so ausdrucksvoll auch seine Züge waren, nicht erschreckt; sie erholte sich schnell von der Ueberraschung dieser Unterbrechung und warf einen ängstlichen Blick auf das Antlitz des Mannes, welchem sie eben ewige Treue geschworen hatte. Aber sie las auf demselben nur die schreckliche Bestätigung der Worte des Krämers; – das Zimmer drehte sich mit ihr im Kreise herum und sie fiel leblos in die Arme ihrer Tante. In der Seele des Weibes liegt ein gewisses instinktartiges Zartgefühl, das alle andern Erregungen der Seele zu überwältigen scheint. Die bewußtlose Braut wurde sogleich entfernt und das Zimmer ausschließlich den Männern überlassen. Diese Verwirrung machte es dem Hausirer möglich, sich mit einer Schnelligkeit zurückzuziehen, welche jedem Versuch einer Verfolgung Trotz geboten haben würde, während auf Wellmere, der in unheilverkündendem Schweigen da stand, alle Blicke gerichtet waren. »Es ist falsch – es ist falsch, wie die Hölle!« rief er endlich, indem er die Faust an die Stirne drückte: »Ich habe nie ihre Ansprüche anerkannt, und eben so wenig können mich die Gesetze meines Landes dazu zwingen.« »Auch nicht das Gewissen und die Gesetze Gottes?« fragte Lawton. »Wohl, Sir,« sagte Wellmere stolz, indem er sich gegen die Thüre zurückzog – »meine gegenwärtige Lage beschützt Sie. Aber es wird eine Zeit kommen –« Als er eben das Zimmer verlassen wollte, veranlaßte ihn eine leichte Berührung der Schulter, sich umzusehen. Er begegnete Lawtons Blicken, welcher ihn mit bedeutungsvollem Lächeln bat, ihm zu folgen. Wellmere's Gemüthsstimmung war von der Art, daß er gerne überall hingegangen wäre, wo er die Blicke des Abscheu's und der Verachtung, welche ihm überall begegneten, vermeiden konnte. So gingen sie schweigend mit einander zu den Ställen, wo der Dragoner mit lauter Stimme rief: »Bringt mir den Rothschimmel heraus.« Der Bediente erschien mit dem gesattelten Rosse. Lawton warf dem Thiere kaltblütig den Zügel über den Hals, nahm seine Pistolen aus den Halftern und fuhr fort: »Hier sind Waffen, welche vor diesem Tage manchen ehrenvollen Dienst geleistet haben – ja, und in ehrenwerthen Händen, Sir. Es sind die Pistolen meines Vaters, Obrist Wellmere; sie thaten ihm gute Dienste in den Kriegen gegen Frankreich und haben in meiner Hand für die Freiheit des Vaterlandes mitgefochten. Kann ich demselben einen bessern Dienst leisten, als wenn ich einem Elenden das Lebenslicht ausblase, der im Begriffe war, eine seiner liebenswürdigsten Töchter zu schänden?« »Sie sollen mir diese Beleidigung büßen,« rief der Andere, indem er die angebotene Waffe ergriff. »Die Blutschuld falle auf das Haupt dessen, der den Kampf veranlaßte.« »Amen! aber halten Sie einen Augenblick, Sir. Sie sind nun frei und haben Washingtons Paß in der Tasche. Sie sollen zuerst schießen. Wenn ich falle, so ist hier ein Pferd, das sie aller Verfolgung entziehen wird. Ich möchte Ihnen dann rathen, sich ohne alle Zögerung davon zu machen, denn selbst Archibald Sitgreaves würde in einer solchen Sache die Waffen ergreifen – auch würden meine Leute nicht besonders geneigt seyn, Pardon zu geben.« »Sind Sie fertig?« fragte Wellmere und knirschte vor Wuth mit den Zähnen. »Komm mit dem Licht hervor, Tom – Feuer!« Wellmere schoß und die Quaste flog von dem Epaulette des Dragoner-Officiers. »Nun ist die Reihe an mir,« sagte Lawton und erhob bedächtlich seine Pistole. »Und an mir,« brüllte eine Stimme – und zugleich wurde dem Rittmeister die Waffe aus der Hand geschlagen. »Bei allen Teufeln in der Hölle, es ist der tolle Virginier! – heran, Jungen und ergreift ihn! Das ist ein Fang, den, wir nicht erwartet haben!« Obgleich Lawton unbewaffnet war, so raubte ihm doch dieser Ueberfall die Geistesgegenwart nicht. Er fühlte, daß er in Hände gefallen sey, von denen keine Schonung zu hoffen war und strengte daher gegen die vier Schinder, welche zu gleicher Zeit über ihn herfielen, seine riesigen Kräfte auf's äußerste an. Drei dieser Gauner hatten ihn am Halse und an den Armen gepackt, um ihm jeden Widerstand Unmöglich zu machen und ihn mit Stricken zu binden. Es gelang ihm jedoch, einen davon mit einer Gewalt von sich zu schleudern, daß er gegen das Gebäude flog und eine Weile besinnungslos liegen blieb. Aber der vierte ergriff den Dragoner an den Beinen und so unterlag er der Uebermacht, obgleich er im Falle alle seine Angreifer mit zur Erde riß. Der Kampf auf dem Boden war kurz, aber schrecklich. Die Schinder stießen die schrecklichsten Flüche und Verwünschungen aus und riefen umsonst Andere von der Bande, welche in lautlosem Entsetzen dem Ringen zusahen, zum Beistand auf. Man horte das schwere Athmen eines der Kämpfenden, welchem das Sterberöcheln eines Erdrosselten folgte; dann erhob sich einer aus der Gruppe und schüttelte die beiden andern von sich ab. Wellmere und Lawtons Diener hatten sich geflüchtet, der Erstere nach den Ställen, und der Letztere, welcher das Licht mit fortgenommen hatte, um Lärm zu machen. Die Gestalt, welche sich dem Kampfe entrungen hatte, warf sich in den Sattel des unbeachtet gebliebenen Pferdes und jagte mit der Schnelligkeit des Windes der Landstraße zu. Die sprühenden Funken des Hufes ließen in dem Dahineilenden die Gestalt des Rittmeisters erkennen. »Bei der Hölle, er ist fort!« rief der Führer, heiser vor Wuth und Erschöpfung. »Schießt ihm nach – schießt ihn herunter – oder ihr kommt zu spät.« Dem Befehl wurde gehorcht und es folgte eine erwartungsvolle Stille, während welcher man vergeblich hoffte, Lawtons schwere Gestalt vom Pferde stürzen zu hören. »Der stürzt nicht, und wenn er durch und durch getroffen ist,« brummte einer aus der Bande. »Ich habe diese Virginier mit zwei oder drei Kugeln im Leib, ja sogar, wie sie schon todt waren, noch auf dem Pferde sitzen sehen.« Ein frischer Windstoß trug den Hufschlag des Rosses in's Thal herunter, und an der Eile desselben ließ sich erkennen, daß ein Reiter die Bewegungen des Thieres leite. »Diese Pferde sind so gut dressirt, daß sie immer stehen bleiben, wenn ihr Reiter fällt,« bemerkte einer der Schinder. »Dann ist der Kerl in Sicherheit,« rief der Führer und stieß den Schaft seiner Muskete wüthend auf den Boden; – »doch jetzt zu unserm Geschäft, denn nach einer kurzen halben Stunde haben wir den salbadernden Schuft von Sergeanten mit seiner Wache auf dem Hals. Es müßte ein besonderes Glück seyn, wenn ihn nicht der Knall unserer Flinten auf die Beine gebracht hätte. Schnell an eure Posten, und werft Feuer in die Zimmer. Rauchende Trümmer sind eine geeignete Sühne für Mißhandlungen.« »Was fangen wir mit diesem Erdenklos an? rief ein Anderer, als er an den leblosen Körper stieß, welcher noch auf der Stelle lag, wo ihn Lawtons Umarmung niedergestreckt hatte. »Ich denke, ein bischen Reiben könnte ihn wieder zu sich bringen.« »Laß ihn liegen,« sagte der Führer ungestüm; »wäre er nur halbwegs ein Mann gewesen, so hätte ich jetzt diesen schuftigen Dragoner in meiner Gewalt. Dringt in's Haus, sage ich, und werft Feuer in die Zimmer. Wir wollen nicht umsonst hier gewesen seyn – es gibt hier Geld und Silbergeschirr genug, um euch alle zu Herren zu machen. Die Rache habt ihr als Zugabe.« Die Hoffnung auf Beute ermuthigte die Bande, welche nunmehr ihren Gefährten, der bereits wieder einige Lebenszeichen von sich gab, im Stiche ließ und tumultuarisch in das Haus einbrach. Wellmere benützte die Gelegenheit, sein Pferd heimlich aus dem Stalle zu holen, und erreichte unbemerkt die Landstraße. Er überlegte einen Augenblick, ob er nach dem Standquartier der Dragoner reiten und sich bemühen solle, etwas zur Rettung der Familie beizutragen, oder ob es nicht gerathener sey, die Freiheit, die er der Auslösung des Geistlichen verdankte, zu benützen und die königliche Armee aufzusuchen. Schaam und das Bewußtseyn seiner Schuld ließen ihn das Letztere wählen und er schlug seinen Weg nach Neu-York ein, ängstlich besorgt, einem wüthenden Weib zu begegnen, das er während seines letzten Aufenthalts in England geheiratet, deren Ansprüche er aber, sobald seine Leidenschaft gesättigt war, nie anzuerkennen beschlossen hatte. In der Unruhe und Verwirrung des Augenblickes war Lawtons und Wellmere's Entfernung unbeachtet geblieben, und Herr Whartons Zustand forderte sowohl den Trost des Geistlichen, als den Beistand des Wundarztes. Erst der Knall der Flinten weckte in der Familie die Ahnung einer neuen Gefahr und es stund kaum einige Augenblicke an, als der Freibeuter-Häuptling mit noch einem von der Bande in's Zimmer trat. »Ergebt euch, ihr Diener des Königs Georg,« brüllte der Führer, indem er Sitgreaves die Muskete auf die Brust hielt; »oder ich will euern Adern ein bischen Tory-Blut abzapfen.« »Gemach – gemach, mein Freund,« sagte der Wundarzt; »Ihr seyd zweifelsohne geschickter, Wunden zu schlagen, als sie zu heilen. Die Waffe, mit welcher Ihr so unvorsichtig umgeht, ist dem animalischen Leben ungemein gefährlich.« »Ergib dich, oder Du sollst ihren Inhalt kosten!« »Wie und weßhalb soll ich mich ergeben? Ich gehöre nicht zu der streitbaren Mannschaft. Die Capitulationsartikel müssen mit Capitän Lawton abgeschlossen werden, obgleich ich glaube, daß das Ergeben keine Sache ist, in welcher Ihr ihn besonders willfährig finden werdet.« Der Schinder hatte unterdessen die Gruppe gemustert und sich überzeugt, daß von derselben wenig Widerstand zu befürchten war. Begierig, an dem Raube Theil zu nehmen, ließ er seine Muskete sinken und machte sich mit einigen seiner Leute an das Silbergeschirr, welches er in Säcke stecken ließ. Das Landhaus bot nun einen eigenthümlichen Anblick dar. Die Damen waren um Sara versammelt, die noch immer besinnungslos in einem der Zimmer lag, in welches die Habgier der Plünderer noch nicht gedrungen war. Herr Wharton saß in einem Zustande völliger Geistesschwäche da und horchte auf die nichtssagenden Trostsprüche des Geistlichen, ohne etwas davon zu begreifen. Singleton lag erschöpft und antheillos auf dem Sopha, während der Wundarzt ihm mit Stärkungsmitteln beisprang, und mit einer Kaltblütigkeit, die im schärfsten Gegensätze zu dem ganzen Tumulte stand, den Verband untersuchte. Cäsar und der Bediente des Kapitäns Singleton hatten sich in den Wald, der hinten an das Landhaus stieß, geflüchtet, und Katy rannte in geschäftiger Hast im Gebäude umher, um ein Bündel werthvoller Gegenstände zusammenzuraffen, von dem sie jedoch mit der gewissenhaftesten Ehrlichkeit alles ausschloß, was nicht wirklich und wahrhaftig ihr Eigenthum war. Wir kehren jedoch nach den Kreuzwegen zurück. Der Veteran hatte seine Leute kaum aufsitzen lassen, als die Waschfrau ein brennendes Verlangen verspürte, an dem Ruhm und den Gefahren dieses Feldzuges Theil zu nehmen. Wir wagen es nicht, zu entscheiden, ob die Furcht, allein zu bleiben, oder der Wunsch, ihrem Liebling in Person zu Hülfe zu eilen, sie zu diesem kühnen Entschluß begeisterte – genug, als Hollister den Befehl zum Aufbruch gab, ließ sich die laute Stimme Betty's also vernehmen: »Haltet ein Bischen, liebes Wachtmeisterchen, bis ein Paar von den Jungen meinen Karren herausgebracht haben; ich ziehe dann gleich mit Euch. Es könnte Verwundete geben, und da ist es gar bequem, wenn man sie auf dem Karren heimbringen kann.« Obgleich dem Sergeanten der Aufschub eines Dienstes, der ihm so wenig behagte, wie gerufen kam, so äußerte er doch einiges Mißvergnügen über diese Störung. »Nichts als eine Kanonenkugel soll mir einen meiner Bursche von dem Pferd herunterholen,« sagte er; »aber es ist nicht sehr wahrscheinlich, daß wir es in einem Geschäfte, welches der böse Feind erfunden hat, mit ehrlichen Kanonen und Musketen zu thun kriegen werden. Wenn Ihr also wollt, Betty, so könnt Ihr mitkommen, aber den Karren können wir entbehren.« »Ei, lieber Wachtmeister, das ist jedenfalls erlogen von Euch,« sagte Betty, die etwas ungebührlich vom Einfluß ihres Getränkes beherrscht wurde. »Sind es nicht kaum zehn Tage, daß Capitän Singleton von seinem Pferde geschossen wurde? ja, und Capitän Jack dazu; und lag er nicht rücklings auf dem Boden, das Gesicht nach oben, schrecklich anzusehen? Haben ihn nicht die Jungen für todt gehalten, und Reißaus genommen und den Reg'lern den Sieg gelassen?« »Das ist gleichfalls erlogen,« rief der Sergeant heftig, »und das sage ich jedem, der zu behaupten wagt, wir hätten den Kürzern gezogen.« »Nun, ein Bischen doch, – ich meine nur ein Bischen,« sagte die Waschfrau; »aber Major Dunwoodie brachte Euch wieder herum und dann schmiertet Ihr den Reg'lern aus. Der Capitän aber fiel doch, und ich denke, es gibt keinen bessern Reiter weit und breit; es mag daher der Karren ganz am rechten Orte seyn. Da, kommt herunter, ihr Zwei; spannt mir geschwind die Mähre vor, und es soll euch morgen an Whisky nicht fehlen. Legt mir auch ein Stück von Jenny's Haut unter das Kummet, es wird der Bestie auf den rauhen Wegen von West-Chester gut bekommen.« Nach ertheilter Zustimmung des Wachtmeisters war Betty's Equipage bald in den Stand gesetzt, die begeisterte Dame aufzunehmen. »Wir können nicht wissen, ob wir von vorn oder von hinten angegriffen werden,« sagte Hollister; »es mögen daher Eurer Fünfe voran reiten; die Uebrigen decken den Rückzug nach der Kaserne, im Falle wir zu hart gedrängt werden sollten. Es ist etwas Schreckliches für einen unstudirten Mann, Elisabeth, in einem solchen Dienst zu commandiren. Ich wollte, es wäre einer der Officiere da; doch der Herr wird mir beistehen.« »Pah, seyd Ihr auch ein Soldat?« sagte die Wäscherin, sobald sie sich's auf ihrem Karren bequem gemacht hatte. »Der Teufel wird euch nicht gleich holen. Marsch, hurrah, hop hop, und laßt die Mähre traben, oder der Capitän Jack wird Euch für Euern Beistand wenig Dank wissen.« »Obgleich ich wenig davon verstehe, wie man mit bösen Geistern umgeht oder umherwandelnde Todte zur Ruhe bringt, Frau Flanagan, so habe ich doch nicht den ganzen alten Krieg und fünf Jahre in diesem neuen mitgemacht, um nicht zu wissen, daß man die Bagage decken muß. Trägt nicht Washington selber immer Sorge für die Bagage? Ich brauche nicht von so einem Anhängsel des Lagers den Dienst zu lernen. Thut, wie wir Euch befohlen! – Richtet Euch, Jungen!« »Nun, – so treibt's, wie Ihr wollt. Der Neger ist bereits unten, und der Capitän wird Euch für Eure Trägheit Dank wissen!« »Seyd Ihr überzeugt, daß der, welcher die Ordre brachte, auch wirkliche ein schwarzer Mensch war?« sagte der Sergeant, indem er sich zwischen die beiden Abtheilungen hinein schob, wo er mit Betty plaudern und zugleich schneller bei der Hand seyn konnte, wenn es galt, zum Vorrücken oder zum Rückzug zu commandiren. »Nein – ich bin von gar nichts überzeugt, Schatz. Aber warum geben die Burschen ihren Gäulen nicht die Sporen und marschiren im Trab? Meine Mähre ist gewaltig unruhig und man wird nicht warm in diesem verwünschten Thale, wenn es so langsam geht, wie bei einem Leichenzuge oder bei einem Wagen voll alter Lumpen, die der Congreß zu seinem Continentalgeld braucht.« Das von dem Congreß eingeführte Papiergeld wurde gewöhnlich Continentalgeld genannt. Der Ausdruck ›Continental‹ wurde auf die Armee, den Kongreß, die Kriegsschiffe, kurz auf Alles, was mit der neuen Regierung in Verbindung stand, im Gegensatz zu der Insel-Lage des Mutterlandes angewendet. »Eile mit Weile – alles mit Vorsicht, Frau Flanagan. Uebereilung macht nicht den guten Officier. Wenn man es mit einem Geist zu thun hat, so ist es mehr als wahrscheinlich, daß der Angriff in einer Ueberraschung bestehen wird. In der Dunkelheit läßt sich nicht viel mit den Pferden anfangen, und ich habe einen Charakter zu verlieren, gute Frau.« »Einen Charakter zu verlieren? Und hat das Capitän Jack nicht auch? ja, und das Leben dazu?« »Halt!« rief der Wachtmeister, »was schleicht dort links an dem Fuß des Felsen hin?« »Wahrscheinlich nichts, wenn es nicht etwa Capitän Jack's Geist ist, der Euch erschrecken will, weil Ihr nicht schneller reitet.« »Betty, Eure Leichtfertigkeit macht Euch zu einer sehr ungeeigneten Theilnehmerin an einer solchen Expedition. Reite Einer von Euch hin, um den Platz zu recognosciren. – Säbel heraus! – Nachhut vorwärts! an die Front angeschlossen!« »Pah!« schrie Betty, ich weiß nicht, was bei Euch größer ist, der Narr oder die Memme. Aus dem Weg, Jungen; ich will meine Mähre im Augenblick dort haben. Ich fürchte keinen Geist.« Inzwischen war einer aus der Mannschaft mit der Nachricht zurückgekommen, daß ihrem Vorrücken kein Hinderniß im Wege stehe, und die Dragoner setzten bedächtlich ihren Zug fort. »Muth und Klugheit sind die köstlichsten Eigenschaften eines Soldaten, Frau Flanagan,« sagte der Sergeant. »Wenn die eine fehlt, so ist die andere so gut als gar nichts.« »Klugheit ohne Muth, meint Ihr wohl? Das ist gerade auch meine Meinung, Sergeant. Seht nur, wie diese Bestie an den Zügeln zerrt.« »Geduld, gute Frau! – Horch, was ist das?« sagte Hollister, der bei dem Knalle von Wellmere's Pistole die Ohren spitzte, »ich will darauf schwören, das ist eine menschliche Pistole und dazu eine von unserem Regiment. Nachhut vor, dicht an die Front! Frau Flanagan, ich muß Euch zurücklassen!« Der Wachtmeister hatte, als er einen so bekannten Ton vernahm, seine ganze Energie wieder gewonnen, und stellte sich mit einem Ausdruck militärischen Stolzes, den jedoch die Waschfrau in der Dunkelheit nicht bemerken konnte, an die Spitze seiner Mannschaft. Der Nachtwind trug nun das Geknatter einer vollen Musketensalve an ihre Ohren und der Sergeant rief: »Vorwärts, Galopp!« Bald darauf vernahm man auf der Straße den Huftritt eines einzelnen Pferdes, welches mit einer Eile jagte, als gälte es Tod und Leben. Hollister ließ seine Leute Halt machen und ritt eine Strecke voraus, um dem Reiter zu begegnen. »Halt! Wer da?« brüllte Hollister. »Ha, Hollister, seyd Ihr's?« tief Lawton, »immer bereit und immer auf Eurem Posten! Aber wo sind Eure Leute?« »Dicht hinter mir und bereit, Ihnen durch Dick und Dünn zu folgen,« sagte der Veteran freudig, als er sich auf einmal aller Verantwortlichkeit entbunden sah und nun nichts sehnlicher wünschte, als gegen den Feind geführt zu werden. »Recht so!« entgegnete der Rittmeister und ritt auf die Uebrigen zu. Er sagte ihnen einige ermuthigende Worte und, ihn an der Spitze, jagten sie bald mit Sturmes Eile in's Thal hinunter. Das elende Pferd der Marketenderin blieb natürlich zurück, und Betty, so von der Jagd ausgeschlossen, lenkte ihren Karren von der Straße ab, indem sie für sich hinmurmelte: »Da hat man's. Man weiß es doch im Augenblick, wenn Capitän Jack bei ihnen ist; – weg sind sie, wie die Negerjungen, wenn's zu einem Tanz geht. Nun, ich will die Mähre an diesen Zaunpfahl binden und zu Fuß hinunter gehen, um die Hetze mit anzusehen. Es wäre nicht vernünftig, das Thier den Kugeln auszusetzen.« Unter Lawton's Anführung hatten die Dragoner alle Furcht und Bedenklichkeit verloren. Sie wußten zwar nicht, ob ihr Angriff den Kühjungen oder einer andern Abtheilung der königlichen Armee gelte, aber sie kannten den ausgezeichneten Muth und die persönliche Tapferkeit ihres Führers, ein Umstand, der immer hinreicht, um auf die gedankenlose Masse der Armee einzuwirken. Als sie an dem Thorgitter der Locusten anlangten, ließ der Rittmeister Halt machen, um die Vorbereitungen zum Angriff zu treffen. Er saß ab und hieß acht Mann seinem Beispiele folgen, worauf er sich mit folgenden Worten an Hollister wendete: »Ihr könnt hier bleiben und die Pferde hüten. Wenn Jemand zu entwischen versucht, so nehmt ihn fest oder haut ihn nieder, und –« In diesem Augenblicke brachen die Flammen durch die Fenster und das Cederngebälk des Daches und verbreiteten ein helles Licht durch die Dunkelheit der Nacht. »Vorwärts,« brüllte der Rittmeister, »vorwärts! Keinen Pardon, bis den Schurken ihr Recht widerfahren ist.« Die gewaltige Stimme des Reiterführers machte jedes Herz mitten in dem Grausen der Zerstörung erstarren. Der Schinderhäuptling ließ seinen Raub fallen und stand einen Augenblick in regungslosem Schrecken. Dann eilte er gegen ein Fenster und stieß den Riegel zurück. In diesem Augenblick drang Lawton mit geschwungenem Säbel in's Zimmer. »Stirb, Hund!« rief der Rittmeister und spaltete einem der Räuber den Schädel bis zu den Zähnen; der Bandenführer sprang jedoch in den Hof und entkam seiner Rache. Der Schreckensruf der Frauen brachte Lawton wieder zur Besinnung, und die dringende Bitte des Geistlichen bewog ihn, auf die Rettung der Familie zu denken. Ein weiteres Mitglied der Bande fiel in die Hände der Dragoner und wurde zusammengehauen, aber die übrigen hatten in Zeiten die Flucht ergriffen. An Sara's Seite beschäftigt, hatten weder Miß Singleton noch die Damen des Hauses das Eindringen der Schinder bemerkt, aber jetzt loderten die Flammen mit einer Wuth um sie her, welche den baldigen Einsturz des Hauses befürchten ließ. Erst das Angstgeschrei Katy's und des Bedienten der Miß Singleton, verbunden mit dem Lärm und dem Getümmel des anliegenden Zimmers brachte Miß Peyton und Isabella zum Bewußtseyn der Gefahr. »Gütige Vorsehung,« rief die erschreckte Tante – »welche fürchterliche Verwirrung im Hause! ach, es wird nicht ohne Blutvergießen abgehen!« »Es ist Niemand da, der fechten könnte,« erwiederte Isabella, noch blässer als Miß Peyton. »Sitgreaves Charakter ist ein friedlicher, und gewiß würde sich Capitän Lawton nicht so weit vergessen, einen nutzlosen Widerstand zu leisten.« »Das südliche Temperament ist rasch und feurig,« fuhr die Tante fort, »und Ihr Bruder hat den ganzen Tag, so schwach er auch ist, erregt und glühend ausgesehen.« »Guter Himmel!« rief Isabella, die sich nur mit Mühe an Sara's Lager aufrecht hielt, »er ist von Natur sanft wie ein Lamm, aber ein Löwe, wenn er gereizt wird.« »Wir müssen eine Vermittlung versuchen. Unsere Gegenwart wird den Tumult beschwichtigen und vielleicht das Leben irgend eines Mitgeschöpfs retten.« Mit diesem Vorsatz, der ihrem Geschlechte und ihrer Natur so angemessen schien, ging Miß Peyton in der ganzen würdevollen Haltung verletzten weiblichen Gefühls nach der Thüre und Isabella folgte. Das Zimmer, nach welchem man Sara gebracht hatte, lag in einem Flügel des Gebäudes und stand mit der Haupthalle durch einen langen und dunkeln Gang in Verbindung. Er war jetzt hell, und am Ende desselben sah man einige Gestalten mit einer Hast vorbeieilen, welche die Art ihrer Beschäftigung nicht erkennen ließ. »Wir wollen hingehen,« sagte Miß Peyton mit einer Festigkeit, die ihr Gesicht Lügen strafte; »sie müssen doch unser Geschlecht achten.« »Sie werden es,« rief Isabella und ging voran. Franciska blieb allein bei ihrer Schwester. Die tiefe Stille des Zimmers wurde jedoch bald durch ein lautes Krachen in den obern Räumen unterbrochen, und durch die offene Thüre schoß ein glänzender Lichtstrahl, welcher die Gegenstände mit der Helle des Mittags beleuchtete. Sara richtete sich in ihrem Bette auf, starrte wild umher und drückte ihre beiden Hände an die Stirne, als ob sie sich auf etwas besinnen wollte. »Dieß also ist der Himmel – und Du bist einer seiner lichten Geister. O wie herrlich ist dieser Glanz! Ich dachte mir's wohl, das Glück, das mir kürzlich zu Theil wurde, sey zu groß für die Erde. Aber wir werden uns wiedersehen – ja – ja – wir werden uns wieder sehen.« »Sara! Sara!« rief Franciska erschreckt; »meine Schwester – meine einzige Schwester – O, lächle nicht so fürchterlich! Erkenne mich, oder Du brichst mir das Herz.« »Still!« sagte Sara, indem sie den Finger erhob; »Du wirst ihn in seiner Ruhe stören – gewiß, er wird mir in's Grab folgen. Glaubst Du wohl, daß zwei Weiber in dem Grabe Platz haben? Nein – nein – nein – eine – eine – nur eine.« Franciska ließ ihr Haupt in den Schooß der Schwester sinken und weinte im fürchterlichsten Seelenkampfe. »Kannst Du auch weinen, süßer Engel?« fuhr Sara in weichen Tönen fort. – Dann ist auch der Himmel nicht frei von Schmerz. – Aber wo ist Heinrich? Sie haben ihn hingerichtet und er muß auch da seyn. Vielleicht kommen sie miteinander. O, wie freudig wird das Wiedersehen seyn!« Franciska sprang auf und ging im Zimmer auf und ab. Sara's Auge folgte ihr in kindischem Anstaunen ihrer Schönheit. »Du siehst meiner Schwester gleich; aber alle guten und reinen Geister sind sich ähnlich. Sage mir, warst Du je verheirathet? Ließest Du Dir je die Liebe zu Vater, Bruder und Schwester durch einen Fremden stehlen? Wenn Du das nicht thatest, so bedaure ich Dich, Arme, obgleich Du im Himmel bist.« »Sara – sey ruhig, sey ruhig – ich bitte Dich, rede nicht weiter,« rief Franciska aus gepreßtem Herzen und eilte an das Bett der Schwester; »oder Du tödtest mich!« Ein zweites furchtbares Krachen erschütterte das Gebäude in seinen Grundvesten. Das Dach war eingestürzt und die Flammen verbreiteten ihre Strahlen über die ganze Gegend, die in schauerlicher Beleuchtung durch die Fenster sichtbar war. Franciska flog auf eines derselben zu und sah unter dem wirren Menschenhaufen im Vorhofe ihre Tante und Isabella stehen, welche verstört auf das brennende Gebäude deuteten, und die Dragoner zu beschwören schienen, hinein zu gehen. Zum erstenmal wurde ihr jetzt die Gefahr deutlich. Sie stieß einen Schreckensruf aus und flog mit wirren Sinnen den Gang entlang. Eine dicke erstickende Rauchwolke hinderte ihre Flucht, und sie blieb stehen, um Athem zu holen. Da faßten sie auf einmal zwei Hände; ein Mann nahm sie auf die Arme und trug sie in einem Zustande völliger Besinnungslosigkeit durch die fallenden Funken und den dampfenden Qualm in's Freie. Aber kaum hatte sich Franciska wieder erholt und in ihrem Lebensretter den Capitän Lawton erkannt, als sie sich auf die Knie niederwarf und in schrecklicher Angst ausrief: »Sara, Sara, Sara! Retten Sie meine Schwester, und Gottes Segen lohne Sie dafür.« Ihre Kräfte schwanden und sie sank besinnungslos in's Gras. Der Rittmeister winkte Katy zu ihrem Beistande herbei und eilte wieder in das Hans zurück. Die Flammen hatten bereits das Holzwerk der Vorhallen und der Fenster ergriffen, und das ganze Gebäude war in Rauch eingehüllt. Selbst der muthige, ungestüme Lawton zögerte einen Augenblick bei dem Anblicke der Gefahr; dann aber drang er durch Glut und Qualm, tappte, da er die Thüre verfehlt hatte, eine Minute herum und stürzte dann wieder in den Hof hinaus. Sobald er ein wenig frische Luft geathmet hatte, machte er einen neuen Versuch, aber mit gleich ungünstigem Erfolg. Das drittemal traf er auf einen Mann, der unter der Last eines menschlichen Körpers daherkeuchte. Es war weder Zeit, noch Ort, Untersuchungen anzustellen; er ergriff daher beide mit riesiger Kraft und trug sie durch den Rauch. Aber bald erkannte er zu seinem Staunen in seiner Bürde den Wundarzt, welcher den Leichnam eines der Schinder zu retten versucht hatte. »Archibald!« rief er, »warum, um Gottes willen, schleppen Sie diesen Schurken wieder an's Licht? Seine Thaten schreien bis in den Himmel hinauf!« Die Gefahr, welche er so eben ausgestanden, hatte Sitgreave's Sinne zu sehr verwirrt, als daß er schnell hätte antworten können. Er wischte sich den Schweiß von der Stirne, suchte seine Lungen von den eingeathmeten Dünsten zu befreien und sagte dann mit kläglicher Stimme: »Ach, es ist Alles vorbei. Wäre ich zeitig genug gekommen, um die Blutung aus der Jugularis zu stillen, so hätte er gerettet werden können, aber die Hitze beförderte die Hämorrhagie, und jetzt ist's in der That aus mit seinem Leben. Sind noch andere Verwundete da?« Diese Frage ging in den Wind, denn Franciska war bereits nach der entgegengesetzten Seite des Gebäudes zu ihren Freunden gebracht worden und Capitän Lawton auf's neue in dem Rauch verschwunden. Die Flammen hatten inzwischen den erstickenden Qualm großentheils zerstreut und es wurde dem Dragonerführer möglich, die Thüre aufzufinden, aus welcher ihm ein Mann, mit der bewußtlosen Sara auf den Armen, entgegentrat. Sie hatten kaum Zeit, den Hof zu erreichen, als das Feuer aus allen Fenstern brach und das ganze Gebäude in ein Flammenmeer verwandelte. »Gott sey gepriesen, rief der Retter Sara's; »ein solcher Tod wäre etwas Schreckliches gewesen!« Der Rittmeister wandte seinen Blick von dem Gebäude auf den Sprecher und erkannte in demselben mit Staunen statt eines seiner Leute den Hausirer. »Ha! der Spion!« rief er. »Beim Himmel, Du umkreisest mich wie ein Gespenst.« »Capitän Lawton,« sagte Birch, indem er sich erschöpft an den Zaun lehnte, nach welchem sie sich vor der Hitze zurückgezogen hatten, »ich bin wieder in Ihrer Gewalt, denn ich kann jetzt weder fliehen noch Widerstand leisten.« »Die Sache Amerika's ist mir theurer, als mein Leben,« sagte Lawton, »aber es kann von seinen Kindern nicht verlangen, daß sie Ehre und Dankbarkeit vergessen sollen. Fliehe, unglücklicher Mann, fliehe, so lang Du noch nicht bemerkt wirst, oder es steht nicht mehr in meiner Macht, Dich zu retten.« »Gott schütze Sie und gebe Ihnen Sieg gegen Ihre Feinde,« sagte Birch und ergriff die Hand des Dragoners mit einer Eisenkraft, welche seine hagere Gestalt nicht vermuthen ließ. »Halt!« sagte Lawton; »nur noch em Wort – Bist Du wirklich, was Du scheinst? – Könntest Du – bist Du –« »Ein englischer Spion,« unterbrach ihn Birch und suchte mit abgewandtem Gesichte seine Hand loszumachen. »So geh, Elender,« sagte der Reiterführer und ließ seine Hand fahren. »Entweder Geiz oder Verblendung hat eine edle Seele zu Grunde gerichtet.« Die Flammen des brennenden Hauses beleuchteten die Gegend weithin, und die letzten Worte waren kaum Lawton's Lippen entfallen, als er bereits die hagere Gestalt des Krämers über den erhellten Raum hingleiten und in das jenseitige Dunkel tauchen sah. Das Auge des Dragoners ruhte einen Augenblick auf der Stelle, wo der geheimnißvolle Mann verschwunden war, dann kehrte er sich zu der bewußtlos daliegenden Sara, hob sie auf den Arm und trug sie wie ein schlafendes Kind fort, um sie der Obhut der Ihrigen zu übergeben. Dreiundzwanzigstes Kapitel Und nun ist all ihr Zauber hin, Kein Lächeln mehr in ihren Blicken. Daß Rosen, ach, nicht ewig blühn, Nur kurze Stunden uns entzücken! Die Zeit enteilt, Die Trauer weilt; Wie schnell verfliegt der Jugend Scene, Und mit ihr der Bewundrer Heer. Ach, und ist denn nicht Einer mehr, An den sich ihre Seele lehne? Cynthias Grab.   Das Landhaus war bis auf die vom Rauch geschwärzten Mauern niedergebrannt, die nun aller ihrer Hallen und Verzierungen beraubt, als ein trauriges Denkmal des Friedens und der Sicherheit dastanden, welche vor Kurzem noch in ihrem Innern herrschten. Das Dach mit dem übrigen Holzwerk war in die Kellerräume gestürzt und aus der Asche leckte noch hin und wieder eine bleiche flackernde Flamme, deren Wiederschein durch die Fenster sichtbar wurde. Die zeitige Flucht der Schinder hatte die Dragoner in den Stand gesetzt, einen großen Theil der Geräthschaften zu retten, die jetzt haufenweise in dem Hofe umherlagen und den Eindruck der Verwüstung vollendeten. Wenn hie und da ein helleres Licht emporschoß, konnte man auf dem Hintergrunde des Gemäldes die unbeweglichen Gestalten Hollisters und seiner Gefährten auf ihren Pferden sammt Betty's Thiere erkennen, das die Zügel abgestreift hatte und ruhig an der Landstraße grasete. Die Marketenderin selbst stand in der Nähe des Postens, welchen der Sergeant behauptete und sah mit unglaublicher Ruhe den Vorgängen zu. Mehr als einmal gab sie ihrem Gefährten zu verstehen, daß man nun, da das Gefecht vorüber sey, den Zeitpunkt zum Plündern wahrnehmen müsse; aber der Veteran verwies sie auf seine Ordre und rührte sich nicht von der Stelle. Endlich wagte sich Betty, als sie den Capitän mit Sara um die Ecke kommen sah, unter die Krieger. Lawton legte Sara auf ein Sopha, das von zwei Dragonern aus dem Gebäude gerettet worden war, übergab sie der Sorgfalt der Damen und entfernte sich. Miß Peyton und ihre Nichte flogen mit einer Eile, welche sie alles Andere über der Rettung der theuren Verwandten vergessen ließ, herzu, um Sara aus den Händen des Capitäns zu empfangen, aber das stiere Auge und die glühende Wange der Armen rief ihnen schnell die schmerzliche Vergangenheit in's Gedächtniß. »Sara, mein Kind, meine liebe Nichte,« sagte die Tante und schlang ihre Arme um die leblose Braut, »Du bist gerettet, und möge Gottes Segen auf dem Manne ruhen, der das Werkzeug dazu wurde.« »Sieh,« sagte Sara, indem sie die Tante sanft bei Seite drückte und auf die glostenden Trümmer deutete, »die Fenster sind beleuchtet – meiner Ankunft zu Ehren. Eine Braut wird stets so empfangen. Er hat mir gesagt, es müsse so seyn. Hört – hört nur, wie sie die Glocken läuten.« »Ach, hier ist keine Braut, kein frohes Jauchzen, nichts als Wehe,« rief Franciska in einem Tone, der fast so verwirrt, wie der ihrer Schwester klang. »O wollte Gott, Du gehörtest wieder uns und Dir selber!« »Still, thörichtes junges Weib,« sagte Sara mit mitleidigem Lächeln; »nicht alle können zu gleicher Zeit glücklich seyn. Du hast wohl keinen Bruder oder Gatten, Dich zu trösten; aber Du bist hübsch und kannst noch einen finden; aber –« fuhr sie fort und dämpfte ihre Stimme zu einem Flüstern, »sieh Dich vor, daß er nicht schon ein anderes Weib hat – ach, es kann schrecklich enden, wenn er Dich als die Zweite heirathen sollte.« »Der Schlag hat ihren Verstand verwirrt,« rief Miß Peyton; – »mein Kind, meine schone Sara ist wahnsinnig!« »Nein, nein,« rief Franciska, »sie spricht nur im Fieber; ihr Kopf ist licht – sie muß – sie wird wieder genesen.« Die Tante ergriff mit Freuden den in diesem Winke angedeuteten Hoffnungsstrahl und sandte sogleich Katy fort, um den Doctor Sitgreaves zum Beistand aufzufordern. Sie traf den Wundarzt eben in seinem Amte beschäftigt, wie er jede Beule und Schramme untersuchte, deren Geständniß er von den störrigen Dragonern zu erpressen vermochtet. Einer Aufforderung, wie sie Katy überbrachte, wurde natürlich augenblickliche Folge geleistet, und ehe noch eine Minute verging, war der Arzt an Miß Peyton's Seite. »Der heitere Anfang dieser Nacht hat ein trauriges Ende genommen, Madame,« bemerkte er mit beruhigender Stimme; »aber der Krieg bringt viel Unheil, obgleich er unstreitig die Sache der Freiheit fördert und die Wissenschaft der Chirurgie erweitert.« Miß Pepton vermochte nicht zu antworten und deutete nur in der heftigsten Gemüthsbewegung auf ihre Nichte. »Sie liegt im Fieber,« begann Franciska. »Sehen Sie das starre Auge und die Gluth ihrer Wangen.« Der Wundarzt betrachtete eine Weile aufmerksam die äußeren Symptome der Kranken und nahm dann schweigend ihre Hand. Sitgreaves harte ausdruckslose Züge ließen selten eine tiefere Erregung blicken; alle seine Leidenschaften schienen unter einem starren Regelzwange zu stehen und nicht oft gab sein Gesicht die Gefühle seines Herzens zu erkennen. Im gegenwärtigen Augenblicke jedoch entdeckten die forschenden Blicke der Tante und der Schwester schnell die Bewegung seines Innern. Nachdem er seine Finger eine Minute an den schönen, bis an den Ellenbogen entblösten und mit Kleinodien bedeckten Arm gelegt hatte, ließ er ihn fallen, fuhr mit der Hand über die Augen und wandte sich bekümmert ab. »Hier ist kein Fieber – es ist ein Fall, verehrte Dame, in dem nur Zeit und Pflege etwas ausrichten können. Diese können vielleicht mit Gottes Beistand eine Heilung zu Stande bringen.« »Und wo ist der Elende, der diese Blüthe zerknickt hat?« rief Singleton, indem er den Beistand seines Bedienten abwehrte und sich in dem Stuhle, an den ihn seine Schwäche gebannt hatte, aufzurichten versuchte. »Was nützen uns die Siege über unsere Feinde, wenn sie sogar als Ueberwundene uns noch solche Wunden schlagen können?« »Glaubst Du wohl, thörichter Junge,« sagte Lawton mit einem bittern Lächeln, »sie dächten daran, daß es auch fühlende Herzen in den Colonien gebe? Was ist Amerika anders, als ein Trabant der Sonne Englands, welcher sich nach ihren Bewegungen richten und ihr folgen muß, wohin sie will, und nur deßhalb scheint, damit das Mutterland durch seinen Glanz noch mehr verherrlicht werde? Du hast wahrlich vergessen, daß ein Colonist sich's zur hohen Ehre rechnen muß, wenn er von der Hand eines Albion-Sohnes zu Grunde gerichtet wird.« »Ich habe nicht vergessen, daß ich ein Schwert trage,« sagte Singleton, indem er erschöpft in seinen Stuhl zurücksank. »Aber war denn kein Arm da, diese holde Dulderin zu rächen – die Leiden eines grauen Vaters zu mildern?« »Es fehlt weder an Armen, noch an Herzen in einer solchen Sache, Sir,« erwiederte Lawton, sich in die Brust werfend, »aber der Zufall ist oft den Verruchten günstig. Beim Himmel, ich wollte meinen Rothschimmel darum geben, könnte ich den Schuft vor meine Waffe kriegen!« »Nein, liebes Capitänchen, von dem Pferd dürfen Sie sich in keinem Fall trennen,« sagte Betty; »so eins ist nicht gleich wieder zu haben, zumal, wenn es ein bischen knapp im Beutel hergeht. Das Beest ist sicher auf den Beinen und setzt wie ein Eichhörnchen.« »Weib, fünfzig Pferde und wären's die besten, die je an den Ufern des Potomac aufgefüttert wurden, wollte ich mit Freuden hingeben um einen Streich auf einen Schurken.« »Kommen Sie,« sagte der Wundarzt, »die Nachtluft ist George oder diesen Damen nicht zuträglich, und es ist unsere Pflicht, sie irgendwo hinzubringen, wo man ihnen ärztlichen Beistand leisten und für Erfrischungen sorgen kann. Hier gibt es nichts als rauchende Trümmer und die schädlichen Ausdünstungen der Sümpfe.« Gegen diesen vernünftigen Vorschlag ließ sich nichts einwenden, und Lawton gab Befehl, die ganze Gesellschaft nach den Kreuzwegen zu bringen. In der Zeit, von der wir schreiben, gab es in Amerika nur wenige und nicht besonders geschickte Chaisen-Verfertiger, und jeder Wagen, der nur im mindesten Anspruch auf einen solchen Titel machte, war ein Erzeugniß der Londoner Fabriken. Als Herr Wharton die Stadt verließ, war er einer der Wenigen, welche über eine eigene Equipage zu gebieten hatten, und dieselbe schwerfällige Carosse, welche vordem so ehrfurchtgebietend durch die Windungen der Königin-Straße rollte, oder mit düsterer Würde auf der weiteren Bahn von Broadway hinfuhr, hatte Miß Pepton und ihre Nichten nach den Locusten gebracht. Dieser Wagen stand noch ungestört an der Stelle, welche ihm bei seiner Ankunft angewiesen worden war, und das Alter der Pferde schützte vornweg diese Lieblinge Cäsars vor den rücksichtslosen Griffen umherstreifender Soldatenabtheilungen. Mit schwerem Herzen ging der Schwarze an's Geschäft, um diese Equipage für den Gebrauch der Damen in Stand zu setzen, wobei er von einigen Dragonern freundlich unterstützt wurde. Es war ein unbequemes Fuhrwerk, dessen verblichene Auskleidung sammt dem abgeschossenen Kutschbocküberzug und den in allen Farben spielenden Polstern die Kunst- und Geschmacklosigkeit einer Zeit bezeichneten, welche ein solches Kabinetsstück für ein Prachtexemplar erklären konnte. »Der ruhende Löwe« des Wharton'schen Wappen war sichtlich auf das eines Kirchenfürsten gemalt, und die Mitra, welche bereits durch ihre amerikanische Maske durchzuscheinen begann, bezeichnete den Rang des früheren Eigenthümers. Auch Miß Singleton's Chaise war mit den Ställen und Außenbauten, wo sie stand, der Wuth des Feuers entgangen, da Lawton's rasches Erscheinen allen weiteren Unfug der Freibeuter verhinderte, welche sonst sicherlich die wohlbestellten Ställe nicht unheimgesucht gelassen hätten. Man ließ auf der Brandstätte eine Wache unter dem Commando Hollisters zurück, der, nachdem er die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß es sich hier um Feinde mit Fleisch und Blut handle, seinen Posten mit bewunderungswürdiger Ruhe festhielt, und sich mit der größten Umsicht gegen jeden Ueberfall deckte. Er zog sich mit seiner kleinen Mannschaft ein wenig aus der Nähe der Ruinen, wodurch er selbst in Dunkel gehüllt wurde, indeß das fortdauernde Leuchten der Brandstätte genug Helle um sich warf, um jeden etwa sich nähernden Plünderer entdecken zu lassen. Mit diesen umsichtigen Anordnungen zufrieden, traf Capitän Lawton die geeigneten Vorkehrungen zum Aufbruch. Miß Peyton, ihre zwei Nichten und Isabelle wurden in die Kutsche gebracht, indeß Betty's Karren, reichlich mit Betten und Decken versehen, die Ehre hatte, die Person des Capitän Singleton aufzunehmen. Doctor Sitgreaves erhielt bei Herrn Wharton einen Platz in Miß Singleton's Chaise. Es ist unbekannt, was aus den übrigen Hausangehörigen in dieser verhängnißvollen Nacht wurde, da mit Ausnahme Cäsars und der Haushälterin Niemand von der Dienerschaft mehr aufgefunden werden konnte. Nachdem die Gesellschaft auf diese Weise versorgt war, gab Lawton das Zeichen zur Abreise. Er selbst blieb noch eine Weile allein in dem Hofe zurück und sonderte einiges Silbergeräth und andere Gegenstände von Werth aus, die möglicher Weise seine eigenen Leute in Versuchung führen konnten. Als er nichts mehr fand, von dem er eine allzugroße Anfechtung für ihre Ehrlichkeit besorgte, warf er sich mit der ritterlichen Absicht in den Sattel, den Zug im Rücken zu decken. »Halt, halt!« schrie auf einmal eine weibliche Stimme, »will man mich allein den Händen dieser Mörderbande überlassen? Der Löffel ist geschmolzen, glaube ich; aber ich will Ersatz haben, wenn es noch Recht und Gerechtigkeit in diesem unglücklichen Lande gibt.« Lawton wandte den Blick nach der Richtung, wo diese Töne herkamen, und bemerkte eine aus den Trümmern auftauchende Weibergestalt, die unter der Last eines Bündels keuchte, welches an Umfang dem bekannten Packe des Krämers wenig nachstand. »Wer ist's, der da wie ein Phönix aus der Asche steigt?« sagte der Rittmeister. »Ha, bei der Seele des Hippokrates! es ist der leibhaftige Schürzen-Doctor mit der famosen Nadel-Reputation. Nun, gute Frau, was soll dieses Schreien?« »Was das Schreien soll?« wiederholte Katy, nach Luft schnappend; »ist es nicht Leides genug, einen silbernen Löffel zu verlieren, und soll ich nun allein auf diesem verödeten Platz zurückbleiben, um ausgeplündert oder vielleicht gar ermordet zu werden? Harvey würde nicht so mit mir umgegangen seyn. So lange ich seinen Haushalt führte, hat er mich wenigstens immer mit Achtung behandelt, wenn er auch mit seinen Geheimnissen etwas verschlossen war und mit seinem Gelde nicht umzugehen wußte.« »So habt Ihr also einmal einen Theil von Birch's Haushalt ausgemacht?« »Nicht nur einen Theil, sondern das Ganze, kann ich sagen,« erwiederte Katy; »es war Niemand da, als ich, er und der alte Herr. Sie haben den alten Herrn vielleicht gekannt?« »Ich bin nicht so glücklich gewesen. Wie lange lebtet Ihr in Meister Birch's Familie?« »Ich erinnere mich der Zeit nicht so genau, aber es muß wohl an die neun Jahre seyn: doch was soll mir das Alles jetzt?« »Zweifelsohne konnte wenig Gutes bei einer solchen Verbindung herauskommen. Lag nicht etwas Ungewöhnliches in dem Charakter und dem Treiben dieses Meister Birch?« »Ungewöhnlich ist ein zu mildes Wort für seine Sonderbarkeiten,« sagte Katy, indem sie ihre Stimme dämpfte und umher blickte; »er war ein merkwürdig rücksichtsloser Mensch und kümmerte sich um eine Guinee nicht mehr, als ich mich um ein Gerstenkorn. Aber machen Sie, daß ich wieder auf irgend eine Weise zu Miß Jinitt komme, und ich will Ihnen Wunderdinge von dem erzählen, was Harvey in der ersten und letzten Zeit gethan hat.« »Wollt Ihr das?« rief der Reiter nach einigem Nachsinnen, »kommt, gebt mir Euern Arm, daß ich ihn über dem Ellenbogen fassen kann – Nun, an Knochen fehlt's Euch nicht, mag das Blut seyn, wie es will.« Mit diesen Worten gab er der Jungfrau einen raschen Schwung, daß ihr auf einen Augenblick Hören und Sehen verging, und als sie ihre Sinne wieder gesammelt hatte, fand sie sich wohlbehalten, wenn auch nicht bequem, auf dem Hintertheile von Lawton's Pferde. »So, gute Frau! Ihr habt nun die Beruhigung, so gut beritten zu seyn, als Washington. Das Roß ist sicher auf den Beinen und setzt wie ein Panther.« »Lassen Sie mich hinunter,« schrie Katy und suchte sich seinen Eisenhänden zu entwinden, obgleich sie wegen des Fallens besorgt war; »das ist nicht die Art, eine ehrbare Frauensperson auf ein Pferd zu setzen; zudem kann ich nicht reiten ohne Kissen.« »Gemach, gute Frau,« sagte Lawton, »mein Rothschimmel fällt zwar nie vorwärts, aber er schlägt bisweilen hinten aus. Er ist es nicht gewöhnt, daß ihm ein paar Fersen in die Seiten trommeln, wie ein Tambour am Tage der Schlacht. Eine einzige Berührung mit dem Sporn thut auf vierzehn Tage gut, und es ist keineswegs klug, so mit den Füßen zu trampeln, denn er ist ein Thier, das sich nicht gerne antreiben läßt.« »Lassen Sie mich hinunter, sage ich,« kreischte Katy; »ich werde fallen und den Tod davon haben. Zudem kann ich mich an nichts halten, denn ich habe alle Hände voll.« »Richtig,« erwiederte der Rittmeister, als er bemerkte, daß er die Haushälterin sammt Bündel und Allem von dem Boden aufgelüpft hatte, »ich sehe, daß Ihr zum Train gehört; aber meine Säbelkuppel wird schon noch zureichen, Eure schlanke Taille zu umfassen.« Katy fühlte sich durch dieses Compliment zu sehr geschmeichelt, um ferneren Widerstand zu leisten. Der Reiter schnallte sie an seiner Hercules-Gestalt fest, drückte seinem Rosse den Sporn in die Seite und nun flogen sie mit einer Schnelligkeit aus dem Hofe, welche jedes weitere Sträuben fruchtlos gemacht haben würde. Nachdem der Ritt in dieser Weise, welche der Jungfer fast alle Besinnung raubte, einige Zeit fortgegangen war, trafen sie auf den Karren der Waschfrau, der in Berücksichtigung von Capitän Singleton's Zustande langsam über die Steine hinfuhr. Die Ereignisse dieser verhängnißvollen Nacht hatten in dem jungen Krieger eine Aufregung hervorgebracht, welche jetzt einer völligen Abspannung gewichen war, und so lag er, sorgfältig in Betttücher eingehüllt und von seinem Bedienten begleitet, sprachlos und in dumpfem Brüten über die Vergangenheit da. Die Unterhaltung zwischen Lawton und seiner Gefährtin hatte mit dem Beginne des scharfen Rittes ihre Endschaft erreicht; nun aber schlugen sie einen Fußpfad ein, auf welchem sich eher ein Gespräch anknüpfen ließ, und der Rittmeister begann von Neuem: »Ihr habt also mit Harvey Birch in dem nämlichen Hause gewohnt?