Heinrich Albert Oppermann Hundert Jahre 1770–1870 Zeit- und Lebensbilder aus drei Generationen Inhalt: An den Leser 1. Buch: Vor hundert Jahren.    1. Kapitel: Der geheimnißvolle Pavillon 2. Kapitel: Vor dem Rathskeller 3. Kapitel: Die Crême der Societät 4. Kapitel: Die Ammenwahl und der Sommernachtsball 5. Kapitel: Karoline Mathilde 6. Kapitel: Verrath und früher Tod 7. Kapitel: Zunftzopf 8. Kapitel: Der Eisschlitten 9. Kapitel: Matthis brekket dat Is 10. Kapitel: Vergeltung? 11. Kapitel: Eine Dorfnovelle aus der Wirklichkeit 12. Kapitel: Jugendleben 13. Kapitel: Die bremer Firma 2. Buch: Während der Sündflut. 1. Kapitel: Ein Spielabend bei Pütter und eine Gesellschaft bei Elise Bürger 2. Kapitel: Registraturen 3. Kapitel: Briefe 4. Kapitel: Joujou de Normandie 5. Kapitel: Der chinesische Pavillon 6. Kapitel: Der 10. August 7. Kapitel: Der 10. August in Paris 8. Kapitel: Der 10. August im Walde 3. Buch: Justus Erich Bollmann. 1. Kapitel: Wiederfinden 2. Kapitel: In Eckernhausen 3. Kapitel: Olmütz 4. Kapitel: Rom 5. Kapitel: Bajä 6. Kapitel: Zum ewigen Frieden 7. Kapitel: Nordamerika vor siebzig Jahren 8. Kapitel: Olga 9. Kapitel: Die kalenberger Nation und der letzte Reichskammergerichtsbote in Hannover 10. Kapitel: Gefangenschaft 11. Kapitel: Untergang des Kurfürstenthums Hannover 4. Buch: Fremdherrschaft. 1. Kapitel: Alte Bekannte 2. Kapitel: Kassel 3. Kapitel: Georg Baumgarten 4. Kapitel: Die unerwartete Botschaft 5. Kapitel: In Nordamerika 6. Kapitel: Ein Stück amerikanisches Leben 5. Buch: Die alte und die neue Generation. 1. Kapitel: Hassan und sein Paradies in Zuwan 2. Kapitel: Eine Tonne Goldes 3. Kapitel: Der chinesische Pavilloon 4. Kapitel: Hassan's Rückkehr 5. Kapitel: Die bremer Firma 6. Kapitel: Wiener Congreß 7. Kapitel: Heimkehr 8. Kapitel: Veronica Cruelle 6. Buch: Restauration, Reaction, Revolution. 1. Kapitel: Demagogenriecherei zur Beruhigung aller Gutgesinnten. Studentenleben in Göttingen 2. Kapitel: Der Freiherr Karl Hans von Finkenstein 3. Kapitel: Der Redacteur des »Katzenpötchen und Gänseblümchen« und die göttinger Revolution 4. Kapitel: Die Epigonen 5. Kapitel: Das hundertjährige Jubiläum 6. Kapitel: Bruno Baumann und das Patent vom 1. November 7. Buch: Die Wage schwankt. 1. Kapitel: Ein halbes Jahr in Heustedt 2. Kapitel: Ein Opfer der Justiz 3. Kapitel: Die Wüstenei 4. Kapitel: Inquirent und Anwalt. Rehabilitation eines Verstoßenen 5. Kapitel: Die Gesellschaft der Ungeschlossenen 6. Kapitel: Suchen, Missen, Finden 7. Kapitel: Ein Strich durch die Rechnung 8. Kapitel: Hoffnungen und Täuschungen des Jahres 1848 9. Kapitel: Umschlagen der Herzen 8. Buch: Was es bringen wird? 1. Kapitel: Im Sturmjahre zu Berlin 2. Kapitel: Geld und Laune 3. Kapitel: Enttäuschung 4. Kapitel: Werthpapiere 5. Kapitel: Schreckenstage 6. Kapitel: Abkühlung 7. Kapitel: Auf freiem Boden. Rückblick und Verständigung 8. Kapitel: Die ◊zu den Cedern des Libanon 9. Kapitel: Auf der Fahrt nach Westen 10. Kapitel: Umtriebe der Sklavenbarone 11. Kapitel: Jenseit der Felsengebirge 12. Kapitel: Der Hafen der Verschlagenen 13. Kapitel: Der Mann, der alles hält, was er verspricht 9. Buch: Jähes Ende welfischer, Anfang neuer Dinge. 1. Kapitel: Der blinde König 2. Kapitel: Das Paradies im Westen 3. Kapitel: Brennende Liebe im Süden 4. Kapitel: Die Vergeltung 5. Kapitel: Das Schwindeljahr im Welfenlande 6. Kapitel: Der Gaunerbund 7. Kapitel: Der größte Grundbesitzer und sein grünes Buch 8. Kapitel: Wolkenbilder 9. Kapitel: Der Boden bebt 10. Kapitel: Bis zum Ende aller Dinge 11. Kapitel: Zerbrochene Ketten 12. Kapitel: Anfang neuer Dinge An den Leser. Es war vor sieben Jahren etwa, als mir, dem Advocaten, eine alte Acte in die Hände fiel, die vor einer Reihe von Jahren aus dem Nachlasse eines verstorbenen Collegen auf mich übergegangen war. Dieselbe war rubricirt: »Verkauf der gräflich Wildhausenschen Güter in Heustedt 1814«, und schien offenbar zur Cassation geeignet. In die Acte war aber, absichtlich oder zufällig, eine Specialacte eingeheftet, die nur zwei Nummern umfaßte und kein anderes Rubrum als blos: »von Wildhausen«, hatte. Die erste dieser Nummern bestand aus einem von zierlicher Damenhand geschriebenen Briefe, die zweite aus einer Antwort meines verstorbenen Collegen; beide reizten meine Neugierde. Der Brief war aus Hannover vom December 1792 datirt und unterzeichnet: »Olga, genannt Gräfin von Schlottheim, née von Wildhausen.« Die Gräfin erzählte dem Verstorbenen, kürzer als es im zweiten Theile dieser Erzählung geschieht, und offenbar in der Voraussetzung, daß demselben die Thatsachen bekannt seien, die Geschichte ihrer Trauung und bat ihn dann ihr behülflich zu sein, das Scheinband, das sie an den Grafen Schlottheim binde, zu lösen, sie von einem Manne zu befreien, den sie weder lieben noch achten könne. Mein College hatte mit steifer, großer, nach links gekehrter Handschrift die Randbemerkung gemacht: »Wahr, zu bedauern, aber nicht zu helfen.« Die zweite Nummer der Acten enthielt sein langstieliges Antwortschreiben, in welchem er der Dame unter vielen veralteten Redewendungen etwa folgendes erwiderte: »Sie sei, soviel er sich erinnere, erst zwanzig Jahre alt, 1772 geboren, daher minderjährig und habe keine persona standi in judicio . Es könnten nur ihre Vormünder, also die allergnädigste Mutter und der Vater ihres Gemahls, Geheimrath Graf von Schlottheim selbst, eine Klage auf Ehescheidung oder Annullirung der nicht rite vollzogenen Trauung erheben. Das würde indeß weder die allergnädigste Gräfin, noch weniger der Herr Geheimrath wollen. »Es bleibe nichts übrig, als daß die gnädige Gräfin sich bis zu ihrer Volljährigkeit gedulde; dann wolle er ihr gern und treu als Rechtsbeistand dienen; er müsse sie aber warnen, die Ehe zu consumiren, weil dann jeder Versuch der Trennung vergeblich sein würde. »Der Plan einer Immediateingabe an König Georg III. sei gänzlich aufzugeben; denn erstens sei es bei namhafter Strafe verboten, den König mit Immediateingaben zu belästigen; zweitens leide derselbe bekanntlich an Irrsinn; drittens gehe jedes Immediatgesuch zunächst an das Geheimrathscollegium in Hannover, und dort würde es wahrscheinlich zurückgehalten werden; viertens aber, wenn es der Gräfin wirklich gelinge, dasselbe auf Nebenwegen nach London zu befördern, so sei mit Sicherheit anzunehmen, daß es in der dortigen deutschen Kanzlei liegen bleibt.« Ein Mann Namens Schlottheim (der Name ist von mir erfunden, denn es existirte eine Familie solches Namens nicht in Hannover, der gegenwärtige Träger desselben ist erst mit der Annexion nach Hannover übergesiedelt) stand zur Zeit, als ich die Erzählung begann, an der Spitze einer Camarilla, welche die Geschicke meines Vaterlandes nach meiner Ueberzeugung zu dessen Verderben leitete. Er hatte das Ohr des blinden Königs und benutzte es im österreichischen Interesse (er besaß Majoratsgüter in Oesterreich), die anerzogene Abneigung Georg's V. gegen den preußischen Vetter, die sich von Schwester gegen Schwester herschrieb, zu vermehren und ihn in dem Glauben zu bestärken, er habe die Macht und das Zeug, eine selbständige kleinstaatlich welfische Politik bis »an das Ende aller Dinge« zu treiben. Man gab dem Manne, den ich Schlottheim genannt habe, die Hauptschuld an dem Verfassungsbruche, an der Kassentrennung, der Domanialausscheidung, dem Versuche die Katechismuslehre um drei Jahrhunderte zurückzuschrauben, während man die Minister, welche diese Maßregeln ausführten, nur als seine Werkzeuge betrachtete. Ich hatte mich nie um die Stammbäume der hannoverischen Adelsgeschlechter gekümmert (außer als Knabe, wo es einmal Mode war, Wappensammlungen zu haben wie jetzt Briefmarkensammlungen; das war im Anfange der zwanziger Jahre), nahm daher die erste Gelegenheit wahr, die mich nach Heustedt, der Hauptbesitzung des Grafen von Schlottheim in Hannover, führte, mich nach den Familienverhältnissen zu erkundigen. Man verwies mich an eine sehr alte Köchin im Rathskeller, welche im Jahre 1813 im sogenannten neuen Schlosse bei der Gräfin Melusine von Wildhausen, der Mutter jener »Olga, genannt von Schlottheim«, gedient habe. Leider war die Frau nicht nur alt, sondern beinahe taub; sie plauderte eine Menge alter Geschichten aus dem vorigen Jahrhunderte wirr durcheinander: von einem Vollmeier Dummeier, einem Drechsler und spätern Schlagtmeister Schulz, einem Forsteleven Baumgarten, einer Filler-Marthe, und von des Forstschreibers Haus Sohne, dem Advocaten, die sämmtlich mit den Dingen zu Heustedt im Zusammenhange stehen sollten. Die Gräfin Olga sei ihrem Manne in Neapel entflohen, von Korsaren geraubt worden, und habe dann in Amerika ihren Jugendgeliebten, den Advocaten Haus, geheirathet. Am zusammenhängendsten war die Erzählung von einem Ereignisse, das sie selbst mit erlebt hatte, der Eroberung des neuen Schlosses durch die Kosacken im Jahre 1813 und dem tragischen Tode der Gräfin Melusine.   Das wäre ein Romanstoff für deinen Studiengenossen und Freund Levin Schücking, dachte ich; und ich würde ihm das Material zugesendet haben, wenn ich gewußt hätte, ob er noch am Mondsee wohne. Inzwischen war der König von Dänemark gestorben. Die schleswig-holsteinische Frage trat auch an unsere Kammer heran, und bald drängte die Agitation für die Elbherzogthümer alles andere Interesse in den Hintergrund. Im nächsten Sommer schickte mich mein Arzt nach Marienbad. Der Zufall führte mir dort ein nach dänischen Vorlagen von G. F. von Jenssen-Tusch bearbeitetes Werk in die Hand, welches die Ergebnisse neuer Untersuchungen über Leben und Tod der Königin von Dänemark Karoline Mathilde enthielt, und nach dem kaum zweifelhaft blieb, daß sie vergiftet worden. Man hatte ihr die sechs- bis siebenjährige Tochter eines Oberhauptmanns von Bennigsen zu Banteln zur Gesellschaft gegeben, und noch auf dem Todtenbette hing sie mit großer Liebe an dem Kinde. Ein Sohn des russischen Generals Graf von Bennigsen, der damalige Präsident der Zweiten hannoverischen Kammer, war in Marienbad anwesend. In seiner Gesellschaft pflegte ich, nachdem der Kreuzbrunnen getrunken war, nach dem Ferdinandsbrunnen zu gehen, um dort noch einen mehr kohlensäurehaltigen Becher zu trinken. Auf einem solchen Spazierwege fragte ich ihn, ob die kleine Bennigsen, die im Jahre 1774 am Hofe der Königin Karoline Mathilde gelebt habe, seine Tante oder Großtante sei. »Nein, meine Schwester«, erwiderte er mir. Ich sah ihn verwundert an; der Graf stand im Anfange der Sechzig, seit Karoline Mathildes Tode waren aber schon einundneunzig Jahre vergangen. »Ja, staunen Sie mich nur nicht so an, Herr Doctor«, sagte der Graf; »es war ein Steckenpferd des höchstseligen Königs Ernst August, mich, wenn er gut gelaunt war, mit dieser vierzig Jahre ältern Schwester, der Excellenz von Lenthe, zu necken. So kommt es, daß einer meiner Neffen, der zur Zeit dem Herrenhause in Wien vorsitzt, um eine Reihe von Jahren älter ist als ich.« Dies gab Veranlassung, weiter von Personen und Zuständen vor hundert Jahren zu sprechen; bald fing die Zeit vor der Französischen Revolution, die ich bisher weniger beachtet, mich so zu interessiren an, daß ich mir von der göttinger Bibliothek Quellen nachsenden ließ, um jene Geschichtsperiode näher kennen zu lernen. Als Arbeit hatte ich mir ein Convolut ungedruckter Briefe von Justus Erich Bollmann an seinen Vater mitgenommen, die mir von den befreundeten Enkeln desselben anvertraut waren. Ich wollte das Lebensbild, das Varnhagen von Ense zuerst im »Zodiacus«, dann im ersten Bande seiner »Denkwürdigkeiten« von diesem meinem Landsmanne entworfen hat, ergänzen. Varnhagen von Ense waren diese Briefe, die zum Theil Aufklärungen über das amerikanische Leben Bollmann's gaben, unbekannt geblieben. Indeß, solange das Wetter schön war, kam ich nicht zum Arbeiten; ich streifte lieber in den Fichtenwäldern oder in dem Thiergarten des Fürsten Metternich umher. Nach einigen heißen Julitagen schlug aber das Wetter plötzlich um und es wurde hier im Böhmerwalde so kalt, daß man die Zimmer heizen mußte. Ich blieb zu Hause und setzte mich hinter die Bollmann'schen Briefe; ich begann meine Lektüre da, wo Bollmann in Amerika wegen seines Versuchs zur Befreiung Lafayette's gefeiert wird, wo er Washington und Jefferson besucht und sich zum Föderalisten ausbildet. Da stieß ich denn recht bald auf ein Schreiben, datirt Pittsburg 1805, der Monatstag war verwischt, dessen Nachschrift mich in höchste Spannung versetzte. Der Brief selbst enthielt viel Günstiges über den Fortgang eines Actienhüttenunternehmens und einer Eisengießerei, an deren Spitze Bollmann als Director stand. Die Nachschrift lautete: »In voriger Woche hat mein Freund Karl Haus, dessen Du Dich, lieber Vater, vielleicht noch erinnerst, da er mich während der Studienzeit einmal in Hoya besuchte und einige Tage in unserm Hause weilte, die Gräfin Olga von Wildhausen geheirathet, dieselbe, über deren Trauung mit dem Grafen von Schlottheim und den dabei vorgekommenen Skandal Du mir damals nach Paris berichtetest. Das ist ein förmlicher Roman, über den ich Dir, lieber Vater, vielleicht ein andermal, wenn ich mehr Zeit habe, die nöthige Aufklärung gebe.« Das schlug bei mir ein wie ein Blitz! Es hielt mich nicht mehr in der Stube, ich nahm einen Regenschirm und lief hinaus nach dem Ferdinandsbrunnen, wo außer der kleinen Resi (Therese), die fröstelnd in der Halle saß und Pfeffernüsse zum Verkaufe anbot, niemand zu sehen war. Das Bild der Zustände in Heustedt, wie sie 1770 gewesen sein mußten – die Bürger-, Bauern- und Adelsfamilien, deren Lebensschicksale sich nach der Erzählung der alten Köchin ineinander verschlungen hatten –, stand wie ein Gesicht vor mir. Hier der derbe niedersächsische Bauer Hans Dummeier, beim Deichbruche das Commando führend, dort der Drechsler Schulz und seine schöne Frau aus Mainz, der Forstschreiber Haus, die Gräfin Melusine, Anne Marie, die Amme. Der tragische Tod Karoline Mathilde's gab einen historischen Hintergrund. Ich wollte nicht, wie die meisten Romane es thun, die Liebe, den Anfang zur Bildung einer Familie oder die Zerstörung einer solchen, zum Vorwurf meiner Erzählung nehmen, weder die oft so sonderbare psychische Entstehung und Entwickelung der Liebe, noch das Aufhören derselben durch Untreue, Eifersucht, Misverständnisse, Unsittlichkeit, Ehebruch, noch die der Liebe entgegentretenden Hemmnisse und Conflicte, welche durch Geburt, Stand, Reichthum, Armuth, Religionsverschiedenheit, Feindschaft der Aeltern, Verrath von Freunden u. s. w., veranlaßt werden. Ich traute mir nicht die Kraft zu, blos seelische Zustände zum Gegenstande der Dichtung zu machen. Wohl aber glaubte ich, in der Geschichte der Familien, die ich zwei oder drei Generationen hindurch schildern wollte, den Charakter des Zeitalters im allgemeinen zeichnen zu können. Der Gedanke, ob ich das Werk unternehmen sollte oder nicht, plagte mich mehrere Regentage. Da drang die Sonne wieder durch die Wolken, die dunkeln Tannenhöhen verloren ihre Nebel und ihr finsteres Gesicht, die Stadt lag, von meiner Wohnung in der Jägerstraße gesehen, wie ein in einem Weihnachtsgarten erbautes Holzstädtchen, mit ihren neuen blanken Häusern, gelben Sandwegen, Springbrunnen, grünen Boskets und Rasenplätzen, zu meinen Füßen. Von drüben her lockte der Hamelikaberg mit seinem Goethe-Sitz, gleichsam als werde der Altvater selbst da oben entscheiden, was ich thun solle. Ich habe dort lange gesessen und mich von der Abendsonne bescheinen lassen und geträumt. Als die Sonne untergehen wollte, schien es mir aus den Tannen, die zu Goethe's Zeiten kleine Büsche gewesen waren, jetzt aber schon die Aussicht nach Süden und Westen versperren, zuzuflüstern: Frisch gewagt ist halb gewonnen! und Goethe selbst schien mich aufzumuntern mit seinem Zurufe: Greift nur hinein ins volle Menschenleben! Ein jeder lebt's, nicht vielen ist's bekannt, Und wo ihr's packt, da ist's interessant. Falk schien hinter ihm zu stehen und zu sagen: Nur zu. Der alte Herr hat mir oft genug gesagt, daß der, welcher selbst etwas erlebt, nur dreist zur Feder greifen solle. So entschied ich mich. Auf einem weiten Umwege über die Hirtenruh und den Mecséry-Tempel kehrte ich zurück. Ich glaubte einen Titel gefunden zu haben. »Wie es war und wie es geworden. Erzählung aus dem Welfenlande«, schrieb ich als Titel nieder und fing dann an Dispositionen zu machen. Einer meiner Lehrer, der lange Jahre im Grabe liegt, pflegte zu sagen: »Wozu ein Mensch Neigung hat, dazu hat er auch Fähigkeit und Verstand.« Nun fing ich an und arbeitete mit Lust. Da überraschten mich die Ereignisse des Jahres 1866. Die Entthronung einer beinahe tausendjährigen Dynastie war ein zu tragischer Fall; sie bildete einen erschütterndern Abschluß als der Verfassungsbruch von 1855, mit dem ich früher schließen wollte. Ich hatte das Verderben unter meinen Augen groß werden sehen; der Verfassungsbruch Ernst August's im Jahre 1837 war schon in meine Darstellung eingewebt, der Verfassungsbruch Georg's V. sollte noch Gegenstand meiner künftigen Arbeit sein. Ich selbst, als guter Hannoveraner, hatte zeitig genug gewarnt und 1860 schon denen, die zu hören berufen waren, in der Vorrede zum ersten Bande »Zur Geschichte Hannovers« die Worte Bülow-Cummerow's, die sich 1866 erfüllten, zugerufen, die Worte nämlich: »Preußen ist nur im Vereine mit Deutschland stark genug allen Zufälligkeiten zu begegnen; erkennt Deutschland das nicht an, schließt es sich nicht an Preußen an, so wird, wenn ein neuer Kampf entsteht, Preußen um seiner Erhaltung willen gezwungen sein, sein Gebiet zu erweitern, bis es stark genug ist, seine Selbständigkeit zu bewahren.« Georg V. nannte mich dafür, als ich sein Gast war, einen schlechten Bruder der Loge und schlechten Hannoveraner. Genug, ich erweiterte meinen Plan und zog das Ende des Welfenthums mit hinein. Dabei bin ich nur insofern von der Wahrheit abgewichen, als die beiden Personen Graf Schlottheim und Victor Justus Haus von Finkenstein von mir erdichtet sind. Justus Erich Bollmann führte von selbst nach Amerika, und da eine Reihe von Personen der Erzählung, zuerst Karl Haus und Comtesse Olga, später Heloise von Wildhausen, Georg Baumgarten, Agnese von Kitzow, dort sich niederließen, so hielt ich es für geboten, die geschichtliche Entwickelung dieses ungeheuern Staats, wie den rothen Faden in den englischen Marinetauen, durch die Erzählung durchblicken zu lassen. Der Sprung nach Afrika, in das Paradies von Zuvan, war durch ein wahres Ereigniß bedingt; auch schien es mir angemessen, in das Gedächtniß der Zeitgenossen zurückzurufen, daß noch im Anfange dieses Jahrhunderts ganz Europa und Nordamerika den Barbaresken tributpflichtig gewesen, und daß Europa die Befreiung von dieser Schmach lediglich Nordamerika verdankt. Daß ich den Versuch gemacht habe, lebende und erst kürzlich verstorbene Zeitgenossen in dem Werke vorzuführen, wird hier und da Anstoß erregen. Indeß versichern mich berliner literarische Größen, daß dieser Versuch gelungen ist; ich habe von einzelnen geschilderten Persönlichkeiten schon die Zusicherung, daß sie die Sache harmlos nehmen, und besorge daher weder von Gutzkow, Dingelstedt, Hoffmann von Fallersleben, Carriere, Creizenach, noch von meinen politischen Freunden aus der Kammer Hannovers, daß sie es übel nehmen werden, wenn ich eine Scene aus unserm Jugendleben oder dem spätern politischen Leben ausgemalt und darin einige Porträts skizzirt habe. Selbst der Inhaber einer »Krone«, mein Freund Fritz Bettmann in Göttingen, hat es nicht übel genommen, daß ich seine Knittelverse und seine Dichterkrönung aus dem Staube der Vergessenheit gezogen habe. Davon, daß Commilitonen, welche 1831 die göttinger Revolution mitmachten, oder solche, welche 1837 bei dem Jubiläum der Georgia Augusta gegenwärtig waren oder die Entsetzung der Sieben erlebten und dem Auszuge nach Witzenhausen beiwohnten, sich gern noch einmal ihrer Jugendzeit erinnern werden, bin ich überzeugt. Weniger erfreulich wird manchen die Rückerinnerung an die frankfurter Parlamentstage und an die wilden Octoberwochen Berlins sein. Zu einem Bilde des Jahrhunderts gehörten aber diese Genremalereien. Wenn ich endlich im letzten Bande mir erlaube, die schönen Leserinnen mit den Wegebahnern zum Stillen Ocean durch Prairien und Felsengebirge zur Salzseestadt und über die schneebedeckten Gipfel der Sierra-Nevada, nicht zu den Gold- und Silberminen, sondern zu den Erdwundern der Welt im schönen Californien zu führen, so werden sie diese geographische Excursion verzeihen, da sie unter Leitung des dresdener Ingenieurs Hellung geschieht, dessen unverwüstliche Lebenskraft ihn gewiß zu einem Lieblinge mancher Leserin machen wird. Ich verspreche ihnen dafür auf der ersten siebentägigen Fahrt von Neuyork nach San-Francisco die bequemsten Schlafwagen des Nachts und die schönsten Salonwagen am Tage, und auf der Rückkehr Ausruhen im Paradiese der Stadt Hellungen.   Dies habe ich geglaubt sagen zu müssen, in dem ich nach einem ersten Versuche fünfunddreißig Jahre später meinen letzten Versuch, mich auf dem Gebiete der schönen Literatur zu bewegen, dem deutschen Publikum vorlege. Meinen Freunden, namentlich dem Geheimen Hofrath Schliephake in Heidelberg, Gymnasialdirector Dr.  Volkmar in Aurich und vor allen Hermann Harrys in Hannover, sage ich öffentlich meinen Dank für die Förderung, welche sie mir bei der Arbeit freundlichst angedeihen ließen. Erstes Buch. Vor hundert Jahren. Erstes Kapitel. Der geheimnißvolle Pavillon. Jede alte Stadt, habe ich irgendwo gelesen, hat ein Gebäude, oder doch ein altes mit irgendeinem Geheimniß umgebenes Gemäuer, an das sich romantische Gemüther anklammern, das den Stoff zur Unterhaltung hergibt, wenn dieser verbraucht ist, und das sogar sonst schweigsame Zungen beredt zu machen weiß. Warum sollte Heustedt, die Stadt oder Stätte des Heues, das sich eines höhern Alters rühmte als das Geschlecht der (deutschen) Welfen, da es sich schon städtischer Privilegien von Kaiser Ludwig dem Frommen her rühmte, leer ausgegangen sein? Freilich war das Gebäude, welches in Heustedt mit romantischem Nimbus umgeben war, nicht so alt als die von Adalbert von Bremen erbaute byzantinische Stadtkirche, nicht einmal so alt wie das Schloß mit seinem Burgverlies, sondern erst mit dem neuen Schlosse erbaut, ein chinesischer Pavillon nämlich, in dem dazugehörigen Parke. Wo liegt denn aber Heustedt? höre ich eine ungeduldige Leserin fragen. Verzeihung. Aller Anfang ist schwer, aber der einer mehrbändigen Erzählung erst recht schwer; man kann es unmöglich allen recht machen, der eine will dies, der andere jenes wissen, und der Autor kann doch nur eins nach dem andern erzählen. Also, Heustedt, der Ort, von dem unsere Erzählung ausgeht und zu dem sie öfter zurückkehren wird, war zur Zeit, von der wir reden, ein kleines kurfürstlich hannoverisches Städtchen, unterhalb der Porta Westphalica und oberhalb Bremens, das man indeß auf der Landkarte schwerlich finden wird. Es hatte seine Weststadt am linken, seine Oststadt am rechten Weserufer. Das linke Weserufer war bedeicht, das rechte war unbedeicht und der Frühjahrsüberschwemmung ausgesetzt. Heustedt hatte zwei Kirchen und zwei Schlösser, aber nicht mehr als ein halbes Dutzend Straßen in jedem Stadttheile. Wenn man über die hölzerne Brücke von der Weststadt zur Oststadt kam, sah man, daß die Weser hier einen großen Bogen machte. Die Oststadt lag auf einer Art Halbinsel in grünem Marschboden, der sich beinahe eine Stunde lang ins Land streckte, bis ein mit Föhren und Eichen bestandener Bergrücken die Weser, welche hier kaum eine Viertelstunde zwischen oben und unten auseinanderlag, obgleich der Bogen, den sie beschrieb, sechsmal so groß war, sich nordwestlich zu wenden zwang. Die Weser passirte hier die letzte Enge zwischen zwei Sanddünen, Paß Hengstenberg genannt, und hinter diesem Paß begann die Geest, der Lehmsandboden, dahinter Moor und Heide. Das alte Schloß lag auf einem Hügel und war mit hohen dicken Mauern umgeben, die mit Schießscharten versehen, aber stark im Verfall begriffen waren. Ein altertümlicher Thurm und verschiedene alte hohe Dächer ragten über die Mauer empor, ebenso ein neuer Ziegelbau mit eisenvergitterten kleinen Fenstern. Man sah, das Schloß mußte in alten Zeiten stark befestigt gewesen sein, nicht nur durch sein Mauerwerk, sondern auch durch Wasser, denn auf südlicher Seite zog sich aus der Weser ein breiter Graben um Schloß und Garten, der erst unterhalb des neuen Schlosses wieder in die Weser einmündete. Der Graben führte den einfachen Namen »die Graft« und bewirkte, daß die Oststadt eine eirunde Insel war, auf der einen Seite von der Weser, auf der andern von der Graft umflossen. Das alte Schloß war Stammsitz eines am Ende des sechzehnten Jahrhunderts ausgestorbenen Dynastengeschlechts, der Grafen von Heustedt, deren Erbschaft dem Hause der brannschweig-lüneburgischen Herzoge zugefallen und unter verschiedenen Linien dieses Hauses vertheilt war. Zur Zeit, von der wir reden, es war im Jahre 1772, diente das Schloß als Amtssitz, aber das Amt hatte schon die Bedeutung verloren, die ihm die alte noch in Gültigkeit befindliche Amtsordnung anwies. Heute verlangte man von dem Amtmann und dem Amtsschreiber nicht mehr, danach zu sehen, daß gut gebuttert werde, daß der Käse gehörig umgewendet werde, daß das Korn nicht zum größten Theile im Stroh bleibe. Jetzt braucht der Amtsschreiber nicht mehr die Vorwerke zu bereiten, um auf Knechte und Mägde zu sehen und die aufgemessene Anzahl Geschäfte auf das Kerbholz zu schneiden. Aus dem gutsherrlichen Verhältnisse des vorigen Jahrhunderts hatte man einen großen Schritt in den Staat, wenn vorläufig auch nur in den alles beaufsichtigenden und mechanisch ordnenden Polizeistaat gethan. Der Amtmann, oder wenn derselbe von Adel war, Amtshauptmann oder Drost, der Amtsschreiber, der Kornschreiber bis auf den Supernumerar-Amtsschreiber fühlten schon so etwas als Staatsdiener in sich, empfingen sie doch nicht mehr Gesindelohn, nicht mehr Entschädigung für Sommer- und Winterkleidung und einige Mariengroschen zum Weihnachtsgeschenk. Das Bewußtsein, Gesinde des Kurfürsten zu sein, hatte sich um so eher verloren, als die Kurfürsten schon seit sechzig Jahren im Lande nicht mehr weilten, und die Monarchie nur noch dem Namen nach existirte; in Wirklichkeit wurde das Land von einer Adelsaristokratie beherrscht. Aber dem Volke war seine alte Selbstverwaltung genommen, seit funfzig Jahren etwa hatte die Rechtsprechung des Volks in Vor- und Gohgerichten aufgehört, gelehrte Richter sprachen jetzt sein Recht, Hofgerichte und Justizkanzleien entschieden in höherer Instanz, und im Oberappellationsgericht in Celle war das erste Zeichen der über die sieben oder acht Fürstenthümer, Herzogthümer, Grafenthümer hereinziehenden Einheit. Vom alten Schlosse herab wurde jetzt durch einen Amtshauptmann, einen ordentlichen Amtsschreiber, einen Kornschreiber, einen Supernumerar-Amtsschreiber und einen Auditor regiert; gutsherrliche, gerichtsherrliche, oberlandespolizeimäßige Ge- und Verbote erlassen, decretirt und sportulirt, und daneben Recht gesprochen. An das alte Schlosse, das die Gerichts- und großen Amtsstuben, die neuerbauten Gefängnisse auf der einen Seite, Registraturen, Ställe und Kornböden darüber auf der andern Seite des Hofes enthielt, stieß ein großer im Osten von der Graft umflossener Garten, nach Westen und Norden mit einer steinernen Mauer umfaßt. Nach Norden in demselben lag das neuerbaute vom Oberhauptmann von Schlump bewohnte Amtshaus, und die Straße, die vor demselben herlief, nannte man deshalb die Amtsstraße. Sie führte zu einer steinernen Brücke, die Hohe Brücke genannt, über die Graft. Hohe Brücke hieß sie wol deshalb, weil sich sofort hinter ihr und der Graft das Geestterrain, auf dem die eigentliche Stadt lag, um mehrere Fuß zur Marsch senkte. Von der Amtsstraße lief von Süden nach Norden eine ziemlich lange wohlgebaute Straße, die Schloßstraße, in deren Hintergrunde das neue Schloß aus einer theils künstlichen, theils natürlichen Erhöhung sich um so mehr hervorhob, weil die Straße sich bis zum Anfang des Parkes senkte und von da erst wieder stieg. Das Schloß wurde aber außerdem durch seine Hinter- und Nebengründe, hohe mächtige Kastanienbäume, Platanen, deutsche Pappeln und den Halbbogen einer mächtigen Buchenallee gehoben, welche die Wirthschaftsgebäude, die rechts zur Seite lagen, vor den Blicken versteckte. Die Schloßstraße würde eine Fortsetzung der Kastanienallee vom alten bis zum neuen Schlosse gebildet haben, wenn sich nicht, offenbar zu einer Zeit, wo das neue Schloß noch nicht existirte, ein Haus über die Hälfte vor den andern Häusern der Schloßstraße vorgedrängt hätte, das alte Rathhaus, jetzt der Rathskeller genannt. Es stand isolirt und vornehm vor den Reihehäusern der Schloßstraße, und man sah es schon der Keckheit dieses Hervortretens an, daß es etwas anderes sein wolle als die übrigen Häuser. Es war am Ende des vierzehnten Jahrhunderts erbaut, in der gegen Osten gekehrten Vorderseite schmal, aber hochgegiebelt, stufenartig. Auf den zwei ersten Stufen des Giebels standen zwei Bären, auf den folgenden waren Zierathen damaligen Stils, auf der obersten stand ein Roland als Sinnbild, daß Heustedt sich hier sein Recht selbst spreche. Auf der Ostseite des Rathskellers befand sich der Eingang von reicher Steinhauerarbeit, sechs Stufen führten zu demselben hinauf. Ueber dem Eingang war eine die ganze Front einnehmende Laube erbaut, allwo Gerichts- und Rathszimmer sich befanden. Ueber diesen Zimmern befanden sich Mansardenwohnungen mit niedrigen Fenstern, darüber große Böden. Auf der Längenseite des Hauses, die dem alten Schlosse und dem Süden zugerichtet war, hatte der Rathskeller sieben kleinere hohe Giebel, die zu der Mitte des sehr hohen Daches reichten, und nur eine Etage, welche den großen Rathhaussaal bildete. Die ersten Fenster in den Giebeln entsprachen der niedrigern zweiten Etage der Frontseite. Der Rathhausbau, unternommen in der Blütezeit Heustedts, wo dasselbe Mitglied der mächtigen Hansa war, und der Graf, den Uebermuth des Städtchens zu strafen, sich ein paar Stunden oberhalb der Weser die Neue Burg baute und seine Residenz dahin verlegte, hatte das Kapitalvermögen der Stadt verzehrt, das geringe Grundvermögen mit Hypotheken belastet, und als der Dreißigjährige, und dann der Siebenjährige Krieg hinzugekommen waren und nun auch noch die einzelnen reichen Bürger ihres Vermögens beraubt hatten, war Heustedt immer mehr gesunken, bis es zu einem Centralpunkt der Provinzialbehörden gemacht war. Vor dem Rathskeller befanden sich drei Linden, welche den Platz unter der Laube beschatteten, der Lieblingsaufenthaltsort der heustedter Herren an sonnigen Sommernachmittagen. Trat man vor diese Linden, so sah man die Schloßstraße hinunter und zum neuen Schloß hinauf. Die linke Seite der Schloßstraße bestand aus einer langen Reihe meist gleichartig nach einem Brande im Siebenjährigen Kriege auferbauter Bürgerhäuser, sämmtlich mit den Giebeln nach der Straße, und endete kurz vor dem gräflichen Park in der Weserstraße, einer kurzen zur Weser herabführenden Straße von wenig Häusern. Nach dem Schlosse und an die Schloßmauer gelehnt stand sogar nur ein Häuschen. Auf der andern Seite der Schloßstraße, dem Rathskeller gegenüber, befanden sich die großen Wirthschaftsgebäude der Burgmannswohnung, eines Herrn von Vogelsang. Das Wohnhaus desselben stand in einem schönen Blumengarten dem Amtshause gegenüber, hinter diesem Garten war eine hohe weiße Mauer gezogen, welche Garten und Park des neuen Schlosses von den Burgmannswohnungen sowie von den übrigen Stadtwohnungen trennte. An die Nebengebäude des Vogelsang'schen » castrum «, wie es in der Kunstsprache hieß, grenzte in der Schloßstraße die zweite Burgmannswohnung, das castrum nobile des Herrn Barons von Bardenfleth. Das war ein bis an die Straße vorgedrungener Neubau, ein bloßes Herrenhaus ohne andere Wirthschaftsgebäude als Stallung, weil ohne größern Grundbesitz. Hinter dem Hause war ein Garten, der sich an die Parkmauer lehnte. Dann kam, durch einen Garten von der vorigen getrennt, die dritte Burgmannswohnung, sie war in bürgerliche Hände übergegangen, und aus dem alten castrum waren drei Häuser erbaut, von denen das, auf dem die Landtagsstimme ruhen geblieben, seine Front gegen die Schloßstraße, die beiden Häuser solche aber gegen Norden, einen Kirchplatz mit der Schloßkirche erstreckten. Am Kirchplatze vorbei führte ein Weg in den Park, schlechthin der Heuweg genannt, weil das Heu aus den gräflichen Weiden hinter dem Park auf diesem Wege eingefahren wurde. Hinter der Kirche lagen die Pfarrwohnung, das Küsterhaus und die Schule. Dann begannen schon eine ganze Reihe weitläufiger zum Schloß gehörender Wirtschaftsgebäude, namentlich ein sehr großer Marstall. Das neue Schloß war bis vor nicht langer Zeit im Besitz des Grafen von Alvensleben, dessen Vorfahren damit dotirt waren, weil sich einer derselben große Verdienste erworben hatte, die Erbverbrüderung zwischen dem braunschweig-lüneburgischen Hause und dem Grafen von Heustedt zu Stande zu bringen. Das ganze Gelände, vom alten bis zum neuen Schlosse, das sich hinter den Burgmannshöfen und der Schloßstraße bis zur Weser hinwegzog, die kostbaren Weideländereien dahinter, daneben viele Meierbauern, Eigengehörige, Zehnten und andere gutsherrliche Gefälle waren dem Burgmann Alvensleben geschenkt. Sein Enkel, der sich eine Zeit lang neben dem um die Kurwürde für Hannover ambirenden Kanzler Grote in Wien aufhielt, wußte sich dort den kaiserlichen Reichsgrafentitel für Geld und gute Worte zu verschaffen. Der Sohn dieses ersten Grafen folgte Georg I. als Hausminister nach England, er war es, der das neue Schloß erbaut hatte. Am Ende der Schloßstraße war ein großes, mächtiges, aus Granitquadern erbautes Thor, mit zwei Nebenpforten für Fußgänger. Auf den Quadern standen zwei Bären, welche dem Eintretenden das Wappen der ausgestorbenen Dynastie, die Bärenklaue im goldenen Felde, als einen Schild entgegenstreckten. Der Kaiser hatte dem neuen Reichsgrafen dieses Wappen verliehen. Seit kurzer Zeit war jedoch der Schild des Bären zur Linken verändert, statt der Bärenklauen sah man einen vom Spieße durchstochenen Mohrenkopf, das Wappen der Grafen von Wildhausen. Das Geschlecht des Grafen von Alvensleben war nämlich seit kurzem bis auf eine Erbtochter ausgestorben, und diese, Melusine, hatte sich mit dem Grafen von Wildhausen, Geheimem Rath und Oberstallmeister Sr. Majestät des Königs Georg III. von England, Kurfürsten von Hannover u. s. w., vermählt. Eine etwa 150 Schritt lange Lindenallee führte nach der Einfahrt ins Schloß rechts und links um ein Rasenrondeau, durch das sich Fußwege in Form einer 8 zu der Höhe des Schlosses schlängelten. Hier war in einem Gebüsch von Myrten und Rosen, die aus dem Gewächshause erneuert wurden, die Statue des Amor und der Psyche, nach antikem Muster von geschickter Hand in Marmor gehauen, aufgestellt, während in der Mitte des Rondeau eine Fontaine ihre Strahlen in ein marmornes Becken warf. Das Schloß zeigte ein auf dorischen Säulen ruhendes Portal, das oben als Balkon, zur Erde als Unterfahrt diente, und das sich vor der ganzen Front des Hauptgebäudes herzog. Dieses hatte neben der großen Balkonthür vier hohe Fenster und nur ein Stockwerk. An das Hauptgebäude schlossen sich aber zwei Seitenflügel, welche mit demselben eine Front bildeten, aber von vorn die Aussicht zweier Thürme hatten, da sie thurmartig gegiebelt und eine Etage höher waren als das Mittelgebäude. Ein Thurm selbst befand sich am nördlichen Ende des linken Flügels, er enthielt in seiner obern Etage die Wasserbehälter für die Fontaine. Von Norden sah man in ein großes längliches Viereck als Hofraum. Im rechten Flügel des Schlosses befand sich zu ebener Erde der Gartensalon und Wintergarten, vor demselben eine Veranda, von der im Sommer Orangenblüten ihre köstlichen Düfte aushauchten und zu deren Fuße Granatbäume, Oleander und andere Pflanzen eines wärmern Klimas vergessen ließen, daß man sich in einem Winkel des nordwestlichen Deutschlands befand. Der Park war durch den Heuweg dem Publikum zugänglich, nur in der nächsten durch ein eisernes Staket abgeschlossenen Nähe des Schlosses duldete man dasselbe nicht, auch war der nordöstliche Theil des Parks auf ähnliche Weise für die gnädigste Herrschaft reservirt. Das ganze Volk nannte das den Geheimpark. Diese topographisch historische Abschweifung verdankt der Leser jener neugierigen Frage einer Mitleserin, und da ich aus den Mienen ihres freundlichen Antlitzes lese, daß sie vorläufig zufrieden gestellt ist, so kann ich nunmehr getrost fortfahren. Der mit geheimnißvollem Schleier umhüllte Ort war ein achteckiger Pavillon im reservirten Park, von dem Erbauer des neuen Schlosses bei Umgestaltung des Parks nach englischer Manier aufgeführt. Oskar Baumgarten, der achtzehnjährige Forsteleve, war seit sechs Wochen bei dem Oberforstamte in Heustedt angestellt und wohnte bei seinem nächsten Vorgesetzten, dem Forstschreiber Haus, der eins der kleinen Häuser, welche vom dritten Burgmannshofe abgetrennt waren und am Heuwege nahe dem Eingange in den Park lagen, bewohnte. Er hatte in der kurzen Zeit seiner Anwesenheit in Heustedt schon mehrfach die Erfahrung gemacht, daß, wenn das Gespräch stockte und nur irgendjemand ein Wort vom Pavillon fallen ließ, etwa sagte: »unsere Magd will heute beim Melken bemerkt haben, daß die eisernen Jalousien des Pavillons geöffnet waren«, Hans und Kunz, die Leibmedicussin und die Kornschreiberin, beredt wurden, daß einige Damen, wie Frau von Bardenfleth, und Adele, genannt das Kind, die Tochter des Oberhauptmanns, errötheten und noch viel zimperlicher als sonst thaten. War aber das Gespräch einmal im Gange, so blieb niemand zurück, ohne eine Conjectur vorgebracht zu haben. Nach den Versicherungen der einen Dame, die es von ihrem Vater wußte, der selbst im Pavillon gewesen, enthielt dieser nichts als ein chinesisches Zimmer mit japanesischen und chinesischen Spielereien. Die Frau Superintendentin meinte dagegen, in Erfahrung gebracht zu haben, der Pavillon enthalte nur einen Betsaal, in welchem der Großvater der jetzigen Gräfin seine Jugendsünden abgebüßt habe. Ein dritter wollte wissen, der Pavillon habe ursprünglich zwei Gemächer gehabt, von denen der Erbauer aber noch bei seinen Lebzeiten das hintere habe wieder vermauern lassen. Aber wozu denn diese Geheimnißkrämerei, fragte ein vierter, wenn die Sache so unschuldiger Natur ist? Der dicke Forstschreiber Haus pflegte dann wol zu sagen: »Meine Damen und Herren, zerbrechen Sie sich den Kopf nicht, was war, ist nicht mehr. Der höchstselige Graf war in seiner Jugend ein arger Heide, und da hatte er denn einer griechischen Göttin, ich habe den Namen vergessen, in den hintern Räumen Opfer gebracht. Nachdem er sich später aber zum Christenthume bekehrt, hat er die Räume vermauern lassen.« Nach wenig Tagen nun glaubte der Forsteleve den Geheimnissen des Pavillons auf der Spur zu sein. Er hatte den vielbesprochenen Pavillon noch nicht einmal von außen gesehen, denn derselbe lag auf der Ostseite des Parks, und hier hatte niemand etwas zu suchen. Es befand sich hier das gräfliche Hochwiehe, eine große Weide, welche zum Privatgebrauch der gnädigen Herrschaft diente. Da, wo dasselbe im Süden an den öffentlichen Heerweg stieß, war es bis über das Heuthor des Parks hinaus zum Graswuchs bestimmt. Dann kam eine zweite durch Hackelwerk abgesonderte Abtheilung, die zur Weide für die Pferde, Stuten, Füllen des gräflichen Marstalls diente. Die dritte Abtheilung nach Norden, durch die Weser begrenzt, diente dem gräflichen Rindvieh als Weide und Tränke. Zwar lag hinter dem Hochwiehe das Tiefwiehe, das an die Einwohner verpachtet war und täglich von hundert Melkerinnen, den Eimer auf dem Kopf oder gar zwei, das Strickzeug in der Hand, morgens, mittags und abends betreten wurde, aber dort sah man vom Pavillon nichts, denn die um einige Fuß niedriger liegende Weide war gegen das Hochwiehe durch einen hohen, sechs Fuß breiten Knick und einen ebenso breiten Graben »wehrbar gemacht«, gegen das Weidevieh nämlich. Nur wenn die Melkerinnen auf dem Wege nach Hause einen Theil des Hochwiehes, den sogenannten Milchweg, der auf die öffentliche Straße führte, passirten, sahen sie den Pavillon, der ihre Neugierde aber nicht in dem hohen Maße fesselte, als dies bei der Gesellschaft der Fall war. Oskar Baumgarten hatte sich bei den Leuten des Schlosses, mit Ausnahme des alten unzugänglichen Haushofmeisters, schnell beliebt zu machen gewußt, und ihm war infolge dessen eine Freiheit gestattet, die andern versagt war, er durfte über den Schloßhof und die Schlutbrücke den nächsten Weg zum Badeplatze an der Weser nehmen. Hinter dem Schlosse, am westlichen Eingange in den Geheimpark, wo dieser in einen spitzen Winkel nahe dem Weserufer auslief, mündete die Graft durch eine Sieleinrichtung in die Weser. Die Graft mußte bei Hochwasser sowol bei Ausgang wie Eingang verschlossen werden, und nannte man die Vorrichtung »das große Slut«. Hier war eine eiserne Brücke über die Graft, und der Weg am weidenbebuschten Weserufer führte zu der kleinen Slut, wo der Graben, der Hochwiehe von Tiefwiehe schied, in die Weser mündete, gleichfalls verschließbar. Hier in der Nähe der Tränke der Bürgerkühe war die einzige gute Badestelle, mit grandigem Untergrunde und gehöriger Tiefe ohne zu starke Strömung. Man konnte diese Stelle nur auf einem großen und nicht ungefährlichen Umwege, durch das Tiefwiehe mit dem bürgerlichen Milchviehe, erreichen oder mußte mit einem Kahn die Weser herabfahren, wo dann die Auffahrt beschwerlich war. Oskar hatte sich in den Fluten der Weser erfrischt und ging in Gedanken versunken zum Schlosse zurück, als er sich erinnerte, daß man auf dem Rathskeller viel von zwei kostbaren Füllen gesprochen hatte, die der Graf in England erworben habe. Er war der Pferdeweide nahe, er brauchte nur links abzubiegen und das Hackelwerk zu übersteigen, welches sie von der Kühweide trennte. Schon sah er von fern, wie die muthigen Dreijährigen im wilden, aber schönen Trabe am Hackelwerk entlang ihm entgegensprangen, als wären sie neugierig, hier einmal einen Menschen zu sehen. Es waren überhaupt ausgezeichnete Thiere, die hier weideten, und der Jüngling konnte es nicht unterlassen, das ganze Weiderevier hindurchzugehen. So kam er dem Park näher und sah hier den chinesischen Pavillon vor sich. Er ging der Graft entlang, diese hatte nur einige Fuß tief Wasser, das man leicht hätte durchwaten können, auch hätte man auf den hier und da durch die Graft geschlagenen Palissaden, die oben durch ein Querholz zusammengehalten wurden und sehr breit auseinanderstanden, um den Wasserabzug nicht zu erschweren, trockenen Fußes herüberkommen können; aber drüben starrten dicht aneinandergereihte eichene, oben spitz zugeschnittene neun Fuß hohe Palissaden und dahinter eine Schwarzdornhecke, welche noch über jene hervorragte, dem Eindringling entgegen. Von der Graftseite konnte man nicht in den reservirten Park gelangen, und doch war darauf Oskar's ganzes Streben gerichtet, denn er bemerkte, daß Thür und Jalousien des Pavillons weit geöffnet waren, um dem Sonnenschein Einlaß zu verschaffen. Oskar mußte sich dem Ausflusse der Graft zu bewegen, um über die Slutbrücke in den Geheimpark zu kommen. Kurz vor dem Pavillon entdeckte er auf beiden Seiten der Graft einen Vorbau von Sandsteinen, der den Zwischenraum auf etwa zwölf Fuß ermäßigte. Mit einer Stange wäre es ihm ein Leichtes gewesen hinüberzuspringen. Aber obwol an der Parkseite die Palissaden und die Hecke auf etwa sechs Fuß fehlten, war an ihre Stelle eine Art eiserne Laube noch einmal so hoch als die Palissaden getreten, welche offenbar niedergelassen werden konnte und dann als Brücke eine directe Verbindung zwischen Geheimpark und Hochwiehe herstellte. Es blieb für den Forsteleven daher nichts anderes übrig, als durch den öffentlichen Park auf einem Wege, den er sich schon früher ausgedacht, in den Geheimpark zu steigen. Allein das Glück begünstigte ihn, der alte Haushofmeister hatte die Thür zum Geheimpark zu verschließen vergessen und sich bei der Mittagshitze zu einem Schläfchen im Schatten einer mächtigen Platane ausgestreckt. Es gab aber Wege genug, zum Pavillon zu gelangen, ohne an dem Schläfer vorübergehen zu müssen. Der Forstmann schlich sich vorsichtig durch das Gebüsch dem Pavillon zu. Dieser stand auf einer Höhe, welche an ihrem Fuße ringsum durch dichtes, wildes, unzugängliches Gesträuch und nach Westen von einem in der That undurchdringlichen Nadelholzbestande umgeben war. Oskar umkreiste den Platz und fand endlich zwei Hängeeschen mit zur Erde reichenden Aesten, davor einen wilden Rosenbusch. Letztern umgehend, und unter die Eschen kriechend, fand er einen schmalen Fußweg, den man gebückt bis auf die andere südöstliche Seite umschreiten mußte, wo Stufen zu dem Plateau der Erhöhung emporführten. – Klopfenden Herzens stand er oben. Aber er ist enttäuscht, er sieht sich in einem chinesischen Zimmer mit zwei Fenstern, einer geraden Giebelwand und zwei schrägen Wänden. An diesen stehen zwei Sofas vom feinsten Strohgeflecht, vor denselben zwei Tischchen von japanischer Arbeit mit Blumen und Vögeln der buntesten Farben in Perlmutter ausgelegt. An den Fensterseiten stehen vier Stühle, fein aus Stroh geflochten, gewiß chinesische Arbeit. Auf der Hinterseite, der Thür gegenüber, befinden sich chinesische Gemälde mit Korkschnitzereien. In der Mitte der Wand unter Glas und Rahmen hängt ein großer Hühnerhof mit vielem Geflügel von allerlei Aussehen, in der Mitte der große Pfau, alles aus den Federn gar künstlich gearbeitet. Daneben hängen auf Seide gestickte Gemälde, darüber schöne Korkschnitzereien, nach oben zu folgen auf die Wand selbst gemalte Charakterfiguren im chinesischen Stil. Es ist ein sechseckiges Gemach, in dem Oskar sich befindet. In allen sechs Ecken befinden sich chinesische Hängebörte mit zahlreichen chinesischen Nippes von Elfenbein, Porzellan und Bronze. Auf einem der Borte befinden sich auch ein Paar chinesische Kinder und ein Paar Damenschuhe. Der Forsteleve hält beide für Puppenschuhe. Außerdem befindet sich allda ein aus Bambus angefertigtes Instrument, dessen Gebrauch er nicht errathen kann. Wir wollen verrathen, daß es ein Kopfhalter für chinesische Damen ist, ein Kopfbänkchen, das die Chinesinnen so wenig entbehren können als unsere Damen die Fußbänke. Oskar sieht alle diese Herrlichkeiten nur flüchtig an, er besorgt, durch den Haushofmeister überrascht zu werden. Er mißt jetzt die Größe des Zimmers und die Entfernungen der Wände und Winkel, mißt den Umfang des Tempels und notirt sich die Zahlen. So viel ist ihm unzweifelhaft, es muß hinter dem chinesischen Zimmer noch ein Raum sein, beinahe noch einmal so groß als das Zimmer selbst. Er kehrt zurück und untersucht die Hinterwand, um womöglich eine Tapetenthür zu finden oder etwas Aehnliches. Allein soviel er pocht mit der Hand wie mit dem Griff des Hirschfängers, den er bei sich führt, nirgends ein hohler Ton. Bis auf das in der Mitte hängende Bild lassen sich alle Bilder abnehmen und verschieben, dieses scheint in der Wand selbst befestigt zu sein. Nirgends die Spur einer Ritze, einer Spalte, nirgends ein Klang von Holz. Der Neugierige untersucht nun auch den Fußboden, nachdem er die feinen von Bast geflochtenen Decken gelüftet; er ist parketirt, nirgends eine Spur von Maschinerie, oder was darauf hindeutete, daß der hintere Raum zugänglich sei. Was kann in diesem Raum überhaupt sein, da er kein Fenster hat, keine Luft zuläßt? Oskar läuft nochmals um den Tempel, untersucht jede Wand, alles ist Stein, bis auf das unter dem kupfernen Dache herlaufende Gesims von Stuccaturarbeit. Die Sorge, überrascht zu werden, läßt ihn nicht länger weilen. Er eilt durch den Park, ohne für diesen Augen zu haben; der Haushofmeister schläft auf seiner Moosbank noch den Schlaf des Gerechten, und der junge Mann athmet erst frei, als er im öffentlichen Park ist. Zu Hause angekommen, vergißt er, daß es Zeit ist, das Mittagsmahl auf dem Rathskeller einzunehmen. Er zeichnet einen Grundriß des Tempels nach den von ihm aufgenommenen Messungen, zeichnet das chinesische Zimmer hinein und findet nun, daß der unbekannte Raum dahinter ein Zehneck bildet. Der Forsteleve glaubte wunder welche Entdeckung gemacht zu haben und freute sich auf den Abend, wo er zum Forstschreiber Haus zu einer kleinen Spielpartie eingeladen war. Er tafelte allein nach, spazierte dann in den Park, darüber nachdenkend, wo wol ein Eingang in das Zehneck zu finden sei, denn er war entschlossen, den noch übrigen Theil des geheimnißvollen Verstecks zu enträthseln. Als man am Abend nach beendigtem Spiele hinter dem Becher saß, verfehlte er nicht, seine Entdeckung vorzutragen, seine Zeichnung hervorzuziehen und zu erläutern; aber ihn traf das Schicksal vieler Propheten im eigenen Vaterlande, niemand schenkte ihm Glauben, ja man lachte ihn aus – jeder dachte bei sich, ich weiß besser, was in dem Tempel ist. Zweites Kapitel. Vor dem Rathskeller. Es war acht Tage nach Pfingsten, als die Honoratioren Heustedts an einem schönen Nachmittage sich vor dem Rathskeller zu einem kühlen Trunke alten Rheinweins, wie alltäglich im Sommer, versammelten. Der behäbige, beständig schmunzelnde Wirth, Herr Krummeier, mußte auf einen zahlreichen Besuch rechnen, denn er hatte zu beiden Seiten der Hausthür die großen runden Tische aufgestellt und die mit Leder überschlagenen Stühle mit den geraden langen Lehnen. Für den Forstschreiber Haus, der häufig am Zipperlein litt und keinen Zug ertragen konnte, wenn er zu Hause und misgelaunt war nicht einmal das Aufziehen einer Kommodenschieblade, weil das Zug verursache, war auf der steinernen Bank ein bestimmter Platz reservirt und mit einem abgesessenen Plüschkissen belegt; ein zweites für seinen Rücken hing an der Wand. Es war ein stattlicher Mann, der Herr Forstschreiber, wie er mit langsamem Schritt in einem grünen Frack mit kurzen breiten eingeschlagenen Schößen und breiten Patten auf der Brust, im breiten Ledergurt, der den dicken Bauch statt einer Taille umfaßte, den Hirschfänger an der Seite, einhertrat. Er trug freilich einen dreieckigen Hut, aber keinen Zopf, sein schon grau melirtes braunes Haar fiel ihm in natürlichen Locken um den breiten Hals. Jetzt setzte er sich, zog die Pfeife mit dem gemaserten ulmer Kopfe aus der Tasche, stopfte sie aus einem wildledernen Tabacksbeutel, nahm Stein, Stahl und Schwamm in die Hand und schlug mit dem ersten mal Feuer. »Ja! ja, wer's mit seinen funfzig Jahren noch so kann, wie der Herr Forstschreiber!« schmunzelte der Wirth, indem er ein im Sonnenschein wie Gold funkelndes Glas Wein vor demselben niedersetzte. – Ein Lächeln überzog das Gesicht des Gastes. Sehen wir uns dieses an. Woher kommt es, daß uns, die wir beinahe hundert Jahre später leben, Gesicht und Gestalt so bekannt vorkommen, ja ich möchte sagen anheimeln? Die Gestalt, nun ja, sie erinnert an den tapfersten der Tapfern, unsern lieben Hans Falstaff. Aber das Gesicht? Ja da haben wir es, diese kleinen schlauen lächelnden Augen, dieser breite, aber ironische Mund, diese Nase, die freilich noch keine neue gebiert, aber auf rühmlichst bestandene Kämpfe hinter dem Römer hinweist, erinnern sie uns nicht an das allbekannte Gesicht des Kladderadatsch? Und doch ist er die Seele des Oberforstamtes, ohne die sein Chef, der Oberforstmeister von Teufel, nicht acht Tage als solcher leben und existiren könnte, denn der Herr gehörte nicht zu den klugen Teufeln, wohl aber zu der hannoverischen Aristokratie, von der man sagte, daß sie nichts zu wissen und nicht zu lernen brauche, daß bei ihr der Verstand mit dem Amte komme. Herr von Teufel kannte seinen Oberforstamtsbezirk sehr wenig. Von Forstculturen, haubaren Beständen, von Boden, der mit Eichen, Buchen, Birken oder Kiefern bestellt werden mußte, hatte er keinen Begriff; das Einzige, was er verstand, war, daß er einen Rehbock von einem Kalb unterscheiden, einen Hasen schießen, und wenn es die Noth erforderte, einen Eber abfangen konnte. Am liebsten ging er auf die Schnepfenjagd; – er war ein alter Junggeselle. Aber er war von sehr altem Adel, seine Urahnen hatten große Verdienste um das Fürstenhaus gehabt, man mußte ihn placiren. Die Forstcarrière erforderte kein Genie. Als Oberforstmeister bezog er einen Gehalt von 3000 Thalern. Ihm wurden zwei Wagenpferde und zwei Reitpferde vergütet, damit er seinen großen Bezirk bereisen könnte, nie war er aber über die nächsten Forstreviere hinausgekommen, und Unterförster wie reitender Förster spielten ihm manchen Streich. Alle Arbeit fiel auf den schlecht besoldeten Forstschreiber, einen Lebemann, der viel arbeiten mußte, aber auch viele Bedürfnisse hatte. Herr von Teufel war daneben geizig, von ihm selbst hatte Haus für alle Arbeit, die er für ihn that, nichts, als daß er auf Geschäftsreisen Wagen und Pferde seines Chefs benutzen durfte, während er sich daneben Diäten und Extrapost anrechnete. Außerdem fielen manche kleine Accidentien, namentlich für die Küche ab, dafür, daß er ein Auge zudrückte zu dem, was er sah, und was der Herr Oberforstmeister nicht sah. Das Accidentienwesen, das Leben und Lebenlassen, das ein Auge Zudrücken, damit zur rechten Zeit ein anderes Auge gleichfalls zugedrückt werde, hatte unter dem aristokratischen Regiment im Lande der Welfen, wie in manchen andern, die höchste Stufe erreicht. Die schlecht bezahlten Arbeiter suchten Nebenverdienste, und die gut bezahlten Nichtsthuer begünstigten das in aller Weise, um zufriedene Diener zu haben. Der Forstschreiber war schon seit funfzehn Jahren verheirathet, er hatte aber erst im zehnten Jahre der Ehe das Glück gehabt, daß ihm ein Sohn geboren wurde, und seitdem auf Andrängen der Ehehälfte verschiedentliche Versuche gemacht, etwas zurückzulegen, was ihm aber nicht gelungen war. »Wer kann bei einem Fixum von 600 Thalern etwas zurücklegen?« pflegte er zu sagen, »mag sich der Junge durch die Welt schlagen, wie ich selbst es gemußt habe.« Mit hastigem Schritte kam jetzt ein kleiner beweglicher Mann, einen großen Rohrstock mit goldenem Knopfe in der Hand, in seinem braunen Frack mit übergeschlagenen Patten, dreieckigem Hute, schön gepudertem, in zwei Locken gelegtem, hinten zum Zopf zusammengebundenem Haar, weißem glattrasirten Gesicht, weißem Halstuch, dessen Spitzenenden tief auf die große seidene Weste hinabfielen. Er kam mit einer Hast, als wenn er etwas versäumt habe, setzte sich auf einen Stuhl in der Nähe des Forstschreibers, legte den Hut auf den Tisch, wischte sich den Schweiß von der Stirn, zog dann eine große Horndose aus der Tasche, präsentirte sie seinem Nachbar und nahm selbst eine Prise. Haus nieste stark auf. »Prosit, Herr Bruder«, sagte der Kleine, »gut, daß wir unter uns sind. War heute Morgen im Sellinge, zu versuchen, ob mit dem Rietbauer ein Vergleich zu schließen sei. Herr von Teufel will, wie du weißt, die Sache um jeden Preis aus der Luft haben, fürchtet Verweise von Hannover, mag einsehen, daß dem Rietbauer unrecht geschehen ist. Ist aber nicht auf den Kopf gefallen, der Rietbauer, hat heute im Termin an Ort und Stelle den reitenden Förster so zugedeckt mit Spitzen über die vortrefflichen Waldculturen desselben, die verdienten in Hannover zur Nachahmung bekannt zu werden, daß der reitende Förster, der ja eigentlich die Ursache des Streits ist, ganz kleinlaut wurde und mit einem Vergleichsvorschlage herankam, den selbst der Rietbauer und mein College Bardeleben annehmbar fanden. Soll die streitigen zwanzig Morgen Wiesen am Riet haben, dagegen aber am Hämelsberge vierzig Morgen zu Forstculturen abtreten; kennst ja den Sandboden dort. Wird auf dich ankommen, den Vergleich zur Genehmigung bei der Rentkammer zu empfehlen, möchte aber dazu rathen. »Uebrigens treibt es der Hacke doch zu arg. Bisher waren es nur sechs bis sieben Morgen Weizen, die er im Walde cultivirte, dies Jahr sind es zehn Morgen, und dann an einer zweiten Stelle noch zwei Morgen mit weißem und braunem Kohl. Wie viel Geld wird der Rentkammer für Anpflanzung von Eichheistern auf diesem Terrain berechnet?« »Amtsadvocat und Bruderherz«, erwiderte Haus und kniff das linke Auge ganz zu, mit dem rechten verschämt lächelnd, »bist heute Morgen wol einige Stunden zu früh aufgestanden, und dein Fuchs ist ein Harttraber, siehst viel zu schwarz. Bin ich doch seit zehn Jahren nicht in Hacke's Revier gewesen, da es das einzige ist, das mein würdiger Chef selbst inspicirt. Ich sehe nichts, was er nicht sieht, ich höre nichts, was er nicht sagt. Hat immer verdammt hübsche Deeren der Hacke, ist ein Blitzkerl, weiß den Alten um den Finger zu wickeln. Neue Methode das, sollen Eichen besser wachsen, wenn das Land erst einige Jahre ordentlich umgearbeitet, bedüngt und mit Früchten bestellt ist. Hat Erlaubniß zum Versuch mit vier Morgen, und wenn der Versuch gelingt, mit noch acht Morgen. Wird nun wol das Ganze in Cultur gesetzt haben, ist eine schwere Arbeit, und wenn schließlich als Resultat herauskommt, daß sich das Land zum Ackerbau besser eignet als zur Forstcultur, hat die Rentkammer noch immer Vortheil. Was den Kohl anlangt, lieber Freund und Bruder, nichts wie eine Hasenfalle. Bedenk, was du sprichst. Hacke hat mir im vorigen Jahre drei Rehböcke, zwei Hirschkeulen, ein Paar Dutzend Rebhühner und Becassinen geschickt, und dann jene Birkhühner, die dir so ansgezeichnet mundeten. Dafür überlasse ich Herrn von Teufel das Hacke'sche Revier zur Revision.« »Sollte mich sehr irren«, versetzte scheu lächelnd der andere, »wenn nicht auch in die Küche der Frau Liebsten dein so ein Dutzend Langohren und etwas Geflügel und Hochwild Eingang gefunden hätten. Ist ein verständiger Mann der Hacke, brauchst ihm nur anzudeuten, daß seine Hasenfalle im Sellinge ihm wol das Schießen sehr erleichtere, wird's verstehen. Uebrigens soll euer Vergleich bestens empfohlen werden, obgleich das Brot gegen Stein vertauschen heißt.« Es trat ein neuer Ankömmling an den Tisch, ein langer dünner Mann im silbergrauen Kleide, grauen Kniehosen, weißen Strümpfen und Schnallenschuhen. Sein Zopf war sehr lang und steif, und ebenso steif war sein Rücken. Der an seiner Seite hängende Galanteriedegen benahm sich sehr störrisch und machte das Niedersitzen des steifen Herrn zu einer Kunst. Das war der Amts- und Kornschreiber Motz. Beinahe gleichzeitig mit ihm erschien der kaiserliche Notarius und Advocat Bardeleben, der im Geruche stand, nach dem Forstschreiber der größte Freigeist und Spötter zu sein, ein echter Voltairianer und Feind »der Schändlichen«. »Seiner Hochwohlgeboren Herr Oberhauptmann von Schlump«, sagte er, »geht, wie ich vor meinem Hause gesehen, tief in Gedanken versunken schon seit einer Stunde auf der Brücke auf und ab, der Schweiß rinnt ihm von der Stirn. Ich wette zehn Buddel gegen einen, daß er darüber nachdenkt, mit welchen Redensarten er morgen die Excellenz begrüßen will, oder daß er die vom Supernumerar Thorschreiber, wollte sagen Amtsschreiber, entworfene Rede einexercirt.« Mau lachte, der Forstschreiber wollte etwas erwidern, in diesem Augenblicke trat aber der Wolf in der Fabel um die Ecke des Rathskellers, grüßte steif und vornehm und nahm den für ihn reservirten Stuhl ein. Von der andern Seite, aus seiner Hausthür, keuchte der Freiherr Kurt von Vogelsang heran, ein noch junger Mann, aber über zweihundert Pfund schwer, seit kurzem von der Provinziallandschaft zum Landrath erwählt. Sein Gesicht verrieth mehr Gutmütigkeit als Intelligenz, seine Körperfülle bei vierunddreißig Jahren mehr Phlegma und Gleichgültigkeit als Energie. Es kam noch der eine und der andere, der Bürgermeister der Stadt, der Advocat und Gerichtshalter Prinzhorn, der Baron von Bardenfleth, der Forsteleve Oskar Baumgarten. Die jüngern Leute nahmen an dem zweiten Tische jenseit der Thür Platz. Die Unterhaltung bewegte sich zunächst vertraulich zwischen den nächsten Nachbarn. Als indeß der Wirth, der das Bedürfniß eines jeden kannte, diesem ein Glas, dem eine halbe Flasche, dem eine Drittelflasche mit dickem Bauche vorgesetzt, verschiedene neue Thonpfeifen gebracht und einen marmornen Tabackskasten mit Knaster auf den Tisch gesetzt hatte, berührte der Forstschreiber das Thema des Tages, das allen auf dem Herzen und vielen schon auf der Zunge lag. »Wird die gnädige Excellenz morgen schon annehmen?« sagte er. »Sollte es glauben«, entgegnete der Gerichtshalter, »hoffe auch, daß wir morgen schon zum Diner befohlen werden. Wird sehr großartig werden, der Gerichtsdiener hat mir berichtet, daß schon gestern drei kurfürstliche Rüstwagen angekommen, auch Küchenmeister, Mundkoch, Bratenmeister, Gegenküchenschreiber und anderes Volk.« »Es wird der Aufenthalt der Excellenz wenigstens lange dauern«, verlautete der Forstschreiber, »haben vom Oberjägermeister Befehl erhalten, die gräfliche Tafel acht Wochen mit Wild zu versehen, gestern schon zwei Rehböcke geliefert und ein Dutzend wilde Enten. Nach Herrenhassel Befehl, einen Hirsch zu schießen, Federschützen überall in Thätigkeit gesetzt. Verdammt schlechte Zeit jetzt, werden unsern Wildstand schön ruiniren.« »Möchte, Excellenz wäre wo der Pfeffer wächst«, brummte der Landrath halblaut. Der Supernumerar Amtsschreiber fragte, zum Herrn Oberhauptmann aufsehend: »Ist es denn wahr, daß die gnädige Gräfin hier ihre Wochen abhalten will?« »Da muß Er den Leibmedicus fragen«, erwiderte der Oberhauptmann von Schlump kalt. »Da kommt er, lupus in fabula «, riefen mehrere. Der Leibmedicus Dr.  Ludolph Chappuzzeau, ein kleiner geschniegelter Herr, »wie aus der Lade genommen«, sagte man in Heustedt, hatte die Frage noch vernommen, er begrüßte die Gesellschaft sehr förmlich und hatte die Ehre, wie er sagte, bestätigen zu können, daß Ihre Excellenz die Gräfin von Wildhausen Heustedt die Ehre erzeigen würde, ihr erstes Wochenbett im Schlosse ihrer Ahnen zu halten. Es trat eine Pause in der Unterhaltung ein, da dem Leibmedicus erst ein Stuhl gebracht werden mußte. »Aber Forstschreiberchen, Forstschreiberchen, schon wieder hinter der Flasche? Ist doch das Zipperlein erst seit drei Wochen vertrieben«, sagte der Arzt. »Nur gefärbtes Wasser, Herr Leibmedicus, – reine Gottesgabe.« Im Hause des Oberhauptmanns schien Damengesellschaft zu sein, denn es verging keine Minute, daß nicht ein Damenkopf mit hoher Frisur aus einem der offenen Fenster hervorkam, um nach Osten zu schauen. Jetzt hörte mau in der Ferne das Geräusch eines Wagens, und fünf Köpfe schauten auf einmal aus den Fenstern, und sämmtliche Herrenköpfe, die nach dem Rathskeller zugewendet waren, drehten sich nach Osten. Ein Wagen kam in starkem Trabe die hohe Brücke herab. »Ist nicht!« sagte der Forstschreiber, »ist nur der Oberdeichgräfe.« Der Wagen kam näher, ein einzelner alter Herr saß darin, der freundlich grüßte und gegrüßt wurde. »Kennen die Herrschaften denn die neueste Geschichte von meinem Herrn Gevatter?« fragte der Gerichtshalter und fing sogleich zu erzählen an: »Vorgestern, als die Frau Oberdeichgräfin große Wäsche halten will, fehlen sechs neue Hemden, die sie erst zu Weihnachten ihrem Manne geschenkt. Natürlich großer Lärm. Es wird zu mir geschickt, die Hemden müssen von den Dienstboten gestohlen sein, behauptet die Frau. Ich soll die Koffer der Dienstboten und des Kutschers öffnen lassen, dies geschieht. Es findet sich nichts. Der Kutscher ist erbost, er sagt, ich solle nur einmal den Verschlag in der Kutsche des Herrn öffnen, der käme ihm verdächtiger vor als sein Koffer, der stänke seit acht Tagen schon, als sei eine Kindesleiche darin. »Ich begebe mich auf das Studirzimmer des alten Herrn, er sitzt in Acten vertieft und schiebt, als ich hineinkomme, die Brille von den Augen auf die Stirn, wo schon zwei Brillen sitzen, in demselben Augenblick fängt er aber auch sofort an, nach einer Brille zu suchen und auf dem Schreibtische herumzutappen. Ich will einen Scherz machen und sage: »Lieber Gevatter, ich komme in einer ernsthaften Criminalangelegenheit. Es ist zur Anzeige gekommen, daß in Ihrem Kutschkasten ein neugeborenes Kind seit länger verborgen sei, das jetzt in Verwesung übergegangen. Ich bitte um den Schlüssel dazu . . .« Der alte Koch wird blaß, er fängt am ganzen Leibe zu zittern an, dann fällt er mir in die Arme und schluchzt: »Ums Himmels willen, Gevatter, daß meine Frau nichts erfährt. Hier ist der Schlüssel, verbergen Sie sofort das Ding unter dem Mist.« »Das Kind?« sage ich. »Ach was Kind«, schreit jener, »den schönen Kalbsbraten, den ich vor vier Wochen in Nienburg bei Spellerberg gekauft, um meine Frau zu überraschen, und in dem verdammten Kutschkasten habe liegen lassen.« Ich halte mir den Bauch vor Lachen; indeß kommt auch schon die Frau wie eine Furie heraufgestürzt: »Was ist das mit dem Wagen? Die ganze Remise stinkt ja wie die Pest, her mit dem Schlüssel!« Ich bemühe mich, die Frau zu besänftigen, den Vorfall aufzuklären, mein Gevatter habe ihr eine Ueberraschung bereiten wollen, bei seiner Rückkunft aber von Geschäften in Empfang genommen, habe er den Kalbsbraten vergessen. »Nun ging aber der Lärm erst los. Als ich glaube, die Frau habe sich ausgetobt, kommt auf einmal ein neuer Raptus über sie. »Er ist der Dieb«, schreit, sie, »der alte Basel-Peter ist der Dieb! Ich muß ihn selbst untersuchen.« Damit springt sie auf den Mann zu, reißt ihm Schlafrock und Weste auseinander. »Da haben wir's, hat der Basel-Peter wahrhaftig sechs Hemden eins über das andere gezogen bei der Hitze! Mann, Mann, was soll daraus noch werden, du steckst mir in der Baselei noch das Haus über dem Kopfe an.« »Ich konnte nicht länger bleiben, ich wäre vor verbissenem Lachen erstickt.« An beiden Tischen lachte man laut, selbst das ernsthafte Gesicht des Amtsschreibers verzog sich zu einem sauern Lächeln. Wie selbstverständlich, wußte nun jedermann von der Vergeßlichkeit des alten Herrn zu erzählen, und doch war dieser tüchtiger als die meisten, die hier versammelt waren. Als der Anekdotenvorrath über den Oberdeichgräfen erschöpft war, begann der Hofmedicus sich durch Husten, Schnauben, Räuspern zum Sprechen vorzubereiten. Man kannte seine Manier. Man wußte, daß jetzt etwas Gewichtvolles kommen würde. »Herr Oberhauptmann«, begann er, »werden wol heute Morgen gesehen haben, daß eine Extrapost durchfuhr.« »Jawohl«, nickte Herr von Schlump, und jener fuhr fort: »Der Postmeister hatte seine Pferde auf dem Acker, und während des Umspannens besuchte mich der Insasse des Wagens. Es war der Hofchirurg Ihrer Majestät der Königin Mathilde von Dänemark, der seine in Syke wohnenden Aeltern besuchen wollte. Die Königin ist vor acht Tagen mit ihrem Gefolge in Stade gelandet. Mein College mußte gegenwärtig sein, als man am 27. April Struensee und Brandt enthauptete. Ein schauderhaftes Schauspiel, da der Scharfrichter vier- bis fünfmal zuhieb, ohne Struensee's Kopf vom Rumpfe zu trennen, und diesem Schauspiele sah Juliane Marie, mit dem Tubus in der Hand, vom Schloßthurme der Christiansburg zu. »Mein College versichert hoch und theuer die Unschuld Mathildens, obgleich dem Struensee durch die Folter das Geständniß abgepreßt wurde, daß er mit ihr ein zärtliches Verhältniß gehabt. Alles sei nur eine schändliche Intrigue der Königin-Witwe, zur Herrschaft zu gelangen. »Die Königin«, fuhr der Erzähler wichtig fort, »hat sich nach der Göhrde begeben, begleitet von der Oberhofmarschallin von Werpup, der Majorin von Ompteda und der Gesandtin von Steinberg, außer der von Dänemark mitgebrachten Dienerschaft. Graf Platen fungirt als aufwartender Hofjunker. Es würde unsere gnädigste Gräfin, die ja Jugendfreundin der Königin ist, zur Gesellschafterin der höchsten Frau befohlen sein, wenn sie sich nicht in den jetzigen Umständen befände.« Damit war dem Stoffe der Unterhaltung neue reichliche Nahrung gegeben. Die furchtbare blutige Hofintrigue war in ihren Details sehr wenig bekannt, in ganz Heustedt hielt nur der Oberhauptmann eine Zeitung, die »Berlinischen Nachrichten von Staats- und Gelehrten Sachen«. Er konnte daher mindestens einiges referiren. Diese Relation wurde durch ein Ereigniß unterbrochen, das wir erst im nächsten Kapitel näher erörtern. Drittes Kapitel. Die Crême der Societät. Wenn es in der Stadt Hannover selbst möglich war, daß der alte Adel eine Kaste für sich bildete, die sich streng abgesondert hielt, selbst vom zweiten Range, der aus dem neuen Adel und der obern bürgerlichen Dienerschaft, die mit dem Titel: Hof- oder Kanzleirath, und Geheimer Secretär und dergleichen versehen war, so war das in der Provinz nicht durchzuführen. Einen gewöhnlichen Landjunker, selbst wenn er Landrath war, und nicht etwa außerdem gute Verbindungen bei Hofe hatte, rechnete man eigentlich nicht einmal zum ersten Range. Der Oberhauptmann von Schlump gehörte freilich zum alten Adel, in Beziehung auf seine Frau aber war ein Makel vorhanden; die Mutter derselben war eine Bürgerliche gewesen. Allein er konnte doch nicht für sich eine Gesellschaft bilden, und selbst mit den beiden Burgmännern sich nicht wohl von seinem Collegen und der übrigen Gesellschaft in Heustedt absondern. Man hatte angefangen, einen Herrenclub zu bilden, zu dem man alle kurfürstlichen Diener, den Bürgermeister, den Leibmedicus, selbst die Advocaten und einige Kaufleute heranzog. Dieser Herrenclub bestand aber nur im Winter, man kam im Saale des Rathskellers zusammen, um dort Karten zu spielen, und alle 14 Tage mindestens ein gutes Souper einzunehmen. Der Herrenclub veranstaltete dann auch im Sommer Pickenicks, im Winter Bälle und Tanzkränzchen. Was die Damen anlangt, so waren die drei von Adel selbstverständlich die Spitzen der Gesellschaft, die, da es keiner gelungen war, sich die ausschließliche Führerschaft anzumaßen, eine Trias bildeten, aber eine durchaus feindselige. Die Oberhauptmännin von Schlump glaubte, daß ihr der äußern Stellung nach das Principal gebühre, ihr Mann bekleidete die höchste Charge in Heustedt, sie hätte die Mutter der Landräthin und Baronin sein können, denn ihre unverheirathete Tochter Adele war schon sechsundzwanzig Jahre alt. Allein ihre Mutter war bürgerlicher Abkunft, ein Umstand, der merkwürdigerweise von den Bürgerlichen selbst zuerst und am meisten hervorgesucht und in das gehörige Licht gestellt war. Sie hatte aber ihren Anhang, alle Frauen und Töchter der Beamten hielten zu ihr, bildeten ihre Clienten, vertraten, wenn sie abwesend war, ihr Principat. Die Landräthin von Vogelsang, eine fünfundzwanzigjährige üppige Gestalt, war ebenso wenig herrschsüchtig wie ihr Mann, es wäre ihr nie eingefallen, mit der Oberhauptmännin oder der Baronin von Bardenfleth um die Führerschaft der Gesellschaft zu streiten, aber auch um sie hatte sich beinahe wider ihren Willen eine besondere Clientel gebildet, und diese war es, die beständig darauf drang, daß sich die Landräthin geltend machte, und die dies für sie that, ja häufig vielmehr Prätensionen machte, als es die Landräthin für gut fand. Die Baronin von Bardenfleth, erst zweiundzwanzig Jahre alt, sehr hübsch, klug und gewandt, Intriguantin, wollte als Erste glänzen, es sollte alles nach ihrem Kopfe gehen, sie wollte bestimmen, ob und wann Pickenick oder Ball sein solle, sie wollte auf dem Balle und in der Gesellschaft am schönsten angezogen sein, sie verlangte, daß ihr Geist von allen anerkannt und bewundert werde. Sie hatte namentlich einen förmlichen Haß auf die Landräthin geworfen, weil deren Mann dem ihrigen jüngst bei der Landrathswahl vorgezogen war, weil dieselbe reicher war als sie, einen alten Familienschmuck von Diamanten besaß, Kleider von Atlas und Mantillen von flandrischen Spitzen haben konnte, soviel sie nur wünschte, während es ein großes Kunststück war, ihrem Manne ein solches Kleid und eine Mantille abzulocken, vor allem aber, weil ihr Mann sich nicht schämte, wie sie unter vier Augen sagte: dem dummen dicken Weibe, der Landräthin, die Cour zu machen. Auch sie hatte ihren Anhang, namentlich unter der Jugend und bei den unverheiratheten Männern, mit denen sie die zu veranstaltenden Festlichkeiten gern vorher besprach. Jede dieser Damen hatte nicht nur ihren besondern Anhang in Heustedt, sondern unter diesem eine besondere Leibadvocatin, welche die Streitigkeiten der Patronin mit ihren Kolleginnen ausfocht, hübsche kleine Geschichtchen, die diesen zum Nachtheil gereichen konnten, ersann oder mindestens unter die Leute brachte, den Ruhm ihrer Patronin predigte und sie gegen alle Angriffe und Klatschereien vertheidigte. Daß sich diese drei Advocatinnen gegenseitig noch mehr haßten, als ihre Patroninnen das thaten, war selbstverständlich. Nun hatte der Himmel oder der Zufall aber vor drei Jahren die Besitzerin des neuen Schlosses nach Heustedt geführt, und seit der Zeit war diese, wenn sie gegenwärtig, die absolute Herrscherin im Orte, ohne deren Willen nichts geschah. Die Gräfin stammte von mütterlicher Seite aus dem Geschlechte der Meisenburg, sie war Urenkelin der sogenannten bösen Gräfin Platen, der das Gerücht die Ermordung des Grafen von Königsmark schuld gab. Es hatte dieses Geschlecht in drei Generationen sich Ernst August, seinem Sohne wie seinem Enkel in Liebe zugeneigt, und die Gräfin selbst war fest davon überzeugt, daß königliches Blut in ihren Adern, wenigstens von der Mutter her, flösse, obgleich Horace Walpole, der scharfe Beobachter, in seinen Memoiren dies sehr bezweifelte. Georg II. hatte aber ihre Mutter an seinen hannoverischen Premierminister Grafen von Alvensleben verheirathet und die Mutter als Staatsdame der Prinzessin von Wales beigegeben, nachdem der Prinz selbst 1751 gestorben war. Melusine, das einzige Kind dieser Ehe, war in Carltonhouse erzogen worden und die Gespielin und Freundin der Prinzessin Mathilde gewesen. Sie hatte hier nicht an ihrer Mutter, die eine ziemlich untergeordnete Rolle spielte, wohl aber an der herrschsüchtigen Prinzessin Auguste ein Vorbild, das nur zu sehr sich ihr einprägte. Als sie siebzehn Jahre alt war, starb die Mutter, und der Vater gab die Tochter, um die er sich bis dahin wenig bekümmert und die er kaum zu lieben schien, unter den Schutz der spätern Herzogin von Kingston, damals noch Miß Elisabeth Chudleigh, einer großen Koketten. Die junge Dame wurde 1767 bei Hofe vorgestellt und ließ nichts unversucht, die Aufmerksamkeit Georg's III. auf sich zu lenken. Dies gelang ihr weniger, aber sie zog die Aufmerksamkeit der Prinzessin von Wales, der königlichen Mutter, auf sich, welche ihrem Lord Bute sagte: »Der hessische Aff muß in Hannover verheirathet werden.« Lord Bute war aber nicht mehr Minister, er konnte nur indirect auf Lord Chatham wirken, der auf das hannoverische Meiergut des Königs mit Verachtung hinsah. Erst Ende 1768 war Georg zu bewegen, einen jüngern Collegen an die Stelle des Grafen von Alvensleben zu berufen, diesem selbst seinen Dienst in Hannover anzuweisen. Melusine war eine schöne und reiche Erbin, einer der Collegen ihres Vaters, der Oberstallmeister Graf von Wildhausen, Geheimrath, im Besitz zwar von großen, aber verschuldeten Gütern, wurde zu ihrem Gemahl ausersehen. Im Sommer 1769 nahm sie von den väterlichen Gütern in Heustedt Besitz, die ihr bis dahin unbekannt waren. Sie trat auf als Königin, und alle sanken zu ihren Füßen nieder als Sklaven. Sie hätte kaum zu befehlen gebraucht, aber sie befahl, wo die kleinste Bitte, die leiseste Andeutung genügt hätte, ihre Wünsche zu erfüllen. Sie befahl kraft der Herrschaft, die sie über ihren Vater, den Geheimrath hatte. Der Oberhauptmann wie der Freiherr von Vogelsang und der Baron von Bardenfleth wurden von ihr wie Hofdienerschaft von einer Königin behandelt, von ihr, der damals noch nicht Zwanzigjährigen. Aber die Excellenz Geheimrath starb plötzlich, und nun war es Melusine selbst, die ihre Heirath mit dem Grafen von Wildhausen betrieb, der sie bis dahin ausgewichen war. Sie erlangte noch als Braut vollkommene Herrschaft über diesen, und gegen Geldopfer, die sie seinem Steckenpferde brachte, unbedingte Freiheit, als Gattin zu thun und zu lassen, was sie wollte. Graf von Wildhausen, obgleich Vorgesetzter eines so vorzüglichen Marstalls, wie es damals wenige in Deutschland gab, hatte die Marotte, ein eigenes Gestüt für Vollblut haben zu wollen. Er hatte ganz ungeheuere Summen aufgewendet, um in England Hengste und Stuten kaufen zu lassen, und sein Hauptgut an der Elbe in ein großes Gestüt verwandelt. Alle Einkünfte des großen Guts wurden von diesem Gestüte verzehrt, Hypotheken auf Hypotheken gehäuft, um dasselbe zur Blüte zu bringen. Der Graf selbst verstand sehr wenig von der Sache, und seine Stall- und Gestütmeister betrogen ihn. Die Braut bezahlte die Schulden des Grafen, und er verlegte sein Gestüt von der Elbe auf ihr Gut nach der Weser, indem sie die Unterhaltungskosten desselben übernahm. Dann ward große Hochzeit gefeiert in Heustedt. Alles was außer den bürgerlichen Offizieren zu den Hoffesten in Hannover (die auch in Abwesenheit des Kurfürsten an seinem Geburtstage oder bei sonstigen oft herbeigeführten Veranlassungen abgehalten wurden) Zutritt hatte, ward eingeladen und fürstlich bewirthet. Melusine verwirrte mit ihrer Schönheit nicht nur die Köpfe der Kammer- und Hofjunker, der Pagen und Offiziere, sondern selbst der alten Excellenzen, die das Geheimrathscollegium bildeten. Sie wußte den Sitz in demselben, den ihr Mann nur nominell einnahm, in der That einzunehmen und auszufüllen. Es geschah nichts mehr ohne ihren Willen. Die Correspondenz mit London mußte durch ihre Hand gehen, und mit dem durch die »Junius-Briefe« berüchtigten Herzog von Grafton, Premier nach Pitt dem Aeltern, unterhielt sie eine Privatcorrespondenz, die nicht selten das widerrieth, was officiell vorgeschlagen war. Diese Allmacht besiegte denn in Heustedt jedes Herz, das sich bisher noch nicht gebeugt hatte. Der Titel Excellenz hatte damals noch etwas Mystisches, die Gemüther unwillkürlich mit Dunst und Nebel Umgebendes, zur Dienstbarkeit geneigt Machendes. Es wurde nun das gräflich Wildhausen'sche Wappen neben dem Alvensleben'schen auf den Thorweg zum Schlosse gesetzt, sonst blieb alles beim alten; die Gräfin war Herrin, von ihr gingen die kleinsten wie die größten Befehle aus, nur in Beziehung auf das Gestüt galt der Wille des Grafen. Seit der Verheiratung im Jahre 1770 hatte sich die Gräfin verschiedentlich wochen-, ja monatelang, niemals natürlich ohne einen größern oder kleinern Schwarm von begleitenden Cavalieren, in Heustedt aufgehalten. Sie hielt dann nach der Art, wie sie es in London gesehen, ein förmliches Lever. Nach ihrer Ankunft versammelten sich alle, die auf die Gnade einer Einladung zum Diner, Souper oder einen Ball und sonstige Festlichkeiten rechneten, am Morgen gegen zwölf Uhr in einem Vorzimmer. Der Oberhauptmann nebst Gattin, die beiden Burgmänner mit Gemahlinnen, wie der Oberforstmeister von Teufel kamen erst, wenn die übrigen Aufwartenden schon versammelt waren, und wurden nach ihrer Ankunft ohne Aufenthalt in das Empfangszimmer der Excellenz geführt, wo diese sie zum Sitzen nöthigte und einige gnädige Worte mit ihnen wechselte, wobei sie höchstens den Herrn von Teufel als ihresgleichen behandelte und sich einen Scherz mit ihm erlaubte. Alle verließen zu gleicher Zeit den Empfangssalon, dann riß der Kammerdiener die Flügelthüren des Vorzimmers auf und meldete die Namen der Harrenden womöglich nach Stand und Rang, die Namen des Herrn Superintendenten und des Pastors, des Leibmedicus, des Amts- und Kornschreibers, des Amtsschreibers, des Supernumerar-Amtsschreibers, des Forstschreibers, des Bürgermeisters, des Gerichtshalters, des Amtsadvocaten bis herunter zu dem Rector, Apotheker und Forsteleven. Die Bürgerfrauen wurden für einen andern Tag befohlen. Die Gräfin stand dann auf, empfing die Verbeugungen und Anreden, gab dann und wann eine gnädige Antwort oder knüpfte ein kurzes Gespräch an, während dessen sich die im Vorzimmer Befindlichen nach dem eingebildeten Range ordneten, wobei es oft nicht ohne Stöße und Püffe abging. Diejenigen, welche bei der Gräfin vorbeigegangen waren, ordneten sich dann im Halbkreise. Nachdem auch der letzte passirt war, pflegte die Gräfin entweder eine kurze allgemeine Ansprache zu halten, oder sie lud einzelne oder sämmtliche Anwesende auf den Nachmittag oder den andern Tag zum Diner. Die Einladungen an die Adelichen wurden schon am Morgen vor dem Empfange abgeschickt, sie bildeten gleichsam das Zwangsmittel, bei diesem Lever zu erscheinen. Der Graf Wildhausen erschien nie gleichzeitig mit der Gräfin, er besuchte sein Gestüt viel öfter, aber nur auf kürzere Zeit, und pflegte dann nur adeliche Herren zu Tisch und zum Spiel zu sich zu laden. Es ist leicht zu erachten, daß unsere vorhin geschilderte Trias nicht sehr davon erbaut war, daß der Gräfin ohne Anstrengung das zugefallen, wonach eine jede von ihnen gerungen, die unbedingte Herrschaft. Hatten sie sich doch selbst vor ihr beugen, sie als Herrscherin anerkennen müssen. Es kochte vor Neid und Eifersucht selbst in der sonst harmlosen Brust der Landräthin, wie vielmehr in dem seit lange nur von Gift und Galle lebenden Herzen der Oberhauptmännin; die Baronin beneidete Grafentitel, Schönheit, Reichthümer, das Heer der Anbeter. Die Feindschaft und Nebenbuhlerschaft war vergessen, vereint waren alle drei gegen den mächtigen Feind, der jetzt gegen Heustedt anrückte. Die vertrautesten der drei Clientengenossenschaften waren denn heute geladen, um den Einzug der Feindin in die Festung zu beobachten und womöglich einen gemeinsamen Feldzugsplan gegen dieselbe zu schmieden. Die hohen silbernen Kaffeekannen und die sehr kleinen chinesischen Tassen waren in Bewegung gesetzt, allein das Gespräch wollte nicht in Fluß kommen; die Damen waren mit Entrelacs und Réseau-Arbeit beschäftigt oder spielten nur mit dem Fächer. Die Amtsschreiberin Motz, der Leibadvocat der Oberhauptmännin (sie hatte sich dazu aufgedrängt, denn diese bedurfte eigentlich niemals eines Fürsprechers), konnte es nicht lassen, mit einigen Stichelreden die allgemeine Unterhaltung, die sich um die hohen Kornpreise drehte, zu würzen. »Es sind heute schon wieder zehn Schiffe mit Ostseegetreide die Weser hinaufgefahren. Ja das muß man sagen, die lalenbergische Landschaft sorgt doch für die Unterthanen, während gewisse andere Landschaften nur Leben und Bewegung zeigen, wenn es eine Sinecure oder eine Justizrathsstelle zu vergeben heißt, oder darum zu petitioniren, daß die Herren Ritter rothe Röcke und blaue Hosen mit Goldstreifen als Uniform anziehen dürfen.« Der Hieb saß, er traf die Landräthin wie die Baronin, deren Männer ja beide in der Provinziallandschaft als Ritter saßen. Es war das dasselbe unbrauchbare Korn, von dem hier geredet wurde, das später zu dem berühmt gewordenen Processe mit den Branntweinbrennern Veranlassung gab. Fräulein Emilie Bardeleben, die Schwester des Advocaten, die Tochter eines wirklichen Korn- und Amtsschreibers, der zum Amtmann ernannt werden sollte, als er starb, welche das Unverehelichtsein vorgezogen hatte, weil, wie sie sagte, alle Männer treulos wären, und die dafür die mütterliche, zärtliche Freundin der Landräthin geworden, spitzte ihr Schwert, d. h. ihre Zunge zu einem Ausfalle: »Aber gnädige Frau Oberhauptmännin«, sagte sie, die eigentliche Sprecherin nicht beachtend, so dünn und spitz wie Glas, »mein Bruder meint, die kalenbergische Landschaft soll ihre Nase von Dingen lassen, die sie nicht verstehe, dieselbe habe sich in Bremen weidlich über das Ohr hauen lassen, habe lauter faules, vom Wurm angefressenes Zeug gekauft, das nicht einmal zum Branntweinbrennen gut sei. Der bremer Mäkler hatte an unsern Branntweinbrenner Peter eine Probe geschickt, dieser hat den Roggen aber nicht brauchen können, obgleich er den Himten sechs Grote billiger haben sollte als die Landschaft, die nun auch noch den Transport bis und von Hameln zu tragen hat.« – »Und dann«, fiel die Baronin Bardenfleth ein, indem sie Demoiselle Puvogel, der Schwester des Superintendenten, welche für sie das Wort ergreifen wollte, zuvorkam, »gnädige Frau, unsere Unterthanen sind denn doch wol glücklicher gestellt als die kalenberger, welche die Kriegsschulden des Siebenjährigen Kriegs durch eine Kopf steuer abzahlen und tragen müssen; bei uns klagt man höchstens über das Sportuliren , und das geht die Landschaft nichts an.« Es war so auf dem besten Wege, daß aus einem Friedens- und Versöhnungsfeste ein Zank und Kampf unter dem Dreiblatte geworden wäre, als Mama »dem Kinde«, ihrer Adele, einen Wink gab. Diese legte das Nähwerk, an dem sie arbeitete, zur Seite und kam mit einem Papier aus dem Nebenzimmer, dessen bezeichnete Seite sie sorgsam verdeckt hielt. »Meine Damen«, begann Adele, das Kind, »ich weiß nicht, ob Sie schon von der merkwürdigen Entdeckung gehört haben, die der Forsteleve Oskar Baumgarten in diesen Tagen gemacht hat.« Alle verneinten und baten, zu erzählen. Adele erzählte nun ausführlich, mit etwas aufgetragenen Farben, wann und wie Oskar den Tempel im geheimen Park gefunden, und ließ zum Schluß die Handzeichnung herumgehen. »Ich erinnere mich«, begann nun ein unverehelichtes Fräulein von Spitznas, die einen kleinen Höcker im Rücken trug und bei der Landräthin, einer Verwandten, das Gnadenbrot aß – »mit Erlaubniß«, unterbrach die Oberhauptmännin die Erzählerin, » Kind , Adele, Kind , geh' doch in die Küche und sage der Köchin, daß sie neuen Kaffee besorgt, und auch den Kuchen herausschickt« – dann, als Adele sich entfernt, sagte sie, ihren Blick auf Fräulein von Spitznas richtend, – »meine Damen, sie ist noch ein Kind, ein pures unschuldiges Kind, doch Sie verstehen mich?« – Adele mußte sich sehr beeilt haben, denn sie trat in die Stube zurück, als Fräulein von Spitznas wieder anhob: »Ich erinnere mich aus meiner Jugend, ich glaube, es war im Jahre 1740, als der König Georg II. von England hier war und in Verden das Regiment Dragoner, bei dem mein seliger Vater stand, musterte. Damals lebte der Großvater der Gräfin noch, der Vater war in England. Dieser Großvater der Gräfin, ein sehr alter, aber immer noch lustiger Mann, hatte Se. Majestät den König wie die Gräfin Yarmouth zum Diner und Ball eingeladen, wie auch die Generale, adelichen Offiziere und den ganzen alten Adel der Umgegend Heustedts. »Majestät speisten mit der Gräfin Yarmouth und einigen Hofleuten an einer besondern Tafel. Kaffee ward im Freien eingenommen. Gegen Abend, kurz bevor der Ball beginnen sollte, bat der Graf Alvensleben sich vom Könige und der Gräfin Yarmouth die Gnade aus, ihnen seinen chinesischen Tempel zeigen zu dürfen. Man ging ohne weitere Begleitung, der Graf kehrte bald zurück. Der König weilte wol eine Stunde, wenigstens ward uns jungen Leuten die Zeit sehr lang, da der Anfang des Balles bis zur Zurückkunft der höchsten Herrschaften verschoben war. Endlich kam der König zurück. Mein Vater hatte mich gerade dem alten Grafen, denn wir wohnten damals in Verden, vorgestellt, und wir traten zur Seite, als Majestät auf den Grafen zutrat, ihm zwei Schlüssel, einen größern und einen kleinern zurückgab, und, wie ich deutlich vernahm, sagte: ›Ein sehr vorzüglich eingerichtetes chinesisches Zimmerchen, Herr Graf! macht Ihrem Geschmack alle Ehre, nicht wahr, meine Liebe?‹ sich an die Gräfin wendend. Diese erröthete über und über. Der König achtete das nicht, sondern sagte lächelnd: ›Wenn ich wieder nach Deutschland komme, werde ich Ihnen, schon des Tempelchens wegen, ein Nachtquartier abzwingen müssen.‹ »›Ew. Majestät würden mich zum glücklichsten Dero Unterthanen machen‹, erwiderte der Graf, sich tief verbeugend. Darauf eröffnete der König den Ball. Es ist merkwürdig, ich habe an diese alte Geschichte viele, viele Jahre nicht gedacht, und jetzt steht sie vor mir, als wäre sie eben passirt. Die Gräfin Yarmouth war übrigens eine Cousine der Gräfin.« »Aber, meine Gnädige, sollten Sie da nicht irren?« unterbrach Fräulein Bardeleben, die sich etwas darauf zugute that, den Staatskalender, wie er damals hieß, im Kopfe zu haben – »Sie verwechseln das wol? Die Gräfin Kielmannsegge-Darlington, der sogenannte Elefant, war die Großtante der Gräfin.« »Meine Liebe«, fuhr Fräulein von Spitznas auf, » Sie werden mich doch nicht unsere Adelsgeschlechter kennen lehren? Die Generalin Weick, verwitwete Frau von dem Bussche, welche mit Georg I. liirt war, war eine geborene von Meisenburg und eine rechte Schwester der bösen Gräfin Platen. Ihre Tochter, die des Generals Weick wie man sagte, verheirathete sich mit dem General von Wendt. Aus dieser Ehe stammte Amalie Sophie, die sich an den Oberhauptmann Adolf Gottlob von Wallmoden verheirathete und später zur Gräfin Yarmouth in England erhoben wurde.« »Jedoch«, fiel Fräulein Bardeleben ein, indeß die Oberhauptmännin unterbrach sie. »Meine Damen«, sagte sie mit Würde, »es lohnt sich nicht der Mühe um diese Maitressenfamilie. Lassen wir das.« Aller Blicke spendeten Beifall. »Sie treffen, gnädige Frau«, sagte die Amts- und Kornschreiberin Motz, »den Nagel doch immer auf den Kopf, und ich erlaube mir hinzuzufügen, daß der Apfel nie weit vom Stamme fällt.« Es kam jetzt die Jungfrau mit frischem Kaffee und Kuchen, und die Eßwerkzeuge wurden von neuem in Bewegung gesetzt unter lobenden Ausrufungen über den vortrefflichen Topfkuchen, zu dem sich verschiedene Damen das Recept ausbaten, obgleich alle Topfkuchen in Heustedt nach einem und demselben Recept zubereitet wurden. Während dieser Pause verfehlten diejenigen, welche das Glück hatten, den Fenstern am nächsten zu sitzen, nicht, aus diesen öfters hinaus über die hohe Brücke hinwegzusehen. Es geschah das natürlich nur, um zu sehen, ob das Wetter sich hielt, oder aus sonst einem Vorwande. »Was mag denn das für eine Extrapost gewesen sein, die heute Morgen hier durchfuhr?« fragte die Hauswirthin. »Da kann ich dienen«, erwiderte die Frau Gerichtshalterin. »Mein Mann war bei dem Posthalter, um nachzufragen. Es war der Hof- und Leibmedicus der Königin Mathilde von Dänemark, die sich nach Hannover geflüchtet hat.« »Was ist es eigentlich mit dieser?« fragte die Landräthin unbefangen. » Mein Mann erzählt mir nie etwas Neues, was er auf dem Rathskeller gehört, ich erfahre es alles erst, wenn es schon veraltet ist.« »Man hat den Minister des Königs, Leibarzt Dr.  Struensee, eines Liebesverständnisses mit der Königin Mathilde beschuldigt; die Königin-Witwe, Juliane, und Graf Rantzau haben ihn auf Specialbefehl des Königs, der etwas geistesschwach sein soll, verhaften lassen und ihm den Proceß gemacht. Ebenso ist sein Anhänger, Graf Brandt, verhaftet, weil er den blödsinnigen König, mit dem er sich wrangte, in die Hand gebissen hat, und als Hochverräter enthauptet. Die Witwe Juliane und ihr Sohn Friedrich führen seitdem die Regentschaft. Georg III. hat seine Schwester Ende vorigen Monats nach Hannover abholen lassen«, erzählte die Oberhauptmännin. »Aber Mama«, sagte das Kind Adele, »die Sache ist ja in der Zeitung, die Papa hält, ausführlich zu lesen, soll ich die holen und vorlesen?« Alle Damen baten darum. Adele kam mit einem schmuzig-gelben Zeitungsblatt in Quart. Ein Adler ruhte über einem Medaillon mit den Worten: »Mit Königlicher Freiheit.« An der Erde lag ein Packet mit Waaren, darunter ein sehr langer Mercuriusstab, der wie eine Hellebarte zugespitzt und mit Lorberzweigen und Blüten umgeben war. Es waren das: »Berlinische Nachrichten von Staats- und Gelehrtensachen, Nr. 55, Donnerstag, den 7. Mai 1772.« Adele las: »Kopenhagen, den 28. April: Nachdem am Sonnabend Vormittag von der Inquisitionscommission über Johann Friedrich Struensee und Enevold Brandt das Urtheil gesprochen war, so wurde selbiges dem außerordentlich versammelten Staatsrathe (worin jedoch der König nicht zugegen war) vorgelegt. Des Nachmittags ward der Staatsrath abermals versammelt; und als Se. Majestät von Charlottenlund, wohin Sie, um das Mittagsmahl einzunehmen, gegen drei Uhr von hier weggefahren waren, um sieben Uhr wieder zurückkamen, verfügten Sie Sich in den Staatsrath, bestätigten daselbst das gefällte Urtheil, und erhoben Sich hierauf in die Italienische Oper. Den beiden Gefangenen wurde um zwölf Uhr des Mittags durch ihre Advocaten ihr Schicksal bekannt gemacht. ›Ich habe Ihnen eine sehr unangenehme Nachricht zu bringen‹, sagte der Procurator Uldall zu Struensee. ›Sie kommt mir nicht unerwartet‹, erwiderte dieser; nahm ihm hierauf das Urtheil aus der Hand, las es mit vieler Gelassenheit und ohne eine Miene zu verändern, ganz durch und gab es ihm wieder zurück. Er erkundigte sich nach dem über Brandt gefällten Urtheile und erfuhr, daß es mit dem seinigen ganz gleichlautend sei. Dies schien ihn mehr zu bewegen als sein eigenes Schicksal.« Die Gesellschaft hatte schon beim Anfange der Vorlesung mehr auf ein aus der Entfernung sich nahendes Geräusch als auf das Lesen gehört; als sich jetzt Pferdegetrappel und Wagengeräusch vernehmen ließ, mußte das weitere Lesen unterbrochen werden. Alle eilten an die Fenster. Zwei Vorreiter in rothen dick mit Gold besetzten Jacken sprengten im Galop über die hohe Brücke. Eine offene Chaise von sechs Schimmeln gezogen folgte, in ihr saß die Gräfin von Wildhausen im Hintersitz in blauatlassener Robe, einen weißseidenen Shawl über den schönen Schultern; im Vordersitz des Wagens saßen zwei Cavaliere, ein Hofjunker und ein anderer in Offiziertracht, welche die Gräfin auf dem langweiligen schlechten Wege von Hannover durch Médisancen über Hofpersönlichkeiten unterhalten hatten. In einem zweiten Wagen saßen Kammerfrau, Kammerjungfer und eine Hebamme. Ein dritter Wagen vom Umfange eines Omnibus hatte Kammerdiener und Jäger als Insassen. Nach einer Stunde kam noch ein Rüstwagen mit Extrapostpferden nachgeschleppt; die ersten drei Wagen waren mit Pferden aus dem königlich-kurfürstlichen Marstalle bespannt. Man konnte an diesem Beispiele wieder sehen, wie böswillig selbst diese Thiere von den Böswilligen, die es ja jederzeit gab, verleumdet wurden. Man sagte damals in Hannover von ihnen mit Horaz, sie wären fruges consumere nati , und doch wußte die Gräfin, wie andere Excellenzen, sie wohl zu benutzen. Wollten wir alles Schlechte, was über die Angekommenen in der Damengesellschaft bis zum Herumreichen der Torte gesprochen wurde, niederschreiben, wir würden kein Ende finden mit diesem Kapitel. Viertes Kapitel. Die Ammenwahl und der Sommernachtsball. Wir sind in der That schuldlos, daß unsere gegenwärtige Heldin so ist, wie sie ist, und nicht anders. Wir begreifen vielmehr nicht, wie sie anders sein könnte, wenn wir uns in die Zeit versetzen, wo sie geboren, und unter die Menschen, unter denen sie erzogen war, deren Leben sie als Muster und Norm angeschaut hatte. Die englische Aristokratie jener Tage war völlig glaubenslos, und was schlimmer, ideallos. Genußsucht. Eitelkeit, Hervorragenwollen durch irgendeine bizarre Absonderlichkeit, Herrschsucht, Luxus, Verschwendung, Intriguen, Ehebruch, Schamlosigkeit waren die Erscheinungen, welche die Gräfin von Wildhausen von Kindheit an umgeben hatten. Die Bedeutung der Besuche Lord Bute's bei der Prinzessin von Wales waren ihr schon in der Kindheit keine Geheimnisse mehr gewesen. Die Skandale in den letzten Tagen der Regierung Georg's II. und zu Anfang der Regierung Georg's III. drangen bei der unbeschränkten Oeffentlichkeit bis in die erbärmlichsten Hütten, warum hätten sie nicht nach Carltonhouse dringen sollen? Wenn Herzoge öffentliche Dirnen heiratheten und zum Lever führten, und Herzoginnen Kutscher zu ihren Gatten machten oder etwas noch Schlimmeres thaten, wenn die vornehmsten Damen sich offen mit Dingen, die man in andern Städten möglichst zu verbergen suchte, rühmten, ist es da zu verwundern, wenn solche Neigungen und Wünsche in dem Herzen Melusinens von Alvensleben entstanden, wie wir sie im weitern Verlaufe sehen werden, zumal Meisenburgisches, vielleicht gar königliches Blut in ihren Adern heißer wallte als bei der Mehrzahl von Menschen? War es ihre Schuld, daß die Herzogin von G. sie, die kaum Achtzehnjährige, in ihre Liebschaft mit einem jungen kaum dem Knabenalter entwachsenen Jüten, dessen Liebe sie mit Diamanten erkaufte, eingeweiht hatte; daß die Patroneß, deren Schutz sie der Vater anvertraut, mit ihren Liebhabern wechselte? War es ihre Schuld, daß vom Parlament herab alles in England käuflich war? Es gab nach der Ansicht der Gräfin zwei Sorten von Menschen, deren eine zum Herrschen und Genießen, die andere zum Dienen und Arbeiten geboren war. Unter der herrschenden Klasse seine Stellung zu nehmen und zu behaupten, diejenigen, die gleichberechtigt waren, und die man zum Dienen nicht zwingen konnte, mit Klugheit für seine Zwecke zu benutzen, und daneben so viel Vergnügen zu genießen wie nur möglich, das war nach der Philosophie der Gräfin die Bestimmung der bevorzugten Klasse. Vergnügen gewährt aber vor allem die Abwechselung, hatte ihr Elisabeth Chudleigh gesagt. Die Gräfin hatte kaum ihre Gemächer betreten, während den mitgebrachten Gästen ihre Zimmer angewiesen wurden, als sie den Haushofmeister, den Verwalter und Rentmeister, die, der Dinge gewohnt, schon unten im Schlosse warteten, zu sich befehlen ließ, jeden einzeln natürlich. Der Haushofmeister hatte schon seit acht Tagen keine ruhige Stunde gehabt; er war ein alter treuer Diener ihres Vaters gewesen, an knechtischen Gehorsam gewöhnt; Angstschweiß lief ihm unter der weißgepuderten Perrüke auf das weiße Gilet, und seine in weißseidene Strümpfe gehüllten Beine zitterten; in solchen Respect hatte sich die Gräfin zu setzen gewußt. »Hat Er die Einladungen auf morgen bestellt?« »Zu dienen, Excellenz!« »Wer wird morgen aufwarten, den ich noch nicht kenne?« »Soweit ich weiß, nur der Forsteleve Oskar Baumgarten, ein junger Mann, der die obere Karriere zu machen gedenkt.« »Wie sieht er aus?« »Gut gewachsen, Excellenz, und tüchtig gebräunt.« »Abtreten, Verwalter soll kommen.« Der Verwalter, der schon zu Lebzeiten des Großvaters im Dienst gewesen und seit des Vaters Herrschaft die Verwaltung der Güter besorgt hatte, war gleichfalls ein alter gebückter Mann und etwas schwerhörig. Er schien schon vorher schriftliche Befehle erhalten zu haben, denn er brachte Register und Acten in der Hand mit. Er mußte sich dicht vor die Gräfin stellen, die, um sich ihm verständlich zu machen, aufstand und ihren Mund seinem Ohre zuneigte. »Geht's mit dem Gestüt noch immer rückwärts?« »Leider ja, Excellenz.« »Besonderes Unglück?« fragte sie weiter. »Auch, da hat der Achill das Bein gebrochen und mußte getödtet werden. Den Ajax wollten die Bauern nicht einmal umsonst zum Springen, ist auch schon zu faul jetzt.« »Nichts verkauft?« »Außer den zwei dreijährigen Füllen, welche Excellenz für den Marstall in Hannover bestimmt hatten, an Private nichts, lieben hier nicht die dünnen Knochen des Vollbluts, sprechen von eigener hoyaischer Rasse.« »Und der Stallmeister?« fragte die Gräfin weiter. »Uebermüthig wie immer«, antwortete der Diener, »ist ihm alles Dreck an den Schuhen, der Mensch kann des Hafers nie genug kriegen.« »So leg' Er nur die Papiere dahin und lasse den Rentmeister eintreten.« Dieser war ein kleiner Mann mit grauen Haaren, grauen Augen und grauem Rock und Beinkleidern, dreieckigem Hute, den er unter dem Arm trug. Die Gräfin redete ihn freundlich an und lud ihn durch eine Handbewegung zum Sitzen ein, während sie selbst sich in einen Fauteuil warf. »Excellenz«, begann der Alte, ohne von der Erlaubniß, Platz zu nehmen, Gebrauch zu machen, was ihn in der Gnade der Gräfin steigen machte, » haben mich gnädigst beauftragt, ein Verzeichniß derjenigen Ew. Gnaden Eigenbehörigen und Meier aufzustellen, welche sich in dem letzten Jahre verheirathet, und daneben Erkundigungen einzuziehen, welche davon gegenwärtig Kinder geboren haben und etwa tüchtige Ammen abgäben. Verheirathet sind im vorigen Jahre zwei Meier, ein Halbmeier, ein Köthner, ein Brinksitzer und vier Eigenbehörige. Von den Frauen haben drei im vorigen Monat Mai geboren, davon möchten indeß nur zwei zu Ammen tüchtig sein, die Frau des Vollmeiers Piepenbrink in Hengstenberg und die Frau des Vollmeiers Dummeier in Eckernhausen, beide gesunde, tüchtige Weiber mit gesunden, kräftigen Kindern.« »Beide sollen zu Wagen abgeholt werden, morgen Mittag mit den Säuglingen hier sein. Nun, Lieber, hätte ich noch ein besonderes Anliegen, es soll in sechs oder acht Wochen zur Feier der Geburt eines Stammhalters, wie ich hoffe, ein großes Volksfest im Park gefeiert werden, daneben ein kleineres Zelt für die Gesellschaft. Es soll davon im Orte vorläufig so wenig wie möglich Gerede geschehen. Den Zimmerleuten ist daher das tiefste Schweigen aufzuerlegen. Die Risse zu den beiden Zelten habe ich mitgebracht, hier sind sie. Hat Er nun alles wohl verstanden?« »Zu Befehl, Ew. Excellenz.« Die Gräfin beschied Kammerjungfer und Kammerfrau, kleidete sich zum Souper an und nahm dieses mit den mitgebrachten Cavalieren ein, worauf man sich zum Spiel setzte. Am andern Morgen elf Uhr war Empfang. Es blieb nicht eine Person aus, welche hoffte, bei den Einladungen Berücksichtigung zu finden, nur einige wenige Mitglieder des Herrenclubs, welche in frühern Tagen verschiedentlich ihre Aufwartung gemacht hatten, ohne je eine Einladung erhalten zu haben, blieben zu Hause, oder gingen vielmehr auf den Rathskeller, um dort einen Morgentrunk zu nehmen und natürlich auf alle diejenigen loszuziehen, welche zum Lever der Gnädigsten gegangen waren. Es erfolgten übrigens nur einzelne Einladungen; es ward ein petit diner beliebt, der beiden Cavaliere wegen, die man nicht mit dem bürgerlichen Pöbel, welchen die Gräfin, weil es so hergebracht, bei sich sehen mußte, zusammenbringen wollte. Außer den am vorigen Tage eingeladenen Standesgenossen empfingen nur noch die Spitzen der Gesellschaft durch die Kammerdiener die Anzeige, daß die Gnädige sie nachmittags fünf Uhr zum Diner zu sehen wünsche. Die nicht eingeladenen Herren begaben sich meistens nach dem Rathskeller, wo Herr Forstschreiber Haus seiner Erbitterung, nicht eingeladen zu sein, dadurch Luft machte, daß er den Forsteleven Oskar Baumgarten zur Zielscheibe seiner Witze machte, die das Thema behandelten, wenn er der Gnädigsten seine Entdeckungen über den Pavillon mitgetheilt hätte, würde dieselbe nicht unterlassen haben, ihn einzuladen. Alle, die mit Haus in einer Lage, das heißt, uneingeladen waren, schienen sich weidlich an diesem Spaß zu ergötzen, und Herr Krummeier, der Wirth, schmunzelte stärker denn je, denn er mußte sehr oft in den Keller, um eine Frische zu holen, bei welcher Gelegenheit er nie versäumte, nachzuprobiren, ob sein eigener Lieblingswein auch noch klar und rein sei. Während sich die beiden Gäste der Gräfin im Billardzimmer zu unterhalten suchten, war diese in ihre Appartements getreten, wo Dr.  Chappuzzeau sie stehend erwartete. Bald darauf wurden zwei Bauerfrauen mit Kindern auf dem Arme eingeführt, die eine war eine große, lange, beinahe männliche Figur, die Piepenbrink. Ihr Kind hatte schon im Vorzimmer geschrien und schrie hier noch mörderlicher. Die gute Frau war nämlich voll Ehrgeiz. Eine Stellung als Amme bei der Gräfin erhob sie in den dritten Himmel, und um sich qualificirter darzustellen, hatte sie ihr Kind hungern lassen. Daher das unaufhörliche Geschrei. Die Gräfin richtete ihre Blicke zunächst auf sie, die einen steifen Knicks machte und von der hohen Gnade zu sprechen anfing, welche – allein die Gräfin winkte ihr Schweigen, klingelte, der Kammerdiener erschien: »Die Frau kann nach Hause gefahren werden.« Die Dummeier war eine kleine rundliche Figur mit blondem Haar, blauen Augen, glänzendrothen Backen, ihr Säugling, ein Mädchen, sog mit vollen Zügen an der Mutter Brust, welche sie offen zeigte. Der Doctor lächelte zufrieden. »Ew. Excellenz«, sagte er, »wissen immer das Rechte zu treffen, ich würde der Dummeier unbedingt den Vorzug gegeben haben.« Die Gräfin setzte sich und hieß die Dummeier näher treten. »Wie alt ist Sie?« »Drüttig Jahre, ähre Gnaden.« »Wie heißt Sie?« »Anne Marie Dummeier.« »Wie kann Sie einen so dummen Namen haben?« »Da möt ähre Gnaden ähren selgen Großvadern fragen. In genner Tiet harr de Anarwin van de Vullmeierstähe Nr. 1 in Eckenhusen ä Kind, woto se den Vader nich nönen dörfft. Aehr Großvader, de ohle selge Graf, gav ähr sinen Kutscher Johann ans Brägam, und hat düssen in'n Meierbrev Dummeier nönnt. Is aber nich mien Mann, dat Kind, was 'ne Deren. Mien Mann kamm erst, ans sien Vader Johann all fiev Jahr frehet härre.« Die Gräfin schien zu begreifen. »Sie gefällt mir, kann meine Amme werden für guten Lohn.« »Danke ähre Gnaden; Hans Dummeier's Nr. 1 Frue bruket nich fär Lohn to deinen.« »Was, Sie weigert sich? Dummeier ist mein Meier, der Hof ist mein Eigenthum.« »Neh, ähre Gnaden.« »Was, nein? Ist es nicht so?« »Weiht nich, ähre Gnaden, arwet doch de Hoff up miene Kinner, un dat Avmeiern geiht nich so lichte. Will woll dat gnädge Kind sogen, aber –« »Aber? Will Sie mir Bedingungen stellen?« »Ja, Gnaden, mott miene Anne Marie bie mie beholen, hebbe Melk fär tweh Kinner, un denn, wenn deselben entwähnt sind, mott ick'n Frebrev hebben fär mienen Mann. Schall'n frehen Meierburn währn, als mien Vader wöhr.« »Sie gefällt mir, es sei, ich werde Sie rufen lassen, oder was besser ist, ich lasse Sie schon morgen abholen und sie richtet sich hier schon häuslich ein.« Ehe Anne Marie antworten konnte, stand die Gräfin auf und reichte ihr die Hand. Sie sah das Kind, welches sie freundlich anlächelte, mit Wohlgefallen an, ließ es sich reichen und küßte es. Das gewann ihr das Herz der Mutter. Nach drei Tagen gebar die Gräfin ohne Beschwerden. Es war aber kein Stammhalter, es war nur eine Tochter. Die Gräfin mochte das Kind, nachdem sie es gesehen, nicht leiden, sie wies es von sich, glich es doch dem ungetreuen Vater, dem russischen Gesandten in Berlin. Da sie selbst überreiche Nahrung für ein Kind hatte, ließ sie sich, wenn es ihr just beliebte, das Kind von der Anne Marie Dummeier bringen, um es an die Brust zu nehmen. Für die begleitenden Cavaliere war das Ereigniß der Niederkunft das der Abreise. Sie brachten dem Grafen die Nachricht, daß ihm eine Tochter geboren sei, und er stellte sich pflichtschuldig in Heustedt ein, um sich zu diesem glücklichen Ereigniß Glück wünschen zu lassen, und der Gemahlin sein Bedauern auszusprechen, daß für seine Lehngüter kein Erbe geboren sei. Sechs Wochen später war Kindtaufe. Das Kind ward auf den Namen Olga getauft. Herren und Damen aus erster Gesellschaft waren zum Kindtaufsfest gebeten, und der landsässige Adel der Umgegend war zahlreich vertreten. Die Herrschaften dinirten im Schlosse, während im Park in den auferbauten Zelten das Volksfest schon am Nachmittage begann. Das Hauptzelt genügte allen Ansprüchen. Es faßte die gesammte tanzlustige Welt Heustedts wie die zu dem Feste eingeladenen Meierleute und die nicht mit Aufwarten beschäftigten Dienstleute des Schlosses. Auf einem erhöhten Rundsitz in der Mitte hatte die Musik des nächstgarnisonirenden Husarenregiments Platz genommen. Nach vier Seiten von diesem Mittelpunkte erstreckten sich vier Tanzsalons mit gedielten Fußböden und Leinwandbedachung. Die Zwischenräume auf dem abgeschorenen weichen Rasen des Parks waren mit langen Tafeln, runden Tischen, Bänken und Stühlen bedeckt, um den Nichttanzenden Sitze zu gewähren. Vor dem Tanzsalon, der nach dem großen Parkwege zum Schlosse mündete, war das Privatzelt der Excellenzen gebaut, ein türkisches Zelt von einem starken Holzgerippe mit Wänden und Bedachung von seinem rothen Wollstoffe, die, je nachdem Sonne oder Wind belästigten, verschiebbar waren. Es hatte Raum, um 20–30 Personen auf weichen Divans Platz zu geben, und war im Innern auf das comfortabelste eingerichtet. Rings um dasselbe waren auch die Boskets zu lieblichen Lauben und Gängen im Freien eingerichtet, um den speciellen Gästen die Möglichkeit zu gewähren, im Freien Platz zu nehmen, sich absondern und etwa eine Pfeife rauchen zu können, was einigen der alten Herren, Excellenz Wildhausen selbst an der Spitze, ein unerläßliches Bedürfniß war. Der anschließende Salon war für die Tanzlustigen, welche schon vom heißen Nachmittag an sich diesem Vergnügen hingaben, freigelassen, in dem nächstfolgenden zur rechten Seite hatten sich die oststädter Bürger gesammelt, nach Süden zu tanzten, auf Rath des Hofmeiers: »weil weit vom Schloß und nahe beim Bier der beste Platz sei«, die Dienstleute und einige Dutzend von den Meierbauern der Gräfin, dann rechts vom gräflichen Salon die Weststädter. Hinter dem Salon der Dienstleute waren Buden angeschlagen, in denen Kaffee und Kuchen, Bier und kalter Braten, Limonade und Mandelmilch nach Wunsch der Fordernden verabreicht wurde. Branntwein im Park zu trinken war streng untersagt, dagegen sollten am Abend einige Fässer Wein aufgelegt werden. Bei dem Diner im Schlosse ging es gleichfalls hoch her, und war man viel vergnügter und freier als bei sonstigen Galadiners der Gräfin. Das kam daher, weil man ganz unter sich war. Der Schloßprediger, der das Kind getauft hatte, war der einzige Bürgerliche in der Gesellschaft. Dann aber waren es nicht dieselben Gesichter, die man immer sah, die Landjunker aus der nächsten Nachbarschaft, ein immer lustiges Völkchen, wenn es etwas Gutes zu essen und zu trinken gab. Der frühere Staatsminister und Chef aller Landescollegien in Bremen und Verden, der Geheimrath von Bodenhausen, ein alter College und Freund des Vaters der Gräfin, wie befreundet dem Grafen Wildhausen, hatte sich in Verden zum Besuch befunden und war eingeladen. Er hatte seinen Stiefsohn bei sich, den erst kürzlich zum Regierungsrath in Lauenburg ernannten Friedrich Ludwig von Berlepsch, da er dessen früh zur Witwe gewordene Mutter, eine Tochter des Grafen von Hardenberg, geheirathet. Bodenhausen war früher längere Zeit in England um Georg II. gewesen und konnte mit der Gräfin, die er zu Tische geführt, über Personen und Zustände des Hofs in London wie den des Prinzen von Wales plaudern. Der junge Berlepsch hatte sich die schöne Frau von Bardenfleth zur Tischnachbarin erkoren, deren Gemahl dadurch freie Hand bekam, die Landräthin von Vogelsang zu führen. Der Oberhauptmännin von Schlump wurde die hohe Ehre zutheil, von Excellenz von Wildhausen geführt zu werden. Herr von Teufel hatte die Excellenz Bodenhausen zur Nachbarin, das Kind Adele war von einem Husarenoffizier, Otto von Wangenheim, geführt. Jede Dame war mit ihrem Cavalier, und so umgekehrt, zufrieden, wie es selten bei größern Gesellschaften vorkommt. Merkwürdigerweise waren zwei der Anwesenden Nachkommen jener beiden Ritter, die Luther auf seiner Rückreise von Worms bei der Luthereiche in der Nähe von Altenstein überfielen und in sichern Verwahrsam auf die Wartburg brachten, nämlich des Hund von Wangenheim und des Schloßhauptmanns von Berlepsch. Man beschäftigte sich bei Tische aber mit ganz andern Angelegenheiten als dergleichen Erinnerungen, und wie man vom Tische aufstand, war die Baronin von Bardenfleth nicht nur sich bewußt, eine neue Eroberung gemacht zu haben, sondern die prüfenden Blicke, welche die Gnädigste bei Tische vom Vater auf den Stiefsohn geworfen, waren ihr auch Beweis, daß sie um diese Eroberung beneidet wurde. Man hatte prachtvoll gegessen und Weine getrunken, die noch vom Großvater her im Keller lagen. Die griechischen und sicilianischen Dessertweine hatten das Blut der Damen schneller wallen gemacht, als man in den reservirten Park ging, den Kaffee einzunehmen. So schön auch hier alles arrangirt war, gar zu verlockend schallte vom Zelte her die Tanzmusik herüber, es trieb die Damen zum Tanz. Melusine hatte es schlau zu veranstalten gewußt, daß der Stiefvater den Stiefsohn zu seinem Stellvertreter herrief, um den Tanz der Crême zu eröffnen. Die Baronin Bardenfleth wurde blaß, als sie Berlepsch durch Excellenz Bodenhausen von ihrer Seite zu der Gräfin geführt sah, sie ahnte mit weiblichem Instinct die Absicht, und ihr Auge zauberte den Husarenoffizier zu ihr, der »das Kind« treulos verließ, das einen Landjunker aus dem benachbarten Hoya als Ersatz annahm. Als die Herrschaften den reservirten Park verließen, um sich nach dem türkischen Zelte zu begeben, eilten Sendboden nach verschiedenen Theilen der Stadt. Die Honoratioren, die Korn- und Amtsschreiber, Bürgermeister und Gerichtshalter, Aerzte und Advocaten, welche zum Diner keine Einladungen erhalten, hatten sich nämlich verabredet, nicht früher bei dem Volksfeste zu erscheinen, als bis die Gräfin erschienen sei. Es dauerte aber keine Viertelstunde, so fehlte niemand mehr, denn alle hatten des Augenblickes schon mit Sehnsucht geharrt und die Advocatinnen der Trias waren schon in dem entlegenern, an der Hohen Brücke belegenen Theile des Parks versammelt, um nichts zu versäumen. Excellenz Melusine von Wildhausen und Berlepsch eröffneten den Tanz im vierten Salon. Man wollte in den übrigen Salons pausiren, aber die Gräfin befahl, daß dort fortgetanzt werde. Berlepsch tanzte schön, aber er trug nichts bei zu den Kosten der Unterhaltung, er war zerstreut, sein Blick schweifte oft nach Otto von Wangenheim und seiner Tänzerin. Selbst wenn der Cavalier minder stattlich gewesen wäre, würde Melusine, schon um die Bardenfleth zu züchtigen, nichts unterlassen haben, um denselben an sich zu fesseln. Und sie that ihr Möglichstes, ihre Blicke sprühten Feuer, alle ihre Bewegungen verriethen Leidenschaft, aber Berlepsch wurde nur stummer, kälter, zurückhaltender. Melusine glühte vor Zorn, als er sie ins türkische Zelt zurückgeführt hatte und sich nun sofort zur Baronin Bardenfleth wendete, sich bei ihr ziemlich laut entschuldigte, daß die Pflichten der Gastfreundschaft überwogen hätten über süßere Pflichten der Freundschaft, und er erst jetzt von der bei Tisch ihm gnädigst ertheilten Erlaubniß Gebrauch machen könne, um den nächsten Tanz zu bitten. Hätte die Gräfin auch kein Wort von dem verstanden, was Berlepsch sagte, während keine Silbe ihr entgangen war, der triumphirende Blick der Bardenfleth würde es ihr gesagt haben, daß diese über sie gesiegt. Der Gegenblick loderte voll Haß und Rache, und sehr wahrscheinlich trug dieser Moment die Schuld, daß mehr als zwanzig Jahre später Berlepsch's Name in den Annalen der leidenden Menschheit einen Platz fand und ein Broschürenstreit im Lande der Welfen geführt wurde, der seinesgleichen nie wieder erlebt. Die Gräfin, so exclusiv sie war, so sehr sie im Innern das Volk verachtete, konnte sich doch einem Volksfeste ganz hingeben. War es doch in ihrer Jugend in England Sitte gewesen, daß die vornehmsten Cavaliere sich in Bettlerkleider hüllten, um sich unter das Volk zu mischen, und daß einzelne Damen das nachahmten. Die Gräfin nahm den Arm Otto's von Wangenheim, um sich von ihm von Salon zu Salon führen zu lassen und in jedem derselben zu tanzen, freundliche Worte zu spenden, zum Vergnügtsein zu ermuntern. Man sah heute nichts von der Excellenz, man sah nur ein seltnes, liebedürstendes, liebenswürdiges Weib, bestrebt, allen ihren Gästen Vergnügen zu bereiten. Selbst dem eigenen Manne widerfuhr das noch nicht Geschehene, daß sie ihn umschmeichelte, ihn halb mit Gewalt nöthigte, mit ihr eine Menuet zu tanzen. Da die bürgerlichen Herren der ersten Gesellschaft es nicht zu wagen schienen, die Gräfin zum Tanz aufzufordern, so war sie selbst es, welche den Forsteleven Oskar Baumgarten zum Tanze entbieten ließ. Je mehr die Kühle des Abends hereinbrach, je mehr steigerte sich die Lust. Hinten beim Zelt der Dienerschaft wurden die Weinfässer aufgelegt, im türkischen Zelte und dessen näherer Umgebung die Champagnerflaschen entkorkt. Graf Wildhausen, Excellenz Bodenhausen und Landrath von Vogelsang saßen bei Austern und Rheinwein. Frau Landräthin wurde von dem Baron Bardenfleth zum Langtanz geführt, und er flüsterte ihr so viel zu, daß sie ein über das andere mal bis an den Hals erröthete. Die Frau von Bardenfleth und Berlepsch erholten sich vom Tanz in sentimentalen Betrachtungen über den Abendstern durch einen Spaziergang im Park und stießen dabei auf das Kind Adele, die mit dem Landjunker ähnliche Betrachtungen in einer beinahe ausgeblühten Jasminlaube anstellte. Seitdem die Gräfin erschienen war, hatte man nur künstliche Tänze, wie sie das Volk nannte, getanzt, Menuets, Quadrillen, Ecossaisen. Die Gräfin befahl jetzt einen Walzer und schwebte in dem derzeit üblichen langsam rhythmischen Takt im Arme des überglücklichen Oskar Baumgarten dahin. Aber inmitten des Tanzes hielt sie inne, griff nach ihrem Kopfe und ließ sich durch den Tänzer in das türkische Zelt führen. Es gab keinen geringen Aufstand, man drängte sich von allen Seiten um dieselbe. »Frisches Wasser«, befahl sie mit aller Energie, »und Fortsetzung des Tanzes.« Man brachte Wasser. Der alte Haushofmeister eilte bestürzt herbei. Die Gräfin hatte sich erholt, sie flüsterte dem Haushofmeister einige Worte zu und befahl dann mit der Illumination des Parks zu beginnen. Ueber Hitze, beengte Luft und Kopfweh klagend, erbat sie sich den Arm ihres Tänzers zu einem Gange im Park. Excellenz schlug den nächsten Weg zum Geheimpark ein, wo schon der Haushofmeister sie empfing und das verschlossene Thor öffnete. Nachdem sie sich auf der ersten Bank, wo damals, als Oskar zum Tempel geschlichen, der Haushofmeister schlief, einige Minuten ausgeruht und tief Athem geschöpft hatte, erhob sie sich anscheinend gestärkt, griff aber nach dem Arm ihres bisherigen Führers, der sie bis dahin lautlos angeschaut. »Geleite Er mich zum chinesischen Pavillon, dort ist die Luft freier, ich fühle mich in diesem Bosket, in diesem Rosenduft und Blumengeruch noch mehr beängstigt.« »Wie Excellenz befehlen«, stammelte der Forsteleve. Beide gingen einige Schritte schweigend, dann lehnte sich die Gnädigste näher an ihren Begleiter und sah ihn mit einem halb verschämten, halb herausfordernden Blicke an. »Ich sollte Ihm zürnen«, sagte sie lächelnd; »Er ist ein neugieriger Bursche, höre ich, hat meine Geheimnisse zu erlauschen gesucht, hat eine Zeichnung von meinem chinesischen Zimmerchen verfertigt und herumgebracht.« »Gnädigste Excellenz«, sagte jener und senkte sich auf die Knie. »Verzeihung, ich wußte nicht, was ich that, ich hatte keine Ahnung, welche Göttin –« »Stehe Er auf«, sagte sie streng, »ich halte Ihn für einen wohlerzogenen Mann und verzeihe Ihm. Zum Beweis dessen werde ich Ihm die Geheimnisse des Pavillons zeigen. Wird Er schweigen können?« Der Jüngling faßte die Hand und drückte einen Kuß auf den Handschuh, abermals bereit, auf das Knie zu sinken. »Laß Er das! Finde ich Ihn verschwiegen und treu, so kann Er meiner Protection sicher sein«; und sie zog die Handschuhe aus und reichte ihm die weiße schöne Hand zum Kusse. Der entzückte Forsteleve geleitete die Gräfin auf demselben Wege zum Pavillon, den er vor acht Wochen entdeckt, sein Puls klopfte auf dem Wege durch das Buschlabyrinth, auf dem die Gräfin voranschritt, noch schneller als damals, und beinahe athemlos kam er oben an. Die Gräfin ließ ihn verweilen, während sie die Thür öffnete. Die Tanzmusik hatte aufgehört, aus dem Park erscholl ein unbestimmtes Geräusch, hier und da wurden Lampions und bunte chinesische Laternen sichtbar. Plötzlich erscholl ein lautes, zischendes Geräusch, ein Dutzend Raketen flog in die Luft und ein tausendstimmiges Ah! wie einzelne Bravos erschallten. Ehe es noch wieder dunkelte, hatte die Gräfin Oskar's Hand ergriffen, ihn in das chinesische Zimmer geführt, das erleuchtet war, und dasselbe geschlossen. – Den drei Fürsprecherinnen der Trias war heute eine beinahe übermenschliche, mindestens überweibliche Arbeit zugefallen. Sie hatten sich stillschweigend vereint, die Gräfin und alles, was in Beziehung auf sie und ihre Gäste vorging, zu beobachten, aber ebenso waren sie förmlich erpicht darauf, die Nebenbuhlerinnen ihrer Patronessen zu beobachten, und wenn es ging, diese vor den Beobachtungen ihrer Genossen zu schützen, deren Beobachtungen abzulenken. Gab nun freilich die Oberhauptmännin von Schlump keine Ursache, die Aufmerksamkeit der Frau Amtsschreiberin Motz von ihrem Ziele abzulenken, so desto mehr das Kind Adele, in dem der Syrakuser eine ganz besondere Lebhaftigkeit erregt hatte. Man kannte das schüchterne Kind kaum wieder, die sonst matten blauen Augen glühten und sahen sich begehrlich um, die Schönpflästerchen waren von Schweiß mitsammt der rothen und weißen Schminke in eine gewisse Flüssigkeit gekommen, die keineswegs zur Erhöhung ihrer Schönheit beitrug, dennoch war es der Amtsschreiberin unmöglich, näher zu ihr zu treten, da sie entweder im Kreise der Tanzenden weilte oder mit ihrem Tänzer promenirte. Fräulein Emilie Bardeleben wußte gar nicht, was sie heute von ihrer Freundin, der Landräthin von Vogelsang, denken sollte, der Baron Bardenfleth auffallender als jemals die Cour machte, und doch interessirte sie noch mehr das intime Verhältnis, das sich in so kurzer Zeit zwischen der Baronin und dem fremden Regierungsrath entsponnen, sowie die ausnehmende Herablassung und Liebenswürdigkeit der Gräfin. Jungfer Puvogel war erzürnter auf das »dicke Weib« als auf die Gräfin, denn diese blieb nicht ewig in Heustedt, wenn aber die Vogelsang ihrer Gönnerin vorgezogen würde, das wäre ja zu schlecht. Nur Fräulein von Spitznas blieb sich treu, sie ließ, soweit sie folgen konnte, keinen Schritt und Tritt, keinen Blick, keine Handbewegung der Gnädigsten aus dem Auge, und sie hatte richtig combinirt, als sie sich schon vor deren Schwindelanfall aus dem türkischen Zelt entfernte und dem reservirten Park auf Um- und Schleichwegen zueilte. Aber sie sah nur die Thür hinter der Gräfin und Oskar schließen, genug freilich für Médisance, wenn auch zu wenig für ihren Wissensdrang. Das Feuerwerk, welches auf dem Hochwiehe abgebrannt wurde, zog den bei weitem größten Theil der Zuschauer nach dem Theil des Parks, wo dieser an die Graft stieß. Feuerräder und Feuerregen, Feuertöpfe und bengalische Flammen wechselten mit Raketen und Schwärmern, welche letztere oft auch im Park selbst im Gebüsch aufknallten und die Zuschauer auseinandersprengten. Nur die alten Herren waren bei der Flasche geblieben. Plötzlich stand die Gräfin unter ihnen und forderte sie auf, vor das Zelt zu treten. Es erfolgten einige Kanonenschläge und dann erglänzte in entgegengesetzter Richtung von dem bisherigen Feuerwerke, nach der Stadtseite zu, wo eine Reihe von italienischen Pappeln die Stallgebäude vom Park schied, ein neues Feuerbild. In dieser Pappelreihe bis zu den obersten Spitzen trat der Namenszug des Grafen und der Gräfin mit der Grafenkrone darüber, und darunter der Name Olga in Brillantfeuer hervor. Alles drängte jetzt nach dieser Seite. Als die Namenszüge nach und nach erloschen, erglänzte der ganze Platz vor dem türkischen Zelt in rothen und weißen bengalischen Flammen, und der Rentmeister führte einen Zug Dienerschaft und Bauern vor das Zelt, welche die gnädige Herrschaft und die Comtesse Olga hochleben ließen. Das Volk stimmte ein, bis sich die Musik wieder an ihren Platz begab und von neuem zum Tanz aufspielte. Im Gedränge des Feuerwerks hatte ein Aufpasser den andern aus den Augen verloren und war namentlich Fräulein Spitznas sehr erstaunt, die Gräfin vor dem Zelte an der Seite ihres Gemahls wiederzufinden, während sie selbst doch den Eingang zum Geheimpark in der ganzen Zeit nicht aus den Augen gelassen. Obwol man bis tief in die Nacht tanzte, hatte doch Herr von Berlepsch nicht mehr die mehrfach erbetene Gnade eines Tanzes mit der Gräfin erlangt. Nur auf Veranlassung der Baronin von Bardenfleth hatte sich Berlepsch zu der Bitte um diese Tänze bequemt. Das Sommerfest würde noch länger, bis an den Morgen gedauert haben, hätte nicht plötzlich ein heftiger Windstoß schwarze Wolken über den bisher sternenhellen Horizont hergetrieben, rollender Donner und Wetterleuchten sich von Westen geltend gemacht. Das Fest gab aber den Heustedtern, der Societät sowol als dem Volke, Stoff zum Klatschen auf ein Jahr. Fünftes Kapitel. Karoline Mathilde. Wer im Jahre 1773 vor der Stadt Hannover nach den städtischen im Walde liegenden Schenken, dem Listerthurm und dem Pferdethurm, spazieren wollte, hatte es nicht so bequem wie heute. Zwar war vom Steinthore aus ein breiter Heerweg nach Celle in Anlage begriffen, und die mächtigen Linden, die heute noch diesen Weg schmücken, standen dort schon als junge Stämmchen, aber der Weg selbst war im Winter und Frühjahr Ein Morast, im Sommer Ein Staub. Der Posthof war bis zum Listerthurme das einzige Haus am Wege, der noch gänzlich schattenlos war. Durch das magere Steinthorfeld schlich sich zwar ein Feldweg nach dem Blattern-Hospital, welches wir jetzt das Neue Haus nennen; aber da, wo jetzt ein neuer Stadttheil mit einer prangenden Königsstraße entstanden, wo unaufhörlich Locomotiven sich bewegen, und eine kleine Armee Fabrikarbeiter beschäftigt ist, wurden damals höchstens Erbsen und Bohnen neben Kartoffeln und Kohl gebaut. Vom Neuen Hause nach dem Listerthurme gab es nur einige Schleichwege und einen schmalen Holzweg neben dem Holzgraben. Vom Listerthurme nach dem Pferdethurme glaubte man sich in einen undurchdringlichen Urwald versetzt, nur wenige Kundige, welche den Lauf der Abzugsgraben genauer kannten, Jäger und Forstbediente, oder ein die Einsamkeit suchendes Liebespaar, wagten es auf diesem Wege vorzudringen. Vom Egidienthore aus ging dann an der Stelle, wo heute eine schöne gepflasterte Chaussee zum Zoologischen Garten und tiefer in das Holz führt, ein schwarzer schmuziger Holzweg nach Osten, nordwestlich neben dem Schiffgraben her, in nasser Jahreszeit kaum zu passiren. Neben dem mit Ulmen und jungen Weiden bepflanzten linken Ufer des Schiffgrabens lief wie noch heute ein Fußweg. Endlich führte auch die Braunschweiger Straße dem Theile der Eilenriede zu, in welchem der Pferdethurm lag. Auf allen diesen Wegen wogten nun am 20. Juli 1773 viele Tausende von neugierigen Hannoveranern und, wie sich von selbst versteht, auch Hannoveranerinnen zu Wagen, zu Roß und zu Fuße. Es war noch sehr früh am Morgen, und der Thau glänzte auf Gräsern und dem Niederholze, als die gesammte Eilenriede schon so lebendig war, wie sie es jetzt nur an einem Pfingstmorgen zu sein pflegt. Es bewegten sich aber alle in der Richtung nach dem Pferdethurme. Hier waren Ehrenpforten errichtet, das ganze Haus war mit Grün ausgeschmückt, der Salon des Hauses mit Marmorplatten belegt. Man erwartete Karoline Mathilde, die unglückliche Königin von Dänemark, welche seit dem Frühjahre in Celle residirte und die jetzt ein Artilleriemanöver in Bischofshole ansehen wollte. Der Pferdethurm war zu ihrem Absteigequartier bestimmt, und hier, soweit Wagen nicht hinderten, hatten sich viele Hunderte auf den hölzernen Bänken und im feuchten Grase gelagert, um die Königin, die zum ersten mal nach Hannover kam, zu schauen. Der Haupttrupp zog aber nach Bischofshole, wo der Hofstaat selbst die Königin erwartete. Ein großes türkisches Zelt war zu dem Ende hier aufgeschlagen, daneben ein Retiradezelt für die Königin, und zwei andere Zelte für deren Begleitung. Aber auch hier wurden die Neugierigen durch Wachen abgewehrt. Hinter der ersten Batterie nach Kirchrode zu befand sich auf einer Anhöhe aber das sogenannte Offizierzelt und eine große Menge Schenkzelte. Marketenderinnen hatten unter ausgespannten Ascherlaken ihre Butiken aufschlagen und verzapften Broyhan, Branntwein und echt spanische Weine, wie sie keck behaupteten, dem durstigen Publikum und etwa müßigen Soldaten. Der schönen Welt wurde auch gestattet, sich von den Strapazen des Weges und dem heißen Stich der Julisonne in den Schatten des Offizierzeltes zu flüchten, wo indeß nur wenige wachthabende Offiziere Muße hatten, den Schönheiten die Cour zu machen. Es hatte noch nicht acht Uhr auf den Thürmen Hannovers geschlagen, als die königlich kurfürstlichen Hofequipagen, welche der Königin bis Bothfeld entgegengeschickt waren, eintrafen. Nach sehr kurzem Aufenthalte am Pferdethurm fuhr man weiter, der Reisestallmeister Einfeld, der Oberbereiter Redeker und ein Stallmeister aus dem Gefolge der Königin selbst, Claasing, ritten den vier Equipagen voran. Karoline Mathilde saß in dem ersten mit sechs Schimmeln bespannten Wagen, neben ihr die Oberhofmeisterin von Ompteda, ihr gegenüber die Fräulein von Rürleben und von Bülow. In der Mitte zwischen Königin und Oberhofmeisterin saß ein kaum sechsjähriges Kind, die Tochter des Oberhauptmanns von Bennigsen zu Banteln, welche Karoline Mathilde zur Erziehung zu sich genommen. Im zweiten Wagen folgte der Oberhofmarschall von Lichtenstein, Oberhofmeister von Hohenholz und Kammerjunker von Spörken. Die folgenden Wagen hatten die Duenna der kleinen Sophie Bennigsen, Kammerfrauen, Kammerdiener, einen Friseur und dergleichen zu Insassen. Die zweiundzwanzigjährige Königin im Reisecostüm von blauer Seide, auf dem Haupte einen gleichfarbigen spitzgethürmten Reisehut mit wallenden weißen Federn reich verziert, – gewährte ein liebliches Bild. Das einzig Unschöne an ihr, das farblose flächserne Haar, war durch Puder verdeckt. Ihr Teint, so weiß und glänzend, wie man ihn nur bei Engländerinnen sieht, hätte der zwei Schönpflästerchen auf der Stirn und in der Nähe des Kinns wahrlich nicht bedurft. Den rothen Wangen sah man es an, daß Schminke ihnen fremd war, die Zähne waren von tadelloser Weiße und dem schönsten Ebenmaße, die Lippen üppig gewölbt und schön gefärbt. Große hellblaue Augen, denen man ansah, daß sie Thränen kannten, lächelten heute im freundlichsten Glanze auf die Umgebung; das ganze Aussehen der Königin war so, wie wenn sie einem freudigen Ereignisse entgegensähe. Karoline Mathilde war das neunte Kind des schon vor ihrer Geburt gestorbenen Prinzen von Wales, des ältesten der Söhne Georg's II. und der Prinzessin Auguste von Gotha. Funfzehnjährig, dem siebzehnjährigen Könige Christian VII. von Dänemark am 1. October 1766 im Geheimrathssaale des Saint-Jamespalastes durch einen Stellvertreter angetraut, – war sie über Holland und Hannover nach Dänemark dem ihr Unbekannten entgegengereist. Der junge König schien damals, als er seine Frau im Schlosse Roeskilde zum ersten mal erblickte, so hingerissen von ihrer Schönheit, daß er Hofceremoniell und den zornigen Blick seiner Großmama vergaß und seine Frau in Gegenwart aller Anwesenden umarmte und küßte. Das war aber zwei andern Königinnen nicht recht, die neben Mathilde zu der Zeit in Dänemark lebten und es beherrschten, mindestens nach Herrschaft dürsteten. Denn liebte der König die schöne Mathilde, so konnte diese ihn zum Selbstherrscher erziehen, oder die Gewalt selbst an sich reißen. Diese war aber so süß. Das hatte die Großmutter des jungen Königs, die sechsundsechzigjährige Sophie Magdalena von Brandenburg-Kulmbach, während Lebzeiten ihres Mannes erfahren, während der Regierung ihres Sohnes entbehrt. Sie war sehr fromm und hielt sich von Gott berufen, dem Enkel die schweren Sorgen des Regiments abzunehmen. Das Gleiche erstrebte aber auch die erst achtunddreißig Jahre alte Stiefmutter des Königs, die listige und verschlagene Juliane Marie von Wolfenbüttel, wenn nicht für sich, doch für ihren Sohn, den Erbprinzen Friedrich. Sie lebte anscheinend in größter Zurückgezogenheit im Schlosse Friedensburg, um ihren Gemahl Friedrich V. trauernd, den sie nie geliebt und der sie gehaßt hatte, spann aber von hier ihre Netze um den Stiefsohn. Ihre Creatur, der Hofjunker Graf Konrad von Holk, wußte schon früh den König zu Ausschweifungen zu verführen, er vermittelte die Bekanntschaft desselben mit der ihrer kleinen Füße wegen berühmt-berüchtigten »Stiefelettkatharine«. Der junge Monarch war einer tiefen und nachhaltenden Neigung nicht fähig, schon einen Monat nach Ankunft der Königin war sein Liebesfieber erloschen. Die Franzosen sehen in solchen Dingen scharf, und der französische Gesandte Ogier, der über die Hofzustände nach Paris berichtete, meinte: »Eine noch größere Liebenswürdigkeit würde nicht hinreichen, die Königin von ihrem Schicksale zu befreien, da der König der Ansicht sei, es gehöre nicht zum guten Tone ( n'est pas du bon air ), seine Frau zu lieben.« Diejenigen, welche die Ausschweifungen des Königs entschuldigten, gaben der Königin schuld, sie habe auf den Rath der Oberhofmeisterin Frau von Plessen durch scheinbare Sprödigkeit und Zurückhaltung den heißblütigen König noch mehr entflammen wollen, ihn bei Abendvisiten zurückgetrieben, dadurch aber gerade in die Arme der Stiefelettkatharine zurückgedrängt. Aber mochte Mathilde den König, wenn er im halbtrunkenen Zustande Einlaß in ihre Gemächer begehrte, auch wol einmal zurückgewiesen haben, sein Geist war schon bei ihrer Ankunft von Grund aus verderbt, sein Körper geschwächt. Er liebte nur nächtliches Umherstreifen in den Gassen, Prügeleien mit Nachtwächtern, Eindringen in gemeine Häuser, und was dahin gehört. Die Schwangerschaft der Königin, obgleich sie Veranlassung gab zu einer Reihe von Festlichkeiten des Hoflagers, wo Schauspiele, Bälle, Maskeraden, trotz aller Finanznoth, eins das andere verdrängten, nahm der König dann vollends zum Vorwande, sich dem Zwange des Hofes zu entziehen und den Lustbarkeiten, die Holk auf dem Blaagaard (blauem Hofe) vor dem Norderthore Kopenhagens anordnete, sich ganz hinzugeben. Im Hause der Stiefelettkatharine hielt sich ein etwa funfzehn- bis sechzehnjähriger Knabe auf, ein echter kopenhagener Straßenjunge, Klaas genannt, ein geborener Jüte. Man erfuhr nie recht, woher derselbe eigentlich stammte; Katharine gab ihn für den Sohn ihrer verstorbenen Schwester aus. Böswillige behaupteten, es sei ihr eigener Sohn, obgleich das höchst unwahrscheinlich war. Andere wollten wissen, es sei ihr eigentlicher Liebhaber, oder sie erziehe ihn zu ihrem künftigen Ehemann. Klaas war bei dem nächtlichen Umherschwärmen ein unzertrennlicher Begleiter des Königs gewesen, den er durch seine Stärke und Gewandtheit mehr als einmal vor Prügeln gerettet. Nachdem Holk zum Hofmarschall ernannt war, zog er auf Befehl des Königs Klaas, der fortan Claasing genannt wurde, an den Hof, mindestens erhielt er die Stelle eines Bereiters im Marstalle. Als aber der König 1768 seine große Reise durch England, Frankreich, Holland und Deutschland antrat, mit zahlreichem Gefolge, verlangte er, daß sein Klaas , wie er ihn noch immer nannte, unter seinem Gefolge sein sollte. Er mußte, da er in der That zu knabenhaften Dingen die meiste Lust hatte, da sein Kammerpage von Warnstedt ihm zu ernst war, Holk's Orgien zu viel Anstrengungen erforderten, des neuen Leibarztes Struensee Adlerblick ihn förmlich einschüchterte, einen jüngern Knaben bei sich haben, mit dem er Knabenstreiche treiben, Loup spielen, hauptsächlich seinem Lieblingsvergnügen nachgehen, sich balgen und seine körperliche Gewandtheit zeigen konnte. Claasing war aber innerhalb eines Jahres aus einem Straßenbuben ein feines Herrlein geworden, der sich an jedem Hoflager sehen lassen konnte, und der von den Damen sehr begünstigt wurde. Groß, schlank, mit muskulösen Beinen und Armen, trug er einen feingeschnittenen Kopf, der eher an einen Italiener als an einen Jüten erinnerte, auf breiten Schultern. Er war bald der beste Reiter und Fechter, hatte die deutsche wie französische Sprache mit Fertigkeit erlernt, und würde, wenn er mehr Lebenserfahrung gehabt hätte, den Grafen Holk leicht aus seiner Günstlingsstelle haben verdrängen können. Claasing hatte aber keinen Ehrgeiz, er hatte nur eine Leidenschaft, die ihm angeboren schien, das Spiel, und er spielte unglücklich seit seinen Kinderjahren, wo er mit andern Buben um Reichs-Schillinge, die er sich ergaunert oder von der Tante geschenkt erhalten hatte, knöchelte. Obgleich der König auf der Reise das Geld in aller Weise verschwendete und Claasing häufig mit großen Geschenken überhäufte, wenn dieser im Wolfspiel verloren hatte, ließ es diesem doch keine Ruhe, bis er sein so gewonnenes Geld im Spiel mit seinen Kameraden oder in den Spielhäusern großer Städte, die er instinctmäßig auffand, angebracht hatte, sodaß er oft den Leibarzt um ein Darlehn angehen mußte. Struensee gab solches gern, erfuhr er doch bei solcher Gelegenheit manches von dem, was ihm über das Treiben des Königs geheimgehalten wurde. Als der zum Ehrenbürger von London ernannte, von der Universität Oxford zum Doctor juris civilis creirte, von dem königlichen Schwager, den Schwägerinnen, der Stadt London und dem Adel mit dem größten Luxus bewirthete Christian VII., um sich zu revanchiren, seinen berühmten Maskenball vom 10. October 1768 gab, hatte eine englische Herzogin den schlanken Jüten in ein reservirtes kostbar geschmücktes Gemach entführt, ihm mit dem letzten Kusse eine Diamantbrosche, die sie vom Busen nahm, in die Hand gedrückt, für deren Werth er in Deutschland oder Holstein ein Rittergut hätte kaufen können. Aber obgleich schon am 14. October die Jacht Mary den König und sein Gefolge nach Calais brachte, mußte Claasing schon auf dem Schiffe Struensee's Geldhülfe in Anspruch nehmen, während er ihm mittheilte, was der »nordische Bösewicht«, so nannten die Damen der Gesellschaft den König, ihm selbst über sein Begegnen mit der Gräfin Talbot erzählt hatte. Bei der Schamlosigkeit, mit der die vornehmsten Frauen in England, Frankreich und Deutschland sich dem jungen Könige darboten, brauchte Holk, der Macher für Juliane, zu kopenhagener Mitteln seine Zuflucht nicht mehr zu nehmen, und Struensee's wohlmeinender Rath ward erst dann berücksichtigt, als eine ernsthaftere Krankheit den König einige Zeit ans Bett fesselte. Von dieser Zeit an wirkten aber Struensee, der Kammerpage von Warnstedt und Claasing gemeinschaftlich dahin, den König vor den bösen Einflüssen des Hofmarschalls zu bewahren. Der Jüte Claasing, in welchem, abgesehen von seiner Leidenschaft zum Spiel, manches gute Element lag, haßte namentlich Holk ebenso sehr, als er dem Könige ergeben war. Der Hofmarschall konnte nämlich nicht unterlassen, in seiner Gegenwart häufig spottend von Stiefelettkathrinchen und ihrer Lumpensippschaft zu sprechen. Claasing, der zum Cavalier herangereift war, dem englische und französische Herzoginnen ihre Liebe angetragen, der da gesiegt, wo jener vergeblich schmachtete, dünkte sich aber dem Hofmarschall gleichberechtigt, um so mehr, da es nur eines Wortes von ihm bedurft hätte, dem schwachen Könige, den er in vertrauten Stunden duzen mußte , ein Grafenpatent abzuschwindeln und sich selbst zum Hofmarschall machen zu lassen. So kam man im Januar 1769 nach Dänemark zurück, und da Struensee's Ermahnungen, in der letzten Zeit wenigstens, Eindruck auf den König gemacht hatten, schien es eine Zeit lang, als habe derselbe einiges Interesse für seine königlichen Beschäftigungen zurückgebracht. Der Hofmarschall selbst war es nun, welcher der Königin, die er haßte, da sie seine Liebesbetheuerungen schnöde zurückgewiesen, die öftere Gegenwart Struensee's aufdrängte, in welchem Mathilde nur einen Helfershelfer des Verderbers ihres Gatten sah. Struensee aber wußte durch zartes und ehrfurchtvolles Betragen das Vertrauen und bald die Freundschaft der Königin zu gewinnen. Sein Streben ging dahin, den König wieder der Königin zu nähern, letzterer den Einfluß auf die Herrschaft zu gestatten, welchen bisher die Königin-Großmutter im Verein mit Graf Bernstorff und der Stiefmutter Juliane durch den Hofmarschall ausgeübt hatten. Nachdem der verbannte Kammerjunker Brandt zurückgerufen war, gelang es diesem und dem zum Reisemarschall ernannten von Warnstedt, im Verein mit Struensee Holk im Sommer 1770 zu stürzen. Der junge Jüte, welcher nach der Rückkehr des Königs von Holk aus dessen Nähe entfernt war, hatte bei einer Schlittenpartie Mathilde, welche selbst fuhr, aus großer Gefahr gerettet, und war dem Marstalle der Königin als Oberbereiter beigegeben. Alle Reisegefährten Claasing's hatten im Herbst 1770 so viel mit sich selbst zu thun, daß sie den armen Genossen gänzlich vernachlässigten. Er wäre bei seiner Leidenschaft zum Spiel und seinem fortwährenden Unglück gewiß zu Grunde gegangen, wenn nicht in der Königin um diese Zeit die besondere Lust am Reiten erwacht wäre. Sie hatte es als Engländerin in dieser Kunst schon zur ziemlichen Vollkommenheit gebracht, allein sie wollte nicht mehr als Amazone, sondern wie die Männer reiten, und begehrte von Claasing Unterricht. In Mannskleidern, mit hirschledernen Unnennbaren, saß sie so kühn zu Pferde wie der beste Reiter, und wenn sie in solchem Anzuge in den Schloßsaal zu Plön ritt und an dem kopenhagener Schützenfeste theilnahm (die Bilder davon sieht man noch heute in der kopenhagener Bibliothek), so mußte man anerkennen, daß ihr Lehrmeister das Seinige gethan hatte. Aber der Oberbereiter, welcher bisher alle Frauen, vielleicht weil sie ihn aufsuchten, verachtete, der nie eine Frau geliebt, wenn ihre Küsse auch seine Leidenschaft entflammt hatten, welcher Landsknecht mit Offizieren und Hofbedienten einem Rendezvous mit der schönsten Dame vom Hofe, und Grog dem Champagner vorzog, faßte auf einmal eine sentimentale Liebe zu der schönen Schülerin. Er, der vor keiner That des Mannes zurückbebte, er, sonst immer keck und verwegen, begegnete der Königin voll Schüchternheit, Zartheit und Unterwürfigkeit. Vielleicht kam es gerade daher, daß sie seine zärtlichen Blicke ignorirte, daß sie seine Seufzer nicht hören wollte, daß sie ihn auf eine höchst grausame Art bei diesem Unterricht quälte. Oder war es keine Qual für Claasing, wenn er ihr helfen mußte, die schöne kleine weiße Hand in den Reithandschuh zu zwängen, oder den zarten Füßchen die Biegung nach innen zu geben, welche den Schluß und die reizendste Formung des Beines zu Wege brachte? Es mochte auch seinen Theil des Komischen haben: einen sentimentalen Oberbereiter, dessen Liebesabenteuer im In- und Auslande der Königin kein Geheimniß geblieben sein konnten, seufzen zu hören, wo etwas ganz anderes von ihm erwartet wurde. Vielleicht hätte Karoline Mathilde aber in dieser Brust mehr Aufopferungsfähigkeit und persönlichen Muth gefunden als bei ihrem geheimen Cabinetssecretär, dem Etatsrath Struensee. Möglich auch, daß der Kopf der damals Neunzehnjährigen gänzlich von Herrschsuchtsgedanken eingenommen war, daß dieses äußere dem König wohlgefällige Hervortreten die geheimen Plane, welche sie mit Struensee und dem Gemahl in der Einsamkeit des Schlosses Traventhal ausgebrütet, nur verdecken sollte. Claasing verehrte die Königin als eine Heilige, als eine Madonna; es hätte ihm eine Sünde geschienen, ihr auch nur mit einem unreinen Gedanken zu nahe zu treten. Als der Hof auf Hirschholm seinen Sommeraufenthalt nahm, und die Angebetete seinen Augen entrückt wurde, weil der Marstall der Königin zurückblieb, gab er sich wochenlang stillem Brüten hin, dann aber spielte und trank er ganze Nächte hindurch mit seinen ziemlich rohen Genossen, Marine- und Landoffizieren wie Schiffskapitänen. Es war, sobald der König der Königin sich wieder nahte, Sorge dafür getragen, daß Stiefelettkatharine Kopenhagen verließ. Der Schützling derselben war über sein näheres Verhältniß zu ihr nicht aufgeklärt, er war etwa als vierjähriger Knabe zu ihr gekommen und hatte sie immer Tante nennen müssen. Als Christian VII. ihm angekündigt hatte, er solle reiten lernen und in seinem Marstalle angestellt werden, hatte Katharine gesagt: »Klaas, mit der Tantenschaft ist es jetzt vorbei, du nennst dich fortan Claasing und sorgst für dich selbst. Du hast Verwandte auf Erden nicht. Auch ich bin nicht deine Tante. Vergiß die Vergangenheit, liebe den König, deinen großmüthigen Gönner.« Sie war reich beschenkt nach Stockholm übergesiedelt. Von dort erhielt auch Claasing von Zeit zu Zeit nicht unbedeutende Geldsendungen namenlos zugesendet. All dieses Geld ging aber den Weg, den das frühere gegangen war. König Pharao oder Bube Landsknecht oder lüttje elf oder der Wolf verschlangen es. Das war aber in einer Zeit, wo sich im Lande Dänemark eine große Revolution vorbereitete, wo Graf Bernstorff seines Postens als Minister enthoben wurde und im Namen des schon beinahe gänzlich dem Blödsinn verfallenen Königs Anordnungen getroffen wurden, welche Dänemark zu regeneriren bestimmt waren. Während Struensee's Regiment begann, und seine Reformen weder dem Volke, noch dem Adel, noch der Geistlichkeit, noch dem Militär, noch den Matrosen genehm waren, selbst die Aufhebung der Censur ihre Gegner hatte, nicht minder die Beschränkung der Titelverleihungen, erst recht aber die Ersparungen im Hofhalte und der Staatsverwaltung, hatte sich Claasing durch sein wahnsinniges Spiel in eine Schuldenlast gestürzt, welche er nicht mehr zu bewältigen wußte. Die Sendungen aus Stockholm blieben aus, wie jede Nachricht daher. Der Jüte, welcher in Geldsachen sehr leichtsinnig war, weil das Geld nur einen Werth für ihn hatte, wenn es als Einsatz beim Spiele stand, hatte nie daran gedacht, Struensee die verschiedenen Darlehne, die ihm dieser auf der Königsreise gemacht, zurückzuzahlen. Jetzt, in der höchsten Noth, blieb ihm kein anderer Ausweg, als sich abermals an Struensee zu wenden. Dieser, immer freigebig, gab ihm zwar das verlangte Geld, aber er, der schon mit dem Mathildenorden geschmückte, er der vierunddreißjährige, erlaubte sich dem neunzehnjährigen Claasing Vorwürfe über seine Lebensweise zu machen, ihm das Spiel, den Grog, die niedere Gesellschaft als seiner unwürdig vorzustellen. Gerade weil diese Vorwürfe trafen, weil sie mit dem übereinstimmten, was das eigene Gewissen in bessern Stunden ihm selbst sagte, fühlte sich der Jüngling verletzt, und er schied als Feind dessen, der ihm wie bisher sich als Freund und Gönner erwiesen. Nachdem die nöthigsten Ehrenwortsschulden bezahlt, wurde der Rest des Geldes in einer Nacht bei dem vom Hofe auch in die niedern Hofkreise, ja in das gemeine Volk gedrungenen Wolfspiel geopfert. Es war das im Spätherbst 1770, der Hof hatte schon die Sommerresidenz Hirschholm verlassen und war in die Christiansburg eingezogen. Wüst im Kopfe, unzufrieden mit sich und der Welt, die Göttin Fortuna tausendmal verfluchend, arm wie eine Kirchenmaus, wälzte sich der Oberbereiter am andern Morgen, nachdem die Sonne schon viele Stunden aufgegangen war, im Bette, als ihm ein Brief aus Stockholm überreicht ward. Er enthielt die Nachricht von dem Tode der Stiefelettkatharine durch eine Hospitalbehörde der Stadt Stockholm, und ein Schreiben dieser selbst mit versiegelten Einlagen. Stiefelettkatharine offenbarte sich darin als seine Schwester. Sein Geburtsschein wies ihn aus als den Sohn eines armen jütischen Dorfschulmeisters. Die Schwester war durch einen adelichen Dragoneroffizier verführt und nach Kopenhagen gebracht worden, wo sie dann durch vornehme Bekanntschaften ihr Glück gemacht hatte, wenn man im Lorettenthum überall von Glück sprechen kann. Die Aeltern waren gestorben, und sie hatte den Bruder zu sich genommen und unterrichten lassen. Sie war später von dem Adel Kopenhagens, den König an der Spitze, schmählich mishandelt, wie sie glaubte und schrieb. In Stockholm hatte sie im Anfang mit neuem Glück vornehme Bekanntschaften gepflogen, war dann aber in Krankheit gefallen, und nachdem sie von einem ihrer Liebhaber ihres Schmuckes, eines Geschenks des Dänenkönigs, und ihrer Gelder beraubt worden, immer tiefer ins Elend gesunken. Von ihren hochadelichen Freunden verlassen, wurde sie ins Hospital geschafft. Sie hatte, schrieb sie, nur Eins gerettet, dieses Eine und ihren Haß gegen alles, was sich Herzog, Graf oder nur »von« nenne, hinterlasse sie ihrem Bruder. Dieses Eine, worauf sie noch Werth lege, sei ein versiegeltes Versprechen der Königin-Witwe Juliane Marie. Er solle es für den äußersten Nothfall aufbewahren, dieser selbst aber das beiliegende Schreiben überbringen, in welchem sie ihn zu ihrem Erben und zu demjenigen ernenne, dem die Königin-Witwe ihre Versprechungen erfüllen müsse. Claasing's Stimmung wurde durch diese Eröffnungen noch niedergedrückter, und wie ein Unglück immer mit andern zusammentrifft, kamen in dem Augenblicke, wo er über sein Geschick nachdachte, und dieses Nachdenken ihn vielleicht auf bessere Wege geführt hätte, verschiedene Juden mit Wechseln und Anmahnungen; zugleich brachte aber ein Marstallbedienter den Befehl: »Die Königin wünsche sofort auszureiten und verlange seine Begleitung.« Nun waren aber die Manichäer nicht so leicht zu entfernen, sie mußten erst mit Hülfe seines Bedienten aus der Stube geworfen werden, ehe er Toilette machen und Uniform anziehen, den Zopf sich aufbinden und sich pudern lassen konnte. Während der Bediente die letzte Beschäftigung vornahm, kam schon die zweite Botschaft der Königin. Der Oberbereiter, welcher das Satteln der Pferde schon befohlen, eilte, die Pferde vorführen zu lassen. Die Königin, sowenig ihre Oberhofmeisterin das mit der königlichen Würde vereinbar fand, promenirte in der Reitbahn hinter dem Schlosse schon in Mannskleidern, die Reitpeitsche in der Hand ungeduldig auf und ab in Begleitung Struensee's und des Stallmeisters von Warnstedt. Die Pferde dieser und ihrer Bedienung warteten schon lange, als das Pferd der Königin vorgeführt wurde und der Oberbereiter kam. Letzterm ertheilte der Stallmeister in Gegenwart der Marstallsbedienten einen gehörigen Verweis, der ihm das Blut in die blassen, durchnachteten Wangen trieb. Mathilde zeigte sich äußerst erzürnt, wies die gewöhnlichen Dienstleistungen des Oberbereiters kurz zurück und schwang sich ohne seine Beihülfe in den Sattel. Man ritt auf dem Wege nach Schloß Roeskilde, der Jüte voran. Den Herrschaften folgten ein Unterbereiter aus dem Hofhalte des Königs und die Reitknechte der beiden Begleiter der Königin. In der Brust des öffentlich gescholtenen Oberbereiters wühlte ein Orkan widerstreitender Empfindungen, in denen augenblicklich eine unbeschreibliche Wuth gegen Warnstedt, gegen die Königin, gegen Struensee, ja gegen die ganze Welt die Oberhand behielt. Man war wol schon eine Stunde geritten und näherte sich einem Holze, als Claasing auf einmal den gewöhnlichen Schritt der Reitenden hinter sich unterbrechen und zwei davon im Galop anspringen und davonbrausen hörte. Ehe er sich recht besann, tobten auf der einen Seite die Königin, auf der andern Struensee im wildesten Galop an ihm vorbei. Claasing glaubte, die Pferde seien durchgegangen, gab dem seinen die Sporen, übereilte das der Königin und fiel ihm in die Zügel, sich selbst mit großer Gewandtheit vom Sattel schwingend. Mathilde sah nicht die Mannheit, ja die große Gefahr, der sich der kühne Jüngling aussetzte; mit zornblickenden Mienen schlug sie mit der vollen Macht ihres Armes über die Hand, die ihren Rappen zum Stillstehen gezwungen, und streifte beim Zurückziehen der Peitsche sein Gesicht. – Der Oberbereiter stand wie vernichtet. Er hatte einen Schmerz nicht gefühlt auf der Hand, es war ihm aber, als habe er einen Stich ins Herz bekommen. Die, welche er über alles in der Welt liebte, schlug ihn mit der Reitpeitsche! »Majestät«, stammelte er, »ich glaubte, der Rappe ginge durch.« – »Mit mir geht kein Pferd durch«, sagte die Königin stolz, »er Esel mußte wissen, daß ich einen Wettritt mit dem Etatsrath machen wollte.« Struensee war indeß umgekehrt, der Stallmeister nicht nur, sondern auch das Gefolge herangekommen. Die Königin wandte ihr Pferd: »Nach Hause«, befahl sie, »es ist ein Unglückstag.« Und es war ein Unglückstag für Karoline Mathilde, ein Tag, der sie um alles Glück ihres Lebens, ja um dieses selbst bringen sollte. Sie hatte aus einem Anbeter sich einen Todfeind geschaffen, in dessen Brust jeder Herzschlag, jetzt fieberhaft verdoppelt, Rache, Rache, Rache klopfte. Der König bewohnte damals die Hauptfaçade der Beletage der Christiansburg. Man hatte ihn möglichst von der Welt abgesperrt und zum Ersatzmann seines Claas ihm einen Mohrenknaben, Moranti genannt, zum Spielgefährten gegeben; die Oberaufsicht über ihn führte aber der Hoftheaterintendant Graf Brandt. Dieser bewohnte mit Struensee die Zimmerreihen der Mezzanine zu beiden Seiten der Haupttreppe. Die Könige hatte den rechten Seitenflügel inne; der Erbprinz und die verwitwete Königin wohnten in der zweiten Etage. Der Oberbereiter hatte in den hinter dem Schlosse gelegenen Marställen eine Officialwohnung, daneben eine Privatwohnung in der Stadt. Noch desselben Tages ließ er bei der Königin-Witwe um Audienz bitten, es wurde ihm eine Abendstunde, in welcher der Hof das Theater besuchte, zur Audienz bestimmt. Juliane Marie war eine lange hagere Gestalt mit magerm, blassem Gesicht, dünnen Lippen, kleinen lebhaften grau-grünen Augen. Alle Geschichtschreiber stimmen darin überein, daß sie eins der herrschsüchtigsten, ränkevollsten Weiber mit bösem, blutdürstigem Herzen gewesen. Ihr Sohn, der Erbprinz, war von Körper verkrüppelt, am Geiste schwach; gelangte er je zur Regierung, so blieb sie die Herrscherin. Juliane kannte jede Person am Hofe bis auf den Küchenjungen herab. Sie kannte auch Claasing und seine Carrière, seine Lebensweise, seine Spielwuth, sein Glück bei den Frauen. Sie hatte seit längerer Zeit alle seine Schritte überwachen lassen, denn sie hegte den Verdacht, Mathilde wolle eine Liebesintrigue mit ihm anspinnen, und die Farce des Reitens in Männerkleidern sei nur hervorgesucht, um den Lehrer in ihre Netze zu locken. Juliane kannte die Weiber, wer weiß, ob sie recht gesehen? Sie hatte schon Nachricht von dem Vorfall des Morgens und schrieb den Zorn der Königin ganz andern Motiven zu. Sie hatte schon die Absicht gehabt, Claasing, den sie für ein geeignetes Werkzeug ihrer Plane ausersehen, durch Guldberg, den Geheimsecretär des Erbprinzen und ihren Vertrauten, sondiren zu lassen. Jetzt warf das Schicksal selbst ihn ihr entgegen. Sie glaubte darin eine göttliche Bestätigung ihrer Ränke zu erkennen, wie denn die von Gottes Gnaden gar zu leicht den eigenen Willen für einen Wink von oben halten. Nachdem sie den Brief empfangen und stehend gelesen, nöthigte sie Claasing aus dem Empfangssalon in ihr Schreibzimmer und zwang ihn da, sich zu setzen. »Ich erfahre, daß Sie Bruder und Erbe einer Dame sind, der ich verpflichtet bin«, sagte sie mit dem süßesten Tone, den ihre dünnen Lippen hervorbringen konnten. Die Unterhaltung wurde, beiläufig gesagt, französisch geführt, wodurch das damals moderne Er vermieden wurde. »Ich schulde Ihrer Schwester 1000 Dukaten, bin leider aber in der Lage, Ihnen abschläglich nur 100 Dukaten heute abzahlen zu können. Seitdem der Leibmedicus meines Sohnes sich zum Herrscher Dänemarks emporgeschwungen, werden auch meine Apanagen höchst unregelmäßig bezahlt, und ohne die Einkünfte der eigenen Güter müßte ich Hunger leiden. Ich werde Ihnen monatlich 100 Dukaten abzahlen, die Sie persönlich von mir abholen wollen. Ich rechne darauf, daß Sie mir so treu dienen, als Ihre Schwester es gethan. Gelangt mein Sohn, der Erbprinz, je zur Regierung – Sie kennen die unheilbaren Krankheitszustände meines Stiefsohnes und die Kränklichkeit des Kronprinzen, – so verspreche ich Ihnen eine glänzende, ihrem Talent angemessene Carrière. Ich höre, man geht damit um, Warnstedt als Gesandten nach Petersburg zu schicken, und dem Kammerherrn von Bülow die Stelle zu geben, die Ihnen allein gebührte. Leider bin ich auf die Entschließungen meines Stiefsohnes, oder vielmehr die des Herrn Conferenzraths Struensee, ohne allen Einfluß, ich würde das Verdienst zu lohnen wissen. Auch die holdselige Königin scheint sich ihres Lehrers nicht in der Weise anzunehmen, als dieser es verdiente. Freilich, die Arme ist gänzlich dem Willen des Leibarztes unterthan, und ihre Leidenschaft für diesen macht sie ungerecht gegen ihre Umgebung.« Der Oberbereiter hatte sich mehr als einmal für das ihm bewiesene Vertrauen bedanken wollen, allein die redselige Juliane hatte ihn noch nie zu Worte kommen lassen; erst jetzt, da sie innehielt, sagte er: »Majestät können unbedingt über mich befehlen.« Die Schmeicheleien, die ihm in Beziehung auf sein Handwerk gesagt waren, hatten seinen Kopf mehr verwirrt als das Wort der Herzogin von X. in London, die ihn ihren Engel genannt hatte. »Apropos, mein Lieber«, fuhr Juliane jetzt vertraulicher fort, »ich glaube, daß Sie meinen Stiefsohn, den König, lieben, da Sie ihm ja alles verdanken; täusche ich mich darin nicht, so werden Sie mir beistehen, seine Ehre zu retten, welche von der Königin auf die schmachvollste Weise mit Füßen getreten wird, mir helfen, ihn selbst aus der Gefangenschaft dieses Brandt und Struensee zu befreien. Alles scheint mir darauf hinzudeuten, daß die Königin im strafbarsten Umgange mit ihrem Vorleser lebt. Ich selbst lebe jedoch zu zurückgezogen, um Beweise beibringen zu können. Sie, Herr Stallmeister, ich erlaube mir schon jetzt, Ihnen den Titel zu geben, der Ihnen gebührt, würden leicht Gelegenheit haben, solche Beweise zu schaffen. Man erzählt sich in der Frauenwelt, daß Sie das Herz des guten Kammerfräuleins von Eyben gewonnen haben, sie aber grausam schmachten lassen; auch die schwarzäugige Kammerjungfer Anna Petersen würde den Bitten eines so gewandten Cavaliers nicht widerstehen. Claasing, retten Sie die Ehre des Königs, ja das Königthum selbst. Sie finden an mir eine treue Beschützerin. Sobald Sie mir Beweise bringen, das heißt, sobald die Eyben, oder die Petersen, oder die Jungfern Brun und Horn gegen Sie selbst nur das Bekenntniß ablegen, daß Struensee nächtlich über den Corridor der Eremitage in das Schlafgemach der Königin schleicht, erhalten Sie 5000 Reichsthaler. Sobald ich selbst aber Einfluß auf Se. Majestät, meinen Stiefsohn, gewinne, ist der Baronstitel und die Aufsicht über sämmtliche Marställe als Stallmeister Ihnen gewiß.« Ohne Antwort abzuwarten, drückte sie Claasing eine Börse mit 200 Dukaten in die Hand und entließ ihn. Seit vielen Abenden saß der Jüte zum ersten mal allein in seinem Zimmer und trank sein Lieblingsgetränk, schwedischen Grog. Der Bediente hatte ihm zum dritten mal warmes Wasser gebracht, als er wie aus einem Traume erwachte. War er denn monatelang blind gewesen? Hatte er nicht schon in Frederiksburg, dann auf dem Schützenhofe in Kopenhagen Zeichen der größten Vertraulichkeit zwischen der Königin und Struensee bemerkt? Wozu diese Zurückgezogenheit in Traventhal, wo außer dem Könige, seinem Mohrenknaben, seinem zum Conferenzrath ernannten Hund Gourmand und der Königin nur Brandt und Struensee, Kammerfrauen und untergeordnetes Dienstpersonal gegenwärtig gewesen waren? Man hatte dort doch nicht Bußübungen angestellt? Und ferner, hatte er nicht bei dem letzten Maskenballe im Hoftheater vier Masken, in denen er die Königin und Frau von Holstein, Struensee und Brandt zu erkennen glaubte, in das für den König reservirte Gemach eintreten sehen, während er wußte, daß der König und Moranti sich mitsammt dem Hunde Gourmand in den Zimmern des Königs herumbalgten? Seine als Göttin verehrte Mathilde war also nicht besser als die andern Frauen, welche er kennen gelernt! Und diese Frau hatte es gewagt, ihn zu schlagen? – Er wußte jetzt, wie er sich rächen konnte. Die Bekanntschaft mit Fräulein von Eyben war bald angeknüpft, denn Hofbälle, Jagden, Schlittenfahrten, Maskeraden, Theater wechselten unaufhörlich. Brandt schien darauf versessen, dem Hofe Vergnügen zu verschaffen. Aber auch die Eyben hatte nur Muthmaßungen, keine Gewißheit. Von den drei Kammerjungfern war die Brun die schönste und schlaueste, sie ward von Claasing ins Complot gezogen, und sie wandte die rechten Mittel an, um die Wahrheit herauszubringen. Der lange, dunkle Corridor, welcher zur Eremitage, dem Schlafgemach der Königin, führte, wurde mit Puder bestreut, auch steckte die Brun kleine Papierstückchen zwischen die dahin führende Thür des Schlafgemachs, welche eigentlich nie geöffnet werden sollte. Am Morgen fanden sich im Puder die Spuren von Mannsfüßen, und die Papierchen lagen theils im Schlafgemache der Königin, theils im Corridor. Die Verrätherin an ihrer Königin beging, als sie Claasing diese Thatsachen hinterbrachte, zugleich Verrath an ihrem Verlobten, dem Kanzleirath Blechenberg. Auf den Rath der Königin-Witwe mußten diese Versuche wiederholt und die beiden andern Kammerjungfern als Zeugen hinzugezogen werden. – Struensee, nichts von diesen Weiberränken ahnend, erwirkte am 27. December 1770 die Aufhebung des Staatsraths, und machte sich dadurch die gesammte hohe Aristokratie des Königreichs wie der Herzogtümer zum Feinde, namentlich den herrschsüchtigen, in der Schule der Zarin Katharina und der Orlow groß gewordenen Grafen Rantzau. Es kam so das Jahr 1771; die Gesundheit des Königs war sehr geschwächt, Mathilde blühte dagegen in reizendster Pracht. Der Zwiespalt in der königlichen Familie hatte sich gemehrt durch eine an und für sich unbedeutende Verfügung. Dem Erbprinzen, welcher seinen Platz in der Königsloge gehabt hatte, wurde eine eigene Loge zur Verfügung gestellt, weil Se. Majestät, so hieß es, des Prinzen Gefolge nicht um sich haben wolle. In der königlichen Loge sah man nun aber zum öftern Brandt und Struensee hinter dem Stuhle der Königin. Auch ein anderer Umstand hatte Zwiespalt und Parteiung zur Folge. Man hatte bisher auf den Hofbällen sich begnügt, sehr einfache Tänze zu tanzen, deutsche Walzer, Hopser, Lang-Englisch und eine Klappecossaise; der König selbst hatte nur die einfachsten Tänze erlernt, auch die Königin hatte wenig Uebung. Dagegen war Frau von Holstein eine trefflich geschulte Tanzkünstlerin, und da Brandt ganz unter ihrem Pantoffel stand, führte sie Menuets, Françaisen, Tempête und ähnliche Tänze ein, welche ein Tanzlehrer den meisten Damen erst einüben mußte. So kleinlich die Sache war, so erregte sie doch große Erbitterung in der Damenwelt, welche von der Königin-Witwe schlau gegen Brandt und Struensee ausgebeutet wurde. Nach dem Theater, nach Jagden und Soupers unterhielt man sich mit dem Spiele. Der König verstand allein Loup, ein Spiel, das in Niedersachsen unter den Bauern sehr bekannt ist und »den Wolf fangen« benannt wird. Der König hatte Glück darin, und Graf Brandt schätzte seine Verluste monatlich auf 1000 Thaler; andere Hinzugezogene verloren noch mehr. Aber Brandt, wenn er dem Könige sein Unglück klagte, empfing reichliche Gratificationen, einmal 10000 Thaler, ein anderes mal 50000 Thaler aus der Privatkasse des Königs. Die Verlierenden wurden von der Königin-Witwe gegen Struensee und die Königin aufgehetzt, welche das Spiel nach dem Könige am glücklichsten spielten. So verging der Winter unter mancherlei in der Frauenwelt sich auf- und abwickelnden Intriguen, deren Fäden zuletzt sämmtlich in die dürre Hand Julianens zurückliefen, und wodurch das Netz, das diese Spinne über die Königin und Struensee geworfen, sich immer dichter zusammenzog. Im Frühjahre ging der Hof nach Hirschholm, die Königin-Witwe begab sich mit ihrem Sohne nach Fredensborg. Dahin brachte Claasing denn am 8. Juli die Nachricht, daß am Tage vorher die Königin eine Prinzessin geboren habe. Diese von der Mutter selbst genährte Prinzeß, die den Namen Luise Auguste empfing, war die Mutter des Herzogs Christian August von Sonderburg-Augustenburg, die Großmutter des noch vor wenig Jahren vom schleswig-holsteinischen Volke zum Herzog begehrten Friedrich VIII. Obgleich die Königin-Witwe das Kind selbst aus der Taufe hob, wußte sie doch dafür Sorge zu tragen, daß man nicht blos in den Hofkreisen sich über die Vaterschaft allerlei zulispelte, sondern daß man in den Schlössern des Adels, in den Kanzleien, in den Krambuden der Hauptstadt, in den Kasernen und auf den Werften, den Soldatenkneipen und Matrosenspelunken die Neugeborene nicht anders nannte, als »Prinzeß Struensee«. – Struensee war mehrfach gewarnt, ein Drohbrief, in den Straßen Kopenhagens angeschlagen, erklärte ihn für vogelfrei und gelobte dem, der ihm die verräterische Seele ausbliese, eine Belohnung von 5000 Thalern. – Die Orlandshandwerker wurden aufgehetzt und hatten ihre Arbeiten eingestellt. Matrosen rückten nach dem Schlosse Hirschholm, um vom Könige selbst die rückständige Löhnung zu fordern, und ertrotzten eine Abschlagszahlung und ein Tractament mit Branntwein. Seidenwebergesellen ahmten das nach. Brandt bat um Entlassung von seinem Posten als Oberaufseher über den König, der sich fortwährend mit ihm schlagen wollte und ihn öffentlich für einen feigen Kerl erklärte, der nicht den Muth habe, seine Herausforderung anzunehmen. Der eigentliche Regent glaubte vielleicht sich gegen Weiber und Adelsintriguen zu schützen, indem er sich den Grafentitel verleihen und zum Geheimen Cabinetsminister erklären ließ. Ja, der König übertrug ihm durch einen Cabinetsbefehl vom 14. Juli 1771 die unumschränkteste Vollmacht, die je ein Minister besessen. »Alle von Struensee erlassenen Cabinetsbefehle sollten die nämliche Gültigkeit haben, als wenn sie vom Könige selbst unterschrieben wären.« Das war der letzte Schritt zum Verderben. Graf Rantzau wurde nebst den Obersten Köller und Eickstädt für das Complot der Königin-Witwe gewonnen. Am 16. Januar 1772 nachts, nach einem Hofballe, auf dem der buckelige Erbprinz mit der Königin die ihm mühsam eingeübte Quadrille getanzt, drangen die Verschworenen zu dem blödsinnigen Könige, erschreckten denselben, sprachen von einem Aufruhr des Volkes, das gegen Struensee und die Königin nach Gerechtigkeit schreie, schreckten mit Absetzung und erzwangen die königliche Unterschrift zur Ernennung Eickstädt's zum Commandanten der Hauptstadt, wie einer Vollmacht, die diesen und Köller ermächtigte, alle zur Rettung des Vaterlandes nöthigen Maßregeln zu ergreifen. Man verhaftete auf die brutalste Weise die Königin, man verhaftete Struensee und Brandt und begann ihnen den Proceß zu machen, der Beweismittel sich bedienend, die Claasing herbeigeschafft hatte. Dieser selbst blieb außer dem Spiel. Die nobeln Kammerjungfrauen der Königin, denen man außer Geld auch Männer, Kanzleiräthe schaffte, – schafften für einen Gerichtshof, wie er zusammengesetzt war, genugsames Zeugniß. Es ist bekannt, auf welche schmähliche Weise man Struensee auf der Folter das Geständniß von seiner und Mathildens Schuld abpreßte. Es war darauf angelegt, die Königin zu vernichten, ihre Kinder von der Thronfolge auszuschließen, den Erbprinzen demnächst zum Könige, seine Mutter, solange der blödsinnige Christian VII. lebte, zur Regentin zu machen. Daß Georg III. es überhaupt zuließ, daß man seine Schwester in Kronburg gefangen hielt, erklärt sich nur dadurch, daß er selbst sie für schuldig hielt. Immerhin wollte er nicht, daß ihre Kinder darunter leiden sollten. Eine Drohung des englischen Gesandten Keith, daß eine englische Flotte vor Kopenhagen erscheinen würde, reichte hin, weiteres Unheil abzuwenden. Der Gerichtshof erklärte nur die Ehe Mathildens mit dem Könige für geschieden. Georg III. erhielt die Aussteuer mit 40000 Pfund Sterling zurück, und der Königin wurde eine von Dänemark zu zahlende Apanage von 30000 Thalern angewiesen. Sie selbst reiste mit Keith nach Stade ab. Ihr wurde gestattet, ihr Gefolge selbst zu wählen, und sie wählte sich Claasing als Reisestallmeister. Dieser hatte freilich nicht den versprochenen Adelsrang und das Stallmeisteramt, doch seinen versprochenen Lohn erhalten und wie gewöhnlich bald verspielt. Er fühlte Gewissensbisse und Mitleid mit der noch vor einem Jahre Vergötterten. Allein kaum hatte Juliane erfahren, daß er von der Königin zum Reisestallmeister ernannt sei, als sie ihre Netze von neuem anzog. Sie erinnerte ihn selbst daran, wie sie ihm versprochen, ihm die Stallmeisterwürde zu verleihen, und schob die Schuld, daß dies nicht geschehen, dem blödsinnigen Könige und dem Grafen Rantzau zu. Sie vertröstete auf die Zukunft, machte ihm ein ansehnliches Geldgeschenk und versprach ihm ein jährliches Gehalt von 1000 Thalern, wenn er ihr ferner über alles Thun und Lassen der Königin im Hannoverischen getreulich Auskunft geben wolle. Claasing versprach das. So war er nach Stade gekommen, mit nach der Göhrde gereist. Hier waren, da der Oberhofmarschall von Lichtenstein sich damals in Wien befand, durch den Oberschenken von Wangenheim alle Einrichtungen getroffen, welche zu einer königlichen Haushaltung von zwölf Couverts nöthig waren. Wie Hofmarschall von Malortie berichtet, waren außer den Hof- und Kammerjunkern und den Hofdamen zwölf Pagen, zwölf Lakaien, zwei Küchenschreiber, ein Küchenmeister, vier Köche, ein Bratenmeister, vier Küchenjungen, ein Zeugwärter, eine Küchenwäscherin, drei Schloßwächter, ein Feuerböter, zwei Kellerofficianten, ein Kellerknecht, ein Tafeldecker, eine Silberwäscherin, ein Hofconditor, eine Gehülfin desselben, drei Mägde, ein Engraisseur, ein Bäcker, ein Trompeter dahin beordert, daneben zwei Züge von je acht gelben Pferden, ein Gespann von zehn Maulthieren, fünf Reitpferde und fünf Klepper, sechs Kutscher, sechs Vorreiter, vier Reitknechte. Dazu kam noch das Gefolge, welches Karoline Mathilde von Dänemark mitgebracht, unter dem auch der Stammhalter der Familie Lehzen sich befand. Allein es war ein einsam trostloser Aufenthalt in der Göhrde, denn der Sommer war zum großen Theile kalt und regnerisch, und das steife Hofceremoniell war der an ausgedehnteste Freiheit in dieser Beziehung gewöhnten Königin mehr wie langweilig. Wie konnte es anders sein? Täglich mit ihren drei Damen, dem Kammerherrn vom Dienst und dem Oberschenk von Wangenheim sich zu Tafel zu setzen, war für eine junge lebhafte Person nicht unterhaltend. In Kopenhagen hatte man jeden Offizier zur Tafel gezogen; hier erlaubte die Etikette nur, daß Fremde vom Obersten an oder einem höhern Range zur Tafel geladen wurden. Ein alter grämlicher Kammerherr führte die Königin bei allen Gelegenheiten zum Concert, zum Gottesdienst im großen Saale, zur Mittwochsbetstunde, zum Wagen, wenn sie ausfuhr. Ein Kammerjunker brachte ihr ein wie allemal Handschuhe und Fächer auf einem vergoldeten Credenzteller, wenn sie ausging oder fuhr, und nahm diese so wieder entgegen. Wie langweilig das alles. Ja zu Zeiten, wo ihr Großvater hier Jagd gehalten und Pfänder gespielt, oder mit der Herzogin von Kendale oder der Darlton um Goldpfennige hazardirt, wo der ganze Wald wie ein großes Lager gewesen, da hätte es sich hier leben lassen. Aber dieser entsetzlich große Wald mit seinen langen trostlosen Durchschnitten und Alleen und solche Umgebung waren zum Verzweifeln. Ja, wenn sie wenigstens mit ihrem Reisestallmeister allein in dem grünen Walde hätte jagen können! Man ließ sechs Hofmusici von Hannover kommen, um Concerte zu geben, da Karoline Mathilde die Musik liebte; aber auch diese Concerte wurden ihr verhaßt, wie die Vorstellungen einer herumziehenden italienischen Operngesellschaft. Sie fühlte sich noch am glücklichsten, wenn sie Sonntags den Gottesdienst besuchte, nicht weil etwa die Predigten des Superintendenten Hornborstel aus Lühne sie erbaut hätten, sondern weil dies der einzige Ort war, wo sie in ihrer Vorkammer allein saß und an die vergangenen schönen wie bösen Tage denken konnte. Die verwitwete Oberhofmarschallin von Werpup hatte oft ihre liebe Noth mit der Königin; da aber die Sehnsucht derselben nach ihren Kindern am stärksten hervortrat, und man deutlich sah, daß Mathilde sich gern und viel mit denselben beschäftigt hatte, fiel die Werpup auf den Gedanken, der Königin die Erziehung der Tochter des Drosten von Banteln, des spätern russischen Generals von Bennigsen, zu empfehlen, und das lebhafte Kind (später Excellenz von Lenthe) gewährte der Königin das, was der ganze Hofstaat bisher nicht vermochte, – Beschäftigung. Dieses liebe Kind zog die Gedanken Mathildens von ihrem Unglück ab, machte sie heiterer. Als der Herbst 1772 nahte, war die Restauration in Celle so weit gediehen, daß man die Göhrde verlassen und nach Celle übersiedeln konnte. Auch das äußere Leben der Königin begann sich hier freundlicher zu gestalten. Das Residenzschloß der Herzoge von Lüneburg hatte damals freilich noch nicht die freundliche parkähnliche Umgebung wie heute, sondern war noch eine mit Gräben und Wällen umgebene alte Burg; allein Mathilde wurde von den Einwohnern Celles mit solcher Freundlichkeit empfangen, daß sie eine noch unwohnlichere Außenseite des Schlosses verschmerzt hätte. Dieses war im Innern auch elegant und wohnlich ausgestattet, hatte die Aussicht auf die Aller und den lebenvollsten Theil der Stadt. Es war ein Theater im Schlosse eingerichtet, und was gewiß nicht das Unwesentlichste des Wechsels war, die Königin wählte sich ihren eigenen Hofstaat. An die Stelle der Werpup und der Frau von Steinberg trat die Majorin von Ompteda als Oberhofmeisterin, zu Hofdamen waren die erwähnten Begleiterinnen der Königin ernannt. Die adeliche Bank des Oberappellationsgerichts und die Garnison gewährten Personen, die man zu Diners und Festlichkeiten einladen konnte. Ein Uebelstand war freilich mit dieser Uebersiedelung verbunden. Die Erbprinzessin Auguste von Braunschweig, die eigene Schwester, kam öfter zum Besuch, als es Mathilden lieb war, denn sie glaubte, dieselbe komme im Auftrage ihres Bruders, des Königs, oder gar im Bunde mit Juliane, um auszuspioniren, was in Celle geschehe, und die eigene Schwester sei es, die sie mit einem Netze der Spionage umringt habe. Auffallend war es mindestens in hohem Grade, daß die Erbprinzessin jeden Mittwoch nach Celle kam und dort bis Sonnabend verweilte. Sie, die Mutter der unglücklichen Königin Karoline, der Gemahlin Georg's IV., und Gattin des 1806 bei Auerstädt tödlich verwundeten Herzogs Ferdinand von Braunschweig, stand nicht in dem Rufe, Freundin ihrer jüngsten Schwester zu sein. So standen die Dinge, als wir Karoline Mathilde auf Bischofshole trafen. Die Ankunft der Königin ward vom Lager aus mit Kanonen salutirt. Im türkischen Zelte hatten sich die Generalität wie die Damen und Cavaliere versammelt, um der Königin vorgestellt zu werden. Hier sah sie nach sechs verhängnißvollen Jahren zum ersten male wieder Melusine von Wildhausen, die Jugendgespielin. Mathilde fiel ihr trotz einer abwehrenden Bewegung der Frau von Ompteda in die Arme und weinte an ihrem Busen heiße Thränen. Es wurden Erfrischungen gereicht, allein Mathilde vermochte nichts zu genießen, und zog sich mit Melusine von Wildhausen in das Retiradezelt zurück, wohin sie nur die kleine Bennigsen mit sich nahm. Hier erneuerten sich Umarmung und Thränen. »Ach Melusine«, sagte die Königin englisch, damit die kleine Bennigsen es nicht verstehe, »wie unendlich unglücklich bin ich – du hättest ihn kennen sollen, er war so gut und lieb, und mich schaudert, wenn ich daran denke, zerhackt und aufs Rad geflochten! O diese Giftspinne! Diese Juliane! Hilf mir, mich rächen!« »Majestät«, erwiderte die Gräfin, »kennen meine Anhänglichkeit.« »Nichts von Majestät, Melusine, wenn wir unter uns sind, Majestät ist nur bei Gott, bei Menschen ist sie ein Popanz, den großen Haufen zu blenden. Ich fühle mich so majestätslos, so elend, nur die Hoffnung auf Rache erhält mich. Nenne mich wie früher Du und Mathilde, wenn wir unter uns sind. Eine verjagte, entsetzte, geschiedene Königin ist weniger als eine reiche Gräfin wie du; glaube es mir, mein Los war nie beneidenswerth.« »So hast du ihn geliebt, Mathilde?« »Mit der ganzen Leidenschaft meines Herzens! Doch ich liebe niemand mehr auf Erden wie meine Kinder und dich, Freundin. Höre mich an. Ich bin von Spionen umgeben. – Meine Schwester selbst will mir nicht wohl. Bruder Georg ist, ich weiß nicht durch wen, gegen mich eingenommen. O daß meine Mutter gerade im vorigen Jahre sterben mußte, sie würde es niemals geduldet haben, daß man mich auf die Festung schleppte, daß man Struensee und Brandt mordete. Georg denkt an nichts, als wie er selbst König, das heißt unabhängig wird von Ministern und vom Parlament. Ich fürchte, daß nach dem Tode der Mutter Lord Bute wesentlich an Einfluß verloren hat. Aber ich weiß, Lord Frederick North hat dir, als du bei Elisabeth warst, stark den Hof gemacht, und du wirst deine Einflüsse noch immer zu erhalten gewußt haben. Wenn es nicht anders möglich ist, mußt du selbst nach England reisen. Hier nimm diese Papiere, der schleswig-holsteinische Adel, ja ein großer Theil des dänischen Adels, ist schon jetzt unzufrieden mit dem Regiment Julianens und ihrer Creaturen. Man verlangt nur Geld von England, und daß mein Bruder eine Revolution, welche Juliane die Zügel aus der Hand reißt, mich zur Regierung zurückruft, das Ehescheidungserkenntniß vernichtet und den König aus der Gefangenschaft seiner Stiefmutter befreit, wenn sie geglückt ist, anerkennt, und wo nöthig durch die Macht Englands beschützt.« Melusine, der es immer an Emotionen mangelte, der Hannover mit seinen kleinen Personalintriguen schon langweilig zu werden anfing, die aber ihre eigenen Leidenschaften nie vergaß – erwiderte: »Majestät, ich werde treu nach Ihrem Willen handeln und hoffe mit Erfolg. Majestät gestatten, daß der in Ihrem Gefolge sich befindende Jüte in die Dienste Sr. Majestät, Ihres Bruders, oder aber in die meines Mannes trete.« »Arme Melusine«, sagte die Königin lächelnd, »er ist kalt wie das Eis seines Vaterlandes.« »Die Herzogin von Kingston«, erwiderte Melusine, »und du weißt, sie war Kennerin, hat mir, als derselbe in Begleitung des Gemahls Ew. Majestät in London war, das Gegentheil versichert. Werde er vorläufig Bote zwischen uns.« »So sei es. Nun aber zur Gesellschaft, das lästige Schauspiel zu genießen.« Die beiden Damen und Sophie Bennigsen begaben sich wiederum in das türkische Zelt, von wo aus sie dem Schießen nach der Scheibe und dem Bombenwerfen zusahen. Gegen Mittag fuhr man nach Monbrillant, wo zwei Uhr ein Diner servirt wurde, fünf Uhr abends aber große Cour angesetzt war. Abends war vor dem Neuen Thore großes Feuerwerk. Auch hier war ein Zelt nebst zwei Retiradezelten aufgeschlagen, von wo die Königin und der Hof das Feuerwerk bis nach Mitternacht ansahen, um dann nach Celle zurückzufahren. Sechstes Kapitel. Verrath und früher Tod. Das Jahr 1774 war ein höchst merkwürdiges in Bezug auf die Witterung des Frühjahrs. Schon im März wehte ein warmer feuchter Südwind, der auch im April fortdauerte, sodaß schon Anfang April in Norddeutschland alle Aepfel- und Birnbäume in Blüte standen und die Eichen grün waren. In Blüte und noch üppiger stand auch das Herz Claasing's, denn wer hätte dem Liebreize Melusinens widerstehen können, wenn sie sich bemühte, liebenswürdig zu sein? Manchen Abend ritt derselbe aber auch, wenn er keine Botschaft der Königin zu überbringen hatte, herüber nach Hannover, im wilden Galop durch grüne Eichen und öde Heide dahin sprengend. In Schillerslage stand ein Pferd, ein Geschenk der Gräfin, für ihn bereit, das ihn schnell über Bothfeld in schöne Arme trug. Es zog ihn aber nicht allein die Liebe, es zog ihn auch seine Hauptleidenschaft, das Spiel, nach Hannover. Aber Spielglück und Liebesglück zeigte sich auch hier nicht vereint. Während der Reisestallmeister in der Göhrde und Celle lebte, hatte er keine Gelegenheit zum Spiel gefunden und sich ein recht hübsches Sümmchen zurückgelegt. Seitdem er im Lager zu Bischofshole die Bekanntschaft vieler hannoverischer Offiziere gemacht, war ihm Ahle's Schenke bekannt geworden, wo sich allabendlich Cavaliere und Offiziere im hintersten Zimmer versammelten, um König Pharao Opfer zu bringen. Wenn es auch schien, als wolle das Glück sich dem Jüten einmal zuwenden, es war Fortunes Lächeln von kurzer Dauer. Dieser glaubte ihre Liebe ertrotzen zu können. Die Leidenschaft des Spiels soll ja darin ihren Grund haben, daß das Verlieren denselben, ja noch größern Genuß gewährt als das Gewinnen, es steigert die Begierde. Glückliche Spieler sind weniger leidenschaftlich erregt als unglückliche, und gerade diejenigen, denen es lediglich um den Gewinn zu thun ist, die Bankhalter, pflegen in der Regel gänzlich leidenschaftslos zu sein. Der Glaube, es mit dem unbekannten Etwas, das wir Glück nennen, aufnehmen, durch unsern Willen darauf einen Einfluß ausüben zu können, das innere Erbosen, wenn dies nicht gelingen will, das ist es, was zum Spiele drängt. Endlich muß sich doch einmal das Blatt wenden, sagte sich der Spieler jedesmal, wenn er sein Erspartes angriff, oder aus den mannigfachen schönen Börsen, die in seinem Schreibpult lagen, die letzten blanken Dukaten herausnahm. Aber es blieb beim alten, das Geld schwand und Wechsel mußten ausgestellt werden. Melusinens Freigebigkeit wurde öfter in Anspruch genommen, als es Claasing selbst schicklich dünkte, aber Ehrenschulden und Wechsel kannten kein Gebot. Nach Kopenhagen hatte er nur sehr magere Berichte senden können, denn das Leben der Königin Mathilde war in der Göhrde sowol als in Celle so einfach und unverdächtig, daß sich darüber nichts berichten ließ. Noch niemals war ein schleswig-holsteinischer oder dänischer Adelicher in ihre Nähe gekommen, sie hatte auch niemals Briefe von dort empfangen. Um etwas berichten zu können, hatte er nach dem Artilleriemanöver an Juliane geschrieben, daß Mathilde mit der Gräfin von Wildhausen zu conspiriren schiene, welche am englischen Hofe einflußreiche Verbindungen habe, und daß er, um näher hinter das Geheimniß zu kommen, in Hannover Bekanntschaften gesucht und nicht unbedeutende Verwendungen machen müsse. Eine besondere Gratification belohnte diese Mitteilung. Jetzt im Juni 1774 berichtete Claasing auf gut Glück, daß die Wildhausen eine Correspondenz mit unzufriedenen holsteinischen, schleswigschen und dänischen Adelichen führe. Eine abermalige Gratification und die dringende Aufforderung, daß er die Namen der Correspondenten und ihr Ziel zu erfahren suchen möge, war die Antwort. Der Jüte Claasing hatte, ohne etwas zu wissen, das Richtige getroffen. Juliane hatte mit ihren Creaturen sehr bald ein solches Misregiment eingeführt, daß alle Einsichtigern zu der Ueberzeugung gelangten, ein Regiment unter der Königin Mathilde, eine Aussöhnung mit England würde dem Lande zu größerm Nutzen gereichen als die Fortdauer dieser Regentschaft. Der schleswig-holsteinische Adel zumal, der seit länger als hundert Jahren recht eigentlich die Regierung in Kopenhagen in den Händen gehabt, war höchst unzufrieden, vom Regiment ausgeschlossen zu sein, denn der Einfluß des wiederhergestellten Staatsraths war nicht der alte geworden. Selbst der mächtigste Adeliche in Dänemark, Graf Schimmelmann, und noch mehr sein Sohn, waren dem Regiment Julianens abgeneigt. Das Volk war durch die Grausamkeit der Hinrichtung Struensee's und Brandt's aus dem künstlich angestachelten Haß gegen das Struensee'sche Regiment erst zum Mitleide mit der schönen lebenslustigen Königin, dann zum Bedauern Struensee's und Brandt's, dann zur Beurtheilung der vom erstern eingeführten Reformen übergegangen und schließlich zu der Ueberzeugung gekommen, daß Struensee doch wol das Beste des Volks gewollt habe, wenn auch die angewendeten Mittel nicht immer die richtigen gewesen seien. Schon bei der Hinrichtung hatten nur starke Militärkräfte die Unruhen verhindern können. Die Härte, mit der man gegen alle diejenigen verfuhr, welche während des Struensee'schen Regiments von diesem auf irgendeine Weise begünstigt waren, seinen Anhang gebildet hatten, die wahrhafte Grausamkeit, die man gegen den jungen Falkenskiöld übte, den man lebenslänglich auf den öden Felsen Munkholm setzte, blos weil er ein Freund Struensee's gewesen, die Hintansetzung alles Rechts, mit der man den General Ghaler seines Ranges und Gehalts beraubte und ihn aus dem Lande verbannte: »weil er Anlaß gegeben, daß man ihn in Verdacht habe«, empörte alle rechtlich Denkenden. Statt eines aufgeklärten Despotismus hatte man den Despotismus, der von den Launen, Alluren und dem bösen Herzen eines herrschsüchtigen, häßlichen Weibes abhing. Der nach Holstein verbannte frühere königliche Stallmeister Baron von Bülow war die Seele der Reaction. Es galt zuerst die Einwilligung der Königin zur Rückkehr nach Kopenhagen, dann aber die Zustimmung und Unterstützung Georg's III. Bülow hatte sich an die Königin gewendet, und diese gern ihre Zustimmung gegeben, auch Melusine als diejenige Person bezeichnet, mit der die fernern Verhandlungen zu führen wären. Melusine hatte mit Bülow und andern Anhängern der Königin vorsichtige Zusammenkünfte in ihrem Schlosse zu Heustedt gehalten und dann durch Lord Wraxall, der sich damals einige Zeit in Hannover und Hamburg aufhielt, in London weiter unterhandeln lassen. Die Correspondenz Karoline Mathildens mit Melusine wurde auf die vorsichtigste Art geführt und behandelte dem Anschein nach die Ueberlieferung eines ihr von der Mutter vermachten Familienschmucks, welcher in London zurückbehalten war. Claasing hatte in vertrauten Stunden verschiedentlich versucht, von Melusine über ihr Verhältniß zu der Königin etwas herauszubringen, es war ihm indeß niemals gelungen. Melusine wußte auch ihre Liebhaber in einer gewissen unnahbaren Entfernung in solchen Beziehungen zu halten und das Ansehen einer Herrin über dieselben zu behaupten. So sah sich der Jüte genöthigt, auf gutes Glück solche Personen als Verschwörer zu nennen, die entweder bei der Katastrophe von 1772 verbannt waren und jetzt in Altona oder Hamburg lebten, oder englische Namen zu nennen, von denen er nur wußte, daß Melusine mit ihnen in Verbindung stand. Im Herbst 1774 entzog sich die Gräfin auf einige Wochen gänzlich der Spionage Claasing's – sie ging der Jagd halber nach Heustedt. Hier trafen unter dem Vorwande der Jagd Abgeordnete der Unzufriedenen aus Schleswig-Holstein und Dänemark ein, und erschien Sir John Wraxall als Bevollmächtigter Georg's III. selbst, um von den nähern Planen und Mitteln der Verschworenen Kenntniß zu nehmen, dieselben zu ermuthigen, ohne jedoch bestimmte Zusagen zu machen. Georg III. war ebenso sparsam, als sein ältester Sohn früh verschwenderisch. Da Georg in diesem Falle das Parlament um Zuschüsse nicht ansprechen konnte, also aus eigenen Mitteln die Verschwörung unterstützen mußte, da er sich auch nicht bei einem Unternehmen betheiligen wollte, das die Möglichkeit des Misglückens mit sich führte, obgleich es ihm angenehm gewesen sein würde, wenn seine Schwester wieder als Königin-Regentin über Dänemark herrschte, und die Schmach, welche der schändliche Proceß über seine Familie gebracht, ausgetilgt würde, so wollte er doch erst genau erfahren, welche Wahrscheinlichkeit eines glücklichen Erfolgs vorhanden sei. In Heustedt erfuhr man kaum etwas von der Anwesenheit fremder Gäste im Schlosse, da die üblichen Diners und Soupers, zu denen Einladungen erfolgten, ohne deren Gegenwart nach gewohnter Weise abgemacht wurden, die Hauptzusammenkunft auch nicht im Schlosse selbst, sondern in einem kurfürstlichen einsam gelegenen Jagdschlosse, das einige Stunden entfernt und von der Elbe her näher zu erreichen war, abgehalten wurde. Eins aber erfuhren die Heustedter bald. Die Gräfin hatte sich äußerst großmüthig bewiesen gegen die Amme der Gräfin Olga, die Anne Marie Dummeier. Die Comteß wie ihre Milchschwester waren entwöhnt, gediehen und wuchsen wie Gras nach warmem Frühlingsregen, sie plapperten schon und sprangen auf dem Rasen vor dem Schlosse wie junge Gazellen umher. Anne Marie Dummeier war in Abwesenheit der Gräfin Herrscherin im Schlosse, alle gehorchten ihren Befehlen, oder, da sie im Gegensatze zur Gräfin äußerst selten Befehle ertheilte, richtiger ihren Wünschen. Alle thaten ihr zu Liebe, was man ihr nur an den Augen absehen konnte. Theils geschah das auf Befehl der Gräfin selbst, noch mehr aber, weil Anne Marie sich gegen hoch und niedrig durch Gefälligkeit und Klugheit auszeichnete. Diese gefiel sich in dieser Stellung, sie hatte gar keine große Sehnsucht nach ihrem Bauerhofe in dem düstern Eckernhausen. Wußte sie doch auch, daß es dort auch ohne sie recht gut ging. Dummeier hatte seine jüngste Schwester, die unverheiratete Dora, noch bei sich, um den Haushalt zu führen. Er selbst konnte seine Anne Marie so oft besuchen, als er wollte, auch Anne Marie versäumte jahrein jahraus keine Woche, den Mann zu besuchen und nach dem Haushalte zu sehen; standen ihr, wenn sie nicht vorzog, zu Fuß zu gehen, doch immer Wagen und Pferde bereit. Die Amme hatte einen jeder guten niedersächsischen Bäuerin eigentümlichen Zug an sich, sie war in hohem Grade nährig. Sie hatte durch Geschenke der Gräfin und des Grafen, der beide Kinder sehr liebte, in der Zeit, wo sie im Schlosse lebte, mehr zurückgelegt, als sie auf ihrem Hofe bei der vorzüglichsten Wirthschaft hätte thun können. Nun hatte die Gräfin ihr schon erklärt, sie werde die Milchschwester ihrer Olga nicht lassen, wenn die Mutter selbst auch nach Eckernhausen zurück wollte, sie werde für die Erziehung Anna's sorgen und sie demnächst ausstatten. Sie hatte die Anne Marie aber gebeten, noch vier Jahre als Hüterin der beiden Kinder im Schlosse zu bleiben, wofür sie selbst den Dank, denn Lohn wollte die Gräfin ihr nicht bieten, bestimmen möge. Anne Marie bat sich Bedenkzeit aus und überlegte die Sache mit ihrem Hans. In der Nähe von Eckernhausen, jenseit des Heerweges und der durch den Ueberfall ermöglichten Weserüberschwemmung ausgesetzt, lag eine etwa sechs Morgen große, von der herrschaftlichen Boswiehe eingeschlossene Wiesenfläche, die zum gräflichen Eigenthum gehörte und den Einwohnern der Weststadt von der Gräfin verpachtet war, welche dadurch eine Einfriedigung ersparten, denn nach der Heerstraße zu schützte der Abzugsgraben mit seinem Deiche hinreichend. Hans hatte den Rentmeister und Verwalter der Gräfin schon seit Jahren angegangen, ihm diese Wiese zu verpachten oder in Erbzins zu geben, denn sie lag ihm zu gelegen, kaum eine Viertelstunde von seinem Hofe, und eine Brücke führte hier gerade über den Graben zu dem südlich gelegenen Dorfe Grünfelde. Sein Wunsch war ihm abgeschlagen. Jetzt überlegten die Eckernhäuser, ob das freie Eigenthum dieses werthvollen und für Hans so wünschenswerthen Grundstücks eine vierjährige Trennung, wenn man das überall so nennen dürfe, werth sei. Hans wollte von einer solchen nichts wissen, so gern er auch das Grundstück besessen, aber Anne Marie war zu erwerbungslustig. Sie redete ihm vor, daß doch noch mehr Kinder kommen könnten und daß es, wenn dies geschähe, namentlich wenn ihm ein Anerbe geboren würde und daneben noch weitere Töchter, doch schön sei, ein freies Eigenthum zu haben, damit das Sprichwort: »Der Bauer hat nur Ein Kind«, eine Unwahrheit werde. Sie wendete alle Künste weiblicher Schlauheit auf, um dem Manne ein noch ferneres vierjähriges Verbleiben im Schlosse als ein von ihrer Seite zu seinem und der Familie Nutzen übernommenes Opfer darzustellen, das sie zu bringen bereit sei. Die Dora sei ja noch jung, brauche noch nicht zu heirathen, es sei für die nach vier Jahren noch Zeit genug, meinte sie. Sie versprach, noch häufiger als bisher nach Eckernhausen zu kommen und die Kinder mitzubringen, und was dergleichen mehr war. Wie hätte ihr nicht gelingen sollen, die Zustimmung ihres Mannes zu erhalten, der nicht so dumm war, den Vortheil, den der Besitz einer sechs Morgen großen adelichen Weide seinem Hofe brachte, zu verkennen. Als nun vollends die Gräfin selbst hinzukam, zwar nicht mit dem versprochenen förmlichen Freibriefe, aber doch mit der schriftlichen Anweisung an ihren Rentmeister, daß Dummeier's Hof von jetzt an aller meierrechtlichen Abgaben, Dienste, großer und kleiner Reisen frei und ledig sei, hörte jeder Widerstand auf, denn in dem gutsherrnpflichtigen Bauer saß noch ein sehr tiefer Respect vor seiner Gutsherrschaft. Die Gräfin machte keine Schwierigkeit, die Wiese an Dummeiers erb- und eigenthümlich abzutreten, und Anne Marie verpflichtete sich, bis Ostern 1778 als Hüterin und Pflegerin der Kinder im Schlosse zu bleiben. Der Excellenz war dadurch eine große Sorge abgenommen; wenn sie auch an den Kindern, an der kleinen rosigen Anna noch mehr als an der blassen, ernsten, großäugigen eigenen Tochter ein halbes Stündchen Vergnügen fand, so erschienen ihr dieselben doch im ganzen nur als eine große Last. Es war Ende Februar 1775, die Gräfin war längst nach Hannover zurückgekehrt, als sie von England die erste Kunde in den Angelegenheiten ihrer Mathilde empfing. Georg III. erklärte in einem französisch abgefaßten Document: 1) Daß er den Versuch; seine Schwester auf den dänischen Thron wieder zurückzuführen, billige, aber die Bedingung stelle, daß, im Fall eines glücklichen Erfolgs, keine Gewalttätigkeiten gegen die Personen geübt werden dürften, die gegenwärtig im Besitze der Regierungsgewalt seien. 2) Nachdem die Revolution durchgeführt sei, sollte der Minister in Kopenhagen den Befehl erhalten, zu erklären, daß dieselbe mit Unterstützung Sr. königlichen Majestät unternommen sei. 3) Er übernehme es, die Kosten, welche die Wiedereinsetzung der Königin Mathilde nothwendig machte, zu bezahlen, verweigere jedoch, einen Vorschuß zur Förderung des Unternehmens zu bewilligen. 4) Endlich verpflichtete sich derselbe, und das war die Hauptsache, die vollbrachte Revolution, sofern es nöthig werden sollte, mittels Kriegsmacht aufrecht zu erhalten. Das Document war von dem Baron von Lichtenstein für Georg III. unterschrieben und Wraxall übergeben, der es der Gräfin Melusine gebracht, um zunächst durch sie Mathilde benachrichtigen zu lassen, es dann aber weiter zu den Händen der Verschworenen in Altona zu befördern. Melusine hatte Wraxall kaum entlassen und war damit beschäftigt, an den Baron von Senkendorf zu schreiben und ihm auseinanderzusetzen, daß dies die günstigsten Bedingungen seien, die erreicht werden könnten, da Georg III. ein Mehreres als Bruch der zwischen London und Kopenhagen bestehenden Tractate bezeichne und eine unüberwindliche Abneigung dagegen zu Tage lege, als Claasing angemeldet wurde. Die Gräfin, die Claasing sonst in ihrem Boudoir zu empfangen pflegte, ließ ihn ins Empfangzimmer führen, da sie in Geschäftssachen ungern gestört wurde und auch sonst nicht wohl gelaunt war. Hier hatte derselbe indeß kaum einen Brief Karoline Mathildens übergeben, als Excellenz Graf P., Geheimrath, in einer wichtigen Angelegenheit gemeldet wurde. Der Jüte wurde nun in das ihm wohl bekannte Boudoir geführt, in welchem Melusine den an Senkendorf angefangenen Brief zwar in eine der Schiebladen des Schreibtisches gelegt und diese verschlossen, in der Eile aber vergessen hatte, auch das londoner Document wegzulegen; dies war nur unter andere Papiere geschoben. Die Audienz des Grafen dauerte lange, der Reisestallmeister fing an sich zu langweilen und aus Langeweile mit den auf dem Schreibtische liegenden Dingen zu spielen. Dabei verschoben sich die Papiere und jenes Document kam zum Vorschein. Da das Convolut mit dem Siegel Lichtenstein's die Aufmerksamkeit des dänischen Spions erregte und er keine Scheu trug, die Briefgeheimnisse zu belauschen, las er den Inhalt. Also hatte er doch recht gerathen; ja die Sache war schon weiter gediehen, als er geahnt. Schnell ordnete er die Papiere wieder in die frühere Lage und begab sich an das entgegengesetzte Ende des Zimmers, mit den Fingern einen dänischen Matrosentanz an den Fensterscheiben trommelnd und im Nachdenken über das, was zu thun sei. Er trommelte noch, als Melusine wieder eintrat, und schien so in Gedanken versunken, daß er ihren Eintritt nicht merkte. Diese, der schon eingefallen war, wie nachlässig sie gewesen sei, fühlte sich durch die Situation, in der sie Claasing fand, beruhigt. Die Hof- und Staatsaction, wegen deren sich Excellenz zu ihr bemüht hatte, war eine Hofschlittenfahrt nach Celle, welche Graf P. mit ihrem Gemahl verabredet und wozu derselbe jetzt gleichsam die Genehmigung der Gattin holen und sich die Ehre erbitten wollte, ihr Cavalier zu sein. Es war nämlich nach schon eingetretenen Frühlingstagen nochmals Winter geworden, die Schlittenbahn gut und das Wetter nicht zu kalt. Die Antwort an die Königin, die der Stallmeister zurückbringen sollte, lautete mit kurzen Worten: daß die Schmuckangelegenheit eine sehr günstige Wendung zu nehmen scheine und daß sie selbst mit dem ganzen Hof morgen nach Celle komme, wo sie Gelegenheit finden werde, das Weitere zu besprechen. Statt direct nach Celle zurückzureiten, schlich Claasing sich in Ahle' s Schenke, wo er die Genossen schon versammelt fand, und die Würfel klapperten. Daß der Verräther nicht ermangelte, seine Entdeckung Juliane mitzutheilen, war selbstverständlich. Diese übersah die ihr drohende Gefahr in ihrem ganzen Umfange und erkannte nur Ein Rettungsmittel, vor dem sie nicht zurückschreckte – den Tod Mathildens. Es war am 3. Mai, als Claasing neben einem ansehnlichen in Hamburg zu ziehenden Wechsel eine in Blech verschlossene Kapsel aus Kopenhagen erhielt, mit der anonymen Anweisung, die Blechkapsel zu öffnen, nicht aber das darin befindliche in Leder gebundene und mit zierlichem Goldschloß versehene Etui, wozu der Schlüssel in einem versiegelten Schreiben lag, das die Adresse der Königin Mathilde trug. Das Schreiben an Claasing enthielt außer dem Wechsel die Aufforderung, das Etui nebst Beilage der Königin Mathilde unter allen Umständen, wenn sie allein sei, es komme auf einen Tag früher oder später nicht an, zu übergeben. Dabei möge derselbe der Königin eröffnen, eine Anhängerin, die nicht genannt sein wolle, habe sich die Porträts ihrer beiden Kinder zu verschaffen gewußt und sende dieselben. Absenderin bitte aber, dieses Zeichen treuer Anhänglichkeit, an welches sie Ihre Majestät in bald zu erwartenden bessern Tagen erinnern werde, geheimzuhalten, namentlich vor der Schwester aus Wolfenbüttel, weil sie sonst schwerlich verborgen bliebe. Der Brief, der den Schlüssel enthielt, war von Claasing verschiedentlich im Sonnen- und Lampenlicht geprüft, er konnte darin außer der Adresse keine geschriebene Zeile erkennen, während er das kleine goldene Schlüsselchen nebst Verzierungen ganz deutlich unterscheiden konnte. Er war sehr neugierig und kannte Discretion nicht, wie wir das schon gesehen. Hätte er eine Stunde Unterricht gehabt in einem der damals in Europa ziemlich allenthalben an größern Orten bestehenden schwarzen Kammern, er würde keinen Augenblick gezögert haben, das feine adeliche Wappen, welches den Brief verschloß, zu öffnen. Aber er verstand nichts von solchen Künsten. Seine zierlichen Hände waren wol gewohnt, den widerspenstigen Hengst im Zaum zu halten, eine zarte Taille zu umschlingen, den Würfelbecher zu schwingen, aber ein Siegel zu öffnen und wieder kunstvoll zu verschließen, das verstanden sie nicht. O hätte er seinen Gelüsten doch auch hier nachgeben können, vielleicht würde ihn die Strafe für seinen Verrath erreicht haben und vieles Unglück abgewendet sein, jetzt, wie in nächster und ganz ferner Zukunft! Es fiel ihm auf, daß die Anweisung des Wechsels von demselben kopenhagener Bankhause ausgestellt war, das auch diejenigen Sendungen an ihn vermittelte, die von Juliane kamen, aber der Gedanke, wie und wo er die Königin allein sprechen könne, überwog anderes Nachdenken. Die Gelegenheit war schwer zu finden, denn im Schlosse wie in der Stadt Celle herrschte damals große Verwirrung und Aufregung. Ein bösartiges Scharlachfieber hatte sich nach eingetretener Frühjahrswärme verbreitet. Das Hoflager im Schlosse war davon nicht verschont geblieben, ein Lieblingspage der Königin war der Krankheit schon erlegen, und jetzt befiel die Krankheit auch die kleine Sophie von Bennigsen. Die Königin liebte diese wie ihr eigenes Kind und konnte nur mit Mühe von ihrem Krankenlager zurückgehalten werden. An Ausreiten war nicht zu denken, selbst die gewöhnlichen Spaziergänge im Jardin français unterblieben. Dazu kam die Aufregung vor der in Dänemark sich nahenden Katastrophe, denn ihre Anhänger waren entschlossen, den Versuch ihrer Wiedereinsetzung auch ohne Geldhülfe von England zu wagen. Der Jüte war zwei Tage in den Corridors des weitläufigen Schlosses umhergeschlichen, um eine Gelegenheit zu erspähen, die Königin allein zu treffen, als sich die Nachricht verbreitete, dieselbe wünsche den in einem Gewölbe beigesetzten todten Pagen noch einmal zu sehen. Die Oberhofmeisterin von Ompteda hatte sie auf den Knien beschworen, von diesem Vorhaben abzustehen, aber die Königin konnte sehr eigenwillig sein. Da sie das Zittern und Zagen, die Angst und Furcht ihrer nächsten Umgebung sah, erklärte sie, allein gehen zu wollen, und keiner der Pagen und Kammerherren beeilte sich, ihr seine Begleitung aufzudringen. Nur eine treue Kammerfrau begleitete sie und zwei Diener mit Wachskerzen gingen ihr vorauf. Claasing benutzte diese Gelegenheit, in das unverschlossene kerzenhelle Gewölbe zu treten, und als die Königin dort, die Dienerschaft zurücklassend, eintrat, ließ er sich vor ihr auf die Knie nieder und überreichte Etui und Brief, die Botschaft, die er daneben empfangen, bestellend. Die zärtliche Mutter ließ den Todten todt sein, riß mit Hast den Brief, der den Schlüssel enthielt, auseinander, öffnete das Etui, sah die Züge ihrer Kinder, die sie drei Jahre nicht mehr gesehen, sich freundlich entgegenlächeln, küßte das Elfenbein, worauf sie gemalt waren, und sank ohnmächtig in Claasing's Arme. Dieser öffnete die Thür und rief nach Hülfe. Allein die Königin erholte sich bald und ging, auf den Arm ihrer Kammerfrau gestützt, in ihre Gemächer zurück, wo sie, jedermann unzugänglich, bis Abend im Anschauen der Bilder verweilte. Die durch das unerwartete Geschenk hocherfreute Königin setzte sich am Abend noch mit ihrem Hofe zu Tisch, genoß aber nichts. Sie klagte über Frösteln. In der Nacht nahmen die Krankheitserscheinungen zu, sodaß der Leibarzt von Leyser am andern Tage den berühmten Leibmedicus Dr.  Zimmermann aus Hannover hinzuzog. Aber ärztliche Hülfe war hier vergebens. Am 11. Mai abends verschied Mathilde. Noch in den letzten Augenblicken hatte sie sich nach dem Befinden der kleinen Bennigsen erkundigt, und als die Aerzte versicherten, daß das Kind außer aller Gefahr sei, erwidert: »Dann sterbe ich ruhig.« Zu großer Verwunderung der »guten Ompteda«, wie die Königin sie nannte, fand man nach ihrem Tode ein Etui mit den Bildern ihrer Kinder an ihrem Busen. Niemand aus der Umgebung der Königin wußte, wie es in ihren Besitz gekommen sei. Man sagte, die Königin sei am Scharlachfieber gestorben, obgleich die Aerzte selbst an diese Krankheit nicht glaubten, sondern von einem Fleckfieber sprachen. Hätten sie gewußt, was wir wissen, daß nach Oeffnen und Küssen des Etuis schon die Königin in Ohnmacht fiel, daß sie das unglückliche Bild den ganzen Nachmittag nicht aus Händen und Augen gelassen und unzähligemal an die Lippen gedrückt, sie würden vielleicht auf eine andere Todesursache verfallen sein. In Kopenhagen ließ, nachdem der englische Gesandte die formelle Anzeige von dem Tode der Königin gemacht hatte, Juliane Marie den angesagten Hofball nicht absagen, sie wußte sich jetzt erst als Herrscherin. Nach vier Wochen war Claasing Oberstallmeister des Grafen von Wildhausen, aber in Hannover selbst, nicht auf dessen Gestüt in Heustedt, wohin wir unsere Leser zurückversetzen müssen. Siebentes Kapitel. Zunftzopf. Am Ende der Langenstraße in der Weststadt, da, wo sich diese in drei kleine abzweigte, die den Beinamen Klein Paris führten, lag das Spritzenhaus Nr. 2, daneben, aber schon in Klein Paris, die dazugehörige Officialwohnung mit einem kleinen Garten. Diese Wohnung ward seit dem Herbst des letzten Jahres von dem Spritzenmeister Georg Schulz, dem Holzdrechsler, bewohnt. Schulz war in Heustedt geboren, sein Vater war dort Bürger und Holzdrechsler gewesen, und er selbst mußte wieder Drechsler werden, das war so hergebracht. Georg Schulz war eine niedersächsische Natur, plump und etwas roh, phlegmatisch und zähe, arbeitsam und fleißig, nicht leicht zum Zorne geneigt, aber grenzenlos heftig, wenn er einmal in Zorn gerieth. Er war acht Jahre in der Fremde gewesen, hatte einen schönen Theil von Deutschland durchwandert. Von Hannover zog er nach Braunschweig, von da nach Leipzig, hielt sich dann in dem alten kunstreichen Nürnberg ein Jahr und länger auf. Die Donau hatte er in Regensburg zu Gesicht bekommen, war aber nicht an ihr herunter, sondern hinaufgewandert dem Schwabenlande zu. In Ulm und Tübingen hatte er Arbeit gefunden, war dann in Mainz länger als zwei Jahre bei einem kleinen Meister geblieben, dort traf ihn die Nachricht vom Tode des Vaters, und ein klagender Brief der Mutter rief ihn zurück, damit er das Bürgerwesen und die Kundschaft des Vaters übernähme, ein Haus gründe. Jetzt erst zeigte es sich, warum sich derselbe von Mainz nicht trennen konnte. Nicht der wohlfeile Wein, der leichte Sinn und das lustige Leben der alten Bischofsstadt hatten es ihm angethan, sondern die achtzehnjährige Meisterstochter, die braunäugige Marie mit den langen dunkeln Augenwimpern und dem frommen madonnenartigen Augenniederschlage. Als der Brief der Mutter angekommen war, und Georg davon sprach, nach Hause zu müssen, kam es zur Erklärung. Sie liebte ihn sehr, den blonden Ketzer, und hatte sehr oft zu der heiligen Namensgenossin gefleht, daß sie ihr die Gegenliebe schenken oder vielmehr ihr sein Herz auf ewig erhalten möge, denn seine Blicke, sein ganzes Wesen hatten es ihr schon seit einem Jahre gesagt, daß er sie liebe. Man erklärte sich jetzt dem Vater. »Ich gebe sie dir gern, meine Marie«, sagte der Drechsler, »denn ich kenne dich als einen fleißigen, stillen, treuen Gesellen, würde dir auch's Geschäft geben und bei euch leben, wenn der Bub, der Joseph, nit wär', lungert da in Paris herum, ist aber, glaub' ich, viel mehr auf den Straßen und in den Wirthshäusern als in der Werkstatt, will nichts als Geld, Geld und wieder Geld, hat's Mütterliche bis auf das Haus fort. Würde dir gern das Haus verkaufen, um in Paris zu bleiben, könnt'st nur Geld schaffen. Kannst dein Heimwesen nit verkaufen? Gelt? 's ist besser hier als da unten am Meere.« Der Gedanke leuchtete dem Brautwerber ein, er schrieb nach Hause, er wolle sein Glück am Rhein zu gründen suchen, wo er jetzt eine gute Gelegenheit gefunden, sich anzukaufen, die Mutter möge das Haus verkaufen und sich zur Miethe setzen, er wolle reichlich unterstützen. Oder aber sie möge im Hause wohnen bleiben und 500 Thaler auf Dasselbe aufnehmen, die Zinsen wolle er jährlich schicken. Wenn sie wolle, könne sie auch zu ihm ziehen, denn er denke die Tochter seines Meisters zu heirathen. Die Mutter, die selbst nicht schreiben konnte, ließ ihm antworten, das Haus, das Vater, Großvater und Urgroßvater schon besessen, und worin alle drei als Drechsler ihre gute Nahrung gefunden, zu verkaufen wäre eine Sünde und Schande, zu der sie selbst nie ihre Einwilligung geben würde. Sie wäre jetzt fünfundsechzig Jahre alt, der Hülfe und Pflege bedürftig, er ihr einziger Sohn, auf den der liebe Gott sie angewiesen habe. Er solle des Spruches gedenken: Ehret Vater und Mutter, so wird Gott euch ehren. Geld auf das Haus zu borgen sei unmöglich. Der Vater habe in den letzten drei Jahren schon 600 Thaler anleihen müssen, jetzt spreche man wieder vom Kriege, und das Geld sei rar. Auch möge er sich wohl bedenken, ehe er ein fremdländisches Frauenzimmer heirathe; es gebe in Heustedt respectable Personen, die es nicht verschmähen würden, seine Frau zu werden. Hätte Georg geahnt, daß Nachbars Lenchen, die funfzehn Jahre älter war als er, und die schon, als er noch ein Lehrling war, mit ihm zu liebeln Lust gezeigt hatte, den Brief geschrieben, und daß sie selbst die respectable Person sei, welche sich herablassen wolle, ihn zu heirathen, er würde anders gehandelt haben, als er handelte. So aber erklärte er dem Meister, Gottes Gebot gehe vor Menschengebot, er müsse der Mutter gehorchen. Marie aber erklärte, ihm bis ans Ende der Welt folgen zu wollen. So wurde denn die Aussteuer, soweit sie nicht von der verstorbenen Mutter schon vorbereitet war, fertig gemacht, einige hundert Gulden, das ganze Erbtheil der Tochter, wurden auf das Haus angeliehen, diese quittirte über den Empfang und entsagte allen weitern Erbansprüchen an mütterliches und väterliches Vermögen. Die Trauung geschah in einem benachbarten protestantischen Dorfe, und eines schönen Tages, im Herbst des Jahres 1766, setzten sich Georg und Marie auf das Marktschiff und fuhren den Main hinauf nach Frankfurt. Hier, wo gerade die Messe zu Ende war, schloß man sich einer Krämerkaravane an, die nach dem Norden zurückzog und Mariens Aussteuer mit auf die Wagen nahm. Als man nach acht Tagen in Münden angelangt war, mußte das junge Ehepaar von gutem Glück sagen, daß es den Fuhrhans aus Heustedt dort traf, welcher Personen und Sachen auf seinem Weserbock mitnahm. Das war freilich eine verzweifelt langsame Fahrt, das war nicht das breite grüne Wasser des Rheins, das noch immer seine Alpengeburt bezeugte, sondern so gelb wie der Main, und die Ufer waren nicht so schön als die im Rheingau; mindestens hielt Marie Weinberge und alte Ruinen für schöner als die Eichenwälder an den Bergen, durch die sie hinfuhren. Sie saßen da, von der warmen Septembersonne beschienen, eng zusammengekauert auf dem kleinen Platze neben dem Steuer, und der junge Gatte erzählte von seiner Heimat, mußte zum hundertsten male sein Haus mit Garten daran beschreiben, er und seine Frau machten Plane für die künftige Einrichtung. »Die Stube links«, sagte sie, »mußt du zum Laden ausbauen, die Kammer dahinter wird die Eßstube und die Wohnstube für deine Mutter, die Werkstatt rechts muß in den Hof verlegt werden, das soll meine Wohn- und Putzstube werden, denn ich will auch verdienen. Meinst du, daß ich umsonst seit einem halben Jahre nach Cousine Lili in der Domstraße gegangen wäre, um ihr zu helfen? Ich habe das Putzmachen gelernt aus dem ff und kann frisiren, kann Kleider machen. Cousine Lili hat mir alle Hefte des » Mercure galant « bis auf die letzten geschenkt, ich bringe die neuesten pariser Moden mit nach deiner Heimat. Wenn in Heustedt so viele vornehme Damen wohnen, als du sagst, werde ich viel Geld verdienen, und wenn wir erst« – – hier schmiegte sie sich an ihn und wurde roth. Man kam nicht sehr weit mit dem Weserbock. Am ersten Tage legte Fuhrhans noch früh am Tage bei Veckerhagen an, er sollte hier von der Hütte einige eiserne Oefen mitbringen. Am andern Tage wurde in Höxter Nachtquartier gemacht, am dritten Tage kam man wirklich bis Hameln, und da es noch früh nachmittags war und Fuhrhans aus- und einzuladen hatte, bestieg das junge Ehepaar den Klüt und erfreute sich an der prächtigen Aussicht, welche Marie an die schöne Heimat erinnerte. Am siebenten Tage legte man an der Brücke von Heustedt an. Die künftige Wohnung war ärmlicher und zerfallener, als Marie, als selbst Georg gedacht hatte; man sah überall das Zurückgekommensein. Die Mutter war weniger freundlich und zuvorkommend gegen die Schwiegertochter, als diese erwarten konnte. Dazu trat nun noch trübe regnichte Witterung ein. Heustedt, namentlich der Theil, wo Georg wohnte, und der von Wagen stark befahren wurde, war sehr schmuzig. So machten der Ort, das Haus, die Schwiegermutter einen sehr übeln Eindruck auf die junge Frau, welcher der Unterschied zwischen dem goldenen Mainz und diesem erbärmlichen Landstädtchen nur zu bald klar wurde. Aber auf des Ehemannes Gesicht erglänzte Sonnenschein, er hatte die Heimat lieber gehabt, als er wußte, er fand manche alte Jugendfreunde, die sich um ihn drängten, er war sofort beschäftigt, denn er arbeitete im Hause eines Zunftgenossen an seinem Meisterstücke, einem Spinnrade, wozu er sich das Muster schon vor langen Jahren in Nürnberg ausersehen, und an dessen Verzierungen er auf seiner ganzen Wanderschaft im Kopfe gearbeitet hatte. Im Hause arbeitete er in der schon nach dem Hofe verlegten Werkstätte allerlei zierliche Schnupftabacksdosen aus Horn und Holz, Löffel und Gabeln zum Salatmachen aus Buchsbaum, Akazienholz und Horn, und viele andere Sachen, die damals noch von Holz gemacht wurden, zu denen man heute Silber, Eisen und andere Metalle nimmt, z. B. Leuchter. Wenn der Laden fertig wäre, sollten zugleich alle seine Herrlichkeiten zur Schau gestellt werden. Der Kunstfertige hatte in der Fremde mancherlei gelernt, er konnte in Horn wie in Messing drechseln, verstand sich auf Tischler-, selbst auf Böttcherarbeit. Die Aenderungen und Ausrüstungen, welche mit dem Hause, dem man auch von außen ein neues Kleid gab, nöthig wurden, verschlangen die paar hundert Gulden der Frau, sie erhielt nun aber auch ein allerliebstes kleines Wohnzimmer, das zu betreten keine adeliche Dame zu scheuen brauchte, wenn sie die Putzsachen, die diese anzufertigen begann, in Augenschein nehmen wollte. Und Marie war sehr fleißig. Sie begann, nach freilich vorjährigen pariser Mustern, die aber keinenfalls schon nach Heustedt gekommen waren, Kopfputze zu arbeiten, wozu sie vielerlei Stoffe, zum größten Theil durch die Cousine Lili direct aus Paris bezogen, mitgebracht hatte. Zu dem allen sagte die Schwiegermutter freilich kein Wort, schüttelte aber sehr bedenklich den Kopf, brummte in sich hinein und klönte, wie man in Heustedt sagte, dem Sohne, wenn sie allein mit ihm war, täglich die Ohren voll über das unerschöpfliche Thema: »Deine Frau will zu hoch hinaus, das nimmt kein gutes Ende.« Das Meisterstück war fertig, angenommen, der Meisterschmaus gegeben. Am nächsten Sonntage machte der Jungmeister mit seiner kleinen hübschen Frau bei den Nachbarn und den wenigen Verwandten Visite, dann ging er selbst zu allen Honoratioren, zu den Adelichen, Beamten, Predigern, Advocaten, Aerzten, um ihnen anzuzeigen, daß er sich als Drechsler besetzt, einen offenen Laden errichtet habe, sowie daß seine Frau sich mit dem neuesten pariser Damenputz und Kleidermachen empfehle. Wochenblätter, deren Heustedt heute zwei hat, oder andere Wege zu solchen Anzeigen gab es damals in Heustedt nicht, die Kunst, Reclame zu machen, war höchstens in Paris erfunden. Die Sache ging über alle Erwartungen gut. Die kleine Frau mit den großen freundlichen braunen Augen und der neckischen Sprache gefiel in der ganzen Nachbarschaft wie in der Freundschaft. Nur im nächsten Nachbarhause gefiel sie nicht, im Hause des Rathsmanns und Brauers Neidhard, wo dessen unverheirathete Tochter Lenchen das Regiment führte. Lenchen war nie hübsch gewesen, ihre Augen waren mehr grün als grau, die Blattern hatten sie entstellt, dennoch hatte es ihr in den jungen Jahren nicht an Freiern gefehlt. Damals hatte sie sich aber eingebildet, ein Offizier, der bei ihrem Vater Geld borgte und mit ihr schön that, würde sie heirathen. Sie hatte die Hoffnung noch fort gehegt, als der Offizier schon längst Heustedt verlassen hatte und nur noch artige Briefe um Prolongation der Schuld schrieb, in denen ein Gruß an die tugendsame Jungfrau Tochter nie fehlte. Zu dieser Zeit waren angesehene Bürgersöhne, ein reicher Bäckersohn, ein Schlächtersohn, und sogar ein Schulmeister, erstere durch ihre Aeltern beinahe gezwungen, um sie anzuhalten, während dem Schulmeister der wohlbehäbige Bratengeruch, der jahraus jahrein aus der Küche des Brauers drang, zu Herzen gegangen war, mit ihren Bewerbungen abgewiesen. Nun wagte sich auch kein Aermerer mehr heran; die tugendsame Jungfrau vereinsamte immer mehr, es ging sogar das Gerücht, daß sie sich herabgelassen habe, mit einem Brauknechte ein Verständniß anzufangen, dieser aber schließlich vorgezogen habe, den Dienst zu verlassen. Lenchen war jetzt eine fünfundvierzigjährige Jungfrau, die an keinem Sonntage Gottes Wort versäumte und, wie der Prediger sagte, ein Musterbild von Frömmigkeit war. Wie die meisten Menschen, wenn sich ihre Erwartungen und Wünsche auch noch so oft als Illusionen gezeigt haben, auf einen Hoffnungsstern am Himmel vertrauen, an ihn neue Träume von Glück als den letzten Hoffnungsanker ketten, so hatte auch Lenchen sich eingebildet, ihr Nachbar Georg Schulz, dem sie als Jungen oft Obst und Kuchen, Würste und kleine Geschenke zugesteckt, werde sie in der Fremde nicht vergessen. Solange Georg's Vater noch lebte und die Correspondenz mit dem Sohne besorgte, hatte sie ihn immer grüßen lassen, ja sie hatte das Unglaubliche gethan, in einem alten Atlas der deutschen Reichskreise Georg auf jeder Wanderung zu begleiten. Georg's Vater hatte das niemals gemeldet, dagegen immer herzliche, jedenfalls Grüße mit irgendeinem zärtlichen oder poetischen Ausdrucke, zurückbestellt, weil er gemerkt, daß solchen Erfindungen immer einige Annehmlichkeiten für ihn und seine Frau folgten. »Da schwätzt mau immer, die Jungfer Neidhard habe ein schlechtes Herz, sei geizig wie ein Drache«, sagte Moses Hirsch, der beiden gegenüberwohnte, »sehe ich aber doch, wie sie sich annimmt der Schulzens, wie sie bringt von allem, was wächst im Garten und Felde, ins Haus.« Lene gerieth außer sich, als sie aus der Correspondenz Georg's ersah, daß sein Herz in Mainz gefangen war. Sie schwur seiner Frau Rache, ehe sie dieselbe nur gesehen, und sah sie, als das junge Ehepaar kam, mit so grünen, giftigen Blicken an, auf der Hausflur in Georg's Hause postirt, daß Marien dies auffiel und sie den Mann fragte: »Was ist denn das für eine alte Katz?« Lenchen, die tugendreiche Jungfrau, war es, welche zunächst die Schwiegermutter gegen die Schwiegertochter aufhetzte, ihr das »obenhinaus Wollen« in den Kopf setzte, alles und jedes Thun und Lassen bekrittelte. Die Hauptsache für die jungen Leute nun, ihr Verdienst, war vortrefflich. Das Spinnrad, welches als Meisterstück am Fenster des Ladens stand, wurde von den Vorübergehenden bewundert, man besah sich im Laden die eine und andere in Heustedt gänzlich unbekannte Waare, man fand alles niedlich, geschmackvoll und nicht übertheuer. Bald mußten zu jedem Brautwagen, der in der Umgegend ausgerüstet ward, Spinnrad und Haspel von Schulz gekauft werden. Die Herren kauften da ihre Pfeifen, die Knaben sogar, nicht nur von der Langenstraße, auch die von der Deichstraße und aus der Oststadt wollten keine andern Kreisel mehr als die von Schulz, der nun sogar solche verfertigte, die ein halbes Dutzend kleiner Kreisel in sich trugen, von denen immer einer aus dem andern heraussprang. Auch die junge Frau hatte Arbeit die Hülle und Fülle. Als zuerst die Drostin von Schlump, welche vor allem auf Wohlfeilheit sah, für ihre Adele, das Kind, einen Ballschmuck bei ihr gekauft hatte, und dann die schöne Mainzerin, wie man sie nannte, ins Haus nahm, um dort auch das Ballkleid dazu zu machen, und nun das Kind auf dem Balle die am schönsten Geschmückte war, fand das Beispiel Nachahmung. Marie wurde bald immer mehr gesucht, sodaß sie schon nicht Tage genug in der Woche hatte und zum Putzmachen die Abende verwenden mußte. Die Putzmacherin ging gern in die Häuser der Honoratioren, um dort zu arbeiten, zunächst des Erwerbs wegen, sodann aber, um mit der beständig griesgrämigen Schwiegermutter nicht zusammen zu sein. Sie wurde in den fremden Häusern liebevoll aufgenommen, in Essen und Trinken gehegt und gepflegt, sie lernte und erfuhr manches bei dieser Art von Beschäftigung, was ihr bisher fremd gewesen war. Ihr Mann lächelte zwar und freute sich auch, wenn Marie ihm am Sonntage die Chatoulle, die er ihr selbst einst zum Geschenk angefertigt, zeigte, wie die blanken neuen und die großen breitgeprägten alten Kassen-Gulden sich mehrten. Im ganzen war ihm die Sache doch nicht recht. Man konnte es ihm auch nicht verdenken, daß er lieber mit seiner hübschen Frau zu Mittag gegessen hätte als mit der alten Mutter, welche gerade diese Zeit benutzte, ihre Klagen über die Hoffart der Schwiegertochter, über ihre Lust an schönen Kleidern, ihr katholisches Wesen, an den Mann zu bringen. Und doch war kein Vorwurf ungerechter als gerade der letztere, denn Marie war weit entfernt, mit der Religion irgendwelchen Popanz zu treiben. Sie war zu jung, zu glücklich und zu gut, um fromm im heutigen Sinne des Wortes zu sein. Religiosität war bei ihr mehr Sache der Erziehung und Gewöhnung als inneres Bedürfniß. Sie betete ihren Rosenkranz, kniete in ihrer einsamen Kammer vor dem Bilde der Madonna, ohne über diese Dinge weiter nachzugrübeln. Sie zeigte Achtung gegen den Glauben anderer und wollte Georg oft Sonntags in die Kirche treiben, während er doch lieber neben ihr saß und zusah, wie sie mit geschickten Händen Putz machte, oder sich bemühte, ihr allerlei Zureichungen in der Küche zu machen. Hier war an Sonntagen ihr Regiment, wo sie einmal auf rheinische Weise kochte, briet und buk, namentlich solange die Eier wohlfeil waren, das Lieblingsgericht des Mannes, die Kapuzinerklöschen oder auch Dampfnudeln. Sie fuhr nur zweimal des Jahres, zur Fastenzeit und im Spätsommer, zur nächsten katholischen Kirche nach Twistringen, um zu beichten und zu communiciren, und alles, was bei ihr an Katholicismus hätte erinnern können, war ein kleines goldenes Kreuz, das sie beständig am Halse trug, das Geschenk einer Godel, und ihr madonnenhafter Augenaufschlag. Das Alleinessen mit der Mutter war aber in der That das Wenigste, was den Drechslermeister mit dem außer dem Hause Arbeiten unzufrieden machte; die Hauptsache war seine Eifersucht. Auch an ihr trug die alte Katze, wie Marie sie nur nannte, die Lene, schuld, die sich viel mehr in Schulz' Hause, bei der Mutter, zu thun machte, als Marie und Georg lieb war. Sie hatte ihn eines Tages gefragt: »Nun Meister Schulz, der Herr Baron von Bardenfleth scheint ja nicht mehr so viel zu kommen, Einkäufe zu machen und Bestellungen. Hat er der Freundschaftsdosen genug, oder sieht und spricht er die schöne Marie im eigenen Hause besser als hier?« Des Jungmeisters Gesicht überzog eine dunkelrothe Glut. War er denn blind gewesen? Sagte man nicht, daß selbst der Landrath von Vogelsang eifersüchtig auf den Baron von Bardenfleth sei, soweit er überhaupt eifersüchtig sein konnte? Hatte nicht der Doctor und adeliche Gerichtshalter Laxpeter Grund, eifersüchtig zu sein? War es doch den Bewohnern der Gartenstraße kein Geheimniß, wie oft der Baron am Abend oder frühen Morgen in den großen Laxpeter'schen Garten durch die Hinterthür schlüpfte, zu der er einen Schlüssel zu haben schien. War nicht der Baron sein erster Kunde gewesen, nachdem er sein Meisterstück gemacht? War er nicht wöchentlich ein- oder zweimal gekommen, bald um ein Reh oder Hirschgeweih für sein Jagdcabinet zurechtdrehen zu lassen, bald um eine Dose zu kaufen oder zum Repariren zu bringen, bald um eine Pfeife zu bestellen? Und warum hatte dies so plötzlich aufgehört, warum gab es keine zudringlichere Kundin seit kurzem als die Frau Baronin von Bardenfleth, welche Marie für sich allein in Beschlag genommen hätte, wenn das möglich gewesen wäre? Hätte der Eifersüchtige den wahren Zusammenhang gewußt, hätte er seine Eifersucht nicht in sich verbissen, sondern laut werden lassen, wie viel mehr würde er die Braunäugige geliebt haben, die dem Baron, als er beim Einkauf zudringlich und handgreiflich gegen sie geworden war, echt mainzerisch mit einer Handschelle nach mainzer Art geantwortet hatte. Hätte er geahnt, daß die Baronin, gerade weil sie noch eifersüchtiger war als er selbst, Marie so oft in ihrem Hause beschäftigte, er hätte nicht nöthig gehabt, an so manchen Sommernachmittagen auf die Alvensleben'sche Parkmauer zu steigen, um hinter einer stark umbuschten Laube in Bardenfleth's Garten, wo Marie im Sommer oft arbeitete, zu lauschen, ob der Herr Baron sich im Garten sehen ließe. Die Baronin hatte anfangs Marie zur Arbeit ins Haus genommen, weil es Mode war. Die Putzmacherin hatte den ganzen Tag mit der Kammerjungfer allein zubringen müssen, um Kinderzeug zu fertigen für ein abermals bevorstehendes glückliches Ereigniß. Die Baronin war nur zwei- oder dreimal auf einen Augenblick im Zimmer erschienen, um sich die schöne Mainzerin anzusehen und vornehm einige Befehle zu ertheilen. Die Kammerjungfer schlug nicht aus der Art, sie erzählte und klatschte vom Morgen bis zum Abend. Die vielfachen Liebschaften des Barons selbst blieben nicht unerwähnt, und mit tugendsamer Entrüstung, doch nicht ohne eine Gefühl durchblicken zu lassen, wie geschmeichelt sie davon wäre, klagte sie auch über die Zudringlichkeiten, die sie selbst, besonders in der letzten Zeit, vom Herrn Baron habe ausstehen müssen, der doch eine so schöne gute Frau habe. Marie erklärte ohne Arg: »Ich weiß gelt ein besseres Mittel, gebt dem Herrn Baron eine Schelle, wie ich es gethan, und er wird Euch in Ruhe lassen.« Nun mußte die schöne Mainzerin natürlich die Geschichte, wie der Baron ihr nachgestellt, weit und breit erzählen, und erhielt dagegen in Kauf alten und neuen Klatsch, wie er in der Bedientenwelt über die Abenteuer des Barons reichhaltig und pikant cursirte. Abends wußte die Baronin die Geschichte und beschloß, sich zu rächen. Sie ruhte und rastete nicht, bis ihr Marie für die nächste Woche einige Tage zur Anfertigung von Putz zusagte. Sie mußte jetzt im Boudoir der Baronin arbeiten, die Kammerjungfer war nicht zugegen, die Baronin selbst unterhielt sich mit ihr und behandelte sie mit großer Artigkeit, die anfangs gemacht war, bald aber natürlich und aufrichtig wurde, je mehr sie sich an der Naivetät der Rheinländerin ergötzte. Während der Baron höchst selten und nie ohne besondere Veranlassung die Zimmer seiner Frau betrat und sie ihn nie dort entbehrte, wurde er heute drei bis viermal gerufen, um sein Urtheil über den Schmuck abzugeben, der auf dem Kindtaufsfeste glänzen sollte. Als der Baron, der von der Anwesenheit Mariens nichts wußte, zum ersten mal in das Boudoir trat und die Mainzerin erblickte, rötheten sich seine Wangen vor Scham. Seine Frau beobachtete ihn scharf und veranlaßte die Putzmacherin, den Schmuck, von rothem und schwarzem Sammt in Turbanart zusammengelegt, selbst zu probiren, der ihr reizend stand. »Sieh, mein Schatz«, sagte sie zu dem Baron, »wie allerliebst das zu dem schwarzbraunen Haar der schönen Mainzerin steht, und es wird sich noch besser machen, wenn es erst mit Perlen umwunden ist. Doch verzeih', ich hatte vergessen, dich mit meiner Helferin bekannt zu machen: Marie Schulz, die Frau des Drechslers Georg Schulz.« – Der Baron erröthete von neuem, während Marie ihr Lächeln mit Mühe verhalten mußte. Der Baron fühlte, daß es darauf abgesehen war, ihn zu beschämen. Das Spiel wurde wiederholt, d. h. der Baron ersucht, zu der Gemahlin zu kommen, so oft der Kopfputz in ein neues Stadium getreten war. Die Eifersucht des Drechslers dagegen äußerte sich häufig bei unpassenden, gleichgültigen Meinungsverschiedenheiten, wo er mit ungewohnter Härte seiner Marie entgegentreten konnte, die dieses Betragen gar nicht begriff. Inzwischen gebar Marie einen Sohn, des Vaters Ebenbild, und dieses Ereigniß machte vorläufig nicht nur ihrer Betriebsamkeit außer dem Hause, die oft Gegenstand eines Zankapfels gewesen war, ein Ende, sondern sie schaffte eine Zeit der Ruhe und des ungestörten Glückes. Selbst die Schwiegermutter zeigte sich zum ersten mal versöhnt und liebevoll, sie pflegte die Wöchnerin mit zartester Sorgfalt und that ihr alles zur Liebe. Georg entflammte nur einmal zum Zorn, als Jungfrau Lenchen unter dem Vorwande, das Kind zu sehen, sich abermals eine plumpe Anspielung auf dessen Aehnlichkeit mit dem Baron erlaubte. Er nahm die Tugendsame beim Arm und warf sie mit solcher Heftigkeit aus der Hausthür, daß sie den Nachbar Hirsch Moses, welcher nach dem Abendstern sah, ob der Schabbes bald vorbei sei, beinahe umgeworfen hätte. Die schöne Mainzerin war nach dem Wochenbett noch hübscher, fraulicher geworden. – Das Dasein des Kindes brachte es mit sich, daß das Kleidermachen außer dem Hause aufgegeben wurde, nur bei einzelnen Herrschaften, die sich immer sehr freundlich erwiesen, mochte Marie es nicht ausschlagen, diese mußten dann aber gestatten, daß Heinrich ihr mehrmals des Tages gebracht wurde, um gestillt zu werden. Die Schwiegermutter war krank geworden und gestorben. Das und der verbesserte Wohlstand brachte es mit sich, daß Marie eine Magd annahm, welche die gröbere Arbeit verrichtete, die Küche unter ihrer Leitung besorgte, und jetzt wurde, zeitweise zur Aushülfe, noch eine junge Person aus der Nachbarschaft als Kindermädchen gedungen. Die in Heustedt übliche Art, einen kleinen bürgerlichen Haushalt zu führen, d. h. Garten und Gartenland zu bestellen, eine Kuh zu halten, ein Schwein aufzufüttern, Gemüse und Früchte für Menschen und Vieh selbst zu ernten, paßte zu Mariens Beschäftigung nicht. Daß ihre Schwiegermutter sie zu allen diesen Dingen hatte zwingen wollen, war oft Veranlassung zu Streitigkeiten gewesen. Es war ihr Bedürfniß und Gewohnheit, sobald am Morgen die Stuben in Ordnung gebracht waren, der Kaffee auf dem Tische stand, im reinlichen, netten Kleide zu erscheinen, und sie wußte den einfachsten Stoff kleidsam für sich auszubeuten. Je mehr gerade diese Accuratesse, die sie auf den eigenen Körper verwandte, die Mainzerin beliebt und gern gesehen machte bei den Honoratioren, desto mehr entzündete dies den Neid und die Eifersucht der gewöhnlichen Bürgerweiber. Da wurde Marie den Töchtern beständig als Beispiel einer schlechten Hausfrau vorgestellt, die sich um die notwendigsten Dinge nicht bekümmere, die eine Magd halte, ohne mehr als eine Kuh im Stalle zu haben. Wenn Marie in ihren Sonntagskleidern mit Georg einen Spaziergang machte, und junge und alte Männer bewundernd hinter ihr hersahen, dann hieß es: »Seht, wie sich der fremde Aff' herausgeputzt hat!« – Die giftigste und erbittertste Feindin blieb aber Jungfer Lenchen, die jetzt, nach dem Tode ihres Vaters, unbeschränkt sich fühlte. Sie war unermüdlich, ihr Schlechtes nachzureden, und sann Tag und Nacht darüber, wie sie ihr Schimpf, Schande und Schaden zufügen könne. Im Verein mit einem Dutzend andern heustedter Frauenzimmern hatte sie sich im zweiten Jahre der Verheirathung Georg's, nach der Geburt des Knaben, verabredet, der Fremden, der Katholischen, dem herausgeputzten Affen, und mit welchen andern Ehrentiteln die noble Clique Marie sonst noch beehrte, auf dem Schützenballe, dem einzigen gemeinsamen Vergnügen der Heustedter, zu zeigen, wie sehr man sie misachtete. Niemand sollte mit ihr sprechen, man wollte sich wegsetzen, wohin sie sich setzte, keiner der Männer, Brüder oder Vettern sollte mit ihr tanzen. Allein der schöne Plan, der außerdem sehr wahrscheinlich in sein Gegentheil umgeschlagen wäre, da auch die Honoratioren an jenem Balle theilnahmen, wurde zu Wasser. Die zärtliche Mutter nämlich, obgleich sie sich seit Wochen auf dieses Fest gefreut hatte, zog es vor, den Schützenhof nicht zu besuchen, sondern bei dem kleinen Heinrich, der fieberte, zu bleiben. Man mußte in Heustedt früh zum Princip der Arbeitstheilung sich gewendet haben, es existirten dort zwei Zünfte oder Aemter von Drechslern, Holz- und Horndrechsler. Man hatte aber längere Zeit den Umstand nicht beachtet, mindestens war es den beiden dort lebenden Horndrechslern nicht in den Sinn gekommen, dem Meister Schulz den Verkauf von Horndrechslerwaaren irgendwie zu wehren, oder ihn sonst bei Anfertigung von solchen Arbeiten zu beschränken. Es mochte das daher kommen, daß beide Horndrechsler alte Leute waren, die ihr Handwerk nur so nebenher, dagegen eine kleine Garten- und Ackerwirthschaft mit Lust und Liebe trieben. Der eine von diesen, Meister Kurze, hatte aber einen Sohn, dem er gern sein ganzes Geschäft übergeben wollte. Zu diesem Zwecke wurde der junge Mann aus der Fremde gerufen. Als er zurückgekommen war, kam es, man weiß nicht wie, zur Sprache, daß Georg eigentlich keine Hornwaare drechseln und noch weniger im Laden feilbieten dürfe. Das war Wasser auf die Mühle der tugendsamen Lene, und das Unglück wollte, daß sie einen gewissen Einfluß auf Meister Kurze ausüben konnte. Sie war seine weitläufige Verwandte, hatte selbst aber nähere Blutsfreunde nicht. Ihr Erstes war nun, mit der Familie des Vetters Kurze, die sie lange Zeit hatte gänzlich beiseiteliegen lassen, wieder in Verbindung zu treten und eine Erbeinsetzung in Aussicht zu stellen. Dann ging sie den Advocaten Laxpeter mit der Frage an, ob die Horndrechsler dem Meister Schulz verbieten lassen könnten, Hornarbeiten zu verkaufen. Laxpeter bejahte diese Frage mit der Voraussetzung, daß die Horndrechsler eine Zunft bildeten, dazu gehörten aber mindestens drei Personen; solange daher nicht mindestens drei Meister in Heustedt wären, sei das so eine Sache. »Ich schaffe den dritten Meister, wollen Sie den Proceß annehmen? Ich übernehme die Kosten und zahle hundert Thaler Vorschuß«, rief Lenchen voll Freude. Einen solchen fetten Proceß sich nicht entgehen zu lassen, konnte man dem Advocaten Laxpeter, dessen Praxis außerdem nicht die ausgebreitetste war, kaum verdenken, er sagte Ja. Nun betrieb die Tugendsame zunächst, daß ihr Vetter nicht des Vaters Geschäft übernehme, sondern sich als selbständiger dritter Meister besetzte. Nachdem dies geschehen und so ein Collegium gebildet war, übernahm Lenchen auch formell die Kosten eines gegen den Drechslermeister angefangenen Processes. Die Sache war sehr geheimnißvoll betrieben, und Georg Schulz war im höchsten Grade erstaunt, als er eines Tages vom löblichen Stadtgericht ein sogenanntes Mandatum erhielt, wonach er sich bei funfzig Kassengulden Strafe des Anfertigens von Horndrechslerwaaren zum Verkaufe, so des Feilbietens und Verkaufs derselben im offenen Laden zu enthalten habe. Was war da zu thun? Georg's Lorenzdosen von Horn hatten eine gewisse Berühmtheit erlangt, er hatte Bestellungen aus Bremen wie aus Hannover erhalten, der Verkauf derselben bildete seine beste Nahrungsquelle. Er hatte noch jüngst eine größere Quantität amerikanisches Horn in Bremen gekauft. Allein er war ein abgesagter Feind von Processen, und daher eher geneigt nachzugeben, als einen Proceß zu führen. Ganz anders zeigte sich die Gesinnung seiner Frau. Sie hatte keinen Begriff von Zunftzopf, sie ging von dem Gedanken des natürlichen Rechts aus, daß jeder Mensch befugt sei, diejenigen Arbeiten, zu welchen er befähigt sei, auch anzufertigen, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ihr Vater in Mainz hatte ja auch Drechslerarbeiten, sowol in Holz als in Horn, gemacht. »Ein Drechsler ist Drechsler«, sagte sie, »und es kann einerlei sein, ob du in Horn drechselst oder in Holz, wenn deine Arbeit nur gut ist. Was, du willst den elenden Drohungen nachgeben? Du willst der alten Katze mit den grünen Augen, die das alles eingeleitet hat, um uns zu schaden, den Gefallen thun, klein beizugeben? Nein, man muß sich vertheidigen, man muß einen Vertheidiger annehmen. Ich habe noch viele blanke Gulden in meiner Chatoulle liegen, solange noch ein Gulden da ist, leide ich nicht, daß du dein Recht aufgibst.« Der gutmüthige Ehemann gab der Frau nach. Marie selbst ging zum Amtsadvocaten. Dieser versprach, sich durch Einsicht des Gildebriefes der Horndrechsler auf dem Rathhause erst zu instruiren. Er brachte guten Trost von dort mit. In dem Gildebriefe stehe nichts, daß die Horndrechsler allein und ausschließlich befugt seien, in Horn zu drechseln, sondern nur, daß sie in ihren althergebrachten Rechten und Gerechtsamen geschützt werden sollten. Sie müßten also beweisen, und der Beweis werde schwer werden, da er selbst sich erinnere, von Georg's Vater manche Pfeife von Horn gekauft zu haben. Auch Georg erinnerte sich wohl, daß, solange er überhaupt Erinnerung habe, sein Vater in Horn beständig gedrechselt und damit gehandelt. Es wurde also eine Einrede der Erschleichung verhandelt, und der Proceß hatte seinen Anfang genommen. Wann das Ende sein würde, wußte damals niemand, oft erlebten es beide streitende Theile nicht. Als sich das Gerücht von diesem Proceß verbreitete, fingen auch die Schneider an, ihre Köpfe zusammenzustecken. Lenchen brauchte nicht viel zu hetzen, unter den Schneiderfrauen gab es manche, denen die »Fremde« ein Dorn im Auge war. Acht Tage später erhielt auch Marie ein Mandat, sich des Einpfuschens in das löbliche Schneideramt zu enthalten und weder im eigenen noch in fremden Häusern weibliche Kleidungsstücke gegen Lohn anzufertigen, bei fünfundzwanzig Gulden Kassengeldstrafe. Dagegen wurde auf Ermunterung und Beifall aller Damen aus dem Honoratiorenstande erst recht processirt, denn alle diese Damen erboten sich, Zeugniß abzulegen, daß kein einziger Schneider in Heustedt ein Damenkleid anzufertigen verstehe. Beide Processe machten dem jungen Ehepaare in ihrem Anfange keinerlei Kümmerniß. Aber von anderer Seite kam ganz plötzlich ein Ereigniß, welches das Lebensglück zu stören drohte. Marie sollte zum zweiten mal Mutter werden. Sie pflegte, wie schon erwähnt, zweimal nach Twistringen zu Beichte und Abendmahl zu reisen. Es war Spätsommer und sie machte die Tour auf einem Korbwagen, vor den ein Pferd gespannt war, das Moses Hirsch freundnachbarlich umsonst dargeliehen hatte. Ihr Mann gab ihr bis zum nächsten Orte das Geleit, da sie schon vor Sonnenaufgang ausfuhr, um am Abend zurück zu sein. Der Pfarrer dort war ein alter würdiger Herr mit gepuderten Ohrlocken und Zopf, schwarzen seidenen Hosen und Schnallenschuhen. Sie hatte ihm nie verhehlt, daß ihr Erstgeborener in der Religion des Vaters getauft sei und erzogen werde, schon weil es die Nothwendigkeit mit sich bringe. Der Dechant hatte in seinem Kirchspiele selbst dreißig bis vierzig protestantische Familien, und seit den funfzig Jahren, die er sein Pfarramt versah, war nie eine Streitigkeit zwischen Katholiken und Protestanten vorgefallen. Man lebte auf das friedlichste, die Kinder der Protestanten besuchten die katholische Schule, und erhielten später Religionsunterricht bei einem protestantischen Pfarrer. Die Protestanten wurden auf dem katholischen Kirchhofe beerdigt und die Kirchenglocken gaben dazu das Geläute. Die Protestanten besuchten oft die Predigten des frommen Greises, weil sie sich wirklich erbaut fühlten und die nächsten protestantischen Kirchen zu entfernt waren. Die Milde und Duldsamkeit des ehrwürdigen Geistlichen selbst hatte nicht verfehlt, auf seine Beichtkinder überzugehen. Die Mainzerin wußte nicht, daß der gute alte Mann gestorben war. Sein Nachfolger war ein Eiferer für die alleinseligmachende Kirche, ein plumper westfälischer Bauersohn mit rohen Manieren und rohem Herzen. Nach wenig Wochen seines Dortseins war der Friede gestört. Ketzerpredigten, Verfluchungen Luther's, Beschimpfungen seiner Anhänger mit allen möglichen Namen trieben zunächst die Protestanten aus der Kirche, die Kinder der Protestanten wurden sodann aus den katholischen Volksschulen getrieben, ad majorem dei gloriam natürlich. Marie sah, als sie in den Beichtstuhl trat, ein dickköpfiges Gesicht mit breiten, rothen, fleischigen Backen und fettem Unterkiefer ihr entgegenstarren. Sie wurde verwirrt, sie begann zu stammeln und unzusammenhängend das, was sie für Sünde hielt, zu bezeichnen oder anzudeuten. Als sie nun auch des von dem frühern Beichtvater als durch eine Art Naturnothwendigkeit bedingten und entschuldigten Umstandes erwähnte, daß ihr Heinrich in der gesammten protestantischen Umgebung protestantisch getauft und erzogen sei, drang der Beichtvater mit Fragen in sie, bis er die Familien- und häuslichen Zustände auf das kleinste ihr abgefragt hatte. Dann fuhr er, sich immer mehr ereifernd, sie mit strenger Stimme an: »Nun und nimmer kann ich Euch Beichte sitzen! nun und nimmer Absolution ertheilen, noch die Hostie reichen zum Siegel der göttlichen Verzeihung. Solange Ihr nicht Euere Kinder auf die Alleinseligmachende taufen und für dieselbe bestimmen laßt, solange Ihr nicht wegen des bereits an der Kirche begangenen Verraths Buße thut, solange Ihr nicht gelobt, Euern Ehegatten durch Belehrung, Ermahnung, Ueberredung, durch Euer ganzes Verhalten, namentlich im Ehebette selbst, für die alleinseligmachende Kirche zu gewinnen, so lange wird jeder Versuch eitel sein, zur Beichte angenommen zu werden, Absolution und Nachtmahl zu empfangen! Vielmehr hat die heilige Mutter das Recht und die schmerzliche Pflicht, Euch zu excommuniciren und aller der zeitlichen Strafe und ewigen Verdammniß preiszugeben, welcher Euer Ehemann und alle übrigen Ketzer verfallen sind.« Als die geringste jener Strafen bezeichnete nun der Pfaffe die Verdammniß ihres Heinrich, die ewige Trennung von ihren theuern heißgeliebten Aeltern und Verwandten, von den Freundinnen und Gespielinnen ihrer Kindheit und von allen seligen Geistern, traf damit die verwundbarste Seite ihres zumal in jener Zeit empfindlichen Herzens und veranlaßte ein lautes krampfhaftes Schluchzen des armen jungen Weibes. Von einer Fortsetzung der Beichte stand der Priester mit dem vollen Bewußtsein ab, daß nur eine solche Mahnung, wie er es in einer kurzen Recapitulation nannte, nun ohne Kirche, ohne Aeltern, ohne göttliche Verzeihung auf Erden zu sein und zugleich mit dem lebenden und dem ungeborenen Kinde der ewigen Verdammniß entgegenzugehen, auf ein seit Jahren durch das Leben mit und unter Ketzern verdorbenes Gemüth Wirkung haben könne. So kehrte denn Marie heim, ohne Absolution empfangen zu haben. Ein schwerer Heimweg war das. Der Kopf war ihr so müde und wollte ihr auf die Brust sinken, und doch konnte sie ihn in dem Schaukelstuhle des Korbwagens nicht einmal anlehnen. Die Brust war ihr so voll, so schwer. Es schien ihr, als wenn das Kind, das sie unter dem Herzen trug, die Frage an sie stellte: Also durch deine Schuld, o Mutter, soll ich zur ewigen Verdammniß bestimmt sein? Ihr Herz war durch die Worte des Priesters weniger erweicht als erstarrt. Sie hatte weder im Beichtstuhle Thränen vergießen können, noch wollten diese jetzt kommen, als sie über die öde Heide fuhr. Sie erreichte bald die Amtsgrenze, da stand, noch im Twistringenschen, inmitten eines Fuhrenkamps ein Muttergottesbild. Sie ließ den Wagen halten, stieg aus und kniete nieder vor der Schmerzens- und Gnadenreichen. Hier kamen ihr die Thränen, zum ersten mal in ihrem Leben sagte sie kein auswendig gelerntes Gebet, keine Worte ohne Gedanken. Sie betete um das Seelenheil ihres Heinrich, um die Erlösung von ewiger Verdammniß des Kindes, das sie unter dem Herzen trug. Und Madonna schien ihr gnädig zuzulächeln. Als Marie sich wieder erhoben hatte und im Wagen saß, fühlte sie sich erleichtert. Sie kam durch ein großes Kirchdorf, von Protestanten bewohnt, die Bevölkerung feierte das Erntefest und war auf dem Gemeindeanger, wo man Buden und Zelte aufgeschlagen hatte, im fröhlichen Tanze beisammen. Glaubte einer dieser Menschen an seine ewige Verdammniß? Gewiß nicht; und hatte der Priester recht, daß alle Anhänger Luther's am Jüngsten Tage hinabgestoßen werden sollten in die Hölle, wo es nur Heulen gibt und Zähnklappen? Die Mainzerin hatte über religiöse Dinge nie viel nachgedacht, sie hatte angenommen, geglaubt, was ihr gelehrt wurde, hatte die religiösen Ceremonien mitgemacht und nachgemacht. Man war in Mainz nicht eben fromm in jener Zeit; der Kurfürst war ein Lebemann, und alle Mainzer sind von jeher keine Kopfhänger gewesen. Man besuchte die Messe, betete den Rosenkranz, flehte die Mutter Gottes um mancherlei weltliche Dinge an, das Innerliche, das Geistige, fehlte aber. Die junge Frau hatte wenig Gelegenheit gehabt zu reflectiren, sie hatte wenig nachgedacht über den Himmel, noch weniger über Fegfeuer und ewige Verdammniß, die Gegenwart selbst hatte sie immer hinreichend beschäftigt, und ihre Gedanken waren immer nur auf das Nächste gerichtet gewesen. Jetzt war ihre Phantasie durch schreckliche Bilder angeregt und von ihnen erfüllt, die wilden bösen Augen, mit denen der Priester auf sie eingesprochen, wollten lange nicht von ihrer Seele weichen. Jetzt waren sie fort, die bösen Augen des Priesters, jetzt waren sie fort, die Höllenbilder! Sie konnte frei athmen und, was mehr, sie konnte wieder denken. Und Marie dachte. War eine ewige Verdammniß überhaupt möglich? Konnte Gott, wenn er der allmächtige und allgerechte war, die Sünde einer Mutter an ihrem Kinde strafen? Sie war durch große Länderstrecken, von Frankfurt an gereist, in denen lauter Protestanten wohnten, und diese alle sollten ewig verdammt sein, weil sie Gott auf andere Weise anbeteten, denselben Gott, denselben Christus anbeteten? Ihr einsamer, natürlicher Sinn beantwortete diese Fragen mit Nein, sagte ihr, daß der Priester gelogen haben müsse. Aber nun stellte sich wieder der angeborene und anerzogene Glaube an das Priesterthum dazwischen. Mußte der Mann Gottes nicht die Wahrheit sagen; warum hätte er sie schrecken sollen, wenn er nicht selbst überzeugt war von dem, was er sagte? Zu dem Gedanken erhob sie sich nicht, daß der Priester auch irren könne, daß er sich in Unduldsamkeit und Fanatismus hineingearbeitet, daß er sich selbst noch nicht aufgeschwungen zu der Erkenntniß der Eigenschaft Gottes, die Rache und Uebelzufügung als einen Widerspruch mit dem Wesen Gottes erscheinen läßt. Essen und Trinken hatte sie vergessen, immer nur nach Hause getrieben, körperlich und geistig zerschlagen kam sie in Heustedt an. Als der Drechsler seine Frau aus dem Wagen gehoben, rief er erschreckt: »Aber mein Gott, Schatz, wie siehst du aus?!« »Nichts, Lieber«, antwortete sie, sich zusammennehmend. »Der starke Wind hat mir auf dem ganzen Wege den Staub in die Augen geweht, das Rütteln und Schütteln hat mich angegriffen.« In der Stube angekommen, sank sie halb ohnmächtig auf einem Stuhle zusammen, dann aber plötzlich raffte sie sich auf, stürzte über die Wiege her, riß das schlafende Kind aus ihr empor, bedeckte es mit hundert stürmischen Küssen und rief wie außer sich: »Dich, dich meinen Einzigen, meinen lieben Engel, wollen sie in die ewige Verdammniß und Hölle schicken?« Dann sank sie besinnungslos zusammen. Georg schickte zu dem Arzte. Ehe er kam, hatte sich Marie erholt; ein Glas Wasser hatte sie erquickt. Der Arzt verordnete Wein, etwas Essen und Ruhe. In der Nacht beichtete denn das arme gepeinigte Weib ihrem Manne die Vorgänge in Twistringen. Der sonst so ruhige Mann verfiel in seinen Wuthzustand: »Da soll doch ein tausend Schock Schwerenoth den verfluchten Pfaffen holen! Verflucht, wenn du je wieder einen Schritt nach Twistringen thust, ich aber will hingehen und den Pfaffen todtschlagen.« Die junge Frau hatte Mühe, den Zorn des Eheherrn zu besänftigen und ihm vorzustellen, daß die Nachbarn sein Toben ja hören könnten und denken, man zanke sich. Das schlug durch, und als jener wieder beruhigt war, liebkoste und schmeichelte er seine Marie und bat sie wegen seines Zorns um Verzeihung. Er suchte ihr dann mit denselben Gründen das Unvernünftige, Widersinnige, ja Gottlose der priesterlichen Lehre darzustellen, als sie selbst es gethan. Bis tief in die Nacht führten die Eheleute religiöse Gespräche, beruhigt schliefen sie ein. Marie gebar ihren zweiten Knaben. Er wurde Friedrich getauft, und sie selbst war bei der Taufe gegenwärtig. Der Pfarrer, von dem Vorfalle in Twistringen unterrichtet, sprach bezügliche Worte, bestimmt, ihr Gemüth zu beruhigen. Sie aber war ein starkes Weib, sie hatte sich durch wochenlanges Nachdenken freigemacht von dem Glauben an die Wahrhaftigkeit des Priesters, von dem Glauben, daß ihren Kindern als Protestanten ewige Verdammniß drohe, und damit von vielem Aberglauben ihrer Kindheit. Als im Winter ein Brief des Pfarrers aus Twistringen kam, der außer Fegfeuer und Hölle noch mit Excommunication drohte, gab sie ihn lächelnd dem Manne und bat, ihn zurückzusenden, wobei er dem Pfarrer, wie sie sich ausdrückte, seine Meinung sagen könne. Die Zeit verging, weiterer Ehesegen blieb nicht aus. Die Mainzerin gebar in den nächsten Jahren noch zwei Mädchen, Klara und Marianne getauft, und einen Knaben – Otto. Allein der Kindersegen hatte neben der Freude, die er verursachte, schwere Sorgen und Einschränkungen im Gefolge. Selbstverständlich hatte bei mehrern Kindern das Kleidermachen in und außer dem Hause schon gänzlich aufgehört, auch das Putzgeschäft war eingeschlafen, nachdem die Cousine in Mainz verstorben und dadurch die Verbindung mit Paris unterbrochen war. Als dieser Nebenverdienst nach und nach aufgehört hatte, merkte Georg eigentlich erst, daß er nicht Neben-, sondern Hauptverdienst gewesen sei. Sein Drechslergeschäft war nicht vorwärts, sondern zurückgekommen. Die Mode der Freundschaftsdosen war eingeschlafen. Mit vielen Haushalts- und Nippsachen, die er verfertigte, waren die meisten Haushaltungen versehen, der vielgeplagte Bauer kaufte nur das Nothwendige, Spinnrad und Haspel, einige hölzerne Schinkenteller, wenn er den Brautwagen der Tochter ausrüstete. Große Knöpfe in Perlmutter und Horn, wie sie Georg der damaligen Mode gemäß anfertigte, kamen jetzt aus englischen Fabriken um das Dreifache wohlfeiler. Der Drechsler hatte schon angefangen, einen Theil seiner Zeit in einer Essigfabrik als Böttcher zu arbeiten, wo er etwas besser als ein Taglöhner gelohnt wurde. Die beiden ältesten Knaben besuchten schon die Schule, kosteten Schulgeld und Bücher. Die Mutter konnte trotz allen Waschens und Flickens die Kleider nicht immer in dem guten Stande erhalten, den sie nun einmal für nothwendig hielt. Der Proceß, der anfangs wenig gekostet, fraß jetzt, da die Chatoulle der Putzmacherin schon längst leer war, große Summen hinweg. Das Stadtgericht hatte, gegen sonstige Gewohnheit, in dem Processe gegen den Horndrechsler rasch gearbeitet. Schon nach Verlauf eines halben Jahres war eine Entscheidung erfolgt, welche den Klägern den Beweis auferlegte, daß ihnen seit undenklicher Zeit die Befugniß zustehe, ausschließlich der Holzdrechsler, Horndrechslerwaaren anzufertigen und zu verkaufen. Da keine von beiden Parteien gegen dieses Beweisurtheil Rechtsmittel eingewendet hatte, wurde zur Beweisaufnahme geschritten. Es wurden von beiden Seiten eine Menge Zeugen und Gegenzeugen vernommen. Endlich kam ein Erkenntniß, welches den klägerischen Beweis für nothdürftig geführt erkannte und den Klägern einen Erfüllungseid auferlegte. Hiergegen appellirte der Holzdrechsler, und er erhielt von der Justizkanzlei ein reformatorisches Erkenntniß, der Beweis sei gänzlich verfehlt, die Kläger wurden zurückgewiesen. Nun brachten Kläger die Sache an den höchsten Gerichtshof, verbanden mit der Appellation zugleich das beneficium novorum , indem sie eine alte Urkunde von dem lüneburgischen Herzog Georg Ludwig vorlegten, die zu Gunsten der Horndrechsler allenfalls interpretirt werden konnte. Nach zwei Jahren stellte das Oberappellationsgericht in Celle das erste Stadtgerichtserkenntniß wieder her, verurtheilte auch, wenn Kläger den Erfüllungseid leisteten, den Beklagten in die Kosten, mit Ausnahme derjenigen der Appellationsinstanz, welche compensirt wurden. Der Eid wurde abgeleistet. Das war ein harter Schlag für die Schulz'sche Familie. Die Proceßkosten, die der Besagte seinen Gegnern für zwei Instanzen bezahlen mußte, beliefen sich auf mehrere hundert Thaler. In seiner Kasse waren kaum so viel Groschen. Es war ein schlechter Trost, daß der Advocat meinte, bis die Liquidation der Kosten erfolgt und diese festgestellt sei, möchte wol immer noch ein halbes Jahr hingehen, und dann könne er die Sache leicht noch ein halbes Jahr, und wenn man die Kosten einer Instanz anwenden wolle, noch länger hinausziehen. Vielleicht, hatte er gesagt, sei der Proceß mit den Schneidern dann gewonnen. Das war in der That die letzte Hoffnung der armen Familie; sie erhielt dann einen Theil der seit Jahren aufgewandten Proceßkosten erstattet. Dieser Schneiderproceß lag zur Entscheidung in einer Supplicationsinstanz bei irgendeiner unbekannten Juristenfacultät. Die Justizkanzlei zu Hannover, in der moderne Ansichten vertreten waren, hatte auch hier in der Appellationsinstanz zu Gunsten der Beklagten entschieden, dem Schneideramte den Beweis auferlegt, daß die Schneideramtsmeister in Heustedt das ausschließliche Recht hätten, Damenkleidungen anzufertigen, der Beklagten den Einredenbeweis, daß keiner der heustedter Schneider fähig sei, ein Damenkleid ordentlich anzufertigen. Der Rechtsbeistand Schulz' zweifelte nicht, daß der erste Beweis nicht werde geführt werden, und daß es der Beklagten ein Leichtes sein werde, den zweiten Beweis zu führen. Die Schneider verzweifelten selbst daran, den Proceß zu gewinnen, der einen des Processirens werthen Gegenstand nicht mehr hatte, da Marie die Schneiderei aufgegeben; es handelte sich nur um die Kosten. Georg meinte indeß, auf den Gewinn eines Processes zu hoffen, das sei dasselbe, als seine Hoffnung auf den Gewinn einer Quaterne zu setzen; er dachte Tag und Nacht darüber nach, auf welche Weise es ihm möglich sein würde, den Betrag der Proceßkosten geliehen zu bekommen. Jemand um die kleinste Gefälligkeit anzusprechen, war ihm von Jugend an schwer geworden, es beleidigte das seinen Stolz. Nun dachte er sich es als eine Möglichkeit, daß der reiche Essigbrauer ihm die Gelder vorschießen könne. Er wollte ja gern arbeiten. Er wollte dem Essigbrauer den ganzen Tag opfern, woran diesem viel lag, und seine Drechslerarbeit in der Mittagsstunde und am frühen Morgen und Abend beschaffen; wenn dann der Herleiher ihm die Hälfte seines Lohnes abzog, und davon Zinsen und Kapital abgetragen würde, so war es möglich, nach und nach aus der Zinsenlast zu kommen. Aber der Stolze konnte seine Bitte nicht selbst anbringen, seine Frau mußte gehen. Der Essigbrauer Otto war ein ganz guter Mann, der seinem Nächsten gern half, und der, wenn Georg ihm selbst die Bitte vorgetragen hätte, unbedingt Ja gesagt haben würde. Allein sein Weib gehörte zu der Clique der Jungfer Lenchen, sie haßte die Mainzerin. Nun wollte es das Unglück, daß dieses Weib die Ankunft der immer noch schönen Mainzerin sah. »Was will die Aff' im Hause«, rief sie, und schlich sich in die Nebenstube ihres Mannes, von wo sie genau hörte, wie jene ihre Bitte vortrug. Ehe ihr Mann aber antworten konnte, stürzte sie einer Furie gleich aus dem Nebenzimmer und schrie: »Daraus wird nichts, wir haben unser Geld zu sauer verdienen müssen, um es dem Bettelvolke, das schlechte Processe führt, in den Hals zu werfen; daß du dich nicht unterstehst, Wilm!« – und der arme geknechtete Mann mußte Nein sagen, mit schwerem Herzen. Als Marie nach Hause kam mit diesem Nein, sanken dem Manne die Hände am Leibe herunter, er war nicht mehr im Stande zu arbeiten. Er setzte sich in die Stube seiner Frau, die noch immer so reinlich als sonst aussah. Hinter dem Ofen spielten die beiden jüngsten Mädchen, der jüngstgeborene Knabe lag noch in der Wiege. »Wozu sind wir eigentlich in der Welt, Frau, als um uns zu placken und zu schinden, des trockenen Brotes wegen, das wir genießen, um jene da, die ihr Leben lang nichts gethan, als den Vergnügungen gelebt, die Gräfin und das ganze unnütze Geschmeiß dort drüben von dem zu unterhalten, was wir im Schweiße des Angesichts verdienen? Eine erbärmliche Welt das –, wären nicht die Kinder, ich spränge noch heute in die Weser.« »Aber Georg«, sagte die Frau sanft, »haben wir nicht auch unsere guten Tage erlebt? Müssen wir Gott nicht dafür danken, daß alle unsere Kinder gesund und kräftig sind? Ich zweifle nicht, daß es noch gute Menschen gibt, die uns in dieser Trübsal helfen werden, bis wir uns selbst helfen können. Du weißt, wie freundschaftlich und gut die Baronin Bardenfleth in frühern Tagen gegen mich war. Sollte sie meine Bitte abschlagen, wenn ich sie um Hülfe in dieser Noth anflehte?« »Lieber in die Weser«, fuhr der zornige Mann auf, dem der alte Eifersuchtsteufel in den Kopf stieg, »lieber mag mir Haus und Garten verkauft werden, als daß ich duldete, daß dem adelichen Volke da drüben ein gutes Wort gegeben würde.« Da pochte es an, und auf das Herein trat der Nachbar, der Schutzjude Moses Hirsch, in die Stube. »Verzeihens, wenn ich stehre, komm als guter Freind, aufzubieten Hilfe dem fleißigen Nachber und der lieben Nachberin. Hab gehehrt, daß Frauchen sein gewäst vergeblich bei dem Herrn Ott. Hartes Herz, kein Fünkchen Gemith, bei's Licht auf das Grab meiner Mutter. Meins gut, meins ehrlich. Werdet brauchen 400 bis 450 Thaler zu szahlen vor des Proceßkoschten. Die Lehne trägts von Haus szu Haus, hat die Rechnung von Laxpetern und die Briefe von Celle immer bei sich. Will lassen verkaufen allesch was err isch, Haus und Hoff. Geld rar, schwehre Szeiten. Korn 2 Thaler 5 Groschen heite. »Kennen uns geben szweiter Hippethek, is nicks mit szweiter Hippethek bei's Licht, gäbe nicht 1 Gulden auf der szweiten Hippethek. Thu's aus Freindschaft, bei Gott aus Freindschaft und Mitleiden. Mache ein Opplogatschonchen, versetze Haus und Garten, fihr 600 Thaler, szahle baar auf's Tisch 450 Thaler Gold, behalten Sie über die Lahsche, wenn Sie beszahlt haben die Kosten, geben mir nur fünf Procentchen!« Das war denn freilich eine theure Hülfe, aber es war kein Almosen, es kostete kein gutes Wort. Nach langem Berathen ging man auf den Vorschlag ein. Vom Vater her standen 1660 Thaler Gold zur ersten Hypothek, die 600 Thaler für Moses erschöpften den Werth der Grundstücke gänzlich. Aber wer griffe nicht in der Noth selbst nach dem Strohhalme als Rettung? Charaktere wie Georg, die es mit der Selbstachtung für unvereinbar halten, andern zur Last zu fallen, sind die geeignetsten Leute zur Ausbeutung für Geschäftsmänner wie Moses Hirsch. Die Magd war schon vor einem Jahre abgeschafft, Marie that alle Arbeit selbst, man hatte der Kinder wegen eine zweite Kuh anschaffen müssen, nur das Holen der Milch von der entfernten Weidestätte, wo die Kühe während des Sommers und Herbstes Tag und Nacht bliebe, war einer gemieteten Hülfe übertragen. Marie hatte gelernt, ihre Kartoffeln, Bohnen und Erbsen, Rüben und Kohl auszupflanzen und einzuernten, wobei ihr die Knaben schon zur Hand gingen, nur der Ankauf des Roggens zum Brote machte oft Verlegenheit, da das Geld fehlte. Die Obligation wurde gemacht, die Kosten wurden bezahlt, das Wenige, was von den 450 Thalern übrigblieb, reichte nicht hin, den Kindern die nöthigen Kleidungsstücke anzuschaffen und die Forderung des Amtsadvocaten zu decken, obgleich dieser einen Theil seiner Forderung erließ. So hatte man einen Herbst, Winter und Frühling in der äußersten Beschränkung gelebt, als plötzlich die Nachricht kam, die Universität Rostock habe ein höchst ungünstiges Erkenntniß erlassen. Bald kam auch die Bestätigung. Es war entschieden: Das Schneideramt als solches berechtige zu jeder Schneiderarbeit, ob Herren- oder Frauenkleider, es brauche daher Kläger einen Beweis nicht mehr zu führen, und auf den Einredenbeweis komme es gar nicht mehr an, denn es müsse präsumirt werden, daß jeder Schneider, der sein Meisterstück gemacht habe, auch sein Handwerk verstehe. Demgemäß mußte die Justizkanzlei ihr früheres Urtheil aufheben und Marie Schulz verurtheilen, sich der Anfertigung von Frauenkleidern in wie auch außerhalb ihres Hauses zu enthalten, auch sämmtliche Kosten mit Ausnahme der Versendungskosten zu erstatten. Der Amtsadvocat belehrte die Schulz'schen Eheleute zwar, daß gegen dieses Erkenntniß noch ein Rechtsmittel zulässig sei, allein Georg wollte von Rechtsmitteln und Processen nichts mehr wissen, eine dumpfe Verzweiflung hatte sich seiner bemächtigt, er wollte die Dinge gehen lassen wie sie gingen, da er kein Mittel sah, sich durch eigene Kraft zu helfen. Schlimme, sehr schlimme Tage und Wochen folgten. Waren die Kosten auch nicht so groß als die des Drechslerprocesses, so reichten doch Mobilien, Hausgeräth, die Kuh, die vorräthigen Waaren nicht hin, die Kostenrechnung damit zu decken, und Georg selbst drang darauf, daß sein Grundeigenthum zunächst zur Subhastation gebracht werde. So geschah es. Moses Hirsch blieb Höchstbietender, indem er noch 50 Thaler weniger bot, als seine Hypothek betrug. Er erhielt den Zuschlag. Aber Juden durften damals und bis in die Mitte unsers Jahrhunderts kein Grundeigenthum erwerben. Unter besondern Umständen wurde davon indeß eine Ausnahme gemacht. Moses Hirsch reiste selbst nach Hannover, um eine solche für sich zu erwirken. Er machte dort großes Geschrei, daß er genöthigt gewesen, zur Rettung seines Kapitals und der Hypothek zu kaufen das Haus, daß er schon jetzt 50 Thaler verliere, noch viel mehr verlieren würde, wenn der weniger Bietende das Haus erhielte. Dieses Geschrei wirkte indeß wol weniger als die thätige Fürsprache seines Vetters, des Hofagenten Markus Meier. Moses Hirsch bekam die Dispensation vom Gesetze, ward so der erste jüdische Grundbesitzer in Heustedt und mußte demzufolge auch Bürger werden, das Schutzjudenverhältniß hörte damit auf. Von da an pflegte er seinen Kindern, und in spätern Jahren noch seinen Enkeln täglich von früh bis abends einzupredigen: »So ich bin geworden in Heustedt der erste Grundbesitzer und Börger vom Stamme Israels, sollen bei dem Gotte meiner Väter und dem Lichte auf dem Grabe meiner Mutter werden meine Kindeskinder die ersten au Gut und Habe von den Börgern Heustedts.« Aber Moses Hirsch war gewissermaßen großmüthig und gutmüthig. Er hätte das Recht gehabt, wegen der 50 Thaler, um die er bei der Subhastation zu kurz gekommen, sich an das Mobiliarvermögen Schulz' zu halten, er hätte die Kuh und das Hausgeräth verkaufen lassen können. Er verzichtete darauf, er machte einen Strich durch die Obligation, hatte er doch das Ziel erreicht, das er seit dreißig Jahren beständig vor Augen gehabt, das ihm bei seinem anfänglichen Schacher mit alten Kleidern und Fellen, dann bei seinem Viehhandel, dann bei dem Wollhandel und Négocegeschäft beständig vor Augen gestanden: er war Bürger und Hausbesitzer. Es traf sich, daß damals der alte Spritzenmeister, als dessen Substitut Georg schon seit Jahren fungirt hatte, starb. Derselbe hatte eine Officialwohnung neben dem Spritzenhause, freilich in Klein-Paris. Der Drechsler wurde von dem Magistrat als Spritzenmeister gewählt, ihm die Wohnung nebst Garten und eine Moorwiese zur Kuhweide überwiesen, dafür mußte er Spritzen und Schläuche in Ordnung halten, einschmieren, lüften, beim Feuer das Rohr führen u. s. w. Georg konnte sein Unglück nicht verschmerzen, obwol er jetzt viel sorgenfreier lebte wie zuvor. Er hatte sich eine Werkstatt eingerichtet, Marie hatte das Haus so schön ausgeziert, als nur möglich war. Der Garten hinter dem Hause war bedeutend größer als der beim eigenen Hause, hatte Aepfel-, Birnen- und Zwetschenbäume, ein Umstand, der die beiden Jungen ungemein glücklich machte. Wenn bei der trüben Stimmung, in welcher Georg dahinlebte, eine zufällige Veranlassung sich fand, daß ihm Marie etwas wider seinen Sinn machte oder sprach, namentlich die Erziehung der Jungen betreffend, welche sie allzu gern in die Rectorschule geschickt hätte, so kam es wol zu Ehestandszänkereien, und der Mann war ungerecht genug, seiner Marie Vorwürfe zu machen, wie sie einst ihm von der Mutter eingegeben: »Hättest du nicht immer so hoch hinaus gewollt, hättest du mich nicht beredet, einen Laden einzurichten, hättest du durch dein ganzes Wesen und Betragen nicht den Neid und die Eifersucht der Heustedter erregt, mich nicht zu den Processen verleitet, wir brauchten jetzt nicht in diesem Banditenwinkel zu wohnen. Nun willst du mit den Jungen auch wieder hoch hinaus. Der Heinrich sitzt beständig hinter den Büchern, statt mit Hand anzulegen, oder läuft in die Oststadt mit Forstschreibers Karl, daraus wird nimmer etwas Gutes.« Wenn die Frau dann aber antwortete: »Georg, habe ich das um dich verdient? Habe ich nicht Vater und Vaterstadt, das goldene Mainz, verlassen, bin ich meiner Religion nicht entfremdet deinetwegen? Willst du mich durch deine Lieblosigkeit nun noch zu dem Glauben zwingen, daß mich die Strafe des Himmels schon hier verfolgt, weil ich dich lieber gehabt als meinen Glauben? weil ich die Gebote meiner Kirche misachtet, und mich der Absolution unwürdig gemacht habe, wie der Priester sagt?« dann bat der Mann um Verzeihung, und man versöhnte sich. Marie hatte den Umzug mit viel größerer Geduld ertragen; sie war in gewisser Beziehung froh darüber, weil sie dadurch aus der Nachbarschaft der Katze fortkam, die sie in ihren trüben Tagen mit wollüstig-teuflischen Blicken gehöhnt hatte. Sie bedauerte die neue Lage nur deshalb, weil sie ihrem Lieblingswunsche, Heinrich und Friedrich in die Rectorschule zu bringen, noch mehr Hindernisse in den Weg legte. Achtes Kapitel. Der Eisschlitten. Des Forstschreibers Haus neunjähriger Karl war nach der Aussage der Baronin Bardenfleth der schönste Knabe in Heustedt, nach der Meinung seiner Mutter welche zu bescheiden war, über seine Schönheit aburtheilen zu wollen, die ja auf sie zurückfallen mußte, da der Herr Gemahl, wie wir gesehen, nichts weniger als schön war, mindestens der wildeste Knabe. In der That, wenn man dem Knaben das blauschwarze lockige Haar aus der Stirn schütteln und die dunkelschwarzen Augen auf einen Gegenstand heften sah, der ihn interessirte, so konnte man wohl begreifen, wie Karl früher der verzogene Liebling der jungen Frauen und Damen in der Oststadt war. Gegenwärtig, 1777, war das nicht mehr in gleichem Maße der Fall, er war in die Flegeljahre getreten, wo ihm das Backenstreicheln, das Abküssen, das Confectschenken der Frau von Vogelsang, der Baronin von Bardenfleth, und wie die Schönheiten der Oststadt mehr hießen, keinen Spaß mehr machte, ja als ein seine Würde compromittirendes Attentat erschien, wo er das Anrufen der Baronin nicht hören wollte, sich ungeberdig anstellte, wenn eine Frauenhand durch seine Locken streichen wollte. Die Damen schrieben das aber seiner Freundschaft und der Unzertrennlichkeit mit zwei Knaben aus Klein-Paris zu, den Söhnen unsers Freundes Georg Schulz, von denen Heinrich ein Jahr älter, Friedrich ein Jahr jünger war als Karl. Beide Knaben gingen, wenn auch ärmlich, doch immer rein und sauber angezogen, hatten ein gutes Ansehen, der ältere war blond, mit dunkelblauen Augen, dem andern wallten kastanienbraune Locken im Nacken herab, er hatte schöne braune Augen und lange braune Augenwimpern, und wie seine Mutter ein paar Grübchen in den Wangen. Allein was konnte aus Klein-Paris Gutes kommen? Die Damen in ihren Kaffeekränzchen hatten es längst weg, daß seit etwa zwei Jahren, wo der Karl mit den Schulzens Jungen umgehe, seine Liebenswürdigkeit abgenommen, er aus einem artigen Knaben ein unartiger geworden sei. Daß er jetzt ganz andere Interessen hatte, daß er seine Schmetterlings- und Käfersammlung, seine Eiersammlung vollständig haben mußte, daß es ihm nicht mehr zusagte, vor den Damen allerlei kleine Gedichte aus dem »Göttinger Musenalmanach«, die er auswendig wußte, namentlich das grausige »Lenore fuhr ums Morgenroth« herzubeten oder zu plappern, wie er als Knabe von fünf Jahren gethan hatte, zu einer Zeit, wo er nicht eine Zeile von dem verstand, was er hersagte. Er, der jetzt in der Rectorschule Mensa decliniren und τυπτω conjugiren mußte, und in beidem wieder seine Freunde aus Klein-Paris unterrichtete, er hatte Wichtigeres zu thun. Das begriffen die gnädigen Herrschaften, die sich um ihn bekümmerten, freilich nicht. Wenn die eine oder andere der Damen aber Frau Forstschreiberin anging, pflegte diese zu erwidern: »Ich habe Karl's Umgang geprüft und wünsche jedermann so wohlerzogene Kinder zu haben, als die Schulzens sind. Der Umgang mit diesen Knaben ist mir lieber, als wenn Karl mit dem heimtückischen Sohne des Bürgermeisters, oder mit Kornschreibers Otto und Bardeleben's Albert umginge, die nichts wissen als Thiere zu quälen und armen Menschen Schabernack zu spielen.« Und wenn dann die Frau Amtsadvocat mit einem Aber kam, und noch andere Damen mit einem Aber, so strickte die Forstschreiberin ruhig weiter und that, als wenn sie nichts mehr höre. Der Forstschreiber selbst war vom Landrath von Vogelsang, natürlich auf Antrieb der Frau desselben, einmal freundlich gewarnt, dem Umgange ein Ende zu machen. Er antwortete: »Mein Sohn ist nicht mit einem von vor dem Namen geboren, er hat nie auf Sinecuren und Unterstützungen zu rechnen, er muß sich selbst durchs Leben schlagen. Mag er immerhin früh anfangen, mit dem Volke zu leben, die Zeit des Volks wird auch kommen. Uebrigens ist es am besten, wenn zunächst jeder vor seiner Thür fegt.« Die Freundschaft zwischen den Knaben war aber also entstanden. Als Karl sieben Jahre alt war, bestand der Forstschreiber darauf, daß er in die Volksschule geschickt werde, denn die Rectorschule nahm nur Knaben von acht Jahren auf. Die Volksschule war in der Weststadt, dort aber waren die Knaben in drei Parteien, je nach den Straßen, gespalten, Deichsträßler, Langensträßler und Klein-Pariser. Diese Parteien hatten ursprünglich die Bedeutung von Spielgenossenschaften, jede hatte ihren besondern Spielplatz, wie einen oder mehrere Führer. Es konnten solche Spielgenossenschaften aber nicht nebeneinander, namentlich auf dem gemeinsamen Schulplatze bestehen, ohne in Conflict miteinander zu gerathen. Zwar hielten Deichsträßler und Langensträßler in der Regel zusammen gegen die Klein-Pariser, eine gefährliche Bande, die nicht verschmähte, mit Steinen, selbst mit scharfem Geschirr, wie man alle Art von Waffen und Messern nannte, dareinzuschlagen, sie befehdeten sich aber trotzdem untereinander, besonders wenn die Führer sich nicht leiden mochten. Alle weststädter Jungen hatten aber einen gemeinsamen Haß gegen die oststädter Jungen, weil diese ihren Stadttheil für vornehmer hielten. Es kamen auch sehr wenige oststädter zur Volksschule, weil die Beamtensöhne regelmäßig allein in der Rectorschule, die auf der Ostseite lag, unterrichtet wurden. Kam von den auf der Ostseite wohnenden Handwerkern ein Knabe in die Bürgerschule, so mußte er sich sofort einer Partei anschließen, die Schutzgenossenschaft derselben anrufen, wollte er nicht von allen verfolgt werden. Karl Haus hatte bis dahin Umgang mit Knaben wenig oder gar nicht gehabt, weil auf der Ostseite Kornschreibers Otto und Bardeleben's Albert die Spiele und Vergnügungen anführten und Karl's Mutter von ihren Fenstern den Spielplatz, den Kirchplatz, übersah und das wahrhaft rohe Treiben der Knaben ihr Schrecken und Besorgniß einflößte. Sie hatte Karl an den Alvensleben'schen Park gewöhnt, hier lernte er Gedichte auswendig, las in seinen Märchenbüchern, war Begleiter und Spielgenosse der fünfjährigen Comtesse Olga und ihrer Milchschwester Anna. Die Pflegemutter Anne Marie führte die Kinder beinahe täglich stundenlang in den Park, sie spielten auf dem Rasen oder wurden von einem Bedienten in einem kleinen Wagen herumgefahren. Wenn Karl zugegen war, ließ er sich nicht nehmen, selbst das Pferd zu spielen und die kleinen Mädchen durch alle Gänge des Parks im Trabe herumzuführen. Dem Vater erschien diese Erziehungsart zu weibisch, er drang deshalb darauf, daß der Junge in die Volksschule geschickt würde. Er sollte früh den Kampf des Lebens kennen lernen. Der Forstschreiber wußte zu gut, daß bei der Einrichtung des Staats, wie er in Hannover ausgebildet, alles Wissen und Können nicht hinreiche, um in der Gesellschaft eine dem entsprechende Stellung einzunehmen. Mußte er selbst doch alle Arbeit thun und bezog dafür ein Gehalt von 600 Thalern, während der adeliche Ober-Forstmeister, der nichts verstand und nichts that, 3000 Thaler Gehalt hatte. Es sagte ihm eine gewisse Ahnung, daß das nicht so bleiben könnte, daß eine Zeit kommen würde, wo das Volk dieses Adelsregiment abschüttelte, das alle bürgerlichen Beamten gleichmäßig drückte und ihnen gleich verhaßt war. Als Karl zum ersten mal die Volksschule besuchte, warteten Deichsträßler und Langensträßler ab, wem er sich anschließen würde, war er doch der Sohn einer einflußreichen Persönlichkeit, und man wagte nicht, sogleich mit Knüffen und Püffen über ihn herzufallen, um ihm eine Schutzgenossenschaft werthvoll erscheinen zu lassen. Allein als acht Tage und länger vergingen, ohne daß Karl sich einem der Knaben angeschlossen, glaubte der Sohn des Rathsbäckers Kurt, ein großer plumper Lümmel, von Natur feig, aber geneigt, Thiere wie jüngere und schwächere Knaben zu mishandeln, daß es Zeit sei, dem oststädtischen Jungen zu zeigen, was Sitte sei. Er fiel nach beendigter Schule über Karl her, stieß ihm die Rechentafel und Katechismus unter dem Arme heraus, schlug ihm die Mütze vom Kopfe, und als Karl sich bückte, die Sachen aufzunehmen, gab er ihm einen Schlag, daß Karl zur Erde fiel. In diesem Augenblick stürzte aber ein noch kleinerer Knabe als Karl über den großen Bengel her, der sich gebückt hatte, um Karl noch ferner zu schlagen, wühlte sich in dessen Haare und zog seinen Kopf zur Erde; ein größerer sprang, als Kurt den kleinen abschütteln wollte und auf ihn losschlug, hinzu und warf den großen zu Boden. Der zuerst Angegriffene machte sich indeß auf und brauchte seine Tafel als Angriffswaffe gegen Kurt. Die beiden Knaben, welche Karl zu Hülfe kamen, waren die beiden Schulzens, welche damals noch nicht in Klein-Paris wohnten. Sie begleiteten Karl über die Brücke bis zu seiner Wohnung und kamen ihm fortan jeden Tag bis an die Brücke entgegen, um ihn unter ihren Schutz zu nehmen. So ward Bekanntschaft und nach wenigen Tagen Freundschaft geschlossen. Heinrich und Friedrich verließen die Spielplätze der Weststadt und zogen sich nach der Oststadt, wo sie sich immer enger an Karl anschlossen. Der Sohn des Forstschreibers hatte das Lesen spielend erlernt, er hatte eine Menge Bücher, in denen hübsche Geschichten und Gedichte standen. Man las zusammen im »Noth- und Hülfsbüchlein«, in Schreck's »Weltgeschichte« und andern modischen Büchern. Dagegen hatten Schulzens Knaben Schmetterlingssammlungen, Käfer- und Eiersammlungen und schenkten jenem gern die Anfänge zu solchen. Im Sommer zog man nun in die Wiesen und Holzungen, um Schmetterlinge zu fangen, Raupen zu suchen, Hirschkäfer und Holzböcke aufzuspüren, Eier auszunehmen; im Herbst und Winter las man in Forstschreibers Mägdestube schöne Geschichten. Die Comtesse und Anna wurden vernachlässigt, wenigstens mußte Mutter Anne Marie ihren Liebling Karl immer erst heranrufen, wenn sie ihn zum Fahren der Kleinen oder zum Spielen mit denselben haben wollte, und dann kam er nur unter der Bedingung, daß er seine neuen Freunde mitbringen dürfe. Das Unglück des Holzdrechslers und der Umzug nach Klein-Paris störten die Knabenfreundschaft nicht, sondern verstärkten sie, selbst der Umstand, daß Karl seit Michaelis die Volksschule nicht mehr besuchte, sondern in der Rectorschule Latein und Griechisch lernte, führte zu einem innigern Zusammenhange, indem Karl seinen Freunden das, was er in der Schule lernte, wieder beizubringen suchte. Es war ein mächtig kalter Winter, der mit Neujahr 1778 begann. Weihnachten hatte es noch geregnet, die Marschen waren unwegsam und weder zu Wagen noch zu Fuß zu passiren. Da drehte sich der Wind nach Nordost, die Weser bedeckte sich im Fahrwasser mit Treibeis. Schon in der Neujahrsnacht aber war die ganze Weser mit Treibeis dicht gedrängt und es staute sich zwischen den Eisbrechern, sich dort gletscherartig zusammendrängend. Dann kam die Weser oberhalb der Brücke zum Stehen. Unterhalb der Brücke fror das Wasser erst nach vierzehn Tagen zu, nachdem es schon stark gefallen, und bildete bis zum Paß Hengstenberg eine so herrliche Schlittschuhbahn, wie man sie in Heustedt in langen Jahren nicht erlebt. Aber die Schlittschuhe waren vergeblich hervorgesucht, die verrosteten vergeblich mit Oel eingeschmiert. Ein paar Tage Nordwest bedeckte die Felder und Weser mit fußhohem Schnee, dann drehte sich der Wind nach Nordost und nahm eine so schneidende Kälte an, daß man den zu Schule gehenden Kindern Ohren und Nasen verband. wenn man sie nicht in Pelze einhüllen konnte. Das war kein Wetter zum Schlittschuhlaufen. Schon trat man in die letzte Woche des Februars und immer noch derselbe Wind, immer noch dieselbe Kälte. Da plötzlich drehte sich der Wind nach Süden und es trat einer jener Sommertage ein, von denen jeder Winter- und Frühlingsmonat vom Februar an einige haben soll. Man war versucht, sich ins Freie zu setzen und sich von der Sonne bescheinen zu lassen, und vor dem Rathskeller saßen in der Mittagszeit auch einige jüngere Stammgäste im Freien. Sofort entfaltete sich unterhalb der Weserbrücke auf der Weser ein reges Leben, Hunderte von Besen wurden gerührt, um Bahn zu fegen, denn die gesammte Schuljugend war mit dem Besen in der Hand dabei, bis zum Paß Hengstenberg eine wenn auch schmale Bahn zu fegen. Näher bei der Stadt, wo die Weser am breitesten war, zwischen der Deichmühle und dem großen Schlut, hatte sich die Spekulation der Sache bemächtigt, dort wurde die ganze Breite vom Schnee gesäubert, es wurden Buden und Zelte aufgeschlagen, als wenn dort ein Jahrmarkt gehalten werden sollte. Man arbeitete bis tief in die Nacht, und der Sonntag Morgen sah Buden mit Pfefferkuchen und Hedwigs, Kröppel (berliner Pfannkuchen) und sonstigem Backwerk, Buden, in denen Schnaps geschenkt und Wurst verkauft wurde, Tische mit allerlei gewöhnlichem Gebäck, Tonnen mit Heringen, ein Tanzzelt, ein Zelt, in dem für Honoratioren Wein geschenkt wurde, aufgerichtet. In der Mitte der Weser aber nahm ein Eis- oder Schleuderschlitten einen großen durch Pfähle und Stricke abgesperrten Raum ein. Am Sonntag war es kaum Mittag geworden, als sich diese Räume mit Menschen bedeckten. In der Nachmittagskirche fehlten sogar die drei bis vier alten Mütterchen, welche dort Stammhalterinnen waren. Sie saßen auf dem Eise jede vor einem Tische, um Semmeln und Salzkuchen zu verkaufen. Die armen Confirmanden, welche in der Kirche erscheinen mußten, hatten keine andern Gedanken, als wie schön es auf dem Eise sein müsse, und wie lang, wie schrecklich lang der Gottesdienst heute dauere. Wie glücklich waren Heinrich und Friedrich Schulz, auch Forstschreibers Karl darüber, daß sie noch keinen Confirmationsunterricht genossen. Erstere hatten kaum den letzten Bissen des Mittagsbrotes im Munde, als sie auch schon davoneilten, um Karl abzuholen. Ein Uebelstand störte freilich das ersehnte Vergnügen, die beiden Schulz hatten nur Ein Paar Schlittschuhe, und auch Karl nur Ein Paar. Einer von ihnen mußte daher immer zusehen oder sich mit Glitschen die Zeit vertreiben. Die Knaben stiegen durch die Weserstraße auf die Weser hinab, wo man zur Erleichterung des Publikums in das steile Ufer Stufen improvisirt hatte, und waren nun bei dem Eisschlitten, ihnen etwas Neues wie vielen der Anwesenden, da eine längere Reihe von Jahren darüber hingegangen war, seitdem eine ähnliche glatte Eisfläche den Fluß bedeckt hatte. Deshalb stand denn auch ein großes Publikum an den Strickbarrieren und sah zu, wie ein starker hölzerner Schlitten, der an einem vierzig bis funfzig Fuß langen Taue befestigt war, das an einem drehbaren Riegel saß, in der Peripherie durch die Drehung in der Mitte herumgeschleudert wurde. Es saß aber niemand in dem Schlitten, das Ding war zu unbekannt, oder die schnelle Bewegung zur Seite schien nicht angenehm. Der Unternehmer, ein verarmter Zimmermann aus Klein-Paris, der sich von dem Dinge goldene Berge versprochen hatte, schrie vergebens: »Nur herein, meine Herrschaften, hier ist der weltberühmte russische Eisschlitten, steigen Sie ein, nur zwei Grote die Person, nur zwei Grote die lumpige Person.« Es standen genug Knechte und Mägde an den Barrièren und starrten das Ding an, niemand wollte der erste sein. Da kam Karl mit seinen Freunden. Letztere kannte der Unternehmer, sie waren Nachbarn; er rief die Knaben heran und beredete sie, sich einzusetzen, es sollte ihnen nichts kosten. Diese waren schnell bereit. Die Schlittschuhe wurden von den Schultern genommen und auf die Erde gelegt. Der Kleinste wurde in die Mitte gesetzt und ihm eingeschärft, sich fest an den Bruder und Karl zu halten, wie Karl und Heinrich selbst sich festhalten mußten, wurde ihnen gezeigt, und nun setzte sich der Schlitten erst langsam, dann immer schneller und schneller in Bewegung. Die Personen an den Barrieren verschwammen für die im Schlitten Sitzenden in eine einzige Person mit verschiedenen Köpfen. Aber was that das den Knaben? Sie kannten keinen Schwindel, sie kannten keine Furcht und Angst, sie kannten auch nicht die Gefahr, in der sie schwebten, wenn sie vom Schwindel erfaßt wurden und sich nicht mehr halten konnten. Sie jauchzten laut auf vor Freude und das Publikum stimmte kräftig ein. Das Geschrei zog Hunderte neuer Zuschauer heran, selbst die vornehmen Damen, welche in die kleinen Schlitten steigen wollten, um sich von den beschlittschuhten Cavalieren nach Hengstenberg fahren zu lassen und dort Kaffee zu trinken, sahen sich das Schauspiel in möglichster Nähe an. Welche Angst stand aber die Freifrau von Vogelsang und die Baronin von Bardenfleth aus, als sie die Knaben in einer Schnelligkeit herumschleudern sahen, daß sie dieselben kaum erkannten und nur von andern hörten, daß Forstschreibers Karl dabei sei. Die Damen stellten sich die Gefahr größer vor, als sie war, die Landräthin verlangte sogar von ihrem Manne, er solle das Schleudern inhibiren. Das gehörte indeß nicht zu dessen Kompetenz. Jetzt rief man von verschiedenen Seiten, daß man schlitten wolle, und der Unternehmer ließ den Schlitten ausschleudern, um denselben, wenn die Hauptkraft gebrochen, ganz anzuhalten. Es setzten sich zwei Knechte in den Schlitten, während die Knaben darum losten, wer von ihnen die Schlittschuhe in der ersten, zweiten und dritten Stunde gebrauchen könnte. Der jüngste Schulz und Karl waren die Glücklichen, die zuerst nach Hengstenberg hinablaufen durften. Heinrich sah dem Eisschlitten zu. Nachdem der Anfang gemacht, fanden sich immer mehr Nachfolger, zunächst setzten sich ein paar »dralle Deeren«, wahrscheinlich um sich für den Tanz bemerklich zu machen, in den Schlitten. Sie wurden schon mit einem Hoch empfangen. Mochten nun die Männer im Centrum schneller drehen, oder mochten die Mägde sich nicht festhalten, genug, auf einmal ertönte ein Schrei aus dem Schlitten, dieser kippte und die beiden Mägde flogen mit einer rapiden Schnelligkeit auf den eigenen Körperteilen über das Eis, unter den Strickbarrieren hindurch unter die auseinanderstäubende, aber so schnell nicht Platz schaffende Menge. Mehrere Personen, unter andern der dicke Landrath von Vogelsang, wurden zur Erde gerissen. Ein ungeheuerer Jubel erscholl ob dieses Unfalls, zum Theil veranlaßt durch das wirklich Komische der Scene und die nicht eben sehr decente Art, wie die Mägde ihren Körper als Schlittschuh benutzten; dann durch das Gewirre und das Knäuel der vor den Barrieren Umgeworfenen. Von jetzt an war das Volk toll auf den Eisschlitten, der Unternehmer brauchte diesen nicht mehr anzupreisen, ja er konnte den Preis bald auf drei Groten für die Person erhöhen. Von den Zuschauern war der Landrath am schlimmsten gefahren, er hatte sich durch den Fall am Elnbogen verletzt, was ihn zur Rückkehr veranlaßte. Damit war auch der Baronin Bardenfleth die Lust zur Fahrt nach Hengstenberg vergangen, sie wünschte nicht, daß ihr Mann die Landräthin hinabfahre, während der Landrath fehlte, um sie selbst verabredetermaßen zu fahren. Während sich Publikus immer mehr nach allen Seiten auf dem Eise zerstreute, jeder seiner Sonderneigung nachging, dieser zur Branntweinbude, jener zu den Pfeffernüssen und Honigkuchen, andere zum Tanzzelt, noch andere zu verschiedenen Schurrbahnen, die Mehrzahl auf der Eisbahn hin- und herlief, Schlitten mit Damen und Kindern fahrend, bildeten die beiden mit Schlittschuhen versehenen Freunde und verschiedene Spielgenossen einen langen Zug, der wie die nach Afrika eilenden wilden Gänse, einer hinter dem andern, gleichzeitig nach rechts und links ausschwenkend, nach Hengstenberg sich in Bewegung setzte. Das Vergnügen um den Eisschlitten wurde immer ausgelassener, je mehr sich die Gemüther durch Branntwein und Jubel erhitzten. Dasselbe sollte denn auch nicht ohne Unglück abgehen, das indeß nicht durch Zufall, sondern durch die Bosheit eines Knechts veranlaßt war. Der Bäckerknecht, so nannte man damals die Bäckergesellen, des Rathsbäckermeisters war eifersüchtig, weil Färber Krischen's Magd sich mit dem Knechte des Essigbrauers in den Eisschlitten gesetzt hatte. Er warf diesem einen dicken Stock entgegen, der unglücklicherweise so zu liegen kam, daß der Schlitten ihn nicht beiseiteschleuderte, sondern auf ihn anrannte und umschlug. Ein Beinbruch des Knechts und ein Armbruch der Magd waren die Folge; der Uebelthäter aber wurde auf der Stelle von der Volksjustiz erfaßt und so durchgewalkt, daß der Rathsbäcker sich acht Tage ohne Knecht behelfen mußte. Der Bürgermeister wollte nun dem Schleuderschlitten das Handwerk legen, allein es drohte ein Volksaufstand auszubrechen, und man mußte dem Dinge seinen Lauf lassen. Karl Haus hatte sich indeß tüchtig herumgetummelt, es war die Zeit gekommen, wo er seine Schlittschuhe zum zweiten mal an Heinrich Schulz abgeben mußte, er fühlte Hunger und eilte nach Hause, um sein Vesperbrot zu verzehren. Hier hatte ihm indeß seine Freundin und Gönnerin, die gnädige Freifrau, einen unerwarteten Empfang bereitet. Der Vater war nicht zu Hause, und die Mutter war durch die Gefahr, der sich Karl im Schleuderschlitten ausgesetzt, der ja Arm- und Beinbruch verursacht, in Angst und Schrecken gesetzt. »Da sehen Sie nun, Frau Forstschreiberin, was schlechter Umgang für Folgen hat, habe ich es nicht immer gesagt?