« »Ueber neun Jahre,« sagte Katy tief athemholend und höchlich erfreut, daß das Jagen einmal nachgelassen hatte. Die Baßtöne des Reiters hatten kaum die Ohren der Waschfrau, welche vorn auf dem Karren saß und ihre Mähre leitete, erreicht, als sie den Kopf umdrehte, um an dem Gespräche Theil zu nehmen. »Dann, gute Frau, müßt Ihr auch ohne Zweifel wissen, ob er so eine Art von Beelzebub ist oder nicht,« sagte Betty. »Hollister wenigstens behauptet es, und der Wachtmeister ist sonst so einfältig nicht.« »Das ist eine schändliche Verläumdung,« rief Katy heftig; »nie hat eine gutmütigere Seele, als Harvey, einen Pack getragen; er nimmt für ein Kleid oder eine nette Schürze von einer guten Freundin nicht einen rothen Heller. Das wäre mir mein Beelzebub! Für was würde er denn in der Bibel lesen, wenn er mit dem bösen Feinde Gemeinschaft hätte?« »Jedenfalls ist er ein ehrlicher Teufel, wie ich immer gesagt habe, denn die Guinee war gut. Der Sergeant hat ihn also wohl in einem falschen Verdacht, obschon es sonst Hollistern nicht gerade an Einsicht gebricht.« »Er ist ein Narr,« sagte Katy erbittert. »Harvey könnte ein vermöglicher Mann seyn, wenn er weniger gleichgültig wäre. Wie oft habe ich ihm gesagt, wenn er sich mit nichts anderem, als seinem Hausirhandel abgäbe, sein Geld zu Rath hielte, ein Weib nähme, die zu Hause auf seine Sachen Acht hätte – wenn er seinen Verkehr mit den Reglern und sonst noch Einiges aufgäbe, so könnte er ein herrliches Leben führen. Sergeant Hollister müßte dann froh seyn, wenn er ihm das Licht halten dürfte – ja, das müßte er, meiner Treu!« »Pah!« sagte Betty in ihrer philosophischen Weise, »Ihr wißt wohl nicht, daß Herr Hollister ein Officier ist und im Zuge dem Korneten am nächsten steht. Aber dieser Hausirer gab uns einen Wink von dem Angriff der letzten Nacht, und es ist nicht gewiß, ob Capitän Jack ohne Verstärkung das Feld hätte behaupten können.« »Was sagt Ihr, Betty?« rief der Rittmeister, indem er sich im Sattel vorbeugte; »Birch hätte Euch von unserer Gefahr Nachricht ertheilt?« »Kein anderer, Schatz; und was ich für eine Noth hatte, bis die Jungen sich in Bewegung setzten. Ich dachte mir zwar wohl, Sie könnten mit den Kühjungen fertig werden, aber wenn man im Nothfall den Teufel auf seiner Seite hat, so darf man des Sieges gewiß seyn. Ich wundere mich nur, daß bei einem Handel, den Beelzebub angezettelt hat, so wenig geplündert wurde.« »Ich bin Euch eben so viel für Euern Beistand verpflichtet, als für den Beweggrund dazu.« »Sie meinen das Plündern? Nun, ich habe nicht früher daran gedacht, als bis ich die Sachen so auf dem Boden herumfahren sah, die einen verbrannt, die andern zerbrochen und wieder andere so gut wie neu. Es wäre doch nicht übel, wenn man auch nur ein einziges Federbett im Corps hätte.« »Beim Himmel, es war hohe Zeit, daß Hülfe erschien! Wäre mein Rothschimmel nicht schneller als ihre Kugeln gewesen, so dürfte man mir jetzt zur Leiche gehen. Das Thier verdiente, mit Gold aufgewogen zu werden.« »Sie meinen mit Papiergeld, Schatz? Gold fällt schwer in's Gewicht und ist nicht besonders häufig in unsern Staaten. Wenn der Neger nicht gewesen wäre und den Sergeanten mit seinen kupferrothen Augen und seinem Geträtsche von Geistern geängstigt hätte, so hätten wir zeitig genug kommen können, um alle diese Hunde todt zu schlagen und die übrigen gefangen zu nehmen.« »Es ist gut so, wie es ist,« sagte Lawton; »doch hoffe ich, daß die Zeit nicht mehr ferne seyn wird, wo diese Elenden ihren Lohn empfangen werden, und wäre es auch nur in der Meinung ihrer Mitbürger, wenn sie ein irdischer Richter nicht mehr sollte ereilen können. Es muß der Tag kommen, an dem Amerika den Patrioten von dem Räuber unterscheiden lernt.« »Nicht so laut,« sagte Katy; »es gibt Leute, die sich was darauf einbilden, mit den Schindern in Verkehr zu stehen.« »Sie denken also besser von sich, als andere Leute von ihnen denken,« rief Betty. »Ein Dieb ist und bleibt ein Dieb, mag er nun im Namen des Königs Georg oder im Namen des Kongresses stehlen.« »Ich dachte mir's wohl, daß es bald Unheil geben werde,« sagte Katy. »Die Sonne ging gestern hinter einer schwarzen Wolke unter und der Haushund winselte, obgleich ich ihm sein Futter mit eigenen Händen gereicht hatte. Auch ist es noch keine Woche, daß mir von Tausenden angezündeter Kerzen träumte und von Kuchen, die im Ofen verbrannten.« »Nun,« sagte Betty, »ich bin nicht viel von Träumen heimgesucht. Mit einem guten Gewissen und einem ordentlichen Schlaftränkchen schläft man so ruhig, wie ein Kind. Ich träumte das letzte mal, als mir die Jungen Distelköpfe in das Betttuch gelegt hatten, und da kam es mir vor, als ob Capitän Jack's Bursche mich statt des Rothschimmels striegle; aber es hat weder meiner Haut noch meinem Magen einen Nachtheil gebracht.« »Sicherlich,« sagte Katy, indem sie sich in einer Weise aufrichtete, daß Lawton in den Sattelzurückgezogen wurde, – »sicherlich hätte es mir nie eine Mannsperson wagen sollen, ihre Hand an mein Bettzeug zu legen. Das ist ein unanständiges und verächtliches Betragen.« »Pah, pah!« rief Betty, »wenn Ihr hinter einer Schwadron herzöget, würdet Ihr Euch auch einen kleinen Scherz gefallen lassen müssen. Was würde aus den vereinigten Staaten und der Freiheit werden, wenn die Jungen nie ein sauberes Hemd auf den Leib oder ein Tröpflein Schnaps in den Magen bekämen? Fragt da den Capitän Jack, Frau Beelzebub, ob sie fechten würden, ohne reines Weißzeug, um den Sieg darein wickeln zu können.« »Ich bin eine ledige Person und mein Name ist Haynes,« sagte Katy; »ich muß daher bitten, daß man keine so herabwürdigenden Ausdrücke gegen mich braucht, wenn man mit mir spricht.« »Ihr müßt Frau Flanagan's Zunge schon etwas zu gut halten, Madame,« sagte der Reiter; »die Tröpflein, von denen sie spricht, lassen sich oft mit Kannen messen, und dann hat sie auch etwas von der Freimüthigkeit der Soldaten angenommen.« »Pah, Capitän, Schatz!« rief Betty, »was verrücken Sie mit Ihrem Geschwätze dem Weibsbild da den Kopf? Reden Sie, wie sonst – Sie brauchen sich Ihrer Zunge nicht zu schämen, mein Bester. Aber hier herum ist die Stelle, wo der Sergeant halten ließ, weil er glaubte, es machten einige Teufel die Nacht unsicher. Die Wolken sind so schwarz, wie Arnold's Herz und der Henker hole den Stern, der da unter ihnen glitzert. Nun, die Mähre ist an Nachtmärsche gewöhnt und weiß den Weg aufzufinden, wie ein Schweißhund.« »Der Mond wird nächstens aufgehen,« bemerkte der Rittmeister. Dann rief er einem voranreitenden Dragoner, welchem er einige Aufträge, hinsichtlich Singleton's bequemerem und sicherem Transport ertheilte, sprach dann einige Worte dos Trostes zu seinem Freunde, gab seinem Rosse die Sporen und glitt mit einer Geschwindigkeit an dem Karren vorbei, welche die ganze Fassung der ehrsamen Katy Haynes abermals über den Haufen warf. »Glück auf den Weg, muthiger Reiter,« rief ihm die Waschfrau nach, als er an ihr vorbeijagte, »und wenn Sie dem Meister Beelzebub begegnen, so reiten Sie rücklings auf ihn zu und zeigen Sie ihm sein Weib, das Sie auf dem Schwanzriemen sitzen haben. Ich denke nicht, daß er lange Halt machen wird, um mit ihr zu plaudern. – Nun, nun, wir haben ihm das Leben gerettet, wie er selber sagte, und so hat es nicht viel zu sagen, wenn auch aus dem Plündern nichts geworden ist.« Capitän Lawton war mit Betty Flanagan's Weise zu sehr bekannt, um sich lange mit einer Erwiederung aufzuhalten. Sein Pferde jagte trotz der ungewöhnlichen Last mit Windesschnelle die Straße dahin, und die Entfernung zwischen dem Karren der Marketenderin und der Kutsche, welche die Damen führte, wurde in einer Weise zurückgelegt, welche, wenn sie auch den Absichten des Reiters entsprechen mochte, für seine Gefährtin wenig Behagliches hatte. Er holte die Kutsche nicht weit von seinem Quartier ein, und zu gleicher Zeit brach der Mond hinter einer Masse Wolken hervor und beleuchtete die Gegend mit seinen sanften Strahlen. In Vergleichung mit der einfachen Eleganz und der wohlhabenden Bequemlichkeit, welche die Locusten zur Schau getragen hatten, bot das Hotel Flanagan einen gar armseligen Anblick. Statt der mit Teppichen belegten Fußböden und der mit Vorhängen versehenen Fenster zeigten sich hier weite Risse in den roh gezimmerten Dielen, und die grünen Fensterscheiben waren mehr als zur Hälfte durch geschickt angebrachte Bretter und Papierstreifen ersetzt. Lawton hatte bereits vorher jede mit den Umständen vereinbare Verbesserung vornehmen und durch die vorausgegangenen Soldaten, welche von der Brandstätte auch einige nöthige Hausgeräthschaften mitnahmen, ein Feuer anzünden lassen. Miß Peyton und ihre Gefährtinnen trafen daher bei ihrer Ankunft die Stuben in einem doch einigermaßen wohnlichen Zustande. Sara hatte während der ganzen Fahrt irre geredet und mit dem Witze des Wahnsinns jeden Umstand auf die Gefühle bezogen, welche in ihrer eigenen Seele die vorherrschenden waren. »Es ist unmöglich auf ein Gemüth einzuwirken, welches ein solcher Schlag betroffen hat,« sagte Lawton zu Isabella Singleton; »die Zeit und Gottes Gnade können es allein wieder herstellen; doch läßt sich noch Einiges für die leibliche Bequemlichkeit Aller thun. Sie sind eine Soldatentochter und somit ist ein Aufenthalt, wie dieser, für Sie nichts Neues; aber helfen Sie mir, diese Fenster gegen den kalten Luftzug verwahren.« Miß Singleton entsprach diesem Gesuch, und während Lawton von außen beschäftigt war, die zerbrochenen Scheiben zu verstopfen, suchte Isabelle von innen eine Art Vorhang zurecht zu machen. »Ich höre den Karren,« sagte der Rittmeister, als Erwiederung auf eine ihrer Fragen. »Betty ist im Grunde gutherzig. Glauben Sie mir, der arme Georg wird nicht nur wohlbehalten, sondern auch auf die möglichst bequeme Weise anlangen.« »Gott lohne ihre Sorgfalt, er lohne sie euch allen,« sagte Isabella mit Wärme. »Ich höre, Doctor Sitgreaves ist ihm entgegen gegangen – aber was glänzt dort im Monde?« Dem Fenster, an dem beide beschäftigt waren, gerade gegenüber lagen die Wirtschaftsgebäude des Hauses und Lawtons rasches Auge entdeckte schnell den Gegenstand, dessen die Dame erwähnt hatte. »Es ist das Blinken eines Feuergewehrs,« sagte der Rittmeister und eilte vom Fenster weg nach seinem Rosse, welches noch aufgezäumt an der Thüre stand. Die Bewegung geschah mit Gedankenschnelle, aber ehe er noch einen Schritt gethan hatte, blitzte es auf und eine Kugel sauste ihm am Ohre vorbei. Ein lauter Schrei ließ sich aus dem Hause vernehmen und zu gleicher Zeit saß Lawton im Sattel; das Ganze war das Werk eines Augenblicks. »Ausgesessen – aufgesessen – mir nach!« brüllte der Rittmeister, und ehe noch die bestürzten Dragoner den Grund des Tumultes begreifen konnten, hatte der Rothschimmel bereits über die Verzäunung gesetzt, welche zwischen Lawton und seinem Feinde lag. Die Jagd ging auf Tod und Leben, aber die Felsen lagen zu nahe und der getäuschte Reiter sah sein beabsichtigtes Opfer in einer der Schluchten verschwinden, die jeder weiteren Verfolgung ein Ziel setzten. »Bei Washingtons Leben,« brummte Lawton, indem er seinen Säbel in die Scheide steckte, »ich hätte zwei Hälften aus ihm gemacht, wenn er nicht so hurtig auf den Beinen gewesen wäre – aber er wird mir schon wieder in den Wurf kommen!« Mit diesen Worten wandte er sein Pferd und kehrte mit der Ruhe eines Mannes, der wohl weiß, daß sein Leben jeden Augenblick als ein Opfer für das Vaterland fallen kann, nach seinem Quartier zurück. Ein ungewöhnlicher Lärm in dem Hause veranlaßte ihn, seinen Ritt zu beschleunigen, und als er an der Thüre anlangte, theilte ihm Katy voller Schrecken mit, daß die Kugel, welche es auf sein eigenes Leben abgesehen hatte, in Miß Singletons Brust gedrungen sey. Vierundzwanzigstes Kapitel. Stumm ist Gertrudens Mund; ein Zug jedoch, Den Liebe, die nicht stirbet, eingegraben, Strahlt auf dem Antlitz; immer drückt sie noch Des Theuren Hand an's Herz, das ausgeschlagen. Gertrude von Wyoming.   Die Dragoner hatten in der Eile zwei ineinandergehende Gemächer in einen für die Aufnahme der Damen geeigneten Stand gesetzt, von denen das eine als Schlafzimmer dienen sollte. Man führte Isabellen auf ihr Verlangen in das letztere und legte sie auf ein armseliges Bette an die Seite der bewußtlosen Sara. Als Miß Pepton und Franciska ihr beizustehen eilten, sahen sie ein Lächeln um ihre bleichen Lippen und eine Ruhe auf ihren Zügen, die sie veranlaßten, sie für unbeschädigt zu halten. »Gott sey gelobt!« rief die zitternde Tante; »der Knall des Gewehrs und Ihr Zusammensinken ließen mich das Schlimmste vermuthen. Ach, wir haben ja schon Entsetzen genug ausgestanden; Gott sey Dank, daß uns dieses erspart blieb.« Isabella drückte immer noch lächelnd die Hand an ihre Brust, aber eine Leichenblässe überflog ihre Züge, so daß Franciska das Blut in den Adern erstarrte. »Ist Georg noch nicht da?« fragte sie; »heißt ihn eilen, damit ich meinen Bruder noch einmal sehe.« »Ach, es ist, wie ich befürchtete!« jammerte Miß Peyton; »aber Sie lächeln, – gewiß, Sie können nicht, verwundet seyn!« »Ich fühle mich wohl und glücklich,« flüsterte Isabella; »hier ist Hülfe für jeden Schmerz.« Sara richtete sich aus ihrer zurückgeneigten Lage auf und betrachtete ihre Gefährtin mit wilden Blicken, dann streckte sie ihre Hand aus und faßte die, mit welcher Isabella ihren Busen bedeckte – sie war mit Blut befleckt. »Sieh,« sagte Sara, »aber wird es nicht die Liebe wegwaschen? Nimm einen Mann, Mädchen und dann wird ihn Niemand mehr aus Deinem Herzen verdrängen, es müßte denn seyn« – sie beugte sich über Isabellen und fuhr flüsternd fort: »Du fändest dort eine Andere vor Dir. Dann stirb und gehe in den Himmel – im Himmel wird nicht mehr gefreit.« Die schöne Irre verbarg ihr Gesicht in den Kleidern und sprach die ganze Nacht über kein Wort mehr. In diesem Augenblicke trat Lawton ein. So sehr er an Gefahren jeder Art und an alle Schrecken eines Bürgerkriegs gewöhnt war, so konnte er die vor ihm liegende Scene doch nicht ohne tiefe Bewegung mit ansehen. Er beugte sich über Isabella's gebrochene Gestalt und sein düsterer Blick verrieth den Sturm seiner Seele. »Isabella,« sagte er endlich, »ich weiß, daß Sie einen Muth besitzen, der über die Kraft Ihres Geschlechtes hinausgeht.« »Sprechen Sie,« erwiederte sie ruhig; »wenn Sie mir etwas zu sagen haben, so sprechen Sie ohne Scheu.« Der Rittmeister wandte das Gesicht ab und entgegnete: »Noch Niemand hat eine Verwundung, wie diese überlebt.« »Ich fürchte den Tod nicht,« versetzte Isabella; »ich danke Ihnen, daß Sie mich so richtig beurteilten– aber ich habe es vom ersten Augenblick an gefühlt.« »Das sind keine Auftritte für eine so zarte Gestalt,« fuhr der Capitän fort: »es ist schon hinreichend, daß England unsere Jünglinge auf's Schlachtfeld ruft; aber wenn solche Blumen das Opfer des Krieges werden, so entsinkt mir der Muth des Soldaten.« »Hören Sie mich, Capitän Lawton!« sagte Isabella und richtete sich mühsam aus, ohne die angebotene Hülfe anzunehmen; – »von zarter Jugend auf bis zur gegenwärtigen Stunde waren Garnisonen und Lager mein Aufenthalt. Ich habe gelebt, um die Mußestunden eines betagten Vaters zu erheitern; und glauben Sie, ich hätte diese Tage der Gefahr und Entbehrung mit einem bequemeren Leben vertauschen mögen? Nein, ich erfreue mich in den letzten Augenblicken der Beruhigung, daß ich alles gethan habe, was ein Weib in meiner Lage zu thun im Stande ist.« »Wer könnte wohl verzagt seyn, wenn er der Zeuge eines solchen Muthes gewesen? Ich habe Hunderte von Kriegern ihr Leben opfern sehen, aber ich kannte keinen mit einer stärkeren Seele.« »Es ist nur die Seele,« sagte Isabella; »die Schwäche meines Geschlechtes hat mir die theuersten Vorrechte versagt. Sie, Kapitän Lawton, hat die Natur gütiger bedacht. Sie haben einen Arm und ein Herz, um sie der heiligen Sache des Vaterlandes zu weihen, und ich weiß, daß sie bis zum letzten Augenblicke treu bleiben werden. Und Georg – und –« sie hielt inne; ihre Lippe bebte und ihr Auge suchte die Erde. »Und Dunwoodie?« fügte der Rittmeister bei; – »wollen Sie von Dunwoodie sprechen?« »Nennen Sie ihn nicht,« sagte Isabella, indem sie zurücksank und ihr Gesicht in den Kissen barg. »Gehen Sie, Lawton – bereiten Sie den armen Georg auf diesen unerwarteten Schlag vor.« Der Reiter blickte noch eine Weile mit düsterer Theilnahme auf die Leidende, deren convulsivisches Zusammenschaudern durch die leichte Decke bemerklich war, und entfernte sich, um seinem Freunde entgegen zu gehen. Das Zusammentreffen Singletons mit seiner Schwester war schmerzlich, und Isabella gab einen Augenblick dem Ausbruch ihrer weicheren Gefühle nach; aber als ob sie wüßte, daß ihre Stunden gezählt seyen, rief sie als die Erste ihre Fassung zurück. Auf ihre dringende Bitte ließ man sie mit dem Capitän und Franciska allein. Die wiederholten Anerbietungen ärztlichen Beistands von Seite des Doctors wurden beharrlich zurückgewiesen, und er sah sich endlich veranlaßt, mißmuthig abzuziehen. »Richtet mich auf,« sagte das sterbende Mädchen, »und laßt mich noch einmal in ein Gesicht blicken, welches ich liebe.« Franciska willfahrte schweigend, und Isabella richtete das Auge mit schwesterlicher Zärtlichkeit auf Georg. »Es ist bald vorüber, lieber Bruder einige Stunden noch, und der Vorhang ist gefallen.« »Du darfst nicht sterben, Isabella, meine Schwester, meine einzige Schwester,« rief der Jüngling mit einem Ausbruche von Schmerz, den er nicht zu bewältigen vermochte; »mein Vater! mein armer Vater –« »Der Gedanke an ihn macht mir den Stachel des Todes schmerzlich – aber er ist ein Soldat und ein Christ. Miß Wharton, ich wollte mit Ihnen von einer Sache reden, welche Sie näher berührt, so lange ich noch Kraft dazu habe.« »O nicht doch,« sagte Franciska mit Zartheit; »fassen Sie sich und lassen Sie nicht den Wunsch, mir zu gefallen, ein Leben gefährden, das – so – so Vielen theuer ist.« Die Aufregung erstickte beinahe ihre Worte, denn die Andere hatte eine Saite berührt, welche in ihrem innersten Herzen wiedertönte. »Armes, gefühlvolles Mädchen!« sagte Isabella mit einem Blicke der zärtlichsten Theilnahme; »aber die Welt liegt noch offen vor Dir, und warum sollte ich das Bischen Seligkeit trüben, das sie zu geben vermag. Träume immerhin fort, liebliche Unschuld, und möge Gott den Tag eines bittern Erwachens ferne halten!« »Ach, es ist mir schon jetzt wenig geblieben, dessen ich mich freuen könnte,« sagte Franciska, indem sie ihr Antlitz in ihrem Gewande verhüllte; »ach, es ist ja alles dahin, was ich am meisten liebte.« »Nein,« fiel Isabella ein, »Sie haben noch einen Grund, das Leben zu lieben, der gewaltig im Herzen des Weibes ringt – eine Täuschung, die nur mit dem Leben erlischt.« – Sie hielt erschöpft inne und ihre Zuhörer harrten in athemlosem Schweigen, bis sie sich etwas erholt hatte. Dann faßte sie die Hand Franciska's und fuhr weicher fort: »Miß Wharton, wenn eine Seele lebt, die mit der Dunwoodie's verwandt und seiner Liebe würdig ist, so ist es die Ihrige.« Eine Glutröthe überflog Franciska's Antlitz, und sie erhob die von unwillkührlichem Entzücken strahlenden Augen zu dem Gesichte der Sprecherin. Aber der Anblick dieses zerstörten Wesens rief ihre edleren Gefühle zurück und wieder ließ sie ihr Haupt auf die Decke des Bettes sinken. Isabella beobachtete ihre Bewegungen mit dem getheilten Ausdrucke des Mitleids und der Bewunderung. »Das ist die stumme Sprache der Gefühle, die mir jetzt entschwunden sind,« fuhr sie fort; – »ja, Miß Wharton, Dunwoodie ist ganz der Ihrige.« »Sey gerecht gegen Dich selber, theure Schwester!« rief der Jüngling; »laß keine« schwärmerische Großmuth Dich veranlassen, Deines Charakters zu vergessen.« Sie vernahm seine Worte, und heftete einen Blick inniger Liebe auf ihn; dann schüttelte sie langsam das Haupt und fuhr fort: »Nicht Schwärmerei, sondern die Wahrheit gebietet mir, zu sprechen. O wie viel habe ich in einer Stunde erlebt! Miß Wharton, ich bin unter einer heißen Sonne geboren, und meine Gefühle haben ihre ganze Glut eingesogen; ich habe nur für die Leidenschaft gelebt.« »Sprich nicht so – sprich nicht so, ich beschwöre Dich,« rief der bewegte Bruder. »Denke daran, daß Du Deine Liebe einem alten Vater weihtest, und wie uneigennützig und zärtlich Deine Liebe zu mir war!« »Ja,« sagte Isabella, und ein zufriedenes Lächeln beleuchtete mit mildem Strahle ihre Züge, »das ist wenigstens ein Rückblick, den ich getrost mit in's Grab nehmen darf.« Sie versank jetzt in ein tiefes Sinnen, in welchem sie weder ihr Bruder noch Franciska zu unterbrechen wagten. Nach einigen Minuten jedoch sammelte sie sich wieder und fuhr fort: »Ach, die Selbstsucht verläßt mich nicht einmal im letzten Augenblicke. Miß Wharton, die Liebe zu meinem Vaterlande und seiner Freiheit war meine früheste Leidenschaft und –« Sie hielt wieder inne und Franciska glaubte, daß jetzt in dem zusammensinkenden Schauder der Kampf des Todes seine Rechte geltend mache; sie kam aber wieder zu sich und fuhr fort: »Warum sollte ich noch zögern am Rande des Grabes? Dunwoodie war meine zweite und letzte. Aber« – sie bedeckte das Gesicht mit den Händen – »es war eine Liebe, welche keine Erwiederung fand.« »Isabella!« rief ihr Bruder aufspringend und verstört in dem Gemache auf und ab gehend. »Sieh', wie abhängig wir werden von der Herrschaft des irdischen Stolzes; es ist für Georg eine schmerzliche Entdeckung, daß ein ihm theures Geschöpf Gefühle hegt, die mächtiger sind, als Natur und Erziehung.« »Reden Sie nicht weiter,« flüsterte Franciska, »Sie thun uns Beiden wehe – sprechen Sie nicht weiter, ich flehe darum.« »Ich muß sprechen, um Dunwoodie Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, und aus dem selben Grunde sollst Du mich anhören, lieber Bruder. Dunwoodie hat mich weder durch Wort und That zu der Vermuthung veranlaßt, daß er mir etwas anderes als ein Freund zu seyn wünsche, – ja und in der letzten Zeit mußte ich sogar die schmerzlich demüthigende Bemerkung machen, daß er meiner Gegenwart auswich.« »Er hat es gewagt, das zu thun?« rief Singleton heftig. »Ruhig, mein Bruder und höre weiter,« fuhr Isabella fort, indem sie ihre letzten Kräfte zusammenraffte. »Hier steht die unschuldige Ursache, welche ihn rechtfertigt. Wir beide sind mutterlos; aber diese Tante – diese milde, offenherzige, achtsame Tante hat Ihnen zum Siege verholfen. O wie viel verliert das Mädchen, wenn sie die Hüterin und Beschützerin ihrer sorglosen Jugend verliert! Ich habe Gefühle kund gegeben, welche Sie zu unterdrücken gelernt haben. Kann ich nach all diesem noch zu leben wünschen?« »Isabella! meine arme Isabella! Du redest irre.« »Nur noch ein Wort – denn ich fühle, dieses Blut, welches immer so rasch floß, nimmt eine Richtung, wohin es die Natur nicht leiten wollte. Das Weib muß sich aussuchen lassen, wenn es geschätzt werden will; sein Leben besteht aus verschlossenen Gefühlen. O wie glücklich sind die, die diese Beherrschung frühe erlernt haben und von Heuchelei frei blieben! Nur ein solches Mädchen kann das Glück eines Mannes – kann Dunwoodie's Glück machen.« Ihre Stimme versagte, und sie sank stumm in das Kissen zurück. Singletons Angstruf versammelte die übrige Gesellschaft um das Sterbebette, aber der Tod lagerte bereits auf ihren Zügen. Ihre Kräfte reichten eben noch zu, um Georgs Hand zu fassen und sie an ihre Brust zu drücken; dann sank die ihrige – noch eine Zuckung – und sie hatte ausgeathmet. Franciska Wharton hatte geglaubt, das Schicksal habe durch die Gefährdung des Lebens ihres Bruders und die Verwirrung des Verstandes ihrer Schwester das Aergste über sie verhängt; aber der Trost, den ihr die Sterbende gab, lehrte sie, daß noch ein anderer Kummer schwer auf ihrer Seele laste. Sie sah auf einmal in der Sache klar und fühlte ganz die männliche Zartheit in Dunwoodie's Benehmen. Alles vereinigte sich, ihre Achtung gegen ihn zu erhöhen und an die Stelle der Trauer, welche sie über den Verlust eines Mannes empfand, den sie ihrer Achtung unwürdig geglaubt, trat der Schmerz, ihm durch ihr eigenes Benehmen wehe gethan – vielleicht gar ihn zur Verzweiflung getrieben zu haben. Hoffnungsloses Verzagen liegt jedoch nicht in der Natur der Jugend, und Franciska empfand sogar mitten in ihrem Kummer eine geheime Wonne, welche ihrer Seele einen neuen Aufschwung verlieh. Die Sonne brach an dem Morgen, welcher dieser trostlosen Nacht folgte, mit ungetrübtem Glanze hervor und schien der kleinen Sorgen derjenigen, die von ihren Strahlen beleuchtet wurden, zu spotten. Lawton hatte sich frühe sein Pferd satteln lassen, und stand eben im Begriffe aufzusitzen, als ihr erstes Glühen die Spitzen der Berge säumte. Er hatte bereits seine Befehle gegeben und schwang sich schweigend in den Sattel; dann warf er einen mißmuthigen Blick auf den kleinen Raum, der es dem Schinder möglich gemacht hatte zu entkommen, ließ seinem Rothschimmel die Zügel und ritt langsam dem Thale zu. Auf der Straße herrschte eine Todtenstille und keine Spur von den Scenen der Nacht trübte die Lieblichkeit eines herrlichen Morgens. Der grelle Gegensatz zwischen Natur und Menschen erfüllte die Seele des Kriegers ganz, und furchtlos ritt er an den gefährlichsten Stellen vorbei, ohne sich um die etwaigen Folgen zu kümmern oder seine Meditationen zu unterbrechen, bis das edle Roß, das sich in der frischen Morgenluft recht behaglich fühlte, die unter Sergeant Hollister's Obhut stehenden Pferde wiehernd begrüßte. Hier zeigten sich allerdings genug beklagenswerte Ueberreste einer schreckensvollen Mitternacht; aber der Rittmeister betrachtete sie mit der Ruhe eines Mannes, dem ein solcher Anblick nichts Neues ist, und ohne die Zeit mit nutzlosen Verwünschungen zu verlieren, ging er unverzüglich zu seinem Zwecke über. »Habt Ihr etwas bemerkt?« fragte er die Ordonnanz. »Nichts, auf was man hätte Jagd machen können, Sir,« erwiederte Hollister; »nur einmal saßen wir auf, als uns der entfernte Knall eines Gewehrs zu Ohren kam.« »Gut,« sagte Lawton düster. »Ach, Hollister, ich wollte das Thier, auf dem ich reite, darum geben, wenn Ihr mit Eurem Arme zwischen dem Elenden, welcher diesen Schuß that, und jenen verwünschten Felsen gestanden wäret, die über jedes Stückchen Boden hereinhängen, als ob sie jede Hufe Landes um die Weide beneideten.« »Bei Tage und Mann gegen Mann gebe ich keinem Andern etwas nach, aber ich kann nicht sagen, daß ich besonders darauf versessen bin, mit solchen anzubinden, denen weder Stahl noch Blei etwas anhaben kann.« »Welche einfältige Grille spuckt in Eurem abergläubischen Hirne, Dechant Hollister?« »Ich gestehe, ich habe kein besonderes Verlangen nach der schwarzen Gestalt, die sich seit dem Tagesgrauen am Saume des Waldes dort hin- und herbewegt. Ich sah sie auch die Nacht über zweimal über den vom Feuer erhellten Raun schleichen, ohne Zweifel nicht in guter Absicht.« »Meint Ihr den schwarzen Ball dort, am Fuße jenes Felsenahorns? – in der That, er bewegt sich.« »Aber 's ist keine irdische Bewegung,« sagte der Sergeant, indem er mit ängstlicher Scheue hinblickte; »er gleitet dahin, ohne daß irgend einer von der Wache seine Füße gesehen hätte.« »Und wenn er Flügel hätte, so muß ich ihn haben,« rief Lawton. »Bleibt stehen, bis ich wieder zurückkomme.« Er hatte kaum ausgesprochen, als der Rothschimmel bereits über die Ebene hinflog und der Versicherung seines Herrn Ehre machen zu wollen schien. »Diese verdammten Felsen!« rief der Reiter, als er den Gegenstand seiner Verfolgung auf die Berge zueilen sah; aber war es aus Unkenntniß oder aus Schreck – kurz, die Gestalt ließ den Schirm, welchen sie boten, unbenützt und flüchtete sich in die Ebene. »Jetzt habe ich Dich, Mensch oder Teufel!« brüllte Lawton und riß den Säbel aus der Scheide. »Halt und ergib Dich!« Dieser Aufforderung wurde scheinbar Folge geleistet; denn bei dem gewaltigen Tone von Lawton's Stimme sank die Erscheinung zusammen, und ließ nichts als einen formlosen schwarzen Klumpen ohne Leben und Bewegung erkennen. »Was ist denn das?« rief Lawton, während er ihn mit dem Säbel von der Seite anstieß; »ein Gala-Anzug der guten Miß Peyton, der um seinen Geburtsort herum wandert und sich vergeblich nach seiner trostlosen Gebieterin umsieht?« Er lehnte sich in den Steigbügeln vorwärts, hob das seidene Gewand mit dem Säbel in die Höhe und entdeckte jetzt unter demselben einen Theil von der Gestalt des ehrwürdigen Geistlichen, welcher den Abend vorher von den Locusten aus in seinem Ornate die Flucht ergriffen hatte. »In der That, Hollister hatte wohl Ursache zu seiner Ungeberdigkeit: ein Feldcaplan ist immer ein Schrecken für die Reiterei.« Der Geistliche hatte jetzt seine verstörten Sinne hinreichend gesammelt, um zu erkennen, daß er es mit einem bekannten Gesichte zu thun habe; und einigermaaßen durch seinen an den Tag gelegten Schrecken und die unziemliche Stellung, in der er gefunden worden, außer Fassung gebracht, versuchte er es, sich aufzurichten und die geeigneten Erläuterungen zu geben. Lawton hörte seine Entschuldigung mit guter Laune an, ohne ihr gerade viel Glauben beizumessen, und nach einer kurzen Besprechung über den Stand der Dinge im Thal, stieg er höflich ab und ging mit dem Caplan zu Fuß nach der Wache zurück. »Ich bin so wenig mit der Uniform der Rebellen bekannt, daß ich in der That nicht im Stande war, zu unterscheiden, ob die Leute, welche, wie Sie sagen, die Ihrigen sind, zu der Gaunerbande gehörten, oder nicht.« »Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, Sir,« erwiederte der Rittmeister, und biß sich in die Lippen. »Es ist nicht das Geschäft eines Dieners Gottes, sich um den Schnitt der Uniformen zu kümmern. Die Fahne, unter der Sie dienen, wird von uns Allen anerkannt.« »Ich diene unter der Fahne Seiner allergnädigsten Majestät, des Königs Georgs III.,« erwiederte der Priester, indem er sich den kalten Schweiß von der Stirne wischte; »aber der Gedanke, scalpirt zu werden, ist gar wohl geeignet, alle Mannheit eines Neulings, wie ich, niederzuschlagen.« »Scalpirt zu werden?« wiederholte Lawton und hielt einen Augenblick an, dann faßte er sich wieder und fuhr mit Gelassenheit fort – »Wenn Sie auf die leichte virginische Dragoner-Schwadron Dunwoodie's anspielen, so kann ich Ihnen versichern, daß sie im Allgemeinen außer der Haut auch noch ein Bischen vom Schädel mitnimmt.« »Oh, ich habe keine Furcht vor Herren mit Ihrem Aeußern,« sagte der Geistliche schmunzelnd. »Aber die Eingeborenen sind es, vor denen ich allen Respect fühle.« »Die Eingebornen? Ich habe die Ehre, auch darunter zu gehören, wie ich Ihnen versichern kann.« »Nein, ich bitte, mich recht zu verstehen – ich meine die Indianer, die nichts weiteres kennen, als Raub, Mord und Zerstörung.« »Und nebenbei sich Scalpe holen.« »Ja, Sir, auch scalpiren,« fuhr der Priester fort und warf einen verdächtigen Blick auf seinen Begleiter; – »die kupferfarbigen wilden Indianer.« »Und erwarteten Sie, diese ehrenwerthen Leute mit ihren Ringen durch die Nase auf dem neutralen Grunde anzutreffen?« »Gewiß, es heißt in England, daß das Innere davon wimmle.« »Heißt Ihr das das Innere von Amerika?« rief Lawton, wieder stehen bleibend, indem er dem andern mit einer Ueberraschung in's Gesicht starrte, welche sich kaum nachbilden lassen würde. »Ohne Zweifel, Sir; ich weiß es nicht anders, als daß ich in dessen Innerem bin.« »Geben Sie einmal Acht,« sagte Lawton, indem er gegen Osten zeigte. »Bemerken Sie die breite Wasserfläche, deren jenseitige Gränze dem Auge unerreichbar ist? Dort liegt jenes England, das ihr für würdig haltet, die halbe Welt zu beherrschen. Können Sie das Land Ihrer Geburt sehen?« »Es ist unmöglich, etwas zu sehen, was dreitausend Meilen entfernt liegt,« erwiederte der Geistliche, der, über diese Frage verwundert, seinen Gefährten mit argwöhnischen Blicken maß, ob es auch mit dessen gesunden Sinnen seine Richtigkeit habe. »Sie haben Recht. Aber wie beklagenswerth ist es, daß die Kraft des Menschen seinem Ehrgeiz nicht gleich kömmt. Wenden Sie jetzt Ihr Auge nach Westen. Bemerken Sie das weite Wasserbecken, das sich zwischen Amerika und China hinzieht?« »Ich sehe nichts als Land,« sagte der Priester zitternd; »Wasser kann ich keines erblicken.« »Es ist unmöglich, etwas zu sehen, was dreitausend Meilen entfernt ist!« wiederholte Lawton, indem er seinen Spaziergang wieder fortsetzte. »Wenn Sie die Wilden fürchten, so können sie Ihnen in den Reihen Ihres Königs eher begegnen. Rum und Gold haben ihre Loyalität bewährt.« »Ich bin also, höchst wahrscheinlich getäuscht worden,« sagte der Mann des Friedens, indem er einen verstohlenen Blick auf die colossale Gestalt und das bärtige Gesicht seines Begleiters warf; »aber die Gerüchte, mit denen man sich in unserer Heimath trägt, und die Ungewißheit, mit einem Feinde wie Sie zusammen zu treffen, machten, daß ich bei Ihrer Annäherung die Flucht ergriff.« »Das war nicht sehr vernünftig gehandelt,« sagte der Rittmeister, »indem mein Rothschimmel Ihnen auf der Ferse war, und Sie hätten leicht aus der Scylla in die Charybdis fallen können, denn in diesen Wäldern und Felsen sind die Feinde verborgen, welche Sie zu fürchten haben.« »Die Wilden?« schrie der Mann Gottes und eilte instinktartig dem Rittmeister voraus. »Etwas Schlimmeres, als die Wilden – Menschen, welche unter dem Deckmantel des Patriotismus das Land mit ihren Raubzügen heimsuchen, deren Gier unersättlich ist, und deren Grausamkeit sogar den Scharfsinn der Indianer überbietet – Kerle, deren Lippen von Freiheit und Gleichheit tönen, indeß ihre Herzen von Habsucht und Galle überfließen – Menschen, die unter dem Namen der Schinder bekannt sind.« »Ich habe bei der Armee von ihnen sprechen hören,« sagte der entsetzte Geistliche, »und habe sie für die Ureingeborenen gehalten.« »Sie thaten den Wilden Unrecht.« Beide waren nun bei dem Posten des Sergeanten Hollister angelangt, der mit Verwunderung in dem Gefangenen seines Rittmeisters einen friedlichen Diener des Wortes erkannte. Auf Lawton's Befehl gingen nun die Dragoner alsbald an's Werk, die werthvolleren Gegenstände in Sicherheit zu bringen und fortzuschaffen, indeß der Capitän mit seinem ehrwürdigen Gesellschafter, welcher mit einem muthigen Pferde versehen wurde, nach den Quartieren der Mannschaft zurückkehrte. Da nach Singleton's Wunsche die irdischen Ueberreste seiner Schwester nach dem Posten gebracht werden sollten, welchen ihr Vater commandirte, so traf man zeitig die für diesen Zweck geeigneten Vorkehrungen. Die verwundeten Engländer wurden der Aufsicht des Kaplans übergeben, und gegen Mittag sah Lawton alle Zurüstungen so weit beendet, daß er sich mit seiner kleinen Mannschaft nach einigen Stunden wahrscheinlich im alleinigen und ungestörten Besitze der Kreuzwege befinden mochte. Während er so in verdrießlichem Schweigen am Thorwege lehnte und den Schauplatz betrachtete, wo er in der letzten Nacht auf den Schinder Jagd gemacht hatte, schlug der Hufschlag eines Pferdes an sein Ohr und unmittelbar darauf sprengte ein Dragoner aus seinem eigenen Zuge mit einer Eile des Weges daher, welche einen Auftrag von der größten Wichtigkeit vermuthen ließ. Das Roß schäumte und der Reiter schien von dem scharfen Ritte ziemlich angegriffen zu seyn. Ohne ein Wort zu sprechen, gab er ein Schreiben in Lawton's Hand und entfernte sich, um sein Pferd im Stalle zu versorgen. Der Rittmeister erkannte die Handschrift des Majors und überflog die folgenden Zeilen: »Ich freue mich, Ihnen mittheilen zu können, daß Washington Befehl gegeben hat, die Familie in den Locusten nach den Hochlanden zu bringen, wo es ihr gestattet seyn wird, sich der Gesellschaft des Capitäns Wharton zu erfreuen, für dessen Aburtheilung ihr Zeugniß erwartet wird. Sie werden derselben diesen Befehl, und zwar, wie ich von Ihnen voraussetzen darf, mit der geeigneten Schonung mittheilen. Die Engländer ziehen stromaufwärts; sobald Sie daher die Wharton's in Sicherheit wissen, werden Sie aufbrechen und zu Ihrer Schwadron stoßen. Es wird scharf hergehen, wenn wir mit ihnen zusammentreffen, da ihnen Sir Henry, wie berichtet wurde, einen tüchtigen Soldaten zum Führer gegeben hat. Die Rapporte gehen jetzt an den Commandanten zu Peekskill, da sich Oberst Singleton gegenwärtig im Hauptquartier befindet, um in dem Kriegsgericht über den armen Wharton den Vorsitz zu führen. Es sind neue Befehle ergangen, den Hausirer, sobald wir seiner habhaft werden, unverzüglich aufzuknüpfen; sie sind aber nicht von dem Obergeneral unterzeichnet. Geben Sie den Damen eine kleine Bedeckung mit und werfen Sie sich sobald als möglich in den Sattel. Ihr aufrichtiger Peyton Dunwoodie.« Diese Mittheilung brachte eine gänzliche Veränderung in den Vorkehrungen zu Stande. Da der Grund zu Isabellens Weiterschaffung durch die Abwesenheit des Vaters wegfiel, so fügte sich Singleton, wiewohl ungerne, in die alsbaldige Beerdigung seiner Schwester. Man wählte hierzu ein einsames anmuthiges Plätzchen in der Nähe der Felsen, und traf die weiteren Anstalten, wie sie eben von Zeit und Ort gestattet wurden. Mit dem Leichenbegängnisse vereinigten sich noch mehrere neugierige oder teilnehmende Nachbarn, und Miß Peyton nebst Franciska weinten aufrichtige Thränen an ihrem Grabe. Die kirchlichen Ceremonien wurden von demselben Geistlichen verwaltet, der vor Kurzem eine, von dieser so sehr verschiedene Amtshandlung zu verrichten im Begriffe stand, und Lawton senkte das Haupt und fuhr mit der Hand über die Augen, als die Worte gesprochen wurden, welche das Fallen der ersten Erdscholle begleiteten. Die Mittheilung aus Dunwoodie's Brief gab den Wharton's wieder neues Leben, und Cäsar wurde mit seinen Pferden noch einmal in Anspruch genommen. Das gerettete Eigenthum nahm ein zuverlässiger Nachbar in Verwahrung, und nun setzte sich die Familie mit der fortwährend besinnungslosen Sara unter dem Geleite von vier Dragonern und mit allen amerikanischen Verwundeten in Bewegung. Unmittelbar darnach brach auch der englische Geistliche mit seinen Landsleuten aus, die nach dem Fluß gebracht wurden, wo ein Fahrzeug zu ihrer Ausnahme bereit lag. Lawton sah Alle mit Freuden ziehen, und sobald letztere ihm aus dem Gesicht waren, ließ er in's Horn stoßen. In einem Augenblicke war Alles in Bewegung. Die Mähre der Frau Flanagan wurde wieder in den Karren gespannt; Doctor Sitgreaves unförmliche Gestalt paradirte auf dem Rücken eines Pferdes, und der Rittmeister saß im Sattel, sich höchlich über seine endliche Erlösung freuend. Nun erscholl das Signal zum Abmarsch. Lawton warf noch einen wilden finstern Blick nach der Stelle, wo sich der Schinder versteckt hatte, und einen andern voll Trauer nach Isabellens Grabe, und ritt dann, von dem Wundarzt begleitet, in trübe Gedanken versunken, vor dem Zuge her. Sergeant Hollister und Betty bildeten den Nachtrab, und überließen es dem frischen Südwinde, durch die offenen Thüren und die zerbrochenen Fenster des Hotels Flanagan zu pfeifen, wo kurz vorher noch das Lachen des Frohsinns und die Scherze der kühnen Soldaten wiedergehallt hatten. Fünfundzwanzigstes Kapitel. Am starren Felsen sproßt kein Frühlingsstraus; Der Mai erstirbt im winterlichen Graus. Kein Zephyr fächelt hier der Berge Zelt, Wo nur das Meteor der Stürme Düster hellt. Goldsmith.   Die Wege von West-Chester sind sogar heutigen Tages noch hinter den Fortschritten der übrigen Landescultur zurück, und wir haben bereits weiter oben bemerkt, wie sie zu der Zeit unserer Erzählung beschaffen waren. Der Leser kann sich daher leicht vorstellen, daß es keine kleine Aufgabe für Cäsarn war, die ci-devant Prälatenequipage über die holperigen Thalpfade nach den selten befahrenen Pässen des am Hudson gelegenen Hochlandes zu kutschiren. Während Cäsar und seine Pferde sich unter diesen Beschwerlichkeiten abmüheten, waren die in der Kutsche befindlichen Personen zu sehr mit ihren eigenen Sorgen beschäftigt, um auf diejenigen zu achten, welche zu ihrem Dienste verpflichtet waren. Die wilden Phantasien Sara's hatten nachgelassen, aber bei jedem Schritt, welcher die Kranke der Vernunft näher brachte, schienen sich die Kräfte des Lebens weiter zurückzuziehen – der Zustand der Aufregung und Unstetigkeit war allmählich in den des Tiefsinns und der Schwermuth übergegangen. Hin und wieder tauchten Momente auf, in welchen die bekümmerten Verwandten Merkmale der wiederkehrenden Vernunft zu erkennen glaubten, aber der unaussprechliche Schmerzensausdruck, welcher solche vorübergehende Lichtblicke begleitete, drang ihnen dann wieder den trostlosen Wunsch auf, es möchte ihr für immer das Erwachen zu einem vernichtenden Bewußtseyn erspart bleiben. Die Reisenden brachten den Tag ziemlich schweigsam hin und fanden für die Nacht in einigen Bauernhäusern ein Unterkommen. Am andern Morgen trennte sich der Zug. Die Verwundeten schlügen den Weg nach dem Strome ein, um sich bei Peekskill überschiffen und nach den Spitälern der im Hochland befindlichen Armee transportiren zu lassen; Singleton wurde in seiner Sänfte nach dem Quartiere seines Vaters gebracht, um daselbst seine Genesung abzuwarten; und Herrn Wharton's Kutsche, von einem Wagen begleitet, auf welchem sich die Haushälterin nebst dem geretteten, leicht transportabeln Mobiliar befand, fuhr nach dem Orte, wo Heinrich Wharton gefangen saß und der Ankunft der Seinigen entgegensah, um vor das Kriegsgericht gestellt werden zu können. Die Gegend zwischen dem Hudson und dem Long-Island-Sund besteht in den ersten vierzig Meilen, von dem Zusammentreten dieser Gewässer an gerechnet, aus einer fortlaufenden Reihe von Hügeln und Thälern. Dann wird das den Sund begränzende Land weniger abgerissen und gewinnt allmählich einen milderen Charakter, bis es endlich in die lieblichen Ebenen und Wiesengründe von Connecticut übergeht. Je mehr man sich aber dem Hudson nähert, desto rauher wird der Anblick, bis man endlich aus das furchtbare Bollwerk der Hochlande trifft. Hier nun hörte der neutrale Grund auf. Die königliche Armee hielt die zwei Punkte des Landes besetzt, welche den südlichen Eingang des Stromes in's Gebirge beherrschten, während alle übrigen Pässe in den Händen der Amerikaner waren. Wir haben bereits mitgetheilt, daß die Vorposten der Amerikaner bisweilen weit vorgeschoben waren, und daß das Dörfchen auf den Weißen Ebenen hin und wieder von ihren Truppenabtheilungen besetzt wurde. Ein andermal wurden diese Posten bis an die Nordgränze der Grafschaft zurückgezogen, wodurch, wie bereits gezeigt wurde, das dazwischenliegende Land den Raubzügen der Elenden preisgegeben blieb, welche zwischen beiden Armeen plünderten und keiner dienten. Unsere Gesellschaft hatte nicht die Landstraße zwischen den zwei Hauptstädten des Staates, sondern einen entlegenen, wenig befahrenen Engpaß eingeschlagen, der selbst heutiges Tages nicht besonders bekannt ist und unfern der östlichen Gränze, mehrere Meilen seitwärts vom Hudson, gegen die Hochebenen ansteigt. Da es Herrn Wharton's ermüdeten Pferden unmöglich gewesen wäre, die schwere Kutsche die langen und steilen Strecken, welche jetzt vor ihnen lagen, hinanzuschleppen, so requirirten die zwei Dragoner, welche noch immer die Partie begleiteten, ein Paar ackernde Bauernpferde als Vorspann, ohne sich viel an die Einreden ihrer Besitzer zu kehren. Unter diesem Beistande gelang es Cäsarn, allmählich weiter zu kommen, bis sie sich mitten in den Bergen befanden. Als es aber gäher bergan zu gehen anfing, stieg Franciska aus, um das Gewicht der Kutsche zu erleichtern und gelegentlich durch den Genuß der frischen Luft ihre melancholische Stimmung ein wenig zu verscheuchen. Katy folgte ihrem Beispiel und gab ihre Absicht zu erkennen, den Gipfel des Berges gleichfalls zu Fuß zu ersteigen. Die Sonne neigte sich zum Untergang, und nach der Aussage der Dragoner konnte man auf der Höhe das Ziel ihrer Fahrt erblicken. Franciska eilte mit dem elastischen Tritte der Jugend vorwärts, indeß die Haushälterin in einiger Entfernung folgte, und bald hatte sie die träge Kutsche aus dem Gesicht verloren, die sich langsam bergan arbeitete, und von Zeit zu Zeit anhielt, um die Pferde ausschnauben zu lassen. »Oh, Miß Fanny, was sind das für schreckliche Zeiten!« sagte Katy, als sie einen Augenblick anhielten, um Athem zu schöpfen; »aber ich wußte wohl, daß Unheil um den Weg sey, seit sich der Blutstreifen in den Wolken sehen ließ.« »Es ist auf der Erde Blut geflossen, Katy, aber in den Wolken habe ich noch wenig gesehen.« »Wie? kein Blut in den Wolken?« erwiederte die Haushälterin. »O, das ist nichts Seltenes, wie auch die Kometen mit ihren feurigen, rauchenden Schwänzen. Hat man nicht ein Jahr vor dem Beginne des Kriegs bewaffnete Männer am Himmel gesehen? Und die Nacht vor der Schlacht auf den Ebenen – hat es da nicht gedonnert, gerade als ob es mit Kanonen drauf und dran ginge? – Ach, Miß Fanny, ich fürchte, es kann nichts Gutes herauskommen bei einer Empörung gegen den Gesalbten des Herrn!« »Diese Ereignisse sind in der That schrecklich,« versetzte Franciska, »und können wohl das muthigste Herz niederschlagen. Aber was läßt sich machen, Katy? – Muthige, unabhängige Männer unterwerfen sich nicht gerne der Unterdrückung, und ich fürchte, solche Auftritte sind im Kriege nur zu gewöhnlich.« »Wenn ich nur wüßte, warum sie eigentlich fechten,« sagte Katy, und nahm ihren Schritt wieder auf, als sie die junge Dame weiter gehen sah; »ich wollte mir dann nicht so viel daraus machen. Das einemal heißt's, der König wolle allen Thee für sein eigenes Haus haben; dann wieder, er verlange, daß die Colonien alle ihre Ersparnisse an seine Kasse abliefern sollen. Nun, das wäre allenfalls ein Grund, für den man sich wehren dürfte, – denn gewiß hat Niemand, sey er nun ein König oder sonst ein großer Herr, ein Recht an den sauern Erwerb eines Andern. Dann hieß es aber wieder, es sey kein wahres Wörtchen an all diesem, und einige wollen sogar behaupten, Washington habe die Absicht, selber König zu werden. Wer kann wohl aus diesem verschiedenen Gerede klug werden?