« – hatte die Landräthin der Forstschreiberin, die sich die Sache einmal von der Brücke ansehen wollte, auf der Straße zugerufen. Nun kam Karl nach Hause, erhitzt, athemlos, voll Eile nach seinem Butterbrote verlangend, um so schnell wie möglich wieder auf das Eis zu gehen. Aber ach, das Vesperbrot war ihm nicht nur entzogen, er erhielt den Befehl, die Kleider auszuziehen, und wurde in einsamer Kammer eingesperrt. Und welch eine Strafpredigt! Zum ersten mal hatte die Mutter den Umgang mit Heinrich und Friedrich einen schlechten genannt, bei dem ein Sticken gesteckt werden müsse. Die Thränen flossen reichlich, der Knabe wußte aber nicht, ob er mehr weinte, weil ihm das Vesperbrot entzogen, oder weil ihm die Rückkehr auf das Eis versagt war, oder weil ihm die Trennung von seinen Busenfreunden angedroht war. Die beiden Genossen hatten indeß vergeblich auf die Rückkehr ihres Freundes gewartet. Als es dämmerte und die Schlittschuhläufer sich mehr und mehr vom Eise verloren, als alles, was zu den Gebildeten gehörte, sich entfernt hatte, dagegen Bauernschwärme von verschiedenen Dörfern, Knechte und Mägde, herbeigezogen waren, als die Branntweins- und andern Buden durch farbige Lampions erhellt wurden, und aus zwei Zelten Pauken und Trompeten, die einzigen Instrumente, die man aus der lärmenden Masse heraushören konnte, eine wilde Tanzmusik ankündigten, machten sich auch die beiden Knaben auf den Weg. Sie gingen vor Karl's Hause vorbei, aber die gewöhnlichen Zeigen ihrer Anwesenheit, der bekannte Pfiff, blieb unbeantwortet. Kein Fenster rührte sich, die Thür blieb zu. Man mußte nach Hause, ohne die Schlittschuhe abgeliefert zu haben. Während die Schulz'schen Knaben sich auf dem Eise tummelten, spielte daheim im Hause eine von den freilich seltenen, aber nicht angenehmen Ehestandsscenen. Georg war leicht mismüthig, wenn er nicht arbeitete. Am Sonntag nachmittags aber zu arbeiten, war wider die Gewohnheit. Auf das Eis zu gehen schämte er sich, wie er überhaupt keinen öffentlichen Ort mehr besuchte, seitdem ihm sein Haus verkauft war. An eine Unterhaltung durch Lesen war nicht zu denken, Zeitungen gab es nicht, er hätte in der Bibel, dem Gesangbuche, dem Gebetbuche seiner Frau oder dem Katechismus lesen müssen, das waren die einzigen Bücher im Hause. So saß denn Georg, den Kopf auf den Arm gestützt, und schaute auf den leeren Tisch, mit dem Lieblingsgedanken beschäftigt, warum es einige Menschen so gut hätten auf Erden, daß ihnen die gebratenen Tauben nur so ins Maul flögen, wie die Gräfin da drüben, der Baron Bardenfleth, der Landrath und anderes Volk in der Oststadt, Leute, die nicht wüßten, wo sie mit ihrem Gelde bleiben sollten, während andere sich plagen und schinden müßten ihr ganzes Leben lang, und kaum so viel erübrigten, um nicht Hungers zu sterben oder zu erfrieren. Die Frau ging aus und ein, um die häuslichen Geschäfte zu besorgen, die Mädchen spielten in der Stube, der Säugling lag in der Wiege. Endlich kam sie zur Ruhe und sagte zu ihrem Manne: »Die Platten auf der Diele sind feucht, ein sicheres Zeichen, daß es bald regnet, nun ist aber unser Torfvorrath bis auf den letzten Korb zu Ende, es würde daher wol zweckmäßig sein, das erste morgen vorbeifahrende Fuder zu kaufen, denn mit nassem Torf ist schlecht kochen und noch schlechter heizen.« »Das ist recht gut gesagt«, erwiderte Georg mürrisch, »aber dann bleibt von meinem ganzen Wochenlohne kein Pfennig, und da die Kuh güste ist, müssen wir in der Woche auch Butter, Schmalz und Brot kaufen, soll ich das Geld dazu aus der Haut schneiden?« »Haben wir keine Butter, so müssen wir eitel Brot essen, ohne Feuerung dürfen wir nicht sein«, erwiderte jene, nahm den Säugling aus der Wiege und ließ ihn vor den Augen des Vaters auf ihren Händen tanzen, um denselben aus seiner gedrückten Stimmung zu reißen. Aber Georg starrte auf den Tisch und hatte für sein Kind keine Augen. Die Mutter legte das Kind an die Brust und sagte: »Georg, der Cantor sagte mir gestern, daß Heinrich bei ihm nichts mehr lernen könne, und daß es schade um den Jungen wäre, wenn er nicht Unterricht im Lateinischen und Griechischen bekäme. Seit Forstschreibers Karl in der Rectorschule ist, habe ich Heinrich oft schon im Kämmerlein weinend getroffen, und er hat mir gestanden, daß er sich namenlos unglücklich fühle, nicht in die Rectorschule zu kommen. Sollten sich denn keine Anstalten treffen lassen, diesen Wunsch zu erfüllen? Sieh, Georg, wenn du zum Bürgermeister und Rath gingest und um eine Freischule bätest, oder wenn ich das schöne Spinnrad, dein Meisterstück, das noch immer unverkauft ist, da niemand den theuern Preis, den du forderst, zahlen will, der Rectorin brächte, und sie bäte, bei ihrem Manne ein gutes Wort einzulegen.« »Sieh das Weib«, fuhr Georg zornig auf, »will noch immer hoch hinaus. Stehen wir nicht tief genug im Kothe und Schlamme! haben nicht das liebe Brot im Hause, keinen Torf im Stalle, kein Schmalz im Topfe. Fleisch habe ich seit drei Wochen nicht gesehen. Aber der Junge soll in die Rectorschule, soll griechisch und lateinisch lernen. Ich soll mich erniedrigen, zu betteln, um eine Freistelle zu betteln? Mag der Junge Schuster werden oder ein verdammter schiefbeiniger Schneider!« Der Erzürnte würde in diesem Stil noch weiter fortgetobt haben, wenn nicht in diesem Augenblicke an die Thür geklopft wäre. Es war schon dämmerig geworden, und auf das Hereinrufen trat ein schwarz-gelbes Mädchen mit dunkelm, langem, nicht eingeflochtenem Haar und funkelnden schwarzen Augen in die Stube. Das war Halbmeisters Marthe; die Halbmeisterei lag in der Nähe von Klein-Paris etwas abseits. Marthe, erst dreizehn Jahre alt, aber vollkommen ausgewachsen, hegte eine kindische Liebe zu dem blonden Heinrich und suchte sich auf jede Weise Gelegenheit zu verschaffen, sich ihm oder seinen Aeltern nützlich zu erweisen, ohne daß ihre Person dabei hervortrat; – sie fühlte, daß der Makel, der an der Beschäftigung des Vaters klebte, sie ausschloß selbst von Dienstleistungen, wie sie von jeder Theilnahme an öffentlichen Vergnügungen ausgeschlossen war. Dieses arme Mädchen nun wollte wenigstens in der Dämmerung, wo sie selbst nicht mehr gesehen ward, aufs Eis, um dem Tanze zuzusehen. Sie war in die Langestraße eingebogen, als sie vor dem Rothen Löwen, einem Wirthshause dritten oder vierten Ranges, mehrere Männer versammelt sah, die heftig gesticulirten und laut raisonnirten. Gesprochen wurde von diesen Männern, während Marthe auf der andern Seite der Straße ging, Folgendes: »Nein, das ist unerlaubt, das ist unerhört, daß der Bürgermeister einen solchen Eisschlitten gestattet hat, und nicht einmal das Verbot aufrecht erhält, nachdem solches Unglück geschehen. Wer hat nun den Schaden davon?« sagte der Essigbrauer. »Sollte morgen mein Knecht ein Fuder Holz aus dem Brammergrunde holen, nun liegt er mir da zur Last mit gebrochenem Beine.« »Und wie leicht«, sagte ein zweiter, »hätte das Schulzen, des Drechslers, Jungen und Forstschreibers Karl nicht auch passiren können, die Schlingel sind die ersten im Eisschlitten gewesen und auch herausgeschleudert.« »Ich möchte, die hätten sich Arm und Bein gebrochen«, sagte der dritte, »dann wollten wir einmal gesehen haben.« »Ja das haben wir von der Weisheit des Bürgermeisters«, brummte der Löwenwirth, »selbst Arm- und Beinbruch!« Marthe verstand nicht alles, was gesprochen wurde, denn als sie den Namen ihres Lieblings mit Arm- und Beinbruch zusammen nennen hörte, stand ihr in ihrer lebhaften Phantasie sofort das ganze Unglück, wie die drei Knaben aus dem Schleuderschlitten hinausgeworfen, vor Augen, daß sie zurück und ohne weiteres Besinnen in Schulz' Haus lief. Sie war noch athemlos, als Herein! gerufen wurde, und konnte nur die Worte herausbringen: »Ach, ein Unglück, Heinrich und Friedrich sind aus dem Schleuderschlitten gefallen und haben Arm und Bein gebrochen.« So entstehen täglich Mythen, kaum eine halbe Stunde vom Orte der That, und wir sträuben uns des Glaubens an jene alte Mythenbildung? »Da haben wir die Geschichte«, rief Georg aus, »das Ende des Hochmuths!« – Marie hörte nicht mehr auf seine Worte, sie legte das Kind in die Wiege und flog, wie sie war, auf dem nächsten Wege durch die Gartenstraße der Deichmühle zu. Georg fing darauf an, Marthe, die noch immer ganz verblüfft in der Stubenthür stand, auszufragen, und kam bald zu der Ueberzeugung, daß sie eigentlich nichts wisse. Die Knaben waren indeß vergnügt und pfeifend die Langestraße heraufgezogen und traten bald darauf ins Haus. »Vater«, sagte Heinrich, in die Stube tretend, »wir sind hungerig« – »Mutter«, rief Friedrich in die dunkle Küche, »wir sind erschrecklich hungerig.« »Also hungerig seid ihr und habt im Eisschlitten gesessen, Prügel bekommt ihr statt Brotes«, und ehe die Knaben wußten, was sie eigentlich verbrochen, hatten sie ihre Schläge und wurden oben auf ihre Kammer eingesperrt. Der Vater hatte seinen Unmuth an den Knaben ausgelassen und war nun der Alte. Er wartete auf Marie, die athemlos zurückkehrte, nachdem sie auf dem Eise die Wahrheit erfahren hatte, sagte ihr, daß er die Knaben ohne Essen ins Bett geschickt habe. Dann sah er lange gen Himmel, besah die Steine auf der Hausflur, nahm ein Paar riesige Wasserstiefel, die, um vor Schimmel geschützt zu sein, in der Kammer unter dem Balken hingen, und ging damit in die Werkstätte. »Hole mir den Thrantopf, Marie«, sagte er, »er steht in der Knabenkammer auf dem Kleiderschranke, werde diese«, er zeigte auf die Stiefel »nächstens brauchen müssen.« Nichts kam der besorgten Mutter gelegener; während ihr Mann die Wolken betrachtete, hatte sie vor dem Brotschranke zwei tüchtige Stücke Brot abgeschnitten und dieselben unter der Schürze verborgen; jetzt machte sich die Gelegenheit, sie den Jungen zu bringen, von selbst. Heinrich und Friedrich saßen noch unausgezogen und weinten, sie aßen auch anfangs ihr trockenes Brot mit Thränen gewürzt – aber noch war der letzte Bissen nicht verzehrt, als der jüngste laut zu lachen anfing und zu seinem Bruder sagte: »Aber es war doch gar zu komisch, als Grobschmieds Katharine über das Eis rutschte und den dicken Landrath zur Erde warf.« Glückliche Kindheit! Neuntes Kapitel. Matthis brekkt dat Is. Während der größere Theil der Einwohner Heustedts sich der Freude auf dem Eise hingab, arbeitete der alte Oberdeichgräfe Koch in seiner Wohnung mit seinem Deichvogt Herold und einem Schreiber. Lange Karten, die Weserufer darstellend, waren auf der Erde ausgebreitet und mit allerlei schweren Gegenständen belastet, damit sie nicht zusammenrollten. Der Deichvogt las die Berichte der letzten Deichschau vor, und Koch ging mit ihm die seit dem Herbst beschafften Arbeiten durch. Eine Brille saß schon auf der Stirn, was der zerstreute Alte nicht bemerkte, als er sich erhob und nun auch die zweite hinaufschob, und die dritte vom Schreibtische nahm und aufsetzte. »Wird ein schlimmer Eisgang das, Herold, sehr schlimm«, sagte er. »Kann sich aber doch immer noch vierzehn Tage hinziehen«, meinte dieser, » treibt nicht so schnell als die Elbe bei Artlenburg.« »Wird schnell, viel zu schnell kommen, liegt zu viel Schnee auf dem flachen Lande, und nun gar erst in den Gebirgen über Münden hinauf. Aber werden gar das Werra- und Fuldawasser nicht nöthig haben zum Eisgang, und nun diese schlechten Deiche. Ich fürchte sehr, daß wir unten mindestens zwei, oberhalb Hengstenberg einen Deichbruch haben, und wenn uns der verdammte Ueberfall selbst keinen Spuk macht, beim Sandmeier gewiß einen Bruch. Der Kerl ist so geizig, daß es mich freuen sollte, wenn es ihn allein träfe, – aber es trifft die ganzen Ortschaften von Eckernhausen bis Thedinghausen. Müssen die Braunschweiger dort avertiren, werden bei ihren Eyterdeichen aufpassen müssen, bekommen schon durch den Ueberfall allein mehr Wasser, als sie lassen können. Steckt mir in den Knochen, Herold, daß es großes Unglück gibt.« »Werden uns wol theilen müssen, Herr Oberdeichgräfe«, sagte der Deichvogt. »Hab' auch schon daran gedacht«, erwiderte jener, indem er die dritte Brille von der Nase auf die Stirn schob, dann aber sogleich mit den Händen auf dem Schreibtische herumtastete und nach einer Brille umhersuchte. Herold, der dieses Manöver schon kannte, vermochte sich eines Lächelns nicht zu enthalten: »Nichts für ungut, Herr Oberdeichgräfe, sind da auf der falschen Fährte, die Brillen sitzen auf der Stirn.« »Verdammte Zerstreutheit«, brummte jener; »aber lieber Herold, wer ist denn oben von den Deichgeschworenen der rechte Mann, dem wir ein Commando oberhalb des Ueberfalls und bis zur Stadt anvertrauen könnten?« »Sollte meinen, dem Hans Dummeier aus Eckernhausen, ist der rechte Mann, hat Ansehen, eine Stimme, die durchdringt, ist kalt wie Eis und fest wie Eisen. Können ihn brauchen, hat schon oft auf dem Deiche gestanden, wenn Noth da war, weiß mit Faschinen besser umzugehen als mancher Stackmeister.« »Gut, Deichvogt, dann machen wir es so, ich gehe nach unten, wo der neue Deich angelegt ist, fahre schon Mittwoch, um die Weserbewohner mobil zu machen; ich nehme unsern alten Straßburg mit, der kennt meine Weise am besten. Ihr, Herold, wacht zwischen Heustedt und Paß Hengstenberg, ich fürchte, der moordorfer Deich ist nicht sattelfest. Passirt nichts, behalten wir West- und Nordwestwind, so könnt Ihr Dummeier unterstützen. Stopft sich das Eis, so versucht bei Hengstenberg mit Euerm Sohne, dem Pionnier, die neue Sprengungsmethode, laßt hinreichend Pulver nach Hengstenberg und Kanonenschläge noch weiter herüber- wie hinaufschaffen. Requirirt Kähne, wo Ihr sie findet, und lasset sie binnendeichs bringen, oberhalb wie unterhalb Heustedts. Der Dummeier bekommt das Commando beim Ueberfalle bis nach Grünfelde. »Und nun, Kinder, schreibt, was das Zeug halten will, der Oberhauptmann will die Requisitionsschreiben noch am Nachmittage durch Expresse an die reitenden Vögte senden.« Am Dienstag morgens hatten sich dann auf dem Amthofe zu Heustedt eine große Menge Bauern eingefunden aus zehn bis zwanzig Dörfern, meist Bauermeister, Eidgeschworene und Deichgeschworene. Es existirte ein geregelter Deichverband nicht. Die Deichlast war nach einem unbestimmten Herkommen zwischen Domänen, adelichen Gütern, Stiften, Gemeinden und einzelnen Grundbesitzern höchst ungleich vertheilt. In der Regel trugen die Anlieger die Deichlast, hier und da aber auch weit hinterliegende, dem Ueberschwemmungsterrain überhaupt ausgesetzte Ortschaften. Es hatte sich die Sache wahrscheinlich in der Art gemacht, daß, nachdem ein Grundbesitzer sich zu schützen angefangen, vielleicht der Dynast als größter Grundbesitzer zuerst, die andern nachzufolgen durch die Nothwendigkeit gezwungen waren, und für unvermögende Anlieger hinterliegende Gemeinden freiwillig eingesprungen waren. Im siebzehnten Jahrhundert hatte sich dann die damals allmächtig werdende Polizei der Sache angenommen. Allein die Provinzialstände, eifersüchtig auf jede freiwillige Machterweiterung, wo es sich um Privatinteressen, d. h. wo es um den Geldbeutel sich handelte, hatten gewußt, eine Art Mitaufsichts- und Verwaltungsrecht durch ihre Landräthe zu erlangen. So waren Deichcommissionen entstanden, in denen die Ritterschaften, die betheiligten Städte und Flecken neben fürstlichen Beamten und von diesen angestellten Technikern vertreten waren. Eine solche Deichcommission, welcher der Oberhauptmann von Schlump präsidirte, war heute versammelt, die Betheiligten geladen. Als in der großen Amtsstube die nöthige Ruhe eingetreten war, was ziemlich langsam von statten ging, erhob sich der Oberdeichgräfe und sprach: »Hört mal, Künners, in 'ne Tiet von acht Dagen hewt wie grot Water. Ji wättet, Matthias brickt dat Is, un so is et ook – up en paar Dage fröher oder later kumt et jo ook nich an. »De Isgang schall wol scharp weren, un hewt wie Westwind, so driwt dat Is ünnen gegen de Dieke, un weiet de Wind von Noren her, so geit et baben los, un da sind de Dieke, wat ji ook wätet, verdammt slegt. In'n Sanddiek da sitt een Muse- un Winnewörpslock bi den annern. »De scholl jo ook all vör dree Jahren upsmäten un breer macket weren; un den Spraker-Diek, den geit et nix bäter. »Ick hewwe et ju genaug seggt, un nu kriegt ji Joue Last un Strafe. »Wie mät de Arbeit aber verdehlen, un up den verschienen Stähen mot ene dat Kummandiren dohn. Kumm du mal her, Hans Dummeier, du schallst dat Seggen baben de Wesserbrügge hebben. Ick will dir denn wol wisen, wat du dohn schallst. De Dickvaget kummandirt van de Brüggen bett na Hingstenbargen, un von da av an ick sülbenst. »De Buren von den böbern Diek föhrt morgen fiefdusend Bund Busk un twintig Schock Stroh up den Sanddiek, und de adelichen Häwe, de Kerke un de ut der Stadt un de Buren von Hengstenbarge dreidusend Bund Busk un drüttig Schock Stroh up den Schaardiek achter de Diekmählen. Up jede von düssen Stähen mät bett Dönnerstag hunnert Sandsäcke wäsen. »Hewwet ji mi nu verstahn?« Nun erhielt Hans Dummeier Specialinstruction. Herr Oberhauptmann von Schlump hielt darauf eine Anrede und ermahnte, den Befehlen des Oberdeichgräfen streng zu gehorsamen. Der Baron von Vogelsang fühlte als Landrath die innere Verpflichtung, auch ein Wort zu sagen, er erhob sich, machte den Ansatz, aber die Bauern drängten zur Thür hinaus, und er konnte nicht mehr zu Worte kommen. Hans Dummeier war ein Mann von kleiner Statur, aber, wie man in Niedersachsen sagt, untersetzt und stämmig, d. h. mit guter Brust, breiten Schultern und kräftigem Beinpaar. Er stand im kräftigsten Mannesalter, im Anfang der dreißiger Jahre. Sein Gesicht zeigte zwar keine hervortretende Intelligenz, aber desto größere Zähigkeit und Ausdauer, er war nicht schön, aber kräftig. Seine Augen waren grau, aber voll Feuer, sein Mund für einen Bauer auffallend schmal und klein. Das Kinn ebenfalls klein und schön, kaum passend zu der breiten Stirn und den hervorstehenden obern Backenknochen. Er trug unter dem dreieckigen Hute sein Haar ungepudert und unbezopft, während wenigstens alle Bauermeister und Eidgeschworenen den Zopf als ein unerläßliches Zeichen ihrer Amtswürde ansahen. Der beinahe bis auf die Erde reichende blaue Tuchrock, und die bis zu den Beinen reichende Weste waren mit blanken Silberknöpfen besetzt. Ein Stock mit silbernem Knopfe und ein gewisser langsamer, an Holzpantoffeln erinnernder Schritt gaben seinem Wesen eine gemessene Würde. Hans Dummeier schritt so langsam dem neuen Schlosse zu und überraschte seine Anne Marie mit einem derben Schlag auf den Rücken in der Kinderstube beim Anziehen der Comtesse. Die schlechte Witterung hatte es mit sich gebracht, daß Anne Marie ihren Hans seit länger als vierzehn Tagen nicht gesehen hatte. Ihr frisches rundes Gesicht lachte aus vollem Herzen, und zwei Grübchen auf den Wangen übten für Hans den unwiderstehlichen Reiz aus, sie darauf zu küssen. Diese sträubte sich freilich nach Frauenart und wollte ihm die Tochter, die auf ihren Bäckchen schon dieselben Grübchen zeigte, unterschieben; allein er wußte sein Recht zu behaupten. Als Hans nun auch die Comtesse und sein Töchterchen abgeküßt hatte, verlor sein Antlitz nach und nach die Amtswürde des Deichgeschworenen, der soeben mit einem Commando beehrt war. Er nahm beide Kinder auf den Schos, um sie reiten und mit seinen blanken Knöpfen spielen zu lassen. So gab er sich längere Zeit den Plaudereien mit den Kindern hin, bis der Nachmittag schon dem Abende sich zuzuneigen anfing. Da erhob er sich und sagte zu seiner Frau: »Weest du, Anne, dat ick mie von die scheidn laten will, wenn du bet Ostern nich wär nah Howe trugge kumst, un dat ick denn die Kattrine frien will. De Deeren mögte ock wol in dienen Bedde schlapen; sei is ganz narsk in mie un segt jümmer, dat se mie wol trösten wolle in de Tieden, wo du up dat Schloß wärest un de Häne in den Schoot läest.« Dora, die jüngste Schwester Dummeier's, hatte sich nämlich seit Martini, der üblichen Hochzeitszeit, verheirathet, und die Magd Katharine mußte den Haushalt führen. Das war nun aber ein Punkt, wo Anne Marie keinen Spaß verstand. Sie hatte sich auf dem Schlosse während der sechs Jahre, daß sie dort geweilt, des Plattdeutschen entwöhnt und sagte jetzt ernst, beinahe feierlich: »Lieber Hans, Ostern ist nahe, und Ostern kehre ich heim. Wenn ich auch mein liebes Püppchen da zurücklassen muß, werden wir doch hoffentlich nicht länger allein bleiben. Hilf Gott, so wird dein sehnlicher Wunsch erfüllt, und Pfingsten taufen wir einen jungen Hans, der als Taufgeschenk von der Gräfin den förmlichen Freibrief erhält und noch eine schöne Zugabe dazu.« »Un de Katrine?« sagte Hans, dem das zu Erwartende kein Geheimniß mehr war. Anne wurde eifriger, als der Scherz verdiente: »Wenn es ihr nach meinem Bette gelüstet, so wird es Zeit sein, sie fortzusenden. Sage ihr, daß ich sie Ostern nicht mehr sehen will, und gib ihr den Lohn bis Michelstag, ich will schon für eine andere Magd sorgen. Nun aber geh', es fängt schon, wie du siehst, zu stöbbern an.« »Also Ostern!« – Hans brach auf, ein Abschiedskuß den Kindern, ein derber Handschlag der Frau. »Aber der Mensch denkt und Gott lenkt«, sagt das Sprichwort. Es sollte anders kommen, als Anne Marie und ihr Hans gedacht. Es regnete fein, was man in Heustedt stöbbern nannte. Als am folgenden Tage Wagen um Wagen den Deichen zufuhr, um Faschinen, Stroh und sonstige Zugehörigen auf die Deiche zu bringen, regnete es schon stark, und so regnete es zwei Tage und drei Nächte. Der weiße Schnee war in dieser kurzen Zeit von allen Feldern, selbst von den nach Norden gekehrten Wänden der Gräben verschwunden. Das Wasser stand zum Theil über dem Eise der Weser. Erst nach einigen Tagen sah man am Pegel, daß der Wasserstand um einige Fuß gestiegen war. Das Eis hatte sich von den Ufern abgetrennt. Es kam Matthias, aber er brach das Eis nicht. Am vierten Regentage krachte das Eis zum ersten male, donnerähnlich. Tiefe Spalten und Ritzen bildetet sich. Die Eisschollen vor den Eisbrechern wurden langsam höher und höher an diesen hinausgehoben. Das Wasser war bis Sonntag auf zwölf Fuß gestiegen, und zur Verwunderung vieler ging das Eis unterhalb der Brücken am Sonntage gegen Abend ohne viele Schwierigkeiten fort. Allein die unvorsichtigen Bewohner der Oststadt wurden des Nachts durch Alarmschüsse und Geschrei erweckt, und mancher, der aus seinem Bette sprang, trat bis an die Knöchel ins Wasser. Aus den Ritzen der Fußböden in der Hinternstraße quoll das Wasser bald fußhoch in die Stuben und Kammern, und in den Straßen begann sich an den tiefern Stellen das Wasser zu zeigen. Nun erhob sich eine ungemeine Geschäftigkeit. Vor dem neuen Schlosse und an dem Thorwege zum Park wurden die großen Pechpfannen angezündet, die mit ihrem rothen und qualmigen Lichte das Schloß und einen Theil der Schloßstraße erleuchteten. In dieser begann ein buntes Getreibe bei Fackel- und Laternenerleuchtung. Nachdem die Einwohner nämlich vor allem die Keller geleert und alles Werthvolle aus den Räumen zur ebenen Erde auf die Böden und in die obern Wohnungsräume gebracht hatten, fing man an, die Häuser einzudeichen, damit sie von der Straße her nicht durchflutet würden. Man schlug etwa drei Fuß voneinander Pfähle in das Pflaster des Trottoirs, lehnte Dielen dagegen und füllte die Zwischenräume mit Strohdünger aus, drei bis vier Fuß hoch, je nachdem die Straße niedriger oder höher lag. Ein solcher Düngerdeich wurde unmittelbar vor den Häusern hergezogen. Auf der andern Seite der Straße, wo die Häuser nicht dicht aneinanderstanden, mußte jedes einzelne Haus umdeicht werden. Das Wasser in den Straßen stieg zusehends. Schon kamen aus der ganz unter Wasser gesetzten und verlassenen Weserstraße Kähne mit Betten, Möbeln und Hausgeräth, Wiegen, schreienden Kindern aus den ärmlichen Wohnungen der Hinternstraße geflüchtet, wo obere Wohnräume nicht existirten, vor dem Schloßthore an. In der Schloßstraße selbst stand das Wasser nun noch nicht so hoch, daß man die Kähne benutzen konnte, deshalb mußte dann in dieser Hausgeräth, Kinder, Betten u. s. w. die ganze Schloßstraße hinauf bis kurz vor dem Rathskeller, wo es wasserfrei war, von Männern in Wasserstiefeln getragen werden. Auch Frauen und Mädchen wurden so getragen. Vor dem Vogelsang'schen Burghofe, vor dem alten Schlosse und vor dem Rathskeller brannten gleichfalls Pechflammen. Es war ein unheimlich romantischer Anblick, wenn man vor dem Rathskeller stand und die Schloßstraße hinabsah. Dazu erschallten von Norden her von Zeit zu Zeit starke Donnerschläge. Das Eis hatte sich bei Paß Hengstenberg gestopft und der junge Herold versuchte Sprengungen mit Pulver. Als der Morgen herbeikam, sah man den größten Theil des Alvensleben'schen Parks, die ganze Schloßstraße, Weser und Hinternstraße, die Kirche und den Kirchplatz, die Wohnung des Superintendenten, des Forstmeisters und des Barons von Bardenfleth im Wasser stehen. Frei von Wasser war in der ganzen Oststadt nur die Amtsstraße, der Rathskeller mit seinen beiden Nachbarhäusern und gegenüber das Castrum des Landraths von Vogelsang, das alte Schloß und der Raum zur Weserbrücke. Die Weststadt war ganz wasserfrei, allein das Wasser war durch den Rückstau, der es von Hengstenberg nach Grünfelde trieb, auf achtzehn Fuß gewachsen, und die ganze Halbinsel jenseit der Graft bis an das Geestterrain stand eine Stunde weit unter Wasser, denn hier war die Weser nicht eingedeicht. Der Ueberfall fing zu laufen an und bald stand das herrschaftliche Boswiehe zwischen den Deichen und der Langenstraße mehrere Fuß unter Wasser, welches bei höherm Wasserstande durch die Lütjestraße in die Deich- und Langestraße eingedrungen wäre, hätte man diese nicht durch ständige Vorrichtungen abgesperrt. Nun war aber in dem Deiche etwa eine Viertelstunde oberhalb der Stadt ein Einschnitt von etwa hundert Schritt Länge, wo der Deich zwei bis drei Fuß niedriger war, um die herrschaftliche an die Weststadt verpachtete Weide, das Boswiehe genannt, im Winter zu überschwemmen und fruchtbar zu erhalten. Damit das überlaufende Wasser der Weststadt selbst nicht gefährlich wurde, hatte man da, wo das Boswiehe aufhörte, einen Abzugsgraben angelegt, der die ganze Weststadt umzog, und der dann sich erweiternd und vertiefend, neben dem nach Bremen und dem oldenburgischen Gebiet führenden Heerwege hinlief, bis er sich oberhalb des Dorfes Eckernhausen in einen natürlichen Wasserzug ergoß, der bei ihrem Wiedereinfluß in die Weser, in einem zwischen Hannover und Bremen vereinsamt daliegenden braunschweigischen Amte, den Namen Eyter bekam. Obgleich sich hinter diesem Abzugsgraben das Terrain etwas hob, hatten die Bewohner der Langenstraße doch ihre Gärten hinter den Häusern noch durch einen besondern Deich geschützt, der von der Stelle an, wo der Weg nach Grünfelde führte, Staatsdeich wurde und als solcher so lange neben dem Heerwege herlief, bis eine Brücke hinüberführte und die natürlichen Ufer des Wasserzuges künstlichen Schutz mehr und mehr unnöthig machten. Man nannte das den Ueberfall, seit Jahren ein Stein des Anstoßes für alle die, welche von dem Wasser Schaden zu befürchten hatten, gern gesehen von den Nutznießern der Weiden. Die Bewohner der linken Seite der Langenstraße waren aber schon seit der Nacht beschäftigt, die Deiche. welche ihre Gärten von den Abzugsgräben trennten, zu erhöhen. Man fuhr Stroh, Dünger und Faschinen herbei und befestigte die neu herbeigeschafften Materialien durch Pfähle auf dem oder neben dem alten Deiche. So kam der Morgen. Alle gewöhnlichen Geschäfte hatten aufgehört, alle Schulen waren ausgesetzt, gerichtliche Termine wurden nicht abgehalten, es war Justitium eingetreten. Männer und viele Frauen, wie die meisten Knaben, gingen in hohen über die Knie reichenden Wasserstiefeln. Die Kinder würden sich massenweise herumgetrieben haben, wäre das Wetter nicht gar so schlecht gewesen, und hätten sie bei dem Eindeichen nicht hülfreiche Hand leisten müssen. Georg Schulz spitzte bei dem Essigfabrikanten die Pfähle zurecht, die man zur Verstärkung der Gartendeiche bedurfte. Seine Jungen hatten auf dem Polterboden einen großen Backtrog gefunden und herabgeschleppt, der zur Zeit des Siebenjährigen Kriegs in einem Bäckerhause gebraucht sein mußte und aus dem großväterlichen Nachlasse stammte. Es wurden drei Sitzplätze über den Trog genagelt, Stangen und Ruder vom nahen Zimmerplatz geliehen, und die Jungen warteten nur, bis die Essenszeit vorüber, um mit ihrem Kahn in die Oststadt zu eilen. Gegen Mittag hörten Regen und Sturm plötzlich auf, die Luft wurde auffallend rein und warm, der Wind hatte sich ganz nach Süden gedreht. Nun begann in der Schloßstraße und deren Umgebung ein eigentümliches Getreibe, man glaubte sich plötzlich nach Venedig versetzt. Zehn und mehrere große Kähne fuhren in der Straße auf und ab, um die Bewohner auf festes Land zu bringen. Hier war es so voll wie an einem Jahrmarktstage. Die Männer, welche aus Erfahrung wußten, daß an solchen Tagen auch das Kochen aufzuhören pflegte, weil die Metzger kein Fleisch bringen und schaffen konnten, hatten sich schon zum Frühstück auf dem Rathskeller eingefunden. Wir reden von den sogenannten Honoratioren. Wirth Krummeier kannte den »Dreh«, wie er sagte, aus vierzigjähriger Erfahrung. Er hatte alles, was der Herr Landrath, der Oberhauptmann, Herr von Bardenfleth, der Forstschreiber und sonstige Gutschmecker irgend bei ihm verlangen konnten, in Hülle und Fülle herbeigeschafft. Und diese Dinge waren gar so schlecht nicht, als sie heute sein mögen, und unendlich wohlfeiler. Wenn man heutzutage einem Austernesser sagte, daß in regelmäßigen Jahreszeiten Krummeier ein Dutzend Austern für drei Mariengroschen Kassengeld lieferte (er stand in Verbindung mit dem Hof- und Kanzleigericht zu Stade, das von Brunshausen her eine Art Zoll von allen auf der Elbe eingehenden Austern, ich weiß nicht auf welche Art, erworben hatte), so würde er in Heustedt zu leben wünschen. Heuer hatte es aber seit beinahe acht Wochen keine Austern gegeben, denn die Elbe war ebenso zugefroren wie die Weser, und die Gutesser hatten schon alle ihre Kunststückchen gegen Krummeier angestrengt, ihn zum Herbeischaffen des Unmöglichen zu spornen. Aber es fehlte nicht an andern Delicatessen; schöne Gänsebrüste, feine Mett- und Leberwurst, marinirter Aal und Schlie, Rauchfleisch und Schinken, Käse der verschiedensten Sorten nebst Butter und Brot stand auf einer Tafel bereit, und ein jeder nahm sich davon nach Belieben. Alle diese Speisen wurden altherkömmlich beim Eisgange gratis verabreicht, nur die Getränke wurden bezahlt. Aber auch diese Getränke waren herkömmlich vorgeschrieben, es konnte der einzelne, der in dieses Umsonstzimmer trat, davon nicht abweichen. Alle tranken sogenannten steifen Grog. Der Forstschreiber behauptete zwar, er sei nicht steifer als der, den man allabendlich tränke, obgleich er das Anderthalbfache theurerer war, allein man trank, trank sehr viel, natürlich der schlechten Witterung wegen. Für den Podagrainhaber war eine Art Sofa an das Fenster gerückt, von dem Brücke und Weser zu übersehen war, und vor ihm stand die Ecke des langen eichenen Tisches, auf die er mit Quadraten die Zahl der getrunkenen Gläser mit Kreide notirte, und wenn das Quadrat doppelt voll war, bezahlte. Es war ein ordentliches Fest hier. Aller Standesunterschied hatte aufgehört. Der Wirth Krummeier wagte gegen den Oberhauptmann von Schlump zu behaupten, das Eis ginge heute noch gar nicht; Leibmedicus Chappuzzeau hatte alles Geschniegelte von sich gestreift, seine Ohrlocken waren in Unordnung und ohne den gehörigen Puder, sein Zopf unzweifelhaft nicht frisch angebunden, dabei war er in einer Erregtheit, daß er wagte, den Landrath an die Brustpatten zu fassen. Der Amtsadvocat war mit dem Bürgermeister in Streit, der Amts- und Kornschreiber lief zehnmal von dem Rathskeller zum alten Schlosse, um den Amtsdiener zu fragen, ob dem Zinskorn noch kein Schaden geschehen. Die Thür ging auf und zu, es strömten von morgens zehn Uhr bis mittags immer andere Leute herein, die, wenn sie auch nicht gerade zum »Herrenclub« gehörten, sich doch an dem Eisgangsfrühstück betheiligten, sich in die Dispute, ob das Eis bald losgehe, einmischten und ihr»Steifes« tranken. Dadurch war heute jeder, der sich sonst in das Honoratiorenzimmer des Rathskellers nicht gewagt, zum Eintritt legitimirt. Oben im Tanzsalon, der seine Front dem alten Schlosse und der Brücke zuwandte, hatten sich mittags die Damen versammelt, um den Eisgang zu erwarten und Kaffee zu trinken. Unten gingen die meisten der Anwesenden vor Ungeduld aus und ein, die jungen Herren wol nach oben, um sich auf einige Zeit mit den Damen zu unterhalten, die ältern, um frische Luft zu schöpfen. Mehr als einmal hatte schon ein Spaßvogel in das Zimmer gerufen: »Das Eis geht!« und alles war hinausgestürzt. Nur der Forstschreiber war auf seinem Platz geblieben und hatte erklärt, keine vier Pferde zögen ihn von demselben, bis er selbst sehe, daß sich das Eis bewege. Es mochte ein Uhr nachmittags sein, als der Forstschreiber selbst die Bemerkung machte, das Eis bewege sich, und im Nu war das Zimmer leer, sodaß Krummeier selbst den Forstschreiber emporheben und aus dem Zimmer vor das Haus führen mußte. Der Forstscheiber hatte recht gesehen, das Eis war in Bewegung gekommen, stand aber schon wieder. Soweit man vom Rathskeller, soweit man von der Brücke sehen konnte, war alles bisher nur eine Fläche glatten Eises gewesen, jetzt sah es aus, als wenn mit einem Riesenpfluge Furchen über diese Fläche gezogen seien, und zwar Furchen von fünf bis zehn Fuß Höhe und Tiefe. Das Eis stand jetzt senkrecht. Nur an den Eisbrechern hatte es sich bis an die Spitzen hinaufgeschoben, und mächtige zwei Fuß dicke Schollen hingen an der Spitze, ohne zu zerbrechen. In diesem Augenblick kamen Heinrich und Friedrich Schulz mit ihrem Backtroge auf dem Kopfe über die Brücke. »Dürfen wir mit Karl schiffen, in der Schloßstraße nur«, redeten sie den Forstschreiber an. Dieser ließ sie den Backtrog absetzen, untersuchte diesen von außen und innen, winkte ein paar Zimmerknechten, die er den Trog zu Wasser tragen hieß, schenkte den Jungen ein Viermariengroschenstück und hieß sie seiner Frau bestellen, sie sollte Karl schicken, und selbst baldmöglichst zum Rathskeller kommen. Wer war glücklicher in diesem Augenblick als die beiden Knaben? Nicht das ungewohnte Geldstück aber war es, das sie so glücklich machte, sondern die Sehnsucht nach ihrem Karl, den sie seit dem verhängnißvollen Schlittensonntage nicht mehr gesehen hatten. Der Trog bewährte sich als seetüchtig, Heinrich führte die Stange, Friedrich das Ruder, man schiffte in die Heustraße ein und landete vor Forstschreibers Hause. Hier hatte der arme Karl schon seit dem frühen Morgen am Fensterladen gestanden und das Steigen des Wassers beobachtet, in der Schloßstraße einen Kahn nach dem andern vorüberfahren sehen, während er selbst im Hause bleiben mußte. Mit welcher Schnelligkeit stieg er jetzt in die zum Weihnachtsgeschenk erhaltenen Wasserstiefel. Er fiel der guten Mutter für die Erlaubniß, sich in diesen Trog setzen zu dürfen, um den Hals, sprang die Treppe hinab und wäre ins Wasser gefallen, wenn ihn Heinrich nicht aufgefangen hätte. Das war aber eine Lust; man schiffte um die Kirche und schiffte die Schloßstraße auf und ab. Friedrich und Karl wechselten mit den Rudern, Heinrich führte die Stange, die ihm endlich der jüngere Bruder mit Gewalt entriß, um seine Steuermannskunst auch zu zeigen. Friedrich war ein aufmerksamer Steuermann. Als er zum zweiten mal die Ecke berührte, wo Bardenfleth's Hof aufhörte, sagte er: »Bruder, das Wasser fällt, fällt bedeutend. Ich weiß gewiß, daß, als wir vor zehn Minuten an dieser Stelle waren, das Wasser wenigstens vier Fuß tief war, jetzt hält es keine zwei.« »Dann hat die Weser unten Luft gekriegt, und dann muß auch das Eis losgehen«, sagte Heinrich. »Laßt uns eilen, die Straße hinaufzukommen«, äußerte der Sohn des Forstschreibers, »ich habe noch nie einen Eisgang gesehen.« Das geschah. Aber die Knaben warteten nicht ab, bis sie nicht mehr mit ihrem Fahrzeug weiter konnten, sondern sobald sie nur festen Fuß mit ihren Wasserstiefeln zu haben glaubten, verließen sie dasselbe, zogen es bis aufs Trockene und eilten zur Brücke. Dorthin eilten auch alle, welche von dem Phänomen des plötzlich fallenden Wassers in den Straßen gehört hatten, aber das Eis oberhalb der Brücke regte sich nicht; der Pegel zeigte denselben Wasserstand wie vorhin. Die Ursache des Fallens sollte auch jedermann bald klar werden. Von Norden her erschallten sechs Kanonenschüsse, ein Zeichen, daß der Deich nicht mehr zu halten oder schon gebrochen sei. Das Zeichen kam zu spät, was seinen Grund darin hatte, daß der mit dem Zünden der Kanonenschläge betraute junge Herold von diesen selbst durch den Deichbruch getrennt wurde. Die Deichmannschaft, welche jene Nothsignale bei sich führte, kam jenseit des Deichbruches zu stehen, und Herold mußte erst von Hengstenberg neue Kanonenschläge holen lassen. Indessen war aus einem zwölf Fuß langen Durchbruche von zwei bis drei Fuß Tiefe ein Loch von funfzig Fuß entstanden und der Deich bis auf die Sohle weggerissen. Das Wasser in der Oststadt verlief sich noch schneller, als es gekommen war, der Rückstau hatte aufgehört, das Eis auch bei Hengstenberg Luft bekommen. Währenddessen war man oberhalb der Brücke und des Ueberfalls bei dem Deiche des Sandmeiers auch nicht müßig; das Wasser spülte bis an den Kopf des Deiches und auf der Binnendeichseite war eine andere Communication als zu Wasser nicht mehr möglich, da das Boswiehe durch den Ueberfall schon bis fünf Fuß unter Wasser gesetzt war. Darauf vorbereitet, hatte man an verschiedenen Orten Deicherde aufgehäuft, und noch immer wurde solche vom Sande her, wo der Deich mit der Geest in Verbindung stand, herbeigefahren. Es war ein reges Treiben hier. Dreißig bis vierzig Personen waren damit beschäftigt, dicke Seile von Stroh zu drehen, ebenso viele andere schlugen diese am äußersten Ende des Deiches mit Pflöcken übereinander fest. Dahinter wurden Faschinen oder Säcke mit Sand gelegt, die Faschinen mit Pflöcken befestigt und Erde darübergefahren. Dummeier war bald auf diesem, bald auf jenem Fleck, denn man arbeitete an drei bis vier Stellen, denen die meiste Gefahr drohte. Er sah aber ebenso häufig nach dem Himmel als nach der Weser. Jener wollte ihm nicht mehr recht gefallen. Es hatten sich am nordöstlichen Himmel dunkle Wolken, Gewitterwolken ähnlich, gebildet, welche trotz des Südwindes rasch emporstiegen. Der Südwind war hier so günstig, als er unterhalb der Stadt ungünstig einwirkte. Da hörte man die sechs Kanonenschläge. »Dat is de Moordorper Diek«, sagte Hans, »de da to'n Düwel geit. Nu schull ji mal sehn, Jungens, wie das Is nu Luft kriegt un losgeit.« Und wie gesagt, so geschah es. Erst langsam, kaum merklich, schoben sich die Massen zusammen, noch einmal krachte es, als würde die Erde in ihren Grundfesten erschüttert, dann sah man, wie die auf den Eisbrechern ruhenden Schollen über die Spitzen derselben hinweggeschoben wurden. Auf den Spitzen derselben brachen aber die Schollen auseinander, küselten unter das Wasser und eilten unter der Brücke hinweg. Eine Eisscholle suchte der andern zuvorzukommen, es war ein Drängen, Reißen, Stoßen, Uebereinanderhinwegstürzen. Vom Wasser sah man nur hin und wieder eine kleine offene Fläche, um welche sich sofort eine Masse Eisschollen zu streiten schienen. Trotz des Eisganges stieg das Wasser und schien sich gelblich zu färben. »Is all Fuldewater«, brummte Hans. Gesprochen wurde auf dem Deiche wenig, denn das Geräusch war so groß, daß man ein menschliches Wort nicht verstand, man verständigte sich durch Zeichen. Dummeier's Aufmerksamkeit wurde plötzlich durch eine Erscheinung in Anspruch genommen, die ihn mit Besorgniß erfüllte. Einige Feiglinge von den Eisschollen, oder einige durch den plötzlichen Ruck im Strome beiseitegeschobene, waren schon früher den Ueberfall passirt und hatten sich vor dem allgemeinen Untergange salvirt. Das waren junge, kleine, kecke Burschen gewesen, welche wahrscheinlich noch nicht wußten, daß hier der Weg zum Meere nicht hingehe. Jetzt kamen aber ein paar Riesenschollen mit zahlreichem Gefolge auf den Ueberfall zu. Der Wind war umgesprungen und wehte stark von Nordost und trieb Eis und Wasser jetzt gegen die Deiche. Wenn solche mächtige Eisschollen, wie sie jetzt dem Ueberfall sich nahten, darüber hinweggingen, so war die doppelte Gefahr vorhanden, einmal, daß diese Schollen die Grasnarbe des Ueberfalls zerstörten, wol gar einen Deichbruch verursachten, und sodann, daß sie gegen die kleinen schwachen Deiche vor den Gärten der Langenstraße getrieben wurden und diese zerstörten. Hans versuchte hier mit funfzig Mann was möglich war, um die Eisschollen abzuhalten, aber alle Anstrengungen waren vergebens. Der immer stärker wehende Wind trieb die Eisschollen jetzt mehr gegen die Deichseite, sie schoben sich am Deiche bis auf den Kopf hinauf und passirten den Ueberfall in seiner ganzen Breite. Während dieser Anordnung waren die schwarzen Wolken hoch an den Horizont hinaufgezogen und es brach eins jener Wintergewitter los, die so überaus gefährlich sind. Der Wind hatte sich ganz nach Nordosten gedreht, und während bisher eine Menge der Schollen auf dem gegenüberliegenden unbedeichten Ufer gelandet waren, wurden sie jetzt gegen den Deich getrieben, sobald sie der Mächtigkeit des Stromes selbst entzogen waren. Donner vom Himmel, Schloßen, welche der Sturm den Deicharbeitern in das Gesicht trieb und sie beinahe unfähig machte, etwas zu sehen, dazu das Grollen, Stoßen, Drängen, Platzen und Aneinanderschmettern der Eisschollen und zunehmende Dunkelheit. Dann ein greller Blitz und unmittelbar darauf ein mächtig krachender Donnerschlag. Die gesammte Deichmannschaft stand starr und stumm. Jedermann fühlte, daß es eingeschlagen haben mußte. Es sollte auch nicht lange in Ungewißheit bleiben, daß und wo dies geschehen. Drüben im Westen, aus dem Eichwalde, welcher Eckernhausen versteckte, flammte ein Strohdach bald lichterloh zum Himmel. Alle Blicke wandten sich dahin. »O gutte Gutt! Donnerwähr! Dickschworner, et brennt in Eckernhusen, nu kik mal, is dät nich Jue Hus? Man kikt jo in de Flamme up den Karkenthoren. Man to, wie mätet los, loopt to!« so erscholl es von vielen Stimmen durcheinander. Hans selbst zweifelte keinen Augenblick, daß sein Haus brenne, er glaubte die Pferdeköpfe des nach Süden gerichteten Giebels mit dem Storchneste dahinter deutlich zu erkennen. Inzwischen hatten sich einige vierzig Männer aus Eckernhausen um ihn versammelt und drängten ihn, das Commando an den Deichgeschworenen eines andern Dorfes abzugeben und mit ihnen nach Haus zu eilen. Alles schrie durcheinander, der eine meinte, das Hemd ist uns näher als der Rock, der andere machte darauf aufmerksam, daß nur Altentheiler, Weiber und Kinder im Orte seien, noch andere waren den Deich nach innen schon hinabgeklettert, um einen großen Kahn, der binnendeichs angebunden war, flottzumachen und über das Boswiehe der Heerstraße zu hinüberzufahren. Zu Fuß hätte man erst den Deich bis Grünfelde hinwandern und dann auf einem Umwege von beinahe einer Stunde auf der erhöhten Geest sich dem Feuer nähern können, vorausgesetzt, daß die Brücke an der neuen Wiese Dummeier's noch standhielt. Hans sagte mit Entschiedenheit. »Ich bliebe hier un jie ook, blot juer ses könnt na Hus hen gahn. Ernst und Johann Meyer, Dierk Nibour, Stoffel Piepenbrink, Jobst Petermann un Cord Cordes. Alle Annern bliebet an Platze, denn hier brennt et ook, und wenn wie hier nich uppasset, so versüppet dat ganze Dörp un use Koren geit to'n Dübel, un dat von annere Dörper ook, und dat is doch leger als wenn mal en Hus afbrennt. Wie hewwet ja Nordostwind, un dat Füür drift um minen Eicksünner un nich up dat Dörp. Hinner den Holt liegt aber de Karken, de is massiv un hät Pannendäcker, da hört aber all watt to.« Man überzeugte sich um so schneller, daß Hans recht habe, als unter den Füßen der Versammelten, etwa sechs Fuß unter der Kappe des Deiches, ein armdicker Wasserstrahl emporschoß. Von außen hatten Eisschollen an den Deich gestoßen, die Grasnarbe abgeschält, gerade an der Stelle, wo sich viele Mauselöcher im Deiche befanden. Das Wasser war durchgesickert und hatte sich in kurzer Zeit einen Weg gebahnt. »Schlagtmeister«, rief Hans mit Donnerstimme, »dei groten Laakens, dei groten Laakens.« Große Laken von starker Segelleinwand, an deren einem Ende dicke Backsteine eingenäht waren, wurden herbeigebracht und an der Außenseite des Deiches langsam heruntergelassen, drei übereinander, dann befahl Hans, in den Deich bis zur letzten Stelle hineinzugraben und diese mit Faschinen und Sandsäcken zu dichten. Dies alles mußte geschehen, während der Sturm starke Hagelkörner im heftigsten Niederschlag den Arbeitern in das Gesicht wehte. Die Eisschollen hatten sich indeß den Ueberfall hinabgestürzt, es war die mächtigste dabei glücklicherweise dabei zerschellt. Als das Gewitter vorübergetobt, drehte sich der Wind nach Süden, was zwar für die Deiche Schutz gewährte, dagegen bei dem Feuer gefährlich werden konnte, da es dasselbe auf die Scheunen und Stallungen zutrieb. Aber Hans schien kaum an das eigene Eigenthum zu denken, seine ganze Aufmerksamkeit war dem Schutze des Deiches zugewendet, auf dem er commandirte. Er ließ, da es jetzt zu dunkeln begann, ein Feuer anzünden und die Mannschaft sich an demselben erwärmen, wobei jedem aus einem Fasse Branntwein ein nicht zu kleines Glas gereicht ward, aber nur das eine. Die Eismassen wälzten sich im dichtesten Gedränge die Weser herab, die fortwährend zu steigen schien. Zehntes Kapitel. Vergeltung? »Die Vergeltung bleibt für die, welche unrecht thun, selten in diesem Leben aus«, sagen die einen, die andern: »Alles Gute, was du hier thust, wird dir erst im künftigen Leben vergolten, alles Böse, was du hier thust, mußt du dort büßen.« Napoleon III. behauptet, daß eine große Wirkung immer eine große Ursache hat, daß ein unbedeutender Zufall niemals wichtige Resultate herbeiführe, ohne daß eine Sache neben ihm besteht, welche gestattet, daß dieser unbedeutende Zufall eine große Wirkung hervorbringt. Nicht der Zufall, sondern die Vorsehung regiert nach ihm die Welt. Wir wollen nicht die Richtigkeit der einen oder andern dieser Ansichten hier vertheidigen, es würde uns das zu weit in das schwierigste Kapitel der Philosophie von der menschlichen Freiheit, oder in das dunkelste Kapitel der Theologie von der Erbsünde und der Erlösung führen. Nach unserer Erfahrung ist mit einer Menge Uebelthaten, z. B. gegen den eigenen Körper, schon auf dieser Erde eine nothwendige Strafe, die sich in Krankheit meistens äußert, verbunden, ebenso ziehen manche Vergehen gegen die Moral, gegen die Gesellschaft, gegen viele hohe vom Staate bis jetzt noch nicht einmal geschützte Rechte des einzelnen oder größerer Vereinigungen ihre Strafe mehr oder weniger nach sich. Wenn indeß ein Uebelthäter ein besonderes Unglück erleidet, das mit seiner schlechten That in einem nothwendigen Zusammenhange nicht steht, so sind wir nicht geneigt, hierin eine von der Vorsehung angeordnete strafende Vergeltung zu erblicken, sondern den reinen Zufall, der auf die Geschicke der Menschen ja auch sonst einen unendlichen Einfluß übt. Deshalb das Fragezeigen bei der Ueberschrift. Wir müssen uns vom Deiche in die Stadt zurückversetzen. Der beginnende Eisgang hatte die Hälfte der Einwohner Heustedts auf der Brücke und dem Platze vor derselben versammelt. Das Schauspiel war aber auch großartig. Die Eisbrecher standen mit ihren eisernen Spitzen etwa noch zwei bis drei Fuß aus der Eismasse hervor, einige Schollen waren schon gänzlich an ihnen emporgeschoben; als der erste Stoß erfolgte, sah man längere Zeit gar nichts mehr von den Eisbrechern. Das durch den ersten Zusammenstoß durchpflügte Eis, soweit es etwa bis über das alte Schloß hinausstand, drängte sich bei dem zweiten Stoß zwischen den Eisbrechern hindurch, mit der Kante nach oben stehend, wurde von den Pfeilern der Brücke dann nochmals zerstoßen, und kam erst wieder auf die breite Seite zu liegen, wenn es unter der Brücke hindurch war und den auf eine halbe Stunde lang gänzlich eisfreien Fluß vor sich hatte. Erst als alles dies durch innern Zusammenstoß schon zerklüftete Eis vorüber war, kamen große Schollen, die oft die ganze Breite der Weser einzunehmen schienen. Bei dem Anstoß an die vordern Eisbrecher zerschellten sie entweder, oder schoben sich an ihnen hinauf, um oben auseinanderzufallen, oder wurden zur Seite gestoßen, um dann an die zweiten in dichterer Reihe stehenden Eisbrecher anzustoßen. Es kam auch wol vor, daß eine mächtige Scholle, größer als der Zwischenraum zweier Eisbrecher, an beiden von den nachfolgenden hinaufgeschoben wurde. Hatte sie aber die Höhe erreicht, so brach sie vermöge der eigenen Schwere zusammen. Solche Manöver der großen Schollen hinderten dann aber das raschere Fortkommen der kleinen und mittlern, diese suchten beiseitezuhuschen oder tauchten unter die größern, um schneller unter ihnen hindurchzukommen. Oft war die Weser so voll Eis, daß man das Schurren und Rutschen der mächtigen Eisblöcke auf dem Grunde des Bodens hörte. Auch von mancher minder mächtig erscheinenden Scholle erhielt die Brücke solche Stöße, daß die darauf Stehenden zusammenfuhren und eilig zur Seite drängten. Es galt vor allem, Stopfungen vor der Brücke selbst zu verhindern, und es standen dreißig und einige Zimmergesellen und Schiffer mit Feuerhaken und anderm Geräth an den verschiedenen Jochen, dies zu verhindern. Dennoch geschah es nicht selten, daß Schollen bis auf die Brücke geschoben wurden, oder daß bei Stopfungen unter der Brücke eine Brückenbohle trotz der vielen Menschen, die darauf standen, in die Höhe gehoben wurde, sodaß die darauf Stehenden zur Erde fielen. Die Polizei hatte schon vergeblich versucht, unnütze Frauenzimmer und Kinder, welche die Arbeiten hinderten, von der Brücke zu vertreiben, aber hier vertrieben, tauchten sie dort wieder auf. Das hereinbrechende Hagelwetter erreichte jetzt schnell, was die Polizei nicht vermocht hatte. Der seit kurzer Zeit adjungirte Forstschreiber Oskar Baumgarten saß indeß mit mehrern jüngern Leuten in der obersten Etage des alten Schloßthurms beim Supernumerar-Amtsschreiber. Man sah von hier nicht nur auf die Weser, sondern, auf beiden Seiten der Stadt, nach Osten über die Wasseröde, die sich bis zu den hengstenberger Höhen und Wäldern erstreckte, hinweg, nach Süden über dieselbe bis zum Dorfe Grünfelde. Durch ein gutes Fernglas konnte man die Arbeiten oberhalb des Ueberfalls bis ins Detail verfolgen. Das Glas ging von Hand zu Hand, und man sah bald nach dieser und jener Seite, während der Amtsschreiber selbst eine Bowle braute. Als man im Thurmzimmer jenen Donnerschlag hörte, sagte der Forstmann: »Das ist in eine alte Eiche gefahren«, und richtete das Glas sofort nach Eckernhausen. »Es brennt dort, und zwar in Dummeier's Hofe, wenn ich nicht irre.« Man ließ die Bowle im Stiche und eilte auf den Schloßhof, um die Amtsspritze bespannen zu lassen, den Oberhauptmann und Bürgermeister zu benachrichtigen. Die Knaben Karl, Heinrich und Friedrich hatten sich des Wetters wegen gleichfalls in das alte Schloß geflüchtet, wo sie aus dem Zimmer des Amtsdieners Aussicht auf Weser und Brücke hatten. Als sie jetzt den Lärm hörten, den das Herausziehen der Spritze machte, und auf den Hof traten, sagte Oskar: »Schulz, du ältester, laufe zu deinem Vater und sage ihm, daß er die Spritze zurechtmache, es brennt in Eckernhausen bei Dummeier.« »Dann mußt du mich nach dem neuen Schlosse fahren, Friedrich, wir wollen der Anne Marie Bescheid sagen«, erklärte Forstschreibers Karl. In der Schloßstraße fing das Wasser schon wieder an zu steigen, diesmal, um nicht so schnell wieder zu fallen, aber man mußte doch noch eine gute Strecke in der Straße gehen und den Backtrog nach sich ziehen, ehe derselbe bestiegen werden konnte. Die Knaben eilten nach dem Schlosse zu kommen, das zwar selbst wasserfrei lag, dessen Eingang bis zum Fontainenberge aber, wie auch ein Theil der Wirtschaftsgebäude, unter Wasser stand. Anne Marie hatte es sich nie nehmen lassen, die Abendmilch für ihre Comtesse und Tochter selbst zu melken. In Wasserstiefeln wollte sie eben zu diesem Zwecke zu dem tiefer gelegenen, jetzt umdeichten Stallgebäude, als sie die Knaben ankommen sah. Karl rief ihr schon von weitem zu: »Mutter Anne Marie, erschreckt nicht, es hat in Eckernhausen eingeschlagen, und es brennt Euer Wohnhaus.« Die Mutter erschrak, aber sie verlor die Fassung nicht – glaubte sie doch zwischen den Stürmen des Gewitters und dem Brausen und Krachen des Eisganges die wohlbekannten Töne der heimischen Sturmglocke zu hören, und wußte sie ja, daß ihr Hans nicht daheim, sondern auf dem Deiche beschäftigt sei. Sie befahl Johann, die vier Rappen ins Geschirr zu legen, eilte ins Schloß, sagte den Kindern, sie möchten artig sein und der Wartefrau gehorchen, warf ein Tuch über den Kopf und schlang ein anderes um Brust und Schultern. Die beiden Knaben waren ins Schloß getreten. »Ihr könnt der Comtesse und Anna Gesellschaft leisten, ihnen von dem Eisgange erzählen, der Hofmeister geht zur Forstschreiberin und bestellt, daß Karl im Schlosse sei und abends vor das Haus gekahnt werden solle.« Johann war früher Reitknecht bei Dummeier gewesen und eifrig besorgt um das Wohl des Hauses. Es hatten sich Rentmeister, Haushofmeister, Knechte und Mägde vor dem Portal versammelt und boten ihren Beistand an. »Alle bleiben hier«, sagte Anna zum Hofmeister, schwang sich auf einen der vorgeführten Rappen, und hindurch ging es in das Wasser, die Schloßstraße hinan. Die Umsichtige wollte die Pferde vor die Amtsspritze spannen lassen, allein als sie vor dem Rathskeller anlangte, sauste diese, mit Landraths Pferden bespannt, schon über die Brücke. »Nach Spritzenhaus Nr. 2«, rief sie Johann zu, und im Galop ging es über die jetzt von den Massen geräumte Brücke, die Langestraße hinunter. Der Spritzenmeister hatte schon seine Sachen in Ordnung und war ärgerlich, daß ihm die Amtsspritze, auf der Baumgarten und der Supernumerar-Amtsschreiber Platz genommen, vorbeigefahren, während er noch immer auf die Pferde warten mußte, welche von der Post auf der Deichstraße requirirt waren. Da kam Anna. Die Rappen waren schnell angespannt, – Anna, der Zimmermann, welcher den Eisschlitten in Gang gebracht, ein Schornsteinfegergesell und Georg Schulz suchten auf der Spritze Platz. Als man die Windmühle erreicht hatte und nun eine freie Uebersicht über die eckernhäuser Holzung hatte, sah man zwischen den dürren Aesten der Eichwaldung deutlich Dummeier's Wohnhaus brennen. Die Haushälterin trieb Johann zur Eile. Aber was war das? Die Amtsspritze kehrte um und fuhr zur Stadt zurück. Als sich die Spritzen erreichten, rief der Amtsschreiber: »Nur zurück, es ist kein Durchkommen. Der Hülfsgrabendeich ist durchbrochen, das Wasser hat sich über den Heerweg gestürzt und diesen ausgerissen, wer weiß wie tief.« »Vorwärts, Johann«, befahl Anna, und Johann peitschte auf die Pferde. Georg jubelte, daß seine Spritze nun doch zuerst kommen werde. Noch zweihundert Schritte, und man stand an einem etwa funfzig Fuß breiten Strome, der über den Heerweg daherbrauste und sich dann in das tiefer liegende Feld ergoß, das schon bis an den Wald unter Wasser stand. Da die Gewalt des Wassers nicht selten tiefe Löcher in die so überschwemmte Heerstraße gerissen hatte, so war, ehe man das Terrain untersucht, die Durchfahrt gefährlich. Anne Marie sprang von der Spritze, zog einen Pumpenschwengel aus derselben heraus und schritt dem Wasser zu, der Spritzenmeister ihr nach, er wollte durchaus nicht leiden, daß sie den Versuch wage, er sei größer und kräftiger, dem Strome des Wassers zu widerstehen. Es begann ein Wettstreit, der damit endete, daß beide gingen. Waren auch keine Löcher in das Pflaster gerissen, so war der Strom doch so stark, daß die kühne Frau ohne Hülfe Georg's schwerlich das jenseitige Ufer erreicht hätte. Nun folgte Johann mit der Spritze, während welcher Zeit sich die beiden Durchwatenden gegenseitig halfen, die Wasserstiefeln auszuziehen, das Wasser, was dieselben eingeschluckt, auszugießen. Als man auf der Amtsspritze, die auf Oskar's Geheiß stehen geblieben war, sah, daß Anna und ihre Gefährten durch die Flut unversehrt sich hindurchgearbeitet hatten, kehrte man um. »Wir müssen uns ja zu Tode schämen, wenn wir nicht auch könnten was jene«, hieß es, und die Amtsspritze jagte nach. Während man aber von der Heerstraße ab dem Dorfe zubog, war der Weg schon ein bis zwei Fuß hoch mit Wasser bedeckt, da er niedriger lag als das überschwemmte Feld, und man mußte langsam und vorsichtig dem brennenden Hause zufahren. Hier herrschte große Unordnung, da es an einer umsichtigen Leitung fehlte, alt und jung lief durcheinander, jammerte und suchte aus dem brennenden Hause, aus dem man das Vieh glücklicherweise zeitig gerettet, noch diese oder jene Kleinigkeit zu bergen. Die Dorfspritze, die am entgegengesetzten Ende des weitgedehnten Dorfes aufbewahrt wurde, war noch nicht angekommen, auch Löschmannschaft spärlich vorhanden, da die Männer auf dem Deiche waren. Dem machte Anne Marie ein Ende. Sie rief Knechte und Mägde, Freunde und Nachbarn zusammen und ordnete sie den Befehlen des Spritzenmeisters unter. Dieser, der bei manchem Feuer gegenwärtig gewesen, übersah leicht, daß das Wohngebäude nicht mehr zu retten war, daß auch die Gefahr, das Feuer werde weiter um sich greifen, nicht allzu groß sei. Mittlerweile war die Amtsspritze gekommen, und von der andern Seite nahte die Dorfspritze und Mannschaften aus hinterliegenden Dörfern. An Wasser fehlte es nicht, man brauchte nur auf der um den Hof herumführenden Dorfstraße einen Damm zu bauen, und hatte das Wasser, das immer stärker zuströmte, im Ueberfluß. Der Blitz hatte auf der hintern Seite gezündet und der Wind das Feuer nach dem südlich gelegenen Giebel getrieben. Das alte Strohdach, das wol schon hundert Jahre auf dem Gebäude ruhte, war mit grünem Moos und Pilzen überzogen; es war nur auf der einen Seite abgebrannt. Jetzt brannte nur noch der starke eichene Giebel, unter welchem eine große Menge Heu lag. Während Georg von einem Lindenbaume diesem Heerde des Feuers mit seinem Rohre beizukommen suchte und die andern Spritzen ihn dabei unterstützten, sprang der Wind erst südlich, dann mehr nach Westen. Jetzt fing auf einmal die zweite, noch ziemlich vom Feuer verschonte Dachseite, die bisher durch den Wind vor dem Feuer geschont war, zu brennen an. Diese Seite war im letzten Sommer mit einigen Hundert neuen Dachschöven restaurirt, und diese flogen nun, sobald sie in Brand geriethen, in die Luft in der Richtung nach der Scheune, in der Hans Dummeier seine Hauptvorräthe aufbewahrte. Georg hatte dies kaum bemerkt, als er seinen Stand im Lindenbaume verließ, den Amtsschreiber, der jetzt das Befehlen that, auf die neue Gefahr aufmerksam machte, mit dem Zimmermann die First des Daches der Scheune bestieg, sich durch den Schornsteinfeger und andere das Spritzenrohr hinaufreichen ließ und, vom Zimmermann gehalten, um beide Hände gebrauchen zu können, das Scheunendach zu spritzen begann. Die übrigen Spritzen unterstützten ihn hierbei, und es gelang, die Scheune zu retten. Nachdem die Giebel des Wohngebäudes zusammengestürzt, riß man den alten Holzbau nieder und ward gegen sieben Uhr abends Herr des Feuers. Das meiste zur Rettung seines Eigenthums hatte indeß Hans Dummeier selbst beigetragen. Hätte er nicht den Deich gehalten, so würden wahrscheinlich sein braves Weib und Georg den Versuch, die Heerstraße da, wo sie überströmt war, zu überschreiten, mit dem Tode gebüßt haben, denn alles Wasser hätte sich dann der Strömung zugestürzt, die durch den Deichbruch am Abzugsgraben entstanden war. Indeß saß die tugendsame Jungfrau Helene daheim in ihrem warmen behaglichen Stübchen und rechnete bei einer zinnernen Oellampe die vorgestern, als am 1. März, fällig gewesenen Zinsen auf ihre Pfandscheine zusammen. Dieselbe betrieb nämlich, ohne obrigkeitliche Erlaubniß freilich, ein kleines Pfandgeschäft, indem sie bedrängten Nebenmenschen, namentlich Bürgern und Honoratioren, gegen Pfänder und hohe Zinsen aus augenblicklicher Geldnoth half. Es war ihr Abendvergnügen, wenn sie allein war, die Register der verpfändeten Sachen nachzusehen und an die Zeit zu denken, wo sie eingelöst werden mußten oder ihr anheimfielen. Auf der Straße war den ganzen Abend ungewöhnlicher Lärm; obgleich es gänzlich dunkel war, strömte es nach der Brücke hin und her, um bei Fackel- und Pechpfannenbeleuchtung den Eisgang anzuschauen. Was kümmerte sie aber der Eisgang, was ging sie das Fetter in Eckernhausen an? Plötzlich fühlte sie eine eigentümliche Kälte an ihren Füßen, hörte in ihrer Stube ein eigentümliches Geräusch, wie das Sprudeln von vielen Quellen. Sie fühlte, daß ihre Füße naß waren, sie leuchtete auf den Boden und sah, daß aus allen Ritzen des Fußbodens das Wasser hervorquoll, oft hervorsprang. Was war das? Sie eilte auf die Hausflur und riß die Straßenthür auf. Da stürzte ihr ein Wasserstrom entgegen, der sie umgerissen hätte, wäre sie nicht mit dem Strome zur Stubenthür zurückgewichen. Dieser Wasserstrom riß die Hofthür auseinander und brach sich Bahn durch Hof und Garten, der Gartenstraße zu. Es mußte das Wasser auf dem Boswiehe eine Höhe erreicht haben, welche das Niveau der Langenstraße überragte, und mußte ein Deich vor den Gärten gebrochen sein, denn das Wasser stürzte aus dem etwa acht Fuß breiten Zwischenraume zwischen dem Hause des Färbers Krische und des Metzgers Rothmeier. So war es. Der Färber Krische hatte in seinem Gartendeiche eine Lücke, durch die er im Abzugsgraben seine Zeuge auszuspülen pflegte, und die erst bei Wassergefahr mit einem Nothdeiche, der auf dem Spülbret aufgebaut wurde, verschlossen wurde. Im Spülbret waren zu diesem Ende nach der Außenseite Löcher, in welche Pfähle eingesteckt und hinter diesen dann der Nothdeich aufgeführt wurde. Das war seit funfzig Jahren gut gegangen, diesmal hatte sich aber eine über den Ueberfall gerutschte Eisscholle den Weg nach Krische's Garten wie expreß ausgesucht, sich unter das Spülbret geklammert, hatte dieses sammt dem ganzen Nothdeiche in die Höhe gehoben und so dem Wasser einen Durchgang gebahnt. Unglücklicherweise führte zwischen Koch's und Neidhard's gegenüberliegenden Häusern ein kleiner durch eine Bohle überdielter Kanal, der das Gossenwasser durch Neidhard's Hof und Garten weiter nach Westen abführte. Der Kanal war lange nicht mächtig genug, das vom Boswiehe einströmende Wasser zu schlucken. Die Macht des Wassers schleuderte die Ueberbrückung beiseite, erweiterte den fußbreiten Kanal, indem sie das Straßenpflaster aufriß, zu einem Bache von acht Fuß Breite, der erst seinen natürlichen Weg zwischen Neidhard's und Schulz' Hause hindurch nahm, in einer Abzweigung nun aber auch durch das Haus selbst stürzte, nachdem die Thür geöffnet war. Lenchen raffte ihre Papiere und was sie sonst an Geld und Wertsachen besaß, in Eile zusammen und suchte, in der einen Hand die Lampe und das Kleid, in dem die Schätze geborgen waren, haltend, mit der andern sich gegen die Wand stützend, die Treppe zu erreichen, die nach oben führte. Dies gelang nicht ohne Anstrengung. Mit Erschöpfung aller Kräfte kam Lenchen oben an in ihre Schlafstube, welche in der Mitte des Hauses lag, die sogenannte Putz- oder Visitenstube befand sich vorn. Sie zog, als sie wieder zur Besinnung gekommen war, trockenes Schuhwerk an und rannte dann in die neben der Schlafstube liegende große Hinterkammer, dem Aufbewahrungsorte ihrer Faustpfänder. Hier schloß sie eine große eichene Lade auf, kunstvoll geschnitzt und über hundert Jahre alt, wie man ihr ansah, in der ihre Hauptschätze, Gold und Silber, Obligationen und Papiere verwahrt wurden, und legte die von unten geretteten Sachen hinein. Dann starrte sie um sich und betrachtete ihre Habseligkeiten. Es sah in der großen Kammer aus wie in einem Trödlermagazin. Auf dem Boden lagen hohe Stapel Leinen und Drell, standen drei bis vier Säcke mit Wolle; an den Borten hing ungebleichtes Garn, Flachs, große gelbe Wachstafeln. Eine Wand war ganz voll seidener Kleider und sonstiger kostbarer Kleidungsstücke behängt. Ein mächtiger Schrank barg theils größere eigene, theils verpfändete Silbersachen, Leuchter, Pokale. Sie lief von der einen Sache zur andern, alle schienen ihr rettungswerth, jedes einzelne Stück lag ihr am Herzen, wo aber sollte Rettung herkommen? Durch das Haus wogte ein reißender Bach – sie konnte das Haus nicht verlassen, noch weniger ihre Sachen fortschaffen, denn niemand konnte ihr nahen. Zwischen ihrem Hause und dem früher Schulz'schen, jetzt von Moses Hirsch bewohnten Hause war ein Raum von acht Fuß, eine Art Düngerweg – ihr Haus hatte hier Fenster in der obern Etage, nicht so Hirsch's Haus, und darunter brauste und zischte das Wasser. Das Nebenhaus auf der andern Seite stand dichter an, aber sie hätte zwei Wände zerschlagen müssen. Und was sollte sie beginnen, wenn das Wasser die Treppe hinwegriß? Daß dasselbe daran arbeitete, konnte sie oben deutlich vernehmen. Noch war die Treppe geschützt, weil hinter derselben eine Wand stand, die dem Durchgange des Wassers bisher Widerstand geleistet hatte. Jetzt fiel die Wand, sie hörte, wie unter ihr das Wasser durch die Küche stürzte und sich aus dieser nach dem Garten hin einen weitern Ausweg bahnte. Bald darauf krachte auch die Treppe zusammen, deren sechs obere Stufen ohne Stützpunkt in der Luft hingen. Von nun an war Lenchen gänzlich kopflos, sie eilte von der Pfandkammer durch die Schlafstube in die Putzstube, riß die Fenster auf und versuchte nach der Straße hin um Hülfe zu rufen. Aber hätte sie noch eine tausendmal grellere Stimme gehabt, was hätte ihr das Rufen helfen können? In der Weser, die kaum tausend Schritte von ihrem Hause entfernt war, toste der Eisgang mit seinem knirschenden, donnernden, stoßenden, stürzenden, reibenden, zerbrechenden Geräusche. Vor ihrer Wohnung aber ein Bach von acht Fuß Breite, der wie ein Alpenstrom sich mit dem Geräusch eines Wasserfalles einen Weg durch die Straße und Häuser bahnte und den leichten Sand, auf dem die Langestraße erbaut war, und damit das Fundament von Neidhard's und Hirsch's Hause schon mehrere Fuß tief unterwühlt hatte. Die Straße war unzugänglich, auf beiden Seiten des Wassers standen aber Hunderte von Menschen. Von der Brücke her war man mit Fackeln gekommen, welche das seit vielen Jahren nicht erlebte Schauspiel eines Durchbruchs des Wassers durch die Häuser der Langenstraße mit ihrem düstern schmuzigen Licht beleuchteten. Um sich gegen das Getöse des Wassers verständlich zu machen, schrie nun auch die durch den Wasserstrom getrennte Menge sich einander zu, aber vergebens. Auf diesem Ufer wollte man, daß die am andern Ufer Stehenden nach dem Gartendeiche eilen sollten, um womöglich den Deichbruch zu stopfen, von der andern Seite verlangte man dasselbe von den Diesseitigen. Man schrie und zankte, ohne sich zu verstehen, und ohne das allein Rechte zu thun, nämlich von beiden Seiten nach den Gartendeichen zu eilen und zu versuchen, ob hier eine Stopfung möglich wäre. Lenchen schrie und schrie aus dem Fenster, nicht einer von den Hunderten hörte oder sah sie, denn die Fenster waren unerleuchtet, da Lenchen das Licht in der Pfänderkammer auf der Lade hatte stehen lassen. Aber der Wind war thätig gewesen, er blies durch das jetzt geöffnete Fenster der Putzstube in die Schlafkammer und von da in die Pfänderkammer, die ihre drei Fenster dem Stubenfenster gegenüber im Hofe hatte. Eins dieser Fenster war vor kurzem zerbrochen, und die Hausbesitzerin hatte aus Geiz ein Stück Papier vor den Sprung geklebt. Wie unten das Wasser, so bahnte sich oben der Wind seinen Weg. Nun hing gerade über der Lade, auf welche Lenchen die Zinnlampe gesetzt hatte, eine große Partie Flachs, welche, durch den Zug in Bewegung gesetzt, das Licht berührte und in Brand gerieth. Es bedurfte nur weniger Minuten, während welcher sie von einem der vordern Fenster zum andern sprang und nach Hülfe rief, um die ganze hintere Kammer in Flammen zu setzen. Die alte Jungfer hatte nichts davon gemerkt, da ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Straße gerichtet war, und das Feuer nach hinten, der frühern Brauerei zutrieb. Diese hatte Moses Hirsch gepachtet und seine Korn- und Wollenvorräthe auf den Böden gelagert. Erst als der helle Feuerschein durch ihre Schlafkammer hindurch in die Putzstube drang, ward sie das neue Unglück gewahr und stürzte nun ohnmächtig und besinnungslos in der Schlafkammer vor ihrem Bette zusammen. Die Menge draußen ward starr und stumm, als sie das zweite dem Menschen so freundliche und oft so feindliche Element neben dem Wasser sich durch das Dach des Hinterhauses Bahn brechen sah. An Rettung war gar nicht zu denken, da man von der Brandstätte abgeschnitten war. Dazu fehlten auch die Spritzen. Die sechs Hausväter, welche Hans Dummeier entlassen hatte, um in Eckernhausen nach dem Rechten zu sehen, hatten vergeblich mit dem Kahne einen Landungsplatz an der Brücke bei Dummeier's Wiesen gesucht. Die Brücke war weggerissen, und sie mußten eine halbe Stunde weit westlicher an den Geestsandbergen landen, um an diesen heraufgehend eine zweite Brücke über den Abzugsgraben zu erreichen. Von hier ging der Weg die Heerstraße nach Heustedt entlang wieder nördlich. Als sie den Punkt erreichten, wo der Weg nach Eckernhausen abbog, sahen sie auch die Flammen in Heustedt selbst auflodern und brachten davon die erste Nachricht nach der Brandstätte. Dort konnten die heustedter Spritzen füglich entbehrt werden, und man fuhr zurück. Die Langestraße, die bisher voll dichtgedrängter Menschenhaufen gestanden, hatte sich ziemlich geleert, ein neues Unglück war zu dem alten gekommen, oder vielmehr das anfängliche Unglück hatte sich mit natürlicher Notwendigkeit ausgedehnt. Das Wasser, welches Krische's Garten durchbrach, war zwar in seiner ursprünglichen Hast auf dem geradesten Wege, und wo es am wenigsten Widerstand fand, zwischen den Häusern hindurch auf Neidhard's Haus zugestürzt. Allein es begnügte sich hiermit nicht; nachdem es an einer Stelle eingedrungen war, hatte es das ganze hinter dem Gartendeiche liegende Terrain erobert, d. h. alle Gärten hinter den Häusern auf der Langenstraße. Sie standen in kurzem gänzlich unter Wasser, und bald fing das Wasser an, in die Häuser selbst zu dringen. Dieser Umstand rief nun alles auf die Hofräume der also bedrängten Häuser, um hier zu deichen. Man nahm Stroh und Dünger wo man solchen fand, namentlich von der entgegengesetzten Straßenseite. Nun rasselten die Spritzen heran, es war aber auch die höchste Zeit, denn der Wind, der bisher das Feuer den Hintergebäuden zugetrieben hatte, war nach Westen umgesprungen und trieb das Feuer nach vorn zu. Schon brannte Georg's Vaterhaus an seiner hintern Seite. Die Mannschaft hatte nicht Zeit sich auszuruhen. Der Spritzenmeister, der hier genau Bescheid wußte, zog den Rohrführer der Amtsspritze auf den Boden des väterlichen Hauses und hieß ihm dessen Stallungen, die zu brennen anfingen, solange zu bespritzen wie möglich, indem er selbst dem nach vorn sich ausdehnenden Brande des Neidhard'schen Hauses Einhalt zu thun suchte. Er hielt das Spritzenrohr zu diesem Zwecke in die Schlafkammer Lenchen's, wo diese noch immer bewußtlos am Boden lag. Der Wasserstrahl erweckte sie, und die in ihre Schlafkammer schon hineinzüngelnde Flamme trieb sie in die Putzstube. Hier stieg sie ins Fenster, sich wahnsinnig geberdend, und jetzt sah man von der Straße aus zum ersten mal, daß ein menschliches Wesen noch im Hause sei, da der Feuerschein aus dem hintern Theile des Hauses jetzt auch in die Putzstube fiel und ihre Gestalt hervorhob. Es wurden nun allerlei Rettungsversuche gemacht, aber man konnte mit Leitern nicht ankommen. Als Georg von dem Falle vernahm, ließ er aus der Bodenluke des Hauses Hirsch zwei Leitern nebeneinander zu der Schlafkammer Lenchen's legen und kroch mit dem Schornsteinfeger hinüber, die Rohrführung seinem Vertreter übergebend. Die That war kühn, da es bergab ging, aber sie gelang. Lenchen, die sich noch immer an das vordere Fenster klammerte, und von dem Rettungsversuche, der von der Seite her gemacht ward, nichts gemerkt hatte, erschrak, als die schwarze Gestalt des Schornsteinfegers und die von der Arbeit bei dem Feuer in Eckernhausen kaum minder geschwärzte Georg's im Putzzimmer erschienen. Sie glaubte, es seien lebendige Teufel, sprang mit einem Satze zur Thür hinaus auf die Treppe, ohne zu bedenken, daß diese schon in den untern Stufen hinweggerissen war, und stürzte nun mit den obern haltlosen Stufen in die Flut hinab. Ihre zerschellte Leiche fand man erst am andern Tage an einem Zaune der Gartenstraße angeschwemmt. Auf dem Rückwege in das väterliche Haus wäre der kühne Spritzenmeister beinahe verunglückt; der Schornsteinfeger war vorangekrochen, als Georg die Bodenluke mit der Hand eben fassen konnte, brach die Leiter unter ihm, er faßte das Gesimse des Fensters und schwang sich mit Gefahr auf den Boden, wobei er sich indeß das Knie verletzte. Trotz aller Anstrengungen vernichtete das Feuer den größten Theil des Neidhard'schen wie des frühern Schulz'schen Hauses. Elftes Kapitel. Eine Dorfnovelle aus der Wirklichkeit. Die Bewohner der Oststadt saßen noch acht Tage im Wasser, und aller Verkehr in den Straßen konnte nur durch Kähne bewerkstelligt werden; in der Weststadt war es mit großen Anstrengungen gelungen, den Deichbruch bei Krische's Garten zu stopfen und so die Communication auf der Landstraße herzustellen, wo man vorläufig das Loch, welches das Wasser vor dem Hause der Ertrunkenen in die Straße gerissen hatte, überbrückte. Der Einriß in die Heerstraße, welcher den Spritzen den Weg nach Eckernhausen versperrt hatte, zeigte sich als unbedeutend, und die Straße wurde bald wieder fahrbar gemacht. Hans Dummeier ward am Morgen nach dem Feuer durch den Deichvogt Herold von seinem Posten abgelöst, wie überall frische Deichmannschaft aus andern Dörfern eintrat. Er betrachtete die Ruinen auf seinem Hofe mit kaltem Blicke; hatte er doch schon seit längerer Zeit den Gedanken mit sich herumgetragen, ein neues zu bauen. Sein Eichensünder trug manchen dreihundertjährigen Baum, zu Grundholz, Ständern und Balken wohlgeeignet, und Tannen wie Föhren waren in dem nahen herrschaftlichen Forst nicht theuer. Die Abfindung seiner jüngsten Schwester war am Hochzeitmorgen baar ausbezahlt, er hatte keine Schulden auf seinem Hofe und besaß neben diesem, dank der Aufopferung seiner geliebten Frau, noch eine adelich freie Wiese. Das zum Häuslerhause ausgebaute Backhaus stand leer, dasselbe konnte provisorisch als Wohnhaus benutzt werden. Mit diesem Gedanken nahte er sich seinem Besitzthume, wo er Anne Marie thätig fand, mit Hülfe der Nachbarn und Diensten den Schutt fortzuräumen und dem Vieh ein Unterkommen in den Stallungen zu schaffen. Er umarmte sein braves Weib und sagte ihr Dank für den bewiesenen Muth, den er schon in Heustedt rühmen gehört habe. »Mußt dich vor allem bei der Katharina bedanken«, sagte diese, »ihrer Entschlossenheit und Umsicht allein ist es zu verdanken, daß sämmtliches Rindvieh und die Pferde gerettet sind. Sie hat die schwarzweiße Sterke, die zuhinterst im Hause stand, mit eigener Gefahr ans der Glut gezogen. Sie kann bleiben, wenn sie will.« Hans ging auf Katharinen zu und sagte: »Du hörst, was Mutter sagt, erhältst zu deinem jetzigen Lohne ein Himptsaat Lein, wenn du bleibst, auch werde ich dich bedenken, wenn du dich verheirathest.« Die Magd wurde roth und erwiderte: »Ich danke sehr und bleibe gern.« Hans zog nun seine Frau in das Häuslingshaus, wohin die geretteten Möbeln, die Kasten und Koffer gebracht worden waren, um seine Plane wegen des Neubaues mit ihr zu überlegen. Auch diese, die den Neubau, wie ihr Mann ihn vorschlug, billigte, hatte in der schlaflosen Nacht einen Plan sich ausgedacht, der ein braves Menschenpaar glücklich machen sollte. Sie wußte durch das Gespräch der Leute genug von Schulzens Schicksal. Die Thätigkeit des Spritzenmeisters bei dem Löschen des Feuers, seine Umsicht, dasselbe von der Scheuer abzuhalten, hatte sie mit Achtung und Dankbarkeit erfüllt, denn sie wußte männliche Tüchtigkeit zu schätzen. Nun war vor kurzem der gräfliche Schlagtmeister verstorben; die ausgedehnten Besitzungen an der Weser erheischten aber im Sommer und Herbst eine beständige Ausbesserung der Uferwerke (Schlagten). Der Gehalt eines solchen Schlagtmeisters, unter dessen Aufsicht oft viele Arbeiter schaffen mußten, reichte hin, eine Familie zu ernähren. Dazu fand sich eine freie Wohnung. An den gräflichen Park stieß in der Weserstraße ein kleines Haus mit Garten, der bis zum Weserufer reichte. Dasselbe war bis zum Sommer von einer Korbmacherfamilie bewohnt gewesen, die seit einer langen Reihe von Jahren in nächtlichen Stunden den gräflichen Weidenbusch geplündert hatte. Als die Kinder dieser Familie heranwuchsen, blieb es nicht bei den Weiden: Obst, feine Gemüse und andere Gegenstände verschwanden, trotz alles Aufpassens. Da schlug der Rentmeister eine Radicalcur vor, welche die Gräfin genehmigte. Das Haus wurde der Korbmacherfamilie zu einem sehr hohen Preise abgekauft, unter der Bedingung, daß dieselbe nach einer größern Stadt übersiedelte. Bremen ward mit der Familie Knippling beglückt. Das Haus eignete sich vortrefflich zu einer Dienstwohnung des Schlagtmeisters. Da die Gräfin sich in die Details der Bewirthschaftung nicht einmischte, wahrscheinlich nicht einmal wußte, ob der Schlagtmeister Piepmeier oder Angstmeier hieß, so genügte es, wenn Anne Marie den Haushofmeister und den Rentmeister für ihren Plan gewann, und das sollte ihr nicht schwer werden, hoffte sie. Als sie wieder im Schlosse eintraf, fand sie die günstigste Stimmung für ihren Plan. Georg's kühne That, zur Rettung Lenchen's auf einer zerbrechlichen Leiter aus dem Dachfenster des Moses Hirsch in das brennende Haus der Feindin zu dringen, unter sich die schäumenden Wasserwogen, über sich das jeden Augenblick den Einsturz drohende Haus, war in aller Munde. Ein förmlicher Umschwung der öffentlichen Meinung war eingetreten. Bisher hatte man des Drechslers und seiner Familie Schicksal höchstens mit einem Achselzucken und gewissen Redensarten als: er hat es ja nicht anders haben wollen, warum führt er solche Processe u. dgl., beurtheilt. Die vornehmen Damen hatten die schöne Mainzerin, seitdem sie nicht mehr Kleider und Putz für sie verfertigte, vergessen, vergessen auch, daß sie selbst zu dem Processe gegen die Schneiderzunft aufgereizt hatten. Jetzt schien das schreckliche Ende der Brauerstochter, in dem man den Finger Gottes erkennen wollte, die Wahrheit gleichsam erst an den Tag zu bringen. Die Horndrechsler wie die Schneider behaupteten, von Lenchen aufgehetzt zu sein. Der Spritzenmeister war der Held des Tages. Die alte Gönnerin Mariens, die Baronin von Bardenfleth, gab einen Kaffee, zu welchem viele Damen in Kähnen befördert werden mußten. Da wurde denn durch ihre Leibadvocatin, das Fräulein Puvogel, die Unglücksgeschichte der Familie Schulz ausführlich erzählt, sodaß des Mitleids und Bedauerns kein Ende war und das Kind Adele laut zu schluchzen anfing. Die Landräthin von Vogelsang aber war die erste, welche den Ideengang der Gesellschaft auf eine thätige Hülfleistung zu lenken suchte. Hier nun war es die Forstschreiberin, welche das Wort ergriff, der talentvollen Schulz'schen Knaben erwähnte und es als eine Hauptwohlthat, die man den Aeltern erweisen könne, hervorhob, wenn den beiden Knaben Freistellen in der Rectorschule verschafft würden. Sowol die Bürgermeisterin wie die Rectorin, die gegenwärtig waren, versprachen, sofort ihre Männer dahin zu bestimmen, die Oberhauptmännin gab die Versicherung, daß das Amt sich gleichfalls der Sache annehmen werde. Die Landräthin von Vogelsang versprach, durch ihren Mann von der Landschaft eine besondere Prämie dafür auszuwirken, daß Schulz trotz des durch den Deichbruch sich ihm entgegenthürmenden Hindernisses bei dem Feuer in Eckernhausen mit seiner Spritze zuerst zur Stelle gewesen sei, und, setzte Fräulein Bardeleben hinzu mit einem spitzen Blick auf die Oberhauptmännin von Schlump und die Amtsschreiberin Motz, »die Veranlassung gewesen ist, daß die Amtsspritze, welche schon umgekehrt war, sich auch durch das Wasser wagte«. Jede der Damen sann nun darüber nach, wie der Familie Schulz wieder aufzuhelfen sei, und that das Ihrige, den Glorienschein über das Haupt der bis dahin von allen verlassenen strahlender zu färben. Indeß war Anne Marie nicht müßig gewesen. Ihre Empfehlungen hatten Gehör gefunden, – der Rentmeister ließ Georg kommen und engagirte ihn nach kurzer Besprechung gegen einen fixen Gehalt von 150 Thalern und freie Wohnung zum Schlagtmeister. Allerlei Reparaturen im Schloß, Park und den Wirthschaftsgebäuden, die derselbe vermöge seiner Kunstfertigkeit sonst beschaffe, namentlich im Winter, sollten ihm besonders vergütet werden. Nichts hätte diesem erwünschter sein können, denn er haßte seine jetzige Wohnung, die er schlechtweg als Spittelhaus zu bezeichnen pflegte, da er sie mehr für ein Almosen denn für eine Entschädigung für das Amt eines Spritzenmeisters ansah. Das sei allenthalben ein Ehrenamt, sagte er, das durch die Zugabe der Spittelwohnung nur geschändet werde. Er sah die neue Anstellung als Beginn eines neuen Lebens an und lobte den Zufall, der ihn unter Anweisung des Deichvogts Herald schon seit Jahren die Schlagten des Essigbrauers hatte herstellen lassen. Und wie groß war nun erst die Ueberraschung und Freude seiner Frau! Kam sie doch aus dem für die Gesittung der Kinder so gefährlichen Winkel und in die nächste Nähe der Rectorschule. Die beiden Knaben machten hohe Freudensprünge, als sie erfuhren, man ziehe in die Oststadt, dem Freunde Karl ganz nahe. Es war eine Wonne und Seligkeit, in der die Familie schwamm. Nun traf nach wenigen Tagen von dem Magistrat ein Schreiben ein, worin den beiden Schulz'schen Knaben Freistellen in der Rectorschule gewährt wurden, und der Ausschuß der Provinziallandschaft gab eine Belohnung von 50 Thalern für die erste und außerordentliche Hülfe bei dem Feuer. Das war ein so plötzlicher, so großer Glückswechsel, daß Georg behauptete, er müsse sich erst besinnen, ob denn das alles kein Traum sei. Marie lebte wirklich im Traume, sie war zu glücklich, sie blühte von neuem auf wie eine volle Rose, die im Glase kein frisches Wasser bekommen, wenn sie solches plötzlich erhält. Die Zeit bis zum April, wo man ausziehen konnte, dauerte eine Ewigkeit, und das Spittelhaus wurde der gesammten Familie täglich verhaßter. Nur Eine Person grämte sich, daß Schulzens die Wohnung verließen, und weinte bittere Thränen, das war die schwarze Marthe, die sich in die Oststadt nicht hineinwagte und die ihren blonden Heinrich daher fortan wol wenig zu Gesicht bekam. Welche neue Ueberraschung stand der von so viel Glück begünstigten Familie nun aber bevor, als man Anfang April bei warmem Sonnenschein auszuziehen anfing, und die Jungen ihren Arbeitstisch, ihre Bücher, Mappen und sonstige ihnen zugehörige Wertsachen, wie die Schlittschuhe, ein Reißbret, früh morgens vorantrugen. Anne Marie hatte den Eingang des Hauses mit Tannen schmücken lassen und die Wohnung war völlig eingerichtet, alle Stuben mit den nöthigen neuen Möbeln versehen; in einem Erkerzimmer fand sich ein Schreibtisch für die Knaben mit sämmtlichen Büchern, die man in der Rectorschule brauchte. Außerdem waren Vorräthe von Weizen, Korn, Kartoffeln, Hafergrütze in Küche und Keller niedergelegt. Frau Landräthin und Baronin von Bardenfleth hatten dies in ihrem Kreise veranstaltet und zusammengebracht. Im Stalle aber stand eine schwarzweiße Kuh, keine der schlechtesten, die Katharina aus dem Hause Dummeier's gerettet hatte. Man war wie im Himmel. Die bisherigen Möbel wanderten zum Theil auf den Boden, zum Theil wurden sie verschenkt an arme Nachbarn in Klein-Paris. Nur seine Drechslerwerkstätte schlug Georg wieder auf. Das Putzzimmer der Frau war schöner als das im frühern eigenen Hause, und mitten an der Wand hing ein großer werthvoller Kupferstich, die Sixtinische Madonna von Rafael, ein Beitrag des Fräulein Spitznas, welche den Kunstwerth des Stiches wol kaum kannte. Die Mainzerin sank, als sie allein war, vor der Gnadenreichen auf die Knie, denn sie war es doch allein, welche das alles beschert, sie hatte es also nicht übel genommen, daß Marie einen Protestanten geheirathet, daß ihre Kinder protestantisch erzogen wurden, sie hatte sie nicht von sich gestoßen und verflucht, sie sah so milde und gütig zu ihr herab. Die beglückte Frau plapperte nicht ein Gebet aus ihrem Gebetbuche, sie sprach Worte des innigsten Dankes und der Verehrung, die ihr tief aus dem Herzen kamen. Wie schmeckte das erste Mittagsessen! Es war das bekannte rheinische, die langvermißten Kapuzinerklösel, das Marie an dem neuen Herde bereitet; und wie jauchzten die Kinder, es waren ihrer jetzt fünf, auf, als nach beendigter Mahlzeit ein gräflicher Bedienter die Thür öffnete und Comtesse Olga und Anna einen von der Mutter selbst gebackenen Kuchen überbrachten. Marie, welche die beiden schönen Kinder noch nicht gesehen, konnte sie nicht genug abherzen und küssen, die etwas jüngern eigenen Mädchen zogen sich scheu zurück vor dem reizend gekleideten Paare. Die Comteß selbst war still, sie schaute sich wie verwundert um in dem kleinen Zimmer, sie hatte noch nie ein so kleines Zimmer gesehen, und es fiel ihr auf, daß so viele Menschen in einem so kleinen Hause und Zimmer wohnen konnten. Anna fing keck und muthig mit Friedrich und Heinrich ein Gespräch an, lud sie ein, in den Park zu kommen und ihre Pferde zu sein. Das grundverschiedene Wesen der kleinen Mädchen offenbarte sich schon früh in ihrem Aeußern wie Innern. Die Comteß Olga war einen halben Kopf größer als Anna, schlank, eckig, blaß, mit großen dunkelgrauen Augen, langen schwarzen Augenwimpern und langem schwarzem, in einem Goldnetze getragenem Haare. Sie war ernst und still und schien schon als sechsjähriges Kind innerlich zu leben. Anna zeigte runde Formen, ihr Gesicht, von dicken, krausen, goldigen Locken eingerahmt, blühte wie eine Rose, mit allerliebsten Grübchen in beiden Wangen und Kinn. Ihre Augen waren blau und bei weitem kleiner als die Olga's, dagegen strahlten sie beständig Lust, Freude, Freundlichkeit aus. Ein liebliches Lächeln verklärte beim Verkehr mit andern das süße Kindergesicht, sodaß selbst der alte Haushofmeister sein »Wonnepock« nicht an sich vorbeigehen oder vielmehr tanzen lassen konnte, denn sein Gang war ein Tanz, ohne es emporzuheben und zu küssen. Anna war der Liebling des ganzen Schlosses. Die Comteß Olga hing mit schwärmerischer Liebe und Hingebung an ihrer Amme, liebte sie wie eine Mutter und überhäufte sie mit Zärtlichkeiten; gegen alle übrigen Schloßbewohner war sie zurückhaltend. Anna schien sich weniger aus der Mutter zu machen, die ihr zu viel befahl, zuviel verbot, sie war dagegen freundlich und einschmeichelnd gegen Fremde. Namentlich hatte sie gewußt, sich bei der gnädigsten Gräfin selbst, einer Kinderfeindin, einzuschmeicheln, vor der Olga eine wahre Scheu zu haben schien. So kamen die Ostertage heran, die gegen Ende April fielen. Hans war öfter in der Stadt, um sich mit Zimmer- und Mauermeister zu besprechen. Während er bisher immer gedrängt hatte, Anne Marie sollte das Schloß verlassen, suchte er sie jetzt zu überzeugen, daß es besser sei, sie warte mit dem Umzuge, bis das neue Haus eingerichtet sei, und halte ihre Wochen in der Ruhe und den behaglichen Einrichtungen des Schlosses, als in den beschränkten und dumpfen Räumen des Leibzuchthauses. »Du bist jetzt bald sechs Jahre vom Hause entfernt und im Schlosse gewesen; hast du das über das Herz bringen können, so kannst du auch noch ein halbes Jahr dort bleiben, bis ich dir eine würdigere Stelle zur Aufnahme vorbereitet, als das Leibzuchthaus ist. Wie willst du, die seit Jahren an Pracht und Glanz und an Bequemlichkeit Gewöhnte, in der dunkeln Stube, der unheizbaren Kammer die Tage zubringen? Wie soll ich dir Pflege und Bequemlichkeit schaffen, da die Schwester mir fehlt? Kann unser Anerbe nicht ebenso gut im Schlosse geboren werden, als in schlechter Leibzuchtswohnung?« Das alles wurde natürlich platt und daher viel eindringlicher gesprochen, als wir es zu übersetzen vermögen. Anne Marie beharrte aber bei ihrem Willen. Ein unbestimmtes Gefühl, die Ahnung eines Unglücks quälte sie. »Ich habe keine Ruh' und keine Rast mehr im Schloß, ich bin bei Tage und bei Nacht daheim und müßte ich in der Scheune gebären, ich komme nach Hause, sobald die Base der Gräfin, welche die Aufsicht über die Kinder künftig führen soll, eingetroffen ist.« Wäre es nicht zweifellos gewesen, daß Anne Marie seit Wochen Eckernhausen nicht gesehen und daß sie auch von dort keinen Besuch empfangen hatte, so hätte man glauben sollen, der alte Eifersuchtsteufel wäre über sie gekommen. Denn allerdings spukten in Eckernhausen seit kurzer Zeit allerlei bedenkliche Gerüchte. Die Katharina, hieß es, bringe die Nacht nur sehr kurze Zeit in der Scheune zu und wisse sich im Leibzuchthause besser zu betten. Freilich ging das Gerede von einem verschmähten Liebhaber, dem schiefbeinigen Kkeinknecht des Nachbarn Heinrich Niebour, aus, allein unzweifelhaft war, daß dieser schon viele Nächte seit dem Brande in Dummeier's Hofstelle herumschlich und spionirte. Um bei der Katharina einzusteigen, wie es Landessitte und Gewohnheit war, geschah das nicht, sie hatte ihn, als das alte Haus noch stand und er eines Abends vor das Fenster kam und um Einlaß bat, beim Oeffnen des Fensters so heftig zurückgestoßen, daß er vom Dache des Schweinestalls, auf dem er stand, zur Erde gefallen war. Die Base der Gräfin blieb länger, als sie sollte, sie kam erst Anfang Mai, als sämmtliche Storchnester in Eckernhausen von ihren Bewohnern schon eingenommen waren. Nur das Storchenpaar, das auf Dummeier's Hause seit länger als zwei Jahrhunderten gehaust, oder die Rechtsnachfolger desselben, hatten ihr altes Nest nicht mehr gefunden und sich nach Heustedt gewandt, um sich hier auf dem Marstalle ein neues Nest zu bauen. Wenigstens glaubte Anne Marie ihren Storch und ihre Störchin zu erkennen, und Hans bestätigte das und erklärte es für einen Fingerzeig Gottes, daß Anne Marie im Schlosse die Niederkunft erwarten solle. Die Base war eine alte ledig gebliebene Dame aus dem Geschlechte der Meisenburg, die bisher bei rohen Neffen auf einem alten zerfallenen und verschuldeten Rittersitze in Oberhessen ein kümmerliches Dasein gefristet. Sie hatte ihren Beruf als Weib verfehlt, obgleich sie mehr als andere Bedürfniß und Verlangen gefühlt hatte, ihn zu erfüllen. Sie hatte in ihrer Jugend die Welt, d. h. Paris und Versailles gesehen, als sie ihren Vater auf einer Mission nach Frankreich begleitete. Diese Mission hatte aber den Ruin des Vaters und seinen frühen Tod herbeigezogen. Die Lehngüter fielen an einen jüngern verheirateten Bruder des Vaters, das Allod war überschuldet, und so blieb der Jungfrau nur eine dürftige Apanage auf der Meisenburg. Sie hatte seit Jahren ein Leben ohne andern Inhalt als die Rückerinnerung an Paris und Versailles geführt und sich äußerlich damit beschäftigt, Flickendecken zu nähen und zur Erholung in französischen, zum Theil höchst leichtfertigen Romanen zu lesen, von welchen der Vater selig eine zahlreichere Sammlung hinterlassen hatte als von werthvollern Dingen. Die Gräfin hatte ihr ein gutes Gehalt und eine lebenslängliche Pension zugesichert und ihr ansehnliches Reisegeld geschickt. Letzteres hatte Tante Hulda, wie die Kinder sie nannten, zum Theil dazu verwendet, einem längstersehnten Ideal Wirklichkeit zu schaffen, wenigstens den Stoff zu künftiger Verwirklichung. Sie hatte sich bisher begnügen müssen, ihre Flickendecken aus Kattunresten zusammenzunähen. Eine seidene Steppdecke war seit Jahren ihr Lieblingstraum, das Ideal, nach welchem sie strebte. Bei der Durchreise durch Kassel hatte sie zwei Tage daran gewendet, bei sämmtlichen Schnittwaarenhändlern seidene Zeugreste aufzukaufen, ja sie hatte Schneiderinnen bis in den vierten Stock aufgesucht, um auch da ihrer Sehnsucht Befriedigung zu verschaffen. Auch während eines mehrtägigen Aufenthalts in Hannover benutzte sie jeden Morgen, während die Excellenz noch schlief, um in den Läden der Stadt nach seidenen Flicken herumzuwandern. Als die Kammerfrau der Gnädigsten zufällig von dieser Marotte erfuhr, fand sich in den Vorräthen Melusinens noch von England her eine so reiche Beihülfe kostbarer seidener Stoffe, daß Tante Hulda ganz überglücklich nach Heustedt abfuhr, sie hatte jetzt Arbeit für mehrere Jahre. In Heustedt angekommen, nur mit den nothwendigsten, zum Theil altmodischsten Kleidungsstücken, einem Koffer voll französischer Romane, zwei Säcken voll Seidenresten, wußte sie, an den Mangel des Nothwendigen gewöhnt, sich nicht in den Ueberfluß des Nothwendigen und Nichtnothwendigen zu finden. Sie hatte an eine Kinderstube gedacht, in der sie seidene Steppdecken nähen und Romane lesen könne, nun wußte sie mit drei Zimmern, die ihr zum eigenen Gebrauche angewiesen waren, nichts zu beginnen. Ihr, die sich seit Jahren immer selbst bedient, war eine eigene Magd zur Bedienung gegeben, und auch außerdem hatte sie zahlreichen Dienern zu befehlen. Eins schmerzte sie zwar tief, die Gräfin hatte es zur unumstößlichen Bedingung gemacht, daß sie keinerlei Umgang mit den Bewohnern von Heustedt pflege, keine Einladung zu Kaffee oder Thee, komme sie von wem sie wolle, annehme, keine Visiten mache, auch keine Visiten annehme. Gegen die Kinder war sie liebevoll, aber unbehülflich und ungeschickt, Anna wußte nach dem ersten Tage ihren Willen ihr gegenüber geltend zu machen, und gegen die Comteß bezeugte sie grenzenlose Ehrerbietung. Anne Marie erklärte, nur noch so lange bleiben zu wollen, bis die neue Pflegemutter der Kinder in deren Lebensweise und Bedürfnisse eingeweiht sei. Sie hatte kurz nach dem Feuer doch Reue darüber gefühlt, selbst die Veranlassung gewesen zu sein, daß Katharina auf dem Hofe bleibe, während sie doch die Lisette vom Schlosse schon als Großmagd gemiethet hatte. Sie schrieb deshalb dem Manne, er möge ein Opfer nicht scheuen, der Katharina Lohn und Kostgeld bis Michaelis geben und sie entlassen, damit es zwischen ihr und der Lisette keinen Streit gebe. Sie blieb aber ohne Antwort. Anne Marie fing nun an, ihre Sachen zu packen und theilweise nach Eckernhausen vorauszusenden. Als die erste Sendung dort ankam, gab es eine Scene zwischen Hans und Katharina. Diese war die fünfte Tochter eines Vollmeiers im benachbarten Dorfe, aber eines stark verschuldeten. Als der Vater sich von der Wirtschaft»abthat«, sich bei lebendigem Leibe für todt erklärte in Beziehung auf sein Vermögen und sich auf die Leibzucht setzte, war ermittelt worden, daß den Geschwistern des Anerben eigentlich gar kein Erbtheil, gar keine Abfindung zukomme; weil die Schulden des Vaters den Werth des sogenannten freien Allodialvermögens überstiegen. Die allergnädigste Gutsherrschaft hatte aber nichts dabei zu erinnern, daß der Anerbe sich freiwillig erbot, den Schwestern je hundert Thaler, ein Bett, eine Kuh und ein Ehrenkleid zum Brautmorgen auszusetzen. So kam es. daß Katharina, obgleich eine berühmte Bauerschönheit, von ihren Standesgenossen doch nicht zum Weibe erkoren wurde. Groß und kräftig, mit einer im Bauernstande seltenen Eigenschaft, einer Taille, welche eine vollendete Büste hervorhob, mit vollem, kräftigem Gesicht, üppigen Lippen, brünettem dichtem Haar, herrlichen Zähnen und feurigen dunkeln Augen, war sie die gesuchteste Tänzerin und hätte der Liebhaber viele haben können, aber ihr stolzer Sinn und ihr strenger Blick scheuchten jeden unebenbürtigen Knecht aus ihrer Nähe. Hatte sie doch selbst dem schönen Johann, dem Wachtmeister bei den Husaren, der ein Köthnersohn aus ihrem Dorfe war, bei der letzten Kirmes nur nach vielen Bemühungen einen Tanz gewährt und ihm die Bitte, vor ihr Fenster kommen zu dürfen, entschieden abgeschlagen. Ihr heißes Blut und ihr Stolz hatten manchen harten Kampf miteinander gekämpft, aber der Stolz hatte bisher noch immer gesiegt. Seit einem Jahre diente sie jetzt als Großmagd bei Hans Dummeier und sah bald in ihm das Ideal eines Mannes, wie sie ihn sich wünschte. Die Würde, die Kälte und Gemessenheit, Energie und Ausdauer, mit der Hans alles that, imponirten ihr. Die Ordnung im Hause, die Ruhe und Stille, mit der alle Anordnungen gegeben und befolgt wurden, waren ihr etwas ganz Neues. Sie, die Herrschsüchte, hatte mit Vater und Bruder in beständigem Hader gelegen, sie hatte selten einen Befehl angehört, ohne zu widersprechen, und ihren Willen stets auf die eine oder die andere Weise durchzusetzen gewußt. Hans hatte sie noch nie zu widersprechen gewagt, sie hatte noch nie etwas besser wissen wollen als er. Katharina war nach kurzer Zeit »weg in Hans«, wie man in Eckernhausen sich auszudrücken pflegte, sie war über beide Ohren verliebt. Nun heißt verliebt sein auf dem Lande, hieß verliebt sein in jener Zeit ziemlich überall etwas ganz anderes als sentimentales Schmachten, wie es seit Werther Mode geworden. Die Lebensanschauungen in Beziehung auf geschlechtliches Leben trugen in der Gegend, von der wir reden, ja überall im nördlichen Deutschland, noch immer einen gewissen heidnischen Charakter, das Christenthum hatte in die Naturursprünglichkeit kein geistiges Element getragen. Daß junge unverheiratete Leute, daß Knechte und Mägde geschlechtlichen Umgang pflegten, gehörte zum Leben, niemand sah darin das geringste Böse, und ein Mädchen, das außerehelich geboren hatte, bekam darum doch einen Mann, wenn sie nur Geld genug hatte, oder für das Kind gut gesorgt wurde. War man verheirathet, so wurde auf eheliche Treue gehalten, weniger aus höhern sittlichen Motiven, als um die Reinheit der Familien zu bewahren. So war es wenigstens bei den eigentlichen Meierfamilien. Die Zeit, wo der Gutsherr, wenn auch nicht gesetzlich, das jus primae noctis ausübte, und factisch allmächtig war, indem es bei ihm stand, den Töchtern vor den Söhnen den Hof und damit einen Bräutigam zu geben, war kaum sechzig Jahre verschwunden. Erst seit 1720 bestand das Anerbenrecht, jenes Recht, wonach der Bauer nur Ein Kind als Erben hatte, den Anerben, jenes Recht, das den Söhnen vor den Töchtern, dem ältern vor dem jüngern und unter Töchtern der ältesten die Nachfolge im Hofe sicherte. Wir würden glauben, daß diese gutsherrliche Gerechtsame viel dazu beigetragen hätte, jenen laxern Sitten Eingang zu verschaffen, eingedenk der Worte Valentin's im »Faust«, wenn wir nicht in den freien bremischen Marschen, in den freien oldenburgischen und friesischen Marschen ganz die gleiche Erscheinung fänden. Das, was der Romantiker Schlegel in seiner »Lucinde«, was das Junge Deutschland in seiner ersten Epoche, Gutzkow namentlich in seiner »Wally« dem Christenthume und der modernen Gesittung gegenüber als ein Recht des Fleisches vindiciren, das besaßen und besitzen jene Stämme noch heute als ein heidnisches Naturrecht, gegen welches die Kirche (für doppelte Zahlung bei Kindtaufen u. s. w.) christliche Milde übt und die Augen zudrückt. Der begüterte Bauer ist stolz auf sein Geschlecht und seinen durch Jahrhunderte auf ihn vererbten Hof, aber seine Sorgfalt hinsichtlich der Kinder erstreckt sich nur auf den Anerben oder die Anerbin. Die übrigen Kinder mögen zusehen, wo sie bleiben; ein Unterkommen gegen Arbeit, oder in kranken Tagen, auch ohne solche, muß ihnen die Wehre des Hofes gewähren. Der Anerbe oder die Anerbin darf nur standesgemäß heirathen. Bei dem Anerben sucht man dem Umgange mit gewöhnlichen weiblichen »Diensten« vorzubeugen, damit eine Liebschaft mit einer solchen nicht etwa störend einwirke, man sucht von früh an die Neigung auf die begüterte Tochter eines »Freundes«, d. i. eines Verwandten, zu lenken, oder gibt den Sohn auch wol als Knecht in das Haus eines Goldtöchtermannes, wo die Sache sich dann von selbst macht. Die Erbtochter wird gleichfalls vor dem Umgange mit gewöhnlichen Knechten gehütet, man sucht einen Anerben für sie aus, und findet der sich in der Freundschaft nicht, einen zweiten oder dritten Sohn, der eine gute Abfindung erhält. Dieser wird als Knecht auf den Hof genommen, die Gelegenheit ist gegeben, und wenn nicht besondere persönliche Abneigung stattfindet, geht die Sache nach Wunsch. Mit den übrigen Kindern wird es so genau nicht genommen. Da in den niedersächsischen Bauerhäusern zunächst immer Bedacht auf das Wohlergehen des Viehes genommen wird, so bleibt für die Wohnung der Menschen nur wenig Raum, und es gehörte damals und gehört noch jetzt zu dem Gewöhnlichen, daß Haustöchter in den Kammern der Mägde schlafen, mit ihnen häufig in demselben Bette. Die Mägde werden aber des Nachts von den Knechten besucht; sollten durch den Hausvater Schwierigkeiten entgegengesetzt werden, so geschieht es erst recht. Wir dürfen uns Schönmalereien von idyllischer Unschuld nicht hingeben, wollen wir der Wahrheit nicht ins Gesicht schlagen. Katharina hatte sich also in Hans verliebt und nichts unterlassen, wodurch sie ihn verstricken konnte. Sie hatte ihm alle kleinen Gewohnheiten und Bedürfnisse abgelauscht und suchte dieselben, wie nur eine liebende Frau es thun kann, zu befriedigen. Sie sah ihn oft zärtlich an und beklagte ihn, daß er in seinen besten Jahren als Witwer leben müsse, weil es seiner Frau im gräflichen Schlosse besser gefalle als in Eckernhausen. Aber der Bauer wurde barsch, so oft sie dieses Thema anschlug. Je zurückhaltender Hans in seinem Wesen gegen sie wurde, je mehr dachte sie darüber nach, wie sie seine Liebe erwerben, seine Frau verdrängen, sich selbst an ihre Stelle setzen könne. Sie wußte nicht, daß diese Hoffnung hegte, ihren Hans mit einem Anerben zu beglücken. Sie hielt sich zu diesem Liebhaben berechtigt, entschuldigte dasselbe bei sich wenigstens damit, daß Anne Marie ihren Mann unmöglich liebe, wenigstens nicht so liebe, als dieser es verdiene, denn sonst könne sie ihn ja unmöglich schnöden Gewinnes halber sechs Jahre verlassen, seine Nächte einsam haben zubringen lassen. Sie haßte diese Anne Marie. Als der Hofwirth ihr nun an einem Tage, da er seine Frau im Schlosse besucht hatte, ankündigte, sie habe Ostern den Dienst zu verlassen, da seine Frau zurückkomme, werde aber Lohn und Kostgeld bis Michaelis erhalten, kochte es in ihr. Sie hätte die Nebenbuhlerin vergiften können. Hätte es Hexen gegeben, die Liebestränke brauten, ihr Seelenheil wäre ihr für einen Trank feil gewesen, der Hans in Liebe zu ihr entflammt hätte. Da Worte und Blicke nichts vermocht hatten, suchte sie jetzt auf die Sinne des Hausherrn einzuwirken. Wo sie Gelegenheit fand, und sie fand sich bei jeder Arbeit, welche sie in Gegenwart von Hans Dummeier und in Abwesenheit anderer vornahm, kokettirte sie bald mit den vollen runden Waden, bald mit Hals und Busen, mit der schlanken Taille und ihrem schönen Wuchse, welche den der rundlichen, durch das Wohlleben im Schlosse etwas fett gewordenen Anne Marie bei weitem übertraf. Hans Dummeier hatte schon längst gefühlt, daß die Magd ihm gefährlich würde, allein stete Arbeit und der ihn fortwährend beschäftigende Gedanke, wie er seine Güter mehre und bessere, ließen ihm keine Zeit, sich müßigen Phantasiegebilden hinzugeben. Jetzt erschien ihm aber ohne seinen Willen Katharina in verführerischer Gestalt im Traume. Da kam die Ueberschwemmung und das Feuer. Es war ihm lieb, daß seine Frau selbst Veranlassung gab, Katharina im Dienst zu behalten. Er hätte sie ungern vermißt, nicht nur ihrer enormen Arbeitskraft wegen, sondern weil er sich an sie gewöhnt hatte, weil es ihn mit einem gewissen Wohlbehagen erfüllte, die stattliche Figur um sich zu haben, und weil er wohl merkte, daß Katharina ihn liebe. Welcher Mann bleibt gleichgültig, wenn er sich geliebt weiß von einem schönen Weibe? Das Leibzuchthaus, das Hans bewohnte, enthielt außer dem Feuerraum, wo der Backofen und Herd stand, nur noch zwei Zimmer. In das Zimmer links, mit einer kleinen Butze, waren die eichenen, mit Holzschnitzereien verzierten Kisten, die sich seit mehr als einem Jahrhundert als Eingebrachtes der Frauen gesammelt, wohlgefüllt mit Leinen und Drell, Silber und Goldschmuck, gerettet worden, auch Betten und Hausgeräth war hier aufgestapelt. Rechts befand sich die von Hans bewohnte Stube. In der Nähe des riesigen eisernen Ofens waren zwei Schlafstätten übereinander, wie Schiffskojen in die Wand eingefügt, nur breiter und tiefer als solche. Man konnte sich hier recht wohl umdrehen, auch zur Noth selbander schlafen. Hier nahmen jetzt Herr und Gesinde früh am Morgen gemeinsam die Mehl- oder Biersuppe ein. Kaffee war auf dem Lande noch sehr unbekannt, höchstens wurde das geheime Lieblingsgetränk einiger vorgeschrittenen Hofwirthinnen im engsten Kreise derselben genossen. Hier aßen Herr und Knecht, Frau und Magd mittags und abends aus einem Napfe. Brot und Butter nahm jeder nach Belieben. Hier schlief jetzt Hans und bewachte das Seine. Die Knechte schliefen in dem unverletzt gebliebenen Pferdestalle; die Klein- und Viehmägde waren bei dem Nachbar Niebour untergebracht, Katharina aber in die Scheune einquartiert; man hatte ihr über den unten eingestellten Kühen und Rindern einen Verschlag zurechtgemacht, zu dem sie auf einer Leiter steigen mußte, und der statt Fensters nur eine mit einer Klappe versehene Luke hatte, durch die sie kaum den Kopf herausstecken konnte. Aber sie that dies in den schlaflosen Nächten des Märzes oft, um nach dem Leibzuchthause hinüberzusehen, wo der Bauer schlief. Bei dieser Gelegenheit sah sie den Nachbarsknecht um den Speicher schleichen, als ob er nochmals wagen wollte, zu ihr hinaufzudringen. Sie hätte ihn die Leiter hinab und unter die Kühe geworfen, wenn er das gethan. Aber es kam ihr ein Gedanke. Sie erzählte am andern Tage dem Herrn, sie habe in der Nacht einen verdächtigen Mann um die Scheune schleichen sehen, sie wolle in nächster Nacht mit dem Herrn im Leibzuchthause wachen, um den Dieb, oder vielleicht gar Feueranleger zu fangen. Hans ging unbefangen darauf ein, Katharina setzte sich bei der Thranlampe auf den Feuerplatz, um zu spinnen, Hans legte sich angekleidet in seine Koje, um bei der Hand zu sein. Katharina lauschte von Zeit zu Zeit durch die Fenster der Stube links und weckte um elf Uhr den Herrn, weil der Verdächtige sich zeigte. Auch der Hofhund, der vor dem Leibzuchthause lag, schlug an, beruhigte sich aber bald wieder. Hans und Katharina schlichen auf den Hof und sahen den Knecht, der sich gegen Kälte und Unwetter stark vermummt hatte, um die Scheune schleichen; der Hofhund wurde in aller Stille losgelassen, als er aber bellend fortsprang, entsprang auch der Vermummte durch eine bei dem Feuer durch die Spritzen in den Zaun gebrochene, noch nicht reparirte Stelle, und war nicht mehr aufzufinden. Katharina erklärte, daß sie in dieser Nacht in der Scheune zu bleiben sich fürchte, und bat den Herrn, ihr zu erlauben Feuer anzumachen und vor dem Herde, bis es zum Dreschen gehe, für sich zu spinnen und zu wachen. Hans hatte keinen Grund, dem zu wehren, war es doch auch möglich, daß der Dieb zurückkehrte. »Wecke mich, wenn du Unrath merkst«, sagte Hans und zog sich in seine Koje zurück. Geweckt muß denn Katharina den Herrn auch haben, aber Unrath gemerkt hat sie nicht, denn der Aufpasser hörte nach einer Stunde, vor der Schlafstube des Herrn lauschend, Katharina heiße laute Liebesworte – sprechen, dem Sinne nach, wenn auch nicht so zart ausgedrückt: »Ich bin deine Magd, mach' mit mir, was du willst, aber verstoß mich nicht, laß mich in deinen Armen ruhen«, und glaubte bald darauf auch Küsse zu vernehmen. Katharina hatte Hans im Sturm erobert, von dieser Nacht an war sie nicht mehr Magd, sondern Herrin, das Schuldbewußtsein machte Hans zu ihrem Sklaven. Als der Wagen mit den Betten und sonstigen Siebensachen Anne Mariens nach Eckernhausen kam, denn sie hatte auch im Schlosse darauf bestanden, im eigenen Bette zu schlafen, ermannte sich Hans zu dem männlichen Entschlusse, die Fesseln abzustreifen, welche Katharina ihm angelegt. Er rief sie von der Arbeit in die Dönze des Leibzuchthauses, hieß sie die Stube linker Hand ausräumen und zur Schlafstätte für seine Frau zurechtmachen. Dann legte er einen Beutel mit verschiedenen Goldstücken auf den Tisch, zählte daneben den Lohn Katharinens in blanken Kassengulden und rief sie in die Dönze. »Katharina, ich wiederhole dir, es ist die höchste Zeit, daß du gehst; ich werde dich nie verlassen, hier dein Lohn, hier zum Unterhalte für dich und das Kind auf vorläufig zwei Jahre. Geh, ich bitte dich, noch heute, geh im Guten, geh möglich weit von hier oder in eine große Stadt, nach Hannover, nach Bremen, um unsern Fehltritt vor den Augen der Welt, vor den Augen Anne Mariens zu verbergen.« Sie stieß das Geld heftig zurück: »Ich gehe nicht, ich bleibe. Ist das Kind, das ich unter dem Herzen trage, nicht so gut dein Kind wie das, was Anne Marie gebären will? Ich werde dem Pastor den Vater des Kindes nicht nennen, aber ich werde mich nicht verbergen, nicht fliehen. Ist es das erste Jungfernkind, das in Eckernhausen geboren wird? – Wenn ich flöhe, würden die Leute erst recht sagen, daß das Kind dir gehöre. Ich kann dich nicht lassen, ich muß dich in meiner Nähe wissen, muß dich sehen, küssen, umarmen können. Ich habe dich lieber wie deine Anne Marie, die dich sechs Jahre verlassen hat, um in der Stadt, bei dem adelichen Volke, wohlzuleben, die dein und ihr Kind so wenig liebt, daß sie es auf dem Schlosse unter Fremden läßt, wo es zum Affen herangezogen wird. Ich kann dich nicht lassen und lasse dich nicht.« Man stritt noch lange hin und her, aber Katharina blieb Siegerin; sie hatte wenigstens das letzte Wort und sie rührte das Geld nicht an. Hans aber kämpfte einen harten Kampf mit seinen Sinnen an diesem Abend und in dieser Nacht. Die verliebte Magd fand das Leibzuchthaus verschlossen und keine Bitten, kein Flehen bewogen Hans, es zu öffnen. Hans wußte sich unschuldiger, als es den Schein hatte. Er war überrumpelt, verführt, bestrickt worden. Katharina war schöner als seine Anne Marie, sie war bei weitem lebhafter, alle ihre Reize schwebten ihm vor, aber er beschloß, dem von Katharina so ohne Scheu ausgesprochenen Plane, das sündige Leben nach Anne Mariens Rückkunft fortzusetzen, ein Kebsweib neben der rechtmäßigen Frau zu haben, ein Ende zu machen. Er wollte Frieden im Hause und war entschlossen, seiner Frau das Vergehen offen zu bekennen und um Verzeihung zu bitten. Katharina sollte im Hofe noch gebären und das Kind stillen, dann aber den Hof verlassen, er wollte das Kind neben dem seinigen aufziehen. Das waren die Vorsätze der Nacht. Der Deichgeschworene stand früh auf. Nachdem er die Kohlen aus der Feuerstelle von Asche bloßgelegt, neuen Torf angelegt, die Suppe an den Haken über das Feuer gehängt hatte, weckte er die Knechte und Katharina und ging mit diesen nach genommenem Morgenimbisse zum Dreschen. Er drosch jeden Morgen vier Stunden mit seinen Leuten. In der Frühstückspause hieß er Katharina, ihm in die Dönze folgen. Hier erklärte er ihr, daß er das Sündige seines Treibens erkannt habe, und daß er ferner jede Gelegenheit vermeiden werde, sie allein zu sehen. Sie könne bis Michaelis oder bis nach der Geburt des Kindes bleiben; dieses werde er zu sich nehmen und gleich den seinigen erziehen, ihr selbst wolle er das Dreifache als Aussteuer geben von dem, was sie als Abfindung vom eigenen Hofe erhalte. Besser sei es indeß, sie gehe jetzt, sie werde ihm und sich selbst ärgerliche Scenen ersparen, die bei der Rückkehr seiner Frau unvermeidlich seien. Katharina erklärte mit einer gewissen Frechheit, die Hans auf das äußerste misfiel, daß sie nicht gehen werde. »Gut, so bleibe«, sagte Hans, »aber wisse, daß Anne Marie nicht eine Stunde im Hause sein wird, ohne zu wissen, was zwischen uns vorgegangen. Wisse, daß ich verlange, daß du sie als Hausfrau und Herrin respectirst, und daß ich dich fortjagen und durch die Knechte vom Hofe bringen lassen werde, wenn du ihr nicht gehorsamst.« Ein tiefer Ernst hatte sich über seine Züge verbreitet. »Dazu hast du den Muth nicht«, sagte Katharina und ging wieder zum Dreschen. Sie hatte steh vorgenommen, den Kampf mit der Frau aufzunehmen, sie wollte dieselbe ahnen lassen, wie es stehe, wenn nicht geschwätzige Zungen das thäten. Dann wollte sie ihr das Leben auf dem Hofe so schwer machen, daß sie womöglich den Hof wieder verlassen und auf das Schloß zurückkehren solle. Sie glaubte mit ihren jüngern frischern Reizen über die Nebenbuhlerin zu siegen, hoffte, diese aus Eifersucht zu einem unbedachtsamen Schritte zu reizen, vielleicht klagte sie selbst auf Scheidung, wenn sie die Untreue ihres Mannes erfuhr. Katharina konnte ein gewagtes Spiel spielen, sie hatte nichts mehr zu verlieren, sie konnte nur gewinnen. Anne Marie packte indeß im Schlosse ihre Habseligkeiten zusammen, sie hatten sich vermehrt, denn die Gräfin hatte sie oft und reichlich beschenkt, namentlich mit städtischen Kleidern, die Anne Marie nie anzog. Sie war seit mehrern Tagen von einem Uebel geplagt, das sie früher niemals gekannt, von Kopfweh. Sie that alles mit einer ungewöhnlichen Hast und Unruhe. Bald lief sie zu den Kindern, dieselben zu umarmen und zu küssen, bald in den Park, um von diesem und jenem Lieblingsplatze Abschied zu nehmen, bald in den Stall, um die Schwarzbraune, welche seit Jahren der Comtesse und ihrer Anna Milch gegeben, auf den Hals zu klopfen, bald nahm sie wieder allerlei Sachen und Kleider aus dem Koffer, um sie zu verschenken, dann lief sie zu Schulzens, um zum zweiten und dritten mal Abschied zu nehmen.. So war ein Theil des Morgens verstrichen, jetzt hatte Johann die Rappen vor den Korbwagen gespannt, Kisten und Kasten waren hinaufgehoben. Das Schloßpersonal stand vor dem Portal zusammen, um Abschied zu nehmen. Comteß Olga schwamm in Thränen und verlangte, die Mutter Anna's zu begleiten. Tante Hulda wagte nichts abzuschlagen, so mußte denn Lisette mit dem Korbwagen und den Sachen vorauffahren, und die Jagdkalesche wurde angespannt, welche Tante Hulda, Anna und die Kinder aufnahm. Als der Wagen am Heerwege an der Stelle ankam, wo der Weg nach Eckernhausen durch den Eichenwald abging, bat Anna, zu halten, stieg aus und nahm unter Thränen von ihrem Kinde oder vielmehr ihren Kindern, denn sie liebte beide mit gleicher Zärtlichkeit, Abschied, um einen nähern Fußweg einzuschlagen. Es war ihr noch immer schwer ums Herz, sie kehrte nicht freudig zur Heimat zurück, sie dachte darüber nach, ob Hans wol nicht recht gehabt habe, wenn er wünschte, sie solle ihre Niederkunft im Schlosse abwarten. Im Sünder (abgesondertes, eigenes Holz) waren einzelne schöne Eichen gefällt, um zu Grundholz behauen zu werden, aus den dicksten wurden Bohlen gesägt. Auf dem Hofplatze waren schon die Keller ausgegraben und die Gewölbe wurden aufgemauert, Steine waren und wurden angefahren, Hans stand hier und ertheilte Befehle und sah nicht, wie Anne Marie hinter ihm dem Leibzuchthause zueilte. Hier hatte sich ein lauter Streit erhoben zwischen Katharina und der vom Korbwagen steigenden neuen Magd Lisette. Erstere schien der letztern den Eintritt in das Haus verwehren, wenigstens verbittern zu wollen, denn sie ließ allerlei spitze Redensarten von Schloßdamen und Schloßfräuleins fallen, die in ein Dorf nicht paßten und die nur wieder ins Schloß zurückgehen möchten. Anne Marie hörte genug, um zu fühlen, daß hier Prätensionen laut wurden, die nur scheinbar gegen Lisette, in der That aber gegen sie selbst gerichtet waren. Sie eilte zum Wagen, bei dem Johann verwundert stand, und herrschte Katharina zu: »Was soll das Raisonniren? Was hat Sie hier zusagen? Gehe Sie nach Riethusen, wo Sie hingehört, von Stund' an ist Lisette Großmagd und Sie entlassen.« »Ho ho!« lachte Katharina höhnisch, »Ew. Gnaden irren wol, noch ist Hans Dummeier hier Wirth, und der hat mir bis Michaelistag Miethgeld gegeben. Großmagd bin ich und bleibe ich, mag die da die Ziegen melken.« Ziegen gab es auf einem Vollmeierhofe natürlich nicht, Ziegen wurden in der Gegend überall nur von kleinen Leuten ohne allen Grundbesitz, die das Grünfutter von Wegen u. s. w. zusammenholten, gehalten, jeder Anbauer hatte ein oder zwei Kühe, – Ziegen melken bedeutete daher niedere, gemeine Arbeit thun, und einen Proletarier nannte man Ziegenmelker. Der Ton, in welchem Katharina sprach, war äußerst impertinent, ihr Blick herausfordernd auf Anne Marie gerichtet. Diese fühlte sich besonders durch das »Ew. Gnaden« tief verletzt und es kam nun zum Zanke, wie das ganze Gespräch in plattdeutscher Sprache geführt, der an homerische Einfachheit und Naivetät erinnerte, aber doch zu unschön war, um hier ausführlich geschildert zu werden. Anne Marie fühlte während dieses Auftritts instinctmäßig, was hier vorgegangen war, sie wußte jetzt, woher die Angst der letzten Wochen kam, sie hatte schon im Sinne, Johann zuzurufen, daß er den Wagen umkehre, und wollte zum Schlosse zurückfahren, als Hans, der den Streit von fern gehört hatte, hinzutrat. Er ergriff Katharina, die mit in die Seite gestemmten Armen noch immer in der Thür des Leibzuchthauses stand, bei den Armen und schleuderte sie mit Gewalt zur Seite, sodaß sie bald zur Erde gefallen wäre, er umarmte seine Anne Marie und führte sie in die Dönze. Ehe er aber nur ein Wort zur weitern Aufklärung sprechen, das reuige Geständniß, das ihm auf der Zunge lag, von sich geben konnte, brach Anne Marie in einen Weinkrampf aus, und stellten sich infolge dessen Wehen bei ihr ein. Alles rann nun durcheinander. Johann jagte nach Heustedt, um den Leibmedicus zu holen, Lisette wurde nach der Hebamme geschickt, Hans selbst schaffte Anne Marie in die Stube zur Linken auf das für sie bereitete Bett. Katharina bekam den Befehl, sofort den Hof zu verlassen. Der Befehl war in einem Tone von Hans selbst ausgegangen, der sie zittern machte; Hans, jähzornig, hörte auf ein Mensch zu sein. Katharina ging. Hülfe kam, ohne helfen zu können. Anna gebar eine Tochter, blieb aber bewußtlos im fieberhaften Zustande. Der Leibmedicus nahm aus der großen hörnernen Freundschaftsdose eine Prise über die andere und schien keinen Rath zu wissen. Johann half auf die Spur, indem er erzählte, daß Anne Marie schon seit mehrern Tagen über heftiges Kopfweh geklagt hätte. »Ein Nervenfieber im Anzuge«, sagte er endlich, und so war es. Anna erstand nicht wieder, kam nicht wieder zum Bewußtsein, in heftigen Fieberphantasien sprach sie unverständliche Dinge. Das Kind, abermals ein Mädchen, blieb am Leben, man fand eine tüchtige Amme für dasselbe. Die verheiratheten Schwestern Dummeier's kamen, die Brüder und Schwestern Anne Mariens kamen, um Hans zu trösten, dieser aber war jedem Troste unzugänglich; hielt er selbst sich doch für den Mörder seiner Frau. Das Begräbniß war ein stattliches. Von Heustedt kamen sämmtliche Schloßbeamte, selbst Tante Hulda mit den Kindern, welche die Bedeutung des Todes nur halb begriffen. Der Prediger hielt eine lange Leichen- und Lobrede auf Anna und Hans, die diesem die Röthe der Scham in die Wangen trieb. Neben der Comtesse und der Tochter folgten hinter Hans – Karl Haus, dem Anne Marie immer eine Beschützerin und Freundin gewesen, und die beiden Knaben des neuen gräflichen Schlagtmeisters, die der Verstorbenen ja die Erfüllung des sehnlichsten Wunsches verdankten. Hans war wie geistesabwesend. Als man den Sarg ins Grab senkte, hob er die kleine Anna in die Höhe, um ihr den Sarg, der die Mutter umschloß, zum letzten mal zu zeigen. Anna wendete schaudernd den Kopf vom Grabe, umklammerte den Hals des Vaters und schmiegte sich weinend an ihn. Und auch Hans weinte die ersten erleichternden Thränen. Zwölftes Kapitel. Jugendleben. Junge Tage, ohne Sorg' und Plage, Alte Tage, täglich Sorg' und Plage. Es war Ende Mai des Jahres 1780, als die Gräfin Melusine eines Tages ihren Gemahl in ihr Boudoir bitten ließ. Ein seltenes Ereigniß das. Sie saß an dem mit Papieren und Briefen bedeckten Schreibtische und schien lange Rechnungen studirt zu haben. Als Graf Wildhausen erschien, nöthigte sie ihn wie einen Fremden, auf einem Fauteuil Platz zu nehmen. »Mein liebwerther Herr Gemahl«, redete sie denselben an – natürlich französisch, denn der deutschen Sprache schämten sich die Deutschen vom Adel damals – »mein Rentmeister schreibt mir, daß seit Jahren schon meine Einkünfte nicht mehr ausgereicht haben, unsere Ausgaben zu decken, es haben von Jahr zu Jahr Hypotheken aufgenommen werden müssen, sodaß die jährlich zu zahlenden Zinsen die Pachterträge des Tiefwiehes verschlingen. Der alte treue Mann jammert über die Kostspieligkeit Ihres Gestüts.« Der Graf machte Miene sich zu erheben. »Bitte, bleiben Sie sitzen. Ich stehe erst im Anfange meiner Mittheilungen. Der Mann meint es gut. Er hat einen Plan, mit dem Ihnen und mir geholfen sein wird; es muß aber geholfen werden, denn, Herr Graf, ich freue mich, Ihnen die Mittheilung machen zu können, daß ich die Hoffnung habe, Ihren Lieblingswunsch zu erfüllen und das Geschlecht der Grafen Wildhausen bis an das Ende aller Dinge fortzupflanzen. Wir müssen für den künftigen Stammhalter sparen. Ich weiß, Sie können ohne Ihre Pferde nicht leben, Sie müssen züchten. Das sollen Sie auch in Zukunft wie bisher, ja in noch größerm Umfange, nur nicht auf Ihre Kosten, sondern auf Kosten unsers theuern Landesvaters und natürlich zur Beglückung seiner getreuen Unterthanen. »Oberhauptmann von Schlump ist gestorben; man kann die Stelle mit einem bürgerlichen Amtmann besetzen, dem man die Vorwerkspacht nicht gibt. Einige Streuparcellen, damit ihm Heu für die Pferde und das Rindvieh nicht fehlt, liegen auch noch da herum, die er benutzen kann. Man nimmt den Heustedtern die Hälfte des Boswiehes, legt das Herrschaftswiehe hinzu und hat einen herrlichen Weideplatz. Das Vorwerk Kirnberg wird zum Gestüt eingerichtet. Claasing wird Obergestütmeister – Sie befehlen und ordnen an, kaufen auf kurfürstlich-königliche Rechnung, verkaufen das eigene Gestüt an Georg III.« Graf Wildhausen senkte den Kopf, ohne welches Manöver ihm das Denken schwer fiel. Es dauerte lange, ehe er sich in die neue Situation hineindachte. Endlich hatte er sie überschaut. Es war richtig, zwischen einem königlich-kurfürstlichen Gestüt und einem eigenen war nur der Unterschied, daß ersteres dem Könige, letzteres dem Grafen schweres Geld kostete. Sein Verfügungsrecht als Oberstallmeister war dasselbe; ob der König Eigentümer hieß, war der Sache nach gleichgültig; Georg III. war noch nie in Hannover gewesen und mochte schwerlich je hinkommen. Er konnte seinen Lieblingsplan, die hoyaische Rasse zu veredeln, aus dem Staatsseckel viel eher durchführen. Es ließen sich vielleicht sogar Maßregeln gegen das Decken von Bauer- und Privathengsten von Gesetzes wegen treffen. Der Graf erhob den Kopf, küßte der Gemahlin die Hand und sagte: »Ich bin Ihnen dankbar. Sie sind immer klug und vorsorglich. – Ich hoffe, daß der Preis meines Gestüts hinreichen wird, die Schulden zu decken, welche Sie haben contrahiren müssen. Ein Graf Wildhausen soll mindestens Ihre Güter unverschuldet haben, das ist nothwendig, den Glanz der Familie zu erhalten, ich sehe das ein. Vielleicht ist es gut, ein Majorat daraus zu machen. Aber wird der König wollen? Wird das Geheimrathscollegium wollen?« »Wollen? Der König muß wollen«, erwiderte Melusine. »Sehen Sie, liebenswürdigster aller Gemahle«, fuhr sie fort, »obgleich Georg sein Hannover vernachlässigt, so wird er doch alles thun, was wir wollen, wenn Sie die Errichtung eines Gestütes in Heustedt in Verbindung bringen mit dem Gedanken, der ihn ausschließlich beschäftigt, wie er die Prärogative der Krone ausdehne, die Herrschaft des Parlaments und der Minister einschränke. Sie Geistreicher vermögen das. Ich verlange nicht gerade eine logische Verbindung, es wird genügen, wenn Sie die beiden Dinge in einem Athem aussprechen. »Denken Sie an den Ruhm, den es Ihnen bei der Nachwelt sichert, wenn es heißt: Sr. Excellenz, dem Grafen Wildhausen ist es nach unermüdlichen Bemühungen gelungen, König Georg III. zur Anlage des berühmten Gestüts in Kirnberg-Heustedt zu bewegen und die Umgestaltung der starkknochigen unedeln Rasse der hoyaischen Pferde in edles Halbblut zu bewerkstelligen. »Was Claasing anlangt, so war er, wie Sie wissen, der treueste Diener der Schwester des Königs, mit der er von Dänemark herüberkam. Das verdient Belohnung. Sollte wider Erwarten Ihr Wunsch nach Rasseveredlung der hoyaischen Pferde nicht Anklang genug bei dem Könige finden, – er macht sich aber leicht die Ideen anderer zu eigen, – so spielen Sie auf die Summen an, die England Hannover noch aus der Zeit des Siebenjährigen Krieges schulde, das wird von Nachdruck sein. Sprechen Sie mit allem Enthusiasmus von der Sache, die Ihnen so tief ins Herz gewachsen ist. Lassen Sie sich die Gelder zum Ankaufe englischer Hengste gleich anweisen. Sie haben aus der Reise Zeit, darüber nachzudenken, wie Sie Ihre Worte stellen wollen. Sprechen Sie deutsch mit dem Könige. Richten Sie sich ein, morgen zu reisen, nehmen Sie von niemand hier Abschied und sagen Sie, daß Sie nach Holland gehen. Ich werde Ihre Abwesenheit bei den Collegen entschuldigen. Es ist nothwendig, daß diesen der Plan als ein directer und persönlicher Wunsch Georg's III. dargestellt werde, das wird hier allen Widerstand niederschlagen.« Der Graf, der noch nie einer Anordnung Melusinens widersprochen, fügte sich auch hier. Er reiste. Eine Reise von Hannover nach England war damals noch ein langweiliges, ermüdendes Ding, das zehn bis vierzehn Tage in Anspruch nahm, wenn man sich dazu der Extrapost bediente und Nachtquartier machte. Die Reise ging auf zum Theil unwegsamen sandigen Straßen über Osnabrück und Bentheim nach Holland. In Amsterdam schiffte sich der Graf ein und kam am 7. Juni gegen Abend vor London an, indeß erst gegen Nacht am Landungsplatze auf der Surreyseite der Stadt, der Westminsterbrücke gegenüber. Aber was war in London?! Mit Staunen und Verwunderung hatte man vom Schiffe aus in verschiedenen Theilen Londons Feuer aufflackern sehen, welche bei der klaren ruhigen Juninacht die Kirchen und Thürme weithin erleuchteten und über ganz London eine Helligkeit verbreiteten, daß man die ungeheuern Häusermassen besser sah als am Tage. Als man weiter hinauffuhr, sah man das Kings-Bench-Gefängniß in Flammen aufgehen, hörte das Jauchzen wilder Pöbelrotten, das Geschrei von Weibern. Daneben erscholl aber auch von George Fields her und von Mansion House, wie aus der Gegend der Bank Gewehrfeuer. Was war das? war eine feindliche Armee in London eingedrungen, oder war ganz London in Aufruhr? So war es! Lord Gordon, ein halbverrückter Schotte, jüngerer Sohn des Herzogs Cosmus Georg von Gordon, hatte schon seit zwei Jahren, nachdem die Bill zur Erleichterung der englischen Katholiken durchgegangen war, einen sogenannten Protestantenverein gebildet, der, als durch Beschluß des Parlaments vom 29. Mai 1780 diese Bill auch auf Schottland ausgedehnt werden sollte, bei dem Unterhause eine Petition um Zurücknahme der das Papstthum begünstigenden Bill einzubringen beschlossen. Lord Georg erklärte, daß er die Bittschrift nicht einbringen würde, wenn nicht wenigstens 20000 seiner Mitbürger ihm das Geleit gäben. So geschah es. Eine Menge, die man auf 15000 Mann schätzte, zog am 2. Juni, die Pergamentrolle der Bittschrift vorantragend, nach dem Parlamentshause. Dies wurde in Belagerungszustand versetzt und wilde Gestalten mishandelten Erzbischöfe und Bischöfe, Herzoge und Lords. Es gab wenig unzerzauste Perrüken an diesem Tage im Oberhause, und Fässer voll fauler Orangen wurden auf die Herren geschleudert. Das Unterhaus benahm sich ehrenhaft fest, es verweigerte, auf den Antrag Lord Georg's, die Bittschrift sofort zu berathen, einzugehen. Die Begleiter der Bittschrift, die schon in größern Haufen in das Haus eingedrungen, wurden ausgetrieben, Constabler und Soldaten vertrieben die Massen überhaupt aus der Nähe des Parlaments. Diese rächten sich durch Zerstörung der Kapellen mehrerer katholischer Gesandten und plünderten und zerstörten die Häuser verhaßter Personen. Am 6. Juni, als das Parlament wegen der Bittschrift zur Tagesordnung übergegangen, stürmte der Pöbel das Newgategefängniß, steckte es in Brand und setzte dreihundert meist gefährliche Verbrecher in Freiheit. Da der Geheime Rath, an dessen Spitze damals Lord Bathurst stand, nicht wagte, ohne zuvorige Verlesung der Riotact gegen die Aufständischen einzuschreiten, so vermehrte sich der Aufstand. Am Abend, wo Graf Wildhausen auf der Themse vor London ankam, hatte man zunächst die Wohnung Lord Mansfield's geplündert, die Mobilien und die kostbare Bibliothek desselben auf offener Straße verbrannt, dann zündete man die Brennerei des reichen Branntweinbrenners Mr. Longdale an, plünderte dieselbe und berauschte sich in dem stromweise auf die Straße fließenden Branntwein, brannte das Fleetgefängniß nieder und versuchte die Bank zu stürmen. Der frühere berüchtigte Demagoge und Herausgeber des » North-Briton «, Wilkens, jetzt Lord-Mayor, schlug den Angriff auf die Bank zurück, und Georg III. zeigte sich kühner als seine Minister. Er unterzeichnete einen Befehl an den Oberbefehlshaber der Truppen, Lord Amherst, auch ohne Verlesung der Aufruhracte den Pöbel auseinanderzutreiben. Man hatte 10000 Mann Truppen zusammengezogen, und diesen gelang es, den ohne Plan und Ziel zusammengelaufenen Haufen zu bändigen, der zum größten Theil aus Lehrburschen, liederlichen Dirnen und entsprungenen Verbrechern bestand, und der eine Million Menschen schon acht Tage in Schrecken gesetzt, ihnen die Häuser über dem Kopfe angezündet, das Parlament gezwungen hatte, seine Sitzungen auszusetzen. Graf Wildhausen fand mit größter Mühe in dieser Nacht ein Unterkommen bei seinem Collegen, dem sogenannten hannoverischen Gesandten, das heißt vortragenden Minister in der deutschen Kanzlei. Der Aufruhr war rasch gedämpft, aber wie es geht, während man aus dem gemeinen Haufen einige dreißig erhängte, andere dreißig deportirte, ging der Sohn des Herzogs, der Anstifter, frei aus. Wie ganz London frei aufathmete und eine schwere Last von sich abgewälzt sah, als Lord Georg und einige funfzig Rädelsführer gefangen waren, so befand sich auch der König in einer durchaus freudigen Stimmung. Er hatte dem Aufruhr kühn ins Auge gesehen, und als der Pöbel aus Saint-James losstürmte, das Schießen verhindert und die Menge mit dem Bajonnet zurücktreiben lassen, er hatte den Kopf nicht verloren, als seine Räthe rathlos dastanden. Als daher nach zwei Tagen Graf Wildhausen zur Audienz nach Buckinghamhouse, der Residenz der Königin, befohlen war, fand er den König voll Wohlwollen und Gnade. Georg III. war wie alle Georgs eine stattliche Persönlichkeit; trotz eines übertriebenen Bewußtseins der eigenen Würde, zeichnete er sich doch vor seinen Vorgängern und Nachfolgern durch einen menschenfreundlichen und wohlwollenden Charakter aus. Lange Jahre durch seine Mutter und Lord Bute beherrscht, ohne daß er es zu wissen schien, war sein Streben, von der Mutter angestachelt, darauf gerichtet, die Macht der Krone zu mehren, sich unabhängiger zu stellen von den großen Lords, den herrschenden Adelsfamilien, sei es der Tory- oder Whigpartei, und vom Parlament selbst, das zu jener Zeit der Bestechung zugänglicher war als jemals. Hannover war ihm eine Bagatelle, »ein Meierhof«; dort, wo sein unbeschränkter Wille galt, ließ er andere regieren. Als daher Graf Wildhausen seinen Glückwunsch zur Bekämpfung des Aufstandes dargebracht hatte und daneben die Hoffnung aussprach, es werde der hohen Weisheit Sr. Majestät gelingen, auch den Widerstand des Parlaments zu besiegen, überzog ein selbstzufriedenes Lächeln das breite Gesicht Georg's. Excellenz kam denn, der Vorschrift seiner Gemahlin gemäß, sofort auf das Project des kirnberg-heustedter Gestüts, die prächtigen Weiden der Wesermarsch, als dazu vorzüglich geeignet, empfehlend. Der König, ein Feind jeder Neuerung in politischen Dingen, wie was die Gesetzgebung anbetraf, mochte wol Neuerungen in solchen unschuldigen Dingen. Die Wärme, mit der der Graf von dem Project sprach, die Kühnheit, wie er die Sache der Errichtung der Georgia Augusta gleichstellte, ging auf Georg über, er redete sich ein, seinem Lande eine große Wohlthat zu verschaffen, wenn er Voll- und Halbblut dort schaffe. Als später der vortragende Minister der deutschen Kanzlei kam, trug er diesem den ursprünglichen Plan des gräflich Wildhausen'schen Rentmeisters als seinen eigenen vor und fand natürlich keinen Widerspruch. Ein königlicher Stallmeister wurde beordert, dem Grafen beim Ankauf von Hengsten behülflich zu sein. Der Preis des gräflichen Gestüts sollte durch Sachverständige festgesetzt werden, die Anstellung Claasing's fand Beifall, die Besetzung der Beamtenstelle in Heustedt wurde dem Geheimrathscollegium überlassen.   Nachdem die Familie Schulz nach der Oststadt umgesiedelt, begann für die Knaben ein neues herrliches Leben. Unter den Büchern, die den Kindern geschenkt waren, befanden sich auch solche, die zu besitzen sie niemals gehofft hatten, Gellert's Fabeln und Gedichte, Neukirch's »Telemach«, Hagedorn's Gedichte, die ersten zehn Gesänge von Klopstock's »Messiade«. Bisher hatte es ihnen oft an Papier gefehlt, um ihre Lieblingsgedichte aufschreiben zu können, und Karl mußte regelmäßig auch mit solchem aus der Schreibstube des Vaters aushelfen, wenn er ein neues Gedichtbuch aufgefunden. Die Forstschreiberin war nämlich in Göttingen geboren und eine Jugendfreundin des damals berühmten Verlagsbuchhändlers Heinrich Dietrich. Dieser versorgte sie nicht nur alljährlich mit seinen eigenen poetischen Verlagswerken, namentlich dem »Göttinger Musen-Almanach«, sondern sandte ihr auch andere poetische Werke, die Ruhm erlangten, wie Lessing's Schriften, Goethe's »Götz von Berlichingen« und Werther's »Leiden«. Die Forstschreiberin hielt es aber nicht gut für eine Zeit, wo Karl drei fremde Sprachen, griechisch, lateinisch und französisch, erlernte, seine Phantasie auch noch durch Gedichte, Tragödien oder Komödien zu erregen, und hielt ihre Bücher daher unter Schloß und Riegel. Allein Karl hatte ausgekundschaftet, wo der Schlüssel zum Schatze verborgen war, und so wurden denn wenigstens die winzigen Musen-Almanache einer nach dem andern der Bibliothek der Mutter entfremdet und im Park von den Knaben verschlungen, und Karl und Heinrich schrieben ab, was ihnen gefiel. Jeder der Knaben hatte seine verschiedenen Lieblinge – Heinrich liebte das Schwärmerische, das Elegische, Idyllische, Karl war besessen auf Balladen und Romanzen, die Dinge, die ihn interessiren sollten, mußten einen tatsächlichen Inhalt haben. Friedrich liebte das Bardenmäßige, Kriegerische, die Lobgesänge Gleim's auf seinen großen Namensvetter. Die Schulz'schen Knaben wurden, nachdem der Vater Schlagtmeister geworden, gleichsam als ein Zubehör des Schlosses betrachtet, in dem Karl schon seit Jahren heimisch war. Die Lücke, welche der Abgang und Tod der Mutter Anne Marie verursacht hatte, war für die Kinder schwer zu ersetzen; Tante Hulda fehlte es zu sehr an wirklicher Bildung, die Milchschwestern geistig gehörig zu beschäftigen, sie konnte nicht einmal Märchen erzählen. Als nun nach schönen sonnigen Apriltagen trübe regnerische Maitage kamen, da verlangte Anna die Spielgenossen ins Schloß. In den langen Corridoren, mit allerlei Aufgängen und Durchgängen, war herrlicher Raum zum Versteckenspielen, und alle freien Stunden, die dem Exercitienmachen und Vocabelnlernen von den Knaben entzogen werden konnten, wurden hier verbracht. Bei einer solchen Gelegenheit ging einmal Friedrich ganz verloren, er hatte sich versteckt und wurde nicht wiedergefunden. Man suchte zwei Stunden lang. Endlich kam man auf den obersten Mansardengang. Hier saß Friedrich in einem großen Zimmer, in dem eine Menge alter Bücher ungeordnet herumlagen, in eins derselben vertieft. Man hatte, als Melusinens Vater von England zurückkehrte, um in der Bibliothek Raum für die neu mitgebrachten Bücher zu schaffen, ganze Fächer von des Großvaters Büchern in das Mansardenzimmer gebracht, ohne den Inhalt zu untersuchen. Das war eine Entdeckung, das war ein Fund. Die Knaben machten sich darüber her, die Bücher zu untersuchen, und ließen die Gespielinnen unbeachtet. Da fand man Folianten mit alten Städtebildern und Schlachten, Chroniken aller Art, einen Orbispictus, Reisebeschreibungen, namentlich Lord Anson's »Reise um die Welt«. Was aber dem Funde die Krone aufsetzte: man entdeckte »Robinson Crusoe« und »Die Insel Felsenburg«. Karl schlug nun vor, den »Robinson« vorzulesen. Man kauerte auf die Folianten, und Karl begann. Stundenlang saß man still und stumm mit Andacht und der höchsten Spannung, dem Schicksal des Verschlagenen lauschend. Die Knaben beschlossen, von dem Funde zu schweigen; Friedrich, in allerlei Arbeiten geschickt, versprach einen Schlüssel anzufertigen, damit man das Zimmer verschließen könne. Das war das erste Geheimniß, das die Mädchen hatten, und sie freuten sich kindisch darüber. Als die Witterung wieder besser wurde, als man wieder im Park herumtollen konnte, war es die Comtesse Olga, welche darauf drang, daß man hier »Die Insel Felsenburg« weiter lese und dann Anson's »Reise um die Welt«. Man wählte dazu das geheimste Plätzchen im reservirten Park, den Raum vor dem chinesischen Pavillon. Hier kauerte man am Rande des Hügels unter dichtem Akaziengebüsch. Karl und Heinrich lasen vor, Friedrich flocht kleine Körbe und andere Sachen aus Binsen, die er Olga und Anna verehrte. Die Kunst, so schöne Geschichten aus Büchern lesen zu können, interessirte Olga so, daß sie gegen Heinrich den Wunsch äußerte, lesen zu lernen, und ihn bat, ihr Unterricht zu ertheilen. Das erregte dann zum ersten mal die Eifersucht Karl's. Er weigerte sich mehrere Tage, weiter vorzulesen, Heini, so nannte man Heinrich, möge es thun, der könne es ja besser. Anna, die bisher nichts vom Lesenlernen wissen wollte, weil sie meinte, dazu sei es noch früh genug, wenn die gefürchteten Gouvernanten kämen, stellte den Frieden her, indem sie Karl umschmeichelte und ihn um Unterricht bat. Jedoch machte sie zur Bedingung, daß sie nicht aus einer dummen Fibel unterrichtet sein, sondern aus der »Insel Felsenburg« selbst das Lesen lernen wolle. Während Heini nach einer Fibel, die er beim Unterrichte seiner jüngern Geschwister gebrauchte, die Comtesse Olga systematisch unterrichtete, ließ Karl Anna aus der »Insel Felsenburg« erst alle großen, dann alle kleinen A aufsuchen, und so das ganze Alphabet hindurch. Es entspann sich bald unter den beiden Lehrern ein Wettstreit, welcher von beiden seine Schülerin am ersten dahin brächte, eine ganze Seite im »Robinson« oder der»Insel Felsenburg« laut vorlesen zu können. Olga machte bei der Methodik des Unterrichts offenbar schnellere Fortschritte, zumal Anna den Unterricht durch hunderterlei Späße und Neckereien unterbrach. Als erstere schon fertig syllabirte, kannte die andere noch nicht sämmtliche Buchstaben, und versuchte ihr Lehrer das Kunststück, ihrer Phantasie dadurch zu Hülfe zu kommen, daß er den schwer zu erlernenden Buchstaben besondere Namen gab, k war z. B. Kankelbein, a Anfang, b Brot u. s. w. Als nun aber die Comtesse schon anfing, ganze Sätze aus der Fibel zu lesen, während Anna das Syllabiren dadurch erschwert war, daß sie bei dem k nicht an k, sondern an Kankelbein dachte und damit fortsyllabiren wollte, überkam dieselbe ein solcher Neid, daß sie die »Insel Felsenburg« aus der Hand schleuderte, sodaß sie beinahe in die Graft gefallen wäre. Karl wußte sie durch Liebkosungen zu beruhigen, durch Schmeicheleien ihren Ehrgeiz anzustacheln, sodaß, als die ersten Schwierigkeiten überwunden waren, Anna der Comteß bald nachkam, indem sie richtig errieth, was sie nicht wußte. Der Jüngste machte sich indeß mit hohen Sandhaufen, die zum Zweck der Wegeverbesserung in den Geheimpark gefahren waren, zu schaffen. Er baute nach Plänen, die er sich aus der europäischen Chronik des Mansardenzimmers abgezeichnet hatte, ganze Städte mit Festungswerken, mit Parallelen und Laufgräben davor, und durchlebte einen Theil des Dreißigjährigen Krieges. Als der Sommer kam, gab es für die Knaben mancherlei Neues. Das Amt des Vaters als Schlagtmeister erforderte eine öftere Inspection der Weserufer des gräflichen Terrains; um rasch von einem Orte nach dem andern kommen zu können, hatte man ein auf dem Kiel erbautes, mit Segel versehenes Schlagtschiff angeschafft. Die Knaben ruderten nun den Vater, so oft die Schulstunden kein Hinderniß waren, die Weser hinauf und hinunter. Bei günstigem Winde bediente man sich bei der Bergfahrt auch wol des Segels. Beide Schulz waren bald tüchtige Ruderer und geschickte Segler und fanden an ihrem Freunde einen tüchtigen Gehülfen. Die Hauptlust kam abends, dann kam der Adjunct des Forstschreibers, Oskar, und ließ sich durch die Knaben zum Bade, nahe dem kleinen Schlut, fahren. Zur Belohnung ertheilte er diesen doppelten Unterricht, im Schwimmen wie im Pistolenschießen. Friedrich fertigte Scheiben an, die in einem alten hohlen Weidenbaume befestigt wurden. Er war der geschickteste Schütz, Karl bemühte sich, ihm nachzueifern, aber ihm fehlte die Ruhe, Heinrich war und blieb ungeschickt im Laden wie Schießen, diente dagegen als Zielscheibe aller Witze, die bei diesen Uebungen nicht fehlten. Der Umgang mit den jungen Mädchen im Schlosse litt natürlich unter diesen ritterlichen Uebungen, allein das Mansardenzimmer verlor seinen Reiz nicht, und bei Regentagen vereinte man sich dort nach gewohnter Weise. Als der Herbst kam, wurden regelmäßig die freien Nachmittage des Mittwochs und Sonnabends zur Lektüre im Mansardenzimmer, auf das man in aller Stille Feldsessel aus dem geheimen Park geschafft hatte, benutzt. Tante Hulda bekümmerte sich um ihre Pflegebefohlenen wenig, sie war froh, wenn sie die Plagegeister einen Nachmittag los war, denn waren sie bei ihr, so gab es ein unaufhörliches Fragen. Sie pflegte dann im Kamin ihrer Stube ein leichtes Kohlenfeuer anzünden zu lassen, sich in den Lehnstuhl zu setzen und einen der alten französischen Romane aus dem Koffer hervorzuholen und sich darin, wie in Rückerinnerungen an ihre Jugend in Versailles, zu vertiefen. Die jungen Leute wechselten untereinander im Vorlesen, zu welchem der Lesende dann den Stoff selbst wählte. Olga las am liebsten Verse und las mit etwas tragischem Pathos. Anna hielt sich an die »Insel Felsenburg« oder den »Robinson«, konnte es aber nicht lassen, etwas vorzulesen, was gar nicht da stand, und ganze Episoden hinzuzudichten. Da die Knaben aber ihren »Robinson« und die »Insel Felsenburg« auswendig kannten, so ward Anna sofort ertappt. Sie leugnete dann freilich und behauptete, das stände da, und schlug dem, der nach dem Buche griff, um ihr das Gegentheil zu beweisen, auf die Finger. Wenn solche Unterbrechungen sich wiederholten, war es mit dem Lesen vorbei, und man ging dann auf das Versteckenspielen in den weitläufigen Räumen des Schlosses, oder zum Räubereinfangen im Park über. Bei schlechtem Wetter spielte man auch wol im Eßsalon mit Federbällen oder Reisen. Die Gräfin war in den Jahren 1778 und 1779 nicht ein einziges mal in Heustedt gewesen, der Sommer 1780 sollte der letzte in froher Kindheit verlebte sein, denn für den Herbst stand die Ankunft der Gräfin, für den Winter sogar die gefürchtete Ankunft zweier Gouvernanten bevor. Die Ankunft der Gräfin zögerte sich jedoch noch bis Anfang November hin. Nun war es aber auf einmal, als wenn alle im Schlosse andere Leute geworden wären, jede Unbefangenheit schwand, alle Gesichter, die sich bisher menschlich natürlich gegeben, nahmen einen feierlichen Ausdruck an, die alten freundlichen Herren, der Rentmeister, Haushofmeister und Verwalter machten ernste steife Mienen und wehrten jede Zutraulichkeit der kleinen Mädchen ab. Fremde Dienstbotengesichter mit goldbetreßten Livreen und Hedeperrüken erschienen. Die Honoratioren machten Aufwartung und empfingen Einladungen. Auch der Graf kam, allein er hatte so vielerlei anzuordnen, daß ihm für die Kinder keine Zeit blieb. Das Gestüt wurde abgenommen und nach Kirnberg übergesiedelt, die Füllen kamen aus dem gräflichen Hochwiehe am rechten Weserufer auf das den Heustedtern zur Hälfte aus der Pacht entzogene Boswiehe am linken Ufer, wo die adelichen, jetzt sogar königlichen Pferde das bürgerliche Rindvieh, von dem sie nur durch Schwapen getrennt waren, vornehm ignorirten. Claasing siedelte als königlich-kurfürstlicher Obergestütmeister nach Kirnberg über. Fand er dort auch eine große Menge Wohnräume, so doch nur leere Wände, und er verweilte, bis er eingerichtet, im Schlosse. Tante Hulda zog sich in ihre Gemächer zurück, und dahin folgten die Mädchen gern; die Knaben mieden das Schloß. Als gegen Weihnachten die Gräfin Melusine ihrem Gemahl zum zweiten male eine Tochter gebar, die auf den Namen Heloise getauft war, hätte sie die erstgeborene beinahe verloren. Es war die Weser infolge anhaltenden Regens über ihre Ufer getreten und hatte das gräfliche Hochwiehe wie Tiefwiehe, sogar einen Theil des Parks überschwemmt. Dann trat Frost ein und schaffte auf dem Hochwiehe eine prächtige Schlittschuhbahn. Olga und Anna waren schon im vorigen Winter von den Knaben in die Kunst des Schlittschuhlaufens eingeweiht. Jetzt wurde das Wochenbett der Mutter benutzt, dem Vergnügen nachzugehen. Es war am zweiten Weihnachtstage, als ein Bedienter das Heuthor des Parks öffnete und der Comteß Olga wie der Milchschwester auf dem Hochwiehe die Schlittschuhe anschnallte. Die Knaben kunststückten, mit sehnsüchtigen Blicken nach dem Heuthore, schon auf dem Eise herum und empfingen die Spielgefährtinnen mit Jubel. Man hatte einen weiten Spielraum und tummelte sich nach Herzenslust. Anna, die immer etwas Neues suchte, war von der glatten Ebene des Hochwiehes an das Ufer der Graft gegangen, denn Schlittschuhlaufen konnte man hier nicht, da dieses etwas höhere Ufer mit Windeis bedeckt war. Infolge des Frostes war das Wasser in der Graft gesunken, und das Eis bildete nun eine Curve, sich in der Mitte tief senkend. Oben an beiden Rändern war das Eis aber hohl, ohne Wasser. Anna begann sich hier mit den Schlittschuhen bergunter und bergauf zu lassen, und rief Olga herbei, das Hinunter- und Hinaufsichtreibenlassen zu versuchen. Karl und Friedrich jagten sich in der Richtung nach der Weser zu, Heinrich Schulz war ihnen gefolgt, kehrte aber um, als er die Mädchen vermißte; der Bediente, der zur Aufsicht der Comteß von Tante Hulda mitgeschickt war, hatte es vorgezogen, einer hübschen Viehmagd im Park, da, wo er überschwemmt gewesen und jetzt übergefroren war, Unterricht im Schurren Schurren ist eben Provinzialismus in Norddeutschland, wo man unter Glitschen schon Schlittschuhlaufen versteht. (Glitschen) zu ertheilen, wobei er sie überzuschurren und zum Fallen zu bringen versuchte. So war niemand da, die unbedachtsamen Mädchen zu warnen. Die Comteß Olga, die sich bei dem Herunterfahren den gehörigen Schwung nicht gegeben hatte, erreichte das hohe Ufer der gegenüberliegenden Seite nicht, wo Anna sich an den Palissaden festzuhalten und sich dann umzudrehen pflegte, sie fuhr, oben noch nicht ganz angekommen, von hinten zurück, verlor, da sie dieses Rückwärtsfahren nicht kannte, das Gleichgewicht, und fiel da, wo das Eis sich wieder in die Höhe hob, aber hohl war – nieder. Das Windeis brach unter dem Falle, und bei dem Versuche, sich emporzuraffen, fiel Olga durch das Eis hindurch in die Graft. Das Hülfegeschrei Anna's rief den schon in der Nähe befindlichen Heinrich herbei und trieb Karl und Friedrich zur Umkehr. Heinrich zermalmte mit eigener Lebensgefahr das Windeis, um nur entdecken zu können, wo Olga war. Zum Glück stieß er hier auf einen der Palissadendurchbaue durch die Graft. Dieser Durchbau hatte gehindert, daß Olga vom Wasser fortgetrieben war, jetzt gab er Gelegenheit, festen Fuß zu fassen und mit Hülfe des herbeigekommenen Bruders und Karl's die leblos scheinende Olga aus dem Wasser hervorzuziehen. Erst im Schlosse, unter den Bemühungen des zufällig anwesenden Arztes, kam Olga wieder zur Besinnung. Als die Gräfin später von dieser kühnen That Heinrich's durch Anna das Nähere erfuhr, setzte sie ihm ein Stipendium aus, von dem er die Domschule in Verden und später die Universität beziehen konnte. Nach Neujahr kamen auch die beiden Gouvernanten. Die Engländerin Mistreß Eleonore Tabolt war schlank, lang, blond, blaß, schweigsam, ernst. Schwere Leiden schienen schon früh auf sie eingestürmt zu sein. Mademoiselle Julie, die Französin, war klein, mager, brünett, hatte wundervolle kleine Füße und war äußerst gesprächig und beweglich. Mit einer ihren französischen Ursprung nicht einen Augenblick verleugnenden Lebhaftigkeit versuchte sie im Sturme die Zuneigung und das Vertrauen der beiden jungen Mädchen für sich zu erobern, wobei sie, klug genug, doch ganz besonders Olga, als die eigentliche Herrin und Hauptperson, im Auge behielt. Diese schien auch anfangs Gefallen zu finden an dem sprudelnden Humor, der nimmer versiegenden Unterhaltungsgabe der lustigen Französin; sie ging auf den scherzenden Ton, mit dem dieselbe über alle Vorkommnisse des täglichen Lebens, ernste wie gleichgültige, so tändelnd und graziös hinwegging, ein, und schien den etwas pathetischen Ernst, der ihr ganzes Wesen schon von früh auf charakterisirte und sie oft anders erscheinen ließ, als sie war, ablegen zu wollen. Die Gräfin hatte ihre Heloise einer Amme übergeben und war nach der Hauptstadt zurückgekehrt; sie konnte ohne Gesellschaft, ohne Intriguen und Beschäftigung mit Staatsdingen nicht leben. Im Schlosse zu Heustedt ging es jetzt lustig zu, denn die Französin beherrschte bald die schwache Tante Hulda und wußte sich Haushofmeister und Rentmeister, Verwalter und Dienstpersonal unterthänig zu machen. Die Knaben, die durch die Rettung Olga's schon bei Anwesenheit der Gräfin als Spielgefährten der Comteß officiellen Zutritt erhalten, brachten alle Zeit, welche die Schule nicht in Anspruch nahm, im Schlosse zu, wo die Französin neue Spiele anordnete, Unterricht im Tanzen ertheilte, und ein bisher gänzlich unbekanntes Leben um sich verbreitete. Von Anna und der Französin dazu angeregt, hatte Olga den Knaben, die sie als ältere Spielgenossen und Lehrer liebte, und für die sie nach ihrer Rettung eine gewisse Verehrung und herzliche Dankbarkeit fühlte, oft recht muthwillige und nicht immer gutmüthige Streiche gespielt, die ihr aber jedes mal bald leidthaten und die sie dann durch verdoppelte Freundlichkeit gern wieder vergessen zu machen suchte. Die ernste Engländerin konnte unter solchen Verhältnissen moralischen Einfluß auf die jungen Mädchen nicht geltend machen, und mußte sich damit begnügen, die festgesetzten englischen Unterrichtsstunden zu ertheilen. Diesen wußte sie aber dadurch einen Reiz zu geben, daß sie die Knaben mit hinzuzog, um dadurch den absoluten Widerwillen, den Anna gegen das Englische wie gegen die Lehrerin desselben äußerte, zu beseitigen. Der leichtfertige Charakter letzterer, ihr ewig schäkerndes, neckisches, plauderndes, launenhaftes Wesen paßte ganz und gar zu dem Wesen der Französin, an die sie sich daher immer enger anschloß, infolge dessen sie neben französischer Leichtfertigkeit und Oberflächlichkeit sehr bald eine große Gewandtheit und Fertigkeit in der französischen Sprache erlangte, mit der sie ihre ehemaligen Spielkameraden, die es ihr in dieser witzigen und geistreichen Conversation nicht gleichthun konnten, nicht wenig neckte und bespöttelte. Indeß war es gerade dies, was in Olga einen Umschlag hervorrief. Sie, die selbst sich diese leichte Conversation nicht in gleicher Weise zu eigen gemacht hatte, konnte nicht dulden, daß man die tüchtigen, aber unbeholfenen Knaben, die in ihrer Rectorschule nie Anleitung zu französischer Conversation gehabt hatten, unaufhörlich neckte, sich vor ihnen spreizte und sie, die ältern, als dumme Jungen behandelte. Namentlich hatte sie Mitleid mit ihrem Lebensretter Heinrich, der Anna trotz alles Spottes, den sie über ihn ausschüttete, schwärmerisch verehrte und anbetete. Die junge Gräfin wurde des ungewohnten, lauten, leichtfertigen Treibens bald müde, sie fühlte sich mehr und mehr angezogen von dem ruhigen, sich gleichbleibenden Wesen der Engländerin. Der englische Unterricht wurde ihr lieber als der französische, die Sprache schien ihr leichter. Es kam darob zu manchem Kampfe mit Anna, welche das Englische für eine abscheuliche Sprache erklärte, und zu öfterm Erzürnen. Aber wer konnte der lustigen Anna, namentlich wenn sie sich mit schwesterlicher Zärtlichkeit an Olga anschmiegte, lange zürnen? Die Tage der glücklichen Kindheit eilten rasch dahin, und plötzlich war die Zeit da, wo auch Friedrich confirmirt war und zur Hauptstadt geschickt wurde, um Schlosser zu werden, während Heinrich und Karl die Domschule in Verden zu besuchen sich anschickten. Selbst für Anna war die Trennung von den Spielgenossen eine schwere, und Olga trauerte viele Wochen. Dreizehntes Kapitel. Die bremer Firma. Man schrieb 1787 nach Christi Geburt. Es waren in Heustedt mit unsern Bekannten mancherlei Veränderungen vorgegangen. Wildhausen hatte das Gestüt Kirnberg-Heustedt eingerichtet und zum Nutzen und Frommen der Hoyaer eine ad mandatum regis erlassene Verordnung erwirkt, wonach ausschließlich Hengste aus diesem Gestüte fortan hoyaische Stuten beglücken sollten. Die Summen, die er für das eigene Gestüt erhalten, reichten hin, die Schulden, welche auf die Güter der Gräfin in den letzten Jahren gemacht waren, zu tilgen, nicht aber die Verschuldung der eigenen Güter zu heben. Als er im Jahre zuvor gestorben war, sahen sich die Vormünder der Comtessen Olga und Heloise, die Mutter dieser und der Geheimrath Graf Schlottheim veranlaßt, seine Allodialerbschaft auszuschlagen. Die Lehnsgüter fielen der Krone anheim, da aber schon Expectanzen darauf ertheilt waren, kamen sie in die Hände einer der herrschenden Adelsfamilien, die durch erkannten Concurs seit funfzehn Jahren ruinirt war, jetzt aber wieder aufblühte, während ein Concursverfahren über den Allodialnachlaß des Grafen Wildhausen entstand. Concurse über Lehns- und Allodialgüter mit großem Grundbesitz versehener Adelicher waren bei der großen Verschwendung, der man sich hingab, an der Tagesordnung. Claasing war wohlbestallter Obergestütmeister in Kirnberg. Sein Verhältniß zu Melusine hatte schon seit längerer Zeit gänzlich aufgehört, da diese die Veränderung liebte und jüngere Nebenbuhler von der Garde oder aus dem Marstalle ihn verdrängt hatten. Von Dänemark bezog er nach wie vor seine Einkünfte, aber er hatte dem Spiele entsagt, dem Hazardspiel wenigstens, und sogar angefangen, sparsam zu werden und Geld zurückzulegen. Er hatte Achtung vor dem Werthe des Geldes bekommen. Mit Reitpferden, Equipagen auf das glänzendste versorgt, auf königliche Rechnung natürlich, pflegte er beinahe jeden Abend in Heustedt zuzubringen, und nichts war natürlicher, als daß er, der das Leben des Cavaliers in den größten Hauptstädten Europas und am Hofe von Kopenhagen, der Göhrde, Celle durchgekostet, bald die erste Rolle unter den Kleinstädtern spielte, Amtmann und Beamte, Landrath und den Baron von Bardenfleth verdunkelte. Er war in Abwesenheit der Gräfin die alleinige Sonne, die für die Gesellschaft der kleinen Stadt schien, und selbst die Baronin von Bardenfleth nahm Claasing, den vierzigjährigen noch immer schönen Mann, mit Vergnügen in die Zahl ihrer Courmacher auf. Die Oberhauptmännin von Schlump war mit dem Kinde Adele nach Hannover gezogen. Es wollte ihr weder glücken, einen Mann für das Kind zu finden, das freilich noch immer in den Zwanzigen zu sein behauptete, wie es nicht gelingen wollte, einen Klosterplatz in einem adelichen Stift für dasselbe zu erhalten, da die sechzehn Ahnen fehlten. Der Forstschreiber Haus hatte das Zeitliche gesegnet, er war eines Tages todt im Bette gefunden worden. Ein Schlagfluß machte seinem Leben ein Ende. Die Witwe erhielt eine spärliche Pension; aber ihr Stiefbruder, ein reicher Kaufherr in Bremen, verpflichtete sich, ihr gegenüber für Karl zu sorgen, ihn auf der Domschule wie auf der Universität zu unterstützen. Das war alles, was sie verlangte, für sich selbst brauchte sie sehr wenig, sie lebte allein dem Sohne. An Haus' Stelle war Oskar Baumgarten durch die Protection der Gräfin wohlbestallter Forstschreiber mit erhöhtem Gehalte geworden. Herr von Teufel hatte sich pensioniren lassen und einen tüchtigen Forstbeamten zum Nachfolger erhalten, dem die Nachlässigkeiten seines Vorgängers viel Arbeit machten. Georg und Marie Schulz lebten ein glückliches Leben in bescheidener Einfachheit und Zurückgezogenheit, sie lebten glücklich in dem Gedanken, daß es ihren Kindern besser ergehen würde auf Erden, als es ihnen ergangen war. Zwei Töchter wuchsen ihnen heran, von denen die eine schöner war als die andere. Klara, die älteste, jetzt erst sechzehn Jahre, war vollkommen ausgewachsen und zeichnete sich durch musikalisches Talent und eine wundervolle Stimme aus, schade nur, daß es an einem tüchtigen Lehrer zu ihrer Ausbildung fehlte; Marianne, vierzehn Jahre alt, war ganz das Ebenbild der schönen Mainzerin in ihren jungen Jahren; der jüngste Sohn Otto war früh gestorben. Die einzige Sorge machte Friedrich. Er hatte seine fünfjährige Lehrzeit als Schlosserlehrling in der größten Werkstatt Hannovers nicht ausgehalten, sondern den Aeltern geschrieben, er könne da nichts mehr lernen, er wolle die Welt sehen. Deshalb ließ er sich denn bei einem Regiment Dragoner als Hufschmied annehmen, von dem es hieß, es solle nach Ostindien, um Hyder-Ali zu bekämpfen. Im Streit gegen Nordamerika kaufte Georg III. Hessen und andere Unterthanen deutscher Kleinfürsten, Hannoveraner nahm er nur in Sold, er brauchte da kein Kaufgeld sich selbst zu zahlen, um sie in Ostindien, Minorca, Gibraltar für England kämpfen zu lassen. Zum Troste der Aeltern ging das Regiment, in welchem Friedrich diente, nicht nach Ostindien, sondern nach Flandern. Hans Dummeier betraf das Unglück, daß das zweite Töchterchen, das ihm Anne Marie geboren hatte, nur ein halbes Jahr alt wurde. Trotz aller Pflege unterlag es den damals noch heftig grassirenden Blattern. Moses Hirsch aber erhielt die Erlaubniß, den Bauplatz von Lenchen's Hause anzukaufen, er riß das Schulz'sche Haus nieder und errichtete an der Stelle beider Häuser einen wahren Prachtbau, das schönste Haus an der Langenstraße damals. Zwei Zimmer der Mitteletage und Stallung waren an Claasing vermiethet, »aus purer Freindschaft« natürlich. Im Schlosse zu Heustedt waren Olga und Anna längst in aller Stille confirmirt und zu Damen herangewachsen, die trotz des abgeschlossenen Lebens, das sie führen mußten, ganz die Tournure der großen Welt hatten. Die Gräfin hielt streng das Gebot aufrecht, daß Tante Hulda sowol als ihre Tochter und deren Gespielin jeder Geselligkeit in Heustedt und allen Beziehungen zu Personen im Orte fern bleiben sollten. Claasing war im Schlosse zugelassen, er mußte den jungen Damen Unterricht im Reiten ertheilen. Anna's Phantasie war durch die Erzählungen der Tante Hulda von ihrer Jugend in Versailles und die Berichte der Gouvernante von dem Leben in Paris, auch einige leichte Lektüre, welche die Französin eigenthümlich besaß, entflammt, ihr hübsches leichtfertiges Köpfchen war mit tausend ritterlichen Gestalten erfüllt, von denen sie gar zu gern einige ins Leben und ganz speciell in das ihrige hätte treten sehen, sie sehnte sich nach Abenteuern und hätte, wer weiß was, darum gegeben, wären die Grenzen ihres täglichen Verkehrs nicht gar so eng und streng gezogen worden. Die Reitstunde war noch das Einzige, was ihr Vergnügen machte. Während Olga zu der bestimmten Stunde ungern und nur um den Befehlen der Mutter zu genügen, von ihren englischen Schriftstellern sich losriß, in deren tieferes Verständniß Eleonore sie bereits eingeweiht hatte, konnte Anna, die im Reitkleide und dem koketten Federhütchen sich allerliebst fand, kaum die Zeit erwarten, bis auch Olga die nöthige Toilette machte. Oft fand Olga die Milchschwester schon ungeduldig mit der Reitgerte um sich schlagend auf dem Platze vor dem Marstalle, den man zur Reitbahn zugerichtet, indem man die Steinplatten für Fußgänger entfernt und Kies aufgefahren hatte, auf- und abgehen oder sogar schon hoch zu Roß liebliche Blicke und Worte mit Claasing wechselnd, der dagegen keineswegs unempfindlich schien. Es war ganz natürlich, daß Claasing mehr Interesse an der muntern, gelehrigen, kühnen und gewandten Schülerin fand, die ihn an die schöne Zeit zurückerinnerte, da er der Königin Mathilde noch Unterricht ertheilte, als an ihrer ernsten Gefährtin, welche ihr eigenthümlich würdevolles Wesen auf alles übertrug, was sie that. Anna trat durch Claasing zum ersten mal mit der Männerwelt in Verkehr, denn die Knaben – pah! wie sah sie auf die herab – waren nur Knaben. Ihre leichterregte Phantasie stattete den Lehrer mit all den schönen Eigenschaften aus, welche die Helden der heimlich genossenen Romane so verführerisch und begehrenswerth machten. Ihr Bild, das pfirsichsammtene mit dem neckischen Grübchen, den immer lustigen Augen, dem kindlichen Uebermuth, schwebte um dieselbe Zeit, da Anna's Phantasie Claasing zu ihrem Helden ausschmückte, vor der Seele des treuen unschuldigen Heinrich, der mit Karl Haus in Verden ein gemeinsames Zimmer bewohnte und die Domschule nun schon vier Jahre besucht hatte. Jahre voll Fleiß waren das gewesen. Beide waren aber auch Lieblingsschüler des Rectors, Johann Christoph Meier, eines derben originellen Mannes und guten Heiden. Sie hatten viel gelernt, aber ihr ganzes Trachten und Hoffen ging dahin, mehr zu lernen. Ihr Wissensdrang war mächtig und die Zeit eine gärende, danach angethan, nach allen Seiten anzuregen. Meier war kein Pedant, der von weiter nichts als von den Classikern wußte und wissen wollte; er, der in seiner Jugend ein begeisterter Anhänger Basedow's gewesen, schwärmte noch für eine Neugeburt der Menschheit durch Erziehung und Schule, er kannte jede neue Erscheinung der Literatur und interpretirte in der deutschen Stunde in Prima Lessing so gut wie Aeschylus und Sophokles. Meier war auch ein gründlicher Kenner der französischen und englischen Sprache, und obgleich letztere nicht zu den Gegenständen gehörte, in welchen öffentlich Unterricht ertheilt wurde, hatte er sich zu Privatstunden um so lieber bereit finden lassen, als die Stubengenossen von der Engländerin her schon eine gute Vorbereitung mitbrachten. Karl wendete den größten Fleiß an, es zu einem gründlichen Verständniß der englischen Sprache und Dichter zu bringen, Heinrich wollte bei Spaziergängen und in Freistunden zu Hause dagegen nur französisch conversiren. Warum? In Heustedt lebte eine junge blasse Schönheit, die das Englische zu ihrer Lieblingslektüre gemacht hatte, und sie lebte in dem Herzen Karl's, und Heinrich dachte nur daran, wie ihn Anna das letzte mal, als er in den Ferien zu Hause war, geneckt hatte, daß er noch immer französisch nicht so plappern konnte, als es ihr selbst vom Munde floß. Der Schwarzhaarige setzte all sein Thun, sein ganzes Dichten und Trachten mit dem Bilde Olga's in Verbindung. Er fragte sich nicht, ist das, was du thust, gut, sondern er fragte, was würde Olga dazu sagen, daß du das thust? Alles, wovon er voraussetzen durfte, daß es Olga lieb sein würde, wurde ihm leicht, machte ihm Vergnügen. Er hegte keinen Gedanken an eine künftige Lebensvereinigung mit der Geliebten, wie hätte er, der Arme, der von der Gnade eines Onkels existirte, an eine reiche Gräfin denken dürfen? Armuth zeugt Demuth bei gutgearteten, Bosheit und Neid bei schlechtgearteten Menschen; den Gedanken auch nur an Gegenliebe hatte Karl nie gehegt, wenn er aber überhaupt an Olga dachte, hörte das Denken bald auf, Gefühl und Phantasie behielten die Oberhand, in der das Bild einer verklärten Olga, schöner noch, als sie in Wirklichkeit war, die ganze Jünglingsseele füllte. Anders der blonde Heinrich, er hatte sich ein Leben an der Seite Anna's als Frau Pfarrerin in einem schönen Dorfe ausgemalt, nach Voß'scher Idyllenart. Daß das neckische, vor Uebermuth sprudelnde Wesen nicht zur Pastorin passe, kam ihm nicht in den Sinn. Die Freunde hatten sich nun zu Vertrauten ihrer Liebe gemacht. Sie corrigirten und kritisirten gegenseitig die unzähligen Sonette und Oden, in welchen sie ihre Göttinnen verherrlichten. Waren sie aber in den Ferien daheim, so spielten sie, um es gerade herauszusagen, die stummen dummen Jungen den Angebeteten gegenüber. Keins der unzähligen Gedichte kam Olga oder Anna zu Gesicht, und welches Mädchen sähe sich nicht gern besungen und vergäße nicht über den Dichter den Schüler? Die Beziehungen der Gräfin Melusine zu der Gesellschaft in Heustedt waren dieselben; auch die jungen Damen blieben dieser fern; nur auf Spazierritten mit Claasing, meist nach Kirnberg, wurde die Schönheit derselben von den paar Husarenoffizieren, die in Heustedt Quartier hatten, den einzigen jungen Leuten, nach denen Anna etwa das Köpfchen drehte, bewundert. Zu den steifen Diners der Mutter kamen nur ältere Leute, und diese traten den jungen Mädchen aus Ehrerbietung und Furcht vor der Mutter auch nie näher. Anknüpfungen, welche die Baronin Bardenfleth gesucht, die von gemeinsamen Spazierritten gesprochen, waren mit großer Kälte abgelehnt. Die Französin, welche es einmal gewagt hatte, der Gräfin gegenüber das Wort Ball auszusprechen, bekam eine Strafrede, daß sie der Gräfin auswich, wo sie dieselbe nur sah. So geschah es, daß die jungen Damen sich mehr mit Literatur beschäftigten, als es unter andern Verhältnissen der Fall gewesen wäre. Die Bibliothek des höchstseligen Grafen von Alvensleben, die sich vor denselben erschlossen hatte, bot in dieser Beziehung das reichste Material, was englische wie französische Classiker anbetraf, die in verschiedenen Ausgaben in reichen Lederbänden mit Goldschnitten vorhanden waren. Auch Memoiren, Briefwechsel, Reisebeschreibungen standen in großer Anzahl in den bestäubten Fächern, und Anna hatte eine ganze Bibliothek guter und schlechter, aber doch so decenter Romane, als man sie im vorigen Jahrhundert für die gute Gesellschaft schrieb, vorgefunden. Deutsche Literatur gab es in der Bibliothek, abgerechnet einige gelehrte Schmöker und erbauliche Predigtsammlungen, von den Verfassern in tiefster Ehrerbietung und Unterthänigkeit der Excellenz Graf Alvensleben zu Füßen gelegt, gar nicht, weil es zur Zeit des Großvaters deutsche Dichter im Lande Hannover wenigstens noch nicht gab, und weder Graf Wildhausen noch Melusine jemals Geschmack an Literatur gehabt und etwa Lessing's, Wieland's, Klopstock's, Gleim's und andere Werke angeschafft hatten. Erst die jungen Gymnasiasten hatten aus der Bibliothek des Rectors Meier die angebeteten Damen mit einigen deutschen Literaturerscheinungen, namentlich den ersten Dramen von Lessing und dem Lustspiel »Minna von Barnhelm« bekannt gemacht. Der Comteß Olga, die unter Anleitung der englischen Gouvernante sich dem ernsten Studium Milton's und Shakspeare's mit Eifer hingegeben und Geist und Phantasie mit den großartigen Schöpfungen beider genährt hatte, blieb freilich eine Sara Sampson unverständlich, aber Emilia Galotti war ihre Heldin und Minna von Barnhelm regte ihr patriotisches Gefühl auf; hatten doch Engländer und Hannoveraner auf seiten des Großen Fritz gekämpft. Anna wollte von dem deutschen Zeuge nichts wissen, sie konnte höchstens Gefallen finden an der muntern übermüthigen Franziska und dem das Deutsche radebrechenden Riccaut de la Marlinière. »Wie kann ein so schönes reiches Mädchen wie Minna«, sagte sie zu Olga, »einen so steifleinenen pedantischen Helden wie Tellheim, dem seine soldatische Ehre über alles geht, ihre Liebe und Treue nur so, so nachwerfen?! Sie kann ja hundert andere, Bessere, Liebenswürdigere haben.« Olga schüttelte den Kopf zu solchen leichtfertigen Reden, hielt sie aber nur für den Ausdruck augenblicklicher übermüthiger Laune, während sie der Ausdruck einer schon ausgeprägten Gesinnung waren. Doch zurück zu unsern Gymnasiasten. Die lange erwarteten Michaelisferien waren gekommen. Karl und Heinrich hatten vom Rector Meier die Bescheinigung erhalten, daß sie reif zur Universität seien. Aber die Vorlesungen in Göttingen begannen erst Ende October. Ehe Karl zu seiner Mutter, Heinrich zu seinen Aeltern zurückkehrte, sollte ein großer Wunsch beider, der, eine größere Stadt zu sehen, Befriedigung finden. Eine solche Sehnsucht kennt unsere heutige Jugend nicht mehr, ein Knabe von vierzehn Jahren hat heutzutage in der Regel mehr von der Welt gesehen als damals ein Greis von achtzig Jahren. Viel Poesie, aber auch viele Illusion ist mit den Eisenbahnen und Dampfschiffen von der Erde verschwunden; Reisen war damals eine große Lust, heute ist es der Jugend obschon eine Last. Karl's Onkel in Bremen hatte diesen eingeladen, ihn zu besuchen, ehe er die Universität bezöge, und ihm erlaubt, seinen Freund und Stubengenossen Heinrich, dessen Karl in jedem Briefe Erwähnung that, mitzubringen. Die Reise ward jetzt angetreten; sie sollten die erste größere Stadt sehen, eine Stadt, wenn nicht an der See, doch mit seestädtischem Verkehr. Früh am Morgen, ehe noch die Sonne aufgegangen, waren die jungen Burschen wach, banden sich gegenseitig die Zöpfe auf und frisirten sich, aßen ihren Teller Warmbier, steckten die frischen Semmeln, wie sie unten im Hause aus dem Ofen ihres Hauswirths, eines Bäckers, kamen, in das Ränzel zu der wenigen Leibwäsche, und fröhlich ging es durch die Sandwüsten nach Achim hinauf, wo man sein Frühstück einnahm, zum ersten mal den Lauf der Weser längere Zeit überschaute und in nordwestlicher Ferne die Thürme von Bremen wahrnahm. Man marschirte tapfer darauf los und war gegen Mittag in der Nähe der Stadt. Bremen hatte damals noch nicht das freundliche und heitere Aussehen wie heute, es war wie beinahe sämmtliche größere Städte noch in die mittelalterliche Form der Festungen eingezwängt, mit hohen Mauern und Wällen, Festungsgräben und Basteien umgeben. Man sah von der Stadt nur die Thürme und die verschiedenen Zwinger und Windmühlen auf den Wällen. Man trat durch den Zwinger des Osterthors in die Stadt, deren Längenstraßen von Nord nach Süd nur eine mäßige Breite hatten, während die von Ost nach West führenden Straßen, mit einziger Ausnahme der zur Großen Weserbrücke führenden Wachtstraße, meistens so eng waren, daß zwei Wagen sich nicht ausweichen konnten. Karl's Onkel wohnte in einem der dem Hochstift ursprünglich zugehörenden Häuser am Domhofe und war halb hannoverischer, halb bremischer Unterthan. Die alte erzbischöfliche Besitzung, das Stift, war nämlich mit allem Zubehör, der Domkirche, den Diensthäusern, Schulgebäuden, Gottesbuden und etwa hundertsechsundzwanzig Häusern und verschiedenen Meierleuten im Stockholmer Frieden an Hannover abgetreten worden. Dieses hatte innerhalb der Stadt, die Georg II. bei seiner Belehnung mit dem bremisch-verdenschen Herzogthume als eine freie reichsunmittelbare anerkannt hatte, einen eigenen Staat, der durch einen Oberhauptmann, welcher in der Intendantur am Domplatze (Palatium) wohnte, regiert wurde. In diesem Staate wurde Recht nach hannoverischen und schwedischen Verordnungen von der Stadt fremden Gerichten gesprochen, die Bewohner der Stiftshäuser u. s. w. beanspruchten Befreiung von bremer Steuern und Abgaben, obgleich sie die Vortheile und den Schutz der Freien Stadt genossen; diese Wohnungen bildeten Asyle, hinter denen sich versteckte, wer sich vom Stadtgerichte bedroht sah. Der Amtmann, oder wie er sonst hieß, der hier die hannoverischen Hoheitsrechte ausübte, war natürlich beständig bestrebt, die Rechte des Königs-Kurfürsten auszudehnen. Daß es unter solchen Verhältnissen täglich zu Conflicten zwischen der Intendantur und der Weisheit der bremischen Rathsversammlung kam, kann nicht wundernehmen. Ganz eigentümlich gestaltete sich aber noch das Verhältniß für solche, die, wie die Firma Junker, ein Haus bewohnten, für das an die Intendantur ein Kanon bezahlt werden mußte, während das an die Katharinenstraße grenzende zweite Hinterhaus auf rein städtischem Gebiete dem Rathe contribuirte. Der Inhaber der Firma war bremischer Großbürger und zugleich hannoverischer Unterthan. Johann Karl Junker, so hieß der Onkel und Pathe Karl's, war als armer Knabe von Göttingen nach Bremen gekommen und hatte sich mit unsäglicher Anstrengung und noch größerer Sparsamkeit vom Kaufmannslehrling zum Commis emporgeschwungen, von da zum Krämer und endlich zum Kaufmann und Großhändler. Zu seiner Zeit, während und nach dem Siebenjährigen Kriege, trieb Bremen noch keinen eigenen Seehandel und sehr wenig eigene Schiffahrt (nach Norwegen), es trieb nur Zwischenhandel und betrachtete die Thäler der Weser, der Werra, Fulda, Leine, Aller und der dreihundertneunundzwanzig sich in diese ergießenden kleinen Flüsse und Bäche als sein Handelsgebiet. Junker hatte dieses Gebiet als Commis zu Schiffe, zu Pferd und zu Fuß nach allen Richtungen durchstrichen, und als er eine Specialität Kaffee und später Taback auf eigene Rechnung zu verkaufen anfing, hatte er die Reise noch einmal für sich gemacht und sich an kleinen und großen Orten sichere Abnehmer gewonnen. Als im Anfange der achtziger Jahre der Schiffsbaumeister Cassel die Fregatte Asia ausrüstete und eine Actiengesellschaft zum directen Handel mit China und Ostindien zu Stande brachte, unter Begünstigung und Mitwirkung des preußischen Staatsministers von der Horst, drang Junker schon darauf, statt mit Ostindien, mit Nordamerika anzuknüpfen. Er ward nicht gehört, das ostindische Unternehmen scheiterte und führte große Entmuthigung herbei. Junker aber hatte durch seine klugen Abmahnungen die Gewogenheit eines Actionärs sich gewonnen, der ohne seine Einrede das Zehnfache von Actien genommen haben würde. Dadurch entspann sich ein näheres Verhältniß an, und Junker heirathete die Tochter des Kapitalisten, die ihm eine sehr ansehnliche Aussteuer, einen reichen Brautschatz und das Haus auf der Katharinenstraße zubrachte. Der Anfänger war von nun an ein Mann, der an der Börse eine Stimme hatte. Als die Unabhängigkeit der nordamerikanischen Staaten durch den Frieden von Versailles 1783 bestätigt war, bewog er seinen Schwiegervater und einige Freunde desselben, bei Herrn Cassel ein Schiff bauen zu lassen zum directen Handel mit Nordamerika. Seine Verbindungen mit den Thalländern der Weser benutzte er, um an Geldesstatt von seinen Kunden Leinwand aller Art einzutauschen und auf Credit anzukaufen, wobei er in das Gebiet der Elbe und das der Haase und Ems hinüberschritt. Er charterte das neue Schiff, nach seiner Frau Luise getauft, und führte eine wohlversicherte Ladung Leinwand nach Amerika, die er gegen Taback umsetzte. Den Kaffee bezog er von Holland. Das Unternehmen warf ein glänzendes Resultat ab, er selbst hatte die Reise nach Nordamerika gemacht, sich dort ein halbes Jahr aufgehalten, Bekanntschaften und Handelsverbindungen angeknüpft, und er war es, welcher für Bremen die Goldgrube eröffnete, die aus der directen Verbindung mit Amerika seit jener Zeit erstand. Junker hatte seit seiner Verheirathung die Firma Johann Karl Junker und Comp. angenommen, indem er seine Frau als stillen Compagnon ansah und ihr in seinem Hauptbuche den Gewinnanteil an seinen neuen Unternehmungen nach der Summe ihres Eingebrachten gewissenhaft anschrieb. Er hatte seitdem die stehende Redensart angenommen: »Alles für die Firma, nichts über die Firma.« Diese Redensart wiederholte er täglich ein Dutzend mal nicht nur im Comptoir, sondern gegen jedermann, natürlich in Platt, denn Hochdeutsch wurde in den wenigsten Familien Bremens gesprochen. Junker's Haus war leicht zu finden, es stand unmittelbar neben dem alten Palatio. Es war nur schmal, aber sehr hoch, hatte unten nur zwei Fenster und einen geräumigen, ebenfalls für Wagen passirbaren Eingang. Unten in vorgebauter Laube diente das Zimmer als Comptoir. Die Fenster waren mit Eisen vergittert. Zu den obern Etagen des Hauses, das aus einer großen Diele zu bestehen schien, gelangte man durch eine Freitreppe, die zu einer ganz im Innern des Hauses herumlaufenden Galerie führte. In diese mündete die Thür des in der Anslucht über dem Comptoir befindlichen Visitenzimmers und der danebenliegenden Wohn- und Fremdenzimmer. Außer Küche und Eßzimmer in den Parterreräumen und einigen dunkeln Zimmern nach der Nachbarseite war alles im Hause Lagerraum. In den obern Räumen bis zum Giebel war Leinwand vollauf gethürmt, von Packleinwand, Segeltuch und Sackleinwand bis zu dem feinsten Gespinst, welches Handarbeit hervorbringen kann, während unten im Hintergebäude die dickbäuchigen Fässer mit Taback neben schlanken Kaffeesäcken und kleinen Fässern mit sehr starkem Essig, für Südamerika bestimmt, friedlich nebeneinander lagerten. Hier war hinten ein halbes Dutzend Arbeiter beständig mit Auf- und Abladen, Herunter- und Hinaufwinden der Waaren beschäftigt, während im Comptoir neben dem Kaufherrn nur drei Comptoiristen an hohen Pulten schrieben. Ein Lehrling war im Hintergebäude beschäftigt, die ankommenden und abgehenden Fässer und Säcke zu zählen, sie wiegen zu lassen und die Zahlen anzuschreiben. Herr Junker selbst war ein Mann nach der alten Mode, er hatte noch nie ein seidenes Kleid, noch nie ein Kleid mit Tressen getragen; war noch nie, wie andere seiner Collegen, mit Chapeaubas auf der Börse erschienen; er trug die schwarze Tracht, wie sie vor dem Siebenjährigen Kriege Mode gewesen, gleichwie seine Frau das Regentuch so lange beibehalten hatte, bis es nicht einmal mehr die Dienstmädchen und die Fischerweiber trugen. Doch geschah dies bei letzterer nicht aus löblicher Einfachheit und Sparsamkeit, sondern aus Geiz, bis zu welchem Extreme sie ihre Sparsamkeit trieb. Erst beim Kirchgange zur Taufe des Johann Karl junior war sie zu bewegen, eine Enveloppe umzunehmen, und dieser Gang erfolgte erst einige Jahre später als das hier Erzählte. »So! so! so«, empfing Junker die beiden mit dem Ränzel in das Comptoir tretenden Jünglinge – »so so, so, das wäre also mein Pathe, der Karl Haus und sein Freund Heinrich Schulz! Brave Burschen werden, immer festhalten an dem Worte: alles für die Firma, nichts über die Firma. Immer fleißig und sparsam; habe die Firma Johann Karl Junker, auch ohne einen Groten zu besitzen, hoch gekriegt. Jeden Schwaren dreimal umwenden, ehe man ihn ausgibt, ist probat, glaubt's mir. Müßt die Firma Haus und die Firma Schulz hoch bringen, geht alles in der Welt, wenn man es nur recht anfängt. Doch werdet hungerig sein, habt einen tüchtigen Marsch gemacht. Folgt mir zu meiner Altschen.« Er führte sie zu einem kleinen Garten, welcher den Zwischenraum zwischen Haus und Hinterhaus füllte, hier saß in einer Laube von türkischen Bohnen, die noch immer einzelne Blüten trieben, die Frau vom Hause. »Hier mein Pathe Karl, und hier sein Freund Heinrich Schulz, haben schon einen tüchtigen Marsch gemacht! laß eine Tasse guten Kaffee kochen, das übrige wird sich am Abend finden.« Kaffee und Semmeln, geschrotetes Brot und gelbe Butter wurden in der Laube aufgetragen, und Karl wie Heinrich zeigten einen tüchtigen Appetit. Als der Kaffee getrunken war, zeigte Junker den Gästen sein Haus, seine Waarenvorräthe, sogar seine Bücher, und wiederholte dabei zum öftern sein Lieblingswort. Abends sieben Uhr wurde das Comptoir geschlossen. Die Comptoiristen begaben sich in das Familienzimmer zwischen dem Comptoir und der Küche; dort nahm man eine gebrannte Mehlsuppe, Butter, Brot und holländischen Käse als Abendmahl ein, auch schenkte die Hausfrau, aber nur auf Verlangen, Dünnbier aus einer dickbäuchigen Kruke. Während des Essens brachte ein Mädchen einen Gruß von Herrn Brauer, und der Herr Schwiegersohn möge doch in die Pröhlte kommen, Herr Brauer habe einen Studenten aus Hoya zum Besuch. »Das trifft sich ja vortrefflich«, sagte Junker, »da können die jungen Herren die zwölf Apostel anschauen und kommen dann am Abend noch rechtzeitig zu Haus, um ein neues Schauspiel ansehen zu können, das stille Begräbniß des Senators Meier.« Man begab sich zum Rathskeller, wo man nicht in einer kleinen Koje, sondern in einem größern Cabinet, in welchem sich allabendlich eine bestimmte Gesellschaft zu einem Trunke Wein einzufinden pflegte, Platz nahm. Herr Brauer, der Schwiegervater Junker's, liebte ein Gläschen Wein, und Junker selbst verschmähte es außer seinem Hause niemals. Herr Brauer hatte einen Vetter bei sich, einen Studiosen der Medicin, Erich Justus Bollmann aus Hoya, der mit seinem Tressenhut, seinem betreßten Kleide, der langen Weste und dem Degen an der Seite keck und von oben herab auf die eintretenden jungen Männer schaute. Nach gegenseitiger Vorstellung, nachdem man einige Gläser getrunken, sagte der junge Bollmann zu dem Vetter Brauer: »Aber Vetter, Ihr Bruder in Karlsruhe hat mir so oft den Wein des Rathskellers gerühmt, daß ich schier deshalb herübergekommen bin, mich zu überzeugen, wie es mit den zwölf Aposteln und dem Bacchuskeller beschaffen sei. Was ihr uns da vorsetzt, ist wahrer Krätzer, ich versichere Euch, mein Landwein von der Bergstraße ist mir lieber.« »Der Junge hat Geschmack«, sagte Herr Brauer – »ist nicht umsonst drei Jahre bei meinem Bruder in Karlsruhe gewesen. Nun, weil du Rheinwein zu würdigen weißt, sollst du zwischen jungem fünfundachtziger Rüdesheimer und altem achtundfünfziger die Wahl haben, und damit der Wein nicht in den leeren Magen kommt, eine Unterlage von Austern, die dir mein Bruder nicht vorsetzen konnte.« »Brav, alter Bursche«, erwiderte keck der Studiosus, »ich ziehe den jungen vor, mögt Ihr den alten trinken. Ihr sollt sehen, Vetter, daß ich kein Kostverächter bin.« Ein hundert Austern und mehrere Flaschen Wein mit neuen Römern wurden herbeigebracht. Die jungen Heustedter wurden eingeweiht in die Kunst, Austern zu essen. Karl mochte von seinem Vater, der eine unglaubliche Menge dieses Gethiers vertilgen konnte, die Kunst ererbt haben, mit Heinrich wollte es nicht gehen, er sah das Schneckenzeug, wie er sagte, zum ersten mal und seine Miene beim Verschlucken des ersten Thieres erregte allgemeines Gelächter. Als aber einige Gläser des feurigen Rüdesheimer getrunken waren, griff er von selbst zu. Der Hoyaer schenkte sich fleißig ein und ermuthigte die blöden Heustedter zum Trinken; »sollt beide meine Leibfüchse in Göttingen werden, kommt, stoßt an.« Bollmann hatte den Burschenton inne, er wollte absolut ein Burschenlied singen und konnte nur mit Mühe davon abgehalten werden, indem Herr Brauer auf die sich mehrenden ehrsamen Gäste hinwies, welche voll Verwunderung auf die jungen Genossen der Herren Brauer und Junker sahen. Diese wurden zu einem Gespräche unter sich veranlaßt, Bollmann erzählte von seinem Aufenthalte in Karlsruhe und am Rheine, von dem Leben und Treiben auf der Georgia Augusta, Karl und Heinrich wußten nur von dem zu erzählen, was sie in Verden »tractirt«. Noch ehe man aufbrach, hatte die Jugend aber Gefallen aneinander gefunden und Brüderschaft getrunken, und der »Heuer«, wie man in Platt aussprach, hatte versprochen, die neuen Freunde nächstens im benachbarten Heustedt zu besuchen. Etwas weinselig verließ man den Keller, auf den Straßen war es ziemlich lebhaft und namentlich in der Nähe der Wohnung des Kaufherrn, denn der Senator Meier, dessen stille Beerdigung heute stattfinden sollte, hatte im Schlüsselkorbe gewohnt, und es drängte schon jetzt das Volk aus Stadt und Vorstädten, um dem Schauspiele zuzusehen. Der Schwiegervater wurde mit seinem Begleiter eingeladen, bei Junker einzukehren, weil man da den Zug, der über den Domshof ging, abwarten könne. Man betrat das Visitenzimmer, das von so viel Männertritten auf einmal noch nie entheiligt worden war, und unterhielt sich von der Unsitte der Nachtbegräbnisse. »Ich erinnere mich noch recht wohl«, sagte Junker, »daß alle Begräbnisse mittags stattfanden – allein es war ein ungeheuerer Luxus eingerissen und das Zurerdebringen eines Großbürgers kostete mehrere hundert Thaler. Da verordnete ein Senator, ich glaube gar, es war der Vater des jetzt Verstorbenen, in seinem Testamente, daß er abends ganz still und ohne Pomp begraben sein wolle. Man lobte das sehr und es fand allgemeine Nachahmung. Damals verstand man aber unter Abend sieben bis acht Uhr. Es ist noch kein Menschenalter verstrichen und schon ist abermals ein viel größerer Luxus vorhanden als damals, aus Abend ist Nacht geworden, aus einem stillen Begräbniß ein möglichst geräuschvolles.« »Seht, da wird der Dom schon erleuchtet, nun da wird eine schöne Lobrede gehalten werden, möchte wetten, daß so ein vierzig Louisdor hineingeflogen sind in das Superintendentenhaus.« Der Zudrang wurde immer größer, der Schaulustigen immer mehr, alle Fenster am Domshofe waren, mit Ausnahme des Junker'schen Hauses, mit Frauenköpfen garnirt, selbst nebenan in der Intendantur schien Frau Oberhauptmännin Dankwerth ihre ganze weibliche Bekanntschaft zum Besuch eingeladen zu haben. Das Volk auf den Straßen fing schon zu murren an, die Sache dauerte ihm zu lange. Endlich setzte sich der Zug in Bewegung. Zwölf Männer in langen, schwarzen Mänteln mit weißem, langflatterndem Flor auf den dreieckigen Hüten, große Stangen, an denen Laternen befestigt waren, in der Hand, gingen voran. Es folgte der Leichenwagen mit vier Pferden, in schwarzes Tuch bis zur Erde eingehüllt, schwarze Straußenfedern auf dem Kopfe. Der Sarg war reich mit Silberplatten verziert, neben ihm gingen abermals zwölf Träger mit Stocklaternen, eine ebensolche Anzahl folgte hinter dem Wagen. Dann kam die Trauermusik; hinterher Leidtragende aus allen Ständen, dann zwei Drittel aller Equipagen von Bremen, die damals nicht drei Dutzend betrugen. Neben den Leidtragenden gingen die Laternenträger, wie jeder Wagen von zwei Laternenträgern begleitet war. Vor der Thür des Doms hielt der Zug, dort stand eine Grenadierwache aufgestellt. Der Sarg wurde vom Wagen genommen und in die Kirche getragen, dahin folgten die Leidtragenden und eine große Menge des Volkes. In der Kirche ward eine erbauliche Todtenrede, d. h. eine Lobrede auf den Verstorbenen und seine gesammte Sippschaft gehalten und dieselbe zugleich, auf das splendideste und prächtigste gedruckt, vertheilt. Diese Leichenreden aus jener Zeit sind zum Theil wahre typische Kunstwerke. Nachdem die Rede beendet, ging der Zug an der andern Seite des Domshofes zurück, durch die Bischofsnadel dem Bischofsthore zu. Das Volk lärmte und folgte der Leiche bis zum Thore hinaus. »Nun Gute Nacht«, sagte Brauer zu Tochter und Schwiegersohn, »der Vetter ist ganz still geworden, scheint müde zu sein. Morgen früh nach dem Frühstücke hole ich die jungen Herren ab, um ihnen Bremens Merkwürdigkeiten zu zeigen.« Wir wollen Brauer und die jungen Leute auf ihrer Wanderschaft begleiten, aber nur die Dinge hervorheben, die sich jetzt gänzlich verändert haben. Der Roland vor dem Rathhause, dieses selbst und das hochgegiebelte Haus der Altermänner, der Schütting gegenüber, sind noch heute so, wie sie damals waren. Durch die Wachtstraße ging es der großen Weserbrücke zu, zu welcher der Zugang durch ein festes Thor vertheidigt werden konnte. Die Brücke war von Holz, ohne jedes Geländer. Gleich rechts an der Brücke, wo jetzt etwa das von Kapff'sche Haus steht, stand ein großer kupferner Kasten, funfzehn Fuß lang, breit, hoch und tief, davor in der Weser war ein großes Rad, so groß, wie die jungen Männer noch nie ein solches gesehen, es hatte funfzig Fuß im Durchmesser, mit sehr breiten Schaufeln, an diesem hingen Kannen, die unten in der Weser sich voll Wasser füllten, und sich oben in eine Rinne leerten, welche das Wasser in den erwähnten Kasten führte, der ziemlich hoch über der Wachtstraße auf einem Pfahlwerke stand. »Dat ist dat Waterrad«, erläuterte Brauer, »dat ist all 1394 fundeert, und wie da schreben steit in – in – «; » in publica commoda ducit «, las Bollmann, da der Vetter nicht weiter kommen konnte. »Dat Rad ist toulezt 1710 ny upgebuet«, fuhr Brauer fort, »und gript 9 Tunnen Water, wenn et einmal rum geit. Dat Rad geit aber in einer Stunne 51 mal umher, bringt also in 24 Stunnen 10800 Tunnen à 125 Stübchen.« »Wozu denn aber?« fragte Bollmann. »Me düssen Water wert de gemeinen Woltgoten speiset, und uter den groten gemeinen Rören gift et vor jedes Hus Privatnebenrören, dei öhre Abstecher von den gemeinen Goten hebbet. So krigt jedes Kirchspeel und jedes Hus sin Water.« Die große plumpe Maschine, über welche eine hohe Breterbude geschlagen war, bewegte sich langsam herum, man sah es ihr an, daß sie so ziemlich noch in der Ursprünglichkeit des 14. Jahrhunderts bestand, nur hatte sie im Laufe der Zeit eine eiserne Welle bekommen. An der Brücke nach unten lagen damals noch zwölf Schiffsmühlen. Am jenseitigen linken Ufer der Weser, da, wo jetzt das Armenhaus steht, auf einer durch die Kleine Weser gebildeten Insel, erhob sich das Castell, Die Braut. Dasselbe war nach Norden mit dem Bauhofe, nach Süden mit dem Werder durch Zugbrücken in Verbindung gesetzt. Das Castell wurde durch einen runden, festen Thurm gebildet, der drei Etagen enthielt und mit Wall und Graben versehen war. Die Mauern von sechzehn Fuß Dicke konnten schon eine Kanonenkugel, wie sie im Dreißigjährigen und im Siebenjährigen Kriege geschleudert wurden, aushalten. Die »Braut« war ursprünglich hundertfünfundsechzig Fuß hoch, bei einem Durchmesser von neunzig Fuß. Vor jetzt etwa funfzig Jahren, im September 1739, hatte der Blitz in das zugleich als Pulvermagazin dienende Castell geschlagen und den obern Theil zerstört, der neuern Ursprungs war. Man leitete den Namen »Braut« daher ab, weil die Stadt dem Castell wie ein huldigender Bräutigam gegenüberliege; dem war so, man hatte schon vom Walle des Castells, der allein betreten werden durfte, eine kostbare Aussicht. Gegenüber an den Schlagten, welch reiches Leben! Eine große Anzahl Schiffe, welche die Waaren von und bis Elsfleth, Brake und der Rhede in der Gegend von Lehe brachten, bis wohin die Seeschiffe selbst herauffuhren, wurden da aus- und eingeladen, oder in oberländische Schiffe umgeladen. Der große Kran, die rothe Wuppe, die gelbe Wuppe, die bunte Wuppe und die grüne Wuppe waren in Thätigkeit, Lasten auf die Schlagt zu heben. Kähne fuhren ab und zu, und am Lande schwere Lastwagen. Weiter hinunter unter der letzten Schlagtpforte machte sich das hochdachige neue Kornhaus bemerkbar, darunter, da, wo bisher etwa der Anlegeplatz für die Unterweserdampfschiffe war, der jetzt wegen der Eisenbahnbrücke verlegt ist, sprang die Assenburg in die Weser hervor, noch weiter nach Norden trat die Stephanikirche hervor. Dann sah man die Wichtenburg; darunter schloß die Stadt mit dem Armenhause, Waisenhause, Zuchthause ab, hinter welchem die Stephanibastei sich erhob. Von den Schlagten ab war die ganze Weserseite mit einer hohen Mauer eingefriedigt, die nur verschiedene verschlossene Pforten hatte. Der markige Domthurm, der noch höhere der Sanct-Ansgariikirche, die Thürme von Martini, Liebenfrauen, der Stephans- und der Klosterkirche gaben der Stadt ein gar stattliches Aussehen. Man ging dann wieder zur Altstadt und die Tiefer- und Holzpforten entlang zum Osterthorzwinger, der damals schon als Gefangenenhaus diente, besah sich auch dieses alte Castell im Innern, und kam durch eine Menge kleiner Gassen, die Lauf- und Dreckstraße, zu dem Platze, wo jetzt die neue Börse steht, damals aber der Wurstmarkt und die kleine Wilhaldikirche sich befanden. »Nun, Jungens, ich bin müde«, sagte Herr Brauer, »ihr könnt euch jetzt erst unter die Erde, dann über dieselbe begeben. Durch diesen Kreuzgang kommt ihr zur Bleikammer; die Frau des Küsters, die euch dieselbe öffnet, hat auch die Schlüssel zum Domthurme, da könnt ihr hinaufsteigen und euch das ganze bremer Gebiet ansehen. Mich trefft ihr im Rathskeller, den mein werther Vetter schon zu finden weiß.« Wir folgen unsern jungen Freunden weder zu den Mumien des Bleikellers noch zu den Höhen des Domes, obgleich wir kaum glauben, daß von den vielen tausend Fremden, welche Bremen an den Tagen des Deutschen Bundesschießens im Juli 1865 besuchten, ein einziger den Muth hatte, die Hunderte von Stufen hinaufzusteigen; man begnügte sich, Bremen vom Plateau der Fahnenhalle zu sehen, von wo man damals nichts gesehen haben würde als Stadtgraben und Wälle und die darüber hinwegragenden Thürme. Der Aufenthalt der jungen Burschen in Bremen dehnte sich nur ein paar Tage aus, Junker war vom Morgen bis zum Abende im Dienste der Firma, die Tante nicht sehr freundlich; sie berechnete fortwährend die Mehrausgaben, welche die Gäste verursachten, und ließ selbst die unbefangene Jugend fühlen, daß es besser sei, wenn sie den Besuch nicht zu lange ausdehnte. Der Onkel hatte Karl eine Unterstützung von 400 Thalern zugesagt und drückte ihm beim Abschiede die erste vierteljährige Rate in die Hand, mit einer Bewegung, die andeutete, daß er jedes Dankes in Gegenwart des stillen Compagnons der Firma enthoben sein möchte. Bollmann hatte sich entschlossen, die neuen Freunde gleich nach Heustedt zu begleiten, und Karl hatte seine Mutter schriftlich davon benachrichtigt, daß er einen Studiosen aus Göttingen mitbringe, der sich seiner dort annehmen werde. Man verlebte in Heustedt einige höchst vergnügte Tage, machte täglich Ausfahrten auf der Weser, bei denen Klara und Marianne Schulz nicht fehlen durften, welche erstere durch ihre reizende Stimme Justus Erich am ersten Tage schon gefesselt hatte. Dieser gehörte nicht zu den blöden Schäfern, er hielt es mit dem Goethe'schen: »Und wer keck ist und verwegen«, ehe Goethe dieses Wort nur noch ausgesprochen. Er machte der schönen Klara in so unbefangener und dabei liebenswürdiger Weise die Cour, daß diese ihr Herz am ersten Tage verlor. Nachdem sie ihr musikalisches Talent vor ihm entfaltet, nannte er sie nur seine süße Nachtigall. Die beiden Heustedter hatten halbe Andeutungen von ihrer Liebe, wenn man die Sache so nennen darf, gemacht, und Bollmann war begierig, den Gegenstand der Anbetung seiner Leibfüchse von Angesicht zu Angesicht zu schauen. Man machte deshalb häufig Promenaden im Schloßpark, und es machte sich wol nicht ganz ohne Veranlassung Anna's, daß man sich traf. Diese hatte nämlich die Ankunft der alten Spielgenossen längst erfahren und wußte auch, daß sie einen Studiosus mitgebracht hatten. Sie redete deshalb der Comtesse am Abende vorher beständig vor, daß sie, koste es was es wolle, den Studenten sehen müsse, sie habe noch keinen Studenten gesehen, sie klagte die Spielgenossen an, daß sie den schuldigen Respect hintansetzten, indem sie noch keine Visite gemacht hätten. Das Verbot der Gräfin wegen des Umgangs mit Heustedtern beziehe sich weder auf den Lebensretter Olga's, den Stipendiaten der Gräfin, noch auf ihren ersten Lehrer, den Kindheitsgenossen der lieben Schwester. Am andern Morgen war es Olga, welche die Milchschwester zu einem Spaziergange im öffentlichen Park aufforderte, während man bis dahin nur den reservirten Park zu solchen Gängen benutzt hatte. So traf man denn zusammen, die angehenden Studiosen und der Brandfuchs hatten schon seit drei Morgen längere Spaziergänge im Park gemacht. Als die Herren gegrüßt hatten und vorüberzugehen im Begriffe waren, redete Anna ihren unvergeßlichen Lehrer, wie sie ihn nannte, an. Nun mußte Bollmann vorgestellt werden und begann sich keck in einigen humoristischen Floskeln zu ergehen. Die Comteß trat zu Heinrich, erkundigte sich teilnehmend nach seinem Ergehen und dem des Bruders Friedrich, man kam ins Gespräch und wandelte in den Kastanienalleen wol eine Stunde auf und ab, bis die kleine Heloise gelaufen kam, zum Lunch zu mahnen. »Füchse«, sagte Bollmann, als die Damen geschieden waren, »euer Geschmack ist gut, aber die Trauben hängen zu hoch für euch. Laßt das Hinaufstarren, wenn ich euch rathen soll, es leben der schönen Mädchen noch viele in der Welt. Vor allem werft eure Oden und Sonette ins Feuer und denkt an weiter nichts, als mir Ehre zu machen in Göttingen. Vivat academia! « Es war Zeit, daß Bollmann am andern Tage schied, sonst hätte er das Köpfchen der schönen Klara ganz verrückt, und das der Anna, die acht Tage von nichts als dem schönen Studenten redete, noch dazu. Zweites Buch. Während der Sündflut. Erstes Kapitel. Ein Spielabend bei Pütter und eine Gesellschaft bei Elise Bürger. Wer in den zwanziger und dreißiger Jahren in Göttingen studirte, oder sich dort Studirens halber aufhielt, der ist auch im Hause des witzigsten aller Kroneninhaber, Friedrich Bettmann, gewesen, in der Goldenen Krone an der Weenderstraße, in welcher Kaiser und Könige zu öftern malen seitdem ihr Nachtquartier aufgeschlagen haben. Wer dort aber jenerzeit ein- und ausging, der fand allda alltäglich ein altes, kleines, zusammengeschrumpftes Männchen, mit gelber Perrüke, die weniger als Haarschmuck, denn zur Erwärmung des Kopfes diente, abends in der hintern Stube vor der Mutterflasche mit gelbem Lack sitzen, sich und den Stammgästen daraus einschenkend und diese lebhaft unterhaltend. Als die Georgia Augusta ihr funfzigjähriges Jubiläum feierte, da war dieser alte Mann schon wohlbestallter Universitäts-Kupferstecher, und als 1837 Göttingen sein hundertjähriges Jubiläum feierte, da war Riepenhausen neben Brüderchen Heinrich Dietrich, dem Sohne des obenerwähnten Buchhändlers Heinrich Dietrich, dem Pastor Luther u. a. m. einer der wenigen, die noch vom Jahre 1787 erzählen konnten als Festgenossen und Universitätsmitglieder von damals. Riepenhausen, der Freund Lichtenberg's, Blumenbach's, Wrisberg's, der Hauswirth Bürger's in seiner schwersten Lebenszeit, der geniale Mann, der Hogarth's Meisterwerke mit seinem Griffel für Deutschland zugänglich, ja mit Lichtenberg's Erklärungen zum Nationaleigenthum gemacht hat, war zu der Zeit nach 1830 nichts mehr als ein alter schwacher Mann und Vater zweier berühmter Söhne, der Gebrüder Riepenhausen, Maler in Rom, während ein jüngerer Sohn bummelnd und nichtsthuend ihm das Mark des Lebens aus dem Beutel sog, und eine Tochter, Präsidentin eines 1822 gestifteten Ypsilanticlubs, nach dem Einen wahren Zukünftigen schmachtete. Riepenhausen war, sobald es dunkelte, Sommer und Winter der erste Gast in der Krone. Er wußte viel zu erzählen, der alte Herr, und er hat mir Dinge berichtet, von denen in unzähligen Büchern, die über Göttingen geschrieben sind, kein Wort steht, und hätte sich Otto Müller von ihm eine Stunde über Bürger erzählen lassen, er würde einen bessern Roman als den uns vorliegenden geschrieben und Novalis nicht mit dem Vetter des Fürsten von Hardenberg verwechselt haben. In der andern Gaststube hingen damals noch einige alte vergilbte Kupferstiche, theils mit dem Namen von Riepenhausen, theils mit dem seines Schülers Grape bezeichnet. Das eine war ein Nachtstück mit der Unterschrift: Landesvater der Studenten im Kerstlingeröder Felde in der Nacht vom 26. auf den 27. Juli 1790. Da lagen sie herum, die Studiosen der damaligen Zeit, mit ihren dreieckigen Hütchen, ihren Zöpfen, den langen bis auf die Hacken reichenden Röcken, Fracks darf man wol nicht sagen, zum Theil in Kniehosen mit seidenen Strümpfen und Schnallenschuhen, zum Theil mit Stulpenstiefeln, im großen Kreise auf der dunkeln Waldwiese. In der Mitte brennt ein großes Feuer. Neben dem Feuer sitzt der Präsident, den Degen (nicht den Schläger) in der Hand mit daraufgespießten Hüten. Einige dieser Degen, ganz voll von Hüten, liegen schon zu seinen Füßen. Neben ihm stehen zwei Eimer mit Wein und liegen eine Anzahl Becher auf der Erde. Der Studiosus, der, den Hut auf den Degen stoßend, vor ihm steht und singt: Ich durchbohr' den Hut und schwöre, Halten will ich stets auf Ehre, Stets ein treuer Bursche sein – nähert sich offenbar moderner Richtung. Er hat eine kurze Jacke, lange Beinkleider, der Hut, den er in der Hand hält, ist rund, wie ihn von den Hunderten der umherlagernden Studenten nur ein Zehntel trägt. An der Seite hat er den Degen, das Pistol im Gürtel. Das Haar ist üppig und hinten mit Mühe zu einem dicken Zopf zusammengebunden. Man sieht es der Figur, so klein sie auf dem Bilde ist, an, daß das ein Geist ist, der gewirkt und geschafft hat in der Welt. Riepenhausen hat mir das Bild oft erklärt. »Sudelarbeit, Sudelarbeit!« pflegte er zu sagen, »Jugendsünden von Grape, mein Name steht unschuldig darunter, habe nur die Zeichnung gemacht, war dabei, hatten mich meine Freunde mitgeschleppt; der dort singt, war mein Herzensfreund, ein prächtiger Junge, Justus Erich Bollmann, wissen Sie, wissen Sie, der den Lafayette in Olmütz befreite. Hier an dieser Ecke lagerten Karl Haus, Heinrich Schulz und ich. Schulz erhebt sich schon, er muß nach Bollmann in den Kreis und vor den Präsidenten treten. Es fehlte an Bechern, mußte der Stiefelwuchs die Becher den in den Kreis Tretenden gefüllt überreichen. »O ich kann Ihnen noch ein paar Dutzend von denen nennen, die da liegen. Sehen Sie, der Präsident da in der Mitte, dem Feuer nahe, er hält den Degen mit den Hüten in der linken Hand, in der rechten hält er die lange Thonpfeife, von denen der Stiefelwuchs rechts des Feuers einige Dutzend mit gelbem Knaster stopft, das war der Graf Schlottheim, die eigentliche Seele des Auszugs. Hier im Vordergrunde lagert der Graf Saint-Simon, der seit zehn Jahren die Ihnen bekannte Sekte gestiftet hat. Auch der Metternich ist auf dem Bilde, aber wo? Ach meine Augen, meine alten Augen, sie wollen nicht mehr. »Hier auf dem zweiten Bilde, das Tagsleben in Kerstlingerode darstellend, sitzt wieder Schlottheim als Bacchus ohne Rock auf dem Faß. Sehen Sie dort unter den Bäumen rechts. Da war die Friseurwerkstatt aufgeschlagen, sämmtliche Friseure Göttingens waren dem Auszuge gefolgt und verrichteten hier unter freiem Gotteshimmel das Aufbinden der Zöpfe und Pudern. Das da, links in dem Baumgange, sind die witzenhäuser Obstweiber, die gleichfalls nachgefolgt waren. Ja wären wir noch acht Tage dort oben geblieben, die gesammten göttinger Philister und viele Hofräthe und Professoren wären nachgezogen. Aber wir litten schon am dritten Tage Hunger, denn die Freitische und die Traiteurweiber zogen nicht mit. »Sehen Sie hier das dritte Bild, der Einzug der Studenten ins Albanithor. Das da ist der von Sehlen'sche Garten, damals Wacker's Garten. Alle Senioren und Consenioren der Verbindungen sind zu Pferde, voran wieder Graf Schlottheim. »Will Ihnen sagen, will Ihnen sagen, junger Freund, war eigentlich großer Unsinn die ganze Geschichte. Kommt ein Tischlergesell nach Göttingen und redet den auf der Weenderstraße wie gewöhnlich bummelnden Grafen Schlottheim an: »Kann Er nicht sagen, wo die Tischlerherberge ist?« »Verdammter Kerl!« erwidert dieser und schlägt ihn hinter die Ohren, »wie kann Er mich Er nennen?« Das haben aber einige Gesellen in einer nahen Herberge gesehen. Sie springen dem Bruder Tischler zu Hülfe, und Graf Schlottheim bekommt eine tüchtige Tracht Schläge. Dieser ruft: »Bursche heraus!« Der Ruf durchtönt die Stadt und bald sind sechshundert Burschen, mit Säbeln, Degen, Rappieren bewaffnet, auf den Straßen. Aber die Gesellen sind verschwunden, man findet keinen Gegner, mit dem man sich schlagen kann. Da kommt dem Grafen Schlottheim ein großer Gedanke. »Die Füchse sollen hinter der Mauer her eine Feuerleiter holen!« befiehlt er. Dies geschieht. Man setzt die Leiter an die Tischlerherberge, holt das Schild herunter, trägt es in feierlicher Procession nach der Leine und wirft es bei der Alleebrücke in den Kanal. »Nun aber fühlt sich der ganze Handwerkerstand, Meister wie Gesellen, an ihrer Ehre gekränkt, und da man von dem ›Akademischen‹ vergeblich Genugtuung fordert, rottet man sich zusammen, überfällt zunächst das Corps, dem Schlottheim als Senior vorsteht, als es seine Kneipe verläßt, und prügelt jeden Studenten, den man trifft. Abermals heißt es: ›Bursche heraus.‹ und jetzt kommt es zu einem förmlichen Treffen, wobei die Flederwische der Rappiere und Degen gegen Ziegenhainer und Besenstiele unterliegen. Dragoner werden von Nordheim requirirt, die Ruhe herzustellen. Sie hauen nicht nur auf die Philister und Knoten ein, sondern auch auf die Studenten. »Das nehmen diese übel, und so heißt es Auszug. Auszug, in Ver . . . . . . wer nicht mit auszieht! . . . So kam es. Habe mich immer zu der Jugend gehalten und bin deshalb auch jung geblieben, im Herzen wenigstens. Folgte meinem Freund Bollmann, den ich ins Herz geschlossen. Aber der Graf Schlottheim! »Ein schlimmer Knabe das, viel Lärm und Unruhe gemacht in meinem Hause, könnte schöne Geschichten von ihm erzählen. Bürger hat seine Frau seinethalben fortgejagt und mit Recht.« Der Alte trank ein Glas aus der Mutterflasche, andere Gäste traten herein, Philipp Otto von Münchhausen kam aus dem Theater und ergriff das Wort, und nun kam der Alte nicht mehr zur Rede. Also waren unsere jungen Freunde in so großer ernster Zeit in kleinlichen Studententhorheiten verkommen? Wir freuen uns, das verneinen zu können; aber dem Auszuge konnte sich kein Bursche entziehen, ohne in Verruf zu kommen. Justus Erich, der Mediciner, Karl, der Jurist, und Heinrich, der Theologe, setzten in Göttingen das im Rathskeller zu Bremen angeknüpfte Freundschaftsbündniß fort, sie wohnten in Einem Hause an der Marsch, führten in manchen Dingen Einen Haushalt, liebten sich und schwelgten in Natur- und Poesiegenüssen, in Träumen der Vergangenheit und Zukunft. Bollmann war der praktischste von ihnen, der das Leben nahm und genoß, wie es sich ihm gab, ohne die Zukunft von einer sehr idealen Seite anzusehen. Ein Arzt in Hoya, vielleicht ein Physikus mit dem Titel Leibmedicus und einer Einnahme von 1000 Thalern, wenn das Ding gut ging. Ein liebes, sorgsames Weibchen, vielleicht seine süße Nachtigall aus Heustedt, das war seine Zukunft, wie er sie sich früher gedacht hatte. Sie genügte ihm nicht, ein unbestimmter Drang wollte mehr vom Leben. Jetzt, wo die Franzosen erwacht waren, die Ketten von sich abgeschleudert hatten, wo die Bastille zertrümmert lag, Freiheit und Gleichheit das neue Evangelium geworden war, und auf dem Marsfelde Herzogin und Tagelöhner, Nähterin und Marquis gearbeitet hatten, die Karren zu füllen, um den Festplatz herzustellen, war Hoya für seine Zukunft zu klein. Er hätte Volkstribun sein mögen, in der Constituirenden Versammlung sitzen, die Rechte des bedrückten dritten Standes, der ja für die Zukunft alles sein sollte, zu vertheidigen. Heinrich Schulz war eine mehr träumerische Natur. Ihm war in Göttingen erst ein Verständniß dessen, was wir mit dem Gesammtnamen Bibel bezeichnen, erschlossen. Michaelis, der kühne Orientalist, hatte nicht umsonst die erste kritische Hand an die heiligen Bücher gelegt, die Deisten in England hatten ihm nicht umsonst vorgearbeitet. Heinrich saß halbe Nächte hindurch im Winter, und war früh morgens auf im Sommer, um Kant's »Kritik der reinen Vernunft« zu studiren, und sich in eine Gedanken- und Kategorienwelt zu vertiefen, die weder Justus Erich noch Karl begreifen konnte. Karl hatte sich ursprünglich leidenschaftlich auf Institutionen und Pandekten geworfen. Das Studium war damals noch ein schwierigeres, man folgte der Anordnung der Compilation, man studirte nach den Legalpandekten. Dann hatte er sich zwei Lieblingsstudien und Lieblingslehrer angeschafft, freilich in Charakter und Gesinnung wie im Ziel des Lehrens grundverschieden; Spittler, den vorurtheilsfreien, denkenden Historiker, den Fortschrittsmann, und Pütter, den grundgelehrten Repräsentanten des Zopf- und Geheimen Hofrathsthums, den Ausbildner der Diplomaten und des Fürstendienerthums in Göttingen. Spittler glaubte an eine Zukunft der Menschheit, und wußte diesen Glauben seinen Zuhörern einzuimpfen, sie für alles Menschlichgroße zu begeistern, wie er selbst dafür begeistert war. Spittler war einer der wenigen, die für die Ideen der Französischen Revolution schwärmten, die Altflickerei haßten und es für nöthig hielten, daß die Völker fortan nach einem neuen System, nach Principien des allgemeinen Rechts und nach allgemeinen Ideen von der menschlichen Natur, selbst die Geschichte künstlerisch machten, und sich nicht blos durch Fürsten, Maitressen, Günstlinge und intriguante Diplomaten Geschichte machen ließen. Er hielt es für nöthig, daß sich die bestehenden Staaten von Grund aus regenerirten. Aber er durfte diese seine Gesinnung nicht äußern. Georg III. war der schlimmste Gegner der Französischen Revolution und der entschiedenste Hasser jeder Neuerung. In Hannover war der hohe Adel selbstverständlich ebenso gesinnt als der König, und die arbeitende bürgerliche Büreaukratie hielt mit Rehberg dafür, daß es die Erbkrankheit der Deutschen sei, das Hirngespinst von einer über alle Mängel und Unvollkommenheiten erhabenen Menschheit, ein Ideal der Menschheit zu haben. Ob Ernst Brandes eine Zeit hatte, wo er die entwürdigende Stellung der Geheimen Justiz, Hof- und Kanzleiräthe und der Geheimen Kanzleisecretäre, denen er selbst angehörte, zu den Geheimräthen fühlte, eine Zeit, wo er einen Anflug von einem Demokraten hatte? Wir würden es nicht glauben, wenn es sein Schwager, der ehrliche Heyne, nicht selbst seinem eigenen Schwiegersohn, Georg Forster, geschrieben hätte. Als Ernst Brandes aber von Burke die Aussicht auf eine Unterstaatssecretariatsstelle in London eröffnet war, da war es vorbei mit solchen Hirngespinsten, da ging die Ordre nach Göttingen, über die Französische Revolution nicht in anderer Weise zu denken, keinenfalls in anderer Weise zu reden und zu schreiben, als Burke in seinen Betrachtungen es gethan hatte. Das Höchste, was man erlaubte, war die Lehre: »Bessert bei zeiten, damit nicht eingerissen werde.« Um dem Campe'schen »Genealogischen Almanach« entgegenzuarbeiten, den man für eine versteckte »Ermahnung der Völker zum gottgefälligen Aufruhr« ansah, mußte in Göttingen ein Revolutionsalmanach herausgegeben werden, der in das Schwarze malte. Die Censur wurde verschärft, das Censuredict von 1707 schien kaum noch zu genügen. Man sah es gar nicht ungern, daß der Studentenexceß von 1790 entstand, war das doch der beste Beweis, daß die Jugend noch nicht von revolutionären Ideen angesteckt war. Pütter, mit seinem zweiundzwanzigsten Jahre schon Professor in Göttingen, war die lebendige Reichsgeschichte, der größte Kenner des verwickeltsten aller Rechte, des deutschen Staats- und Fürstenrechts und des Reichskammergerichts- und Reichshofrathsprocesses. Er hatte in seiner Jugend, nachdem er in Wetzlar und Wien die Erbärmlichkeiten der beiden höchsten Reichsgerichte kennen gelernt, eine »patriotische Ausbildung des heutigen Zustandes der beiden höchsten Reichsgerichte« geschrieben und darin den Verfall des Reichsjustizwesens sammt dem daraus entstehenden Unheil für das ganze Reich erörtert. Allein er hatte damit, wie ihm Adolf von Münchhausen, der Stifter der Georgia Augusta, schrieb, »zu Wien das Kalb in die Augen geschlagen«. »Damit nun der kaiserliche Hof nicht enragire«, schrieb der Minister von Münchhausen selbst eine Recension für die »Göttinger gelehrten Anzeigen«, welche vertuschte, beschönigte, versüßte, verkleisterte. Pütter legte seitdem solche, nicht nutzenbringende Schreibereien beiseite, die unzähligen Gutachten, welche er für Fürsten, reichsunmittelbare Städte und Ritter anfertigen mußte, brachten klingende Goldstücke in den Seckel. Pütter sah nicht, daß das Heilige Deutsche Reich, schon aus allen Fugen gerissen, nur noch ein Gespenst war, er lehrte deutsche Staats- und Rechtsgeschichte, repräsentirte Hannover neben den eigentlichen Gesandten bei deutschen Kaiserwahlen und bildete sich ein, ein deutsches Reich reconstruiren zu können, wenn es zerstört würde. Als 1796 der König von Preußen und der Kronprinz von Dänemark, der älteste Sohn unserer Karoline Mathilde, von einem Besuch bei dem Landgrafen von Kassel zurückkehrend, auf dem Hardenberg übernachteten, vermaß sich Pütter: »Wenn er den Umsturz des Deutschen Reichs erlebe, aus den Ruinen des alten ein neues Staatsrecht zu bilden.« Im nächsten Jahr war schon Rastadt da, und bis zur formellen Auflösung des Reichs dauerte es nur wenige Jahre. Ob der Pütter, der ein neues Reich erbauen könnte, uns in Bismark erstanden ist? Die Siebzehn und die Professoren von 1848/49 sammt allen Mitgliedern des Parlaments wie Vorparlaments haben es nicht gekonnt. Reichsgeschichte und Reichsstaatsrecht gehörten nicht zu den juristischen Brotstudien, sie waren eigentlich nur Sache der vornehmern Studirenden, die sich auf Fürstendienst oder für diplomatische Carrière ausbilden wollten. Karl hatte aber, wie zur Geschichte überhaupt, einen ungemeinen Drang, gerade in diesen Fächern sich auszubilden; er war einer der fleißigsten Zuhörer Pütter's, was ihm denn auch eine Einladung des Geheimen Justizraths zuzog, eine Ehre, die eigentlich nur Grafen und Freiherren zutheil wurde. Pütter wohnte in dem jetzigen Krämer'schen (Rüte'schen) Hause an der Allee- und obern Maschstraße, und ihm standen, mehr wie beinahe sämmtlichen Professoren und Hofräthen, die größten Räume damals zur Verfügung. Er pflegte jeden zweiten Sonntag zu einer Partie einzuladen. Es wurde in drei, vier Zimmern von Herren und Damen eine Partie Whist gespielt, Thee getrunken, Kuchen und Butterbrot, später für die Herren ein Glas sauern Weins verabreicht. In den Jahren 1788 und 1789 waren die englischen Prinzen (später die Herzoge von Cumberland, Sussex und Cambridge) jedesmalige Gäste. Die nichtspielenden Herren sammelten sich in einem Rauchzimmer, im Sommer auch wol in dem Garten und Gartensalon, mit blauen Fliesen ausgelegt, in den später Goethe vor dem Tuten der göttinger Nachtwächter flüchtete. Der Geheime Hofrath nahm Karl, als dieser erschien, beiseite. »Mit Freuden, Herr Haus, habe ich bemerkt, daß Sie nie eine Stunde meines Collegiums versäumt haben, und ich zweifle nicht, daß Sie zu Hause fleißig nachstudiren. Der Herr Geheimrath Graf von Schlottheim hat mich beauftragt, einen jungen Mann in Vorschlag zu bringen, der mit seinem Sohn deutsche Reichsgeschichte und Staatsrecht repetire. Sie würden für vier Stunden wöchentlich das Semester ein Honorar von 10 Louisdor bekommen, und außerdem würde Se. Excellenz gewiß bei späterer Carrière förderlich sein. Darf ich Sie vorschlagen?« Karl nahm mit vielem Dank das Anerbieten an, das ihm die Gelegenheit gab, seinen sehnlichsten Wunsch zu erfüllen und in den Ferien eine Rheinreise zu machen, zu der er auch schon von dem Stipendium des bremer Onkels zurücklegte. Man hatte mit Bollmann und einem Schweizer Girtanner schon den Harz nach allen Richtungen durchstreift, Fußtouren nach Kassel waren an jedem Pfingstfest unternommen, der Rhein, das war die Sehnsucht der Heustedter, die Bollmann durch seine Erzählungen von dort immer mehr anfrischte. Nachdem der Student zugesagt, verfehlte Pütter nicht, den künftigen Repetenten dem anwesenden Studiosus Grafen Schlottheim vorzustellen. Es wurde eine Zeit und der Anfang des Repetitoriums verabredet. Der Herr Graf war aber kein fleißiger Schüler, er schwänzte das Repetitorium, so oft es ihm einfiel, und vom Repetiren konnte eigentlich nicht die Rede sein, da Schlottheim absolut gar nichts aus dem Collegium heimgebracht hatte. Wozu soll ich mich mit Lernen plagen? habe ich als künftiger Geheimrath nicht meine Arbeitsesel, die Geheimen Secretarien und die Geheimen Hofräthe? dachte er durchaus folgerecht. Karl lehnte die ihm gebotene Karte ab, er begab sich in das Rauchzimmer, wo Lichtenberg, sein Lehrer in der Physik, mehrere jüngere Professoren und Privatdocenten, auch einige Studenten sich unterhielten. Eigentlich trug nur Lichtenberg die Kosten der Unterhaltung, indem er, wie seine große Elektrisirmaschine, wenn sie in Schwung gesetzt war, Witzfunken auf Witzfunken entströmen ließ. Er behandelte in Gegenwart der meist Bezopften eben das Thema von den Schwänzen, zu dem er Zeichnungen von Chodowiecki vorlegte. »Hier, meine Herren, sehen Sie zuerst zwei Musterbilder heroischer kraftvoller Schwänze, zuerst einen Sauschwanz . . . man sieht den Teufel der Sauheit, man fühlt instinctmäßig den Schrecken Israels. Der Inhaber oder vielmehr die Inhaberin dieses Schwanzes war ein Urgenie, lungerte Tage lang im Schlamm hin, vergiftete ganze Straßen mit unausstehlichem Pestgeruch, brach in eine Synagoge bei Nacht und entweihte sie scheußlich. Sie ward, nachdem sie mit unerhörter Grausamkeit drei ihrer Jungen lebendig gefressen, und nun ihre kannibalische Wuth an einem armen Kinde auslassen wollte, von Betteljungen erschlagen und von ihren Henkersknechten halb gar gegessen.« Man lachte unbändig, weil man in dem zusammengerollten Schwanz den Zopf eines in der akademischen Welt wohlbekannten Mannes, des Commandanten der Schnurren (akademischen Polizeisoldaten) zu erkennen glaubte. »Hier ein neues Bild, der Schwanz einer englischen Dogge. Betrachten Sie diesen Hundeschwanz und bekennen Sie offen, ob Alexander, wenn er einen Schwanz hätte tragen wollen, sich eines solchen hätte schämen dürfen. Durchaus nichts weichlich hundselndes, nichts damenschösichtes, zuckernes, mausknapperndes, winziges Wesen. Ueberall Mannheit, Drangdruck, hoher erhabener Bug und ruhiges, bedächtiges, kraftherbergendes Hinstarren. Wer fühlt nicht hohe, an menschliche Idealität angrenzende Hundheit in dieser Krümmung. Dieser Schwanz gehörte Heinrich's VIII. Lieblingshunde zu, er hieß und war Cäsar. »Hier ein drittes Bild, acht Silhouetten von Burschenschwänzen. Nr. 1 ist fast Schwanzideal! Germanischer eiserner Elater im Schaft; Adel in der Fahne; offensiv liebende Zärtlichkeit in der Rose. Durchaus mehr Kraft als Besonnenheit! Nr. 2. Ueberall mehr Besonnenheit als Kraft. Aengstlich gerade, nichts Hohes, nichts Aufbrausendes, süßes Stutzerpeitschchen, zartes Marzipanherz ohne Feuerpuls. Nr. 3. Eingezwängter Fülldrang, studirt Medicin! Nr. 4. Satyrmäßig verdrehte Meerrettichform. Der Kahlköpfigkeit letzter Tribut an Schwanzheit bezahlt. Alte Feldmarschallskraft zu Fähnrichs Natur aufpommadet, aufgekämmt und aufaffectirt. Nr. 5. An Schneidergesellheit und Lade grenzende schöne Literatur. Nr. 6. Junger Kater oder junger Tiger. Nr. 7. Abscheulich! Elendes Werk nicht der Natur, sondern des Seilwinders. Nr. 8. Heil dir und ewiger Sonnenschein, glückseliges Haupt, das dich trägt. Stünde Lohn bei Verdienst, so müßtest du Kopf sein, vortrefflicher Zopf und du zopfbeglückter Kopf! »Aber meine Herren, zerreißen Sie mir das Bild nicht, bemühen Sie sich vielmehr, folgende Fragen zu lösen: »Welches ist der Jurist, der Mediciner, der Theologe, der Weltweise, der Taugenichts, der Lügner? »Welcher ist der verliebteste? »Welcher hat den Freitisch? »Welchen könnte Goethe getragen haben? »Welchen würde Homer wählen, wenn er wiederkäme?« Man lachte so laut, daß die neugierigsten Damen aus den benachbarten Spielzimmern kamen, um zu sehen, was es gäbe; . . . jeder der Herren prüfte und betrachtete den Zopf des andern, um eine Aehnlichkeit zu finden. Alle waren der übereinstimmenden Meinung, daß es sich zu Thieren machen heiße, einen solchen Schwanz am Kopfe zu tragen, und doch mochte keiner wagen, den eigenen Zopf zuerst wegzuschneiden. Aber Lichtenberg konnte auch ernsthaft sein; als das Gespräch auf die neuesten Begebenheiten in Frankreich kam, sagte er manches scharfe Wort für die junge Aristokratie aus ganz Deutschland, die sich nach und nach um den Zopftisch gesammelt hatte. »Die Französische Revolution«, sagte er unter anderm, »wird nicht nur die Reise um die Welt machen, wie mein Freund Mirabeau schon gesagt hat, sie wird auch die Welt umwandeln, und unsere Enkel werden es erleben, wie der aus Nichts zu Etwas gewordene dritte Stand sich, wenn er glaubt auf der Stufe der Herrschaft zu stehen, ebenso gegen den heute noch nicht existirenden vierten Stand vertheidigen muß, wie jetzt das Königthum, der Adel und die Geistlichkeit gegen den dritten Stand.« Karl dachte die ganze Nacht hindurch an diese Worte. In Göttingen wurden die Eindrücke, welche die Französische Revolution auf die ganze Welt machte, für Studiosen auf jede Weise abgeschwächt und abgedämpft. An einer journalistischen Presse fehlte es in Hannover, das unter einem unerhört harten Censuredict seufzte, gänzlich; auswärtige Zeitungen waren nur dann erlaubt, wenn sie alles schlecht machten, was von den Freiheitsdranges in Frankreich geschah; französische Originalblätter kamen nur in die Hände der wenigen Professoren, welche sich von Berufs wegen oder aus eigenem Sinn auch mit dem beschäftigten, was in der Gegenwart geschah. Es war für jedermann schwer, die Wahrheit zu erfahren, da die Facta auch in den französischen Blättern immer nur im Licht der einen oder andern der kämpfenden Parteien erschienen. Wie anders, als im Herbst 1790 die Freunde mit dem schon genannten kleinen Girtanner nach dem Rhein kamen. Dort hatte die Bevölkerung bis auf die Straßenbuben sich schon entschieden, man war Aristokrat oder Jakobiner, und man mochte hinkommen, wohin man wollte, in öffentliche oder Privatgesellschaften, überall entweder Enthusiasmus für die neu heraufbrechende Zeit oder Feindschaft und Haß gegen sie. Dort wimmelte es schon von Emigranten, die, königlicher als der König, Complote über Complote schmiedeten, Ludwig XVI. und Marie Antoinette aus den Händen des Mob zu befreien, wie man sich ausdrückte. Es kam über unsere jungen Freunde zum ersten mal das Gefühl der Freude, in einer Zeit zu leben, wo die Menschheit so thätig sich rührte, sie hörten hier zuerst von dem eigentlichen Inhalt der parlamentarischen Kämpfe in Frankreich wie von den leidenschaftlichen Verhandlungen der Clubs. Sie sahen, wie die Discussionen der Nationalversammlung das ganze Gewebe der politischen Verhältnisse offen legten. Alle staatsrechtlichen, bürgerlichen, sittlichen, volkswirtschaftlichen Fragen wurden zu gleicher Zeit erörtert, und die jungen Köpfe wurden ganz verwirrt von der Mannhaftigkeit der vielen neuen, plötzlich auf sie einstürzenden Ideen. Dazu kam der überwältigende Eindruck, den der Rhein auf jeden macht, der ihn zuerst sieht. Eine Fußreise von Heidelberg bis Köln, und dann wieder hinauf nach Mainz erquickte die Studiosen an Leib und Seele; wie den jungen Wein trank man die Ideen der Französischen Revolution von Menschenrechten, ureigenen und urheiligen, von Freiheit und Gleichheit. Girtanner, der Schweizer und Republikaner, war ganz Feuer und Flamme und mehr als einmal mußte ihn die norddeutsche Ruhe und Kraft Karl's und Heinrich's aus Conflicten mit aristokratisch gesinnten jungen Leuten ziehen, mit denen er an öffentlichen Orten aneinandergerieth. Drei junge Schwärmer für Freiheit und Gleichheit zogen Mitte October wieder in Göttingens Thore ein, das sie mit ziemlich indifferenten politischen Ansichten verlassen hatten. Von nun an waren Politik und die mannichfachen kleinen Ereignisse der Rheinreise der Gesprächsstoff der Freunde, denen der ältere Riepenhausen, der wenig von Deutschland gesehen hatte, eifrig zuhorchte, während er rührig Grabstichel und Radirnadel führte. Wenn man von der kurz vor dieser Zeit also getauften Prinzenstraße in Göttingen über den Collegienplatz nach der Paulinerstraße ging, so hatte man damals wie jetzt rechts die Bibliothek, links eine Mauer von Kalksteinen, hinter der Bäume auf das Vorhandensein von Gärten deuteten. War man durch den sogenannten Bibliotheksbogen, in welchem an schwarzen Bretern allerlei Anschläge von zu haltenden und nur pro forma angekündigten Vorlesungen, Relegationen, consiliis abeundi der Georgia Augusta und anderer Universitäten, hinter Gitterwand angeschlagen waren, auf die Paulinerstraße gelangt und wandte sich nach Osten, so kam man links einbiegend durch einen Thorweg im Meister'schen Hause zu einem der Gärten hinter jener Mauer, der dann an den Garten hinter der Dietrich'schen Buchdruckerei und dem Prinzenhause stieß. In diesem Garten stand ein von Bäumen eingeschattetes Haus, das des Kupferstechers Riepenhausen. Dieser, damals etwa vierunddreißig Jahre alt, beschäftigte sich, jene beiden Bilder Hogarth's in Kupfer zu stechen, welche einen Ausspruch des Aristoteles in Beziehung auf alle lebenden Creaturen versinnlichen sollten, der auch von Blumenbach als wahr anerkannt wurde, jedoch » excepto passere et studioso «, wie er unter Beifall seiner zahlreichen Zuhörer ein halbes Jahrhundert hindurch explicirte. Es war Winter und Riepenhausen hatte seine jungen Freunde zu einer Bowle eingeladen, damit der Abzug der ersten Platte avant la lettre , der ein äußerst gelungener war, gefeiert würde. Eine Bowle Punsch machte man damals auf einfachere Art als heutzutage; Schiller gibt das Recept. Bollmann braute das Getränk aus Rum, Citronen und Zucker. Girtanner stopfte die thönernen Pfeifen, Karl hatte Riepenhausen's Zeichenmappe vor sich, Heinrich saß am dickleibigen eisernen Ofen und träumte vom neuen Schlosse in Heustedt und seinem Ideal Anna. Ein ordentliches Gespräch wollte nicht zu Stande kommen, denn Riepenhausen wohnte zu ebener Erde, über ihm wohnte als sein Miethsmann der Dichter Bürger, und dessen junge Gattin hatte »ihren Abend«. Gottfried Bürger hatte sich wenig Monate früher aus Stuttgart jenes Schwabenmädchen als dritte Frau geholt, die sich öffentlich ihm selbst angeboten, die übernommen hatte, Molly's Stelle auszufüllen. Bürger hatte ihr die Beichte eines Mannes geschickt, der ein ehrliches Mädchen nicht hintergehen will. Er hatte ihr sein Aeußeres wie Inneres wahrheitsgetreu geschildert, sie hatte ihm geantwortet, sie werbe nicht um Fleisch und Bein und Kleid, und stelle er als Aga der Philistergilde sich dar, sie wisse besser, was an ihm sei: Getreu wird's (das Schwabenmädchen nämlich)                         unter Himmelssegen Des einzig lieben Mannes pflegen Bis zu dem höchsten Stufenjahr, Und Deutschland soll's zu rühmen haben, Daß dieses Jungferlein aus Schwaben Einst Bürger's Gattin war. So war Elise Hahn als Bürger's Gattin in Göttingen eingezogen und hatte schnell in der jungen Studentenwelt Eroberungen gemacht. Um die pecuniären Verhältnisse Bürger's aufzubessern, hatte man acht bis zehn Kostgänger aus der Zahl der vornehmern und reichern Studirenden angenommen, welche mittags wie abends an Bürger's Tafel aßen. Das Schwabenmädchen ließ die Küche durch eine Köchin besorgen, machte am Morgen die Toilette und empfing oder machte Visiten, ging nachmittags spazieren oder empfing zum Kaffee, ging abends in Concerte, Bälle, Pickenicks. Man war damals in der ganzen Welt nicht sehr prüde, wie man es heute wenigstens zu sein scheint; auch in dem Hause manches steifleinenen Hofraths ging es in Abwesenheit desselben oder nachts, wenn er schlief, sehr lustig zu. Man fand aber bald, daß Elise Bürger es etwas zu weit treibe, sie nahm den bisher begünstigten Damen ihre Liebhaber. Das verzeiht man in der Frauenwelt nicht. Heute empfing die Frau Professorin. Ein nicht sehr großes Zimmer nahm fünfzehn Personen auf, darunter sechs Herren und neun Damen; man trank Thee und aß Kuchen und Butterbrot dazu. Man scherzte und lachte, klatschte und skandalisirte über Abwesende. Die Damen waren jung, die Herren nur Studiosen, zum Tanzen war kein Platz. Elise schlug ein Pfänderspiel vor. Die Strafen dictirte Amor, sie bestanden regelmäßig in Küssen, bei denen nur die Zahl, die Art und Weise, ob die ganze Gesellschaft durchgeküßt wurde oder ob einzelne Personen sich küssen mußten, ob dies öffentlich oder in dem dunkeln Nebenzimmer geschah, wechselte. Eine scheinbare Sprödigkeit, die zu entfliehen suchte, sich aber doch haschen oder fangen ließ, erhöhte den Reiz des Spiels. Nach dem Pfänderspiel kam Blindekuh an die Reihe. Man tanzte im Kreise um die Blindekuh, die dann plötzlich zwischen die Tanzenden sprang, um eine Person zu haschen und zu benennen. Der Kreis zerstob dann; der oder die Gefaßte suchte zu entfliehen; es entspann sich oft ein Kampf, bei dem der Blinde sich erlauben durfte, was dem Sehenden unerlaubt gewesen wäre. Man riß und zerrte sich, fiel zu Boden, wälzte sich auf demselben herum, wie die Kinder es zu thun pflegen. Die Toiletten der Damen kamen in Unordnung, die gepuderten Seitenlocken der Jünglinge zeigten sich widerspenstig, die Zöpfe wurden auch wol zum Schabernack aufgebunden, kurz es war ein Leben und Treiben, von dem wir heutzutage einen Begriff gar nicht haben, und zu dessen Schilderung ein Hogarth'scher Pinsel gehörte. »Mach, daß du fertig wirst«, sagte Riepenhausen zu Bollmann, der noch immer an seinem Punsche braute, »diesen Höllenlärm ertrag' ich nicht mehr. Auf die Gefahr hin, daß ihr mir mein Staatszimmer zurechtschmökert, daß Lichtenberg, der morgen meinen ersten Abdruck sehen will, wenn er den Knaster riecht, zu schimpfen anfängt, führe ich euch dorthin. Da sind wir unter Bürger's Schlafgemach und haben diese wilde Jagd nicht über uns.« »Ich bin gleich fertig«, sagte Bollmann, die letzte Citrone ausdrückend, »aber sag' einmal um aller Welt willen, wie kann der Bürger so blind sein?« »Der arme Kerl hat angebissen, das Schwabenmädchen trägt seinen Ehering, was soll er machen.« »Mein Zögling«, frug Karl, »Graf Schlottheim, steht wol in erster Reihe unter den Liebhabern?« »Nicht doch, Graf Hardenberg scheint mir zur Zeit der Begünstigte zu sein. Ich fürchte, es wird nächstens zwischen beiden zum Conflict kommen. Gestern Morgen ging Schlottheim die Treppe hinauf, um der Angebeteten einen Blumenstrauß zu bringen, während Graf Hardenberg herunterkam. Graf Hardenberg sah gegen die Behauptung des Aristoteles da«, er wies auf seine Kupferplatten, »ganz glücklich und fidel aus. Obgleich meine Treppe nun breit genug ist, carambolirten die Herren doch. Und ob nun, wie ich deutlich sah, Schlottheim stieß, entschuldigte sich doch Hardenberg ganz höflich und bemerkte höhnisch, er bedaure, daß der Herr Graf zu spät komme, der Herr Professor habe seine Vorlesung schon beendigt und genieße bei seiner Frau eine Tasse Chocolade.« »Nun still mit dem Klatsch«, rief der Punschbereiter dazwischen, »sind wir denn Frauenzimmer? Hier, der Trank ist gut, ich folge dir in dein Staatszimmer, vorausgesetzt, daß du Bürger, der in seinem Collegiensaal gegenüber sich auf morgen zu präpariren scheint, einladest.« »Soll geschehen, soll geschehen«, sagte Riepenhausen und trippelte aus dem Atelier, während die Gesellschaft, Heinrich mit Lichtern voran, Bollmann mit der Punschbowle, Girtanner mit den gestopften Pfeifen und dem Taback, Karl mit dem Präsentirteller voll Gläser in das Staatszimmer wanderten. Dieses würde heutigentags für ein solches nicht haben gelten können, außer einigen vorzüglichen alten Stichen, die an der Wand hingen, war es einfach mit einem Sofa von Rohr geflochten, mit Rohrstühlen und einigen Tischen und Kommoden möblirt. Riepenhausen, der schon damals mehr trippelte als ging, erschien nun mit Gottfried Bürger, der wie ein Riese neben dem schwächlich gebauten Hauswirth aussah. Bürger entschuldigte sich, daß er in Schlafrock und Pantoffeln komme, sein Hauswirth habe ihn aber mit Gewalt vom Studium Kant's fortgeführt. Bürger rauchte aus seiner langen Pfeife . . . »seinem Hausprügel«, wie er sie nannte; er wurde in das Sofa genöthigt, und bald kreisten die Punschgläser und vertrieben die finstern Wolken von Bürger's Stirn, die sich in der Regel dort schon lagerten. Man sang eins der damals beliebten, aus dem Kreise des göttinger Dichterbundes stammenden Punschlieder, man sprach über Kant und die Widerwärtigkeiten, die Bürger als Lehrer seiner Philosophie hier zu bestehen habe, stritt, ob Lessing's »Nathan« oder Schiller's »Don Carlos« oder Goethe's »Egmont« das berühmteste deutsche Drama werden würde, machte Muthmaßungen, wer das neue Talent wol sei, das ein Jahr früher seine Auswahl aus des Teufels Papieren in die Welt geschleudert, man kam auch des öftern auf die beiden Platten zurück, welche Riepenhausen zur Zeit in Kupfer stach, um an die Situation allerlei Späße zu knüpfen, denen Bürger nicht abhold war, die aber für unsere heutigen Leser zu derb sein möchten. Bollmann braute schon an der zweiten Bowle, als ein kleiner, feingepuderter Herr in braunem Frack und eleganten Spitzenmanschetten, gleicher Chemisette und weißem Halstuch in die Stube trat. »Willkommen, willkommen! Brüderchen!« schallte es von allen Seiten. Es war Heinrich Dietrich, der Jüngere, der Buchhändler. »Das trifft sich ja, wie von Gott gegeben, wollte eben meinem Freund Bürger dort einen heute hier angekommenen Schatz bringen, und da treff' ich die ganze saubere Gesellschaft wie in Auerbach's Keller. Kinder! Kinder! wenn ihr wüßtet, was ich hier in der Hand trage! . . . Doch welcher sauersüße Duft weht mir dort aus euerer Suppenterrine entgegen? Welcher vernünftige Mensch kann solch Zeug saufen? Riepenkerl! ich will verdammt sein, wenn ich je wieder einen Stich von Euch in meine Almanachs nehme, dafern Ihr mir nicht sofort Papier und Feder und einen dienstbaren Geist schafft. Schüttet das Zeug da zum Fenster hinaus, wenn ich Euch rathen darf, oder schickt es den Burschen hinauf, die bei Frau Professorin oben lärmen, wie ich schon im Garten gehört, das ist ja höchstens Burschengesöff! Mein Schatz kommt nicht aus den Händen, bis dieses unreine Getränk vom Tisch ist.« Riepenhausen war indeß mit einem Talgstumpf schon in sein Atelier gestürzt, um Tinte und Papier zu holen und um sein Factotum Puddelmeier, der in der Küche Wasser zur dritten Bowle kochte, herbeizurufen. Bürger rief aber: »Brüderchen, Gevatter und Verleger, hochgeehrtester Gönner und Freund, woher auf einmal diese Verachtung gegen einen Trank, den die Götter selbst uns gegeben? Wie viele Abende und Nächte haben wir uns an diesem Göttertrank gelabt? Nektar und Ambrosia sind uns nichts dagegen gewesen.« Heinrich Dietrich hatte indeß einige flüchtige Zeilen auf die Rückseite eines verunglückten Abdrucks der Platte I geschrieben und übergab sie Puddelmeier. »Sklave, geh' sofort zu meiner Wohnung . . . die Gartenpforte steht dir offen, und laß dir von meinem Bedienten und Kellermeister das Getränk geben, das hier verzeichnet ist.« Währenddeß hatte Bollmann die Gläser vollgeschenkt und brachte dem »Brüderchen«, dem Schutzgeist aller Theologen, die das Unglück hatten, vom Apfel Eva's genascht zu haben und die Quarre zu kriegen vor der Pfarre, »dem Vater aller Theologenkinder«, ein Hoch, in das die Gesellschaft einstimmte. Die neue Bowle war leer, ehe der Famulus zurück war, und Riepenhausen ging, gefolgt von Heinrich, in die Küche, um eigenhändig die Punschgläser zu spülen, er besaß andere nicht und wußte, daß Brüderchen Dietrich edlern Stoff anfahren ließ, als bisher getrunken war. Endlich kam Puddelmeier mit dem Bedienten, Kellermeister, Friseur und Inhaber sonstiger geheimen Functionen seines Herrn, mit Hahnmeier zurück, jener einen vollen Korb, dieser vier Flaschen Champagner unter dem Arme. »Du bleibst hier und schenkst ein«, sagte Heinrich zu seinem Hahnmeier; »Puddelmeier kann sich in die Ecke bei dem Tabackskasten setzen und die Pfeifen stopfen, wer von euch beiden aber das Maul aufthut und ein Wort spricht, schmeckt meine Reitpeitsche«, und er schwenkte diese mit einem Pfiff durch die Stube, der keine Lust zum Ungehorsam zu erzeugen geeignet war. Die Gläser waren indeß voll Burgunder geschenkt. »Meine Brüder«, sagte Heinrich Dietrich, »diese Perle des Weins auf die größte Perle deutscher Dichtkunst, Bürger, du und ihr alle, die ihr euch Perlen nennt, seid Schofel und Quark gegen das!« Dabei zog er ein Buch aus der Tasche und reichte es Bürger: »Da lies und ihr andern schweigt.« Bürger entfaltete das in Broschürenform, ohne Goldschnitt und den reizenden Einband der verschiedenen Dietrich'schen Almanachs, auf schlechtem Papier schlecht gedruckte, vom ersten Leser beim Aufschneiden zerfetzte Buch und las den Titel: »Faust. Ein Fragment.« Den Haupttitel: »Goethe's Werke«, hatte Dietrich herausgeschnitten. »Brüderchen will einen schlechten Witz machen«, äußerte Bollmann, indem er sich von neuem einschenkte und auch seinen Nachbarn, die ausgetrunken hatten. »Ruhig«, donnerte Dietrich. Als nun Bürger mit seiner schönen Stimme den Monolog Faust's . . . (das Vorspiel auf dem Theater und der Prolog im Himmel existirten damals noch nicht) . . . zu lesen anfing, wurde es ruhig, so still und ruhig, daß man von oben das Toben der Gäste der Frau Professorin vernahm, das glücklicherweise dem Leser selbst entging. Und als nun Bürger den Dialog mit dem Geiste schloß mit den Worten: Ich, Ebenbild der Gottheit? Und nicht einmal dir! winkte Brüderchen Dietrich seinem Hahnmeier, um die Gläser zu füllen, sie wurden geleert und wieder gefüllt. Und nun fing Bürger, der während des Trinkens die beiden folgenden Seiten flüchtig überblickt hatte, zu lesen an, mit Ton und Geberde, die vielleicht kein Mime, selbst nicht Ludwig, Emil und Karl Devrient oder wie die Herren Künstler unsers Jahrhunderts sonst heißen mögen, je erreicht hat. Als er endete: Der letzte Trunk sei nun mit ganzer Seele Als festlich hoher Gruß dem Morgen zugebracht und tief athmend nach dem Glase griff, war es, als ob die ganze Gesellschaft, Puddelmeier und Hahnmeier ausgenommen, die von dem Vorgelesenen kein Wort verstanden, sondern ihre Aufmerksamkeit ganz nach außen lenkten, aus einer geistigen Erstarrung erwachte. Kaum war Bürger aber so weit gekommen, daß er las: Welch tiefes Summen, welch ein heller Ton, Zieht mit Gewalt das Glas von meinem Munde! als draußen tiefes Summen und heller Lachklang in einer so lauten Weise erscholl, daß der Vorleser sich unterbrach, Riepenhausen zur Thür eilte und Hahnmeier unter seinen Händen zu der geöffneten Thür verschwand, um bald darauf mit der Meldung hereinzutreten, daß die Bedienten und Mädchen der Herrschaften, welche bei der Frau Professorin zum Thee seien, sich versammelten, da es elf Uhr abends sei. Das Gelärm draußen wurde immer größer, namentlich als nun der eine oder andere Studiosus herabkam und bei den weiblichen Dienstboten Entschädigung suchte für das, was ihm die Herrin vielleicht verweigert hatte. Da das Staatszimmer an der Hausflur lag, wurde das Lesen freilich unmöglich und man hielt sich an das Getränk. Endlich wurde es ruhiger. »Hast du keinen Pokal?« fragte Dietrich den ganz unruhig gewordenen und aus dem Häuschen gekommenen Riepenhausen. Dieser brachte einen alten mit der Kunstfertigkeit des Mittelalters in Glasmalerei, Schneide- und Schleifkunst gefertigten Pokal herbei. . . . »Hahn«, so war die gewöhnliche Anrede an das Factotum, » öffne eine Flasche Champagner . . . schenke den Pokal voll und bring' ihn der Frau Professorin hinauf mit einer Empfehlung von mir, und ihr Herr Gemahl wäre in guter Gesellschaft bei seinem Hauswirth, wünschte, daß sie seinetwegen nicht aufbliebe, sondern sich schlafen legte, um von ihm zu träumen. Hast du verstanden, Hahn? Aber Kerl, wenn du dich länger als eine Minute bei der Köchin Elisabeth aufhältst, holt dich der Teufel, so wahr ich Heinrich heiße.« Nun wurde weiter gelesen. Bürger hatte seine Pfeife längst ausgehen lassen, er ließ das volle Glas vor sich stehen, was selten geschehen war, er hörte nicht auf das, was um ihn gesprochen wurde, er verschlang das Fragment, das er weiter vorlesen sollte. So war abermals eine Stunde wol vergangen. Man hatte bei mehr als Einer Scene Pause gemacht, bei mehr als Einem Kraftwort des Mephistopheles das Glas geleert, man war in der Gartenscene, als Bürger offenbar zerstreuter las, dann plötzlich das Buch zur Seite warf, von seinem Platz aufsprang, durch den Kreis der Freunde eilte und zur Treppe, der dunkeln, hinaufsprang. »Was ist das?« sagte Dietrich. »Was wird es sein«, antwortete Bollmann, »als daß dein Champagner in Mephistopheles' Gestalt dort oben Spuk anrichtet.« Indessen hörte man oben bald großen Lärm, laute Stimmen, dann Geräusch, welches ein Mensch zu machen pflegt, der eine Treppe hinuntergeworfen wird. Hahnmeier hatte durch den Augenwink seines Herrn die Erlaubniß bekommen, zu sehen, was draußen geschehe. Er kam mit der Nachricht in die Stube, daß Graf Schlottheim, der sich bei der Köchin Elisabeth wahrscheinlich verspätet, bei der plötzlichen Rückkehr des Herrn Professors sich habe still davonschleichen wollen und die Treppe hinabgestürzt sei. Derselbe sei aber bis auf die Frisur unverletzt. Jeder dachte das Seine, das Fragment wurde nicht zu Ende gelesen, aber der Wein zu Ende getrunken. Elise wußte ihren Mann zu überzeugen, daß Schlottheim nicht ihrethalben, sondern Elisabeth's wegen zurückgeblieben sei, welche die Frechheit gehabt habe, während sie an ihre Freundin, die Frau von Münchhausen in Braunschweig, geschrieben, dem Grafen in ihrer, der Frau, Schlafkammer, ein Rendezvous zu geben. Bürger bat wegen seiner ungerechtfertigten Eifersucht um Verzeihung, die ihm gnädigst gewährt wurde. Ja, so war es in der guten alten Zeit. Zweites Kapitel. Registraturen. Das Leben von Menschen, wie wir sie hier nach der Wirklichkeit schildern, gipfelt sich nicht immer zu dramatischen oder auch nur novellistischen Höhepunkten und Spitzen, es gehen Jahre in undarstellbarer Gleichmäßigkeit dahin. Der moderne Criminal- und Schauderroman, der von Spannung zu Spannung springt, ist das Unnatürlichste, was man sich denken kann. Wie der Abspannung des Schlafs, bedarf der Mensch Tage und Jahre des alltäglichen Dahinlebens, hat sie mindestens, selbst wenn er noch so hoch romantisch gestimmt, auf Abenteuer, Abwechselungen und Alluren versessen wäre. Um in diesem Alltagsleben unsere Leser am Leitfaden zu halten, müssen wir zu einfachen Registraturen unsere Zuflucht nehmen. Karl Haus hatte promovirt, war Doctor juris und in Celle als Advocat mit dem Wohnsitze in Heustedt immatriculirt. Seine Mutter war gestorben, er stand allein in der Welt, als ein junger Advocat ohne Arbeit, der heustedter Gesellschaft entfremdet. Seine frühern Gönnerinnen, die Landräthin von Vogelsang und die Baronin von Bardenfleth, hatten ihm zwar ihr altes Wohlwollen bewahrt, allein zu dem, was er am nöthigsten bedurfte, Clienten, konnten sie ihm nicht verhelfen. Seine altern Collegen klagten auch über Abnahme der Praxis; »der drohende Krieg und die Entwickelung der Dinge in Frankreich absorbirten alles Interesse an Privatstreitigkeiten«, sagte man ihm, »der Bauer spanne die Augen auf und fange an, von der Last der gutsherrlichen Dienste zu raisonniren, statt mit dem Gutsherrn Processe zu führen. Die Processe seien überall in Abnahme, Injurien und Alimentationsprocesse ausgenommen. Wenn sie nicht noch so einige gute alte Sachen hätten, die schon zwanzig Jahre und länger in dem Vorbereitungsstadium hingen, würde es ihnen auch schlecht ergehen. Solche Sachen bekomme man erst mit der Zeit und lerne man auch erst mit der Zeit tractiren«. Das war ein leidiger Trost. Dazu die »Lieb' im Leibe«, wie Bollmann sich ausdrückte. Seit der junge Doctor und Advocat zurückgekehrt, war die alte Wunde, die Bollmann so lange mit dem Höllenstein des Spottes behandelt, daß sie mit Hülfe anstrengender Studien, die Liebesgedanken keinen Raum verstatteten, zugenarbt war oder schien, wieder aufgebrochen. Karl Haus hatte im Schloß Visite gemacht, er war von Anna eingeladen, ihnen die Zeit zu verkürzen und nachmittags etwas vorzulesen, und er hatte nun im Spätsommer beinahe täglich »Don Carlos«, sein Lieblingsdrama, gelesen, wie Goethe's »Tasso«, obgleich Anna das für ein langweiliges Buch erklärte. Diese hatte nach ihrer neckenden und neckischen Weise den blöden Schäfer vielfach ermuntert, aus seinem zusammengenommenen Wesen herauszugehen, ihr oder der gnädigen Comteß, die in der That nicht ungnädig sein könne, aus Spaß natürlich nur, die Cour zu machen, wie man es in den Büchern lese, kurz, nicht ein so langweiliger Doctor zu sein. Das machte Karl aber nur noch zugeknöpfter. Die Resignation, die er sich auferlegte einem Wesen gegenüber, das er, in all seiner Art zu sein und zu denken, für sich geschaffen fühlte, in welchem er hätte aufgehen, in Nichts verschwinden mögen, war nicht zu verkennen; sie machte ihn steif und linkisch den Damen gegenüber. Aber wenn Anna scherzte: »Herr Doctor, wie gefalle ich Ihnen heute in der Frisur à l'enfant , oder gefällt Ihnen die Comteß besser in ihrem steifen Chignon?« »Doctorchen, warum besingen Sie uns, ich wollte sagen die Comteß, nicht mehr in schönen Sonetten, wie Sie es vor Jahren thaten? Sind wir der Verse nicht mehr werth? Ja das haben Sie gethan, der Candidat hat es mir verrathen, leugnen Sie nicht länger.« Oder wenn sie fragte: »Doctor, erzählen Sie uns etwas von Ihrer Liebe in Göttingen! Sie werden doch ein Liebchen dort gefunden haben?! Sehen Sie, wir Armen werden hier gehalten schlimmer als Klosterjungfrauen oder Pensionärinnen in Paris, wir kennen das Wort Liebe nur aus Gedichten und Romanen«, dann überzog sich das Gesicht der Comtesse, das blasse, mit dunkelm Roth, der Doctor wurde verlegen und stotterte, Anna aber schüttete sich aus vor Lachen, schüttelte mit dem Lockenköpfchen, und ihre kleinen Augen lächelten so klar und vergnügt in das Leben hinein, daß es eine Lust war. Man saß meist auf dem alten Kinderspielplatz, entweder vor dem chinesischen Tempel, zu dem der Aufweg jetzt ausgehauen war, oder im chinesischen Zimmer, das sich vor den jungen Herrschaften erschlossen hatte. Die Tante Hulda war mit Heloise meistens unten im Geheimpark. Das waren schöne, sehr schöne Sommernachmittage und Abende, aber die alte Wunde blutete schlimmer als je. Nicht so war es bei Heinrich Schulz; er hatte seine Liebe zu Anna überwunden, sie hatte ihn, den Candidaten der Theologie, nach seiner Zurückkunft und bei der ersten Aufwartung zu kurz und geringschätzend »Musje Schulz« abgefertigt, er war oder hielt sich vielmehr für geheilt und lebte als Hauslehrer bei der Witwe eines Besitzers zweier großen Vollmeierhöfe in Grünfelde jenseit der Weser, wo er zwei Mädchen von neun und dreizehn Jahren unterrichtete. Hans Dummeier, jetzt erst einundfunfzig Jahre alt, hätten wir nicht wiedererkannt. Er war gänzlich grau geworden und zusammengeschrumpft, die breite Gestalt mit der breiten eisernen Stirn ging mit gebücktem Kopfe und geröthetem Angesicht. Ein Jahr etwa nach dem Tode seiner Anne Marie, als er eben das neue Haus bezogen, war Katharina eines Abends zu ihm gekommen und hatte gesagt: »Hier ist dein Kind! Wann wird die Hochzeit sein?« Hans hatte erwidert: »Das Kind laß hier . . . Hochzeit würde uns nicht gutthun.« »Wo das Kind bleibt, bleibe auch ich, und heirathen mußt du mich; willst du dein Kind?« »Thut nicht gut«, wiederholte Hans. Nun drohte Katharina, die Hülfe der Gerichte in Anspruch zu nehmen, ihr Kind und dann sich umzubringen, kurz, geberdete sich wie unsinnig und nahm schließlich den Ausspruch des neuen Pfarrers zu Hülfe, der in allem eine Schickung des Himmels und in einer Heirath den Willen des Herrn erblickte. »Gut«, sagte Hans, der ganz gelassen blieb, endlich, »wenn du durchaus willst, so wollen wir Hochzeit machen, jedoch lediglich und allein, um dem Kinde einen ehrlichen Namen zu schaffen. Mein Weib wirst du nie. Du besteigst nie das Ehebett der Anne Marie, das du auch damals nicht fandest, als du zu mir in die Butze stiegst.« Katharina dachte, das wird sich nach der Hochzeit finden, allein sie irrte sich. Alle Buhlkünste, die sie anwendete, ja ein sehr kühnes Mittel, zu dem sie wie damals ihre Zuflucht nahm, waren vergeblich, ihr des Mannes Herz oder seine Sinne zu gewinnen. Ihr wurden die Rechte einer Hofwirthin zutheil, sie hatte das Commando über die weiblichen Dienstboten, das Milch und Butterwesen stand unter ihrer Leitung, sonst war sie nur Frau dem Namen nach. Sie hatte anfangs gehofft, das sollte sich ändern, nach einem oder zwei Jahren werde Hans des Dings müde werden und ihrer begehren, sie hatte die zärtlichen Zudringlichkeiten beiseitegestellt, ihr zum Herrschen, Schelten und Toben geneigtes Temperament gemäßigt, für drei gearbeitet wie früher, aber ihr Lohn dafür waren höchstens ein paar Worte der Anerkennung von dem Mann gewesen. Nun wurde der entgegengesetzte Weg eingeschlagen, sie hatte bisher versucht, Hans das Leben angenehm zu machen, jetzt wollte sie ihm zeigen, was es heiße, ein böses Weib zu haben. Sie zankte und geiferte vom frühen Morgen bis zum späten Abend, zankte mit dem Hausherrn, mit den Knechten und Mägden, selbst mit dem Sohne. Mägde wählte sie unter den Häßlichsten aus, die zehn Meilen in der Runde zu finden waren, denn sie war eifersüchtig wie ein Drache, der einen Schatz bewacht. Dummeier quälte sich mit dem Gedanken, den Tod seiner Anne Marie verschuldet zu haben, er verlor nach und nach das, was den Bauer in damaliger Zeit wenigstens allein erhielt, die Lust am Erwerb, das Streben, seine Güter zu vermehren und zu verbessern. Der Anblick des heranwachsenden Sohnes war ihm zuwider, da dieser Anblick ihm beständig sein Vergehen vor die Seele rief, ihn an die Verstorbene und das mit ihr verstorbene Kind erinnerte. Sein Sohn wuchs heran, er war schon confirmirt, mußte aber, wie das Sitte ist, die niedrigste Knechtsarbeit thun, und auf sein Anerbenrecht that ihm niemand etwas zugute. Wie war es eigentlich mit diesem Anerbenrecht? Das Gesetz sprach den Vorzug der Männer vor den Weibern zwar mit klaren Worten aus, allein das Kind im neuen Schlosse war aus einer von der damaligen Gutsherrschaft consentirten Ehe, die Mutter desselben war bemeiert und in dem Meierbriefe stand, daß sie und ihre Nachkommen im Meierrecht vor andern solle geschützt werden. Katharina war nicht bemeiert, bei der Verheiratung mit ihr ein Weinkauf nicht gezahlt. Hans, dem zu Hause nicht mehr wohlig war, ging öfter als sonst zur Stadt. Anfangs geschah dies in der That, um sich durch den Anblick seines lieblichen Kindes, des verschönerten Ebenbildes der Mutter, zu erquicken, dann aber wurde es Gewohnheit. Er pflegte im Schwarzen Bären sein Pferd abzustellen und sein Glas Wein oder Grog zu trinken. Hier war er mit Claasing bekannt geworden, der daselbst gleichfalls Ausspann hielt und der hübschen Wirthin außerdem die Kunst beigebracht hatte, ein Glas echten steifen schwedischen Punsches zu brauen, so gut wie man ihn heute nur auf dem Alsterpavillon in Hamburg trinkt. Der Obergestütmeister war ein anderer geworden, seitdem er das Spiel aufgegeben, er war aus einem Mann, der das Geld misachtet, oder für den es nur Werth hatte, wenn es als Satz auf den Karten stand, ein sparsamer, ja ein geiziger Mann geworden. Seine Sündenpension von Juliane hatte aufgehört, aber er bekam eine schöne Pension vom König von Dänemark, dessen Mutter er hatte ermorden helfen. Von seinen Ersparnissen hatte er sich eine kleine Brinksitzerstelle in Eckernhausen gekauft, bei der mehr Grünland war als gewöhnlich. Während er die Wohnung und das Ackerland verpachtete, pflegte er auf das Grünland ein oder zwei Füllen zu treiben, die er jung den Bauern abkaufte, wenn er der Vaterschaft eines seiner Hengste sicher war. Das warf einen schönen Nebenverdienst ab. Er hatte Hans beredet, seine Milchwirtschaft einzuschränken und wenigstens die adeliche Weide am Boswiehe lediglich der Pferdezucht zu widmen. Dies war mit großem Erfolge geschehen. Beide hatten auch schon manchen gemeinsamen Kauf und Verkauf gemacht, noch öfter aber gemeinsam ein Glas Schwedischen getrunken. Die Umkehr des Jüten schrieb sich von der Zeit her, wo er der Comteß und Anna Reitunterricht ertheilt hatte. Anna war damals freilich ein sehr junges Mädchen, aber ihre früh entwickelten runden Formen, ihre ewig lachenden Augen, übten auf das vereinsamte Herz des Obergestütmeisters eine zauberische Gewalt. Er verliebte sich und fing an, daran zu denken, einen eigenen Hausstand zu gründen, um in alten Tagen, die er nahen fühlte, nicht einsam in der Welt zu stehen. Er bewies sich seit jener Zeit als ein aufmerksamer, nicht zudringlicher Bewunderer der sich täglich mehr entwickelnden Reize Anna's. Welchem jungen Mädchen wären die Huldigungen eines altern Mannes in seinen besten Jahren so ganz gleichgültig? Claasing war eigentlich der erste Mann, den Anna kennen lernte, denn Heinrich Schulz und Karl Haus, die damals auf der Domschule Verden lebten, waren in ihren Augen doch nur Jungen. Der Obergestütmeister, in so manche Intriguen verwickelt und die Schwachheiten der Weiber kennend seit seiner Kindheit beinahe, hielt mit Bewerbungen zurück. Er erachtete, daß die Zeit dazu erst dann gekommen sein möchte, wenn die Comteß selbst zur Ehe schritt und dann eine Trennung der Milchschwestern stattfinden müsse. Die Güter des Hans Dummeier, deren Werth er besser kannte als dieser selbst, dem der Eichensünder nur da zu sein schien, um ihm Bauholz zu liefern, wenn seinem Hause einmal wieder ein Unglück passirte, mochten ihm, der den Werth des Geldes jetzt wohl zu schätzen wußte, auch nicht als unwerthe Beigabe erscheinen. Er suchte die Bekanntschaft des Deichgeschworenen und schloß sich diesem an und suchte denselben nach und nach in andere Ideenkreise zu ziehen. Der Uebergang von einem niedersächsischen Bauern in einen Roßkamm ist nicht schwer, der Trieb zum Erwerben steckt tief in der Bauernnatur. Der Anfang zu diesem Uebergang war gemacht, Hans, von Natur ein Freund von schönen Pferden, fand an Pferdezucht und Pferdehandel bald inniges Behagen. Der Umgang mit dem Obergestütmeister entfremdete ihn den Ortsgenossen. Bei der nächsten Wahl wurde ein anderer Deichgeschworener gewählt. Dies kränkte den Zurückgesetzten tief. Zwanzig Jahre hatte er diese Würde bekleidet und war stolz darauf, er zog sich nun noch mehr zurück von den Standesgenossen, überließ die Bewirthschaftung des Hofes der Umsicht seiner Frau, welche in dem Herrschen- und Befehlenkönnen, in dem Bewußtsein, auf dem besten Hofe in Eckernhausen Vollbäuerin zu sein, Trost für die verweigerte Liebe des Mannes suchte. Friedrich Schulz war unter dem Commando seines Gönners, des Rittmeisters Gerhard David Scharnhorst, zum Wachtmeister im Dragonerregiment von Estorf avancirt. Als Scharnhorst es aber unter seinen adelichen Collegen, die für nichts als Spiel, Mädchen und Pferde Sinn hatten, nicht mehr aushalten konnte und zu der Artillerie überging, war ihm das Reiterleben gleichfalls zuwider geworden. Er hatte beim Ablauf seiner Capitulationszeit seinen Abschied genommen und war Scharnhorst, der Chef einer Compagnie reitender Artillerie war, gefolgt und hatte bald den Grad eines Oberfeuerwerkers erlangt. Ob diese Stellung seinen Ehrgeiz befriedigte, wissen wir nicht zu sagen, da seine Mittheilungen an Aeltern und Bruder äußerst sparsam waren. Die älteste Schwester, Klara, die süße Nachtigall Bollmann's, mußte ihre Liebe zu diesem, von dem sie nichts weiter hörte, überwinden, sie hatte sich mit dem Sohne des Cantors Cruella, einem Klaviervirtuosen und schönen Tenorsänger, Adjunct seines Vaters beim Duettsingen, verlobt und ihn dann geheirathet; sie lebte in stiller, glücklicher Ehe. Die zweite Schwester, Marianne, ein bildschönes Mädchen, hatte das Herz des Forstschreibers Otto Baumgarten erobert. Die Gräfin Melusine liebte, wie wir wissen, die Veränderung. Es war lange her, daß auf Oskar's Wachtelschlag sich die eiserne Laube aus dem geheimen Park über die Graft niedergelassen und der junge Mann an der Seite der Gräfin durch das Gebüsch zum chinesischen Pavillon emporgestiegen war. Es hatte eine schwere Ueberwindung der Eitelkeit gekostet, daß er, der sich geliebt glaubte, zu der Einsicht kam, nur schnöder Dienstmann gewesen zu sein. Die Zeit war überwunden, er hatte seinen Lohn hinweg. Der Weg zum Baden, zu dem er sich des Schlagtschiffs des Schlagtmeisters Schulz nach wie vor bedienen durfte, nur daß er sich jetzt statt der Knaben des eigenen Forstarbeiters als Ruderers bediente, führte ihn vom frühen Sommer bis zum späten Herbst häufig an dem kleinen Hause an der Weserstraße vorbei, so daß er die täglich sich schöner entwickelnden Reize Marianne Schulzens nicht übersehen konnte. Sein Herz sehnte sich nach Liebe. Trotz des Standesunterschieds hielt er um die Hand Mariannens an und führte dieselbe als Frau in das von ihm erkaufte Haus seines Vorgängers. Oskar war bei den Honoratioren der Stadt eine sehr begehrte Partie, mehr als eine der Mütter hielt ihn für einen passenden Ehemann für die Tochter und unter den Leibadvocatinnen der gnädigen Frauen, die, obgleich jetzt zum Theil zahnlos, noch immer die alte Rolle fortspielten, hatte man Partei genommen auf der einen Seite für Bürgermeisters Minna, auf der andern Seite für die schönere, aber ärmere Tochter des verstorbenen Amtsschreiber Motz. Der Strich, den Oskar beiden Parteien durch seine Verheiratung mit der Tochter des ehemaligen Drechslers und jetzigen gräflich Wildhausen'schen Schlagtmeisters Schulz durch die Rechnung machte, sollte diesem nicht ungerochen dahingehen. Man verbündete sich gegen die Neuvermählten. Oskar Baumgarten gehörte der ersten Gesellschaft an, war Mitglied des Herrenclubs, der die Wintercasinos, d. h. die Bälle und gemischten Damengesellschaften, im Sommer die Pickenicks veranstaltete. Der Forstschreiber Baumgarten machte nach der Trauung mit seiner jungen Frau nach Herkommen Visite bei jedem Gesellschaftsmitgliede sowie bei denjenigen wenigen Freunden der Schulz'schen Familie, die diese unter dem Handwerkerstande hatte. Nur die Landräthin, die Baronin von Bardenfleth und die verwitwete Forstschreiberin Haus erwiderten die Visite, die bürgerlichen Beamten, die Advocaten- und Arztfamilien blieben aus. Das junge Ehepaar war aber so unbefangen, so glücklich, daß es kaum Arg aus dem Allen hatte. Erst im Herbst, als die Casinogesellschaften anfingen und mit einem Balle eröffnet wurden, auf den Oskar Baumgarten seine junge Frau führte, fand er, daß man von ihm und seiner Frau sich zurückzog, die Damen mindestens. Wäre die gutmüthige Frau Landrath von Vogelsang mit ihren Töchtern nicht gegenwärtig gewesen, die arme Marianne Baumgarten hätte allein sitzen müssen. Warum drängte sich die Tochter eines Drechslers, der vor Jahren ein Armenhaus bewohnt hatte in Klein-Paris, auch in die Gesellschaft? Das war eine Frechheit, die bestraft werden mußte! Wollten wir alle jene unzähligen kleinen Zurücksetzungen und kleinlichen, nur von niedrigen und gemeinen Seelen ausgehenden Klatschereien erzählen, mit der man dem jungen Paare das Leben verbitterte, so würden wir unsere Leser ermüden. Oskar fühlte er müsse fort von Heustedt, wollte er Ruhe haben. Baumgarten bat die Gräfin, ihm zu einer Versetzung in den praktischen Dienst behülflich zu sein, weit weg von Heustedt. Sein Wunsch wurde sehr bald erfüllt, er bekam einen Dienst als Oberförster im Göttingenschen, dicht an der kurhessischen Grenze, einer schönen, durch einen auch von Clauren erwähnten Wunderbrunnen bekannten Gegend! Die Werragebirge, die Brackenburg bis zum Hohen Hagen gehörten zu seinem Revier. Auch mit der Gräfin waren Veränderungen vorgegangen, sie war jetzt zweiundvierzig Jahre alt und die schönen weißen Schulten wurden gelblich, zeigten hier und da Runzeln, sie bedurften des Reispuders.. Die Wangen bedurften der Nachhülfe der Schminke, die Toilette überhaupt kostete das Doppelte der Zeit von vordem. Aber gefallsüchtig war die Gnädige noch immer, herrschsüchtig auch. Sie hatte eine große Menge Liebesintriguen seit der Witwenschaft durchlebt, und war in jeder Intrigue, die sich um die Personen der herrschenden Adelsfamilien drehte, thätig gewesen. Aber die Zeit hatte vieles verändert. Im Geheimrathscollegium saß nur noch einer der Collegen des verstorbenen Gemahls, der Vormund ihrer Kinder, Graf von Schlottheim. Jüngere Geheimräthe, die sich durch die alternden Reize der Gräfin nicht mehr fesseln ließen, waren eingetreten. Auch die Beziehungen zu London waren andere geworden. Der Großvogt. von Alvensleben, der der deutschen Kanzlei vorstand, war zwar ein Vetter ihres Vaters, hatte mit diesem aber in Feindschaft gelebt. Sie mußte, wenn sie wegen Protection dieses oder jenes Liebhabers, oder um dieser oder jener ihrer Creaturen eine Stelle oder Sinecure oder nur ein Stipendium verschaffen wollte, sehr oft hören: »Da müssen Sie, Excellenz, mit dem Geheimen Justizrath Rudloff reden«, oder: »Ja, da werden Sie sich an den Geheimen Kanzeisecretär Ernst Brandes wenden müssen«, oder: »Die landschaftlichen Angelegenheiten gehören dem Ressort des Licentinspectors Rehberg zu.« Statt bei ihresgleichen mußte sie die Gunst des einen oder des andern jener dreiundzwanzig Geheimen Kanzleisecretäre nachsuchen, welche außer den drei wirklichen Geheimen Secretären Rudloff, dem Hofrath Nieper und Hofrath Best in London die Arbeiten der königlich-kurfürstlichen Landesregierung verrichteten. Sie konnte über die Marstallspferde nicht verfügen wie früher, sie war auf die eigenen Equipagen beschränkt; sie mußte öfter als sonst kleine Diners und Soupers geben, um sich in der Stellung zu erhalten, die sie eingenommen. Ach, die Zeit hatte sich sehr geändert, und nun war noch diese garstige Französische Revolution gekommen, welche von Menschenrechten, von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sprach und den König gefangen hielt. Wenn der Respect vor dem Königthume dahin war, wie sollte es mit dem Respect vor dem Adel aussehen? Sie erkannte mit scharfem Blicke, daß ein strafferes Zusammenhalten der Adelskette nöthig sei, daß man namentlich die Ehrgeizigen und Unzufriedenen vom Adel näher zu sich heranziehen und, wenn sie zugleich fähig, die herrschenden Adelsfamilien durch sie ergänzen müsse. Melusine war in Hannover mit jenem von Berlepsch wieder zusammengetroffen, der auf dem Geburtstagsfeste Olga's sie verschmäht hatte, er war jetzt Hofrichter und Schatzrath der Kalenbergschen Landschaft, ein unruhiger, ehrgeiziger, gefährlicher Kopf. Die Gräfin hatte im Plan, ihn zum Geheimrath ernennen zu lassen, um ihn unschädlich zu machen, und ihre älteste Tochter seinem Sohne, dem Drosten in Herzberg, zur Frau zu geben. Allein der Plan scheiterte an dem Widerstande des Geheimrathscollegiums. Nun war aber der zweite Sohn des Grafen von Schlottheim von Göttingen zurückgekehrt, zurückgekehrt infolge eines Skandals im Bürger'schen Hause, schlimmer als der, welchen wir oben schilderten. Aber wer durfte in Hannover wagen, davon zu sprechen? So faßte die Gnädigste den Plan, die Tochter mit dem jungen Grafen von Schlottheim zu verloben. Dieser war zwar ein wilder wüster Mann, und sein Leben bisher etwas ausschweifend. Aber desto eher wird er sich die Hörner abgerannt haben, tröstete der Vater. Die Mündel sei ruhig, kalt, sie würde dem ins Leben Stürmenden die rechten Zügel anlegen können, meinte der Vormund. Das Beherrschen beider hatte die Mutter im Sinn. Graf Schlottheim, der jüngere, war gegenwärtig pro forma Auditor bei der Justizkanzlei, er sollte nach der Heirath sogleich mit einer diplomatischen Mission betraut werden und sich im Auslande zum Geheimrathe vorbereiten. Mit solchen Planen kam Excellenz im Spätherbst nach Heustedt, sie hatte auf dem Wege dorthin auch über das Schicksal Anna's entschieden. Der Obergestütmeister schien ihr für diese der rechte Mann, wenn er auch beinahe noch einmal so alt war als Anna. Er gehörte einem Stande an, auf dessen Lebensweise jene Anspruch machen konnte; er war auch der Mann, dem der Vater Anna's am ersten das Meiergut abtrat. Hätte man einen Amts- oder Kornschreiber als Gatten Anna's wählen wollen – und man hätte die Wahl unter Dutzenden gehabt, die, um aus den Ueberzähligen herauszukommen, ein Mädchen heiratheten, deren Ruf nicht so rein als der Anna's, deren Wesen weniger anmuthig; – allein dann wäre dem Ehemann der Meierhof entgangen. Die Gräfin hielt darauf, daß der Bräutigam, welcher ihr für Anna präsentirt wurde, meiertüchtig sei, der Vater Dummeier noch mehr. Der Obergestütmeister war dies. Er konnte pensionirt werden, um sich ganz der Ackerwirthschaft zu widmen. Das Gut war eine Mitgabe, die ihn schon reizen konnte, auch wenn ihm Anna selbst nicht schon das erwünschteste Ziel gewesen wäre. Die Gräfin eröffnete zunächst Anna ihre Ansichten. »Du bist ein verständiges Mädchen, meine liebe Anna«, sagte sie einschmeichelnd, »und wirst selbst wol schon eingesehen haben, daß es für Olga wie für dich an der Zeit ist, zu heirathen. Für Olga habe ich einen Gemahl gewählt, und dir möchte ich einen solchen vorschlagen. Du hast die Wahl, ihn auszuschlagen, zu dem Vater zurückzukehren und dir durch ihn einen Bauer als Bräutigam aufzwingen zu lassen, oder – ich will dich nicht verjagen – hier zu bleiben, wenn du Lust hast, der Tante Hulda Gesellschaft zu leisten, und eine alte Jungfer zu werden. Der Ehestand gibt, glaube mir das, dem Weibe erst die wahre Freiheit.« Anna schauderte vor dem Gedanken, einen Bauer heirathen zu müssen; der eigene Vater war ihr allein durch seinen Stand entfremdet. Hätte sie in Hannover gelebt, sie würde sich unter den schönen Offizieren wol den schönsten selbst ausgesucht haben, sie hatte oft von einem solchen Glück geträumt. Von der Milchschwester getrennt zu werden, um auf dem Schlosse allein zu bleiben mit der Tante Hulda, das war nicht auszuhalten. »Der Mann, den ich dir vorschlagen möchte, liebe Anna«, fuhr die Gräfin fort, »ist nicht mehr jung, aber noch hübsch und kräftig, er hat viele Erfahrungen im Leben gemacht, ist von Herzoginnen und Gräfinnen, vielleicht selbst von einer Königin geliebt worden; weil er solche Erfahrungen gemacht, weil er das Bedürfniß der Frauen, auch in der Liebe zu wechseln, kennt, wird er nicht allzu sehr Tyrann sein, ich hoffe vielmehr, er ist über jene schlechteste aller männlichen Eigenschaften, die Eifersucht, hinweg und wird der Jugend vergönnen, sich der Jugend anzuschließen, wenn es ihr Bedürfniß ist. – Ich meine Claasing. Ueberlege, mein süßes Kind, ich meine es gut mit dir, ich kenne das Leben und ich fürchte, daß wir alle einer Zeit entgegengehen, wo man der Männer bedarf. Der Krieg steht vor der Thür. Das Reich, und wenn nicht dieses, England, Oesterreich und Preußen müssen etwas thun, dem Frevel in Frankreich ein Ende zu machen. Die jungen Männer werden in den Krieg hinaus müssen. »Willst du Zeit zur Ueberlegung, süßes Kind? Nein, ich kenne dich zu gut, du bist zu klug, zu folgsam, um nicht einzusehen, daß eine Heirath mit Claasing zu deinem Glücke diene.« Anna hatte das weise Wort des Noth- und Hülfsbüchleins: Vorgethan und nachbedacht Hat manchen in schwer Leid gebracht wol gelesen, aber nie befolgt – über eine Sache nachzudenken, die möglichen Folgen zu prüfen, überhaupt nur an etwas Unangenehmes und Trauriges zu denken, das war nicht ihre Sache. »Ich heirathe Claasing«, sagte sie ohne sich zu besinnen. »Ich habe das erwartet, meine Tochter«, sagte die Gräfin mütterlich und zog Anna, sie küssend, in ihre Arme. »Nun aber gehe und bereite Olga vor. Ich habe für sie den schönsten Cavalier Hannovers, den Sohn ihres Vormundes, Graf Otto von Schlottheim, als Gemahl gewählt. Sie wird sich nicht weigern, sie wird eine gehorsame Tochter sein wie du.« Anna schlich sich zu Olga, hielt ihr die Augen zu und umarmte sie: »Ich habe dir etwas zu sagen, du sollst mich aber dabei nicht ansehen. Ich bin Braut, ich heirathe Claasing, wünsche mir Glück.« – Ein tiefer Seufzer entwand sich Olga's Brust, ein Glückwunsch kam nicht über die schmalen Lippen. »Aber auch dir kann ich Glück wünschen, Olga, auch du bist Braut, du heirathest den schönsten Cavalier Hannovers, Graf Schlottheim.« Nun rangen sich schwere dicke Thränen unter den langen seidenen Augenwimpern hervor– »Also doch verkauft«, seufzte Olga, »ich hatte gehofft, ich existire für die Mutter nicht.« Die Milchschwester warf sich ihr zu Füßen und suchte sie zu trösten. Aber sie erregte nur den Zorn der Comtesse, als sie mit dem Trostworte kam, die gnädige Mutter habe gesagt, erst die Ehe gebe Freiheit und in der Ehe könne Olga denn auch ihren Karl lieben. Olga erhob sich stolz und verließ das Zimmer und das Schloß, um trotz Regen und Sturmes im Park ihrem Herzen Luft zu machen. Drittes Kapitel. Briefe. Karlsruhe , 30. October 1791. Lieber Karl! Das Versprechen, Dir und den Freunden öfters Mittheilungen zu machen, war leichter gegeben als gehalten! Das Leben macht der Ansprüche zu viele; die Zeit ist zu kurz, namentlich für den, der viel lebt. Ehe ich nach Paris abreise, will ich eine Nacht daransetzen, Dir Wort zu halten; mein Tagebuch neben mir, will ich Dir die hauptsächlichsten Begebnisse seit meiner Abreise von Hoya schildern. Ich verließ diesen meinen Geburtsort in Begleitung meines Vaters Ende Mai. Vater hielt mir die anderthalb Tage, die wir bis Hannover unterwegs waren, die gewohnten moralischen Vorlesungen, die schnell dahineilende Zeit zur Vervollkommnung und zur Besserung meiner selbst anzuwenden und nicht aus den Augen zu verlieren, daß die hundertundfunfzig Thaler, welche er mir eingehändigt, das letzte seien, was er mir zu meiner Ausbildung gewähren könne; sein Bruder in Birmingham werde, wie er versprochen, die weitern Mittel zu den Reisen in Frankreich, England und Italien leisten müssen. Ich war sehr ernst gestimmt, all mein jugendlicher Leichtsinn verschwand unter den schlechten Wegen und dem knirschenden Sande der eintönigen Heidegegend. Vater ist so gut, was er spricht, geht zum Herzen. In Hannover trennten wir uns. Bis Göttingen eine zweitägige Fahrt in Gesellschaft eines griesgrämigen Candidaten der Theologie, der durch das Examen gefallen zu sein schien, und eines lustigen Apothekers mit gutgefülltem Flaschenkeller, aber sehr kleinem eigenen Behälter, zum Aerger des Kandidaten. Von Göttingen ging ich zu Fuß nach Kassel, wo ich abends eintraf. Da ich am andern Morgen hörte, daß eine holländische Dame, die mit mir in demselben Gasthofe wohnte, auf ihre Kosten die Wasser des »weißen Steins« springen lassen wollte, miethete ich mir einen Reitgaul, der mich dahin brachte; ich kletterte bis in die Keule des Hercules hinauf und fand, als ich in die Höhle der »Centauren« hinunterstieg, eine allerliebste Damengesellschaft mit nur einem Herrn, der ich mich anschloß, um derselben alle Herrlichkeiten des »weißen Steins«, die wir ja gründlich kennen, zu zeigen. Die dicke Holländerin, welche mit ihrer Dienerschaft erschien, hatte weder für Natur- noch Kunstschönheiten Sinn, wiegte sich aber in dem Bewußtsein, daß die Wasser auf ihre Kosten sprangen; ein glücklicher Abend. Am andern Morgen reisten meine schönen Breslauerinnen nach Osten, ich nach Süden. In Würzburg hatte ich Empfehlungen von Wrisberg an Siebold; dieser ist ein warmer, feuriger, äußerst geschickter und ebenso zuvorkommender Mann, der gleich nach dem ersten Besuche zu mir sagte, ich möge kommen wann ich wolle, meine Physiognomie gefiele ihm, und da würde er gleich bekannt. Er zog mich zu den schwierigsten Operationen, ließ mich selbst solche machen und mich zu allen schwierigen Fällen seiner Privatpraxis rufen; und ich habe in der kurzen Zeit viel gelernt. Würzburg ist ein sehr schöner Ort, mit gutem Wein und herrlichen Mädchengesichtern. Die Anwesenheit des Kurfürsten von Mainz, oder vielmehr die seines Leibmedicus, Geheimraths Hofmann, in Aschaffenburg, führte mich nach dieser Stadt; Hofmann ist ein wahrer Held, ein gründlicher, durchdringender Scharfkopf, und in seinem sechzigsten Jahre feurig wie ein Jüngling. Seine äußere Erscheinung ist freilich nicht einladend, er schnupft beständig, fürchtet immer, die Hosen zu verlieren, sieht griesgrämig aus, aber aus seinem Munde fließt Weisheit. Er darf den Kurfürsten nie verlassen, hat aber die Erlaubniß, täglich sechs Personen einzuladen, welche von der fürstlichen Tafel gespeist werden. Ich war die ganze Zeit, die ich in Aschaffenburg zubrachte, täglich zu Abend bei ihm eingeladen; niemals wurden weniger als zwölf Schüsseln aufgetragen, und die delicatesten Weine. Wir setzten uns um acht Uhr abends hin und standen selten vor zwei Uhr morgens auf – welche neuen Ideen über unsere Wissenschaft haben er und der Wein in mir angeregt, und mit welchen großen Zügen faßte er die Französische Revolution und ihre Folgen für die Menschheit auf! Nachdem ich mich Mitte August endlich losgerissen, um nach Mainz zu gehen, mußte ich befürchten, dort als Fremder ausgewiesen zu werden, nur die Empfehlungen Hofmann's schützten mich. Der Kurfürst fürchtete die Propaganda, diese Erfindung französischer Emigranten und Generalpächter. Wahrhafte Propaganda machen nur despotische und thörichte Maßregeln; in Mainz wurde zum Beispiel Messe gelesen für den Untergang der französischen Constitution, es wurden Briefe erbrochen, und überall schlichen Spione herum. Ich bin erst hier ein wahrer Demokrat geworden, der sich freut, in diesen Tagen zu leben, wo die Menschheit nach jahrhundertelangem Schlummer sich so thätig rührt und regt. Am Tage beschäftigte ich mich hauptsächlich mit dem Studium der Hofmann'schen Schriften, den Abend brachte ich in der Regel in Forster's Hause zu, wo alle gescheiten und interessanten Menschen freien Zutritt haben. Forster's Frau, eine Tochter Heyne's in Göttingen, ist die vorzüglichste aller Frauen, die ich bisher kennen gelernt, und nicht nur nach meinem Urtheile, nach dem Urtheile eines jeden, der näher mit ihr verkehrt, eine Frau von Kopf und Herz. Eine unbegrenzte Fülle von Witz und niemals versagender Laune, mit immer durchschimmernder Güte des Herzens; eine Menge von Kenntnissen, eine unglaubliche Fertigkeit, jeden Gegenstand gleich von einer angenehmen und interessanten Seite zu fassen; liebenswürdige Naivetät in allem, was sie thut und spricht; die vollkommenste Abwesenheit von Prätension und Eitelkeit; die zärtlichste Anhänglichkeit an ihren Mann und ihre Kinder, dies sind die Eigenschaften, die sie charakterisiren. In ihrem Hause wohnt der Legationssecretär Huber, Busenfreund Schiller's, selbst Dichter und Verfasser eines Dramas »Das heimliche Gericht«. Er ist ein Mann von vielem und originellem Witz, ein durchaus männlicher Charakter. Außerdem wohnt eine Madame Forkel aus Göttingen bei Forster, eine Frau, die häufig schief beurtheilt wird, weil niemand sie beurtheilen kann, der sie nicht gekannt, und weil dieses wenigen gelingt. Wir saßen nach englischer Weise jeden Abend von sieben bis neun Uhr um die Theemaschine; fast täglich machten durchreisende Fremde diesen Cirkel brillanter. Mein Geld war ausgegangen, Mitte September hatte ich nur noch elf Gulden von den hundertundfunfzig Thalern, die mir mein guter Vater zur Reise gegeben, Briefe an den Onkel in England blieben ohne Antwort. Huber bot mir freiwillig ein Darlehn an, damit ich am 16. October Mainz verlassen konnte. Hier in Karlsruhe wurde ich von meinem lieben Vetter, Staatsrath Brauer, und seiner Frau mit größter Liebe und Freundschaft aufgenommen; ich fand auch vom Onkel eine Banknote von zweihundert Livres, allein kein Mensch wollte sie, selbst nicht mit fünfundzwanzig Procent Verlust. Es wimmelt hier von französischen Flüchtlingen, sie glauben, überall Hülfsarmeen für sich beanspruchen zu können, und zeigen ebenso viel Unkenntniß der gewöhnlichsten Dinge und Zustände, als sie Meister in der Toilette sind. Bei Lichte besehen sind sie nichts weniger als Helden, obgleich sie mit stürmender Hand in Frankreich einfallen wollen. Die Klügern sagen, die Contrerevolution werde sich von selbst machen, weil das französische Volk nicht die Stärke des Charakters habe, um eine freie Constitution zu behaupten; aber sollte nicht auch die Constitution auf den Charakter des französischen Volks zurückwirken? Hier wie am Rhein trennen sich die Anhänger und Feinde der Französischen Revolution immer schärfer. Ich traf auf der Reise hierher in Manheim mit einigen pfälzischen Offizieren zusammen und äußerte nur verloren einiges zum Vortheil der Französischen Revolution; sogleich fing einer der Offiziere Feuer und sagte: Jeder ehrliche Mann müsse Feind derselben sein. Er habe einen Bruder in Paris, der zu den Demokraten gehöre, aber er werde den Augenblick segnen, wo er ihm das Schwert in die Brust stoßen könne! Er würde die französische Constitution noch verfluchen, wenn er auch schon auf der obersten Stufe der Leiter stände und den Strick um den Hals hätte; er hoffe auch, in wenigen Monaten selbst in Paris zu sein, um mit dem Schwert in der Hand die demokratische Canaille zu vertilgen. Ich erwiderte, daß ich dann auch dort zu sein hoffe und bereit, mit der Lanzette in der Hand den übeln Folgen eines zu heftigen échauffement für die gute Sache zuvorzukommen. Lieber Karl! Ich habe hier meine erste Heldenthat vollbracht, in der That eine Heldenthat! Ein herrliches, liebeglühendes Weib, die Frau eines Bekannten, zeigte eine Leidenschaft zu mir, die mich hinriß, sie legte ihre Reichthümer mir zu Füßen, sie wollte mit mir nach Paris, nach Amerika, nach Indien fliehen, bis ans Ende der Welt mir folgen. Ich habe dem allen widerstanden, ich habe die Frau ihrem Gatten zurückgeführt und sie ihm, in Thränen schwimmend, in die Arme geworfen. Ich habe ein glückliches Paar gemacht; darf ich hoffen, daß Du Deine Leidenschaft für die Comteß Olga auch überwunden? Als ich vor vierzehn Tagen von hier abreisen wollte, brachte ein Kurier die Nachricht von der Flucht des Königs, man glaubte ihr, und ich blieb; die aufgeregten Wogen der Volksstimmung infolge der Gefangennehmung Ludwig's XVI. wie das Ausbleiben von Mitteln haben mich bis jetzt gehalten. Denke Dir, unser Freund, der kleine Girtanner, der wüthendste Demokrat und rotheste Republikaner, hat, seitdem er in Paris von einem Demokraten in den Dreck getreten zu werden das Unglück hatte, zwei Bände gegen die neue Constitution geschrieben! So geht es in der Welt! Was macht meine süße Nachtigall, die kleine Klara Schulz? Wenn ich je das Unglück hätte, nach Hoya zurückverschlagen zu werden, so würde sie, und keine andere, mein Weib. Wo stecken ihre beiden Brüder? Bis Neujahr bleibe ich unter allen Umständen hier, Briefe an mich schicke an meinen Vater. Dein treuer Justus Erich Bollmann .   Heustedt , 4. November 1791. Lieber Justus! Ich habe sie wiedergesehen, ich sehe sie täglich, ich träume wachend und schlafend von ihr, der Herrin meiner Seele. Als ich von Göttingen als Doctor zurückkam und hier als Advocat beeidigt war, ließ ich mich bei der Tante im Schlosse melden, um ihr und der gnädigen Comteß, wie Anna, meine Aufwartung zu machen; ich ward angenommen, fand aber nur das alte Fräulein, die mir eine Stunde von Paris, Versailles und ihren jungen Tagen am französischen Hofe vorschwatzte; keine der jungen Damen ließ sich sehen, ich saß wie auf Kohlen. Endlich erschien Anna, that, als wenn wir uns erst gestern gesehen, entschuldigte die Comteß mit Migräne und lud mich auf den Abend zum Thee ein. Ich weiß nicht, was ich bis zum Abend gethan, ich ging wie im Traume herum, versäumte den Mittagstisch und fand mich in der Dunkelheit auf meinem Sofa, als die Magd meine Studirlampe brachte; ich machte Toilette, allein kein Gilet, kein Tuch wollte mir zu Danke sitzen; mein neuer Doctorrock mit seinen goldenen Tressen kam mir altmodisch vor; da erst sah ich, daß meine Frisur zerstört war. Der Friseur mußte gerufen, der Pudermantel über den Doctorrock geschlagen werden; endlich stand ich fertig, der Degen war umgeschnallt, den Hut gedachte ich auf dem Schlosse in der Hand zu tragen, um der Frisur keinen Schaden zu thun, da, denke Dir meinen Schrecken; fängt es mit Macht zu regnen an. Ich war in Verzweiflung; lief treppauf treppab, es regnete immer heftiger, da fährt ein Wagen vor, der Kammerdiener meldete, daß Comteß ihn mir sende! Wie war ich glücklich! Der Thee wurde in Anna's Zimmer servirt, das so traulich und wohnlich war, mich an die heitern Jahre der Kindheit erinnerte. Die Tante saß bei ihren Flickendecken und nähte wie vor Jahren, nur daß jetzt Heloise zu ihren Füßen saß und die Flicken aussuchte und bestimmte. Ich küßte dem alten Fräulein ehrfurchtsvoll die Hand, als ich darauf Olga's Hand ergriff, fühlte ich, daß sie zitterte, und sah ihr blasses Gesicht bis zur Stirn erröthen. Auch mir stieg das Blut ins Gesicht, und da ich mich von Anna unbeobachtet glaubte, bückte ich mich schnell auf die schmale weiße Hand und drückte einen Kuß darauf. Schon hatte ich den Stuhl ergriffen, um mich niederzulassen, als Anna hervortrat, mir ihre allerliebste kleine, runde, rosige Hand hinhielt und sagte: »Was hat diese Hand verschuldet, Herr Doctor, daß sie nicht auch das Zeichen Ihrer Ehrerbietung empfängt? Freilich ist sie gegen jene Hand«, und mit schelmischem Lächeln deutete sie auf die Comteß, »nur eine dicke Bauerhand.« Als ich die Hand jetzt ergreifen wollte, wurde sie mir entzogen: »Strafe muß sein«, sagte die Schelmin. Ich mußte von Göttingen, meinen Freunden, der Harz- und Rheinreise erzählen. Daß ich Deiner und Heinrich's mit Liebe gedachte, kannst Du glauben. Olga hörte mit Aufmerksamkeit zu, während Anna allerlei lustige und scherzhafte Bemerkungen dazwischenwarf, darauf angelegt, mir Verlegenheiten zu bereiten. Endlich sprang sie auf und holte ein Buch. »Es ist unsere Absicht, daß uns der Doctor die langen Abende durch Vorlesen verkürzen hilft, heute schon wird der Anfang gemacht und jeden Tag fortgefahren.« Sie überreichte mir »Werther's Leiden«. Welche Qual, gerade dieses Buch lesen zu müssen, das die eigenen Seelenstimmungen widerspiegelte. Heloise war, den Kopf auf dem Schose der Tante, eingeschlafen, diese nickte schlaftrunken mit dem Kopfe; ich selbst vertiefte mich sehr bald so ganz in die Situation, daß ich meine Umgebung vergaß und wie aus einem Traume auffuhr, wenn Anna zur Theemaschine trat oder mich sonst unterbrach, was sie, meinem Gefühle nach, nur zu oft that. So habe ich drei Wochen zugebracht, jeden Abend, und haben wir alles Herrliche und Schöne, was Goethe und Schiller, Lessing und Wieland uns geschenkt, durchkostet. Ich habe aus »Faust« meine Lieblingsstellen declamirt und ein inniges Verständniß bei Olga gefunden. Anna will nichts davon hören, sie spottet mit den Worten des Dichters selbst: Mir wird von alledem so dumm! Für mich existirt nichts vom Tage, als diese Abende, wie schal und ledern sind die Morgen, wo ich um der lumpigsten Bagatellen halber, um einige Thaler Geld, um Wege oder Hecken, oder gar um Injurien zwischen Pack, das sich schlägt und verträgt, nach dem Amte gehen muß, um mit meinen Collegen zu streiten! Wie nichtssagend ist die Unterhaltung bei Tische im Rathskeller, wie albern ist es, daß man überhaupt essen und trinken muß, statt von Luft und Aether zu leben. Den 8. November. Die Gräfin ist vorgestern angekommen, die schönen Abende sind vorbei, ich mag mich nicht mehr ins Schloß wagen, da verschiedene Hofcavaliere mitgekommen, unter denen ich mich unheimlich fühlen würde. Gestern hat mich ein Tischgespräch aufgeregt, der Supernumerar-Amtsschreiber Motz wollte wissen, daß die Gräfin Wildhausen damit umgehe, ihre Tochter zu verheirathen, und mit wem? Denke Dir, mit jenem Wüstling, dem Grafen Schlottheim, dem ich in Göttingen die Anfangsgründe des Rechts in seinen dummen Hirnkasten einzuprägen mich abmühte, und den Bürger an jenem Abend, wo wir »Faust« zuerst lasen, die Treppe herabfallen ließ. Auch wollte der eine oder andere der Tischgenossen wissen, daß ein Obergestütmeister auf dem Gestüt Kirnberg sich um die Hand Anna's bewerbe, daß er von der Gräfin Melusine, deren Anbeter er früher gewesen sei, begünstigt werde, und sich seit längerer Zeit bei dem alten Hofwirthe in Eckernhausen einzuschmeicheln gewußt habe. Der arme Heinrich! Er sitzt in Grünfeld als Hauslehrer und schmiedet wahrscheinlich noch Sonette auf Anna's Locken, Augen, Hände, und sie? Ich kann es nicht glauben, obgleich mir auch von meiner Hauswirthin bestätigt ist, daß Graf Schlottheim sich auf dem Schlosse befindet. Den 10. November. Es ist geschehend! – Gestern hat man auf dem Schlosse die Verlobung Olga's mit dem Grafen Schlottheim und Anna's mit Claasing gefeiert. Werde ich es überleben? Ich schicke diesen Brief an Deinen Vater. Vale. Dein Karl .   Paris , 14. März 1792. Lieber. Du bist ein bleichsüchtiger Schwärmer, ein gänzlich unpraktischer Mensch, ein deutsches Mondscheingewächs! Du mußt aus Heustedt heraus! Komm hierher, wo die Seele zwei Drittel des Tags in den Füßen logiren muß, und Du wirst Deine sentimentalen Grillen los werden, wirst Hamlet und Werther abschütteln. Mensch, sei doch vernünftig. Entweder entführe die Comteß, oder verführe sie, oder resignire und heirathe ein bürgerliches Blut, erziehe gesittete Kinder und bleibe ein ruhiger Staatsbürger. Wenn Du acht Tage hier wärst, würdest Du einsehen, daß es nicht Zeit ist, mit »Puppen zu spielen und mit Lippen zu fechten« – und die Pariserinnen? Prächtige Geschöpfe, sage ich Dir, ich glaube, sie würden Dich Deine Comtesse vergessen lehren, Dich lehren, was jener Vers sagen will,. der uns einst zu übersetzen so schwer wurde: Est bellum bellum bellis bellare puellis! Ich bin nicht in der rosigsten Laune. Der Onkel aus Birmingham war hier; er ist reich, hat keine Kinder, er ist die Ursache, daß ich hier bin, indem er mir die Mittel zu einer Ausbildungsreise und zum Aufenthalt in Paris, London und Edinburgh zu schenken versprach. Jetzt ist er nach Rouen abgereist, nachdem er mich drei Wochen lang mit seinen beinahe unerträglichen Launen und Eigenheiten gequält hat, mir von morgens früh, während wir noch beide im Bette lagen, bis spät abends Rathschläge ertheilte, wie ich zum reichen Manne werden könne; und als er nun abreiste, ließ mir der Geizhals siebenhundert Livres in Papier zurück, was nach jetzigem Curse etwa sechsundachtzig Thaler macht. Davon habe ich hundertfunfzig Livres für Staarmesser und sonstige chirurgische Instrumente ausgegeben, mir eine Wohnung gemiethet und mich in öffentlichen Blättern als Arzt für Augen- und Hautkrankheiten bekannt gemacht. Ja, ich will Geld verdienen, schon um von diesem Onkel unabhängig zu werden und dem Vater nicht mehr zur Last zu fallen. Es ist traurig auf dieser Welt, daß alles, alles Interesse beinahe zuletzt auf Geldgewinn zusammenschrumpft! Kommt, kommt Pariser, laßt euch von dem deutschen Arzte den Staar stechen! Uebrigens ist der Eindruck, den Paris mit einzelnen Ausnahmen auf mich gemacht hat, keineswegs ein großartiger und überwältigender gewesen, als ich erwartet hatte. Er war zum Theil sogar unangenehm; die Straßen sind eng, die Häuser hoch, man glaubt sich in einer Felsspalte. Die Leute sehen in den ersten zwei Stockwerken den Himmel nicht, es sei denn, daß sie rückwärts den Kopf zum Fenster hinausstecken und über sich sehen. Nur eine Gosse geht durch jede Straße, deren Pflaster bis zur Mitte abwärts hängt; ein dicker Koth bedeckt es, Pferde, Kutschen, Karren, Menschen und Esel arbeiten durch denselben, vergebens sucht man einen Fußweg zur Seite. Will man das Ansehen eines reinlichen Menschen behalten, so muß man unter allen nur denkbaren Windungen und Stellungen sich zwischen Savoyarden, Perrükenmachern, Mehlkrämern, Laternenweibern u. s. w. jeden Augenblick hinwegschieben! Denke Dir den Contrast mit unserm reinlichen Göttingen! Will man inne werden, daß man im großen Mittelpunkte der cultivirten Erde und des Geschmacks sich befindet, so muß man in das Palais-Royal gehen. Hier ist alles zu kaufen, wonach das Herz sich sehnen kann, alle Bedürfnisse des ausschweifendsten Luxus können hier befriedigt werden; und die Menschen, die sich in diesen Räumen drängen und stoßen!? Menschen gibt es hier nicht mehr, es gibt nur Demokraten und Aristokraten, Anhänger der Constitution und Verächter derselben. Das Zanken und Streiten in allen Gesellschaften hört nicht auf, Widerspruch und Spaltung können nicht ausgebreiteter sein. So bleiben kann es nicht, was aber werden wird, läßt sich schwer im voraus bestimmen. – Ein reichgalonirter Bedienter, wie man ihn noch selten jetzt sieht, ruft mich zur Frau des schwedischen Gesandten Staël, der Tochter Necker's, ruft mich als Arzt. Soll ich ihr den Staar stechen? Vielleicht in Beziehung auf ihren Geliebten Narbonne und sein Verhältniß zu Mlle. Contant, die wieder mit dem von Narbonne geraubten Gelde kernhaftere Wüstlinge unterhält, als ihr Unterhalter ist? Dein Justus . Viertes Kapitel. Joujou de Normandie. Die Gräfin verließ Heustedt, als der Winter begann; im Schlosse ging aber jetzt täglich Claasing ein und aus, er war es, der auf Anlaß seiner Braut den jungen Doctor einlud, die Leseabende in seiner Gegenwart fortzusetzen; Karl konnte und mochte das nicht abschlagen. Ueber Olga's Wesen war eine schwere Traurigkeit gelagert, aber sie hatte resignirt. Der Jugendfreund hatte einen Glückwunsch zur Verlobung nicht dargebracht, und die widerwillig Verlobte war ihm dankbar dafür. Man las Shakspeare in der Ursprache mit verteilten Rollen. Tante Hulda schlief dabei, da sie englisch nicht verstand; Claasing war gleichfalls etwas aus der Uebung gekommen, aber er arbeitete sich bald hinein; mit Anna's Lesen haperte es am meisten. Verliebte Tändeleien unter Brautleuten, wie sie heutzutage in der Familie nicht nur, sondern selbst in Gesellschaften vorzukommen pflegen, gehörten damals nicht zum guten Tone der Gesellschaft; der Obergestütmeister conversirte mit der Braut in allen Förmlichkeiten des Menuetenstils; das Höchste, was dem Bräutigam der Sitte nach gewährt werden durfte, war ein Kuß auf die Hand. Auch die Braut war nachdenklicher geworden, sie neckte weder Karl noch ihren Bräutigam, sie war minder kokett, es schien, als wenn sie jetzt erst bemerkte, daß ihr Verlobter doch sehr viel älter war als sie. So kam der Frühling, der schöne Mai; Park und Wiesen glänzten und grünten in üppigster Pracht. Es kam mit dem Frühling aber auch die Gräfin, und nicht allein, sondern in Begleitung eines französischen Emigranten, des Marquis de Bontemps und des Bräutigams, Otto von Schlottheim, der bis zur Hochzeit, im Juli, im Schlosse bleiben sollte, damit die jungen Leute sich kennen lernten. Der Marquis war Cavaliere servente der Gräfin, aber nicht, weil ihn ihre Reize gefesselt, . . . er verstand sehr wohl Kunst von Natur zu unterscheiden . . . sondern weil er ihre Hülfe für seine Partei, die heilige Sache des Königs, der Ordnung, der Religion und Moral, in Anspruch nahm. Die Gräfin, welche die Gefahr wenn auch nicht in vollem Umfange ahnte, die dem Feudalwesen von Frankreich her drohte, nachdem der Adel dort sein Todesurtheil sich selbst gesprochen, hatte nicht unbedeutende Opfer schon gebracht, aber das Leben in Koblenz und Köln verschlang allein große Summen und jetzt galt es eine Eroberung von Paris, wie man sagte. Der Marquis hoffte, daß es seiner Liebenswürdigkeit gelingen werde, von der Gräfin noch weitere 20000 Livres zu erhalten; war die erste Zahlung der Sache wegen geschehen, so galt es jetzt der Person des Bittenden wegen, der außer seiner eigenen Liebenswürdigkeit als einer der nächsten Freunde des Grafen von Artois in hoher Achtung bei der Gräfin stand. Wo aber ein Franzose ist, da muß Leben und Bewegung, vor allen Dingen Tanz sein. Das Billardspielen, das Joujouspiel, das Pistolenschießen, das Ausreiten, wie das abendliche L'Hombre mit der Gräfin, Schlottheim und Olga genügten dem Marquis so wenig als die steifen Diners und Soupers. Er wußte die Gräfin zu bewegen, einen Ball zu geben, zu dem die Honoratioren von Heustedt und die adeliche Umgebung geladen wurden. Die Zelte von 1772 lagen noch auf den Böden, es brauchten nur die Boskets etwas gelichtet, einige junge Bäume gefällt zu werden, und der ganze Apparat der Kindtaufsfeier stand wieder da. Aber man war diesmal unter sich. Die Bürger Heustedts und die Dienerschaft nahmen an dem Feste selbst keinen Theil. Auf diesem Ball traf denn Graf Schlottheim zuerst mit seinem Einpauker Karl wieder zusammen. Karl wurde von ihm mit herablassender Freundlichkeit begrüßt, aufgefordert, sich an der Gesellschaft der jungen Leute in Zukunft zu betheiligen. Der Marquis fand Gefallen an Karl, und dadurch stieg der junge Advocat in den Augen der Gräfin um hundert Procent. Auch die dreizehnjährige Heloise, mit der Karl schon öfter verkehrt, da er ihr den ersten Unterricht im Joujouspiel ertheilt, als sie solches zu Weihnachten von Mama in Hannover geschenkt bekam, erwies sich hier als seine Beschützerin und vermittelte eine freundliche Einladung der Gräfin, das Schloß als immer für ihn offen stehend anzusehen. Olga war kalt und abstoßend gegen den Bräutigam, wie immer, woraus sich dieser aber wenig zu machen schien, indem er wie ein Schmetterling von einer Landschönheit zu einer Stadtschönheit schwärmte, am liebsten aber bei Anna verweilte, der er, sobald nur deren Bräutigam nicht in der Nähe war, mit feurigen Blicken, glatten Reden, Händedrücken und, wo es die Gelegenheit irgend mit sich brachte, Händeküssen die Cour machte. Seit jenem Balltage war der junge Advocat wiederum täglicher Gast im Schlosse; dort war seine Sonne, sein Lebenselement, auf das sein ganzes Fühlen und Phantasiren, Denken, soweit davon die Rede sein konnte, und Trachten gerichtet war. Bei Tage war er zerstreut, oft wie geistesabwesend, wenn er nicht in ihrer Gesellschaft war, nachts combinirte er alle kleinen Aeußerungen, Blicke, Bewegungen, die Olga seit vorigem Sommer in seiner Gegenwart entfahren, um in diesem Augenblick zu dem Schlusse zu kommen, »sie liebt mich wieder«, im nächsten Augenblick diesen Schluß auf Grund anderer Dinge zu bezweifeln. Die alltägliche Belästigung war für ihn die höchste Qual, mit Widerwillen und Ekel hielt er Termin auf dem Amte, er versäumte Fristen und Fatalien, und die Collegen wie die Richter waren bald der übereinstimmenden Meinung, daß er ein schlechter Advocat sei, eine Meinung, die recht bald in das Publikum drang und nur zu wohl begründet war. Geldmangel, Umgang mit Aristokraten voll aristokratischer Gewohnheiten, unglückliche Liebe, oder vielleicht richtiger Liebe zu einem Gegenstande, der einem andern angelobt und durch die Pflicht der Convenienz und des Reichthums von ihm fern gerückt war, während vielleicht die Seelen zusammen schwärmten, trafen zusammen. Zum Glück für ihn waren mit den Vergnügungen, denen man sich im Schlosse hingab, keine andern Kosten als weiße Leibwäsche und Glacéhandschuhe verbunden; im Billardspiel vielmehr gewann er dem Marquis wie dem Grafen Schlottheim manche Partie und manchen Louisdor ab. Auch im L'Hombre war er glücklich; Graf Schlottheim langweilte dies Spiel, weil es Nachdenken erforderte und weil seine stumme Braut mitspielte. Er entzog sich erst unter allerlei Vorwänden dem Spiele, dann lehnte er jede Abendpartie gänzlich ab. Sobald es abends dunkelte, verschwand er aus dem Schlosse, man wollte ihn verkleidet in der Weststadt, in der Nähe von Klein-Paris gesehen haben. Ging er Abenteuern nach, und dort? Die Gräfin, auf welche die Dinge in Frankreich einen größern Eindruck zu machen nicht verfehlt hatten, als sie sich selbst bewußt war, war gegen Bürgerliche viel freundlicher und herablassender geworden; es war ihr, die sonst in gewisser menschlicher Beziehung auf die Ungleichheit des Standes nicht geachtet, die Ueberzeugung geworden, man thue gut, die schroffen Formen zu mildern, und so bekam bald der eine, bald der andere Herr eine Einladung zur Ergänzung des L'Hombre und zum Souper, bis man ein für allemal Karl zu der Partie zog. Während dieser nachmittags nach dem Diner den jungen Damen, an die sich Heloise als aufmerksame Zuhörerin anschmiegte, aus Schiller's »Kalender für Damen« die Geschichte des Dreißigjährigen Krieges vorlas, pflegten die Gräfin wie der Marquis und Graf Schlottheim Siesta zu halten. Erst wenn es kühler wurde, kam man in den Geheimpark, um bei ruhiger Witterung auf dem Rasen des Laubenrandes Reife zu werfen oder Federball zu spielen, welche Spiele durch die Munterkeit Heloisens und Anna's das Steife, was die ganze Mode, Situation, Frisur und Kleidung mit sich brachten, verloren und den Charakter von jenen Schäferspielen aus der Zeit Ludwig's XV. anzunehmen pflegten, die man so häufig abgebildet sieht. Es waren das die einzigen Augenblicke, wo Olga ihren Ernst ablegte und wie die Schwester Heloise kindlich heiter sein konnte, wenn Karl ihr gegenüberstand . . . . Machte es der Zufall, daß bei diesen Spielen regelmäßig der Marquis der Gräfin, Graf Schlottheim Anna, Karl Olga und Heloisen gegenüberstand? Wenn wir unser Augenmerk nach längerer Zeit wieder einmal der sogenannten Gesellschaft zuwenden, so finden wir die Herren von 1792 wie die von 1772 vor dem Rathskeller versammelt, rauchend, Wein trinkend, oder lesend und discourirend. Der Stoff der Unterhaltung ist indeß nicht mehr der reine kleinstädtische Klatsch, es wird vielmehr politisirt und wie in der halben Welt theilen sich die Männer in offene oder heimliche Freunde oder Feinde der Französischen Revolution, folgen aber nach Vorgang aller Frauen in allem dem, was die pariser Mode mit sich bringt, wenn auch die Reise derselben nach Heustedt langsam ging. Gab es in dieser Zeit der beginnenden Sündflut aber überhaupt noch pariser Moden? Man überzeuge sich durch die Einblicke in die zahlreichen Modejournale, daß 1792 und 1793 die Weltherrschaft der pariser Moden weder durch das Septembrisiren noch durch den Krieg gebrochen wurde. Auffallender mag es sein, daß man sich in so ernsten Tagen der Mode wegen mit Spielereien abgab, wie sie erwachsenen Leuten kaum würdig. Dahin gehörte vor allem das Spielzeug unserer Kapitelüberschrift. Um nicht der Uebertreibung beschuldigt zu werden, theilen wir mit, was in einem Modejournal von 1791 aus Paris berichtet wird. »Wie sonst jeder feine Herr seine bilboquets sowol als sein vademecum in der Tasche führte, und jede Dame von gutem Ton ein solches im Arbeitsbeutel hatte, so ist jetzt das joujou de Normandie der unzertrennliche der vornehmen sowol als der gemeinen Welt. Der Prinz bis herunter auf den Handwerksburschen, die Dame vom ersten Range bis herunter auf das Bürgermädchen, der Greis wie der Knabe spielt sein joujou , so oft er Lust und Weile hat, in Gesellschaften, auf Promenaden, im einsamen Zimmer. Die Engländer bezeigen sogar eine besondere Fertigkeit, dasselbe im Reiten zu spielen, nach allen Seiten zu werfen und wieder zu fangen.« Im März des folgenden Jahres klagte man aus Berlin: »Man habe über das joujou alles vergessen und vernachlässigt, man trage noch Kleider von alter Farbe und altem Schnitt, Cravatten wie vor einem Jahre, und der Hut werde von den Damen ohne Sorgfalt und Geschmack auf den Kopf geworfen, um nur schnell wieder zum joujou greifen zu können.« In Heustedt hatte man erst im Mai 1792, als das Schloß von der Gnädigsten und ihrer Gesellschaft bevölkert wurde, das Joujou gesehen, allein außerhalb der Kreise des Schlosses war das Spielwerk noch nicht gedrungen, obgleich verschiedene Damen Bestellungen in Hannover und Bremen gemacht hatten. Frau Landräthin von Vogelsang und ihre beiden schönen Töchter, die achtzehnjährige Ida und die sechzehnjährige Adelheid, hätten wer weiß was dafür gegeben, wenn sie früher als die Baronin von Bardenfleth mit ihren Töchtern Mimona und Adele und Rosa in den Besitz eines solchen Joujous gekommen wären. Auch die Amtmännin und Amtsschreiberin, die Forstschreiberin und Bürgermeisterin hatten schon vergebliche Anstalten gemacht, so ein Ding, das sich von selbst in die Höhe bewegte, zu erhalten. Aus der Gesellschaft, die wir vor zwanzig Jahren hier fanden, waren die meisten ausgeschieden. Krummeier hatte seinen treuesten Kunden, den Forstschreiber, nicht lange überlebt, die Wittib setzte das Geschäft aber mit einigen Kellnern fort; der Amtsadvocat war gestorben, der Bürgermeister ebenfalls, an die Stelle der Amts- und Kornschreiber waren andere Personen gerückt, die Söhne einiger der alten Bekannten waren als Amts- und Kornschreiber aufgerückt. Die Eifersucht zwischen der Landräthin und der Baronin hatte trotz des Todes der Leibadvocatinnen sich auf die Töchter fortgepflanzt, während die Männer, von denen der Landrath unförmlich dick, der Baron sehr hager geworden war, von diesen Eifersüchteleien kaum etwas merkten und gemüthlich ihr Glas Wein miteinander tranken und die Pfeife rauchten. Das Factotum der Gesellschaft war zur Zeit der Deichgräfe, Kuno Lübrecht, welcher, aus der Residenz an die Weser gesetzt, es sich hier zur Aufgabe gemacht hatte, der Träger aller neuen Moden, der petit maître aller gesellschaftlichen Vergnügungen zu sein. Er war heute der erste unter den Linden, denn er hatte Großes auf dem Herzen, er wollte die Gesellschaft überraschen, zunächst überraschen durch seinen direct von Hamburg bezogenen, von einem pariser Schneider herrührenden Anzug. Er trug natürliches, in der Mitte des Kopfes, wie es heute Mode ist, schlicht gescheiteltes Haar, das nur sehr wenig gepudert war und hinten in einem nur eine Hand langen, stumpfen, aber breiten Zopfe endete. Auf diesem also gepuderten Kopfe saß . . . unglaublich für alle, die es nicht selbst sahen . . . ein runder Hut, oben etwas breiter als unten, sonst die Cylinderform. Um den Hals war eine für die Jahreszeit reichlich dicke weiße Musselinkravatte geschlungen und darüber hing locker ein seidenes, rothgewürfeltes Tuch, dessen Zipfel neben dem Jabot in das oben weitausgeschnittene Gilet hineingingen und da festgesteckt waren. Das Gilet à la Prince of Wales war von erbsengelbem Kasimir mit windsorblauen Streifen. Dasselbe hatte zwei Reihen seidener Knöpfe, die sehr weit auseinanderstanden, und war vom vierten Knopfe von unten an so weit ausgeschnitten, daß es schon von der Herzgrube an nicht mehr zusammenging, sondern ohne Kragen ganz rund um die Schultern herumlief. Ein schwarzer Frack mit großen fliegenden Reversen, stehendem Kragen, sehr engen Aermeln, der überall von vorn nicht zuknöpfbar war, dazu Beinkleider von weißem Kasimir mit weißen Knöpfen und Knieschleifen, und in diesem Beinkleide nur Eine Uhrtasche und nur Eine Uhr mit breitem schottischen Bande, an dem ein großes goldenes Karneolpetschaft hing, endlich breitgestreifte, violett und weiße Patentstrümpfe, aus den Schuhen kleine, hochviereckige silberne Schnallen, vollendeten den Anzug des Dandy. Was aber das Sonderbarste war, in der Hand trug dieser heustedter Adonis einen etwa einundeinhalb Fuß langen, unten dicken, oben spitzen Dornknittel, wie man sie in Paris zum Schutz und Trutz gegen Anfälle einzelner aus dem Pöbel von seiten der Aristokraten in die Mode eingeführt hatte. Kuno Lübrecht ging, in der einen Hand den Knittel, in der andern den Hut, im Schatten der Linden hin und her, an den großen Augenblick der Ueberraschung denkend. Da kam vom Amtshause her der Amtmann Steinbart, ein Mann im kräftigsten Mannesalter, mit strengen Zügen und nachdenklicher, gefurchter Stirn. Ohne auf den Dandy zu achten, setzte er sich nieder und zog ein französisches Zeitungsblatt aus der Tasche. Er war auf besondern Wunsch der Gnädigsten mit der Amtmannsstelle bedacht, und sie glaubte, sich einen treuen Anhänger in ihm geschaffen zu haben. Aber Steinbart hatte gesehen, daß einer seiner Vorgänger, der Drost von Schlump, mehr als das Doppelte an Einnahmen bezogen als er, und daß man ihm selbst eine Domanialstreuparcelle, die sein unmittelbarer Vorgänger noch gegen sehr geringen Pacht in partem salarii innegehabt und um das Vierfache zur Nachweide verpachtete, wenn der erste Schnitt geschehen war, entzogen, um sie dem schon reichbesoldeten Obergestütmeister als Gehalt zuzulegen. Steinbart, der früher in Hannover im Departement der Kammer gearbeitet und die Einkünfte, die durch die Provinziallandschaften eingingen, revidirt hatte, kannte sowol die großen Schäden der Staatsverwaltung als auch diejenigen, an denen die meisten der herrschenden Adelsfamilien im stillen litten. Er war ein heimlicher Anhänger neufränkischer Ideen und hatte in aller Stille den Lieblingswunsch, die Neufranken möchten die gesammten Emigranten und allen deutschen Adel dazu über die Weichsel treiben, damit sie Polen und Rußland mit ihrer Civilisation beglückten. Er hatte ein fühlendes Herz für den hartgedrückten Bauernstand, der damals noch immer nur als Nutzungseigenthümer des Meierhofes betrachtet und erst von dem Gutsherrn, dann von dem Zehntherrn, dann vom Staate und der Gemeinde ausgebeutet wurde. Es mußte ihm, dem von den Unterbedienten alles, was im Orte und Amte geschah, berichtet wurde, eine Kunde geworden sein, die ihn sehr aufregte, denn er brummte, ohne die Gegenwart Kuno's zu beachten, vor sich hin: »Eine schöne Bande, das ganze Pack, buhlt das alte verbuhlte Weib mit dem hergelaufenen Franzosen, der Schwiegersohn mit des Fillers Marthe und sucht die Milchschwester der Braut zu verführen; die Tochter schmachtet nach dem bürgerlichen Jüngling, es fehlt ihr nur der Muth der Mutter . . . und da soll man sich beugen und schön thun.« Inzwischen kamen der Amtsschreiber, der Amtskornschreiber, der Bürgermeister und andere Honoratioren und nahmen an dem gewöhnlichen Tische Platz. Neben der Thür nach der Schloßstraße saßen wie früher in getrenntem Kreise die Unverheiratheten, unter denen die Söhne des Landraths und des Barons von Bardenfleth, von denen sich der eine in Göttingen, der andere in Jena des Studirens halber aufhielt, das lauteste Wort führten. Kuno Lübrecht war in den Rathskeller getreten, um nicht jedem einzelnen, wie er ankam, Rede und Antwort über seine Tracht geben zu müssen. Der Ton der Gesellschaft hatte sich seit der Zeit, als wir dieselbe hier versammelt sahen, wesentlich geändert, obgleich noch alle den Zopf nach hinten trugen. Vor zwanzig Jahren hätte man unter gegenwärtigen Verhältnissen von nichts gesprochen als von den bevorstehenden Hochzeitsfeierlichkeiten, von Braut und Bräutigam, von dem Marquis und dem Obergestütmeister und seiner jungen Braut. Jetzt war es anders, man hielt den »Hamburgischen Unparteiischen Correspondenten«, der zwar schon sechsmal in der Woche erschien, aber nur zweimal mit der Post in Heustedt ankam, und fiel bei seiner Ankunft über die Blätter her. Es entspann sich sogleich politischer Streit, denn die Blätter brachten eine höchst bedeutsame Nachricht von Paris. Am 20. Juni hatte eine Demonstration bedeutender Art stattgefunden, dem Könige die Sanction zu dem Beschlusse abzuzwingen, daß den Priestern, welche den Eid auf die Constitution verweigerten, ihre Pension entzogen und sie selbst unter Aufsicht gestellt werden sollten; man hatte Pétion, den ersten Polizeibeamten von Paris, in Verdacht, die Zusammenrottung der 30000 Vorstädter angestiftet zu haben, welche erst durch die Legislative hindurchdefilirten, dann in die Tuilerien rückten, den König bedrohten, ihm die Jakobinermütze aufsetzten und ihn zwangen, Wein mit ihnen zu trinken. Man glaubte, das Ziel der Demonstration sei ein doppeltes, dem Könige jakobinische Minister aufzudrängen und ihn zu zwingen, sein Veto gegen das Priesteredict zurückzunehmen, wie er das Veto gegen das Edict, das den Emigranten bei Todesstrafe und Güterconfiscation Rückkehr anbefahl, zurückgenommen. hatte. Andererseits wollte man aber den Geist und Muth der Pikenträger heben, die Nationalgarde noch mehr entrüstet und muthlos machen, als sie es schon war. »Diese Halunken!« rief Baron Bardenfleth und schlug mit der dürren Hand auf den Tisch, daß er schmerzhaft zusammenzuckte, »man muß sie niederkartätschen wie tolles Viehzeug. O, hätte eine verruchte Hand den Helden Gustav nicht ermordet, so würde eine Armee von Schweden, von den im Kurfürstenthum Trier und am Rhein gesammelten Emigranten schon längst dieses dreimal verfluchte Paris der Erde gleich gemacht haben.« »Ja, wenn das so leicht wäre, würde Leopold II. und der alte Kaunitz nicht so stillsitzen«, erwiderte Steinbart, »es läßt sich nicht verkennen, daß die meisten Priester Feinde der französischen Constitution, gefährliche innere Feinde sind, gefährlicher vielleicht als die an den Grenzen sich sammelnden Emigranten. Man befürchtet in Paris eine Coalition des monarchischen Europas und des gesammten Adels in Europa gegen die französische neue Freiheit, daß sich daher die Anhänger dieser neuen Verfassung zu schützen suchen, ist natürlich. Daß man den König und die Königin für Feinde der Verfassung hält, wer kann das den Jakobinern verdenken? Sollten sie es nicht sein?« »Sie sind es, sie müssen es sein, sie sollen es sein!« rief von Bardenfleth dazwischen. »Jeder ehrliche Mensch muß es sein, nur die Halunken, die Ohnehosen, die spitzbübischen Expriester sind Freunde der Constitution.« »Sachte, sachte«, sagte Steinbart ruhig . . . . »Herr Baron, es bereitet sich in Frankreich etwas vor, was die Weltgeschichte bisher noch nicht gekannt hat, und macht reißend schnelle Fortschritte: Bauernfreiheit, gestützt auf freies Grundeigenthum. Millionen von Bauern fühlen schon gegenwärtig ihren Wohlstand vermehrt durch die Aufhebung der Feudallasten, obgleich so kurze Zeit seitdem verstrichen ist; vielen Tausenden datirt ein neuer Wohlstand seit dem Verkaufe des Kircheneigenthums, der Verkauf des Eigenthums der Emigrirten lockt andere Hunderttausend, alle, die bei der Revolution interessirt sind . . . und wie viele Tausende der edelsten Menschen mögen das sein . . . fühlen sich nur sicher, wenn die Revolution auf der Höhe erhalten wird, und sollte dies nicht anders als durch Beseitigung des Königthums geschehen können.« Baron Bardenfleth wollte etwas erwidern, er erhob sich, aber Steinbart erhielt unvermuthet Beistand von einer Seite, wo er ihn nicht erwartete. Der Leibmedicus Chappuzzeau, beinahe zu einer Mumie zusammengetrocknet, räusperte sich und sagte dann mit fistelhaft dünner Stimme: »Werden sich schon darein ergeben müssen, Herr Baron, die Republik angewidert kommen zu sehen, man hat in Frankreich, als der König dort zwei Monate gefangen saß, gesehen, daß es sich auch ohne König regieren läßt, das königliche Amt ist nicht vermißt worden, es hat sich als ein unnützer und sehr theuerer Posten erwiesen; meine Freundin, die Guillotine, wird das Gleichmachen schon besorgen helfen« . . . Man sah sich erstaunt an und wußte nicht, ob es Ernst oder Spaß sein sollte. Die weitere Discussion wurde durch Kuno Lübrecht unterbrochen. Am Tische der jungen Leute trieb man indeß keine Politik, sondern stritt sich darüber, wer schöner sei, Comteß Olga oder die liebliche Anna, flüsterte allerlei Anekdoten über das Leben des jungen Grafen Schlottheim in Göttingen und Hannover, und wollte eben anfangen, über das Verhältniß des jungen Doctors Haus zu der schönen Comteß herzufallen, als dieser selbst um die Ecke trat und am Tische Platz nahm. Diesen Augenblick schien Kuno Lübrecht erwartet zu haben, er kam aus der Rathskellerthür mit einem verdeckten Korbe hervor, den er auf den Tisch stellte. Ein allgemeines Ah! empfing ihn. »Lassen wir das, nur neueste pariser Mode von meinem Leibschneider«, sagte er nachlässig. »Was aber ist in diesem Korbe?« Man rieth hin und her, vergebens. »Meine Herren, mir ist der große Wurf gelungen, mit meinem Anzuge von Hamburg ein Dutzend der neuesten Façons von Joujous zu erhalten. Mit gnädigster Erlaubniß des Herrn Landraths und Herrn Barons von Bardenfleth werde ich mir die Freiheit nehmen, dero Gemahlinnen ein Exemplar dieses allerliebsten Spielzeugs zu verehren; die übrigen stehen der Gesellschaft zu Gebote, der Preis ist an jedem Stück notirt, von 20 bis 48 Schilling.« Die Gesellschaft, mit Ausnahme des Amtmannes und Karl Haus, fielen über den Korb her, als wären Goldschätze darin. . . . »Das Joujou«, fuhr Lübrecht mit Wichtigkeit fort, indem er seinen Hut aufsetzte, den Knittel in die linke Hand nahm, den Zeigefinger der rechten Hand in die Schlinge an der Litze eines Joujou steckte und dieses auf und abrollen ließ, was indeß noch einige Ungeübtheit zeigte, »ist eine Erfindung der Normandie, durch die Emigranten in Deutschland verbreitet, weshalb es auch den Namen Emigré führt. Wenn pariser Jakobiner damit spielen, geschieht es nie, ohne daß sie dabei ça ira, ça ira singen.« »Bitte um Verzeihung«, unterbrach Karl, »das Joujou ist eine ostindische Erfindung, es wurde erfunden, der Tochter des Nabobs Seradscha Daula zu Murschidabad Belustigung zu gewähren; ein vornehmer Offizier brachte es nach England und schenkte es dem Prinzen von Wales, welcher sich, um seine schönen Hände zu zeigen, so sehr in das Spielzeug verliebte, daß er vom Morgen bis zum Abend damit spielte, wenn Mistreß Fitzherbert nicht etwa ein anderes Spiel vorzog. Als er zum ersten mal aus seiner Loge in dem neuerbauten Coventgardentheater sein Joujou in das Orchester hinabspielte, ward die Aufmerksamkeit aller von Hamlet ab und dem Prinzen zugewendet, dem man diese Unverschämtheit als Genialität anrechnete, und das Ding, mit dem er spielte, the Prince of Wale's toy nannte, von dem man am dritten Tage zehntausend Stück in London verkauft hatte. Ein Engländer zeigte mir in Göttingen eine Caricatur . . . ein junger Mann, den man leicht erkannte, lag trunken im Schose der Mistreß Fitzherbert und spielte mit dem Joujou.« Inzwischen hatten die alten Herren mit ihren dünnen langen Zöpfen und die jüngern Herren mit ihren kurzen dicken Zöpfen sich sämmtlich bis auf Steinbart von ihren Plätzen erhoben und versuchten mehr oder weniger geschickt das Joujou zum Aufsteigen und Fallen zu bringen. Es war ein komischer Anblick. Aller politische Hader war vergessen. Karl selbst hatte von dem Hofmeister des Prinzen Ernst in Göttingen, der des Spiels bald überdrüßig geworden, ein sehr fein gearbeitetes Joujou, in welchem drei Federn künstlich in schwarzes Ebenholz eingelegt worden, zum Geschenk erhalten. Er zog dies jetzt aus seiner Tasche und zeigte sich als Meister in der Kunst, denn er konnte das Joujou nach oben in der Luft sich entrollen lassen, um es vor dem gänzlichen Abrollen nach unten zu drehen und wieder in die Höhe steigen zu lassen. Einer nach dem andern wurde des Spiels aber überdrüßig; indeß nahm jeder, der ein Joujou bekommen konnte, ein solches zu sich und bezahlte den daran notirten Preis. Nachdem eine Pause eingetreten war, sagte Kuno Lübrecht: »Meine Herren, ich erlaube mir, Ihnen einen Vorschlag zu machen . . . wir sind der Gräfin Revanche schuldig für den Sommerball . . . wie wäre es, wenn wir eine Wasserpartie nach Hengstenberg machten, dann gegenüber auf Cleve's Gute landeten, im Park ein Pickenick einnähmen und dann im Saale oben tanzten? Cleve, mein Freund, hat mir Park, Haus und Salon zur Disposition gestellt. Ich bekomme nämlich heute, spätestens bis morgen Mittag ein großes Schlagtschauschiff mit schöner Kajüte . . . mag es für die gräfliche Familie bestimmt sein . . . auf dem Verdeck kann die Musik Platz nehmen. Musik von Verden, vom Husarenregiment, habe ich mir, Ihrer Genehmigung gewiß, zu bestellen erlaubt, es handelt sich nur darum, wen wir beauftragen, die Gräfin und ihre Gesellschaft einzuladen auf übermorgen Nachmittag.« »Wer anders dürfte die Einladung besorgen als Proponent selbst«, meinte Haus, »er, der Liebenswürdigste aller Liebenswürdigen!« »Prächtig. herrlich! zugestimmt!« erscholl es von allen Seiten, nur der Amtmann bedauerte, an der Gesellschaft nicht theilnehmen zu können. Die Einladung war angenommen, ein Dutzend Schiffer rüsteten große Kähne, die gewöhnlich nur zum Sandtransport benutzt wurden, zum Menschentransport aus; dieselben wurden mit Sitzen von Breterbohlen versehen. Das neue Schlagtschauschiff war angekommen, schön bemalt, beflaggt und hinreichend groß, einige dreißig Personen zu fassen. Es war beschlossen, dasselbe der Gräfin ganz zur Disposition zu stellen, damit sie die Personen einlade, die ihr convenirten. Vom Morgen des Tages der Lustfahrt an wurde auf den verschiedenen Schiffen für die Bequemlichkeit zugerüstet, große Flaschenkörbe, wie Körbe und Kisten mit Kuchen und Brot, Torten, Braten, Geflügel, Schinken und Wurst, Käse mancherlei Art wurden auf die Schiffe geschleppt; mittags durchzog die Musik die Oststadt; sie zog vom Rathskeller nach dem Schlosse und zurück, dann bestieg sie das Deck der Kajüte des Schlagtschauschiffes und dieses fuhr nach dem großen Slut, dem Landungsplatze des gräflichen Parks. Die übrigen Schiffe nahmen ihre Einquartierung an der Brücke auf, die mit Menschen aus der West- und Oststadt gefüllt war, welche der Einschiffung von dort zusahen. Es war ein heller Julitag, aber ein kühlender Westwind fächelte vielen übererhitzten Damen die ersehnte Kühlung zu. Die Musik auf dem Deck des Schlagtschauschiffes spielte das damals vielgesungene Volkslied » Marlborough s'en va't en guerre «, und auf dem an der linken Seite der Weser sich erhebenden Deiche sammelten sich Landleute, die in den Vordeichslanden Gras mähten. Hengstenberg gegenüber lag am Fuße eines Sandberges, der größtentheils mit Föhren, an seinem südwestlichen Abhange aber mit mächtigen Eichen und anderm Laubholz bestanden war, ein alter Rittersitz, seit lange nur von einem Gärtner bewohnt, da der Eigentümer, ein unverheirateter Junggeselle, im Kriegsheere diente. Garten und Park waren zwar etwas verwildert, hatten aber eine reizende Lage. Nach Westen sah man über die Weser hinüber in die weite mit Frucht bestellte Ebene, nach Norden und Osten schützte Hügel und Wald, im Südwesten sah man Heustedt im Mittelpunkte der sich um es herumschlängelnden Weser liegen, und südöstlich ragte das beinahe allein rothdachige Grünfelde über die sich von da wieder nach rechts im Kreise drehende Weser her. Von der Höhe des Schloßthurms übersah man die ganze Halbinsel, deren wir im ersten Kapitel erwähnten, und die wir, da sie nicht bedeicht war, später ganz überschwemmt sahen. Zwischen dem Garten und der Weser zog sich eine schöne grüne Wiese hin, die dem hengstenberger Rückstau am meisten ausgesetzt war und daher alljährlich von dem Ueberstau Kraft einsog. Man lagerte sich am südlichen Abhange, im Schalten dichtbelaubter Eichen und hoher schlanker Buchen; die Dienerschaft der Gräfin hatte für diese am Fuße des Hügels ein kleines Zelt aufschlagen; unter einem andern Zelte, welches noch aus dem Dreißigjährigen Kriege stammte und neben einer kleinen Quelle aufgeschlagen war, lagerten eine Reihe Flaschen mit kostbaren Weinen, um hier nach Beschaffenheit in Quellwasser und Eis gekühlt zu werden. Der Gräfin, obgleich als Gast eingeladen, hatte die Form des Pickenicks auch hier Gelegenheit gegeben, die Wirthin zu spielen und ihren Reichthum und Geschmack glänzen zu lassen. Teppiche und weiße Laken wurden von dieser und jener Familie auf dem Rasen ausgebreitet, und zwei oder drei Familien von näherer Freundschaft gruppirten sich immer zusammen. Man schickte und wechselte die Schüsseln mit den verschiedenen Gerichten und die Flaschen mit den verschiedenen Getränken von Gruppe zu Gruppe; die jungen unverheirateten Leute gingen von einem Lagerplatze zum andern. Alle waren bemüht, dem Zelte der Gräfin die besten Schüsseln zuzutragen; als aber erst aus dem Zelte der Gräfin Eis und Marzipantorten, kühle duftige Weine und Champagner hervorgingen, da blieben die eigenen Weinflaschen meist unentkorkt und Kuchen, Krengel, Topfkuchen, wie andere bürgerliche Delicatessen wurden zurückgeschoben und der Dorfjugend aus Grünfelde und Hengstenberg, die sich zahlreich eingefunden hatte und im Hintergrunde einen Kreis bildete, zugewendet. Es ging im ganzen ziemlich ungenirt her, theils weil man sich von Anfang an nach Neigung, Rang, Familien oder nach sonstigen Bezügen gesondert, theils weil die Gnädigste in einer so vorzüglich guten Laune war, wie man sie selten gesehen. Sie hatte heute beau jour und war ohne viele Hülfsmittel wieder einmal ein schönes Weib, das trotz seiner zweiundvierzig Jahre Eroberungen machen konnte. Das hatte ihr der Spiegel am Morgen gesagt, das hatte die Kammerjungfer gesagt, wie auch der Friseur, das hatte ihr auf der Fahrt hierher schon manches Compliment vom Marquis und andern eingetragen, das stimmte sie vergnügt und machte sie leutselig; am Arme des Marquis wanderte sie von dem einem Lagerplatze zum andern und unterhielt sich mit Menschen, die sie bisher noch nie eines Wortes gewürdigt; ja es schien, als suche sie alle komischen Personen auf, um sie dem Marquis vorzustellen und mit ihm französisch über dieselben zu spotten. Und der komischen Personen gab es so viele. Seitdem vorgestern zwölf oder mehrere Joujous in die Gesellschaftskreise gekommen waren, hatte man unsern guten Freund, Georg Schulz, den Schlagtmeister, dessen Drechselkunst man sich erinnerte, auf das furchtbarste bestürmt, Joujous zu schaffen. Jede Dame, die an der Weserfahrt theilnehmen wollte, mußte ein Joujou und zwar ein solches von besonderer Art in Größe oder Farbe haben. So hatte denn Georg Schulz eine halbe Nacht hindurch und nach wenig Schlaf wieder vom frühen Morgen an gedrechselt und gedrechselt, und seine Frau hatte ihm dabei geholfen; sie hatte roth und gelb, blau und orange, grün und schwarz gebeizt, auch oft nur übermalt, polirt, die Schnüre eingezogen und abgepaßt. Um elf Uhr morgens, am Tage der Wasserfahrt, konnte Marie funfzehn Familien, die meisten mit zwei oder drei Joujous beglücken; nun zankten in allen Häusern die verschiedenen Schwestern und Brüder um den Besitz von Joujous, ja man sah, während der Friseur thätig war, oben das Haar zu thurmhohen Coiffuren zu ordnen, oder à l'enfant zu locken und zu kräuseln, alle Frauen wie jungen Mädchen, selbst Amtsschreiber und Bürgermeister sich im Joujouspiel üben. Es war eine wahre Joujoufureur über Heustedt gekommen, man wollte den Damen im Schlosse zeigen, daß man auch Joujou spielen könne. Nachdem man nun meistens mit bewunderungswürdigem Appetit gegessen und getrunken, fingen in den verschiedenen Gruppen erst die jungen Mädchen, dann die Mütter und Tanten an, das Joujouspiel herauszuziehen und, oft mit großer Ungeschicklichkeit, tanzen zu lassen. Dies anzusehen, daneben die nimmersatten Schlemmer zu beobachten, von welchen es in jeder Lagergesellschaft einige gab, die nur nach den betreßten Dienern der Gräfin mit Biscuit und Torten, spanischen, griechischen und Rheinweinen ausschauten, oder verliebte junge Leute zu beobachten, die unter Aufsicht der Mutter oder Tante sich nicht von dem Familienlager fortbewegen durften, trotz der Sehnsucht nach den benachbarten geliebten Gegenständen, mit denen die eigene Familie im Streite lebte, das machte jedem, der Sinn für Humor hatte, wahrhafte Freude. Im Zelte der Gräfin war es ziemlich leer. Dort saß Doctor Karl Haus zu Füßen Heloisens, welche es sich nicht nehmen ließ, um das Haupt desselben . . . der dreieckige Tressenhut lag auf der Erde . . . in eigener Person einen Epheukranz zu winden. Er pflegte sich, da er nicht wagte, sich Olga zu nähern, viel und gern mit dem Kinde zu beschäftigen, und dieses war schlau genug, den wahren Grund zu errathen. Es wußte, daß der Doctor ihre Schwester und diese ihn wieder liebhabe, daß aber niemand davon etwas wissen dürfe. Otto von Schlottheim, der Bräutigam der Schwester, hatte sie immer wie ein dummes, vorlautes Kind behandelt, sie ohne Grund ausgezankt, sie fortgeschickt, wenn sie sein Alleinsein mit Anna etwa gestört hatte. Sie hatte ihn nie leiden mögen, sie haßte ihn aber, seitdem sie Augenzeuge davon gewesen, wie er jüngst auf dem Corridor, der zu ihrem Zimmer führte, die Kammerjungfer Lisette umarmt und geküßt hatte. Sie suchte eine Art Vermittlerin zwischen Karl, dem ihr seit der ersten Erinnerung ihrer Kindheit immer freundlichen, und der lieben Schwester Olga zu spielen, und wußte immer Gelegenheit zu schaffen, beide, wenn auch indirect, in Verbindung zu bringen. So auch heute. Sie hatte der Schwester die Epheuranken in die Hand gedrückt, damit Olga diese nicht nur halte, sondern auch ihr die auserlesensten und passendsten Zweige herreiche. So war diese eigentlich selbst mit Kranzwinderin. Die Comteß würde sich zu jeder andern Zeit diesem Geschäft mit stiller Lust hingegeben haben, jetzt stand aber der ihr unausstehliche Adonis von Heustedt, der Deichgräfe Lübrecht vor ihr, sie mit den fadesten Schmeicheleien überhäufend oder durch zudringliche dumme Fragen zur Antworten zwingend. Heloise zankte die Schwester denn auch oft genug aus, daß sie ihr Geschäft nachlässig verrichte, daß sie ihr unpassende Ranken gebe, bald zu lang, bald zu kurz, und wußte immer wieder die Aufmerksamkeit derselben auf das eigene Kunstwerk an Karl's Kopfe und damit auf diesen selbst zu lenken. Nach unsern heutigen ästhetischen Begriffen muß es freilich mehr komisch als schön ausgesehen haben, den Epheukranz geflochten in das gepuderte und zum Zopfe zusammengebundene Haar; allein die Mode beherrscht auch Schönheitsbegriffe. Claasing hielt es nicht modegemäß, die Braut zu unterhalten, er hatte sich zu dem Platze begeben, wo Landraths und Baron Bardenfleth mit ihren Familien lagerten, als herrsche unter ihnen die vollkommenste Freundschaft, und unterhielt die Baronin mit Médisancen. Anna erklärte, ins nahe Holz gehen zu wollen, um Epheu zu holen und die Musik besser als im Zelte zu hören. Die Musik hatte sich nämlich vor dem Rittersitze in einiger Entfernung vom Lagerplatze der Gesellschaft aufgestellt, um von hier der Blechmusik einen mildern Ton zu geben. Otto von Schlottheim folgte Anna erst von fern, dann, nachdem er ihre Richtung im Holze sich gemerkt, auf einem großen Umwege und überraschte sie an einer Buche auf das Moos gesunken, den Kopf gegen den Baum gelehnt, in schweren Thränen. Er warf sich leidenschaftlich zu ihren Füßen nieder, ergriff ihre Hand und machte eine pathetische Liebeserklärung, von dem Schicksal der Herzen, die sich einander zuneigten, von der Grausamkeit der Opfer, die ein hoher Stand erheische, von dem ihn durchdringenden Glauben, daß eine so reine und vollkommene Seele, als die Anna's, einen gemeinen Aventurier, wie Claasing, nicht liebe, sondern durch die Heirath nur die Freiheit der Situation erreichen wolle, die allen schönen Frauen gebühre, in verworrenen schwülstigen Phrasen redend. Anna erhob sich stolz. »Herr Graf«, sagte sie, »vergessen Sie nie, daß Sie der Verlobte der Comteß Olga, der Reinsten der Reinen sind, und daß ich die verlobte Braut des Gestütmeisters Claasing bin, eines Cavaliers, der meine Ehre zu schützen wissen wird, gegen jedermann. »Ich verbiete Ihnen, mir zu folgen«, fuhr sie fort, indem sie ging. In das Zelt der Gräfin war indeß die Nachricht gedrungen, daß die jüngere Gesellschaft sich in den Salon des Rittersitzes zurückziehe, wo der Tanz beginnen sollte, und daß die Gräfin selbst mit dem Marquis dahin aufgebrochen. Heloise hatte soeben den letzten Zweig in den Kranz um Karl's Haupt geschlungen, sie sprang auf, holte einen Toilettenspiegel, der nirgends fehlte, wo die Gräfin war, vom Tische und hielt ihn Karl vor. – »Schön, wie ein Apollo«, sagte sie und klatschte in die Hände. »Aber nun, lieber Doctor, müssen Sie mir einen großen Gefallen thun, und mir vorher in die Hand versprechen, daß Sie es thun wollen.« Karl versprach es. »Nun, so müssen Sie diesen Kranz heute bis zum Abend aufbehalten und mir und der Schwester zum Andenken aufbewahren, dann aber müssen Sie mit meiner Schwester die erste Menuet tanzen.« Olga erröthete bis in den Nacken; Karl stand auf und verbeugte sich vor ihr, wie um ihre Zustimmung bittend, Kuno Lübrecht stand verdutzt da. Da ergriff Heloise Olga's Hand, zog sie aus dem Zelte und flüsterte ihr ganz leise ins Ohr: »Du darfst dem Doctor ganz gut sein, er ist dir auch gut, und dein Bräutigam ist ein abscheulicher Mensch, der gestern Abend die Lisette im Corridor geküßt hat.« Die Schwestern gingen voran, die beiden jungen Herren folgten; Karl, chapeau bas , Kuno, innerlich wüthend, daß er selbst so ohne alle Berücksichtigung geblieben. Es sammelten sich nach kurzer Zeit die sämmtlichen Frauen und die jungen Mädchen wie die jüngern Herren; einige der ältern Herren blieben auf den Lagerplätzen liegen, um zu rauchen, so der Landrath und der Baron. Otto von Schlottheim gesellte sich zu ihnen, nöthigte sie in das Zelt der Gräfin und ließ von dem kalt gestellten Champagner, den er habe zurücksetzen lassen, weil er für die Canaille zu gut sei, herbeiholen. Anna war von Kuno Lübrecht zur Menuet geführt, der Marquis ließ es sich nicht nehmen, die Gräfin zum Tanze aufzufordern, welche, ihren rothen Kreppshawl abwerfend, einen so tadellos schönen Nacken zeigte, daß in der Baronin Bardenfleth die alte Eifersucht erwachte und sie der Landräthin zuflüsterte, sie möge einmal sehen, ob die Gräfin sich den Nacken geschminkt oder gepudert habe. Man hatte Menuet, Quadrille, eine Ecossaise und einige Hopser getanzt und wollte eben zum Walzer antreten, als Graf Schlottheim, der Landrath und der Baron, sämmtlich etwas sehr laut und offenbar weinselig, in den Salon eintraten. Karl hatte Anna aufgefordert und Olga jeden Tanz nach der Menuet abgeschlagen, als der Graf auf das Paar losstürzte, und im Begriff, seinen Arm um Anna's Taille zu schlagen, flüchtig sagte: »Erlauben Sie, mit Ihrer schönen Tänzerin zu hospitiren?« – »Recht gern«, erwiderte Karl, »wenn ich selbst erst getanzt habe, und Sie dann die Dame selbst um Erlaubniß bitten.« »Hoho!« lachte der Graf hoch auf, »viel Prätensionen auf einmal!« In diesem Augenblick fing aber Anna an, zum Walzer einzuspringen und Karl's linke Hand zu ergreifen, wobei sie den Grafen so von sich stieß, daß er in die Arme des Landraths flog, welcher mit der Baronin Bardenfleth um einen Tanz zu parlamentiren schien. »Nicht so eilig, nicht so hitzig, junger Freund«, sagte dieser lachend, »wenn Sie absolut tanzen wollen: hier meine schöne Nachbarin, welche mit Ihnen lieber herumfliegen wird als mit mir herumzukriechen.« Und in der That, das schien auch die Meinung der Frau Baronin zu sein, sie flammte auf, warf einen feurig schmachtenden Blick auf den Grafen, senkte dann schüchtern jungfräulich das Auge, den Antrag zum Tanze erwartend, der nicht ausblieb. Otto von Schlottheim brauste mit der Baronin davon, als wolle er alles übertanzen, was ihm im Wege stehe, zog dieselbe dabei immer näher an sich, sodaß es beinahe schien, als wolle sich während des Tanzens Lippe mit Lippe berühren. Olga, die den ganzen Vorgang aus nächster Nähe angesehen hatte, verließ den Saal und ließ durch Heloise, die der Schwester folgte, die gnädige Frau Mutter bitten, nach Hause gehen zu dürfen, da sie seit mehrern Stunden an Migräne leide. Die Gräfin brach nun auch auf, sie fürchtete von der Roheit des Grafen noch schlimmere Auftritte. Kuno Lübrecht hielt es für seine Pflicht, als Entrepreneur der Partie, der Comteß seinen Arm zu bieten; Heloise eilte zu Karl und bat um seine Begleitung. Claasing führte die Braut. Graf Schlottheim erklärte, er wolle sich noch amusiren, erst in der Kühle habe das Tanzen Interesse. Er machte der Gräfin eine kalte Verbeugung, von der Braut selbst nahm er gar nicht Abschied. Aber es trat ein übler Umstand ein, an den man nicht gedacht. Die Wagen der Gräfin waren um mindestens eine Stunde später bestellt. Olga bat die Mutter, daß man den nähern Fußweg wählen und zu Fuß gehen möge. Es war ein sehr schöner Abend, die Sonne noch nicht untergegangen, man konnte, wenn man bis zum kleinen Slut an der Weser ging, dann quer auf dem sogenannten Milchwege durch das gräfliche Tief- und Hochwiehe, bequem in einer halben Stunde das Heuthor des Parks erreichen, während der Fahrweg, der sich in umgekehrter Richtung als die Weser selbst nach Grünfelde hinzog, um das Doppelte weiter war. Der Marquis sprach zu, und die Gräfin, die seit Jahren keinen so langen Fußweg gemacht hatte, sagte galant, bei einer so guten Stütze, als der Herr Marquis Bontemps sei, werde sie das Wagniß übernehmen. Als man aus dem Garten auf eine Brücke, die über einen zur Zeit wasserleeren Graben führte, in die Wiese trat und dem Landungsplatze näher kam, stellte sich ein neuer Begleiter mit dem zärtlichsten Ungestüm ein, von dem man gar nicht wußte, woher er kam. Das war das Lieblingshündchen der Gräfin, ein kleiner, ganz schwarzer Wachtelhund, direct von den Lieblingshunden der Stuarts stammend, Piccolo mit Namen. Piccolo, den man im Schlosse wohlverwahrt glaubte, mußte der Spur der Gräfin nachgelaufen sein, er war naß und schmuzig und konnte nur mit harten Worten abgehalten werden, den rothen Kreppshawl der Gräfin durch Anspringen zu beschmuzen oder gar durch Anfassen zu zerreißen. – Die Karavane wurde durch Claasing und Anna eröffnet, denen folgte der Deichgräfe mit der Comteß Olga, Heloise und Karl, die Gräfin und der Marquis. Man hatte nicht daran gedacht, daß der Weg im Sommer durch Hachelwerk gesperrt war, sonst würden doch wol lieber die Wagen erwartet sein, indessen war Claasing geschickt, die Schwapen auseinanderzuschieben, soweit sie verschiebbar waren – und das war auf der ganzen Strecke der Fall, solange die Weser zur Seite floß, da die Weiden und Wiesen nach Hengstenberg gehörten und die Einwohner dieses Orts den Weg zugleich als Milchweg benutzten. Piccolo durcheilte die Strecke hundertmal, indem er von der ersten im Zuge, Anna, zurück nach der Gräfin und so wieder nach vorn eilte, immer kläffend. Nach zehn Minuten bog man aber in einen öffentlichen Triftweg, der das Eigenthum der Hengstenberger und Heustedter schied, und ging nun auf das gräfliche Tiefwiehe zu. Hier angekommen, war das Hachelwerk nicht mehr zu schieben. Der öffentliche Weg hörte hier auf, fing an, ein Schleichweg zu werden, da der Milchweg nur von Heustedt her benutzt werden durfte. Nachdem aber Anna flink wie ein Kätzchen mit Hülfe ihres Führers über das fünf bis sechs Fuß hohe Hachelwerk, welches eine Lücke im Knick ausfüllte, gestiegen war, folgten die andern unter Lachen und Scherzen; nur die Ueberkunft der Gräfin selbst machte Schwierigkeiten. Sie verlangte, daß erst sämmtliche Herren bis auf Claasing überstiegen, dann kam ihr von jenseit des Hachelwerks Karl zu Hülfe, während Claasing sie hob und der Marquis sich in eine malerische Positur setzte, um sie in seinen Armen zu empfangen. Man befand sich nun auf einem etwa vierzig bis funfzig Morgen großen Weideterrain, das nach drei Seiten von hohen, fünf bis sechs Fuß breiten Weißdornhecken umgeben war, nach der vierten Seite aber an die Weser grenzte. Es war diese große gräfliche Weide an die Einwohner der Oststadt verpachtet und wurde größtentheils als Viehweide, zum Theil aber auch zum Mähen benutzt. Ziemlich vom Wege entfernt, mehr als tausend Schritt nach Süden, dem Steinwege zu, weideten achtzig bis hundert Kühe; ein Hirt saß am Wasserzuge, der das Hochwiehe von dem Tiefwiehe schied, und flocht grobe Weidenkörbe. Die kleine Gesellschaft zog sorglos weiter nach Westen zu, wo die Sonne hinter den Bäumen des Parks sich zum Untergehen anschickte und den ganzen Himmel mit einer glühenden Farbenpracht bedeckte. Die verschiedenen Paare waren entweder mit sich oder mit Anschauen des Himmels beschäftigt und hatten eine ihnen von Südost drohende Gefahr kaum bemerkt. Piccolo nämlich, der sich früher unter dem Hachelwerk durchgedrängt hatte, ehe nur Anna sich hinübergeschwungen, schien die Procedur des Ueberkletterns gelangweilt zu haben, er hatte eine Excursion nach dem ruhig weidenden Rindvieh gemacht und dieses durch sein beständiges Kläffen und Hin- und Herrennen zu einem Aufstande und einer strategischen Vereinigung in Verfolgung des Hundes gereizt. Die Kühe suchten den armen Piccolo, der die Gefahr nicht zu ahnen schien, in einen Kreis einschließen zu wollen, während er den Anführer, den Bullen neckte, der ihn mit zur Erde gesenktem Kopfe verfolgte. Plötzlich war Piccolo eingeschlossen, aber schnell die Gefahr erkennend, durchbrach er den Kreis an seiner schwächsten Seite, Schutz suchend bei den Menschen, bei seiner Herrin. Nun aber stürzte die ganze Heerde, der wüthende Ochse voran, auf die Fußgänger los, welche erst, durch das Gebrüll und die Ankunft des kläffenden Piccolo aufgeschreckt, die Gefahr sahen, als die Heerde kaum noch hundert Schritt vom Milchwege entfernt war. Der Doctor wie der Obergestütmeister, die lange genug in dieser Gegend gelebt, erkannten die Gefahr, beide waren aber auch neben Anna die einzigen, welche Geistesgegenwart behielten. Die Gefahr aber war sehr groß und bestand in nichts Geringerm, als daß sämmtliche Fußgänger von dem in Wuth entbrannten Viehzeuge niedergerannt und mit den Füßen zertreten wurden. Der Bulle war Piccolo schon dicht auf den Fersen, der nicht wußte, sollte er bei seiner Herrin oder bei seiner Gönnerin Anna Rettung suchen. Plötzlich bemerkte das rasende Thier den hellrothen Kreppshawl der Gräfin, verließ die Spur des Hundes, richtete den Kopf in die Höhe und machte eine Schwenkung nach rechts, wo die Gräfin noch immer die letzte im Zuge bildete. An Flucht war nicht zu denken; rechts vom Milchwege, in der Entfernung von drei bis vierhundert Schritt floß die Weser. Es war aber dort der Tränkplatz des Viehes, eine sich sanft in die Weser hineinziehende Sandbank, und man sah das Vieh im heißen Mittage hier zu hundert Stück in die Weser waten. Hinter den Fußgängern waren es fünfhundert Schritt bis zum Hachelwerke, über das sie gestiegen; vor ihnen, dem Hochwiehe zu, wären sie freilich geschützt gewesen, wenn sie die Brücke über dem Wasserzug und den Stiegel, der das Hoch- und Tiefwiehe trennte, hätten erreichen können; das war aber gegen tausend Schritt entfernt. Piccolo, den Schwanz zwischen den Beinen, als er den Bullen nach rechts abbiegen sah, lief nach vorn zu Anna, zu ihren Füßen Schutz suchend. »Schnell die Bestie auf den Arm«, herrschte ihr Claasing zu, »und fort damit nach dem Hochwiehe.« Er sprang zurück, um der Gräfin zu Hülfe zu eilen. Indes war ihm Karl schon zuvorgekommen, er hatte dem Adonis Kuno, der noch immer seinen pariser Todtschläger in der Hand trug, diesen aus der Hand gerissen, war zwischen die Gräfin und den Ochsen getreten und gab diesem mit dem Knittel einen solchen Schlag auf das Auge und die Nase, daß derselbe schnaubend und kopfschüttelnd vor Schmerz auf einen Augenblick wenigstens zum Stillstand gebracht wurde. Jetzt eilte auch Claasing hinzu, aber er hatte nichts zum Schutze als eine Reitpeitsche, indeß erinnerte er sich, in seiner Jugend zu Kopenhagen ein Stiergefecht nachgeahmt gesehen zu haben, und ihm kam ein glücklicher Gedanke. Er riß der Gräfin den rothen Shawl ab, faltete denselben mehrmals zusammen und warf ihn dem Bullen geschickt über die Hörner, sodaß er nun vor dem ganzen Gesichte bis zur Erde herunter schleifte. Der Bulle, durch dieses glückliche Manöver vollständig geblendet, machte seinem Unmuthe zunächst in einem durch Mark und Bein dringenden haarsträubenden Gebrüll Luft, raste sodann wie toll in kreisförmigen Bewegungen umher, dabei beständig mit dem Kopfe von einer Seite zur andern schlagend, um womöglich sich dadurch des aufgedrungenen Schleiers zu entledigen; endlich, nach vergeblichen Versuchen zum Stillstande gelangt, fing er an, mit den Vorderfüßen in den festen Angerboden Löcher zu kratzen und dabei als Zeichen des hohen Grades seiner Wuth die gelockerte Erde hinter sich hoch in die Luft zu schleudern. Bei dieser Gelegenheit hatte er auch einen der herunterhängenden Zipfel des Shawls mit gefaßt und diesen in der Mitte zerrissen; jetzt senkte er den Kopf zur Erde, um den Shawl vollends abzustreifen. Wäre ihm dies gelungen, so war es um das Leben der Gräfin und ihrer Helfer wahrscheinlich geschehen. Indeß kam diesen von zwei Seiten Hülfe. Von dem Wasserzuge her hinkte der Hirt, der im Siebenjährigen Kriege ein Bein verloren, auf hölzernem Beine mit möglichster Schnelligkeit herzu; von der andern Seite kam der Schlagtmeister Georg Schulz, ein Ruder in der Hand; er hatte die Schlagten inspicirt und war durch das Geschrei der Gräfin und des nach der Weser zu sich flüchtenden Marquis aus dem Kahne an das Ufer gelockt. Mehr als beide that aber der brave Hund des Hirten, eins jener großen zottigen Exemplare, wie man sie noch heute vielfach neben ihrem Herrn findet, und die sich sowol durch Klugheit und Gehorsam als auch dadurch auszeichnen, daß sie ihren Griff meisterhaft und so vollkommen geschützt vor den Angriffen des Thieres ausführen, und so dasselbe fast gänzlich in ihrer Gewalt haben, jedenfalls es bei einer etwaigen Flucht aber in eine ihnen zusagende Richtung lenken. Er war, als sein Herr das nahende Unglück bemerkte und ihn aufgerufen hatte, wie ein Blitz der Heerde zugelaufen und hatte die im Halbkreise um die Menschengruppe sich drängenden Kühe mit einem Laufe in eine gerade Linie zurückgedrängt, zum Theil schon zur Umkehr bewogen. Jetzt, in dem Augenblicke, als der Führer der Heerde den Shawl abzustreifen bemüht war, biß er ihn in das linke Hinterbein, daß dieser von seinen Bemühungen abstand und sich gegen den neuen Angreifer umdrehte. Dieser aber ließ nicht los und drehte sich mit dem Gefaßten drei bis viermal im Kreise herum, bis von der einen Seite der Hirt, von der andern Georg Schulz herbeikamen und dem Bullen der eine mit seinem Hirtenstab, der andere mit seinem Ruder einen solchen Schlag auf das Hintertheil gaben, daß der Bulle, den der kluge Hund in demselben Augenblicke losließ, auf die Heerde einstürzte. Diese machte kehrt, der Hirtenhund hinterher, um jedem störrischen Rinde oder jungen Bullen zu lehren, was Ordnung sei. Als Claasing der Gräfin den Shawl abriß, hatte diese, obgleich er ihr zugerufen, nach dem Hochwiehe zu fliehen, noch einen Augenblick dem Kampfe Karl's und Claasing's mit dem Ochsen zugeschaut und sich dann, den übrigen nach, zur Flucht gewendet. Anna hatte, seitdem sie Piccolo auf dem Arm trug, unaufhörlich geschrien: »Mir nach! Mir nach!« Sie hatte athemlos den schmalen Steg über dem Wassergraben überschritten, Piccolo über den Steigel geschleudert und diesen übertreten. Die andern kamen nach, Kuno an der Spitze, nur die Gräfin blieb unterwegs liegen, sie hatte den Fuß verstaucht. Die Gefahr war vorüber, und nun nahte auch der Marquis, der im Weserbusch sich verborgen gehalten hatte. Melusine wurde halb ohnmächtig von Claasing und Karl nach dem Hochwiehe gebracht. Hier waren gräfliche Arbeiter noch mit Heumachen beschäftigt; man holte einen Sessel aus dem Schlosse und trug sie dorthin, während andere Diener in die Stadt geeilt waren, den Arzt zu holen. So endete der beau jour der Gräfin, die eine schlaflose Nacht zubrachte unter Eisumschlägen, und die das ganze Unglück dem Umstande zuschrieb, daß sie von ihrem Grundsatze abgewichen sei und sich mit der Canaille eingelassen habe. Fünftes Kapitel. Der chinesische Pavillon. Die Fußverrenkung der Gräfin zog sich in die Länge, die Hochzeit, welche im Juli sein sollte, wurde bis zum 10. August hinausgeschoben. Die Gräfin war sehr ungeduldig; zum Glück für sie erlaubte es die damalige Sitte, daß Herren ohne Gêne den Damen in ihren Schlafcabineten Besuche machen durften, ja daß die vornehmen Damen die meisten Besuche im Bette empfingen, auch wol in Gegenwart von Herren Toilette machten bis auf den Unterrock. Der Marquis brachte die meiste Zeit vor dem Bette der Gräfin oder vor dem Ruhebette zu, auf dem sie sich zum Diner in den Speisesaal tragen ließ. Mit jeder Post erhielt er, oft durch Kuriere, eine große Anzahl von Briefen aus Trier, Köln, Koblenz und allen Orten, wo sich die Emigranten sammelten, und las die meisten derselben vor, welche über die Hoffnungen und errungenen Erfolge der Emigranten handelten, die im trierischen Gebiete ein mächtiges Heer zusammenzogen und das Anrücken der Preußen mit dem Herzoge von Braunschweig erwarteten, meistens aber darauf drangen, daß der Marquis Gelder schaffen müsse. Die Gräfin dictirte dagegen dem Marquis Briefe an den eben gegraften Freiherrn Münster in Hannover, der die vorzüglichsten Konnexionen am Hofe zu Braunschweig hatte, an die Geheimräthe und befreundeten Adelichen in Mecklenburg, Preußen und Hessen, in denen die Sache des Adels als eine gemeinsame dargestellt und die Empfänger gedrängt wurden, die Geldhülfsmittel unter der Adresse der Gräfin einzusenden.. Sie selbst hatte dem Marquis nachgewiesen, daß sie vergeblich bei Moses Hirsch, der schon als reichster Mann in Heustedt galt, wie bei den Hofagenten in Hannover um ein Darlehn nachgesucht habe. Beide schrieben, das baare Geld sei wie von der Erde verschwunden, das Vertrauen sei so erschüttert, daß man gegen die größte Sicherheit kein Geld bekommen könne. Nach dem Diner pflegte die Gräfin einige Stunden Siesta zu halten; gegen acht Uhr trank man Thee und spielte L'Hombre, eine Partie, bei der Karl nicht fehlen durfte. Die Gräfin hatte den Muth, mit dem er dem wüthenden auf sie einstürzenden Vieh entgegengegangen, bewundert und nannte ihn wiederholt ihren Lebensretter, dem sie zu ewigem Dank verpflichtet sei. Graf Schlottheim brachte viele Stunden des Tages im Hause des Barons Bardenfleth zu, in Gegenwart desselben der Tochter die Cour machend, in Abwesenheit aber seiner Frau, die sich denn auch aus Mitleid berufen fühlte, ihn über die Kälte und Sprödigkeit der Braut ohne Herz, wie sie Olga nannte, zu trösten. Die beiden gräflichen Schwestern verkehrten, während die Gräfin Siesta hielt, die Herren rauchten oder Billard spielten, in gewohnter alter Weise mit Karl; er las vor, sie arbeiteten. Mit Anna war eine Umwandlung vorgegangen, sie war sich bewußt geworden, daß sie Claasing nicht liebe, ohne zu dem Bewußtsein zu kommen, daß sie anfange, den Verlobten der Milchschwester zu lieben. Otto von Schlottheim war nicht der Mann danach, sich durch eine Abweisung, wie er sie im Walde erfahren, zurückschrecken zu lassen; er fuhr fort, sie mit den Augen zu verfolgen; wo er sich unbemerkt glaubte, ihr Kußhändchen zuzuwerfen, ihr kleine Dienste und Gefälligkeiten zu erweisen, sie vor der Braut auszuzeichnen und zu loben in Gegenwart anderer. So sehr nun ihr Gewissen ihr sagte, daß das alles ein Verrath an ihrer Milchschwester sei, so fühlte sie sich doch dadurch geschmeichelt. Otto war ein schöner Mann, viel schöner als Claasing und viel jünger; sie phantasirte oft unwillkürlich mit diesem Bilde und entschuldigte das Denken an den Grafen damit, daß die Comteß, wie sie zu errathen glaubte, ihren Bräutigam nicht liebe, daß sie vielmehr den jungen Advocaten liebe, daß sie durch ihre Zurückhaltung, Kälte und Lieblosigkeit selbst daran schuld sei, wenn die Augen des Grafen auch solche kleine Persönchen berücksichtigten, als sie sei. In allen französischen Romanen, die sie von der Tante Hulda nach und nach entliehen oder in der gräflichen Bibliothek gefunden hatte, war eheliche Treue, besonders wenn der jüngern Dame der ältere Ehemann so aufgedrängt wurde, wie Claasing ihr doch aufgedrängt war, wie sie jetzt meinte, sehr leicht behandelt, und der Liebe ein größeres, heiligeres Recht zugestanden. Die Liebe war ja das rein Menschliche oder Göttliche, die Ehe etwas Gemachtes, konventionelles. Alle Anklagen Jean Jacques Rousseau's gegen die Ehe, von dem sie aber nur »Die neue Heloise« und »Die Bekenntnisse« gelesen, suchte der Verstand sophistisch hervor, die Zuneigung zu dem Grafen vor dem mahnenden Gewissen zu rechtfertigen. Als Anna in voriger Woche im »Journal des Luxus und der Moden« von 1792 herumgeblättert, fand sie im Intelligenzblatt, Seite LXXVIII, eine Anzeige, die sie laut lachen machte. Der Graf, welcher gegenwärtig war, fragte nach der Ursache, sie zeigte ihm das Journal, und er las: »Laura, oder der Kuß in seinen Wirkungen«, von Adelo Heinrich Geßner. Die akademische Verlagshandlung und Marino'sche Kunsthandlung in Berlin schickten dieses Buch mit folgender Empfehlung in die Welt: »An alle küssende und geküßte Mädchen, Jünglinge, Frauen und Männer! Wie häufig jetzt unter den Menschen geküßt werde und wie es mit jedem Tage zunimmt, möchte Ihnen wol weder neu noch interessant sein; aber von welcher Wichtigkeit und welchen Folgen die Küsse sind, dies hingegen war Absicht des Verfassers, Ihnen lehrreich vorzutragen und die Herren Berger, Chodowiecki und andere Künstler haben dazu erläuternde Kupfer geliefert.« »Demoiselle haben also Lust, sich durch Herrn Adelo Geßner und nicht durch Herrn Obergestütmeister Claasing über die Wirkungen des Küssens belehren lassen zu wollen«, sagte der Graf, froh, einen Witz auf Kosten Claasing's machen zu können. An einem der folgenden Abende aber fand Anna das Buch in ihrem Zimmer mit goldenem Schnitt uns in grünem Pergament mit aufgedrucktem Amor, der den Pfeil in die blaue Luft abschießt. Das Buch war decenter gehalten, als Otto erwartet hatte. Inzwischen wurde die Gräfin immer ungeduldiger, theils weil sie ohne Schmerz nicht auf ihren Fuß treten konnte, theils weil das Wetter täglich schlechter wurde, Regen und Kälte im Juli zum Heizen zwangen, endlich weil sie das erwartete Geld noch nicht bekam. Sie hatte dem Marquis 2000 Louisdor versprochen, sie mußte ihrem Schwiegersohne 2000 Louisdor nach den Verabredungen mit dem Geheimrath, seinem Vater, bei der Hochzeit einbringen, damit ein Theil der Schulden desselben bezahlt, der größere Theil aber verwendet werden könne, den jungen Mann zu einer diplomatischen Mission als Legationssecretär auszurüsten; und Moses Hirsch vertröstete ihren Rentmeister von Tage zu Tage, obgleich er die ausgestellte Schuld- und Pfandverschreibung schon längst in Händen hatte. Sie bedurfte auch zur Ausstattung beider Bräute zu der Doppelhochzeit und für eigene kleine Bedürfnisse mindestens 2000 Louisdor. Die Cartons mit Hochzeitskleidern waren längst angekommen. Als eines Morgens, der ausnahmsweise ohne Regengüsse war, die Gräfin bei dem ersten Frühstück erfuhr, daß ihre Töchter in Begleitung des Marquis und Claasing's ausgeritten seien, kam ihr, während sie ihre Chocolade schlürfte und Piccolo, der auf ihrem Bette lag, mit in die Chocolade getauchtem Biscuit fütterte, der Gedanke, Anna in Olga's Hochzeitsanzuge zu schauen. Zwar war Anna etwas kleiner und runder als die Tochter, allein was schadete das. Die silberne Klingel, die auf dem vergoldeten Marmortischchen vor dem Bette der Gräfin sich befand, rief Kammerfrau und Kammerjungfer, Kammerdiener und Friseur herbei; Lisette, die Kammerjungfer, mußte Demoiselle Anna ersuchen, sich in das Schlafcabinet der Gräfin zu begeben, die Kammerfrau mußte die gestern aus Paris angekommenen Cartons herbeitragen. Der Toilettenspiegel wurde aus dem nebenan befindlichen Ankleidezimmer in die Stube getragen, der Friseur lief nach dem Kohlenbecken, Piccolo bellte jeden in der Thür Erscheinenden an, es war ein Leben und eine Bewegung ohnegleichen. »Liebe Anna«, sagte die Gräfin, als diese mit Sophie, der Kammerjungfer der jungen Dame, eintrat, » Madame Teillard hat Olga's wie dein Hochzeitskleid geschickt. Ich wünsche, daß du den für Olga bestimmten Kaftan anziehst, um zu sehen, ob er meinem Geschmack entspricht; Jean, frisiren Sie Demoiselle Anna mit plattem Kammstrich nach Stirn und Ohr, drei kleine Locken hinter das Ohr und das Hinterhaar ›en garbe ‹.« Diese Frisur ›en garbe , d. h. mit fliegendem hintern Haar, ist uns erst im Sommer 1865 anschaulich geworden, als einige junge Französinnen und eine Engländerin auf der Promenade im Bade Kreuznach so erschienen. Indeß wollte das Publikum solche Frisur nicht sehr kleidsam finden. Der Carton wurde geöffnet, und aus Hüllen seinen Papiers entfaltete sich ein Habillement à la Turque von weißem Atlas mit Goldstickerei. Obenauf lag eine gedruckte Reclame der Madame Teillard, welche sich die Gräfin reichen ließ und laut las, während man Anna frisirte. Wir würden unsere schönen Leserinnen erzürnen, wollten wir ihnen nicht wenigstens einen Theil dieser vier Seiten langen, elegant gedruckten Reclame mittheilen, damit sie sehen, welche Sommermoden die schönen Aristokratinnen von Paris hatten, die damals noch mit Männerherzen und dem Joujou spielten, während kaum vier Wochen später die Guillotine anfing, mit ihren Köpfen zu spielen. Die Gräfin las nämlich:   Palais-Royal, Galerie du côté de la rue de Richelieu. Au Pavillon d'or, No. 41. Magasin de Vêtemens pour Dames et pour Enfans, dans tous les genres imaginables, tant pour la parure, demi-parure, que le négligé ajusté et pour bal. Mad. Teillard, Auteur des Robes de Fantaisie, a l'honneur de prévenir les Dames qui ont la bonté de lui donner leur confiance pour les objets de nouveau goût qu'elle a de faits, en toutes sortes de jolies étoffes en soie, pour le Printems et l'Eté, en uni, chinées, rayées, cannelées, veloutées, tactées; Pekins brodés, taffetas unis, rayés et brodés; beaux Crêpes et autres, peints par artistes, en divers sujets d'un genre neuf, sur Gazes, Taffetas et Pekins; belles Gazes Angloises de Turin, de Lyon, rayées et brochées en fortes qualités, faisant des vêtemens charmans; après en avoir usé la fraicheur en plusieurs saisons, elles servent à faire de jolies doublures légères pour les robes ouatées d'Hyver. Etoffes pour demi-parure et négligé: Gragrame Africaine, une et peinte, Sirsakas des Indes, Tabarin rayé, Florence rayée et unie, Pekini rayé, satiné, Linons brodés en soie et en coton; toutes sortes de Mousselines, Basin, Linon uni, rayé, et Linon gaze de fil, pour les vêtemens négligés. Mad. Teillard fait aussi la commission pour tout ce qui concerne la parure des dames, comme Bonnets, Chapeaux, Fleurs, Plumes, Rubans, Dentelles, Linges fins, Gants, Odeurs, Bas, Souliers etc.   Die Frisur war fertig, Jean wurde entlassen, und nun begannen die geschäftigen Hände die Toilette. Man trug damals keine Crinolinen und Reifröcke, aber tiefausgeschnittene Kleider, indeß war die Büste selbst durch den dreieckigen Fichu und den Polisson verhüllt. Dies war der erste Gegenstand des Ankleidens. Die Brust war bis an den Hals in einen durchsichtigen Polisson von Milchflor, oben mit Blonde garnirt, gehüllt. Ueber diesen bauschte sich leicht ein Fichu von geblümtem Flor. Ein feines Unterkleid von Musselin festigte diese Verhüllung. Dann wurde der atlassene Rock angelegt, an dem eine mäßig lange Schnepptaille saß, die hinten zugeschnürt wurde. Doppelt goldene Stickerei, dazwischen ein Streifen handbreiter goldener Fransen schmückte Rock und Taille. Der Kaftan selbst hatte Aehnlichkeit mit den damals modischen, aber häßlichen Herrenfracks, die bis auf die Fersen hinabreichten, nur daß er keinen so häßlich umgeschlagenen Kragen hatte. Vielmehr bedeckte ein kleiner, steifer Kragen, mit schmalen Goldfransen besetzt, nur von der Gegend an, wo hinter dem Ohre die Haarlocken herunterfielen, von einem Ohre zum andern, den Hals. Von diesem Kragen aus war der Kaftan vorn ganz ausgeschnitten, sodaß die ganze schöne, in Flor eingehüllte Büste Anna's frei hervortrat. Unter der Herzgrube trat der Kaftan beinahe zusammen, aber nicht ganz, er wurde vielmehr von zwei goldenen Oliven und Schlingen zusammengehalten. Von hier war derselbe wieder nach rückwärts tief ausgeschnitten bis zu einer langen Schleppe auf der Erde, die aber nicht mehr als höchstens zwei Ellen Breite einnahm. Der Kopfputz bestand in einem türkischen Bunde von einem langen Stück englischen Flors mit goldenen Fransen garnirt, und geschmackvoll geschlungen und geknüpft. Ein passender Fächer, weiß, mit Gold gestickt, fehlte nicht. In der Mitte desselben befand sich ein reizendes Aquarellgemälde; eine schöne, hochgeschürzte Schäferin, die in verführerisch nachlässiger Stellung an einer Quelle eingeschlafen ist, wird von einem im Rosenbusche verborgenen Amor mit dem Pfeile bedroht, hinter dem Rosenbusch aber schaut ein steiffrisirter und gepuderter, aber schöner Männerkopf hervor. Der Kaftan stand der schönen Blondine himmlisch, wie Lisette und Sophie hundertmal wiederholten; die Gräfin selbst war anderer Meinung, das Gold müßte zu dem schwarzen Haar Olga's weit besser passen, obwol der rosigweiße Teint der Wangen mit ihrer pfirsichrauhen Mattigkeit gegen den Glanz des Atlas lieblich hervortrat. Aber das rothbräunlich schimmernde Haar, das leicht sich kräuselnd in üppiger Fülle bis über die Taille hinabfiel, contrastirte zu wenig mit dem reichen Goldbesatze. Ueberhaupt bildete der Anzug keine Folie, sondern er verschwand eigentlich hinter dem lieblichen Gesichte, man konnte nur dieses ansehen und vergaß alle Pracht des Anzugs. Welche andere Erscheinung mußte Olga in dieser Kleidung machen. Das blasse Gesicht mit den großen schwarzen Augenbrauen, mit der feingeschnittenen Nase und dem schmalen Munde, mit dem blauschwarz schimmernden Haar, so dachte die Gräfin. Inzwischen ließen sich vor dem Portal des Schlosses Huftritte und lautes Sprechen vernehmen, die Cavalcade war zurückgekehrt, und schon stürmte Heloise auf das Schlafcabinet der Mama zu, um ihr bon jour zu sagen. Anna eilte ins Nebenzimmer, man wollte die Angekommenen überraschen, und die Ueberraschung gelang in so großem Maße, daß Otto von Schlottheim eine ganze Zeit die Braut des Obergestütmeisters wie bezaubert anstierte und die ganze Umgebung um sich zu vergessen schien. Olga bat nun so lange, bis Anna einwilligte, auch das eigene Brautkleid anzulegen. Dies war ein gleiches Kleid, nur von anderm Stoff, von Gaze, Krepp und dem feinsten Linon, mit leichter, weißer Stickerei, mit Zwirnfransen besetzt. Der türkische Bund war von Musselin und garnirt wie der Kaftan. Das Kleid hob Anna's Schönheit unbedingt noch mehr hervor, man machte von allen Seiten Anna und der Gräfin wegen ihres Geschmacks Complimente. Bei dem zweiten Frühstück, zu dem sich die Gräfin in den Gartensalon tragen ließ, sagte der Marquis: »Excellenz, ein heute empfangener Brief benachrichtigt mich, daß mein Freund, der berühmte Maler Monsieur Pierrot, der das Porträt Marie Antoinette's für Versailles gemalt, in Hannover angekommen ist, émigré natürlich. Sie sollten diese Gelegenheit nicht versäumen, für Ihre Familiengalerie die Porträts der Comteß und ihrer Gespielin aufnehmen zu lassen. Ich schicke heute noch Briefe nach Hannover, soll ich Monsieur Pierrot nach hier beordern?« Die Gräfin ergriff dieses Mittel zu einer neuen Abwechselung in dem einförmigen Leben, zu dem sie durch das Vertreten des Fußes verdammt war, mit größter Bereitwilligkeit. »Sie liebenswürdigster Marquis«, äußerte sie, »haben immer die charmantesten Einfälle, und wenn Sie gestatten wollen, daß ich auch Ihr eigenes Bild meiner Galerie einverleiben darf, zum Andenken an die Tage, in denen Sie mir meine Leiden in diesem kleinen Neste versüßten, so beeilen Sie die Ankunft Ihres Freundes, soviel es geht, ich werde Befehl geben, Appartements für ihn in Bereitschaft zu halten.« Nach vier Tagen war der Maler Mr. Pierrot im Schlosse und hatte die reichlichste Beschäftigung, denn es blieb nicht bei der Porträtaufnahme der jüngern Welt für die Galerie und en miniature auf Elfenbein für Olga und Anna selbst, sondern auch die Gräfin hielt sich noch hinreichend schön, dem Marquis als Revanche eine goldene Dose mit ihrem Porträt zu verehren. So schwanden denn die Tage bis Anfang August rasch dahin. Anna war in den letzten Tagen des Juli noch mehr zerstreut als früher. Sie hatte jüngst, als ausnahmsweise ein Sonnenblick einmal den Aufenthalt im Freien gestattete, ein Gespräch des Malers und des Marquis belauscht, welches sie in hohem Grade aufregte, als sie sinnend in einer dunkeln Fichtenlaube saß, die in dem Bosket, das zum chinesischen Pavillon führte, so versteckt war, daß sie, obgleich unfern von zwei Gängen belegen, doch den meisten Schloßbewohnern unbekannt war. Seit etwa zehn Jahren war man mit dem chinesischen Pavillon lange nicht mehr so geheimnißvoll als früher; es war ein jedermann sichtbarer Weg durch das Dickicht um denselben herum gebahnt, die Läden waren im Sommer regelmäßig offen und jedermann, der zum Geheimpark Zutritt hatte, hatte auch Zutritt zu dem chinesischen Zimmerchen des Pavillons. Die Gräfin hatte, als sie zuerst dieses Zimmer vor der Familie erschloß, erklärt, der Großvater habe nach einer testamentarischen Bestimmung die hintern Räume des Pavillons vermauern lassen, sodaß nichts übriggeblieben sei als das eckige Zimmerchen. Man glaubte das. Der Aufenthalt in dem chinesischen Zimmer war im Sommer der Lieblingsaufenthalt der jungen Damen gewesen, weil es blos von der Morgensonne berührt wurde, während welcher Zeit die eisernen Vorklappen geschlossen wurden, sodaß es am Nachmittage das kühlste Plätzchen mit der lieblichsten Aussicht auf die weite grüne Aue bot. Mit der Eröffnung des chinesischen Zimmers hatten sich die Gerüchte über den Pavillon, deren wir im Anfange unserer Geschichte erwähnten, verloren. Monsieur Pierrot kam mit dem Marquis von dem chinesischen Pavillon, den er zum ersten mal sah. »Worauf sinnen Sie, mein Herr?« fragte der Marquis. »Ich denke nach«, entgegnete der Maler, »wo ich diesen Pavillon schon gesehen! Ha, da fällt es mir ein, im Château . . . . . .« Anna verstand den Namen nicht, »des Duc d'Orleans habe ich einen Pavillon gesehen, der diesem so ähnlich sieht als ein Ei dem andern. Derselbe war damals, wie mir der Herzog, er sei verflucht, der Jakobiner, erzählte, von einem Engländer in der Zeit der Regentschaft erbaut. Aehnliche chinesische Spielereien wie hier. Aber der Herzog drückte an einer Feder, die unter einer dieser Spielereien saß, und die Mittelwand senkte sich, eine, des Regenten würdige Wolluststätte that sich auf.« »Die Zeit der Regentschaft«, erwiderte der Marquis, »mag etwa übereinstimmen mit der Zeit, wo dieser Pavillon gebaut ist, ich werde nachforschen.« Die neugierige Eckernhäuserin nahm sich das Gleiche vor. Sie hatte drei Tage und drei Nächte darüber nachgedacht, wie sie ungestört auf eine oder einige Stunden in das chinesische Zimmer gelangen könne; denn wenn der Pavillon auch nachmittags nach dem Diner geöffnet war, abends, sobald man Thee trank, ward er verschlossen, und der Haushofmeister verwahrte den Schlüssel in seiner Stube. Anna kam in der Nacht vom 1. auf den 2. August auf den richtigen Gedanken, daß der einsamste Weg der kürzeste sei. Während die Schloßbewohner auch im hohen Sommer selten vor acht bis neun Uhr ihr Bett verließen, stand sie um fünf Uhr auf, machte Morgentoilette und wartete, daß der Haushofmeister, dessen Wohnung zufällig unter der ihrigen lag, sein Fenster öffnete und den Mund ausspülte, sich kurze Zeit darauf aber mit der holländischen Thonpfeife aus dem Fenster legte und den Dampf des feinen Knasters in runden Ringen in die Luft kräuselte. Sie ging hinunter, nahte sich dem Fenster, grüßte und bat nach kurzem Gegengruß um den Schlüssel zum Pavillon, in welchem sie gestern ein Buch liegen gelassen habe. Der Haushofmeister reichte ihr diesen bereitwilligst aus dem Fenster, nebst dem Schlüssel zum Geheimpark selbst. Anna verschloß letztern hinter sich, der Vorsicht wegen, obgleich sie wußte, daß kein Schloßbewohner sie in dieser frühen Morgenstunde stören würde. Als sie den Pavillonshügel betrat, war die Sonne schon hoch über dem Horizont und stach dann und wann aus dunstigen Regenwolken brennend hervor. Sie schloß die Thür des Pavillons, nachdem sie die Fenster selbst von ihren eisernen Vorhängen freigemacht hatte; die Morgensonne warf ihr volles Licht durch die Fenster gegen die hintere Wand des Pavillons, und so sah Anna, die diese Wand mit scharfem Auge beobachtete, bald, daß das in der Mitte der Wand unter Glas und Rahmen hängende Bild des Hühnerhofes nach rechts einen kleinen Schatten warf, der nicht von der Einfassung selbst kommen konnte. Sie untersuchte und fand, daß das Glas, welches sie bisher für unverschiebbar gehalten, an der rechten Seite um einen Achtel Zoll hervorstand, und entdeckte bei genauer Betrachtung oben über dem Rahmen des Bildes auch einen sehr versteckten Mechanismus, welcher das Glas von links nach rechts verschob. Nachdem das Glas geöffnet, wird der Hühnerhof mit den Fingern untersucht, und siehe da, der glänzende Schwanz des Pfauen läßt sich drehen. Unter demselben tritt ein kleines silbernes Knöpfchen hervor, nicht größer als eine Erbse. Anna dreht und dreht an demselben, sie versucht es wenigstens. Endlich drückt sie und siehe da, die Wand verschwindet vor ihren Augen in der Tiefe. Vor sich fand sie eine sammtene rothe Portière, die sie auseinanderschlagen mußte, um in dem dunkeln Raume, der sich vor ihr aufthat, einiges Licht zu bekommen, denn es fielen nur spärliche Sonnenstrahlen durch die Stuccaturarbeit des Tempels. Anna entdeckte aber etwa in der Mitte des nur schwach erhellten Gemachs am Fuße einer noch nicht deutlich hervortretenden plastischen Gruppe das damals allein übliche Feuerzeug, ein Perlmutterkästchen mit Stahl, Stein, Schwamm und Schwefelfäden, daneben Wachskerzen. Nachdem sie letztere angezündet, verwehrte sie der Sonne ihren Schein, verschloß die Fenster und fing an, den ihr unbekannten Raum zu untersuchen. Sie fand vor sich einen sechseckigen Raum, der dem Raume des chinesischen Pavillons durchaus entsprach. Dagegen waren zur rechten wie linken Seite noch zwei dreieckige, durch Portièren verdeckte Räume, die in spitzen Winkeln gegen die in die Erde versenkte Mittelwand, der Achtecksseite der Außenwand, durch welche die Thür in das sogenannte chinesische Zimmer führte, entsprach, eingeschlossen, sodaß der Pavillon eigentlich vier Räume bildete, zwei sich entsprechende Sechsecke und zwei Dreiecke. Die Wände waren ringsum mit rothen Sammtvorhängen verdeckt. In der Mitte des Zimmers stand eine Art Altar, darauf eine Marmorgruppe, Venus den Mars besiegend. Von der Mitte des Zimmers, das auch kein Oberlicht empfing, sondern nur oben neben der Decke nach allen Seiten kleine Luftöffnungen hatte, die nach außen in der Stuccaturarbeit verborgen gehalten wurden, hing ein vielarmiger Candelaber mit Wachsstöcken herunter. Um besser sehen zu können, zündete Anna die zehn oder zwölf schon angebrannten Wachskerzen an, die den dunkeln Raum hinreichend erleuchteten. Ein Zug an zwei über der Eingangsportière hängenden Quasten, und die Sammtvorhänge zogen sich von den drei Seitenwänden ab und in den Ecken zusammen und auf hellblauem Seidendamast traten drei große Gemälde in reichgeschmücktem goldenen Rahmen hervor. Auf der Hinterwand sah man eine gut ausgeführte Copie der Venus von Tizian. Links hing eine von Cignani selbst angefertigte Copie seines Joseph und der Potiphar, rechts eine Diana von Diez. Drei Ottomanen von rothem Plüsch mit zahlreichen Ruhekissen von gleichem Stoff standen unter den Seitenwänden. Zog man die Sammtdraperie von dem Dreieck zur Rechten, so fand man in einem eleganten Eckbort eine reiche Bibliothek französischer und englischer lasciver Romane mit und ohne Illustrationen. In dem untern Raume einer Schieblade befanden sich Kupferstiche in großer Menge; aber Anna hatte die Schieblade kaum geöffnet, als sie dieselbe wieder zuschob. Das Dreieck zur Linken verbarg hinter seiner Portière ein reizendes Büffet mit reichem Flaschenkeller, die Etiketten verriethen, daß hier feuriger Syrakuser, gelber Samos, Burgunder, Madeira, Rheinwein von Rüdesheim und Rauenthal und Champagner auf Entkorkung harrten; fein geschliffene Gläser und Krystallschalen, aus denen man die Olympier Ambrosia schlürfend darzustellen pflegt; Bestecke von vergoldeten Löffeln und silbernen Gabeln standen auf den Borten. Eine volle Bisquittorte und zwei andere Torten, ein Teller mit jenen vor kurzem erst in Rom erfundenen Bonbonnières à l'antique angefüllt, stand da; das waren eßbare antike Gemmen; ein olympischer Jupiter, eine Leda, Minerva, Venus in verschiedenen Stellungen, Bacchantinnen, Satyrn und allerlei derbere an Saturnalien erinnernde Scenen waren aus Zucker dargestellt, zum Theil mit süßem Liqueur und Kirschwasser gefüllt. Alles deutete darauf hin, daß man hier in der nächsten Zeit ein Fest feiern wollte neben dem Altar der Venus und des Mars. Anna wurde es unheimlich im Pavillon, das Blut stieg ihr in den Kopf, Phantasie und Verstand rangen miteinander um die Oberhand. Letzterer siegte. Sie verlöschte die Lichter, zog die sammtnen Vorhänge über die Bilder, löschte endlich das Licht, was sie am Fuße der Marmorgruppe gefunden, und schlüpfte durch die Portière in das chinesische Zimmer, riß die Thür auf und athmete in frischer Luft. Es war ihr wie in jenem Volksliede, sie phantasirte, sie sei der Ritter Tanhäuser und sei aus dem Venusberge entflohen. Anna fand an der Stelle, wo die eiserne Wand in die Erde gesunken war, einen Knopf hervorstehen, sie trat darauf, und bald erhob sich aus der Erde die Wand mit allen ihren Bildern und fügte sich so anschließend an den Fußboden wie in die Decke, daß man auch nicht die kleinste Ritze wahrnahm. Die eiserne Wand war nach vorn mit dickem dichten Filz gefüttert, sodaß man durch Klopfen u. s. w. den dahinterbefindlichen leeren Raum nicht erkunden konnte. Anna verschloß den Pavillon, brachte den Schlüssel zu dem Haushofmeister, in dessen Stube Moses Hirsch schon seit einer Stunde wartete, um bei der Gräfin vorgelassen zu werden. Die noch immer Aufgeregte versprach dafür zu sorgen, daß dies geschehe, sobald die Gräfin demi parure gemacht. Diese hatte aber, ihre Chocolade im Bett schlürfend, kaum erfahren, daß Moses Hirsch ihr Aufwartung machen wollte, als sie denselben in ihr Schlafcabinet beschied. Moses Hirsch erschien mit einem schweren Beutel unter hundert Verbeugungen und Entschuldigungen, daß er das Geld nicht früher geschafft. Aber die Louisdor seien so rar, so theuer wie noch nie, das Geld sei von der Erde verschwunden, die Furcht vor einem Reichskriege mit Frankreich mache, daß alle Geschäftsleute das Geld zurückhielten. Er legte die Rollen mit je 100 Louisdor auf dem Bette der Gräfin nieder, bis 6000 Louisdor voll waren und die Gräfin die Last des Goldes auf ihrem Körper fühlte. »Ein Goldregen von schmuziger Judenhand«, sagte sie auf französisch, als auf ihren Befehl der Rentmeister erschienen war und das Geld bis auf 2000 Louisdor, die in eine Chatoulle gelegt wurden, mit sich nahm, »aber doch ein Goldregen.« Sie erhob sich rasch aus dem Bette und fühlte keinen Schmerz mehr im Fuße. Als man das zweite Frühstück im geheizten Gartensalon zu ebener Erde einnahm, war die Gräfin, die sich genesen fühlte, die endlich ihr Versprechen an den Marquis erfüllen und, woran sie mit Behagen dachte, den Dank dafür empfangen konnte, in vorzüglichster Laune. Sie aß nur einige Toaste mit weichen Eiern und saß auf einem jener geschmacklos steifen viereckigen Lehnstühle, wie man sie heute noch hin und wieder bei Trödlern sieht. Jean hatte ihr in den mächtigen Chignon reichlich falsches Haar hineingeflochten, sie stolzirte mit diesem Haar und kokettirte mit ihrem schönen weißen Arm. Sie hatte den rechten Arm – mit der linken Hand führte sie von Zeit zu Zeit Toaste zum Munde – auf eine der breiten, hochgepolsterten Armlehnen des Stuhls gestützt, die Hand in die Höhe, sodaß die weiten Aermel des gelben Nanking-Négligés bis zum Elnbogen herabfielen und einen schönen weißen Arm sehen ließen. In der Hand ihr Lieblingsjoujou, ein Geschenk der Königin Charlotte von England. Dasselbe war überaus prächtig, nicht größer als anderthalb Zoll im Durchmesser, von Ebenholz sehr elegant gebaut. In der Mitte der beiden äußern Seiten war auf jeder Seite ein ziemlich großer Diamant und um den Rand eine Einfassung von Rubinen, Smaragden, Diamanten und andern Edelsteinen, sodaß das Joujou am Tage wie am Abend funkelnd auf und ab oder in die Luft fuhr, in tausend bunten Farben blitzend und glänzend. An diesem glänzenden Farbenspiele schien sich hauptsächlich Piccolo zu ergötzen, der etwa drei Schritte nach rechts von der Gräfin entfernt auf einem rothen Plüschkissen ruhte. Der Gräfin vis-à-vis saß der Marquis mit dem Maler vor einem Marmortische, beide zum zweiten male Chocolade mit dem Biscuit frühstückend. Die beiden Bräute saßen in einer Fensternische, mit Tapisseriearbeit beschäftigt, Anna den Kopf voll Pavillonsphantasien, Olga zum hundertsten male das Schicksal erwägend, das ihr an der Seite eines rohen ausschweifenden Mannes, den sie nicht liebte, im Gegentheil haßte, bevorstand. Otto von Schlottheim gab sich allein mit ganzer Seele dem Lunch hin; er hatte kaltes Roastbeef, Schinken und Eier zu seinen Sandwichs, wie man die Butterbrote nach englischer Manier titulirte, und von dem Sherryvorrath in weißer Caraffe hatte er die Hälfte schon vertilgt. Heloise lagerte zu den Füßen der Mutter auf einem Ruhekissen und besah die Modekupfer des »Journals für Luxus und Moden« von Bertuch und Kraus. Es war ziemlich leblos im Salon, da jeder mit sich beschäftigt schien. Deshalb fing denn auch die Gräfin an, dem Piccolo, der das auf- und abgehende Joujou mit starren Blicken beobachtete, dieses in schräger Richtung beinahe bis an seine Nase entgegenzuschleudern. Piccolo fuhr wie wüthend von seinem Plüschkissen auf, aber ehe er zu sich kam, war das Joujou schon wieder in der Hand der Gräfin. Diese setzte die Neckerei gegen den Hund so lange fort, bis das Kläffen desselben die zartbesaiteten Nerven des Marquis angriff und er das Privatgespräch mit dem Maler abbrach und der Gräfin selbst seine Aufmerksamkeit zuwendete. »Directe Nachrichten vom Hofe«, sagte er, »bestätigen, daß Se. Majestät je länger je mehr des Veto-Königthums überdrüßig wird, was schon längst die Ansicht der erhabenen Königin war. Es stellt sich immer mehr heraus, daß die Majorität der Nationalversammlung auf einen Schattenkönig oder selbst auf Republik hinaus will. Die bessern Kräfte aus der Constituirenden Versammlung, die wenigstens noch ein Königthum wollen, haben sich durch übel angebrachte Großmuth selbst ausgeschlossen. Aber noch sind treue Seelen gewonnen: Narbonne, General Lafayette u. a. haben die loyalsten Versicherungen gegeben; der König bereut die Rücknahme des Vetos gegen das Emigréeedict, er hat die heiligsten Versicherungen gegeben, sein Veto gegen das Priesteredict nicht zurückzunehmen. Das genügt uns vorläufig, denn die eidestreuen Priester sind ein unersetzlicher Schatz; sie fühlen den Raub der Canaille durch den Verkauf der Kirchengüter gleich dem Adel, sie haben alle Dummen, und ihre Anzahl bildet ja immer die Mehrheit, auf ihrer Seite. Erobern wir Paris, so muß, das steht unter allen Umständen fest, der schwache König zu Gunsten seines jüngern Bruders dem Throne entsagen, und an Mitteln, die Canaille zu knebeln, wird es dann nicht fehlen.« Die Gräfin, der Maler und der Marquis besprachen dieses Thema noch weitläufiger. Man stritt schon darüber, wie Pétion, Manuel, Marat, Robespierre und andere Jakobiner vom Leben zum Tode gebracht werden sollten. Endlich sprang Heloise auf, schmiegte sich an die Mutter und sagte: » Ma chère maman, une grande partie de joujou! « Gnädigste lächelte zustimmend. Heloise sprang zur Schwester und Anna, zum Marquis und dem Maler, der sie selbst in diesen Tagen unterm Pinsel hatte, dieselben zum Aufbruch auffordernd. Nur Otto von Schlottheim forderte sie nicht auf; er schenkte sich selbst den Rest des Sherry ein und folgte den übrigen die Treppen hinauf in den großen, nach Westen gelegenen Speisesaal – der Maler entschuldigte sich, da er die letzten Uebermalungen zu besorgen habe. – Der Saal hatte sechs Fenster mit einer Aussicht auf alte, hohe Eichen und Buchen, welche verhinderten, die Weser, die gegenüberliegenden Deiche derselben und die Deichmühle zu erblicken. Jacques setzte zunächst vor jedes Fenster einen Stuhl, weich gepolstert, belegte, die Fenster öffnend, die norddeutscher Sitte ungewohnt nach innen zurückgeschlagen wurden, die Fensterbänke mit weichen Polstern und präsentirte dann der Gesellschaft einen Korb mit Joujous, die mindestens dreimal größer als das Spielzeug waren, womit die Excellenz bisher gespielt; man kniete auf den Stühlen und lehnte sich aus den Fenstern. Dagegen waren auch an allen diesen Joujous Schnüre von etwa funfzehn Ellen Länge. Die Gräfin wählte das nördlichste Fenster, im nächsten Fenster placirte sich der Marquis, in dem darauffolgenden Olga, dann Heloise, Otto von Schlottheim und Anna. Die Joujous fielen bei den langen Schnüren bis auf den Grandboden unter dem Schlosse, wenn man sie nicht zeitig in die Höhe schnellte; hierauf zu achten, darin bestand eben die höchste, die alleinige Kunst des Spiels. Heloise commandirte, wie ihr französischer Tanzlehrer dies bei der Quadrille und den Contretänzen zu thun pflegte, aber mit andern Commandoworten: »Hoch! Nieder! Halb! Ganz! Schräg! Vorwärts!« Otto von Schlottheim zeichnete sich dadurch aus, daß er sein Joujou nicht mit den Fingern, sondern mit den Zähnen spielte und daher alle Bewegungen durch ein Rücken des Kopfes hervorbringen mußte, was Heloisen zum lautesten Lachen Veranlassung gab. Dieses Lachen war wieder Ursache, daß Otto sein Joujou zur Erde sinken ließ und es nun mit bloßen Kopfbewegungen nicht wieder in den Gang bringen konnte, was zur großen, allgemeinen Belustigung der ganzen Gesellschaft beitrug. Das sogenannte große Spiel wurde aber dadurch gestört und die Gräfin sagte: »Paar um Paar.« Sofort wendete der Marquis der neben ihm knienden Gräfin das Gesicht, die älteste Tochter dem Marquis den Rücken zu, sich der Schwester zuwendend. Der gräfliche Bräutigam blickte der sich ihm zuwendenden Anna in die Augen. Nun spielte jedes Paar für sich, aber in der That hörte das Spiel auf, abgesehen von den beiden mittlern Fenstern, wo Olga und Heloise ihre Joujous gegeneinanderschleuderten und die eine das Spiel der andern durch einen solchen Gegenstoß zu unterbrechen und zu hemmen suchte, während sie selbst Herr des Joujous blieb. In den beiden nördlichen Fenstern begann ein Augenspiel zwischen der Gräfin und dem Marquis, während das Fingerspiel mit dem Joujou nur mechanisch betrieben wurde. Der Marquis seufzte und klagte die Gräfin als grausam an, bis sie ihm zuflüsterte, daß sie ihm die versprochenen Gelder für die Sache des Königthums und der Ordnung acht Uhr abends im chinesischen Pavillon behändigen werde. In den beiden südlichen Fenstern erklärte Graf Schlottheim der ihm gegenüberknienden Braut des Obergestütmeisters, daß er nur sie liebe; er beschwor sie, ihm um fünf Uhr nach dem Diner in der Rosenlaube des Geheimparks eine Zusammenkunft zu gewähren. Inzwischen war ein Bedienter erschienen, um die Gräfin zu fragen, ob sie erlaube, daß die Tafel gedeckt werde. Das Spiel wurde unterbrochen. Die Gräfin sagte: »Meine Damen, machen Sie Ihre Toilette, die Herren mögen sich im Billardzimmer oder wo sie wollen amusiren.« Anna schrieb einige Zeilen auf feines Papier und gab den Brief nach Versiegelung einem der Dienerschaft zur schleunigen Besorgung an Doctor Haus. Das Diner war trotz der vortrefflichen Schüsseln langweilig; die Damen klagten über das ewige Regenwetter, obgleich heute die Sonne die Oberhand behalten hatte, über Schlaffheit und Migräne; die Herren waren in politische Gespräche vertieft, so wenig Geschmack Otto von Schlottheim auch solchen abgewinnen konnte. Der gekühlte Champagner allein hob gegen Schluß der Tafel die Stimmung. Die Gräfin zog sich zur Siesta zurück, der Maler nahm Heloise an die Hand, die allein munter und aufgeregt geblieben war, um sie in sein Atelier zu führen. Anna flüsterte Olga einige Worte zu, Graf Schlottheim erklärte, eine Pfeife rauchen zu müssen, der Marquis hatte Briefe zu schreiben. Im Kopfe der aufgeregten Eckernhäuserin hatte sich bei dem dritten Glase Champagner, das Graf Otto ihr aufgenöthigt, ein Plan entsponnen, der abenteuerlich genug aussah. Sie wollte es zwischen der Comteß und dem Doctor zu einer Erklärung bringen; wenn Olga sich der Liebe zu Karl entschieden bewußt war, so brach sie mit dem aufgedrungenen Bräutigam und sagte noch vor dem Altare »Nein«, und wenn Graf Otto sie so glühend liebte, als er es ihr in den letzten Tagen tausendmal versichert, war es so unerhört, daß ein Graf eines Bauers Tochter heirathete? Sie führte Olga auf dem nächsten Wege nach dem chinesischen Pavillon, wo der Doctor infolge eines Billets von Anna schon seit langer Zeit mit dem Schiller'schen Kalender für Damen in der Hand wartete. Die Comteß spielte mit ihrem Joujou. Während sich beide vor dem Pavillon begrüßten, trat Anna in diesen, setzte die Maschinerie der Wand in Bewegung, zündete die Wachskerzen der Armleuchter an und schlüpfte dann durch die Portière zu dem stummen Liebespaare. »Ihr werdet staunen«, sagte sie, »ich habe das Geheimniß des Pavillons entdeckt, kommt und schaut.« Anna drängte Karl und Olga durch die Portière, dann sagte sie zu den erstaunt sich Umschauenden: »Hier bleibt ihr eingeschlossen, bis ihr euere Herzen gegeneinander ausgetauscht, euch gesagt habt, daß ihr euch liebt«, und damit schlüpfte sie unter der Portière durch, trat auf den Knopf, die Wand senkte sich hinter der Portière, Karl und Olga waren eingeschlossen. Der Doctor ließ sich auf ein Knie nieder und stammelte: »Olga!« sie bückte sich zu ihm herab, hob ihn empor und senkte den Kopf an sein Brust; zum ersten male berührten seine Lippen die ihrigen. »Setzen wir uns«, sagte die Comteß und legte ihr Joujou aus der Hand; der Damenkalender war längst Karl's Händen entfallen und lag auf dem weichen Teppiche des Fußbodens. »Wir lieben uns«, sagte Olga, »ich habe es seit meiner Kindheit gewußt, wir lieben uns, ohne uns angehören zu können. Ich habe auch das seit lange gewußt, allein wer kann die Macht der Sitte und verrotteter Gewohnheit brechen, ungestraft brechen? Wir müssen resigniren, wir müssen uns in das Schicksal fügen, welches die Kluft des Ranges und Reichthums zwischen uns gelegt hat.« »Aber Olga, es ist keine göttliche Ordnung, es ist Menschenwerk, und Menschenwerke können wir zerbrechen!« »Vielleicht könnten wir das, mein mir über alles Teuerer, allein wo ist die Insel Felsenburg, nach der wir uns zurückziehen könnten? Ich habe das Thema oft und reiflich durchdacht, selbst an eine Flucht nach Amerika mit dir gedacht, denn ich fürchte und hasse die Roheit des mir Angedrungenen. Mich schreckt nur Eins zurück, denn die Brücke, welche mit der sogenannten guten Gesellschaft mich verbindet, würde ich leicht hinter mir verbrennen. Wir würden eine Flucht nie bewerkstelligen können, ohne uns durch ein gemeines Verbrechen zu entehren. Ich selbst besitze außer einem Familienschmuck, den die Mutter verwahrt, kein Vermögen, mein Vater starb überschuldet, du, mein Geliebter, bist arm, lieber will ich das Schlimmste erdulden, als der Mutter auch nur einen Groten entwenden.« Karl sah ihr in die Augen, die schwarzen leuchtenden, und lehnte seinen Kopf an ihre Brust. So saßen sie lange zusammen, still und stumm in gegenseitigem Anschauen versunken. »Du, Karl«, hob Olga an, »mußt dir einen größern Wirkungskreis suchen, mache es zu deiner Lebensaufgabe, die Vorurtheile, Gesetze und Sitten, die uns trennen, zu bekämpfen, zeige dich als Mann, werde groß, nütze deinem Vaterlande, daß ich mich meiner Liebe zu dir freuen kann, daß ich stolz sein kann, wenn dein Name genannt wird. Ich bleibe dir treu, jener wird mir angetraut, aber nie mein Mann, nie mein Geliebter.« Während so keusche Liebe sich offenbarte, hatte Graf Otto, überzeugt, daß Anna im Geheimpark sei, diesen betreten, das Thor hinter sich verschlossen und harrte ungeduldig in der Nähe der Rosenlaube. Endlich sah er Anna eiligen Schritts kommen, verbarg sich hinter einem Jasminbusch, und als Anna vorüberging, umfing er sie von hinten, bedeckte ihren Mund mit feurigen Küssen und führte sie auf eins der verstecktesten Moosbänkchen. Er zog die sich nur schwach Sträubende auf seinen Schos, bedeckte Mund, Hand und Busen mit heißen Küssen und flüsterte ihr ins Ohr: »Sei mein Weib, mein süßes Weib.« Der Hochaufgeregten schwanden die Sinne, hatte er nicht gesagt, sie sollte sein Weib werden? Sie glaubte sich berechtigt, seine Küsse zu erwidern, doch wie lange dachte sie überall noch. Die Sinne errangen bald die vollkommenste Herrschaft über sie. Die Gräfin konnte keine Ruhe finden, das Zimmer, obgleich der Sonnenschein des heutigen Tages kaum die wochenlange Kälte zu vertreiben vermocht hatte, kam ihr zu warm vor, Piccolo hörte nicht auf zu kläffen und nach der Thür zu laufen; er wollte offenbar seinen Spaziergang machen, Vögel jagen, in der Graft baden, kurz, nicht mehr im Zimmer bleiben. Die Gräfin that ihm seinen Willen. Sie fand zu ihrem größten Erstaunen die Thür zum reservirten Park verschlossen; aber sie hatte noch einen andern verborgenen, nur ihr bekannten Eingang. Da, wo der Park in einem spitzen Winkel mit der Brücke über das große Slut zusammenhing, war eine kleine Thür im eisernen Gitter, die sich auf den Druck einer Feder öffnete. Sie wollte wissen, was im Park vor sich ging, denn das Verschlossensein war nichts Zufälliges. Um unbemerkt zu kommen, mußte sie sich vor allem des Schweigens ihres Piccolo versichern; sie lockte ihn an sich, nahm ihn auf den Arm, schmeichelte und streichelte ihn und ging die ihr wohlbekannten Wege zu jenen Lauben und Hütten, in denen sie selbst so oft gekost und geliebt hatte. Sie ging so vorsichtig, daß man ihren leichten Schritt nicht vernahm, und kam dem Liebespaare so nahe, daß die Liebesschwüre, Tröstungen, Küsse, die ihr Schwiegersohn der »Bauerdirne«, der » domestique « gleichsam gab, deutlich vernehmen konnte. Kam sie früh genug, Anna vor Schuld zu bewahren? Die Gräfin kehrte den Weg, den sie gekommen, wieder zurück, und als sie weit genug entfernt war, um nicht zu überraschen, ließ sie Piccolo vom Arme und nahm ihr Joujou aus der Tasche, auf einem Umwege wieder nach dem Orte des Rendezvous einbiegend. Piccolo eilte springend und bellend dem Orte zu, wo er seine Gönnerin Anna wußte; diese riß sich aus der Umarmung des Grafen mit dem Ausrufe: »O Gott, o Gott, die Gräfin. Halten Sie dieselbe auf, ich beschwöre Sie um des Himmels willen«, und davon stürmte sie in rasender Eile, dem Pavillon zu. Das Halstuch war ihr entfallen, der Milchflor der Brustkrause zerrissen, die Agraffe von geschliffenem Stahl, welche den Chignon in die Höhe hielt, fiel während des Laufens. In wilder Hast stürzte sie den Berg zum Pavillon hinan, öffnete das Glas vor dem Hühnerhofe, drückte die Feder, und die Wand sank in die Tiefe. Sie riß die Portière auseinander und stürzte halb ohnmächtig in den hintern Theil des Pavillons. »Fort! fort!« rief sie athemlos, »die gnädige Mama, die Excellenz naht!« Olga saß noch wie früher neben Karl und hatte den Kopf an seine Brust gelehnt, ihr schweres Herz durch Thränen erleichternd. Das Paar hatte noch nicht einmal die Marmorgruppe beschaut, viel weniger die Vorhänge vor den Bildern hinweggezogen. Man eilte in das chinesische Zimmer, und Anna ließ die Wand emporsteigen. Olga hatte ihr Joujou liegen lassen, Karl seinen Schiller'schen Damenkalender. Wer konnte bei der Hast, mit der Anna drängte, daran denken? Erst als man im hellen Zimmer angekommen war, sahen die Eingeschlossenen den wüsten Zustand, in welchem sich Anna's Toilette befand. »Aber Anna, wie siehst du aus, wer hat dein Fichu so zerrissen, wo ist deine Haarapproche, wie glühst du?« Die so Angeredete warf einen Blick in den Toilettenspiegel und erschrak über ihr Aussehen. Mit Hülfe Olga's wurden Haar und Polisson geordnet, dann ging sie, um Halstuch und Agraffe zu suchen, der Gräfin, welche ihr mit Otto von Schlottheim entgegenkam, auf einem Nebenwege ausweichend. Der Graf verabschiedete sich vor dem Pavillonhügel, die Gräfin stieg diesen nicht hinan, sondern ließ sich gedankenvoll in jener kühlen Fichtenlaube nieder, in welcher Anna vor kurzem das Gespräch des Marquis mit dem Maler belauscht hatte. Als Karl und Olga in dem chinesischen Zimmer sich allein sahen, schloß Karl die Heißgeliebte noch einmal in seine Arme, küßte sie stürmisch und nahm Abschied, als wolle er auf ewig scheiden. Er selbst wußte nicht, was mit ihm geschehen, seine kühnsten Wünsche waren erfüllt, die hoffnungslos Geliebte hatte ihm ihre Gegenliebe gestanden, zugleich aber mit Klarheit darauf hingewiesen, daß an ein Weiteres nicht zu denken sei; er fühlte sich glücklich und unglücklich zugleich. Die Sonne neigte sich ihrem Untergange zu, als die Gräfin, gefolgt von einem Diener, welcher die Chatoulle mit den 2000 Louisdor trug, sich dem chinesischen Pavillon näherte. Sie ließ die Fensterladen verschließen und den Bedienten sich entfernen, dann öffnete sie die Wand, um die Vorbereitungen zum Empfange des Marquis zu treffen. Wie sehr erstaunte sie, auf dem Divan das Joujou Olga's, auf der Erde den Damenkalender von Schiller zu finden. Sie dachte das Schlimmste, denn sie bemaß die Tochter nach sich selbst. Sechstes Kapitel. Der 10. August. Unser junger Freund hatte nach der Pavillonscene keine Ruhe finden können; vergeblich hatte er sich aus seiner Werther-Stimmung durch Studium des »Faust« in ein bischen mephistophelische Laune zu schwingen gesucht; sein Lieblingsbuch konnte ihn nicht fesseln, er las nicht, er träumte nur, selbst wenn er laut las. Er wanderte die Nacht bald in seiner Stube, bald trotz Regen und Kühle im Park herum, brütend über das Ziel, das ihm die Geliebte gesteckt, sie, die er bisher als eine olympische Göttin geliebt, jetzt zugleich als Heilige anbetete. Er sollte einen größern Wirkungskreis suchen; er sollte in die Räder der Weltgeschichte eingreifen. Das war leichter gesagt als gethan; zwar glaubte man damals in Deutschland ziemlich allgemein, jeder, der etwas Großes wirken und schaffen wolle, müsse Jurist sein, und wer Jurist sei, der stehe ganz von selbst mit auf der Leiter, an der die Ehrgeizigen emporkletterten. Er war Jurist, er hatte viel gelernt, hatte sich mit Staats- und Völkerrecht, mit Geschichte und Statistik beschäftigt; er wußte viel mehr als seine Collegen in Heustedt, und war doch ein schlechter Advocat; das fühlte er selbst. Was nützte ihm sein Wissen, da es ihm am Können fehlte, da ihm die Fähigkeit mangelte, dieses Wissen aller Welt verständlich zu machen, in das Leben überzuführen, den Bedrängten und Rechtsuchenden Recht zu schaffen, den Reichen, den Bedrängern, den Geldmachern, dem zu Recht gewordenen Unrechte, den Schlauköpfen und Chicaneuren gegenüber! Um ein tüchtiger Advocat zu sein, mußte er alle kleinern Künste und Schleichwege, wodurch ein Scheinbild des Rechts aufgestellt wurde, dem guten und wahren Rechte gegenüber entlarven können, den Richter gleichsam moralisch zwingen können, das Recht zu finden und zu sprechen. Das konnte er aber nicht. Was half es ihm, auf der untersten Sprosse der Leiter zu stehen, auf der man emporklimmen konnte? Die Leiter reichte nicht mehr bis oben hinauf, wie zur Zeit des ersten Kurfürsten, wo ein Grote die Geschicke des Landes in der Hand gehabt; sie war nicht eine, sie war eine dreifache. Die, auf deren Stufen er stand, reichte nur sehr mäßig in die Höhe, und oben angekommen, war für einen kühnen Springer wol die Möglichkeit vorhanden, auf die zweite Leiter, auf der das Staatsdienerthum bis zum Wirklich Geheimen Secretär oder Geheimen Justizrathe, höchstens bis zum Oberappellationsrathe emporstieg, zu gelangen, aber der Sprung war mit Lebensgefahr verbunden und es bedurfte immer einiger freundlichen Hände, den Kühnen dort zu empfangen und ihm Platz zu machen. Die dritte Leiter, die zum Olymp selbst reichte, war von der zweiten aber so weit entfernt, daß auch Harras, der Springer, nicht gewagt haben würde, seine Geschicklichkeit zu versuchen; zudem fand sich unter den sich auf dieser Leiter hinaufbewegenden Geheim- und Kammerräthen, Gesandten, Generalen und Feldmarschällen keine einzige helfende Hand, sondern nur abwehrende. Wer diese Leiter besteigen wollte, mußte adelich geboren oder mindestens Bastard aus fürstlichem Blute sein. Zum Staate konnte der heustedter Advocat in nähere Beziehung nicht treten, wenn von solch einem Dinge überhaupt geredet werden konnte, da die Staatseinheit der acht und mehr verschiedenen Fürstenthümer und Grafschaften lediglich in der Personeneinheit des Regenten, der zugleich der König des mächtigsten aller europäischen Reiche war, bestand. Das Dienerthum bildete eine eigene Art beinahe erblicher Genossenschaft, in die das Eindringen ohne die bedeutendste Connexion unmöglich war. Eine Volksvertretung gab es nicht; die Vertreter in den einzelnen Provinziallandschaften waren geborene Vertreter, mindestens war jede Vertretung an einen wenn auch noch so geringen adelichen Grundbesitz mit castrum (d. h. mit einem irgend bewohnbaren Gebäude) oder an das Amt eines Bürgermeisters gebunden. Und was konnte selbst der tüchtigste Ritter in einer solchen Provinziallandschaft wirken? Was der Bürgermeister einer kleinen Stadt oder eines Fleckens? Karl konnte nur in Einer Art im Sinne Olga's wirken und schaffen: er mußte Schriftsteller werden oder Stellung an einer Universität suchen. Aber über welchen Gegenstand sollte er schreiben, damit er berühmt werde? War nicht alles, was er wußte, Stückwerk? Fanden sich nicht in jeder Branche Leute, die ihn weit überragten? Und während er ein Buch schrieb, wovon sollte er leben? Journalisten, im heutigen Sinne des Worts, die wie Pilze aus der Erde wuchern und über alles mitsprechen, ohne von dem Wenigsten nur wenig zu verstehen, gab es damals in Deutschland noch nicht, und die Anfänge eines solchen Journalistenthums, wie »Das graue Gespenst« und andere Schriften von Rebmann und Genossen, waren nicht sehr ermuthigend. Sollte er nach Paris gehen, um dort sein Glück zu versuchen? Er hätte die Mittel, um sich ein Jahr dort aufzuhalten, durch Verkauf seiner Bibliothek und der von der Mutter ererbten Mobilien wol zusammenbringen können; aber so viel Zeit gebrauchte er mindestens, um mit den französischen Verhältnissen überhaupt vertraut zu werden, und was sollte er dort in Zeiten der größten Aufregung mit seinem in Göttingen erlernten Wissen? Ach, er hatte niemals erfahren wie in dieser Nacht, wie leicht es sei, sich in Denken, Gefühlen und schönen Empfindungen über die Menge emporzuheben, wie schwer aber eine äußere Stellung über der Menge sich zu erobern, wie schwer auf die Menge einzuwirken, sie zu erziehen, zu bessern, zu belehren. Ermüdet und ermattet und doch ohne Schlaf klopfte er trotz unfreundlichen Wetters früh vor Sonnenaufgang den Schlagtmeister Georg Schulz wach und bat, ihn die Weser hinabzufahren. Hinter dem Schloßgarten und der Deichmühle entkleidete er sich und schwamm in Begleitung des Kahns nach Hengstenberg hinunter und kehrte mit der aufgehenden Sonne erfrischt nach Hause zurück. Im Wasser wurde ihm klar, daß er nicht wie bisjetzt sich mit dem Strome treiben lassen dürfe, wollte er Olga' s würdig bleiben, daß er vor allem Heustedt verlassen und um jeden Preis dahin streben müsse, in der Hauptstadt eine seinen Kenntnissen entsprechende Stellung zu bekommen. Voll Hast wurde nun mit Hülfe des Schreibers begonnen, die unerledigten Acten zu ordnen und eine Menge auf die Ruhe der Ferien verschobener Arbeiten zu erledigen, alle Dinge zu einem gewissen Abschlusse zu bringen, sodaß er zu jeder Zeit zur Abreise gerüstet wäre. Auch Olga brachte den größten Theil der Nacht schlaflos zu; sie hatte resignirt. Sie, die noch niemals gegen die Mutter Opposition gemacht, vielmehr gewohnt war, deren Willen zu folgen, sie wußte, daß ein Widerstreben zu nichts anderm führen würde, als Eclat zu erregen, den sie nach englisch-aristokratischem Sinne über alles haßte; aber sie wollte dem Grafen Schlottheim morgen offen erklären, daß sie ihn nie lieben, daß sie nur äußerlich seine Gattin sein, ihm aber stets fremd bleiben werde; wolle er sie unter dieser Bedingung zum Altar führen, so werde sie eine gehorsame Tochter sein und niemals weder den Namen Wildhausen noch Schlottheim mit einem Titelchen Schande bedecken. Anna nahm die Sache am leichtesten; sie hatte sich seit Tagen schon die Situation in ihrem Köpfchen so zurechtgelegt, daß sie als ein Opfer erschien. Sie beruhigte ihr Gewissen damit, daß sie Karl und Olga beglückt habe, wenn auch nur für kurze Zeit; Claasing gegenüber war sie sich keines Vergehens bewußt. Er, der Herzoginnen und Königinnen geliebt hatte, wie hätte er von ihr fordern können, daß er ihre erste und einzige Liebe sei? Er war, das hatte sie in den letzten Tagen erst recht empfunden, ein alter Mann gegen sie, und die Ehe, so hatte die Gräfin ihr ja versprochen, sollte ihr erst die volle Freiheit schaffen. Sie träumte davon, wie sie Claasing am kleinen Finger lenken werde; träumte von einem Leben voller Wonne und Vergnügen. Melusine von Wildhausen war aus dem Pavillon mit goldleerer Chatoulle heimgekehrt, aber nicht mit leerer: das Joujou ihrer Tochter und der Schiller'sche Kalender für Damen nahmen die Stelle der Goldrollen ein. Der Marquis hatte sich von ihr zugleich beurlaubt, er könne die Hochzeitfeier nicht mehr mitmachen; sein königlicher Herr, Graf von Artois, rufe ihn. Melusine hielt die Tochter natürlich für schuldig, wie konnte sie anders? Alle Umstände sprachen gegen dieselbe. Die Sache an und für sich fand sie mehr entschuldbar als verdammungswürdig; empört war sie nur darüber, daß die Tochter das Geheimniß des Pavillons entdeckt habe, besorgt nur darüber, daß Graf Schlottheim vor der Hochzeit von dem Verhältnisse derselben zu dem Advocaten eine Ahnung bekomme, besorgt vor irgendeinem Eclat. Es mußte jener sofort entfernt werden. Da kam ihr plötzlich ein glücklicher Gedanke; sie schrieb die halbe Nacht verschiedene Briefe, von denen der eine noch durch den Marquis selbst an den Grafen von Münster, der sich derzeit am Hofe von Blankenburg aufhielt, besorgt werden sollte. Dann legte sie sich ruhig schlafen und schlief bis tief in den Morgen den Schlaf des Gerechten. Der verzweifelte Advocat hatte bis Mittag geordnet, geschrieben, der Schreiber Rechnungen extrahirt, diese sollten der Wirthin Krummeier und andern Gläubigern des erstern cedirt werden, um die Forderungen statt seiner einzucassiren und sich damit bezahlt zu machen, als ein Bedienter aus dem Schlosse bei ihm eintrat, ihm Schillers Kalender für Damen, eine feine Rolle mit Gold und einen Brief der Gräfin Melusine brachte. Letztere schrieb: »Herr Doctor! Der Ort, wo ich den anbei zurückgesendeten Kalender gefunden habe, hat mich überzeugt, daß Sie mein Vertrauen auf das höchste misbraucht haben, und daß es mir unmöglich ist, Sie wieder in meiner Wohnung zu sehen. Auch die gnädige Comteß Olga kann ein Wiedersehen nicht wünschen. Ich mache Ihnen keine Vorwürfe, Sie haben mein Leben gerettet, früher das Leben meines Kindes retten helfen, aber wir sind quitt. Ich wünsche, daß es Ihnen künftig wohlergehen möge und daß Sie aus den engen Lebenssphären eines so kleinen Orts herausgerissen werden. Dazu bietet sich eine günstige Gelegenheit. Mein Freund, der Hof- und Kanzleirath Graf von Münster, hat mich unlängst beauftragt, ihm einen tüchtigen Mann als Privatsecretär zu engagiren. Ich hatte auf die Empfehlung Sr. Excellenz des Geheimraths von Schlottheim Sie empfohlen und erhalte heute die Einwilligung des Grafen. Sie werden neben freier Station ein Gehalt von hundert Louisdor jährlich beziehen und werden diese um vierzig Louisdor vermehrt, sobald der Herr Graf eine ihm zugedachte Mission ins Ausland übernimmt. Sie werden England und, wenn Paris den Rebellen und Aufrührern entrissen wird, Frankreich und Paris, sonst vielleicht Spanien oder Rußland mit dem Grafen besuchen und Ihre Carriere wird gesichert sein. Empfangen Sie hierneben das erste Jahresgehalt und halten Sie sich bereit, heute Abend, wo eine Equipage von mir nach Hannover fährt, abreisen zu können. Bis zur Rückkehr des Herrn Grafen von Münster aus Blankenburg wollen Sie in Ahles' Schenke Quartier nehmen. Keinen Dank; Sie werden allein durch schweigende Annahme der von mir gemachten Offerte und prompte Ausführung meiner Wünsche vergessen machen können, was Sie verschuldet. Melusine, Comteß de Wildhausen , geb. von Alvensleben .« Karl wußte nicht, was er sollte. Sein erster Gedanke war, der Gräfin zu schreiben, sich gegen den Verdacht, den sie ungerechterweise gegen ihn hegte, zu vertheidigen, das Sachverhältniß aufzuklären, die Offerte und das Geld zurückzusenden. Schnell war ein Brief angefangen und zur Hälfte vollendet, die Phrasen von ungerechtem Verdachte u. s. w. waren mit Leichtigkeit und Gewandtheit im Stile, wie Don Carlos und Marquis Posa sprechen, auf das Papier niedergeworfen, allein wie er mehr zu der Sache selbst kam, wollten die Worte nicht mehr fließen. Wie sollte er, ohne Anna zu verrathen, seine Anwesenheit in dem Innern des chinesischen Pavillons erklären? Was warf ihm die Gräfin überhaupt vor? Misbrauch des Vertrauens; war es aber solches nicht, daß er, der Bürgerliche, gewagt hatte, der jungen Gräfin seine Liebe zu erklären, daß er das Geständniß der Gegenliebe entgegengenommen und die Versicherung ewiger Treue; daß sie an etwas anderes gedacht hätte, daß sie Schlimmeres vorausgesetzt, als vorgekommen, ließ sich nicht mit Gewißheit aus den Zeilen folgern. War das, was er gethan, nicht schon genug, um von Misbrauch des Vertrauens reden zu dürfen? Der Brief ward zerrissen, um mit weniger Pathos und weniger übersprudelnder Empfindsamkeit von neuem angefangen zu werden; aber auch dem zweiten Briefe wollte es nicht glücken, den Beifall des Schreibers zu finden. Voll Verzweiflung sprang Karl auf und schleuderte den Damenkalender, den er für den Urquell seines Unglücks hielt, in die Ecke, dann nahm er die in feines Papier gefaßte Goldrolle und warf sie in das Zimmer, daß sie auseinandersprang und die Goldstücke nach allen Seiten in der Stube herumrollten. Diese That, so unbedeutend, wie ohne Ueberlegung, im halben Zornesrausche gethan, entschied über seinen Entschluß und sein Schicksal. Als Karl die Goldstücke zusammensuchte und das zerrissene Röllchen von der Erde aufnahm, sah er, daß dies mit dem gräflich von Alvensleben'schen Wappen gesiegelt war. Er kannte das Siegel wohl, die Gräfin trug dazu den Ring an der eigenen Hand, und es war ein sicheres Zeichen, daß sie selbst die Rolle verpackt und gesiegelt hatte. Konnte er ihr eine eröffnete Rolle, eine anders gesiegelte zurückschicken? Auf welche Gedanken hätte das die Gräfin führen können? Das Bücken und Suchen nach den in alle Winkel der Stube zerstreuten Goldstücken wirkte ernüchternd auf ihn. Als er endlich, nach beinahe halbstündiger Bemühung, hundert Stück Louisdor wieder in ein Packet zusammenrollen konnte, kam ihm der Gedanke, daß er so viel Geld noch nie auf einmal besessen habe, und damit der andere, daß ihn das Schicksal hier gleichsam auf den Weg, den er zur Gründung einer andern Existenz die ganze Nacht vergeblich gesucht, hinstoße. Er hatte den Namen Münster in jüngster Zeit oft nennen hören, als im Juni der Reichsvicar Karl Theodor, Kurfürst von Pfalzbaiern, das uredle Geschlecht der Freien von Münster in den Grafenstand erhob. Die Gräfin gedachte bei den Soupers und nach dem L'Hombre des jungen Herbert öfter als eines Mannes mit der größten Aussicht, eines Mannes, der eine so eigensinnige, herrschsüchtige Dame, wie ihre Jugendfreundin, die Herzogin Auguste von Braunschweig, Schwester unserer Karoline Mathilde, zu bezaubern und zu fesseln und am Schnürchen zu führen wisse, der als Hof- und Kanzleirath in Hannover den braunschweig-blankenburger Hof ganz regiere: eine Stelle im Geheimrathscollegio werde dem nie fehlen. Die Gräfin lobte Münster namentlich in Gegenwart ihres zukünftigen Schwiegersohns, um diesen anzuspornen, auf denjenigen Bahnen, die Münster betreten, sich ebenso leicht, gewandt und mit Umsicht und Schonung zu bewegen; denn beinahe alle Eigenschaften, die sie an Münster lobte, fehlten dem nur wenige Jahre jüngern Schlottheim. Als Privatsecretär eines solchen Mannes, eines künftigen Ministers, stand Karl schon von selbst auf der nicht mehr niedrigsten Stufe jener zweiten Leiter, zu der ihm in der Nacht der Sprung noch unmöglich war. Aber nicht diese Aussicht, Carriere zu machen, emporklettern zu können, war es, die ihn schließlich bewog, den Vorschlag der Gräfin als einen glücklichen für seine Lebensschicksale zu betrachten, sondern der Gedanke, daß die ausführende Hand eines mächtigen Mannes nicht blos Hand sei, wenn Geist hinter ihr stecke, daß er von seiner unscheinbaren Stellung aus vielleicht mehr für das Wohl seines Vaterlandes und des Ziels, das ihm Olga als Lebensaufgabe gesteckt, thun könne, als wenn er titulirter kurfürstlicher Diener sei. Dazu kam eine andere Erwägung. Die von der Mutter hinterlassenen Mobilien verkaufen zu müssen, um den Versuch zu machen, an einem andern Orte eine neue Existenz zu begründen, seine Gläubiger mit Anweisungen auf seine Clienten decken zu müssen, das war ihm immer ein Stein des Anstoßes gewesen. Namentlich hatte er eine förmliche Furcht vor der »leegen Zunge« (ein Beiname, den die Frau Krummeier im ganzen Orte führte); er schuldete ihr für Mittagsessen und Wein, freilich erst seit Neujahr, aber doch über 150 Thaler, und sie hatte ihn unter allerlei Stichelreden von gräflichen Bekanntschaften und Freundschaften und den schlechten Gewohnheiten der Vornehmen, Bürgerliche schlecht zu bezahlen und von einem Zeitpunkt zum andern hinzuhalten, schon mehrmals gemahnt. Er sah schon dem Augenblick mit Furcht entgegen, wo er, statt mit baarem Gelde, seine Schuld mit Zessionen von Advocaturforderungen an Hans und Kunz zu zahlen versuchen müßte. Wie frei stand er da, wenn er das alte, ihm widrige Weib bis auf den letzten Pfennig mit blanken Goldstücken bezahlen und der Bedienung im Rathskeller einen Louisdor extra zukommen lassen konnte?! Das alles wirkte dazu, daß er die Verfügung, welche die Gräfin eigenmächtig über seine Person getroffen hatte, sich gefallen ließ, sie als eine Schicksalsfügung ansah und seine Einrichtungen danach traf, am Abend abzureisen. Er übertrug einem seiner Collegen die nicht große Praxis, übergab die von der Mutter ererbten Sachen, den größten Theil seiner Bücher und Collegienhefte der alten treuen Magd seiner Mutter in Verwahrung, bezahlte nicht ohne befriedigte Eitelkeit die Frau Krummeier mit Goldfüchsen, bewirthete seine bisherigen Tischgenossen mit Wein und fuhr am Abend mit der gräflichen Equipage, ohne Abschied von den jungen Damen genommen zu haben, nach Hannover. Zu der Zeit, als Karl am andern Tage gegen Mittag etwa in Hannover ankam, fand im Sommersalon des Parks die Begegnung Olga's mit dem jungen Grafen Schlottheim statt. Der Graf schien ein böses Gewissen zu haben; er mochte glauben, die Milchschwester habe der Braut gestanden, was gestern zwischen ihnen vorgefallen war, oder dieselbe habe gar Kunde erhalten von seinem abendlichen und nächtlichen Schwärmen in der Nähe von Klein-Paris. Daß Olga auf ihn zutrat und um eine Unterredung bat, erschreckte ihn augenblicklich; das blasse Gesicht mit den großen, sich zürnend auf ihn wendenden Augen machten ihn beben. Als sie nun mit ernster, tiefer Stimme dem Grafen sagte, was sie sich vorgenommen in der Nacht, fühlte er sich erleichtert; die angeborene Frivolität gewann in ihm schnell die Ueberhand. »Gnädigste«, sagte er und machte den Versuch, Olga's Hand zu ergreifen und zu küssen, der ihm mislang, da sie ihm diese mit Heftigkeit entzog, »Ihre üble Laune spricht zwar ein Todesurtheil über mich aus, ich unterwerfe mich mit demüthigem Gehorsam, aber in der Hoffnung, daß in der Ehe Ihre Migräne schwinden und Sie den zu Ihren Füßen schmachtenden Ehemann an Ihre schönen Lippen freiwillig heraufziehen werden. Seien Sie frei und Herrin über sich selbst, wie ich mich für frei halten werde; sobald Sie über mich befehlen, bin ich Ihr Sklave.« »Das wird nie geschehen, bei Gott, nie!« rief Olga leidenschaftlich und wandte ihm den Rücken zu. Ueber das Gesicht des Grafen zuckte ein höhnisches Lächeln; da kehrte sich Olga um, ihr Gesicht hatte das Tragische verloren; es sah gleichgültig und stumpf aus und so war auch ihre Sprache: »Apropos, noch eine Geschäftssache; ich verliere die Schwester und Gespielin meiner Jugend; ich wünsche außer meiner Kammerjungfer meine frühere englische Gouvernante als Vorleserin und Gesellschafterin bei mir zu haben, die mein Schlafzimmer, an welchem Orte wir uns auch immer aufhalten mögen, theilen soll.« »Ganz nach Befehl, meine Gnädigste«, erwiderte der Graf, und man trennte sich. Anna war gegen Claasing heute auffallend zärtlich; sie versuchte ihn an dem Finger zu lenken, wie sie die Nacht geträumt; sie gab ihm hundert verschiedene Aufträge, die sich zum Theil widersprachen. Nachmittags beim Diner entschuldigte die Gräfin Karl bei den Anwesenden, daß er ohne Abschied abgereist, um eine Stellung bei dem Grafen Münster einzunehmen. »Ich habe demselben«, fügte sie gegen Olga gewendet hinzu, »den Schiller'schen Damenkalender nachgesandt, dein Joujou liegt in meinem Zimmer, wo es die Kammerjungfer in Empfang nehmen kann.« Olga, die das Joujou noch gar nicht vermißt hatte, am wenigsten daran dachte, wo es geblieben, die gar nicht wußte, daß Karl den Damenkalender mit in das verborgene Gemach des chinesischen Pavillons genommen und dort vergessen hatte, sah die Mutter groß an, ohne sie zu verstehen. Anna aber ahnte den Zusammenhang und wurde roth von der Stirn bis zur Brust. Der Graf machte einen schlechten französischen Witz, und die Sache wurde nicht weiter erörtert. Abends kamen der Vater des Bräutigams und der ältere Bruder des letztern, der künftige Majoratsherr von Schlottheim-Rabensburg, mit seiner Gemahlin, einer ältlichen, aber ahnenreichen und begüterten Dame, und einem etwa zehnjährigen Sohne, dem einzigen Kinde. Der künftige Majoratsherr, zur Zeit Gesandter am berliner Hofe, kannte die Braut des Bruders noch nicht; er that nicht nur äußerst entzückt über ihre Schönheit, sondern er war es auch. Kaum vierundzwanzig Stunden nach seiner Ankunft flammte seine bisher noch nie eifersüchtig gewordene edle Gemahlin voll von Eifersucht und sah in ihrer künftigen Schwägerin eine Todfeindin, obgleich diese an dem ältern Bruder mit seinen süßlich frommen Manieren womöglich noch weniger Gefallen fand als an dem eigenen Bräutigam. Der Majoratserbe, Alexander Emanuel von Schlottheim-Rabensburg, war, kaum zweiundzwanzig Jahre alt, mit seiner funfzehn Jahre ältern Gemahlin nach dem Willen der beiderseitigen Aeltern verheirathet, als er kaum ein Jahr die Universität, die er als Knabe bezogen, verlassen hatte. Unreif an Körper und Geist, war er einem Geheimen Kriegsrathe, der als Kreisdirectorialgesandter bei dem niedersächsischen Kreise attachirt war, als Gehülfe oder Lehrling – wir würden heute sagen als Legationssecretär, beigegeben. Schon bei der Thronbesteigung Friedrich Wilhelm's II., 1786, war er aber als außerordentlicher Abgesandter in Berlin thätig. Seine Gemahlin hatte ihre ansehnlichsten Güter in Preußen und am Hofe selbst zahlreiche Verwandte. Man glaubte in Hannover und London sich nicht besser vertreten lassen zu können, und in der That alle die zahlreichen Skandale und Hofgeklatsche gelangten in der ausführlichsten Beschreibung nach Hannover und, wenn man es dort für angemessen hielt, nach London. Die Hofcirkel, in denen Mystik, Scheinfrömmigkeit, Intriguen aller Art neben crasser Liederlichkeit die Herrschaft behaupteten; ein König, der von einer Sultanin zur andern eilte, erst dem Fräulein von Voß (Gräfin Ingenheim), dann Mademoiselle Henke, alias Madame Rietz und Gräfin – Lichtenau seine Neigung und, trotz seines Geizes, seine Verschwendung zuwendete, ein Wüstling, den letztere durch dieselben Mittel zu fesseln wußte, welche die Marquise Pompadour in ihren alten Tagen bei Louis XV. angewandt; ein König, der zu allem andern, nur nicht zur Arbeit Lust hatte, konnten keine gesunde Umgebung vertragen. Der Majoratserbe war nur kurze Zeit Liebling der Prinzessin F. gewesen, ohne die Eifersucht seiner Frau zu erregen; jetzt war er ein fromm-lüsterner Greis von einigen dreißig Jahren. Man verbrauchte seine Kräfte leicht an diesem Hofe; die Herzoge von Mecklenburg und Weimar wußten davon nachzusagen. Die Situation im Schlosse, wo Alexander Emanuel durch die übertriebenste Aufmerksamkeit, die er Olga zutheil werden ließ, gut zu machen suchte, was der Bruder durch zu Tage gelegte Nachlässigkeit gegen die Braut verschuldet, würde noch schlimmer geworden sein, wenn nicht in den nächsten Tagen eine immer größere Anzahl Verwandte, namentlich Frauenzimmer aus der Familie des Bräutigams, angekommen wären. Das Schloß war bis zu den Mansardenzimmern, aus denen man selbst die Bibliothek, welche die Wonne der Kinder gewesen war, auf den Boden gebracht hatte, von Herrschaften, noch mehr von Dienerschaften gefüllt. Alle irgend überflüssigen Betten waren aus den Wohnungen von Hannover nach Heustedt geschafft; selbst der Geheimrath hatte seine Fremdenbetten geschickt. Leibdiener, Jäger, Friseure, Stallbediente mußten trotzdem in den Nebengebäuden auf Stroh schlafen. In den Corridors des Schlosses rannten sich Kammerfrauen und Kammerzofen, Friseure und sonstiges Dienstpersonal beinahe um. Es hatte eine eigene Art Feldküche für das Dienstpersonal gebaut werden müssen, worin dieses zu nicht geringem eigenen Amusement speiste, sich über die Schwachheiten der Herrschaften unterhielt, Liebeshändel anknüpfte und mancherlei Unfug trieb. Als nun gar am Tage vor der Hochzeit die Herrn Collegen des Geheimraths ankamen, war Ordnung kaum aufrecht zu erhalten, und der alte Haushofmeister nahe daran, sich aus Verzweiflung in die Weser zu stürzen. Alle gräflichen Bedienten, vom Rentmeister bis zum Küchenjungen, waren erbittert gegen die fremden Diensten, denen sie zum Theil hatten ihre Wohnungen einräumen müssen, und die sich gegen Frauen und Töchter, namentlich aber gegen andere geliebte weibliche Persönlichkeiten die unverschämtesten Freiheiten herausnahmen. Es waren nicht mehr die Diener der Gräfin Herren, die fremden befahlen überall mit Ausnahme der Küche, wo die königlich-kurfürstlichen Köche mit ihren weißen Jacken, Schürzen und Mützen die Herrschaft zu behaupten wußten. Das Hochzeitsfest sollte nach einem lange gehegten und gepflegten Plane nicht nur Familienfest sein; es sollte eine Verbrüderung und Verkettung des niedersächsischen Adels gegen die immer mehr überhandnehmende Revolution bilden; es sollte den durch Neid, Eifersucht, Privat- und Familienzwiste u. s. w. mehrfach zerklüfteten Adel zu einer persönlichen Besprechung und Versöhnung führen, vor allem die Wohlhabenden anstacheln, die Sache der Emigranten mit Geld zu unterstützen. Es waren dieserhalb Ritter aus Westfalen und Mecklenburg, Cavaliere vom braunschweiger Hofe, Emigranten von Köln, Koblenz und Blankenburg erschienen, selbst der junge Berlepsch war geladen. Ein Banket sollte nach der kirchlichen Feier die Hochzeit beschließen. So sah man denn schon am Tage vor der Hochzeit, sobald nur etwas Sonnenschein durch die beständigen Regenwolken lächelte, im Park Gruppen von Cavalieren herumwandern, im eifrigen Gespräche begriffen; im Billardzimmer discutirte man, die Queues in der Hand, die häkeligsten Staatsfragen, während die Damen nicht minder eifrig die Toilettenfragen tractirten oder auf Eroberungen ausgingen. Es war der Tag der Hochzeit, der 10. August, gekommen. Der Himmel schien zu Ehren der beiden lieblichen Bräute das Seinige thun zu wollen, er war zum ersten mal seit Wochen heiter und wolkenlos, warm und sommerlich. Am Morgen, gegen elf Uhr, nachdem von den Einzelnen oder den Zusammenwohnenden das erste Frühstück etwas eher auf den eigenen Zimmern eingenommen war, – es wurde derzeit mehr Chocolade als Kaffee getrunken – versammelte man sich im Saale zu einem patriarchalischen Acte. Hans Dummeier übergab vor der Menge und einem Gerichtshalter der Gräfin dem Schwiegersohn Claasing und seiner Tochter Anna seinen von der Gräfin Melusine relevirenden Meierhof – so war er in der vorher angefertigten Urkunde ausdrücklich benannt – sammt allem Zubehör, namentlich dem adelich freien Lande, welches seine Frau für ihre Dienste von der Gräfin erhalten hatte, sich eine Leibzucht für sich und seine Frau und eine Abfindung für den Sohn zweiter Ehe reservirend. Diese Leibzucht sollte nach einem Vertrage mit dem präsentirten Bräutigam der Tochter nicht aus dem Hofe selbst, sondern auf der Brinksitzerstelle des Claasing gegeben werden, und wurde dem Claasing vorbehalten, dem Sohne Dummeier's bei seiner demnächstigen Verheiratung entweder diese Brinksitzerstelle oder aber 2500 Thaler in Gold als Abfindung zu geben. Die Gutsherrschaft acceptirte den ihr präsentirten Bräutigam als meiertüchtig, genehmigte Altentheils- und Abfindungsverschreibung und händigte darauf dem neuen Hofwirthe und dessen Ehefrau eine zweite Urkunde aus, in welcher dieselben von seiten der gnädigen Gräfin wegen der Verdienste, so sich Anne Marie Dummeier um die gräfliche Familie erworben, als frei von allem gutsherrlichen Verbande, Gefällen und Diensten erklärt wurden. Während man das junge Brautpaar und den Brautvater beglückwünschte, erschien der Haushofmeister und lud zur Einnahme des großen Frühstücks, welches im Park unter dem Zelte von 1772, worin man am Abend das Banket abhalten wollte, eingenommen werden sollte. Der Park war an diesem Tage von allen Seiten geschlossen, sodaß niemand denselben betreten konnte; an den Seiten, wo derselbe von außen möglicherweise zugänglich gehalten wurde, hatte man Wächter angestellt – der chinesische Pavillon war schon seit längern Tagen gänzlich geschlossen, wie wir ihn 1772 sahen. – Während die Menge zum großen Zelte zog, begab sich die Crême der Gesellschaft in den kleinen Salon, wo die Ehepacten zwischen Graf Otto von Schlottheim und Olga, Gräfin von Wildhausen, förmlichst durch einen von Hannover berufenen Hofrath, der zugleich römisch-kaiserlicher Notar war, vollzogen wurden, worauf auch dieser Theil der Gesellschaft sich in den Park nach dem Zelte begab. Die ganze Gesellschaft, die sich im Park versammelt hatte, um die Ankunft der Gräfin und des gräflichen Brautpaares nebst Angehörigen zu erwarten, ehe man das Zelt betrat, war mit Ausnahme von Claasing, Anna und ihrem Vater adelicher Geburt. Nachdem auch das adeliche Brautpaar üblich beglückwünscht war, führte der Geheimrath von Schlottheim Olga, sein Sohn, der Majoratsherr, Anna zu den reservirten Ehrensitzen. Die Gräfin wurde vom Grafen Platen geführt; der Bräutigam bot der Schwägerin den Arm, Claasing selbst einer Schwester Schlottheim's. Außerdem waren Heloise und der Sohn des Majoratsherrn, Hans Dummeier und Tante Hulda die Gäste des Ehrentisches. Man tafelte bis nach zwei Uhr nachmittags, und wenn das Banket dem Frühstück entsprach, so konnte manche fürstliche Tafel sich schwerlich mit dem messen, was hier geboten wurde. Der Wein löste die Zungen, und bald war man an allen Tischen laut und geschwätzig, man scherzte und lachte, nur nicht am Ehrentische. Hier saß alles frostig und stumm, jeder genirt durch den einen oder andern; dazu kam ein eigenthümliches unheimliches Gefühl, das sich aus verschiedenen Gründen in der Brust der einzelnen Tischnachbarn entwickelte. Graf Schlottheim, wenn er die marmorbleiche Schönheit Olga's neben sich anschaute, machte sich Vorwürfe, seine schöne reine Pupillin einem Wüstling, als welchen er seinen Sohn kannte, geopfert zu haben; er befürchtete, daß die Ehe eine sehr unglückliche werden würde. Aber sollte sein Sohn Carriere machen, so waren die Hülfsmittel der Gräfin nöthig; den größten Theil der Majoratsaufkünfte hatte er dem ältesten Sohne bei dessen Verheirathung überwiesen, und er allein konnte den zweiten Sohn unmöglich während einer diplomatischen Carriere ohne Gehalt im Auslande unterhalten. Der gräflichen Braut hatte sich ein dumpfer Schmerz bemächtigt; sie ängstigte sich vor der bevorstehenden Ceremonie und wünschte sich den Tod. Die Gräfin war verstimmt und unzufrieden, ohne sich eigentlich einen speciellen Grund dafür angeben zu können. Die Abreise des Marquis Bontemps, der Fund im chinesischen Pavillon, Briefe über die wachsende Macht der Jakobiner in Paris und die zunehmende Ratlosigkeit und Schwäche des Königs mochten das Ihrige dazu beitragen; ferner der Schwall der Gäste und die ihre Voraussetzungen noch übersteigenden Ausgaben, die das Fest machte. Anna dachte an den Unterschied, aus dem Meierhofe in Eckernhausen in der directen Umgebung des Eichenholzes an Claasing's Seite zu leben, und hier im Schlosse, wo alle Cavaliere wetteiferten, ihre Schönheit zu preisen und ihre Gunstbezeigung zu erlangen. Claasing hatte eine sehr schlechte Nacht gehabt; er hatte geträumt mit großer Lebendigkeit von jenem Tage, als die Königin Karoline Mathilde im Schlosse zu Celle in das Gewölbe ging, wo ihr todter Lieblingspage niedergesetzt war, wo er sich vor ihr auf die Knie niedergelassen und ihr das verräterische Geschenk der Königin Juliane überreicht hatte und Karoline Mathilde dann ohnmächtig in seine Arme gesunken war. Der Bräutigam Otto von Schlottheim hatte am Abend vorher in Verkleidung eines Fillerknechts noch ein Abschiedsrendezvous am Ende der Weststadt gehabt; allein es war ihm nicht geglückt, das Liebchen, das seiner dort geharrt, mit Geld oder guten Worten zu beschwichtigen; sie verlangte auf das stürmischste, er solle endlich Anstalt machen und bei dem Vater, dem Halbmeister, um sie anhalten und sie nach seiner angeblichen Heimat, nach Thedinghausen, führen. Die Entschiedenheit des Frauenzimmers imponirte ihm; er gewann nur drei Tage Zeit; das war die letzte Frist, welche die schwarze Marthe dem Fillerknecht aus Thedinghausen gesetzt hatte, seine Schwüre zu halten. Der Majoratserbe schlief auch schlecht, er träumte vom König Saul, der ihn in den Armen der Prinzessin – nein, nur der Gräfin Rietz – fand und ihn nun zu etwas machen lassen wolle, was er eigentlich schon war. Seine Gemahlin ärgerte die Schönheit der Bräute, neben denen sie trotz alles Schmucks der Diamanten ein Bild der Häßlichkeit blieb. Tante Hulda war erzürnt, einen Bauer als Tischnachbar zu haben, der nichts von Versailles wußte und nichts von Paris hören wollte. Hans Dummeier aber fühlte sich durchaus unwöhnlich und unheimisch in der Gesellschaft. Nur die beiden Kinderseelen waren unbefangen. Heloise schwärmte in dem Gedanken, wie schön die Schwester und Anna in ihren Brautkleidern, der türkischen Robe, aussehen würden, der jüngere Graf schwelgte in dem Genusse, der ihm an Speisen und Getränken noch bevorzustehen schien, nach dem Schwelgen des Augenblicks. Endlich war das Frühstück zu Ende, und man begab sich in die Zimmer, um Toilette zu machen, zu der man nur zwei Stunden Zeit hatte. Nun begann es wieder in den Gängen des Schlosses zu rennen und zu laufen von Kammerfrauen und Kammerzofen, Kammerdienern und Bedienten, für alle Fächer gerecht, Friseuren und sonstigen dienstbaren Geistern. Zur Schloßkirche führte neben der Sakristei ein Eingang vom Park her. Der Weg dahin war nur kurz; dennoch hielten ein Dutzend Kutschen mit prächtig costümirten Kutschern vom Schloßthore bis zur Auffahrt vor dem Portale an, um Hochzeitsgäste und Brautleute durch den Park nach der Kirche zu fahren. Der vor dem Altare in der Schloßkirche befindliche Raum, auf dem auch zu beiden Seiten die Priechen der Gräfin standen, war etwa drei Fuß höher als das Schiff der Kirche; man hatte ihn von diesem für heute durch eine Barrière abgesperrt, da die Hochzeiter von der Parkseite in diesen Raum gelangten. Der Boden war mit feinen Teppichen belegt und das Gewächshaus aller Granatbäume und Orangen, der Garten und Gartensalon der blühenden Oleander und Rosenbäume beraubt, um hier ein grünes Paradies vor dem Altar zu bilden. Zwischen diese Blüten- und Blätterpracht waren für die Hochzeitsgäste Stühle gesetzt. Nachdem diese angekommen, fuhren auch die Aeltern der Brautpaare und diese selbst vor; Olga, geführt von dem Schwager, Anna von dem Chef ihres Gemahls, dem Oberstallmeister Freiherrn von Schagk. Als Brautführerinnen figurirten Heloise und noch einige junge Mädchen aus der Familie. Die Kirche war von der Thür bis zur Barriere dicht gedrängt voll Zuschauer und Zuschauerinnen, namentlich Frauen und Kinder, von den Honoratioren herab bis auf den Bettler in Klein-Paris. Man wollte die beiden Bräute in ihrem Brautschmucke sehen, von dem so viel geredet war, man wollte die Kleiderpracht der vornehmen Welt aus der Hauptstadt sehen. Die Honoratiorenfrauen und Töchter, welche auf der Emporkirche Priechen und Plätze besaßen, hatten schon seit einer Stunde in diesen gesessen, um sie später nicht von unbefugten Eindringlingen zurückerobern zu müssen. Es war schon viel Streit um die Plätze gewesen, und sehr große Unruhe herrschte in der Kirche, da der eine oder andere Knabe, der einen unsichern Stand auf einem der Plätze nach hinten gefunden, von andern, die gleichfalls emporsteigen wollten, wieder herabgezogen wurde. Endlich hatten die Brautpaare vor dem Altar Platz genommen und im Augenblick erschien der in der Sakristei schon harrende Priester. Es wurde etwas stiller in der Kirche. Der Prediger begann die doppelte Ceremonie mit einem Lobe auf die beiden uralten Grafengeschlechter, die sich hier nach göttlichem Gebote und löblicher Gewohnheit unserer Kirchen in den Stand der heiligen Ehe begeben wollten; nach göttlichen, natürlichen und ordentlich beschriebenen Rechten. Er sprang dann über auf den Bauernstand, um Anna und Dummeier einige zweideutige Schmeicheleien und dem königlich-kurfürstlichen Obergestütmeister Claasing ein gänzlich unverdientes Lob in das Gesicht zu sagen. Alles das, was wir in wenigen Zeilen referiren, dauerte bei der salbungsvollen, langsamen, mit unendlich vielen Bei- und Schmuckworten gewürzten Rede des Predigers beinahe eine Viertelstunde. Die beiden Bräute standen nebeneinander, zwischen ihnen Heloise, die von der Schwester die linke, von Anna die rechte Hand gefaßt hatte. Die Gräfin Melusine stand zur Seite nahe dem Prediger; ihr gegenüber Graf Schlottheim, Brautführer und Brautjungfern unmittelbar hinter den Brautpaaren. Beide Bräute hatten ihr Gesicht durch den vom Turban fallenden Schleier verhüllt und der neugierigen Menge auf der Emporkirche hinter dem Altar, die von den sogenannten Honoratiorendamen besetzt war, entzogen. Graf Otto von Schlottheim stand gesenkten Kopfes und mit zu Boden geschlagenem Blicke, während Claasing keck nach der Emporkirche vor sich und neben sieh herumschaute. Nachdem der Prediger eine Pause gemacht und in ein weißes Batisttuch gehustet hatte, fuhr er in Gemäßheit der Lüneburgischen Kirchenordnung fort: »Geliebte in Christo, beide Braut und Bräutigam, damit ihr in euerm bestätigten Ehestande also leben möget, daß es Gott gefällig, euch und männiglich besser sein möge, so sollt ihr aus Gottes Wort vier Stücke hören, so Eheleuten zu wissen von nöthen sein. Zum ersten: Wer den Ehestand eingesetzt und verordnet habe, nämlich Gott selbst; denn also schreibt Moses in seinem ersten Buche, am zweiten Kapitel: Und Gott der Herr sprach: Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei, ich will ihm eine Gehülfin machen, die um ihn sei. Da ließ Gott der Herr einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen und er entschlief. Und nahm seiner Rippen eine und schloß die Stätte zu mit Fleisch. Und Gott der Herr baute ein Weib aus der Rippe, die er von dem Menschen nahm, und brachte sie zu ihm. Da sprach der Mensch: Das ist doch Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch; man wird sie Männin heißen darum, daß sie vom Manne genommen ist. Darum wird ein Mann seinen Vater und Mutter verlassen und an seinem Weibe hangen, und sie werden sein Ein Fleisch. Zum andern: Hört und lernt, wie sich eins gegen den andern nach Gottes Willen soll halten. So spricht Sanct Paulus: Ihr Männer liebt euere Weiber, gleichwie Christus geliebt hat die Gemeine und hat sich selbst für sie gegeben, auf daß er sie heiligt, und hat sie gereinigt durch das Wasserbad im Wort, auf daß er sie ihm selbst zurichtet, eine Gemeinde, die herrlich sei, die nicht habe einen Flecken oder Runzel, oder des etwas, sondern daß sie herrlich sei und unsträflich. Also sollen auch die Männer ihre Weiber lieben als ihre eigenen Leiber. Wer sein Weib liebt, der liebt sich selbst, denn niemand hat jemals sein eigen Fleisch gehasset, sondern er nährt es und pflegt sein, gleichwie auch der Herr die Gemeine. Die Weiber seien unterthan ihren Männern, als dem Herrn, denn der Mann ist des Weibes Haupt, gleichwie auch Christus das Haupt ist der Gemeine, und er ist seines Leibes Heiland. Aber wie nun die Gemeine Christus ist unterthan, also auch die Weiber ihren Männern, in allen Dingen. Zum dritten: Hört auch das Kreuz, so Gott auf diesen Stand gelegt hat. So sprach Gott zum Weibe: Ich will dir viel Schmerzen schaffen, wenn du schwanger wirst, du sollst mit Schmerzen Kinder gebären, und dein Wille soll deinem Manne unterworfen sein, und er soll dein Herr sein. Und zum Manne sprach Gott: Dieweil du hast gehorcht der Stimme deines Weibes und gegessen von dem Baum, davon ich dir gebot und sprach: du sollst nicht davon essen; verflucht sei der Acker um deinetwillen, mit Kummer sollst du dich darauf nähren dein Lebelang; Dornen und Disteln soll er dir tragen und sollst das Kraut aus dem Felde essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis daß du wieder zur Erde wirst, wovon du genommen bist: denn du bist Erde und sollst zur Erde werden. Zum vierten: So ist das euer Trost, daß ihr wißt und glaubt, wie euer Stand vor Gott angenehm und gesegnet ist. Denn also steht geschrieben: Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn, und er schuf sie, ein Männlein und Fräulein, und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch, und erfüllet die Erde, und macht sie euch unterthan, und herrschet über Fische im Meer, und über Vögel unter dem Himmel, und über alles Thier, das auf Erden kriecht. Und Gott sahe an alles, was er gemacht hatte, und siehe da, es war sehr gut. Darum spricht auch Salomon: Wer eine Ehefrau findet, der findet was Gutes, und kann guter Dinge sein in dem Herrn.« Jetzt schien auch dem Grafen Otto die Geduld auszugehen. Er erhob den Kopf und sah zuerst seine künftige Schwiegermutter seitwärts vor sich stehen, gleich ihm vor Ungeduld nervös zitternd. Er sah dann höher hinauf zu der Emporkirche, in der rechts und links, theils neben, theils hinter der Kanzel, hinter den holzgeschnitzten bevorzugten Kirchenstühlen der Burgmannshöfe Frau Landräthin von Vogelsang zur rechten und Baronin von Bardenfleth zur linken mit ihren Töchtern und einem reichlichen Anhange anderer Damen neugierig hinunterschauten. Er konnte es nicht lassen, der schönen Ida von Bardenfleth mit den Augen zuzublinkern und auch mit der Mutter derselben eine kleine Augensprache zu halten. Dann, als der Prediger an sein » Zum vierten « kam, wendete er auch den Kopf nach links und rechts, soweit es mit einer bloßen Halsbewegung möglich war; die Halsmuskeln und Sehnen mußten gelenkig sein, denn er konnte das Gesicht beinahe rückwärts bis zur Orgel wenden, zum Unglück für ihn. Als er so hinter sich blickte, war der Prediger mit dem ihm nach der Kirchenordnung vorgeschriebenen Formular zu Ende und fragte nun: »ob jemand Einrede und gute Ursache hätte, sie fürzubringen, damit diese beiden Ehen nicht möchten vor sich gehen, daß der bei zeiten spreche, aber hernachmals schweige.« Das »Schweige« des Predigers erstarb aber schon unter einem lauten, die ganze Kirche durchdringenden Schrei von der rechten Seite der Emporkirche in der Nähe der Orgel und einem auffälligen Geräusche, als wenn dort, im Rücken der Brautpaare, etwas vorfiele, wie die Ohnmacht eines Frauenzimmers etwa, welches von dem Blumendunste und dem Gedränge betäubt wäre, und dem man nun zu Hülfe eilte. Alle Augen, außer denen der beiden Brautpaare und des Predigers, der sich eben die Trauringe von den Brautpaaren geben ließ, wendeten sich der Seite der Emporkirche zu, woher der Schrei gekommen war und wo noch immer eine beträchtliche Unruhe und Aufregung zu herrschen schien, deren Grund man aber nicht entdecken konnte, da er sich hinter den Galerien verbarg. Der Prediger hatte den Bräutigam eben angeredet: »Herr Graf Schlottheim, Ihr steht allhier und begehrt gegenwärtiges Fräulein, Comteß Olga von Wildhausen, zu nehmen zu Euerer Hochehelichen Frau und Euch nicht zu scheiden, es sei denn, daß Euch der Tod scheide. Ist solches noch Euers Herzens Wille und Meinung? so bekennt es vor Gottes Angesicht und in Gegenwart dieser Gemeinde und sagt: Ja.« Der Graf Otto von Schlottheim antwortete mit einem vernehmlichen »Ja«. Dieselbe Frage wurde dann an Claasing gerichtet. Ehe dieser aber antworten konnte, erhob sich von neuem Tumult. Es stürzte jemand die Treppe von der Orgel in wilder Hast herab; jetzt entstand unten im Seitenschiffe der Kirche Weiber- und Kindergeschrei. Ein Frauenzimmer mit langen fliegenden schwarzen Haaren und glühend schwarzen Augen, die aus einem nicht unschönen, aber von Wuth entstellten Antlitz hervorschauten, bahnte sich mit Gewalt einen Weg durch die dichtgedrängte Menge der im Seitenschiffe versammelten Frauen und Kinder, riß die Barrière, welche zwischen den Zuschauern und Hochzeitsgästen befindlich, nieder, warf mehrere Oleander und Granatbäume, welche ihr im Wege standen, um, drang direct auf den Grafen Schlottheim ein und faßte denselben beim Arme. Dem Prediger, der die Frage an Olga im Munde hatte, erstarrte die Rede, die beiden Schwestern traten erschreckt zur Seite auf Anna zu; die Gräfin ahnte allein den Zusammenhang, denn sie sah in die bleichen, schuldbewußten Züge des Schwiegersohns. »Dieser da«, ruft Marthe, denn es ist unsere alte Bekannte aus der Zeit her, wo der Eisschlitten ausgebaut war – »ist vor Gott mein Mann; er hat mir die Ehe feierlichst gelobt, und ich trage sein Kind unter meinem Busen.« » Eine Wahnsinnige! « schreit die Gräfin. »Die Filler-Marthe!« »Die Filler-Marthe!« rufen eine Menge Weiber- und Kinderstimmen im Schiffe der Kirche. Die Hochzeitsgäste sind stumm und starr, nur weichen sie immer mehr aus der Nähe des Grafen Bräutigam. Claasing aber winkt einem Gestütsknechte, der unter den Leuten der Gräfin vor der Sakristeithür stand; dieser sprang auf Marthe zu und riß sie vom Grafen los. Die gräfliche Dienerschaft leistete ihm Hülfe gegen die wie unsinnig sich Geberdende, man zerrte dieselbe der Sakristei zu. Der Bürgermeister drängte sich heran. »Ins Loch mit der liederlichen Dirne!« sagte er, »schafft sie in das alte Schloßgefängniß.« »Und nun thun Sie Ihre Schuldigkeit, Herr Pfarrer«, sagte die Gräfin und zog ihre Tochter, die sich an Anna's Brust gelehnt, empor und neben den Grafen, der bleich und frostschaudernd dastand. Der Prediger hatte sich gefaßt, ihm kam die andere Formel der Kirchenordnung in den Sinn, und er führte mit großer Salbung die Sätze aus: »Der allmächtige Gott ist ein reiner, heiliger und keuscher Gott, dem alle Unzucht und schändliche Vermischung zuwider ist, und der den straft, welcher sich sündhafter Unzucht hingibt, wie der Herr soeben an einem lebendigen Beispiele gezeigt hat.« Ein unzüchtiger Schandgeist, deducirte er weiter, sei hier vor dem Altare des Herrn erschienen, vom Teufel besessen und vom Teufel verblendet, in dem Grafen, dem reinen und schuldlosen Cavalier, den teuflischen Buhlen zu erblicken und ein heiliges Werk zu stören; denn es sei wissentlich, daß dem Satan, als Feind Gottes, der christliche Ehestand zum höchsten entgegen sei, und daß er nach seinem Schaden und Unglück trachte. »Zu Ende!« herrschte die Gräfin dem Prediger zu, vorbeitretend und dann sich auf die Seite der Tochter an Heloisens Platz stellend. »So frage ich die Gräfin Olga von Wildhausen und Sie, Anna Dummeier dann, ist es noch Ihres Herzens Wille und Meinung, daß Ihr gegenwärtige Grafen Otto von Schlottheim und Wilm Claasing zum Ehegatten begehrt?« Olga schwieg, die Mutter aber sagte an ihrer Statt laut »Ja!« und übertönte das »Nein! und dreimal Nein!« welches aus dem Munde der halb ohnmächtigen, von der Mutter gehaltenen Tochter schwach ertönte. Auch die kleine schwache Stimme Anna's klang unter dem Schleier hervor mehr Nein als Ja. Aber es war sehr laut und unruhig in der Kirche und der Prediger mochte von beiden Bräuten »Ja« verstanden haben. Ein »Nein« hatte er noch nie gehört und dachte gar nicht an die Möglichkeit desselben. So wechselte er denn die Ringe; die Gräfin streckte den rechten Arm der ohnmächtig an ihrer Brust zusammengesunkenen Tochter dem Prediger entgegen; dieser fügte sie mit der rechten Hand des Grafen Schlottheim zusammen und sagte: »Was Gott zusammenfügt, das soll der Mensch nicht scheiden.« Aber Olga entzog krampfhaft die Hand der Berührung mit der Schlottheim's und schleuderte den Trauring vom Finger. Als er darauf dieselbe Ceremonie bei dem zweiten Brautpaare vollendet, sagte er feierlich: »So spreche ich euch denn ehelich zusammen, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, Amen!« Und weiter sprach er, und das klang wie Verhöhnung, wenn man die in den Armen der Mutter leblos zusammengesunkene Gestalt Olga's ansah, aber die Kirchenordnung schrieb es vor: »Wachset und vermehret euch und erfüllet das Erdreich!« Während er dann das Vaterunser betete, verließ die Menge schon mit großem Geräusche die Kirche. Graf Schlottheim und sein Bruder führten die noch immer halb bewußtlose Olga durch die Sakristeithür in den Park, wo sie sich in der frischen Luft nach und nach erholte und in den Wagen gebracht werden konnte. Das war ein trauriges Banket, das am Abend in dem Zelte gefeiert wurde, obgleich die Tische im Glanze von Hunderten von Wachskerzen auf silbernen Leuchtern, prächtigen silbernen Aufsätzen, kostbaren Porzellanvasen, Weinflaschen und Weinkühlern, Pyramiden von Desserts und prachtvollen Schüsseln schier brechen wollten. Die Gräfin hatte den Kopf oben behalten – sie bedauerte die Wahnsinnige, die durch die Pracht und den Glanz des Festes erregt, oder sonst aus irgendeinem Grunde übergeschnappt sei. Da das Hochzeitsfest ihrer Tochter möglicherweise Veranlassung zu dem Irrsinn gegeben habe, so wolle sie lebenslänglich für die Unglückliche sorgen. Die Hochzeitsgäste waren sämmtlich zu gut erzogen, als daß sie der Gräfin und den Schlottheims gegenüber nicht in denselben Ton eingestimmt hätten. Kaum aber hatte die Gräfin sich zu andern gewendet, als das Flüstern und Klatschen seinen Anfang nahm. Zum Banket waren dann noch die Familie des Landraths Baron Bardenfleth und einige wenige bürgerliche, aber zuverlässige Honoratioren geladen. Graf Otto Schlottheim hatte sich durch Burgunder und Champagner Muth getrunken, und als der Tanz begann, schwebte er mit der Baronin Bardenfleth voran, als sei nichts passirt. Der Wein verbreitete unter einem Theile der Gesellschaft eine heitere Stimmung; der Champagner floß in Strömen, aber schon die Abwesenheit beider jungen Frauen gab dem Banket etwas Düsteres. Für Olga hatte der Arzt, wie man vorgab, die Reise nach Hannover angeordnet; sie war mit der Schwester Heloise, der englischen Gouvernante als Gesellschafterin und dem Kammermädchen, wie einem Jäger des Grafen in aller Stille abgefahren, ohne den Gemahl zu sehen. Claasing hatte nach den ersten paar Tänzen ein Eifersuchtsanfall angetrieben, anspannen zu lassen; er holte Anna mitten aus dem Tanzgewühle heraus, um sie gegen ihren Willen in die neue Heimat nach Eckernhausen zu entführen. Ob es gelang, die Adelskette enger zusammenzuschmieden, ob gemeinsame politische Plane zu Stande kamen? Wir müssen bekennen, wir wissen es nicht. Jedenfalls kam man damit zu spät, die Sache des französischen Königthums war mit diesem Tage verloren. Siebentes Kapitel. Der 10. August in Paris. Der 10. August war ein Unglückstag, nicht nur in Heustedt. In viel größerm Umfange war er es für viele Tausende in der Weltstadt, wo unser Freund Justus Erich Bollmann lebte. Hören wir, was dieser darüber zwei Tage später aus Paris schrieb:   Paris , 12. August 1792. Der vorgestrige Tag war einer der fürchterlichsten und der schändlichsten in der französischen Geschichte. Schon seit langer Zeit bereiteten die Jakobiner einen Tag vor, der endlich ihre Oberherrschaft und die Durchsetzung ihres Planes – Umsturz. der königlichen Gewalt – entweder zum Siege führe oder zernichte. Man entfernte die Linientruppen, hielt die Föderirten, weislich in den Departements auserlesene rasend tolle Jakobiner, hier zurück, anstatt sie nach Soissons ins Lager zu schicken. Man verbreitete über die Treulosigkeit des Königs Lügen, eine noch schändlicher wie die andere. Man schmeichelte dem Pöbel, man brachte ihn durch öffentlich angeschlagene aufrührerische Anreden und Zusprüche in Wuth; man riß dagegen alle Verteidigungen des Königs herunter und verhinderte ihre Bekanntwerdung. Man gewöhnte den Pöbel nach und nach durch strafbare Nachsicht und Beschönigung einzelner Verbrechen, wie die Mißhandlung des unschuldigen d'Espréménil, zur Grausamkeit. Am 8. August wurde in der Nationalversammlung die Sache Lafayette's, des tödlich gehaßten, von den Jakobinern verhandelt. Nur Groll und Verleumdung konnten ihn strafbar finden, die Wahrheit nicht. Die Mehrheit in der Nationalversammlung war gerecht, mit vierhundert gegen zweihundert Stimmen sprach man ihn frei. Das war ein Schlag für die Jakobiner. Jetzt hieß es, sterben oder siegen, jetzt hielt man alle Mittel für erlaubt, um zum Zwecke zu kommen. – Die Glieder der Nationalversammlung, welche für Lafayette gestimmt hatten, wurden beim Hinausgehen aus der Nationalversammlung schändlich vom Jakobinerpöbel mishandelt. Das Leben mehrerer kam in Gefahr, nur glückliche Zufälle haben es gerettet. Dies verscheuchte sie aus der Nationalversammlung. Viele wurden krank, viele kamen nicht wieder, oder wenigstens waren sie fortan stumm. Denselben Tag schwuren die Föderirten in der Versammlung der Jakobiner, am 10. das Schloß der Tuilerien zu belagern, zu stürmen. Man unterstützte sie darin. Man verfluchte die vierhundert Glieder der Nationalversammlung, die für Lafayette gestimmt hatten, und erklärte sie für vogelfrei. Man bereitete alles Mögliche vor, trieb die Gemüther durch die schändlichsten Erdichtungen aufs Aeußerste; die Rechtschaffenen, Hellsehenden verzagten. Das Departement von Paris, brave, redliche Männer, that alles Mögliche, dem drohenden Uebel zu wehren; dasselbe hatte aber keine Gewalt mehr, es wurde von der Municipalität nicht unterstützt, seine Bemühungen waren eitel. Dagegen sandten die Sectionen von Paris Commissare auf das Stadthaus, die sich zum Rathe der Gemeinden constituirten, sie bemächtigten sich der Polizei und behielten niemand von den alten Verwaltern derselben bei als den Maire von Paris, Pétion, und den Procureur de la commune , Manuel, zwei Erz-Jakobiner. In der Nacht vom 9. auf den 10. läutete man die Sturmglocken, schlug man den Generalmarsch. Alles, was Waffen tragen konnte in der Vorstadt Saint-Antoine – dem Herd der Jakobinergewalt – in der Vorstadt Saint-Marceau u. s. w., lief zusammen, bewaffnet mit Piken, Ofengabeln, Werkzeugen aller Art, zum Theil auch mit Gewehren. Zu diesem Haufen gesellten sich die fünfhundert Föderirten, alle unterm Gewehr. Der Rath der Gemeinden theilte auf dem Rathhause diesem Haufen Patronen im Ueberfluß aus. In derselben Nacht gab er einen Arrestationsbefehl gegen den Generalcommandanten der pariser Nationalgarde. Um neun Uhr morgens am 10. zogen die bewaffneten Haufen, sich geberdend wie rasend Tolle, vorbei an meinem Fenster, den Tuilerien zu, dem Aufenthalte des Königs. Ich verließ sogleich mein Zimmer, um zu sehen, was es geben würde, und kam noch vor Ankunft der Horde in den Garten der Tuilerien. Ich sah einen großen bewaffneten Haufen von braven Schweizern und Nationalgarden langsam vom Schlosse weg gegen die Nationalversammlung sich hinbewegen. Der König, seine Schwester, seine Frau und seine beiden Kinder waren in ihrer Mitte. Der brave Röderer, Generalprocurator des Departements, unfähig, zur Ruhe noch etwas zu wirken, hatte den König gebeten, sich mit den Seinigen in die Mitte der Nationalversammlung zu begeben, der einzige Weg, um sein Leben zu sichern. Ich sah den König hineingehen und war glücklich genug, mich auch hineinzudrängen. Nie vergesse ich diesen merkwürdigen Anblick. Der König stellte sich zur Seite des Präsidenten; die Frauenzimmer setzten sich gegen über auf eine Bank an die Schranken der Nationalversammlung. Aber der König durfte da nicht bleiben, weil die Constitution in seiner Gegenwart den Gliedern der Nationalversammlung zu verhandeln verbietet, und ihre Verhandlungen waren doch notwendig. Es entstand die Frage, wo ihn hinthun? Während der Berathschlagungen darüber lag der König, auf seine Hände gestützt, mit dem Bauche halb über dem Tische, der vor dem Präsidenten stand. Kindisch, läppisch und gutmüthig, sorglos und unbekümmert in diesem ernsten gefährlichen Augenblicke, auch ohne die mindeste Spur von Würde, von Ueberlegung, von Ideenarbeit, hörte er den Reden der verschiedenen Mitglieder für und wider ihn zu, ungefähr wie einer, der zum ersten male so etwas hört und in einer dummen Erstarrung halb lachend zu sich sagt: »Das ist doch närrisch.« Gegenüber saß die Königin, in deren Gesicht man erstaunt war, alles das gleichsam doppelt gehäuft zu finden, was man beim Könige vermißte. Sie hatte Rock und Kamisol an von Blumenzitz mit weißen Blumen, ein einfaches weißes Tuch ohne Spitzen und Verzierung um ihren Hals, eine Art von Haube auf ihrem Kopfe. Sie hatte den Dauphin auf ihrem Schose, einen kleinen bildschönen Knaben. Sie drückte ihn zuweilen an sich mit Beklemmung, als dächte sie, was wird aus dir werden? Sie sah tiefsinnig und kummervoll von Zeit zu Zeit um sich her; sie faßte mit Ernst und ohne Verachtung jedes Mitglied der Versammlung, dem in diesem Augenblicke der Schonung und Menschlichkeit unglimpfliche Ausdrücke entschlüpften, ins Auge. Ich versichere Sie, die Königin war sehr rührend in diesem Augenblicke. Sie ist nicht so schlecht, wie Parteisucht und Privathaß sie gemacht haben, und wie ich selbst anfänglich glaubte. Ich habe seitdem viele Züge von Edelmuth und Menschenliebe von ihr gesammelt. Sie war ausschweifend und verschwenderisch, wie die meisten Weiber von Paris, aber beides hingerissen, arglos und ohne Berechnung der Folgen. Wohlwollend und gütig von Natur, hat sie auch manches Leiden getröstet. Ihre Fehler hat sie hart gebüßt, ihre Haare sind grau geworden seit acht Monden. Ihre Fehler schienen mir nie verzeihlicher als in der Nationalversammlung, wo ich ihr gegenüber den bemitleidenswerten, guten, armen, unvermögenden Ludwig XVI., ihre große Entschuldigung, sah. – Dem Könige und seinem Hause wurde endlich eine Loge zur Seite des Präsidenten angewiesen; es war eine Loge mit Gitterwerk. Er wurde der fernern Beobachtung entzogen. Der brave Röderer hielt darauf einen Vortrag, worin er auseinandersetzte, was er zur Erhaltung der öffentlichen Ruhe hatte thun wollen und nicht können. Er sagte, er habe der Schweizergarde Befehl gegeben, nicht anzugreifen, aber Gewalt mit Gewalt zurückzutreiben, wenn man das Schloß bestürmen wolle. – Bald darauf hörte mau die ersten Kanonenschüsse. Die Nationalversammlung erstarrte auf einige Augenblicke, man sprach hernach, wie es mir schien, aus Angst. Ich entfernte mich aus der Versammlung und war späterhin immer in der Nähe des Gefechts, weil ich nicht mehr zurückkonnte, denn alle Zugänge zu der Nationalversammlung waren besetzt und man feuerte von allen Seiten. Die Horde von Pikenträgern und Föderirten war gegen das Schloß gezogen und hatte die Schweizergarde aufgefordert, es zu übergeben. Diese hatte sich geweigert. Die Föderirten feuerten die Schweizer nieder. Auf beiden Seiten lud man die Kanonen mit Kartätschen. Die Schweizer, kaum tausend Mann, verließen sich auf die Stütze der Nationalgarde, aber diese ließ sie schändlicherweise im Stich, floh zum Theil, machte zum andern Theil gemeinschaftliche Sache mit der angreifenden Horde. Die armen Schweizer, bestürmt von allen Seiten, überwältigt von der Menge, streckten endlich das Gewehr; im Gefechte waren ihrer nur wenige geblieben. Aber jetzt, nachdem sie sich ergeben hatten, fiel man über sie her, zwanzig über einen, und ermordete sie jämmerlich. Man schlug sie todt, wo man sie fand; in den meisten Straßen von Paris lagen Leichen. Ich habe schauderhafte Scenen gesehen; man warf sie lebendig ins Feuer; man hat sie hingeschunden und verstümmelt. Weiber, immer die wüthendsten wie grausamsten, sogen ihr Blut. Selbst die todten Körper blieben von keiner Art der Mishandlung frei. Abends wurden die verstümmelten Leichname, dreißig bis vierzig, auf einem Wagen fortgefahren, oben auf dieselben setzten sich Pikenträger, triumphirend, immer gegen die todten, nackten Körper noch wüthend. – Die zerrissenen Kleidungsstücke der Schweizer, ihre Köpfe auf Stangen, wurden im Triumph umhergetragen, ja der Pöbel suchte die Schweizer auch in den Häusern auf, in denen sie Thürhüter waren. – Und diese braven Schweizer, alle folgten ihrer Ordre, verteidigten ihren Posten und thaten also ihre Pflicht. – Es sind außerdem viele Menschen erschlagen worden, und auch von der Partei der Horde sind im Gefechte eine große Menge geblieben. Auf dem Schlosse ist alles zu unterst und oberst gekehrt, alles verwüstet. Viele kleine Häuser da herum, Kasernen und dergleichen stehen im Feuer. Der König wurde an demselben Tage seiner Amtsverrichtungen entsetzt, seine Einkünfte sind eingezogen, denn kein Mensch in der Nationalversammlung wagte der herrschenden Partei zu widersprechen. Der Pöbel schwärmt noch heute wüthend umher in den Straßen, reißt die Bildsäulen der Könige, diese Meisterstücke der Kunst und die Zierden der öffentlichen Plätze, nieder. Sogar die Statue Heinrich's IV., des besten der französischen Könige, ist nicht verschont geblieben. Die Gutgesinnten fürchten noch größere Ansschweifungen, denn der Pöbel ist Meister, Zucht und Ordnung sind verloren. – In der Nacht vom 10. auf den 11. war ganz Paris, wie es in Zeiten der Gefahr zu geschehen pflegt, erleuchtet; aber wie schaurig war diese Erleuchtung! In den Straßen, sonst unablässig voll Gewühl, voll Getümmel, voll Wagen und voll Menschen bis spät nach Mitternacht hin, bewegte sich keine Seele, als hin und wieder eine langsam auf- und abziehende Patrouille, als hier und da ein scheuer, einzelner, schleichender Mensch. Die Würger waren satt und müde für diese Nacht, oder trunken von dem aus königlichen Kellern geraubten Weine. Aber die guten Menschen hatten sich in den Häusern verschlossen; sie ließen sich nicht sehen; sie schienen die Geister der Erschlagenen zu fürchten. – Auch heute am Tage sind noch alle Läden geschlossen, alles Gewerbe, alle Betriebsamkeit unterdrückt. Es ist dumpfig, öde und grauenvoll in Paris. Hier ist nun alles den Jakobinern unterworfen, wo nicht aus gutem Willen, doch aus Furcht. – Man will alle Offiziere der Armee an der Grenze entlassen. Die würden ohnehin nicht bleiben, sowenig als die Armee selbst. Aber wird Lafayette aus Paris marschiren? Werden die Oesterreicher und Preußen Widerstand finden? Und wenn sie nun hierher kommen, wird der Herzog von Braunschweig Wort halten und keinen Stein auf dem andern lassen in einer Stadt, die jetzt nach dieser Erklärung aufs neue so schreckliche Frevel aufhäuft? Es ist doch nichts erbärmlicher als feige Männer! Wären die Nationalgarden nicht so erbärmliche unmännliche Menschen, so wäre alles das nicht geschehen, so seufzte man jetzt nicht in der schändlichsten Sklaverei. Es gibt nur Eins, womit man sie allenfalls entschuldigen kann, das ist, daß sie keinen klugen Anführer hatten, aber dennoch bleibt das Obige wahr. Ich habe um so lieber diese Nachrichten etwas weitläufiger mittheilen wollen, weil ich beinahe überzeugt bin, daß keine unentstellten Nachrichten in öffentlichen Blättern erscheinen werden. Die Zeitungen von Paris, welche nicht jakobinisch sind, erscheinen entweder gar nicht oder schweigen von diesen Begebenheiten; viele können nicht erscheinen, denn man soll ihre Redacteure, welche in ihren Blättern bisjetzt immer das Recht verteidigten, in ihren Häusern ermordet haben. Viele redliche, durch unbefangene, laut geäußerte Wahrheitsliebe ausgezeichnete Männer sind umgebracht. Es gehört viel Klugheit und Gewandtheit dazu, in diesen Tagen sich durchzubringen, ohne doch wider Gewissen und Ueberzeugung zu reden. Aber durch Ansichhalten zur rechten Zeit und durch freimüthige Aeußerung der wenigen Wahrheiten, die allgemein gefallen, und die jeder auf seine Art nimmt, läßt sich viel gewinnen. – Ein Fremder läuft überdies weniger Gefahr als ein anderer. – Seid meinetwegen unbesorgt. Nachschrift. Der König ist mit den Seinigen noch immer innerhalb der Nationalversammlung, wo man ihm einstweilen ein Logis zurechtgemacht hat. Es ziehen noch Horden in den Straßen umher, welche den Kopf der Königin verlangen. Man kann für jeden gewürgten Schweizer sechs Föderirte und Pikenträger rechnen, die im Gefechte geblieben sind. Die Pikenträger nahmen schon die Flucht, aber in dem Augenblicke, wo ein wenig Standhaftigkeit der Nationalgarde der guten Sache die Oberhand gegeben hätte, kehrte sich diese auf ihre Seite und feuerte mit der Kanone gegen das Schloß. Auch die Föderirten von Marseille und Brest hatten sich einer Kanone bemächtigt. So unterlagen die Schweizer. Gestehen muß ich, daß nicht so viel geraubt und geplündert worden ist, als sich hätte erwarten lassen. Aber die Wuth des Volks und seine Grausamkeit überstieg alle Grenzen. Das Volk ist gereizt, verführt, verblendet. Wehe Pétion, wehe allen denen, die es verschuldeten; wahrscheinlich ist der Tag der Rache nicht fern! Für die Pariser ist jetzt nur eine Partei vernünftigerweise ergreifbar, mit den Jakobinern, welche nun einmal die Oberhand haben, sich zu vereinigen, gleichviel ob sie recht oder unrecht haben, mit ihnen gemeinschaftlich sich gegen den anrückenden Feind zu wehren, zu siegen, oder sich unter den Trümmern der Stadt begraben zu lassen. – Alles Aeußerste, Uebertriebene ist nicht von Bestand. Aber die Pariser mit ihrem auflodernden Strohfeuer kennen überhaupt die Tugend des festen beharrlichen Muthes nicht. Was werden sie ausrichten gegen die stämmigen, erst durch die Dauer des Gefechts begeisterten Deutschen. Lebt wohl, meine Lieben.« Wie die Briefe Bollmann's bis auf wenige durch die Erzählung bedingte Aenderungen meistens Originalbriefe sind, so ist auch dieser Brief getreu dem Originale, das sich in der reichhaltigsten Autographensammlung, die wir wahrscheinlich in Deutschland haben, nämlich der des verstorbenen Archivraths Kestner zu Hannover, befindet. Der Brief ist sehr flüchtig, beinahe unleserlich geschrieben, mit vielen französischen Wendungen und Wiederholungen, und ist nur in stilistischer Hinsicht wenig geändert. (Ohne Unterschrift.) Achtes Kapitel. Der 10. August im Walde. Das hessische Städtchen Witzenhausen ist einer der nördlichsten Punkte in unserm deutschen Vaterlande, wo man im Schutze des Werrathales Weinbau betreibt. Freilich ist der Witzenhäuser noch berüchtigter als der Grüneberger in Schlesien, den wir doch mit Hülfe der industriellen Magdeburger so oft für Saint-Julien oder unter dem Titel eines noch feinern Château-Weines trinken. Aber witzenhäuser Kirschen, Aprikosen, Birnen, Pflaumen und Weintrauben haben einen guten Markt in Kassel und Göttingen, wohin sie auf dem Rücken geschleppt werden, und Witzenhausen ist ein trauliches Oertchen, sein Johannisberg ein viel gesuchter Vergnügungspunkt. Im August des Jahres 1792 sah es freilich sehr trübe aus im Werrastädtchen, die Einwohner machten Gesichter wie der graue Himmel, die ganze Jahresernte war dahin. Schon waren die Kirschen verregnet, die Aprikosen wollten nicht gelb, nicht roth und weich werden, sie blieben grün, die Trauben waren klein und steinhart, man konnte nicht hoffen, auch nur für ein paar Albus zu verkaufen, und doch war der ganze Ort auf Obstbau angewiesen. Auch die Bohnen wollten nicht reif werden, sie verfaulten auf den Feldern, und in den Thälern der Werra pflegte man statt Weizen und Roggen Krupbohnen (Krautbohnen) zu ziehen, deren weißer Kern als Winterspeise ganz Norddeutschland mit seinem mehligen Inhalt erfreute. Ein junger Wanderer, sein Ränzel auf dem Rücken, einen derben Eichstock in der Hand, hatte die Wasserscheide zwischen Fulda und Werra, den Nieder-Kaufunger Wald überschritten, er kam von Kassel und war ermüdet, hungerig und durstig. Im Goldenen Hirsch neben der Rathsapotheke am Markte forderte er bescheiden ein Glas Milch, Butter und Brot und erkundigte sich bei der Wirthin, wie weit Mollenfelde noch entfernt sei, und ob er es vor Abend noch erreichen und ohne Führer finden könne? Die freundliche Wirthin, welche in dem Wanderer unschwer den Candidaten der Theologie erkannt, und, da ihr Sohn gleichfalls Candidat der Gottesgelahrtheit war, ihn mit großer Zuvorkommenheit und Artigkeit empfing, gab die erwünschte Auskunft. Die Chaussee, welche Witzenhausen mit Münden verbindet, existirte damals noch nicht; wie lange wird es dauern, so ist sie ganz verödet, und das schnaubende Dampfroß wirbelt zwischen den grünen Bergen am Ufer der Werra seine schwarzen, schmuzigen Rauchsäulen empor! Die Wirthin erquickte nicht nur den jungen Candidaten, der niemand anders als Heinrich Schulz war, mit Speise und Trank, sondern beschrieb ihm auch mit großer Bereitwilligkeit den Weg, den er wandern müsse. Er solle nur immer dem Laufe der Werra folgen; ehe er an den Flecken Hedemünden und die hannoverische Grenze komme, werde er rechts aus dem Thale das Schloß Berlepsch hervorschimmern sehen. Dem Hübenbache folgend müsse er, sobald er am Fuße des Hauses Berlepsch ankomme, rechts bergan steigen, dann werde er Mollenfelde und das Försterhaus, obgleich es im Walde beinahe versteckt liege, wol finden. Das Mischdorf Mollenfelde habe ich in meiner Jugend, vor vierzig Jahren, oft besucht; am Himmelfahrtstage und an den beiden Pfingsttagen pflegte sich dort die ganze Umgegend auf mehrere Stunden im Umkreise ein Rendezvous im Grünen zu geben, d. h. auf dem Jägerhofe, der im herrlichsten Waldgrün etwa eine Viertelstunde vom Dorfe entfernt lag. Man lagerte sich im Grünen oder saß an langen Tischen in der Nähe eines großen Tanzzeltes, aus dem schon am frühen Nachmittage lustige, kecke Geigenstriche und häufig incorrecte Clarinettentöne zum Tanz aufforderten. Wer weniger tanzlustig war, der zog sich mehr in den Wald zurück, wo namentlich ganze Familien, die für Essen und Getränke selbst sorgten, im Kreise um die Feuerstelle, auf der der Kaffee bereitet wurde, herumlagerten. Liebespärchen absentirten sich noch tiefer in das Gehölz nach Eichenberg zu, durch seinen von Clauren besungenen Wunderbrunnen bekannt. Nachmittags gegen vier Uhr pflegten dann am Himmelfahrtstage ganz regelmäßig Scharen göttinger Studenten und göttinger Philister auf der Rückkehr von dem üblichen Himmelfahrtsausfluge nach dem Haustein hier Rast zu machen, auch wol bis in die Nacht zu tanzen, und die hübschen Witzenhäuserinnen, wie Damen aus Hedemünden und Münden, die Pastoren- und Förstertöchter von Meensen, Jühnde u. s. w. tanzten recht gern mit den buntkäppigen Musensöhnen. Der Förster reichte den Hungerigen Schinken und Mettwurst, süße und sauere Milch, Branntwein, Wein und kasseler Felsenbier, je wie der Beutel reichte. Mit Einbruch der Nacht fand dann regelmäßig Prügelei zwischen »den blinden Hessen« und »den dickköpfigen Hannoveranern«, welche in dem einen Dorfe zusammenwohnten, statt, aber außerhalb des Tanzzeltes. Man vertrug sich aber wieder, wenn man sich die Kopfe blutig geschlagen hatte, und tanzte auf dem Rasen weiter. Noch vierzig Jahre früher hauste hier der Oberförster Oskar Baumgarten; er war es, der die parkähnlichen Anlagen geschaffen, der das Tanzzelt, das seitdem vielfach erneuert war, hier aufgebaut hatte. Die Oberförsterei, ein sehr altes großes Gebäude, hatte in frühern Zeiten, als in Münden noch welfische Herzoge residirten, diesen als Jagdschloß gedient, dann war es zu einer hannoverischen Oberförsterei umgewandelt, mit der seit uralter Zeit eine Art Schankgerechtigkeit verbunden war. Die Oberförsterei stand seit einem halben Jahrhundert in dem wohlbegründeten Rufe, daß man dort das feinste Glas Wein und den besten Jamaicarum trinke, wohlfeil, weil für dieses alte fürstliche Schloß die Steuerfreiheit fortbestand; der Verkehr, den die Bremer die Werra hinauf nach Thüringen betrieben, gab Gelegenheit, diese Steuerfreiheit auszunutzen. Als Oskar Baumgarten nach Mollenfelde versetzt war, hatte er von der Wirtschaft nichts wissen wollen und von der Witwe seines Vorgängers Wein- und Rumvorräthe nur aus Mitleid übernommen. Allein die Sache hatte sich gegen seinen Willen fortgesetzt. Zu Himmelfahrt und Pfingsten versammelte sich, wie seit Jahren, die ganze Umgegend vor der Oberförsterei; wenn sich auch die Mehrzahl selbst mit Speisen und Getränken zu versehen pflegte, so wurde doch das Forsthaus mit vielerlei Bitten und Ansprüchen bestürmt, die man nicht abschlagen konnte. Man konnte die Menge nicht tractiren, diese wollte auch Milch und Rahm, Butter und Brot nicht umsonst. In der Regel gingen die mitgebrachten Vorräthe zu früh auf die Neige, und den Bittenden und Durstigen konnte doch der Förster einen Trunk aus seinem Keller nicht versagen. Kurz, es ließ sich nichts dagegen machen, Oskar mußte in die Fußstapfen seines Vorgängers treten, wenn er sich nicht mit der ganzen Umgegend verfeinden wollte. Die wirtschaftliche Frau übersah die ökonomischen Vortheile, welche aus der Sache hervorgingen, nicht und richtete sich für diese Frühlingstage ein. Wenn zu anderer Zeit ein einsamer Wanderer oder eine Schar Studenten, die sich Schloß Berlepsch und seinen berühmten Park besahen, in der Oberförsterei ausruhten, so war der blanke Wein, den die hübsche Försterin vorsetzte, oder die Schale Milch mit Brot, Zucker und Zimmt so appetitlich, daß man das Weiterwandern vergaß, und der Ruf der schönen Marianne hatte schon manchen Studenten nach Mollenfelde gezogen. Die Grünen pflegen ein heiteres, offenes Herz zu haben, und das lustige Leben, welches sich an den Himmelfahrts- und Pfingsttagen im Walde entwickelte, wo man auf dem kurzen Rasen nach der schlechtesten Musik tanzte, gefiel Oskar sehr wohl. »Wenn es doch einmal nicht anders geht«, hatte er zu seiner Marianne gesagt, »so will ich es den Leuten auch wohnlich machen«, und er legte einen Tanzboden, überdachte diesen im nächsten Jahre, ließ in der Nähe desselben Tische und Bänke aufschlagen und stellte Moosbänke sowie Lauben her. Mit jedem Jahre wurden die Anlagen vergrößert. Neben dem bedachten Tanzboden war dann noch ein unbedachter für die Bauern gelegt, zwischen beide ein Pavillon für die Musik gebaut. Mit der Musikbande eines in Münden in Garnison liegenden Regiments war ein Vertrag abgeschlossen, und ein um den andern Sonntag war Concert und Tanz vor der Försterei, wenn das Wetter nicht allzu ungünstig war. Das Jahr 1792 war freilich den Vergnügungen im Freien nicht günstig, der Regensommer nebst einem andern Umstande störte die Sonntagsvergnügungen, das Regiment war aus Münden dislocirt, es fehlte an Musik, wenigstens an guter. Dennoch war Oskar in den ersten Tagen des August mit seinem Forstläufer beschäftigt, neue Verbesserungen in seinen Anlagen zu machen. Er versah das Tanzzelt nach der Wetterseite mit einer Breterwand. Der junge Reisende, den wir in Witzenhausen trafen, stieg den Berg hinan und stand bald neben dem hämmernden Förster, ihm die Hand reichend. Dieser kannte ihn nicht. »Aber Schwager«, sagte Heinrich. »Bist du es, bist du wirklich Heinrich Schulz?« »Ja, ich bin's, bin der Candidat der Gottesgelahrtheit, Heinrich Schulz, der zu dir und der lieben Schwester in die grünen Wälder flieht, um des Kummers seines Herzens Herr zu werden.« »Willkommen denn, willkommen«, sagte Oskar, den Schwager umarmend, »eilen wir zu Mariannen, wie wird die sich freuen!« Und sie freute sich sehr, die Schwester Marianne, sie war eine in voller Pracht aufgegangene Rose, sie trug ihr drittes Kind, das erste Mädchen, ihren Liebling und ihr Nestküken, wie sie sagte, auf dem Arme, und die beiden ältesten Jungen, Georg und Karl, saßen bald auf des Onkels Schose. Im Zimmer war es so traulich, an Holz fehlte es nicht, man hatte, wie das am Harze geschieht, trotz des August eingeheizt, aber ein Fenster geöffnet. Marianne brachte für den Bruder den geblümten Zitzschlafrock des Mannes, ihm den nassen Rock abziehend, dann bereitete sie die Abendmahlzeit, eine warme Biersuppe, Butter und Brot, Käse und Schinken und eine Flasche alten Franzweins, die noch vom Vorgänger übernommen war. Heinrich zeigte einen ganz gesunden Appetit, Oskar nicht minder. Nun wurden die Kinder zu Bett gebracht. Marianne holte ihrem Alten die Meerschaumpfeife, für Heinrich die lange Thonpfeife und stellte eine frische Flasche auf den Tisch, nahm das Kinderzeug, an dem sie nähte, zur Hand und sagte: »Mein lieber Bruder, erzähle; wir wohnen hier so einsam und verlassen, mit Ausnahme der Tanzsonntage, daß wir von der Welt wenig sehen und hören. Was macht die gute Mutter? was Vater und Geschwister? Gibt es wirklich Krieg und wo ist Bruder Fritz? Was bringt dich hierher? Kommst du von Göttingen oder von Münden?« »Hast du nicht noch ein Schock anderer Fragen, du Plappermäulchen?« sagte Oskar und gab der Frau einen herzhaften Kuß, »laß Heinrich zuerst von sich selbst erzählen, er kommt hierher, um Herr seines Kummers zu werden, wahrscheinlich Herzenskummer. Heraus mit der Sprache, mein Junge.« »Ihr wißt«, begann Heinrich, »daß es mir gleich nach bestandenem Examen glückte, bei der Witwe des Siebenmeiers Emeyer eine Stelle als Hauslehrer zu finden, in Grünfelde, so nahe bei den Aeltern, so nahe –« »Nur zu«, unterbrach Oskar, »ich kann es mir denken, bei Anna.« – »Ja, bei Anna, meiner ersten Liebe. Ich bin Lehrer zweier Mädchen, von denen die älteste, Therese, funfzehn, die jüngere, Agnes, zehn Jahre alt ist. Die Mutter war die reichste Anerbin in der ganzen Grafschaft, denn außer dem Siebenmeierhofe besaß ihr Vater Omeyer noch einen angeheirateten Vollmeierhof von seiner Frau her, aber ihre Bildung war vernachlässigt. Sie kann nur mühsam im Gesangbuche oder der Bibel lesen und kaum mehr als ihren Namen schreiben, dagegen vortreffliche Butter machen, gut kochen, räuchern, pökeln, Früchte einmachen und Obst dörren, gutes Brot und schönen Kuchen backen. Die Höfe waren im Siebenjährigen Kriege stark mit Einquartierung belastet gewesen, geplündert, der eine gar niedergebrannt. Dieser Neubau hatte den alten Omeyer in Schulden gestürzt, und diesen Schulden wurde die Tochter dann wieder geopfert. Sie mußte wider ihren Willen den zweiten Sohn des reichen Siebenmeiers Emeyer heirathen.« »Was ist denn eigentlich ein Siebenmeier?« fragte die Schwester. »Das weiß man nicht recht«, erwiderte Heinrich, »Karl Haus, mein Freund, hat mir freilich einmal gesagt, der Bischof Adalbert von Bremen habe vor vielen Jahrhunderten die Dekanei zu Bücken mit sieben Meierhöfen dotirt, und die Advocati, Verwalter, Meier auf diesen Höfen hätten sich in der Reformationszeit, man wisse nicht recht wie, zu Eigentümern zu machen gewußt. Das kann aber nicht wohl wahr sein, denn es gibt nur sechs Siebenmeierhöfe, ich glaube daher mit dem Volke, daß der Name daher stammt, weil solche Höfe siebenmal so groß sind als ein gewöhnlicher Meierhof.« »Was gehen uns die Siebenmeierhöfe an«, brummte Oskar, »wir erben doch keinen, erzähle weiter.« »Meine Principalin lebte mit ihrem Manne, der ein roher Bauer war, nicht glücklich; er tyrannisirte sie zwölf Jahre lang, weil sie ihm nur zwei Töchter, keinen Anerben gebar, und so die schönen Güter in fremde Hände fielen. Nach seinem Tode konnte die Witwe durchsetzen, was sie während der Lebenszeit des Mannes nicht vermocht, Sorge tragen, daß ihre Töchter klüger, gebildeter, vor allem vornehmer würden als sie. Es steckt ein bischen Hochmuthsteufel in der guten Frau, sie hat vor allem, was adelich oder vornehm ist, einen ganz ungemeinen Respect; aber sie ist eine sehr gute Frau, die ihre Töchter über alles liebt. Hans Dummeier, ihr Vetter, empfahl mich, als sie einen Hauslehrer suchte, als solchen und ich erhielt die Stelle. Ach!« Heinrich seufzte und ließ den Kopf sinken, schwere Thränen rannen aus seinen Augen. »Aber Heinrich, was fehlt dir«, sagte Marianne, den Bruder küssend und herzend. »Ach, du ahnst wol kaum, daß ich von meiner Kindheit an, seit der Zeit, wo wir die Spritzenhauswohnung verließen, Anna Dummeier liebte, mit jedem Jahre mehr liebte. Sie war mein Ideal während der Schule und Universitätsjahre, ihr Bild hat mich zu nächtlichem Fleiße gespornt, mich vor hundert leichtsinnigen Dingen, vielleicht vor manchem schlechten Thun bewahrt. Selten habe ich mir zwar nur eingebildet, daß sie mich wiederliebe, aber nicht nur in Träumen des Nachts, auch in Phantasien des Tages hatte ich mein Leben und meine Zukunft so innig mit der ihrigen verwebt, daß ich mir keine Zukunft denken konnte als an ihrer Seite. »Ich war ein halbes Jahr in Grünfelde, als an einem trüben Novembertage die gute Mutter mich zu besuchen kam. Sie allein hatte mit sorgsamen Mutteraugen meine Liebe bemerkt, wußte auch längst, daß ich unglücklich liebe. Sie kam, mir das auf die mildeste Weise kundzuthun, mir die Verlobung Anna's mit dem Obergestütmeister Claasing, ich weiß nicht, ob er zu euerer Zeit schon nach Kirnberg hingeschneit war, so schonend wie möglich zu melden. Der Schlag traf mich härter als das Schwerste in meinem Leben, als – du; liebe Marianne, warst damals ein kleines Kind – als dem Vater das Haus verkauft wurde, des Processes wegen, wir nach Klein-Paris ziehen mußten und ich jede Aussicht auf die Rectorschule verlor. Der liebe Gott und Anna Maria haben unsere Geschicke zum Besten gewendet. Der Trost, den mir die Mutter gespendet: »Es gäbe der schönen Mädchen noch mehrere und ich würde wol noch eine finden, die besser zu mir passe als die leichtsinnige Anna, ich würde ein Mädchen finden, das mich mit gleicher Liebe wiederliebe. Liebe ohne Gegenliebe sei nichts, sei Phantasiespuk, bloße Sehnsucht nach Liebe«, dieser wohlgemeinte Trost kam mir so nüchtern, so alltäglich vor, ich blieb mehrere Tage unfähig, meine Schülerinnen ordentlich zu unterrichten und«, er stockte und wurde roth, »meinen Kummer zu überwinden.« Heinrich verschwieg hier etwas, und er selbst wurde verlegen über sein Schweigen und stockte in seiner Erzählung; es tauchte in seiner Phantasie ein neues Bild auf und unterbrach den trüben Gedankengang, dem er sich hinzugeben im Begriffe stand, wie ein Sonnenstrahl durch dunkles Regengewölke bricht. Seine älteste Schülerin, Therese, hatte ihm damals, als sie ihn öfters weinend fand, gleichfalls unter Thränen und Freundschaftsversicherungen das Geheimniß seines Kummers abzulauschen gewußt und ihn auf die naivste Weise durch die Versicherung, daß sie ihm von Herzen gut sei und ewig bleiben werde, zu trösten gesucht. Therese hatte sich sogar an ihn schmiegen und ihn liebkosen wollen. Er hatte sie, die aufknospende Jungfrau mit den Madonnaaugen seiner eigenen Mutter, nicht ohne Selbstüberwindung auf den Standpunkt eines Kindes und einer Schülerin zurückweisen, sie daran erinnern müssen, daß sie eine reiche Erbin sei, an welche die Mutter und die Freundschaft, sobald sie erwachsen sei, andere Ansprüche machen würden, und daß sie vielleicht noch schwerere Opfer zu bringen bereit sein und größern Schmerz tragen müsse als er jetzt. »Ich«, hatte er gesagt, »bin ein armer Candidat, der Sohn eines armen Handwerkers, der vor nicht langer Zeit von Gemeinde wegen im Spritzenhause einquartiert war, und der jetzt ein untergeordneter gräflicher Diener ist. Nur durch Stipendien und Freiliste und die Unterstützung der Gräfin von Wildhausen ist es mir möglich geworden, die Domschule zu besuchen und zu studiren. Ach! Armuth erzeugt Demuth, und der liebe Gott scheint mich dafür bestrafen zu wollen, daß ich so hochmüthig war, meinen Sinn zu Ihrer Cousine, zu Anna Dummeier, zu erheben. Es ist nur ein Gefühl des Mitleids, das Bedürfniß aller guten weiblichen Seelen – zu trösten – welches Sie für Zuneigung halten. So gern ich in diesem Hause bin, so lieb ich Sie und Ihre Schwester habe, so zwingen Sie mich, dieses Haus zu verlassen, wenn Sie dieser kindlichen Grille mehr Gewicht beilegen, als sie verdient, wenn Sie auch nur durch einen Blick kundgeben, daß Sie in mir mehr als einen treuen Lehrer und Freund sehen. Ich würde ja vor Gott, vor Ihrer Mutter und meinem Gewissen nicht verantworten können, wenn ich Ihre kindliche Zuneigung misbrauchte.« »Ich sehe wohl«, erwiderte Therese, in helle Thränen ausbrechend, »daß Sie mir nicht ein bischen gut sind, sonst könnten Sie so garstige Worte nicht reden. Wenn Sie uns verlassen, gehe ich in die Weser!« Therese entsagte, aber sie war nicht geheilt; oft, wenn der Gedanke an Anna Heinrich's Gesicht in den Lehrstunden mit Düsterheit überschattete, blickte sie ihm so bittend in die Augen und erdrückte die schweren Thränen, die ihr aus den Augen quollen, mit den langen seidenen Augenwimpern. Das that denn Heinrich, trotz der Härte, mit der er Therese von sich abgewehrt, unendlich wohl. Heinrich fuhr fort: »Aber jetzt, als Anna's Hochzeitstag kam – er ist morgen – hielt es mich nicht länger in Grünfelde; ich habe meine Herbstferien in den August verlegt und bin zu euch geeilt. Mutter hat uns, wie du dich erinnern wirst, so oft von dem Eindrucke gesprochen, den das düstere Weserthal mit seinen Eichenwäldern auf sie gemacht habe, als sie dem Vater aus dem goldenen Mainz nach Heustedt folgte, daß ich die umgekehrte Reise zu Fuß zu machen beschloß. So bin ich denn stromaufwärts gewandert, über Nienburg und Stolzenau, durch die Porta Westphalica in die Grafschaft Schaumburg. Die Gegend wurde mit jedem Tage schöner und erreichte bei Hameln ihren Glanzpunkt. O! das Thal ist schön, schöner als der Main mit seinen langweiligen Rebengeländen. In Münden zog es mich erst hinüber nach dem Weißen Stein Später Napoleons-, jetzt Wilhelmshöhe genannt. , der aber schon zum grauen geworden ist. Nun bin ich bei euch und will, wenn ihr mich haben wollt, bis Mitte September hier bleiben, will Berge erklettern, in die Wälder mich vergraben und des Grams vergessen.« »Das ist ja prächtig, mein Junge«, sagte der Oberförster und reichte dem Schwager die Hand. »Schlag dir die Dummeier aus dem Kopfe, die war immer ein hoffärtiges, vorlautes, eingebildetes Ding, das dich schon als kleines Mädchen an der Nase herumführte, und dem du als Pferd vor dem Wagen oder als Schulkamerad gut genug warst, die aber lieber auf Karl sah, als auf dich hörte. »Wir wollen einen Feldzugsplan machen, für die ganze Zeit, wo du hier bist. Morgen muß ich in Geschäften nach Dransfeld, da gehst du mit, wir sprechen bei dem Förster in Jühnde vor, wenn du willst, auch bei dem Schwarzrock dort. Du kannst dort bleiben, bis ich zurückkomme, oder wenn's klar ist, begleitest du mich bis zu den Basaltkuppen des Hohen Hagen und schwelgst dort Natur, bis ich nach Dransfeld herniedergestiegen und zurückkomme. Uebermorgen muß ich für meinen Schatzrath einen Hirsch und einige Rehböcke schießen; es kommt der Ausschuß der Kalenbergschen Landschaft zusammen, dem will er ein Diner geben. Sonntag gehen wir nach Hedemünden zur Kirche, der Pastor da ist gut. Nachmittags wird, wenn das Wetter es erlaubt, hier getanzt. Montag muß ich nach Eichenberg, da kannst du mich begleiten und nach dem Hanstein laufen, wenn du willst. Dienstag gehen wir in das Leinholz auf den Anstand, um der Mutter einen Sonntagsbraten zu erlegen. Mittwochs« – »Halt ein«, unterbrach ihn Marianne, »nun komm' ich auch an die Reihe, ich will meinem Bruder die Töchter des Landes zeigen, hübsche Hessinnen links, schöne Hannoveranerinnen rechts. Mittwoch geht's also nach Mensen zu der Oberförsterswitwe, Donnerstag, da mußt du, lieber Mann, anspannen lassen, da wollen wir nach Witzenhausen zu Apothekers, Sonnabend muß ich scheuern, da jage ich euch aus dem Hause, und Sonntag werden alle Freunde und Bekannte zu Mittag eingeladen, ich will mit meinem Bruder renommiren.« So ging es fort, über Tage und Wochen wurde im voraus bestimmt. Wir erinnern uns, daß der Hochzeitstag Olga's und Anna's ausnahmsweise ein Tag des Sonnenscheins war; die Sonne stand noch nicht hoch am Himmel, als Oskar schon seinen Schwager, den Langschläfer, vom Lager aufscheuchte, wo er von Anna und Therese, die unaufhörlich die Köpfe und Gestalten wechselten, träumte. »Der Kaffee steht auf dem Tische und frische Kuchen, die Marianne dir zu Ehren gebacken; spute dich, daß du herunterkommst.« »Wir wollen erst auf dem Rückwege in Jühnde einkehren«, sagte Oskar, als man den Kaffee eingenommen hatte; »da nimm das Fernrohr, auf dem Hohen Hagen kannst du das Brockenhaus bei dem klaren Wetter recht deutlich wahrnehmen, noch besser aber den Hercules auf dem Weißen Stein sehen.« Und in der That, als man nach anderthalb Stunden auf dem Plateau des Hohen Hagen war, bot sich ein Panorama dar, das gewiß mit zu den anziehendsten im nördlichen Deutschland gehört und wenig bekannt ist. Nach Osten die Blicke gerichtet, hatte man über dem göttinger Stadtwald den ganzen westlichen Abhang des Harzes mit seinen Zerklüftungen und den Thaleinschnitten von Osterode, Lerbach, Herzberg, Lauterberg bis Ellrich vor sich. Ueber diese westlichen Abhänge schoben sich der Bruchberg und der Große Winterberg, weiter südlich der Jagdkopf und die Andreasberger Höhen hervor, dahinter aber streckte der alte Brocken seinen dromedarisch gekrümmten Rücken. Weiter nach Süden, im Vordergrunde mit den Gleichen, der Porta Eichsfeldica und dem Rusteberge, erhebt der Rabenkopf sein hohes Haupt. Rechts davon, südlicher, bezeichnete Oskar zwei Punkte als den Kyffhäuser mit dem Rothbart und dahinter den Inselberg in Thüringen. Drehte man sich noch mehr nach Süden, so hatte man das reiche Leinethal zu seinen Füßen und ragten Arenstein, Hanstein, Ludwigsstein mit dem Hintergrunde des langgestreckten Meißner zwischen grünen Wäldern und zahlreichen Dörfern auf ihren Burghöhen hervor. Mehr nach Westen zeigten sich die Contouren des Werrathales durch die davorliegenden Bergeshöhen, unter denen sich die Brackenburg auszeichnete. Dahinter sucht sich der Kauffungerwald mit seinem Luthersberge zuguterletzt noch gegen die Vereinigung von Werra und Fulda zu stemmen, die ihr immerwährendes Hochzeitsfest in dem bergumkränzten Thale von Münden zu feiern eilen. Der nordwestliche Blick bot die Wesergebirge bis hinter Hameln, am rechten Ufer die Bergrücken des Id und bis zum Deister, im Vordergrunde den tiefwaldigen Brammerwald und Solling mit der Bramburg als Ausläufer nach Osten. Im Norden übersah man das ganze Leinethal, bis es durch die Hohe Hufe hinter Eimbeck abgeschlossen wurde. Den Weg an der Heerstraße bezeichnen die Burgen Plesse und Hardenberg. Nachdem Oskar den Cicerone gespielt und Heinrich über alle Berge und Hügel die begehrte Auskunft gegeben hatte, wandte er sich zu seinem Geschäftsgange; nach anderthalb Stunden erwarte er Heinrich dort rechts im Jägerhofe zum Frühstück. Obgleich nun die Aussicht und Fernsicht nach allen Seiten schöner war als die nach Nordwesten, so richtete doch Heinrich seine Augen wie das Fernglas nirgends häufiger hin als dahin, wo er den Deister und seine Ausläufer in der Porta Westphalica zu erblicken glaubte, denn hinter diesem letzten Gebirge lagen nur noch föhrenbewachsene Sanddünen, und dahinter lag Heustedt und lag Grünfelde. Ob sie wol schon morgens getraut werden? dachte Heinrich. Wie lieblich wird Anna als Braut aussehen, diese lachenden Augen, diese reizenden Grübchen, dieser Sammt der Wangen, dieses goldene Haar! Doch plötzlich war es, als wolle sich das Schabernackspiel der Nacht wiederholen, er sah Theresens Gestalt in dem Brautkleide, und die Augen Theresens sahen ihn mit einer Liebe und Zärtlichkeit an, wie sie ihm einst als Kind aus den Augen der Mutter erinnerlich schienen, aus einer Zeit, wo er noch in der Wiege lag. Das Mutterwort: »Liebe ist ohne Gegenliebe nichts als leeres Phantasiegebilde«, fiel ihm wieder ein und durchdrang ihn mit seiner tiefen Wahrheit. Er weilte einige Augenblicke in diesem Gedanken und gestand es sich, wie er doch nicht ungeliebt sei, und er nahm sich vor, Anna's Bild gänzlich aus dem Herzen zu bannen. Ja, wenn das nur so leicht gethan wäre! So saß und träumte er; Oskar war nach Dransfeld gegangen, zurückgekehrt, ohne ihn im Jägerhofe zu finden, er fand ihn noch auf dem alten Platze träumend, das Gesicht nach Nordwest gewendet. Die Tage schwanden, wenn auch das vorher entworfene Programm zu ihrer Ausfüllung nicht immer innegehalten werden konnte, da das Wetter abermals alle seine bösen Seiten herauskehrte und von Aufdenanstandgehen, von weitern Touren nach der Teufelskanzel, Allendorf und dem Meißner verzichtet werden mußte. Nachdem bei den Pastoren, Förstern, Gutspächtern u. s. w. der Umgegend Visiten gemacht, diese bei Baumgartens zu Tische gewesen waren, erfolgten indeß mehr Einladungen, als man annehmen konnte. Heinrich mußte in Hedemünden, in Jühnde und einem hessischen Dorfe predigen, und namentlich die weiblichen Zuhörer lobten seinen Vortrag wie den Inhalt seiner Predigten. So war es Ende August geworden, und jetzt kam der Herr des Hauses Berlepsch, Hofrichter und Schatzrath von Berlepsch, zur Jagd, und sein Sohn, der Drost, kam von Herzberg herüber. Oskar Baumgarten beaufsichtigte die Berlepsch'schen Forsten und beschoß das Jagdgebiet derselben, manches Stück Roth- und Schwarzwild in die Küche nach Hannover liefernd. Der Hofrichter liebte die Geselligkeit, und wenn er auf dem Schlosse war, wurden die Honoratioren der Umgegend, die Förster und Pfarrer, sein Gerichtshalter, der zugleich Advocat und Notar in Hedemünden war, nicht nur fleißig zu den Treibjagden gezogen, sondern auch häufig zum Diner geladen. Heuer, wo das abscheuliche Wetter beinahe jeder Jagd ein Hinderniß war, folgten sich die Einladungen rascher, und Oskar wie Heinrich waren beinahe tägliche Gäste im Hause Berlepsch; dem alten Herrn, dem die Frau längst gestorben war, schmeckte das Essen nicht ohne Gesellschaft. Vielleicht trug aber auch der Umstand dazu bei, daß der alte Herr in Heinrich einen sehr geduldigen Zuhörer fand, den er stundenlang mit einer Menge Reformplanen unterhalten konnte, die er ins Leben gerufen hätte, wenn er Minister geworden wäre. Der eigene Sohn, wie Oskar und andere, hatten das Thema schon zu viele Jahre gehört, um noch Interesse daran zu haben. Eines Tags, Mitte September, als man im Thurmzimmer des Schlosses nach dem Himmel schaute, ob er nicht einmal Erbarmen haben und Gelegenheit zu einem großen Treibjagen geben würde, und der alte Herr, ungeduldig auf den Ruf, daß zum Essen gedeckt sei, sein altes Thema angeschlagen hatte, daß, wenn sein Vetter, der Graf Hardenberg, sich nicht mit dem Prinzen Ernst erzürnt hätte, weil dieser seiner Schwester zu zärtlich den Hof gemacht, dieser das Kurfürstenthum jetzt von London aus beherrschen würde, als allmächtiger Premierminister, und er in Hannover Kammerpräsident sein würde und seine Reformen ins Leben rufen könne, da geschah das bisjetzt unerklärliche, aber so häufig vorkommende Zusammentreffen, es erschien der Wolf in der Fabel. Oskar, der am Fenster stand, machte den Drosten darauf aufmerksam, daß von da, wo sich der Weg in den Park einbog, eine sechsspännige Extrapost angefahren komme. Man holte ein Fernglas herbei und unterschied deutlich die Uniform der preußischen Postillone, und bald hörte man auch aus zwei Hörnern ein lustiges Reiterlied den Berg hinaufblasen. Man machte Conjecturen, wer wol der Insasse der großen prächtigen Kalesche sein möge, ohne das Richtige zu treffen, denn den wirklichen Insassen, den Bruderssohn der Mutter Berlepsch's, den kürzlich mit dem Rothen Adlerorden decorirten und zum preußischen Cabinetsminister ernannten Grafen, später Fürsten Hardenberg, glaubte man ziemlich weit entfernt; der hatte ja Ansbach zu reguliren und preußisch zu organisiren, dessen Markgraf Land und Leute dem Könige von Preußen übergeben und sich seiner Souveränetät gegen eine sichere Leibrente begeben hatte. Und dennoch war es Hardenberg, damals zweiundvierzig Jahre alt, ein großer stattlicher Mann, geschaffen, Weiberherzen im Sturm zu nehmen. Die beiden im »Faust« ausgesprochenen Maximen, die Gunst der Frauen zu erwerben, hatte Goethe aus seinem Munde vernommen, als er mit ihm und Jerusalem zusammen zu Wetzlar war, Hardenberg hatte beide erprobt. Der alte Arndt hat in seinen »Wandlungen und Wanderungen« Hardenberg in Stein'scher Manier angeknurrt, ihn einen homo mulieris genannt. Es ist wahr, Hardenberg hatte viel von der Natur des Alcibiades, Egmont und anderer Herzenseroberer, aber um mit der verhüllend diplomatischen Sprache des Verfassers der »Lebensbilder« zu reden, war nicht diese wunderliche Abhängigkeit und Unabhängigkeit von Julia, Fulvia, Octavia, Kleopatra, die Wahlfrauen abgerechnet, etwas Staunenswertes? Diese Gabe, Menschen in wenig Augenblicken zu gewinnen, etwas nur wenigen Gegebenes? Der Graf kam von Ansbach. Da, wo die Heerstraße von Heiligenstadt sich rechts nach Göttingen wendet, links der Werra sich zuzieht, war ihm der Einfall gekommen, statt direct zum Schloß Hardenberg zu eilen, nach links abzubiegen und dem ältern Vetter eine Ueberraschung zu bereiten. Man setzte sich zur Tafel, an der Hardenberg beinahe die Kosten der Unterhaltung allein trug, denn selbst der redselige Berlepsch schien den tiefsten Respect vor dem jüngern Vetter zu haben. Man unterhielt sich lange und ungenirt über die hohe Politik. Berlepsch hatte dazu die Veranlassung gegeben, indem er es völlig unverständlich fand, wie Preußen der gleichsam durch die Natur gebotenen Stellung zu Oesterreich am 27. August 1791 in Pillnitz habe entsagen können, um sich mit diesem in Freundschaft zum Schutze des in Frankreich bedrohten Königthums und der Niederdrückung der Neufranken zu verbinden. Der Schloßherr zeigte Hinneigung zu dem Neufrankenthum, bezweifelte eine treue und aufrichtige Bundesgenossenschaft des in den Händen jesuitischer Minister liegenden Oesterreichs, sprach von der Macht der Ideale, tadelte das kurz vorher bekannt gewordene Manifest des Herzogs von Braunschweig, obgleich er wußte, daß der als Geheimrath in Ferdinand's Diensten gestandene Vetter, der diesem eigentlich seine Stellung in Berlin verdankte, ein treuer Anhänger des Herzogs war. Der Graf nahm die Coalition in Schutz, vertheidigte aber das Manifest nur schwach, es gieße freilich Oel ins Feuer, nach den neuesten Depeschen, die er von seinem königlichen Herrn erhalten, lasse die Eroberung von Verdun auf eine baldige Niederwerfung der Neufranken hoffen. Sein königlicher Herr weile in Glarieux bei Verdun, die Armee dringe rasch vor, und er werde, nachdem er in wenig Tagen das Nöthige auf dem Hardenberge geordnet, dem Könige ins Hauptquartier folgen, das dann vielleicht schon in Paris aufgeschlagen sei. Der Schatzrath meinte zwar, er fürchte, das werde doch so schnell nicht gehen, das Wetter sei abscheulich, und in Paris organisire man den wahren Widerstand erst, möglich sei sogar, daß das Ding ein Ende mit Schrecken nähme. Auch schiene die österreichische Mitwirkung nicht energisch und kräftig genug. Allein Hardenberg lachte und meinte mit leichtem Sinne: »Ich hoffe, es sollen wenige Wochen vergehen, und ich selbst werde mich in Paris überzeugen können, ob die Pariserinnen durch die Revolution an ihrer Anmuth und Liebenswürdigkeit verloren haben. Jedenfalls werden sie unter der Regierung Ludwig's. XVII. diese bald wiedergewinnen.« Der arme Candidat der Theologie hatte einen Mann von solcher gründlich wissenschaftlichen Bildung, von solcher Höhe und solchem Umfange des Blickes in die menschlichen Verhältnisse, verbunden mit den feinsten, leichtesten, gefälligsten Manieren, noch nie gesehen, er starrte ihn fortwährend an und vergaß darüber Essen und Trinken. Der Graf, der dies bemerkte und den das politische Gespräch ermüdete, erbarmte sich seiner, er fragte ihn auf das leutseligste nach seinen Studien, erkundigte sich nach göttinger Größen, nach Schlözer und Spittler, Eichhorn, Michaelis und Planck, nach Lichtenberg und Bürger, auch nach Heinrich Dietrich, dem Buchhändler; er lobte unsern jungen Freund, daß er sich mit der in Göttingen sonst verrufenen Kant'schen Philosophie beschäftigte, sprang auf Goethe's »Faust« über, aus dem er lange Stellen recitirte, zeigte sich bewandert in allen Fächern der poetischen deutschen Literatur und rühmte namentlich Schiller's neueste historische Arbeit im »Taschenkalender für Damen«. So kam der Tafelschluß – der Champagner war entkorkt, und Oskar wagte auf das Wohlsein der tapfern preußischen Armee, welche die Champagne wol schon erobert habe, in Epernay campire und dort sich an dem edeln Schaumwein selbst labe, ein Hoch! anzustimmen. Wer hätte geglaubt, daß die tapfere Armee nach drei Wochen schon, im traurigsten Rückzuge begriffen, eilen mußte, hinter dem Rhein Schutz zu suchen? – Pfeife und Taback wurde mit dem Kaffee präsentirt, man überließ sich gemüthlichen Plaudereien. »Wie haben dir denn die Ansbacherinnen gefallen?« fragte Berlepsch den Vetter. »Sie sind nicht so warm, zuvorkommend und hingebend als die Wienerinnen und nicht so kalt und heuchlerisch als euere Damen in Hannover; aber, wenn sie lieben, voll Glut und Opfermuth.« »Apropos, lieber Drost«, wandte sich der Graf zu dem Drosten, »ich habe ganz vergessen – die Staatsactionen mögen das entschuldigen – dir meine Gratulation zur Verlobung mit Ida von Vogelsang zu bringen. Ehe ich zum Reichstage nach Regensburg ging, war ich einmal einige Zeit in Heustedt, als Gast des Grafen von Wildhausen. Das waren drei herrliche Weiber, die Gräfin Melusine, die Baronin Bardenfleth und die Vogelsang, deine Schwiegermutter wie die übrigen nicht gar spröde. Gute alte Schule!« Hardenberg schien sich in die Vergangenheit zurückzuversetzen, und zwar in eine angenehme, denn seine schönen Züge verklärten sich förmlich. Der Drost bekam Fahrwasser, er war bisjetzt schweigsam gewesen. »Also lieber Oheim, du kennst Heustedt? Da muß ich dir doch die neueste Anekdote erzählen, die bei der Doppelhochzeit der Olga von Wildhausen und ihrer Milchschwester Anna passirte; ein Skandal, der in Hannover das größte Aufsehen erregt hat.« Und der Drost erzählte nun, was unsere Leser bereits wissen. Heinrich wurde es warm und kalt bei dieser Erzählung; weder der Schloßherr noch sein Sohn ahnten, daß und in welcher Beziehung er und Oskar zu Heustedt und den Personen ständen, von denen man sprach. »Da strafen sich die Sünden der Väter und Mütter«, sagte der Graf; »kein nobler Blutstropfen mehr in diesen Schlottheims, trotz des uralten Adels. Die Großmutter war Maitresse Georg's II., vom Manne selbst in der Göhrde verkuppelt, es gelang ihr aber nicht, die Schulenburg zu verdrängen; die Mutter suchte sich Liebhaber aus allen Ständen; der Geheimrath hatte selbst stark gelebt in Wien und Berlin und ließ es geschehen. »Dieser Gestütmeister, von dem du erzählst, muß derselbe sein, der mit der Karoline Mathilde von Kopenhagen kam, eine Creatur Struensee's, aus der Hefe des Volks, von dem man arge Dinge erzählt. Er soll noch lange im Solde der Giftspinne Juliane gestanden haben, das wird kaum ein gutes Ende nehmen, diese Doppelhochzeit!« Man war auf ein Kapitel gekommen, das unerschöpflich war, auf die Entartung des hannoverschen Adels durch die Maitressenwirthschaft seit der Zeit des Kurfürsten Ernst August. Hardenberg wie Berlepsch waren äußerst bewandert in allen den geheimen und öffentlichen Liebesaffairen der beiden ersten George, und man zählte die wenigen Familien auf, die sich rein erhalten von dem Versuche, durch Gattinnen und Töchter Gunst und Ehrenstellen zu gewinnen. Heinrich winkte dem Schwager mit den Augen zu, dieser verstand endlich, und man verabschiedete sich. Als man ins Forsthaus zurückgekehrt war, erklärte Heinrich, er werde morgen abreisen, es wäre ihm, als müsse er Anna aus einer großen Gefahr befreien. In der Nacht träumte er denn wirklich, Claasing wäre ein neuer Blaubart und erdrossele seine Anna. Am folgenden Tage brachte Oskar den Schwager nach Göttingen, wo er zwei Tage sich aufhalten mußte, um die Abfahrt der Postkutsche, einer federlosen natürlich, die wie ein heutiger Thierwagen aussah, nach Hannover zu erwarten. Drittes Buch. Justus Erich Bollmann. Erstes Kapitel. Wiederfinden. Wer den letzten Brief Bollmann's aus Paris gelesen, der weiß, daß das nicht mehr derselbe Mann war, der in der Französischen Revolution den verheißenen Messias der Juden sah, der voll Glut und Hingebung das Evangelium der Freiheit und Gleichheit der ganzen Welt predigte, der mit Forster und seiner Therese, mit Huber und den andern Demokraten in Mainz auch eine volle Erlösung der Menschheit von aller Knechtung, von Unwissenheit und Schlechtigkeit durch die Freiheit hoffte. Wir wissen aus den von Varnhagen von Ense im ersten Bande seiner »Denkwürdigkeiten« veröffentlichten Briefen Bollmann's an die Staatsräthin Brauer und aus den in unserm Besitze befindlichen Briefen an den Vater und die Freunde aber auch ziemlich genau, wie diese Wandlung vor sich gegangen war. Bollmann war gegen Mitte Januar 1792 nach Strasburg gekommen, wo er in der Familie des Herrn von Türkheim und seiner Gemahlin (Goethe's Lili) seine aristokratische Formen, junge Frauenzimmer, von denen er nicht wußte, ob sie mehr schön oder witzig waren, warme, freundliche Aufnahme und thätige Unterstützung in bedrängten, pecuniären Verhältnissen fand. Den Vater mochte er nicht angehen, der Onkel aus Birmingham, der schon im Januar nach Paris hatte kommen wollen, ließ nichts von sich hören, so kam ihm das freundliche Anerbieten des reichen Bankiers gelegen, und er war nicht blöde, das gebotene Darlehn anzunehmen, trug er doch das Bewußtsein in der Brust, daß die Zeit kommen würde, wo er zurückzahlen könne mit den durch eigene Kräfte verdienten Mitteln. Unser Freund aus Hoya trat in Strasburg zum ersten mal dem politischen Parteigetriebe näher, aber es stieß ihn ab. Die Demokraten im deutschen Club, denen er sich zugesellte, waren wie heute und immer gänzlich uneinig, man gerieth öfter so heftig aneinander, daß die Wache Ruhe stiften mußte. Menschen, die nichts zu verlieren, die nicht einmal etwas zu geben hatten, da sie arm an Gedanken, desto reicher aber an Phrasen waren, drängten sich vor und die Menge fiel ihnen zu. Der Norddeutsche konnte sich kaum Gehör verschaffen, noch viel weniger sich zum Führer emporschwingen, sah die Führerschaft vielmehr in den Händen der unbedeutendsten Menschen. Er sah die Trägheit und Unwissenheit der Masse, er bemerkte als praktischer Mann früh den Fehler, den die Nationalversammlung begangen hatte, indem sie sich mit ihren eigenen Erfahrungen von der legislativen Versammlung ausschloß. Daß von 8000 activen Bürgern in Strasburg im Februar 1792 nur 400 zur Wahlurne gingen, in Paris von 60000 nur 10000, empörte ihn; er sah, wie die Erbitterung zwischen den mit 15 Sous täglich besoldeten undisciplinirten Nationalgarden und den mit 8 Sous täglich besoldeten Linientruppen letztere nothwendig dahin führen mußte, die Constitution und alle Neuerungen zu hassen und eine Stütze des Adels und Königthums zu werden. Justus Erich zog sich zurück. Nun kam auch Anfang März ein Brief vom Onkel mit sparsamem Reisegelde und dem dictatorischen Befehl, sofort in Paris zu erscheinen. Dieser Bruder seines Vaters, ein vierzigjähriger mürrischer Hagestolz, geizig, alles nur nach englischem Krämersinn auffassend, nur mit einer Leidenschaft, gut zu essen und zu trinken begabt, tyrannisirte ihn drei Wochen in Paris auf das schrecklichste. Er predigte dem mit ihm in demselben Zimmer wohnenden Neffen unaufhörlich vom frühen Morgen bis an den späten Abend, daß die ganze Aufgabe der Menschen nur darin bestehe, reich zu werden. Nur wer reich sei, sei auch frei und unabhängig, alles übrige sei Schwindel. Als er abreiste und den jungen Arzt freigab, hinterließ er ihm eine so geringe Summe, daß dieser davon nur wenige Monate leben konnte, selbst wenn er sich weiter nichts gönnte als mittags ein mageres Essen von 30 Sous, abends Endiviensalat und morgens Butterbrot mit Rettich. Justus wollte sich, wie wir aus seinem Briefe an Karl Haus wissen, selbständig machen vom Onkel: er ließ sich als Doctor für Augen- und Hautkrankheiten für nothleidende Arme in öffentlichen Blättern ankündigen, er suchte freilich reiche Patienten. Wirklich fand er sieben oder acht arme, aber nur einen zahlungsfähigen Patienten, einen Abbé, der sich die kleine Zehe am Fuße, die gebrochen war und ihn am Gehen hinderte, für 100 Livres wegoperiren lassen wollte. Aber der arme Mann fiel in Ohnmacht, als Justus sein Messer aus der Verbindtasche nahm, beschwor ihn auf den Knien, von der Operation abzustehen, und zahlte auch natürlich nicht. Die Praxis brachte nichts ein; vergeblich suchte er sich den Buchhändlern in Paris und Karlsruhe als Uebersetzer aus dem Deutschen für die Franzosen, aus dem Französischen für die Deutschen anzubieten. Er hätte verhungern müssen, hätte nicht ein guter Freund strasburgischer Bekanntschaft, ein Handlungscommis, sein Einkommen mit ihm getheilt. Da, in der größten Noth, hatte der Zufall die Blicke der Tochter Necker's, der Frau des schwedischen Gesandten Staël, die damals schon durch ihr Buch über Rousseau sich einen Namen verschafft hatte, auf die Bollmann'sche Reclame gelenkt, die ihr durch ihre Eigenthümlichkeit auffiel. Sie war damals schwanger und von einer unangenehmen Hautkrankheit befallen, sie suchte deshalb die Hülfe eines deutschen Arztes und sandte zu Bollmann. Der Geist dieser Frau zog Justus in so hohem Grade an, daß er in wenig Tagen ihr eifrigster Verehrer war, obgleich sie nichts weniger als hübsch, sondern schon damals kupferroth im Gesicht war, und daß er ihren Liebhaber, den er noch in seinem letzten Briefe an Karl Haus verdammt hatte, für den liebenswürdigsten Menschen erklärte. Er schreibt an seine Base, nachdem er den Geist und die überwiegenden Fähigkeiten der Frau von Staël gerühmt: »Aber von ihrem Herzen würde ich mich umsonst bemühen, Ihnen einen würdigen Begriff zu machen. Diese Frau hat nur einen Freund, den Narbonne, ehemaligen Kriegsminister, und dieser Narbonne ist einer der liebenswürdigsten Männer, die ich jemals gesehen habe. Bei einer sehr ausgebreiteten Menschen-, Welt- und Literaturkenntniß, bei einem unerschöpflichen Fonds von Heiterkeit und Laune, bei einem Geiste, der unablässig durchblitzt in allem, was er sagt und thut, zeigt er gänzliche Verleugnung seiner selbst, die anspruchsloseste Hingebung an die Umgebung und eine in diesen Tagen so seltene altritterliche Offenheit.« Justus wußte aristokratische Vorzüge zu schätzen; im Hause der Staël mit zuvorkommendem französischen Wesen empfangen, noch ehe er eigentliche Hülfe geleistet, reich honorirt, von Narbonne und seinen Freunden als völlig Gleichgestellter und Gleichberechtigter anerkannt: wie hätte das einem dreiundzwanzigjährigen jungen Mann nicht schmeicheln sollen? Arzt der Frau Staël zu sein, umhüllte sein jugendliches Haupt mit einem Glorienschein, der ihm als Arzt die bedeutendste Zukunft in Paris verhieß. Dazu kam nun aber noch, daß er an den Empfangsabenden der Staël zusammentraf mit der Crême der aus der Schule Voltaire's, Rousseau's und Diderot's hervorgegangenen Aristokratie des Geistes, mit Lally-Tolendal, Clermont Tonnerre, Matthieu de Montmorency, welche im Ballhause schon dem Volke geschworen hatten, Lafayette, dem Bischofe von Autun, mit Prinzessinnen und Gräfinnen, alle übereinstimmend mit Friedrich dem Großen, ein Etwas schlechthin als infam zu bezeichnen, das sich seitdem wieder zu wenigstens äußerm Anschein emporgehoben hat, sodaß es gewagt wäre, dasselbe auch nur andeutungsweise näher zu bezeichnen. Das war ein ganz anderer Kreis von Menschen, als mit dem er bisher zu thun gehabt hatte, selbst in Mainz. Da sprudelten an einem Abend mehr Geistesfunken und wurden mehr Witzpfeile verschossen als in einem deutschen Hofraths- und Professorenkreise in einem Jahre; da wurden die höchsten Interessen der Menschheit erörtert, freilich oft in sehr frivoler Weise; da wurden die Schäden des Staats und noch mehr die Schwächen der Staatslenker offen dargelegt, Anekdoten der pikantesten Art aus den höchsten Kreisen erzählt und die Jakobiner verspottet. Justus Erich hatte Gefallen an aristokratischen Formen, sein erster Jugendaufenthalt im Hause des Staatsraths Brauer hatte ihn hochgehoben über das kleinbürgerliche Wesen, das ihm von dem Vaterhause und Hoya angeklebt. Er aß lieber Fasanen und Puter, Wild und Austern als Endiviensalat und Rettich, trank Malvasier, Capwein und Champagner lieber als Wasser, und das alles hatte er im Hause der Staël, wo er gern gesehener Gast war, täglich. Wenn er an die drei Wochen zurückdachte, die er mit dem pedantischen, spleenhaften, kleinlichen Onkel zusammen gelebt, so fühlte er sich in dieser Gesellschaft wie im Himmel. So kann es nicht überraschen, daß er nach und nach gänzlich die Gesinnungen seiner Umgebung annahm; der rohe Demokratenrock aus Mainz machte der feinsten modischen Toilette Platz, der Standpunkt Forster's war ihm bald ein überwundener, er war constitutioneller Aristokrat und Royalist. Nun kam der Schlag vom 10. August, und als man am 15. August Bericht erstattet hatte über die in dem eisernen Schranke Louis Capet's gefundenen Briefe, welche die Verschwörung des Königs und seiner emigrirten Brüder mit dem Auslande gegen das französische Volk klar erwiesen, ging die Hetze auf die Adelichen los. Lafayette sah sich bei dem eigenen Heere nicht mehr sicher, er floh und wurde in schmähliche Gefangenschaft gesetzt, sein Freund, der Kriegsminister Narbonne, versteckte sich bei seiner Geliebten. Bollmann, leicht enthusiasmirt, versprach Narbonne zu retten. Er verschaffte sich vom englischen Gesandten als Hannoveraner zwei Pässe nach England, tauschte diese bei Lebrun gegen französische um, ließ solche von Pétion unterschreiben.. Die Jakobiner hatten Teufelsanstalten getroffen, damit ihnen keins ihrer Schlachtopfer entwische; Paris war nur ein großes Riesengefängniß, in dem man alle reichen Leute eingesperrt hielt; wie schwer das Entkommen war, wissen wir aus der Beschreibung Alfieri's, des gräflichen Freiheitsdichters. Bollmann's Kaltblütigkeit und Muth ließen aber das Wagniß glücken. »An allen Orten, wo wir die Pässe vorzeigen mußten, auf den Wachtstuben, bei den Municipalitäten, an den Thoren«, schrieb er, » suchte ich die Aufmerksamkeit durch frappante Neuigkeiten aus Paris abzulenken, während sich Narbonne, nur englisch sprechend, schläfrig, träge und spleenhaft im Hintergrunde und in meinem Schatten hielt. Ich vertiefte auf jeder Station die Polizeischergen durch zum Theil erdichtete politische Wunderdinge; erzählte, daß man Narbonne gefangen habe, ihm den Proceß machen werde, morgen, und das war wahr, auf dem Carrouselplatze den ersten Versuch machen wolle mit der neuerfundenen Maschine, welche die Köpfe schmerzlos vom Rumpfe trenne, und der Dinge mehr.« Man erreichte England. Narbonne übte seinen Zauber auf den Deutschen. »Er ist unerschöpflich an Witz und an Ideenreichthum«, schrieb Justus Erich, »vollendet in allen gesellschaftlichen Tugenden, er verbreitet Anmuth über das Dürrste.« Die Staël war außer sich vor Freude, sie schrieb an unsern Freund: »Sie haben mir das Leben und mehr als das Leben gerettet. Setzen Sie einigen Werth in das Gefühl, das von meinem Dasein unzertrennlich ist, und nehmen Sie bei jedem Vorgange in Ihrem Leben die Rechte eines Freundes, eines Bruders und eines Wohlthäters in Anspruch.« Nicht minder überhäufte Narbonne unsern Justus mit Freundschafts- und Dankbarkeitsversicherungen, aber der Strom schöner Worte, die er an seinen Retter richtete, machte, daß sich dieser anfangs mehr zurückzog. Man logirte sich in Kensington bei einer schönen Französin, der Madame de la Châtre ein, um die sich in kurzem zwanzig bis dreißig Flüchtlinge sammelten, an deren Spitze Talleyrand glänzte. In seinem Hause wurde Bollmann untergebracht, da es bei der Châtre anfing überfüllt zu werden. Narbonne hatte außer mit Worten seine Dankbarkeit auch dadurch gegen Bollmann zu erkennen gegeben, daß er ihm ein Document überreichte, welches eine lebenslängliche Rente von 50 Guineen für seinen Retter aussetzte. Auch hier wurde unsers Freundes ärztliche Thätigkeit wieder in Anspruch genommen durch die Madame de la Châtre, welche bei der Nachricht, daß ihr Geliebter, das frühere Mitglied der Nationalversammlung, Jancours, gefangen genommen und in die Abbaye geschleppt sei, beinahe wahnsinnig wurde und in fürchterliche Krämpfe fiel. Jancours wurde auf die Fürsprache der Frau von Staël bei Manuel am Abend vor dem Gemorde vom 2. September gerettet. So sammelten sich die alten Kreise bald in Kensington an der Tafel der Châtre. Die Lage Bollmann's war interessant und genugthuend für ihn, er studirte Voltaire und Rousseau und die Menschen, in deren Umgebung er lebte, Menschen, welche sehr liebens- und lobenswürdig ihr Vermögen und ihren Rang dem Staate geopfert, weil sie die Notwendigkeit einsahen. Die Männer, die sich hier als Flüchtlinge zusammengefunden, waren es gewesen, die in der Augustnacht von 1789 auf Noailles' Vorschlag dem Feudalwesen und den Privilegien ein Ende gemacht hatten. Wie kam es nun aber, daß Bollmann, je länger er in diesen aristokratischen Kreisen lebte, wieder demokratischer wurde, daß er einsah, wie diese Männer keine Stützen des Staats und keine Retter desselben sein noch jemals werden könnten? Justus Erich erkannte bald, daß diese feingebildeten, die Freiheit liebenden Männer durch Ueppigkeit und Vergnügungen verdorben waren, daß ihnen die Redlichkeit und Aufopferungsfähigkeit des Herzens und die Männlichkeit des Thuns fehlten. Man lebte und webte in Witz und opferte einem guten Witz das heiligste Gefühl für das Vaterland. »Man spricht«, schreibt er an seinen Vater und an Karl Haus, »von den Staatsangelegenheiten, um sich über diese oder jene Persönlichkeit lustig zu machen, oder um zu zeigen, wie verständig man sei, wie man Montesquieu studirt habe. Man kommt im Disputiren bald außer sich, aber das Herz bleibt kalt; man fühlt, daß nur Eitelkeit und Selbstliebe die Streitenden in Wallung bringt. Zuletzt kommen ein paar Herren und Damen überein miteinander, setzen sich vor den Kamin und machen einen Plan zur Errettung des Staats, den sie morgen oder übermorgen betreiben wollen, nachdem diese oder jene Lustbarkeit vorbei ist. Es ist unglaublich, wie fein, wie richtig ein guter französischer Kopf selbst über die verwickeltsten Dinge urtheilt, aber man darf nicht lange von demselben Gegenstande sprechen, sonst wird die Unterhaltung den Leuten zuwider. Und statt schließlich selbst etwas zu thun, Hand anzulegen an die Verwirklichung eines guten Gedankens, geht man lieber in die Komödie.« Bollmann war froh, als sich der Kreis in Kensington trennte, und er statt bei dem gewesenen Bischofe von Autun mit seinem Freunde Heisch in London Coffeehouse von Ludgate-Hill wohnte. Es war Ende Mai 1793, als Vollmann im allgemeinen Gastzimmer des ebengenannten Kaffeehauses auf seinen Freund Heisch wartete, um mit ihm eine gemeinsame Spazierfahrt zu machen, und einmal etwas Grünes zu sehen zu bekommen, wonach sich der Deutsche immer sehnt; man wollte nach Windsor fahren, und Heisch war gegangen, einen Wagen zu miethen. Als Justus nun so an dem Fenster stand und die vorbeiwogende Menge betrachtete, fiel ihm eine Gestalt auf, die auf das Kaffeehaus zuschritt, in den Saal trat, eine Bestellung machte und nach der Zeitung griff. Der Ton der Stimme überwand den letzten Zweifel bei Justus, er stürzte dem Angekommenen in die Arme, es war Karl Haus, mit dem ihn der Zufall zusammenführte. Der Jugendfreund mußte erzählen, das war leicht gethan. Er war Privatsecretär des Grafen von Münster; dieser hatte von Georg III. im Anfang des Monats Befehl erhalten, unverzüglich in London zu erscheinen, und hier erhielt er von dem Könige einen höchst delikaten Auftrag. Prinz August, später Herzog von Sussex, hatte sich im vorigen Monat zu Rom mit der ebenbürtigen Tochter des John Murray, Grafen von Dunmore, der schönen Lady Auguste Murray, verheirathet, ohne Einwilligung ihres Vaters, daher nach der Royal marriage act von 1772 ungültig vermählt. Graf Münster sollte den Herzog, der seine Gattin außerordentlich liebte, bewegen, diese zu verlassen und nach London zu kommen. Man wollte gegen die Lady inzwischen bei dem erzbischöflichen Gerichte in London einen Proceß anstrengen. In wenig Tagen sollte Münster über die Alpen nach Rom reisen, und Karl sollte ihn begleiten. Dieser fühlte sich in seinem neuen Verhältnisse wenn nicht durchaus befriedigt – der Adelstolz des Grafen machte sich bei aller Freundlichkeit, mit der er den Privatsecretär behandelte, doch zuweilen, wenn auch selten, geltend – dennoch zufrieden. Das Bildniß Olga's war in seinem Herzen festgewurzelt, aber er dachte ohne großen Schmerz an sie, hatte er doch das Geständniß ihrer Gegenliebe. Er haßte den Grafen Schlottheim von innerstem Herzen und träumte von einer Möglichkeit, die Geliebte dem Wüstlinge noch einmal abzuringen, und sollte es mit der Pistole in der Hand sein. Indeß kam Heisch mit dem Wagen, und da Münster an jenem Tage bei dem Könige in Kent war, konnte Karl an der Ausfahrt theilnehmen. Als man das Geräusch der Weltstadt hinter sich hatte, mußte Bollmann erzählen. Wir kennen seine Schicksale bis Mitte October, wo er sich von Talleyrand trennte und mit Heisch in das Kaffeehaus von Ludgate-Hill zog, hören wir selbst, was er weiter erzählt: »Die Staël verließ England, um ihren Vater in Genf zu besuchen, Narbonne ließ nichts von sich hören, er, der mir tausendmal die Versicherung gegeben, daß er durch seine Connexionen mich in die Bureaux von Pitt oder Grenville bringen würde, um mir eine politische Laufbahn zu eröffnen, zu der ich wie geschaffen sei. Denn aufrichtig, lieber Karl, mein Stand als Arzt ist mir zuwider geworden. Ich bin zu der Ueberzeugung gelangt, daß man, um in der Laufbahn eines Arztes glücklich zu sein, entweder keinen Verstand haben, oder seinen Verstand gefangen nehmen und gläubig an ein System werden, oder roh genug sein muß, um von Vorurtheilen der Leute Nutzen zu ziehen, das Geld in die Tasche zu streichen und ins Fäustchen lachen zu können. In der Arzneikunst ist bis auf ein paar unwidersprechliche Wahrheiten fast alles Charlatanerie. Wer eine gute Constitution hat, wird bei vernünftiger Diät ohne uns gesund, wer siech ist, den halten wir hin, aber was hilft das Leichenmarschirenlassen? wie Rousseau sagt. Wir haben eine ungeheuere Menge von Wahrnehmungen und Erfahrungen, aber wir begreifen fast keine einzige davon, und gegen die Behandlung eines Kranken, von der sich unser Verstand Rechenschaft ablegen kann, müssen wir Hunderte behandeln, wo wir nur geschäftig scheinen, um die Leute zu befriedigen. Von Hippokrates bis heute lassen sich zuverlässig funfzig Curmethoden aufzählen, die einander offenbar entgegengesetzt sind, und in jeder Methode zählt man große, berühmte, glückliche Aerzte. Ich kann kein Charlatan sein, kann mich nicht verstellen, und würde darum kein gesuchter Arzt werden. Raum und Feld für mich gibt nur die auf Menschen und Geschichtskenntniß beruhende politische Thätigkeit. Die Menschheit ist in Fluß gerathen, wer die Kraft in sich fühlt, muß jetzt helfen, am Staat zu bauen. Auf dem untergeordnetsten Posten in Pitt's Bureau würde ich mich glücklicher fühlen wie als Arzt. Aber Narbonne hat mich vergessen, seine Freundschaftsversicherungen waren leere Worte, ich habe demselben deshalb auch das Document mit der Rentenversicherung zurückgeschickt, und er hat's angenommen. Ich war dazu sofort entschlossen, nachdem einer seiner Freunde gesagt, ich sei ja gut bezahlt. Der Schwede Ericson, ein sehr reicher Mann, mit dem ich im November nach Paris reiste, tadelte mich zwar und sagte: ›Die Großen taugen nichts, ihr Geld ist besser als sie selbst; Narbonne würde sich freuen, sein Papier wiederzuhaben, und Sie obendrein auslachen; behalten Sie, was Sie haben, und begehen Sie keine Thorheit aus falscher Delicatesse . . .‹« »Habe ich nicht dasselbe hundertmal wiederholt?« unterbrach ihn Heisch, »wenn ich zugegen gewesen, würde es nie geschehen sein, aber die großen schwarzen, nie stummen Augen der Madame Rilliot, des Engels, der die Reise nach Paris versüßte und der eine ganze Novembernacht, von Dover nach Calais, eingehüllt in deinen Mantel und deinen Rock auf deinem Schose lag, um vor Seekrankheit geschützt zu werden, während du selbst hemdsärmlich und vor Frost mit den Zähnen klappernd auf dem Deck saßest, tragen allein die Schuld deiner übel angebrachten Großmuth. Dein Brief, der mir bei Todesstrafe beinahe befahl, die Obligation einem Schreiben an Narbonne beizufügen, war ganz voll von dieser schönsten aller Reisen, die du je im Leben gemacht. Dein Brief an Narbonne war gut stilisirt: du seiest nicht gewohnt, mit derartigen Handlungen zu wuchern, du sendetest das Papier zurück, um dich von einer Sache zu befreien, die dich nicht weniger drücke als entehre. War das aber nicht simpelhafte deutsche Sentimentalität? Du verlangst die Freundschaft eines Großen, weil du ihm das Leben gerettet. Narbonne, ich möchte sagen, sämmtliche Franzosen, kennen das Wort Freundschaft nicht, sie kennen Dienstleistungen und Belohnungen, du hattest die Rente verdient, du hättest sie behalten sollen, weil sie dir die Mittel gewährte, in dieser theuern Stadt den Uebergang von einem zum andern Berufe zu erleichtern.« Heisch mußte seinen Gefühlen Luft machen, er wußte, daß Justus von Freunden Opfer bereitwillig annahm, hatte er selbst doch mit ihm getheilt, und theilte heute wiederum seinen guten Verdienst, nachdem er in einem Bankierhause eine Stelle gefunden hatte. Er wußte, daß Justus von Herrn von Türkheim Darlehne empfangen hatte, wie früher von Huber, und sah in der Zurückgabe der Obligation nur Bollmann's Eitelkeit hervortreten, der sich einbildete, Narbonne dadurch zu imponiren, während dieser lachend sagte: » Vous l'avez voulu, George Dandin! « »Zanke nicht, zanke nicht«, sagte der Freund, »von Freunden kann man große wie kleine Dienstleistungen empfangen, ja fordern, die Freundschaft rechnet nicht. Ist aber die Freundschaft weg und steht man die Dienstleistungen kaufmännisch tractirt, so muß man eine kostbare Waare lieber wegschenken, als sie unter dem Preise weggeben, man entehrt sonst die gute Sache und sich selbst. Schlagen wir das Faß zu, ich weiß, es hat mir mein Handeln nichts eingebracht als von der Staël die Worte: ›Sie sind empfindlich, wie Jean Jacques Rousseau‹, und erneuerte Freundschaftsversicherungen, und von Narbonne, dem leichtsinnigen, ehrgeizigen, verschwenderisch großmüthigen Manne das Gefühl, daß er nicht erfüllen konnte, was er mir in Aussicht gestellt. »Aber was schadet's denn, ich verlasse mich auf mein Glück; das Glück und ich, wir haben uns bisher vortrefflich miteinander gestanden, warum sollte es mich plötzlich fliehen? Ist es nicht ein Glück, daß ich unter dieser Million Würmer, die hier in London herumkriechen, sogleich meinen lieben Karl herausfinde, und auf einer Bahn sehe, die ich zu betreten mich anschicke? Wir wollen in Windsor meine letzte Guinee auf das Wohl der politischen Carrière vertrinken!« »Darf ich von deinen Zukunftsplanen sprechen, offen, warnend?« fragte Heisch. »Nein, ich will es selbst thun«, sprach Justus, »Ich weiß, Karl wird schweigsam sein, und nicht die Kaufmannselle anlegen an große Handlungen, wie du es zu thun pflegst. Ich habe bei der Staël den Grafen de Lally-Tolendal kennen gelernt, der durch seine Anhänglichkeit an die Constitution wie an den König so berühmt, seine › Mémoires à mes commettants ‹ müssen jedem Gebildeten bekannt sein; auch habe ich dort die Bekanntschaft der Prinzessin d'Henin gemacht, einer Dame von vierzig Jahren, einer Verwandten und vertrauten Freundin von Lafayette. Dieser schmachtet jetzt in den Kasematten von Magdeburg, durch Trenck hinreichend bekannt. »Tolendal beschäftigt sich mit einer Denkschrift, welche die Unschuld des schändlich gefangen Genommenen beweist, und der die eigenhändigen Briefe, welche zwischen ihm und dem Könige noch in den ersten Tagen des August vorigen Jahres gewechselt, beigefügt werden sollen. Meine diplomatische Laufbahn wird nun damit beginnen, daß ich diese Denkschrift in geschickter Weise direct in die Hände des Königs von Preußen schaffe, was bei dessen zweifelhafter Umgebung seine Schwierigkeiten hat. Ich werde mich zunächst nach Rheinsberg begeben zu dem Prinzen Heinrich, mit Empfehlungen von Witt und Grenville; ist mir das Glück günstig, bewirke ich die Freilassung Lafayette's, so ist meine Zukunft gesichert, so habe ich meine Brauchbarkeit abermals bewährt, und was mir Narbonne nicht schaffen konnte, das wird mir dann ohne seinen Beistand nicht entgehen. Narbonne hatte mir versprochen, mich Georg III. vorstellen zu lassen, den ich um eine Stellung in der deutschen Kanzlei angehen wollte; Zimmermann in Hannover versprach meine Bitte zu unterstützen, ich bin aber nicht vorgestellt. Jetzt hat Lally-Tolendal den König, der Lafayette von Amerika her nicht sehr liebt, zu überzeugen gewußt, daß dieser nicht zu der Rotte der Jakobiner gehörte, sondern ein guter Royalist war. Sein Interesse für die Befreiung Lafayette's ist geweckt, und hat Georg III. erst einmal für etwas Interesse, so verfolgt er das mit deutscher Zähigkeit. Ich habe die Bekanntschaft des Hofraths Georg Best gemacht, der hier als Wirklicher Geheimer Secretär fungirt und mir durch den hannoverschen Kurier die Briefe an den Vater zu besorgen pflegt; er hat mir versprochen, wenn keiner der Großen, so werde er mich dem Könige vorstellen, und er hat mich versichert, daß er mich gern neben sich arbeiten sehe. Denke dir, wenn es mir gelänge, von hier aus Hannover regieren zu helfen, denn der Großvogt ist eine Null, es geschieht bisjetzt in Hannover nur, was Georg selbst will und was Best will; die Excellenzen in Hannover berichten zwar, aber auf den Vortrag kommt es an.« Karl erzählte, daß sein Graf hoch stehe in der Gnade des Königs, daß dieser ihm schon freiwillig die Zusicherung gegeben habe, wenn die Angelegenheit mit dem Prinzen August nach Wunsch geordnet sei, er Münster zum Nachfolger des Großvogts von Alvensleben ernennen werde. Der Name Alvensleben rief Erinnerungen an Heustedt und die Kinderjahre zurück, in denen die Freunde noch schwelgten, als man in Windsor ankam. Es ist nicht unsere Absicht, ausführlich zu beschreiben, wie die Freunde den Nachmittag und Abend zubrachten. Schon am andern Tage reiste Karl mit dem Grafen von Münster über Deutschland nach Italien, während ein Kriegsschiff durch die Meerenge von Gibraltar segelte, um den Prinzen und Münster in Livorno aufzunehmen und zur See zurückführen. Zweites Kapitel. In Eckernhausen. Es war kein gewöhnliches Weiberschmollen, das sich in Anna's Busen regte, als sie am Hochzeitstage aus der Mitte des Bankets von dem Gatten weggeholt und in den einsamen Wagen mehr hineingehoben und geschoben wurde, als sie hineinstieg. Claasing fluchte auf die Bedienten und gräflichen Kammerdiener, welche den Schmuckkasten, der die reichen Geschenke der Gräfin, der Excellenz von Schlottheim, der Milchschwester Olga's und anderer Hochzeitsgäste barg, noch immer nicht herbeibrachten. Er achtete nicht auf den Zustand seiner Frau, die noch immer im Brautkleide, dem zarten Linnen, dabei den leichten Turban von Musselin auf dem Kopfe, fröstelnd in die Wagenecke sich gekauert hatte. Bei der Hast, mit der er die Abreise betrieben, hatte er an das Notwendigste, an warme Bekleidung für Anna, an eine Mantille oder dergleichen, nicht gedacht. Der leichte weißseidene Shawl, den sie um den Nacken geschlagen hatte, konnte sie vor Kälte nicht schützen, und es war gegen Abend recht unheimlich kalt geworden, wovon die vom Wein und Tanz erhitzten Hochzeitsgäste wenig gemerkt hatten.. Der Wind, am Tage aus Osten kommend, hatte blauen Himmel und Sonnenschein, eine seltene Erscheinung in diesem Regenjahre, gebracht, jetzt seit Abend blies ein rauher, kalter Nordwestwind schwere schwarze Wolken vor der bleichen Halbmondscheibe einher. Als endlich der Schmuckkasten gebracht war, der Obergestütmeister denselben dem Kutscher empfohlen hatte und er nun in den Wagen stieg, sah er die bleiche, vor Frost zitternde junge Frau, die Augen voll Thränen in dem Wagen sitzen, und er sprang abermals fluchend aus dem Wagen, ließ sich ein paar Pferdedecken reichen und hüllte die zitternde junge Gattin, einige Worte der Entschuldigung murmelnd, in dieselben und befahl, im Galop nach Eckernhausen zu fahren. Es war kein Schmollen, daß Anna die mehrmaligen Versuche ihres Gefährten, ein Gespräch mit ihr anzuknüpfen, stumm zurückwies und sich ernsthaft zur Wehr setzte, als jener den Versuch machte, sie zu umarmen und sie zu erwärmen, wie er sagte. Der ganze Ernst der Situation hatte sich plötzlich vor ihren Augen aufgethan, alle kindischen Träume, alle Gaukelbilder von der Freiheit, die sie als Frau genießen würde, von der Art und Weise, wie sie den Mann am kleinen Finger lenken wolle, waren auf einmal verschwunden. Sie fühlte am Hochzeitsabend, daß sie in Claasing keinen sie liebenden Mann geheirathet, daß sie einen Herrn bekommen, der in ihr eine Sklavin sehe. Die Roheit, mit der er sie in den Wagen geschoben, die Rücksichtslosigkeit, mit der er ihr selbst verweigert, in ihre Stube zu gehen, sich umzukleiden und das Nöthigste von Kleidern und Nachtzeug (die eigentliche, noch von Anne Marie beschaffte Aussteuer und sonstiges Eigenthum Anna's war längst nach Eckernhausen geschafft) zu sich zu nehmen, schreckten sie, sein nach dem Pferdestalle schmeckendes Fluchen widerte sie an. Vor allem verdroß es sie, daß, nachdem sie seine Umarmung zurückgewiesen, er ruhig die beständige Begleiterin, die Tabackspfeife, aus der Wagentasche nahm, Stahl und Stein und Schwamm benutzend seine Pfeife anzündete, ohne sich weiter um sie zu kümmern. Das konnte ihm die Neuvermählte nicht verzeihen. Hätte er sie mit Bitten und Flehen, süßen Worten und Schmeicheleien so lange bestürmt, bis ihr gutwilliges Herz vielleicht verziehen hätte, bis sie geduldet, daß er ihr einen Kuß raubte, daß er sie, die noch immer vor Frost Zitternde, in seinen Armen erwärmt hätte, es wäre wahrscheinlich ein großes Verbrechen erspart worden. Aber der Jüte, der so oft von Weibern beherrscht war, den Karoline Mathilde mit der Reitpeitsche tractirt, den Juliane zum Mordgenossen gemacht und zu ihrem Sklaven, dem die Gräfin Melusine und andere befohlen, er wollte seiner jungen Frau gegenüber zeigen, daß er Mann, daß er Herr sei, er wollte Zärtlichkeiten von ihrer Seite erzwingen und ertrotzen. »Sie soll mir schon kommen«, dachte er, »sie wird sich schmiegen und nachgeben, ich will doch einmal sehen, ob sie mir nicht zuerst gute Worte geben muß.« So kam man in Eckernhausen an, sich fremder und einander abgewendeter als je. Das neue Haus auf dem Vollmeierhofe war nach niedersächsischer Art gebaut, einstöckig. Vieh- und Menschenwohnungen unter Einem Dache. Vorn fuhr man durch ein mächtiges Hofthor auf einen großen, durch Dornhecken eingefriedigten, gepflasterten Hof, in dessen Mitte das große sogenannte neue Haus, das nun auch schon vierzehn Jahre alt geworden, mit langer Tenne, auf der zu beiden Seiten die Stallung für das Rindvieh war, sich befand. Das Haus unterschied sich aber von den alten Vollmeierhäusern im Dorfe doch wesentlich. Diese hatten den Herd am Ende der Diele, da, wo diese von der Tenne in der Regel durch Pflasterung mit kleinen Kieselsteinen geschieden war, und der Herd hatte keinen Schornstein, der Rauch zog oben durch das Strohdach. Hier war eine Küche mit Schornstein angebracht und auf der andern Seite ein zweiter Schornstein, in den die Kamine von drei um denselben herumliegenden Stuben ihren Rauch entleerten. Die Wohnräume unten bestanden aus drei Stuben für die Herrschaft und zwei daranstoßenden Schlafkammern, einer Gesindestube, einer Mädchenkammer mit vier Schlafkojen, einer Reuterkammer gegenüber für die Einquartierung, einem Speise- und Milchkeller, endlich einer Geschirrkammer mit Rademacherwerkstätte. Die Knechte schliefen im Pferdestalle. Der Giebelausbau nach hinten war mit einem Kniestock versehen. Hier hatte der Schwiegervater, zuerst vielleicht in der Umgegend auf viele Meilen weit, für seine Anne Marie ein Prachtzimmer einrichten wollen, wo sie alle die Porzellan-, Silber- und Goldsachen, die sie im Laufe der Jahre in der gräflichen Familie zum Geschenk erhalten, sowie sämmtliche Möbeln, welche sie im Schlosse benutzt hatte und die ihr bei ihrer Abreise nachgeschickt waren, zum Beschauen für Vettern und Basen ausstellen könne. Links vom Prachtzimmer war ein kleines Schlafcabinet, in welchem das von Anne Marie eingebrachte Bett stand, rechts an dasselbe schloß sich die Linnenkammer mit einem von der Mutter eingebrachten alten, reich mit Holzschneidereien verzierten eichenen Schranke und einer mit Schnitzereien versehenen sogenannten Lade, in Form etwa eines Sarges, auf der die Hochzeit der Esther und der Tod Haman's dargestellt war, beide von oben bis unten mit Leinwand und Drell angefüllt. Auch waren große Vorräthe von ungebleichtem Garn und feinem Flachs angehäuft, daneben war eine Fremdenstube und Kammer. Hans Dummeier hielt diese Räume heilig; hatte der Fuß seiner verstorbenen Frau sie nie betreten, so sollte doch auch Katharinas Fuß nie die Schwelle berühren, er hielt die Räume seit länger als vierzehn Jahren streng verschlossen und betrachtete sie als eine der noch immer geliebten Hingeschiedenen geweihte Stätte, die er nie betrat, ohne Reue zu empfinden, selbst wenn dies nur aus dem Grunde geschah, um zu lüften. Nachdem die Tochter sich verlobt, brachte er den Schlüssel zu diesen Räumen dieser, die dann von Zeit zu Zeit selbst nach Eckernhausen ging oder fuhr und es sich schon ganz wohnlich in diesen Räumen eingerichtet hatte. Hinter den Wohnräumen war beim Neubau der Eichsünder etwas gelichtet, um einen Blumengarten zu schaffen. Katharina hatte während ihrer Wirthschaft nichts von einem solchen wissen wollen, sie hatte die Rosen- und Nelkenstöcke ausroden lassen und Erbsen, Bohnen, Rüben, Suppenkräuter, Kohl und Salat da gepflanzt. Als aber die Heirath beschlossen war, vermittelte der Bräutigam, daß der gräfliche Gärtner selbst den Blumengarten, so gut das in einem Jahre ging, wieder einrichtete. Das Gehöft selbst befand sich sonst ringsum in einem Eichsünder, man sah ein benachbartes Haus überall nicht, denn der Weg weiter ins Dorf war gleichfalls auf der andern Seite mit Eichen bestanden, welche dem Nachbar Claus gehörten, und so ging es fort, bis, näher der Kirche, Köthner-, Brinsitzer- und Anbauerstellen ohne Holzung kamen. Sämmtliche Vollmeierhöfe waren dazumal noch von Eichwaldungen umgeben, von denen heute viele Reste auf dem Grunde des Meeres in allen Himmelszonen der langsamen Vermoderung entgegengehen, andere noch auf dem Meere schwimmen. Als das junge Ehepaar im Hofe ankam, tönten ihnen die schrillenden Töne einer Fidel und Clarinette entgegen, nach denen die Dienstboten auf der Tenne tanzten. Der Altvater hatte ihnen zum Auszuge und zu Ehren der Hochzeit der Tochter eine große Tonne Bier und ein kleines Faß mit Branntwein geschenkt und den Tanz erlaubt. Knechte und Mägde von den benachbarten ebenbürtigen Höfen waren eingeladen. Man hatte das junge Ehepaar so früh nicht erwartet, und der Großknecht war ganz außer Stande, den mühsam erlernten Willkommsspruch herzusagen. Die Hauptthür war mit einer Art Ehrenpforte von grünem Laube, Astern und Sonnenblumen geziert, wovon man freilich bei Abend nichts sah; aber die Stuben, selbst die sogenannte Dönze, waren kalt und frostig. Das Hoch, mit dem das Ehepaar begrüßt wurde, klang in den Ohren der jungen Frau widerlich, sie wand sich mühsam aus ihren Pferdedecken und eilte, nicht blos unter dem Vorwande des Unwohlseins, in die obern Zimmer, wo die Großmagd schnell heizen mußte, und in denen sie sich dann verschloß. Der Eheherr braute sich ein Glas schwedischen Grog, ein zweites und ein drittes, machte einige derbe Scherze mit den Dirnen von den Nachbarhöfen und legte sich halbberauscht in der untern Schlafkammer nieder, um bald einzuschlafen. Anna schlief nicht. Sie lag fiebernd im Bette im Nachtzeuge ihrer Mutter, an die sie seit langen Jahren niemals so lebhaft gedacht als heute. Das Fideln und Tanzen, das Juchherufen und Schreien von der Tenne drang zu ihr hinauf und störte sie auf, wenn sie aus körperlicher Ermattung in den Schlaf gesunken war. Ihr Gewissen, das bisher nichts von sich hatte hören lassen, war wach und nicht zu beruhigen. Sie überblickte zum ersten mal mit Ernst und Scham ihr Leben in der letzten Zeit. War sie nicht ganz aus freien Stücken in die Ehe mit Claasing hineingesprungen? Hatte sie nicht die treue Liebe, die ihr Heinrich Schulz schon von Kindheit an gewidmet, sein treues Herz mit dem guten frommen Blick, schnöde von sich gewiesen? Hatte sie dem Bräutigam der Milchschwester nicht ihre Neigung zugewendet, sich ihm hingegeben, ihm, der auch die Liebe der Filler-Martha nicht verschmäht hatte? Und sie hatte sich auch nur einen Augenblick einbilden können, der Graf liebe sie so, daß er sie heirathen würde? Sie war entehrt durch eigene Schuld. Am Morgen konnte sie kaum das Bett verlassen, sie fühlte sich krank und schwach, der Kopf that ihr weh, sie fühlte sich so einsam und verlassen. Ihr Mann war schon früh am Morgen nach Heustedt geritten, Knechte und Mägde waren vom Hofmeier in die gewohnte Beschäftigung getrieben, es stand noch Weizen im Felde, den man wegen der nassen Jahreszeit nicht hatte einscheuern können, und schon drohte es wieder mit Regen. Nur eine Jungmagd war ihr geblieben, mit deren Hülfe sie sich Thee zum Frühstück bereitete. Anna schickte die Jungmagd zum Vater, um ihn zu bitten, zu ihr zu kommen. Allein der Vater hatte noch so viel Interesse für die eigene Aussaat, daß er den Weizen nicht verkommen lassen wollte, er half den Knechten beim Aufladen und Einbringen. Gegen Mittag kam die Großmagd nach Hause, um Buttermilch, Brot, Butter und Speck für eine schnelle Mittagsmahlzeit der Knechte und Mägde zurechtzumachen und zu fragen: was die Frau Obergestütmeisterin zu essen befehle? Ach, der Armen war alle Lust zu essen und zu trinken, ja alle Lebenslust vergangen, sie wünschte nichts lieber als zu sterben. Der Vater kam erst am Abend, nachdem auch Claasing mit einem gräflichen Wagen und allen Sachen, welche Anna noch im Schlosse ihre eigenen nannte, sich eingefunden hatte. Die Tochter hätte den Vater gern allein gesprochen, um sich ihm, dem sie eigentlich seit dem Tode ihrer Mutter entfremdet war, wieder näher anzuschließen; sie bedurfte einer Stütze, bedurfte des Trostes; wer war ihr näher als der Vater? Was hätte sie darum gegeben, wenn sie sich an seinem Halse auch nur eine Stunde hätte ausweinen können. Freilich war der Vater ernst und machte ein Gesicht wie das Wetter, denn der Regen war nicht ausgeblieben und eine große Anzahl Hocken stand noch im Felde. Claasing brachte aus dem Wagen einen sehr großen schwarzen Kasten mit, der in die Wohnstube getragen wurde. Es war das Reisebüffet der Gräfin. Diese schickte der jungen Frau, damit sie in den ersten Tagen der Flitterwochen sich nicht allzu sehr um die Küche bekümmern müsse, Geflügel, junge Hähnchen, Rebhühner und Fasanen, einen Rehziemer, eine Hirschkeule, eine Wildpretpastete, alles auf das beste zubereitet, daneben Torten und Näschereien, Biscuits und Makronen, Chocolade und Thee, mit einem Flaschenkorbe edler Getränke, feurige und süße Weine, des Champagners nicht zu vergessen. Claasing war hocherfreut über dieses Geschenk, er behauptete, halb verhungert zu sein, und befahl der Frau mehr, als er bat, den Tisch decken zu lassen und für den Vater einen Stuhl zu setzen. Anna gehorchte. Man setzte sich zu Tisch, und während die Männer aßen wie Leute, die den ganzen Tag im Freien gearbeitet haben, konnte die Neuvermählte kaum einige Bissen Geflügel hinunterbringen, und sie nippte nur von dem Champagner, den ihr Gemahl und der Vater in vollen Zügen tranken. »Wir wollen heute Nachhochzeit feiern, mein gutes Püppchen«, sagte der Gestütmeister, und wollte mit Anna anstoßen. »Ich habe weder Hochzeit gehalten, noch werde ich Nachhochzeit feiern«, erwiderte diese, »ich bin krank und werde mich nach oben zurückziehen; ich wünsche gesegnete Mahlzeit«, und damit ging sie nach oben und schloß sich ein. So war der Augenblick, wo sich Vater und Tochter ans Herz sinken, ihr gegenseitiges Herzeleid klagen und beieinander Trost finden konnten, vorüber, unwiederbringlich. Der Vater verstand die Tochter nicht, er hielt sie für eine verzärtelte Stadtdame, die selbst nicht wisse, was sie wolle, und redete dem Schwiegersohne zu, sie Mores zu lehren. Die Tochter wußte nicht, was den Vater drücke, daß er seit Jahren unglücklich war, wußte nicht, daß er, solange er in dem Leibzuchthause zubrachte, seit etwa vierzehn Tagen, noch keine ruhige und glückliche Stunde gehabt hatte. Sich auf den Altentheil setzen, ist ganz gut für geistig oder körperlich schwache Personen, für Bauern, die den ganzen Tag auf der Bank neben dem Ofen sitzen können, die sich der Wärme freuen und Regen, Wind und Frost da draußen fürchten, die wenig denken oder nur ans Essen denken. Aber Dummeier war ein kräftiger Mann, obgleich ein Sechziger. Er war Winter wie Sommer mit den Knechten um vier Uhr morgens aufgestanden, hatte so lange gedroschen, bis Pferde und Kühe abgefüttert waren, dann hatte er nach den Pferden gesehen, ging in die Geschirrkammer. Im Sommer, Frühjahr und Herbst beaufsichtigte er im Felde das Thun und Lassen der Knechte und legte, wo es erforderlich war, selbst mit Hand an. Er war nie ein Ofenhocker. Machte Katharina zu viel Lärm, hatte sie ihr böses Schauer, – und sie hatte es oft, – prügelte sie ihren Jochen, den jetzt vierzehnjährigen, oder zankte sie sich mit den Mägden, dann sattelte er sich seinen Fuchs und ritt nach Heustedt, um in Gesellschaft immer durstiger Gesellen im Schwarzen Bären seinen Aerger zu vertrinken. Auch Katharina wirtschaftete von früh des Morgens bis spät am Abend tüchtig, ihr Molkenwesen war berühmt, ihre Butter und ihr Käse von den Herrschaften in Heustedt gesucht und immer um einen Mariengroschen theuerer verkauft als die von andern Höfen. Es gehörte schon eine kräftige Dirne dazu, um dreimal in der Woche, den schweren Korb mit Butter auf dem Kopfe, nach Heustedt zu der Kundschaft zu wandern. Aber da alles, was die Milchwirtschaft abwarf, in ihre Hände fiel, hatte sie sich schon ein hübsches Sümmchen zurückgelegt, das, in Strümpfen geborgen, im Keller versteckt lag. Diese beiden Leute sollten nun auf dem Altentheile sitzen, auf der Ofenbank herumlungern, nichts mehr zu beherrschen und zu befehlen haben als eine Jungmagd, nur zwei Kühe im Stalle haben und einige Schweine, statt der frühern zwanzig Kühe und mehr. Sie hatten außer dem Graslande zwar einige Himtsaat Gartenland bei der Stelle und einige Morgen Ackerland, aber wer aus dem Vollen und in das Volle zu wirtschaften gewohnt war, fühlt sich in kleinern Verhältnissen immer unglücklich. Der Altentheiler konnte sich noch helfen, er machte sich dem Schwiegersohne nützlich und war von den Knechten gern gesehen. Da er sich den Gebrauch eines Pferdes jederzeit reservirt, trabte er mit Claasing nach Kirnberg, besah das Gestüt, oder ritt mit ihm zu den Weiden nach Heustedt, und dann kehrte man bei der jungen freundlichen Bärenwirthin ein und setzte abends bei dem Schwiegersohne das Grogtrinken fort. Katharine setzte keinen Schritt auf den Hof, den, wie sie sagte, der dänische Spitzbube und Räuber ihrem Sohne, dem rechtmäßigen Anerben, gestohlen habe. Anders als Spitzbube und Räuber benannte sie jenen nicht, und ihren Mann nannte sie den Compagnon und Gehülfen des Räubers, welcher sein eigenes Kind, seinen rechtmäßigen Erben beraubt habe. Im Hause hatte Hans keinen Augenblick Ruhe und Frieden, vom frühen Morgen bis zum späten Abend wurde ein und dasselbe Thema variirt. Aber der Rabenvater, so drohte die Zankende nicht selten, soll nur erst die Augen zugedrückt haben, dann will ich dem dänischen Halunken schon zeigen, was hoyaisches Anerbenrecht ist. Niemand als ihrem Sohne komme der Hof zu, erzählte sie jedem, der es hören wollte, denn der »Afkat« habe ihr das Gesetz aus einem dicken Buche vorgelesen und das besage: »So ordnen und wollen wir, daß, wenn künftig ein Colonus in dem Hofe versterben oder sonst der Wirtschaft abthun, oder mehrere Kinder nachlassen oder haben würde, sodann die Söhne vor den Töchtern den Vorzug haben sollen, solchergestalt, daß allemal der älteste, wenn er dazu tüchtig und dem Hofe nützlich vorstehen kann, zum Wirthe genommen und ihm der Hof eingethan werden soll.« Das habe der Herzog Georg Wilhelm zu Celle angeordnet im Jahre 1702 und sein Nachfolger als König von England bestätigt 1720. Sie habe es schwarz auf weiß bei sich, der Advocat hätte es ihr abschreiben lassen müssen aus den lüneburgischen Constitutionen. Nun wollte das Schicksal, wie wir aus Goethe's Tagebuch über die Campagne von 1792 wissen, daß es regnete im Juli und August, September, October und November. Der Landmann konnte sein Korn nicht hereinbringen, das Nachgras verfaulte, die Kartoffeln mußten aus Dreck und Schlamm ausgesucht werden, das Vieh mußte von den Weiden weg in die Ställe getrieben werden, weil es draußen erkrankte. Die Menschen waren auf ihre Häuser angewiesen, man heizte schon im August, aber der Torf war naß, die Oefen rauchten, der Wind schlug die dicken Regentropfen gegen die schmuzigen Fensterscheiben. In solchem Wetter nun wochenlang mit einem bösen, zankenden Weibe in den vier Wänden zu sitzen, das hielt der Leibzüchter nicht aus. Er ließ eines Morgens, gegen Ende October, sein Pferd satteln, sagte seiner Frau, daß er seine Freundschaft im Amte Nienburg und Stolzenau besuchen wollte, und ritt auf den Hof, um von Schwiegersohn und Tochter Abschied zu nehmen. Die arme junge Frau, sie saß so einsam in ihrer Putzstube, sie, die gewohnt war, eine Gräfin als theilnehmende liebe Milchschwester vom Morgen bis zur Nacht um sich zu haben, die eine Schar von Zofen und Bedienten umschwärmt hatte, die es liebte, den ganzen Tag zu spaßen, zu necken und geneckt zu werden, sie war allein; sie, die von allen bisher geliebte, hier ungeliebt. Nichts interessirte sie, weder die schönen Hochzeitsgeschenke, noch die schönen Kleider, noch die Leinen- und Drellvorräthe der Mutter, sie wollte nicht einmal lesen. Als Geschenk von Heinrich hatte sie einst zum Geburtstage eine ganze Reihe jener kleinen »Göttinger Musen-Almanache« erhalten, die trotz ihres Duodezformats den Anfang einer neuen Literaturperiode schafften; sie hatte von ihm auch Gellert's »Gedichte«, Klopstock's »Messiade« und Voß' »Luise« erhalten. Karl hatte ihr zu Geburtstagen »Cabale und Liebe«, »Don Carlos«, Goethe's »Iphigenie« geschenkt und zur Hochzeit von Hannover her »Die unsichtbare Loge« von Jean Paul, ein ganz neues Buch, geschickt. Sie versuchte darin zu lesen, allein ihre Stimmung, das Wetter, die Umgebung des einsamen Eichsünders paßten so wenig zu der Stimmung des Buches, daß sie es beiseitelegte. Das Einzige, was sie einigermaßen beruhigte, war, wenn sie ihrer Harfe weiche Accorde entlocken und dazu recht herzlich weinen konnte. So kam der November, das junge Ehepaar war sich noch keinen Schritt näher getreten, vielmehr eher entfremdet. Der Obergestütmeister fand reiche Beschäftigung mit dem Gestüt. Auch die Pferde und Füllen fingen an, auf den Weiden, auf denen sie sonst bis November bei Tag wie bei Nacht blieben, zu erkranken; es war eine Art bösartiger Druse unter ihnen ausgebrochen und sie mußten in die Ställe und separirt werden. Das Nachgras war zum Theil gänzlich verloren gegangen, zum Theil schlecht eingekommen. Der Thierazt von Heustedt war täglich in Kirnberg und manches schöne Füllen, manch prächtige Stute erlag der Seuche. Wenn das Fluchen etwas hätte helfen können, so wäre der Sache leicht abgeholfen gewesen, denn der Jüte fluchte den ganzen Tag, wenn er nicht etwa beim Glase Wein oder Grog saß, aber auch dann kam es vor. Ende October, als in Heustedt der Herrenclub das erste Casino mit einem Balle eröffnete, war selbstverständlich an das junge Ehepaar eine Einladung ergangen. Anna sagte, ihr sei nicht »ballig« zu Muthe; auch der Mann blieb nun zu Hause, nicht ohne innern Unwillen, daß ihm die Gelegenheit entzogen wurde, seinen Engel, wie er Anna in Heustedt zu nennen pflegte, zu präsentiren, wie er ein geschultes Pferd Kennern producirt haben würde im Circus, wie auf dem Markte. Es kam der 10. November, da aß man im Herrenclub herkömmlich eine Martinsgans und machte vorher ein kleines, nach Tisch in der Regel ein großes, d. h. ein reines Hasardspiel, Faro, oder Landsknecht oder Lüttje elf. Dabei fehlte denn der Obergestütmeister nie; denn hatte er zwar von seiner Spielleidenschaft als Spieler gelassen, so war das Bankauflegen mit seinem nothwendigen Gewinn erst recht seine Sache geworden. So eilte derselbe auch heute zum Rathskeller. Ehe wir jedoch erzählen, was sich an diesem Tage ereignete, müssen wir auf einige Tage vor der Hochzeit des Doppelpaares zurückblicken. Wir erinnern uns, daß Graf Otto von Schlottheim eines Abends in der Tracht eines Fillerknechts mit der schwarzen Marthe zu unterhandeln suchte; sie hatte darauf gedrungen, daß ihr Schatz sie heirathe; er kehrte sehr mißvergnügt nach Haus, nachdem er in einer jüdischen Kneipe in Klein-Paris, in der er ein Zimmer gemiethet, sich umgekleidet hatte. Verdrießlich und misgestimmt suchte er nach Genossen zu einer attischen Nacht. Im Rathskeller fand er noch den stutzerhaften Deichgräfen Lübrecht, den jungen Motz, der den Beinamen »der Freche« führte, die beiden Studiosen von Vogelsang und von Bardenfleth beim Billardspiel. Der Graf lud sie zu einem Glase Wein ein und hieß die Frau Krummeier vom Besten heraufzuholen. Man trank sich vor, man stürzte sich in Gemäßheit des Biercomments, man brüllte schmuzige Studentenlieder, man erzählte schlüpfrige Anekdoten und kam dann auf eigene Liebesgeschichten zu sprechen. Jeder gab seinen Theil ohne Rückhalt zum besten, ob Wahrheit, ob Dichtung oder nur ausgeschmückt, kam auf die Charaktere an. Der junge Bardenfleth äußerte einmal, er wolle er wisse nicht was darum geben, wenn er einmal die reizende Milchschwester der Braut des Grafen umarmen könne. »Wenn Sie gescheit sind und bis nach der Hochzeit warten, so wird sich das wol machen«, meinte dieser leichtfertig. »Sie trauen mir doch nicht zu«, fuhr er fort, »daß ich einen so delicaten Bissen einem so alten Sünder, wie dem Obergestütmeister, vorsetzen lasse, ohne ihn gekostet zu haben?« Und er lachte unbändig. »Die junge Dame hat viel Temperament, und ihr Zukünftiger viel geliebt und gelebt. Bliebe ich hier, so bliebe sie mir, aber ich gönne guten Freunden auch etwas, trinken Sie mit mir auf die Götteraugenblicke, die ich in ihren Armen genossen.« Man trank und lachte; der Stutzer, der es nicht dulden konnte, daß andere etwas vor ihm voraushatten, machte eine vieldeutige Bemerkung: »Wenn ich sprechen wollte, so könnte ich euch etwas erzählen, ich erinnere mich aber des Liedes: Es waren mal drei Gesellen, Die thaten sich was verzellen u. s. w. und namentlich des Verses: Da war auch einer drunter, Der nichts verschweigen kunnte, und des Schlusses: So geh nun wieder hin, Wo du gewesen hast, Und binde deinen Gaul An einen andern Ast.« Das war ein altes Volkslied, man konnte dabei viel Böses denken, es lag namentlich der Gedanke nahe, daß Anna auch Adonis Lübrecht ihre Gunst geschenkt. So deutete wenigstens der junge Motz der Rede Sinn, und doch hatte der Deichgräfe Anna bei seiner Schiffahrt nach Hengstenberg zum ersten und letzten mal gesprochen. So war der gute Ruf einer jungen Frau noch vor ihrer Hochzeit auf immer untergraben, und am Hochzeitstage sprach man im Kreise der jungen Leute davon, daß der Ehemann dem Schicksale des Aktäon nicht entfliehen werde. Viele regnerische Wochen gingen hinweg seit dieser attischen Nacht. Am 10. November wurde im Herrenclub gut gegessen und getrunken, die ältern soliden Leute zogen sich nach dem Essen in das Clubzimmer zurück, um ihre Partie Whist oder L'Hombre fortzusetzen; die jüngern, die Trinker und Spieler blieben im Speisesaale, wo die erstern sich um die Flaschen setzten, letztere um einen großen runden Tisch, vor welchem Claasing saß und Karten mischte. In der Mitte von vier Lichtern lagen noch sechs unangebrochene neue Kartenspiele und ein großer Haufen älterer und neuerer Zweidrittel- und Zwölfmarien-Groschenstücke, wie aufgestapelte einfache und doppelte Louisdor; der Kellner präsentirte den Spielenden alte Karten mit vielen Biegungen und Knicken, von unglücklich abgeschlagenen sixlevas und septlevas herrührend, und bald erscholl das eintönige » roi, dame, dix « u. s. w. Die Bank war glücklich, der Silberhaufen mehrte sich zusehends, es spielten sämmtliche Spieler mit Verlust, aber im größten Unglücke saß Motz, ihm wurde jede Karte abgeschlagen, und Pique-Dame verlor viermal hintereinander. Das Silbergeld des jungen Amtschreibers war zu Ende. » Attention «, unterbrach Motz den Bankhalter, »einen Augenblick, noch viel taille ?« »Ueber ein halb«, erwiderte dieser. »Louis! He! Oberkellner! Frau Krummeier soll mir 100 Gulden borgen«, und ein anderes Spiel ergreifend, suchte er Coeur-Dame, warf die Pique-Dame mit einem Schimpfworte, das man in guter Gesellschaft nicht hört, zu Boden, suchte aus dem schlaffen Geldbeutel einen in Papier gewickelten Doppellouisdor, einen wirklichen Mutterpfennig, den er erst gestern erhalten, und sagte, das Geld auf die Coeur-Dame setzend: »Versuchen wir es mit der Herzensdame, sie sieht dem schönen Weibe unsers Bankhalters, der süßen Anna, so ähnlich, daß ich glaube, er wird sie aus Liebe zu der vielgeliebten und liebebedürftigen nicht schlagen!« Der Bankhalter warf dem Sprechenden einen drohenden Blick zu und fing an abzuschlagen. » Dame, l'as .« »Verdammt! Wer den Weibern traut, hat auf Sand gebaut, sie sind alle –«, sagte der Freche und schob den Doppellouisdor heftig in den Goldhaufen des Bankhalters. Dieser zog die Brauen finster zusammen und sah den Sprechenden einen Augenblick starr an; er wurde kreideweiß im Gesicht. Inzwischen brachte der Kellner von der Frau Krummeier 70 Zweidrittel und bestellte ein Compliment von der Wirthin, und das wäre alles Geld, was sie hätte. Der erregte Spieler nahm eine Hand voll Kassengulden und setzte sie ungezählt auf die Coeur-Dame, indem er sagte: »Will doch einmal sehen, ob sie mich nicht auch so freundlich anlächelt als den Grafen Schlottheim schon vor der Hochzeit!« Claasing wurde jetzt feuerroth; wer auf seine Hände gesehen hätte, der würde gesehen haben, daß sie zitterten, er schlug ab: » Dame, valet .« »Verdammtes Mensch!« schrie Motz und sprang vom Tische auf, wendete sich zu den Trinkenden am andern Ende des Saals und fragte dort laut: »Wie war es doch, lieber Lübrecht, was erzählte doch Graf Schlottheim von der Rose, die er nicht unaufgeküßt den Händen des sonstigen Buben überliefern wollte? Ja, diese Grafen und Herren üben noch das Jus primae noctis , und die Buben haben das Nachsehen.« Lübrecht schenkte dem Tobenden ein Glas Wein ein und sang, mit dem Finger drohend: »Da war auch einer drunter Der nichts verschweigen kunnte. Laß gut sein, Motz, stoß an, Unglück im Spiel, Glück in der Liebe; die Bewußte, sie lebe hoch. Hoch! Abermals hoch!« und Motz stieß an, daß das Glas zersprang. »Trinken Sie lieber ein Glas Brausepulver«, sagte der Apotheker, ein alter Mann mit rother Nase, der das Präsidium am Tische führte und immer der letzte war, der aufbrach. »Nein, ich will weiter spielen«, sagte Motz, »ich will mein Glück dem Valet anvertrauen, Buben und Schurken haben immer Glück«; so eilte er zum Spieltische zurück und schob den Rest seines Geldes, es mochten etwas mehr als 50 Zweidrittel sein, auf den Buben, sagte zu dem an den Spieltisch herangetretenen Deichgräfen, er möge, wenn der Bube gewinne, immer auf vollen Gewinst weiter biegen, er wolle ins Clubzimmer gehen, sich eine Pfeife holen und stopfen. Er ging. Die Taille hatte eben begonnen, jetzt sagte der Bankhalter mit zitternden Händen und tonloser Stimme: » roi, valet .« Der Stellvertreter nahm den Platz seines Vorgängers und bog in den Buben ein Ohr, nach einigen Abzügen, die dem Bankhalter Gewinn von andern Spielenden brachten, erscholl es wieder: » deux, valet «; das zweite Ohr ward gebogen, dann kam schnell hintereinander der Bube noch dreimal als Gewinner. Die übrigen Spieler starrten über dieses enorme Glück, und einer der Vorsichtigen, der sich an das Sprichwort hielt: »Der Krug geht so lange zu Wasser bis er bricht«, und glaubte, er müsse Motz rathen, seinen sichern Gewinn, der den frühern Verlust reichlich deckte, einzuziehen, bat den Bankhalter, einen Augenblick innezuhalten, damit er Motz frage, ob er einziehen wolle. Claasing hatte das Gefühl, daß er verlieren müsse, er hätte gern die Karten, die er noch in der Hand hatte, einmal durchgestochen, aber aller Augen waren auf ihn gerichtet. Motz, im Nebenzimmer beim Stopfen seiner Pfeife beschäftigt, fuhr den Dienstfertigen an: »Was, fort, weiter gebogen, bis in die aschgraue Pechhütte, ich will den Schurken sprengen.« Und so kam es. Die dreimal, welche der Bube noch in der Taille war, fielen gegen den Bankier, und merkwürdigerweise war in allen Fällen die Dame die für den Bankhalter fallende Karte. Als der letzte Gewinn kam, hatten sämmtliche Spieler schon zu setzen aufgehört, alles war gespannt auf den Abzug. Der Gewinner trat rauchend in den Saal, als es hieß: » dame, valet .« Claasing sprach das mit beinahe tonloser Stimme. »Zähle das Geld vor dem Buben, lieber Lübrecht«, sagte Motz sehr ruhig. Es waren 55 Gulden; der Supernumerär Amtsschreiber ohne Gehalt hatte 3520 Gulden gewonnen. Man zählte die Bank aus, sie reichte nicht hin. »Ich werde den fehlenden Rest von der Krummeier heraufholen«, sagte der Bankhalter; »sie wird für mich noch Geld haben, wenn sie auch früher keins für Sie hatte.« »Thun Sie, was Sie wollen, übrigens haben Sie bis morgen Credit bei mir. He, Kellner. Hier die 70 Gulden für Madame, da etwas für dich, und nun bringe mir einen leinenen Geldbeutel, um das Silber zu fassen, und ein Dutzend Champagner«, sagte der glückliche Spieler, während er das Gold in die eigene leere Börse schob und die Westentasche damit füllte. »Meine Herren, Sie sind meine Gäste, aber wir müssen den Dänen, der uns so oft ausgezogen, weidlich ärgern, wir müssen ihn fühlen lassen, daß wir alle wissen, was an seiner Frau ist; du, Lübrecht, fragst mich, nachdem ich ihm eingehetzt, woher die Redensart kommt, jemand Hörner aufsetzen!« Der Obergestütmeister kam zurück und zählte das Geld auf. »Sie werden doch ein Glas Schaum mit uns trinken?« sagte der Gewinner und bat den Zahlenden, an der Tafel Platz zu nehmen; dieser dankte, er müsse noch nach Eckernhausen und es sei eine stürmische Nacht; allein da einer aus der Gesellschaft hinwarf, man könne es dem Bankhalter nicht verdenken, daß er sich nicht von seinem eigenen Gelde tractiren lassen wolle, blieb er. Die Flaschen waren entkorkt, Claasing schüttete einige Gläser Champagner hinunter, Motz schlürfte nur den Schaum ab und goß den Wein selbst zur Erde. »Wissen Sie, Herr Obergestütmeister«, sagte er dann, »daß Sie uns sämmtlich tief gekränkt und bitter böse gemacht haben? Alle unsere jungen Männer hatten sich gefreut, Ihre schöne Frau auf dem Casinoball zu sehen, um ihr die Huldigungen der ganzen heustedter Jugend zu Füßen zu legen, und Sie böser Mann lassen das arme Weibchen in dem düstern Eckernhausen? Geben Sie uns Rechenschaft, weshalb das geschah!« »Weshalb das geschah?« lachte Lübrecht, »weißt du nicht, daß der Herr, der in Weibersachen Erfahrung hat, eifersüchtiger ist wie der Mohr von Venedig?« »Eifersüchtig?« rief Motz, »auf wen? Graf Schlottheim ist ja nicht hier, er ist krank. Frau Gemahlin ist doch nicht auch krank?« So ging es eine Zeit lang fort. Claasing nahm sich zusammen, er hätte aufspringen und seinen Gegner erdolchen mögen. Aber er mußte ruhig bleiben; er durfte sich nicht merken lassen, daß er der dunkeln Rede Sinn verstände; sobald er verstand, war die Beleidigung tödlich. Er reimte das beim Spiel von Motz Gesagte mit dem, was jetzt gesprochen wurde, jetzt zusammen. Sollte es möglich sein, sollte seine Anna, die ihm bisjetzt noch jeden Kuß versagt, von dem Grafen verführt sein? Dem Wüstling Otto war alles zuzutrauen, aber auch der unschuldigen Frau? Er nahm sich noch mehr zusammen und sagte entschuldigeud, seine Frau sei ernstlich unwohl. Einige Späße über das so frühe Unwohlsein der jungen Frau folgten und es trat jetzt eine von den Pausen im Gespräche ein, von denen man sagt, ein Engel fliege durchs Zimmer. Es mußte aber ein gefallener Engel sein, der durch den Saal flog. »Woher kommt denn eigentlich die Redensart, jemand Hörner aufsetzen?« unterbrach Lübrecht die Stille. »Es war einmal ein König«, sagte Motz, »der hatte einen Förster im einsamen Walde, und der hatte eine schöne Frau. Der König ritt oft in den Wald, und merkwürdig war es, daß er es immer so traf, daß sein Förster nicht zu Hause war. Als nach einem Jahre die Försterin einen Knaben gebar, da machte er den Förster zum Oberförster und ließ dem zu Ehren das Geweih eines Sechzehnenders über der Thür der Försterei anschlagen, was für eine Ehrenauszeichnung galt. Bei Hofe sagte man aber einfacher, der König habe dem Förster Hörner aufgesetzt.« »Schlecht erklärt.« sagte der Deichgräfe, »es sind die Hörner des Mondes, welche schon die Götter kannten; Gottvater Jupiter wußte als Goldregen, Stier und Schwan Hörner zu setzen, wie jedermann bekannt sein sollte, der lateinische Schulen besucht, was zwar nicht jedermann gethan. Sie, lieber Obergestütmeister, haben uns, als sie noch unverheiratet waren, manches erzählt, was darauf schließen läßt, daß Sie in der königlichen Kunst zu lieben auch wohl erfahren sind, und das Gerücht sagt sogar, Sie hätten sich so hoch verstiegen, selbst einem gekrönten Haupte die Zierden des Endymion zu sonstigen hinzuzufügen. Wissen Sie auch, wie einem solchen Gekrönten wol zu Muthe ist? Und haben Sie Männer gekannt, die den Stirnschmuck schon trugen vor der Hochzeit?« »Nein«, erwiderte dieser, dem die Stirnader anschwoll, kurz und barsch und stand auf. »Ich aber kenne ein solches Menschenkind«, sagte Motz; »meine Herren, lassen Sie uns die Gläser füllen und das Wohl der Gehörnten trinken.