« »Eines ist so unwahr als das andere. Ich maße mir nicht an, die Bedeutung dieses Krieges ganz zu verstehen, Katy; aber es scheint mir unnatürlich, daß ein Land, wie dieses, von einem andern beherrscht werden soll, das so weit von ihm entfernt liegt, wie England.« »Das Nämliche habe ich auch Harvey zu seinem Vater sagen hören, der jetzt todt und begraben ist,« entgegnete Katy mit gedämpfter Stimme, indem sie sich mehr in die Nähe der jungen Dame machte. »Ich habe ihnen oft zugehört, wenn sie zu einer Zeit, wo alles in der ganzen Nachbarschaft im Schlafe lag, mit einander Gespräche hielten, – und zwar Gespräche, Miß Fanny, von denen Sie sich gar keine Idee machen können. Ja, um die Wahrheit zu sagen, Harvey Birch war ein gar mystificirter Mensch, und wie der Wind in der Bibel, von dem Niemand weiß, woher er kömmt und wohin er fährt.« Franciska blickte mit augenscheinlichem Verlangen, noch mehr zu hören, auf ihre Begleiterin. »Es sind allerlei Gerüchte über Harvey's Charakter im Umlauf,« sagte sie, »so daß es mir Sorge um ihn machen würde, wenn sie wahr wären.« »Pure Verläumdung, jedes Wort davon,« rief Katy heftig; »Harvey hat nicht mehr Verkehr mit Beelzebub, als Sie oder ich. Ich wette, wenn Harvey sich dem Teufel verkauft hätte, so würde er sich besser haben bezahlen lassen, obgleich er, aufrichtig gesprochen, immer ein verschwenderischer und rücksichtsloser Mensch war.« »Nein, nein,« erwiederte Franciska lächelnd, »ich habe ihn in keinem so gar schlimmen Verdacht. Aber hat er sich nicht an einen irdischen Fürsten verkauft, der zu sehr für das Interesse der Insel, aus welcher er geboren wurde, besorgt ist, um immer gerecht gegen dieses Land seyn zu können?« »Sie meinen des Königs Majestät?« versetzte Katy. »Ei, Ihr Bruder, der gegenwärtig gefangen sitzt, steht ja auch in König Georgs Diensten.« »Ihr habt Recht,« sagte Franciska; »aber er dient ihm nicht im Geheim, sondern öffentlich, männlich und tapfer.« »Es heißt, er sey ein Spion, und warum sollte da nicht einer so schlecht seyn als der andere?« »Das ist nicht wahr. Mein Bruder ist keiner betrüglichen Handlung fähig, und würde sich weder um schnöden Gewinnes, noch um hoher Stellen willen einer solchen schuldig machen.« »Nun, ich dächte doch,« sagte Katy, ein wenig durch die Heftigkeit in dem Benehmen der jungen Dame eingeschüchtert, »daß man sich für seine Arbeit bezahlen lassen dürfe. Harvey ist keineswegs sehr daraus versessen, das auch einzubringen, was er mit Recht anzusprechen hat, und ich darf wohl sagen, daß, wenn man die Sache genauer besehen wollte, König Georg ihm im gegenwärtigen Augenblicke noch Geld schuldig ist.« »Dann gebt Ihr also seine Verbindung mit der brittischen Armee zu?« sagte Franciska. »Ich gestehe, daß ich bisweilen gerade das Gegentheil von ihm vermuthete.« »Du lieber Himmel, Miß Fanny, Harvey ist ein Mann, aus dem man nicht klug werden kann. Ich habe doch eine lange Reihe von Jahren in seinem Hause gewohnt, ohne daß ich mit Gewißheit hätte herausbringen können, ob er zu denen oben, oder zu denen unten gehört. Die Amerikanisch-Gesinnten wurden die nach oben gehörende, und die Royalisten die nach unten gehörende Partei genannt. Diese Bezeichnung bezieht sich auf den Lauf des Hudson. Als Borg'yne gefangen wurde, kam er heim und da war viel Hanthierens zwischen ihm und dem alten Herrn; aber ich könnte um's Leben nicht sagen, ob sie sich darüber freuten oder betrübten. Dann, hier, den andern Tag, als der große englische General – du mein Gott, die Verluste und Schrecknisse haben mir den Kopf so verwirrt, daß ich mich nicht auf den Namen besinnen kann –« »André?« sagte Franciska. »Ja, Andrees; – als dieser gehenkt wurde, trieb sich der alte Herr fast wie ein Narr umher und schlief Tag und Nacht nicht, bis Harvey zurückkam. Er brachte damals fast nichts als blanke goldene Guineen heim, aber die Schinder haben ihm alle wieder abgejagt, und jetzt ist er ein Bettler, oder was dasselbe ist, ein verächtlicher, hungerleidiger Kerl.« Franciska erwiederte nichts auf diese Worte, sondern fuhr fort, bergan zu steigen und verlor sich dabei in tiefes Nachsinnen. Die Erinnerung an André hatte ihre Gedanken auf die Lage ihres Bruders zurückgeführt. Als sie den höchsten Punkt ihrer beschwerlichen Wanderung erreicht hatten, setzte sich Franciska auf einen Stein, um auszuruhen und sich in der Gegend umzusehen. Unmittelbar vor ihren Füßen lag im Schatten eines herbstlichen Sonnenuntergangs ein tiefer, durch Kultur nur wenig veränderter Thaleinschnitt, während sich ihrem Sitze gegenüber in geringer Entfernung ein anderer Berg erhob, an dessen Seiten nichts als unförmliche zackige Felsen und Eichen, deren verkrüppelter Wuchs die Dürre des Bodens bekundete, sichtbar waren. Um den Charakter der Hochlande richtig würdigen zu können, muß man sie besuchen, wenn das Laub der Bäume gefallen ist, denn sie zeigen erst dann ihre schönsten Formen, wenn weder das kärgliche Blätterwerk des Sommers noch der Schnee des Winters die Einzelnheiten der Scene verdeckt. Das Gemälde trägt das Gepräge einer ergreifenden Einsamkeit und beengt den Geist weniger, als im März, wo eine sich verjüngende Vegetation die Blicke fesselt, ohne die Aussicht zu erweitern. Der Tag war wolkig und kalt gewesen, und den Horizont umhingen leichte Flöckchen, welche sich bald zerstreuen zu wollen schienen, bald wieder Franciska's Hoffnung, sich der scheidenden Sonnenstrahlen erfreuen zu können, zu nichte machten. Endlich traf ein einzelner Lichtblick ben Fuß des Berges, auf welchem das Auge des Mädchens ruhte, und bewegte sich allmählich an der Seite aufwärts, bis er den Gipfel erreichte und, hier eine Minute verweilend, eine Strahlenkrone über der dunkeln Masse des Kegels bildete. Der Wiederglanz war so lebhaft, daß er, was vorher undenklich gewesen, dem Auge nun unverschleiert darlegte. Franciska blickte mit ehrfurchtsvollen Gefühlen nach der öden Stelle, in deren Geheimnisse sie gleichsam so unerwartet eingeweiht worden war, und bemerkte auf einmal unter den zerstreuten Bäumen und fantastischen Felsen die Umrisse eines rohen Gebäudes. Es war nur niedrig und die Farbe des Gemäuers so dunkel, daß es ohne das Dach und das Glänzen eines Fensters ihrer Aufmerksamkeit entgangen wäre. Ihre Verwunderung, an einer solchen Stelle eine menschliche Wohnung anzutreffen, wurde noch durch einen weiteren Gegenstand, welcher sich ihrem spähenden Auge darbot, vermehrt. Es war dem Anscheine nach eine menschliche Gestalt, jedoch von sonderbarem Bau und von ungewöhnlichen Formen. Sie stand an einer Felsenecke, etwas höher als die Hütte, und es kam unserer Heldin vor, als blicke sie nach den Fuhrwerken, welche seitwärts an dem Berge herauf kamen. Die Entfernung war jedoch zu groß, um alles dieses mit Genauigkeit zu unterscheiden. Nachdem Franciska eine Weile in athemlosem Staunen hingesehen hatte, wollte sie sich bereden, daß das Ganze nur ein Spiel der Phantasie sey, welche einen leblosen Felsen beseele, als plötzlich der Gegenstand ihrer Beobachtung sich von der Stelle bewegte und in die Hütte glitt, wodurch jeder weitere Zweifel über die Natur dieser beiden Erscheinungen gehoben war. Mochte nun die vorhin mit Katy gehaltene Unterredung, oder irgend eine andere Ideenverknüpfung auf Franciska einen Einfluß üben – genug, es däuchte ihr, als ob die eben ihren Blicken entschwundene Gestalt dem Harvey Birch, wie er sich unter der Last seines Packes hinbewegte, auffallend ähnlich sehe. Sie fuhr fort, diesen geheimnißvollen Aufenthalt zu betrachten, bis der letzte Lichtstrahl sich verlor, und in demselben Augenblicke ließen sich die Töne eines Horns vernehmen, welche durch die Thäler und Schluchten erklangen und von allen Seiten wiederhallten. Das Mädchen sprang erschrocken auf und vernahm bald nachher den Huftritt von Rossen, der immer näher kam, bis sie endlich eines Dragoner-Trupps in der wohlbekannten virginischen Uniform ansichtig wurde, der um einen nahen Felsen herum schwenkte und sich in kurzer Entfernung von ihr aufstellte. Auf's Neue ließ das Horn eine liebliche Weise erschallen und ehe das bewegte Mädchen Zeit hatte, ihre Gedanken zu sammeln, trennte sich Dunwoodie von den Dragonern, sprang vom Pferde und eilte an die Seite seiner Geliebten. Sein Benehmen war ernst und teilnehmend, aber etwas zurückhaltend. Er theilte ihr in wenigen Worten mit, daß er Befehl erhalten habe, statt des abwesenden Lawton mit einem Theil von des Capitäns Mannschaft das Kriegsgericht über Heinrich, welches auf den morgenden Tag angesetzt wäre, zu schützen, und wie er aus Besorgniß, die Reisenden möchten in den rauhen Gebirgspässen Schaden nehmen, ihnen eine oder zwei Meilen entgegengeritten sey. Franciska erklärte ihm mit zitternder Stimme den Grund, warum sie vorausgegangen und sagte ihm, daß ihr Vater im Augenblicke nachkommen werde. Das Gezwungene in seiner Miene hatte sich jedoch unwillkührlich auch ihrem eigenen Benehmen mitgetheilt und die Ankunft der Kutsche diente Beiden zur Erleichterung. Der Major half ihr einsteigen, sagte Herrn Wharton und Miß Peyton einige Worte der Ermuthigung, saß dann wieder auf und sprengte nach der Ebene von Fishkill voran, wobei er, um die Felsen einbiegend, wie durch Zauberei dem Gesichtskreise derer im Wagen entrückt wurde. Eine kurze halbe Stunde brachte sie zur Thüre eines Meierhauses, welches Dunwoodie's Sorgfalt bereits zu ihrer Aufnahme in den Stand gesetzt hatte, und wo Capitän Wharton ängstlich die Ankunft der Seinigen erwartete. Sechsundzwanzigstes Kapitel. Gestählt von Kriegesmüh' sind diese Glieder, Und nimmer hat die Wange Furcht gebleicht; Doch deine Schreckensmähr' entnervt mein Inn'res, Schlägt mir auf einmal alle Mannheit nieder. Glut ringt in mir mit kaltem Fieberschauer, Und Thränen kind'scher Sorgen feuchten mir Die Furchen, alter Wunden harsche Male. Duo.   Heinrich Wharton's Freunde hatten sich so sehr auf seine Unschuld verlassen, daß sie unfähig waren, die ganze Gefahr seiner Lage einzusehen. Als jedoch der Augenblick der Gerichtssitzung herannahete, nahmen selbst die Besorgnisse des jungen Mannes zu, und nachdem er den größten Theil der Nacht mit seiner bekümmerten Familie zugebracht hatte, erwachte er am folgenden Morgen aus einem kurzen und unruhigen Schlummer zu einem deutlicheren Bewußtseyn seiner Lage und zum Ueberblick der Mittel, welche ihm zu Gebote stehen mochten, um sein Leben zu retten. Die Hinrichtung Andre's hatte wegen seines Ranges, der Wichtigkeit der von ihm angesponnenen Ränke und der kräftigen Verwendung, welche zu seinen Gunsten eingelegt wurde, ein größeres Aufsehen erregt, als bei ähnlichen Ereignissen des Krieges gewöhnlich seyn mochte. Es war jedoch Dunwoodie und dem Gefangenen nicht unbekannt, daß häufig Spione aufgegriffen wurden, gegen welche in unzähligen Fällen ein summarisches Verfahren und schneller Vollzug der Strafe eingeleitet wurde, weßhalb beide, solchen Vorgängen zu Folge, wenig Tröstliches in den Vorbereitungen zum Kriegsgerichte fanden. Demungeachtet aber gelang es ihnen, den ganzen Umfang ihrer Besorgnisse vor Miß Pepton und Franciska zu verbergen. In dem Außengebäude, des Maierhauses, in welchem sich der Gefangene befand, lag ein starker Posten und mehrere Schildwachen bewachten die Zugänge zu der Wohnung. Eine weitere Wache stand vor dem Zimmer des britischen Officiers. Auch war bereits der Gerichtshof zusammengetreten, welcher die Umstände zu untersuchen hatte und aus dessen Entscheidung Heinrich's Schicksal beruhte. Endlich kam der entscheidende Augenblick. Die bei der Untersuchung betheiligten Personen waren versammelt. Franciska überwältigte ein erstickendes Gefühl, als sie ihren Sitz in der Mitte der Familie einnahm und ihre Augen über die Gruppe der Anwesenden gleiten ließ. Die Richter, drei an der Zahl, saßen in ihre Uniformen gekleidet, neben einander und beobachteten einen Ernst, wie er der gegenwärtigen Gelegenheit und ihres Ranges würdig war. Der mittlere war ein in den Jahren schon vorgerückter Mann, dessen ganzes Aeußere bas Gepräge eines frühe begonnenen und thatenreichen kriegerischen Lebens kund gab. Er war der Präsident des, Gerichts und Franciska heftete nach einer schnellen und unbefriedigten Musterung seiner Kollegen ihre Blicke auf seine wohlwollenden Züge, welche ihr als die Vorboten der Begnadigung ihres Bruders erschienen. In dem Gesichte des Veteranen lag ein einnehmender, leidenschaftsloser Ausdruck, welcher das Mädchen, im Gegensatz zu der strengen Würde und Ruhe der Andern, auf's lebhafteste ansprach. Seine Haare waren soldatisch in die Höhe gestrichen und seine Kleidung stand ganz im Einklang mit den Regeln des Dienstes, welchen er zu üben hatte; aber seine Finger spielten mit einer Art krampfhafter und unwillkührlicher Bewegung mit dem Portepee seines Säbels, welcher ihm theilweise als Lehne diente und der, wie der Mann selber, ein Ueberbleibsel aus älteren Zeiten zu seyn schien. Die Bewegung seines Innern war nicht zu verkennen, obgleich der militärische Anstand, welchen er an den Tag legte, dem Ausdrucke des Mitleids in seinen Zügen eine ehrfurchtgebietende Würde beimischte. Die beiden andern Richter waren Officiere aus den östlichen Truppen, welche die Festungen der westlichen Spitze und die anliegenden Gebirgspässe besetzt hielten. Es waren Männer im Mittage des Lebens, bei welchen das Auge vergeblich den Ausdruck irgend einer Leidenschaft oder Gemütsbewegung suchte, die man als Merkmale menschlicher Schwäche hätte betrachten können. Ihr Aeußeres trug den Stempel einer zwar milden, aber ernsten und umsichtigen Zurückhaltung, fern von aller zurückschreckenden Härte, obgleich es nicht geeignet war, Hoffnungen und Mitgefühle zu ermuthigen. Kurz, es waren Männer, in welchen sich nur der kalte berechnende Verstand aussprach, dessen Urtheil sie alle ihre Gefühle zu unterwerfen gelernt hatten. Vor diese Schiedsrichter seines Schicksals wurde Heinrich unter Bedeckung bewaffneter Soldaten geführt. Eine tiefe, ehrfurchtsvolle Stille folgte seinem Eintritte, und Franciska's Blut erstarrte, als sie den ernsten Charakter des ganzen Verfahrens bemerkte. In den Vorbereitungen war nur wenig Gepränge, welches auf ihre Phantasie Eindruck machen konnte, aber das Zurückhaltende und Methodische der ganzen Scene zeigte in der That an, daß der Zweck derselben ein Spruch über Leben und Tod sey. Zwei von den Richtern saßen in ruhigem Ernste da und hefteten forschende Blicke auf den Gegenstand ihrer Untersuchung, indeß ein krampfhaftes Muskelspiel in den Gesichtszügen des Präsidenten eine Unruhe zu erkennen gab, welche wenig für seine Jahre und das gegenwärtige Geschäft zu passen schien. Es war Obrist Singleton, der erst Tags zuvor Isabellen's Schicksal erfahren hatte, demungeachtet aber jetzt im Begriffe stand, ein Amt zu vollziehen, dessen Ausübung das Vaterland von ihm forderte. Das Schweigen und die Erwartung in Aller Augen rief ihm endlich den Zweck der gegenwärtigen Verhandlung in's Gedächtniß, und er begann in dem Tone eines Mannes, der zu befehlen gewöhnt ist: »Bringt den Gefangenen hervor!« Die Schildwachen senkten die Spitzen ihrer Bajonete gegen die Richter, und Heinrich Wharton trat mit festen Tritten in die Mitte des Zimmers. Alles stand jetzt in ängstlicher Erwartung. Franciska wandte sich einen Augenblick in dankbarer Bewegung ab, als ihr das tiefe und beklommene Athmen Dunwoodie's an's Ohr schlug, dann aber sammelten sich alle ihre Gefühle in dem einen – der zärtlichsten Bekümmerniß um ihren Bruder. Im Hintergrunde standen die Glieder der Familie, welcher das Haus, wo Gericht gehalten wurde, angehörte, und hinter diesen befand sich eine Reihe wie Ebenholz glänzender Gesichter, die von vergnügter Verwunderung strahlten. Unter den letzteren konnte man auch die verwitterten Züge Cäsar Thompsons erkennen. »Ihrer Angabe nach,« fuhr der Präsident fort, »sind Sie Heinrich Wharton, Capitän im sechzigsten Infanterie-Regiment Seiner Majestät des Königs von England?« »Ja.« »Ihre Offenheit gefällt mir, Sir; sie ist ein Beweis von dem Ehrgefühle eines Soldaten und wird nicht verfehlen, auf Ihre Richter einen günstigen Eindruck zu machen.« »Es dürfte am Orte seyn,« sagte einer der Beisitzer, »dem Gefangenen kund zu thun, daß er nicht verbunden ist, mehr zu antworten, als ihm nöthig dünkt. Obgleich wir hier zu einem Kriegsgericht versammelt sind, so folgen wir doch in diesem Betracht den Grundsätzen aller freien Regierungen.« Ein beifälliges Nicken von Seiten des schweigenden Mitglieds bekräftigte diese Bemerkung, und der Präsident ging umsichtig in der Untersuchung weiter, wobei er die schriftlichen Angaben, welche er bei Händen hatte, zu Rathe zog. »Es liegt gegen Sie die Klage vor, daß Sie, ein feindlicher Officier, am 29. Oktober in einer Verkleidung die Vorposten der Amerikanischen Armee in den Weißen Ebenen passirt hätten, wodurch sie sich feindseliger Absichten gegen das Interesse Amerika's verdächtig gemacht und der Strafe eines Spions ausgesetzt haben.« Der Sprecher hatte das Wesentliche der Anklage in sanftem, aber festem und würdevollem Tone vorgetragen. Die Beschuldigung war so einfach, der Thatbestand so bestimmt, der Beweis so augenfällig und die Strafe lag so sehr in der Natur der Sache, daß eine Rettung unmöglich, schien. Heinrich aber erwiederte mit ernstem Anstand: »Es ist allerdings wahr, daß ich in einer Verkleidung an Euren Vorposten vorbei kam? aber –« »Halt!« fiel der Präsident ein; »die Gesetze des Krieges sind schon an sich streng genug; Sie haben nicht nöthig, denselben zu Ihrer Verurtheilung noch Vorschub zu leisten.« »Der Gefangene kann seine Erklärung zurücknehmen, wenn er will,« bemerkte ein anderer Richter. »Nur wenn er an seinem Bekenntnisse festhält, kann es als voller Beweis seiner Schuld gelten.« »Ich nehme nichts zurück, was wahr ist,« versetzte Heinrich mit Stolz. Die zwei ungenannten Richter hörten ihm mit ruhigem Schweigen zu und keine Spur von Freude mischte sich in den Ernst ihrer Züge. Der Präsident schien jedoch neuen Antheil an dem Auftritte zu nehmen. »Ihre Gesinnung ist edel, Sir,« sagte er; »ich beklage nur, daß ein so junger Krieger sich durch die Anhänglichkeit an seinen König so weit irre leiten ließ, um zu Zwecken des Betrugs die Hand zu bieten.« »Des Betrugs?« wiederholte Wharton; »ich hielt es für angemessen, mich auf diese Weise vorzusehen, um nicht in die Hände der Feinde zu fallen.« »Ein Soldat, Capitän Wharton, soll dem Feind nie anders, als, offen und mit den Waffen in der Hand begegnen. Ich habe, zwei Königen von England gedient, wie ich jetzt meinem Vaterlande diene, aber nie näherte ich mich dem Feinde anders, als in dem Lichte der Sonne und mit der offenen Ankündigung, daß ein Feind da sey.« »Sie haben die Freiheit, Ihre Gründe anzugeben, warum Sie das von unserer Armee besetzte Gebiet in Verkleidung betraten,« sagte der andere Richter mit einem leichten Zucken der Lippen. »Ich bin der Sohn des alten Mannes, der hier vor Ihnen steht,« fuhr Heinrich fort. »Ihn zu besuchen, habe ich mich in Gefahr begeben. Außerdem stehen Eure Truppen selten so weit unten, und der Name, welchen dieses Terrain trägt, spricht schon das Recht für beide Parteien aus, sich nach Belieben auf demselben zu bewegen.« »Die Benennung ›neutraler Bodens‹ ist durch kein Gesetz anerkannt und hat ihren Grund in der Lage des Landes. Aber eine Armee bringt ihre Rechte mit, wo sie immer hin kömmt, und das erste ist das des eigenen Schutzes.« »Ich bin kein Rechtsgelehrter, Sir;« erwiederte der Jüngling, »aber ich fühle, daß mein Vater Ansprüche an meine Liebe hat, und ich würde mich noch größeren Gefahren unterziehen, sie ihm in seinen alten Tagen zu beweisen.« »Eine sehr achtbare Gesinnung,« rief der Veteran. »Meine Herren, die Sache gewinnt ein besseres Licht. Ich gestehe, sie sah im Anfang schlimm aus; aber Niemand kann ihn tadeln, wenn er seinen Vater zu sehen wünschte.« »Können Sie beweisen, daß dieß Ihre einzige Absicht war?« »Ja – hier,« sagte Heinrich, dem nun ein Strahl der Hoffnung auftauchte – »hier ist der Beweis – mein Vater, meine Schwester, Major Dunwoodie – Alle wissen es.« »Dann in der That,« versetzte sein unbeweglicher Richter, »sind wir vielleicht im Stande, Sie zu retten. Es möchte wohl gut seyn, Sir, in dem Verhöre fortzufahren.« »Gewiß,« sagte der Präsident mit Lebhaftigkeit. »Der ältere Herr Wharton mag vortreten und sich den Eid abnehmen lassen.« Der Vater nahm sich mit Gewalt zusammen, wankte vorwärts und that den nöthigen Formalitäten des Gerichts Genüge. »Sie sind der Vater des Gefangenen?« fragte Obrist Singleton mit gedämpfter Stimme, nachdem er aus Rücksicht für die Aufregung des Zeugen eine Weile inne gehalten hatte. »Er ist mein einziger Sohn.« »Und was wissen Sie von seinem Besuche in Ihrer Wohnung am verwichenen 29. Oktober?« »Er kam, wie er Ihnen bereits sagte, um mich und seine Schwestern wieder zu sehen.« »Geschah, das in einer Verkleidung?« fragte der andere Richter. »Er trug nicht die Uniform seines Regiments.« »Er wollte auch seine Schwestern sehen?« sagte der Präsident in großer Bewegung: »haben Sie Töchter, Sir?« »Ich habe zwei – beide sind in diesem Hause.« »Trug er eine Perücke?« fiel der Officier ein. »Er hatte, glaube ich, etwas der Art auf dem Kopfe.« »Und wie lange ist er von Ihnen getrennt gewesen?« fragte der Präsident. »Ein Jahr und zwei Monate.« »Trug er einen weiten großen Ueberrock von grobem Zeug?« fragte der Officier, indem er in das Papier blickte, welches die Anklagepunkte enthielt. »Er hatte einen Ueberrock an.« »Und Sie glauben, daß er aus keinem andern Grunde herauskam, als um Sie zu besuchen?« »Mich und meine Töchter.« »Ein muthiger Junge,« flüsterte der Präsident seinem schweigenden Collegen zu. »Ich sehe nichts besonders Arges in diesem Einfall; er ist zwar unbesonnen, zeugt aber von einem liebevollen Herzen.« »Wissen Sie gewiß, daß Ihr Sohn nicht mit irgend einem Auftrag von Sir Henry Clinton kam, und daß dieser Besuch nicht zum Deckmantel anderer Pläne diente?« »Wie kann ich das wissen?« entgegnete Herr Wharton unruhig. »Würde Sir Henry mich in einem solchen Geschäft zum Vertrauten machen?« »Wissen Sie etwas von diesem Passe?« er zeigte dabei auf das Papier, welches Dunwoodie bei Heinrich Wharton's Verhaftung zu sich genommen hatte. »Nichts – auf Ehre nichts!« rief der Vater, indem er vor der Schrift, als wäre sie verpestet, zurückfuhr. »Bei Ihrem Eide?« »Nichts.« »Haben Sie noch andere Zeugen? Die gegenwärtige Aussage spricht nicht zu Ihren Gunsten, Capitän Wharton. Sie sind unter Umständen aufgegriffen worden, durch welche Ihr Leben verwirkt ist. Der etwaige Beweis Ihrer Unschuld lastet auf Ihnen. Nehmen Sie sich Zeit zum Nachdenken und lassen Sie sich nicht aus der Fassung bringen.« Es lag eine fürchterliche Ruhe in dem Benehmen dieses Richters, welche den Gefangenen erbleichen machte. In dem Mitgefühle des Obristen Singleton konnte er die Gefahr leicht aus den Augen verlieren, aber die unzugängliche, gefaßte Weise der beiden Andern enthielt eine schlimme Vorbedeutung für sein Schicksal. Er schwieg und warf einen bittenden Blick auf seinen Freund. Dunwoodie verstand die Aufforderung und bot sich selbst als Zeugen an. Nachdem er beeidigt war, beeilte er sich, mitzutheilen, was er wußte. Seine Aussage änderte in dem Stand der Dinge nichts Wesentliches, und Dunwoodie fühlte auch, daß dieses nicht seyn konnte, da ihm selbst nur wenig bekannt war, und dieses Wenige eher dazu beitrug, Heinrich's Lage noch mehr zu gefährden, als sie zu verbessern. Seine Erzählung wurde ruhig angehört, und ein bedeutsames Kopfschütteln von Seite des schweigenden Mitglieds des Gerichts bekundete nur zu deutlich den Erfolg, welchen sie hervorgebracht hatte. »Sie glauben also, daß der Gefangene keine andere, als die von ihm angegebene Absicht mit seinem Besuche verband?« sagte der Präsident, als er geendet hatte. »Keine andere, ich bürge mit meinem Leben dafür,« rief der Major mit Feuer. »Wollen Sie das beschwören?« fragte der unbewegliche Richter. »Wie kann ich das? Gott allein prüft die Herzen; aber ich kenne diesen Herrn von Kindheit auf, und Betrug war stets seinem Charakter fremd. Er ist darüber erhaben.« »Sie sagen, daß er entkam und mit den Waffen in der Hand wieder gefangen wurde?« sagte der Präsident. »Es ist so; auch wurde er im Kampfe verwundet. Sie bemerken, daß er im gegenwärtigen Augenblick noch seinen Arm nicht recht gebrauchen kann. Würde er sich wohl in einen Kampf eingelassen haben, Sir, in welchem er wieder in unsere Hände fallen konnte, wenn er nicht ein reines Gewissen gehabt hätte?« »Würde André wohl von einem Schlachtfeld gewichen seyn. Major Dunwoodie, wenn ihm etwas Aehnliches bei Tarry-Town begegnet wäre?« fragte der umsichtige Inquirent. »Liegt der Durst nach Ruhm nicht im Wesen der Jugend?« »Nennen Sie das einen Ruhm?« rief der Major; – »ein schmählicher Tod und ein gebrandmarkter Name?« »Major Dunwoodie,« entgegnete der Andere mit seinem eisernen Ernste, »Sie haben edel gehandelt. Ihre Pflicht war schwer und streng; Sie haben sich derselben treu und ehrenvoll entledigt. Wir dürfen jedoch nicht weniger thun.« Während der Untersuchung herrschte unter allen Anwesenden die lebhafteste Theilnahme. Die meisten der Zuhörer, deren Gefühl Grundsätze von dem Thatbestand nicht zu unterscheiden wußte, waren der Meinung, daß Alles vergebens sey, wenn Dunwoodie nicht die Herzen der Richter zu bewegen vermöge. Cäsar drängte seine unförmliche Gestalt vorwärts, und seine Züge, die so verschieden von dem leeren neugierigen Ausdrucke der übrigen Schwarzen waren und den tiefen Kummer seiner Seele zu erkennen gaben, zogen die Aufmerksamkeit des stummen Richters auf sich. Das erstemal öffnete er den Mund zur Rede und sprach: »Laßt den Schwarzen vortreten.« Es war zu spät zum Rückzüge, und Cäsar fand sich einer Reihe von Rebellen-Officieren gegenüber, ehe er wußte, was in seinen Gedanken die Oberhand hatte. Die Andern überließen das Verhör dem, welcher die Aufforderung erlassen hatte, und der nun nach vorgängiger Ueberlegung fortfuhr: »Du kennst den Gefangenen?« »Ich wohl müssen,« erwiederte der Schwarze mit derselben Kürze. »Gab er Dir die Perücke, als er sie bei Seite legte?« »Ich sie nicht brauchen,« brummten Cäsar; »ich selbst noch haben sehr gutes Haar.« »Hat man Dir Briefe oder Botschaften zu besorgen übergeben, so lange Capitän Wharton sich in dem Hause Deines Gebieters befand?« »Ich thun, was man mich heißen,« entgegnete der Schwarze. »Aber was hat man Dich geheißen, zu thun?« »Einmal das, ein andermal was Anderes.« »Genug,« sagte Obrist Singleton mit Würde. »Wir haben das freie Zugeständniß eines Mannes von Ehre, was wollen wir weiter von diesem Sclaven? Capitän Wharton, Sie sehen ein, daß die Sachen unglücklich für Sie stehen. Haben Sie noch ein weiteres Zeugniß anzuführen?« Heinrich blieb nur noch wenig Hoffnung. Sein Vertrauen auf Rettung war fast entschwunden, und, in unbestimmter Erwartung eines Beistandes von Seite der schwesterlichen Liebe, warf er einen ernsten Blick auf die bleichen Züge Franciska's. Sie erhob sich und schwankte auf die Richter zu. Dann wich die Blässe ihrer Wangen einer hohen Gluth und sie richtete sich in leichter und sicherer Haltung auf. Ihre Hand strich die üppigen Locken von ihrer schneeigen Stirne und ließ ein Bild der Schönheit und Unschuld schauen, dessen Anblick sogar noch ernstere Wesen hätte rühren können. Der Präsident bedeckte einen Moment seine Augen, als ob der wilde Blick und die sprechenden Züge des Mädchens ihm das Bild einer anderen in's Gedächtnis riefen. Aber die Bewegung war nur vorübergehend er faßte sich wieder und sprach, mit einem Ausdrucke, welcher seine geheimen Wünsche verrieth – »Ihnen also hatte Ihr Bruder vorläufig die Absicht mitgetheilt, Ihrer Familie einen geheimen Besuch abzustatten?« »Nein! – nein!« sagte Franciska, und drückte die Hand an die Stirne, als ob sie sich mühe, ihre Gedanken zu sammeln; »er hat mir nichts gesagt – wir wußten nichts von seinem Besuche, bis er ankam. Aber ist es denn nöthig, edeln Männern auseinander zu setzen, wie ein Kind sich in Gefahr begeben kann, um einen alten Vater wieder zu sehen, und das in einer Zeit, wie diese, und in einer Lage, wie die unsrige?« »Aber war dieses denn das erstemal? Hat er früher nie von einer derartigen Absicht gesprochen?« fragte der Obrist, indem er sich mit väterlicher Theilnahme gegen sie vorbeugte. »Freilich – freilich,« rief Franciska indem sie den Ausdruck des Wohlwollens in seinem Gesichte auffing. »Dieses war der vierte seiner Besuche.« »Ich wußte es ja!« rief der Veteran, indem er vergnügt die Hände rieb; »zwar ein Wagehals, aber ein warmherziger Sohn – ich stehe euch dafür, meine Herren, ein wackerer Soldat im Feld! In welcher Verkleidung kam er?« »In keiner, denn damals war keine nöthig; die königlichen Truppen hielten das Land besetzt und sicherten ihm freien Durchgang.« »Dieß war also der erste Besuch, welchen er ohne die Uniform seines Regiments machte?« fragte der Obrist mit unterdrückter Stimme, wobei er die durchdringenden Blicke seiner Collegen zu vermeiden suchte. »O gewiß der erste,« rief das Mädchen hastig; – »sein erstes Vergehen, wenn man es ein Vergehen nennen kann.« »Aber Sie schrieben ihm, – Sie forderten ihn auf, zu kommen? Gewiß, junge Dame, war es Ihr Wunsch, Ihren Bruder wieder zu sehen,« fügte der Obrist ungeduldig bei. »Daß wir es wünschten und darum beteten – o wie heiß haben wir darum gefleht – ist wahr. Aber eine Correspondenz mit der königlichen Armee hätte unserem Vater gefährlich werden können, und so wagten wir es nicht.« »Verließ er das Haus, ehe er gefangen genommen wurde, oder hatte er eine Unterredung mit irgend Jemand außer dem Hause?« »Mit Niemand – mit keinem Menschen, ausgenommen mit unserm Nachbar, dem Hausirer Birch.« »Mit wem?« rief der Obrist erbleichend und fuhr zurück, als hätte ihn eine Natter gebissen. Dunwoodie stöhnte laut, schlug die Hand an die Stirne und rief in durchdringendem Tone, »er ist verloren,« – dann stürzte er aus dem Zimmer. »Mit Harvey Birch,« wiederholte Franciska und blickte wild nach der Thüre, durch welche ihr Geliebter verschwunden war. »Harvey Birch!« hallte es von dem Munde aller Richter wieder. Die zwei unbeweglichen Mitglieder des Gerichts winkten sich mit den Augen zu und warfen forschende Blicke auf den Gefangenen. »Meine Herren,« sagte Heinrich Wharton, indem er wieder vor seine Richter trat, »es kann Ihnen nichts Neues seyn, daß Harvey Birch im Verdachte steht, als begünstige er die königliche Sache, denn er ist bereits durch Ihre Tribunale zu dem Schicksal verurtheilt worden, welches nun, wie ich sehe, mir bevorsteht. Ich kann daher wohl gestehen, daß er mir die Stücke der Verkleidung verschaffte, in welchen ich an euern Vorposten vorbeikam. Aber bis zum letzten Augenblicke, bis zu meinem letzten Athemzuge werde ich betheuern, daß meine Absichten so rein waren, als die des unschuldigen Wesens, welches hier vor Ihren Augen steht.« »Capitän Wharton,« sagte der Präsident feierlich, »die Feinde der amerikanischen Freiheit haben mächtige und schlaue Versuche unternommen, unsere Macht zu untergraben. Wir haben, so weit es seine Mittel und seine Erziehung gestatten, keinen gefährlicheren Menschen unter den Reihen unserer Feinde, als diesen Hausirer von West-Ehester. Er ist ein Spion – ränkevoll, verschlagen und scharfblickend, mehr als irgend ein Mann seiner Classe. Sir Heinrich konnte nichts besseres thun, als daß er ihn bei dem nächsten Versuche seinem Officiere an die Seite gab. Er hätte André retten können. In der That, junger Mann, diese Verbindung wird für Ihr Schicksal entscheidend seyn!« Der edle Unwille, der aus den Zügen des alten Kriegers leuchtete, wurde durch einen Blick vollkommener innerer Ueberzeugung von Seite der beiden andern Richter begleitet. »Ich habe ihn zu Grunde gerichtet!« rief Franciska und rang entsetzt die Hände. »Wenn Sie uns verlassen, so ist er wirklich verloren!« »O nicht doch! – liebliche Unschuld – nicht doch!«, sagte der Obrist mit tiefer Bewegung. »Sie richten Niemand zu Grunde, aber uns Alle bringen sie in Verlegenheit.« »Ist Kindesliebe denn ein so großes Verbrechen?« sagte Franciska mit wilden Blicken. »Könnte Washington – der edle, gerade, unpartheiische Washington, ein so hartes Urtheil aussprechen? Verschieben Sie die Sache, bis Washington alles erfahren hat.« »Es ist unmöglich,« sagte der Präsident und bedeckte die Augen, als wolle er dem Anblick der reizenden Sprecherin ausweichen. »Unmöglich? ach, nur eine Woche zögert mit Eurem Spruch. Hier auf meinen Knieen beschwöre ich Euch, wenn Ihr je selbst Gnade zu finden hofft, wo Euch keine irdische Macht mehr helfen kann – laßt ihm nur noch einen Tag Frist.« »Es ist unmöglich,« wiederholte der Obrist mit fast gebrochener Stimme; »unsere Befehle sind bestimmt und wir haben bereits zu lange gezögert.« Er wandte sich zwar von der knieenden Bittstellerin ab, konnte oder wollte ihr aber nicht die Hand entwinden, welche sie mit der Gluth des Wahnsinns umklammert hielt. »Entfernt den Gefangenen,« sagte einer der Richter zu dem Officiere, welchem Heinrich's Bewachung übertragen war. »Obrist Singleton, wollen wir uns jetzt zurückziehen?« »Singleton? Singleton?« wiederholte Franciska; »dann sind Sie Vater und müssen Mitleid haben mit dem Schmerze eines Vaters. O, Sie können – Sie werden nicht ein Herz verwunden, das schon beinahe gebrochen ist. Hören Sie mich, Obrist Singleton, wie Gott auf ihre Gebete hören möge in Ihrer Sterbestunde – hören Sie mich und retten Sie meinen Bruder!« »Bringt sie fort,« sagte der Obrist, indem er ihr sanft seine Hand zu entziehen suchte. Niemand schien jedoch geneigt, zu gehorchen. Franciska war eifrig bemüht, den Ausdruck seines abgewandten Gesichtes zu erforschen und machte seine Bemühungen, sich zu entfernen, fruchtlos. »Obrist Singleton! wie lange ist es, daß Ihr eigener Sohn in Gefahr und leidend war? Unter dem Dache meines Vaters fand er freundliche Pflege – in meines Vaters Hause fand er Aufnahme und Schutz. O denken Sie an diesen Sohn, den Stolz ihres Alters, den Trost und Schutz Ihrer unmündigen Kinder – und dann sprechen Sie das Schuldig aus über meinen Bruder, wenn Sie können!« »Was hat Heath für ein Recht, mich zum Henker zu machen,« rief der Veteran heftig aus und erhob sich mit gluthstrahlendem Gesichte und unter einem Seelensturme, der ihm alle Adern schwellen machte. »Aber ich vergesse mich. Kommen Sie, meine Herren, lassen Sie uns hinausgehen; diese schmerzliche Pflicht muß erfüllt werden.« »Gehen Sie nicht – gehen Sie nicht!« schrie Franciska mit dem Tone der Todesangst. »Können Sie einen Sohn von dem Herzen eines Vaters reißen, einen Bruder von der Schwester, ohne eine Regung von Mitgefühl? Sind das die Grundsätze des Vaterlandes, dem ich mit so glühender Liebe anhing? Sind das die Männer, die man mich verehren lehrte? Aber Ihr laßt Euch erweichen – Ihr hört mich – Ihr werdet barmherzig seyn und vergeben.« »Gehen Sie voran, meine Herren,« sagte der Obrist, indem er nach der Thüre winkte und sich mit militärischer Würde aufrichtete, in der eiteln Hoffnung, seine Gefühle zu beruhigen. »O gehen Sie nicht – hören Sie mich!« rief Franciska und drückte seine Hand konvulsivisch: »Obrist Singleton, Sie sind Vater – Mitleid – Gnade – Gnade für den Sohn! Gnade für die Tochter. Sie hatten ja auch eine Tochter. An diesem Busen hauchte sie ihren letzten Athem aus; diese Hände schloßen ihre Augen – dieselben Hände, die nun bittend gefaltet sind, leisteten ihr diesen Dienst, und Sie – Sie könnten sie verdammen, dieselbe traurige Pflicht an meinem armen – armen Bruder zu üben?« Ein gewaltiger Sturm kämpfte jetzt in der Seele des Veteranen, aber er unterlag nicht, obschon sich ein Seufzer aus seiner Brust hob, der seinen ganzen Körper erschütterte. Er blickte eben in stolzem Bewußtseyn seines errungenen Sieges um sich, aber ein zweiter Ausbruch der Gefühle gewann die Oberhand. Sein Haupt, weiß unter dem Schnee von siebenzig Wintern, sank auf die Schultern der verzweifelnden Bittstellerin und sein Säbel, auf so vielen blutigen Schlachtfeldern sein treuer Gefährte, entfiel der kraftlosen Hand. »Gott segne Sie für das, was Sie an der Armen thaten,« rief er mit lautem Schluchzen. Lange und ergreifend war die Gewalt der Gefühle, welchen sich der Obrist Singleton jetzt ohne Widerstreben hingab. Als er sich wieder faßte, übergab er die bewußtlose Franciska den Armen ihrer Tante und wandte sich dann, wie ein Mann, der überwunden hat, an seine Collegen. »Meine Herren,« sagte er, »wir haben jetzt noch unsere Pflicht als Officiere zu erfüllen – unsern Gefühlen als Menschen können wir nachher Raum geben. Was ist ihre Meinung über den gegenwärtigen Fall?« Einer der Richter übergab ihm eine schriftliche Abstimmung, welche er, während Obrist Singleton mit Franciska beschäftigt war, vorbereitet hatte, und erklärte, daß sie seine Ansicht und die seines Kameraden enthalte. Es war darin kurz verzeichnet, daß Heinrich Wharton entdeckt worden sey, als er die Linien der amerikanischen Armee als Spion und in Verkleidung überschritten habe; daß deßhalb, den Kriegsartikeln gemäß, sein Leben verfallen sey, und daß das Kriegsgericht ihn zum Tode verurtheile; es gehe demnach der Vorschlag dahin, den Gefangenen vor neun Uhr des folgenden Morgens durch den Strang hinrichten zu lassen. Es war nicht üblich, Todesstrafen – selbst gegen den Feind – zu verhängen, ohne das Urtheil dem Obergeneral oder in dessen Abwesenheit seinem jeweiligen Stellvertreter zur Bestätigung vorzulegen. Da sich Washington's Hauptquartier zu Neu-Windsor auf dem westlichen Ufer des Hudson befand, so reichte die Zeit wohl zu, von dorther Antwort zu erhalten. »Das ist eine kurze Frist,« sagte der Veteran, indem er zögernd die Feder ergriff; »nicht einmal einen Tag, um ein so junges Blut für den Himmel vorzubereiten?« »Die königlichen Officiere gaben Hale Ein amerikanischer Officier dieses Namens wurde innerhalb der britischen Linien entdeckt, als er in einer Verkleidung den Stand der feindlichen Streitkräfte zu erspähen suchte. Er wurde abgeurtheilt und, wie die Sentenz lautete, unmittelbar nach den schleunigst getroffenen Vorbereitungen hingerichtet. Der Sage nach wurde er noch unter dem Galgen wegen des Ranges, den er begleitete, und des Schicksals, welches ihm bevorstand, verhöhnt. »Ein hübscher Tod für einen Officier!« sagte einer von denen, die ihn aufgegriffen hatten. – »Meine Herren, jeder Tod ist ehrenvoll, wenn man für die Sache Amerika's stirbt,« war seine Antwort. Bei André's Hinrichtung weinten seine Feinde; Hale starb unbemitleidet und unter Hohnworten; – und doch war der Eine nur das Opfer des Ehrgeizes, der Andere das einer treuen Hingebung für sein Vaterland. Die Nachwelt wird beiden Gerechtigkeit widerfahren lassen. nur eine Stunde,« erwiederte sein College; »wir haben ihm die gewöhnliche Zeit zugestanden. Aber es steht in Washington's Gewalt, sie zu verlängern oder Pardon zu geben.« »Dann will ich zu Washington gehen,« rief der Obrist, indem er das Papier mit seiner Unterschrift zurückgab; »und wenn die Dienste eines alten Mannes wie ich, und eines braven Jungen, wie mein Sohn, Ansprüche auf ein günstiges Gehör geben, so kann ich den Jüngling vielleicht noch retten.« Unmittelbar darauf machte er sich auf den Weg, um seine großmüthigen Entschlüsse zu Wharton's Gunsten zu bethätigen. Das Urtheil des Kriegsgerichts wurde dem Gefangenen mit der geeigneten Schonung mitgetheilt. Die zurückgebliebenen Richter gaben dem wachhabenden Officier einige Verhaltungsvorschriften, sandten einen Courier mit dem nöthigen Berichte nach dem Hauptquartier ab und bestiegen dann ihre Pferde. Sie ritten mit derselben unbeweglichen Haltung, aber auch mit dem Bewußtseyn der gleichen leidenschaftslosen Rechtlichkeit, welche sie während der Gerichtssitzung an den Tag gelegt hatten, nach ihren Quartieren zurück. Siebenundzwanzigstes Kapitel. Habt Ihr für Claudio keine Gegenordre? Und muß er also morgen sterben? Maaß für Maaß.   Der Gefangene brachte, nach Anhörung seines Todesurtheils, noch einige Stunden im Schooße seiner Familie zu. Herr Wharton beweinte das unglückliche Geschick seines Sohnes in hoffnungsloser Verzweiflung, und die aus ihrer Ohnmacht erwachte Franciska fühlte eine Seelenqual, gegen welche die Bitterkeit des Todes ein leichter Schmerz gewesen wäre. Miß Peyton allein bewahrte noch einen Hoffnungsstrahl oder doch so viel Geistesgegenwart, um angeben zu können, welche Schritte unter solchen Umständen wohl die geeignetsten seyn möchten. Die verhältnißmäßige Besonnenheit der guten Tante entsprang übrigens keineswegs aus einem Mangel an Theilnahme für das Schicksal ihres Neffen, sondern gründete sich auf ein gewisses unbewußtes Vertrauen zu Washington's Charakter. Er war mit ihr in der gleichen Colonie geboren und obschon ihr näherer Verkehr nur kurz gedauert hatte, da er frühzeitig in Kriegsdienste trat und sie häufig unter der Familie ihrer Schwester weilte, in der sie später für die Dauer verblieb und die Stelle der Mutter ersetzte, so kannte sie doch seine häuslichen Tugenden und wußte wohl, daß die starre Unbeugsamkeit, welche seine öffentlichen Handlungen bezeichnete, seinem Privatcharakter fremd war. Er galt in Virginien für einen beharrlichen, aber gerechten und milden Herrn, und sie fühlte einen gewissen Stolz, wenn ihre Gedanken den Landsmann mit dem Führer der Armeen, der großenteils Amerika's Geschick in seinen Händen hielt, in Verbindung brachten. Sie wußte, daß Heinrich das Verbrechen, wegen dessen er zum Tod verurtheilt wurde, nicht begangen hatte, und konnte daher in der Einfalt ihrer edeln Seele nichts von den Anwendungen und Auslegungen eines Gesetzes begreifen, welches Strafe verhängte, ohne daß das Verbrechen wirklich stattgefunden hatte. Aber ihre zuversichtlichen Hoffnungen sollten ein schleuniges Ende nehmen. Gegen Mittag rückte ein Milizenregiment aus seinen Quartieren an den Ufern des Flusses auf den Platz vor dem Hause, welches die Familie unserer Heldin bewohnte, und schlug bedächtig seine Zelte auf, zugestandenermaßen in der Absicht, bis zum kommenden Morgen hier zu bleiben, um der Hinrichtung eines englischen Spions einen feierlichen Nachdruck zu geben. Dunwoodie war mit der Vollziehung seines Auftrags zu Ende und durch keinen Dienst mehr gehindert, zu seiner Schwadron zurückzukehren, welche ungeduldig seine Ankunft erwartete, um gegen den Feind geführt zu werden, der, wie man wußte, langsam, stromaufwärts zog, um eine Fouragierpartie im Rücken, zu decken. Er war von einer kleinen, unter Masons Führung stehenden Anzahl Dragoner aus Lawton's Zuge, deren Zeugniß zur Ueberführung des Gefangenen nöthig werden konnte, herbegleitet worden. Capitän Wharton's eigenes Geständniß hatte jedoch ein Zeugenverhör von Volkes wegen In Amerika findet die Ausübung der Gerichtsbarkeit im Namen »des guten Volkes u.s.w.« statt, da die Souveränität desselben Grundsatz ist. unnöthig gemacht. Da der Major dem Jammer von Heinrichs Verwandten ausweichen wollte, um nicht dem Einfuß desselben zu unterliegen, so verwendete er die ihm übrige Zeit zu einem Spaziergang in der Nähe der Wohnung, um seinen bangen Sorgen Luft zu machen. Er hoffte, wie Miß Peyton, einigermaßen auf Washington's Gnade; dann stiegen ihm aber wieder schreckliche, trostlose Zweifel in der Seele auf. Er kannte die Regeln des Dienstes und war mehr daran gewöhnt, den General als Befehlshaber, als in der Eigenschaft eines mitfühlenden Menschen zu betrachten. Es war erst kürzlich ein schreckliches Beispiel gegeben worden, welches den vollen Beweis lieferte, wie sehr Washington über die Schwäche erhaben war, aus Weichherzigkeit ein Menschenleben zu schonen. Wahrend er so mit raschen Schritten in dem Baumgut auf und nieder ging und bald unter quälenden Zweifeln fast erlag, bald wieder einem vorübergehenden, belebenden Hoffnungsstrahle Raum gab, näherte sich Mason, vollkommen sattelfertig ausgerüstet. »In der Vermuthung, die neuen Nachrichten von unten seyen Ihnen außer Acht gekommen, Sir, habe ich mir die Freiheit genommen, die Mannschaft unter die Waffen treten zu lassen,« sagte der Lieutenant kaltblütig, indem er mit dem in der Scheide befindlichen Säbel die Köpfe der umherstehenden Distelstauden abhieb. »Welche Nachrichten?« rief der Major, aus seinem Sinnen auffahrend. »Hm, daß John Bull in West-Chester mit einem Train von Wagen ausgezogen ist, und wenn er diese gefüllt, so werden wir uns wohl durch diese verwünschten Berge zurückziehen müssen, um Fourage zu finden. Diese englischen Vielfraße sind so in York Island eingeschlossen, daß sie, wenn sie sich einmal herauswagen, selten so viel Stroh zurücklassen, um das Bett einer Yankee-Erbin mit dem nöthigen derartigen Material zu versehen.« »Wo, sagten Sie, daß der Eilbote sie verlassen habe? Die Nachricht ist mir ganz aus dem Gedächtnis gekommen.« »Auf den Höhen über Sing-Sing,« versetzte der Lieutenant mit nicht geringer Verwunderung. »Die Straße unten sieht wie ein Heumarkt aus und alle Schweine fangen an zu lamentiren, wenn sie das Korn an ihrer Nase vorbei nach der Königsbrücke führen sehen. Georg Singleton's Ordonnanz, welche die Nachricht brachte, sagt, daß unsere Pferde Beratschlagungen hielten, ob sie nicht ohne ihre Reiter hinabgehen und sich noch einmal satt fressen sollten, da es zweifelhaft sey, ob sie je wieder einen vollen Magen kriegten. Wenn man die Bursche mit ihrem Raube frei ausgehen läßt, so werden wir nicht im Stande seyn, bis Weihnachten auch nur ein Schwein aufzutreiben, das fett genug wäre, um es in feinem Specke zu braten.« »Bleiben Sie mir mit dem Unsinne von Singleton's Ordonnanz vom Leibe, Herr Mason,« rief Dunwoodie ungeduldig, »und lehren Sie ihn, die Befehle seiner Vorgesetzten abzuwarten.« »Ich bitte in seinem Namen um Verzeihung, Major Dunwoodie,« erwiederte Mason. »Wir glaubten beide, es sey General Heath's Befehl, den Feind anzugreifen und ihm aufzusitzen, wo er sich immer aus seinem Nest herauswage.« »Nicht vorlaut, Lieutenant Mason,« sagte der Major, »oder es könnte mir einfallen, Ihnen zu zeigen, daß Sie nur von mir Befehle zu empfangen haben.« »Ich weiß es, Major Dunwoodie – ich weiß es, und ich bedaure, das Ihr Gedächtniß so schlecht ist, um sich nicht zu erinnern, wie ich nie einen Augenblick gezögert habe, denselben zu gehorchen.« »Verzeihen Sie, Mason,« rief Dunwoodie, indem er seine beiden Hände ergriff; »ich weiß, Sie sind ein braver, folgsamer Soldat; denken Sie nicht mehr an meine üble Laune. Aber diese Angelegenheit – Hatten Sie jemals einen Freund?« »Nein, nein,« fiel der Lieutenant ein; »vergeben Sie mir meinen gutgemeinten Diensteifer. Ich kannte die Befehle und fürchtete nur, daß meinen Vorgesetzten eine Rüge treffen könnte. Aber bleiben Sie – wenn sich Einer nur das mindeste gegen das Corps verlauten läßt, so wird jeder Säbel von selbst aus der Scheide fliegen. Außerdem geht es bei ihnen immer noch aufwärts und es ist ein langer Weg von Croton Bis zur Königsbrücke. Komme, was da will, jedenfalls werden wir ihnen auf der Ferse seyn, ehe sie wieder nach Hause kommen.« »Ach, wäre doch der Courier wieder aus dem Hauptquartiere zurück!« rief Dunwoodie. »Diese Ungewißheit ist unerträglich.« »Ihr Wunsch ist erfüllt,« entgegnete Mason hastig; »da kömmt er eben, und reitet, als ob er gute Botschaft bringe. Gott gebe, daß dem so ist; denn ich kann nicht sagen, daß ich einen besondern Gefallen daran habe, einen braven jungen Burschen tanzen zu sehen, ohne festen Boden zur Unterlage.« Dunwoodie hörte sehr wenig von dieser gefühlvollen Erklärung, denn ehe Mason nur zur Hälfte damit fertig geworden war, hatte er bereits über die Verzäunung gesetzt und den Boten angehalten. »Was für Neuigkeiten?« rief der Major, als der Soldat sein Pferd Halt machen ließ. »Gute!« entgegnete der Reiter und gab ihm, da er bei einem so bekannten Officier, wie Major Dunwoodie, keinen Anstand nehmen zu müssen glaubte, das Papier in die Hand, indem er beifügte: »Sie können sich selbst davon überzeugen.« Dunwoodie nahm sich keine Zeit zum Lesen, sondern flog mit der Schwungkraft des Entzückens in das Gemach des Gefangenen. Die Schildwache kannte ihn, und ließ ihn ohne Widerrede eintreten. »Ach, Peyton!« rief Franciska, als er im Zimmer anlangte; »Sie sehen aus wie ein Bote vom Himmel! Bringen Sie die Nachricht von seiner Begnadigung?« »Hier, Franciska – hier, Heinrich – hier, liebe Cousine Jeanette,« rief der junge Mann, als er mit zitternden Händen das Siegel erbrach – »hier ist das Schreiben an den Capitän der Wache selbst. Doch hört –« Alle horchten in ängstlicher Erwartung; aber der Blitzstrahl vernichteter Hoffnung mußte ihren Jammer noch erhöhen, als sie die Gluth des Entzückens, welche aus des Majors Antlitz leuchtete, dem Ausdrucke des heftigsten Schreckens Platz machen sahen. Das Papier enthielt den Spruch des Kriegsgerichts, dem unten nur die einfachen Worte beigefügt waren: »Genehmigt – Geo. Washington.« »Er ist verloren – er ist verloren!« schrie Franciska und sank in die Arme ihrer Tante. »Mein Sohn! mein Sohn!« schluchzte der Vater; »im Himmel ist Gnade, wenn es keine mehr auf Erden gibt. Möge Washington nie der Gnade entbehren, die er meinem unschuldigen Kinde weigert!« »Washington!« hallte es von Dunwoodie's Lippen wieder, der in dumpfem Entsetzen um sich starrte. »Ja, es ist Washington's Unterschrift; es ist seine Hand; dieser, sein Name steht hier, um die schreckliche Vollziehung zu bestätigen.« »Grausamer, grausamer Washington!« rief Miß Peyton, »wie sehr hat Vertrautheit mit Blutvergießen Dein Wesen verändert!« »Schmähen Sie ihn nicht,« sagte Dunwoodie. »Hier hat der General und nicht der Mensch gehandelt; ich setze mein Leben zum Pfande, daß er den Schlag schmerzlich mitfühlt, den er führen muß.« »Ich habe mich in ihm getäuscht,« rief Franciska. »Er ist nicht der Retter seines Landes, sondern ein kalter, schonungsloser Tyrann. O Peyton, Peyton! wie unwahr haben Sie mir seinen Charakter geschildert!« »Stille, theure Franciska – stille, um Gottes willen; bedienen Sie sich keiner solchen Sprache. Er ist nur der Hüter des Gesetzes.« »Du hast Recht, Dunwoodie,« sagte Heinrich, als er sich von dem Schlage, welcher so plötzlich den letzten Hoffnungsstrahl erstickt hatte, allmählich wieder erholte, und nun von seinem Stuhle aufstand, um seinem Vater Beistand zu leisten. »Ich bin am meisten bei der Sache betheiligt und schmähe ihn nicht, denn Er hat mir jede Nachsicht, welche ich fordern konnte, zu Theil werden lassen. Ich will nicht am Rande des Grabes ungerecht seyn und kann mich nicht über Washington's unbeugsame Gerechtigkeit wundern, da eure Sache erst kürzlich noch durch Verrath so schwer bedroht war. Es bleibt mir nun nichts mehr übrig, als mich auf das Geschick vorzubereiten, welches mich so bald ereilen soll. An Dich, Dunwoodie, geht meine erste Bitte. »Nenne sie,« sagte der Major, kaum fähig zu sprechen. Heinrich wandte sich um, zeigte auf die in Thränen versunkene Gruppe und fuhr fort: »Sey der Sohn dieses alten Mannes; sey ihm eine Stütze in seiner Schwäche und schütze ihn gegen jede Schmach,, welche ihm aus dem Brandmal, das auf mir haftet, erwachsen könnte. Er hat nicht viele Freunde unter den Gewalthabern dieses Landes; laß ihn wenigstens Deinen einflußreichen Namen darunter zählen.« »Es sey.« »Und dieses unschuldige, hülflose Geschöpf,« fuhr Heinrich fort, indem er auf Sara deutete, welche in stumpfer Theilnahmlosigkeit da saß – »ich hoffte, Gelegenheit zu finden, Rache für ihr Elend zu, nehmen;« – die Gluth tiefer Bewegung überflog seine Züge – »aber solche Gedanken sind vom Uebel – ich fühle, daß ich kein Recht mehr dazu habe. Unter Deiner Obhut, Peyton, wird sie Schutz und Mitgefühl finden.« »Sie soll es,« flüsterte Dunwoodie. »Diese gute Tante hat bereits Ansprüche an Dich, ich unterlasse es daher, sie Dir zu empfehlen; aber hier,« er nahm Franciska bei der Hand und betrachtete ihr Antlitz voll zärtlicher Liebe – »hier ist die auserlesenste Gabe von Allem. Nimm sie an Dein Herz und halte sie so theuer, als es ihre Tugend und Unschuld verdient.« Der Major streckte hastig die Hand aus, um das köstliche Gut zu empfangen; aber Franciska schrack bei seiner Berührung zurück und verbarg ihr Gesicht an der Brust der Tante. »Nein,, nein, nein,« flüsterte sie – »Niemand kann je einen Werth für mich haben, der zu meines Bruders Untergange die Hand bot.« Heinrich blickte noch eine Weile voll zärtlichen Mitleids auf sie, ehe er ein Gespräch wieder ausnahm, das ihm, wie alle fühlten, so recht aus der Seele ging. »Ich war also im Irrthum. Ich glaubte, Peyton, daß Dein Werth, Deine edle Hingebung für eine Sache, die man Dich verehren gelehrt hat. Deine Güte gegen unseren gefangenen Vater, Deine Freundschaft für mich – kurz, Dein ganzer Charakter von meiner Schwester verstanden und geschätzt werde.« »Oh – freilich,« hauchte Franciska, indeß sie ihr Antlitz noch tiefer an dem Busen ihrer Tante begrub. »Ich glaube, lieber Heinrich,« sagte Dunwoodie, »dieser Punkt wäre im gegenwärtigen Augenblick besser unberührt geblieben.« »Du vergißt,« erwiederte der Gefangene mit einem matten Lächeln, »wie viel ich noch zu thun habe, und wie wenig Zeit mir dazu gelassen ist.« »Ich fürchte,« fuhr der Major erröthend fort, »daß Miß Wharton einige Ansichten über mich gewonnen hat, welche ihr die Erfüllung Deiner Bitte beschwerlich machen könnten – Ansichten, die sich wohl nicht mehr ändern lassen.« »Nein, nein, nein,« rief Franciska rasch; »Sie sind gerechtfertigt, Peyton – die letzten Worte der Sterbenden haben alle meine Zweifel beseitigt.« »Edle Isabella!« sprach Dunwoodie leise; »demungeachtet, Heinrich – schone jetzt Deiner Schwester, ja, schone auch meiner.« »Ich muß zu meiner eigenen Beruhigung sprechen,« erwiederte der Bruder, indem er Franciska sanft aus den Armen ihrer Tante nahm. »In einer Zeit, wie diese, kann ich nicht zwei so liebenswürdige Wesen ohne Beschützer lassen. Ihre Wohnung ist zerstört und der Kummer wird sie bald –« er blickte auf seinen Vater – »ihres letzten Freundes berauben. Kann ich ruhig sterben, wenn ich an die Gefahren denke, welchen sie ausgesetzt werden?« »An mich denkst Du nicht?« sagte Miß Peyton, welche bei dem Gedanken, in einem solchen Augenblicke eine Hochzeit zu feiern, zurückschauderte. »Nein, meine liebe Tante, ich denke wohl an Dich, bis es bei mir mit aller Erinnerung aus seyn wird; aber Du denkst nicht an das Gefahrvolle solcher Zeitumstände. Die gute Frau, welche hier im Hause wohnt, hat bereits einen Boten nach einem Mann Gottes fortgeschickt, um mir den Hingang in eine andere Welt zu erleichtern. – Franziska, wenn Du mich im Frieden sterben sehen willst, wenn Du wünschest, daß ich mich beruhigt fühlen und alle meine Gedanken auf das Jenseits richten könne, so laß jenen Priester Dich mit Dunwoodie verbinden.« Franciska schüttelte den Kopf und schwieg. »Ich verlange keine Freude – keine Aeußerungen von Glück, das Du nicht fühlst und nicht fühlen kannst, ehe Monate verflossen sind; aber erwirb Dir ein Recht auf seinen einflußreichen Namen – gib ihm einen unbestrittenen Anspruch auf Deinen Schutz –« Das Mädchen gab auf's neue ein nachdrückliches Zeichen der Verneinung. »Um dieser ihrer Vernunft beraubten Leidenden willen –« er deutete auf Sara – »um Deinetwillen – um meinetwillen – Meine Schwester –« »O, stille, Heinrich, oder Du wirst mir das Herz brechen,« rief das bewegte Mädchen; »nicht um alle Welten könnte ich in einem solchen Augenblicke die feierlichen Gelübde ablegen, welche Du von mir verlangst. Es würde mich für mein ganzes Leben elend machen.« »Du liebst ihn nicht,« sagte Heinrich vorwurfsvoll. »Ich will Dich nicht weiter zu einem Schritte drängen, welchem Deine Neigungen entgegenstehen.« Franciska erhob die eine Hand, um ihr Antlitz zu verbergen und sagte, indem sie die andere gegen Dunwoodie ausstreckte, mit Ernst: »Du bist jetzt ungerecht gegen mich – vorhin warst Du es gegen Dich selber.« »So versprich mir,« sagte Wharton nach einer Weile schweigenden Nachsinnens, »daß Du, sobald die Erinnerungen an mein Schicksal milder geworden sind, meinem Freunde diese Hand durch's Leben reichen willst, und ich bin zufrieden.« »Ich verspreche es,« sagte Franciska, ihre Hand aus Dunwoodie's zurückziehend, was letzterer schonungsvoll geschehen ließ, sogar ohne sie an die Lippen gedrückt zu haben. »Nun denn, meine gute Tante,« fuhr Heinrich fort, »willst Du mich jetzt eine kleine Weile mit meinem Freunde allein lassen? Ich habe ihm noch einige traurige Aufträge anzuvertrauen und möchte Dir und meiner Schwester den Schmerz ersparen, sie mit anzuhören.« »Die Zeit reicht immer noch zu, Washington noch einmal aufzusuchen,« sagte Miß Peyton, indem sie sich gegen die Thüre bewegte und dann mit hoher Würde zu sprechen fortfuhr: »Ich will selbst zu ihm gehen. Sicherlich muß er eine Frau aus seiner eigenen Colonie anhören! – auch sind wir ein wenig mit seiner Familie verwandt.« »Warum wollen wir nicht zu Herrn Harper unsere Zuflucht nehmen?« sagte Franciska, indem sie sich jetzt zum erstenmal der Abschiedsworte ihres Gastes wieder erinnerte. »Harper?« wiederholte Dunwoodie und wandte sich mit Blitzesschnelle zu ihr; »was ist mit ihm? Kennen Sie ihn?« »Es ist eine eitle Hoffnung,« sagte Heinrich, ihn bei Seite ziehend; »Franciska umfaßt jeden, auch den leichtesten Lichtstrahl mit der Zärtlichkeit einer Schwester. Gehe jetzt, meine Liebe, und laß mich bei meinem Freunde allein.« Aber Franciska las einen Ausdruck in Dunwoodie's Auge, welcher sie an die Stelle fesselte. Nach einem kurzen Kampfe mit ihren Gefühlen fuhr sie fort: »Er hat sich zwei Tage unter unserem Dache aufgehalten – er war bei uns, ehe Heinrich verhaftet wurde.« »Und – und – kanntet ihr ihn?« »Nein,« versetzte Franciska und haschte nach Luft, als sie den ungemeinen Antheil bemerkte, welchen ihr Geliebter an diesem Umstände nahm; »wir kannten ihn nicht; er kam des Nachts als ein Fremder zu uns und blieb, so lange die Wuth des Sturmes anhielt. Aber er schien an Heinrich Antheil zu nehmen, und versprach ihm seine Freundschaft.« »Was?« rief der Jüngling erstaunt; »kannte er denn Ihren Bruder?« »Gewiß; – durch seine Veranlassung geschah es, daß Heinrich seine Verkleidung ablegte.« »Aber,« entgegnete Dunwoodie, und die Ungewißheit bleichte seine Züge, »er kannte ihn nicht als einen Officier aus der königlichen Armee.« »Freilich kannte er ihn als solchen,« rief Miß Peyton, »und hieß ihn eben deßwegen vorsichtig seyn.« Dunwoodie nahm das verhängnißvolle Papier wieder zur Hand, das noch immer an der Stelle lag, wo es ihm entfallen war, und betrachtete die Schriftzüge auf's genaueste. Es schien ihm etwas die Sinne zu verwirren. Er fuhr mit der Hand über die Stirne, während aller Augen in ängstlichem Zweifel auf ihn gerichtet waren. Sie scheuten sich jedoch, der Hoffnung auf's neue Raum zu geben, da sie schon einmal so schrecklich getäuscht worden waren. »Was sagte er? Was versprach er?« fragte endlich Dunwoodie mit fieberischer Ungeduld. »Er bot Heinrich für den Fall der Noth seinen Beistand an, und versprach, die Gastfreundlichkeit des Vaters an dem Sohne zu vergelten.« »Sagte er das, als er bereits wußte, daß Heinrich ein brittischer Officier sey?« »Freilich; es geschah gerade mit Hinweisung auf diese Gefahr.« »Daun,« rief der Major laut, indem er seinem Entzücken Raum gab; »dann seyd ihr geborgen, – dann will ich ihn retten; ja, Harper wird nie sein Versprechen vergessen.« »Aber hat er auch die Macht dazu?« sagte Franciska; »wird es ihm gelingen, Washington's unbeugsames Herz zu rühren?« »Ob er es kann?« rief der Jüngling; »wenn er's nicht kann, – ha, wenn er's nicht kann, wer sollte es sonst können? – Greene und Heath und der junge Hamilton sind nichts gegen diesen Harper. Aber« – er eilte auf Franciska zu und drückte ihre Hand krampfhaft – »wiederholen Sie es mir – Sie sagen, Sie hätten sein Versprechen?« »Gewiß, gewiß, Peyton; – sein feierliches, wohl überlegtes Versprechen, nachdem er von allen Umständen Kunde hatte.« »So dürft Ihr ruhig seyn,« entgegnete Dunwoodie freudig, indem er die Geliebte einen Augenblick an die Brust drückte. »Ihr könnt ruhig seyn, denn Heinrich ist gerettet.« Er hielt sich nicht mit weiteren Erklärungen auf, sondern stürzte aus dem Zimmer und ließ die Familie in stummer Verwunderung zurück. Bald vernahmen sie die Huftritte seines Rosses, während er mit der Schnelligkeit eines Pfeiles fortjagte. Eine geraume Zeit nach der plötzlichen Abreise des jungen Mannes unterhielt sich die geängstigte Familie über die Wahrscheinlichkeit seines Erfolges. Die Zuversicht, mit welcher Dunwoodie gesprochen, hatte auch seine Zuhörer einigermaßen mit gleichem Vertrauen beseelt. Jedes fühlte, daß Heinrichs Aussichten wieder etwas heller wurden, und mit der zurückkehrenden Hoffnung erwachte auch neuer Lebensmuth, der sich Bei Allen, mit Ausnahme Heinrichs, bis zur Freude steigerte. Freilich war auch die Lage des Letzteren zu schrecklich, um auf eine so unsichere Zusage zu bauen, und erst vor wenigen Stunden hatte er empfinden müssen, um wie viel schmerzlicher die Ungewißheit ist, als eine bestimmte Entscheidung des herbsten Geschickes. Bei Franciska war es anders. Mit allem Vertrauen der Liebe lebte sie der getrosten Ueberzeugung, welche ihr Dunwoodie's Versicherung einflößte, ohne sich selbst mit Zweifeln zu ängstigen, zu deren Beseitigung sie keine Mittel besaß. Sie hielt ihren Geliebten für fähig, Alles zu vollführen, was in menschlichen Kräften lag, rief sich jedes Wort, das Harper ausgesprochen hatte, jeden Zug seines wohlwollenden Gesichtes in's Gedächtniß zurück und überließ sich der ganzen Glückseligkeit neu erwachter Hoffnung. Miß Peyton's Freude war besonnener; auch nahm sie häufig die Gelegenheit wahr, es ihrer Nichte zu verweisen, daß sie sich einer so schwindelnden Freude hingäbe, ehe sie die Gewißheit der Verwirklichung ihrer Erwartungen besitze. Aber das leichte Lächeln, das die Lippen dieser Dame umschwebte, widersprach gar sehr der von ihr empfohlenen Nüchternheit der Gefühle. »Ei, liebe Tante,« erwiederte Franciska scherzend auf einen ihrer häufigen Verweise, »willst Du, daß ich die Freude über Heinrichs Rettung unterdrücken soll, da Du es doch selbst so oft für unmöglich erklärt hast, daß die Männer, welche in unserem Vaterlande Macht haben, einen unschuldigen Menschen opfern könnten?« »Ja, ich hielt es für unmöglich, mein Kind, und denke auch noch so. Aber man muß den Ausdruck der Freude, wie den des Kummers zu mäßigen wissen.« Franciska dachte an die Worte Isabellens und wandte sich mit Thränen des Dankes im Auge zu ihrer trefflichen Tante. »Du hast Recht,« erwiederte sie; »aber es gibt Gefühle, über die die Vernunft nichts vermag. Ach, dort sind die Ungeheuer, welche gekommen sind, um Zeugen von dem Tode eines ihrer Mitmenschen zu seyn. Da marschiren sie auf dem Felde hin, als ob das Leben nichts als ein militärisches Schauspiel sey.« »Es hat auch für die Miethlinge keine viel höhere Bedeutung,« sagte Heinrich, indem er seine Lage zu vergessen suchte. »Du siehst darauf hin, meine Liebe, als ob Du einem solchen militärischen Schauspiele doch einiges Interesse abgewinnen könntest,« sagte Miß Peyton, als sie bemerkte, daß ihre Nichte mit fester und gespannter Aufmerksamkeit aus dem Fenster blickte. Aber Franciska gab keine Antwort. Man konnte von dem Fenster, wo sie stand, den Engpaß, den sie bei ihrer Reise durch das Hochland zurückgelegt hatten, leicht erkennen, und gerade vor ihren Augen lag der Berg, auf dessen Gipfel sich die geheimnißvolle Hütte befand. Er war an der Seite zackig und unfruchtbar, und ungeheure, dem Anscheine nach unzugängliche Felsenblöcke zeigten sich zwischen den verkümmerten, entblätterten Eichen, welche zerstreut auf der Oberfläche wuchsen. Der Fuß des Berges lag kaum eine halbe Meile von der Wohnung entfernt, und der Gegenstand, welcher Franciska's Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte, war eine Männergestalt, welche hinter einem Felsen von auffallender Form hervorkam und plötzlich wieder verschwand. Diese Bewegung wurde mehrere Male wiederholt, als ob der Flüchtling, denn ein solcher schien er dem Aeußeren nach zu seyn, beabsichtige, die Bewegungen der Soldaten auszukundschaften und sich über den Stand der Dinge auf der Ebene Gewißheit zu verschaffen. Ungeachtet der Entfernung kam Franciska augenblicklich auf die Meinung, daß es Birch sey. Vielleicht entsprang dieser Eindruck theilweise aus der Gestalt und dem Aeußern des Mannes, noch mehr aber trug der Gedanke dazu bei, daß sie diesen Gegenstand schon früher auf der Spitze des Berges erblickt habe. Sie hielt sich für überzeugt, daß es die nämliche Gestalt sey, obgleich der gegenwärtigen Erscheinung etwas fehlte, was sie in den früheren, für den Pack des Hausirers genommen hatte. Harvey war in ihrer Phantasie so sehr mit den geheimnißvollen Auftreten Harper's verknüpft, daß sie unter Umständen von geringerer Bedeutung als die, welche sie seit ihrer Ankunft bedrängten, ihren Verdacht für sich behalten haben würde. Franciska saß nun in schweigendem Nachdenken über diese zweite Erscheinung da, und mühte sich, dem Faden der Verbindung nachzuspüren, welche möglicherweise zwischen diesem außerordentlichen Manne und dem Glücke ihrer eigenen Familie bestehen mochte. Er hatte augenscheinlich Sara gegen den Vollzug einer Unthat geschützt, deren Opfer sie bereits theilweise geworden war, und nie hatte er sich feindlich gegen die Interessen ihres Hauses bewiesen. Nachdem sie so geraume Zeit in der vergeblichen Erwartung, die Gestalt werde wieder erscheinen, auf den Punkt geblickt hatte, wo sie ihrer zuletzt ansichtig geworden war, wandte sie sich wieder zu den Ihrigen im Zimmer. Miß Peyton saß bei Sara, welche jetzt wieder einige leichte Zeichen – gleich als bemerke sie, was um sie vorging – von sich gab, obgleich ihre Theilnahmlosigkeit an Freude oder Schmerz fortdauerte. »Es scheint mir, meine Liebe, Du hast Dich diese Zeit über mit den Manövern eines Regiments recht vertraut gemacht,« sagte Miß Peyton. »jedenfalls keine üble Neigung für das Weib eines Soldaten.« »Ich bin noch nicht das Weib eines solchen,« sagte Franciska, bis zur Stirne erröthend, »und wir haben wenig Grund, eine zweite Hochzeit in unserer Familie zu wünschen.« »Franciska!« rief ihr Bruder, indem er von seinem Sitze aufsprang und in heftiger Aufregung im Zimmer auf und abging, »ich bitte Dich, berühre diese Saite nicht wieder. So lange mein Schicksal noch auf der Wage schwebt, möchte ich Friede haben mit allen Menschen.« »Nun, dieses Schweben hat ein Ende,« rief Franciska gegen die Thüre eilend; »da kommt Peyton mit der Freudenpost Deiner Begnadigung.« Sie hatte kaum ausgesprochen, als die Thüre aufging und der Major hereintrat. Sein Aeußeres verkündete weder einen günstigen noch einen ungünstigen Erfolg, wohl aber trug es das entschiedene Gepräge des Verdrusses. Er nahm die Hand, welche Franciska in der Ueberfülle ihres Herzens gegen ihn ausstreckte, ließ sie aber schnell wieder fahren, und warf sich in sichtlicher Ermüdung auf einen Stuhl. »Es ist Dir nicht gelungen,« sagte Wharton mit klopfendem Herzen, obwohl mit anscheinender Fassung. »Haben Sie Harper getroffen?« rief Franciska leichenblaß. »Nein; während ich in einem Nachen über den Fluß setzte, muß er in einem andern auf diese Seite herübergefahren seyn. Ich kehrte ohne Verzug um und verfolgte seine Spur mehrere Meilen weit in's Hochland; aber am westlichen Passe habe ich sie auf eine unerklärliche Weise verloren. Ich komme nun wieder zu euch, um euch zu beruhigen; jedenfalls werde ich ihn diese Nacht sehen und für Heinrich Frist erlangen.« »Haben Sie Washington gesehen?« fragte Miß Peyton. Dunwoodie blickte sie einen Augenblick mit zerstreuten Sinnen an und erwiederte mit einiger Zurückhaltung: »Der Obergeneral hat das Hauptquartier verlassen.« »Aber Peyton,« rief Franciska mit wiederkehrendem Schrecken, »wenn sie einander nicht träfen, so wird's zu spät. Harper wird allein nichts thun können.« Dunwoodie wandte den Blick langsam nach ihrem Antlitz und weilte einen Augenblick auf ihren ängstlichen Zügen; dann fuhr er, noch immer in Gedanken, fort: »Sie sagen, daß er Heinrich seinen Beistand versprochen hat?« »Gewiß, – und zwar ganz aus eigenem Antrieb, als Vergeltung der ihm zu Theil gewordenen Gastfreundlichkeit.« Dunwoodie schüttelte den Kopf und wurde ernster. »Das Wort ›Gastfreundlichkeit‹ gefällt mir nicht – es hat einen gar leeren Klang. Es muß ein besserer Grund vorhanden seyn, um Harper zu binden, und ich fürchte ein Mißverständniß. Erzählen Sie mir doch den ganzen Vorgang noch einmal.« Franciska entsprach dieser Aufforderung mit ängstlicher Hast. Sie erzählte umständlich, wie er in den Locusten ankam, wie er aufgenommen wurde, und was sich weiter begab, wobei sie so sehr in's Einzelne ging, als es ihr Gedächtniß irgend gestattete. Als sie auf das Gespräch anspielte, welches zwischen ihrem Vater und dem Gaste stattgefunden, lächelte der Major, ohne jedoch sein Schweigen zu unterbrechen. Sie gab dann die näheren Umstände von Heinrichs Ankunft und von den Ereignissen des folgenden Tages. Am längsten verweilte sie bei dem Auftritte, wo er ihrem Bruder rieth, die Verkleidung abzulegen, und wiederholte mit bewunderungswürdiger Genauigkeit seine Bemerkungen über das Gefahrvolle des Schrittes, welchen er gewagt hatte. Auch erwähnte sie der merkwürdigen Aeußerung, welche er gegen Heinrich fallen ließ, nämlich: »daß Harper's Wissen um diesen Besuch ihren Bruder sicherer stelle, als er es ohne dasselbe seyn würde.« Dann sprach Franciska mit der Wärme jugendlicher Bewunderung von seinem wohlwollenden Benehmen gegen sie und führte umständlich die Abschiedsworte auf, welche er an die ganze Familie gerichtet hatte. Dunwoodie hörte ihr im Anfange mit ernster Aufmerksamkeit und im Verlaufe mit großer Befriedigung zu. Als sie von sich selbst in Beziehung auf den Gast sprach, lächelte er heiter, und als sie schloß, rief er mit Entzücken aus: »Wir sind geborgen! wir sind geborgen!« Aber er wurde unterbrochen, wie wir in dem nächsten Kapitel sehen werden. Achtundzwanzigstes Kapitel. Die Eule liebt den Graus der Nacht, Die Lerche nur des Tages Pracht; Das Täubchen girret dir zur Seite, Der kühne Falke sucht das Weite. Lied aus Duo.   In einem Lande, das, wie die vereinigten Staaten, von Menschen bevölkert ist, welche ihren theuren heimatlichen Heerd als Opfer ihres Gewissens und ihres Glaubenseifers verlassen mußten, wird keine der Rücksichten und Feierlichkeiten, die man zu einem christlichen Tode für nöthig erachtet, umgangen, sobald die Möglichkeit ihrer Anwendung durch die Umstände gegeben ist. Die gute Frau vom Hause hielt streng auf die Formen der Kirche, welcher sie angehörte, und da sie selbst zu dem Bewußtseyn ihrer Sündhaftigkeit durch den Beistand eines Geistlichen in dem benachbarten Pfarrorte erweckt worden war, so glaubte sie, daß nur seine Ermahnungen Heil in die ihrem Ende nahen Hoffnungen Heinrich Wharton's bringen könnten. Die theilnehmende Matrone kannte zwar die Lehren der Religion, zu welchen sie sich bekannte, hinreichend, um zu wissen, daß der Theorie nach das Wohl der Seele nicht von sterblichem Beistand abhänge; aber sie war, wie sie sich selbst ausdrückte, »so lang unter der Predigt des guten Herrn gesessen«, daß sie unwillkührlich dazu gekommen war, die innern Gnadengaben, welche sie ihrem Glauben zufolge allein der Gottheit zu danken hatte, auf Rechnung des Priesters zu schreiben. Der Gedanke an den Tod hatte für sie immer etwas Schreckliches gehabt, und sobald das Urtheil des Gefangenen veröffentlicht war, sandte sie Cäsarn mit dem besten Pferde ihres Mannes ab, um ihren geistlichen Tröster herbeizuholen. Dieses war geschehen, ohne daß weder Heinrich noch seine Verwandten darum befragt wurden und erst als man Cäsar zu einem häuslichen Geschäft verwenden wollte, gab sie den Grund seiner Abwesenheit an. Der junge Mann hörte ihr anfänglich mit einem unüberwindlichen Widerwillen gegen die Zulassung eines solchen geistlichen Führers zu; wenn aber die Rücksichten auf zeitliche Dinge in den Hintergrund treten, so verlieren auch Vorurtheile und Gewohnheiten ihren Einfluß, und so wurde endlich die theilnehmende Sorgfalt der wohlmeinenden Frau mit einer höflichen Verbeugung dankbarer Anerkennung erwiedert. Der Schwarze kam bald wieder von seiner Sendung zurück, und so viel sich aus seiner etwas unzusammenhängenden Erzählung entnehmen ließ, durfte man der Ankunft des Dieners Gottes im Laufe des Tages entgegen sehen. Die im vorigen Kapitel erwähnte Unterbrechung wurde durch den Eintritt der Hausfrau veranlaßt. Aus Dunwoodie's Verwendung hatte die Schildwache vor Heinrichs Zimmer Befehl erhalten, den Gliedern der Wharton'schen Familie jeder Zeit freien Zutritt zu gestatten, und Cäsar war unter dieser Vergünstigung des Officiers Schicklichkeits halber mit eingeschlossen. Dagegen wurde bei jeder andern Person genaue Nachfrage über den Zweck ihres beabsichtigten Besuches angestellt. Der Major hatte sich selbst unter den Verwandten des englischen Officiers aufgeführt und zugleich im Namen Aller die Versicherung gegeben, daß kein Versuch zur Befreiung des Gefangenen gemacht werden solle. Eine kurze Unterredung fand zwischen der Frau des Hauses und dem Corporal der Wache vor der Thüre statt, welche die Schildwache bereits geöffnet und somit der Entscheidung des ihm vorgesetzten Unterofficiers vorgegriffen hatte. »Wollt Ihr einem Nebenmenschen, der den Tod erleiden soll, die Tröstungen der Religion versagen?« rief die Matrone in ihrem Diensteifer. »Wollt Ihr eine Seele in den feurigen Schlund fahren lassen, wenn ein Geistlicher zur Hand ist, sie auf den rechten und engen Pfad zu weisen?« »Ich will Euch etwas sagen, gute Frau,« erwiederte der Corporal, indem er sie sachte bei Seite schob; »mein Rücken ist mir zu lieb, als daß ich ihn zu einer solchen Himmelfahrt hergebe. Das ginge mir noch ab, für den Ungehorsam gegen die Ordre eine Rolle vor den Piqueten unter dem Stock zu spielen. Geht hinab und fragt den Lieutenant Mason, dann könnt Ihr meinetwegen die ganze Versammlung der Gläubigen mitbringen. Es ist noch keine Stunde, daß wir die Wache von der Infanterie übernommen haben, und wir wollen uns nicht nachsagen lassen, daß wir den Dienst weniger verstehen, als die Miliz.« »Laßt das Weib herein,« sagte Dunwoodie, welcher jetzt zum erstenmale bemerkte, daß einer von seinem eigenen Corps auf dem Posten stand. Der Corporal fuhr mit der Hand an die Mütze und zog sich schweigend zurück; die Schildwache präsentirte und das Weib trat ein. »Da unten ist ein ehrwürdiger Herr, der Eurer scheidenden Seele Trost bringen will; er kommt statt unseres eigenen Geistlichen, der durch ein unaufschiebbares Geschäft verhindert ist – er muß nämlich den alten Herrn R. begraben.« »Weist ihn herauf,« sagte Heinrich mit fieberhafter Ungeduld. »Wird ihn aber die Schildwache herein lassen? Ich möchte nicht, daß ein Freund des ehrwürdigen Herrn, – der noch obendrein ein Fremder ist, an der Thürschwelle hart angelassen würde.« Aller Augen waren nun auf Dunwoodie gerichtet, welcher auf seine Uhr sah, mit Heinrich leise einige Worte wechselte und von Franciska begleitet das Zimmer verließ. Der Gegenstand ihres Gesprächs war der Wunsch des Gefangenen, durch einen Geistlichen seines eigenen Bekenntnisses vorbereitet zu werden, worauf der Major einen von Fishkill herzusenden, versprach, da er auf seinem Wege nach der Fähre, wo er Harper's Zurückkunft abzuwarten gedachte, durch diese Stadt kommen mußte. Bald darauf erschien Mason an der Thüre, machte seine Verbeugung und entsprach bereitwillig den Wünschen der Hausfrau, worauf der Geistliche eingeladen wurde, heraufzukommen. Der Mann, welchem Cäsar beim Eintritt in's Zimmer voranging und die Matrone nachfolgte, war schon ziemlich über die Mitte des Lebens hinaus und von ungewöhnlicher Größe, obgleich seine außerordentliche Magerkeit dazu beitragen mochte, ihn noch höher erscheinen zu lassen. Der Schnitt seines Gesichtes war scharf und unbeweglich, und jede Muskel trug den Ausdruck einer starren Spannung. Weder Freude noch Heiterkeit schien je auf Zügen gewohnt zu haben, deren tiefe Furchen nur den Abscheu vor den Sünden des menschlichen Geschlechtes auszudrücken schienen. Die buschigen, schwarzen, abschreckenden Augenbraunen überwölbten Augen, welche keinen minder zurückstoßenden Ausdruck erwarten ließen, obgleich dieselben hinter zwei ungeheuern grünen Brillengläsern verborgen waren, durch welche sie mit einer Strenge blickten, welche den kommenden Tag des Zornes verkündigte. Fanatismus, Lieblosigkeit und Verketzerungseifer sprach sich allenthalben aus. Sein langes schlichtes, aus Grau und Schwarz gemischtes Haar fiel ihm über den Nacken herab, beschattete einigermaßen die Seiten des Gesichtes, und zog sich von dem Scheitel aus nach allen Richtungen als struppigter Busch hin. Auf dem Haupte dieser nicht besonders zierlichen Erscheinung saß ein großer dreieckiger Hut, der sich vorwärts senkte und die Züge des Mannes noch mehr in Schatten stellte. Der Rock, wie auch die Beinkleider und Strümpfe hatten eine schwarze, in ein schmutziges Roth schießende Farbe und die glanzlosen Schuhe waren zur Hälfte von mächtigen plattirten Schnallen bedeckt. Er stampfte in das Zimmer, nickte steif mit dem Kopfe und setzte sich mit würdevollem Schweigen auf den Stuhl, welchen ihm der Schwarze anbot. Einige Minuten lang wagte es Niemand, die bedeutungsvoll seyn sollende Pause zu unterbrechen. Heinrich fühlte gegen seinen Gast einen Widerwillen, welchen er vergebens niederzukämpfen bemüht war, und der Fremde ließ hin und wieder einen Seufzer oder ein Stöhnen vernehmen, welches ein Lösen der ungleichen Verbindung seiner durch alle Räume dringenden Seele mit ihrer unbehilflichen Behausung befürchten ließ. Während dieser peinlichen Vorbereitung führte Herr Wharton, auf welchen diese Erscheinung fast eben so wie auf Heinrich gewirkt hatte, Sara aus dem Zimmer. Seine Entfernung wurde von dem Geistlichen mit einer Art verächtlichen Unwillens aufgenommen, und nun begann er die Melodie eines bekannten Psalmen in einer Weise zu summen, in welcher sich die näselnde Intonation des Kirchenlieds, wie sie im Osten Unter »Osten« werden die Staaten von Neu-England verstanden, welche ursprünglich von Puritanern bewohnt waren und auch gegenwärtig noch manche Eigenheiten dieser ersten Ansiedler erkennen lassen. gebräuchlich war – auf's unverkennbarste aussprach. »Cäsar,« sagte Miß Peyton, »reiche dem Herrn eine Erfrischung: er scheint ihrer nach seinem Ritte zu bedürfen.« »Ich suche keine Stärkung in den Dingen dieser Welt,« entgegnete der Geistliche in hohlen Grabestönen. »Ich habe dreimal an diesem Tage im Dienste meines Meisters ausgehalten, ohne schwach zu werden; indessen ist es doch gut, dieser gebrechlichen irdischen Hütte aufzuhelfen, denn in der That, der Arbeiter ist seines Lohnes werth.« Er öffnete seine ungeheuern Kinnladen und nahm eine kräftige Portion des ihm angebotenen Branntweins zu sich, der ihm mit derselben Leichtigkeit durch die Kehle glitt, mit welcher sich der Mensch zur Sünde kehrt. »Dann fürchte ich, Sir, daß es Ihnen die Ermüdung unmöglich machen wird, das Amt, zu dessen Uebernahme Sie Ihre Güte veranlaßt hat, auszuüben.« »Weib!« rief der Fremde mit Pathos, »wer hat mich je in meiner Pflicht erliegen sehen? aber richtet nicht, damit Ihr nicht gerichtet werdet, und glaubt nicht, daß es dem sterblichen Auge gegeben ist, die Wege Gottes zu ergründen.« »Nein,« erwiederte die Jungfrau demüthig, aber doch etwas ärgerlich über dieses Kauderwälsch, »ich getraue mir nicht einmal über die Zustände und Absichten meiner Mitmenschen ein Urtheil zu fällen, geschweige denn über die Zwecke der Allmacht.« »Recht so, Frau – das ist wohlgethan,« rief der Mann Gottes, indem er mit hochmüthiger Geringschätzung den Kopf wiegte; »Demuth ziemt Deinem Geschlechte und Deiner verderbten Natur; Deine Schwäche treibt Dich ohnehin unaufhaltsam gleichsam unter den Besen der Zerstörung.« Miß Peyton war von diesem sonderbaren Benehmen nicht wenig überrascht; doch die Macht der Gewohnheit zwingt uns, von heiligen Dingen mit Verehrung zu sprechen, selbst da, wo wir besser thun würden, zu schweigen, und so fuhr sie fort: »Es ist eine Macht über uns, welche unsere schwachen Kräfte unterstützen kann und unterstützen will, wenn wir ihren Beistand in gläubiger Demuth anflehen.« Der Fremde warf einen finstern Blick auf die Sprecherin, nahm dann eine Miene der Zerknirschung an, und erwiederte im Tone des Vorwurfes: »Nicht jeder wird erhört, der um Gnade schreit. Die Wege der Vorsehung sind den Blicken der Menschen ein Buch mit sieben Siegeln. Viele sind berufen, aber wenige auserwählt. Es ist leichter, von Demuth zu sprechen, als sie zu üben. Bist du so demüthig, elender Wurm, daß du Gott in deiner eigenen Verdammniß zu preisen wünschest? Wenn das nicht ist, so weiche von hinnen, du Zöllner und Pharisäer!« Ein so grasser Fanatismus war in Amerika nicht gewöhnlich, und Miß Peyton fing an zu vermuthen, daß es mit den Geisteskräften ihres Gastes nicht richtig seyn möchte. Da sie sich aber erinnerte, daß er von einem bekannten achtbaren Geistlichen geschickt war, so verwarf sie diesen Gedanken wieder und entgegnete mit Milde: »Ich bin vielleicht im Irrthum, wenn ich glaube, daß die Gnade allen Menschen zugänglich ist; aber es liegt so viel Beruhigendes in dieser Lehre, daß ich mich ungern enttäuschen ließe.« »Gnade gibt es nur für die Auserwählten,« rief der Fremde mit einer unerklärlichen Heftigkeit, »und Du bist in dem Thale der Schatten des Todes. Bist Du nicht eine Anhängerin der eiteln Zeremonien jener falschen Kirche, die unsere Tyrannen so gerne nebst ihren Stempeltaxen und Theesteuern einführen möchten? Antworte mir, Weib, und erinnere Dich, daß der Himmel Deine Antwort hört! Bist Du nicht eine aus dieser götzendienerischen Gemeinde?« »Ich verehre die Altäre meiner Väter,« sagte Miß Peyton, indem sie Heinrich, welcher eben ausbrechen wollte, einen Wink gab, »und kenne keine andern Götzen, als meine eigene Gebrechlichkeit.« »Ja, ja, ich kenne dieses selbstgerechte und papistische Wesen, diesen Formendienst und dieses Hören auf eine Bücherpredigt. Glaubst Du, Weib, daß der heilige Paulus etwas Schriftliches in der Hand hatte, als er den Gläubigen das Wort Gottes verkündigte?« »Meine Anwesenheit stört Euch,« sagte Miß Peyton aufstehend. »Ich will Euch mit meinem Neffen allein lassen, und für mich die Gebete zum Himmel schicken, die ich so gerne mit den seinigen vereint hätte.« Mit diesen Worten entfernte sie sich, und die Frau des Hauses folgte, nicht wenig erschüttert und dabei überrascht von dem gewaltigen Eifer dieses neuen Bekannten; denn obgleich das gute Weib glaubte, daß Miß Peyton und ihre ganze Kirche die breite Straße des Verderbens zögen, so war sie doch keineswegs gewohnt, eine so unverholene und lieblose Verdammung über sie aussprechen zu hören. Heinrich hatte nur mit Mühe seinen Unwillen über diesen unberufenen Angriff auf seine sanfte und duldsame Tante unterdrückt; als sich aber die Thüre hinter ihr schloß, gab er seinen Gefühlen Raum. »Ich muß bekennen, Sir,« rief er mit Heftigkeit, »daß ich, als ich den Diener Gottes vor mich ließ, einen Christen zu finden hoffte – einen Menschen, der im Gefühl seiner eigenen Schwäche Geduld mit den Gebrechen Anderer zu tragen weiß. Ihr habt das zarte Herz einer herrlichen Frau verwundet, und ich gestehe, daß ich wenig Neigung fühle, meine Gebete mit denen eines so unduldsamen Geistes zu vereinigen.« Der Geistliche richtete sich in ernster Haltung auf, folgte den sich entfernenden Frauen mit einem Blicke mitleidiger Verachtung und nahm den Vorwurf des jungen Mannes hin, als ob er keiner Beachtung werth sey. Auf einmal ließ sich aber eine andere Stimme vernehmen: »Ein solcher Ausfall hätte bei vielen Weibern Krämpfe hervorbringen können; doch er hat seinem Zwecke gehörig entsprochen.« »Wer ist das?« rief der Gefangene, indem er sich verwundert im Zimmer nach dem Sprecher umsah. »Ich bin's, Capitän Wharton,« sagte Harvey Birch, indem er die Brille entfernte und seine durchdringenden Augen unter einem Paar falscher Augenbraunen zum Vorschein kamen. »Guter Gott! – Harvey!« »Stille!« sagte der Hausirer feierlich; »dieser Name darf nicht laut werden – am allerwenigsten hier, in dem Herzen der Amerikanischen Armee.« Birch hielt inne und sah sich einen Augenblick mit einem Ausdrucke, der nichts von der niedrigen Leidenschaft der Furcht verrieth, im Zimmer um; dann fuhr er mit düsterem Tone fort: »Es hängen tausend Stricke an diesem Namen, und ich dürfte nicht zu entkommen hoffen, wenn ich wieder ergriffen würde. Ich habe ein schreckliches Wagestück unternommen; aber der Gedanke, einen unschuldigen Menschen den Tod eines Hundes sterben zu sehen, wenn ich ihn nicht retten könnte, ließ mich weder rasten noch ruhen.« »Nein,« sagte Heinrich, und die Gluth eines edeln Gefühls färbte seine Wangen; »wenn das Wagniß für Euch so groß ist, so geht wieder zurück, wie Ihr gekommen seyd und überlaßt mich meinem Schicksale. Dunwoodie bietet gegenwärtig Allem zu meiner Rettung auf, und wenn er im Laufe der Nacht mit Herrn Harper zusammentrifft, so ist meine Befreiung gewiß.« »Harper?« wiederholte der Hausirer, welcher eben die Brille wieder aufsetzen wollte, aber bei dem Laute dieses Namens sein Geschäft unterbrach und mit erhobenen Händen verwundert stehen blieb. »Was wissen Sie von Harper? Und warum bauen Sie auf seine Unterstützung?« »Ich habe sein Versprechen. – Ihr erinnert Euch unseres Zusammentreffens in meines Vaters Hause, und er verhieß mir unaufgefordert seinen Beistand.« »Ja – aber kennen Sie ihn? das heißt – warum glauben Sie, daß er die Macht dazu hat? und aus welchem Grunde schließen Sie, daß er sich seines Wortes erinnern werde?« »Wenn sich je der Stempel der Redlichkeit und eines ehrlichen, aufrichtigen Wohlwollens in dem Gesichte eines Mannes abdrückte, so war es hier der Fall,« sagte Heinrich; »außerdem hat Dunwoodie gewichtige Freunde in der Rebellenarmee, und ich denke, es ist besser, zu bleiben wo ich bin, als daß ich Euch, wenn Ihr entdeckt würdet, einem sicheren Tode aussetze.« »Capitän Wharton,« sagte Birch, indem er sich vorsichtig umsah und einen ernsten Nachdruck in seine Worte legte; »wenn ich Sie verlasse, verläßt Sie Alles. Weder Harper noch Dunwoodie kann Ihr Leben retten. Wenn Sie sich nicht mit mir flüchten, und zwar innerhalb einer Stunde, so sterben Sie morgen wie ein Dieb am Galgen. Ja, so sind ihre Gesetze; der Mann, welcher kämpft, mordet, raubt, wird geachtet; aber wer dem Lande als Spion dient, wäre es auch noch so treu und noch so ehrlich, führt ein entehrendes Leben und stirbt wie der elendeste Verbrecher!« »Ihr vergeßt, Meister Birch,« sagte der Jüngling etwas unwillig, »daß ich kein tückischer, schleichender Spion bin, der nur auf Betrug und Verrath sinnt, daß ich keinen Theil an dem mir aufgebürdeten Verbrechen habe.« Ein Blutstrom schoß nach dem bleichen hageren Gesichte des Hausirers, so daß es in feuriger Gluth leuchtete; diese verflog jedoch schnell wieder und er fuhr fort: »Ich habe Ihnen die Wahrheit gesagt. Ich traf auf Cäsar, als er diesen Morgen seine Botschaft ausrichten wollte, und habe mit ihm die Mittel besprochen, deren Benützung Sie retten wird. Wollen Sie keinen Gebrauch davon machen, so sind Sie verloren. Ich betheure Ihnen nochmal, daß dann keine Macht auf Erden, selbst Washington nicht, Sie zu retten vermag.« »Ich füge mich,« sagte der Gefangene, indem er dem Ernste des Krämers und den durch dessen Worte neu erweckten Befürchtungen nachgab. Der Hausirer winkte ihm, zu schweigen, ging auf die Thüre zu und öffnete sie mit derselben steifen Förmlichkeit, mit welcher er in's Zimmer getreten war. »Freund, laß Niemand herein,« sagte er zur Schildwache; »wir wollen uns im Gebete ergehen und wünschen allein zu seyn.« »Ich glaube nicht, daß Euch Jemand zu unterbrechen wünscht,« erwiederte der Soldat mit einem schalkhaften Seitenblicke; »wenn aber die Verwandten des Gefangenen Lust dazu hätten, so habe ich nicht das Recht, sie abzuweisen. Ich habe meine Befehle und muß ihnen Folge leisten, mag nun der Engländer in den Himmel kommen oder nicht.« »Verwegener Sünder!« sagte der angebliche Priester, »hast Du nicht die Furcht Gottes vor Augen? Ich sage Dir, wenn Du anders die Strafen des letzten Gerichtes fürchtest, laß Niemand von dieser götzendienerischen Gemeinde eintreten, damit sie nicht ihre Gebete mit denen der Rechtgläubigen vermische.« »Hu – hu, welch' ehrenhaften Befehlshaber würdet Ihr für den Sergeanten Hollister abgeben; was wären da seine Erbauungsstunden, welche er nach dem Verlesen hält, gegen Eure Predigt! Hört, ich will es Euch Dank wissen, wenn Ihr mit Euerm Lärmen nicht so fort macht, und unsere Hörner nicht überschreit; Ihr könntet sonst einem armen Burschen den Grog versalzen, wenn er heute Abend das Paradesignal überhörte. Wenn Ihr ja allein seyn müßt, habt Ihr nicht ein Messer, um es unter die Thürschnalle zu stecken? – braucht Ihr etwa einen ganzen Reiterzug, um Euren Conventikel zu hüten?« Der Hausirer faßte den Wink auf und verwahrte die Thüre nach der von dem Dragoner ertheilten Angabe. »Ihr übertreibt Eure Rolle,« sagte der junge Wharton in beständiger Furcht einer Entdeckung; »Euer Eifer ist zu ungezügelt.« »Bei einem Infanteristen und bei den östlichen Milizen möchte es der Fall seyn,« sagte Harvey, indem er ein Bündel auspackte, welches ihm Cäsar einhändigte; »aber diese Dragoner sind Burschen, die man niederwindbeuteln muß. Ein verzagtes Herz würde hier nicht viel ausrichten; doch kommen Sie, – da ist ein schwarzer Deckel für Ihr hübsches Gesicht,« er brachte eine Pergamentmaske zum Vorscheine und band sie Heinrich vor. »Der Herr und der Knecht müssen für eine Weile die Platze wechseln.« »Ich nicht denk, er aussehen auch nur ein bischen wie ich,« sagte Cäsar verdrießlich, als er seinen jungen Gebieter so verändert sah. »Nur einen Augenblick Geduld, Cäsar,« sagte der Hausirer mit der drolligen Laune, welche er hin und wieder kund gab, »bis wir an die Wolle kommen.« »Er nun schlimmer, als vorher,« rief der unzufriedene Afrikaner; »farbig Mann nie aussehen wie Schaaf! Ich nie sehen solche Lipp', Harvey, die so dick seyn wie Wurst!« Es hatte viele Mühe gekostet, die zu Heinrich Wharton's Verkleidung erforderlichen Gegenstände zusammen zu bringen, und unter Harvey's gewandten Händen brachten sie in dem Aeußern des jungen Officiers eine Verwandlung zu Wege, die wohl einen gewöhnlichen Beobachter zu täuschen und eine Entdeckung zu verhüten im Stande war. Die Maske war so gut angefertigt, daß sie den ganzen eigenthümlichen Ausdruck in dem Gesichte und der Farbe des Afrikaners treu nachbildete, und die kunstvoll aus schwarzer und weißer Wolle zusammengesetzte Perücke ahmte die Pfeffer- und Salzfarbe von Cäsar's Kopf so täuschend nach, daß selbst der Schwarze, der sie bis auf den Stoff für ein ausgezeichnetes Conterfey erklärte, seinen Beifall nicht versagen konnte. »Es gibt nur einen Menschen in der amerikanischen Armee, der den Betrug, zu entdecken im Stande wäre, Capitän Wharton;« sagte der Hausirer, indem er sein Werk mit Zufriedenheit betrachtete, »und zum Glück ist dieser uns gegenwärtig nicht im Wege.« »Und wer ist der?« »Der Mann, welcher Sie zum Gefangenen machte. Er würde Ihre weiße Haut durch ein Brett hindurch erkennen. – Aber zieht euch jetzt beide aus; die Kleider müssen vom Kopf bis zum Fuß gewechselt werden.