« Der Obergestütmeister, der fühlte, man stichele auf ihn, stürzte aus dem Saal in den Stall, sattelte selbst sein Pferd und jagte, vor Wuth schnaubend und tausend Flüche in die Nacht schleudernd, von dannen. Anna schlief mit beängstigenden Träumen. Sie war Desdemona, und ihr Mann stand als Mohr vor ihrem Bette, sie zu erdolchen. Da weckte sie ein lautes Gerufe vom Hofthor her; der Gemahl begehrte mit Fluchen und Schelten, daß das Hofthor geöffnet werde. Ein schlaftrunkener Knecht mit einer trüben Laterne öffnete. Claasing stieg von dem schweißtriefenden Hengst und warf dem Knecht die Zügel zu mit dem Befehle, das Pferd ordentlich abzureiben. Die Kleinmagd, welche den Herrn erwartete, öffnete die Hausthür, setzte dem Herrn das Licht in die Dönze und ging in die Mägdekammer, sich in ihre Koje zu legen. Dieser kleidete sich um, denn trotz des greulichen Wetters war er in Schweiß gebadet. Aerger über den ungewohnten Spielverlust, Wuth über die erlittene Verhöhnung, Rachegedanken gegen das Weib, welches ihn verrathen und der öffentlichen Verhöhnung preisgegeben, kochten in seiner Brust, er ging hinauf zu dem Zimmer seiner Frau. Dieses war verschlossen; ein Tritt, und die Krampen der Thür wichen der Gewalt. Die Jungmagd war wieder aufgestanden; sie wollte sehen, woher der Lärm stamme, ob eine Kuh sich losgerissen, oder was sonst passirt sei. Sie hörte den Hausherrn im Zimmer der jungen Frau heftig reden, sie verstand nicht was, und ging wieder zu Bett. Bald darauf hörte sie etwas hämmern und die obere Thür zuschlagen; der junge Ehemann ging zu ihrer Verwunderung wieder die Treppe hinab in die Dönze. Am andern Morgen fand man Anna als Leiche im Bette, ein Schlagfluß mußte sie getödtet haben. Der herbeigerufene Arzt fand keine Verletzung an dem Körper, aber auch keinen Grund für einen Erstickungstod; Rettung war unmöglich. Ein reitender Bote ward die Weser hinaufgeschickt, um Hans Dummeier, der bei einem Vetter in Leseringen weilte, von dem plötzlichen Tode seiner Tochter zu benachrichtigen. Der Bote kam zurück, aber ohne Hans Dummeier; dieser hatte sich, um auf dem linken Weserufer schneller nach Eckernhausen zu gelangen, bei Leseringen übersetzen lassen wollen, und da der Fährmann nicht gleich zur Hand war, dieses selbst zu thun beschlossen. Die Weser war infolge des andauernden Regens hoch angeschwollen, der Strom übermächtig; das Pferd wurde unruhig. Der Alte glaubte, mit der einen Hand allein die Fähre vor der Leine halten zu können, während er mit der andern Hand den Zügel des Pferdes hielt, allein der Strom hatte mehr Kraft, er ward abgeschleudert, die Fähre stieß gegen einen Haken, warf um und Roß und Reiter ertranken. Drittes Kapitel. Olmütz. Bollmann kam Anfang September nach Rheinsberg, wo der Bruder Friedrich's des Großen, Prinz Heinrich, seinen Hof hielt. Es war ein halbes Jahrhundert und länger vergangen, seitdem Friedrich, umgeben von französischen Gelehrten, hier als Kronprinz gelebt, geliebt und gedacht hatte, er, der Repräsentant der Neuzeit, der mehr denn einer die Baue des Mittelalters zertrümmerte und mittelalterlichen Schutt hinwegräumte. Daß ein titelloser Bürgerlicher, ein Doctor der Arzneiwissenschaft, schlechthin am prinzlichen Hofe so aufgenommen war, wie es mit Bollmann geschah, lieferte den Beweis, daß hier ein Geist wie Friedrich vorgearbeitet. Kaum hatte Bollmann seine Empfehlungsbriefe abgegeben, als er zu einer Audienz beschieden war, eine Einladung zur Oper und abends zum Thee beim Prinzen erhielt. Der persönliche Eindruck, den Bollmann durch seine Erzählungen von Paris und London auf den Prinzen machte, war für ihn wie für seine Mission der günstigste. Die Denkschrift Lally-Tolendal's überzeugte den Prinzen von der völkerrechtswidrigen Verhaftung Lafayette's, wie Bollmann's Rede davon, daß dieselbe mindestens eine ganz unpolitische sei und daß Hunderte von Gründen für Freigebung sprächen. Alle die Dinge, die man nicht schreiben, wohl aber gewandt in der Rede ausdrücken konnte, wurden von dem Abgesandten Tolendal's hervorgehoben, um den politischen Motiven einer Freigebung aus Magdeburg die gehörige Folie zu geben. Der Inhalt jener der Denkschrift Tolendal's beigefügten Originalcorrespondenz zwischen Lafayette und Ludwig XVI. aus den Monaten Juli und August des vorigen Jahres ließ keinen Zweifel darüber aufkommen, daß nicht die Royalisten, sondern viel eher die Demokraten Ursache hatten, Lafayette's Gefangennehmung gutzuheißen, aber diese Originalcorrespondenz gerade (durch Forster's Schuld zu früh veröffentlicht) mußte den damaligen Gewalthabern Frankreichs verborgen bleiben, da sie neben Lafayette auch andere compromittirte. Prinz Heinrich versprach, sich bei dem Könige eifrig für die Freilassung des Gefangenen zu bemühen, und gab Bollmann Empfehlungsbriefe ins Lager. Dieser war Anfang October dahin unterwegs und schon in Frankfurt angekommen, als ihm mit Kurierpferden der König begegnete, dem plötzlich der Gedanke gekommen war, er müsse nach Polen gehen, um die Gemüther der neuen Unterthanen zu gewinnen. Bollmann wartete die Rückkehr des Königs nach Berlin in Hamburg ab, wo er in den Familien Sieveking und Reimarus herzliche Aufnahme fand, dort eingeführt durch den Kapellmeister Reichardt, den er von Strasburg her kannte. Er wurde durch diesen Kreis wieder mehr demokratischen Ansichten und Grundsätzen zugeführt. Sein Umgang mit der zweiten Emigration in London, der Geistesaristokratie, die sich um die Staël sammelte, die hier gewonnene Einsicht in das Intriguenspiel der Revolution, in die Jagd um die Macht, der Eigennutz, den er fand, wo er Größe erwartete, seine Verhandlungen mit englischen Staatsmännern hatten nicht wenig dazu beigetragen, die Schärfe seiner demokratischen Grundsätze abzustumpfen, dazu kamen nun noch Briefe voll Klagen und Jammer, die er von seinem Freunde in Paris erhielt, welcher hier von seinem Enthusiasmus für die Französische Revolution durch die Greuel, die er unter seinen Augen sah, bald zurückgekommen war. Forster klagte, daß Egoismus da sein Spiel treibe, wo er reine Aufopferung zu finden gehofft, und daß Uneigennützigkeit, Freiheit, Gleichheit bloße Worte, Kinderklappern seien, um die Menge zu bethören, daß die ganze große Nation sich vielmehr nur in Betrüger und Betrogene theilte. Das alles hatte Bollmann zu einem Aristokraten gemacht. Hier in der Republik Hamburg war es die liebenswürdige und geistreiche Tochter Reimarus', die Schwägerin Sieveking's, eine Republikanerin mit Leib und Seele, die ihn der Demokratie wiedergewann. Bollmann betrachtete seit diesem sechswöchigen Aufenthalte in Hamburg die Gegenwart nur als ein Thor, durch welches die Menschheit aus finsterer Vergangenheit in eine helle Zukunft gelange. Er eignete sich den damals wie heute vielfach gehörten Spruch an, daß Freiheit nur durch Despotismus begründet werden könne, obgleich es eine ewige Wahrheit ist und bleibt, daß aus Bösem nichts Gutes, aus Gewalt keine Freiheit, aus Unrecht an sich kein Recht entstehen kann. Friedrich Wilhelm II., als er von der Lally-Tolendal'schen Denkschrift durch seinen Onkel Kunde erhalten hatte, erklärte, er wolle nicht, daß die Gehässigkeit der Gefangenschaft Lafayette's länger auf ihm ruhe, allein Bollmann's diplomatische Mission war doch gescheitert. Oesterreich hatte Lafayette reclamirt, weil er zuerst österreichischen Vorposten sich übergeben, und er saß nicht mehr in Magdeburg, sondern war nach Olmütz geschleppt, und auf die österreichischen Staatsmänner diplomatisch einzuwirken, das hielt man selbst in England, wohin Bollmann zurückkehrte, für unmöglich. Aber dieser ließ ein Ziel, das er verfolgte, so leicht nicht aus den Augen; er entwarf einen Plan, Lafayette aus Olmütz mit Gewalt zu befreien. Die Freunde Lafayette's in Frankreich und England, vor allen der amerikanische Gesandte in London, billigten den kühnen Plan und versahen Bollmann mit allen Mitteln, Pässen, Wechseln, Empfehlungsschreiben. Erich Justus ging im Sommer 1794 als reisender Naturforscher nach Schlesien, er machte dort Bekanntschaften und schloß Freundschaften, er besuchte die Bergwerke von Tarnowitz und begab sich dann über Ratibor nach Olmütz. Olmütz galt für eine Festung ersten Ranges, Sternberg hatte hier 1241 die Ungarn geschlagen, und vor sechsunddreißig Jahren hatte Friedrich der Große nach siebenwöchentlicher Belagerung, ärmer durch die von Laudon bei Domstadt weggenommenen Geld und Munitionswagen, mit leerer Hand abziehen müssen. In Olmütz verwahrte Oesterreich damals seine Staatsgefangenen, und aus Olmütz zu entkommen galt für unmöglich, denn diese Festung hatte, da sie in einem Thale lag, ihre Außenwerke über eine Stunde außerhalb der Wälle erstreckt. Unser unternehmender Hoyaer hatte die Pläne von Olmütz schon in England studirt und abgezeichnet, danach seinen Entwurf gemacht, der einfach darin bestand, die Oesterreicher sollten den Gefangenen selbst durch alle diese Festungswerke ins Freie bringen, dort wollte er für das Weitere sorgen. Justus Erich brachte aus England, aus Breslau, aus Ratibor und Wien Empfehlungen mit an die angesehensten Aerzte in Olmütz, unter denen er bald auch den herausfand, der die im Jesuitencollegium bewachten Franzosen behandelte. Nach eingeleiteter Bekanntschaft vermittelte dieser Arzt, eines physiologischen Experiments wegen, ein Blatt Papier, das Bollmann aus seinem Tagebuche riß und mit einem englischen Verse beschrieb, an die Nummer des Gefangenen, die man für Lafayette hielt. Das weiße Blatt war aber schon vorher mit symbolischer Tinte beschrieben. Der Versuch glückte, das Blatt kam an seine namenlose Adresse, denn die Gefangenen in Olmütz hörten auf, Namen zu führen, sie waren nur Nummern. Lafayette wußte außer dem Verse aber auch den auf das Papier geschriebenen Rettungsplan zu lesen und gab durch eine allgemein gehaltene Antwort sein Verständniß zu erkennen, wie er sich später zu seinen Antworten des Citronensaftes bediente. Bollmann's Plan erforderte längere Vorbereitung von seiten Lafayette's, es genügte vorderhand, daß mit diesem die Möglichkeit einer Verständigung angeknüpft war; er reiste nach Wien, um hier das Nähere abzuwarten und sich einen Genossen zu suchen. Diesen fand er bald in einem jungen Amerikaner aus Südamerika, Huger, einem Jünglinge voll Eifer und Muth, einem glühenden Anhänger Lafayette's. Bollmann, der seinem Glücksstern traute, hatte an einem und demselben Tage eine doppelte Bekanntschaft gemacht, die ihm von großem Nutzen sein sollte. Er trat in Wien auf als Naturforscher und Arzt mit den bloßen Empfehlungen an Gelehrte, Professoren und Bankiers. Wien war damals noch nicht in der innigen Verbindung mit seinen Vorstädten wie heutzutage, es war Festung mit hohen Basteien, über die man erst in einiger Entfernung die schöne Pyramide des Sanct-Stephan emporsteigen sah; die vierunddreißig Vorstädte waren auch noch nicht so nahe an das Glacis herangebaut, sie waren, wie man sagte, noch 1684 Dörfer. Das hatte keine Einheit, wie die jetzigen sieben Vorstädte, sondern mußte erst zusammenwachsen. Wo damals schöne Gärten oder Fruchtfelder sich befanden, sieht man heute geradlinige, breite Straßen. In der engen, hohen, von betäubendem Wagengerassel wie Straßenlärm staubdurchwogten Altstadt konnte Bollmann sich nicht wohl fühlen. Er hatte sich nahe der Mariahilfer Hauptstraße, zwischen dieser und der Wien, nahe bei dem fürstlich Esterhazy'schen Palais in der Berggasse eine Wohnung mit Remise, Pferdestall wie Garten gemiethet, Wagen und zwei Reitpferde angeschafft, einen Reitknecht, der zugleich den Kutscher spielen mußte, gedungen, einen Ungarn, gewandt und kräftig. Justus Erich war einer der Menschen, die wenig Schlaf bedürfen, er schlief aber desto intensiver. Seit lange gewohnt, mit der Sonne aufzustehen, that er dies auch, wenn er spät nachts zu Bett gegangen. Jeden Morgen fünf Uhr ritt er mit seinem Reitknecht die Wien entlang nach Hietzing zu, auch wol nach Sanct-Veit oder weiter nach Lanz und Speising hinauf. Auf dem Rückwege wurden regelmäßig die Pferde in Hietzing in einem Kaffeegarten eingestellt, der seit etwa sechs Jahren den Namen Zur Neuen Welt bekommen. Dann wurde ein Spaziergang im schönbrunner Park gemacht und zwar regelmäßig in derselben Richtung, zunächst nach jener Grotte mit der schönen Nymphe, aus deren Arm der Schönborn fließt. Hier zog er seinen beständigen Begleiter, einen ledernen, in England gekauften Becher aus der Tasche und genoß als erstes Frühstück jenes prächtige Wasser, welches Joseph II. so unentbehrlich geworden war, daß er es sich auf Reisen nachsenden ließ. Von da wandte er sich meistens der Gloriette zu, diesem Prachtbau Joseph's, der seiner Mutter zeigen wollte, wohin sie Schönbrunn hätte bauen sollen. Nicht selten bestieg er die Plattform, um sich das Häusermeer Wiens und seiner Vorstädte anzusehen. Dasselbe nahm zwar keine solche Ausdehnung ein wie London von Sanct-Paul aus gesehen, aber welche Fülle von Naturschönheiten bei klarem, blauem Himmel gegen jenen Nebel und Steinkohlendunst! Nach Norden wurde der Horizont durch den Kahlenberg und das Klosterneuburg begrenzt, nordöstlich lag die Stadt mit ihren ungeheuern Vorstädten, dahinter die Donauinseln in dem verschlungenen Gewirr der Donauarme; östlich sah man über die große Insel Lobau in die weite Marchebene, südlich das Hügelland bis Baden mit den Steirischen Alpen im Hintergrunde. Das war wol ein Platz, um stundenlang zu träumen, und Bollmann hatte keine Beschäftigung; seine Besuche von Hörsälen, von Spitälern waren nur Schein, das Studium der Medicin lag für immer hinter ihm. Es war aber noch etwas anderes, was ihn hierher zog. Während in den weiten Parkgängen nur Gärtnerburschen in dieser frühen Morgenzeit zu erblicken waren, war er auf der Gloriette zweimal einer Frauengestalt von so wunderbarer Schönheit begegnet, wie er sie nie gesehen zu haben sich erinnerte. Bollmann trug damals freilich »das Bild« des klügsten, edelsten deutschen Mädchens, wie er es Karl gegenüber bezeichnet hatte, im Herzen, wahrscheinlich das der Tochter Reimarus'. Er hatte sich aber nie gegen sie erklärt, er kam sich zu sehr als Abenteurer vor, um einer Familie wie der Reimarus-Sieveking sich als Schwiegersohn anbieten zu können; er liebte sie vielleicht mehr ihrer geistigen Bildung wegen, als um ihrer körperlichen Schönheit willen; wir wissen wenigstens nicht, ob sie schön war wie ihre Mutter, die Hennings. Aber Erich Justus wurde von Geist wie von Schönheit leicht erregt; die Dame, die er früh morgens in einfachem, aber feinem Négligé auf der Gloriette getroffen, fing an seine Phantasie in Bewegung zu setzen; er fragte die Gärtnerburschen, er fragte die Thierwärter nach ihrem Namen, konnte aber nur erfahren, daß sie im Schlosse wohne. Also eine Dame aus der Umgebung der Kaiserin. Die Phantasie brachte ihm die reizende Gestalt der Dame am Tage und in der Nacht, sobald er zu denken und zu arbeiten aufhörte. Wenn er morgens sich auf sein Pferd setzte, so saß die Dame in seinem Kopfe. Es war gegen Ende August, als er eines Morgens später als gewöhnlich vor der Gloriette ankam und rechts abbiegen wollte, um sie zu ersteigen, da sah er auf der Plattform seine Schönheit stehen, nach Nordosten auf die Stadt blickend und sich gegen die Sonnenstrahlen durch einen Sonnenschirm schützend. Erich sah hinauf, in diesem Augenblicke hörte er ein » Mon dieu! « und sah, wie ein Windstoß den Sonnenschirm entführte und zu seinen Füßen niederlegte. Er beeilte sich, der herabeilenden Dame entgegenzugehen, und überreichte ihr den Schirm mit einer leichten französischen Redensart über den treulosen Flüchtling. Sie antwortete in gleicher Sprache, wenn auch nicht mit der fertigen pariser Zunge, in der jener sich ausdrückte. »Ich bin erst einige Monate hier, bei einer Tante, der Gräfin von S., Staatsdame bei der Kaiserin, und kann mich schwer finden in das Ceremoniell des Hofes, in die vielen Formen, die beobachtet werden müssen, wenn Kaiser und Kaiserin, einer der vielen Erzherzoge oder Erzherzoginnen oder sonstige fremde Prinzen und Herren zugegen sind, und meine Tante ist sehr streng. Ich habe, glaube ich, Heimweh, es drängt mich jeden Morgen, die einzige Zeit, wo ich mir selbst angehöre, hier oben hinauf, um über die Stadt hinweg, weit an der March hinauf, mich in die Heimat nach Olmütz und mein Kloster zu träumen. So auch heute, da sah ich plötzlich –« sie zögerte und erröthete bis in den weißen Nacken hinein – »da kam ein böser Zephyr und entwandte mir den Schirm.« So plauderte sie naiv und unbefangen weiter, als wenn sie den Doctor schon lange Zeit gekannt hätte. Man ging durch eine der schönen breiten Lindenalleen, die zum Schlosse führten. Als Bollmann den Namen Olmütz hörte, nahm er dies als glückliche Vorbedeutung, lenkte das Gespräch sogleich auf Olmütz, indem er sich über Stadt und Umgegend als ihm bekannt ausließ. Die Dame, welcher das Französischsprechen einige Schwierigkeit zu machen schien, war in das rechte Fahrwasser gekommen, sie fing an, im echten wiener Dialekt, der in schöner Frauen Munde so reizend klingt, über die liebe Vaterstadt und ihre Jugend zu erzählen, daß ihre Aeltern so früh gestorben, daß sie dieselben nicht mehr gekannt, daß ihr Oheim, der Bischof von Olmütz, sich ihrer Erziehung angenommen und sie solche bisher in einem Kloster daselbst genossen habe; sie erzählte in der unbefangensten Weise ihre ganze Jugendgeschichte und nannte auf Eindringen des Begleiters auch ihren Vornamen: Marie. Man war so bis an den Theil der Gärten gekommen, den der Kaiser für sich reservirt, eine Schildwache am Eingange des Weges und ein eisernes Staket erinnerten daran; Marie drehte sich unbefangen um und sagte: »Ich habe noch Zeit, die Tante steht vor elf Uhr nicht auf, ich begleite Sie bis zum Ausgange.« Man ging die große Allee jetzt hinauf, welche durch die sogenannte Menagerie in den Hietzing Eingang führte. Der junge Mann stellte sich selbst als Arzt und Naturforscher vor, nannte seinen Namen und erzählte von Paris und London, von Berlin und Hamburg, Leipzig und dem Rhein, lauter neue Dinge für die Nichte des Bischofs von Olmütz. Als man an das Parkthor kam, reichte Marie die Hand zum Kuß, eine kleine, zarte, weiße, und fragte: »Sehe ich Ew. Gnaden wieder?« »Jeden Morgen!« erwiderte der Beglückte, und man traf sich bis zu der Zeit, wo die That in Olmütz unsern Freund abrief, jeden Morgen, ohne daß wir sagen können, ob das naiv-brüderlich-schwesterliche Wesen, das sich am ersten Tage gemacht, einen zärtlichen Charakter annahm. Als Bollmann in das Kaffeehaus in Hietzing zurücktrat, wo die Pferde standen, war er auffallend zerstreut und schlürfte den Kaffee mit dem zarten, weißen Kipfel dazu gedankenlos hinunter; oder war es lediglich Gedankenfülle, die ihn nicht bemerken ließ, daß in der offenen Reitbahn, die zwischen Hofplatz und Garten sich befand, sein Reitknecht sich herumtummelte auf seinem schwarzen Rappen, den Hausmann aus dem Wirthshause hinter sich, und daß Knechte und Stubenmadel und Kaffeeköchin über das komische Schauspiel laut auflachten? Er kam erst zur Auffassung der Umgebung, als der Hausmann vom Pferde gefallen, der Reitknecht heruntergesprungen war und dem Hausmann die Zügel zugeworfen hatte und nun zu ihm trat, mit der Frage: »Ew. Gnaden schaffen's halter heut zu üben?« Bollmann hatte nämlich gerade dieses Kaffeehaus zu seinem Morgenritte gewählt, weil hier zwischen Hof und Garten ein offener, runder Reitcircus war, der von Kunstreitern und Seiltänzern zu öffentlichen Vorstellungen gebraucht wurde. Er wollte seinem Rappen die Kunst beibringen, zwei Männer zu tragen und mit ihnen im Galop zu jagen. »Hat halter n'en Sparrn«, dachte Anton, der Reitknecht. Jeden Morgen, wenn er aus dem Park von Schönbrunn nach Hietzing zurückkam und seinen Kaffee genossen hatte, setzte er sich hinter Anton auf den Rappen und dann ging's im Trab und Galop in der Reitbahn herum, bis der Rappe matt war. Da heute der Herr länger ausblieb als gewöhnlich, hatte Anton den Hausmann genöthigt, hinter ihm zu sitzen. Justus Erich hatte keine Lust zu Uebungen, er nahm das Pferd Anton's und hieß diesen, den Rappen langsam nach Hause reiten. Der mit Lafayette's Befreiung Beschäftigte pflegte des Morgens, wenn er von seinem Spazierritte zurückkam, in die Stadt zu gehen, dort, wie es üblich, warm zu frühstücken und dann das eine oder andere Colleg in der Universität zu hören, eine Augenklinik zu besuchen oder die Militärisch-Chirurgische Akademie und das Militärspital in der Wehringer Vorstadt, um dem angenommenen Charakter einigen Schein zu geben, dann aber eine Stunde am Graben oder auf dem Kohlmarkte zu flaniren oder Kunstsammlungen zu besuchen. Mittagsbrot wurde bald hier, bald dort eingenommen, im Kaffeehause eine Schwarze getrunken und die wenigen Zeitungen gelesen, die damals erschienen, dazu wurde aus türkischer Pfeife Taback geraucht. Der Nachmittag und Abend aber ward dann an einem der unzähligen Vergnügungsorte in und um Wien oder im Theater zugebracht. Ein abwechselndes lustiges Leben das. Heute hatte Justus Erich aber zu alledem keine Lust, er mußte und mußte um jeden Preis Näheres erfahren über die junge Schöne, die sein leicht entzündbares Herz im Fluge erobert hatte. Es fiel ihm ein, daß er noch einen unabgegebenen Empfehlungsbrief und Wechsel auf ein österreichisches Bankierhaus habe, welches mit der kaiserlichen Burg in näherer Verbindung stand. Er machte Toilette und fuhr in die Leopoldstadt zum Comptoir des Barons. Dieser war äußerst freundlich und überhäufte den Besucher mit Titeln und Würden, die dieser ablehnte. Zum einfachen »Herr Doctor« war der Baron nicht zu bringen, er mußte den ihm aus England von einem Earl Empfohlenen mindestens baronisiren. Bollmann, der sich schon an das »Ew. Gnaden \&c. \&c.« gewöhnt hatte, ließ sich das gefallen und kam, im Gespräche mit dem Bankier, endlich seinem Ziele näher. »Schauen's Ew. Gnaden, ist's eben die Nicht' des Herrn Bischof von Olmütz – und so a Nicht' kann sein eine Tochter, kann sein eine Amata – wer kann's wissen? Glaub's freilich nit, daß es a Schazerl ist vom Bischof, ist wol zu alt dazu. Aber die Frau von S. sollten's halter kennen, ist ja die rechte Hand der Frau Kaiserin, und ihr Gemahl der Graf Franz von S. ist halter Vicepräsident der geheimen Polizei und Hofkammerpräsident und gilt mehr als der alte Graf Anton von Perger, der nur den Namen hergibt als Präsident. O! der Graf von S. ist mächtiger als selbst der Thugut Excellenz, eben durch den Einfluß der Gemahlin auf die Kaiserin.« Bollmann wußte nun, was er wissen wollte, aber so leichten Kaufs sollte er nicht abkommen, der Baron bestand darauf, ihn seiner Frau und zwei Töchtern vorzustellen, und ließ nicht nach, bis Bollmann eine Einladung zum Diner annahm. Einen so großen Gelehrten und weitgereisten Mann, der in Paris und London gewesen, der, wie in dem Empfehlungsbriefe erwähnt war, Narbonne befreit hatte, den mußte man nicht nur bei Tisch haben, den mußte man auch im Prater sehen lassen, und war heute nicht Annentag und großes Feuerwerk? Das Diner war prächtig; das »Gemischte« des Nachtisches mit seinen griechischen und syrakuser Weinen brauchte die Töchter des Hauses nicht mehr gesprächig zu machen, sie waren es von Anfang an gewesen, aber es machte, daß Bollmann, der zugeknöpfter geworden war, je mehr der Gastgeber und die weiblichen Familienglieder sich gehen ließen, mittheilsamer wurde, von Paris während des 10. August und von dem Kreise der Frau von Staël erzählte, die schon darum hochgeehrt wurde, weil sie Tochter eines Financiers wie Necker war. Der einzige Gast, der außer ihm geladen war, Attaché bei der russischen Gesandtschaft, kannte das Paris vor der Revolution genau, das Paris der Revolution war ihm unverständlich, er fragte und forschte und wußte auf diese Weise unsern Freund zu immer neuen Mittheilungen anzuregen. So nahte der Abend; da fuhren zwei elegante Equipagen vor, der Gast bekam den Sitz bei den jungen Damen, der Attaché hatte die Ehre, bei der Baronin und ihrem Gemahl zu sitzen. Man fuhr die Alleen des Praters, die von Wagen und schaulustiger Menge gefüllten, in gewohnter Weise bis zum Rondeau am Heustedtwasser. Die Damen verfehlten nicht, ihre Bekanntschaft mit der vornehmen Welt durch Erörterung der Familienverhältnisse der Insassen einer jeden ihnen begegnenden Equipage zu zeigen, wobei auf das ungenirteste bei den meisten Damen der Name des Hausfreundes, bei unverheirateten die Liebhaber genannt und kritisirt wurden. Man wußte, wen jeder der Herren, die auf schönen Pferden einherritten, suchen würde, in welches Theater diese oder jene Herrschaft noch fahre, und wem dort ein Rendezvous gegeben würde. Bollmann erwähnte beiläufig einmal der Nichte des Bischofs von Olmütz, allein die war seinen Begleiterinnen offenbar unbekannt, dagegen lernte er von den Liebesgeheimnissen der vornehmen und schönen Welt Wiens an einem Abende mehr kennen als in den Wochen, die er dort gewesen war. Man war wieder in der Gegend des Wurstprater angekommen und mußte nun die unzähligen Buden mit ihren thierischen und menschlichen Künstlern, Sängern, Musikbanden, Bären und Affen, Marionetten und Würfelbuden durchwandern, angerufen von dieser und jener Seite: »A herrlich Pletzerl, Ihr Gnaden! Schauen's a gut Zischerl. Schaffen's Gefrornes?« Ja, Gefrorenes wollte man genießen, aber nicht in diesem Massengewühl. Der Baron mit der Frau voran, gefolgt von Bollmann mit der ältesten, dem Attaché mit der jüngsten Tochter, drängte man sich durch die vielen Tausende von geputzten Menschen, durch die Kindermadel mit den freundlich lächelnden, herausfordernden Augen, durch geschminkte und ungeschminkte Schönheiten. Justus Erich mußte gestehen, daß die Champs Elysées sich nicht mit dem Prater messen können, Hydepark und Kensington zwar an schönen Equipagen, noch mehr an guten Reitern den Prater überträfen, daß aber dieses bunte, lustige Leben und Treiben des Volkes dort fehle. Man hatte endlich nordöstlich ein außerhalb des wüsten Getreibes liegendes aristokratisches Kaffeehaus gefunden, wo man Platz fand, um Gefrorenes zu nehmen. »Schauen's den allerliebsten jungen Mann mit dem wunderschönen Hunde«, sagte Justus Erich's Begleiterin, auf einen noch jungen Mann mit dem Finger weisend, der vor einem der nächsten Tische saß und eine Landkarte studirte, während ein großer prächtiger Neufundländer zu seinen Füßen saß und sein schönes Haupt mit den treuen, klugen Augen auf die Knie seines Herrn gelegt hatte, zu ihm emporschauend. » O cher papa « sagte Flora aufspringend, zum Vater, »den Hund mußt du mir kaufen, den Hund muß ich haben«, und dann sagte sie zu Bollmann: »Ew. Gnaden müssen den hübschen jungen Mann fragen, ob er den Hund nicht verkaufen will, ich möchte denselben so gern haben.« Bollmann wußte nicht, war das façon de parler , um die Bekanntschaft des »allerliebsten jungen Mannes« zu machen, oder war wirklich die Leidenschaft für den Hund so groß. Er sah sich den jungen Mann scharf an, derselbe hatte in seiner Physiognomie und seinem ganzen Wesen etwas Fremdes, das er nicht unterzubringen wußte, etwas Ritterliches, sodaß er unwillkürlich bei sich dachte: »das wäre ein Mann, wie du ihn brauchst«. Er trat auf den Fremden zu, entschuldigte sich und sagte, das Fräulein, welches er begleite, finde den Hund so schön, daß sie vor Verlangen brenne, ihn zu besitzen, und gern erbötig sei, jeden Preis zu zahlen, der gefordert werde. Der Fremde war durch die Anrede offenbar überrascht und schien dieselbe nicht vollkommen zu verstehen. Er erwiderte auf englisch: »Pluto nicht verkauft wird.« Als Bollmann darauf in geläufigem Englisch seine Frage nochmals entschuldigte, überzog ein Freudenstrahl das Gesicht des jungen Mannes, fand er hier unter Tausenden von Menschen doch zuerst einen solchen, mit dem er sich in seiner Muttersprache unterhalten konnte. Der junge Mann hieß Franz Huger, war aus Südcarolina gebürtig und bereiste Europa, um sich auszubilden. Er war erst am zweiten Tage in Wien, und Bollmann erbot sich sofort, ihn schon am nächsten Morgen herumzuführen und ihm das Sehenswertheste zu zeigen, sowie ihn der Familie des Bankiers vorzustellen, in welcher er sich befinde, wenigstens den Damen, die sich so sehr für seinen Hund und – bei der Liebenswürdigkeit aller Wienerinnen wisse man nicht – vielleicht auch für seine Person interessiren. Huger lehnte die Vorstellung ab, wenigstens für heute; Erich versprach, ihn morgen früh sieben Uhr aus seinem Gasthause, dem Goldenen Lamm in der Leopoldvorstadt, abzuholen. Ein Kanonenschuß verkündete, daß in einer halben Stunde der weltberühmte Stuver sein Feuerwerk beginnen werde. Alles eilte nördlich über den Praterstern hinaus, dem stehenden Feuerwerksplatze zu, wo ein Amphitheater für die Haute-Volée reservirt war. Wien war damals weltberühmt wegen seiner Feuerwerke und nahm nach den Chinesen und Japanesen den ersten Rang in dieser Beziehung ein. Der Name Anna oder Nannerl, wie die Wiener ihn umgewandelt, kam denn auch heute an ihrem Namensfeste in Brillantfeuer in rothem, blauem, gelbem Lichte, in Raketenform, neben vielen andern schönen Sachen mehrfach zum Vorschein. Der Abend war so schön, daß, nachdem das Feuerwerk beendet und man mit Mühe und Noth sich zu den Wagen durchgedrängt hatte, Flora den Vorschlag machte, Bollmann nach seiner Wohnung zu fahren. So geschah es, und die schöne Baronesse erkundigte sich sehr eifrig nach dem prächtigen Neufundländer und dem Namen seines Herrn und nahm ihrem Nachbar das Versprechen ab, den Amerikaner in ihr Haus einzuführen, natürlich nur, weil sie hoffte, er werde sich erweichen lassen, ihr den Hund zu verkaufen. Unser Freund, obgleich er von morgens fünf Uhr bis abends nach elf Uhr in beständiger Thätigkeit und Aufregung gewesen, konnte Ruhe nicht finden. Er schlief keinen gewohnten Schlaf, sondern träumte und phantasirte von der Nichte des Bischofs von Olmütz, und wie er mit ihrer Hülfe Lafayette auf leichtere Weise aus dem Kerker befreien könne, als die seit Monaten ausgedachte. Sein Plan war einfach. Lafayette sollte sich krank stellen und immer kränker werden, sodaß Spazierfahrten ins Freie, wonach er dann und wann gegen den Arzt Sehnsucht äußern sollte, von diesem empfohlen würden. Dann sollten längere Zeit diese Fahrten statthaben, sich möglichst weit aus dem großen Festungsrayon ausdehnen und die Begleiter zur Sorglosigkeit und Nachlässigkeit hingeführt werden. Auf offener Straße wollte Bollmann dann Lafayette aus den Händen seiner Wächter herausreißen und über die schlesische und polnische Grenze nach Danzig entführen. In Ratibor und Tarnowitz waren Mittel zur weitern Flucht bereit. Bollmann bedurfte aber noch eines Gehülfen, und er träumte von einer Gehülfin, einer schönen, anbetungswürdigen, der Nichte des Erzbischofs von Olmütz; er hatte Thümmel's »Reisen im südlichen Frankreich« gelesen, und die Naivetät der heiligen Klara von Avignon spielte ihm einen fatalen Streich im Traume. Am frühen Morgen war unser Freund aber in Schönbrunn auf der Gloriette; er schaute auf das Schloß, wovon er aber nur einen Theil der innern Hofräume übersehen konnte; er hätte gar zu gern das Zimmer gewußt, wo die Schöne geschlafen, um sie zuerst durch sein Glas zu sehen, wenn sie das Fenster öffnete. Seine Ungeduld stieg immer höher, er verwandte keinen Blick von dem Eingange aus dem Schlosse und dem Wege, auf dem Marie erscheinen mußte. Diese aber hatte auch sehr unruhig geschlafen, sie hatte sich früher wie gewöhnlich erhoben und schon einen kleinen Spaziergang höher in die Berge hinauf zur Einsiedelei gemacht. Sie war dann mit leichtem Schritt die Gloriette hinaufgehüpft und stand jetzt hinter Bollmann, während dieser nach Schönbrunn sah. Als Bollmann ihr » Bon jour « hörte, ihr in die hellen, reinen Augen blickte, da bat er ihr innerlich tausendmal ab, daß er im Traume diese Naivetät für eine gemachte gehalten. Zwei Stunden gingen im Plaudern wie wenige Minuten vorüber, und Bollmann, der sich erinnerte, daß er seinem Amerikaner um sieben Uhr ein Rendezvous versprochen, mußte aufbrechen. In Huger fand Bollmann, was er suchte, einen Jüngling voll Muth, der, als er nur den Namen Lafayette hörte, den glühendsten Enthusiasmus äußerte, sodaß jener ihm in der ersten Stunde seine Plane offenbaren konnte und der Südcaroliner gern bereit war, sein Leben zu wagen und damit eine Schuld seines Vaterlandes, das Lafayette nach Washington hauptsächlich seine Freiheit verdankte, abzuzahlen. Der Antheil, den der Amerikaner an der Sache nahm, war so groß, daß er gedämpft werden mußte, was denn die schöne Baroneß Flora übernahm, welche den Südcaroliner auf Wienerisch in die Kunst zu lieben einweihte. Bollmann selbst war sehr ungeduldig, daß aus Olmütz noch immer das verabredete Zeichen, daß mit den Spazierfahrten der Anfang gemacht sei, nicht kam. Die Zusammenkünfte mit der Nichte des Bischofs wurden mit jedem Tage, der Witterung wegen, kürzer, sie mußten aus dem Freien in die Orangerie verlegt werden, und als nun gar October herannahte, zog der Hof in die Burg, und hätte nicht Bollmann einen Plan förmlich ausgearbeitet gehabt, nach welchem man sich in den verschiedenen Bildergalerien und Kunstsammlungen der Großen, in den Kaunitz'schen, Liechtenstein'schen, Friesischen, Schönborn'schen, Lemberg'schen zu bestimmt verabredeten Stunden traf, so wären Zusammenkünfte ganz unmöglich gewesen. Hier aber, wo die Seelenreinheit Marie's sich in zweifelloser Weise zeigte, wo ihre Bildungsbedürftigkeit und Bildungssehnsucht in vollem Maße hervortrat, wo der in allen Fächern Gewandte Mythologie und Geschichte, Geographie und Naturgeschichte, Dinge, von denen man in ihrem Kloster keine Ahnung, und von denen auch Tante Staatsdame keinen Begriff hatte, gelegentlich der Gemälde, Statuetten, Gemmen erklären mußte, waren die glückseligsten Stunden des Ungeduldigen, denn was gibt es Schöneres, als ein junges, reizendes Mädchen in Kunst, Wissenschaften und der Liebe zu unterrichten, das Leben und Weben des Alterthums in seinen schönsten, wenn auch nackten Kunstwerken vor einer wißbegierigen Mädchenseele auszubreiten! Indeß war die Nachricht gekommen, Lafayette müsse wegen erheblicher Krankheitssymptome täglich Spazierfahrten machen, und man rüstete zum Aufbruch. Bollmann war mit seinem neuen Freunde übereingekommen, daß sie das Wagniß zu zweien bestehen wollten, um ihren Plan in größter Einfachheit zu halten. Ob diesem die Trennung von seiner schönen Lehrmeisterin so schwer wurde als seinem Genossen die von seiner schönen Schülerin, mag dahinstehen; beiden Damen wurde sie schwer und Marie wurde nur in etwas durch den Gedanken getröstet, daß Bollmann zuerst nach Olmütz reise, dort das Kloster, in dem sie erzogen, besuchen wolle, daß er versprochen hatte, sie werde jedenfalls von ihm hören, vielleicht habe er sogar ihre Hülfe und Verwendung bei dem Oheim in Anspruch zu nehmen. Pässe nach Mähren und Schlesien waren visirt und Ende October verließen beide Wien; sie führten ihren Wagen mit Postpferden mit sich; der Reitknecht ging mit den Pferden voraus, während sie gemächlich im offenen Wagen saßen. Es war die schöne Zeit der Weinernte und die prächtigsten Trauben und das schönste Obst in ganz Mähren in beinahe jedem Dorfe zu haben. Als naturforschende Engländer durchstreiften sie einen großen Theil Mährens, selbst hinter Olmütz, um aller Wege und Stege kundig zu sein. Am 7. November trafen sie in dieser Stadt selbst ein und benachrichtigten Lafayette, daß sie den nächsten Tag schon die Befreiung versuchen würden. Der Reitknecht wurde am 8. morgens mit dem Wagen fünf Meilen nach Hof vorausgeschickt, um dort Postpferde bereit zu halten. Der Neufundländer war der alleinige Insasse des Wagens, er hätte geniren können bei der That. Nachmittags zwei Uhr pflegte Lafayette auf der Straße nach Sternberg spazieren zu fahren. Seine Befreier ritten eine halbe Stunde früher aus dem Thore. Bald kam ihnen auch ein bedeckter Wagen nach, in welchem Lafayette saß, ihm zur Seite ein Stabsprofoß, auf dem Bock saß der Kutscher, ein unbewaffneter Soldat, ein mit einem Seitengewehr bewaffneter stand hinten auf dem Wagen. Der Wagen fuhr vorbei; die Reiter ritten schneller nach. Etwa eine halbe Stunde hinter dem letzten Festungswerke machte der Wagen kehrt. Jetzt waren aber die Reiter daneben und geboten dem Kutscher halt. Dieser hielt auch in halber Wendung. Die Reiter stiegen ab, der Amerikaner nahm die Pferde an sich, während Bollmann dem Kutschenschlage zueilte, den Lafayette schon aufgestoßen hatte, um herauszuspringen. Aber der Stabsprofoß hing sich an ihn und fiel mit ihm aus dem Wagen auf die Chaussee. Huger, die Pferde an der linken Hand, in der rechten das gespannte Pistol, trieb den hinten aufstehenden Soldaten zur Flucht ins Feld. Bollmann befreite Lafayette von dem mit ihm am Boden ringenden Gegner, entwaffnete denselben und hielt ihn mit starker Hand niedergedrückt. Der Soldat auf dem Bocke jagte, sobald er sich unbeachtet sah, zur Stadt zurück. So stand Lafayette denn frei da, Bollmann hatte den entwaffneten Gegner losgelassen, der nicht säumte, dem Wagen nachzueilen. Aber ein Unglück anderer Art setzte der Flucht ein unvorhergesehenes Hinderniß in den Weg. Als der Soldat die Flucht ins Feld ergriffen hatte, wollte Huger Bollmann, der mit dem Profoß rang und ihn zu entwaffnen suchte, zu Hülfe eilen, er hatte das Pistol zur Erde geworfen, um die rechte Hand frei zu bekommen, das Pistol entlud sich, die Pferde scheuten und eins derselben riß sich los und lief nun im Felde umher. Zeit war nicht zu verlieren, in Olmütz mußte bald Lärm werden, an Eifer und Mitteln zum Nachsetzen konnte es dort nicht fehlen. Lafayette's Rettung war Bollmann's einziges Augenmerk; er gab ihm kurze mündliche Anweisung über das Nächstnöthige, einen vorher geschriebenen Zettel mit ausführlichen schriftlichen Angaben, eine Börse mit Gold und beschwor ihn, das eine noch so vorhandene Pferd zu besteigen und allein fortzureiten nach Hof; dort sollte er eine halbe Stunde warten, und seien dann er und Huger nicht da, mit dem Wagen weiter fahren nach Ratibor. Nach einigem Widerstreben ritt Lafayette mit dem Rappen spornstreichs davon. Inzwischen hatten Bauern auf dem Felde das entlaufene Pferd eingefangen und gaben es für ein Trinkgeld zurück. Allein das unbändige Pferd wollte durchaus keinen zweiten Reiter aufsitzen lassen, den hierzu abgerichteten Rappen hatte Lafayette bekommen, ohne daß man daran gedacht, daß er den zweiten Mann tragen müsse. Kein Zwang, keine Kunst half. Da rief Huger: »Ich allein verschulde das Unglück mit den Pferden, ich bin auch nicht weiter nöthig für die Sache, du Bollmann aber bist unentbehrlich, ich selbst will schon zu Fuß durchkommen«, und ohne auf des Freundes Widerspruch zu achten, eilte er dem Walde zu. Bollmann spornte sein Pferd und kam ohne Aufenthalt nach Sternberg. Nur zehn Minuten vor ihm war ein anderer Reiter durchgekommen. In großer Hast folgte er. Als er aber nach Hof kam, fand er Lafayette nicht, derselbe mußte einen andern Weg eingeschlagen haben. Zurückgehen konnte er nicht, er hoffte ihn in Schlesien zu treffen und fuhr mit dem Wagen in Begleitung des treuen Pluto, der nach dem Verbleibe seines Herrn zu fragen schien, der Grenze zu; um ein Uhr nachts war er in Ratibor und in Sicherheit. Aber er dachte nicht an sich, er dachte nur an Lafayette. Nach vergeblichem Harren suchte er in Begleitung Pluto's die verschiedenen Plätze, die zunächst der schlesischen Grenze als Zufluchtsorte Lafayette schriftlich bezeichnet waren, ab; vergeblich. Er kehrte nach Ratibor zurück, verkaufte seinen Wagen und war im Begriff, nach Waldenburg an der Grenze Böhmens und Schlesiens hinabzuschleichen, in der Hoffnung, daß Lafayette an einem nördlichern Punkte als Troppau die Grenze erreicht habe. Er wurde in dieser Meinung noch bestärkt, als er in Ratibor einen Brief von Huger aus Krakau erhielt. Dieser hatte in der Gegend von Pleß die Grenze erreicht und sich östlich nach Krakau gewendet, um von da über Warschau nach Berlin zurückzureisen. Ein Schreiben an Flora von E. lag ein und er bat Bollmann, dieser das Schreiben nebst Hund Pluto zu übermachen. Bollmann lohnte Anton ab, versah ihn mit Reisegeld und sandte ihn mit dem Hunde über Brünn nach Wien. Anton hatte einen alten ungarischen Paß; er war aber bei dem Ueberfall nicht gegenwärtig gewesen, man wußte kaum von seiner Existenz. Bollmann wendete sich dann zu seinem Unglück über Jägerndorf nach Mittelwalde, um Lafayette aufzusuchen. Dieser hatte Sternberg glücklich erreicht, hier aber war er auf einen falschen Weg gekommen, indem er einem ihm begegnenden Husarenregiment auswich. Sein durch starken Ritt erschöpftes Pferd war zusammengesunken, er hatte ein neues gekauft und war auf Braunseifen, zu weit links, gekommen. Man hatte ihn als Landstreicher festgenommen, war aber schon im Begriff, ihn freizugeben, als ein Ladendiener ihn erkannte. Nun setzte man ihn fest, aber erst drei Tage später führte ihn ein Commando nach Olmütz ab. Sein Befreier hatte nicht bedacht, daß die ganze Grenze von Olmütz aus durch seine kühne That alarmirt war. Er wurde bei erster Ueberschreitung derselben gefangen, nach Olmütz abgeführt, wo man ihn in Ketten legte, ohne Luft, ohne Bett und ohne Buch ließ. »Wahrlich«, schrieb Bollmann später aus Karlsruhe, »man behandelt in Preußen einen Straßenräuber besser, als man mich in Olmütz behandelte. Aber ich blieb gesund, ja heiter. Man leidet mehr von Uebeln, die man fürchtet, als die man erfährt. Meine Gefangenschaft war von Anfang bis zu Ende ein Triumph der Freundschaft; sonst verliert man Freunde im Unglück, ich habe neue erworben.« Bollmann's That machte ungemeines Aufsehen, namentlich in Wien, überall wurde sie besprochen, gerühmt, bewundert, selbst in der Hofburg geschah dies. Marie bekannte ihrer Tante offen, daß und wie sie Bollmann's Bekanntschaft gemacht habe, und flehte zu den Füßen des Grafen von S. um seine Begnadigung. Sie drang mit Entschiedenheit darauf, nach Olmütz zu reisen, und setzte ihren Willen durch. Als Anton mit Pluto in Wien glücklich angekommen war und den Brief Huger's übergeben hatte, bildeten Flora und der Hund in der Haute-Volée financière die Löwen des Tages. Bollmann hatte bei den ersten Verhören sofort durch ein freiwilliges, offenes Geständniß sowie durch die glänzende, begeisterte Rede, in der er das an Lafayette geschehene Unrecht hervorhob, einen höchst vorteilhaften Eindruck auf die Militärcommission gemacht, welche ihn vernahm. Eines Tages, er wußte kaum, ob es Nacht oder Tag sei, wurde er in ein vom Tageslicht erhelltes Gefängniß geführt und erhielt dort sein Mittagsmahl. In der Suppe fand er ein fettgetränktes Papier mit den Worten: »Freund, fasse Muth, man wird dich nach Wien vor gerechtere Richter bringen. M.« Also Marie sorgte für ihn. Auch aus Hamburg erhielt er durch Vermittlung Sieveking's einen ersten Brief von dem Wesen, das ihm über alles theuer und sein Ideal war. In Wien wurde die öffentliche Meinung zu Gunsten Bollmann's so laut, wie es die Censur nur irgend erlaubte; die Freimaurer, die seit Joseph II. in Wien starke Wurzeln geschlagen, nahmen sich seiner als des Sohnes eines Freimaurers auf Verwendung des Herzogs Ferdinand von Braunschweig an, vor allen aber wirkte die Nichte des Bischofs von Olmütz. Sie hatte freilich geloben müssen, den Ketzer nicht wiederzusehen, und sah ihn erst wieder unter ganz andern Verhältnissen, beinahe nach zwanzig Jahren, wo sie selbst Fürstin war. Während Lafayette noch drei Jahre im Kerker gehalten wurde, erlangte Bollmann nach sieben Monaten, Ende Juni 1795, seine Freiheit; man gab ihm auf, die österreichischen Staaten sofort zu verlassen und künftighin zu meiden. Er konnte dies nicht thun, ohne von der schönen Nymphe im Garten zu Schönbrunn und von der Gloriette Abschied genommen zu haben, und Flora entließ ihn nicht aus Wien, ohne daß ihm zu Ehren auf der Villa ihres Vaters bei Dornbach ein Souper gegeben wäre, wobei sie den Helden von Olmütz allen Freundinnen vorstellte und dann so zärtlich Abschied von ihm nahm unter vier Augen, daß der Südcaroliner gewiß eifersüchtig geworden wäre, wenn er zugegen gewesen. Unser Freund ging zunächst nach Hoya, um dort seinen alten Vater, seinen ältern Freund Hüpeden, seinen Onkel Hoppe in Vilsen vor seiner Abreise nach Amerika zu sehen und von ihnen Abschied zu nehmen. Sein Ideal in Hamburg hatte, da die Umstände, eine Stellung in England im Cabinet zu bekommen, für Bollmann nicht günstig gewesen, geglaubt, »sich ihrer Pflicht opfern zu müssen«, sie war Frau des französischen Ministerresidenten Reinhard geworden. »Man kann das ja nicht tadeln«, schrieb Justus, aber es schien, als ob damit die Illusionen dahin wären, als ob er schon vor seiner Ankunft in Amerika ein Realpolitiker, wie man heutzutage sagen würde, geworden wäre. Ein jüngerer Bruder war schon nach Amerika voraus, Justus Erich folgte ihm. Sein Vater hatte ihn nach Kräften mit Mitteln ausgestattet, die Freunde Lafayette's in London machten ihm ein sehr ansehnliches Geschenk, sodaß er seinen Brüdern reiche Geldmittel mitbrachte, um ein gemeinsames Handelsgeschäft zu begründen. An Karl Haus schrieb Bollmann bei Uebersendung eines gedruckten Empfehlungsbriefes: »Wundere Dich nicht, Lieber, wenn Du meinen Namen in einer Kaufmannsfirma erblickst. Ich habe so viel wenigstens, seitdem wir Göttingen verließen, gelernt, daß das spirituellste Metier, selbst das eines Professors, seinen guten Antheil von Tagelöhnerarbeit hat, und weiß, daß jeder, der nicht zu den Zehntausend gehört, die in England regieren, nur fruges consumere nati sind, arbeiten muß. Ich weiß auch, daß Arbeit Geist und Körper erhält. Preisverzeichnis studiren, Proben sammeln, Interessen berechnen, Briefe schreiben, Käufe und Verkäufe machen, das muß mit Dichterlesen, Aufsätzeschreiben, Politikstudiren, den Fortschritt der Menschheit, wo es nur möglich ist, fördern helfen, Hand in Hand gehen können, oder der Teufel möchte dieses ganze Leben holen. Sei übrigens unbesorgt, der Vetter Junker in Bremen oder vielmehr sein Weib ist mir ein abschreckendes Beispiel geblieben; keine Spur von niedrigem Eigennutz soll jemals auf meinem Charakter haften. »Und dann vergiß nicht, die Großen sind undankbar, ich habe es erfahren, kannst Du es nicht mehr aushalten bei Deinem Herrn, um offen zu sprechen, so komm nach Amerika und werde ein freier Mann.« Viertes Kapitel. Rom. »Niederkniend vor Gott dem Allmächtigen und unserm Schöpfer verspreche ich, Augustus Friedrich, Dir, Auguste Murray, und schwöre ich auf die Bibel, so wahr ich hoffe selig zu werden in der künftigen Welt, daß ich Dich, Auguste Murray, zu meinem Weibe nehmen will, im Glück und Unglück, in Reichthum und Armuth, in Krankheit und Gesundheit, daß ich Dich lieben und pflegen will, bis der Tod uns trennt, daß ich Dich allein lieben will und keine andere, und möge Gott mich vergessen, wenn ich Dich je vergesse. Der Name des Herrn sei gelobt! So segne mich, so segne uns, o Gott! Gegenwärtiges unterzeichne ich, Augustus Friedrich, mit eigener Hand zu Rom, am 21. März 1793, und setze mein Siegel und meinen Namen darunter.« Also schrieb der sechste Sohn Georg's III., damals zwanzigjährig und stark verliebt in die Lady Auguste Murray, die sich rühmte des königlichen Bluts, sowol von väterlicher als mütterlicher Seite; war doch ihr Großvater, der Earl von Dunmore, noch souveräner König von Man gewesen und hatte seine Souveränetätsrechte erst 1765 veräußert. Die Mutter der Lady, mit der Auguste seit dem letzten Winter in Neapel und Rom gewesen, wußte nichts von der Verlobung, sie kannte die Parlamentsacte vom Jahre 1772, welche die Einwilligung des Königs zu jeder rechtsgültigen Ehe des Prinzen erforderte, und wußte, daß Georg III. die Earls und Pairs, die sich ihm gleichstellten, ihm ihre Ministerien aufdrängten, tödlich haßte, daß er alles aufbieten würde, eine Ehe seines Sohnes mit der Tochter der Lady Charlotte Stewart für ungültig erklären zu lassen. Aber Auguste Murray hatte dem Prinzen ein gleiches Gelöbniß gemacht wie das obige, und als man in Rom einen Geistlichen der Anglikanischen Kirche gefunden, wurde die Trauung heimlich vollzogen am 4. April 1793. Aber man war in London doch bald von dem, was geschehen, unterrichtet, und Georg tobte seine Wuth über das Ereigniß in jenen Parforceritten aus, die kaum ein zweiter sich mitzumachen getraute. Er beauftragte den Grafen Münster, den Prinzen August und seine Maitresse, wie er sie nannte, nach England zu bringen, sei es in Güte oder mit Gewalt. Münster sollte auf dem schnellsten Wege nach Italien reisen, ein Kriegsschiff zu seiner Verfügung in Livorno sein, um den Prinzen heimzubringen; die Lady mußte man gleichfalls in England haben, um einen Scheidungsproceß einleiten zu können. Der Graf und sein Privatsecretär Karl Haus trafen den Prinzen in dem fetten Bologna, noch immer in glücklichen Flitterwochen lebend. Graf Münster kannte den Prinzen schon von dem hannoverischen Bologna her, als die Prinzen Ernst, August und Adolf, damals noch Knaben beinahe, dort studirten. Er hatte ihnen in Göttingen schon durch sein kaltes, vornehmes Wesen zu imponiren gewußt und das später fortgesetzt, als Prinz Augustus sich bis zum vorigen Jahre in Hannover aufgehalten. August selbst hatte dem Vater gegenüber oft des Grafen lobend und ihn als großen Staatsmann verehrend gedacht. Graf Münster war mit dem Glauben nach Italien gekommen, der junge Prinz sei von der Mutter der Lady Auguste gefangen; er fand ein sich zärtlich liebendes Paar, das sich sogar wider den Willen, oder mindestens ohne den Willen der Mutter verheirathet haben wollte. Der Prinz schloß sich vertrauensvoll an Münster an, und dieser offenbarte ihm, anscheinend ebenso vertrauensvoll, daß Georg III. mit nichts Geringerm umgehe, als die Ehe annulliren zu lassen. Er wußte den Prinzen zu überzeugen, daß der einzig mögliche Weg, den Vater zu einem andern Entschluß zu bewegen, der sei, daß er selbst nach England reise und sich ihm, Verzeihung erflehend, zu Füßen werfe. Augustus und Augusta wurden für diesen Plan gewonnen; man ging nach Florenz, um hier die Ankunft des Kriegsschiffes zu erwarten, schiffte sich dann in Livorno ein nach Toulon, das damals seinen Hafen den Engländern und Spaniern eröffnet hatte. Karl lernte auf der Rückfahrt Leuktra und Tetuan in Nordafrika sowie Gibraltar kennen. Mit Mühe und Noth entkam man den zahlreichen französischen Kreuzern und Kapern, die von den Thoren Gibraltars bis zum Kanale schwärmten. Der Graf hatte seinen Auftrag vollführt; Augustus flehte die Verzeihung des Vaters an, aber Georg III. zeigte sich unerbittlich dem Flehen des Sohnes gegenüber, und die Königin-Mutter, die sich später gegen die Frau des Herzogs von Cumberland so streng erwies, hatte auch damals mit dem jüngern Prinzen kein Mitleid. Ein Welfe und ein König von Man, welch ein Unterschied! Dem Prinzen fehlten Documente über seine Heirath in Rom; er miethete sich und seine Frau in Hannover Square ein und ließ sich nach dreimaligem kirchlichen Aufgebote als Augustus Friedrich mit Auguste Murray in der Saint Georg's Church am 4. December 1793 nochmals vor Zeugen trauen. Am 13. Januar 1794 gebar Auguste einen Sohn, der den Namen Augustus Friedrich und künftig den Zunamen von Este führte, welcher der Familie allein zukam, da eine welfische Abstammung derer, die sich Welfen nennen, nicht nachweisbar ist. Schon drei Tage nach der Geburt war der Wöchnerin aber die Klage des königlichen Generalprocurators behändigt, mit dem Auftrage, daß Se. königliche Hoheit Prinz Augustus Friedrich frei gewesen und noch sei von allem Ehebande mit der genannten hochachtbaren Lady Auguste Murray, und das erzbischöfliche Gericht in London erklärte am 14. Juli 1794 die Ehe für null und nichtig, weil ihr das wesentlichste Erforderniß, die Einwilligung des Königs und Vaters fehlte. Prinz August vertheidigte aber mit Standhaftigkeit und Ausdauer die Rechtsgültigkeit und Standesgemäßheit der Ehe, da die Parlamentsacte von 1772 nicht anwendbar sei auf außerhalb Großbritannien geschlossene Ehen und daneben ihn und seine Nachkommen, insofern er zugleich hannoverischer Prinz und dort erbberechtigt sei, nicht treffe. Die Frau Auguste war, noch ehe die Scheidung ausgesprochen, wieder nach Italien zu ihrer Mutter abgereist. Vater und Mutter des Prinzen August konnten mit diesem, der eine tüchtige Portion des väterlichen Eigensinns geerbt hatte, nichts anfangen und erlaubten endlich, daß er sich in Begleitung des Grafen Münster, als seines Mentors, im Frühjahr 1794 gleichfalls nach Italien begab. So kam es, daß wir zu Pfingsten 1794 Karl Haus in Rom treffen. Die Mission Münster's war eine sehr delicate. Man fürchtete in Carlton House nicht so sehr die Gemahlin des Prinzen, die weniger geistreich als schön war, als deren Mutter, die man für ein herrschsüchtiges, gefährliches Weib ansah. Der Mentor sollte daher nicht die Gatten voneinander fern halten, sondern die Mutter von der Tochter und dem Schwiegersohne. Er sollte versuchen, in dem Prinzen irgendwelchen Kunstenthusiasmus, Liebe zur Kunde des classischen Alterthums oder eine neue Leidenschaft für eine Sängerin, oder was es sonst für ein Subject oder Object sei, anzuregen, wenn es den Prinzen nur von der einzigen Beschäftigung seines damaligen Lebens, von der Liebe zur Gemahlin abzog. Dieser und die Mutter theilten sich damals in die Tochter; war die Mutter zu bewegen, sich von dem Aufenthalte des Prinzen fern zu halten, so lebten Graf und Gräfin Este, wie sie sich nannten, vereint; kam die Mutter nach Rom, so verließ Münster mit dem Prinzen diese Stadt, um einen Ausflug nach Florenz oder einer andern Stadt zu machen, dann lebten Mutter und Tochter in Rom zusammen. Der Führer des Prinzen hatte in Göttingen und Hannover wenig Gelegenheit gehabt, Kunststudien zu machen, seine Kenntniß vom classischen Alterthum war eine geringe, hier im täglichen Umgange mit Männern, wie der spätere Cardinal und Staatssekretär Ercole Consalvi, dem besten Kenner der Kunst und des Alterthums, dem freigebigen Beförderer der Tonkunst, trat das Bedürfniß, etwas von Kunst und Alterthum zu wissen, hervor und bestand des Secretärs Beschäftigung hauptsächlich darin, Vorstudien für seinen Herrn zu machen. Er mußte die Kunstsammlungen, die Alterthümer, die der Graf mit dem Prinzen besuchen wollte, vorher besehen und alles was darüber geschrieben war von Italienern wie von Winckelmann, Hirt, Zanger u. a. studiren, um dem Grafen Vorträge darüber zu halten, sodaß dieser den Cicerone beinahe entbehren konnte. Unser Heustedter erhielt auf diese Weise die anschaulichste Kenntniß des Alterthums, seines Lebens und seiner Kunst, wie des Mittelalters und der Neuzeit. Hier das alte Capitol der Römerwelt, dort Vatican, Engelsburg und Peterskirche mit ihren Kunstwerken. Karl studirte oft wochenlang, um dem Grafen die Lage eines alten Stadttheils, z. B. des herrlichen Marsfeldes, veranschaulichen zu können, ihm selbst war aber die ganze Situation des jetzt im volkreichsten Theile Roms liegenden schönsten Platzes, den je die Welt gesehen hat, klar. Das Rom, was durch Nero niedergebrannt wurde, war bis auf die Staatsbauten des Augustus, die schon das Marsfeld schmückten, eine häßliche Stadt mit sehr hohen Backsteinhäusern, sehr engen Gassen, die sich bergauf und bergab zogen, die sich nicht mit dem in der schönen Ebene ausgebreiteten Capua, noch weniger mit Alexandria oder Antiochien, mit ihren meilenlangen Prachtstraßen messen konnte. Alle diese engen Straßen waren von Krämern, Händlern, Fleischern, Schenkwirthen, Barbieren in Beschlag genommen, sodaß Rom nur eine große Taverne schien. Die Marmorstadt des Augustus begann auf dem Marsfelde, dieser weiten, auf drei Seiten von der Windung des Stromes umschlossenen Ebene, mit immer grünem Boden, ringsum von Prachtgebäuden und Denkmälern, von einem Labyrinth säulengetragener Hallen, Kuppeln, Giebeldächern umgeben, die unterbrochen wurden von dem Grün der Lusthaine und Baumgänge. Hier war das Mausoleum des Augustus mit seinen zwei Obelisken, die Bäder des Nero, der Circus Alexander Severus', das Pantheon, die Bäder Adrian's, die Bäder des Agrippa, das Theater des Pompejus mit seinem Koloß, der Circus Flaminius, dieser Machtbau aus tiburtinischem Stein, so hoch emporragend, daß der Blick kaum bis zur äußersten Höhe emporreichte. Hier war das Theater des Marcellus, die Naumachia des Augustus, die Antoninische Säule, Springbrunnen in großer Menge, Lorber- und Platanengänge. Die Wände der Hallen und Tempel prangten im Farbenschmuck der Mauergemälde und Bildertafeln, Erz und Marmorstatuen füllten ihre Räume wie die Straßen. In der Mitte des Marsfeldes stand der einhundertsechzehn Fuß hohe Sonnenobelisk, den Augustus aus Aegypten nach Rom gebracht, und welcher der ungeheuern Sonnenuhr mit ellenlangen Ziffern von Bronze auf weißmarmornem Grunde als Träger diente. Jetzt lag dieser Obelisk zerbrochen auf der Erde in einem Winkel, nahe bei seinem alten Standplatze, und seine unzähligen Hieroglyphen waren mit Staub und Schmuz überzogen. Karl gab sich solchen Studien, die ihn zugleich zu der Geschichte der Mythologie zurückführten, mit der größten Lust und Ausdauer hin, denn nur so oder wenn er in den Copien des Vaticans dem Genius Rafael's und Leonardo da Vinci's nachsann, oder in der Sixtinischen Kapelle in das »Weltgericht« Michel Angelo's sich vertiefte, den Gott Jupiter hier verchristlicht wiederfand, oder darüber nachdachte, was wol der Grund sein möge, daß man öffentlich im Vatican die Pariser Bluthochzeit durch ein Bildniß verewige und ehre, vergaß er Olga's, deren Bild ihn in jedem müßigen Augenblicke, am Tage wie nachts im Traume umschwebte. Sein Durst nach großartigem Wirken, seine Sehnsucht, die Lebensaufgabe, die ihm die Geliebte gesteckt hatte, zu verwirklichen, und die Unmöglichkeit, in seiner Stellung auch nur das Kleinste zu schaffen, machte ihn aber nicht zu einem Selbstpeiniger und Weltschmerzmenschen, sondern er suchte sich mit der Wirklichkeit zu versöhnen, indem er sich in die Vergangenheit vertiefte. Die Politik war ihm in Rom und der Umgebung, worin er lebte, fern gerückt; selten daß er die Zeitungen in die Hände bekam, und dann waren es englische, die vom Kriege berichteten und gegen die Ideen der Französischen Revolution ankämpften. Am Schlusse des vorigen Jahrhunderts überwog bei der jungen Männerwelt Europas das genial-liederliche wie das liederliche Element über die idealen Mondscheinsschwärmer, die eigentlich erst das neunzehnte Jahrhundert geboren hat, nachdem Jean Jacques und Jean Paul ihre Urideale gezeichnet hatten. Das lag in dem ganzen Jahrhundert der Pompadour und Dubarry, und die Verdorbenheit der Weiber hatte dazu einen Grund mitgelegt. In Berlin hatte erst König Saul, dann Prinz Ludwig Ferdinand, Gentz und Genossen den Ton angegeben, in Wien Kaiser Leopold II., Goethe's italienische Reise und die, ich sage nicht wo, scandirten »Römischen Elegien« bewiesen, wie weit man es in Weimar und andern kleinen Orten brachte. Karl cultivirte zwar eine Mondscheinliebe zu Olga, er war eine weiche Jean Paul'sche Waldnatur und deshalb von Bollmann oft gehänselt und verspottet, aber keine Werther-Hölty'schen Liebesklagen und Petrarca's Seufzer waren ihm verständlich; unverständlich Anakreontische Liebeslieder; Wieland'sche Lascivitäten widerten ihn an, aber er war keineswegs prüde, die Anschauungen der antiken Kunst hatten die Schönheit des Nackten ihm verständlich gemacht, und er konnte die Etikette, welche Feigenblätter vorzubinden befahl, sogar hassen. Das Aufsuchen des Materials zu seinen Studien, der häufige Besuch der Kunstschätze des Vatikans, sein Schwärmen auf dem Forum und andern Orten der classischen Zeit, hatten ihn mit einem Kreise deutscher Künstler bekannt gemacht, der weniger für die französische Republik als für eine Republik im Sinne von Heinse's Ardinghello schwärmte. Er hatte dem einen oder andern dadurch, daß er den Grafen Münster auf ihre Werke aufmerksam machte, den Verkauf von Gemälden, Statuetten, geschnittenen Steinen und Gemmen an den Prinzen möglich gemacht und war in ihren Kreisen gern gesehen. Außer wenigen Morgenstunden, in denen er den Grafen in Alterthumskunde und Kunst instruirte und ihn zum Cicerone bei dem Prinzen befähigte, war er unbeschränkter Herr seiner Zeit und gern gesehen in den Werkstätten der Künstler, wie abends und nachts in ihren lorbergezeichneten Osterien. Sie alle nahmen das Liebeleben von der leichtesten und genialsten Seite, die meisten hatten schöne Römerinnen oder Albanerinnen zu Geliebten, die, wenn es sein mußte, Modell standen und an Sonn- und Festtagen mit dem Freunde in die Gebirge wanderten, um den Tag tanzend und kosend, singend und kränzewindend hinzubringen. Unser deutscher Freund hieß in diesen Kreisen nur der blöde Schäfer, die Mädchen und Frauen wurden von den Künstlern förmlich gehetzt, ihn zu bekehren, ihn liebeglühend zu machen. Aber weder diese schlanken, hohen Gestalten, noch die üppig vollen oder die jugendlich zarten mit den schönen schwellenden Lippen vermochten den trüben Ernst und die melancholische Traurigkeit, die sich um sein Herz gelagert, ganz zu verscheuchen. Selbst wenn der Sorgenbrecher, der edle Wein, dem die Künstler neben der Liebe ihre Huldigung darbrachten, ihm von schöner Hand credenzt und von noch schönern Lippen zugetrunken war, blieb er ernst und kalt; das Bild der fernen Verlorenen in seiner Phantasie ließ ihn alle Schönheit um ihn her nur mit halben Augen anschauen. Unter den Mädchen dieses Kreises waren es besonders zwei, welche sich vorgenommen hatten, das Steinherz des Schäfers zu erweichen. Fulvia, die Geliebte Robert's, eine echte Römerin, mit schwarzem, glühendem Augenpaar, üppig schwarzem Haar und den ebenmäßigsten Körperformen, und Angelina, das siebzehnjährige Modell des Bildhauers Otto zu einer Flora, die der Prinz August gekauft und seiner Augusta geschenkt hatte, Angelina hatte den reizendsten Mund, blaue Augen mit langen, schwarzen Wimpern, fein gewölbte schwarze Augenbrauen und eine reiche, üppige Flechte von dunkelbraunem Haar; die reinste vollendetste Jugend lachte aus ihren Augen, trat in ihren zarten und doch vollen Formen zu Tage. Angelina war aus Albano und lud die Gesellschaft zur Hochzeit einer Schwester, die in einer großen Weinlaube gefeiert wurde. Das war ein Tag voll froher, leichtsinniger Freude, selbst unser Freund thaute auf und lebte der Gegenwart. Er sah zuerst, wie wahrhaft schön die Mädchengestalten waren, mit denen er hier verkehrte auf dieser Hochzeit, die glühenden Blicke, welche Fulvia ihm zuwarf, machten ihn erröthen, und wenn Angelina ihn mit ihren blauen Augen zärtlich anblickte, vergaß er Olga's. Gegen Abend ging man hinaus zum See, wohin die Künstler ein Nachtessen für die Hochzeitsgäste aus der Osterie hatten bringen lassen. Unter Sang und Klang zog man in das Waldesdunkel, der Erdboden war mit dem frischesten Grün bekleidet, aus dem tausend bunte Blumen hervorleuchteten. Freundliche Villen und Klöster blickten aus der Landschaft hervor; links sah man Castel-Gandolfo, rechts auf der Spitze des tiefvioletten Monte-Cavo das Kloster der Passionisten. Geradeaus, über dem Hügelsaum hinweg, glänzte silberdurchsichtig die Campagna, umsäumt von der schönen Kante des Sabinergebirges und dem einsamen Soracte, der wie im Goldduft schwamm. Inmitten aller dieser Herrlichkeit lag Rom weit ausgebreitet in den dunkelgoldigen Strahlen der untergehenden Sonne, und Sanct Peter streckte daraus sein Riesenhaupt hoch empor, als wollte er sagen: »Siehe, hier ist der Mittelpunkt der Welt, und alle Welt wird von hier regiert.« Als man zuerst den dunkelblauen See durch die belaubten Bäume schimmern sah, machte man in dem Pinienwalde halt. Die Hochzeitsgesellschaft lagerte im Kreise, der Becher machte die Runde, man sang, tanzte und lachte. Die Frauen hatten ihre Häupter mit Kränzen von Epheu, Rosen und andern Blumen geschmückt. Während die tiefvioletten Wolkenschichten mit ihren vergoldeten Rändern am Westhimmel sich schon blauschwarz gefärbt hatten, war in Osten der Mond heraufgestiegen und durchzitterte mit seinem Silberschein die Pinienzweige, spiegelte sich da unten im blauen See. Die Lust stieg immer höher, es wurden allerlei Possen und Albernheiten getrieben. Da rief plötzlich Robert: »Zu Ehren der heiligen Jungfrau und der jungen Frau sollen, mit Ausnahme der letztern, alle Mädchen heute das Recht haben, ihren Geliebten treulos zu werden und sich selbst einen andern zu wählen, für heute nur.« Allgemeines Bravo, nun ging es an die Wahl, Fulvia stürzte von der einen, Angelina von der andern Seite auf den blöden Schäfer zu, und bald geriethen die beiden Freundinnen in Streit um ihre Beute, da jede behauptete, die erste Bewerbung gemacht zu haben. »Ruhig da, meine Schönen! der blöde Schäfer soll ausgelost werden!« rief Otto, der Bildhauer, und der Chorus stimmte lachend ein. Angelina zog das große Los und durfte den Schäfer entführen. Die Paare lagerten sich nun wieder, jedes in einiger Entfernung von dem andern; hier machte der Herr der neuen Geliebten, die spröde und zurückhaltend sich stellte, die Cour, dort suchte die neue Geliebte das Herz des Mannes, den sie gewählt, zu gewinnen, sodaß die alte Geliebte zuweilen dazwischensprang und den Scherz nicht weiter getrieben wissen wollte. Angelina legte ihren Kopf auf Karl's Schos, zu ihm hinaufsehend mit Blicken, aus denen Amor seine süßesten Pfeile abschoß; sie spitzte die schwellenden, purpurnen Lippen noch üppiger zusammen als eine eben aufgebrochene Rosenknospe, warf die schönen, weißen Arme nach rückwärts hinter den Kopf, daß die herrliche Büste in plastischer Rundung unter dem Mieder sich hervordrängte, und begann dann die langen schwarzen Augenwimpern zu senken. Da hielt es der Blöde nicht länger aus, er drückte einen heißen Kuß auf die ihm gebotenen Lippen. Nun aber schnellte Angelina empor, umfaßte seinen Nacken und küßte ihn mit bacchantischer Wuth. Fulvia, die neben dem Bildhauer saß, hatte nur Auge und Ohr für dieses Liebespaar, sie schoß empor und verlangte, daß man dem Spiele ein Ende mache und aufbreche. Dagegen wurde von allen Seiten protestirt und die Eifersüchtige mußte sich in ihr Schicksal ergeben; sie hatte aber den Liebesrausch unterbrochen, den Zauber gelöst, mit dem Angelina Karl umfangen. Dieser kam zu sich, Angelina hatte seine Sinnlichkeit ausgeküßt, er war kein Traummensch mehr, er sah seine Umgebung nicht mehr halb im Geiste abwesend bei Olga; er sah sie ganz und fühlte durch alle Nervenfäden seines Körpers, daß das Weib, das zu seinen Füßen saß, des Begehrens würdig sei. Es war eine wonnige Mainacht; die Nachtigallen lockten und klagten; erst die den Morgen verkündende Kälte trieb die Gesellschaft aus dem Pinienwalde. In Albano angekommen, rüstete man sich bald zur Abfahrt; die alten Liebhaber nahmen ihre Rechte in Anspruch; der nicht mehr blöde Schäfer war wieder isolirt, er verzichtete auf den Platz im Wagen, um den Weg zu Fuß zurückzulegen. Er träumte auf diesem Wege nicht von seiner Gräfin, sondern alle seine Gefühle und Gedanken waren bei Angelina. Seine Reflexionen behandelten das Horazische Thema: carpe diem , genieße das Leben, solange du noch jung bist, jage keinen Träumen nach, die sich nicht verwirklichen lassen. Olga ist Gräfin von Schlottheim und für dich verloren, die Flora Otto's liebt dich, und sie ist liebenswerth. Fulvia aber wollte nicht, daß Angelina das Verdienst habe, das Steinherz des Deutschen der Liebe erschlossen zu haben, sie brütete auf dem Rückwege, in Robert's Armen ruhend, einen Plan aus, wie sie Karl der Nebenbuhlerin entreiße. Ihr Geliebter hatte seit länger als einem halben Jahre sein Atelier jedem Freunde verschlossen gehalten, er hatte den Gegenstand seiner Tätigkeit selbst den befreundeten Kunstgenossen verschwiegen. Um so mehr war unser Freund erstaunt, als er einige Tage nach dem Ausfluge in das Albanergebirge eine schriftliche Einladung erhielt, sich zu einer bestimmten Stunde in Robert's Atelier einzufinden, um dessen neueste Schöpfung zuerst zu schauen. Er verfehlte die ihm bestimmte Zeit nicht. Aus der Staffel Robert's erblickte er eine auf einem rothen Sammtdivan ruhende Venus. Es war ein Meisterstück, und wenn auch die ganze Situation stark an die Venus von Tizian erinnerte, mußte Karl doch zugestehen, daß der Maler sich selbst übertroffen. »Gelt«, sagte dieser, ein Hesse, »gefällt dir das, blöder Schäfer? Wenn dein Prinz 200 Pfund daranwendet, kann er die Göttin bekommen, schicke ihn her mit dem Grafen.« Der blöde Schäfer stand noch immer im Anschauen versunken, als ihn Robert auf die Schulter klopfte, die Staffel beiseiteschob und sagte: »Und jetzt, Schäfer, sollst du ein Menschenbild sehen, so schön und prächtig, wie es schwerlich heute ein anderes in Rom gibt.« Er näherte sich einem Vorhange von schwerer, violetter Seide, zog ihn auseinander, und auf einem rothen Sammtdivan ruhte Fulvia, das Modell der Venus. Ihr Auge schwamm in wollüstig schmachtendem Naß. »Nun gehe hin, Schäfer, und bringe der Göttin deinen Tribut«, sagte Robert. Karl kniete nieder vor dem Divan, küßte die schöne Hand Fulvia's, küßte den Mund, küßte die Augen, die seine Sinne verrückten; ein Wonneschauer durchbebte ihn. »Nun ist's genug«, sagte Robert, riß jenen empor und schob den Vorhang zurück, »schaffe mir heute oder morgen den Grafen Münster mit dem Prinzen Augustus hierher, ich brauche Geld und meine Venus braucht ein neues seidenes Kleid und eine Mantille.« Aber Karl konnte weder Münster noch Augustus in das Atelier schaffen. Als er noch immer sinnverwirrt in das Palais zurückkehrte, das Münster und der Graf bewohnte, fand er dort alles beschäftigt mit Reisevorkehrungen. Die Lady Charlotte Stewart war gekommen, um ihre Tochter zu besuchen, und Münster entführte den Prinzen nach Neapel. Fünftes Kapitel. Bajä. Unser junger Freund fühlte, daß diese schnelle Abreise ein Glück für ihn sei, die beiden italienischen Weiber hätten ihn verrückt, ihn sich selbst und Olga untreu gemacht. Konnte er doch die ganze Nacht hindurch auf der Reise ihre Bilder nicht los werden und brannten ihn ihre Küsse bis in das Mark, als er neben dem stummen englischen Kammerdiener des Prinzen durch die staubgepuderte Campagna den langen Rücken des Albanergebirges hinanfuhr. Am dritten Tage erst fuhr man, von Aversa her, gegen Abend in Neapel ein. Ein Wald von hohen Bäumen, deren Wipfel mit Weinguirlanden sich vermählen, beschattet die Einfahrt, und Neapel entzog dieses selbst so lange dem Blicke, bis die Reisenden sich im Gewühle der Straßen befanden. Eine wahrhafte Ueberfülle von neuen Eindrücken und Erscheinungen stürmte auf Karl ein und verscheuchte die Gedanken an Rom, Angelina und Fulvia. Es war für den Prinzen und seinen Begleiter ein sehr großes Palais in Santa Lucia gemiethet, ein englischer Haushofmeister und zahlreiche Dienerschaft, eine sehr elegante, von London herübergebrachte Chaise, ein leichter Jagdwagen, Reitpferde, alles war vorbereitet, galt es doch, dem Prinzen das Leben in Neapel so angenehm als möglich zu machen und die Rückkehr nach Rom zu der Gemahlin solange als möglich zu verzögern. Lord Hamilton, englischer Gesandter in Neapel, war von Georg III. deshalb mit eigenhändigen langen Instructionen versehen, und auch auf den westfälischen Mentor warteten Briefe des Königs mit geheimen Befehlen. Das Palais, das man bezog, hatte nach der Seite des Molo zwei Thürme, plattgedacht, in deren Mitte ein Frontispize im Renaissancestil sich hervorhob. Der eine dieser Thürme war in seiner obern Etage Karl zur Wohnung angewiesen. Er hatte viel Marmorstufen zu steigen, ehe er zu seinen Gemächern gelangte, aber wie belohnend, als er aus seinem Thürfenster auf den Balkon hinaustrat und den ganzen Golf vor sich liegen sah. Rechts und links die Häusermassen der Stadt, amphitheatralisch aufeinandergetürmt, vor ihm der Kai mit seinem hundertfältig bewegten Leben, das Meer überdeckt mit Schiffen und buntbewimpelten Barken, voll geputzter, singender, jubelnder Menschen. Nach links über den Hafen hinweg, hinter dem noch ein Theil der Stadt hervorsieht, erhebt sich in stiller Würde und Majestät der Vesuv in seinen einfach großen, mächtigen Formen, violette Abendschatten auf seinem doppelten Gipfel. Aus der einen Spitze desselben kräuselt sich eine leichte, weiße Rauchsäule empor. Sein Fuß ist meilenweit bedeckt mit einer ununterbrochenen Linie von Dörfern, Klöstern und Villen. Eine prächtige Bergkette, die, weit ins Meer laufend, den Golf von Salerno von dem Neapels trennt, zieht sich der Monte Sant-Angelo mit seinen imposanten Schluchten, gewaltigen Abhängen und Spitzen, seinen Thälern und Flächen in ihrer Mitte, mit ihren Schlössern, Villen und Kirchen, in wunderbar schönen Contouren nach Osten bis zum Cap Campanella, wo er plötzlich schroff ins Meer sinkt und verschwindet, um noch einmal als Felseneiland Capri am unbegrenzten Horizont aus blauer Flut emporzutauchen. In die tiefblaue Meeresfläche vor ihm, mit einem Himmel von glühend strahlendem Blau, von weichem, röthlich-goldenem Abendlichte umgossen, schiebt sich nach rechts wieder ein mächtig kahler Fels vor, begrenzt aber von dem Pausilipp, diesem Stück zur Erde gefallenen Himmels, dem Orte, wo Schmerz und Sorge aufhört. Auf seinem grünen Kranze, der sich bis Neapel hinzieht und hier auf der höchsten Spitze mit dem schönen alten Castel Sant-Elmo geschmückt ist, erglänzen Tausende von Villen, Kirchen, Häusern. Der Deutsche hatte noch nie etwas Entzückenderes gesehen und saß bis tief in die Nacht auf dem Balkon, bald zur Rechten, bald zur Linken, bald geradeaus blickend. Graf Münster hatte am andern Morgen keine weitern »Wünsche«, er befahl nie, als daß Karl die Reisebibliothek in seinem Zimmer ordnete, sich mit Land und Leuten, Sitten und Gebräuchen, Kunst und Wissenschaft bekannt mache, und. wenn er Zeit übrighabe, das Antikencabinet des Prinzen ordne. Man werde wol einige Jahre in Neapel bleiben und wolle sich da häuslich einrichten und allen Comfort haben, den man für Geld haben könne. »Ich verzichte«, sagte der Graf, »in den ersten vier Wochen auf jeden Vortrag. Sie werden mindestens so lange Zeit brauchen, um die neuen Eindrücke zu überwinden, um sich an den Lärm, den diese Neapolitaner machen, zu gewöhnen, um unbefangen und objectiv zu fühlen und zu sehen. Mir ist es bei meinem ersten Besuche Neapels nicht besser ergangen.« Die Herrschaften machten Besuch bei dem englischen Gesandten, wurden vorgestellt am Hofe, empfingen Gegenbesuche und Einladungen. Es herrschte damals über Neapel Ferdinand IV., ein Bourbon, oder vielmehr er schoß Wachteln und fing Fische, und es herrschte seine ehrgeizige Frau Karoline, die Tochter Maria Theresia's und Schwester Maria Antoinette's, mitsammt ihrem Buhlen, dem Polizeiminister Acton. Die Königin war von dem glühendsten Hasse gegen die Französische Revolution erfüllt, wie sie jede Neuerung verfolgte, Feindin jeder Bildung war. Schon hatten unter ihrem Regiment die Verfolgungen begonnen, denn das Unerhörte war geschehen, das Buch des Amerikaners Payne über die Menschenrechte war ins Italienische übersetzt und heimlich in Neapel verbreitet. Die Anwesenheit von vierzehn französischen Kriegsschiffen im Golf von Neapel führte zu lebhaftem Verkehre französischer Offiziere und Soldaten mit der Stadt, und es lag in der Natur der Franzosen, vielleicht auch in den Instructionen des Admirals Latouche, daß man Propaganda zu machen suchte für die Ideen der Freiheit und Gleichheit, welche die französische Republik auf ihren Münzen, wie in ihren Fahnen, an ihren öffentlichen Gebäuden anbrachte, obgleich sich in Paris schon wieder eine goldene Jugend zur exclusiven Aristokratie bildete. Acton hatte die Kerker von Neapel füllen lassen, denn unter den jungen Nobili hatte sich mancher Ideologe gefunden, der für diese Ideen schwärmte, und wer von den ältern, gebildeten Leuten nicht in Genußsucht und Egoismus verkommen war, der mußte neapolitanischen Zuständen gegenüber Freund der französischen Ideen sein. Und so waren denn in der That alle Gelehrte, Aerzte, Richter, Advocaten, viele junge Adeliche und Offiziere heimliche Republikaner, und mannichfache Versuche, die Gleichgesinnten in geheimen Gesellschaften zu organisiren, fanden statt. Unvorsichtige Aeußerungen jugendlicher Feuerköpfe, Verbreitung verbotener Schriften führten indeß, nachdem der französische Admiral Latouche vor der englischen Flotte sich nicht mehr sicher glaubte im Golf Neapels, zur Einsetzung eines Specialgerichtshofs gegen den Jakobinismus, und die Kerker füllten sich mit Verdächtigen und Unschuldigen. Der König, gleichgültig gegen alle Staatsgeschäfte, träge, nur das Essen, die Jagd und Fischerei liebend, daneben von großer Roheit, überließ alles, was ihm Mühe machen konnte, gern seiner Gemahlin. Diese herrschte mit um so größerer Neigung, beeinflußt von Jesuiten und ihrem Acton. Der englische Prinz fand am Hofe die glänzendste Aufnahme, das größere Glück aber machte der hochaufgeschossene, blonde, blauäugige Graf Münster; die Königin zeichnete ihn bald in derselben Weise aus, wie ihn die Herzogin von Braunschweig ausgezeichnet hatte, wenigstens erwachte in Acton starke Eifersucht, und er fühlte sich mehr als einmal versucht, einem der zahlreichen Banditen seiner Bekanntschaft einen Wink zu geben, den blonden Deutschen die neapolitanische Klinge kosten zu lassen. Wäre er weniger beschäftigt gewesen, als er es war, wäre Karoline, die schon das vierzigste Jahr zurückgelegt, jünger gewesen, oder hätte sich Münster auch nur im geringsten um Staatsangelegenheiten bekümmert, das Land der Welfen hätte nie einen Erblandmarschall gesehen. Den Prinzen August zog ein anderer Magnet an, der damals noch nicht für hoffähig oder gar für würdig erachtet wurde, das Bett der Königin zu theilen. Das war Lady Emma Lione Hamilton. Ein neuerer deutscher Dichter nennt sie das schönste Weib des Jahrhunderts; das ist jedenfalls übertrieben. Wir haben in unsern Tagen aus dem Tagebuche der Mutter des Dechanten von Westminster eine ziemlich unbefangene Beschreibung der Dame. »Lady Emma Lione«, schreibt sie, »ist kolossal, jedoch wohlgebaut, bis auf die großen Füße. Ihre Büste gleicht der Ariadne. Ihre Züge sind schön und gebildet, wie auch die Form des Kopfes, namentlich zeichnen sich ihre kleinen Ohren aus. Dunkle Augenbrauen, dunkles Haar, dagegen hellblaue Augen mit einem braunen Fleck auf dem einen Auge geben dem Gesichte einen interessanten Ausdruck; dieses ist lebhaft, veränderlich.« Aber auch die prüde englische Dame gesteht, daß Lady Hamilton zum Entzücken schön war, wenn sie in einfachem Nachtkleide von Calicot, sehr losen weiten Aermeln bis zum Handknöchel, mit Hülfe einiger indischen Shawls, eines Stuhls, eines Kranzes von Rosen, eines Tamburin und einiger Kinder, wenn solche bei der Hand waren, Statuen und Gemälde copirte. Und sie hatte vor dem Prinzen August Statuen copirt, die sie sonst nur dem alten Gemahl dargestellt, sie hatte selbst die Göttin der Liebe copirt, und der Prinz August vergaß seine Augusta und seine Schwüre, dieses Weibes wegen. Lady Emma war damals etwa dreißig Jahre alt und begehrlicher noch als zu der Zeit, da sie sich den gefeiertsten Seehelden zum Sklaven und die Königin zur Busenfreundin und – Bettgenossin machte. Sie, die Tochter eines verführten Dorfmädchens, hatte in den Tavernen von London, in Matrosenkneipen Gin credenzt, sie stand Modell als Aphrodite und Kleopatra, Leda und Diana, sie stellte in Dr.  Graham's goldenem Bette die Göttin Hygieia dar und wußte den Lord Charles Granville, aus der Familie der Königsmacher, der Warwicks, einen Vetter der Prinzessin Augusta, so zu entzücken, daß er sie dem Doctor abkaufte und zu seiner Gattin erheben wollte. Die Familie bereitete Schwierigkeiten, und ein Leben voller Luxus stürzte den Lord in Schulden, ja es drohte ihm das Schuldgefängniß. Aber ihm lebt ein alter steinreicher Onkel, der kunstsinnige Ritter Hamilton, Gesandter am Hofe zu Neapel; er soll mit Geld helfen, er soll die Hindernisse zur Heirath aus dem Wege räumen, Emma soll ihm das abschmeicheln; sie reiste nach Neapel. Die Schulden des Neffen wurden nun wol bezahlt und er vor dem Schuldgefängnisse gerettet, aber die schöne Miß Emma Harte wurde Gemahlin des sechzigjährigen Ritters Hamilton, des feinen Kunstkenners, der es fortan vorzog, die Reize schöner Formen an seiner schönen Frau, der vollendeten Künstlerin, zu bewundern, als wie bisher an Gemmen, Sculpturen und Büsten die Schönheit zu studiren, der entzückt war, wenn auch andere hingerissen wurden von Emma Kleopatra, doppelt beglückt, wenn es ein Prinz, ein englischer, war, der seine Frau bewunderte. Und Emma, sie ist wie alle Künstlerinnen des Lobes und der Bewunderung bedürftig, sie, die bisher vereinsamt an der Seite eines Greises, hat ihren Antonius gefunden und umschlingt ihn mit ihren schönen Armen und hält ihn fern von Rom und seiner Gemahlin, der er schwur, ewig treu zu sein. Dem Grafen Münster kam dieses Verhältniß, das sich ganz von selbst entsponnen, so gelegen, wie es nur sein konnte, denn sein Auftrag war eben der, den Prinzen der Prinzessin Augusta zu entfremden, die künftige Trennung vorzubereiten. Der Graf war durch andere Bande gefesselt, ihm imponirte die Tochter Marie Theresiens, und wie er sich von jeher hingezogen fühlte zu den Mächtigen dieser Erde, mit denen er, der uralte, westfälische, freie Ritter, sich vollkommen ebenbürtig betrachtete, so hatte die Liebe einer Königin einen besondern Reiz für ihn. So gewann denn der Privatsecretär Zeit, das neapolitanische Leben nach allen Seiten zu studiren, sich mit dem reichen Inhalt des Museo Borbonico vertraut zu machen, Vergleiche anzustellen zwischen Rom und Neapel. Er war bei Tage, noch mehr bei Nacht in den Straßen, auf dem Kai, auf dem Meere. Der Zufall ließ ihn in Neapel auch bald einen Landsmann kennen lernen, einen Sachsen, Friedrich Hellung, der ihm bald ein Freund wurde. Dieser, der Sohn eines wohlhabenden Gutsbesitzers, hatte in Leipzig und Jena Jurisprudenz studirt, allein die Liebe zur Kunst trieb ihn nach Dresden, wo er sein Talent zum Malen durch ernste Studien ausgebildet, dann, nach kurzem Aufenthalte in Oberitalien, nach Neapel gereist war, um sich hier, unter Philipp Hacker's Leitung, in Landschaftsmalerei weiter zu fördern. Er war ein durch und durch wissenschaftlich gebildeter Mann, der Kant mit Eifer und Verstand studirt und in Jena zu Fichte's Füßen gesessen hatte. Es fanden sich leicht geistige Bezüge, und das Verhältniß wurde bald sehr innig, sodaß unser Freund dem neuen Bekannten sein Herz aufschloß, seine Jugendgeschichte erzählte und seine Liebe zu Olga nicht verschwieg. Dieser war auch nicht ohne Liebe, aber seine Neigung war einem Wesen zugewendet, das in bürgerlicher Stellung unter ihm stand, der Tochter eines Gärtners in Jena, die er beim Tanze im Paradiese kennen gelernt hatte. Sie war sehr schön; das bewies ein von dem Anbeter selbst gemaltes Miniaturporträt, das er beständig bei sich führte, sie war gut und gläubig an den Geliebten. Wenn, in die kühlsten Zimmer des Palastes zurückgezogen, die beiden jungen Leute ihr Eiswasser schlürften und heimlich eine Pfeife rauchten (der Graf rauchte nicht und sah es ungern, wenn Karl rauchte oder auch nur etwas von Rauch duftete, daher dieser nur in einem hintern Zimmer und in einem Costüm, dessen er sich sofort entledigte und das seinen besondern Aufbewahrungsort hatte, dieser studentischen Neigung fröhnte), dann pflegten sie von Olga und Karoline, so hieß die Gärtnerstochter, zu sprechen und einzelne Scenen aus ihrem frühern Leben auszumalen. Es war einer jener unbeschreiblich schönen Abende, als die Freunde in den Golf sich fahren ließen, um in den blauen, ruhigen, kühlen Fluten zu baden und zu schwimmen. Man fuhr so weit in den Golf hinaus, bis man hinter dem Vorgebirge des Pausilipp die schöne Insel Ischia mit ihrem majestätisch aufsteigenden Epomeo aus der goldenen Glut des Abendhimmels und des feuchtflimmernden Meeres hervortreten sah. Als die Sonne am Horizont des Meeres stand, im Begriff, in dessen feuchte Arme zu tauchen, stürzten die Jünglinge sich in die wonnigen Wellen und kehrten dann zurück. Die Berge lagen schon dunkel und duftig da, nur hin und wieder lagerte sich noch ein Abendschimmer, wie von der ins Meer gesunkenen Sonne zurückgeblieben, auf den höchsten Spitzen derselben. Je dunkler der Himmel wurde, je heller wurde das Meer, das wirklich ein kristallener Pokal zu sein schien, gefüllt mit dem goldenen Wein des Abendroths, welches an tausend Stellen hindurchfunkelte und wunderbar sich mischte mit dem tiefdunkeln Grün, bis es immer matter und dunkler wurde und wie eine urschwarze glatte Fläche vor ihnen lag. Je näher man der Stadt kam, die in ihrer ganzen ungeheuern Ausdehnung sich an die Pausilipprücken hinaufbaute und über der, von den vielen tausend Lichtern, die aus den Häusern und den Straßen, die den Berg hinauflaufen, glänzten, ein golden schwirrender, funkelnder, zitternder Dunstkreis sich ausbreitete, desto lebhafter wurde es auch auf dem Meere. Rund um den Rand des Golfs kamen Hunderte von Fischernachen mit großen Fackeln zum Vorschein. Die Fischer hatten angezündete Späne oder Fackeln an einer Stange über den Bord des Schiffs hinaushängen, um das Meer zu beleuchten, sie lagen mit dem halben Körper über den Bord hinaus, einen Dreizack, einer Mistforke ähnlich, in der Hand, und stachen in die Tiefe hinab, wo sie bei der Klarheit des Wassers den vom Lichte geblendeten Fisch, den fetten Cefalo, die hochrothe Gernale, leicht erblickten und mit sicherm Stoße spießend heraufzogen. Dann wurden die Späne im eisernen Korbe erneuert und der Fang begann von neuem. Hier und da tönte Gesang aus der Barke. Plötzlich aber beginnt zur Rechten ein dumpfes Grollen, der Vesuv, dessen schwarze Rauchsäule die Nacht verschlungen hat, der aber wie ein düsterer Riese am Horizont aus dem Meere steigt, wirft einen feurigen Glutstrahl in die Höhe, der minutenlang sich wie eine Fontaine in den Himmel erhebt und dann wieder verschwindet; abermals lodert die Flamme hoch aus dem Aschenkegel heraus und spiegelt sich im nächtlichen Meere. Die Freunde hießen die Schiffer halten, um das Schauspiel, auf der einen Seite den Kranz der erleuchteten Stadt, auf der andern den speienden Berg, der, wenn er seine Feuerrakete in die Luft schleuderte, alle Lichtlein in Neapel erlöschen machte, die aber sofort wieder leuchteten, wenn der Strahl wieder erlosch, mit Muße zu betrachten. Es war schon Nacht, als die Freunde dem Molo sich nahten, aber das Getöse und Leben war noch dasselbe wie am Tage, nur noch lärmender und greller, weil bei Laternen- und Fackelschein. Da zanken die halbnackten dunkelbraunen Garköche an ihren auf Flammen stehenden Töpfen und rundum mit Fackeln bepflanzten Tischen, mit einer Menge wilder Kerle mit dunkeln, schwarzen Schlangenlocken und funkelnden Augen, die um den Tisch stehen und mit Gier ihre Schüssel Maccaroni mit Liebesäpfeln verschlingen. Winselnde Bettler sprechen um eine Gabe an; da liegt ein halbes Dutzend Lazzaroni an den Häusern und schläft bei dem Höllenlärm den Schlaf des Gerechten; zerlumpte, halbnackte Jungen, Fischhändler, Limonadenhändler, Austernhändler und Muschelverkäufer, alles wogt durcheinander. Aufgeputzte, zweideutige Damen, Mönche jeder Gattung, Esel, Pferde, Wagen, wandernde Buch- und Bilderhändler drängen sich. Blumenverkäufer, Eiswasserverkäufer stehen hinter buntbemalten, auf offener Straße aufgestellten Büffets und preisen ihre Waaren an. Alles, was nicht schläft, schreit und lärmt. Der ganze Molo ist wie eine Teufelsküche, und es gehören starke Nerven dazu, hier eine Stunde zu weilen. Die Männer sind kräftig und schön, die Frauen unschön, sogar häßlich, ungraziös, in den niedern Ständen schmuzig dazu. Die Nacht war zu schön und nicht geschaffen, sie zu verschlafen, der Maler stieg mit Karl zu dessen Balkon hinauf, um den Vesuv noch weiter arbeiten zu sehen. »Ein glückliches Volk«, sagte der Maler, »diese vollständige Bedürfnißlosigkeit, niemals geplagt zu werden von Hunger und Kälte. Die paar Grani für Maccaroni oder Muscheln können auf hundertfache Weise verdient werden, eine Stunde Arbeit, zehn Stunden Schlaf und dreizehn Stunden Vergnügen, und sei es auch nur das Schreien!« »Du sprichst doch im Spaß«, erwiderte Karl, »ich finde diese Bedürfnißlosigkeit aber schrecklich, denn was unterscheidet die Massen von einer Bande Affen? Nur daß sie sprechen, schreien, zanken; von Geist, von Denken kaum eine Spur. Kann man diesen Heiligendienst noch eine Religion nennen? Glauben von diesen 400000 Menschen nicht 390000 an den Hokuspokus des Flüssigwerdens des Bluts des heiligen Januarius und der Milch der Jungfrau Maria? Sollte es möglich sein, in diesem schmuzigen, lumpigen, leblosen Gesindel auch nur eine Idee anzuregen, den Gedanken an das Vaterland oder den Gedanken an die Freiheit? Nein, glaube mir, die Bedürfnisse sind es allein, die zur Cultur treiben, die Bedürfnisse allein regieren die Welt.« »Hat Masaniello in diesem Haufen nicht die Gedanken der Freiheit wach zu rufen gewußt?« erwiderte der Maler. »Siehe dort rechts die Gruppe hinter dem Zelte des Maccaronikochs; auf der steinernen Brüstung des Molo siehst du einen alten Schiffer mit einem Wachstuchhute auf dem Kopfe, die Jacke über die Schulter gehängt, um ihn herum lagert und kauert, steht und sitzt eine Anzahl verschiedener Leute, Frauen und Kinder, Matrosen und Soldaten, Handwerker und Bettler. Du siehst nur, wie der alte Mann, der uns den Rücken zukehrt, mit den Händen gesticulirt. Weißt du, was er thut? Er improvisirt, er singt den andächtigen Zuhörenden vielleicht von Masaniello oder von der Liebe, oder vom Meere im Sturm und Kampf, vielleicht eine Strophe aus Tasso oder einen Gesang aus Dante. Zeige mir in Deutschland einen solchen Volksdichter, sammle dort das Volk, um Elegien anzuhören! Um elende Marionettenbuden wirst du es stehen sehen, aber mit solcher Andacht einer Dichtung lauschend, niemals.« »Nun sieh du einmal hier gerade hinunter«, entgegnete der andere, »da wirst du auf der untersten Marmorstufe unserer Freitreppe zwei Kerle in ihre Mäntel gehüllt liegen sehen. Du glaubst, es sind Lazzaroni. Mitnichten, es sind Vapos, Männer, wohlbewaffnet, von anerkanntem Muth und Leibeskräften, die schon manchen ihrer Freunde, Banditen, die eigene Klinge zu kosten gegeben. Siehe, die Königin dieser Lande; die hohes Interesse nimmt an meinem Grafen, hat sie gedungen, diesen vor den Dolchstichen von Banditen zu schützen, die, wie sie glaubt, ihr früherer Geliebter, der Minister Acton, auf den Grafen senden würde. Anfangs war der Graf in großer Besorgniß, wenn er sah, wie diese Menschen ihn wie sein Schatten bei Tag und Nacht verfolgten, er fürchtete einen Anschlag auf sich selbst. Der Vermiether dieses Palastes hat mir erklärt, daß es Vapos sind und mein Graf in ihren Schutz gegeben ist. Sind das Zustände?« Man disputirte noch lange, ohne sich einigen zu können. Karl mochte ein halbes Jahr in Neapel gelebt haben, ohne von seinem Grafen zu irgendeiner Dienstleistung herangezogen zu sein, als er eines Tages von Münster den Auftrag erhielt, nach Bajä zu fahren, dort die Gegend zu erkundigen und nachzuforschen, ob sich dort ein deutscher Graf aufhalte. Karl gewann den Maler leicht als Reisegefährten, und man fuhr an einem herrlich frischen Morgen die lange Chiaja hinab, dem Pausilipp zu und durch dessen Tunnel, eine alte Römerarbeit, in den Golf von Bajä ein. Es hat der Tunnel etwa die Länge von eintausend Schritt, dagegen nur eine Breite von etwa zwanzig Fuß und vierzig Fuß Höhe. Sobald man aus dem Dunkel wieder ins Freie kam, hatte man eine neue Landschaft vor sich, von Neapel und seinem Golf war nichts zu sehen, selbst nicht der Vesuv, dagegen ragt eine schmale Landspitze, die eine Meeresspalte in sich schließt, noch südlicher als der Pausilipp hervor, das Cap Miseno mit den westlich dahinterliegenden schloßgekrönten Inseln Procida und Ischia. Statt des stets zerrissenen schroffen Meeresufers, an dem man bisher gefahren war, thut sich eine weite Bucht mit üppig bewachsenem, sanftwelligem Lande auf. Zur linken auf der gegenüberliegenden Landzunge glänzen oben auf der Höhe die röthlichen Mauern des Castells von Bajä, diesem gegenüber liegt an der rechten Seite das freundliche Städtchen Puzzuoli. Der Golf schneidet sich zwischen beiden Orten nordwestlich in Form eines Dreiecks in das Land und man sieht den Monte-Nuovo, einen nackten aschenkegeligen Berg, welcher erst 1538 sich in einer Nacht emporhob und den fischreichen Lucrinersee zu einem Sumpf machte, links davon den Avernus, der den Freunden aber nicht so furchtbar vorkam, als ihn Virgil beschreibt. In Puzzuoli wurde Rast gehalten; ein Schwarm Verkäufer von Münzen, Conchylien und andern anständigen und unanständigen Dingen, Ciceroni, Fackelträger, Bettler umdrängten den Wagen unserer Freunde am Thor des stillen Städtchens und folgte ihnen bis zur Osteria am Molo, da, wo Caligula seine berüchtigte Brücke über den Golf nach Bajä gebaut haben soll; weder Scheltworte, noch Spott, noch Schweigen vermochte sie zu vertreiben, das Wort des Wirths allein vermochte es. Die kleinen salzigen Austern von Bajä geben dem prächtigen Wein von Ischia die schönste Folie. In einer Weinlaube, mit dem Blick auf Bajä, hielt man Mittagsmahl und später Siesta. »Siehe da, dieses Fischerdorf, diesen armseligen Ort«, sagte der Maler, das Perspectiv, mit dem er über den Golf hinüberblickte, an Karl reichend, »ich erblicke in dem oder vielmehr über dem ganzen Malarianeste nur eine bewohnbare Villa, rechts vom Castell. Sollte man glauben, daß hier fünfhundert Jahre lang das erste Luxusbad der Alten Welt war, mit so großartigen Anstalten für Cur und Vergnügungen, wie kein Bad in der Welt seitdem existirte?« »Ich weiß aus den Alten«, erwiderte Karl, »daß Tausende von Villen die waldigen Höhen gleich einer Perlenschnur säumten und Abertausende den Strand bedeckten, ja bis tief in das ruhige Meer hineingebaut waren, daß eine große Anzahl kaiserlicher Paläste die Stadt schmückten, daß die Thermen mit denen von Rom wetteiferten, die Tempel der Venus Genetrix, des Mercur und der Diana weit berühmt waren.« »Und ich erinnere mich auch Ovid's ›Kunst zu lieben‹«, fuhr der Freund, der seine classische Bildung zeigen wollte, fort, »daß er jungen Männern, die Liebesverhältnisse anknüpfen wollen, die Appische Heerstraße, diesen schönsten aller Wege empfiehlt, gefüllt von wallfahrtenden Frauen, die dieser oder jener Göttin ein Gelübde erfüllen wollten, namentlich der Venus zu Bajä, Kränze in den Haaren und Fackeln in den Händen, oder in prächtigen Wagen die theuer erkauften Ponies selbst lenkend.« »Ja, so vergänglich ist Menschenwerk«, ergänzte der andere, gleichsam als wolle er hinter dem Freunde nicht zurückbleiben in Kunde des Alterthums, »was dem Luxus und der Wollust fröhnte! Da, wo vor siebzehnhundert Jahren sich vierzigtausend Badegäste herumtummelten, wo dieser Golf auf beiden Seiten vom Morgen bis zum Abend von Gesang und rauschender Musik erschallte, wo rosenbekränzte Gesellschaften in den Myrtenhainen am Strande, auf Gondeln und Barken festliche Gelage hielten, zärtliche Paare die Einsamkeit suchten in dichten Myrtenhainen, zahlreiche bunte Barken und Gondeln sich in Wettfahrten maßen, oder zu einer kaiserlichen Prachtgalere, oder zu den Kriegsschiffen da drüben im Mare Morte segelten, die Badegäste vor den Serenaden nicht einschlafen konnten, die hier dieser, dort jener Schönheit gebracht wurden, alle Welt darüber einstimmig war, daß dieser Golf die schönste Gegend auf der ganzen Erde sei, ist heute ein verödeter Strand, von Fiebern heimgesucht und armen Fischern zur Wohnstätte dienend.« »Aber, Bruder!« rief der Maler, das Glas mit dem Ischiawein emporhaltend, »vergessen wir nicht, was der Dichter sagt: Einst war das Wasser in Bajä kalt, Venus ließ Amor darin schwimmen, Ein Funke seiner Fackel fiel hinein und entzündete es, Seitdem verfällt, wer dort badet, in Liebe. Wir beide sind in Liebe schon verfallen, aber unsere Lieben sind fern, eilen wir nach Bajä, um uns in der Liebe zu den Geliebten zu stärken im kühlen Meeresbade!« »Und du willst den Dianentempel, das Amphitheater, den Jupitertempel ungesehen lassen?« »Wir haben dazu auf der Rückfahrt Zeit, mich treibt es mit unerklärlichem Drange nach Bajä.« Der Golf wurde umfahren, weder der Avernersee, noch die spärlichen Ueberreste des alten Cumä, auch nicht die Elyseischen Gefilde wurden besucht, unser Freund trieb, nach Bajä zu kommen. Dieses umfaßte nur wenige ärmliche Hütten, und in einer kleinen, schmuzigen Osteria fand sich kaum für die Pferde ein Aufenthalt; doch war die rebenumflochtene Veranda kühl, der Wein trinkbar, die Maccaroni zu genießen. Nach kurzer Zeit trieb es die Freunde ins Meer, das spiegelglatte. Das Bad erquickte und stärkte. Nach der Rückkehr erfuhr Karl auf Befragen, daß allerdings seit drei Wochen ein deutscher Herr mit Frau und Dienerschaft die Villa neben dem Castell bewohne, um hier die Bäder des Nero zu gebrauchen. Die Frau, eine Engländerin, sei reizend schön und sei vor kurzem in Begleitung ihrer langaufgeschossenen blassen Begleiterin der Grotte der Sibylla zugegangen. Wie kam Karl unwillkürlich der Gedanke an Olga? Sein Gefährte drängte, die Tempelruinen zu sehen, und setzte sich sofort, diese zu skizziren, als man dahin gelangt war. Der Führer, welcher sich ihnen angeboten, erbot sich, Karl indeß in die Grotte der Sibylla zu führen. Ein in den Felsen gehauener Gang, der unzweifelhaft einst Bajä mit Cumä verband, sollte eben betreten werden, als aus dem Innern zwei Fraueugestalten heraustraten. Karl schrie laut auf, denn seine Jugendgeliebte, gefolgt von ihrer frühern englischen Gouvernante, stand vor ihm. Die Gräfin hatte sich zu einer vollendeten Schönheit entwickelt, alles Eckige, Spitze, Scharfe, was ihre Züge in Heustedt noch an sich trugen, war einer anmuthigen Fülle gewichen, alles aber deutete noch die verschlossene Rosenknospe an; es war die jungfräuliche Olga, die vor ihm stand, nicht die Gräfin Schlottheim. Diese, von der Helligkeit des Tages geblendet, hatte den Geliebten im Anfang nicht erkannt und war erst durch seinen Schrei aufmerksam geworden, sie ging auf ihn zu und reichte ihm die Hand, die er mit heißen Küssen bedeckte. Er schickte den Führer zurück, dem Zeichner zu melden, daß er ihn am Strande erwarte. Die Jugendgenossen gingen am Strande, der von den Trümmern der Paläste und Thermen eingenommen ist, die der übermüthige Luxus eines Hortensius, Lucullus, Marcus Piso, Nero hier erbaute und aus deren zerfallenen Gewölben bettelnd Hände sich überall den Wandernden entgegendrängten. Sie hatten sich so viel zu sagen, daß dieses Anbetteln sie in hohem Grade belästigte. Die hier schon bekannte Olga schlug daher auf dem Wege zu dem Dorfe Bauli einen Nebenweg ein, der den Berg hinan in einen Myrtenhain führte. Die Engländerin blieb zurück, um eine umgefallene Säule eines alten Palastes zu skizziren. Man stieg beinahe zum Gipfel des Berges hinan, wo eine der unzähligen Grotten, mit denen die Felsen des Cap Misenum bedeckt sind, zur Ruhe einlud. Es war ein Ort, wie die Dichter ihn lieben für ein liebendes Paar. Die Gräfin hatte ihre bisherigen Lebensschicksale kurz erzählt, jetzt erzählte auch der Geliebte, aber er faßte sich kurz, denn er führte Olga's Hand, die er in der seinigen hielt, wiederholt zu den Lippen und sah zu ihr mit immer wärmern Blicken empor. Olga erhob sich: »Wir müssen für heute Abschied nehmen, aber ich hoffe, dich bald in Neapel zu sehen, einzig Herzgeliebter«, sagte sie und reichte ihm die Hand. »Dein Weg führt da hinunter, ich muß hinter dem Castell zu meiner Villa.« Karl ergriff ihre Hand und zog sie an sich, sie auf den Mund küssend mit dem Feuer, das Angelina ihm eingeküßt. Von Westen, vom Tyrrhenischen Meere, brauste der Wind und schüttelte die Myrtenblüten zur Erde. Olga hatte die glühenden Küsse des Geliebten mit einer Art geistiger Bewußtlosigkeit empfangen; als dieser aber kühner zu werden begann, kam ihr das Bewußtsein wieder, sie riß sich mit Heftigkeit aus seinen Armen und floh aus der Grotte, dem Erstaunten und Erschreckten zurufend: »Auf Wiedersehen in Neapel!« Sechstes Kapitel. Zum ewigen Frieden. Wer das Pfarrhaus zu Grünfelde erbaut hatte, mußte ein Freund von Wind und Zug, oder, wie der sechzigjährige Pfarrer Weber sagte, ein großer Esel gewesen sein. Das Haus war auf einer Sanddüne, welche die Weser vor vielen tausend Jahren bei Bildung ihres jetzigen Bettes ausgeworfen haben mochte, gleich der sich ähnliche meilenlang am westlichen Weserufer hinzogen, nachdem bei der Porta die letzten Berge Abschied genommen, erbaut und dem West- wie Nord-, dem Ost- wie Südwinde ausgesetzt. Am südlichen Abhange des Hügels befand sich ein kleiner zur Pfarre gehöriger Eichsünder mit einhundertfunfzig bis zweihundert guten alten Stämmen. Hätte man von diesen einige dreißig geopfert und die Pfarre an das südliche Ende des Eichkamps gebaut, so wäre sie gegen West-, Nord- und Ostwind geschützt gewesen und hätte der Kirche bedeutend näher gestanden. Der Pfarrer Weber hatte über dreißig Jahre in dem Hause gewohnt, aber er wie seine Frau fühlten auch den Rheumatismus in allen Gliedern. Der Pfarrer, sonst rüstig an Geist und Körper, hätte wahrlich keines Pfarrcollaborators bedurft, wäre das Haus nicht unter Leitung eines kurfürstlich hannoverischen Baucommissars und mit Genehmigung des hohen Consistoriums vom grünen Tische her dort oben erbaut worden. Die Gemeinde hatte vergeblich protestirt. So aber hatte Weber schon vor zwei Jahren um einen jüngern Gehülfen nachsuchen müssen, und seit einem Jahre etwa war Heinrich Schulz als solcher ihm zugeordnet. Der Pfarrer wohnte mit seiner Frau zur Erde, weil da die Küche lag und die Zimmer nach Süden belegen waren, also mindestens Sonne hatten. Der Pfarrcollaborator war oben einquartiert, sein Arbeitszimmer lag nach Westen, sein Empfangszimmer nach Norden. Es war nachmittags des 10. Novembers 1795, aber so finster, daß Heinrich seine einfache zinnerne Oellampe hatte anzünden müssen, um sehen zu können – der Regen schlug in dicken Tropfen an die Fenster seines Studirzimmers, und der Wind wehte durch die schlecht anschließenden Fenster und Thüren. Zwar war der große Kachelofen mit Torf wohl geheizt, aber Heinrich mußte eine wollene Decke um den Körper schlagen, um den Zug im Zimmer weniger zu fühlen. Er saß da und arbeitete an einer Predigt zum nächsten Sonntage, und um diese Predigt anzufertigen, hatte er am Morgen ein kleines Buch studirt, das noch offen auf seinem Schreibtische lag und das erst vor kurzer Zeit erschienen war. Der Titel lautete: »Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf von Immanuel Kant.« Kant verwahrt sich in der Vorrede gegen böswillige Auslegung; er sagt, um im Sinne unserer Tage zu reden: »Die Realpolitiker sehen mit großer Selbstgefälligkeit auf den Theoretiker als Schulweisen herab, sie glauben, daß seine fachleeren Ideen dem Staat, welcher von Erfahrungsgrundsätzen ausgehen müsse, keine Gefahr bringen können; nun so lasse man mich auch einmal meine elf Kegel auf einmal werfen, ohne daß die weltkundigen Staatsmänner darin Gefahr für den Staat wittern.« Es hat nach ihm Fichte in noch methodischerer Weise die neun Kegel auf einmal umgeworfen, und in einer Zeit, wo man längst durch Napoleon gelernt hatte, daß die Ideologen doch so ungefährlich nicht waren, haben Arnold Ruge und andere versucht, den König aus der Mitte zu treffen. Die Realpolitiker haben aber immer den Sieg davongetragen und in dem Augenblicke, wo wir dies schreiben, am Tage, wo das Telegramm die Nachricht bringt, daß heute in Nikolsburg die Friedenspräliminarien zwischen Oesterreich und Preußen unterzeichnet sind, beweist der größte Realpolitiker unserer Zeit, der Mann, der Deutschland durch Blut und Eisen zur Einheit führen will, daß das alles leere Hirngespinste eines Philosophen waren. Es steht freilich dahin, auf wie lange Zeit seine Beweisstützen halten werden, und wie Südwestdeutschland diese Einheit ansieht. Und doch müssen wir uns die Präliminarartikel zum ewigen Frieden einmal ansehen, um zu begreifen, wie der angehende Pastor einen ganzen Tag über denselben grübeln konnte. Wir geben die Artikel ohne die Kant'schen Randglossen dazu, die eigentlich das sind, was die Sauce zum Braten, indem wir hoffen, diejenigen unserer Leser, die sich für die Sache interessiren und die mit uns nicht ohne die Hoffnung sind, der Friedenscongreß werde schließlich durchdringen, auch einsehen werden, daß dann die Kant'schen Präliminarartikel ihre Berücksichtigung gefunden haben müssen. Diese aber lauten: »I. Es soll kein Friedensschluß für einen solchen gelten, der mit dem geheimen Vorbehalte des Stoffs zu einem künftigen Kriege gemacht worden. II. Es soll kein für sich bestehender Staat (klein oder groß, das gilt hier gleichviel) von einem andern Staate durch Erbung, Tausch, Kauf oder Schenkung erworben werden können. III. Stehende Heere sollen mit der Zeit ganz aufhören. IV. Es sollen keine Staatsschulden in Beziehung auf äußere Staatshändel gemacht werden. V. Kein Staat soll sich in die Verfassung und Regierung eines andern Staats gewaltthätig einmischen. VI. Es soll kein Staat im Kriege mit einem andern solche Feindseligkeiten sich erlauben, welche das wechselseitige Zutrauen im künftigen Frieden unmöglich machen müssen: als da sind, Anstellung der Meuchelmörder ( percussores ), Giftmischer ( venefici ), Brechung der Capitulationen, Anstiftung des Verraths ( perduellio ) in dem bekriegten Staate.« Diese Präliminarartikel waren leicht verständlich, sie konnten auch dem Volke verständlich gemacht werden, denn dieses war des Kriegs über und über müde und freute sich, daß Preußen den Frieden von Basel im Frühjahre geschlossen hatte, und daß es hinter der Demarkationslinie ruhig sitzen konnte. Freilich unverständlich erschien es, daß Georg III. sich um so inniger an Oesterreich anschloß und mit diesem den Krieg gegen Frankreich fortsetzte, welches seit einem Monate, wo der siebenundzwanzigjährige Napoleon den Aufruhr der Sectionen von Paris niedergeschmettert und diese entwaffnet hatte, einer neuen Phase entgegenging. Schwieriger schien es ihm, die Definitivartikel zur Sprache zu bringen; denn obgleich ihm selbst durch Kant's Erörterung der erste dieser Artikel: »Die bürgerliche Verfassung in jedem Staate soll republikanisch sein«, klar war und vernünftig schien, so viel sah er ein, daß er denselben nicht auf die Kanzel bringen dürfe. Heinrich wollte am nächsten Sonntage in besonderer persönlicher Veranlassung vom ewigen Frieden sprechen, das heißt von dem im Grabe; er liebte es aber, neben den christlich-theologischen Gedanken auch philosophische, wenn der gewöhnliche Verstand sie fassen konnte, namentlich humane, zu entwickeln. Der Gedanke eines ewigen Friedens, einer Fortentwickelung der Menschheit ohne Gewalt, ohne in ein System, Krieg genannt, gebrachten Mord und Todtschlag und hinterher Raub, hatte ihn so ergriffen, daß er beide Gedanken miteinander verweben wollte. Dazu hatte er das Kant'sche »Essay« von neuem heute studirt. Aber schon vom Morgen saß er auf seiner Stube, machte Dispositionen zur Predigt und verwarf sie wieder, schrieb einzelne gute Gedanken nieder, konnte aber doch keine Klarheit über den Gang gewinnen, den er zu nehmen hatte. Es traten auch zu viele störende Rückerinnerungen dazwischen; es war am 10. November 1791 gewesen, als Anna Dummeier sich mit Claasing verlobt hatte; in derselben Nacht im nächsten Jahre war sie so urplötzlich zum ewigen Frieden eingegangen. Darauf im folgenden Jahre, wenn nicht auf denselben Tag, doch wenige Tage später, hatte sich der Obergestütmeister Claasing mit der Mutter seiner Schülerinnen verlobt und diese eitle Frau im Anfange des vorigen Jahres geheirathet. Die Trennung von seinen Zöglingen war Heinrich schwer geworden. Therese hatte sich zur blühendsten Jungfrau entwickelt, sie hatte ihre Zuneigung Heinrich bewahrt, obgleich sie zurückhaltender geworden war. Sie hatte eben dadurch aber das liebedürftige Herz desselben erst recht in Flammen gesetzt, die zu dämpfen der ganze Apparat der Religion und Moral, den er pflichtschuldig in sich trug, nicht mächtig genug war. Wäre sie die zweite Tochter und nicht die Anerbin gewesen, er würde eine Erklärung nicht zurückgehalten haben. Aber um die Anerbin zweier Höfe zu werben, das war von seiten eines armen Candidaten zu viel, das hätte geheißen gegen Anstand und Sitte verstoßen, das würde ihm einen Korb von der Mutter, seine Entlassung als Hauslehrer, Schimpf und Schande in Grünfelde und Heustedt eingetragen haben. Seine ältere Schülerin, obgleich sie noch nie einen Roman gelesen hatte und nie weiter in die Welt gekommen war als nach Heustedt, hatte längst bemerkt, daß ihre Liebe Gegenliebe gefunden habe. Wie hätte es auch anders sein können? Ihr war eine naive Koketterie angeboren und sie begann den armen Candidaten zu necken. Hatte er seine Aeltern in Heustedt besucht, so sollte er Rechenschaft ablegen, ob er die Tochter des Rectors nicht getroffen habe bei seiner Schwester, der Cantorin Cruella. Hatte er auf Ersuchen des Superintendenten für diesen gepredigt und dort zu Mittag gegessen, so war Superintendentens Malchen eine Woche hindurch das Stichblatt ihrer Ergüsse, deren allgemeine Melodie immer darauf hinauslief, so ein dummes Bauermädel wie sie und ihre Schwester, das sei für einen Candidaten der Gottesgelahrtheit zu schlecht, der müsse sich eine Stadtdame als Pfarrerin für Grünfelde aussuchen. Es war vielfach im Dorfe die Rede davon gewesen, daß der Pfarrer Weber emeritirt zu werden wünsche, und daß die Bauerschaft dann Heinrich als Pastor, mindestens als Collaborator haben wolle. Die Verlobung ihrer Mutter hatte die beiden Schwestern zwar sehr ernst gestimmt, es war ihnen die Mutter, an der sie mit größter kindlicher Liebe hingen, dadurch um so mehr entfremdet, als eine unwillkürliche Abneigung gegen Claasing sich der Schwestern bemächtigt hatte vom ersten Augenblicke, da sie denselben gesehen. Die Entschuldigung der Mutter: sie habe den Schritt nur gethan, um das Glück ihrer Töchter zu fördern, sie in die vornehme Welt zu bringen und ihnen Aussicht auf glänzendere Partien zu eröffnen, als die gewesen, wozu sie selbst vom eigenen Vater gezwungen, stimmte gar nicht mit den Neigungen der Töchter überein. Therese wollte gar keine glänzende Partie machen, sie hätte alle ihre Reichthümer gern dem armen Heinrich zu Füßen gelegt, und hatte ihrer Vertrauten, der Schwester, schon längst den Gedanken offenbart, sie werde zu Gunsten derselben auf ihr Anerbenrecht verzichten, sobald sie volljährig geworden sei, denn sie wisse, nur dieses unglückliche Anerbenthum stehe zwischen ihr und Heinrich. Dieser mußte jetzt trösten, alle Neckereien hatten aufgehört; was die Zukunft brachte, war ungewiß geworden. Bekam die Mutter noch Kinder, etwa einen Sohn, so war es nach damaliger Rechtsansicht mit dem Anerbenrechte von selbst vorbei. Wie sollte man überhaupt in einer Familie leben können, deren Haupt man nicht lieben konnte, gegen das man einen instinctmäßigen Abscheu fühlte!? Heinrich hatte vorgeschlagen, er wolle die Mutter zu bereden suchen, die Schwestern nach Verden oder nach Nienburg zu einem Prediger oder Lehrer zu senden. Davon wollte aber Therese nichts wissen, und Agnes hatte keinen andern Willen als den ihrer Schwester. Indeß war das Consistorium den Bitten des Pastors Weber nachgekommen, es hatte ihm den Candidaten zum Gehülfen gegeben. Der Pastor wollte von der Gemeinde Abschied nehmen, am folgenden Tage sollte Heinrich den Siebenmeierhof verlassen und in das Pfarrhaus einziehen. Er begleitete die Schwestern zur Kirche, in welcher der Siebenmeierhof seine bevorzugte, reich mit Holzschneidereien versehene Prieche hatte. Auf dem Wege dahin sagte Therese: »Lieber Herr Schulz, Sie wollen uns morgen verlassen, ich habe eine sehr große Bitte. Tauschen Sie mit mir das Gesangbuch, dann habe ich ein Andenken von Ihnen, Sie eins von mir und ich weiß dann, daß Sie wenigstens zweimal die Woche an Ihre arme verlassene Schülerin denken.« Dieser willigte voll Freuden ein, die Bücher wurden getauscht. Als er aber in der Kirche das Gesangbuch aufschlug, fand er auf der ersten Seite die Worte: »Ich bleibe dir treu bis in den Tod. Therese Emeyer.« Das konnte eine religiöse Ergießung sein, vielleicht ein dem Herrn gewidmeter Confirmationsgedanke, oder vielmehr nicht einmal ein eigener Gedanke, sondern die Worte des Neuen Testaments selbst. Man pflegte wol bei der Confirmation, wo man das erste Gesangbuch erhielt, einen Bibelspruch oder einen Gesangbuchsvers, der eine besondere Bedeutung für die Stimmung der Confirmanden hatte, auf das Blatt vor dem Titel zu schreiben. Der Candidat war, nachdem er die Zeilen gelesen, so gedankenlos und zerstreut, daß er kaum hörte, wie der Prediger seiner rühmend gedachte als seines Helfers und Nachfolgers, – hatte er doch blos den Einen Gedanken: »Hat Therese die Worte erst jetzt geschrieben oder schon vor Jahren?« Das junge Mädchen war um so andächtiger, sie erröthete für Heinrich bei dessen Lobeserhebung von öffentlicher Kanzel, sie dachte sich an der Stelle sitzend, wo jetzt ihre Pathe, die Pfarrerin, saß, im Pastorenstuhle mit dem Engel über dem Gitterwerke, andächtig hinaufschauend zu dem eigenen Manne, der von oben das Wort Gottes verkündigte. Als am andern Tage Heinrich's geringes Eigenthum, seine Bibliothek, ein Schreibtisch, ein Koffer und Schrank, Kleidungsstücke und Wäsche, endlich sein Reiseränzel in das Pfarrhaus geschafft war, und er von Mutter und Töchtern Abschied nahm, umarmte ihn die Wittwe, mütterlicherweise ihn küssend. Heinrich faßte den Muth, dieses Privilegium auch für sich in Beziehung auf die Töchter in Anspruch zu nehmen, aber der Kuß, den er auf Theresens Lippen drückte, sagte dieser: »Ich habe dich verstanden, wir sind Eins bis an den Tod.« Kurze Zeit darauf hatte der Pfarrer selbst die Trauhandlung bei der Witwe des Siebenmeiers und dem Obergestütmeister vollzogen. Sie hatte gewünscht, von Weber, der sie confirmirt, der sie zum ersten mal getraut hatte, auch zum zweiten mal getraut zu werden. Für Heinrich war das eine große Erleichterung, er hätte die heilige Handlung mit schwerem Herzen vollzogen, er haßte den Bräutigam so viel, als es sich irgend mit seinem Christenthume zu vertragen schien, Claasing schien ihm das Princip des Bösen zu vertreten, und da durfte er ja hassen. Er ging der Trauung und Hochzeit, einer großartigen, wenn auch etwas bäuerisch aufgeputzten und überladenen in Essen und Getränk, aus dem Wege, indem er seinem alten Lehrer in Verden einen Besuch abstattete. Als er zurückkam, fand er die Stätte seiner Sehnsucht leer – der Gestütmeister hatte Frau und Stieftöchter nach Eckernhausen mitgenommen. Sämmtliche Ländereien der beiden Höfe, mit Ausnahme der Wiesen, waren verpachtet. Auch das Haus- und Feldinventar war bis auf einige Lieblingskühe, die Frau Emeyer nicht missen mochte, auf einige gute Pferde und Füllen, die dem Kenner gefielen, verkauft. Nur auf dem Siebenmeierhofe selbst, zu dem sich ein Pachter nicht gefunden, war einiges Hausgeräth und einige Betten geblieben, damit die Familie jederzeit ein Unterkommen in Grünfelde hatte. In Eckernhausen hatte die Frau Obergestütmeisterin Claasing, ein Name, der doch besser klang als Frau Siebenmeier Emeyer, mit ihrem Gemahl die untern Räume bezogen, sie war und blieb Bäuerin und Wirthschafterin, und zwar eine gute. Sie mußte die Knechte und Mägde unter Aufsicht haben können, sie kochte selbst, kurz sie war des Alltags eine ganz vortreffliche Frau, die ihre Kinder, ihr Hauswesen, ihr Vieh liebte und dafür sorgte. Nur wenn sie im Sonntagsstaate war, oder wenn sie an Seite ihres Gemahls in der eleganten Kalesche, welche ihr der Mann zum Hochzeitsgeschenke gemacht hatte, nach Heustedt fuhr, saß der Hochmuthsteufel in ihr, dann dachte sie nur an sich und die neidischen Weiber in Heustedt, die ihre Kleidung, ihre Pferde und Wagen, ihren Reichthum und den stattlichen Mann selbst ihr beneideten, dann schwelgte sie in dem Gedanken, wie hoch sie sich über ihre »Freundschaft« erhoben, dann war sie ohne Liebe zu ihren Töchtern, ohne Liebe zu ihrem Hause, zu ihrem Vieh, ohne Liebe zu ihrem Manne. Zu diesem hatte sie Liebe eigentlich nie gehegt. Sie hatte ihn nicht aus Liebe, sondern aus purer Eitelkeit geheirathet. Claasing hatte zufällig ihre Bekanntschaft gemacht, als er genöthigt war, der Misernte von 1792 wegen Heu für das Gestüt zu kaufen; sie hatte sich von ihm in der ersten Stunde durchschauen lassen, als sie vor ihm alle ihre Reichthümer auskramte, ihm ihre Weiden, ihre Felder, ihre Kühe und Pferde zeigte. Der Obergestütmeister war geldgierig, ihm fiel es sofort in den Sinn, diese Reichthümer zu erheirathen. Die Mädchen ließen sich ja beseitigen. Man verheirathe sie so früh wie möglich, gebe ihnen ein paar tausend Thaler Aussteuer und lasse sie auf das Anerbenrecht zu Gunsten des Stiefvaters verzichten, wenn ein Anerbe nicht geboren werde. Er schmeichelte der Witwe, schmeichelte plump, denn seine Schmeicheleien würde sie nicht verstanden haben; er sagte ihr, daß sie berufen sei, in der Gesellschaft eine Rolle zu spielen, auf den Bällen in Heustedt neben der Frau von Bardenfleth und der Landräthin von Vogelsang zu glänzen, er faßte sie an ihrer schwächsten Stelle. Sie wurde sein Weib, sie hatte sogar einwilligen müssen, ihr liebes Vaterhaus zu verlassen, das liebliche Grünfelde mit dem düstern Eckernhausen zu vertauschen, was ihr sehr schwer wurde. Die Töchter wurden oben in die Zimmer einquartiert, die für Anne Marie geschaffen, von dieser nie und von Claasing's Frau nur kurze Zeit bewohnt waren. Vor der Hochzeit waren diese Räume, die selten betretenen, ausgeräumt bis auf die Möbeln. Der Hausherr hatte das Bett, den Putzschrank seiner ersten Frau, die Lade mit allem Drell und Leinenschätzen von Anne Marie stammend und manches andere auf eine Vorratskammer über der Reuterkammer bringen lassen; die Gold- und Silbersachen, die Schmucksachen seiner Frau und deren Mutter nahm er zu sich. Um Bücher, Harfe, Kleidungsstücke hatte er sich nicht bekümmert, die Diensten hatten diese auf eine Polterkammer gebracht, wo sie wüst herumlagen. Alle diese Sachen mußten der nicht minder reichen Ausstattung der Witwe und den schon gesammelten Aussteuern ihrer Töchter Platz machen. Jede der Töchter hatte schon seit der Confirmation ihre eigene Lade und ihren Schap, in denen die künftige Aussteuer angesammelt wurde. War das Leinen und Drell auch nicht sämmtlich selbst gesponnen, wie es sonst üblich war, so hatte es doch die Mutter gesponnen. Der Pfarrcollaborator machte den schuldigen Hochzeitsbesuch in Eckernhausen, er wurde von der Frau Obergestütmeisterin freundlich, von ihrem Gemahl kühl aufgenommen. Hätte dieser eine Ahnung davon gehabt, daß Heinrich Therese auch ohne Abfindung heirathen würde, und daß Therese seinethalben gern auf ihr Anerbenrecht verzichtet haben würde, so wäre er freundlicher gewesen. Genug, Heinrich nahm sich vor, daß dieser erste Besuch auch der letzte sein solle, er glaubte auf die Länge der Zeit Theresens Anblick nicht aushalten zu können. Der Abschiedskuß brannte noch immer in seiner Seele. Nicht so dachte das Mädchen. Sie wollte ihren Geliebten, das einzige Labsal ihres Herzens, recht oft sehen. Dazu bot die Art und Weise der Kanzelberedsamkeit des Pastors von Eckernhausen die beste Gelegenheit. Er war orthodox, unduldsam gegen Andersgläubige, wortgläubig bis zum Unverstand, er konnte keine Predigt halten, ohne mit den gemeinsten Worten die Sünden seiner Gemeinde oder einzelner Gemeindemitglieder zu züchtigen. Mit dem Gestütmeister lebte er in gedoppelter Feindschaft, einmal weil dieser die Kirche und das heilige Abendmahl gar nicht besuchte, sodann aber, weil derselbe sich geweigert hatte, Schinken und Schultern, wie es in frühern Zeiten geschehen war, in natura zu liefern, nur bereit, das dafür gewohnheitsmäßig an die Stelle getretene Aequivalent von 20 Mariengroschen zu zahlen, und andere Vollmeier aufgewiegelt hatte, dasselbe zu thun. Die junge Frau und ihre Töchter waren gewohnt, sonntäglich zur Kirche zu gehen. Hier aber empfing sie der Prediger mit so anzüglichen Reden in Beziehung auf den abwesenden Mann, den er Sohn des Beelzebub nannte, und dessen Lebenswandel er schlimmer schilderte, als in Sodom und Gomorrha gelebt sei, spielte dann aus die pfauenhafte Putzsucht der gegenwärtigen Damen an, sodaß alle Kopfe in der Kirche sich nach dem Kirchstuhle richteten, den die neue Familie einnahm. Dieser Umstand gab Theresen Gelegenheit zu erklären, sie werde nie und nimmer die Kirche in Eckernhausen besuchen, solange dieser Zelot dort Prediger sei – sie gehe mit Agnes lieber nach Grünfelde. »Wenn ihr beim Teufel denn einmal in die Kirche laufen müßt, so lauft wohin ihr wollt, ich hoffe, Mutter wird bei mir bleiben«, sagte der Stiefvater bei Tisch, wo die Sache erörtert wurde. So waren denn die Geschwister, wenn ein besonderes Hinderniß nicht dazwischenkam, jeden Sonntag nach Grünfelde zur Kirche gegangen, und Heinrich predigte mit größerer Wärme und Beredsamkeit, wenn ihm die Augen der Geliebten, die gläubigen, entgegenstrahlten. Die Schwestern sprachen nach der Kirche regelmäßig bei dem Pfarrer Weber ein und ließen sich von ihm dann und wann auch nöthigen, zu Tisch zu bleiben, wenn die Frau Pfarrerin versichert hatte, sie habe einen größern Braten gekauft in der Voraussicht, daß die jungen Damen ihre Gäste bleiben würden, auch sei das Lieblingsessen der Agnes, rothe Grütze, da. Der Pfarrer holte bei solchen außerordentlichen Gelegenheiten dann für die Damen eine Flasche süßen Weins, Malaga, den man damals noch unverfälscht bekam, für sich und den Candidaten eine Flasche Kirchenweins, das heißt eines solchen alten Franzweins, den er für sich neben dem Abendmahlsweine bezog, der wie dieser dadurch steuerfrei wurde und in der Regel auch durch Fürsorge des Weinhändlers für die geistliche Kundschaft noch um einige Procente besser war als dieser. Das war ein gemüthliches Mittagsmahl, die Pfarrerin, welche mit klugem Weibertakte die gegenseitige Zuneigung der jungen Leute herausgefühlt, verfehlte nie, den Collaborator zwischen die beiden Schwestern zu setzen und bei dem Dessert, wenn der Wein die Zungen offener gemacht hatte, zu fragen: »Papa, wäre das nicht ein schönes Paar, das du gern zuletzt in deinem Leben trautest, hier unser Hausgenosse und Therese Emeyer?« Die Verliebten errötheten dann, und Therese pflegte zu sagen: »Wenn die Frau Pastorin noch einmal solche Reden mache, so äße sie hier nie wieder.« Agnes wollte aber bemerkt haben, und warf abends beim Zubettgehen dies der Schwester vor, daß gerade bei solcher Rede der Pfarrcollaborator ihr unter dem Tische die Hand gedrückt habe, und daß sie dies anscheinend recht gern geduldet. So verschwanden Sommer und Herbst. Die Mädchen hatten den vernachlässigten Blumengarten mit Hülfe eines Gärtners wieder in Stand gesetzt und weilten manche Stunde in der Jelängerjelieberlaube, der süßduftenden, oder gingen im Schatten der saftiggrünen Eichen des Sünders spazieren. Als aber der November kam, sie seltener und seltener nach Grünfelde zur Kirche gehen konnten, weil der Regen die Wege durch die Marsch unwegsam machte, die Mutter die Spinnräder auf die Zimmer der jungen Mädchen schaffte und ihnen aufgab, wie viel sie am Abend bei der trüb brennenden Lampe zu verspinnen hätten; – während sie selbst mit dem Gemahl nach Heustedt zu Gesellschaften und Bällen fuhr, da war in den jungen Herzen in Grünfelde und Eckernhausen Trübsal und Unlust. Die Mädchen konnten walzen und hopsen, auch langenglisch und eine Klappecossaise tanzen, und hatten das auf Schützenhöfen und Erntefesten mit Lust gethan. Die Mutter sagte aber, sie wären noch zu jung, sie sollten erst im Frühjahre, wenn der Tanzlehrer aus Bremen nach Heustedt komme, Tanzunterricht haben, damit sie Ehre mit ihnen einlege. Der wahre Grund war aber wol der, die Eitle wollte so erwachsene Töchter nicht produciren, sie tanzte lieber selbst noch, obgleich mit weniger Grazie und Geschick als ihre Töchter. Diese grämten sich sehr wenig, nachdem sie einen Schatz entdeckt hatten, an dem sie sich mehr labten als auf allen Bällen in Heustedt. Die Jüngere, die ziemlich neugierig war, pflegte, wenn die Aeltern zur Stadt waren, das Haus zu durchstöbern. So hatte sie die Polterkammer entdeckt, und die Mädchen hatten die Harfe wie die Bücher der Frühverstorbenen in ihr Zimmer getragen und letztere neben den eigenen Schulbüchern aufgestellt, die Harfe war in das Zimmer für die »Freundschaft« gebracht, die aber nicht kam, um Besuche abzustatten. Das war ein Fund! Die beiden Mädchen hatten noch gar nichts erlebt, sie hatten auch noch wenig gelesen, denn ihr Lehrer hatte mehr auf die Ausbildung des Verstandes und Wissens als auf Ausbildung der Phantasie und schönen Künste seinen Unterricht gelenkt. Das sei etwas für das Selbstudium. Außer Sprachübungen war Geographie und Geschichte – Literaturgeschichte gab es damals noch nicht zum Glück für die Jugend – der hauptsächlichste Gegenstand seines Unterrichts gewesen. Auch die unzähligen Auswahlen, Sammlungen aus den besten unserer Dichter, diese Perlen und Blüten, und wie sie sonst heißen, womit die kleinen Mädchen in den höhern Töchterschulen von früh an überschüttet werden, gab es nicht. Heinrich pflegte zweimal wöchentlich Gedichte zum Niederschreiben zu dictiren. So hatten die Mädchen freilich sich selbst eine Perlenschnur der Lieblingsdichtungen ihres Lehrers aufgereiht, aber ein zusammenhängendes Dichterwerk kannten sie nicht. Die »Messiade«, die sie hier fanden, war ihnen freilich unverständlich, desto verständlicher die »Luise« von Voß. Bisher mußten die Erinnerungen an ihre Lehrstunden, das Gespräch über den frühern Lehrer oder Klagen über den Stiefvater Stoff zu ihrer Unterhaltung geben, so mußte jetzt am Tage wie am Abend eine der Schwestern vorlesen, während die andere strickte, nähte, spann. Man war nicht so verwöhnt wie heute, man konnte dasselbe Gedicht vielemal lesen und gewann erst durch dieses öftere Lesen das richtige Verständniß. Die ältere liebte vor allem die Bücher, welche Heinrich in frühern Zeiten Anna geschenkt hatte, und wenn gar ein Gedicht angestrichen oder mit einer Randbemerkung versehen war, ein Zeichen, daß Heinrich es der Erstgeliebten hatte empfehlen wollen, so ruhte sie nicht, bis sie es auswendig wußte. Ein Buch mit verschlossenen Siegeln blieb den Schwestern freilich die »Unsichtbare Loge« von Jean Paul, obgleich einzelne Stellen die jungen Mädchenherzen entzückten. So war der Winter vergangen, das Frühjahr herangetreten, mit Wind und Regen freilich. Aber es eröffnete die Aussicht zu häufigern Kirchgängen nach Grünfelde. Wenn es zu dunkeln begann und ehe die Lampe angesteckt werden durfte – was nach einer gewissen Hausordnung geschah – pflegte Therese die Harfe aus dem Fremdenzimmer zu holen, um ihr Accorde zu entlocken. Nach unzähligen Versuchen war das geglückt und es ihr sogar gelungen, das einzige weltliche Lied, was die Schwestern singen konnten: »Guter Mond, du gehst so stille«, zu begleiten. Obwol der Stiefvater die Gemächer der Schwestern noch nie betreten hatte, wurden solche musikalische Versuche doch nie angestellt, als wenn sie wußten, daß derselbe ausgeritten oder ausgefahren war. Dieser »Vater«, so mußten sie auf Geheiß der Mutter sagen, war eigentlich das einzige, was das ruhig-harmonische Leben der jungen Mädchen störte, das Wort Vater war ihnen verhaßt, sie hatten nur mit Mühe sich daran gewöhnen müssen. Um diese Zeit beriethen der Hausherr und seine Ehefrau eine Haupt- und Staatsaction. Sie waren nach heustedter Sitte nach und nach von sämmtlichen bürgerlichen Honoratioren zum Diner oder Souper, zum Kaffee oder Thee, zu einer Partie oder zum Balle eingeladen worden, man mußte sich revanchiren. Lud man nach Eckernhausen ein, so konnte man nur eine geringe Zahl Personen einladen. Es war deshalb beschlossen, bei Frau Krummeier ein Diner zu bestellen, zu dem alle, denen man das schuldig war, und selbst die, denen man es nicht schuldig war, Landraths und Bardenfleths, geladen wurden. Es sollte nichts gespart werden. Von der Einladung ausgeschlossen waren nur wenige Mitglieder des Herrenclubs und Casinos, der Supernumerar-Amtsschreiber Motz, mit dem Claasing seit jenem Spielabende nie mehr ein Wort gewechselt, Lübrecht und der Superintendent, welcher in die Streitigkeiten des Gestütmeisters mit dem eckernhäuser Pastor sich eingemischt hatte. Man war sehr vergnügt gewesen bei der Tafel und hatte bis gegen Abend am Tische gesessen. Als Kaffee präsentirt wurde, fand es die Mehrzahl der Herren angemessener, eine Pfeife zu rauchen und sich deshalb in das Billardzimmer zurückzuziehen, um eine Boule zu spielen. Das Billard war Eigenthum des Herrenclubs und die beiden Nichteingeladenen, Lübrecht und Motz, hatten sich seit einer guten Stunde schon Langeweile und Aerger vertrieben mit einer Fuchspartie. Nach den Clubgesetzen, und sämmtliche Anwesende waren zugleich Clubmitglieder, ging jedes Gesellschaftsspiel dem Einzelspiel voraus, und Claasing als Gastgeber kündigte daher den beiden Spielern an, die Gesellschaft wünsche Boule zu spielen. »Das Billard steht zur Ihren Diensten bereit, sobald die Partie beendet ist«, sagte Motz und gab Lübrecht einen Wink mit den Augen – » deux à sept «, zählte er, und sagte: »Dieses Triplé wird dir nicht gelingen.« Da sämmtliche Dienerschaft bei dem Diner beschäftigt war, so hatten die Billardspieler selbst markiren müssen. »Warum Triplé?« sagte ein dritter zu Lübrecht gewendet, »der Ball läßt sich ja vortrefflich schneiden und ebenso gut doubliren?« »Weil wir eine Triplépartie spielen«, fiel Motz in die Rede. »Eine Triplépartie?« sagte Claasing in verwundertem Tone. »Wer spielt denn Triplépartien hier? – namentlich wenn man so schlecht spielt wie gewisse Leute, da müssen wir ja eine Stunde warten?« »Vielleicht noch länger«, erwiderte der Amtsschreiber, »denn ich kann weder so glücklich Mariage spielen wie Sie, noch so gut Billard wie Sie.« »Was wir spielen, kann Ihnen überall gleichgültig sein, wir spielen wenigstens nicht mit Frauenherzen«, mischte sich Lübrecht ein. »Deshalb werden uns auch die Frauen nicht zur rechten Zeit sterben wie gewissen Leuten«, setzte Motz hinzu und versuchte ein Triplé zu machen. Der Gestütmeister hatte bei Tisch reichlich getrunken. Das wurde ihm zu viel, er ging auf Motz zu und flüsterte ihm ins Ohr: »Sie sind ein Schuft.« Dieser schlug ihn ins Gesicht. Es würde zu einer Prügelei gekommen sein, wären die vernünftigen Gäste nicht dazwischengetreten; so kam es nur zu einer Pistolenforderung. Am andern Tage schoß man sich im Kiefernholze hinter Kirnberg, und Claasing sank, von einem Schusse ins Schulterblatt getroffen, nieder. Er wurde auf einer Bahre nach Eckernhausen gebracht, wo es den Bemühungen zweier Aerzte schwer gelang, die Kugel herauszuziehen. Ein heftiges Wundfieber stellte sich ein. Frau Claasing war rathlos, sie rannte aus einem Zimmer ins andere und that immer das Entgegengesetzte von dem, was sie thun wollte, endlich wurde sie selbst ohnmächtig und mußte ins Bett gebracht werden. Theresen fiel die Nachtwache bei dem Vater zu, Agnes wachte bei der Mutter. Jener litt große Schmerzen, er fluchte und tobte, endlich, längst nach Mitternacht, fielen ihm die Augen zu, er sank in einen Halbschlaf und fing an zu phantasiren. Therese verstand anfangs nichts von dem, was er sagte, dann hörte sie eifrig zu, es schien ihr Methode in diesen Phantasien zu sein, die sich wiederholten und von vorn anfingen, wenn Anna, die selige Frau, darin vorgekommen war. Endlich holte sie Feder und Papier, um aufzuschreiben, was der Stiefvater sagte, es war ihr unverständlich, vielleicht konnte Heinrich ihr Auskunft geben. »Liebe Eyben!« sagte der Phantasirende im Tone eines zärtlich Verliebten, »hast du die Asche in den Corridor gestreut? Du kannst deine Königin nicht verrathen? Sie würde dich jeden Augenblick verrathen, glaube mir, sie ist falsch und hintertückisch wie ihr ganzes Geschlecht. Sieh diesen rothen Streifen über meinen Backen, die Reitgerte der Königin schlug sie deinem Geliebten ins Gesicht. Willst du nicht? Nun, Anna Petersen wird nicht so dumm sein, sie hat mit ihren schwarzen Augen mir so oft zugeblinzelt; wäre ich dir nicht treu, Süßeste, ich würde durch sie längst erlangt haben, was ich wünsche. Also du willst, nimm diesen Kuß. »Majestät, ist es genug, wenn die Eyben beschwört, daß sie Asche in den Corridor gestreut und am andern Tage Fußtritte darin gefunden, gleich dieser Zeichnung? und wenn die Petersen beschwört, daß sie Papierstreifen, welche sie abends zwischen die verschlossene Thür zum Corridor steckte, am Morgen zum Theil im Corridor, zum Theil im Schlafcabinet der Königin fand, daß sie auch im Bette der Königin Beweise fand? »Ha, die Dukaten! wie sie glänzen! Aber die Würfel? Was der Hieb im Gesichte schmerzt! Aber das Beil, das den Nacken des Doctors dreimal traf, ehe es den Kopf vom Rumpfe trennte, mußte noch mehr schmerzen. Der arme Struensee! wie oft hat er mir Geld geborgt. Aber Julianens Dukaten, ich hatte sie nöthig. »Küsse es nicht, Karoline Mathilde, küsse es nicht, das Bild deiner Kinder, es ist vergiftet! Die Königin-Mutter will dich todt wissen! Du thust es doch, nun werde eine Leiche!« Der Kranke stöhnte, wie von Schmerz geplagt, laut auf, dann fuhr er wie im Zorne fort: »Weib! Deine letzte Stunde hat geschlagen, gestehe, hast du dich dem Grafen Schlottheim hingegeben? Du sagst: ›Ja, Othello‹, nun fahre zur Hölle.« Therese hatte Gelegenheit genommen, diese Aufzeichnung an Heinrich zu senden, damit dieser vielleicht Licht schaffe, ob in den Worten ein Ereigniß verborgen liege, wie sie ahne, oder ob es bloße Fieberphantasien seien. Heinrich konnte das Räthsel nicht lösen, es waren zwanzig und mehr Jahre hingegangen seit der Enthauptung Struensee's und die Ereignisse der Französischen Revolution hatten die Sache in den Hintergrund gedrängt. Er erinnerte sich dunkel, daß der Graf von Hardenberg auf Haus Berlepsch etwas von Claasing und Struensee gesagt hatte, und beschloß, in Heustedt nähere Erkundigungen einzuziehen. Aber auch da kam er nicht zu der richtigen Quelle. Claasing's kräftige Natur trug über das Wundfieber und die Wunde den Sieg davon. Er konnte nach einigen Wochen das Lager verlassen und wieder umhergehen, wenn ihm das Reiten auch noch nicht möglich war. Das Duell hatte großes Aufsehen gemacht, und der Supernumerar-Amtsschreiber war in eine entferntere Provinz versetzt, Lübrecht um Versetzung freiwillig eingekommen. Als Claasing zum ersten mal wieder nach Heustedt fuhr zum Herrenclub, fand er, daß seine L'Hombrepartie sich durch den neuen Amtsschreiber ergänzt hatte, auch kam es ihm vor, als sei eine merkliche Erkältung der Gesellschaft gegen ihn eingetreten. Und so war es in der That. Es hatten sich förmlich zwei Parteien gebildet, von denen die eine es mit Motz und Lübrecht hielt, von dem Bauernhochmuth der Frau Claasing und von seiner brutalen Geberdung sprach, die andere ihn vertheidigte und Motz verdammte. Der plötzliche Tod Anna's und daß man gar keine Todesursache kenne, hatte in den Kaffeecirkeln der Frauen jetzt, nach Jahren, abermals länger als acht Tage den Gegenstand der Klatscherei abgegeben, bis etwas Neues in den Gang kam. Wenn der Obergestütmeister im Herrenclub keine Partie finden konnte, kam er mürrisch nach Hause, zankte mit der Frau, obgleich deren Zustand der Schonung bedurfte, war grob gegen die Töchter und zankte mit den Knechten. Alle diese Dinge gingen in Rückerinnerung vor der Seele des Candidaten vorüber, als es ihm nicht gelingen wollte, die Disposition zu seiner Predigt zum ewigen Frieden zu finden. Er war aufgestanden und in der Stube auf- und abgeschritten. Es war ihm nicht hell genug, er holte zwei Reste eines dicken Kirchenwachslichts, die er vom Küster gekauft hatte, dem die Reste der Kirchenlichter als Accidenz zufielen, und zündete dieselben an, um weiter arbeiten zu können. Da wurde an die Thür gepocht, die Botenfrau aus Heustedt brachte einen Brief und ein Packet. Der in seinen Arbeiten und Gedanken unangenehm Unterbrochene betrachtete zuerst den Brief von allen Seiten, das war die Handschrift seines Bruders, die er seit Jahr und Tag nicht gesehen hatte, das Postzeichen war von Bentheim. Er öffnete. »Lieber Heinrich«, schrieb der Bruder, »wenn ihr mich für todt gehalten habt, so habt ihr nicht unrecht gethan. Zwar lebe ich im gewöhnlichen Sinne des Worts, aber ich fühle mich todt; ich fühle, daß ich schon wieder nicht auf dem rechten Flecke stehe, das Kriegshandwerk hat seinen Reiz für mich verloren. Ich möchte, die Kugel, die mir durch die linke Seite geschossen, wäre einige Zoll weiter nach rechts gekommen. »Ja, wenn es immer Kampf gäbe, immer Aufregung wie bei unserm Ausfall aus Menin. Der wird einzig dastehen in der Weltgeschichte, und wie unser alter Rector uns mit Thränen in den Augen von der Verteidigung der Thermopylenpässe erzählte, so wird man in hannoverischen Schulen unsern Kindern von Menin erzählen. »Wir, zweitausend etwa, entmuthigt seit lange durch so viele verlorene Schlachten, Hondschotten war fürchterlich, vorn eingeschlossen in jenem schlechtbefestigten, halb niedergeschossenen, halb brennenden Neste Menin, eingeschlossen von zwanzigtausend Republikanern unter Führung des klugen Generals Moreau und des kühnen Vandamme. »Ein Drittel der Leute sagte, zwei Drittel dachten, wir müssen uns ergeben. O! wir Hannoveraner, die vierzig Hessen und sechzehn kaiserlich-österreichische Artilleristen, wir hätten auch gute Capitulationsbedingungen bekommen, aber wir hatten ein Bataillon Loyal-Emigrants bei uns, vierhundert Mann, beinahe sämmtlich emigrirte Offiziere, deshalb auch Loyal-Emigrés genannt. Die wollte man behalten, die wollte man zur Guillotine schleppen. Da sagte unser Alter: ›Ich capitulire nich‹, und zu meinem Kapitän sagte er: ›Scharnhorst, wir wollen uns durchschlagen, entwerfe Er die Disposition.‹ »Wir hatten vier Tage und vier Nächte keinen Schlaf gehabt, aber ich habe eine halbe Nacht bei meinem Kapitän gesessen, gezeichnet und geschrieben. »Als er fertig war und ich die Disposition zum alten Hammerstein brachte, da wurden die Commandeure der Bataillone, der Artillerie und der sechzig Mann Cavalerie in ein Haus am Brügger Thore beschieden. Wir hatten, als Ordonnanz meines Kapitäns war ich mit im Zimmer, kein anderes Licht, als welches die ringsumher flammenden Häuser in das Zimmer warfen, und die Bomben fielen auf die Gebäude um uns und in das, worin wir waren, und crepirten vor unsern Feuern, im Garten. Der Alte war vollkommen gefaßt. »Als er rief: ›Meine Herren‹, rafften sich einige Adjutanten, die auf der platten Erde lagen und trotz der einschlagenden Bomben geschlafen hatten, empor. ›Meine Herren, ich habe Sie nicht zu einem Kriegsrathe versammelt, ich will mich mit der Garnison durchschlagen, lieber im freien Felde sterben, als capituliren. »›Das Bataillon Loyal-Emigrants geht aus dem Courtrayer Thor, läßt die Ueberschwemmung links und fällt von der Seite in die vom Feinde besetzte Vorstadt Brügge. »›Zu gleicher Zeit öffnet eine Compagnie des Grenadierbataillons das Brügger Thor, gefolgt vom ersten Bataillon des vierzehnten Regiments, dann die Artillerie, dann die drei letzten Compagnien des ersten Grenadierbataillons, dann die übrigen vierzig Mann Cavalerie. »›Zweihundert Mann von allen Bataillonen, außer den Loyal-Emigrants, bleiben unter Oberstlieutenant von Spangenberg im Orte und verteidigen ihn wo möglich bis morgen früh neun Uhr.‹ »Doch, wozu Dir, dem Theologen, solche Dispositionen? Genug, wir zogen nachts ein Uhr aus, also am 30. April v. J., sämmtlich hoch aufgeregt und glücklich, aus der Gefangenschaft in den Wällen befreit zu werden. Die Emigrants, welche nicht aus dem Thore, das gänzlich verbarrikadirt war, herauskonnten, mußten sich einen Weg über den Wall durch die Palissaden bahnen, sie griffen die Halbbrigade des Generals Vandamme an und stießen sie nieder, das Grenadierbataillon kam ihnen zu Hülfe. Aber Vandamme ermannte die Seinen und drängte die Emigrants ab, auch das erste Bataillon des vierzehnten Regiments konnte, von lebhaftem Feuer der Republikaner empfangen, nicht in Gemäßheit der Disposition vorgehen, es zog sich in Unordnung zurück. Eine Bastion mit drei Geschützen that ihre Schuldigkeit nicht, alles schien verloren. Der Commandeur der Artillerie war nicht an der Tête, auch unsere Leute kamen in Unordnung, da keiner der Offiziere die Disposition kannte, außer meinem Kapitän und mir. »Da sprengte Scharnhorst an die Spitze, er stellte Ordnung her, er ließ mit Kartätschen auf den anrückenden Feind schießen, brachte die Geschütze, die noch in der Barriere waren, heran. Allein die Republikaner rückten stark vor zwischen Festung und Vorstadt und drängten uns in einen Winkel. Die Geschütze konnten nicht über den gestauten Geluwebach, da die Brücken theils abgebrochen, theils überschwemmt waren. Mein Geschütz saß auf so einer verdammten Brücke fest und sperrte allen den Weg. Da fiel mir ein, daß nahe bei dem Courtrayer Thore noch eine Brücke sich befinde, welche auf die Chaussee nach Courtray führe. Sie hatte abgebrochen werden sollen auf Befehl des Alten, deshalb war dahin nicht der Ausweg geleitet. Ich sprengte zur Stelle und fand den Befehl Hammerstein's zum Glück nicht vollzogen. »Nun führte ich die bedrängten drei Geschütze, einige Cavalerie und einige funfzig Mann Infanterie auf die Chaussee. Dann habe ich mit einer Kanone, zu deren Commandanten ich mich aufgeworfen, unterstützt von zwanzig Mann Cavalerie und eben erst eingestellten Landwehrleuten aus Hoya, dreimal eine Schwadron feindlicher Husaren, die sich aus der Vorstadt Brügge auf uns werfen wollte, zurückgetrieben. »Wenn ich einmal wieder nach Heustedt kommen sollte, so will ich Dir das ausführlicher erzählen und eine Zeichnung vorlegen, die ich hier in Mußestunden entworfen. Genug, die Garnison war gerettet, mit Verlust von sechs Offizieren, einhundertzweiundzwanzig Unteroffizieren und Gemeinen, außer Vermißten und Verwundeten. Wir kamen glücklich nach Brügge, wo wir uns aber beinahe mit Gewalt den Eingang erzwingen mußten. Man schnitt mir hier eine Kugel aus der linken Seite zwischen den Rippen heraus. »Und diese Kugel ist alles, was ich von der ganzen Affaire gehabt habe und behalten werde. Was hilft in unserm Lande alle persönliche Tapferkeit, alle Klugheit, alles Genie, wenn man nicht adelich geboren ist? Meinen Kapitän haben sie zwar zum Major gemacht und glauben wunder was gethan zu haben, aber sein Verdienst, das haben sie ihm vor der Nase weggestohlen.. Ein lumpiger Emigré, der als Ingenieur bei den Engländern dient, Saint-Paul, der nichts gethan als das Verkehrteste: Menin von der Seite zu befestigen, wo es durch Ueberschwemmung fest war, den preisen sie jetzt in den Zeitungen ob der trefflichen Vertheidigungsanstalten, die, sofern sie gut, lediglich aus Scharnhorst's Kopfe entsprungen waren. Der französische Lump maßt sich sogar das Verdienst der Disposition des Ausfalles an, und Herzog von York, Feldzeugmeister Clayrfait, vielleicht der Kaiser selbst, sagen ihm ihren Dank. Das ist abscheulich! Ohne Scharnhorst und den Muth unsers Alten waren wir elendiglich abgefangen und die Loyal-Emigrants auf den Richtplatz geschleppt. Von mir will ich nicht reden, obgleich ich ein tüchtig Stück Arbeit mitgethan habe. Ich weiß, mein Kapitän hat mich dringend zum Offizier empfohlen, er hat mich öffentlich belobt, und wenn es von dem Alten abhinge, so hätte ich längst Epaulettes. Aber ich bleibe, was ich bin, Oberfeuerwerker Schulz II. Dieser plebejische Name! Wie kann ein Schulz, sogar ein Schulz II. ein Held sein? Wir haben bei unserer Batterie drei Schulze, und nun gar erst bei der Infanterie, da gibt es bei jeder Compagnie ein halbes Dutzend. Einen Lieutenant, einen Hauptmann, einen General Schulz wird es nie geben! »Und hätte ich noch das Bewußtsein, für das Vaterland mich geschlagen zu haben. Uns Hannoveranern haben aber die Franzosen nichts gethan, ihnen auch nichts thun wollen, wir Hannoveraner führen keinen Krieg mit Frankreich, wir haben kein Reichscontingent gestellt, ich habe gekämpft und bin verwundet als ein elender englischer Söldner, den unser Kurfürst an England verkauft hat, ebenso wie die Hessen, die mit uns fechten, von ihrem Landgrafen verkauft waren. »Mir hat die Republik nichts gethan, ich liebe die Republik, ich liebe Freiheit und Gleichheit. »Solange ich Scharnhorst als Chef hatte, habe ich alles ertragen, das Hin- und Herschleppen im vorigen Jahre mit der Wunde in der Seite, unglaubliche Strapazen. Jetzt commandirt ein adelicher Junge, hätte ich beinahe gesagt, der kaum die ersten Begriffe von Mathematik hat, und der eine Kanone nicht zu richten weiß, und wir stehen hier, müßig auf der Demarcationslinie an der holländischen Grenze. Wie oft habe ich verwünscht, von meinem Handwerk fortgelaufen zu sein. Ich habe erst in Holland und Belgien gesehen, was ein Handwerker sein kann. Aber dazu gehört wieder Geld. »Was ist es doch für eine Lumpenwelt, wenn man ohne Namen und ohne Geld geboren wird. Das bischen Verstand, das Gott einem solchen Proletarier mitgegeben, der es nicht weiter bringen kann, drückt nur noch mehr. »Und nun ein Soldat im Frieden, eine bloße Maschine, ein Mensch ohne Willen, folgend dem Willen oder der Willkür eines Laffen und Dummkopfes! »Hinderte mich nicht ein gewisses Ehrgefühl, ich wäre schon längst desertirt, ich wäre nach England gegangen und Maschinenbauer geworden; aber so gemein der Name Schulz ist, ich mag nicht wortbrüchig werden, ich will meine Capitulationszeit aushalten. »Nun aber zu euch, ihr Lieben! Was macht die gute Mutter und der brave Vater? Haben sie sich um den verlorenen Sohn stark gegrämt? Sage ihnen, Unkraut und Schulzens vergehen nie. Was machen die Schwestern? Wo steckt Karl Haus? Hat Comteß Olga noch nicht geheirathet? Und die blonde Anna, wie ist's mit der? Du warst als Junge stark vernarrt in die Kleine, bist Du es noch? »Grüße sie alle, schreibe hierher, wir werden wol eine Zeit lang an der holländischen Grenze liegen bleiben müssen, und da haben wir hier in Bentheim wenigstens den bessern Theil. Dein Friedrich.« Der Arme, sagte Heinrich zu sich, er ist unzufrieden mit sich, mit Gott und der ganzen Welt. Das macht der Ehrgeiz. Wer arm ist, muß demüthig sein, sagte meine Großmutter immer. Er verfiel in tiefes Sinnen. Da raffte er sich empor und griff zu dem Packete, es zu öffnen. Was war das? Das Porträt Anna's im Hochzeitskleide auf Elfenbein en miniature gemalt. Dazu ein Brief Theresens: Herzgeliebter. Das bist Du mir und bleibst Du mir und ich Dir, wenn auch Dein Mund es mir noch nicht gesagt hat, Dein Auge hat es mir tausendmal verrathen. Seele meiner Seele! nichts trennt uns mehr. Auch das Andenken an die Todte, deren Bild ich Dir sende, soll uns nicht trennen, nein, nein, es soll uns inniger verbinden. Heute Morgen hat die Mutter Claasing einen Sohn geboren, mit meinem Anerbenthume ist es also vorbei, ich bin damit ein armes Mädchen geworden, viel ärmer, als Du glaubst. Auf unsern Höfen ruhen von dem Neubau nach dem Siebenjährigen Kriege her noch immer einige Schulden, sie sind nicht bedeutend, aber sie werden von dem Allodialvermögen, von dem ich allein noch erbe, zu einem Drittel erbe, zunächst abgesetzt. Wo ist aber das Allodialvermögen? Außer den Gebäuden auf den Höfen ist nichts da; das Inventar ist verkauft, die Früchte beider Güter ernten Pächter, die Scheunen auf dem Siebenmeierhofe stehen leer, das dafür aufgenommene Geld hat Claasing an sich genommen. Ich werde es für eine Gnade zu betrachten haben, wenn Claasing mir 1000 oder 2000 Thaler als Abfindung gibt, aber ich sehe es für eine viel größere Gnade Gottes an, daß er die Fesseln, die mit dem Worte Anerbin mir angeschmiedet waren, abgestreift hat. Ich bin jetzt frei, Dein Mund darf sprechen, die Gründe, die ihn schweigen hießen, sind nicht mehr; ich bin ein armes Mädchen, das sich glücklich schätzen muß, wenn ein Dorfpastor ihr die Hand anbietet. Aber Du mußt mich sofort befreien, ich muß fort von hier und auch meine Schwester muß fort, Du hast mir so oft von Deiner Schwester Marianne erzählt, könnte sie uns nicht eine Zufluchtsstätte gewähren? Ich muß fort, denn es läßt mir keine Ruhe unter dem Dache eines Mörders. Ja ich zweifle nicht mehr, Claasing ist der Mörder Deiner Anna. Schon seine Fieberphantasien ließen mich so etwas ahnen, jetzt weiß ich es gewiß. Als die Mutter gestern Abend bei Abwesenheit Claasing's ganz plötzlich heftige Wehen bekam, ein Knecht nach Kirnberg, ein anderer nach der Stadt, den Arzt zu holen, geschickt war, die Großmagd bei der Mutter war, die Schwester zur Hebamme gelaufen, da schritt ich voll Unruhe und Angst auf der Hausflur auf und ab. Aus der Dienstenkammer hörte ich laut schluchzen und klagen und dann die Lisbeth, die Jungmagd, deutlich beten: »O barmherziger Gott, sei ein gnädiger Gott mit dem Sünder und den Seinen!« Ich trat in die Kammer, Lisbeth lag auf den Knien und hatte die Hände zum Gebet emporgestreckt. »Was bedeutet das, Lisbeth? Wer ist der Sünder, für den du betest?« sagte ich. Sie wollte im Anfang nicht mit der Sprache heraus, dann aber sagte sie: »Es muß doch einmal offenbart werden, ich habe nicht eher Ruhe, und da sage ich es Ihnen lieber als irgendeinem andern Menschen. Es werden morgen drei Jahre, es was Martinstag, da starb die selige Frau. Ich habe noch mit keiner Menschenseele über das gesprochen, was ich da erlebte, es überläuft mich immer ein Grausen, wenn ich nur daran denke, und der Gedanke, daß da eine Unthat geschehen, läßt mich nicht. Es war des Nachts schon sehr spät, als der Herr nach Hause kam, das Wetter war grausig. Der Herr schien sehr zornig, vielleicht etwas angetrunken, er mußte sehr schnell geritten sein, denn Johann sagte mir, das Pferd sei ganz in Schweiß gebadet gewesen, auch lahmte es später. Der Herr ging erst in die Dönze, nach einiger Zeit ging er nach oben. Die junge Frau hatte sich eingeschlossen, wie sie das jeden Abend that. Der Herr muß die Thür mit einem Fußtritt geöffnet haben, das Geräusch erschreckte mich, ich stieg aus der Koje, öffnete leise die Kammer und schlich mich zur Treppe. Da hörte ich oben laut und heftig reden, die Stimme des Herrn war überlaut, doch verstand ich nicht, was er sagte. Ich fürchtete, er möge zurückkommen, und schlich mich in die Kammer, ließ aber die Thür offen stehen. Etwa fünf Minuten später hörte ich ein neues Geräusch und sah, als ich den Kopf durch die Thür steckte, den Herrn oben auf der Galerie vor der Thür seiner Frau stehen. Das Talglicht der Frau, das sie vor ihrem Bette zu brennen pflegte, ehe sie schlief, um zu lesen, hatte er auf den Fußboden gesetzt und schlug mit einer Axt den Krampen des Thürschlosses wieder in die Thürpfosten. Er sah sehr blaß aus und schlug mit großer Gewalt. Dann schlug er die Thür zu. Ich dachte, wie kann er der armen kranken Frau, der jedes Geräusch zuwider ist, in der Nacht solchen Lärm machen? Am andern Morgen war die arme schöne Frau todt und ich habe mir später oft gedacht, sie ist schon todt gewesen, als der Herr die Krampe in die Thür schlug, und der Herr hat sie todt gemacht. Jetzt bete ich für Ihre gute Mutter und das Kind, das sie gebären will, beinahe am Tage der That.« »Schweige auch ferner gegen jedermann«, erwiderte ich, »lassen wir Gott die Rache wie das Erbarmen.« Aber ich beschloß, meinen Stiefvater auf die Probe zu stellen. Die Schwester hatte nämlich in der Polterkammer, aus der wir schon Anna's Harfe und Bibliothek, auch Deine Geschenke an sie, gerettet, ein Etui mit dem Bildnisse Anna's gefunden, das ich Dir sende. Ich holte das Etui. Als nun Claasing endlich angekommen, als die Mutter in die Stube an der Dönze gebracht war, und Arzt, Hebamme und andere um sie waren, Claasing mit großen Schritten im Zimmer auf- und abging, Agnes sich hinter den Ofen gesetzt hatte und weinte, ging ich zu ihm und sagte, indem ich das Etui öffnete und das Bild vorhielt: »Vater, ich habe etwas gefunden und bitte sehr, schenken Sie mir das Bild, es ist ein zu reizendes Gesicht.« Dieser hatte kaum einen Blick auf das Bild geworfen, als er aschgrau im Gesichte wurde, mich mit stieren Augen ansah und wie geistesabwesend antwortete: »In das Feuer damit, in das Feuer, es ist vergiftet, die Schlange Juliane hat es vergiftet!« Ich lief davon, Agnes folgte mir, wir schlossen uns ein und durchwachten im Bette, enge aneinandergekauert, eine schlaflose Nacht. Er ist der Mörder, es ist kein Zweifel, und hier ist noch ein zweites Verbrechen begangen. Wer ist die Juliane? Rette mich, rette mich! Ich kann in keinem Zimmer länger weilen, in welchem Deine Anna ermordet ist. Schreibe noch heute an meine Mutter, schreibe ihr, nachdem sie einen Sohn und Anerben geboren, wagtest Du erst, ihr Deine Liebe zu mir zu gestehen, die, wie Du glaubtest, erwidert werde, und um meine Hand anzuhalten. Lasse einfließen, Du sähest nicht auf Geld und wärest mit jeder Abfindung zufrieden. Claasing wird den Brief öffnen, er ist geizig und geldgierig, er wird unsere Plane befördern. Mache aber gleichsam zur Bedingung oder sprich Deinen Wunsch aus, daß ich und die Schwester, bis Du eine Pfarre hättest, zu weiterer Ausbildung von Haus müßten, sage, daß Deine Schwester und Dein Schwager in Mollenfelde uns gegen ein mäßiges Kostgeld aufnehmen würden. Handle rasch. Der Doctor nimmt diesen Brief und das Etui mit nach Heustedt, damit beides noch heute in Deine Hände gelangt. Eckernhausen , 10. November 1795. Deine ewig Dich liebende Therese. Heinrich war einer der Menschen, die zu einer Energieentwickelung eines äußern Anstoßes bedurften, die aber, wenn sie diesen empfangen, nicht eher ruhen und rasten, als bis sie den Gedanken ausgeführt, ihr Ziel erreicht haben. Therese war immer aus sich heraus selbstthätig, aber durchaus praktisch, sie kannte die schüchterne Natur des Geliebten, sollte er praktisch handeln, so mußte ihm vorgeschrieben werden, was er thun solle, sonst schoß er im blinden Eifer oft über das Ziel hinaus. Der Pfarrgehülfe schrieb an Theresens Mutter und schloß einige hochglühende Zeilen an seine Geliebt selbst ein. Dann eilte er zum »Kruge«, wo die Botenfrau eine Stunde auf Rückantworten und Briefe zur Stadt zu warten pflegte, um ihr selbst den Brief zu bringen und ihr auf die Seele zu binden, morgen früh denselben durch expressen Gang, den er gut bezahlte, nach Eckernhausen zu schaffen. Nachdem er dann mit seiner Pastorenfamilie ein frugales Abendbrot eingenommen hatte, ging er wieder auf sein Stübchen, das bei Abend viel traulicher war als an einem so dunkeln Novembertage. Lange, sehr lange betrachtete er Anna's Bildniß, dann küßte er es und hing es über seinem Schreibtische auf; sie war erst jetzt eine Todte für ihn. Das Gefühl eines seligen Friedens überkam ihn. Die bescheidenen Wünsche seines Lebens, sie standen ihrer Verwirklichung nahe: ein geliebtes und liebendes, schönes, kluges, thatkräftiges Weib, eine Pfarre mit auskömmlichen Einnahmen, eine gute Gemeinde, der er ein treuer Hirt und Führer zu einem gottgefälligen Leben zu sein sich gelobte, was wollte er mehr? Er dachte abermals an das Thema seiner Predigt, die Gedanken flossen ihm reichlicher. Um zum ewigen Völkerfrieden, wie um zum Frieden mit uns selbst zu kommen, da bedurfte es vor allem der Mäßigung und des Maßhaltens. Der Egoismus des Einzelnen, die Herrschlust, Eroberungslust, Vergrößerungslust der Völker, sie mußten aus der Welt. Aber wo waren die zum Kriege treibenden Leidenschaften? Sie waren nicht im Volke, sie waren bei den Großen dieser Erde, diesen Generationen hindurch anerzogen und endlich angeboren. Dem Volke war es angeboren, jedem das Seine zu lassen, jedem Menschen die Bedingnisse des Lebens, des geistigen wie körperlichen Wohlseins zu gewähren und zu gönnen. Nur die Bevorzugten dieser Erde, calculirte er, deren Vorfahren sich durch Kriege und Eroberungen, Heirathen, Misbrauch der Amtsgewalt, Treulosigkeit gegen Kaiser und Reich in Besitz eines Theils dieser Erde gesetzt, sich zu Herren über Unterthanen gemacht haben, sind es, welche das gleiche Recht aller nicht anerkennen, die für sich ein bevorzugtes Recht von Gottes Gnaden beanspruchen. Sie wollen nicht, daß ein Volksstaat sich bilde, sie wollen nichts von einer Weltrepublik wissen, sie widersetzen sich der Staatsbildung, das heißt der Rechtsbildung, sie wollen zwischen sich und andern Herrschern keine richtende Gewalt anerkennen, nicht Gotteswort, nicht Moral, nur die Gewalt. Wie kann man da zum ewigen Frieden kommen? So brütete er bis tief in die Nacht, bis ihn der Schlaf überwältigte, er ahnte nicht, daß schon eine neue Gottesgeisel auf der Weltbühne stand, die diejenigen, welche bis dahin als mächtig gegolten, in den Staub trat, zu seinen Sklaven machte, und von einer Weltmonarchie träumte. Siebentes Kapitel. Nordamerika vor siebzig Jahren. Philadelphia , 4. Dezember 1796. An Karl Haus in Neapel. Abzugeben bei dem Grafen Münster. Lieber Karl! Dein Brief hat mich tief betrübt. Du lebst da Tage der Wonne, fühlst Dich im fünften Himmel, weil das Schicksal Dir Deine Olga in die Arme geführt hat. Ich bin, wie Du weißt, kein Pedant und würde an Deiner Stelle kaum anders gehandelt haben. Die Comteß Olga hat Dir ihre Liebe geschenkt, sie hatte darüber frei zu verfügen, denn sie war dem Grafen von Schlottheim nicht angetraut, und wäre sie es gewesen, so wäre das Bündniß nichtig und erzwungen gewesen, und Du hast sie beständig mit sentimentaler Treue geliebt. Also warum solltet ihr einander nicht angehören? Aber dennoch will mir nicht zusagen, daß, nachdem Dein Ideal jetzt einen Beschützer in Dir gefunden, nachdem ein Mann ihr zur Seite steht, die Lüge des Getrautseins mit diesem Schlottheim fortbesteht. Das ist ein rein unsittliches Verhältniß. Verstehe mich wohl, ich meine nicht euere Liebe zueinander, ich halte es nicht für unsittlich, daß sich die Gräfin Dir, als wäre sie Dein Weib, hingegeben, ich halte es für unsittlich, daß sie noch mit Schlottheim in Einem Hause als dessen Gattin wohnt, sich vor der Welt Gräfin von Schlottheim nennt, daß sie das niemals durch Priesterwort geknüpfte Band, diese Scheinehe, nicht von sich abstreift als eine schmähliche Fessel der Lüge. Denke Dir doch den Fall, es hilft hier nichts, die Dinge übertünchen zu wollen, Olga gebäre Dir einen Sohn. Möchtest Du, daß er unter dem Namen eines Grafen Schlottheim getauft würde, erzogen würde, Ansprüche auf Schlottheim'sches Vermögen machen könnte, möchtest Du, daß ein Mann von solcher niedriger Gesinnung, von solchen gemeinen Gewohnheiten und Sitten, von Hochmuth und Adelstolz, auch nur acht Tage über das Schicksal Deines Sohnes zu bestimmen hätte? Ich glaube nicht, daß Du das wünschen wirst. Du hast, davon bin ich überzeugt, im Taumel Deines Glücks, bei der Leichtigkeit, mit der der gesammte Cirkel, dem Du in Neapel nahe stehst, namentlich die Großen bei Hofe, das Leben nehmen und genießen, gar noch nicht an diese Seite der Sache gedacht. Du äußerst zwar, daß Dir zu Deinem Glücke nichts fehle als die kleinste Hütte, die Du Dein Eigenthum nennen könntest, und daß Du Dich in der größten Einsamkeit, vereint mit Olga, zufrieden fühlen würdest. Das sind Redensarten, sind Träumereien und Selbstbelügungen. Wir können nicht mehr in der Einsamkeit, wir können nicht mehr in Hütten leben, ihr würdet euch bald zu ennuyiren anfangen, und solltet ihr in der schönsten Gegend von Italien ohne menschliche Gesellschaft leben. Daß Du als Privatsecretär des Grafen Münster die angebliche Frau des Grafen Schlottheim nicht heirathen kannst, ist selbstverständlich. Du und Olga, ihr müßt allem, was ihr in Europa noch Liebes habt, entsagen und nach Amerika fliehen. Hier, in einem aufblühenden jungfräulichen Staate, wo es keine Grafen und Barone, aber auch keine Verderbtheit gibt, wie Europa, namentlich Neapel sie großbrütet, wo es keinen so lastervollen Hof gibt, als Du den dortigen schilderst, wo eine Person wie euere Königin Karolina ausgestäupt würde, und wo man ihre Buhlen Acton und Genossen auspeitschen würde oder theeren, braucht ihr nicht in der Einsamkeit, braucht ihr nicht in einer Hütte zu wohnen. Ihr könnt hier in einer großen schönen Stadt von sechstausend Einwohnern, oder ihr könnt in der neuangelegten Capitole ein schönes Quartier beziehen, vorausgesetzt, daß Du arbeiten und Dir Dein Brot verdienen willst. Glaube mir, durch Arbeit verdientes Brot schmeckt süß. Aber ich verlange nicht, daß Du wie ich Kaufmann wirst, daß Du Interessen berechnest, Preisverzeichnisse und Curse studirst, Käufe und Verkäufe machst, Geld zu verdienen suchst, wie es eben im Handel und Wandel geht. Ich habe einen andern Plan. Die Partei, der ich mich angeschlossen, die föderalistische, beabsichtigt eine neue Zeitung zu gründen, eine Fortsetzung gleichsam des Hamilton'schen »Föderalisten«, von dem ich Dir sämmtliche Nummern beilege, welche die hier ausgesprochenen Grundgedanken immer von neuem durcharbeiten und wiederholen soll. Ich kann Dir die Redaction der europäischen Angelegenheiten und vorläufig ein Gehalt von 1200 Dollars anbieten, bis Du genug Kenntniß unserer Angelegenheiten gewonnen hast, um auch über diese ein Wort mitsprechen zu können. Von diesem Honorar kann eine Familie recht gut leben. Wenn Deine Gräfin nun noch dazu etwas von ihrem Vermögen rettet, Du sprichst von einem reichen Familienschmucke, so trägt hier jedes Kapital die doppelten Zinsen wie in Europa, und willst Du es in Ländereien anlegen, die vorläufig wenig rentiren, so werden, wenn das Kapital auch nur 5000 Dollars groß ist, wenn nicht Deine Söhne, so doch Deine Enkel ein viel reicheres Einkommen haben, als die Söhne und Enkel des Grafen Schlottheim je haben werden. Amerika hat eine Zukunft, so reich sie niemals in der Welt existirte. Wenn Dich Deine Olga also in der That so sehr liebt, daß sie Dir ihren Rang, Stand, Stellung in der Gesellschaft, ihre ganze Vergangenheit und ihre zwar nicht zu hoffnungsvolle Zukunft opfert, so komme hierher. Komm! Täusche ich mich aber in Beziehung auf Dich, bist Du durch den Umgang mit den Großen schon so entsittlicht, daß Du das Liebeleben, welches Du lebst, nur als einen vorübergehenden Zustand ansiehst, den man als junger Mann mitnehmen könne, dann bleibe, wo Du bist, dann bist Du für mich und für die Menschheit verloren, taugst für Nordamerika nicht. Ich kenne Neapel nicht, ich weiß aber, daß selbst Hannibal und sein Heer in Capua, unfern Neapel, untergegangen ist, und daß der ganze Staat Neapel dem Untergange nahe steht, eigentlich schon untergegangen ist. Der Fischerkönig dort und seine Gemahlin, Lord und Lady Hamilton, Prinz August und seine Auguste, Graf Münster wie Graf Schlottheim, sie alle wandeln auf einem Vulkan, schlimmer als jener, dessen Rauchsäulen Du auf Deinem Balkon vor Dir siehst. Rette Dich in unsere jungfräuliche Republik, wahrscheinlich trete ich Dir dann schon mit einer Gattin entgegen, die Deiner Olga eine würdige Schwester sein wird. Ueber hiesige Zustände habe ich langes und breites an meinen Vater geschrieben. Ich hatte ihm schon von England aus eine neuerfundene Copirmaschine geschickt, und ich habe ihn gebeten, meine sämmtlichen Mitteilungen an ihn, sofern sie nicht rein privater Natur, Dir abzuklatschen und zu senden. Du wirst daraus einen ungefähren Begriff hiesiger Zustände bekommen. Diesen Brief sende ich durch Vermittlung des Herrn Best in London an meinen Vater mit dem Auftrage, durch die hannoverische Gesandtschaft unter Graf Münster's Adresse Dir denselben zuzusenden. Dann wird er die Reise über London und durch Best's Hände noch einmal zurückmachen. Laß alle Deine Antworten an mich durch Lord Hamilton an Best senden, sie kommen mir dann am sichersten zu Händen. Glaube mir, daß ich Dich mit aller Herzlichkeit von früher liebe und nie vergessen werde, daß Du mein Leibfuchs warst, glaube aber auch, daß mir, wenn auch wenige Jahre älter als Du, mehr Wind um die Nase geweht ist, als Dir vielleicht je herumwehen wird, und daß ich, um mich kaufmännisch auszudrücken, um neunzig Procent praktischer bin als Du. Entscheide Dich bald und küsse Deine Geliebte in meinem Namen und Auftrage im Angedenken des Tages, wo ich sie vor etwa zehn Jahren zuerst sah. Schreibe mir, was Freund Heinrich Schulz macht, wenn Du Nachricht von ihm hast. Vale! Vale! Dein Justus Erich. Als Beilagen lagen diesem Briefe bei das nachfolgende Schreiben wie die Tagebuchsblätter an Bollmann's Vater: Philadelphia , 15. Juni 1796. Schon vor meiner Ankunft in den Vereinigten Staaten wußte man, daß ich kommen würde; meine wirkliche Ankunft wurde bald allgemein bekannt. Mein Versuch, Lafayette aus Olmütz zu befreien, hatte Neugierde und gutes Vorurtheil erweckt, und so fand ich dann in Neuyork, wo ich nur vierzehn Tage blieb, und hier, wo ich seitdem immer gewesen bin, eine entgegenkommende freundschaftliche Aufnahme. Ich war bald in den ersten Gesellschaften zu Hause, hatte an allen kleinen Festen und Familienbelustigungen während des Winters Antheil, und verbrachte vorzüglich mit den Weibern, die im Durchschnitt schön, weniger aufs Geldverdienen erpicht wie die Männer, folglich weniger beschränkt, gebildeter und liebenswürdiger sind, manche angenehme Stunde. Die hiesigen Amerikanerinnen sind lebhafter wie die englischen Damen. Sie tanzen mit Leidenschaft und schön, reiten viel und gut, machen weniger Umstände, funfzig deutsche Meilen zu reisen, als deutsche Damen eine halbe, sind frei und wild und werden meistens frühe Mütter von zahlreichen Kindern. Aber wiewol die Sitten im ganzen unverdorben und in Philadelphia sogar in der sogenannten guten Gesellschaft kaum ein einziges Frauenzimmer ist, deren Tugend sich auch nur bezweifeln ließ, so ist doch bei dem schönen Geschlecht eine gewisse Würde im Betragen, eine keusche liebenswürdige Zurückgezogenheit, die weniger eine Folge individueller Vervollkommnung, als vielmehr der größern Verfeinerung des sittlichen Gefühls einer Nation überhaupt zu sein scheint, hier weit seltener als wie in England, Deutschland und Frankreich. Es ist möglich, daß diese Abwesenheit einer unschuldigen Außenseite eine Folge der größern Unschuld selbst ist, möglich, daß unsere europäische Verdorbenheit europäische Vortrefflichkeit erzeugt! Alles wohl überlegt, bestärkt der Anblick der Neuen Welt in mir den Vorsatz, mit den Dingen, wie sie sind, zufrieden zu sein, indem unglücklicherweise das Gute sehr oft sich selbst zerstört, und glücklicherweise das Uebel wieder Gelegenheitsursache zum Guten wird. Es gibt in den Vereinigten Staaten, wie beinahe jetzt überall, zwei Parteien, Freunde und Nichtfreunde des französischen Interesses. Beide Parteien sind und waren nicht viel liberaler als wie in Europa; aber man ist der französischen Nation Dank schuldig, man hat noch kürzlich selbst für die Sache der Freiheit gefochten; darum äußert sich die gegenseitige Wärme nicht sowol in entgegengesetzten Aeußerungen über die Französische Revolution, als vielmehr in Lob oder Tadel der englischen Politik. Das Gouvernement und die Kaufmannschaft gehören im ganzen zur englischen, die Güterbesitzer zur französischen Partei. Zu dieser letzten gehören gleichfalls im ganzen alle Staaten südwestlich von Potomac, Virginia, Carolina u. s. w., zu jener die Staaten nordöstlich vom Potomac, Pennsylvania, Neuyork, Massachusetts, Connecticut u. s. w. Die letztern sind mehr Handelsstaaten, haben keine, oder nur sehr wenige Sklaven, folglich weißen Pöbel, sind also weniger demokratisch. Die Einwohner der südwestlichen Staaten bestehen größtentheils aus Gutsbesitzern, der größere Theil der Arbeiter sind Sklaven, es gibt da folglich keinen Pöbel (denn die Sklaven gehören nicht mehr zur Societät, wie Pferde und Kühe, und sind in ihrem gegenwärtigen Zustande der öffentlichen Ruhe fast ebenso wenig gefährlich), darum sind diese Staaten mehr demokratisch. Sie waren kühn während der Revolution, und sind zum Theil noch jetzt der Errichtung abgeneigt, welche die Legislatur in zwei Kammern, den Senat und das Haus der Repräsentanten, trennt, denn eine solche Ordnung ist weniger demokratisch. Sie möchten die ganze Gewalt lieber in eine einzige Versammlung zusammendrängen, und sie wünschten dies um so viel mehr, weil sie in einer solchen einzigen Versammlung vermöge ihrer größern Zahl von Repräsentanten leicht das Uebergewicht erhalten würden. Im Senat, wo nicht die Volksmenge jedes einzelnen Staats, sondern die Staatenzahl im ganzen die Menge der Senatoren bestimmt, verlieren sie diesen Vortheil. Aus diesem Grunde nennt man die französische die Oppositionspartei, gewöhnlich die antiföderalistische, die englische die Gouvernementspartei oder die föderalistische. Diese Benennungen sind richtiger als französische oder Oppositionspartei, da der Senat die individuelle politische Existenz eines jeden einzelnen Staats aufrecht hält; eine einzige Versammlung würde zur Consolidirung in einen einzigen Staatskörper führen, zum Einheitsstaate, vielleicht zur Monarchie, während der Norden nur einen Bundesstaat will. Trotz der Leidenschaft dieser beiden Parteien, eine Sache, die in einer Republik nothwendig und heilsam, weil sie die große Basis des öffentlichen Wohls ist, Kenntnißverbreitung und Patriotismus befördert, indem sie durch das Interesse der Leidenschaft Geistesthätigkeit und Theilnahme erweckt, steht der innere Friede dennoch unerschüttert. Es befestigen denselben das vorwiegende, jedem sich aufdrängende Interesse des Zusammenhaltens in einem gemeinschaftlichen Staatenverein, gegründet auf das Bewußtsein individueller Schwäche und gegenseitiger Notwendigkeit, und das vorwiegende Interesse für die Aufrechthaltung der Ordnung, welches in einem Lande nothwendig stattfinden muß, wo es keine Bettler gibt, keine armseligen Menschen, keine verschiedenen Stände; wo jeder ein Eigenthum hat, wo Eigenthum sicher ist, und sich durch Thätigkeit zuverlässig mit jedem Tage vergrößert; wo Vermögen und Fähigkeit endlich zur Befriedigung aller vernunftmäßigen Wünsche führen. In einem solchen Lande ist Krieg und Störung von Ordnung jedem fürchterlich, keinem annehmlich. In einem solchen Lande regieren die Leute im eigentlichsten Sinne sich selbst, und trotz des Parteigeistes, trotz des anscheinenden Kriegs ist alles gegenseitige Nachgeben Fügung, Einverständniß, sobald es zu Handlungen oder zu Maßregeln kommt, die auf Ordnung und Ruhe Bezug haben. Der Ordnungs- und Friedensgeist ist wirklich so groß, daß die gänzliche Vernichtung der executiven und gerichtlichen Gewalt, könnte sie statthaben, einem Reisenden, der die Landessprache nicht verstände, durch keinen Auftritt vernehmbar werden würde. Eine Stadt wie Philadelphia, bewohnt von sechstausend Menschen, ohne irgendeine Spur von Sicherheitspolizei, und dennoch ruhig bis zur Abwesenheit des Lärms der Trunkenheit und der Scheltworte, ist für jeden neuankommenden denkenden Europäer ein auffallendes und anfänglich beinahe unbegreifliches Phänomen. An Aufwand und Luxus aller Art wird Philadelphia in Deutschland nur von Wien und Berlin übertroffen. Es ist daher ein frappanter Gedanke, wenn man sich vorstellt, vor einhundertzwanzig Jahren war es hier noch dichter Wald. Man glaubt nicht, daß Menschen so schnell umschaffen können. Der Wohlstand ist allgemein und hat sich vorzüglich während des Kriegs sehr vermehrt. Die Ausfuhr von Philadelphia allein belief sich im Jahre vom October 1790 bis October 1791 auf 3,436092 spanische Dollars und im Jahre 1794 bis 1795 auf 11,518260 Dollars. Eine verhältnißmäßige, gleichstarke Vermehrung hat in den übrigen Handelsstädten stattgefunden, und dies ist vorzüglich dem Umstande zuzuschreiben, daß der westindische Handel beinahe ganz in amerikanische Hände gefallen ist. Die Ausfuhr ist zugleich an Werth gestiegen. Eine Tonne Mehl, die vor dem Kriege 5 Dollars kostete, gilt jetzt 13–15 Dollars. Amerika bereichert sich durch die Unruhen in Europa. Und wiewol ein schneller Friede in allen Seestädten der Vereinigten Staaten viele Häuser, die zu sehr auf die Fortdauer des Kriegs speculirt haben, zu Grunde richten würde, so hat der wirthschaftliche Wohlstand der Nation im ganzen während der drei letzten Jahre doch außerordentlich gewonnen und läßt sich durch einige Bankrotte nicht entwerthen. Ich erwähne dies, weil einige Reisende, vorzüglich Franzosen, die wegen ihrer besondern Lage, und weil sie die Landessprache nicht verstehen, sich hier im Durchschnitt sehr elend fühlen, glauben, daß aller Wohlstand hier nur eingebildet und sehr precär sei, ja mit dem Frieden zusammenstürzen müsse. Laßt euch in Deutschland durch Verbreitungen dieser Art nicht irren, sie sind ungegründet. Da die Unruhen in Europa für uns so angenehme Folgen gehabt haben, so war es ein Gegenstand von der äußersten Wichtigkeit, die Neutralität zu erhalten. Alle Amerikaner sind hierin einverstanden. Könnte uns die Neutralität nur durch einen Freundschaftstractat mit England, wie den, den man gemacht hat, erhalten werden, so ist der Tractat als ein geringeres Uebel gut. Man konnte keinen bessern machen, behaupten die Föderalisten. Die Antiföderalisten behaupten das Gegentheil. Das britische Ministerium führte zuverlässig während der Negociation eine drohende trotzige Sprache. Man hat wahrscheinlich in der Verhandlung selbst einen Fehler gemacht, indem derselbe Mann zu derselben Zeit Genugthuung für erlittenes Unrecht fordern und freundschaftliche Verbindung schließen sollte; zwei Dinge, die ihrer Natur nach unvereinbar sind. Zu dem, der mich beleidigt hat, von Freundschaft sprechen, heißt kriechen und seine Obergewalt eingestehen. Er wird nur schlechte Genugthuung geben, und seine Freundschaftsbedingungen werden hart sein – dies ist der Fall gewesen. Ob es dem britischen Ministerium mit den Drohungen Ernst war, oder ob dasselbe nur Furcht einjagen wollte, darin liegt die Entscheidung. Es befinden sich gegen sieben Millionen Pfund Sterling englisches Eigenthum in den Vereinigten Staaten und die Vereinigten Staaten sind gegenwärtig der Hauptmarkt englischer Manufacturwaaren. Man rechnet, daß ein Drittel aller in England verfertigten Waaren hierher verschickt wird. Aber die Amerikaner haben vermöge des westindischen Handels gleichfalls große Summen in England ausstehen; ihre Handelsschiffe sind in allen Meeren, und sie haben bisjetzt keine einzige Fregatte, sie zu beschützen. England ist überdies in Lage und Stimmung, alles aufs Spiel zu setzen. Den Credit der Vereinigten Staaten in Ansehung ihres Finanzsystems zu erhalten und fester zu gründen, war ein wichtiger Punkt. Alles daher zusammengenommen, ist's vermuthlich am besten, wie es ist. Die Debatten im Congreß über diesen Gegenstand sind während der letzten Sitzung sehr lebhaft gewesen. Sie betrafen vorzüglich zwei Punkte: 1) Hat das Haus der Repräsentanten ein Recht, über den Werth des Tractats Untersuchungen anzustellen und die erforderlichen Geldbewilligungen nach Gutbefinden zu geben oder zurückzuhalten? Die Constitution läßt diese Frage streitig. Mit schlichtem Glauben gelesen, verneint sie sie; aber man kann's drehen und wenden. Daß sie sie verneint, ist vermuthlich ein Mangel der Constitution. Allgemeine Vernunft und politische Gründe scheinen ihre Bejahung zu fordern. Viel Scharfsinn und Gelehrsamkeit wurde für und wider aufgeboten in einer drei Wochen langen Discussion. Die Opposition gewann in dieser Frage eine Mehrheit von zwanzig Stimmen. 2) Ist es rathsam, die notwendige Summe zur Vollziehung des englischen Tractats zu bewilligen? Eine Mehrheit von drei entschied für die Bewilligung wider die Opposition. Das kaufmännische Interesse war vorwiegend. Die Nation übte durch zahlreiche Petitionen einen beträchtlichen Einfluß auf die Verhandlungen. Der Tractat war einmal gemacht; Washington's Popularität allein gab ihm bei vielen Gewicht. Ein Verwerfen wäre nicht einmüthig gewesen. Innere Trennung hätte die Feinde stark gemacht. Die Frage war bei vielen nicht: »Ist der Tractat gut?« sondern: »Kann Washington, der Patriot, der Staatsmann, unrecht thun oder sich irren?« Wäre der Tractat daher schlechter gewesen, als er wirklich ist, ein denkender Amerikaner konnte ihn verwünschen, aber da er einmal da war, mußte er ihn anerkennen. Die Haupteinwendung wider den Tractat war nicht auf seine unmittelbaren Vortheile oder Nachtheile gegründet. Man haßte nähere Verbindung mit England überhaupt. Man fürchtete, daß sein geheimer Einfluß zu groß würde und politische Corruption in die Vereinigten Staaten bringe. C'est s'attacher à un cadavre! dachten viele. Die nähere Verbindung mit England ist übrigens die natürlichere. Sprache und Sitten sind dieselben. Ob sie der politischen Selbständigkeit der Vereinigten Staaten nicht nachtheilig ist, ist eine andere Frage. Die übelmeinende Mutter wird schwerlich jemals eine gute Hofmeisterin, noch weniger eine gute Freundin werden, und gar nichts mit ihr zu thun zu haben, wäre vermutlich besser, um völlig allein zu gehen und eigenen Kräften vertrauen zu lernen. Auf alle Fälle scheint man für den Augenblick das Beste errungen zu haben, und für die Zukunst? England liegt in einer gefährlichen Krise; ersteht es rüstig und kraftvoll, dann ist's gut, damit befreundet zu sein. Geht es zu Grunde, dann ist's leicht, davon loszukommen. Im allgemeinen möchten viele warme Föderalisten gern eine erbliche, limitirte Monarchie, viele Antiföderalisten gern eine mehr demokratische Republik haben. Die große Masse und ruhige Vernunft hängen der Constitution, wie sie ist, an. Da die Parteien mit ziemlich gleichen Kräften in entgegengesetzten Richtungen ziehen, da die meisten Ruhe wünschen und keine Art von Corruption in die öffentliche Versammlung eingeschlichen ist, so scheint mir die Verfassung der Vereinigten Staaten so fest zu stehen, wie eine republikanische es nur immer kann. Washington's Popularität hat durch den Tractat viel verloren. Seine Präsidentur geht mit diesem Jahre zu Ende. Ob er wiedergewählt wird? einstimmig, wie bisher, wol nicht, durch eine Majorität, zuverlässig. Wird er, weniger ehrenvoll, das heißt nur durch eine Majorität erwählt, die Präsidentur annehmen? Man sagt: nein. Aber die Gewalt ist anziehend, ist fesselnd, darum bin ich dieser Meinung nicht. Jefferson ist der Held der Opposition, der Freund der Franzosen. Er lebt auf seinen Gütern in Virginia und scheint sich um nichts zu bekümmern. Sein Buch beweist, daß er ein Mann von umfassendem Geist ist. Auf einer Reise ins Innere, die ich in wenigen Tagen anzutreten denke, werde ich ihn näher kennen lernen.. Jefferson, der gegenwärtige Vicepräsident Adams, der Vater des Gesandten zu Holland, und der Negociateur Jay haben, nach Washington, die größte Anwartschaft auf die Präsidentur. Washington ist ein großer, starkgebauter, schöner, rüstiger Mann. Der Ausdruck seiner Gesichtszüge und seines ganzen Aeußern verräth viel Kälte und Festigkeit. Klugheit, Vorsicht, Behutsamkeit sind die hervorstechenden Züge seines Charakters. Er ist mehr verschlossen als offen, mehr wirklich gut als rein, als liberal und großmüthig, mehr bedacht, nie etwas Unrechtes als etwas Ausgezeichnetes zu thun. Er ist ohne Leidenschaft, dies alles, wie's scheint, aus Grundsätzen. Er ist tugendhaft, nicht groß, sehr vernünftig, ohne ein hervorstechendes Talent, trocken und abgemessen, nicht sehr liebenswürdig, aber Hochachtung fordernd. Washington ist gemacht für den Posten, den er bekleidet. Rathfragend, sinnend, aber nie hingerissen, selbstbestimmend und selbstentscheidend. Washington ist Lafayette's warmer Freund. Aber was kann derselbe bei einer Lage wie die oben geschilderte thun? Oesterreich ist es, das Lafayette gefangen hält, und die französischen Republikaner bekennen sich wenigstens als seine Freunde nicht. Was soll die amerikanische Politik nun thun? In Dankbarkeitsangelegenheiten, vorzüglich wenn sie einen einzelnen Mann betreffen, über kleinliche politische Calculs mit republikanischer Größe wegsehen? Das klingt schön! Ob's weise ist, weiß ich nicht; wenigstens liegt's nicht in des Präsidenten Charakter. Man thut, was man füglich thun zu dürfen glaubt. Das ist nicht viel. Das wird nichts helfen. Lafayette's Sohn ist beim Präsidenten im Hause; daß er ihn an Kindesstatt angenommen hätte, ist unbegründet. Dem amerikanischen Publikum ist Lafayette's Namen heilig, ohne Unterschied der Parteien. Aber dennoch sind oder scheinen wenigstens die Antiföderalisten wärmer; theils vermuthlich, weil alle Minorität wärmer, brüderlicher ist; theils weil Lafayette, der Gegenstand nur schwacher Hülfleistungen, dem Gouvernement ein Vorwurf wird, während er der Opposition selbst als Vorwurf willkommen ist; theils weil Lafayette der Freund Englands nicht ist und nie sein kann, ein Umstand, der freundschaftliche Gefühle für ihn auf der einen Seite anfachen, auf der andern abkühlen muß. Es gibt einzelne, aber nur wenige, die ihn kaum gern hier sehen. Ich selbst habe vom Publikum im allgemeinen und vom Präsidenten insbesondere, oder, eigentlicher zu reden, nicht vom Präsidenten, sondern vom General Washington mehr Aufmerksamkeit und Wohlwollen erfahren, als vermutlich irgendeinem neuankommenden Fremden noch zutheil wurde. Es wird aber, nach neuern Gesetzen, ein fünfjähriger Aufenthalt erfordert, um amerikanischer Bürger sein zu können. George Lafayette ist ein siebzehnjähriger sanfter junger Mann, dem's nicht an Geist fehlt. Wir haben uns oft gesehen. Er fühlt sich unglücklich, für seinen Vater so gar nichts bewirken zu können. Seine Existenz ist gegenwärtig vom General Washington abhängig, aber die Nation würde sich seiner angenommen haben, wenn dieser nicht erklärt hätte, »er würde es ihm an nichts fehlen lassen«. Mr. Frestel, ein interessanter, kluger, rücksichtsvoller Mann, der mit Lafayette von Frankreich hierher kam, ist noch jetzt bei ihm als Gouverneur und Gefährte. Die Gegend um Philadelphia herum ist schön, vorzüglich in Entfernung von einer deutschen Meile. Der Boden ist an den meisten Orten fruchtbar. Das Grün ist merkwürdig heiter, bestehend aus einigen zwanzig untereinander vermischten Baumsorten, die ihr mannichfaltiges Laubwerk und ihr vielfaches Grün herrlich vermischen. Hügel und Thäler, Bäche, Wasserfälle die Menge. Wohlstand strotzt uns überall entgegen, Elend ist nirgends. Keine Hütte so klein, vor deren Thür sich nicht eine zahlreiche gesunde junge Brut im üppigen Leben herumtummelt. Alles ist Treiben und Gedeihen. Menschen und Vieh sind wohl. Der größtmögliche innere Genuß hier ist das Vorgreifen in die Zukunft und das geistige Betrachten der Dinge, die bevorstehen. Nie hatte irgendein Volk eine solche Kindheit, nie vereinigten sich solche und so viele Bestandteile künftiger Größe, so sparsam untermischt mit künftiger Zwietracht. Nie wirkten dieser Zwietracht so manche zusammenhaltende Bande entgegen. Nie arbeiteten Natur und Menschenvernunft so groß, so glücklich zusammen. Welches Schauspiel wird das männliche Alter dieser Nation darbieten, wenn ihr Aufsprossen von so einzigen und merkwürdigen Umständen begleitet ist? Man fühlt sich zuweilen geneigt, an dem allmählichen Fortschreiten der Menschheit im ganzen zu zweifeln. Wenn man bedenkt, was Amerika unter den gegebenen Umständen in zweihundert Jahren nothwendig werden muß, so kann man nicht umhin, den schönen Gedanken einer zur Vollkommenheit fortschreitenden Menschheit mit verjüngter Zuversicht wieder zu beherbergen. Glauben Sie nicht, daß ich verschönere, ich lasse Amerika nur Gerechtigkeit widerfahren. Das geistige Betrachten der Zukunft ist wirklich hier seelenerhebend, in Europa oft melancholisch niederdrückend. Aber Sie haben Eins in Europa, was hier fehlt, die aufgehäufte Arbeit von Jahrhunderten. Wir fühlen das zu Hause nicht, aber denken Sie nach, es sagt viel! Wassergräben, Hecken, Dämme, Brücken, alles da, ist schon lange dagewesen, daran haben Väter und Großväter gearbeitet; diese Dinge haben etwas Festes, Gesetztes, sie tragen die Physiognomie ihres Alters, hier ist alles wie von gestern. Was Menschen machen, überlebt sie oft, und die Nachkommenden schaffen wieder, darum ist in Europa ein Schattenreichthum, eine Menge von Möbeln, Geräthschaften aller Art u. s. w., den man hier nicht findet; Anlagen aller Art, Gärten, Festungen, Thürme, Gemäuer, Ruinen selbst rufen eine Vorwelt und ihre Geschichte ins Gedächtniß zurück. Und nun vollends diese Denkmale der Wissenschaften und Künste, Bibliotheken, Alterthümer, Statuen, Gemäldesammlungen! Es ist traurig, daß wir den Werth der Dinge am meisten fühlen, wenn wir sie entbehren. Europa ist wie ein altes Haus, bröckelig hier und da, nach keinem guten Plan gebaut, in seinen Geräthschaften oft selbst olmig und hinfällig, aber reich angefüllt und voll versehen mit allem, was nützlich, angenehm und bequem ist. Amerika ist wie ein neues Gebäude, nach einem herrlichen Plan aufgeführt. Aber umher ist's wild und unaufgeräumt, und innen noch so unwöhnlich. Wenige Möbeln verlieren sich in weiten Gemächern, die Wände sind nackt, die Winkel springen einem so entgegen, die Lust ist feucht; um sich zu gefallen, muß man Hand anlegen und den Kopf voll haben von Einrichtungen und Verbesserungen, Verschönerungen; ruhig niederzusitzen, nur ums Erhalten bekümmert und seiner zu genießen, dazu ist's nicht. Ein anderer Vorzug, den Europa hat, ist dieser beständige Zufluß neuer Ideen von allen Seiten her. Kurz, in beiden Ländern ist viel Gutes, in Amerika vorzüglich wenig Böses. Amerika ist keine Wüste, kein Paradies. Das letzte kann's aber werden. Wohlstand, Unabhängigkeit, größtmögliche Gleichheit, und was von diesen Dingen eine Folge ist, dies sind moralisch; üppige Vegetation, Mannigfaltigkeit der Gewächse, Heiterkeit des Grüns, Größe der Naturscenen, dies sind physisch die hervorstechenden, glänzenden Züge im Anblicke dieses Landes. Mehr, wenn ich mehr umhergekommen bin und mehr weiß. J. Erich Bollmann .« Diesen Briefen war noch das Tagebuch einer Reise nach dem Westen hinzugefügt, das, so interessant es für Nordamerikaner sein mag, da es Zustände, Gegenden, Menschen, wie sie im Jahre 1796 waren, schildert, uns doch von dieser Erzählung zu weit abführen würde, das wir daher fortlassen, bis auf ein Bruchstück, das den Schauplatz künftiger Begebenheiten beschreibt. Unser Freund Bollmann war einer der ersten Männer in Nordamerika, welche die Idee faßten, den asiatischen Handel über Nordamerika zu leiten. Er hatte vermöge seiner naturwissenschaftlichen Kenntnisse lange vorher, ehe der Columbiafluß entdeckt wurde, den Ausspruch gethan, daß die Felsengebirge, welche das Wasser dem großen Strome Missouri geben, in ähnlicher Weise eine Masse Gewässer nach dem Osten senden müssen, und daß der Mensch diesen von der Natur geschaffenen Wasserstraßen folgen müsse, um eine Verbindung mit dem Stillen Ocean herzustellen. Er sprach diese seine Ansicht namentlich gegen den Präsidenten Jefferson, als er diesem seine Aufwartung machte, aus, der sich lebhaft für die Entdeckung eines Wegs nach der Ostküste interessirte und den kühnen Ledyard aus Connecticut, als dieser von seiner ersten Entdeckungsreise nach den Nilquellen zurückgekehrt war, veranlaßte, nach Sibirien und Kamtschatka und der Beringsstraße zu reisen, von da nach Amerika überzusetzen, um die Ströme, welche sich in das Stille Meer ergössen, zu erforschen, und an dem Strome, der etwa dem Missouri gegenüber in den Stillen Ocean sich ergieße, hinauf und an seinen Quellen das Felsengebirge zu übersteigen. Der Amerikaner wurde aber, da er ohne Erlaubniß der Kaiserin Katharina das asiatische Rußland zu bereisen anfing, trotz der Empfehlungen des Barons Grimm als Spion verhaftet und aus dem Lande geschafft. Bollmann drang auf seiner ersten Reise nach Westen nicht weit über den Ohio hinaus vor. Ueber Pittsburg bemerkte er in seinem Tagebuche: »Ich sitze hier in einer jungen Stadt, welche die schönste Lage und die größte Zukunft hat in der ganzen Union, und welche einst den Welthandel mit dem Stillen Ocean und Asien vermitteln wird, wie sie schon heute den Handel nach den Seen und dem Westen wie Süden vermittelt. »Pittsburg liegt zwischen zwei majestätischen Flüssen, dem Monongahela und Alleghani, welche durch ihren Zusammenfluß den Ohio bilden. Von dem Fenster, woran ich sitze, sehe ich auf den ersten dieser Flüsse, der etwa so breit ist als die Themse bei London. Das Ufer an dieser Stelle ist hoch, aber horizontal und eben mit kurzem Grase, so wie es die Schafe lieben, bedeckt. Es ist von einer Reihe von Kokosbäumen begrenzt. Das Ufer an der andern Seite ist eine Kette von Hügeln, dicht mit Eichen und Walnußbäumen beschattet. Der Fluß fließt eben und ruhig. Boote gehen jetzt hinüber; eben jetzt kommt eins von Illinois herauf, mit Fellen beladen. Die Leute am Bord tragen Kleider von wollenen Bettdecken gemacht; sie singen und lachen, nach Art der Franzosen, obwol roth wie Indianer und beinahe Gegenfüßler unsers Vaterlandes. »Von hier bis zur Mündung des Ohio sind eintausendzweihundert Meilen, und dreitausend Meilen bis zur Mündung des Mississippi – wie ungeheuer und wie schön, das Reich der Freiheit und der gesunden Vernunft errichtet zu sehen in so weiten Gegenden, den Anfang zu bemerken von guten Grundsätzen und das Streben nach großer Vollkommenheit, den Unternehmungsgeist zu betrachten, wie er wirkt nach einem großen Plane, der im Verhältnisse zu sein scheint mit dem, welchen die Natur selbst befolgt hat; und endlich die künftige Größe und den Wohlstand zu ahnen, welcher diesem wachsenden Staate bevorsteht. »Bisjetzt hat noch kein Fuß eines Weißen die Felsenkette überschritten, die uns von Californien trennt. Aber die Union wird sich diesen Weg bahnen und ihre Herrschaft bis zu dem äußersten Westen ausdehnen. »Welches Reich dann, ein Reich der Freiheit, Vernunft und Selbstregierung, welches dem in Despotismus versunkenen alten Europa vielleicht die Freiheit wiedererringen hilft.« Achtes Kapitel. Olga. Als Olga die nächtliche Reise am Hochzeitsabende antrat und Eleonore, der Engländerin, gegenüber in die Wagenecke gedrückt saß, fühlte sie sich am ganzen Körper wie z, und in ihrer Seele wogte ein Sturm von Gedanken des Hasses, des Abscheus und Widerwillens gegen den aufgezwungenen Gemahl. Wie sollte sie, das zwanzigjährige Mädchen, das von der Welt nicht mehr kannte als Schloß und Park in Heustedt, sich aus den Banden, in welche Mutter und Vormund sie geschmiedet, befreien? Sie wußte freilich, daß sie dem Hassenswürdigen nicht angetraut war, sie hatte ihren entgegengesetzten Willen so laut und entschieden ausgesprochen, als ihr körperlicher Zustand zuließ. Aber der Prediger hatte ihr Nein nicht gehört oder nicht hören wollen, der Trauungsact war äußerlich vollzogen. Zwar hatte sie noch in der Kirche den Trauring wieder vom Finger gestreift, er mochte zertreten sein von der Menge; allein würde die Welt, würden die geistlichen Oberbehörden ihr oder dem Prediger Glauben schenken? Der Prediger sagte, ihr seid vor Gott und den Menschen zusammengegeben, seid Mann und Weib; er hatte vielleicht schon in diesem Augenblicke ein Zeugniß der geschehenen Trauung niedergeschrieben und ein Kirchensiegel dabeigedrückt. Sie sah, daß sie vor der Welt des Grafen Gattin war und bleiben, wenigstens so scheinen müßte, bis sich die Umstände günstiger gestalteten. Von der Mutter wie von dem Vormunde, von ihnen hatte sie weder Hülfe noch Trost zu erwarten, sie selbst aber, so schrieb der Jurist, bei dem sie Hülfe suchte, hatte nicht einmal das Recht, vor Gericht aufzutreten, sie war ja minderjährig. Aber er wußte, daß sie Nein gesagt hatte, er mußte es gehört haben, ihm gegenüber wollte sie ihre Mädchenehre hochhalten und ihm nur Verachtung und Haß zeigen. Eins tröstete sie: daß sie wenigstens nicht in eine Wohnung des Grafen zu ziehen brauchte, daß sie in dem eigenen mütterlichen Palais einen Flügel eingeräumt bekommen hatte. Sie kam jetzt einen, mindestens zwei Tage früher als Gemahl und Mutter nach Hannover, und sie nahm sich vor, ihre Gemächer so zu scheiden, daß sie seine Nähe zu jeder Zeit vermeiden könne. Aber wo wollte sie die Kraft hernehmen, das zu ertragen, was ihr bevorstand? Die Mutter, die Schwägerin, der Majoratsherr wie ihr Vormund hatten ihr in den letzten Tagen genug vorgesprochen von den Festivitäten, die in Hannover ihrer warteten, wenn sie dem Hofe erst vorgestellt sei. An der Seite des Verhaßten sollte sie bei allen Geheimräthen und Excellenzen, die nicht etwa schon bei der Hochzeit zugegen gewesen waren, Visite fahren, sich als Gräfin Schlottheim vorstellen und beglückwünschen lassen, den Tod im Herzen ein freundliches Gesicht machen, und ahnen, wie in jedem Flüstern zweier Personen in einer Gesellschaft die Scene mit der Filler-Martha zum Gesprächstoffe diene. Sie, der jede Heuchelei verhaßt war als die schlimmste aller Sünden, sie sollte verdammt sein, wer weiß wie viele Jahre lang, vor aller Welt eine Lüge durchzuspielen? War es nicht besser, gleich zu sterben, als sich unter solchen Verhältnissen durch das Leben zu lügen? Ja, sie wollte sterben, sie wollte sich ins Wasser stürzen. Sobald der Wagen der Weser nur wieder näher käme, wollte sie in die Weser springen. Der Wagen hatte indeß längst die Geest erreicht und knirschte im hohen Sande zwischen Föhren und verkrüppelten Eichen auf unwegsamen Bahnen zwischen den Dörfern Eistrup und Gandesbergen der Stadt Nienburg zu. Es war dunkel geworden, der Wind peitschte schwere Regenwolken vor dem Monde her. Man kam durch ein düsteres, in einen Eichsünder gebautes Dorf, in den Häusern schimmerten trübe Lampen, Menschen sah man nicht. Kurz hinter dem Dorfe fuhr man aber bergab und dicht an den Ufern eines Wassers her, in dem der Mond sich spiegelte. Olga hatte wol eine Viertelstunde, wie betäubt, mit geschlossenen Augen in der Ecke des Wagens gelegen, sorgsam beobachtet von der schweigsamen Engländerin; das Kammermädchen saß oben bei dem Kutscher auf dem Bocke. Ein Stoß des Wagens rüttelte sie aus ihrer Betäubung auf, sie hatte in der letzten Viertelstunde an den Tod gedacht, sie hatte aber auch an den Geliebten gedacht, dem sie Liebe und Treue gelobt. Was sollte aus ihm werden, wenn sie ihm auf diese Weise Wort hielt? Sie hatte an den Augenblick gedacht, da sie von Karl schied, und sein Bild hatte den ersten Sonnenstrahl in die Trübniß ihres Herzens zurückgeworfen. Jetzt blinzte ihr, die wie aus einem Traume erwachte, der Mond auf einmal so lachend aus der dunkeln Flut empor. Der Todesgedanke gewann neue Stärke, sie sprang auf, den Wagenschlag nach der Seite des Wassers zu öffnen, das freilich nicht die Weser selbst war, sondern nur ein alter Weserarm, oft sehr seicht, heuer aber angeschwollen durch den regnichten Sommer. Aber Eleonore hatte sie überwacht und zog sie in ihre Arme. Sie sagte, zum ersten mal das Ceremoniell, das sie sonst auf das strengste beobachtete, verlassend und sich der deutschen Sprache bedienend.. »Ich will dir, liebe Olga, mütterliche Freundin sein, du arme, arme Waise, die du nie eine Mutter gehabt«, und sie küßte Olga zärtlich, setzte sich zu ihr in den Rücksitz des Wagens und nahm sie wie ein Kind auf ihren Schos. Olga schlang ihre Arme um Eleonorens Hals, brach in heftiges Weinen aus und rief unter Hunderten von Küssen, die sie auf den schmalen, blassen Mund der Gouvernante drückte: »Versprich mir, nein, schwöre mir, daß du mich nie im Leben verlassen willst und nie allein lassen mit ihm, den ich verachte und hasse, schwöre mir, mich zu schützen, wenn er es wagen sollte, je in meine Gemächer zu dringen.« »Ich schwöre es«, sagte Eleonore. Olga's Haupt sank an ihre Brust, sie athmete leichter. »Glauben Sie nicht, gnädige Gräfin«, fuhr Eleonore in ihrer Muttersprache fort, »daß in dieser dürren Brust kein Herz schlüge. Auch ich habe geliebt, liebe vielleicht noch; ich glaubte wiedergeliebt zu werden, wurde aber schnöde betrogen.« Und sie erzählte nun eine lange Liebes- und Leidensgeschichte, deren Wiederholung uns zu weit abführen würde. Sie erreichte aber ihren Zweck. Die in etwas getröstete junge Gräfin machte sie zur Vertrauten ihrer Liebe zu dem Jugendfreunde, die jener kein Geheimniß mehr war. Wer weiß, was es heißt, in jungen Jahren sein Herz an dem Busen einer Freundin ausschütten zu können, welche Erleichterung das schafft in Trübsal, welche Steigerung der Freude in freudigen Tagen, der wird glauben, daß, als der Wagen in Nienburg vor der Post hielt, und Eleonore nach englischer Art Thee bereitete und Weißbrot röstete, während Johanna, das Kammermädchen, die Eier schälte, der Neuvermählten, welche seit dem Lunch keine Nahrung zu sich genommen, Thee und Sandwichs vortrefflich schmeckten. Die eigenen Pferde wanderten von hier nach Heustedt zurück, Extrapostpferde wurden vorgespannt, der Jäger mußte sich vom Hintersitze neben den Postillon setzen, Johanna bekam einen Platz im Wagen und wußte nun Hunderte von kleinen Anekdoten zu erzählen, die vor und während der Hochzeit im Kreise der Dienerschaft gespielt hatten. In Neustadt am Rübenberge, wo man spät nachts, oder vielmehr früh morgens kurz vor Aufgang der Sonne ankam, konnte man keine Pferde bekommen. Die Gräfin legte sich auf Eleonorens Bitten in ein ungewohntes Federbett zur Ruhe, während diese und das Kammermädchen sich im Vorzimmer auf dem sogenannten Kanapee und Stühlen niederlegten. Die Natur forderte ihr Recht. Bald schlief die Abgemattete und Geängstigte unter der Last eines ungeheuern Federbettes so süß und sanft, wie sie seit Wochen nicht geschlafen, und schlief, bis es hoch Mittag war und Eleonore mit der Chocolade vor ihr Bett trat. Man gelangte erst gegen Abend nach Hannover, und Olga fand, daß schon die gnädige Mama für eine solche Absonderung der Gemächer des jungen Ehepaars gesorgt hatte, daß ihr in dieser Hinsicht nichts zu wünschen übrigblieb. Die Einrichtung war auf das modernste und geschmackvollste nach englischem Comfort und Mode. Nichts fehlte. Zwei Schlafzimmer, nur durch eine schwere Portière von rothem Sammt geschieden, wurden von der jungen Frau und ihrer Gesellschafterin eingenommen, in einem Vorgemache war Johanna postirt und ihr anbefohlen, bei Strafe sofortiger Entlassung, dem Gemahl nie ohne besondere Erlaubniß der Gräfin die Thür zu öffnen. Am dritten Tage kamen die Mutter, die drei Grafen Schlottheim und sonstige Räthe und Geheimräthe von Heustedt zurück. Nun begann die peinliche Zeit der Besuche und Vorstellungen, dann die der Festivitäten. Die Familie der Schlottheims begann mit einer Reihe von Diners, Soupers, Bällen, andere Excellenzen folgten, die Berathungen über die Anzüge nahmen kein Ende. Man gewöhnt sich an alles. So hatte sich auch Olga daran gewöhnt, neben ihrem Gemahl in dem Wagen zu sitzen, Visite zu machen, zu empfangen, sie hatte sogar einmal mit ihm tanzen müssen auf Befehl der Mutter. Als aber an diesem Abend der Gatte sie um die Erlaubniß bat, ihr nach dem Balle in ihren Appartements Gute Nacht wünschen zu dürfen, erklärte sie mit fester Stimme: »Meine Zimmer sind abends und nachts dem Liebhaber der Filler-Martha auf immer verschlossen.« Graf Schlottheim machte dann den Versuch, Johanna durch Geschenke und durch Zärtlichkeiten zu gewinnen. Aber diese hatte der guten unglücklichen jungen Frau im Innern ihres Herzens Treue geschworen, sie haßte den Grafen, der ihr schon in Heustedt nachgestellt und einen ernstlichen Zwist zwischen ihr und dem Geliebten, dem Jäger Kuno der jungen Gräfin, hervorgerufen hatte. Außerdem würde die Wachsamkeit Eleonorens und die Eifersucht Kuno's auch jeden Versuch, den Befehlen ihrer Herrschaft zuwiderzuhandeln, vereitelt haben. Otto von Schlottheim selbst aber, so dreist und keck er andern Frauen gegenüber war, die Gemahlin hatte ihm zu imponiren gewußt, die stolze feste Stellung, die sie gegen ihn beobachtete, ohne auch nur ein Haar breit von dem abzuweichen, was der äußere Anstand und die Schicklichkeit erforderte, hatten ihn nebst seinem Schuldbewußtsein in die Stellung eines von der Gattin Abhängigen gebracht. Der eigene Vater sah in solcher Stellung nur Heil für die Ausschweifungen des Sohnes. Die eigentliche Herrschaft über den übermüthigen Grafen führte aber die Schwiegermutter. Sie war durch die »fatale Affaire« viel schmerzlicher berührt, als sie gestand, sie war an ihrer empfindlichen Seite getroffen, sie wußte aber auch den Grafen selbst an der empfindlichsten Seite zu treffen, das war der Geldpunkt. Am Tage nach der Hochzeit eröffnete sie ihm, wie sein Betragen ihr bewiesen habe, daß er noch nicht einmal verstehe, vor der Welt den Anstand zu bewahren, die erste Tugend jedes Cavaliers. Unter solchen Umständen werde sie den stipulirten Beitrag zu den Ehelasten in die Hände ihrer Tochter gelangen lassen, um dieser eine Gewähr zu geben, nicht etwa seiner Treue, an der derselben hoffentlich nicht viel liege, sondern sich so zu betragen, wie es eine Gräfin von Wildhausen verlangen könne. Da nun aber die Gnädigste vorläufig sämmtliche Ausgaben für den Lebensunterhalt des jungen Ehepaars bestreiten mußte, so kam der verschwenderische und leichtsinnige Schwiegersohn dadurch in die demüthigende Lage, monatlich von seiner Gemahlin gleichsam sein Taschengeld zu empfangen, seine Diener von seiner Gemahlin besolden zu lassen, den Haushofmeister von der jungen Frau die Gelder zur Bestreitung des gesammten Hauswesens empfangen zu lassen. Das gab dieser denn einen Rückhalt, ein solches Uebergewicht über den gehaßten Gemahl, daß sie eine gewisse Befriedigung nicht verbergen konnte. Sie drückte der Mutter ihre Dankbarkeit für diese Anordnungen herzlicher aus, als sie seit lange sich ihr gegenüber geäußert, und sprach dabei die Bitte aus, die Mutter möge ihr die Schwester Heloise senden, sie entbehre Anna und Heloise so sehr, daß alle Geschenke, alle Festivitäten ihr nichts seien gegen die Anwesenheit Heloisens. Die Gräfin-Mutter schlug das aber kurz und fest ab: »Du hast deinen Mann und Cavaliere, die dir den Hof machen, Heloise ist ein Kind.« Der leichtsinnige Ehemann wurde durch diese Maßnahmen aber nicht gebessert, wozu auch der Umstand beitrug, daß er über ein Vierteljahr lang das lächerlichste Glück im Spiel hatte, wie er selbst es bezeichnete. Seine Kasse war nie leer, er brauchte der Gemahlin nicht zu kommen, und wenn ihn diese aus ihren Appartements zurückwies, so wußte er, wo er gern gesehen war. Da der Campagne in Frankreich wegen der Hof in Blankenburg und Wolfenbüttel öde war, so hatte ein Trupp französischer Komödianten und Sänger Erlaubniß erhalten, im kurfürstlichen Opernhause spielen zu dürfen. Die erste Liebhaberin, Demoiselle Pauline, wußte Otto's Eroberung zu machen, und wenn er spät nachts vom Spieltische aufbrach und die Taschen voll Gold klimperten, dann fand er weiche Arme, in denen er seinen Rausch ausschlief. Das Wetter fuhr fort abscheulich zu sein, und als der Monat kam, der ein Recht hat zu stürmen, Regen und Schnee zu ergießen, als alle Welt darüber klagte, fing auch Otto von Schlottheim über Unwohlsein zu klagen an, und die Krankheit nahm schnell zu und fesselte ihn an das Haus. Einer der damals berühmtesten Aerzte Europas, der sich selbst mindestens für den berühmtesten hielt, der Geheime Hof und Medicinalrath Ritter Zimmermann, behandelte den Kranken und erklärte, als im Monat Januar des Jahres 1793 die schlimmste Krisis überstanden war, daß nur ein Aufenthalt im südlichen Frankreich oder Savoyen die Gesundheit des Genesenden auf die Dauer herstellen könne. Seine Angetraute freute sich dieses Ausspruchs, sie hoffte auf diese Weise einige Jahre von dem verhaßten Gatten getrennt zu leben. Allein die Mutter hatte es anders beschlossen. »Man darf«, sagte sie, »dem Skandal, welchen die Trauung erregte und den die Krankheit Schlottheim's fortsetzt, die Krone nicht aufsetzen, wie es durch eine solche Trennung geschehen würde. Wir haben für deinen Gemahl, nachdem seine Gesundheit durch einen ein- oder zweijährigen Aufenthalt in Nizza gestärkt sein wird, die Stellung eines Attaché bei der englischen Gesandtschaft in Neapel erwirkt. Dir wird ein stiller Aufenthalt in dem milden Klima Nizzas wohlthun, und du kannst mit dem Gedanken dich in der Einsamkeit trösten, demnächst in der schönsten Stadt der Welt, an dem lebenslustigsten Hofe, wo es einer Schönheit wie du nie an standeswürdigen Anbetern fehlen wird, zu leben. Glaube mir, das Leben mit seinen Reizen wird sich dort dir erschließen, und du wirst die Bagatellen des Lebens verachten, die Katechismusvorurtheile abwerfen lernen. Das scheinst du freilich schon früher gelernt zu haben, als ich es ahnte, das Joujou, das ich im chinesischen Pavillon fand, sagt es mir. »Sei klug, meine Tochter, lerne den Schein bewahren, darin besteht die ganze Lebenskunst. Es ist besser für dich, wenn du Hannover verläßt, es ist zu klein, zu klatschsüchtig. Schlottheim ist zu unvorsichtig und jugendlich unbesonnen. Er hat dir dadurch aber so große Vortheile über sich eingeräumt, daß er auf immer dein Sklave ist. Ich werde dich pecuniär unabhängig stellen. Italien wird dir Gelegenheit bieten, dein Leben zu genießen.« Was sollte die Tochter antworten? Sollte sie sich gegen die Anschuldigungen der Mutter, die sie erst heute zu verstehen anfing, vertheidigen? Der Schein war gegen sie, und der Schein regierte ja die Welt in den Augen der Menschen wie ihrer Mutter; den äußern Anstand aufrecht erhalten, war Tugend; Religion nur des gemeinen Volkes willen erfunden. Eine Liebe, wie sie sie für Karl hegte, wäre ihrer Mutter höchstens lächerlich gewesen, warum sollte sie das Einzige, was ihr eigen geblieben war, vor so profanen Ohren, wie die der Mutter, entheiligen? Aber sie hatte den Muth, noch allerlei Bedingungen zu stellen, sie verlangte, auf der Reise schon ganz getrennt zu fahren. Eleonore wie Johanna und ihr Jäger Kuno sollten in ihrem Gefolge bleiben, sie wollten geschieden leben, soweit es der Anstand irgend erlaubte. Es wurde ihr noch mehr zugestanden, als sie verlangte, weil die Krankheit des Grafen eine Trennung bedingte, wovon jene indeß keine Ahnung hatte. Im südlichen Frankreich war es nicht geheuer; die Engländer hatten Toulon genommen, und Royalisten und Republikaner stritten in Aix und Avignon um zeitweise Herrschaft; dagegen war das italienische Land diesseit der Seealpen von Frankreich erobert und schon beruhigt. Eine Reise aus Norddeutschland nach Nizza war damals mit ganz andern Schwierigkeiten verbunden als in unsern Tagen, und dauerte Monate; man mußte den vollen Frühling abwarten, um den Uebergang über den Mont-Cenis eis- und schneefrei zu haben; der Graf konnte lange Touren nicht ertragen, so kam man erst nach Ostern in jenes blaue Ländchen des ewigen Frühlings. Olga, die auf dieser Reise eigentlich die ersten Berge kennen lernte, war voll Entzückens, als sie die Alpenkette zuerst erblickte; sie wurde voll Staunen und Furcht die Bergpässe hinangetragen, und sie jauchzte auf wie ein Kind, als ihr jenseits das blaue Meer und die Kette der Seealpen entgegenstrahlten. In der mittlern Vorstadt – die untere bildete damals noch nicht jene Chiaja Nizzas, die sich meilenweit nach Nordwesten hinzieht – fand man bald eine geräumige Villa nicht allzu weit vom Meeresstrande und doch inmitten reizender Gartenanlagen und schattiger Olivenhaine. Graf und Gräfin Schlottheim richteten sich hier in gewohnter getrennter Weise ein, ein italienischer Koch und einige untergeordnete Dienerschaft wurden zu den mitgebrachten Dienstleuten engagirt, ein Arzt consultirt, und die Cur des Grafen begann. Die Villa lehnte an einem Felsen, der Graf bewohnte die untern Räume, seine Gemahlin die mit einem breiten Balkon versehenen obern Räume, aus denen sie sofort zu einer Gartenterrasse gelangte, die in vier übereinanderliegenden Plateaux zu Gartenanlagen ausgebaut war. Das Leben, welches die jungfräuliche Frau hier bis zum Winter führte, war das stillste und einfachste, das man sich denken konnte. Sie bestieg das Plateau hinter ihrer Villa, um hier unter dem Schatten von tausendjährigen Olivenbäumen, umgeben von hohen blühenden Myrten und Geranien, Pfirsich- und Mandelbäumen, Riesencactus und Aloës, die sich an den Felsen hinaufarbeiteten, von Citronen und Orangen, zu träumen. Man konnte da stundenlang sitzen im Nichtsthun, die Stadt links zu Füßen, das Meer vor sich so klar und weit, daß man die Küsten der Provence zu schauen glaubte, die immer glänzende goldige Sonne am wolkenlosen Himmel. Sie dachte an ihre Kinderjahre zurück, dachte der Milchschwester Anna, die schon im kühlen Grabe auf dem feuchten Kirchhofe zu Eckernhausen neben ihrer treuen Anne Marie schlummerte, dachte an ihre liebe Schwester Heloise, an ihren Karl. Es waren Mädchenträume, die vor ihrer Seele vorüberschwebten. Abends ging sie mit Eleonore an den Ufern des Meeres spazieren. Eleonore hatte einige ihrer englischen Lieblingsdichter, namentlich Milton, Olga selbst einige Lieblingsstücke von Lessing, Goethe und Schiller mitgenommen; allein man kam seltener zur Lektüre, als man glauben sollte, nur Goethe's »Tasso« schien Olga zu der Naturstimmung zu passen, sie fand darin so manche Beziehungen, die ihr die eigene Lage gleichsam erläuterten. Von ihrem Gemahl sah sie wenig, er pflegte lange zu schlafen, nach dem ersten Frühstück ging er fischen oder spielte mit französischen Offizieren in der Stadt Billard, gegen Abend badete er und setzte sich dann zum Spiel. Er sah blaß und krankhaft aus, und die Medicinflaschen drängten eine die andere, ohne daß die Medicin oder das köstliche Klima Hülfe zu bringen schien. So war das Jahr zu Ende gegangen, drüben in Deutschland und gar in der nordischen Heimat an der Weser war es Winter geworden, sie merkte davon nichts. Die Sonne und die Tauben, welche sich mit größter Genauigkeit um die Frühstückszeiten und zur Mittagszeit vor der Villa einzustellen pflegten, um ihr Futter zu erhalten, waren das Einzige, was Olga an die Veränderung der Zeit erinnerte. Nach Neujahr 1794 änderte sich dieses Leben plötzlich. Eine der benachbarten Villen, welche im Sommer und Herbst leer gestanden, wurde von einer englischen Familie bezogen, die viel Leben um sich verbreitete und sich schon dem Aeußern nach als Originalfamilie ankündigte. Lord Harrington war eine langaufgeschossene vertrocknete Gestalt, der ohne sein Jahreseinkommen von 40000 Pfund schwerlich irgendwo in der Welt eine Rolle gespielt haben würde. Aber 40000 Pfund jährlich, die konnten in Nizza kaum verbraucht werden, zumal der Lord selbst sehr wenig brauchte; er trug das ganze Jahr denselben Rock, denselben Haarbeutel, und that nichts als fischen, vom Mittage bis in die Nacht bei Fackelschein. Seine Gattin Miß Karoline war ihrerzeit um die Mitte des Jahrhunderts eine Löwin gewesen, die den Löwinnen aus der ersten Hälfte, der Lady Petersham, Elisabeth Rochefort und andern nachgeeifert hatte in galantem Leben und Abenteuern. Lord Harrington, ein excentrischer Sonderling, hatte Miß Karoline nur darum geheirathet, weil Casanova in einem vertrauten Kreise junger Wüstlinge in Paris von ihr gerühmt hatte, er habe die süßesten Augenblicke in ganz England an ihrer Seite verlebt, und sie sei die einzige Engländerin, die würdig sei, in Venedig geboren zu sein, sie sei Venetianerin. Die Lady war jetzt Methodistin, nachdem sie ihre Tochter Katy zur Löwin herangezogen und im Glanze der Triumphe derselben noch einmal jung geworden war. Miß Katy hatte viel gelebt, viel geliebt, viel getanzt. Da sie aber von schwächlicher Gesundheit war, hatte sie sich die Schwindsucht ertanzt und sollte jetzt, kaum zwanzig Jahre alt, an südlichen Lüften die kranken Lungen stärken. Miß Katy hatte mit ihrem scharfen Glase Olga und Eleonore auf der Terrasse sitzen sehen, die von der eigenen Terrasse nur durch eine Schlucht, in die jetzt das sparsame Wasser eines Baches herabfiel, getrennt war. Sie erklärte der Mutter, sie müsse die Bekanntschaft dieser reizenden Dame machen. Obgleich es nun im Hause des Lords keinen Willen gab, der mehr auf Befriedigung seiner Wünsche rechnen durfte als den der kranken Tochter, wurden doch die ersten Regeln englischen Lebens nicht außer Augen gesetzt, man erkundigte sich zuerst genau nach Stand und Abstammung der Deutschen. Als aber Miß Karoline, welche die hannoverischen Stammbäume beinahe so genau kannte als die der englischen Peers, erfuhr, daß Otto der Sohn eines Geheimraths und Grafen, Olga die Tochter jener Melusine von Alvensleben sei, die am Hofe des Prinzen von Wales groß geworden, da mußte der Lord dem Grafen seine Aufwartung machen und die Karten der Gemahlin und Tochter mit einer Einladung überbringen. Die Bekanntschaft war gemacht, und bei der Vereinsamung der drei Damen schlossen sich diese enger aneinander, als das sonst bei Engländern und Norddeutschen der Fall gewesen sein würde. Die Lady hatte, wie alle englischen Damen ihres Kreises, eine gründliche literarische Bildung, und sie pflegte eine halbe Bibliothek mit sich herumzuführen, von methodistischen Gesangs- und Betbüchern bis hinauf und wieder herab zu französischen oder englischen Moderomanen. Sie griff heimlich gern noch einmal zu den Romanen, die sie in ihrer Jugend entzückt hatten, wenn auch die Bibel, oder vielmehr eine Prachtausgabe des Neuen Testaments, immer auf ihrem Schreibtische lag. Ueberhaupt lebte und webte sie noch gern in der Zeit, wo die Journale täglich die eine oder andere Tollheit von ihr zu erzählen wußten und Dutzende von Anbetern zu ihren Füßen schmachteten, die gegenwärtige Frömmigkeit war mehr Modesache. Katy, die blasse kranke Schönheit mit den Schwindsuchtsrosen auf den Wangen, schmiegte sich an Olga wie eine Rebe um den Weinstock, sie machte sie zur Vertrauten ihrer Liebe zu dem blonden Lord Camalford und dem wilden Marquis von Waterford, die sie noch immer mit gleicher Leidenschaft liebte. Sie, die Miß, weihte die Freundin, die jungfräuliche Frau, erst ein in die Geheimnisse des Frauenthums. Die Gräfin, welche das Leben bisher nur aus Dichtungen kannte, die nie einen frivolen Roman in Händen gehabt hatte, und der das Verständniß für viele Dinge, welche Katy von früher Jugend kein Geheimniß gewesen, noch gänzlich fehlte, wurde hier zur vornehmen Dame nach damaligen Begriffen erzogen, sie empfing die Lehren, welche die Großen als ihr Privilegium ansahen. Die Methodistin predigte die Gleichberechtigung der Frauen oder richtiger ihren Beruf, die Männer zu beherrschen; sie wollte Olga glauben machen, daß Treue eine Chimäre sei, kein Mann sei treu, sei die Frau es, so sei das nur Dummheit. Ohne daß diese ihr Verhältniß zu dem Gemahl jedem Fremden offenbart hatte, ahnten es die erfahrenen Engländerinnen, oder sie wußten sogar noch mehr als die unerfahrene Frau selbst. Wäre es nach dem Willen der Lady gegangen, so hätte sich Olga, um sich an Schlottheim zu rächen, in den ersten besten hübschen französischen Offizier verlieben müssen, der in Nizza, Piazza Vittoria, oder Piazza Reala und dem Corso oder am Strande herumspazierte, denn sie war nicht nur berechtigt, ihren Gemahl zu hassen, sondern verpflichtet, ihn zu strafen. Alle diese guten Lehren waren aber nicht im Stande, aus dem Herzen Olga's die Dreieinigkeit: Glaube, Liebe, Hoffnung, die sich an den Namen Karl knüpften, zu verdrängen, es mußte die bäuerliche Milch der Mutter Anne Marie sein, welche den vornehmen Lehren keinen Raum in Olga's Kopfe und Sinnen gaben, während vielleicht die Milch der Mutter der dahingeschiedenen Milchschwester das leichtlebige Blut gegeben hatte. Olga sah den wirklich schönen polnischen Offizier, der täglich zweimal sein Roß vor ihrer Villa vorbeilenkte, mit vollkommen gleichgültigen Augen, sie fütterte die aufgeschreckten Täubchen ruhig weiter, wenn er vorüber war, und dachte an den Nachmittag, wo Karl auf Wunsch ihrer Schwester vor ihr kniete und sie den Epheukranz um seine Stirn schlang. So brachte sie beinahe zwei Jahre zu. Sie entwickelte sich hier zu jener üppigen des Aufspringens reifen Rosenknospe, die nur eines einzigen Sonnenstrahls aus lieben Augen bedurfte, um sich zu erschließen. Der, welcher für ihren Gemahl galt, war endlich wiederhergestellt. Er sollte auf Rath seiner Aerzte als Nachcur die warmen Bäder des Nero gebrauchen. So kam Olga nach Bajä, und die meerentsprungene Aphrodite führte sie dort dem Manne ihrer Liebe in die Arme. Der Gesandtschaftsattaché meldete dem Ritter Hamilton seine nahe Ankunft, und dieser hatte für denselben eine Wohnung unmittelbar neben der des Prinzen Augustus und des Grafen Münster miethen lassen. Die Gärten waren nur durch eine niedere Mauer getrennt. Die schöne deutsche Gräfin wurde bei Hofe vorgestellt, wo ihre Erscheinung Epoche machte und den Neid der Lady Emma erweckte, die kurz zuvor es durchgesetzt hatte, der Königin vorgestellt zu werden. Selbst der jagdlustige König machte dem Attaché Grafen Schlottheim Complimente über die Schönheit seiner Gemahlin, und ein alter Herr, der wegen seiner Freimüthigkeit und seines Witzes so gefürchtete Graf von Bristol, Bischof von Derry, erklärte sich sofort zu ihrem Ritter. Lady Emma Hamilton war damals schon Directrice der großen und kleinen Vergnügungen am Hofe. Während der König in Begleitung des Ritters Hamilton auf Fischfang oder zur Wachteljagd nach Capri ausfuhr, ergötzten sich die Königin und ihre Damen mit Spiel und Tanz. Lady Emma wußte täglich neuen Wechsel in diese Vergnügungen zu bringen, durch ihre eigenen mimisch-plastischen Darstellungen wie durch die tollen Einfälle ihrer lebhaften Phantasie. Das Haus ihres gastfreien Gemahls machte dem Hofe selbst den Glanz seiner Festlichkeiten im Palast von Caserta streitig. Graf Schlottheim verliebte sich am ersten Tage in die Lady, und sie verstand ihn, beide waren Geistesgenossen, die sich bald fanden und verstanden, wie die unverstandenen Genossen Heinrich Heine's. Lady Emma war außerdem für den Augenblick frei. Sie war der Hofmacherei des Prinzen August längst überdrüßig, dieser jetzt auch wieder seiner Gemahlin zugewendet, die voll Eifersucht die Mutter verlassen hatte und nach Neapel geeilt war. Lady Emma's alter Bewunderer, der Graf-Bischof, wie man ihn nannte, hatte sich der neuen Sonne Olga zugewendet. Nun kam aber noch gar eine zweite norddeutsche Nebenbuhlerin hinzu und machte ihr Concurrenz auf Gebieten, die sie seit lange als unbeschränkte Herrin besaß. Und diese Nebenbuhlerin mußte sie schonen. Es war das die vielbenannte Gräfin von Lichtenau aus Berlin. Lord Hamilton, den die unsinnige Verschwendung seiner Gemahlin schon zum Verkaufe seiner ersten Vasensammlung an das Britische Museum gezwungen, für 7000 Pfund freilich, hatte dem Könige von Preußen jetzt durch die Lichtenau seine zweite Vasensammlung zum Verkaufe anbieten lassen, und die Lichtenau befürwortete diesen Ankauf, natürlich nur im Interesse der berliner Porzellanmanufactur. Wenn sich Olga den größern Hofcirkeln und Festlichkeiten nicht entziehen konnte, so wurde sie doch nicht zu den kleinern vertrautern Cirkeln, die von der Königin, Lady Emma und der Gräfin Lichtenau arrangirt wurden, eingeladen, theils weil sie zu jung und schön war, theils weil zu denselben, mitunter wenigstens, Graf Schlottheim zugezogen wurde. Sie wurde dadurch Herrin ihrer Zeit und benutzte diese, um mit Eleonore die Kunstschätze Neapels zu studiren, wobei sich natürlich Karl und sein Freund Hellung, der Maler, regelmäßig als Führer und Erklärer fanden. Man wagte bald kleinere, dann größere Ausflüge zu machen, erst auf das Meer hinaus, dann nach Pompeji, nach dem Pausilipp und selbst nach Bajä. Die Liebenden mußten ja den Myrtenhain und die Grotte, wo sie sich gefunden, noch einmal besuchen. Der Maler fand in Eleonore wenn nicht eine Kunstgenossin, doch jedenfalls eine eifrige Schülerin, und während das Liebespaar koste und tändelte, tauschten diese ihre Ansichten über Landschaftsschönheiten und Kunstwerke. So verflog die Zeit; aus Monden wurden Jahre. Der Maler wurde mit einigen jungen Nobili bekannt, die in geheimen Logenverbindungen den Grundsätzen der Französischen Revolution huldigten; man trug sich mit der Hoffnung, daß Frankreich bald ganz Italien befreien werde. Niemand theilte diese Hoffnung mehr als der Privatsecretär des Grafen Münster, denn es knüpfte sich daran ein freilich noch ganz nebelhafter Traum, daß sich bei diesem Act eine Gelegenheit finden müsse, ihn aus seiner abhängigen Stellung zu seinem Principal frei, ihn selbständig zu machen und das Scheinband, das Olga an Schlottheim knüpfte, zu zerreißen. Allein sobald sein Verstand sich mit der Frage seiner künftigen Existenz zu beschäftigen begann, schwanden die Nebelbilder. Denn wie sehr er auch denken und sinnen mochte, eine Beschäftigung, womit er die Existenz einer Familie in Italien oder Deutschland gründen und erhalten würde, konnte er nicht ersinnen. Die Geliebte wollte von solchen Gedanken freilich nichts wissen, sie war so glücklich in der Gegenwart, daß sie an keine Aenderung oder Zukunft denken mochte, daß das: »Mit dir auch in der kleinsten Hütte«, der Anfang und das Ende jeder Unterhaltung wurde, die diesen Punkt berührte. Da warf die Nachricht, daß Justus Erich Bollmann nach Amerika übergesiedelt sei, den ersten Lichtblick einer Zukunft mit der Geliebten als seinem Weibe ihm in die Seele, und seit der Zeit dachte und träumte er von Amerika, namentlich wenn Hoffeste oder kleine Ausflüge, welche die Gräfin in Gesellschaft ihres Ritters, des Graf-Bischof, machen mußte, dieselbe auf einige Tage von ihm fern hielten. Er wollte Kaufmann, wollte Farmer werden; Olga, der er die Sache mittheilte, war ganz entzückt bei dem Gedanken an die amerikanischen Urwälder und ein idyllisches Farmerleben, sie bot sogleich einen von der Großmutter mütterlicherseits ererbten Familienschmuck, der bei der jedesmaligen Hochzeit der ältesten Tochter dieser übergeben war, als Mittel zur Flucht und des Ankaufs. Allein es kam doch ein Aber nach, das Karl bedenklich wurde und ihm schwerwiegend erschien: »Aber meine Eleonore muß dabei sein und Johanna würde ich auch schwer vermissen.« Es schwebte unserm Freunde auf der Zunge zu fragen: »und Kuno?« Da trat also die Gräfin wieder hervor. In dieser Stimmung, zweifelnd, ob diese und Amerika zusammen passen würden, zweifelnd an sich selbst, schrieb er an Bollmann. Der Brief ist im Nachlasse desselben leider verloren gegangen, aber aus der Antwort im vorigen Kapitel können wir auf den Inhalt schließen. Obgleich die Briefe durch den Gesandtschaftskurier nach England befördert wurden, von wo der Verkehr mit Amerika ein sehr lebhafter war, so verging doch eine sehr geraume Zeit, ehe Karl auf Antwort rechnen konnte. Das war eine Zeit der Unruhe und Ungewißheit für ihn, in welcher er nach Beschäftigung gleichsam haschte. Es war aber zugleich eine Zeit, in der sich in Neapel große Dinge vorbereiteten. Der französische Einfluß war seit dem Frieden von 1796 immer mächtiger geworden in Italien. Ueberall hatte sich die Zahl der Republikaner vermehrt, und in Neapel hatte der Druck und die Grausamkeiten, mit denen die Königin und Acton seit vier Jahren alle verfolgt, die nur den Schein einer Zuneigung zu neufränkischen Ideen auf sich luden, die Gemüther der gebildeten Stände durchweg erbittert. Trotz aller Einkerkerungen entstanden täglich neue Geheimbünde und Logen, denen beinahe die gesammte gebildete Jugend angehörte. Die Siege Napoleon's in Oberitalien, die Belagerung Mantuas, der kühne Zug nach Bologna und Toscana wurden hier gefeiert und die Capitulation Wurmser's begrüßte man als den Anfang der Befreiung Süditaliens. Unsere Freunde wurden in diese Dinge beinahe wider Willen hineingezogen. Die Taverne Zum heiligen Januarius, in der sie mit Künstlern, Aerzten, Advocaten und jungen unbeschäftigten Nobili zu verkehren pflegten, war, ohne daß sie es ahnten, eine Art Loge. Als Protestanten hegten beide einen angeborenen Haß gegen das Regiment des Jesuitismus, wie es in Neapel in üppigster Blüte stand und durch den Beichtstuhl die Frauenwelt, durch diese wieder die Männer beherrschte; sie hatten sich häufig genug in solchem Sinne abgesprochen, sodaß sie sogar von den Italienern wegen ihrer Unvorsichtigkeit gewarnt waren. Nun bewegten sich mindestens die untern Grade der geheimen Bündnisse mehr in einem politischen Dilettantenthume, man erörterte die Grundprincipien politischer und religiöser Freiheit, schwärmte für Payne's Menschenrechte. Die Italiener bedurften vor allem der Form, und so hatte man, nach dem Vorbilde freimaurerischer Bündnisse, namentlich einen Bund der Pythagoräer gegründet mit so allgemeinen, nicht wohl greifbaren, auf allgemeines Menschenwohl, Selbstbildung, Erziehung zur Freiheit, Haß gegen die Tyrannei, Untergang des Jesuitismus gerichteten Bestrebungen, daß die philosophisch gebildeten Deutschen da nichts mehr lernen, sondern höchstens als Lehrer und Muster dienen konnten. In diesen Bund nun wurden die Freunde ohne ihr Zuthun aufgenommen. Man trug ihnen den Eintritt in einer Art und Weise an, die Ablehnung unmöglich machte. Die schon erwähnte Taverne lehnte an einem Felsen des Pausilipp; eines Abends, als die Deutschen im hintern Gemache, dessen Wand der Fels selbst bildete, zusammensaßen mit mehrern Bekannten, wurden die Lichter ausgelöscht – der Fels spaltete sich und zeigte einen hellerleuchteten Saal, in den man die Freunde einführte. Der größte Theil der Gäste trat mit ihnen ein, einige blieben in dem alten Zimmer, vor dem sich der Fels wieder zusammenschob, als Wächter. Nun wurde denselben eröffnet, daß man sie als würdig befunden, an dem großen Werke mitzuarbeiten, es wurde ihnen ein feierlicher Schwur abgenommen, die Formen und Symbole des Bundes wurden ihnen mitgetheilt, ebenso die Zeit der regelmäßigen Zusammenkünfte. Das Spielen mit Formen und Symbolen verfehlte seinen Reiz nicht, und Karl wie Hellung wurden recht eifrige Pythagoräer, voll Sehnsucht, in den höhern Graden, auf die man hinwies, tiefer in die Geheimnisse eingeweiht zu werden. Um diese Zeit, im Anfange des Jahres 1798, kam Lord Harrington und seine Gemahlin nach Neapel. Die Tochter Katy war ihrem Brustleiden erlegen, und Lady Karoline fand es langweilig, Methodistin zu sein. Das lustige Leben am Hofe zu Neapel machte so viel von sich reden, daß die alte Löwin sich sehnte, es kennen zu lernen, auch sprach eine gewisse Sehnsucht nach Olga, die sie sehr liebgewonnen, mit. Dem Lord war es einerlei, wo er sich aufhielt, wenn er nur einen Angelplatz fand. Er war nebst Gattin bald nach seiner Ankunft am Hofe vorgestellt und nun der Dritte im Bunde bei den Jagden und Fischereien des Königs. Die Lady war zu alt für die wilden Vergnügungen der Königin, auch stieß sie das ganze Wesen der Lady Emma ab, es war ihr zu roh und nicht ladylike. So schloß sie sich wiederum ganz an die schöne Gräfin und war förmlich entzückt, als sie wahrnahm, daß diese die Lehren, die sie ihr in Nizza gegeben, praktisch befolgte. Daneben wollte sie aber Kunst und Altertümer studiren, und da hatte ihr durch günstigen Zufall Graf Münster seinen Secretär als Cicerone empfohlen und gegen diesen den Wunsch ausgesprochen, daß er der Lady seine Aufwartung mache und seine Dienste anbiete.. Karl, der gerade in einer sehr gedrückten Stimmung sich befand, stand im Begriff, die Gelegenheit zu benutzen, um seine Verhältnisse zu dem Grafen abzubrechen, war auf dem Punkte zu erklären, daß er sich nicht zum Cicerone für jede englische Lordschaft, die nach Neapel komme, verdungen habe, als ihm einfiel, den Namen Harrington aus dem Munde der Geliebten vernommen zu haben, und sich die Möglichkeit dachte, daß dies die Freundin aus Nizza sei, von der Olga so oft erzählte. Als er nach einigen Tagen bei der Lady angenommen war, fand er Olga dort, die ihn als ihren Jugendfreund vorstellte.. Lady Caroline versicherte, das Patronat dieser Freundschaft mit Freuden zu übernehmen. Sie wollte ihre liebe kleine schwärmerische Freundin glücklich machen. Als ob das Olga nicht schon längst gewesen wäre? Man fing nun von neuem die Kunststudien im Museo Borbonico an, zu denen selbstverständlich der Maler hinzugezogen wurde. Unter dem Schutze der Lady konnten Olga und Eleonore das Atelier desselben besuchen. Die Lady kaufte und bestellte Landschaften, und auch Olga wünschte ein Bild der Bucht von Bajä, und zu diesem Zwecke wurde von neuem eine gemeinsame Fahrt dahin verabredet und gemacht. Monate verflogen wie im Traume, die Lady machte ihrer Patronessenschaft Ehre, sie wußte Olga und Karl in jeder Woche ein paarmal ein ungestörtes Rendezvous zu verschaffen, und bei Ausflügen in die Umgegend war sie es, welche die Aufmerksamkeit Hellung's und Eleonorens von dem Liebespaare ablenkte. In diesen Himmel voll Wonne schlug nun der Brief Bollmann's mit seinen prosaischen ernüchternden Betrachtungen und Bezeichnungen wie ein kalter Blitz ein. Das Ehrgefühl Karls, das durch Klima und seine Umgebung in Schlummer gelullt war, wurde wach gerufen, der volle Ernst der Situation trat vor seine Seele, alle Romantik, alle Phantasiegebilde schwanden. Er beschloß in einer schlaflosen Nacht, nicht länger blos Geliebter der Gräfin von Wildhausen sein zu wollen. Liebe Olga ihn, wie er sie liebe, so müsse sie ihm als Gattin nach Amerika folgen, sie müsse die Gräfin in Europa zurücklassen und nicht anstehen, die Frau eines Journalisten zu werden. Der Freund, dem er seine Gedanken mittheilte, billigte diesen Entschluß. »Was soll dabei herauskommen, wenn das so fortgeht?« sagte er. »Hier meine Hand, dein Freund Bollmann ist ein Prachtmensch, den ich kennen lernen muß. Ich kann meine Studien am Potomac ebenso gut fortsetzen als hier, ich begleite euch, und wenn es mir dort gefällt, so hole ich mir meine Caroline aus dem Paradiese nach.« Man hatte einen Ausflug nach Capri verabredet. Lord Harrington hatte dort einen Adler oder Lämmergeier geschossen, der im Begriff war, ein Ziegenböcklein, die einzige Habe eines armen Weinbauers, von dem Felsen, worauf die Hütte desselben als ein Nest klebte, in die Lüfte zu führen, während die halbnackten Kinder desselben der Entführung des Spielgenossen voll von Thränen und Geschrei zusahen. Die Lady wußte den Lord zu bewegen, die Situation durch ein Gemälde für seine Galerie in Harringtonhall verewigen zu lassen, und Hellung hatte schon eine Skizze nach Anweisung des Lords entworfen. Um die Farbenskizze zu machen, sollten Lady, Olga, Eleonore und Karl den Maler begleiten. Auf dieser Fahrt wollte Karl seine Zukunft von Olga entschieden wissen. Da in Capri ein Nachtquartier nicht zu haben war, brach man mit Aufgang der Sonne auf und erreichte die Felseninsel so zeitig, daß man, nachdem eine kleine niedere Bucht das Schiff in ihrem Hafen aufgenommen, die steilen Felsen mühsam hinaufkletterte, ehe die Augustsonne ihre Strahlen zu glühend herabsendete. Der Maler begann sofort seine Arbeit, und auch Eleonore entwarf nach eigenem Plane eine Bleistiftskizze von der wie ein Nest auf dem Felsen klebenden Hütte. Die Lady unterhielt sich mit der Winzerin und entschädigte die Kinder derselben, zwei schwarzäugige Buben mit langem schwarzen Haare, reichlich für das Böcklein, welches bei dem Fall aus den Lüften das Leben eingebüßt hatte und längst verzehrt war. Die Liebenden saßen im Schatten einer Weinlaube neben dem Ziegenstalle auf niedrigen Holzbänken. Karl trug Olga kurz den Inhalt des Bollmann'schen Briefes vor und fragte, ob sie ihm als Weib nach Amerika folgen und an der Seite eines Journalisten ein einfaches bürgerliches Leben führen wollte. »Wenn ich nicht wollte, wie ich will, so müßte ich. Dein Freund hat ahnungsvoll den Punkt genannt, der mich zwingen würde«, und sie senkte ihren Kopf tiefer herab und flüsterte ihm einige Worte ins Ohr. Karl hob sie in die Höhe, drückte sie in seine Arme und rief laut: »Mein Weib! mein Weib, nun soll uns nichts mehr trennen!« Die Lady kam herbeigestürzt. Um der Geliebten jeden Rücktritt abzuschneiden, theilte Karl sofort der Lady mit, um was es sich handle. Diese aber erwiderte: »Daraus wird nichts, meine Kinder. Ich habe selbst schon über euere Zukunft nachgedacht. Wozu hätte ich, wozu hätte der Lord so viel Geld. Ich adoptire dich, liebe Olga, denn Katy, die süße, ist todt, der Lord muß Karl adoptiren. Wir reisen zurück, an der Grenze Schottlands wohnt ein Schmied, der schon glückliche Paare zu Tausenden getraut hat. Dann lebt ihr mit uns in Harringtonhall, oder in London, oder in Paris.« »Von der Gnade fremder Leute zu leben, ziemt keinem Mann, der etwas von sich hält, und dann müßte auch Mylord wollen«, erwiderte Karl. »Sprechen wir nicht weiter davon«, sagte die Lady, »als bis ihr in Gretna-Green getraut seid und Harringtonhall gesehen habt; ob Ihr dann noch eine geborene Gräfin von Alvensleben zu einem gemein bürgerlichen Leben in Amerika herabwürdigen wollt, und meine Katy, so werde ich mein Adoptivkind nennen, ihre Mutter verlassen will, um einem tyrannischen Manne zu folgen, das wollen wir abwarten. Das Leben, mein junger Freund, glauben Sie mir das, ist mächtiger als Ihre moralischen Grundsätze von Ehre und Manneswürde.« Während dies auf dem höchsten Punkte des Felsens, woran die Winzerhütte klebte, verhandelt wurde, war der Maler mit Eleonore auf der andern Seite herabgestiegen, um in einiger Entfernung einen Standpunkt zu gewinnen, der Perspective erlaubte und zugleich Aussicht auf das Meer böte. Er faßte den Felsblock mit seinem Winzerneste gleichsam aus dem Profil, während Eleonore die Frontansicht, wonach der Ort nur der höchstbelegene Theil eines armen Dorfes war, das seine Hütten wie Nester auf jedem kleinen ebenen Terrain angebaut hatte, mit dem Silberstifte zu fixiren suchte. Beide saßen unfern voneinander im Schatten zweier Oelbäume. Ersterer hatte in seinem Malerapparat den Brief und die Tagebuchsblätter Bollmann's mitgebracht, er zog sie jetzt hervor und übergab sie Eleonoren: »Lesen Sie zu Hause, wie ein unbefangener Mensch das Verhältniß meines Freundes zu Ihrer Gräfin beurtheilt. So kann das nicht bleiben. Kann die Gräfin Stand, Geburt, Rang vergessen, will sie in kleinen bürgerlichen Verhältnissen als Gattin an Karl's Seite leben, so ist Amerika der einzige Ort, wo dies geschehen kann. Wollen Sie der Gräfin mehr als Freundin denn als Dienerin dahin folgen, so wird Karl Sie gern in seinem Hause aufnehmen. Es ist das ein großes Opfer, das Karl von der Gräfin verlangt, aber er muß es verlangen, seiner Ehre wegen. Wenn die Gräfin meinen Freund wirklich liebt, so wird ihr das Opfer leicht werden, sie wird durch Karl's Liebe für allen Tand, den sie ins Meer versenken muß, reichlich entschädigt werden.« »Glauben Sie denn, daß ich dies Verhältniß billige?« entgegnete Eleonore. »Zwar weiß ich, daß meine Schutzbefohlene dem Grafen Schlottheim nicht angetraut ist, daß schändlicher Misbrauch getrieben wurde mit Gottes Wort und durch einen Priester, um sie als Schlottheim's Gattin erscheinen zu lassen. Ich selbst habe sie gehindert, die lästige Bürde mit dem Leben los zu werden, ich weiß besser als irgendjemand, wie rein Olga's Seele war, als sie dieses Land betrat. Aber die Lady ist ihr böser Engel, sie hat die Phantasie meiner Herrin aufgeregt und vergiftet, sie, die heuchlerische Methodistin, ohne Glauben an Gott und an Tugend, hat die Lehren, die ich selbst der Gräfin seit früher Kindheit eingeprägt, zunichte gemacht. Ich selbst bin vielleicht von Anfang an weniger streng und aufmerksam gewesen, als ich es hätte sein sollen. Aber konnte ich anders? »Ich betrachte den Vorschlag, nach Amerika zu fliehen, als ein Gnadengeschenk Gottes. Aus diesem Sodom und Gomorrha je bälder je lieber zu entkommen, ist schon lange mein sehnlichster Wunsch gewesen. Doch habe ich meiner Gräfin geschworen, sie nie zu verlassen, ich werde ihr nach Amerika, ja durch die ganze Welt folgen, und werde alles aufbieten, sie zu bewegen, daß sie den Weg einschlage, den die Vorsehung selbst zeigt, um aus diesem Labyrinth herauszukommen.« Ehe noch der Maler und Eleonore ihre Skizzen vollendet hatten, kam die Lady mit den übrigen zu ihnen herabgestiegen und trieb, das zweite Frühstück einzunehmen, das die Dienerschaft inzwischen in dem das königliche Jagdschloß umgebenden, jedem Besucher geöffneten Garten in einer kühlen Grotte bereitet hatte. Man speiste frische Austern, von kurz vorher gefangenen Fischen Cefalo und Lepole, Oelgebackenes aus der Taverne nebst Capriwein. Das compacte Eis, wie es in Neapel in jeder Straße zu kaufen war, fehlte freilich, nicht aber Eiswasser und natürliches Eis selbst, dem feurigen Felsweine die richtige Kühlung zu geben. Lady Harrington sprach mehr, als sie sonst zu thun pflegte, von den Schönheiten Englands, von Harringtonhall, seinem Parke, seinen Fischteichen, seiner Bildergalerie und Bibliothek, sie allein trug die Kosten der Unterhaltung. Wie der König und seine Jagdgenossen hier öffentlich vor den Bauern zu speisen pflegten, und ein großer Theil der Einwohner sich um die Tafel sammelte, um die reichlich abfallenden Brosamen, die Reste von Geflügel und Wild, Wein und Eis zu erschnappen – der König liebte es, dann und wann eine gebratene Wachtel unter die Menge zu schleudern und diese sich darum balgen zu lassen – so hatten sich auch um die Grotte, in der unsere Gesellschaft speiste, einige Dutzend zerlumpte, halb oder ganz nackte Kinder, ebenso viel junge Mädchen, Frauen und alte Weiber, wie ein halbes Dutzend männlicher Tagediebe und Jungen versammelt. Die Lady ließ den Kindern und ältern Frauen reichlich von den Ueberbleibseln der Tafel auftragen, sendete ihnen Eiswasser und Wein, Fisch und Oelgebackenes. Die Vertheilung ging nicht ab ohne Streit und Gezänk, und mancher Bube riß der Mutter das Lepole, mancher Mann der Frau das Gefäß mit Wein aus der Hand. Es war auch nothwendig, daß diese Umgebung die Aufmerksamkeit der Gesellschaft in der Grotte von sich selbst ablenkte, denn sonst würde man gefunden haben, daß eigentlich nur die Lady sprach, alle übrigen in eigene Gedanken versunken schienen. Plötzlich sah man unter der Menge, welche die Grotte umstand, eine sich mit jedem Augenblicke steigernde Aufregung. Einige Knaben waren hinzugekommen, die im unverständlichsten Jargon und mit den lebhaftesten Geberden zu erzählen anfingen, und bald war die ganze Menge in wilder Bewegung, wie von einer Tarantel gestochen. Nachdem zuerst einige Knaben in vollem Laufe davongerannt, folgten die Männer, die Weiber, bis auf die Kinder. In der Grotte fing man an ängstlich zu werden, man glaubte, es sei in der Nähe Feuer. Aber mochten zehn oder zwanzig der elenden Hütten abbrennen, die Lady war so wohl gelaunt, daß sie heute die Abgebrannten reichlicher entschädigt hätte, als die armseligen Wohnungen mit ihrem Inhalte werth waren. Sie erzählte eben aus ihrer Jugend und wie viele ihrer Genossinnen aus der vornehmen Welt mit den Geliebten nach Schottland entflohen wären, um sich bei dem Schmied trauen zu lassen. Da donnerten zwei Kanonenschüsse, und der Widerhall an den Felsen von Capri zeigte, daß dieselben in großer Nähe abgefeuert waren. Die Gesellschaft flog empor und eilte aus dem Parke auf die nächste Höhe, von der man das Meer überschauen konnte. Hier standen schon Hunderte von Menschen, schreiend, mit Händen, Armen, Füßen gesticulirend, Flüche ausstoßend und sich wie Unsinnige geberdend. Die jüngern Frauen waren vorangeeilt, Karl und der Maler hatten die Lady zwischen sich genommen und trugen sie den Felsen hinan, denn ihre Glieder waren wie erstarrt. Oben angekommen, sah man ein eigentümliches Schauspiel, ein kleines aber mit Kanonen wohlgespicktes Kriegsschiff, auf dessen Verdeck es von Turbanen und schwarzen Gestalten wimmelte, verfolgte ein neapolitanisches Handelsschiff. Letzteres steuerte offenbar dem Hafen von Sorrent zu und hatte alle Segel aufgehißt, dem Seeräuber zu entfliehen. Allein dieser war ihm auf den Fersen. Zwei oder drei neue Kanonenschüsse zerrissen die Segel des Neapolitaners und schmetterten den Hauptmast nieder. Bald hatte der Korsar das Schiff, das sich in sein Schicksal zu ergeben schien, erreicht, und unter den Felsen Capris, im Angesicht Neapels könnte man sagen, enterte der Korsar das Schiff und zog bald darauf mit seiner Beute südwestlich weiter. Das war vor siebzig Jahren etwa, wo die größten christlichen Staaten dem Dei von Algier und den Beis von Tunis und Tripolis Tribut bezahlten, um vor Seeräubereien geschützt zu sein. Das scheint uns heute unglaublich, und doch war es so. Noch vor zehn Jahren hätte sich der König von Neapel nicht nach Capri gewagt, um dort Wachteln zu schießen, ohne die Begleitung von zwei Galeren, welche die Insel umschifften, um zu hindern, daß ein kühner Seeräuber den König selbst einmal kapere. Seitdem waren mit Algier und Tunis Verträge geschlossen, und Neapel bezahlte ein sogenanntes jährliches Geschenk, um vor der Raubflotte beider Staaten gesichert zu sein. Allein dem Bei von Tunis schien dieser Tribut, der nach gewissen monatlichen Raten bezahlt wurde zu gering geworden, er forderte die Zahlung nach den kürzern mohammedanischen Mondjahren und für die Vergangenheit beträchtliche Nachzahlungen. Als man sich in Neapel besinnen wollte, kündigte er den Vertrag; und die Seeräubereien begannen mit diesem kühnen Attentat vor Capri, wahrscheinlich, um auf den König selbst den gehörigen Eindruck zu machen. Da die englische Flotte im Mittelmeere kreuzte, um die französische Expedition nach Aegypten zu schädigen, hatte man sich in Neapel vor Korsaren sicher gehalten. Diese That beurkundete indeß nicht allein die alte Unsicherheit des Meeres, sondern der Inseln und Küstenstriche selbst, von denen sich die Seeräuber Beute wie Sklaven zu holen pflegten. Die Einwohner von Capri, obgleich man ihnen kaum etwas anderes nehmen konnte als ihr Leben oder sie selbst, waren doch sehr erschrocken, sie verwünschten den Geiz des Königs, der den geforderten Tribut nicht voll bezahlen wolle. Auch der alte neapolitanische Schiffer und sein Sohn, welcher die Gesellschaft herübergefahren, zeigten Furcht und Besorgniß und trieben zur zeitigen Abfahrt. Dieser stand nichts im Wege. Die Heimfahrt war minder belebt als die Hinfahrt. Man hatte sich im Schiffe auf feine Teppiche und Kissen, deren die Lady immer in Menge bei sich führte, hingestreckt, allein es wollte lange kein anderes Gespräch in Gang kommen als von den Seeräubereien der Barbaresken. Der alte Schiffer am Ruder erzählte von furchtbaren Grausamkeiten, welche die Seeräuber in frühern Zeiten ausgeübt hatten, wie keine Stadt und kein Dorf an der Küste Calabriens vor Ueberfällen sicher gewesen sei. Erst als man dem Golf von Neapel näher kam, als Tausende von Villen am Fuße des Vesuvs erglänzten im Abendsonnenscheine, und als der Rauch des Vesuvs in ihrem Rücken sich röther zu färben anfing, schien noch einmal der Geist des Frohsinns aufzutauchen. Ein Diener der Gräfin langte das Dessert, das man der Unterbrechung wegen noch nicht einmal aus den Eisbehältern des Schiffes ans Land gebracht hatte, hervor, Kuchen und Südfrüchte wurden vertheilt, und der Maler entkorkte den in Eis gelagerten Champagner, den man aus Trinkschalen von pompejanischen Formen schlürfte. Der Schiffer und sein Sohn stimmten eine Barcarole an, und als man bei der Riviera de Chiaja anlegte, war die Seeräuberangst verschwunden. Der Wagen der Lady wartete hier. Allein man wollte nicht scheiden, ohne zuvor einen Becher jenes vortrefflichen Eises genossen zu haben, das man nur in Neapel bereitet, so compact, daß es knirscht und dampft, wenn man mit dem Löffel eindringt, oder einen Becher Spumes, jenes gefrorenen Champagnerschaums. Man wünschte sich Gute Nacht, die Damen wollten Toilette machen und dann im Theater San-Carlo eine neue Sängerin hören. Die Herren versprachen, im Parterre zu sein. Als die Freunde durch das Getümmel des Molo ihrer Wohnung zueilten, wurden sie von einem Unbekannten durch das Geheimzeichen der Pythagoräer angehalten und ihnen der Befehl der geheimen Obern mitgetheilt, abends zehn Uhr am geheimen Versammlungsorte zu erscheinen; beide hätten den Abend viel lieber im Theater zugebracht als in den Kellerräumen der Pythagoräer, allein die Gesetze der letztern waren äußerst streng. Olga und Eleonore strengten aus ihren Logen vergeblich Augen und Gläser an, um den Geliebten unter der Menge im Parterre zu finden. Sie hatte eine sehr unruhige schlaflose Nacht. Ihr Verstand sagte ihr, daß ihr Glück nur als bürgerliche Gattin Karl's in Amerika blühe, ihre Phantasie malte ihr aber Bilder von Harringtonhall und Karl als Herrn desselben, Karl als Redner und Glanz des Unterhauses aus, und wenn sie in Schlummer sank, dann spannen sich diese Phantasien in langen Träumen weiter. Am andern Morgen verbreitete sich durch ganz Neapel die Nachricht, man habe in der Taverne Zum heiligen Januarius in der Nacht funfzig Verschwörer, Pythagoräer, darunter zwei Hauptbösewichte, zwei Deutsche, gefangen und in die Kasematten des Castello dell' Uovo abgeführt. Neuntes Kapitel. Die kalenberger Nation und der letzte Reichskammergerichtsbote in Hannover. Ein garstig Lied! Ein leidig Lied. Pfui! ein politisch Lied! Goethe. Am 2. August 1794 saßen in der Wohnung des Land- und Schatzraths, auch Hofrichters von Berlepsch an der Kalenbergerstraße der Legationsrath von Hardenberg, Drost von Stietenkron, Hofrath Heiliger und Advocat Ebeling um einen mit Speisen und leeren Flaschen gefüllten Tisch. Man hatte gut dinirt; Oskar Baumgarten, der Oberförster, hatte prachtvolles Wild aus Hessen gesendet und Hofrath Heiliger versicherte mit wohlgefälligem Lächeln, daß er seit Jahren nicht ein so delicates Birkhuhn gegessen, während Advocat Ebeling den Rest des Champagners aus hohem Glase nippte. Es war abgedeckt, Kaffee wurde servirt, Taback und Thonpfeifen vertheilt. Der Schatzrath selbst ging im Zimmer auf und ab, er wartete ungeduldig, daß der letzte Diener sich entferne. Als dies geschehen, stellte er sich vor den Tisch, an welchem seine Freunde rauchend saßen, und sprach: »Werthe Freunde und Mitstände! Lassen Sie mich auf das schon bei Tische besprochene Thema zurückkommen. Als im Mai vorigen Jahres es hieß, daß man noch mehr Truppen, als der Vertrag mit England erheische, nämlich das ganze Reichscontingent, nach Brabant schicken wolle, und in der Landschaft viele Stimmen sich erhoben, daß man an die Regierung den Antrag stellen müsse, die Truppen im Lande zurückzuhalten, da habe ich mich gegen diese Ansicht erklärt. Ich war der Ansicht, daß die Regierung zu Leistung alles desjenigen, was das Reich fordere, unbedingt verpflichtet sei, und daß es wahrlich nicht Sache der Landstände sei, die Regierung von ihrer Pflicht abzuhalten. Denn, meine Freunde, so schwach und schlecht auch der Reichsverband ist, er ist das Einzige, das uns gegen Frankreich schützt, denn England kann uns nicht schützen, will es wahrscheinlich auch nicht einmal. »Die Stände haben meinen Rath damals verschmäht und sich die schnöde Antwort vom 10. Mai vorigen Jahres selbst zugezogen. Etwas anderes war es mit den Beschlüssen vom 8. August vorigen Jahres, denn damals sprachen wir aus, daß der Landschaft nach Verfassung und Herkommen das Recht zusteht bei Rekrutenaushebungen gehört zu werden. Da habe ich von Herzen zugestimmt. Nun haben wir aber am 16. Februar dieses Jahres die Antwort erhalten, daß es uns keineswegs zukomme, in die Ausübung des landesherrlichen juris armatorum, belli et foederum mit Maßgebungen und Beratschlagungen hinzugehen. »Aber wir hören jetzt täglich, wie schlecht es mit den Dingen in Brabant steht, unser Heer im englischen Solde ist beinahe aufgerieben, und die Tapferkeit, mit der sich Hammerstein und Scharnhorst aus Menin durch den zehnmal stärkern Feind durchschlugen, ändert an der Sache selbst nichts. Jetzt heißt es, die noch vorhandenen zehn Landregimenter sollen den kaum noch dem Namen nach existirenden Feldregimentern incorporirt, das heißt im Interesse des Ministeriums Pitt wie die übrigen Truppen zur Schlachtbank abgeführt werden. »Geschieht dies, so ist unser Land gänzlich wehrlos. Lassen wir das schweigend geschehen, so ist es mit dem Ansehen der Landschaft dahin, so ist es um unser Recht geschehen. Ich habe daher im Sinne, bei dem Ausschusse in den nächsten Tagen folgenden Antrag einzubringen, und wollte Sie um Ihre Unterstützung gebeten haben. Der Antrag geht dahin: 1) Mit den übrigen sieben Landschaften eine förmliche Coalition einzugehen, welche Beschützung des Vaterlandes zum Zwecke hat. 2) Eine gemeinsame Vorstellung an den König zu entwerfen und darin zu verlangen, daß sämmtliche Truppen wieder ins Land zurückberufen werden, wieder wohl verstärkt werden, daß die übrigen wehrbaren Mannschaften in Gemäßheit des Reichstagsschlusses organisirt und alle Anstalten zur Vertheidigung des Vaterlandes getroffen werden, zum Zweck einer bewaffneten Landesneutralität.« »Sie können recht haben, lieber Vetter«, erwiderte der Legationsrath von Hardenberg, »die Stellung Hannovers ist durch die Bündnisse mit England vom 4. März vorigen Jahres und 7. Januar dieses Jahres eine sehr exponirte geworden. Frankreich muß in Hannover einen speciellen Feind sehen, wenn dieses England 22000 Mann Truppen zur Unterstützung des Kampfes gegen Frankreich leiht. Auch mir scheint es zweifelhaft, ob England Hannover, wenn es angegriffen würde, den nöthigen Schutz verleihen wollte, wie es noch zweifelhafter, ob es solchen verleihen könnte. »Nicht zweifelhaft bin ich, daß den Ständen das Recht der Bitte und Beschwerde zusteht, wenn der Kurfürst von seinem Rechte der Armatur und des Krieges einen Gebrauch macht, der das Land mit augenscheinlicher Gefahr bedroht. »Auch ich glaube, daß man die Landregimenter ohne ständische Zustimmung nicht in die Feldregimenter incorporiren darf.« Er schwieg und zündete die Thonpfeife von neuem an. »Im Lüneburgischen, Lauenburgischen, Bremischen ist man ganz derselben Ansicht«, versicherte Berlepsch, »und der Schwiegervater meines Sohnes, Landrath von Vogelsang, schreibt mir, daß die hoyaische Landschaft gleichfalls beitreten würde.« »Aber«, warf Hofrath Heiliger ein, indem er die Pfeife aus dem Munde nahm und sie auf den Tisch legte, »wie denken Sie sich denn eine solche Vereinigung sämmtlicher Landschaften, mein lieber Herr Schatzrath? Ich möchte wissen, was der alte Pütter zu einem solchen Gedanken sagte? Seit beinahe funfzig Jahren arbeiten wir, wie Sie wissen, an einer Vereinigung unserer Landschaft mit der göttinger und grubenhagener. Kommen wir vom Flecke? Und wie wollen Sie acht Köpfe unter Einen Hut bringen?« »Ja, der alte Pütter«, erwiderte Berlepsch, »kennt nichts als die alte Reichsschablone, wir gehen aber neuen Zeiten entgegen; wenn es Georg nicht thut, so müssen wir selbst aus den acht Fürsten und Herzogthümern und Grafschaften ein Reich, ein Hannover bilden.« Drost von Stietenkron meinte: man könne es ja versuchen; wenn man die übrigen Landschaften oder nur ihre Ausschüsse bestimmte, sich der Petition anzuschließen, so werde dieselbe in London offenbar mehr ins Gewicht fallen, als wenn sie nur von der kalenberger Landschaft käme. Advocat Ebeling zog es vor, keine Meinung zu äußern. »Uebrigens«, sagte Berlepsch, »verspreche ich mir von einem solchen Schritte viel weniger Wirkung in England als im übrigen Europa. In England herrscht nicht Georg III., sondern Pitt, und ihm ist alles daran gelegen, daß der Landkrieg mit Frankreich fortdauert, weil er dadurch allein sein Ministerium erhält. »Wenn aber Hannover das Beispiel gibt, und auf Frieden mit Frankreich in Form auch nur bewaffneter Neutralität dringt, so wird es bei allen kleinen Reichsfürsten Anklang finden, und auch in Berlin wird man schnell folgen. Ich weiß aus den besten Quellen, daß die Friedenspartei in Preußen von Tage zu Tage mehr Einfluß gewinnt und Haugwitz gar nicht mehr im Stande ist, gegen Lombard und Lucchesini im Cabinet und Möllendorf im Felde seinen Subsidienvertrag vom 19. April aufrecht zu erhalten. Man nimmt freilich das Geld; 300000 Pfund Sterling und dann monatlich 50000 Pfund Sterling sind gewiß nicht zu verachten. Aber Möllendorf erklärt es für strategisch unmöglich, mit den Engländern und Holländern am Mittelrhein vereint zu operiren, und die Armee ist auf das höchste unzufrieden, in englischem und holländischem Solde zu stehen. Ich weiß vom Vetter Hardenberg, dem Staatsminister, daß er neulich in Frankfurt mit Lord Malmesbury hart aneinander gewesen und daß England gedroht, mit Zahlung der Subsidien aufzuhören. Der Subsidienvertrag hat im Parlament durch Fox, Sheridan und den Marquis von Landsdown harte Stöße bekommen, den stärksten versetzt ihm aber der alte Möllendorf durch seine Unthätigkeit. »Sobald aber Preußen Frieden macht, steht der Weg nach Hannover den Franzosen offen, und wir sind von Truppen gänzlich entblößt, wenn wir die Landregimenter incorporiren lassen.« Trotz aller Beredsamkeit konnte Berlepsch seine Gäste aber nicht dahin bringen, daß sie ihm ihre volle Unterstützung zusagten. Um diese Verhandlung verstehen zu können, müssen wir einen Blick auf die politische Lage werfen. Die Erfolge der ersten Coalition gegen die französische Republik waren die traurigsten gewesen. Hannover hätte als Reichscontingent ein Triplum, das heißt 2442 Mann zu Fuß und 1080 zu Pferde zu stellen gehabt, später sogar ein Quintuplum; allein es war den Reichsbeschlüssen nicht nachgekommen und es krähte kein Huhn und kein Hahn danach, daß dies geschähe. Dagegen schloß König Georg III. von England mit sich als Kurfürsten Georg von Hannover einen Vertrag, wonach letzterer sich verpflichtete, ersterm funfzehn Bataillone Infanterie, acht Regimenter Cavalerie und ein Detachement Artillerie zu dem Kriege gegen Frankreich zu stellen, welche England in Sold nahm. So kam es, daß Friedrich Schulz, wie wir sahen, in Menin gegen Vandamme und Moreau kämpfte. Die hannoverischen Truppen hatten aber harte Verluste erlitten und schon 1793 waren von 22000 Mann nicht mehr als 8000 Mann geblieben, und da die Werbungen nicht mehr Mannschaften genug schafften, hatte Kurfürst Georg am 11. Februar 1793 ein Rekrutenaushebungspatent erlassen, wodurch über die Hannoveraner, ohne die verschiedenen Landstände zu hören, verfügt wurde wie über Eigenbehörige. Was ging das aber Berlepsch, was überhaupt die vornehmen Leute an? Ausgehoben wurde nur der gemeine Mann, und es gab Mittel und Wege in Menge, die Aushebung zu umgehen; in dem Fürstenthum Göttingen brauchte man nur nach Bovenden, Eddiehausen oder sonst einem hessischen Dorfe zu gehen und sich während der Aushebungszeit aufzuhalten, so war man frei; und wer dem Drosten oder Oberhauptmann ein gutes Wort oder sonst etwas gab, der wurde auch nicht ausgehoben. Warum also ein solches Geschrei? Ich will das zu erklären suchen, weil es zu meiner Geschichte gehört. In Hannover gab es unter dem Adel zwei Parteien, diejenigen, welche an der Herrschaft waren, welche im Geheimrath, im Kammercollegio u. s. w. die weichgepolsterten Sitze innehatten, und diejenigen, welche sich mit dem Abfalle begnügen mußten, mit Stellen zwar, aber Arbeitsstellen und nur mäßig hoch besoldeten, oder als Offiziere im Heere dienten. Zu diesem Theile des Adels gehörte Berlepsch, obgleich seine Mutter eine geborene Gräfin Hardenberg gewesen, und sein Stiefvater Excellenz Geheimrath von Bodenhausen. Hätte dieser nur wenige Jahre länger gelebt, oder hätte Prinz Ernst der schönen Schwester des spätern Fürsten von Hardenberg nicht zu sehr den Hof gemacht, so wäre Berlepsch von selbst unter die Herrschenden gekommen. So war er nur Hofrichter und Landrath der kalenbergischen Landschaft, was seinen Ehrgeiz nicht befriedigte, wie wir das schon früher sahen. Berlepsch war einer der wenigen, die, nachdem man den Göttingern Spittler, Schlözer und andern den Mund verstopft, noch offen über die Französische Revolution anders zu sprechen wagten als Burke und Rehberg. Berlepsch galt im Jahre 1792 für so gefährlich, daß in geheimer Berathung bei Gräfin Melusine von Wildhausen beschlossen ward, das nicht ungewöhnliche Mittel anzuwenden, den aufgeweckten Kopf auf die Seite der herrschenden Kaste zu ziehen. Er selbst war zu störrisch und zu alt, aber man wollte suchen, seinen Sohn, dem man schon den Drostentitel und das einträgliche Amt Herzberg mit seinem schönen Herzogssitze gegeben, mit der herrschenden Klasse zu verbinden. Melusine hatte sich opferbereit erklärt, die Hand ihrer jüngsten Tochter Heloise dem Drosten von Berlepsch zu geben. Dieser war deshalb wie früher zu den Jagden und Zusammenkünften des Adels, so auch zu Olga's Hochzeit geladen. Die engere Adelskette, die man dort zu schließen beabsichtigte, sollte durch die Verlobung der dreizehnjährigen Heloise mit dem jungen Berlepsch dem alten Demagogen von Vater, wie man ihn nannte, den Mund schließen. Ein Vertrauter hatte den Auftrag, den Drosten auf Heloisens Schönheit, Reichthümer und Verbindung mit dem herrschenden Adel aufmerksam zu machen. Dies geschah, allein der Drost gefiel Heloisen nicht, die durch die Mutter auf ihn aufmerksam gemacht und aufgefordert war, recht freundlich gegen ihn zu sein. Heloise war recht eigenwillig, sie that das Gegentheil von dem, was die Mutter gewünscht hatte, sie war beinahe kindisch ungezogen gegen den Drosten. Diesem war die noch unentwickelte Heloise zu sehr Kind, ungezogenes, wie es ihm schien dazu, seine Blicke waren schon am ersten Tage auf die schöne, in üppigster Fülle blühende Ida von Vogelsang gerichtet, sie hatte ihn in ihrem Banne, und ehe er Heustedt verließ, war er mit ihr verlobt. Im Hause des Landraths herrschte aber große Antipathie gegen die Gräfin und ihre Familienverbindung. Der Majoratsherr und seine Gattin hatten ihren ganzen Hochmuth gegen den Landadel Heustedts spielen lassen, die Scene in der Kirche hatte wie ganz Heustedt, auch den jungen Berlepsch empört, und so war der Plan der Gräfin zerstört. Sie erinnerte sich, wie sie selbst der Bardenfleth wegen vor zwanzig Jahren vom Vater des Drosten verschmäht war; jetzt war Ida von Vogelsang ihrer Heloise vorgezogen. Das erheischte Rache. Der Hofrichter Berlepsch ahnte nicht, woher eine Menge kleiner Unannehmlichkeiten, die ihm, dem sehr Reizbaren, das Leben verkümmerten, kamen; er fühlte sich zurückgesetzt und kalt behandelt. Man zog sich in herrschenden Kreisen von ihm zurück, er war anrüchig als Demagoge, als Verehrer des Neufrankenthums. Selbst seinem Einflüsse in der Landschaft suchte man durch den Geheimen Kanzleisecretär und Licentinspector Rehberg die Spitze abzubrechen. Im eigenen Collegio sogar betrug sich ein hochadelicher Assessor gegen ihn, den Dirigenten, unangemessen, und es gelang ihm nicht, die verlangte Genugthuung zu bekommen. Herr von Berlepsch brachte nun zwar wenige Tage darauf den Antrag, über welchen er zu seinen Freunden gesprochen hatte, in die Landschaft, allein es war beschlossen, erst weiter abzuwarten. Man versah indeß die Mitglieder des Engern Ausschusses in Hannover und die Hannover nahe Wohnenden mit Vollmacht cum libera , wegen der Sicherheits- und Vertheidigungsanstalten das Nöthige bei königlicher Regierung durch dringende Vorstellung zu besorgen. Diese Dinge, welche dem Geheimrathscollegio nicht verborgen geblieben, hinderten dieses in seiner Omnipotenz nicht, den betretenen Weg fortzuwandern. Am 25. October erschien das landesherrliche Incorporationsedict, wodurch die vorhandenen zehn Landregimenter, durch die Rekrutenaushebung des Vorjahres verstärkt, in die Feldregimenter einverleibt wurden, das heißt um gegen englischen Sold in den Niederlanden gegen Frankreich zu fechten. Den Landständen wurde das Incorporationspatent am 1. November nur zur Nachricht mitgetheilt, da die Regierung sich vollkommen überzeugt hielt: »daß die löbliche Landschaft nach ihrer Wohlmeinung und Einsicht in diesen zum Besten und zur Sicherheit des Landes getroffenen Anordnungen das devotionsvolle Vertrauen auf Sr. königlichen Majestät höchste Erleuchtung und landesväterliche Sorgfalt für die Wohlfahrt und Ruhe Ihrer getreuen Lande und Unterthanen gänzlich befestigt finden werde.« Berlepsch war nun nicht der Mann danach, sich »im devotionsvollen Vertrauen« sogleich zu ergeben, und wenn man die ganze Maßnahme der Incorporation richtig deutete, so war sie geschehen, um sämmtliche noch im Lande vorhandenen Truppen nach den Niederlanden senden zu können und so die gefallenen Söldlinge zu ersetzen; er berief daher die Mitglieder des Größern Ausschusses der kalenberger Landschaft zu einer Deliberation, in der er dreizehn Sätze proponirte, die auf den Zweck hinausgingen, die Stände sollten sich gegen einen Krieg mit Frankreich erklären und auf Landesneutralität dringen. Der Größere Ausschuß ging nur auf Eine dieser Propositionen ein, indem er eine Declaration des Incorporationspatents in dem Sinne verlangte, daß es nicht die Absicht des Königs sei, die Regimenter nach Brabant marschiren zu lassen, sondern daß dieselben lediglich zur unmittelbaren Defension des Vaterlandes bestimmt seien, und setzte die Berathungen der weitern Proportionen bis zum nächsten Landtage aus. Dieser Landtag war auf den 6. Januar 1795 berufen. Berlepsch hatte zur Begründung seines Antrags ein ziemlich umfassendes Promemoria geschrieben, ein seine Propositionen rechtfertigendes und erläuterndes Votum. Es war das nicht verlesen, sondern nur auf den Tisch des Hauses gelegt, und wenige Herren Ritter und sonstige Landstände hatten sich Zeit genommen, auch nur einen Blick hineinzuwerfen. Derselbe verlangte aber, daß die kalenbergische Nation erklären solle, keinen Krieg mit der französischen Nation zu wollen, und zu wünschen, daß diejenigen Bündnisse, welche der Kurfürst mit sich als König von England geschlossen, ohne Einwilligung und Zustimmung der Stände geschlossen seien, und daher der Krieg nicht als ein von der kalenbergischen und hannoverischen Nation geführter Krieg anzusehen sei, sondern nur als ein Hauskrieg im Interesse der Dynastie, und beantragte daher, daß das bei der englischen Armee in Brabant befindliche hannoverische Hülfscorps zurückberufen werde. Die Stände waren indeß schon in dem devotionsvollen Vertrauen so weit gekommen, daß sie die meisten der Berlepsch'schen Anträge ablehnten und sich darauf beschränkten, nochmals um eine Declaration des Incorporationspatents in ihrem Sinne zu bitten, jedoch dem Antragsteller für sein mit Sachkenntniß, Sorgfalt und Mühe ausgearbeitetes Promemoria ihren Dank votirten. So standen die Sachen, als der Baseler Friede geschlossen wurde. Georg III. nahm als Kurfürst von Hannover dazu eine zweideutige Stellung ein, und die kalenbergischen Stände baten wiederholt durch ihre Ausschüsse, dem Baseler Frieden beizutreten, die in englischem Solde stehenden Truppen zurückzuberufen, die Besetzung von Bremen aufzuheben, die Emigranten aus dem Lande zu schaffen und die Convention mit Oesterreich wegen Stellung (oder eigentlich Nichtstellung) des Reichsarmeecontingents aufzuheben. Georg hatte lediglich seine »Acquiescenz« zu dem Baseler Frieden ausgesprochen, Frankreich aber zeigte unverhohlen Lust, in die hannoverischen Lande einzufallen.. Der preußische Gesandte von Dohm wurde nun nach Hannover gesendet, um einen festern Zusammenhalt der hinter der Demarkationslinie liegenden Länder anzubahnen; allein in Hannover nahm man ihn lau auf, und auch die Vermittlung des Herzogs von Braunschweig führte nicht weiter, aber ebenso wenig kam man den Forderungen der Landstände nach. Das Geheimrathscollegium fürchtete schon damals Preußen mehr als die Franzosen und lehnte die angebotene Hülfe der Preußen gegen etwaige französische Angriffe unter allerlei Vorwänden ab. So war verwirklicht, was Berlepsch erstrebt hatte, die kalenberger Nation hatte ihre Neutralität, nur nicht kraft eigenen Handelns, sondern durch Preußen. Berlepsch hatte sein Votum mehrern Freunden in Abschrift mitgetheilt, so dem Hofrath Heiliger, dem damaligen Schöngeist Hannovers, der mit allen Dichtern, Schriftstellern und Künstlern mehr oder weniger näher befreundet war, wie denn alles, was den Ideen von einem Fortschritt der Menschheit damals huldigte und daran mitzuarbeiten sich berufen fühlte, entweder in enger persönlicher Freundschaft, oder durch Orden und Freimaurerei verbunden war, und allen, die das Alte conserviren wollten, feindselig gegenüberstand. Zu den sich so feindselig gegenüberstehenden Größen gehörten aber seit 1792 der Ritter Zimmermann auf conservativer, der Freiherr von Knigge auf illuminatischer Seite, damals schon, obwol noch nicht vierzig Jahre alt, ein kranker, gebrochener Mann, der als Oberhauptmann die hannoverischen Hoheitsrechte in Bremen vertrat. Dem Verfasser des Buchs »Ueber die Einsamkeit und den Nationalstolz« war die Eitelkeit etwas sehr zu Kopfe gestiegen, seitdem er an das Krankenbett Friedrichs des Großen gerufen war, und das hatte dann Knigge, den allezeit Federfertigen, bewogen, den Ritter, den er als Bekämpfer der Aufklärer außerdem nicht liebte, in einer kleinen Flugschrift: »Ueber Friedrich Wilhelm den Liebreichen und meine Unterredung mit ihm, von J. H. Meywerk, kurhannoverischem Hosenmacher«, lächerlich zu machen. Da Knigge derzeit noch in Hannover lebte, so erbitterte sich der Streit durch Zwischenträgereien, erreichte aber seinen größten Gipfelpunkt, als Kotzebue unter Knigge's Namen sein schmuziges, lästerliches Pasquill: »Bahrdt mit der eisernen Stirn, oder die deutsche Union gegen Zimmermann«, drucken ließ. Denunciationen und Angriffe Zimmermann's in der »Wiener Zeitschrift« gegen den Volksaufwiegler Knigge, die diesem zu neuen Satiren: »Des seligen Schafkopfs Papiere«, sogar zu einem bis zur Quadruplik geführten Injurienprocesse Veranlassung gab, spielten vom Anfange bis in die Mitte des letzten Jahrzehnts des vorigen Jahrhunderts. Hofrath Heiliger kannte natürlich wiederum Großmann, den damaligen Theaterdirector, und hatte diesem das Berlepsch'sche Votum mitgetheilt. Im Anfange des Jahres 1795, vor Abschluß des Baseler Friedens, war man nun aber in Hannover vor einem Einfalle der Franzosen sehr bange; alles Silbergeschirr und alle Kostbarkeiten bei Hofe waren eingepackt, die Geheimräthe von Beulwitz und Steinberg hatten ihre Sachen schon aus der Stadt transportiren lassen, Excellenz Schlottheim und Melusine von Wildhausen wollten auch einpacken lassen. In dieser aufgeregten Zeit nun hatte Großmann die Unvorsichtigkeit begangen, bekannte Persönlichkeiten, den Herrn von Knigge, die Herren von Münchhausen und von Sirach auf dem Theater in einer Posse vorzuführen. Man glaubte Großmann verhaften zu müssen, und das Gerichtsschulzenamt wurde mit einer Untersuchung beauftragt. Dieser ließ den unter dem Namen Baron Mühlenschwamm bekannten Advocaten Reineke ins Gefängniß rufen, um wegen Abwendung einer Untersuchung die Vertheidigung zu übernehmen, und gab ihm bei dieser Gelegenheit ein versiegeltes Packet an den Hofrath Heiliger. Reineke vertraute den Brief aus Bequemlichkeit dem Gefängnißwärter zu weiterer Besorgung an, der dann nichts Eiligeres zu thun hatte, als ihn dem Gerichtsschulzenamte zu übergeben, das den Brief öffnete und das Berlepsch'sche Votum fand. Es zog dies indeß anfangs keine andern Folgen nach sich, als daß Großmann inquirirt wurde, wie er zu dem Papiere gekommen, und darauf Hofrath Heiliger von der Justizkanzlei vernommen wurde, ob das Großmann'sche Anführen ein richtiges sei. Heiliger bestätigte dies, erklärte auf weiteres Befragen, er habe Großmann das Manuscript deshalb mitgetheilt, weil sie als beiderseitige Literatoren sich manches mitgetheilt hätten, was ihnen merkwürdig erschienen sei. Auf die ihm vorgelegte Frage: »ob Großmann damals bei Verstande, oder blödsinnig gewesen sei?« erwiderte er, er könne darauf nichts Bestimmtes antworten, da er kein Arzt sei. Inzwischen hatte der Schauspieldirector sich nicht begnügt, das fragliche Votum einfach zu lesen, er hatte davon eine Abschrift genommen und diese seinem Sohne geschickt, der in Altona in der Verlagsbuchhandlung conditionirte, welche den »Genius der Zeit«, von Hennings, verlegte. Im Anfang November 1795 erschien nun das längstvergessene Votum in dieser Zeitschrift und machte in Hannover von sich reden. Das war denn Wasser auf die Mühle der Gräfin Melusine, sie hatte jetzt eine Handhabe gegen Berlepsch. Dieser wurde im Januar 1796 von der Regierung aufgefordert, binnen drei Wochen Erklärung abzugeben, ob er sich zu dem Aufsatze und dessen Bekanntmachung bekenne, und wie er die unerhörten Anstößigkeiten, mit welchen derselbe erfüllt sei, zu rechtfertigen gedächte. Berlepsch antwortete würdig. Er, wie die Landschaft selbst, welche gleichfalls zum Berichte angefordert war, baten, die Sache in den loyalen Weg Rechtens zu verweisen, wenn die Regierung sich mit der Erklärung des Schatzraths nicht begnüge. Es erfolgte statt dessen ein Decret des Inhalts: »Se. Majestät hätten sich entschlossen, den Herrn Hofrichter aus Ihrem Dienst zu entlassen, und der Regierung befohlen, ihm seine Entlassung anzukündigen; ebenmäßig werde demselben seine Entlassung als Land- und Schatzrath ertheilt.« Zugleich wurde an die Ritterschaft des Fürstentums Kalenberg das Verlangen gestellt, »an seiner Stelle ein anderes tüchtiges Subject, das unseres Vertrauens würdig ist, zum Land- und Schatzrath in Vorschlag zu bringen«. Das Rescript und Postscript war ausgeheckt im neuen Schlosse zu Heustedt, datirt aber von Saint-James, den 13. Mai 1796, und gezeichnet George  R. und C. von Lenthe. Der Große Ausschuß der Landschaft reichte nun zwar bei dem königlich-kurfürstlichen Ministerium am 6. März 1797 eine untertänigste Vorstellung in den devotesten Ausdrücken ein, in welcher er bat, die ergangenen Rescripte dahin zu declariren, daß bei der Entlassung des Herrn von Berlepsch nicht der Gedanke vorgewaltet habe, als sei eine einseitige Dimission des Landesherrn hinreichend, sondern daß man keine andere Meinung gehegt, als es werde sich die kalenbergische Ritterschaft mit dieser Entlassung zuvor einverstanden erklären, mithin auch ihrerseits das demselben zum Land- und Schatzrath ertheilte Mandatum zurücknehmen; ferner um die Erklärung bat, daß nur eine dimissio simplex et honesta ertheilt sei, endlich sich sicherzustellen suchte bei eintretenden Weiterungen und etwaigen gerichtlichen Contestationen, indem Ihre höchste Person (Georg III.) das periculum litis übernehmen möge. Wenn also geschehe, werde die getreue Ritterschaft aus bewegenden Ursachen das dem Berlepsch ihrerseits ertheilte Mandatum als Schatz- und Landrath gleichfalls zurücknehmen. Das Ministerium ergriff diese Gelegenheitsmacherei mit beiden Händen, erklärte, daß Se. Majestät die Bezeigung der Devotion und Anhänglichkeit mit wohlgefälliger Satisfaction aufgenommen habe, daß nur eine ehrenvolle Entlassung beabsichtigt und ein verfassungsmäßiger Beitritt der Landschaft keineswegs ausgeschlossen sei, sowie daß Se. Majestät ihre getreue Landschaft gegen einen etwaigen anmaßlichen gerichtlichen Anspruch kräftigst zu schützen und vertreten versprächen. Die Gräfin Melusine hatte bei der ganzen von ihr eingeleiteten Operation aber einen doppelten Zweck im Auge: es galt nicht nur Rache an Berlepsch, es galt zugleich, einen passenden Mann für Heloise zu finden. Diese war jetzt siebzehn Jahre alt und hatte sich zu einer Selbständigkeit entwickelt, welche der Gräfin gefährlich schien. Heloise, bei der Verheiratung Olga's erst ein dreizehnjähriges Kind, hatte aber dennoch ein Verständniß davon, daß ihre geliebte Schwester den auch ihr verhaßten Grafen Schlottheim nur gezwungen heirathe und sich sehr unglücklich fühle; sie ahnte so etwas von der Liebe derselben zu Karl, den sie selbst Schlottheim vorzog. Durch die Entfernung Eleonorens, der englischen Gouvernante, war Heloise gänzlich in die Hände der kleinen Französin gefallen, die durch ihre Gespräche und Romane schon Anna verderbt hatte. Heloise war aber klüger und eigenwilliger als jene. »Mir soll die Mutter keinen Bräutigam aufdringen«, hatte sie schon damals sich gesagt, als sie von der Schwester Abschied nahm. Diese hatte ihr von Nizza lange Briefe geschrieben und ihr die Wunder der Welt, welche sie auf ihrer Reise gesehen, ausführlich beschrieben. In allen diesen Briefen wehte ein Ton düsterer Schwermuth und Resignation, nur für die Schwester allein schien sie noch Herz und Sinn zu haben. Des Gemahls war in keinem Briefe erwähnt. Jetzt hatte Heloise auch schon zwei Briefe aus Neapel bekommen, in denen ein ganz anderer Ton herrschte, die in heiterster Laune geschrieben waren und auf volle Zufriedenheit mit der Gegenwart hindeuteten, ohne jedoch Karl's zu erwähnen. War es blos der köstliche Himmel Neapels, die schöne Natur und die ewig lachende Sonne, die sich in den Briefen Olga' s widerspiegelten? Heloise bezweifelte das; in einer Gesellschaft, der sie jüngst beigewohnt hatte, war davon die Rede gewesen, daß Prinz August und Graf Münster noch immer in Neapel weilen, und da hatte sie in ihrem Köpfchen sich zurechtcombinirt, daß ihre Schwester und Karl Haus sich in Neapel auch wol gefunden haben möchten. Sie hatte seitdem viel über das Glück der Liebe nachgedacht, und da die Mutter in jener Zeit gerade einen wunderschönen jungen Jäger in Dienst genommen, mit diesem eine kindlich-unschuldige Liebelei angefangen. Der eifersüchtige Blick der Mutter hatte diese frühzeitig entdeckt, der Jäger ward entlassen und die Gräfin dachte daran, für die Tochter eine passende Partie zu suchen. Nun hatte Rehberg als Nachfolger des Hofrichters und Schatzraths einen jungen Mann in Vorschlag gebracht, der einer alten reichbegüterten Adelsfamilie angehörte, den damals in Wetzlar als Assessor befindlichen Herrn von Bremer, Bruder des Geheimen Kammerraths von Bremer, und dieser erschien der Gräfin zugleich als eine passende Partie. Denn für Bremer war das, was bei Berlepsch nur das Ende seines langjährigen Dienstes war, nur ein Anfang und Uebergang. War Bremer wirklich ein so befähigter Mann, als Rehberg ihn schilderte, so war ihm recht bald ein Sitz im Geheimrathscollegio sicher. Der Reichskammergerichtsassessor von Bremer ward also zum Hofrichter ernannt und meldete sich zugleich zu den Stellen eines Land- und Schatzraths der kalenberger Landschaft. Melusine beliebte daher, daß die Ritterschaft gedrängt wurde, die Präsentation eines andern Land- und Schatzraths vorzunehmen. Berlepsch seinerseits überreichte dem Ausschusse einen Protest, worin er erklärte, daß er sich seiner Aemter keineswegs für dimittirt ansehe, und gegen jede Neuwahl feierlichst protestirte. Der Ausschuß weigerte sich, dem Landtage vorzugreifen und sogleich eine neue Wahl auszuschreiben, und beschloß, den Rath einer auswärtigen Juristenfacultät einzuholen. Die Facultät entschied sich nicht im Sinne des Geheimrathscollegiums, sie rieth der Landschaft dringend, darauf anzutragen, daß der Weg Rechtens gegen Berlepsch eröffnet werde, und sich eventuell an die höchsten Reichsgerichte zu wenden, bis dahin Berlepsch in dem Besitze seiner bisherigen Aemter zu belassen, sich auch der Präsentation eines andern Land- und Schatzraths zu enthalten. Als man in dem Kreise der Geheimräthe von diesem Gutachten hörte, erschrak man, denn man war gewohnt, der Stimme des Rechts, wenn sie namentlich von einer Facultät von Professoren und Doctoren beider Rechte abgegeben war, mehr Gehör zu schenken, als man das heutzutage thun würde. Es wurden nun die Stimmen genau erwogen, welche man für und gegen sich haben würde, bei der Gräfin-Witwe, bei dem Reichsgrafen Platen-Hallermund steckte man die Köpfe zusammen und berieth, wie man Hülfstruppen herbeordere. Die Gräfin hatte den klugen Einfall, daß man vom Kordon (der Demarcationslinie des Baseler Friedens) alle stimmfähigen Offiziere, namentlich den Hauptmann von Stockhausen, Hauptmann von Uslar, Major von Reden, Major von Scharnhorst herbeicitire. Graf Platen aber schickte in der Nacht vor der Abstimmung noch seine sechsspännige Staatskutsche, um den Gohgrefen Schaf am 18. Februar zur Abstimmung zu bringen, eine That, worüber sogar eine eigene Broschüre: »Ein Traum«, erschienen ist. Den schlauesten Einfall hatte aber der Geheime Kanzleisecretär Rehberg gehabt. Der Hofrath Häberlin zu Helmstedt hatte im Interesse des Herrn von Berlepsch eine Broschüre über dessen Dienstentlassung geschrieben, die neben dem Gutachten der erlanger Juristenfacultät ein großes Gewicht in die Wagschale des Hofrichters zu legen bestimmt war. Rehberg bestellte nun, ob durch Vermittelung Pütter's oder direct, in den »Göttinger gelehrten Anzeigen« eine recht derbe Abfertigung dieser Schrift bei Herrn Professor Berg. Dieselbe sollte am 16. Februar, zwei Tage vor dem Landtage, erscheinen und dann durch expressen Reiter nach Hannover gebracht und unter die Landstände vertheilt werden, am Tage vor der Wahl. Einem jüngern Grafen von Hardenberg, der sich in Göttingen aufhielt, war es indeß gelungen, einen Abdruck dieser Recension schon Anfang Februar zu erhalten, und ehe das Stück der göttinger gelehrten Zeitung nur ausgegeben war, hatte der federfertige Häberlin eine Antikritik geschrieben und drucken lassen, sodaß zu großer Verwunderung der Landtagsmitglieder Kritik und Antikritik am gleichen Tage vertheilt wurden. Inzwischen war es zu spät, als daß Gründe des Rechts und der Billigkeit einwirken konnten. Jeder hatte Partei ergriffen, der eine aus diesem, der andere aus jenem Grunde, der General Reichsgraf von Wallmoden-Gimborn z. B. lediglich, »weil er überall nicht wollte, daß freisinnig gesprochen und schwadronirt würde«. Dreiundzwanzig gegen funfzehn Stimmen beruhigten sich bei der Entlassung Berlepsch's in der Voraussetzung, daß diese eine ehrenvolle, und die Concurrenz der Stände dabei vorausgesetzt werde, die Minorität wollte Verweisung in den Rechtsweg. Jetzt ging Berlepsch das Reichskammergericht an, und dieses, o Wunder über Wunder! dieses faßte schon am 20. Juni 1797, vier Wochen nach der ersten Eingabe, den Beschluß gegen Georg III. als Herzog von Kalenberg: »bis zu des kaiserlich königlichen Gerichts weiterer Verordnung mit allem Verfahren gegen von Berlepsch einzuhalten«, wie der mitbeklagten Ritterschaft des Fürstentums Kalenberg aufgegeben ward, mit der Wahl eines neuen Land- und Schatzraths nicht weiter vorzuschreiten. Wohl war das Documentum sub Aquila ausgefertigt, allein der Reichsadler hatte schon keine Kraft mehr bei den Fürsten und Corporationen, er war flügellahm. Die kalenbergische Ritterschaft wählte am 22. Juni, an demselben Tage, an dem ihr das Decret insinuirt war, den Hofrichter von Bremer auch zum Schatz- und Landrath. Derselbe wurde von der Regierung bestätigt und in das Schatzcollegium eingeführt. So weit war also der Plan Melusinens gelungen. Jetzt setzte sich derselben aber ein Hinderniß entgegen, an welches die Gräfin am wenigsten gedacht hatte. Heloise von Wildhausen war innig befreundet mit der ältesten unverheirateten Tochter des Landraths von Münchhausen zu Schwöbber und hatte von der Mutter, die in Hannover mit ihren Intriguen genugsam beschäftigt war, die Erlaubniß bekommen, in Schwöbber den Frühsommer zuzubringen. Der Landrath von Münchhausen war nun aber ein eifriger Anhänger des Entsetzten. Hier fand Heloise nicht nur die ganze Broschürenliteratur in der Berlepsch'schen Sache, sondern sie traf eines Tages den Helden selbst, welcher mit seinem Freunde Drost von Stietenkron auf Schwöbber einen Besuch machte. Berlepsch war seit der Zeit, wo wir ihm auf Haus Berlepsch begegneten, sehr alt und weiß geworden und hatte das Unglück gehabt, das linke Auge durch eine Verwundung zu verlieren. Heloise hatte einen demokratischen Zug, vielleicht vom Vater, in sich, sie hatte großes Mitleid mit den Leiden der Menschheit, für die es ja in jenen Tagen besondere Annalen gab, in denen auch Berlepsch seine Stelle gefunden hatte. Obgleich sie vom Rechte wenig verstand, so sagte ihr das Gefühl, daß man einen landschaftlichen Beamten, der von der Landschaft gewählt und von der Regierung nur bestätigt war; nicht einseitig entlassen könne. Aber auch materiell hielt sie Berlepsch im Rechte, denn sie liebte die Neufranken schon darum, weil sie eine Coalition von ganz Europa, von England, Oesterreich, den Niederlanden, Preußen und dem Deutschen Reiche zurückgeschlagen hatten, und sie verachtete die Emigranten, die seit vier bis fünf Jahren schon ihre Mutter umlagerten und immer nach Geld, Geld und abermals Geld dürsteten, die voll großer Worte waren, aber wenig von Thaten. Das Land Hannover war bis zum Baseler Frieden von ihnen wie von einer Landplage überschwemmt gewesen. Sie selbst war sich gegen den Sohn Berlepsch's eines persönlichen Unrechts bewußt, hatte sie doch, freilich noch als Kind, als ihr von der Mutter bei Olga's Hochzeit befohlen war, recht freundlich gegen den Drost von Berlepsch zu sein, ihn unartig behandelt. Genug, Heloise wurde in Schwöbber eine eifrige Verteidigerin der Sache Berlepsch's, eine Feindin aller Rehbergianer, wie man die Freunde der Regierung nannte. Als nach ihrer Rückkehr die Mutter sie darauf vorzubereiten anfing, daß eines Tages der junge Hofrichter, Land- und Schatzrath von Bremer kommen könne, um ihre Hand anzuhalten, erklärte sie: »einem Jüngling, der einen alten, klugen und edeln Mann wie Berlepsch aus seiner Stellung verdrängt habe, nun und nimmer die Hand reichen zu wollen«. Sie hielt der Mutter, die sie nur von Rehberg aufgestachelt wähnte, eine lange moralische Vorlesung über das Berlepsch angethane Unrecht, versicherte, die erste Gelegenheit, wo sie mit dem neuen Hofrichter zusammentreffe, zu benutzen, ihm das alles ins Gesicht zu sagen, wie ihrem Vormunde, dem Geheimrath von Schlottheim, desgleichen. Die Mutter wußte mit dem Kinde nichts aufzustellen, sie wurde nach Heustedt geschickt nebst französischer Gouvernante, wo Tante Hulda, ein altes krummes Mütterchen, noch immer im vereinsamten Schlosse weilte, um Flickdecken zusammenzunähen. Inzwischen hatte der unermüdliche Berlepsch und sein noch unermüdlicherer Anwalt Häberlin am 30. Januar 1798 von dem kaiserlichen Reichskammergerichte sowol ein mandatum sine clausula gegen Georg III., als gegen die kalenbergische Landschaft erlangt, worin den Beklagten aufgegeben wurde, gegen Berlepsch nicht factisch und willkürlich, sondern justizmäßig im Wege Rechtens zu verfahren, ihn sofort in die bekleideten Aemter und den Genuß seines Diensteinkommens einzusetzen und innerhalb gesetzter Frist Anzeige zu thun, daß dem kaiserlichen Mandate geziemend nachgelebt sei. Wenn man ein solches Urtheil gegen die Majestät und eine Ritter- und Landschaft, die schlechthin mit Du angeredet wurde, sah, so mußte man glauben, so ein Reichsgericht sei eine herrliche Sache. Das glaubte mindestens der kaiserliche Kammergerichtsbote Heinrich Hauenschild aus Wetzlar, als er sich am 13. Februar desselben Jahres mit dem Land- und Schatzrathe Berlepsch, der die Expedition des Mandats selbst betrieben hatte, in Wetzlar in dessen Kutschwagen setzte und nach zwei Tagen wohlbehalten in München anlangte, wo ihn der Herr Schatzrath verließ und er in der ordinären Post weiter fahren mußte. Heinrich Hauenschild war schon weit im großen Römischen Reiche herumgekommen, er hatte schon manchem Grafen und Fürsten, manchem Bürgermeister und Rath Mandate des Gerichts behändigt, auf keine Reise hatte er sich aber so sehr gefreut als auf diese Reise nach Hannover. Denn es waren jetzt mehr als sechsundzwanzig Jahre vergangen, seit seine einzige Schwester, die im Dienste des Kammergerichtsraths Buff gestanden, mit der ältesten Tochter Lotte, welche nach Hannover geheirathet, fortgezogen war, und er hatte sie seitdem nicht wiedergesehen. Er war damals noch ein Junge gewesen, eben confirmirt, der bei den Herren Assessoren allerlei Dienstleistungen verrichtet. Er erinnerte sich noch sehr wohl des jungen Frankfurters, für den er so unzählige Briefe an Lotte Buff bringen mußte, des seitdem so berühmt gewordenen Goethe, er hatte auch Jerusalem gekannt, der sich todtgeschossen, und viele andere Männer, die seitdem zu hohen Ehren und Stellen gekommen waren. So kannte er auch recht wohl den Ehemann Lottens, den jetzigen Hofrath und Vicearchivarius Johann Christian Kestner. Als Hauenschild daher einen Brief Berlepsch's an dessen Sachführer und Notar Reischauer abgegeben hatte, eilte er in die große Aegidienstraße, wo im jetzigen Cruse'schen Hause Kestner und seine Lotte wohnten. Lotte hatte damals schon so viele Kinder, als diese Geschwister gehabt, ihr ältester Sohn war seit einem Jahre als Auditor bei dem Archiv angestellt, während ihr zehntes Kind (der in Rom verstorbene Legationsrath Kestner) mit den beiden Schwestern Charlotte und Klara noch in der Kinderstube spielte. Lotte liebte ihre treue Magd Barbara Hauenschild, die ihr von Wetzlar gefolgt, die alle ihre Kinder gepflegt, gar sehr und nahm den Bruder wohl auf, als dieser am 19. Februar gegen Abend bei ihr einsprach. Demselben wurde ein gutes Essen bereitet, eine Flasche Wein vorgesetzt, und Lotte Kestner setzte sich selbst, während er aß, mit in die Küche und ließ sich von ihrer Vaterstadt und der Lahn erzählen. Ob der alte Dom noch stehe, ob die Buche noch vorhanden, unter der sie mit Goethe und ihrem Manne so oft gespeist, wer in den letzten Jahren in ihrer Straße geboren sei, das alles mußte Hauenschild erzählen. Lotte bedauerte nichts mehr, als daß ihr Hofrath auf ein paar Tage nach Celle gereist sei in Begleitung des Auditors. Da wurde laut und heftig an die Thür gepocht, es erschienen drei Männer mit rothen Röcken und großen dreieckigen Hüten, wie sie schon nicht mehr Mode waren, die sich als Regierungsbote Tubbe, als Kanzleibote Sprenger und als Consistorialbote Ringe kundgaben und begehrten, den sogenannten Reichskammergerichtsboten Hauenschild, der sich hier aufhalten sollte, zu sprechen. Die Frauenzimmer, Lotte wie Hauenschild's Schwester, waren natürlich sehr erschrocken, und begab sich nun folgende Haupt- und Staatsaction in der Küche. Der Regierungsbote zog ein großes Schreiben mit Siegel und der Unterschrift des Geheimraths von Kielmannsegge hervor, stemmte die eine Hand auf den großen Bambusstock und las den Befehl der Geheimräthe, der dahin lautete: »Dem allhier sich eingefundenen Kammergerichtsboten Hauenschild werde damit zur Nachachtung bedeutet, daß das von ihm überbrachte insinuandum in Sachen u. s. w., in welchen das kaiserliche und Reichskammergericht offenkundigermaßen incompetent sei, von Se. Majestät dem Könige nicht angenommen werden könne, dermalen ihm befohlen würde, sich aller heimlichen und öffentlichen Insinuation davon, als welche ein für allemal hierdurch cassirt und für ungültig und unstatthaft erklärt werde, bei unangenehmer Verfügung zu enthalten und sich sogleich aus Seiner Majestät hiesiger Residenz hinwegzubegeben.