« Cäsar, der bereits am Morgen von dem Krämer die ausführlichsten Weisungen erhalten hatte, begann sogleich seine groben Kleider abzulegen, in welche sich der junge Mann, nicht ohne einige Zeichen des Widerwillens zu verrathen, zu hüllen anfing. In dem Benehmen des Hausirers lag ein wunderliches Gemisch von Besorgniß und Laune; erstere war das Ergebniß einer vollkommenen Vertrautheit mit der ganzen Größe der Gefahr, wie auch der Kenntniß derjenigen Mittel, durch welche sie vermieden werden konnte; letztere entsprang aus der unvermeidlichen Lächerlichkeit der Umstände, verbunden mit jener Gleichgültigkeit, welche die Frucht der Erfahrung und einer vielfältigen Bekanntschaft mit derartigen Scenen war. »Da, Capitän,« sagte er, indem er einige Hände voll Wolle zum Vorschein brachte, und Cäsars Strümpfe, welche sich bereits an den Beinen des Gefangenen befanden, auszustopfen begann. »Es gehört Umsicht dazu, um diesem Gliede die gehörige Form zu geben. Sie werden Gelegenheit haben, es auf dem Pferde sehen zu lassen, und diese Dragoner aus dem Süden sind an die Säbelbeine zu gewöhnt, um nicht gleich aus Ihrer wohlgeformten Wade merken zu können, daß sie nie dem Leibe eines Schwarzen angehörte.« »Prächtig!« sagte Cäsar mit einem, von einem Ohre bis zum andern grinsenden Munde, »Massa Harry's Hosen mir gut sitzen.« »Bis auf das Bein,« versetzte der Hausirer und machte ruhig in der Beschickung der Toilette fort. »Ziehen Sie jetzt den Rock darüber an. Auf mein Wort, Sie würden sich ganz artig auf einem Maskenball ausnehmen. Nun kömmt die Reihe an Dich, Cäsar. Setze diese wohlgepuderte Perücke auf und nimm Dich in Acht. Sieh zum Fenster hinaus, wenn die Thüre ausgeht, und sprich nicht, um keinen Preis, sonst verräthst Du alles.« »Harvey nicht brauchen zu denken, ein farbig Mann nicht haben Zunge wie andere Menschen,« brummte der Schwarze und nahm die ihm angewiesene Stellung ein. Alles war nun zum Handeln vorbereitet, und der Hausirer schärfte den beiden Mitspielern noch einmal ernstlich ihre Rollen ein. Er beschwor den Capitän, seine aufrechte militärische Haltung zu verleugnen und vor der Hand sich zu dem demüthigen Gang von seines Vaters Neger zu bequemen: Cäsarn dagegen empfahl er angelegentlichst, zu schweigen, und seine Verkleidung, so lange es nur immer möglich sey, beizubehalten. Nach diesen Vorkehrungen öffnete er die Thüre und rief mit lauter Stimme nach der Schildwache, welche sich an das entfernteste Ende des Ganges zurückgezogen hatte, um ja keinen Theil von den salbungsvollen Tröstungen wegzukriegen, welche seiner Meinung nach das ausschließliche Eigenthum eines Andern waren. »Laß die Frau des Hauses herbeirufen,« sagte Harvey in dem feierlichen Tone seines angenommenen Charakters; »sie soll aber allein kommen. Der Gefangene ist jetzt in einem heilsamen Zuge erbaulicher Gedanken und darf nicht in seiner Andacht gestört werden.« Cäsar hatte das Gesicht auf seine Hände sinken lassen, und als der Soldat in's Zimmer sah, kam es ihm vor, als ob der ihm anvertraute Gefangene in ernste Selbstbetrachtung vertieft sey. Er warf einen Blick stolzer Verachtung auf den Geistlichen, und rief laut nach der dienstfertigen Besitzerin des Hauses. Diese beeilte sich, der Aufforderung im größten Eifer Folge zu leisten, da sie die geheime Hoffnung nährte, Zeugin der salbungsvollen Worte an einen sich zum Tode vorbereitenden reuigen Sünder seyn zu dürfen. »Schwester,« sagte der Mann Gottes mit dem würdevollen Tone des Lehrers, »hast Du das Buch im Hause ›des christlichen Verbrechers letzte Augenblicke, oder Gedanken an die Ewigkeit für solche, die eines gewaltsamen Todes sterben‹?« »Ich habe nie etwas von diesem Buche gehört!« sagte die Matrone verwundert. »Wohl möglich; es gibt noch viele Bücher, von denen Du nichts gehört hast. Aber der arme Reuige bedarf unumgänglich der in diesem Werke enthaltenen Tröstungen, um im Frieden heimfahren zu können. Eine Stunde darin zu lesen, ist mehr werth, als die Predigten eines ganzen Menschenlebens.« »Guter Gott! wer einen solchen Schatz besäße! – Wann kam es heraus?« »Es wurde zuerst in Genf in griechischer Sprache herausgegeben, und erschien dann zu Boston in einer Übersetzung. Es ist ein Buch, Weib, das in den Händen eines jeden Christen seyn sollte, besonders in den Händen solcher, deren Bestimmung ist, an dem Galgen zu sterben. Man lasse sogleich ein Pferd für diesen Schwarzen da zurüsten, daß er mich zu meinem Bruder begleiten kann – und ich will die Schrift noch in guter Zeit herschicken. – Bruder, sammle Deinen Geist; Du bist nun aus dem schmalen Pfade zur ewigen Glorie.« Cäsar bewegte sich ein wenig aus seinem Stuhle, blieb jedoch soweit in seiner Rolle, daß er das Gesicht mit den Händen, die mit Handschuhen versehen waren, bedeckt hielt. Die Frau des Hauses entfernte sich, um dieser höchst billigen Aufforderung zu entsprechen, und die Gruppe der Verschworenen blieb wieder allein. »Nun, das ging gut,« sagte der Hausirer; »aber die Hauptsache ist, den Officier, der die Wache commandirt, zu überlisten. Er ist Lawton's Lieutenant und hat Einiges von der Schlauheit, seines Rittmeisters in solchen Angelegenheiten gelernt. Bedenken Sie, Capitän Wharton,« fuhr er mit einem gewissen Stolze fort, »daß jetzt der Zeitpunkt da ist, wo Alles von unserer Besonnenheit abhängt.« ,Mein Schicksal kann sich nicht um viel verschlimmern, mein würdiger Gefährte,« sagte Heinrich, »aber um Euretwillen will ich allem aufbieten, was in meinen Kräften liegt.« »Und was könnte meine verlassene und verfolgte Lage elender machen?« sagte der Hausirer in der wilden und unzusammenhängenden Weise, welche hin und wieder an ihm bemerkt werden konnte. »Aber ich habe es Einem versprochen, Sie zu retten, und diesem habe ich noch nie mein Wort gebrochen.« »Und wer wäre dieß?« fragte Heinrich mit erweckter Neugierde. »Niemand.« Nach einer kleinen Weile erschien ein Mann mit der Nachricht, daß die Pferde an der Thüre bereit seyen. Harvey winkte dem Capitän mit den Augen und ging voran, die Treppe hinab, nachdem er vorher der Hausfrau eingeschärft hatte, den Gefangenen allein zu lassen, damit er die heilsame Nahrung, welche er eben empfangen hätte, gehörig verdauen könne. Das Gerücht von dem seltsamen Charakter des Geistlichen hatte sich durch die Schildwache an der Thüre von Heinrichs Zimmer unter, den übrigen Dragonern verbreitet; und als Harvey und der Capitän den Vorplatz des Hauses erreichten, trafen sie auf ein Dutzend müßiger Soldaten, welche die löbliche Absicht hegten, den Eiferer zu necken, und zu diesem Ende sich um die Pferde versammelt hatten, als ob sie die Eigenschaften dieser Thiere bewunderten. »Ein schöner Gaul!« sagte der Erfinder dieses unseligen Planes; »nur ein wenig leibarm: ich denke, das kommt von der harten Arbeit in Euerm Beruf.« »Mein Beruf ist allerdings beschwerlich, sowohl für mich, als für dieses treue Thier; doch wird seiner Zeit auch der Tag der Ruhe kommen, der mich für alle meine sauern Gänge belohnen wird,« sagte Birch, indem er den Fuß in den Steigbügel setzte und sich zum Aufsitzen anschickte. »So arbeitet Ihr also auch um Lohn, wie wir darum fechten?« rief ein anderer von der Truppe. »Natürlich – ist nicht der Arbeiter seines Lohnes Werth?« »Kommt und thut, als ob Ihr uns ein bischen predigtet; wir haben gerade freie Zeit, und man kann nicht wissen, wie viel Gutes ein Paar Worte bei einem Haufen Verworfener, wie wir sind, auszurichten vermögen. Da, steigt auf diesen Block hinauf, und wählt den Text, woher Ihr wollt.« Die Soldaten sammelten sich nun in lustigem Getümmel um den Krämer; welcher, mit einem nachdrücklichen Augenwinke zu dem bereits auf dem Pferde sitzenden Capitän, erwiederte: »Gerne; denn es gehört zu meinen Dienstpflichten. Cäsar; Du kannst einstweilen vorausreiten und das Schreiben abgeben – der unglückliche Gefangene ist des Buches benöthigt und seine Stunden sind gezählt.« »Ja, ja, geh' nur, Cäsar und hole das Buch,« rief ein halbes Dutzend Stimmen und die Dragoner drängten sich ungeduldig um den vorgeblichen Priester, von dem sie sich eines köstlichen Spaßes versahen. Der Hausirer fürchtete im Geheim, daß durch das nicht allzuhöfliche Verfahren mit ihm und seinen Kleidern der Hut und die Perücke verschoben werden möchten, wodurch nothwendig eine Entdeckung herbeigeführt werden mußte, und bequemte sich deßhalb nur ungern, ihrer Aufforderung zu entsprechen. Er bestieg den Block, räusperte sich ein paarmal, warf einen Blick auf den Capitän, der sich noch immer nicht von der Stelle bewegte, und begann folgendermaaßen: »Ich muß, meine lieben Brüder, Eure Aufmerksamkeit an die Stelle der Schrift verweisen, welche Ihr im zweiten Buche Samuelis finden werdet, und die in folgenden Worten dort geschrieben steht: – ›Und der König klagte um Abner und sprach: Abner ist nicht gestorben wie ein Thor stirbt; deine Hände sind nicht gebunden, deine Füße sind nicht in Fesseln gesetzt; du bist gefallen, wie man vor bösen Buben fällt. Da beweinete ihn alles Volk noch mehr.‹ Cäsar, reite zu, sage ich, und bringe das Buch, wie Dir befohlen ist, denn die Seele Deines Herrn schmachtet nach der Himmelskost, welche es ihm bietet.« »Ein herrlicher Text!« riefen die Dragoner, »macht fort – macht fort – laßt den Schneemann dableiben, er kann eben so gut Erbauung brauchen, als ein anderer.« »Was macht Ihr da; Ihr Schlingel?« rief Lieutenant Mason, der von einem Spaziergange zurückkam, den er gemacht hatte, um sich durch die Abendparade des Milizenregiments belustigen zu lassen; »fort mit Euch; Marsch in Eure Quartiere – ich hoffe, daß jedes Pferd sauber ist und seine gehörige Streu hat, wenn ich die Runde mache.« Der Ton der Stimme des Officiers wirkte wie ein Zauber, und kein Priester hätte eine ruhigere Versammlung finden können, obgleich er vielleicht eine zahlreichere gewünscht hätte, denn bei Mason's Worten war im Augenblick alles bis auf Cäsars Abbild verstoben. Der Hausirer benützte diese Gelegenheit, um auf's Pferd zu steigen, wobei er jedoch in seinen Bewegungen immer noch die nöthige Würde behaupten mußte; denn die Bemerkungen der Soldaten über den Zustand ihrer Pferde waren nur zu richtig, und es standen ein Dutzend Dragonerpferde gesattelt und gezäumt bereit, bei dem leichtesten Verdacht ihre Reiter aufzunehmen. »Nun, alter Herr,« sagte Mason, »habt Ihr den armen Burschen da drinnen aufgezäumt, daß er seinen letzten Ritt unter geistlichem Zügel machen kann?« »Deine Rede ist vom Uebel, unheiliger Mann,« rief der Priester mit erhobenen Händen, indem er die Augen voll heiligen Entsetzens gen Himmel richtete; »und so will ich jetzt unbeschädigt von Dir ziehen, wie Daniel vor den Zähnen der Löwen bewahrt blieb.« »Fort mit Dir, Du heuchlerischer, psalmodirender, plärrender Schuft in Pfaffentracht,« erwiedert Mason verächtlich. »Bei Washington's Leben! es liegt einem ehrlichen Burschen schwer im Magen, wenn er sehen muß, daß solche gefräßige Bestien ein Land verheeren, für das er sein Blut vergießt. Wenn ich Dich nur eine Viertelstunde in einer Virginischen Pflanzung hätte, so wollte ich Dich lehren, mit den Truthühnern die Würmer vom Tabak zu lesen.« »Ich verlasse Dich und schüttle den Staub von meinen Schuhen, damit kein Ueberbleibsel von dieser Höhle der Gottlosigkeit das Gewand des Gerechten verunreinige.« »Mache, daß Du fortkömmst, oder ich will Dir den Staub aus dem Wamse klopfen, Du heuchlerischer Schuft! Solch ein Kerl will meinen Leuten predigen! Der Hollister setzt ihnen schon genug Flöhe in's Ohr mit seinen Ermahnungen; die Schurken werden mir nach gerade so gewissenhaft, daß sie mir keinen Hieb mehr führen wollen, der nur die Haut ritzt. Doch halt! wo willst denn Du hin, Meister Schwarzhaut in so heiliger Gesellschaft?« »Er ist ausgeschickt,« erwiederte der Geistliche, indem er hastig für seinen Begleiter das Wort nahm, – »um ein Buch zu holen, in welchem der sündige junge Mensch da droben viel Trost und Erbauung finden kann, und das seine Seele in kurzer Zeit so weiß machen wird, als seine Außenseite schwarz und unscheinbar ist Willst Du einem Sterbenden die Tröstungen der Religion entziehen?« »Nein, nein, das Loos des armen Burschen ist ohnehin schlimm genug. – Seine gezierte Tante hat uns mit einem prächtigen Frühstück bewirthet. Aber höre, Meister Mysticus, wenn der Junge secundum artem sterben soll, so überlasse ihn der Leitung eines ehrlichen Mannes, und ich rathe Dir, daß Du nie wieder Dein schlotterndes Gerippe unter uns blicken läßt, oder ich lasse Dir den Ueberzug abstreifen und schicke Dich nackend in's Weite.« »Fluch über Dich, Du Spötter und Verrächter der Gnade!« rief Birch und ritt langsam unter gehöriger Beobachtung des priesterlichen Anstandes seiner Wege, wobei der angebliche Cäsar ihm folgte; »doch ich gehe fort von Dir, und hinter mir wird Deine Verdammniß liegen. Ich freue mich von ganzem Herzen, von Dir befreit zu seyn.« »Gott verdamme ihn,« brummte der Reiter, »der Kerl sitzt auf der Mähre wie ein Pfahl und streckt die Beine hinaus, wie die Ecken seines Huts. Ich wollte, ich hätte ihn im Thal drunten, wo man's mit dem Gesetz nicht so genau nimmt; er sollte mir –« »Corporal von der Wache! – Corporal von der Wache!« schrie die Schildwache in der Hausflur; »Corporal von der Wache! – Corporal von der Wache!« Der Lieutenant flog die schmale Treppe hinan, welche zu dem Zimmer des Gefangenen führte und fragte, was das Rufen zu bedeuten habe. Der Soldat stand an der offenen Thüre des Zimmers und blickte argwöhnisch nach dem angeblichen brittischen Officiere. Als er seinen Vorgesetzten bemerkte, trat er salutirend zurück und erwiederte in einiger Verwirrung: »Ich weiß nicht, Sir, aber der Gefangene sah eben gar wunderlich aus. Seit ihn der Prediger verlassen hat, kommt er mir nicht mehr wie sonst vor – aber« – er blickte dabei über die Schulter des Lieutenants – »er muß es am Ende doch seyn! Es ist derselbe gepuderte Kopf, und der gestopfte Riß im Rock, wo er an dem Tage des letzten Gefechts mit dem Feinde einen Hieb bekam.« »Und Du machst einen solchen Lärm, Kerl, weil Du zweifelst, ob der arme Mann Dein Gefangener sey oder nicht? Wer, zum Teufel, sollte es denn sonst seyn?« »Das weiß ich freilich nicht,« erwiederte der Soldat verdrießlich, »aber wenn er es ist, so ist er kürzer und dicker geworden, und sehen Sie nur selbst, Sir – er klappert am ganzen Leibe zusammen, als ob er das kalte Fieber hätte.« Das Letztere war nur zu wahr. Cäsar hörte dieser kurzen Besprechung mit einer wahren Todesangst zu, und obgleich er über das glückliche Entrinnen seines jungen Herrn höchlich erfreut war, so richteten sich doch natürlicher Weise seine gegenwärtigen Gedanken auf die Folgen dieser Flucht für seine eigene Person. Die Pause, welche auf die letzte Bemerkung der Schildwache folgte, trug keineswegs dazu bei, ihn wieder zu ermuthigen. Lieutenant Mason war beschäftigt, sich mit eigenen Augen von diesen verdächtigen Erscheinungen zu überzeugen, was Cäsar durch eine Oeffnung, die er unter einem seiner Arme ausdrücklich zum Zwecke des Recognoscirens gebildet hatte, gewahr werden konnte. Capitän Lawton würde die Täuschung im Augenblicke entdeckt haben, aber Mason besaß nicht das geübte Auge seines Oberen. Er wandte sich verächtlich zu dem Soldaten und bemerkte mit leiser Stimme: »Der Wiedertäufer, der Methodist, der Quäcker, der psalmodirende Schuft hat den Jungen mit seinem Flammen- und Schwefelpfuhl eingeängstigt. Ich will ein wenig hineingehen und ihn durch ein vernünftiges Gespräch erheitern.« »Ich habe wohl sagen hören, daß die Furcht einen weiß machen könne,« sagte der Soldat, indem er sich scheu zurückzog und nach dem Gefangenen hinstierte, als ob ihm die Augen aus den Höhlen springen wollten; »aber den königlichen Capitän hat sie zu einem Schwarzen gemacht!« Das Wahre an der Sache war, daß Cäsar, welcher die leisen Worte Masons nicht verstehen konnte und durch die übrigen Umstände schon zur Genüge abgeängstigt war, unvorsichtiger Weise, um besser hören zu können, die Perücke vom Ohr schob, ohne im mindesten zu bedenken, daß die schwarze Farbe desselben nothwendig eine Entdeckung der Verkappung herbeiführen mußte. Die Schildwache hatte kein Auge von dem Gefangenen verwendet und war sogleich dieses verrätherischen Organs ansichtig geworden. Mason richtete seine Aufmerksamkeit gleichfalls augenblicklich auf diese Erscheinung, und alle Rücksichten für einen unglücklichen Kameraden vergessend, oder vielmehr an nichts als an die Rüge denkend, welche sein Corps treffen konnte, sprang er vorwärts und packte den erschreckten Afrikaner an der Kehle; denn Cäsar hatte kaum seine Farbe nennen hören, als ihm auch schon die Entdeckung wie entschieden vorkam, und bei dem ersten Tone von Masons schweren Stiefeln auf dem Boden erhob er sich von seinem Stuhle, um sich in aller Hast in irgend einen Winkel des Zimmers zu verkriechen. »Wer bist, Du?« schrie Mason und stieß den Kopf des alten Mannes bei jeder Frage gegen die Wandecke, »wer Teufels bist Du, und wo ist der Engländer? Sprich, Du Donnerwetterskerl! Antworte mir, Du Dohlengesicht, oder ich lasse Dich an den Galgen des Spions hängen.« Cäsar blieb standhaft. Weder die Drohungen noch die Stöße waren im Stande, eine Antwort aus ihm herauszupressen, bis der Lieutenant eine sehr nahe liegende Veränderung des Angriffs vornahm und seinem schweren Stiefel eine Richtung gab, welche denselben in eine sehr genaue Berührung mit dem empfindlichsten Theile des Negers, nämlich seinem Schienbeine, brachte. Das verstockteste Herz hätte eine solche Bearbeitung nicht länger in Geduld hingenommen, und auch Cäsar gab jetzt weich. Die ersten Worte, welche er vernehmen ließ, lauteten: »Ach, Massa, Ihr denken, ich haben kein Gefühl!« »Beim Himmel!« brüllte der Lieutenant, »es ist der Neger selbst! Spitzbube, wo ist Dein Herr, und wer war der Pfaffe?« Bei diesen Worten machte er eine Bewegung, als ob er den Angriff erneuen wolle; aber Cäsar schrie laut um Gnade und versprach, Alles zu erzählen, was er wisse. »Wer war der Pfaffe?« wiederholte der Dragoner, indem er mit dem schrecklichen Stiefel ausholte und ihn in drohender Schwebe erhielt. »Harvey, Harvey!« schrie Cäsar und hüpfte von einem Beine auf's andere, je nachdem er eines oder das andere dieser Glieder dem Angriffe bloß gestellt erachtete. »Was für ein Harvey, Du schwarzer Hallunke?« rief der ungeduldige Lieutenant, indem er mit tüchtigen Stiefelstößen in vollem Maße Rache nahm. »Birch!« winselte Cäsar und sank in die Beine, wobei die Thränen in großen Tropfen; über sein glänzendes Gesicht rannen. »Harvey Birch!« wiederholte der Reiter, indem er den Schwarzen an die Wand fliegen ließ und aus dem Zimmer rannte. »Zu den Waffen! zu den Waffen! fünfzig Guineen für den Kopf des Krämerspions! – Gebt keinen Pardon! Aufgesessen, aufgesessen! Zu den Waffen! Zu Pferde!« Während des Lärmens, der durch das Zusammeneilen der Dragoner und das Rennen nach den Pferden veranlaßt wurde, erhob sich Cäsar wieder von dem Boden und fing an, seine Beschädigungen zu untersuchen. Zu seinem Glücke hatte er den Kopf geduckt und daher keinen wesentlichen Schaden genommen. Neunundzwanzigstes Kapitel. Fort, Gilpin, mit Perück und Hut! Wir sind schon durch die Stränge! Wem hätt's geträumet, daß so gut Uns dieser Streich gelänge? Cowper.   Die Straße, welche der Krämer und der englische Capitän einschlagen mußten, um den Schirm der Berge zu gewinnen, konnte auf eine halbe Meile hin von der Thüre des Gebäudes aus, welches Wharton noch kürzlich als Gefängniß gedient hatte, übersehen werden, da sie eben so lange über die fruchtbare Ebene hin lief, welche sich bis an den Fuß des fast senkrecht aufsteigenden Gebirges erstreckte; dann beugte sie rasch rechtsum und folgte nun den natürlichen Krümmungen, welche in's Innere des Hochlandes führten. Um den angeblichen Unterschied des Standes anschaulich zu machen, ritt Harvey seinem Begleiter nur um eine kleine Strecke vor und behielt den bedächtigen und würdevollen Schritt bei, der für seine Rolle paßte. Zur Rechten lagen die Zelte des bereits erwähnten Infanterieregiments, und unsere Wanderer konnten die Schildwachen dieses Lagers mit gemessenen Tritten am Saume der Berge auf und ab schreiten sehen. Heinrichs erster Gedanke war allerdings, sein Thier zur größten Eile anzutreiben, und so sich auf einmal in Sicherheit zu bringen, um der quälenden Ungewißheit seiner Lage ein Ende zu machen. Ein Versuch des jungen Mannes zu diesem Zweck wurde jedoch sogleich von dem Hausirer angehalten. »Was beginnen Sie?« rief er, indem er sein eigenes Pferd quer in den Weg seines Gefährten lenkte; »wollen Sie uns beide zu Grunde richten? Bleiben Sie in der Rolle eines Schwarzen, der seinem Herrn folgt. Haben Sie nicht ihre Vollblutrosse gesattelt und gezäumt vor dem Hause im Freien stehen sehen? Wie lange glauben Sie, daß der elende holländische Gaul im Galopp fortmachen wird, wenn die Virginier uns nachsetzen sollten? Jede Fußbreite, die wir, ohne Lärm zu erregen, zurücklegen können, zählt für einen Tag in unserem Leben. Reiten Sie nur hübsch hinter mir d'rein, und sehen Sie ja um keinen Preis zurück. Sie sind schlau, wie die Füchse, ja, und blutgierig wie die Wölfe.« Heinrich zügelte mit Widerwillen seine Ungeduld und folgte der Weisung des Hausirers. Seine Phantasie ängstigte ihn jedoch ohne Unterlaß mit dem eingebildeten Rufe seiner Verfolger, obgleich Birch, welcher unter dem Scheine einer Besprechung mit seinem Begleiter öfters zurück sah, ihm versicherte, daß Alles in ihrem Rücken ruhig und friedlich sey. »Aber,« sagte Heinrich, »Cäsar kann unmöglich lange unentdeckt, bleiben. Würden wir nicht besser thun, die Pferde ausholen zu lassen? Während sie über den Grund unserer Eile Betrachtungen anstellen, können wir die Waldecke erreichen.« »Ach! Sie kennen diese Bursche wenig, Capitän Wharton,« erwiederte der Hausirer. »Gerade jetzt sieht uns ein Sergeant nach, als ob er dächte, daß nicht Alles richtig sey; der Spürhund bewacht mich wie ein auf der Lauer liegender Tiger. Er schien schon Unrath zu wittern, als ich auf dem Block stand. Nun treiben Sie Ihren Gaul an – wir müssen die Thiere ein wenig ausholen lassen, denn er legt die Hand an den Sattelknopf. Wenn er aufsteigt, so ist's um uns geschehen. Auch die Fußsoldaten können uns noch mit ihren Musketen erreichen.« »Was thut er jetzt?« fragte Heinrich, und ließ seinem Pferde den Zügel, indem er zugleich die Fersen in die Seiten des Thieres setzte, um es jeden Augenblick zum Sprunge bereit zu haben. »Er wendet sich von seinem Rosse ab und sieht anderswo hin; nun einen sanften Trab – nicht so schnell – nicht so schnell. Geben Sie doch auf die Schildwache Acht, die dort vor uns im Felde steht! Sie hat ein scharfes Auge auf uns.« »Was kümmert uns der Infanterist,« sagte Heinrich ungeduldig; »er kann höchstens nach uns schießen, aber die Dragoner können uns wieder aufgreifen. Gewiß, Harvey, ich höre den Hufschlag von Pferden hinter uns auf der Straße. Seht Ihr nichts Besonderes?« »Hm!« versetzte der Hausirer, »'s gibt allerdings etwas Besonderes hinter dem Gebüsch, links von Ihnen. Drehen Sie den Kopf ein wenig, so werden Sie es auch bemerken und vielleicht eine Nutzanwendung daraus ziehen.« Heinrich machte rasch von dieser Erlaubnis, seitwärts zu sehen, Gebrauch und das Blut gerann ihm bis zum Herzen, als er gewahrte, daß sie an einem Galgen vorbeiritten, welcher unstreitig zu seiner eigenen Hinrichtung errichtet worden war. Er wandte das Gesicht mit unverhülltem Entsetzen von diesem Anblick ab. »Ein ernster Ermahner, klug zu seyn,« sagte der Hausirer in der sententiösen Weise, in welcher er sich oft auszudrücken pflegte. »Wahrlich, ein schrecklicher Anblick!« rief Heinrich und verhüllte die Augen mit der Hand, als ob er das Bild eines Gespenstes von sich ferne halten wolle. Der Hausirer wandte sich jetzt ein wenig im Sattel und sprach mit bitterem und wehmüthigem Nachdruck: »Und jetzt, Capitän Wharton, sehen Sie ihn, indeß der volle Schein der niedergehenden Sonne auf Sie fällt und Ihnen die Luft rein und frisch von den Bergen entgegenweht. Mit jedem Schritte, den Sie thun, lassen Sie diesen verhaßten Galgen weiter hinter sich. Jede dunkle Höhle, jeder Felsblock des Gebirgs bietet Ihnen einen Versteck gegen die Rache Ihrer Feinde. Aber ich habe den Galgen schon ausgeschlagen gesehen, wo sich kein Zufluchtsort darbot. Ich war zweimal in Kerkern begraben, wo ich in Ketten und Banden Nächte der Qual durchlebte und in dem grauenden Morgen nur den Zeugen eines schmachvollen Todes erwarten durfte. Alle Feuchtigkeit meines Körpers schien in dem über die Glieder rinnenden Schweiße zu entweichen, und wenn ich mich an das Loch wagte, welches mir durch die Eisenstangen Luft zuströmen ließ – wenn ich einen Blick auf das Lächeln der Natur werfen wollte, das Gott selbst seinen geringsten Geschöpfen bescheert, so stand die schreckliche Gestalt des Galgens vor meinen Augen, wie das böse Gewissen vor der zerrissenen Seele des Sterbenden. Viermal bin ich in ihren Händen gewesen, ohne dieses letztemal; aber – zweimal – dachte ich, mein Stündlein sey gekommen. Das Sterben kommt uns immer schwer an, Capitän Wharton; aber die letzten Augenblicke, allein und unbemitleidet hin zu bringen – Niemand mehr zu wissen, der an dem Geschicke eines Menschen Theil nähme, für welchen sich jetzt die ganze Erdenbahn schließt – denken zu müssen, daß man in wenigen Stunden die Dunkelheit, welche man im Hinblick auf die Zukunft lieb gewonnen hat, verlassen und an's Licht des Tages treten solle, um Augen zu begegnen, die einen von allen Seiten anstarren, als wäre man ein wildes Thier – und dann von Allem hinweggenommen zu werden unter dem Scherz und Hohn seiner Mitgeschöpfe – das, Capitän Wharton – in der That, das heißt erst sterben!« Heinrich horchte erstaunt auf, als er seinen Begleiter diese Worte mit einer Heftigkeit aussprechen hörte, welche er nie zuvor an demselben bemerkt hatte. Beide schienen der Gefahr und ihrer Rollen vergessen zu haben. »Wie? Seyd Ihr je dem Tode so nahe gewesen?« »Bin ich nicht seit drei Jahren das gehetzte Wild dieser Berge?« versetzte Harvey. »Einmal stand ich sogar schon unter dem Galgen, und ich verdankte nur einem Angriff der Königlichen Truppen meine Rettung. Kamen sie nur eine Viertelstunde später, so war ich eine Leiche. Ich stand mitten unter gefühllosen Männern und gaffenden Weibern und Kindern, wie ein fluchwürdiges Ungeheuer. Ich wollte zu Gott beten, aber da wurden meine Ohren mit der Geschichte meiner Verbrechen gequält; ich sah mich unter der Menge nur nach einem einzigen Gesicht um, das mir einiges Mitleid schenkte, aber ich fand keines – ach, nicht ein einziges; – Alle verwünschten mich als einen Elenden, der sein Vaterland für Gold verkaufe. Die Sonne schien meinen Augen schöner als je – es war ja das letztemal, daß ich sie sehen sollte. Die Fluren lachten so freundlich und die ganze Natur erschien mir wie in einem himmlischen Lichte. Ach, wie süß war das Leben in jenem Augenblicke! Es war eine fürchterliche Stunde, Capitän Wharton, – eine Stunde, wie Sie nie eine erlebt haben. Sie haben Freunde, die mit Ihnen fühlen, aber ich hatte Niemand, als einen Vater, der um meinen Tod getrauert haben würde, wenn er ihn erfahren hätte. In meiner Nähe jedoch war kein Mitleid, kein Trost, um meine Qual zu sänftigen. Alles schien mich verlassen zu haben. Ich dachte sogar, Er hätte vergessen, daß ich noch lebe.« »Wie? Ihr fürchtetet sogar, daß Gott Euch verlassen haben könnte, Harvey?« »Gott vergißt seine Diener nicht,« erwiederte Birch mit Ehrfurcht und einem wahren Ausdruck von Andacht, welche er bisher nur seiner Rolle wegen zur Schau getragen hatte. »Wen versteht Ihr denn unter dem Er ?« Der Hausirer gab sich im Sattel die steife und aufrechte Haltung, welche zu seiner Verkleidung paßte. Das Feuer, welches eine kleine Weile seine Züge verklärt hatte, verschwand und machte den feierlichen Linien einer regungslosen Demuth Platz; dann fuhr er in einem Tone, als ob er den Neger belehrte, fort: »Im Himmel gibt es keinen Unterschied der Farben, Bruder; deßhalb trägst auch Du in Deiner Seele jenen köstlichen Beruf, von welchem Du drüben Rechenschaft ablegen mußt.« Er fügte mit leiser Stimme bei: »dieß ist die letzte Schildwache am Wege. Sehen Sie sich nicht um, so lieb Ihnen Ihr Leben ist.« Heinrich gedachte seiner Lage und nahm schnell wieder die demüthige Haltung seines angeblichen Charakters an. Die unerklärliche Begeisterung in den Worten des Hausirers war bald unter dem Eindrucke der unmittelbaren eigenen Gefahr vergessen und mit der Erinnerung an das Entscheidungsvolle des gegenwärtigen Augenblicks kehrte in Heinrich's Seele auch wieder die Unruhe ein, welche er für eine Weile verloren hatte. »Was seht Ihr, Harvey?« rief er, als er den Hausirer mit bedenklicher Aufmerksamkeit nach dem Hause, welches sie verlassen hatten, zurückblicken sah; »was seht Ihr vor dem Hause?« »Etwas, das für uns nichts Gutes bedeutet,« erwiederte der angebliche Priester: »Werfen Sie die Maske und die Perücke weg; Sie werden alsbald alle Ihre Sinne nöthig haben – werfen Sie sie in den Weg; es ist Niemand vor uns, den ich fürchte, aber hinter uns sind welche, die uns zu einem schrecklichen Wettrennen Anlaß geben werden.« »So sey es denn,« rief der Capitän und warf die Zugehör seiner Verkleidung auf die Straße; »laßt uns unsere Zeit auf's Beste benützen. Wir brauchen noch eine volle Viertelstunde bis an die Ecke; warum nicht auf einmal darauf losrennen?« »Bleiben Sie besonnen, Capitän; sie sind im Aufruhr, aber sie werden nicht ohne einen Officier aufsitzen, wenn sie uns nicht fliehen sehen – jetzt kommt er – er geht nach den Ställen; reiten Sie etwas rascher! ein Dutzend ist im Sattel, aber der Officier hält noch, um die Gurten fester anzuziehen – sie halten uns für einen leichten Fang; er sitzt auf – Jetzt reiten Sie, Capitän Wharton, auf Tod und Leben! Halten Sie sich dicht hinter mir! Wenn Sie mich verlassen, so sind Sie verloren!« Es bedurfte keiner zweiten Aufforderung. Sobald Harvey sein Pferd in Galopp setzte; folgte ihm Capitän Wharton, welcher sein armseliges Thier auf das Aeußerste antrieb, auf der Ferse. Birch hatte sich sein Roß selbst ausgelesen, und obgleich es den wohlgenährten Vollblütern der Dragoner weit nachstand, so war es doch viel besser als der kleine Klepper, welchen man zu Cäsar Thompson's Sendung für gut genug gehalten hatte. Etliche Sätze überzeugten den Capitän, daß er weit hinter seinem Begleiter zurückbleiben müsse, und ein furchtsamer Blick nach hinten belehrte den Flüchtling, daß seine Feinde in vollem Rennen nachsetzten. In diesem Gefühle der Verlassenheit, welche das Elend doppelt schmerzlich empfinden läßt, rief Heinrich dem Krämer zu, ihn nicht im Stiche zu lassen. Harvey hielt sogleich an und ließ nun den Gefährten an seiner Seite reiten. Der dreieckige Hut und die Perücke waren dem Hausirer bei dem ersten stärkeren Anrennen seines Pferdes vom Kopfe geflogen, und die kurze Entfernung der Dragoner ließ das laute Lachen derselben, als sie diese Demaskirung gewahrten, bis zu den Ohren der Flüchtlinge dringen. »Wäre es nicht besser, wenn wir die Pferde verließen,« sagte Heinrich, »und über das Feld nach den Bergen zu kommen suchten? – die Verzäunung wird unsere Verfolger aufhalten.« »Das ist der Weg zum Galgen,« entgegnete der Hausirer; »diese Kerle machen drei Schritte, bis wir zwei machen, und würden sich um die Verzäunung nicht mehr kümmern, als wir uns um diese Fahrleisen. Wir haben nur noch eine kleine Viertelstunde bis zu der Ecke, und hinter dem Gehölz spaltet sich der Weg. Bis sie dann unsere Spur aufgefunden haben, gewinnen wir einen kleinen Vorsprung.« »Aber dieser erbärmliche Gaul ist bereits fertig,« rief Heinrich, indem er mit dem Zaumende auf das Thier losschlug, ein Geschäft, worin ihn Harvey mit einer tüchtigen Reitpeitsche unterstützte; »er hält es keine halbe Meile mehr aus.« »Eine Viertelmeile wird zureichen, eine Viertelmeile wird zureichen,« sagte der Hausirer; »eine einzige halbe Viertelstunde wird uns retten, wenn Sie meinen Anweisungen Folge leisten.« Etwas beruhigt durch das besonnene, zuversichtliche Benehmen seines Gefährten, trieb Heinrich schweigend sein Pferd vorwärts. Sie waren bald an der ersehnten Ecke, und als sie um das niedrige Gebüsch derselben mit verdoppelter Hast herumschwenkten, bemerkten sie ihre Verfolger, welche auf der Straße zerstreut einher jagten. Mason und der Sergeant waren besser beritten, als die übrigen, und daher auch den Flüchtlingen viel näher auf der Ferse, als selbst der Krämer für möglich gehalten hätte. Am Fuße der Berge und eine Strecke weiter hinauf durch das dunkle Thal, welches in's Gebirge einschnitt, hatte man, als der Hochwuchs zum Zwecke der Feuerung gefällt worden war, die jungen Schößlinge zu einem dichten Unterholz aufschießen lassen. Als Heinrich diesen Versteck gewahrte, drängte er den Hausirer wieder zum Absteigen, um durch dieses Gebüsch in den Wald zu kommen – ein Ansinnen, gegen welches aber der entschiedenste Widerspruch eingelegt wurde. Die bereits erwähnte Spaltung des Weges fand in kleiner Entfernung von der Ecke unter einem sehr spitzigen Winkel statt, und die beiden Ausläufer zogen sich so gekrümmt hin, daß man nur eine kleine Strecke auf einmal übersehen konnte. Der Hausirer schlug den Pfad zur Linken ein, blieb aber nur eine kleine Weile auf demselben und huschte dann an einer offenen Stelle im Gebüsch zu dem rechts liegenden hinüber, auf welchem er sein Pferd gegen eine vor ihren Augen liegende steile Anhöhe zu trieb. Dieses Manöver rettete sie. Die Dragoner folgten, als sie zu der Gabel kamen, der Fährte und kamen ein ziemliches über die Stelle hinaus, wo die Flüchtlinge auf den andern Pfad eingebogen hatten, ehe sie das Aufhören der Hufspuren bemerkten. Als Heinrich und der Hausirer ihre müden und athemlosen Thiere den Berg hinantrieben, vernahmen sie den lauten Zuruf der vorderen Reiter an ihre nachkommenden Kameraden, sie sollten den Weg zur Rechten einschlagen, und der Capitän machte aufs Neue den Vorschlag, abzusteigen und in's Dickicht zu schlüpfen. »Noch nicht! noch nicht!« sagt« Birch leise; »der Weg fällt von der Höhe wieder gerade so ab, wie er aufwärts gegangen ist; wir wollen zuerst die Höhe gewinnen.« Diese war bald erreicht, und beide warfen sich nun von ihren Pferden, worauf Heinrich unverzüglich in das dichte Unterholz kroch, welches die Seite des Berges auf einige Entfernung über ihnen bedeckte. Harvey zögerte noch einen Augenblick und gab jedem der Thiere einige kräftige Peitschenhiebe, die sie Hals über Kopf, den Weg auf der andern Seite der Anhöhe hinunterjagten; dann folgte er dem Beispiele seines Gefährten. Der Krämer schlüpfte mit einiger Vorsicht in das Gebüsch, und vermied es, so viel als möglich, auf seinem Wege ein Geräusch zu machen oder die Zweige zu zerbrechen. Er hatte jedoch hohe Zeit gehabt, sich zu schirmen, denn kaum hatten sich die Zweige hinter ihm geschlossen, als ein vorauseilender Dragoner die Steige hinansprengte, und, wie er auf der Höhe angelangt war, den übrigen mit lauter Stimme zurief: »Ich habe in diesem Augenblick eines ihrer Pferde an dem Berge hin laufen sehen.« »Vorwärts, die Sporen eingesetzt, Jungen,« schrie Mason; »dem Engländer gebt Pardon, aber den Hausirer haut nieder und macht ihm den Garaus.« Heinrich fühlte, wie sein Gefährte bei diesem Ausruf mit heftigem Zittern seinen Arm umklammerte, und vernahm unmittelbar darauf den Hufschlag von einem Dutzend Pferden, welche mit einem Feuer und einer Eile vorbeisprengten, woraus sich deutlich entnehmen ließ, wie wenig Sicherheit ihnen ihre abgetriebenen Mähren hätten verschaffen können. »Nun,« sagte der Hausirer, indem er sich aus dem Versteck erhob, um zu recognosciren, und einen Augenblick unschlüssig da stand, »alles, was wir jetzt vor uns bringen, ist reiner Gewinn, denn während wir hinansteigen, gehen sie hinab. Wir müssen jedoch rührig seyn.« »Aber werden sie uns nicht folgen, oder diesen Berg umzingeln?« versetzte Heinrich, aufstehend und das mühsame, aber rasche Klettern seines Begleiters nachahmend; »erinnert Euch, daß sie eben so gut Beine als Pferde haben, und wir im andern Falle in den Bergen zu Grunde gehen werden.« »Fürchten Sie nichts, Capitän Wharton,« erwiederte der Krämer mit Zuversicht, »ich hatte es freilich nicht hierher abgesehen, aber die Noth hat mich zu einem sicheren Steuermann im Gebirge gemacht. Ich will sie irgendwo hinführen, wohin kein Mensch uns zu folgen wagen wird. Sehen Sie, die Sonne ist bereits über die Spitzen der westlichen Berge hinunter, und in zwei Stunden geht der Mond auf. Wer, glauben Sie, wird uns weiter verfolgen in einer Novembernacht unter diesen Felsen und Abstürzen?« »Horcht!« rief Heinrich, »die Dragoner rufen sich zu; sie vermissen uns bereits.« »Kommen Sie zu der Spitze dieses Felsens, und Sie können sie sehen,« sagte Harvey, und setzte sich, als sie dort angelangt waren, kaltblütig nieder, um auszuruhen. »Sie sehen uns jetzt auch – bemerken Sie, wie sie mit den Fingern auf uns weisen? Da hat einer sogar seine Pistole nach uns abgefeuert; aber nicht einmal eine Muskete würde so weit tragen.« »Sie werden uns nachsetzen,« rief Heinrich ungeduldig; »laßt uns weiter gehen.« »Sie denken nicht an so etwas,« entgegnete der Hausirer, und pflückte einige Brombeeren ab, welche neben ihm auf dem mageren Boden wuchsen, und kaute sie gemächlich sammt den Blättern, um den trockenen Gaumen zu erfrischen. »Was können sie hier mit ihren schweren Stiefeln, ihren Sporen und langen Säbeln für, Sprünge machen? Nein, nein – sie werden umkehren und das Fußvolk herausschicken, nicht aber die Pferde durch diese Schluchten treiben, wo sie sich nur mit Furcht und Zittern im Sattel halten können. Kommen Sie nur mit mir, Capitän Wharton; wir haben noch einen beschwerlichen Weg vor uns, aber ich bringe Sie an einen Ort, wo sich Niemand in dieser Nacht hinwagen wird.« Mit diesen Worten erhoben sich beide, und waren bald unter den Felsen und Höhlen des Gebirges verschwunden. Die Vermuthung des Krämers war richtig. Mason und seine Leute jagten den Berg hinab, um, wie sie glaubten, ihre Opfer zu verfolgen, als sie aber im Thale anlangten, fanden sie nichts, als die Pferde der Flüchtlinge. Eine Weile verging mit Durchsuchen des nahen Gebüsches und mit Aufsuchen der Fährte auf einem Boden, wo die Pferde noch fortkommen konnten, als auf einmal einer der Soldaten den Hausirer und Heinrich auf dem bereits erwähnten Felsen entdeckte. »Er ist durch!« knirschte Mason, und ließ wüthende Blicke nach Harvey schießen; »er ist durch, und wir haben die Schmach. Beim Himmel, Washington wird uns nicht einmal mehr die Bewachung eines verdächtigen Tory anvertrauen, wenn wir diesen Schuft so mit dem Corps spielen lassen. – Und da sitzt der Engländer auch, und sieht mit einem gnädigen Lächeln auf uns herunter – es ist mir, als ob ich es sähe. Nun, nun, Bursche, ich gestehe, Du hast da einen ganz behaglichen Sitz, und das ist immerhin besser, als in der Luft zu tanzen; aber Du bist noch nicht über dem Harlaem-Fluß, und ich will Dir, so wahr ich Soldat bin, den Wind ablaufen, ehe Du Sir Henry erzählen kannst, was Du gesehen hast.« »Soll ich Feuer geben und den Hausirer aufjagen?« fragte einer der Dragoner, eine Pistole aus dem Halfter ziehend. »Wohl, scheuche mir die Vögel von der Stange; wir wollen sehen, wie sie ihre Flügel brauchen.« Der Soldat feuerte und Mason fuhr fort: »Beim Sanct Georg, ich glaube, die Schufte verlachen uns! – Doch jetzt nach Hause, oder sie werfen uns gar Steine nach den Köpfen, und dann thun die königlichen Zeitungen mit dem Berichte dicke, daß zwei Royalisten ein ganzes Rebellenheer in die Flucht geschlagen hätten. Sie haben vordem schon ärgere Lügen aufgetischt.« Die Dragoner folgten verdrießlich ihrem Officiere, der während des Heimritts über die Maaßregeln nachsann, die in einer solchen Verlegenheit einzuschlagen seyn dürften. Die ganze Abteilung langte in der Dämmerung vor dem Gebäude an, an dessen Thüre eine große Anzahl von Officieren und Soldaten versammelt war, um gegenseitig die übertriebensten Berichte von dem Entkommen des Spions preis zu geben oder mit anzuhören. Die beschämten Dragoner theilten ihre unangenehmen Nachrichten in der ärgerlichen Weise getäuschter Menschen mit, und die meisten Officiere versammelten sich um Mason, um die Schritte, welche in der Sache gethan werden mußten, zu besprechen. Miß Peyton und Franciska standen athemlos an dem Kammerfenster über den Häuptern der Rathschlagenden, und waren unbemerkte Zeugen aller ihrer Verhandlungen. »Etwas muß geschehen, und zwar schleunig,« bemerkte der Commandant des vor dem Hause lagernden Regiments; »dieser englische Officier ist ohne Zweifel ein Werkzeug bei dem Hauptstreiche, den der Feind kürzlich auf uns zu führen beabsichtigte; außerdem steht bei seiner Flucht unsere Ehre auf dem Spiel.« »Laßt uns die Wälder durchsuchen,« riefen mehrere zugleich; »und morgen haben wir beide wieder.« »Gemach, gemach, meine Herren,« entgegnete der Obrist: »es ist unmöglich, während der Dunkelheit in diesen Bergen fortzukommen, wenn man nicht die gangbaren Pfade kennt. Nur die Reiterei kann bei dieser Sache Dienste thun, und ich vermuthe, Lieutenant Mason wird Anstand nehmen, ohne den Befehl seines Majors auszurücken.« »Allerdings dürfte ich das nicht wagen,« erwiederte der Dragonerofficier mit ernstem Kopfschütteln, »wenn nicht Sie die Verantwortlichkeit auf sich nehmen. Aber Major Dunwoodie kömmt in zwei Stunden zurück, und wir können die Nachricht noch vor Tagesanbruch durch das Gebirg verbreiten. Wenn man zwischen den beiden Flüssen Patrouillen streifen läßt und dem Landvolk eine Belohnung verspricht, so können sie unmöglich entkommen, es müßte ihnen denn gelingen, die Abtheilung zu erreichen, welche dem Vernehmen nach sich an dem Hudson befindet.« »Ein sehr annehmbarer Vorschlag,« rief der Obrist, »der sicher gelingen wird. Schicken Sie aber einen Boten an Dunwoodie, damit er sich nicht an der Fähre aushalte, bis es zu spät ist, obschon ich vermuthe, daß diese Ausreißer die Nacht über in den Bergen liegen bleiben werden.« Mason ließ sich diesen Vorschlag gefallen, und sandte einen Courier mit der wichtigen Meldung von Heinrichs Flucht an Dunwoodie, indem er ihm zugleich dringend die Nothwendigkeit seiner Gegenwart vorstellte, um die Verfolgungsmaaßregeln zu leiten. Als dieses geschehen, trennten sich die Officiere. Miß Peyton und ihre Nichte trauten kaum ihren Sinnen, als sie zum erstenmal die Nachricht von Capitän Wharton's Flucht vernahmen. Beide hatten sich so zuversichtlich auf den Erfolg von Dunwoodie's Verwendung verlassen, daß sie diesen Schritt ihres Verwandten für äußerst unklug hielten; aber es war nun zu spät, die Sache zu ändern. Das Gespräch der Officiere ließ ihnen die erhöhte Gefahr Heinrichs, wenn er wieder ergriffen würde, im schwärzesten Lichte erscheinen, und sie zitterten vor dem Umfang der Vorkehrungen, welche zu seiner Habhaftwerdung ergriffen werden sollten. Miß Peyton tröstete sich jedoch wieder, und suchte ihre Nichte aufzuheitern, indem sie es wahrscheinlich zu machen versuchte, daß die Flüchtlinge mit unablässigem Eifer ihren Lauf verfolgen und den neutralen Grund erreichen würden, ehe die Reiterei die Nachricht von ihrem Entkommen hinab gebracht hätte. Dunwoodie's Abwesenheit schien ihr überaus wichtig, und die arglose Dame sann ängstlich auf irgend einen Plan, der ihren Verwandten abhalten und so ihrem Neffen eine möglichst lange Frist gewinnen möchte. Franciska's Betrachtungen waren jedoch ganz anderer Art. Sie konnte nicht länger zweifeln, daß die Gestalt, welche sie auf dem Berge bemerkt, Birch gewesen sey, und fühlte sich überzeugt, daß ihr Bruder, statt zu den unten befindlichen Streitkräften der Engländer zu fliehen, die Nacht in jener geheimnißvollen Hütte zubringen würde. Franciska und ihre Tante hielten mit einander eine lange und lebhafte Berathung, bis die gute Jungfrau, wiewohl ungerne, den Vorstellungen ihrer Nichte nachgab. Sie umarmte das Mädchen, küßte ihre kalten Wangen, und gestattete ihr unter heißen Segenswünschen, dem Zuge der Geschwisterliebe zu folgen und ihren Gang anzutreten. Dreißigstes Kapitel. Ich geh' mit müdem trägem Schritt Einsam, verlassen hin; Die Wildniß scheint mit jedem Tritt Sich endlos fortzuziehn. Goldsmith.   Die Nacht war dunkel und frostig hereingebrochen, als Franciska Wharton mit klopfendem Herzen, aber leichten Schrittes durch den kleinen Garten hinter dem Hause eilte, das ihrem Bruder zum Gefängnisse gedient hatte, und den Weg nach dem Fuße des Berges einschlug, auf welchem ihr der vermeintliche Krämer erschienen war. Es war noch früh, aber die Dunkelheit und das Schauerliche eines November Abends würde sie zu jeder andern Zeit oder bei einem minder wichtigen Anlasse erschreckt in den Kreis, welchen sie eben verlassen hatte, zurückgetrieben haben. Doch jetzt galt es, zu überwinden, und ohne sich mit Betrachtungen aufzuhalten, flog die Jungfrau mit einer Schnelligkeit über die Ebene, welche jedem Hinderniß Trotz zu bieten schien; ja, sie hielt nicht einmal an, um Athem zu schöpfen, bis die Hälfte des Weges zu dem Felsen zurückgelegt war, welchen sie sich als den Ort, wo sie Harvey's ansichtig geworden, gemerkt hatte. Die gute Behandlung der Frauen ist der sicherste Beweis von der Civilisation eines Volkes, und keine Nation kann sich in dieser Hinsicht mehr rühmen, als die amerikanische. Franciska hegte daher keine besondere Furcht vor den geregelten und ruhigen Truppen, welche in der Nähe der Landstraße auf dem jenseitigen Felde ihre Abendmahlzeit zu sich nahmen. Es waren ihre Landsleute, und sie wußte, daß ihr Geschlecht von den Kriegern des Ostens, aus welchen dieses Corps bestand, geachtet wurde, während sie zu dem flüchtigen und leichtsinnigen Charakter der südlichen Reiterei weniger Vertrauen hatte. Kränkungen irgend einer Art kamen zwar bei dem regelmäßigen amerikanischen Militär selten vor, aber ihr zarter Sinn bebte schon bei dem Anschein einer Demüthigung zurück. Als sie daher den Huftritt eines Rosses langsam des Weges herkommen hörte, schlüpfte sie furchtsam in ein kleines Gebüsch, das um eine ganz in der Nähe aus einem Felsen sprudelnde Quelle her wucherte. Die Vedette (denn als eine solche erwies sie sich) ritt an dem Mädchen, welches sich so gut als möglich versteckt hatte, vorbei, ohne ihrer gewahr zu werden, und summte ein Liedchen vor sich hin, bei welchem er vielleicht an eine andere Schöne dachte, die er an den Ufern des Potomac gelassen hatte. Franciska horchte ängstlich auf die sich entfernenden Huftritte des Pferdes, und erst als sie ihrem Ohre erstarben, wagte sie sich aus ihrem Verstecke hervor, und ging in dem Felde eine Strecke weiter, bis sie, durch die zunehmende Dunkelheit und das Trübselige der Gegend eingeschüchtert, Halt machte, um über ihr Vorhaben nachzudenken. Sie schlug die Kappe ihres Mantels zurück, suchte den Schutz eines Baumes und blickte gegen den Gipfel des Berges, der das Ziel ihrer Wünsche war. Dieser stieg wie eine ungeheuere Pyramide aus der Ebene in die Höhe, und bot dem Auge nichts als seine Umrisse. Die Spitze trat nur undeutlich aus dem etwas lichteren Wolkenhintergrunde hervor, welcher hier und davon dem vorübergehenden Schimmerlichte einiger Sterne durchbrochen und dann wieder durch die vorüberziehenden Dünste, welche weit unter den Wolken vor dem Winde trieben, verdüstert wurde. Wenn sie umkehrte, brachten Heinrich und der Hausirer höchst wahrscheinlich die Nacht in vermeintlicher Sicherheit auf demselben Berge zu, nach welchem ihre Augen jetzt in der vergeblichen Hoffnung gerichtet waren, ein Licht zu erblicken, das ihren Schmerzensgang ermuthigt hätte. Der umsichtige und, wie es ihr vorkam, herzlose Plan der Officiere zu Wiederbeischaffung der Flüchtlinge klang noch immer in ihren Ohren und spornte sie zum Weitergehen; aber die Einöde, in welche sie sich wagen mußte, die Zeit, die Gefahr beim Ersteigen des Berges, und die Ungewißheit, ob sie auch die Hütte auffinden werde – oder der noch entmuthigendere Gedanke, dort unbekannte Bewohner, und, vielleicht Bewohner der schlimmsten Art zu finden – alles dieses drängte sie zur Heimkehr. Die zunehmende Dunkelheit ließ die Gegenstände mit jedem Augenblick unbestimmter erscheinen, und die Wolken sammelten sich nun düsterer hinter dem Berge, bis sich die Gestalt desselben nicht mehr unterscheiden ließ. Franziska strich die reichen Locken mit beiden Händen von den Schläfen, zurück, um schärfer sehen zu können, aber der thurmähnliche Berg ließ sich nicht mehr erkennen. Endlich entdeckte sie in der Richtung, wo ihrer Meinung nach die Hütte stand, ein schwaches flimmerndes Licht, dessen zu- und abnehmender Glanz von dem Lodern eines Feuers herzurühren schien. Aber die Täuschung verschwand, als der Horizont wieder etwas lichter wurde und der Schimmer des Abendsternes nach langem Kampfe durch die Wolken brach. Sie sah nun den Berg zur Linken dieses Planeten, und plötzlich tauchte der Strahl eines milden Lichtes über den seltsamen Gruppen der auf dem Gipfel zerstreuten Eichen auf. Es bewegte sich allmählich an der Seite abwärts, bis der ganze Kegel in scharfen Umrissen aus der Beleuchtung des aufgehenden Mondes hervortrat. Obgleich unsere Heldin ohne Beihülfe dieses freundlichen Lichtes, welches nun das ganze ebene Land vor ihr überstrahlte, unmöglich hätte die Höhe erreichen können, so fühlte sie sich doch keineswegs zum Vorwärtsgehen ermuthigt, denn sie sah jetzt allerdings das Ziel ihrer Wünsche vor sich, aber zugleich wurde sie auch der Schwierigkeiten auf's neue gewahr, welche sich der Erreichung desselben entgegenstellten. Während sie so in peinlicher Ungewißheit überlegte, und bald mit der Furchtsamkeit ihres Geschlechts und ihrer Jahre vor dem Unternehmen zurückschrak, bald ihren Bruder auf jede Gefahr hin zu reiten entschlossen war, wandte sie ihre Blicke nach Osten, und betrachtete in ernstem Nachsinnen den Zug der Wolken, welche ohne Unterlaß sie in das frühere Düster einzuhüllen drohten. Aber selbst wenn eine Natter sie gebissen, hätte sie nicht schneller aufspringen können, als sie von dem Gegenstand, an welchem sie lehnte und den sie jetzt zum erstenmale sah, zurückfuhr. Die zwei ausgerichteten Pfähle mit dem darüber liegenden Querbalken und einem roh gearbeiteten Gerüste darunter bezeichneten nur zu deutlich seine Bestimmung; auch fehlte der Strick nicht, mit welchem der Nachtwind spielte. Franciska zögerte nicht länger, sondern flog über die Wiese hin und befand sich bald an dem Fuße des Felsen, wo sie einen zum Gipfel führenden Pfad zu finden hoffte. Hier mußte sie eine Weile Halt machen, um zu Athem zu kommen, und sie benützte diese Zögerung, um sich aus dem Platze umzusehen. Die Ansteigung des Berges war ganz abschüssig, aber sie fand bald einen Heerdenweg, der sich zwischen den überhängenden Felsen und durch die Bäume hinwand, wodurch das Mühsame ihres Vorhabens sehr erleichtert wurde. Nach einem ängstlichen Rückblick begann sie entschlossen ihre Wanderung nach Oben. Jung, rasch und von einer edeln Absicht angefeuert, schritt sie leichten Trittes vorwärts, und kam bald aus dem Mantel des Waldes auf einen freien, mehr ebenen Platz, der augenscheinlich zum Zwecke der Cultur gelichtet worden war. Aber der Krieg und vielleicht auch die Unfruchtbarkeit des Bodens hatten die Ansiedler genöthigt, die der Wildniß abgerungenen Vortheile wieder aufzugeben, und bereits schoß wieder Gesträuch und Buschwerk in die Hohe, als ob nie ein Pflug seine Furchen in dem Grunde, welcher es nährte, gezogen hätte. Franciska schöpfte aus diesen leichten Spuren menschlichen Fleißes wieder frische Lebenskraft und eilte die sanfte Ansteigung mit erneuerter Hoffnung eines glücklichen Erfolges hinan. Jetzt aber schweifte der Weg nach so vielen verschiedenen Richtungen ab, daß sie bald einsah, wie nutzlos es seyn werde, seinen Windungen zu folgen; sie verließ ihn daher bei der ersten Krümmung, und arbeitete sich in einer Richtung weiter, von welcher sie dachte, daß sie unmittelbar zu dem Gipfel führen müsse. Der gelichtete Grund war bald zu Ende, und Wälder und Felsblöcke, welche sich an die abschüssigen Seiten des Berges anklammerten, stellten ihrer Wanderung wieder Hindernisse in den Weg. Zuweilen sah sie den Pfad am Saume der Lichtung hinlaufen, und dann in einzelne grasige Stillen einmünden, aber nirgends konnte sie bemerken, daß er weiter nach oben führen müsse. Löckchen von Wolle, die an den Brombeerstauden hingen, erklärten deutlich den Ursprung dieser Wege, und Franciska folgerte daraus richtig, daß man sich mittelst derselben die Mühe des Herabsteigens erleichtern könne. Das ermattete Mädchen setzte sich nun auf einen Stein, um wieder eine Weile auszuruhen und zu überlegen. Die Wolken stiegen vor dem Mond in die Höhe, und die ganze Landschaft lag in den sanftesten Lichtern zu ihren Füßen. Unmittelbar unter ihr zogen sich die weißen Zelte der Miliz in regelmäßigen Linien hin. Aus dem Fenster ihrer Tante schimmerte Licht, und Sie selbst mochte wohl, wie Franciska sich einbildete, mit zärtlicher Bekümmerniß nach dem Berge blicken, wo sie ihre Nichte wußte. Vor den Ställen, in welchen die Pferde der Dragoner standen, gingen Laternen hin und her, und da sie dachte, es gelte dieses der Vorbereitung zu dem nächtlichen Streifzuge, so sprang sie wieder auf und erneuerte ihre Anstrengung. Unsere Heldin hatte immer noch mehr als eine Viertelmeile zurückzulegen, obgleich bereits zwei Drittheile des Berges überwunden waren. Aber jetzt hatte sie weder einen Weg, noch einen Führer, um ihr die Richtung anzugeben. Zum Glück war der Berg kegelförmig, wie die meisten dieser Kette, und wenn sie gerade aufwärts ging, so konnte sie sicher seyn, die ersehnte Hütte zu erreichen, da diese, so zu sagen, auf dem obersten Gipfel lag. Fast eine Stunde rang sie mit den zahllosen Hindernissen, welche ihr entgegentraten, bis es ihr endlich nach wiederholter Erschöpfung und öfters überstandener Gefahr eines Sturzes gelang, die kleine tafelförmige Fläche auf der Spitze des Berges zu erreichen. Erschöpft von der Anstrengung, die für ihre zarte Gestalt eine außerordentliche genannt werden konnte, sank sie auf einen Felsblock, um für das Zusammentreffen mit ihrem Bruder Fassung und Kraft zu gewinnen. Sie hatte sich jedoch bald gesammelt und begann nun, die Hütte aufzusuchen. Alle benachbarten Berge waren hell vom Monde beleuchtet, und Franciska konnte auf der Stelle, wo sie stand, sogar den Straßenzug von der Ebene bis in's Gebirg erkennen. Als sie diese Linie mit dem Auge verfolgte, fand sie bald auch den Punkt auf, von welchem aus sie die geheimnißvolle Wohnung zum erstenmale gesehen hatte, und gerade diesem Punkte gegenüber mußte, wie sie wohl wußte, die Hütte stehen. Der frostige Wind pfiff durch die entblätterten Aeste der knorrigen, verkümmerten Eichen, und Franciska bewegte sich mit so leichten Tritten, daß man kaum das trockene Laub unter ihren Füßen rasseln hörte, gegen die Seite des Berges hin, wo sie die abgeschlossene Behausung zu finden hoffte, ohne jedoch etwas, das einer Wohnung nur im mindesten ähnlich sah, zu entdecken. Vergeblich durchspürte sie jeden Winkel des Felsen und jeden Theil des Gipfels, wo ihrer Meinung nach die Hütte des Hausirers stehen konnte. Aber weder diese, noch irgend eine Spur eines menschlichen Wesens ließ sich auffinden. Der Gedanke einer solchen Einsamkeit wirkte erschütternd auf die Seele des furchtsamen Mädchens. Sie näherte sich dem Rande eines überhängenden Felsens, und als sie sich vorwärts beugte, um nach den Spuren des Lebens im Thale zu blicken, strahlte ihr plötzlich ein helles Licht entgegen und eine warme Luft umwehte, ihren ganzen Körper. Als sich Franciska von ihrer Ueberraschung erholt hatte, betrachtete sie sich den Vorsprung genauer und gewahrte nunmehr, daß sie gerade über dem Gegenstande ihres Forschens stand. Der Rauch stieg durch eine Dachöffnung in die Höhe und ließ, wenn er weggeweht wurde, im Innern der Hütte ein helles Feuer erkennen, welches auf einem rohen steinernen Heerde lustig prasselte und flackerte. Der Zugang zu der Vorderseite dieser ärmlichen Wohnung wurde durch einen Pfad vermittelt, der sich um die Spitze des Felsens, auf welchem sie stand, drehte und sie rasch an die Thüre brachte. Drei Seiten dieses wunderlichen Gebäudes (wenn man es so nennen konnte) waren aus Baumstämmen gebildet, welche ein wenig mehr als bis zur Mannshohe über einander gelegt waren; die vierte wurde durch die Felsenwand gebildet, gegen welche es lehnte. Das Dach bestand aus Baumrinde, die in langen Streifen von dem Felsen bis zur Rinne ausgelegt war; die Ritzen zwischen den Holzblöcken hatten eine Thonverkleidung, die an manchen Stellen herausgefallen und durch dürre Blätter ersetzt worden war, um den Zugang des Windes auszuschließen. Vorn befand sich ein einziges Fenster mit vier Glasscheiben, welches jedoch sorgfältig mit einem Brett geschlossen war, damit der Glanz des Feuers nicht durchscheine. Franciska betrachtete eine Weile diesen sonderbar angelegten Versteck (beim für einen solchen mußte sie ihn halten) und brachte bann ihr Auge an eine Spalte, um das Innere zu untersuchen. Es war weder Lampe noch Kerze vorhanden, aber die aus dem trockenen Holz auflodernde Flamme verbreitete in dem innern Räume genug Licht, um dabei lesen zu können. In einem Winkel war ein Strohlager, über welches ein paar Betttücher so nachlässig hingeworfen lagen, gleich als ob sie seit dem letzten Gebrauch nicht wieder geordnet worden wären. An den Wänden und dem Felsen hingen an hölzernen Zapfen, die in die Spalten eingeschlagen waren, allerlei Kleidungsstücke, welche augenscheinlich für jedes Alter, jeden Stand und jedes Geschlecht paßten. Britische und amerikanische Uniformen hingen friedlich neben einander und an einem Nagel, der ein Gewand von gestreiftem Kattun, der gewöhnlichen Landestracht, trug, befand sich auch eine wohlgepuderte Perücke – kurz, die Garderobe war so reichhaltig und mannigfaltig, als ob ein ganzes Kirchspiel daraus hätte versorgt werden sollen. In der Ecke am Felsen, dem Feuer, welches in dem andern Winkel brannte, gegenüber, befand sich ein offener Speiseschrank, der eine oder zwei Schüsseln, einen Krug und die Reste einer unterbrochenen Mahlzeit enthielt. Vor dem Feuer stand ein aus rohen Brettern zusammengezimmerter Tisch mit einem schadhaften Beine. Dieses, nebst einem einzigen Stuhle, machte, mit Ausnahme einiger Küchengeräthschaften, den ganzen Hausrath aus. Ein Buch, welches der Form und dem Umfange nach eine Bibel zu seyn schien, lag unaufgeschlagen auf dem Tische. Für Franciska hatte jedoch der Bewohner dieser Hütte das meiste Interesse. Es war ein auf dem Stuhle sitzender Mann, der den Kopf in einer Weise, die seine Gesichtszuge nicht erkennen ließ, auf die Hand stützte und angelegentlich mit der Untersuchung einiger offen vor ihm liegenden Papiere beschäftigt war. Aus dem Tische lag ein Paar sonderbar und reich verzierter Reiterpistolen und der Griff eines in der Scheide ruhenden Säbels von ausgezeichneter Arbeit ragte zwischen den Beinen des Herrn hervor, welcher nachlässig die Hand auf dieser Schutzwaffe ruhen ließ. Die hohe Gestalt dieses unvermutheten Hüttenbewohners und sein athletischer Bau, der nichts mit dem ihres Bruders oder Harvey's gemein hatte, ließen Franciska, auch ohne die Kleidung, erkennen, daß sie hier auf keinen von denen treffe, welche sie suchte. Der eng anliegende Ueberrock des Fremden war bis zu dem Halse zugeknöpft und ließ von den Knieen an, wo er sich zurückschlug, büffellederne Beinkleider und Soldatenstiefel mit Sporen erkennen. Das Haar war aus dem Gesichte zurückgestreift und nach der Mode des Tages reichlich gepudert. Ein runder Hut lag auf den Steinen, welche den Pflasterboden der Hütte bildeten, als ob er einer großen Charte, welche nebst andern Papieren den Tisch überdeckte, hätte Platz machen müssen. Dieß war für unsere Abenteurerin eine unerwartete Erscheinung. Sie war so fest davon überzeugt, die Gestalt, welche sie zweimal gesehen, sey der Krämer gewesen, daß sie, als sie von seiner Mitwirkung bei der Flucht ihres Bruders Kunde erhielt, nicht im mindesten zweifelte, sie werde beide an dem Orte treffen, an welchem sie nunmehr einen Andern, einen Fremden fand. Sie blieb an dem Spalte stehen, ungewiß, ob sie sich zurückziehen oder ein doch noch mögliches Erscheinen Heinrichs abwarten solle, als auf einmal der Fremde die Hand von der Stirne entfernte und, augenscheinlich in tiefem Nachsinnen, den Kopf aufrichtete, wobei Franciska im ersten Momente die ausdrucksvollen, wohlwollenden ruhigen Züge Harper's erkannte. Alles, was Dunwoodie von seiner Macht und Denkart gesagt, – alles, was er selbst ihrem Bruder versprochen, und alles Vertrauen, welches sein würdevolles und väterliches Benehmen in ihr erzeugt hatte, flog an der Seele des Mädchens vorüber: sie öffnete mit ungestümer Hast die Thüre, stürzte zu seinen Füßen und rief, Harper's Kniee umklammernd, aus: – »Retten Sie ihn – retten Sie – retten Sie meinen Bruder! Erinnern Sie sich an Ihr Versprechen und retten Sie ihn!« Harper war, als die Thüre sich öffnete, aufgestanden und eine seiner Hände machte eine leichte Bewegung gegen die Pistolen, die aber schnell und ruhig wieder angehalten wurde. Er schlug die Mantelkappe, welche dem Mädchen in's Gesicht gefallen war, zurück und rief etwas beunruhigt: »Wie, Miß Wharton! – Sie können aber doch nicht allein seyn?« »Es ist Niemand bei mir, als Gott und Sie – und bei diesem heiligen Namen beschwöre ich Sie, Ihres Versprechens eingedenk zu seyn und meinen Bruder zu retten.« Harper hob sie mit Artigkeit auf und, ließ sie auf den Stuhl sitzen, indem er sie zugleich bat, ruhig zu seyn und ihm den Zweck ihres Unternehmens anzuvertrauen. Franciska entsprach diesem sogleich und theilte ihm freimüthig mit, in welcher Absicht sie diesen einsamen Ort zu dieser Stunde besucht hätte. Es mag immer schwer seyn, die Gedanken eines Mannes zu erforschen, der seine Leidenschaft, so sehr in seiner Gewalt hat, als Harper; aber doch blitzte es in seinem gedankenvollen Auge, und auf den Muskeln seines Gesichtes zeigte sich eine leichte Bewegung, während das Mädchen mit ängstlicher Hast in ihrer Erzählung fortfuhr. Er hörte mit tiefer und lebhafter Theilnahme zu, als sie sich über die Art verbreitete, wie Heinrich's Entkommen nach den Wäldern bewerkstelligt worden, und nahm den Rest ihrer Mittheilung mit dem bezeichnenden Ausdrucke wohlwollender Nachsicht auf. Ihre Besorgnisse, daß ihr Bruder sich in den Bergen verspäten möchte, schienen für ihn viel Gewicht zu haben, denn als sie zu Ende war, ging er einigemal in schweigendem Nachsinnen in der Hütte auf und nieder. Franciska blickte ihm zögernd nach und spielte unwillkürlich mit dem Griffe einer der Pistolen. Dann wich die Blässe der Furcht, welche sich über ihr schönes Gesicht verbreitet hatte, einer hohen Röthe und nach einer Weile fuhr sie fort: »Wir können uns zwar auf Major Dunwoodie's Freundschaft verlassen, aber seine Ehre ist ihm so heilig, daß – daß – ungeachtet seiner – seiner – Gefühle – und seines Wunsches, uns zu dienen – er es für seine Pflicht halten wird, meinen Bruder wieder in Haft zu bringen. Außerdem glaubt er auch, keine Gefahr darin zu sehen, da er sehr auf Ihre Vermittlung vertraut.« »Auf meine?« versetzte Harper, indem er verwundert aufblickte. »Ja, auf Ihre. Als wir ihm Ihre freundlichen Worte mittheilten, versicherte er uns Alle auf's Bestimmteste, daß Sie die Macht und, wenn Sie es versprochen, sicher auch den Willen hätten, für Heinrich Begnadigung auszuwirken.« »Sagte er noch mehr?« fragte Harper, augenscheinlich etwas beunruhigt. »Nein; er gab uns nur die wiederholte Versicherung, daß Heinrich keine Gefahr drohe. Eben jetzt ist er auf dem Wege, Sie aufzusuchen.« »Miß Wharton, es würde jetzt zwecklos seyn, wollte ich in Abrede ziehen, daß ich keine unbedeutende Rolle in diesem unglücklichen Kampfe zwischen England und Amerika spiele. Sie verdanken das Entkommen Ihres Bruders meiner Ueberzeugung von seiner Unschuld und dem Umstande, daß ich ihm meinen Schutz verheißen habe. Major Dunwoodie ist im Irrthum, wenn er glaubt, ich könne hier öffentlich einen Pardon auswirken. Jetzt aber kann ich in der That für sein Schicksal gut sagen, und ich gebe Ihnen mein Wort, welches einigen Einfluß bei Washington hat, daß Vorkehrungen getroffen werden sollen, um seine Habhaftwerdung zu verhüten. Aber auch von Ihnen fordere ich das Versprechen, daß diese Zusammenkunft und Alles, was zwischen uns vorfiel, tief in Ihrem Herzen bewahrt bleibe, bis Sie meine Erlaubniß haben, von der Sache zu sprechen.« Franciska gab die verlangte Versicherung, und er fuhr fort: »Der Hausirer und Ihr Bruder werden bald hier seyn, aber ich darf von dem englischen Officier nicht gesehen werden, sonst ist Harvey's Leben verwirkt.« »Nimmermehr!« rief Franciska heftig, »Heinrich kann nie so niedrig denken, den Retter seines Lebens zu verrathen.« »Es ist kein Kinderspiel, um das es sich jetzt handelt, Miß Wharton: Menschenleben und Menschenglück hängen an dünnen Fäden, und man darf nichts dem Zufall überlassen, wogegen man sich wahren kann. Wüßte Sir Heinrich Clinton, daß der Hausirer unter solchen Umständen eine Verbindung mit mir unterhielt, so würde das Leben dieses unglücklichen Mannes zum Opfer. Wenn Sie daher ein Menschenleben werth halten und der Rettung Ihres Bruders eingedenk seyn wollen, so sehen Sie klug und verschwiegen. Geben Sie Beiden Nachricht von den im Thale getroffenen Maßregeln und drängen Sie sie zu schleunigem Aufbruch. Wenn sie vor Morgen die letzten Vorposten unserer Armee erreichen können, so will ich dafür Sorge tragen, daß ihnen Niemand mehr nachsetzte. Es gibt für Dunwoodie bessere Geschäfte, als die Gefährdung des Lebens seines Freundes.« Harper rollte während dieser Worte die Charte sorgfältig wieder zusammen und steckte sie mit den anderen offenen Papieren in die Tasche. Wie er noch in dieser Weise beschäftigt war, ließ sich die Stimme des Hausirers ungewöhnlich laut gerade über ihren Häuptern vernehmen. »Bleiben Sie nur auf diesem Wege, Capitän Wharton; Sie können dann im Mondschein die Zelte sehen. Sie mögen immerhin aufsitzen und reiten; ich habe hier ein Nest, das uns beide bergen wird und wo wir uns behaglich niederlassen können.« »Und wo ist dieses Nest? Ich gestehe, daß ich die letzten zwei Tage nur wenig gegessen habe und ich sehne mich nach der Erquickung, die Ihr mir in Aussicht stellet.« »Hm!« hustete der Hausirer, indem er seine Stimme noch mehr anstrengte – »hm – dieser Nebel hat mir eine Erkältung zugezogen. Aber gehen Sie langsam – und nehmen Sie sich in Acht, daß Sie nicht ausgleiten; Sie könnten sonst auf dem Bajonet der Schildwache im Thale landen. Es ist gar ein steiler Berg, wenn man ihn ersteigen muß, aber hinunter kann einer geschwind kommen.« Harper drückte den Finger an die Lippen, um Franciska an ihr Versprechen zu erinnern, nahm dann seinen Hut und die Pistolen, so daß keine Spur seines Dagewesenseyns zurückblieb, und zog sich vorsichtig nach einer Ecke der Hütte zurück, wo er einige Kleidungsstücke aufhob und hinter denselben in einen Versteck des Felsens schlüpfte. Franciska hatte, als er hineintrat, bei dem starken Lichte, des Feuers bemerkt, daß dieser Schlupfwinkel aus einer natürlichen Höhle bestand, in welcher sich nichts als einige Hausgeräthschaften befanden. Man kann sich leicht Heinrich's und des Hausirers Ueberraschung denken, als sie bei ihrem Eintritt in die Hütte Franciska antrafen. Ohne sich auf Erklärungen oder Fragen einzulassen, flog das liebelvolle Mädchen in die Arme ihres Bruders und machte ihren Gefühlen durch Thränen Luft. Aber der Krämer schien von ganz verschiedenen Gefühlen ergriffen zu seyn. Er blickte zuerst auf das Feuer, dem erst kürzlich Holz zugelegt worden war, zog dann eine kleine Schublade aus dem Tische und schien ein wenig beunruhigt, als er sie leer fand. »Sind Sie allein, Miß Fanny?« fragte er rasch: »Sie sind doch nicht allein hieher gekommen?« »Wie Ihr mich seht, Meister Birch,« sagte Franciska, indem sie sich den Armen ihres Bruders entwand und einen bezeichnenden Blick mach der geheimen Höhle warf, welchen das rasche Auge des Hausirers sogleich verstand. »Aber wie und warum bist Du hier?« rief der erstaunte Bruder, »und woher wurde Dir dieser Ort überhaupt bekannt?« Franciska gab mm einen kurzen Bericht von den Einzelnheiten, welche seit ihrem Entweichen vorgefallen waren, und setzte den Grund auseinander, welcher sie veranlaßt hatte, die Flüchtlinge aufzusuchen. »Aber,« sagte Birch, »wie kamen Sie denn hierher, da die Dragoner uns doch an dem Berge dort drüben verließen?« Franciska erzählte, wie sie die Hütte und den Hausirer während ihres Zuges durch das Hochland flüchtig bemerkt und ihn auch noch an diesem Morgen wahrgenommen hätte; daraus nun habe sie die Folgerung gezogen, daß sie den Schutz dieser Wohnung für die Nacht aufsuchen würden. Birch forschte in ihren Zügen während sie treuherzig die einzelnen Umstände namhaft machte, welche sie in sein Geheimniß eingeweiht hatten, und als sie schloß, sprang er auf, eilte auf das Fenster zu und zertrümmerte die Scheiben mit einem einzigen Schlage seines Stockes. »Ich weiß nicht viel von Aufwand oder Bequemlichkeit; aber auch dieses Wenigen kann ich mich nicht mit Sicherheit erfreuen. Miß Wharton,« fuhr er mit der ihm eigenen bittern Melancholie fort, indem er sich, dem Mädchen näherte, »ich werde durch diese Berge gehetzt, wie das Wild des Waldes. Aber wenn ich sonst, erschöpft von Anstrengung, diesen Ort erreichte, so konnte ich doch, so armselig und traurig er ist, meine einsamen Nächte in Sicherheit zubringen. Wollen Sie das Leben eines Unglücklichen noch elender machen helfen?« »Nimmermehr!« rief Franciska mit Feuer; »Euer Geheimniß ist bei mir sicher.« »Aber Major Dunwoodie –« sagte der Hausirer langsam, mit einem Blicke, der in ihrer Seele zu lesen suchte. Franciska ließ einen Augenblick erröthend den Kopf sinken; dann erhob sie wieder ihr liebliches Antlitz und fuhr begeistert fort: »Nie, nie, Harvey – so wahr Gott meine Gebete erhören möge!« Der Hausirer schien beruhigt, denn er zog sich zurück und nahm die Gelegenheit wahr, von Heinrich unbemerkt hinter den Wandschirm zu schlüpfen und in die Höhle zu treten. Franciska und ihr Bruder, welcher glaubte, sein Begleiter sey zu der Thüre hinausgegangen, fuhren noch einige Minuten fort, über Heinrichs gegenwärtige Lage zu sprechen, wobei das Mädchen, eine schleunige Fortsetzung der Flucht für unbedingt nöthig erklärte, um Dunwoodie einen Vorsprung abzugewinnen, da dessen Pflichtgefühl sonst kaum ein Entrinnen hoffen lasse. Der Capitän nahm fein Taschenbuch, heraus, schrieb einige Zeilen mit dem Bleistift und übergab das zusammengefaltete Papier seiner Schwester. »Franciska,« sagte er, »Du hast Dich in dieser Nacht als ein Weib ohne Gleichen erwiesen. Wenn Du mich liebst, so gib dieses Papier uneröffnet an Dunwoodie, und denke, daß zwei Stunden Frist mein Leben retten können.« »Ich will – ich werde; aber wozu der Verzug? Warum willst Du nicht gleich fliehen und die kostbaren Augenblicke unbenützt entschwinden lassen?« »Ihre Schwester hat Recht, Capitän Wharton,« rief Birch, der indessen unbemerkt wieder eingetreten war; »wir müssen schnell aufbrechen. Hier sind einige Lebensmittel, welche wir auf dem Wege verzehren können.« »Aber wer wird dieses holde Wesen sicher nach Hause bringen?« rief der Capitän. »Ich kann meine Schwester nicht verlassen an einem Orte, wie dieser.«. »Verlasse mich! verlasse mich!« sagte Franciska; ich werde wieder hinunterkommen, wie ich heraufkam. Zögere nicht länger; Du kennst weder meinen Muth, noch meine Kraft.« »Es ist wahr, ich habe Dich nicht gekannt, theures Mädchen; aber jetzt, da ich Deinen Werth schätzen gelernt habe – kann ich Dich hier allein lassen? – Nein, nimmermehr!« »Capitän Wharton,« sagte Birch, indem er die Thüre öffnete, »Sie können meinetwegen mit Ihrem Leben spielen, wenn Sie deren mehrere haben. Ich habe nur eines und muß es erhalten. Soll ich allein gehen, oder nicht?« »Geh, geh, lieber Heinrich,« sagte Franciska, indem sie ihren Bruder umarmte, »geh; denk an unsern Vater; denk an Sara.« Sie erwartete keine Erwiederung, sondern drängte ihn sanft durch die Thüre und schloß sie mit eigenen Händen. Eine kleine Weile fand noch zwischen Heinrich und dem Hausirer ein lebhafter Wortwechsel statt, bis endlich der letztere siegte; und das athemlose Mädchen hörte die sich entfernenden Tritte, als die Beiden in größter Schnelle an der Seite des Berges hinunter eilten. Sobald alles ruhig war, kam Harper wieder zum Vorschein. Er nahm schweigend Franciska's Arm und führte sie aus der Hütte. Der Weg schien ihm bekannt, denn er bestieg zuerst den über dem Häuschen liegenden Felsen, führte seine Gefährtin über die Abplattung des Gipfels, machte sie vorsorglich auf die kleinen Schwierigkeiten des Weges aufmerksam und suchte sie gegen jede Beschädigung sicher zu stellen. Franciska fühlte, als sie an der Seite dieses geheimnißvollen Mannes ging, daß sie es hier nicht mit einem gewöhnlichen Menschen zu thun habe. Sein sicherer Tritt und sein besonnenes Wesen schienen einen festen und entschlossenen Geist zu verkünden. Sie stiegen mit großer Schnelle und geringer Gefahr an der Rückseite des Berges hinunter und erreichten die Lichtung, von der aus das Mädchen eine Stunde bis zum Gipfel zugebracht hatte, in zehn Minuten. Harper bog jetzt in einen der Heerdenwege ein und schritt mit raschen Tritten über den freien Platz, bis sie an eine Stelle kamen, wo ein aufgezäumtes Pferd stand, welches auf einen Reiter von nicht unbedeutendem Range schließen ließ. Das edle Thier wieherte und stampfte die Erde, als sich sein Herr näherte und die Pistolen wieder in die Halftern steckte. Der Fremde wandte sich nun um, ergriff Franciska's Hand und sprach folgende Worte: »Sie haben diese Nacht Ihren Bruder gerettet, Miß Wharton. Es wäre jetzt nicht am Ort, auseinander setzen zu wollen, warum meine Macht, ihm zu dienen, beschränkt ist; aber wenn Sie die Reiter nur zwei Stunden aufhalten können, so hat er nichts mehr zu fürchten. Nach dem, was Sie bereits gethan haben, halte ich Sie für fähig, jeder andern Pflicht Genüge zu leisten. Gott hat mir Kinder versagt, junge Dame, aber wenn es sein heiliger Wille gewesen wäre, meine Ehe mit Nachkommen zu segnen, so hätte ich einen Schatz, wie Sie, von seiner Gnade erflehen mögen. Doch auch Sie sind mein Kind; Alle, die in diesem weiten Lande wohnen, sind meine Kinder und Pfleglinge – und so nehmen Sie denn den Segen eines Mannes, der Sie in glücklicheren Tagen wieder zu sehen hofft.« Während er so mit einer Feierlichkeit sprach, welche Franciska's Innerstes ergriff, legte er bedeutungsvoll seine Hand auf ihr Haupt. Das Mädchen richtete arglos ihre Blicke auf ihn und zeigte, da ihre Mantelkappe zurückgefallen war, ihr liebliches Antlitz in den Strahlen des Mondes. Eine Thräne glänzte auf ihren Wangen und ihr sanftes blaues Auge blickte voll Ehrfurcht zu ihm auf. Harper neigte sich vorwärts, drückte einen väterlichen Kuß; auf ihre Stirne und fuhr fort: »Jeder von diesen Heerdenwegen wird Sie sicher in das Thal bringen; aber hier müssen wir uns trennen – Ich habe noch viel zu thun und weit zu reiten. Vergessen Sie meiner in Allem, nur nicht in Ihrem Gebet.« Er bestieg nun sein Pferd, lüpfte seinen Hut und ritt an der Rückseite des Berges abwärts, wo er bald unter den Bäumen verschwand. Franciska eilte mit leichtem Herzen weiter und erreichte auf dem ersten nach unten führenden Heerdenwege in einigen Minuten wohlbehalten die Ebene. Als sie sich durch die Wiesen nach der Wohnung hin zu schleichen suchte, erschreckten sie die Huftritte nahender Pferde, und sie begann zu fühlen, daß unter gewissen Umständen, von den Menschen viel mehr, als von der Einsamkeit zu befürchten sey. Sie verbarg sich daher in einer Ecke der am Wege liegenden Verzäunung und blieb eine Weile ruhig, bis die Reiter vorüber waren. Es war eine kleine Abtheilung Dragoner, welche nicht die Uniform der Virginier trugen und in scharfem Trabe vorbei eilten. Ein in einen weiten Mantel gehüllter Mann, in welchem Franciska sogleich Harper erkannte, folgte ihnen. Hinter ihm ritt ein Schwarzer in Livree, und zwei junge Männer in Uniform bildeten den Nachtrab. Sie zogen jedoch nicht dem Lager zu, sondern schlugen einen Weg ein, welcher links in's Gebirge führten Franciska dachte verwundert nach, wer wohl dieser unbekannte aber mächtige Freund ihres Bruders feyn möchte, glitt dann über das Feld hin, näherte sich vorsichtig der Wohnung und kam unentdeckt und wohlbehalten wieder zu Hause an. Einunddreißigstes Kapitel. Fort, blöde Scheu! Du, heil'ge Unschuld, hilf mir offen reden: Ich bin Eu'r Weib, wenn Ihr mich haben wollt.« Der Sturm.   Franciska erfuhr von Miß Peyton, daß Dunwoodie noch nicht zurückgekehrt sey, daß er aber in der Absicht, Heinrich von den Belästigungen des vermeintlichen Fanatikers zu befreien, einen sehr achtbaren Geistlichen ihrer eigenen Konfession, den er am Flusse getroffen, ersucht habe, hieher zu reiten und seine Dienste anzubieten. Dieser war bereits angelangt und hatte die halbe Stunde seiner Anwesenheit in einer theilnehmenden und viele Bildung verrathenden Unterhaltung mit der Jungfrau zugebracht, ohne daß jedoch dabei von ihren häuslichen Bekümmernissen die Rede gewesen wäre. Alls Miß Peyton's ungeduldige Fragen über den Erfolg ihres romanhaften Ausfluges konnte Franciska nichts weiter erwiedern, als daß sie sich darüber zum Schweigen verpflichtet hätte, weßhalb sie auch ihrer liebevollen Verwandten die gleiche Vorsicht anempfahl. Sie sagte das mit einem so lieblichen Lächeln, daß die Tante daraus entnehmen konnte, es sey alles so, wie es seyn sollte, und sich dabei beruhigte. Letztere nöthigte nun aber ihre Nichte, auf diese ermüdende Nachtwanderung einige Erfrischungen zu sich zu nehmen, als der Anruf eines Reiters, welcher an der Thüre hielt, die Rückkehr des Majors Dunwoodie ankündigte. Der von Mason an ihn abgeschickte Eilbote hatte ihn an der Fähre, wo er ungeduldig Harper's Rückkehr erwartete, aufgesunden, und nun war er eilends, von tausend widerstreitenden Besorgnissen gequält, nach dem Orte zurückgekehrt, wo sein Freund gefangen gewesen. Franciska's Herz klopfte, als sie ihn näher kommen hörte. Es fehlte noch eine Stunde bis zu dem Ende der kürzesten Frist, welche der Hausirer als nothwendig bezeichnet hatte, die Flucht glücklich durchzuführen. Harper hatte zwar seinen Einfluß und seine Geneigtheit zur Hülfe zugestanden, aber auch er hatte ein großes Gewicht darauf gelegt, daß die Virginier diese Stunde noch zurückgehalten würden. Sie hatte daher nicht Zeit, sich bis zu Dunwoodie's Eintritt in's Zimmer zu sammeln, und Miß Peyton zog sich mit der instinctartigen Bereitwilligkeit des Weibes durch eine andere Thüre zurück. Das Gesicht des Majors glühte und sein ganzes Benehmen trug den Ausdruck des Verdrusses und der gekränkten Erwartung. »Es war unklug, Franciska,« rief er, indem er sich auf einen Stuhl warf; »nein, es war lieblos, in demselben Augenblick zu fliehen, wo ich ihm seine Befreiung zugesichert hatte! Ich möchte fast glauben, daß es Euch Freude macht, unsere Gefühle mit unserer Pflicht in Widerstreit zu bringen.« »Wohl möglich, daß in unsern und Ihren Pflichten ein Widerstreit liegt,« entgegnete das Mädchen, indem sie sich ihm näherte und ihre zarte Gestalt an die Wand lehnte, »aber gewiß nicht in unsern Gefühlen, Peyton. Gewiß, Sie können sich über Heinrichs Entkommen nur freuen!« »Es war keine Gefahr mehr zu befürchten. Er hatte Harper's Verbrechen, und das Wort dieses Mannes darf nie beanstandet werben. O Franciska, Franciska! Wenn Sie diesen Mann kennten, so würben Sie nie ein Mißtrauen in seine Versicherung gesetzt und mir diese unselige Verlegenheit erspart haben!« »Welche Verlegenheit?« fragte Franciska, die zwar seinen innern Kampf innig bemitleidete, aber doch jede Gelegenheit ergriff, um die Unterredung zu verlängern. »Welche Verlegenheit? Bin ich nicht genöthigt, die Nacht durch im Sattel zuzubringen, um Ihren Bruder wieder aufzufangen, da ich doch hoffte, mein Haupt mit dem beseligenden Bewußtseyn, zu seiner Rettung beigetragen zu haben, auf's Kissen legen zu können? Man zwingt mich ja, ein Feind zu scheinen, obgleich ich mit Freuden meinen letzten Tropfen Blutes vergießen würde, wenn ich Euch damit einen Dienst leisten könnte. Ich wiederhole es, Franciska – es war ein übereiltes, ein liebloses Beginnen – ein trauriger, recht trauriger Mißgriff!« Franciska neigte sich zu ihm und ergriff furchtsam seine Rechte, indeß sie ihm sanft mit der anderen Hand die Locken aus der gebräunten Stirne strich. »Warum denn aber überhaupt gehen, lieber Peyton?«, fragte sie. »Sie haben schon viel für das Vaterland gethan; es kann nicht ein solches Opfer von Ihren Händen fordern.« »Franciska! Miß Wharton!« rief der Jüngling aufspringend und im Zimmer auf und ab gehend, indeß ihm, ob dieser Kränkung seines Pflichtgefühls, die braune Wange glühte und das Auge leuchtete; »nicht das Vaterland – meine Ehre fordert dieses Opfer. Ist er nicht aus dem Gewahrsam meines eigenen Corps entflohen? Schon um deßwillen hätte er mir diesen Schlag ersparen sollen. Aber wenn die Augen der Virginier sich auch durch List und Betrug blenden lassen, so sind doch ihre Pferde rasch und ihre Säbel scharf. Ha, wir wollen noch, ehe die Sonne heraufkommt, sehen, ob es Einer wagen darf, zu sagen, daß die Schönheit der Schwester die schirmende Hülle des Bruders gewesen sey! Ja, ja, es käme mir eben jetzt recht« – fuhr er mit bitterm Lachen fort – »wenn sich irgend ein Schuft unterstünde, mir einen solchen Verrath zur Last zu legen.« »Peyton, lieber Peyton, sagte Franciska, vor dem wilden Ausdrucke seines Auges zurückbebend, – »Sie machen mir das Blut erstarren – könnten Sie meinen Bruder dem Henker überliefern?« »Würde ich nicht gerne für ihn sterben?« rief Dunwoodie und wandte sich mit mehr Milde zu dem Mädchen. »Sie wissen, wie gerne ich es thun würde. Aber Heinrichs Schritt wirft einen grausamen Verdacht auf mich. Was wird Washington von mir denken, wenn er erfährt, daß Sie meine Verlobte sind?« »Wenn dieses das Einzige ist, was Sie veranlaßt, so hart gegen meinen Bruder aufzutreten,« erwiederte Franciska mit einem leichten Beben der Stimme, »so lassen Sie es ihn nie erfahren.« »Und das soll ein Trost seyn, Franciska?« »Nicht doch, lieber Dunwoodie, ich wollte Ihnen nicht weh thun. Aber sind wir wohl in Washingtons Augen wirklich so wichtig, als Sie anzunehmen scheinen?« »Ich denke, daß mein Name dem Obergeneral nicht ganz unbekannt ist,« sagte der Major mit einigem Stolze; »und auch Sie sind nicht so unbeachtet geblieben, als Sie Ihre Bescheidenheit glauben machen will. Ich glaube Ihnen, Franciska, wenn Sie mir sagen, daß Sie mich bemitleiden, und es ist meine Pflicht, mich solcher Gefühle würdig zu erhalten. Doch ich verliere die kostbaren Augenblicke. Wir müssen diese Nacht noch durch die Berge kommen, um Morgen bei Zeit unserem Dienste Ehre machen: zu können. Mason wartet bereits auf den Befehl zum Aufsitzen. – Franciska, ich verlasse Sie mit schwerem Herzen. Haben Sie Mitleid mit mir, und tragen Sie keine Sorge wegen Ihres Bruders. Er muß zwar wieder mein Gefangener werden, aber jedes Haar seines Hauptes ist heilig.« »Halten Sie, Dunwoodie – ich beschwöre Sie;« rief Franciska nach Athem haschend, als sie bemerkte, daß der Weiser der Uhr noch weit bis zu der ersehnten Stunde hatte, – »ehe Sie an dieses traurige Geschäft gehen, lesen Sie noch ein Billet, welches Heinrich für Sie zurückgelassen hat, ohne Zweifel, weil er an den Freund seiner Jugend zu schreiben dachte.« »Franciska, ich entschuldige Ihre Gefühle; aber es wird eine Zeit kommen, wo Sie mir werden Gerechtigkeit widerfahren lassen.« »Die Zeit ist vorhanden,« antwortete sie, und reichte ihm, unfähig, länger einen Unwillen zur Schau zu tragen, den sie nicht fühlte, die Hand. »Woher haben Sie dieses Schreiben?« rief der Jüngling, während seine Augen den Inhalt desselben überflogen. »Armer Heinrich, Du bist in der That mein Freund! Wenn irgend einer mein Glück wünscht, so bist Du es.« »Es ist so, es ist so,« entgegnete Franciska hastig; »er wünscht Ihnen alles Glück. Glauben Sie, was er sagt; jedes seiner Worte ist wahr.« »Ich glaube ihm, holdes Wesen, und er verweist mich an Ihre Bestätigung. Könnte ich mich nur Ihrer Liebe eben so versichert halten!« »Sie können es, Peyton,« sagte Franciska mit einem Blicke vertrauender Unschuld auf ihren Verehrer. »Dann lesen Sie selbst und geben Sie Ihren Worten Kraft,« fiel Dunwoodie ein, indem er ihr das Billet hinbot. Franciska nahm es verwundert an und las die folgenden Worte: »Das Leben ist zu kostbar, als daß ich es einer unsichern Zukunft anvertrauen möchte. Ich verlasse Dich, Peyton, ohne daß irgend jemand als Cäsar, welchen ich Deiner Gnade empfehle, von meiner Flucht wüßte. Aber ein Kummer lastet auf mir, der mich zu Boden drückt. Blicke auf meinen alten gebrechlichen Vater. Man wird ihm das vermeintliche Verbrechen seines Sohnes nachtragen. Blicke auf meine hülflosen Schwestern, die ich ohne Beschützer zurücklassen muß. Beweise mir, daß Du uns Alle liebst. Laß Dir durch den Geistlichen, den Du mitbringen wirst, noch in dieser Nacht Franciska antrauen und werde dadurch zu gleicher Zeit Bruder, Sohn und Gatte.« Das Papier entfiel Franciska's Händen. Sie versuchte die Augen zu Dunwoodie aufzuschlagen, aber sie senkten sich wieder beschämt zur Erde. »Bin ich dieses Vertrauens würdig? Wollen Sie mich diese Nacht hinaussenden, um einem Bruder zu begegnen, oder soll ich, als der Officier des Congresses fort, der einen Officier Englands aufsucht?« »Und würden Sie Ihre Pflicht weniger thun, wenn ich Ihr Weib wäre? Was könnte dadurch in Heinrichs Lage geändert werden?^. »Ich wiederhole es Ihnen, Heinrich hat nichts zu fürchten. Harper's Wort ist ihm Bürge dafür. Aber ich will der Welt einen Bräutigam zeigen,« – fuhr der Jüngling vielleicht mit einiger Selbsttäuschung fort – »der sich auch der Pflicht zu unterziehen weiß, den Bruder seiner Braut gefangen zu nehmen.« »Wird die Welt das aber auch begreifen?« sagte Franciska mit einer gedankenvollen Miene, welche tausend Hoffnungen in der Brust des Geliebten rege werden ließ. Die Versuchung war in der That stark, denn es schien wirklich kein anderer Ausweg vorhanden zu seyn, um Dunwoodie bis zu dem Ablauf der verhängnißvollen Stunde zurück zu halten. Die Worte Harper's, welcher ihr vor Kurzem noch selbst zugestanden hatte, daß er öffentlich wenig für Heinrich thun könne, und daß Alles davon abhänge, Zeit zu gewinnen, blieben tief ihrem Gedächtnisse eingegraben. Vielleicht kam auch hierzu noch der flüchtige Gedanke der Möglichkeit einer ewigen Trennung von ihrem Geliebten, wenn es ihm gelingen sollte, ihren Bruder einzuholen, wo dann der Tod desselben unvermeidlich schien. Es ist jederzeit schwer, die Gefühle des Menschen zu ergründen, um so schwerer, wenn sie sich mit der Schnelle und der Lebhaftigkeit des Blitzes folgen, wie dieses so leicht bei dem empfindungsvollen Herzen des Weibes der Fall ist. »Warum zögern Sie, theure Franciska?« rief Dunwoodie, in die Betrachtung des Wechsels ihrer Züge versunken; »wenige Minuten können mir das Recht geben, Sie als Gatte zu schützen.« Franciska schwindelte. Sie blickte ängstlich nach der Uhr, und der Zeiger schien zu zögern, recht in der Absicht, sie zu foltern. »Sprich, Franciska,« flüsterte Dunwoodie, »soll ich meine gute Base zum Beistand herbeirufen? Entschließe Dich, denn die Zeit drängt.« Sie versuchte, zu antworten, konnte aber nur einige unverständliche Worte hervorbringen, welche ihr Liebhaber dem althergebrachten Brauche zufolge zu seinen Gunsten deutete. Er wandte sich und flog nach der Thüre, als auf einmal das Mädchen wieder ihrer Stimme mächtig, wurde: »Bleiben Sie, Dunwoodie; ich kann diesen feierlichen Bund nicht schließen, so lange noch eine Heimlichkeit auf meinem Gewissen liegt. Ich habe Heinrich gesehen, seit er von hier entwich, und es ist für ihn äußerst wichtig, Zeit zu gewinnen. Sie kennen jetzt die Folgen einer Zögerung, und wenn Sie mit diesem Bewußtseyn meine Hand nicht zurückweisen wollen, so reiche ich sie Ihnen freiwillig.« »Sie zurückweisen?« rief der entzückte Jüngling; »ich nehme sie an, als die beseligendste Gabe des Himmels. Es ist noch Zeit genug für uns Alle vorhanden. In zwei Stunden bin ich durch die Berge, und morgen Mittag werde ich mit Heinrichs Begnadigung von Washington zurückkehren. Dein Bruder wird unsere Hochzeit mitfeiern.« »Dann erwarten Sie mich hier in zehn Minuten,« sagte Franciska, welcher mit diesem Bekenntniß ein schwerer Stein vom Herzen gewälzt war, da sie jetzt zuversichtlich ihren Bruder als gerettet betrachten durfte. »Wenn ich zurückkehre, bin ich bereit, die Gelübde abzulegen, welche mich für immer an Sie ketten sollen.« Dunwoodie drückte das Mädchen an seine Brust, und eilte hinweg, um dem Priester seine Wünsche kund zu thun. Miß Peyton vernahm die Mittheilung ihrer Nichte mit dem größten Erstaunen und einigem Mißbehagen. Es verstieß ja gegen alle Ordnung, gegen allen Anstand, wenn man eine Ehe so übereilt und mit so wenigen Zeremonien abschloß. Aber Franciska erklärte ihr mit bescheidener Festigkeit, daß ihr Entschluß gefaßt sey; auch habe sie schon lange die Einwilligung ihrer Verwandten, und die Vollziehung der Handlung sey seit Monaten einzig ihrer Willkühr anheim gegeben gewesen; es sey daher ihre Absicht, ihre an Dunwoodie gegebene Einwilligung zu erfüllen, ohne sich auf weitere Erörterungen einzulassen, die Birch oder Heinrich, oder vielleicht beide einer Gefahr aussetzen würden. Da die Tante an Widerspruch nicht gewöhnt und ihrer Verwandten aufrichtig zugethan war, so wurden ihre seichten Einwürfe durch die Festigkeit der Nichte bald niedergeschlagen. Herr Wharton war zu sehr ein Anhänger der Lehre vom leidenden Gehorsam und von der Ergebung, um der Bitte eines Mannes von Dunwoodie's Einfluß in der Rebellen-Armee zu widerstehen, und das Mädchen kehrte von ihrem Vater und Miß Peyton begleitet mit dem Ablaufe der von ihr festgesetzten Zeit in das Zimmer zurück. Dunwoodie und der Geistliche waren bereits da. Franciska legte schweigend und ohne Ziererei den Trauring ihrer Mutter in die Hand des Priesters, und nach einer kleinen Weile, während welcher Herr Wharton und Miß Peyton sich einigermaaßen für die heilige Handlung vorbereitet hatten, gestattete letztere, daß zum Vollzug der Zeremonie geschritten wurde. Franciska hatte die Uhr unmittelbar vor den Augen, und warf manchen ängstlichen Blick auf den Zeiger. Bald aber fesselte die feierliche Rede des Priesters ihre ganze Aufmerksamkeit, und ihr Geist ward von den inhaltschweren Gelübden, welche sie abzulegen hatte, hingenommen. Der Trauungsact war bald vorüber, und als der Geistliche mit der Einsegnungsformel schloß, zeigte die Uhr Neun. Dies war die Zeit, welche Harper als nöthig bezeichnet hatte, und Franciska war es, als ob auf einmal eine Centnerlast ihrer Brust entnommen würde. Dunwoodie schloß sie in seine Arme, machte der guten Tante immer wieder auf's Neue sein Compliment und schüttelte wiederholt Herrn Wharton und dem Geistlichen die Hand. Inmitten dieses Gefühls von Seligkeit ließ sich ein Pochen an der Thüre vernehmen. Sie wurde geöffnet und Mason zeigte sich in derselben. »Wir sind im Sattel,« sagte der Lieutenant, »und wenn Sie nichts dagegen haben, will ich vorausreiten. Da Sie so gut beritten sind, können Sie uns mit Muße einholen.