« Unser kaiserlicher Reichskammergerichtsbote aber warf sich in die Brust, wies auf seinen kaiserlichen Adler vor derselben und meinte, er sei doch kein Spitzbube, als welcher er hier überfallen und behandelt würde, sondern ein kaiserlicher Bediensteter, und der Kaiser stehe über Reich und Königen. Und das meinte seine Schwester Barbara erst recht, und fuhr auf den Regierungsboten Tubbe, den sie niemals hätte beleidigen mögen, los, daß diesem für seine Augen bange wurde. Lotte Kestner suchte zu begütigen und meinte, morgen komme ihr Mann wieder, und der werde das schon ausmachen, für heute sei Hauenschild ihr Landsmann, ihr Gast, und man möge hier ihn nicht weiter belästigen. Tubbe aber war in seiner Würde als Regierungsbote angegriffen, er befahl dem Hauenschild, bei Strafe sofortiger Verhaftung insinuandum und sonstige Papiere vorzulegen. Und als die ängstlich gewordene Barbara das in Riemen geschnürte Actenpacket, das neben dem Hute und Rocke des Bruders lag, hervorholte, hing Tubbe dasselbe dem Reichskammergerichtsboten um, befahl seinen Begleitern, denselben unter den Arm zu nehmen, und so führte man den Mann, der die Befehle des Kaisers und Reichs ausführen sollte, aus dem Hause zum Aegidienthore heraus. Hauenschild protestirte fortwährend, und als man in die Vorstadt kam, bat er, ihn, da er ein alter Mann sei, der in der Nacht und bei dem schlechten Wetter nicht gehen könne, daselbst zu lassen. Allein man schleppte den Reichskammergerichtsboten bei Nacht und Nebel durch Koth und Dreck bis an die Grenze des Stifts Hildesheim, wo man ihm bei Gefängnißstrafe das Kurfürstenthum zu betreten verbot. Der Reichskammergerichtsbote brachte die Nacht im Fieber auf der Landwehrschenke zu, setzte am andern Morgen ein großes Promemoria auf, daß Se. kaiserliche Majestät und das hohe Kammergericht in seiner Person in Hannover beschimpft sei, und begab sich dann nach Hildesheim, wo er durch die kaiserlichen Notare Albrecht und des statt zweier Zeugen subrequirirten Notars Firnhaber das Originalmandat vom 29. Januar 1798 der königlichen Landesregierung wie auch der kalenbergischen Landschaft durch die Post insinuiren ließ. Da Hauenschild grubenhagensche und göttingensche Landestheile noch berühren mußte, um nach der Heimat zurückzugelangen, vertauschte derselbe vorsichtigerweise seinen kaiserlichen Livreerock mit einem bürgerlichen Kleide, und da er nicht wagte, die ordentliche Post zu benutzen, und sich fürchtete, weil er dennoch heimlich insinuirt hatte, in Haft genommen zu werden, kam er nach großen Mühseligkeiten und Beschwerden im Hessischen, im Hause Berlepsch an, wo der Gerichtshalter Seutheim und Justitiar Rausch über seine Behandlung in Hannover ein gerichtliches Protokoll aufnahmen, das sich in der »Sammlung sehr wichtiger Actenstücke in der Berlepsch'schen Sache«, so 1798 in Frankfurt und Leipzig erschienen, Seite 7–17 abgedruckt findet. Das war der letzte kaiserliche Reichskammergerichtsbote, der das Land Hannover betrat. Zehntes Kapitel. Gefangenschaft. Wir haben Karl Haus und seinen Freund, den Maler, in den Kasemattengefängnissen des Castello dell' Uovo verlassen. Das Gerücht von ihrer Verhaftung drang zuerst zu Eleonore durch die Dienerschaft, die immer mehr von den persönlichen Beziehungen der Herrschaft zu wissen pflegt, als diese vermuthet. Olga fuhr sofort zu Lady Harrington, welche bei dem englischen Gesandten, bei dem Grafen Münster und dem Graf-Bischof die nöthigen Schritte zur Befreiung zu thun versprach und wirklich that. Karl Haus stand unter dem Schutze der englischen Gesandtschaft, und Graf Münster erklärte, daß die Verhaftung seines Privatsecretärs nur auf einem Irrthum beruhen könne, und daß er dessen Freigebung sofort verlange. Derselbe wurde denn auch schon nach vierundzwanzig Stunden aus dem Castello dell' Uovo entlassen, während es den gemeinsamen Bestrebungen des Lords Harrington und des Graf-Bischofs erst am folgenden Tage gelang, auch den deutschen Maler zu befreien, denn Deutsche fanden im Auslande noch selten Schutz. Karl sagte dem Grafen Münster für seine Befreiung Dank und erklärte seine Verhaftung durch den Umstand, daß einige italienische Maler, mit denen Hellung, sein Freund, bekannt geworden, sie in eine angeblich nur humanistische Gesellschaft, die der Pythagoräer, ohne daß sie selbst Veranlassung dazu gegeben und irgendeinen politischen Charakter geahnt, eingeführt hätten. Kurz nach ihrem Eintritt in die Taverne des heiligen Januarius habe auch schon die Verhaftung stattgefunden. Der Graf sagte artig: »Sie werden begreifen, daß meine Stellung mir nicht erlaubt, einen Mann in meinen Diensten zu haben, auf dem auch nur entfernt der Verdacht ruht, mit der französischen Propaganda, die sich hier stark zu rühren anfängt, in der leisesten Verbindung zu stehen. Ich hege nicht den geringsten Verdacht, daß dies der Fall ist, muß indeß selbst den Schatten eines Scheins meiden. Mein Aufenthalt wird außerdem hier von der kürzesten Dauer sein, denn die Fortschritte der Republikaner in Oberitalien und Rom lassen das Schlimmste befürchten. Sie werden eine Depesche von mir nach London bringen, und ich hoffe, daß sich in der deutschen Kanzlei eine Ihren Talenten angemessene Stellung finden wird. Ich habe deshalb an Excellenz Lenthe geschrieben, wie Sie selbst diesen Brief dem Geheimen Hofrath Best übergeben werden, der Sr. Majestät am nächsten steht.« Karl hatte mehrmals den Grafen unterbrechen wollen, um zu erwidern, daß dieser seinen eigenen Wünschen nur zuvorkomme, da er nach Nordamerika überzusiedeln gedenke, allein die Art und Weise, wie sich Münster seiner Person zu entledigen suchte, war so nobel und des Wesens eines Edelmanns würdig, daß er nur seinen Dank für die Güte herausbringen konnte. »In Syrakus«, fuhr der Graf fort, »liegt eine Fregatte segelfertig nach England, ein neapolitanisches Schiff wird Sie dahin führen, machen Sie sich bereit, übermorgen abreisen zu können.« Karl war entlassen. Jetzt galt es, rasche Entschlüsse zu fassen. Er eilte zu Lady Harrington, um auch ihr seinen Dank abzustatten für das, was sie für seine Befreiung gethan. Er fand dieselbe in der übelsten Laune. Mylord hatte seit ihrer Verheirathung zum ersten mal gewagt, den Mann und Herrn zu zeigen. Sie hatte in ihrer Angst um Karl und seinen Freund, die sie zu protegiren sich capricirt, den Gemahl nicht nur angegangen, bei seinem Jagd- und Fischcumpan, dem Könige, directe Schritte zur Befreiung der beiden Deutschen zu thun, sondern war unvorsichtigerweise ohne Vorbereitung mit dem Adoptionsplan hervorgetreten. Da aber zeigte Mylord ganz den Earl, den Peer, den Engländer. Seine Verachtung gegen alles, was nicht englisch war, namentlich gegen Deutsche, und nun gar gegen einen Hannoveraner war so eingefleischt, daß sich seine sämmtlichen Nervenfasern, die ihn sonst jahrelang nicht incommodirten, in Empörung gegen den Gedanken regten, den Secretär eines Grafen Münster zu adoptiren. Er erlaubte sich nicht nur, Karl einen französischen Revolutionär und Sansculotten zu nennen, sondern an dem gesunden Verstande Myladys selbst zu zweifeln. Es fand eine Ehestandsscene statt wie noch niemals; die beinahe fünfundzwanzigjährige Herrschaft der Lady war auf einmal gebrochen, das wilde Thier, das eigentlich in dem Lord wie in jedem der berechtigten Zehntausend steckt, und nur durch Blasirtheit und Langeweile zur Ruhe gelangt war, sprang in seiner ganzen ungezähmten Wildheit aus ihm heraus. Die Lady war nur froh, daß sie nicht auch von Olga und ihrer Verbindung mit Karl gesprochen, wie es ihr, um den Gedanken der Adoptirung Karl's durch den Lord näher zu motiviren, auf der Zunge gelegen hatte. Karl Haus befreite sie durch die Nachricht, daß er als Kurier des Grafen Münster in drei Tagen nach England reisen müsse, aus der peinlichen Situation, in der sie sich nach so viel Redens über die Adoption befand. Er bat, auch während seiner Abwesenheit die Patronschaft über Olga und seine Liebe zu ihr zu führen, und sobald es möglich sei, dieselbe auf einem amerikanischen oder englischen Schiffe nach Amerika überzuschiffen, und den Plan, welchen er in der Nacht ausgedacht habe, zu unterstützen. Dieser Plan war einfach folgender: Hellung sollte in der Gegend von Sorrent oder Meta für sich und Olga nebst Eleonore eine einsame Villa miethen, dahin sollte die Gräfin heimlich die nöthigsten Kleidungsstücke und Sachen schaffen, dann sollten Olga, Eleonore und Hellung eine Lustfahrt nach Capri unternehmen und an dem Felsen vor Capri scheitern und umkommen. Eine Barke von Sorrent sollte sie in einiger Entfernung von Capri auf dem Meere in Empfang nehmen und nach Sorrent bringen, während der Schiffer seine Barke, die ihm zum Doppelten des Werthes bezahlt werde, an den Klippen von Capri scheitern lassen, sich selbst durch Schwimmen retten und in Capri wie später in Neapel verbreiten sollte, die Gräfin und ihre englische Gesellschafterin wie der deutsche Maler mit dem langen Barte und den langen Locken seien verunglückt. Der Lady gefiel dieser Plan außerordentlich; er war romantisch, und sie liebte alles Romantische, sie versprach Karl für den Abend ein Rendezvous mit Olga, und dieser eilte zu dem aus den Kasematten entlassenen Freunde, um sich mit ihm zu besprechen und denselben anzuspornen, nach Sorrent zu eilen und in dessen Nähe eine einsame Villa mit Dienerschaft zu miethen. Er selbst bereitete dann seine Reise vor, packte, lief nach den Hauptspediteuren Neapels, um zu erkunden, ob in der nächsten Zeit ein amerikanisches Schiff in den Hafen einlaufen würde. Man gab ihm den Trost, daß in Messina ein Amerikaner liege, der in Neapel Ladung nehmen wolle, sich aber wegen einiger französischer Kreuzer noch nicht aus dem Schutze englischer Kanonen herauszubegeben gewagt habe. Als man am Abend bei der Lady zusammentraf, hatte der Maler eine Villa gemiethet, Olga war mit allem, was Karl vorschlug, einverstanden. Sie bestand aber darauf, daß er den größern Theil ihrer Diamanten und sonstigen Schmuck, namentlich die seit drei Generationen vererbten Perlen mit nach England nehme und dort verkaufe. Den kleinern Theil, Ohrringe, Broschen und einige einzelne kostbare Perlen, habe Eleonore schon in den Unterkleidern vernäht. Man unterhielt sich von der Zukunft. Die Lady Harrington versprach, ihren Bären von Gemahl im nächsten Jahre spätestens zum Fischen an den Potomac zu führen, dann wolle man miteinander die Wasserfälle des Niagara besuchen, kurz es wurden verschiedene phantastische Plane für die Zukunft entworfen. Am dritten Tage früh morgens segelte Karl Haus ab. Die Trennung von Olga war ihm unendlich schwer geworden, tausend Schwüre und Küsse waren gewechselt und die Lady Harrington selbst hatte die Liebenden trennen müssen. Vor dem Ausgange des Golfes begegnete ihm eine nach Neapel eilende englische Fregatte. Sie brachte die Botschaft von der Vernichtung der französischen Flotte bei Abukir. Die königliche Familie in Neapel, ja der größere Theil des neapolitanischen Volkes fühlten sich aus der Klaue des Löwen gerettet, denn der französische Gesandte in Neapel, Bürger Gerrat, hatte, wie Lord Hamilton an das englische Ministerium geschrieben, schon eine Sprache geführt wie ein Straßenräuber. Aus allen Gesichtern, die der wenigen Carbonari, Pythagoräer und anderer Verschworenen, die nicht im Kerker schmachteten, ausgenommen, lachte Frohsinn; man gab sich den ausgelassensten Freudenbezeigungen hin, unter die Lazzaroni wurde Geld vertheilt, und sie zogen durch die Straßen, jeden des Liberalismus nur halb Verdächtigen mit dem Tode bedrohend. »O tapferer Nelson, Gott schütze und segne dich, wackerer Befreier, o Sieger, o Retter!« schrie, sang, jauchzte man auf den Straßen. Improvisatoren sangen die Vernichtung der französischen Flotte und sagten den Untergang der fluchwürdigen Republik, den Tod aller Königsmörder durch die Rache des Himmels vorher. Diesen Tag des Schwindels benutzte der Maler, Olga zu entführen. Der Plan glückte in ausgedachter Weise. Während man in Neapel die Gräfin Olga von Schlottheim als verunglückt betrauerte, während die Lady Harrington Trauerkleider anlegte und großes Geschrei erhob ob des Unglücksfalles, lebten diese und Eleonore mit Hellung in einer reizenden Villa in Sorrent unter fremden Namen. Der Graf Schlottheim tröstete sich leicht über den Tod seiner Gemahlin, oder vielmehr es wurde ihm dadurch eine Last abgenommen. Er ließ die Aussagen des Schiffers über den Untergang des Schiffes von einer neapolitanischen Behörde zu Protokoll nehmen, von Lord Hamilton beglaubigen und schickte mit dem nächsten Gesandtschaftsberichte die Urkunde über London an die Gräfin Melusine und bemerkte dabei, daß die zweite Rate seines Heirathsguts, das ihm vertragsmäßig auch nach dem Tode Olga's ausbezahlt werden mußte, fällig sei, und er solche durch Anweisungen auf die Gräfin einziehen lassen werde. Nelson wurde gedrängt, nach Neapel zu kommen, wo man am 1. October seinen Geburtstag feierlich begehen wollte. Eine Ahnung warnte ihn; sein Ruf wäre unbefleckter geblieben, wenn er derselben gehorcht hätte. Allein eine aus London erhaltene Depesche, noch abgegangen vor der Ankunft der Siegesnachricht von Abukir, befahl ihm den speciellen Schutz der königlichen Familie in Neapel und zugleich, dem Prinzen August und Grafen Münster ein Kriegsschiff zur Ueberfahrt nach England zur Disposition zu stellen sowie eine Depesche dem letztern persönlich zu überreichen. So fuhr Nelson seinem Verderben zu, das dem Sieger in der reizenden Gestalt von Emma Hamilton sich in Gegenwart des Gatten, des Königs und der Königin in die Arme stürzte. – Die Königin Karoline bedurfte der Anreizungen, welche geheime Depeschen an den englischen Gesandten brachten, und der Anreizung durch ihre Busenfreundin Emma nicht, um zu einer neuen Coalition gegen die gottverdammten Königsmörder die Hand zu bieten. Neapel versprach achtzigtausend Mann zu rüsten, und Oesterreich schickte Mack als Feldherrn dieser Armee. Die Vorbereitungen zu dem neuen Feldzuge waren in Sicilien kein Geheimniß geblieben, und der in Messina liegende amerikanische Schoner zog es, obgleich das ganze Meer von französischen Kreuzern rein gefegt war, vor, seine Ladung in Neapel im Stiche zu lassen, in Messina und Syrakus Südfrüchte einzunehmen und die Straße von Gibraltar zu suchen, damit er vielleicht auf der Rückfahrt ein französisches Handelsschiff kapern könne. Sämmtliche amerikanische Handelsschiffe waren damals nämlich zur eigenen Sicherheit gegen algierische, tunesische und tripolitanische wie französische Kaper stark gerüstet, hatten zu gleicher Zeit aber in Gemäßheit des Gesetzes vom 9. Juli 1798 Kaperbriefe vom Präsidenten, wonach die gemachten Prisen für ihr Eigenthum erklärt wurden. Der Kapitän, ein echter Yankee, calculirte nun, daß im Atlantischen Ocean französische Kauffahrer infolge der Vernichtung der französischen Flotte ziemlich schutzlos wären, und daß es leicht sein würde, eine Prise mit lyoner Seide oder andern kostbaren französischen Waaren in den Hafen von Neuyork mitzubringen, daß dies jedenfalls vorteilhafter sei als eine Fracht aus Neapel. Inzwischen schürten Nelson und Lady Emma in Neapel das Kriegsfeuer, England versprach Geld, denn dies fehlte sehr in den Kassen, Thugut schickte wenigstens einen General, den besten, den Oesterreich außer seinen Erzherzogen habe. Man rüstete ziemlich offen, sodaß der französische Gesandte endlich am 21. November Erklärungen über diese Rüstungen forderte. Am folgenden Tage erließ Ferdinand IV. ein Kriegsmanifest, und Mack rückte mit dreißigtausend Mann der schönsten Truppen, die es in Europa gab, wie er selbst sagte, gegen den Kirchenstaat. Sein rechter Flügel wurde zwar von den Abruzzen zurückgeworfen, allein er selbst zog Anfang December in Rom siegreich ein, Championnet hatte Rom aber freiwillig geräumt, hielt nur die Engelsburg besetzt und zog seine Streitkräfte zwischen Civita-Castellana und Civita-Ducall hinter Rom am Ufer der Tiber zusammen. Als Mack aber angreift, wird er geschlagen und flieht ohne Rast bis unter die Mauern von Capua. Am 11. December ist von dem schönsten Heere der Erde nicht viel mehr übrig. Der König ist in Caserta eingetroffen, der Hof und die Königin halten sich in Neapel nicht mehr sicher. Angst und Schrecken überall am Hofe, alles in Verwirrung, Acton hat den Kopf verloren, die Königin ist in innerster Seele beängstigt, dem Könige ist der letzte Schein königlichen Anstandes abhanden gekommen, nur Lady Emma hatte den Kopf oben behalten. Sie veranstaltet, daß man den König in ein Zimmer einschließt, ihm reichlich zu essen und zu trinken und Netze zu flechten gibt. Dabei vergißt er seine Sorgen. Lady Emma leitet die Flucht, ihr Gemahl, hauptsächlich besorgt um seine noch nicht in Sicherheit gebrachten Sammlungen, seine Antiken, Vasen, Torsos, geschnittenen Steine, Gemmen, hatte solche schon einpacken und auf englische Schiffe bringen lassen, als der Krieg zu drohen anfing. Sie gingen Ende September mit demselben Schiffe ab, das Prinz Augustus und Münster nach England brachte. Jetzt wurden die königlichen Schätze, das baare Geld, die schönsten Kunstwerke der Museen, die Kronjuwelen, Dinge, deren Werth Nelson auf 60 Millionen Francs schätzte, des Nachts in die Wohnung Hamilton's geschafft, dort am Tage unter Emma's Aufsicht verpackt, als wären es die Sammlungen ihres Gemahls, und auf das Linienschiff Vanguard gebracht. In Neapel herrschte der Pöbel. Das Gerücht, der König wolle mit seiner Familie entfliehen, hatte sich verbreitet. Volkshaufen mit Waffen aller Art lagerten auf dem Schloßplatze, man wollte keinen Verkehr zwischen dem Schlosse und dem englischen Schiffe mehr dulden. Ein Cabinetskurier, der dennoch an Bord des Vanguard gehen wollte, wurde am Hafendamme ermordet und an den Füßen vor die Fenster des Balkons geschleppt, wo man glaubte, daß der König sich aufhalte. Lady Emma holt den König aus seinem Verschlusse und bringt ihn auf den Balkon. Hier schwört er dem Volke, Neapel nicht zu verlassen, und bittet es, auseinanderzugehen. Die Lazzaroni glauben dem Schwure. Allein der König benutzt einen unterirdischen Weg zum Hafendamme, und am 21. December abends erreichen er und seine Familie, Lord Hamilton und seine Emma, Graf Schlottheim und alles, was vom Hofe in die Flucht eingeweiht war, den Vanguard, den Samniter oder den Archimedeus. Die Flotte Nelson's konnte wegen Sturmes aus dem Golf nicht vor dem 23. December auslaufen. Am ersten Weihnachtstage starb der junge Sohn der Königin, Prinz Albert, in den Armen der Lady Emma; am 26. ankerte man vor Palermo, wo das Volk den König mit großem Jubel empfing. Nelson ließ indeß drei neapolitanische Linienschiffe, eine Fregatte und einige Corvetten in Brand stecken, damit sie den Franzosen nicht in die Hände fielen. Bis auf einige Kanonenboote gab es eine neapolitanische Kriegsflotte nicht mehr. Der zum Stellvertreter des Königs ernannte Fürst Francisco Pignatelli übergab Capua am 10. Januar 1799 den Truppen Championnet's und entfloh. Neapel wurde von diesen vor der Wuth seines eigenen Pöbels gerettet, wobei die in den Castellen sitzenden Gefangenen den Franzosen zu Hülfe kamen. Der französische General fand das Mittel, das Blut des heiligen Januarius fließend zu machen, und seitdem begann das abergläubische Volk an sich selbst zu glauben; die Parthenopeische Republik war verkündigt. Alle Wohlhabenden waren aus Selbsterhaltungstrieb Republikaner, denn die Lazzaroni und der sonstige Pöbel verlangten nach ihren Gütern; die meisten Nobili waren es aus Princip; man schuf ein Directorium, eine Nationalgarde, bildete aus den Kanonierschalupen eine Art Marine, deren Commando Fürst Caracciolo übernahm, suchte ein freiwilliges Cavaleriecorps und einige Infanterieregimenter zu bilden. Alle Neapolitaner von Bildung thaten das Möglichste, das Dasein der jungen Republik, die in dem Landvolke und den niedrigsten Klassen des Volkes allein ihre Feinde hatte, zu stärken. Das war denn keine gute Zeit für unsere Flüchtlinge, in Sorrent die Ankunft eines englischen oder amerikanischen Schiffes zu erwarten. Die Villa, welche Hellung gemiethet hatte, lag nicht an dem steilen Felsen der Stadt, an der sich die Geburtsstätte Tasso's aus dem Meere aufbaut, sondern am Ende des Piano, da, wo dieses sich nach dem Monte San-Angelo erhebt und durch eine Reihe von Villen beinahe mit Meta verbindet. Sie lag ziemlich hoch und gewährte eine der schönsten Aussichten der Welt. Die Villa war Eigenthum seines Lehrers, des Malers Hackert, der sie für sich selbst zur Villeggiatura erbaut hatte, aber wenig nutzte und namentlich zu der Zeit, wo er mit Bestellungen des Königs über das Parademanöver »der herrlichsten Armee der Welt« überhäuft war, schon gegen seinen Schüler den Wunsch ausgesprochen hatte, dieselbe an einen Engländer zu vermiethen. Der Maler, welcher sich auf den Namen eines Mr. Bott nebst Gemahlin und Gesellschafterin einen englischen Paß zu verschaffen wußte, hatte für diesen Mr. Bott die Villa auf ein halbes Jahr gepachtet und im voraus bezahlt. Eine frühere italienische Köchin Hackert's nebst Tochter und Sohn hielten dort Villa und Garten in Ordnung, sorgten auch für Speise und Trank. Die Villa war lange nicht so prächtig wie Hunderte, die heute in jener Gegend stehen, aber sie war äußerst zweckmäßig eingerichtet, sie hatte sogar zwei Zimmer mit Kaminen und in der ersten Etage fand man einen bedielten Fußboden, während nur zu ebener Erde Estrich war, mit Teppichen belegt. Dieselbe hatte nach Nordosten eine von Epheu und wildem Wein umrankte Loggia mit der Aussicht auf einen Orangenwald, über den hinweg man Castellamare, Torre dell' Annunciata, den Vesuv und die Tausende von Landhäusern vom letzten Orte bis Portici am Golf von Neapel sah. Gegen Nordwesten war ein Balkon der Insel Procida und Ischia zugerichtet, sodaß man nicht nur den ganzen Meerbusen von Neapel, die unzählige Häusermenge dieser Stadt, sondern auch den Busen von Bajä übersah, ja neben dem Vesuv hinweg im fernen Hintergrunde die schneebedeckten Abruzzen erblickte. Gegen Osten erhob sich der Monte San-Angelo mit seinen zerklüfteten Felsenpartien. Im Süden war der Eingang zur Villa, hier lehnten sich breitästige, grünlaubige Orangenbäume an die Villa und reichten ihre goldenen Früchte zu den Fenstern der ersten Etage hinauf. Hier war auch der Garten mit einigen hohen schlanken Palmen und schattengebenden Bananen geziert. Der Garten war von einer hohen Myrtenhecke eingezäunt und Granatbäume, die jetzt freilich nicht blühten, wie Lorber und krummästige Feigenbäume, fand man überall. Obgleich es jetzt am Ende December war, blühten die Rosen in schönster Pracht, überhaupt sah man dem Garten an, daß hier ein Deutscher und ein Künstler die Anlagen gemacht hatte. Dem Garten vorüber führte eine Straße von Westen nach Osten dem Monte San-Angelo zu. Von der Höhe aus Südosten strömte ein Bach nach Nordwesten, der unfern der Villa von einer hohen Brücke mit sehr schmalen Bogen in schiefer Form überbaut war. Der Waldbach stürzte cascadenartig unter dieser Brücke hervor, er hatte sich hier wie weiter hinauf ein tiefes schluchtartiges Bett gegraben, und erst weiter nach Nordwesten nahm er im breitern Bett einen ruhigern Lauf an. Diese Brücke, mit Schlinggewächs, Epheu und wildem Wein von unten bis oben überzogen, gewährte einen malerischen Anblick, zumal sich rechts die Anhöhe in Felszerklüftungen emporzog, links davon eine reizende Villa lag, die ihre Balkonseite dem Garten der Hackert'schen Villa zuwendete. Aus den Felsenritzen nach Osten schossen zahllose junge Palmen mit ihren zitternden Blätterbüscheln empor neben steifen stacheligen hohen Aloës und rauhen Cactus. Wo man bei uns am Wege Disteln und Nesseln sieht, schossen Myrte und Buchsbaum, Rosmarin und Lorber hervor. Gleich wenn man die Brücke überschritt, quoll aus dem Felsen ein Born mit antikem Schmuck, einer mosaikumfaßten Nische, und sprudelte in eine große Marmormuschel. Alle Esel- und Ochsentreiber, die von Osten oder von der Stadt kamen, hielten hier an dem Brunnen, um ihre Thiere zu tränken, selten ging ein Wanderer vorüber, ohne auf der Marmorbank neben dem Brunnen, von einem Kastanienbaume beschattet, auszuruhen, und aus dem Blechgefäß, welches an einer Kette in der Nische hing, zu trinken. So bot die Passage über die Schlucht immer ein belebtes Bild. Die schöne Villa jenseit der Brücke war das Eigenthum des berühmten neapolitanischen Arztes Crilli, der einen großen Theil derselben der kranken Frau eines amerikanischen Schiffskapitäns, die ihm von einem Freunde aus Rom dringend empfohlen war, vermiethet hatte. Der Winzer und seine Frau wohnten in einem Nebenhäuschen und besorgten die Aufwartung der Fremden. Die Amerikanerin war eine kleine blasse Dame, die mit ihrem vierjährigen Knaben beinahe den ganzen Tag auf dem Balkon der Villa sitzend las. Sie hatte zwei Schwarze zu ihrer Bedienung, dem Anschein nach Mann und Frau, die ihre Herrin sehr zu lieben schienen. Die Hackert'sche Dienerschaft wohnte gleichfalls neben der Villa in einem kleinen Häuschen nebst Ziegenstall, wie es für eine italienische Familie hinreicht. Die Mutter war eine Frau von fünfzig und einigen Jahren, berühmt durch ihre Kunst, einen Steinbutt zu braten, überall Fischgerichte zuzubereiten und Oelgebackenes zu fertigen. Ihre Tochter Maria Rosalia war eine siebzehnjährige Schönheit, mit langen schwarzen Haarflechten, schwarzen feurigen Augen und gebräuntem Gesichte. Sie saß vom Morgen bis zum Abend vor der Thür des kleinen Hauses, die Spindel hoch zum Dache hinaufschleudernd und wieder auffangend, um sie von neuem in die Höhe zu werfen. Sie sprach, eine Ausnahme bei Südländern, sehr wenig, sang aber reizende melancholische Volkslieder. Ihr Bruder Filippo, ein funfzehn- bis sechzehnjähriger Knabe, wollte Marinajo werden, er war mehr auf dem Meere als zu Hause, und war er dort, so kauerte er zu den Füßen seiner Schwester, flickte oder strickte Netze. Der Vater beider Kinder war vor einigen Jahren bei einem Streite mit einem Kameraden von diesem erstochen worden. Das Leben, welches auf dieser Villa für Olga begann, war ein gänzlich neues und ungewohntes. Sie galt hier als Mrs. Bott, Frau eines englischen Malers, die Gräfin war todt, obgleich die zungenfertigen Italiener sie noch immer mit der Eccellenza überschütteten. Trat auch die Arbeit noch nicht an sie heran, brauchte sie sich nicht als Hausfrau um Küche und Haus zu bekümmern, brauchte sie nicht Strümpfe zu stricken, oder irgendeine grobe Arbeit zu verrichten, drängte sich auch die Sorge noch nicht zu ihr, denn sie hatte der Ducati noch in großer Menge, so war doch das Wegfallen einer zahlreichen Dienerschaft, das Angewiesensein auf sich selbst und die nächste Umgebung, diese Einsamkeit gegen das Geräusch Neapels, in dem sie beinahe drei Jahre gelebt hatte, ein solcher Wechsel, daß sie darauf anfing, über sich selbst mehr nachzudenken, als sie es bisher gethan hatte. Die Trennung von dem Geliebten und wahren Gatten, die Sehnsucht nach ihm, das bange und doch wonnige Gefühl, bald Mutter zu werden, das alles stimmte sie ernst und melancholisch, wenigstens in den ersten Wochen ihres Aufenthalts in der sorrentinischen Villa. Aber es ist beinahe unmöglich, in diesem Paradiese sich unglücklich zu fühlen. Sobald die Gräfin nur gelernt hatte, sich zu beschäftigen, und sie mußte es lernen, war sie wieder lebensmuthig. Sie lernte unter Eleonorens Anweisung nähen, und nähte kleine Hemdchen, Röckchen, Jäckchen für den zukünftigen Weltbürger. Sie nahm ihre Pastellstifte, die jahrelang geruht hatten, wieder hervor; nach Gegenständen, welche der Abbildung würdig, brauchte sie nicht lange zu suchen. Sie ging auch häufig in die Küche, um zu sehen, wie die Sorrentinerin ein Gericht Maccaroni zubereitete, einen Fisch kochte oder buk, ein paar junge Täubchen briet, oder Kartoffeln kochte. Alles, was sie von der gesammten Kochkunst bisher verstand, war, daß sie Thee aufgießen konnte und wußte, wann das Wasser kochte; wie man Kartoffeln koche, sah sie hier zum ersten mal. Sie glaubte jetzt, als künftige Frau eines Bürgers sich in etwas um die Küche bekümmern zu müssen, wenn sie auch die Handschuhe noch nicht auszog und sich fürchtete, ein Kochgeschirr anzufassen, weil es schmuzte. Neben diesen nützlichen Beschäftigungen gab es noch zwei Spielereien, die zu ihrem Zeitvertreib dienten; Hellung hatte einen großen schwarzen Hund, Nero genannt, der nach seinem Herrn Olga am meisten liebte, ihr Begleiter auf Spaziergängen war, in der Loggia zu ihren Füßen lag, ihr, was sie wünschte, apportirte, der ihr keinen Bettler, und an ihnen fehlt es in Italien nirgends, nahe kommen ließ. Daneben machte sie aber die Entdeckung, daß sie eine außerordentliche Katzenfreundin sei. Seit ihrer Kindheit hatte es ihr an Gelegenheit gefehlt, ein Kätzchen liebzuhaben, es streicheln und hätscheln zu können, weil es in den Schlössern und Palästen, die sie zu bewohnen pflegte, keine Katzen gab. Hier hielt aber Mutter Doralice eine reizende schwarzgrau getigerte Katze, die sehr bald erkennen lernte, daß es in der Villa bessere Speisen gab als in dem Nebenhäuschen. Sie fühlte aber das Bedürfniß, gut und viel zu fressen, denn sie trug eine noch unbestimmte Anzahl Junge bei sich. Vor Nero zeigte sie keine Furcht, hatte vielmehr bald Freundschaft mit ihm geschlossen. Der Würdige fühlte seine Bestimmung als Schützer und Wächter des Hauses und Gartens, und so stand auch Mieschen als zum Hause gehörig unter seinem Schutze. War er auch zu ernsthaft, um auf die Spielereien, die Mieschen mit ihm beginnen wollte, einzugehen, so ließ er sich doch ihre Neckereien ruhig gefallen und ging zuweilen selbst darauf ein, indem er sie anbellte und sie oft in Schrecken setzte, daß sie auf Olga's Schos sprang. Was gab das aber erst für eine Wonne, als eines Tages Mieschen ihre Jungen, die sie drei Wochen wohl versteckt gehabt hatte, eins nach dem andern aus dem Verstecke hervorholte und zu Olga's und Nero's Füßen legte, ein silbergraues, ein ganz schwarzes und ein schwarzweißes Kätzchen, die so allerliebst aus den runden klaren Aeuglein schauten und solche reizende rothweiße Mäulchen hatten, daß Olga nicht umhin konnte, sie abzuküssen, und selbst Nero die Kätzchen zu lecken begann. Nachdem die Kleinen mit Menschen und Hund bekannter geworden, dauerte die Spielerei vom Morgen bis zum Abend, wenn Eleonore die Katzen nicht etwa einsperrte, damit die Menschen Ruhe vor ihnen hätten. Der Maler hatte sich vorgenommen, recht fleißig. zu sein, um das, was er in einem dreijährigen Bummelleben versäumt hatte, möglichst nachzuholen. Hackert's Atelier lag oben neben dem Balkonzimmer, nach Norden über der Loggia. Daneben war sein Schlafcabinet und ein Raum für Malergeräthschaften, Modelle und dergleichen, noch gefüllt mit Dingen, die Hackert eigenthümlich gehörten. Er stand zeitig am Morgen auf und brauchte einige Zeit, sich zu rasiren. Er hatte vor der Flucht aus Neapel seinen urwäldlichen Bart zum ersten mal abgeschoren bis auf einen kleinen Schnurrbart, um den Mr. Bott besser spielen zu können; jetzt sich um Kinn und Wange glatt zu erhalten, machte ihm täglich Mühe. War diese schwierige Operation abgethan, so wurde die lange Türkenpfeife angesteckt und eine halbe Stunde auf dem Balkon hin- und hergegangen. Man hätte hier Stunden und Tage zubringen können, so himmlisch war die Aussicht, und es kostete Hellung oft Mühe, sich loszureißen; aber wenn der letzte Zug des türkischen Krauts verraucht war, eilte er zur Staffelei. Wenn er an dieser anderthalb bis zwei Stunden gesessen, wurde es auf dem Balkon lebhaft, Nero wollte aus dem Atelier, die Hausgenossen bereiteten auf dem Balkon das Frühstück, Thee, Butterbrot, Eier und mitunter ein Stück Braten. Das zweite Frühstück fiel hinweg, man aß statt dessen gegen zwei Uhr zu Mittag, einfach, wie es die Verhältnisse mit sich brachten. Eine Bouillon oder Fleischsuppe war eine Seltenheit, da in Sorrento nur jeden Freitag ein Ochse geschlachtet zu werden schien, aber Filippo brachte täglich frischen lebenden Fisch aus dem Meere, er brachte Muscheln und Austern, fing Wachteln und Täubchen. Die goldigen Orangen pflückte man sich selbst, Doralice verstand es vortrefflich, Pinienkerne auszurösten, Datteln gab es in Menge. Das Mittagsessen wurde selbstverständlich in der Loggia eingenommen, dann erhielt der Besitzer eine Tasse afrikanisch zubereiteten Mokka und die Erlaubniß, seine türkische Pfeife zu holen oder durch Nero holen zu lassen, und die Gräfin, weil sie in Voß' »Luise« es als eine bewunderte Tugend der deutschen Hausfrau hatte preisen hören, ließ es sich nicht nehmen, den braunen goldberandeten Kopf mit dem feingeschnittenen duftigen Kraute zu füllen. Dieses Dolce far niente mit der Aussicht auf den Vesuv und die Marmorstädte, die sich meilenlang an seinem Fuße hinziehen, bis zu dem unübersehbaren Häusermeere von Neapel, ward oft ganz schweigend genossen, jeder dachte Verschiedenes. Olga's Gedanken beschäftigten sich mit Karl und der Frage, ob er glücklich durch die Meerenge von Gibraltar gekommen, ohne von französischen Kreuzern oder Korsaren belästigt zu sein. Der Maler versetzte sich in der Phantasie nach seinem bescheidenen Paradiese bei Jena und der bescheidenern Gärtnerwohnung, die sein Liebchen barg. Eleonore, die keine Vergangenheit hatte, an die sie mit Freude hätte zurückdenken können, genoß allein ganz und ungetrübt die schöne Wirklichkeit, die sie umgab. Während Hellung dann noch einmal zu seinem Atelier hinausging, um einige Stunden zu arbeiten, suchten die Frauen nebst Nero Schutz gegen die Decembersonne im Orangenwäldchen oder am Ufer des Baches, wo dieser aus seiner Schlucht heraus mehr in die Ebene trat und selbst den Charakter des Piano mehr annahm. Der Maler streifte auch wol, je nach seiner Laune, einen Tag in den Schluchten des Monte San-Angelo oder stieg ganz über das Gebirge hinüber zu Pasitano und dem Meerbusen von Salerno. Daß man gegen Abend eine Promenade am Meeresstrande machte, oder daß Filippo und der Maler die Damen selbst in das Meer hineinruderten und dann dem Fischfange Filippo's zusahen oder die Sterne betrachteten, ohne den Kopf zu heben, da sie im spiegelglatten Wasser so deutlich wahrzunehmen waren wie am Himmel, oder daß man die Dampfsäule des Vesuvs bewunderte, war selbstverständlich, der Trieb nach Abwechselung bedingte das. So war das letzte Jahr des Jahrhunderts gekommen; an schattigen Hängen blühten die Veilchen, die Rosen dufteten, wie bei uns im Juni, der Weinstock fing an Spine zu bekommen. Hellung hatte ausgefunden, daß die Partie vor dem Garten, der Waldbach mit seiner Schlucht und die Brücke darüber, dahinter rechts der antike Felsbrunnen, links die von Palmen und Platanen überschattete Crilli'sche Villa mit ihrem schönen Balkon, darüber hinaus im Hintergrunde der mächtige Monte San-Angelo sich vortrefflich zu einem Landschaftsbilde eignen und daher beschlossen, ein solches anzufertigen, es nach Deutschland erst zur Ausstellung in der dresdener Akademie, dann seiner Braut zum Andenken zu senden. Eleonore hatte Hellung beigestimmt, Olga aber behauptete, es würde ein vorzügliches Bild geben, wenn man sich oberhalb der Brücke am linken Bachufer aufstelle und die Villa zur Rechten, dagegen dann den Vesuv als Hintergrund habe. Nachdem man eines Morgens während des Frühstücks über den Fall gestritten, machten sich alle drei daran, das Landschaftsbild zu fixiren. Der Maler selbst nahm seinen Standpunkt auf einer Erhöhung im Garten der Hackert'schen Villa selbst, sodaß er den schiefen Bogen der Brücke und den Weg zu derselben als Vordergrund hatte; Eleonore hatte denselben Standpunkt gewählt, aber näher der Brücke, weil sie für ihre Silberstiftzeichnung des größern Details bedurfte. Die Gräfin hatte sich ein Bild, halb Wahrheit, halb Phantasie ausgedacht, sie wollte deshalb den Vesuv als Hintergrund, um einen Vesuvausbruch, wie ihn die Pastellblätter und Aquarellen, die in Neapel unzählig feilgeboten werden, zu haben pflegen, bei Mondscheinbeleuchtung anbringen zu können. Hellung saß im Schatten eines Orangenbaumes, die Engländerin hatte sich einen silbergrünen Oelbaum als Standpunkt ausgesucht, Olga einen großen Malerschirm aus Hackert's Malerkammer aufgespannt. Hund Nero wußte nicht, was diese Trennung der sonst Verbundenen bedeute, er ging von seinem Herrn zu Eleonore, von dieser zu Olga, von dieser wieder zu seinem Herrn, gleich als wolle er den Vermittler unter drei Erzürnten spielen. Im Garten der Villa Crilli spielte indeß der vierjährige Robert, oder Bob genannt, mit dem schwarzen Cäsar Verstecken und Kriegen, und seine Mutter mit der Frau Cäsar's, Dido, saß auf dem Balkon und schaute auf den Golf, und freuten sich der muntern Spiele des Knaben mit dem Schwarzen. Der Garten von der Villa Crilli fiel bis zu der Schlucht etwas abwärts, wie auch auf der andern Seite von Hackert's Villa bis zum Bache der Boden sich senkte. Der Garten war durch ein Fenz von Myrten und Buchsbaum gegen die Bachseite abgeschlossen, während nach der Straßenseite ein eisernes Geländer den Eintritt wehrte. Das Spiel des Knaben mit dem Neger hatte sich von selbst immer mehr der Fenz zugezogen. Als nun Cäsar sich wieder umdrehte, um nicht zu sehen, »wo Bob sich verstecken«, blieb diesem für sich eigentlich gar kein Platz zum Verstecken mehr übrig, als die Buchsbaum- und Myrtenhecke selbst, die undicht und wohl geeignet zum Verbergen waren. Als Bob aber in der Hecke war, oder halb hinter, halb in derselben, sah er zugleich ein neues Gebiet vor sich, das er in dieser Weise nicht kannte, er hörte den Bach durch den Brückenbogen rauschen oder cascadenartig fallen; er sah die Schlucht vor sich. Das Ufer derselben war oben mit Cactus und Aloë bewachsen, dann fiel es auf dieser Seite noch steiler herunter als auf der andern. Bob näherte sich dem Ufer, um auch das Wasser, das er rauschen hörte, zu sehen, und hatte nicht Ohr, wenn Cäsar auf englisch rief: »Bob, wo bist du? Wo ist mein Böbchen, ich finde ihn nicht, Bob, Bob.« Cäsar hatte schon immer so gerufen, auch wenn er recht wohl wußte, hinter welchem Busche oder Baume Bob zu finden war. Auch diesmal rief er zuerst mechanisch noch halb im Umdrehen begriffen, als er aber Bob nicht sah, ergriff ihn Schrecken, er ahnte, daß der Knabe die Fenz durchkrochen hatte, und er kannte die Gefahr. Er drang durch die Hecke, in demselben Augenblicke stürzte aber Bob den Rand der Schlucht hinab, und der unglückliche Cäsar sah sich außer Stande, irgendwie zu helfen. Die Schlucht war hier mindestens sechzehn Fuß tief bis zu dem schäumenden Wasserspiegel und etwa sechs bis acht Fuß breit. Man konnte von oben nicht einmal in die Tiefe hineinsehen, wenn man sich nicht überbeugte. Cäsar lief, »Jesus! Jesus!« schreiend, neben dem Ufer und der Hecke her, und es fehlte nicht viel, so wäre er selbst hinabgestürzt. Die zeichnenden Frauen hatten den Unfall deutlich bemerkt und schrien gleichzeitig laut auf, wodurch auch der Maler veranlaßt wurde, die Palette hinwegzuwerfen und zum Gartenthore dem Ufer des Baches zuzuspringen. Die Gräfin ermannte sich zuerst, sie rief dem Hunde zu: »Nero such!« und dieser stürzte das Ufer entlang, die Brücke und Eleonore vorbei an die Schlucht, dahin, wo er den Knaben hatte herunterfallen hören. Nero stürzte sich in die Schlucht, doch sprang er nicht gerade herunter, sondern etwa die Hälfte der Schlucht auf das jenseitige Ufer herab, wo ein hervorstehender Felsblock wenigstens einen augenblicklichen Halt gab, von hier erst ließ er sich, mit allen Füßen an die Epheu- und Schlinggewächse der Felswand sich anklammernd, in den Strom selbst fallen. Dieser war nur etwa zwei Fuß tief und machte viel mehr Lärm und Geräusch, als er Wasser hatte. Die Tiefe reichte aber hin, einem Knaben wie Bob den Tod zu geben, denn die Macht des abtreibenden Wassers bewies sich zu groß. Bob war auch schon einige Fuß den Bach hinuntergetrieben, als ihn Nero im Nacken bei den Kleidern faßte und mit dem Kopf über dem Wasser emporhielt, sich selbst mit seiner Beute von dem Wasser nach unten forttreiben lassend. Hellung, als er eine Ahnung von dem erhalten, was vorgegangen war, eilte dem untern Theile der Schlucht zu, wo diese gleichsam ausmündete und der Orangenwald begann, und trat in den Bach, Nero entgegengehend und ihn durch Pfiff und Zuruf ermunternd. Er hatte den Hund erreicht und ihm seine Beute abgenommen, als auch Cäsar schon in die hier nur noch wenig Fuß hohe Schlucht sprang und seinen Bob in Empfang nehmen wollte. Dieser, noch immer ohne Besinnung, aber nicht leblos, war an Händen und Armen wie im Gesicht geschunden, da er sich bei dem Falle an dem scharfen Gestein zu halten gesucht hatte. Dadurch kam er aber nicht mit dem Kopfe zuerst ins Wasser, sondern mit den Beinen auf den steinigen Boden zu stehen. Nur durch einige über ihn hinwegsprudelnde Sturzwellen hatte der Knabe mehr Wasser geschluckt, als ihm zuträglich. Als die Mutter und die heulende Dido hinzukamen, hatte Bob schon wieder die Augen aufgeschlagen und lächelte seine Mutter an, und am andern Tage war er der alte muntere Bob, nur mit einigen Schrammen, blauen und rothen Flecken. Durch dieses Ereigniß bildeten sich in kurzer Zeit vertrauliche Beziehungen der beiden Villenbewohner, welche für unsere Freunde von größter Bedeutung wurden. Die Nordamerikanerin, Frau Decatur, war nämlich Gattin des Kapitäns eines amerikanischen Kauffahrteischiffes, die ihren Gemahl auf einer Reise nach Livorno und der Levante hatte begleiten wollen, getrieben von einer unwiderstehlichen Sehnsucht, Italien zu sehen. Es war damals die Zeit, wo die junge nordamerikanische Republik anfing eine Marine zu begründen, um ihrem Handel Schutz gegen afrikanische und europäische Piraten zu gewähren. Unter den gebildeten Ständen wurde der Drang zum Seedienste beinahe Manie. Die ganze Familie des Kapitäns war auf der See thätig, sein ältester Bruder Lieutenant in der Marine, zwei andere Seecadetten, seine Frau die Schwester eines Kapitäns. Trotz der damit verbundenen Gefahr (Nordamerika befand sich im Kriege mit Frankreich), gehörte eine Seereise wenigstens zum guten Tone, und auch die Frauen drängten dazu. So hatte Decatur, da sein Handelsschiff zugleich neun Kanonen führte und mit einem Kaperbriefe versehen war, sich bewogen gesehen, seinen vierjährigen Sohn und sein muthiges Weib mit auf Reisen zu nehmen. Ohne jedes Hinderniß kam er nach Livorno, das damals mehr den Charakter einer englischen als einer toscanischen Stadt trug. Das Handelshaus, mit dem Decatur in Verbindung stand, hatte schon vorher zu einer Reise nach Rom französische Pässe erwirkt, sodaß der Amerikaner und seine Frau nicht nur Florenz mit seinen Kunstschätzen, sondern auch die Ewige Roma besehen konnten. Da man aber nur vierzehn Tage Zeit hatte, so hetzte man sich auf der Reise ab. Arabella, die Frau Decatur's, hatte sich erkältet und wurde in Rom sehr elend an einem Fieber, das dort epidemisch herrschte. Der Arzt empfahl Seeluft und rieth zu einem Aufenthalt in Sorrent, wo er die Villa Crilli's, seines Freundes, der ihm selbst solche zur Verfügung gestellt hatte, empfahl, oder vielmehr der kranken Frau seine Rechte daran abtrat. Der Kapitän hatte sein Schiff an die toscanisch-römische Grenze beschieden, man eilte, das Meer zu erreichen, und schiffte sich in Porto de Stefano ein. Decatur brachte seine Frau nach Sorrent in die Villa Crilli, da deren Besitzer in Neapel viel zu eifrig mit Politik beschäftigt war, als daß er an eine Villeggiatur hätte denken können. Das Jonische wie das Adriatische Meer, geschützt von der vereinigten türkisch-adriatischen Flotte, war damals, nach der Schlacht von Abukir, frei von französischen Piraten. Decatur hatte in Triest und den Jonischen Inseln Ladungen abzugeben, er fuhr dahin ab und wollte nach zweimonatlicher Abwesenheit zurückkehren. Seine Frau und seinen Sohn ließ er unter dem Schule zweier Haussklaven, die er zur Bedienung mitgenommen, treuer, anhänglicher Seelen, die schon vor der Geburt seiner Frau in deren Familie gewesen waren. Arabella erwartete Ende Januar bis Mitte Februar die Rückkehr ihres Gemahls. Sie sehnte sich nach Hause, sie fühlte sich zu einsam hier. Der Zufall, welcher sie die Bekanntschaft in Hackert's Villa machen ließ, verscheuchte diese Sehnsucht und gab ihr die geistige Freudigkeit zurück, deren sie bis dahin entbehrt hatte. Denn da sie nur englisch sprach, die Dienerschaft in Crilli's Villa nur italienisch, so hatte sie über zwei Monate nur mit ihrem Bob und mit den beiden Schwarzen sprechen können. Den Bewohnern der Hackert'schen Villa war es gleichfalls lieb, diese Bekanntschaft gemacht zu haben, da dieselbe Aussicht auf sichere Schiffsgelegenheit und angenehme Reisegesellschaft bot. Das amerikanische Schiff blieb aber länger aus, als man erwartet hatte. Hellung rüstete indeß alles zu seiner Abreise, er brachte das fertige Bild von der Villa Crilli, das seiner Braut bestimmt war, nach Neapel, und da seine Freunde, die Pythagoräer und andere Geheimbündler, damals die Herrschaft in der Parthenopeischen Republik innehatten, war es ihm leicht, sich neben seinem englischen auch noch einen französischen Paß zu verschaffen auf den Namen Bontemps, Citoyen de Paris; es war das eine Vorsicht französischer Piraten wegen. Als so alles vorbereitet war, steigerte sich die Ungeduld nach Ankunft des Amerikaners auf beiden Villen von Tag zu Tag, denn es fing an auch in diesen friedlichen Thälern unruhig zu werden. Cardinal Ruffo, Generalvicar des Reichs, brachte die Calabresen zum Aufstande; das Kreuz in der einen Hand, das Schwert in der andern, kündigte er einen neuen Kreuzzug an gegen die Ungläubigen, die Franzosen und ihre Anhänger, und bildete ein sogenanntes Christenheer aus Banditen und abergläubischen Landleuten, mit denen er in die Ebene zog und Neapel zu belagern drohte. Alles räuberische Volk, an dem es im Reiche Neapel, dank der Fürsorge der Mönche und Pfaffen aller Art sowie der bourbonisch-spanischen Dynasten, niemals gefehlt hat, ließ sich eine so gute Gelegenheit, das Räuberhandwerk unter dem Titel der Legitimität, des Patriotismus und der Religion zu betreiben, nicht entgehen. Die Oper »Fra Diavolo«, die jedermann kennt, spielt in jenen Zeiten. Auch in dem Piano von Sorrent ließen sich Räuberbanden, wenn auch nur nächtlich, sehen und beunruhigten namentlich alle von Engländern, Franzosen, Deutschen bewohnten Villen, sodaß man schon auf der Villa Hackert sowol als der Villa Crilli bewaffnete junge Leute von den Marinari, die durch Filippo geworben waren, wachen ließ. Von beiden Villen beobachtete man den Meerbusen, ob sich nicht ein Schiff, das dem Decatur's ähnlich sähe, auf der See zeige. So ging der prächtige Frühlingsmonat Februar und Anfang März in Angst und Sorgen vorüber, in Sorgen namentlich für Olga, die täglich mehr ein zweites Leben in sich erwachen fühlte. Endlich, beinahe Ende März, sah man ein Schiff in den Golf von Sorrent steuern, das Arabella sofort für das ihres Gemahls erkannte und zu dessen Begrüßung sie auf der Villa Crilli das amerikanische Sternenbanner an der hoch am Dache befestigten Stange wehen ließ. Es war das eine Verabredung. Man hatte sehr bald auf dem Amerikaner die Flagge, nach welcher der Kapitän ausgelugt hatte, bemerkt, und es erfolgten Salutschüsse vom Schiffe aus. Nun wurde alles in Bewegung gesetzt, um Gepäck und Menschen hinab nach der Stadt und dem Meeresstrande zu schaffen. Filippo und seine Kameraden, die treuen Wächter, reich belohnt, und Ochsen- und Eseltreiber thaten das Ihrige. Als man am Strande ankam, wurde die Situation noch erfreulicher. Eine englische Fregatte kreuzte vor dem Golfe, man war also vor französischen Ueberfällen sicher. Der Abschied von dem Paradiese, das man verließ, war nicht so schmerzlich, als er zu jeder andern Zeit gewesen sein würde, denn die Angst der letzten Tage war groß gewesen, da eine nur eine Stunde nach Meta zu belegene Villa, von der kranken Familie eines französischen Offiziers bewohnt, ausgeraubt und sämmtliche Franzosen, meist Frauen und Kinder, getödtet waren. Decatur nahm selbstverständlich Mr. Bott nebst der hochschwangern Gattin und Gesellschafterin, die ihrem Sohne das Leben gerettet, zuvorkommend auf. Nachdem er alles, was geschehen, in allen Einzelheiten erfahren, war es indeß Nero, welcher auf dem Schiffe das meiste Ansehen nach dem Kapitän selbst genoß. Gehätschelt von Bob, geliebkost von Arabella, beinahe vergöttert von den beiden Schwarzen, die aus der Schiffsküche stahlen, was sie konnten, es dem Lieblinge zu bringen, geliebt auch von allen Matrosen, die ihrem Kapitän und dem vierjährigen jungen Republikaner zugethan waren, hatte Nero ein Hundeleben, glücklicher wahrscheinlich, als es sein kaiserlicher Namensvetter einst in Rom, Capua, namentlich in Bajä und Capri geführt hatte. Der Commandant der englischen Fregatte war ein Freund des Kapitäns Decatur, der ihm früher in Amerika das Leben gerettet; er hatte versprochen, das amerikanische Schiff sicher in den Hafen von Palermo zu bringen, ja wenn Nelson es gestatte, bis Minorca oder Gibraltar zu geleiten. Die wenigen Tage, deren man bei gutem Winde und günstigem Wetter nach Palermo bedurfte, waren für alle auf dem Schiffe Befindlichen höchst selige. Man nahm in Palermo frisches Wasser und verschiedene Südfrüchte ein. Arabella schrieb ein Danksagungsschreiben an den Arzt in Rom, die Wiedervereinigung hatte mehr gewirkt als Seeluft und schönes Klima. Olga war sehr traurig, daß sie niemand auf der Welt hatte, an den sie schreiben konnte, für Mutter und Schwester war sie todt, wo der Geliebte weilte, wußte sie nicht, sie war voll banger Ahnungen und unbestimmter Befürchtungen vor einem bevorstehenden Unglücke, und weinte an Eleonorens Busen heiße Thränen. Nelson konnte die Fregatte nicht entbehren, er hatte seine ganze Aufmerksamkeit um diese Zeit nicht dem Feinde gewidmet, sondern er beobachtete mit der Eifersucht eines Engländers das Thun eines Freundes und Bundesgenossen, der Russen nämlich. »Diese Leute«, schrieb er dem Ministerium, »scheinen mir mehr damit beschäftigt, Häfen am Mittelmeere zu gewinnen, als Bonaparte's Armee zu vernichten. Wenn sie sich jemals in Korfu festsetzen, hat die Pforte dort einen argen Dorn im Fuße. Merkt denn der gute Türke diese Gefahr nicht einmal?« Nelson war von England aus aufgegeben, die Belagerung von Malta so lebhaft wie möglich zu betreiben, denn Paul I. von Rußland hatte als Nachfolger des letzten Großmeisters der Johanniter, Barons von Hompesch, den Titel eines Großmeisters angenommen, und machte neuerdings an diese Insel Ansprüche, welche England indeß nicht anerkannte. Denn als Kaiser Karl V. die Verwaltung der Inseln Goppo und Malta an den Johanniterorden abtrat, geschah dies unter der Bedingung, daß die Inseln in demselben Augenblicke, wo der Orden aus irgendeinem Grunde aufgehoben werde, an die Krone und den König von Sicilien, als ihren frühern Lehnsherrn, zurückfallen sollten. So erklärte denn Nelson König Ferdinand IV. für den rechtmäßigen Herrscher und befahl, die neapolitanische Fahne da aufzupflanzen, wo die Engländer die Franzosen vertrieben. König Ferdinand war davon sehr wenig erbaut, was nützte ihm, dessen Flotte erst durch die Engländer verbrannt war, die Festung auf dem kahlen Felsen? Sie legte ihm nur die Last auf, dieselbe, wenn sie den Franzosen abgenommen, zu besetzen. Der russische Gesandte kannte die Abneigung gegen das aufgedrungene Geschenk; er veranlaßte den Kaiser, Lady Emma zum Ritter des Malteserordens zu ernennen, um so durch sie auf Nelson einzuwirken. Allein Nelson blieb diesmal gegen die Bitten und Schmeicheleien der Geliebten standhaft. »Ich hasse die Russen«, sagte er seiner Emma, »ihre Plane sind weitgreifend, Malta ist der Schlüssel zum Schwarzen Meere und ihren Zukunftsidealen, zur Eroberung Konstantinopels behufs ihres Vordringens nach Indien. Will König Ferdinand Malta nicht, so mag er es an England abtreten, eine russische Fahne wird dort mit meinem Willen nie aufgepflanzt.« Und als Emma schon zu schmollen anfing, zog er einen kostbaren Diamantring, ein Geschenk der Königin, vom Finger, steckte ihn an den Finger der Kleopatra und sagte: »Sei klug, Kind, es muß so sein, der König hat deinem Gemahl schon versprochen, ohne die Einwilligung Englands die Inseln an niemand abzutreten. Die Wiedereroberung Neapels wird ein würdiger Kaufpreis sein, und für dich, mein Kind, fällt dann der Schmuck, der zu diesem Ringe gehört und jetzt noch im Besitze der Königin ist, ab. Verbirg den Ring bis dahin.« Lady Emma Hamilton war solchen mit Thaten begleiteten Worten zugänglich. So wurden die Geschicke Hannovers in weiter Ferne von politischen Gedanken und politischen Weltcombinationen im Kopfe eines Engländers und seiner Maitresse bestimmt, denn wir haben gesehen, daß die Besetzung Hannovers Folge der Nichterfüllung des Friedens von Amiens, der Nichtherausgabe Maltas war. Decatur fuhr in Begleitung der englischen Fregatte nur bis Marsala, wo jene östlich, er selbst westlich weiter segelte. Der Wind war ungünstiger geworden, man mußte laviren und der Nordküste von Afrika sich näher halten, als es dem Kapitän lieb war. Indeß hatte man die Höhe von Sardinien passirt und war der Höhe von Minorca nahe, als man ein verdächtiges Segel bemerkte. Das Schiff, dem Anscheine nach eine große Schebecke, näherte sich mit einer kleinen Brise von Nordwesten, welche dem Amerikaner gerade entgegenstand. Eine Umkehr war nicht möglich, Marsala war der nächste Hafen, wo man Sicherheit finden konnte, denn alle englischen Schiffe lagen entweder in Palermo, oder in Syrakus, oder waren bei der Belagerung Maltas beschäftigt. Als das Segel näher kam, glaubte Decatur, der es durch gute Gläser beobachtete, dasselbe als ein afrikanisches Kauffahrteischiff betrachten zu müssen, es zeigten sich nirgends Kanonenluken, nur auf dem Verdeck bemerkte man zwei sehr lange Kanonen. Diese pflegte aber mindestens jedes Handelsschiff damals zu führen. Man hatte selbst neun Carronaden, einundzwanzig Mann Matrosen, den Steuermann, Kapitän und Mr. Bott, wie er in die Schiffslisten eingetragen war. Decatur ließ indeß alle nöthigen Vorsichtsmaßregeln treffen, er schickte die Damen, den Sohn, die beiden Schwarzen nebst dem Hunde Nero in seine eigene Kajüte, ließ Waffen vertheilen, die Carronaden laden, und machte auf dem Verdeck alles zum Kampfe bereit. Die ohnehin schlaff herabhängenden Segel wurden eingerefft bis auf den großen Mars, und in ängstlicher Spannung harrte man der Annäherung des fremden Segels. Decatur hatte das Sternenbanner aufgezogen, das von Westen kommende Schiff zeigte keine Flagge, man sah darauf keine Bewegung und hielt es für ein Handelsschiff. Als man auf Kanonenschußweite sich genähert hatte, öffnete das feindliche Schiff aus seiner Breitseite plötzlich neun Kanonenluken, der Halbmond wurde aufgezogen, und das Verdeck des Schiffes begann plötzlich von Schwarzen und von Turbanen zu wimmeln. Der Amerikaner war von einer an Geschütz und Menschen überlegenen Macht angegriffen. Die beiden langen Kanonen auf dem Verdeck des Korsaren begannen das Feuer. Decatur ließ den Briggschoner des Ungläubigen, als welcher er sich jetzt in der Nähe herausstellte, noch etwas näher kommen, bis er das Verdeck mit seinen Kanonen bestrich und arge Verwüstung unter den Schwarzen anrichtete. Allein die Türken ließen sich nicht irremachen, sie drangen auf den Amerikaner ein, bald fielen die Enterhaken in das Schiff, und der Anführer der Korsaren sprang, ein Pistol in der einen Hand, ein Enterbeil in der andern, auf den Amerikaner. Decatur stellte sich ihm gegenüber, erhielt aber, als er im Begriffe stand, dem Korsaren das Haupt zu spalten, einen Schuß in die Brust, der ihn kampfunfähig machte. Der Maler schoß den zweiten Türken, der in das Schiff sprang, nieder und griff zur Pike, um den nächstüberspringenden zu spießen. Allein schon wimmelte es auf dem Amerikaner von Schwarzen. Im Einzelkampfe wurden die Amerikaner bald besiegt, auch Hellung erhielt eine scharfe Hiebwunde in die linke Schulter von einem sarazenischen Degen. Während oben auf dem Verdeck so der Kampf wüthete, hatte sich einer der Korsaren zu der Kajüte des Kapitäns geschlichen, um dort zu rauben. Hier hatte sich indeß eine andere Scene begeben. Olga war von einer Frühgeburt überrascht, allein sie hatte leicht und schnell ein lebendiges Mädchen geboren. Die Gattin des Kapitäns und die Engländerin waren um die Gebärende beschäftigt, Cäsar hatte sich, Bob auf dem Schose haltend, in einen Winkel verkrochen; seine Frau lief geschäftig ab und zu, um dieses und jenes zu holen, so war die Thür zu der Kajüte offen geblieben; aber vor ihr lag Nero, der, als ob er verstände, was über ihm vorginge, mit funkelnden Augen die Thür bewachte. Als nun der diebische Mohr eintrat, sprang er ihm mit solcher Wuth nach dem Halse, daß dieser sofort zu Boden sank und seinen Säbel fallen ließ. Kaum sah dies Cäsar, als sein Muth erwachte; er setzte Bob zu Boden, sprang auf den Sarazenen zu und gab ihm mit dem eigenen Dolche den Tod. Da trat der Anführer der Türken in die Kajüte, der Anblick der in Ohnmacht gesunkenen Olga, des nackten, eben geborenen Kindes, der Leiche, auf der Nero als seiner Beute ruhte, erschütterte sein rauhes Herz. Er befahl, das Frauen- und Dienstpersonal in des Kapitäns Kajüte nebst dem Hunde ungestört zu lassen und nur die Leiche des Mohren zu entfernen. Das war leichter gesagt als gethan; denn Nero wollte nicht von seiner Beute lassen, nicht dulden, daß die Leiche des Türken unter seinen eingeklammerten Krallen hinweggezogen würde. Sein Herr, dem er unbedingt gehorchte, war gefangen und auf das Korsarenschiff gebracht, Olga, der er gleichfalls gehorchte, lag im bewußtlosen Zustande, endlich war es Bob, der ihn zu sich lockte. Der kluge Hund schien zu begreifen, daß es seine Pflicht sei, den Knaben, dem er das Leben gerettet, auch zu schützen. Elftes Kapitel. Untergang des Kurfürstenthums Hannover. Berlepsch hatte auf dem Rastadter Congreß vergeblich seine Sache gegen den Kurfürsten von Hannover zu verfechten gesucht. Es war dort statt zum Frieden, zu neuen Streitigkeiten zwischen Oesterreich und Frankreich gekommen, welche durch die von österreichischen Husaren geschehene Ermordung der französischen Gesandten nur noch erweitert wurden. Ehe aber das besiegte Oesterreich den Frieden von Luneville geschlossen hatte, mußte Hannover zum ersten mal die mit seiner geographischen Lage verbundenen Unzuträglichkeiten tragen. Obgleich Georg III., als Kurfürst von Hannover, an dem Friedensschlusse von Basel nicht theilgenommen, wurde doch eine Form gefunden, dem Frieden »zu acquiesciren«, und nun stand Hannover von der Zeit an unter Preußens Schutz. Ein geheimer Vertrag des Baseler Friedens, der England gewiß nicht unbekannt war, verpflichtete aber Preußen, Hannover zu besetzen, wenn dieses die Sperrung der Elbe und Weser nicht ins Werk setze. Konnte aber der Kurfürst von Hannover sich als König von England die Mündungen seiner Flüsse verschließen? Rechtlich war Georg III. daran nicht gehindert, denn die Engländer hatten, als die hannoverischen Stuarts-Welfen den englischen Thron bestiegen, ausdrücklich jegliche Gemeinschaft mit Hannover abgelehnt; allein englisches Handelsinteresse überwog zu gegentheiligen Handlungen. Nun war der junge König Friedrich Wilhelm III. von Preußen mit Kaiser Paul von Rußland jenes Bündniß eingegangen, um das wahre Wort: »Frei Schiff, frei Gut«, wieder zur Geltung zu bringen. Er besetzte im April 1801 Hannover, nachdem er am 30. März 1801 erklärt hatte: »daß er das Kurfürstenthum in Besitz nehme, um die Mündungen der Elbe, Weser, Ems zu schließen, weil England sich Bedrückung des neutralen Handels und der Schiffahrt erlaube.« Inzwischen hatte man von der russischen Charte, dem Meuchelmorde gegen den Tyrannen Paul, Anwendung gemacht. Alexander I. hatte den russischen Thron bestiegen, der nordische Bund fiel, England selbst zeigte sich zum Frieden geneigt, und noch ehe das neue Jahr eintrat, und der Frieden von Amiens folgte, hatte Preußen seine 24000 Mann aus Hannover gezogen, und Hannover war wieder seiner Adelsherrschaft überlassen. Es hatte diese Besetzung Hannover täglich 6000 Thaler gekostet, die eigentlich England dem Lande hätte ersetzen müssen; allein man war nur erbittert gegen Preußen, Publicus kannte die geheimen Artikel des Baseler Friedens noch nicht und wußte nicht, daß Preußen von dem Ersten Consul gezwungen war, Hannover zu besetzen. Warum eigentlich England die Bedingungen des Friedens von Amiens nicht erfüllte, das war eine Frage der orientalischen Politik, auf die wir in unserer Erzählung zurückkommen. Schon im Herbst waren die Beziehungen zwischen Frankreich und England erkaltet, und Bonaparte hatte dem französischen Gesandten Otto in London durch Talleyrand schreiben lassen: »Im Augenblick einer Kriegserklärung würde England blokirt, die Küsten von Hannover, Holland, Portugal, Italien bis Tarent von französischen Truppen besetzt sein.« Es war in Hannover, es war in England nicht unbekannt, daß schon das Directorium Georg III. in Hannover zu schädigen beabsichtigt hatte. Die Stimmung hatte sich zwischen England und Frankreich im Frühjahr 1803 immer mehr erbittert. Duroc, im März nach Berlin entsendet, hatte dort kein Hehl daraus gehabt, daß im Fall eines Krieges Hannover besetzt werden müsse. So ungern Preußen eine solche Besetzung Hannovers seiner eigenen zerstückelten Besitzungen wegen sah, so wenig dachte man in Hannover und London daran, preußische Hülfe in Anspruch zu nehmen. In Hannover, der Quasiresidenz, sagte man an allen öffentlichen Orten: »Lieber Franzosen als Preußen«, und Georg III. hatte Graf Münster, der wegen Austausch Hildesheims von den Preußen nach Petersburg geschickt war, ausdrücklich Auftrag geben lassen, dem Mistrauen, das man in der deutschen Kanzlei in London gegen Preußen hegte, Ausdruck zu verleihen und zu verhindern, daß Preußen unter dem Vorwande, die Occupation durch die Franzosen zu hindern, das Land abermals besetze. Während man so im Anfang April in der Stadt Hannover Grund und Ursache hatte, sich um ernste Dinge zu kümmern, beschäftigte man sich wochenlang mit Lappalien. Am 4. April war die »Jungfrau von Orleans« im Opernhause zu Hannover zum ersten mal gegeben. Acht Tage sprach man am Hofe, in den Salons des zweiten und dritten Ranges, bei den Paraden, in den Gerichtsstuben, in Wein- und Kaffee-Schenken von nichts als »von dem trefflichen Stücke, der gediegenen Aufführung« – werden die Leser denken, nein, von einem unerhörten Verbrechen, welches bei der Darstellung geschehen war, einem Verbrechen, das zwar nicht durch die Peinliche Halsgerichtsordnung des Kaisers Karl V., dem in Hannover geltenden Strafgesetzbuche, verpönt war, das aber so sehr gegen alles, was in Hannover Sitte und Anstand heischte, verstieß, daß man kaum die richtige Bezeichnung dafür fand. Man denke auch, die Frau des frühern Judenschulmeisters, jetzt durch Rudloff's Gnaden Commissionsraths Crelinger hatte die Frechheit gehabt, in den ersten Logenrang zu gehen und sich in der Loge niederzulassen, wo die Gräfin von Wildhausen Excellenz und Comteß Heloise saßen. Frau Crelinger war in der Loge erschienen, nachdem der Vorhang schon aufgezogen war. Sie hatte nicht ohne Grund gerade diese Loge gewählt. Dieser Grund nöthigt uns zu einem kurzen Rückblicke auf Neapel. Es waren jetzt drei Jahre vergangen, da hatte die Gräfin durch die englische Gesandtschaft in London einen Brief ihres Schwiegersohns bekommen, der ihr die Trauerkunde meldete, seine Gemahlin sei auf einer Spazierfahrt nach Capri, die sie in Begleitung Eleonorens und eines deutschen Malers, Hellung, unternommen, verunglückt; die Felucke, Schiffer und Insassen derselben seien niemals wiedergesehen. Der Graf hatte sich über den Verlust Olga's leicht zu trösten gewußt, suchte ihn doch Lady Emma, soweit die Eifersucht Nelson's dies gestattete, und selbst deren königliche Betschwester zu trösten. Er spielte bei allen Festen, die man zu Ehren der Wiedereroberung Neapels in Palermo feierte, als Mann etwa dieselbe Rolle, die Lady Emma als Frau dabei spielte, nur daß sie außerdem in der Regel die Kosten der Erfindung trug. Wenigstens hatte das eine Arrangement, welches bei der großen Maskerade am 3. September 1799 in den königlichen Gärten zu Palermo Schlottheim angeordnet, der Tempel des Ruhmes mit den Wachsstatuetten Nelson's, Hamilton's und Emma's, den Beifall der letztern nicht. Sie, die in der Lebensgröße als Venus in carrarischem Marmor in den Gemächern des Königs stand, hier im Tempel des Ruhmes in Wachs mit sammtenen und seidenen Flittern? Welche Geschmacklosigkeit! Nelson, statt auf dem Meere seine Schuldigkeit zu thun, lag in den Myrtenhainen Palermos als zweiter Rinaldo in Armida's Armen. Was kümmerte Nelson die Hungersnoth und der Mangel an allem, mit dem Troubridge um Neujahr des neuen Jahrhunderts in Malta kämpfte? Während in Neapel und Malta Tausende an Hunger starben, feierte man in Palermo die Meerfahrt der Cleopatra. Auf einem zwölfruderigen Boote fuhr Nelson mit seiner Kleopatra-Emma in das Meer, und Tausende von Booten folgten. Man besuchte zuerst den von Tomas Louis commandirten Minotaurus und nahm hier ein Frühstück ein; dann fuhr man zu dem größten Kriegsschiffe, das Se. Majestät der König Georg III. im Mittelländischen Meere hatte, dem Foudroyant. Dort waren alle Kanonen beiseitegeräumt, um Platz für Tische, die unter den Massen von Früchten, Chocolade, Austern, Eis und Wein zu brechen drohten, zu gewinnen. Nachts wurden Orgien gefeiert, an denen auch die Königin Karoline zuweilen theilnahm, dann hohe Hazardspiele gespielt, bei denen Schlottheim Bank auflegte und seinen Beutel füllte. In England glaubte man dem Dinge ein Ende machen zu müssen. Hamilton wurde zurückgerufen, der Attaché Schlottheim erhielt seine Entlassung. Als Hamilton's Nachfolger, Paget, in Sicilien angekommen war, fuhr die bisherige englische Gesandtschaft nach Livorno. Die Königin wollte die ihr lieb gewordene Gesellschaft nicht so bald verlassen, sie entschloß sich zu einem Besuche in Wien. Sie, Nelson, Lord Hamilton, Emma, die kürzlich von Paul von Rußland zum Ritter des Malteserordens geschlagen war, und der Witwer Graf Otto von Schlottheim, reisten über Florenz nach Ancona und schifften sich dann auf einer russischen Fregatte nach Triest ein. Wie man auf dieser Reise lebte, kann man etwa schließen aus dem, was wir von der Fortsetzung dieser Reise, ohne die Königin und Schlottheim, die in Wien zurückblieben, aus dem Tagebuche der Mutter des Dechanten von Westminster kennen. Die Königin Karoline hatte Schlottheim eine Stelle am Hofe zu Wien versprochen, konnte aber ihr Versprechen nicht halten, weil Schlottheim Protestant war und nicht convertiren wollte. Derselbe machte in Wien aber die Bekanntschaft der Baronesse Flora von F., der um einige Jahre älter gewordenen Freundin Huger's und Bollmann's, und der Finanzbaron hielt den norddeutschen Grafen für eine so werthvolle Acquisition für seine älteste Tochter, die trotz aller Liebebedürftigkeit noch keinen Mann gefunden, daß er über den zweiten Sohn hinwegsah und seine Einwilligung zur Verheirathung gab. Diese hatte nun letzterer seiner Schwiegermutter in Hannover vor kurzem angezeigt und sie zugleich benachrichtigt, daß er wegen des Restes des ihm nach den Ehepacten zukommenden Brautschatzes der Verstorbenen einen Wechsel von 5000 Thalern Gold, nach Sicht zahlbar, auf die Gräfin gezogen habe. Der Wechsel war der Gräfin am Tage vor der obenerwähnten Aufführung vom Herrn Commissionsrath Crelinger präsentirt. Die Gräfin hatte zwar acceptirt, sich jedoch zur Zahlung Frist auf einen Monat ausbedungen, bis wohin die Ostergefälle und Meierabgaben eingegangen sein würden. Herr Crelinger hatte diese Frist mit dem verbindlichsten Danke gewährt, indeß nicht umhin gekonnt, in seinem Hause bei Tisch davon zu erzählen. Daraus hatte die Madame Crelinger den Plan gebaut, einen Anfang zu machen, der Welt zu zeigen, daß sie Geld hätte. Sie calculirte: die Gräfin ist meinem Manne Verbindlichkeiten schuldig, sie wird ein Auge zudrücken, wenn ich mich auf die zweite Bank ihrer Loge setze, da werde ich aber vom Parket und den gegenüberliegenden Logen aus besser gesehen als ganz vorn, denn der Schein des Kronleuchters fällt mehr dahin. Als Frau Crelinger mit Geräusch in die Loge trat, während unten auf der Bühne Johanna mit Pathos declamirte: »Lebt wohl, ihr Berge, ihr geliebten Triften«, sah die Gräfin die ihr unbekannte Jüdin mit einer Miene an, die andeutete, sie habe sich wol geirrt in den Rängen. Allein als Frau Commissionsrath sich ungenirt des kostbaren Zobelmuffs entledigte, einen großen Operngucker aus demselben herauszog und es sich bequem machte, da erhob sich um Melusinens noch immer schöne Nase ein Muskelspiel, das von allen Gläsern aus den übrigen Logen, Parterre und Parket, die auf sie gerichtet waren, beobachtet wurde, und dessen Bedeutung nicht zu verkennen war. Kaum war der Vorhang nach dem Prolog gefallen, als die Gräfin sich geräuschvoll erhob und mit Heloise die Loge verließ, um auf der andern Seite des Theaters bei einer Freundin Platz zu nehmen. Als sie dort erschien, wurde sie von den adelichen Offizieren im Parket applaudirt. Der hannoverische Adel sah dazumal noch den ersten Logenrang als ein ihm ausschließlich zustehendes hochheiliges Depot an. Ein gleichzeitiger Schriftsteller sagt: »Im alten Rom konnte es keine größere Consternation erregen, wenn etwa die Keuschheit einer Vestalin profanirt worden war, als in Hannover, wenn ein Bürgerlicher sich im Schauspielhause au premier ordre hatte erblicken lassen.« Als die Gräfin zu Hause angekommen war, schrieb sie sofort an ihren Rentmeister. Sie hatte von der Freundin im Theater noch erfahren, daß »die freche Person« Frau Crelinger sei, und sie befahl nun dem Rentmeister, à tout 5000 Thaler Gold mit der nächsten Post zu senden. Sie wollte den Wechsel nicht einen Tag länger in den Händen des Commissionsraths wissen. Hannover hatte acht Tage etwas zu klatschen und im Geheimrathscollegium sogar mußte der Geheime Cabinetsrath Rudloff, der Generalsecretär des gesammten Ministeriums, wie wir heute sagen würden, von einer Excellenz ungewohnten Tadel hören, daß er den Mann einer solchen Frau zu dem Titel Commissionsrath empfohlen habe. Rudloff fragte die Excellenz, ob er das Monitum zu Protokoll schreiben solle? und fuhr dann fort: »Dennoch werden wir nicht umhin können, dem Manne gerade jetzt den Titel Finanzrath zu geben. Nach der königlichen Botschaft an beide Häuser des Parlaments vom 8. März, welche die Nation unter Hinweisung auf Rüstungen in den französischen Häfen zu umfassender Beihülfe kräftiger Gegenmaßregeln auffordert, und der einstimmigen Zustimmung des Unter- wie des Oberhauses ist der Krieg, wenn auch nicht unvermeidlich, doch mehr als wahrscheinlich, und da Wallmoden auf Zusammenziehung der Truppen und Einberufung der Beurlaubten drängt, so müssen wir Lieferungscontracte abschließen. Nach Rücksprache mit Heise ist Crelinger der einzige Mann, mit dem wir abschließen können, er verlangt aber eben Genugthuung für den vom Parket seiner Frau angethanen Schimpf.« Excellenz Graf Kielmannsegge räusperte sich; sein Sohn, der Kapitän, hatte sich zu Hause gerühmt, er sei es gewesen, der die That der Gräfin Melusine, ebenso groß als die der Jungfrau von Orleans, zu applaudiren angefangen. Excellenz hielt sich deshalb verpflichtet, etwas ungewohnte Opposition gegen die Vorschläge des Leiters aller Dinge zu machen, und glaubte diese sogar mit einer Spitze versehen zu können. »Herr Abt«, begann er. Rudloff fühlte die Spitze und wurde roth. Um dem beständig in finanziellen Schwierigkeiten befindlichen Geheimen Cabinetsrathe eine Subvention zukommen zu lassen, hatte man ihn nicht nur zum Archivarius, sondern auch zum Abt von Bursfelde, einem säcularisirten Stifte in der Nähe von Münden an der Weser, gemacht. Die Anrede sollte daher den Mächtigen daran erinnern, daß der Kammerpräsident noch mächtiger sei. »Excellenz befehlen«, fuhr Rudloff auf, legte die Feder, mit der er das Protokoll über die Geheimrathssitzungen führte, beiseite und sah den Grafen groß an. »Herr Geheimer Cabinetsrath«, lenkte dieser ein, »wissen doch, daß der englische Gesandte Jackson in Berlin sich gegen Graf Schlottheim vertraulich dahin geäußert hat: er schmeichle sich noch immer, daß das französische Gouvernement vernünftigen Vorstellungen Gehör geben werde, um die obwaltende Discussion auf freundschaftliche Weise beizulegen, und daß College Lenthe uns aus London geschrieben, die Minister glaubten nicht an Krieg, die königliche Botschaft und die Beschlüsse des Parlaments seien mehr Demonstration, den ersten Consul einzuschüchtern. »Auch werden der Herr Geheime Cabinetsrath sich noch des Inhalts der Depesche des Reichskanzlers Woronzow in Petersburg an den russischen Gesandten Grafen Mankow in Paris erinnern, aus der erhellt, daß der Kaiser Alexander den Willen hat, die Ruhe in Europa wiederherzustellen und zu erhalten, und daß der Bruder des Kanzlers in London unsern Collegen Lenthe versichert hat, das nördliche Deutschland habe nichts zu besorgen, weil der Kaiser nicht zugeben werde, daß dessen Ruhe durch Frankreich oder Preußen gestört werde.« »Ich weiß, Excellenz, ich weiß aber auch, daß Talleyrand am 12. März an Lord Whitworth eine Note gerichtet hat, daß, sobald Rüstungen in England stattfänden, der Erste Consul ein Lager an der hannoverischen Grenze bilden würde, und ich weiß, daß Duroc seit dem 20. vorigen Monats nicht umsonst in Berlin ist, sondern Preußen vorbereiten soll auf die Besetzung Hannovers durch Frankreich.« »Meine Herren«, hub Claus von der Decken, Staats- und Cabinetsminister, an, » lassen wir das Streiten, warten wir das Collegialschreiben aus London ab, das unterwegs sein muß. Herr Geheimer Cabinetsrath wird uns zeitig avertiren, wenn es angekommen, und das Cabinet zusammenberufen. Excellenz von der Wense hat das Präsidium des Oberappellationsgerichts dem Vicepräsidenten übertragen und in dieser schweren Zeit seinen Wohnsitz hier aufgeschlagen, wir können also täglich zusammenberufen werden. Heben wir für heute die Sitzung auf.« Kein Vorschlag war im Geheimen-Raths-Collegium zu allen Zeiten lieber gehört und angenommen als der, die Sitzung zu schließen. So auch heute. Das erwartete Schreiben kam erst am 19. April, es hatte zur Reise von London nach Hannover elf Tage gebraucht. Es war eine königliche Anweisung an die Minister, daß bei der unverkennbaren Gefahr für das Land die jetzige Exercirzeit benutzt werde, die Beurlaubten einzuberufen und die Anstalten zu einem Uebungslager zu treffen, um ohne Aufsehen die Regimenter zusammenzuziehen und wenigstens den Fall zu vermeiden, daß die zerstreuten Garnisonen plötzlich abgeschnitten werden könnten. Uebrigens war auch hier im Eingange auf die Hülfe Rußlands, das um die Sicherheit des Kurfürstenthums angegangen sei, Gewicht gelegt. Ein gleiches Rescript empfing der Feldmarschall Graf von Wallmoden-Gimborn, es enthielt indeß noch den Zusatz: »Man muß sich vor jetzt lediglich auf diese Vorsichtsmaßregeln beschränken.« Wallmoden war ein unehelicher Sohn Georges II., also Bastardoheim Georg's III., achtundsechzig Jahre, kein Militärtechniker. Er war Gesandter in Wien gewesen, dann Oberstallmeister, dann hatte er als Vormund die Grafschaft Bückeburg verwaltet, aber er hatte in den Feldzügen von 1793 und 1794 Proben von persönlicher Tapferkeit und Führertalent gegeben, und er selbst glaubte in seinem Stabe ein eminentes Talent, den Obersten von Löw, als Chef zu haben, während alle Militärs von Kenntniß diesen Mann für einen dummen Esel erklärten. Es war die Stimmung im Militär gegen Löw im Jahre 1803 etwa eine ähnliche wie die gegen den Tschirschnitz im Jahre 1866. Aber Wallmoden war rührig, er hatte das Herz auf dem rechten Flecke und ging von dem Grundsatze aus, den er gegen den König selbst aussprach: »daß einem Feinde gegenüber, der sich alles erlaubte, der Furchtsame und Wehrlose immer am meisten unter die Füße getreten werde.« An Wallmoden lag es nicht, wenn die Mobilisirung nicht energischer betrieben wurde. Es fehlte an allem, zum Theil ohne Schuld der Kriegsverwaltung, denn bei der preußischen Occupation von 1801 hatte das hannoverische Heer demobilisirt werden müssen, und die Pferde waren verkauft. Das Cabinetsministerium zögerte, denn es wiegte sich noch immer in der Hoffnung, daß es nicht zum Kriege komme, oder daß Rußland zu Gunsten Hannovers interveniren würde. Herr Rudloff war jetzt auf die Seite des Ministerpräsidenten getreten und schrieb dem Feldmarschall im Auftrage des Cabinets: »daß man zur Zeit vermeiden müsse, was Ombrage und Aufsehen erwecken könnte, und dadurch etwas zu attiriren vermögend wäre.« Dagegen war Herrn Crelinger der Titel Finanzrath verliehen. Ob das dem »kleinen hannoverischen Kaunitz« ein goldenes Extradouceur brachte, verschweigt die Geschichte. Wallmoden nun hielt es wegen der Theuerung der Lebensmittel für zweckmäßig, statt Eines Lagers deren drei in Aussicht zu nehmen, bei Hannover, bei Hameln und an der Elbe. Die Unentschiedenheit der Minister wurde aber durch die Unentschiedenheit Georg's III. selbst womöglich noch gesteigert. »Der König«, schrieb Lenthe, oder ließ durch unsern Freund Best schreiben, »erwarte militärischen Widerstand nur insoweit, als er von Nutzen sein könne, nicht aber, wenn er ohne Hoffnung auf Erfolg unnöthiges Blutvergießen veranlassen, den Feind erbittern und zum härtern Verfahren gegen die Unterthanen reizen würde.« Inzwischen kam der 4. Mai, und nun begann sich eine größere Raschheit in den militärischen Vorbereitungen zu zeigen, die Armirung und Verproviantirung Hamelns wurde angeordnet, statt der verfaulten neue Palissaden angeschafft, Wallbüchsen von Herzberg nach Hameln gesendet, Reit- und Zugpferde angeschafft, sechs Kanonen von der Stadt Hannover erborgt. Die guten Hannoveraner fühlten sich schon dadurch geborgen, daß sie den Sohn Georg's III. in ihrer Mitte hatten. Die Consistorialrathsphantasie verstieg sich durch Consistorialrath Uhle auf der Kanzel zu dem kühnen Vergleiche des Herzogs von Cambridge mit dem Sohne Gottes, der sich selbst zur Erlösung von dem Franzosenübel dahingegeben. »Ja«, hatte er mit höchstem Pathos gesagt: »er ist der Messias, der dem Volke noththut, aber er ist gekommen.« In Hannover, selbst in Saint James trog man sich noch immer mit der Hoffnung russischer Hülfe für Hannover, nur daß man jetzt, da nach allen Nachrichten öffentlicher Blätter die Franzosen in Holland an der hannover-bentheimischen Grenze schon Truppen zusammenzuziehen anfingen, doch daran dachte, daß, wenn des Zaren Arm auch mächtig sei und weit reiche, er die Invasion der Franzosen unmittelbar nicht werde hindern können. Zum unmittelbaren Schutze war nur Preußen geneigt, und Preußen hatte sich dazu in England erboten, die Sicherheit Hannovers zu gewährleisten, wenn England der preußischen Flagge die Neutralitätsgrundsätze von 1781 gewähren wolle. Diese Anerbietung hatte aber Rußland gegen Preußen erkaltet, denn wie konnte Preußen für sich allein Handelsvortheile erreichen wollen, die Rußland mit dem ganzen übrigen Norden erst kürzlich aufgegeben des lieben Friedens willen? Münster's Mission, die anfangs nur auf Beistand Rußlands zu dem Eintauschproject Hannovers in Beziehung auf Hildesheim ging, wurde ausgedehnt, eine Besitzergreifung Hannovers durch die Preußen zu hindern. Indeß fand Münster die Stimmung in Petersburg nicht so günstig, als der russische Gesandte in London sie geschildert; der Kaiser, obgleich er seiner Erziehung und seiner Individualität nach gern den großmüthigen Beschützer der Schwachen und den uneigennützigen Friedensstifter spielte, wenn die Sache mit Phrasen und Noten abzumachen war, war nur zu bewegen, seine Vermittelung zwischen Frankreich und England anzubieten, höchstens die Garantie für Malta oder die Besetzung desselben anzubieten. So reiste Graf Münster denn nach Moskau zur Bärenjagd. Einige Bauern des Fürsten D. hatten einige Dutzend Bärennester auf dessen Gütern aufgefunden und diesen Fund in üblicher Weise verkauft, das heißt, sie hatten aufgefunden, wo sich Bären im Schnee vergraben hatten, und sich dafür belohnen lassen vom Gutsinspector des Fürsten. Während dieser Abwesenheit Münster's kamen den frühern entgegengesetzte Depeschen aus London. Man wünschte jetzt preußischen Schutz für Hannover. Allein als Münster am 26. April nach Petersburg zurückkam, waren die russischen Osterwochen eingetreten und der Kanzler sowol als der Kaiser jedem Geschäfte unzugänglich. Eine Audienz am 10. Mai überzeugte Münster, daß auf eine Unterstützung Alexanders nicht zu rechnen sei, und in Berlin, wohin sich zu spät das hannoverische Ministerium direct um Schutz gewendet, erklärte der russische Gesandte, eine Besetzung Hannovers durch Preußen werde geradezu gegen den erst eben in Deutschland hergestellten Frieden laufen. Am 16. Mai hatte das Cabinetsministerium an die Obrigkeiten ein Ausschreiben erlassen, das durch ungeschickte Form im Inlande überall Bedenken, im Auslande Anstoß erregte. Es sollten die waffenfähigen Mannschaften aufgezeichnet und selbige, wie es hieß, feierlichst verpflichtet werden, im eintretenden Nothfalle zur Rettung des Vaterlandes dahin, wohin sie zu solchem Zwecke gefordert würden, sich unweigerlich stellen zu wollen. Die Unwürdigen, welche diesem Befehle nicht gehorsamten, wurden mit Confiscation ihres Vermögens und ihrer künftigen Erbtheile bedroht. Man deutete dieses Ausschreiben allgemein dahin, daß es auf einen Landsturm abgesehen sei und die waffenfähige Mannschaft sogar vorher beeidigt werden sollte. Dieses Ausschreiben setzte viel böses Blut, und nicht allein die Obrigkeiten remonstrirten dagegen, auch die Landschaften fühlten sich veranlaßt, Vorstellung gegen solche Maßnahmen zu erheben. Berlepsch war nicht mehr im Lande Hannover, er würde seinen Triumph gefeiert haben, denn nun trat das ein, dem er hatte vorbeugen wollen. Wir sehen bei dem Hofrath Heiliger eine Zahl Anhänger der Berlepsch'schen Auffassung aus dem Ausschusse der kalenberger Landschaft versammelt, die sich in einer Vorberathung über die Lage des Landes ergehen. »Meine Herren Collegen«, sagte Hofrath Heiliger, »wir sind von England und König Georg auf das schändlichste verrathen und verkauft, es scheint, als wenn das englische Ministerium mit aller Gewalt Hannover los sein wolle, obgleich dieses in gar keiner Verbindung zu England steht. Der König ist dem Ministers gegenüber gänzlich machtlos in dieser Frage, weil Ministerium und Parlament Eins sind. Ich weiß aus den sichersten Quellen, daß das englische Ministerium es gehindert hat, daß bei dem Frieden von Amiens Hannover mindestens formell dem Baseler Frieden, dem es nur acquiescirt, beitrat. Die Minister haben dem Lord Cornwallis ausdrücklich verboten, irgendetwas von deutschen Angelegenheiten in die Verhandlungen zu mischen. Als es dem Erbstatthalter galt, da hatte England Geld, Schiffe und hannoverische Truppen; ja derselbe wurde, als Holland an Frankreich abgetreten, auf deutsche Kosten entschädigt.« »England will uns nicht nur nicht helfen, obgleich es ja durch seinen Bruch der Bedingungen von Amiens die einzige Schuld am Kriege trägt«, sagte Stietenkron, »es kann uns nicht einmal helfen. Es ist ebenso machtlos auf dem Continent als kräftig zur See. In allen Landkriegen hat es allein durch deutsche, namentlich hessische und hannoverische Truppen zu wirken vermocht. Es bleibt uns nur Preußen und Rußland.« »Ja, aber Rußland ist weit, und die Franzosen sind nahe«, sagte Hardenberg, »und in Berlin weiß man nicht, was man will, man hat das Gelüst nach Hannover nicht aufgegeben und sieht vielleicht gar nicht ungern, wenn Frankreich dasselbe in Besitz nimmt, um es so aus zweiter Hand zu erhalten.« »Was können wir aber thun?« frug Heiliger, »was wollen wir morgen im Ausschusse vorschlagen? Ich wüßte einen Ausweg, der kann aber nicht von der Landschaft vorgeschlagen werden, der müßte Georg III. durch die richtige Person insinuirt werden. Allein welches ist die richtige Person? Unser Kaunitz ist viel zu klug und vornehm, als daß er einen Gedanken, und wäre er noch so vortrefflich, der nicht von ihm selbst ausgeht, irgend befürworten oder adoptiren sollte, und die Geheimen Räthe sind salva venia sämmtlich alte Weiber, die nichts thun ohne ihn.« »Heraus mit dem Gedanken.« sagte Advocat Ebeling. »Nun, ich dächte, er läge so auf der Hand, daß ich mich wundere, wie noch kein gescheiter Mensch darauf gekommen ist. Unser ganzes Unglück beruht darin, daß wir mit England einen und denselben Regenten haben, obwol wir außerdem mit England nicht das mindeste Gemeinsame haben und die Engländer Hannover als unnützen Ballast ansehen, der je eher desto lieber über Bord geworfen werden muß. Wenn unsere Flüsse mit ihren Mündungen in die Nordsee nicht wären, und unsere Soldaten, die ihnen wo nöthig als Söldner dienen, sie hätten den Ballast schon über Bord geworfen. Nun frage ich, wozu hat der liebe Gott König Georg mit einer so großen Reihe Söhne gesegnet? »Könige von England können sie nicht sämmtlich werden, denn wenn der Prinz von Wales heirathet, und seine Frau auch nur ein Mädchen gebiert, so erbt die Krone in deren Stamm weiter und die Herzoge und Prinzen gehen leer aus, bis auf die Apanagen. Warum trennt sich Georg III. also nicht von dem Kurfürstenthum, das er selbst doch wenig achtet, denn er hat noch nie sein Geburtsland – bitte um Verzeihung, er ist ja in England geboren, wollte sagen ›Geburtsland seiner Väter‹, mit einem Besuche beehrt. Warum stiftet Georg nicht eine Secundogenitur und entsagt zu Gunsten eines seiner jüngern Söhne, sei es der fünfte oder sechste? Ich sollte glauben, England hätte an vier Prinzen für alle Zeiten genug, denn daß die Welfen unfruchtbar wären, hat noch niemand behaupten können. Sobald der König von England zu Gunsten eines seiner Söhne dem Kurhute entsagt, fällt für Frankreich jeder Grund zu einem Kriege fort, dann steht Hannover im Schutze des Reichsfriedens. Was meinen die Herren Collegen?« »Der Calcul ist richtig, wenn es dem Ersten Consul überall auf einen Rechtsgrund ankommen könnte«, sagte Hardenberg. »Ja, dann müßte Preußen aber als Schützer der Demarcationslinie eintreten«, erwiderte Heiliger, »und dem Kaiser Alexander würde jeder Vorwand, unter welchem er die eigentlich zugesagte Intervention jetzt ablehnt, unter den Füßen weggezogen.« »Die einzige Person, die hier helfen könnte«, sagte Stietenkron, »ist hier die Gräfin Melusine von Wildhausen. Ich weiß durch ihre eigene Tochter, daß sie ungemein erbittert auf Rudloff und die ganze Sippschaft ist, weil man dem Juden zu dem Profit der Lieferungsgeschäfte den Titel Finanzrath gegeben hat. Auch fehlt es ihr nicht an Lust zu intriguiren, und alles, was sie hinter dem Rücken des Ministeriums thun kann, wird sie gern thun. Es muß aber nicht nur hinter dem Rücken des Ministeriums, sondern auch der deutschen Kanzlei in London gehandelt werden, denn mit dem Herrschen und Regieren, das jetzt von hüben und drüben geschieht, ist es vorbei, sobald wir einen selbständigen Kurfürsten haben. Die Gräfin Melusine steht, wie ich weiß, noch leidlich zur Königin wie zu Best. Nun muß die Insinuation entweder durch die Königin selbst oder durch Best in einer Weise geschehen, daß Georg glaubt, es sei sein eigener Gedanke.« »Nun wohl, ich will mit der Gräfin reden«, sagte Heiliger, »ich habe einige Beziehungen zu ihr, da ich den Concurs über das Vermögen ihres weiland Ehemannes geleitet habe, ich werde noch heute gehen und Ihnen morgen vor der Sitzung das Resultat der Conferenz mittheilen.« Gräfin Melusine ging mit großem Interesse auf die Sache ein, sie versprach, sofort zu schreiben und die Briefe dem Herzoge von Cambridge, bei dem sie und die Tochter soupirten, zur Besorgung zu übergeben. Sie wollte an die Königin und an Best schreiben. Die Gräfin überlegte bei sich, welchen günstigen Einfluß es auf ihre Stellung in Hannover haben könne, wenn sie diese Umwälzung veranlaßte; sie würde dann wieder Oberwasser bekommen, und der königliche Prinz, welcher Kurfürst würde, müßte ihr sein Leben lang Dank wissen, daß sie den Gedanken der Secundogenitur gehabt. Ihre Gedanken gingen aber weiter. Die Gräfin kannte die drei jüngsten Prinzen ziemlich gut, sie sämmtlich hatten längere Zeit in Hannover verweilt. Der älteste, Herzog von Cumberland, war eigenwillig bis zum Eigensinn. Er war schwer zu lenken, er war dem Vater, und der Mutter vorzüglich, kein Liebling, in das englische Parteigetriebe stark verwickelt, bei dem Volke äußerst verhaßt. Den wählte man in London nicht. Der Herzog von Sussex hatte den dummen Streich gemacht, sich mit Augusta Murray zu verheirathen. War diese nun auch ebenbürtiger, als es die d'Olbreuse gewesen, die Großmutter Georg's II., so hatte doch der König die Heirath für null und nichtig erklärt, und es wurde schwer, eine Prinzessin für ihn zur Gemahlin zu finden, und schon die Existenz eines Nachkommen von Augusta hätte zu einem Streite über den Thron führen müssen. Da man weder zu Eduard, Herzog von Kent, noch zu Wilhelm, Herzog zu Clarence, noch viel weniger zu dem zweitältesten, Friedrich von York, heraufgreifen konnte, so blieb nur Adolf, Herzog von Cambridge, übrig, und er war auch der beste, das heißt der leitsamste. Melusine gedachte schon heute Abend ihn selbst vorzubereiten, um ihm gegenüber als Erfinderin des Planes dazustehen. Die Stadt Hannover bot in dieser Zeit ein Bild der traurigsten Verwirrniß, überall, wohin man kam, wurde raisonnirt und deraisonnirt, wie man damals sich ausdrückte, überall fehlte es aber an Einsicht und Muth. Die jüdischen Geschäftsleute trugen durch allerlei Gerüchte, die sie auf außerordentlichem Wege erhalten haben wollten, nicht wenig dazu bei, die Gemüther noch mehr zu ängstigen. Jede Stunde wurden neue Gerüchte, neue Ansichten verbreitet. Cohn, der Bankier, verbreitete am Morgen des 22. Mai, er habe eine Depesche aus Amsterdam, wonach Lucian Bonaparte mit Friedensvorschlägen nach London gesendet sei; mittags wußten Meier oder Moses, daß der Krieg förmlich erklärt sei, nachmittags war ein Kurier aus Berlin gekommen mit der Nachricht, Preußen habe in Paris erklären lassen: sobald ein Franzose hannoverischen Boden betrete, würden 50000 Mann Preußen in Hannover einrücken. Am andern Morgen hieß es, die Franzosen seien in Bentheim eingerückt. Dann tauchten wieder Friedensnachrichten auf. Die Rekruten versammelten sich nach und nach, an einigen Orten kam es bei der Aushebung zu Krawallen. Das Ministerium declarirte am 24. Mai das Ausschußschreiben vom 16. dahin, daß es nicht um Landsturm, sondern nur um Aushebung von Rekruten für die wirklichen Regimenter zu thun sei. Wenn der Bediente des hannoverischen Kaunitz mit dem Kasten von einem Geheimrathe zum andern lief, um eine Sitzung des Geheimrathscollegiums anzusagen, dann wurde er auf der Straße von Neugierigen umdrängt, welche wissen wollten, welche Nachrichten Kriegsrath von Ompteda aus Berlin geschickt habe, oder ob Kaunitz ein freundliches oder finsteres Gesicht mache. Die Silberkammer werde eingepackt und nach Stade geschickt, hieß es, eine Menge Adelicher wurde täglich genannt, die bei Nacht eingepackt hätten und davongefahren wären. Auch Melusine war mit Heloise nach Heustedt abgereist. Gewißheit, daß der Krieg verkündet, die Franzosen in Hannover eingerückt seien, erhielt man erst am 26. Mai. Aber nicht das Ministerium erhielt die erste Nachricht, sondern Finanzrath Crelinger. Schlimmer als in den höhern Ständen sah es in den niedern Ständen aus, denn dort konnte man den Zusammenhang der Dinge gar nicht begreifen. Man fühlte aber auch die Wirkungen eines Krieges am nächsten. Die untern Stände waren es, aus denen die 15000 Mann Rekruten, die man in den letzten Tagen des Mai aushob, ohne sie mit Kleidung und Waffen versehen zu können, und die nur als eine schwere Last an den Regimentern hingen, zusammenbrachte. Wir werden diese Art der Auffassung am besten kennen lernen aus den Brieffragmenten, welche Friedrich Schulz an seinen Bruder Heinrich schrieb:   Nienburg , 30. März 1803. Lieber Bruder! Wie gern ritte ich hinüber nach Grünfelde, mein Brauner würde mich in zwei Stunden hintragen, um Dich zu umarmen, Deine liebe Frau zum ersten mal von Angesicht zu Angesicht zu sehen, meinen kleinen Pathen zu küssen. Aber der Dienst. Ach das ist ein erschreckliches Wort, danke Gott, daß Du das Wort in seiner ganzen Bedeutung nicht kennst. Wir rücken gegen den Feind. Mit welchem ganz andern Gefühle geschah das vor zehn Jahren. Du siehst heute auch nicht ein freudiges, sieggewisses Gesicht, – alle, Offiziere und Gemeine, sehen finster, mürrisch und verdrossen drein. Wahrlich, als wir in Menin von einer zehnmal größern Menge eingeschlossen waren, sah man nicht ein einziges Gesicht der Art. Unsere Artillerie ist seit dem 26. März marschfertig, und meine Batterie an diesem Tage schon ausgerückt, vorgestern nach Neustadt – gestern nach hier, wo wir Rasttag hatten, um morgen über die Weser mit der Avantgarde vorgeschoben zu werden. Unsere leichten Dragoner stehen schon bei Lemförde. Das Commando des vorgeschobenen Corps hat General Hammerstein. Das ist ein Trost für mich, aber auch der einzige, denn unser Alter ist besser als ein Dutzend der andern, und ich möchte nur, daß er statt des Generalfeldmarschalls commandirte, dann wären wir wahrlich schon concentrirt, während jetzt ein paar Regimenter bei Stade, andere bei Hameln, einige bei Stolzenau stehen, und wir nach Sulingen den Franzosen entgegen sollen. Was sollen wir aber dort mit vier Bataillonen, sechs Schwadronen und einer Batterie? Wir können doch Mortier nicht aufhalten. Hier sieht es aber klatrig aus. Wenn unser Scharnhorst das sehen könnte! Nienburg soll eine Festung sein, Scharnhorst würde es in vierzehn Tagen dazu gemacht haben. Allein es sind nur zwei Kanonen hier, Dreipfünder. Die Flesche vor der Weserbrücke ist unvollendet, keine Bettung, keine Schießscharten für Kanonen in ihr. Hart an der Flesche der Weserbrücke steht ein Haus, aus dem die Franzen die Leute in der Flesche mit Bequemlichkeit niederschießen können. Nur wenig weiter nach Lemke, links am Steinwege, ist das Weghaus und ein großes Wirthshaus, welches das Bestreichen des Steinweges mit Kanonen hindert; bis dicht vor Nienburg das ganze Marschterrain mit Knicken eingehegt, unter deren Schutze die Feinde bis an die Weser kommen können, und dann der Wall in Nienburg ohne Brustwehr, durch nichts geschützt als die Linden. Nur eine einzige elende Embrasure ist auf dem Walle neben dem Hasberg'schen Hause angelegt, bezweifle aber, daß sie nach den Regeln des Vauban den Graben der Flesche bestreicht! Unsere erste schwere Batterie steht noch eine Stunde hinter Nienburg bei Meinekensburg auf der Höhe des Grinderwaldes. Was sollen wir in Sulingen, wenn wir die Weser nicht einmal halten können?   Borstel , 1. Juni. Wir sind heute bis hierher vorgeschoben, die Hälfte des Weges nach Sulingen etwa. Der Herzog von Cambridge hat das Commando der Armee übernommen, er wurde heute in Nienburg erwartet, als wir abfuhren. Eine Deputation aus Hannover, Hofrichter von Bremer, Oberstlieutenant von Bock und Herr Brandes, haben sich in das Hauptquartier Mortiers, welches schon in Diepholz ist, begeben. Heute kam auch der preußische Cavaleriegeneral Blücher hier durch und ging ins Lager zu Hammerstein, dann weiter zu den Franzosen. Es ist ein braver Deutscher; ob sich sein Herz nicht umdreht, wenn er sieht, wie wir von Preußen und dem Deutschen Reiche verlassen, hier gegen eine Mehrzahl kämpfen sollen? Ach nein, nicht kämpfen! Bruder, ich weiß, Du siehst das nicht gern, aber ich muß fluchen. Ich möchte, zehntausend Granaten schlügen die feigen Buben zusammen, da bekommen wir eben Generalordre, nicht zu schießen. Schockschwerenoth, wozu sind wir denn hier? Wozu habe ich meine Kanonen mit Kartätschen laden lassen? Wahrhaftig, es wäre nicht zu verwundern, wenn die Geheimräthe in Hannover auch der Infanterie den Befehl zugehen ließen, von dem Bajonnet mit Moderation Gebrauch zu machen. Hole sie alle der Teufel!   Borstel , 3. Juni. Gestern habe ich mir noch ein Extraplaisir gemacht, mit dem Postmeister bis in die Nacht hinein dessen beste Weine vertilgen helfen. »Wie will 'nen trinken, dat ist better, als wenn de Franzose 'n utsöpt«, meinte der brave Mann, und da haben wir denn unser Möglichstes gethan. Hatten übrigens am Tage auch so eine kleine Freude. Die Franzosen kamen von Sulingen her, wo unterhandelt wird, und machten hinter Sieden halt, während Lieutenant Krauchenberg vom 10. leichten Dragonerregiment auf der Höhe von Borstel nach Campen zu stand und unsere Batterie etwa tausend Schritt hinter ihm dicht vor dem Dorfe nach Westen. Wir sahen einen Trupp Infanterie und ein Piket Reiter aus den Fuhren kommen und hörten, wie auf den Krauchenberg'schen Posten geschossen wurde, dem zwei Pferde getroffen wurden. Nun sollten wir nicht schießen! Krauchenberg ging also mit seinen neun Pferden auf die mindestens dreimal so starken französischen Chasseurs los und hieb dieselben zusammen. Der französische Offizier wurde im Einzelkampfe vom Pferde gehauen, vier oder fünf Chasseurspferde irrten reiterlos im Felde umher. Krauchenberg schwenkte nach der südlichen Dorfspitze zu seinem Regiment ab, als ein halbes Bataillon Infanterie auf den Kampfplatz zueilte. Die andere Hälfte des Bataillons kam auf der Landstraße direct auf uns zu – wir standen zum Feuer bereit, und ich blickte auf unsern Lieutenant Tieling. Ich wußte, er durfte kein Feuer commandiren, als die Franzosen uns aber näher und näher kamen, ließ ich drei Kanonen mit Kartätschen vorfahren und zwei auf die Infanterie, eine auf die Chasseurs abprotzen. An beiden Stellen schlugen die Kartätschen ein, die Franzosen machten halt und kehrten um, sie waren besorgt, etwas mehr auf den Leib zu bekommen, und wahrhaftig, sie hätten es, denn kaum nach fünf Minuten erschien Krauchenberg mit einer halben Schwadron und er würde die Chasseurs in die Flucht getrieben haben, wenn sie nicht schon hinter den Fuhren Schutz gesucht hätten. Ich kam mit einem nicht sehr ernstlich gemeinten Donnerwetter von seiten Tieling's davon.   Abends. Wir sollen zurück. Ob wir die Weser halten wollen? Dann hätte Nienburg freilich in andern Stand gesetzt werden müssen, und da, wie ich höre, eine Abtheilung der Franzosen schon auf Hoya im Marsche ist, so kann man uns umgehen und die Rückzugslinie an der Aller abschneiden. Wenn Mortier's Corps in der That 50–60000 Mann stark ist, so ist es allerdings Zeit, daß wir machen, an die Elbe zu kommen. Ich gebe diesen Brief an unsern treuen Postverwalter, der für seine Ueberkunft sorgen will. Lebe wohl.   Essel , 6. Juni. Wir sind im vollen Rückzuge über Haus Wölpe, Steimke nach hier! Welche Wege! Ueber Wölpe, Steimke, Bothmer hierher in drei Tagen. Der Herzog von Cambridge hat das Obercommando nur einen Tag gehabt; als er nicht losschlagen sollte, hat er dasselbe niedergelegt. Die Unterhändler sollen bei Sulingen eine Convention geschlossen haben, die das ganze Land den Franzosen übergibt und uns den Rückzug hinter die Elbe gestattet. Wir sollen auf Soltau marschiren, also durch die Lüneburger Heide. S . . . Wirthschaft das!   Lüneburg , 8. Juni. Ich habe diese Leute gesehen, vor denen wir reißaus nehmen! Wir waren hier in Lüneburg mit ihnen zusammen einen Tag einquartiert. Es sind zum größten Theile junge Conscribirte, die noch kein Pulver gerochen haben, kleine schwächliche Leute, vor denen unsere hoyaer und kalenberger Bauerburschen verdammt wenig Respect haben. Dürften wir nur über sie, wie sollten wir sie! Dazu schrumpfen die ganzen Mortier'schen 50000 Mann auf 17000 zusammen. Wären nicht feige Höflinge an der Spitze der Regierung, den Leuten hätten wir bei Stolzenau, das noch dazu ohne Brücke ist, bei Nienburg und Hoya wol den Uebergang über die Weser streitig machen können. Es ist Sünde und Schande, vor solchen Leuten wie Feiglinge fliehen zu müssen. Wir lasen hier zuerst im »Hamburgischen Correspondenten« die dreimal verdammte Sulinger Convention. Könnte ich die Unterzeichner an einen Galgen hängen, ich selbst würde am Stricke ziehen. Nun heißt es noch, man habe uns wieder an die Engländer verkauft, um uns nach Westindien einzuschiffen. Da kriegen sie Friedrich Schulz nicht hin, der hat einmal als englischer Söldner eine Kugel in den Rippen gehabt, verlangt nicht nach der zweiten und haßt jeden Söldnerdienst.   Lauenburg , 27. Juni. Nun sind wir am rechten Elbufer. Ob wir endlich zum Schlagen kommen, wenn die Franzosen den Uebergang forciren? Der Wachtmeister vom 7. Dragonerregiment, mein alter lieber Kamerad vom 93., sagte mir, daß sämmtliche Offiziere der hier versammelten Cavalerieregimenter den Plan ausgedacht, auch ohne Ordre und gegen die Convention über die Elbe zu gehen, bei der Schwäche und der Zerstückelung der Franzosen über diese herzufallen und bis zur Weser reine Bahn zu machen. Was sich von Infanterie und Cavalerie anschließen will, soll mitgenommen werden. Bravissimo! Ich bringe meine Batterie mit, mitsammt unserm Lieutenant.   Gülzow , 1. Juli. Der schöne Plan ist zu Wasser geworden, obgleich die verdammte Convention uns nicht mehr bindet, da Georg III. sie nicht ratificirt hat. Unser Alter hat abgerathen. Aus Feigheit ist das nicht geschehen, denn in Menin war er einer der Muthigsten von allen Muthigen. Aber Diplomatengesichter sind wieder in seiner Nähe, und das hannoverische Ministerium mit dem Kriegsschatze und sonstigem in der Eile Geretteten steckt in Schwerin, und Rudloff scheint wenig von einem Helden zu haben. Unsere Position ist unangreifbar, da das Ufer, an dem wir stehen, höher und steil abfallend ist, und wir das ganze linke Ufer beherrschen. Ich könnte sämmtliche Schiffe, welche die Franzosen drüben bei Artlenburg zusammengebracht haben, in Grund schießen. Ich begreife nicht, warum man zögert? Heute sind freilich wieder Deputirte des Landes, wie sie sich nennen, eigentlich aber Deputirte der Ritterschaften, angekommen, um von unnützem Blutvergießen abzumahnen. Auch der Oberstlieutenant von Bock treibt sich wieder im Lager umher. Man hat uns benachrichtigt, daß die Berthier'schen Vorschläge vom Feldmarschall zurückgewiesen sind, und die Armee war voll Jubels. Warum schlagen wir aber nicht los?   Gützow , 8. Juli. Oh der Schmach! nein besser, o! des schändlichsten Verraths! Das Land Hannover wird den Männern, welche zu der Elbconvention vom 16. Messidor des Jahres 11 der französischen Republik die Veranlassung gewesen, ewig fluchen. Sie übergibt das Land, auch das diesseit der Elbe, bedingungslos den Franzosen. Die Armee legt die Waffen nieder, gibt ihre Pferde an die französische Armee und wird aufgelöst. Die Truppen verpflichten sich auf ihr Ehrenwort, gegen Frankreich und dessen Alliirte nicht eher die Waffen wieder zu führen, als bis sie in gleichen Graden gegen ebenso viel Truppen ausgewechselt werden, die im Laufe dieses Krieges von den Engländern zu Gefangenen gemacht sein möchten. Die Offiziere behalten ihre Degen und nehmen Pferde und Effecten mit sich. Bis zur Rückkehr der Truppen in ihre Heimat soll für deren Subsistenz gesorgt werden. Eine schöne Convention das. Nun, ich werde nicht in die Heimat gehen, damit man mir dort mein Seitengewehr abnehmen kann, ich werde dem Kriegsdienste Valet sagen und ein freier Mann und Bürger werden. Pereat das feige Geschmeiß!   Hamburg , 20. Juli. Ade, lieber Bruder, Ade, liebe Aeltern und Geschwister. Ich schiffe mich heute noch ein, um nach England zu gehen und mein altes Handwerk wieder aufzunehmen. Ein Schulz muß Handwerker und Bürger bleiben. Friedrich Schulz. Viertes Buch. Fremdherrschaft. Erstes Kapitel. Alte Bekannte. Es ist Zeit, daß wir uns einmal nach unsern Freunden und Bekannten in Heustedt und Umgegend umsehen. Fangen wir bei dem Rathskeller an, welcher doch immer der Mittelpunkt des Orts blieb, so war Frau Krummeier ihrem Gatten in das unbekannte Jenseits gefolgt, oder, wie es auf ihrem Leichensteine hieß: »Sie ist in dem Herrn entschlafen zur Wiedervereinigung mit dem theuern Gatten am Tage der Auferstehung.« Ihre schielende Nichte Angelika war Universalerbin geworden und hatte den Oberkellner, den von den Stammgästen sogenannten Unterweseroberseelöwen, Herrn Harry Knickmeyer, geheirathet, der in die Kellerpacht eingetreten war. Sonst war alles beim alten geblieben, nur daß dem Kellerwirthe aufgebürdet war, für den Herrenclub außer dem »Hamburgischen Correspondenten« und dem »Hannoverschen Magazin« auch noch das »Frankfurter Journal« zu halten. Dem Rathskeller gegenüber im Hause des Landraths von Vogelsang hatte sich ein Großes ereignet. Zum ersten mal hatte es einer der Söhne desselben dahin gebracht, der älteste, ein Staatsexamen zu bestehen, Auditor und Amtsschreiber geworden zu sein. Ohne die Repetitorien und sonstigen Beistand, den der Schwiegersohn, Drost von Berlepsch, gewährt hatte, würde das schwer geworden sein, denn seit länger als einem Jahrhunderte waren Gutmüthigkeit, Gleichmuth, aber auch ein gewisser Stumpfsinn charakteristische Eigenthümlichkeiten der Familie. Der Landrath hatte sich den neuen Zuständen gefügt, er pflegte bei jeder Gelegenheit zu wiederholen: »Wäre man dem Rathe meines Freundes, des Hofrichters und Schatzraths Berlepsch, gefolgt, hätten die Landschaften Frieden geschlossen mit der französischen Nation, als es noch Zeit war, so würden wir unsere Selbständigkeit bewahrt haben. Wer kann die jetzigen Zustände ändern? wer wird so thöricht sein, daran rütteln zu wollen oder sich darüber zu ärgern?« Daß er selbst sich nicht ärgerte, das sah man seinem Bauche an wie seinem vollen blühenden Gesichte. Die Frau Landräthin hatte sich vortrefflich conservirt, war eher etwas magerer als stärker geworden, war noch immer glatt und ohne Falten im Gesicht und wohl zufrieden, daß der Himmel sie von ihrer Leibadvocatin befreit hatte. Die zweite Tochter Adelheid war unverheirathet geblieben, obgleich sie guten Herzens und ansehnlicher Gestalt war. Der zweite Sohn stand in preußischen Diensten als Offizier, der dritte studirte in Göttingen, ein vierter, Otto, ging noch in die Rectorschule. Anders sah es auf dem zweiten Burghofe aus. Baron von Bardenfleth war zu einem dürren Männchen zusammengeschrumpft, das voll Gift und Galle auf das Franzosenthum war, das den Namen Erster Consul, später Kaiser, nie aussprach ohne Fluch oder Beiwort, das voll Sehnsucht nach der Vergangenheit dem Tode zuging. Die Frau Baronin dagegen war in die Breite gegangen; sie bewegte sich schwerfällig vom Sofa in den Lehnstuhl am Fenster und von da zurück. Sie liebte noch immer, geputzt zu sein, und ging nach der neuesten Mode mit hoher Taille, welche für die Büste kaum den nöthigen Raum ließ. Nach einer guten Mahlzeit und einem Schläfchen hinterher liebte sie eine Partie Whist leidenschaftlich. Die Tochter Mimona war an einen Landjunker in der Nähe verheirathet, der Bräutigam der zweiten, Adele, war in Spanien als Offizier der Deutsch-Englischen Legion gefallen, die dritte Tochter, Rosa, war verlobt mit dem Amtsschreiber von Vogelsang, dem Sohne ihres Nachbars. Nach dem Tode der Leibadvocatinnen hatten sich die Eifersüchteleien zwischen den Nachbarsfamilien gelegt, nur zwischen Adelheid und Adele bestand noch einige Eifersucht, da letztere nur zu oft zu verstehen gab: es gebe doch einen Vorzug, einen fürs Vaterland gestorbenen Bräutigam besessen zu haben, als gar keinen. Adelheid Vogelsang ließ sich das lange ruhig gefallen, bis sie endlich zornig wurde und sagte: »Was Vaterland! ist denn Spanien unser Vaterland? Als Söldling im fremden Dienste ist dein Schatz gefallen!« – Der Amtmann Steinbart war nicht mehr der Neufranke von 1792, der Enthusiasmus für die große Nation und gloriose Revolution war verschwunden, nachdem der Militärdespotismus des Kaiserthums aus der Puppe der Republik ausgeflogen war. Die sonstigen Honoratioren, die wir früher an Sommernachmittagen vor dem Rathskeller, im Winter im Herrenclub versammelt fanden, waren sämmtlich gestorben oder versetzt, ihre Nachfolger aber, wie auch ihr Name immer sein mochte, waren so ziemlich in ihre Fußstapfen getreten, das Leben derselben bewegte sich trotz der großen Revolution, welche die Welt umgestaltet hatte, noch ziemlich in denselben alltäglichen Gleisen. Zwar waren einige neue Ideen in die Gesprächsstoffe geworfen, die Fragen nach dem spanischen Kriege waren in Ermangelung anderer Kriege in den Vordergrund getreten, man hörte auch wol ein Wort über die neuen preußischen Organisationen in Westfalen; das Hauptgespräch drehte sich aber, wenn man unter sich war, immer wieder um die Ungewißheit, was aus den nördlichen hannoverischen Provinzen werden solle, wenn England keinen Frieden schließe. Jahrelang in solcher Ungewißheit zu sitzen, die wir Epigonen nur wenige Wochen gefühlt haben, ist ein ganz abscheulicher Zustand. Waren Frauen unter sich, so sprachen sie nur über die Theuerniß aller Colonial- und englischen Waaren, ohne die man einmal nicht leben konnte. Vorbei! Verändert hatte sich in der Ost- wie Weststadt in baulicher Hinsicht wenig. Nur neben dem neuen Hause des alten Moses Hirsch war ein Neubau angebracht, ein ziemlich stattliches Haus war an die Stelle zweier abgerissenen Reihehäuser getreten. Es wurde bewohnt von dem jüngern Sohne des Moses Hirsch, dem Bankier Hirschsohn, während im Hause nebenan das große Getreide- und Wollgeschäft von Hirsch Moses blühte. Beide Söhne waren feine Leute, sprachen Französisch wie Platt. Hirschsohn hatte das Bankgeschäft bei Simon in Hannover und in Berlin erlernt, Hirsch Moses zog auf die Messen von Braunschweig und Leipzig, sein Name hatte guten Klang an der Börse in Amsterdam, Bremen und Hamburg, war sogar in England nicht unbekannt, wohin er regelmäßig Wolle lieferte, wenn sich ein Schiff nach Helgoland fand. Gehen wir weiter nach Westen, so finden wir in Eckernhausen Claasing auf dem Dummeier'schen Vollmeierhofe. Das Gestüt in Kirnberg war aufgehoben, Hengste, Stuten und Füllen waren nach Frankreich entführt, man hatte ihm seinen Titel belassen und von Landesdeputations wegen eine mäßige Pension gegeben. Aber was frug Claasing nach dieser Pension? Er war ein reicher Mann und wurde täglich reicher. Schon im Anfange des Jahrhunderts mußte er seine Gelder in Hannover anzulegen suchen und machte so die Bekanntschaft des Commissionsraths Crelinger. Als dieser und der Oekonomierath Meyer auf Koldingen und Amtsschreiber Hartmann zu Kalenberg das Lieferungs- und Verpflegungsgeschäft erst wegen der im Lauenburgischen befindlichen hannoverischen Truppen überkommen hatten, zog man Claasing als einen Mann, der über viel baares Geld verfügen konnte, bei, und als nun gar Meyer Generalcommissarius und Hartmann Commissarius für die Lieferungen an die Franzosen wurden, da blühte der Weizen für Leute wie Claasing und Heise, den sogenannten Verpflegungscommissar, erst recht. Der Obergestütmeister galt für einen gemachten Mann, den Hirschsohn schon im Jahre 1806 auf mehr als 100000 Thaler schätzte, die Grundbesitzungen abgerechnet, und der Sohn von Hirsch Moses hatte einen scharfen Blick. Trotzdem war derselbe aus der Gesellschaft in Heustedt so gut wie ausgestoßen. Seit dem Duell mit Motz galt er allgemein als Mörder seiner ersten Frau, und über seine Herkunft und sein Leben in Dänemark hatten sich allerlei wenn auch nicht wahre, doch an Wahrheit anstreifende Gerüchte verbreitet. Die zweite Frau mußte die Eitelkeit büßen, die sie aus einer Siebenmeierswitwe zur Frau Obergestütmeisterin gemacht hatte. Sie war getrennt von ihren Töchtern erster Ehe, denn so nahe Grünfelde auch lag, so gab es jedesmal Zank und rauhe Worte, wenn die Mutter ihre Tochter und den Schwiegersohn einmal besuchte. Agnes, die zweite Tochter, hatte während ihres Aufenthalts bei Baumgartens die Bekanntschaft eines hessischen Collegen von Oskar gemacht, der sich in sie verliebte und ihre Gegenliebe gewann. Da sie nicht die geringste Sehnsucht hatte, nach Eckernhausen zurückzukehren, so verzichtete sie mit Einwilligung des ihr pro forma gesetzten Vormundes gegen eine Abfindung von 2000 Thalern Gold und eine Naturalaussteuer, wie sie sich einer Siebenmeierstochter gebühre, Leinen und Drell in großen Mengen, Pferde und Wagen, Kühe und Rinder und Betten und Hausgeräth, Koffer und Lade, Schub- und Putzschrank, drei Wagen voll, auf alle Ansprüche an das väterliche und mütterliche Vermögen. Die Hochzeit wurde in Grünhagen auf dem Meierhofe gefeiert. Heinrich Schulz traute die Schwägerin, man lebte drei Tage herrlich und in Freuden, der Stiefvater zeigte sich als der liebenswürdigste Mensch, denn er hatte seinen Plan erreicht, sein Sohn war nun Erbe der Omeyer'schen und Emeyer'schen wie Dummeier'schen Güter. Es waren das aber auch die letzten Tage, an welchen die Obergestütmeisterin Claasing vergnügt gewesen war, an denen sie ihre seidenen Kleider, ihre goldenen Ketten und Schmucksachen hatte glänzen lassen können. Nach Heustedt wurde sie schon lange nicht mehr eingeladen; ihr Mann war freiwillig aus dem Herrenclub ausgetreten und wagte kaum noch, sich im Wirthszimmer des Rathskellers zu zeigen. Er hatte nur mit Roßkämmen, Juden, Lieferanten, Viehkäufern und Viehtreibern im Schwarzen Bären Verkehr, war wochenlang auswärts, um bald in dieser bald in jener Provinz die durchziehenden Franzosen, Spanier, Baiern mit Vieh, Speck, Getreide zu versorgen. War er einmal zu Hause, so war er roh und rüde gegen die Frau und den eigenen Sohn, einen schwächlichen verzogenen Knaben von etwa zehn Jahren, und schonte auch nicht einmal die Frau, als sie ihm einen zweiten Sohn gebar. Niemand haßte diesen Menschen so sehr als Katharina Dummeier. Kaum war der Körper ihres Mannes, den man bei Nienburg aufgefischt hatte, zur Erde bestattet, als sie nach Heustedt eilte, um einen Advocaten anzunehmen, der gegen den dänischen Spitzbuben wegen Herausgabe des Dummeier'schen Vollmeierhofes an ihren Sohn, dessen Vormünderin sie geworden war, Klage erheben sollte. Sie hatte hübsch beiseitegescharrt und nahm einen großen Beutel feiner Kassengulden mit, als Vorschuß für den jungen Bardeleben, den sie sich als Advocaten ersehen. Der Vater desselben hatte ihr vor Jahren schon explicirt, was hoyaisches Anerbenrecht sei. Der Vater, obgleich er seine Praxis niedergelegt, sollte dem Sohne Rath und Anleitung geben. Der Proceß hatte den Wortlaut des Gesetzes für sich; wollte Hans Dummeier sich von der Wirthschaft abthun, so kam dem Sohne zweiter Ehe der Vorzug zu vor der Tochter erster Ehe. Allein dieser Sohn war damals noch minderjährig und untüchtig, dem Hofe vorzustehen. Das Gesetz erkannte aber nur für tüchtige Söhne den Vorzug an. Dazu kam das Recht der Gutsherrschaft, der damals noch ein unbestrittenes Obereigenthum zugestanden wurde. Da saßen die Haken des materiellen Rechts, die gegen die Klage eingeschlagen werden konnten; aber wie viel Haken des formalen Rechts gab es außerdem! Ueber wie viele sogenannte verzögerliche Einreden wurde in drei Instanzen gestritten, ehe es zu einer Entscheidung über die Sache selbst kam! Zehn Jahre hatte man über Formalien gestritten, jetzt im dreizehnten Jahre kam die erste Entscheidung der unterrichterlichen Instanz des Amts Hoya über das Recht selbst; die Klage wurde in angebrachter Maße zurückgewiesen. Aber welche Geldmassen hatte diese Klage bis dahin verschlungen? Das Uebergesparte Katharinens hatte kaum für zwei Jahre ausgereicht, dann fing man an, mit obrigkeitlicher Erlaubniß und gutsherrlichem Consense Geld auf Hypotheken auf die Jochen Dummeier zugefallene Brinksitzerstelle zu leihen. Man fand lange bereitwillig einen Juden als Herleiher, der aber, sobald die Obligation in seinen Händen war, an Claasing weiter cedirte. Ehe Jochen noch volljährig war, wurde seiner Vormundschaft angezeigt, daß die Forderungen an den Gestütmeister und von diesem an Herrn Commerzienrath Crelinger cedirt seien, welcher letztere das Geld kündigte. Nun war die hypothekarische Schuld schon so groß, daß in den begonnenen Kriegszeiten das Geld nicht anzuschaffen war. Der Proceß nahm freilich seinen Fortgang; Jochen Dummeier erhielt das Armenrecht, und Advocat Bardeleben, der viele Hunderte von Thalern verdient hatte, führte den Proceß weiter, aber nicht mehr mit der alten Energie. Während er bisher niemals zu Fristgesuchen seine Zuflucht genommen hatte, wetteiferte er jetzt mit Claasing's Advocaten in dieser Branche. Jochen hatte vom Vater wie von der Mutter ein angeborenes Selbstbewußtsein und eine eigene Festigkeit, welche durch die schlechte Erziehung, die ihm von der Mutter geworden war, in Eigensinn, Trotz, Widerspenstigkeit ausgeartet waren. Er konnte nicht gehorchen, konnte sich nicht unterordnen, das schien ihm unmännlich. Hatte er doch von seiner Confirmation an mit der Mutter nur in Einem Streite gelebt, in welchem er Sieger geblieben war. Katharina, die den männlichen Hans Dummeier überwunden, mußte sich vor dem eigenen Sohne beugen, ihm seinen Willen lassen. Die Versuche, denselben in Eckernhausen oder sonst als Knecht unterzubringen, an Ordnung und Gehorsam zu gewöhnen, waren sämmtlich fehlgeschlagen, nach wenig Wochen war er überall fortgejagt. Beim Spiel und Tanz, auf Hochzeiten und Kirmessen spielte er aber den Anführer, und wo eine Schlägerei in Eckernhausen und der Umgegend war, da konnte man sich darauf verlassen, Jochen hatte nicht gefehlt; war scharf geschlagen, so sagten alle Jungen: »Dat hett Jochen dahn, hei harre sin Kniep glick ut der Böxentasche.« Jochen wäre ein guter Soldat geworden; wie es eigentlich kam, daß er es nicht wurde, ist uns noch immer ein Räthsel. Der Zufall spielte sein Spiel. Dagegen war er schon von Jugend an Wildschütz. Die großen herrschaftlichen Holzungen, die sich an den Sandhügeln des linken Weserufers, den Mooren und Brüchen hinzogen, bargen für die zahlreichen Wildschützen Rothwild wie Schwarzwild, wilde Enten, Becassinen, Birkhühner, Rebhühner und Hasen. Um die Wirtschaft bekümmerte sich Jochen nur zur Zeit der Bestellung und der Ernte, er pflügte seine paar Morgen Land, bestellte es, fuhr die Saat ein, drosch sie mit der Mutter gemeinsam aus, für alles übrige mußte diese sorgen. Für Taschengeld sorgte die Wilddieberei und seine Ueberlegenheit im Kartenspiel. Nur in Einem Punkte war sein Leben lobenswerth, fand aber gerade den Tadel seiner Mutter: er war dem Mädchen seiner Liebe treu. Dieses Mädchen war freilich auch die schönste Erscheinung weit und breit in der Umgegend von Heustedt, es war die Tochter der Filler-Martha und des Grafen Otto von Schlottheim. Der Filler, der auf seine Ehre mehr hielt als manche adeliche Familie damals auf die ihrige, hatte seine Tochter verstoßen, sein Wesen, das ihm erbeigen gehörte, verkauft und war aus der Gegend verschwunden. Martha war im Armenhause niedergekommen und befand sich in der bittersten Noth. Die Gräfin Melusine hatte ihren Rentmeister beauftragt, für die »Wahnsinnige«, wenn sie etwa aus dem Gefängnisse entlassen werde, zu sorgen. Nun hatte das Schloß früher in der Feldmark Eckernhausen große Weiden gehabt, die, als der Graf Wildhausen sein Gestüt anlegte, mit herrschaftlichen Weiden an der Weser vertauscht wurden. Ein Hirtenhaus, bewohnbar auch im Winter, mit einigen Himptsaat Land und einigem Graslande, genug, eine Kuh durchzuwintern, stand etwas entfernt vom Dorfe leer. Der Rentmeister hatte es noch niemals verheuern können, weil die eckernhäuser Bauern sich verabredet hatten, einem etwa dahin ziehenden Häuslinge weder Arbeit zu geben noch Land zu verpachten, ohne welches eine Familie nicht leben konnte. Der Rentmeister wies nun dieses Haus der Filler-Martha als unentgeltlichen Wohnsitz an, stattete sie mit einem Bette und den notdürftigsten Möbeln ans, schenkte ihr aus eigenen Mitteln eine Ziege und schützte sie bei dem Amte gegen die eckernhäuser Bauern, welche ihre Aufnahme weigerten. Das Amt nahm sich ihrer an, es entschied, das Hirtenhaus gehöre nicht zur Gemeinde, sei adelich exempt und werde daher die Martha niemals der Gemeinde, sondern nur dem neuen Schlosse zur Last fallen. Martha's Stolz und Trotz war durch die Ereignisse niedergebeugt; daß ihr Vater sie verstoßen hatte, schmetterte sie nieder, sie ließ alles mit sich machen, und der Amtmann Steinbart, der sich ihrer von Anfang angenommen hatte, überredete sie leicht, das Gebotene nicht zu verschmähen. So lebte Martha schon seit sechzehn bis siebzehn Jahren still und zurückgezogen in ihrem Hause. Sie war sehr geschickt im Korbflechten. Sie flocht aber nicht nur jene gewöhnlichen Körbe von grünen Weiden zum Gebrauche für das Haus und die Ackerwirthschaft, sondern wußte auch kleine zierliche Handkörbchen für Damen anzufertigen, und ernährte sich und ihre von Heinrich Schulz in Grünfelde als Anna getaufte Tochter ehrlich und gut. Anna Schlottheim, so war die Tochter nach dem im Kirchenbuche angegebenen Namen des Vaters getauft, mußte ihren Confirmationsunterricht in Grünfelde nehmen. Auf dem Wege dahin wurde sie häufig von Jochen Dummeier, dem vierzehn Jahre ältern Jungen, begleitet, der sich ihr durchaus gefällig und dienstbar erwies, sie über Schmuz und Pfützen, an denen es auf dem Wege nicht mangelte, hinwegtrug, böse Dorfhunde verjagte, sie gegen die unartigen Buben in Eckernhausen schützte. Ich muß nämlich, nicht gerade zum Lobe der Eckernhäuser, gestehen, daß ein siebzehnjähriges untadelhaftes Leben nicht vermocht hatte, den Widerwillen der Bauernschaft gegen die Niederlassung Martha's in diesem Orte zu heben, sie wurde im Dorfe nie anders als Filler-Martha genannt, ihre Anna fand keine Spielgenossen, wurde vielmehr von den Kindern verhöhnt und das Grafenkind genannt. Das Leben in diesen Jahren war ein Leben voller Qual, und die Verlassene wäre Menschenfeindin geworden, wenn nicht zwei Dinge sie hochgehalten hätten: die Liebe zu ihrem Kinde und die Tröstungen der Religion, welche sie vom Ideale ihrer Kindheit, dem Pfarrer in Grünfelde, empfing. Sie ging sonntäglich zur Kirche nach Grünfelde, und als Anna sieben Jahre alt geworden, mußte diese sie begleiten. Nach der Confirmation des Mädchens stellte sich Jochen Dummeier erst wie zufällig, dann öfter, später als regelmäßiger Begleiter bis vor die Kirchthür ein. Die Mutter, welche von Anna gehört hatte, wie Jochen in ihrer Kindheit der einzige gewesen, der sie beschützt habe, die Verstoßene, welche in der ganzen Woche mit niemand sprach als den Männern, die ihr Weiden verkauften oder Mehl, Kartoffeln und Gemüse brachten, war auch ihr die Begleitung nicht unangenehm. Das hübsche Kind hatte schon früher den Verkauf der feinen Korbwaaren in Heustedt besorgt. Sie war eine so eigentümliche, liebliche Erscheinung, daß jeder gern kaufte, wenn sie Körbe anbot, selbst die Damen. Schlank und schön gewachsen, mit kleinen aristokratischen Füßen und Händen, den schwarzen, in langen Flechten herabhängenden Haaren der Mutter, hatte sie vom Vater den zartesten weißen Teint und schöne blaue Augen. Auf einem dieser Kirchwege nach Grünfelde trat Jochen mit dem Vorschlage hervor, sie möge ihn manchmal nach Bremen begleiten, um dort Korbwaaren abzusetzen, was ihr gewiß leicht gelingen werde. Er fahre alle vierzehn Tage dahin mit leerem Wagen, um Waaren dorther zu holen, und wie er im Vertrauen gestehen wolle, für seine Genossen Colonialwaaren, verbotenen Kaffee und Zucker einzukaufen, die von diesen eingeschmuggelt würden. Die Waaren, welche er auf seinem Wagen zurückbringe, würden aber versteuert. Jochen wußte der Mutter so viel von dem Reichthum in Bremen zu erzählen, und wie leicht es Anna dort werden würde, einen ganzen Wagen voll seiner Korbsachen alle drei bis vier Wochen zu verkaufen, daß diese sich zu einem Versuche entschloß. Sie wollte selbst mitgehen, allein Jochen wußte ihr das auszureden, und die Sorge für ihre Kuh – sie hatte sich zu einer solchen emporgearbeitet, die sie doch drei oder vier Tage nicht ohne Pflege und ungemelkt lassen konnte –, überwog endlich. So zog man denn auf unwegsamen sandigen Wegen, Chausseen gab es noch nicht, eines Tages über Mardfeld, Schwarme mit einem Einspänner nach Bremen zu. Auf dem Leiterwagen war für Anna Schlottheim ein Vorsitz angebracht, Jochen ging meistens zu Fuß neben dem Pferde her, und wenn man auf eine glatte Lehmheide kam, setzte er sich neben Anna und ließ den Schimmel austraben. Man kam spät nachmittags in Bremen an. Diese Stadt hatte sich, seitdem wir sie nicht gesehen, äußerlich wie innerlich sehr verändert. Zunächst war sie durch den Reichsdeputationshauptschluß von 1803 die hannoverische Intendantur, die Hoheit des Kurfürsten in der Stadt selbst, los geworden, sie war erst jetzt eine freie Stadt, abgesehen von der französischen Herrschaft, die sich schon seit dem Napoleonischen Decret vom 21. November 1806, welches England für blokirt, alle englischen Waaren für confiscirt erklärte, bedeutend fühlbar machte. Aber auch äußerlich war Bremen ein anderes geworden, man hatte angefangen, den Reifrock der Festungswälle mit der Mode, die von Reifröcken nichts mehr wissen wollte, zu entfernen. Auf dem Osterthorwalle war ein neues Schauspielhaus seit 1792 errichtet, die »Braut« war abgetragen, von allen Seiten drang mehr Licht und Luft in die Stadt. Perrüken, Zopf und frisirte Köpfe begannen eine Seltenheit zu werden, alles, was fein und nobel war, trug schwarzen Frack und weiße Piquéweste, oder blauen Frack mit goldenen Knöpfen, gelbe Weste und Stulpenstiefel. Jochen Dummeier pflegte seine Einkäufe bei dem uns wohlbekannten Hause Johann Karl Junker und Compagnie zu machen. Auch da war eine große Umwälzung geschehen. Der Rath hatte die Intendantur, das alte Palatium, für 27769 Thaler 30 Grote erkauft und abbrechen lassen, das Museum war an dieser Stelle im Bau begriffen und Junker's Haus war von der einen Seite bloßgelegt und von Baugerüsten und Bausteinen verbarrikadirt, sodaß Jochen mit seinem Wagen nach der Straße fahren mußte, in die das Hinterhaus mündete. Jochen frug auf dem Comptoir an, ob er bis morgen eine Partie seiner Korbwaaren in den Lagerräumen niedersetzen dürfe. Man wies ihm einen Platz dazu im Vorderhause an. Während hier Anna die Körbe ordnete, die Jochen herzuholte, kam Johann Karl Junker junior , der künftige Senator nach dem Willen der Mutter, zur Zeit siebzehn- oder achtzehnjähriger Student in Heidelberg, und sah der Thätigkeit des schönen Mädchens zu, welches selbst den Zuschauer nicht bemerkte. »Aber schönes Kind«, redete er die aufschreckende Anna an, »sage mir, was soll denn das? soviel mir bekannt, handelt die Firma Johann Karl Junker und Compagnie nicht mit Korbwaaren.« »Aber ich«, entgegnete diese keck und sah ihn mit ihren großen blauen Augen an. »Nun so zeig' mir deine schönsten Stücke«, entgegnete der Studiosus. »Dieser da ist der theuerste, den hab' ich selber gearbeitet, er kostet 2 Thaler, und dieser, den die Mutter gemacht, ist der schönste, der kostet 1 Thaler 60 Grote.« »Warum kostet denn dein Korb mehr?« »Weil ich noch einmal solange daran gearbeitet habe als die Mutter.« »Hier, schönes Kind, ist ein Louisdor, ich behalte beide Körbe, aber einen Kuß bekomme ich zu.« Der Student versuchte, Anna, die ihm die Körbe hinreichte und das Goldstück in Empfang nahm, zu umarmen, sie entzog sich ihm aber gewandt und wollte zu der offenen Thür hinausschlüpfen. Vor dieser stand aber der stille Compagnon, welcher, die Hände über dem Kopfe zusammenschlagend, ein halb heulendes Geschrei ausstieß: »Karl! Karl, Unglückskind, was muß ich von dir erleben! Das Geld, das deine Aeltern im Schweiße ihres Angesichts zusammensparen, das wirfst du mit Händen zum Fenster hinaus, oder was noch schlimmer ist, das schenkst du einer Zigeunerin!« Ehe noch Johann Karl junior antworten konnte, trat Jochen mit einer neuen Last Körbe beladen und hinter ihm der Inhaber des Geschäfts selbst in den Raum, wo die Körbe gelagert wurden. Er hatte den schwarzen Frack an, trug seinen Zopf und seine gepuderten Löckchen noch, wie im Jahre 1788, nur ging er viel gebückter. »Sieh da Papa«, sagte der Studiosus, der in dem Vater eine unvermuthete, aber erfreuliche Hülfe zu erblicken schien, und hielt ihm die gekauften Körbe entgegen, »ich wollte der Mama und der Cousine Breuer eine Ueberraschung bereiten. Da die Firma Junker einen neuen Geschäftszweig zu ergreifen scheint und zwar mit einem so niedlichen Kinde, denn es ist ein Kind, Vater, sieh sie nur an, so glaubte ich für die Ehre der Firma auch etwas thun zu müssen, indem ich der erste Käufer war. Ich glaubte das unserm Hause schuldig zu sein, denn nicht wahr, Papa: alles für die Firma, nichts über die Firma! Und nun denke dir, schreit Mama, ich schmisse das sauer erworbene Geld mit Händen zum Fenster hinaus und verschenkte es an Zigeunerinnen! – Und du, Mama, hast du schon Zigeunerinnen mit blauen Augen gesehen? Sieh, dieses schöne Körbchen hat das weiße Kind dort gearbeitet, und dir schenke ich es, dies andere ist für Cousine Meta.« Karl Johann Junker senior , welcher Anna mit Wohlgefallen betrachtet und, da sie schüchtern zu Boden sah, sie unter das Kinn faßte und ihren Kopf in die Höhe hob, sagte: »Hast recht, mein Sohn, alles für die Firma und nichts über die Firma.« Damit war der Sturm, der über den kühnen Studiosus hereinzubrechen drohte, beschwichtigt. Anna bedankte sich, versprach, morgen die Körbe abzuholen, und entfernte sich mit Jochen, der ihr Bremen und die Häuser zeigen wollte, wo sie wahrscheinlich auf Absatz rechnen könnte. Jochen wußte in Bremen genau Bescheid. Am andern Tage hatte Anna ihren ganzen Korbvorrath noch vor Mittag verkauft und trug in ihrem Beutel so viel Geld, als sie noch niemals beisammen gesehen hatte. Jochen hatte Continentalwaaren auf seinem Wagen, die verbotene Colonial- und englische Waare, die er erstanden, ging bei Nacht und Nebel die Weser hinauf. Auf der Heimfahrt, als das junge Mädchen unschuldigerweise erzählte, der junge Herr, der ihr die beiden Körbe für den Louisdor abgekauft, habe einen Kuß in den Kauf haben wollen, wurde Jochen ganz zornig und sagte, dann nehme er sie nicht mehr mit nach Bremen, und dem Laffen wolle er eins versetzen, daß ihm das Küssen vergehen sollte. Die wahre, rohe Bauernnatur, die Anna noch nie in der Weise gesehen hatte, denn gegen sie war Jochen immer wie ein Lamm, brach los und erschreckte sie sehr. Martha war höchlich erfreut über das Resultat der bremer Reise, Mutter und Tochter gingen mit frischem Eifer an die Arbeit und versuchten, sich in Erfindungen neuer Muster zu übertreffen. Einen schlimmern Stand hatte Jochen zu Hause, seiner Mutter war der Umgang Jochen's mit den »Fillers Frauenzimmern« nicht entgangen, sie hatte dem Sohne schon hundertmal untersagt, in das Hirtenhaus zu gehen. Sie war Tochter eines Vollmeiers und Frau eines solchen gewesen und bildete sich darauf nicht wenig ein. Ihr ganzes Dichten und Trachten ging dahin, ihren Sohn wieder zum Vollmeier zu machen, und die Fillerstochter stand viel weiter unter ihr, als sie unter der Gräfin Melusine zu stehen glaubte. Daß Jochen Körbe bei der Martha aufgeladen und die Anna nach Bremen gefahren hatte, war dem ganzen Dorfe bekannt und blieb Katharina nicht verborgen; als daher der Sohn am Abend nach Hause kam, gab es eine Scene, die man bei dem dritten Nachbar hören konnte und die damit endete, daß Jochen alles Küchengeschirr, dessen er habhaft werden konnte, der Mutter in der Stube vor die Füße warf, tobend und fluchend gegen Mitternacht die Wohnung verließ, um nach einem zwischen Eckernhausen und Heustedt gelegenen Wirthshause zu gehen, wo er gewiß war, Kumpane zu treffen. Theils aus Eifersucht, theils um ähnlicher Auftritte überhoben zu sein, verschwieg er seine nächste Reise; die Frauen im Hirtenhause hatten noch nicht genug Vorrath gearbeitet, als daß sie hätten drängen sollen. Als er sich aber überzeugt hatte, daß der junge Laffe, wie er ihn nannte, Bremen wieder verlassen habe und auf der Universität sei, nahm er keinen Anstand, zur nächsten Reise Anna und ihre Körbe wieder mitzunehmen, nur war er vorsichtiger; er fuhr nach Mitternacht ab, als seine Mutter im festen Schlafe lag und das geschwätzige Dorf desgleichen. Man kam gegen Mittag in Bremen an, und Anna lagerte ihre Waaren wieder im Junker'schen Hause; der Studiosus war nicht mehr da, aber Senior selbst kam, sich die niedlichen Sächelchen zu besehen und einiges davon zu kaufen, das er heimlich ins Comptoir bringen ließ, einen geheiligten Ort, den der stille Compagnon nur betrat, wenn ein Fest nahte und das Scheuern erlaubt wurde. Er streichelte dabei Anna wieder das Kinn, hob ihr den Kopf in die Höhe, sah sie mit seinen kleinen Augen lange an und drückte ihr einen väterlichen Kuß auf die Stirn. Dann erkundigte er sich des längern und breitern über ihre Verhältnisse und schloß damit, es solle das letzte mal sein, daß sie mit den Körben selbst hausiren gehe, er wolle für einen Kaufmann sorgen, der die Waare in Commission nähme, und er selbst wolle es mit einer Quantität Körbe auf eigenes Risico nach Amerika versuchen. Zugleich zeigte er ihr einige größere mit amerikanischen Binsen und Reisstroh umflochtene Flaschen und frug, ob sie oder ihre Mutter dieselben wol ebenso fein umflechten könnten; sie sollten mit scharfem Essig aus der Brauerei von Bollmann in Hoya nach Südamerika geschickt werden. Anna versprach, einen Versuch zu machen. »Wenn der Versuch gelingt, mein Kind«, sagte der Inhaber der Firma Johann Karl Junker und Compagnie, »so wird die Firma dir sehr dankbar sein und euch hinreichend beschäftigen. Für amerikanische Binsen und Reisstroh werde ich dann in Zukunft sorgen; jetzt versuchet es mit dem Zeuge, welches ihr habt.« Anna verkaufte auch diesmal ihre Körbe recht bald, nur war es ihr lieb, daß es das letzte mal sein solle, denn sie war bei dem Hausirverkaufe schlimmern Zudringlichkeiten von jungen und alten Herren ausgesetzt als bei dem ersten Verkaufe im Junker'schen Hause. Aus dem Comptoir wurde, als Jochen und Anna fortfuhren, ein großer Korb mit Probeflaschen herausgetragen und Jochen ein Kronthaler eingehändigt, damit er den Korb und seinen Inhalt versteuern könne, was ihm von einem der Comptoirgehülfen auf die Seele gebunden wurde. Anna erzählte Jochen, daß der alte Herr nicht wolle, daß sie ferner mit Körben hausiren gehe, und daß er der Mutter reichlichen Auftrag geben würde, Flaschen wie die in dem Korbe befindlichen zu umflechten. Als man aber nach Dreye kam an die Mauth und den Korb öffnen mußte, da fanden sich nicht nur die zwei Flaschen in demselben, sondern noch ein schwarzseidenes Kleid und eine sammtene Mantille, freilich nicht neu, und deshalb auch nicht steuerpflichtig, aber sehr wohl erhalten. Ein Zettelchen auf dem Packet enthielt die Worte: »Meta Breuer der schönen Korbflechterin.« Nun ging es im Hirtenhause an das Versuchen. Es wurde zunächst das Ende der Umspinnungen der Probeflasche gesucht, und als solches gefunden, gelöst, und die Umspinnung mit großer Sorgfalt abgenommen, wobei Anna jede einmalige Umwindung, jede Drehung, jeden besondern Knoten auf Papier notiren mußte. Dann begannen Mutter und Tochter die Nachahmung, die freilich erst nach einer Menge von Versuchen vollkommen gelang. – Die Proben, nach Bremen geschickt, fanden Beifall, und nun kam oben aus dem Lande eine ganze Schiffsladung solcher Flaschen und ein Wagen mit amerikanischen Binsen von Bremen, sodaß Martha mit ihrer Tochter gut bezahlte Arbeit für mehr als ein Jahr hatte. Waren ein paar Dutzend umflochten, so wurden sie zur Weser nach Hoya geschickt und wanderten dann mit starkem Weinessig gefüllt wieder nach Bremen. Der Wohlstand im Hirtenhause mehrte sich von Tage zu Tage, man hielt eine Magd, hatte eine Gehülfin angenommen zum Flechten der gröbern Körbe, die noch immer in Eckernhausen und Heustedt verlangt wurden. Selbst die größern Bauern fingen an, da sie den Erfolg sahen, ohne welchen es ihnen bei allen Dingen an Glauben fehlt, die Respectabilität von Martha und ihrer Tochter zu loben, und tadelten nicht, daß die letztere in dem geschenkten Seidenkleide und der Sammtmantille zur Kirche ging. »Se hatt sek dat sülbenst verdeent, un watt ener verdeent, da kann he Staat met maken«, sagten die Verständigen. Es würde fortan der Mutter nicht schwer geworden sein, unter den bessern Bauern Umgang zu finden, allein daß Jochen der Anna nachging, das gereichte jetzt allein den Bewohnern des Hirtenhauses zum Tadel. Jochen war im ganzen Orte verrufen, er hatte in ganz Eckernhausen keinen Freund und keine Freundin. Seit Anna's Confirmation waren etwa zwei bis drei Jahre vergangen, als über Katharina und ihren Sohn das Unglück hereinbrach, dessen wir oben schon erwähnten; das zur Bestreitung von Proceßkosten nach und nach angeliehene Kapital war gekündigt und konnte nicht. angeschafft werden. Die Brinksitzerstelle kam zur Execution, nachdem vorher Feld, Haus, Viehinventar verkauft waren. Die bisherigen Besitzer wurden ermittirt. Dies konnte in Bezug auf Katharina, der ja ein gesetzliches Leibzuchtsrecht an dem von ihrem Manne hinterlassenen Vollmeierhofe, an dessen Stelle die Brinksitzerstelle getreten war, zustand, nur deshalb geschehen, weil sie, die als Vormünderin die Kapitalien angeliehen hatte, sich zugleich für deren Sicherheit verbürgt hatte. Eine Wohnung war für die Ausgetriebenen in Eckernhausen nicht zu finden, da erbarmte sich Martha derselben und nahm sie in das Hirtenhaus zu sich. Jochen hatte einiges von seinem Vermögen gerettet, indem er, als er merkte, daß die Dinge schief gingen, theils einige Sachen beiseitebrachte, andere, namentlich Wagen und Pferd, durch Scheinkauf dem Wirthe zur Moorbrücke verkaufte, in dessen Interesse und Oberleitung der ganze Schmuggel betrieben wurde. Mit den wenigen Kleidungsstücken und Betten, welche nach der Executionsordnung jedem Schuldner gelassen werben mußten, zogen Mutter und Sohn ins Hirtenhaus zur Filler-Martha. Jochen wollte jetzt um Anna's Hand anhalten, allein die Mutter verweigerte ihre unumgängliche Zustimmung: »Solange unser Proceß nicht in letzter Instanz unwiederbringlich verloren ist, solange noch der schwächste Hoffnungsschimmer ist, daß wir den dänischen Spitzbuben von dem geraubten Gute vertreiben, so lange erhältst du meine Einwilligung nie.« Jochen hatte es auf den Kirchgängen nach Grünfelde oft zum Gegenstande des Gesprächs gemacht, wie er auch von der Gräfin Melusine sein Recht und das Recht Anna's, der Tochter ihres Schwiegersohns, erstreiten wolle. Es war Herbst, als Katharina und ihr Sohn exmittirt wurden, der November mit Wind und Regen kam. Während Anna und ihre Mutter und die Gehülfin am Fenster saßen, um bei dem trüben Tageslicht an ihren feinen Flechtwerken zu arbeiten, Katharina bei dem Spinnrade oder in der Küche mit der Bereitung des Essens für die ganze Hausgenossenschaft beschäftigt war, rekelte Jochen, wenn er nicht in seinen Handels- und Schmuggelgeschäften nach Bremen war, sich auf der Bank hinter dem Ofen, die in keiner niedersächsischen Dönze derzeit wie heute fehlte. Hier pflegen die Bauern im Winter ihre Schlachtplane auszuhecken, Kniffe, wie sie ihrem Nachbar, wenn sie mit ihm erzürnt sind, oder einem sonstigen Feinde einen Proceß an den Hals werfen können; hier werden Ränke des Eigennutzes und der Selbstsucht geschmiedet. Statt die Stunden, welche schwere Dresch- und andere Arbeit nicht in Anspruch nahmen, an Weiterbildung zu denken, Nützliches oder auch nur Erheiterndes zu lesen, brütete der niedersächsische Bauer, wenigstens zu der Zeit, von der wir reden, Kriegsgedanken eines Privaten gegen einen andern Privaten. So dachte Jochen Tage und Wochen darüber nach, wie er die Gräfin Melusine zu einer Erklärung veranlassen könne, von der Advocat Bardeleben gesagt hatte, daß sie seinem Processe eine günstigere Wendung geben würde, und wie er zugleich die Einwilligung der Mutter zur Verheiratung mit Anna Schlottheim erzwingen könne. Zweites Kapitel. Kassel. Kaiser Napoleon hatte durch Decret vom 18. August 1807 das Königreich Westfalen geschaffen und es seinem Bruder Jérôme, dem Commis aus Baltimore, geschenkt, als dieser vierundzwanzig Jahre alt geworden. Ein Jahr westfälischer Herrlichkeit war schon vergangen, und Kassel stand sich nicht schlecht dabei. Hieronymus hatte sich mit allem Flitter und Tand, der einen Königsthron zu umgeben pflegt, in Kassel und auf Napoleonshöhe förmlich überladen. Er besaß einen Hofstaat nach brüderlich kaiserlichem Muster, aus französischem und deutschem Adel bestehend, führte eine deutsche Fürstentochter als Frau heim, war er doch von der Amerikanerin Mary Patterson geschieden, er ließ Soldaten und Garden in glänzenden Uniformen, freilich, was den Althessen und Hannoveranern sehr misfiel, ohne Zopf, mithin ohne Ansehen und Würde, auf dem Friedrichsplatze Parade machen und die Wache beziehen. Er hatte für sein aus zwanzig Fürstenthümern und Herrschaften zusammengewürfeltes Reich aber etwas, das andern deutschen Staaten damals noch fehlte, Reichsstände , Deputirte des Grundbesitzes, des Handelsstandes, der Industrie, Deputirte sogar der Wissenschaft. Es hatte kaum zwei Jahre gedauert, da war das aus den heterogensten Elementen zusammengefügte neue Königreich ein wirklich einheitliches Reich. Zwar nur ein Appendix des französischen Kaiserreichs, in welchem Napoleon als oberster Herrscher befahl. Sein Augenwinken in Paris wurde in Kassel wohl verstanden und, soweit es sich nicht um die Interessen und Leidenschaften der höchsten Person selbst handelte, streng befolgt. Frankreichs Maß, Gewicht und Münzen waren eingeführt, und das hielt jedermann für ein Glück, denn die zwanzigerlei Albus, Mariengroschen, Gute Groschen, Kreuzer, Pfennige, Heller und andere Geldwirthschaft, die in den Ländern existirte, die jetzt das Königreich bildeten, waren erschrecklich gewesen. Der Code Napoléon war zum Gesetze erhoben und öffentliches mündliches Verfahren im Civil- und Criminalproceß an die Stelle des alten schriftlichen Schlendrianprocesses getreten, was Leuten, wie dem nun glücklicherweise in England weilenden Geheimen Cabinetsrath Rudloff, gegen den Executionen niemals zu vollziehen gewesen, freilich ein Greuel war. An die Stelle der altpatriarchalischen Aemterwirthschaft mit Domanialpachtungen war ein strenges, geordnetes polizeiliches Präfecten- und Mairethum getreten; die Domänen bekamen freilich französische Generale als Dotationen, aber die Leibeigenschaft wurde aufgehoben, Feudallasten und andere auf den Bauern lastende Beschwerungen verschwanden, der Bauer konnte, trotz der Grundsteuer, die an die Stelle der Contribution trat, und anderer neuen Steuern, freier aufathmen. Das Hypothekenwesen wurde neu geordnet und versprach für Realcredit eine gute Stütze zu werden, die Zünfte waren aufgehoben, die Nichtmeistersöhne brauchten nicht erst grau zu werden, ehe sie sich selbständig setzen konnten. Handel und Gewerbe begannen, trotz der Continentalsperre und der hohen Preise von Colonialproducten Leben zu gewinnen. In Kassel wenigstens verdienten Kaufleute und Krämer, Handwerker und Künstler reiches Geld. Die Stadt Hannover freilich begann, seitdem Mortier am Geburtstage Georg's III., am 4. Juni 1803, eingerückt und die Minister mit dem Staatsschatze, allerlei Kostbarkeiten und Trödel aus Hannover entflohen waren, unter Zurücklassung von sämmtlichem Kriegsgeräth, aus einer Residenz zu einer unglücklichen Provinzialstadt zurückzusinken. Aller Adel hatte sich aus dem Staube gemacht, die Geheimräthe mit einem Theile der Wirklich Geheimen Cabinetsräthe und Secretäre flüchteten nach England. Aller übriger Adel, der sonst den Scheinhof zu Hannover repräsentirt hatte, lebte auf den Gütern, nur wenige Adeliche blieben im Landesdeputationscollegium, um die Dürbach'schen Anforderungen, die nicht kleinen, auf die Landschaften zu vertheilen. Diejenigen Adelichen, welche keine Güter hatten und nicht etwa im Staatsdienste standen, oder mit der aufgelösten Armee nach England hinübergingen, waren am übelsten daran. Sie suchten Zuflucht bei den Vettern. Melusine von Wildhausen hatte sich zeitig vor dem Einrücken der Franzosen nach Heustedt zurückgezogen mit ihrer Tochter und drei güterlosen Vettern, zweien von väterlicher Seite, einem von seiten ihres weiland Gemahls. Sie bedurfte eines solchen Gefolges, theils weil sie überhaupt ohne Unterhaltung nicht leben konnte, theils um zwischen ihr und Heloisen zu vermitteln. Seitdem die Nachricht gekommen war, daß Graf Schlottheim sich in Wien mit der uns wohlbekannten Flora von B. vermählt habe, war das seit Jahren schon gespannte Verhältniß zwischen Mutter und Tochter zu wahrer Feindschaft ausgeartet. Die Tochter hatte die Mutter Mörderin der verkuppelten Anna wie ihrer Schwester Olga genannt, und diese, aus ihrer gewöhnlichen vornehmen Ruhe und Gleichmüthigkeit aufgerüttelt, murmelte leise, aber voll Grimm, natürlich französisch: Man merke es ihr doch an, daß sie das Blut einer bürgerlichen Canaille in sich trage; aber die Tochter hörte die Worte doch. Heloise, die damals gerade volljährig geworden war, durchschaute, von eigenen Beobachtungen und Rückerinnerungen an die Kindheit geleitet, die sie von andern erhalten, das Leben der Mutter hinreichend. Sie gab dieser eine wahre, kurze, aber so scharfe und dolchartig zugespitzte Erwiderung, wie sie nur zwei Worte in französischer Sprache ausdrücken können. Die Antwort traf, die gnädigste Gräfin sank in Ohnmacht. Die Tochter schellte der Kammerfrau der Gräfin und entfernte sich mit stolz emporgehobenem Kopfe. Sie war also, wie sie das schon seit Jahren geahnt hatte, die Tochter eines Bürgerlichen, sie trug den stolzen Namen Comteß Heloise von Wildhausen mit Unrecht, aber ohne eigenes Verschulden, durch eine Sünde ihrer Mutter. Wer aber war ihr Vater? Sollte es jener Mann sein, der zur Zeit ihrer Geburt als Obergestütmeister nach Kirnberg gekommen war, und den sie schon als Kind niemals hatte leiden können? Sie erinnerte sich aus der Zeit, als Olga's Hochzeit gewesen, ein Gespräch von Dienstboten belauscht zu haben, in welchem der Gestütmeister ein abgedankter Liebhaber ihrer Mutter genannt war. Derselbe galt aber, das hatte sie nach kurzem Aufenthalte in Heustedt schon erfahren, allgemein als Mörder seiner Frau, ihrer lieben, lieben, immer lustigen Anna, der Milchschwester ihrer Olga, die sie wie die Schwester selbst geliebt hatte. Das war ein gräßlicher Gedanke, der sie Tag und Nacht peinigte. Der Obergestütmeister, welcher in Heustedt von der guten Gesellschaft ausgeschlossen war, der sich nur noch mit rüden Gesellen, Roßkämmen, Lieferanten an die französische Armee herumtrieb, hatte es gewagt, neulich der Mutter seine Aufwartung machen zu wollen, allein er war nicht angenommen, sondern zum zweiten und dritten mal abgewiesen. Das hatte der Tochter wieder Hoffnung gegeben, nicht das Kind dieses Mannes zu sein. War es auch möglich, daß die Natur einem Kinde Abscheu gegen seinen Erzeuger einflößen konnte? Und Widerwillen und Abscheu hatte sie gegen Claasing gehegt, soweit sie sich seiner erinnerte, namentlich in der Zeit, der sie sich vollkommen bewußt war, wo derselbe ihrer Schwester und Anna Reitunterricht gab und ihr selbst oft auf das Pferd helfen wollte. Sie sann und sann, wie sie sich Gewißheit verschaffen könne, wer ihr Vater sei, ob er noch lebe, ob sie ihn lieben könne. Allein es wollte ihr kein Mittel einfallen, die Wahrheit, die ja nur die Mutter selbst wissen konnte, zu erfahren. Mit der Mutter hatte sie seit jener Scene kein Wort gesprochen. Sie nahm ihr erstes und regelmäßig auch ihr zweites Frühstück in ihren Zimmern ein, denselben, die einst Olga und Anna bewohnt hatten, und erschien nur beim Diner, zu dem außer den Vettern regelmäßig der Adel und einige der Honoratioren der Stadt eingeladen waren, denn die Gräfin fühlte das Bedürfniß, ihre Autorität, welche durch die Zeitereignisse und die geschwundene Ehrfurcht und Unterthänigkeit vor dem Adel bedeutend erschüttert war, wiederherzustellen, und sie wußte, welche Wirkungen ihre Diners früher ausgeübt hatten. Hier wurde Heloise dann wol » ma fille « angeredet, und sie antwortete, wie es sich geziemte. Sonst fanden Beziehungen nicht statt. Von der Mutter konnte sie unter solchen Verhältnissen nicht hoffen, die Wahrheit zu erfahren. Tante Hulda war todt und hatte ihr zwei Steppdecken aus seidenen Flicken als Erbe hinterlassen. Sie war auch zu unbefangen dumm, als daß sie hätte Auskunft geben können. Die alten Diener, die sie als Kind auf den Armen getragen, sie lagen alle begraben auf dem Kirchhofe der Schloßkirche, es waren während der Zeit, die sie in Hannover zugebracht hatte, lauter neue, ihr unbekannte Gesichter in Dienst getreten. Ja der alte Haushofmeister mit den seidenen weißen Strümpfen, schwarzen sammtenen Kniehosen und großen Schnallenschuhen, der seinen Zopf immer so schön gebunden trug, und dessen gepuderte Locken wie der Schnee schauten, der ihr als Kind die Menuet vorgetanzt und sie wie sein eigenes Kind geliebt hatte, ein alter französischer Kammerdiener des Grafen von Alvensleben, ihres Großvaters, der wäre der einzige von der Dienerschaft gewesen, zu dem sie Zutrauen gehabt hätte; aber in einem so delicaten Punkte hätte sie sich auch nicht an ihn wenden können. Er war lange Jahre todt. Der alte Rentmeister mit grauen Haaren, Rock und Beinkleidern, den wir im Anfange unserer Erzählung kennen lernten, war schon vor ihrer Geburt gestorben, sein Nachfolger und Sohn war eine ebenso hagere, schlanke Figur, als sein Vater krumm gewesen, auch an ihm war alles grau, selbst die Augen, er konnte sich, wie es schien, überhaupt nicht bücken, nahte er sich aber der Gräfin, so bückte er sich tief. Er war der Vertraute derselben in allen Geldverlegenheiten und hatte sie häufig aus eigenen Mitteln, die aber für Mittel von Moses Hirsch oder seinem Sohne galten, gegen gute Provision und Wucherzinsen aus Schwierigkeiten gerettet. Heloise mochte ihn nicht, wenn er auch Wissenschaft gehabt hätte, sie hätte ihn niemals, selbst nicht über eine weniger persönliche Sache, in das Vertrauen ziehen können, sie mistraute ihm. Nur Einer Familie erinnerte sich Heloise aus ihrer Kindheit noch mit Liebe und Zutrauen, das war die Familie des Schlagtmeisters Schulz, die vor dem Schloßhofe an der Weserstraße wohnte. Sie hatte von den Spielgenossen der Schwester, den beiden Schulz'schen Knaben Heinrich und Friedrich, nur eine dunkle Erinnerung, desto lebhafter tauchte die Erinnerung an Karl Haus auf, den von der Schwester Geliebten, den sie einst, kurz vor der Hochzeit der Schwester, bekränzt hatte. Sie mußte von dem Schicksal desselben Näheres erfahren, die Schwester hatte in der letzten Zeit so zufrieden, so glücklich von Neapel geschrieben, daß sie vermuthete, nur die Liebe könne solche Aenderung hervorgebracht haben. Die Erzählung von dem Tode der Schwester bei einer Lustfahrt auf dem Meere war ihr mehrfach unwahrscheinlich vorgekommen, immer zu allgemein und unbestimmt gehalten; erst die Wiederverheirathung Schlottheim's hatte sie an den Tod der so sehr geliebten Schwester glauben gemacht. Sie ging, sobald sie es ermöglichen konnte, zu dem Schlagtmeister. Die Wohnung war die alte, aber sie war wohnlicher und traulicher eingerichtet seit Jahren. In einem großen Lehnstuhle saß Georg Schulz, den Haaren nach ein Greis, aber bei seinen 65 Jahren noch kräftiger, strammer Haltung; vor ihm stand ein wunderschönes neun- bis zehnjähriges Mädchen und zeigte dem Großpapa Bilder von Städten aus einer alten Chronik, die auf dem Tische lag. Die Mutter saß im Sofa und strickte, ihr Haar war noch schwarz wie in ihrer Jugend, die Augen noch so groß und schön wie zu der Zeit, wo sie bei der Bardenfleth Putz machte. Man erkannte und bewillkommnete die gnädige Comtesse Heloise, und diese mußte sich zur Frau Schlagtmeisterin ins Sofa setzen, welche sofort auf Nachfrage Heloisens nach ihrer Familie in Frauenart zu erzählen anfing. Natürlich boten zunächst die Lebensschicksale ihres Lieblings Heinrich, des Pastors zu Grünfelde, des glücklich Verheirateten, des Lieblings seiner Gemeinde, die ihm das Pfarrhaus vom Hügel auf den südlichen Abhang des Eichensünders gebaut, den reichsten Stoff. Sie erzählte, wie ihr Sohn sie in den Lehren der evangelischen Religion unterrichtet habe, wie sie convertirt sei und sich glücklich fühle, wenn ihr der Sohn das Abendmahl reiche. Mit dem Lebenslaufe des zweiten Sohnes war Frau Schulz schon weniger zufrieden, er war Soldat geworden, war beim Ausfall in Menin verwundet, hatte dann lange an der Demarcationslinie gestanden und war nach der Capitulation von Artlenburg und Auflösung der Armee nach England gegangen, wo er in einer großen Maschinenbauerei Vorsteher irgendeiner Abtheilung war, welche die Mutter selbst nicht näher bezeichnen konnte. Die Lieblingstochter war Klara, die Frau des Küsters Cruella, deren Tochter Veronika dem Großvater die Bilderchronik explicirte, sie hatte eine vorzügliche Stimme und mußte der gnädigsten Comtesse, die sie zu sich ins Schloß einlud, eine Bravourarie ohne Noten und ohne Klavier vorsingen. Die jüngste Tochter Marianne, die Frau Oskar Baumgarten's, hatte Maria Schulz lange nicht gesehen, sie war am Ende des vorigen Jahrhunderts einmal mit ihren zwei Knaben und einem Mädchen die Werra und Weser herabgekommen. Ihr Mann war Oberförster geworden, ob er aber jetzt, wo das alles dort oben westfälisch geworden, seinen Dienst noch bekleide, wußte sie nicht. Heloise erinnerte sich des großen hübschen Jägersmanns noch recht gut, er hatte sie als kleines Kind, so oft er sie im Park traf, aufgenommen und abgeküßt, einmal war es ihr sogar vorgekommen, als habe er Thränen dabei vergossen. Sie ließ die gute alte Frau so lange reden, als dieser der Stoff nicht ausging, als aber das Thema von den eigenen Kindern erschöpft war und Frau Schulz nun wieder von neuem von ihrem Sohne, dem Pastor in Grünfelde, und seinen Kindern zu erzählen anfangen wollte, unterbrach sie dieselbe mit der Frage: »Aber liebe Frau Schulz, was ist denn aus dem Jugendfreunde Ihrer Söhne, dem Dr.  Karl Haus geworden, der hier Advocat war und, als Schwester Olga heirathete, Heustedt verließ?« »Ja, liebe Comteß, das weiß man nicht recht, darüber schwebt ein Geheimniß. Er soll in Hispanien oder wo er sonst mit dem Grafen Münster sich aufhielt, ein Verhältniß mit einer vornehmen Dame gehabt haben. Da erzählten nun die einen, er habe die Dame treulos verlassen und sei nach England oder Amerika gegangen, die andern sagen, der Ehemann der Dame habe ihn erst gefangen nehmen, dann als Franzosenfreund erschießen lassen. Ich glaube indeß, daß er noch lebt. Die alte Magd der Mutter desselben, welche auf der hintern Straße wohnte, hat mir vor ein oder zwei Jahren erzählt, der Kaufmann Bollmann in Hoya habe im Auftrage des in Amerika lebenden Dr.  Haus dessen Bücher und Sachen abfordern lassen, um dieselben nachzusenden. Die Möbeln habe er ihr geschenkt. Die alte Magd ist vor kurzem gestorben, aber mein Sohn, der Pfarrer in Grünfelde, wird gewiß mehr von der Sache wissen, und wenn Sie es irgend wünschen, so laufe ich trotz meiner alten Beine noch heute nach Grünfelde. Ich thue das jeden Sonntag.« »Nein, liebe Frau, ich werde selbst den Herrn Pfarrer besuchen und meine Bekanntschaft aus der Kinderzeit erneuern.« Schon am nächsten Tage fuhr Heloise nach Grünfelde und fand die Familie des Pfarrers so liebenswürdig, daß sie recht häufig dort verweilen zu können wünschte. Heinrich Schulz konnte ihr aber genauere Auskunft über Karl Haus nicht geben; das Wenige, was er wußte, klang abenteuerlich, und er kannte nicht einmal die Quelle seiner Wissenschaft. Karl, hatte er gehört, war seit etwa dem Anfange des Jahrhunderts in Amerika als Redacteur einer deutschen Zeitung beschäftigt und harrte vergeblich der Ankunft seiner Braut, die mit einem Freunde sich direct von Neapel durch die Meerenge von Gibraltar hatte einschiffen wollen, während seine Geschäfte ihn zwangen, erst nach England zu reisen. Nach einigen Jahren erst habe er erfahren, daß das amerikanische Schiff, auf welchem sein Freund und seine Braut sich in Sicilien eingeschifft, von tunesischen Seeräubern gekapert sei und beide in Sklaverei schmachteten. Er habe sich deshalb einer Expedition, welche die nordamerikanischen Freistaaten gegen die Barbaresken ausrüsteten, angeschlossen, und seitdem habe man nichts von ihm gehört. – Der Pfarrer versprach indeß, nach Hoya zu reisen, um sich bei Bollmanns zu erkundigen, die in steter Correspondenz mit den Söhnen in Amerika ständen. Diese Erzählung bereitete Heloisen mehr als eine schlaflose Nacht. Wer war die Braut Karl's? War er der Schwester untreu geworden, oder war die Schwester diese Braut und jetzt Sklavin in Tunis? Sie quälte sich Tag und Nacht mit dieser Frage, ohne eine Antwort zu finden. – Die Gnädigste hatte es für nöthig erachtet, gegen Frau von Vogelsang und Frau von Bardenfleth die frühere Vornehmthuerei und Eifersucht fallen zu lassen. Die Zeiten waren sehr schlimm für die großen adelichen Grundbesitzer, denn man lebte im Jahre 1808, und außer den an das Königreich Westfalen angeschlossenen Provinzen Göttingen, Grubenhagen, Hohnstein und Osnabrück waren die übrigen Provinzen des Kurfürstenthums noch immer in französischem Kriegsbesitze und wurden durch General Lasalcelle und von Grossiveau als receveur général des contributions du pays d'Hanovre , wie durch den kaiserlichen Generalintendanten Belleville gouvernirt, neben denen eine aus neun Mitgliedern der frühern Provinziallandschaft octroyirte Executivcommission bestand, welche die Kriegscontributionen und Naturallieferungen für das bunte Gemisch von Truppen aller Nationalitäten, die man in das Land warf, Spanier, Baiern, Cavalerie des Großherzogs von Berg, Franzosen unter Marschall Brune und Herzog von Auerstädt, von den Landschaften einzogen und auf diese vertheilten. Der Adel und die bürgerliche Bureaukratie Heustedts schienen sich damals zum ersten mal mit der Gnädigsten auszusöhnen, der eine suchte einen Halt an dem andern. Die Familie des Landraths wie des Barons wurden fleißig zu der Gräfin eingeladen, auch der Amtmann und die Amtsschreiber, und man erörterte dann ganz beiläufig, wie man die Last der Einquartierung von den Gütern weg, die ja nach altem Rechte, das die Franzosen nicht anerkannten, exempt waren, auf die Bauern wälze. Dieser wiedereröffnete Umgang war am heilsamsten für Heloise, welche hier in den Familien des Landraths und bei der Baronin einige Erheiterung und Zerstreuung fand. Die Gräfin selbst wurde dann von vielen Sorgen belästigt, mehr als sie erwartet hatte. Sie gewann erst jetzt einen vollen Ueberblick über die Schuldenmasse, welche sie nach und nach auf ihre Güter contrahirt hatte. Als ihr Vater starb, hatte sie ein jährliches Reineinkommen von 20000 Thalern, in den letzten Jahren, die freilich durch Kriegsläufe, Remissionen u. s. w. schwerer waren als andere, hatte sie nach Zahlung der Zinsen nur je 12000 Thaler übrigbehalten. Mochte der Werth des Grundeigenthums sich im Laufe der Zeit und bei Frieden, denn es konnte ja nicht ewig Krieg bleiben, heben, wie viel Meierbauern und Eigenbehörige hatten sich freigekauft, wie viel Zehnten waren an die Pflichtigen selbst veräußert! Diese Dinge kamen nie wieder und die aufgenommenen Hypotheken blieben. – Aber sie hatte nur noch eine Tochter, und eine solche, die sie haßte, für sie reichte ihr Vermögen aus, mochte Heloise sehen, wie sie fertig würde, hatte sie doch das Ihrige gethan, ihr Versorgung und Ansehen durch eine Heirath zu verschaffen. So kamen Herbst und Winter des Jahres 1808. Da eines Tages ließen sich bei der Gräfin melden Frau Katharina Dummeier und Sohn und Anna Schlottheim. Katharina Dummeier? Die Gräfin wußte nicht, wer die Person sei. Sie konnte gehört haben, daß Hans Dummeier nach dem Tode der Anne Marie wieder geheirathet hatte, hatte es vielleicht auch nicht gehört, jedenfalls war es ihr zu gleichgültig gewesen, darauf zu achten. Wer war Katharine Dummeier? Doch das war Bagatelle, wer wagte es, den Namen Schlottheim zu führen, wer wurde Anna Schlottheim genannt? Sie befahl, die Leute eintreten zu lassen. Die Scene, welche jetzt begann, war das Resultat des Kriegsplans gegen die Gräfin, welchen Jochen auf der Ofenbank ausgeheckt hatte. Katharina sowol als Jochen erschienen in ihrem Sonntagsputze, und Anna trug die ihr geschenkte Sammtmantille und das schwarzseidene Kleid, was ihr wunderschön stand. Das Gespräch wurde von seiten Katharinens und ihres Sohnes in Plattdeutsch geführt. Die Gräfin wie Anna sprachen Hochdeutsch. Katharine eröffnete den Feldzug sofort mit dem groben Geschütze; wir übersetzen, was sie sagte: »Gnädige Gräfin, wir kommen, die Frage an Sie zu richten, wie Sie es wagen konnten, gegen Gesetz und Recht, gegen das Sucessionsedict des durchlauchtigsten Fürsten und Herrn Georg Ludwig mit Uebergehung meines Sohnes Jochen der Tochter meines Mannes Hans Dummeier die Vollmeierstelle in Eckernhausen zu verleihen?« Das klang in plattdeutscher Sprache nun noch viel gröber. »Wagen?« sagte die Gräfin erstaunt aufblickend auf die Sprecherin, dann sah sie in den Spiegel, gleichsam als wolle sie sich überzeugen, ob sie noch sie selbst wäre. Katharinas Rede war eingeübt, allein sie sollte nach der Verabredung mit dem Advocaten höflicher, mehr bittweise gehalten sein. Selbst Jochen fühlte, daß sich die Mutter wieder von der gewohnten Heftigkeit und der Sucht zu befehlen hatte hinreißen lassen. Er schnitt ihr daher die Antwort auf das »Wagen?« der Gräfin ab, befürchtend, daß diese Antwort noch derber und ungeschickter ausfallen mochte. »Nehmen's nicht vor ungut, Gnaden«, sagte er, »die Mutter wird immer leicht hitzig, wenn sie auf das uns widerfahrene Unrecht zu reden kommt, besonders seitdem wir seit dreizehn Jahren bei den Gerichten vergebens nach Recht gesucht haben. Der Proceß hat uns zu Bettlern gemacht, wir sind von Haus und Hof verjagt. Advocat Bardeleben sagt, daß Ew. Gnaden ganz gewiß der Anna und dem Claasing die Stelle nicht gegeben hätten, wenn Ew. Gnaden gewußt hätten, daß ich, ein Sohn, am Leben sei. Anna Dummeier, meine Stiefschwester, ist todt, die Leute sagen, der dänische Spitzbube habe sie umgebracht. Der Däne hat sich noch einen Siebenmeierhof und einen Vollmeierhof in Grünfelde erheirathet, dazu hat er auch noch den Hof, der mir von Gottes und Rechts wegen gebührt! Unser Advocat sagt, wenn die gnädigste Gutsherrschaft bescheinigen wollten, daß sie zu der Abgabe des Hofes an die Tochter und ihren Bräutigam ihre Zustimmung nur gegeben haben, weil sie nicht gewußt, daß Hans Dummeier aus zweiter Ehe noch ein Sohn geboren sei, so müßten wir den Proceß gewinnen.« Jochen griff Anna bei der Hand und führte sie der Gräfin vor, auf welche das schöne Mädchen, das bis auf die schwarzen Haare und Augenbrauen dem jüngern Grafen von Schlottheim sehr ähnlich sah, einen tiefen Eindruck machte. »Dies ist die Tochter Martha's und Ew. Gnaden Schwiegersohns, des Grafen von Schlottheim, sie ist auf seinen Namen in das städtische Kirchenbuch eingetragen. Ich möchte sie heirathen, die Mutter hält das unter meinem Stande, aber sie will ihre Einwilligung geben, wenn Ew. Gnaden dadurch, daß Sie die gewünschte Bescheinigung ausstellen, mir zu meinem Rechte verhelfen. Ew. Gnaden sühnen dadurch ein schreiendes Unrecht, das Ihr Schwiegersohn an der Mutter meiner Braut verübt, Ew. Gnaden machen zwei liebende Herzen glücklich, ich werde den Segen des Himmels auf Ew. Gnaden erflehen, wenn Sie meine Bitte erhören.« Auch diese Rede war vorbereitet, Bardeleben junior hatte sie entworfen, Jochen sie auswendig gelernt und gut behalten. Anna kniete nun vor der Gräfin nieder und sagte einfach: »Gnädigste Gräfin, meine Mutter hat siebzehn Jahre in Noth und Sorge, Kummer und Betrübniß gelebt, der Sünden meines Vaters willen – es wird Ihnen so leicht, gut zu machen, was mein Vater verschuldet, thun Sie es meinetwegen, ich flehe auf meinen Knien darum.« Die Gräfin stand lange, viel zu lange unschlüssig, es regte sich in ihr ein besseres Gefühl, sie war einen Augenblick geneigt, der Bitte zu willfahren, sei es auch nur aus Haß gegen Claasing. Katharina war ungeduldig, der Zorn funkelte aus ihren Augen, sie trat einen Schritt vor, erhob den rechten Fuß, um nach Bauermanier dem, was sie jetzt sagen wollte, durch derbes Niederstoßen des Fußes mehr Gewicht zu geben. Die Gräfin sah Katharina an und erschrak über die Züge derselben, sie erschien ihr wie ein Fischweib von Paris, das auf der Pike den blutigen Kopf eines Adelichen trug; das Gefühl, daß man sich von unterthänigem, eigenbehörigem oder meierpflichtigem Bauerpack so etwas im eigenen Schlosse nicht gefallen lassen dürfe, wolle man nicht um allen Respect kommen, überwog bei ihr. Sie faßte Anna bei der Hand, hob sie in die Höhe, sprang zum Glockenzuge und schellte heftig. Der Kammerdiener und der Jäger traten in die Thür. »Hinaus mit der unverschämten bäuerlichen Canaille, treibt sie aus dem Schlosse, und ihr, ich rathe euch, nie den Schloßhof wieder zu betreten.« Nun brach die langverhaltene Furie in Katharina los, sie stampfte mit dem Fuße auf den Boden, daß alle Gläser, Nippes, Tische und Stühle in der Stube erbebten: »Was? bäuerliche Canaille? selbst adeliche Canaille!« und nun folgte eine Flut von Schimpfworten. Als der Kammerdiener Katharina bei dem Arme nahm, um sie aus der Thür zu schieben, faßte sie ihn mit beiden Armen um den Leib, hob ihn hoch in die Höhe und setzte ihn dann zu Boden mit einer Vehemenz, daß der arme Mann glaubte, es sei ihm keine Rippe heil geblieben. Die Gräfin schrie: »Mörder und Diebe!« Das ganze Haus lief zusammen, doch wußte sich Jochen, der kein Wort sagte, nur seine Fäuste zeigte, in der Rechten sein geöffnetes »Kniep« haltend, unbelästigten Rückzug durch das Schloß und den Schloßhof zu bahnen. Melusine von Wildhausen war außer sich. Was war das für eine Zeit? In Hannover wagt es ein geputztes Judenweib, sich in ihre Loge zu drängen, und in Heustedt wird sie in ihrem eigenen Schlosse von Bauerpack zur Rede gestellt? Ein Brief Claasing's, der ihr auf silbernem Präsentirteller gebracht wurde, goß noch Oel in das Feuer. Er schrieb: »Gnädigste Gräfin! Nachdem ich dreimal vergeblich um die Ehre gebeten, Ihnen meine untertänigste Aufwartung machen zu dürfen, erlaube ich mir, Sie von einer Thatsache in Kenntniß zu setzen, die zweifelsohne hinter dero Rücken geschieht. In dem gräflichen Hirtenhause zu Eckernhausen hat man seit Jahren die sogenannte Filler-Martha und ihr Kind aufgenommen. Jetzt hat diese Person ohne Autorisation Ew. Gnaden die schlechteste Menschenrasse in Eckernhausen, eine Diebes- und Wilddiebsbande, Schmuggler, Mordbrenner, die mir zehnmal schon mit dem rothen Hahn gedroht, liederliches Bettelvolk, Jochen Dummeier und seine Mutter, aufzunehmen gewagt, nachdem sie mit Schimpf und Schande vom eigenen Hofe Schulden halber vertrieben sind. Die gnädigste Gräfin würde sich ein großes Verdienst um Eckernhausen erwerben, wenn sie diese Vagabundenbande sobald wie möglich aus dem Hirtenhause jagen ließe. Ich bin gern erbötig, dasselbe sofort nach Taxwerth zu kaufen. Dero u. s. w.« Melusine befahl sofort den Rentmeister und frug diesen mit einiger Barschheit, wie er sich habe erlauben können, der Martha und ihrem H––kinde die Hirtenwohnung in Eckernhausen als Wohnung zu geben? »Gnädigste Gräfin scheinen vergessen zu haben, daß dies auf dero Befehl geschah, wenigstens wurde meinem Vater selig die Weisung, für das Unterkommen und Fortkommen der Marthe zu sorgen, damit der Skandal nicht größer werde, als er in der Kirche schon war. Mein weiland Vater glaubte diesem Auftrage am entsprechendsten nachkommen zu können, wenn er das unvermietbare Hirtenhaus in Eckernhausen zur Wohnung anwies. Andere Unterstützung hat Marthe nie begehrt und nie erhalten.« Die Gräfin biß sich auf die Lippen und richtete sich stolz in die Höhe: »Die Umstände haben sich verändert, die Person hat meine Gnade misbraucht und ohne Ihre Erlaubniß hoffentlich jenes nichtsnutzige Vagabundenvolk, Jochen Dummeier, den Schmuggler und Wilddieb, nebst Mutter in das Haus aufgenommen, die mich heute in meiner eigenen Wohnung turbirt und gröblich beleidigt haben. »Das Pöbelpack soll spätestens morgen aus dem Hause geworfen werden, das bis übermorgen an den Obergestütmeister Claasing verkauft werden soll. Ueber den Preis mögen Sie einig werden, brauchen nicht zu knausern.« Der lange Rentmeister bückte sich tief, seine kleinen grauen Augen schienen vor Devotion und Gehorsam noch nichtssagender zu werden, als sie schon für gewöhnlich aussahen, er sagte: »Zu Befehl, gnädigste Gräfin.« Am andern Tage, obgleich es ein kalter Decembertag war, wurden Marthe und Anna, die Gehülfin und die Magd, Katharine und Jochen aus dem Hirtenhause getrieben, das am Morgen dieses Tages an Claasing gerichtlich verkauft war. In der Vertreibung der Bewohner durch gerichtliche Hülfe lag der Act der Besitzergreifung für ihn. Marthe und Anna mit ihren Sachen fanden vorläufig bereitwillige Aufnahme auf Reckmeier's Vollmeierhofe – Katharina und Jochen mußten aus Eckernhausen fortwandern; sie zogen eine Stunde westlicher, wo ein als Schafdieb verschriener Verwandter ihnen Aufnahme auf seiner Stelle gewährte, die den Namen »Die Wüstenei« führte und die wir später näher kennen lernen. Marthe und Anna hatten schon öfter von Junker die Einladung bekommen, ihren Wohnsitz in Bremen aufzuschlagen. Anna mußte an Junker schreiben, daß und warum man jetzt im Winter von der Einladung Gebrauch mache. Der Kaufherr wurde gebeten, dem expressen Boten, der den Brief überbrachte, Nachricht zurückzugeben, ob die Wohnung, von der Junker geschrieben, noch zu haben sei. Sie stand durch Zufall noch leer. Nach einer Woche führte ein großer Ackerwagen die ganze Familie nebst Magd und Kuh nach Bremen, wo man in der Vorstadt zur Neustadt eine angemessene und bequeme Wohnung bezog. In der Weihnachtsnacht, als alles in Heustedt in ruhigem Schlafe lag, erschreckte Feuerruf die Stadt. Bald wurde von beiden Thürmen Sturm geläutet; die sämmtlichen Wirtschaftsgebäude des neuen Schlosses brannten, die Flammen waren an drei verschiedenen Seiten aus den Dächern geschlagen, und es war kein Zweifel, daß das Feuer angelegt war. Reiche Vorräthe von Früchten, Heu, Geräthen verbrannten, unversichert in damaliger Zeit, das Vieh wurde gerettet. Es war kaum ein Zweifel, daß nach dem, was vorgegangen, Jochen der Thäter war, es wurde deshalb auf ihn gefahndet, allein Dummeier war aus der Gegend verschwunden. War der Aufenthalt in Heustedt schon lange der Gräfin unangenehm gewesen, so gab dieses Ereigniß den Ausschlag zu einem Entschlusse, mit welchem sie länger umgegangen. Gras Schlottheim, der Majoratsherr, dessen Gesandtschaftsdienst in Berlin schon vor der Katastrophe von Sulingen aufgehört hatte – man war in London unzufrieden mit seiner Wirksamkeit, obgleich man Münster in Petersburg beauftragt hatte, gerade das zu verhindern , was Schlottheim jetzt, da die Noth näher kam, bewirken sollte: die Besetzung Hannovers durch Preußen – hatte sich unzufrieden auf seine Güter in Westfalen zurückgezogen. Nach Errichtung des Königreichs Westfalen war es Schlottheim, der reichste Gutsbesitzer im Osnabrückischen, dem die Huld des Königs Jérôme zuerst lächelte. Er wurde an den Hof berufen, wo er später eine einflußreiche Stellung im Staatsrathe erhielt, dann einen Gesandtschaftsposten im Auslande. Sein einziger Sohn und Erbe war wider Erwarten noch zu einem kräftigen Jünglinge emporgewachsen und diente als Rittmeister bei den westfälischen Gardekürassieren. Der Majoratsherr hatte seinen Bruder, der in Wien müßig lebte, herangezogen und ihm eine Sinecure als Oberstallmeister in Kassel verschafft. Die Gemahlin desselben glänzte am Hofe und zählte den König selbst zu ihren Liebhabern. Da Jérôme von derselben Begierde brannte, sich mit altem Adel zu umgeben, wie sein Bruder in Paris, so hatte man durch Schlottheim der Gräfin Melusine den Antrag machen lassen, als Staatsdame oder Palastdame, wie man in Kassel sagte, bei der Königin einzutreten. Melusine, welche sich ihrer intimen Beziehungen zu der Dynastie der Könige von England, ihrer Erziehung bei der Prinzessin von Wales, der Gunst, in der ihr Gemahl bei Georg III. gestanden, erinnerte, schwankte eine Zeit lang. Der Brand bestimmte sie, die gebotene Stellung anzunehmen. Heloise aber weigerte sich entschieden, nach Kassel überzusiedeln, sie wollte im Schlosse zu Heustedt bleiben, oder wenn die Mutter ihr diesen Aufenthalt nicht gestatte, eine Zuflucht bei Landraths suchen. Mutter und Tochter verhandelten die Sache schriftlich; die Mutter berief sich auf ihre Autorität und die gänzliche Mittellosigkeit Heloisens, deutete zum ersten mal an, daß ihr Vermögen durch mancherlei Unglücksfälle zerrüttet sei, daß Heloise nur durch eine günstige Verheirathung eine Aussicht für die Zukunft habe. Das waren keine Gründe, Heloisens Entschluß umzustoßen, zumal sie selbst über ein kleines Kapital frei verfügen konnte. Allein es fiel ihr ein, hier ein Mittel gefunden zu haben, von der Mutter selbst die Wahrheit über den Gegenstand, der sie so entsetzlich quälte, zu erfahren. Sie schrieb also der Mutter, sie werde ihr nach Kassel folgen, sobald die Mutter ihr offenbare, wer ihr Vater sei. Nach einer Stunde erhielt Heloise einen Brief der Mutter, in welchem ein zweiter eingeschlossen war, oder vielmehr, die Mutter schickte, ohne selbst ein Wort zu schreiben, nur einen alten an sie nach Hannover adressirten, in Heustedt zur Post gegebenen Brief des Inhalts:   Heustedt , 20. November 1788. Hochgeehrte Frau Gräfin! So oft Sie mich, gnädige Frau Gräfin, versichert haben, daß ich bei Ihnen nie eine Fehlbitte thun würde, wenn die Erfüllung meines Wunsches von Ihnen abhänge, so werden Sie doch noch nie eine Bitte aus meinem Munde gehört haben. Jahrelang konnte ich von Ihrer Huld schwelgen, ohne einen andern Wunsch in mir auftauchen zu sehen, als Sie ganz, Sie für immer zu besitzen. Diesen Wunsch konnten Sie nicht erfüllen, ja Sie vergaßen mich ganz. Aber ein Band verbindet uns noch, wenn auch nicht vor der Welt, es ist dies nach Ihrer Versicherung mein süßes Kind Heloise. Nun denn, bei ihrem Namen bitte ich Sie, zu bewirken, daß ich sobald wie möglich von hier versetzt werde, so weit weg wie möglich. Seitdem Sie mich, gnädigste Gräfin, verstoßen, habe ich Trost und Vergessen gesucht in den Armen eines lieben Weibes. Aber das, was sich hier erste Gesellschaft zu nennen wagt, hat meine theuere Marianne, hat mich tödlich beleidigt. Ich muß fort von hier. Ich rechne nicht mehr auf Fortrücken in der höhern Carriere, verwenden Sie, gnädige Gräfin, sich bei dem Oberforst- und Jagddepartement, daß ich im Harz oder Sollinge oder im Göttingenschen recht tief im grünen Walde leben und mich auch zuweilen vergangener Zeiten zurückerinnern darf. Ew. gräflichen Gnaden ergebenster            Oskar Baumgarten , Forstschreiber.   Heloise schrieb der Mutter: »Ich folge nach Kassel. Der Brief Baumgarten's hat mir eine große Last von der Seele genommen.« Im Anfang Januar 1809 zog Melusine in Kassel ein. Der Graf Schlottheim hatte ihr in der damals erbauten Neustadt, jetzt die französische benannt, eine prächtige Wohnung in der Bellevue mit der Aussicht über die Aue nach dem Niederkaufunger Walde und dem Meißner zu gemiethet. Heloise wurde am Hofe des lustigen Königs von Westfalen von deutschen und französischen Herren sehr bald die Cour gemacht, aber sie blieb kalt und unnahbar. Drittes Kapitel. Georg Baumgarten. Der Hof des Königs Hieronymus in Kassel war viel besser als sein Ruf; wie der König selbst als Herrscher es mit seinen Unterthanen besser meinte als alle die legitimen Hessenfürsten, die nach ihm auf demselben Throne gesessen haben. Jérôme war jung, leichtsinnig, wie Südländer es sind, er liebte die Pracht, liebte es, schöne Weiber um sich zu haben, zog Vergnügungen langen Conferenzen mit den Ministern und langweiligen Staatsrathssitzungen vor. Aber er hatte persönlichen Muth, er hatte eine gewisse Ritterlichkeit. Jedenfalls wünschte er keinem seiner Unterthanen etwas Böses und fügte ihnen solches absichtlich und frivol niemals zu, wie das von seinen Nachfolgern mit Herzenslust geschehen ist. Er wünschte vielmehr das Wohlergehen seiner ihm von des Bruders und Gottes Gnaden geschenkten Unterthanen und wünschte den Druck von Paris zu Gunsten seiner und seiner Unterthanen Freiheit zu lindern. Seine französische Umgebung, zum Theil ihm gegeben von dem Bruder, zum Theil von ihm selbst schlecht gewählt, zum Theil sich ihm aufdringend, beinahe ohne Ausnahme nach Reichthum dürstend und Jérôme's Quellen als unerschöpflich ansehend, war die eigentliche Landplage. Und doch war man nur in dem aufblühenden Kassel zufrieden, das übrige Land sehnte sich nach den alten gewohnten, wenn auch zum Theil schlechten Zuständen zurück, oder hing vielmehr mit Liebe an der angestammten Dynastie, wie die Lohnschriftsteller von 1814 und 1815 sagten. Nun, die Liebe zu dem Landgrafen war nicht weit her, es gab nicht eine Bauerfamilie, die nicht in Amerika einen Sohn verloren oder von dort als Krüppel zurückbekommen hätte; allein die Gewöhnung war zu mächtig bei den verdummten niedern Ständen. Jedes Neue wurde als Uebel betrachtet, die allen Deutschen anklebende Schwerfälligkeit, sich in Neues hineinzugewöhnen, zeigte sich bei den zusammengewürfelten Stämmen vom Main bis an die Elbe. Und es wurde ihnen des Neuen auch sehr reichlich geboten, sodaß die Mehrzahl auch gegen solche Dinge verbittert war, die besser waren als das hessische, hannoverische, preußischhalber städtische, harzerische, eichsfeldische, osnabrückische Alte, gegen Dinge, welche die Principien von 1789 noch in sich trugen, die demokratischen, freiheitsdürstenden. Als aber der Kurfürst zurückgekehrt war und sieben Jahre aus der Geschichte hinweggestrichen wurden, der Zopf wieder zu seinem Rechte kam, da waren es kurfürstliche Soldschriftsteller, die eine systematische Verleumdung des westfälische Hofes betrieben. Aus einem einmal genommenen Bouillon- oder Rothweinbade machte man tägliche Bäder, alle Libertinagen einzelner Großen wurden in der Person Jérôme's centralisirt, alle Ausschweifungen, die man sich in der aufblühenden, reichen Stadt erlaubte, wurden dem Könige schuld gegeben. Man vergaß, daß es zum größten Theile deutsche Frauen und Jungfrauen waren, die um Jérôme's Gunst buhlten, daß deutsche Männer ihre Weiber, Väter und Mütter ihre Töchter für Aemter, Würden und Orden anboten, daß deutsche Adeliche, die den entthronten Dynastien für länger als Jahrhunderte von ihnen genossene Begünstigungen Dankbarkeit schuldeten, dem fremdländischen Herrscher zu Füßen schweifwedelten. Die Hoffeste Jérôme's unterschieden sich in der äußern Form nicht von Festen anderer deutschen Höfe, und über die kleinen Cirkel und Orgien, die man für Jérôme veranstaltete oder die er selbst heimlich befahl, drangen nur sehr unbestimmte und übertriebene Gerüchte ins Publikum. Der Hof war lebelustig, und es lebte sich leicht und angenehm in Kassel. Selbst die Gräfin Melusine, jetzt bald sechzig Jahre alt, erklärte, daß sie nie so vergnügt gelebt habe. Die Königin war sehr gutmüthig, leicht zu täuschen und zu regieren; der Dienst als Palastdame war angenehm bei ihr. Sie liebte nicht, wie der Gemahl, die rauschendern Vergnügungen, die Maskenbälle und öffentlichen Bälle, die Petit-Soupers mit den Nachttrinkereien, obgleich sie gern gut aß und trank; aber doch waren der Vergnügungen, denen sie sich nicht entziehen konnte, mannichfache. Heloise hatte sich der Vorstellung bei Hofe nicht entziehen können, ebenso wenig den Einladungen zu den kleinen Cirkeln der Königin; den auf die Visiten folgenden Einladungen, namentlich denen bei den ungeliebten Schlottheims. Die alte Gräfin, die Frau des Majoratsherrn, hatte sie schon als Kind von dreizehn Jahren nicht leiden mögen, jetzt, wo dieselbe noch häßlicher geworden war, sich dagegen um so mehr mit modischem Schmuck umgeben hatte, war sie ihr widerwärtig. Die zweite Frau ihres Schwagers, Flora, überhäufte sie freilich mit Artigkeiten, Schmeicheleien, Freundschaftsversicherungen; aber die nach Art aller Parvenus zudringliche, leichtlebig-wienerische, nachgeahmt-pariserische Art und Weise Flora's war Heloisens Natur gerade zuwider, und sie wußte durch Zurückhaltung und Kälte dieselbe fern von sich zu halten, was sich um so mehr bewerkstelligen ließ, als Heloise alle öffentlichen Vergnügungen des Carnevals mied. Dagegen war ihr ein Glück zutheil geworden, das sie bisher noch nicht gekannt hatte, sie hatte eine Freundin und einen Freund gefunden. Eine Etage höher, in demselben Hause, wohnte ein Geheimrath von Kitzow mit seiner Tochter, der, unter dem Finanzminister von Bülow, dem westfälischen Forstwesen vorstand. Er hatte früher in Halberstadt seinen Wohnsitz gehabt und war im Frieden von Tilsit gleichsam mit den Wäldern abgetreten. Er stammte aus einem alten, aber verarmten märkischen Geschlechte. Herr von Bülow hatte ihn in den westfälischen Dienst herübergezogen, weil er seine strenge Rechtlichkeit, seine reichen Kenntnisse, seinen Fleiß und Ordnungssinn kannte. Herr von Kitzow wie sein Chef selbst waren im Herzen preußisch und deutsch gesinnt, sie glaubten ihre Gesinnungen aber nicht besser verwerthen zu können, als wenn sie ihre Kräfte der neuen Staatsbildung Westfalen nicht entzögen, vielmehr dahin wirkten, daß dieser Staat nicht ein bloßes Anhängsel Frankreichs würde, und daß der neue Staat trotz seiner französischen Sprache deutsch bliebe und auf deutsche Art verwaltet würde. Herr von Kitzow hatte seine Frau früh verloren, die ihm nur eine Tochter, die jetzt achtzehnjährige Agnese, hinterlassen, ein schlankes, zartes, ätherisches Wesen mit blondem Haar und blauen Augen. Er konnte die Tochter nie von sich lassen und hatte ihr eine Gouvernante, später einen Hauslehrer gehalten, sie noch nicht in die Welt eingeführt, und wollte sie auch in die kasseler Welt nicht einführen. Eine ältere Schwester seiner Frau, die bürgerlichen Standes gewesen, hielt ihm Haus und war bisher der einzige Umgang seiner Tochter Agnese gewesen. Agnese faßte bei der ersten Visite eine so große Zuneigung zu Heloisen, daß sie sich sehr bald an diese mit aller Zärtlichkeit einer achtzehnjährigen einsamen weiblichen Seele anschloß. Da der Dienst der Gräfin öfter nicht nur am Tage, sondern auch häufig zur Nachtzeit ihre Anwesenheit in den Gemächern der Königin nothwendig machte, war Heloise beinahe ganz Herrin ihrer Zeit. Sie glaubte sich über die Zeit der Liebe hinweg; war ihr diese doch nie näher getreten, denn was sie in der Jugend für jenen schönen Jäger der Mutter gefühlt, war mehr ein Anstaunen männlicher Schönheit gewesen als ein geistiges Empfinden, als der Drang, nur mit diesem Manne ein vereinigtes Eheleben zu führen. Sie war in Hannover wie in Heustedt überhaupt wenig mit Männern zusammengetroffen. Wenn dies aber geschehen war, so hatte der früh ausgebildete Verstand immer kritisch gewirkt und bald diese, bald jene Unvollkommenheit entdeckt, sodaß das Gefühl nie zur Geltung gekommen war. Und Heloise war stolz darauf, kein Liebesbedürfniß je zu fühlen, denn Liebe, reflectirte sie, ist das Bewußtsein unserer Schwäche und Halbheit, die Kraft und Ergänzung bei dem sogenannten stärkern Geschlechte sucht. Dagegen war Heloise um so geneigter, für eine liebebedürftige, schwache, weibliche Seele den Gegenstand der Liebe abzugeben; sie konnte Agnese umarmen und küssen, als wäre sie ihre Tochter, sie konnte sich von ihr alle kleinen Herzensgeheimnisse erzählen lassen, konnte trösten und ermuthigen. Und welches Mädchen von achtzehn Jahren hätte nicht ihr kleines Herzensgeheimniß! Agnese war kaum zwei Wochen lang die Freundin Heloisens; als sie ihr anvertraute, daß sie einen jungen Offizier, der mehrmals von ihrem Vater Briefe abgeholt oder gebracht habe, über alle maßen liebe, obgleich sie ihn nie gesprochen, nicht einmal seinen Namen kenne, denn sie wage nicht, den Vater nach dem Namen desselben zu fragen. Heloise versuchte, der Freundin klar zu machen, daß das keine Liebe sei, sondern ein reines Phantasiespiel, eine pure Mädchenthorheit, oder das, wofür Heinrich Heine in spätern Tagen einen kräftigern Namen gefunden. »Wie kannst du, kleine Närrin, einen Mann lieben, von dem du nicht weißt, ob er deiner Liebe würdig ist?« Was helfen aber solche Reden einem verliebten Mädchen gegenüber? Sie barg das Köpfchen an Heloisens Busen, vergoß heiße Thränen und sagte: »Was kann ich denn dazu thun, daß seine Gestalt mir immer vorschwebt? Ach, ich glaube, ich habe mich lediglich deshalb in ihn verliebt, weil er dir so ähnlich sieht wie ein Bruder. Wenn ich vor meinem Fenster sitze und sticke, und die alte Tante mir aus ihrer Heimat Harzmärchen erzählt, so schrecke ich auf und sehe den Geliebten leibhaftig vor mir, wenn am Authore die Wache aufmarschirt oder ich den Klang der Jägerhörner höre. Was soll ich thun, um diese Bilder los zu werden? Ich rufe sie nicht mit Absicht hervor, sie kommen von selbst, kommen wider meinen Willen, wie Träume. Ich habe dein Ebenbild jetzt seit vierzehn Tagen nicht gesehen, und das beunruhigt mich.« »Liebe Agnese, du sollst eben am Tage nicht träumen; am Tage wenigstens soll deine Vernunft die Herrschaft führen über dich und deine Phantasien, du mußt mehr arbeiten. Wir wollen sofort eine Arbeit beginnen. Ich habe bemerkt, daß du sehr wenig englisch verstehst, da du nicht einmal die Beschreibung der Schlacht von Salamanca in der › Times ‹ lesen konntest; ich will dir Unterricht geben, du sollst täglich deine funfzig Vocabeln lernen und mir hersagen, und die Vocabeln sollen dir das Bild meines Ebenbildes, wie du sagst, aus dem Kopfe bringen. Willst du, mein Kind?« »Alles, was du willst, geliebte Freundin.« Es war etwa die erste Woche des April, als die Mädchen sich also unterhielten. Der Frühling war in diesem Jahre zeitig gekommen; schon wurde der Rasen unten in der Aue grün, und der Flieder am Uferrande derselben, da wo ein Staket dieselbe von der Bellevuestraße trennte, breitete seine dicken Blätterknospen auseinander, Rosenbüsche trieben Blätter und Primeln und Schneeglöckchen blühten. Heloise wie Agnese hatten von ihren Stuben eine Aussicht über die ganze Aue. Es ist eine eigenthümliche Erscheinung, daß sich von der Fuldabrücke bis zu der damaligen alten Kattenburg, und von da bis zum Frankfurter Thore das linke Fuldaufer immer steiler und steiler emporhebt, bis es am Frankfurter Thore noch hoch über die in den Felsen gehauene Chaussee, in jenen Felsen, der jetzt zu Bierkellern ausgebaut ist und auf dessen Plateaux die vielgerühmten Biergärten angelegt sind, nach Südwesten zu den Höhen von Wilhelmshöhe gleichsam ausmündet. Schon da, wo jetzt das schöne Auethor ist, liegt die Aue selbst, über hundert bis hundertfunfzig Fuß niedriger als der Friedrichsplatz und die Bellevuestraße, die von der Aue nur durch ein Staket getrennt war. So lag denn die Aue wahrhaft zu Füßen Heloisens, wenn sie aus ihrem Fenster sah, sie konnte dieselbe ihrem ganzen Umfange nach übersehen, und jetzt, da die Bäume noch kahl dastanden, konnte sie deutlich erkennen, wie die Fulda sich hinter der Aue weg dem Forste zuschlängelte. Hinter der Aue trat nach Nordost in ein bis einundeinhalb Stunden Entfernung der Niederkaufunger Wald hervor, weiter nach Südost über demselben der Meißner. Die Morgensonne schien in Heloisens Schlafzimmer und sie pflegte die dichten Damastvorhänge zurückschlagen zu lassen, um zeitig durch die Sonne selbst geweckt zu werden. Ohne Hülfe der Kammerfrau oder ihres eigenen Zöfchens machte sie eine einfache Morgentoilette und erwartete die Freundin. Diese hatte sich im Frühling matt und krank gefühlt, der Arzt gab das der Frühlingsluft schuld, allein es war die unerwiderte Liebessehnsucht und der Kampf, den ihr Verstand unter Heloisens Führung über die Herzenswallungen kämpfte, der sie körperlich so angriff. Der Arzt hatte eine Milchcur empfohlen, und die beiden Freundinnen gingen jeden Morgen zur Meierei in die Aue und hatten zu diesem Zwecke vom Obergarteninspector den Schlüssel zu einer Thür empfangen, die ihrer Wohnung gegenüber durch das Staket in die Aue führte, sodaß sie den Umweg zum Auethore vermieden. Auf geschlängelten Wegen eilten sie das steile Ufer herunter, fütterten bei dem ersten Teiche die Schwäne mit den »pariser Laiberchen«, die auf der Frankfurter Straße delicater als in Paris selbst gebacken wurden, und von denen der Bediente ein Körbchen voll frisch Gebackener jeden Morgen vor Heloisens Zimmer stellen mußte. War diese Fütterung vorbei, so wendeten sich die Freundinnen den unbesuchtern Alleen nach rechts zu, die an den hohen Ufern der Frankfurter Chaussee herführten. Hier mußte Agnese ihre funfzig englischen Vocabeln hersagen, erhielt Unterricht in der Aussprache des  th und  w u. s. w., es wurden dann die Vocabeln der frühern Tage repetirt, und wenn man in der Meierei ankam, mundete das Frühstück vortrefflich. »Sobald die ersten Flieder blühen«, tröstete Heloise, »und wir im Freien sitzen können, werde ich dir englische Gedichte vorlesen, und wenn der Sommer kommt, lesen wir Shakspeare, und zwar ›Romeo und Julie‹, damit du lernst, was wirklich Liebe und was würdiger Liebesschmerz ist.« Der väterliche Freund, den Heloise fand, war der französische Ministerresident, damals noch Baron von Reinhard, der mit seiner zweiten Frau, der Schwester der ersten, unmittelbar neben der Gräfin wohnte. Reinhard war und blieb bis an sein Lebensende auch als Pair von Frankreich ein guter Deutscher, und war noch im hohen Alter, als ich ihn zuerst und zuletzt sah, bei dem Jubiläum der Georgia Augusta im Jahre 1837, ein schöner Mann, der, wenn er mit Alexander von Humboldt auf dem Altane des Dietrich'schen Hauses, meiner Wohnung gegenüber, stand, meine Aufmerksamkeit mehr fesselte als die bunten Züge der Studirenden, die den beiden Greisen Vivat zurufend und die Fahnen schwenkend vorbeizogen. Reinhard war es, der die erste Liebe Bollmann's, das gebildetste Mädchens Deutschlands, wie dieser sie nannte, die Tochter von Reimarus heirathete, während er als Resident bei den Hansestädten accreditirt war, und zur Zeit, wo Bollmann in Amerika eine Heimat suchte, hatte er seine junge Frau als Gesandtin nach Florenz geführt. Allein das neidische Schicksal raffte sie bald von seiner Seite, wie er, auf kurze Zeit, Minister der auswärtigen Angelegenheiten in Paris war. Die glühende Republikanerin fühlte den 18. Brumaire kommen und starb gern. Reinhard war einer der ausgezeichnetsten Männer seiner Zeit; den Beweis liefert, daß ihn, den vom Directorium Emporgehobenen, Napoleon nicht entbehren konnte, daß ihn später Ludwig XVIII. an sich zog und Ludwig Philipp ihn als Gesandten nach Dresden und an den Bundestag schickte. Er hatte zu der Zeit, als Heloise seine Bekanntschaft machte, einen sehr großen Theil der Welt schon gesehen; Gesandtschaftssecretär in London und Neapel, Gesandter in der Schweiz; dann gleichsam ins Exil, nämlich als Generalconsul und Resident nach Jassy geschickt, war er dort eben im Begriff, sich gemüthlich einzurichten, seine aus Wien angekommenen Bücherkisten zu öffnen, als die Russen kamen und ihn nebst Familie nach Kamondschuk schleppten. Es war das ein kleines Misverständniß gewesen, was ihn die Reise zum Dnjepr machen ließ; sobald Kaiser Alexander davon erfuhr, ward Reinhard freigelassen und hatte sich auf sein Schloß Falkenlust bei Brühl zurückgezogen, von wo Napoleon ihn zum Ministerresidenten am westfälischen Hofe in Kassel berief. Das war ein delicater Auftrag, alle Welt supponirte den Zweck, und Reinhard fühlte sich im hohen Grade genirt. Er selbst hat sich Goethe gegenüber in sehr viel späterer Zeit (am 4. Juni 1829) einmal dahin ausgesprochen: »In Kassel ging ich zwischen den feindlichen Brüdern durch meinen geraden Weg, die Weiber rechts, die Intriguen links lassend.« Reinhard war von dem Leben im Hause Reimarus-Sieveking, das schon Bollmann so entzückt hatte, ein trauliches, gastfreies, geselliges Familienlieben mit geistreicher Unterhaltung über Leben und Kunst, Wissenschaft und Poesie gewohnt, wie er später denn als Gesandter beim Bundestage in Frankfurt über Vereinsamung an Geist und Gemüth klagte, da man wol drei- oder viermal die Woche in Assembleen müsse, wo hundert oder hundertundfunfzig Gesichter sich regelmäßig versammeln, um sich eine Stunde lang anzugaffen und dann zwei oder drei Stunden dem Boston, Whist oder L'Hombre zu widmen, wo man aber keinen Vereinigungspunkt finde, um über Literaturerzeugnisse oder Kunstgegenstände Gedanken auszutauschen. Was sollte Reinhard an dem jungen, leichten, lustigen, lustigen Hofe zu Kassel? Er that seine Schuldigkeit, er fand sich zu den Cirkeln, die nicht zu vermeiden waren, ein, er machte seine funfzig Bücklinge, erließ seine fünfzig Fragen nach Witterung oder Gesundheit, erzählte, wenn nöthig, eine Anekdote, und sowie die Rippenstöße begannen, sobald man sich zum Tanze schickte oder zum Spiele, floh er nach Hause. Bei der Frau des russischen Gesandten, Prinzessin Repnin, allein traf man einen Kreis, gab es eine Ausnahme von der Regel des Tages in Kassel, bei ihr, der Freundin Goethe's, durch Reinhard's Vermittlung, gab es Abende, die in Goethe'scher Weise ausgefüllt wurden, vor einem kleinen Kreise, dem auch Johannes von Müller bis zu seinem baldigen Tode angehörte. Hier hatte Heloise die Bekanntschaft des Ministerresidenten gemacht, sie hatte seiner Frau, sie hatte ihm selbst gefallen, man fühlte sich gegenseitig angezogen, und die unmittelbare Nachbarschaft der Wohnungen vermittelte auch hier einen ungenirten, freundlichen Umgang, in welchen Heloise auch ihre neue Freundin hineinzog. In Reinhard's Hause oder bei der Prinzessin Repnin war es, wo Reinhard der Gesellschaft, namentlich den jungen Damen, praktischen Unterricht in deutscher Literaturgeschichte ertheilte. Reinhard kannte alle bedeutenden Mitlebenden persönlich, namentlich alle deutschen Dichter von einigem Rufe. Am liebsten redete er von Goethe und las aus seinen Schriften vor, weil er seine Bekanntschaft erst vor zwei Jahren in Karlsbad gemacht hatte. Die Damen mußten selbst ein Stück Farbentheorie mit hören und die Experimente, welche der Baron dazu machte, anschauen. Aber auch der andern Großen von Jena und Weimar, Wieland's, Herder's, des zu früh dahingeschiedenen Schiller wurde gedacht, und wenn die Prinzessin bat, las Reinhard auch »Don Carlos«, obwol ihm, der Napoleon ins Herz schaute und wußte, was Herrschsucht war, vieles als Phraseologie erschien, was die jungen Herzen mit Entzücken erfüllte. Reinhards Gattin wußte vieles aus dem väterlichen Hause zu erzählen, wie aus dem der Schwester Sieveking. Dort waren Jacobi, Klopstock, die Grafen Stolberg, Voß, Claudius, von Voght, Dr.  Unger, Bollmann, Perthes, Knigge und andere ein- und ausgegangen; von ihrer Kindheit waren ihr noch aus dem großväterlichen Hause Erinnerungen, wenn auch nicht persönliche, an Lessing geblieben, der von ihrem Vater höher gestellt wurde als alle die neuern Dichter. Sie stritt darüber mit ihrem Manne, der Goethe vergötterte, und behauptete, daß kein Goethe'sches Drama ihrem »Nathan« irgend gleichkomme; und Reinhard mußte zur Strafe, wenn er seine Meinung vertheidigte, »Nathan« vorlesen. Es war natürlich, wollten Heloise und Agnese nur den Gesprächen, wie sie bei Reinhards und in den Appartements der Prinzessin Repnin geführt wurden, nachfolgen, so mußten sie selbst die Schöpfungen eines Lessing, Herder lesen und verstehen lernen. Aber nicht nur Literaturgespräche füllten die Abende der kleinen Kreise, Reinhard war noch interessanter, wenn er von seinem Leben in Neapel oder Paris erzählte. Er hatte als junger Mann mit romanhafter Schüchternheit zu derselben Zeit von 1793–95 in Neapel gelebt, in welcher die Wogen eines Lebens voll Jubel und Ausgelassenheit dort höher schlugen als jetzt im Schlosse an der Fulda und der Napoleonshöhe. Heloise konnte nicht genug von Neapel erzählen hören, sie hoffte in jeder Beschreibung von Personen und Zuständen Aufklärung über das Schicksal ihrer Schwester zu finden. Hatte Sulpice Boisserée eins seiner Dombilder fertig, die wir heute in Stein zur Vollendung geführt anstaunen, so war Reinhard der erste, der die Abdrücke zugesendet bekam. Nach damaliger Sitte theilte Boisserée dem Freunde Reinhard die Briefe, welche er von Friedrich Schlegel und Dorothea Schlegel und andern berühmten Leuten erhielt, mit, und diese wurden dann an Theeabenden vorgelesen, und man gewann so Einsicht in Gemüthsstimmungen, Lebensanschauungen, innere und äußere Wandlungen bedeutender Menschen, die wieder Gelegenheit zu interessanten Unterhaltungen gaben. Wenn die Mädchen die Gründe erörtern hörten, aus denen Schlegel zur katholischen Religion übergetreten war, so führte das auf ein Gebiet der ernstesten Widersprüche, denn Reinhard's Gattin war eine Feindin alles unklaren schwärmerischen Fühlens, während Reinhard selbst auch die Romantik in Schutz nahm, die er auf die Schelling'sche Philosophie zurückführte. Kurz dieser Umgang bildete unsere Freundinnen in einem halben Jahre mehr, als ihre Selbstbildung in Jahren vermocht hatte. Auch noch einen andern alten Bekannten fand Heloise in Kassel, das war der Staatsrath von Berlepsch. Man hatte ihn herangezogen und hofirte ihm wegen seiner Feindschaft gegen die Welfen und das nach England geflüchtete hannoverische Adelsthum; allein er war nicht mehr der Held Heloisens, und da ihre Mutter den alten Haß nicht vergaß, so waren gesellige Beziehungen zu ihm nicht angeknüpft, und man traf sich blos bei dritten Personen. Dieses befriedigende Leben, das ein kleiner Kreis unter dem Geräusche des kasseler Carnevals führte, sollte, ehe noch der Frühling ins Land trat, auf eine tragische Weise gestört werden. Es bedarf aber eines Blickes auf die Lage Deutschlands und den Zustand des jungen Königreichs, um die Möglichkeit dieses Ereignisses erklärlich zu finden. Schon seit 1808 ging ein revolutionärer Geist durch Deutschland, angefacht theils von den entthronten Fürsten, theils von den Patrioten, Denkern und Autodidakten. Wissenschaftlich gipfelte sich das, was im deutschen Volke vorging, in Fichte's »Reden an die deutsche Nation« und Arndt's »Geist der Zeit«; die Praxis brachte es mit Hülfe der Freimaurerei zu dem Tugendbunde. Selbst in Oesterreich war ein neuer Geist erwacht, die Gebrüder Stadion machten den Versuch, im josephinischen Geiste unter einem Franz II. zu regieren, was mehr heißen wollte, als liberal-constitutionell mit dem Concordat zu regieren, wie heute Beust. England war es, das unaufhörlich zu neuen Kriegen gegen Napoleon trieb, obgleich der Krieg in Spanien ihm ungeheuere Ausgaben verursachte. Die Fürsten, welche sich gegen die Napoleonische Weltherrschaft auflehnten, hatten sämmtlich Sonderinteressen, und jeder wünschte sich die Ziele des Friedens anders. Graf Münster, wenn er überhaupt schon zu dieser Zeit an eine Abwerfung des Napoleonischen Joches glaubte und an Befreiung Deutschlands von der Fremdherrschaft, hatte für die Welfen nicht blos die Wiederherstellung des kleinen Kurfürstenthums im Sinne, sondern dachte an ein Welfenreich von der Elbe bis an den Rhein und darüber hinaus. Er war aber überall thätig, Oesterreich zu neuem Kriege zu entflammen, Preußen hineinzuziehen und das übrige Deutschland zur Erhebung zu bringen. Der verbannte Stein in Prag, der Kurfürst von. Hessen daselbst, der die Gelder für bie an England verkauften Unterthanen gerettet und Rothschild in Verwahrsam gegeben hatte, der entsetzte Herzog von Braunschweig-Oels daselbst, sie alle hielten es an der Zeit loszuschlagen. Die Blücher, Gneisenau, Scharnhorst drängten Friedrich Wilhelm III., gemeinsam mit Oesterreich vorzugehen. Schon die Abwesenheit Napoleon's aus Paris – er suchte den für seinen Bruder in Spanien errichteten Thron zu stützen – gab Muth. Oesterreich hatte ohne Reserve und Landwehr ein Heer von 400000 Mann auf die Beine gebracht, es reizte die Tiroler zum Aufstande, es versprach sogar, ein Armeecorps den Main herabzusenden, um einer Insurrection in Westfalen die Hand zu bieten. Graf Münster und Wallmoden wollten eine englische Flotte in der Weser und Elbe landen lassen, um das ganze Land bis zum Harze und zu den Quellen der Leine an einem Tage zu insurgiren. Der Geist der Insurrection wurde hauptsächlich in den Forstleuten wach erhalten. Die Fäden liefen auch nach Alt-Hessen herüber; hier war es ein von Dörnberg, verheirathet mit einer Tochter des Grafen Georg von Münster-Meinhövel, also verwandt mit Wallmoden, Stein, Münster, der dieselben in der Hand hatte. Er war kein Jüngling mehr, sondern ein Mann von einundvierzig Jahren, und wie er von dem Landgrafen zurückgesetzt war, wurde er von Jérôme hervorgezogen, nach dem er, im Blücher'schen Corps in Lübeck in französische Gefangenschaft gerathen, aus dieser befreit und in westfälische Dienste gepreßt war, da seine Güter in Hessen lagen. Jérôme hatte ihn 1808 zum Obersten und Commandeur des in Marburg errichteten Elitebataillons der Jäger-Carabiniers ernannt. In dieses Bataillon wurden nur solche junge Leute aufgenommen, welche im Forstfache eine Anstellung suchten oder deren Väter dieser Branche angehörten. Er fand hier schon den ältesten Sohn des Oberförsters Oskar Baumgarten, Georg, als Unteroffizier, und da er die Brauchbarkeit desselben gewahrte, wurde derselbe durch Dörnberg's Vermittlung zum Offizier befördert. Das Corps war mit französischen Eindringlingen nicht untermischt, die Väter dieser Söhne waren mit wenig Ausnahmen ihren angestammten Herrschern mit Leib und Seele ergeben. Dörnberg wußte sich bald die Liebe seiner Leute im hohen Grade zu erwerben und einen patriotischen Geist unter ihnen anzusagen. Das Beispiel der Spanier wurde als Muster aufgestellt, der Franzosenhaß auf alle Art gepflegt. Georg Baumgarten wurde bald Dörnberg's Vertrauter, er beförderte die Verbindungen mit Scharnhorst und Gneisenau, die durch die Hand Kitzow's gingen, ohne daß dieser selbst von dem Inhalte der Briefschaften wußte, die unter dem Dienstsiegel von Magdeburg kamen und dahin zurückgingen. Georg Baumgarten war der Ueberbringer der Briefe, er der Unbekannte, in welchen sich Agnese verliebt hatte. Dörnberg hatte den abenteuerlich scheinenden, aber wohl ausführbaren Plan entworfen, den König in Kassel selbst aufzuheben und auf eins der Harzschlösser zu bringen und eine allgemeine Erhebung des hessischen Volkes zu veranlassen, den man indeß in Berlin nicht billigte. Zu seinem Unglück stieß er in seinen Bestrebungen, die einen allgemeinen deutschen Charakter trugen, mit denen eines Hessenbundes zusammen, der in bürgerlichen Kreisen gebildet und, aus alten Militärs und Offizieren ergänzt, nur die Restauration des Kurfürstenthums im Auge hatte, als wenn diese ohne gänzliche Befreiung Deutschlands möglich gewesen wäre. Ein Friedensrichter Martin in einem kleinen Dorfe bei der kleinen Stadt Homberg, und der Sousinspector Berner in Kassel standen an der Spitze der sich angestammt fühlenden Hessen, die sich unter gänzlicher Verkennung der tatsächlichen Verhältnisse einbildeten, durch einen Aufstand die Franzosen vertreiben und die Herrschaft Wilhelm's IX. oder vielmehr seit dem Frieden von Luneville des Kurfürsten Wilhelm I. wiederherstellen zu können. Die Landgrafen von Hessen hatten den Menschenhandel an England bis 1796 fortgesetzt, wo noch 14000 Mann hessischer Truppen für England in den Niederlanden fochten, und der Kurfürst hoffte, daß die Zeiten noch wiederkehren würden, wo sich damit leicht Geld verdienen lasse, denn seine Angestammten hatten sich daran gewöhnt; er hatte bis 1806 ein unverhältnißmäßig starkes Heer auf den Beinen. Statt aber den Preußen sich anzuschließen, wozu ihn Herzensneigung trieb, schloß er in Mainz schnell einen Neutralitätsvertrag und ließ dann sein Land mit Neutralitätspfählen umgeben, die ihn nach der Schlacht von Jena-Auerstädt jedoch vor der Ungnade des Imperators nicht schützten. Die Franzosen besetzten Hessen in einer Nacht von Holland und von Fulda her, der Kurfürst floh am 1. November, und die hessische Armee wurde aufgelöst. Eine Menge Offiziere und Soldaten, die nichts gelernt hatten außer dem Kriegshandwerke und die doch zu viel Gefühl des Hessenthums und Angestammtseins in sich trugen, um sich in französische Regimenter aufnehmen zu lassen, waren überall im Lande zerstreut und an dem mit Stolz getragenen Zopf und den weißgepuderten Löckchen leicht zu erkennen. An Invaliden, seit der Zeit des amerikanischen Krieges bis zum Baseler Frieden, fehlte es nicht. Alte unbrauchbare abgesetzte kurfürstliche Beamte und Bedienstete waren überall vorhanden, und den Bauern misfiel die Conscription und alles Neue. Diese Elemente, angestachelt von den Gerüchten von österreichischen Rüstungen, von den Uebertreibungen über den großen in Preußen gegründeten Tugendbund, der dem Gerüchte nach schon viel mehr Mitglieder, als Preußen zur Zeit Einwohner hatte, zählen sollte, von Gerüchten englischer Landungen und von der Bereitwilligkeit der Marschbewohner an Elbe und Weser, loszuschlagen, hatten sich im Winter 1808 näher verbunden und fanden im Stifte von Homberg, das nur von drei Stiftsdamen, die für eine Erhebung gegen das Franzosenthum über alle maßen schwärmten, besetzt war, einen Vereinigungsort. Martin, ein phantastischer Kopf, fieberhaft nervös, ein wahrhaftiger Kirchthurmspolitiker, überschätzte sich, seine Partei und die Hülfe, die etwa der Kurfürst in Prag gewähren würde. Bei diesem hatte schon Dörnberg durch einen seiner Brüder, Fritz, anklopfen lassen, die Truhe aber verschlossen gefunden. So groß die Sehnsucht des Kurfürsten nach seinem Kassel, nach der Karlsaue und dem Weißen Stein war, so wenig gern trennte er sich doch von seinem Mammon und mochte eines ungewissen Erfolges wegen kein Opfer bringen. Er nahm es zwar dankbar an, daß Dörnberg und seine Verbündeten Leben und Eigenthum für ihn in die Schanze schlagen wollten, aber Geld? – Doch fand er sich endlich bewogen, eine Anweisung auf Rothschild über 30000 Thaler zu geben – aber erst zahlbar, »wenn die Plane gelungen sind«. Rothschild war ein vorsichtiger Mann, auf diese Anweisung zahlte er nicht 1000 Thaler im voraus. Dörnberg wartete auf die Kriegserklärung Oesterreichs, ihm war die Zusage gemacht, daß man das Corps des Erzherzogs Ferdinand durch Sachsen und Franken an den Niederrhein senden wolle, daß England in Holland und an den Mündungen der Elbe 40000 Mann landen lassen werde, Schill und Katt wollten das schwach besetzte Magdeburg nehmen. Indeß drang Napoleon darauf, daß sein Bruder eine Division Westfalen nach Spanien sende, und auch Dörnberg's Elitecorps war dazu bestimmt. Viele Soldaten, welche den Marsch nach jenseit der Pyrenäen fürchteten und dort ihr Grab zu finden glaubten, desertirten, und es herrschte eine ziemlich große Unzufriedenheit mindestens unter den Gemeinen aller Regimenter. Das veranlaßte Martin, den Ausbruch des Aufstandes trotz aller Abmahnungen Dörnberg's schon auf den 15. Februar festzusetzen, weil er hoffte, die ganze nach Spanien bestimmte Division würde sich dem Aufstande anschließen. Der Ausbruch am 15. Februar wurde indeß noch in der Nacht abbestellt, die Truppen fingen an zu marschiren, man mußte das Unternehmen für jetzt aufgeben. Dörnberg war mit seinem Corps erst bis Mainz gekommen, als er zurückgerufen und zum Commandeur des Garde-Jägerbataillons in Kassel ernannt wurde. Er wußte nun bei dem Könige die Nachtheile geltend zu machen, welche dem Lande durch Entziehung aller jungen Forstleute entstehen würden, und bewirkte die Zurückberufung des Jäger-Carabinierbataillons nach Kassel, wo es in die erste Division, die im Lande blieb, eingereiht wurde. Da verkündete endlich der Armeebefehl des Erzherzogs Karl vom 6. April: »Die Freiheit Europas hat sich unter unsere Fahnen geflüchtet, unsere Siege werden ihre Fesseln lösen«, und am 10. April war schon ein Abdruck in Dörnberg's Händen und circulirte bald durch Vermittlung Georg Baumgarten's in Hunderten von Abschriften unter den Vertrauten in den verschiedenen Bataillonen. Aus Preußen kam die Nachricht, nach dem ersten Siege der Oesterreicher werde die Armee sich erheben und den König auch gegen seinen Willen mit sich reißen. Martin wollte aus Böhmen die Nachricht haben, daß der Kurfürst an der Spitze eines Heeres, begleitet vom Herzoge von Braunschweig-Oels, heranziehe. Schill und Katt waren, wie aus Magdeburg ankommende Briefe meldeten, zum Losschlagen jeden Augenblick bereit. Daß Jérôme Befehl erhielt, sein Hülfscorps statt nach Spanien nach Sachsen zu schicken, beförderte die Plane der Verschworenen, deren Anzahl seit Ausbruch des Kriegs sich in den verschiedenen Truppencorps verstärkt hatte. Man glaubte, außer auf die Jäger-Carabiniers auch auf das Garde-Jägercorps und die Kürassiere unter Oberst von Marschalk, die in Melsungen, Rotenburg, Homberg in Quartier lagen, sicher rechnen zu können, und Martin hatte eine Landsturmcolonne von mindestens 20000 Bauern, von alten Offizieren und Förstern angeführt, in Aussicht gestellt. Es wurde der 24. April zum Losschlagen bestimmt, die Verbreitung, welche die Sache durch Martin namentlich an der Schwalm gefunden hatte, wo alle Gemeinden in den Erhebungsplan eingeweiht waren, ließ kaum eine längere Verschiebung zu. Nachdem Dörnberg vergeblich einen weitern Aufschub beantragt hatte, wurde der 22. April zur Ausführung bestimmt. Aber die Hast des Treibers Martin hatte schon am 21. abends und in der Nacht die Gegend von Ziegenhain, Treysa, Wolfhagen, Zierenberg durch Sturmglocken in Alarm gesetzt; an der Schwalm waren schon früh morgens Bauernhaufen im Marsche auf Homberg, tobende freilich, aber undisciplinirte, im Herzen muthlose. Die beiden Schwadronen des ersten Kürassierregiments, die am 22. auf dem Marktplatze zu Homfeld aufgeritten waren, schienen so unschlüssig, daß der commandirende Rittmeister von Weißen den Leuten, die sich an das Volksheer nicht anschließen wollten, wenigstens das Versprechen abnahm, in den nächsten Tagen nichts Feindliches gegen dasselbe zu unternehmen. Die Mehrzahl versprach das und ritt davon. Am 22. April fand auch in Kassel eine Inspection statt, um die Marschbereitschaft der verschiedenen Truppen zu prüfen. Oberst Ducoudras, jetzt Graf von Benterode, hielt sie ab. Dörnberg war in seiner Nähe, es war mittags, und am Abend sollten die Sturmglocken auf allen Dörfern geläutet werden, während der Nacht wollten die Kasselaner dann ihren Putsch versuchen. Da erschien ein Mitverschworener, Hauptmann von der Groben, an Dörnberg's Seite und flüsterte ihm zu, Martin habe schon morgens losgeschlagen, und die Nachricht sei soeben in Kassel angelangt, sämmtliche Truppen würden alarmirt werden. Es erschien auch unmittelbar darauf ein Adjutant des Königs mit der Meldung, es sei im Lande Revolution ausgebrochen. Dörnberg erhielt Befehl, mit zwei Garde-Jägerbataillonen die Napoleonshöhe zu besetzen; die Garde-du-Corps, Garde-Chevauxlegers, beide dem Könige treu ergeben, sollten das Schloß, den Königs und Friedrichsplatz besetzen. Da Dörnberg's Jäger nur zur Inspection aufmarschirt waren, so waren sie mit scharfen Patronen nicht versehen, und seine Bataillone hielten vor dem Hause des Ministers von Waitz, dem sogenannten Prinzenhause neben dem Opernhause, damit diese herbeigeschafft würden. Dörnberg überlegte eben mit sich, ob es zweckmäßig sei, in diesem Augenblicke die Verwirrung zu benutzen, seine Truppen zu haranguiren und sich offen für die Revolution zu erklären. Es war zu spät, schon schwenkte eine Schwadron der Garde-Chevauxlegers von dem untern Theile des Friedrichsplatzes nach dem Schlosse zu, um die Jäger-Carabiniers, welche an diesem Tage die Wache hatten, abzulösen, eine andere Abtheilung derselben Reiter ritt zum Frankfurter Thore, um dort dasselbe zu thun; am Königsthore hatte Georg Baumgarten das Commando der Wache, dieser mußte nothwendig avertirt werden, ehe er abgelöst wurde. Als Dörnberg noch überlegte, welchen seiner Leute er am besten zu Georg sende, kam der Lieutenant von Bothmer im schnellen Schritt über den Friedrichsplatz auf Dörnberg zu, der ihm entgegeneilte, und flüsterte ihm zu: »Oberst, fliehen Sie so schnell als möglich! Der König weiß alles und ertheilt wahrscheinlich in diesem Augenblick den Befehl zu Ihrer Verhaftung. Soeben hat in meiner Gegenwart der Rittmeister von Schlottheim dem Könige Ihren Namen genannt, dieser hat ihm einen Befehl an Ducoudras zugeflüstert, den ich nicht gehört, der sich aber auf Sie beziehen muß, und ist ins Conseil gegangen. Unsere Jäger-Carabiniers werden an allen Wachen abgelöst, was allein schon auf Verrath deutet. Ich selbst werde mich bis morgen verborgen halten, um zu sehen, welche Hülfe von Homberg kommt.« Dörnberg hatte nicht lange Zeit zum Besinnen – er mußte es aufgeben, in Kassel selbst den Aufstand zum Ausbruch zu bringen, mußte dies den Mitverschworenen überlassen und selbst nach Homberg eilen, um von dort mit den übergegangenen Truppen und den Bauern aus Kassel loszumarschiren. Dörnberg rief Bothmer leise zu: »Benachrichtigen Sie Berner und sagen Sie ihm, daß ich morgen früh vor Kassel zu stehen hoffe. Er soll, sobald er von der Höhe der Knallhütte drei Raketen in die Luft steigen sieht, Sturm läuten lassen in allen umliegenden Dörfern, womöglich in Kassel selbst. Kann er das schwach besetzte Castell nehmen, Oberst Krupp und seine Invaliden werden ihm kein zu großes Hemmniß bereiten; wenn man die Wälle erreichen kann, so soll er das nicht versäumen!« Dörnberg übergab das Commando dem Hauptmann von Malsburg, indem er diesen anwies, sobald die Patronen vertheilt seien, nach Napoleonshöhe zu marschiren und dort ihn selbst oder weitere Befehle zu erwarten, da er eine neue Ordre des Königs auszuführen habe. Das schöne jetzige Königsthor oder Wilhelmshöher Thor am Ende der Königsstraße existirte damals noch nicht. Es wurden an demselben die beiden massiven Thorwachen gebaut und der große runde Platz geebnet und mit Akazien bepflanzt, wie die gerade Straße, welche von dort auf das Schloß der Napoleonshöhe und den Hercules darüber hinaus führt, erst in Angriff genommen wurde. Der Weg nach Napoleonshöhe führte damals noch durch das Weißensteiner Thor, welches Königsthor genannt wurde, jene krumme Allee entlang, die jetzt den Namen Alte Wilhelmshöher Allee führt. Dörnberg ritt in schlankem Trabe die Königsstraße hinauf durch die jetzt sogenannte Wilhelmshöher Straße, die man damals nur die Fünffensterstraße nannte, weil alle Häuser fünf Etagen hoch gebaut waren; und hielt vor der Thorwache. Als Georg Baumgarten herausgetreten, sagte er diesem: »Ungeschick und Verrath hat unsere heilige Sache in diesem Augenblicke in schlimme Lage gebracht. Martin ist schon gestern losgebrochen und die Nachricht vor kurzem angekommen. Man mistraut Ihren Jägern und wird sie ablösen. Ich eile nach Homberg und werde in der Nacht, spätestens morgen früh mit dem Volksheere vor den Thoren Kassels stehen. Halten Sie, lieber Baumgarten, den Muth der Getreuen inzwischen aufrecht und thun Sie für das Vaterland, wenn die Stunde schlägt, was Sie können. Ich vertraue Ihnen, auf Wiedersehen!« Und er sprengte dahin auf dem Wege nach Napoleonshöhe, kreuzte die neue Anlage da, wo Jérôme eine mächtige Kaserne bauen ließ, um über Wehlheiden die Chaussee nach Frankfurt zu erreichen und dann später noch weiter zur Linken nach Homberg abzubiegen. In Felsberg, das er schon ganz im Aufstande fand, nahm Dörnberg ein neues Pferd und gab seinen in Schweiß gebadeten Rappen dem Greben in Versorgung. So traf er erst gegen fünf Uhr abends in Homberg ein. Hier fand er alles in Verwirrung; die Bauern hatten mit den zu ihnen übergegangenen Kürassieren vom Morgen bis zum Abend auf das Wohl des Kurfürsten und Vaterlandes getrunken, recht schlechten hessischen Schnaps getrunken; jeder wollte befehlen, gehorchen niemand. Weder Martin noch die sonstigen Civilisten, nicht einmal sein Vater, der Metropolitan, vermochten sich Ansehen zu verschaffen, namentlich in Bezug auf die Zuzügler. Ohne Dörnberg's Hinzukommen wäre die ganze Geschichte von selbst aufgeflogen. Jetzt sammelten sich die Führer im Stiftsgebäude und beschlossen, den Sturm auf Kassel zu wagen. Es geschah das in Erwartung nicht nur der Zuzüge aus Oberhessen, sondern man hoffte auch, wenn man von oben her in Kassel ankomme, von unten her, von der Diemel, von Karlshafen, Hofgeismar, Hombrexsen, wie von der andern Seite von Kaufungen, Witzenhausen, Allendorf, Eschwege Tausende vor der untern Stadt zu finden. Auch zweifelte man nicht, daß nicht nur die Jäger-Carabiniers, sondern auch die Garde-Jäger zu dem Volke übergehen würden, sobald sich Dörnberg nur zeige, und glaubte sogar bestimmt, daß die Soldaten der übrigen Regimenter auf das Volk nicht schießen würden. Es wurde noch einer der Acte, die bei einem Volksaufstande nicht fehlen dürfen und die der Sache in der That einen Anstrich von Würde verliehen, der ihr bis dahin gefehlt, in Scene gesetzt. Fräulein Karoline von Baumbach übergab Dörnberg eine rothweiße Fahne mit der Devise: »Sieg oder Tod im Kampfe für das Vaterland«, der Metropolitan Martin sprach ein Gebet, Dörnberg hielt eine kurze Anrede. Er hatte ein neues Pferd bestiegen, da er das seinige gestärkt in Felsberg zu finden hoffte, und gegen acht Uhr abends brach man auf. Eine schwere Dunkelheit hatte sich über die Erde gelagert, sodaß Männer mit Laternen dem Zuge vorangehen mußten. Mit Feuergewehren waren nur wenige bewaffnet, die Menge führte Dreschflegel, Mistforken, alte Spieße und Säbel. Man glaubte ziemlich allgemein, man brauche nur in Kassel einzuziehen und die Franzosenfreunde zu plündern, denn, flüsterte man sich geheimnißvoll zu, der Kurfürst sei in Kassel und Jérôme sitze schon im Castell. In Kassel hatte man sich indeß von dem ersten Schrecken bald erholt, obwol es der hohen und geheimen Polizei nicht gelingen wollte, die Fäden zu finden. Erst der Oberstallmeister von Schlottheim leitete auf die Spur, spät nachmittags. Denn hatte auch schon der Rittmeister von Schlottheim gegen den König am Morgen den Namen Dörnberg ausgesprochen, so war damit der Oberst nicht gemeint, sondern das Dorf Dörnberg bei Wolfhagen, in dessen Nähe sich Aufrührer versammelt hatten. Das Entfliehen Dörnberg's war ohne Grund geschehen, weder Polizei noch König wußten um seine Betheiligung, als er sein Commando verließ.. Erst diese Flucht führte durch einen jener Zwischenzufälle, die so oft große Dinge vereiteln, zur nähern Entdeckung. Der Neffe des Oberstallmeisters, Lieutenant Franz von Gayl, war zur Zeit begünstigter Hausfreund bei dem Oberstallmeister Schlottheim. Die Flucht Dörnberg's, die erst nachmittags bekannt wurde, da dieser bei seinem Commando auf Napoleonshöhe nicht eintraf, setzte ihn, den Mitverschworenen, in solche Angst und Verwirrung, daß er gleichfalls zu entfliehen beschloß, vorher aber Abschied von seiner Herzensfreundin Flora nehmen wollte. Bei dieser Gelegenheit benahm er sich so auffallend, daß es Flora leicht wurde, ihm den Grund seiner Angst abzufragen. Flora erfuhr, daß Dörnberg, Gayl wie verschiedene Offiziere von einem beabsichtigten allgemeinen Aufstande unterrichtet und ihnen das Versprechen abgenommen habe, mit ihren Leuten zur heiligen Sache des Vaterlandes zu stehen. Nun hatte Dörnberg seit Mittag die Flucht ergriffen, die Sache mußte also verrathen, der Aufstand mislungen sein, Gayl fürchtete mit einem Worte, daß sein Antheil an der Sache entdeckt sei, wollte Abschied auf ewig nehmen und entfliehen. Flora wollte aber ihren Herzensfreund nicht missen, sie veranlaßte ihren Gemahl, zum Könige zu gehen und diesem unter der Bedingung, daß Gayl begnadigt werde, mitzutheilen, was Flora diesem entlockt hatte. Das war nun freilich nicht viel. Dörnberg hatte viel von einer Landung der Engländer an der Nordküste und einer allgemeinen Erhebung gesprochen, er hatte bei einer Bowle Gayl und zwei andern jungen Offizieren das Wort abgenommen, der Sache des Vaterlandes gegen die Fremdherrschaft zu dienen, und Gayl kannte eben nur die Theilnehmer, welche damals zugegen gewesen waren. Jérôme sagte Gayl Begnadigung zu und ließ die von ihm verrathenen beiden Kameraden verhaften. Die Polizei erhielt durch diese Anzeige die erste Kunde, daß es sich nicht nur um einen Bauernaufstand, sondern um Militäraufwiegelung handle, über deren weitere Verbreitung die Kunde fehlte. In der Hauptsache war man aber beruhigt, man hatte aus Paris längst Kunde, daß der Plan einer Landung von den Mündungen der Weser und Elbe an der Hartmäuligkeit Castlereagh's oder vielmehr an der englischen Handelspolitik gescheitert war, der mehr daran lag, die Marineetablissements und Seearsenalmagazine Napoleon's in Antwerpen zu zerstören, als Hannover und Norddeutschland freizumachen. Ebenso war die Kunde von Magdeburg angekommen, daß Katt's Corps zersprengt, er selbst gefangen sei. Von den treu gebliebenen Kürassieren unter von Marschalk, die von Homberg nach Melsungen zurückgekehrt, traf Nachricht ein, der Bauernaufstand sei unbedeutend, und Marschalk zeigte an, daß er im Fuldathale herabreiten und bei Zweeren die Straße nach Frankfurt erreichen würde, wo er gegen Morgen ankommen werde. Er rieth zugleich, die auf Kassel heranrückenden Bauern auf den Höhen des Habichtswaldes zu empfangen. Man war nur darüber ungewiß, inwiefern der Geist des Aufruhrs unter den Truppen um sich gegriffen und wie viele Offiziere und Unteroffiziere von Dörnberg verführt seien. Der Nachfolger Dörnberg's im Commando der Jäger-Carabiniers wurde zum Commandeur der Garde-Jäger befördert, an seine Stelle trat der Prinz Ernst von Hessen-Philippsthal, Jérôme treu ergeben. Morgens vier Uhr wurden die Jäger-Carabiniers, die aus Mangel an Kasernen bei den Bürgern im Quartier lagen, durch Alarmhörnersignale zum Sammelplatz beordert, die in den Kasernen liegenden Truppen waren schon am Abend consignirt. Vor dem Friedrichsthore der Karlsaue brannten in eisernen, an Stangen vor der Wache erhöhten Körben Pechfackeln und Pech, ebenso vor dem Residenzpalais und dem Museum, und warfen in die Dunkelheit der Nacht ihr schmuziges rothes Licht und verbreiteten einen widerlichen Qualm über den Platz. Die Jäger-Carabiniers hatten ihren Sammelplatz zwischen dem Auethore und der Bellevuestraße. Einer der ersten, der dort eintraf, war Georg Baumgarten, da sein Quartier in der nahen Frankfurter Straße lag und er selbst während der Nacht nicht im Bette gewesen war. Am Abend des vorhergehenden Tages war die ganze geheime und öffentliche Polizei in Thätigkeit gewesen, eine Zusammenkunft der Eingeweihten hatte nicht stattfinden können, er hatte vergeblich versucht, Berner oder einen der sonstigen Führer zu sprechen. In allen öffentlichen Localen sah man die verdächtigen bekannten Gesichter der Polizeispione. Die kasseler Bürger waren einem Aufstande nicht geneigt, nur in den untern Theilen der Stadt, in den engen, steilen, schmuzigen Gassen der Altstadt vom Markte bis an die Fulda herunter, und jenseit der Fulda in der untern Neustadt hatte Berner in den niedrigsten Volksklassen Anhänger für den Aufstand gefunden. Dörnberg und die Höherstehenden waren über die eigentliche Stimmung der Residenz im vollkommensten Irrthume befangen, Enthusiasmus für eine Erhebung fand sich höchstens bei einigen jungen Leuten, Gymnasiasten, die große Mehrzahl des Volks war zufrieden. Selbst die sonst zu Aufständen leicht geneigten Maurergesellen und Lehrlinge sowie die Schneider hatten reichliche Arbeit und guten Verdienst, erwuchsen doch Prachtbauten über Prachtbauten und wurde großer Kleiderluxus getrieben. Georg hatte mehrere ihm befreundete Unteroffiziere besucht und von dem Anzuge eines Volksheers unter Dörnberg's Führung gesprochen, aber nirgends großes Vertrauen zu einem Erfolge gefunden. In Besorgniß, verhaftet zu werden, war er viele Stunden in der Nacht von der Bellevuestraße bis zum Bellevueschlosse spazieren gegangen, jedesmal den Kopf zu den Fenstern hinauswendend, aus dem ihm das Glück seines Lebens lachte, wenn er das Haus, in welchem Heloise und Agnese wohnten, passirte. Dort oben aber war alles dunkel. Endlich, nach Mitternacht, als in den Straßen alles still blieb, und die ganze obere Neustadt zu schlafen schien, war er in sein Quartier gegangen und hatte sich niedergesetzt, um einen Abschieds- und Liebesbrief an Fräulein von Kitzow zu schreiben. Er wohnte bei dem Bäcker, von dem die pariser Laiberchen geholt wurden, die die Freundinnen mit den Schwänen theilten, er zweifelte nicht an dem guten Herzen seiner Hauswirthin, welche das Weißbrot verkaufte, daß sie den Brief in das Körbchen prakticiren würde, in welchem der Bediente der Palastdame jeden Tag früh morgens das frische Backwerk holte. Aber wie schwer war ein solcher Brief zu schreiben! Zehn Anfänge wurden verworfen, und als endlich ein glücklicher Anfang gefunden war, erschallten die Signalhörner, die ihn zu seinen Jägern, vielleicht zum Kampfe gegen seine Landsleute, gegen seinen väterlichen Freund und Gönner riefen. So erschien denn der Souslieutenant der erste auf dem Alarmplatze, nach und nach sammelten sich alle Kameraden von den Unteroffizieren und von den frühern »gelernten Jägern« um ihn. Von Offizieren war außer Georg noch niemand anwesend; daß zwei derselben, von Gayl verrathen, am Abend verhaftet seien, wußte niemand. Georg hielt die Gelegenheit für günstig, seine Freunde zu haranguiren. Er sprach von dem großen Ziele der Befreiung des ganzen Deutschlands, von der Franzosenherrschaft, der unerträglichen, von den ungeheuern Rüstungen Oesterreichs, von der Hülfe Englands, der Erhebung des ganzen Nordens vom Meere bis zum Harz und dem Brocken der Hessen, dem Meißner – er sprach von der Gesinnung des preußischen Heeres, das bereit sei, gegen den Willen des Königs aufzubrechen, vom Kurfürsten, der aus Prag schon auf dem Wege nach Kassel, endlich von den Zusicherungen, die man ausdrücklich oder stillschweigend dem geliebten Chef gegeben habe. Der junge Mann redete sich immer mehr ins Feuer, der Kreis, der sich um ihn gesammelt, vermehrte sich, einige aufmunternde Stimmen ließen sich vernehmen, da erscholl durch die Stille der Nacht plötzlich die laute Stimme des unbemerkt unter die Versammelten Getretenen, er donnerte: »Bataillon, Achtung! richt't euch!« und die Menge gehorchte mechanisch. »Feldwebel, zählen Sie die Leute.« Dann befahl Prinz Ernst von Hessen-Philippsthal – weiter: »Lieutenant Fischer, lassen Sie vier Mann vortreten.« Als dies geschehen war, donnerte der Prinz von neuem los: »Lieutenant Fischer, verhaften Sie sofort im Namen des Königs den Verräther, Souslieutenant Baumgarten, und führen Sie denselben zu der Auethorwache.« Georg mußte seinen Degen abgeben und wurde zu der nahen Wache geführt, die von dem Wachtposten schon herausgerufen war. Als der Gefangene abgeliefert und Fischer mit seinen Leuten zurückgekehrt war und sich in Reihe und Glied gestellt hatte, hieß der Commandant den Hauptmann La Croix Marschcolonnen formiren und das Bataillon vor das Frankfurter Thor führen. Es war indeß ein Pferd für den Prinzen gebracht, das er bestieg, um sich mit den Commandeurs der andern Truppen, die inzwischen auf dem Friedrichsplatze aufmarschirt oder aufgeritten waren, zu verständigen. Die Jäger-Carabiniers gehorchten lautlos, keine Bewegung verrieth, was sich vielleicht in den Herzen der einzelnen regte, weil jetzt jeder einzelne als solcher gleichsam zu existiren aufgehört hatte, und nur noch das Ganze als eine Menschenmaschine dastand. Vor dem Frankfurter Thore harrte schon eine Batterie reitender Artillerie, oder vielmehr nur eine halbe Batterie, da die eine Hälfte schon am Nachmittage mit einer Schwadron Chevauxlegers und einigen Linientruppen unter General d'Albignac nach Wolfhagen aufgebrochen war. Die Artillerie fuhr voraus, dann mußten die Garde-Jäger, die Jäger-Carabiniers unter dem Prinzen von Hessen folgen; Garde-Chevauxlegers und endlich eine Schwadron polnischer Ulanen bildeten den Schluß. Am Hofe herrschte aber namentlich im Kreise der Hofleute, der Schranzen und Zofen eine ungemeine Angst, man drang in die Königin, drang in den König, Kassel auf einige Zeit zu verlassen und in die Feste Magdeburg zu ziehen. Allein Jérôme erwies sich muthiger als seine Umgebung, er erklärte, er werde sich lieber unter den Trümmern seines Palastes begraben lassen, ehe er Kassel verließe. Sein Muth belebte den seiner Umgebung, und auch die Königin gab die schon beschlossene Nachtreise nach Strasburg auf, um solche am folgenden Morgen anzutreten. Die Insurgentenschar Dörnberg's hatte sich zwar auf dem Nachtmarsche gelichtet, die meisten von denjenigen, die am Morgen zu laut geschrien und zu viel getrunken hatten, waren als krank und marode in den Dörfern, die man durchzog, liegen geblieben, allein es kamen auch frische Massen hinzu. Die Felsberger marschirten schon nach Guntershausen voran, dort hoffte man auch die Insurgirten aus dem Fuldathale, mindestens von Rotenburg her, zu treffen. Die letzte Höhe auf dem Wege nach Kassel war erstiegen; wenn es Tag gewesen wäre, so würde man das Fuldathal sich nach rechts im tiefen Waldgrunde haben hinziehen sehen, zu den Füßen Kassel, zur Linken die Napoleonshöhe mit dem Hercules. Aber die Aprilsonne war noch nicht aufgegangen, es war etwa gegen 3½ Uhr, als der Vortrab auf der Höhe bei dem Gasthause zur Knallhütte (aus der die Frachtfuhrleute den Vorspann mit ihren Peitschen herauszuknallen pflegten) ankam. Hier wurde Rast gemacht, hier konnte man einen frischen Trunk haben; hier sollten die zahlreichen Nachzügler und der Zuzug aus dem Fuldathale erwartet werden. Dörnberg selbst bedurfte einiger Ruhe. Die Aufständischen waren jetzt beinahe sieben Stunden marschirt, viele der eifrigsten waren beinahe achtundvierzig Stunden auf den Beinen. Während die Ermüdeten Ruhe und Erquickung auf Heuböden, in Ställen und überall suchten, wo sie Raum fanden, sprachen die andern dem Schnapse und Biere zu, das sich hier in guter Qualität vorfand. Die ersten Ankömmlinge wurden inzwischen von den Nachfolgenden verdrängt, und Dörnberg sah die Nothwendigkeit, jetzt, wo der Tag nahte, einige militärische Ordnung in die Sache zu bringen, und gab dazu die Befehle. Die übergegangene Cavalerie, die Kürassiere, sollten als Avantgarde vorgehen; ein zuverlässiger althessischer Wachtmeister führte sie. Dann sollten die Felsberger und alle, welche aus der nähern Umgebung Kassels waren, folgen, voran die mit Feuergewehr Bewaffneten. Die Gewehre sollten geladen werden. Das Centrum bildete die Schar der Homberger mit der gestern übergebenen Fahne, ihnen sollten die sehnlichst Erwarteten aus dem Fuldathale und von Wolfhagen sich anschließen. Während man so die wüsten Massen in der Dunkelheit zu ordnen suchte, war General Reubel mit den aus Kassel ausgerückten Truppen schon über Zweeren hinaus vorgedrungen und rückte den Berg hinauf zur Knallhütte. Etwa zwanzig Chevauxlegers bildeten seinen Vortrab, dann folgten zwei Compagnien Garde-Jäger, dann zwei mit Kartätschen geladene Kanonen. Ob die Sonne schon aufgegangen war, wußte man nicht, ein dichter schwerer Nebel, der nicht gestattete, sechs Schritt weit zu sehen, lagerte auf Thal wie Höhen, als die beiden Vortrupps aufeinanderstießen, beiden unerwartet. Es wurden einige Pistolenschüsse gewechselt, und beide Vortrabreiter zogen sich zurück. Die Nachricht, daß Truppen, in welcher Stärke wußte man nicht, heranrückten, verbreitete unter dem Insurgentenheere einen ungemeinen Schrecken und eine kaum zu bewältigende Verwirrung. Alle schon getroffenen Anordnungen fielen über den Haufen und es würde schon jetzt die Flucht eine allgemeine geworden sein, wenn Martin und die Führer nicht bemüht gewesen wären, der Masse dadurch Muth einzusprechen, daß man sagte: man wisse ja noch gar nicht, ob die Soldaten als Freunde oder als Feinde kämen, und wenn auch vorläufig unter dem Commando feindlich gesinnter Offiziere, ob sie nicht zu dem Volke übergingen. Dörnberg rief Freiwillige vor, und als sich ein paar hundert Förster, alter Soldaten, junger Leute, mit Feuergewehren bewaffnet, vorangestellt hatten, sammelte sich der Schweif wieder hinter denselben. Reubel hatte indessen eine Compagnie Garde-Jäger vorgehen lassen mit dem Befehle, wenn mau auf die Rebellen stoße, ein blindes Pelotonfeuer abzugeben, damit kein Blut vergossen würde. Dörnberg hatte seiner Stellung durch die Gebäulichkeit der Knallhütte und durch einige vorgefahrene Fracht- und Mistwagen einige Sicherheit zu geben versucht. Als nun die Garde-Jäger heranrückten, und er die Leute erblickte, die er vor vierundzwanzig Stunden noch befehligt hatte, ritt er vor und winkte mit seinem Tuche wie mit den Armen, die Leute zum Uebertritt symbolisch ermahnend. Die Antwort war ein Pelotonfeuer. Als aber niemand getroffen war, glaubte das Volksheer, die Garde-Jäger wollten absichtlich auf das Volk nicht schießen. Da ritt General Reubel vor und forderte die Insurgenten auf, sich zu ergeben. Sofern sie ihre Anführer auslieferten, wurde ihnen Begnadigung zugesagt. Kaum war der General, der keine Antwort erhielt, zurückgeritten, als eine Salve von seiten der Aufständischen erfolgte. Die vorgegangene Jägercompagnie antwortete diesmal scharf, schwenkte zu beiden Seiten der Chaussee ab, und die beiden Kanonen protzten einen Kartätschenhagel unter die Menge. Es hatte sich ein Morgenwind erhoben, der den Nebel von den Höhen in die Thalebene trieb, man sah sich gegenseitig, und die Aufständischen sahen nicht nur wohlgeordnete Massen von Infanterie und Cavalerie auf der Chaussee den Berg heraufrücken, sondern, was ihnen noch gefährlicher erschien, von der Seite, von der sie Zufluß erwartet, vom Fuldathale her, rückten die treu gebliebenen Marschalk'schen Kürassiere, ihre Commandeurs an der Spitze, halb in der Flanke, halb im Rücken der Insurgenten, mit gezogenem Säbel den Berg hinauf. Nun war kein Halten mehr. Ehe die Kanonen zum zweiten mal abprotzten, zerstieb das Volksheer nach allen Seiten. Man ließ Todte und Verwundete liegen, wo sie lagen, man warf die Waffen fort und suchte in Bergablaufen nach Süden und in Erreichung des Waldes nach Westen Schutz. Dörnberg und die Führer überzeugten sich, daß auch ihre Rettung nur in der Flucht bestehe. Im Hause der Gräfin Melusine war am 22. April Festtag, d. h. die Gräfin hatte die Nacht vorher, den ganzen Tag bis nach dem Souper, also bis nach Mitternacht Palastdienst, und Heloise und Agnese waren »unter sich Maderchens«, wie man in Kassel zu sagen pflegt, dazu Leseabend bei Reinhards, wo dieser die ersten vier Bogen eines noch nicht erschienenen Goethe'schen Werkes, das auch noch keinen Titel habe (Wahlverwandtschaften?) vorzulesen versprochen hatte. Die jungen Damen waren bis zum Nachmittage äußerst vergnügt, man hatte den Anfang gemacht, »Romeo und Julie« in der Ursprache zu lesen, und die Mangelhaftigkeit Agnesens nicht blos in der Aussprache, sondern auch im Uebersetzen und im Verstehen des Sinnes gab zu manchem fröhlichen Lachen Veranlassung. Heloise nahm ihr Mittagsmahl an diesem Tage bei Kitzows ein, wo der Bureaustunden wegen schon um ein Uhr auf einfach bürgerliche Weise gespeist wurde. Nach Tisch, als der Geheimrath ein Pfeifchen schmauchte, Kaffee trank und in westfälischen und pariser Zeitungen blätterte, die Siegesnachrichten aus dem Süden brachten, gingen die jungen Damen in den Salon Melusinens, um Federball zu spielen. Das militärische Schauspiel am Morgen auf dem Friedrichsplatze hatte die Neugierde derselben nicht erweckt, es war das etwas beinahe Alltägliches, Agnese wußte außerdem, daß die Jäger-Carabiniers die Wache hatten, und außer diesen waren ihr alle Uniformen gleichgültig, man lebte so isolirt durch die Lage, daß man von weitern Bewegungen nichts sah und hörte. Da brachte gegen Abend die Kammerzofe die Meldung. daß der Ministerresident bedauere, durch dringende Berufsgeschäfte behindert, den Leseabend für heute aussetzen zu müssen. Die Kammerzofe blieb, nachdem sie ihre Bestellung ausgerichtet, im Salon stehen, wie jemand, der noch einen Auftrag erwartet oder etwas zu sagen hat. »Nun, Julie«, sagte Heloise, »was hast du auf dem Herzen, heraus damit!« »Ach, gnädigste Comtesse, es laufen dunkle Gerüchte in der Stadt, daß oben im Lande Wolfhagen, Felsberg, Homberg, ein Aufstand ausgebrochen sei, daß der Oberst von Dörnberg zu den Anführern gehöre und entflohen sei, sowie, daß man zwei Offiziere von den Jäger-Carabiniers verhaftet habe und noch viele Offiziere und Unteroffiziere in dieser Nacht verhaften werde.« Agnese war einer Ohnmacht nahe und brach, als die Zofe das Zimmer verlassen hatte, in Thränen aus. »Es lag mir seit Mittag schwer auf dem Herzen, als sei ein Unglück passirt«, seufzte sie. »Jetzt weiß ich gewiß, daß solches geschehen ist. War Dörnberg nicht bis vor kurzem Commandant der Jäger-Carabiniers? Ich glaube erst ganz vor kurzem seine Ernennung zum Commandeur der Garde-Jäger gelesen zu haben, denn erst seit kurzem haben militärische Ereignisse ein Interesse für mich. »Nun, mein unbekannter Romeo ist Souslieutenant bei den Jäger-Carabiniers, und das erste mal, als ich ihn bei dem Vater traf, bestellte er Empfehlungen von seinem Obersten von Dörnberg und brachte Briefe, die der Vater nach Magdeburg einschließen sollte. Wenn Dörnberg in die Insurrection verwickelt ist, so, liebe Heloise, Ahnung sagt mir's, ist auch dein Ebenbild darin verwickelt.« »Dann werde ich mein Ebenbild daraus herauswickeln«, entgegnete diese, »und es dir als Puppe in die Arme legen, denn dein Romeo ist und bleibt nichts als eine große Puppe deiner Phantasie. Ich werde dir am Abend etwas Lustiges vorlesen, ›Minna von Barnhelm‹, damit du lebendige Menschen in dein Köpfchen kriegst und die Gespenster und Phantasien vertrieben werden.« Auch die Gräfin Melusine schickte einen Hoflakai und ließ sagen, daß sie während der Nacht im Palais bliebe. Am Abend las Heloise das Lessing'sche Schauspiel, allein die Gedanken der Freundin waren nicht dabei, ihr kamen die Alten-Fritze'schen Soldaten steifleinen vor, und Tellheim war ihr Souslieutenant. Sie fand im Bett keine Ruhe, zu verschiedenen malen mußte sie aufstehen, an das Fenster gehen, dasselbe öffnen und ihren Blick nach Osten schweifen lassen. Sie konnte bis zu dem erst 1811 abgebrannten alten Schlosse, das da stand, wo heute die Ruinen der Kattenburg ein Denkmal für Wollen und Nichtkönnen eines geizigen Fürsten sind, sehen, und sah vor dem Schlosse wie vor dem Auethore die unheimlichen Pechfeuer. Es war ihr auch, als ginge unten am Auestaket ein Mann hin und her und sehe zu ihr herauf. Es war aber zu dunkel, um etwas da unten zu sehen, dagegen hallte der Schall von Schritten in ihr Ohr und das war genug, ihrer Phantasie das Bild Georg's hervorzuzaubern, ein Phantasiebild, das diesmal mit der Wirklichkeit stimmte. Erst spät nach Mitternacht sank sie in einen unruhigen Schlummer – sie träumte von Dörnberg, träumte von ihrem Unbekannten, sah, wie dieser über die Fulda hinaus an jenen unheimlichen Ort, den Exercirplatz der Artillerie, Forst genannt, geführt wurde, wie er niederkniete und erschossen wurde. Sie hörte die Schüsse! Nein, was sie hörte, waren die Alarmhörner der Jäger-Carabiniers, sie täuschte sich nicht, seit Wochen hatte sie auf alle Signale gehört und sich von Kuno, dem gräflichen Jäger, der früher gleichfalls unter den »gelernten Jägern« gedient, dieselben erklären lassen. Nein, sie täuschte sich nicht, denn jetzt wurde dicht unter ihren Fenstern das Signal geblasen, und ein Echo vom Schlosse trug das Signal zurück. Sie sprang aus dem Bette, hüllte sich in einen Mantel und legte sich ins Fenster, von wo sie den Sammelplatz der Jäger-Carabiniers übersehen konnte. Die Pechfeuer vor der Auethorwache wurden von neuem angeschürt, aus der rothen Flamme schlug einige Augenblicke eine helleuchtende, gelbe Flamme hervor, welche den Zwischenraum bis zur Straße, in der sie wohnte, erhellte – sie sah ganz deutlich einen Offizier der Jäger-Carabiniers, sah, daß es ihr Unbekannter war, sie sah, wie sich um ihn nach und nach Unteroffiziere und Gemeine sammelten, jetzt war das nur ein Knäuel, sie glaubte aber seine Stimme zu vernehmen, und in der That schallten die Worte Vaterland und Schmach der Fremdherrschaft mehrmals zu ihr herauf. Da trat aber auch ein höherer Offizier zu dem Kreise und hörte zu, was der Redende sagte. Aber daß er commandirte: »Bataillon, Achtung! richt't euch!« das hörte sie, sah, wie der Kreis auseinanderfiel und sich in Colonnen formirte. Auch das sah sie deutlich, wie ihr Unbekannter hervortrat, den Degen abgab und nach der Auethorwache abgeführt wurde. Diese war herausgetreten, man hatte die Pechflammen abermals mit neuem Stoff versehen und zur größern Helligkeit aufgestachelt, sie irrte sich nicht, sie träumte nicht, Heloisens Ebenbild war Gefangener. Agnese that einen lauten Schrei und sank ohnmächtig auf das nahestehende Bett, nach dem sie halb bewußtlos schon mit der Hand gegriffen hatte. Zum Glück hatte die Tante, die nebenan nach hinten in einer Kammer schlief, einen leisen Schlaf. Sie hörte den Schrei, indeß dauerte es in damaliger Zeit immer noch etwas lange, ehe mit Stahl und Stein Feuer geschlagen und ein Schwefelfaden angezündet wurde. Die Tante schloß das offen stehen gebliebene Fenster, brachte Agnese in das Bett und setzte sich daneben, um die Kranke, welche im Fieber phantasirte, zu bewachen. Viertes Kapitel. Die unerwartete Botschaft. Agnese von Kitzow konnte in der Nacht das Bild des gefangenen, an die Auethorwache abgelieferten Carabinieroffiziers nicht los werden, sie hatte sich am offenen Fenster offenbar erkältet und war am andern Morgen so matt, daß sie das Bett nicht verlassen konnte. Der Vater eilte, da die alte Tante ihm diese Meldung machte, besorgt zu Heloisen hinunter, dieselbe um Beistand zu bitten. Als Agnese am Busen der Freundin sich ausgeweint und ihr die nächtlichen Ereignisse, keine Visionen mehr, mitgetheilt hatte, sendete Heloise den Jäger der Mutter, Kuno, einen geriebenen Patron, nach der Auethorwache, damit er sich erkundige, was vorgefallen sei in der Nacht, und welchen Offizier man verhaftet habe. Allein Kuno kam zurück ohne die gewünschte Auskunft ertheilen zu können, die Wache war von polnischen Lanciers, die kein Wort Deutsch sprachen, bezogen, der Offizier war nicht sichtbar geworden. Es hing noch immer ein schwerer Nebelmantel über der Aue, und der ganze Himmel war von grauen Wolken bedeckt. Plötzlich theilte die Sonne die Wolken, der Himmel trat erst streifenweis, dann in immer größerm Umfange blau hervor; die Sonne lächelte als Siegerin, die Nebeldecke über der Aue sank als Thau zur Erde. Zugleich erschallten vom Frankfurter Thore her lustige Jägerhörner. »Das sind die Hörner der Jäger-Carabiniers«, sagte Agnese in voller Aufregung, »bitte! bitte! öffne die Fenster und sage mir, was du siehst.« Die Kranke hatte sich nicht getäuscht. Die Jäger-Carabiniers hatten an dem Gefechte bei der Knallhütte keinen Antheil genommen, man hatte ihnen nicht getraut und sie als Reserve aufgestellt; jetzt bildeten sie die Avantgarde. Vor dem Frankfurter Thore angekommen, begann ihre Musik eine alte Harzweise, der man zu verschiedenen Zeiten die verschiedensten Texte untergelegt hat, zu spielen; damals war eine Hymne für Jérôme darauf gedichtet, als später Georg. IV. sich einmal das Hannoverland ansah, feierte man ihn mit derselben Melodie, und unsere Zeitgenossen haben sie, von Fuhrmannspeitschen-Concerten der Harzfuhrleute unterbrochen, zu Ehren Ernst August's bei dessen Militärjubiläum gehört, und Georg V. ist nebst seinem Kronprinzen durch die treuen Harzer mit ihr angesungen, wie König Wilhelm angesungen werden wird, wenn er einmal die Bergstädte besucht. Die Jäger-Carabiniers zogen über den Friedrichsplatz, wo sie an der Nordseite vor dem Museum zur Parade aufgestellt wurden. Bald folgten die Chevauxlegers, die Garde-Jäger, während die Kürassiere den Gefangenentransport um die Stadt dem Holländischen Thore zu in die Altstadt führten.. Auch die in der Residenz gebliebenen Truppen, die theils aus der katholischen Kirche an der Karlsstraße kamen, theils von unten aus der Martinikirche, stellten sich auf dem Friedrichsplatze zur Parade auf. Es erschienen, wie auch sonst sonntäglich, große Mengen von Kindermädchen mit Kindern, Jungen, Lehrjungen, Handlungscommis, Bummlern, Stutzern, geputzten Damen. Die Musik der Garden erscholl. – Genug, der 23. April unterschied sich von andern Sonntagen nicht, nur daß die Zuschauermasse noch größer war, als sie sonst bei Sonnenschein um diese Jahreszeit zu sein pflegte. Die Sonne und die altgewohnte Parademusik übten auf die Nerven Agnesens eine größere Heilkraft, als die stärkste Valeriana-Dosis es vermocht hätte. Sie ließ sich ankleiden, legte sich zu Heloisen in das geöffnete Fenster und lauschte der Musik. Mittags war große Cour im Schlosse, Hof- , Militär- und Civildienerschaft drängten sich zahlreicher als sonst herbei, um ihre Ergebenheit an den Tag zu legen. Die auswärtigen Minister und Gesandten, der Prinz von Repnin als Vertreter des Kaisers Alexander, Baron von Reinhard als Vertreter Napoleon's, der Vertreter Preußens (Oesterreich war des Krieges wegen nicht vertreten) und anderer kleinerer deutscher Potentaten brachten Jérôme ihre Glückwünsche. Dieser zeigte sich königlicher, als mancher König, der auf eine tausendjährige Dauer seiner Dynastie sich berufen konnte, gethan haben würde. Er erklärte den ihn umringenden Offizieren: »Es widerstrebt meinen Gefühlen, zu denken, daß ein Soldat ein Verräther werden kann. Dennoch hat der Mann, den ich als Freund zu mir heranzog und mit Wohlthaten überhäufte, bethört wahrscheinlich durch die Tücke jenes Unheil sinnenden Inselvolks, seinen Fahneneid und die Treue gegen mich verletzt. Meine Herren, sollte einer von Ihnen bereuen, sich durch den Eid der Treue an mich gefesselt zu sehen, der mag gehen, der mag sich offen meinen Feinden anschließen. Ich gebe Ihnen mein königliches Wort, daß niemand ihn daran hindern soll. Denn, meine Herren, ich halte es für besser, mit offenen Feinden zu kämpfen, als argwöhnen zu müssen, daß ich von Verräthern umgeben bin.« Keiner ging, die Offiziere der Garde wie der Linie leisteten vielmehr freiwillig dem Könige von neuem den Eid der Treue. Nachmittags kam die Gräfin vom Palais zurückgefahren. Die Königin war nach Strasburg. abgereist und wurde erst nach einer Woche zurückerwartet, sie war des Palastdienstes für diese Zeit entbunden. Sie schien in die Vorgänge eingeweiht zu sein, allein sie äußerte sich nur der Tochter gegenüber dahin: »Der Rittmeister von Schlottheim wie der Oberstallmeister von Schlottheim haben wiederum dem Könige einen großen Beweis ihrer Treue und Anhänglichkeit gegeben, während Leute, die Se. Majestät der König aus ihrem Dunkel hervorgezogen und denen er eine Carrière eröffnet, sich als Treulose und Verräther erwiesen hatten.« Die Gräfin murmelte etwas zwischen den Zähnen und sah so böse auf Heloise, als wenn diese den Verrath an dem Könige begangen hätte. Heloise glaubte wieder die Worte »bürgerliche Canaille« gehört zu haben, war aber bald der Meinung, daß sie sich getäuscht haben müsse. Am folgenden Tage war Agnese noch so schwach, daß sie das Haus nicht verlassen konnte; aber am 1. Mai war sie selbst es, die zu der Freundin herunterkam und diese daran erinnerte: »Was die Schwäne denken möchten, wenn sie die gewohnten pariser Laiberchen nicht mehr bekämen?« Ihr war, wie sie selbst erzählte, so fröhlich und leicht zu Sinn, als wenn ihr etwas Gutes an diesem Tage passiren müsse. Man eilte auf dem gewohnten Wege in die Aue, fütterte die Schwäne, man trank Milch und aß pariser Laiberchen dazu, man promenirte durch den größten Theil der Aue, aber man repetirte keine englischen Vocabeln an diesem schönen Maitage. Als die Freundinnen gegen neun Uhr morgens wieder in ihre Wohnung kamen, stand beiden zwar eine große Ueberraschung bevor, aber keine erfreuliche. Agnese fand oben im Zimmer ihres Vaters den Chef der geheimen Polizei, oder officiell den Generalcommissar der hohen Polizei, Herrn von Wolff, und einen Gensdarmeriekapitän, Dudon d'Envals, beschäftigt, die Papiere des Vaters zu durchsuchen. Beide Herren waren äußerst artig gegen das Fräulein von Kitzow, indem sie versicherten, es sei wahrscheinlich nur ein Misverständniß, durch welches eine Verhaftung ihres Herrn Vaters herbeigeführt sei, sowie der Auftrag, die Papiere dieses loyalen und ehrenwerthen Beamten zu durchsuchen. Sehr wahrscheinlich beruhe die höhere Anordnung nur auf einer leider in solchen Tagen des Verraths häufig hervortretenden gehässigen, aus persönlichen Motiven herzuleitenden Denunciation. Sie hätten, wie sie versichern könnten, in den Papieren ihres Vaters nichts irgend Verdächtiges entdeckt, als einen versiegelten Brief an die Adresse des Obersten von Dörnberg, welchen sie mitzunehmen für geboten hielten. Das Fräulein werde sie verpflichten, wenn sie das über den Vorgang aufgenommene Protokoll unterzeichnen wolle; das Frauenzimmer, welches da in der Ecke sitze, sei von Anfang bis zu Ende bei der Procedur gegenwärtig gewesen. Agnese sah erst jetzt, daß die Tante in der durch die Stubenthür, durch die sie eingetreten, verdeckten Ecke der Stube saß, den Kopf in ihre weiße Küchenschürze gehüllt und laut schluchzend. Der Generalcommissar verlas das in französischer Sprache abgefaßte Protokoll, gegen welches Erinnerungen nicht zu machen waren. Es war in derselben wohlwollenden Weise abgefaßt, als sich Herr von Wolff gegen sie geäußert hatte, und Agnese unterzeichnete es. Sie war über dieses Ereigniß viel weniger erschreckt als über die nächtliche Erscheinung, denn sie wußte aus hundertfachen Aeußerungen ihres Vaters, daß, so sehr er auch Deutscher war und Preuße insbesondere, er sich doch durch den Huldigungs- und Diensteid Hieronymus und dem westfälischen Staate verpflichtet fühlte, und nie zu einer Verschwörung die Hand geboten haben würde. Eine andere Scene erwartete Heloise. Sie hörte im Empfangszimmer ihrer Mutter eine heftige Baßstimme reden, ohne die Worte, noch weniger die Antwort der Mutter verstehen zu können. Da donnerte es von neuem los: »Nun denn, Frau Gräfin, so komme das Blut meines Sohnes über Sie!« Die Thür ward aufgerissen, und ein kräftiger Jägersmann mit grauen Haaren überschritt die Schwelle mit zornglühendem Antlitz. Heloisen überkam eine Ahnung, sie sah zu dem Manne empor und erkannte in ihm Oskar Baumgarten. Heloise faßte den Zornigen bei der Hand und zog ihn stumm in ihre Appartements, hier sagte sie: »Reden Sie, wenn die Mutter Ihnen nicht helfen will, ich, die Tochter, opfere alles, Ihnen in der Noth zu helfen!« »Wie, sind Sie Comteß Heloise und Sie kennen mich?« »Mehr als Sie glauben; darf ich wissen, warum Sie meine Mutter ansprachen?« »Mein ältester Sohn, Georg, Souslieutenant bei den Garde-Carabiniers, ist vor einigen Nächten verhaftet, weil er das Bataillon bei dem Ausmarsch gegen die Rebellen zum Uebertritt zu diesen haranguirt hat. Das Kriegsgericht hat heute sein Todesurtheil gesprochen oder wird es sprechen, wie ich soeben vom Staatsrath von Berlepsch, meinem Gönner, gehört habe. Ich bat die Gräfin, sich für meinen Sohn, den verführten jungen Mann, direct bei dem Könige zu verwenden, da die Königin abwesend ist. Es muß aber sofort geschehen. Heute schon ist der Lieutenant von Hasserodt auf dem Forst erschossen, schon morgen vielleicht wird das Schicksal meinen Sohn treffen, den Augapfel seiner Mutter, meinen Erstgeborenen.« »Beruhigen Sie sich, Herr Oberförster, ich selbst werde Ihren Sohn fortan betrachten, als wäre er mein Bruder, verstehen Sie, mein Bruder, und werde alles, alles thun, was möglich ist, ihn zu retten.« Der Oberförster sah Heloise starr an, eine dunkle Ahnung ging ihm auf, als er in das gleichsam um Vaterliebe bittende Auge schaute, er breitete die Arme aus und seine Tochter stürzte sich in sie, ihn mit Küssen bedeckend. »Vater«, sagte sie, die heißen Thränen, die ihr von den Wangen liefen, trocknend, »mein Herz sagt mir, ich werde bei dem Könige keine Fehlbitte thun, ich werde den Bruder, ich werde zugleich einer theuern Freundin den Geliebten retten. Ich eile, Toilette zu machen und mich durch meinen Freund, Baron Reinhard, bei dem Könige einführen zu lassen. Erwarten Sie mich zwischen zwölf und ein Uhr bei dem Staatsrath von Berlepsch.« Als sich Oskar Baumgarten, nachdem er die Tochter noch einmal in seine Arme gezogen, entfernt hatte, kam Agnese herab, der Freundin ihr Unglück mitzutheilen. »Ich bin im Begriff, zum Könige zu gehen, um mich ihm zu Füßen zu werfen und Gnade zu erbitten – für deinen Geliebten. Es ist der Sohn eines mir aus der Heimat bekannten sehr werthen Mannes, des Oberförsters Baumgarten. Er ist deiner würdig, du darfst ihn lieben und er wird dich lieben. Während ich zum Könige gehe, eile du zu Bercagny und erbitte dir die Erlaubniß, deinen Vater im Castell besuchen zu können, ich hoffe zu Gott, du kannst dann dem Geliebten selbst die Begnadigungsacte überbringen, ich werde dich abholen. Reinhard versprach, Heloisen in aller Maße gefällig zu sein, er ließ anspannen, fuhr mit ihr im Palais vor und erwirkte Audienz. Hieronymus konnte niemand etwas abschlagen, am wenigsten aber einer schönen jungen Dame, der Tochter einer Palastdame. Der König befahl sofort, den Grafen de la Ville sur Illon, der sich schon zur Audienz hatte melden lassen, vorzulassen. Dieser wohnte als Rapporteur du Roi dem Kriegsgerichte bei und wollte eben dem Könige über die Haussuchung bei Kitzow und dessen erstes Verhör rapportiren. Der König ließ sich über dasjenige, was gegen den Souslieutenant Georg Baumgarten vorlag, berichten. Er hatte bekannt, von Dörnberg aufgefordert zu sein, an einer allgemeinen Erhebung gegen die Fremdherrschaft teilzunehmen; dies habe er seinem Chef versprochen, wie er glaube, daß auch andere Offiziere und Unteroffiziere dazu bereit gewesen seien, ohne solche nennen zu können, da Dörnberg nur mit jedem einzeln verhandelt habe. In speciellere Plane sei er nicht eingeweiht, von der Bauerninsurrection habe er nichts gewußt. Es sei ihm unmöglich gewesen, gegen seinen Chef, seinen Wohlthäter, dem er seine Beförderung zum Offizier verdanke, zu Felde zu ziehen, und so habe er in der Nacht vor dem Ausmarsche, von den Ereignissen des Tages hoch erregt, zu den Kameraden gesprochen. Welche Worte er gesprochen, erinnere er sich kaum mehr, er habe aber an die Liebe zu Dörnberg erinnert und sei trostlos gewesen, daß gerade die Jäger-Carabiniers, diese Schöpfung Dörnberg's, hätten ausziehen sollen, ihn zu fahnden und gegen ihn zu kämpfen. Das Kriegsgericht hatte Georg Baumgarten nicht zum Tode verurtheilt, sondern, in Erwägung seiner Jugend und der Verführung durch einen höhern Offizier, nur auf vier Jahre Festungsarrest erkannt. Jérôme milderte das Erkenntniß sofort auf zwei Jahre Festung und bestimmte Spangenberg als Detentionsort. Auch die Erlaubniß, daß der Vater den Sohn besuchen dürfe, erwirkte die schöne Bittstellerin, wie Bercagny der Freundin die Erlaubniß gegeben, den Vater, dessen Haft nur von kurzer Dauer sein würde, täglich zu besuchen. Heloise holte diese in Reinhard's Wagen, den er ihr gern zur Verfügung stellte, von Haus, brachte dann Oskar Baumgarten die erfreuliche Nachricht über Urtheil und Begnadigung des Sohnes und fuhr von der Wohnung Berlepsch's mit beiden Glücklichen zum Castell. Major Krupp, Commandant des Castells, hatte die Comtesse Heloise mit eintreten lassen und ließ den Vater Agnesens und den Sohn Oskar's gleichzeitig in die Corridors führen. Herr von Kitzow umarmte seine Tochter, Oskar Baumgarten stürzte auf seinen Sohn zu und schloß ihn in die Arme; aber Georg schien weniger Augen und Ohren für den Vater als für Agnese zu haben. Der Oberförster selbst war zu aufgeregt, um dies zu beachten, aber Heloise, die Georg scharf ins Auge faßte, um ihr sogenanntes Ebenbild kennen zu lernen, sah, wie derselbe über die Schulter des Vaters hinweg ganz in Agnesens Anschauung versunken war. Der Souslieutenant war ein schöner Mann, und da sie ein Bewußtsein ihrer eigenen Gesichtszüge hatte, mußte sie sich allerdings sagen, daß er ihr bis auf den schwarzen Schnurrbart ähnlich sah. Er wurde erst aus seiner halben Erstarrung aufgerüttelt, als sein Vater ihn bei der Hand ergriff, zu Heloisen zog und sagte: »Hier Georg, sage der Gräfin Heloise von Wildhausen, deren Bitte du die Erlassung der Hälfte deiner Strafe verdankst, deinen Dank.« Während dieser, der bisher die Anwesenheit Heloisens nicht bemerkt hatte, derselben eine Verbeugung machte und einige unverständliche Worte des Dankes stammelte, hatte sich auch Agnese aus den Armen des Vaters losgemacht, war auf Heloisen zugegangen und wollte dieser das Papier, das den Gnadenact enthielt, zustecken, damit sie es selbst dem jungen Offizier übergäbe. Diese aber umfaßte sie und zog sie vor. »Fräulein Agnese von Kitzow – sie sollte Ihnen, an dessen Schicksal sie den innigsten Theil genommen seit dem ersten Augenblick Ihrer Verhaftung, die sie aus dem Fenster ansah, den Gnadenact überreichen; ich hoffe, Sie werden denselben aus der jüngern Hand ebenso gern empfangen und in mir für alle Zukunft eine mütterliche Freundin sehen.« Beide jungen Leute errötheten tief, die Jungfrau übergab das Papier stumm, aber ihre Augen sprachen und Georg's Augen erwiderten diese Sprache, als er den Mund auf die Hand drückte, die ihm die Begnadigungsacte überreichte. Auch beide Väter mußten diese Sprache verstehen. Die Zeit zum Scheiden kam allzu bald. Der Major Krupp öffnete die Corridorthür, die Gefangenen wurden in ihre Zellen abgeführt, und Heloise fuhr mit dem Oberförster wieder zur Wohnung des Staatsraths Berlepsch, der ihm Aufträge für das Haus Berlepsch mitgeben wollte. Oskar Baumgarten eilte zu Haus, denn seine Frau schwebte in Todesängsten, und sein Sohn Hermann erwarte ihn gewiß schon an der Werrafähre. Die Freundinnen hatten aber das Versprechen geben müssen, daß, wenn der Vater Agnesens aus der Haft befreit würde, sie Baumgarten auf seinem Jägerhofe besuchen wollten, damit Heloise auch den Dank der Mutter Georg's empfangen und diese, wie ihre Freundin Agnese, die dem Sohne so großes Mitleid geschenkt, sehen könne. Selten war der Monat Mai für ein junges Herz so beglückend wie für die beiden Freundinnen. Heloise, welche ihre Mutter noch mehr misachtete, seitdem sie ihrem Vater die Mitwirkung zur Befreiung Georg's abgeschlagen, hatte an dem Herzen eines Vaters gelegen, den sie hochachten konnte. Sie fühlte sich nicht mehr so einsam und verlassen in der Welt; sie betrachtete es als ihre Aufgabe, das Lebensglück der Familie ihres Vaters, ihrer Stiefbrüder und Schwestern, die sie näher kennen lernen mußte, zu gründen. Zum ersten male freute sie sich darüber, durch das Vermächtniß einer entfernten Verwandten, ihres Großvaters Schwester, die als Aebtissin in hohem Alter in einem Kloster gestorben war, ein kleines Vermögen zur eigenen Disposition zu haben. Ihr war außerdem so leicht und froh ums Herz, wie ihr seit Jahren nicht gewesen, sie fühlte sich ordentlich jung. Herr von Kitzow war aus dem Gefängniß entlassen; man hatte keine Schuld an ihm gefunden, da ihm die Briefe an Dörnberg versiegelt neben den Dienstsachen zugeschickt waren, und der eigentliche wissende Vermittler nach dem verunglückten Katt'schen Unternehmen aus Magdeburg entflohen war. Kitzow hatte aber um Pensionirung nachgesucht, und diese war ihm in Gnaden gewährt. Er erwog jetzt, wo er seine Lebenstage zubringen wollte, ob in der Heimat, oder in Kassel, oder, wie Heloise im Scherze vorgeschlagen, ob er, um die Gesundheit des Töchterchens zu kräftigen, nach Spangenberg ziehen wolle. Die Königin reiste von Strasburg in die Bäder von Spaa, und die Gräfin als erste Palastdame wurde dahin befohlen und war abgereist. Zu dem allen kam noch der liebliche Mai, der seine Blütenpracht in vollem Maße vor freudigen Augen ausbreitete. Es war am 30. Mai; Heloise war schon morgens fünf Uhr wach und schlürfte aus ihrem Fenster den Duft der Blüten, welchen ein leichter Ostwind zu ihr heraufwehte. Der hohe Uferabhang der Aue war mit dichtem Fliedergebüsch besetzt, das jetzt in üppigster Blüte prangte. Unten in der Aue standen die Kastanienalleen in weißen und rothen Blüten, ja es war keine Täuschung, der Wind, der zwischen Ost und Nordost spielte, brachte, sobald er sich nur ein wenig nördlich wendete, Orangendüfte aus der Tiefe mit, denn die schlimmen Tage des Pancratius, Liberatius und Servatius waren vorüber, und die Orangeriegebäude hatten alle schon seit Landgraf Karl's Zeiten hier gesammelten Gewächse des Südhimmels aus ihrem warmen Winterkäfig entlassen und sie der lieben Gottessonne selbst ausgesetzt. Unter den unendlich vielen Straßen in Deutschland, die den Namen Bellevuestraße führen, wird sich schwerlich eine zweite an Lieblichkeit mit der kasseler dieses Namens vergleichen können. Zwar fehlt eine Aussicht auf Berge, wie die Staufen und der Unterberg, die sich hinter Salzburg ebenso viel tausend Fuß hoch erheben als die nächsten Berge bei Kassel hundert, auch ist die Fulda kein Rhein, keine Donau, nicht einmal eine Moldau und Elbe, aber die buchenwaldige Lieblichkeit des Hintergrundes, mit der grünen Aue zu Füßen, ist zu reizend. Heloise wenigstens, die außer dem steifen Park von Herrenhausen und dem Wallmoden-Garten noch nichts gesehen hatte, fand sie entzückend. Agnesens Schlafzimmer lag gerade oberhalb dem Heloisens, und da hatten die Freundinnen dann einen Drahtzug anbringen lassen, sodaß die zuerst Aufgestandene die andere wecken könnte. Heloise hatte schon zweimal geschellt und den Silberton der angezogenen kleinen Glocke in ihrem Zimmer gehört. Agnese mußte schwer schlafen oder süß träumen, daß sie sich nicht ermannen konnte; sollte doch heute die lange projectirte Reise zum Försterhause jenseit der Werra vor sich gehen. Man hatte verabredet, wenigstens den Schwänen das Frühstück zu bringen, wenn man sich auch des weitern Weges zur Meierei enthalten wollte. Endlich wurde das Fenster oberhalb Heloisens geöffnet, und das blonde Köpfchen Agnesens schaute daraus hervor und grüßte herunter. Dann brach auch sie in ein »Ach, wie herrlich heute!« aus und eilte zu der Weckerin. Als die beiden Freundinnen die kleine Thür zur Aue, ihrem Hause gegenüber, geöffnet hatten, blieben sie erst lange auf der Höhe des Ufers, weil hier der Flieder zu süß duftete und auch schon einzelne Jasminsträuche ihre weißen duftenden Blütenkelche entfalteten. An den Uferabhängen, die zur Aue führten, fingen die Rosen schon an Knospen zu treiben, und weiß- und rothblühende Dornenbäumchen bildeten den Uebergang zu den hohen schattigen Kastanienalleen, den weiten Plätzen mit dem feinen sammtenen grünen Grase, den Teichen. Die Schwäne hatten schon längst ihre Gönnerinnen, beide in so weißen Gewändern wie die Schwäne selbst, in Witterung und kamen in ihren langsamen majestätischen Bewegungen von dem entgegengesetzten Ende des Teiches angerudert, während ein Dutzend ausländischer Enten, für die bei Gelegenheit immer etwas abzufallen pflegte, mit wüstem Geschnatter eine die andere zu überholen suchte. Da das letzte »Laiberchen« vertheilt war unter Schwäne und Enten, schlug Heloise vor, statt nach Süden, wie sonst, nach Norden, nach dem Marmorbade und den Orangerien zu promeniren, um die süßen Düfte des Südens einzuschlürfen. Als die Freundinnen so unter den Orangenbäumen wanderten, bemerkten sie, daß das Marmorbad geöffnet sei, um gereinigt und durch Licht und Luft zugänglich gemacht zu werden. Beide hatten oft von diesem Kunsttempel sprechen hören, keine hatte aber bisjetzt das Innere gesehen; neugierig traten sie näher und wurden von dem französischen Conservator der Kunstschätze zum Eintritt eingeladen. Dieser übernahm dann auch die Erklärung. Das Marmorbad enthielt außer den Monnol'schen Arbeiten, den Metamorphosen nach Ovid, der schönen Diana, dem Centaur, aus der Zeit des vorigen Jahrhunderts, wo man bemüht war, Bewegung in die Producte der Bildhauerkunst zu bringen, und dazu die passenden Scenen wählte, noch manche antike Sachen, die jetzt in das Museum geschafft sind, so die berühmte Victoria, einen antiken Badediener, den halberhabenen Triumphzug des Bacchus. Der Conservator lenkte die Aufmerksamkeit der Damen, um sie von der zopfig-frivolen Darstellung des vorigen Jahrhunderts abzulenken, auf die vierzehn Büsten der ganzen Napoleon'schen Familie von Canova, auf die Antiken und die vier hocherhabenen Marmorarbeiten von Godefroy. Der Besuch, so flüchtig er war, hatte doch mehr Zeit in Anspruch genommen, als man geglaubt, und zu Hause wartete Herr von Kitzow schon mit dem Frühstücke. Die Chocolade und das feine Biscuit, welches die pariser Bäcker nach Kassel übersiedelt hatten, mundete den Mädchen nach einer solchen Morgenpromenade vortrefflich. Heloise, welche über die Equipage der Mutter frei verfügen konnte, da diese sich der königlichen Equipagen bediente, und welche nach der von Kindheit an gewohnten Sitte des zweiten Lunch nicht entbehren konnte, ordnete an, daß dieser und was die Küche sonst Gutes habe, nebst Flaschenkeller in den Wagen geschafft werde. So war gegen neun Uhr morgens alles zur Abreise bereit. Als man sich in den Wagen setzen wollte, brachte der Briefträger einen Brief für die Comteß; er trug das Postzeichen Heustedt, die Handschrift der Adresse war Heloisen unbekannt, und sie sagte zu ihrer Gesellschaft: »Ich bin heute so freudig gestimmt, daß ich mir nicht die Laune durch irgendwelche Nachricht, sei sie angenehm, sei sie widrig, stören lassen will. Sie sollen sehen, mein lieber Geheimrath, daß auch ein Mädchen seine Neugierde zähmen kann«, und so verschwand der Brief in ein feingearbeitetes chinesisches Körbchen, über dem sich ein großer seidener Beutel gleich einem umgekehrten Regenschirme bauschte, sodaß Raum für größere Stickarbeiten und Reisebedürfnisse einer Dame vorhanden war, ein Ding, das man Ridicule oder Indispensable nannte. Ueber den Friedrichsplatz durfte man den Weg nicht nehmen, man mußte um ihn herumfahren, um auf die Königsstraße und den Königsplatz zu gelangen, über den der alte römische Drususthurm am Rande der untern Stadt hervorragte. Als man über die Fuldabrücke fuhr und links das Castell vor sich sah, erzählte der Geheimrath, daß es in voriger Nacht den Lieutenants von Girsewalt, Berner und Schmalhaus gelungen sei, die Eisenstäbe ihrer Zellen zu durchsägen, und daß die Gefangenen wahrscheinlich auf einem Kahne entkommen seien; einen solchen habe man wenigstens zertrümmert auf dem Mühlwerder dort – man sah stromabwärts eine Mühle – gefunden; von den Entflohenen sei keine Spur entdeckt. »Man muß es dem Kriegsgerichte lassen, daß es mit großer Unparteilichkeit und Milde verfährt«, fuhr der Geheimrath fort, »gestern ist der Gardemajor von Münchhausen freigesprochen, ebenso der Pfarrer Koch; die zum Tode Verurtheilten: Forstinspector von Buttlar und Karl von Eschweg, sind begnadigt, Hauptmann von Bothmer ist seinem Oheim, dem Bischof Wendt in Hildesheim, zur Ueberwachung übergeben. Ich glaube gern, daß es Wahrheit ist, wenn der König der ständischen Deputation, die ihm durch General von Schlieffen gratuliren ließ, erwiderte: ›daß es seinem Charakter und den Gefühlen seines Herzens zuwider wäre, wenn er gezwungen sei, ein strenges Beispiel zu geben‹. – Daß er sämmtliche Bauern von vornherein als irregeleitet ansieht und sie amnestirt, ist jedenfalls Zeichen eines guten Herzens und eines gewissen Seelenadels.« Das Gespräch kam natürlich auf den Obersten von Dörnberg, die Herren von der Malsburg, von Buttlar und von Dalwigk, die entflohen und in contumaciam als Verräther am Vaterlande zum Tode verurtheilt waren, während man gegen Lieutenant von Spiegel, die Gebrüder von Gudenberg, Louis von Trott, Metropolitan Martin, Hauptmann Mensing, Friedensrichter Martin, Kreisinspector Berner und andere gleichfalls Entflohene nur Vermögensconfiscation ausgesprochen hatte. Agnese hörte dem allen gleichgültig zu, sie dachte nur an die Festung Spangenberg und ihren geliebten Insassen. Es war beschlossen, die Hinreise über Münden zu machen, da sowol Heloisen, die im Winter durchgereist war, als Agnesen, die über Kaufungen gekommen, die Lieblichkeit des deutschen Tempe, wie es Goethe genannt hatte, unbekannt war. Den Rückweg wollte man über Witzenhausen wählen. Die Gesellschaft hatte das vormals letzte hessische Dorf Sangershausen, dessen Häuser, mit sinnigen und frommen Sprüchen geschmückt, sich von denen des ersten Dorfes im frühern Kurfürstenthum Hannover, Landwehrhagen, so wesentlich unterschieden wie die Stämme der Katten und Niedersachsen, durchfahren und fuhr nun langsam die steile Höhe hinauf, denn die Chaussee schlängelte sich noch nicht so wie heutzutage, sondern ging von Kirchthurm zu Kirchthurm den möglichst geraden Weg, von dem man auf Kassel und das Fuldathal, die Napoleonshöhe und den Habichtswald, dahinter links auf die hohen Basaltklippen von Felsberg einen reizenden Anblick hatte. Auf der Höhe, der ehemaligen Grenze, wo Löwe und Einhorn sich trotzig entgegensprangen, war Kassel schon dem Anblick entzogen. Im tiefen Thale brauste die Fulda über Steingeröll und an ihrem linken Ufer senkte der Reinhardswald sich zu den letzten Anhöhen bei Wolfsanger herab. Als die letzte Höhe vor Münden, die vor Lutter am Berge erreicht war, mußte man aussteigen, denn hier fiel die Chaussee so steil nach Münden, daß nur schwergehemmte Wagen die Chaussee passirten. Es hatten auch schon die Passagiere verschiedener Wagen diese verlassen, und ein alter Herr mit weißem Haar, den sein grüner Rock als Forstmann kennzeichnete, verließ eben sein Eingespann. Vor dem Wirthshause hielten drei bis vier Frachtfuhrwerke, die von einigen zwanzig bis dreißig Vorspannpferden in die Höhe geschleppt waren. Hier, mitten im Walde, war ein sehr bewegtes Leben, eine große Verkehrsstätte, eine Schmiede, der es nie an Arbeit fehlte, und daneben ein Wirths- und Wegegeldhaus; heute ist die Straße verlassen, das Wirthshaus verfallen, der Weg in Zickzack den Berg hinauf geführt. Der Jägersmann grüßte Kitzow, als dieser mit den Damen ausstieg, es war der Forstmeister Kuckuk aus Münden, ein alter Schulkamerad des Geheimraths von Halberstadt her. Das Wiedererkennen war freudig. Der Forstmann führte die Gesellschaft auf schattigen schönen Fußwegen den Berg hinab bis zu einem zur Rechten aus der Felswand sprudelnden Born, wo man sich aus dem Feldbecher des Forstmanns erquickte und die Wagen erwartete, die langsam und vorsichtig den Berg hinabfuhren. Auch hatten die Wagenführer es für nöthig erachtet, auf der Höhe den Pferden einen Eimer Wasser, sich selbst aber eine Stange Bier zu gönnen. Es war eine Eigenthümlichkeit der Gegend, die jetzt verwischt zu sein scheint, daß man von Lutter am Berge bis nach Kassel, und wieder weiter hinaus nach Frankfurt und Fulda zu, damals das Bier in hohen langen Gläsern, aus denen man in Berlin die »Weiße« zu trinken pflegte (von den göttinger Studenten Stangen getauft), dargereicht bekam. Als die Wagen endlich ankamen, mußte sich der Forstmeister zu seinem alten Schulfreunde setzen, und man fuhr nach seiner Anordnung sogleich durch die Stadt zum Werder-Garten, der dem Wirthe Zur Krone gehörte, wo man das Frühstück einnahm. Die Krone lieferte prächtigen Schinken, frische schöne Butter und Eier, sodaß die Comtesse nicht dazukam, ihr Mitgebrachtes auspacken zu lassen. Man frühstückte mit doppeltem Appetit als sonst zu Hause und trank guten französischen Wein und alten Portwein, der noch aus hannoverischen Zeiten stammte, aus dem Meyer'schen Keller. Der Forstmeister, wie alle ältern Beamten mit Leib und Seele am preußischen Staate hängend, in dem er groß geworden, brachte das Gespräch bald auf das Dörnberg'sche Unternehmen. »Der Grebe« (so hieß der Vorsteher oder Schultheiß hessischer Dörfer) »von Meinbressen, mein Gevattersmann, eingeweiht von Herrn von Malsburg«, erzählte Kuckuk, »ließ mir Winke über Winke zukommen, daß es bald losgehen sollte. Ich stand aber im Jahre 1807 in Eschwege und habe erlebt, was die Excesse der entlassenen Soldaten von 1806 für Folgen hatten. Ich war dabei, als die entlassene Soldateska, reine Landsknechte, die der Landgraf an den verkaufte, der am meisten bot, verlassen von allen ihren Offizieren, sich zu Herren von Allendorf und Eschwege machten und Weihnachten den Hauptmann von Uslar-Gleichen zum › Obersten der Hessen ‹ proclamirten. Ich habe die Tag und Nacht zechenden und lärmenden Soldaten, die jedem Bürger eine Plage wurden, vierzehn Tage wirtschaften sehen, bis in Allendorf die Bürger selbst aufstanden und sie entwaffneten; und ich weiß, wie in Eschwege, als ein Commissar des Generalgouverneurs drohte, die Stadt in einen Aschenhaufen zu verwandeln, dort das Gleiche geschah. Ich sah das Executionscommando Barbot's am 4. Januar 1807 in Eschwege einziehen und ein paar Wagen mit Pechkränzen auf dem Markte auffahren und Soldaten mit brennenden Lunten dabeistehen, und hörte, wie die Bürger und Weiber heulten und baten, lieber zu plündern, als die Stadt anzuzünden. »Der Magistrat schickte einen reitenden Eilboten nach Kassel, ließ eine goldene Dose kaufen und übergab diese, goldgefüllt natürlich, Barbot nebst zweitausend Paar Schuhen und Kleidungsstücken für seine Truppen, zufrieden, wenn nur die Pechkränze aus der Stadt gefahren würden. »Es ist auch trotz aller Aufforderungen niemand aus dem Werrathale diesmal bei dem Aufstande erschienen, sie denken noch alle an das Jahr 1807, wo sie sich die Finger verbrannten.« »Und doch«, erwiderte der Geheimrath, »muß man glauben, daß, wenn alle die Verabredungen, die man nach den Berichten des › Moniteur ‹ getroffen hatte, irgend nur in Uebereinstimmung und Gleichzeitigkeit ausgeführt wären, wenn Katt und Martin nicht zu früh losgeschlagen, wenn der Räuberhauptmann Schill, wie ihn die Franzosen nennen, nicht früher losgebrochen wäre, bis auch der Herzog von Braunschweig-Oels und der Kurfürst in Franken mindestens bis an die Quellen der Werra vorgerückt waren und die Engländer in Emden, Bremen und an der Elbe gelandet, die Siegesbulletins des › Moniteur ‹ aus dem Süden wahrscheinlich anders lauten würden als heute.« »Ich habe den Engländern mein Leben lang nicht getraut«, sagte Kuckuk, »und traue ihnen erst recht nicht, seitdem sie 1803 Hannover im Stiche ließen. Glauben Sie mir, lieber Geheimrath, erst die leichte Besetzung und Ausbeutung Hannovers hat Napoleon es in den Sinn gebracht, einen Kleinstaat, ein Bisthum, Erzbisthum, Grafenthum, Fürstenthum nach dem andern zu verschlucken, bis er Preußen selbst gedemüthigt hat. Ich sollte glauben, die Engländer hätten viel größere Ursache, sich um Deutschland, namentlich um Hannover zu kümmern, als um Portugal, Spanien, Holland, wo sie mit deutschen Truppen Siege erringen. Ich habe daher meine Grünröcke, soweit sie mir an der Fulda, Weser, Werra bis zur Leine untergeben, ernstlich gewarnt und ihnen gesagt: wenn ihr hört, daß 50000 Engländer an der Nordküste Hannovers gelandet sind, so thut, was ihr nicht lassen könnt, früher aber verbrennt euch nicht die Finger.« So sprachen die Männer hin und her, Heloise hörte mit Aufmerksamkeit zu, ihre jüngere Freundin hatte sich an die Spitze des Werders begeben, um dort dem ewigen Vermählungsfeste von Fulda und Werra zuzuschauen und von dem Gefangenen in Spangenberg zu träumen. Als man sich von Kuckuk getrennt hatte und durch die Vorstadt Blume das Werrathal hinauffuhr, stand die Sonne schon am Mittagshimmel und brannte heiß herab; der Weg war damals aber bedeutend schattiger als heute. In Hedemünden mußte man einen Bauer als Wegweiser nehmen, und sah sich bald genöthigt, den Wagen zu verlassen und zu Fuß den Berg hinaufzusteigen. Man traf Oskar mit seiner ganzen Familie in der großen Mooshütte am Tanzplatze beim Kaffee; es wurde der Geburtstag seiner Tochter gefeiert, die seit einem Jahre an den frühern von Berlepsch'schen Gerichtshalter, jetzt Friedensrichter Baumann verheirathet und jetzt mit dem Gatten zum Besuche gekommen war. Eine etwas geräuschvolle, knicksende und von seiten der Hausfrau und ihrer Tochter verlegene Aufnahme mit der Nöthigung, Platz zu nehmen, es sich gefallen zu lassen auf dem Dorfe, wechselten anfangs mit dem Inshausrennen, um Staatstassen und eine neue Kaffeekanne wie einen Teller voll»Pustkuchen« zu holen, wich aber bald der biedern Herzlichkeit und Hingebung, mit der Mutter und Schwester sich gegen die Comtesse dankbar, gegen den Geheimrath und seine Tochter ehrerbietig, aber zutraulich betrugen. Die Hausfrau erinnerte sich noch der Zeiten, wie ihre Brüder und Karl Haus die Schwester Heloisens und Anna Dummeier im Schloßparke herumgefahren hatten, auch der Geburt Heloisens, ihres Wachsthums, und wie sie selbst das liebe Kind oft auf den Armen getragen und geliebkost hatte. Sie habe sie immer so liebgehabt, als wäre sie ihre jüngste Schwester. »Und weißt du was, Oskar«, sagte sie, als sie Heloisen eine Zeit lang mit Aufmerksamkeit angeschaut hatte, »jetzt weiß ich, warum ich die Comtesse schon als Kind so sehr geliebt habe; sie sieht dir wie meinem Georg ähnlich.« Heloise wurde vom Purpur der Verlegenheit übergossen, der Oberförster sagte barsche »weiß der Kukuk, wo ihr Weiber immer Aehnlichkeiten findet.« Der Geheimrath meinte lachend: »Diesmal muß ich aber vollkommen Ihrer Frau beistimmen, meine Tochter und ich haben beide die Aehnlichkeit der gnädigen Comtesse und des Souslieutenants schon früher bemerkt.« Die Erwähnung Georgs brachte das Gespräch zur Erleichterung für Heloise, die in ihrem Ridicule nach etwas zu suchen schien, von dem sie wußte, daß es nicht darin war, wieder auf den Gefangenen. Der jüngste Sohn Hermann, der zwölf bis dreizehn Jahre alt sein mochte und verlegen dastand und nicht daran zu erinnern wagte, daß er der Fremden wegen mit Kaffee und Kuchen, worauf er sich doch den ganzen Morgen während des Backens gefreut hatte, vergessen war, wurde beordert, den Brief Georg's zu holen, der in der Stube im Nähtisch der Mutter liege. Er faßte sich jetzt ein Herz und fragte nach Meidinger: »Mama, darf ich mir auch eine Kaffeetasse aus dem Küchenschranke mitbringen?« Nun erst merkte man, daß der arme Junge ganz vergessen war, daß die Tasse mit seinem Namen noch ungefüllt dastand, ihm weder Zucker angeboten sei noch der feinere, stark mit Eiern versetzte Pustkuchen, der den Namen von den Bläschen zu führen schien, die sich an der mit Zucker, Mandeln und Zimmt bestreuten obern Fläche bildeten. Ehe derselbe aber mit dem Briefe wiederkam, hatte die gesprächige Marianne den Inhalt des Briefes schon vorgetragen. Ihr Aeltester hatte es sehr gut in Spangenberg, ihm fehlte nichts als Arbeit; er hatte den ganzen Tag nichts zu thun, als spazieren zu gehen auf den Wällen und in den Straßen der Stadt, und daß er den Commandanten, einen pensionirten Hauptmann, der sechs Jahre in Amerika gekämpft hatte, bei Bestellung seines Gartens behülflich war und dagegen die Erzählung seiner amerikanischen Feldzüge wiederholt anhören mußte. Es würde ihm gar nicht schwer fallen, zu entkommen, ja es scheine ihm oft, als sei es darauf angelegt, daß er die Flucht ergreife, denn man habe ihm weder sein Ehrenwort abgenommen, nicht fliehen zu wollen, noch ihn sonst belästigt. Nur bei Nacht werde seine Wohnung zugeschlossen. Wenn er fliehe, so thue er es nur der Langeweile wegen, und dann, das kam erst zu Tage, als der Brief vorgelesen wurde, weil er auf die Hoffnung verzichten müßte, die beiden Damen, die ihm als rettende Engel im Castell erschienen seien, wiederzusehen. Er beschäftige sich viel mit dem Gedanken an seine Zukunft, und es werde ihm wol nichts übrigbleiben, als nach Amerika auszuwandern. Es war schon über eine Stunde vergangen, als die Equipage in den schlechten Holzwegen auf dem Jägerhause anlangte. Ursprünglich war die Absicht, noch am Abend nach Witzenhausen zurückzufahren und dort zu übernachten. Allein das ließ der erschöpfte Zustand der Pferde schon nicht zu, das wollten auch weder der Oberförster noch seine Frau dulden. Die Fremdenzimmer seien da, und die Daunen stammten noch aus Heustedt, da müsse die Comtesse schlafen wie ein Kind, und vom heimatlichen Schlosse träumen. Als man Kaffee getrunken und Hermann das Versäumte recht ordentlich nachgeholt hatte, wurde der Besuch ins Holz geführt, zunächst nach einer Höhe im Norden, wo man plötzlich nach Westen das Schloß Berlepsch zu seinen Füßen liegen sah, dann nach einem weitern Umwege im Süden, wo man am Rande des Holzes auf einer Wendeltreppe eine hohe Eiche hinaufstieg und oben über das Leinholz weg den Ahrenstein, weiterhin den Hanstein mit dem Hintergrunde des Meißners erblickte. Die prächtige Aussicht lohnte den etwas ermüdenden Weg. Der Forstmann hatte die Gesellschaft absichtlich etwas weit geführt, um den Frauen zu Hause die nöthige Zeit zu ihren Vorbereitungen zu lassen, für die Gastzimmer zu sorgen und das Abendbrot vorzubereiten. Als man zurückkam, war auf dem bedielten Tanzplatze gedeckt, denn im Grase thaute es schon stark, auch war der Platz nach Norden und Nordwesten durch eine Breterwand geschützt. Hermann war damit beschäftigt, um den Platz und in die Bäume, welche denselben beschatteten, die bunten Lampions aufzuhängen, die bei festlichen Gelegenheiten, am zweiten Pfingsttage u. s. w. angesteckt wurden. Ein großer runder Tisch von Tannenholz, aus drei Theilen zusammengefügt, mit schneeweißem Damastgedeck darüber, besetzt mit allem, was ein ländlicher Haushalt vermochte, frischgemolkener und sauerer Milch mit dickem Rahm, goldgelber, frischgemachter Butter, Schwarzbrot und Weißbrot, gekochten Eiern, Schinken und Mettwurst, die der göttinger den Vorrang streitig machte, schönem Flottkäse mit den echt deutschen Gewürzen, Kümmel und Salz, bereitet, harrte der Gesellschaft. Auf dem Nebentische standen Teller mit dem Geburtstagskuchen. Oskar selbst holte seine besten Sorten Wein, und seine Frau nöthigte die Gäste, Platz zu nehmen. Die Comtesse bat, ihr zu erlauben, daß sie ihren Reisevorrath zur Ergänzung gleichfalls auf den Tisch bringen und ihren Flaschenkeller öffnen dürfe, damit ein Pickenick geschaffen werde. Marianne war keine Frau, die viel Umstände machte: »Mit Freuden, gnädige Comtesse, dann werde ich aber wol mein ländliches Mahl beseitigen müssen, wenigstens werden wir Forstbewohner und Kleinstädter, die wir von den Delicatessen der königlichen Residenz selten etwas zu sehen, viel weniger zu schmecken bekommen, nicht blöde sein. Ich erwarte dagegen, daß die gnädigen Herrschaften thun, als wenn sie zu Hause wären und zur Familie gehörten.« Der Kutscher schaffte die Behälter mit den Eßwaaren und den Flaschenkorb herbei. Während erstere ausgepackt wurden und die Neugierde nicht nur Hermann und seine Schwester, sondern auch Marianne reizte, denn die französisch-italienischen Conditoren buken ganz andere Torten, als in Norddeutschland üblich waren, suchte Heloise in ihrem Ridicule, wo sie den Schlüssel zum Flaschenkeller, wie sie bestimmt wußte, geborgen, aber vergeblich. Um sicher zu gehen, schüttelte sie den Inhalt des ganzen Körbchens auf ihren Schos, bei dieser Gelegenheit fiel der Brief, den sie am Morgen empfangen, auf die Erde. Marianne, die neben ihr saß, hob denselben dienstfertig auf, und als sie die Adresse sah, rief sie erstaunt: »Ach, ein Brief von meinem Bruder Heinrich und noch nicht geöffnet?