« »Ja, ja, Camerad – lassen Sie aufbrechen,« rief Dunwoodie, dem dieser Vorwand, noch ein wenig zu bleiben, äußerst gelegen kam. »Ich werde Sie beim ersten Rastorte erreichen.« Der Lieutenant entfernte sich, um den Befehl in Vollzug zu setzen. Wharton und der Geistliche folgten ihm. »Nun, Peyton,« sagte Franciska, »Du gehst jetzt in der That fort, um einen Bruder aufzusuchen, und ich bin überzeugt, daß ich nicht nöthig habe, Dir Sorge für ihn anzuempfehlen, wenn Du ihn unglücklicherweise finden solltest.« »Sage glücklicher Weise,« rief der junge Mann, »denn ich habe mir vorgenommen, daß er noch auf meiner Hochzeit tanzen soll. Könnte ich ihn nur für unsere Sache gewinnen, denn es ist die Sache seines Vaterlandes! Ich würde weit freudiger fechten, Franciska, wenn mir Dein Bruder zur Seite stünde.« »O, sprich nicht davon! Du weckst schreckliche Gedanken in meiner Seele.« »Ich will nicht mehr davon sprechen,« versetzte der Neuvermählte; »aber ich muß Dich jetzt verlassen. Je früher ich gehe, Franciska, desto früher werde ich wieder zurückkehren.« Man hörte jetzt den Huftritt eines Pferdes sich dem Hause nähern, und Dunwoodie verabschiedete sich eben von seiner Gattin und ihrer Tante, als seine Ordonnanz einen Officier in's Zimmer führte. Dieser trug die Uniform eines Adjutanten, und der Major erkannte in ihm sogleich einen Officier von Washington's Generalstab. »Major Dunwoodie,« sagte er nach einer Verbeugung gegen die Damen, »der Obergeneral hat mich beauftragt, Ihnen dieses Schreiben zu überbringen.« Nachdem er sich, seiner Botschaft entledigt, verabschiedete er sich unmittelbar wieder, unter dem Vorwande des Dienstes. »Das gibt in der That der ganzen Angelegenheit eine unerwartete Wendung,« rief der Major; »aber ich sehe klar in der Sache, Harper hat meinen Brief erhalten, und wir fühlen bereits seinen Einfluß.« »Sind es Neuigkeiten, die auf Heinrich Bezug haben?« fragte Franciska hastig, indem sie an seine Seite eilte. »Hört, und Ihr sollt selbst urtheilen.« »Sir, Nach Empfang des Gegenwärtigen werden Sie Ihre Schwadron zusammenziehen, um der Truppenabtheilung, welche der Feind zur Bedeckung seiner Fouragirer ausgesendet hat, morgen früh um zehn Uhr auf den Höhen von Croton zu begegnen, wo Sie ein Regiment Fußvolk zu Ihrer Unterstützung antreffen. Die Flucht des englischen Spions ist mir gemeldet worden, aber seine Wiederergreifung ist nur unwichtig in Vergleichung mit dem Dienste, welchen ich Ihnen jetzt übertrage. Sie werden daher diejenigen Ihrer Leute, welche ihm nachsetzen, zurückrufen und sich Mühe geben, den Feind ehestens zu schlagen. Ihr gehorsamer Diener Geo. Whashington.« »Gott sey Dank!« rief Dunwoodie, – »meine Hände bleiben also rein von Heinrichs Wiederverhaftung. Ich kann nun mit Ehre an meine Pflicht gehen.« »Aber auch mit Klugheit, lieber Peyton,« sagte Franciska mit einem Gesichte, blaß wie der Tod; »erinnere Dich, Dunwoodie, daß Du neue Ansprüche an Dein Leben zurücklassest.« Der Jüngling weilte mit Entzücken auf ihren blassen, aber lieblichen Zügen, und rief, indem er sie an's Herz drückte: »Ich werde es thun – um Deinetwillen, liebliche Unschuld.« Franciska schluchzte eine Weile an seiner Brust, riß sich dann los und entfernte sich. Miß Peyton folgte ihrer Nichte, da sie es für nöthig hielt, derselben noch, ehe sie sich für diese Nacht trennten, die geeigneten Ermahnungen über die ehelichen Pflichten zu geben, die zwar bescheiden hingenommen, keineswegs aber gehörig begriffen wurden. Wir bedauern, daß die Geschichte uns diese köstliche Abhandlung nicht überliefert hat; trotz unserer Nachforschungen konnten wir übrigens nichts Weiteres auffinden, als daß sie in reichlichem Maaße die Färbung trug, welche die Sage den »Regeln, die Kinder eines Wittwers zu erziehen,« verleiht. Verlassen wir jedoch die Damen der Wharton'schen Familie, um zu dem Capitän Wharton und zu Harvey Birch zurückzukehren. Zweiunddreißigstes Kapitel. Was braucht es wohl des Abschieds lang? Kurz sey die Beichte, fest der Strang! Rokeby.   Der Hausirer und sein Gefährte erreichten bald das Thal. Sie hielten eine Weile, um zu horchen, ob keine Verfolger um den Weg seyen, und als sie nichts vernahmen, bogen sie in die Landstraße ein. Birch, der jeden Fußsteig durch das Gebirge kannte, und Muskeln besaß, die durch Anstrengungen sehr abgehärtet waren, ging mit den weitausgreifenden Schritten, welche er in seinem Gewerbe sich zu eigen gemacht hatte, voran, und es fehlte nur der Pack, um ihm sein gewöhnliches Aussehen zu geben. Hin und wieder, wenn sie sich einem der kleinen von amerikanischen Truppen besetzten Posten näherten, von denen das Hochland wimmelte, machte er einen Umweg, um die Schildwachen zu vermeiden, indem er sorglos sich in das Gebüsch stürzte oder schroffe Felsen hinankletterte, die dem Auge unzugänglich schienen. Aber der Krämer war vertraut mit jeder Wendung ihres beschwerlichen Weges und wußte, wo man über die Bergschluchten wegkommen und die Waldbäche durchwaten konnte. Es kam zwar Heinrich etlichemale vor, als ob es nun mit ihrem Weiterkommen ein Ende nehmen müsse; aber der Scharfsinn oder die Ortskenntniß des Führers überwand jede Schwierigkeit. Nachdem sie so ungefähr drei Stunden in größter Eile fortgewandert waren, gingen sie plötzlich von der Straße, die nach Osten führte, ab und nahmen ihre Richtung quer über die Berge nach Süden. Dieß geschah, wie der Hausirer sagte, eines Theils um die Streifwachen, welche beständig an dem südlichen Eingange des Hochlandes patrouillirten, zu vermeiden, dann aber auch um den Weg dadurch, daß man die gerade Linie gewann, abzukürzen. Als sie den Gipfel eines Berges erreicht hatten, setzte sich Harvey an einer kleinen Quelle nieder, öffnete eine Reisetasche, der die Stelle seines Waarenpackes eingenommen hatte, und lud seinen Begleiter ein, an der rauhen Kost, welche darin enthalten war, Theil zu nehmen. Heinrich hatte stets gleichen Schritt mit seinem Gefährten gehalten, nicht so wohl, weil er demselben an Kräften gleich war, sondern weil das Beängstigende seiner Lage ihm als ein kräftiges Ermunterungsmittel diente. Der Gedanke an ein Rasten wollte ihm daher nicht behagen, so lange die Reiter ihnen möglicher Weise noch den Vorsprung abgewinnen und sonach ihre Flucht über den neutralen Grund hemmen konnten. Er machte daher seinen Begleiter Vorstellungen, und drang in ihn, die Wanderung fortzusetzen. »Folgen Sie meinem Beispiele, Capitän Wharton,« sagte der Hausirer, indem er sein ärmliches Mahl begann; »wenn die Reiterei einmal aufgebrochen ist, so übersteigt es menschliche Kräfte, ihr den Vorrang abzulaufen, und ist dieses nicht der Fall, so wird ihr auf eine Weise zu schaffen gemacht werden, welche den Burschen alle Gedanken an Sie und mich, aus dem Schädel treiben möchte.« »Ihr habt aber doch selbst gesagt, daß zwei Stunden für uns von der größten Wichtigkeit seyen, und wenn wir zögern, was wird uns dann der Vortheil nützen, welchen wir bereits errungen haben?« »Diese Zeit ist vorüber, und Major Dunwoodie denkt nicht daran, zwei Menschen zu verfolgen, wenn an den Ufern des Flusses Hunderte auf ihn warten.« »Horch!« fiel Heinrich ein; »in diesem Augenblick kommen die Reiter am Fuße des Berges vorbei. Ich höre sie lachen und mit einander sprechen. Stille! ich vernehme Dunwoodie's Stimme; er ruft seinen Kameraden in einer Weise zu, die wenig Unruhe verräth. Man sollte denken, die Lage seines Freundes könnte ihm die Lust zum Scherzen benehmen. Gewiß hat ihm Franciska meinen Brief nicht geben können.« Bei der ersten Andeutung des Capitäns stand Birch auf, näherte sich vorsichtig dem Rande des Felsens, wobei er Sorge trug, seinen Körper im Schatten zu halten, um aus der Ferne nicht bemerkt zu werden, und betrachtete sich ernstlich die vorüberziehende Reitergruppe. Er blieb in seiner horchenden Stellung, bis die raschen Huftritte nicht mehr hörbar waren, und kehrte dann schnell nach seinem Sitze zurück, wo er mit unglaublicher Ruhe sein Mahl wieder aufnahm. »Sie haben noch einen langen und mühesamen Spaziergang vor sich, Capitän Wharton, und es wäre besser, Sie machten es wie ich. Sie haben ja in der Hütte über Fishkill so hungrig gethan, aber die Wanderung scheint Ihnen jetzt den Appetit benommen zu haben.« »Ich hielt mich damals für sicher; aber die Nachricht meiner Schwester beunruhigt mich zu sehr, als daß ich essen könnte.« »Sie haben jetzt weniger Ursache, unruhig zu seyn, als dieß je seit jener Nacht vor Ihrer Verhaftung der Fall war,« erwiederte der Hausirer, »ich meine seit der Zeit, da Sie meinen Rath verschmähten, und mein Anerbieten, Sie in Sicherheit zu bringen, zurückwiesen. Major Dunwoodie ist nicht der Mann, der scherzen und lachen kann, wenn er fernen Freund in Noth weiß. Kommen Sie also und essen Sie, denn wir werden keinen Pferdeschwanz auf unserem Wege finden, wenn anders unsere Füße noch vier Stunden aushalten und die Sonne so lange, als gewöhnlich hinter den Bergen bleibt.« In der Weise des Krämers lag eine Ruhe, welche den Capitän ermuthigte, und da letzterer sich einmal Harvey's Führung überlassen hatte, so ließ er sich auch bereden, an dem Mahle Theil zu nehmen, das, wenn man von der Qualität absah, der Quantität nach ein recht erträgliches genannt werden konnte. Sobald sie mit ihrer Tafel zu Ende waren, nahm der Hausirer die Wanderung wieder auf. Heinrich folgte mit blinder Ergebung in seinen Willen. Sie quälten sich noch zwei Stunden mit den beschwerlichen und gefährlichen Schluchten des Hochlandes ab, ohne irgend einen betretenen Weg, und ohne einen andern Führer, als den Mond, der am Himmel hinwanderte und bald in die vorbeijagenden Wolken tauchte, bald in dem schönsten Glanze strahlte. Endlich gelangten sie zu einem Punkte, wo das Gebirg sich zu einem rauhen, unebenen Hügellande abdachte, und die unwirthlichen, unfruchtbaren Felsen machten jetzt dem freilich unvollkommen angebauten Striche des so genannten neutralen Grundes Platz. Der Hausirer beobachtete von nun an eine größere Vorsicht und bediente sich verschiedener Maaßregeln, um ein Zusammentreffen mit den hin und her ziehenden amerikanischen Truppenabtheilungen zu vermeiden. Mit den stehenden Posten war er zu vertraut, um unverhofft auf einen derselben zu stoßen, und so wand er sich denn durch die Hügel und Thäler, wobei er mit einer fast instinktartigen Sicherheit sich bald auf der Landstraße hielt, bald von ihr abbeugte. Es war nichts Elastisches in seinem Tritte, aber dennoch glitt er mit weiten Schritten und vorwärts gebeugtem Körper über die Ebene hin, ohne daß es ihn anzustrengen oder zu ermüden schien. Der Mond war untergegangen und im Osten begann bereits ein schwaches Licht aufzudämmern. Capitän Wharton wagte es, von Müdigkeit zu reden und zu fragen, ob sie sich noch nicht in einem Theile des Landes befänden, wo sie mit Sicherheit in einem der Meierhöfe einsprechen könnten. »Sehen Sie!« sagte der Hausirer, indem er auf einen Hügel nicht weit hinter ihnen deutete; »bemerken Sie nicht dort einen Mann, der auf der Spitze jenes Felsens auf und ab geht? Drehen Sie sich noch mehr, dort in derselben Richtung mit dem dämmernden Himmel. – Nun, sehen Sie, wie er sich bewegt? Er scheint aufmerksam mach einem Punkte in Osten hinzublicken. Das ist eine königliche Schildwache. Zweihundert Reguläre liegen an dem Berge und schlafen ohne Zweifel in ihren Waffen.« »Dann hin zu ihnen,« rief Heinrich; »unsere Gefahr ist zu Ende.« »Gemach, gemach, Capitän Wharton,« versetzte der Krämer trocken, »Sie sind schon einmal mitten unter ihrer Dreihundert gewesen, und doch gab es einen Mann, der Sie wieder herausholte. Sehen Sie nicht jene dunkle Masse, seitlich an dem entgegengesetzten Berge, gerade über den Stoppelfeldern? Dort sind die – die Rebellen (denn das sind sie für uns loyale Unterthanen), welche nur auf den Morgen warten, um zu sehen, wer das Feld behaupten wird.« »Um so mehr,« rief der feurige Jüngling, »will ich mich den Truppen meines Königs anschließen und ihr Loos theilen, mag es nun gut oder schlimm seyn.« »Sie vergessen, daß Sie mit Einem Strick um den Hals fechten. Nein, nein – ich habe es einem versprochen, den ich nicht täuschen darf, Sie in Sicherheit zu bringen, und wenn Ihnen noch im Gedächtniß ist, was ich bereits für Sie gethan und gewagt habe, so kehren Sie um und folgen mir nach Harlaem.« Der Jüngling fühlte sich, so ungerne er es that, genöthigt, dieser Aufforderung Folge zu leisten, und beide setzten ihren Weg nach der Stadt fort. Sie erreichten bald das Ufer des Hudson, tut welchem Harvey nach kurzem Suchen einen Nachen fand, der eine alte Bekanntschaft des Hausirers zu seyn schien. Er stieg mit seinem Begleiter ein und setzte ihn an der Südseite des Croton an's Land. Jetzt erklärte Birch, daß sie in Sicherheit seyen, da die Truppen des Continents von den englischen im Schach gehalten würden und letztere mit zu großen Streitkräften ausgezogen seyen, als daß die leichten Schaaren der Amerikaner sich weiter herab bis hart an die Ufer des Hudsons wagen dürften. Während dieser ganzen beschwerlichen Flucht hatte der Hausirer eine Ruhe und eine Gegenwart des Geistes an den Tag gelegt, welche nichts trüben zu können schien. Alle seine Kräfte erschienen in ungewöhnlicher Steigerung, ohne der Gebrechlichkeit der Natur irgend Raum übrig zu lassen. Heinrich war ihm wie ein Kind am Leitbande gefolgt und ärndtete nun den Lohn seiner Fügsamkeit in dem entzückten Klopfen des Herzens, als er hörte, daß die Gefahr gänzlich, vorüber sey und er jeden Zweifel über seine Sicherheit verbannen dürfe. Eine gähe, mühsame Steige brachte sie aus der Ebene, welche zur Zeit der Fluth stets unter, Wasser stund, nach dem Hochlande, welches sich an dem Ostufer des Hudsons hinzieht. Der Hausirer bog ein wenig von der Landstraße in den Schirm eines Cederndickichts ab, ließ sich auf einer Felsenplatte nieder und theilte seinem Begleiter mit, daß endlich die Stunde der Ruhe und Erquickung gekommen sey. Der Tag war nun angebrochen, und die Gegenstände ließen sich bereits auch in der Entfernung deutlich unterscheiden. Unter ihnen lag der Hudson, der sich, so weit das Auge reichen konnte, in gerader Linie nach Süden hinzog. Im Norden erhoben die Ausläufer des Hochlands ihre luftigen Häupter über die Nebelmassen, welche auf dem Wasser lagerten und sich bis in das Innere des Gebirgs verfolgen ließen, während die konischen Gipfel der Berge mit einer Ordnungslosigkeit hinter einander gruppirt waren, wie sie aus der gewaltigen, wiewohl vergeblichen Anstrengung, den Lauf des Stromes zu hemmen, hervorgegangen zu seyn schien. Aus diesen wirren Bergmassen heraustretend erweiterte sich der Fluß, als ob er sich des überstandenen Kampfes freue, in eine große Bay, die durch einige niedrige und fruchtbare Landstreifen, welche in das breite Becken hineinragten, eine Zierde erhielt. Auf dem entgegengesetzten oder westlichem Ufer standen die Felsen von Jersey in einer wallförmigen Ordnung, die ihnen den Namen der Pallisaden erworben hat, da sie sich bis zu vielen hundert Fußen erheben, als ob sie das herrliche Land im Rücken gegen die Einfälle des Eroberers schützen wollten; aber einen solchen Feind verachtend, rauscht der Fluß stolz an ihren Füßen hin und eilt unaufhaltsam dem Meere zu. Ein Strahl der aufgehenden Sonne traf die leichte Wolke, die über dem heitern Strome hing, und auf einmal bewegte sich der ganze Schauplatz, der nun mit jedem Augenblick wechselte, sich neu gestaltete und neue Gegenstände sichtbar werden ließ. Wenn sich heut zu Tage dieser große Vorhang der Natur hebt, zeigen sich Massen von weißen Segeln und Wälder von Masten auf dem Wasser, deren rühriges Treiben die Nachbarschaft der Hauptstadt eines großen und blühenden Landstriches bekundet. Für Heinrich und den Hausirer enthüllte er jedoch nichts als die Raaen und hohen Masten eines Kriegsschiffes, welches einige Meilen unter ihnen lag. Ehe der Nebel sich zu bewegen anfing, sah man nur die hohen Spieren auftauchen, deren eine ein langes Wimpel trug, welches leicht in dem stromlängs hinzitternden Nachtwinde flatterte: als aber die Dünste in die Höhe stiegen, wurden allmählich der schwarze Rumpf, die gedrängte und verwickelte Masse des Takelwerks, die schweren Raaen und die weitausgreifenden Segelstangen sichtbar. »Dort, Capitän Wharton,« sagte der Hausirer, »dort ist ein sicheres Ruheplätzchen für Sie. Amerika hat keinen Arm, der Sie erreichen könnte, wenn Sie das Deck jenes Schiffes gewonnen haben. Es ist zum Schutze der Fouragirer und der übrigen Truppen ausgeschickt, denn die Officiere der Regulären haben es gern, wenn sie die Kanonen ihrer Schiffe hören.« Ohne auf das Beißende dieser Bemerkung, das er vielleicht nicht einmal in Acht nahm, etwas zu erwiedern, fügte sich Heinrich mit Freuden in diesen Vorschlag, und es wurde beschlossen, daß er, sobald sie einige Erfrischung zu sich genommen hätten, den Versuch machen sollte, bei dem Schiffe an Bord zu kommen. Während unsere beiden Abenteurer eben in dem unerläßlichen Geschäfte des Frühstücks begriffen waren, wurden sie durch den Ton entfernter Feuerwaffen aufgeschreckt. Zuerst ließen sich einige vereinzelte Schüsse vernehmen, denen ein langes und lebhaft unterhaltenes Musketenfeuer, und endlich rasch auf einander schwere Salven folgten. »Eure Voraussagung trifft ein,« rief der englische Officier aufspringend. »Unsere Truppen und die Rebellen sind aneinander! Ich wollte die Gage eines halben Jahrs darum geben, wenn ich den Kampf mit ansehen könnte.« »Hum!« erwiederte sein Gefährte, ohne sein Mahl zu unterbrechen; »in der Entfernung nimmt sich so etwas wohl gut aus; ich gestehe übrigens, daß dieser Speck, so kalt er ist, doch meinem Geschmack mehr zusagt, als das heiße Feuer der Continentalen.« »Die Salven sind kräftig für eine so kleine Mannschaft; aber das Feuer scheint unregelmäßig.« »Die Knatterschüsse kommen von der Connecticut-Miliz,« sagte Harvey, indem er den Kopf aufrichtete, um zuzuhören. »Sie rasseln gar säuberlich und nehmen es mit dem Ziel nicht obenhin. Die Salven rühren von den Regulären her, die – wie Sie wissen – auf's Commando feuern, so lange sie können.« »Ich kann dieses Knatterfeuer, wie Ihr es nennt, nicht leiden,« rief der Capitän, indem er sich unruhig umsah, »es gleicht mehr dem Wirbeln einer Trommel, als dem regelmäßigen Schießen eines Scharmützels.« »Wer fragt viel darnach?« erwiederte der Andere, und richtete sich, ohne seine Mahlzeit zu unterbrechen, auf dem Knie auf, »So lange sie Stand halten, sind sie so gut als die besten Truppen in der königlichen Armee. Jeder thut seine Schuldigkeit, so gut er kann. Auch fechten sie nicht gedankenlos und schicken keine Kugeln in die Wolken, um irgend einen auf Erden zu treffen.« »Eure Rede und Euer Blick kömmt mir vor, als ob Ihr ihnen den Sieg wünschtet,« sagte Heinrich ernst. »Ich wünsche nur der guten Sache den Sieg, Capitän Wharton. Ich dächte, Sie sollten mich zu gut kennen, um im Unklaren zu seyn, mit welcher Partei ich es halte.« »O, Eure treuen Gesinnungen sind anerkannt, Meister Birch; aber hört – die Salven haben nachgelassen.« Beide horchten nun eine Weile aufmerksam. Die unregelmäßigen Schüsse wurden weniger lebhaft, bis auf einmal sich wieder volle und wiederholte Pelotonfeuer vernehmen ließen. »Sie waren, mit dem Bajonet an einander,« sagte der Hausirer; »die Regulären haben's mit dem Bajonet versucht und die Rebellen zurückgetrieben.« »Ja, Meister Birch, das Bajonet ist die rechte Waffe für den englischen Soldaten. Ein solcher Kampf ist ihm Hochgenuß.« »Meinetwegen,« versetzte der Krämer, »obschon ich nicht einsehe, was für ein Hochgenuß darin liegen mag, an eine solche furchtbare Waffe gespießt zu werden. Da sind die Milizen mehr nach, meinem Geschmack, denn kaum, die Hälfte von ihnen hat solche garstige Dinger auf den Musketen stecken. Du mein Himmel, Capitän, ich wünschte, Sie gingen einmal mit mir in das Rebellen-Lager, um mit anzuhören, welche Lügen die Burschen über Bunkers-Hill und Burg'yne ausbringen; Sie würden glauben, daß sie das Bajonet eben so sehr liebten, als ihr Mittagessen.« Das Kichern und die affectirte Unbefangenheit, mit welcher Birch seine Worte begleitete, verdroßen Heinrich und er würdigte seinen Gefährten keiner Antwort. Das Feuer wurde jetzt veränderlicher und nur hin und wieder ließen sich volle Salven vernehmen. Beide Flüchtlinge waren aufgestanden und horchten mit großer Aengstlichkeit, als auf einmal ein mit einer Muskete bewaffneter Mann sichtbar wurde, der an dem seitlich vom Berge sich hinziehenden Cederngebüsche vorwärts schlich. Heinrich bemerkte diesen verdächtig aussehenden Fremden zuerst und machte sogleich seinen Gefährten auf ihn aufmerksam. Birch erschrack und machte eine Bewegung zu schleuniger Flucht; er sammelte sich jedoch bald wieder und blieb in düsterem Schwelgen stehen, bis der Fremdling nur noch einige Ellen von ihnen entfernt war. »Gut Freund,« sagte der Kerl und setzte das Gewehr zu Fuß, ohne es übrigens zu wagen, näher zu treten. »Du würdest besser thun, Dich davon zu machen,« sagte Birch; »in dieser Gegend gibt es Reguläre. Dunwoodie's Reiterei ist nicht in der Nähe, und Du wirst finden, daß ich heute kein so leichter Fang bin.« »Gott verdamme den Major Dunwoodie und seine Reiterei,« rief der Schinderhauptmann (denn dieser war es); »Gott segne König Georg und mache schnell der Rebellion ein Ende, heißt jetzt meine Loosung. Wenn Ihr mir einen sichern Weg zu den Refugee's zeigen wolltet, Meister Birch, so würde ich Euch, gut bezahlen und Euch später obendrein zu jedem Freundschaftsdienste bereit seyn.« »Der Weg ist Dir so gut als mir offen,« sagte Birch, indem er sich mit übel verhehltem Widerwillen abwandte. »Wenn Du die Refugee's aufsuchen willst, so weißt Du auch wahrscheinlich wohl, wo sie liegen.« »Allerdings, aber ich scheue mich ein wenig, allein hinzugehen. Ihr aber seyd bei Allen wohl bekannt, und es soll just nicht Euer Schade seyn, wenn Ihr mich mit Euch gehen laßt.« Heinrich mengte sich in die Verhandlung und erlaubte dem Schinder nach einer kurzen Besprechung, sich ihnen unter der Bedingung, daß er seine Waffen ausliefere, anzuschließen. Der Mann war sogleich willfährig und Birch nahm hastig das Gewehr zu Händen, wobei er übrigens nicht versäumte, das Schloß sorgfältig zu untersuchen und sich zu überzeugen, daß gutes, trockenes Pulver auf der Pfanne war, ehe er die Waffe umhängte, um die Wanderung wieder zu beginnen. Als dieses geschehen war, wurde der Marsch wieder fortgesetzt. Birch führte sie auf einem geheimen Wege am Ufer des Flusses hin, bis sie den Punkt erreichten, dem die Fregatte gegenüber lag. Auf ein gegebenes Zeichen näherte sich dem Ufer ein Boot, dessen Führer jedoch geraume Zeit zu landen zögerten und große Vorsicht anwendeten, ehe sie unfern Reisenden trauten. Als es aber Heinrich gelungen war, den Officier, welcher die Ruderbande commandirte, von der Wahrheit seiner Aussage zu überzeugen, so wurde ihm endlich gestattet, sich wohlbehalten wieder seinen Waffengefährten anzuschließen. Ehe der Capitän von Birch Abschied nahm, händigte er ihm noch eine für die Zeitumstände erträglich gefüllte Börse ein. Der Krämer nahm sie an und sah die Gelegenheit ab, um sie, ohne daß es der Schinder bemerkte, in einem Theil seiner Kleider verschwinden zu lassen, welcher gar sinnreich zur Verbergung solcher Schätze eingerichtet war. Das Boot stieß vom Ufer und Birch drehte sich um, athmend wie ein Mensch, der sich von einer Last erleichtert fühlt, und schoß mit den bekannten,, weit ausgreifenden Schritten den Berg hinan. Der Schinder folgte ihm, wobei sich beide Theile gegenseitig argwöhnische Blicke zuwarfen, ohne jedoch ihr Schweigen zu unterbrechen. Auf der an dem Flusse sich hinziehenden Straße fuhren Wagen, und hin und wieder ließen sich Reiterabtheilungen blicken, welche die Früchte ihres Beutezugs nach der Stadt geleiteten. Da der Hausirer seine eigenen Absichten hatte, so vermied er eher das Zusammentreffen mit einer dieser Patrouillen, als daß er ihren Schutz aufsuchte. Nachdem er jedoch einige Meilen hart an dem Ufer des Flusses fortgewandert war, während welcher Zeit er, trotz der wiederholten Bemühungen des Schinders, sich mit seinem Begleiter gewissermaßen auf einen geselligen Fuß zu setzen – das beharrlichste Stillschweigen beobachtete und, das Gewehr sorgfältig festhaltend, beständig die Bewegungen des Andern argwöhnisch bewachte, bog der Krämer plötzlich in die Landstraße ein, um über das Gebirg nach Harlaem zu kommen. In dem Augenblick, als er bei dem Fußpfade anlangte, kam eine Reiterabtheilung über eine kleine Anhöhe herunter, unsere Wanderer, ehe sie sich's versahen, überholend. Es war zu spät, um zu entfliehen, und Birch, nachdem er die Bestandtheile des Trupps überblickt hatte, freute sich dieses Zusammentreffens, da es ihn wahrscheinlich von seinem unwillkommenen Begleiter erlöste. Es waren ungefähr achtzehn bis zwanzig Mann in Dragoner-Armatur und Uniform, obgleich weder ihr Aeußeres noch ihr Benehmen auf besondere Mannszucht schließen ließ. An ihrer Spitze ritt ein beleibter Mann in den mittleren Jahren, dessen Züge gerade so viel thierischen Muth und so wenig Vernunft ausdrückten, als für seine Stellung erforderlich war. Er trug Officiersuniform, aber es lag in seinem Anzug und in seinen Bewegungen nichts von der Zierlichkeit und dem Anstande, welche sonst gewöhnlich die Außenseite der brittischen Officiere bildeten. Seine Glieder waren gedrungen und unbehülflich, und obgleich er fest und sicher im Sattel saß, so würde ihn doch die Art, wie er den Zügel hielt, dem Gelächter des schlechtesten Reiters der Virginier ausgesetzt haben. Der Krämer wurde, wie er erwartet hatte, sogleich von dem Führer des Trupps mit einer Stimme angerufen, die keineswegs mehr zu Gunsten dieses Mannes sprach, als dessen Aeußeres. »Heda, ihr Herren! wohin so schnell?« rief er. »Hat Euch Washington als Spionen heruntergeschickt?« »Ich bin ein harmloser Hausirer,« erwiederte Birch demüthig »und will hinunter gehen, um einen frischen Waarenvorrath einzuthun.« »Und wie denkst Du hinunter zu kommen, mein harmloser Hausirer? Glaubst Du, wir hätten die Forts der Königsbrücke besetzt, um den Ein- und Ausgang solcher hausirenden Strolche zu decken?« »Ich habe hier einen Paß, der mir, glaube ich, durchhelfen wird,« sagte der Krämer, indem er ihm mit großer Unbefangenheit ein Papier aushändigte. Der Officier, denn ein solcher war er, las es und warf, als er damit fertig war, einen überraschten und neugierigen Blick auf Harvey. Dann wandte er sich zu einigen seiner Leute, welche Birch diensteifrig in den Weg getreten waren, und rief: »Warum haltet ihr den Mann auf? Macht Platz und laßt ihn im Frieden ziehen! Aber wer ist denn das da? Dein Name steht nicht in dem Paß!« »Nein, Herr,« sagte der Schinder und lüpfte demüthig den Hut, »ich bin ein armer, irregeleiteter Mann, der im Dienste der Rebellenarmee stand; aber Gott sey Dank, ich habe meinen Irrthum eingesehen, und will ihn nun dadurch wieder gut machen, daß ich mich einschreiben lasse in dem Heere, des Gesalbten Gottes.« »Hm! ein Deserteur – ich will darauf schwören, ein Schinder, dem es Noth thut, ein Kuhjunge zu werden. Ich habe es in dem letzten Gefechte mit diesen Schuften zu thun gehabt und konnte kaum meine eigenen Leute von dem Feinde unterscheiden. Wir sind nicht überflüssig mit Röcken versehen, und die Gesichter dieser Hallunken gelten für gar nichts, da sie jeden Augenblick ihre Partie wechseln. Doch jetzt vorwärts, wir wollen sehen, wie wir früher oder später von Dir Gebrauch machen können.« So ungnädig auch diese: Aufnahme war, so fand sich doch der Schinder, wenn man von seinem Benehmen aus seine Gefühle schließen konnte, dadurch höchlich entzückt. Er wanderte lustig der Stadt zu und war in der That so glücklich, den thierischen Blicken und dem furchterregenden Benehmen seines Inquirenten zu entgehen, was ihm alle andere Betrachtungen aus dem Sinne brachte. Aber einer der Reiter, welcher den Dienst einer Ordonnanz bei dem unregelmäßigen Trupp versah, ritt an die Seite seines Befehlshabers und begann mit demselben ein geheimes und anscheinend vertrauliches Gespräch. Sie flüsterten einander zu und warfen öfters spähende Blicke auf den Schinder, so daß sich dieser zuletzt selbst für eine Person von ungewöhnlicher Bedeutung zu halten anfing. Seine Zufriedenheit über diese Auszeichnung wurde noch einigermaßen erhöht, als er ein Lächeln auf dem Gesichte des Capitäns bemerkte, welches, obgleich es etwas grimmig aussah, zuverläßig auf eine innerliche Freude schließen ließ. Dieses Geberdenspiel dauerte so lange an, als sie durch das Thal zogen, und endete erst, als es wieder bergan gehen sollte. Hier saßen der Capitän und der Wachtmeister ab und ließen den Trupp Halt machen. Beide zogen nun eine Pistole aus dem Halfter – ein Umstand, der keinen Verdacht, keine Unruhe erregte, da es nur eine gewöhnliche Vorsichtsmaßregel war – und winkten dem Hausirer wie dem Schinder, ihnen zu folgen. Sie kamen bald an eine Stelle, wo der Berg gegen den Fluß überhing und das Ufer fast senkrecht hinabschoß. Auf der Spitze der Anhöhe stand eine verlassene und baufällige Scheune. Von ihrer Verkleidung waren viele Bretter abgerissen und eine der großen Thüren lag vor dem Gebäude, während die andere von dem Winde die halbe Anhöhe hinunter geschleudert worden war. Als sie diese verödete Stätte betraten, nahm der Officier der Refugee's kaltblütig eine kurze Pfeife die von langem Gebrauch, die Farbe und den Glanz des Ebenholzes erhalten hatte, eine Tabaksbüchse und eine kleine Lederrolle, welche Stahl, Stein und Zunder, enthielt, aus der Tasche. Mittelst dieses Apparats versah er seinen Mund bald mit einem Gefährten, welchen die Gewohnheit längst für einen ernsteren Gedankengang des Officiers nöthig gemacht hatte. Als der Rauch, aufzuqualmen begann, streckte der Capitän bedeutungsvoll die Hand nach seinem Gehülfen aus. Der Sergeant brachte einen Strick aus der Tasche zum Vorschein, und händigte ihn dem Andern ein. Der Kühjungen-Capitän paffte tüchtige Wolken von sich, bis sein Kopf fast ganz in Rauch gehüllt war, und sah sich spähend in dem Gebäude um. Endlich nahm er die Pfeife aus dem Munde, brachte sie, nachdem er aus der reinen Lust einen kräftigen Zug geholt hatte, wieder an ihren früheren Platz und ging sogleich an sein Vorhaben. Ein wenig seitwärts von der südlichen Thüre, von welcher aus sich eine volle Aussicht nach dem Flusse bis zu seiner Einmündung in die Bay von Neu-York eröffnete, lag über dem Seitengebälke der Scheune ein starker Querbalken. Ueber diesen warf der Führer der Refugee's das eine Ende des Seiles, fing es dann wieder auf, und vereinigte die beiden Theile zu einem Knoten. Ein kleines verwittertes Faß ohne Deckel und mit losen Dauben, das wahrscheinlich von dem Eigenthümer als unbrauchbar zurückgelassen worden war, stand in einer Ecke. Der Wachtmeister, gehorsam dem Winke seines Officiers, brachte es unter den Balken. Alle diese Vorkehrungen gingen mit der größten Ruhe vor sich und schienen nun zur vollen Zufriedenheit des Kühjungenhauptmanns ausgeführt zu seyn. »Komm,« sagte Letzterer kaltblütig zu dem Schinder, der bisher mit schweigender Verwunderung diesen Anstalten zugesehen hatte. Er gehorchte und fühlte sich erst beunruhigt, als man ihm die Halsbinde abnahm und den Hut auf die Seite warf. Er hatte jedoch selbst zu oft zu einer ähnlichen Maßregel seine Zuflucht genommen, wenn es galt, Bekenntnisse oder Beute zu erpressen, als daß er den Schrecken eines an derartige bedenkliche Zurüstungen nicht gewöhnten Mannes hätte empfinden sollen. Der Strick wurde mit derselben Kaltblütigkeit, welche den Hauptzug des ganzen Verfahrens bildete, um seinen Hals geschlungen, ein zerbrochenes Brett über das Faß gelegt und dem Schinder der Befehl ertheilt, hinauf zu steigen. »Aber es kann umfallen,« sagte der Schinder, der jetzt zum erstenmal zu zittern anfing. »Ich will Euch etwas sagen – wie Ihr unsere Abtheilung an dem Weiher überraschen könnt – Ihr braucht Euch nicht diese Mühe zu geben – mein Bruder hat das Commando über sie.« »Ich brauche Deine Mittheilung nicht,« erwiederte sein Henker (denn dieses schien er in der That zu seyn), schlang den Strick mehreremale um den Balken, zog ihn fest genug an, um dem Schinder einige Bangigkeit zu veranlassen, und warf dann das Ende so weit von sich, daß es Niemand zu erreichen vermochte. »Ihr treibt den Scherz zu weit,« rief der Schinder in dem Tone der Gegenvorstellung, und stellte sich auf die Zehen, in der vergeblichen Hoffnung, des Strickes los zu werden, wenn er den Kopf aus der Schlinge ziehe. Die Vorsicht und Erfahrung des Kühjungenofficiers vereitelte jedoch sein Entkommen. »Was hast Du mit dem Pferde angefangen, das Du mir gestohlen hast, Spitzbube?« brummte der Capitän, und stieß, während er auf Antwort wartete, tüchtige Rauchwolken von sich. »Es brach bei der Flucht zusammen,« entgegnete rasch der Schinder, »aber ich kann Euch sagen, wo eines zu finden ist, das zwei solche, wie das Eurige, werth ist.« »Lügner! ich will mir schon selbst eines kriegen, wenn ich's brauche. Du würdest besser thun, Gottes Beistand anzurufen, denn Deine Augenblicke sind gezählt.« Nach diesem tröstlichen Rathe gab er dem Fasse einen kräftigen Stoß mit dem Fuße, daß die mürben Dauben nach allen Richtungen hinflogen und der Schinder in der Luft wirbelnd hängen blieb. Da jedoch seine Hände nicht gebunden waren, so fuhr er mit denselben in die Höhe und hielt sich mit großer Kraftanstrengung in der Schwebe. »Kommt, Capitän,« sagte er einschmeichelnd, und eine kleine Heiserkeit überkam seine Stimme, während seine Kniee zu schlottern anfingen; »macht dem Scherz ein Ende; es ist genug geschehen zum Lachen, und meine Arme beginnen zu erschlaffen – ich kann es nicht länger aushalten.« »Höre, Musje Hausirer,« sagte der Führer der Refugee's mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete, »ich bedarf Deiner Gesellschaft nicht. Dein Weg geht zur Thüre hinaus – marsch! Wage es, diesen Hund anzurühren, so sollst Du mir an seiner Stelle baumeln, und wenn zwanzig Sir Henry's Deiner Dienste bedürften.« Mit diesen Worten kehrten er und der Sergeant wieder nach der Straße zurück, und auch der Krämer flüchtete sich eiligst dem Ufer zu. Birch kam nicht weiter, als bis zu einem Gebüsch, welches ihm einen guten Versteck gewährte, und harrte daselbst begierig des Ausgangs dieser außerordentlichen Scene. Als der Schinder allein war, begann er furchtsame Blicke um sich zu werfen, um zu erspähen, wo sich seine Quälgeister verborgen hätten. Das erstemal schoß ihm jetzt der schreckliche Gedanke durch das Gehirn, daß der Kühjunge die Sache wohl ernstlich meine. Er rief auf's flehentlichste, man möchte ihn loslassen, und machte rasch hinter einander unzusammenhängende Versprechungen wichtiger Mittheilungen, wobei er hin und wieder einen erzwungenen Scherz mit einfließen ließ, den er sich wohl kaum erlaubt haben würde, hätte er die Sache so schrecklich genommen, als sie zu seyn schien. Aber als er die Huftritte der Pferde sich immer weiter entfernen hörte und sich vergeblich nach menschlichem Beistand umsah, überfiel seine Glieder ein gewaltiges Zittern, und die Augen begannen entsetzt aus ihren Höhlen zu quellen. Er machte eine verzweifelte Anstrengung, den Balken zu erreichen: aber seine Kräfte waren durch die früheren Befreiungsversuche erschöpft; er faßte nun den Strick mit seinen Zähnen, in der vergeblichen Hoffnung, ihn abzubeißen, und fiel dann nach der ganzen Länge der Arme wieder herunter. Jetzt verwandelte sich sein Ruf in den der Todesangst. »Zu Hülfe! Schneidet den Strick ab! Capitän! – Birch! guter Hausirer! Weg mit dem Congreß! – Sergeant! – Um Gotteswillen, helft! Es lebe der König! – O Gott! o Gott! – Gnade – Gnade – Gnade!« Als ihm die Stimme versagte, suchte er eine seiner Hände zwischen den Strick und seinen Hals zu bringen, was ihm auch theilweise gelang, aber die andere fiel schlotternd an seiner Seite nieder. Ein convulsivisches Zucken überflog seinen ganzen Körper und bald hing er als eine scheußliche Leiche da. Birch war in einer Art von Betäubung Zeuge dieser Scene. Als sie sich ihrem Ende nahete, hielt er die Hände vor die Ohren und stürzte der Landstraße zu. Aber immer noch klang ihm der Ruf um Gnade in der Seele nach, und es vergingen viele Wochen, ehe er sich die Erinnerung an diesen schrecklichen Vorfall aus dem Sinne schlagen konnte. Die Kühjungen ritten ruhig ihres Weges, als ob nichts vorgefallen wäre, und die Leiche blieb dem Spiele des Windes überlassen, bis etwa der Zufall die Fußtritte irgend eines Nachzüglers zu dieser Stelle leitete. Dreiunddreißigstes Kapitel. Die Erde möge leicht dir sein, Freund meiner bessern Tage! Wer dich gekannt, denkt liebend dein, Und weiht dir seine Klage. Hatteck.   Während sich die hier mitgetheilten Auftritte und Ereignisse zutrugen, führte Capitän Lawton seine kleine Mannschaft in langsamen und vorsichtigen Märschen von den Kreuzwegen aus dem Feinde entgegen, wobei er die Schwäche der ihm zu Gebot stehenden Streitkräfte durch geschickte Manöver zu bemänteln wußte, und die Gegner in steter Furcht eines Hauptstreichs von Seite der Amerikaner erhielt, ohne sich durch die ihm gelegten Fallen täuschen zu lassen. Die zaudernde Politik des Parteigängers hatte ihren Grund in den gemessenen Befehlen seines Commandanten, denn Dunwoodie wußte, als er sein Corps verließ, wohl, daß der Feind langsam vorrücke, und hatte daher Lawton die Weisung gegeben, denselben so lange zu umkreisen, bis er selbst zurückkäme, und sie durch die Ankunft des Infanterieregiments in den Stand gesetzt würden, den Rückzug der Engländer abzuschneiden. Der Rittmeister entsprach seinem Auftrage buchstäblich, obgleich er dabei nicht selten von jener Ungeduld beschlichen wurde, welche einen Grundzug in dem Charakter dieses Mannes bildete, wenn es galt, sich bei der Gelegenheit eines Angriffes im Zaume zu halten. Während dieser Streifzüge führte Betty Flanagan ihren kleinen Karren mit unermüdlichem Eifer zwischen den Felsen von West-Chester herum, wobei sie gelegentlich mit Hollister die Natur der bösen Geister abhandelte und dann wieder sich mit dem Wundarzt über manche Punkte der ärztlichen Praxis herum zankte, – ein Thema, über welches sich zwischen ihnen fast stündlich eine Fehde erhob. Endlich kam der Augenblick, welcher über das Schicksal des Tages entscheiden sollte. Eine Abtheilung der östlichen Milizen brach von ihrem festen Lager auf und näherte sich dem Feinde. Es war Mitternacht, als sich die Hülfstruppen mit Lawton vereinigten, und letzterer hielt sogleich mit dem Führer der Infanterie eine Berathung. Dieser entschloß sich, nachdem er Lawtons Mitteilungen, welche den Muth des Gegners ziemlich verächtlich behandelten, angehört hatte, die Britten anzugreifen, sobald der anbrechende Morgen ihre Stellung unterscheiden ließ, ohne erst den Beistand Dunwoodie's und seiner Dragoner abzuwarten. Sobald dieser Beschluß gefaßt war, verließ Lawton das Gebäude, wo die Berathung abgehalten worden, und begab sich zu seinem eigenen Commando zurück. Die wenigen Dragoner, welche unter dem Befehle des Rittmeisters standen, hatten ihre Pferde in der Nähe eines Heuschobers angebunden und ihre eigenen Leichname unter den Schirm desselben gebracht, um sich einige Stunden des Schlafes zu erfreuen, indeß Doctor Sitgreaves, Wachtmeister Hollister und Betty Flanagan ein wenig abseits auf einem trockenen Felsen saßen, auf den letztere einige Bettdecken gebreitet hatte. Lawton streckte seinen riesigen Körper an der Seite des Wundarzts nieder, warf den Mantel um sich, stutzte den Kopf auf eine Hand und schien sich ganz in die Betrachtung des Mondes zu vertiefen, der durch die Wolken hinglitt. Der Sergeant saß aus Respekt vor dem Wundarzt aufrecht, und die Waschfrau erhob jezuweilen den Kopf, wenn es galt, einige ihrer Lieblingsmaximen zu verfechten, worauf sie sich wieder auf eines ihrer Branntweinfässer zurücklehnte und vergeblich einzuschlafen versuchte. »Also, Sergeant,« fuhr Sitgreaves in einer begonnenen Demonstration fort, »wenn Ihr aufwärts haut, so verliert der Hieb die Zugabe Eurer eigenen Schwere und wirkt daher weniger zerstörend, ohne daß der wahre Zweck des Krieges, den Feind wehrunfähig zu machen, verfehlt würde.« »Pah! pah! liebes Wachtmeisterchen,« sagte die Waschfrau, indem sie den Kopf von der Decke ausrichtete, »was liegt denn daran, wenn man einen in der Schlacht auf's Leben trifft? Erweisen denn einem die Regler auch Schonung, wenn es an ein Fechten geht? Fragt den Capitän Jack dort, ob das Land seine Freiheit erringen wird, wenn die Jungen nicht mit aller Macht zuhauen. Ich möchte nicht, daß sie dem Whisky ein solche Unehre anthäten.« »Es läßt sich von einem so unverständigen Weibsbild wie Ihr, Frau Flanagan, nicht erwarten,« versetzte der Wundarzt mit einer Ruhe, welche seine Verachtung gegen Betty nur noch deutlicher aussprach, »daß Ihr die Unterscheidungen des wundärztlichen Wissens begreift; auch versteht Ihr nichts von der Führung des Säbels; es würden Euch also ganze Abhandlungen über den verständigen Gebrauch dieser Waffe weder in der Theorie noch in der Praxis etwas nützen.« »Was kümmere ich mich um ein solches Geplapper. Nein, das Fechten ist kein Kinderspiel, und man braucht es nicht genau damit zu nehmen, wie man haut oder was man trifft, wenn es nur einem Feind gilt.« »Wir werden vielleicht einen warmen Tag bekommen, Lawton?« »Sehr wahrscheinlich,« erwiederte der Rittmeister; »bei diesen Milizen geht es selten ohne ein blutiges Feld ab, sey es nun ihrer Feigheit oder ihres Unverstandes wegen, und der wackere Soldat muß dann für ihr schlechtes Betragen büßen.« »Ist Ihnen nicht wohl, John?« sagte der Wundarzt und fuhr mit der Hand über den Arm des Kapitäns hinunter, bis sie instinktartig an seinem Pulse festhielt; aber der ruhige Schlag desselben deutete weder auf ein körperliches noch auf ein Seelenleiden. »Herzweh habe ich, Archibald, über die Thorheit unserer Gewalthaber, welche glauben, daß man Schlachten erkämpfe und Siege erringe durch Bursche, die eine Muskete wie einen Dreschflegel handhaben; Kerle, welche die Augen zumachen, wenn sie einen Drücker berühren, und eine Linie bilden, wie ein Radstück. Unsere Abhängigkeit von solchen Wichten kostet das Land das beste Blut.« Der Wundarzt horte mit Staunen zu. Nicht der Gegenstand, sondern die Art, wie der Rittmeister sprach, kam ihm überraschend vor. Lawton hatte sonst immer am Vorabende der Schlacht eine Lebhaftigkeit und eine Kampfbegier entwickelt, welche in scharfem Gegensatz zu der bewunderungswürdigen Ruhe stand, die er zu andern Zeiten an den Tag legte. Aber jetzt sprach sich in dem Tone seiner Stimme und in seinem Benehmen eine Verdrossenheit und Zaghaftigkeit aus, welche man an ihm nie zuvor bemerkt hatte. Der Wundarzt zögerte einen Augenblick, um zu überlegen, wie er diesen Wechsel in dem gewohnten Diensteifer des Reiters zur Förderung seines Lieblingssystems benützen könne, und fuhr dann fort: »Es würde wohl gut seyn, John, wenn man dem Obristen riethe, eine große Schußweite zu nehmen. Eine matte Kugel macht unfähig –« »Nein!« rief der Capitän ungeduldig; »laßt die Schufte nur ihre Bärte an den Mündungen der brittischen Musketen verbrennen, wenn sie sich so weit vorwärts treiben lassen. Doch genug davon. Archibald, glauben Sie, daß der Mond auch ein Körper ist, wie unsere Erde, und daß sich dort Geschöpfe befinden, die uns ähnlich sind?« »Nichts ist wahrscheinlicher, lieber John; wir kennen seinen Umfang und können analoger Weise daraus auf seine Bestimmung schließen. Ob jedoch seine Bewohner in den Wissenschaften so weit vorangeschritten sind, wie wir, oder nicht, das hängt wohl hauptsächlich von der Beschaffenheit ihres geselligen Lebens und gewissermaßen auch von physikalischen Einflüssen ab.« »Ich kümmere mich nicht um ihre Gelehrsamkeit, Archibald; aber es ist eine wunderbare Macht, die solche Welten schaffen kann, und ihnen ihre Bahnen anweist. Ich weiß nicht, warum, aber es befällt mich ein melancholisches Gefühl, wenn ich diesen Luftkörper betrachte, dessen Schatten man sich als Meere und Land denkt. Er kommt mir vor, wie ein Ruheplatz hingeschiedener Seelen.« »Trinken Sie ein Schlückchen, Schatz,« sagte Betty, indem sie den Kopf wieder erhob und ihm ihre eigene Flasche anbot, »das Alles kommt von dem Nachtnebel, der den Umlauf des Blutes hindert – und dann ist auch das Geschwätz von den verwünschten Milizen nicht geeignet für ein feuriges Gemüth. Nehmen Sie ein Tröpfchen, Schatz, und Sie werden bis an den Morgen schlafen. Den Rothschimmel habe ich selbst gefüttert, denn ich dachte, es könnte morgen für ihn einen schweren Tag absetzen.« »Welcher herrliche Himmel über uns,« fuhr der Rittmeister in demselben Tone fort, ohne auf das Anerbieten Betty's, zu achten; »es ist Jammerschade, daß solche Würmer, wie die Menschen, durch ihre niedrigen Leidenschaften dieses göttliche Werk entstalten dürfen.« »Sie haben Recht, lieber John. Es ist Raum genug da, daß Alle leben und sich im Frieden des Lebens erfreuen könnten, wenn sich jeder mit dem Seinigen begnügen wollte. Doch auch der Krieg hat sein Gutes, da er insbesondere die Wissenschaft der Chirurgie fördert und –« »Jener Stern dort,« fuhr Lawton, seinen Ideengang verfolgend, fort; »müht sich, seinen Schimmer durch einige treibende Wolken zu senden. Er ist vielleicht auch eine Welt, die vernunftbegabte Wesen wie wir, birgt. Glauben Sie, daß man dort auch etwas von Krieg und Blutvergießen weiß?« »Wenn ich mich erkühnen darf, eine Meinung zu äußern,« sagte Sergeant Hollister, indem er mechanisch die Hand an seine Mütze legte, »so ist in dem ›guten Buche‹ erwähnt, daß der Herr die Sonne stille stehen hieß, als Josua den Feind angriff, um, wie ich mir die Sache denke, Helle genug zu haben, wenn etwa ein Flügel umgangen, oder eine Finte im Rücken oder ein sonstiges Manöver gemacht werden sollte. Wenn daher der liebe Gott seine Hand dazu bietet, so kann das Fechten keine Sünde seyn. Ich habe mir's aber doch oft nicht gehörig zurecht legen können, daß man damals Wagen statt schwerer Dragoner brauchte, da diese doch in jeder Hinsicht geeigneter sind, eine Infanterielinie zu durchbrechen, und gar leicht um solche Räderfuhrwerke herum kommen und in ihrem Rücken mit Pferden und Allem ein Teufelsspiel anfangen könnten.