« Heloise erschrak; das mußten Nachrichten aus Amerika sein, die sie so lange erwartet hatte, sie faßte sich aber sofort und erwiderte: »Liebe Frau Oberförsterin, ich empfing den Brief heute Morgen im Augenblick meiner Abreise, und da ich vermuthete, daß er wichtige, vielleicht in mein Schicksal tief eingreifende Nachrichten enthielte, sein Inhalt jedenfalls die freudige Reisestimmung, in der ich mich befand, und die Seelenruhe, die ich in Ihrem Familienkreise zu finden hoffte und auch fand, stören könnte, beschloß ich, meine mädchenhafte Neugierde zu zähmen und den Brief erst vor Schlafengehen zu öffnen.« Marianne beruhigte sich, und da sich der Schlüssel nicht fand, beauftragte sie den Sohn, solchen in der Mooshütte zu suchen, wo denn der Flüchtling auch bald gefunden wurde. Heloise hatte einige Flaschen Champagner beistellen lassen: »Aber nun fehlt uns Eis, der Wein wird so kaum trinkbar sein, da er der lieben Sonne zu viel genossen.« »Eis fehlt uns nie, auch im höchsten Sommer nicht«, sagte Marianne, »wie sollten wir, die wir im Sommer höchstens alle acht Tage frisches Fleisch haben. können, ohne Eis fertig werden? Mein lieber Mann hat eine Strohhütte über der Erde erbaut, die uns noch nie verlassen hat. Hermann, sage dem Hans, daß er einige Eimer mit Eis herbeischafft.« »Ist nicht nöthig, Mütterchen, dafür habe ich selbst gesorgt«, unterbrach der Eheherr, »siehst du, da kommt Hans schon; nun aber, Herr Geheimrath und gnädige Comtesse und Fräulein und Weib und Kinderchen, macht euch über die guten Sachen her, jeder greife nach dem, was ihm am besten gefällt. Du, Hermann, ziehst Schwarzbrot und Schinken vor, wie ich weiß, hier hast du die erste Portion, später kommt der babylonische Thurm daran, den die Comtesse aus ihrem Schranke genommen hat, da sollst du nicht zu kurz kommen, und weil du den Schlüssel gefunden, auch ein Glas Champagner haben. Vor allem aber, Mutter, schenk einmal ein, der Wein hier auf dem Tisch hat schon den ganzen Nachmittag in der Eishütte selbst Kühlung empfangen, unsere Gäste sollen leben.« »Hoch und abermals hoch!« hieß es, und die Gläser klangen lustig, der goldene Rheinwein schimmerte im Licht der hinter dem Niederkaufungerwald sich zum Untergange neigenden Sonne, welche durch das grüne Laubdach hindurchschimmerte, noch röthlich goldener als sonst. Es hatte seit funfzig Jahren manche vergnügte Gesellschaft an diesem Platze bis in die Nacht gesessen, aber selten war ein Kreis so von Herzen innig froh, gemüthlich, ungenirt und vertraut gewesen. Herr von Kitzow, Agnese und Heloise fühlten sieh in der That wie zu der Familie gehörig. Oskar erzählte vom alten und neuen Schlosse zu Heustedt, von dem Volksfeste bei dem Geburtstage Olga's, die Oberförsterin dagegen von Georg's Jugendjahren, von dem Schmerz, den sie bei dem Verlust ihres zweiten Sohnes gehabt, von dem Aufenthalte des Bruders Heinrich hier im August 1792 während der Doppelhochzeit, von den Sorgen, welche ihr Hermann's Wildheit mache. Der Champagner war gekühlt und entkorkt, Heloise trank das erste Glas auf das Wohl des deutschen Vaterlandes, und daß der Augenblick bald herbeikomme, den alle guten Deutschen stillschweigend erwarteten . . . Kitzow hatte den Gastgeber und seine Familie leben lassen, Marianne die Comtesse Heloise, Agnese das Geburtstagskind. Als eine kleine Pause eingetreten war und der Vater dem Knaben das Glas zum dritten male gefüllt hatte, mit dem Bedeuten, dies sei nun das letzte, nahte sich dieser Agnesen und bat sie, mit ihm anzustoßen. Als sie das Glas ergriff, um ihm bereitwillig zu sein, sagte er: »Mein Bruder Georg soll leben und seine Braut auch daneben.« »Seine Braut?« fragte Agnese. »Ja du«, sagte Hermann. Agnese erröthete tief, und um sie ihrer Verlegenheit zu entheben, fing Oskar zu lachen an, und die Gesellschaft stimmte ein. »Du Grünschnabel«, sagte die Mutter zürnend, »wagst du es auch schon, mitzusprechen und das Fräulein zu beleidigen?« Da ergriff Kitzow ihre Hand und sagte leise: »Nicht beleidigen, liebe Frau, ich würde mich durch die Verbindung mit einer so wackern Familie nur geehrt fühlen.« Marianne sah mit freudigen Blicken zu ihm auf und sagte: »Was Gott waltet, ist gut gewaltet.« Der Mond war indeß aufgegangen und warf seinen Silberschein durch das Laubdach; die bunten Lampions in den Bäumen und unter dem Tanzplatze verloren an Glanz, die Windlichter an dem Tische schienen neidisch zu werden auf den Mondschein. Oskar suchte ein neues Thema, um die noch immer sichtbare Verlegenheit Agnesens der Aufmerksamkeit der übrigen Tischgäste zu entziehen. »Wir haben bisjetzt der Würdigsten nicht gedacht«, sagte er, »die Aeltern meiner lieben Marianne, Georg und Marie Schulz, sie sollen leben!« Man war damit wieder in Heustedt. Heloise erzählte, wie sie bei ihrem letzten Besuche die Aeltern getroffen und wie die kleine Cruella ihr eine Bravourarie vorgesungen habe; wie sie den Pastor Heinrich Schulz in Grünfelde getroffen. Es war schon nahe an Mitternacht, als man sich trennte. Die altfürstlichen Gemächer waren als Schlafzimmer für die Gäste ausersehen; die beiden großen Zimmer Heloisens und Agnesens, durch eine Thür verbunden, hatten, wie daheim, die Fenster nach Osten, nur daß hier große Fensternischen auf alten Steinbau hinwiesen. Agnesen wurde es schwer, von Heloisen zu scheiden, sie hatte ihr so viele kleine Beobachtungen mitzutheilen, hundertmal zu wiederholen, daß sie noch nie einen glücklichern Tag verlebt habe. Heloise wurde von Minute zu Minute unruhiger, es war ihr, als wenn die ganze am Tage zurückgehaltene Neugierde nun in arithmetisch verdoppelten Potenzen auf sie einstürme. Sie mußte die Freundin halb mit Scherz, halb mit Gewalt in ihr Schlafzimmer treiben, um allein zu sein. Heloise, die ihre Kindheit nicht in der Familie erlebt, die niemals erfahren hatte, was ein eigentliches Familienleben sei, die ihre Mutter nur in den steifen englischen Formen des ersten und zweiten Frühstücks und der Diners gesehen hatte, der mütterliche Zärtlichkeit etwas gänzlich Unbekanntes war, die der Schwesternliebe nun schon so lange Jahre entbehrte, empfand heute eine unendliche Sehnsucht nach einem einfach bürgerlichen Familienleben, die Sehnsucht, liebende Aeltern um sich zu haben und Mutter geliebter Kinder zu sein. Sie hätte Titel und Rang, Vermögen und Glanz gern hingegeben, um einfach die Tochter Mariannens zu sein, einsam im Walde zu leben. Diese Gedanken beschäftigten sie, während sie sich entkleidete. Daraus öffnete sie das Fenster, um noch einmal frische Luft zu schöpfen, und begann dann das Schreiben des Pastors zu Grünfelde zu öffnen. Dasselbe lautete.   Grünfelde , 23. Mai 1809. Hochwohlgeborene, sehr geehrte Comteß! In großer Erregung greife ich zur Feder. Ich komme soeben vom Todtenbette meines ehrwürdigen Collegen, des Pfarrers Husmann, an der neuen Schloßkirche zu Heustedt; der achtundsiebzigjährige Greis ist aus Schreck über ein Versehen gestorben, das er vor siebzehn Jahren bei der Trauung Ihrer Frau Schwester mit dem Grafen Schlottheim gemacht haben soll, und das ihm erst in diesen Tagen zum vollen Bewußtsein gekommen ist. Derselbe war in diesem Frühjahr schon sehr kränklich, sodaß sein Dienst von den Collegen in der Umgegend versehen werden mußte. Gestern ließ er mich, dem er den ersten Unterricht in der christlichen Religion ertheilt, den er confirmirt und dem er später als väterlicher Freund und treuer College zur Seite gestanden hat, zu sich rufen. Ich fand ihn äußerst erschöpft vor seinem Schreibtische sitzend und in das Kirchenbuch etwas eintragend. Während er schrieb, überreichte er mir ein Schreiben des Consistoriums zu Hannover, das ihm einen Protest mittheilte, der durch viele Hände, zuletzt durch die des kaiserlichen Cultusministeriums in Paris gegangen und von da durch Vermittlung des Militärgouverneurs von Hannover, der sich Einwirkungen auf alle Behörden, die noch in alter Form fortexistirten, erlaubte, an das Consistorium zu Hannover abgegeben worden war. Dieser Protest, ursprünglich in englischer Sprache abgefaßt, dem eine französische und deutsche Uebersetzung beigefügt war, lautete in letzterer: »Geschehen Philadelphia , am 14. Januar 1805, Vor mir, dem Notar \&c. und den zugezogenen Zeugen \&c., erschien die Gräfin Olga Antoinette Charlotte von Wildhausen und legte einen Eid ab zu dem dreifaltigen Gotte und erklärte: Ich Olga Antoinette Charlotte, Gräfin von Wildhausen, geboren in Heustedt im vormaligen Kurfürstenthum Hannover und der Grafschaft Hoya, bekenne, da ich die Absicht habe, mich gegenwärtig mit dem Doctor der Rechte Karl Haus zu vermählen, zu dem dreifaltigen Gotte der Wahrheit gemäß, daß ich niemals vermählt gewesen bin mit dem Grafen Otto von Schlottheim, wenn ich vor der Welt auch eine Zeit lang den Namen seiner Gattin geführt habe. Am 10. August 1792 wurde ich, damals zwanzig Jahre alt, gegen meinen Willen von der Mutter und dem Vormunde verlobt mit dem Sohne des letztern, dem Grafen Otto von Schlottheim, zur Schloßkirche in Heustedt geführt, um mit sothanem Verlobten ehelich getraut zu werden. Ich hatte mich in mein Schicksal ergeben, aber während der Trauungsceremonie trat eine gemeine Dirne, vorgebend, Schlottheim habe ihr die Ehe versprochen und sie trage ein Kind von ihm, einsagend dazwischen, was einen großen Tumult hervorrief. Die Dirne wurde als Wahnsinnige beseitigt und die Mutter zwang durch ihren Drohblick den von ihr angestellten und abhängigen Prediger, in der Ceremonie fortzufahren. Ich aber habe seine Frage: ob ich den Grafen Otto von Schlottheim zum Ehegatten begehre? mit dreimaligem Nein beantwortet, während die an meiner Seite stehende Mutter ein Ja sagte. Ich habe nicht geduldet, daß seine Hand in die meine gelegt wurde, und habe den Ring des Grafen, den mir der Prediger an den Finger stecken wollte, von mir geschlendert. Deß ist Gott mein Zeuge, wie meine Mutter, die Gräfin Melusine von Wildhausen, geborene von Alvensleben. Ich schwöre ferner bei dem allmächtigen Gotte, daß ich nie eine eheliche Gemeinschaft mit dem gehabt habe, der sich mein Gatte nannte. Ich gebe dieses Bekenntniß von mir, damit es der Fälschung, welche sich in dem Trauungsregister der Kirche zu Heustedt unter obigem Datum findet, beigelegt und das Register hiernach berichtigt werde. Ich ermächtige den Notar \&c. zugleich, diese Erklärung an die oberste geistliche Behörde im vormaligen Kurfürstenthume Hannover und eine beglaubigte Abschrift davon an meine Mutter, die Gräfin Melusine von Wildhausen zu Heustedt, zu senden, damit sie, wenn sie ein Gewissen hat, bewahrheite, was ich hier beschworen. Geschehen wie oben u. s. w.« Der Prediger zeigte mir darauf einen goldenen Reif, in welchem inwendig die Buchstaben O. v. S. und die Worte: am 10. August 1792, standen, und der an der einen Seite stark verbogen und niedergetreten schien. »Dieser Ring wurde mir«, sagte Husmann mit schwacher Stimme und unter schwerem Husten, »am Tage nach der Hochzeit vom Küster gebracht, und ich habe seitdem schwere Gewissensbisse empfunden. Ich war durch den Aufruhr, den das Auftreten der schwarzen Marthe, wie man sie nannte, machte, gänzlich consternirt. Nach den Satzungen unserer Kirche durfte ich, da Einsprache geschehen war, die Trauung nicht vollziehen. Aber die Gräfin Melusine drängte, ich verlor ganz und gar den Kopf, und es kann sehr wohl sein, daß ich das Nein der Braut überhört habe, denn hätte ich es gehört, so würde keine Macht der Erde mich bewogen haben, die Hände der Brautleute zusammenzulegen. Aber es war so geräuschvoll in der Kirche, niemand achtete auf den Act der Trauung, und ich stand wie unter einem Banne der Gräfin Mutter, die mich mit zornigem Blick anschaute und mir zuheischte, die Sache zu Ende zu führen. »Dies mein Zeugniß«, fuhr er gegen mich gewendet fort, »habe ich heute eigenhändig in das Kirchenbuch eingetragen, es wird das letzte sein, was ich dareinschreibe; Ihnen, mein lieber Confrater, überlasse ich es, dem Superintendenten mündlich, dem Consistorio, unter Mittheilung meines Zeugnisses, schriftlich davon Bericht zu erstatten.« Das Sprechen hatte ihn dermaßen angegriffen, daß er nicht fortfahren konnte, er hustete noch einmal auf und sank dann todt in meine Arme, ehe ich Hülfe rufen konnte. Ich habe mit Genehmigung des Superintendenten das Kirchenbuch und die Eingabe Ihrer Frau Schwester mit nach Grünfelde genommen, um den Bericht an das Consistorium zu machen und Ihnen den für Sie so wichtigen Vorfall zu melden. Mit größter Hochachtung u. s. w.   Heloisen war während des Lesens die Scene von damals so gegenwärtig, als geschehe sie im Augenblick – als die Marthe den Grafen Schlottheim angefaßt, war sie von der Seite ihrer Schwester nach Anna zu gewichen, und als Marthe dann entfernt war, hatte sich die Mutter an die Stelle gedrängt, die ihr als Brautjungfer gebührte, sie trat nun zwischen die beiden Brautpaare. Sie hörte sehr deutlich, daß Olga nicht Ja, sondern Nein sagte, als der Prediger ihr Ja haben wollte, und unterschied das Ja der Mutter sehr wohl von dem Nein der Schwester. Da der Majoratsherr und sein Vater, der Geheimrath von Schlottheim, um Olga beschäftigt waren, so wurde sie in den Wagen der Mutter gesetzt, die ein sehr ernstes Gesicht machte. Sie hatte der Mutter auf dem kurzen Wege zum Schlosse gesagt: » Chère maman , Olga hat ja aber Nein, nicht Ja gesagt, ist sie nun doch des häßlichen Schlottheim Frau?« Da hatte die Mutter, es war das erste und letzte mal in ihrem Leben, ihr einen so furchtbaren Schlag auf den Mund gegeben, daß sie glaubte, alle Zähne wären ihr ausgeschlagen und hatte, französisch natürlich, gesagt: »Wenn du den vorlauten Mund nicht hältst, so werde ich dich zu bestrafen wissen.« Sie hatte keine Thräne vergossen vor innerer Aufregung und Wuth, sie hatte das Blut, das ihr im Munde zusammenlief, verschluckt, damit aber auch alle Liebe und Achtung, die sie bisher für die Mutter empfunden, für immer gebannt. Als man vor dem Schlosse ausgestiegen war, hatte die Mutter sie der Kammerfrau übergeben und befohlen: »Ziehen Sie das Kind aus und lassen Sie es seine Appartements nicht verlassen, das Kind ist krank.« Sie hatte alles mit sich machen lassen, war sie doch wie ohne Besinnung gewesen; die Kammerfrau hatte ihr Torten und Zuckerwerk gebracht, sie hatte nichts berührt. Erst als Olga in Reisekleidern gekommen war, um Abschied von ihr zu nehmen, hatten ihre Thränen zu fließen angefangen, und beide Schwestern hatten sich eine lange Zeit umarmt gehabt und zusammen geweint. Sie hatte Olga seit jenem Tage nicht wiedergesehen, und Olga lebte?! Sie mußte sie sehen, sie mußte nach Amerika! Nach Amerika? Noch lange wanderte sie in dem großen Gemache umher, das, wie sie jetzt erst sah, noch mit vergoldeten Ledertapeten bekleidet war, den Gedanken nach Amerika in ihrer Seele ausspinnend. Entfernt von der Mutter, bei ihrer Schwester in dem Kreise geliebter Menschen, in einer Familie, wie sie hier getroffen, entfernt vom Gewühle der Städte, entfernt vom Hofe und seinen Verderbtheiten leben zu können, das war eine Zukunft. Bisjetzt hatte sie sich eine Stelle in einem protestantischen Kloster, wie es deren im Althannoverischen für Frauen ihres Standes mehrere gab, als ihre Zukunft gedacht. Jetzt dachte sie sich eine Zukunft im Kreise von Olga und Karl Haus, Agnese und Georg Baumgarten und dem Geheimrath von Kitzow, im freien Amerika. Ihr Gemüth beruhigte sich, sobald sie zu dem festen Entschlusse gekommen war, nach Amerika zu der Schwester zu reisen, sie legte sich schlafen und schlief ohne zu träumen, bis die Sonne ihr ins Antlitz schien und sie unten die Oberförsterin Tauben und Hühner füttern hörte. Sie stand bald angekleidet, auch Agnese schlüpfte aus ihrem Zimmer und gab ihr den Morgenkuß. »Weißt du«, sagte sie, »was ich in dieser Nacht für komisches Zeug geträumt habe? Ich träumte, du und ich, Vater und Georg reisten nach Amerika.« »Das hast du nicht geträumt, liebe Agnese, das hat dir eine unsichtbare Macht als meinen Beschluß und meine Gedanken in dieser Nacht zugetragen. Eine magnetische Seelenübereinstimmung, ein Mesmer'scher Rapport, oder wie wir es nennen wollen, hat zwischen unsern Seelen stattgefunden.« Agnese verlangte nach Aufklärung, doch unten im Hofe und Garten wurde es immer lauter. Die Kühe waren gemolken und wurden nun ins Holz getrieben, wo sie ihre Weideplätze schon kannten; Oskar schritt mit der Pfeife im Munde, das Messer in der Hand, zwischen den Blumenbeeten auf und ab und schonte die ersten Rosenknospen zu Bouquets für die jungen Damen nicht. Marianne hatte in der Fliederlaube, in welche die Morgensonne schien, zum Kaffee gedeckt und trug eine große »Klöbe«, die sie am Morgen früh gebacken, in die Laube, ordnete die Kaffeetassen, setzte Butter und Honigscheiben zurecht. Jetzt klopfte auch der Geheimrath an die Thür, um, wie er vermeinte, die jungen Damen zu wecken. Diese traten ihm, Guten Morgen wünschend, aber schon in Toilette entgegen, beide strahlend wie der Junimorgen. Man saß in der Fliederlaube, und Fliederduft stritt mit Jasminduft um die Wette, der Oberförster legte den jungen Damen Bouquets von Rosen, Reseda und Vergißmeinnicht, die Hermann aus dem Thale vom Bache hatte holen müssen, auf die für sie bestimmten Plätze. Vor dem Platze des Geheimraths lag die Thonpfeife, dieser aber legte sie zurück und bat sich ein Stück von der schönen Stolle aus. Marianne verstand ihn nicht; Heloise mußte ihm zu Hülfe kommen und erklären, daß er die Klöbe meine. Als man die erste Tasse Kaffee getrunken hatte und das Mädchen kam, die zweite Kanne zu holen, fragte Marianne: »Was hat denn der Bruder geschrieben?« Heloise erzählte nun in großen Umrissen, daß ihre Schwester Olga, die im Meere bei Neapel ertrunken sein sollte, in Amerika lebe und sich wahrscheinlich schon längst mit dem Geliebten ihrer Jugend, Dr.  Karl Haus, vermählt habe, da sie, wie eben der Pastor Heinrich Schulz geschrieben, mit Graf Schlottheim nie vermählt gewesen sei. Die nähern Schicksale derselben seien ihr selbst noch unbekannt. Sie theilte mit, daß sie den Entschluß gefaßt habe, nach Amerika zur Schwester zu gehen, und dabei die Hoffnung hegte, der Geheimrath und Agnese würden sie begleiten. Herr von Kitzow reichte ihr die Hand über den Tisch und sagte: »Topp, ich begleite Sie.« Agnese machte ein sehr verlegenes Gesicht. »Nun, du kleines Närrchen, sei nur nicht ängstlich, es versteht sich von selbst, daß wir drei nicht allein reisen – deine alte Tante können wir ja nicht zurücklassen, und dann möchte ich auch mit Erlaubniß des Herrn Oberförsters einen jungen Beschützer mitnehmen.« » Mich! « rief Hermann, und alle lachten, nur Agnese wurde roth, denn sie verstand die Freundin. »Du mußt erst etwas lernen und sprichst überhaupt nicht mit, wenn große Leute sprechen«, sagte Oskar. »Ich gedenke«, fuhr Heloise fort, »den König um gänzliche Begnadigung Georg's zu bitten, wenn die Aeltern erlauben, daß er auf der Reise nach Amerika mein Beschützer und Souslieutenant meiner Freundin Agnese ist.« »Vortrefflich! Marianne, wollen wir auch mitreisen?« fragte Oskar. »Hoffentlich«, sagte Heloise und reichte Marianne die Hand, »wird Ihr Herr Bruder Heinrich, wenn es nach meinem Willen geht, vor unserer Abreise in Grünfelde noch eine Hochzeitsarbeit bekommen, denn ich gedenke in Heustedt vorzukehren, um dort einige gewichtige Erklärungen in Sachen der Trauung meiner Schwester, deren Brautjungfer ich war, abzugeben, und bei der Gelegenheit möchte die Kirche in Grünfelde ein ganz passender Ort sein – die Vorhersagungen eines gewissen vorlauten Bürschchens zur – nun wir wollen sagen, zur kirchlichen Wahrheit zu machen.« Es hatte sich auf den Gesichtern der Anwesenden, mit Ausnahme des in der einen Hand die Kaffeetasse, in der andern das Stück Klöben haltenden Knaben, welcher den Sinn der Rede nur halb verstand und mit einem sein hübsches Gesicht entstellenden, halb klugen, halb dummen Blicke zu der Sprechenden emporsah, eine ernste Stimmung kundgegeben; niemand wußte, wer zuerst das Wort ergreifen sollte. Endlich sagte Herr von Kitzow: »Wenn ich der Rede dunkeln Sinn richtig verstanden habe, und das Erröthen meines Töchterchens bürgt mir dafür, so sage ich Ja.« »Und ich sage Amen «, sagte Oskar, »du, Marianne, hältst dein Plappermäulchen.« »Ich aber bitte, daß angespannt wird«, sagte Heloise. »Das kann geschehen, – du Hermann, gehe zum Kutscher, er wird mit seinem Frühstück fertig sein, heiße ihn anspannen, setze dich zu ihm auf den Bock und führe ihn den Weg durch den Berlepsch'schen Park. Der Forsthüter wird schon öffnen, wenn er dich sieht. Er soll am Hübenbache halten. »Sie, meine Herrschaften, geleite ich auf bequemem Fußwege den Berg hinab. Mutter kann uns begleiten, und wir können im Holze den amerikanischen Plan durchsprechen.« So geschah es. Fünftes Kapitel. In Nordamerika. Während das in einem frühern Kapitel Erzählte im Mittelländischen Meere vorging, war Karl Haus längst in England angekommen. Das englische Kriegsschiff, mit dem er fuhr, hatte Stürme und Kämpfe mit Franzosen auf dem Wege nach Gibraltar zu bestehen gehabt, es war inzwischen glücklich in seinem Heimatshafen eingelaufen. Best, an den Karl die Münster'schen Depeschen ablieferte, bot ihm eine dem Namen nach untergeordnete, aber sehr einflußreiche und gut dotirte Stellung als Geheimer Kanzlist in der deutschen Kanzlei, d. h. er sollte das Arbeitsthier Best's selbst werden, wie dieser das Arbeitsthier des Sr. Majestät vortragenden Ministers war. Karl lehnte ab, er sehnte sich nach Amerika, wo er mit der Geliebten zusammentreffen sollte. Den ihm von Olga mitgegebenen Familienschmuck verkaufte er für einen viel theuerern Preis, als er und jene je vermuthet hatten, er erhielt 15000 Dollars dafür. Ein amerikanischer Kauffahrer fand sich, wenn auch spät, und obgleich die Reise nicht mit heutiger Dampffahrtgeschwindigkeit ging, war er doch in Amerika, noch ehe die Präsidentschaft Adam's aufhörte, im ersten Jahre des neuen Jahrhunderts. Er fand in Philadelphia Justus Erich Bollmann mit einer schönen gebildeten Dame aus den besten Ständen verheirathet, als Kaufmann ein Compagniegeschäft mit Bruder Ludwig betreibend. Aber die Brüder waren entgegengesetzte Naturen. »Der Doctor«, wie ihn Ludwig nannte, war nach der Aeußerung dieses ein Planemacher, der ins Weite schweifte, dem der reichliche Verdienst der Firma nicht genügte, der Politik treiben, den amerikanischen Continent bis zu dem fernsten Westen durchreisen wollte, um Eisen, Kupfer, Silber, Gold, das sich dort in Masse finden müsse, aufzusuchen. Heinrich Ludwig, Justus' Compagnon, artete auf den Onkel in Birmingham, für ihn hatte nur Geld und das Verdienen Werth. Die Frauen beider Brüder waren gleichfalls nicht in Harmonie; Justus Erich's Frau war aus einer alten englischen Landbesitzerfamilie, gebildet, aber nicht reich; Heinrich Ludwig hatte die Tochter eines Tabackspflanzers aus Virginien geheirathet, eines reichen Sklavenhalters, die von Jugend auf gewohnt war, nur ihren Launen zu folgen, und die sich zur Herrin auch ihres Gemahls aufgeschwungen hatte. Sie hegte einen unbegrenzten Widerwillen gegen die gebildetere und hübschere Frau ihres Schwagers. Schon dieses Verhältniß hätte die Compagnie zersprengen müssen, wenn nicht noch zwei andere Dinge ebenso mächtig zu diesem Ziele gewirkt hätten. Alle von Justus Erich bisher angegebenen Speculationen hatten noch keinen rechten Erfolg gehabt, die Compagnie hatte wenn nicht Verluste, doch nie ein glänzendes Geschäft gemacht, das kam daher, daß die Plane des Doctors weitaussehend angelegt waren und erst nach Jahren rentiren konnten, dann aber tüchtig. Alle Speculationen Heinrich Ludwig's glückten, sie hielten sich in dem von ihm auf dem Markte übersehbaren Gebiete, brachten aber keinen so großen Vortheil, wie die von Justus Erich unternommenen bringen sollten. Justus Erich, der ursprünglich größere Mittel in das Geschäft brachte, hatte durch große Reisen, durch seine vielerlei Bedürfnisse, namentlich alles, was in Europa englisch, deutsch, französisch auf dem Literaturgebiete erschiene, zu besitzen (und Bücher waren damals theuerer als heutzutage), einen großen Theil des in das Geschäft gebrachten Vermögens wieder verzehrt, wie ihm der Bruder auf Heller und Pfennig vorrechnete. Als Heinrich Ludwig eine Virginierin heirathete und nun ein viel größeres Vermögen in das Geschäft brachte, wurde die Sache noch schlimmer. Nun aber drückte dem allen das Siegel auf, daß beide Brüder verschiedenen politischen Parteien angehörten. Justus Erich hegte die größten Sympathien für England, er hatte die Französische Revolution im Anfange ihrer Gräßlichkeiten erlebt, er kannte die Frivolität der französischen Größen in vollem Maße, war doch selbst sein Freund und Gönner Talleyrand, den er hier in Amerika noch protegirt hatte, jetzt Minister des Ersten Consuls. Justus Erich war Föderalist, wie man die Partei nannte, welche kurz zu sagen nach Centralisation, nach Stärkung der Regierungsgewalt des Präsidenten und des Congresses den einzelnen Staaten gegenüber strebte. Heinrich Ludwig war dagegen Republikaner, der die Gewalt der einzelnen Staaten möglichst stark der Unionsregierung gegenüber wünschte. Die Republikaner neigten sich ebenso stark Frankreich zu als die Föderalisten dem Mutterstaate. Als Karl Haus in Philadelphia ankam, wurde er von beiden Bollmanns auf das freundlichste empfangen, allein er merkte in der ersten Stunde, daß sich ein innerer Zwiespalt zwischen den Brüdern ausgebildet hatte. Heinrich Ludwig rieth Karl ab, sich mit dem Zeitungswesen abzugeben, das sei nichts, das sei für deutsche Gelehrte, ein Gelehrter komme aber in Amerika nicht durch, und als er nun gar erfuhr, daß Karl 15000 Dollars mitgebracht, schlug er ihm in der ersten Stunde des Beisammenseins vor, er möge als Dritter in die Compagnie treten, oder er möge den Doctor, anders nannte er den Bruder nie, abkaufen, der passe doch nicht zum Geschäftsmanne. Ein solches Anerbieten in der ersten Stunde machte Karl kühl. Er hatte sich bei Justus Erich einquartiert und fand in dessen Häuslichkeit sich wohl. Die schöne Frau Bollmann wurde nicht müde, sich von Deutschland erzählen zu lassen, sich die kleine Heimat ihres Gatten, Hoya, die Weser, die größte Stadt an dieser, Bremen, immer und wieder beschreiben zu lassen, und erzählte dann diese Beschreibungen ihrem kleinen zweijährigen Mädchen, Indiana benannt, das natürlich nichts davon verstand, mit allerlei komischen Zusätzen wieder. Als man abends beim Thee saß, und Karl über sein Leben in Rom und Neapel, soweit es sich in Gegenwart der jungen Frau berichten ließ, erzählt hatte, sagte Justus: »Lieber Karl, hätte ich geahnt, daß du 15000 Dollars mit nach Amerika bringen würdest, so hätte ich dir den Vorschlag, hier eine deutsche Zeitung zu redigiren, nie gemacht, denn insoweit hat mein Bruder recht, mit so großen Mitteln muß man hier etwas Besseres thun als schriftstellern. Indeß ist auf dich gerechnet, die Zeitung ist mit den Mitteln unserer Partei gegründet und hat eine sehr große Zukunft, wenn unsere Partei bei den nächsten Wahlen siegt. Schon jetzt hat der Präsident die Hauptmittel zur Begründung hergegeben. Betrachte die Zeit deiner Redaction als eine Uebergangszeit, in der du Land und Leute, Sitten und Gewohnheiten besser kennen lernst, damit du dir in der Zukunft eine solche Stellung auswählen kannst, wie sie dir und deiner Frau beliebt. Deine Gattin darf hier nicht lange eine Frau Doctorin bleiben. Du glaubst nicht, welch ungemeinen Respect unsere Republikaner, selbst unsere Quäker, vor dem alten europäischen Adel haben, deine Olga wird als Gräfin in unserer Stadt der Bruderliebe sehr bald eine große Rolle spielen können, wenn sie das will. »Aber wir müssen Plane machen, wie wir deine Gelder sicher unterbringen. Mein Bruder nennt mich einen Planemacher, er hat recht, ich mache Plane. Ich habe beinahe zwei Jahre dieses Land durchreist und weiß, daß es die ungeheuerste Zukunft hat, es werden keine hundert Jahre vergehen, und wir haben Europa in allen Dingen überflügelt, haben mehr Einwohner als das alte Europa, haben es in allen praktischen Wissenschaften, wenigstens in Handel und Industrie überholt. Europa ist einem alten Manne zu vergleichen, der sich mit allerlei künstlichen Mitteln zu verjüngen sucht, vor dem Mittel, das ihm allein helfen könnte, der Republik, sich aber fürchtet. Die beste monarchische Regierung kann es einer freien Volksregierung nicht gleichthun. Europa kann aber der Monarchien nicht entbehren, das alte Feudalwesen hat die Gesellschaft so zerklüftet, zwei Stände so gesondert, daß sich eine freie Parteibildung nach Principien nicht denken läßt. Alles Blut, das Robespierre und Genossen vergossen haben, um den Adel zu vertilgen, ist umsonst vergossen. Es gehört keine große Scharfsicht dazu, um zu sehen, daß Frankreich stark der Monarchie zusteuert. Auch mein Freund, der Bischof von Autun, witterte das schon lange und sah Bonaparte schon wachend wie im Traum mit Krone und Scepter. »Doch zur Sache; mein Bruder ist schon ganz Yankee, er denkt nur ans Geldmachen; du mußt ihm nicht übel nehmen, daß er auf dein Geld speculirt, er wälzt sich seit Wochen mit einem großen Unternehmen, das nothwendig seine 20–30 Procent abwerfen muß, und uns fehlt es jetzt zum Theil an Mitteln, 15000 Dollars könnten helfen. »Allein ich will dir einen Plan vorschlagen, der sicherer ist, wie du einsehen wirst. Wir reisen in den ersten Tagen nach Föderal City, damit du das Riesenunternehmen einer nach Gedanken künstlerisch gebauten Stadt siehst. »Der Mann, der diesen Plan erdacht und ausführt, ist mein specieller Freund, ein Genie, wie es selten eins gegeben, der es aber in diesem Lande vorläufig zu nichts bringen wird, da, wenn hier mein Nachbar, der reiche Oelhändler Olivier Evans und Isaac Newton dieselbe Sache vorschlagen würden, das Vertrauen auf seiten des erstern sein würde. Man versteht die Wissenschaft hier noch nicht zu würdigen, und so hat man an dem ursprünglichen Plane meines Freundes zur Erbauung des Capitols so lange gemäkelt und geändert, bis man jetzt vielleicht etwas Unschönes zu Stande bringt. Schon jetzt fangen die Kleingläubigen an, das Vertrauen zu sich selbst zu verlieren, sie finden den Plan zu der Centralstadt zu großartig, sie haben eine nothwendige Ergänzung des Plans als unzweckmäßig gestrichen, eine Art Vorstadt an der östlichen Seite. Hier liegt ein unbebautes Sandterrain von etwa 100 Acres, das man in diesem Augenblicke für 150–200 Dollars kaufen kann, dasselbe zieht sich zwischen der Stadt, wie sie im Plane vorliegt, und einem kleinen Flusse, der unterhalb in den Potomac mündet, von der Höhe bis zum öffentlichen Flußufer, und wird hier jedenfalls aller Seeverkehr stationär werden. – Du kaufst das Grundstück, es werden Straßen abgesteckt und etwas geebnet, dann wird eine Breterhütte gebaut und zum Schank eingerichtet. Ein zuverlässiger Schenkwirth findet sich leicht, der zur Oberaufsicht über den ganzen Platz die Hütte bezieht. »Wenn einst Föderal City ein Drittel soviel Einwohner als jetzt London hat, bist du oder sind deine Kinder so reich wie Lord Westminster in London. »Dazu wäre ein Drittel deines Kapitals verwendet, das dir vielleicht erst in zehn, vielleicht in zwanzig Jahren die erste Ernte, aber die funfzigfache oder hundertfache, in funfzig Jahren jedenfalls die zweihundertfache trägt. Ich bezeichne das als ein Kapital für die Zukunft.« »Aber, lieber Justus«, unterbrach Karl den Redefertigen, »dein Plan wäre ganz gut, wenn ich statt 15000 Dollars, die nicht mir, sondern meiner Olga gehören, 100000 oder 200000 Dollars hätte! Außer dem, was Olga gehört, besteht mein ganzes Vermögen nach Veräußerung des Nachlasses meiner Mutter nur in 372 Louisdor. Von den für den Schmuck erlösten Geldern darf und werde ich keinen Pfennig für solche weitaussehende Plane anlegen; ob ich mein Geld daran wende, wird sich erst überlegen lassen, nachdem ich das Terrain euerer Föderal City gesehen habe, von der du selbst noch vor vier Jahren schriebest, daß es Waldterrain wäre.« »Brauchst dich nicht zu übereilen, will dich nicht drängen und pressen, ist meine Art nicht«, erwiderte Justus Erich. – »Nun Verwendung deines zweiten Drittels. Ich habe in Göttingen theoretisch, in England und Schottland praktisch nicht umsonst Geologie studirt. Meine Reisen nach Westen, von denen mein Bruder dir erzählt, daß sie pure Geldverschwendungen wären, sind Gelderoberungen. Millionen ließen sich verdienen, wenn man Hunderttausende anwenden könnte. Amerika muß erst entdeckt werden; bis heute ist das Felsengebirge, das uns vom Stillen Ocean trennt, nicht überschritten; wenn es gangbar ist wie die Alpen, welche Deutschland von Italien trennen, dann erst ist Amerika Amerika, die Union ein Weltstaat. Du erinnerst dich des Werders in Münden, unter dem Fulda und Werra die Weser bilden. »Ebenso liegt, von hier freilich Hunderte englischer Meilen entfernt, ein jetzt unscheinbarer Ort, nicht viel größer als dein Heustedt, am Zusammenflusse des Alleghany und des Monongahela, jeder Fluß von der Breite der Themse bei London, welche fortan Ohio heißen, der, wie du wissen wirst, in den Mississippi mündet und dadurch die Verbindung mit dem Meerbusen von Mexico und dem Atlantischen Ocean hat, nördlich über sich aber die Verbindung mit dem Eriesee und den andern Seen bis Canada, westlich Ohio mit dem Territorium Indiana vermittelt, nach welchem ich meine Tochter getauft habe, weil ich dort weilte, als sie geboren wurde. »Der Westen ist die Zukunft von Nordamerika, aber noch unerschlossen, wahrscheinlich großartiger, als gegenwärtig irgendein Mensch eine Ahnung davon hat. Das sind freilich Träume, wie mein praktischer Bruder sagt, allein ich halte Pittsburg für den bedeutendsten Zukunftsort Nordamerikas. Mögen die Seestädte den Verkehr mit Europa betreiben, Pittsburg wird immer den Verkehr mit dem Norden und Westen wie einen Theil des Südens nothwendig vermitteln müssen und zwar nach Wahrscheinlichkeit für alle Zeiten. – Aber, lieber Karl, das ist es nicht allein, in der Erde steckt ein unerschöpflicher Reichthum, den kein Mensch kennt, an den mein Bruder nicht glauben will. Könnte ich auf ihn irgendeinen Einfluß üben, so hätten wir unser Krämer- und Bankiergeschäft zur Vermittlung mit Bremen und Norddeutschland schon längst an den Haken gehängt und uns in Pittsburg angesiedelt, um dort – Eisen zu produciren. Ich war auf einer dem General X. angehörigen Farm von 100000 Acres, zum Theil Kleiboden mit Sand, wie wir ihn zwischen Hoya und Heustedt haben, dann, wo sich der Boden mehr erhebt, so eine Gegend bis nach Asendorf hinauf, sandiger Lehmboden, dann auf der einen Seite ein Stück Wald, rechts davon ein sogenanntes wüstes Feld, dunkelbraun aussehend, mit weißen Kalksteinbrocken darauf. »Der General sagte mir: ›Da sehen Sie, was diese 100000 Acres, die ich für meine Verdienste im Befreiungskriege als Dotation erhalten habe, bedeuten wollen. Da unten erhalte ich 200 Dollars Pacht für den ganzen Krämpel, hier oben weiß ich mit meinen Bäumen nichts anzufangen, und dort wenigstens 500 Acres lang, dieser verdammte niederträchtige Boden, auf dem weder Grashalm noch Distel wächst! »›Ich habe da einer deutschen Familie von drei Männern und fünf Weibern ein Stück Weiden- und Bottomland in Pacht gegeben und ihnen erlaubt, alles Land, was sie von diesem schmuzigen Dreckzeuge urbar machen könnten, für ihr eigen zu betrachten. Die Leute haben den Mist auf dem Rücken herausgetragen, aber weder Kartoffeln noch Rüben, weder Hafer noch Gerste ist nur irgend aufgeschossen. Das soll nun eine Dotation sein!‹ »Ich faßte in die Erde und fand sofort, daß es ein sehr feinkörniges Rasenerz sei, das hier auf einer großen Strecke zu Tage komme. »Ich bin überzeugt, daß auch ganz in der Nähe Steinkohlen liegen müssen, und wenn nicht, so schadet das gar nicht, es sind Holzungen in Menge in der Nähe, und wie du vielleicht wissen wirst, ist Holzkohleneisen viel besser als Steinkohleneisen.« Karl Haus verstand von dem allen sehr wenig oder nichts und sagte nur: »Das ist ja auch wieder ein Plan nur für einen Millionär oder für meine Enkel.« »Nicht doch, ich kaufe dir von dem General nicht nur die unermeßlichen Eisensteinfelder nebst etwa 200 oder 300 Morgen Wald, aus dem wir später Holzkohlen machen wollen, wenn sich wohlfeilere Steinkohlen nicht finden, sondern ich kaufe dir auch die ganze Länderei an Wiesen, Tabacks- und Baumwollenland, die unsere Landsleute in Pachtung haben und ein gut Stück dazu, so ein 100 Acres im ganzen. Dem General ist an 1000 Dollars baar sehr gelegen, wie ich weiß, und die Pächter sind ganz specielle Landsleute, Hoyaer aus Kirnberg, dort fortgewandert. weil sie im Streite mit dem Obergestütmeister Claasing lebten, redliche Leute, die dir dein aufgewandtes Kapital nicht nur mit fünf Procent als Pachtgeld verzinsen, sondern dir, wenn du ihnen zehn Jahre Zeit läßt, noch 100 Morgen culturfähigen Landes umsonst urbar machen werden, während die Waldungen und Eisenerzfelder unangerührt dein eigen bleiben werden, bis die Zeit für uns gekommen ist. Du bekommst dein Kapital also verzinst.« »Der Plan läßt sich eher hören«, erwiderte Karl, »ich weiß, daß du schon in Göttingen durch deine geologischen Kenntnisse ausgezeichnet warst, und glaube dir ohne weiteres. Dazu liegt es in der Natur, daß man Landsleuten gern hilft, und unser hoyaer Bauer ist, wenn auch etwas gedankenträge, doch arbeitsam und ehrlich – ich überlasse dir also den Ankauf und die Titelberichtigung, den Vertrag mit den Kirnbergern und was sonst dahin gehört.« »Das wäre abgemacht«, sagte Justus. »Ich muß dir nur noch sagen, daß ich das Eisenerz chemisch untersucht und gefunden habe, daß es, eine Seltenheit bei Rasenerzen, beinahe gänzlich frei ist von Phosphorsäure, dagegen einen reichlichen Zusatz von Kalk hat, wodurch die Verhüttung erleichtert wird. Junge, was werde ich springen, wenn wir den ersten Hohofen anblasen! Und dann habe ich noch eine eigenthümliche Idee. – Ein Zeitungsredacteur, der zugleich großer Landbesitzer ist, der gar eine Gräfin heirathet, ist noch nie in Amerika dagewesen. Das wird unserer ›Oeffentlichen Meinung‹, so heißt das Blatt, wie du weißt, einen Anstrich geben, ein Renommée, wie wir es nicht besser wünschen.« »Du berührst da einen schmerzlichen Punkt, lieber Justus. Eine Gräfin heirathen? Ja, aber wo ist sie? Warum ist Olga noch nicht hier? Warum hat sie nicht geschrieben? Sie versprach, wenn durch irgendwelche Umstände ihre Flucht aus Neapel oder vielmehr aus Sorrent vereitelt würde, an dich zu schreiben.« »Aber Karl, wenn du die Zustände in Italien irgend mit Interesse verfolgt hast, so ist ja nichts erklärlicher. Ich habe noch heute in der › Times ‹ vom 20. Juli, bei der Nachricht von der am 10. Juni erfolgten Abreise Nelson's von Palermo über Italien und Deutschland nach England, einen Rückblick über die dortigen Ereignisse gelesen. Der neuen Coalition, die England gegen Frankreich heraufbeschworen, war das Directorium nicht mächtig, das Glück war bei der Coalition. Jourdan wurde vom Erzherzog Karl von der Donau an den Rhein zurückgeworfen, General Kray trieb Scherer von der Etsch an den Mincio, vom Mincio an die Adda, wo Suworow mit Melas vereint die französische Armee vernichtet hätte, wäre durch Moreau's Genie ihr nicht ein Rückzug bereitet. »Diese Lage der Dinge nöthigte die Franzosen, ihre 28000 Mann, welche Neapel und das römische Gebiet besetzt hielten, nach Norditalien zusammenzuziehen. Die Parthenopeische Republik, auf sich selbst angewiesen, konnte dem Andringen des fanatisirten Landvolks unter Cardinal Ruffo, der Lazzaroni und der unzähligen Pfaffenbrut im Innern der Stadt nicht widerstehen. Man capitulirte,. nachdem am 18. Juni nur noch das Fort San-Elmo und das Ei-Fort in den Händen einer schwachen französischen Besatzung war, während die Calabresen schon auf dem Kai Chiaja lagerten. »Die am 22. Juni vom den Cavaliere Massa namens der Parthenopeischen Republik und Frankreichs, namens des Königs von Neapel durch Cardinal Ruffo und Cavaliere Miferoux, wie im Namen Rußlands und der Pforte als Mitkriegführender abgeschlossene Convention sicherte den Franzosen wie den Anhängern der Parthenopeischen Republik Sicherheit. Danach sollten alle zur Besatzung des Castello dell' Uovo und des Ei-Fort gehörenden Truppen und Personen in Kriegsehren abziehen und nach Toulon geschafft werden. Die Personen und das Eigenthum der Neapolitaner sollten geschont werden, man sollte niemand in Neapel wegen seines Verhaltens seit der Abreise der königlichen Familie beunruhigen. »Als Garantie für die Erfüllung der Capitulation sollten der Erzbischof von Salerno und andere Personen von Ansehen als Geiseln im Castell San-Elmo festgehalten werden. »Diese günstigen Bedingungen waren durch die Anwesenheit einer französischen Flotte von fünfundzwanzig Linienschiffen im Mittelmeere unter dem Admiral Bruix gewährleistet, auch von dem englischen Kapitän der Seahorse, Foote, unterzeichnet. »Schon waren die Geiseln ausgewechselt, auf den republikanischen Forts wie auf der Fregatte Seahorse die Parlamentärflaggen aufgesteckt, als Nelson mit seiner Flotte erschien. Er wollte, durch Lady Emma aufgehetzt, die ›infame‹ Capitulation nicht anerkennen. Vergebens war alles, was Ruffo und Foote Nelson vorstellten. Der schmählichste Treubruch erfolgte, die Erhängung des siebzigjährigen Greises Fürsten Caracciolo am Maste der Fregatte Minerva war das Zeichen zu den grauenvollsten Schlächtereien im Namen der Legitimität und der Religion, welchen die Weltgeschichte kennt, man zählte 30000 Hingerichtete und Gemordete. »Wie konnte unter solchen Umständen Olga ihre Flucht bewerkstelligen? Seitdem Bruix der Wachsamkeit des Lords Bridport entschlüpft war und die Meerenge von Gibraltar durchsegelt hatte, durfte sich kein amerikanisches Kauffahrteischiff mehr in das Mittelländische Meer wagen, wie sollte man da nach Amerika kommen?« »Aber«, erwiderte Karl, »daß ich auch von meinem Freunde, dem ich die Beschützung meiner Geliebten, meiner Gattin vor Gott anvertraut, keinen Brief, keinerlei Nachricht erhielt, der doch durch englische Kriegsschiffe über London hierher berichten konnte, oder solange die Franzosen sich noch im Besitze Neapels und Roms befanden, über Paris, das vermehrt meine Angst!« »Angst und Furcht helfen zu nichts; geschehene Dinge können sie nicht rückgängig machen, bevorstehende nur zum Schlechten ändern«, sagte Justus, »kommen wir auf unser Thema zurück. Den dritten Theil deines Geldes mußt du bis zu Olga's Ankunft aufbewahren, um sie ihren Wünschen gemäß einrichten zu können. Vielleicht wünscht sie nicht, in dieser eintönigen Quäkerstadt zu wohnen, sondern sehnt sich nach einer Villa draußen. Du kannst das Geld bei der Bank oder auch in unserm Geschäfte deponiren, gegen Sicherheit und Zinsen. »Nun Gute Nacht vorläufig und bis deine Braut kommt, behältst du in meinem Hause deine Wohnung, und wenn du hier vollkommen eingerichtet bist, geht es an die Arbeit, ich reise schon in den nächsten Tagen nach Pittsburg, um dich zum Land- und Eisenerzbesitzer zu machen.« Nach wenigen Tagen trug »Die öffentliche Meinung« den Namen des neuen Redacteurs, des Dr.  Karl Haus, an der Spitze. Ein Programm hatte Karl schon auf der Reise ausgearbeitet und hier nach Durchsprechung mit Bollmann amerikanisch zugespitzt. Er hatte die einfachen und klaren Grundsätze und Grundgesetze des »Föderalisten« von Hamilton auf der Reise vielfach durchdacht und sich zu eigen gemacht, hatte sich eine Menge Bemerkungen notirt, sodaß er glaubte, es werde ihm an Stoff zu Leitartikeln nicht fehlen. Aber Karl Haus hatte außer seiner Doctordissertation noch nichts drucken lassen, er wußte gar nicht, daß eine Zeitung in einem Tage mehr Manuscript wegfrißt, als sein Schreiber in Heustedt in acht Tagen abgeschrieben hatte. Obgleich ihm ein Unterredacteur zur Seite stand, nahmen seine Redactionsarbeiten ihm doch den größten Theil des Tages weg; ja er mußte nächtliche Stunden zu Hülfe nehmen. Alle politischen, staatswissenschaftlichen wie nationalwirthschaftlichen Hefte aus Göttingen, von Schlözer, Spittler u. a., hatte er sich schon von Heustedt aus im voraus nach Amerika senden lassen und studirte sie fleißig; aber da war wenig oder nichts, was für diese neuen Zustände einer großen Republik paßte. Er fühlte sehr bald, daß ihm, trotz des reichen Lebens um ihn her, der Stoff ausgehe. Dazu war Haus an eigentliches Arbeiten nicht gewohnt; in Heustedt, als Advocat, hatte es ihm an Beschäftigung gefehlt, und als Privatsecretär des Grafen Münster hatte er eine irgend anstrengende Arbeit nie gehabt. Er hatte jenes Bummelleben der Vornehmen geführt und, seitdem er Olga wiedergefunden, auch die Pflichtarbeiten flüchtig von der Hand geschlagen. In Neapel, wo eigentlich niemand arbeitet außer Schiffern und Fischern und einigen Handwerkern, ging das, in Philadelphia aber wollten die Nordamerikaner von dem neuen Redacteur der »Oeffentlichen Meinung«, dem Deutschmann und Doctor, von dem Bollmann und Genossen so viel Aufhebens gemacht hatten, wenn nicht täglich einen, doch wöchentlich wenigstens vier Leitartikel haben. Aber nicht das allein; der ruhige docirende Professorenton Karl's sagte niemand in seiner Partei zu. Bollmann, Justus natürlich, predigte täglich: »Du mußt dir einen andern Stil angewöhnen, lebendiger, kräftiger, mit kurzen Sätzen, du mußt mit Keulen dreinschlagen auf die Republikaner. Denke dich in die Stelle des Mannes im ›Jahrmarkte zu Plundersweilern‹. Als Redacteur hast du sie! Schreib gleich für morgen einen Artikel, für den ich dir den Stoff geben will, mit der Ueberschrift: ›Lumpen und Quark der ganze Markt.‹ »Sage ganz einfach: da sitzt er, der scheinheilige Schurke und thut, als ob er kein Wasser trübe, da sitzt er in – (man wird schon verstehen, daß du keinen andern meinst als Thomas Jefferson), und doch brüte er nun Tag und Nacht, wie er die Institutionen, die Washington ins Leben geführt, die Hamilton ausgedacht, die nach unsäglichen Hindernissen von den freien Staaten als Recht anerkannt sind, die Adams mit Beharrlichkeit und Pflichttreue seit dem 4. März 1797 geschützt und gewahrt hat, vernichten will. Er geht auf Raub aus. Die elenden Republikaner wollen den Staat ausbeuten, sie gieren nach dem, was ihnen Manna in der Wüste ist, sie wollen die Stellen der Föderalisten u. s. w.« Es wollte dem Neuling, der solchen Ton nicht kannte, nicht gelingen, ihn anzuschlagen, und der Freund sprang ihm aushülflich bei, schrieb selbst unter seinem Namen einige Leitartikel, die den allgemeinsten Beifall fanden. Je mehr das Jahr sich dem Ende zuneigte und je näher der Zeitpunkt der Präsidentenwahl kam, desto erbitterter wurde die Stimmung unter den entgegengesetzten Parteien. Die republikanischen Blätter (man darf aber nicht an die Partei denken, die sich heute Republikaner nennt und die gerade der Gegensatz von dem sind, was man damals Republikaner nannte) wiederholten in allen Variationen das von Jefferson aus Monticelle angegebene Thema. »Die Föderalisten«, sagten sie, »hängen an europäischen Lehren und Bräuchen. Sie glauben, das Volk könne nur durch Gewalt und allerlei Künste des Luges und Truges in Ordnung gehalten werden. Sie streben nach stehenden Heeren und Flotten. Sie wollen durch die Gewalt, durch Aberglauben, durch Beschränktheiten und Beschränkungen die Menge im Zaume halten. »Wir haben Vertrauen zum Volke. Wir sagen, der Mensch ist ein vernünftiges Wesen, welches allein durch das angeborene Gefühl für Recht und höhere Sittlichkeit regiert werden soll. Deshalb muß die Macht der gewählten Beamten, zu oberst des Präsidenten selbst, sehr beschränkt werden und immer dem Willen der Mehrheit unterworfen bleiben. Wir sind der Ansicht, es bedürfe nur der schrankenlosen Ausbildung unserer angeborenen Kräfte und Fähigkeiten, um ordnungsliebende und, soweit dies unser Los, selbst glückliche Menschen zu erziehen.« Durch diese sich immer mehr erhitzenden Gegensätze bekam der neue Redacteur nach und nach wieder Stoff zu Leitartikeln, er fand mit scharfer Logik die Trugschlüsse der Gegner, er wies aus der Geschichte, aus dem Beispiele der griechischen Republiken nach, daß bei der Mehrheit nicht nothwendig der Verstand und das höchste sittliche Gefühl für das Recht sitze, daß Egoismus und bestochene Dummheit viel häufiger die Mehrheiten geleitet haben als Patriotismus und Rechtsgefühl. Mit Einem Worte, Karl wurde nach und nach warm, die Parteileidenschaft ergriff ihn, und er konnte Artikel schreiben, die wiederum das Volk packten. Die »Oeffentliche Meinung« wurde ein von den Gegnern gefürchtetes Organ, dessen Abonnentenzahl sich täglich mehrte. Karl erhielt von den Führern seiner Partei Danksagungsschreiben und Lobeserhebungen, Justus selbst und seine Frau ermunterten ihn täglich, in diesem Sinne fortzufahren. Die Wogen der Leidenschaft und gegenseitigen Feindschaft schlugen immer höher, je mehr man dem Februar des Jahres 1801 näher kam. Alle Mittel wurden in Bewegung gesetzt, alles war den Parteien erlaubt. Karl, der unter den Brüdern entgegengesetzter Parteien, zwischen Justus und Heinrich Ludwig Bollmann, vielfach vermittelt hatte, wenn nicht in politischen, doch in geschäftlichen Differenzen, hatte sich den Einladungen des letztern nicht entziehen können. Ludwig's Frau, die Virginierin Kleopatra Während Justus Erich Bollmann nach dem Bilde, das Varnhagen von Ense von ihm entwirft, nach den von demselben veröffentlichten Briefen und nach den im Besitze des Verfassers befindlichen ungedruckten Briefen geschildert, auch der Bruder demgemäß aufgefaßt wurde, ist die Cleopatra dichterische Phantasie, um den Gegensatz, der in der politischen Anschauung der Brüder herrschte, noch mehr hervorzuheben , hatte Karl namentlich zu ihren Damencirkeln und Bällen eingeladen und mit ihm zu kokettiren angefangen. Sie sagte ganz offen, sie wolle ihn den infamen Föderalisten abwendig machen, ihn zähmen, ihn trösten, ihn lieben. Karl hatte das mehr als Scherz aufgenommen und die Warnung Justus', das Haus seines Bruders nicht zu oft zu besuchen, in den Wind geschlagen. Kleopatra hatte ihm auf eine feine Art und Weise die föderalistischen Unarten, Grobheiten und Derbheiten, die seine Leser entzückten, abzugewöhnen gesucht, als nicht aristokratische, nicht gentlemanlike, und es war ihr gelungen. Karl fing an, sich des rohen Tones, den er angeschlagen, zu schämen, er hatte wieder den alten anständigen Ton angenommen, den er von Deutschland her und von der Gesellschaft, mit der er bis dahin umgegangen, gewohnt war. Da fiel der »Philadelphia-Republikaner«, das Hauptblatt der Gegner, mit schonungslosem Witz über ihn als den deutschen Professor Simson her, dem Kleopatra-Delila die Haare beschneide. Der Artikel streifte in der That an Gemeinheit und stellte Kleopatra in einer Weise bloß, die in Europa von ihrem Manne mit Blut hätte gerächt werden müssen, zu der dieser aber lachte. Was Karl dagegen über alle maßen empörte, war, daß man seine Geliebte, die Gräfin, von deren Dasein der Artikelschreiber irgend Halbes gehört haben mußte, in den Artikel hineingezogen hatte und sie als Freundin und Buhlgenossin der Lady Emma Hamilton, die damals in Europa wie Amerika wegen der neapolitanischen Metzeleien einstimmig verdammt wurde, darstellte. Die »Oeffentliche Meinung« spie seit diesem Augenblicke Feuer und Schwefel, Gift und Galle auf die Republikaner. So kam der Tag der Wahl, der 11. Februar. Es waren von jeder Partei zwei Candidaten aufgestellt, von den Föderalisten Adams, der bisherige Präsident, und Pinckney, von den Republikanern Jefferson, der Verfasser der Unabhängigkeitserklärung Nordamerikas, und Aaron Buer, früher Adjutant des Generals Montgommery, dann der Washington's selbst, dann schon seit 1782 Anwalt in Neuyork, zur Zeit Generalanwalt daselbst und Senator im Congreß. Der Senat wählte bei verschlossenen Thüren vier Tage, ohne in fünfunddreißig Wahlgängen eine absolute Majorität zu erlangen. Die Bevölkerung war in der fieberhaftesten Aufregung. Schon damals trat der Gegensatz von Norden und Süden mehr oder weniger stark und in entgegengesetzten Zielen auslaufend hervor; im Norden war man mehr föderalistisch gesinnt, man erinnerte sich noch der Zeiten, wo man gewohnt gewesen war, zu schreiben: »Sr. Majestät getreue Unterthanen«, man hatte den ganzen Unabhängigkeitskrieg mehr wie einen Krieg gegen das Parlament und das Ministerium als gegen Georg III. betrachtet. Der Eigensinn Georg's III. brachte es auch hier zu einem Ausgange, der nicht bezweckt war. Erst im sechsunddreißigsten Wahlgange ergab sich eine Majorität, Jefferson erhielt 73, Buer 73, Adams 65, Pinckney 64 Stimmen; der erstere war als Präsident, Aaron Buer als Vicepräsident gewählt, die Partei Justus Bollmann's und seines deutschen Freundes unterlag. Ein solches Unterliegen hat aber in einem republikanischen Staate, namentlich einem so jungen, wo sich die Parteien so schroff gegenüberstanden, eine ganz andere Bedeutung als ein Unterliegen einer Partei heute im continentalen Europa. Es versprach Jefferson, als er am 4. März sein Amt antrat, mit einer Floskel, deren er nach seiner französischen Bildung und Erfahrung als Gesandter vollkommen Herr war, über das Parteigetreibe sich hinwegzustellen, indem er sagte: »Wir haben Brüder derselben Grundsätze mit verschiedenen Namen bezeichnet, wir sind alle Republikaner , wir sind alle Föderalisten .« Jefferson's Rede ist das größte Meisterstück politischer Reden, die bisher in der Alten und Neuen Welt gehalten sind, dazu wurde sie in jener Jefferson eigenthümlichen, gutmüthigen und einschmeichelnden Weise vorgetragen, die auf das Volk niemals ihre Wirkung verfehlt. Eine Menge Maximen und Stichwörter aus dieser Rede sind nicht nur bis zum heutigen Tage in dem Munde des Volkes, und verdienen es zu sein, sondern sie haben sich zu Schlagwörtern der europäischen Demokratie aller Länder ausgebildet, und in mancher Urwählerversammlung des Jahres 1867 in Berlin und andern Orten hat man Floskeln wenn nicht sprechen, doch durch öffentliche Blätter referiren hören, die mehr oder weniger aus Jefferson's Antrittsrede von 1801 herstammen. Selbst Justus Bollmann, noch mehr Karl Haus, ließen sich von diesen französischen Floskeln bestechen. Wie schön klang es auch, wenn der Präsident sagte: »Die Republik ist die einzige Regierung, unter welcher jeder, aufgefordert durch das Gesetz, herbeieilen wird, das Gesetz zu vertheidigen, wo jeder alle Angelegenheiten des Gemeinwesens als seine eigenen persönlichen betrachten wird. Manche behaupten, man kann den Menschen die Regierung über sich selbst nicht anvertrauen. Wäre das wirklich der Fall, wie könnte man ihm die Regierung über andere anvertrauen? Und sind denn die Könige Engel? Die Geschichte hat diese Frage schon längst und nicht zum Vortheil der Monarchie beantwortet.« Oder klingt es nicht wie eine Phrase aus unsern Tagen von der Seine her, wenn Jefferson sagte: »Friede, Handelsverkehr und aufrichtige Freundschaft mit allen Nationen; verstrickende Verbindungen mit keiner; Schutz und Schirm den Regierungen der Einzelstaaten bei allen ihren Rechten; sie sind der sicherste Hort gegen alle der Republik feindlichen Bestrebungen.« Kaum aber war die Antrittsrede verklungen, als sofort die Maßregelungen begannen. Daß Jefferson das Ministerium änderte, dagegen war nichts einzuwenden, und der zum Staatsminister berufene Madison hatte allgemeine Achtung, auch gegen Gallatin, den Vorsitzenden im Schatzamte, General Deraborn, Robert Smith aus Maryland, den Marineminister und Levi Lincoln, den Oberstaatsanwalt, ließ sich nichts sagen. Die Gesandten wurden gewechselt, die ganze Regierungsmaschine bis unten hin mit neuen Menschen besetzt, die hier die Belohnung für ihre Abstimmung oder sonstige Dienste erhielten. Mehrere Gesandtschaften in Europa und viele Stellen in den Staaten selbst wurden eingezogen, die Landarmee und die Marine wurden verändert, alle an das alte monarchische Europa erinnernden Ceremonien und Gebräuche wurden abgeschafft, der Präsident ließ sich nicht mehr an bestimmten Tagen Aufwartung machen, die Leute konnten zu jeder Zeit, wo er nicht durch Geschäfte behindert war, vorkommen. Daß das alles viel böses Blut setzte, war selbstverständlich. Aber auch das Gute wurde verkannt und geschmäht, und es fand kaum Anerkennung, daß die neue Regierung die Grundsätze, die sie bisher bekämpft hatte, jetzt selbst praktisch nicht nur innehielt, sondern selbst ausdehnte, das Princip der Centralisation und Stärkung der Regierungsgewalt nämlich. Karl erlebte zum ersten male eine Parteiniederlage. Es ist bei einer solchen Niederlage ganz etwas anderes, als wenn die physische Gewalt, Kanonen, Bajonnete oder Hinterlader den Sieg davongetragen. Bei einem solchen Ereignisse setzt sich jeder vernünftige Mensch immer mit dem Gedanken über die Thatsache hinweg, daß die brutale oder durch mechanische Künste geschaffene Gewalt es ist, welche die unterliegende Partei erdrückt. Bei einem Wahlkampfe aber, der mit geistigen Waffen, mit Stimmen ausgekämpft wird, glaubt jeder Unterliegende, daß die Dummheit oder Schlechtigkeit der Menschen den Sieg davongetragen. Jeder Idealismus erhält bei einem solchen Wahlkampfe einen harten Stoß, man sieht den Egoismus, die Heuchelei, kurzum die ganze Niedertracht der einzelnen hervortreten und wird schon dadurch an dem Ziel des eigenen Strebens zweifelhaft, ob es sich der Mühe lohne, für eine so verkommene Rasse sich zu opfern. Denn welch ein Opfer die Redaction der »Oeffentlichen Meinung« in der nun kommenden Zeit für Karl wurde, war leicht erklärlich. Die Staatssubvention, die sein Journal bisher, wenn auch nur unter der Form von Inseraten und Abonnenten, bezogen hatte, hörte auf; die Abonnenten minderten sich um mehr als ein Drittel, denn alle ihrer Stellen Entsetzten fingen an zu sparen oder den Mantel nach dem Jefferson'schen Winde zu drehen; die Actien, worauf das Unternehmen gegründet war, sanken um funfzig Procent. Diese pecuniären Dinge afficirten den Redacteur sehr wenig, daß aber die Menschen in ihrer großen Mehrzahl darauf so großes Gewicht legten, daß diejenigen, welche ihm mit Lobeserhebungen und Schmeicheleien nahe getreten waren, sich jetzt zurückzogen, daß die ganze Stimmung des Publikums auf einmal Umkehr zu machen schien, das war ihm eine neue Erfahrung. Dort, wo man vor der Wahl Jefferson nur einen egoistischen, niederträchtigen Schurken, einen an Frankreich verkauften Verräther genannt hatte, wußte man jetzt nicht genug sein taktvolles, schonungsvolles, rein patriotisches Benehmen zu loben. Justus Bollmann, der diese Wandlungen schon praktisch in Frankreich und England durchgemacht hatte, suchte vom humoristischen Standpunkt aus die Sache leichter zu machen. »Alter Junge«, sagte er, »wir leben hier in einem freien Lande, in vier Jahren sind wir die Sieger, und die Republikaner winseln und schwänzeln zu unsern Füßen. Hat Jakob um Rahel, die noch dazu halb schwarz war, wie du wissen mußt, sieben Jahre gedient, warum sollten wir nicht für die einzig wahre Staatsform Nordamerikas vier Jahre dienen? Aber die ›Oeffentliche Meinung‹ muß jetzt eine andere Richtung einschlagen. Bisher waren wir im Besitze, es galt nur, unser System zu vertheidigen. Jetzt müssen wir aggressiv vorgehen, wir müssen dem Feinde jede Schwäche ablauern, wir müssen jeden Schritt und Tritt, den er thut, verfolgen und mit der Constitution vergleichen. Wo er nur einen halben Schritt von dieser abweicht, da müssen wir die Klauen in sein Fleisch einschlagen. Jefferson hat es nur mit den Worten, das fühlt jeder gewiegte Politiker, und Hamilton wie Wolcott, sie werden jeden halben Zoll, den er von den Grundgesetzen der Conföderirten abweicht, mit der Goldwage wägen. Ich habe Gelegenheit gehabt, Hamilton vor kurzem zu sprechen, du wirst von ihm Fingerzeige bekommen, nach denen du arbeiten kannst. Hamilton hat von allen zu Markte gebrachten Actien der ›Oeffentlichen Meinung‹ drei Viertel für sich angekauft, dieselben stehen heute schon zu 61 und werden nach einem halben Jahre zu 150 stehen, glaube mir das, ich kenne unsere Leute in Nordamerika.« Aber was half es Karl, ob die Actien der »Oeffentlichen Meinung« zu 60 oder 70 stünden, wo war sein Weib? Wo war sein Kind? Denn Olga war in seinem Herzen vor Gott sein rechtmäßiges Weib. Man schrieb schon August 1801, und noch immer nicht die allergeringste Nachricht. In Neapel hatten sich doch die Dinge, wenn auch blutig genug, zu einer gewissen Ruhe geneigt, der Ruhe des Todes aller Großdenkenden; Frankreich war durch den Frieden von Luneville aller Besorgnisse wegen eines Angriffs auf dem Continent enthoben, es hatte es nur noch mit England zu thun, das durch das Bombardement Kopenhagens in der öffentlichen Meinung Europas, und namentlich Amerikas, sich keine Freunde erworben hatte. Karl hatte an den ihm befreundeten Kammerdiener des Grafen Münster nach London geschrieben und die Antwort erhalten, der Graf wäre vor der Katastrophe der Revolution mit Prinz Augustus abgereist, allein man habe durch Lord und Lady Hamilton in Erfahrung gebracht, daß Gräfin Olga von Schlottheim bei Gelegenheit einer Fahrt nach Capri mit sämmtlicher Begleitung ertrunken sei. Das erschreckte ihn nicht, das war ja sein Plan. Aber ohne Nachricht zu bleiben, was weiter geworden war, beängstigte ihn um so mehr. Er war aber einmal in Philadelphia, er stand in den gegebenen Verhältnissen, denen er sich in keiner Weise entziehen konnte. Justus Bollmann konnte das herumschweifende Leben, so sehr seine Gattin selbst dagegen eiferte, nicht lassen, er hatte mindestens in jedem Monate einen neuen jedesmal großartigern Plan. Karl hatte genug zu thun, die Frau desselben zu beschwichtigen, aber in den ruhigen Theeabenden bei ihr fand er auch seine ganze Erholung. Heinrich Ludwig war nach der Niederlage der Föderalisten doppelt freundlich gegen Karl, Kleopatra blieb die Alte, sich Karl fortwährend als Freundin, Gönnerin, Patronesse zeigend, mit dem Schönsten, was an ihr war, mit ihren Augen, beständig mit ihm kokettirend. So gering nach heutigen Verhältnissen die Summe von 8000 Dollars auch war, die Karl dem Bollmann'schen Geschäft übergeben hatte – Justus hatte für den Rest der 15000 Dollars die Besitzungen bei Pittsburg erworben – so wußte doch Heinrich Ludwig Bollmann ein Kapital dieser Größe, für welches freilich hinreichende Sicherheiten gegeben waren und mäßige Zinsen bezahlt werden mußten, so zu würdigen, daß er auch gegen einen Parteifeind die größten Rücksichten beobachtet haben würde; Karl war aber specieller Landsmann und intimer Freund seines Bruders, des Doctors. Zu der Zeit, die jetzt kam, Anfang December 1801, waren aber Justus und Ludwig Bollmann, was sehr selten der Fall gewesen, über eine großartige von Justus erdachte Speculation vollkommen einig. Mit Frankreich hatte Nordamerika längst Frieden geschlossen, allein dieses Land, das noch vor funfzig Jahren etwa die Hälfte Nordamerikas als Eigenthum besessen, aber nach und nach verloren hatte, weil man glaubte, auch diese Colonien durch Decrete von Paris aus regieren zu können, war unter die Diktatur Bonaparte's gekommen, der die Fehler der Könige von Gottes Gnaden im großen und kleinen durchschaute und eben daher seine Macht schöpfte. Er strebte die auswärtigen Besitzungen wiederzuerlangen und hatte durch die geheimen Verträge von San-Ildefonso die spanische Provinz Louisiana nach ihren ehemaligen herkömmlichen Grenzen und Befugnissen von Spanien erworben. Er suchte durch Drohungen und Versprechungen Spanien zu bewegen, auch die beiden Floridas an Frankreich abzutreten gegen Entschädigungen in Italien zu Gunsten des Herzogs von Parma. Allein man wußte in den Kreisen, denen Heinrich Ludwig Bollmann angehörte, genau, daß sowol Livingstone, der amerikanische Gesandte in Paris, als der zweite dorthin beorderte Gesandte Monroe, dem Europa für seine in unsern Tagen zur Anwendung gekommenen Grundsätze ewig dankbar sein muß, nicht zweifelten, daß Bonaparte Louisiana an Nordamerika verkaufen würde, daß es sich nur um den Preis handle und bei den engern Beziehungen des Präsidenten wie der beiden Gesandten zu Frankreich diese Frage auf die eine oder andere Weise, sei es zu der Forderung Bonaparte's von 100 Millionen Francs, oder dem Angebot Jefferson's von 40 Millionen erledigt würde. Was aber den Ausschlag gegeben, war, daß Justus, der in den maßgebenden Kreisen der englischen Aristokratie von den Jahren 1793–1795 her noch immer gute Verbindungen hatte, die sichere Nachricht erhalten, daß ein Frieden zwischen England und Frankreich in naher Aussicht sei, und nach der Niederlage oder den Miserfolgen Nelson's bei Boulogne schon seit Mitte October alle Feindseligkeiten zwischen beiden Staaten eingestellt seien. Beide Bollmanns trauten diesem Waffenstillstande oder Frieden auf die Länge nicht, sie hielten es aber deshalb für eine gute Speculation, gerade während dieses Friedens so viel Taback und Colonialwaaren nach Bremen hineinzuwerfen, als irgend möglich sei. An dieser Speculation hatten sich hamburger Häuser, durch Sieveking angeworben, in Bremen Junker und Compagnie, schon betheiligt und versprochen, Schiffe zu senden. Es handelte sich jetzt darum, die Geldmittel zu erwerben, um in Virginien gegen Baarzahlung wohlfeile Ankäufe zu machen oder vorzubereiten und im ersten Augenblicke, wo zwischen Frankreich und England Friede geschlossen werde, alles fertig zu haben. Denn daß nach einem solchen Frieden die Preise enorm steigen würden, nachdem der Continent beinahe ausgehungert, war selbstverständlich. Es galt nun, Karl zu überzeugen, daß er gutthue, an dieser einen bestimmten Speculation als Compagnon teilzunehmen, alles Risico derselben mitzutragen, aber auch allen Gewinn nach Maßgabe seines Einschusses zu ziehen. Die Compagnie Bollmann bekam dann die Sicherheiten zurück, welche sie Karl gegeben, und konnte mit diesen von dem Schwiegervater Heinrich Ludwig's stammenden Papieren in Virginien bei den Tabackverkäufern viel mehr Credit bekommen, als Karl's Kapital betrug. Karl war leicht zu überzeugen, schon die eine Nachweisung genügte ihm, daß sein sparsamer und intelligenter Onkel Johann Karl Junker und Compagnie in Bremen sich mit einem noch einmal so großen Kapital bei der Speculation betheiligte als er selbst, daß Bollmann's Vater, sein Vetter Hoppe in Vilsen und andere Freunde der Familie in Europa Teilnehmer waren. Er wurde Theilnehmer, gab seine Sicherheiten heraus, und lange ehe noch die Nachricht von dem Frieden von Amiens Amerika erreichte, lagen in Neuyork ungeheuere Mengen Taback für Bollmann's Rechnung aufgestapelt, welche der bremer Schiffe warteten, die sie nach Europa überbringen sollten. Es war im Jahre 1802, schon hatten die Republikaner, die jetzt die Regierung Jefferson's an allen ihren schwachen Seiten angriffen, das System desselben, die Marine zu vernachlässigen, Kanonenboote zu bauen statt Fregatten und Linienschiffe, einer heftigen Kritik unterzogen. Die Journale derselben waren voll von Unbilden, welche amerikanische Kauffahrer im Mittelländischen Meere von Barbaresken erdulden mußten, erklärten es für eine Schmach sondergleichen, daß ein Staat wie Amerika dem Bei von Tripolis und andern Barbaresken Tribute bezahlen und jährliche Geschenke machen müsse. Nun hatte Jussuf Karemanli, Bei von Tripolis, seinen Vater und seinen ältesten Bruder hinrichten lassen, seinen zweiten Bruder Hamet vom Throne gestoßen und sich der Herrschaft über Tripolis bemächtigt. Jussuf hatte von Nordamerika einen höhern Tribut gefordert, als bisher bezahlt war, und da dieser verweigert wurde, die vor dem Consulate von Tripolis befindliche Flagge niederreißen lassen. Jefferson hatte sich, von der Volksmeinung gedrängt, entschließen müssen, ein Geschwader nach dem Mittelländischen Meere zu senden, unter dem Commando des Kapitäns Dale. Aber die Flotte reichte nicht aus, wenigstens hatte man 1801 wie im folgenden Jahre kein Resultat. Da brachte eines Tages ein neuyorker föderalistisches Blatt folgenden Artikel, der ganz Nordamerika in Aufruhr versetzte: »Während Kapitän Dale im Mittelländischen Meere kreuzte, retteten sich vier nordamerikanische Matrosen aus tunesischer Sklaverei. Was sie erzählen, wirft ein grauenvolles Licht auf unsere Zustände. Dieselben waren im Frühjahr 1801 auf einem wohlbewaffneten amerikanischen Kauffahrer, der aus der Levante kam, in Sorrent die dort krank zurückgebliebene Frau des Kapitäns, seinen vierjährigen Sohn, zwei Schwarze, außerdem einen deutschen Maler mit seiner hochschwangern Frau und einer englischen Gesellschafterin aufnahm. »Auf der Höhe von Sardinien wurde das Schiff, das nur neun Kanonen führte, von einem Korsaren mit achtzehn Kanonen angegriffen und geentert, der Kapitän desselben, Decatur, der einer unserer geachtetsten Familien angehört und von dem zwei Brüder in unserer Marine dienen, wurde niedergemetzelt. Sämmtliche Männer auf dem Schiffe wurden in Tunis als Sklaven verkauft, während man die Frauen nach Tripolis schleppte. »Die Matrosen, welche über zwei Jahre in tunesischer Gefangenschaft schmachteten, ehe ihnen die Flucht gelang, erzählen von Hunderten von Christensklaven, die bei den Barbaresken gleich ihnen zu den unwürdigsten Arbeiten angehalten werden. Wie lange soll das freie Volk Nordamerikas diese Schmach dulden? Wird der Präsident nicht bald zu der Einsicht kommen, daß die Flotte im Mittelländischen Meere anders ausgestattet werden muß, wenn sie den Barbaresken Respect vor dem Sternenbanner einflößen soll? »Ist es nicht schon eine Schmach, mit einem Vater- und Brudermörder, wie dieser elende Karemanli, in Vertragsverhältnissen zu stehen? »Wie lange wollen wir ruhig zusehen, daß unsere Küsten von Kapern umschwärmt, unsere Schiffe auf offenem Meere weggenommen und ausgeplündert werden?! »Der letzte Census hat gezeigt, daß wir 300000 Mann besitzen in einem Alter von achtzehn bis sechsundzwanzig Jahren. »Wollen diese Männer ruhig zusehen, wenn ihre Weiber, ihre Bräute, ihre Schwestern, ihre Töchter und Kinder von Muselmanen in ihre Serails geschleppt oder auf den Sklavenmärkten des Orients verkauft werden?« – Man kann sich denken, in welcher Aufregung Karl war; denn daß seine Geliebte und der Freund, sein Kind, noch ungeboren, auf dem gekaperten Amerikaner sich befunden hatten, das litt für ihn keinen Zweifel. Mit der Redaction der »Oeffentlichen Meinung« war es vorbei, Karl ließ sein Redactionshonorar für das letzte Quartal im Stiche und reiste sofort nach Rücksprache mit Justus Erich nach Neuyork, um sich dort mit der Familie Decatur in Verbindung und eine Agitation über die gesammten Vereinigten Staaten behufs Ausrüstung einer anständigen Flotte in Bewegung zu setzen. Er fand in der Familie der Decatur und Schwägerschaft, namentlich bei den Brüdern der Frau des erschlagenen Decatur, einen noch viel größern Eifer, als er selbst hatte. Aber was half alle Aufregung, was halfen alle glühenden Artikel, die er schrieb! Schoner, Corvetten, Fregatten und Linienschiffe lassen sich nicht aus dem Aermel herausschütteln, wenn man sie braucht. Wir haben das 1848 erlebt, als die Dänen unsere Häfen blokirten und den Handel auf Ost- und Nordsee hinderten. Indessen wurde Karl als Freiwilliger auf einem Kanonenboote aufgenommen und erlernte den schwierigen Seemannsdienst. So groß sein Enthusiasmus war, so oft er von Vernichtung von Tripolis träumte und in den wenigen Mußestunden, die ihm blieben, die Amerikaner antrieb, zu rüsten und zu rüsten, so sehr er sich abmühte, selbst in geharnischten Sonetten, wie wir heute sagen würden, die Kriegswuth gegen die Barbaresken zu steigern, je mehr ernüchterte ihn sein Dienst und die Langsamkeit, in welcher die Dinge vorwärts schritten, selbst nachdem Präsident und Congreß sich für die Ausrüstung eines Geschwaders entschieden hatten. Endlich konnte er als Seecadet auf einem Schoner, den der Seelieutenant Stephan Decatur, ein Bruder des Kauffahrteikapitäns, führte, Stellung finden und nach dem Mittelmeere absegeln. Hier war ein neues Unglück eingetreten. Die Fregatte Philadelphia, geführt vom Kapitän Bainbridge, mit 365 Mann und 44 Kanonen, war am 31. October 1803 in der Nähe von Tripolis bei Verfolgung eines Küstenfahrzeugs gestrandet und von den Tripolitanern genommen, welche die ganze Mannschaft in Gefangenschaft nahmen. Die Amerikaner dürsteten nach Rache, und Commodore Preble, der jetzt den Oberbefehl führte, willigte in einen von Bainbridge in seiner Gefangenschaft selbst ausgesonnenen, von Stephan Decatur vervollständigten Plan, die in halber Schußweite von den Hafenbatterien von Tripolis umringt von Kreuzern und Kanonenbooten liegende Philadelphia zu entführen oder zu vernichten. Nur letzteres gelang am 3. Februar 1804, und es bleibt die glänzendste That der jungen amerikanischen Marine. Commodore Preble lieh von der neapolitanischen Regierung, die sich seit jenem Tage mit Tripolis in Feindseligkeit befand, an dem unsere Freunde auf Capri beinahe angesichts Neapels und unter den Felsen von Capri ein neapolitanisches Schiff rauben sahen, zwei Bombenschiffe und sechs Kanonenboote und griff Tripolis, nachdem er es bombardirt hatte, am 3. August an. Karl Haus und Decatur hofften bei dieser Gelegenheit in die Stadt einzudringen, um so dort selbst nach ihren Lieben Nachforschungen anstellen zu können, allein man war zu schwach. Das Castell, welches der Bei bewohnte und das innerhalb der Mauern am östlichen Ende der in einem Halbkreise hingelagerten Stadt liegt, war das Hauptziel des Bombardements gewesen, man sah aber, daß dieses Gebäude, mit guten alten Mauern versehen, wenig litt. Schoß man nun auch die Stadtmauern an einigen andern Stellen ein, so wagte man doch nicht mit nur tausend Mann in die Stadt einzudringen. Hätte man indeß das Castell selbst erobern können, so nahm man den Bei selbst gefangen oder er entfloh, und man konnte sich in seiner Burg verschanzen und von da aus Tripolis im Zaume halten. Das Bombardement wurde nun am 7. August abermals erneuert. Der Erfolg war nicht der erwartete, denn als Preble dem Dei nach demselben für die Befreiung der Mannschaft der Philadelphia und aller sonstigen Nordamerikaner und Nordamerikanerinnen oder auf nordamerikanischen Schiffen befindlich gewesenen Personen, worin Olga, Eleonore und Hellung eingeschlossen wären, 80000 Dollars Lösegeld bot, verweigerte dieser die Annahme. Nun wurde am 20. August ein letztes Bombardement versucht und auch ein Theil der Gebäude des Castells in Brand geschossen. Das Feuer auf die Stadt mußte gleichfalls von entschiedener Wirkung sein. Da aber sämmtliche Häuser gänzlich dachlos sind, platt, viereckig, mit weißem Kalk getüncht, so sah man die Wirkung nur, wenn ein solches Haus in sich zusammenstürzte. Am 20. August dienten aber auch die in verschiedenen Theilen der Stadt durch hohe große Kuppelmassen emporragenden Bäder wie die von indianischen Feigenbäumen und Dattelpalmen umgebenen Moscheen als Zielscheibe der amerikanischen und neapolitanischen Bomben, und mit Erfolg. Alle die so angerichteten Verwüstungen konnten aber unserm Freunde seine Geliebte und sein Kind, Decatur seine Schwägerin und ihr Kind nicht wiederschaffen. Was half es ihnen, daß zwei tripolitanische Galeren vor ihren Augen in die Luft flogen? Der von Decatur commandite Schoner Enterprise hatte sich tief in den Hafen hineingewagt, nachdem die Hafenbatterien zum Schweigen gebracht waren. Plötzlich wurde er von einer größern Anzahl Kanonenboote angegriffen. Decatur, ein gereizter Löwe, fuhr mitten unter sie, schoß eins in den Grund, enterte zwei, von diesen war das eine durch Haus' Tapferkeit erobert. Am andern Tage ward dieser vom Commodore zum Seelieutenant ernannt, die Enterprise erhielt aber zugleich Befehl, wichtige Depeschen an die Regierung zu bringen. Das war Decatur und seinem neuen Seelieutenant nicht angenehm, allein da Preble zugleich seinen Entschluß anzeigte, in diesem Jahre weitere Angriffe auf Tripolis nicht machen zu wollen, sondern Verstärkung aus Amerika abzuwarten, so fügte man sich in das Unvermeidliche und fühlte sich schließlich durch den Auftrag hoch geehrt, nachdem Decatur selbst durch den Commodore über die Dinge, um die es sich handelte, mündlich aufgeklärt war. Der von Jussuf vertriebene Hamet lebte in Oberägypten unter den Mamluken, die ihn freundlich aufgenommen. William Caton, Consul in Tunis, derselbe, welcher früher in Tripolis gewesen war und vor dessen Hause die amerikanische Flagge niedergerissen wurde, der noch dazu eine Schwester Decatur's zur Frau hatte und Jussuf tödlich haßte, hatte Verbindungen mit Hamet angeknüpft und den Plan entworfen, mit diesem ein Bündniß zu schließen und ihn wieder auf den Thron zu setzen. Da Hamet, der vom Volke der Milde benannt war, in Tripolis noch viele Anhänger zählte, so wollte man dasselbe gleichzeitig von der Land- und Seeseite angreifen. Die Mamluken unter Hamet sollten, verstärkt durch amerikanische Landtruppen, Derne und Bengasi zu erobern suchen und von da auf Tripolis rücken, während die amerikanische Flotte vor dem Hafen kreuze und Schloß und Stadt bombardire. Der Plan sagte den beiden Offizieren zu, nur auf diesem Wege durch Eroberung von Tunis selbst konnten sie hoffen, ihre Geliebten aus der Sklaverei zu retten. Die Enterprise mußte in Malta Wasser einnehmen, konnte also den nähern Weg auf Tunis nicht einschlagen, auf dem kurzen Wege nach Malta hatte sie aber mit einem heftigen Sturme zu kämpfen. Der Sturm, welcher während des Tags die Luft verfinsterte, traf nicht die Amerikaner allein, auch ein anderes Schiff, beinahe masten- und segellos, dem Baue nach ein türkisches, wurde vom Sturme der Enterprise entgegengepeitscht, und man würde gegeneinandergestoßen sein, wenn diese nicht schon ihren Curs verlassen hätte und, dem Winde folgend, nach Westen gesteuert wäre. Als sich der Sturm ebenso plötzlich legte und die Luft aufklärte, sah man das fremde Schiff Nothflaggen aufziehen und hörte Nothschüsse. Man war in der Nähe und ließ die großen Boote herab, die trotz hochgehenden Wellenschlags an das fremde Schiff, das den halben Mond aufgezogen hatte, anlegten. Karl war der erste, der auf das Schiff sprang, von dem Jammergeschrei von Weibern ihm entgegentönte, die sämmtlich auf das Deck geflüchtet waren, weil das Schiff einen Leck hatte und die Muselmanen bis auf Kapitän und Steuermann an die Pumpen beordert waren. Lauter Weiber, in türkischer – oder richtiger – tripolitanischer Kleidung mit beinahe ganz vermummten Gesichtern, bunten seidenen Beinkleidern, ein Wirrwarr ohnegleichen. Aus diesem Wirrwarr springt plötzlich ein großer schwarzer Hund heraus auf Karl zu, ihn wedelnd und bellend umschmeichelnd. Es war Nero und er diente als Führer zu Olga, die bald in Karl's Armen lag. Welcher Jubel auf der Enterprise, als Karl mit dem ersten Boote geretteter Frauen ankam. Decatur's Schwägerin, Bob, ein gewaltig herangewachsener Knabe, Eleonore, Cäsar, Dido und ein Dutzend junger schöner Weiber aus verschiedenen Ländern bildeten diesen Transport. Bald kamen auch eine zweite und dritte Ladung, Dienerinnen, maurische, arabische Matrosen. Jussuf Karemanli pflegte seit längerer Zeit nicht nur den Harem des Sultans, sondern auch den Sklavenmarkt in Konstantinopel mit schönen Weibern zu versorgen, die er an den italienischen Küsten oder auf dem Meere raubte, kaufte, tauschte. Er hatte in Marabad einen eigenen Harem, in welchem die europäischen Sklavinnen zu dem Grade von Beleibtheit gepflegt wurden, welche in den Augen des Sultans und der Türken überhaupt unvermeidlich zur Schönheit gehört. In Malta schenkte man den Sklavinnen, welche in ihre Heimat zurückzukehren gedachten, die Freiheit. Viele zogen indeß vor, von der angebotenen freien Ueberfahrt nach Amerika Gebrauch zu machen, um einmal zu kosten, wie es sich in einem freien Lande leben lasse. Die Fahrt nach Amerika ging glücklich von statten. Dort aber fand Karl den freundlichen Empfang nicht, den er gehofft hatte. Die republikanischem Blätter waren vereint über seine schon bekannt gewordene Ernennung zum Seelieutenant hergefallen und forderten vom Präsidenten seine Entlassung, denn wie konnte ein noch nicht eingebürgerter Deutscher, wie konnte der Redacteur der »Oeffentlichen Meinung« fähig sein zum nordamerikanischen Seedienste als Lieutenant? Dies bewog Karl, seine Entlassung nachzusuchen; die Bitten Olga's hatten einen solchen Entschluß bisher noch nicht zu erzeugen vermocht, denn er hielt es für feige, im Angesicht eines neuen Zuges gegen Tripolis zu Hause zu bleiben. Jefferson gewährte den Abschied, und Karl hat nie bereut, solchen gefordert zu haben, denn der Feldzug des Jahres 1805 endigte mit einem schmählichen Verrath des neuen Bundesgenossen von seiten der Nordamerikaner. Hamet war auf seinem Landfeldzuge glücklich, ein großer Theil der Soldateska hatte Jussuf verlassen, und das Volk sah dem Einzuge Hamet's in Tripolis als dem eines Retters von scheußlicher Tyrannei entgegen; an seiner Seite stand Caton als General der nordamerikanischen Landtruppen. Da schloß der zu diesem Zwecke mit Vollmacht versehene nordamerikanische Consul in Algerien, Tobias Cear, die Cooperation mit Hamet unberücksichtigt lassend, Frieden mit Jussuf und ließ sogar die Familie Hamet's noch mehrere Jahre kraft geheimen Vertrags in den Händen des Mörders und Thronräubers. Jefferson entschuldigte sich in der nächsten Botschaft, den geheimen Artikel nicht gekannt zu haben. Das haben die Föderalisten freilich nie glauben wollen. Sechstes Kapitel. Ein Stück amerikanisches Leben. Zwei stattliche Männer standen sich am Morgen des 11. Juli 1804 bei Weehawken auf Neujersey gegenüber, die Pistolen in der Hand; Justus Erich Bollmann gab das Commandowort, zwei Schüsse fielen gleichzeitig, eine hohe, kräftige Mannesgestalt brach zusammen, zu Tode getroffen. Der Unparteiische und Arzt suchte nach der Kugel, sie war durch die Brust gegangen und saß in dem Rückenmarksknochen. Der Getroffene war der Mann, den die Union nach Washington am meisten liebte, der nach ihm das meiste gethan hatte zur Aufrichtung des Bundesstaats, Alexander Hamilton. Was er geschaffen, das zerstören zu wollen beschuldigte man den Mann, der das tödliche Blei in seine Brust geschossen, Aaron Buer, den bisherigen Vicepräsidenten, dem man den Plan der Abreißung des Südwestens von der Union zuschrieb. Aaron Buer, von den Republikanern nicht wiedergewählt, bewarb sich um die Gunst der Föderalisten und suchte mittels deren Hülfe die Statthalterschaft von Neuyork zu gewinnen. Alexander Hamilton trat seiner Wahl entgegen, er erklärte Buer für einen gefährlichen Menschen, dem man die Zügel der Regierung in einer Stadt wie Neuyork nicht anvertrauen dürfe. Ein Duell war die Folge, und am 12. Juli 1804 schied Hamilton aus dem Leben; Buer, von den Staaten Neuyork und Neujersey des Todtschlags angeklagt, floh nach dem Süden. Buer, ein Mann von großem juristischen Wissen und Talent, hatte über Justus Erich Bollmann ungemeinen Einfluß gewonnen, und schon damals trugen sich beide mit dem Plane, Mexico den spanischen Dons abzunehmen und ein neues westliches Reich zu gründen. Die Tabacksspeculation der Gebrüder Bollmann war verunglückt, und Justus Erich hatte dabei den größten Theil seines Vermögens verloren. Es war nicht die Schuld der Compagnie, ein eigener Unglücksstern hatte über dem Unternehmen geschwebt. Zunächst war durch die Schuld der bremer und hamburger Rheder, welche nicht genug Fracht für die Schiffe hatten und auf solche warteten, die Abfahrt über die Gebühr verzögert, dann hatten die Schiffe auf der ganzen Hinreise mit widrigen Winden und Stürmen zu kämpfen gehabt, ein Schiff war ganz verschlagen hoch über Schottland hinaus, sodaß, als dieselben in Neuyork anlangten, speculative Yankees schon eine Menge Schiffe mit Taback und Colonialwaaren nach Bremen und Hamburg abgeschickt hatten. Unglücklicher noch war die Rückfahrt nach Europa. Ein Schiff war mit Mann und Maus auf dem Meere untergegangen, und versichert war nichts, das zweite machte Havarie bei der Einfahrt in die Weser und brachte nur seegetränkte Tabacke, das dritte kam so spät, daß der Markt schon überfüllt und der Vortheil sehr gering war. Die Gebrüder Bollmann hatten sich infolge dieses Unfalls getrennt. Von dem Vermögen, das Karl Haus in die Speculation gesteckt hatte, war etwa ein Drittel gerettet. Während Friedrich Bollmann die alten Wege fortwandelte, unabgeschreckt durch den Unfall, neue Spekulationen unternahm, war Justus Erich im Auftrage Buer's und unterstützt mit seinen Mitteln in den Südwesten Nordamerikas vorgedrungen, über den Mississippi nach Texas hinein bis an die Grenze von Mexico und hatte überall Verbindungen angeknüpft. Nach seiner Rückkehr war aber das erste, dem er sich widmete, der Ausbau von zwei Hohöfen auf den für Karl Haus bei Pittsburg angekauften Grundbesitzungen. Er hatte nämlich die Reise für Buer nur unter der Bedingung unternommen, daß dieser nach einem von ihm entworfenen Plane eine Actiengesellschaft zur Ausbeutung der Eisensteingruben zusammenbrächte. Dies war Buer bei seinen großen Verbindungen und der Wahrscheinlichkeit eines rentabeln Geschäfts leicht gelungen. Nach dem Uebereinkommen blieb Karl Haus Eigentümer der Gruben, hatte aber für einen Zeitraum von hundert Jahren die Erze umsonst zu liefern, wofür er die Hälfte der auszugebenden Actien bekam. Man wollte Holzeisen hütten, und da fand sich für Haus wieder die vortheilhafteste Gelegenheit, seine Waldungen, welche die nächsten waren, zu verwerthen. Justus Erich betrieb die Sache wie seine eigene; denn er glaubte sich verpflichtet, das, was Karl Haus durch die verunglückte Tabacksspeculation verloren, diesem auf andere Art zu ersetzen. Er selbst hatte einen so großen Glauben an das Unternehmen, daß er den Rest seines Vermögens in Actien desselben anlegte; zum Director der Gesellschaft gewählt, förderte er nun den Betrieb des Baues der Hohöfen, die Einrichtung einer Eisengießerei und Nagelschmiede mit aller ihm innewohnenden Energie. Kaum war der erste Hohofen angesteckt und hatte ein so reines schönes Holzeisen geliefert, wie man es bis dahin noch nicht kannte, kaum war die Eisengießerei und die Nagelschmiede in Gang gekommen, als die Actien um das Doppelte stiegen. Als Karl mit seiner Olga in Amerika ankam, war schon der zweite Hohofen angesteckt, eine zweite und dritte Nagelschmiede errichtet, die Actien waren auf das Dreifache ihres Emissionswerthes gestiegen, und es war Aussicht vorhanden, daß sie noch höher steigen würden, wenn sich verwirklichte, was Bollmann als unzweifelhaft darstellte, nämlich ein Gebläswerk, das durch eine Dampfmaschine betrieben würde, statt der unförmlichen Blasebälge, deren man sich bisjetzt bediente, einzurichten. Justus Erich hatte die Bekanntschaft eines Malers gemacht, der später in England und Frankreich sich mit Mechanik beschäftigt und schon in Paris eine Erfindung veröffentlicht hatte, welche die Welt umzugestalten bestimmt war, ohne jedoch bisjetzt Anerkennung, weder in Frankreich, England noch in seinem eigenen Vaterlande gefunden zu haben. Dieser Mann war Robert Fulton, welcher damals unter seinen Landsleuten den Versuch machte, durch Anwendung des Dampfes als Bewegungsmittel für Schiffe die Vorurtheile Europas gegen seine Erfindung zu beseitigen. Es wurde ein dritter Hohofen gebaut, zu welchem Robert Fulton ein großes Gebläswerk, durch eine Dampfmaschine betrieben, baute. Karl's oder eigentlich Olga's Vermögen hatte sich bis Ende des Jahres 1806, trotz der Verluste bei der bremischen Speculation, schon verdreifacht. Er hatte sich auf seiner Besitzung, da wo das Bottomland durch seinen Landsmann urbar gemacht war, eine prächtige Villa im italienischen Stil erbaut und lebte hier, um unter dem Hoyaer, den er zu seinem Gutsinspector gemacht hatte, Ackerbau zu lernen und den Fortgang des Hüttenwesens zu beobachten, und zugleich von diesem Betriebe sich Begriffe und Uebersicht zu verschaffen. Justus Erich Bollmann hatte aber nur Energie für Dinge, die im Werden begriffen waren; sobald ein Werk vollendet war, sobald es anfing, Nutzen zu bringen und Procente abzuwerfen, wurde es ihm gleichgültig. Kaum war Karl ein Jahr in Pittsburg, das sich schon zu einer Stadt von nahe an 10000 Einwohnern emporgeschwungen hatte, als Justus die Directorschaft der Hütte niederlegte. Während Frau und Kinder in Pittsburg blieben, zog er selbst, einer Anweisung Buer's gemäß, abermals nach Westen und kaufte dort am Washitaflusse für Buer 400000 Acres Land um wenig Geld. Das Land war fruchtbar und gesund zwischen Red-River und Washita, aber hinter Arkansas und Indian-Tery, im Westen von Neumexico; es hatten noch wenige weiße Leute ihren Fuß hierher gesetzt, aber im Süden streiften die Beduinen der Ebene, das wilde Reitervolk der Comanches, und im Norden, von den Ufern der verschiedenartigen Arme des Canadian her, drangen die Stämme der Chocktows, der Seminoles über den Red-River herüber, sehr unbequeme Nachbarn das, wenn auch weniger wild und räuberisch als damals die Comanches. Das Washitafort existirte aber noch nicht. Bollmann, der auf seinen Wanderungen bis an die Felsgebirge im Westen vorgedrungen war, faßte alle Dinge von der großartigen Zukunftsseite auf, er phantasirte von einer Verbindung mit dem Stillen Ocean und wollte alle Länder jenseit der Felsgebirge, von denen er behauptete, daß mehr Gold da zu finden sein müsse, als Cortez in Mexico gefunden habe, als Hinterländer der Union annectiren. Das Einzige, was ihm dazu fehlte, waren Menschen. Buer war praktischer, er wollte dem Westen auch ein Hinterland schaffen, ein Hinterland aber im Süden, an der Mündung des Mississippi, des Vaters aller Flüsse. Der Ankauf der Ländereien war ihm theils Vorwand, um Freibeuter in jene Gegenden zu ziehen, welche er später auf dem Red-River hinunter nach Louisiana schaffen könnte; sodann aber hatte er wirklich Ländereien, von denen er jedem Theilnehmer an seinem Zuge 100 oder 200 Acres als Prämie versprechen konnte. Obwol Jefferson's Präsidentschaft als ein Musterbild demokratischen Regiments für alle Zeiten dastehen wird und ihm das Verdienst gebührt, das Wesen der Demokratie mit ihrer ungeheuern befruchtenden Kraft besser begriffen zu haben als jemand vor ihm, obwol er die Schleusen und Dämme öffnete, in welche die Hamiltons und Adams das Volk nach englisch-aristokratischer Weise einzupferchen suchten, hatte er doch eine große Menge Feinde. Namentlich war es die Presse, die ihn nach allen Seiten angriff. »Das Kreuzfeuer der Presse ist von allen Seiten gegen uns gerichtet gewesen«, sagte er in seiner zweiten Botschaft, »voll von tausend Lügen und Verleumdungen, welche Selbstsucht und berechnete Bosheit nur immer erfinden konnten.« Dennoch ließ er keins dieser Journale wegen solcher Lügen und Verleumdungen je verfolgen, er hielt dafür, daß die Wahrheit für sich allein, wenn ihr nur die unbedingte Freiheit der Bewegung verstattet würde, ohne jeden äußerlichen Schutz, aus allen Kämpfen siegreich hervorgehen werde. Und daß Jefferson aufs neue als Präsident aus der Wahlurne hervorgegangen war, bestätigte diesen Satz. Karl Haus hatten zwei Dinge mit der Regierung Jefferson's ausgesöhnt, einmal daß dieser in seiner Botschaft aussprach: »Können alle Parteien sich unbeschränktes Gehör verschaffen, so wird das öffentliche Urtheil über die falschen Ansichten und Erfindungen zu Gericht sitzen, eine andere Scheidelinie zwischen der unschätzbaren Preßfreiheit und deren Misbräuchen ist unmöglich; die öffentliche Meinung allein ist zur Censur berechtigt« – sodann aber, daß er offen aussprach und nach Kräften bethätigte, die Sklaverei sei der Fluch der Union, sie sei die Grundlage alles Verderbnisses. – Dieser letzte Punkt machte Jefferson gerade seine bisherigen Freunde zu Feinden. und als am 2. März 1807 der Congreß im Widerspruche mit den südlichen Sklavenhaltern beschloß, daß mit dem 1. Januar 1808 die Einfuhr fremder Sklaven aus Afrika oder andern Ländern unbedingt verboten sein solle, da drohte schon ein früherer Freund Jefferson's, der heißspornige Virginier John Randolph von Roanocke, mit der Trennung der Südstaaten. Unzufrieden waren aber nicht nur die Sklavenbarone des Südens, unzufrieden war auch eine große Anzahl Marineoffiziere, unter andern die Decaturs, weil sie sich und die Flotte von Jefferson vernachlässige und zurückgesetzt glaubten. Der Kreis, mit welchem die beiden Freunde zunächst Verbindungen anknüpften, war: Blennerhassel, Swartwout, Dayton, Tyler, Floyd, lauter Männer von Ansehen und Reichthum. Mau wollte Louisiana und womöglich Mexico erobern. Ob man an eine neue südwestliche Union, mit der Hauptstadt Neuorleans, oder sogar an ein Kaiserreich Mexico mit Texas, Florida dachte, an das sich der Südwesten der Union anschlösse, wird dem Geschichtsforscher unermittelt bleiben. Während Bollmann sich auf der nach dem Eigenthümer genannten Blennerhassel-Insel im Ohio, dem Paradiese Nordamerikas, aufhielt, um den Bau von funfzehn Fahrzeugen, halb Flachboote, halb Kanonenboote, zu überwachen, welche am Muslingum, einem Nebenflusse des Ohio, gebaut wurden, und die »Ohio-Gazette« mit Artikeln zu versehen, welche allerdings das Thema einer Trennung der nördlich-östlichen von den südlich-westlichen Staaten erörterte, weil die Interessen beider zu ungleichartig seien, durchstreifte Aaron Buer zu Fuß viele hundert Meilen, die damaligen Territorien Kentucky, Ohio, Tennessee, Indiana, Mississippi, Arkansas, überall einflußreiche Leute für den Plan zu gewinnen, das Hinterland Louisiana zu erobern. Er fand namentlich in Frankfort in Kentucky viele Freunde und Anhänger, aber auch Feinde. Der Districtsanwalt in Kentucky, Joseph H. Davieß, zeigte dem Präsidenten an, daß Buer eine gesetzwidrige Expedition gegen Mexico und die westlichen Staaten unternehmen wolle. Die Anklage war indessen nicht gehörig begründet und wurde abgewiesen. Nun aber verlangte Buer selbst, daß die eingebrachten Beschuldigungen einer Grand Jury vorgelegt würden. Henry Clay vertheidigte ihn, und er wurde ehrenvoll freigesprochen. Nach diesen Erfolgen reiste er nun im Triumphzuge nach Tennessee, wurde in Nashville und andern Orten beinahe vergöttert. Er fing an, auf dem Cumberland Schiffe bauen zu lassen und war so unvorsichtig, einem alten Freunde, dem General Wilkinson, der unten an der Grenze von Louisiana und Texas am Red-River stand, und auf dessen Beihülfe er rechnen zu dürfen glaubte, eine Botschaft zweifelhaften Sinnes zu erlassen: »Die Götter laden zu Ruhm und Glück ein.« Dieser Freund denuncirte abermals ein staatsverrätherisches Complot zur Eroberung des Südwestens und Lostrennung von der Republik, und Jefferson, der Buer zugleich haßte und fürchtete, erließ sofort Befehl zur Verhaftung aller Verschworenen, wie man sie nannte. Das Kriegsgesetz wurde erklärt und Swartwout, Bollmann, Oyden, Adams von Wilkinson verhaftet und nach Washington City gesendet. In Columbia des Hochverraths angeklagt, wurden sämmtliche Gefangene auf Grund der Habeas-Corpus-Acte und der Incompetenz des Gerichts in Freiheit gesetzt. Buer war den Mississippi hinab nach Fort Massac, der jetzigen Stadt Memphis, geflohen. Gouverneur Mead rüstete 400 Milizen aus, um ihn zu fangen und die Belohnung von 2000 Dollars, die auf seinen Kopf gesetzt war, zu verdienen. Buer floh, als Bootsmann verkleidet, nach Arkansas, wo er am 17. Februar 1807 bei Port Stoddart in einer unbebauten urwaldlichen Gegend gefangen genommen und zu Fuß auf mühevoll zu findenden und erst zu eröffnenden Wegen, durch unbebaute Gegenden und unwegsamen Urwald über tausend englische Meilen weit nach Washington geschleppt wurde, um dann in Richmond vor die Geschworenen gestellt zu werden. Hier begannen aber für Buer neue Triumphe. Das Gefängniß, welches ihn einschloß, lag in der Vorstadt, allein es war kein Gefängniß, sondern ein Salon, in dem sich alle Notabilitäten aus dem Süden Rendezvous gaben, es wurden ihm die köstlichsten Speisen und Weine zugeschickt, mau soupirte und dinirte auf das üppigste in den Zimmern des Gefangenen. Obmann der Geschworenen war John Randolph von Roanocke, mit Jefferson zerfallen, der eifrigste Beförderer der Sklavenhalter; Ankläger Georg Hay. Die Beweisaufnahme nahm 26 Tage in Anspruch, und das Plaidoyer der Anklage wie die Vertheidigung wurde das Berühmteste, was bis dahin vor nordamerikanischen Gerichten vorgekommen war Vertheidiger des Beschuldigten waren Edmund Randolph, John Wickham, Luther Martin, der bekannte Föderalist, Joh. Bäcker, Charles Lee; aber er selbst übertraf alle. Die Anklage stand auch auf den schwächsten Füßen, denn wenn auf der Insel Blennerhassel's Krieg gegen die Union complotirt war, so stand fest, daß Buer selbst nie einen Fuß weder in die wasserumrauschten Laubgänge jener Insel noch in den Palast derselben gethan hatte. Bollmann wurde als sogenannter Königszeuge gegen seinen Genossen vorgeführt, ihm war die Versicherung der Straflosigkeit für all sein Thun zugesichert, allein er verweigerte, als angeblich Mitschuldiger, jede Zeugnißablage. So war es gekommen, daß unser unternehmender Freund, der über vier Jahre den pittsburger Eisenwerken seine ganzen Kräfte gewidmet, dem eine sichere Existenz, eine gute Einnahme als Director und Actionär zutheil war, des Neuen, des Größern und, wie er glaubte, Ruhmvollern für die Zukunft wegen, die fernere Leitung derselben abgab. Die Directorschaft fiel dem Eigentümer des Grund und Bodens, Karl Haus, der ja die Hälfte der Actien innehatte, zu. Die Geschäfte waren einfacher Natur und erforderten weniger technische Kenntnisse als Accuratesse und gute Buchführung. In der Eisengießerei wurde nichts gegossen als zweierlei Pflüge, deutsche und amerikanische, aber nach beiden Artikeln war die Nachfrage so groß, daß die Gießerei nicht genug schaffen konnte. Noch größer war die Nachfrage nach Nägeln, denn zu allen südlich und westlich gebauten Blockhäusern waren hier Nägel am leichtesten und wohlfeilsten zu beziehen, und der Ohio und seine Nebenflüsse boten die gelegensten Transportstraßen. Pittsburg selbst baute sich von Jahr zu Jahr mehr auf, und bald reichten die Häuser der Stadt bis zu den Hüttenwerken selbst. So hatte Karl reichliche Beschäftigung, die ihn nach und nach zu interessiren anfing; sein Vermögen mehrte sich und dies gab ihm, der nun schon amerikanischer Bürger geworden, täglich größeres Ansehen bei der Ortsgenossenschaft. Wie aber war es mit Olga? Wir haben sie bei der Frühgeburt eines Kindes verlassen, als das Schiff Decatur's von den Korsaren genommen wurde. Olga's auf dem amerikanischen Schiffe geborener Knabe war noch gestorben, ehe man Tripolis erreicht hatte. Man landete aber nicht hier, sondern in Sobart oder Alttripolis, wo der Bei einen Interimsharem hatte, in dem die geraubten Weiber bis zur Auslösung oder zum Verkauf gefangen gehalten wurden, denn in Tripolis selbst lebten immer einige christliche Consuln, und so sehr sich Engländer und Franzosen, diese und Amerikaner immer auch befeinden mochten, wenn diese Consuln hörten, daß von einer ihrer Nationen ein Mann oder eine Frau von Korsaren eingebracht sei, so ruhten und rasteten sie nicht eher, als bis sie deren Freiheit, sei es durch Vorstellungen bei dem Bei, sei es durch Loskaufung, ermöglicht hatten. An dem Fuße eines Hügels, an welchem ein Fluß dem Meere zuströmte, stand ein großes einstöckiges Haus mit weitläufigem von einer hohen weißen Mauer eingeschlossenem Garten. Vor dem Hause befand sich eine Art Halle, welche an jeder Seite marmorne Bänke hatte, und von welcher eine Treppe in das große Zimmer führte, Gelphor genannt, das sonst in gewöhnlichen Häusern als Zimmer des Herrn allen Weibern unzugänglich ist und sich dadurch auszeichnet, daß es im ganzen Hause die einzigen Fenster besitzt, und zwar Fenster nach der Straße. Hinter der Halle befand sich der Hof, ein großer viereckiger, nach allen Seiten von den Gebäuden eingeschlossener Raum mit Quarrés von weißem und schwarzem Marmor. An drei Seiten lief ein von Säulen getragener Gang, über welchen sich vor dem ersten Stock her eine Galerie zog. Von dieser Galerie sowie von dem Säulengange aus führten Thüren zu den einzelnen in keiner Verbindung miteinander stehenden Gemächern der untern und obern Etage. Diese Gemächer hatten nach außen keine Fenster, sondern nur sehr kleine nach innen, und diese Fenster waren nicht mit Glas, sondern nur mit hölzernen Jalousien versehen, zierlich geschnitzt, die nur sehr wenig Licht und gar keine Sonne einließen. Das Dach war auf dem ganzen Viereck von Gebäuden platt und mit einer etwa einen Fuß hohen Lehne umgeben, um das Herabfallen zu hindern; man schlürfte von dort abends Seeluft und die Mohammedaner verrichteten bei Sonnenuntergang ihr Gebet, sobald der Marabut dieses ankündigte. Die junge Frau lag seit ihrer Niederkunft krank, sie fieberte und phantasirte, man mußte sie in einer Hängematte in das Boot herablassen, und in dieser trugen vier Matrosen sie nach dem eben beschriebenen Gebäude. Da dieses zur Zeit außer der Dienerschaft keine Bewohner hatte – es waren die letzten dort verpflegten Christensklaven soeben nach Konstantinopel an den Harem des Sultans und auf den Sklavenmarkt geschickt, und da, außer einem alten Hadschi, dem Privatsecretär des Beis, der statt einer Pension hier das Gnadenbrot als Aufseher aß, Männer zu dem Gebäude keinen Zutritt hatten, so wurde die kranke Olga in das Männergemach, das Gelphor, gebracht, während der Ehefrau Decatur's mit ihrem Sohne und der Dido der Hofraum und ein Gemach unter der Galerie zum Aufenthalt angewiesen wurden. Neben Eleonore war auch Nero in das Gemach gefolgt, wohin Olga getragen war, er that ganz, als gehöre er dazu, er hatte den Haremswächter mit so zornigen Augen angeschaut und unter Zähneweisen so bös angeknurrt, daß dieser dem Hunde nicht zu wehren wagte. Der mitleidige Korsarenkapitän hatte den Frauen ihre Habseligkeiten gelassen, es wurden ihnen dieselben nachgebracht, darunter waren einige englische Bücher, namentlich Shakspeare's Werke, welche der Decatur zu eigen gehörten, und einige Werke deutscher Dichter, Geschenke Karl's an seine Geliebte, welche diese nie von sich ließ. Unter der Pflege ihrer sorgsamen Dienerin genas Olga bald und brachte den größern Theil des Tages bei der Frau Decatur im Hofe zu. Als der Sommer sich näherte und die Hitze auch im Hofraum zunahm, erbaute der Hadschi auf diesem ein Zelt, in welchem auf Teppichen und Kissen die Gesellschaft vom Morgen bis zum Abend zubrachte. Zu Promenaden in dem Garten war selten Erlaubniß ertheilt, auch fand sich da wenig Schatten, da nur am Ende des Hügels dem Flusse zu einige Silberpappeln und Rüstern nebst Oliven und Feigenbäumen angepflanzt waren, der größere Theil des Gartens aber zur Zucht von Wassermelonen bestimmt war. Hier mußte Cäsar mit den andern Schwarzen Wasser aus dem Flusse schleppen, aus denen die Bewässerung geschah. Das einzig Erträgliche bei diesem Leben waren die Abende auf dem platten Dache. Nach Norden das blaue Meer, in welchem die goldenen Sterne funkelten, wenn die Sonne untergegangen war, mit seinen kühlenden Seewinden, nach Süden der Fluß, auf beinahe eine Viertelstunde breit an beiden Ufern durch eine rothe Einfassung von Millionen von Oleanderblüten berändert. Rechts öde Sandgegenden, links ein weiter Hügel mit einer Unzahl von Ruinen und einzelnen bewohnten Gebäuden, den Ort Sobart bildend. Hier oben auf dem flachen Dache zu sitzen, in die Sterne zu sehen oder auf das Meer, von Karl zu träumen, das waren die einzig glücklichen Stunden für Olga. Am Tage suchte sie zwar Zeitvertreib, indem sie sich viel mit Bob beschäftigte, ihn und seine Mutter die deutsche Sprache lehrte, zuweilen sich auch von Eleonore aus Shakspeare vorlesen ließ. Aber es waren furchtbar langweilige Tage, Wochen und Monate, die sie hier zubrachte. Die tägliche Speise war Kuskussu und Lammfleisch, und Lammfleisch und Kuskussu, nur die Wassermelonen mit ihrem Saftreichthume, dem aromatischen rothen Fleische und ihrer eisigen Kälte, zu Zeiten auch frische schöne Gemüse und kostbare Früchte gaben eine erwünschte Abwechselung. Warum die Frauen hier so lange gehalten wurden, haben diese nie erfahren; wir vermuthen, die Ursache der Verzögerung war keine andere, als daß sie für den Sklavenmarkt oder Harem des Sultans nicht fett genug werden wollten, vielleicht fürchtete man auch die im Mittelmeere kreuzenden amerikanischen Fregatten und Corvetten. Aus Wochen wurden Monate, aus diesem Jahre. Im dritten Jahre brachte man unsere Gefangenen nach Marabad, wo der Bei einen ähnlichen Harem hatte. Ehe sie die Reise antraten, wurden ihnen indeß tripolitanische Kleider gebracht und ihnen befohlen, sich der europäischen Kleidung zu entledigen. Eleonore hatte zugleich, nachdem Olga sich von ihrer Krankheit erholt hatte, das in die Unterkleider versteckte Geschmeide aus seinem Gefängnisse befreit und theils unter dem reichen Flechtenschmucke von Olga's Haar, theils unter dem eigenen verborgen. Auf einem kleinen Küstenfahrzeuge segelte man immer angesichts der Küste vor Tripolis vorüber in die Bucht von Kefels, wo man landete. Das Gebäude, in welchem die Gefangenen hier untergebracht wurden, war dem, welches sie verlassen hatten, sehr ähnlich, nur größer. Dagegen fiel die Auszeichnung, die Olga in Alttripolis empfangen, indem sie während der ganzen Zeit das Herrengemach mit Eleonore und Nero bewohnte, hier weg. Ohne Unterschied wurden hier die Gefangenen in den Hofraum gebracht, wo schon zwölf Unglücksgefährtinnen ihrer harrten. Nero wurde in eins der Gemächer hinter dem Säulengange gesperrt, allein es wurde Olga gestattet, ihn zu besuchen und ihm seine Nahrung, namentlich frisches Wasser zu bringen. Vielleicht glaubte man, in der Stadt der Hunde Nero für einen bessern Preis verkaufen zu können, als ein paar häßliche alte Neger, wie Cäsar mit seiner Dido waren. Nach einigen unerquicklichen Wochen Aufenthalts wurden die gesammten in Marabad eingeschlossenen Gefangenen auf jenes Schiff gebracht, das, wie wir sahen, mastlos und seeuntüchtig von der Enterprise genommen wurde. Die Frauen, nach so langer in Angst und Sehnsucht zugebrachter Gefangenschaft, athmeten wieder die Lebensluft der Freiheit und der Hoffnung. Das Schiff, welches sie ihren Räubern entrissen hatte, kam denn auch gegen Weihnachten im Hafen von Neuyork an. Olga und Eleonore fanden bei der Frau Justus Erich Bollmann's, die ihren Wohnsitz noch in Philadelphia hatte, freundliche Aufnahme und im Januar 1805 machten sie Hochzeit. Da die Dinge in Pittsburg noch nicht vollständig geordnet waren, namentlich da es an einer Wohnung für das junge Ehepaar fehlte, blieben diese bis zum Frühjahre des nächsten Jahres in der Quäkerstadt. Hier war das erste, was Olga that, daß sie ihrer Mutter das Document schickte, dessen wir oben erwähnt haben, sowie eine beglaubigte Abschrift durch die französische Gesandtschaft an die unter französischer Occupation seufzende Heimatsbehörde. Die junge Frau litt, wie sehr sie das auch vor Karl zu verheimlichen suchte, an einer Art von Heimweh, namentlich hatte sie eine unendliche Sehnsucht nach der lieben Schwester Heloise, von der sie nun schon über zehn Jahre getrennt war. Sie schrieb an diese einen langen Brief, den sie dem Schreiben an die Mutter beilegte. Karl schickte sämmtliche Briefschaften durch die englische Gesandtschaft an seinen Gönner, den Geheimen Cabinetsrath Best in London, zur Weiterbeförderung nach Heustedt, denn dieser Weg schien ihm sicherer, als sie französischen Posten anzuvertrauen, da diese keinen Brief uneröffnet ließen. Olga betrachtete Eleonore schon seit Jahren nicht mehr als Dienerin, sondern als Freundin und Schwester; dieses vertraute Verhältniß hatte sich während der Gefangenschaft in Tripolis zu einer Innigkeit gestaltet, die nicht größer sein konnte; beide hatten sich ganz ineinandergelebt und thaten einander zu Liebe, was sie sich an den Augen absehen konnten. Nur in Einem Punkte harmonirten sie nicht, das waren die religiösen Anschauungen. Die Engländerin, hochkirchlich erzogen, hing an allen Aeußerlichkeiten der Kirche und des orthodoxen Glaubens, die Deutsche stand auf deistischem Standpunkte. Sie glaubte an Gott, an Unsterblichkeit, war auf das innigste durchdrungen von der durch Christus gepredigten Bruderliebe, aber sie glaubte nicht an die Göttlichkeit Christi, nicht an die spitzfindige alexandrinische Dreieinigkeit und hielt alle Erzählungen von Wunderthaten, die keinen Zweck des menschenfreundlichen Wohlthuns erkennen ließen, für einen Ballast und ein Hinderniß des echt christlichen Glaubens. Sie hatte sich in ihrer Weise eine Religion zusammengelegt, wonach der Gott, an den sie glaubte, ein persönliches Wesen war, das außerhalb der Welt, d. h. dem Endlichen, oder vielmehr über demselben stand, und doch zugleich die Welt allwaltend umfaßte, auch das Endliche durch Vollendung und Verklärung zum Göttlichen erhob. Wenn beide Freundinnen auf dem Dache ihres Gefängnisses bis tief in die Nacht saßen, hatten religiöse Gespräche oder vielmehr Streitigkeiten stattgefunden; die eine an dem Buchstaben der Bibel festhaltend, die andere fern von aller Schriftgläubigkeit, weil die Evangelien Menschenwerk seien, aus viel späterer Zeit als Jesus gelebt, und weil sie sich keinen zweiten oder dritten Gott neben Gott denken könne, an ihren selbst construirten Ueberzeugungen festhaltend. Olga wies Eleonore auf die Frömmigkeit der Araber hin, die sie jeden Abend vom Dache aus auf den Dächern der Stadt beobachten konnten, und pflegte zu wiederholen: der Allah der Mohammedaner ist Eins mit unserm Gott, und wie sein Verkünder Mohammed war, so war Jesus der Verkünder des von Rachegedanken gereinigten Jehovah der Juden, der zu einem Gott der Liebe wurde. »Eingeborener Sohn Gottes ist mir ein absolut unmöglich zu denkender Gedanke«, pflegte Olga zu sagen, »und es ist unmöglich, den Nutzen eines rätselhaften Symbols einzusehen, wo einfache Worte, ohne Bild und Hülle den Verstand und das Herz zugleich befriedigen können.« Dann schwieg Eleonore, war aber innerlich erzürnt. In dem neuen Wohnorte Pittsburg angekommen, suchte letztere gleichsam nachzuholen, was sie in Tripolis hatte versäumen müssen, sie besuchte regelmäßig den Gottesdienst in einer deutschen Kirche und zog auch Olga öfter dahin, als es dem Gatten lieb war. Ja, bald wußte es Eleonore einzurichten, daß der deutsche Prediger zu den Gesellschaften des Hauses zugezogen wurde. Olga war halb willig, halb widerwillig gezwungen worden, ein Haus zu machen, wie man es nennt. Sie war schon als geborene Gräfin, dann wegen ihrer Gefangenschaft in Tripolis zu einer Löwin für Pittsburg geworden, aus allen Schichten der Gesellschaft drängte man sich an sie und schien sie für das, was sie in der Einsamkeit erduldet, durch Einladungen zu Gesellschaften, Bällen, Pickenicks u. s. w. entschädigen zu wollen. Die Erzählung ihrer Leiden, die Bewunderung, die ihr zutheil wurde, war ihr indeß bald zuwider, und sie überlegte sehr häufig mit Karl, wie sie diese Last los werden könne, ohne ein Mittel zu finden. Merkwürdigerweise schien Eleonore sich in dem Gesellschaftstrubel zu gefallen und suchte alle ihre Talente und Künste, selbst die der Toilette hervor, um in ihren ältern Tagen sich noch bemerklich zu machen. So hatte sie eines Abends, als Olga eine größere Gesellschaft von Herren und Damen bei sich sah, jene Brosche aus dem Schmucke Olga's angelegt, die sie in ihr Haar gerettet und die ihr Olga als Andenken an die mit ihr überstandene schwere Zeit geschenkt hatte. Wie es kam, ob von Eleonore provocirt, das war nicht zu ermitteln, genug abermals gab die Gefangennehmung und Befreiung den Hauptstoff zu der Unterhaltung, und die Brosche ging nicht allein unter den Damen, sondern auch unter den Herren von Hand zu Hand, um gelobt und bewundert zu werden. Ein Juwelenhändler, der sich in der Gesellschaft befand und neben dem deutschen Prediger saß, klärte diesen beiläufig über den großen Werth der Brosche auf, die in ihrer Mitte einen Diamant vom reinsten Wasser und verhältnißmäßiger Größe trug, und der Werth seiner frommen Beichtschwester schien in dem Herzen des Herrn Schmidt, so hieß der Geistliche, dadurch nicht wenig zu steigen. Wie nun aber Eleonore zum Lobe ihrer gnädigsten Freundin noch erzählte, daß deren Gatte ihr für ihre geringen Verdienste, die ja nur Thaten Gottes seien, trotz aller Abwehr eine lebenslängliche Pension von 300 Dollars ausgesetzt habe, da verjüngte sich Eleonore in Schmidt's Augen um zwanzig Jahre, und wenige Tage nachher hielt er um ihre Hand an und wurde von der verschämten Jungfrau an Olga gewiesen, da Eleonore, wenn diese einwillige, nicht abgeneigt sei, den Wegen der Vorsehung, die sich so augenscheinlich manifestirten, zu folgen. So schwer für Olga selbst die Trennung wurde, so angenehm war dieselbe für Karl, der von jetzt an seine Gattin erst allein zu besitzen anfing, und dem das Vertrautsein Olga's mit Eleonore namentlich der kirchlichen Richtung wegen zuwider war. Olga gebar ihrem Gemahl bald nach dieser Trennung von Eleonore einen Sohn, der auf die Namen Victor Justus getauft wurde. An seinem Tauftage war der neue Hohofen Victoria mit dem Dampfgebläse Fulton's angeblasen und letzteres hatte sich vortrefflich bewährt. Die Fabrikeinrichtungen konnten verdoppelt werden, und da die Maschine kräftig genug war, wurde von den Actionären beschlossen, auch die alten Hohöfen durch Gebläse gleicher Art anzublasen. Das Tauffest ward zur Festlichkeit nicht nur für alle Arbeiter des großen Etablissements, sondern für einen nicht geringen Theil der aus Deutschen bestehenden Einwohner Pittsburgs, die an dem reichen, unternehmenden, glücklichen Dr.  Karl Haus bei allem, was sie selbst für sich unternahmen, Rath und That, Hülfe und Unterstützung fanden. Olga fühlte sich unendlich glücklich, einen gesunden kräftigen Knaben an ihr Herz drücken zu können, ihm selbst Nahrung zu geben, seinen Schlaf zu überwachen und seine Entwickelung zu beobachten. Diese glückliche Stimmung wurde noch erhöht, als endlich ein Brief Heloisens eintraf, der die nahe Ankunft derselben in Begleitung von Georg Baumgarten, dessen junger Frau und dem Schwiegervater von Kitzow ankündigte. Es zog sich ihre Ankunft indeß von einer Woche zur andern hin, und Madison, der neue Präsident, hatte im November 1809 schon seine erste regelmäßige Jahresbotschaft erstattet, und zwar eine Botschaft, die in das Mark der Union einschnitt; sie verkündete den Bruch mit England, das die von dem englischen Gesandten Erskine geschlossenen Verträge anzuerkennen weigere. Amerika hatte unendlich darunter leiden müssen, daß weder Frankreich noch England die Rechte der Neutralen zur See respectirten, und wie heutzutage im norddeutschen Reichstage, eiferten amerikanische Aegidis im Congreß und in den Zeitungen gegen die täglich verübten Unbilden. Jefferson hatte, um den Krieg zu vermeiden, im December 1807 ein Embargo anordnen lassen, mit Zustimmung des Congresses, welches amerikanischen Schiffen verbot, nach fremden Häfen zu fahren, sowie es allen fremden Schiffen die amerikanischen Häfen verschloß. Das Embargo vernichtete Handel, Schiffahrt, Marine, die Klagen darüber wurden allgemein und man mußte es 1809 aufheben. An die Stelle desselben trat das Verbot der Handelsverbindungen mit England und Frankreich, oder das Embargo wurde blos in Beziehung auf diese Staaten beibehalten. Die östlichen Staaten mit ihrem regen Handelsverkehre litten unter demselben am meisten, und da in ihnen die Föderalisten das Uebergewicht hatten, so waren es diese, welche eine ungemeine Agitation gegen dasselbe ins Werk setzten. Karl Haus, obgleich er persönlich wie für seine Eisenwerke in Pittsburg vom Embargo Vortheil hatte, denn es verhinderte die Einfuhr englischer Nägel, Pflüge, Eisenprodncte, die bis dahin massenhaft von England geschehen war, arbeitete eifrig gegen dasselbe. Als ihm aber die vertrauliche Mittheilung wurde, daß englische Agenten in Neuyork versprochen hätten, wenn sich die neuenglischen Staaten von der Union trennten, dann würde England sofort alle Handelsbeschränkungen aufheben und den abgefallenen Staaten alle Begünstigungen der eigenen Unterthanen gewähren, und daß ein Theil der angesehenen Parteigenossen, den englischen Einflüsterungen Gehör schenkend, die Secession in Aussicht genommen habe, da erwachte sein patriotisches Gefühl. Er reiste nach Philadelphia, dann nach Neuyork und sprach sich an beiden Orten auf das entschiedenste gegen jede Trennung von der Union aus, ja er setzte sich mit John Adams, jetzt Senator des Staats Massachusetts, den er noch von der Zeit her kannte, wo er die »Oeffentliche Meinung« redigirte und die Präsidentschaft desselben zu fördern suchte, in Verbindung, um dem Unglücke einer solchen Trennung der Union vorzubeugen. Das war die Hauptveranlassung zur Aufhebung des Embargo geworden. Jetzt, wo die Verständigung mit England gescheitert war, wo Napoleon, der auf dem Gipfelpunkte seiner Macht stand, der zu seinen Füßen in Erfurt ein Parterre von gunstbegierigen königlichen Vasallen sah, nicht daran dachte, das Unrecht, welches amerikanischen Schiffen frauzösischerseits zugefügt war, irgend gut zu machen, wurde Karl Haus durch das Vertrauen seiner Mitbürger zum Congreßmitgliede gewählt. Es traf sich glücklich, daß noch vor seiner Abreise nach Washington die Schwägerin Heloise mit ihren deutschen Freunden kam, und daß in ihrer Gesellschaft der englische Ingenieur John Grant, der in Amerika Fulton aufsuchen und mit ihm in Verbindung treten wollte, sich befand. Robert Fulton hatte damals schon vom Congreß ein Patent erhalten, für alle größern nordamerikanischen Flüsse Dampfboote zu bauen; allein ihm fehlte es an Kapital, und er war genöthigt, das Privilegium für einen Fluß nach dem andern um billige Preise zu verkaufen, wobei er von den habsüchtigen Yankees überlistet und betrogen wurde. Fulton war nach Pittsburg gegangen, theils um einer Ohio-Dampfschiffahrtsgesellschaft, die dort in der Bildung begriffen, sein Privilegium für den Ohio zu verkaufen und den Bau der ersten Boote zu überwachen, theils um für seinen Freund Justus Erich eine Dampfmühle, die erste in Amerika und der Welt, in Pittsburg zu bauen. Justus Erich, dessen planmachender Geist nie rastete, hatte den großartigen Plan, den Westen Amerikas, der sich immer mehr bevölkerte und schon jetzt die Kornkammer war, mit Mehl zu versorgen, als Austausch gegen Korn. Die Dampfschiffahrt auf dem Ohio und dieses neue Bollmann'sche Project, das alles hing auf das innigste zusammen. Bollmann's eigenes Vermögen reichte zu den großartigen Unternehmen, wie er sie im Sinne trug, nicht aus, er hatte deshalb eine neue Actiengesellschaft begründet, allein die Actionäre wählten nicht ihn, sondern einen reichen Kaufmann zum Director, da er theils wegen der Buer'schen Sache bei einem Theile des Publikums anrüchig, theils schon von ihm bekannt war, daß er ebenso wenig Ausdauer in der Verfolgung von Planen besitze, als er glücklich in deren Erfindung sei. Er hatte alle seine Actien aus dem immer mehr und mehr fortschreitenden Unternehmen von Karl Haus, dessen Schöpfer er ja gleichfalls gewesen, herausgezogen und sich mit seiner ganzen Habe bei dem neuen Unternehmen betheiligt. Bollmann und Fulton hatten in ihren Freund schon länger gedrungen, das neue Unternehmen durch eine Erweiterung seiner Anlagen zu begünstigen, und dazu Vorschläge und Projecte entworfen. Eine der Gießereien sollte nämlich in ein Walzwerk verwandelt und damit eine Kesselschmiede verbunden werden, damit alles, was zum Dampfbootbau auf dem Ohio nöthig, beisammen sei. Karl widerstrebte bisher, weil das Gießen von Pflügen und das Nagelschmieden ein sehr einfaches Geschäft war, das er selbst übersehen konnte und dem ein untergeordneter Techniker vorstand. Ein solches Walzwerk mit Kesselschmiede erforderte aber nicht nur eine bedeutende Kapitalanlage, sondern die ganze Zukunft des neuen Unternehmens hing wieder von dem Erfolge der Ohio-Dampfschiffahrtsgesellschaft ab, und bisher hatte Robert Fulton bei seinem Dampfbootbau noch keine Seide gesponnen. Die Ankunft der Europäer änderte die Sache. Herr von Kitzow, der im Bergfache gearbeitet und dem ganzen Bergwesen des Harzes als vortragender Rath in Kassel vorgestanden hatte, nahm sich der Ueberwachung der Comptoiristen an und übernahm die sonstigen Geschäfte, welche dem Director obgelegen, in dessen speciellem Auftrage, da dieser gedrängt wurde, seinen Sitz im Weißen Hause einzunehmen. Georg Baumgarten fiel die Aufsicht über die großen Forsten des Haus'schen Etablissements zu, über die alten wie die später von der Gesellschaft selbst angekauften, dazu die Leitung der Köhlereien und die Ausbeutung der Steinkohlengruben, die man nach Bollmann's Vorhersagung aufgefunden hatte. Was aber der neuen Gemeinschaft die Krone aufsetzte, war, daß sich schon auf dem Schiffe zwischen John Grant und Heloise ein Verhältniß angesponnen hatte, das nach und nach eine zärtliche Natur annahm. Grant war ein stattlicher Mann von vierunddreißig Jahren, Heloise hatte das dreißigste Jahr überschritten, sie war eine ernste, reife Schönheit. Nicht ihr Herz hatte sie bisher vor einer Leidenschaft bewahrt, nur die Umstände. Grant war kein jugendlicher Mondscheinschwärmer nach deutscher Art, er war sogar schon Witwer. Seine Frau, eine Schottin, war im Kindbette gestorben, aber die Liebe, mit der er noch immer an ihr hing, nebst dem, was er von seinem Leben mit ihr erzählte, von seinen Sorgen und Aengsten bei der Geburt des der Mutter bald zur Ewigkeit gefolgten Sohnes, drang in Heloisens Herz. Die glücklichen Flitterwochen, welche das junge Ehepaar Baumgarten auf dem Schiffe feierte, die Zärtlichkeit desselben, das unendliche Glück, welches immer neu aus Agnesens Auge strahlte, das Gefühl der Einsamkeit und Verlassenheit, – denn die Schwester war ihr seit beinahe achtzehn Jahren fremd geworden, und von dem Schwager Karl hatte sie nur noch das Bild von Hengstenberg her, als sie ihn bekränzte – trugen viel dazu bei, sie weicher zu stimmen, als sonst ihre Art war. Grant selbst schien über sein Gefühl noch nicht einig, es war erst ein Jahr vergangen, seitdem er die Jugendgeliebte ins Grab gelegt, und er war der Heimat entflohen, weil ihn die Erinnerung an das, was er verloren hatte, aller Energie beraubte. Er hatte eine vorteilhafte, ehrenvolle Stellung als Ingenieur einer großen Fabrik aufgegeben, um den Meister in seiner Kunst, der jetzt in Amerika Dampfschiffe baute, aufzusuchen. Er hielt sich zurück und es war auf dem Schiffe selbst zu Erklärungen nicht gekommen. Als nun aber der Zufall ihn gerade ins Innere rief an den Bestimmungsort Heloisens, als er Fulton, den er in Neuyork vermuthete, in Pittsburg suchen mußte, als er über acht Tage lang im engen Gefährte Heloisen gegenüber oder auch an ihrer Seite in das Land fuhr, und er hier im traulichen Verschluß des Wagens die ganze Liebenswürdigkeit Heloisens, die Trefflichkeit des jungen Ehepaars und des alten Herrn näher kennen lernte und aus dem Leben derselben die Grundzüge erfuhr, da ging sein Herz auf, und ehe man Pittsburg erreichte, hatte er der Deutschen seine Liebe gestanden und um ihre Hand angehalten. So war Heloise schon als Verlobte Grant's in das Haus ihrer Schwester getreten. Als dieser nun das Etablissement angesehen, als er mit Fulton und Bollmann von deren Planen gesprochen, die Hohöfen untersucht, die Güte des Eisenerzes und des Eisens geprüft hatte, erbot er sich, ein Walzwerk und eine Kesselschmiede nach den Angaben Fulton's auf eigene Kosten zu bauen, wenn ihm die Gesellschaft das nöthige Roheisen auf hundert Jahre mit zehn Procent über die Herstellungskosten lassen wolle. So kam man überein, und während Karl nach der Congreßstadt zog, fing Grant zu bauen an. Hochzeit sollte zu Neujahr gehalten werden, wenn eine Wohnung für das Ehepaar ausgebaut sein würde, denn man war vorbereitet gewesen auf die Ankunft Georg's, seiner Gattin und seines Schwiegervaters, für Heloise hatte man Platz geschafft, aber der neue Ansiedler fand vorerst nur ein Unterkommen bei Bollmann, wo auch Fulton wohnte. Karl Haus war nicht unzufrieden darüber, daß sich seine Abreise nach Washington über die Mitte November hinaus verzögerte, entging er doch so einer Abstimmung, bei der er sich von der Partei, die ihn gewählt hatte, den Föderalisten, hätte trennen müssen. Die Föderalisten nahmen nämlich für die Engländer und den englischen Gesandten Jackson Partei, während die Majorität des Congresses das Benehmen des Francis James Jackson als im hohen Grade beleidigend und schamlos verurtheilte und der Regierung die ganze Unterstützung der Nation zur Wahrung der Rechte, Ehre und Interessen der Vereinigten Staaten versprach. Karl wußte zu gut, daß Jackson die Losreißungsplane, mit denen sich einige seiner Parteigenossen getragen, ins Leben gerufen hatte, und wollte seine politische Laufbahn nicht mit einer Abstimmung gegen seine Ueberzeugung beginnen. Dagegen konnte er auch den Republikanern des Südens nicht beistimmen, welche je eher je lieber mit England und Frankreich Krieg wollten. Es war auch bei diesen nicht reiner Patriotismus, wie sie vorgaben, sondern man hatte sich in England und Frankreich gegen die Sklaverei der Neger ausgesprochen, und traf damit die Achillesferse der Südstaaten. Der Abgeordnete von Pittsburg war noch zu sehr Neuling in der praktischen Politik, sonst hätte er von vornherein den Versuch aufgegeben, zwischen den Parteien der Föderalisten und Republikaner vermitteln zu wollen; er machte sich nur von beiden Seiten Feinde und ward von den Blättern beider Parteien auf das härteste und schonungsloseste angegriffen. Niemand war glücklicher über die Ankunft der Europäer als Olga, denn sie fühlte sich trotz der Liebe der Gattin, trotz des Mutterglücks, das sie genoß, in Amerika nicht heimisch, das Gesellschaftsleben stieß sie ab, machte sie unglücklich. Die Gewohnheit eines feinen Tons, wie er von Jugend auf in ihren Kreisen üblich gewesen, konnte die Roheit amerikanischer Sitten, wie sie namentlich im Westen vorherrschten, nicht verwinden. Diese Weise der Männer, selbst in Gesellschaft von Damen die Füße auf Oefen, Tische, Möbeln aller Art zu legen, dieses häßliche Tabackkauen und noch abscheulichere Spucken, dieses Fluchen und Spielen mit Redensarten, die mindestens gemein klangen, war ihr von Grund des Herzens ebenso zuwider wie das Frommthun. Sie ging darin manchmal zu weit. Sie hatte sich entsetzt, als einer der Hauptactionäre der Hüttengesellschaft, ein reicher Rentier in Pittsburg, in einer Damen- und Herrengesellschaft als Curiosität ein Instrument von Holz herumzeigte, das ihm durch einen hausirenden Deutschen aufgedrängt sei, und Olga ersuchte, den deutschen Vers, der auf dem Rücken dieses Instruments eingeätzt war, zu lesen und zu übersetzen, und doch war das etwas ganz Unschuldiges, ein Rückenkratzer, mit den Worten: »Wo's juckt, da kratze!« – Sie hatte sich mit Mühe daran gewöhnen müssen, ihren Gatten rauchen zu sehen und den Duft einer Havana zu riechen, sie war aber nicht mehr zu bewegen, in dessen Privatzimmer neben dem Comptoir zu treten, wenn etwa dort einige Bekannte und Geschäftsleute ein Frühstück eingenommen und die Teppiche mit ihrem Kautabacksspeichel über alle maßen beschmuzt hatten. Der Kohlenstaub, der durch die Fenster drang und ihre Möbeln, Bilder, Stoffe, Fußböden, selbst Wäsche, Kleider und Handschuhe, die man trug, beschmuzte, war ihr Todfeind, und trieb ein widriger Wind den Qualm der Hohöfen einmal ihrer Wohnung zu, so hätte sie vor Verdruß weinen mögen. Die feingebildete Frau, die niemals Fabrik- und Maschinenwesen in der Nähe gesehen hatte, die den Schmuz und die sauere Arbeit, mit denen sich die Menschen hier abquälen mußten, nicht kannte, die in Italien und selbst in Afrika verwöhnt war, konnte sich an das Getreibe in der Neuen Welt nicht gewöhnen. Erst als sie in ihrem Drawing-Room mit der lieben Schwester, mit Agnese, die sie bald so liebgewann wie eine Tochter, mit dem alten Herrn von Kitzow ihren Thee trinken und in der Muttersprache plaudern konnte, wurde es ihr einigermaßen erträglich. Heloisens Hochzeit, bald darauf Taufe bei Georg Baumgarten, der Bau der Walzwerke und Kesselschmiede brachten in das Einerlei des häuslichen Lebens manche Abwechselung, dazu kamen noch die politischen Verhältnisse, die sich immer mehr zu einem Kriege gegen England neigten. Napoleon hatte unter vielen Freundschaftsversicherungen gegen Amerika die Decrete von Berlin und Mailand aufgehoben und die Hoffnung durchblicken lassen, Amerika werde sich mit ihm »gegen den Tyrannen der Meere« verbinden. Amerikanischerseits hatte man infolge dessen die Beschränkungen gegen Frankreichs Handel aufgehoben; England weigerte sich, diesem Beispiele zu folgen, obgleich dies früher zugesagt war, es fuhr fort, amerikanische Bürger von amerikanischen Schiffen als Matrosen zu pressen, unter dem Vorwande, sie seien Unterthanen Sr. königlich großbritannischen Majestät, es fuhr fort, Schiffe mit Ladungen im Werthe von Millionen für gute Prisen zu erklären, ohne daß sie Kriegscontrebande geführt hätten. Als Karl Haus zum zwölften Congreß nach Washington reiste, drang er in seine Gattin, ihn zu begleiten, er hoffte, daß die gute Gesellschaft der Capitolsstadt ihr mehr Geschmack am amerikanischen Leben bringen solle. Heloise sollte sie begleiten, ihr Mann hatte so voll zu thun, daß er sie nur beim Diner sah, und ihr Vater sollte haushalten. Washington war zwar noch nicht zu der Stadt emporgeblüht, welche Bollmann vor zehn Jahren im prophetischen Geiste gesehen hatte, es hatte noch viel Dorfartiges und zählte kaum 20000 Einwohner. Das Sandterrain, das Karl auf Bollmann's Rath hatte kaufen sollen, lag noch immer so wüst, wie es zu jener Zeit gelegen hatte. Die prächtigen breiten Avenues waren ungepflastert, überall sah die unfertige Stadt heraus. Haus hatte in der Pennsylvania Avenue eine Villa gemiethet, welche in einem schönen Garten lag, der freilich auf beiden Seiten noch von wüsten Baustellen begrenzt, selbst aber mit Lauben und Grotten, Blumen und Gewächsen aller Zonen geschmückt war. Man wohnte hier in der That zum ersten mal nach dem Geschmacke Olga's, die Stadt war nach der Westseite geräuschlos, die Avenue sehr breit, die Einsamkeit und Stille vollständig. Der Park des Capitols lag unfern, auch der Park des Weißen Hauses mit seiner prächtigen Aussicht auf den Potomac war durch eine Nebenstraße schnell zu erreichen. Schon das war für Olga eine Wohlthat, fern von jedem Fabriklärm, Fabrikstaub und Kohlendunst zu sein, so oft es die Witterung erlaubte mit ihrem Justus Victor sich im Garten herumtummeln zu können. Auch war die Gesellschaft doch eine gänzlich andere und bessere im aristokratischen Sinne, als die in Pittsburg. Zwar fehlte viel von den Formen und Gebräuchen der Höfe und Hofleute, wie sie Olga in Hannover und Neapel kennen gelernt hatte. Jefferson war von dem Grundsatze ausgegangen, daß eine Republik der Ceremonien und Förmlichkeiten nicht bedürfe. Hatten Washington und Adams noch gewisse Empfangstage gehabt, an welchen allein Aufwartungen angenommen wurden, so hatte Jefferson diese ganz abgeschafft, er empfing jedermann zu jeder Tageszeit, wenn er nicht durch Geschäfte abgehalten war, und nur für das Drawing-Room im Weißen Hause, bei den Ministern und sonstigen Beamten gab es bestimmte Empfangsabende, zu denen Einladungen überhaupt nicht erfolgten, die aber doch nur von guter Gesellschaft besucht wurden. Der Präsident James Madison war acht Jahre Minister der auswärtigen Angelegenheiten gewesen, er hatte als Gesandter an den Höfen von Lissabon, Madrid, Paris, London viele Jahre gelebt, seine Frau war eine feingebildete Dame. Auch sämmtliche Damen in den verschiedenen Ministerhotels und andern höhern Beamtenwohnungen hatten alle Formen der englischen Aristokratie und alle Moden aus Paris sich angeeignet. Neuyorker Dandy-Beaus und Fashionables, wie sie vor dem letzten Kriege im Norden, Westen und Süden zu Dutzenden herumliefen, gab es damals noch nicht, die Männer, die jungen wie die alten, mußten sämmtlich arbeiten, die Respectabilitäten der Bundesstadt waren Staatsmänner, Staatsbeamte, Senatoren, Congreßmitglieder, und wenn auch unter den letztern zwei Drittel nach europäischen Begriffen nichts weniger als aristokratisch waren, so hatten doch alle Damen, auch die der rohesten Kongreßmitglieder, welche von ihren Gatten zu der Kongreßstadt mitgenommen waren, das Air des Fashionablen. Aber die Lowedes, die Cheves, Williams und Cathourn, die Abgeordneten Carolinas und viele andere Congreßmitglieder gehörten den stolzesten Aristokratenfamilien an, und trugen nicht nur den Schein. Olga lebte hier wieder auf, sie war zärtlich wie nie gegen die Sissy, wie sie die Schwester liebkosend nannte, respect- und liebevoll gegen den Repräsentanten von Pittsburg, weniger launisch gegen Florine, die Kammerjungfer, zuvorkommend gegen Joe, die schwarze Aufseherin über den Knaben. Daß die beiden deutschen Gräfinnen von den Mistresses und Misses, den Gemahlinnen des Präsidenten, der Minister, Generale, Senatoren, so oder anders betitelter Congreßmitglieder – denn betitelt waren sie alle – auf jede Weise hervorgezogen wurden, lag im amerikanischen Charakter, und je mehr altenglisches aristokratisches Blut die Damen selbst in den Adern zu haben glaubten, um so mehr steigerten sie ihre Artigkeit. Heloise sehnte sich zwar aus diesen Gesellschaften nach ihrem Gatten, sie war, seitdem sie in Oskar Baumgarten ihren Vater entdeckt hatte, gänzlich demokratisirt, und das Zusammensein mit dem Stiefbruder und den liebenswürdigen, anspruchslosen Kitzows hatte sie gegen die gesellschaftlichen Formen der vornehmen Welt, in denen sie erzogen war, vollkommen gleichgültig gemacht, dagegen ihren Blick für das rein Menschliche geschärft. Desto mehr gefiel sich aber Olga in diesen Kreisen, und dieselben hätten sie mit dem amerikanischen Leben versöhnen können, wäre nicht die republikanische Art der Congreßverhandlungen so ohne alle Formen, so wahrhaft waldursprünglich roh und brutal gewesen. Während sie das erste mal einer Congreßsitzung beiwohnte, wäre sie beinahe in Ohnmacht gefallen, als der Virginier John Randolph von Roanocke gegen die auf Krieg mit England dringende Partei losdonnerte, Napoleon den neuen Attila, die Gottesgeisel nannte und die Amerikaner abmahnte von dem Wege, die Genossen der Bestrebungen aller aufgehäuften Schandthaten und Diebereien dieses Räuberhauptmanns zu werden, und wie er insbesondere mit gleich derben Worten über den eingewanderten Deutschen, ihren Gatten, herfiel, der hier Krieg gegen die, deren Blut in echt amerikanischen Adern rinne, mit denen man Shakspeare, Newton, Chatham gemeinsam verehre, provocire. Das sei kein Patriotismus, der Mann wolle nur englische Nägel und Eisenfabrikate, welche die Engländer wohlfeiler und besser lieferten, als er selbst es könne, vom amerikanischen Markte zurückhalten. Das seien nur Leute fleckenvollen Rufes, Leute, die ihr Vermögen verloren, wenn sie überhaupt jemals solches gehabt, Leute abgehausten Geistes und Körpers, die Geschäfte, Verdienst, Anstellungen suchten, die jetzt nach Krieg schrien. Nur ein Wahnsinniger möge eine solche junge, schwache, vollkommen unvorbereitete Republik, der es an jedem Verbündeten fehle, zum Kriege mit dem mächtigen Mutterstaate treiben. Die Freiheit der Meere werde durch solchen Krieg nie erobert werden, die Sache sei nur die, daß die Gottesgeisel Napoleon auch die Meere unterjochen wolle, wie das bereits mit Europa geschehen sei. Und Randolph galt noch für einen der geistreichsten Redner des Congresses, bei andern überwog ein bloßes Schimpfen und Verdächtigen der Gegenpartei. Olga war nie wieder zu bewegen, einer Sitzung des Congresses beizuwohnen. Sie fing an, sich unheimlich in den Gesellschaften beim Präsidenten und den Ministern zu fühlen, in denen alle die Elemente vertreten waren, die sich im Congreß an die Köpfe fuhren, sodaß man fürchten mußte, es würde hier sogar von Worten zu Tätlichkeiten kommen. Karl Haus hatte am 3. Juni 1812 für die Kriegserklärung gestimmt, gegen welche merkwürdigerweise gerade die Deputirten jener Staaten stimmten, die das meiste Interesse hatten, daß der Handel Amerikas von den unwürdigen Fesseln der Meeresherrschaft Englands frei werde, die Neuengland-Staaten, und nur wenige Congreßmitglieder von der Partei der Föderalisten wagten, sich so offen für den Krieg auszusprechen, wie unser Freund es that. Selbst Josiah Quincy stimmte nur für Vermehrung der Marine im Interesse des Handels und der langen Seeküsten der Neuengland-Staaten. Der Krieg hatte mit Unglück begonnen, die Unfähigkeit General Hull's und seiner Nachfolger hatte es bald dahin gebracht, daß die Amerikaner, statt Canada im Fluge zu erobern, zurückgeworfen wurden und ihre eigenen Grenzen nicht mehr schützen konnten. Dazu kam nun noch, daß unter Führung des tapfern und umsichtigen Schaweih-Häuptlings Tecumthih eine allgemeine Erhebung der Indianer diesseit und jenseit des Mississippi gegen die »weißen Landräuber«, nicht ohne englische Aufhetzung und Beihülfe, losbrach, und die westlichen Gauen bis über den Ohio hinüber mörderischen Einfällen und Raubzügen ausgesetzt waren. Der Krieg erforderte Opfer und Anstrengungen, im Süden und Westen brachte man diese gern – kampfgeübte Hinterwäldler, kühne Jäger, Congreßmitglieder, Senatoren, Repräsentanten stellten sich als Landwehr unter das Commando des Generals William Henry Harrison aus Ohio, um die nordwestlichen Grenzen zu vertheidigen, während man in Neuyork, Neujersey, selbst in Philadelphia und Pittsburg gegen den Krieg eiferte. Niemand in Pittsburg war aber eifriger thätig in dieser Richtung als der Gatte Eleonorens, der Prediger Schmidt. Karl Haus hatte den Mann nie leiden mögen, und als derselbe jüngst zu ihm gekommen war, zur Erbauung einer neuen Kirche nicht eine freiwillige Gabe, sondern eine ziemlich hohe Summe zu fordern, wie sie ein so begüterter Mann nach der Meinung des Predigers leisten könne und zur Ehre Gottes leisten müsse, hatte ihn dieser mit einer geringen Gabe und einigen ernsten Worten entlassen. Seitdem hatte der Prediger einen bittern Haß gegen unsern Freund gefaßt, den er außerdem wegen seines Reichthums beneidete. Auch Eleonore fühlte sich gereizt, ohne Grund von Olga seit Heloisens Ankunft zurückgesetzt zu sein. Sie war bis dahin wöchentlich zweimal zu derselben geladen worden, um mit ihr und dem Gemahl einen Robber Whist oder Boston zu spielen, Olga liebte das Spiel. Seitdem aber Kitzow, Agnese und Georg Baumgarten in Karlhouse, so hatte man den Wohnsitz genannt, wohnten, war der Robber vollständig, Karl, Grant und Heloise sahen höchstens einige Zeit dem Spiele zu, eine weitere Person wäre störend gewesen. Bei Fêten fehlte bisher Eleonore nie, nur jüngst bei Gelegenheit eines Diners zur Nachfeier der Hochzeit Heloisens waren der Prediger und seine Gemahlin nicht eingeladen, weil auf den Wunsch Grant's ein englischer Prediger die Ceremonie verrichtet hatte. Das war zu viel für ein fromm-christliches Gemüth wie das Schmidts, Karl's Mockturtle soup, Aalpastete und Austern, Forellen und das Getränk dazu waren weit und breit berühmt, und der fromme Diener des göttlichen Worts war ein Mann von großem Verständniß für solche Dinge. Jetzt aber war die Zeit der Rache gekommen. Schmidt misbrauchte die Kanzel, um gegen den Krieg und gegen das Congreßmitglied für Pittsburg, das für den Krieg gestimmt hatte, zu predigen. Da hieß es: »Die Vorliebe eines Theils unserer Bevölkerung für die französischen Dämonen, der Haß gegen die Engländer, eine Nation, die mehr Religion und Tugend besitzt als irgendeine andere auf Erden, ist die größte Schmach für unser christliches Gemeindewesen. Diese Erscheinung, die unser Herz mit Sorge und Kummer erfüllt, erklärt sich aber einfach daher, daß das Volk leichtsinnig genug ist, Leute von zweifelhafter Herkunft, Gesinnungsgenossen der französischen Deisten, Menschen harten Herzens, verstockten Gemüths, verworfener Seele, Abenteurer voll Schlechtigkeit, die sich als treue Föderalisten in sein Vertrauen einzuschmeicheln wußten, zu ihren Vertretern im Congreß zu wählen. Ja, geliebte Brüder in Christo, es kann euch nicht wundernehmen, wenn der verfluchte Krieg gegen das christliche Mutterland zum Vortheile der französischen Papisten und Gottesleugner von Unglück zu Unglück und unsere glorreiche Nation an den Rand des Verderbens führt, wenn ein Verräther wie der frühere Herausgeber der föderalistischen ›Oeffentlichen Meinung‹ für Madison und seine Schandgenossen stimmt. Es ist die gerechte Strafe des Himmels, die uns trifft, und ich sage euch, es wird kein Heil kommen, bis das gloriose Volk der Vereinigten Staaten gleich einem gestärkten Riesen sich von seinem Schlafe erhebt, über die ganze Teufelsbrut herfällt und die ganze Rotte Korah dem Untergange preisgibt.« Und solche Predigten gingen dann in die öffentlichen Blätter über, wurden als Flugblätter verkauft. Die glühendsten Feinde des Kriegs veranstalteten ein Meeting, welches bestimmt war, in einer Resolution dem Director der pittsburger Kohlen- und Hüttenwerke ein Mistrauensvotum zu geben. Die Freunde desselben sagten ein Gegenmeeting an, um die Resolution zu fassen: daß der Krieg gegen England nothwendig sei und durch das Gefühl der Unabhängigkeit und Ehre bedingt werde. Beide Volksversammlungen sollten an einem Tage, und da es damals in Pittsburg öffentliche Locale, in welchen eine solche Versammlung Platz gehabt hätte, nicht gab, im Freien auf öffentlichen Plätzen gehalten werden. Die Freunde des pittsburger Repräsentanten waren lässig, sie bestanden aus der Mehrzahl der Gebildeten, die selbst sehen und urtheilen, und verließen sich auf die in ihren Kreisen über die öffentlichen Angelegenheiten dem Kriege günstige Meinung. Sie hatten ihre Versammlung auf einem Platze in der Stadt vor dem Hause des Alderman, eines bei der Hütte stark betheiligten Actionärs, berufen, und um eine Stunde früher als die Gegner die ihrige. Sie waren ihrer Sache so sicher, daß sie die einfachsten Maßnahmen unterlassen hatten. Zwar hatten ellenlange Plakate an allen Ecken Zweck und Zeit des Meetings angekündigt, allein man hatte nicht einmal eine Musikbande geworben, man hatte nicht daran gedacht, den in den Haus'schen Etablissements beschäftigten dreihundert Eisenarbeitern und andern hundert Zimmerleuten und Maurern, die bei dem Baue der Walzwerke Grant's beschäftigt waren, zwei Stunden Feierabend zu geben. Sie waren so sicher, daß es ein glorioses Meeting zu Ehren ihres Parteigenossen und zur Unterstützung der Kriegspartei abgeben werde, daß der Alderman die Damen des Congreßmitgliedes in sein Haus geladen hatte, um Zeugen zu sein, wie die frei-selbstherrschenden Republikaner sich selbst regierten. Olga hatte keine Neigung, dem öffentlichen Skandal, wie sie es nannte, zuzusehen, aber Heloise und Agnese drängten, und so fuhr man schon zwei Stunden vor Anfang der Gesellschaft zum Alderman, dessen Säle von den Damen der vornehmen Welt schon voll waren. Unfern des Hauses hatte man eine große Tribüne erbaut, welche mit rothem Tuche überzogen war, und auf der besondere Plätze für das aus zwölf Personen bestehende Comité, welches die Versammlung berufen, ein Tisch und Stühle vorhanden waren. Eine kleine Erhöhung nach vorn war für den Redner bestimmt. Ueber der Tribüne flatterte das Banner der Union, am Fuße derselben standen vier Trommler, die von Zeit zu Zeit ihre Kunst auf hirnerschütternde Weise vernehmen ließen. Der künftige Rathhaus und Marktplatz vor dem Hause war noch unbepflastert und, da es kurz vorher stark geregnet hatte, nicht sonderlich trocken, auch befanden sich an den acht Seiten desselben (es sollte ein Platz mit sechzehn Ecken und acht Straßen werden) verschiedene Kalkgruben, Sandberge, Lehmlöcher, da man an allen Ecken und Orten baute. Die Zeit zur Versammlung kam, aber es stellten sich auf dem ziemlich großen Platze nur einige hundert Menschen ein; man hatte auf Tausende gerechnet. Dagegen agitirte die englische Partei schlauer, sie hatte einen Platz nördlich der Stadt kurz oberhalb des Zusammenflusses der Alleghany mit dem Monongahela, wo Schiffswerften und Landungsplätze in der Nähe waren und sich alles müssige Volk herumzutreiben pflegte, etwa da, wo jetzt der große Central-Eisenbahnhof ist, auserwählt, drei Musikcorps geworben, die in den verschiedenen untern Stadttheilen beständig herumzogen, eine große Fahne voran, worauf die Worte standen: »Nieder mit der Rotte Korah, nieder mit dem Verräther Haus, nieder mit den Ausländern!« Seit mehrern Stunden hatte die Musik die Bewohner der Unterstadt in Aufruhr gebracht, und dort waren um die Schenken und Wirthshäuser zu der Zeit, als das Meeting beginnen sollte, schon ebenso viele Tausende versammelt als auf dem Rathhauplatze Hunderte. Brandy und Whisky flossen in Strömen, und die Tabackssauce ergoß sich aus dem Gedränge wie ein Platzregen. Und zwischen dieser zerlumpten Menge schlich Prediger Schmidt mit bald niedergeschlagenen, bald zum Himmel erhobenen Augen herum und hetzte den Mob zur Ehre Gottes gegen den Gottesleugner, Vaterlandsverräther und an Napoleon verkauften deutschen Glücksritter. Die Trommler vor der Tribüne des Kriegscomité konnten keine weitern Theilnehmer herbeiwirbeln, die Zeit zur Eröffnung des hohen Meeting war schon vorüber, die Comitémitglieder standen auf der Tribüne, nur eins derselben fehlte noch, Grant. Man hatte ihn vergeblich von Viertelstunde zu Viertelstunde erwartet, es war Zeit, anzufangen. Der Alderman, der auf dem Präsidentenstuhle saß, bestieg den für den Redner bestimmten Platz, zeigte den Zweck der Zusammenkunft an und bat die ruhmwürdige Versammlung freier amerikanischer Bürger, seinem Freunde, dem Congreßmitgliede für Pittsburg, freundliches Gehör zu schenken. Dieser bestieg nun die Stufe. Karl hatte eine klare, metallreiche, durchdringende Stimme, sprach er auch sein Englisch mit einiger deutschen Härte, so hatte ihn doch die Teilnahme an den Congreßverhandlungen mit den Lieblingsphrasen der Nordamerikaner bekannt gemacht, und als er von dem Ruhm unserer Väter zu sprechen begann, welche die glorreiche Union gegründet und das Sternenbanner über sie ausgebreitet hatten, wie der liebe Gott die Sterne am Himmel über die Erde, als es dann still in der Versammlung wurde, und er sich von achtsamern Zuhörern umgeben sah, als sie sonst üblich sind, fuhr er mit erhobener Stimme fort. Aber was war das? Waren Indianer über den Monongahela herübergekommen? Mit wildem Geheul, mit einer Musik dazwischen, die das Ohr eines Janitscharen zerrissen hätte, stürmten aus allen den vielen theils bebauten, theils unbebauten Straßen, die in den Platz mündeten, wüste Scharen herbei. Voran ging die Musik, dann zerlumpte Straßenjungen mit Handwagen, auf denen Fässer, Kisten und Körbe befindlich waren, hinterdrein die Haufen des edeln Pöbels. Das hochansehnliche Bürgermeeting sah sich bald von allen Seiten eingeschlossen, es drängte sich mehr und mehr um die Tribüne und zwischen diese und das Haus des Alderman zusammen. »Hurrah für England!« scholl es von allen Seiten, »Nieder mit den Franzosenfreunden! Nieder mit den Ausländern! Nieder mit den Deutschen.« »Hurrah für Madison! Hurrah für Monroe! Hurrah für Pinckney!« rief das Comité von der Tribüne, und ein Theil des Meetings stimmte ein, ein anderer drängte sich zwischen die Tribüne und die Aldermanswohnung. In demselben Augenblicke sah man aber auch, was der Inhalt der Fässer, Körbe, Kisten war, die auf den Handwagen herbeigeschafft wurden; Hunderte fauler Orangen und Citronen flogen auf einmal auf das Comité, das in Zeit einer halben Minute von seiner Tribüne förmlich herabbombardirt war. Der Alderman hatte ein faules Gewächs ins Auge geworfen bekommen, sodaß er nichts mehr sah, kein Comitémitglied war ohne Bewurf davongekommen. Aber nicht nur dies, eine Menge Orangen waren auch gegen die mit einigen funfzig wohlfrisirten Köpfen besetzten Fenster geworfen und die Köpfe waren verschwunden, die Fenster zersplittert. Indeß es sollte noch schlimmer kommen. Kaum war die Tribüne von dem Kriegscomité gesäubert, als ein wildaussehender riesiger Gesell, eine weiße Fahne in der Hand schwingend, auf die Tribüne stieg und mit Donnerstimme schrie: »Friedensmeeting! Präsident auf die Tribüne!« »Ein Präsident! Ein Präsident!« brüllten Hunderte nach. »Wählt Master Schmidt!« schrie man aus der Menge, und kurz darauf hob ein halbes Dutzend kräftiger Fäuste den Mann des Friedens auf die Tribüne. Schmidt war sehr blaß, dieser Ausgang hatte ihn überrascht, er zitterte am ganzen Körper und wußte kein Wort herauszubringen. Das wurde ihm auch erspart, denn in diesem Augenblicke kamen Dutzende zerlumpter Iren mit Schubkarren herbei. Um die nächsten Ereignisse zu verstehen, müssen wir einen Rückblick machen. Bollmann's Project einer Dampfmühle war durch den Umstand veranlaßt, daß er unfern der Stadt ein reiches Lager von Kohlen entdeckt hatte, welches nur wenige Fuß unter der Erde lag. Er hatte das Terrain für wenig Geld erworben, um auf einem rings von Kohlen umgebenen Raume seine Dampfmühle zu bauen. Das war der ursprüngliche Kern seiner neuen Gesellschaft, der sich nach seiner weitgreifenden Weise dann in die großartigen Plane erstreckte, von denen wir oben gesprochen. Bollmann hatte von Anfang an vorhergesagt, daß sich auch auf dem Gebiete, das er für seinen Freund erworben, Kohlen finden müßten. Bisher hatte man nicht darauf geachtet, da man der Holzkohlen genug hatte, aber schon als das Gebläsewerk eingerichtet wurde, und noch mehr jetzt, da Grant zwölf neue Puddelöfen gebaut hatte, war Steinkohle ein Bedürfniß geworden, auch war man so glücklich gewesen, ein reiches Kohlenbecken mit Anthracitkohle im eigenen Gebiete zu entdecken; allein die Kohlen wollten nicht brennen. Der Ingenieur hatte verschiedene Versuche gemacht, er hatte an den Rosten, an der Construction der Schornsteine ändern lassen, die Kohle ließ sich nicht in Brand bringen. Am Tage des Meetings war ihm der erste Versuch mit einem neuen Puddelofen gelungen, die Kohle brannte über alle maßen prächtig. Dieses Ereigniß war ihm wichtiger als das Meeting, und er war zu Bollmann geeilt, um ihm dasselbe mitzutheilen, und hatte Heloisen gesagt, er würde sie von Aldermanhouse abholen. Bollmann war schon zum Meeting, Grant's Weg zu diesem führte durch einen Theil der untern Stadt, wo das ungeheuere Getreibe der Gegenpartei seine Aufmerksamkeit fesselte. Grant hatte in England vielen Meetings beigewohnt, allein das amerikanische Treiben bei solcher Gelegenheit war ihm unbekannt. So viel aber wußte er, daß in Pittsburg weder Constabler oder etwas der Polizei Aehnliches, noch Miliz vorhanden war, welche den Roheiten des Mob Schranken setzen könnte. Als er an den Platz kam, auf dessen anderer Seite das Meeting abgehalten werden sollte, sah er vor einem großen Lehmhaufen, der zum Neubau eines Hauses gebraucht werden sollte, ein halbes Dutzend Iren und ein Dutzend Straßenjungen stehen, welche den Lehm mit Sand vermischten und Kugeln wie Schneebälle daraus machten, um solche in die zum Bau gebrauchten Karren zu schichten, nachdem sie, wie Klöße in Mehl, in trockenem Sande herumgerollt waren. »Nun, Boys«, redete Grant die Iren an und warf ihnen ein Silberstück zu, »wollt ihr Klöße kochen, dann müßt ihr wol auch einen Trunk dazu haben?« Die Iren sagten grinsend ihren Dank, ein recht Versoffener unter ihnen aber nahm einen der Lehmklöße und machte, gegen das Haus des Alderman zeigend, die Pantomime des Werfens. Jetzt ging Grant ein Licht auf und er übersah sofort die Gefahr, in welcher seine Frau, Schwägerin, Schwager und alle die Freunde schwebten. Er schlug rechts den nächsten Weg zu der Hütte ein, um Hülfe zu schaffen, mehr laufend als gehend. Die Iren mit ihren Schubkarren voll Lehmklöße waren es, die in dem Augenblicke, da Schmidt reden sollte, mit Hurrah empfangen wurden: ein zweites Hurrah und funfzig Lehmklöße waren durch die Scheiben der Fenster in die Wohnräume eingedrungen, waren klatschig auf Tischen, Stühlen, Sofas niedergefallen, hatten Spiegel und Uhren, Kaffeetöpfe und Tassen, Kupferstiche und Gemälde zertrümmert und beschmuzt, die feinen Toiletten der Damen, die sich schon in den Hintergrund der Stube gedrängt hatten, besudelt, Verwüstungen aller Art angerichtet. Auch Steine waren in die Zimmer geflogen, und man konnte in denselben ohne Gefahr nicht mehr weilen. Die Verwirrung und Angst, das Geschrei der Frauen und Misses war arg, die einen rannten heulend und schreiend die Treppen hinauf, sich auf den Böden zu verstecken, die andern die Treppen hinunter, um im Keller, im Garten, in den Hintergebäuden Schutz zu suchen; dazu kam die Dienerschaft, Schwarze und Weiße, verwirrt, kopflos durcheinanderrennend, nach diesen und jenen schreiend. Cato, der eine Art Portieramt bekleidete, hatte das Haus verriegelt, sodaß draußen der Hausherr und seine Freunde vergeblich pochten und Einlaß begehrten, denn Cato war in den entferntesten Winkel des Kellers gekrochen. Nur eine Dame war muthig im Zimmer geblieben, Heloise. Sie hatte sich in eine Ecke gestellt, aus der sie nach der Frontseite der Fenster sehen konnte und zugleich nach der Gartenseite und dem Hüttenetablissement, das in der Entfernung einer Viertelstunde auf einer Anhöhe lag. Heloise war um ihren Mann besorgt, den sie auf der Tribüne und unter den Comitémitgliedern schon vermißt hatte, sie fürchtete, daß derselbe von der immer wüthender tobenden Rotte allein umringt und gemishandelt werden könne. Sie sah, wie sich unten immer mehr der Kampf entwickelte. Die Kriegspartei, Honoratioren, ehrsame Bürger, Kauf- und Handelsleute, waren im Anfange, durch den unvermutheten Ueberfall verblüfft, zurückgewichen. Aber ein Amerikaner läßt sich niemals geduldig prügeln. Die Wohnung des Alderman hatte ihren Eingang von der Seite; sie war von dem Nebenhause durch einen Gang und Garten dahinter getrennt. In diesen Gang hatte sich die unbewaffnete Menge nach und nach zurückgezogen, aber nicht in feiger Flucht, sondern nach allerlei Geräth als Waffen suchend und, nach Vorgang des Präsidenten und des Comité, diese jetzt aus den Gärten nehmend, wo und wie sie solche fanden. Vor dem Wohngebäude, dem Gange und Nebenhause waren wol zwanzig Stück Wagen der verschiedensten Art aufgefahren, welche die Damen hergebracht hatten und dieselben wieder nach Hause fahren sollten. Die Pferde waren in den Stallungen der Hintergebäude des Alderman und seines befreundeten Nachbars untergebracht. Als die Menge sich nun in den Gang zurückgezogen hatte, fingen einige an, die Wagen zu einer Barrikade vor dem Gange zusammenzuschieben. Es hatte dies unvermerkt geschehen können, weil vor dem Hause ein neues Schauspiel den Mob mit Wonne erfüllte und ihn von seinem eigentlichen Zwecke auf kurze Zeit abführte. Der lange Kerl mit der Friedensfahne, der zuerst die Tribüne erobert hatte, war ein Concurrent der Iren beim Lasttragen an der Werft, ein Nebenbuhler in den Whiskyhäusern, ein Mann, der mit den Iren schon mancherlei Streit gehabt hatte. Dieser Lange hatte den sehr ehrwürdigen Schmidt jetzt bei dem Rockkragen gefaßt, um ihn auf den Rednertritt heraufzuziehen. Schmidt, welcher fühlte, daß hier sein Ort nicht sei, und vor den Folgen der Dinge, die er selbst eingeleitet, zu erschrecken anfing, spielte eine klägliche Figur, indem er sich den Fäusten des Langen zu entziehen suchte. Der rothnäsige Ire sagte, als er sich bückte, um in jede Hand einen neuen Lehmkloß zu nehmen, zu seinem Genossen, der das Gleiche that: »Dick, den Langen.« – »Nein, den protestantischen Pastor«, erwiderte dieser, und in demselben Augenblicke hatte Schmidt einen der Lehmklöße, und zwar einen zarten und weichbreiigen, im geöffneten Munde, und der Lange einen solchen auf der Stirn sitzen, der ihm zugleich den schäbigen Hut vom Kopfe warf. Während der Lange den Pastor fahren ließ und sich an den Kopf griff, suchte der Pastor mit der Hand den Mund zu reinigen, hustete und pustete. Die Menge hatte kaum Hurrah gebrüllt, als beide, die mit den Händen nach dem Gesichte gefahren waren, schon mit dem zweiten Kloße bedacht wurden, welcher die weiße Halskrause des Predigers mit ihrem gelben Schmuz überzog, den Langen am Kinn traf. Das Ding machte dem Mob Spaß, und kaum hatten die Straßenbuben, welche beim »Schneeballen«, wie sie es nannten, die eifrigsten waren, das gesehen, als sie sämmtlich den Prediger und den Langen einzuseifen begannen, und da die Lehmklöße zu Ende waren, Straßenkoth zu Hülfe nahmen, während die Menge schrie: »Seift sie ein! Salbt sie!« Der Pastor retirirte, arg zugerichtet, unter die Tribüne, der Lange schrie, wie wenn er am Spieße steckte, zwischen den Wagen hindurch. Da drängte sich eine bewaffnete Schar Kriegsmeetingsmänner heran und versuchte den Platz vor und unter der Tribüne von den Eindringlingen zu säubern. Es kam zu einem hitzigen Kampfe, in welchem die schwächere Kriegspartei unzweifelhaft unterlegen wäre, wenn nicht im rechten Augenblicke Grant gekommen wäre, zweihundert Feuerarbeiter, mit eisernen Stangen, zum Theil noch heiß, mit Knitteln und andern Instrumenten bewaffnet, und gegen hundert Zimmerleute, Maurer, Tischler hinter sich. Jetzt nahm die Friedenspartei die Flucht. Schmidt wurde später unter der Tribüne hervorgezogen, von der jubelnden Menge unter eine Pumpe gebracht und hier von Lehm und Koth gereinigt. Diese Scene hatte in Olga einen ungeheuern Widerwillen gegen amerikanisches Leben und amerikanische Selbstregierung erzeugt, sie fühlte sich unheimlich und unglücklich in Amerika, sie ging ihren Gemahl mit Bitten und Thränen an, dieses Land, mindestens Pittsburg zu verlassen, und erwirkte, daß Karl, den der Congreß im December wieder nach Washington rief, dort seinen bleibenden Wohnsitz nahm und die Directorialgeschäfte des Hüttenwerks niederlegte. Noch in anderer Beziehung war die Sache von Einfluß auf das Schicksal unserer Freunde. Die Besiegten flohen nach der Unterstadt, wo sie sich auf dem ursprünglich zu dem eigenen Meeting bestimmten Platze noch einmal zu versammeln versuchten. Aber es fehlte der rechte Geist, es fehlten die rechten Treiber, es fehlte ein großer Theil des an der Spitze stehenden Comité, dagegen hatten neue noch mehr unsaubere Elemente eine Art Führerschaft gewonnen. Genug, es wurde der Vorschlag gemacht, nach dem neuen Dampfmühlenetablissement von Bollmann zu ziehen, das dem Publikum jedenfalls schaden, das ihnen Sand statt Mehl liefern werde. So schwer es nun auch zu begreifen sein mag, wie man so offenbaren Unsinn der Menge plausibel zu machen wußte, es geschah; der Mob zog zu den Dampfmühlen und verwüstete die eben aufgestellten Maschinen. Bollmann verlor dadurch einen großen Theil seines Vermögens, was aber ebenso schlimm war, er verlor die Lust an diesem Unternehmen, und da der Tod seiner Frau infolge einer acuten Krankheit gleichzeitig eintrat, so vertraute er seine beiden Kinder, Mädchen von fünf und sieben Jahren, seinem Freunde an, um in Amerika Agenturen aller Art für Europa zu suchen. Mit politischem Scharfblick begabt, hatte er schon vor dem Winter 1811 vorhergesagt, daß der Anfang vom Ende der Napoleonischen Herrschaft gekommen sei. Den Krieg mit England fürchtete er gleichfalls nicht, der werde bald beendet sein, denn er hielt die Amerikaner für unfähig, sich längere Zeit gegen die Uebermacht des Mutterlandes zu stemmen, und er hielt namentlich die von der republikanischen Partei absichtlich zurückgehaltene Entwickelung der Marine für so unheilvoll, daß er den Verlust der ganzen Marine vorhersagte, wenn sie sich aus den amerikanischen Häfen überall herauswage. Hierin nun hatte sich Bollmann gründlich geirrt, und während sich namentlich bei der Nordarmee ein Führer so untüchtig zeigte wie der andere, und bis Mitte des Jahres 1813 es den Anschein hatte, als wenn man in Washington Unbedeutendheit und Unfähigkeit, Schwäche und Alter als erste Bedingung für einen General betrachte, weil man Größe und Energie der nächsten Wahl wegen fürchtete, bewährten sich die Seeleute als bessere Segler und bessere Schützen als die Engländer. Die Constitution nahm die englische Fregatte Guerriere, bald darauf einen mächtig gerüsteten Ostindienfahrer Java, unser Freund Stephan Decatur, jetzt Commandant der Fregatte United Staates, enterte und nahm die Fregatte Macedonien von 49 Kanonen. Karl Haus war eben nach Washington übergesiedelt, als die Nachricht von dem Siege bei Leipzig dort eintraf und fast gleichzeitig durch Bollmann aus Hoya Privatnachricht über den Brand des Schlosses in Heustedt und den Tod der Mutter seiner Frau, die dieser verheimlicht werden mußte, da sie gleichzeitig eine Tochter geboren hatte. Einige Wochen waren vergangen; Olga empfing schon wieder Besuche, da brachte ein Blatt aus Philadelphia eine detaillirte Erzählung der Ereignisse, die sich Mitte October in Heustedt zugetragen hatten und auf die wir in einem spätern Kapitel ausführlich zurückkommen, mit Notizen über das Privatleben der Gräfin Melusine, Anspielungen auf Olga und Heloise, die kaum eine andere Quelle haben konnten als Eleonore, denn nur diese konnte einen so genauen Einblick in die Verhältnisse der Familien haben. So war es. Pastor Schmidt hatte es vorgezogen, sich nach seiner Niederlage bei dem Meeting aus Pittsburg nach Philadelphia zurückzuziehen, war dort im Lager der Demokraten günstig aufgenommen, hatte die Bekanntschaft der Virginierin Kleopatra gemacht und mit dieser zusammen Racheplane gegen Karl Haus und seine Gemahlin geschmiedet. Ein Brief aus Hoya an Friedrich Bollmann, welcher die Erstürmung des neuen Schlosses in Heustedt und den Tod der Gräfin im chinesischen Pavillon ausführlich erzählte, war in Gegenwart Eleonores, von der man wußte, daß sie längere Jahre dort gelebt, vorgelesen, und diese knüpfte daran unvorsichtige Mitteilungen über das, was sie von dem Leben der Mutter Olga's wußte und nicht wußte, über die Scheinheirath derselben mit dem Grafen Schlottheim, das Wiederzusammentreffen mit ihrem Geliebten in Bajä und Neapel. Ehrwürden Schmidt benutzte Brief und Erzählung, um daraus einen Artikel in amerikanischem Stil gegen die beiden Gräfinnen in Pittsburg, so war der Artikel überschrieben, zurechtzumachen. Der Artikel fiel Olga in die Hände und verwundete ihren innern Stolz auf das tiefste; sie drang mit aller Entschiedenheit auf Rückkehr nach Europa und fand bei Karl nur schwachen Widerstand. Die Ordnung des mütterlichen Nachlasses hätte doch verlangt, daß Karl mit ihrer Vollmacht hinübergereist wäre. Allein der englisch-amerikanische Krieg stand einer Abreise nach Europa im Wege. Der Sturz Napoleon's und seine Verbannung nach Elba befähigte England, über seine Schiffe und Truppen frei zu verfügen und den Krieg mit verstärkte Kräften zu führen. Da eine große Menge neuer Projekte auch Bollmann zu einer Reise nach England und Deutschland drängte, so beschloß man, sich dazu der einzigen Möglichkeit zu bedienen, nämlich mit englischen Schiffen zu fahren. Die Engländer erklärten, sie führten nur Krieg gegen die washingtoner Regierung und ihre Genossen, nicht gegen das amerikanische Volk. So gelang es Bollmann, eine Schiffsgelegenheit zu finden. Die Gatten versahen Grant mit umfassenden Vollmachten zur Verwaltung der Dinge in Pittsburg, während Heloise Karl Haus zur Ordnung der Erbschaftsverhältnisse in Heustedt ermächtigte. Es war beschlossen, die heustedter Besitzungen sollten verkauft werden, dann wollten die Schwäger und Schwestern sich wegen der amerikanischen und europäischen Besitzungen ausgleichen. Heloise war ganz zur Republikanerin geworden. Sie wollte nie nach Europa zurückkehren. Olga hatte Sehnsucht nach dem monarchischen Europa. Während Bollmann mit seinen beiden Töchtern und Karl Haus mit seiner Familie und einiger schwarzen Dienerschaft nach Osten fuhren, zog Admiral Cochrane den Patuxet und Potomac hinauf nach Westen, nahm die Föderalstadt ein, zerstörte alle öffentlichen Gebäude, namentlich das Capitol und die beiden Häuser für Senat und Congreß, das Zeughaus, die Schiffswerften, das Finanz- und Kriegsministerium, den Palast des Präsidenten, die Seilerbahn und die große Brücke über den Potomac, es schien, als nahe das Ende der nordamerikanischen Republik. Fünftes Buch. Die alte und die neue Generation. Erstes Kapitel. Hassan und sein Paradies in Zuwan. Der Fortgang unserer Erzählung führt uns auf einen andern Schauplatz, welcher uns von den zuletzt geschilderten Begebenheiten sehr verschiedene Zustände vor Augen stellt. Wir kehren zu einem Bekannten zurück, dessen schon berichtete Schicksale abenteuerlich genug erscheinen mögen, aber durch das, was wir in diesem Kapitel mitzutheilen haben, noch übertroffen werden. Wir haben den als Beschützer Olga's in Neapel zurückgelassenen Maler Hellung verlassen, als er mit vier amerikanischen Matrosen, nachdem der Korsar das Schiff Decatur's geentert und erobert hatte, von seinen Leidensgefährten getrennt und auf das Kaperschiff selbst gebracht wurde, wo man sie anfangs in einen der untern Schiffsräume einsperrte, nachdem man ihnen Waffen, Messer, Geld und Schmuck abgenommen hatte. Ein großer goldener Ring mit einem geschnittenen Steine antiker Arbeit, ein Geschenk des Lords Harrington für das gelungene Bild des Adlerschusses auf Capri, war ihm vom Finger gerissen, dagegen war es ihm gelungen, den Verlobungsring anfangs im Ohre zu verbergen, dann anderweit zu sichern. Die fünf Gefangenen waren etwa anderthalb Tage unter Deck gewesen, als man sie gegen Abend in ein großes Boot setzte, das der Küste zuruderte. Man sah dort bald eine größere Stadt terrassenförmig aus dem Meere steigen, und einer der Matrosen behauptete, daß das Tunis sei. Der Seeräuber wie der gekaperte Amerikaner hatten im Golf von Tunis Anker geworfen, ohne sich der Stadt zu nähern. Das Boot mit den Gefangenen fuhr direct in den Hafen ein. Es dunkelte schon, als man landete. Tunis ist eine häßliche Stadt mit engen ungepflasterten Straßen, in deren Mitte aller Schmuz sich sammelt, bis er bei einem Regengusse durch die in der Mitte befindliche Rinne dem Meere zugeführt wird. Die Geraubten wurden in einem schmuzigen, elenden Hause in dem untern Stadttheile untergebracht, mit etwas Schafmilch und getrocknetem Schaffleische nothdürftig erquickt und ihnen ein Lager auf alten zerrissenen und schmuzigen Teppichen, in denen eine Unzahl von Ungeziefer hauste, angewiesen. Das Raubschiff, welches den Amerikaner genommen hatte, war ein tripolitanischer Regierungsraper, und die Prise Eigenthum des Dei Jussuf Karamanli; allein der Kapitän des Schiffes suchte einen Theil der Beute für sich zu retten, Hellung und seine Gefährten wurden daher nach Tunis gebracht und dort an einen Sklavenhändler verhandelt, der seine Waare unter der Hand losschlug, ohne sie auf den Sklavenmarkt zu bringen. Nach einer schlaflosen Nacht – drei der schrecklichsten Uebel in der Welt peinigten die unglücklichen Gefangenen bis aufs Blut: Mosquitos, Flöhe und Durst – wurde unser Freund von den Matrosen getrennt und einer Beduinenhorde, die in das Innere zog, zum Weitertransport übergeben. Er war also im voraus bestellte Waare. Ihm wurde Platz angewiesen auf einer zweiräderigen von zwei Maulthieren gezogenen Carrete, auf der schon einige Weiber, in schmuzige Burnusse gehüllt, und halbnackte Kinder Platz genommen hatten. Der Zug, halb Fußgänger, halb Reiter zu Roß wie auf Maulthieren, dem eine Heerde Schafe und einige magere Kühe vorangetrieben wurden, setzte sich kurz nach Aufgang der Sonne in Bewegung, nachdem man den Gefangenen wenigstens das begehrte Trink- und Waschwasser wie auch eine Schale Schafmilch gebracht hatte. An dem unabsehbaren Kirchhofe, der hinter der Stadt beginnt, längs schroffen, oben mit einer Art von Festungswerken versehenen Felsen, auf der andern Seite den Salzsee neben sich, zog man einer jetzt noch vom schönsten Grün bekleideten Ebene zu. An den Felsen qualmten eine Menge Kalköfen ihren schmuzigen, schwarzen Dampf der Karavane ins Angesicht. Man kam an einzelnen alten Schlössern vorüber, deren Umgebung unsern Freund an die Villen von Sorrent erinnerte; da sah er wieder in die Blüten schießende Oleander, Boskets von Granaten, Feigenbäume von seltener Größe, Kastanien- und Nußbäume, blaßgraue Oelbäume, umzogen und durchwebt mit vielfarbigen Winden, blühendem Roth- und Weißdorn. Die Luft war heiß, aber balsamisch, die Weiden prangten im duftigsten Grün, um nach wenigen Monaten, wenn die Sommersonne darauf geschienen, in schmuziggrauen Staub verwandelt zu sein. Man zog ungeheuere Aquäducte oft achtzig Fuß hoch und höher entlang einem Berglande zu, von dem die Karthager ihrer Stadt auf diesen zerfallenen Riesenwerken einst das Wasser zugeleitet hatten. Gegen Mittag erreichte man einen Hügel, auf dem, soweit das Auge reichte, Ruinen von Tempeln, Palästen, Häusern zerstreut lagen. Hatte hier vielleicht das alte Utica gestanden? In den großen jetzt trockenen Cisternen dieser Stadtruine – es lagen deren sechs von hundert Fuß Länge, zwanzig Fuß Breite, dreißig Fuß Höhe, miteinander durch ungeheuere Bogen verbunden, in einer Reihe – machte die Karavane halt, um bis zum Abend Siesta zu halten. In diesen alten Wasserbecken schien jetzt eine Art Viehmarkt zu sein, wenigstens lagerten oder hockten vielmehr auf ihren Fersen hier schon verschiedene Beduinenstämme mit Hunderten von Stücken verschiedenen Viehes, Kamele, Pferde, Kühe, Schafe, Ziegen. Die pittoresken Gruppen der Beduinen in diesen Räumen würden zu jeder Zeit die Aufmerksamkeit des Malers erregt haben, allein heute war der Künstler in ihm von Hunger, Durst und der schlaflosen Nacht, von den Stößen des Fuhrwerks, den Fliegen und Mosquitos des Tages so matt und müde, daß er, nachdem er einen neubelebenden Trunk gethan und einige Streifen zähen Lammfleisches mit Gerstenbrei hinuntergewürgt hatte, in den schönen kühlen Räumen auf bloßer Erde einschlief, trotz des ringsum blökenden Viehes. Die Beduinenhorde, die unsern Freund an den Ort seiner künftigen Bestimmung transportiren sollte, hatte schon am Abend wieder aufbrechen wollen, aber eine von den Kühen hatte die Welt nachmittags durch ein Kalb vermehrt, und der Karavanenführer beschloß, bis zum Sonnenaufgang zu bleiben, um die Kuhmutter zu schonen. Als man aber am Morgen aufbrach, mußte dennoch die Kuhmutter und das Kalb unter der Hut eines häßlichen alten Weibes und eines schmuzigen Knaben als Hüter zurückgelassen werden, was dem unglücklichen Gefangenen wenigstens einen etwas bequemern Sitz auf der Carrete verschaffte. Beim Licht der Sterne (die Sonne war noch nicht aufgegangen) sah dieser vor sich eine von gezackten Bergen eingeschlossene Ebene, ohne einen einzigen Baum. Im Hintergrunde erhob sich ein hoher Berg, der den deutschen Künstler lebhaft an seinen Liebling, den alten Watzmann, erinnerte, nur daß hier der Vordergrund und die Nebenpartien, der marmorne Untersberg mit seinen grünen Thälern zur Rechten und dem kleinen und großen Göll zur Linken fehlten. Ein dämmernder, flimmernder Dunst war über die Gegend verbreitet und die Hitze trotz des frühen Morgens schon erdrückend. Myriaden von Fliegen umschwärmten die Karavane. Bald zog man aber bergan, die Lust wurde reiner und kühler, die. ganze Gegend nahm einen ansprechendern Charakter an. Unser Freund glaubte sich nach Italien versetzt. Der Berg fing an sich mit Gesträuch, Immergrün, Myrte, Rosmarin zu bedecken, Bäche strömten hier und da herab, an denen Oleander in Unzahl wucherten und dunkelrothe Blumen, Knospen und Blüten trieben. Endlich kam die Karavane auch in die Region der Bäume und mußte in einem vielfach gewundenen Bergthale über eine Stunde in die Höhe steigen. Je höher hinaus, desto mehr heimelte es den unfreiwillig Reisenden an, es schien ihm, als steige er die Bergeshöhen über Salerno empor; hohe Silberpappeln, Nußbäume, Rüster, Kastanien, Dornbüsche, alle umwoben von blühenden Winden, schmückten die Straße. Ein Bergstrom mit klarem, grünem Wasser stürzte sich mit tobender Schnelle an der rechten Seite derselben der Ebene zu. Blühende Winden verschlangen sich über der Straße zu Kränzen und vermählten die Bäume diesseits und jenseits; von Zeit zu Zeit sah man im Hintergrund das blaue Haupt eines Berges, in dessen Schluchten noch der weiße Schnee glänzte. Als sich der Wald mehr lichtete, nahmen saftige Orangen, Palmen mit ihren schwankenden Fächerkronen die Stelle der Rüster und Kastanien ein. Links vom Wege in einer Hochebene lag eine Stadt, an deren altrömischem Thore ein Widderkopf andeutete, daß man hier in der Vorzeit den Jupiter Ammon verehrt habe. Hier hieß ein Beduine, auf einem Maulthiere reitend, den in Anschauung der Umgebung versunkenen Künstler von der Carrete steigen und deutete ihm an, rechts voranzugehen, während die Karavane links um die Stadt zog. Dieser schloß richtig, daß er seinem künftigen Bestimmungsorte nahe sein müsse, und freute sich, daß dieser in eine Gegend fiel, in der man die Gärten der Hesperiden, die verloren gegangenen, suchen dürfte. Der Weg führte um einen Kirchhof herum, der stufenartig an einem Hügel, der sich an die Stadt lehnte, emporstieg und mit Tausenden von steinernen Turbanen geschmückt war. Hinter der Stadt ging es wieder bergan, große Heerden schwarzer Ziegen kletterten an den kahlen Kalkfelsen umher und naschten an der kärglichen Grasnarbe oder den spärlich zerstreuten Rothdornsträuchen und Bäumen. Immer reichlicher strömten Quellen von den Bergen, und der Naturfreund, welcher unter solchen Eindrücken sein eigenes Los vergaß, ahnte, daß er zu jenen mächtigen Quellen hinaufsteige, die Karthago einst mit Wasser versahen. Ein Thal, das, in großer Kluft in den Riesenberg einschneidend, sich durch einen Hain bemerklich machte, der nicht lieblicher zu denken war, that sich vor Hellung auf. Mandelbäume, dunkle Oliven, Kirschbäume mit reifen kostbaren Früchten ragten aus einem Unterholze von blühendem Jasmin, Geißblatt, Oleander, Granatbäumen, welche die Luft mit süßem, fast betäubendem Duft erfüllten. Silberpappeln und saftige Maulbeerbäume wechselten mit Cypressen von der Höhe italienischer Pappeln. Ueppige Winden und andere Schlingpflanzen kletterten an den Baumstämmen hinauf und schaukelten ihre Blumenkelche behaglich mit den Laubwipfeln. Unserm Maler kam bei diesem Anblick der Gedanke, daß es einen schönern Vordergrund zu dem Bilde eines Paradieses nicht geben könne, und war in seiner Phantasie im Begriff, dieses Gemälde scenisch zu ordnen und mit Adam und Eva wie mit dem dazu nöthigen Gethier zu bevölkern, als ihn sein Begleiter aufforderte, zu weilen und von den Kirschen und Orangen nach Belieben zu essen, wie er selbst that. Bis dahin hatte er sich nicht weiter erquickt, als indem er mit der hohlen Hand dann und wann aus einem der Felsbäche kühles kostbares Wasser schlürfte. Die saftreichen Früchte mundeten ihm jetzt wie in seiner Knabenzeit. Als es wieder weiter ging, zeigten sich die mächtigen Ruinen eines Tempels, der über der größten der heiligen Quellen erbaut gewesen. Bisher war man in einem Naturparke gewesen, jetzt verließ der Beduine sein Maulthier, band dieses an einen Baum und stieg mit dem Gefangenen in einem terrassenförmig angelegten, durch Menschenkunst geschaffenen Garten zu einem Landhause empor, das an einem Felsen lehnte und von zwei hohen Palmen beschattet war. Solch ein afrikanisches Haus hat nichts Malerisches oder Anziehendes, es will Bedürfnisse befriedigen, die uns fremd sind, es will vor Licht und Sonne schützen, Kühle gewähren. Der Mittelpunkt eines solchen Hauses ist der innere Hof mit einer Fontaine und das platte Dach für den Abend und die Nacht. In einiger Entfernung von dem Haupthause waren noch sechs bis acht kleinere Wohnungen, in welchen Sklaven und deren Aufseher wohnten. Hierher wurde unser Freund von dem Beduinen geführt und einem Aga übergeben. Man brachte ihm maurische Kleidung, hieß ihn durch Zeichen, sich zu waschen und zu säubern und die neue Kleidung anzulegen, und führte ihn, nachdem dies geschehen war, vor seinen neuen Herrn. Dieser war ein alter ehrwürdiger Mann mit langem grauem Barte; umgeben von einem halben Dutzend dichtverschleierter Frauen, hockte er im ersten Hofe seines Hauses auf einer Ottomane und sah aus einer langen Pfeife rauchend dem Spiele der springenden und plätschernden Wasser zu. Er blickte den Ankömmling lange und scharf an, richtete in arabischer Sprache einige Fragen an den Aga und gab diesem einen Befehl. Der neue Sklave wurde darauf nach einem andern Theile der Besitzung, wo sich gleichfalls noch einige Häuser fanden, geführt und hier einem alten grämlich aussehenden Manne übergeben, der eine Art Obergärtner zu sein schien und einem Dutzend Schwarzer Befehle gab, Gartenwege zu reinigen, Blumenbeete zu begießen, die Cisternen, deren jede Terrasse mehrere hatte, zu reinigen. Der diese Arbeiten Beaufsichtigende befahl dem Sklaven durch Zeichen, Aprikosen zu pflücken und in einem Korbe zu sammeln, wahrscheinlich für den Herrn. Dieser benahm sich aber bei Verrichtung des ihm aufgetragenen Geschäfts höchst ungeschickt. Der Gedanke, daß er Sklave sei, daß er aufgehört habe, seinen eigenen Willen zu haben, daß er nunmehr von der Gnade eines alten grämlichen Obergärtners abhänge und möglicherweise die Peitsche fühlen werde, wenn er nicht gehorsame, machte ihn ganz verwirrt. Eine Leiter gab es nicht, er ward bedeutet, auf dem Rücken eines Schwarzen in den Baum zu steigen. Er that das mit Ungestüm, indem er seinen Fuß mit solcher Mächtigkeit auf des Nubiers Hals setzte, daß dieser laut aufstöhnte. Es brauste in ihm der innere Zorn über diese erste Arbeit des Gehorchens los; er, der kräftige Mann, sollte hier für die Weiber und Kebsweiber seines Herrn Aprikosen pflücken! Er hatte kaum in dem Baume Fuß gefaßt, als er mit kräftiger Hand einen mächtigen Ast des Baumes, der voll der schönsten Früchte hing, losbrach und ihn dem Alten vor die Füße warf. Dieser blickte erst hinauf zum Baume, dann um sich herum, als ob er die Sklavenpeitsche suche, und stieß dabei im niedersächsischen Platt die Worte aus: »Da sall ein Kreuzdonnerwetter henin flohn!« Wie im Nu war unser Freund vom Baume und fiel dem Alten um den Hals. Einen Landsmann, einen Deutschen hier zu finden, mit dem er sich in heimischer Sprache verständigen könne, das war ein zu großes Glück! Auch den Graubart schien es zu freuen, nach lieben langen Jahren zum ersten mal wieder Laute der Muttersprache zu vernehmen, er hieß einen Schwarzen das Geschäft des Obstpflückens übernehmen und zog den Landsmann in eine nahe kühle Felsgrotte, aus deren hinterer Wand ein klarer Quell hervorquoll, der in einem Bassin aufgefangen wurde. Hier erzählte er dem Ueberraschten seine Lebens- und Leidensgeschichte. Vor dreißig Jahren war ein bremer Schiff, auf welchem er als Matrose diente und das in Sicilien Schwefel laden wollte, von tunesischen Korsaren gekapert und er selbst als Sklave verkauft worden. Er hatte schlimme Tage verlebt; sein erster Herr war ein jähzorniger Mann gewesen, der selbst die Peitsche führte, und so war er als Lastthier von morgens früh bis spät am Abend zum Wassertragen verurtheilt gewesen. Er nahm die Flucht, wurde aber wieder ergriffen, erhielt die Bastonnade und wurde dann auf dem Sklavenmarkte in Tunis von neuem verkauft. Damals war sein jetziger Herr, der Neffe des Paschas, noch Hasnader Grande (Finanzminister); aber er beabsichtigte schon, sich hierher nach Zuwan zurückzuziehen, da sein Onkel mit seiner Finanzverwaltung unzufrieden war. So war Klettmann, dies war der Name des Graubarts, in dieses Paradies gekommen, war Landratte geworden und mit der Zeit ein tüchtiger Gärtner, Obst-, Blumen-, Gemüsezüchter, der hoch in Ansehen bei seinem Herrn stand und in Furcht bei Sklaven und Sklavinnen. »Ich bin verheiratet gewesen mit der Tochter eines Beduinenhäuptlings«, erzählte der Alte, »noch dazu mit einer Genähten, deren Mutter ich für das Aufschneiden 300 Piaster bezahlen mußte. Ich lebte glücklich und zufrieden, hatte drei Kinder, da schleppte ein Hirt die Pest ein, und in wenigen Stunden waren Frau und Kinder Leichen. Maschullah! « (Wie es Gott gefällt!) »Nun min Jung«, unterbrach er sich, »Noth sollst du in Zuwan nicht haben; Ibrahim, der Besitzer dieses Gutes, glaubt, alle Deutschen seien geborene Gärtner, hat dich zu meinem Gehülfen und Nachfolger ausersehen. Lo eloha il' Allah Mohamed rassul Allah – es ist kein Gott außer Gott und Mohammed ist sein Prophet! – Nun das ist keine Kunst; was ich kann und weiß, habe ich bei der Arbeit selbst gelernt, der besten Lehrmeisterin. Sonne und Wasser, mehr bedarf es nicht, und an beiden haben wir Ueberfluß. »Aber mein Junge«, fuhr Hinrik, wie er sich genannt wissen wollte, fort, »eins ist, vor dem du dich in Acht nehmen mußt; das sind die Weiber des Harems. Sie können es nicht lassen, mit Christensklaven zu liebäugeln, ihnen Selams zu senden und durch Blumen die glühendsten Liebeserklärungen zu machen. Allein sie sind falsch und treulos, und das Haremsvolk im Herrenhause gottlob! insgesammt häßlich, fett, aufgemästet. »Ibrahim ist zu alt, um eifersüchtig zu sein, allein er ist zu stolz, um zu dulden, daß ein Christensklave eins seiner Weiber und Kebsweiber auch nur von Angesicht zu Angesicht schaue, geschweige sie mit der Hand berühre. »Ich werde dir, mein Junge, vor allem die Sprache der Blumen und weise Worte des Korans lehren, die dich gegen Anfechtungen der Weiber stichfest machen. Doch, mein Jung«, unterbrach er sich mit seinem Lieblingsausdruck, »ich vergesse ganz, daß du wol Hunger und Durst haben wirst.« Und als nun der Jüngling erzählte, daß er außer etwas trockenem Schaffleisch und Schafmilch, auch mittags einigen Kirschen und Orangen, nichts genossen, befahl der Alte einer Schwarzen, sofort ein Lamm zu schlachten und zu rösten, und zog den Gast in seine Wohnung. Diese bestand aus drei Theilen, einem großen Hofraum, der nach hinten von einem Felsen eingeschlossen war und der eigentlich den Hauptraum bildete, einer Vorhalle, in der sich eine Art Küche befand, und zwei Flügeln mit verschiedenen Gemächern. Die Vorhalle war sehr düster und empfing ihr Licht nur von der Hofseite her. In der Mitte des Hofraumes befand sich ein großer Wasserbehälter, welcher verschiedene aus den Felsen rinnende Quellen in sich aufnahm und zum Regulator der Springbrunnen diente, die in den untern Gartenterrassen ihre Wasser in die Luft strahlten. Die Felsseite entlang hatte man eine Bank oder Ottomane in den Fels gehauen, unter der die verschiedenen Quellen in das Bassin geleitet wurden. Sie war mit Lammsfellen überdeckt. Der Felswand gegenüber, da wo der Felsgrund aufhörte, breitete eine Palme über einen großen Theil des Hofes ihre zitternden Schatten. An beiden Flügelseiten des Hofraumes standen gleichfalls gepolsterte, mit Leder überzogene Ottomanen mit Teppichen und Kissen aller Art, wie auch der Raum vor demselben mit Teppichen bedeckt war. Das gab einen köstlichen Platz, um der Ruhe zu pflegen, und eine Stunde bevor der Marabut zum Gebete rief, saß hier Hinrik mit untergeschlagenen Beinen, eine Pfeife türkischen Tabacks rauchend, während sein Genosse halb sitzend, halb liegend das Gleiche that. Jener war schon so sehr Muselman, daß er trotz seines Redeflusses zu andern Zeiten, wenn er die Pfeife im Munde hatte, stundenlang, ohne ein Wort zu sprechen, mit verklärtem Gesichte den blauen kräuselnden Wolken, die er in die Luft blies, nachsehen konnte. Aber sein Geist war nicht unthätig, er dachte: Allah ist groß. Wie oft hatte er sich nach dem Tode seiner Frau und seiner Kinder trotz des Paradieses, in dem er lebte, einsam gefühlt und an die grünen Marschen und die braunen Moore seiner Heimat zurückgedacht. Wie oft hatte er, jetzt über sechzig Jahre alt, die Abnahme seiner Kräfte gefühlt und seinen Herrn gebeten, ihm einen jüngern Gehülfen zur Seite zu stellen. Er war, seitdem er sich zum Mohammedanismus bekannt, kein Sklave mehr, eine Art Freigelassener, selbst Beaufsichtiger von schwarzen und braunen Sklaven, als der er einen ansehnlichen Gehalt, 500 Piaster, von Ibrahim empfing. Er verstand sich vollkommen im Arabischen auszudrücken und kannte den Koran halb auswendig. Nun hatte ihm das Glück einen Landsmann zugeführt, mit dem er in der süßen Muttersprache reden konnte; wenn auch Hellung nur hochdeutsch sprach, er dagegen nur platt, so verstand er doch das Hochdeutsche und jener die niedersächsische Mundart. Es schien ihm ein wahrer Gottessegen, daß ihm ein Landsmann und nicht etwa ein herzloser Engländer, ein schwatzhafter, windbeuteliger Franzose oder gar ein heimtückischer Italiener zum Gehülfen gegeben war, er gelobte sich in der Stille, den Genossen zu lieben und zu halten wie einen Sohn. Der Maler starrte zum Palmdache über sich in die Höhe, er dachte an das bescheidenere Paradies bei Jena und sein bescheidenes Veilchen darin. Würde er Karoline je wiedersehen, konnte er von ihr verlangen, daß sie ihm treu bleibe, wenn sie in Jahr und Tag von seinem Dasein nichts höre? Was würde sie thun, wenn sie wüßte, daß er jetzt Gärtnersklave am Fuße des Zuwan sei? Solche Gedanken beschäftigten ihn. Inzwischen war das Lamm geschlachtet und geschmort, gewiß noch auf dieselbe Weise, wie die Frauen der Erzväter es thaten, und dann mit den Fingern verspeist. Das war eine Kunst, die unser Freund erst lernen mußte, wie auch das Sitzen auf den eigenen Beinen. Abends, nachdem Hinrik Gebet und Waschung verrichtet – und er war darin gewissenhaft wie ein Araber –, setzte man sich auf das Plattdach, und hier mußte der junge Künstler seine Lebensschicksale erzählen. »Min Jung«, sagte der Wirth, als jener geendet, in seiner zutraulichen Weise, »man muß sich in das Unvermeidliche fügen lernen. Eine Aussicht, von hier fort wieder in die Heimat zu kommen, hast du nur dann, wenn der Herr Ibrahim dich liebgewinnt, dann schenkt er dir bei seinem Leben oder in seinem Testament wol die Freiheit; der Weg dazu wird geebnet, wenn du dich zum Mohammedanismus bekennst. Es ist dies gar keine so üble Religion und sie weicht vom Christenthume nur in wenigen Punkten ab, in solchen, wo ich die christlichen Lehren nie verstanden habe; Allah ist der eine, sich gleiche, allmächtige, allwissende, allgewaltige, ewige, allweise, allgerechte Gott, der Schöpfer und Erhalter der Welt. Genügt das nicht? Du brauchst deinen Glauben nicht abzuschwören und nicht zu verfluchen. Vielleicht wird dir die empfindlichste Operation bei dem Glaubenswechsel erlassen, und um so lauter bekennst du: Es ist kein Gott außer Gott und Mohammed ist sein Prophet.« »Es scheint mir das keine so große Eile zu haben«, meinte der andere, »ich will mir die Dinge hier erst einmal ansehen.« Und er sah sich die Dinge an. Er war nicht ohne Verständniß und ohne Sinn für Gartenbau, hatte er doch seinem Schwiegervater und seiner Braut oft zur Seite gestanden bei ihren ländlichen Beschäftigungen; als Maler hatte er Natursinn in hohem Grade und er lernte bald diesen auf das Kleine beschränken, während er bisher das Grandiose in der Natur gesucht und dargestellt hatte. Was im Anfange Resignation gewesen war, wurde bald eine Lust für ihn, und er war ein lernbegieriger und geschickter Schüler, an dem Hinrik seine Freude hatte. Aber es kam nur allzu bald die böse Regenzeit, und da galt es, Terrassen und Gärten vor allzu vielem Wasser zu schützen, namentlich die Dattelpalmen. Zwar hatte man großartige Vorkehrungen getroffen, die Hauptgewässer, welche die Terrassen bedrohten, abzuleiten. An beiden Seiten der Besitzung waren größere Teiche angelegt, in denen das Wasser der unzähligen Bäche, die den Zuwan herunterstürzten, gesammelt und neben den Gärten in das Thal geleitet wurden; aber die eigenen Quellen, welche zur Sommerbewässerung gebraucht wurden, hatten oft so viel Wasser, daß man auf künstliche Abflüsse Bedacht nehmen mußte. Im ganzen zwang aber die Jahreszeit, viel im Hause zu verweilen, wo der Aufenthalt in den dunkeln Zimmern wie im Hofe nicht angenehm war. Zwar hatte man ein Regendach von Leinwand an die Dächer befestigt, welches das Wasser der Mitte zu und in das Fontainenbassin leitete; aber die Eingangsseite war wegen des Palmbaumes nicht ordentlich verdichtet, und man konnte den Hof nicht betreten, ohne durchnäßt zu werden. Hinrik war an die Regenzeit wie an den Sonnenschein gewöhnt, er saß unter einem kleinen Zelte, das eben Raum genug hatte, um ihm und seinem neuen Freunde Platz zu gewähren, und rauchte oder las Hellung einen oder einige Surahs aus dem Koran vor, übersetzte dieselben und unterrichtete ihn so im Arabischen und in der Religion zugleich. Er konnte das schon am ersten Tage hervorgetretene Streben, den Maler zum Bekenner Mohammed's zu machen, nicht unterdrücken, so sehr dieser auch abwehrte. Unser Freund fühlte immer stärker den Mangel an Beschäftigung, und das trieb ihn, das einzige Buch, das man besaß, den Koran, nachdem er die arabischen Zeichen kennen gelernt, fleißig zu studiren und manchen Vers und guten Spruch desselben auswendig zu lernen. Er konnte die fünf Gebete, die der Gläubige täglich beten soll, hersagen, er wußte, was Fared und Haram, Tradschib und Mettrusch war (unbedingte Verbindlichkeit und Verbrechen an ihr, kanonische Verpflichtung und tadelnswerthe Handlung in Umgehen derselben), er hielt viele Vorschriften des Mohammedanismus, z. B. daß der Gläubige den zehnten Theil seines Einkommens als Almosen spenden soll, für richtiger als die Vorschrift christlicher Priester, ihnen den Zehnten zu spenden, kurz, er war auf gutem Wege, ein Gläubiger zu werden, wenn nicht manche Vorschriften seiner Natur und Lebensgewohnheit noch zuwider gewesen wären. Gott hat gesagt, man soll ihn nicht im Abbilde vorstellen, auch kein Bild von dem machen, was im Himmel und auf Erden ist, also verbietet der Koran die Darstellung alles dessen, was Leben hat, durch Zeichen, Malerei und Bildhauerkunst. Er hatte nichts dagegen zu erinnern, daß der Prophet sagte: »Wein ist der Vater des Verbrechens«, und »Wein zu trinken ist nicht minder strafbar als die Götzen anzubeten«; er billigte, daß der Koran Glücksspiele verbot, den Frauen befiehlt, Busen und Hals, Hände und Füße zu bedecken; aber daß er auch Musik und Tanz, die Abbildung belebter Gegenstände und Bildhauerei verbot, das wollte ihm nicht in den Sinn. Im Gegentheil war seine ganze Sehnsucht auf Leinwand und Farben, Palette und Pinsel gerichtet. Gar zu gern hätte er ein Bild, das seiner Phantasie vorschwebte, seitdem er die Zuwanregion betreten, auf der Leinwand festgehalten, das Bild vom Paradiese. Eine Skizze hatte er schon auf eine dazu geeignete Halbwand gezeichnet, mit Kohle, die er sich von Akazienholz selbst bereitet. Nur die Stelle, wo Adam und Eva Platz finden sollten, war noch nicht ausgefüllt. Er hatte Hinrik angegangen, ihm von Tunis, und wenn es da nicht vorräthig sei, von Malta oder Neapel aus das nöthige Zeug zu seiner Malerei zu schaffen, und Hinrik hatte auf das Frühjahr, auf Februar vertröstet, wo die erste Karavane aus dem Sudan nach Tunis hier vorüberziehe, bei der sei ein Händler, der für alles Rath wisse. Februar kam und mit ihm der Sommer, der Regen hörte auf, die Luft war rein und wolkenlos, balsamisch duftend, die Erde bedeckte sich in wenigen Tagen mit Grün, an den Felsen schlangen sich Weinreben und Schlinggewächse empor, der Oleander trieb in wenigen Wochen dunkle Blütenknospen, Blumen aller Art schossen auf den Gartenterrassen aus dem Erdboden hervor und wucherten in dem Naturparke daneben aus dem Grase. Unser Freund hatte die besondere Pflege zweier Gartenterrassen übernommen, von denen die eine nur mit Rosen, die andere nur mit Nelken besetzt war. Ibrahim war ein großer Rosenfreund, er hatte keine Kosten gescheut, sich aus Damaskus, der Stadt der Rosen, ja aus Persien die schönsten Stämme kommen zu lassen, und Hinrik hatte durch sorgfältige Pflege, durch Inoculation und Kreuzungen über tausend verschiedene Rosenarten zusammengebracht, von der dunkelsten Purpurfarbe bis zu dem ätherischen Weiß, vom Orangegelb bis zum Lichtgolde waren alle Farben vertreten. Die Farbenpracht des Nelkenfeldes war wahrhaft türkisch. Während der Gärtnerlehrling beschnitt, oculirte, für Ibrahim und seinen Harem täglich zweimal die schönsten Sträuße liefern mußte, sorgte sein Beschützer für das Nützliche, er ließ die Wege reinigen und ebnen, die Steine, welche die Winterwasser auf die Terrassen geschwemmt, entfernen, dann aber war es hauptsächlich der Gemüsebau, der ihn beschäftigte, und die Sorge für die Obstbäume. Hellung hatte noch nie so vortreffliche Spargel gegessen, wie hier schon im beginnenden Februar aus den Beeten massenhaft emporschossen, Erbsen und Bohnen kamen nach Verlauf von vierzehn Tagen zur Blüte, Artischoke und Wassermelone, Gurke und Kürbis, Blumenkohl von enormen Dimensionen wuchsen in diesem Paradiese, wie der junge Deutsche es noch nie gesehen hatte. Die Beschäftigung mit diesen Dingen zog seinen Geist in immer engere Kreise, es kam ihm vor, als wenn seine Phantasie und seine Verstandeskräfte nachließen, wenigstens fehlte ihm gänzlich das Interesse für solche Sachen, die ihn früher neben der Malerei ausschließlich in Anspruch genommen hatten. Sein Naturell war auf Empfinden angelegt und wurde von den schmeichelnden Reizen des Landes eingewiegt. Orientalische Genügsamkeit und Ruhe schien über ihn gekommen. Wenn er die Blüten abendländischer Civilisation, wie sie ihm in den letzten Jahren in Neapel vor die Augen getreten waren, das Verderbniß des Hofes und die gänzliche Verdummung des Volks unter der Leitung dieser fanatisch-heuchlerischen, brutalen und listig-boshaften Priesterhorden, die sich nach dem Sturze der Parthenopeischen Republik auch wie blutgierige Hyänen über das Land ergossen, verglich mit der Einfachheit, Gottergebenheit, Selbstgenügsamkeit dieser Araber; wenn er die Heucheleien der christlichen Priester und das gläubige Vertrauen gegeneinanderhielt, mit dem der Mohammedaner zu Allah betet; wenn er eine große Menge beherzigungswerther Koranverse sich ins Gedächtniß zurückrief, so wurde es ihm zweifelhaft, ob diese christliche Civilisation, wie sie unter der Hand der Kirche, der Bischöfe, der Consistorien sich gestaltet, vor der Religion des Propheten wirklich so viele Vorzüge habe. Trotz der Vielweiberei sah er hier die Familiengefühle in mancher Hinsicht heiliger gehalten als in Europa, trotz der Sklaverei sah er hier eine sich namentlich im Wohlthätigkeitssinn viel weiter erstreckende Humanität, als er sie in Neapel, Rom, Deutschland gesehen. Welches waren die Beweggründe, die das Leben in Europa bedingten? Immer waren es unbefriedigte Bedürfnisse, Herrschsucht, Gier nach Ansehen, Auszeichnung oder Reichthum, hier in Afrika war es die Bedürfnißlosigkeit, welche das Anschmiegen an die Natur, diese Ergebenheit in die Fügungen Allah's, diese stolze Selbstgenüge hervorbrachten. Wenn er sein eigenes Thun betrachtete, war es blos Liebe zur Kunst gewesen, welche seine bessern Arbeiten ins Leben gerufen? Hatte nicht das Streben nach dem Ruhme eines bedeutenden Künstlers, der Ehrgeiz, es seinen Freunden zuvorzuthun, vollen Antheil daran? Wenn er jetzt in dieser Einsamkeit, wo er keinen Lober und Bewunderer fand, wo er weder auf einen Mäcen noch auf den Beifall der Menge rechnen konnte, ein Kunstwerk schuf, so war das ganz ein anderes. Indeß war die Karavane von Tunis zurückgekehrt, ohne das ersehnte Geräth zum Malen mitzubringen; allein Ali, der Handelsmann, erklärte, daß alles bestellt sei und aus Italien herbeigeschafft werde, und gedenke er auf seinem Herbstzuge nach Tunis die Sachen mitzubringen. Der Herbst nahte, wenn man in Zuwan überhaupt von einem solchen sprechen durfte, da es eigentlich am Frühling und Herbst in unserm Sinne fehlte. Der Karavanenzug kam zum zweiten male von Tunis zurück und brachte diesmal die ersehnten Malergeräthschaften. Hellung baute nun für sich in dem Hofraum Hinrik's eine Malerwerkstätte aus einem Kamelhaarzelte und fing sein Paradies, zu dem er fortwährend Einzelstudien gemacht, zu malen an. Kurz vor diesem Ereignisse war ihm das erste Liebesabenteuer, wenn man es so nennen kann, begegnet. Ein Theil seiner Rosen bestand aus Remontanten, die man damals in Syrien und Afrika schon kannte. Sie blühten auch während der Regenzeit, d. h. im Winter, und wurden dann vor dem Regen durch ein Regendach geschützt, das die Rosenterrasse in seiner ganzen Breite überdeckte, ein künstliches, wasserdichtes Gewebe aus Kamelhaar und Baumwolle, das auf hohen Stangen über die Rosen gebreitet war, sodaß diese der frischen von allen Seiten hinzuströmenden Luft nicht entbehrten. Unter den Rosen befand sich ein hoher beinahe armdicker Stamm einer Noisetterose mit einer weitausgebreiteten Krone, der unaufhörlich in starken Büscheltrauben eine zarte schneeweiße, im Kelche röthlich angehauchte Rose hervortrieb. Die ungeheuere Fruchtbarkeit des Rosenbaums wie die Lieblichkeit der Rosenbüschel hatte des Künstlers besondere Aufmerksamkeit diesem Baume zugelenkt, und er hatte aus einem Palmblatte, das er an dem Baume aufgehängt, die Anzahl der Knospen, die er wöchentlich zählte, eingeritzt. Eines Tages, als das Regendach noch nicht aufgehängt war und er seine Rosenterrasse betrat, sah er zwei weibliche Gestalten bei seinem Lieblingsbaume stehen und an demselben hantieren. Er schlich sich auf seinen Sandalen vorsichtig näher und erblickte zwei dichtverschleierte Gestalten, von denen die eine klein, schlank, zierlich gebaut, die andere größer, voller, aber schlank und schmiegsam war. Er glaubte, als er näher kam, zu sehen, wie die Größere den Schleier der Kleinern vom Gesichte hinwegschob und ihr schwarzes Haar mit einem Büschel eben aufknospender Rosenblüten schmückte. Die Gesichtszüge verdeckte der Rosenbusch. Rasch trat der junge Mann näher; aber seine Anwesenheit wurde jetzt entdeckt, und die Frauen bereiteten sich zur eiligen Flucht; doch ein Dorn hielt den zurückgeschlagenen Schleier der Jüngern gefangen, und es gelang dem Späher einen vollen Blick auf ein engelschönes Gesicht zu werfen, von blendendweißer Farbe, umrollt von schwarzem Haar, das in langen Locken unter einem Kaschmirturban herabwallte. Das Antlitz war von der Röthe der Scham darüber angehaucht, daß der böse Dorn den Schleier zurückhielt und den Anblick ihres Antlitzes dem Christensklaven preisgab. Aber ein Blitzblick aus den schwarzen Augen streifte mit versengender Glut das Auge des Fremden. Mit Gewalt der Hand riß sie den Schleier vor das Gesicht und flüchtete mit dem leichten Tritte einer Gazelle in die nächste untere Terrasse. Als er dem Rosenbaume näher trat, fand er in einem der schönsten Blütenbüschel die dunkelste Purpurknospe, welche vielleicht auf der ganzen Terrasse sproßte, und daran ein Palmenblatt geheftet, in welches Verse eingeritzt waren, die nach Bodenstedt's Uebersetzung also lauten würden: Mein Herz schmückt sich mit dir, wie sich Der Himmel mit der Sonne schmückt – Du gibst ihm Glanz, und ohne dich Bleibt es in dunkler Nacht entrückt. Das war ja eine offene Liebeserklärung – aber wer waren die Frauen gewesen? Von den Weibern oder Kebsweibern Ibrahim's schwerlich, sie waren zu jung. Der Erstaunte küßte die Rosenknospe und verbarg sie auf seiner Brust neben dem Palmblatte und eilte zu der Terrasse, an der er Hinrik beschäftigt wußte. Er berichtete diesem, daß er zwei Frauenzimmer an seinem Lieblingsrosenbaume betroffen habe, und beschrieb das Aeußere derselben, um zu fragen, wer sie seien? »Das wird Mirza, das Lieblingskind meines Herrn, und ihre Sklavin, die Abyssinierin Fatime, gewesen sein. Ibrahim hatte, wie das schon sein Stand erforderte, außer den Sklavinnen vier rechtmäßige Frauen. Da ein Muselman › men al el Kitab ‹, d. h. eine Christin und eine Jüdin heirathen darf, weil sie einem Volke angehören, das von Gott ein Buch erhalten hat, aber nicht › abd el es nam ‹, eine Götzendienerin, eine Giaur, so hatte Ibrahim auch eine Christin, eine sehr schöne Griechin, und eine Jüdin aus Damaskus zur Frau. Letztere starb vor etwa zwölf Jahren bei der Geburt Mirza's, die du gesehen haben wirst, daher wurde diese einer abyssinischen Amme übergeben, die Beihalterin Ibrahim's war, sodaß Fatime Stief- und Milchschwester Mirza's, zugleich aber ihre Dienerin ist.« Unserm Freunde war vor diesem Abenteuer recht heimkrank und langweilig zu Muthe gewesen, die Stimmung, in der er sich mit dem orientalischen Lebensschlummer versöhnt geglaubt, ja diesen über die europäische Civilisation gesetzt, war schnell vorübergegangen. Wie alle Deutsche, so war er Freund der Geselligkeit, und diese hatte ihm noch nie gefehlt, weder auf Universitäten, noch bei seinem Studium als Maler, noch später in Rom und Neapel. Ueberall hatte er sich geselligen Kreisen, die ihm zusagten, enger angeschlossen. Kurze Zeit vor seinem Misgeschicke, das ihn in die Fremde und Knechtschaft führte, waren Karl Haus und Olga, verschiedene Kunstgenossen und die Pythagoräer Genossen verschiedenartiger gesellschaftlicher Freuden gewesen; jetzt fühlte er sich ganz vereinsamt, denn der Umgang mit Hinrik, auf den er beschränkt war, konnte sein lebhaftes Gemüth nicht ausfüllen und zeigte, daß dieser in dreißig Jahren zu einem ruhig in das Schicksal ergebenen Orientalen geworden war. Das erste Wiederfinden war ein Aufbrausen des Geistes gewesen, von dem der gute Hinrik überhaupt keine zu große Portion besaß. Alles, was der Maler geistig hatte mittheilen können, war längst ausgegeben und die fortwährenden Ermahnungen, den Glauben des Propheten anzunehmen, wurden diesem nachgerade langweilig. Er hätte nach deutscher Gewohnheit gern ein Glas Wein in Gesellschaft getrunken und hatte bei seinem Vorgesetzten verschiedentlich darauf angespielt, ob es denn so ganz unmöglich sei, daß sie einmal ein Gläschen Wein zusammen tränken; aber Hinrik antwortete mit dem Koran: » Kultu unus kirü haram! « (»Alles, was trunken macht, ist verboten«) und setzte hinzu: »Wenn ein Mensch sich in sauerer Milch betrinken könnte, so würde ich auf dieses mein Lieblingsgetränk verzichten.« Aber sauere Schafsmilch war noch nicht das Lieblingsgetränk seines jungen Freundes und er hatte noch zu wenig Schaf- und Kamelfleisch gegessen um zu einem solchen orientalischen Kamel zu werden, wie es Hinrik seiner Auffassung nach schon war. Seit jenem Blitzblick der schwarzen Augen war der Maler ein anderer Mensch, er träumte Tag und Nacht von diesen Augen, und als er am ersten Regentage vor seiner Staffelei stand, um die Skizze seines Paradieses zu entwerfen, begeisterten ihn die schwarzen Augen zu einer wahrhaft orientalischen Anschauung. Er wollte nicht dem breitgetretenen Wege der Bibel folgen, sondern der Sage des Korans. Danach war aber nicht der Apfel die verbotene Frucht, sondern Weizen. Er wollte seine Eva malen, wie sie, einen Kranz goldener Weizenähren im Haar, durchschlungen mit blauen Cyanen, in der Hand ein dichtes Büschel Weizenähren, mit untergeschlagenen Beinen vor einer Handmühle sitzt, wie sie noch jetzt von den arabischen Frauen zum Getreidemahlen gebraucht wurde, und die so alt wie das Paradies selbst sein mußte. Adam sollte an einem Baume stehen, sodaß man nur sein Profil sähe, Eva zu ihm mit einem solchen Glutblick aufschauend, wie Mirza's Augen streifend auf ihn geworfen, gleichsam um Erlaubniß bittend, den Büschel Weizen in der Hand unter der Getreidemühle abmalen zu dürfen. Eine Schlange erhob sich nach dem Plane des Künstlers ringelnd von der Erde, mit ihren klugen Augen die goldenen Aehren zu betrachten und gleichsam ihre Zustimmung zu dem Wunsche Eva's aussprechend. Adam stand ganz in Verwunderung seiner so geschmückten Eva versunken, und nur diese konnte seiner Stellung nach erkennen, daß der Zeitpunkt gekommen war, in dem sie unternehmen dürfe, was sie wolle, wenn sie der Naschlust Adam's nur gleichfalls Gewähr verheiße. Aber ein solches Bild ließ sich leichter in der Phantasie hervorzaubern, als auf die Leinwand bringen, namentlich wollte die Position der untergeschlagenen Beine in keiner Weise malerisch erscheinen, und der Maler versuchte nun für seine Eva eine halb liegende Stellung, die sie in den Augen Adam's noch verführerischer machen müsse. Diese Bemühungen scheiterten indeß an seinem Mangel an Uebung, menschliche Figuren ohne Modell zu zeichnen. Er war daran in Dresden und Italien gewöhnt, und hier wollte die Arbeit nicht vorwärts gehen, sie erhitzte nur seine Phantasie und machte seine Nächte unruhig. Er ging jeden Tag zu der Stunde, um welche er die Frauen dort angetroffen, zu der Rosenterrasse, allein er fand sie nicht wieder. Aber wozu hatte er denn von seinem Lehrmeister die Kunst der Blumensprache erlernt? Zwar standen ihm jetzt außer Rosen nur wenige Blumen zu Gebote, indeß die Liebessprache der Orientalen wußte leicht zu ergänzen, wenn nur die Andeutungen gegeben waren, und alle Hauptworte zu einer glühenden Liebeserklärung waren in Rosen vorhanden; die ausschmückenden Beiworte fehlten freilich, aber die weibliche Phantasie konnte sie leicht nach eigener Willkür ersetzen. Ein Selam war gewunden und in dem bekannten fortwährend blühenden Rosenbaume verborgen. Am Abend fehlte der Blumenstrauß, und am andern Morgen hing ein Palmblatt an der Stelle desselben mit den Worten: »Werde gläubig, und Allah wird deine Wünsche gewähren.« Das war nun nicht nach des Malers Sinn, er hätte seine Wünsche gern ohne die Dazwischenkunft Allah's und seiner Priester befriedigt gesehen. Er wiederholte seine Liebesbetheuerungen in allen ihm in dieser Jahreszeit möglichen Variationen. Immer aber dieselbe Antwort. Das Gemälde wollte nicht vorwärts; in seiner Verzweiflung, daß die menschlichen Figuren nicht gelingen wollten, hatte er den Hintergrund, in welchem sich die größere Thierwelt, Elefanten, Kamele und Dromedare, Löwe und Büffelochs friedlich bewegten, zu untermalen begonnen. Nun kam noch ein äußeres Hinderniß hinzu. Hinrik, der Anfang October am Fieber gelitten hatte, klagte täglich mehr über das Hinschwinden seiner Kräfte, er hatte keinen Appetit, selbst die Wasserpfeife wollte ihm nicht mehr munden. Das Terrassensteigen war ihm zu beschwerlich, er fühle alle seine Glieder, sagte er, und so mußte der jüngere Gehülfe seinerseits alle Arbeiten im Freien überwachen, besonders die Ableitung der Gewässer. War er von dieser Arbeit zurückgekehrt, so mußte er Hinrik einige von den 6666 Ayats (Verse) vorlesen, oder erhielt von ihm Belehrungen über die Gemüse- und Obstbaumzucht, die er niederschreiben mußte. »Ich fühle mein Ende nahen, ich werde keine Mandelblüte mehr sehen«, sagte Hinrik, »was du von mir lernen kannst, mußt du in diesen Tagen lernen.« Der Liebende versäumte keinen Tag, einen Selam zu winden, den er jeden andern Tag entfernt fand, und an seiner Stelle ein Palmblatt mit den Worten: »Werde gläubig!« Indeß war es nach christlicher Rechnung Neujahr geworden, und Hinrik wurde mit jedem Tage hinfälliger. Er schickte nach dem Kadi in Zuwan, um sein Testament zu machen, und zugleich nach dem Imam, um die Verheißungen Mohammed's noch aus seinem Munde zu vernehmen. Während man auf beide Personen wartete, mußte Hellung zu Hinrik's Füßen sich in dem Zelte niederkauern. »Hör wol an, min Jung, wat ick die jetzt segge.« Heinrich erörterte nun als Resultat seiner Lebenserfahrung, wenn auch nicht mit den Worten, etwa folgende Gedanken: »Die Religion ist keine Sache, die ein Mensch für sich abmachen kann; wie zu allem Menschlichen, gehört Gemeinsamkeit auch zur Religion, ein Christ kann kein Christ bleiben, wenn er sein Leben unter einem nichtchristlichen Volke zubringen muß. Das Alleinstehen führt von Gott ab, sei es in dieser, sei es in jener Weise. »Der Mohammedanismus würde nicht so ungemein verbreitet sein, wenn er nicht eine Religion wäre, die für den Orient paßt u. dgl. Ob du, mein Junge, die Heimat je wiedersehen wirst, steht dahin, jedenfalls wird ein Uebertritt zum Propheten dir das Entkommen erleichtern, gewähre mir die Freude, dich noch vor meinem Tode im Turban zu sehen. Du brauchst dein Christenthum nicht abzuschwören, unser Glaube nimmt das Christenthum in sich auf, er hält Christus hoch in Ehren als Prophet, der lebendig gen Himmel gefahren und am Jüngsten Tage herkommt, um den Dedschal (Antichrist) zu tödten. Wenn ich todt bin, wirst du dich sehr einsam und verlassen fühlen, man wird dich mehr als jetzt, wo du unter meinem besondern Schutze standest, fühlen lassen, daß du ein Ungläubiger bist. Siehe, ich habe die Absicht, ein Testament zu machen und dich zu meinem Erben einzusetzen; aber ich darf das nicht, denn ich darf weder einen Christen, noch einen Juden, noch einen in Dar Harb Wohnenden zum Erben ernennen. Wirst du nicht Muselman, so wird der Fiscus sich meines Vermögens bemächtigen. Und dieses Vermögen ist nicht gering. Der Schmuck meiner Frau allein ist sehr werthvoll. Seitdem mich Ibrahim aus der Sklaverei entlassen, hat er mir außer dieser Wohnung jährlich 500 Piaster Lohn gegeben, von denen ich wenige Stücke gebraucht habe. Ibrahim wird dich sofort freilassen, er wird dir auch eine Frau geben oder dir gestatten, eine solche zu kaufen, denn wie du weißt, sagt der Koran: ›Heirathen ist Pflicht!‹ Du wirst als mein Erbe reich genug sein, selbst für die Lieblingstochter Ibrahim's, die liebliche Mirza, die Hochzeitsgabe darbringen zu können. Er wird sie dir nicht verweigern, denn er hält die Europäer für gleichadelich wie die Araber, und da er schon zwanzig Töchter verheirathet und noch vier zu verheiraten hat, wird er sie dir geben, um seinem einzigen Sohne, der eine Fregatte des Paschas commandirt, ein reicheres Erbe zu hinterlassen. Nun, was schweigst du? Du wirst deinem Glücke, das dich so offenbarlich aufsucht, doch nicht den Rücken kehren?« »Ich will deinem Wunsche Folge geben«, sagte unser Freund mit leidenschaftlicher Hast ohne Besinnen. Welches Motiv auf ihn am meisten eingewirkt hatte, darüber war er sich selbst nicht klar, nur daß nicht das Gewinnen durch Erbschaft sein Beweggrund war, stand fest. Die Leichtigkeit seines Entschlusses erklärte sich aber hauptsächlich daher, daß er lutherischer Christ in dem Sinne, in welchem er sich dazu bei der Confirmation bekannt, schon längst nicht mehr war. An das »Niedergefahren zur Hölle und am dritten Tage wieder auferstanden um aufzufahren gen Himmel« hatte er schon damals nicht geglaubt, und der Glaube an einen dreieinigen Gott war ihm immer unverständlicher geworden. Mit der Abneigung gegen solche Glaubenssätze, wobei sein gesunder Menschenverstand stillstand, war er auch gegen das eigenthümlich Wahre und Tiefe des christlichen Glaubens, das nach seiner Ansicht sich von jenen Bestandteilen nicht trennen ließ, gleichgültiger geworden. Nachdem er in Jena Fichte gehört, glaubte er nur noch an einen einheitlichen Gott als das allgemeine göttliche Leben, als Verwalter der allgemeinen moralischen Weltordnung. Ueberhaupt, hatte er von christlichen Lehren und Dogmen nicht alles über Bord geworfen, was seine Vernunft nicht begreifen konnte? Warum sollte er bei den Lehren des Korans nicht desgleichen thun? Die Lehre, daß, wer unter Wölfen lebt, mit ihnen heulen müsse, war ihm nie fremd gewesen, der Gedanke, Mirza als Weib zu besitzen, war ihm aber neu und hatte seine Seele durchblitzt wie früher ihr Blick. Als der Imam kam, erklärte Hinrik, daß sein Landsmann sich zum Propheten bekennen wolle; dieser examinirte ihn aus dem Koran und fand einen Wohlunterrichteten. Die notwendige Operation wurde vorgenommen, Hellung sagte sein » La illaha il Allah « und » Mohammed rassul Allah « und war Muselman. Bis dahin hatte derselbe gegen Sonnenstich eine hohe spitz zulaufende persische Mütze aus Lammfell getragen, jetzt bekleidete ihn der Imam mit dem Turban und gab ihm den Namen Hassan. Hinrik war über dieses Ereigniß sehr froh, er dictirte dem Kadi mit kurzen Worten, daß er Hassan zu seinem Erben ernenne, und bat ihn, Ibrahim davon zu benachrichtigen und in seinem Namen zu bitten, daß er demselben die Freiheit gebe und ihn zu seinem Nachfolger mache. Wie berauscht band der neue Gläubige selbst ein Selam und hing daran ein Palmblatt mit den Worten: »Ich bin jetzt deines Glaubens, nun halte Wort und mache mich glücklich, du Licht meiner Augen.« In der Nacht nach dem Uebertritt starb Hinrik und wurde nach der Sitte des Landes schon am andern Tage begraben, wobei der Sarg im Lauftritt nach dem Kirchhofe von Zuwan getragen wurde. Der Erbe verfehlte nicht, ein Denkmal mit dem Turban zu bestellen. Als Hassan vom Begräbnisse zurückkam, wurde er aufgefordert, vor Ibrahim zu erscheinen. Dieser erklärte ihn für frei und nahm ihn als Obergärtner für 500 Piaster in seine Dienste. In der Nachlassenschaft des Gartenaufsehers befand sich eine schwarze Sklavin, welche die Küche besorgte und schon seit dem Tode von Hinrik's Frau dem Haushalte vorgestanden hatte; sie übergab dem Erben die Schätze ihres Herrn, die Juwelen und Perlen ihrer frühern Herrin, den Schlüssel zu einer Truhe mit 30000 Piastern, Seidenstoffen und Kaschmir. Am dritten Tage nach der Beerdigung erschien gegen Abend Fatime mit einem Schreiben Mirza's:   »Wonne meiner Seele, geliebter Hassan! Mein Vater will nicht, daß ich mich vor meinem vierzehnten Jahre verheirate, weil er den Tod der Mutter ihrem zu jugendlichen Alter zuschreibt. Damit Du aber nicht einsam bist, sende ich Dir meine Sklavin Fatime, meine Schwester und Freundin, daß sie Dich tröste und liebe. Sie sei Dein, sei Deine Sache. Sie ist treu wie Gold und zärtlich wie eine Taube. Sie wird fürliebnehmen, wenn Du erst mein bist, mit den Brotsamen, die von des Herrn Tische fallen. Sie wird Dich in der Arbeit unterstützen, Dir die Speisen bereiten, die Mosquitos verscheuchen und Deine Träume überwachen. Sie wird mir Gelegenheit geben, Dich dann und wann zu sehen. Sie wird Dir die Nargileh (Wasserpfeife) anzünden, Marara bereiten, Kaffee sieden, Dir die Tänze ihrer Heimat vortanzen, ganz Deine Sache sein!«   Während Hassan den Brief, der wie immer auf ein Palmblatt geritzt war, las, entschleierte sich Fatime, sie warf ihren Burnus von sich und stand nun da in durchsichtigem weißen Musselinkleide, das in der Taille von einem mit Kaurimuscheln geschmückten Gürtel aus Leder, von welchem lange Stränge auf die bauschigen Beinkleider fielen, zusammengehalten wurde, die Hände auf das Herz gelegt und sie dort zum Zeichen ihrer Hingebung leise bewegend. Als Hassan emporschaute, staunte er – das war eine abyssinische Venus, die vor ihm stand, das Gesicht ein schönes Oval, die braunen Augen, mandelförmig gespalten, drückten die Sanftheit und Zärtlichkeit einer Taube aus, die Nase klein und wohlgestalt, die Lippen fein geschnitten und doch üppig, Zähne so glänzend weiß wie Perlen, eine untadelhafte Büste voll jungfräulicher Rundung, Arme vollkommen schön, kleine Hände und wunderbar kleine Füße, mit bogenförmiger Krümmung des Spannes. Um den zierlichen Knöchel wie um das Handgelenk trug sie einen Ring in Form einer Schlange. Die Farbe ihrer Haut war nicht wohl zu beschreiben, es war nicht die kupferbraune Farbe ihrer Landsleute, es war ein mattes Goldgelb, durch das ein rosiger Schein im Gesicht, an den Armen und Füßen durchschimmerte. Letztere waren von den Knöcheln an, wo die Beinkleider zusammengeschnürt waren, bloß und die kleinen Füßchen steckten in einer Art von rothen Maroquinschuhen, die eben nur die Fußzehen und die äußersten Hacken einnahmen und die schöne Spannung des Fußes zeigten. Hassan war ganz starr und stumm vor Staunen, er wußte nicht, was er thun, nicht, was er sagen sollte. Endlich stammelte er hervor: »Ich bin nicht würdig, ein so hohes Geschenk von der Königin meines Herzens anzunehmen.« »Du würdest aber Mirza und ihre Sklavin Fatime auf das tödlichste beleidigen, wolltest du diese erste Liebesgabe verschmähen«, sagte Fatime mit äußerst sanfter Stimme und beinahe flehendem Blick, indem sie zum Zeichen der Ergebung, wie ein um Erbarmen Flehender, die linke Hand an Hassan's Bart legte und mit der rechten Hand seine Rechte umfaßte. Dieser war im Begriff, diese schöne Hand zu küssen, als Fatime vor ihm auf die Knie sank und ihn flehend anschaute. So rief er denn seine alte schwarze Sklavin und hieß ihr Fatime ein Gemach anweisen, dann stürzte er aus dem Hause, die Terrassen des Gartens hinunter, dem Naturparke zu. Das Regenwetter hatte seit acht Tagen aufgehört, und diese acht Tage hatten hingereicht, Gräser und Blüten, Knospen und Blätter in dem Garten wie im Naturparke hervorzuzaubern. Er warf sich unter einen Dattelbaum und starrte zu dem sternfunkelnden Himmelszelte empor; denn es war Abend geworden. In seinem Kopfe wirrte und schwirrte es, sein Blut rann schneller, in seiner Phantasie kämpfte das Bild Fatime's, das er in plastischer Vollendung vor Augen hatte, mit dem Mirza's, welches halb Phantasiebild war, da er eigentlich nur den Augenblitz gesehen hatte. Das Bild seiner ersten Jugendliebe, seiner Karoline, war immer mehr verblaßt, und seitdem er weder ihre kleinen Briefe mit Liebesversicherungen empfing, noch an sie schreiben konnte, war es natürlich, daß er weniger häufig an sie dachte. Seit Wochen hatte er nur an Mirza gedacht und ihr Bild mit allem möglichen Liebreiz geschmückt. Heute trat zwischen dieses Phantasiebild Fatime in voller plastischer Wirklichkeit. Der Entflammte kannte alle Lehren des Korans, er kannte viel von den Sitten der Araber, die seinen Begierden das Wort redeten, aber er hing auch noch an europäisch-christlichen Anschauungen. Die Bedeutung des Geschenkes seiner Geliebten sah er nur halb, ihm fehlte der Begriff davon, wie arabische Frauen und Mädchen es für eine alberne Prätension halten würden, von einem Manne allein geliebt zu sein. Er hatte bisher nur die äußere Erscheinung vor Augen; der tiefere Grund derselben, daß das arabische Weib durch die Sitte so tief erniedrigt ist, daß es überall nicht zu dem Gefühle seiner Eigenwürde kommt, wurde ihm erst später klar. Er wußte, daß das Nebeneinandergeliebtwerden für die Frauen des Orients nichts Abstoßendes hat, wie daß es nichts Seltenes war, daß eine rechtmäßige Frau ihrem Manne eine sehr schöne Sklavin schenkt, sei es auch nur, um des Mannes Zuneigung von einer andern Frau oder einem Kebsweibe abzulenken, die sie haßt, oder auf die sie eifersüchtig ist. Auch der Gedanke, Fatime als seine Sache anzusehen, war ihm ein fremder, er wußte ja nicht, daß dabei zugleich ein Willensact und die Neigung Fatime's selbst thätig gewesen war, daß ihre hingebende Liebe es gewesen, die diesen Ausdruck gefunden. Er ahnte nicht, daß die um ein Jahr ältere und entwickeltere Fatime früher in Liebe zu ihm entbrannt war als Mirza, daß jene es gewesen, welche überall sein erstes Zusammentreffen mit Mirza herbeigeführt und die Liebe dieser erst durch Gespräche und Schilderungen angeflammt hatte, daß sie es gewesen, die dem zarten, noch unentwickelten Kinde die Verse Schanfara's sowol als den Brief dictirt, den sie überbracht hatte. Der Dattelbaum, unter dem der Maler sich gelagert, war derselbe, den er in dem Vordergrunde seines Paradieses angebracht hatte, als Standort für Adam. Da er aus seinen Träumereien erwachte und sah, unter welchem Baume er eigentlich geruht hatte, sprangen seine Phantasien sofort zu seinem Bilde über und nun kam ihm der Gedanke, daß er ja nun habe, was er so lange gesucht, das Modell zu seiner Eva. Das erfüllte ihn ganz. Er erhob sich rasch und besah sich die Gegend, wo er war, im Mondscheine, um einen Platz zu finden, wo Eva lagere. Dann eilte er mit schnellen Schritten seiner Wohnung zu, verrichtete das Abendgebet, zu dem der Marabut schon längst aufgerufen hatte, zündete seine Wasserpfeife an und setzte sich auf das platte Dach seines Hauses und phantasirte von seinem Paradiese mit der goldfarbenen Eva darin. Nur ein Deutscher konnte so träumen und versäumen, das zu thun, was Pflicht und Sitte des Landes von ihm verlangten. Er saß noch in Träumereien, als der Marabut zur Waschung und Morgenandacht in der Wohnung Ibrahim's aufrief. Als er seine Ceremonien vollendet hatte und in den Hof seiner Wohnung trat, kam die schwarze Sklavin mit betrübter Miene zu ihm und sagte: »Herr, verzeih! hast du deiner Sklavin Fatime und ihrer frühern Herrin, der Tochter Ibrahim's, diesen furchtbaren Schimpf anthun können? Fatime hat die ganze Nacht in Thränen zugebracht und sich ihr Haar heute Morgen statt der Waschung und Salbung mit Asche bestreut.« Hassan sah die Schwarze verwundert an und frug: »Welchen Schimpf hätte ich dem Mädchen angethan?« Jetzt aber spiegelte sich aus dem Gesichte der Alten das höchste Erstaunen: »Du hast sie für unwürdig gehalten, dein Lager zu theilen, das ist die größte Schmach, die man einem Weibe anthun kann.« »Eile mich zu entschuldigen«, sagte Hassan, »Unkenntniß der Sitten hat das verschuldet, und dann habe ich selbst in dieser Nacht kein Lager genommen, ich habe auf dem Dache gesessen und von Fatime geträumt.« Er selbst eilte aus dem Hause auf die Rosenterrasse, wo er einen Strauß schnitt, der in den glühendsten Worten, welche die Blumensprache hat, die Schöne seiner Liebe versicherte. Dann sprang er zurück. Fatime war durch die Erzählung der Schwarzen beruhigt und eilte ihm bräutlich geschmückt, doch demüthig entgegen. Aber ihr Auge, das bisher sanft und bescheiden zu Boden gesenkt war, fing an in orientalischer Glut unter den langen schwarzen Augenwimpern hervor zu blenden, als sie den Selam, den Liebe verheißenden, empfing. Sie wollte sich wieder vor ihm niederwerfen. aber Hassan zog sie in seine Arme und drückte einen heißen Kuß auf ihre Lippen, der sie elektrisch durchzuckte und zu einem so schmachtenden Blick entflammte, daß Hassan nicht umhin konnte, den Kuß zu wiederholen. Dann, als das Mädchen sich seinen Armen entwand, führte er sie zu seinem Gemälde und erklärte ihr, die zum ersten male ein Oelbild voll Erstaunen sah, den Zweck desselben und seine Absicht, auf dem unbemalten Platze den Sündenfall durch Eva's Verschulden darzustellen, die Adam verführt, von dem verbotenen Weizen statt von Gerste Kuskussu zu bereiten oder Brot zu backen. »Mir fehlt das Modell zu einer Eva, willst du mir als Modell dienen, so folge mir«, sagte er. »Zwar verbietet der Prophet, daß man Lebendiges abbilde«, erwiderte Eva-Fatime, »allein ich bin deine Sklavin, deine Sache, befehle und ich gehorche.« Der Künstler führte sie die Gartenterrassen herab in den stillen, einsamen Naturpark, in welchem der Morgenthau noch in Gräsern und Blumenkelchen glänzte. Nahe der Dattel war ein kleiner Hag, der, gegenwärtig voll tausend duftiger Veilchen, beinahe eine bläulich-grüne Färbung angenommen hatte. Hier hieß er Fatime sich entkleiden und die Stellung annehmen, die Eva, vor einer Handmühle sitzend, eingenommen haben würde, wenn sie Adam, an den Dattelbaum gelehnt, die Erlaubniß zum Mahlen der verbotenen Frucht abschmeicheln wollte. Unter dem Dattelbaume nahm er selbst seinen Standpunkt, das Skizzenbuch, das mit den Malapparaten von Tunis geschickt war, in der Hand, um mit dem Silberstift die reizende Eva zu skizziren. Diese hatte sich mit der orientalischen Frauen eigenen Koketterie auf die untergeschlagenen Beine gesetzt und lehnte sanft an dem Veilchenhügel, in der einen Hand statt der Weizenähren den Rosenstrauch haltend, mit der andern auf diesen deutend. Sie hielt beide Arme in der reizendsten Rundung, gleichsam bereit, Adam zu umfangen. Die Schlange fehlte freilich, allein, ob sich Adam nicht doch verführen ließ? Arme Karoline im Paradiese zu Jena, es hätte übermenschliches Verlangen geheißen, diesen erst feucht warmen, schmachtenden, dann immer glühender werdenden Taubenaugen zu widerstehen. Das Gemälde machte jetzt rasche Fortschritte; gleich nach Sonnenaufgang, ehe noch der Marabut zum ersten Gebet gerufen, saß Hassan an der Staffelei. Hinter dem Veilchenhag erhob sich ein Rosengebüsch, aus dem der Rosenbaum mit den ewig blühenden Büschelrosen sich kennbar hervorhob. Die Schatten einer seitwärts stehenden Palme warfen auf Eva ein von Sonnenstrahlen durchbrochenes Licht; in dem Gesträuche seufzte die Nachtigall, Papagaien und andere Vögel bevölkerten Gebüsch und Bäume. Das Bild Eva's war in wenig Wochen bis auf Hals und Kopf vollendet, wegen des Kopfes war Streit zwischen Herrn und Sklavin, letztere wollte, daß an die Stelle ihres Kopfes der schönere Mirza's genommen werde, während jener der Harmonie wegen, und weil die Realität jetzt bei ihm den Vorzug vor Phantasiegebilden hatte, Fatime's Kopf ausmalen wollte, den er schon skizzirt und untermalt hatte. Aber Fatime hatte bei aller Demuth und Unterwürfigkeit schon eine gewisse Herrschaft sich angemaßt, sie beherrschte Hassan's Seele und Sinne, der gar kein anderes Bild neben ihr haben wollte, während ihr Streben dahin ging, das Bild Mirza's nicht nur, sondern diese liebe Halb- und Milchschwester selbst bald als rechtmäßige Frau ihres Herrn neben sich zu sehen. Sie hatte sich entschieden geweigert, Hassan's rechtmäßige Frau zu werden. »Wozu das?« hatte sie gesagt, »es genügt mir, Gnade vor deinen Augen gefunden zu haben. Wir Frauen im Orient verblühen so rasch wie unsere Rosen, du wirst von selbst lernen, daß Wechsel Reiz hat, und da du nur vier rechtmäßige Frauen haben darfst, so laß mich deine Sklavin sein, die sich begnügt mit den Brosamen von deinem Tische, damit du später, wenn deine Frauen verwelkt sind, eine neue wählen kannst.« Eines Morgens vor Sonnenaufgang, zur Zeit, da der Weizen reifte, hatte Fatime die Schwester Mirza aus dem väterlichen Harem zu entführen gewußt, sie mit dem Kranze von Weizenähren und Cyanen geschmückt, ihr ein Weizenbüschel in die Hand gegeben, und so überraschte sie den Maler vor der Staffelei, wo sie plötzlich den Burnus vom Kopfe und Gesichte der Verschämten zog. Das war allerdings ein idealerer Kopf als Fatime's, eine kaum aus dem Grün sich drängende Rosenknospe, während Fatime schon eine von der ersten Sonne aufgeküßte Knospe war. In Fatime's Zügen erschien die reine kindliche Natur mit voller Sinnlichkeit ausgeprägt, das Gesicht Mirza's hingegen war von einem geistigen Hauche durchweht, der, wenn dieses schwarze Auge auch nur halb so zärtlich-schmachtend schauen konnte wie die Augen Fatime's, eine wundervolle Eva geben mußte, eine meerschaumgeborene Venus, wie aus der Hand des Schöpfers. Fatime zog eine der Ottomanen von dem Bassin näher an die Staffelei, flüsterte dann Mirza einige leise Worte ins Ohr, die sie mit dem Purpur der Verlegenheit bekleideten, und machte, indem sie sich an die Ottomane zurücklehnte und die Weizenähren in die Hand nahm, die Stellung, in welcher sie zu Modell gesessen. Mirza ahmte die Stellung nach sowie auch den verführerisch-schmachtenden Blick. Aber das war nicht das sanfte Schmachten Fatime's, das war ein glühendes Befehlen, es schien mit Flammenschrift aus diesen Augen zu brennen: »Komm in meine Arme, Adam.« Der Meister konnte anfangs keine Hand bewegen, er fühlte sich wie gelähmt unter dem Glühen dieser schwarzen Augen; dann aber, nachdem er sich das Bild Mirza's, wie er glaubte, für tausend Jahre eingeprägt hatte, überfiel ihn eine wahre Malerwuth, und da er dem Modell nicht zumuthen mochte, in dieser Stellung lange zu verharren, hatte er die Grundzüge ihres Kopfes und Halses in kurzer Zeit entworfen. Den Fleischton in dem Rumpfe Eva's hatte er gleich von Beginn nicht in den gelblichen Tinten der Abyssinierin gehalten, sondern in den ihm von Tizian her wohlbekannten Fleischtönen, und der schöne weiße Hals und der kleine Kopf Mirza's paßten zu dem Rumpfe, als wäre das aus Einem Gusse. Nun aber hielt es ihn nicht länger, er warf Pinsel und Palette von sich und stürzte in Mirza's Arme. Mit der Bemerkung, daß es für Mirza an der Zeit sei, in den väterlichen Harem zurückzukehren, machte Fatime den Zärtlichkeiten, die sie zu freuen schienen, ein Ende. Hassan begann aber seine Thätigkeit als Obergärtner zu hassen, obgleich ihm Fatime getreulich zur Seite stand. Sie hatte die Beaufsichtigung des Obst- und Gemüsebaues übernommen, sie pflückte für den Harem wie für den Geliebten die Früchte, im Frühjahre die schönen Kirschen, jetzt die Aprikosen und Orangen, während die schwarze Sklavin das Schlachten, Brüten, Schmoren, Rösten und Brotbacken versah. Fatime bot dem Geliebten die feinsten Gemüse und legte ihm mit ihren zarten Fingern die Fleischspeisen vor, sie bewachte mit einem Pfauenschweifwedel seine Siesta, sie sorgte dafür, daß Mirza jeden Tag ihre Selams erhielt. Wenn nach dem Abendgebete Hassan auf dem Dache seine Wasserpfeife rauchte, dann gewährte ihm die im Bassin auf dem Hofe im Wasser plätschernde Dienerin das Bild der badenden Susanna. Als die Regenzeit nahte, war das Paradies vollendet, Mirza hatte zu dem Kopfbilde noch zweimal gesessen. Man war übereingekommen, daß Hassan sein Dienstverhältniß zu Ibrahim kündigen, denselben aber zugleich angehen solle, ihm das Haus, das er jetzt bewohne, nebst einem Theile der Gartenterrassen zum Eigenthum zu übergeben, gegen einen zu bestimmenden Kaufpreis und die Verpflichtung, noch fünf Jahre freiwillig die Oberaufsicht über die Gärten zu führen. Wenn Ibrahim dies gewährt habe, sollte das Bild, zu welchem ein entsprechender Goldrahmen schon im Frühjahre in Tunis bestellt und von Frankreich oder Italien herübergeschafft war, als Heirathsgabe angeboten werden, dem freien, nicht dienstbaren Hellung Mirza zur Frau zu geben. Ibrahim, der nie im Leben ein Oelgemälde gesehen hatte, sollte überrascht werden, und gegen etwaige Bedenken des Muselman wollte der Maler die Nothlüge machen, daß er in seiner christlichen Zeit das Bild noch gemalt und daß die Züge Mirza's sich ihm eingeprägt, als er einmal durch die Gnade Allah's, der den Schleier vor Mirza's Gesicht durch einen Dorn habe festhalten lassen, deren Antlitz geschaut. Der Handelsmann der Herbstkaravane, die vom Meere nach dem Süden zog, brachte dann auch den gewünschten Rahmen und die andern nöthigen Requisiten, und nachdem das Bild eingerahmt und mit Firnis überzogen war, mußte sich der Maler eingestehen, das sei das beste Bild, das er je gemalt habe und je wieder malen werde. Daß Adam dem Zuschauer nur das Profil, sonst aber den Rücken zuwendete, war allerdings vielleicht ästhetisch nicht zu rechtfertigen, aber durch die Natur der Sache bedingt und hatte seine tiefern Bezüge, die keinem entgehen konnten, der das Bild mit Verständniß betrachtete. Verglich man ein Bild der altdeutschen Schule, wo Adam und Eva regelmäßig auf beiden Seiten des Apfelbaums stehen, die Schlange sich aber an diesem hinaufwindet, selbst viele der niederländischen und altitalienischen Paradiesbilder mit dieser neuern Schöpfung, so ragte sie durch poetische Auffassung, durch die Schönheit der Eva und die landschaftliche Naturtreue weit über jene empor. Nachdem das Bild in das gehörige Licht gesetzt war, wurde Ibrahim, der in die Vorschläge Hassan's eingewilligt und diesem seine Wohnung als Eigenthum überlassen hatte, eingeladen, ein Kunstwerk zu schauen, das Hassan noch als Christ geschaffen habe. Ibrahim war schwer zu bewegen, seine Wohnung zu verlassen, indeß gab er den vielen Bitten seines neugierigen Harems nach und verfügte sich in Begleitung desselben nach der unfernen Wohnung des neuen Glaubensgenossen. Bei dem Verbote der Nachbildung lebender Gegenstände darf es nicht wundernehmen, wenn man in mohammedanischen Landen auch kein Abbild der Natur, von Monumenten und Städten sieht, wenn die Begriffe über bildende Kunst und Malerei fehlen. Ibrahim und sein Harem hatten nie ein Oelgemälde gesehen, und es war erklärlich, daß die ganze Gesellschaft über das, was sie hier erblickte, in Staunen gerieth. Der Vorwurf brachte es mit sich, daß die Haremswelt, jede Frau in ihrer Einfalt etwas Besonderes für das Schönste an dem Bilde hielt; wenn die eine den Papagai, der irgendeinem Papagai, den sie einmal besessen hatte, so ähnlich sei, wie ein Ei dem andern, die andere den Rosenstrauch hinter dem Veilchenhag am hübschesten fand, die dritte den Adam besonders würdigte, im Verständniß der Situation, indem sie das nicht Sichtbare in ihrer Phantasie ergänzte, wenn eine vierte sich über die im Hintergrunde in den Bäumen spielenden Affen freute; alle Frauen waren aber darin übereinstimmend, die Eva sei häßlich, weil sie viel zu mager sei. Anderer Meinung war Ibrahim. Er saß auf Kissen vor dem Bilde, er sah nach beinahe vierzehn Jahren zum ersten male wieder die schönste aller Frauen und Mädchen, die er geliebt hatte. Diese Eva war die Mutter seiner Mirza, die Rose von Damaskus. Sie war achtzehn Jahre alt, als sie starb, und die Freude an Weibern war für ihn mit ihr erstorben. Er, sonst so fromm, dachte nicht daran, daß der Koran verbiete, Lebendes zu malen; dies war ja auch keine Nachbildung, dies mußte eine Eingebung Allah's selbst sein, denn der Maler hatte ja die Rose von Damaskus nie gesehen. Daß ihm die Tochter Mirza zum Modell des Kopfes habe dienen können, fiel Ibrahim um so weniger in den Sinn, als er in dieser Tochter immer nur noch das blasse, kränkliche Kind mit seinen unentwickelten eckigen Formen und niedergeschlagenen Augen gesehen hatte. Nach langem Besinnen sagte er: »Hassan, das Bild muß mein sein, ich zahle dafür zwanzigtausend Piaster, sechs Kamelstuten, zwanzig Schafe und die drei schönsten meiner Sklavinnen.« Hassan legte zum Zeichen der Hochachtung die geöffnete Rechte auf den Kopf und sagte: »Hoher Gönner, gestatte, daß ich das Bild des Paradieses dir als Hochzeitsgabe zu Füßen lege, um mir dafür das Paradies in den Armen des Lichtes meines Lebens, meiner einzigen Wonne, deiner Tochter Mirza zu erringen.« Ibrahim sah ihn staunend an, dann blickte er auf das Bild, erhob sich, legte die rechte Hand vor die Stirn und nickte leicht mit dem Kopfe. Er hatte also eingewilligt. Hassan hätte vor Lust aufjauchzen mögen, aber er hielt sich in der Ruhe eines Muselmans, legte den Zeigefinger an die Stirn, zum Zeichen dankbaren Einverständnisses. »In drei Monden, wenn die Veilchen wieder blühen«, sagte Ibrahim, »kannst du Mirza zur Ehefrau holen, bis dahin werde ich dir einen Harem auf die Rosenterrasse bauen. Drei Sklavinnen, die ich dir sende, mögen dich bis dahin trösten.« Beim Eintritt der Regenzeit gebar Fatime einen Knaben, der den Namen Ibrahim erhielt, die drei Sklavinnen, die Ibrahim Hassan geschenkt, bedienten sie; der einen von ihnen, einer Christin von Chios, hatte Hassan zwar die Freiheit geschenkt, aber sie weigerte sich, von dieser Freiheit Gebrauch zu machen. Ein kundiger Baumeister von Zuwan baute in kurzer Zeit nach den Plänen Ibrahim's einen kleinen, aber prächtig eingerichteten Harem, und als die Zeit der Maien in unserm Sinne kam, als alle Knospen sprangen, da wurde vom Montage bis zum Donnerstage Hochzeit gefeiert im Hause Ibrahim's. Der Imam hatte die Vertragsbedingungen ausschrieben, die Braut brachte dem Manne einiges übliche Hausgeräth zu, darunter die niemals fehlende Handmühle und den Schmuck der Mutter an Perlen, Diamanten und Rubinen, deren Gewicht nach Unzen und Metikals genau angegeben war. Donnerstag abends, als die Sonne untergegangen und die Venus hellglänzend im Westen aufgegangen war, begleitete man das junge Paar zur Vollziehung der Ehe in den neuen Harem; der Imam ging voran und sang: »Kommt zur geheiligten Nacht, in welcher der Prophet empfangen«, und die Sklavinnen der Gattin wiederholten im Chor unter Anschlagen von Cymbeln: »Kommt zur heiligen Nacht!« Zweites Kapitel. Eine Tonne Goldes. Der Sinn für geheime Verbindungen zur Erreichung idealer Zwecke stammt in Deutschland schon aus der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Freimaurerei und Illuminatenwesen hatten kurz vor den Revolutionskriegen beinahe epidemisch in Deutschland gehaust. Die politischen Umwälzungen waren mit brutaler Hand durch die idealen Geisterbündnisse gefahren, da hatte sich von Ostpreußen aus, im Einverständnisse wenigstens mit den Spitzen der Regierenden, wenn auch nicht der höchsten Spitze, ein neuer geheimer Bund gebildet mit nationalen und politischen Zielen, der Tugendbund. Die Nachwirkungen desselben auf die Jugend suchte man in den zwanziger Jahren mit Kerker und Ausschluß aus den Staatsdiensten zu bannen, während man von 1808 ermuntert und die Jugend wie das Alter aufgestachelt hatte. Die Jugend war durch den Dichterfürsten Schiller geweckt und idealisirt, es bedurfte daher nur eines kleinen Anstoßes. Der Deutsche, von den Franken geknechtet vom Rhein bis an den Pregel, von der Nordsee bis zu den Alpen, fühlte seit Jahrhunderten sich zum ersten mal wieder Eins in dem Bewußtsein gemeinsamer Schmach. Je mehr das Franzosenthum sich zu spreizen anfing mit seiner Mission, die Civilisation über die Welt zu verbreiten und allen Völkern unter der Herrschaft Frankreichs auch die Präge französischer Civilisation zu geben, desto mehr wurde sich der Preuße, der Brandenburger, der Märker, der Kalenberger, Hesse u. s. w. des deutschen Völkerthums bewußt. Schiller's Dramen mit seinen idealen Helden und dem Pathos und Schwunge der Sprache, selbst mit seinem Phrasenthum hatten Gedanken, Wünsche, Hoffnungen an das Vaterland rege gemacht, Gedanken an den Staat, im Gegensatze zu dem Privatfürstenrechte, geweckt. Der Schulmeister auf dem ärmsten Heidedorfe war im Besitze von Schiller's Gedichten und einiger Lieblingsdramen desselben. Wohin Fichte's Männerworte nicht drangen, da declamirte ein Schulmeister der Jugend vor: Ans Vaterland, ans theure, schließ dich an, Das halte fest mit deinem ganzen Herzen! Hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft. Und nun erst in den gelehrten Schulen, auf den Gymnasien, da waren die Männer der Erhebung von 1809, die Hofer, Herzog Oels, Schill, Katt, Dörnberg und Emmerich Ideale der Jugend. Hermann Baumgarten hatte seit anderthalb Jahren das Gymnasium in Göttingen besucht und war jetzt in den Hundstagsferien des Jahres 1811 daheim bei den Aeltern im grünen Walde. Hermann war ein hochaufgeschossener, aber schmächtiger Knabe von dreizehn Jahren, dem man eine gewisse Kraft an der strammen Haltung und der elastischen Schwungkraft seines Ganges ansah. Es war morgens drei Uhr, und die Julisonne noch nicht aufgegangen, als Hermann aus dem Fenster seiner Schlafkammer auf das Stalldach stieg, das etwa bis zu zehn Fuß über den Erdboden oder vielmehr einen trockenen Dunghaufen sich senkte. Der Knabe stieg herab und war mit einem Sprunge auf dem Hofe. Der Kettenhund schlug einmal an, aber auch nur einmal, denn er kannte Hermann. Dieser begab sich zu dem Theile des großen Hofraums, wo das Wellenholz für den Winter zum Austrocknen hoch aufgehäuft war, zog unter dem Reisig einen Sack hervor und ein Kienrußgefäß, wie dazumal vor Erfindung der englischen Glanzwichse in jeder bürgerlichen Haushaltung zur Bereitung von Stiefelwichse vorhanden war. Er nahm den Sack auf den Rücken, warf noch einen Blick nach dem Schlaffenster seiner Mutter, und da er dort alles still fand, schlich er leise in den Blumengarten und trat an der andern Seite desselben in den Wald. Hier sah er sich nochmals um, war es ihm doch, als hörte er etwas im Laube rascheln. Im Garten und Forsthause war alles still, aber es raschelte jetzt lauter zu seinen Füßen. Feldmann, der treue Dachshund, hatte seinen jungen Herrn erspürt und bat zu seinen Füßen, ihn mitzunehmen. Das mußte nun schon geschehen. Im Leinholze dämmerte es noch, die Sterne funkelten hier und da durch das Laubdach, und im Osten fing der Himmel an sich violett zu färben. Der Wanderer ging raschen Schritts nach Süden auf einem schmalen Jägerpfade. Nach einer halben Stunde verließ er den Pfad und schlug sich durch junges dichtes Unterholz der frühern hessischen Grenze zu. Hier in einem Thale war eine sogenannte Schwedenschanze, die das Volk auch Heidenmauer nannte, vielleicht ein alter Lagerplatz für räuberische Landsknechte. Der freie Platz, der von einer halbrunden Erhöhung von Erde und Gestein umgeben wurde, war von drei Seiten durch einen dichten jungen Buchenbestand gedeckt, nach der südwestlichen Seite senkte sich der Berg, und ein klarer Waldbach rieselte zwischen Gestein und Moos zur Werra nieder. Auf dem freien Platze innerhalb der Schanze stand nur eine alte Eiche. Vor dieser warf der Knabe seinen Sack ab, nahm aus demselben Hammer und Nagel und schlug etwa fünf Fuß über den Fuß des Baumes einige Nägel ein. Dann zog er aus dem Sacke einen zweiten gefüllten Sack, mit Moos und Rehhaar ausgestopft, und hing ihn an dem Baume auf. Man sah, der Sack sollte einen menschlichen Rumpf vorstellen, Brust und Arme, Bauch und Beine waren durch Einnähen gekennzeichnet. Das Kienrußfäßchen wurde hervorgeholt, ein Fläschchen mit Oel und der Inhalt des Fäßchens gaben schwarze Farbe. Ein selbst aus Rehhaar gefertigter Pinsel wurde aus dem Sacke hervorgezogen und die Contouren der Arme und Beine kräftiger hervorgehoben, auch ein schwarzes Herz in die linke Brust gepinselt. Ein menschlicher Kopf mit dreieckigem Hute aus Pappe geschnitzt und ein rothübermaltes Gesicht schuf eine Menschengestalt, die den Mann, der die Welt beherrschte, kennzeichnen sollte. Hermann betrachtete sein Werk mit Wohlgefallen, rückte und schob daran, besserte auch mit dem Pinsel noch nach. Bald darauf tönte von Norden Elstergeschrei, von Osten ließ sich der Vogel Bülow vernehmen, von Süden bellte ein Hund so täuschend, daß Feldmann das Gebell erwiderte. Bald war Hermann von elf Knaben umgeben, die jedoch alle älter waren als er. Kleiner war nur Klaus, der rothbäckige Sohn des Müllers von Albshausen, ein Rothkopf. Aus Gartenbach, Hermanrode, Neuenrode, Mollenfelde und andern Orten der Umgegend hatten sich die Jungen zusammengefunden; die Mehrzahl derselben war schon confirmirt, die andern sollten es zu Ostern werden. Hermann bewillkommnete jeden mit einer Frage: »Vogel Bülow, wie schaut's aus im grünen Walde?« »Die Sonne ist aufgegangen«, lautete die Antwort. »Elster, was glänzt dort im Osten?« »Die Sonne ist aufgegangen.« Und so antworteten alle die mit Thiernamen der Vogel- und Säugethierwelt Angeredeten: »Die Sonne ist aufgegangen.« »Ja die Sonne der Freiheit ist aufgegangen!« wiederholte Hermann. »Was haben wir geschworen?« »Tod den Tyrannen!« »Was schwören wir heute abermals?« »Tod den Tyrannen!« erwiderten alle, die im Kreise um den jungen Führer getreten waren. Dieser zog ein dolchartiges Messer hervor, das er sich aus einem alten Jagdmesser zusammengeschliffen, jeder der übrigen Jungen hatte eine ähnliche Waffe. Dann maß man zwanzig Fuß Entfernung von dem Sackmenschen am Baume und begann der Reihe nach die Dolche nach demselben zu schleudern. Der, dessen Dolch dem Herzen am nächsten saß, wurde belobt, wer den Baum verfehlte, mußte zwei Dreier in eine Sparkasse bezahlen. Nachdem diese Uebung eine gute halbe Stunde gedauert hatte (und man sah, daß es nicht die erste war) ging es an eine andere. Man stieß nach dem Herzen. Der Stoß mußte, wenn er gelten sollte, den Sack durchdringen und im Baume sitzen. Jeder durfte zwölfmal stoßen, es war die heilige Zahl der Zwölf. Die Brust des Sackmenschen war weidlich zerstochen; Moos und Rehhaar quollen überall hervor. Heinrich Ott, der Schneider, mußte ein Stück Sackleinwand über die Brust nähen, während Hermann aus einer hohlen Eiche, die in einiger Entfernung stand, zwei Büchsen hervorholte und auf der Schwedenschanze die Vorbereitungen zu Schießübungen traf. Jeder that auch hier zwölf Schüsse, dann trennte man sich mit dem Versprechen, am nächsten Sonntage sich zeitig wieder einzustellen. – Es waren kindliche Spiele, aber bedeutungsvolle. Der Haß gegen Napoleon – denn ihn sollte die Figur darstellen – war in diese einsam gelegenen Wälder gedrungen. Freilich hatte der Sohn des angesehenen Oberförsters den Sinn dafür vom Gymnasium in Göttingen mitgebracht. Dieser Sinn war dort aber nicht etwa von den Lehrern den Schülern eingeblasen, nein, er hatte sich unabhängig in der Schülerwelt entwickelt in Anregung aus dem republikanischen Alterthum, die Beispiele von Miltiades, Hannibal, Brutus hatten gewirkt, eine gleiche Begeisterung für Freiheit und Vaterland war von einem Gymnasium in das andere gedrungen und durchwehte in aller Stille ganz Deutschland. Schon die Secundaner hatten sich zusammengethan, einen Geheimbund der Zwölf gestiftet, der jedes Mitglied verpflichtete, abermals einen Geheimbund von zwölf Mitgliedern zu bilden, der aber von dem Centralbunde in Göttingen nichts wisse. Jedes Mitglied mußte einen Beinamen führen. Die Zwölf vom Centrum führten alle Kaisernamen. Heinrich der Finkler, Otto I. u. s. w., die andern Zwölf sollten nur Thiernamen führen. Es waren seitdem zwei Jahre vergangen, Napoleon's Ehrgeiz war in Rußland gedemüthigt, das größte Heer, das je die Welt gesehen, vernichtet. Das preußische Volk hatte sich erhoben; was man 1809 nur gewünscht, war geschehen, das Heer hatte den Anfang gemacht und den König mit fortgerissen. York hatte schon am 30. December 1812 die Convention von Tauroggen geschlossen und sein Heer von den Franzosen getrennt. Bis zum 16. März dauerte es aber, ehe die Kriegserklärung an Frankreich erfolgte, und erst am 17. März folgte der Aufruf »An mein Volk«. Was Preußen anging, konnte Körner singen: Das Volk steht auf! Der Sturm bricht los! Wer legt die Hände noch feig in den Schos? In Preußen gab es keine Feige, in Berlin stellten sich gegen 400 Gymnasiasten als Freiwillige. Die Schlachten bei Lützen, Bautzen, Großbeeren, an der Katzbach waren schon geschlagen, Oesterreich hatte sich nach langem Zögern den Verbündeten beigesellt, aber noch war das ganze nordwestliche Deutschland in den Händen der Franzosen und ihrer Vasallen. In Kassel thronte noch, es war Ende September 1813, Hieronymus, und die in Kassel erscheinenden westfälischen Zeitungen wußten von Siegen Napoleon's über die Verbündeten zu erzählen, während im Volke ein Gemurmel ging, die Kosacken seien diesseit der Elbe und könnten alle Tage in Göttingen ankommen. In jenem einsamen Winkel zwischen Werra und Leine, den Oskar Baumgarten bewohnte, den keine Chaussee durchschnitt, dem sich ein Reisender selten nahte, war man ohne alle Nachricht von den Weltbegebenheiten. Hermann Baumgarten, der das fünfzehnte Jahr hinter sich hatte, war abermals in den Ferien zu Hause, aber er hatte keine Ruhe. Mit der Flinte auf dem Rücken, mit der Jagdtasche umgürtet, besuchte er ein Dorf der Umgegend nach dem andern, um die Geheimbündler zu sprechen. Die Jagd war nur Vorwand, doch mußte er dann und wann einen Bock schießen oder einige Rebhühner mitbringen, damit die Mutter sein Treiben nicht durchschaue. Er war der einzige daheim gebliebene Sohn, Georg war in Amerika, das damals noch sehr fern und beinahe aus der Welt lag, und dieser Jüngste wurde jetzt als Stammhalter betrachtet, und Marianne hatte nicht eher geruht und gerastet, als bis er für einen friedfertigen Beruf, den eines Predigers, bestimmt, zum Gymnasium in Göttingen geschickt war. In diesem stak aber nicht das Zeug zu einem Pastor; so oft ihm auch die Mutter das Bild ihres Bruders und seines friedfertigen Lebens in Grünfelde zu Gemüthe führte, eine innere Stimme sagte ihm: das paßt für dich nicht. Als Franzose geboren, hätte er den Marschallstab im Wachen und Träumen gesehen, als Deutscher, wenn jetzt auch leider als Zwittergeschöpf Westfale, war das Höchste, was er erreichen konnte, eine Corporalfuchtel. Aber nicht Ehrgeiz war es, was ihn stachelte, es war Haß gegen die Fremdherrschaft. Man glaube doch nicht, daß er sich angestammt gefühlt hätte den Welfenkönigen auf jenem Inselreiche, oder daß seine hessischen Bundesgenossen ein Absehen gehabt hätten auf Wiedererlangung der Zopfkurfürsten; die Jungen wollten nur das Franzosenvolk aus dem Lande haben, was dann kommen sollte, darüber hatten sie wenig oder gar nicht nachgedacht. Kaiser und Reich waren den Centralzwölfern nicht unbekannte Begriffe, obgleich auf dem Gymnasium in Göttingen nur die Geschichte der römischen Kaiser gelehrt wurde und von einem deutschen Kaiserreiche nicht die Rede war, wohl aber, auf Ordre Johannes von Müller's, von dem Imperatorenthume des größten Helden der Welt, des Civilisators, des künftigen Weltmonarchen. Die Centralzwölfer mußten in ihren Zusammenkünften aus der deutschen Kaisergeschichte referiren, und jeder nannte sich nach seinem Lieblingskaiser und hob dessen Verdienste um das Reich hervor. Hermann wußte den Vater so lange mit allerlei Nachrichten und Gerüchten zu reizen, bis dieser ihm den gewünschten Auftrag gab, über Dransfeld, wo einige Bestellungen auszurichten waren, nach Göttingen zu gehen, um zu recognosciren, wie es eigentlich an der Leine aussehe. Er lud seine Doppelflinte mit Palestern, steckte ein Terzerol in die grünleinene Bluse und ging über den Hohen Hagen nach Dransfeld und dann den sogenannten Heerweg über die Knallhütte nach Göttingen weiter. Man wußte an allen diesen Orten nur, daß verschiedene Kuriere in Eile nach Münden und Kassel weiter geritten seien. Im Rischenkruge machte Hermann Frühstückspause; es war dies ein Vorspannquartier für Frachtfuhrleute, denn von hier ging es ziemlich steil bergauf in das Gronerholz hinein, das damals noch wegen Raubthaten aus dem Siebenjährigen Kriege gefürchtet war. Vor dem Kruge hielten drei Frachtfuhrwerke und drinnen saßen die Fuhrleute in ihren blauen Kitteln und fluchten weidlich. Statt hier den gewünschten Vorspann zu bekommen, waren in der Nacht westfälische Dragoner gekommen und hatten nicht nur sämmtliche Vorspannpferde, sondern selbst die Pferde der Frachtfuhrleute zu Kriegsfuhren requirirt. Der Wirth wehklagte, die Frachtfuhrleute, echte Sachsenhäuser, donnerwetterten frankfurtisch oder sachsenhäusisch. Ein Jägerbursch aus Knutbühren, dem Hermann als Sohn des Oberförsters wohl bekannt war, winkte diesem mit den Augen und verließ das Gastzimmer. »Es ist nicht richtig, junger Herr«, sagte er draußen, »die Dragoner eilten mit einer Hast nach Kassel zurück und sahen so – ich weiß nicht wie ich es nennen soll, nun so wie ein Jäger, der drei Stunden auf dem Anstande gestanden und dann den Hirsch, der vierzig Fuß vor ihm vorbei zum Aeßen spaziert, gefehlt hat – aus, daß da unten etwas passirt sein muß. Bleiben Sie nicht auf dem Heerwege, halten Sie rechts den Fußweg durchs Holz, von dort können Sie den Heerweg übersehen, ohne gesehen zu werden. Ich muß links, sonst würde ich Sie begleiten.« Hermann dankte und brach nach kurzer Rast auf. Der Fußweg lief dem Heerwege ziemlich parallel, nur daß er sich von diesem wie das hügelige Terrain es erforderte, bald mehr entfernte, bald ihm sehr nahe kam. Gleich im Anfange war eine ziemlich steile Höhe zu ersteigen, dann senkte sich diese wieder zu einem Thale, um abermals etwas höher emporzusteigen. Es war etwa morgens elf Uhr und im Holze alles lautlos, auch auf dem Heerwege bewegte sich kein Wagen, kein Pferd, kein Mensch. Plötzlich schien es Hermann, als wenn er von Ellerhausen her Geräusch vernähme. Er hatte sich nicht getäuscht – Reiter und ein schwerbeladenes Fuhrwerk mußten die vor ihm liegende Erhöhung heraufkommen, deren Abfall vom Thale er vor sich sah. Er wählte etwa in der Mitte dieses Abfalls einen Standpunkt im Holze, von dem er nach Osten und nach Westen dort den ziemlich steil abfallenden, hier den wieder emporsteigenden Heerweg übersehen konnte. Nicht lange, so erschienen auf der östlichen Höhe vier westfälische Dragoner und ein Offizier, welche im schlanken Trabe den Berg herabsprengten und ohne sich umzusehen in etwas kürzerm Trabe die Erhöhung nach Dransfeld zu hinauf. Bald auch zeigte sich auf der Höhe ein Bauerwagen mit vier Pferden bespannt und mit Fässern beladen. Zwei Dragoner ritten neben dem auf dem Vorderpferde sitzenden Bauerknechte. Auf einem Strohsitze vorn am Wagen saß ein Civilist, dem man die Schreibernatur ansah; er schien recht ängstlich zu sein und hielt sich an beiden Leiterbäumen fest, wol deshalb, weil das erste Faß nicht festlag, sondern gegen den Strohsitz stieß. Jetzt, bei dem Herunterfahren, drückte es mit seinem ganzen Gewicht auf diesen Sitz, während es bei dem Bergauffahren zu den andern Fässern zurückrollte. Die Fässer waren schwer, sie mußten mit Geld gefüllt sein. Es war ein schönes starkes Gespann vor dem Wagen, das stark austrabte und den andrängenden Wagen sich nicht zu nahe auf die Fersen kommen ließ. Ein zweiter Wagen folgte unter gleicher Begleitung nach kurzem Zwischenraume. Ein dritter blieb länger hinter der Anhöhe, es schien, als könnten die Pferde ihre Last nicht so leicht bewältigen, man hörte, wie der Fuhrmann die Pferde mit der Peitsche antrieb, hörte Fluchen und Schimpfen. Endlich erschien auch dieser auf der Höhe, er war nur mit drei magern Gäulen bespannt, und seine Last schien noch schwerer als die der vorigen Wagen, obgleich er nur wenig große, dagegen eine größere Anzahl kleiner Fässer trug. Kaum bewegte sich der Wagen auf der schiefen Ebene, als er durch seine bedeutende Schwere das Uebergewicht über die schwachen Pferde und den Fuhrmann erhielt und nun auf eigene Hand den Berg herabzurollen begann. Die Heerstraße war damals noch nicht wie die Chaussee heutzutage schon macadamisirt, sondern sie war nur hin und wieder in den zu tief gefahrenen Gleisen mit Steinschlag ausgefüllt und mit Morast nothdürftig verkleistert. Der Wagen, der nicht mehr Spur hielt, stieß stark, die Fässer lagen auch hier nicht fest, namentlich die beiden hintersten großen Fässer mit Fünffrankenthalern schaukelten fortwährend hart gegeneinander, und als der Wagen die Hälfte der Anhöhe herab war, gab es einen Knack, und bald klingelten auf dem Wege die Fünffrankenthaler aus dem letzten Fasse, dessen Reife zersprungen waren. Die Dragoner, vorn und hinten, schrien dem Fuhrmanne zu, anzuhalten, allein das war unmöglich, die Pferde wurden vom Wagen getrieben, und der Versuch, dieselben zur Seite zu lenken, machte das Stoßen des Wagens und das Klirren des fallenden Geldes nur noch schlimmer. Die beiden Dragoner waren vom Pferde gestiegen, und da der Wagen nur noch ein Drittel des Weges bis zur Ebene zurückzulegen hatte, der Abfall des Weges auch minder steil war, gelang es ihnen, vor ein Hinterrad eins der kleinen Fässer zu legen. Die Wagendeichsel war aber bei dem Versuche, die Pferde zur Seite zu drehen, gebrochen, und der Stumpf verletzte das linke Pferd so sehr, daß es fiel. So kam der Wagen zum Stehen. Die Dragoner banden nun ihre Pferde an den Wagen, halfen das gefallene Pferd beseitigen und die andern Pferde abspannen. Die übrigen Wagen und Reiter hatten indeß längst die Höhe des Heerweges nach Westen überschritten, sodaß sie von dem Unfalle des letzten Wagens nichts merkten. Die hinter dem Wagen reitenden Dragoner hatten gleichfalls die Pferde verlassen und diese an einen Baum gebunden, und waren eifrig dabei, die auf einer Strecke von zweihundert Schritt zerstreuten Fünffrankenthaler aufzulesen. Als die vordern Kameraden dies sahen, hielten sie diese Arbeit auch für besser und begannen Taschen, Stiefel und was sonst dazu dienen konnte, mit Fünffrankenthalern zu beladen. Hermann hatte im Gebüsch weiter oben gestanden, etwa da, wo die Reifen sprangen und dann einer der Deckel wich. Er schlich sich jetzt vorsichtig weiter hinab näher dem Wagen zu. Der Heerweg lag hier um etwas höher als der Wald; man hatte einen Damm aufgefahren, um die Steile des Abfalls zu mäßigen, und so befand sich an beiden Seiten des Heerwegs ein schräg abfallender Graben, der zugleich dazu diente, dem Regenwasser einen Abzug zu geben. Da es nach Mitte September beinahe acht Tage geregnet hatte und noch am Tage vorher ein starkes Gewitter über den Hohen Hag gezogen war, so war Wasser von etwa einem Fuß Tiefe in dem Graben, der von Gras überwuchert und lange nicht gereinigt war. Der Fuhrmann, offenbar ein in der Umgegend Göttingens gepreßter Bauer, jammerte noch immer um sein Pferd, hatte seine Augen aber beständig auf die Dragoner gerichtet, welche die Fünffrankenthaler aufsammelten. Als er diese eifrig beschäftigt sah, näherte er sich vorsichtig dem Wagen von der vordern Seite, langte eins der kleinen Geldfässer aus demselben, sah sich nach allen Seiten um, und wie er sich unbemerkt glaubte, ließ er das Fäßchen nach der Seite, wo der junge Mann in dem Busche stand, hinabrollen, sodaß das Wasser in dem Graben hoch aufzischte. Das Geräusch würde die Geldleser aufmerksam gemacht haben, wenn nicht gleichzeitig auf der Höhe ein Trupp von acht bis zehn Reitern erschienen wäre, offenbar die Arrièregarde des Geldtransports. Als diese ihre Kameraden aus dem Sattel und auf den Weg gebückt sahen, eilten sie im Galop herbei und betheiligten sich ohne weiteres, jeder sein Pferd am Arme führend, am Sammeln und Beseitigen der Fünffrankenthaler. Es fielen auf jeden Mann mehr, als er fassen konnte. Nachdem Mann und Pferd so reichlich, als es anging, beladen waren, einzelne hatten selbst die Pistolenholster mit Fünffrankenthalern gefüllt und die Pistolen anderweit untergebracht, dachte man an das Weiterkommen. Ein Bauerweib mit einer Kiepe voll Birnen, die sie nach Göttingen zum Markte bringen wollte, wurde angehalten, man entriß ihr die Kiepe, schenkte ihr aber einen Thaler und jagte sie den Weg zurück, den sie gekommen war. Die Birnen wurden ausgeschüttet, der Geldvorrath, der noch im Fasse war und in dichten Haufen unter dem Wagen lag, in die Kiepe entleert, das Faß vom Wagen entfernt und am jenseitigen Ufer in den Graben geworfen, während der Bauer seine und zwei Dragonerpferde anspannen mußte. Dann untersuchte man die Taschen des Fuhrmanns, ob sie nicht etwa mit Thalern gefüllt waren, nahm das Faß unter dem Rade hinweg, die beiden Dragoner, deren Pferde an die Stelle des gefallenen vorgespannt waren, setzten sich zu der Kiepe auf den Wagen und hielten diese fest. So fuhr man mit einiger Vorsicht weiter und langsam den Berg hinan. Der Zug hatte kaum die westliche Höhe erreicht, als auf der östlichen abermals ein Trupp Reiter erschien; diesmal waren es aber keine Franzosen, die kleinen Pferde und Leute, die langen Lanzen ließen Hermann unschwer erkennen, daß es Kosacken seien. Sie flogen im Galop heran. Als sie das gefallene Pferd und die ausgeschütteten Birnen sahen, fielen sie über letztere her und beluden sich damit auf dieselbe Weise, wie die Westfalen sich mit Fünffrankenthalern beladen hatten, während des Bepackens jedoch fleißig in die Birnen beißend, deren jede nach zwei Anbissen in den breiten Mäulern der Bärtigen verschwand. Hermann saß wie auf Kohlen, er war hoch erfreut, Caro, seinen Lieblingshund, wie sehr das Thier auch gebettelt, nicht mitgenommen, sondern an die sichere Schnur gelegt zu haben; denn trotz allen Appells würde der Hund so räudige Kerle, wie diese Kosacken, anzubellen nicht unterlassen haben. Endlich brachen die wilden Gesellen auf, nachdem sie noch Stricke und Lederzeug von dem gefallenen Pferde zu sich genommen hatten, und waren bald über der westlichen Höhe verschwunden. Es mochten vierzig Mann gewesen sein. Hermann lehnte seine Flinte an einen Baumstamm und stieg zum Graben nieder. Er hob das Faß, obgleich viel kleiner als ein halber Anker, nur mit aller Kraftanstrengung aus dem Graben und trug es eine Zeit lang, dann rollte er es mit den Füßen waldeinwärts. Er kannte hier jeden Fuß breit Weges und benutzte den Fall des Berges bis zu einem dichten Tannenbestande weitab von jedem Holz- und Fußpfade. Hier ruhte und überlegte er, recognoscirte nach allen Seiten das Terrain und öffnete dann mittels seines Hirschfängers die Tonne. Sie enthielt Gold, doppelte Jérômedor vom Jahre 1811, zum größern Theile noch nicht im Umlaufe gewesen, glänzend neu. Er erstarrte vor Freude. Nicht das Gold war es, das ihn reizte, nicht Eigennutz, nicht der Gedanke an ein bequemes Leben, das ihm der Fund bot, er dachte nur daran, daß er und seine Genossen mit diesem Gelde das langerstrebte Ziel, sich zu bewaffnen und eine Freischar gegen die Franzosen zu bilden, erreichen könnten. Er kniete nieder und wühlte mit der Hand im Golde, er leerte die Tonne bis auf das letzte Stück und versuchte, den Haufen zu schätzen. Zu Diesem Zwecke nahm er eine Hand voll Goldstücke und zählte sie. Er hatte vierzig und einige gefaßt, und nun nahm er Hand voll um Hand voll und legte sie auf eine neue von Fichtennadeln gereinigte Stelle. Es mußten 25–30000 Thaler Gold in dem Fäßchen sein. Der glückliche Finder versank in träumerische Ueberlegung. Endlich theilte er das Gold in vier Theile, steckte das eine in die verschiedenen Taschen seiner Kleidungsstücke, den Rest in den Pulverbeutel, nachdem er aus diesem das Horn gefüllt hatte. Dann trat er aus dem Dickicht und sah sich die zunächststehenden Eichen an, von diesen wählte er drei, die in den ersten funfzig Jahren noch nicht haubar wurden, aber einen so guten Stamm und Wuchs zeigten, daß ein echter Grünrock lieber den kleinen Finger sich hätte abschneiden lassen, als einen solchen Baum zu hauen. An diesem Baume schnitt er unten etwa einen halben Fuß über der Erde, nach Süden, und dann oben, wohin sein Kopf reichte, nach Norden einen scharfen halben Mond. In der Mitte des Raumes nach Osten grub er sodann, gleichsam als gelte es eine Liebesspielerei, ein Herz und in dieses die Anfangsbuchstaben H. A , in den zweiten Baum  B und in den dritten Baum  C , darauf hob er östlich von jedem Baume die Grasnarbe auf einen halben Fuß tief und einen Quadratfuß im Durchmesser sorgfältig in die Höhe und schaufelte mit seinem Hirschfänger ein Loch so tief, als er mit der Hand in die Erde langen konnte. In diese drei Löcher wurde das Gold vergraben, die Erde sorgfältig eingestampft oder beseitigt, die Grasnarbe festgetreten und einiges Eichenlaub lose darübergestreut. Eine alte vom Blitz zerschlagene hohle Eiche, des Abholzens nicht werth, unverkennbar, wenn man sie einmal gesehen, stand etwa hundert Schritt davon nach Norden. Hermann zählte die Schritte von ihr zu jedem der Goldbäume und trug die Notiz in sein kleines Taschenbuch. Zwei Stunden mochte Hermann bei dieser Arbeit verbracht haben, wenigstens stand die Sonne hoch im Süden, als er aus dem Walde trat und in raschem Schritte auf Jühnde zuging, wo er dem Freunde seines Vaters die Anzeige machte, daß auf dem Heerwege nach Kassel Kosacken von ihm gesehen wären. Er verbreitete diese Nachricht auf jedem Dorfe, das er auf dem Heimwege berührte, und gab den Bundesgenossen Parole zu einer Zusammenkunft am Morgen. Er vermied die nähern Nebenwege, um die Dörfer zu passiren, und hoffte durch Verbreitung der Kunde von Ankunft der Kosacken einen Aufstand zu Wege zu bringen. Allein die Bauern waren nicht so heißblütig wie der Jüngling selbst, viele bezweifelten, daß es überhaupt Kosacken gewesen seien, andere wollten von einem Aufstande ohne Befehl von oben oder vom Gerichtsherrn, dem alten natürlich, nichts wissen. Der Vater hielt die Nachricht, die sein Sohn überbrachte, für wichtig genug, sie nach Heedemünden und Witzenhausen weiter verbreiten zu lassen. Wußte Hermann bis dahin noch nicht, was eine schlaflose Nacht war, diese Nacht sollte er es erfahren. Tausend Plane wirbelten ihm durch den Kopf, der eine noch phantastischer als der andere. Er hatte, wie das in seinen Jahren zu verzeihen war, die Stunden, welche vom Unterrichte frei waren, nicht sämmtlich mit Studien zugebracht, er hatte sehr fleißig Romane gelesen, alles durcheinander, Romane von Lafontaine mit ihren moralisch-staatlichen, griechisch-germanischen Erziehungszwecken, Räuberromane, Ritterromane, »Adolf den Raugrafen von Dassel« und ähnliche, die in seiner Heimat spielten. Noch nie im Leben hatte er so viel Geld gesehen, viel weniger darüber frei verfügen können, als heute sein eigen geworden war. Doch sah er den Fund nicht als sein Eigenthum an, er betrachtete ihn als ein Mittel zur Befreiung von dem Uebel der Franzosen, wie sein Vater zu sagen pflegte. Aber wie es jungen Phantasten in nächtlicher Exaltation geht, bald waren die Plane viel zu großartig für das Geld, bald war des Geldes zu viel für die Plane, für die greifbaren und durchführbaren wenigstens. So viel stand aber fest bei ihm, er wollte mit seinem alten Verschworenen und den Zwölfern in Göttingen jetzt ins Feld. Er hätte sich am liebsten an das Lützow'sche Freicorps angeschlossen, aber er wußte nicht, wo das jetzt zu finden sei. Ihm wollte er seinen Schatz zubringen; damit mußte sich nach seinen Ideen unendlich viel erreichen lassen. Wie war es aber, wenn er selbst im Felde bliebe, ehe sein Schatz unter den Goldbäumen ganz gehoben war? Er mußte genaue Notizen machen über die Verstecke, darüber war er nie im Unklaren gewesen, aber wem diese Aufzeichnungen einhändigen? Hätte er dem Vater ein Scriptum zurückgelassen mit der Aufschrift: »Erst nach meinem Tode zu öffnen«, so kannte er die Neugierde der Mutter zu gut, um zu wissen, daß das Scriptum nach wenig Augenblicken geöffnet sein würde. Dann war es aus mit der Weiterverfügung über das Gold, dann stand seinem Vater das Recht zu, darüber zu gebieten. Da fiel ihm Onkel Heinrich ein, der Pastor in Grünfelde. Hermann hatte diesen Sommer in den Hundstagsferien die Großältern in Heustedt und den Onkel in Grünfelde zum ersten mal besucht, und er glaubte, der sei der rechte Mann, welcher sein Geheimniß bewahren werde, auch sei er fern genug vom Schatzorte. Er sprang aus dem Bette, zündete Licht an und griff zur Feder. Die Beschreibung, welche er von dem Versteck machte, mußte jeden Forstmann, der das Terrain des sogenannten Groner Holzes nur einigermaßen kannte, vollkommen instruiren, namentlich den Vater. Dann schrieb er: »Im Falle meines Todes wird mein Vater am besten wissen, was er mit dem Golde zu machen hat. Ich hielt dafür, daß es vom Himmel bestimmt sei, zur Erlösung des Vaterlandes vom Joche der Fremden zu dienen«, siegelte das Papier und schrieb darauf: »Nach meinem Tode zu öffnen. Hermann Baumgarten .«   An Heinrich Schulz schrieb er: Lieber Onkel! Der Himmel selbst zieht mich mit Macht in den Krieg. Ich weiß, ich bereite dadurch meiner lieben Mutter, Deiner Schwester, die mich zu einem Diener des Friedens und einem Verkünder der Herrlichkeiten einer andern Welt bestimmt hat, schweren Kummer. Aber ich kann nicht anders. Wie Hannibal habe ich schon als ein Knabe im Kreise der von mir geworbenen Brüder geschworen und sie schwören lassen, die ausländischen Tyrannen zu tödten und ihre Helfershelfer und Creaturen zu verjagen. Gott hatte sie uns selbst in die Hände gegeben, durch die Kälte des vorigen Winters, wir haben das nicht benutzt, und nun sind sie mit neuen Horden in das Land gezogen. Ich gehe zu den Lützower Jägern, das ist beschlossen, und der Himmel ist mit mir. Gestern war ich auf dem Wege nach Göttingen, als ein von Kosacken gejagter Geldtransport durch Oeffnen eines Fasses viele blanke Goldstücke verlor. Ich habe so viel gesammelt, daß ich mich und meine Bundesbrüder bewaffnen kann, anderes für die Zukunft aufgespart. Das Wo ist in dem versiegelten Blatte enthalten. Ich betrachte das Gold aber als dem Vaterlande gehörig, und es soll für das Vaterland verwendet werden. Tröste meine Mutter! Bete für unsern Sieg! Es lebe Deutschland! Nieder mit den Franzosen! Tod den Tyrannen! Dein Dich liebender Hermann Baumgarten .   Auch an die Mutter schrieb er einige Zeilen in ähnlichem Sinne. Es begann zu tagen, aber ein dichter Nebel lag über den Bäumen um das Försterhaus. Hermann packte in seine Jagdtasche einige Hemden und Socken, nahm ein tüchtiges Stück Hirschtalg, das die Mutter selbst ausgekocht hatte, und altes Leinen zu sich. Statt der Flinte nahm er heute die eigene Büchse und reichlich Kugeln und Blei und ging mit raschen Schritten durch den Wald zu dem alten Versammlungsorte. Es fanden sich denn auch alle Bundesgenossen zusammen bis auf einen, der aus noch unbekannten Gründen zurückgeblieben war, und Hermann haranguirte sie in folgender in der Nacht schon überdachten Rede: »Jugendgenossen! Freunde! Brüder! Es bindet uns ein höheres Band, als die Natur es bindet!« (Man sieht, Hermann hatte auch »Don Carlos« gelesen.) »Wir haben hier vor Jahren den Tyrannen den Tod geschworen und der Freiheit unsers Vaterlandes unser Leben geweiht. Die Zeit ist gekommen, wo wir für unsern Schwur einstehen müssen. Gestern habe ich die Trabanten der Tyrannen fliehen und unsere Befreier uns nahen sehen. Aber es ist würdiger, daß wir uns selbst befreien, damit wir uns nicht später von unsern Befreiern befreien müssen. »Gott ist mit uns! Seht hier das lebendige Zeichen!« Er griff in die Tasche und warf eine Hand voll neuer glänzender doppelter Jérômedor auf die Erde und zog aus einer andern Tasche ebenso viel heraus, aus einer dritten Tasche abermals. Die Bauerburschen sperrten nicht figürlich, sondern in der That Mund und Nasen auf. Keiner sprach ein Wort, alle starrten auf das Gold und auf Hermann. »Wenn dat man keene Speelmarken sind?« platzte endlich der Müllerssohn heraus, dessen Vater einmal mit einer solchen in Paris verfertigten und vergoldeten Marke mit Jérôme's Bildniß betrogen war. »Klaus!« sagte Hermann stolz, »bück dich einmal und hebe zwanzig von den Stücken auf und steck' sie in deine Böxe.« Klaus nahm ein Stück, beschaute es von allen Seiten, legte es auf die Spitze seines Fingers, wie um das Gewicht zu prüfen, und schrie dann mit verzerrtem Gesichte: »So wahr mi Gott helpen sall, et üs ächt!« Hermann war aus dem Context gekommen, wenigstens aus dem Pathos, er ermannte sich aber, gebot Stille und sagte: »Das Gold ist gut, die Schergen der Tyrannen haben es gestern auf der Flucht vor den Kosacken verloren. Jeder von euch nehme zwanzig Stück zur künftigen Bewaffnung. Und nun hört meinen Plan: Die Kosacken werden heute auf Kassel vorrücken. Wir wollen uns ihnen anschließen, wir wollen den Tyrannen vertreiben helfen, die im Castell gefangenen Brüder befreien. Wer mir folgen will, hebe die Hand in die Höhe.« Alle Hände erhoben sich. »Nun so gehe jeder nach Haus, nehme einige Hemden, Strümpfe und etwas Mundvorrath, und dann macht ihr euch zu zwei oder drei Mann auf, fahrt bei der Fähre über die Werra und seid um zwölf Uhr mittags an der alten Eiche bei Lutter am Berge. Ich werde bis Landwehrhagen oder weiter vorangehen, um zu recognosciren. Das Weitere wird sich finden.« Man beeilte sich natürlich, die Goldstücke zu nehmen, aber keiner mehr, als Hermann bestimmt hatte. »Wer bringt diesen Brief und diese Goldstücke an die Adresse nach Göttingen und ist morgen vor Kassel?« Der Hund meldete sich, er war als Schnelläufer bekannt. »Wer will Christoph Kautzmeier Nachricht geben? der nehme ihm das Geld mit. Aber Jungens, seid vorsichtig, renommirt nicht mit euerm Golde, zeigt es niemand, denkt an euern Schwur.« »Unser Hauptmann lebe hoch!« schrie Müller's Klaus, der Goldzweifler. »Nichts von Hauptmann, bisjetzt sind wir alle gleich«, sagte Hermann. »Da liegen noch einige zwanzig Pistolen auf der Erde. Elster, du warst in der Schule der beste Rechner, wie der Schulmeister sagte, das soll unsere gemeinschaftliche Kasse sein und du Kassenmeister und Rechnungsführer. Aber nochmals präge ich euch ein, bevor wir in Kassel sind, wird kein Gold gezeigt, bis dahin muß sich jeder mit ein paar Dreiern selbst versorgen, um Fährgeld bezahlen zu können und in Lutter eine Stange Bier zu kaufen. Und nun auf Wiedersehen zu Mittag.« Hermann marschirte direct auf Heedemünden, um dort eine Doppelpistole gegen Silber und Kupfer umzuwechseln, auch seinen Brief an den Onkel bei dem Kaufmanne, wo er wechselte, abzugeben, damit die Botenfrau denselben mit nach Münden zur Post nehme. Dann ließ er sich auf einem Kahne über die Werra schiffen und stieg den Niederkaufungerwald auf wohlbekannten Jägerpfaden empor. Er kam nach Lutter am Berge, er kam nach Landwehrhagen. Allein an keinem dieser Orte hatte man mehr als etwa 200 Kosacken gesehen, von denen gestern 40 Nachtquartier in Lutter gemacht hatten; der Rest war heute Morgen vorbeigezogen. Das hatte denn auch seinen triftigen Grund; der Hauptzug der Kosacken kam nicht von Göttingen und Norden her, wie Hermann vermuthete, sondern von Osten. General Tschernitschew, bei der Nordarmee des Kronprinzen von Schweden stehend, dem auch das Corps der Lützower untergeordnet war, hatte mit 2000 Mann von Aken an der Elbe nur einen Streifzug über Mühlhausen und Heiligenstadt nach der Residenz Jérôme's unternommen. Als man in Heiligenstadt ober vielmehr hinter Reinhausen vernahm, daß in Göttingen eine nur sehr schwache Besatzung vorhanden sei, machte sich ein Zug von 200 Kosacken auf, um womöglich der dortigen Kassen sich zu bemächtigen. Man hatte jedoch dort zeitig von der Ankunft der Kosacken Wind bekommen und flüchtete die Kassen. Der Hauptzug der Kosacken, bei denen sich auch etwa zwanzig reitende Lützower fanden, um mit den Deutschen vermitteln zu können, schlug dann die Straße nach Witzenhausen – die Leipziger Chaussee – ein. Die Bundesgenossen Hermann's fanden sich am Sammelplatze vollständig ein, er führte sie nach Sangershausen, man stieß aber noch vor diesem Dorfe auf eine Kosackenpatrouille, bei der glücklicherweise zwei Deutsche – Lützower Reiter – waren, denen Hermann erklärte, daß er und seine Genossen kämen, um sich als Freiwillige unter den Lützowern annehmen zu lassen, versehen mit den Mitteln, sich vollständig zu equipiren. Sie wurden freudig angenommen; und da an diesem Tage, den 29. September, und den folgenden aus Göttingen Studenten und Gymnasiasten und aus Kassel und der Umgegend selbst eine Menge Freiwilliger sich einfanden, so wurde aus diesen und 300 gefangenen Westfälingern, welche Tschernitschew dem General Bastineller bei Melsungen abgenommen, ein Bataillon Fußvolk gebildet und unter Commando des Majors Ferdinand von Dörnberg, des zweiten Bruders unsers jetzt als General in russischen Diensten kämpfenden alten Bekannten, gestellt. Hermann und seine Genossen schlossen sich diesem Corps vorläufig, bis sie beritten wären, an. In Kassel war man bis zum 28. September guter Dinge gewesen. Jérôme vertraute dem Genie wie dem Glücksstern seines Bruders, von den Unfällen im Norden, von dem Gefechte an der Göhrde und der Niederlage des Generals Pecheux war die Kunde noch nicht nach Kassel gedrungen. Plötzlich hieß es am 28. September morgens, Kosacken seien vor Kassel, und in der That sah man die Höhen vor Sangershausen bis hinab nach Wolfsanger mit Kosacken bedeckt. Die Soldaten liefen auf dem Friedrichsplatze in Unordnung zusammen, aus der untern Stadt, in der sich unter den niedern Volksständen die meisten Anhänger des Alten noch befanden, eilte man den Kosacken entgegen. Jérôme zeigte sich auch bei dieser Gelegenheit als ein Mann von persönlichem Muthe, er setzte sich zu Pferde, ritt durch die Stadt, ordnete die Soldaten, schickte zwei Bataillone und sechs Geschütze nach dem Dorfe Bettenhausen, um dieses zu halten, und beorderte Bastineller von Melsungen her, den Kosacken in die Flanke zu fallen. Nicht so muthig wie der König war aber der Hof und das Ministerium. In einem Conseil wurde gegen die Stimme des Königs beschlossen, daß dieser sich auf Marburg zurückziehen sollte. Es war nämlich jetzt erst die Nachricht eingetroffen, daß Pecheux nur mit 2000 Mann von seinen 5000 am 17. September flüchtend in Lüneburg angekommen sei, daß der Oberst von Marwitz am 25. September in Braunschweig eingefallen, alles in der Stadt befindliche Militär entwaffnet und gefangen genommen habe, und daß ein Theil der Westfälinger unter General von Klösterlein zu dem Feinde übergegangen sei. Da nun auch von Göttingen her die Kassen geflüchtet waren, so glaubte man, die ganze Nordarmee, oder mindestens das Wallmoden'sche Corps sei auf den Beinen und ganz Westfalen von der Elbe bis an die Fulda und Werra schon im Besitze der Verbündeten. Genug, Jérôme mußte sich mit zwei Bataillonen Garde, acht Schwadronen Reiter und einer reitenden Batterie auf der Chaussee nach Frankfurt zurückziehen. Die zu Tschernitschew übergelaufenen kasseler Jungen erboten sich, die Kosacken oberhalb Kassels durch die Fulda zu führen, damit man den König fangen könne. Oberst Benkendorf mit 1000 Kosacken und zwei Kanonen wurde dann auch, gleich hinter der Aue, dem gewöhnlichen Badeplatze der kasseler Jugend, durch die im September immer sehr seichte Fulda geführt, er stürzte sich auf die Nachhut Jérôme's und nahm 10 Offiziere und 250 Reiter gefangen. Oberst Bedräga mit 800 Kosacken marschirte am 29. September auf Bettenhausen, wo man, durch Nebel begünstigt, das eine der westfälischen Bataillone nebst Geschütz zu Gefangenen machte; das andere Bataillon zog sich auf Kassel zurück und verbarrikadirte die Auffahrt zu der Fuldabrücke; die ohnehin von dem Castell mit seinen Kanonen und Kasematten geschützt war. Die Brücke selbst wurde mit Fuhrwerk unzugänglich gemacht. Dadurch ward es möglich, das nur von Invaliden bewachte Castell, welches bisher mit Gefangenen vollgepfropft war, mit Truppen gehörig zu besetzen. Jetzt mußte das neugebildete Fußvolk, bei dem Hermann diente, seine Schuldigkeit thun. Er wie die übergetretenen Kasselaner und viele von den gefangenen Westfälingern, die sich hatten annehmen lassen, brannten vor Begierde, das Castell zu erobern. Das Leipziger Thor und der ganze unterste Stadttheil bis zur Fuldabrücke war ohne Blutvergießen eingenommen, die Kasselaner selbst räumten die Barrikaden vor dem Thore weg und empfingen die Einziehenden als Befreier. Härter war der Kampf an der Fuldabrücke. Als es aber gelungen war, die Kanonen des Castells zum Schweigen zu bringen, als ein halbes Dutzend Invaliden, die sich auf die Wälle wagten, gefallen waren, holte man Feuerleitern herbei, legte diese über die Laufgräben des Castells, und Hermann und seine Bundesgenossen nebst einigen kasseler Straßenbuben waren die ersten, die die Wälle des Castells erstiegen, die Fallbrücke niederließen und das Thor öffneten. Nun wurden die eingesperrten 121 politischen Gefangenen befreit, von denen die Mehrzahl sich sogleich den Angreifern zugesellte. Bald kam auch Tschernitschew selbst von Bettenhausen her und ließ die Stadt aus 18 Geschützen beschießen; Benkendorf umschwärmte die Oberstadt mit seinen Kosacken, und man meldete am Frankfurter, am Karlsthore, am Kölnischen und Holländischen Thore das Erscheinen von Feinden. In Kassel stieg die Gärung, der Pöbel drohte mit Feuer, wenn General Alix nicht abzöge, damit das Beschießen der Stadt aufhöre. Alix capitulirte und zog mit seiner 2700 Mann starken Besatzung in allen kriegerischen Ehren ab, überließ den Siegern aber 22 Kanonen und eine Kriegskasse mit 79000 Thalern. Tschernitschew zog am 1. October in Kassel ein und proclamirte: »Das Königreich Westfalen hat von heute aufgehört.