« »Ihr habt keinen Begriff von dem Bau dieser alten Streitwagen, Sergeant Hollister, sonst würdet Ihr nicht so irrig darüber aburtheilen,« entgegnete der Wundarzt. »Sie waren mit scharfen Sensen versehen, die über die Räder hervorstanden und die Reihen des Fußvolks durchbrachen, indem sie die einzelnen Glieder in Stücke rissen. Ich zweifle nicht, daß sogar heute noch eine große Verwirrung in die Reihen des Feindes gebracht werden könnte, wenn man den Karren der Frau Flanagan mit ähnlichen Instrumenten ausstattete.« »Die Mähre würde nicht weit springen, wenn die Regler auf sie feuerten,« brummte Betty unter ihrer Decke hervor. »Als wir die Schufte durch Jersey trieben und es an ein Plündern ging, schlug ich das Vieh beinahe todt; aber der Teufel bringe da nur einen Fuß in Bewegung, so lange die Bestie mit offenen Augen schießen sieht. Der Rothschimmel und Capitän Jack sind gut genug für die Rothröcke; laßt daher nur mich und meine Mähre aus dem Spiel.« Ein langes Trommelwirbeln auf der Anhöhe, wo die Engländer lagerten, verkündigte, daß man dort wach sey, und unmittelbar darauf vernahm man ein gleiches Signal von Seite der Amerikaner. Das Horn der Virginier ließ seine kriegerischen Töne erschallen, und in wenigen Augenblicken wimmelten die von den beiden feindlichen Parteien besetzten Berge von bewaffneten Männern. Der Morgen dämmerte auf und auf beiden Seiten wurden Vorkehrungen zum Angriff und zur Begegnung desselben gemacht. Die Amerikaner waren der Zahl nach die stärkern, aber die Feinde weit besser disciplinirt und bewaffnet. Die Zurüstungen zum Kampfe dauerten nicht lange und mit dem Aufgang der Sonne rückten die Milizen vor. Der Boben war für Reiter-Evolutionen nicht günstig, und der einzige Dienst, welchen man den Dragonern erweisen konnte, bestand in der Abwartung des Sieges, den sie dann auf's beste verfolgen sollten. Lawton hatte bald seine Mannschaft im Sattel, übertrug dann den Befehl an den Sergeanten Hollister, und ritt selbst an der Linie des Fußvolkes hin, welches in seiner verschiedenen Uniformirung und unvollständigen Bewaffnung so aufgestellt war, daß es einigermaßen einer Schlachtordnung ähnlich sah. Ein verächtliches Lächeln schwebte um die Lippe des Reiters, während er den Rothschimmel mit geübter Hand durch die Wendungen ihrer Reihen lenkte, und als zum Vorrücken commandirt wurde, bog er um die Flanke des Regiments und folgte demselben dicht hinter dem Rücken. Die Amerikaner mußten in ein kleines Thal hinab und auf der andern Seite einen Berg hinansteigen, um dem Feinde nahe zu kommen. Abwärts ging es in leidlicher Ordnung, bis sie zum Fuße des Berges kamen, wo die königlichen Truppen in einer schönen Linie vorrückten, indeß die Beschaffenheit des Terrains ihre Flanken deckte. Die Erscheinung der Engländer veranlaßte ein Feuer von Seiten der Miliz, welches guten Erfolg hatte und die Regulären eine Weile zum Wanken brachte. Sie wurden jedoch wieder von ihren Officieren gesammelt und eröffneten nun ein beharrlich unterhaltenes Pelotonfeuer. Es war lebhaft und zerstörend, bis die Engländer mit dem Bajonet vorrückten. Die Milizen hatten nicht genug Disciplin, um diesem Angriff zu widerstehen. Ihre Linie wankte, hielt darin wieder Stand und zersplitterte zuletzt in Compagnien und Bruchstücke von Compagnien, welche nur noch ein ungeordnetes und vereinzeltes Feuer unterhielten. Lawton sah diesen Operationen schweigend zu und öffnete den Mund nicht eher zum Sprechen, als bis das Feld sich mit Flüchtlingen füllte. Jetzt schien ihm aber in der That der Schimpf, der hier auf die Waffen seines Vaterlandes gehäuft wurde, ein schmerzliches Gefühl rege zu machen. Er spornte den Rothschimmel an die Seite des Berges und rief den Fliehenden mit der vollen Kraft seiner gewaltigen Stimme zu. Auf den Feind deutend, versicherte er, seine Landsleute hätten sich in dem rechten Wege geirrt, und die Mischung von Ironie und Gefahrverachtung, die in seinen Ermahnungen lag, gab Anlaß, daß einige überrascht stehen blieben. Diesen schlossen sich noch mehrere an, und endlich verlangten sie, durch das Beispiel des Reiters und den eigenen Muth angefeuert, noch einmal gegen den Feind geführt zu werden. »So kommt denn, meine wackeren Freunde!« rief der Rittmeister und wandte den Kopf seines Pferdes gegen die britische Linie, deren Flügel ihnen ganz in der Nähe stand, »vorwärts und behaltet Eure Ladung, bis ihr ihnen die Augbrauen versengen könnt.« Die Soldaten drangen, nach, dem Beispiele des Dragoners, vor, ohne daß auf sie oder von ihnen gefeuert wurde, bis sie sich dem Feinde auf eine ganz kurze Entfernung genähert hatten. Ein englischer Sergeant, der hinter einem Felsen verborgen war, sprang, erbost über die Kühnheit des Officiers, der sich auf diese Weise ihren Waffen entgegenwagte, hinter seinem Versteck hervor, näherte sich dem Rittmeister auf einige Ellen und schlug an. »Schieß, und Du bist verloren!« rief Lawton und spornte sein Roß, welches augenblicks auf den Schützen einsprengte. Diese Bewegung und der Ton der Stimme brachte den Engländer so weit aus der Fassung, daß er, ohne seines Zieles, sicher zu seyn, abdrückte. Der Rothschimmel hüpfte in die Höhe und brach vor den Füßen des Gegners todt zusammen. Lawton richtete sich auf und stand nun Auge in Auge seinem Feinde gegenüber. Letzterer fällte das Bajonet und führte einen verzweifelten Stoß nach dem Herzen des Rittmeisters. Der Stahl ihrer Waffen sprühte Funken und das Bajonet flog fünfzig Fuß weit durch die Luft. Im nächsten Augenblick lag sein Besitzer da als eine zuckende Leiche. »Vorwärts!« brüllte der Dragoner, als sich eine Abtheilung der Engländer an dem Felsen zeigte und ein volles Feuer eröffnete, – »vorwärts!« wiederholte er und schwang wild den Säbel. Dann stürzte sein riesiger Körper zurück wie eine majestätische Tanne unter dem Streiche der Axt. Aber noch im Fallen fuhr er fort, den Säbel zu schwingen, und noch einmal ließen die tiefen Töne seiner Stimme den Ruf »vorwärts!« vernehmen. Die vorrückenden Amerikaner machten erschreckt Halt, wandten sich dann und überließen das Feld den königlichen Truppen. Es lag weder in der Absicht, noch in der Politik des englischen Befehlshabers, den errungenen Vortheil weiter zu verfolgen, da er von der baldigen Ankunft einer starken Abtheilung der Amerikaner unterrichtet war. Er zögerte daher nur so lange, bis er seine Verwundeten gesammelt und ein Viereck gebildet hatte, worauf er seinen Rückzug nach dem Schiffe begann. Zwanzig Minuten nach Lawtons Fall war das Schlachtfeld sowohl von den Engländern als den Amerikanern verlassen. Wenn die Bewohner des Landes in's Feld aufgeboten wurden, mußten sie sich eben mit dem Beistand wundärztlicher Berather begnügen, wie sie in jener Zeit die niedrige Stufe, auf der die Heilkunst im Innern des Landes stand, zu bieten vermochte. Doctor Sitgreaves hegte daher dieselbe tiefe Verachtung gegen die Wundärzte der Milizen, welche sein Rittmeister gegen die Truppen selbst fühlte. Er ging daher auf dem Feld umher und warf manchen mißbilligenden Blick auf die schlechten Operationen, welche ihm zu Gesichte kamen. Als er aber unter den fliehenden Truppen nirgends seinen Freund und Kameraden entdecken konnte, eilte er zu der Stelle zurück, wo Hollister postirt war, um nachzufragen, ob der Rittmeister zurückgekehrt sey. Die Antwort fiel verneinend aus. Mit tausend beunruhigenden Vermuthungen erfüllt, kehrte der Wundarzt, ohne auf die Gefahren, die für ihn auf dem Wege liegen konnten, Rücksicht zu nehmen, ja sogar ohne an dieselben zu denken, wieder um und eilte mit der größten Geschwindigkeit nach der Stelle, wo wie er wußte, der letzte Kampf gekämpft worden war. Er hatte schon einmal in einer ähnlichen Lage seinen Freund vom Tode gerettet, und seine Geschicklichkeit erfüllte ihn im voraus mit einer geheimen Freude, als er auf einmal Betty Flanagan gewahrte, welche auf der Erde saß und den Kopf eines Mannes in dem Schooß hatte, der dem Umfange des Körpers und der Uniform nach Niemand anders, als der Rittmeister seyn konnte. Beim Näherkommen wurde der Wundarzt nicht wenig beunruhigt durch den Anblick der Waschfrau. Sie hatte ihre kleine schwarze Mütze bei Seite geworfen und das ergrauende Haar flog wirr um ihr Gesicht. »John! lieber John!« sagte der Doctor zärtlich, während er sich über den Dragoner beugte und das regungslose Handgelenk befühlte, dann aber erschreckt vor der Ahnung der Wahrheit zurückbebte. »John, lieber John! Wo sind Sie verwundet? – Kann ich Ihnen helfen?« »Sie sprechen zu einem erstarrten Erdenklos,« sagte Betty, und ihr Körper schauderte, während ihre Hände unwillkührlich in den Rabenlocken des Reiters spielten. »Er will nichts mehr hören und kümmert sich wenig um ihre Sonden und Arzneien. O Elend über Elend! – Was wird jetzt aus der Freiheit werden? Wer wird jetzt die Schlachten kämpfen und den Sieg gewinnen?« »John!« wiederholte der Wundarzt, der seinen eigenen Sinnen nicht trauen wollte, »lieber John, nur ein Wörtchen; sey es, was es will, nur ein Wörtchen. O Gott, er ist todt! Wäre ich doch lieber mit ihm gestorben!« »Was hilft nun alles Leben und Fechten?« sagte Betty; »es ist jetzt mit beiden zu Ende, mit ihm und seinem Thier! Sehens Sie, dort liegt das arme Geschöpf und hier ist der Herr! Ich habe das Pferd noch heute mit meinen eigenen Händen gefüttert, und er hat das letztemal aus meiner Küche gegessen. Ach Jammer über Jammer! – daß Capitän Jack leben mußte, um von den Reglern getödtet zu werden!« »John! mein theurer John!« rief der Wundarzt mit krampfhaftem Schluchzen; »Deine Stunde ist gekommen, und mancher klügere Mann hat Dich überlebt, aber keiner, der besser und tapferer war, als Du. O John! Du warst mir ein wohlwollender und lieber Freund. Es ist zwar nicht philosophisch, sich dem Schmerze hinzugeben; aber um Dich, John, muß ich weinen. Ach wie schwer, wie bitter schwer ist mir's um's 'Herz!« Der Doctor bedeckte sein Gesicht mit den Händen, überließ, sich einige Minuten dem ungehemmten Ausbruch seiner Gefühle, während die Waschfrau ihrem Jammer durch Worte Luft machte. Dabei zuckte ihr Körper und ihre Finger spielten mit den Kleidern ihres Lieblings. »Wer wird die Jungen jetzt ermuthigen?« fuhr sie fort. »O Capitän Jack! Capitän Jack! – Du warst die Seele der Schwadron, und wir dachten wenig an Gefahr, wenn Du im Gefechte warest. Ach, er verzog nie den Mund, um mit einer armen Wittwe wegen eines angebrannten Essens, oder wenn es an dem Frühstück fehlte, zu zanken. Da, versuche ein Tröpfchen, Schatz; vielleicht bringt's Dich wieder zum Leben. Ach, er wird nie wieder eines trinken – da ist der Doctor, mein Honigmännchen – derselbe, den Sie immer zum Besten hatten; er weint, als ob die arme Seele für Sie sterben möchte. – Ach, es ist aus mit ihm, er ist hingegangen – und die Freiheit mit ihm.« Jetzt ließ sich der donnernde Huftritt von Pferden von der Straße her vernehmen, welche sich in der Nähe des Platzes, wo Lawton lag, vorbeizog, und unmittelbar darauf zeigte sich das ganze Corps der Virginier, Dunwoodie an der Spitze. Die Kunde von des Rittmeisters Schicksal war ihm bereits zu Ohren gekommen, und sobald er der Leiche ansichtig wurde, ließ er die Schwadron Halt machen, stieg vom Pferde und näherte sich der Stelle. Lawtons Züge waren nicht im mindesten entstellt, aber die zürnende Falte, welche während des Kampfes seine Brauen umdüstert hatte, war auch im Tode stehen geblieben. Sein Körper lag ruhig, als ob er schliefe. Dunwoodie ergriff die Hand des Hingeschiedenen und betrachtete ihn eine Weile schweigend. Sein dunkles Auge funkelte und die Blässe, welche seine Züge übergoß, machte einem tiefrothen Flecken auf jeder Wange Platz. »Mit seinem eigenen Säbel will ich ihn rächen,« rief er und versuchte es, Lawtons Hand die Waffe zu entwinden, aber die erstarrte Faust widerstand jeder Anstrengung. »Nun, so magst Du ihn mit in's Grab nehmen! Sitgreaves, tragen Sie Sorge für unsern Freund, indeß ich seinen Tod räche.« Der Major eilte zu seinem Pferde zurück und führte alsbald seine Krieger zur Verfolgung des Feindes. So lange Dunwoodie in der vorerwähnten Weise beschäftigt war, hatte Lawtons Leiche offen vor den Augen der ganzen Schwadron gelegen. Er war der Liebling Aller gewesen, und dieser Anblick feuerte die Soldaten auf's Aeußerste an, so daß weder Officiere noch Soldaten jene Besonnenheit behielten, welche zur Sicherung des Erfolgs bei militärischen Operationen nöthig ist. Racheglühend spornten sie ihre Rosse dem Feinde nach. Die Engländer hatten ein Viereck gebildet, in dessen Mitte sich die nicht besonders zahlreichen Verwundeten befanden, und zogen ohne Aufenthalt auf dem unebenen Boden weiter, als auf einmal die Dragoner ansprengten. Die Reiterei begann ihren Angriff in Reihen, Dunwoodie an der Spitze, der racheentbrannt die feindlichen Glieder zu zerreißen und sie mit einem Schlage auseinander zu sprengen gedachte. Aber der Feind kannte seine eigene Kraft zu gut; er nahm eine feste Stellung und empfing den Angriff mit den Spitzen seiner Bajonette. Die Pferde der Virginier prallten zurück und die hintere Reihe des Fußvolks eröffnete ein so kräftiges Feuer, daß der Major mit einigen seiner Leute stürzte. Die Engländer setzten, sobald sie sich nicht mehr belästigt sahen, ihren Rückzug fort, und Dunwoodie, der zwar schwer, aber nicht gefährlich, verwundet war, untersagte seinen Leuten alle weiteren Versuche, die in der unebenen steinigten Gegend unmöglich erfolgreich ausfallen konnten. Eine traurige Pflicht blieb noch zu erfüllen. Die Dragoner zogen sich mit ihrem verwundeten Führern und der Leiche Lawtons langsam durch die Berge zurück. Sie begruben den Rittmeister unter den Wällen eines in den Hochlanden gelegenen Forts und übergaben den Major der zärtlichen Pflege seiner bekümmerten Gattin. Es verflossen viele Wochen, bis Dunwoodie so weit hergestellt war, daß er weiter gebracht werden konnte. Wie oft segnete er während dieser Zeit den Augenblick, der ihm ein Recht an die Dienste seiner liebenswürdigen Wärterin gegeben hatte. Sie weilte mit liebevoller Sorgfalt an seinem Lager, vollzog alles eigenhändig, was der unermüdliche Sitgreaves anordnete, und gewann immer mehr in der Liebe und Verehrung ihres Gatten. Ein Armeebefehl Washingtons sandte die Truppen bald in die Winterquartiere und Dunwoodie erhielt mit dem Range eines Obristlieutenants die Erlaubniß, sich nach seiner Pflanzung zu begeben, um daselbst der Wiederherstellung seiner Gesundheit abzuwarten. Capitän Singleton begleitete ihn, und die ganze Familie zog sich aus dem Treiben des Krieges in die Ruhe und den Ueberfluß der Dunwoodie'schen Besitzungen zurück. Ehe sie jedoch Fishkill verließen, ging ihnen von unbekannter Hand ein Schreiben zu, welches sie von Heinrichs glücklichem Entkommen und Wohlbefinden benachrichtigte, und ihnen zugleich kund that, daß der von jedem Ehrenmann in der königlichen Armee verachtete Obrist Wellmere das Festland verlassen habe, um nach England zurückzukehren. Es war ein glücklicher Winter für Dunwoodie und um Franziskas Lippen begann auf's neue ihr liebliches Lächeln zu spielen. Vierunddreißigstes Kapitel. Der Mittelpunkt im Kreis der Flitter Von Pelzwerk, Edelsteinen, Seide – Steht er im schlichten Lincolnkleide; Denn Schottlandsfürst ist dieser Ritter. Fräulein vom See.   Der Anfang des nächsten Jahres wurde von den Amerikanern und ihren Verbündeten mit großen Vorbereitungen zugebracht, um den Krieg zu Ende zu führen. Im Süden führten Greene und Rawdon einen blutigen Feldzug, der zwar den Truppen des Letzteren zu großer Ehre gereichte, am Schlusse aber so sehr zu Gunsten des ersteren umschlug, daß dieser unstreitig für den bessern General erklärt werden mußte. Neu-York war der Punkt, welcher von den verbündeten Heeren bedroht wurde, und Washington manövrirte in einer Weise, welche immer für die Sicherheit der Stadt fürchten ließ, so daß jede Absendung von Hülfstruppen, die Cornwallis in den Stand setzen konnten, seine errungenen Vortheile zu benutzen, verhindert wurde. Endlich bei der Annäherung des Herbstes waren alle Zeichen dafür vorhanden, daß die Scene ihrem Schlusse zueile. Die französischen Streitkräfte näherten sich den brittischen Linien, indem sie durch das neutrale Land zogen und in der Richtung der Königsbrücke mit einem Angriff drohten, wobei starke Abtheilungen der Amerikaner mit ihnen im Einklang manövrirten. Letztere umkreisten die englischen Vorposten, rückten bis nach Jersey vor und schienen die brittische Streitmacht auch von dieser Seite bedrängen zu wollen. Die Operationen trugen zugleich den Charakter einer Belagerung und den eines Sturmes. Sir Henry Clinton aber, der den Plan der Angreifer aus aufgefangenen Briefen von Washington durchschaute, blieb ruhig innerhalb seiner Linien und ließ aus Vorsicht Cornwallis Bitten um Hülfsmannschaft unberücksichtigt. An einem stürmischen Septemberabend war eine große Anzahl Officiere an der Thüre eines Gebäudes versammelt, das im Mittelpunkte der zu Jersey gelagerten amerikanischen Truppen lag. Das Alter, die Uniform und das würdevolle Benehmen der meisten dieser Krieger bekundete ihren hohen Rang. Besonders war Einer unter der Gruppe, den die Verehrung und der Gehorsam, welche ihm allenthalben gezollt wurden, als den ersten bezeichneten. Seine einfache Kleidung trug dennoch die gewöhnlichen Abzeichen einer hohen militärischen Stellung. Er saß auf einem edeln Thiere, von brauner Farbe, und eine Gruppe junger Männer in blankeren Uniformen schien diensteifrig seine Befehle zu erwarten. Wer mit diesem Offizier sprach, lüpfte den Hut, und wenn er selbst zu reden begann, so lagerte auf jedem Gesichte der Ausdruck einer gespannten Aufmerksamkeit, welche nicht blos von den Regeln der militärischen Etiquette geboten zu seyn schien. Endlich nahm der General selbst den Hut ab und verbeugte sich mit Würde gegen seine Umgebung. Der Gruß wurde erwiedert und die Versammlung zerstreute sich: nur der Officier blieb mit seinem Bedienten und einem Adjutanten auf der Stelle. Er saß ab, trat einige Schritte zurück und besichtigte eine Weile sein Pferd mit Kennerblicken, dann warf er seinem Adjutanten einen raschen, ausdrucksvollen Blick zu und begab sich, von diesem Officiere begleitet, in das Innere des Gebäudes. Nachdem er in ein augenscheinlich für seine Aufnahme zugerüstetes Zimmer getreten war, setzte er sich und verharrte geraume Zeit in der gedankenvollen Haltung eines Mannes, der gewöhnt ist, sich viel mit sich selbst zu beschäftigen. Während dieses Schweigens stand der Adjutant in Erwartung der Befehle da. Endlich erhob der General die Augen, und fragte in dem sanften, gefälligen Tone, der seinem Wesen anzugehören schien: »Ist der Mann, den ich zu sehen wünschte, angekommen, Sir?« »Er erwartet Eurer Excellenz Befehl.« »Ich will ihn hier empfangen, und allein, wenn's gefällig ist.« Der Adjutant entfernte sich mit einer Verbeugung. Nach einigen Minuten ging die Thüre wieder auf; eine Gestalt glitt in's Zimmer und blieb bescheiden in einiger Entfernung von dem General stehen, ohne zu sprechen. Der Officier saß gegen das Feuer zugekehrt, und war wieder in Gedanken versunken, so daß er den Eintritt der Person nicht bemerkte. Es vergingen noch einige Minuten; dann sprach er leise vor sich hin: »Morgen müssen wir den Vorhang heben und unsere Pläne kund geben. Möge sie der Himmel beschützen.« Eine leichte Bewegung des Fremden traf sein Ohr, und eine Wendung des Kopfes belehrte ihn, daß er nicht mehr allein sey. Er deutete schweigend nach dem Feuer, welchem sich die Gestalt näherte, obgleich die Menge ihrer Kleider, welche mehr für eine Vermummung als für die Bequemlichkeit berechnet schien, die Wärme desselben unnöthig machte. Eine zweite sanfte und höfliche Handbewegung wies dem Fremden einen Stuhl an, der jedoch mit bescheidener Anerkennung abgelehnt wurde. Eine weitere Pause folgte, welche geraume Zeit dauerte. Endlich stand der Officier auf, öffnete ein auf dem nahen Tische liegendes Pult und nahm einen kleinen, aber wie es schien, schweren Beutel heraus. »Harvey Birch,« sagte er, indem er sich gegen den Fremden wandte, »die Zeit ist gekommen, wo unsere Verbindung aufhören muß. Wir müssen uns von jetzt an für immer fremd seyn.« Der Hausirer ließ die Falten des großen Mantels, welche sein Gesicht verborgen hatten, fallen und blickte eine Weile ernst auf die Züge des Sprechers; dann ließ er den Kopf auf die Brust sinken und erwiederte ehrfurchtsvoll: »Wie Eure Excellenz befehlen.« »Es ist nothwendig! Das Amt, welches ich gegenwärtig begleite, hat es mir zur Pflicht gemacht, viele zu kennen, die mir, wie Ihr, als Werkzeuge dienten, um Nachrichten einzuziehen. Euch habe ich mehr als Allen andern vertraut; denn bald bemerkte ich in Euch eine Achtung vor der Wahrheit und eine Festigkeit der Grundsätze, die mich, wie ich mit Freuden anerkenne, nie getäuscht haben. Ihr allein kennt meine geheimen Agenten in der Stadt, und von Eurer Treue hängt nicht nur ihr Vermögen, sondern auch ihr Leben ab.« Er zögerte, als ob er darauf sinne, wie er dem Hausirer volle Gerechtigkeit widerfahren lassen könne, und fuhr dann fort: »Ich glaube, Ihr seyd einer der wenigen, die in einem solchen Dienste treu an unserer Sache gehandelt haben. Ihr galtet für einen Spion des Feindes, ohne ihm weitere Mittheilungen zu machen, als euch erlaubt war. Nur ich, ich allein auf der ganzen Welt, weiß, daß Ihr eine treue Anhänglichkeit an die Freiheiten Amerika's bewiesen habt.« Während dieser Worte richtete Harvey allmählig den Kopf wieder auf, bis er ganz aufrecht dastand. Ein schwaches Roth flog über seine Wangen, und als der Officier schloß, war eine tiefe Glut über sein ganzes Gesicht ausgegossen; seine Brust hob sich in stolzeren Gefühlen, indeß die Augen bescheiden die Füße des Sprechers suchten. »Ich erfülle jetzt nur meine Pflicht, indem ich Euch für diese Dienste belohne. Bisher habt Ihr es immer verschoben, eine Vergütung anzunehmen, und die Schuld hat sich bedeutend angehäuft. – Ich möchte Eure Wagnisse nicht zu gering anschlagen; – hier sind hundert Dublonen. Gedenket der Armuth Eures Vaterlandes und meßt es dieser bei, daß Eure Belohnung so gering ausfällt.« Der Hausirer erhob die Augen zu den Zügen des Sprechers; als dieser ihm aber das Geld hinbot, trat er zurück, als ob er den Beutel zurückzuweisen beabsichtige. »Ich gebe zu, es ist nur wenig für Eure Dienste und Gefahren,« fuhr der General fort; »aber es ist Alles, was ich geben kann. Wenn der Feldzug zu Ende ist, steht es vielleicht in meiner Macht, noch etwas Weiteres zu thun.« »Glauben Euer Excellenz, daß ich mein Leben auf's Spiel setzte und meinen Namen der Schande preis gab, um des Goldes willen?« »Wenn nicht um Gold, weßhalb sonst?« »Was hat Euer Excellenz in's Feld geführt? Weßhalb setzen Sie täglich und stündlich Ihr kostbares Leben den Gefahren der Schlacht und dem Stricke aus? Was ist viel an mir gelegen, wenn Männer, wie Sie, ihr Alles für das Vaterland wagen? Nein – nein – nein – nicht einen Dollar von Ihrem Golde will ich berühren; das arme Amerika hat Alles nöthig!« Der Beutel entglitt der Hand des Officiers und fiel zu den Füßen des Krämers nieder, wo er während der übrigen Besprechung unbeachtet liegen blieb. Der General warf einen festen Blick auf das Gesicht seines Gefährten und fuhr fort: »Manche Gründe konnten mich hiezu bestimmen, die sich auf Euch nicht anwenden lassen. Unsere Stellung ist eine ganz verschiedene. Ich bin bekannt als der Anführer von Armeen, aber Ihr müßt mit dem Makel eines Vaterlandsfeindes in's Grab steigen. Bedenkt, daß der Schleier, der Euern wahren Charakter umhüllt, erst nach Jahren – vielleicht nie gelüftet werden darf.« Birch ließ das Gesicht wieder sinken, aber es lag kein Nachgeben der Seele in dieser Bewegung. »Ihr werdet bald alt seyn. Die Blütezeit Eurer Tage ist bereits vorüber. Was habt Ihr dann, Euer Leben zu fristen?« »Dieses!« sagte der Hausirer und streckte die von der Arbeit gebräunten Hände aus. »Sie können Euch aber den Dienst versagen; nehmt Euch wenigstens davon einen Nothpfenning für's Alter. Denkt an die Gefahren und Mühseligkeiten, welche Ihr durchgemacht habt. Ich habe Euch bereits gesagt, daß die Ehre von Männern, die in der öffentlichen Achtung hoch stehen, von Euerer Verschwiegenheit abhängt. Wie kann ich ihnen Euere Treue verbürgen?« »Sagen Sie ihnen,« versetzte Birch näher kommend, wobei er mit dem Fuß unwillkührlich auf den Beutel trat, »sagen Sie ihnen, daß ich das Gold nicht nehmen wollte.« Die ernsten Züge des Officiers schmolzen zu einem Lächeln des Wohlwollens und seine Hand drückte die des Hausirers. »Jetzt kenne ich Euch in der That. Zwar dauern dieselben Gründe noch fort, welche mich bisher nöthigten, Euer schätzbares Leben der Gefahr auszusetzen, und mich hindern, Eurem Charakter offene Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, aber im Geheimen kann ich immer Euer Freund seyn. Versäumt es nicht, zu mir Eure Zuflucht zu nehmen, wenn Ihr in Noth oder Elend seyd – so lange mir Gott etwas gibt, will ich es gerne mit einem Manne theilen, der so edel denkt und handelt. Wenn Euch Krankheit oder Mangel heimsuchen und der Friede einmal unsere Mühen gekrönt hat, so sucht die Thüre des Mannes, der so oft unter dem Namen Harper mit Euch zusammen kam; er wird dann nicht erröthen, Euch an seinem heimischen Herde willkommen zu heißen!« »Ich brauche nur wenig für dieses Leben,« sagte Harvey. »So lange mir Gott Gesundheit und einen ehrlichen Erwerb angedeihen läßt, kann ich in diesem Lande nie Mangel leiden. Aber das Bewußtsein, Euer Excellenz zum Freunde zu haben, ist ein Segen, den ich höher anschlage, als alles Gold der englischen Schatzkammer.« Der General versank eine Weile in tiefes Sinnen. Dann ging er zu dem Pulte, schrieb einige Zeilen auf ein Blättchen Papier und gab es dem Hausirer. »Ich muß glauben,« sagte er, »daß die Vorsehung dieses Land zu etwas Großem und Herrlichem bestimmt hat, wenn ein solcher Patriotismus die Herzen seiner geringsten Bürger erfüllt. Einem Gemüthe, wie das Eurige, muß es etwas Schreckliches seyn, mit dem Brandmale eines Feindes der Freiheit in das Grab zu steigen. Aber Ihr wißt, daß manches Leben als Opfer fallen müßte, wenn Euer wahrer Charakter kund würde. Es ist unmöglich, Euch jetzt Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, aber ich kann Euch ohne Furcht dieses Zeugniß anvertrauen. Wenn wir uns ja nicht wieder begegnen sollten, so kann es vielleicht Euern Kindern nützlich werden.« »Kinder!« rief der Hausirer, »Kann ich die Schmach meines Namens auf eine Familie vererben?« Der Officier bemerkte die heftige Gemüthserregung des Krämers mit schmerzlicher Theilnahme und machte eine leichte Bewegung nach dem Golde, die jedoch durch den immer noch unveränderten Ausdruck in dem Gesichte seines Gefährten angehalten wurde. Harvey, der seine Absicht bemerkt hatte, schüttelte den Kopf und fuhr gelassener fort: »Sie haben mir in der That einen Schatz gegeben, und er wird bei mit sicher verwahrt seyn. Es sind Leute am Leben, welche bezeugen können, daß mir Ihr Geheimniß theurer war, als das Leben. Das Papier, von dem ich Ihnen sagte, ich hätte es verloren, verschluckte ich, als ich das letztemal von den Virginiern gefangen genommen wurde. Nur dieses einzige mal habe ich Euer Excellenz getäuscht und es soll auch das letzte mal gewesen seyn. Ja, dieses Blatt ist mir in der That ein theurer Schatz; vielleicht« – fuhr er mit einem trüben Lächeln fort – »erfährt man dann nach meinem Tode, wer mein Freund war – und wenn auch nicht, es wird ja Niemand da seyn, der sich um mich grämte.« »Erinnert Euch,« sagte der Officier tief ergriffen, »daß Ihr in mir immer einen geheimen Freund habt. Nur öffentlich darf ich Euch nicht anerkennen.« »Ich weiß es, ich weiß es,« sagte Birch; »ich wußte es, als ich in Ihre Dienste trat. Ich sehe Eure Excellenz wahrscheinlich zum letzten mal. Möge Gott seinen reichsten Segen auf Ihr Haupt herabgießen!« Er schwieg und bewegte sich nach der Thüre. Die Augen des Generals folgten ihm mit dem Ausdrucke der innigsten Theilnahme. Noch einmal wandte sich der Hausirer um und schien mit einem Blicke voll Ehrfurcht und Schmerz auf den gewinnenden aber gebieterischen Zügen des Generals zu weilen, dann bückte er sich tief und entfernte sich. Die Armeen Amerika's und Frankreichs wurden nun von ihrem großen Feldherrn gegen den unter Cornwallis' Commando stehenden Feind geführt und beendigten siegreich einen Feldzug, der unter so schwierigen Umständen begonnen hatte. England wurde bald darauf des Krieges überdrüßig und erkannte die Unabhängigkeit der vereinigten Staaten an. Jahre entschwanden und die Männer, welche an dem Kriege Theil genommen hatten, ebenso auch ihre Nachkommen rühmten sich mit Stolz der Mitwirkung in einem Kampfe, welcher anerkanntermaßen so viel Segen über das Vaterland gebracht hatte. Aber Harvey Birch's Name erstarb mit denen der vielen Agenten, von denen man glaubte, daß sie im Geheim den Rechten ihrer Landsleute entgegen gearbeitet hätten. Sein Bild trat jedoch oft vor die Seele des mächtigen Staatsoberhauptes, welchem allein sein wahrer Charakter bekannt war. Er ließ mehreremale geheime Nachfragen nach dem Schicksale des Krämers anstellen, die nur ein einziges Mal zu einem Resultate führten. Er erfuhr nämlich, daß ein Hausirer von ähnlichem Aussehen, aber anderem Namen, in den neuen Ansiedelungen, die nach allen Richtungen hin auftauchten; sein Geschäft betreibe, und daß er mit der Last der zunehmenden Jahre und mit augenscheinlicher Armuth zu kämpfen habe. Der Tod des Generals verhinderte bald weitere Nachforschungen und es verging eine geraume Zeit, ehe wieder etwas von dem Krämer gehört wurde. Fünfunddreißigstes Kapitel. Ein Hampden, der dem kleinen Dorftyrannen Entgegen trat mit unverzagtem Muth – Ein stummer Milton mag hier ruhmlos ruhen: Ein Cromwell, schuldlos an des Landes Blut. Gray.   Dreiunddreißig Jahre nach der im vorigen Kapitel mitgetheilten Unterredung stand wieder eine amerikanische Armee den Truppen Englands feindlich gegenüber. Der Schauplatz des Krieges war aber dießmal nicht an den Ufern des Hudson, sondern an denen des Niagara. Washington moderte längst im Grabe; als aber die Zeit allmählig die Reste politischer Anfeindung und persönlichen Neides ausgeglichen hatte, mehrte sich der Glanz seines Namens täglich; und nicht nur seine Landsleute, sondern auch die übrige Welt lernte mit jedem Augenblick den Werth und die Rechtlichkeit des Mannes höher schätzen. Er war bereits der anerkannte Held eines Zeitalters der Vernunft und des Rechtes, und manches junge Herz unter denen, welche im Jahre 1814 den Stolz unseres Heeres bildeten, glühte in der Rückerinnerung an diesen großen Namen Amerika's, und klopfte bei dem Gedanken, seinem Ruhme einigermaßen nachzueifern, in freudigeren Schlägen. Nirgends sprach sich aber dieses edle Streben lebhafter aus, als in der Seele eines jungen Officiers, der am 25. Juli dieses blutigen Kriegsjahrs Abends auf dem Tafelfelsen stand und den großartigen Wassersturz betrachtete. Der Jüngling war eine hohe schöne Gestalt, in der sich Kraft und Leichtigkeit in den richtigsten Verhältnissen aussprach. Seine tiefschwarzen Augen leuchteten von einer begeisterten Glut und einem blendenden, kühnen Feuer, zumal wenn er auf die flutenden Wasser niederblickte, die unter seinen Füßen ungestüm sich in die Tiefe stürzten. Der stolze Ausdruck derselben wurde jedoch durch die Züge eines Mundes gemildert, um welchen unterdrückte Schalkhaftigkeit in fast mädchenhafter Schönheit spielte. Sein Haar glänzte unter den Strahlen der Abendsonne wie in goldenen Ringeln, wenn die Luft von dem Wasserfalle her ihm die reichen Locken aus einer Stirne wehte, deren Weiße zeigte, daß die dunklere Farbe des von Gesundheit strotzenden Gesichtes nur ein Werk des Windes und der Sonnenglut war. Ein anderer Officier stand an der Seite dieses von Natur so reich begabten Jünglings, und die Theilnahme, welche sich in den Zügen beider aussprach, schien anzudeuten, daß sie dieses Wunder der westlichen Erdhälfte zum erstenmale erblickten. Sie standen lange in tiefem Schweigen, bis der Gefährte des eben beschriebenen Officiers plötzlich auffuhr, und mit dem Säbel in den Abgrund hinunter deutend, ausrief: »Sieh, Wharton! dort setzt ein Mann gerade über den Strudel des Wasserfalles, und dazu in einem Fahrzeug, nicht größer als eine Eierschaale.« »Er hat einen Tornister – wahrscheinlich ist's ein Soldat,« erwiederte der Andere. »Wir wollen ihm an die Leiter entgegen gehen, Mason, und hören, was er für Neuigkeiten bringt.« Sie brauchten einige Zeit, bis sie zu der Stelle kamen, wo sie den Abenteurer erwarteten. Aber gegen ihr Erwarten fanden die jungen Krieger einen in den Jahren weit vorgerückten Mann, der augenscheinlich nicht zu dem Lager gehörte. Er mochte etwa Siebenzig zählen, was sich jedoch mehr aus dem dünnen Silberhaare, welches wirr über die faltige Stirne herunter hing, als aus dem Zustande seiner Kräfte, die nichts weniger als hinfällig schienen, erkennen ließ. Seine Gestalt war hager und gebeugt, letzteres aber mehr in Folge der Gewohnheit, denn seine Sehnen schienen durch die Arbeit eines halben Jahrhunderts gestählt. Die Kleidung des Greises war ärmlich und die häufigen Ausbesserungen zeugten von der Sparsamkeit ihres Besitzers. Auf dem Rücken hatte er einen nicht eben besonders gefüllten Pack, der von den Officieren irrthümlich für einen Soldatentornister gehalten worden war. Man wechselte einige Worte der Begrüßung, und die jungen Männer gaben ihre Verwunderung zu erkennen, daß ein Mann von solchem Alter sich so nahe an die Wirbel des Wasserfalles wagen mochte, worauf der Greis mit einer Stimme, in welcher sich das Zittern des Alters auszusprechen begann, nach Neuigkeiten von den streitenden Armeen fragte. »Wir Haben vor einigen Tagen die Rothröcke auf dem Grase der Chippewa-Ebenen gepeitscht,« sagte der eine, welcher Mason genannt wurde, »und seitdem spielten wir Verstecken mit den Schiffen. Jetzt aber marschiren wir wieder hin, wo wir hergekommen sind, schütteln die Köpfe und sehen so sauer drein, wie der Teufel.« »Ihr habt vielleicht einen Sohn unter den Soldaten,« sagte der Andere, dessen Benehmen milder war, mit der Miene wohlwollender Theilnahme. »Wenn das der Fall ist, so nennt mir seinen Namen und sein Regiment; ich will Euch dann zu ihm bringen.« Der alte Mann schüttelte den Kopf, fuhr mit der Hand über seine Silberlocken, und erwiederte mit einer Miene demüthiger Ergebung: »Nein; ich bin allein auf der Welt!« »Du hättest beifügen sollen, Capitän Dunwoodie,« rief sein unbekümmerter Camerad, »wenn du Eins oder das Andere auffinden könntest; denn unsere halbe Armee zieht abwärts und ist vielleicht jetzt schon unter den Mauern des Forts Georg, um etwas aufzufinden, das, wie wir wissen, doch ganz anders wo liegt.« Der Greis blieb plötzlich stehen und blickte aufmerksam von einem seiner Gefährten auf den andern. Die beiden Krieger, welche dieses bemerkten, hielten gleichfalls an. »Habe ich recht gehört?« begann der Fremde, indem er die Hand als Schirm gegen die Strahlen der Abendsonne über die Äugen brachte. »Wie nannte er Sie?« »Mein Name ist Wharton Dunwoodie,« versetzte der junge Mann lächelnd. Der Fremde winkte ihm schweigend, den Hut abzunehmen, worin auch der Jüngling willfahrte; die seidenartigen Locken wehten im Winde und enthüllten den Blicken des Greises das ganze geistvolle Antlitz des Officiers. »Ganz wie unser Vaterland,« rief der alte Mann tief ergriffen; »durch die Zeit veredelt. Gott hat beide gesegnet!« »Warum starrst Du so, Lieutenant Mason?« rief Capitän Dunwoodie mit einem leichten Lächeln. »Du zeigst mehr Erstaunen, als vorhin, wo Du der Wasserfälle ansichtig wurdest.« »Ach, was – Wasserfälle! die sind etwas für einen Mondscheinspaziergang Deiner Tante Sara und des lustigen alten Hagestolzen, des Obristen Singleton; ein Bursche meines Gleichen ist nie verwundert, als wenn ihm etwa eine solche Rührscene wie diese aufstößt.« Die heftige Aufregung in dem Benehmen des Fremden verschwand eben so schnell, als sie aufgetaucht war, aber er horchte jetzt mit tiefem Interesse auf Dunwoodie's Worte, welcher mit einigem Ernste erwiederte: »Nicht doch, Tom; keinen Scherz über meine gute Tante, wenn ich bitten darf; sie ist die Güte selbst, und ich habe sagen hören, daß ihre Jugend keine glückliche war.« »Ach, man erzählt sich allerlei,« sagte Mason. »In Accomac geht das Gerede, daß ihr Obrist Singleton regelmäßig an jedem Valentinstag seine Hand anbiete, und manche fügen noch bei, daß Deine alte Großtante seine Bewerbung unterstütze.« »Tante Jeanette?« versetzte Dunwoodie lachend; ich glaube die liebe, gute Seele denkt wohl wenig mehr an irgend eine Heirath, seit Dr. Sitgreaves todt ist. Es wollte verlauten, daß er ihr seiner Zeit den Hof machte; es lief aber alles nur auf Artigkeiten hinaus, und so vermuthe ich, daß das übrige Gerede auch in nichts anderem, als in der vertraulichen Freundschaft meines Vaters und des Obristen Singleton seinen Grund hat. Du weißt, sie standen bei Einer Schwadron, wie dein Vater auch.« »Ach, das weiß ich freilich; aber Du mußt mir nicht weiß machen wollen, daß der wunderliche, gezierte Junggeselle blos deshalb so oft die Pflanzung des Generals Dunwoodie besucht, um mit ihm den alten Krieg wieder zu käuen. Als ich das letzte Mal dort war, nahm mich die gelbe, spitznasige Haushälterin Deiner Mutter in die Speisekammer und sagte mir, daß der Obrist kein verächtlicher Handel (wie sie es nannte) sey, und wie der Verkauf seiner Pflanzung in Georgien – ach Gott, ich weiß nicht wie viel – eingebracht habe.« »Das steht ihr gleich,« erwiederte der Capitän; »Katy Haynes ist keine üble Rechnerin.« Sie hatten während dieses Gespräches angehalten, ungewiß, ob sie ihren neuen Begleiter zurücklassen sollten, oder nicht. Der alte Mann horchte auf jedes Wort, das sie sprachen, mit dem lebhaftesten Interesse; bei dem Schlusse ihrer Unterhaltung ging jedoch die ernste Aufmerksamkeit seines Gesichts in eine Art innerlichen Lächelns über. Er schüttelte den Kopf, fuhr mit der Hand über die Stirne und schien anderer Zeiten zu gedenken. Mason achtete wenig auf den Ausdruck seiner Züge und fuhr fort: »Ich will das glauben; denn sie kam mir wie der eingefleischte Eigennutz vor.« »Ihr Eigennutz thut nur wenig Schaden,« versetzte Dunwoodie. »Das Lästigste an ihr ist aber ihre Abneigung gegen die Schwarzen. Sie sagt, sie habe nur einen einzigen leiden können.« »Und was war das für einer?« »Er hieß Cäsar und war Haussclave bei meinem seligen Großvater Wharton. Ich glaube, Du kannst Dir ihn nimmer denken; er starb mit seinem Herrn in dem gleichen Jahre, als wir noch Kinder waren. Katy singt ihm jährlich ein Requiem, und, auf mein Wort, ich glaube, er verdiente es; denn ich ließ mir sagen, er habe einmal zur Zeit des alten Kriegs meinem englischen Onkel, wie wir den General Wharton nennen, aus einer sehr gefährlichen Lage geholfen. Meine Mutter spricht stets mit vieler Liebe von ihm. Als sie heirathete, kamen beide, Cäsar und Katy mit nach Virginien. Meine Mutter war –« »Ein Engel,« fiel der alte Mann unvermuthet mit einer Stimme ein, deren Lebhaftigkeit die jungen Krieger in Staunen setzte. »Kanntet Ihr sie?« rief der Sohn, mit der Glut des Vergnügens auf seinen Wangen. Die Antwort des Fremden wurde durch eine plötzliche und gewaltige Entladung schweren Geschützes unterbrochen, worauf unmittelbar rasch nach einander mehrere Musketensalven folgten, und in einigen Minuten hallte die ganze Luft von dem Lärm eines lebhaft geführten Kampfes wieder. Die zwei Krieger eilten, von ihren netten Bekannten begleitet, schleunigst dem Lager zu. Die Aufregung und die Besorgnisse, die durch den nahen Kampf hervorgerufen wurden, verhinderten eine Wiederaufnahme der Unterhaltung, und die Drei setzten zusammen ihren Weg nach dem Heere fort, wobei sie sich in Vermuthungen über die Ursache dieses Waffenlärms und die Wahrscheinlichkeit eines Hauptschlages erschöpften. Capitän Dunwoodie warf jedoch während dieses kurzen und hastigen Spazierganges hin und wieder freundliche Blicke auf den Greis, der sich mit einer für seine Jahre bewunderungswürdigen Geschwindigkeit auf dem Felde hinbewegte; denn das Lob einer Mutter, die er innig verehrte, hatte das Herz des Jünglings erwärmt. Sie erreichten zeitig das Regiment, zu welchem die Officiere gehörten, worauf der Capitän die Hand des Fremden drückte, und ihn angelegentlich bat, daß er am kommenden Morgen nach ihm fragen möchte, weil er ihn in seinem eigenen Zelte zu sehen wünsche: dann trennten sie sich. Alles deutete in dem amerikanischen Lager auf eine bevorstehende Schlacht. In der Entfernung einiger Meilen vernahm man den Donner der Kanonen und die Salven der Musketen, welche sogar das Toben des Wassersturzes überboten: die Truppen waren bald in Bewegung und schickten sich an, die Heeresabtheilung, welche bereits im Kampfe begriffen war, zu unterstützen. Die Nacht war bereits eingebrochen, ehe der Nachtrab und die irregulären Schaaren den Fuß von Lundy's Lane erreichten, wo die Straße von dem Strome abbeugte und über eine kegelförmige Anhöhe führte, die in nicht großer Entfernung von der Niagarastraße lag. Die Spitze dieses Hügels war von brittischen Kanonen besetzt, und in dem daran gränzenden Thale stand der Rest von Scott's tapferer Brigade, welche geraume Zeit einen ungleichen Kampf mit ausgezeichneter Tapferkeit aushielt. Es rückte nun eine neue Linie vor, und eine Abtheilung der Amerikaner wurde mit dem Angriff des Hügels von der Straße aus beauftragt. Diese Schaar nahm die Engländer in die Flanken, stürmte mit den Bajonetten auf die Artillerie los, und machte sich zum Meister des Geschützes. Unmittelbar darauf setzten sie sich mit ihren Kameraden in Verbindung, und der Feind wurde von dem Berge vertrieben. Bald aber zog der englische General Hülfsmannschaft an sich, und die Truppen waren zu brav, um sich auch nach ihrer Niederlage zu beruhigen; es folgten wiederholte blutige Angriffe, um die Kanonen wieder zu gewinnen, aber stets wurden sie mit starkem Verluste zurückgeschlagen. Während des letzten dieser Gefechte hatte der Kampfmuth den bereits erwähnten jugendlichen Capitan veranlaßt, seine Leute weiter vorrücken zu lassen, um einen kühnen feindlichen Trupp zu zerstreuen. Er that es mit Erfolg; als er jedoch zu der Hauptlinie zurückkehrte, vermißte er seinen Lieutenant an der Stelle, die Mason hätte behaupten sollen. Bald nach diesem glücklichen Zurückschlagen der Feinde, womit der Kampf beendigt war, wurde den zerstreuten Truppen Befehl ertheilt, in's Lager zurückzukehren. Die Britten waren nirgends mehr zu sehen, und man traf nun Vorkehrungen, diejenigen Verwundeten, welche noch weiter gebracht werden konnten, zu sammeln. Die Liebe zu seinem Freunde veranlaßte Wharton Dunwoodie, eine angezündete Fackel zu nehmen, und mit zweien seiner Leute die Leiche an einem Orte aufzusuchen, wo man denken konnte, daß er gefallen sey. Sie trafen Mason an der Seite des Berges, wo er mit großer Ruhe saß, aber wegen eines zerschmetterten Beines nicht zu gehen vermochte. Dunwoodie sah ihn zuerst, und flog mit dem Ausruf an die Seite seines Kameraden: »Ach! lieber Tom, ich wußte wohl, daß ich dich am nächsten bei dem Feinde finden würde.« »Sachte, sachte; geh etwas zarter mit mir um!« erwiederte der Lieutenant, »nein, dort ist ein braver Bursche, der ihm noch näher war, als ich; ich weiß aber nicht, wer er ist. Er stürzte in der Nähe meines Pelotons aus dem Pulverdampfe heraus, um einen Gefangenen oder so etwas zu machen; aber der arme Bursche – er kam nicht wieder zurück. Dort liegt er, gerade über dem Hügel; ich habe ihm mehreremale zugerufen, aber ich glaube fast, es wird bei ihm mit dem Antworten aus seyn.« Dunwoodie ging zu der Stelle, und erkannte mit Verwunderung den alten Fremden. »Es ist der alte Mann, der meine Mutter kannte,« rief der Jüngling; »um ihretwillen soll er ein ehrenvolles Begräbnis haben: hebt ihn auf, und nehmt ihn mit, seine Gebeine sollen auf vaterländischem Boden ruhen.« Die Soldaten traten dem Befehle gehorsam herzu. Er lag auf dem Rücken und der Schein der Fackel beleuchtete sein Gesicht. Seine Augen waren geschlossen, als ob er schliefe, und die welken Lippen waren leicht verzogen, was jedoch mehr die Folge eines Lächelns als die des Todeskampfes zu seyn schien. Eine Soldatenmuskete lag neben ihm; seine Hände waren auf die Brust gedrückt, und eine davon barg einen Gegenstand, der wie Silber glänzte! Dunwoodie bückte sich, brachte die Arme auf die Seite, und bemerkte die Stelle, wo die Kugel ihren Weg zum Herzen gefunden hatte. Der Gegenstand seiner letzten Sorge war eine zinnerne Büchse gewesen, durch die das verhängnißvolle Blei gegangen war; der alte Mann mußte seine letzten Augenblicke dazu benützt haben, um sie aus dem Busen zu ziehen. Dunwoodie öffnete sie, und fand zu seinem Erstaunen ein Blättchen Papier darin, welches folgende Zeilen enthielt:   »Umstände von großer politischer Wichtigkeit, bei denen das Leben und das Vermögen vieler auf dem Spiele stand, haben bisher geheim gehalten, was dieses Papier jetzt enthüllt. Harvey Birch war Jahre lang ein treuer und unbelohnter Diener seines Vaterlandes; möge Gott ihm vergelten, was er that, da Menschen es nicht thun können! Geo. Washington.«   Es war der Spion des neutralen Grundes: – er starb, wie er gelebt hatte, ein Opfer für das Vaterland und ein Märtyrer für dessen Freiheit.   Bis Seite 107 Zweitkorrektur durch Herbert Niephaus