« Der Besitzer der Tonne Goldes fand Gelegenheit, von den Kosacken für sich und seine Genossen, die sich mit denen aus Göttingen auf zwanzig beliefen, erbeutete Pferde zu kaufen, einige Schneider lieferten in zwei Tagen gegen blanke Jérômedor die Uniform der Reiterei der Lützower. Hermann kaufte auch einen in Paris angefertigten, sehr zweckmäßig eingerichteten Leibgurt, in welchem etwa 2000 Jérômedor, die er von dem ersten Viertel seiner Tonne Goldes übrigbehalten hatte, ohne wie bisher davon belästigt zu werden, verbergen konnte. Es war aber auch die höchste Zeit, daß die Dinge also geordnet wurden, denn die Kosackenherrlichkeit in Kassel nahm ein schnelles Ende. Schon am 3. October zog Tschernitschew auf dem Wege, den er gekommen, den Harz zur Linken lassend, wieder der Elbe zu, und am 7. October zog General Alix mit 10000 Mann wieder in Kassel ein, Jérôme folgte am nächsten Tage. Der König hielt kein Strafgericht über die abgefallenen Beamten; allein er ließ seine Effecten im geheimen nach Frankfurt schaffen. Die Kostbarkeiten des Museums und Marmorbades wurden eingepackt; es hieß zwar, dieselben sollten zur Verschönerung des neuen Thronsaals dienen und deshalb eingepackt werden, allein er mochte mit seinem Bruder denken: » Les plaisanteries du royaume de Westphalie seront bientôt finies. « Auch die Gräfin Melusine von Wildhausen hatte schon seit dem 1. October einpacken lassen, sie hielt sich auf ihrem Schlosse in Heustedt, das ja seit dem Senatusconsult vom 13. December 1810 dem Kaiserreiche angehörte, und im Schutze des Marschalls Davoust für gesicherter als in der Hauptstadt Westfalens. Die Königin war nicht da, so konnte sie reisen, und reiste. Nach dem Treffen an der Göhrde hatte sich Wallmoden auf das rechte Elbufer zurückgezogen, auf dem linken waren nur die Kosacken von Tettenborn, die Lützower, das Jägerbataillon Reiche und vier reitende Geschütze zurückgeblieben. Als Hermann und die reitenden Lützower, welche den Vortrab bildeten, am 9. October bei der Nordarmee angekommen waren, erfuhren sie, daß die Lützower am linken Elbufer ständen. Man setzte dahin bei Bleckede über und kam gerade zur rechten Zeit, um an dem Zuge Tettenborn's nach der Weser theilzunehmen. Ein Zuwachs von 20 Reitern war den Lützowern gelegen. Nachdem während des Waffenstillstandes die würtemberger Brigade Normann am Floßgraben bei Kitzen 300 Reiter der Schwarzen Schar, oder, wie Napoleon sie nannte, der »Räuber«, am 18. Juli niedergehauen hatte, Lützow selbst, der an dieser Niedermetzelung nicht ohne Schuld war, da er die Waffenstillstandsbedingungen kennen mußte, sich mit nur 21 Reitern gerettet hatte, war das Vertrauen, das Deutschland auf die Lützower gesetzt, zwar stark erschüttert, die Blüte der gebildeten Jugend Deutschlands war erschlagen, allein Lützow hatte es doch wieder auf 480 Pferde gebracht und wuchs durch den neuen Zuzug aus dem Hannoverischen auf 500 Pferde. An dem Tettenborn'schen Zuge nahmen etwa 200 Mann berittene Lützower, 600 Kosacken und 800 Mann preußische Jäger theil, die zum größten Theil durch Kriegsfuhrwerk, soweit man es beschaffen konnte, auf dem anstrengenden Marsche weiter befördert wurden. Hermann Baumgarten, der mit seinen Genossen vor Begierde brannte, dem Feinde ins Angesicht zu schauen, hatte es durch Bitten bei dem Major Demisow erreicht, daß er an dem Zuge theilnahm. – Man machte den Marsch quer durch die öden Heidestrecken und Moore der Lüneburger Heide bis zur Aller in drei Tagen. In Verden theilte man sich; während Tettenborn nach Norden über Achim auf Bremen marschirte, und Oberst von Pfuel mit einer starken Abtheilung Jäger und entsprechender Anzahl Kosacken auf das zur Rechten liegende Rotenburg aufbrach, welches von den Franzosen befestigt war, machte Demisow mit Kosacken und einer Anzahl Lützower einen Streifzug die Weser hinauf, um in Heustedt, Hoya oder Nienburg das linke Ufer zu erreichen und dem Feinde den Rückzug nach Osnabrück und Minden streitig zu machen. Drittes Kapitel. Der chinesische Pavillon. Die Gräfin Melusine von Wildhausen war zu Anfang October wieder in Heustedt eingetroffen, das sie seit beinahe vier Jahren nicht gesehen hatte. Es hatte dort unter dem französischen Kaiserreiche manches eine andere Physiognomie bekommen, und sie selbst war eine andere geworden. Das alte Schloß war zu einem Magazin umgewandelt, in welchem Hafer, Heu, Stroh für die Cavalerie aufbewahrt wurde, vor dem Schloßthore stand eine französische Schildwache. Aus dem Amtshause, der einstigen Wohnung des Drosten von Schlump, war ein Lazareth gemacht. Zur Bewachung des Magazins lag eine Compagnie im Orte. Die vielen Beamten waren nicht mehr da, statt ihrer verwaltete der ehemalige Wirth zum Schwarzen Bären. – Er war reich geworden im Jahre 1805, als die Kosacken längere Zeit in Heustedt hausten und bei ihrem hohen Spiele Dukaten, zusammengerollte, im Munde zerbissen, und wenn sie Unglück oder Glück hatten, durch neue ersetzten, sodaß er versicherte, regelmäßig acht, oft mehr Dukaten gefunden zu haben, wenn die Spieler sich entfernten, und pries daher die Kosackenzeit unter der wechselnden Herrschaft als die gesegnetste. Die Wirthschaft hatte er seinem Sohne übergeben und war Maire, d. h. die angesehenste Person im Orte, die Person, die neben dem Militär allein etwas zu sagen hatte. Dann war noch ein stiller Friedensrichter da, der frühere Advocat Bardeleben; die reichen Domänen ließen die Donataire, der Herzog von Rivoli (Messina), der Prinz von Eckmühl (Davoust) und der Herzog von Dalmatien (Soult), durch frühere Schreiber administriren. Landrath von Vogelsang nebst Frau waren gestorben, den Baron von Bardenfleth erhielt sein Haß gegen die Franzosen am Leben, er war aber immer mehr zusammengeschrumpft; seine Frau war todt. Selbst die Dienerschaft hatte sich geändert. Außer dem Rentmeister und Haushofmeister, der Kammerfrau und Zofe, dem Kammerdiener, Jäger und Kutscher, welche sie von Kassel mitgebracht hatte, sah sie lauter fremde Gesichter. Auch das Aeußere der Schloßumgebung hatte sich geändert. Bei dem frühern Brande waren der ganze Marstall, ein prächtiges Gebäude, das Raum für funfzig Pferde hatte, und alle Nebengebäude abgebrannt. Sie waren unversichert gewesen und der Rentmeister hatte die Neubauten, unter schriftlicher Zustimmung der Gräfin freilich, mit großer Sparsamkeit wieder ausgeführt. Jetzt, als sie zum ersten mal auf den neuen Räumen Stallungen für sechs bis acht Pferde, Remisen kaum für zwei bis drei Wagen erblickte, schämte sie sich dieser Gebäude. Sie glaubte, ganz Heustedt müsse es denselben ansehen, daß ihre Geldmittel beschränkt wären, daß sie nicht mehr die reiche Gräfin sei. Auch ein Theil des Parks war bei dem Brande verwüstet, absichtlich und muthwillig von dem Pöbel, der stehlen wollte. Was ihr aber den Aufenthalt im Schlosse beinahe unleidlich machte, war hauptsächlich eine Zuckerfabrik, welche der bremer Kaufmann Böse gerade dem Schlosse gegenüber am linken Ufer der Weser erbaut hatte. Es war das eine von den Fabriken, welche auf kaiserlichen Befehl, wonach in jedem Departement eine Runkelrübenfabrik sein solle, angelegt war, eine der größten auf dem ganzen Continent, die sogar, was man in Paris und Frankreich damals nicht kannte, weißen Candis aus Runkelrüben zu fertigen vermochte. Wenigstens wurden Paris und der kaiserliche Hof von Heustedt aus mit raffinirtem weißen Melis versorgt, der, mit Certificats d'origine des Präfecten von Bremen versehen, den Kaiser in dem Glauben erhielt, in seiner 32. Division und dem Departement der Weser sei man so weit vorgeschritten, Zucker herzustellen, der dem indischen an Güte gleichkomme. In der That wurde aber in Heustedt nur Sirup fabricirt, und der Candis war aus indischem eingeschmuggelten Rohr, nicht ohne Wissen der französischen obern Behörden, raffinirt. Bei West- und Nordwestwind trieb von dieser Fabrik nicht nur der Rauch der Schornsteine auf das gräfliche Schloß, sondern es verpesteten die Abfälle die Luft im Schlosse und Parke in hohem Maße. Sodann aber hatte der Maire zwei französische Offiziere und zwölf Mann Gemeine in das Schloß einquartiert, und Gemeine wie Offiziere waren nicht mit den Nebengebäuden, wohin man sie hatte verweisen wollen, zufrieden gewesen; sie hatten sich selbst in dem Schlosse einquartiert und spielten dort den Herrn, mindestens machte der lange Rentmeister, der bis dahin die Herrschaft im Schlosse geführt, einen krummen Rücken und gehorchte. Die Ankunft der Gräfin änderte daran nichts, die Herren Franzosen hatten die ganze untere Etage des Schlosses mit Ausnahme der Wohnung des Haushofmeisters, des Wintergartens im rechten Flügel und der Küche, eingenommen und behielten sie auch nach der Ankunft der Gräfin inne. Wenn die beiden Offiziere nun noch feine junge französische Adeliche gewesen wären, so hätte sich die Gräfin die Sache nicht nur gefallen lassen, wäre vielmehr sehr zufrieden gewesen, Tisch-, vielleicht sogar Spielgesellschafter zu haben. Nun waren aber beide Offiziere Söhne von Weinbauern von der Saar, die sich von der Pike heraufgearbeitet hatten, Graubärte, die den russischen Feldzug noch in allen Gliedern fühlten, barsch, unfreundlich, ohne jegliche Ehrerbietung gegen die Allergnädigste. Man denke auch nur den Unterschied! Sie, die gewohnt war, in Hannover selbst die abwesende Herrschaft mit zu repräsentiren, sie, die beinahe vier Jahre am lustigen Hofe zu Kassel Palastdame gewesen, sie sollte jetzt allein lunchen, allein diniren und soupiren, lediglich von ihrer Dienerschaft umgeben. Melusine fühlte sich unendlich einsam und verlassen in ihrem schönen Schlosse und in dem Orte, wo früher nach ihrem Augenwinken regiert war und der jetzt von dem Willen eines plebejischen Gastwirths abhing. Das herannahende Ende des Königreichs Westfalen und das Ende des Kaiserreichs selbst erschütterte sie. Wie wollte sie, wenn die Welfen auf Hannovers Thron zurückkehrten, es rechtfertigen, Palastdame in Kassel gewesen zu sein? Würde sie je wieder am Hofe Aufnahme und Zulassung finden – würden die Minister von der Decken, Bremer und wie sie sonst hießen, sie nur noch kennen wollen? Wie würde Graf Münster, der große Feind der Fremdherrschaft, sich zu ihr stellen? Sie hatte einen faux pas gemacht, als sie an den westfälischen Hof ging; wer hätte 1809 aber auch denken sollen, daß das Ende der Herrlichkeit in Kassel so nahe sei? Daß beide Töchter sie verlassen hatten, war ihr weniger schwer geworden, sie hatte keine Liebe zu ihren Kindern; Olga, die Todte, hätte sie bedauert, von Olga, der Lebenden, der Frau eines Journalisten, eines Bürgerlichen, hatte sie sich losgesagt. Heloise haßte sie förmlich. Sie ging damit um, beide durch Testament auf ein Pflichttheil zu setzen, und hatte ihrem Advocaten in Hannover schon den Auftrag gegeben, einen Testamentsentwurf zu machen und den Namen des Haupterben offen zu lassen. Sie schwankte noch in Beziehung auf denselben; zuerst dachte sie an Otto von Schlottheim, aber dieser war in gleicher Verdammniß wie sie, auch er hatte Jérôme persönliche Dienste geleistet und konnte unmöglich am Hofe Hannovers vorerst eine Stellung wieder einnehmen. Dann kam ihr der Gedanke, durch Erbvertrag einen der künftigen Machtinhaber in Hannover sich zu verpflichten, denn hier in diesem Heustedt hielt sie es nicht aus. Zu allen Unannehmlichkeiten, die sie schon betroffen, kam nun auch noch die, daß ganz Heustedt wußte, ihre Tochter Olga sei mit Graf Schlottheim nicht verheirathet gewesen, sei diesem entflohen und habe sich mit dem Sohne des Forstschreibers Haus in Amerika verheirathet. Sie hätte in frühern Tagen das Kirchenbuch mit der Registratur des alten Schloßpredigers verbrennen lassen. Jetzt waren Civilregister eingeführt und die alten Kirchenbücher in den Händen des ihr verhaßten Maire, der jedermann Abschrift der Registratur über die Trauung Olga's gab, der solche verlangte. Wer wie Melusine ein halbes Jahrhundert hindurch nie innerlich gelebt hat, immer nur von einem Vergnügen, oder was als solches in der Gesellschaft gilt, und von einer Abwechselung zur andern geeilt ist, und sich nun plötzlich auf sich selbst angewiesen sieht, der kommt sich vor, als wäre er seiner Freiheit beraubt. Melusine wußte ihre Zeit nicht hinzubringen, nicht einmal das Quälen ihrer Kammerfrau und Zofe und ihrer sonstigen Bedienung, das ihr in andern Zeiten einen Zeitvertreib gewährt, vermochte sie auch nur einen Morgen zu beruhigen. Sie, die sonst gut und lange schlief, nie vor elf Uhr morgens nach Chocolade schellte, hatte jetzt keinen Schlaf und konnte es schon morgens um neun Uhr nicht mehr im Bette aushalten. Es fehlte ihr aber auch der Appetit, die Chocolade schmeckte ihr nicht mehr, Kaffee und Thee wollten ihr ebenso wenig munden. Sie ließ sich ankleiden, um, wenn sie angekleidet war, eine andere Toilette zu wählen. Sie ließ die Möbeln in der ganzen ersten Etage in andere Zimmer bringen, wechselte selbst die altgewohnten Wohnräume, fand aber keine Rast. Sie versuchte im Parke spazieren zu gehen. Der October war voll Sonnenschein und Wärme, Herbstblumen dufteten im Parke und an den Mauern, die denselben nach der Stadtseite umgaben, reiften Trauben, Aprikosen, Pfirsiche und feine deutsche Obstsorten; aber ihr fehlte das Auge für solche Dinge. Sie versuchte zu lesen und sich vorlesen zu lassen, was nie ihre Passion gewesen war, aber sie hatte nicht die Geduld, auch nur eine halbe Stunde auszuharren. Ihr französischer Koch war nachgekommen, aber die feinsten Schüsseln kamen unberührt von ihrem Tische. Alle Dienstboten waren einverstanden, daß es mit der Allergnädigsten nicht mehr auszuhalten sei, die französische Zofe war die erste, welche ohne Abschied nach Kassel zurückreiste und die Stellung der Kammerfrau dadurch nur verschlimmerte. Melusine versuchte es, mit dem Rentmeister zu arbeiten, Rechnungen durchzugehen, die Einkünfte zu controliren, eine Arbeit, die sie in frühern Tagen mit Umsicht und Genauigkeit vollbracht hatte. Sie mußte diesmal viel Neues erfahren, wie viel große Verluste ihr die Einrichtungen des Kaiserreichs gebracht hatten – alte Vortheile des Feudalwesens waren verschwunden, die Eigenbehörigkeit und Meierpflichtigkeit waren aufgehoben, Weinkauf, Heimfall, Oster- und Michaelisabfälle, Rauchhühner, kleine und große Reisen und was sonst einen nicht unbedeutenden Theil ihrer Einnahme gebildet hatte, waren mit Einem Striche beseitigt. – Sie hörte zwar den Rentmeister vortragen, sah die Geld- und Kornregister der Vorzeit und Gegenwart zur Vergleichung daliegen, allein ihre Gedanken waren in Kassel oder Napoleonshöhe. Die ersten Tage hatte Melusine noch einiges Interesse für die neuen Zeitungen aus Kassel. Indeß die Nachrichten, die sie brachten, wurden immer dürftiger, nichtssagender; von daher, wo sich das Kriegsungewitter zusammenzog, von Böhmen und Sachsen, mußten sie schweigen; Sterne und Bänder wurden in solchen Zeiten nicht vertheilt, Rangerhöhungen nicht vorgenommen, Feste nicht gefeiert, der schöne Napoleonstag war im August zum letzten mal vielleicht begangen, was sollte ihr da der westfälische Moniteur? In der Unruhe und Hitze, die Melusine alles versuchen ließ, ihre Langeweile und die Furcht vor sich selbst zu vertreiben, hatte sie dem Haushofmeister befohlen, das chinesische Zimmer des Pavillons öffnen und einrichten, auch einen Korb mit Champagner und einige Leckerbissen dahin schaffen zu lassen. Melusine hatte den Pavillon seit 1792 nicht betreten, während der ganzen Zeit war er überhaupt nur den üblichen Reinigungen und Lüftungen unterzogen gewesen. Jetzt wollte sie versuchen, ob sie in der Einsamkeit in Jugenderinnerungen schwelgen könne. Sie schloß sich in das Conclave, zündete alle Wachskerzen an, trank gekühlten Champagner und suchte sich in die Vergangenheit zurückzuträumen. Aber wie war das? Hatte ihre Phantasie die ganze Schwungkraft verloren, war ihr Gedächtniß selbst abgestumpft? Sie nahm einen französischen Lieblingsroman mit Illustrationen aus der Handbibliothek des Pavillons, doch sie konnte kein Interesse mehr an der Darstellung wie dem Inhalte des Crébillon'schen Buches finden, das sie sonst entzückt hatte. Es kam ihr das alles schal, flach, unerquicklich vor. Sie nahm die Darstellungen Aretin's zur Hand und empfand Ekel. Sie trank ein Glas Champagner über das andere, Biscuit dazu naschend, um ihren Geist aufzufrischen.. sie zog die Vorhänge von den Oelgemälden, um ihre Phantasie zu reizen. Aber das waren Rosen ohne Duft. Der ganze Pavillon schien ihr verwelkt, moderig, nach Grabesluft duftend. Ja der durch hastiges Trinken erhitzte Kopf, dem Melusine mit Gewalt jugendliche Phantasie und Rückerinnerungen hatte abzwingen wollen, verfiel auf einmal gegen ihren Willen auf Todesgedanken. Es kam ihr der Gedanke: wie, wenn du die Feder zu diesem Ausgange nicht mehr öffnen könntest, wie, wenn du hier, wo du gesündigt, verhungern müßtest?! Wie von Wahnsinn gefaßt, sprang sie auf und erblickte ihr eigenes erschreckend blasses Abbild in der Spiegelwand unter dem Bilde der Venus. Sie versuchte in Hast die eiserne Thür zu öffnen, trat aber auf den falschen Knopf, auf den, der die Thüre schloß, und spürte natürlich keine Wirkung. Ihre Angst wurde größer, als ein zufälliger richtiger Druck das Uhrwerk in Bewegung setzte, sie aus dem Geheimgemache befreite. Sie eilte, eine der Jalousien des chinesischen Zimmers zu öffnen, es war noch Tag, die Octobersonne warf ihre letzten goldigen Strahlen auf das grüne Hochwiehe vor ihr, soweit die Schatten der Parkbäume dies nicht hinderten. Melusine schämte sich vor sich selbst. Wie hatte sie von einer Phantasie sich so bethören lassen, wie hatte sie so sehr alle Geistesgegenwart verlieren, sich von der Furcht vor einem Schattenbilde überwältigen lassen können? Sie schloß die Jalousie des Zimmers, nachdem sie Licht hineingesetzt, löschte die Lichter im Hinterraume aus, stellte Bücher und Kupferstiche wieder an ihren Ort, setzte den Kübel mit der halbgeleerten Champagnerflasche in das chinesische Zimmer, dann ließ sie die Thür wieder nieder und erprobte die Federkraft derselben durch wiederholtes Oeffnen und Schließen. Das Uhrwerk war meisterhaft gearbeitet, es folgte dem leisesten Drucke. Melusine schloß das chinesische Zimmer, wanderte noch eine Zeit lang im Geheimparke umher, um darüber nachzudenken, woher die plötzliche Todesfurcht gekommen sei, welche Disposition des Körpers die Schreckbilder so plötzlich hervorgerufen. Sie schrieb der Anstrengung der Reise von Kassel und den vielerlei Unannehmlichkeiten, die sie seit ihrem Hiersein erfahren, vielleicht auch der dumpfen Luft des Zimmers, das seit zwanzig Jahren von keinem menschlichen Fuße betreten war, die Schwäche zu, die den starken Geist der Schülerin Voltaires übermannt habe. Sie war erst dreiundsechzig Jahre alt, nie im Leben krank gewesen sie war rüstig und es fehlte ihr in der Regel nicht an einem sehr guten Appetit. Ja, jetzt fand sie den Grund. Seit acht Tagen fehlte ihr der rechte Appetit, sie hatte auch heute ihr Diner kaum berührt. Daher die Schwäche; sie mußte mehr essen, auch ohne Hunger. Sie befahl den Birkhahn, der vom Mittagstische unberührt heruntergekommen, kalt zum Souper, strengte sich an, während die Kammerfrau ihr heustedter Klatsch erzählen mußte, von diesen und sonstigen Gerichten, wenn auch ohne Lust, reichlich zu essen, und trank Burgunder. Die Kammerfrau war seit siebzehn Jahren im Dienste der Gnädigsten; heute zum ersten mal befahl die Herrin für sie ein Glas und ließ sie in ihrer Gegenwart trinken. Die Gräfin, welche früher die persönlichen Verhältnisse aller Einwohner gekannt hatte, fragte nach diesem und jenem, und zum ersten mal, seitdem sie in Heustedt war, schwand die Zeit bis zur Mitternacht, vor der sie sich nicht schlafen legen konnte, schnell. Sie schlief auch recht bald ein, um nach einigen Stunden, nach einem schweren Traume zu erwachen. Jochen Dummeier, so träumte sie, stand vor ihrem Bette, eine Axt in der Hand, um sie zu ermorden. Seitdem floh der Schlaf, und die Unruhe in ihrem Innern, die sie schon die ganze Zeit gequält hatte, seit sie aus ihrem Hofleben in Kassel gerissen war, mehrte sich. Allen Motiven ihres bisherigen Lebens waren die Stützen entzogen; der Eitelkeit durch das Alter, der Herrschsucht, dem Intriguiren und Einmischen in alle möglichen Dinge durch den bevorstehenden Fall des Thrones, an den sie sich angelehnt, sowie durch die enormen Verluste an Vermögen, die sie in den letzten zweiundzwanzig Jahren erlitten. Die Genußsucht erlag dem hereinbrechenden Alter, erlag unter dem Erlahmen der Phantasie und unter schwindender Eßlust. Was hatte sie noch auf Erden zu erwarten? An Himmel oder Hölle glaubte sie nicht, ihr war die Erde alles, aber was war die Erde für sie bei einem körperlichen Zustande wie dieser? Melusine überlegte ihre Zukunft – Heustedt war nicht der Ort, wo sie dem Tode entgegengehen mochte. Sie beschloß, ihre Besitzungen zu verkaufen, nach Paris zu ziehen und dort sich in das großartige Leben zu stürzen, von dem in Kassel so viel geredet war. Mochte Napoleon eine Schlacht verlieren, mochte das Königreich Westfalen zerstückelt werden, der Rheinbund in sein Nichts zurücksinken, das Kaiserreich selbst mit seinem Paris mußte bleiben. Franz II. werde seinen Schwiegersohn nicht vom Throne stoßen, ein Frankreich bis zum Rhein war immer noch ein mächtigerer Staat als das zerrissene Deutschland, und am Hofe der Tuilerien hatte sie, die treue Anhängerin Jérôme's, gute Aufnahme zu erwarten. Während die Gräfin so ihre Zukunft sich ausmalte und beschlossen hatte, schon in den nächsten Tagen nach Paris zu reisen, und unter diesem Gedanken von neuem einschlief, trieb auf der Weser, oberhalb Intschedes, ein Schiff, das zwischen einem Weserbock und einem großen Kahn die Mitte hielt, eins von denen, die den Namen Bulle führen, und das immerhin seine zehn bis funfzehn Last laden konnte. Es war ohne Bedachung, hoch über Bord mit Torf beladen. Es fuhr bei Nacht und wurde von vier Männern, die auf dem Leinpfade gingen, stromauf gezogen. Nur drei Menschen befanden sich auf dem Bullen, einer am Steuer, ein Schiffsknecht vorn am Schnabel des Schiffs mit einer Stange, um es von den Schlagten abzustoßen, wenn es denselben zu nahe käme, und der Schiffsherr, welcher, in eine wollene Decke gehüllt, mit dem Rücken gegen die längliche Torfpyramide lehnte und die Füße gegen den Ort stemmte, den man Kajüte zu nennen beliebte, eine Art von Schlaf- und Polterkammer, Küche, Vorrathskammer von Speisen und Getränken. Dieser Schiffsherr war aber niemand anders als unser alter Bekannter Jochen Dummeier. Das Schiff kam unterhalb Bremens her, hatte die Ursprungscertificate des Torfes von der Wümme, war in Bremen visitirt und für richtig befunden, obwol unter dem Torfe ein Schatz verborgen war. Unten im Schiff lagerten Kaffeesäcke und Theekisten, wie Kisten mit englischen Manufacten und kurzen Waaren; Millionen von Nadeln, viele große und kleine Scheren wie Feder und Rasirmesser waren unter dem Torfe verborgen. Das ging für Gefahr eines Hauses in Hannover und mußte demnächst hinter Nienburg aus dem Kaiserreiche in das Königreich Westfalen eingeschmuggelt werden. Darüber lag eine Ladung Zuckerrohr, die bis hoch in die Torfpyramide aufgestapelt war. Jochen hatte eine geladene Büchse neben sich liegen, war außerdem auch noch mit ein paar Pistolen bewaffnet. Er sann darüber nach, wo er am sichersten halt mache und bis spät nachmittags ausruhe; es durfte nicht in der Nähe eines Dorfes oder gangbaren Weges sein, damit ein Douanier nicht etwa hier noch einmal, und mit größerer Umsicht als in Bremen geschehen, das Torfschiff visitire. Vor dem späten Abend durfte er in Heustedt nicht anlangen, nur dann konnte sogleich vor der Böse'schen Zuckerfabrik abgeladen und Kaffee und die andern Schmuggelwaren auf das jenseitige Ufer geschafft werden. Es wurde nach und nach Morgen, der Schiffsherr warf die Augen fleißig am Ufer herum, denn hier zog sich am rechten Weserufer die Heerstraße, welche von Verden kam, eine kleine Strecke auf dem Weserdeiche hin. Halt! Was war das? Tauchten da auf dem Deiche nicht Pferde und Reiter auf? Zwei, vier, zehn – bald hundert und mehr. Was waren das für Reiter? Französische Cavalerie lag jetzt in der ganzen Gegend nicht. Er rief die ziehenden Leute an, zu ruhen, und ließ den Steuermann an den Deich anlegen. Als die Reiter näher kamen, erkannte er, daß der größere Theil aus Kosacken, der kleinere aus Lützow'schen reitenden Jägern bestand. Jochen haßte die Franzosen, mit denen er als Schmuggler schon seit 1807 einen kleinen Krieg führte, und die er schädigte, wo es ihm nur möglich war. Würden die Franzosen aus Heustedt verjagt, so konnte er mit seiner Ladung am hellen Tage dort ankommen und ausladen. Daneben galt es aber, seiner Privatrache an der Gräfin von Wildhausen Genüge zu thun, sie als Franzosenfreundin zu verdächtigen, vielleicht die Kosacken zu veranlassen, sie als Gefangene fortzuschleppen. Er sprang mit Hülfe der Stange vom vordern Theile des Schiffs, das sich dem Ufer am meisten genähert hatte, auf den Fuß des Deiches und stand bald vor dem Führer der Schar, Demisow, der einen deutschredenden Offizier der Lützower in seiner Begleitung hatte. Jochen berichtete, daß in Heustedt etwa 100 Mann Franzosen seien, von denen indeß 20–30 im Lazareth lägen. In der Oststadt lägen etwa 50. Dort sei das Lazareth, dort im alten Schlosse das Magazin mit reichen Vorräthen von Hafer, Stroh und Heu. In der Weststadt lägen, zerstreut die ganze Deich- und Langenstraße hinab, höchstens 30 Mann. Wenn man Heustedt überfallen wolle, so dürfe dies nicht allein durch einen Ueberfall vom rechten Ufer her geschehen, denn die auf der Ostseite könnten dann leicht über die Brücke auf das linke Ufer flüchten, sie brauchten dort nur die Zugbrücke aufzuziehen und wären gesichert. Einen Angriff von der linken Seite würde man am wenigsten erwarten, dort lägen auch die wenigsten Franzosen und vor allem müsse man die Brücke besetzen und den Rückzug auf Minden und Osnabrück abschneiden. In der Oststadt sei dann noch das Schloß der Gräfin von Wildhausen zu nehmen, worin außer den Offizieren 12 Mann lägen, und das leicht zu vertheidigen sei. Aber da werde die Einwohnerschaft helfen, welche die Franzosenfreundin, die Palastdame des Königs Jérôme, hasse. Dafür wolle er schon sorgen. Er erbiete sich, die Kosacken auf einer Stelle, die nicht sehr fern sei, durch die Weser zu führen. Dort sei der Strom ganz flach und das zu durchschwimmende Fahrwasser kaum zehn Schritte breit. Die Hälfte des Trupps, welche auf dem rechten Ufer der Weser bleibe, müsse schon hier Dorf für Dorf Kriegsfuhren requiriren, um die Magazinvorräthe sofort mitnehmen zu können. Der Lützower hatte eine Karte bei sich, aus welcher er den Lauf der Weser studirte. Er verständigte sich, so gut es gehen wollte, mit Demisow in französischer Sprache, man fand den Plan Jochen's ausführbar, und eine Kosackenabtheilung von 50 Mann setzte unter seiner Anleitung über die Weser; dort befahl Jochen den Schiffsziehern, so schnell als möglich mit dem Schiffe weiter zu fahren und es vor der Zuckerfabrik anlegen zu lassen, dann führte er die Kosacken durch die Marsch auf dem nächsten Wege nach Heustedt. Demisow selbst befehligte diese Abtheilung. Als man die Thürme von Heustedt sehen konnte, nahm Jochen Abschied, um das Volk in Heustedt aufzuwiegeln. Er eilte auf kürzern Nebenwegen den Kosacken voraus, durchschritt die Gartenstraße und hatte Klein-Paris in Aufregung und auf die Beine gebracht, ehe die Kosacken nur auf der andern Seite am nördlichen Ende der Stadt angekommen waren. Es war am 14. October, die Klein-Pariser zogen, mit alten Flinten, Säbeln, Dreschflegeln bewaffnet, in die Langestraße ein, unter dem Rufe: »Die Kosacken sind da, 'raus mit den Franzosen!« Wo ein Franzose einquartiert war, hielt man vor dem Hause still, nahm ihn gefangen, rüstete sich mit seinen Waffen und zog dann lärmend, die Gefangenen stoßend und schiebend, weiter. Viele Franzosen flohen durch die Gärten nach der Weser zu, die von einigen durchschwommen wurde, andere, durch den immer lautern Lärm gewarnt, entkamen noch über die Brücke nach der Oststadt, ehe die Kosacken von Norden bis zur Brücke herangesprengt waren. Alles, was die Weststadt von Straßenjugend hatte, war auf den Beinen, von der Nordseite mit den einrückenden Kosacken anziehend, von der Langenstraße her mit den Klein-Parisern. Diese Art des Vorgehens weckte aber die Aufmerksamkeit der Franzosen der Ostseite zu zeitig; noch ehe die Kosacken die Brücke erreicht hatten, wurde Alarm geschlagen, und die 50 Mann, die man zusammen hatte, zogen sich in das neue Schloß zurück, schlossen das eiserne Thor, verbarrikadirten dasselbe mit Wagen und allen Dingen, die sonst zur Hand waren. Während dieser Beschäftigung sprengte aber schon ein Dutzend Kosacken die Schloßstraße zum Schlosse hinunter. Sie wurden von einer Salve empfangen, die einen Mann unfähig machte und mehrere Pferde verwundete. Die Kosacken donnerwetterten und fluchten, aber über die hohe Mauer konnten sie nicht setzen, und der Thorweg war tüchtige englische Schmiedearbeit und nicht durch einige Axtschläge aufzuthun. Inzwischen kam auch der Rest der Kosacken und mit ihm der ganze Mob der Westvorstadt, Jochen Dummeier an der Spitze. Dieser hatte nicht sobald gesehen, daß das Hauptschloßthor geschlossen sei, als er den Kosacken winkte und sie durch das Heuthor in den Park führte. Da Kosacken und Volk nun durch den Park hinter den Nebengebäuden und Stallungen her auf das Schloß drangen, mußten die Franzosen ihre Barrikaden verlassen; sie zogen sich in das Schloß selbst zurück und schlossen die Thüren, die gleichfalls fest genug waren, um einem Angriffe zu widerstehen. Die Kosacken waren abgesessen und hielten sich in der Gegend der Stallungen und Nebengebäude außer der Schußweite, während die Führer zu einer Berathung zusammentraten. Auf die Fenster, an denen sich Franzosen zeigten, ward geschossen, aber mit wenig Erfolg. Als die ungeduldige plünderungssüchtige Menge, die sich immer dichter auf dem Rasenplatze vor dem Schlosse angesammelt hatte, weiter vordrängte, gaben die Franzosen aus den Frontfenstern eine Salve auf sie, die zwei Frauen, mehrere Kinder und drei oder vier Männer todt oder schwer verwundet niederstreckte. Das Wuthgeschrei der Menge, die zurückstieb, war gewaltig; man trug die Verwundeten und Todten unter Begleitung vieler Kinder in die Stadt. Die Barrikaden vor dem Schloßthore hatte man hinweggeräumt und das Thor geöffnet. Die Menschenmasse vor dem Schlosse schwoll immer mehr an, denn es kamen nach und nach die meisten der angesehenen Bürger selbst, während sich der Pöbel darüber hermachte, das Staket um den Obstgarten, der zwischen den Burgmannshöfen der Kirche und dem Parke lag, zu zertrümmern, und das feine Obst an den Geländen, die Weintrauben und Aprikosen zu plündern. Demisow hatte indeß mit einem seiner Offiziere das Schloß umgangen. Die beiden Seitenflügel boten von außen keinerlei Angriffspunkt, denn sie waren ohne Thüren, mit Ausnahme der durch die Veranda verdeckten Pforte zum Gartensalon, alle Eingänge in das Schloß außer dem Haupteingange befanden sich auf der Hofseite. Der Hof bildete aber ein längliches Viereck an der Nordseite, und daher war auf jeden, der in den Hofraum trat, ein Feuer von drei Seiten, und von jeder Seite aus dem Erdgeschosse und aus zwei Stockwerken zu eröffnen. Auf die Ankunft der Lützower mochten Demisow und seine Kosacken nicht warten. Letztere hatten aus den Stallungen schon ein halbes Dutzend Pferde und alles, was an Decken und Gegenständen ihnen sonst geeignet schien, sich als gute Beute angeeignet. Waren sie auch in Freundesland, die Gräfin war eine Franzosenfreundin und mußte gezüchtigt werden. Demisow beschloß einen Angriff auf das Hauptportal. Drangen seine Kosacken nur bis unter den Säulengang, der sich vor der Front bis zu den beiden Flügeln hinzog, so waren sie ziemlich geschützt. Denn da die Flügel anderthalb bis zwei Fuß vorstanden, so war aus den südlichen Fenstern dieser Flügel nur dann unter den Balkon zu schießen, wenn man sich weit aus dem Fenster lehnte und also sich selbst preisgab. Der Menge hatten sich nach und nach auch die Bürger zugesellt, welche nach deutscher Sitte alljährlich ihren Schützenhof feierten, von Ostern bis zu Johanni sonntäglich nach der Scheibe schossen und ihre eigenen Büchsen besaßen. Es mochten immerhin ein paar Dutzend mit Büchsen und Munition bewaffneter Bürger, darunter alte Soldaten und Jäger, zusammen sein, die gegen die Thüren und Fenster über dem Balkon schossen, sobald sich ein Franzose blicken ließ. Demisow, dessen Adjutant der deutschen Sprache mächtig war, sammelte diese Schützen jetzt und stellte sie, möglichst aus der Schußlinie des Balkons, den beiden Flügeln gegenüber mit dem Befehle aus, sobald sich Franzosen an den Fenstern zeigten, auf diese zu schießen, namentlich aber unausgesetzt zu schießen, sobald die Fenster geöffnet würden. Dann, nachdem Brechstangen, Aexte und sonstiges Geschirr herbeigeschafft war, mußten 24 Kosacken, einer nach dem andern, in vollem Laufe unter die Säulenhalle eilen, wo man an den großen eichenen, eisenbeschlagenen Flügelthüren zu wirtschaften begann. Aber die Thür war nicht nur verschlossen und verriegelt, es waren auch inwendig eiserne Stangen kreuzweise darüber befestigt, und so setzte sie den Kosacken mehr Widerstand entgegen, als diese vermuthet hatten. Die Belagerten hatten inzwischen im Innern den etwa durch die Thür Einbrechenden einen Empfang zubereitet, der viele Opfer gefordert hätte. Ihre Hauptmacht war in dem massiven Treppenhause, das von zwei Seiten zum ersten Stockwerke führte, concentrirt, nach dem Hofe hinaus hatte man die Flügel wie in die Hinterseite der Front nur einzelne Leute gestellt, um bei einem Vordringen über den Hofraum Alarm zu machen. Die Axtschläge krachten gegen die Eichenthür, die Stürmenden suchten das Pflaster unter derselben wegzuwühlen, um Fuß fassen zu können, der Pöbel, der sich wieder näher gewagt hatte, begleitete jeden Axthieb mit einem Wuthgeschrei. Wo war indeß die Gräfin? Melusine hatte nach der schlafwachen Nacht, als schon die Octobersonne in das Cabinet oder mindestens gegen die Fenster desselben schien, die Augen zu jenem Halbschlummer geschlossen, in welchem der Geist seine Thätigkeit bewahrt, der Mensch aber ein halbes Bewußtsein von sich hat und, was ringsum vorgeht, halb wahrnimmt. So hatte auch sie, als die Kosacken in das Nordthor der gegenüberliegenden Deichstraße einritten und das Volk zu lärmen anfing, ein Geräusch über die Weser her zu hören geglaubt, allein sie konnte aus körperlicher Mattigkeit ihre Sinne nicht darauf heften. Als die ersten Kosacken, vom Geschrei des Volks begleitet, über die Brücke sprengten, und die Massen sich die Schloßstraße herabwälzten, da lag es noch wie ein Alp auf ihrer Brust, es war ihr, als tose alles Geräusch, das sie hörte, nur in ihrem Kopfe. Als aber die erste Salve, welche die Franzosen vom Schloßthor aus auf die Kosacken gaben, in ihr Ohr drang, da fuhr sie auf, ihr Geist war wieder wach und lebendig. Gleichzeitig stürzte die Kammerfrau in das Zimmer, mit dem Jammerruf: »Die Kosacken! die Kosacken!« Die Gräfin warf sich in Eile in ein Halbnégligé und eilte zum Fenster. Da dieses nach Osten lag, sah sie eben den Pöbel, Jochen Dummeier an der Spitze, hinter den Stallungen und Nebengebäuden hervor auf den Platz vor das Schloß dringen. Sie erkannte den Führer und wußte, daß die Rotte schlimmer sei als die Kosacken. Ihn mußte sie fliehen. Auch begannen nun schon die Franzosen, welche sich in das Schloß zurückgezogen hatten, in die erste Etage heraufzudrängen und ungescheut die Gemächer der Gräfin, selbst das Schlafcabinet zu betreten und das Geschoß zur Vertheidigung vorzubereiten. Hier war nicht länger zu bleiben. Die Gräfin wählte den Weg zum linken Flügel, wo Eß- und Tanzsalon aneinanderstießen, und der von dem Thurme im Norden begrenzt war. Dieser Thurm hatte nach Norden einen kleinen Ausgang, von außen, da die Steinbekleidung imitirt war, kaum sichtbar, und auch nur von innen zu öffnen. Durch diesen Ausgang schlüpfte die Gräfin, ihm gegenüber führte die eiserne Brücke über das große Schlut, und neben dieser der uns schon bekannte Geheimeingang in den reservirten Park. Melusine durcheilte diesen mit schnellem Schritt und flüchtete sich in den chinesischen Pavillon, wo sie durch die eiserne Wand sich von der Außenwelt absperrte. Ihr Treiben war aber nicht unbemerkt geblieben. Einer von den Straßenjungen von Klein-Paris umschlich das Schloß; er wollte sehen, ob für ihn nichts Besseres abfalle als das Obst, das seine Kameraden plünderten, und er bemerkte, daß das, was er für Steinwand hielt, sich öffnete und die Gräfin heraustrat, um dem Anschein nach über die Schlutbrücke zu gehen, und wie sie in der Hast vergaß, die Thür zu schließen. Er rief Jochen Dummeier herbei, der den Knaben als Wache beim Eingange ließ und selbst die Treppe vorsichtig emporstieg. Sie führte ihn in den ersten Stock zu einem verborgenen Eingange, dann aber gelangte er zu den Mansardenräumen, zu jenen Zimmern, wo Karl Haus und die Schulze'schen Söhne vor Jahren die »Insel Felsenburg« und sonstige Bücherschätze gefunden hatten, dann auch zu den Bodenräumen. Hier wurde der Tanzboden, die Dielen zum großen Tanzzelte im Park, das seit der Hochzeit Olga's nicht gebraucht war, aufbewahrt, hier lag das schöne türkische Zelt der Gräfin, die Farben waren verblaßt und von der Sonnenhitze unter dem Dache war das rothe Zeug wie Zunder verbrannt. Das war Wasser auf die Mühle eines Klein-Parisers, der sich ihm nachgeschlichen. Während Jochen vorsichtig eine Treppe hinabstieg, den großen und kleinen Speisesaal durchschritt und die Stellung der Franzosen im Treppenhause recognoscirte, dann auf dem Wege, den die Gräfin genommen, das Freie fand, um die Kosacken herbeizurufen, ersah jener die Gelegenheit, den rothen Hahn auf das Schloß zu stecken, um bei dieser Gelegenheit stehlen zu können. Er zog Stahl und Stein, das damals nebst Schwamm jedermann bei sich führte, aus der Tasche, zündete einen Schwefelfaden an, und legte ihn unter das türkische Zelt, das bald zu brennen anfing. Währenddessen stürzten die Kosacken mit Piken und Pistolen bewaffnet die Treppen hinauf, die Gänge zur ersten Etage herab, gefolgt von einer so großen Anzahl Volks, als die engen Treppen zum Thurme hinauf konnten. Während von vorn an dem Portal die Axtschläge noch immer gegen das Thor dröhnten, und es schon gelungen war, einen großen Stein unter dem Thore zu beseitigen, sodaß nun Brecheisen mitarbeiten konnten, stürzten die Kosacken aus der Mansardenetage in die erste herunter und gelangten auf dieser zu dem Treppenhause, den überraschten Franzosen in den Rücken fallend. Zugleich meldeten die Posten, welche im östlichen Flügel gegen den Hof hin Wache hielten, daß das Dach des westlichen Flügels brenne, und die Menge, welche draußen das Schloß umstand, schrie wie aus Einem Halse: »Feuer! Feuer! Mordjo!« Man achtete der Gefahr nicht mehr und drängte von allen Seiten auf das Schloß los, aus dem kein Schuß mehr unter das Volk gethan wurde, während man im Innern schießen hörte. Zimmergesellen schleppten Leitern aus den Stallungen herbei, setzten sie an den Balkon und erstiegen denselben. Man ließ nach mit den Versuchen, die Thür zu sprengen, da man jetzt auf den Balkon gelangen konnte. Die Kosacken kletterten mit katzenartiger Gelenkigkeit die Leitern hinauf, und bald war das Schloß in ihrem Besitze, die Franzosen streckten die Waffen und wurden als Gefangene, nachdem das Portal geöffnet war, in die Zehntscheune gebracht, wo die heustedter Büchsenschützen sie bewachen mußten. Die Sturmglocken in Heustedt und den nächsten Dörfern läuteten: die Stadtspritzen kamen heran und man wurde sich bewußt, daß dem Feuer womöglich Einhalt gethan werden müsse. Ein Theil des Volks und der Kosacken benutzte freilich den günstigen Moment, um den östlichen Flügel des Schlosses auszuplündern, Spiegel, Kronleuchter, Porzellanöfen zu zertrümmern, Betten und Möbeln aus dem Fenster zu werfen. Die Lützower, die am rechten Ufer der Weser geritten, kamen aus gedoppeltem Grunde später nach Heustedt, einmal weil sie den weitern Weg zu machen, sodann aber weil sie in Stedorf, Dörverden, Barme, Jübber, Drübber, Hassel überall Kriegsfuhren requirirt hatten. Als man aber aus dem Sande in die Marsch kam und das neue Schloß in Heustedt brennen sah, setzte man sich in Galop. Die Verwirrung in Heustedt hatte einen hohen Grad erreicht. Pöbel und Kosacken plünderten das Schloß, es dauerte lange, bevor überall Spritzen herbeigeschafft wurden, und auch als dies geschehen war, fehlte es der Menge an Lust zu helfen. Der alte Schlagtmeister Georg Schulz brachte indeß durch vernünftige Vorstellungen die Bessern aus der Bürgerschaft an die Spritze, deren Rohrführer er vor beinahe vierzig Jahren gewesen war, und er selbst, der alte Mann, wagte sich in den Wasserthurm des brennenden linken Flügels, um von hier aus zu löschen. Mit den Lützowern kamen auch von benachbarten Ortschaften Spritzen und Mannschaften, und die Ordnung wurde einigermaßen hergestellt. Aber der Brand hatte schon seine Opfer gefordert; Georg Schulz war von einem Balken erschlagen, als er sich aus dem Thurme in das Gebäude selbst gewagt hatte. Hermann Baumgarten sah die Leiche seines Großvaters aus dem Schlosse tragen, als er mit den Seinen in den Hof eintrat, aber er ahnte nicht, wer es sei. Jochen Dummeier hatte das ganze Schloß nach der Gräfin durchsucht, ohne sie zu finden. Der Straßenbube aus Klein-Paris, der ihm die Thür zum Thurme entdeckt hatte, stand aber noch immer auf seinem Posten, und auf Befragen erfuhr Jochen, daß die Gräfin gleich anfangs in den Geheimpark geflüchtet sei. Jochen fiel sofort der chinesische Pavillon ein, er riß einem der Zimmergesellen, die beim Löschen halfen, die Axt aus der Hand, winkte einem andern, mit dem er bekannt war, und ging zum Geheimparke. Die eiserne Thür, die den Eingang sperrte, ward zerschlagen, und mehr laufend als gehend eilten die beiden Genossen zu dem Pavillon. Die Gräfin hatte in der Angst vergessen, die äußere eiserne Thür zum chinesischen Zimmer zu verschließen, zu diesem stand der Eingang offen. Jochen riß die Thür weit auf, um Licht zu haben. Aber nun geschah ihm, wie dem Forsteleven Oskar vor langen Jahren, er war in das Heiligthum eingedrungen, fand aber weder Gräfin noch Thür. Eine rohe Wuth überfiel ihn. Er zertrümmerte alle Bilder und Schnitzereien, womit das Zimmer geschmückt war. Die Eisenwand, die das Geheimcabinet von dem chinesischen Zimmer trennte und nach außen mit einer starken Filzschicht bekleidet war, spottete aber aller Axtschläge. Der Zimmergesell und Jochen mühten sich vergeblich, hier durchzubrechen, und standen von der Arbeit endlich ab, nur Trümmerhaufen hinter sich lassend. Sie hatten auch das Bild mit dem Hühnerhofe zerschlagen, und durch einen gewaltigen Hieb war der Dorn, den Anna vor einundzwanzig Jahren entdeckte, zerschmettert. Ob die Gräfin da drinnen auf den Knien lag? Ob sie zum ersten male im Leben betete? Nach acht Tagen gab es von den Kosacken und den Lützowern keine Spur mehr an der Weser zu sehen, aber Vandamme rückte in Bremen ein und bereitete sich vor, ein Strafgericht zu halten. Nach Heustedt hatte er ein starkes Commando abgeschickt, um auf die Schuldigen zu fahnden. Aber Jochen Dummeier und alles, was sich nur irgend schuldig fühlte, entfloh. Hermann Baumgarten hatte an der Seite seines Oheims Heinrich den Großvater zu Grabe getragen, der Mutter und dem Vater flehentliche Briefe geschrieben, ihm seine Flucht zu vergeben. Das wirkliche Leben war ihm in Heustedt zum ersten mal entgegengetreten, ohne daß er selbst das Gräßlichste erfahren. Dies kam erst später zu Tage, als schon das französische Strafcommando in Heustedt eingerückt war. Die Verwirrung im neuen Schlosse war maßlos. Zwar hatte das Feuer nur den obern Stock des linken Flügels verzehrt, der, von Fachwerk erbaut, die Säle enthielt, aus deren Fenstern einst Olga, Anna und Heloise Joujou gespielt hatten; allein der rechte Flügel war ganz ausgeplündert und mit roher Absichtlichkeit ruinirt. Die Kosacken und Klein-Pariser wußten alles irgend Werthvolle zu annectiren, die Dienstboten hatten an der Plünderung teilgenommen oder sich geflüchtet. Der lange graue Rentmeister mußte die Karbatsche der Kosacken fühlen, sodaß er jetzt noch krank im Bette lag. Auch die Kammerfrau der Gräfin, nicht mehr jung und hübsch, lag im Bette, sie war ebenfalls von einem Kosacken gemishandelt worden. Alle Pferde, alles Vieh war mit den Kosacken über Verden nach der Elbe zurückgegangen. In den Nebengebäuden sah es noch am erträglichsten aus. Jedermann war in Heustedt aber in diesen Tagen so sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen, daß man an die Gräfin von Wildhausen nicht gedacht hatte. Erst als ein französischer Offizier wieder im Schlosse einquartiert war und ein Auditeur die Untersuchung leitete, wurde auch die Frage aufgeworfen, wo die Gräfin geblieben sei. Nun war ein Theil der Dienerschaft, der französische Koch, der Jäger und andere während des Wirrwarrs und Feuers nach Westen, nach Osnabrück zu entflohen, die Staatskutsche der Gräfin war fort, ihre Rappen und ihre Schimmel waren fort, aber die hatten die Kosacken als gute Beute mit sich genommen. Der Maire wurde als Sündenbock für alles angesehen, saß im neuen Schlosse hinter Schloß und Riegel, und er lenkte dann die Aufmerksamkeit des französischen Offiziers zuerst auf den Pavillon. Man fand dort die Verwüstungen, welche Jochen Dummeier angerichtet hatte, aber keinen Eingang, auch der herbeigerufene Haushofmeister, eingeweiht in die Geheimnisse des Mechanismus, konnte das Uhrwerk desselben nicht in den Gang bringen, der Dorn war zerschlagen, wahrscheinlich das ganze Uhrwerk vernichtet. Nun befahl der französische Offizier, die Rückwand des Pavillons einschlagen zu lassen. Hier fand man die Leiche Melusinens. War sie verhungert, war sie verdurstet, war sie aus Angst gestorben, wer konnte es wissen? Der Inhalt des Geheimgemaches, die Oelgemälde und Statuetten waren dem französischen Offizier eine gefundene Beute, und der Champagnerkorb wurde geleert, mochte er auch acht Tage bei einer Leiche gestanden haben. Die Leiche Melusinens wurde ohne allen Pomp im Erbbegräbnisse beigesetzt. Viertes Kapitel. Hassan's Rückkehr. Es mag kaum bestritten werden, daß auf die Lebensschicksale vieler Menschen außer Geburt und Geburtsland äußere Ereignisse einen so entschiedenen Einfluß üben, daß sich von einer Betätigung der menschlichen Willensfreiheit wenig wahrnehmen läßt, daß das Walten des Schicksals, oder wie wir es nennen wollen, vorwiegend das Bestimmende ist. So machte nun auch die Gefangennehmung des Malers Hellung durch die Korsaren, sein Verkauf als Gartensklave nach Zuwan einen gewaltigen, von seiner Willensfreiheit unabhängigen Eingriff in das Leben desselben. Seine Lebensweise wurde fortan abhängig von den äußern Verhältnissen und Bedingnissen, die in Afrika ihn umgaben, von dem Leben unter Mohammedanern, von dem Leben unter den glühenden Sonnenstrahlen Nordafrikas, von dem Zufalle, daß er mit einem Landsmanne zusammentraf, von der Liebe Fatime's und Mirza's. Allein derselbe war sich trotz aller Einwirkungen des Schicksals und Zufalls bei allen seinem Thun noch eines Willens und seines Wollens bewußt. Sein Uebertritt zu der Religion Mohammed's, sein Anschmiegen an orientalische Sitten und Gewohnheiten geschah keineswegs ohne Antheil seiner Selbstentscheidung. Denn wie sehr auch sein Wille durch Klima, Nahrung, Umgang mit Hinrik, Trägheit, Sinnengenuß und andere auf den menschlichen Körper und durch diesen auf den Geist selbst einwirkende Ursachen, ohne daß er sich dieser Einwirkungen bewußt geworden wäre oder davon Rechenschaft sich gegeben hätte, gereizt, geleitet, beschränkt war, sein Wollen war dadurch nicht erloschen; hätte er nur recht gewollt, das Rechte und Richtige gewollt, so würde er den Lockungen widerstanden haben. Aber daran lag es gerade: er wollte und mochte nicht widerstreben dem, was schmeichelnd ihn anzog und seine Sinne umgarnte, er war auf dem Wege, ganz zu einem orientalischen Weichlinge sich zu erniedrigen. Dem Menschen das freie Willensvermögen überhaupt bestreiten zu wollen, heißt, ihm den Geist selbst abstreiten, und wenn Heinrich Simon nach dem Berichte seines Biographen Jacobi dem Glauben angehangen hat: »Es ist von vorherein unwahrscheinlich, daß derjenige einen freien Willen haben solle, dessen Existenz selbst ohne freien Willen ist. Die Natur läßt sich solche Inconsequenzen nicht zu Schulden kommen«, so zeigt diese Annahme eben den Spinozisten, der von der Annahme ausgeht, daß der Mensch eben nur Naturwesen und ganz allein von Naturgesetzen abhängig sei, daß der Geist etwa eine Blüte der Natur sei, während doch Millionen Menschen sich als Vereinswesen aus Geist und Natur fühlen und schauen. Die Lehre Spinoza's selbst löst die Frage nach der Willensfreiheit des Menschen nicht, er vermeint: »Die menschliche Freiheit, deren sich alle rühmen, besteht darin, daß die Mengen sich ihres Willens bewußt, der Ursachen aber, von denen dieser bestimmt wird, unbewußt sind.« Demnach käme unser Bewußtsein von Willensfreiheit auf eine grobe Selbsttäuschung hinaus, wir glauben uns frei, weil wir wissen, daß wir etwas wollen, daß wir uns bestimmen können, merken aber nicht, durch welche Bestimmungsgründe dieses Wollen bestimmt wird. Und doch ist diese Behauptung unwahr, denn ein Wollen ohne Bestimmungsgründe wäre etwas Leeres und Unentschiedenes, wäre gar kein Wollen. Das rechte Wollen muß einen Inhalt, einen Gegenstand haben. Sofern nur die Bestimmungsgründe unsers Wollens, die Ziele, wonach wir streben, die Güter, die wir zu erlangen trachten, innerhalb unsers Wesens und Vermögens liegen, – sei es in den Trieben und Bedürfnissen unserer leiblichen Natur, oder in den Forderungen an die menschliche Gesellschaft, an den Staat, und sofern wir beides in Eintracht und in ein gerechtes Verhältniß bringen, wird kein Vernünftiger sagen, daß unser Wollen durch fremde, unsere Selbstbestimmung schädigende oder gar aufhebende, heterogene Antriebe gereizt und geleitet werde, wir folglich unfrei seien. Im Wollen bestimmen wir unser Thun und Lassen durch eigene Kraft nach dem, was uns zukommt und frommt; unser Wollen ist dann Eins mit unserm Sollen, und erst in dieser Harmonie ist der Mensch wahrhaft frei. Zwiespalt und Widerspruch stürzt ihn in Unfreiheit. Jedoch auch aus den Abgründen vermag er sich wieder aufzurichten und vermöge der unvertilgbaren Selbstmacht des Guten sich zur Freiheit im Rechten und Guten emporzuarbeiten. Wir dürfen nur nicht vergessen, daß der Mensch nicht Gott ist, daß er nicht alle und jede, nicht die ganze Freiheit hat, daß das Gebiet seines freien Könnens und Thuns ein durch seine Endlichkeit, seine Verbindung mit der Natur beschränktes ist. Auf das Bewußtsein bei unserm Wollen kommt es in erster Reihe nicht an, denn die Reflexion des Bewußtseins tritt erst im vorgeschrittenen Zustande hinzu. Eine große Menge der Menschen verbringt das Leben, ohne auf dieser Stufe des Bewußtseins der Willensfreiheit anzulangen. Die, welche die Sonnenglut des Aequators brennt und schmilzt, die, welche über die Eisfelder der Pole streichen, werden sich mit Reflexionen über das, was in ihrer Seele vorgeht, nicht allzu sehr incommodiren. Aber nicht nur diese, auch Europa hat noch immer in jener Hinsicht mehr Buschmänner und Eskimos aufzuweisen als Philosophen, und zwar in allen Ständen, mögen sie den Knotenstock und den Besenstiel handhaben, oder das Porteépée und den Fächer führen. Die Ideenverbindungen, die uns zu diesen Reflexionen führten, ergibt ein Blick auf das Leben unsers Freundes Hellung. Er stand von jeher und nicht erst in den Dattelhainen seines afrikanischen Schlaraffenlebens mehr unter der Herrschaft seiner Gefühle und Sinne als unter der Herrschaft seines vernünftigen Selbstbewußtseins. Die äußern Umstände begünstigten in Zuwan nur die Gelegenheit, den Trieben, die am mächtigsten in ihm waren, die Zügel schießen zu lassen. Wäre er ein Stoiker gewesen, oder ein Büßer, der sein Fleisch mit höchster Wollust peinigt, so würde er überall, in Zuwan wie unter den Palmen von Theben, an den schwülen Ufern des Ganges wie in der berauschenden Bucht Neapels, das bewiesen haben. Er fühlte indeß bald nach jener heiligen Nacht, in der wir ihn verließen, daß er sich durch seine Verheirathung mit Mirza in Zuwan auf eine Art und Weise festgekettet habe, die täglich drückender wurde. Kaum war ein Jahr vergangen seit jener Hochzeitsnacht, so überfiel ihn trotz der Liebreize seiner Mirza – und der demüthigen Liebe, welche die Abyssinierin ihm weihte, trotz des Paradieses, in dem er lebte, und des Ueberflusses, der ihn umgab, das Heimweh nach Europa, die Sehnsucht nach civilisirter Gesellschaft. Das Leben in Zuwan hatte ihn in einen genußsüchtigen Sinnesmenschen umgeschaffen, dem das Ziel Mirza alles war. Als er dieses Ziel aber erreicht hatte und eine Zeit lang in wollüstiger Behaglichkeit sich gewiegt hatte, fühlte er, daß dieses Ziel seiner Wünsche nicht werth sei, wie daß er sich getäuscht habe, wenn er in dem Islamthume einen Ersatz für das aufgegebene Christenthum und die europäische Bildung zu finden geglaubt hatte. Ein Jahr als Muselman zugebracht genügte ihm, die Stumpfheit, das mechanische Außenwerk der neuen Religion zu zeigen. Der Mangel alles höhern Culturstrebens im Islam offenbarte sich ihm erst im Zusammenleben mit seiner jungen Frau. Mirza war allerdings eine Huri aus dem Paradiese Mohammed's, sie war das schönste Weib, was er je geschaut. Aber Geist? Bildung? Sie wußte nichts, konnte nichts als sich putzen, um dem zärtlich Geliebten zu gefallen. Aber was schlimmer war, sie wollte auch nichts lernen, nichts wissen, wollte sich um nichts anderes als um ihren Körper bekümmern. Der junge Ehemann erzählte ihr von Europa, von der Herrlichkeit Roms, von der Lieblichkeit Neapels, der schönsten Stadt der Welt, von den Eichen- und Buchen-, Tannen- und Fichtenwäldern Deutschlands, von seiner Heimat und seinem Dresden. Sie hörte kaum, was er sagte, zeigte nicht das geringste Interesse an seinen Erzählungen, spielte mit ihrem Schmuck, besah sich im Spiegel, änderte etwas an ihrer Kopfbedeckung, zankte mit Fatime oder ließ sich von ihr mit dem Pfauenwedel Kühlung zuwehen. Hassan erzählte von der Gründung und dem Wachsthume Roms, von seinem Zusammenstoße mit dem mächtigen Karthago, das aus den Quellen, die hier sprudelten, auf riesenhaften Wasserleitungen für Hunderttausende sein Wasser bezog, und von dem schrecklichen Untergange dieser mächtigsten Stadt. Der Schönen war das alles gleichgültig. »Was geht es mich an, was vor zweitausend Jahren geschehen ist? was soll ich mich um die Kriege der Karthager und Römer bekümmern«, sagte sie, »wenn beide Völker nicht mehr existiren? Willst du mir etwas erzählen, so erzähle mir Zaubermärchen, wie Fatime es kann!« Und sie lächelte Hassan freundlich an, sodaß er nicht böse werden konnte. Mirza war noch halb Kind und verzogenes Kind, so betrachtete sie auch Hassan, sein Irrthum war nur der, daß sie je diesen Standpunkt verlassen würde. Er wollte sie erziehen, er wollte versuchen, ihr von europäischem Leben und Weben, Sitten und Strebungen auch nur die oberflächlichsten Begriffe beizubringen, er hoffte, in ihr eine Sehnsucht, das Abendland einmal zu sehen, entfachen zu können. Aber von welcher Seite er auch versuchte, ihrem Geiste beizukommen, er vermochte nicht, Geist bei ihr zu entdecken. Das Feuer, das aus ihren schönen Augen loderte und das er für Seele gehalten hatte, es war nur Sinnlichkeit; ihrer Zärtlichkeit, ihrem Kosen, ihrer Hingebung fehlte der geistige Reiz; die Selbstvergötterung, welche ihr von früher Jugend anerzogen war, machte sie für alles gleichgültig, was sie nicht unmittelbar auf sich selbst beziehen konnte. Gewohnt, sich nur mit sich selbst zu beschäftigen, das heißt mit ihrem Körper und ihrer Kleidung, schenkte sie nicht einmal der hingebenden Liebe und Unterordnung der Milchschwester Beachtung und Anerkennung. War es da zu verwundern, daß sie gleichgültig blieb für alles in der Welt außer für sich selbst? Sie kannte ja nichts, gar nichts von der Welt, als den Harem ihres Vaters und den Harem ihres Gatten und die Zaubermärchen von Saladin's Lampe, die Fatime ihr hundertmal erzählt hatte und mit einigen Aenderungen hundertmal wiederholen mußte. Was ging sie die übrige Welt an? Sie wollte von dieser Welt nichts wissen, Hassan war ihre Welt, soweit diese nicht das eigene Ich war. Anders zeigte sich die Abyssinierin; sie horchte begierig den Erzählungen und Erläuterungen ihres Herrn, sie stellte Fragen an ihn und suchte dann Mirza's Interesse für das Abendland dadurch zu erregen, daß sie allerlei phantastische Märchen ersann, orientalische Helden und Heldinnen, die durch Zauber nach Deutschland, Italien, in die Schweiz versetzt wurden, welche Länder dann mit orientalischer Farbenpracht ausgeschmückt wurden. Auch diese Hülfe erwies sich vergeblich. Der Maler versuchte, seinen Schmerz, das reizende Weib so geistlos und unempfänglich für seine geistigen Regungen zu finden, durch Arbeit zu bewältigen, aber es fehlte ihm dazu die alte Lebenskraft. Er konnte nicht mehr stundenlang vor der Leinwand sitzen, ihm gefielen seine eigenen Arbeiten nicht. Er hatte Mirza, angethan mit ihrem schönsten Schmucke, wie sie gewöhnlich ruhend lag, eine Schwarze mit dem Pfauenwedel hinter sich, Fatime und sein Sohn Ibrahim vor der dritten Terrasse mit den schönsten aller Springbrunnen spielend, dargestellt. Die Aehnlichkeit der Personen war groß, Vordergrund und Hintergrund reizend, aber er hatte keine Lust an seiner Arbeit, denn er sah in Mirza die Stumpfheit des Orientalismus verkörpert, die er zu hassen anfing. Die Oberaufsicht über die Gärten und Terrassen beschäftigte ihn nur wenige Stunden, Fatime nahm ihm eine Menge Arbeiten ab, das Paradies eines Afrikaners aber, das träge Haremsleben, verlor von Woche zu Woche, von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr mehr seinen Reiz, wenngleich Fatime, welche ahnte, was ihm das Herz schwer mache, sich ihm förmlich als gelehrige Schülerin aufdrang, sich von ihm in französischer und deutscher Sprache unterrichten ließ, ohne Grammatik freilich und ohne Hülfsbücher. So waren viele Jahre seit Hassan's Vermählung langsam dahingeschlichen, als die Hauptkaravane, die in den Süden zog, ein Packet Blätter des französischen » Moniteur « von 1806 und 1807 mitbrachte. Es waren das die ersten Zeitungen aus dem neunzehnten Jahrhundert, die Hassan zu Gesicht bekam. Wie hatte sich die Welt umgestaltet, seitdem er Sorrent verlassen? Was waren das für neue, ungeahnte, wunderbar verwandelte Zustände! Die französische Republik hatte einem Kaiserreiche Platz gemacht, die große Nation hatte die vor zwei Jahrzehnten so blutig erkämpfte Freiheit verloren, von den großen Principien der Jahre 1789–92 war kaum die Rede, dagegen war der Kaiser der Franzosen zugleich Imperator Europas, und außer den Herrschern von England, Rußland und Oesterreich waren alle Könige und Fürsten Europas Vasallen Napoleon's. Bei Jena, der geliebten Stadt, die seine erste Liebe, das stille Veilchen mit den blauen Augen, barg, war eine große Schlacht geschlagen, die das Reich Friedrich's des Großen so gut wie zertrümmert hatte. Brüder Napoleon's überall Könige. Das alles in acht Jahren, während er in afrikanischer Einsamkeit schmachtete?! Die Ideenverbindung zauberte ihm das Bild seiner Karoline vor, wie sie an den grünen Ufern der Saale, unter Eichen und Buchen an seiner Seite vor Jahren dahinwandelte, wie das Paar ein kühles Plätzchen suchte und er der blonden, sinnigen Schwärmerin Goethe'sche oder Schiller'sche Gedichte vorlas. War das Paradies in Jena bei aller Einfachheit nicht schöner als das Paradies bei Zuwan, war die geistvolle Karoline nicht vorzuziehen der körperlichen Schönheit Mirza's ohne Geist? In Paris, das ihm bis dahin nur mit blutdürstigen Jakobinern überfüllt in Gedanken geschwebt hatte – blühten laut des » Moniteur « Wissenschaften und Künste mehr als jemals, ein alles überblendender Luxus hatte sich dort unter dem neuen Kaiserthume entfaltet. Eine neue Aera in Staat und Cultur sollte dort angebrochen sein und die Civilisation von Paris aus schützend ihre Flügel über Europa ausstrecken. Hassan interessirte sich insbesondere für die Weltberühmtheit David's, obwol er Talma und den Faltenwurf seines Mantels nicht geringschätzte. Der Vereinsamte verschlang die Hauptnotizen des » Moniteur « in wenigen Stunden, um dann immer von neuem die großen Begebenheiten eines Jahrzehnts, die er nur durch Combinationen und Andeutungen aus den einzelnen Artikeln sich zusammenlegen mußte, begreifen zu lernen. Bei diesem Studium aus dem » Moniteur « von 1806 und 1807, noch dazu aus einem nicht vollständigen Exemplar, zu erforschen, was seit 1800 in Europa geschehen sei, wuchs seine Sehnsucht nach Europa und europäischer Gesellschaft, Sitte, Kunst, Wissenschaft, Thätigkeit von Tag zu Tag und sein ganzes Dichten und Trachten concentrirte sich darauf, wie er wieder nach Europa komme. Es schien ihm das auch aus dem Grunde wünschenswerth, weil er in einem solchen Wechsel das einzige Mittel erblickte, die in dem schönen Körper Mirza's nothwendig schlummernde Seele zu wecken. Wenn er Mirza aus dem trägen Einerlei des Haremslebens erlöste, wenn er sie nach Paris brächte, ihr dort die Wunder der europäischen Civilisation vor Augen führte, so hoffte er den Götterfunken geistigen Verständnisses aus diesem Wunder der Natur herauszulocken. Auch hielt er es für Pflicht, seinen Sohn Ibrahim aus der orientalischen Versumpfung und Ertödtung des Geistes zeitig zu retten. Fatime, die ihm ansah, daß er Kummer habe, daß sein Geist von irgendeinem großen Gedanken und Plane bewegt sei, umschmeichelte ihn und wußte sein volles Vertrauen zu gewinnen. Sie versprach, ihm als Sklavin bis an das Ende der Welt zu folgen, und war von dem Gedanken, Europa zu sehen, entzückt. Beide boten nun alles auf, den Gedanken mindestens einer Reise nach Europa in Mirza zu erwecken. Diese wollte von Europa nichts wissen, und sie bedurfte besonderer Schonung, denn sie war zum ersten mal schwanger. Die Regenzeit nahte ihrem Ende, schon keimte überall das junge Grün, als die schwere Stunde der jungen Frau nahte. Eine alte Sklavin, die den Hebammendienst seit langen Jahren in Ibrahim's Harem versehen hatte, war schon länger als einen Monat beschäftigt, den zarten Körper der jungen Frau durch körperliche wie geistige Mittel zu dem großen Werke zu stärken. Namentlich wurden Amulete in die Kleider Mirza's genäht, um böse Geister und den bösen Blick abzuhalten, ingleichen dreihundertdreiunddreißig Ayals aus dem Koran. Der Imam kam täglich, um Gebete zu verrichten. Der böse Geist aber, der sich nicht vertreiben ließ, war der außerordentlich empfindliche Körper und zarte Knochenbau der schönen Rose von Damaskus, die schon ihrer Mutter das Leben gekostet hatten. Mirza gebar ein todtes Kind und überlebte die Geburt nur um wenig Minuten. Ihr Tod machte auf den alten Vater einen ungemein schmerzlichen Eindruck, Ibrahim weigerte sich, Speise und Trank zu nehmen, wie irgendeine Frau seines Harems zu sehen. Er sagte aber unzählige Ayals, dreimal dreihundertdreiunddreißig, an diesem Tage her. Hassan, obgleich er eines drückenden Bandes, jenes, das ihn von Europa zurückhielt, entledigt war, fühlte doch, daß er das schönste Weib, das Afrika je erzeugt, verloren habe. Er entschuldigte ihre Geistlosigkeit und ihr kindisch tändelndes Wesen mit ihrer Erziehung und Lage und gedachte nur der Reize, ihrer Hingabe, ihrer Liebe zu ihm. Auch Fatime war durch den Tod der Milchschwester stark erschüttert, aber sie tröstete sich: Allah hat es gegeben, Allah hat es genommen, was Allah thut, ist wohlgethan, und fing in aller Stille an Vorbereitungen zur Abreise zu treffen, denn sie kannte Hassan's Sehnsucht nach Europa zu gut. Untröstlich war Ibrahim; als man die irdischen Reste seiner Tochter in schnellem Schritte zum Kirchhofe brachte, schloß auch er seine Augen für immer. Die reichen Vermächtnisse, welche er dem Lieblingskinde Mirza in seinem Testament hinterlassen, fielen hinweg, da sie früher als er gestorben. Dem Maler hatte er aber das Bild des Paradieses vermacht, was dieser zu sich nahm, für ein prachtvolles Begräbniß sorgte und, soweit es nach arabischer Gewohnheit möglich war, eine Art Inventarium über den Nachlaß aufnehmen ließ, da er in den Augen des unbekannten Schwagers und Haupterben nicht als ein Mann erscheinen wollte, der auch nur das Geringste von diesem Nachlasse sich angeeignet. Fatime gab den Rath, die Ankunft dieses auf See befindlichen Schwagers nicht abzuwarten, da dieser ein roher, mistrauischer Mann sei. Hassan sorgte daher für den Unterhalt des Harems und der Sklaven durch den Kadi und rüstete sich mit seinem Harem zur Abreise.. Die Kamelstuten wurden mit allen Dingen und Schätzen beladen, die man nach Europa hinüberzunehmen gedachte, und mit Fatime, seinem Sohne und einem ganzen Troß von Sklavinnen, Dienern, Kameltreibern zog er dem Meere zu nach Hammamet. Hier stellte er es in das Belieben der Sklavinnen und Sklaven, ob sie in Afrika bleiben und hier ihre Freiheit empfangen wollten, oder mit nach Sicilien gehen, um dort frei zu werden und Mittel zur Rückreise in ihre Heimat zu erlangen, oder ob sie ihm als Diener nach Europa folgen wollten. Nur die Wärterin des kleinen Ibrahim und ein anderer treuer Schwarzer, der seit längern Jahren die persönlichen Dienstleistungen bei dem Obergärtner that, zogen das letztere vor. Die Griechensklavinnen wurden in Catania, wohin man ohne Unfall übersegelte, entlassen, reich beschenkt, eigentlich gegen ihren Willen, denn sie wußten nicht, was sie daheim beginnen sollten. Die Afrikamüden schifften sich von Sicilien nach Marseille ein und erreichten von da in mühevollen Tagereisen Paris. Nachdem hier eine Privatwohnung gefunden war und Hellung, wie sich unser Freund nun wieder nannte, sich einigermaßen in die neuen Umstände gefunden und sich mit den Institutionen des Kaiserreichs bekannt gemacht hatte, war es der erste Schritt, den er that, sich mit Fatime durch Civilehe zu verbinden und seinen Sohn, den er Franz Ibrahim nannte, anzuerkennen. Der Versuch der Madame Taillard oder einer Nachfolgerin, die Abyssinierin zu einer gräcisirten Pariserin umzustutzen, scheiterte an dem Widerstande derselben wie an der Einsicht unsers Freundes, daß die vaterländische Tracht zu dem ganzen Wesen, der Gesichtsfarbe und den Bewegungen Fatime's am besten passe und deshalb beibehalten werden müsse. Paris war Weltstadt, in der man alle Trachten sah, Griechen und Türken, Perser, Mamluken, Spanier und Südamerikaner. Franz Ibrahim aber erhielt französische Kleidung und Unterricht nicht nur in der französischen Sprache, sondern in allem, was für sein Alter paßte. Er hatte schon in Zuwan ein hervorragendes Talent zum Zeichnen entwickelt, das hier unter Leitung eines tüchtigen Lehrers (dem Vater fehlte jedes Talent zum Lehren) sich rasch ausbildete. Daß die Abyssinierin wie ihr Sohn die Wunder von Paris, Versailles und die sonstige Umgebung der Weltstadt anstaunten, daß sie täglich etwas Neues sahen und lernten, da oft die kleinsten und unbedeutendsten Dinge, die uns von Kindheit an bekannt sind, ihnen fremd und neu waren, daß dabei die Zeit ebenso schnell verlief, als sie in Zuwan langsam dahinschlich, das konnte Fatime freilich nicht begreifen, aber sie fühlte es. Hellung, der viel in den Galerien und den Ateliers der Künstler des Kaiserreichs studirte, namentlich dem lebhaften Colorit emsig nachstrebte, durch welches die Franzosen Italiener wie Deutsche übertrafen, bemerkte mit Verwunderung, wie rasch und leicht Fatime sich in die neuen Verhältnisse einlebte und europäische Cultur in sich aufnahm. Sie begriff die Menschen, die Verhältnisse und Dinge, zeigte sogar Sinn für Politik, denn sie las täglich Zeitungen und Journale. Sie konnte über gröbere Späße wie über feinere Scherze der Posse, der Komödie und des Intriguenspiels im Theater lachen und war in der Tragödie zu Thränen gerührt. Nur Eins wurde ihr unendlich schwer, das Selbstgefühl des europäischen Weibes zu erlangen, die Liebe zu ihrem Manne als eine für alle Lebenszwecke gleichstufige aufzufassen. Sie betrachtete diesen vielmehr immer noch als Herrn, sich als seine Sklavin. Der Maler arbeitete aber unermüdlich daran, das Gefühl der Demuth und des Untergeordnetseins zu bannen, sie stolz und selbständig zu machen. Es währte längere Zeit, ehe sich Fatime gewöhnte, wenigstens in Gesellschaft und im öffentlichen Leben die demüthige Unterwürfigkeit abzulegen, in Gegenwart dritter zu sein wie französische Frauen. Der Zwang, den sie sich anthun mußte, und die Gewöhnung, die er mit sich führte, verfehlten aber nicht, so etwas von dem Bewußtsein der Gleichberechtigung in ihrer Seele zu wecken. Was Bitten und Ermahnungen nicht vermocht hatten, das thaten die deutschen Dichter. Erst aus ihnen lernte die Abyssinierin die Würde der Frauen kennen und achten; erst sie lehrten die Orientalin, sich gleichberechtigt zu fühlen und gleichstufig dem Manne, an den sie bis dahin als ihren Herrn und Meister hinaufgeschaut. Hellung hatte sich in Paris kaum häuslich niedergelassen, als er das Bedürfniß fühlte, sich eine Bibliothek anzuschaffen; waren ihm doch die Erzeugnisse der deutschen wie der französischen Literatur seit länger als einem Jahrzehnt völlig fremd geblieben. Welche Menge von Meisterwerken gerade deutscher Dichterheroen umfaßten gerade diese ersten zehn Jahre des Jahrhunderts? Wollte er nicht ungebildet und unwissend erscheinen vor seinen Landsleuten sowol wie vor Franzosen, so mußte er sich mit diesem Schatze bekannt machen. Es dauerte freilich längere Zeit, als es heute dauern würde, ehe alle diese ihm unbekannten und ältere bekannte, aber abhanden gekommene deutsche Werke herbeigeschafft waren. Franz Ibrahim sprach wie seine Mutter deutsch, hatte aber die deutschen Schriftzeichen erst in Paris erlernt und war, ohne daß der Vater etwas davon ahnte, Lehrer der Mutter geworden, welche, wenn auch nicht deutsch schreiben, doch Gedrucktes lesen konnte. Als nun die Bibliothek angekommen, ausgepackt und aufgestellt war, nahm Hellung zuerst Schillers Gedichte daraus hervor, um Fatime vorzulesen: Ehret die Frauen, Sie flechten und weben u. s. w. Wie erstaunte er, als Fatime ihm das Buch aus der Hand nahm und das Gedicht untadelhaft nachlas! Am andern Tage wußte sie es auswendig. Auch Franz, der bei seinem französischen Lehrer eine Menge Lafontaine'scher Gedichte hatte auswendig lernen müssen, wollte, nachdem er Bürger's und Schiller's Balladen und Romanzen kennen gelernt, von französischen Versen nichts mehr wissen. Die Herbst- und Winterabende des zweiten Jahres in Paris wurden Mutter und Sohn zu wahren Genußabenden, wenn der Vater Schiller'sche oder Goethe'sche Dramen vorlas, und beide zogen diese Vorlesungen der Oper wie der Tragödie mit Talma vor. Fatime wurde dadurch erst wahrhaft in deutsches Leben, Gesinnung und Gesittung eingeführt, empfänglich für menschliche und sociale, begeistert für freiheitliche und politische Ideale. Damit kam ihr aber von selbst das Bedürfniß europäischer Tracht und sie vollzog die Wandlung, ehe Hellung eine Ahnung davon hatte. In diesen europäischen Kleidern fühlte sie sich dann zum ersten mal europäischen Frauen gleichgestellt, es schien sie mit Aenderung der Tracht erst das volle Gefühl der Freiheit, des Nichtsklavenseins, dem Manne gleichstufig zu sein, zu durchdringen. Sie verlor dabei in ihrer Erscheinung keineswegs, ihre schlanke, schöne, mäßig volle Gestalt hob sich in den enganschmiegenden Gewanden und die griechische Frisur gab ihrem Gesicht noch höhern Reiz. Fatime entbehrte bei der Wandlung am meisten die langen, bis auf die Knöchel reichenden Beinkleider, die sie seit ihrer Kindheit getragen hatte. Ihr gazellenartiger Gang wurde durch die neuen engen Roben gehemmt, aber er konnte es noch immer mit dem schönen Gange der Pariserinnen aufnehmen. Es war in der That durch diesen äußern Wandel der volle Uebergang zu europäischer Bildung vollzogen, und das führte dann wiederum zu einem gemeinsamen Leben in der Familie. Die Abyssinierin sah bisher ihre Frauengemächer noch immer als eine Art Harem an, in die selbst der Sohn den Fuß nicht setzen durfte. Von jetzt wurde in diesen Zimmern abends der Thee eingenommen, Besuche empfangen, geplaudert, kritisirt, gelesen und politisirt. Mit Messer und Gabel zu essen hatte Hassan seiner Frau und Fatime schon in Zuwan beigebracht, es war aber das Einzige gewesen, was Mirza von europäischer Bildung annahm. Fatime lernte in Paris europäische Speisen auf europäische Weise zubereiten. Bisher hatte man nur den Morgenkaffee im Hause genommen und nach pariser Sitte bei einem Restaurant zu Mittag und Abend gegessen; der gesunde Appetit des Knaben, dem namentlich das pariser Weißbrot besser schmeckte als Kuskus, brachte es zuerst dahin, daß aus dem Morgenkaffee eine Art deutsches Frühstück wurde und der Maler sein Frühstücken bei dem Restaurant aufgab; dann bat er die Mutter, eine Köchin zu nehmen und die Speisen im Hause zubereiten zu lassen. Was hätte die Mutter ihrem Franz Ibrahim abschlagen können? Das Familienleben gewann dadurch. Unser Freund setzte sich, sobald er in Paris angekommen, auch wieder mit seinem Geburtslande in Verbindung, es war für ihn ein Abwesenheitscurator bestellt, ein weitläufiger Verwandter, der sein Vermögen während eines Jahrzehnts Abwesenheit vermehrt, die Zinsen zum Kapital geschlagen hatte. Hellung bevollmächtigte denselben, ihm in der Umgegend von Dresden ein Landhaus zu kaufen. Die Gelegenheit fand sich rascher, als er gehofft, im Frühjahr 1811 war er Eigentümer einer reizenden Villa an der Elbe oberhalb Dresdens. Er hatte außerdem sein Bild des Paradieses, das in öffentlicher Ausstellung zu Paris großen Beifall fand, zu gutem Preise verkauft, um so lieber, da er ungern an die Zeit zurückdachte, wo er nur Sinn für dieses Paradies gehabt hatte. Er malte jetzt eine afrikanische Landschaft, zu der er an Ort und Stelle die Zeichnung gemacht – im Vordergrunde eine mächtige Ruine eines Aquäducts, im Hintergrunde der mächtige Berg Zuwan selbst, die Landschaft belebt durch einen Karavanenzug, der an einem Brunnen tränkt. Briefe aus Jena, wohin er sich gewendet, um über Karoline im Paradiese Erkundigungen einzuziehen, meldeten, daß diese endlich, ihn des langen Schweigens wegen für todt haltend, den Bewerbungen eines Gehülfen des Vaters nachgegeben, diesen geheirathet und demselben schon eine ganze Kinderreihe geboren habe. Hellung schrieb an sie, theilte ihr seine Schicksale in der afrikanischen Gefangenschaft mit, entschuldigte seine Treulosigkeit so gut es ging und sendete der einst Geliebten reiche Geschenke, unter andern das Bild seiner Mirza und Fatime und des spielenden Knaben, versprach auch, auf der Rückreise nach Dresden im Paradiese vorzusprechen. Das geschah, als er Anfang Sommers deutschen Boden wieder betrat. Die Jugendgeliebte war älter als Fatime, Gram um den unerklärlichen Verlust des Geliebten, schwere Arbeit und vielfache Wochenbetten gaben ihr ein noch älteres Ansehen und ließen sie hinter die in einen kostbaren indischen Shawl gehüllte Fatime weit zurücktreten. Aber die jüngere siebzehnjährige Schwester Mathilde war ganz Ebenbild der Jugendgeliebten, wie sie gewesen, als Hellung noch zu Fichte's Füßen saß und der Maler konnte sich nicht enthalten, ihr Porträt und damit die lebendigste Erinnerung an seine Jugend mit in die neue Heimat zu nehmen. Das blendendweiße Gesicht, die rothen Wangen und das goldige Haar der Deutschen gefiel der Abyssinierin so sehr, daß sie, die glaubte, ihr Hassan hege ein besonderes Interesse für das schöne Kind, diesen anging, er möge sich mit dieser christlich trauen lassen, sie wollte ihm so treue Dienerin sein, als sie es Mirza gewesen, und daß es schwer war, ihr die Bedeutung der Civilehe klar zu machen und ihr begreiflich zu machen, daß das nach europäischen Begriffen ein Verbrechen sein würde. Das Landhaus an der Elbe mit seinem schönen Garten wie Dresden selbst gefielen Fatime sehr gut und sie gewöhnte sich an das deutsche Leben schnell. Franz Ibrahim erhielt Religionsunterricht, er sollte an einem und demselben Tage getauft und confirmirt werden. Hellung fand noch alte Freunde und Kunstgenossen, auch machten neue Bekanntschaften sich bei dem Malervolke leicht. Fatime wurde zum ersten male in Familienkreise eingeführt und lernte die Art und das Wesen deutscher Frauen und Familien kennen, das sie mit hoher Achtung vor deutscher Sitte und christlicher Cultur erfüllte. Neugier zog sie in die katholische Kirche, die herrliche Musik bestrickte ihr Gefühl, aber der ganze Ritus blieb ihr unverständlich. Mehr schon zogen sie die Predigten des Hofpredigers Ammon an, des Lehrers ihres Sohnes, und sie nahm bei näherer Bekanntschaft mit demselben an dem Religionsunterrichte des Sohnes theil und ward mit ihm zugleich in das Christentum aufgenommen. Der Maler selbst fühlte sich weder als Mohammedaner noch als Christ; er hatte sich aus dem Christenthume die allgemeinen Grundsätze, die mit seiner Vernunft übereinstimmten, herausgesucht und huldigte jenem Theismus, der in seiner Jugend Gemeingut aller Gebildeten war. Wie jeder deutsche Student hatte er für die Französische Revolution geschwärmt; die Begriffe Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit waren für ihn keine leeren Phrasen gewesen, mit seinem Freunde Haus hatte er sich in Neapel häufig über menschheitliche und freiheitliche Probleme gestritten, und schon die Theilnahme an der Verbindung der Pythagoräer bewies, daß auch während dieses sorglos üppigen Lebens der Sinn für diese Dinge nicht in ihm untergegangen war. Jetzt riefen Fichte's »Reden an die deutsche Nation«, die Dramen Schiller's, die Knechtung, die auf Deutschland ruhte, die Ideale seiner Jugend wieder wach. Er fühlte das Bedürfniß, im Vereine mit andern über Religion und Staat, Kunst und Wissenschaft zu philosophiren und zu discutiren. Einer seiner Collegen lenkte seine Aufmerksamkeit auf die Freimaurerei, der er selbst angehörte, und rühmte besonders den Bruder Redner der beiden vereinigten Logen Zu den drei Schwertern und den Wahren Freunden, den Philosophen Karl Christian Friedrich Krause, der sich schon einen weitverbreiteten Namen durch den Versuch einer wissenschaftlichen Begründung der Sittenlehre wie durch das Urbild der Menschheit und des wöchentlich erscheinende »Tageblatt des Menschheitslebens« gemacht habe. Krause, so behauptete der Freund, sei der Gründer der tiefgreifendsten aller menschlichen Wissenschaften, der Gesellschaftswissenschaft, und er verkünde in der Loge ein wahrhaft neues Evangelium. Hellung suchte nun um seine Aufnahme in die Logen nach und machte die Bekanntschaft des Philosophen. Krause glaubte allerdings an die Möglichkeit eines allgemeinen Menschheitsbundes, hoffte, die Keime dazu in der Freimaurerei zu finden, und war bestrebt, diese in seinem Geiste weiter zu bilden. Hierzu bot ihm seine Stellung als Bruder Redner Gelegenheit, aber er wollte zugleich über die dresdener Logen hinaus für sämmtliche Logen der Welt wirken und hatte zu diesem Zwecke gerade um diese Zeit die drei ältesten Kunsturkunden der Freimaurerbrüderschaft herausgegeben. »Geliebte neuaufgenommene Brüder!« sagte der Redner bei der Aufnahme Hellung's und einiger andern Brüder, »Sie gehören nun einem Bunde an, welcher Männer jedes Volks, jeder Religionsgesellschaft, jedes Staates, Standes und Alters gleich willkommen heißt, wenn sie nur reinen Herzens sind. Geselligkeit ist dem Menschen wesentlich, ja es ist nicht blos besser, in Gesellschaft, denn allein zu beten, sondern nothwendig, selbst um allein als einzelner zu bestehen. Jede Gesellschaft hat ein Gebiet, auf welchem sie irgendetwas Menschliches beabsichtigt, das nicht von einzelnen Menschen, sondern nur im vereinten Fleiße gebildet und erreicht werden kann. Dieses in der ganzen menschlichen Bestimmung enthaltene Menschliche macht das Wesen jeder Gesellschaft aus, bestimmt ihre Zwecke, bedingt die Mittel ihrer Verbindung sowie die Verfassung der Gesellschaft selbst. »Darum sind der menschlichen Gesellschaften so viele und so unterschiedene, als die menschliche Natur und ihr Leben einzelne Vermögen und Werke umfaßt. Jede einzelne dieser Gesellschaften hat ihr eigentümliches Leben, aber sie alle, welche die Menschen zur Familie, zu Freunden, zu Stämmen und Völkern, zu Wissenschafts- und Kunstgenossen, zu Mitbürgern desselben Staats, zu Gliedern einer religiösen Gemeinde vereinigen – sie alle aber sollen Eins und harmonisch sein, wie es die menschliche Natur selbst ist, worauf sie sich gründen. Sie sollen, sie können, sie werden einst als ein Reich der Menschheit aus Erden leben. »Geliebte Brüder! Die Freimaurerbrüderschaft ist in dem Reiche der Menschheit ein gewichtiger und ihrem Wesentlichen nach bleibender Theil, denn sie ist ein Keim des Menschheitsbrunnens, welcher dem Leben der Menschheit so wesentlich ist als das Herz dem Leibe. Der Menschheitsbund hat die Aufgabe, das Gebiet der ganzen Menschennatur zu umfassen, nicht nur ein einzelnes Vermögen oder ein einzelnes Werk. Ueber diesen Bund des geselligen Lebens im Geiste der Menschheit und für Vollendung der ganzen menschlichen Natur in jedem einzelnen Menschen, in den Sie heute aufgenommen sind, haben sie in der Hülle der Symbolik, durch die Erklärung, die Ihnen unser ehrwürdigster Meister vom Stuhle von den drei großen und drei kleinen Lichtern der Freimaurerei gab, vom rohen und behauenen Steine, Zirkel und Winkelmaß ein Bild bekommen, das zugleich an die geschichtliche Entstehung dieses Bundes erinnert. »Es wird, wie ich hoffe, die Zeit nicht fern sein, wo an die Stelle des alten Gelöbnisses, das Sie heute in die Hand des hammerführenden Meisters abgegeben, ein neues Gelöbniß tritt, etwa des Inhalts: »›Ich erkenne jeden Menschen als ein vollwesentliches Vernunftwesen an, welches seiner Bestimmung nach gottähnlich und ewig, ein unvergängliches Mitglied ist des ewigen Lebens Gottes. »›Ich anerkenne alle Menschen als der Wesenheit nach und dem Leben nach völlig gleiche Wesen bei aller Verschiedenheit der Hautfarbe, der Ausbildung, bei allen Unterschieden durch Glücksumstände. »›Und ich gelobe, daß ich jeden Menschen als ein an sich jedes Guten würdiges und jedes Guten empfängliches Wesen, als eine ewige, gottähnliche, unverletzliche, ehrwürdige Vernunftperson betrachten und behandeln will, niemals aber und in keiner Hinsicht als eine seelenlose Sache, noch blos und erstwesentlich als ein Mittel zum Guten, oder als eine blos nützliche Sache, noch weniger aber als ein nach seiner ganzen Wesenheit böses und verderbtes Vernunftwesen. »›Nicht will ich mich an jemandes Leibe körperlich vergreifen, noch will ich irgendeines Menschen äußere Freiheit weiter, als das Recht gebietet, beschränken; ich will keinem ohne sein Wissen und Wollen das Geringste nehmen, nicht das Geringste seiner Sachen abändern noch ihn in der Ordnung seiner Sachen stören. »›Ich will die Wahrheit mit eigener Kraft selbst erforschen und das Wahre als wahr annehmen nur wenn und so weit ich selbst es einsehe; ohne eigene Einsicht will ich weder etwas als wahr annehmen noch als falsch verwerfen. »›Und ich will stets meiner Erkenntniß gemäß leben. »›Nie will ich die Wahrheit verletzen, weder mit Gedanken, noch Worten, noch Geberden, nie lügen, nie mich trüglich stellen und verstellen. »›Ich will allein das Gute, rein deshalb, weil es gut ist, denken, wollen und thun, und dem Uebel, dem Bösen und Schändlichen will ich nur Gutes entgegnen; zum Diener, Gehülfen oder Beförderer des Uebels und Bösen will ich mich niemals gebrauchen lassen, sondern ich will dem Guten und der sittlichen Güte nachstreben, dem gottähnlichen Wesenleben, der Tugend, der Gerechtigkeit, der Schönheit, der Weseninnigkeit und Liebinnigkeit, – mit Geist und Leib, mit Gedanken und Worten, Geberden und Werken. »›Alle Menschen will ich lieben wie mich selbst und ihr Wohl wie mein eigenes zu fördern suchen. »›Alle guten Menschen und alle guten Gesellschaften von Menschen, die jetzt leben und bestehen, will ich mit sittlichem Eifer und durch sittlich gute Mittel fördern und mich ihnen in keiner Sache ungerechterweise, noch mit böser List, leiblicher oder geistiger Gewalt widersetzen. »›Aeußere Güter will ich nicht für mich suchen, noch mir anmaßen, außer sofern sie Bedingnisse meines Wesenlebens sind und soweit es nach guten, gerechten und sachgemäßen Gesetzen aller jetzt bestehenden menschlichen Gesellschaften erlaubt ist. »›Allen diesen Grundsätzen, die ich hiermit als die meinigen bekenne, will ich sowol selbst gemäß leben, als auch alle mit mir auf dieser Erde verbundenen Menschen so anleben, daß auch sie denselben geneigt und ihnen nachzuleben fähig werden, auf daß wir mit Gottes Hülfe nach solchen Gesetzen vereint leben mögen, wir alle so viele wir selbige als gültig anerkennen.‹ »Geliebte Brüder! Glauben Sie nicht, daß ein solches Gelöbniß Ihnen etwas Uebermenschliches ansinnen heiße. Ich bin überzeugt, ist einst die Freimaurerei vollendet, lebt sie in allen Menschen, durchdringt erst ihre Kraft alle menschlichen Dinge, dann wird das Reich der Menschheit wirklich, dann wird der Himmel auf Erden sein.« Der Redner schloß. Die Versammlung brachte ihm auf Auffordern des Meisters vom Stuhle für seine schöne maurische Arbeit ein Dreimaldrei als maurischen Dank. Als auf die Anfrage: ob noch jemand zum Besten dieser Loge und der Freimaurerei überhaupt etwas vorzutragen habe, sich niemand meldete, wurde die Loge geschlossen und die Brüderschaft zu einer Tafelloge berufen. Unserm Freunde schien in dieser Vereinigung endlich das geboten zu werden, was er so lange anderwärts gesucht hatte: eine Gesellschaft von Männern nicht blos zu freier Geselligkeit, Spiel und Tafelfreuden, sondern geistige Anregung zu höhern Ideen und höherm Streben, auch bei der Tafel gewürzt durch humoristische Reden, Musik, Gesang. Die großen Gedanken, welche der Bruder Redner über den Menschheitsbund und das Leben des einzelnen Menschen in und zum Guten in ihm angeregt hatten, schufen ein neues Lebensziel in ihm, er sah, wie viel er nachzuholen, wie viel er gut zu machen habe. Ein näherer Anschluß an Krause zeigte ihm, daß dieser über Malerei viel nachgedacht habe und daß er die Pflege der Schönheit als einen nothwendigen Werkbund im Leben der Menschheit betrachte und die Hebung aller Künste sein eifriges Bestreben war. Er studirte nun fleißig im Urbilde der Menschheit, war erfreut von jeder neuen Nummer des »Tageblatt des Menschheitslebens«, discourirte auf einsamen Spazierwegen mit dem Philosophen maurische und menschliche Probleme. Dieser war es, der unsern Freund, nachdem ihn dieser von seinem abenteuerlichen Leben in Zuwan erzählt hatte, zuerst auf die wahre Bedeutung des Familienlebens hinführte, ihm bewies, daß das Princip der Familie die gleichstufige, allharmonische Liebe des Gatten für alle Lebenszwecke sei, daß die Ehe monogamistisch, wie die Religion monotheistisch sein müsse. Krause ging aber noch weiter, er, der von vielen Pfaffen als Antichrist angefeindet wurde, drang in ihn, mit Fatime sich auch durch christliche Ehe verbinden zu lassen. »Sie wohnen jetzt wieder in einem christlichen Staate, sind Bürger einer Stadt, die sich zum Christenthume bekennt, Fatime ist Christin geworden, da dürfen Sie den Ortsgenossen, da dürfen Sie befreundeten Familien nicht Anstoß geben durch eine Ausnahmsstellung. Nicht das Sakrament gibt der Ehe ihre Heiligkeit, sondern die Liebe; aber das Sakrament gilt bei uns einmal als das einzige Band der Ehe, die Civilehe ist unsern Sitten und Gewohnheiten fremd, und Sitten und Gewohnheiten darf man nicht ungestraft verletzen.« So wurde denn Hellung mit Fatime auch christlich getraut. Die großen Erwartungen aber, die er von seinem Eintritte in die Freimaurerei gehegt hatte, erfüllten sich nicht, ja er mußte bald Zeuge von Misverhältnissen werden, die ihn veranlaßten, zu decken. Die große Provinzialloge von Niedersachsen zu Hamburg, die Logen Zur goldenen Mauer in Bautzen und Zur gekrönten Schlange in Görlitz stimmten darin überein, daß Bruder Krause durch Herausgabe und Vergeistigung der ältesten Kunsturkunden der Freimaurerei die Pflicht der Verschwiegenheit verletzt und etwas dem ganzen Bunde Nachtheiliges verübt hatte. Die hamburger Großloge fürchtete namentlich, daß das Geheimniß der Freimaurerei der gesammten unmaurerischen Welt entschleiert werde, und da sie als Grundsatz aufstellte: keine Gesellschaft könne bestehen, worin jedes Mitglied das Recht habe, seine besondere Ueberzeugung gegen den Willen der Mehrheit geltend zu machen, so glaubte sie sich berechtigt, gegen Krause und die Kunsturkunden alle unter ihr arbeitenden Logen wach zu rufen. Sieben Eiferer in den vereinigten Logen Zu den drei Schwertern und Der wahren Freunde stellten den Antrag, der Bruder Krause und Mosdorf, der Archivar der Loge, möchten aus dem Bunde scheiden. Bei der großen Anzahl Freunde, die sich der Bruder Redner in Dresden verschafft hatte, war wenig Aussicht vorhanden, daß der Antrag die nöthige Unterstützung erhielt. Nun aber fingen die drei berliner Großlogen gleichfalls an, im Sinne der hamburger auf die dresdener einzuwirken. Zwei Principien standen sich hier gegenüber, der philosophische Reformator ging von der richtigern Ansicht aus, daß die Freimaurerei eine eigene der übrigen Menschheit unbekannte, insgeheim überlieferte Lebenswissenschaft und Lebenskunst habe, und daß das, was die Baukünstler noch geheimhielten, nicht mehr auf die Brüderschaft des neunzehnten Jahrhunderts passe, daß das allgemein Menschliche aber, was man heute noch verheimliche, Gemeingut aller Menschen geworden sei. Er hielt das Geheimsein und Geheimhalten für rechtswidrig, die Großlogen hielten es für ein Bedingniß der Existenz ihrer Brüderschaft. Jener glaubte, die Freimaurerei von diesem unberechtigten und schädlichen Geheimthun befreien zu müssen, weil die Gesellschaft trotz der guten Keime, die ihr zu Grunde lagen, und trotz des langen Bestehens und ihrer großen Verbreitung über die Erde, in unserm Jahrhundert keinen Fortschritt, sondern unter Herrschaft der Hehlsucht nur Rückschritte gemacht habe. Krause wollte eine völlige Wiedergeburt der Brüderschaft im Geiste der höher aufgelebten Menschheit, mit der Grundlage eines alloffenen Menschheitsbundes, der auch die Frauen von der Mitgliedschaft nicht ausschließe. Die Großlogen hielten eine solche Reform in solcher Zeit unmöglich, den Reiz des Geheimnisses für unentbehrlich, die Idee eines Menschheitsbundes für noch verfrüht. Und in der That, trotz aller die Welt bewegenden und aufrüttelnden Umgestaltungen konnte es kaum eine unglücklichere Zeit geben für die humanistischen Plane des Philosophen, als die Zeit, wo Napoleon damit umging, durch Niederwerfung Rußlands sich die Weltherrschaft zu sichern, da er mit einem Heere, wie es die Welt noch nicht gesehen, vom Westen nach dem Osten zog, im Gefolge deutscher Vasallenheere. Fünftes Kapitel. Die bremer Firma. Johann Karl Junker war sehr alt geworden. Er hätte des Puders auf seinem spärlichen Haare kaum bedurft, aber seine Seitenlocken wären ohne Puder, Fett und andere künstliche Hülfe zusammengesunken, und sollten doch so accurat sitzen wie einst vor zwanzig Jahren. Der Friseur war auch beinahe die einzige Luxusausgabe, die sich der alte Herr gestattete. Aber welche schlimme Zeiten hatte er auch durchmachen müssen! Kaum war der harte Verlust der Bollmann'schen Tabacksspeculation überwunden, als die Franzosen Bremen besetzten und der Handel mit England und Amerika ganz aufhörte, alles lahmte und stockte. Junker's Schwiegervater war gestorben und hatte seinem stillen Compagnon ein beträchtliches Vermögen hinterlassen. Der stille Compagnon hatte aber nicht für gut befunden, diesen Nachlaß des Vaters in die Gütergemeinschaft der Ehe einzubringen, er behielt es als Sondergut unter eigener Verwaltung, denn Johann Karl hatte seit dem Frieden von Amiens tausendmal von seiner Ehehälfte hören müssen, er sei ein alter unsinniger Speculant, der sich und seine Familie noch an den Bettelstab bringen würde, wenn sie nicht wäre. Die gute Frau war von Jahr zu Jahr geiziger geworden und sparte und knappte im Hause, als hoffe sie durch Ersparung jedes Groten die Dollars, die durch die Bollmann'sche Tabacksspeculation verloren gegangen, wieder in den Kasten zu schaffen. Zu dem Dünnbier, das sie ihrem Manne und den Leuten auf dem Comptoir vorsetzte, wurde noch mehr Wasser hinzugesetzt als früher. Sie hatte noch in später Ehe eine Tochter geboren, die jetzt etwa zehn Jahre alt war und nie ein Kleid von der Elle erhalten hatte, sondern die Kleidungsstücke der Großmutter, die sie bei dem Tode des Vaters ererbt, abtragen mußte. Die eigene Kleidung der Mutter würde dazu nicht tauglich gewesen sein, denn sie trug diese, solange etwas zu tragen war, und ließ Seide und Sammt nur bei dem Kirchgange an sich sehen. Diese mehr als übertriebene Sparsamkeit hatte ihren wahren Grund aber nur in dem Wunsche, ihre Nachkommenschaft in Ehren zu sehen. Johann Karl junior mußte Senator werden, ihre Tochter Meta mindestens einen Senator heirathen, wenn nicht den Bürgermeister. Das waren die einzigen Gedanken, mit denen sie sich Tag und Nacht trug. Ihr Sohn hatte jetzt in Göttingen promovirt und machte eine Reise durch Deutschland, seine Rückkehr wurde bis zum Frühwinter erwartet. In frühern bremischen Zeiten hatte sie oft an diesen Zeitpunkt als einen solchen gedacht, wo Johann Karl vermöge seines Doctortitels bei Unter- und Obergericht als Advocat prakticiren könne, wo er die Leiter betreten, auf der man zum Senator und Bürgermeister stieg. Für eine reiche Partie aus dem Patricierstande würde die Mutter schon sorgen. Daß dazu Geld gehörte, wußte sie, aber sie hatte ja Geld, konnte sparen und noch mehr Geld zusammenbringen. Jetzt gab es keinen Senat und Bürgermeister mehr, kein Untergericht und kein Obergericht, wohl aber einen Maire, denn Bremen war zu einer kaiserlich französischen Stadt geworden. Johann Karl Junker senior hatte gegen die Sparsamkeit seiner Frau angekämpft länger als dreißig Jahre, dennoch hatte er sie nicht besiegen können, er vielmehr war besiegt worden, widerwillig hatte er sich ergeben müssen. Seit dem Tode seines Schwiegervaters hatte er die Pröhlte im Rathskeller nicht besuchen dürfen, Wein kam nur Sonntags und an Festtagen auf seinen Tisch, das Leben im Hause ward ihm so unbehaglich gemacht, wie es unter einer geizigen Frau nur werden kann, er war menschenscheu geworden und selbst das alte Wort: »Alles für die Firma, nichts über die Firma«, kam nicht mehr so oft über seine Lippen wie sonst, denn er fürchtete und haßte seinen stillen Compagnon. Doch sollte es dem geknechteten Eheherrn nicht an einer gemütlichen Abwechselung fehlen. Als Martha mit ihrer Tochter auf seine Veranlassung sich in der Neustadt Bremens niedergelassen, verschaffte er sich oft Gelegenheit, sie zu besuchen. Die Aenderungen in dem Geschäftsbetriebe brachten das mit sich. Aller Export hatte aufgehört, es brauchten keine Essigflaschen nach Südamerika mehr umsponnen zu werden, denn nichts wurde dahin ausgeführt. Zum Schmuggel über Helgoland und England lohnte der Artikel nicht. Martha und Anna mußten sich zu neuen Arbeiten nach französischen Mustern bequemen und diese zu überbieten suchen, da Junker erklärte, es gäbe auf dem Continent keinen Weltmarkt mehr außer in Paris. Da griechische Muster sich noch immer in der Mode behaupteten, so brachte Junker aus der Bibliothek seines Schwiegervaters mehrere Bände mit Kupferstichen griechischer, etrurischer, römischer, ägyptischer und chinesischer Kunstwerke und Hausgeräthe. Anna, die viel natürlichen Geschmack, eine lebhafte Phantasie und Erfindungsgabe hatte, wurde durch diese Zeichnungen angeregt, weit über das Gebiet der bisher üblichen Korbflechtereien hinauszugehen und eine Menge von Nippes und Haushaltssachen, die man bisher nur in Gold, Silber, Bronze, Eisen oder Thon auszuführen pflegte, in Flechtwerk herzustellen. Sie fertigte allerliebste Blumen-, Putz- und andere Tische, ja sie vermaß sich gegen Junker, jede Art von Hausgeräth, das nicht bestimmt sei, Flüssigkeiten zu halten, in Korbflechterei herstellen zu können. Die Waaren der kunstreichen Flechterin fanden bald in der Ferne, sogar in Paris Beifall, das Geschäft erweiterte sich, und außer einer Magd wurden noch zwei junge Mädchen aus der Nachbarschaft als Gehilfinnen angenommen und unterrichtet. Martha wohnte eigentlich nicht in der Vorstadt selbst, sondern in der südlichen Vorstadt derselben, die sich länger als eine halbe Stunde an dem Heerwege nach Dreie hinaufzieht, an der Blumenthorsteinstraße. Die Straße hat hier nur an Einer Seite Häuser, auf der andern nach Südwesten zu lag und liegt noch heute meist freies Feld. Die Häuser stehen hier auch nicht mehr dicht zusammen wie in der Neustadt selbst oder zunächst vor dem Buntenthore, sondern jedes Häuschen ist durch einen Garten von dem andern geschieden. Der Hintergrund des Gartens wurde durch den Weserdeich gebildet, der jede weitere Aussicht auf Weser und Altstadt abschnitt, von der Höhe des Deiches hatte man jedoch einen schönen Anblick auf das Kuhwerder und die am jenseitigen Ufer nordöstlich liegende Altstadt mit ihren hohen Thürmen, Basteien und den Windmühlen auf den Wällen. Der Handelsherr fand es so heimisch bei Martha und ihrer Tochter, daß er öfter und öfter kam und auf den klugen Einfall gerieth, sich von seinem Hausarzt einen anderthalbstündigen Spaziergang im Freien jeden Morgen vor der Börse vorschreiben zu lassen. Er richtete es nun so ein, daß er jeden Morgen sein Frühstück – zu Hause erhielt er nur Cichorienkaffee mit Wecken – bei Martha einnahm. Diese, von Kindheit an gewöhnt, mit Vieh umzugehen, und der ein Leben ohne eigene Kuh beinahe undenkbar war, schaffte sich gleich nach ihrer Uebersiedelung nach Bremen wieder eine recht stattliche Milchkuh ostfriesischer Rasse, schwarz- und weißgefleckt, an. Der Unterhalt machte wenig Mühe; für den Sommer hatte sie den Weideraum gleich hinter ihrem Garten auf dem sogenannten Kuhwerder, und an Heu für den Winter fehlte es nie in jener fruchtbaren Grasgegend. Sie bereitete fast täglich frische Butter, und daß der alte Herr ein geröstetes Weizenbrot mit frischer Butter und von ihr selbst bereitetem Käse gern aß, hatte sie bald gemerkt. Junker selbst schickte in sein liebes Frühstückslocal eine Pinte Madeira und was sonst ein materielles Frühmahl würzen kann, je nach der Jahreszeit, Austern, Caviar, geräuchertes Rindfleisch oder Wurst, holländischen Käse und pommersche Gänsebrüste. Da Martha die Zeit seiner Ankunft, welche auf die Minute geregelt war, kannte, so wurde im Winter die sogenannte Visitenstube geheizt, und Anna mußte dem Onkel – so ihn zu nennen hatte er sich ausgebeten – das eine Glas Madeira credenzen, aber durch eigenes Annippen. Kein Wind und Wetter, kein Gebrumm des stillen Compagnons hielt den Chef der Firma Johann Karl Junker und Compagnie von seinen morgendlichen Spaziergängen, wie er sie nannte, ab. In der Stadt bekümmerte man sich wenig darum, weshalb der alte Kauz jeden Morgen um dieselbe Zeit, es mochte schneien oder regnen, die Sonne mochte brennen oder der Nordwest stürmen, über die Weserbrücke marschirte. Die Leute in der Neu- und Vorstadt, selbst die nächsten Nachbarn Martha's hatten zu viel zu thun, um auf Klatsch einzugehen, und Martha wie ihre Tochter galten in der ganzen Nachbarschaft als respectable, fleißige, fromme Personen. So allein erklärt es sich, daß beinahe zwei Jahre vergangen waren, ohne daß der stille Compagnon, trotz seines Scharfsinns, auch nur eine Ahnung hatte, wo der Chef der Firma den Vormittag zubringe. Die Börse existirte kaum noch dem Namen nach, die Kaufherren gingen aus alter Gewohnheit dahin, weniger um Geschäfte zu machen, als gegenseitig über die Noth der Geschäftslosigkeit zu klagen. Die meisten versuchten zwar etwas im Schmuggel von Helgoland, allein darüber ward geschwiegen, selbst wenn man die glänzendsten Geschäfte gemacht hatte. Da die Bücher, welche Junker für Anna mitgebracht hatte, in französischer Sprache geschrieben waren, und die Einquartierung fortwährend Veranlassung gab, französisch zu sprechen, hatte diese den Wunsch geäußert, französisch zu lernen, und Onkel Junker darüber nachgesonnen, wie das wol zu bewerkstelligen sei. Der Zufall half; Junker bekam einen auf dem Marsche nach Rußland erkrankten französischen Musiker als Einquartierung, der schon am zweiten Tage mit der Frau vom Hause im Streit lebte, weil er größere Anforderungen an Essen und Trinken machte, als diese zu bewilligen geneigt war. Dubois, so hieß der Mann, schien dem alten Herrn mehr als gewöhnliche Bildung zu haben, und nach Rücksprache mit Martha quartierte er denselben in deren Wohnung aus. Da Dubois viel in frischer Luft sein sollte, und Martha's Garten vor Nord- und Ostwind durch den Deich geschützt war, so ordnete sich die Sache zur Befriedigung beider Theile, und die freundliche Aufnahme bei Martha wie die liebliche Erscheinung Anna's hatten den galanten Franzosen bald gänzlich umgestimmt. Er war artig und geschmeidig, er bat, wo er in Junker's Hause befohlen hatte, und bald empfing Anna von dem Hausgenossen nicht nur französischen, sondern auch Singunterricht. Die Guitarre war damals das Modeinstrument, und der Franzose, ein Künstler auf diesem Tonwerkzeuge, fühlte sich kaum etwas heimisch im Hause, als er den halben Tag den Korbflechterinnen etwas vorsang. Es war im Sommer und Herbst 1812, und Mutter, Tochter und die Gehülfinnen saßen, wenn es nicht regnete, vom frühen Morgen bis zum Abend im Garten, um hier zu arbeiten, Dubois immer unter ihnen, stets bereit zu Hülfsleistungen, immer artig und lustig, trotz der Schmerzen im Knie. Anna lernte auf beinahe spielende Weise französisch, und Dubois wurde ein geschickter Korbflechter. Junker, wenn er kam, sein Frühstück einzunehmen, fühlte eine Art Eifersucht, denn trotz seiner sechsundsechzig Jahre war die Zuneigung, die er zu Anna fühlte, weit mehr zärtlicher als rein väterlicher Natur, wie er sie nannte. Er konnte ihre kleinen feinen Hände lange in seiner dürren Hand halten, ihr die Wangen streicheln, die langen schwarzen Haarflechten aufnisteln, und drückte ihr gar gern in Gegenwart der Mutter einen väterlichen Kuß auf die schöne Stirn. Das junge Mädchen war noch kindlich und unbefangen, auch die Schmeicheleien des Franzosen verwirrten ihren Sinn nicht, und da Dubois sah, daß er Anna's Eroberung nie machen würde, wendete er sich zu einer der Gehülfinnen, bei der er mehr Glück und Erfolg hatte. So war der Sommer rasch unter Arbeit und Lernen dahingegangen; ein Umstand hatte den Bewohnern des Hauses indeß viel Kopfzerbrechens gemacht. Seit Johannis hatte sich in dem Nebenhause ein alter Mann einquartiert, der eben nicht zu den angenehmen Erscheinungen gehörte und abenteuerlich genug aussah. Er trug einen langen grauen Schnurr- und Kinnbart, und sein rechtes Auge war durch eine schwarze Klappe verdeckt. Er hatte ein wildes Ansehen, denn sein Gesicht sah immer böse aus. Sein beständiger Begleiter war ein ebenso bös aussehender graugelber Wolfshund. Herr und Hund saßen ganze Tage lang auf dem Weserdeiche und schienen keine weitere Beschäftigung zu haben, als das Leben und Treiben in Martha's Garten zu beobachten. Der Mann that niemand etwas zu Leide, der Hund war auch nicht so bös, wie er aussah, wenigstens konnte Martha's schwarzgraues Mieschen ganz ruhig über den Deich passiren, wenn sie sich einmal ansehen wollte, was Kühe und Rinder in den Außendeichsweiden machten; aber der Nachbar war eine unangenehme Erscheinung, und schon der Gedanke, von einem Fremden immer so scharf überwacht zu werden, war störend. Man hatte sich, wie gesagt, den Kopf darüber zerbrochen, wer der Mann sei, was er wolle, man hatte bei der Nachbarin geforscht, aber diese kannte nur den Namen und war zufrieden, prompt bezahlt zu werden. So gewöhnte man sich nach und nach an die Erscheinung und betrachtete sie als Landschaftsstaffage. Als Regentage, Wind und Kälte nöthigten, in das Haus zu ziehen, war Dubois in der Kunst des Flechtens weit vorgeschritten und wetteiferte mit Anna im Erfinden. Abends sang man, Anna hatte vom Onkel Junker eine Guitarre geschenkt bekommen und begleitete ihren Gesang mit großer Fertigkeit, oder Dubois declamirte, denn Lesen konnte man es nicht nennen, wenn er, nur Anna verständlich, eine Molière'sche Komödie mit dem hergebrachten Feuer und Pathos des Franzosen vortrug. Anna, nachdem ihr durch Dubois' Unterricht das Verständniß französischer Dramen geworden war, fühlte ein lebhaftes Bedürfniß, auch die eigenen vaterländischen Dichter kennen zu lernen, und hatte bei einem Trödler allerlei zusammengekauft, darunter Gutes, wie »Götz von Berlichingen«, »Nathan der Weise« und die »Minna von Barnhelm« von Lessing, Gedichte von Bürger und Schiller, aber auch mancherlei Schund. Wenn einmal der Bildungstrieb in einer jungen Mädchenseele erwacht ist, so dringt und treibt das unaufhörlich weiter. Anna lernte Schiller'sche Romanzen und Balladen auswendig, sie freute sich, abends der Mutter und den Gehülfinnen, welche auch bei Licht arbeiteten, den »Götz« oder ein anderes Buch vorlesen zu können, und selbst Dubois verstand so viel deutsch, um daran seine Freude zu haben. Bei rührenden Stellen saß dann die ganze Familie und weinte. Der Selbstbildungstrieb fand aber erst recht seine Nahrung, nachdem Dubois die Aufmerksamkeit seiner artigen Schülerin auf das Institut der Leihbibliotheken gelenkt hatte, das ihr bis dahin unbekannt geblieben war. Nun wurden abends Romane vorgelesen, die wunderbarsten Sachen, alles durcheinander, sodaß es in Anna's Kopfe zu wirbeln begann, daß sie auch am Tage bei der Arbeit an ihre Romanhelden und Heldinnen dachte und im Bette sich selbst an die Stelle dieser oder jener Erhabenen setzte. Indeß war der November mit seinen Stürmen gekommen und hatte den Dr. juris utriusque Johann Karl Junker junior in das älterliche Haus zurückgeführt. Es war das aber keine günstige Zeit für einen angehenden Juristen. Handel und Wandel stockten ärger als je, damit auch die Processe, jene ausgenommen, bei denen es sich darum handelte, einen Zahlungsunfähigen seiner letzten Habe zu berauben. Auch Bürgermeister und Rath im alten Sinne existirten nicht mehr, an der Spitze der Verwaltung stand ein Maire und an die Stelle des alten deutschen Processes war der Code de procédure getreten. Die Studien des jungen Mannes in Heidelberg und Göttingen hatten sich aber nur auf das Gemeine Recht erstreckt. Als Bremer hatte er von den Machtverhältnissen der bremischen Republik eine so große Vorstellung, daß er immer geglaubt hatte, Bürgermeister und Rath würden eine Einverleibung in Frankreich zu hindern wissen; hatte ihm doch Onkel Breuer oft genug erzählt, wie geschickt Bürgermeister und Rath im Congreß zu Rastadt und später in Paris diplomatisirt hätten und wie man glücklich das hannoverische Mitregiment in Bremen 1803 los geworden sei. Jetzt war Bremen ein Theil des kaiserlich französischen Weserdepartements, ein Präfect befehligte es und zwang die Frauen der frühern bremer Rathsherren und Aelterleute, bei seiner Maitresse Thee zu trinken und sie zu Gesellschaften einzuladen. Das war noch lange nicht das Gehässigste an dem von den fremden Gewaltherrschern auferlegten Joch. In dieser Lage zeigte sich auch kein glückversprechender Anfang für den jungen Mann, und die ehrgeizigen Plane seiner Mutter, die ihn schon im Gedanken auf dem Bürgermeisterstuhle gesehen hatte, schienen in eitel Rauch aufgegangen zu sein. Aber er blieb ihr Liebling und Bevorzugter, für den allein sie die Schranken ihres Sparsystems fallen ließ, und das knappe Leben im Hause nahm nach seiner Rückkehr ein Ende. Vater und Sohn fanden mittags wieder ihr Glas Wein auf dem Tische, und neben dem Sonntagsbraten erschien auch zur Verwunderung der Commis in der Woche frisches Fleisch oder gar Braten. Der stille Compagnon drängte den Inhaber der Firma, abends den Sohn in die Pröhlte zu führen, damit er Bekanntschaften mache, denn dort fand sich der alte Stamm der bremer Kauf- und Rathsherren noch regelmäßig zusammen, unbelästigt von den Franzosen, welche entweder in Gesellschaft des schönen Geschlechts die kleinen Gemächer des Rathskellers vorzogen, oder in den großen gewölbten Räumen bei dem Klange von Siegeshymnen den Ruhm des Vaterlandes bejubelten. Um diese Zeit kam ein Trupp französischer Schauspieler von Hamburg nach Bremen, auf Wunsch der Maitresse des Präfecten, und es wurde nun Mode, daß jedermann ins Schauspielhaus lief, mochte er französisch verstehen oder nicht. Sogar der stille Compagnon gewann es über sich, mit Gemahl und Sohn das Theater zu besuchen. Vater und Sohn verstanden wenigstens französisch, nicht so Frau Junker, sie musterte dafür die Leute im Parterre und Logen, bewunderte die stattliche Figur ihres Sohnes und sah sich um unter den Töchtern des Landes, bei jeder denkend: »Die gäbe Johann Karl auch keinen Korb.« Auch Junker senior guckte auffallend viel durch sein Glas, aber nach oben, nach der Galerie, sodaß der stille Compagnon ihn zuletzt am Rocke zupfte und ihm zuflüsterte, es schicke sich nicht, so lange das Paradies zu mustern. Dadurch war denn Johann Karl junior neugierig geworden, er hatte den Kopf erhoben und musterte die Galerie ohne Glas, denn seine Augen waren noch scharf. Bald sah er einen reizenden Mädchenkopf an der Seite eines französischen Soldaten. Kopf und Gesicht kamen ihm bekannt vor, doch konnte er sich nicht mehr besinnen, wo er das schöne Gesicht gesehen. Seit der Zeit, da er mit den Körbchen einen Kuß hatte einhandeln wollen, waren drei Jahre verstrichen, und Anna hatte sich seitdem aus einem schönen Kinde zu einer reizenden Jungfrau mit stattlicher Büste verwandelt. Johann Karl hatte in Heidelberg wie in Göttingen noch manchmal an die hübsche Korbflechterin gedacht, aber sein Phantasiebild war hinter der Wirklichkeit zurückgeblieben, er sah nur das schmächtige blasse Kind mit dem schwarzen Haar und den blauen Augen, die vollendet schöne Jungfrau da oben kannte er nicht wieder. Hätte die Mutter nicht auch ihm bald darauf zugeflüstert, er möge es doch sein lassen, nach dem Korbmachermädchen hinauf zu sehen, das passe sich nicht, das errege Aufmerksamkeit, so würde er vielleicht noch lange hin- und hergesonnen haben, wo er das schöne Mädchen gesehen. Die Ermahnungen der Mutter halfen freilich nicht, sie hatten nur die einzige Wirkung, daß Johann Karl sich bei dem nächsten Aufzuge in den Hintergrund der Loge setzte, um unbeobachtet von der Mutter nach der Galerie hinaufstarren zu können. Er wurde eifersüchtig auf Dubois, der sich mit französischer Lebhaftigkeit mit Anna unterhielt. Als man nach dem Theater im Hause beisammensaß, suchte Johann Karl das Gespräch auf die schöne Korbmacherin zu bringen, allein der Vater schwieg und die Mutter fing an zu zanken, es sei unpassend sich um solches herumtreiberisches Zigeunerpack zu kümmern, schlimm genug, daß der Chef des Hauses noch immer mit solchem Pöbelvolke verkehre. Johann Karl junior ging früh zu Bett, um ungestört über die süße Erscheinung zu phantasiren. Die Beschäftigung des jungen Mannes bestand darin, jetzt nachzuholen, was er in Göttingen und Heidelberg versäumt hatte, sich mit dem in halb Europa geltenden französischen Rechte zu beschäftigen, um das Tribunal regelmäßig zu besuchen, um den Geschäftsgang und das Procedere aus der Praxis kennen zu lernen. Am Morgen nach diesem Abend wollte aber der Code Napoléon nicht schmecken, Johann Karl junior hatte keine Ruhe in seinem Studirzimmer; unter dem Vorwande, ins Tribunal zu gehen, ging er gleich nach dem Frühstück von Hause und zog von Straße zu Straße, in der Hoffnung, die Wohnung der schönen Korbflechterin zu entdecken. Johann Karl streifte vor den Läden der Wachtstraße, als er seinen Vater auf der andern Seite der Straße eilig einschreiten sah. Er trat in eine Hausflur, ließ den Vater vorübergehen und folgte ihm vorsichtig von weitem. Der alte Herr lief mehr als er ging, über die Weserbrücke in die Neustadt, dann zum Buntenthor hinaus. Der Sohn sah den Vater hier in ein Haus verschwinden und trat behutsam näher, um durch die Fenster einen Einblick in die Stuben zu gewinnen. In der ersten sah er den Vater am Ofen sitzen, im Gespräche mit einer altern Frau, mit schwarzem Haar und gelbem Teint und großen schwarzen Augen. Im andern Zimmer saß der Franzose, den er gestern im Theater gesehen, und flocht in Gesellschaft von zwei jungen Frauenzimmern Körbe oder dergleichen. Kein Zweifel: er hatte die Wohnung seiner Schönen gefunden, und überlegte nun, weiter gehend, nur noch, ob er sich dem Vater zeigen, jetzt schon unter irgendeinem Vorwande in das Haus treten, oder ob er sein Glück erst versuchen solle, wenn der Vater das Haus verlassen habe. Ungeduldig, wie die Jugend ist, zog Johann Karl das erstere vor. Er war etwa tausend Schritt über die Wohnung Martha's hinaus, als er seinen Entschluß faßte und, sich keck umdrehend, das Lied zu singen begann: Ein Bursch wie ich nimmt solche Freiheit sich heraus Und führet, ohne viel zu fragen, die schönste Dirne mit nach Haus! Als er Martha's Hause näher kam, fing ihm doch das Herz etwas zu schlagen an, er sang aber um so lauter in sich hinein, gleichsam um sich burschikosen Muth einzusingen. An der Nachbarthür von Martha's Hause sah er den unheimlichen Alten mit dem einen Auge und seinem Wolfshund stehen, der ihn anstarrte. »Wohnt hier nebenan ein Korbmacher?« frug der Jüngling keck. »Nein, aber eine Korbmacherin«, erwiderte der Mann und musterte ihn mistrauisch vom Kopf bis zu den Füßen. Johann Karl trat in das Haus, das rechts und links eine Stube hatte, und klopfte an die Thür der Stube, in der er den Vater gesehen. »Herein!« »Entschuldigen Sie, Madame! Ah, cher papa! Demoiselle! Ich wollte nur fragen, wer der sonderbare Mann sei, der hierneben an der Thür steht, und nun finde ich meinen lieben Vater und noch dazu bei vortrefflicher Arbeit und in schöner Gesellschaft! – Lieber Papa, willst du mich nicht den Damen vorstellen? Hier die jüngste sollte mich freilich noch kennen, denn ich war der erste, der ihr hier in Bremen etwas abkaufte!« Die Gesellschaft in der Stube war stumm und starr. Sie bestand aus Martha, die Butter, Brot und Wurst auf den Tisch vor den Chef der Firma gesetzt, und Anna, die aus einer weißen Caraffe ein Glas Madeira eingeschenkt hatte. Anna erröthete tief und sah zur Erde, Martha schaute den Jüngling erstaunt an, und dem alten Herrn war, wie wenn ihn der Schlag gerührt hätte. Da alles schwieg, fuhr Johann Karl junior fort: »Wie wird sich Mama freuen, die über deine Appetitlosigkeit so sehr klagt und sich ängstigt wegen der vom Doctor angeordneten Morgenspaziergänge, wenn ich ihr erzähle, bei welch schönem Frühstück ich dich hier getroffen. Aber da spüre ich, daß mir der Morgenspaziergang den eigenen Appetit angeregt hat. Madame, erlauben Sie, daß ich mich an der Seite meines lieben Papa niederlasse und mit zugreife, und Sie, Schönste der Schönen, haben Sie für einen verdursteten Doctor wol noch ein Glas?« Der Chef des Hauses hatte das Glas Madeira, an dem er sonst nur zu nippen pflegte, in Einem Zuge geleert, gleichsam um sich Muth zu trinken, und sagte nun: »Hier min Jung', gah sitten, und Anna kann drei Gläser bringen, wie willt anstöten!« Junker senior pflegte immer platt zu sprechen, wenn er verlegen war. Martha hatte indeß einen Teller, Messer und Gabel, Anna Weingläser gebracht und eingeschenkt. Der junge Doctor erhob das Glas: »Es lebe die Firma und alles, was daran hängt und bummelt, nichts über die Firma, alles für die Firma von Johann Karl Junker und Compagnie.« Man aß und trank, als wären lauter alte Bekannte versammelt, der Doctor ruhte in seinem burschikosen Humor nicht, bis auch die Frauen jede drei Gläser geleert hatten, weil aller guten Dinge drei seien – Weib, Wein und Gesang, während er selbst mindestens das Doppelte trank. Der alte Herr fühlte sich nach und nach leichter, und selbst Martha fing an gesprächig zu werden und lobte den Chef der Firma für alles, was er an ihr und dem Kinde, der Anna, gethan habe. Anna selbst saß neben Karl dem Jüngern, schweigend, mit niedergeschlagenen Augen, denn die Augen des jungen Doctors waren allzu kühn, wie er in seinen ganzen Manieren eine liebenswürdige Zudringlichkeit an den Tag legte, die den jungen Mädchen, wenn sie auch spröde thun, im ganzen besser gefällt als Duckmäuserei. Der Papa hatte viel Rühmens gemacht von Anna's Geschicklichkeit und wie ihre Arbeiten sämmtlich nach Paris gingen und dort sehr gesucht wären. Der Sohn ergriff die Gelegenheit und belohnte die beiden wirklich schönen kunstfertigen Hände mit einem Kuß. Dann zog er Anna mit ihrem Begleiter in der gestrigen Vorstellung in seiner Weise auf und wurde von der sich verteidigenden Jungfrau über die Stellung, die Dubois im Hause einnahm, belehrt, vor allem aber davon unterrichtet, daß Dubois mit einer Gehülfin verlobt sei, und, sobald er als Invalide verabschiedet wäre, was er täglich erwarte, mit derselben nach Paris ziehen und sich dort etabliren werde. Anna hatte den Doctor dann selbst in die gegenüberliegende Stube, die eigentliche Werkstatt, geführt und ihn dem Freunde Dubois als Sohn der Firma Junker und Compagnie vorgestellt. Als man von dort zurückkehrte, versuchte der Doctor, die schöne Korbmacherin um die Taille zu fassen und ihr den Kuß zu rauben, den er von dem Korbkaufe noch zugute habe; allein Anna entwand sich ihm nicht nur, sondern hielt ihm auch eine Strafrede. Sie war ernstlich erzürnt, denn sie fühlte, daß dieses burschikose Benehmen stark nach der Studentenkneipe schmecke und daß der Herr Doctor sie wie eine Kellnerin in der Hirschgasse behandle. Daß sie es ernst meine, bewies die flammende Röthe ihres Gesichts und ihr zorniges Auge. Der Doctor bat um Verzeihung und wurde still. Der Papa Junker hatte sich indeß schon zum Aufbruch gerüstet, die Chenille mit den vielen Kragen umgethan, die Seitenlocken und Backen durch ein Tuch geschützt; der Sohn faßte den Vater unter, und so ging man zur Stadt. Auf diesem Rückwege schüttete der Senior gegen den Sohn sein Herz aus über den zunehmenden Geiz der Mutter und erklärte, wie er dazu gekommen sei, sich ein Asyl bei Martha und ihrer Tochter zu suchen. Der Sohn behielt den alten burschikosen Ton gegen den Vater bei und sagte: »Wir schließen einen gemeinsamen Pact gegen den Hausdrachen, unter der Bedingung, daß ich zweimal die Woche an deinem Frühstücke theilnehmen darf.« So kam man überein und so geschah es. Die Besuche des jungen Mannes blieben aber auf diese Frühstückszeit nicht beschränkt. Da er überall in den Stuben herumsuchte, alles und jedes in die Hand nahm und untersuchte, hatte er auch die schmuzigen Leihbibliotheksbücher entdeckt und erfahren, zu welchem Zwecke sie dienten. Er stellte sich daher eines Abends zur Lesestunde ein, brachte von seinen eigenen Büchern einige Stücke von Schiller's Theater mit und las selbst vor. Von dieser Zeit an kam mindestens etwas Methode in das Selbstudium Anna's. Es war indeß der Winter gekommen und hatte nicht nur die Verabschiedung Dubois' aus Paris gebracht, sondern auch das 29. Bulletin der großen Armee, der gewesenen . Dubois machte Hochzeit und reiste in seine Heimat, der Doctor hielt es für Pflicht, seine Abwesenheit zu ersetzen, er war beinah jeden Abend in Martha's Wohnung. Der Junior des Hauses Junker war verliebt, stark verliebt in Anna, aber – und das war das Eigenthümliche – an das Romanziel des Verliebtseins, an das Heirathen wagte er nicht zu denken, so oft auch Anna's Bild vor seiner Seele schwebte. Immer nämlich, wenn er über eine Zukunft an der Geliebten Seite zu grübeln begann, drängte sich das Gesicht seiner Mutter dazwischen, wie an jenem Tage, wo er das Mädchen zum ersten mal sah. Er wußte, daß seine Mutter eine Verbindung mit der Korbmacherin, der unehelich geborenen Fillers-Enkelin, nie zugeben und daß ein Conflict mit ihr unvermeidlich sein würde, sowie daß dieser Conflict nicht so tragisch wie der in Schiller's »Cabale und Liebe« enden würde, sondern sehr stark prosaisch und bürgerlich. Aber er war leichtlebig, ja leichtsinnig. Wozu an die Zukunft denken, wenn eine schöne Gegenwart lächelte? Da es mit der burschikosen Eroberung nicht hatte gehen wollen, so wurde der junge Jurist ein deutscher sentimentaler Liebhaber, der die Korbmacherin in zarten Sonetten besang, ihr »Werther's Leiden« und sentimentale Romane von Lafontaine vorlas, der seufzte und das junge Mädchen stundenlang verliebt ansah. Das war nun nicht der rechte Weg, um Anna's Herz zu erobern; sie fühlte sich, wie jedes Mädchen, von dem ersten Courmacher geschmeichelt, allein sie liebte Johann Karl nicht, sie war zu prosaisch für seine Sentimentalität, zu bürgerlich einfach für ein Liebesverhältniß ohne den festen Hintergrund der Ehe. Wäre er vor sie hingetreten und hätte um ihre Hand gebeten, sie würde ihn, hätte auch die Hochzeit noch so lange verschoben werden müssen, lieben gelernt haben; aber dieses Seufzen, dieses von Liebe Sprechen, diese liebeglühenden Sonette ohne ein Wort von Heirath dazu, behagten ihr gar nicht. Es war indeß Frühling geworden, die Tage länger, die Abendarbeiten und das Lesen hörten auf. Martha, Anna und die Gehülfinnen arbeiteten an warmen Tagen schon wieder im Grünen des Gartens, unter blühenden Apfel- und Birnbäumen. Der junge Bremer aber hatte sich ein schmales Boot zum Selbstrudern angeschafft, mit dem er ein paarmal wöchentlich die Weser hinauffuhr, unter dem Weidengebüsche des Kuhwerders vor Martha's Hause landete und dann bei der Korbmacherfamilie eine Stunde im Garten verbrachte. Das war aber längst nicht so traulich und schön wie die Abende im Zimmer, die Sonne ist keine Freundin sentimentaler Liebe, und die Gegenwart von Martha und den Gehülfinnen genirte ihn, noch mehr aber der graubärtige Alte, der wieder auf seinem Deiche saß und alles, was in Martha's Garten vorfiel, zu beobachten schien. Johann Karl wußte Anna eines Nachmittags zu bereden, daß sie sich ein Viertelstündchen die Weser hinaufrudern lasse. Als beide über den Kuhwerder kamen, um zum Schiffe zu gelangen, verließ der Graubart seinen Wächterposten auf dem Deiche und ging, von seinem Wolfshunde gefolgt, am Fuße desselben stromauf. Er wußte, daß weiterhin der Strom eine Krümmung machte, wo alles Außendeichsland aufhörte und die Weser eine Zeit lang unmittelbar unter dem Fuße des Deichs vorbeiströmte, wogegen im Strome sich eine Insel gebildet hatte. Hier war der Deich, was heute nicht mehr erlaubt sein würde, an der ganzen Außenseite dicht mit Weidengebüsch bestanden, hinter welchem man sich verbergen konnte, und da der rasche Fußgänger schneller an diesen Punkt gelangte als der gegen den Strom rudernde junge Mann, so hatte sich der Graubart mit seinem Wolfshunde hier in dem Weidenbusch bereits verborgen, als der Kahn au ihm vorüberkam. Er wollte offenbar erlauschen, was das Pärchen treibe. Das Liebesfieber des Jünglings war auf die höchste Spitze getrieben, dadurch, daß er nun schon wochenlang mit Anna keinen Augenblick allein gewesen war. Er hatte sich entschlossen, ihr auf dem Wasser eine Erklärung zu machen. Einsam genug war es dort, denn noch weniger als auf der Unterweser existirte auf der Oberweser irgendeine Schiffahrt. Ob der junge Mann während der bisherigen Fahrt schon von seiner Liebe gesprochen hatte, konnte der Alte nicht wissen; daß er hier, wo er jetzt dicht unter dem Weidengebüsch hinfuhr, nicht von Liebe sprechen konnte, sah er. Der Kahn trieb hier in das Fahrwasser, das sich eine ganze Strecke dicht am Deiche hielt. Um es nach der Stadt hinüberzuwerfen, waren eine Reihe sogenannter Haken in die Weser gebaut, die jedoch, da es oben stark geregnet hatte und der Strom angeschwollen war, nicht sichtbar waren. Der Ruderer strebte mit allen Kräften gegen die mächtige Strömung an, allein er war nicht im Stande, den Kahn stromaufwärts zu bringen, er gab den Versuch auf, legte die Ruder nieder und ließ sich stromabwärts treiben. Der Graubart hinter dem Busche hatte das längst vorausgesehen, denn er schlich schon mit seinem Hunde hinter dem Gebüsch stromabwärts. Jetzt glaubte der künftige Senator die günstige Gelegenheit gekommen, Anna seine Liebe zu erklären. Er zog die Ruder in den Kahn und warf sich vor ihr auf die Knie, hatte aber noch kein Wort gesprochen, als eine kräftige Baßstimme aus dem Busche rief: »Herr Junker, lassen Sie das Kind in Ruhe!« und gleichzeitig der Hund ein wüthendes Geheul anstimmte. Der feurige Liebhaber, der niemand sah, fuhr in die Höhe, in demselben Augenblicke stieß der Kahn aber auf einen in die Weser gebauten Haken und kenterte, beide Insassen in das Wasser absetzend. Der Alte drängte sich durch den Busch und rief: »Wolf!« Der Hund war aber schon von selbst in die Weser gesprungen und hatte Anna im Rücken der Taille gefaßt, sie dem Ufer und seinem Herrn zubringend. Während schwimmend Junker rang, den Kahn zu erfassen, aber von der Strömung immer mehr in die Mitte des Flusses, ja dem entgegengesetzten Stadtufer zugetrieben wurde, zog der Alte die bewußtlose Anna nicht ohne eigene Gefahr, mit der linken Hand sich an dem Busche haltend, mit der rechten zum Ufer. Die Arme hatte eine tüchtige Portion Weserwasser geschluckt und erholte sich erst, als sie dasselbe wieder von sich gegeben, nach kräftigen Manipulationen des Alten, die dieser kunstgewandt und mit Sorgfalt anwendete. Der Einäugige trug die Gerettete, als sie wieder zu sich gekommen war, auf den Deich und dann ohne Anstrengung nach Haus, der Wolfshund umsprang beide mit freudigem Bellen. Anna wurde ins Bett gebracht und war am andern Morgen frisch und munter. Von diesem Tage an entspannen sich nähere Beziehungen der Nachbarn und zärtliche Freundschaft zwischen dem Wolfshund und Anna. Martha, die sich Geld erspart hatte, versuchte, dem Retter ihrer Tochter, den sie für bedürftig hielt, ein reiches Geschenk zu machen, das dieser mit Stolz und Entrüstung zurückwies, wogegen er, als Martha darüber zu weinen anfing, sich von ihr, solange er ihr Nachbar sei, jeden Morgen ein Quartier frische Milch ausbat. Dieser Milchtrank unterhielt dann den Verkehr der beiden Nachbarn, indem Martha selbst oder ihre Tochter dem Einäugigen die frischgemelkte Milch hinüberbrachte und für den Hund Wolf einen Knochen oder sonst Reste ihrer Mahlzeit. Es erging auch die Einladung an den alten Mann, daß er sich, statt auf dem Deiche zu rasten, des Nachmittags in ihren Garten setzen möge, wo es doch wenigstens an schattigen Plätzen nicht fehle. Das nahm der Alte an und fehlte seitdem keinen Nachmittag, wo im Freien gearbeitet wurde, im Garten Martha's, allein zu den Kosten der Unterhaltung trug er nichts bei, er sprach nie ein anderes Wort als zu seinem Hunde. Am Tage nach der verunglückten Wasserfahrt erhielt der stille Compagnon der Firma einen anonymen Brief folgenden Inhalts:   »Madame! »Ihr Sohn liebelt mit der Tochter der Korbmacherin am Buntenthorsteinwege, der unehelichen Enkelin des frühern Scharfrichters und Fillers Ubbel in Heustedt. Machen Sie dem Dinge ein Ende, sonst passirt ein größeres Unglück, als die gestrige Wassertaufe bei dem Versuche einer Liebeserklärung.«   Und der stille Compagnon war dazu im Stande, dem Dinge ein Ende zu machen. Doch ehe wir darüber Bericht geben, müssen wir uns nach dem Sohne umsehen, den wir in den Fluten der Weser verließen. Er konnte glücklicherweise schwimmen; sobald er Anna gerettet sah, überließ er sich dem Strome, welcher ihn von selbst nach dem rechten Ufer der Weser trieb. Hier kannte er das Terrain genau genug, um an passender Stelle aus dem Fahrwasser sich an das Ufer und an den Deich zu retten. Die Vorstadt vor dem Osterthore war damals noch spärlich bebaut, und es gab kaum ein anderes Haus, in das er, der Doctor juris , einzutreten wagte, als die Windmühle vor dem Thore. Ein Müllerknecht wurde von hier mit einem Briefe nach dem väterlichen Hause geschickt, um trockene Kleidung und Wäsche zu holen. Alles schien sich gut anzulassen. Mama hatte am Abend den Liebling gehätschelt und gepflegt, ihn mit dem Senior nach dem Rathskeller geschickt, damit er sich an einem guten Glase Rheinwein erquicke; der Kahn war durch Schiffer aufgefangen und geborgen. Der Junior hatte vortrefflich geschlafen, nicht eine Secunde von der Geliebten geträumt, war frisch und froh aufgestanden, von der Mama zum Kaffee neben dem Butter- und Weißbrote extra mit Scheibenhonig tractirt, vom Vater, den bisher eine gewisse Scheu von ihm zurückgehalten, einmal wieder väterlich, beinahe wie ein verlorener Sohn behandelt und selbst von der kleinen Schwester, die das sonst nicht kannte, geliebkost. Nach genossenem Frühstück hatte er sich an seinen Code gesetzt und die Lehre von der Opposition studirt, die dem Gemeinen Rechte, das nur die Wiedereinsetzung in den vorigen Stand kannte, sowie ihm selbst völlig neu war. Dann war er, da weder Sitzung des Civiltribunals noch des Handelsgerichts stattfand, nach dem Friedensgerichte in Ost-Kantope gegangen, wo der vormalige Rathsherr Droste jetzt den Friedensrichter spielte, er aber sicher war, einige Collegen, sei es Dr.  Ahasverus, oder Gildemeister, oder Schumacher, oder von Ramdohr, zu treffen. Mit einigen von diesen war er dann zuerst zu der Restauration von Calinardi in der Osterthorstraße, und da man dort die gewohnten Genossen nicht fand, nach Caminada in der Katharinenstraße gegangen, denn diese Ausländer hatten die altbremischen Restaurationen von Bartels, Buschmann, Clausen, Mester, Wilkens und andern überflügelt. Man hatte gut gefrühstückt, sattsam getrunken und Junior kam in der heitersten Stimmung nach Hause. Aber welches Ungewitter brach da über ihn los! Der stille Compagnon war zur Furie geworden, die den Doctor juris utriusque im Eßzimmer in Gegenwart des Vaters und zweier Comptoiristen mit der Drohung von Ohrfeigen und einer Flut der schmählichsten Redensarten empfing, die ihn um so mehr kränkten, als sie weniger gegen ihn denn gegen die Scharfrichters-Enkelin, das Zigeunermädchen, das Lumpenpack, das Pöbelzeug am Buntenthorsteinweg und wie die Ehrentitel sonst lauteten, gerichtet waren. Der Doctor konnte sich das alles nicht erklären, der Vater saß da wie eine Schlafmütze, und der einmal laut gewordene stille Compagnon redete sich immer mehr in den Zorn. Der Hausdrache, wie der Junior seine Mutter im burschikosen Uebermuthe vor kurzem genannt hatte, offenbarte sich hier in der ordinärsten Niedrigkeit der Gesinnung und Rede, sodaß der Sohn endlich emporfuhr zu der Aeußerung. die Korbmacherin sei die Tochter eines Grafen, wenn auch eine uneheliche, und wenn auch ihr Großvater Scharfrichter sei, so stecke in ihr doch tausendmal mehr noble Gesinnung und hundertmal mehr Bildung als in mancher Patriciertochter und in mancher hochmüthigen Kaufmannsfrau. Das hieß denn Oel ins Feuer gießen, jetzt kamen erst wirklich gemeine Benennungen für die Familie Martha's, und Junior schwang sich zu der Erklärung auf, er werde gerade trotzdem Anna heirathen. Damit stand er vom Tische auf und ging in seine Studirstube. Es schien, als habe er den besten Trumpf ausgespielt, als sei er Sieger geblieben, denn das Wort »und von uns wirst du enterbt«, welches die Mutter ihm nachrief, als er die Thür in der Hand hatte, hörte er kaum. Allein der Kampf zwischen einer Frau wie der stille Compagnon, die länger als dreißig Jahre gewohnt war zu herrschen, und einem Sohne, der, solange er lebte, beherrscht war und noch immer hatte nachgeben müssen, war zu ungleich. Nach drei Tagen hatte der Sohn der Mutter in die Hand versprochen, die Korbmacherfamilie nicht mehr zu besuchen. Es würde ihm das auch nicht viel geholfen haben, denn Anna hatte jetzt zwei Tugendwächter, die unbestechbar waren, den Wolfshund und seinen einäugigen Herrn. Der Sommer ging vorüber, ein schwerer Sommer für Bremen, das mit Ablauf des Waffenstillstandes am 17. August von dem Platzcommandanten Pheillier in Belagerungszustand erklärt wurde. Eine der härtesten unter den vielen Plagen war die Conscription. Das Departement der Wesermündungen hatte 1027 Mann zu stellen, die dem 128. Regiment einverleibt werden sollten; allein die Hälfte entzog sich der Einstellung durch die Flucht, und der Präfect klagte: »Welche Maßregeln bleiben mir noch übrig? Ich habe den Ungehorsam schwer bezahlen, die Aeltern vieler Widerspenstigen einsperren, viele Häuser, die den Ungehorsamen als Zufluchtsort dienten, niederreißen lassen. Ich habe große Belohnungen für die Zurückführung jedes Flüchtigen ausgesetzt, ich habe 400 Mann Militär drei Monate lang zum Aufsuchen der Ausgetretenen im ganzen Departement umhermarschiren lassen, ich habe eine gleiche Zahl zu demselben Zwecke in entferntere Gegenden gesendet!« Aber doch Ein Mittel erdachte er noch: einen Mann vom Ende des Depots und aus der Familie der Widerspenstigen zu nehmen, der den Flüchtling stellen oder selbst marschiren sollte, und den Communen, aus denen ein Conscribirter fehlte, so lange täglich eine bestimmte Summe Geldstrafe aufzuerlegen, bis der Ausreißer sich stellte. Unter diesen Maßnahmen litt denn auch Johann Karl junior . Er war, obgleich älter als aus dem Geburtsjahre 1793, das durch die Conscription herangezogen wurde, zu jener Ehrengarde von 100 Cavaleristen gepreßt, welche der Municipalrath dem Kaiser freiwillig angeboten hatte, oder hatte anbieten müssen , um die schlimmern Maßnahmen, womit er bedroht war, abzuwenden. Ob dabei der stille Compagnon die Hände im Spiele gehabt, wissen wir nicht, indeß unwahrscheinlich ist das nicht, indem Frau Junker mit dem Maire Wichelhausen zu jener Zeit viel zu besprechen hatte. Mindestens hatte sie nicht zugeben wollen, daß die Kosten seiner Equipirung aus den »freiwilligen Beiträgen« bestritten würden, welche von reichen Leuten auf besondere schriftliche Aufforderung und mit der Drohung des Präfecten von Arnberg zusammengebracht waren, daß, wenn sie die Summen, zu denen man sie abtaxirt, binnen drei Tagen nicht bezahlt hätten, der General Receveur mittels Einlegung von je vier Garnisairs sie dazu anhalten werde. Am 4. September hielt das Detachement von 78 Ehrengarden – mehr hatte man nicht erpressen können – Abschiedsrevue; der provisorische Commandant und frühere Kapitän Bürgel vom 9. Chevauxlegers führte dasselbe. Der Präfect richtete eine Anrede an die Gardisten, die den klarsten Beweis liefert, zu welchem Grade der Knechtschaft das arme Deutschland erniedrigt war. Diesen Gardisten, die man erpreßt hatte, um sie gegen die deutschen Völker als Kanonenfutter zu führen oder sie in Frankreich als Geiseln zurückzuhalten, sagte der Präfect: »Meine Herren! Die Ehre ruft, der Ruhm erwartet Sie. Streben Sie, einen der durchschauenden Blicke des großen Napoleon auf sich zu ziehen. Werden Sie der Stolz Ihres Departements, so wie Sie schon die Auswahl desselben sind. Zollen Sie dem Vaterlande, welches Sie an Kindesstatt angenommen hat, einen gerechten Tribut, indem Sie demselben seine zahlreichen Feinde besiegen helfen. Nur darum sind sie unsere Feinde, weil sie unsern Ruhm beneiden und auf die Glückseligkeit eifersüchtig sind, welche zwanzig siegreiche Jahre unserm schönen Frankreich bereiten. Indem Sie so Ihr Streben mit denen vereinen, welche den Frieden erkämpfen wollen, begründen Sie auf das ehrenvollste den Bruderverein, welcher auf immer die neuern und ältern Franzosen verbindet! Ehre, Vaterland, Napoleon! Unauslöschlich müssen diese heiligen Namen in Ihren Herzen und fortan Ihr Losungswort für das Leben sein. Es lebe der Kaiser!« Den Gardisten wurde nun am Ende des Steinwegs, da, wo sich dieser in zwei Arme theilt, ein »glänzendes Mahl« gegeben, viele bremische Bürger mit Frauen und Töchtern und Leute von Vegesack und Lehe hatten der Abschiedsrevue beigewohnt und den Ihrigen Lebewohl gesagt. Der stille Compagnon war unter ihnen, und reichliche Thränen flossen aus den Augen der liebevollen Mutter, die schon seit mehrern Tagen Reue darüber empfand, ihren Sohn, dessen Heilung sie nicht traute, an den Feind verrathen zu haben. Johann Karl's Auge war thränenleer, er winkte, als zum Aufbruche geblasen war, der Mutter einen kühlen Gruß zu, und unter Musik, Trompetenschall und Kanonendonner ging es auf dem Wege nach Brinkum weiter. Das Detachement sollte über Syke, Asendorf, Nienburg nach Minden reiten, wo es weitere Marschordre erhalten würde. Karl war nicht ungern Soldat geworden, er hatte, seit ihm die Mutter das Versprechen abgerungen, Anna nie wiederzusehen, sich im väterlichen Hause unheimlich gefühlt, er haßte die Mutter, und der Vater dauerte ihn. Das Leben war ihm gleichgültig geworden, und hatte er schon vor seiner Einkleidung den festen Entschluß gefaßt, die erste Gelegenheit zu ergreifen, um zu entfliehen und zu den Lützow'schen Reitern, die zwischen Weser und Elbe streiften, überzugehen. Die Gelegenheit traf sich günstig. Einer der Ehrengardisten, der Sohn eines wohlhabenden Landmannes aus dem alten Amte Syke, wurde Johann Karl's Nebenmann und mußte schon am ersten Tage, als das Hauptdetachement bis Syke weiter zog, in Brinkum liegen bleiben. Hier im Nachtquartier tauschten beide die Gesinnungen aus, zu den Lützowern überzugehen, und als beide, zum Nachtrabe gehörend, am andern Tage, da der Commandirende befürchtet hatte, in Asendorf nicht Stallung genug zu finden, auf einer einsamen Wassermühle zum Heiligenberge einquartiert wurden, zogen sie von da in der Nacht, Hoya zur Rechten lassend, nach Dörverden, wo sich eine Fähre über die Weser befand. In diesem Dorfe hatte Junker's Kamerad eine Schwester verheiratet; der Schwager versah beide Flüchtlinge mit Bauerntracht und auch den Pferden wurde alles militärische Geschirr abgenommen; dafür wurden sie nach hoyaischer Bauernart aufgeschirrt, um im Hofe zu bleiben, während die beiden Deserteure zu Fuß weiter wandelten. So kamen diese glücklich an die Elbe zu der Armee Tettenborn's, während die übrigen bremischen Ehrengardisten nach Frankreich beordert wurden, wo man ihnen die Pferde abnahm und bis zum ersten Pariser Frieden sie selbst als Kriegsgefangene behandelte. In Bremen selbst hatten sich indeß immer mehr unheimliche Gerüchte über die misliche Lage der Franzosen in Sachsen verbreitet; der Belagerungszustand wurde mit scharfer Strenge aufrecht erhalten, das Zusammenstehen auf den Straßen galt schon als Ruhestörung, Reden zu halten war mit dem Tode bedroht, alle öffentlichen Locale mußten abends neun Uhr geschlossen sein, und nach dieser Zeit durfte niemand ohne Laterne auf den Straßen sich blicken lassen. Wer auf den Ruf » Qui vive! « nicht mit » Ami! « antwortete, wurde verhaftet. Die unter dem 14. August der Stadt auferlegten Naturallieferungen zur Verproviantirung der Festungen Magdeburg und Wittenberg wurden mit Strenge beigetrieben, eine Ergänzungssteuer folgte der andern. Wer von diesen Dingen am wenigsten fühlte, waren die Bewohner des Steinwegs außerhalb des Buntenthors; wenn sie ihre Ergänzungs- und andern Steuern richtig bezahlten, spürten sie weder vom Druck der Einquartierung noch von andern Belästigungen das Geringste; selbst als zu Anfang October 1200 Schweizer in Bremen einzogen, war Martha und ihre Nachbarschaft zu weit entfernt von der Stadt und daher von jeder Einquartierung ausgeschlossen. Sie erfuhren auch von den Weltereignissen sehr wenig, denn seit den ersten Septembertagen war der alte Junker als Frühstücksgast ausgeblieben, während Junker junior schon seit der Weserfahrt nicht in Sicht gekommen war. Da wurden eines Morgens früh, es war am 13. October, auch die Bewohner des Steinwegs durch einen Kanonenschuß aufgeschreckt, dem eine Kleingewehrsalve und wiederholte Schüsse folgten. Alles eilte auf den Deich, von wo man sah, daß von Hastede aus auf das Osterthor in Bremen ein Angriff gemacht wurde. Man erblickte überall auf dem jenseitigen Ufer Kosackenschwärme und sah auch, wie zwei Kosacken die Tollkühnheit hatten, sich mit ihren Pferden vom unbedeichten Ufer in die Weser zu stürzen und diese zu durchschwimmen. Als dieselben auf dem Kuhwerder landeten, flohen die Zuschauer vom Deiche. Das Unglück wollte es, daß die Kosacken, die den nächsten Weg zum Deiche einschlugen und die weidenden Kühe in wilder Flucht auseinandertrieben, gerade vor Martha's Garten auf der Höhe des Deichs erschienen, abstiegen, ihre Pferde herunterführten, an den ersten Baum banden und dann in Martha's Haus drangen. Die Gehülfinnen Martha's flüchteten der Neustadt zu, diese selbst trat den in Schafspelze gehüllten bestialisch aussehenden Kosacken entgegen und versuchte sich mit ihnen verständlich zu machen. Allein sie verstand kein Wort von allem, was jene welschten. Die Pantomime, daß sie zu trinken begehrten, war aber ganz deutlich, und da Martha sehr wohl wußte, daß die Kosacken weder Wasser noch Milch verlangten, ging sie in die sogenannte Visitenstube, wo die vollgefüllte weiße Caraffe mit Madeira im Wandschranke schon seit länger als vier Wochen auf den Senior der Firma wartete. Die brachte sie dem draußen wartenden Kosacken und fühlte sich beruhigt, als sie in der Hofthür den alten Einäugigen stehen sah, der den Wolfshund am Halsbande hielt, da das Thier nicht übel Lust zu haben schien, auf die ungebetenen Gäste einzuspringen. Der Kosack, dem sie die Caraffe gereicht, that einen mächtigen Zug, schnalzte mit der Zunge, hielt das Gefäß gegen die Octobersonne, um die Farbe zu betrachten, setzte wieder an und ab, und hatte im dritten Tempo die Flasche geleert. Er gab sie zurück, mit der Pantomime, daß sie von neuem zu füllen sei. Martha eilte in den Keller. Während des Trinkens war der zweite Kosack, der weniger Durst, aber mehr Raublust zu haben schien, in das Visitenzimmer eingedrungen und hatte sich, da er den Wandschrank offen fand, der silbernen Löffel, eines silbernen Bechers mit dem Namen J. K. Junker und anderer leicht greifbaren Dinge im Zimmer bemächtigt. Wie er damit zur Hofthür hinaus wollte, suchte ihm der Einäugige den Ausgang zu versperren. Aber der Trinker trat hinzu und hieb mit der Karbatsche den Einäugigen über den Kopf. Wolf fing ein wüthendes Geheul an und wollte sich von seinem Herrn losreißen. Dieser aber hielt ihn fest und zog ihn mit sich in den Nachbargarten, an dem des leichtern Verkehrs wegen eine Pforte angebracht war. Anna, die sich in die Arbeitsstube zurückgezogen hatte, kam auf das Geheul Wolf's heraus und ging, da sie weder Mutter, noch Wolf, noch den einäugigen Nachbar sah, in das Visitenzimmer. Dahin folgte ihr der erste Kosack und schien von Madeira und Liebesglühen entflammt, denn er bedeutete ihr sofort, sein schmuziges, häßliches, bebartetes Gesicht zu küssen. Indeß hatte der zweite Kosack seinen Raub in einem Sacke am Sattel seines Pferdes geborgen, und in demselben Augenblicke kam Martha mit einer frischen Caraffe Madeira aus dem Keller. Im Umsehen hatte sie der Plünderer ihr aus der Hand gerissen und leerte sie noch rascher als der erste. Da gellte Anna's Schrei aus der Visitenstube, die Mutter eilte der mit dem Kosacken ringenden Tochter zu Hülfe, aber der zweite Kosack folgte und befreite seinen Kameraden von der Alten, indem er sie zu Boden riß. Thierische Gewaltthat wäre hier geschehen, wenn nicht in demselben Augenblicke der Einäugige und sein Wolf im Zimmer erschienen wären. Wolf warf sich sofort mit unbändiger Wuth auf den Kosacken, der mit seinem Liebling Anna rang; der Einäugige aber trug ein breites kurzes Schwert, das er jetzt mit beiden Händen faßte, und schlug dem auf Martha knienden Kosacken kunstgerecht mit Einem Hiebe den Kopf vom Rumpfe, daß die entsetzte Frau am ganzen Körper mit Blut überspritzt wurde. Wolf hatte inzwischen auch den andern Kosacken erst in den Nacken, dann, als er zur Erde gefallen war, in die Kehle gebissen und kalt gemacht. Anna wie Martha waren in Ohnmacht gesunken, der Einäugige trug beide nacheinander ins Wohnzimmer und ließ den Hund als Wache bei den Leichen. Dann holte er Wasser, reinigte die Martha vom Blute, riß sich selbst die schwarze Binde von dem Auge und rief: »Martha! Martha! Erwache, kennst du deinen Vater nicht mehr?« Sechstes Kapitel. Wiener Congreß. Wien hat seine steifen steinernen Reifröcke von sich geworfen, und der Raum, der sonst leer und öde war, hat sich mit Palästen, Theatern, Kirchen, Häusern, Straßen, Menschen gefüllt. Das Glacis zwischen Stadt und Vorstädten ist im Verschwinden, ein elegantes Wien mit herrlichen Straßen baut sich um das alte Wien herum, die Zahl seiner Einwohner hat sich verdoppelt, aber Tage wie die des Kongresses wird man in der Donaustadt nicht wiedersehen, und Tage wie die des Bundesschießens verhalten sich zu jenen Tagen von 1814 wie ein Proletarierbanket zu einem Banket im Olymp. Die mächtigsten Fürsten Europas, hohe Herren aus allen Ländern, die schönsten Weiber der Welt, Reineke's Genossenschaft aus ganz Europa in Gestalt von Diplomaten und Ministern, Bittsteller und Wünschende ohne Zahl, sie alle waren zusammengedrängt in dem viel kleinern Wien, sie alle verfolgten dasselbe Ziel, sie alle wollten sich amusiren, sich des wiedergewonnenen Lebens freuen und daneben das alte Europa restauriren, die große Weltbeute vertheilen und zwischen groß und klein ein Gleichgewicht herstellen, damit nicht wieder einer die Weltherrschaft an sich reißen könne. Sie wollten einen Bau gründen, der Sicherheit gewähren sollte gegen die Wiederkehr einer Sündflut, wie die Französische Revolution es gewesen. Die Möglichkeit, so zu bauen, war geschaffen durch die Leichen und das Blut des Volks, das man gegen den Tyrannen, der Europa in Ketten geschmiedet, wach gerufen hatte mit dem Versprechen der Freiheit. Aber das Volk war hier unvertreten, wo selbst Könige, Fürsten und Herren noch klein waren vor den Mächtigsten der Erde, vor Kaisern und Königen erster Größe. Das Volk war nur vertreten durch Mimen und Künstler, Sängerinnen und Tänzerinnen, Seiltänzer und Gaukler aller Art, welche die Kaiser und Könige, Fürsten und Herren und die glänzenden Frauen ergötzen sollten, vielleicht vertreten in irgendeiner Dachkammer, in der man die Kanzleien untergebracht, in dem Busen eines der Kanzlisten, eines Jakob Grimm etwa. Es war das ein Chaos von sich widerstreitenden Ansprüchen, Wünschen, Hoffnungen, daß selbst der Herrgott es nicht der Hälfte hätte recht machen können. Wie sollten das nun die Diplomaten vollbringen? Ihre Kunst bestand zunächst darin, die heimlichen und stillen Wünsche der einzelnen zu erforschen, dann diese zu benutzen, um Verbindungen und Allianzen zu trennen, neue zu knüpfen, die Strebungen des einen geschickt gegen die des andern zu verwenden. In dieses Chaos war einer unserer Bekannten hineingezogen, den man vor zwanzig Jahren hier im Kerker festgehalten und dann aus den österreichischen Landen für immer verwiesen, jetzt aber zur Rückkehr nach Wien mit Pässen versehen hatte. Justus Erich Bollmann erschien in Wien als Agent des Hauses Baring in London, um über Geldangelegenheiten mit dem österreichischen Ministerium zu verhandeln; für Robert Fulton sollte er unterhandeln wegen Vertheidigung der von Oesterreich neu erworbenen Häfen des Adriatischen Meeres durch Torpedos, Taucherboote und andere von Fulton neu erfundene und im Kriege mit England zur Anwendung gebrachte Vertheidigungskünste; nicht minder galt es, ein Patent für die Dampfschiffahrt auf der Donau zu erwerben; in Idria lag Quecksilber angehäuft, das wegen des amerikanisch-englischen Krieges nicht hatte nach Amerika ausgeführt werden können, das nun Bollmann zu kaufen beabsichtigte, um nach dem Frieden von Gent die erste Einfuhr zu machen. Es gelang unserm Freunde, was vielen Tausenden in jenen Tagen nicht gelang, von sich reden zu machen, es gelang ihm, von Lord Castlereagh, von seinem alten Bekannten, jetzt Fürsten Talleyrand, vom Fürsten Metternich und dem Grafen Stadion empfangen zu werden, und was mehr war, letzterer nahm seine praktischen Kenntnisse in Anspruch zur Abhülfe des auf Oesterreich drückenden Alps einer ungeheuern Masse beständig schwankenden Papiergeldes. Bollmann setzte sich mit dem preußischen Finanzminister von Bülow in Verbindung, um ihm die Möglichkeit, die Elbe mit Dampfschiffen zu befahren, zu erläutern, mit dem russischen Grafen Guriew verhandelte er über ein Geheimniß, aus Platina Geld zu münzen. Namentlich waren Fürst Metternich und Stadion mit Bollmann's Einsichten, die finanziellen Schwierigkeiten des Kaiserstaats zu heben, so sehr zufrieden, daß jener ihm eröffnete, er werde gegen den Präsidenten der Union den Wunsch ausdrücken, daß man ihm eine dauernde diplomatische Stellung in Wien gebe. Gleicher Anerkennung erfreute sich der Republikaner aber auch in den Kreisen der tonangebenden Damen. Er war bei Geymüller einquartiert, und Frau von Geymüller, die Semiramis oder die Tochter der Luft Wiens zur Congreßzeit, hatte mit ihrem feinen Takt bald erkannt, daß Bollmann, in seinen jungen Tagen von der Damenwelt begünstigt, auch in seinen ältern Tagen einem geistreichen Salon noch zur Zierde gereichen würde. Und das that er dann in vollem Maße, denn er war es, wie Varnhagen von Ense bestätigt, der in jenen Salons zuerst mit lebhaftem Rühmen von Walter Scott und mit hoher Begeisterung von Lord Byron sprach, die man damals beide in Wien noch nicht kannte. Als nun am ersten Salonabend Justus Erich in der Fürstin T. seine Bekanntschaft von der Gloriette wiederfand und ihm später eine neunzehnjährige Schönheit ersten Ranges vorgestellt wurde, in welcher er seine eigene Tochter zu erkennen glaubte, schwoll sein Herz in der weichen wiener Luft hoch auf. Er, der sich beständig durch das Leben hatte hindurch schlagen müssen, hatte schon früh aristokratische Neigungen, und wenn ihn auch nicht, wie Olga, »die gloriose, freieste, unabhängigste Nation der Nordamerikaner« mit ihrer Nationalsouveränetät geradezu abstieß, sondern ihm die Vorzüge des freien Staats wohl bekannt waren und er von Amerikas Zukunft das Größte erwartete, so fühlte er sich doch wohl in den Kreisen der Geymüller, der Baronin Fanny von Arnstein, der lebensprühenden, und ihrer Schwester, der Baronin von Eskeles, der Herzogin von Sagan wie der Fürstin Bagration. Aus solche Zeiten, wo man die Umgebung im rosenfarbigsten Lichte sieht, stammt denn auch der nachstehende Brief, der von dem glühenden, für Freiheit schwärmenden Bollmann der ersten neunziger Jahre wenig Spuren trägt. Der Brief war an Karl Haus gerichtet, der mit seiner Gattin und seinen Kindern zugleich mit ihm über England nach Deutschland gereist war, um die Vermögensverhältnisse in Heustedt zu ordnen. Karl hielt sich damals in Bremen auf, um die Güter in Heustedt zu veräußern. Er beabsichtigte, im Frühjahr nach Wien zu gehen und dann im Sommer Olga's Niederkunft in Ischl abzuwarten. Justus schrieb:   Lieber Karl! Wenn Du noch irgendeine passable Wohnung hier finden willst, so mußt Du mit Deiner Ueberkunft eilen, denn alles ist bis unter die hohen Dächer mit Fremden vollgestopft. Vielleicht ziehst Du aber vor, Dein Herkommen bis zum Frühjahr zu verschieben, wenn ich Dir sage, daß ein Zusammentreffen Olga's mit ihrem frühern quasi Gemahl nicht zu vermeiden sein würde, was dieser vielleicht unangenehm wäre, während ich von Dir voraussetze, daß Du Dich nicht scheuen wirst, Deinem frühern Schüler in das Auge zu sehen. Ich weiß nicht, welche Lebensplane Ihr gefaßt habt, ob es noch Euer Wille ist, in Europa zu bleiben, vielleicht gar in Hannover Euch niederzulassen. Wäre letzteres der Fall, also ein Zusammentreffen mit Schlottheim mit der Zeit doch nicht zu vermeiden, so möchte dasselbe hier vorzuziehen sein. Die Wellen des Lebens schlagen hier so hoch, daß ein solches Zusammentreffen, wenn es überhaupt bemerkt würde, ohne allen Eclat vorüberginge, denn jeder ist hier mit größern, mit eigenen und fremden Dingen beschäftigt. Graf Münster und die wenigen Hannoveraner, die hier sind, darunter von O., der sein Leben am westfälischen Hofe vergessen zu machen sucht und sich zu Spionierdiensten für den Prinz-Regenten hergeben soll, haben gelernt, faits accomplis zu würdigen, sie würden die Vergangenheit ignoriren, in Dir nur noch den Nordamerikaner und das Congreßmitglied für Pittsburg sehen. Flora's Vater ist nämlich gestorben, und Schlottheim nimmt hier die Erbschaft seiner Frau, man sagt zwei Millionen Gulden, Papier natürlich, in Besitz. Träfet Ihr zuerst im Hannoverischen wieder zusammen, so würde das in den kleinstädtischen Lebenskreisen mit ihren stagnirenden stillen Gewässern mehr Sturm erregen als hier kaum das größte Weltereigniß. Alle Unken und Frösche würden ihr Geheul beginnen. Ich hätte Wien nicht wiedererkannt! Die Mauern und Basteien, die Glacis und die engen Straßen, der einzige Stephan und der Prater sind zwar noch die alten, aber das Leben in Stadt und Vorstädten, im Prater, Schönbrunn, Laxenburg, Baden ist nicht wiederzuerkennen; London und Paris, das alte Rom und das Alexandria der Kleopatra bleiben dagegen zurück. Wenn unsere amerikanische Aristokratie, die alten holländischen Familien von Neuyork, die englischen Junker von Virginien, die Nachkömmlinge der spanischen Dons in Louisiana das einmal sehen könnten, wie würden sie die Augen aufreißen! Die demokratische Selbstgefälligkeit und Selbstgenügsamkeit würde gern einige Dutzend Ballen Baumwolle oder hundert Fässer Taback opfern, um einmal in der Nähe zu sehen, was wirklich aristokratisches Leben ist. Die seit den Kreuzzügen in Europa aufgestapelten Reichthümer an Schmuck, Diamanten, Juwelen, Perlen scheinen hier vereinigt, um die schönsten Menschenleiber zu schmücken. In der Oper, in den Theatern, in den Salons, im Prater und auf den Promenaden der Basteien tritt uns eine Pracht und Herrlichkeit entgegen, wie sie niemals an einem Orte der Welt auf einmal vereint gewesen. Welche ungeheuere Menge von Geist, Klugheit, Verstand, Tapferkeit, Schönheit, Reichthum, Macht sind hier zusammengedrängt und treten trotz der größten Rangverschiedenheiten in einzelnen Kreisen einander näher. Ich habe hier bei einem Corso an einem Nachmittage mehr schöne Pferde und Equipagen gesehen, als in meinem ganzen Leben in Paris, London, Neuyork, Philadelphia, Washington zusammen. Du weißt, daß ich kein Mann bin von Staunen und Starren, daß ich vieles gesehen habe in der Welt, viel gedacht und viel erfunden, aber wie oft habe ich auf den Basteien, den Glacis, am Graben, im Prater staunend gestanden und Erscheinungen an mir vorüber schweben und schwimmen, fahren und galopiren sehen und mich fragen müssen: ist das Wirklichkeit oder arabisches Märchen? Wenn ich bekennen muß, daß die ersten vierzehn Tage meines Hierseins an mir vorübergehuscht sind, ohne daß ich ein Buch oder eine Feder in der Hand gehabt habe, so wirst Du, der Du meine Art zu leben kennst, begreifen, was das heißen will. Wer so in der Welt umhergeschleudert ist wie ich, wer so lange hat kämpfen müssen, um die Illusionen der Jugend zu überwinden und ein praktischer Mann zu werden, wie ihn unsere Union allein brauchen kann, der ist mit seinem funfzigsten Jahre ein alter Knabe. Du bist jünger, wirst das Herannahen des Alters aber auch schon bei dieser oder jener Gelegenheit gefühlt haben. Und wenn nun ein so alter Kerl wie ich hier nur noch den Einen Wunsch hat, um zwanzig Jahre jünger, so frisch und leichtlebig zu sein, wie ich war, da ich mich hier auf die That von Olmütz vorbereitete, so wirst Du fühlen, welche wunderbare Einwirkung diese Zauberwelt auf den Menschen ausübt. Es wird mir, wenn ich zu reflectiren anfange, manchmal wunderbar dabei zu Muthe, und ich frage mich, wo soll das hinaus? Ich frage mich, wie viele Millionen Sklaven müßten wir in Amerika halten, um als Herren ein solches Leben führen zu können, wie man es in Wien führt? Wie viele sauere Arbeit und Jahresschweiß von Hunderttausenden wird hier in Einer Nacht vergeudet? Allein es ist rein unmöglich, hier lange über die Zukunft zu grübeln, es fehlt die Zeit dazu. Wer wie ich einmal in den Strudel dieses Lebens hineingerissen ist, der hat Mühe und Noth, für seine Geschäfte die nöthigsten Stunden und Augenblicke zu finden. Aber die Leichtlebigkeit bringt es wieder mit sich, daß man in Augenblicken hier ein Geschäft abschließt, zu dem es in England oder bei uns im Westen wochenlanger Unterhandlungen bedürfte. Nur muß man da Yankee genug sein, und etwas wird man es immer nach einem zwanzigjährigen Aufenthalte in Nordamerika, um eben den rechten Augenblick zu finden. Glaube nicht, daß dieser lange Brief und meine Reflexionen mit dem Gesagten im Widerspruche stehen. Eine Erkältung fesselt mich ans Haus und von der March herüber weht ein rauher Wind, der Regen, sogar schon einige Schneeflocken gebracht hat. Wien hat mir schon eine Menge Ueberraschungen bereitet, die erste war die außerordentlich freundliche Aufnahme im Geymüller'schen Hause. Ich hatte freilich Empfehlungen von Baring, die mich berechtigten, auf die eine oder andere Einladung zu rechnen, allein man bestand darauf, daß ich im Hause selbst Quartier nehme. Eine Gastlichkeit, wie sie mir hier zutheil ward, würde den Landsleuten jenseit des Oceans völlig unverständlich sein. Was es aber bedeuten will, gerade in einem Mittelpunkte, wie dieses Haus ihn bildet, zu leben, das merkte ich schon in den ersten Tagen, denn welche Menge Personen von Bedeutung lernte ich da kennen! In einer der ersten Abendgesellschaften, die bei der Tochter der Luft, so nennt man meine schöne Hauswirthin, stattfanden, wurde ich der Fürstin — vorgestellt. Denke Dir mein Erstaunen, als ich in ihr die schöne Nichte des Bischofs von Olmütz, die nicht wenig zu meiner Befreiung beigetragen, erkannte. Auch die Fürstin selbst war erfreut und lud mich schon für den nächsten Tag zu sich selbst ein. Hier traf ich auch auf zwei alte pariser Bekanntschaften aus dem Kreise der Staël, den trefflichen Fürsten von Ligne und den ehemaligen Evêque d'Autun, den Großmeister der hiesigen Diplomaten. Im Geymüller'schen Hause habe ich die Bekanntschaft eines jungen liebenswürdigen Legationsraths, der der preußischen Gesandtschaft beigegeben ist, gemacht, Varnhagen's von Ense, an den ich auch durch einen Empfehlungsbrief vom Grafen Schlabrendorf aus Paris gewiesen war. Durch diesen bin ich dann wieder mit andern Kreisen, in denen Literatur und Kunst vorherrscht, bekannt geworden, mit Stägemann, Gentz, Adam Müller und mit Frau von Pichler, in deren kunstliebendem Hause mir eine neue Ueberraschung bevorstand. Eine der berühmtesten Sängerinnen der hiesigen Oper, Veronica Cruella, wurde mir als Landsmännin vorgestellt. Ich hatte den Namen in Kunstblättern und Zeitungen oft gelesen, daß sie aber die Tochter meiner süßen Nachtigall aus Heustedt, der Schwester unsers Freundes Schulz sei, die mir als Student den Kopf verwirrt hatte, war mir nicht im Traume eingefallen. Veronica ist nicht nur als Künstlerin hochgeachtet und vielberühmt, sie hat sich auch gegen den gefährlichsten der vielen Don Juans, die hier herumschwirren, den reichen und schönen Fürsten —, einen Gräcorussen, auf eine Weise benommen, welche ihr aus seinem Munde das Lob zugezogen, sie sei das einzige Frauenzimmer in Wien, an dessen Tugend er glaube. Sie hat ihn mit seinem eigenen Dolche also im Gesichte gekennzeichnet, daß er sein Leben lang daran denken wird und schon den Beinamen »Don Juan mit der Schmarre« davongetragen hat. Außer den Kreisen bei Geymüllers sind mir die, welche die Frau Varnhagen's, Rahel, im Savoy'schen Damenstifte sich gebildet, die liebsten. Die Enge der Räume, der Mangel an Glanz, der sonst überall blendet, der lebensfrische Hauch, den diese geistreiche Jüdin über ihre Gesellschaften zu verbreiten weiß, haben etwas über alle maßen Anziehendes. Die Rückerinnerung an Hamburg, an Sieveking und Reimarus, ergab sich hier von selbst, Varnhagen ist ein Freund des Grafen Reinhard und kennt dessen Gattin sehr genau, er mußte mir viel erzählen von ihr und den wechselvollen Schicksalen des Gemahls. Aber Du glaubst nicht, wie weit man durch alle wiener Kreise noch in Jeglichem zurück ist, was England und Amerika betrifft. Als ich neulich in einer größern Gesellschaft von Lord Byron und Walter Scott sprach, war niemand anwesend, der auch nur das kleinste Gedicht dieser Dichter-Heroen kannte, und vor einigen Tagen, als der geistige und leibliche Epikuräer Gentz eins der leckersten Mahle gab, das je über meine Zunge gekommen ist, in einer Gesellschaft, in welcher der Herzog von Weimar, Talleyrand, Wilhelm von Humboldt, Graf und Gräfin von Bernstorff, Gräfin Fuchs und viele andere Personen zugegen waren, wußte niemand außer Talleyrand von unserer Verfassung und unsern republikanischen Institutionen, keiner von Congreß und Meetings. Unsere Presse mit ihrer vollkommenen Freiheit, von der ich erzählte, erschien den Herren, vor allen dem Gastgeber selbst, wie ein schreckliches Seeungeheuer, vor dem er zurückbebte. Unser Meetingserlebniß in Pittsburg z. B. erfüllte die Gesellschaft mit Grauen. Als ich von der Zukunft Amerikas sprach, wenn erst der Weg zum Stillen Ocean, zu den Goldländern hinter den Felsgebirgen eröffnet wäre, sah ich, daß man auch wenig geographische Kenntnisse hatte. Du willst aber gewiß auch einiges über die großen Männer hören, die hier europäische Geschichte machen, und über die Fragen, um die es sich in diesem Augenblicke handelt. Da will ich Dir denn einen Theil eines Briefes, den ich an Bruder Friedrich geschrieben, abgeklatscht beisenden. Noth macht erfinderisch, das habe ich wieder bei dieser Gelegenheit gesehen. Mir war mein Copirpapier ausgegangen und hier in Wien nicht ein Bogen aufzutreiben, auf die Ankunft des londoner, das ich mir verschrieben, konnte ich nicht warten; ich habe es also mit gewöhnlichem Briefpapier versucht und dieses mit einer Verdünnung von Spiritus und Wasser so lange bestrichen, bis die Copie gelang. Nimm je nach Stärke und Leimgehalt des Papiers zwei Drittel Wasser und ein Drittel Spiritus und Du wirst es auch können. Wenn Du Dich entschließest, hierher zu kommen, so schreibe zeitig, ich will dann nach Kräften sorgen, Dir eine Wohnung zu schaffen. Grüße Deine Frau herzlich und lebe wohl. Dein Justus Erich Bollmann .   Wien , 28. Dezember 1815. – – – – Dieser bisher ungedruckte Brief findet sich im Original in der Autographensammlung des verstorbenen Archivraths Kestner in Hannover, dem ich die Abschrift verdanke. D. Verf. Von den bedeutendsten Leuten kenne ich die meisten persönlich und den Fürsten Talleyrand, wie Du weißt, schon seit 92. In Philadelphia war er 97 nur Particulier und keineswegs in glänzenden Umständen. Ich sah ihn damals täglich und wußte das meiste von dem, was er sagte und nicht sagte, aber dachte. – Er hat seitdem Souveräne gemacht, und um mich eines englischen Ausdrucks zu bedienen, umgemacht – doch finde ich in ihn denselben, und das sagt viel. Von allen erbärmlichen Eigenschaften – Eitelkeit, Dünkel, Arroganz u. s. w. ist er durchaus frei. Er hat sogar die für einen Franzosen merkwürdige Tugend, daß er lieber hört als spricht, und sich immer bemüht, gut zu verstehen. In seinem Kopfe ist alles klar, seine Ansichten sind immer richtig, d. h. im Durchschnitt immer. Auch wenn er sich irrt, ist er für Gegengründe offen, und überzeugenden Gegengründen, deutlich vorgetragen, widersteht er nie. Dabei hat er viel Herzensgüte und mit seinen Freunden eine einfache, herzliche Manier. Er ist gewiß einer der merkwürdigsten und der bessern Menschen unserer Zeit, viel besser als sein Ruf, und die meisten über ihn verbreiteten Vorstellungen sind falsch. Daß er sein Vaterland liebt, dasselbe groß, mächtig, ruhmvoll zu sehen wünscht, ist natürlich, Ihr Deutschen habt kein Vaterland, sondern nur Vaterländerchen und wißt nicht zu würdigen, was einem Franzosen angeboren ist. Neben ihm steht würdig Fürst Metternich. Er ist ein schöner Mann, von Anstand und Würde, ohne Affectation und Ziererei, und von edler Gesichtsbildung. In seinen Zügen sieht man – was ihm auch ganz zukommt – daß er nichts sagt und thut, als was er will. Von äußerst wenigen Menschen kann man dies sagen. Die meisten lassen sich treiben durch innere augenblickliche Anstöße und Bewegungen, sodaß man nur ihre Gefühle in Bewegung zu setzen braucht, um sie leiten zu können, wiewol sie dann freilich oft sagen und thun, was sie nachher, wenn's zu spät ist, misbilligen. Zu diesen schwachen Menschen gehört der Fürst Metternich durchaus nicht. Er besitzt im höchsten Grade, was die Franzosen conduite nennen. Er fühlt auch immer richtig die Convenienzen, die Schicklichkeiten, das Gehörige für jeden Augenblick. Er ist daher zur hohen Stelle, die er bekleidet, sehr geeignet; er füllt seinen Platz aus, vorzüglich da sein Kopf auch übrigens sehr gut organisirt ist und es ihm nicht an den nothwendigsten Vorkenntnissen fehlt, um die Dinge richtig anzusehen und geschickt zu beurtheilen. Natürlicherweise hat nun ein solcher Mann in Verhandlungen aller Art ein gewisses Uebergewicht und gewöhnt sich leicht daran, aus der Bearbeitung anderer sich ein Spiel zu machen. Die Welt nennt das einen Hang zum Intriguiren. Den wirft man ihm denn auch vor. Die Gemeinen wissen sich an der Ueberlegenheit nicht anders zu rächen. Daß die Bemerkung bis zum Vorwurfe wahr sei, glaube ich nicht. Wenigstens bin ich fest überzeugt, daß das Interesse um das Wohl der österreichischen Monarchie sich nicht in bessern Händen befinden könnte. Die Hauptmänner von der preußischen Seite sind der Fürst von Hardenberg und Humboldt. Ich kenne beide. – Der erste – um mich kurz zu fassen (denn ich finde, daß ich für Brieflänge zu weit ausgeholt habe) ist ein vortrefflicher Mensch, der zweite ein außerordentlicher Kopf. Hardenberg sagt den Umstehenden immer hübsche Sachen, sagt sie gut und sagt sie gern. Er ist recht sehr liebenswürdig, fleißig, wohlmeinend, treu. Ein wahrhaft edler Mann. An Geist ist ihm Humboldt überlegen. Dies ist wirklich ein Kopf der ersten Gattung, der gewaltig viel umfaßt, viel weiß, viel durchsieht, von der Art jener, denen alles Licht ist, woran alle Vorurteile scheitern. Es gibt nichts Angenehmeres, als ihn zu hören, wo er sich gefällt. Er ist eine lebendige Quelle, aus der immer Geist und Witz hervorsprudelt, aus der man immer schöpft, ohne sich zu ermüden. Gemüth hat er nun wol nicht überviel, Enthusiasmus keinen. Er geht durch die Menschen seinen Gang, ohne sich um deren Wohl und Wehe viel zu bekümmern, immer mehr geneigt zu lachen als zu bedauern, zu helfen, wenn sich's füglich thun läßt, aber sonst durch kein Leidwesen sich irremachen zu lassen, beträfe es auch sein eigenes Haus. Der Reichsfreiherr vom Stein und Laharpe haben vielleicht den größten Einfluß in Betreff russischer Angelegenheiten. Stein's Kopf, was blos Fähigkeit anbetrifft, ist den besten der genannten kaum untergeordnet, an Energie, an Arbeitsamkeit, an animalischem Feuer, an Willenskraft übertrifft er alle. Aber eben diese schnelle Heftigkeit macht seine Ansichten oft grundfalsch. Er urtheilt nicht selten, bevor er sich unterrichtet und gedacht hat. Der gewaltige Irrthum wird ihm hernach zuweilen sichtbar, und aus der häufigen Wiederkehr dieser Fälle entspringt denn doch, bei aller Energie, ein gewisser Mangel an Stetigkeit, an Festigkeit. Er würde ein vortrefflicher Premierminister sein, unter Metternich oder Talleyrand als Souveräns. Sich selbst überlassen ist er gefährlich. An Napoleon's Platz setzte er auch wol die Welt in Flammen, wiewol seine Zwecke schöner, seine Handlungsweise edler sein würden. Wie dieser, ist er äußerst rauh, anfahrend – wer dann zurückfährt, den hält er für nichts werth, wer ihm ruhig die Spitze bietet, mit dem läßt er sich ein und läßt sich zuweilen auch wol von ihm zurechtführen. Zum Sturze von Napoleon hat er, als einzelner, gewiß das meiste beigetragen. Zur dictatorischen Thätigkeit in der Zeit der Noth ist er ganz geeignet; zum Negociiren taugt er nicht, und es ist sehr wohl möglich, daß er in ferner dermaligen Lage Unheil stiftet. Laharpe, ein Schweizer, ehemaliger Gouverneur des russischen Kaisers und noch sein vorzüglichster Rathgeber, ist ein milder, einfacher, philosophischer Mann, was die Außenseite und die ganze Form seiner Existenz betrifft, der aber starke Leidenschaften im Busen trägt, und der als Heiliger sengen und brennen könnte zur Ausbreitung der Lehre. Er kennt die Welt mehr aus den Schriften von Rousseau und ähnlichen Schriftstellern als aus praktischem Anschauen, Selbstbeobachten und Vergleichen. Daher sind auch seine Ansichten oft ganz gewaltig falsch; daher steckt er auch voller Vorurtheile und Grillen. Daher setzt er auch, wie alle ähnlichen Charaktere, das rein Vernünftige – oder vielmehr was er dafür hält – viel zu hoch an und würdigt das Hergebrachte, das Gesetzliche, wenn es mit seinen Ideen streitet, viel zu wenig. Er ist stolz in der Demuth, ambitiös – mit anspruchsloser Miene. Er möchte die Welt gern von seinem Pult aus modeln; seine Vorstellungen sind speciös – aber hirngespinstisch; er ist gescheit, aber ein Jakobiner, von der bessern Gattung, wenn Du willst, aber Jakobiner doch! An der Humboldt'schen Vernunft fehlt's ihm durchaus. Von den gekrönten Häuptern ist Alexander der besonderste. Er ist ein schöner Mann; er spricht gesucht; er hat gewöhnliche gute Fähigkeiten, keine vorzüglichen; er befaßt sich mit allem selbst, ohne regelmäßig zu arbeiten, ohne selbst viel zu können. Er ist gewaltig eitel – folglich auch eher kleinlich als groß, in seinen Bewegungen schnell, nicht ruhig, in seinem Wesen mehr zur List geneigt, zum Verschlagenen, Heimlichen, als wie zum Geraden, Einfachen, Offenen. Fürs wirklich Edle hat er wol wenig Sinn, Schönthun möchte er immer. Er ist ein Fürst der bessern Art, vorzüglich auf einem russischen Throne; äußerst artig, mit dem gewaltigen Peter verglichen aber äußerst klein; auch viel kleiner als seine Großmutter. Seine Lage ist auch mit seiner Erziehung im Widerspruche. Laharpe hat etwas Republikanisches in seine Composition gemischt, das zu seinen Verhältnissen nicht paßt. Er ist daher schwer zu behandeln. Er möchte allerlei und sieht doch nichts klar. So muß er denn eigensinnig sein, sehr artig und doch unbändig, auf den Gründe nicht viel vermögen, der Festigkeit sucht, selbst durchs Beharren auf voreilig Beschlossenes, eben weil er mit dem Denken nicht recht fertig werden kann, weil es an der Geistesfestigkeit fehlt. So macht er denn den übrigen mit seinem Rathgeben gewaltig viel zu schaffen und lähmt eigentlich den Fortgang der Verhandlungen. Der König von Preußen ist gerader, schlichter, ehrlicher, vernünftiger, besser. Er hat mehr Würde wie Alexander, dem man durchaus nichts Kaiserliches ansieht. Wenn er gewöhnlich spricht, so geräth seine Stirn und Augenhaut in etwas convulsivische Bewegung, das sich aber verliert, wenn er sich interessirt. Er hat mehr Herz, als Fürsten gewöhnlich zukommt. Er ist arbeitsam, er verlor eine Königin, die er liebte. Man sieht ihm an, daß er Schmerz kennt. Der Kaiser von Oesterreich ist vielleicht, ist gewiß besser unterrichtet als alle seine dermaligen fürstlichen Collegen. Er hat mehr gesunde Vernunft und reinere Ansichten. Ohne alle Prätension denkt er sehr richtig, weiß sehr viel und hat gute Grundsätze über alle Hauptgegenstände. Dabei ist er streng ehrlich und ängstlich gewissenhaft, wiewol ihn, in Staatsangelegenheiten, die Noth der Zeit aus diesem Gange manchmal herausgedrängt haben mag. Er ist weit entfernt, ein gewöhnlicher Fürst zu sein. Die ganze Familie – und Du weißt, es gibt der Erzherzoge viele, ist eigentlich sehr gut organisirt, beides, was Kopf und Herz betrifft, und es fehlt ihnen nur an etwas mehr Energie, an einer größern Portion animalischer Lebensgeister, um als sehr ausgezeichnete Menschen eine bedeutende Rolle zu spielen. Im ganzen genommen hat das österreichische Haus als ein Fürstenstamm viel Würde, und ich möchte deswegen dieser Monarchie lieber angehören als einer andern in Deutschland. Auch scheint mir die österreichische Monarchie fester begründet, gegen Revolutionen und Verbesserungswahnsinn besser geschützt zu sein als die meisten übrigen. Ihre Wurzeln, hat Napoleon gesagt, gehen bis zum Mittelpunkte der Erde. Das Land an sich ist reich und voll unentwickelter Ressourcen. Der Menschenschlag ist gut, und wenn der Geschäftsgang etwas schwerfällig ist, und die allgemeine Cultur noch nicht so weit reicht als in manchen andern Gegenden, so kennt man auch auf der andern Seite Autoritätsunfug nicht, und es ist Substanz da, die sich bilden läßt, die sich's der Mühe verlohnt zu bearbeiten. Der Fortschritt ist langsamer, aber es wird was herauskommen. Die Oesterreicher sind mir gleichsam die Engländer von Deutschland, die Preußen die Franzosen. Von den Preußen kenne ich hier viele und die ausgezeichneten alle. Es sind unter ihnen viele gute Köpfe; auch haben ihnen die neuern Ereignisse einen gewissen Schwung gegeben. Doch vernünfteln sie mir zu viel. An den meisten bemerke ich einen Hang zur Spitzfindigkeit, zur Grübelei, einen Mangel an großem, gesundem Verstand. Sie sind mehr scharf als breit, möcht' ich sagen, mehr speciös als tief. Sie haben nicht genug Respect vor Gesetz und Regel. Sie möchten alles vor der Vernunft a priori zum Spruche bringen. Sie fühlen nicht, daß die Regel oft das Resultat lange angewandter Vernunft, und ebendeswegen viel wichtiger ist als im Durchschnitt, das Resultat der augenblicklichen Ansicht. Kurz, es steckt was Jakobinisches in ihnen, das viel, viel Unheil stiften würde, sollten es, was ich jedoch nicht hoffe, die Zeitumstände zur Entwicklung bringen. Ueber den Fortgang der Negationen weiß ich nicht viel zu sagen. Die Angelegenheiten von Polen und Sachsen machen die Schwierigkeit. Man sagt, Rußland will nicht über jenen, und Preußen kann deswegen nicht über diesen Punkt nachgeben. – Doch soll man seit einigen Tagen über Polen sich sehr genähert haben, und morgen ist wieder eine große Sitzung, die vielleicht mehr bedeutende Punkte zur Entscheidung bringen wird. Gut Glück zum neuen Jahre! Dein Justus . Siebentes Kapitel. Heimkehr. Es war im Anfang Mai 1815, als ein langaufgeschossener junger Mann in den Beinkleidern eines Lützower Ulanen, sonst in Civil, aber mit Hirschfänger und Jagdtasche an der Seite, die Bergeshöhe vom Rischenkruge nach Ellershausen, wie es schien, nicht ohne Anstrengung, sich hinaufarbeitete. Der Mann hinkte und sah krank und abgezehrt aus. Das war Hermann Baumgarten, der aus einem preußischen Lazareth in Frankreich, in welchem er über dreiviertel Jahre gelegen hatte, in die Heimat zurückkehrte. Nachdem die Lützower jenen Zug nach der Weser vollführt, war das Leben derselben ein sehr einförmiges gewesen. Sie hatten an jenem Orte, wo jetzt eine Dampffähre die Eisenbahnverbindung zwischen Lüneburg und Lauenburg vermittelt, wochenlang im Bivuak und auf Vorposten hinbringen und anstrengend Wachtdienst thun müssen, wobei sie beständig den von Lauenburg herüberspielenden französischen Granaten und Kartätschen ausgesetzt waren. Hier hatte man die Nachricht von der Völkerschlacht und dem Siege bei Leipzig vernommen und mehr als einer der Schwarzen Schar vergoß die bittersten Thränen, weil er an jenem Siege keinen Antheil habe. Die Täuschung, mit der Hermann und seine Genossen unter die Lützower getreten, war längst geschwunden, harte Entbehrungen und Strapazen hatten die jungen noch nicht gehörig ausgebildeten Körper mitgenommen, und der Mangel an jeglicher Großthat des Corps entmuthigte die Geister. Man fühlte schon bis tief hinunter, daß man verdammt war, eine unglückselige Stellung einzunehmen. Was sollte dieses nutzlose Hin- und Herziehen zwischen Elbe und Weser, wie es im November geschah? Dann im December der ewige Vorpostendienst bei der lässig betriebenen Belagerung von Hamburg, und dann der gleiche Dienst bei der Belagerung von Glückstadt! Aller Nimbus des Krieges schwand den jungen Leuten schon deshalb, weil sie gegen Dänen statt gegen Franzosen kämpfen mußten. Blücher und die Verbündeten hatten bereits den Rhein überschritten, während die Lützower noch immer in Holstein cantonnirten, und als sie endlich vor Ablauf Januars nachrückten, wurde abermals der größte Theil des Trupps zur Einschließung der Festung Jülich verwendet, der langweiligste Dienst, der sich nur denken läßt. Hermann freilich hatte ein glücklicheres Los gezogen als die meisten seiner Kameraden aus der hannoverischen und hessischen Heimat, er hatte bei Glückstadt einen Adjutanten Vandamme's mit wichtigen Depeschen gefangen genommen, war zum Unteroffizier avancirt und schon früher mit Lützow selbst an den Rhein aufgebrochen, um die Rheinübergänge von Köln bis Yssel zu untersuchen. Lützow und sein Corps wurden, je mehr sie sich der großen verbündeten Armee näherten, desto auffallender von den Führern ignorirt, keiner von diesen schien mindestens eifrig, die Lützower zu haben. Der Freischarenführer hatte vor, die Verbindung zwischen den Armeecorps Bülow's und den Verbündeten herzustellen. Als dies nicht gelang, machte er den Versuch, zwischen dem Blücher'schen und Schwarzenberg'schen Corps zu vermitteln, allein sowol Fürst Schwarzenberg wie Blücher thaten nicht, als ob er und sein Reitercorps überhaupt noch existire. Das empfand nach und nach jeder einzelne Reiter, man fühlte aber auch, daß es im Kriege in Feindesland, wo der Enthusiasmus für die Schwarzen, der in Deutschland noch überall von seiten der Bevölkerung den Lützow'schen Scharen entgegengekommen war, aufhörte, daß in einem Kriege von solchen Dimensionen es nothwendig sei, einem größern Ganzen sich anzuschließen, und daß ein Operiren auf eigene Hand wenig Nutzen bringen, wohl aber gefährlich werden kann. Hatte man doch an das Hauptquartier des Commandirenden in einer französischen Stadt mit großen Fracturbuchstaben das Schiller'sche Distichon angeschlagen, mit der Ueberschrift: »Pflicht für jeden, an Lützow«: Immer strebe zum Ganzen, und, kannst du selber kein Ganzes     Werden, als dienendes Glied schließe dem Ganzen dich an! Die Lützower sollten erfahren, was eine solche isolirte Stellung zu bedeuten habe. Als die Verbündeten bei Rheims eine Niederlage erlitten hatten, wußte Napoleon diesen Sieg und den von Laon auszubeuten, indem er das Landvolk aufrief, die angeblich gänzlich zersprengten Feinde aus dem Lande zu jagen. Die beiden Escadrons Lützower sahen sich nun plötzlich überall von Feinden umgeben und konnten nicht wieder zum schlesischen Heere gelangen. Es war in der Nacht vom 3. auf den 4. April, die Escadrons hatten unfern des großen Waldes von Hilteun Rast gemacht und nach vierundzwanzig Stunden, in denen sie in beständiger Flucht vor den aufständischen Bauern begriffen waren, zum ersten male absatteln lassen und lagerten auf dem Kirchhofe und in der Kirche eines von seinen Einwohnern verlassenen Dorfes. Quartiermeister und Fourriere suchten für Pferd und Mann vergeblich Obdach und Nahrung. Man war froh, als man in der feuchten Kirche die steifen Glieder auf einer hölzernen Bank oder einer Matte ausstrecken konnte. Da wurde Alarm geblasen, ein Trupp regulärer französischer Infanterie, gleichfalls versprengt, aber begleitet von einigen hundert bewaffneten Bauern, machte auf die Lützower einen Angriff. Es war Nacht, die Lützower der Gegend unkundig, die beiden Escadrons kamen auseinander und schlugen verschiedene Richtungen ein. Die Escadron, bei der Hermann Baumgarten stand, stieß am Ende des Dorfes auf einen Verhau, von dem aus ein regelmäßiges Feuer auf sie eröffnet wurde. Hermann erhielt einen Schuß ins Knie, wurde gefangen und von den Bauern seiner letzten Baarschaft beraubt, die freilich in der letzten Zeit stark angegriffen war, um für die Kameraden und Pferde Lebensmittel und Fourrage zu schaffen. Hermann würde vor Noth am Platze umgekommen sein, hätte ihn nicht ein mitleidiger Bauer auf seinen Karren geladen und nach dem nächsten Orte Solve de Château gefahren, wo ihn ein invalider Dorfchirurg, der die italienischen Feldzüge mitgemacht, von der Kugel befreite. Als der Friede in Paris geschlossen war, wurde Hermann in das zu Rheims errichtete preußische Lazareth gebracht. Das Lützow'sche Freicorps selbst war in den Niederlanden aufgelöst. Unser junger Freund fühlte hier unter lauter fremden Gesichtern, unter brummigen Krankenwärtern und Aerzten zum ersten male, was es heiße, allein, ohne Freunde und ohne Geld zu sein. Bisher hatte das Leben in der Gesellschaft der Kameraden, die Gemeinsamkeit aller Leiden und kleinen Freuden, der Gedanke, für das große Ganze, für Freiheit und Vaterland zu kämpfen, ihn hochgehalten. Dazu kam, daß der Inhalt seines Leibgurts ihm vor allen seinen Genossen einen Vorzug gab, denn diese alle waren ohne Geld. Löhnung erfolgte in Frankreich gar nicht, man war auf das Selbstranzioniren angewiesen. Die Freigebigkeit Hermann's hatte manche Noth gemildert, manches Plündern, Rauben, Brennen verhütet, alle Kameraden hatten ihn lieb, und die eigentlichen Bundesgenossen von der Werra verehrten ihn. Das Bewußtsein, in so jungen Jahren Unteroffizier zu sein, hob ihn. Hier aber im Hospital, in das Verwundete aus allen Völkern der Armee zusammengepackt waren, wo russisch, kosackisch, kroatisch, italienisch, polnisch, wienerisch, steiermärkisch, ungarisch, czechisch, pommerisch und westfälisch gewettert und geflucht wurde, wo es immer bei der Verwaltung an dem Besten, am Gelde, an den nöthigen Lebensmitteln für Kranke, kurz so gut wie an allem fehlte, hier fühlte er zuerst das Unrecht, Vater und Mutter ohne Abschied und ohne Noth verlassen zu haben. Er schrieb an die Aeltern, flehte Verzeihung für alles Herzeleid und allen Kummer, den er ihnen angethan, und bat um schleunige Hülfe. Aber das Feldpostwesen war schlecht organisirt, und in Deutschland gab es schon wieder so viele Herren und Regierungen, so viel Streit, Misgunst und Mangel an Unterordnung, daß ein Brief, zumal eines Lützow'schen Freiwilligen, lange Zeit brauchte, um an Ort und Stelle zu gelangen, ja es mußte als ein förmliches Wunder angesehen werden, daß der Brief nach vielen Irrfahrten in das einsame Försterhaus kam. Die Aeltern sandten ihm Geld, aber geringere Summen, als worüber Hermann bisher zu verfügen gewohnt war. Sein Kranksein zögerte sich hin, da es nicht allein der Schuß ins Knie war, der ihn auf dem Lager hielt, sondern allgemeine Mattigkeit und Schwäche. Er hatte seinem jungen Körper zu viel Strapazen geboten. Als er in den Stand gesetzt war, seine Pfleger zu belohnen und sich selbst durch kräftigere Nahrungsmittel, als das Lazareth sie schaffte, zu stärken, gewann er auch wieder mehr Vertrauen in die Zukunft. Er hatte sich schon aufgegeben und im Gedanken als einen gelähmten Krüppel herumwandeln sehen; jetzt dachte er daran, aus dem Lazareth entlassen zu werden. Der Oberarzt, an den er sich wendete, verschaffte ihm auch ein Unterkommen bei einer Unteroffizierswitwe, die ihn in Kost und Pflege nahm und ihm ein kleines freundliches Gartenstübchen einräumte. Er fühlte sich aus der Spitalluft des Krankensaals mit seinen funfzig Betten wie in den Himmel versetzt. Ein schöner Frühling und Sommer kam, allein Hermann's Wunde wollte nicht heilen, immer eiterten noch kleine Knochensplitter aus derselben heraus, und von einem Gebrauche des Beins konnte nicht die Rede sein. Aber er ließ das Sofa, worauf er lag, täglich in den Garten tragen und brachte die meiste Zeit unter blühenden Rosen und dem süßen Duft der Jelängerjelieberlaube zu, den französischen » Moniteur « und andere Zeitungen, deren er habhaft werden konnte, studirend. Die Blätter brachten ihm nicht viel Tröstliches, ein mächtiges deutsches Reich, stark genug, um die Eroberungslust der Franken für immer im Zaume zu halten, wie er und seine Kameraden sich geträumt, schien in Wien nicht geboren zu werden. Alles, was man von dort erfuhr, war nur, daß die Fürstlichkeiten und Diplomaten in einem Strudel von Vergnügungen schwelgten, mit der Reconstruirung Europas aber nicht weiter kamen. Aus dem Organ der Regierung ersah man täglich, wie Frankreich schon wieder mächtig genug war, im europäischen Concert die erste Geige spielen zu wollen, und wie heute Alexander umschmeichelt wurde, morgen Castlereagh und der eiserne Herzog; wie man namentlich alles aufbot, um Preußen nicht stark werden zu lassen. Hermann hatte eine ungemeine Sehnsucht nach einem deutschen Buche, seiner Wirthin war es aber nicht gelungen, in ganz Rheims auch nur ein einziges aufzutreiben. Eines Tages aber kam ein Packet mit Wäsche von der Mutter, um die er gebeten hatte, und da fand er Schiller's und Goethe's Gedichte und einige Schauspiele von Schiller, namentlich »Die Jungfrau von Orleans« beigelegt, damit er an Ort und Stelle vergleichen könne, ob der Dichter treu geschildert habe. Auch eine neue Geldsendung, diesmal ziemlich reichlich, traf ein. Das war eine Herzerquickung! Im Lazareth, wie auch jetzt, waren Hermann's Gedanken oft bei seinem im Walde vergrabenen Goldschatze, und er hatte Plane über Plane gemacht, was er nach seiner Zurückkunft damit anfangen wolle. Sein ursprünglicher Plan, alles auf dem Altare des Vaterlandes niederzulegen, war ohne seine Schuld vereitelt. Seit seinem Eintritt unter die Lützower war er von seinem Schatze getrennt, hatte gleichsam die Macht, darüber zu verfügen, eingebüßt. Eine Mittelsperson in das Geheimniß einzuweihen, wäre es auch der Vater, hatte er nicht über sich vermocht, denn sein Gefühl sagte ihm, daß der Vater ihm dann das freie Verfügungsrecht über das viele Geld entziehen würde, und frei schalten und walten, beglücken und schenken zu können, das machte ihn glücklich. Gegen den Herbst trat eine glückliche Wendung in Hermanns Befinden ein; der Oberarzt rieth ihm, wenn er es ermöglichen könne, im Winter noch die warmen Quellen von Wiesbaden zu gebrauchen. Hier nun hatte Hermann die letzten Monate zugebracht, war dann mit der Post über Frankfurt nach Kassel gefahren, und von dort zog es ihn mit Macht nach dem Goldschatze. Er hatte im Gedanken darüber also disponirt: Ein Drittel wollte er seinen Aeltern und Geschwistern schenken, namentlich sollte sein Bruder in Amerika davon bedacht werden. Das zweite wollte er zur eigenen Ausbildung verwenden, zum Studiren und Reisen. Das letzte endlich sollte zu einem gemeinnützigen Zwecke verwendet werden, über den er noch nicht mit sich einig war. Bald wollte er ein Stipendium gründen, um armen Knaben aus den Ortschaften, in denen er seine Zwölf geworben hatte, Mittel zum Studiren zu verschaffen, bald wollte er hülfsbedürftigen Invaliden, wie sie in jenen Tagen an allen Orten und Wegen zu erblicken, Erleichterung verschaffen. Er selbst war ja Invalide, er hatte an sich selbst die Erfahrung gemacht, wie ein Schuß hinreiche, für alle körperlichen Anstrengungen untauglich zu machen. Und nun gar die Verstümmelten, die der Arme und Beine Beraubten? Das Vaterland hatte für sie höchstens zwanzig Thaler jährlich und wenn es hoch kam eine Chausseegeldeinnehmerstelle oder Erlaubniß zum Orgeldrehen. Aber da waren der Ansprüche so viele und so gerechte, daß die Mittel nicht genügten. Je näher Hermann dem Orte kam, wo sein Schatz vergraben war, je banger klopfte sein Herz, je öfter kam ihm der Gedanke, der Schatz könne gestohlen sein. Konnte nicht ein Holzhauer ihn entdeckt, konnten nicht die Schweine, welche zur Mast in das Holz getrieben wurden, den Boden aufgewühlt haben? Möglich auch, daß ein neuer Holzweg angelegt und dabei das Gold entdeckt war! Hermann machte sich Vorwürfe darüber, daß er das Kleinod nicht sicherer verborgen habe. Hätte es in dem Vaterhause, in dem alten Jagdschlosse nicht Verstecke genug gegeben? Ja, er hatte unvorsichtig und kindisch gehandelt, er mußte sich selbst die Schuld beimessen, wenn ein anderer den Schatz gehoben hatte. Und es war ihm beinahe schon zur Gewißheit geworden, daß das geschehen sei. Das Gehen wurde ihm so schwer, daß er sich im Holze niedersetzen mußte. Er hatte sich selbst um seine Zukunft gebracht, seine Träume von Reisen in Deutschland, durch die Schweiz und Italien und Frankreich, sie waren Seifenblasen gewesen, im Sonnenschein einen Augenblick in allen Regenbogenfarben schillernd, dann in Nichts zerplatzend. Da flüsterte ihm eine Stimme zu: »Sei ein Mann! Bedenke, daß es ein reiner Zufall war, als du die Tonne Goldes fandest, und daß der Mensch dem Zufalle so wenig wie möglich, sich selbst aber alles verdanken soll! Zeige, daß du ein Mann bist, biege rechts ab, wandere nach Hause, ohne den Schatz aufgesucht zu haben.« Er erhob sich in der That und ging einige Schritte nach rechts, den Weg vom Ziele ab. Dann aber sprach wieder die Stimme des Versuchers: »Du bist dem Orte, der deine Zukunft birgt, so nahe; überzeuge dich, ob von dem, was Zufall, Glück oder Vorsehung dir einst zu Füßen gelegt, noch etwas oder alles vorhanden ist, ob du für die Zukunft auf dich allein angewiesen bist, ob du arm und gelähmt, oder vollgepfropft von Gold in das väterliche Haus treten sollst.« Und er schritt dem Tannenbestande zu, in dessen Nähe sich die Goldeichen befanden. Jetzt war er im Bereiche des Schatzes. Er fand die Bäume ohne Mühe; die Buchstaben und Zeichen; die er in ihre Rinden eingeschnitten hatte, waren in die Breite gegangen und ausgewachsen. Er untersuchte die Grasnarbe, sie schien unverletzt. Hermann legte die Jagdtasche ab, die Mütze daneben, wischte sich den Schweiß von der Stirn und begann mit dem Hirschfänger, den er erst in Münden zu diesem Zwecke gekauft hatte, die Erde aufzugraben. Es wollte ihm nicht gefallen, daß der Hirschfänger, als er ihn in die Erde stieß, auf keinen Widerstand traf. Jetzt warf er die Erde mit den Händen aus der Grube, aber so tief er auch wühlte, faßte er immer nur Erde und Sand, aber kein Geld. Die Vertiefung war über einmal so groß als jene, in die er das Gold versenkt hatte, und reichlich tiefer, allein das Nest blieb leer, die Goldeier hatten einen andern Herrn gefunden. Möglich, daß bei den beiden andern Bäumen das Gold unentdeckt geblieben. Mit Hast wurde auch hier gegraben und die Erde aufgeworfen – aber auch hier war das Gold verschwunden. Nur ein einziger Jérômedor, ein gedoppelter, kam mit der Erde zum Vorschein, der sich der Habgier des Schatzhebers durch irgendein Ungefähr entzogen haben mußte. Hermann war anfangs erstarrt, ermannte sich aber bald. Die Wirklichkeit, die schlimmste, machte einen weniger erschütternden Eindruck als vorher Ungewißheit und Zweifel. Das Gold war fort, er brauchte ja nur zu denken, er habe es nie besessen, er hätte ja auch leben müssen ohne den Fund. Im Grunde war es doch dem Fuhrmann, der es zuerst sich angeeignet, genommen, entwendet, gestohlen. Der Fuhrmann hatte an dem Golde des Feindes, der ihn gezwungen, seine Pferde anzuspannen, der schuld war, daß eins dieser Pferde crepirte, das größere Recht. Es war nur eine gerechte Strafe, die ihn ereilte. Er erhob sich von den Knien, rieb von seinem Hirschfänger die Erde und suchte einen Quell, den er in der Nähe wußte, um auch Hände und Gesicht zu reinigen. Dann warf er die Jagdtasche um, gürtete sich mit dem Hirschfänger und schritt der Heimat zu, mit kräftiger fröhlicher Stimme das Lied singend: »Du Schwert an meiner Linken!« Ihm war so frisch und frei um das Herz, als wäre er einer drückenden Bürde los geworden. Erst jetzt konnte er sich des Wiedersehens der Aeltern und Schwestern in vollem Maße freuen. Bis dahin waren seine Gedanken mehr damit beschäftigt gewesen, was Vater und Mutter sagen würden, wenn der verlorene Sohn so viel Gold vor ihnen ausbreitete. Jetzt dachte er daran: wie werden sie sich freuen, daß sie dich wiederhaben, und wie wirst du dich freuen, der lieben Mutter in die Arme zu sinken. Kräftiger und elastischer schritt er der Heimat zu. Waldmann entdeckte ihn zuerst und hörte nicht auf zu bellen, zu wedeln, zu springen. Mit welchen Freudenthränen wurde er von der Mutter umarmt, während ihn der Vater, mit dem er gleiche Höhe erreicht hatte, vom Kopf bis zum Fuß prüfend beschaute, ihm dann die Hand reichte und ihn willkommen hieß im Vaterhause. »Wirst den Jungen erst ordentlich wieder herausfüttern müssen, Marianne«, sagte Oskar. »Er scheint bei Schmalhans in die Kost gegangen zu sein, besorge ein tüchtiges Abendbrot, ich will eine Flasche Rheinwein aus dem Kometenjahre aus dem Keller holen. Erzählen soll der Junge erst, wenn er gegessen und getrunken hat.« Während die Mutter in der Küche beschäftigt war, theilte der Vater dem Sohne mit, was sich sonst zugetragen. Aus Amerika habe man die besten Nachrichten. Georg und Agnese lebten in der glücklichsten, schon durch zwei Kinder gesegneten Ehe. Georg sei Mitinhaber und Inspector eines großen Hüttenwerks bei Pittsburg. Er habe die Lieferung der Holzkohlen aus den Wäldern, die Karl Haus und seiner Frau gehörten, zu beschaffen. Auch die Gräfin Heloise habe sich mit einem Engländer, Mr. Grant, dem Ingenieur der Hütte, verheirathet und ihn schon zum Gevatter bei dem ersten Sohne bitten lassen. Haus und seine Frau seien jetzt in Deutschland und würden vielleicht bleiben und sich im Braunschweigischen ankaufen. Auch Onkel Friedrich sei von England zurückgekehrt, habe in Hannover eine Maschinenfabrik errichtet und wolle Hermann zum Ingenieur ausbilden. Er werde ganze Packete von Briefen durchlesen müssen, um alle die Neuigkeiten in ihren Details zu fassen. »Deine Schwester Baumann in Hedemünden hat auch einem Jungen und einem Mädchen das Leben geschenkt, so bist du Onkel hier wie in Amerika.« Am Abend nach dem Essen, als man traulich beisammensaß, mußte dann Hermann erzählen. Es half ihm nichts, er mußte jetzt heraus mit der Geschichte von der Aneignung der Tonne Goldes. Er erzählte, ohne eine Thräne zu vergießen, wie er das Gold verborgen habe, und wie er nun doch darum gekommen sei. Die Mutter lächelte dazu und der Vater sagte ihm: »Das hast du schon dadurch verdient, daß du eher nach dem Golde als zu deinen Aeltern gingst.« Am andern Tage kam Schwager Baumann mit Frau und Kindern von Hedemünden herauf, da mußte dann die Erstürmung des Schlosses in Heustedt, das Lager bei Hohnstorf und die Campagne in Frankreich von neuem beschrieben werden. Gegen Abend stellte sich auch Klaus, der Müllerssohn, ein, denn das Gerücht von der Wiederkehr des todtgesagten Hermann hatte sich wie ein Lauffeuer in der ganzen Umgegend verbreitet. Hermann war von Müttern und Vätern, deren Söhne er entführt und in den Krieg gelockt hatte, viel verwünscht worden, aber als nach dem Frieden sämmtliche Jungen nach und nach in ihre Heimat zurückkehrten (nur Heinrich Ott, der Schneider, hatte einen Schuß in den Schenkel erhalten, alle übrigen außer Hermann waren unverwundet geblieben), hatte sich das vergessen, und man lobte ihn wieder. »Ich sah dich vom Pferde stürzen und hielt dich für todt«, erzählte Klaus, »wir flohen wieder ins Dorf hinein und trafen auf die von Lützow selbst commandirte Escadron, was uns rettete. Von Paris her schrieb ich dann nach Hause und meldete deinen Tod. Du kannst denken, daß deine Mutter viel geweint hat, als mein Vater ihr die Nachricht brachte.« »Also ich galt für todt?« sagte Hermann oder jubelte vielmehr, denn der Gedanke an den Brief, den er dem Onkel Pastor geschrieben, flog ihm durch den Kopf. Er stürzte aus der Familienstube die Treppe hinauf zu der Schreibstube seines Vaters, wo dieser unter Rechnungen saß: »Papa, Papa, bekenne es nur, du hast die Goldnester ausgenommen?« »Ja, das habe ich, und dein Gold liegt besser verwahrt als in der Erde. Es trägt schon Früchte.« »Nun dann wollen wir heute Abend schon theilen; du sollst 5000 Thaler haben, Bruder Georg und Schwester je 2000 Thaler. Der Ott, weil er doch halb Krüppel geworden durch meine Schuld, soll 1000 Thaler haben, der Mutter kaufe ich, ich weiß nicht was, aber das Schönste, was in Kassel zu haben ist, und dann studire ich nicht in Göttingen, sondern in Jena, und mache große Reisen, wenn ich ausstudirt habe.« »Jetzt machst du, daß du hinunterkommst, ich muß meine Forstanschläge fertig haben, alles übrige wird sich finden.« Hermann, der den Verlust seines Goldes männlich ertragen hatte, konnte die Freude des Wiederfindens nicht in gleicher Weise ertragen. Er stellte sich ganz ungeberdig an und fühlte doch, daß es besser sei, von der Sache in Gegenwart von Klaus zu schweigen. Aber er umarmte seine Mutter und Schwester, drehte sie im Preise herum, umarmte und küßte Hans und zog ihn tanzend in der Stube herum. Als man später am Abend im Familienkreise allein saß, Baumann und seine Frau blieben für die Nacht da, erzählte der Vater, wie die Todesnachricht durch die Mutter dem Bruder Heinrich mitgeteilt sei und dieser die letztwillige Anordnung und den Brief Hermann's gesendet habe. Er sei nun ins Holz gegangen, habe die Bäume leicht gefunden und den Schatz vorsichtig gehoben, auch beim Wiederzumachen der Löcher und dem Zudecken mit Grasnarbe sei er vorsichtig verfahren, denn das freche Bürschchen da sei einer Strafe werth gewesen, und die Goldnester ausgenommen zu finden, sei Strafe genug. Das Gold sei bis auf 5000 Thaler, die er zurückbehalten, an den Onkel Friedrich zinslich verliehen, der dadurch Gelegenheit gefunden, in Hannover seine Maschinenbauerei zu erweitern. Der gewesene Lützower rückte nun mit seinen Planen, wie er sie im Lazareth entworfen, hervor, und wollte die Theilung unter Aeltern und Geschwistern sofort vorgenommen wissen. »Daraus wird nichts«, sagte der Vater. »Noch stehst du in meiner Gewalt, nicht du, sondern ich bestimme, was mit dem Gelde geschehen soll. »Zunächst müssen wir die Witwe des Frachtfuhrmanns Krautleben in Ellershausen mit 2–3000 Thalern unterstützen, denn ihr Mann hat das Geld doch eigentlich den Franzosen abgenommen, und du hast ihm seine Beute entwendet. Wenn man die Sache bei Licht betrachtet, hat jener eine Occupation an öffentlichen Geldern eines fremden uns aufgedrungenen Herrschers, vielleicht einen Diebstahl begangen, der sich den Umständen nach vielleicht entschuldigen läßt; allein daß du ihm die Beute wieder abnahmst, hätte sich nur dadurch rechtfertigen lassen, daß du sie zum Besten der Befreiung des Vaterlandes verwandtest. »Daß du das gewollt hast, entschuldigt dich in meinen Augen, daß du es nicht im ganzen und großen ausgeführt hast, thut mir leid, allein es würde thöricht sein, wollte man an eine Restitution an den jetzt bestehenden Staat denken. Das Königreich Hannover hat an das Geld so wenig Recht wie der Kaiser von China. Also behalte, was du hast, aber verwende es mit Umsicht. Frachtfuhrmann Krautleben ist früh verstorben; wer weiß, ob nicht der Gram um den Verlust des Goldes zu seinem frühen Tode beigetragen hat. Seine Witwe und seine Waisen sollen 3000 Thaler haben. Auch dagegen ist nichts zu erinnern, daß du dem lahmgeschossenen Ott 1000 Thaler schenkst. Er hat eine alte Mutter zu ernähren und die Dorfschneiderei wirft wenig ab. Aber mit der Errichtung von Stipendien zum Studiren, mit Unterstützung von Invaliden im allgemeinen bleibe mir vom Halse. Mit solchen Dingen meint man es gut, ob man aber je etwas damit nützt, ist eine andere Frage. Findet sich aber nach Beendigung des jetzt wieder begonnenen Krieges unter den Gemeinden unsers Kirchspiels ein Invalide, so soll er 1000 Thaler zum Ankaufe eines Häuschens und jährlich 50 Thaler haben; finden sich mehrere, so mag man den Satz ermäßigen, aber unterstützt müssen sie alle werden. Ich und deine Mutter wir danken für jeden Pfennig. Wir haben euch groß gebracht durch unsern Fleiß und können jetzt, da wir kaum Last mehr von euch haben, ruhig und zufrieden von dem leben, was wir haben und verdienen. »Eins aber wollen wir annehmen, wir wollen hier Sonntag nach Pfingsten ein großes Familienfest feiern, dazu sollen die Großmutter, Bruder Heinrich aus Grünfelde, Bruder Friedrich aus Hannover, Vetter Wittig in Melsungen, Cantor Cruella mit Frau und Tochter und was sonst mit Schulzens und Baumgartens verwandt und verschwägert ist, geladen werden, und es sollen den Leuten in Amerika die Ohren klingen, so wollen wir sie leben lassen. Und das, Junge, sollst du bezahlen. »Willst du deiner Schwester und deinem Bruder Georg ein Geschenk machen, so habe ich nichts dabei zu erinnern; was dich selbst betrifft, so bekommst du von allem, was übrigbleibt, zu deinen Studien indeß nur die Zinsen. In diesem Sommer bleibst du in Göttingen, wir müssen dich unter Aufsicht haben, denn du siehst aus wie ein ausgehungerter Rabe. Ob du dann zu Michaelis nach Jena gehst oder noch ein Semester in Göttingen bleibst, wollen wir sehen.« Es war ein heiteres Familienfest, das man acht Tage nach Pfingsten im grünen Walde feierte, die schöne Mainzerin, jetzt ein betagtes Mütterchen, aber noch kerngesund, hatte mit mehr als einem halben Dutzend Großkindern zu schaffen, denn Heinrich Schulz hatte seinen Erstgeborenen und seine Tochter von Grünfelde mitgebracht, Friedrich, der Maschinenbauer, hatte eine Engländerin zur Frau, die noch immer nicht deutsch sprechen konnte, und ihre drei Jungen, die Deutsch und englisch radebrechten, waren kleine Teufel, die tausend Unfug machten. Mariannens Schwester, die Cantorin Cruella, war ohne ihre Tochter gekommen, denn diese war eine berühmte Sängerin in Wien; die Schwester Theresens, Agnes, die Oberförsterin Wittig aus Melsungen, hatte auch zwei rothbäckige Knaben aus dem Hessenlande mitgebracht. Diese Kinder, die sich hier im grünen Walde und unter den Tanzzelten tummelten, bilden fortan mit den Nachkommen unserer andern ältern Bekannten, mit den Kindern Olga's und Heloisens, Hellung's, Bollmann's, der beiden Schlottheim und Georg Baumgarten's, Junker's, Dummeier's und Claasing's, die Helden, wenn man sie so nennen darf, unserer Erzählung. Ein neues Jahrhundert, geboren im Kampfe um Ideen, – alte Menschen, die ihre Ideale haben in Trümmer gehen sehen und selbst in Trümmer zerfallen, junge Menschen und Kinder, die abermals funfzig Jahre oder länger die Fehler der Aeltern nicht vermeiden, nur daß ihre Ideale etwas anders geformt sind. Das alte Jahrhundert hatte mit dem von Paris ausgehenden Wahrspruche: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, geschlossen, vom Pregel her hatte Kant den ewigen Frieden und die Kritik der reinen Vernunft schon länger als zwanzig Jahre gepredigt. Werden die Kinder, die hier im Grase spielen, an ihrem Lebensziele die Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit erlebt haben? Werden sie die Menschen und Völker geneigter sehen zum ewigen Frieden als zum Kriege, geneigter, in Kunst und Wissenschaft sich hervorzuthun als in der Erfindung von Mord- und Zerstörungsmaschinen? Wir wollen versuchen, nicht an dem Leben eines Helden, sondern an den in einer Reihe nebeneinanderstehenden Familien und Individuen ein Bild zu geben von dem, wie es war und wie es geworden. Von den Kindern, die hier sich tummeln, sind erst zwei geeignet, unsere flüchtige Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Der eine hat es schon gethan, es ist Hermann Baumgarten, er hat, jetzt siebzehn Jahre alt, schon selbstthätig ins Leben eingegriffen, er hat für das Vaterland gekämpft und geblutet, er hat durch Glück und Zufall in seinem Leben Förderung gehabt, und Glück gibt Zuversicht und Selbstvertrauen. Ganz anderer Natur ist Gottfried, der funfzehnjährige Sohn des Predigers von Grünfelde. Er ist ein langaufgeschossener blonder Jüngling, ebenso ungelenk und körperlich ungeschickt, wie Hermann trotz des steifen Beines behend und geschickt; er ist nachdenkend und träumerisch, macht Sonette, besingt eine unbekannte künftige Geliebte und läßt sich von sämmtlichen kleinern und größern Cousinen zum besten haben. Er hat nicht eine Spur von dem resoluten, selbstbewußten Geiste seiner Mutter Therese; ob er von dem Verstande des Vaters viel geerbt, läßt sich noch nicht sagen. Aber er ist sehr fleißig, ist unter des Vaters Leitung ein guter Lateiner und Grieche geworden, exponirt seinen Homer, Aeschylus und Thucydides und studirt im Tacitus das Urgermanenthum. Doch ist er eine treue hingebende Seele, jeder muß ihn liebgewinnen, und Hermann Baumgarten hat in wenig Tagen herzinnige Freundschaft mit ihm geschlossen. Unzufrieden mit Gottfried ist allein sein Onkel, der Maschinenbauer und praktische Mann. »Aus dem Jungen, lieber Bruder, wird nie etwas Gescheites, wenn der noch länger in deinem Hause bleibt. Das ist ja kein Junge, das ist eine funfzehnjährige Nachtmütze, ein Mondscheinesser und Traumpoet. Der Junge muß unter Menschen, unter recht wüste Buben, schicke ihn mir nach Hannover, da fehlt es an dergleichen nicht.« »Laßt mir meinen Gottfried ungeschoren«, erwiderte der ältere Bruder, »er ist ein fleißiger, denkender Knabe. Was ihm fehlt, ist Körperkraft, er ist zu schnell in die Höhe gewachsen und hat zu früh gedacht. Ich will ihn gerade in den Jahren seiner Entwickelung im Hause behalten und unter der Pflege der Mutter seinen Körper ebenso heranreifen lassen, wie sein Geist unter meiner Obhut gedeihen wird, und ich hoffe mit Gott etwas Tüchtiges aus ihm zu schaffen. Freilich ein Maschinenbauer, ein Soldat, ein Förster wird er nie werden; er hat aber alles Zeug zu einem tüchtigen Gelehrten, zu einem Philosophen.« Was aus den Kindern werden solle, das war das Lieblingsgespräch der versammelten Familienglieder. Onkel Maschinenbauer hatte Hermann öfter und länger zu bereden gesucht, das unfruchtbare Studiren aufzugeben. »Glaube mir, mein Sohn, unser gehört die Welt, und der Dampf wird in Zukunft die Welt regieren nebst Eisen und Kohlen. Laß die Preußen und Engländer mitsammt unsern Truppen erst diesen Napoleon unschädlich gemacht haben, und das wird sicher geschehen, so werden wir lange Frieden haben und nicht das Wissen, sondern das Können wird Sieger sein. »An Wissen hat es Deutschland niemals gefehlt, Denker gibt es in Ueberfluß, allein wir haben es damit nicht weiter gebracht, wir sind der Spielball anderer Völker geblieben. Man muß nach England gehen, die englische Flotte, die Dampfschornsteine der Fabriken, das englische Geld sehen, muß sehen, was Reichthum vermag, um zu wissen, was uns fehlt, zu fühlen, wie unpraktisch wir sind. »Unsere deutsche Nation kommt mir immer vor wie der ungelenke Junge da, der Gottfried, der auch schon viel zu viel weiß, aber im Leben nichts Ordentliches schaffen wird, wie ich überzeugt bin.« »Du magst recht haben«, sagte Hermann, »und wenn ich mich davon überzeuge, so will ich eben das deutsche Volk belehren, wie es sich bessern muß. Ich will Geschichtschreiber werden, Lehrer des Volkes, Rather, Leiter. Das ist ein schönerer Beruf, als wenn ich eine Dampfmaschine bauen könnte. Ich will das aber, nachdem ich nicht nur aus Büchern erkennen gelernt habe, was das deutsche Volk als Ganzes erstreben und wie es sich in sich selbst staatlich organisiren soll, sondern ich will die Verfassung und das Recht anderer Völker kennen lernen, ich will –« »Ja gut, du willst und willst ein großer Reformator werden, ein politischer Luther, ein Einiger des Reichs u. s. w. Ich weiß das, was sich so ein junger Kopf davon vorstellt, wie anders die Welt werden würde, wenn er erst mit hineinzureden hätte. Wenn du aber so alt geworden bist wie ich, so wirst du einsehen, daß man, um im Weltkothe nicht stecken zu bleiben, nicht als Schulz geboren sein muß. Du heißt nun freilich Baumgarten, aber deine Mutter ist eine geborene Schulz, sie gehört dem großen Geschlechte der Meyer, Müller und Schulze an, die sich schon ihres Namens willen nicht über das Maß des Gewöhnlichen erheben können. Wir sind höchstens bestimmt, wenn wir in unserm kleinen Kreise bleiben, Wegebahner einer größern Zukunft zu sein; Lenker, Rather, nein, nein, dazu ist auch ein Baumgarten nicht bestimmt. Fliege nur zu, du wirst dir die Flügel schon frühzeitig genug verbrennen. Wenn das geschehen ist, wenn du muthlos an der Menschheit verzweifelst, wenn du mit dem Schmuz des Egoismus, wie er das Lebenselement der Menge ist, bekannt geworden, oder wenn die Gewalt dir, dem von einer Schulz Geborenen, die Flügel beschnitten hat, dann erinnere dich, daß du einen alten Onkel in Hannover hast, dem es mit Hülfe deines erbeuteten Geldes gelungen ist, sein Ideal, eine Maschinenbaustätte, zu gründen.« Unser angehender Student hörte bei Heeren Statistik, Geographie und alte Geschichte, bei Sartorius Politik, bei Bouterwek Aesthetik. Das schien ihm für das erste Semester genug. Sein Vater hatte ihm zur Pflicht gemacht, jeden Sonnabend, wenn kein Unwetter hinderte, ins Försterhaus zu kommen und so viel Freunde mitzubringen, wie er wolle. Der Sonntag war der Freudentag für Marianne, und sie sparte jeden guten Braten für den Sohn, den einzigen, der ihr geblieben, und seine Freunde auf. Von letztern hatte sich im Fuchssemester nur ein Dutzend gefunden, deren einige der alten Verbindung der Zwölfer angehörten, andere aus Preußen, Hessen, Nassauern bestanden, welche wie Hermann selbst die Feldzüge von 1813–14 mitgemacht hatten, und die sich durch das rohe burschikose Treiben der Landsmannschaften abgestoßen fühlten. Es schien, als wäre die Vertreibung der Franken nur dazu geschehen, um jeden frühern Provinzialkreis als ein von dem neuen Staate geschiedenes Ganzes auf den Universitäten aufrecht zu erhalten. Da excellirte eine Verbindung Hannovera; die Lüneburger, die Hildesen, die Herzynen, die Bremenser, Bremanen, Hanseaten, Holsteiner, Westfalen, Sachsen, Mecklenburger, Vandalen, Borussen u. s. w. bildeten ihre verschiedenen Landsmannschaften oder Corps, deren Ziel es war, das freie Leben der Studenten gegen das des Pennals zu genießen und in Gesängen zu verherrlichen. Allen denen, welche sich schon vor dem ersten Pariser Frieden mit dem Gedanken an ein größeres deutsches Vaterland getragen, galt dieses particularistische Treiben nun zwar als ein unvolksthümliches, aber es war in Göttingen einmal Mode. Die Heißsporne von 1813 und 1814 fehlten, sie waren, als Napoleon von Elba zurückgekehrt war, sofern sie unverwundet geblieben, von neuem zur Armee gereist und kämpften bei Ligny und Waterloo, während die Landsmannschaften in Göttingen ihr » Gaudeamus igitur « sangen, oder auch ihr. Sic vivamus wir Studenten, Leben alle Tage wohl; Fressen absque Complimenten, Saufen uns stets dick und voll. Sic vivamus du und ich, Wir sind beide liederlich; Und wer uns was dawiderspricht, Den schlagen wir ins Angesicht, Und sprechen noch dazu: Sauf zu. sauf zu, sauf zu! ein Lied, das heutzutage hoffentlich so ziemlich aus allen Commersbüchern verschwunden sein wird. Hermann und seine Freunde hielten sich fern von solchem Treiben, es ekelte sie an; sie hielten ihre Kränzchen, in denen sie sich über allerlei philosophische, politische und historische Dinge unterhielten, die neuesten politischen Broschüren vorlasen oder über die Artikel des »Rheinischen Merkur« debattirten. Die Grundlage dieser Zusammenkünfte bildeten jedoch Vorlesungen aus Fichte's »Reden an die deutsche Nation« und die Erörterung der Frage, wie die akademische Jugend im Sinne Fichte's handeln könne. Alle vierzehn Tage stieg man auch einmal den alten kahlen Kleperberg hinauf zu »Koch's Lust«, um im grünen göttinger Holze bei einem Glase gelben duderstädter Biers Körner'sche, Arndt'sche und Schenkendorf'sche Lieder zu singen, dann ein frugales Abendbrot auf Koch's Lust selbst einzunehmen und abends ein Glas Punsch zu trinken. Als wenige Wochen nach jenem Familienfeste in der Försterwohnung die Nachricht von dem Siege bei Waterloo eintraf, feierte man diesen Sieg gemeinsam in den Ruinen des alten Hanstein an der Werra, eine Feier, zu der sich außer dem namenlosen Kränzchen schon gegen funfzig »Kamele« eingefunden hatten, welche die Dinge in der Welt von etwas anderm als dem gemeinen Corpsburschenstandpunkte ansahen. Die Feier, bei der verschiedene patriotische Reden gehalten wurden, erregte die Aufmerksamkeit des hohen akademischen Senats, freilich erst nachträglich, als in öffentlichen Blättern darüber gesprochen ward und ein Auszug aus einer höchst schwungvollen Rede Hermann Baumgarten's mitgetheilt war. Hermann führte den in allen hellern Köpfen schon durch Fichte und seine Schüler verbreiteten Gedanken aus, daß das alte Commentwesen aus deutschen Universitäten, wonach nur der als ein honoriger Bursche galt und Stimme und Antheil an den allgemeinen öffentlichen Burschenangelegenheiten hatte, der Mitglied einer der bestehenden (d. h. der auf dem Seniorenconvent vertretenen) Verbindungen war, veraltet und unzeitgemäß sei. Aber er verknüpfte zugleich eine neue Ideencombination damit, indem er das Corps- und Landsmannschaftswesen als den Feudalstaat, aber den zersplitterten, in den Territorien zerrissenen, dargestellt, wobei die Senioren mit den von Karl dem Großen eingeführten Senioren verglichen wurden. Diesem föderativen Feudalstaate gegenüber verlangte Hermann eine durch Immatriculation gleichberechtigte allgemeine deutsche Burschenschaft als Repräsentantin des einheitlichen deutschen Reichs. In einer Zeit aber, wo es endlich gelungen war oder schien, das Ziel jahrhundertelanger Kämpfe zu besiegeln und jedem der noch übrigen deutschen Fürsten die Sonveränetät zu sichern, war dieser Gedanke an ein deutsches Reich, auch in der völligen Unklarheit, wie derselbe damals in allen Köpfen, nicht allein in denen der Jugend schwebte (denn Pütter, der sich auf dem Hardenberge vermessen, ein neues deutsches Reich zu construiren, war lange todt), ein nahe an Hochverrath streifender Gedanke. Das Reich schien durch die Souveränetäten der Zaunkönige beseitigt für immer. Man hatte daher, als man in Hannover von jener Rede Hermann's in den Zeitungen gelesen, nach Göttingen geschrieben und dem Prorector Vorwürfe gemacht, daß er solches Treiben dulde. Dieser war ein Theologe und zugleich ein schlauer Fuchs. Er hatte erwidert, man solle ihn nur machen lassen, und er machte seine Dinge gut. Als das Semester seinem Ende sich nahte, wurde dem Seniorenconvent insinuirt, der Prorector würde diesmal, auf gehörige Weise angegangen, einen allgemeinen Commers aller Corps mit öffentlichem Auszuge gestatten. Der Seniorenconvent ermangelte nicht, um Erlaubniß zu einem solchen allgemeinen Commers zu bitten, und bei dieser Gelegenheit machte denn der Herr Prorector die Senioren selbst darauf aufmerksam, daß eine süddeutsche Partei in der Bildung begriffen scheine, die das alte Corps- und Commentwesen stürzen wolle. Den Herren, die keine Zeitung zu lesen pflegten, die über die Tragweite der Dinge auf dem Hanstein kaum nachgedacht und solche, als von Nichtcorpsburschen, von Kamelen ausgegangen, ignorirt hatten, denuncirte er gleichsam unsern jüngsten Freund als einen den Corps gefährlichen, vorlauten Burschen. Die nächste Folge war nun, daß drei alte Paukhähne diesen ohne allen Grund auf öffentlicher Straße beleidigten, ihm das Gossenrecht verweigerten und ihn über die Gosse stießen. Das forderte drei Duelle. Hermann aber hatte sich schon als Schüler im Fechten geübt, obgleich ein Fuchs nach studentischem Begriff (d. h. nach damaligem heidelberger Comment »ein Stück Fleisch ohne Sinn, Witz und Verstand«), er hatte in mehr als einem Scharmützel dem Feinde ins Auge geschaut und Pulver gerochen, warum sollte er sich auf der Mensur weniger tapfer zeigen, die ja nur den Schein eines Kampfes darstellte? Zwei der alten Paukhähne konnten ihm nichts anhaben, den dritten, den berüchtigtsten, führte er so ab, daß die Verbindung, deren Waffen er benutzte, die Westfalen, ihn auf ihre Kneipe und ihren Commers einluden und zu »keilen« suchten. Allein Hermann widerstand den Versuchungen, das Surrogat der Freiheit für die Freiheit zu nehmen; wie er beständig dagegen eiferte, wenn man in seinem Kränzchen das Lied Schenkendorf's: »Freiheit, die ich meine«, singen wollte, weil das ein dummes Lied sei, bei dem man nichts denken könne, so wies er auch die Freiheit des Corpslebens zurück, an politische Freiheit des Volks denkend. Einige nicht unwichtige Folgen hatte das Ereigniß aber dennoch. Einmal schlossen sich von den Wilden, welche die Feier des Sieges von Waterloo auf dem Hanstein mit hatten begehen helfen, ein halbes Dutzend der tüchtigsten dem Kränzchen, das auf Koch's Lust und im Walde kneipte, an. Dagegen gaben die Corpsburschen diesem Kränzchen, da Hermann als der Führer desselben aus der ländlichen Umgegend von Göttingen gebürtig war, den auf Söhne von Predigern und Schulmeistern vom Lande gern angewandten Spottnamen der »Kümmeltürken«. Auf der andern Seite aber schlossen sich die Freunde Hermann's näher aneinander und kamen überein, für den Winter, um nicht von andern Waffenverbindungen abhängig zu sein, selbst eine solche zu bilden, den Namen Göttingia anzunehmen, der schon einmal als Corpsverbindung existirt hatte, und sich, wenn es sein müsse, mit allen andern Waffenverbindungen zu pauken, um ihre Existenz als Corps »herauszupauken«. Sie wollten aber unter sich weder den alten Saufcomment noch den Waffencomment einführen, vielmehr sollte in der Göttingia ein Ehrengericht zuvor entscheiden, ob ein Duell stattfinden dürfe. Die neue Verbindung gestaltete sich denn im Wintersemester auch über alle Erwartung günstig. Es kamen nach dem zweiten Pariser Frieden alle zur Universität zurück, die ihre Studien fortzusetzen beabsichtigten. Gewesene Offiziere, Unteroffiziere wie Gemeine aus den verschiedensten Landestheilen traten in die Göttingia, die ja keine Landsmannschaft, sondern nur eine Waffenverbindung mit neuem Comment sein wollte, wie denn nur zwei oder drei in Göttingen selbst geborene Mitglieder ihr angehörten. Der Name sollte andeuten, daß alle Studenten, die in Göttingen studirten, ihr als Mitglieder willkommen seien. Da vorauszusehen war, daß die neue Verbindung von seiten der alten Corps nicht ohne Anfechtung sein würde, so hatte man die Angehörigen in Glieder eines engern Bundes und in eine Bundesgenossenschaft getheilt, deren Rechte vollständig gleich, waren, nicht aber die Pflichten. Nach außen und soweit es die Vertretung der Göttingia durch sogenannte Propatriapaukereien galt, sollten lediglich die engern Bundesglieder verpflichtet sein. Damit nun Theologen nicht in das Misverhältniß kämen, sich der Verbindung wegen schlagen zu müssen, konnten diese nur zu den Bundesgenossen gehören. Um gehörig zu repräsentiren, war ein alter Bursch, der beide Feldzüge mitgemacht hatte und der sich auf sein medicinisches Examen vorbereitete, als Senior gewählt, und Hermann begnügte sich mit dem Amte eines Schriftführers. Die Göttingia war so zahlreich, daß das größte Local zur Kneipe ausgewählt werden mußte, und die Paukereien, die nicht ausblieben, fielen so sehr zu Gunsten des neuen Corps aus, daß man dieses von seiten des Seniorenconvents, ohne Weiterungen zu machen, anerkannte. Den Pedellen oder Pudeln, wie man sie nannte, war von »dem Akademischen« freilich eingeschärft, ein besonders wachsames Auge auf die neue Verbindung zu haben, welche die Farben der Stadt, weiß-schwarz-gold, an Mützen und Pfeifenquasten, Bändern und Waffen trug; aber über den Geist der Verbindung konnten diese nicht wachen. Es war einer der ersten Beschlüsse der neuen Verbindung, daß das bisher in Göttingen benutzte Commersbuch, welches einen Bier trinkenden und aus einer Thonpfeife rauchenden Amor auf seinem Titelblatte zeigte und nur den Druckort Germania trug, wegen seines gemeinen und sittenlosen Inhalts nicht mehr in die Kneipe gebracht werden dürfe. Eine Commission wurde niedergesetzt, welche die bessern patriotischen und geselligen Lieder sammeln und drucken lassen sollte. Man trank sich am Kneipabende zwar vor und nach, aber das Trinken und Singen war nie die Hauptsache, sondern man debattirte über politische oder philosophische Themata, besonders solche, über welche in den verschiedenen Kränzchen der Gesellschaft, in welche man dieselbe der großen Anzahl wegen hatte theilen müssen, verschiedene Ansichten herrschten. Es gab Kränzchen für Füchse, für Brander und Jungburschen, in den erstern wurden nur Themata allgemeinerer Natur tractirt, z. B. die Fragen: Was ist Ehre? in specie , was ist Burschenehre? Wie muß man den Geist durch den Körper und den Körper geistig ausbilden? In den Kränzchen der Burschen wurde über politische Flugschriften und Aufsätze in Journalen berichtet, und dann platzten die Geister aufeinander. Ein solches Referat, zufällig von Hermann Baumgarten gehalten, sollte das schnelle Ende der Verbindung herbeiführen. Der Geheimrath von Dabelow hielt sich seit Michaelis 1815 in Göttingen auf, um angeblich die Bibliothek zu benutzen, oder wie Hugo, der den Herrn nur O Weh! nannte und durch vernichtende Kritik lächerlich machte, vermuthete, um eine Professur zu erschleichen. Er wohnte in dem Hause des Kaufmanns Meißner, dem Fleischerscharren und der Scharwache des Rathhauses gegenüber. Dabelow hatte nun in Commission der Dietrich'schen Buchhandlung eine Broschüre »Ueber den Artikel 13 der Deutschen Bundesacte« drucken lassen, in welcher ausgeführt war, daß dieser Artikel die deutschen Fürsten nicht zur Einführung landständischer Verfassungen verpflichte, daß es vielmehr von der Gnade und Willkür des Fürsten abhänge, solche einzuführen, eine Behauptung, die später durch Artikel 54 der Wiener Schluß-Acte widerlegt wurde. Schon früher hatte O Weh sich als ein entschiedener Gegner der Repräsentativverfassung, die er für unvereinbar mit dem monarchischen Princip erklärte, misliebig gemacht; die neue Broschüre rief die Entrüstung von ganz Deutschland hervor. Hermann Baumgarten berichtete nun über dieses Werk in seinem Kränzchen an einem Abende vor der allgemeinen Kneipe und bezeichnete dasselbe als ein solches, das an den Schandpfahl geheftet zu werden verdiene. Einer der Anwesenden brachte auf der Kneipe das Gespräch auf die Schrift und die Aeußerung unsers Freundes. Da erhob sich Georg von Schenk aus Hammerstein im Darmstädtischen aus der Menge und bat den Vorsitzenden um das Wort: »Wir reden, meine Brüder, so oft davon, daß es schwer sei, dem Rathe Fichte's an die akademische Jugend, den Egoismus abzulegen, heiligen Ernst zu zeigen und vor allem zu handeln, nachzukommen. Hier ist eine Gelegenheit zum Handeln, laßt uns morgen am hellen Tage das thun, was einer von uns als recht empfohlen, laßt uns Dabelow's Buch an den Schandpfahl heften und ihm selbst, wie wir es heute hier thun wollen, vor seinem Hause, als Fürstenknecht, ein Pereat bringen; Pereat Dabelow, der Fürstenknecht!« Man stimmte allseitig bei und verabredete, jeder solle morgen, wenn nicht anders so durch Anschlag in allen Collegiis verbreiten, daß Dabelow's Buch wider den Artikel 13 mittags 12 Uhr an den Schandpfahl geschlagen werde. Hierzu meldeten sich so viele, daß zum Lose geschritten werden mußte, welches zufälligerweise den Aussprecher des Gedankens traf. Am andern Morgen, es war am 18. Januar 1816, sagten sämmtliche Stiefelwichser beim Reinigen der Kleider an, es werde mittags 12 Uhr auf dem Marktplatze an dem Volksverräther Dabelow ein öffentliches Gericht vollstreckt werden. In den Collegien flüsterte der eine dem andern zu, ob man schon wüßte, daß Dabelow's »Artikel 13« auf öffentlichem Markte verbrannt werden solle? Die eigentlichen Corpsburschen standen zwar der Politik fern, aber jeder »Ulk« war ihnen lieb. Viele schwänzten die Collegia, um sich auf den »Ulk« durch ein ordentliches Frühstück im Rathskeller vorzubereiten und dieser wie die Bosia selbst waren so gefüllt, daß man kaum einen Schoppen Bier oder Wein haben konnte. Schon um 11 Uhr standen Hunderte von Dienstmädchen, Schusterjungen, Stiefelwichsern auf dem Marktplatze. Die Studentenwelt war unruhig, führte etwas im Schilde, das wußte man allerorten, das hatten »Schäfer und Doris«, das durch Heinrich Heine bekannte Pedellenpaar, auch schon dem Prorector berichtet. Der Goldaga wie der Silberaga, die Commandanten der sogenannten Schnurren (der akademischen Polizei), waren zum Prorector beordert und hatten Befehl erhalten, für die Nacht doppelte Mannschaften mit den »Bleistiften« zu versehen. Bleistifte nannte man acht Fuß lange, an dem einen Ende mit Blei gefüllte Stangen, welche die »Schnurren« mit großer Geschicklichkeit namentlich unter die nach einem Pereat oder einer Fenstermusik fliehende Schar der Studenten zu werfen wußten, sodaß etliche zur Erde fielen, um » ad wacham « geschleppt werden zu können. Der Prorector dachte natürlich nicht daran, daß man vor der Nacht etwas unternehmen würde, das glaubten auch weder Pedelle noch Agas, und viele Schnurren gingen ihren täglichen Beschäftigungen, dem Holzsägen und Holzhacken vor den Häusern nach; denn solange die Georgia Augusta existirte, waren alle Studentenexcesse immer nur nachts oder am Spätabend vorgekommen. Die Versammlung Neugieriger auf dem Marktplatze glaubte man durch die außergewöhnliche Morgenkneiperei im Rathskeller hervorgerufen, und hielt es nach hergebrachter Gewohnheit für gerathen, solche Dinge zu ignoriren. Pedelle und Agas hatten deshalb vom Prorector die Weisung bekommen, sich auf der Weenderstraße und dem Markte überall nicht sehen zu lassen, dagegen nachzuforschen, welchem Professor oder Hofrath in der Nacht ein Pereat gebracht werden solle. Da man hörte, die Sache gelte dem nicht sehr beliebten Dabelow, hatte man zu verstehen gegeben, die Pedellen und Schnurren sollten erst einschreiten, wenn es zu Fenstermusiken käme. Das Rathhaus in Göttingen steht noch heute, wie es seit 1371 gestanden hat, seine Zinnen und festen Erkerthürme sind nur etwas grauer geworden und die hohe Freitreppe mit der Vertheidigungsbrustwehr und ihren starken eisernen Thüren etwas baufälliger und rostiger. Davor auf einem freien der Weenderstraße zugewendeten Platze sprudelte die Fontaine des sogenannten Großen Brunnens, jetzt in neuer Einfassung, damals noch in der ältern. Hinter diesem stand zu der Zeit, von der wir reden, ein hoher hölzerner Pfahl, von dem zwei eiserne Ketten mit Handeisen herabhingen. Das war der Schandpfahl, daran wurden Diebe, liederliche Frauenzimmer, ungehorsame oder diebische Dienstboten und alle, welche aus der Stadt gestäupt wurden, eine Stunde lang der Menge zur Schau und zum warnenden Exempel ausgestellt. Als nun von den hohen Kirchthürmen der Jakobi und Johanniskirche die Glocke zwölf schlug, da spien alle die verschiedenen Corps- und andere Kneipen ihre Insassen in langen Zügen aus, die sich von der Gronerstraße, der Geismarstraße, der Rothenstraße, der Barfüßler- und Weenderstraße zum Markte bewegten. Auch einige Collegia waren eben geschlossen, aus dem »Pandektenstalle Heise's« und dem Criminalrechte des alten »Strittig«, wie man Meister nannte, kamen allein Hunderte der fleißigen Studenten die Johannisstraße herauf zum Markte. Den stattlichsten Zug aber bildete die Göttingia mit ihren weißen schwarz-goldberänderten Mützen, die aus der größten Kneipe, der Piderit's am Jakobikirchhofe, heranrückte. Voran ging ein Fuchs, der an langer Stange eine Art Banner trug, darauf der Name C. C. Dabelow und das Corpus delicti . Ein zweiter Fuchs hinter diesem trug auf einem rothen Kissen einen großen Nagel und einen Hammer, dann folgten unser Freund Baumgarten und der von Schenk, hinter ihnen Senior und Consenior der Verbindung. Der Zug bewegte sich lautlos die Weenderstraße hinauf nach dem Markte. Der ganze Platz war schon voll Menschen. Die Straßenjugend hockte auf den Balustraden der Rathhaustreppe und auf der Umfassung des großen Brunnens, die verschiedenen Corps gruppirten sich nach der Seite, von der sie den Markt betraten. Als die Weißmützen kamen, machte man ihnen Platz. Dabelow's Buch wurde von der Stange genommen und Hermann übergeben, der, dasselbe in die Höhe haltend, mit lauter Stimme über den Markt rief: »Diesem Schandbuche eines niederträchtigen Fürstenknechts werde ich den Platz anweisen, der ihm allein gebührt, den Schandpfahl!« und dann nagelte er das Buch an den Pfahl. Georg von Schenk schrieb über das Buch mit Kreide an den Schandpfahl: » Dabelow quo peracto! « Die Menge schrie: Pereat Dabelow! und: Nach Dobelow! Polizei ließ sich nicht sehen, und so wogte denn die Masse, vermehrt durch Bürger, die von ihrer Arbeit gelaufen waren, durch einige hundert Dienstmädchen, die für die Burschen das magere Mittagsessen aus den Garküchen holten, und durch die Straßenjugend der ganzen Stadt, nach dem Meißner'schen Hause hin. Der Weg war kurz, man brauchte sich nur vom Rathhause der Universitätsapotheke an der südlichen Seite des Rathhauses zuzuwenden, so war man am Ziele. Die Göttingia zog voran, Jungen und Frauenzimmer nahmen auf dem Johanniskirchhofe Platz, die Hauptmenge drängte sich auf dem engern Raum zwischen der Universitätsapotheke, der Scharwache und dem Scharren zusammen. Der ganze Raum zwischen Rathhaus und Scharren, wie die Zindelstraße, waren von der »Sonne« bis zur Nikolaistraße mit Menschen gefüllt. Nachdem die Menge so still wie möglich geworden war, rief Hermann: »Pereat Dabelow, der Mann, der es wagt, die heiligen Verheißungen der Fürsten an ihre Völker zur Lüge machen zu wollen!« Pereat! pereat! brüllte die Menge, und in demselben Augenblick flogen ein paar hundert Steine in die Fensterscheiben des Geheimen Staatsraths. »Nun laßt uns zum Prorector ziehen, diesem ein Vivat bringen und dann ruhig auseinandergehen« – rief ein alter Bursch von Ansehen. Der neue Prorector war der nassauische Hofrath Bauer; als Erfinder der Warnungstheorie galt er, der vom jungen Strittig verteidigten Abschreckungstheorie gegenüber, schon für modern und für freisinniger als die übrigen hannoverischen Hofräthe. Bauer wohnte an der Allee, und dahin wälzte sich der Menschenstrom durch die Paulinerstraße, theils durch die Gothmar- und Prinzenstraße. Wenn auch die vordersten Burschen mit ihrem »Gaudeamus igitur« begannen, so war doch keine Uebereinstimmung in die Menge zu bringen. Hier sang eine Verbindung: »So leben wir, so leben wir alle Tage«, dort eine andere: »Und der Windmüller mahlt, wenn der Wind weht«, trotzdem daß die Sonne schien und man hätte glauben sollen, die Jugend würde sich am Tage der Schlußverse geschämt haben. Die Göttingia stimmte ihr Lieblingslied an, den Körner'schen Lobgesang auf die Lützow'sche Schar. Dem Prorector war ein Vivat gebracht, die Jugend war hungerig geworden. Jeder eilte seinem magern Freitische zu oder auch der gemeinsamen Speiseküche. Aber die Aufregung begann nun erst in den Kreisen der Hofräthe und Professoren zu wogen. So etwas war unerhört, am hellen Tage eine Fenstermusik und ein Pereat! Pudel Schäfer, vormaliger wohlbestallter wetzlarischer Reichskammergerichtsdiener, der vom Reichskammergericht nie anders als in der Würde eines königlich-kaiserlichen Beamten mit »Wir« zu sprechen pflegte, hatte den Actus von der Rathhaustreppe aus angesehen und die Attentäter Hermann Baumgarten wie Georg von Schenk wohl erkannt. Pudel Doris, der Wohlbeleibte, zog sich aus dem Gedränge in die Universitätsapotheke zurück, um dort einen Magenbittern zu sich zu nehmen und sich die Anführer zu notiren. Beide berichteten dem Prorector. Dabelow, dem Geheimrath, war mit einem Steine ein anonymer Brief in das Fenster geworfen, welcher lautete: »Machen Sie, daß Sie fortkommen, gehen Sie nach Würtemberg, der Civilverdienstorden ist Ihnen gewiß, vielleicht werden Sie sogar Premierminister!« Diesen Brief sendete Dabelow dem Prorector ein, mit einem Schreiben des Inhalts:   »Magnifice! Sie werden über den Skandal Bericht erhalten haben, den die studirenden Jungen vor meinem Hause angerichtet. Ich bin zwar nicht zweifelhaft, daß nicht meine Schrift, sondern nur gelehrte Cabale und Neid den Skandal in Scene gesetzt haben, aber ich verlange die eclatanteste Genugthuung. Wenn man in Göttingen den studirenden großen Jungen das Recht einräumt, mit ihren Professoren ihr Spiel zu treiben, so habe ich nichts dagegen; allein man darf ihnen nicht erlauben, dasselbe zu thun hinsichtlich fremder Gelehrten, namentlich solcher, die wie ich in politischen Relationen stehen. Jedenfalls müßte das Publikum erst davon in Kenntniß gesetzt werden, daß eine Jungencensur in Göttingen eingerichtet sei. Ich werde sofort nach Hannover fahren und mich bei dem Curator, Geheimen Cabinetsrath von Arnswald, beschweren.« Actenmäßig.   In größter Sorge war aber der Prorector; nicht nur darüber, daß so etwas unter seinem Prorectorat passiren konnte, nein, daß es wirklich geschehen war, ohne daß er auch nur eine Ahnung davon gehabt, und nachdem er vor kaum vierzehn Tagen einen längern Bericht an das Curatorium entsandt hatte, dahin: »daß sich in Göttingen nicht die geringste Spur von jenem Geiste der Unzufriedenheit und des Mißvergnügens mit öffentlichen Zuständen rege, der an andern Universitäten mit Recht beklagt werde, die akademische Jugend, ein Beispiel nehmend an dem Geiste ihrer Lehrer, halte sich fern von aller und jeder Politik.« Und nun diese Demonstration, die in ganz Deutschland, ja bei dem Rufe Göttingens in Europa Aufsehen machen mußte! Wie sollte er vertuschen oder verkleistern können, da Dabelow selbst nach Hannover wollte? Was aber beinahe das Schlimmste war, wie sollte er rechtfertigen, daß die Studirenden ihn in Gegensatz zu Dabelow gesetzt, ihm ein Vivat gebracht hatten? wie sich selbst rein waschen von dem Glauben der Studirenden, daß er liberal sei, wie sich selbst anschwärzen? Der akademische Senat versammelte sich am Nachmittage, um die detaillirten Berichte der Pedelle über das wie, durch wen, auf wessen Veranlassung zu hören, und da hieß es denn: durch die Verbindung Göttingia, auf die Veranlassung der Studiosen Hermann Baumgarten und Georg von Schenk. »Ist ersterer nicht derselbe junge Bursche, welcher auch auf dem Hanstein bei Gelegenheit der Waterloofeier schon eine verdächtige politische Rede gehalten hat?« fragte der Universitätsrath. »Ja wohl«, sagte Schäfer, »derselbe, der die Corps hier zu Grunde richten und eine allgemeine Verbindung aller Studenten einrichten will, ein unruhiger, gefährlicher Kopf!« »Citatur auf morgen, nebst dem Vorstande, Senior, Consenior und Secretär der Göttingia; wir müssen ein Exempel statuiren, ehe wir nach Hannover berichten«, befahl der Prorector; »und dann, meine Herren Collegen, wer nach auswärts schreibt, sei es nach Hannover, sei es an einen Freund auf einer andern Universität, der erwähne des Vorfalls nur als einer Bagatelle ohne alle politische Bedeutung, als That eines halb hirnverbrannten Jünglings, der irgendeinen Privathaß gegen Dabelow auf diese Weise zum Austrage gebracht habe, als einer Rache der göttinger Studenten für die Schmähungen Dabelow's auf Göttingen, das er nur seiner Würste wegen berühmt genannt hat. Es thut uns leid, constatiren zu müssen, daß Heinrich Heine's Wort nur eine Wiederholung dessen ist, was funfzehn Jahre früher Dabelow schon geschrieben hatte. Die Jungfräulichkeit der Georgia Augusta, was politisches Getreibe anlangt, darf in keiner Weise dem leisesten Zweifel unterliegen.« Am andern Tage gab man Hermann das Consilium abeundi , d. h. den Rath, binnen vierundzwanzig Stunden Göttingen zu verlassen, wenn er nicht aus der Stadt gebracht werden wolle. Georg von Schenk mußte acht Tage Carcerstrafe ertragen, den Senioren wurde anbefohlen, die Göttingia aufzulösen. Hermann ging gern, war doch nicht ein einziger Lehrer in Göttingen, dessen Vortrag ihn gefesselt, zu dem das Herz ihn hingezogen hätte. In Jena dagegen fand er Luden, an dem sein Herz schon hing, fand er Fries, Oken und viele alte Lützower. Die Göttingia wollte ihm bis Heiligenstadt das Geleit geben, unser Freund wehrte es ab, unter dem Vorwande, zuerst einige Tage in der Heimat zubringen zu wollen. Die Mutter vergoß zwar reichlich Thränen, da sie sich schon wieder von dem Sohne trennen sollte, der Vater aber, der das alte Unwesen der adeligen und bürgerlichen Forstcarrièren und die alte Patronessen- und Connexionswirthschaft in seinem Dienstfache wiederhergestellt sah und dem weder die ganze Restauration, wie sie drüben in Kurhessen, noch die halbe, vermittelnde Wiederherstellung des Alten, wie man sie im Hannoverischen versuchte, nach Sinne war, sagte nur: »Junge, glaube aber nicht, daß die Goldfüchse jungen. Halte dich nur an die Zinsen!« Der Student, der sich seine Sachen von Göttingen mit der Post nach Jena nachschicken ließ, marschirte in einer reich mit Schnüren besetzten Polonaise, der langen Pfeife mit weiß-gold-schwarzen Quasten und mit der gleichfarbigen Mütze vergnügt dem Leinethale zu, um über Mühlhausen die ersehnte Stätte zu erreichen. Es war ein herrlich klarer Februartag, als er auf der Höhe des Rusteberges von der Heimat, von der ganzen schönen Gegend um Göttingen, vom Gleichen, Hanstein, Ludwigsstein, Ahrensstein und Meißner Abschied nahm und nach Osten schritt. Er blickte noch manchmal nach dem Meißner hinüber und nach dem Hohen Hagen, dann aber wurde darauf losmarschirt und ein Körner'sches Lied gesungen. Ade! Ade! Ade! Achtes Kapitel. Veronica Cruella. Wir müßten eigentlich die weitere Entwickelung, die in Hermann Baumgarten während eines dreijährigen Aufenthalts in Jena vorging, verfolgen, wäre sie nicht der seiner Altersgenossen so ähnlich gewesen wie ein Ei dem andern. Er hatte die allgemeine Burschenschaft gründen helfen, bei dem Wartburgsfeste eine hervorragende Rolle gespielt, war mit allen bedeutenden Leuten, die damals in Jena studirten, eng befreundet, schwärmte für volksthümliche Ausbildung des deutschen Volkes, discourirte mit Snell und Sprewitz über die Möglichkeit der Herstellung eines deutschen Reichs durch einen Geheimbund, wetterte und fluchte über die Karlsbader Beschlüsse und jammerte dann sentimental im Chor mit den Genossen: Wir hatten gebauet Ein stattliches Haus! Aber unser künftiger Geschichtsforscher war fern geblieben jener mystisch-christlichen Schwärmerei, die sich in den Kreisen Sand's entwickelte. Durch Luden angeregt, machte er deutsche Geschichte zu seinem Hauptstudium und beschäftigte sich früh mit alten Annalen und Chroniken, Urkunden und Diplomen. Er wollte eine akademische Carrière machen, Lehrer der Jugend werden, dieselbe für das Vaterland begeistern. Seine Doctordissertation handelte über das lustige Leben am Hofe Welf's VI. zu Altorf und den Verkauf der Güter Welf's an Kaiser Friedrich. Die Annales Altahenses des Abts von Niederaltaich dienten ihm hauptsächlich als Quelle und brachten ihn auf den Gedanken, seine Habilitation als Privatdocent in Göttingen mit einem Werke über Heinrich den Löwen zu beginnen, zu dem er unter Luden's Anleitung jetzt schon Vorstudien machte. Aber um ein solches Werk schreiben zu können, mußte er Italien gesehen haben, er mußte das Altorf, das er beschrieben hatte, er mußte ganz Baiern kennen lernen, hier und da nach alten unentdeckten Urkunden forschen, denn das war die Lust des Gelehrten, Klosterbibliotheken zu durchstöbern, etwas Neues zu entdecken, das ihm Ruhm brächte. Seine Mittel erlaubten ihm ja die Reise. Der junge Doctor wanderte durch das Werrathal in die Heimat und überraschte Vater und Mutter durch sein blühendes Aussehen. Er hatte sich zum Manne entwickelt, aus dem magern, eckigen, hoch aufgeschossenen Burschen war ein breitbrüstiger, gewandter Mann geworden. Die Lahmheit im Knie war dank einem methodischen Turnen ganz gewichen, und man sah an Schritt und Tritt, an Auge und Wange, daß man hier einen unverdorbenen kräftigen Jüngling vor sich habe. Die blaue Polonaise mit ihren Schnüren und Troddeln war durch einen einfachen deutschen Rock mit stehendem Kragen ersetzt, über welchen der weiße Kragen des Hemdes weit übergeschlagen war, aber von einem Lockenwulst, der bis auf den Rücken hinabfiel, bedeckt wurde. Am Kinn kräuselte sich ein schwarzer Bart, und ein zierliches Schnurrbärtchen schmückte die Lippen. Marianne konnte stolz auf ihren Sohn, den Doctor, blicken, und auch Oskar freute sich des kräftigen Burschen. Diesen hielt es aber nicht lange in der Heimat, die Wanderlust war über ihn gekommen, es zog ihn nach Rom, er mußte die Orte, wo sein Held Heinrich die verräterischen Römer niedergeschlagen, er mußte die Burg des Crescentius, die Tiberbrücke und die Fischteiche des Janiculus, um die der Kampf gewüthet hatte, mit eigenen Augen sehen. Hermann wollte denselben Weg innehalten, den Friedrich I bei seinem Römerzuge eingeschlagen hatte, vom Lechfelde bei Augsburg über Brixen, Botzen und durch das Trientinerthal ziehen, dem Laufe der Etsch folgen, über Verona nach Brescia und Piacenza die ronçalische Ebene besuchen. Die Reiseausrüstungen wurden möglichst beschleunigt, ein Koffer mit Wäsche und Kleidungsstücken nach Augsburg vorangesendet. Dann trat der junge Gelehrte, das Ränzlein auf dem Rücken, in der rechten Hand den derben Ziegenhainer, in der linken die lange Pfeife mit den schwarz-roth-goldenen Quasten, in der Brusttasche Paß, Doctordiplom und Wechsel auf München, Florenz, Rom und Wien, die Reise durch Süddeutschland, den Rhein hinauf, dann durch Würtemberg an. Die Mutter ermahnte den Sohn noch beim allerletzten Abschiedskusse, nicht zu vergessen, daß in Wien die Cousine Veronica lebe, die eine berühmte Sängerin und sehr schön sein solle. Er möge sich nicht in sie verlieben. Hermann sah auf seiner Reise viel und lernte viel, er sah schöne Gegenden, Städte, Bilder und Kunstwerke, durchstöberte alle Bibliotheken und studirte alle Pergamente; was er aber nicht sah, waren die glühenden Blicke, mit denen schöne Toscanerinnen und Römerinnen den schlanken Jungen im deutschen Costüm verfolgten. Das schöne Geschlecht hatte keinen Reiz für ihn, er hatte den Kopf so voll von Heinrich dem Löwen und all den Zuständen des alten Deutschen Reichs unter den ersten Hohenstaufen, daß ihm für schöne Mädchengestalten kein Platz blieb. In der That hat die Wissenschaft die Macht, junge Männer so zu erfüllen, daß sie jahrelang kaum vom Dasein eines zweiten Geschlechts wissen, und wer Deutschland, Italien, die Schweiz so zu Fuß durchwandert, wie unser junger Freund that, wer bemüht ist, die kleinsten Details der Zeit vor siebenhundert Jahren zu ergründen, wie sein Beruf es erforderte, der wird auch nicht einmal in Träumen vom schönen Geschlechte berührt. Aus Italien durch die Schweiz zurückgekehrt, wandte sich der Doctor an Tirol, das er kannte, vorbei, den salzburger Bergen und Seen zu, stieg dann zur Donau herab und fuhr mit dem Dampfer von Linz nach Wien. Der junge Baumgarten hatte viel gelernt in Jena wie auf seiner Reise, von dem aber, was man gute Lebensart nennt, wußte er nichts; er stürmte noch immer als alter jenenser Student herum und würde den ganzen Tag mit seiner langen Pfeife mit den schwarz-roth-goldenen Quasten in der Kaiserstadt herumgelaufen sein, hätte ihm nicht am Tage nach seiner Ankunft, als er schon morgens auf der Biber- und Dominicanerbastei, die seiner Wohnung am nächsten lagen, mit der Pfeife spazierte, ein Polizist bedeutet, daß das Rauchen hier nicht erlaubt sei; für diesmal wurde er mit 2 Gulden Schein Strafe nach dem Weißen Wolf zurückgeschickt, um die Pfeife dort abzulegen. Der Reisende hatte sich angewöhnt, in jeder Stadt, die er besuchte, zuerst den höchsten Thurm zu ersteigen, um so eine Uebersicht von dem Weichbilde zu gewinnen. Auch hier war er denn bis zur Pyramide des Sanct-Stephan über die Uhrstube hinaufgestiegen, sodaß er auf das hohe Dach der Kirche mit seinem riesigen Kaiseraar hinuntersah. Einen Plan von Wien in der Hand, studirte er stundenlang das unendliche Häusermeer der Stadt und der Vorstädte und suchte sich die Hauptrichtungen nach den vier Vierteln und den Hauptlinien der vierundachtzig Vorstädte zu merken, sich, was die Altstadt anbetraf, die wenigen Plätze und Hauptstraßenrichtungen in den Kopf zu zeichnen. Dann aber begann er einige Tage vom Morgen bis zum Abend Stadt und Vorstädte zu durchlaufen, denn gehen konnte man das nicht nennen, auf den Basteien und Glacis die Dandies und Damen beinahe umzurennen, und sich anzusehen, was als Sehenswürdigkeit gerühmt wurde. Nachdem die Schaulust gestillt war, ging es in den Staub der k. k. Hofbibliothek. Der Doctor hatte von Jena Empfehlungen an den Bibliothekar Kopitar, und dieser war ihm mit wienerischer Gefälligkeit behülflich, alles vorzulegen, was sich in Bezug auf die Zeit Heinrich's des Löwen in Annalen und Handschriften vorfand, und der Forscher war in der That so glücklich, ein paar alte Handschriften zu entdecken, welche ganz neue Aufschlüsse gaben, die eine in Beziehung auf die Mathildischen und über die gesammten Welfischen Güter in Italien, die Heinrich bei dem Römerzuge den italienischen Vettern abtrat; die andere über die Verheiratung »Ja so mir Gott's« mit Heinrich's Mutter Gertrude, der Tochter des Kaisers Lothar, über ihren Verzicht auf das Herzogthum Baiern zu Gunsten des Gemahls, den Krieg Welf's VI. gegen das Haus Oesterreich, die Schlacht bei Weinsberg und die Fabel von der Weiberthat, sodaß Hermann durch alle Stunden, welche die Bibliothek geöffnet war, morgens von neun bis zwölf und nachmittags von drei bis sechs Uhr arbeitete, excerpirte, abschrieb und nachsuchte. Der Bibliothekar Kopitar deutete dem jungen Mann an, daß er ihn ganz gern in das Belvedere begleiten und die Ambrosensammlung zeigen wolle, daß er inzwischen nicht verhehle, wie seine burschikose Tracht hier auffalle, namentlich das Baret und das lange Haar. Wenn er ihm einen guten Rath geben dürfe, so solle er sich das lange Haar schneiden lassen und statt des Barets einen Cylinder aufsetzen. Dann würden ihn auch die schönen Wienerinnen, die Damen wie die Stubenmadels noch einmal so freundlich anschauen als jetzt, wo sie ihn als ein Wunderthier anstarrten. Der Burschenschaftsmitstifter erwiderte aber, daß ihm schon vor der Zeit graue, wo er als Privatdocent die Angströhre auf dem Kopfe haben müsse, daß er, solange er noch nicht ins Philisterthum getreten sei, sich von seinem Baret und langem Haare nicht trenne. Wienerinnen habe er noch nicht gesehen und werde sich um dieselben auch nicht viel kümmern, und was die Stubenmadels anlange, so lasse es die Rosi, die im Weißen Wolf aufwarte, an Zuvorkommenheit trotz des langen Haars nicht fehlen und habe ihn schon veranlaßt, grob zu werden. So war der junge Doctor beinahe vierzehn Tage in Wien, ohne daß es ihm einfiel, die Cousine Veronica zu besuchen, sich auch nur nach ihr zu erkundigen. War nachmittags die Bibliothek geschlossen, so pflegte er einen Spazierweg zu machen, oder mit einem Stellwagen nach einem der zahlreichen Vergnügungsorte hinter der Linie, nach Dornbach mit dem schönen Schwarzenberg'schen Parke, nach Döbling, Grinzing oder Hietzing zu fahren, oder den Weg auf der Schotten- und Elendbastei zur Franz-Josephsbastei zu nehmen, um von der Ferdinandsbrücke in den Prater zu fahren. Eines Tages, als er die Augustinerbastei hinab wandelte, um über die Elisabethbrücke an der Wien herunter zum Belvedere zu gelangen, und so bei dem Opernhause vorbeikam, las er unwillkürlich den Anschlagzettel und sah, daß Veronica Cruella heute in Beethoven's »Fidelio« in der Titelrolle auftrete. Das Opernhaus war damals noch nicht nach dem Glacis hinausgerückt auf den schönen Platz zwischen Ringstraße und Altstadt, es lag am Spitalplatz in der Nähe der ominösen Walfischstraße. Da mußt du ja die Cousine sehen und singen hören, dachte der Geschichtschreiber Heinrich's des Löwen und drängte sich unter die Menge, ein Billet zu erobern. Hermann hatte in Mailand, Florenz, Turin weltberühmte Sängerinnen »trillern, tremuliren, aufschreien« hören, wie er sich auszudrücken pflegte, denn es fehlte ihm für Musik und Gesang an jedem feinern Sinn, und die Burschenschafter hegten eine gewisse Verachtung gegen das verweichlichende Operngetriller. Die Oper »Fidelio« kannte er nicht, allein schon ihr halb politischer Inhalt zog ihn an. Als er nun aber Fidelio natürlich, feurig und energisch den Muth eines liebenden Weibes darstellen sah, als er Veronica hier in weichen, bittenden Tönen, mit seelenvoller Tiefsinnigkeit die erste große Arie und das Duett mit Florestan singen, dann sie mit markdurchschütternder Gewalt die Worte »Ich bin sein Weib« dem Pizarro zurufen hörte, da erfaßte ihn derselbe halb wahnsinnige Enthusiasmus, in welchem das Publikum sich im Beifallssturme gehen ließ. Der Jüngling sah in der Cousine die durch die hohe begeisternde Macht ihres Gesanges alles hinreißende Künstlerin und die hehre Jungfrau. Und Veronica? Wir müssen einige Jahre zurückschauen, um ihren Bildungsgang zu verfolgen. Die Sängerin hatte eine eigenthümliche Erziehung von ihrem Vater erhalten, der sich aus Salzmann'schen, Basedow'schen und andern Schriften wie aus Lafontaine'schen Erziehungsromanen eine eigene pädagogische Methode zusammengesetzt hatte. Zunächst war schon bei der Geburt des Kindes von ihm entschieden, daß dasselbe eine Sängerin werden solle; Vater und Mutter hatten schöne Stimmen, der Gesang hatte sie zusammengeführt, warum sollte das Kind aus der Art schlagen? Sodann sollte das Mädchen den Verführungen der Männer, denen Sängerinnen und Schauspielerinnen so häufig unterliegen, nicht ausgesetzt werden, mindestens stahlgewappnet, wie die Jungfrau von Orleans, ihnen zu widerstehen in der Lage sein. Das Kind sollte körperlich und geistig abgehärtet und gegen Liebesgedanken gleichgültig gestimmt werden. Der Cantor Cruella meinte, eine Kinderseele lasse sich stimmen wie ein Instrument. Trotz Bitten und Thränen der Mutter bestand der Vater darauf, daß Veronica von ihrem fünften Jahre an Knabenkleidung trage, später wurde sie in die Knabenvolksschule geschickt und mußte dann die Rectorschule besuchen, um hier Lateinisch wie Griechisch, Mathematik und Geschichte zu lernen. Erst als Veronica dem Confirmationsunterrichte zugewiesen wurde, in ihrem zwölften Jahre, setzte die Mutter es durch, daß sie aus der Knabenschule fortbleiben durfte und Mädchenkleider erhielt. Der Rector gab ihr Privatstunden im Lateinischen, damit sie künftig desto leichter das Italienische lerne. Aber auch in Mädchenkleidern blieb Veronica eine wilde Hummel, der im Schloßpark von Heustedt kein Baum zu hoch war, die ihre Schwärmer fliegen und knallen ließ, sich im Schießen übte, wenn sie einer Pistole habhaft werden konnte. Darin hatte der Vater recht gehabt, Veronica hatte eine wunderbar schöne Stimme und behielt sie auch nach den Uebergangsjahren; ob aber die vielerlei psychischen und physischen Experimente, welche der Vater mit dem Mädchen ausgestellt hatte, und es waren darunter gar seltsame, den Zweck erreichten, das Herz Veronica's gegen Geschlechtsliebe abzustumpfen, müssen wir bezweifeln. Denn ein halbes Jahr nach der Confirmation war sie die Hauptperson einer rührenden Abschiedsscene. Landrath Vogelsang's jüngster Sohn wurde in das Cadettenhaus nach Kassel geschickt, und Veronica wartete seiner am Abend vor der Abreise im Park in der Jelängerjelieberlaube, in der Adele, das Kind, einst geseufzt hatte. Veronica seufzte nicht und weinte nicht, sie schien der stärkere Mann und der Cadet die Geliebte zu sein. Sie küßte Otto von Vogelsang und sagte: »Ich bleibe dir treu, bleibst du es auch, so führt das Schicksal uns wieder zusammen.« Dem Knaben standen die Thränen in den Augen und fehlten die Worte. Kurze Zeit darauf mußte auch Veronica von der Mutter Abschied nehmen, der Vater selbst brachte sie nach Leipzig zu einem alten Freunde und Collegen. Sie sollte hier in Gesang, Declamation, Mimik und Tanz weiter gebildet werden. Das junge Mädchen lernte schnell; Anstand war ihr angeboren und sie brauchte nur Damen zu sehen, um zu wissen, wie sie sich kleiden müsse. Von Mutter und Großmutter her schien sie ein Talent zur Modistin überkommen zu haben. Mit wenig Geldmitteln wußte sie sich überall zu helfen. Aber der Vater ließ es am Gelde nicht einmal fehlen, so sparsam er sonst war; als sie zum ersten male als Concertsängerin öffentlich auftrat, legte ihr Madame Caloni, bei der sie jetzt lebte, ein Kleid von weißem Atlas an, das der Vater ihr schenkte. Die Caloni war einst eine ausgezeichnete Sängerin gewesen, hatte in Italien und Paris, ja in allen europäischen Residenzstädten großen Beifall geerntet, war vergöttert und angebetet worden, aber auch viel betrogen, wie sie sagte. Sie haßte die Männer als ein durch und durch treuloses, egoistisches, nur nach dem Genusse des Augenblicks haschendes Geschlecht, das keiner Hingebung von seiten der Frauen werth sei. Sie benutzte die Stunden, wo Veronica nicht übte, die Stunden bei Tisch und auf Spaziergängen dazu, dem jungen Herzen gleiche Verachtung gegen die Männer einzuprägen, indem sie von allen ihr widerfahrenen Treulosigkeiten in mächtig aufgetragenen Farben erzählte und natürlich verschwieg, wie oft sie selbst während der Dauer eines zärtlichen Verhältnisses mit dem Tenor H. oder dem Baß Z. mit dem Graf Y. oder Rittmeister U. zu kokettiren angefangen und dadurch den Bruch verursacht habe. Die Heustedterin war bei der Caloni in Pension, erhielt Unterricht im Italienischen und in der dramatischen Kunst. Es war mit der alten routinirten Sängerin der Vertrag abgeschlossen, sie solle die angehende Künstlerin auf der Bühne einführen und sie bemuttern, nachdem sie sich als Concertsängerin den Beifall des Publikums errungen. Als Belohnung für ihre Dienste war ihr die Hälfte von dem versprochen, was Veronica in den ersten fünf Jahren als Sängerin verdienen würde. Nach fünf Jahren wollte man aufs neue accordiren. Das junge Mädchen errang bei ihrem ersten Auftreten im Gewandhausconcert rauschenden Beifall, sie sang eine große Arie aus Gluck's »Iphigenia«, die ihr der Vater schon als Kind eingeübt hatte. Kein Wunder, daß der Beifallssturm so groß war, denn Veronica stand da als eine wahrhaft blendende Erscheinung, groß, schlank zwar, doch im funfzehnten Lebensjahre mit schwellenden Formen; nirgends Eckiges an der ganzen Gestalt. Nase und Mund edel geformt, mäßig rothe Gesichtsfarbe, aber zwei schwarze große Augen, die wie Diamanten funkelten, üppiges braunschwarzes Haar, das nach damaliger Mode in langen Locken das edle Gesicht einrahmte. Vor allem waren es aber die schönen, untadelhaften, weißen Arme, die kleinen Hände und Füße, die sie auszeichneten. Diese Arme – Veronica wußte, daß sie schön waren und trug sie bloß bis an die Achsel – wenn die Künstlerin sie fallen ließ und sie auf dem weißen Atlaskleide in malerischer Rundung zu ruhen schienen, erhielten durch Atlas und Handschuhe noch Folie. Der Atlas sah gelb, die weißen Handschuhe todt aus, während durch die Marmorarme das rosenrothe Leben hindurchschimmerte. Wahrlich, die Caloni hätte nicht nöthig gehabt, sechs Blumensträuße selbst zu winden und durch dienstbare Geister der Debutantin zu Füßen werfen zu lassen, es regnete von allen Seiten Blumen, und selbst Damen waren von der Anmuth der Erscheinung so bezaubert, daß sie die Bouquets, die sie selbst soeben erst von ihren Anbetern erhalten, der Sängerin opferten. Als Veronica in der zweiten Abtheilung des Concerts noch einmal auftrat, um ein altes deutsches Volkslied zu singen, wozu der Vater selbst die Weise gesetzt hatte, wollte der Applaus kein Ende nehmen. Man hatte zwei große Körbe voll Bouquets mit in den Wagen zu nehmen und fand am andern Morgen in einem eine Diamantnadel. Alle Journale der nächsten Tage waren voll von dem neuen »Stern«, von der aufgegangenen »Sonne«, welche die Catalani bald verdunkeln würde. Epitheta, mit denen man Veronica überhäufte, kamen tausendfach, es regnete Sonette, Oden und Liebesgedichte. Die junge Sängerin fühlte zum ersten male den Rausch, als Tagesheldin gefeiert zu werden, in Journalen und Tagesblättern ihren Gesang wie die Schönheit ihrer Person gepriesen, sich von der Menge angebetet und vergöttert zu wissen. Ihr Herz war für solche Dinge nicht unempfindlich, hatte doch der Vater ihr schon als Kind eine solche Zukunft als Künstlerin vorgemalt und hundertmal wiederholt: »Du wirst als Künstlerin auf Leidenschaft und Männerliebe verzichten müssen, aber Ehre, Ruhm, Gold und Diamanten werden dich trösten.« Ehre, Ruhm und Gold zu gewinnen, um dem alten Vater und der Mutter vergelten zu können, was sie an ihr gethan, dieses Trachten füllte zur Zeit ihren Geist aus, soweit derselbe nicht durch die Kunst selbst eingenommen war. Denn das versteht sich bei einem so jungen Mädchen von selbst, daß es vor allem der Kunstenthusiasmus war, der ihr Streben trug. Es gewährte der glücklichen Veronica ein unendliches Vergnügen, alle Recensions über ihr Auftreten zu sammeln, abzuschreiben und dann ihrem Vater die gedruckten Originale zu senden. Bereits am zweiten Tage nach dem Concert kam der Director des Stadttheaters, um dem neuen Stern am leipziger Horizont ein Anerbieten wegen einer Probe und Gastrolle zu machen, und erfüllte damit ihren sehnlichsten Wunsch. Sie sollte die Zerline in »Don Juan« singen. Schon zu den Proben drängten sich die bevorzugten Kunstdilettanten, und zwei Tage vor der Vorstellung war das Haus ausverkauft. Zerline wurde mit Enthusiasmus empfangen, unter Blumen und Bouquets beinahe erstickt, in jedem Acte steigerte sich der Beifall und das Hervorrufen. Sie war aber auch eine zu reizende Zerline, diese leichte graziöse Beweglichkeit, diese schlanke Taille mit dem sprossenden Busen, dieses schalkhafte Lächeln und wieder diese Hoheit. Ihre seelenvollen Augen machten die Pulse aller Männer rascher schlagen und schienen selbst in dem Don Juan, der es nicht blos im Stücke, sondern im Leben war, in dem großen Heldensänger – – no, ein süßes Verlangen zu entzünden, denn er sang schmelzender, verlockender als je, und sein Spiel und seine Geberden entzündeten wieder die Frauenwelt, während das lachlustige und weniger denkende Publikum durch Leporello unterhalten wurde. Donna Anna und Donna Elvira standen mit neidischen Blicken hinter den Coulissen und flüsterten sich allerlei boshafte Bemerkungen über den neuen Stern zu, dessen Untergang sie sehnlichst herbeiwünschten. Die Caloni feierte die Triumphe Veronica's als eigene Triumphe, denn es hieß, die Schülerin der großen Caloni, und manches Lob, manche Erinnerung an frühere längstgeschwundene Zeiten wurde dabei wieder aufgefrischt. Einer der beliebtesten Opernrecensenten hatte die gute Idee, sich von der Caloni ihre reichhaltige Sammlung von Kritiken über eigene Leistungen auszubitten und verglich nun das Auftreten der Schülerin mit dem Auftreten ihrer Lehrerin vor so und so viel Jahren in Paris, Mailand, Neapel, Wien und Petersburg, um zu zeigen, was Veronica etwa von ihrer Lehrerin gelernt und was sie selbst eigenes hinzugedichtet habe. Aber die wunderherrliche Veronica war selbst ein Gedicht, ihre Persönlichkeit konnte nicht verglichen werden mit der der Caloni, wenn diese in der Jugend auch noch so schön gewesen wäre. Der »Don Juan« mußte dreimal wiederholt werden und jedesmal geschah es bei übervollem Hause und gleichem Erfolge für die Sängerin. Während der zweiten Aufführung war ein prächtiger und kostbarer wiener Flügel von unbekannter Hand in die Wohnung der Künstlerin, die sich bisher eines entliehenen Instruments bedient hatte, geschafft und nebst einem sinnigen Sonett der Sängerin verehrt worden. Veronica schwebte in einem Meere voll Wonne, Befriedigung und Selbstgefühl. Nur Eins störte sie, die enorme Zahl von Anbetern, die sie mit Gedichten, Zuschriften, Geschenken, Besuchen überhäuften, vom abgelebten Greise bis zu dem eben aus der Schule entlassenen Studenten. Sie hatte ein so reiches Spielhonorar bekommen, daß sie ihren Aeltern eine ansehnliche Summe zum Geschenk senden konnte, was sie außerordentlich glücklich machte. Dann aber war das Instrument ihre Freude. Zum ersten male sich auf einem eigenen Instrument zu begleiten und noch dazu auf einem solchen, wie es gewiß wenige in Leipzig gab, gewährte einen eigenthümlichen Reiz. Die Caloni war bemüht, in dem Busen Veronica's das Gefühl des Ehrgeizes, des Ruhmdurstes, aber auch des Gold- und Diamantendurstes auf geschickte Weise zu stärken. Als der Direktor die junge Künstlerin von neuem zu drei Gastrollen engagiren wollte, um die Königin der Nacht zu singen, war sie es, die mit demselben unterhandelte und das Spielhonorar in die Höhe trieb. Sie hatte die unzähligen Blumenbouquets, die von der Bühne nach Haus gebracht wurden, eigenhändig durchwühlt, nachdem Veronica der Mutter die schönsten derselben nebst einem schwarzseidenen Kleide zum Geburtstage geschenkt hatte. Nach der zweiten Vorstellung ward abermals eine Diamanttuchnadel, nach der dritten eine Diamantbrosche gefunden. »Wer das gibt, liebe Veronica«, hatte sie gesagt, »gibt mehr, und ich hoffe, daß du nach der zweiten oder dritten Vorstellung der Königin der Nacht in einem echten eigenen Diadem erscheinen und den Theaterplunder zurückweisen kannst. Ich werde mit diesen drei Schmuckstücken, die du bisjetzt erst besitzest, dich so ausschmücken, daß sie allgemein auffallen und die Sterne in deinem schwarzen Kleide verdunkeln sollen. Das mußt du mir indeß versprechen, nie einem deiner Anbeter, und sei er noch so freigebig, mehr als höchstens einen Handkuß zu gestatten, keinen Blick voll Liebesglut aus deinen Augen, wie du einmal während des Spiels, ich weiß nicht, ob willkürlich oder unwillkürlich dem Don Juan zusteuertest, sodaß er unter der Schminke erröthete, keinem ein freundliches Lächeln zu vergönnen. Sei stolz wie eine Königin, und du bist ja die Königin des Gesanges! Laß sie wie Sklaven zu deinen Füßen schmachten, laß sie seufzen und flehen, bleibe Königin, Siegerin. Erst wenn du durch Reichthum frei und unabhängig geworden bist, denke daran, über Herz und Hand zu verfügen, wenn du dann überhaupt noch Lust hast, das Joch der Ehe zu tragen.« Diese Lehren fielen auf einen fruchtbaren Boden. Veronica hatte gegen die Männerwelt schon eine große Voreingenommenheit, ihr vorherrschender Charakter war Stolz, die Art und Weise aber, wie alte und junge Gecken sie anbeteten, zu ihren Füßen winselten, für eine lobende Zeitungsnotiz, für ein Blumensträußchen einen freundlichen Blick einzuhandeln suchten, war ihr in der Seele zuwider. Die faden Schmeicheleien, mit denen man sie überhäufte, schmeichelten ihrem Stolz nicht, sondern beleidigten ihn. Sie hatte trotz ihrer runden, weichen Formen in der Seele etwas Männliches, dem alles Zahme, Nachgiebige, Willen- und Charakterlose misfiel; und das sächsische Volk überhaupt, das leipziger Dandythum insonderheit hatte es in diesen Untugenden weit gebracht. Sie war deutsche Patriotin und haßte den Uebermuth der Franzosen, der sich in Sachsen in tausend kleinen Dingen geltend machte. Nun war es die Zeit nach Ablauf des Waffenstillstandes vom Sommer 1813, als sich die Verbündeten zum Herbstfeldzuge bereiteten. Die Schlacht bei Kulm war schon geschlagen, das Hauptquartier der Verbündeten aber noch immer in Teplitz, die große Armee Napoleon's noch in Dresden und der Sächsischen Schweiz. Täglich zogen Deutsche, Westfalen, Würtemberger, Badenser und sonstige Rheinbundstruppen, von Augerau in Würzburg gesammelt, durch Leipzig zu der großen Armee, um gegen die eigenen Brüder zu fechten. Die Künstlerin fand es in hohem Grade verächtlich, daß man in Leipzig ein funfzehnjähriges Mädchen, sie selbst, vergötterte und Theater, Oper und Concerte mehr als Kriegsnachrichten die Spalten der Journale und Tagesblätter füllten, während in Böhmen gekämpft wurde, Blücher an der Katzbach Napoleon gezeigt hatte, was preußische Landwehr vermöchte, und Bülow und die Nordarmee bei Dennewitz Ney den Unüberwindlichen schlug. Bald sollten aber die guten Leipziger den Ernst der Lage gewahr werden. Ein Observationscorps unter Margaron lagerte dort. Ende September rückte nun auch Marmont mit seinen Scharen und Latour-Maubourg's Reitern ein, sodaß die Stadt fortan einem großen Lager glich. Dann zog noch Augereau von Erfurt heran und Mitte October marschirte die ganze große Armee, außer St. Cyr, von Dresden aus Leipzig. Es war offenbar, daß in Leipzigs Ebene die große Entscheidungsschlacht geschlagen werden sollte. Auch der König von Sachsen war in Begleitung Napoleon's gekommen und in der Pleißenburg abgestiegen. Mangel und Schreck beherrschte den Handelsort. Veronica wohnte am Fleischerplatze, sie hatte im Norden einen Arm der Pleiße und dahinter das Rosenthal, vor sich das Theater, links den Schulplatz. Sie war seit vier Wochen in der schrecklichsten Stimmung, nicht das verdroß sie, daß sie in ihrer mit so vielem Erfolge begonnenen Laufbahn durch die kriegerischen Ereignisse unterbrochen war, sondern daß sie dadurch in jeder ihre künstlerische Ausbildung betreffenden Arbeit gestört wurde, und noch mehr, daß sie tagein tagaus das Klagen und Jammern der Caloni über diese Unterbrechung des Berufs, über diesen schrecklichen Krieg, über das Ausbleiben der Diamanten und der reichen Anbeter hören mußte. Sie hatte ihrem Vater bei der Abreise schwören müssen, sofern sie nicht krank oder heiser sei, mindestens eine Stunde täglich Scala zu singen. Es war aber unmöglich, dieses Gelöbniß zu erfüllen; außer etwa eine oder zwei Stunden nach Mitternacht war es auf dem sonst so geräuschlosen Fleischerplatze nicht still genug, um auch nur einen Ton auf dem Instrument anschlagen, geschweige singen zu können. Trainwagen, Kanonen, Munitions-, Getreide- und Bagagewagen, Reiter und Infanterie kamen und gingen fortwährend auf der Straße nach Lindenau und den Brühl hinauf unter ihrem Hause vorbei; es war ein Gefahre, Gelärme, ein Peitschenknallen, Fluchen, Spectakeln in allen Sprachen, daß man kein Fenster öffnen konnte, viel weniger musiciren oder gar singen. Und das dauerte bis Mitternacht und fing den frühen Morgen wieder an. Wer in Leipzig lebte, mußte sich während der Messen an viel Lärm, viele Beschränkung gewöhnen, aber dieses Kriegsgetöse, dieses Trommeln, diese Hörnersignale oder gar diese Parademusiken konnten ein musikalisches Ohr vernichten. Die Künstlerin versuchte umsonst durch Lesen und Studiren über diese Calamitäten hinwegzukommen, sie hatte zum dritten oder vierten male nach »Meister's Lehrjahren« gegriffen, ohne sich irgend dafür begeistern zu können, sie hatte »Werther« gelesen, ohne warm zu werden oder solche Sentimentaliät auch nur begreiflich zu finden. Sie versuchte Schiller's »Aesthetische Briefe« und Jean Paul's »Aesthetik« zu studiren, ohne etwas davon in sich aufzunehmen, heute wurde sie von Kopfweh, morgen von Migräne geplagt. Endlich hatte sie sich resignirt, das Hauptquartier wurde aus den vordern Zimmern in das sogenannte Fremdenzimmer verlegt, welches nach Norden lag, einen kleinen Garten und den Pleißenarm. der nach Pfaffendorf zufließt, zur Aussicht hatte. Hier saßen sie nun: die Caloni mit einem Strickstrumpfe, Nanny, die Kammerjungfer von der Wien, das Factotum des Hauses, an einem Stickrahmen, unsere Freundin aber mit dem Pinsel in der Hand bemüht, sich in der Kunst der Aquarellmalerei zu vervollkommnen. Die Caloni wiederholte hundertmal erzählte Geschichten, sodaß Veronica häufig die Nanny aufforderte, aus ihrem frühern Leben in Wien und Ofen zu erzählen, was diese mit wiener Naivetät und nicht ohne Humor that. Sie hatte ihre Lehrjahre bei einer schönen Schauspielerin durchgemacht und wußte das angenehme, lustige Leben in Wien gar sehr zu rühmen, wo selbst Grafen und Barone keinen Anstand genommen hatten, sich mit ihr zu unterhalten, wenn die Herrin nicht zu Hause war. Nanny hätte allein von dem Toilettenreichthum ihrer Herrin tagelang sprechen können. So waren die letzten Wochen verhältnißmäßig erträglich verstrichen. Es war am 14. October, als ein Lieutenant, Otto von Vogelsang, sich melden ließ. Veronica fuhr freudig auf und ordnete vor dem Spiegel schnell ihren Lockenkopf, während Nanny den Offizier in das Empfangszimmer führen mußte, und die Caloni neugierig in das Nebenzimmer schlich, um zu erlauschen, was der Ulan mit ihrer Schülerin zu sprechen habe. »Daß du berühmt geworden, theuere Veronica, habe ich schon gelesen«, sagte Otto, »daß du aber so schön, so wunderlieblich geworden, mein süßes Mädchen, das habe ich nicht geahnt, laß dich umarmen, mein Herz!« »Nicht, solange du diese Uniform trägst«, erwiderte jene, »wer auf der Seite des Unterdrückers steht, dem bleibt dieses Herz verschlossen, für immer!« »Veronica!?« »Herr Lieutenant von Vogelsang? so ist es, so bleibt es, selbst wenn das eigene Herz darüber brechen sollte!« »Geliebtes Mädchen«, schrie Otto auf, »nur noch wenige Tage trage ich diese verhaßte Uniform – mit Lepel, Bardeleben, Hüttenau, hessischen Offizieren, Bothmer und König, Althannoveranern wie ich, ist längst verabredet, sobald Blücher's Heer sich uns naht, zu demselben mit zwei Escadrons überzugehen, wenn es nicht noch möglich ist, das ganze Regiment, dessen Commandeur ein Franzose ist, zu gewinnen. Sämmtliche Unteroffiziere sind eingeweiht, und unsere Schneider im Regiment haben die ganze Nacht gearbeitet, um schwarzweiße Fahnen für unsere Lanzen und schwarzweiße Armbinden zu nähen. Wir stehen bei dem Dorfe Lindenthal, bei Marmont's Heertheil. Ich bin mit dreistündigem Urlaub nach Leipzig hereingejagt, um von dir, mein Leben, mein Alles, Abschied zu nehmen, vielleicht für dieses Leben.« Die Sängerin öffnete die Arme, küßte Otto auf die Stirn und sagte: »Gott segne dich und das Vaterland, nun gehe, ich werde für dich beten.« Von dem Augenblicke an, da der Lieutenant unten auf das von seinem Burschen gehaltene Pferd stieg und zu der Geliebten hinaufgrüßte, hatte diese keine Ruhe, keinen Schlaf. Eine bange Ahnung, daß irgendein sie näher angehendes Unglück in der Luft schwebe, nahm ihren Geist ein. Nicht der Jugendgeliebte war es, dessen Schicksal sie mit Besorgniß erfüllte, ihre Gedanken waren in der Heimat, im Hause der Aeltern und der Großältern. Dort mußte etwas von Bedeutung sich zutragen. Veronica hatte eine Bleistiftzeichnung vor sich, die sie als Kind gefertigt, das neue Schloß zu Heustedt darstellend, mit seinem schönen, parkwaldigen Hintergrunde. Sie war dabei, dieses Bild in Aquarell zu malen, das Schloß war schon fertig, die Kastanien und Platanen zur Linken, die hohe deutsche Pappel hinter einer Gruppe Hängebirken zur Rechten wurden colorirt. War es nun vielleicht diese Beschäftigung, die ihre Seele nach Heustedt trug, oder war es eine Ahnung dessen, was sich dort gleichzeitig ereignete? Ihr Großvater, der gute Mann, auf dessen Schos sie die Bilderchronik so oft durchblättert und sich von ihm von den Städten, die er in der Fremde gesehen, hatte erzählen lassen, er war nicht mehr, er war vielleicht in demselben Augenblicke von dem Balken des brennenden Schloßflügels erschlagen, in welchem Otto von Vogelsang ihr Abschied zugewinkt hatte. Als die französischen Kanonen zwei Tage darauf von den Höhen von Liebertwolkwitz, südwestlich von Leipzig, ihr Höllenfeuer gegen den Prinzen Eugen von Würtemberg entwickelt hatten und dann die Reiterei der Garde unter Nansoaty die russische Cavalerie zersprengte, die russische Infanterie überritt und in die Flucht trieb, bei Güldengossa vorbei, dem Wachberg zu, wo die verbündeten Monarchen der Dinge harrten, die da kommen sollten, und nach kurzer Zeit mindestens tausend Kanonen ihren ehernen Mund öffneten, begann der Kampf auch auf der entgegengesetzten nordwestlichen Seite, indem von dem Orte, wo jetzt das Gustav-Adolfdenkmal steht, und von Breitenfeld und Schkeuditz aus York auf Marmont's Heerkörper anrückte. Lindenthal wurde angegriffen, zum Schutz desselben stand ein Regiment westfälinger Ulanen in der Ebene der linken Seite des Dorfes; als aber zum Angriff commandirt wurde, schwenkten drei Escadrons links ab und ritten, eine preußische Fahne entfaltend, auf ein feindliches Dragonerregiment zu, das sie mit Jubelgeschrei aufnahm und als Reserve aufstellte. Hier wurden sämmtliche Lanzen mit preußischen Farben versehen, preußische Feldbinden angelegt, die Offiziere der verschiedenen Corps begrüßten sich. Einer der übergetretenen Offiziere wurde in das Hauptquartier geschickt, um Blücher nähere Auskunft über Stärke und Aufstellung des Marmont'schen Corps zu geben. Die Westfälinger brannten vor Ungeduld, sich als brave Deutsche zu zeigen, man schickte sie aber nicht in das Treffen, und erst am Abend, als York die Franzosen aus Möckern getrieben, als ein französischer Munitionswagen in die Luft flog und die Glieder eines Vierecks sprengte, und nun Husaren und Dragoner auf die Flüchtigen einfielen. kam auch Otto von Vogelsang mit seiner Escadron zur erwünschten Thätigkeit. Das Armeecorps von Marmont wurde bis in die Vorstadt von Leipzig verfolgt und Blücher konnte am Abend melden, daß er zweitausend Gefangene gemacht und dreiundvierzig Kanonen erobert habe. Veronica war, als sie den Kanonendonner im Nordwesten und dann das fortdauernde Kleingewehrfeuer von Möckern her hörte, zwanzigmal auf den Giebeldachboden des Hauses gelaufen, allein sie konnte über das Rosenthal nicht hinwegsehen, sie sah nur den Pulverdampf in dichten Wolken über Gohlis hinwegtreiben, dem Schlachtfelde im Südosten zu. Als aber der Abend kam und Flüchtlinge aller Regimenter und Wagen auf Wagen voll Verwundeter brachte, die über den Fleischerplatz gefahren wurden, da wußte sie wenigstens, daß die Preußen Sieger geblieben seien, obgleich auf Napoleon's Befehl alle Glocken Leipzigs zur Feier des französischen Sieges geläutet wurden. Am 17. October war Sonntag, aber nur deshalb Ruhetag, weil Napoleon auf die Meerveldt'schen Unterhandlungen mit seinem Schwiegervater mehr Vertrauen setzte als auf seinen Stern. Als die Verhandlungen ohne das gewünschte Resultat blieben, wurde der Rückzug auf Erfurt befohlen, den Schwarzenberg, wie es schien, absichtlich dem Schwiegersohne seines Herrn offen gelassen hatte. Oesterreichischerseits wollte man nicht, daß Napoleon vollständig vernichtet würde. Am 19. October, als Napoleon's Heer, oder vielmehr der Rest desselben in wilder, wirrer Flucht über die Frankfurter Straße nach Lindenau zog, die Polen unter dem neuernannten Marschall Poniatowski, die Westfalen, Badenser, Hessen-Darmstädter und Neapolitaner unter Macdonald Leipzig halten und den Rückzug decken sollten, sich dazu indeß nicht stark genug erwiesen, waren die übergegangenen westfälischen Ulanen beordert, ein Regiment russischer Jäger, welches durch das Rosenthal in die Stadt dringen wollte, zu unterstützen. Als Otto von Vogelsang mit seiner Escadron über die Pleißenbrücke auf den Fleischerplatz sprengte, der mit Munitions- und Bagagewagen überfüllt war, und er eben zu dem Fenster der Geliebten hinaufsah, erhielt er von einem schwarzbärtigen Sohn der Abruzzen einen Schuß in die Brust, der ihn vom Pferde warf. Veronica war Zeuge dieser Scene, sie wurde nicht ohnmächtig, sie schrie nicht auf, allein sie eilte hinunter und ließ den Verwundeten heraufbringen und in ihr Fremdenzimmer betten. Ein Arzt wurde gerufen, allein seine Hülfe war vergeblich, nach wenig Stunden gab der tödlich Verwundete, glücklicher als mehr denn zwanzigtausend seiner Mitkämpfer, im Arme der Geliebten seinen Geist auf und erhielt von ihr den letzten Kuß. Nun hielt es diese nicht länger in Leipzig, der Stadt voll Leichen, Sterbender, Verwundeter, dieser Peststadt, in der es trotz vieler tausend Einwohner doch an allem, was zur Verpflegung einer solchen Menge Verwundeter nöthig war, fehlte, vor allem an Raum, um dieselben unterzubringen, an Wärtern, an Leinwand, Stroh, Bettdecken, Gewändern. Die Schilderung Reil's in seinem Briefe an Stein ist grauenvoll, aber die Wirklichkeit grauenvoller; wer dieses Elend im großen Maßstabe in einer der Kirchen, in der Bürgerschule, vor allem im Gewandhause sah, von dem mußte man glauben, daß er nie im Leben wieder froh werden könne, daß er nie das Bild solchen Jammers aus dem Sinne verlieren würde. Die Sängerin fühlte sich nicht stark genug, hier selbstthätig zu helfen; nachdem Otto von Vogelsang zur Erde bestattet, ihr Instrument gepackt war, ruhte und rastete sie nicht, bis sie gegen enormen Preis ein Fuhrwerk auftrieb, das sie nebst der Caloni und Nanny nach Wurzen brachte. Was sie und ihre Gefährtinnen an Leinwand irgend entbehren konnten, ließ sie zurück, und schon während sie packten sah sie ihre Wohnung zu einem Lazareth umgewandelt. Von Wurzen kam man unter mancherlei Mühe, Noth und Gefahr nach vier Tagen bei dem belagerten Dresden vorbei nach Böhmen und nach drei fernern Tagen nach Prag. Hier fühlte man zuerst wieder, in einem Lande zu sein, das der Krieg diesmal wenig berührt, man fühlte sich wahrhaft in einem leichtlebigen Lande, denn Concerte, Theater, Gesellschaften hatten nicht aufgehört. Nachdem kaum die Ankunft des neuen Sterns aus Leipzig bekannt geworden, drängte man sie unter ansehnlichen Erbietungen zu Gastrollen. Veronica schlug das wochenlang aus, nahm aber Ende December ein dauerndes Engagement auf eine Reihe Gastrollen bis zum Sommer an unter der Bedingung, daß sie nur in ernsten und tragischen Rollen auftrete und sich selbst ihr Repertoire wähle. Der wiener Flügel war angekommen, böhmische Leinwand vertrat in Leib- und Bettwäsche die sächsische, die den Verwundeten in Leipzig dargebracht war. Die Caloni war in Listen, das Publikum im voraus günstig für ihren Schützling zu stimmen, unermüdlich, sie kannte die Kunst, Reclame zu machen, schon aus Paris. Aus dem Gemüthe des jungen Mädchens schwanden allmählich die Tage des Unglücks in Leipzig, und die Trauer um den Tod des Großvaters wurde gelinder. Die Künstlerin gewann wieder die Oberhand, die Sucht nach Ehre, Ruhm, Verdienst wurde von der Caloni im Bunde mit Nanny täglich angeregt. Der Kriegslärm war ganz verstummt, er hatte sich nach dem Rhein und nach Holstein hingezogen. So fing sie denn wieder an, neue Rollen aus dem reichen Repertoire der Caloni zu üben, Scala zu singen, Schauspiel wie die Oper zu besuchen, um Spiel- wie Gesangsweise ihrer künftigen Genossen zu studiren. Das trug viel dazu bei, die nervöse Spannung, in welcher sie seit dem 14. October sich befunden, zu beruhigen. Und als nun der Tag der Vorstellung kam, und Veronica, statt in der Rolle der Zerline, als Donna Anna im »Don Juan« auftrat, als der Beifall in der Czechenstadt sich wiederholte, nur stürmischer, ungemessener als in dem zahmen Leipzig, da war sie wieder die Alte. Aber doch nicht ganz die Alte; der ungeheuere Schmerz, der durch den Tod ihres Geliebten über sie gekommen, hatte sie gereift, zum selbstständigen Weibe gemacht. Sie war ernster geworden, ihr Auftreten würdevoller, wahrhaft königlich. Ein starkes Selbstvertrauen war über sie gekommen, sie hatte den Schmerz überwunden, ihre eigene Kraft erprobt, sie glaubte an sich. Solche Triumphe, wie die dramatische Sängerin in der alten Königsstadt feierte, waren dort seit Jahren unerhört, die Stimmung des Publikums, schon durch die Hoffnung auf dauernden Frieden in hohem Maße gehoben, schraubte sich in Ermangelung eines andern Gegenstandes zu einem vergötternden Enthusiasmus des Individuums hinaus. Auch hier blieben Geschenke und Liebesbewerbungen nicht aus, allein viele böhmische Große lernten hier zum ersten mal, daß nicht jede Tugend für Gold käuflich sei. Veronica nahm zwar Schmuck und Geschenke, die Caloni hatte ihr begreiflich gemacht, daß sich von dem Gastspielhonorar kaum die Garderobe zu den vielen neuen Rollen anschaffen lasse, die sie hier ihrem Repertoire anzureihen habe; was sie aber dafür gab, war ein gnädiges Lächeln, wie es eine Königin den ihr Huldigenden zutheil werden läßt, oder ein freundliches Danken, oder die Einladung zu einem kleinen Diner oder Souper. Die Sängerin-Mutter hatte nämlich ihre Schutzbefohlene glauben gemacht, es sei Landessitte, daß man Verehrer und Recensenten von Zeit zu Zeit zu einem kleinen Diner oder Souper einlade. Sie liebte solche Diners, sie aß gern gut und trank auch gern Champagner, während dem Zöglinge alles Ausgesuchte gleichgültig war; ihr gewöhnliches Getränk bestand in Kaffee und Wasser. Die Sängerin hatte unter der Bedingung in solche kleine Diners gewilligt, daß sie nie weniger aber auch nie mehr als zwei Herren einlade, daß die Caloni während der Gesellschaft nie das Zimmer verlasse, unter welchem Vorwande es auch sein möge, und endlich, daß bei einem solchen Gastmahle für vier nie mehr als zwei Flaschen Champagner kühl gesetzt würden. Die Eingeladenen hatten es oft versucht, diese Schranken zu durchbrechen, allein das junge Mädchen wußte den Tischgesetzen, mit denen sie ihre Gäste von vornherein bekannt machte, eine bessere Nachachtung zu schaffen, als mancher König den seinigen. Sie konnte zum Erschrecken ernst, finster und drohend werden, wenn bei solchen Gelegenheiten ein Gast sich gegen sie die geringste Freiheit herauszunehmen wagte, z. B. die Hand ergreifen und küssen wollte, ehe sie ihm freiwillig geboten wurde. Dagegen belohnte sie nach Tisch die Gäste mit einem der reizenden Volkslieder, die sie schon zu Hause gesammelt hatte und auf die sie überall Jagd machte, ober auf Bitten auch mit einer Bravourarie. Die Sängerin galt ihres Namens wegen für eine Italienerin, wie die Caloni eine solche war. Diese war habsüchtig, Veronica verachtete das Gold, es war ihr mindestens gleichgültig, hatte sie es erworben, so gab sie es ebenso leicht weg. Sie machte den Aeltern reiche Geschenke und bedachte nicht minder die Lehrerin und Führerin, die Armen und Notleidenden. Dagegen empfing sie Shawls, Schmuck, ganze Stücke des kostbarsten Atlasses mit gnädiger Herablassung, als müsse das so sein. Dieses zurückhaltende kühle Wesen, diese Würde, welche sich die Sängerin in ihrem Hause, noch mehr aber hinter den Coulissen zu geben wußte, mußte auf die czechischen und deutschen Großen, auf Dichter und Theaterrecensenten, wie auf die Kunstgenossen einen eigentümlichen Reiz ausüben. Man drängte sich förmlich zu den Petitsoupers und ließ sich auch dadurch nicht abschrecken, daß Veronica nie zwei Standesgenossen zu sich lud, sondern dem Grafen oder Fürsten einen Dichter oder Bassisten zugesellte. Die Herren von der Bühne nannten sie nur die Königin; die Frauen behaupteten dagegen natürlich, das alles sei nur Schein und die Sängerin sei eine ausgelernte Kokette. So war der Winter und das Frühjahr vorübergegangen, der Pariser Friede war geschlossen, Napoleon war nach Elba verbannt. Man sprach von einem großen Monarchencongreß in Wien, und dieses fing an, sich vorzubereiten, die Kaiser und Könige würdig zu empfangen. In der Burg und hinter der Burg wurden Zurüstungen getroffen, die Paläste der Großen wurden neu decorirt; pariser Tapezierer und Modistinnen machten den Vortrab, die Gasthöfe ersten Ranges wurden zu Palästen umgewandelt, die Preise der Wohnungen stiegen um das Doppelte und Dreifache, ehe auch nur ein Gast nach Wien gekommen war. Die Sängerin, deren Ruf nicht nur in prager Blättern verbreitet, die auch in Wien so gut bekannt war wie in Prag, hatte ein festes Engagement auf fünf Jahre an der Hofoper angenommen und siedelte Anfang September nach der Kaiserstadt über. Einer ihrer Anbeter hatte ihr in der Heugasse, dem Fürst Schwarzenberg'schen Palais oder richtiger dessen Park und Garten gegenüber, ein Logis verschafft; sie war da nicht allzu weit vom Opernhause, konnte auf der Brücke beim Tandelmarkte oder auf der Elisabethbrücke die Wien und demnächst das kahle Glacis, auf dem man eben einige Bäume gepflanzt und das man mit Gras besäet hatte, überschreiten und zum Kärntnerthore gelangen. Die Wohnung war mit mancherlei Rücksichten gewählt – die Aussicht auf den Schwarzenberg'schen Park allein schon bezaubernd, dann lag Belvedere in nächster Nähe, und unmittelbar nebenan wohnte einer der berühmtesten Restaurants Wiens, welcher seine Fasanen von demselben Grafen bezog, der die Wohnung für Veronica gemiethet hatte. Es war ein Glück für diese, daß sie Prag verließ, denn hier ward es öde und leer, alles eilte der Congreßstadt zu. Mit den bekannten Großen aus Prag gleichzeitig in Wien eingetroffen, machte es sich von selbst, daß, wie die Caloni sagte, der Landessitte gemäß die kleinen Diners und Soupers wieder aufgenommen wurden. Ja als Gentz, der mit seiner Nase die Künstlerin wenige Tage nach ihrer Ankunft aufzufinden gewußt hatte, ihr vorgestellt und mit dem böhmischen Grafen zum Petitsouper geladen war, ordnete dieser mit der verständigen Caloni die Sache so, daß fortan der oder die Eingeladenen die kosten des Diners oder Soupers trugen. Während die Künstlerin glaubte, die Eingeladenen wären ihre Gäste, waren umgekehrt sie selbst und ihre Schutzdonna die Gäste. Der Diplomat mit seinem gewandten Geiste hatte die Unerfahrene davon überzeugt, daß es in Wien nicht angehe, am wenigsten während des Monarchencongresses, neben Fürsten oder Grafen Schauspieler und Sänger einzuladen. Da er voraussah, welche Epoche die junge Schöne machen müsse, hatte er sich ihr als väterlicher Freund und Rathgeber aufgedrungen, ihr Vertrauen in jeder Weise gewonnen; das der Caloni wußte er sich durch Geld zu erkaufen, sodaß er fortan bestimmte, wer eingeladen werden sollte. Er suchte nichts für sich, er suchte nur einen scheinbar neutralen, unpolitischen Boden, auf dem er seine diplomatischen Intriguen spielen lassen konnte. Er zweifelte nicht, Veronica dahin zu bringen, daß sie von ihren strengen Tafelgesetzen abweiche, daß sie Diners oder Soupers für eine große Anzahl von Personen gebe, und da konnte er denn die Gäste so mischen, daß es ihm möglich war, hier auszuhorchen, dort zu insinuiren. Ja selbst jene kleinen Soupers eigneten sich vorzüglich, zwei Menschen zu einem vertraulichen politischen Gespräche zusammenzubringen. Die Caloni störte nicht, sie war zu dumm, die Künstlerin war zu naiv, zu unpolitisch. Die Mittel, auf Veronica einzuwirken, standen dem einflußreichen Manne in Menge zu Gebote, seitdem am 25. September der Kaiser von Rußland und der König von Preußen in Wien eingezogen waren und die kaiserliche Burg außer ihnen noch den König Friedrich von Dänemark, den König von Baiern, den König von Würtemberg beherbergte. Wer da weiß, mit welchen enormen Summen ein Billet zu dem großen Redoutenfeste, das der Kaiser seinen Gästen in dem großen und kleinen Redoutensaale nebst der Winterreitbahn am 2. October gab, trotz der ausgegebenen 7000 Einladungskarten, erkauft und begehrt wurden, wie schöne Frauen mehr als Geld opferten, um in den Besitz eines solchen Billets zu gelangen, der wird begreifen, welche Macht der Mann hatte, der über Billets zu allen diesen Festlichkeiten, wenn sie nicht eben ausschließlich für fürstliche Personen arrangirt waren, verfügen, und der der Sängerin in Aussicht stellen konnte, sie solle in der Burg und nur vor Königen und Kaisern singen. Noch ehe der Congreß begann, und der Anfang war schwerer als später das Ende, war Veronica eine so vielgenannte und berühmte Persönlichkeit, als es nächst den Kaisern und Königen und fürstlichen Diplomaten nur eine gab. Der Diplomat hatte nicht wenig dazu beigetragen, sie mit Folie zu umgeben. Schon der Name »jungfräuliche Königin«, welchen die Männerwelt ihr gegeben hatte, im Gegensatze zu einer Dame vornehmen Standes, die man die »Königin der Liebe« nannte, gab Relief. Das war ein seltener Vogel, den man damals in Wien mit ersterm Beiworte beehren durfte. Die Großen aus Böhmen, sofern sie nicht eben von ganz besonderm Range, wie Fürst Liechtenstein, galten als dei minorum gentium bald nicht mehr für einladungsfähig, aber Talleyrand und Fürst Metternich speisten eines Tages bei der Sängerin, und der Ruf dieser Petitdiners bei der jungfräulichen Königin war so groß, daß mancher eine Einladung zu denselben lieber gehabt hätte als eine solche in die Burg. Nachdem nun gar Veronica in der kaiserlichen Burg gesungen hatte, Kaiser und Könige ihr Beifall gezollt, Kaiser Alexander, der noch immer Abgott der Wiener war, sich eine halbe Stunde mit ihr unterhalten und ihr Complimente gemacht und Schmeicheleien gesagt hatte, da steigerte sich der Begehr nach den Petits noch mehr, zugleich aber verschwand auch die Zeit zu solchen. Denn nun drängten sich die Kreise, in denen wir Bollmann sich bewegen sahen, und vornehmere Kreise, wie die der Schwester der Königin Luise, der Fürstin von Thurn und Taxis, der Fürstin Solms-Lich nebst ihrer Schwester, der Gräfin von Bernstorff, mit Einladungen über Einladungen, sodaß die berühmt gewordene junge Künstlerin täglich in vornehmster Gesellschaft sich bewegen konnte. In diesem in bunter Abwechselung dahinrauschenden Leben würde Kunst und Weiterbildung zu Grunde gegangen sein, wäre der Sängerin nicht, zum großen Misfallen ihrer Kammerzofe, die Tugend des Frühaufstehens vom Vater anerzogen gewesen. Fünf Uhr im Sommer und sechs im Winter, mochte eine Soirée auch bis tief in die Nacht gedauert haben, war ihre Aufstehezeit, dann wurde eine Stunde Scala gesungen und zwei bis drei Stunden Bekanntes repetirt, Neues einstudirt, ehe die Toilette gemacht wurde. An die Stelle der Schauspieler und Sänger, die Veronica sonst bei sich gesehen, waren Literaten von Ruf und Bedeutung, Legationsräthe und Secretäre, wie Varnhagen von Ense, Staatsrath Stägemann, Friedrich von Schlegel getreten. Daß sich der Geist des jungen Mädchens, ihr ganzer Gesichtskreis bei diesem Umgange bedeutend erweiterte und ausbildete, war selbstverständlich. Man glaubte nicht eine Cantorstochter aus Heustedt, man glaubte eine geborene Fürstin vor sich zu haben, wenn sie in ihrem Salon empfing. Es war schon nichts Kleines, wenn jemand in jenen schnelleren Tagen des Congresses während eines Winters seinen Ruf behaupten wollte, wo Künstler und Künstlerinnen von bedeutendsten Namen sich Concurrenz machten. Da war die großartige Sängerin Anna Milder, die mimische Tänzerin Bigottini, die gefeierte Schauspielerin Auguste Brede, später im beginnenden Frühjahr noch die gewaltige Sophie Schröder. Das schon in Bollmann's Briefe erwähnte Abenteuer mit dem Fürsten ** trug nicht wenig dazu bei, den Ruf der Cruella hoch zu halten. Die Sache hatte folgenden Zusammenhang. Gentz hatte sich und den Fürsten ** bei der Künstlerin zu Gaste gebeten und in höchsteigener Person ein leckeres Mahl bei dem Restaurant bestellt. Fürst ** in neugriechischem prangenden Costüm, den reichgeschmückten Dolch im goldverzierten Gürtel, kam zur bestimmten Zeit nachmittags fünf Uhr angefahren. Kurz nach seiner Ankunft fuhr abermals eine Equipage vor, aber es stieg nur ein Secretär von Gentz aus und überreichte ein Schreiben seines Herrn, worin er bat, ihn zu entschuldigen, da er in dringenden Geschäften hinter die Burg (d. h. zum Fürsten Metternich) beschieden sei; wenn es irgend möglich sei, werde er sich aber noch zum Dessert einstellen. So unangenehm Veronica dieser Fall war, der sie nöthigte, von ihrem Tischgesetze abzugehen, so ließ sich das doch diesmal nicht vermeiden. Nach einigen Redensarten und Complimenten begab man sich zu Tisch. Die Sängerin nahm Platz neben dem leeren für Gentz bestimmten Couvert; der Grieche mußte sich an die Seite der Caloni setzen. Er, einer der berühmtesten Herzensbezwinger Wiens, eine männliche Schönheit, wie sie nur Griechenland hervorzubringen vermag, aß wenig und sprach wenig, ließ aber seine schwarzen, feurigen, liebeglühenden Augen mit immer größerm Verlangen auf sein Gegenüber fallen. Die Künstlerin mußte die Kosten der Unterhaltung beinahe allein tragen, der Fürst ** erzählte nur auf Befragen weniges von den Theatern in Petersburg und Moskau. Die Situation fing für das junge Mädchen an peinlich zu werden, sie sah nach der Uhr und hoffte jeden Augenblick auf die Ankunft des Diplomaten. Sie hatte unter dem Vorwande von Migräne der Caloni seit der letzten halben Stunde überlassen, den Fürsten zu unterhalten, dadurch aber die Sache noch schlimmer gemacht, denn dieser antwortete auf die Frage der Duenna, die gern auf ihre Triumphe in Paris zu reden kam, »wie Paris nach dem Frieden ausgesehen«, gar nicht, sondern starrte auf Veronica mit immer glühendern Blicken. Das Dessert war aufgetragen, der Champagner entkorkt, das erste Glas trank der Fürst auf das Wohl seiner Herzenskönigin mit der unzweideutigen Geberde, daß die Sängerin gemeint sei. Diese saß wie auf glühenden Kohlen, sie sah sich um, als wenn sie Gelegenheit suchte, in das nächste Gemach zu springen. In diesem Augenblicke that die Caloni einen leisen Schrei, echt künstlerisch, hielt das Taschentuch vor Nase und Mund, deutete mit der linken Hand an, daß sie starkes Nasenbluten habe, und eilte zur Thür hinaus. Kaum war sie unsichtbar geworden, als der Prinz sich zu den Füßen der Sängerin warf und eine feurige Liebeserklärung stammelte. »Stehen Sie auf, mein Prinz«, erwiderte diese, »ich liebe solche Scenen außer auf der Bühne nicht, trinken Sie ein Glas Eiswasser und entschuldigen Sie, wenn ich mich durch Ihr Betragen genöthigt sehe, mich in mein Zimmer zurückzuziehen.« Da sprang der Fürst empor wie ein Leopard auf seine Beute und suchte sie zu umarmen und ihr einen Kuß zu rauben. Aber die Künstlerin wehrte ihn ab, der Fürst in Liebeswahnsinn ließ nicht ab, mit ihr zu ringen. Da zog Veronica den Dolch aus seinem Gürtel, stieß ihn in die rechte Wange des Fürsten und schlitzte diese vom Schläfenbeine bis zur Kinnlade, daß das prinzliche Blut ihr grauseidenes Kleid wie das ganze Tischzeug bespritzte. Aber das Gefährlichere war, daß das Blut nicht nur nach außen spritzte, sondern mit gleicher Heftigkeit nach innen, sodaß der Fürst dem Erstickungstode nahe kam. Veronica schleuderte den Dolch zur Erde, daß er tief durch den Teppich in den Fußboden drang, und schellte heftig. Die Caloni erschien ohne Nasenbluten, Nannerl wurde zum nächsten Wundarzte geschickt. Glücklicherweise kam in diesem Augenblicke aber auch Gentz und machte es möglich, daß Veronica sich in ihre Schlafgemächer zurückzog. Fürst **, dem die Speicheldrüse durchschnitten war, mußte lange Wochen in der Behandlung eines geschickten Wundarztes zubringen. Er sah sein Unrecht ein und trug der Muthigen nichts nach, sondern entschuldigte sich. Die Rückkehr Napoleon's von Elba, der neu beginnende Krieg leerte Wien schnell von den Fremden, das Opernhaus war aber trotzdem immer überfüllt, wenn Veronica sang, denn die guten Wiener selbst hatten während der Congreßzeit sich mit dem Kasperle in der Leopoldstadt oder mit dem Theater an der Wien begnügen müssen, da das Opernhaus ganz von Fremden besetzt war. Der Ruf unserer Sängerin hatte den Congreß überdauert, und Gentz im Bewußtsein, die Scene mit Fürst ** veranlaßt zu haben, hatte ihr an Stelle der sofort entlassenen Caloni eine altadeliche aber verarmte Dame als Duenna verschafft, die sogar in dem Rufe der Frömmigkeit stand, eine Frau von Holling. Die Petitdiners, zu denen Grafen und Herren geladen wurden, hörten auf, nur Gentz wußte sich und vertrauten Freunden noch eine solche Gunst zu verschaffen; Künstler und Gelehrte wurden dagegen desto öfter zu Veronica's Tische geladen, da sie an derartige Geselligkeit sich gewöhnt hatte und sich auf diesem Wege leicht und angenehm weiter zu bilden suchte. So vergingen ihr die Jahre, während welcher unser junger Gelehrter sich als Führer der Burschenschaft hervorgethan, später in italienischen und deutschen Urkunden gestöbert hatte. Und dies war nun die Cousine, von der unser junger Gelehrter nach Aufführung des »Fidelio« die halbe Nacht phantasirte, die er bewunderte, wie er noch nie ein Frauenzimmer bewundert, an deren Thür er jetzt, am andern Morgen, klopfte. Nannerl öffnete die Vorsaalthüre und frug nach Namen und Stand. »Melden Sie nur Cousin Hermann Baumgarten.« Die Salonthür wurde geöffnet, und Veronica, die beim Ueben am Flügel saß, trat auf den Cousin zu, reichte ihm die Hand und sagte: »Willkommen, Cousin Baumgarten!« Der Vetter schloß sie ohne weiteres in seine Arme und gab ihr einen Kuß. Er that das in der ersten Ueberraschung, ehe er Veronica recht angesehen, er hatte nur noch das Bild Fidelio's vor Augen, und der Kuß galt weniger der schönen Cousine als dem unglücklichen Cousin Fidelio. Erst nachdem er die That gethan, sah er zu der Sängerin auf, die in reizender Halbtoilette vor ihm stand und ihn unbefangen vom Scheitel bis zur Zehe musterte. »Ich glaubte, Sie wären Doctor, mein lieber Cousin, ich sehe aber nur den jenenser Studenten«, sagte sie. Der Doctor erröthete über den offenen Hals hinaus. »Kein ›Sie‹ trenne uns, Veronica, ich bitte, daß du mich Du nennst, wie ich dich duzen werde.« »So sei es, Herr Doctor; setze dich also, womit kann ich dir aufwarten, eine Tasse Kaffee, eine Tasse Chocolade, ein Glas Wein? Bier habe ich nicht!« »Bleib mir weg mit deinem fremdländischen Getränk, ein Glas Wasser trinke ich, denn ich habe einen weiten Weg gemacht, deine Wohnung zu finden.« Nannerl brachte Wasser und betrachtete den Doctor mit seinem langen Haar, seinem überfallenden Kragen und bloßen Halse, wie er verlegen mit dem Baret spielte, als ob sie etwa einen Indianer betrachtete. »Nun Cousin, erzähle, wie geht es in der Heimat? was macht meine liebe Tante, deine Mutter? was macht dein Vater? ich habe lange, lange nichts von ihnen gehört, denn Vater schreibt nichts über Familienangelegenheiten und Mutter kommt vor aller Arbeit niemals zum Schreiben. »Ich komme aus Italien und weiß wenig von der Heimat, aus der ich erst Briefe hier erwarte.« »Nun, so erzähle von dir, erzähle mir deinen ganzen Lebenslauf. Wie kamst du nach Wien? Welche Plane hast du für die Zukunft?« Unser junger Freund erzählte von seinen Knabenjahren, von dem Haß gegen die Unterdrücker, wie er die Tonne Goldes gefunden, unter die Lützower gegangen, nach Heustedt gekommen sei, als der beiderseitige Großvater als Leiche aus dem neuen Schlosse getragen worden, wie er dann in Frankreich verwundet, in Göttingen consiliirt, in Jena promovirt sei, sich jetzt das Terrain der Römerzüge angesehen habe und in Wien die Bibliothek benutze, um an seiner Geschichte Heinrich's des Löwen, die ihn zum berühmten Manne und Professor machen sollte, zu arbeiten. Er wurde während der Erzählung warm, verlor nach und nach seine Schüchternheit, ein bischen Selbstbewußtsein und Stolz auf sein bisheriges Thun ließ ihn die schönen Augen frei zu der Sängerin aufschlagen, die mit steigendem Interesse der Erzählung zuhörte. Indeß war Frau von Holling, die neue Patroneß Veronica's, erschienen und meldete, daß das Frühstück warte. Man ging in das Eßzimmer, und als der Cousin einige Gläser Tokayer getrunken hatte, brach sein Enthusiasmus über Veronica's gestrige Darstellung des Fidelio sich Bahn und erfreute deren Herz mehr als das Lob des feinsten Kunstkenners. Als Hermann scheiden wollte, sagte Veronica: »Solange du hier bleibst, lieber Cousin, bist du täglich mein Gast, ich dinire um vier Uhr, habe sehr häufig Gäste und werde dir zu Ehren solche Männer einladen, von denen du lernen kannst. Heute z. B. ist ein grundgelehrter Kauz bei mir, der dir ganz gewiß in Bezug auf deine Löwengeschichte noch mancherlei Quellen nennen kann, Ritter von Hormayr. Allein dazu sowie daß ich dich in die Salons der feinern Gesellschaft führen, dich in das Theater und die Oper begleiten, mit dir ausfahren und dir die schöne Umgebung Wiens zeigen kann, müssen wir vor allem den Studenten einmal mehr austreiben und den Doctor herauskehren, und damit wollen wir gleich den Anfang machen. Ich will keinen Dandy und keinen Philister aus dir machen, aber das Burschenthum mußt du mir zu Liebe hier vollständig begraben. Das hat in Wien keinerlei Bedeutung, fällt nur auf und man glaubt gar, du suchtest etwas darin, dich durch die Tracht von andern Männern zu unterscheiden. Ich bin überzeugt, daß unsere Unsichtbaren dich umschwärmen, denn deine Tracht erinnert in jeder Weise an den unglücklichen Sand. Vor allem müssen deine Locken zum Opfer fallen, doch ich werde jede dir zum Andenken aufbewahren und selbst die Rolle der Delila spielen. Sodann will ich dir das übergeschlagene Hemd gestatten, allein der Kragen muß um einige Zoll gekürzt werden, und mindestens mußt du (sie nahm ein Buch vom Tische und zeigte Hermann ein Porträt Byron's) ein seidenes Tuch, wie dieser große Dichter, um den Hals schlingen. Das Baret, das behalte ich gleichfalls zum Andenken und ich selbst will es in einer Rolle, zu der es paßt, auf der Bühne tragen, eine Ehre, die es bei seiner Erbauung sich nicht hat träumen lassen. Damit du nun heute Mittag schon als Doctor erscheinen kannst, wollen wir die Metamorphose gleich beginnen. Sieh, wie glücklich uns der Zufall zu statten kommt, unten im Hause ist ein Magazin fertiger Herrenkleidung, und du wirst deiner Cousine schon erlauben müssen, daß sie dich wienerisch ausstaffirt, um mit dir renommiren zu können. Denn in Wien, sagt sie Muß man sein, sagt sie Und galant, sagt sie Immer sein, sagt sie –« sang die Schöne mit komischem Pathos, ihn umtanzend, in der einen Hand die Schere, in der andern den Frisirkamm. Der Cousin protestirte freilich, allein was sollte er machen? Als die Sängerin sein reiches weiches Haar mit der Hand durchwühlte, durchzuckte es ihn elektrisch, und Veronica fand beinahe Mitleid mit dem armen Jungen, der die Zierde, auf die er sich das meiste einbildete, der Mode zum Opfer bringen sollte. Sie glaubte ihn trösten zu müssen und sang ihm aus »Don Juan«: Vedrai, carino, se sei buonino, Che bel rimedio ti voglio dar, während die erste Locke unter der unerbittlichen Schere fiel. »Diese Locke lege ich in mein Schatzkästlein«, sagte Veronica, ihm die Locke vorzeigend; »diese sende ich deiner Mutter, von dieser lasse ich mir ein Armband flechten, diese und diese werde ich dir aufbewahren, um sie der künftigen Frau Professor Baumgarten schenken zu können, und nun, Simson, stehe auf, du sollst für deine Standhaftigkeit königlich belohnt werden.« Der Doctor, der auf seinem Schemel zu Füßen der Cousine gesessen hatte, erhob sich, doch als Veronica ihn an den Spiegel führte, erschrak er vor seiner Verstümmelung, es war ihm, als wenn eine Thräne sein Auge verdunkelte. Als aber die Sängerin als Zerline ihm zur Seite trat, ihm mit Zerlinenblick verliebt ins Auge schaute und voll Schelmerei sang: Batti, batti, o bel Maseto – da wurde ihm heiß um das Herz wie noch nie, und als nun gar Zerline ihn bei der Hand ergriff und aufjauchzend sang: Pace, pace O vita mia! und ihm schließlich um den Hals fiel und ihn küßte, da schwanden ihm seine Sinne, da stand er wie bezaubert. Als nun die Cousine ihn zum zweiten mal vor den Spiegel führte, lächelte er bei dem eigenen Anblick und sagte: »Ich sehe ein, daß zu dieser Frisur weder der lange Kragen noch der altdeutsche Rock paßt, und unterwerfe mich daher deinen Anordnungen.« Die Sängerin klatschte in die Hände und sprang wie ein fröhliches Kind in der Stube herum. Nannerl mußte den Buchhalter aus dem Magazin heraufholen, und Veronica befahl: »Nehmen Sie den Herrn Doctor Baumgarten, meinen Bruder, mit ins Magazin und suchen Sie für ihn eine schwarze Salon- und Balltoilette aus, daneben einen Sommeranzug von Nanking, und eine sammtne Jagdjacke mit dem nöthigen Zubehör, wie Graf Sandor sie trägt. Du, Hermann, gehst als Bursch und kommst als Herr wieder, ich habe noch mit dir zu reden. Die abgelegten Kleiner senden Sie mir herauf.« Der Wiener hatte in gar kurzer Zeit aus Hermann einen Salonherrn gemacht, der sich im Ballsaale wie auf dem Graben vorführen ließ, sogar die Hände, die noch nie Handschuhe getragen, die aber doch weiß und weich waren, zeigten sich in Glacéhandschuhe gehüllt, die den unbehülflichen Gelehrten und Studenten am meisten peinigten. Veronica musterte ihn vom Kopf bis zu den Füßen. »Es geht allenfalls«, sagte sie, »aber Hermann, wie kann man so ungeschickt den Hut tragen?« Sie zeigte ihm, wie er den Hut in die Hand nehmen müsse, und lehrte ihn eine Verbeugung machen. »Nun, lieber Bruder, und als solcher mußt du hier gelten, sag' mir zunächst, wo du logirst.« »Aber«, antwortete Hermann schüchtern, »die Polizei hat ja meinen Paß und weiß, daß ich Baumgarten heiße und du Cruella.« »Schadet nichts, dann bist du mein Stiefbruder, einen Cousin darf ich in Wien nicht haben, also wo wohnst du?« »Im Weißen Wolfen, am Alten Fleischmarkte.« »Da kannst du nicht wohnen bleiben! das paßt sich nicht und ist zu weit von hier. Der Restaurant nebenan hat noch ein möblirtes Zimmer frei, das kannst du beziehen. Jetzt nimmst du einen Fiaker, fährst zum Weißen Wolf und holst deine Siebensachen, die Nannerl kann unterdeß dem Restaurant Bescheid sagen, daß er das Zimmer in Ordnung bringt.« Der Doctor sah sich im Zimmer um, als suche er etwas, endlich hatte er es gefunden, er hatte seinen Ziegenhainer beim Eintritt ins Zimmer hinter den Kamin gestellt, und ohne Ziegenhainer konnte er nicht leben. »Halt da«, rief Veronica, »der Stock, Brüderchen, wird confiscirt, erst mußt du ohne Stock gehen lernen! Glacéhandschuhe und ein Ziegenhainer passen wie die Faust aufs Auge. Sobald du ohne Stock gehen und dich bewegen kannst, schenke ich dir ein spanisches Rohr mit goldenem Knopfe.« Hermann gehorchte wie ein Kind. »Vergiß nicht«, rief die Cousine ihm nach, »präcis vier Uhr ist Dinerzeit! Wenn du fein artig bist, erlaube ich dir nach Tisch eine Havana anzuzünden.« Der nun wirklich einem Doctor ähnlich sehende junge Mann fand bei Tische in Hormayr einen Kenner der Geschichte, wie er nach Luden noch keinen angetroffen. Er erhielt manchen guten Wink von demselben, wie das Versprechen, ihm in der Bibliothek behülflich zu sein beim Suchen nach unbekannten Schätzen, und ihm mitzuteilen, was er bei seinen hohenschwangauer Studien auf den Welfen Bezügliches finde. Für unsern Freund begann nun ein neues Leben. Morgens früh setzte er sich, um die Auszüge, die er tags zuvor auf der Bibliothek gemacht, zu ordnen, oder zu kritischen Noten unter den Text seines Buches auszuarbeiten. Die Arbeit floß ihm am besten aus der Feder, wenn seine Nachbarin Scala zu singen anfing, wogegen ihre Bravourarien ihn nicht selten störten und ihm das Bild der Cousine, wie sie ihm als Fidelio zuerst erschienen war, vorführten. Von neun bis zwölf Uhr arbeitete er auf der Bibliothek und schlenderte dann mit Kopitar oder Hormayr, der auf der Bibliothek nach hohenschwangauer Chroniken suchte, über eine der Basteien oder im Volksgarten disputirend herum. Nachmittags nach eingenommenem Diner fuhr er mit der Cousine und deren Patronesse nach irgendeinem der Vergnügungsorte hinter der Linie, heute nach Nußdorf, morgen nach dem Kahlenberge, dann nach Laxenburg, oder in den Prater, nach Schönbrunn oder nach der ehemaligen Residenz des Babenbergers. Die Sängerin hatte eine eigene Equipage und mit einem Fiaker über Stellung eines Kutschers und Lieferung von Pferden Contract abgeschlossen. Es ist das Bedürfniß aller Frauen, zu erziehen und zu bemuttern, und Veronica gerirte sich ganz so, als sei sie Hermann's Mutter. Auf den Spazierfahrten gab sie ihm Hunderte von Lebensregeln, lehrte ihn zu Haus Contre und andere Tänze, führte ihn in die Bildergalerien und Sammlungen, an denen Wien so reich ist, führte ihn in das Hoftheater, wie zur Leopoldstadt, wo noch immer der »Kasperl« spukte, denn der Director Hensler, Dichter der »Teufelsmühle« und der »Zwölf schlafenden Jungfrauen«, hatte an Stücken, wie »Evakatel und Schnudi« seine höchste Freude; sie führte ihn in die Oper wie in das Ballet. Gleichzeitig aber machte sie an Hermann psychologische Studien. Wie war er doch so ganz anders als alle jungen Männer, die sie bisher kennen gelernt hatte. Da war noch niemand ihr genaht, der nicht gleich Feuer und Flamme gewesen, der nicht geseufzt, gereimt oder ungereimt von Liebe gesprochen hätte. Der Cousin konnte ihr gegenübersitzen, und wenn sie ihn durch Koketterie noch so sehr reizte, blieb er kalt und unterhielt sie von seinen Entdeckungen auf der Bibliothek, oder sprach gar von Mathilde'schen Gütern, vom Janiculus und der Tiberbrücke. Wenn sie ausfuhren, saß Veronica neben ihrer Frau von Holling im Fond, der Doctor ihr gegenüber. Sie hatte ihm, um ihn vor Koketterien zu warnen, natürlich auf solchen Fahrten mancherlei Aufklärung darüber gegeben, mit welchen Künsten Frauenzimmer junge Männer zu fangen wissen. Sie gab ihm einen Sonnenschirm oder einen Fächer in die Hand und lehrte ihn, hinter demselben, trotz der Gegenwart der Frau von Holling, Augenspiel zu treiben. Sie hatte die Augen niedergeschlagen und geseufzt, sie dann wieder schwärmerisch zu ihm emporgehoben, und trieb mit ihren schönen Händen und Armen alle jene kleinen Künste, die eine Schauspielerin ja förmlich kunstgerecht erlernt, obgleich die jungen Damen sie auch aus Naturinstinct üben. Der Doctor blieb kalt, als wäre sie gar kein weibliches Wesen. Sie forderte ihn auf, sie einmal mit recht verliebten Augen anzusehen, Hermann konnte es nicht, sie machte es ihm vor, er lernte es nicht. Frau von Holling warnte ihre Pflegebefohlene: »Kind, spiele nicht mit Feuer, auch das Herz der jungfräulichen Königin Elisabeth war nicht unverwundbar.« Die Künstlerin schlug die Warnungen in den Wind, sie fuhr fort zu kokettiren und zu reizen, es verdroß sie, daß der Cousin wenig Notiz von ihr als Person, von ihren körperlichen Vorzügen nahm. Sie hatte zu bemerken geglaubt, daß andere Frauenschönheit auf den Cousin ihre Wirkung nicht verfehle; sie war mit ihm im Ballet gewesen, dem damals vielberühmten »Zephyr und Flora«, in welchem die jugendliche Bigottini überaus reizend war. Der Doctor äußerte: seit der Venus von Medici in Rom habe er nie etwas Schöneres gesehen. Die Bigottini war schön, aber hatte der Geliebte derselben, ihr Gönner Gentz, ihr seit 1814 nicht hundertmal gesagt, sie sei viel schöner als jene, sie sei eine verkörperte Diana, die Bigottini ein vom Himmel zur Erde gefallener Engel? Sie nahm sich vor, dem Stiefbruder zu zeigen, daß sie ein schönes Weib sei. Wenn sie in der Oper auftrat, so befahl sie ihm, während der Zwischenacte in ihre Garderobe zu kommen, um ihr Eis oder Limonade zu bringen. Dieses kleine köstliche Gemach war noch an den drei Seitenwänden mit Spiegeln bis zum Fußboden versehen, sodaß der Gelehrte, als er zum ersten mal in das mit vielen Wachskerzen erleuchtete kleine Gemach durch Nannerl eingeführt wurde, ganz verwirrt, die Spiegelgestalt der Cousine mit der wirklichen Veronica verwechselte und ihr die lange Schleppe des königlichen Kleides abtrat, sodaß Nanny kaum im Stande war, den Schaden vor dem neuen Acte zu repariren. Hermann bat tausendmal um Entschuldigung, und die Königin reichte ihm, diese zu gewähren, die schöne Hand zum Kusse. Es war nothwendig, daß in den verschiedenen Costümen, worin die Künstlerin auftrat, bei dieser Rolle der untadelhafte weiße Nacken und die Schulter, bei jener Taille und Büste oder das kleine zarte Füßchen, oder die königliche Stirn mit den leuchtenden Augen, hervorgehoben wurden und in die Sinne fielen. Der Doctor bewunderte denn auch und gab dieser Bewunderung Worte, aber sie waren ihr nicht warm genug, er glühte nicht, er sank ihr nicht zu Füßen, er war oft so zerstreut und im Gedanken in der Vergangenheit, in Altorf oder Rom, Palästina oder in Braunschweig, daß er an ihn gerichtete Fragen unbeantwortet ließ oder verkehrt beantwortete. Ein Zufall sollte der darüber verstimmten Sängerin Aufschluß gegeben. Hermann hatte, kurz nachdem er Veronica's Bekanntschaft gemacht, an die Aeltern geschrieben und mit ziemlicher Ausführlichkeit seiner Umwandlung aus dem Studenten in einen Modeherrn gedacht. In dem Briefe an die Mutter war eine ausführliche, enthusiastische Schilderung der Darstellung des Fidelio, eine Beschreibung der Wohnung und Lebensart der Cousine nebst einer Schilderung ihrer Schönheit enthalten. Die Mutter hatte jetzt geantwortet und unter anderm geschrieben: »Ich sehe, lieber Hermann, Du hast meine Warnung beim Abschiede in den Wind geschlagen, Du scheinst ja schon bis über beide Ohren verliebt zu sein in die schöne Cousine. Nun, meinethalben, Veronica ist gut, sehr brav. In jedem Briefe meiner Schwester rühmt diese von der Tochter, was sie an den Aeltern Gutes thut und wie ihr Mann wieder jung wird an dem Ruhme seiner Tochter, wie er für sie dichtet und componirt, nur von ihr spricht.« Der Doctor brachte diesen Brief der Sängerin und sagte: »Denk dir einmal, welchen närrischen Einfall Mütterchen hat, sie meint, ich sei total in dich verschossen!« »Nun wäre denn das ein so großes Wunder?« erwiderte diese. »Ei ja«, antwortete jener, »man kann ja eine Cousine ebenso wenig heirathen als eine Schwester, und du hast mich nicht umsonst zu deinem Bruder gestempelt.« »Warum denn nicht?« frug Veronica, und der Doctor, der vom Kanonischen Rechte wenig zu wissen schien, wurde verlegen und roth und blieb die Antwort schuldig. Er hatte sich da, das fühlte er plötzlich, auf einer knabenhaften Naivetät ertappen lassen. Er hätte jetzt gern den Brief der Mutter zurückgenommen, aber es war zu spät. Die Duenna hatte aber recht gehabt, wenn sie Veronica warnte, nicht mit dem Feuer zu spielen. Das bisher der Liebe so ferne Herz war von neuen Empfindungen bewegt, der jungfräulichen Königin Stunde hatte geschlagen, sie liebte den blöden, unschuldigen Gelehrten, sie dachte an ihn, wenn sie eine zärtliche Arie singen mußte, sie seufzte am Abend, träumte von ihm des Nachts, eilte am Tage drei- bis viermal in ihr Schlafzimmer, wo sie das Schmuckkästchen aufbewahrte, um die Locke, die sie von seinem Haupte geschnitten hatte, zu küssen. Und Hermann? Er konnte zum ersten mal nicht schlafen, er grübelte um das »warum denn nicht?« der Cousine. Ja, warum konnte er Veronica nicht heirathen? Liebte er sie nicht? Bisher hatte er sie in der That als eine ihn bemutternde Schwester geliebt, in dieser Nacht sah er zum ersten mal das Weib in ihr, und der Kuß, den sie ihm nach dem Abschneiden der Locken gegeben, fing jetzt nachträglich an auf seinen Lippen zu brennen. Seine Phantasie wurde mit einem male thätig, er sah die Künstlerin in allen den Gestalten und Costümen vor sich stehen, in denen er sie in der Garderobe gesehen; er fühlte den Zerlinenblick, mit dem sie ihn nach dem Delilawerke angeschaut, erst jetzt ins Herz brennen. Ja, seine Mutter hatte recht, er war bis über beide Ohren verliebt und hatte es nur nicht gewußt. Am andern Morgen wollte ihm die Arbeit nicht munden, und als die Cousine zu üben aufgehört hatte und zu repetiren begann, legte er sich ins Fenster, um dem Gesange zu lauschen. Das waren lockende Nachtigallentöne; er war im Begriff, zu ihr zu eilen und sich der Geliebten zu Füßen zu stürzen. Ganz in Träume verloren, vergaß er, daß er eingeladen sei, schon um neun Uhr bei der Schwester zu erscheinen, da sie ihm Baden zeigen wollte. Mit um so größerer Hast eilte er, Toilette zu machen, als er die Equipage vorfahren hörte und sich der Verabredung erinnerte. Man nahm ein Dejeuner und setzte sich dann in den Wagen. Wie gern wäre der Verliebte heute allein mit Veronica gewesen, und heute gerade war nicht nur die Frau von Holling, wie immer, neben der Cousine, sondern auch sogar dem Nannerl war ein Platz neben ihm angewiesen. Die Sängerin war heute reizend; ein weißes Kleid mit blauen Blümchen legte sich in graziösen Falten um die schlanke Taille, die blendendweißen Schultern waren von einem blauen Florschleier verhüllt, ein allerliebstes kleines Hütchen mit weißer Straußenfeder saß auf dem Lockenköpfchen. Das Kleid hatte kurze Aermel, doch waren die Arme und die halbe Hand in braune sogenannte dänische Handschuhe gehüllt, die den Arm bis über den Elnbogen vor Sonne und Luft schützten, dann aber zwischen dem Puffenärmel und dem Handschuh schaute ein Stück des rundesten, weißesten, schönsten Armes hervor, den man sehen konnte. Es war ein wunderlieblicher Maientag, als man in die Berge hineinfuhr, nicht auf der Chaussee nach Italien, sondern über Aizgersdorf, Petersdors, Enzersdorf nach Mödling, von hier im romantischen Waldthale. Die Brühl mit ihren Ruinen, die alte Burg Liechtenstein, der Husarentempel, zum Gedächtniß der Getreuen, die dem Fürsten Liechtenstein bei Aspern das Leben retteten, erbaut, gaben reiche Abwechselung. In Baden war es unserer Gesellschaft zu geräuschvoll, man promenirte nur bis zur Conditorei, um dort Eis zu nehmen, kehrte dann zum Wagen zurück und fuhr weiter in das Thal nach Sanct-Helena, wo es stiller und ländlicher war. In Baden sah man doch nur die allbekannten wiener Gesichter, denen man auf den Basteien, in den Theatern, im Prater oder sonstwo begegnete. In Sanct-Helena wurde Mittagsrast gehalten und ein frugales ländliches Mahl, Eier und Schinken mit Salat, eingenommen, später von dem Kirschbaume, unter dem man gesessen, ein prächtiges Dessert, vom Doctor, der seine Turnkunst zeigte, selbst gepflückt, aus dem benachbarten Vöslau ein Glas Rothwein dazu getrunken. Nach dem Essen bat die Cousine um eine halbe Stunde Zeit, sie müsse Siesta halten. Frau von Holling schlummerte unter dem Kirschbaume ein, der Doctor vergaß seine Würde und warf sich ins Gras, im Schatten eines Walnußbaumes, starrte zum Himmel den Wolken zu, die über den Semmering nach Italien zogen. Als er so in Träumen von der jungen Liebe versunken lag, stand auf einmal ein Bursch in altdeutscher Tracht vor ihm mit langem Lockenhaar, Spitzenkragen, Baret, den Ziegenhainer in der Hand, und schlug ihn leicht über die Schulter. Wie sprang er auf! Es war Veronica, die in seinen eigenen Kleidern vor ihm stand. Die Kleidung paßte der Künstlerin wie angemessen, denn auch Hermann war schlanktaillig, nur die Weste war zu eng, sie drängte den schön gewölbten Busen nur mühsam zurück und war nicht ganz bis oben zuzuknöpfen gewesen. Ein schwarzseidenes Tuch, à la Byron um den Hals geschlungen, hob den Schnee des Halses. Voll Entzücken und leuchtenden Blickes betrachtete der Doctor diese Burschengestalt. »Auf nach Valencia«, sang Veronica und trieb Frau von Holling und das Nannerl, sich zu rüsten, um in die Berge, in den grünen Wald zu steigen zur Einsiedelei, wo man den Kaffee einnehmen wollte, und dann zur Ruine jenseit des Schwechatbaches. Als die Einsiedelei erreicht war, von wo die Aussicht nach Süden auf das rebenumkränzte Soos und Vöslau, nach Norden auf das reizende Baden entzückte, stand der Kaffee schon bereit. Frau von Holling erklärte, sie sei ermüdet, werde nicht höher steigen und verzichte darauf, die Ruine zu betreten. sie bleibe mit Nannerl hier zurück; die beiden Burschen möchten allein die alte Ritterburg erklettern. Und so geschah es, Veronica immer voran, Hermann konnte kaum folgen. Die Brust war ihm so bewegt, der Athem schien ihm auszugehen, er war im Zustande eines halb Wachenden, halb Träumenden, er sah keinen Gegenstand neben sich, ihm schwebte nur immer das Bild der Geliebten vor, wie er es erschaut, als er aufgesprungen; das Bild desselben Wesens, das jetzt leicht und neckisch wie eine Gazelle ihm voraufflog. Schon stand die Sängerin auf der Eingangsmauer zur Burg, an einer Stelle, wo diese bis auf zwei oder drei Fuß niedergeschossen war. Das Burgthor, zu dem der gebahnte Weg führte, war ihr zu weit. Sie reichte dem Cousin, dessen Herzenszustand sich bei ihrem Anblick durch einen tiefen Seufzer Luft machte, die Hand und zog ihn zu sich empor, bei welcher Bewegung ein Westenknopf aufsprang. Hermann war wie von Sinnen, er konnte nicht weiter gehen, hier oben auf der breiten Mauer fiel er ihr zu Füßen nieder und seufzte: »Veronica, ich liebe dich unaussprechlich!« Veronica's Auge glühte voll Gegenliebe, sie zog den Geliebten zu sich empor, fiel in seine Arme und ein Kuß, der nicht enden wollte, besiegelte den Liebesbund. Die Verliebten nahmen dann unter einer alten Eiche, die im ersten Burgraume Schatten gab, Platz, um durch unzählige Küsse sich zu überzeugen, daß kein Traum sie trügerisch umschwirre. Der Gelehrte fühlte zum ersten mal, daß er ein liebeglühendes Weib, nicht mehr seine Cousine und die ihn bemutternde Schwester im Arme hielt. Und als nun diese ihm gestand, wie sie ihn vom ersten Augenblicke, jedenfalls von dem Moment an geliebt habe, als sie ihm das Haar geschnitten und den ersten Kuß gegeben, und wie sie über seine Kälte wahrhaft unglücklich gewesen, da fühlte er das ganze Glück, seiner selbst wegen von einer solchen hehren Künstlerin geliebt zu sein. Die Liebenden merkten nicht, wie die alten Mauern und Thürme um sie her schon längere Schatten warfen, sie sahen und hörten überhaupt nichts von alledem, was sie umgab, sie hörten kaum das Nachtigallmännchen im Burggarten seine süßen Locktöne nach der Geliebten senden. Plötzlich wurde Hermann ernst, er ließ den Kopf auf Veronica's Schulter sinken und die Thränen stürzten ihm aus den Augen. »Was fehlt dir, Geliebter?« fragte Veronica besorgt und ängstlich. »Ach liebes Leben, ich habe vergessen, daß ich dich nicht heirathen kann, bevor ich ebenso berühmt geworden bin wie du. Ich kann ja nicht der Mann der Veronica Cruella heißen! aber ich will Tag und Nacht arbeiten, und dein Bild wird mich bei der Arbeit stärken.« »Wenn dich weiter nichts quält, süßes Närrchen, so warte ich, bis du ein berühmter Professor bist, und hänge dann die Sängerei an den Haken und werde Frau Professorin. Aber jetzt müssen wir aufbrechen, ich sehe dort eine Gesellschaft Herren und Damen den Wald heraufsteigen, ich möchte hier in diesen Männerkleidern nicht erkannt werden. Laß uns zur Einsiedelei eilen und dann nach Hause fahren, der Weg ist weit und wir kommen vor Nacht nicht nach Wien.« »Ich stelle Ihnen hier meinen gewesenen Cousin und Stiefbruder vor«, sagte die Sängerin, als man in der Einsiedelei angekommen war, zu Frau von Holling, »er ist zum Verlobten und Bräutigam avancirt, aber die Sache muß in Wien Geheimniß bleiben, da der Böse die Marotte hat, nicht früher zu heirathen, als bis er Professor geworden ist. Hörst du, Nannerl, kein Wort, weder im Hause, noch auf der Straße, noch weniger hinter den Coulissen.« Man stieg nach Sanct-Helena hinunter, der Kutscher spannte an und Veronica hüllte sich wieder in ihr Frauengewand. Hermann hatte zwar sehr gebeten, sie möge die Burschentracht nicht ablegen, aber das war unmöglich, sie mußte befürchten, daß unterwegs sämmtliche Westenknöpfe sprangen. In Mödling ließ man den Kutscher rasten, und die Liebenden fanden Gelegenheit, in einer Rosenlaube ihre Schwüre zu erneuern und die Liebesflammen mit Küssen zu dämpfen. Als man bei Schönbrunn vorbeifuhr, war es schon Nacht, und der Halbmond beleuchtete nur mäßig den Josephsbau der Gloriette. Die Sängerin hatte das Haupt müde auf die Brust des Geliebten, der jetzt neben ihr saß, fallen lassen, er hielt ihre Taille umschlungen und die linke Hand in seiner rechten. Der Doctor, nun schon nicht mehr so unbeholfen, bückte sich von Zeit zu Zeit, um den schönen Arm der Geliebten da, wo er vom Handschuh nicht bedeckt war, zu küssen. Veronica schlief nicht, sie schlummerte nur und träumte vom künftigen Eheglück süße Träume, die ihre jungfräuliche Brust mit Wonneschauern durchzuckten. Auch Hermann fühlte, die süße Last im Arme haltend, daß es ihm schwer, ja unmöglich werden würde, mit der Hochzeit bis zum Professorenthume und dem Berühmtsein zu warten, und daß ein Weib, wie er es an sich drückte, wohl werth sei, daß man ein theoretisches Princip darum opfere. Die drei wonnigen Wochen zu schildern, die Hermann noch an der Seite der Verlobten in Wien verlebte, ist eine Unmöglichkeit; solche Wonnezeiten müssen durchlebt und durchkostet werden. Die Genehmigung der beiderseitigen Aeltern, die Glückwünsche von Brüdern und Schwestern, Vettern und Basen waren angekommen, man verabredete, die Hochzeit noch zwei Jahre hinauszuschieben, bis der Contract Veronica's ablaufe, dann jedenfalls wolle man Hochzeit machen, sei nun der Professor schon da oder müsse sich die Braut mit dem Namen einer Frau Doctor begnügen. Die Sängerin versprach, hübsch sparsam zu sein; sie wollte während ihres Urlaubes in Mailand und Venedig Gastrollen geben. Hermann wollte nach Göttingen eilen, um dort seine Geschichte Heinrich's des Löwen zu beenden, drucken zu lassen und sich zu habilitiren. Sechstes Buch. Restauration, Reaction, Revolution. Erstes Kapitel. Demagogenriecherei zur Beruhigung aller Gutgesinnten. Studentenleben in Göttingen. Hermann Baumgarten reiste gen Norden, begrüßte seine Aeltern und kehrte dann in Göttingen ein, um dort den ersten Band seiner »Geschichte Heinrich's des Löwen« zu vollenden und herauszugeben, um daraus die Venia docendi zu erlangen. Inzwischen feierte Veronica Cruella in Mailand und Rom neue Triumphe. Wir könnten aus zwei dicken Briefbündeln der Liebesleute vieles mittheilen, wenn das eine unterhaltende Lektüre wäre; aber das glüht und sprüht nur von Liebesversicherungen, beklagt die Trennung, seufzt nach baldiger Wiedervereinigung, und ein Brief gleicht völlig dem andern. Die Sängerin hat von Kränzen und Sonetten, Juwelen und Schmucksachen, die ihr zu Füßen gelegt werden, zu berichten, während der angehende Gelehrte trostlos ist und jammert bald über das langsame Fortschreiten des Druckes und die enorme Masse von Druckfehlern, bald über das mehr als zurückhaltende Wesen der künftigen Collegen, sofern sie Hofräthe und Professoren oder etwas noch Höheres dem Titel nach sind. Endlich hatte die Dietrich'sche Buchdruckerei das nach dem Begriffe damaliger Zeit für Göttingen Außergewöhnliche geleistet und dreißig Bogen in einem halben Jahre gedruckt und getrocknet. Nun aber beginnt die Last mit dem Buchbinder wegen des Einbandes der Pflichtexemplare. Das hatte seine gewiesene Form, an Excellenzen durfte nichts versendet werden ohne Goldschnitt und Einband in Maroquinpapier, Geheime Hof- und Justizräthe bekamen mindestens Maroquin, für die künftigen Collegen genügten steife Deckel in seinem grünen oder blauen Papier, die Recensiranstalten erhielten gewöhnliches blaues Papier. Dem Magnificus, als Vertreter der Majestät, gebührte wieder Goldschnitt. Endlich waren die Exemplare versendet, das Gesuch um Erlaubniß zur Habilitation nebst einer lateinisch geschriebenen Selbstbiographie sauber abgeschrieben und zur Post gebracht. Nun aber ging das Leiden erst recht an; es war hergebracht, daß ein solches Gesuch in Hannover sechs oder acht Monate lag, ehe der Referent Zeit fand, der vielbeschäftigten Excellenz daraus vorzutragen; das hatte man Hermann gesagt, aber wie lange dauerte dem armen Verliebten diese Zeit, wie lange dauerte es, ehe eine der Literaturzeitungen eine Anzeige des Erstlingswerkes brachte! Indeß gingen acht, es gingen zehn Monate vorüber, ohne daß Hermann eine Resolution bekam. Er wußte nicht, daß seine Personalacten bei dem Referenten »gerechte Bedenken« erregten, ihm die Venia legendi zu ertheilen. Zwar hatte er ein Buch geschrieben zur Glorification des mächtigsten aller deutschen Welfenfürsten, es fehlten ihm gute Kenntnisse nicht, und Luden in Jena hatte ihn vorzüglich empfohlen, wie überhaupt gute Zeugnisse über Fleiß und sein wissenschaftliches Streben vorlagen; allein was wollte das bedeuten? Er hatte sich als ein Mann gezeigt, der nicht nur bodenlosen Theorien huldigte, sondern auch andere junge Leute verführte, er war bei der Feier des Waterloofestes auf dem Hanstein, bei Stiftung der Göttingia, endlich bei der Dabelow'schen Affaire betheiligt gewesen, und einen solchen Mann durfte man unmöglich als Lehrer der Jugend anstellen. Aus dem Berichte der mainzer Central-Untersuchungscommission wußte man schon, daß Hermann sich auf dem Wartburgfeste hervorgethan, daß er die allgemeine Burschenschaft in Jena hatte bilden helfen, daß er dann, wer konnte wissen, ob nicht mit den geheimen Mitteln eines Verschwörungscomité? eine Reise nach Italien und der Schweiz gemacht, dort mit Snell und andern Verdächtigen verkehrt hatte, vielleicht mit den Carbonari in Verbindung getreten war. Einen solchen Mann mußte man von der Georgia Augusta fern halten, wenn er auch noch so viel gelernt hatte. So wurde denn die Erlaubniß zur Habilitation verweigert. Hermann erhielt das Rescript im Försterhause zu Mollenfelde am Kranken- und Sterbebette seines Vaters. Der Bescheid schmetterte ihn nieder, denn er schob die Verbindung mit Veronica auf unbestimmte Zeit hinaus. Als man den Oberförster Oskar Baumgarten zur Erde bestattet hatte, als die Trauerbotschaft nach Italien und Amerika berichtet war, da überlegte Hermann, was nun zu thun sei. Die verständige Mutter sagte. »Aber mußt du denn gerade Professor werden, kannst du nicht als Doctor heirathen? Du hast ein hübsches Vermögen, das bei Onkel Schulz sicher angelegt ist und sich gut verzinst; mit dem, was sich Veronica erspart hat, und es wird nicht wenig sein, müßt ihr von dem Zinsertrage recht gut leben können, wenn auch nicht so, wie die Cousine jetzt in Wien gelebt hat. Nach meinem Tode, und der wird nicht lange auf sich warten lassen, erhaltet ihr Kinder auch noch die Kleinigkeit, die mein Seliger und ich zurückgelegt haben.« »Das verstehst du nicht, Mutter«, erwiderte der Gelehrte, »ich würde ewig der Mann der Cruella heißen, als eine von ihr gemachte und abhängige Creatur angesehen werden, wenn ich sie auf meinen Doctortitel, ohne Ruf und ohne Stellung, heirathete.« Er beschloß, in Berlin sein Glück zu versuchen; hatte doch Friedrich von Raumer sich lobend in den »Jahrbüchern für wissenschaftliche Kritik« über das Buch ausgesprochen. Hermann blieb bei der Mutter im Forsthause, bis der Nachfolger seines Vaters eingetroffen und das Inventar übergeben war. Dann brachte er die Mutter zu seiner Schwester Baumann in Hedemünden, bei der sie sterben wollte. Dieser Wunsch ging schnell in Erfüllung, im nächsten Jahre schon ruhte ihre Hülle bei den Gebeinen des Gatten. In Berlin hoffte Hermann Baumgarten von den Hohenzollern, die ja in weiblicher Linie gleichfalls Nachkommen des Löwen waren, den Dank zu ernten, den ihm die Welfen versagt hatten; aber ihm wurde aus der Geburtsstadt seiner Großmutter, dem goldenen Mainz, ein Stein in den Weg gelegt, über den er stolpern sollte; ihm war gleich vielen seiner Alters- und Kampfesgenossen ein Märtyrerthum vorbehalten, das Gefängniß statt der Hochzeit. In Mainz tagte seit dem 3. November 1819 die Central-Untersuchungscommission, diese Schandgeburt des zweiten Jahrzehnts des neunzehnten Jahrhunderts. Fürst Metternich und der nassauische Gesandte von Marschall stritten um die Vaterschaft, letzterer hatte schon in der zweiten Sitzung des Karlsbader Congresses am 7. August 1819 den Gedanken an eine solche Commission »zur Beruhigung aller Wohlgesinnten«, angeregt; die Organisation war aber das Werk Metternich's. Die Central-Untersuchungscommission hatte sich in dem goldenen Mainz wohlgebettet und sich von dem Bundestage bald unabhängig zu stellen gewußt. Man lebte herrlich und in Freuden, machte Excursionen nach der schönen Umgebung, hazardirte in Wiesbaden, mied aber Frankfurt. Der Bundestag forderte wiederholt Bericht über die Thätigkeit der Commission, diese hüllte sich in um so tieferes Schweigen. Was sollte sie auch berichten? Es lag Tatsächliches überhaupt nicht vor. Die Thaten Sand's und Löhning's standen in keinem directen Zusammenhange weder mit der Burschenschaft noch sonst mit geheimen Verbindungen, sie hatten auch schon ihre Richter gefunden. Nun hatte man zwar Tausende von Papieren und Papierschnitzeln zusammengebracht; allein sie waren lückenhaft, in Abschriften, deren Glaubhaftigkeit zweifelhaft blieb, ihrem Sinne nach wenig aufgeklärt, Briefe des unschuldigsten Inhalts, in denen man mit diplomatischer Kunst Hintergedanken suchen mußte. Anderthalb Jahre brachte man damit zu, eine Kategorientafel zu suchen, nach der gearbeitet werden solle, und kam endlich überein, es würde zweckmäßig sein, wenn man drei große Actenbündel anlegte, mit örtlichem, persönlichem und sachlichem Material. Um die Grundlagen für die Verschwörung, die man finden wollte, zu gewinnen, ging man auf den Tugendbund zurück und machte die Stein und Arndt, Blücher und Gneisenau, Eichhorn und Gruner zu Vätern der demagogischen Umtriebe, ja Fürst Wittgenstein, der beinahe ausschließlich das Ohr Friedrich Wilhelm's III. besaß, wußte in diesem die Furcht vor einer Revolution in hohem Maße zu nähren und alle diejenigen als Demagogen und Verschwörer darzustellen, welche auf Erfüllung des Verfassungsversprechens drangen. In der That gehört es zu einer der unerklärlichsten Erscheinungen, wie über ein Jahrzehnt eine Commission tagen konnte, der, wie sie selbst bekannte, jedes greifbare Princip, jeder Maßstab, ja die Hauptsache selbst, ein Verbrechen, fehlte. Denn jedes jugendliche Hirngespinst, jeder Gedanke an ein einhelliges Deutsches Reich und an Verfassungsrechte, die man den Völkern versprochen hatte und gewähren mußte, war doch noch nicht Hochverrath?! Nun hatte man sich von Hannover aus, nachdem Hermann sich um das Privatdocententhum beworben, nach Mainz gewendet und angefragt, ob dort etwas in Erfahrung gebracht sei über das Treiben Baumgarten's seit seiner Promotion. Hannover war bei der Commission nach dem Abgange des Präsidenten von Bar durch Hofrath Falke, der damals noch nicht geadelt war, vertreten, einen Juristen aus der Pütter'schen Schule, der mit Karl Haus auf derselben Zuhörerbank gesessen. Falke berichtete dann, daß sich der Name des Dr.  Hermann Baumgarten auf einem Verzeichnisse befinde, von dem man vermuthe, daß es die Namen der Mitglieder des Bundes der Jungen enthalte, sowie daß nach der Aussage eines gewissen Witt, genannt von Dörring, Hermann wirklich Mitglied dieses Bundes sei, wie es auch ermittelt worden, daß derselbe in der Schweiz viel mit Snell zusammen verkehrt habe. Freilich, hatte er hinzugefügt, sei Witt eine sehr anrüchige Persönlichkeit; einige behaupteten sogar, er stehe als Agent im österreichischen Solde. Als Hermann in Berlin um die Erlaubniß, sich zu habilitiren, nachsuchte, wendete man sich auch von dort vorschriftsmäßig nach Mainz. Der preußische Vertreter, weniger gewissenhaft als Falke, ein Demagogenriecher aus der Schmalz'schen Schule, beantragte, Baumgarten vorläufig als guten Fang zu betrachten und ihn im Interesse der Central-Untersuchungscommission namentlich über seinen Aufenthalt, seine Reisezwecke und Verbindungen in Italien und der Schweiz zu vernehmen. Baumgarten, der fleißig am zweiten Theile seines Werks arbeitete, war nicht wenig überrascht, als man eines Tages seine Papiere versiegelte und ihn erst nach der Stadtvogtei, dann nach Spandau abführte. Nach Fritz Reuter und Arnold Ruge den Aufenthalt und das Leben auf einer solchen Festung zu schildern, würde verwegen sein. Man inquirirte in das Blaue hinein, verlangte Rechenschaft von jedem Tage, den der Gefangene auf Reisen zugebracht hatte, ging auf das Wartburgfest zurück, forschte nach Verbindungen mit Follen, mit Sand und andere. Wochen vergingen, ehe Hermann seine Bücher und Papiere zurückerhielt und sich mit den Seinigen brieflich in Verbindung setzen durfte. Von seinen Briefen hatte man nur einen zurückbehalten, in dem der Onkel Schulz in Hannover in seiner derben Manier den Curator der Universität einen bornirten Kopf, die Minister Esel und die Nichtzulassung Hermann's zur Habilitation in Göttingen einfach eine Niedertracht nannte. Vielleicht schickte man den Brief nach Mainz, um die Liste der Demagogen zu vergrößern, vielleicht hatte man ihn auch nur nach Hannover gesendet, um die Minister wissen zu lassen, was ein hannoverischer Bürger von ihnen zu denken wage. Der Gefangene fühlte sich beglückt durch die Erlaubniß, an seine Braut schreiben zu dürfen, durch die Möglichkeit, am zweiten Bande seiner Geschichte weiter zu arbeiten; er tröstete sich mit der Hoffnung, daß die ganze Untersuchung nur auf einem Irrthume beruhen könne, da ihn seine wissenschaftlichen Forschungen in Archiven und Bibliotheken schon in Jena von phantastischen Geheimbundstreibereien fern gehalten hatten. Das war etwa um Ostern 1824. Um dieselbe Zeit bewegte sich auf der Chaussee von Hannover nach Göttingen die von vier Pferden gezogene schwerfällige Postkutsche mit acht Beiwagen den letzten Berg hinan, der den Blick über Göttingen hinaus über das ganze Leinethal bis zu den Werragebirgen erschließt, während zur linken Seite, nach Osten, eine Ruine, die der Burg Pleß, einen langen hohen nebst einem sehr dicken Thurme wie zerfallenes Gemäuer aus noch unbelaubter Bergeshöhe hervorstreckte. In dem letzten dieser Beiwagen saßen zufällig zwei ziemlich nahe Verwandte, der Sohn unsers Freundes Heinrich Schulz aus Grünfelde, ein langaufgeschossener blonder Jüngling, und sein jüngerer Stiefoheim Kuno Claasing. Das war aber nicht der Knabe, welcher 1797 geboren wurde und dessen Geburt Gottfried's Mutter das Anerbenrecht entzog, jedoch die Verheirathung Theresens mit Heinrich förderte; jener Knabe war an einer Kinderkrankheit gestorben. Indeß hatte die Frau Obergestütmeisterin während der Occupation im Jahre 1804 abermals einen Sohn geboren und war die Ehe außerdem mit einer ältern Tochter gesegnet, die schon mehrere Jahre mit dem Dr. juris utriusque Johann Karl Junker in Bremen verheirathet war, welcher, da es mit Senatorentöchtern nicht gehen wollte, auf den Rath seiner Mutter wenigstens eine reiche Frau genommen hatte. Der Gestütmeister Claasing hatte seinen beiden Kindern ein sehr großes Vermögen hinterlassen. Kuno war ein verzogener Muttersohn, der immer seinen Willen durchgesetzt, wenig gelernt, aber schon von früher Jugend an in allen nobeln Passionen seines verstorbenen Vaters sich ausgezeichnet hatte. Er hatte vom Vater das hübsche Gesicht, das ihn zum Liebling der Frauen machte, zu seinem Verderben geerbt. In Verden von der Domschule war er fortgejagt, weil er seine Commilitonen zu Spiel- und Trinkgelagen verführt hatte. Die Mutter war gestorben, Kuno stand unter Vormundschaft, und da einer der Vormünder einen Bruder in Braunschweig hatte, dem er den reichen Kostgänger gern zuwenden wollte, wurde er auf das Carolinum geschickt. Hier hatte Kuno die Bekanntschaft des ältesten Sohnes Schlottheim's und Flora's gemacht, der aus gleichem Grunde, wie Kuno aus Verden, von der Ritterakademie in Lüneburg entfernt war, lernte auch Victor Justus Haus kennen, der sich damals schon gern Haus von Finkenstein nannte, obgleich sein Vater noch nicht in den Adelstand erhoben war. Dieser suchte vorzugsweise Umgang mit Adeligen und gab auf die Abstammung von Olga, Reichsgräfin von Wildhausen, viel mehr als auf die von seinem bürgerlichen Vater. Es war diese Bekanntschaft in die letzten Zeiten der Vormundschaft des Prinzen und in das erste Regierungsjahr des Herzogs Karl gefallen, und da führte man in Braunschweig überall ein flottes Leben, es herrschten ziemlich laxe Sitten, die vielgerühmten braunschweiger Schönheiten gehörten nicht zu den sprödesten. Der junge Graf Guido Schlottheim, Haus und Claasing zogen sich bald den Beinamen des liederlichen Kleeblatts zu, sie waren die wildesten und ausgelassensten Burschen aus dem Carolinum, und das wollte wahrlich viel sagen. Schlottheim und Victor Justus gingen ein halbes Jahr früher zur Universität, Kuno wurde von dem Vormunde wider seinen Willen noch ein halbes Jahr im Carolinum zurückgehalten. Claasing wollte in Göttingen nur seine Freiheit, seine Jugend genießen, Reitunterricht bei Ayrer nehmen und es in schönen Pferden und Geldverschwenden dem Adel möglichst zuvorthun. Das Schuldenmachen verstand er schon vorzüglich, und Meyer Itzig und andere heustedter Juden sandten ihm gegen Schuldscheine so viel Gelder, als er begehrte, denn nach zwei oder drei Jahren wurde er volljährig und konnte zahlen. Gottfried Schulz, einige Jahre älter als Claasing, stand zu diesem, dem Stiefbruder seiner Mutter, in jenem Respectverhältnisse, das die Römer respectus parentelae nannten; allein er konnte Achtung vor dem Stiefoheim nicht haben. Gottfried war eine ganz entgegengesetzte Natur, sanft, schüchtern, selten nur aus sich herausgehend, ein Feind alles burschikosen Treibens. Sein Vater hatte ihn gegen den Wunsch seines Bruders Friedrich bis zur Universität selbst gebildet und mit ihm die »Kritik der reinen Vernunft« noch einmal wie in seinen jungen Jahren durchstudirt. Nach dem Wunsche der Mutter sollte er Theologie studiren, und dies hatte Gottfried denn auch schon gethan. Aber er hatte die Ferien bei seinem Onkel Friedrich dem Maschinenbauer zugebracht und unter dessen Einfluß den Entschluß gefaßt, zur Jurisprudenz überzuspringen. Ihm war aus verschiedenen Lehrvorträgen in Göttingen schon klar geworden, daß die Klage des alten Eichhorn gerecht sei: die Neuern seien bemüht, den Karren, den er und seine Genossen seit funfzig Jahren aus dem Morast zu ziehen bemüht gewesen, noch tiefer wieder hineinzuschieben; er wollte dazu wenigstens nicht helfen. Onkel Friedrich war sehr zufrieden mit diesem Wechsel, er hatte nur das eine Bedenken, daß es dem Neffen zum Juristen an der animalischen Lebenskraft fehle. »Junge«, pflegte er zu sagen, »du bist ja so weich wie die Grasbutter deiner Mutter, wann willst du anfangen hart zu werden? Die Zeit, glaube mir das, ich fühle es in meinen Knochen, die Zeit, die Männer von Stahl und Eisen erfordert, sie wird kommen, über Nacht kommen. Man hat uns um den Siegespreis geprellt, man sucht uns seit zehn Jahren in den Schlaf zu lullen, man sucht sich auf Universitäten ein bedientenhaftes, gedankenloses Beamtenthum zu erziehen, aber das deutsche Volk wird aus diesem Schlafe erwachen. Wenn du Jurist wirst, mußt du auch Hammer werden, komm herüber zur Schmiede, ich will dir zeigen, was Hammer und was Amboß ist.« Gottfried hatte aber noch nicht gelernt, Hammer zu sein, auf dem Wege von Hannover mußte er, der schon das Brandfuchssemester zurückgelegt, seinem Oheim Claasing, der noch nicht einmal immatriculirt, nach der Studentensprache also noch Maulesel war, als Amboß dienen, auf dem dieser mit rohen Scherzen über Vater Pastor, die Theologie, die grünfelder Gänse u. s. w. herumtrommelte. In Elze stieg ein Jurist, Weibezahn aus Hameln, der ebenso lang wie Gottfried war, aber durch seine breitern Schultern und seine ausgedehnte Brust andeutete, daß er nicht zum Amboß bestimmt sei, in den Postwagen; er nahm sich Gottfried's als eines Freundes an und machte dem Maulesel seinen Standpunkt klar. Als man Göttingen näher kam, fragte Weibezahn: »Hast du das kleine Scheusal nicht mitgebracht?« »Nein, Detmold war krank, er will erst in einigen Tagen nachkommen.« »Ich habe indeß«, fuhr ersterer fort, »in Hameln eine vortreffliche Acquisition für das ›Katzenpötchen‹ gemacht, einen Fuchs Buchholz gekeilt, einen Witzkopf, der es mit Detmold reichlich aufnimmt, und überhaupt ein Kerl ist, an dem man seine Lust haben muß. Auch höre ich von meinem Vetter in Lüneburg, daß Heinrich Heine wieder nach Göttingen kommt; den müssen wir für das ›Katzenpötchen‹ gewinnen, der hat sich in Berlin herausgemacht, hat eine Tragödie ›Almansor‹ in die Welt geschickt, die Aufsehen erregt hat.« »Katzenpötchen und Gänseblümchen« hieß nämlich der Titel einer von Gottfried redigirten und illustrirten, in eigenem Verlage erscheinenden geschriebenen Zeitschrift. Jeder Mitleser mußte sich zugleich als Mitarbeiter verpflichten, mindestens alle Wochen ein Gedicht, einen Witz, eine Zeichnung, eine Caricatur zu liefern. Man kam im Sommer wöchentlich einmal auf Ulrich's Garten, im Winter in einem Privatzimmer zusammen, um die Katzenkrallen der Satire und des Spottes unter den Sammtpfötchen hervorbrechen zu sehen. Man ironisirte sich selbst in dem auftauchenden Weltschmerz, man zeichnete Professoren, Professorenfrauen und Töchter, und Detmold war Meister im Caricaturenzeichnen. Gottfried Schulz selbst war gleichfalls ein tüchtiger Zeichner, dem es nur an guter Schule fehlte, der aber desto mehr Phantasie hatte und in alle seine menschlichen Figuren das Seelische hineinzulegen wußte, und dem der Stoff nie ausging. Er konnte eine schöne Landschaft rasch mit Bleistift auffassen, wie in Farben skizziren, ein Angesicht während der Unterhaltung unvermerkt aufs Papier werfen, er war nicht ohne Humor, obgleich ihm nie eine unreine Redensart aus dem Munde kam, und er erröthete, wenn Detmold oder Buchholz sich in studentisch derben, oft cynischen Redensarten ergingen. Das war ein Kreis »göttinger Kamele«, wie sie die Corpsbrüder nannten, welche selbst, als sie sich die Hörner abgestoßen und drei Jahre an Lappalien wie an Heiligthümern gehangen, das Recht erworben zu haben glaubten, Stockphilister und gefügsame königliche Diener zu werden. Indeß hatte die Postchaise die Höhe erreicht, und der Postillon fing an ein munteres Lied zu blasen, als er oben angekommen war, welchem Beispiele der nächste Schwager folgte. Nun ging es nach dem nahen Dorfe Weende im Galop hinunter. Dort oben warteten der Post schon mehrere Corps, theils um ältere Corpsburschen zu begrüßen, theils um Füchse zu fangen und zu keilen, das heißt, für die Verbindung zu werben. Post und Beichaisen, als sie vor dem Weghause hielten, wurden von Studenten umringt, welche brüllten: Was bringt der Postillon? Was bringt der lederne Postillon? worauf ein Chor antwortete:      Einen Wagen voller Füchs';     Einen Wagen voller ledernen Füchs'      Ça ça , ledernen Füchs'! Ledern war alles, der Herr Papa, die Frau Mama, die Mamsell Soeur, selbst das Bier, das man in die Post hineinreichte. Kuno Claasing wurde hier von den alten Carolinumsgenossen Schlottheim und Victor Justus Haus, die hohe Kanonenstiefel trugen und an den Mützen, der Brust, den Pfeifenquasten in den Farben der Brunswigia einherstolzirten, in Empfang genommen. Er stieg aus dem Postwagen und wurde ihm von dem Corps ein Rausch angetrunken, daß er nicht wußte, wie er nach Göttingen und in das Bett Schlottheim's gekommen war. Am andern Tage hatte er nichts Nothwendigeres zu thun, als den Katzenjammer vom Vortage wieder hinwegzutrinken und zu singen: So leben wir alle Tage in der allerbesten Saufcompagnie! ein Lied, das er schon von Braunschweig her kannte. Ja ledern, über alle maßen ledern, hölzern, poesielos, eintönig, fade und leer war ein Studentenleben, wie es das liederliche Kleeblatt und viele Hunderte führten. Schlottheim, Haus, Claasing gehörten zu den wenigen Studenten, die sich eigene Reitpferde hielten und die nur ein Colleg, den Reitunterricht, regelmäßig besuchten. War die Reitstunde beendigt, so ging es nach dem »Kaiser«, oder man ritt oder fuhr nach dem Rischenkruge, um einer Paukerei zuzusehen oder sich selbst zu pauken. Nach dem Mittagstische in der Goldenen Krone wurde zu Hause Kaffee getrunken und einige Stunden der Ruhe gepflegt. Nachmittags bereitete man sich im Rathskeller oder der Bosia für den Abend zur Kneipe durch ein Bierspiel, »Pereat« genannt, vor. Welcher verruchten Phantasie mag dieses Spiel seine Entstehung verdanken? Alles, was selbst den rohesten Völkern heilig ist, die Familienbande, Vater, Mutter, Schwester werden hier auf wahrhaft cynische Weise der Verachtung preisgegeben, in Versen ohne Witz und Verstand! Und da saßen Jahrzehnte hindurch in Göttingen, Heidelberg und andern Universitäten in den glücklichen Jahren der Restauration Hunderte von Studenten in öffentlichen und Privatkneipen, spielten Karten und sangen dazu: »Mein Vater hängt am Galgen!« Und das war noch das Anständigste, was von der eigenen Familie gesagt wurde. Es ist kaum glaublich, daß die roheste Landsknechtzeit ein größeres Schandlied zu Wege gebracht habe. Abends auf der Kneipe gar lag der ganze Witz im Biercomment, dem Trinken nach gewissen Regeln, dem Verurteilen nach einer Art von processualischen Grundsätzen, und im Singen sinnloser Lieder. Oder was konnte man dabei denken, wenn man das – – Lied Nr. 109 des »Göttinger Commersbuches« sang: Zieh, Schimmel, zieh, Im Dreck bis an die Knie; Morgen wollen wir Hafer dreschen, Soll das Schimmlein Hülsen fressen. Oder welcher Verstand liegt in Versen wie die daselbst S. 189: Druckpapier und Löschpapier, Löschpapier und Druckpapier. Komm, du lieber Junge, Schlag dich auf die Zunge. In der That, die Universitäten waren für eine große Anzahl junger Leute nicht Schulen der Bildung, der Wissenschaft, nicht Erziehungsanstalten zu schönerer Menschheitsbildung und Sitte, sondern Schulen der Roheit, der Faulheit und des Lasters. Es handelte sich wahrlich nicht um das Fernhalten weibischer Sentimentalität, wie man oft zur Entschuldigung sagte, sondern um das Fernhalten jeder geordneten Thätigkeit, jeder der höhern geistigen Freiheit zustrebenden Ausbildung. Auch in den Kreisen, in denen sich Gottfried Schulz bewegte, trieb man jugendliche Scherze, ließ man dem jugendlichen Muthwillen seinen Lauf, übte mancherlei Unsinn, aber man war daneben fleißig, hatte höhere Ziele für den eigenen Beruf, für Wissenschaft, Kunst oder die Gestaltung des Menschheits- und Staatslebens selbst im Auge. Für den Sohn des Pastors aus Grünfelde bezeichnete es einen Lebensabschnitt, als der Philosoph Karl Friedrich Krause sich in diesem Jahre in Göttingen niederließ; Gottfried und ein großer Theil seiner Freunde wurden eifrige Schüler des großen Wissenschaftslehrers, der jedoch im Staate Hannover wenig öffentliche Anerkennung fand. Veronica Cruella, von ihrem italienischen Triumphzuge nach Wien zurückgekehrt, hatte seit langer, langer Zeit von ihrem Hermann Briefe nicht empfangen, aber sie tröstete sich damit, daß bei der Unregelmäßigkeit der Posten solche verloren gegangen seien. Da empfing sie den ersten Brief des Geliebten aus der Festung. Sie war außer sich. Ihr Urlaub war abgelaufen, sie durfte zur Zeit Wien nicht verlassen, während es sie mit tausend Banden nach Berlin zog, um dort für die Befreiung des Geliebten zu wirken. Sie eilte zu ihrem alten Gönner Gentz, offenbarte ihm ihre Verlobung und klagte ihm das Unglück des Geliebten, für dessen Unschuld sie bürgen wolle. Gentz versprach zu thun, was er vermöge, und nachdem er durch den österreichischen Bevollmächtigten der Centralcommission Erkundigungen eingezogen, glaubte er sich im Stande, der Verzweifelnden die tröstliche Nachricht zu bringen, daß es mit der Sache nicht viel auf sich habe, daß einige Monate Haft aber wol noch von dem Doctor ertragen werden müßten, da die Untersuchungsrichter und die Centralcommission zu viel zu thun hätten. Die Sängerin wollte dem Heißgeliebten aber um jeden Preis durch persönliche Einwirkung die Freiheit verschaffen; ihr Contract lief mit dem neuen Jahre ab, sie lehnte eine Erneuerung ab, um mit dem Geliebten sich verbinden zu können, der eine engagirte Sängerin nicht heirathen wollte. Jetzt willigte sie in eine zweijährige Verlängerung des Vertrages unter der Bedingung, daß sie sofort einen vierwöchigen Urlaub bekäme, um in Berlin Gastrollen geben zu können. Zu einem Gastspiele in der nordischen Königsstadt war sie schon öfter aufgefordert, hatte aber stets abgelehnt. Jetzt war sie es, die sich erbot. Gentz verschaffte ihr Empfehlungsbriefe an einflußreiche Persönlichkeiten und empfahl ihr als solche vorzüglich die Gräfin Auguste von Harrach, welche auf den König persönlich den größten Einfluß übe. So reiste Veronica denn im Herbst nach Berlin und feierte dort dieselben Triumphe, die sie in Wien und Italien erlebt hatte. Nachdem sie in einem Privatcirkel der Gräfin Auguste von Harrach gesungen und sich am Tage darauf Audienz bei derselben erbeten, übergab sie ihr eine von Gentz selbst verfaßte und nur von ihr als Braut unterzeichnete Bitt- und Denkschrift wegen Befreiung des Geliebten. König Friedrich Wilhelm III. befahl noch an demselben Tage, da er die Denkschrift durch seine Freundin empfangen hatte, Einsendung der Acten über den Dr.  Hermann Baumgarten, und am 10. November, einen Tag nach der in Charlottenburg gefeierten morganatischen Vermählung des Königs mit der zur Fürstin von Liegnitz erhobenen Gräfin Harrach, stürzte der für unschuldig erklärte Demagoge in die Arme der Heißgeliebten. Im Hause Varnhagen's von Ense und bei Rahel, welche sie von der wiener Congreßzeit kannte, hatte Veronica das beste Unterkommen gefunden. Beide verließen Berlin, nachdem sie durch Schleiermacher in Gegenwart einer Gesellschaft der ausgezeichnetsten Geister Berlins getraut waren. In Wien wollte das junge Paar sich niederlassen. Zweites Kapitel. Der Freiherr Karl Haus von Finkenstein. Unsere Erzählung geht um einige Jahre zurück. Wir müssen uns nach unserm alten Freunde Haus und seiner Olga umsehen, die wir auf der Reise nach Europa verließen. Während Bollmann von London direct nach Wien zum Congreß gereist war, hatten die andern deutschen Reisegefährten den Weg nach Bremen eingeschlagen. Olga mochte Heustedt nicht wiedersehen; ihre eigenen letzten Erinnerungen an diesen Ort und der Gedanke an den schrecklichen Tod der Mutter erfüllten sie mit Schauder. Menschen, nach denen sie sich zurücksehnte, gab es für sie dort nicht, und so war denn schon in Amerika beschlossen, den alten Stammsitz der Familie zu veräußern, und sie wie die Schwester Heloise hatten Karl mit umfassenden Vollmachten zu diesem Zwecke versehen. Unsere Freundin war eine von jenen weiblichen Naturen, die Schmerz nicht ertragen zu können glauben, obgleich sie ihn schon ertragen haben, die möglichst vor jedem Unangenehmen den Kopf verbergen wie der Strauß vor der Gefahr. So durfte niemand von ihrem in Washington geborenen, auf der Reise verstorbenen Töchterchen auch nur reden, und sie hätte Joe, die schwarze Wärterin derselben, von England aus gern nach Amerika zurückgeschickt, um durch ihren Anblick nicht an das Kind erinnert zu werden, wenn diese nicht über den wilden, bald siebenjährigen Knaben Victor Justus mehr Autorität gehabt hätte als die Mutter und der Vater selbst. Dieser schrieb von London aus an seinen Onkel, in Firma Johann Karl Junker und Comp., nach Bremen und bat ihn, ein passendes Logis in dem besten Gasthause Bremens zu bestellen. Der alte Herr wählte die Stadt Frankfurt am Domhofe, seiner Wohnung schräg gegenüber, und ließ dem Besuche zu Ehren sein eigenes Haus von unten bis oben neu bemalen und decoriren. Sogar der stille Compagnon that sich mit Sammt und Seide um, denn das war nicht der arme Neffe, der ungern gesehene Schüler, das war jetzt ein sehr reicher Mann, der eine Reichsgräfin ans dem ältesten in Bremen wohlbekannten Adel zur Gemahlin hatte, in dessen Gefolge sich zwei Mohren, damals noch eine seltene Erscheinung in Bremen, befanden. Selbst das Töchterlein Adelheid bekam damals zum ersten mal Kleider von der Elle, statt der großmütterlichen, die sie bisher hatte auftragen müssen. Unser Doctor juris utriusque war aus Frankreich zurückgekehrt, unverwundet, ja ohne Pulver gerochen zu haben, denn das Lützower Fußvolk, dem er sich angeschlossen, war wol zu einigen Raufereien mit Belgiern, nicht aber zum wirklichen Kampfe gekommen. Allein er hatte den Ruhm davon, den Franzosen desertirt und anstatt, wie seine bremer Kameraden, in Frankreich internirt und als Kriegsgefangener behandelt zu sein, als Lützower dem Feinde gegenübergestanden zu haben. Die schöne Korbmacherin, die mit Mutter und Vater vom Buntenthorsteinwege verschwunden war (der Einäugige hatte sich als Vater Martha's offenbart und viel Geld gehabt), war vergessen. Der Junior war jetzt mit den Planen der Mutter, ihn in eine Senatorenfamilie einheirathen zu lassen, zufrieden, nur wollte sich die Gelegenheit noch nicht finden; wie überall, waren auch in Bremen die Staatsdinge erst wieder im Entstehen und die persönlichen Beziehungen nur theilweise geordnet. Die Besitzerin des neuen Schlosses zu Heustedt und die geizige Kaufmannsfrau waren so große Gegensätze, daß ein steifer gegenseitiger Besuch die einzigen Beziehungen waren, die sich anknüpften. Allein Olga langweilte sich während der Zeit, wo ihr Mann in Heustedt war, um den Verkauf der Besitzungen vorzubereiten und eine Uebersicht über die Nachlassenschaft der Gräfin Melusine zu erwerben. Bremen war damals auch in der That eine sehr langweilige Stadt, außer dem Walle hatte es keinen Spaziergang; es gab kein Theater, keine Concerte, keine Umgegend. Die Schiffahrt war noch nicht wieder erwacht, der Handel schlief noch, man fürchtete hier und da, ganz verschlungen zu werden. Da konnte denn auch der junge Doctor wenig zur Unterhaltung der Gelangweilten beitragen, und diese trieb den Gemahl in Heustedt täglich, seine Geschäfte zu beendigen, damit man nach Wien reifen könne, denn Wien und wieder Wien war das Einzige, wovon alle Zeitungen sprachen, wohin aller Augen gerichtet waren. In Heustedt hatte der von den Gerichten angeordnete Curator absentis tüchtig vorgearbeitet; eine gründliche Inventur war schon vorhanden, die Ansprüche der Gläubiger wie der Dienerschaft waren angemeldet, und so ließ sich ein Ueberschlag des Vermögens machen. Dieses stellte sich, wenn man einen einigermaßen guten Käufer fand, immer größer heraus, als man in Amerika geglaubt hatte. Da unser Freund den bisherigen Curator als einen zuverlässigen Collegen von früher kannte, übertrug er ihm seine Vollmachten und reiste über Dresden und Prag nach Wien. Da Olga Dresden nicht kannte, wie sie überhaupt von Deutschland wenig gesehen, so widmete man dem Elbflorenz einige Ruhetage, sah die Kunstsammlungen und sonstige Sehenswürdigkeiten. Vor dem berühmten Bilde der Madonna traf man unvermuthet mit seinem Freunde, dem Maler Hellung, zusammen, dem Karl in Neapel seine Olga anvertraute, von der er auf dem Korsarenschiffe getrennt war. Das war eine Freude, ein Erzählen! Die Reisenden mußten ihren Aufenthalt verlängern, zu dem Maler auf seine Villa ziehen, die Bekanntschaft der zur Christin bekehrten Abyssinierin machen. Victor Justus fand an dem etwas ältern Franz Ibrahim einen verständigern Spielkameraden, als er bisher gehabt hatte. Fatime, welche sich in angeborener Demuth an die bei weitem ältere deutsche Schönheit anschmiegte, gefiel dieser sehr, wie ihr auch Dresden und seine Umgebungen ganz vorzüglich zusagten, obgleich es Winter war und ganz Sachsen damals bei der Ungewißheit, was aus dem Königreiche werden, ob es ganz oder halb in Preußen aufgehen solle, der gewohnten freundlichen Gutmütigkeit entbehrte. So entschwanden die Tage schneller als in dem langweiligen Bremen. Der Maler trug sich mit kühnen Projecten, er hatte sich, schon in Paris angeregt, auf die Historienmalerei gelegt, und ein Bild, das den Ueberfall des Amerikaners, auf dem er seine Ueberfahrt bewerkstelligen wollte, durch den Korsaren darstellte, fand Beifall, ja erregte selbst Bewunderung. Gegenwärtig malte er den Rothbart im Kyffhäuser. Als er erfuhr, daß es seinem Nero gut gehe, daß dieser sich ganz an den Bob Decatur's angeschlossen habe, daß er in der Familie allgemeiner Liebling sei, freute er sich über das Schicksal des Schwervermißten. Wenn Hellung aber den Sohn seiner Abyssinierin und den Sohn der frühern Reichsgräfin miteinander verglich, so konnte er sich heimlicher Freude, daß sein Sohn wohlerzogener, klüger, folgsamer und bei weitem unterrichteter sei als der junge Amerikaner, nicht erwehren. Victor Justus folgte kaum den Befehlen seines Vaters, denen der Mutter aber nur dann, wenn sie ihm nach Wunsche waren; er sprach freilich englisch und deutsch, konnte auch das Englische lesen, aber im Schreiben und Rechnen hatte er noch keinen Unterricht erhalten, und Joe, die ihn allein in Zucht halten konnte, verhätschelte ihn auch. Während Ibrahim schon deutsche Classiker verschlang, für Marquis Posa schwärmte, Schiller's Balladen auswendig wußte, daneben correct zeichnete, hatte der Amerikaner für das alles gar keinen Sinn. Er war knabenhaft stolz auf Amerika und unterhielt sich nur ungern deutsch mit dem Vater. Hellung begleitete die Freunde nach Prag, wo man noch einige Tage zusammen verweilte. Das wiener Leben machte auf das Congreßmitglied für Pittsburg und seine Gemahlin denselben überwältigenden Eindruck, den es auf Bollmann und andere gehabt, nur daß Karl die österreichischen Zustände selbst viel nüchterner und objectiver betrachtete als sein leicht enthusiasmirter Freund Justus Erich, der sich bereits als amerikanischen Gesandten am österreichischen Hofe sah und sein Leben dort in den angenehmsten Verhältnissen beschließen zu können hoffte. Schon hatte er Bekanntschaften mit aller Welt angeknüpft, war befreundet mit Personen in den entgegengesetztesten Lagern und beutete seine Stellung als Republikaner aus, überall guten Rath zu geben, wie es ein Unparteiischer nur vermochte, ohne seine Angelegenheiten wie die seiner Auftraggeber darüber zu vergessen. Haus kam gerade zu der Zeit nach Neujahr 1815 in Wien an, als dort unter den bisher Verbündeten Kriegsdrohungen schon offen laut wurden; er sah mit Bekümmerniß auf das Schicksal Deutschlands. Die deutschen Verhältnisse schienen nach dem, was er sah und hörte, hier ebenso übel berathen wie bei dem Pariser Frieden, und er theilte Bollmann's Lobeserhebungen der Fürsten ebenso wenig wie dessen Respect vor den Geschäftsführern derselben. Hatte er doch in Amerika erlebt, wohin ein loses Föderativsystem führe; erst wollten die Südstaaten, da ihnen die Centralregierung misfiel, sich von dieser ablösen; dann, als diese durch die sogenannten Republikaner die Majorität im Congreß und Senat erlangt hatten und nach ihrem Willen die Präsidentenwahl zu bestimmen vermochten, zettelte England eine Trennung der Oststaaten an, und es fehlte wenig, so wäre der Plan geglückt. Der Nordamerikaner traf beinahe nur mit Repräsentanten der Kleinen zusammen, die auf dem Wiener Congreß selbst gar keine Stimme hatten, deren Wünsche man höchstens mehr oder weniger entgegennahm, und da vernahm er denn das Fremdengeschrei, als England das Versprechen abgegeben hatte, die volle Souveränetät der Kleinen, nach der namentlich die Rheinbundsfürsten, Würtemberg voran, so lüstern waren, in Schutz zu nehmen. Von einem Deutschen Reiche war nicht mehr die Rede, ein Deutscher Bund aber, wie ihn der Congreß zurechtbraute, schien ihm nach seiner Kenntniß amerikanischer Zustände ebenso unheilvoll für die deutschen Stämme, die besondern Dynasten mit individuellen Bedürfnissen und Sonderinteressen unterworfen blieben, während an die Stelle der Einheit zwei Schwerpunkte traten, deren Eifersucht ein Zusammenhalten der Glieder des schwerfälligen Staatskörpers hinderte und die daher das Ausland ewig zu Einmischungen reizen mußte. Er fürchtete, ja er haßte Rußland viel mehr als Frankreich, denn in letzterm steckte doch trotz aller Ruhmsucht ein tüchtiger Kern von Civilisation, während in Petersburg höchstens der Schein derselben zu finden war. Daß Alexander aber in Wien noch immer die Sonne war, um die sich alle großen und kleinen Planeten drehten, daß Preußen schon dahin gebracht war, nur in Rußland eine Stütze zu finden, und zwar eine höchst zweifelhafte und für seine innere Entwickelung höchst nachtheilige, schien ihm das Gefährlichste. Was sollte aus einem Deutschland mit vierunddreißig oder fünfunddreißig Souveränetäten werden? mit einer aus so vielen Nationalitäten zusammengesetzten Kaisermacht im Osten und einem zerrissenen, von der Nordsee getrennten Preußen? Er hatte, als es den Krieg gegen die Barbaresken galt, erfahren, daß ein Staat der Neuzeit ohne Flotte nicht existiren könne. Die Möglichkeit einer deutschen oder nur preußischen Flotte ging aber verloren, wenn Preußen seinen einzigen Hafen an der Nordsee, Emden mit Ostfriesland, verlor. Je mehr Souveränetäten, desto mehr Sonderinteressen, nicht der Stämme, sondern der Fürsten. Auf der Reise von Bremen nach Wien war ihm an den unzähligen Zollschranken, an der Verschiedenheit der Münzen, der Verschiedenheit von Maß und Gewicht erst so recht klar geworden, wie zerrissen sein Vaterland sei und wie golden dagegen die ihm bei weitem noch nicht kräftig genug scheinende Centralisation Nordamerikas. Während Karl sich um das Treiben der großen Welt und deren Jagd nach Vergnügungen wenig kümmerte, dagegen die Entwickelung der politischen Dinge um so schärfer ins Auge faßte, während es ihm in Wien misfiel, schwebte seine Frau von einem Vergnügen zum andern; sie schien gleichsam nachholen zu wollen, woran es ihr in der Jugend, in Nizza, Tripolis und Amerika gefehlt hatte. Das war denn für den Eheherrn ein Grund mehr zum Misfallen. Der tiefere Grund seines Misbehagens lag aber anderswo – ihn drückte das Gefühl, wenn nicht von allen, doch von vielen der Legations- und andern Räthe, mit denen er Umgang pflegte, als Parvenu angesehen zu werden. Das gesellige Leben war freilich unter der Herrschaft der Prinzipien von 1789 zu weit vorgeschritten, als daß seine Zurücksetzung äußerlich hervorgetreten wäre, aber es schien ihm doch, daß man seine Frau, lediglich weil sie als Reichsgräfin geboren war, mehr hervorzog und auszeichnete als ihn selbst. Wäre sie noch in ihrer Jugendschöne gewesen, wie in der neapolitanischen Zeit, so hätte er einen Erklärungsgrund gehabt; aber sie stand am Anfange der vierziger Jahre, und in allen Gesellschaften, Concerten, im Theater und auf Bällen gab es zahlreiche Frauen jünger und schöner als sie. Daß sie liebenswürdig, leichtlebig, lustig, vergnügungsbedürftig wie die Mehrzahl war, er dagegen griesgrämig, genußunfähig, reflectirend, und daß dies der Grund sei, weshalb die Gesellschaft seine Gattin ihm vorzog, kam ihm nicht in den Sinn. Er glaubte deutlich zu sehen und zu fühlen, wie das Princip der Gleichberechtigung unter Gebildeten hier tendenziös dem Princip der Geburtsvorzüge untergeordnet sei; er meinte zu bemerken, daß man einen Gentz und ähnlich hervorragende Bürgerliche zwar als Gleichberechtigte dulde, aber eben nur duldete, und daß in der vornehmen Welt eigentlich nur der wirklich Hochgeborene für berechtigt galt, zu leben und zu genießen. Er brachte das offen hervortretende Bestreben, die vorsündflutlichen Grundprinzipien, an deren Vernichtung Voltaire, Rousseau, ja die ganze gebildete Nation gearbeitet hatte, wiederherzustellen, in dem Papste und der Kirche eine Hauptstütze der Staaten zu gewinnen, die Philosophie in Misachtung zu bringen, Künste und Wissenschaften aber nur so weit gelten zu lassen, als sie Lebensgenuß und Vergnügungen förderten, mit jenen Ansichten in Verbindung, und sehnte sich oft nach dem freien, wenn auch nicht feinen Amerika zurück, das trotz aller Selbstüberhebung und Ausschreitung der Massen und trotz der Herrschaft unberechtigter Majoritäten seinem bürgerlich-demokratischen Sinne mehr zusagte. Daß sich seine Frau in dem wiener Geselligkeitstrouble so sehr gefiel, daß sie keinen Abend zu Hause verbringen konnte, am Tage dreimal die Toilette wechselte, ja vielleicht recht gern noch getanzt hätte, wenn ihr dies von dem Arzte und von Bollmann, der ärztlichen Rath noch immer gern ertheilte, nicht ausdrücklich untersagt wäre, denn sie befand sich in gesegneten Umständen; daß die Mutter den Sohn so ganz der Beaufsichtigung der Schwarzen und dem Unterrichte ihrer neuen französischen Kammerfrau in deren Sprache überließ, das alles misfiel ihm täglich mehr. Hätte Olga sich selbst geprüft, hätte sie über sich nachgedacht, so würde sie gefunden haben, daß, was ihr fehle, was in ihr das Gefühl mangelnder Befriedigung weckte, auf ganz anderer Seite liege, als wo sie es suchte. Ihr fehlte nichts Geringeres als das Haus, die Heimat, die Ruhe, die Häuslichkeit. In Pittsburg hatte sie dies nicht gefunden, weil das amerikanische Leben um sie her ihr zuwider war; an Washington würde sie sich mit der Zeit gewöhnt haben, wenn sie durch die uns bekannten Ereignisse nicht nach Europa zurückgetrieben wäre. Hier in Wien fand sie das gerade Gegentheil von der rohen sich selbst vergötternden Demokratie Amerikas, sie fand die Creme der europäischen Aristokratie, fand gleichaltrige Frauen, die sich ihr als Freundinnen mit süddeutscher Leichtlebigkeit zugesellten, hier fand sie die Atmosphäre ihrer Kindheit und Jugend und athmete freier auf. Ihr abenteuerliches Leben hatte sie, außer in Alttripolis, nie zur Ruhe und Selbstbesinnung kommen lassen; da es Eleonoren nicht gelungen war, sie zu strengern orthodoxen Ansichten zu bekehren, hielten auch die vereinzelten Moralsätze und erhabenen Sentenzen aus englischen Dichtern, die sie ihr anerzogen, keinen Stand gegen die in der Congreßstadt herrschende Theorie: man müsse das Leben genießen, solange man noch jung sei. Sie konnte sich zwar mit ihrem Victor Justus beschäftigen, aber nie auf die Dauer und nur eben solange er artig war und sie nicht nach Kinderart mit ewigen Fragen bestürmte. Ihn unterrichten, wie sie in Afrika aus Langeweile Bob Decatur unterrichtet hatte, konnte sie nicht, dazu fehlte ihr die Zeit. Sie bezahlte ihrer Kammerfrau ein Extrahonorar für den Unterricht des Sohnes im Französischen. Und dennoch bedurfte der Knabe recht dringend des Unterrichts und einer strengern Erziehung; das hätten seine Aeltern am besten merken können, als sie in Dresden bei dem Maler sich aufhielten. Aber Haus schwebte in Sorgen wegen Verkaufs der heustedter Güter, er war in Ungewißheit, wo er seinen künftigen Wohnsitz aufschlagen sollte, ihn bekümmerte das Geschick Deutschlands, das er wieder als Vaterland gewählt, kurz es fehlte ihm Sinn und Talent für Erziehung. Die enge, seinen amerikanischen Gewohnheiten nicht entsprechende Häuslichkeit trieb ihn gegen seine Neigung aus dem Hause, auch machte es die zahlreiche Dienerschaft viel zu unruhig, als daß er sich mit dem Knaben hätte beschäftigen mögen. Er hatte nach Bollmann's Schilderungen gehofft, in Oesterreich selbst sich niederlassen zu können, allein jetzt zog es ihn doch nach Norddeutschland, und er tröstete sich damit, ein Hauslehrer werde bei seinem Sohne das Versäumte bald nachholen, wenn nur erst eine feste Häuslichkeit gefunden sei. Haus hatte die Bekanntschaft des Herrn von Schmidt-Phiseldeck gemacht, der in Wien die Interessen Braunschweigs vertrat. Als dieser von dem Wunsche, eine größere Grundbesitzung zu erwerben, hörte, empfahl er den Ankauf der Herrschaft Finkenstein am östlichen Fuße des Harzes. Der Boden sei gut, das Klima geschützt, das Herrenhaus neu und hübsch, der Park wohl eingerichtet, mit Fischteichen, Rasen und schattigen Promenaden versehen. Dazu hohe und niedere Jagd, guter Wald, ein Forellenbach und sogar eine Ruine, der alte Finkenstein selbst, mit einer schönen Aussicht nach dem Harze. Ueberdies lägen die Städte Quedlinburg und Halberstadt unfern, selbst Braunschweig sei in Einem Tage zu erreichen. Das Gut müsse wegen Ueberschuldung des verstorbenen Besitzers verkauft werden, und er könne, da dasselbe zum Fürstenthume Blankenburg gehöre, über Werth und Beschaffenheit selbst amtliche Notizen erheben lassen. Karl bat darum. Es schrieb auch sein Geschäftsführer in Heustedt, daß sich ein Unterhändler zum Ankaufe der heustedter Besitzungen im Ganzen gefunden habe, und daß ein guter Preis in Aussicht sei. Der Unterhändler thue aber mit dem Namen des künftigen Erwerbers geheim, er zweifle indeß kaum, daß Graf Schlottheim II. der Käufer sein werde, besorge aber, daß gerade dieser Käufer den Verkäufern nicht zusagen werde. Karl erwiderte aber: man möge abschließen, heiße der Käufer Schlottheim oder anders. Als unser Freund Anfang Januar nach Wien gekommen, hatten die Dinge ein sehr kriegerisches Ansehen gehabt, Hardenberg drohte mit seiner Abreise, Oesterreich aber war mit England und Frankreich zu einem geheimen Bündnisse gegen Preußen und Rußland geeinigt; schon wurden wieder Kriegslieder gedichtet, schon sang Stägemann wieder: Was sie geschürzt, das Eisen soll's Auf ihrem Kopf zerhauen. Jetzt im Februar war man friedlicher gestimmt. Kaiser Alexander spielte den Großmüthigen, er erklärte sich bereit, von dem köstlichen Beutestück Polen einen größern Theil an Oesterreich abzutreten und Thorn Preußen zu überlassen; dadurch konnten dann auch die preußischen Ansprüche auf Sachsen ermäßigt werden, und der König von Sachsen wartete schon in Presburg sehnsüchtig des Augenblicks, wo er selbst in die Unterhandlungen eintreten könne. In dieser Zeit wurde der Verkauf Heustedts abgeschlossen und Karl gab dem Herrn von Schmidt-Phiseldeck Auftrag, den Finkenstein ankaufen zu lassen. Er sehnte sich nach Häuslichkeit, und da er von der Sache doch nicht viel verstand, so hielt er es für besser, sich ganz auf Schmidt zu verlassen, als etwa selbst in das Blankenburgische zu reisen. Im Hause der braunschweigischen Bevollmächtigten hatte er den Grafen Münster zuerst wieder getroffen, dem er als künftiger Besitzer des Finkensteins vorgestellt wurde. Dieser gratulirte, die Vergangenheit nicht beachtend, zu dem Ankaufe der neuen Besitzung, die er von seinem Aufenthalte in Blankenburg her genau kenne, und condolirte seinem allergnädigsten Herrn, daß er an Haus einen so tüchtigen welterfahrenen und loyalen Unterthan verliere. Indeß war die Zeit der Veilchen gekommen, und die Veilchenverkäuferinnen, selbst die weniger schönen, hatten noch nie so gute Geschäfte gemacht wie im Februar. Dann traten acht Tage dazwischen, wo wenigstens kein Diplomat einen Veilchenstrauß kaufte, die Tage vom 7. bis 15. März. Der Blitz hatte in den Bau des neuen Europas, der noch nicht einmal unter Dach und Fach war, eingeschlagen. Napoleon war von Elba entflohen. Da hieß es am ersten Tage: »Der Tyrann ist von Elba entflohen, die Gottesgeisel Europas, die nimmersatte Hyäne, macht den ohnmächtigen Versuch, noch einmal die europäische Gesellschaft zu verwirren.« Unter dem Eindrucke dieser Phrase erließ der Congreß, auf das Treiben Talleyrand's einmal wieder einig, jenes Manifest, welches Napoleon außer dem Gesetze und der öffentlichen Rache geweiht erklärte. Bald lautete die Nachricht aber: »Grenoble hat dem Verräther seine Thore geöffnet, doch schon rückt der Tapferste der Tapfern mit einem Heere heran, um das Ungeheuer einzuschließen.« Das eine Gute hatte dieses Zwischenspiel der Hundert Tage, daß es die Uneinigen einigte, daß Talleyrand's überwiegender Einfluß aufhörte, daß der König von Sachsen seine Einwilligung gab zur Abtretung der fortan sogenannten Provinz Sachsen. In den drangvollen Tagen, als Ney in Lyon zu Napoleon übergegangen, und der Kaiser unter unendlichem Jubel in Paris eingezogen war, die Bourbonen aber mit Emigrirten und Pfaffen abermals flohen, Oesterreich, England, Rußland und Preußen sich am 25. März aufs neue zum Kriege vereinigten, verließ Karl Haus Wien, um sein Schloß Finkenstein in Besitz zu nehmen. Statt in dem schönen Thale von Ischl, am Fuße der Alpen, sollte Olga am Fuße des Harzes, aber in ihrer eigenen Wohnung Niederkunft halten. Der Käufer hatte in der Erwerbung ein in jedem Betracht gutes Geschäft gemacht, nur war es ein Unglück für ihn, daß er von der Landwirtschaft gar nichts verstand und ihm auch die Lust fehlte, sich mit ihr einigermaßen vertraut zu machen. Er mußte sich ganz auf seinen Verwalter verlassen, der bisher schon das Gut administrirt hatte. Die Einrichtung des Schlosses; wenigstens der Zimmer Olga's und des Gesellschaftssaals, sollte in neuem, modernem, wenn auch nicht gerade schönem Stil geschehen; Besuche bei dem benachbarten Adel wurden gemacht, Gegenbesuche empfangen, ein Hauslehrer für Victor Justus ward gewonnen; so verstrich das Frühjahr schnell. Die Nachricht von dem Tode des Herzogs bei Quatre-Bras traf ein, als Olga eine Tochter geboren hatte. Der Prinz-Regent von Großbritannien wurde nun Vormund der beiden elf- und zehnjährigen braunschweigischen Prinzen, oder gab wenigstens den Namen her, denn Geschäfte jeder Art hatte er von Jugend auf gehaßt. Der Vater des Prinzen hatte in einem Codicill von 1813 die Verwaltung seiner Geschäfte dem Grafen von Liverpool, dem Staatssecretär Canning und dem Grafen Münster übertragen; letzterer war es aber eigentlich, der das Land regierte. Die beiden Staatsminister Graf Alvensleben, ein weitläufiger Vetter Olga's, und von Schmidt-Phiseldeck thaten nichts, ohne bei Münster angefragt zu haben. Olga hatte ihre Schwester Heloise gebeten, die Pathenstelle bei der Tochter zu übernehmen und dieser ihren Namen zu geben. Die Antwort kam erst, als man bereits die Winterwohnung in Braunschweig bezogen hatte, denn schon der Herbst war für Olga auf dem Lande zu einsam geworden. Die Schwester schrieb viel von ihrem häuslichen Glücke, von dem Gedeihen der pittsburger Unternehmung wie von dem Aufblühen des ganzen Landes nach abgeschlossenem Frieden; von dem Enthusiasmus, den es erregt habe, daß Commodore Decatur den Dei von Algier abgestraft, und daß die Amerikaner die erste und einzige Nation der Welt seien, welche die christlichen Nationen von dem ihnen durch die Barbaresken aufgedrungenen Tribute freigemacht und Algier selbst ihre Gebote aufgenöthigt habe. Wie bei Frauenzimmerbriefen häufig, war eine ganz wichtige Nachricht in einem Postscriptum mitgetheilt. Es hieß: »Bald hätte ich vergessen, Dir eine traurige und für Dich nicht unwichtige Nachricht mitzutheilen. Deine Eleonore ist todt, an der Schwindsucht gestorben, wie es heißt, wahrscheinlich aber von ihrem unwürdigen Gatten zu Tode gepeinigt. Wie Grant von einer zuverlässigen Person in Philadelphia erfuhr, welche der Eleonore die von Dir gewährte Pension auszahlen mußte, hatte ihr Gatte dort schon Umgang mit einem leichtsinnigen Weibe, das in Südcarolina eine Plantage und einige Dutzend Sklaven besitzt, und war der armen kränkelnden Eleonore überdrüßig. Er quälte sie fortwährend, sie solle die ihr von Dir geschenkte Brosche verkaufen, damit er sich in Südcarolina ankaufen könne. »Da die arme Frau sich von Deinem Geschenke nicht trennen wollte, war der unwürdige Geistliche eines Tags mitsammt der Brosche verschwunden; man sagt, er sei nach Carolina entflohen, habe sich dort eine Pflanzung gekauft und lebe unter dem Namen Booth, nach anderer Nachricht habe er jene südcarolinische Besitzerin geheiratet. Eleonore überstand den Verrath nicht, sie hatte sich schon lange davon überzeugt, daß Schmidt nur ein Heuchler und schlechter Mensch sei, der sie ihres Geldes und Schmuckes wegen geheirathet habe. »Die ihr zuletzt gezahlte Pension hat ihr Ende erleichtert, und Grant hat ihr Begräbniß besorgt.« Ob Olga glücklich war? Man hat gesagt, die Ehe sei das Grab der Liebe. Das ist wahr, insofern man unter Liebe jenes überschwengliche Gefühl versteht, wo die Liebenden sich selbst aufgeben möchten, nur einer in dem andern aufgehen will. Das ist aber ein unwahres, unrichtiges, widernatürliches Gefühl. Der Mensch bleibt immer zunächst ein Selbstwesen, und nicht das Verleugnen der Eigentümlichkeit, nicht das Aufgehen in einem andern Wesen ist es, was das Vereinsleben in der Ehe zu einem höhern macht, sondern, daß die Gegensätze von Mann und Weib, hier geistige Freiheit, Kraft, überwiegendes Vernunftleben, Streben ins Große und Oeffentliche, dort natürliche Innigkeit, Gebundenheit der Organe, Gemüthsleben, Grazie sich harmonisch zu einem neuen Leben bilden, in welchem die verschiedenen Grundcharaktere der Gegensätze sich frei ausleben, sich in Liebe ergänzen, ohne ineinander überzugreifen, ohne sich gegenseitig beherrschen zu wollen. Olga nun war durch die familienlose Erziehung, welche sie genossen, durch die Beherrschung von seiten der Mutter, später durch die Eleonorens, selbst zur Herrschaft ausgebildet; der Mann hatte immer ihren Wünschen nachgegeben, auch da, wo er hätte widerstehen sollen. So war in das Eheleben nach und nach ein Miston gekommen, der, als Karl den Grund erkannte, kaum sich ändern ließ. Der Wille der Frau herrschte vor, und da ihr von Natur und durch Erziehung ein Selbstgenügen in der Ehe nicht gegeben, so glaubte sie von ihrem Manne verlangen zu können, daß er sie unterhalte, daß er ihr schaffe, wonach sie sich sehnte, ohne es nennen zu können. Der reizende Landaufenthalt war ihr, der noch immer das Leben in Wien vorschwebte, oder die an die Jugendtage in Neapel zurückdachte und öfter als sie sollte von den phantastischen Vorspiegelungen der Lady Hamilton, einer Adoption, phantasirte, zu langweilig. Die schönen Ausflüge nach dem Regenstein, Blankenburg, der Roßtrappe, Ilsenburg und andern Punkten verloren bald den Reiz für sie. Besuche kamen selten, da die meisten Gutsbesitzer nur zeitweilig auf ihren Gütern wohnten und meistens in Staats- und Militärdienst standen. Auch Karl fühlte den Mangel an Beschäftigung. Er war wenigstens seit den letzten fünfzehn Jahren an Arbeit gewöhnt. Als Redacteur der»Oeffentlichen Meinung«, dann als Seemann, als Vorstand der pittsburger Hüttengesellschaft und als Congreßmitglied hatte er Ruhe und Müßiggang nur als nothwendige Erholung kennen gelernt, nicht als Zweck des Daseins. Er beneidete Bollmann, der sich damals in England aufhielt, um seine rastlose Thätigkeit, und war unzufrieden mit sich selbst, daß er auf den Wunsch seiner Frau, Amerika für immer zu verlassen, so schnell eingegangen war, seinen Antheil an dem pittsburger Grundbesitze und Etablissement dem Schwager Grant und seiner Gattin überlassen und dafür den Erlös aus den heustedter Besitzungen behalten hatte. Dann war er wieder unzufrieden über seine Unzufriedenheit. Hatte er im Leben nicht alles erreicht, was er seiner Geburt nach nur verlangen konnte? Waren seine kühnsten Jugenderwartungen nicht übertroffen? Er hatte die Jugendgeliebte, die ihm unerreichbar geschienene Frau, hatte zwei liebe Kinder, lebte in Reichthum, in einer angenehmen Gegend. Daß sich die öffentlichen Angelegenheiten nicht nach seinen Idealen gestalteten, daß die Fürsten und Mächtigen vergaßen, was sie dem Volke in den Tagen der Noth verheißen, daß sich von der republikanischen Selbstverwaltung, die er liebgewonnen, in diesen deutschen Ländern noch immer nicht eine Spur zeigte, das waren Dinge, die ihn wol verdrießlich, aber nicht unzufrieden mit sich selbst machen durften, denn er hatte sie nicht verschuldet. Mit seinem Inspector einmal die Felder bereiten, im Parke die Arbeiten des Gärtners überwachen, mit seinem Knaben im Garten Ball spielen oder die kleine Heloise auf dem Rasen haschen, das konnte ihn wol einige Stunden beschäftigen; aber ein Jahr ist lang. Olga vorlesen? Nun ja, er that das sehr oft, aber die Literaturerscheinungen waren nüchtern, mattherzig wie die Zeit selbst. Ein Mann wie Lord Harrington würde sich auf Finkenstein wahrscheinlich sehr wohl befunden haben, obgleich da manches fehlte, was Harringtonhall bot; aber der Fischteich allein wie der Forellenbach hätten den Lord den Sommer und Herbst hindurch gefesselt. Dann die Jagd, sie war vorzüglich, aber Karl konnte es nicht über sich gewinnen, einen Rehbock oder einen Hirsch zu schießen. Wir dürfen es nicht verhehlen, daß Karl sich oft nach der Stunde sehnte, wo die Bostonpartie, ohne welche nun einmal Olga nicht sein konnte, begann, weil er seine Zeit nicht nützlich anzuwenden Gelegenheit hatte. Er spielte nicht, um zu gewinnen, im Gegentheil war sein Bestreben dahin gerichtet, daß mindestens sein Hauslehrer, der Inspector, der Pastor aus dem Gutsdorfe oder wer sonst den vierten Mann machte, nicht verlören, ja er machte manches Spiel durch ein absichtliches Versehen oder einen Fingerfehler gewonnen, zum Verdruß seiner Gemahlin, die wie alle Frauen das Verlieren nicht ertragen konnte. Er hatte sich, um etwas um die Hand zu haben, mit der Specialgeschichte Braunschweigs, insbesondere der des Fürstentums Blankenburg, das mit jenem durch Personalunion verbunden war, beschäftigt, und war gerade im Studium der Landschaftsordnung begriffen, als er einen unerwarteten Besuch vom Grafen Münster erhielt, der von England nach Hannover herübergekommen war, um selbst einmal nach seinen Pupillen zu sehen, die damals noch in Braunschweig lebten. Da das Gut Finkenstein auf den Landtagen des Fürstentums Blankenburg in der ritterschaftlichen Curie stimmberechtigt gewesen war und man in Hannover schon seit 1814 aus den alten Landständen eine provisorische Ständeversammlung geschaffen hatte, kam das Gespräch von selbst auf den Artikel 13, und Graf Münster erklärte, daß es schon längst seine Absicht gewesen sei, der Bundesacte gerecht zu werden, daß seine vielen Arbeiten ihn bisher nur noch abgehalten hätten, sich tiefer eingehend mit der Sache zu beschäftigen. Karl Haus ließ sich über seine Ansichten von der Sache aus: zunächst müsse eine wirkliche Einheit geschaffen werden, von einer Prälatencurie müsse man absehen, da die Güter der Geistlichen seit lange unter der Verwaltung des Staats ständen, dagegen müsse den freien Bauern eine Vertretung gewährt werden, und hinsichtlich der Städte eine gerechtere Vertheilung stattfinden. Daß man zum Beispiel Wolfenbüttel, der zweiten Stadt des Landes und dem Sitze mehrerer höhern Behörden, das Recht, einen Deputirten zu senden, bisher gar nicht zugestanden habe, sei ein Unrecht. Braunschweig, Wolfenbüttel, Helmstedt müßten vielmehr wegen ihrer größern Bedeutung eine Mehrzahl von Deputirten senden, wenn man nicht, wie es ihm angemessener dünke, ganz von dem altständischen System absehen und zu der Repräsentativform übergehen wolle. Davon wollte nun freilich Graf Münster nichts wissen, noch weniger von sogenannten Grundrechten nach Art der amerikanischen Constitution, die er als bodenlose Theorien bezeichnet. Indessen bat er Haus, eine revidirte gemeinsame Landschaftsordnung für beide Landestheile zu entwerfen und ihm durch Schmidt zuzusenden. Während der Jahre der Theuerung von 1817 und 1818 hatte Haus eine Landschaftsordnung ausgearbeitet, die aber für viel zu freisinnig befunden wurde. Als im October 1819 die Stände des Herzogtums Braunschweig und Fürstentums Blankenburg durch den Grafen Münster im Namen des Prinz-Regenten eröffnet wurden, da fehlte es nicht an den tagesüblichen banalen Phrasen: »Wir leben in einer Zeit, da eine Menge theils gutmüthiger, theils aber auch arglistiger Schwärmer sich berufen fühlt, dem Volke ihre auf bodenlose Theorien gebauten Verfassungsplane anzupreisen und alles Bestehende als veraltet und schlecht darzustellen u. s. w.« Karl Haus, der als Besitzer des Hauses Finkenstein auf dem Landtage Sitz und Stimme hatte, glaubte diese Expectoration auf seinen Entwurf beziehen zu müssen und war nicht wenig erstaunt, als er selbst kurz darauf zum Präsidenten des neuerrichteten Obersteuer- und Schatzcollegiums ernannt wurde. Dies fesselte ihn mehr an Braunschweig selbst, und der Finkenstein wurde lediglich Sommeraufenthalt. Die Zerstreuungen Braunschweigs waren seiner Frau genehm, denn obgleich es keine Residenz war, hatte das Ministerium es doch für angemessen erachtet, das Hoftheater nicht eingehen zu lassen. Es war einer Gesellschaft von Actieninhabern verpachtet und erhielt außerdem einen kleinen Zuschuß. Prinz Karl, um den sich in Braunschweig schon allerlei Geschmeiß gedrängt und ihn als künftigen Fürsten mit Adoration umräuchert hatte, war mit einem in der Hofhaltung des Herzogs von Clarcene angestellten Kammerherrn von Linsingen nach Luzern gesendet, ein Herr Eigener leitete die geistige Ausbildung. Der Herzog hat über diese viel geklagt und öffentlich behauptet, Graf Münster und sein königlicher Oheim hätten es darauf angelegt, ihn körperlich und geistig zur Regierung unfähig zu machen. Wer den Dingen etwas näher stand, wie unser Freund in Braunschweig, der mußte einsehen, daß das Verleumdung war. Was hätte es auch nützen sollen, den Herzog Karl unfähig zu machen, während sein Bruder sich in Göttingen eines guten körperlichen und geistigen Wohlseins erfreute? Vielleicht war es falsch, ihn mit Herrn von Dörnberg nach Wien in die Schule Metternich's zu senden, ihn zum Genossen von Don Carlos zu machen, allein Wien galt damals als die hohe Schule des Absolutismus, und dieser stand auf der Tagesordnung. Die Zornmüthigkeit des Herzogs, als er am 23. October 1823 zur Regierung gelangte, wenn sie nicht lediglich und allein in seiner Herrschbegierde lag, muß andere Gründe gehabt haben als die öffentlich vorgeschobenen: die Verlängerung seiner Minderjährigkeit bis zum beendeten achtzehnten Lebensjahre, die Erlassung jener Landschaftsordnung und die Verpachtung des Theaters. Genug, der Herzog erklärte bei Antritt seiner Regierung alle Verordnungen, welche vom 30. October 1822 an erlassen waren, für ungültig, weigerte sich, die Verfassung anzuerkennen, und sprach seinen offenen Haß aus nicht nur gegen den Minister von Schmidt-Phiseldeck, sondern gegen alles, was mit der Verfassung zusammenhing. Auch den Präsidenten des Obersteuer- und Schatzrathscollegiums traf sein erklärter Unwille. Haus und seine Gemahlin hatten sich eben eingelebt. Die Ecken, welche die Verschiedenheit der Charaktere, Wünsche und Strebungen in der Ehe zu Tage gefördert, waren abgeschliffen, unser Freund durch eine ihm zusagende Beschäftigung, Olga durch das Leben in Braunschweig selbst zu besserer Zufriedenheit gelangt, als jenes persönliche Regiment in Braunschweig begann, das später in Hessen-Kassel Nachfolge und weitere Ausbildung gefunden hat. Der Präsident des Schatzcollegiums war dem Herzoge aus mehrern Gründen zuwider, zunächst weil er vom Grafen Münster angestellt war und einen Posten bekleidete, den der Herzog haßte, sodann weil er von bürgerlicher Familie stammte. Hatte sich die Vormundschaft schon durch Erlaß einer Landschaftsordnung des Eingriffs in die Souveränetätsrechte schuldig gemacht, so sah der Herzog in dem Obersteuer- und Schatzcollegium lediglich eine Art ständischen Ausschusses, der ihn unter Controle oder Vormundschaft der Landstände setze. Bei der ersten Vorstellung unsers Freundes hatte der neunzehnjährige Herzog den beinahe dreimal so alten Mann wie einen dummen Jungen behandelt. Die Kränkungen und Zurücksetzungen häuften sich gegen alle, die während der Zeit der Vormundschaft irgend bei der Regierung betheiligt gewesen waren. Karl Haus wurde dadurch gestählt, seine alte Energie wurde wach gerufen. Als drei Jahre vergangen waren, ohne daß der Herzog die Stände zusammenberufen hatte, erinnerte er den Fürsten in aller Unterthänigkeit an die Existenz der Landschaftsordnung und das Bedürfniß des Landes nach Zusammenberufung der Stände. Er hatte dazu als Präsident des Collegiums die Befugniß und die Pflicht. Der Herzog ignorirte das und ertheilte dem Legationsrath Klindworth unumschränkte Vollmacht zur Veräußerung von Domänen und Staatsgütern. Das war Verfassungsverletzung; Haus protestirte dagegen im Namen des Schatzcollegiums. Er hätte schon längst seinen Abschied gefordert, wenn er das nicht für Feigheit gehalten hätte. Auch hatte ihn das Beispiel von Schmidt von Phiseldeck gelehrt, daß man nichts ausrichte. Schmidt war unbegütert, er konnte sich nach Hannover zurückziehen, um dort Landdrost zu werden, wenn auch von Steckbriefen gleich einem Verbrecher verfolgt, Haus konnte seinen Finkenstein nicht im Stiche lassen. Zu diesen öffentlichen Sorgen kamen nun noch häusliche. Olga erkrankte; Erkältung hatte ihr ein rheumatisches Leiden zugezogen, das sie an das Haus fesselte. Sie war eine sehr ungeduldige Kranke, mit der ihre Gesellschafterin, die Kammerjungfer und Karl selbst viel auszustehen hatten. Victor Justus hatte schon bei dem Hauslehrer keine besondern Fortschritte gemacht, Lateinisch und Griechisch war ihm nicht beizubringen; auf dem Carolinum in Braunschweig excellirte er durch wilde Streiche; in Göttingen hatte er große Schulden gemacht, aber nichts gelernt, und der Vater mußte einwilligen, daß er in ein hannoverisches Husarenregiment als Offizier eintrat. Heloise entbehrte der mütterlichen Erziehung, sie mußte, als die Mutter nun auch noch krank wurde, in eine Pension gegeben werden. Dazu drängten die öffentlichen Angelegenheiten gerade in dieser Zeit hart auf den Besitzer ein; die Stände hatten 1829 von ihrem Selbstconvocationsrechte Gebrauch gemacht und dann Beschwerde bei dem Bunde geführt, welcher sich schon in zwei Sachen gegen den Herzog erklärt und demselben aufgegeben hatte, das Patent vom 10. Mai 1824 zurückzunehmen und einen in Sachen des widerrechtlich des Landes verwiesenen Oberjägermeisters von Sierstorpff eigenmächtig cassirten Rechtsspruch wiederherzustellen. Es war sehr wahrscheinlich, daß die hohe Versammlung sich auch der Landstände annehmen und dem Herzoge aufgeben werde, die Landschaftsordnung anzuerkennen. Herzog Karl, um der ihm drohenden Bundesexecution aus dem Wege zu gehen, begab sich im Frühjahr 1830 nach Paris. Für die kranke Olga hatten die Aerzte die Bäder von Teplitz angeordnet, und ihr Gemahl, der sie dahin begleiten wollte, bat den Herzog um Urlaub. Dieser ward abgeschlagen, die Kranke mußte ohne den Gemahl reisen. Das Misregiment wurde von Paris aus fortgesetzt, das Kammercollegium, welches die Staatsgüter verwaltete, wurde gegen die Verfassung aufgelöst, eine herzogliche Verordnung verbot den Staatsdienern, ohne Urlaub sich nur Eine Nacht aus ihren Wohnungen zu entfernen. Nachdem die aufgesparten Summen aus allen Verwaltungszweigen in Paris vergeudet waren, wurde nicht nur der Verkauf von Grundstücken, Forsten, Zehnten, Diensten immer rascher und in größerm Umfange betrieben, sondern sogar der Etat für herrschaftliche Bauten und Forstculturen für das Jahr 1830 gestrichen, um in Paris mit Tänzerinnen vergeudet zu werden. Dennoch fühlte man in Braunschweig die Abwesenheit des Herzogs als eine Erleichterung. Während Olga in Teplitz weilte, erhielt ihr Gemahl eines Tages von König Georg IV. für sich und seine Nachkommen die Erhebung in den Adelstand als Freiherr Karl Haus von Finkenstein. In dem beiliegenden Begleitschreiben des Grafen Münster erklärte dieser, da dem Vernehmen nach der Herzog Karl sich undankbar bezeige gegen die Verdienste, die sich der Präsident des Obersteuer- und Schatzcollegiums um das Land erworben, so habe sich Se. Majestät der König bewogen gefunden, diese Verdienste des unter seiner Vormundschaft Ernannten dadurch anzuerkennen, daß er denselben in den Freiherrenstand erhebe u. s. w. Haus war sehr erstaunt über diese Standeserhöhung, die er in keiner Weise nachgesucht hatte; ja ihm war die Sache in mehr als Einer Beziehung unangenehm. Zunächst würde niemand glauben, daß eine solche Erhebung ohne sein Zuthun erfolgt, jedermann würde denken, daß sie auf seinen Antrag geschehen sei. Das verletzte aber sein Ehrgefühl, denn er wollte nur nach seinem Selbstwerthe beurtheilt sein, nicht nach einem ihm ohne seinen Willen gegebenen Range oder Stande; er hielt den Unterschied der Geburt überhaupt für einen der unvernünftigsten, die existiren könnten, denn er hatte in seinem Leben so viele hochgeborene Menschen gekannt und kannte aus der Geschichte und seinen Erlebnissen in Neapel sogar Höchstgeborene, welche in allen menschlichen Dingen tief unter sehr Niedriggeborenen standen. Sich nun durch eine Fiction, denn für etwas anderes hielt er die Adelsverleihung nicht, in den Stand der Höhergeborenen versetzen zu lassen, das erschien ihm für den Bürgerstand, in welchem er geboren, ebenso schmählich, als wenn ein Adelicher, der zu gemeiner Criminalstrafe verurtheilt war, zum Bürgerlichen degradirt wurde. Dazu kam aber, daß diese Standeserhöhung jedenfalls seine schon ungünstigen Beziehungen zu dem Herzoge noch verschlimmern würde, welcher darin seiner Art nach nothwendig einen Eingriff in seine Sonveränetät erkennen mußte. Was war da zu thun? Eine Ablehnung schien kaum möglich.. aber eine Ignorirung däuchte ihm die beste Bestrafung für Graf Münster, der nach seiner Ansicht hier unverantwortlich handelte, als er die Standeserhöhung bei dem Könige ohne vorherige Anfrage bei ihm selbst beantragte. Hätte unser Freund gewußt, daß seine Gemahlin auf Bitten ihres Sohnes, des Lieutenants, den Grafen Münster um diese Titelerhöhung angegangen war, er würde in seinen alten Tagen noch mürrischer und zorniger geworden sein, als er es war. Nun traf mit der Nachricht von der französischen Julirevolution zugleich die seiner Standeserhöhung durch die kleine dreimal wöchentlich erscheinende officielle »Hannoversche Zeitung« ein, und der ihm befreundete braunschweigische Adel kam von weit und breit nach Finkenstein, um seine Glückwünsche abzustatten. Das waren schlimme Tage für unsern Freund, zumal auch die kranke Olga einigermaßen hergestellt von Teplitz zurückkehrte und sich dem Chore der Gratulanten beigesellte, ja so unvorsichtig war, merken zu lassen, daß sie selbst die Urheberin der Standeserhöhung sei. Karl war innerlich so aufgebracht, daß er nach einer schlaflosen Nacht den Entschluß faßte, die Freifrau Haus von Finkenstein mit Sohn und Tochter sich des Glücks, wieder dem Adel anzugehören, freuen zu lassen und nach Amerika zu gehen, wo Grant und seine Gattin, Georg Baumgarten mit seiner Agnese in glücklichsten Familien und sonstigen Verhältnissen lebten, höchstens misvergnügt darüber, daß ihre politische Partei, die Föderalisten, noch immer nicht zu einem Siege bei der Präsidentenwahl hatte durchdringen können. Er suchte die Briefe zusammen, die er seit den letzten Jahren aus Amerika bekommen, und las sie noch einmal. Hier einer mit einem Trauerrande lag obenauf gebunden; es war die Anzeige von Bollmann's Tode. Der Brief, vom Januar 1822 datirt, lautete in Beziehung auf das schmerzliche Ereigniß: »Dein treuer Freund, Justus Erich Bollmann, er ist am 10. December vorigen Jahres in Kingston in Jamaica an einem hitzigen Fieber gestorben; wir erhielten die Nachricht davon erst vor wenigen Tagen und hatten die traurige Pflicht, der lieben Karoline und Elisabeth, seinen Töchtern, die noch immer in England leben, die Trauerbotschaft zu verkünden. Wir haben sie eingeladen, zu uns herüberzukommen und hier zu leben, wo ihr Vater durch seine Entdeckung weit über eine ganze Landschaft Segen verbreitet und zur Blüte Pittsburgs mehr beigetragen hat als ein anderer, denn was wäre Pittsburg ohne Eisen und Kohlen? Wir würden beiden Schwestern eine lebenslängliche Pension angeboten haben, hätten wir nicht in Erfahrung gebracht, daß Bollmann in England in besser geordneten pecuniären Verhältnissen lebte als hier, wo er von einem Project zum andern übersprang. Er hatte seine letzte chemische Erfindung, aus Spiritus Essig zu bereiten, in England sehr theuer verkauft und den Ertrag sicher belegt; seine Speculation machte er, wie Du weist, schon seit 1814 für das Haus Baring, in dessen Interesse er auch nach Westindien reiste, wo er seinen frühen Tod fand. Er ist nur zweiundfunfzig Jahre alt geworden, welches segensreiche, thätige Leben hat aber der Mann gelebt? Doch Du, lieber Schwager, kennst ihn ja besser als ich, kennst ihn von Jugend auf. »Georg Baumgarten ist schon damit beschäftigt, eine Pyramide, die wir in Eisen gießen und im Parke oder auf dem Nußbaumberge aufstellen wollen, zu seinem Andenken zu modelliren, meine liebe Heloise hat den Gedanken gehabt und die erste Zeichnung gemacht.« Karl blätterte weiter, er stieß auf ein Packet Zeitungen und Schriften aus dem Jahre 1820. Sein Schwager Grant hatte damals als Congreßmitglied für Pittsburg seine Stelle eingenommen und die in jener Zeit schon drohende Trennung der Sklavenstaaten von dem Norden bei Gelegenheit der Aufnahme Missouris als Staat dadurch abwehren geholfen, daß er unter den einhundertdreiundvierzig Abgeordneten sich befand, welche am 6. März für das Gesetz stimmten, daß in allen Ländern nördlich von 36½ Grad Breite die Sklaverei auf ewige Zeiten untersagt sein solle. Vor ihm lagen die Reden des Rufus King für die Aufnahme Missouris unter der Bedingung, daß dort keine Sklaven gehalten würden, und die des William Pinkney von Maryland und des Charles Pinkney aus Südcarolina für die unbedingte Aufnahme des neuen Staats, der kraft seiner Souveränetät befugt sei, wenn er wolle, die Sklaverei einzuführen. Unser Freund hatte sich auch in Deutschland viel mit der Frage beschäftigt, und es erging ihm wie dem alten Jefferson, die Sklavenfrage schreckte ihn auf, so oft er daran dachte, wie die Feuerglocke zur Mitternachtstunde, und erfüllte ihn mit Angst und Schrecken. Er nannte den Fortbestand der Sklaverei Hochverrath gegen die schönsten Hoffnungen der Menschheit und sah in der Umschiffung der Klippe am 6. März 1820, an welchem Tage auch Grant seine Jungfernrede gehalten hatte, nur ein Hinausschieben der Frage, deren grundsätzliche Erledigung entweder die Trennung des Südens von dem Norden oder seine Unterwerfung zur Folge haben mußte. Er band das Packet zu und griff nach einem Briefe von späterm Datum, vom Weihnachtstage 1824. Der Brief war von Heloise, sie schrieb. »Es ist Charltonhouse, wie wir unsern neuen, durch Holz und Park von den Hohöfen und ihrem Schmuz wie von dem Gelärm der Fabrik entfernten Wohnsitz, mit der Aussicht auf den Monongahela, Dir zu Ehren genannt haben, eine große Freude zutheil geworden. Wir hatten acht Tage den ›Gast der amerikanischen Nation‹ zum Gast, den General Lafayette. Niemals, in keinem Staate der Welt, ist ein Mensch von einem ganzen Volke mit solchem Enthusiasmus empfangen und so hoch geehrt wie Lafayette, daß das schönste amerikanische Kriegsschiff zu seiner Verfügung nach Frankreich gesandt, ihn auf amerikanischem Boden an das Land setzte. Alle waren einig, Föderalisten und Republikaner, Freunde der Sklaverei wie ihre Gegner, Schutzzöllner und Freihändler! »Mein Mann, der in Washington war bei dem Empfange ›des Wohlthäters Amerikas und der Menschheit‹, weiß nicht genug zu rühmen, wie überwältigend es war, als Präsident Monroe, umgeben von seinen Ministern und allen höhern und niedern Bediensteten, dem General entgegenging und ihn umarmte. Noch großartiger war eigentlich der Empfang im Repräsentantenhause. Schon außerhalb des Thores erwartete ihn ein Ausschuß, der ihn in das Haus einführte, wo er von allen Mitgliedern des Kongresses mit entblößtem Haupte empfangen wurde und der Sprecher Henry Clay ihn anredete und ihm den Dank der Nation darbrachte. »Aber wir Amerikaner haben es nicht bei schönen Worten bewenden lassen; Lafayette erhielt eine Dotation von 200000 Dollars in sechsprocentigen Obligationen und einen ganzen Stadtbezirk zu Florida im Umfange von 23000 Morgen Landes, von denen jeder Morgen heute mindestens 10 Dollars werth ist, in zehn Jahren vielleicht das Doppelte oder Dreifache. »›Unsere Pflicht‹, sagte mein Mann, ›ist es, dafür zu sorgen, daß ihm unter allen Verhältnissen nicht blos für sich selbst die Unabhängigkeit bewahrt werde, sondern auch die Mittel bereit stehen, um die Freiheitsbestrebungen seines Volkes zu fördern, denn alle unsere Staatsmänner, die Frankreich kennen, der alte Jefferson an der Spitze, glauben, daß die Bourbonenwirthschaft in Frankreich sich auf die Dauer nicht behaupten könne, und daß dieses Land einer neuen Krisis entgegengehe.‹ »Lafayette hatte gegen meinen Mann den Wunsch zu erkennen gegeben, die Töchter seines Befreiers, die in Pittsburg in ihrem eigenen Hause leben, das Bollmann zur Zeit des Dampfmühlenprojects erbaute, zu besuchen, Grant lud ihn selbstverständlich ein, damit er das Denkmal sehe, welches unser Hüttenetablissement seinem wahren Erfinder und Gründer gesetzt habe. Der General nahm die Einladung an und brachte bei uns die letzten acht Tage zu. Du glaubst nicht, welch ein bescheidener Mann Lafayette ist; es hat sich das nicht nur in allen seinen öffentlichen Reden gezeigt, sondern noch mehr im Privatumgange. Er wollte Bollmann's Töchtern einen Theil der ihm geschenkten Renten überlassen, diese weigerten aber die Annahme, da sie gegen Nahrungssorgen reichlich gedeckt sind. Sie baten ihn um das Blatt Papier, das der General aufbewahrt hatte und bei sich führte, in welchem ihr Vater in Olmütz die erste schriftliche Anknüpfung mit ihm gesucht hatte. Dagegen erwies er nun ihrem Vater eine Ehre besonderer Art. Du erinnerst Dich des höchsten Hügels der Bergkette, der von unserer jetzigen Wohnung zu dem Fabrikplatze gewendet liegt; derselbe war früher ganz mit Nußbäumen bestanden und gewährte keine Aussicht. Wir haben die Nußbäume abgeholzt und von den schönsten Schlacken der Hütte ein dreißig Fuß hohes Piedestal erbauen lassen, auf welchem die Pyramide aus Gußeisen funfzig Fuß hoch zu Ehren Bollmann's steht. Die Embleme und Verzierungen, zum Theil von meiner Erfindung, aber durch unsere Zeichner gebessert und ausgeführt, beziehen sich auf seine vielseitige praktische Wirksamkeit diesseit und jenseit des Oceans, verbunden mit der Thätigkeit seines Freundes Robert Fulton, die wir jetzt täglich vor Augen haben, wenn Dutzende von Dampfschiffen den Ohio hinauf- und herabfahren. »Auf der Frontseite, der Fabrik zugekehrt, steht in einem Lorber- und Eichenkranze in goldenen Lettern: ›Dem Andenken des Finders dieser Eisengruben und Gründers dieser Anstalt, Justus Erich Bollmann, geboren in Hoya im Jahre 1769, und seines Freundes und Mitwirkenden Robert Fulton.‹ »Die Rückseite trug einen gleichen Kranz, noch leer. Georg Baumgarten hatte nun den glücklichen Gedanken, daß Lafayette eigenhändig den hintern Kranz mit einer Inschrift versehe, wozu sich dieser bereit erklärte und die Worte wählte: ›Dem Andenken des Freundes und Retters eigenhändig gestiftet. Lafayette.‹ Er selbst hat alle goldenen Buchstaben dieser Inschrift eigenhändig mit den vorher einprobirten Stiften festgeschlagen. Das war ein Fest, bei dem aus der Stadt so viele Theilnehmer zugegen waren, als der Hügel fassen wollte, und seitdem kommen täglich Tausende aus allen Himmelsstrichen, um diese eigenhändige Arbeit des Generals anzustaunen. Es sieht in diesen Weihnachtstagen in unserm Parke und Holze aus wie auf einem Jahrmarkte, und der Zudrang würde noch größer sein, wäre der General in Begleitung Grant's und anderer Congreßmitglieder gestern nicht abgereist zu dem großartigen Festessen, welches der Congreß am 1. Januar dem Gefeierten gibt. »Ich habe in diesen Tagen nichts mehr bedauert, als daß ihr, Du, liebe Olga, mit Deinem Gatten, nicht bei dieser Feierlichkeit gegenwärtig sein konntet; und übertreibe nicht, wenn ich sage, daß wir von Millionen Amerikanern beneidet werden um die Ehre dieses Besuchs, denn die Verehrung, welche unsere Landsleute, wie ich mit Stolz jetzt sage, dem Greise zollen, steigert sich noch täglich. Ich glaube, liebe Schwester, Du würdest, wenn Du in Amerika ausgehalten hättest, Dich hier glücklicher fühlen als in euerm Deutschland, denn was Dein Mann über den jungen Herzog schreibt, läßt nicht hoffen, daß er sich dort so glücklich fühlt wie Du.« Es folgten eine Menge Briefschaften, welche die Tariffrage und die dabei aufs neue hervortretende Verschiedenheit zwischen Norden und Süden behandelten. Karl legte sie zu den gelesenen. Ein Brief vom Jahre 1828 enthielt die Nachricht, daß das Etablissement die dritte Pferdeeisenbahn in Nordamerika, vom Fabrikplatze zum Flusse hinab, gebaut habe. Einer der letzten Briefe vom März 1829 klagte freilich gar sehr über die Wahl Jackson's zum Präsidenten, und wie sich seit Eröffnung des Congresses in Washington die Jackson-Leute breit machten, unter ihnen als Abgeordneter aus Südcarolina besonders auch der frühere Prediger Schmidt, der sich jetzt Booths nenne und Besitzer einer größern Plantage sei. Wenn es sich in Amerika um politische Fragen handelte, so waren das, dachte Karl, doch Fragen von der ungemeinsten Wichtigkeit, an denen das Wohlergehen von Millionen Menschen, das Zusammenbleiben der Staaten mit verschiedenen Interessen in der Union abhing, von welchen deshalb auch der ganze Mensch ergriffen wurde. Welch erbärmliche persönliche Fragen waren es dagegen, um die sich hier in Braunschweig alles drehte und die man Staatsfragen nannte? Denn schließlich kam doch alles daraus hinaus, ob der Staatsrath Bosse die Verwaltung der Staatsgüter lenkte, und ob der Kanzleirath Bitter die Landesregierung eigentlich führte, oder einer vom braunschweigischen Adel. Also hinüber nach Amerika! Wenn er aber wieder dachte, daß Olga seine Jugendgeliebte war, daß sie ihm in Italien alles geopfert, daß sie um seinetwillen die tripolitanische Gefangenschaft erduldet, daß er nun schon über zwanzig Jahre mit ihr zusammenlebe und sie jetzt krank und schwach sei, so erschien es ihm mehr als grausam, das Weib, das ihn so sehr geliebt, einer kleinen Schwäche wegen, die ihr angeboren sein mußte, zu verlassen. Er fühlte, daß er gerade in schlimmen Tagen die Stütze und der Halt der Gattin werden müsse, je mehr der Sohn ungeeignet schien, jemals einen solchen Stützpunkt abzugeben; ja er fühlte, daß seine Liebe zu Olga noch nicht erkaltet sei, daß er ausharren und das ihm persönlich Unangenehme und seinem Wesen Widersprechende ertragen müsse. Herzog Karl hatte in Paris die Flucht Karl's X. erlebt, eine ungemeine Angst war über ihn gekommen, er war nach Braunschweig zurückgekehrt und eine Ahnung schien ihm zu sagen, daß er ein ähnliches Schicksal wie sein Namensvetter erleben könne. Jedenfalls trug er sich mit der Absicht, die nächsten Jahre im Auslande zuzubringen, und suchte Geld und Schätze zusammenzuraffen, wo er nur konnte. So wollte er das Landgestüt zu Harzburg aufheben und die mühsam erworbenen Zuchthengste an Handelsjuden verkaufen. Im Schatzcollegium kam, da das Landesgestüt als Landesinstitut betrachtet werden mußte, zur Frage, ob man gegen Aufhebung dieses Instituts, das sich sehr nützlich erwiesen hatte, Protest einlegen solle, und der Präsident wurde deshalb zu Anfang September von seinem ruhigen Landsitze nach Braunschweig berufen. Kaum dort angelangt, ward ihm die Ehre zutheil, zur herzoglichen Tafel geladen zu werden, was bisher noch nie geschehen war. Ein Rath im Schatzcollegium flehte ihn an, die Einladung, unter welchen Vorwänden es auch sei, abzulehnen; der Herzog sei in der gereiztesten Stimmung, weil der Freiherr von Sierstorpff, gestützt auf einen Bundesbeschluß, nach Braunschweig zurückkehren wollte, und ein großer Theil der braunschweigischen Bürgerschaft bereit sei, diese Rückkehr zu einer Ovation und Fackelmusik zu benutzen. Der Herzog habe nun dem Generallieutenant von Herzberg den Befehl ertheilt, in solchem Falle mit Kartätschen unter die Canaille feuern zu lassen. »Sie wissen, geehrter Herr Präsident«, fuhr der College fort, »daß ich mit dem Viceoberstallmeister von Oeynhausen, mit dem ich während der Feldzüge bei dem braunschweigischen Husarenregiment diente, eng befreundet war und in seinem Hause täglich aus- und einging. »Wir haben meinen Freund vor drei Tagen zur Erde bestattet, er ist gestorben in dem Glauben, von dem jungen Tyrannen beim Mahle vergiftet zu sein. Jedenfalls würde ihm der Herzog mit seinen Worten und durch die demüthigendsten Vorwürfe, das Geheimniß der Aufhebung und des Verkaufs des Gestüts unter die Leute gebracht zu haben, den Tod gegeben haben. Er ist im Schlosse gestorben und bei seiner noch nicht kalten Leiche hat der Herzog in Gegenwart vieler Umstehenden geäußert: ›Ich muß mich an Leichen gewöhnen!‹ »Der Wütherich, glauben Sie mir, arbeitet seit Wochen in seinem Laboratorium an Giften; Versuche an Thieren hat er in Masse angestellt, und jetzt werden Sie das zweite Menschenopfer sein.« Der neue Freiherr überlegte lange, ob er der Warnung, die jedenfalls gut gemeint war, folgen solle; er ging und kam unvergiftet zurück. Freilich hatte der herzogliche Tyrann bei Tafel versucht, ihn mit Redensarten zu vergiften. Er warf ihm vor, sich an seinen Oheim König Georg IV. verkauft zu haben, um, wie die übrigen vom Grafen Münster angestellten Creaturen, ihn zu verrathen; den Sündenpreis für diesen Verrath habe er nun durch Verleihung des Freiherrntitels erlangt, aber er verbiete ihm, diesen Titel je in seinem Lande zu führen, er erachte ihn desselben unwürdig. Der Freiherr antwortete mit Ruhe und Würde und wußte den zornmüthigen Welfen vor der Tischgesellschaft dahin zu bringen, daß er erröthete, zu stottern anfing und zu dem Bewußtsein kam, ein großes Unrecht und eine Uebereilung begangen zu haben. Wäre dies die einzige Uebereilung gewesen, die der Selbstherrscher aller Braunschweig-Wolfenbütteler und Blankenburger an diesem Tage begangen hätte, so würde ihn die Rache der Weltgeschichte wahrscheinlich nicht so schnell erfaßt haben. Man schrieb den 6. September, am 1. hatte eine Deputation von Bürgern ihm ihre Beschwerden, die Bitte um baldige Zusammenberufung der Stände zur Berathung, wie der allgemeinen Noth abzuhelfen sei, vorgetragen. Seitdem waren die Wachen verstärkt und scharfe Patronen an die Soldaten ausgegeben. Heute wurden auf herzoglichen Befehl sechzehn Kanonen vor der Aegidienkaserne aufgefahren und die Mannschaften mit scharfen Patronen versehen. Ganz Braunschweig zog nun vor die Kaserne, um das ungewohnte Schauspiel zu sehen, und die einmal auf die Beine gebrachte Menge wählte den Platz vor dem Theater und den Bohlweg gegenüber dem Schlosse als Promenade, wartete namentlich das Ende des Schauspiels ab, um zu sehen, ob, wie gewöhnlich, die Schauspielerin Dermer in die herzogliche Equipage steige und zum Schlosse oder nach Hause fahre. Da das Publikum glaubte, ersteres sei geschehen – es war aber in der That nicht geschehen –, erhob sich ein furchtbares Pfeifen und Zischen und verbreitete sich bis zum Bohlwege, auf dem die versammelte Menge durch den im Galop heranrasselnden herzoglichen Wagen auseinandergestäubt wurde. Steine flogen in das Wagenfenster und gegen den Wagen. Es erscholl der Ruf »Nieder mit ihm!« aus mehr denn hundert Kehlen. Der Schloßhof wurde mit Infanterie und Artillerie besetzt; sechs Kanonen, mit Kartätschen geladen, waren gegen die noch immer zudringende Masse gerichtet, der Herzog selbst galopirte zu Pferde auf dem Schloßhof herum, während Generallieutenant von Herzfeld das Volk zu beruhigen suchte. Erst spät in der Nacht gelang es hauptsächlich den Bemühungen des Magistratsdirectors Bode, die Massen zu zerstreuen. Der Bohlweg wurde durch ein Husarenregiment, das mit gezogenem Säbel escadronweise und im Galop auf- und abritt, vom Volke frei gehalten. Was sich an diesem Abend das Volk auf den Straßen und in den Wirthshäusern von den Thaten des Herzogs erzählte, war grauenhaft; es bedurfte daneben keiner Aufhetzung mehr. Halb Dichtung, halb Wahrheit, Mythenbildung in kurzer Entfernung von dem Schauplatze, machte sich im Volke geltend. Wo hatte der Herzog außer dem Dutzend Creaturen und Schmeichler, denen er Vertrauen schenkte, auch nur Einen Freund? Weder der Adel, den er sein persönliches Regiment auf eine in Deutschland damals noch nicht bekannte Art hatte fühlen lassen, noch das Militär, das von ihm vernachlässigt, noch die Hofdienerschaft, die mishandelt war, noch die höchsten Gerichte, denen er Hohn angethan, noch irgendeiner aus der alten braunschweigischen niedern Staatsdienerschaft liebten ihn, wagten ihn zu vertheidigen. Am andern Tage schwankte der Herzog zwischen Nachgiebigkeit und der Großmannssucht, es besser zu machen als sein königlicher Namensvetter in Paris; er glaubte das Volk durch 5000 Thaler für die Armen, die er dem Magistratsdirector übergab, und mit der Aussicht auf Arbeit durch Pflasterung einiger Straßen befriedigt zu haben, indem er zugleich erklärte: »Er werde keine halben Maßregeln ergreifen und es nicht dahin kommen lassen, wohin es in Paris gekommen sei.« Schon nachmittags sammelten sich wieder zahlreiche Haufen von Bürgern vor dem Schlosse, obwol man wußte, daß der Major von Lübeck Befehl erhalten hatte, auf das Volk mit Kartätschen zu schießen, und die Bewohner des Bohlwegs aufgefordert waren, ihr bewegliches Eigenthum in Sicherheit zu bringen, der Schaden an den Häusern sollte ihnen ersetzt werden. Je näher der Abend kam, desto größer wurden die Volkshaufen, und wenn auch wol vom Bohlwege aus das Eindringen des Volkes in den Schloßhof durch Waffengewalt hätte verhindert oder verzögert werden können, bei den vielen Zugängen von allen Seiten vermochten die 1500 Mann Truppen, die der Herzog um sich versammelt hatte, die mindestens zehnmal größere Menge auf die Dauer nicht abzuhalten. Der Herzog glaubte das aber erst, als sein Volk schon in das mit dem Schlosse in Verbindung stehende Kanzleigebäude eingedrungen war. Er entfloh durch den Schloßgarten in Begleitung des Husarenregiments und des Leibbataillons und machte erst außerhalb der Stadt vor dem Raffthurme halt, von wo er sein Schloß in Flammen aufgehen sah; das Volk hatte dasselbe an vier Stellen angezündet und wehrte jedem Löschversuch, plünderte, raubte, zerstörte. Als der Herzog schon die hannoverische Grenze bei Lafferde erreicht hatte und nach Hildesheim weiter fuhr, sah er noch die mächtige Glut zu den Wolken emporlodern. Wie sein Schloß, so hat er seine Residenz Braunschweig und den mächtigen Löwen des großen Welfen nie wiedergesehen. Die Flamme, die in Braunschweig aufgegangen, sollte nicht allein bleiben auf dem Continent, selbst sehr alte Sünden rächten sich an der Weichsel. Drittes Kapitel. Der Redacteur des »Katzenpötchen und Gänseblümchen« und die göttinger Revolution. O hätte ich, auf eine Stunde nur, den Pinsel Jean Paul's, um das Bild des edelsten und besten Menschen, den ich während eines beinahe sechzigjährigen Lebens kennen gelernt habe, eines längst dahingeschiedenen lieben Freundes, nach Würdigkeit zu zeichnen und auszumalen! Wenn ich in einem mir aus seinem Nachlasse zutheil gewordenen Skizzenbuche die Hunderte von Kindes- und Engelköpfen ansehe, die fast jede Seite desselben schmücken, die in keiner Landschaft, keinem Genrebilde fehlen, so tritt das Bild des Gottfried Schulz mit seiner lieblichen Kindlichkeit noch im Mannesalter mir mit wohlthuendem Lächeln entgegen, und die milden Worte, mit denen er mich in einer der schwersten Stunden meines Lebens tröstete, sie klingen mir noch heute in den Ohren. Ich streite wieder an seiner Seite an den grünen Ufern der alten Leine und höre, mit welcher Klarheit er mir die Kategorientafel seines Meisters und Herrn erläutert, ich sehe ihn wieder, wie er auf der Tribüne der Paulskirche mit seiner dünnen Stimme den Lärm des Berges nicht bewältigen kann und auf das Wort verzichtet. Gottfried Schulz stand Ostern 1830, als er in Göttingen zuerst als Privatdocent des Rechts Vorlesungen ankündigte, in seinem dreißigsten Jahre; es war ein schöner Mann aus dem langaufgeschossenen blonden Jüngling geworden, alle Ecken waren geschwunden am Körper wie im Gesicht, ohne daß eine Beleibtheit eingetreten wäre. Die Farbe des Haares hatte das Röthliche verloren und war in gelbliches Blond übergegangen, das Gesicht war voll und von einer Zartheit und Weiße, daß viele Damen den Doctor um diesen Teint beneideten; hätte nicht ein Backenbart dasselbe geziert, es hätte jeden Augenblick für ein Frauengesicht gelten können. Mit seinen kleinen zarten Händen hätten viele Frauen Eroberungen gemacht. Eins hatte er aus der Zeit, wo wir ihn bei dem Feste im Försterhause sahen, beibehalten, er war zu weich und weiblich; er war nur um Weniges härter geworden, als um die Zeit, wo der Maschinenbauer ihn in die Schmiede führte. Er selbst glaubte eine Zeit lang, daß durch irgendeinen jener mystischen Zufälle, welche das Geborenwerden der Menschen umgeben, bei seiner Geburt sich aus Versehen ein weiblicher Geist in seinen Körper eingeschlichen und diesen Körper, dessen Knochenbau auf ein derbes männliches Sein hindeutete, mit weiblicher, zarter, runder Muskulatur umhüllt habe. Als er sich zum ersten mal in ein weibliches Wesen verliebt hatte, glaubte er wieder an seine männliche Seele. Diese erste Jugendliebe war nicht glücklich, er hatte sich getäuscht, oder war getäuscht. Als sämmtliche Altersgenossen und Freunde, die an seinem »Katzenpötchen und Gänseblümchen« mitgearbeitet, Göttingen verlassen hatten, Detmold Advocat in Hannover, Buchholz Wasserbaueleve an der Elbe, Weibezahn Consistorialsecretär geworden, Dünfeld todt war, die andern nach allen Weltgegenden sich zerstreut hatten, da litt es ihn in den alten Räumen, die ihn seit seinem Fuchssemester beherbergt hatten, nicht mehr; er nahm eine Gartenwohnung, wie sie innerhalb der Mauern und Wälle Göttingens damals noch vielfach zu finden waren, bei einer Professorenwitwe, nicht wissend, daß sie eine unverheiratete Tochter Emma habe. Wenn Heinrich Heine wegen der großen Füße der göttinger Damen im Recht wäre, was ich als möglicherweise für meine Vaterstadt voreingenommen nicht entscheiden darf, so machte Emma eine sehr rühmliche Ausnahme und wußte das. Sie war die gesuchteste Tänzerin, plapperte passabel französisch, spielte Klavier, besuchte die Singakademie von Heinroth, sang in allen akademischen Concerten und Oratorien und war eine Schöne, wohlbekannt, viel besprochen und becourt von der Studentenwelt; aber zu einer eigentlichen Verlobung hatte sie es noch nicht gebracht. Nachdem Gottfried die Venia legendi erhalten, meinte die Witwe, ein Privatdocent sei doch besser als gar nichts, und Gottfried wurde oft zum Thee geladen, bei welcher Gelegenheit die Tochter ihre ganze Künstlerschaft producirte, sodaß der Unerfahrene nach einiger Zeit glaubte, verliebt zu sein. Emma war aufrichtiger, wenigstens gegen die Mama; sie sagte ihr, daß sie den blonden Privatdocenten, der sie nicht einmal anzusehen wage, der schüchterner sei als ein junges Mädchen von vierzehn Jahren, nicht lieben könne, sie wolle warten bis der »Schwab«, der so verliebt thue, um sie anhalte, was er gewiß thun würde, wenn er ausstudirt habe. Sie wisse zwar, daß die eigenen Landsleute von ihm behaupteten, er sei ein »wüster Bub«, aber ein solcher sei ihr zehnmal lieber als solche Schmachtseele, die noch niemals gewagt hätte, ihr auch nur die Hand zu küssen. Wir müssen zugestehen, Gottfried war sehr schüchtern; das trat schon zu Tage ein halbes Jahr vorher, als man den Doctorschmaus Detmold's feierte. Die Gesellschaft war schon in höherer Stimmung und die Bowle ziemlich geleert, da rief Buchholz: »Gänseblümchen tritt vor!« Wir müssen nachholen, daß Detmold im Fuchssemester, als die Freunde Anfang Frühjahr über die Masch nach der Maschmühle gingen, und Gottfried, entzückt über alles in der Natur, in Jean Paul'scher Weise die Gänseblümchen in Streckversen ansang, diesem den Namen »Gänseblümchen« angehängt hatte, wie er selbst von dem Augenblick an, wo er den Freunden sein erstes göttinger Liebesabenteuer zum besten gab, den Namen »Kleines Laster« erhielt, weil Gottfried, damals noch Theolog, dieses Wort in allem Ernst und gleichsam mit Abscheu heraussprach. Gottfried, gewohnt, auf diesen Namen im Freundeskreise wie auf den eigenen zu hören, trat vor. »Hast du, antworte auf Ehrenwort, es kommt auf eine Wette an, die uns sämmtlich interessirt, seit deiner Confirmation ein Mädchen über zwölf Jahre alt, Cousinen eingeschlossen, je auf die Lippen geküßt?« Gottfried wurde roth bis an die weiße Stirn. »Nein«, sagte er. »Es gilt dein Wort«, schrie Detmold auf, dessen Gesicht schon ganz blau angelaufen war. »Und nochmals nein«, erwiderte jener. »So hat das Kleine Laster sofort für fünf Flaschen Sect zu sorgen«, rief Buchholz, »die wir auf die ewige Jungfrauschaft Gänseblümchens leeren wollen.« Gottfried hatte noch nie geküßt, als er in das Haus der Professorin zog. Die Frau Professorin wollte aber von dem »wüsten Bub« aus Schwaben nichts wissen, sie übernahm es selbst, dem schüchternen Gottfried zu insinuiren, wie sie befürchte, das edle zärtliche Herz ihres Töchterleins sei in geheimer Liebe zu ihm entbrannt. Allein auch diese deutliche Erklärung führte Gottfried nicht weiter als bis zu der Reflexion, daß eine solche Liebe zu ihm allein schon Gegenliebe erheischen würde, sie bewirkte nur, daß er sich Tag und Nacht abquälte mit dem Gedanken, wie, wann und wo er seine Liebe erklären sollte, damit das zartere Frauenherz nicht zu lange schmachte. Ein Zufall half. Die Professorentochter, die schon seit Jahren an entzündeten Augen gelitten, hatte sich bei einer Tanzpartie in Mariaspring eine böse Augenentzündung zugezogen, sodaß Himly sie zu einer mehrwöchigen Finsterniß verurtheilte. Der Hausgenosse suchte der Hartgequälten die Einsamkeit, soweit es seine Zeit erlaubte, zu versüßen; der Schwab war in den Ferien zur Weinlese an den Neckar gezogen. Im Zimmer der Kranken blieb ein Fenster so weit von den Rouleaux befreit, daß, wer dicht davorsaß, so eben lesen konnte. Eine spanische Wand zwischen dem Vorleser und der Kranken hinderte, daß auch nur der geringste Lichtschein zu ihr drang. Hier saß Gottfried nachmittags mehrere Stunden, um der Kranken aus seinem Lieblingsautor Jean Paul vorzulesen, und zwar aus dem, was er am meisten vergötterte, aus »Quintus Fixlein« und den »Flegeljahren«. Abends saß auch die Frau Professorin mit ihm hinter der spanischen Wand, um das Licht zum Stricken zu benutzen; nachmittags war er in der Regel einige Stunden ganz mit Emma allein. Hätte er ahnen können, daß dieser die Vorlesestunden nur deshalb so angenehm und behaglich waren, weil der Docent sie schon nach zehn Minuten in den süßesten Schlaf las, er würde seine Augen nicht so sehr angestrengt haben, als er es thun mußte. An Danksagungen von Mutter und Tochter fehlte es nicht, aber zu einer Erklärung von seiner Seite war es während der ersten vier Wochen absoluter Finsterniß nicht gekommen. Die Entzündung besserte sich, Himly erlaubte ein Halbdunkel, Gottfried konnte das Rouleau hinter der spanischen Wand schon mehr als zur Hälfte emporziehen, wenn er las. Es war der letzte Tag, den die Kranke in der Halbfinsterniß zubringen sollte, am nächsten Tage konnte sie nach der Anordnung des Hofraths sich wieder dem Lichte aussetzen. Gottfried war auch mit dem zweiten Bande seiner »Flegeljahre« bald zu Ende und hatte sich vorgenommen, die letzten Nummern der »Labrador-Blende« von der »Insel Sanct-Paul« an bis zur »Mondmilch vom Pilatusberge« zu Ende zu lesen. Als er die Nummer 61 schon vorgetragen und zu Nummer 62: »Saustein«, übergehen wollte, trat die Frau Professorin ins Zimmer und sagte der Tochter, sie habe die Hanne, so hieß das Dienstmädchen, nach ihrer Heimat Herberhausen geschickt, um zu sehen, ob sie da Eier bekommen könne, die am Markte nicht zu haben gewesen, nun müsse sie selbst in den Garten, um die letzten Bohnen zu pflücken für morgen. Damit aber die Kranke nicht gestört werde während ihrer Abwesenheit, wolle sie den Vorplatz abschließen und den Schlüssel zu sich nehmen; wer etwa zum Besuch komme, möge wieder gehen. So las denn Gottfried weiter, bis Wina am Neujahrsmorgen singend: »Träumst du, wer dich liebt?« in die Rindenrotunde eintritt, Walt vor ihr auf die Knie sinkt, und Wina die rechte Hand auf sein weichlockiges Haar legt. »Lesen Sie den Schlußsatz noch einmal, Doctor«, sagte Emma, »ich verstehe das nicht, und Gottfried las: »Freudenthränen, Freudenseufzer, Sterne und Klänge, Himmel und Erde zerrannen ineinander zu Einem Aethermeere.« »Kommen Sie einmal hinter ihrer dummen spanischen Wand heraus, lieber Doctor«, sagte die Kranke, »und setzen Sie sich zu mir an das Bett, damit ich Ihnen für das treue Ausharren während meiner Krankheit herzlichen Dank sage; das Buch will ich morgen schon selbst weiter lesen, ich habe doch sehr vieles nicht verstanden, und wenn Sie mir den ›Bastard‹ oder den ›Juden‹ von Spindler vorgelesen hätten, würde ich vielleicht aufmerksamer gewesen sein.« Der Doctor that, wie ihm befohlen war, und Emma, die in einem koketten Halbanzuge im Bette lag, richtete sich auf und schob den Lehnstuhl zurecht, in welchem der junge Mann Platz nahm. »Sagen Sie einmal, Doctorchen«, begann sie, seine rechte Hand ergreifend, »es ist mir vorgekommen bei Ihrem Lesen, als fühlten Sie sich ganz wie Walt und als wären Sie wie er verliebt, oder ›schwömmen in Liebe und Wonne‹, wie Jean Paul sagt, in das ätherische Grafenkind des Dichters, bekennen Sie!« Dabei richteten ihre Augensterne den glühenden und schmachtenden Blick auf den reinen blauen Augenspiegel des schüchternen Jünglings. Emma war, außer auf Bällen und in Gesellschaften, in der Regel blaß und ihr graugrünes Auge matt und schläfrig, sie war nur schön, wenn sie sich amusirte. Als Gottfried sich zu ihr an das Bett setzte, bemerkte er schon, daß Emma's Wangen von einer fieberischen Röthe übergossen waren und ihre Augen in einem Glanze brannten, den er noch nie darin gesehen, ja nicht geahnt hatte. Als sie die verfängliche Frage an ihn that, wurde sein Antlitz wie das eines Mädchens vom Purpur der Verlegenheit überzogen, er führte ihre Hand, die er noch immer in der seinen hielt, zum Munde, um einen Kuß daraufzudrücken, den ersten. Emma entzog ihm die Hand und seufzte: »O glückselige Wina!« Da trat das Bild der Situation im Rindenpavillon vor Gottfrieds Phantasie, zum Sprechen fehlte ihm noch der Muth, aber er kniete vor dem Bette nieder, ergriff die linke Hand Emma's und zog sie an sein pochendes Herz. Sie aber umschlang den Knienden mit beiden Armen und hauchte süß und leise: »Mein Walt!« Ein Kuß Gottfrieds lohnte ihr das Wort, sie sank, die Augen schließend, in das Bett zurück und versuchte noch im Sinken Gottfried emporzuheben. Aber Gottfried kniete fort, er zog nur abwechselnd die linke, dann die rechte Hand an seine Lippen. Er sah in der Kranken das Heiligenbild mit Sternen gekrönt, Emma's Phantasie erfaßte bei geschlossenen Augen in Gottfried den Mann, wie ihn ihre Sinne in diesem Augenblicke der Erregung nur wünschten. Als sie die Augen wieder aufschlug, schwammen diese in feuchtem sehnsüchtigen Naß und schauten verlockend auf den noch immer in himmlischen Verzückungen träumenden Liebhaber zu Füßen des Bettes. Aber Gottfried war nicht bei sich selbst, halb geistesabwesend verwechselte er Emma mit Wina und fühlte von der Wirklichkeit weniger, da er noch immer halb versunken war in das ihm von Jean Paul vorgezauberte Phantasiebild. »Wie war es doch?« hauchte Emma, die Augen zum Himmel erhebend und abermals einen stärkern Seufzer ausstoßend, »wie war es doch, mein Walt? ›Sterne und Klänge, Himmel und Erde zerrannen ineinander zu Einem Aethermeere?‹ Hieß es so? Was wollte der Dichter damit sagen?« Gottfried erhob sich, er beugte sich über Emma und blickte in ihre schwimmenden Augen, er beugte sich, um ihre von Feuer sprühenden Lippen zu küssen und sich von ihren weichen Armen umschlingen zu lassen, da rasselte draußen die Frau Professorin an dem Vorplatzschlosse. Die so Gestörten stellten sich der Mutter als Brautpaar vor. Man überlegte und beschloß, mit der öffentlichen Verlobung zu warten, bis die Einwilligung der Aeltern des Bräutigams gekommen sei. Gottfried mußte bis zum Abend bei der Braut bleiben, man durfte jetzt ja zärtlich sein, und Emma war es sehr. Sie suchte ihren Walt, wie sie ihn am heutigen Tage und künftig, »wenn er recht gut sei«, immer nennen wollte, zu entschädigen für das bisher entbehrte Küssen, sodaß es selbst der Mutter des Kosens und Tändelns zu viel wurde und sie die Tochter schalt, die sich nach einer so schweren Krankheit so sehr aufrege, daß sie ganz fieberhaft aussehe. Die Verlobten lebten wonnige Tage gerade in der Stille ihrer Verlobung. – Das Herbstwetter, welches längere Zeit unfreundlich gewesen, begünstigte wieder einen Aufenthalt im Freien. Der Garten hinter dem Hause der Professorin erstreckte sich bis an den Wall zwischen dem Geismar- und Gronerthore, da die Wohnung an der Geismarstraße lag, war also ziemlich lang gedehnt, hatte verschiedene Buchen- und andere Lauben. Hier wurde besprochen, wie bald man Hochzeit halten könne, denn das war das Thema, dessen die Braut nie müde wurde, obwol sie dem Bräutigam hätte ansehen müssen, daß ihm der Stoff zum Ueberdruß erörtert war. Die Professorin und ihre Tochter hatten kein Vermögen als das kleine Haus, in welchem sie wohnten, nebst Garten und etwa 200 Thalern Pension. Gottfried bekam von seinem Vater einen Zuschuß von 400 Thalern jährlich, vom Onkel Maschinenbauer 300 Thaler, eine Beihülfe des Vetters Hermann Baumgarten in Wien, die ihm angeboten war, hatte er verschmäht. Frau Professorin und Tochter rechneten unserm Gottfried nun vor, daß, wenn sie Eine Familie bildeten, sie von diesen Einnahmen viel besser leben und sogar ein Haus machen könnten, als wenn jeder Theil auf seine Mittel allein angewiesen sei; daß man deshalb die Hochzeit nicht hinauszuschieben brauche, sondern abhalten könne, sobald die Aussteuer der Tochter ganz vollendet sei. Der Bräutigam mußte das Rechenexempel für richtig anerkennen, es war überhaupt kein Geist des Widerspruchs in ihm, am wenigsten Frauen gegenüber. Nach sechs Tagen endlich bekam er die Einwilligung seiner Aeltern zur Verlobung mit einer versiegelten Einlage der Mutter an die Braut. Der glückliche Bräutigam schwamm in einem Meere von Seligkeit, er, der entzückt war über Sonne, Mond, Himmel und Sterne, über jede Blume und jedes Moos, über jedes glückliche Kinder- und Menschengesicht, der niemals an die Möglichkeit einer bösen Menschenseele glaubte, dem jedes Frauenwesen mit Engels-, mindestens mit Schmetterlingsflügeln angethan war, er, dem vor einer Woche noch schöne Augensterne eines schönen Mädchens und der Amorthron ihrer Lippen ebenso unerreichbar schienen als die Sterne am Himmel, er war es, um dessen Hals sich jetzt zwei weiche Mädchenarme schlangen. Rosige Lippen suchten die seinen, und Augen so unbeschreiblich, so geheimnisvoll, wonneverheißend waren bemüht, sich mit süßen Schmeichelworten in die seinen einzubohren. Gottfried mußte in Gottes freie Natur hinaus, in den Wald, er mußte, ehe er den Brief der Mutter der Braut übergab, in der Einsamkeit des Waldes sich mit sich selbst abfinden, sich prüfen, ob er alle Bedingungen, die sein Meister an den Arm, der eine Familie gründen will, in idealer Weise macht, erfüllen, ob er die süße wonnige Braut so glücklich machen könne, wie sie es verdiene? Die Herbstferien gaben ihm die Freiheit, über seine Zeit zu verfügen, er lief in den Geismarwald der Kleper gegenüber. Hier lag er unter grünen Eichen, die sich schon gelb und roth zu färben begannen, bis die Sonne untergegangen war und Jupiter im Osten am Himmel erschien. Er hatte darüber nachgedacht, woher es komme, daß gerade er, der Unwürdige, so gottbegnadigt sei, ein Himmelsbild, wie seine Emma, beinahe ohne sein Zuthun, auf diesem so mangelhaften Planeten, Erde genannt, zu finden, und er gelobte sich im Innern, sein Weib so glücklich zu machen, wie er nur könne. Langsamer, als er bergan geeilt war, stieg er herunter, denn er vertiefte sich in die unendlichen Welten am Himmel, die ihm gerade die Bürgschaft seiner Unsterblichkeit gaben. Zu seiner Wohnung führte der nächste Weg über den Wall, zwar hatte er, wie gewöhnlich, den Schlüssel zur Gartenthür vergessen, aber das Staket war leicht zu überturnen. Er mußte dann zweiunddreißig Stufen zum Garten hinabsteigen. Der obere Theil desselben diente zum Gemüsebau, der Weg führte durch mehrere Beete mit hohen Bohnenstangen; Gottfried schlug aber nicht diesen geraden Weg ein, über dem Dache seiner Wohnung glänzte der Große und Kleine Bär so prachtvoll, der Herbstabend war so milde, daß er noch ein halbes Stündchen für sich allein im Garten bleiben wollte, in der Holunderlaube, welche sich an die hohe schwarze Planke des Nachbargartens anlehnte, in der er mit Emma so wonnige Stunden zugebracht. Ein Fußpfad an der Planke führte zu dieser Laube. Als er der Laube näher kam, schien es ihm, als höre er Stimmen in derselben, wenigstens die Stimme, für die er allein noch Sinn hatte, die seiner Emma. Er schlich nun weiter, um sie zu überraschen, und je näher er kam, je mehr überzeugte er sich, daß Emma in der Laube sei, aber nicht allein. Es war ein Mann bei ihr, er glaubte Seufzer, er glaubte Küsse zu hören. Hätte der betrogene Bräutigam alle Umstände gekannt, er würde in seinem guten Herzen eine Entschuldigung für diese Treulosigkeit gefunden haben. Emma war ein gutherziges Mädchen, die sich nur der Mutter zu Liebe mit ihm verlobt hatte; sie liebte den Sohn des schwäbischen Prälaten, der auf ihrer Nachbarschaft wohnte, und es war ihr nicht zu verargen, daß sie von ihm, ehe die Verlobung mit Gottfried publicirt wurde, für immer Abschied nahm. Sie hatte den süßen wüsten Bub, der früher als seine Landsleute aus den Ferien zurückgekehrt war, in die Holunderlaube beschieden, sie wollte noch einmal seine süßern bacchantischen Küsse kosten, ehe sie sich dem Pedanten, dem kalten blonden Philosophen opferte, der sie so wenig verstanden, daß, als sie im glühendsten Sehnen ihre Arme nach ihm ausgestreckt, er ihr Limonade statt Champagner geboten. Wenige Secunden genügten, um selbst in einer so kindlichen Seele wie Gottfrieds die Erkenntniß aufkommen zu lassen, daß ein glücklicher Zufall ihn vor der Verbindung mit einer buhlerischen, heuchlerischen Schönen bewahrt habe. Er schlich den Fußpfad, den er gekommen, zurück, betrat den breiten Weg durch die Bohnenbeete, und als er auf diesen heraustrat und rechts einen Weg zur Fliederlaube vor sich sah, rief er ihr hinüber: »Gute Nacht, Jungfer Braut!« Gottfried schrieb in der Nacht an Vater und Mutter, schickte letzterer den Brief an die Braut zurück und meldete, ein glücklicher Zufall habe ihm bei zeiten offenbart, daß er eine unwürdige Wahl getroffen habe, oder, wie er jetzt wohl sehe, zu einer solchen förmlich verleitet worden sei. Dem Vater schrieb er unter anderm: »Mir ist die Hinfälligkeit des Vertrauens auf Menschen, das ganze Verlassenheitsgefühl nie so ergreifend vor die Seele getreten wie in dieser Nacht, nie habe ich so lebhaft empfunden, wie sehr die Menschheit auf diesem Planeten in Sinnlichkeit, Genußsucht und Lüge verkommen ist. Die niedere Stufe sittlicher Bildung, auf der auch Menschen, die zu den Höhergebildeten gezählt werden, noch immer stehen, trat mir erschreckend entgegen. Wie habe ich dieses Mädchen geliebt! Ich glaubte in dieser Liebe die Liebe zu der Menschheit zusammenfassen zu dürfen. Ich bin bestraft. Aber der Griff nach dem Ewigen hat mich getröstet, ich fühle von neuem den Beruf in mir, das begriffsgemäße Leben unserer Menschheit zu fördern, sie aus dem gegenwärtigen niederstufigen einem zukünftig höherstufigen Leben an der Hand wissenschaftlicher Einsicht zuführen zu helfen. »Die Verbindung mit diesem Weibe würde mich diesem Ziele meiner Jugend abwendig gemacht haben, ich halte es für ein Glück, daß die zeitige Entdeckung ihrer Treulosigkeit und Falschheit mich vor weitern Verstrickungen bewahrt hat.« Dann, ohne geschlafen zu haben, stieg er, als die Sonne aufgegangen war, auf demselben Wege, den er gestern Abend genommen, den Wall hinauf. Auf einer der Stufen fand er das Billet, in welchem Emma den Geliebten zum Rendezvous lud. Er kühlte sein Haupt in dem Born des Reinsbrunnens, der sein Wasser am Albanithore in die Teiche ergießt, dann rannte er mehr als er ging um die Stadt dem Weenderthore zu. Von dort trat er über den Wall in die untere Marsch, an deren beiden Straßenseiten, wie er wußte, Wohnungen mit Gärten zur Verfügung standen. Er fand auch ohne Schwierigkeit eine passende Behausung und verließ noch am selbigen Tage das Haus der Frau Professorin, ihr neben dem Miethgelde das Billet Emma's an den Schwaben sendend. Ueber das weitere Schicksal der Dame, die unserm Freunde Gottfried, wie sie glaubte, zum Opfer sich geben sollte, können wir nur berichten, daß, als sie im April des nächsten Jahres eine Reise zu einer Tante ins Ausland machte, die Médisance ihrer nächsten Freundinnen bereits Feld gewann. Der Privatdocent wohnte seitdem im entgegengesetzten Theile der Stadt; er hütete sich vor Frauenzimmern wie ein Kind vor dem Lichte, an dem es die Finger verbrannt hat. Obgleich er nicht umhin konnte, für die sogenannten akademischen Thé dansants seinen Louisdor vorauszubezahlen, so besuchte er doch weder diese noch die sogenannten »akademischen Concerte« in der neuerbauten Restauration. Er nahm seinen Neffen Bruno Baumann, der das Gymnasium besuchte, zu sich und lebte lediglich den Wissenschaften und den Strebungen, die er in dem Briefe an seinen Vater angedeutet hatte. Im Wintersemester 1829–30 kündigte er eine Vorlesung über Rechtsphilosophie als Privatissimum an, fand indeß keine Zuhörer, dagegen war sein Publicum »Encyklopädie der Jurisprudenz« zahlreich besucht. Es ist nichts leichter als aus einem ausgearbeiteten Hefte wieder ein Heft zu dictiren, und das war damals die göttinger Mode; nichts ist aber für den Schüler langweiliger und unfruchtbarer, ja geisttödtender als solche Methode des Lehrens. Unser junger Freund hatte dieses Verfahren zu oft und zu bitter beklagt, als daß er den ausgefahrenen Spuren seiner altern Collegen hätte folgen sollen. Nur das System seiner Vorträge selbst war von ihm ausgearbeitet und auf Einem Bogen gedruckt. Vor dem Colleg durchdachte er seinen Gegenstand nach allen Seiten und trug dann seine Gedanken frei vor. Die juristische Collegenschaft, namentlich die ältere, hielt zwar die angekündigte, aber nicht zu Stande gekommene Vorlesung mehr für »Allotria«, als zur exacten Jurisprudenz gehörig, und zuckte die Achseln, wenn auf den neuen Docenten die Rede kam; in der Studentenwelt fand das Colleg aber schon des Vortrags wegen Beachtung. Im nächsten Sommersemester erhielt unser Freund fünf Zuhörer zu seiner Rechtsphilosophie, von denen vier bezahlten; der fünfte war arm. Gottfried konnte das Colleg in seinem Zimmer abhalten. Zu seiner Encyklopädie, die nur dreimal wöchentlich vorgetragen wurde, mußte er sich indeß den Saal des Hofraths Bauer miethen, der an der Allee wohnte, dessen »Köchin Lotte« Heinrich Heine so gefährlich geworden war, und die auch jetzt den Privatdocenten verliebt anblinzelte, wenn er ihr das Geschenk für Reinigen des Saals verschämt in die Hand drückte. Gottfried fand hinter seiner Wohnung einen kleinen Garten und in diesem hatte er sich eine Laube zum eigenen Gebrauche ausbedungen, in der er fleißig arbeitete. Die Laube lag am östlichen Ende, da, wo derselbe zusammenstieß mit einem solchen, der zu einem Hause der obern Marschstraße gehörte. Beide Gärten waren nur durch eine mehrfach durchlöcherte Hecke voneinander getrennt. Dort lag, jenseit der Hecke, ein Grasplatz, von einzelnen Birn- und Pflaumenbäumen bestanden, unter denen ein achtzehnjähriges Mädchen, eine Waise, täglich im Sommer, wenn es nicht regnete, eine kleine Mädchenschule hielt. Das Fröbel'sche Kleinkindergarten-Princip hatte damals noch nicht seine Rundreise durch Deutschland gemacht, Fröbel selbst hielt erst etwa drei Jahre später in Göttingen und Eddigehausen unter der Pleß, auf der dortigen von den Gebrüdern Frankenberg erpachteten Domäne, seine ersten Vorträge, die nicht wenig zur Verbreitung der Kindergärten beigetragen haben; die junge Waise hatte den Kindergarten anticipirt. Es mochten etwa zwanzig bis dreißig kleine Mädchen von vier bis sieben Jahren sein, die hier herumsprangen, tanzten, sangen, Ball spielten und nebenbei das Abc und Lesen spielend lernten. Dieses Kindertreiben war den Studien Gottfrieds nicht sehr zuträglich, denn er konnte stundenlang demselben zusehen und sich wie ein Kind daran ergötzen. Es war natürlich, daß er trotz seiner Weiberscheu bei dieser Gelegenheit mit der Lehrerin bekannt werden mußte, daß er über die Hecke manches Wort mit ihr wechselte, ihr Rath ertheilte, sogar, um mehr Abwechselung in die Sache zu bringen, Kinderspiele erfand, Verse reimte und einfache Melodien dazu suchte. Die Lehrerin Lili Heun interessirte ihn schon deshalb, weil sie eine Pastorentochter war und ein ebenso einfaches, kindliches Gemüth hatte wie er selbst. Ohne von ausgezeichneter Schönheit zu sein, war sie doch viel einnehmender als die Professorentochter, da der Adel einer reinen Seele aus ihren Augen und ihrem ganzen Wesen hervorleuchtete. Die Art, wie sie mit den Kindern umging, die Liebe und Folgsamkeit, welche diese ihr erwiesen, hatten etwas magisch Anziehendes für ihn. Die in seinem ganzen Wesen wurzelnde Liebebedürftigkeit, die Sehnsucht, sich auzuschmiegen und zugleich Stütze zu sein, erwachte bald von neuem; vielleicht kam auch, ihm unbewußt, eine gewisse Sinnlichkeit hinzu, hatte er doch gefühlt, wie süß Mädchenlippen waren, die in ihm den Gedanken erweckten, daß es nicht gut sei, wenn der Mensch allein stehe, und es ihm, falls er bei seinen bescheidenen Lebensbedürfnissen eine gleich anspruchslose Lebensgefährtin fände, wol möglich werden könne, eine Familie zu bilden. Tief hatte sich ihm außerdem die Lehre eingeprägt, daß zur Ergänzung des Mannes die Verbindung mit einem Weibe nöthig sei, daß die Ehe das ursprünglichste, schönste, gottgefälligste gesellige Verhältniß sei, daß ein vollkommener Mann nicht anders gedacht werden könne als in der Ehe. Kurz, Gottfried war abermals auf dem besten Wege sich zu verlieben, ja er hatte eigentlich schon eine Neigung zu Lili gefaßt. Eines Nachmittags um Johannis, als er in seiner Laube arbeitete, trat die Nachbarin an die Hecke, um seinen Rath zu erbitten. Da bringe ihr ein Kind statt des Schulgeldes ein Lotterielos, mit einem Briefe vom Vater, des Inhalts, daß er (irgendein Subcollecteur) mit baarem Gelde zur Zeit nicht dienen könne und sie ersuche, statt dessen das beiliegende Los zur sechsten Klasse anzunehmen und ihm den Ueberschuß mit 1 Thaler 34 Mariengroschen herauszuzahlen. Sie fragte: ob sie das annehmen müsse? »Ich habe das Geld nöthig, um die Johannismiethe zu zahlen, dennoch würde ich das Los nicht zurücksenden, wenn die Forderungen sich deckten, aber baares Geld hinzugeben kann ich nicht. Was fange ich an?« »Verpflichtet sind Sie, mein liebes Fräulein, in keiner Weise, doch will ich Ihnen einen Vorschlag machen: lassen Sie uns das Los zusammen spielen, da zahle ich Ihnen 3 Thaler 18 Mariengroschen hinzu. Sie brauchen dann kein Geld auszugeben.« Die Lehrerin ging auf den Vorschlag ein. Gottfried gedachte daran, es für eine Fügung des Himmels zu nehmen, wenn das Los, sei es auch nur eine Kleinigkeit, gewönne, und Lili in diesem Falle Herz und Hand anzubieten. Es vergingen einige Wochen, da meldete sich eines Morgens ganz früh der Hauptcollecteur, Moses Sternheim, um dem Herrn Doctor zu gratuliren, daß er ein Achtel vom Großen Lose gewonnen habe, indem er sich erbot, den Gewinn gegen übliche Procente sofort auszuzahlen Gottfried freute sich nicht des Gewinnes selbst wegen, sondern weil der Himmel ihm, wie er glaubte, mit dem Gewinne zugleich ein Weib schenke. Er schrieb an Lili, bekannte ihr seine Liebe und hielt um ihre Hand an. Diese antwortete noch am selbigen Tage: sie achte ihn hoch, sehr hoch, allein ihr Herz habe sie längst vergeben, seit Jahren sei sie mit dem Sohne des Cantors aus der Heimat verlobt, der jetzt auf dem Seminar im letzten Semester studire; das gemeinsame Lotterieglück werde sie in die Lage bringen, daß sie heirathe, sobald der Bräutigam eine Stelle finde, und dann hoffe sie, er würde ihr die Ehre erweisen, Hochzeitsgast zu sein, und ihr Freund bleiben. Das war wieder ein harter Schlag für den Verliebten, obgleich nur sein Mangel an Menschenkenntnis die Schüchternheit, in der er nie eine Frage nach den Lebensbeziehungen seiner Nachbarin gewagt hatte, dieses neue Ungemach herbeiführte. Die Inhaberin der Warteschule hatte gegen niemand in ihrer Umgebung ein Geheimniß daraus gemacht, daß sie mit einem künftigen Schulmeister verlobt sei, und würde dies auch ihm nicht verhehlt haben, wäre er nur einmal in ein näheres Gespräch mit ihr eingegangen. Jedenfalls griff ihm dieser Ausgang nicht so ans Herz wie der Verrath Emma's, und er selbst überzeugte sich, daß es wol mehr Neigung zum Verheirathetsein überhaupt, als Leidenschaft für die kleine Nachbarin war, was ihn veranlaßt hatte, um ihre Hand anzuhalten. Er machte sich selbst Vorwürfe darüber, daß er als Philosoph so thöricht gewesen war, sein Lebensgeschick von reinem Zufalle, von dem Gewinne eines Lotterieloses abhängig zu machen. Indeß verleidete ihm dieses Ereigniß abermals die Wohnung, und er beschloß, um ein häuslicheres Leben zu führen, eine größere Wohnung zu miethen, sich nicht mehr aus einer Garküche speisen zu lassen, sondern eine ältere Dame, die bedürftige Witwe eines Advocaten, die er schon länger unterstützte, zur Führung seines Haushalts zu sich zu nehmen. Eine angemessene Wohnung, wie er sie suchte, war denn auch in der Kurzen Straße bald gefunden. Zwar gewährte sie nur ein sehr kleines Stück Garten, aber Gottfried sah in den größern seines Nachbars hinein, in den Eichhorn'schen Garten, und was ihm noch viel mehr werth war, er konnte von einem Gastwirth in der Geismarstraße den Platz auf dem runden Stadtmauerthurme pachten, der den Stallungen des Wirths als Wand und Stütze diente und seit länger als Menschengedenken als kleiner Blumengarten benutzt war. Gottfried hatte für das Wintersemester abermals eine öffentliche Vorlesung angekündigt, er wollte zeigen, daß er nicht blos mit Rechtsphilosophie sich beschäftigt, daß er auch im positiven Rechte bewandert sei, hatte sich deshalb dem Staatsrechte zugewendet und gedachte über den Deutschen Bund zu lesen. Das war ein zeitgemäßes Kapitel und der Zudrang zu seiner Vorlesung so groß, daß er kaum ein Local finden konnte, die Hörer zu fassen, denn öffentliche Collegiensäle, wie eine Aula, gab es damals noch nicht. Die Haushälterin, Frau Koch, wußte ihm das Leben in der neuen Behausung bald angenehm und wohnlich zu machen; sie hatte ihm alle seine bescheidenen Bedürfnisse abgelauscht, nach einigen Wochen brauchte er kaum noch zu klingeln, Kaffee, Thee, Mittagsessen und Abendbrot stand um die gewohnte Zeit zur Minute auf seinem Tische. Am frohesten bei dem Wechsel aber war der Neffe, der Primaner Bruno Baumann, der sich zum Abiturientenexamen vorbereitete, das neuerdings erst eingeführt war, froh, weil er sich jetzt wenigstens mittags ordentlich satt essen könne, was, wie er sagte, bei dem »verruchten Garküchenfraß« unmöglich gewesen sei. Unser Freund träumte im Winter viel, wie schön er seine hängenden Gärten auf dem Stadtmauerthurme für Frühjahr und Sommer einrichten wollte, ohne zu ahnen, daß er im Frühjahr und Sommer als Verbrecher und Flüchtling auf fremder Erde wandern würde. Er hatte sich schon im Winter ein kleines hölzernes Zelt, das ihn gegen Wind und Wetter schützen sollte, und zu diesem Zwecke drehbar war, bestellt und dachte oft daran, wie fleißig er oft auf dem Stadtthurme arbeiten, zeichnen, malen, die freie Luft genießen, die Düfte aller Blumen und Büsche aus dem Eichhorn'schen Garten aufsaugen wollte. So kam Neujahr 1831. Wenn der Eintritt in ein neues Jahr in der Universitätsstadt nie ganz ruhig vorüberzugehen pflegte, wenn dem Prorector, je nachdem er bei den Studirenden beliebt oder verhaßt war, ein Vivat oder Pereat herkömmlich gebracht wurde, und man den Studirenden in dieser Nacht, bis auf Laternen und Fenstereinwerfen, so ziemlich jeden rohen Straßenunfug nachsah, so war der Uebertritt in das einunddreißigste Jahr unsers Jahrhunderts in Göttingen doch mit weit mehr Unfug verbunden als sonst. Freilich, der Prorector war beliebt, denn es war der gefühlvolle Theologe Lücke, aber es steckte allerlei politische Unzufriedenheit in der Zeit. Das Beispiel der siegreichen Revolution in dem kleinen Braunschweig hatte Nachahmung gefunden; in Sachsen, in Hessen hatte man Constitutionen erzwungen, in dem benachbarten Kassel sollte am 9. Januar das Constitutionsfest gefeiert werden. Nachdem sich die Studentenwelt nachts zwölf Uhr auf dem Marktplatze versammelt und dem alten Jahre ein Pereat, dem neuen ein Vivat gebracht hatte, zog sie unter dem Gesange von » Gaudeamus igitur « zum Weenderthore hinaus und brachte dem gewesenen Prorector, welcher dem jetzigen Collegienhause gegenüber (bei dem Zimmermeister Freise) wohnte, ein Vivat. Als man wieder in die Stadt zog, bemerkte einer der Pedelle, daß sich dem Zuge eine ungewöhnliche Menge Bürger angeschlossen hatte und daß das Corps der Hildesen den Zug eröffnete. Ihm ahnte nichts Gutes, denn in gewöhnlichen guten Zeiten pflegten gerade nach der Begrüßung des Prorectors, in Ermangelung anderer Aufregung, entweder Streitigkeiten zwischen Corps- und Nichtcorpsstudenten, oder zwischen Studenten und Philistern auf der Nachtordnung zu stehen. Heute waren, wie es schien, die Corps und die Wilden, Studenten und Bürger in schönster Eintracht. Als man aber zur ersten rechts abbiegenden Straße kam, die neben den Reitställen der Leine und den Marschstraßen zuführte, bog der größte Theil der Studenten und Bürger ab, um dem Justizrath von dem Knesebeck auf der Marsch ein Pereat zu bringen. Der Hauptzug wandte sich dem Markte zu und brachte dem Polizeicommissarius Westphal Pereat und Fenstermusik; ein dritter Zug sonderte sich davon ab und versuchte in der Gothmarstraße das Haus des Kaufmanns Krische durch Verwüstung des Ladens und Einwerfen der Fenster zu demoliren. Das war offenbar mehr als ein »Studentenulk«, das war etwas Vorbereitetes. Westphal hatte mit der akademischen Jugend nichts zu thun; er war allein bei der Bürgerschaft verhaßt; Krische galt dem ungebildeten Volke als Kornwucherer, weil er Korn aufkaufte und die Weser hinab nach Bremen sendete, ein Ding, um das sich der Studiosus nicht bekümmerte. Dennoch sah man bei allen drei Zügen Studenten. Der Justizrath von dem Knesebeck hatte sich freilich allgemeinern Haß zugezogen; er hatte sich im Herbst des vergangenen Jahres, »aus Herzensdrange«, veranlaßt gefühlt, den Souveränen Europas eine kleinere Schrift zu widmen, in der als unfehlbares Hausmittel gegen alle Revolutionen empfohlen war, daß die Jugend aller Staaten, sowol auf Schulen als auf Universitäten, in Gemäßheit eines politischen Katechismus in Loyalität, Legitimität und Gehorsam erzogen werden sollte. Das war der akademischen Jugend freilich nicht nach Sinne, aber die Aufregung gegen den nach Orden durstigen Scribenten doch weniger durch den Inhalt des Buches erzeugt, der nur wenigen bekannt geworden, als durch das vorangedruckte Motto: Die Canaille heißt Volk, sobald sie im Kampfe gesiegt hat. Napoleon . So viel offenbarte sich in dieser Nacht, es stiegen am Horizont der Georgia Augusta, der untadelhaftesten Schule des Conservatismus und der Loyalität, der Bildungsanstalt für Könige, Prinzen und Fürsten, zum ersten male seit ihrem Bestehen politische Wolken auf. Schon hatte man auf expressen Befehl aus Hannover drei junge Privatdocenten, Dr.  Rauschenplat, Dr.  Schuster und Dr.  Ahrens, unter polizeiliche Aufsicht gestellt und ihnen aufgegeben, die Hefte, wonach sie bisher ihre Vorlesungen gehalten, einzuliefern. Jetzt kam diese crasse Demonstration, und die Pedelle und »Schnurren« hatten nicht einmal »Fänge« auf frischer That gemacht. Von den Unruhen in der Neujahrsnacht hatte unser Freund in der Kurzen Straße nichts gehört; die Kurze Straße war wenig von Studenten bewohnt und mehr ruhiger Sitz von Gelehrten. Gottfried Schulz erstaunte daher nicht wenig, als ihm am ersten Tage des neuen Jahres vom Magnificus die Aufforderung zuging, sein Heft über die öffentliche Vorlesung dem hohen Curatorio sofort einzusenden. Er war bis dahin noch kaum über die Einleitung hinausgekommen und hatte eigentlich nur den Unterschied zwischen Staatenbund und Bundesstaat seinen Zuhörern klar zu machen gesucht und an den Beispielen der griechischen Bündnisse zu den verschiedenen Zeiten, an dem Schweizerbunde und der nordamerikanischen Föderation geschichtlich erläutert. Freilich beabsichtigte er demnächst auszuführen, daß der Deutsche Bund weder den nationalen Ideen von Einigung, Kräftigung und Macht nach außen, noch den Wünschen und Erwartungen der deutschen Stämme, was Rechtsstaat und Verfassung betreffe, entspreche, daß noch weniger in volkswirtschaftlicher Beziehung Befriedigendes geschehen sei und daß Artikel 19 wie 13 der Bundesacte sich als völlig nichtssagend erwiesen hätten. Davon war aber noch nicht gesprochen, davon war überall kein Wort geschrieben, weil Gottfried nicht nach einem Hefte las. Sein Erstaunen würde sich gemindert haben, wenn er gewußt hätte, daß einer seiner Schüler, den er für den fleißigsten hielt, der ihm jedes Wort ablauschte und zu Papier brachte, das Nachgeschriebene allwöchentlich dem Herrn Geheimen Hofrath Falke in Hannover, dem frühern Mitgliede der mainzer Central-Untersuchungscommission, überschickte. Da man in Hannover ein Heft nach seinen Vorlesungen hatte und sich von freien Vorträgen eine richtige Vorstellung nicht machen konnte, so hielt man die Antwort, welche Gottfried bei Uebersendung des Grundrisses seiner Vorlesung gab: »er habe kein Heft«, für Renitenz und strafbare Widersetzlichkeit. Als Gottfried nach Neujahr seine erste Vorlesung hielt, konnte er nicht unterlassen, einige Worte über das Mistrauen zu äußern, mit dem man von oben seine Vorlesungen zu beargwöhnen scheine; wärmer werdend, sprach er einen feierlichen Protest aus gegen jeden Versuch, die Wissenschaft unter Censur zu stellen. Seine Zuhörer gaben ihren Beifall auf übliche Studentenmanier, durch Stampfen mit den Füßen und einige Bravorufe, zu erkennen, was dem Spion Gelegenheit zu einem Berichte an Herrn von Arnswaldt, den Curator der Universität, verschaffte. Es war während der Festwoche sehr einsam in der neuen Wohnung gewesen, da der Neffe Baumann die Weihnachts- und Neujahrstage in Hedemünden im Kreise seiner Familie zugebracht hatte; seine Rückkehr nach den Festferien brachte neues Leben in die Wohnung. Am Abend des 7. Januar jedoch saß Bruno Baumann in seiner Studirstube und repetirte die Reihenfolge der deutschen Kaiser und ihre Sterbejahre; das Maturitätsexamen stand vor der Thür, und der Rector pflegte in deutscher Kaisergeschichte stark zu examiniren. Gottfried saß nebenan und studirte nach einem geschriebenen Hefte die Philosophie der Geschichte von seinem Meister Krause. Da entstand plötzlich Feuerlärm und in die sonst stille Kurze Straße drang die Menschenmasse. Es hieß, die Universitätskirche und die ganze düstere Straße brenne. Gottfried stieg die Leiter zu seinem Thurme hinauf, von wo er einen Blick nach der Feuerstätte haben mußte. Indeß überzeugte er sich bald und viel früher als die meisten Einwohner Göttingens, die immer mehr in die engen Straßen nach Südwesten sich zusammendrängten, daß nicht Feuer, sondern ein großartiges mächtiges Nordlicht, wie es wenige Menschen in Deutschland bis dahin gesehen hatten, den ganzen westlichen Horizont einnahm. Er rief Bruno, der die Leiter zum Thurme ersteigen wollte, zu, ihm seinen Teller mit Aquarellfarben, Skizzenbuch und Pinsel zu holen, und versuchte dann, die Erscheinung, wie sie von seinem Standpunkte, gerade der katholischen Kirche gegenüber, sich ihm darbot, zu skizziren. Hell genug war es, denn der ganze westliche Horizont bis zum Norden hin war ein Flammenmeer, aus dessen Wellen silberhelle Büschel bis über den Zenith hinausstrahlten. Es blieb in der Stadt, da obendrein Jahrmarkt war, die ganze Nacht sehr lärmend, und unser junger Privatdocent, der sich leicht nervös aufregte, schlief sehr unruhig. Er war noch mehr als sonst von Gedankenflöhen, wie er es nannte, geplagt und griff über ein Dutzend mal zu der Bleistiftrinne an der Wand, um jene Einfälle festzuhalten. Gottfried hatte sich nämlich die sonderbare Art angewöhnt, seine nächtlichen Gedanken, Träume und Phantasien womöglich ab- und aufzusaugen. Zu diesem Zwecke war die ganze Wandseite seines Bettes mit Pergament beschlagen, darunter ein Behälter angebracht, in dem mindestens ein Dutzend Bleistiftenden lagen, sodaß er, auch noch halb im Schlafe, nie einen Fehlgriff that, wenn er eine Notiz auf das Pergament bringen wollte. Diese Nacht beschlich ihn ein sonderbarer Traum. Er war sein Vetter Baumgarten und war auf der Flucht wegen demagogischer Umtriebe, man hatte in seinem Hefte über den Deutschen Bund (hier spielte wieder seine eigene Persönlichkeit in dem Traume) schwere Verbrechen gegen den Staat entdeckt, er wurde in Hamburg gefangen und nach dem Zuchthause in Celle geschleppt, wo er Wolle spinnen mußte. Erst gegen Morgen schlief er ruhiger, nachdem er groß und deutlich an die Wand geschrieben hatte: »Wolle spinnen.« Frau Koch mußte mehrfach an die Thür seiner Schlafstube klopfen, um ihn zu wecken. Als das Tageslicht in die Schlafkammer schien, versuchte er zuerst die in der Nacht an die Pergamentwand gekritzelten Hieroglyphen zu entziffern, was ihm indeß bei den meisten fehlschlug. Es waren das Buchstaben, die es gar nicht gibt; nur die Worte: »Wolle spinnen« standen groß und deutlich an der Wand und erinnerten ihn sofort an seinen bösen Traum. Der Morgen des 8. Januar war heiter und klar, und da Gottfried am Sonnabend kein Kollegium zu lesen hatte, setzte er sich wieder an die Nordlichtskizze, um die Naturscene, die ihn auch ohne die Skizze vom Abend in ihrer ganzen mächtigen Herrlichkeit und Prächtigkeit in der Phantasie schwebte, nochmals darzustellen. Er begab sich auf sein Zeltdach, um den Vordergrund, die katholische Kirche, die Straße zu Klein-Paris nach der Natur aufzunehmen, aber im Dunkel der damaligen göttinger Thranlaternen. Hinter der dunkeln Kirche sollte dann der rothgoldene, kaum durch Farben wiederzugebende Glanz des Nordlichts hervorstrahlen. Mit dieser Arbeit ging der ganze Morgen hin, Gottfried war völlig ungestört, seine Haushälterin kaufte auf dem Jahrmarkte die nöthigen Dinge für Haus und Küche, der Neffe war in seiner Prima. Man aß in Göttingen nach alter Sitte, der Schulen und Collegen wegen, zwischen zwölf und eins. Die Eßstunde war längst gekommen, Frau Koch hatte angerichtet, aber der Gymnasiast ließ sich nicht sehen. Gottfried war schon ungeduldig und befahl, das Essen aufzutragen, um Bruno zu strafen, als die Haushälterin den in Gedanken Versunkenen aufmerksam machte, daß auf der stillen Straße Außerordentliches vorzugehen scheine. »Sehen Sie da, Herr Doctor, da läuft unser Nachbarstudent, der lange Grumbrecht aus Goslar, der Ihr Colleg besucht, mit einem langen Säbel in der Hand nach der Weenderstraße, und alle Leute stehen vor den Thüren! Was hat das zu bedeuten?« In diesem Augenblick ging die Hausthür auf, Bruno stürmte die Treppe herauf und schrie aus Leibeskräften: »Vivat, Onkel, Vivat, es ist Revolution! Hast du keinen Säbel oder keine Pistole, die du mir pumpen kannst? Gegessen wird heute nichts, wir Primaner wollen auch eine Nationalgarde bilden, wie die Caroliner es in Braunschweig gethan haben.« Frau Koch schlug die Hände über dem Kopfe zusammen und seufzte: »Ach lieber Herrgott, ich habe es mir doch gleich gedacht, daß das Feuerwerk von gestern Abend am Himmel ein Unglück bringen würde.« Der Gelehrte war erstaunt: »Nun erzähle doch, was ist denn los?« »Wie wir aus der Klasse kamen, die des Jahrmarkts wegen um eine halbe Stunde früher geschlossen wurde, und auf dem Markte unter den Buden herumbummelten, kam auf einmal eine ganze Schar bewaffneter Bürger und Studenten, alle mit weißen Binden um den Arm, und gingen die Rathhaustreppe hinauf. Nun kam auch der kleine Hübotter mit der Hildesia aus der Bosia und bald verkündete eine Stimme von der Rathhaustreppe herab, der Magistrat habe eingewilligt, daß der Polizeicommissar Westphal entlassen werde und daß sich eine Bürgergarde und akademische Nationalgarde zur Erhaltung der Ruhe und Ordnung bilde. Das ist alles, was ich weiß. Jetzt muß ich aber wieder fort.« »Aber Herr Doctor, dulden Sie das doch nicht«, jammerte Frau Koch, »der Bruno hat seit Morgen nichts genossen als eine Semmel und eine Tasse Kaffee, wenn er nun keinen warmen Löffel Suppe ißt, so wird der Mosjö bei dem abscheulich kalten Wetter krank. Die Revolution läuft Ihnen nicht weg, junger Mann, setzen Sie sich erst, es kommt Ihr Lieblingsgericht auf den Tisch, Sauerkraut und Pökelfleisch, Schnauzen und Ohren sogar.« »Ja, Bruno, setze dich und erzähle ordentlich, wer steht an der Spitze und was wollen die Leute?« »Das will ich dir sagen. Da sind die Kanzleiprocuratoren Eggeling, Kirsten und Laubinger, der Dr.  Seidenstiker, der Gastwirth Ulrici, und von akademischer Seite die Privatdocenten Dr.  von Rauschenplat,. Dr.  Ahrens und Dr.  Schuster und die Studiosen: Vater Hentze, Hübotter, Stölting, Gerding, die haben von der Rathhaustreppe aufgefordert, eine Nationalgarde zu bilden. O Onkel, du mußt mit ansehen, wie spaßhaft das auf dem Jahrmarkte aussieht, das ist ärger als im Jahrmarkte zu Plundersweil. Die Galanteriekrämer vor der Krone und alle sonstigen Verkäufer haben Angst, geplündert zu werden. Alles packt ein über Hals und Kopf und in einer Stunde werden alle Buden verschwunden sein. Nur die braunschweiger Pfefferküchlerinnen fürchten sich nicht und verkaufen frisch darauf los, immer wiederholend: ›Heeren Se mal, kaufen Se mich was ab, von uns Braunschweigern kennen Se lernen, wie man Revolution machen muß.‹ Aber Onkel, ich muß ein Gewehr haben, um vier Uhr ist Appell, da muß ich dabei sein.« Der junge Mann nahm sich kurze Zeit zum Essen; im Hause des Onkels ein Gewehr oder einen Säbel zu finden, das mochte schwer sein, denn Gottfried hatte nie eine Schießwaffe, selten ein Rappier in der Hand gehabt; ein Gewehr mußte aber zuerst aufgetrieben werden. Dem Gymnasiasten fiel ein, daß er bei dem Vater eines Freundes eine ganze Gewehrsammlung gesehen, richtig, da mußte er hin, zu Dr.  Wadsack, dem Gerichtshalter in Geismar, der auch nicht sehr fern in der Nikolaistraße wohnte. Gottfried setzte sich hin, um seinem Vater ein langes und breites von dem Nordlicht des gestrigen Abends und sehr viel von dem »viel Lärm um Nichts«, wie er die Revolution nannte, zu schreiben. Es wurde auch eine Proclamation vertheilt des Inhalts: »Um den durch die allgemeine Noth erzeugten Beschwerden abzuhelfen und die durch dieselben bereits entstandenen und noch drohenden Unruhen für die öffentliche Ordnung gefahrlos zu machen, sei man zu einer Nationalgarde zusammengetreten, um alle für einen und einer für alle die öffentliche Ruhe aufrecht zu erhalten. Zugleich wolle man an Se. Majestät den König unmittelbar eine unterthänigste Vorstellung richten, daß auch den Hannoveranern eine freie Verfassung mit einer durchaus frei und selbstgewählten Ständeversammlung gewährt werde.« »Was in Kassel die Bierbrauer erzwungen, was die Braunschweiger, die Sachsen durchgesetzt, das wollen wir auch haben!« schrien die Philister und drängten sich, die von Dr.  Rauschenplat aufgesetzte Proclamation zu unterzeichnen. Auch eine andere Parole wurde schon ausgegeben. »Fort mit dem Magistrat« hieß es, »wir müssen einen freigewählten Gemeindeausschuß haben.« Wer etwas hinter die Coulissen sehen konnte, der gewahrte, daß die jungen Privatdocenten ganz nach französischer Schablone arbeiteten. Hofrath Langenbeck machte freilich noch am Abend den Versuch, die akademische Garde von der Bürgerschaft und dem politischen Treiben abwendig zu machen, allein die Studenten wollten nichts davon wissen, Polizeisoldaten des akademischen Senats zu spielen. Am Abend wurde die Stadt erleuchtet, bewaffnete und unbewaffnete Scharen zogen mit Musik durch die helle Stadt; man sang: »Das Volk steht auf, der Sturm bricht los«, und ließ sich auf dem Marktplatze von dem scharfen Ostwinde durchpusten, um die Marseillaise und Parisienne, diese bis dahin verbotenen Weisen, von den Stadtmusikanten vorspielen zu lassen. Dann wurden aber alle Kneipen voll, man mußte sich erwärmen und man politisirte, kritisirte, schimpfte, tobte über akademische und bürgerliche Polizei. Die Wachen vor den Thoren waren von einer gemischten Mannschaft von Soldaten, Bürgern, Studenten besetzt; man trank, sang und fraternisirte die ganze Nacht hindurch, das nöthige Getränk wurde aus dem nächsten Wirthshause auf Rechnung der Stadtkasse requirirt. Der nächste Tag war ein Sonntag; er wurde benutzt, um die Nationalgarde zu organisiren, Offiziere und Unteroffiziere, Adjutanten und einen Generalissimus zu wählen, und was die Hauptsache war, sich mit dreifarbigen breiten Bändern und Schärpen zu versehen. Da konnte man, als mittags zur Parade aufgezogen wurde, sehen, wie viel Vaterländchen Deutschland hatte, es waren so ziemlich alle siebenunddreißig Farben repräsentirt. Nur die Burschenschafter, etwa funfzig Mann, waren mit Schwarz-Roth-Gold geschmückt, ziemlich gut bewaffnet und, wie es schien, wohldisciplinirt. Gottfried hatte das Haus nicht verlassen; er hatte dem Onkel Maschinenbauer in Hannover nach den Referaten des Gymnasiasten Baumann eine ausführliche Beschreibung der Ereignisse gemacht und die erschienene Proclamation beigelegt, da er wußte, daß der Onkel sich für solche Dinge interessire. Bruno war mehr auf den Straßen als im Hause; erst gegen Abend kehrte er wieder heim mit Büchse, Säbel und Pistole bewaffnet, die er von seinem Freunde Wadsack geliehen hatte, ganz glücklich darüber, daß er von der Gymnasialgarde zum Offizier gewählt war, und nur in Sorgen, wie er sich einen »Stürmer« mit Federbusch verschaffe. Man saß beim Thee, der in der Wohnstube der Haushälterin parterre eingenommen wurde, als plötzlich Trommelwirbel und Hörnersignal erschallten. Man rief: »Zu den Waffen! Burschen heraus, Lichter heraus!« Bald hörte man auch das Geläut der Sturmglocken. Nun war Bruno nicht mehr im Hause zu halten, er stürmte dem Neuen Markte zu, der Sammelplatz seiner Garden war hier vor dem Gymnasium. Auch an diesem Sammelplatze wie auf dem Markte vor dem Rathhause war ungeheuere Verwirrung. Die Erleuchtung aus den Fenstern der Häuser reichte nicht aus, das Dunkel auf den Plätzen zu erhellen, die einzelnen konnten, da die Plätze noch nicht fest bestimmt waren, ihre Compagnien nicht finden, die Studenten suchten ihre Divisionen, ihre Offiziere. Niemand wußte aber, was eigentlich los war, es ging nur das unbestimmte Gerücht, die Stadt werde vom Weenderthore her durch Soldaten bedroht. Die Burschenschaft, welche vor dem Geismarthore auf ihrer Kneipe, dem »Kaiser« gewesen war, kam zuerst, wohlgeordnet, auf den Markt gezogen, voran der kleine »Bonus«, als dessen Untercommandant der lange G. figurirte, damals noch in dichtem schwarzen Lockenhaar, heute ein vielberedtes Mitglied des Reichstags, Zollparlaments und Abgeordnetenhauses im grünen Käppchen. Die Division sang: »Du Schwert an meiner Linken.« Auch die Westfalen unter dem Commando des Herrn von Loë waren in Ordnung, sie sangen aber das uns von 1816 noch bekannte Windmüllerlied. Bald zogen die Divisionen der Studenten und die Bürgercompagnien (man hatte die alte Eintheilung der Stadt in acht Compagnien beibehalten) eine nach der andern zum Weenderthore. Der ganze Lärm erwies sich aber als ein blinder. Etwa hundert beurlaubte Jäger, die schon früher einberufen waren, hatten sich vor dem geschlossenen Weenderthore zusammengefunden, Einlaß begehrt und mit Gewalt gedroht. Als aber einem Offizier Einlaß gewährt war und dieser mit dem Stadtcommandanten von Poten Rücksprache genommen hatte, kehrten die Soldaten um und nahmen im Dorfe Weende Quartier. Eine zusammengeblasene und getrommelte Menge will aber nicht umsonst aus ihrer Ruhe, aus ihren Bierstuben oder aus dem Familienkreise hervorgelockt sein. Jede Compagnie wollte sich wenigstens selbst überzeugen, daß »nichts los« sei, und während die Burschenschafter und die Westfalen schon wieder auf dem Markte angekommen waren und dort das Gaudeamus igitur angestimmt wurde, marschirten noch immer andere Compagnien nach dem Orte des Ereignisses. Der Gemeinderath, der sich auf dem Rathhause constituirt hatte, sendete Wachen an die Kirchthürme, damit nicht abermals ohne Noth und ohne Befehl Sturm geläutet würde. Es war ein empfindlich kalter Abend, und die wieder vor dem Rathhause versammelte Menge würde sich bald aufgelöst und verlaufen haben, wenn nicht ein obscurer Student das Bedürfniß gefühlt hätte, sich reden zu hören. Er schwang sich auf den Rand des großen Brunnens und wußte sich durch seine laute, klangvolle Stimme Ruhe zu verschaffen. Dann begann er: »Mitbürger, Freunde, Kampfgenossen! Die feige Soldateska hat nicht gewagt, die Vertreter der Sache der Freiheit anzugreifen! Vergeblich sind wir zu dem Kampfplatze geeilt. Da wir aber einmal hier versammelt sind, so lasset uns dem neuesten Märtyrer unserer Sache ein Vivat bringen. Ich meine unsern lieben Lehrer, den Dr.  Gottfried Schulz, dessen Heft über den verruchten Deutschen Bund man eingefordert hat, den man gleich den andern Vertheidigern der Freiheit und des Rechts, die sich an unsere Spitze gestellt, unter polizeiliche Censur stellen wollte. »Hoch die Doctoren Rauschenplat, Schuster und Ahrens! Hoch Gottfried Schulz!« Der Redner verschwand vom Brunnenrande wieder unter die Menge, die laut aufschrie: »Nieder mit der Censur! Nieder mit der Polizei, auf nach Schulz!« Dann setzten die dem südlichen Ende des Marktes Näherstehenden sich die Weenderstraße hinauf nach der Kurzen Straße in Bewegung. Bruno Baumann, der inmitten des stärksten Gedränges stand, das durch sämmtliche Lehrjungen der Stadt, durch Frauenzimmer, Kinder, Straßenbuben noch vergrößert wurde, suchte sich vergeblich durch die Menge Bahn zu brechen, um den Onkel von dem, was er zu erwarten habe, im voraus zu benachrichtigen. So wurde unserm Freunde Gottfried die theuere Ehre eines langnachhallenden Vivats zutheil. Dieses Vivat lenkte die Aufmerksamkeit auf den bescheidenen, nur im Kreise weniger Studenten bekannten jungen Gelehrten, und da man nach französischem Muster einen Gemeinderath gebildet hatte, welcher an der Stelle des Magistrats und der Polizei die Stadt regierte, und am andern Tage durch Cooptation angesehener und reicher Bürger wie Zuziehung der Studiosen Stölting, Hübotter, Hentze verstärkt wurde, so kamen einige Schüler Gottfried's auf den unglücklichen Gedanken, bei dem Chef der akademischen Nationalgarde Dr.  Rauschenplat darauf anzutragen, daß man auch unsern Freund in den Gemeinderath wählen möge. Durch die Nachricht, daß der Aufstand in Osterode mißlungen, die Stadt von Truppen besetzt, die Doctoren König und Freitag nach Hannover ins Gefängniß geführt seien, waren die Führer von einiger Entmuthigung ergriffen; die Kunde, daß Osnabrück und andere Städte sich der Erhebung angeschlossen, wollte nicht kommen; es mußte von Göttingen aus auf das Land eingewirkt werden. Dr.  Rauschenplat kannte die glänzenden Kenntnisse wie die Bescheidenheit des Collegen, Arbeitskräfte konnte man im Gemeinderath gebrauchen, der einzige Schriftführer des Gemeinderaths, Dr.  Ahrens, war mit Arbeit überhäuft, er hatte die ganze Nacht hindurch die schlecht genug gedruckten Bogen der Anklage des Ministeriums Münster, wozu König noch vor seiner Verhaftung das Manuscript geschickt hatte, corrigiren müssen, und bedurfte des Schlafes. Dr.  Rauschenplat leitete die Straßendemonstrationen, seine Führung der akademischen Garde ließ ihm nicht Zeit zu Arbeiten auf dem Rathhause. So wurde der Vorschlag ohne weiteres genehmigt und eine Deputation des Gemeinderaths begab sich in Gottfried's Wohnung, ihm anzuzeigen, daß er zum Mitgliede des Gemeinderaths gewählt sei und seine Functionen sofort anzutreten habe. Man wich nicht vom Flecke, bis er, noch im Schlafrocke, sich angekleidet hatte und mit zum Rathhause ging. Hier wurden ihm die Functionen eines zweiten Schriftführers überwiesen, denn Dr.  Ahrens lag auf zwei breiten ledernen Magistratssesseln und schlief. Der Vorsitzende, Procurator Eggeling, gab dem neuen Schriftführer auf, sofort ein Schreiben an sämmtliche Magistrate des Königreichs zu verfassen, mit der Aufforderung, dem Beispiele Göttingens zu folgen und durch eine Immediateingabe an den König auf Verleihung einer freisinnigen Verfassung, Entlassung des Ministeriums Münster, Abhülfe allgemeiner Klagen und das Weitere anzutragen.. Es solle das ein Begleitschreiben zu der Anklage des Ministeriums Münster sein, die eben von den Handpressen der Baier'schen Buchdruckerei auf schlechtem aschgrauen Papier abgedruckt und in Tausenden von Exemplaren auf das Rathhaus geliefert ward, um von Haus zu Haus vertheilt zu werden. Gottfried erklärte, daß er die Anklage gar nicht kenne. Das schade nichts, hieß es vom Grünen Tische her, er möge nur den großgedruckten Anfang und das großgedruckte Ende lesen, da sei alles zusammengefaßt. So las er denn: »Das Ministerium Münster, welches die Hannoveraner seit sechzehn Jahren unumschränkt regiert, hat uns schmählich in die Leibeigenschaft zurückgeworfen; das Lehnswesen, die Zehnten, Fronen, Banal- und Zwangsrechte, die abgeschafften Innungen und Zünfte wiederhergestellt. Es hat ferner die Domänen der Staatskasse geraubt, die Einkünfte aus den Posten, Bergwerken, Salinen, Waldungen, den Mühlen, Eisen- und Kupferhütten als Privatgut des Regenten an sich gerissen, Sinecuren geschaffen, die Bürgerlichen aus dem höhern Staatsdienste verdrängt, die Beamten wiederum auf eine dreimonatliche Kündigung gesetzt, um sie wirklich aus dem Staatsdienste entlassen zu können, den Ackerbau, die Gewerbe, den Handel und Verkehr mit unerschwinglichen Steuern belastet, die Presse durch eine furchtbare Censur gefesselt und den Schwung der Wissenschaften und Künste gelähmt.« Das war die Quintessenz der Anklage. Gottfried kannte sein Römisches und Kanonisches Recht, er hatte sogar, was damals wenige thaten, im Pütter die Geschichte der Verfassung des weiland Römisch-Deutschen Reichs studirt, er war bewandert in dem, was man das öffentliche Recht des Deutschen Bundes nennt, und in allen Systemen des deutschen Staatsrechts, die seit 1815 erschienen waren, zu Hause; aber von den zwanzigerlei hannoverischen Privatrechten, dem öffentlichen Verfassungsrechte und seiner Entwickelung seit 1814 kannte er nichts. Er hatte zwar das Patent von 1819, welches die Basis des öffentlichen Rechts in Hannover war, gelesen, da es aber materiell inhaltslos war und sich nur mit der Form der landständischen Vertretung beschäftigte, hatte er keinen Sinn dafür. Die Actenstücke der allgemeinen Stände waren ihm nie zu Gesicht gekommen, die Verhandlungen selbst waren geheim, nichts daraus drang ins Publikum. Man achtete im Lande wenig auf die Stände und hielt alles, was aus ihren Beratungen kam, höchstens für Abmachung der Ritterschaften und des Adels mit der Staatsdienerschaft, aus der die Zweite Kammer zu zwei Drittheilen bestand. Gegen die transitorische Gesetzgebung aber, die er kannte, hielt er nie seinen Tadel zurück, insofern sie auch in Hannover wie in Kurhessen einen factischen Zustand von beinahe zehnjähriger Dauer als nicht vorhanden und alles durch die Hand des Eroberers Geschaffene als null und nichtig betrachtete oder einen Mittelweg suchte. Gottfried glaubte an die Wahrheit der allgemeinen Anklage, die Ausführung und Begründung derselben zu lesen hatte er nicht Zeit. Wie hätte er auch zweifeln sollen, da man ihm von allen Seiten versicherte, der Verfasser, Dr.  König in Osterode, sei ein Ehrenmann, und da dieser Ehrenmann am Schlusse seiner Anklage sagte: »Der Geschichtschreiber, die Nachkommen, meine Enkel und Urenkel sollen mich brandmarken, wenn ich die Lüge an die Stelle der Wahrheit setze; ich weiß, daß Sokrates den Giftbecher nahm, Christus an das Kreuz geschlagen ist, Huß verbrannt wurde. Alles steht in Gottes Hand, und Gott dem Gerechten werfe ich mich in die Arme. Mein Werk für König, Volk und Vaterland ist vollbracht: thun meine Mitbürger nun das Ihrige. Amen!« Als Gottfried sein Begleitschreiben, das nicht das tragische Pathos der Anklage theilte, concipirt hatte, ging er in das Berathungszimmer, um dasselbe signiren zu lassen. Er traf dort nur Dr.  Rauschenplat, die übrigen Gemeinderathsmitglieder waren zum Frühstück in die Krone gegangen. Rauschenplat sagte: »Wozu diese bureaukratische Weitläufigkeit? Setzen Sie Ihren Namen darunter, College, als Secretär des Gemeinderaths, in dessen Auftrage. Das genügt. »Und hier« fuhr er fort, »quäle ich mich seit einer Stunde ab, eine Resolution des Gemeinderaths, die vor Ihrer Ankunft gefaßt wurde, zu redigiren, um einige Kraft hineinzubringen. Das will mir aber durchaus nicht gelingen. Das dumme Rescript des Ministeriums vom gestrigen Tage, das heute Morgen angekommen ist, hat die Hasenherzen der Philister im Gemeinderathe mit Angst und Schrecken erfüllt. Käme es auf die Herren Pfuscher und Eberwein, Tolle und Wedemeier an, so lieferten sie uns lieber heute wie morgen als Unruhestifter aus. Aber noch habe ich meine akademische Garde und die soll den Dickköpfen Respect einflößen. Ich weiß zwar, lieber College, daß sich in Beschlüsse ohne Saft und Kraft durch Phrasen keine Kraft hineinbringen läßt, allein der gute Ahrens, der dort den Schlaf des Gerechten schläft, scheint bei Conception des Dinges da von wegen seiner Nachtcorrecturen zu schläfrig gewesen zu sein. »Bedenken Sie, daß dieser Beschluß zum Beschlusse der ganzen Bürgerschaft erhoben worden, und daß er die übrigen Städte zur Nachfolge anregen soll. Wer aber sein Thun, wie es hier geschieht, entschuldigt, der entmuthigt, statt zu ermuthigen. »Sehen Sie hier die unglückliche Redensart, die nicht stehen bleiben darf: ›sie‹ (das heißt uns, lieber Freund) ›aber als Unruhestifter bezeichnen zu wollen, das wäre ungerecht‹, das ist die ganze Antwort der Stadt auf das Ansinnen, uns auszuliefern. Denken Sie nach, lieber College, wie Sie das Ding besser fassen.« Gottfried weigerte sich indessen, einen Beschluß, den er nicht mit gefaßt, über den gar kein Protokoll vorlag als die vielfach modificirte und corrigirte Fassung selbst, von neuem zu redigiren. Während des ganzen ersten Tages seiner Amtsthätigkeit gelang es unserm jungen Freunde nur einmal in der Dämmerung auf eine halbe Stunde nach Hause zu eilen, um der Haushälterin zu sagen, daß sie ihm zum Abend noch etwas Essen und eine Flasche Wein auf das Rathhaus senden solle, wo ihn sein Dienst fessele. In Göttingen war indeß der Landdrost Nieper aus Hildesheim angekommen; allein bei der gänzlichen Rathlosigkeit des Herzogs von Cambridge und des Ministeriums fehlte ihm alle Instruction. Er erschien vor dem Gemeinderathe. Herr Eberwein eilte sofort auf die Freitreppe und ließ den unten versammelten sieben Bürgercompagnien, die achte hatte die Wache bezogen, vom Stadtmusikus Jakobi die Hymne »Heil unserm König, Heil« vorspielen. Kaum war das Musikstück zu Ehren des Landdrosten verklungen, als Rauschenplat die Marseillaise anzustimmen befahl, wobei die auf dem Rathhausplatze versammelte Bürgergarde singend einfiel. Während ein Theil des Gemeinderaths mit dem Landdrosten verhandelte, ließ Rauschenplat vom Kaufmann Schminke Pulver und Blei in großer Menge auf Bons des Gemeinderaths holen und unter die Bürgercompagnien vertheilen. Unter dem Commando des Dr.  Wadsack und Commerziencommissars Grätzel ward nun auch eine reitende Bürgergarde gebildet, welche die Elite der Bürgerschaft in sich aufzunehmen bestimmt war. Am Abend des Montags sandte man eine heterogen zusammengesetzte Deputation nach Hannover, um den Herzog von Cambridge einzuladen, nach Göttingen zu kommen und die Wünsche und Bitten der getreuen Unterthanen anzuhören. Am folgenden Tage dauerten die kriegerischen Uebungen fort, wenn man das Säbelgerassel der akademischen Garde, die Parademärsche und Aufstellungen der Bürgercompagnien, das Beziehen und Ablösen der Wachen so nennen durfte. Das Militär, einige hundert Mann, welche vollkommen hingereicht hätten, den Befehlen der Obrigkeit, wenn eine solche zu existiren gewagt hätte, Gehorsam zu verschaffen, verließ die Stadt, um sich nach Nörten zu begeben, wo Generalmajor von dem Bussche, Hubalkanski von den Studenten beibenamt, die hannoverische Armee in Eile zusammenzog. Der Generalmajor erließ von dort eine Proclamation in patriarchalischem Tone an die Göttinger, in welcher er diesen darzuthun versuchte, wie glücklich und zufrieden sie bisher unter dem Schutze der Gesetze in ihren freundlichen Wohnungen gewohnt hätten und nur durch listige Rathschläge einiger Ruhestörer zu offenem Ungehorsam gegen die Gesetze des Königs verführt worden seien. Der Generalmajor sagte den Göttingern, er hoffe, der eigene gesunde Verstand werde ihnen sagen, daß ihr Glück den Unruhestiftern gleichgültig sei. »Wenn sie euch zur Erreichung ihrer schlechten Absichten gebraucht haben, werden sie euch hülflos der Strenge des Gesetzes überlassen.« »Er, der die Hube überschritten, Die noch keinen Feind gelitten, Mit dem Sabul in der Hand«, wie es im Liede hieß, sprach die Hoffnung aus, die biedere fromme Gesinnung der Göttinger werde die frechen Versuche »euch meineidig zu machen, zurückstoßen«. Aber er konnte auch drohen: »Bald werdet ihr den verderblichen Ausgang jener verbrecherischen Ränke vor Augen haben, bald werdet ihr die schnöden Unruhestifter mit Schande beladen im Staube erblicken.« Gottfried hatte am Dienstag, als der erste Schriftführer wieder die Dienste versah, einige Stunden zu Hause zubringen und auch dort schlafen können. Die Frau Koch verlangte, er solle krank werden und sich gar nicht wieder auf dem Rathhause sehen lassen, die Dinge da paßten nicht für ihn. Die gute Frau hatte nur zu sehr recht. Mittwoch wurde er schon früh in den Gemeinderath beschieden, in welchem die eigentlichen Bürger, die zu Hause erst ihren Kaffee trinken und frühstücken mußten, fehlten. Die Privatdocenten, Studenten, die Procuratoren und die Juristen hatten das Uebergewicht. Unser Freund war beauftragt, um der Proclamation aus dem Hauptquartier Nörten ein Paroli zu biegen, eine Ansprache an die Soldaten zu entwerfen, in welcher diese aufgefordert wurden, ihre Aeltern, Geschwister, Freunde und Mitbürger nicht als Feinde zu betrachten, sondern den als den strafbarsten Feind anzusehen, der sie zu der geringsten feindlichen Handlung gegen Mitbürger, in deren Reihe sie ja bald zurücktreten würden, auffordere. Gottfried hielt die Ansprache kurz, einfach, ohne alle Phrase, und freute sich selbst, als er das Werk fertig hatte, über die Energie seiner Sprache. Der Entwurf wurde vorgelesen, fand Beifall und wanderte sofort in die Druckerei. Daß er sich dadurch eines freilich noch unvollendeten Versuchs des Verbrechens, die Armee zum Ungehorsam und zur Meuterei aufzufordern, schuldig gemacht, daran dachte der Privatdocent, der sich wenig um das Strafrecht bekümmert hatte, nicht im entferntesten. Schon nach wenig Stunden war diese Aufforderung an die Soldaten, auf einen halben Bogen mit großen Lettern gedruckt, ohne Unterschrift, in Tausenden von Exemplaren in der Stadt verbreitet und wurde am andern Tage, als gegen dreißig Deputationen aus Städten, Flecken und Dorfschaften der Umgegend erschienen, um dem Gemeinderathe ihre Sympathien auszusprechen und ihm ihre Hülfe anzubieten, diesen zur Weiterverbreitung mitgegeben. Schon wurde aber die Universitätsstadt immer mehr vom Militär umzingelt, in den nur zwei Stunden entfernten Städten waren schon vier- bis fünftausend Mann versammelt. Nun hatte man das Groner-, Geismar- und Albanithor stark verbarrikadirt, nur das Weenderthor war noch frei, hier mußten sämmtliche Posten ein- und auspassiren. Da aber von Norden her die meiste Gefahr drohte, fingen Freiwillige am Donnerstag an, das Weenderthor zu verbarrikadiren, während das Albanithor dem Postgange eröffnet wurde. Auch erbaute man vor der Karspüle die erste Barrikade aus dem aufgerissenen Basaltpflaster. Im Gemeinderathe war man müßig, man erwartete die Nachrichten der Deputation aus Hannover; die bürgerlichen Mitglieder des Gemeinderaths machten sich breiter, und der Seifensieder Eberwein, der Vater, hatte es durchgesetzt, in dem großen zugigen Versammlungszimmer des Rathhauses seine weiße baumwollene Schlafmütze aufsetzen zu können. Es schlichen schon wieder Magistratsdiener durch die Hallen, flüsterten diesem und jenem der Gemeinderäthe Bestellungen von Magistratsmitgliedern zu und ertheilten Winke. Donnerstag abends verbreitete sich die Nachricht, die Deputation aus Hannover sei zurückgekehrt, der Herzog von Cambridge habe ihr eine freisinnige Verfassung und Aufhebung aller Beschwerden zugesagt, namentlich solle Studenten und Philistern das Rauchen auf der Straße fortan gestattet sein. Das gab einen Jubel. Man war schon dabei, eine Illumination der Stadt in Bewegung zu setzen, als es plötzlich hieß, die Deputation sei in Nörten von dem Generalmajor von dem Bussche gefangen genommen. Sofort sprengte ein Dutzend der berittenen Bürgergarde zum Thore hinaus, um zu recognosciren. So kam der Freitag. Gottfried, der in einem Nebenzimmer des Berathungssaals mit einer Unmasse Schreibereien beschäftigt war, die man ihm aufgehalst hatte, jeder Gemeinderath befahl, und unser Freund war der Arbeitsesel, der hier Decrete zu entwerfen und drucken zu lassen, dort Anweisungen an die Stadtkasse, sogenannte Bons, für diese und jene Zwecke auszufertigen, an die Magistrate der größern Städte wiederholte Mahnschreiben zu erlassen hatte, endlich der Erhebung zu folgen, einen Einblick gewann, wie die verschiedenen Elemente, aus denen der Gemeinderath zusammengesetzt war, sich immer mehr zu sondern begannen. Der grundbesitzende Philister, die Dickköpfe, die man, um das Ansehen des Gemeinderaths zu stärken, von vornherein cooptirt hatte, steckten zuerst die Köpfe zusammen. Waren sie unter sich, so hörte der Schriftführer, wie sie raisonnirten. »Wir allein sind es, College Pfuscher«, sagte der Seifenkoch Eberwein, und schlug mit der Hand auf den Tisch, während er mit der andern seinen Schlafmützenzipfel zurechtzog, »die etwas zu verlieren haben. Wenn die Stadt zusammengeschossen wird, so sind es unsere Häuser, die zerschossen werden, und wenn die Universität nach Hannover verlegt wird, so sind wir alle verloren. Was gehen uns die Doctoren und die Rechtsverdreher an, von ihnen allen hat nur Eggeling ein Haus! Für uns, das sage ich noch einmal, ist nur Heil in der Unterwerfung auf Gnade und Ungnade!« So sprach man freilich nicht in der Plenarversammlung, denn da hatte Rauschenplat eine Pistole aus seinem Gürtel gezogen und gedroht, den ersten, der hier solche Reden führe, niederzuschießen. Auch wollte es dem zweiten Schriftführer nicht gefallen, daß der Gemeinderath gestern den jüngern Göttingern die Erlaubniß ertheilt hatte, unter Anführung eines Assessors und eines Schneiders eine besondere Schützengarde zu bilden, die ihr Hauptquartier außerhalb der Stadt auf dem Schützenhofe aufschlug; denn er hatte gehört, wie der Assessor gegen den Schneider dieses Hauptquartier gerade aus dem Grunde empfohlen hatte, weil man von da leicht und ohne Aufsehen zu erregen mit Nörten verhandeln könne. Dr.  Rauschenplat meinte zwar: »Mit zweihundert solcher Büchsenschützen, die ihr Centrum nicht verfehlen, will ich viertausend der Landsknechte vom Weenderthore abhalten. – Nehmt nur immer die Mannschaften bei den Geschützen zuerst auf das Korn«, sagte er, den Assessor auf die Schulter klopfend. Inzwischen war in der Nacht die Deputation von Hannover, die man nicht gefangen genommen, sondern der man nur das bei Nörten zusammengezogene Kriegsheer gezeigt hatte, zurückgekommen und ließ die Köpfe hängen. Dahlmann hatte dem Herzoge Muth eingeredet. Der Aufstand sollte mit Waffengewalt bezwungen werden. Die Bürgercompagnien wurden auf das Rathhaus beordert, wo ihnen das Resultat der Deputation mitgetheilt werden sollte. Der erste Schriftführer, Dr.  Ahrens, eröffnete von einer Tribüne des großen Rathhaussaales der aufmarschirten ersten Compagnie: Der Herzog von Cambridge befehle den Göttingern, innerhalb vierundzwanzig Stunden die Waffen zu strecken, den freventlich eingesetzten Gemeinderath aufzulösen, die Truppen Sr. Majestät in die Stadt aufzunehmen und die Ruhestörer auszuliefern; wäre dies geschehen, so wolle Se. königliche Hoheit in Göttingen erscheinen, die Klagen der Einwohner anhören und den Beschwerden nach Möglichkeit abhelfen; wo nicht, so werde Generalmajor von dem Bussche die Stadt durch militärische Gewalt zum Gehorsam zwingen. Es hätten zwar, berichtete Dr.  Ahrens weiter, Deputirte der Städte Münden, Eimbeck, Northeim erklärt, gleichen Sinnes mit Göttingen zu sein, allein auf Hülfe von Norden her könne man nicht rechnen. Jede Compagnie möge daher unter sich abstimmen, ob die Stadt unter obigen Bedingungen übergeben werden solle. Man wisse zwar nicht, wen der Herzog eigentlich als Ruhestörer ansehe, und es scheine einigermaßen schimpflich zu sein, wenn man sich im Anfange der Woche solidarisch alle für einen und einer für alle verpflichtet, und am Ende der Woche bereit sei, einige von denen, die sich zum Wohle des Vaterlandes an die Spitze der Bewegung gestellt, ihren bösesten Feinden auszuliefern; allein der Gemeinderath habe beschlossen, daß jede Compagnie frei wählen und bestimmen solle. Die Bescheidenheit der Ansprache wirkte auf die Gewissen. »Nicht auszuliefern«, schrie eine kräftige Stimme, »Sieg oder Tod!« brüllte die ganze Compagnie und zog auf der Freitreppe des Rathhauses nach der Südseite ab, während die zweite Compagnie von der Nordseite aufmarschirte. Dieser hielt unser Freund Gottfried denselben Vortrag, und abermals schrie man: »Sieg oder Tod, nieder mit jedem Verräther!« obgleich die Mehrzahl bei sich dachte: vernünftiger wäre es doch, wir gäben bei zeiten nach. Gleichzeitig hatten sich die Studenten auf dem Neuenmarkte (später dem Wilhelmsplatze) versammelt und »Lützow's wilde verwegene Jagd« erscholl hier aus 800 Kehlen, so stark war mindestens heute noch die akademische Garde. Der Commandirende ließ die einzelnen Divisionen in den mit Ketten umschlossenen engern ungepflasterten Kreis zusammentreten.. Vater Hentze, wie man ihn nannte, trat in den Kreis und rief mit Donnerstimme: »Commilitonen! Die Zeit naht, wo es gilt, als Männer uns zu bewähren. Wer nicht mehr Muth und Kraft in sich fühlt, gegenwärtig, wo die Gefahr näher tritt, für die heilige Sache der Freiheit und des Vaterlandes zu kämpfen, dem steht es frei, diesen Kreis zu verlassen, er mag nach Hause zu der Mutter oder hinter den Ofen gehen, wohin er gehört.« Als niemand den von Kugel-Akazienbäumen umgebenen Platz verließ, trug Dr.  Schuster die vom Herzoge gestellten Bedingungen vor, sämmtliche Divisionen erklärten aber jede Trennung von ihren Führern für feige Niedertracht und Verrath, ließen Dr.  Rauschenplat leben und zogen, Freiheitslieder singend, auf den Markt, wo man auseinanderging, das heißt jede Verbindung nach ihrer Kneipe. Gottfried kehrte erst nach zehn Uhr abends in seine Wohnung zurück, er war den ganzen Tag mehr als früher mit Ansprüchen geplagt gewesen; denn was die Wachen an den verschiedenen Thoren und in sonstigen von den beiden Garden besetzten Localen an Lebensmitteln (Brot, Butter und göttinger Mettwürsten) und an Getränken verlangten, hatte sich unendlich gesteigert, da der Patriotismus so weit ging, daß die Wachen, welche mit dreißig Mann besetzt sein sollten, eine ebenso große Zahl von Freiwilligen aufnehmen mußten, die natürlich sämmtlich recht hungerig und durstig waren. Nach neuerm Beschlusse des Gemeinderaths mußte die Requisition eines wachthabenden Offiziers aber von einem der Schriftführer signirt und in ein Productenbuch eingetragen werden, das jeden Morgen dem Plenum vorgelegt werden sollte, damit dieses über die Summen der Tagesausgaben Kenntniß erhielt. Die Frau Koch schlug die Hände über dem Kopfe zusammen, als sie den halbverhungerten und abgearbeiteten Liebling ins Haus treten sah, und wollte ihm sofort mit Kamillenthee unter die Arme greifen und ihn ins Bett spediren. Der Neffe Bruno, der gleichfalls jetzt erst nach Hause kam, beladen mit einem Beutel voll Pulver und in Gemeinschaft mit andern Kameraden frisch gegossener Kugeln, begehrte aber consistentere Nahrung und veranlaßte den Oheim, den Gänsebraten, der am Mittage hatte verzehrt werden sollen, kalt auftragen zu lassen und eine Flasche Wein vom besten aus dem Keller zu schaffen. Man wisse ja nicht, ob man morgen Abend noch lebe, sagte er; die Primaner hätten beschlossen, sich durch den Botanischen Garten vor das Weenderthor zu schleichen, um die heranrückende Soldateska durch das Gitterthor und von den Mauern im Rücken oder von der Seite anzufassen. Gottfried schlief diese Nacht, ohne von seinen »Gedankenflöhen« gepeinigt zu werden. Während er von diesem und jenem, selbst von der Professorentochter und der Kleinkindergärtnerin träumte, wurde aber draußen vor dem Thore auf dem Schützenhause Verrath angesponnen. Es wird sich kaum bezweifeln lassen, daß, wenn man die Leute in der Universitätsstadt ruhig hätte fortwirthschaften lassen, ohne achttausend Mann Truppen zusammenzuziehen, die sogenannte Revolution wahrscheinlich ebenso bald zerfallen wäre, als sie jetzt zu Ende gebracht wurde. Ein Leben, wie man es seit acht Tagen in Göttingen führte, läßt sich nicht wochenlang aushalten. Kein Handwerker arbeitete, auch wenn die Arbeit dringend erforderlich war, es sei denn, daß es auf Befehl des Gemeinderaths geschah und sich etwa um das Schmieden von Piken, deren einige hundert angefertigt wurden, oder um das Setzen und Drucken von Decreten und Bekanntmachungen handle. Alle Philister waren, wenn sie sich nicht auf der Wache befanden, oder zur Parade aufmarschiren mußten, vom Morgen bis zum Abend im Wirthshause, um ihr Dünnbier (Klapütt genannt) und den reinen Korn dazu zu trinken, zu politisiren und die Freunde, welche noch nicht eingeschlachtet hatten, mit den Resultaten der diesjährigen Weiß-, Knack-, Leber-, Rothwursternte näher bekannt zu machen. Diejenigen, welche erst Ende Januar oder im Februar einschlachteten, bezahlten für die Wurstlieferanten natürlich die Getränke und versprachen ihrerzeit frische Wurstlieferung. Die Hauptwachen aber auf dem Rathhause und in der Bosia sowie die Wachen an den Thoren waren weiter nichts als große Kneipen, in denen es vom Morgen bis in die Nacht lustig und guter Dinge herging, bis einer der Wachthabenden in die »Todtenkammer« gebracht werden mußte, um seinen Rausch auszuschlafen, oder sich auf die Pritsche legte, um auszuruhen. Da wurde gesungen, gezecht, Karten gespielt vom Morgen bis zum Abend und vom Abend bis zum Morgen. Was aber das Beste war, das alles ging auf Regimentsunkosten, wie man es nannte. Der wachthabende Offizier requirirte, die Beschlußnahme des Gemeinderaths, daß Requisitionen von diesem signirt und unterzeichnet werden müßten, wurde als zu weitläufig und formell nicht mehr beachtet. Man hielt es für genügend, daß die beiden Offiziere von bürgerlicher und akademischer Seite sich über das Bedürfniß der Wachtmannschaft verständigten. Da hieß es: so und so viel Eimer Bier. so und so viel Flaschen Branntwein, für Offiziere und Unteroffiziere mindestens zwei Dutzend Flaschen Wein (denn die Herren hatten Freunde zu empfangen, die Ronde zu beköstigen), Brot, Schinken, Mettwurst so und so viel Pfund, Morgenkaffee dreißig Portionen mit ebenso viel Franzbroten oder Reihen Semmeln. Nur das Wachtpostenstehen in der rauhen wolkigen Mondnacht auf den windigen Wällen und vor den Kirchthurmthüren kam dem verwöhnten Musensohne hart an. Allein der Freiheitsschwindel ließ es mit lustigem Muthe ertragen. Das Patrouilliren in der Nacht außerhalb der Thore durch die Garten- und Feldwege reizte durch die damit verbundene Spannung. Anfangs hatte man nur aus größern Wirthshäusern die Requisitionen gemacht, als es dort aber zu fehlen begann oder die Wirthe, beziehungsweise und hauptsächlich die Wirthinnen, Bedenken äußerten, half man sich einfacher. Auf jeder Wache wurde ein Verzeichniß der wohlhabenden Bürger und Professoren angefertigt und diese der Reihenfolge nach beschickt; der eine mußte heute dies, der andere morgen jenes liefern. An eine Weigerung des durch solche Wechselbons Bezogenen war nicht zu denken, denn dem Requirenten folgte regelmäßig eine freiwillige Executionsmannschaft von acht bis zehn Studenten, die sich sofort vor und in dem Hause, aus dem requirirt wurde, niederließ und die nicht eher wich und wankte, bis sie neben dem Geforderten noch einige Flaschen Wein, Cigarren, mitunter, wenn die Köchin oder »der Besen« hübsch war, auch einige Küsse als Executionsgebühren erhalten hatten. Uebrigens lieferten auch manche Hausfrauen aus der gelehrten Aristokratie der Universität freiwillig schmackhafte Erfrischungen in reichlichem Maße; war es doch immer rathsam, sich bei den »Herren« in Gunst und gutes Andenken zu setzen. Diese Bons und Requisitionen hatten in den Rauchkammern der göttinger Hausfrauen binnen acht Tagen mehr Verwüstungen angerichtet als sonst die Monate vom Januar bis zum April; selbst die nur halb geräucherten Blasenwürste, die Sülzen, die für das Osterfest reservirten gesalzenen, jetzt im Rauch hängenden Schweinsköpfe wurden nicht geschont. Wenn zwei Bürgerfrauen zusammenstanden, so konnte man versichert sein, daß sie sich gegenseitig ihr Leid klagten. »Mein Mann hat heute unsere letzte Rothwurst – die Knackwurst ist schon seit drei Tagen aufgefressen – mitgenommen, die Zungenwurst im Magen, die wir sonst Pfingsten auf Mariaspring zu verzehren pflegten«, so klagte die Schusterfrau; »Gesell und Lehrling thun seit acht Tagen keinen Handschlag, essen aber das Doppelte, für die Butter wollten die Bauern aber gestern acht Groschen haben.« »Aber, liebe Nachbarin, da sind Sie ja noch glücklich daran«, erwiderte die Frau des Buchbinders, »mein Mann ist schon an die Mettwürste gegangen, die erst seit acht Tagen vor Weihnachten im Rauche hängen und die der Prinz von Würtemberg von uns seit Jahren bezieht zu 12 Groschen das Pfund. Woher sollen wir um Johannis Schweine kaufen, wenn das Geld aus Stuttgart ausbleibt, das wir zum Ankaufe neuer Schweine immer bestimmten?« Kam dann noch eine dritte Frau dazu, so war des Lamentirens gar kein Ende. Es war das Anarchie, das fühlte keiner mehr als der Lehrer des Maßes und der Mäßigung in der Politik, der mit seinen dicken Wulstlippen und seinen struppig in die Höhe stehenden Haaren noch finsterer als sonst dareinblickende Hofrath Dahlmann vor dem Weenderthore. Aber es war eine gutmüthige, lustige, burschikose, romantische Anarchie, die dem Kronprinzen von Preußen gewiß Freude gemacht haben würde, wenn er in Göttingen studirt hätte, vielleicht auch dem Ludwig von Baiern, der in Göttingen studirte, und noch mehr seinem Sohne Max, der erst vor kurzer Zeit seinen großen Abschiedscommers gegeben, wobei aus wirklichen Kanonenstiefeln getrunken ward. Mancher Graukopf wird sich noch heute mit Vergnügen eines solchen Executionscommandos erinnern, besonders wenn die Köchin so schön war wie die Lotte im Hause des Hofraths »Schweinchen«, welche die erste Liebe Heinrich Heine's gewesen war, oder vielmehr richtiger, deren erster Liebhaber Heine gewesen war. »Briefe von Heinrich Heine an Moses Moser« (Leipzig, O. Wigand, 1862. Brief XIII vom 25. Februar 1824): »Ich liebe die Mediceische Venus, die hier auf der Bibliothek steht, und die schöne Köchin des Hofraths Bauer. Ach! beide liebe ich unglücklich!« (Letzteres war Phrase.) Manchem Hofraths-, Professoren- und Bürgertöchterchen wurde in jenen krausen Tagen der Anarchie das Herz der Liebe erschlossen. Den Hausfrauen wurde es aber zu kraus und sie allein hätten die Contrerevolution zu Werke gebracht, wären dabei nicht schon eine Menge anderer Leute, unfähige Beamte, unbeschäftigte Advocaten, faule, nichtsnutzige Handwerker, die sich nach einer »ruhigen« Staatsstelle, sei es selbst die eines Carcerwärters, sehnten, thätig gewesen. Aber die Contrerevolution wurde von Leuten der Universität und Stadt, die sich nirgends sehen ließen, sich nicht aus ihren Häusern wagten, in Gang gebracht. Während in der Stadt viele Kugeln gegossen und Patronen gemacht wurden, weil man an einen ernstlichen Kampf dachte, hielt die neugebildete Schützencompagnie auf dem Schützenhofe eine vertrauliche Versammlung, von der man alle, die man im entferntesten für compromittirt hielt, ausschloß. Dort wurde festgesetzt: Niemand soll fortan im Gemeinderathe sitzen, dem nicht das wahre Wohl und Wehe der Stadt am Herzen liege (das heißt, der nicht mit Grundeigentum angesessen sei). Kein Beschluß sollte ohne Beisein sämmtlicher Gemeinderäthe gefaßt werden können; und da diese nie zusammenzubringen waren, konnte natürlich überhaupt ein Beschluß nicht mehr gefaßt werden. Niemand dürfe bewaffnet in den Gemeinderath kommen (Herr Eberwein hatte infolge der Drohung des Dr.  Rauschenplat, ihn todtzuschießen, einen Tag im Bette zubringen müssen). Der Hauptbeschluß aber lautete: Jedes Gemeinderathsmitglied darf frei seine Meinung sagen (die Beschlußfasser gingen von der Ansicht aus, daß das bisher im Gemeinderathe nicht möglich gewesen sei). Diese Beschlüsse der Schützencompagnie waren noch in der Nacht allen Wohlgesinnten der übrigen Compagnien mitgetheilt; zugleich hatten sich die Hauptführer der Contrerevolution, wenn man so sagen darf, mit dem seit acht Tagen unsichtbaren Magistrat, der Polizei und den akademischen Behörden in Verbindung gesetzt, diese ihres Schutzes versichert, und nachdem die Verständigung erfolgt war, krochen Rathsdiener, Polizeidiener und sonstige Beamte aus ihren Mauslöchern, in denen sie sich bisher verborgen gehalten. Unser Freund hatte in seiner ruhigen Straße (der Schwarze Bär ihm gegenüber kam erst nach zwanzig Jahren durch Hofrath von Siebold ins Renommée) vortrefflich geschlafen, auch den Tag vorher dem Onkel Maschinenbauer, der immer wünschte, daß er härter werden möge, voll Selbstbewußtsein die Thaten der letzten Tage gemeldet. Als er am andern Morgen nach dem Rathhause ging, um seine Functionen zu besorgen, fand er das Zimmer des Gemeinderaths von vier Mann des Schützencorps besetzt, die ihm den Eintritt weigerten, da ihm, dem Nichthausbesitzer, das Wohl der Stadt nicht am Herzen liege. Raths- und Polizeidiener brachten von Haus zu Haus eine Proclamation des Herzogs von Cambridge, welche unbedingte Unterwerfung forderte. Der Hubalkanski in Nörten ließ an alle Ecken großgedruckte Plakate anschlagen: »Ich befehlige Truppen, die ihre Schuldigkeit zu thun wissen und ihre Ehre daransetzen, ihrem Anführer bis in den Tod zu folgen.« Es war stiller in der Stadt. Die gewohnten Parademärsche der Bürgercompagnien und akademischen Garde mit Musik, der Marseillaise natürlich – fanden nicht statt. Die Weiber steckten die Köpfe zusammen und erzählten sich, daß der »Meister« stark nach Heringssalat verlange und von dem Gemeinderathe nichts mehr wissen wolle. Gottfried Schulz war froh, von den Functionen eines Schriftführers im Gemeinderathe entbunden zu sein, über die weitern Folgen machte er sich keine Besorgniß. Anders war es mit der Haushälterin. Frau Koch fand er beschäftigt, seine Wäsche einzupacken. Als er sie verwundert fragte, was denn das zu bedeuten habe, antwortete dieselbe, sie halte es für das Beste, daß der Herr Doctor, damit er sich der Verantwortung entziehe, auf einige Zeit nach Hannover zu seinem Onkel, dem Maschinenbauer, reise, weil es mit dem Collegienlesen ja doch vorbei sei. Der Unschuldige sagte: »Was habe ich denn Strafbares gethan?« »Aber Herr Doctor, ich bin kein Jurist, doch mein Seliger war, wie Sie wissen, Advocat, und da fällt denn immer so ein bischen bei ab. Da lese ich in der heute verteilten Proclamation: »Eigenmächtige, wider den Willen der Obrigkeit geschehene Einsetzung des sogenannten Gemeinderaths, eigenmächtige Bewaffnung mit der Absicht, den Truppen des Königs sich zu widersetzen, ist Aufruhr.« »Man sollte den Magistrat zur Verantwortung ziehen«, erwiderte der Privatdocent kleinlaut, »weil er den Kopf verloren hatte und die Stadt regierungslos ließ; man sollte den Stadtcommandanten auf die Festung setzen, weil er die Soldaten fortschickte und die Stadt den Studenten preisgab, man sollte den akademischen Senat absetzen, weil er, trotz wiederholter Aufforderung, sich an dem Gemeinderathe nicht betheiligen wollte; aber wir, der Gemeinderath, was haben wir denn anders gethan, als die Ordnung aufrecht erhalten? Was wollte denn die ganze Stadt und Studentenschaft anders als den König bitten um eine freisinnige Verfassung, wie sie unsere Nachbarn erhalten haben? Ist das ein Verbrechen, Frau Koch?« »Sie müssen das besser wissen, Herr Doctor, allein es scheint mir doch, als wenn Sie unter den Ruhestörern und Aufwieglern gemeint sein könnten, obgleich ich am besten weiß, daß Sie, Herr Doctor, keines Menschen Ruhe jemals gestört haben, und nur wider Willen und Wollen in den Krawall hineingezogen sind.« »Wenigstens«, fuhr die Haushälterin fort, »sollten Sie einmal anfangen, Ihre Papiere zu ordnen, die ich nicht mit dem kleinen Finger oder mit einem Staubbesen berühren darf; man weiß ja nicht, was kommt.« Die Papiere unsers Freundes bedurften allerdings sehr der Ordnung, und er fing an, sie einigermaßen zu sichten, allein bei dieser Gelegenheit vertiefte er sich bei Tagebuchblättern in allerlei Versuche, die er unvollendet gelassen, bei Bleistiftskizzen und andern Dingen, sodaß es mittags noch wüster auf seinem Schreibtische aussah als am Morgen. Das Essen war längst angerichtet, aber der Gymnasiast fehlte noch immer, und Frau Koch spähte von fünf zu fünf Minuten aus der Hausthür, wo Bruno bleibe. Endlich sah sie ihn im Lauftritt von der Weenderstraße herankommen und richtete die Suppe an. Bruno Baumann stürzte ohne die gewohnten Waffen in das Zimmer, selbst der Stürmer mit dem Federbusch war verschwunden, und nur sein üppiges Haar schützte ihn gegen die sehr empfindlich werdende Januarkälte. »Onkel, alles ist verloren«, rief er, »rette dich! Ich komme vom Neuen Markte, wohin die akademischen Divisionen und unsere Garde, die sich derselben angeschlossen hatte, beordert waren. »Statt achthundert, die noch gestern Abend versammelt waren, hatten sich höchstens dreihundert Studenten eingestellt. Der Dr.  Rauschenplat redete sie kräftig an, aber es erscholl kein Vivat aus der Menge wie sonst, wenn der General nur erschien. »Ich konnte nicht ordentlich hören, was der Generalissimus und sein Adjutant sagten, denn unsere Division hat sich außerhalb des innern Platzes vor der Treppe des Gymnasiums aufstellen müssen. Da kam auf einmal der Schulvogt mit einem Befehle vom Director, daß die Gymnasialdivision sich sofort auf hohen Befehl des Magistrats und des Schulcurators Geheimen Hofraths Heeren auflösen sollte, bei Carcerstrafe. Ich begleitete meinen Freund Wadsack nach Haus, um ihm seine Waffen abzuliefern. Da hat er mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit vertraut, daß die Schützencompagnie, die seinen Vater zum Obersthauptmann gewählt habe, entschlossen sei, Rauschenplat, Schuster, Ahrens und dich in dieser Nacht gefangen zu nehmen und dem Generalmajor von dem Bussche auszuliefern. »Sodann kam ich aber auch bei der Hauptwache – der Bosia – vorbei, welche von der Hannoverania bezogen ist. Ich kann dich versichern, daß auf Befehl des Grafen Schlottheim, des commandirenden Offiziers, die dreifarbige Fahne eingezogen und eine gelbweiße Flagge, die vom Giebel des Daches bis unten auf die Straße weht, ausgehängt ist. »Das ist indeß nicht alles; ich treffe auf dem Wege hierher den Sohn des Hofraths Hausmann und des Geheimen Justizraths Göschen, die mit uns in der Prima sitzen. Die fragen mich, ob ich schon wisse, daß zweihundert Burschenschafter sich verschworen hätten, diese Nacht die Bibliothek in die Luft zu sprengen? Ihre Väter und der Hofrath Langenbeck sammelten Unterschriften zu einer neuen akademischen Garde, um die Bibliothek und alle öffentlichen Universitätsgebäude vor Untergang zu retten. »Ich sagte ihnen, das seien ja offenbare Lügen, ich sei schon zweimal auf der Burschenschafterkneipe gewesen und wisse, daß die ganze Verbindung kaum funfzig Mann zähle. »Da sagten sie aber, sämmtliche Burschenschafter aus Jena und Halle wären unterwegs und schon in Heiligenstadt angekommen, der lange Gumbrecht habe die Zünder bereits bei dem Kaufmann Schminke gekauft.« Die Frau Koch, welche hinzugetreten war, nöthigte den jungen Mann, etwas Suppe zu essen, weil Essen und Trinken Leib und Seele zusammenhalte und man bei dem Essen das Notwendigste am besten weiter berathen könne. Man hatte sich indeß kaum zum Essen gesetzt, als eine Extrapost vor dem Hause hielt und der Schwager ein lustiges Jägerlied blies. Ein alter Herr, tief in Pelz gehüllt, stieg aus und befahl dem Postillon, sofort für neue Pferde nach Dransfeld zu sorgen. »Aber Teufelsjunge«, redete der Alte Gottfried an, »was machst du denn da für Streiche? Willst du dich an den Galgen bringen oder im Zuchthause zu Celle zehn Jahre Wolle spinnen? Ha! weißt du noch nicht, daß ein Schulz keine Revolution machen kann? Hättet ihr und alle euere Krähwinkler und Doctoren nur ein Fünkchen Verstand gehabt, so wäret ihr heute vor acht Tagen, statt hier Parademärsche abzuhalten, stracks auf Hannover gezogen, wenn auch nur mit vier- oder fünfhundert Mann. Dann hättet ihr heute, was euer Herz begehrt, denn ihr wäret zu Tausenden dort angekommen, wo alles den Kopf verloren hatte, was zum Adel und der königlichen Dienerschaft gehört. »Jetzt habt ihr nichts! Und dann müssen eine Menge Verräther unter euch sein und schlechte gemeine Subjecte im Gemeinderathe selbst, die sich auf Kosten anderer rein zu waschen suchen. Sieh Gottfried, du Buttermilchseele, Theologenblut, du blonder Sohn meines blonden Bruders, du giltst in Hannover für einen der Schlimmsten unter den Schlimmen, und zwölf Jahre Zuchthaus sind das mindeste, was dir die hannoverischen Juristen – meine Freunde, die Freigesinnten nämlich, zudictiren. Die Aristokraten sähen dich lieber am Galgen. »Man hat dein Manuscript der Ansprache an die Soldaten nach Hannover geschickt und dich dort als Haupträdelsführer angeschwärzt.« Der Neffe wollte sprechen. »Brauchst dich nicht zu entschuldigen, Junge, ich halte dich leider für zu unschuldig, will aber nicht, daß ein Schulz aus meiner Familie erst ein halb Dutzend Jahre in Untersuchungshaft, dann ein Dutzend Jahre im Zuchthause sitzt. Sollst fort von hier. Habe mir für meinen Aeltesten, der ja ebenfalls Gottfried heißt, wenn wir ihn auch Karl nennen, von Freund Rumann einen Paß nach Brüssel ausstellen lassen. Rumann hat in der Eile vergessen, daß mein Junge schwarze Haare hat wie ich, und sich dein Signalement von mir in die Feder dictiren lassen. Siehe hier den Paß, selbst die Sommersprossen in deiner weißen Fratze und der blonde Backenbart sind nicht vergessen. Stand: Ingenieur, Zweck der Reise: Maschinenbau. Das darfst du nicht vergessen. »Nun mache dich reisefertig, in einer halben Stunde fahren wir nach Kassel; den Hasenbraten, der da auf dem Tische steht, wollen wir unterwegs verzehren.« Bruno Baumann war beschäftigt, dem Onkel die nöthigste Wäsche einpacken zu helfen, den Malerteller, ohne den er nicht leben konnte, Bleistifte und Pinsel herbeizuholen und einzupacken; er versprach, alle Papiere nachzusenden, heute sollten sie noch aus dem Hause und zu einem Freunde geschafft werden. Frau Koch weinte, daß sie sich von dem guten Herrn trennen, ihn, den Schutzbedürftigen, in der weiten Welt unter einem fremden Volke wissen sollte. Die Extrapostpferde kamen nicht so präcis wie sonst, aber sie kamen für den Privatdocenten noch zu früh. Er mußte erst in Beziehung auf die Kleidung vom Kopfe bis zum Fuße gemustert, in den Shawl gehüllt, in den Mantel verpackt werden. Man fuhr zum nächsten Thore hinaus, das unverbarrikadirt war, und um die Stadt den Höhen nach Dransfeld zu. Als der Gymnasiast am andern Morgen erwachte, kam ihm die Stille auf den Straßen ganz unheimlich vor. Ohne Kaffee zu genießen, machte er sich auf, die Stadt zu durchwandern, die wie ausgestorben war. Auf dem Rathhause sah er ein halbes Dutzend alter Weiber damit beschäftigt, den großen Rathhaussaal zu scheuern, sonst war niemand dort. Er ging zum Weenderthore. In der Nacht hatte man die Verbarrikadirung hinweggeschafft, und Maurer waren beschäftigt, das eingerissene Straßenpflaster wiederherzustellen. Bürger und Studenten sah man nicht; die Kirchenglocken läuteten zum Gottesdienste, aber nur einige alte gebückte Mütter schlichen zur Kirche. Um neun Uhr rückte ein Bataillon Jäger in die Stadt und besetzte das Rathhaus und die Thorwachen. Dann zogen Dragoner ein, darauf folgten zwei leichte Feldbatterien. Bald waren alle Hauptstraßen von Soldaten gefüllt. Die Infanterie schüttete auf Commando das Pulver von den Pfannen. Die Rebellenstadt sollte sehen, daß man es ernst gemeint hatte. Bruno trank bei einem Freunde, der an der Weenderstraße wohnte, Kaffee; vor seinem Fenster war ein Husarenregiment aufgeritten, und ein junger Offizier capriolte wie toll vor der Schwadron auf und ab, den Säbel um den Kopf schwingend und rufend: »Hepp! Hepp! Hepp! Pereat Göttingen!« Bruno kannte den Schreier sehr gut, er hatte noch vor einigen Jahren hier studirt und sich durch Suiten ausgezeichnet. Es war der Herr Victor Justus Haus von Finkenstein. Die Universität wurde suspendirt und sämmtlichen Studenten befohlen, binnen vierundzwanzig Stunden die Stadt zu verlassen. Am andern Tage war die akademische Obrigkeit wieder in Function, ebenso Magistrat und Polizei. Jene verkündete durch Anschlag, das Gossenrecht sei während des Belagerungszustandes, den Hubalkanski verkündet, aufgehoben, diese machte bekannt, daß das Rauchen bei einem Thaler Strafe verboten sei. Die Zeit der Anarchie war vorüber, aber die Offiziere hatten den Soldaten in der Rebellenstadt gute Tage versprochen, und wehe dem Hause, dessen Eigenthümer in dem Gemeinderathe gesessen oder der als Rebellenfreund bekannt war. Die meisten Unruhestifter hatten sich durch die Flucht gerettet, nur einige waren gefangen. Drei bis vier Tage war die Stadt von sechstausend Mann Soldaten überfüllt, und die Hannoveraner wütheten, zum Theil von den Offizieren gehetzt, in ihrem eigenen Lande ärger als später die Strafbaiern in Hessen. Der armen Frau Koch hatte man funfzehn Mann ins Haus gelegt und keine von der stillsten Sorte. Die Kerle nahmen das erste beste Buch aus Gottfrieds Bibliothek, um damit Feuer anzumachen. Der junge Bruno Baumann schäumte vor Wuth, und die Haushälterin hielt es für gerathen, ihn einige Zeit nach Hedemünden zur Mutter zu schicken. In Grünfelde gab es Ohnmachten, Heulen und Wehklagen, als die Nachricht in das Pastorenhaus kam, der Sohn habe als Hauptaufrührer nach Belgien fliehen müssen. Viertes Kapitel. Die Epigonen. Von den Kindern, die wir in der Försterwohnung Oskar Baumgarten's im Jahre 1815 spielen sahen, hatte sich der jüngste Sohn des von Berlepsch'schen Gerichtshalters und Advocaten Baumann in Hedemünden zu einem fünfundzwanzigjährigen jungen Mann entwickelt, der sein erstes juristisches Examen bestanden hatte und nun als Candidatus advocaturae nach zweijähriger Praxis im Begriff war, sein zweites Examen zu machen, da er vor dem Gesetz von 1832, das einen dreijährigen Candidatenstand vorschrieb, immatriculirt war. Er hatte seine Gymnasial- und akademischen Studien in Göttingen gemacht, seine persönliche Kenntniß von den deutschen Landen reichte nach Norden nicht über die Stadt Hannover, nach Osten nicht über Goslar und die Roßtrappe, nach Süden nicht über den Kyffhäuser und die Wartburg, nach Westen nicht über Kassel. Das waren beschränkte Gesichtskreise, aber zum Reisen fehlte das Geld, denn sein Vater war mit sechs Kindern und geringer Praxis gesegnet, und er hatte allein durch die Unterstützungen seines Onkels Hermann Baumgarten in Wien seine Studien vollenden können. Das von Otfried Müller gegründete »Literarische Museum« vermittelte damals die Bekanntschaften strebsamer junger Männer mit altern Herren; alles, was von Studenten über Pauk- und Biercomment hinaus sich mit Politik und Literatur beschäftigte, fand sich hier bei einer Tasse guten Mokkas und dem Dampfe einer Havana zusammen. Baumann hatte hier die Bekanntschaft einiger Studenten gemacht, die zum Theil schon auf dem Gymnasium in Frankfurt ein Freundschaftsband umschlungen, mit Moritz Carriere, dem blondgelockten Theodor Creizenach, dem mürrisch dreinschauenden Heinrich Bernhard Oppenheim, der immer mit offenem Munde saß und sich nichts entgehen ließ, was gesprochen wurde, mit dem Hamburger Wolfsohn und andern. Die Georgia Augusta rüstete sich damals zu ihrer hundertjährigen Jubelfeier, und es war beinahe von nichts die Rede als von dieser. Die Straßen wurden umgepflastert, die Häuser bekamen neue Kleider, man vergaß auf kurze Zeit, daß seit dem 5. Juli ein königliches Patent in das Land geschleudert war, welches das erst vor vier Jahren erlassene Staatsgrundgesetz mit Untergang bedrohte. Baumann freilich, ein Schüler Dahlmann's in Politik und Geschichte, ließ sich durch die Vorbereitungen zur Jubelfeier nicht abhalten, in dem in Stuttgart erscheinenden »Deutschen Courier« wöchentlich Gegenmanifeste zu erlassen, in welchen er die staatsrechtliche Ansicht von der Regierungsnachfolge gegen die feudale von Ernst August für sich in Anspruch genommene Lehnsnachfolge vertheidigte. Er führte eine leichte und gewandte Feder und hatte unter Albrecht tüchtige staatsrechtliche Studien gemacht, wie er durch den Privatdocenten Dr.  G. Schumacher für die Krause'sche Philosophie gewonnen war und namentlich für die Philosophie der Geschichte desselben und das Urbild der Menschheit schwärmte. Baumann's Aufsätze hatten Aufsehen erregt, es wurden ihm von angesehenen Zeitungen Offerten gemacht, und er verdiente durch seine eigene advocatorische Praxis, durch das, was er für den Privatdocenten Dr.  Grefe arbeitete, der sein Lehrer in der Advocatur war, und durch seine Correspondenzen für verschiedene Zeitungen so viel, daß er Geld zu einer Reise nach dem Rhein, der Schweiz und Wien zurücklegte, die er antreten wollte, sobald er das zweite Examen bestanden habe. Moritz Carriere hatte einen halben Anker Wein vom Jahre 1834, der auf Burg Windeck an der Bergstraße gekeltert war, von einem Verwandten zum Geschenk bekommen, und lud dazu den Freundeskreis, der sich in Göttingen gebildet hatte, ein, um den Geburtstag des Altvaters Goethe zu feiern. Im Hause des Buchhändlers Deuerlich waren am.28. August 1837 dann versammelt außer Carriere selbst Baumann, Creizenach, Oppenheim, Karl Bölsche, der zum Besuch von München gekommene Freiherr von Leonhardi, Herausgeber des Krause'schen Nachlasses, George Grant, der Nordamerikaner, Sohn Heloisens, welcher Bergwissenschaften und Technologie studirte, Paul von Scherf, ein Luxemburger, und noch einige andere junge Leute. Man hatte Kaffee getrunken und von diesem und jenem geplaudert, Bölsche hielt eine lange Rede, in der er zu beweisen suchte, daß Karl Goedeke ihn mit Unrecht einen Nachbeter von Anastasius Grün nenne, Leonhardi gerieth mit einem Schüler Hegel's in einen Streit über Kategorientafeln, Baumann las seinen letzten noch ungedruckten Artikel gegen Ernst August, dessen Lehrmeister, den Herzog Karl von Mecklenburg, und gegen den Herrn von Schele, den Faiseur der Sache, vor, als die Tassen weggeräumt wurden und die Aufwärterin die grünen Römer, Butter, Brot, Schweizerkäse und einen großen Korb mit witzenhäuser Kuchen auf den Tisch setzte. Der Stiefelwuchs, der an dem Kran des Fäßchens stand, mußte die Römer füllen, und das erste Glas galt dem vor achtundachtzig Jahren geborenen Johann Wolfgang Goethe, dem Carriere eine etwas sehr überschwengliche Lobrede hielt. Aber den drei Frankfurtern, die sich selbst durch Goethe geehrt glaubten, war damit noch nicht genug geschehen, und Creizenach improvisirte ein Sonett, das den Altvater unter die olympischen Götter versetzte. Man mußte den Römer dreimal zu Ehren Goethe's leeren. Nun trug Creizenach auf allgemeines Verlangen den ersten Act seines »Don Juan« in jener würdevollen Langsamkeit vor, die er so sehr liebte. Dann besprach man den göttinger »Jubelalmanach«, welchen der dem Kreise der Versammelten wohlbefreundete Universitätsactuar Schumacher herausgegeben und dessen erstes aus den Händen des Buchbinders geliefertes Exemplar Baumann aus der Tasche zog. Die Titelvignette hatte Oesterley gezeichnet und Lödel radirt; man sah Göttingen von der Groner Chaussee aus mit dem Hintergrunde des Hainberges und der Kleper, über der Stadt schwebte der Engel des Ruhmes nach Hannibal Carracci. »Das Ding«, sagte Baumann, indem er das Büchlein seinem Nachbar reichte, »ist ganz vorzüglich angeordnet, zuerst eine kurze Geschichte der Universität, dann Haller's Gesang zum Einweihungsfeste vom 17. September 1737; es folgt Bürger's Gesang am heiligen Vorabend des fünfzigjährigen Jubelfestes, stark bombastisch; wahrhaft spaßhaft naiv dagegen ist der nach einem Manuscript mitgetheilte Gesang über die glücklich vollendete Inauguration von einem Studenten Gießler. Hört nur, wie er den zweiten Georg lobhudelt: Die Musen haben Seiner Huld Die Ruhe nebst dem Schutz zu danken; Sie sitzen nun bei Buch und Pult, Nichts darf sie stören in den Schranken, Ihr Sitz ist Ihm ja selbst geweiht, Der Seinen höchsten Namen trägt Und jedem Lieb' und Furcht einprägt, Erschrecket, aber auch erfreut. »Das bevorstehende Jubiläum besingt jener Pastor Werner Bergmann, der uns neulich auf der Bruck zuvorkommend zu sich herunter nach Waake lud, wo uns dann seine hübsche lebendige Frau so freundlich bewirthete. Die artistische Beigabe, G. A. von Münchhausen, den wahren Gründer der Georgia Augusta, die Porträts der Perrüken und Zopfköpfe von Mosheim, Haller, Gesner, Heyne, Böhmer, Kestner, Pütter, die Studententracht von 1750, 1799, 1835, hat der Herausgeber selbst auf Stein gezeichnet. »Nun, das ist etwas; aber Ihr junges Göttingen, gestern begegnete mir Euere Bettina und fragte: ›Herr Doctor, hat Ihnen Creizenach schon sein schönes Sonett auf H. Heine vorgelesen?‹ und sie fing, obgleich wir auf der Groner Straße standen, zu declamiren an: Von edlen Blüten melden uns die Sagen, Die aus dem besten Herzblut aufgeschossen, Die aus dem Grab versunk'ner Freuden sprossen Und auf den Blättern Schmerzenslaute tragen. »Als sie fortfahren wollte, kam Euer Freund Rothschild am Arme Schüler's daher; sie schienen in der Fink zu viel Kasseler geladen zu haben, denn beide schwankten sehr, Bettina floh. Also rasch, Dichter, heraus mit dem Schluß!« Und dieser ließ sich nicht lange nöthigen, er declamirte: So mahnen mich, o Dichter, deine Klagen, Die aus dem tiefsten Weh der Brust ergossen, Bald hold und zart, bald stark und wild entflossen In schläfrigen und düster bangen Tagen. Der du den Schleier wagtest aufzuheben Von bunten Wappen und geschminkten Leichen, Du hast gethan, was dir der Geist geboten. Auf aus dem Schlummer, dem du dich ergeben! Nun gilt's, mit Ernst das Höchste zu erreichen! Sonst sei hinweggeworfen zu den Todten. »Um Himmels willen«, meinte Baumann, »begrabt keinen Lebenden; der Schluß misfällt mir; laßt uns zunächst die Römer füllen und auf das Wohl Heine's trinken, des Antiphilisters. Ihm fehlt, glaubt mir das, weiter nichts als die Gesundheit; er ist ein Mann mit Nerven eines Frauenzimmers, bleibt aber, wenn ihr noch so sehr die Mahner spielt, doch immer euer unerreichbares Vorbild.« Leonhardi sagte: »Wenn sich alles um uns herum auf die Feier vorbereitet, will dann die Jugend müßig bleiben? Ihr Dichter des jungen Göttingen seid formgewandt, das Sonett beweist es. Es ist in allen Dingen jetzt schon die Zeit der gemeinsamen Arbeit gekommen, vereinigt euch, den Helden der Georgia Augusta einen Sonettenkranz zu flechten.« Der Gedanke gefiel und man machte sich, den »Jubelalmanach« Schumacher's in der Hand, sogleich darüber her, die würdigen Geister der Vergangenheit und Gegenwart, die eines Sonetts werth wären, zu bestimmen. Ueber Haller, Bürger, Lichtenberg, Voß, Friedrich August Wolf, Wilhelm und Alexander von Humboldt, Gauß, Jakob und Wilhelm Grimm, Karl Christian Friedrich Krause war man bald einig; hätte man wenige Wochen in die Zukunft sehen können, so würde ein Sonett auf das Siebengestirn nicht gefehlt haben, das Hannover, ja Deutschland aus dem politischen Schlummer seit der Reaction von 1832 aufrüttelte. Es versteht sich von selbst, daß man dabei das Trinken und das Toasten nicht vergaß, und daß, ehe noch der Abend eingebrochen war, der Stiefelwuchs am Anker meldete, der Wein werde trübe und scheine stark auf die Neige zu gehen. Das war denn keinem recht und man debattirte darüber, ob man neuen Stoff von Ulrich oder von dem Kronenwirth anschleppen lasse und ob es, wie der Hamburger Wolfsohn vorschlug, nicht rathsam sei, zu wechseln und rothen Bordeaux auf das »sauere Zeug« zu gießen. Carriere und die Frankfurter wollten den Ausdruck »saueres Zeug« nicht gelten lassen, sie begannen zu singen: Am Rhein, am Rhein, Da wachsen unsre Reben – die Aufwärterin aber brachte einen mit cito bezeichneten Brief an Baumann, den dieser kaum geöffnet hatte, als er ein kräftiges Silentium schrie und dann erläuterte: »Ein gütiges Schicksal schlichtet unsern Streit; hört, was Papa Bettmann schreibt.« Fritz Bettmann, Gastwirth zur Goldenen Krone, ist weit und breit bekannt in Deutschland, er hat noch heute wie schon damals die Manier, in Knittelversen zu sprechen und zu schreiben, und so schrieb er denn: Wir wollen es nicht wehren, Wenn ihr zu Goethe's Ehren, Sitzt heut' in eurem Haus Bei schmal frugalem Schmaus Und einem vollen Humpen; Statt in der Krone Hallen, Wo lust'ge Körke knallen, Als wollt' euch nicht mehr pumpen Fridericus von Gottes Gnaden, Inhaber der Goldenen Krone. Doch künde ich euch eine frohe Mär, Wer heute ist gekommen her Von Süd, Ost, Westen, Norden. Vom Groner Thore fuhr heran Telegraphist Doctor Beurmann, Karl Gutzkow saß an seiner Seit', Die wollen nach dem Norden weit. Vom Geismarthore schritt herein Der Mann mit langem Fortschrittsbein, Franz Dingelstedt ist er genannt, Als Schulmeisterlein euch wohlbekannt. Albani Thor das schickte her Freund Otto Wigand, wen noch mehr? Das geb' ich euch zu rathen auf Und setze eine Flasche drauf, Aus der Postkutsche vom Weenderthor, Stieg nun gar Hoffmann noch hervor, Von Fallersleben kam er her Ach! könnt' ich reimen doch wie er! Bis dahin saß bei mir allein Justizrath bei 'nem Knickebein; Ich bei der Mutterflasche, Aus der ich gerne nasche. Nun aber Leben, Wogen und Schweben, Himmlische Lust, Hebt meine Brust! Der Hausknecht mußt' nach Münchhausen, Gutzkow wollt' nicht ohn' Philipp Otto hausen; Knabe Karl, der holde Eduard Wippermann, Auch andere Hessen noch heran. Karl Goedeke kam von ungefähr Vom Markte wie gerufen her, Adolphus Bock kam hercitirt Durch Vetter Schulz, der ihn frisirt, Ellissen dürft' nicht fehlen, Wär' er nicht bei den Hellenen. Es ist also versammelt hier Die ganze Clique außer dir Und deinen Dichterlingen, Die's doch nicht weiter bringen. Drum rath' ich euch in Frommen, Ihr mögt zur Krone kommen, Seit einer Stunde steht in Eis Champagner aller Sorten! Die Köchin brät in saurem Schweiß Die Hasen, bäckt die Torten. Und wenn es euch an Gelde fehlt, Euch Zukunftsdichtern, Zukunftslichtern, Schmalbäuchlichen Wichtern, So — — — — — —         Nun da geht der Reim aus         Euerm rex Fritz         Mit schmalem Witz. Ein allgemeines Bravo erscholl. Das war Wasser auf die Mühle der Weindurstigen. »Auf nach Valencia!« rief Baumann mit seiner Donnerstimme, und man zog in corpore nach der nicht weit entfernten Krone. Das war ein Leben und Weben in der Krone. Fritz Bettmann hatte seine Gäste schon oben hinauf in den Saal bringen müssen, der nach hinten lag. Die meisten der dort Versammelten kannten sich schon, und die sich nicht kannten, wurden auf burschikose Weise »vorgeritten«. Die heitere Stimmung, welche die jüngern bei Carriere zusammengewesenen Gäste mitbrachten, erleichterte das Bekanntwerden, erschwerte aber die Ordnung; hier stand ein halbes Dutzend um Hoffmann von Fallersleben als den ältesten Literaten, dort wieder ein halbes Dutzend um Gutzkow und Beurmann; Dingelstedt hatte seine Verehrer und Otto Wigand ging eifrig dem Zwecke seiner Reise in die Vaterstadt nach, für die Ruge'schen »Jahrbücher« Mitarbeiter zu werben. Auch Gutzkow und Beurmann hatten ähnliche Absichten, das Beiblatt zur frankfurter »Börsenzeitung«, der »Telegraph«, sollte sich von dieser trennen und als selbständiges belletristisches Blatt von Neujahr 1838 an in Hamburg erscheinen Hoffmann war gekommen, die Bibliothek zu benutzen. Dingelstedt hatte es in Fulda nicht mehr aushalten können, er war bis Rotenburg mit der Post gefahren, dann über die Berge rechts nach Großalmerode gestiegen auf den Meißner und war über Witzenhausen nach Göttingen gekommen. Ueber Kassel zu reisen hatte er nicht gewagt, denn der Kurfürst liebte nicht, daß seine Schulmeister reisten, und da er sich zweimal täglich die Liste der kasseler passirenden Fremden vorlegen ließ, so stand zu erwarten, daß er eine Ordre schickte: der Dr.  Dingelstedt habe sich sofort nach Fulda zu begeben. War Baumann doch zugegen gewesen, als der Kurfürst zu Pfingsten Dingelstedt, der neben ihm im Theater in Kassel saß, sagen ließ: er verbiete ihm, der Frau Naumann und ihrer Tochter, die zu einem Gastspiel in Kassel waren, in der Garderobe seinen Besuch abzustatten. Dingelstedt war in schlechtester Laune; es mußte schon einem Dutzend Champagnerflaschen der Hals gebrochen werden, ehe er in einigermaßen erträglichen Humor kam. Er sagte zu seinem Nachbar Baumann: »Ihr schimpft auf euern König Ernst August, ich will ihn doch tausendmal lieber als meinen Kurfürsten, der jeder Familie in den Topf guckt, und wenn er weiß, daß Hans in Kassel sich glücklich befindet, ihn ganz sicher morgen nach Ziegenhain schickt, oder nach dem verfluchten Fulda. Wenn Ernst August mich kaufen will, er kann mich sofort haben als ordentlichen Professor der Aesthetik mit 1500 Thalern Gehalt, und bekommt ein Loblied obendrein, wenn es sein muß sogar eine Ode.« Baumann zeigte seinem Nachbar die Knittelreime Bettmann's, dieser brach in ein fröhliches Gelächter aus und sagte: »Den Kater müssen wir klemmen!« dann flüsterte er Baumann etwas ins Ohr. Dieser verließ den Saal, sprang über die Straße hinüber zum Kaufmann Rente, kaufte dort für einige Mariengroschen trockene Lorberblätter, aus welchen er mit Hülfe der Frau Bettmann, die den Zweck nicht ahnte, einen Lorberkranz, mit etwas frischem Buchsbaum aus dem Garten hinter dem Hause vermischt, zusammenband. Dingelstedt hatte indeß Hoffmann beiseitegezogen und mit ihm verabredet, was geschehen solle. Als Baumann herauskam und durch Zeichen zu verstehen gab, daß alles zurechtgemacht sei, wurde Creizenach, der am besten vortrug und declamirte, aufgefordert, den Einladungsbrief Bettmann's vorzulesen. Sobald dies geschehen war, erhob sich Hoffmann, der an der Tafel das Präsidium führte, und befahl dem jungen Göttingen, Fritz Bettmann vor seinen Präsidentenstuhl zu führen. Carriere und Creizenach thaten das mit Würde, und Bölsche trug die auf eine Schüssel gelegte Lorberkrone hinterher. Bettmann mußte niederknien, Dingelstedt setzte ihm die Krone auf, und Hoffmann von Fallersleben weihte ihn durch ein improvisirtes Gedicht zum Poëta laureatus . »Nun aber die Bowle!« schrie Chorus. Wenn Frau Bettmann hätte ahnen können, welch edle Getränke zu der nun folgenden Bowle aus dem Keller heraufbeordert wurden, sie würde keinen Finger zum Kranzwinden gerührt haben. Als man in der besten Arbeit war, trat aber eine unerwünschte Unterbrechung ein. Polizeidiener Göbel trat in den Saal und sagte: »Meine Herren, Feierabend!« und hinter ihm erschien Pudel Huch mit den großen Nasenlöchern, in welchen eine Maus Zuflucht suchen konnte, und dem kurzen, wasserdichten Mäntelchen und sagte: »Meine Herren von der Universität, im Namen Seiner Magnificenz des Prorectors gebiete ich Feierabend.« »Verdammt!« seufzte Wippermann, »nicht einmal im ersten Gasthause der Welt, der Goldenen Krone zu Göttingen, hat man das Recht, nach elf Uhr abends in Freundeskreisen beisammensitzen zu können; was fangen wir an? Bleiben wir hier und bezahlen ein jeder seinen Thaler Strafe!« »Nichts da«, rief Dr.  Beurmann, »ich weiß bessern Rath; Gutzkow und ich bewohnen das Zimmer Nr. 1, das größte in der Krone, das Zimmer, wo König und Kaiser, Alexander wie Nikolaus von Rußland, Friedrich Wilhelm III. und der Kronprinz logirt haben. Wir laden die Gesellschaft hiermit ein, in unserm Zimmer eine Attische Nacht zu feiern.« Und man feierte eine Attische Nacht. Jeder trug nach Kräften bei, die Geister platzten aufeinander, die Jungen blickten noch voll Ehrerbietung zu den Alten hinauf. Hier sehen sie die beiden Hauptrepräsentanten des vormärzlichen politischen Liedes; zwar waren weder die unpolitischen Lieder noch die Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters schon gedruckt, aber eine Mehrzahl derselben war schon gedichtet, und die Attische Nacht selbst gab Veranlassung zu neuen Conceptionen. Hoffmann wurde aufgefordert, einige neue Gedichte zu recitiren; wer ihn kannte, wußte, daß er seine meisten Lieder immer abgeschrieben in der Westentasche oder Brusttasche herumtrug. »Ja Kinder, ich will euch etwas vortragen, etwas ganz Neues, das ich erst auf dem Wege von Fallersleben nach Braunschweig gedichtet habe, aber nur unter der Bedingung, daß, nachdem ich euch das Gedicht zweimal recitirt und euch die Melodie vorgesungen habe, ihr dann die Verse mit mir singt; die Melodie ist bekannt: »Das Grab ist tief und stille«, und er trug vor: Ihr lieben guten Herzen, Ihr scherztet allergernst; Trotz allem Leid und Schmerzen Ist euch verhaßt der Ernst. Die Nachtigallen jagen Den Ernst jetzt übers Meer – Was solche Vögel wagen! Das wundert mich doch sehr. Man verstand den Witz und lachte. Gutzkow declamirte eine Stelle aus seinem noch unvollendeten neuesten dramatischen Werke »König Saul«, wobei er nach gewohnter Weise so sehr in Selbstrührung gerieth, daß ihm die Thränen von dem bleichen Gesicht liefen. Der neugekrönte Poet Bettmann ging mit seinem gefüllten Pokal an der Tafel rund, von einem Gaste zum andern, dieselben mit seinen gewohnten Knittelversen ansingend, dem einen eine Sottise sagend, dem andern ein Compliment, den dritten mit einem Witze abfertigend, den vierten daran erinnernd (es war, glaub' ich, Beurmann), daß er noch seit zehn Jahren her in seinem großen Schuldbuche wohl angeschrieben stehe. Creizenach, der damals an einem Liedercyklus: »Sohn der Zeit«, dichtete, wurde von Baumann aufgefordert, sich selbst als Sohn der Zeit zu offenbaren, und er trug das »Echo im Harz« vor: Von bemoosten Felsenwänden Eng umschlossen, rings umkreist, Wollt' ich in die Lüfte senden, Was erregte meinen Geist. Und ich eilt', es zu verkünden, Freiheit! war das Losungswort, Aus den Höhen, aus den Gründen Freiheit, Freiheit hallt es fort. Legt die Freiheit in den Bergen Nieder ihr gequältes Haupt, Weil so ganz die stolzen Schergen Euch, o Menschen, sie geraubt? Wenn der freiste Mann sein freistes Wort in Sturmes Muthe sprach, Aus den Gründen eures Geistes Hallt es immer Freiheit nach! »Ich will«, sagte Creizenach, zu Hoffmann von Fallersleben gewendet, »in meinem ›Sohn der Zeit‹ nämlich den Grundgedanken niederlegen, daß es an der Zeit ist, die vornehm genießende Aesthetik wie den eiteln Weltschmerz aufzugeben und den Kampf um freiere Lebensformen in Staat und Gesellschaft zu beginnen. Oder um mich poetischer auszudrücken, Kunst und Liebe sollen nicht zurückgedrängt werden aus dem Leben der Gegenwart, sondern belebt und geläutert durch den Gedanken der Freiheit.« »Da müßt ihr Jüngern«, sagte Gutzkow, »den Gedanken der Freiheit überall erst denken lernen. Mit dem Worte ist es wahrlich nicht gethan und Misbrauch genug getrieben. Wenn ihr erst die akademische Schule verlassen habt und wie wir ins praktische Leben eintretet, da werdet ihr sehen, wie schwer euch das Leben gemacht wird und an vierhundert Stellen euch der Schuh drückt. Der Professorenzopf – salva venia , Hoffmann, euch meine ich nicht –, muß vor allem beschnitten werden. Füllt die Gläser und leert sie: ›Daß unsere Generation den Gedanken der Freiheit denken und ertragen lerne!‹« Herr Göbel und Pudel Huch wanderten lange bis Mitternacht vor der Krone auf und ab, um die das Feierabendgebot Brechenden abzufassen; allein als der Morgen graute und die Gesellschaft sich trennte, hatte die Polizei längst vorgezogen, das Bett zu suchen. Es waren in der Attischen Nacht mancherlei Verabredungen getroffen, Plane entworfen, literarische Verbindungen angeknüpft, Versprechungen gemacht und Verpflichtungen eingegangen. Eine Folge davon war auch die, daß Gutzkow, Beurmann mit Baumann und Wolfsohn am andern Mittage mit Extrapost nach dem Norden fuhren. Baumann wollte die Gelegenheit benutzen, um Hamburg und den Mann kennen zu lernen, der bisjetzt allein in ausführlicher wissenschaftlicher Erörterung dem Patent Ernst August's vom 5. Juli entgegengetreten war. Gutzkow und Beurmann wollten einen Tag in Hannover bleiben, um sich Detmold, den verwachsenen kleinen Advocaten, der für den geistreichsten Mann in Hannover galt, für den »Telegraphen« zu fangen. Das war Baumann gleichfalls gelegen, er kannte Detmold, der mit ihm für den »Deutschen Courier« und die augsburger »Allgemeine Zeitung« correspondirte, nicht persönlich, er wußte aber, daß derselbe mit seinem Großoheim, dem Maschinenbauer Friedrich Schulz, genau bekannt war, und er gedachte mit Wolfsohn die Gastfreundschaft dieses Oheims in Anspruch zu nehmen, da längst verabredet war, daß er den zweiten Sohn desselben, Oskar, zu dem sein Großvater Baumgarten Pathe gestanden, Michaelis zu sich nehmen und als Fuchs in Göttingen überwachen und seine Studien leiten sollte. Baumann wollte aber noch ein drittes Ziel auf dieser Reise erreichen. Er war von einem der Vicepräsidenten des Oberappellationsgerichts in Celle, bei dem er sein zweites Examen zu bestehen hatte, nach Celle geladen, um die Acten in Empfang zu nehmen. Die Feier des göttinger Universitätsjubiläums motivirte nun die Bitte, ihm gegen die eidliche Versicherung, fremde Hülfe nicht zu gebrauchen, die Acten mit nach Göttingen zu geben, was Vicepräsident Wedemeyer denn auch zugestand. Der Großonkel Schulz nahm Baumann und seinen Freund aus Hamburg wohl auf, und als er dieselben abends nach British Hotel, oder hannoverisch nach Wessel's Schenke am Neustädter Markte führte, fand man dort schon den kleinen Detmold auf drei Stühlen sitzend (er brauchte zwei Stühle als Lehne für seine Arme) und die bisherigen Reisegefährten. Detmold, der künftige Reichsminister, war damals außer Hannover noch wenig bekannt, er war ein Advocat ohne Praxis, weil ihm diese zuwider war, und lebte als Junggeselle im Hause seines Vaters, des Hofmedicus, in der Duvenstraße. Detmold hatte bisher nur die »Anleitung, in drei Stunden ein Kunstkenner zu werden« geschrieben, eine Satire auf einen privilegirten Kunstkenner und Galeriebesitzer. Aber der gesunde und kräftige Witz, der in dem kleinen Buche wehte, hatte ihn zu der ersten literarischen Notabilität in Hannover gemacht, und das Publikum wollte denn in den »Hannoverischen Kunstblättern« von Osterwald nur Recensionen Detmold's über das noch neue Institut der jährlichen Kunstausstellung lesen. Er hatte ein Jahr in Düsseldorf in der dortigen Kunstwelt gelebt, da er selbst mit Talent und Fertigkeit zeichnete, und war erst vor einiger Zeit aus Paris zurückgekommen, wo er mit Heinrich Heine die freundschaftlichen Beziehungen von Göttingen fortsetzte und für das »Morgenblatt« und den »Pariser Kunstsalon« schrieb. Wie es gekommen, daß er, der bisher nur Abneigung gegen die Politik gezeigt hatte, der sich einem künstlerischen Dilettantismus hingab, der nur mit hannoverischen Künstlern, wie Marschner, Osterwald, Reichmann, Andree lebte und am liebsten die geistreiche Unterhaltung in der »Kutsche«, die sich damals in »Lemförde« umtaufte, beherrschte, sich auf einmal auf die Politik warf und wirklicher Centralpunkt aller Opposition gegen den Umsturz des Staatsgrundgesetzes wurde, ist vielen unbegreiflich gewesen. Die ihn näher kannten, wissen aber, daß er, der, wie Buchholz sagte: »seinem Talente nach alles Mögliche, nur nicht sentimental oder Betbruder war«, von einem Ehrgeize sondergleichen gestachelt wurde. Die vertrauten Beziehungen zu dem Stadtdirector Rumann, der bisher in Hannover eine Art Nebenregierung neben dem Ministerium gehabt und einen großen Einfluß auf den Vicekönig Herzog von Cambridge ausgeübt hatte, nun aber von Ernst August brutal behandelt wurde, mochten auch wol mitgewirkt haben. Detmold fand in dieser politischen Thätigkeit, namentlich den Intriguen, dem alle Fäden in der Handhaben, Heilung von dem großen Weltennui, das seine Altersgenossen, wie er selbst, angesteckt von Byron, bisher empfunden hatten. Detmold, obgleich er am Tage sein Parterrestübchen und seine beiden großen Kater selten verließ, wußte doch alles, was in Hannover passirte. Es war, obgleich er keine Geschäfte führte, bei ihm morgens von elf Uhr wie in einem Taubenschlage, jedermann von der Partei des Staatsgrundgesetzes brachte ihm Nachrichten, er erfuhr, was im Cabinet, was in Schelenburg, was in der Justizkanzlei und den Stadtgerichten in Beziehung auf öffentliche Zustände verhandelt war, er kannte in Hannover jedermann, den zu kennen überall der Mühe werth war, er hatte sich mit Stüve und den sämmtlichen bedeutenden und zuverlässigen Mitgliedern der Zweiten Kammer, von der man damals noch hoffte, daß sie bald wieder berufen würde, in Verbindung gesetzt, um eine geregelte Opposition anzubahnen. Detmold kannte die Menschen, aber nicht nur oberflächlich, nach Titel und Würden und nach dem Anscheine, den sie sich selbst geben, er kannte genau ihr Wissen und Können, ihre Bestrebungen und Verbindungen, ihre Schwächen und Fehler. Diese ungemeine Kenntniß der Personen und Dinge, bei sarkastischem Witz, machte ihn denn auch zu einem gesuchten Gesellschafter, um den sich gern ein Zuhörerkreis versammelte. Der angehende Politiker kannte auch Baumann schon als einen talentvollen und strebsamen jungen Mann und behandelte ihn mit Zuvorkommenheit. Er theilte ihm über die Verhältnisse des Landes solche Anschauungen mit, von denen er wünschte, daß sie in öffentlichen Blättern verbreitet würden; er charakterisirte die bei dem beginnenden Drama mitwirkenden hauptsächlichen Persönlichkeiten, machte ihn auf diese und jene Schrift, aus der er sich über frühere hannoverische Zustände belehren könnte, aufmerksam und verabredete endlich Korrespondenz mit ihm. Baumann sollte ihm jede Neuigkeit, Stimmung u. s. w. aus Göttingen melden, er wolle desgleichen aus Hannover thun und es an Fingerzeigen nicht fehlen lassen. Wir haben diese Bekanntschaft hervorheben zu müssen geglaubt, weil sie auf Baumann's Leben von nicht unbedeutendem Einfluß war. Auch der Aufenthalt in Hamburg erweiterte Baumann's Gesichtskreis um ein Bedeutendes. Hamburg war schon vor dem Brande eine imponirende Stadt und machte eben damals Anstrengungen verschiedener Art, es der Nebenbuhlerin Bremen zuvorzuthun. Hamburg war der Schwesterstadt in literarischer Beziehung um ein Bedeutendes zuvor, denn während Bremen eigentlich nur einige kleine Localblätter besaß, hatte Hamburg den altbegründeten »Hamburgischen Correspondenten«, die »Börsen-Halle« und die »Hamburger Nachrichten«, lauter große Blätter. Der »Hamburgische Correspondent« war schon damals so ziemlich an das Cabinet Schele, was die hannoverischen Angelegenheiten betraf, verkauft, aber in dem Redacteur der »Börsen-Halle« entdeckte Baumann einen befreundeten Studiengenossen, den von Heinrich Heine besungenen François Wille, einen Mann von französischem Geist und Lebhaftigkeit, der sein Führer durch die Wirrnisse und Katakomben Hamburg-Altonas war. Die Zeit zur Rückkehr kam ihm nur zu bald. Drei Wochen später gaben sich die Blüte deutscher Männer des Friedens, der Wissenschaft und Gelehrsamkeit in dem festlich geschmückten Göttingen ein Rendezvous. Es gab kaum eine wissenschaftliche Größe in Deutschland, die in Göttingen nicht studirt oder gelehrt, mindestens nicht in wissenschaftlichen und gelehrten Beziehungen zu der Georgia Augusta gestanden hätte. Alexander von Humboldt und Böckh, Graf Reinhard und andere Männer von Bedeutung trafen schon früh ein. Unsere alten Freunde hatten einander brieflich angefordert und versprachen, sich zu den Jubiläumstagen ein Rendezvous zu geben. Aus dem Leben geschieden waren Oskar Baumgarten und seine Frau, wie Justus Erich Bollmann. Senior unserer Freunde war jetzt Heinrich Schulz, der Pastor in Grünfelde, wie er einst so blond gewesen, so trug er jetzt einen schneeweiß gefärbten Kopf. Außer unserm Freunde, dem Flüchtling Gottfried, hatte ihm seine Therese nur eine Tochter geboren, welche in seiner Nähe an einen Prediger verheirathet war und ihn mit einer zahlreichen Enkelschar gesegnet hatte. Die Sehnsucht nach seinem Sohne mochte nicht wenig dazu beigetragen haben, das Haar erbleichen zu machen, noch größer war das Verlangen seiner Frau nach dem Lieblinge. Diese Sehnsucht hatte die Aeltern im vorigen Jahr nach Brüssel getrieben; sie fanden den Sohn dort der französischen Sprache vollkommen mächtig und damit beschäftigt, den Franzosen die Rechtsphilosophie seines Lehrers Krause vorzuführen. Er hatte das einsame Leben nicht lange aushalten können, und da er zweimal unglücklich geliebt, so mußte die alte Haushälterin Frau Koch mit allen Siebensachen von Göttingen nachkommen und war mit ihm auch nach Paris übergesiedelt, nachdem die Aussicht auf die Professur in Brüssel sich wieder in weitere Ferne rückte. In der Heimat war er vor einigen Jahren erst in contumaciam zu einer sechsjährigen Zuchthausstrafe verurtheilt. Seine armen Genossen, die man gefangen genommen, Dr.  Eggeling, Laubinger, Dr.  Platze, Dr.  König, Seidensticker, Ulrici u. s. w. waren freilich noch übler daran; nachdem sie sechsjährige Untersuchungshaft erduldet, waren sie zu sechs, acht, zehn, zwölf Jahren Zuchthaus verurtheilt und dahin abgeführt. Der Vertheidiger der Verurteilten, Dr.  Gans, und ihre Familien hatten vergeblich gehofft, daß der Herzog von Cumberland, als er König von Hannover wurde, und dieses Land nach hundertdreiundzwanzig Jahren der Verbindung mit England, die ihm nicht zum Segen gereicht, ledig ward, Amnestie ertheilen würde. Ernst August wollte davon nichts wissen, und erst elf Jahre später trotzte das Volk ihm diese Amnestie ab. Unser grünfelder Pastor war ein kräftiger Greis, der mit seinem Gastfreunde Heinrich Dietrich noch zu Fuß nach dem Rohns hinaufgegangen war und einen Biercommers der Bremenser dort mitgemacht hatte, zwei Commilitonen zu Gefallen, die mit ihm vor länger denn funfzig Jahren die Domschule zu Verden besucht hatten. Der eine dieser Alten war sein damaliger Stubengenosse, jetzt Haus von Finkenstein. Derselbe war mehr zusammengefallen als er, aus Gram über seinen Sohn, der in andere Bahnen gerathen war, als der Vater gewünscht. Dieser junge Mensch artete wenig nach seinem Pathen Bollmann, er war Rittmeister in dem Königin Husarenregiment und verzehrte von den Einkünften des Vaters das Doppelte, was dieser gebrauchte. Er bildete sich auf seinen neuen Adel mehr ein als ein hannoverischer Fähnrich auf zweiunddreißig Ahnen, was denn nicht wenig bedeutete. War das Rüde und Rohe eines Lebens, wie das liederliche Kleeblatt es in Braunschweig und Göttingen geführt, auch äußerlich abgeschliffen und feiner äußerer Anstand an die Stelle getreten, so sah es im Innern des Sohnes doch noch ebenso roh aus. Da war nicht ein Fünkchen Interesse für etwas rein Menschliches, da war nichts Wohlwollendes, da war nur dummer aristokratischer Stolz und das Bestreben, es den Kameraden mit schönen Pferden und schönen Geliebten zuvorzuthun oder von der Prinzeß einen gnädigen Blick zu erlangen. Die Königin-Husaren lagen in einer kleinen Stadt unfern Heustedts, und dieses selbst diente einer Schwadron zum Quartierstande. In jener Stadt hatte sich nun eine dem herzoglichen Hause von Cambridge nahe verwandte hessische Prinzessin mit einem Grafen von der D. vermählt und hielt dort einen kleinen lächerlichen Hof, soweit es ihre Mittel erlaubten. Obgleich diese nicht sehr bedeutend waren und der Dame alles abging, was Schönheit und Anmuth hieß, das Volk sie schlechthin Prinzeß Häßlich nannte, und es dem Gemahl nicht verdachte, wenn er sein Vergnügen in andern als den erlauchten Kreisen seiner Gemahlin suchte, so hatte während der Zeit, wo eine nahe Verwandte der Prinzeß in Hannover den Thron einer Vicekönigin einnahm, sich doch eine Unterwerfung des Adels unter die Prinzeß gebildet, die ein unbefangener Dritter sehr wenig begriff. Wer nicht zu den Gesellschaften der Prinzessin gezogen wurde – und einem bürgerlichen oder Infanterieoffizier wurde diese Ehre nur bei sehr hervorragenden andern Eigenschaften zutheil – der gehörte überhaupt nicht zur Gesellschaft, den mußte man ignoriren. Der Glanz schien freilich im Erblassen, als Ernst August in Hannover einzog, allein man war an dem Hofe der Prinzessin Häßlich schlau und gut von dem unterrichtet, was in Hannover vorging. Der neue Generaladjutant des Königs, Graf Guido von Schlottheim, war mit dem Gemahl der Prinzeß sehr befreundet, und vom Hofe der Durchlaucht aus agitirte man in Gemeinschaft mit Herrn von Schele stark gegen das Staatsgrundgesetz. Dieses Gesetz war dem neuen König misliebig, weil es bei irgend strenger Interpretation seinem blinden Sohne ein Hinderniß bot, den Thron zu besteigen, und die Anordnung einer Regentschaft forderte; dem Adel war es verhaßt, weil das Staatsdienerthum in ihm eine Stütze fand und man bei Aufhebung desselben auch das Ablösungsgesetz beseitigen zu können glaubte. Der Rittmeister von Finkenstein hatte sich nun, um in dieser Richtung politisch thätig sein zu können, in Heustedt eins jener kleinen Burgmannshäuser, auf denen Sitz und Stimme in der Provinziallandschaft ruhte, gekauft, und versuchte in dieser eine politische Rolle zu spielen. Dieses ganze Treiben war sehr wider den Willen des Vaters, der immer noch Anhänger der demokratischen Grundsätze war, die er als Redacteur der »Oeffentlichen Meinung« in Amerika vertheidigt hatte, der noch immer mit Liebe an Amerika hing, der Fortentwickelung der Union mit Theilnahme und großer Aufmerksamkeit folgte. Größere Freude erlebte Karl Haus an seiner Tochter, welche mehr nach der Tante und Pathin Heloise artete, amerikanischen Unabhängigkeits- und Freiheitsgeist hatte und eine Feindin jedes kleinstaatlichen Hofwesens war. Nach dem Tode ihrer Mutter Olga ward sie einer Staatsdame, einer mütterlichen Verwandten, an einem kleinen thüringischen Hofe zur Erziehung übergeben und hatte dort früh eine Einsicht in alle die kleinlichen Nichtigkeiten und Intriguen bekommen, die das Leben eines solchen Hofes ausfüllen. An jenem Hofe bewegte man sich in den Formen der orthodoxesten Kirchlichkeit und Frömmigkeit, und dennoch konnte sie selbst nur mit Mühe den Nachstellungen des frommen Herzogs entgehen, während sie wußte, daß die Frau Herzogin nicht allein mit dem frommen, ihr von ehrwürdiger Hand empfohlenen Vorleser liebelte, sondern auch militärische Kräfte nicht verschmähte. Das war ein so scheinheiliges, äußerlich christlich-frommes Leben gewesen, und wenn man hinter die Gardinen sah, bodenlose Unsittlichkeit. Sie hatte sich selbst erziehen müssen, denn die Staatsdame, der sie zur Erziehung übergeben war, hätte nichts lieber gesehen, als wenn ihr Schützling sich dem Herzoge hingegeben und ihr Einfluß dadurch gestiegen wäre. Die zwanzigjährige Heloise entwickelte sich aber gerade dadurch zu einem selbständigen, denkenden Charakter. Sie war der Stolz des Vaters, aber sie war ihm doch eine Last. Seine Geschäfte als Präsident des Obersteuer- und Schatzcollegs fesselten ihn in Braunschweig, er war nur wenige Sommermonate auf Finkenstein; in Braunschweig aber ein Haus zu machen und dieses von der jungen Tochter repräsentiren zu lassen, dünkte ihn in mehr als einer Beziehung unthunlich. Herzog Wilhelm zeigte sich ihm ebenso gnädig, wie Herzog Karl sich als Feind erwiesen hatte, aber der Herzog war unverheiratet. Sein Herz war auf dem Theater und es fehlte dem Hofe eine edle Herzogin gar sehr. Wie oft hatte das Volk, das seinen Herzog liebte, diesen gebeten, sich zu vermählen, man fürchtete eine Rückkehr des Herzogs Karl, noch mehr aber, daß das blühende Ländchen zu einer königlich hannoverischen Landdrostei werde. Braunschweig war kein Aufenthalt für Heloise, und so ungern sich unser Freund von seinem Kinde trennte, so war man doch, als der Sommeraufenthalt auf Finkenstein sich seinem Ende nahte, übereingekommen, daß Vater und Tochter sich noch einmal trennen sollten. Hermann Baumgarten war, wenn auch kein Professor, doch ein in Deutschland wohlbekannter und angesehener Gelehrter geworden, der sich noch immer mit Liebe der Bearbeitung der vaterländischen welfischen Geschichte hingab und der den alten Freund seines Vaters in Braunschweig aufgesucht hatte, als ihn seine Studien zur Benutzung der wolfenbütteler Bibliothek nöthigten. Seitdem standen beide in lebhaftem Briefwechsel, und der Gelehrte hatte den Vorschlag gemacht, Heloise bis dahin, daß ihr Vater die erbetene Pensionirung erlangt haben würde und sich ganz auf sein Gut zurückziehen könne, zu sich zu nehmen. Das sollte jetzt zur Ausführung gebracht werden, denn Hermann Baumgarten wollte bei dem hundertjährigen Jubelfeste der Georgia Augusta nicht fehlen, obgleich sie ihn als Stiefkind behandelt und eine nähere Verbindung mit ihm abgelehnt hatte. Nachdem das Rendezvous in Göttingen, wozu selbst sein älterer Bruder Georg, der Gatte Agnesens von Kitzow, mit seinem Sohne von Pittsburg herüberkommen wollte, verabredet war, hatte er den jungen Candidaten der Advocatur, Bruno Baumann, den Neffen, beauftragt, für ein geräumiges und ruhiges Quartier zu sorgen, und dieser hatte den glücklichen Wurf gethan, das große Gartenhaus in Bettmann's Garten zu miethen. Der Garten liegt in der Stadt hinter der Burgstraße, sich an die alten Stadtmauern lehnend, hat einen Eingang vom Wilhelmsplatze und einen andern von der zum Albanithore führenden Straße. Man wohnte hier mit allen Annehmlichkeiten der Stadt so ruhig, abgeschlossen und still wie auf dem Lande; es war Raum für mehrere Familien, sich auszudehnen, sich auf Stunden oder Tage zu isoliren, wenn man das Bedürfniß fühlte; während doch auch ein Gesellschaftssalon eingerichtet war, in dem man das gemeinsame Frühstück und Essen einnahm. Hermann Baumgarten hatte seine Veronica, ehe er nach Göttingen ging, einmal in die Heimat geführt; war der Vater auch todt, ihre Mutter, die verwitwete Cantorin Cruella, lebte noch und sehnte sich unendlich, Tochter und Enkel zu sehen. Eine bildschöne zwölfjährige Tochter, nach der Mutter Veronica getauft, und ein zehnjähriger Sohn, zu dem Bruder Georg aus Amerika Pathe gestanden, begleiteten ihn nach Heustedt, das den jungen Wienern recht kleinstädtisch und abscheulich vorkam. Da wartete Hermann die Ankunft seines Bruders, den er nun seit achtundzwanzig Jahren nicht gesehen hatte, in Bremen ab und nahm von Hannover den Onkel Maschinenbauer nebst seinen zwei Söhnen mit nach der Universitätsstadt. Dieser eine Zweig der Nachkommenschaft des Spritzenmeisters hätte schon hingereicht, die stille Gartenwohnung hinter der Burgstraße zu bevölkern, nun aber war auch noch der Maler Hellung mit zwei Söhnen aus Dresden gekommen. Der ältere, der Sohn Fatime's, Franz Ibrahim, war ein berühmter Maler geworden, der zweite sollte in Göttingen seine Studien beginnen. Er war nicht aus der Ehe mit der Abyssinierin, sondern aus einer zweiten Ehe mit der jüngern Schwester seiner Karoline aus dem Paradiese. Fatime konnte das deutsche Klima nicht vertragen, sie war von einer Kinderkrankheit, den Masern, kurz nachdem Haus und Olga in Dresden gewesen, dahingerafft, und der geliebte Gatte hatte ihr auf dem Todtenbette versprechen müssen, die jugendliche Schwester der Erstgeliebten zu heirathen. Sie hatte schon damals, als sie nach Deutschland kam, gewollt, daß der Maler diese blonde lachende Schönheit zu seinem Weibe mache, während sie seine Magd bleiben wolle, und war schwer zu überzeugen gewesen, daß das nicht angehe, sogar ein Verbrechen sein würde. Georg Baumgarten hatte seinen jüngsten Sohn Robert von Amerika herübergebracht, daß er Deutschland kennen lerne und dann in Göttingen wissenschaftliche Bildung erhalte. Da man sich acht Tage vor der Jubiläumsfeier in Göttingen eingefunden und das Wetter schön war, so ward beschlossen, dem Sohne die Stätte zu zeigen, wo Agnese von Kitzow und ihr Gatte sich zuerst ihre Liebe gestanden hatten, das Castell in Kassel. In vier Wagen fuhren die befreundeten Familien nach Kassel hinüber, wo man auf Wilhelmshöhe zwei Tage weilte und Hermann Baumann seinem Sohne die Stelle zeigte, wo er zuerst die Castellwälle stürmend betreten, während Georg die Gefängnißhalle betrat, die einst ihn selbst und den Vater der Geliebten umschlossen hatte. Nach Spangenberg zu reisen, wie es auf der Reise von Amerika ausgedacht war, dazu fehlte die Zeit. Als man nach Göttingen zurückkam, war die Stadt schon mit Jubelgästen erfüllt; es wurde in Bettmann's Garten zu eng, die jungen Leute mußten sämmtlich übersiedeln nach der Marsch, wo Baumann und Grant wohnten, und künftig der Amerikaner Robert und der jüngste Sohn des Maschinenbauers Schulz aus Hannover wohnen sollten. Es war am 15. September, zwei Tage vor der großen Feier, als sich die alten Herren in der großen steinernen Laube in Bettmann' s Garten, in der Nähe des Eingangs zum Weinkeller, von der Sonne bescheinen ließen und den besten Rheinwein, den »Fritz« im Keller hatte, aus seinen alten Römergläsern tranken. Die Damen und das junge Volk waren nach dem Hardenberge und Mariaspring gefahren und geritten. Die Alten und Halbalten wollten unter sich bleiben. Karl Haus drängte Georg Baumgarten, von Pittsburg und Amerika zu erzählen. Der Pastor aus Grünfelde, der sich von seinem »Hausprügel« nicht trennen konnte, und noch nie eine Cigarre in den Mund genommen, hatte seine Pfeife von neuem gestopft, Hermann Baumgarten, der Jüngste in der Gesellschaft, füllte die Gläser und Georg Baumgarten fing zu erzählen an: »Wenn ich an die althessische Zopfzeit zurückdenke und heute sehe, wie man sich in Deutschland noch immer mit allerlei Zopf herumplagt, wie Gilden, Zünfte, Bannrechte und sonstige Beschränkungen noch überall ihr Wesen treiben, die Bureaukraten allmächtig sind, selbst das Bewußtsein der Freiheit im Volke zu ersterben scheint, so kommt mir Europa alt und absterbend vor. »Nordamerika, der junge, schwachbevölkerte Staat, hat zwei Kriege mit dem mächtigsten Staate auf Erden gekämpft, den einen um seine Freiheit zu erobern, den andern, um sie zu erhalten, und doch geht es einem der Menschheit würdigen Ziele, das Europa schon lange nicht mehr kennt, entgegen. In wenigen Jahren werden wir unsere Staatsschulden abgetragen haben und der Welt das seltene Beispiel einer großen Nation zeigen, die mitten im Ueberflusse an allen Mitteln des Glücks und der Sicherheit, frei von aller Staatsschuld, lebt, daneben aber die Cultur von Jahr zu Jahr weiter nach Westen trägt, vor nichts zurückschreckend. Wir werden cnlturfördernd über den Schnee und das Eis der Felsgebirge weiter dringen, bis uns der Stille Ocean mit dem Lande der ersten Cultur, dem Osten, auf dem nächsten Wege verbindet. »Von den Präsidentschaften Monroe's habe ich des ausführlichen schon erzählt. Es sind jetzt zwölf Jahre her, als bei der Präsidentenwahl General Andrew Jackson aus Tennessee 99, Adams 84, Crawford 41 Stimmen erhielt. Eine absolute Majorität, 131 Stimmen, war nicht zu erreichen, und nun mußte das Repräsentantenhaus, wie das schon bei Jefferson's Wahl geschehen, wählen. Es wählte gegen den Willen der Mehrheit den zweiten Candidaten, was natürlich zu großer Verstimmung Veranlassung gab und die Administration Adams' erschwerte. »Bei dieser Wahl zeigte sich das bisher beobachtete Caucussystem, der Vereinsvorschlag eines Präsidenten, eine Nomination durch angesehene Männer, als nicht mehr zeitgemäß. Das Volk wollte selbst wählen und sich nicht durch Caucus bevormunden lassen. Adams suchte die Centralregierung zu kräftigen, wie dies nach Jefferson alle Präsidenten gethan haben, mochten sie vorher noch so sehr zu entgegengesetzten Grundsätzen sich bekennen. Unter seiner Regierung warb Henry Clay für das Princip der Schutzzölle. Wir müssen alles aufbieten, um in industrieller und gewerblicher Beziehung von England und Europa unabhängig zu werden, hieß es. Dein Schwager Grant war natürlich sofort Anhänger Clay's, während ich das schutzzöllnerische Wesen als mit der Freiheit im Widerspruche stehend bekämpfte, obgleich ich sah und sehen mußte, wie es unserm Etablissement zugute kam. Ich sage unserm Etablissement, denn die Actien der Gesellschaft waren beinahe zu drei Vierteln schon in Grant's und meinen Händen. Mein Schwiegervater, als er sich von der Solidität des Etablissements überzeugte, kaufte nach und nach unter der Hand alle Actien, die auf den Markt kamen, und da Burr's Vermögen einen Stoß bekommen, und er, der 100000 Dollars ursprünglich in den Actien angelegt hatte, nach und nach zu veräußern anfing, trotz der reichen Dividenden, suchte derselbe deutsche Besitzungen, die ihm nach seiner Uebersiedelung nach Amerika erst zugefallen waren, zu veräußern und setzte sich mit Aaron Burr direct in Verbindung, um diesem den Rest seiner Actien zu mehr als doppeltem Nominalwerthe abzukaufen. Genug, als die Tariffrage oder das amerikanische System nach 1825 auf die Tagesordnung kam, da hatten Grant vier Achtel, ich drei Achtel aller Actien unsers Hütten- und Blechwalzwerks. Das letzte Achtel war der hohen Dividenden wegen überall nicht käuflich. Nun gab es aber Differenzen in der Familie; dein Schwager war Schutzzöllner aus Ueberzeugung, er wollte wie Clay die Handelsbilanz zu Gunsten Amerikas umgestaltet wissen; und er hat bis 1828 mit Clay gearbeitet, daß die Eingangszölle nicht nur auf Eisen und Wolle, sondern auch auf Flachs, Hanf und Zucker eine Erhöhung erführen. »Wir andern, deine Schwägerin Heloise, meine liebe Agnese, mein Schwiegervater Kitzow, der damals noch lebte, und ich standen, obgleich wir die Sklavenhalter haßten, auf seiten dieser, weil wir von den Schutzzöllnern fürchteten, sie würden die Freiheit vernichten und dem Präsidenten noch mehr Macht geben, die Kongreßmitglieder zu erkaufen und zu bestechen. »Damals drohten die Südcaroliner, sie würden aus dem Congreß scheiden und durch ihre Legislatur den Congreßbeschluß hinsichtlich der Tarife nullificiren lassen; man stellte sich in Südcarolina schon über den Congreß, und einer der Hauptschreier war der frühere Ehrenpastor Schmidt. »Jackson begann, wie gesagt, seinen ›Feldzug‹ zur künftigen Wahl schon früh; die Legislatur von Tennesse empfahl ihn zum Präsidenten, als Adams kaum im siebenten Monate seines Amtes stand. Er wurde gewählt, und als er am 4. März 1829 in das Capitol einzog, diese lange, hagere, imponirende Gestalt, glaubten viele, er würde bis zu seinem Tode darin bleiben und sich vielleicht selbst die Krone aufsetzen. ›Der Pöbelkönig ist fertig‹, seufzte Grant an meiner Seite, und wie die Fässer voll Orangenpunsch unter die Menge in die Corridors und in die Gärten gerollt wurden, und eine Orgie der Jacksonleute hier begann, die unbeschreiblich ist, glaubte ich, das Ende der Republik wäre gekommen, und mit schwerem Herzen begleitete ich das Congreßmitglied für Pittsburg in die erste Sitzung des einundzwanzigsten Congresses. »Indeß war Jackson viel besser als seine Anhänger; er hatte eine Riesenarbeit offen und wacker vollendet, die Ausmistung des Augiasstalles der Bank, zu der nur ein eiserner Charakter wie der alte Ahorn fähig war. Mögen die Motive, die ihn veranlaßt haben, gewesen sein welche sie wollen, es war ein großer, gefährlicher Kampf, den er zum Heile der Union wagte. Die Bank, obgleich nur auf ein Actienkapital von dreiundzwanzig Millionen Dollars begründet, war eine Geldmacht, welche die Macht des Präsidenten zu untergraben drohte. »Denkt euch, neben der Bank und ihrem Marmorpalaste zu Philadelphia existiren fünfundzwanzig Zweiganstalten, jede mit ihrem eigenen Präsidenten, und die Noten der Vereinigten Staatenbank circulirten von Canada bis zum Golf von Mexico und vom Atlantischen Meere bis zum Stillen Ocean. Daß der Präsident fünf Directoren ernennen durfte, war von keiner Bedeutung. Das Vertrauen der Bank war dadurch zu einer enormen Höhe geschraubt, daß sie alle Einnahmen und Ausgaben der Regierung besorgte, das Bankhaus der Nation war, alle größern Geschäfte, die Anlage von Kanälen und namentlich der damals zuerst in Angriff genommenen Eisenbahnen beherrschte. »Der größte Theil auch unserer Geschäfte wurde durch den Disconto der Bank vermittelt; Grant sowol wie ich selbst waren als Actionäre bei derselben betheiligt. Die Bank mit ihren mehr als tausend wohlbesoldeten höhern Beamten hatte gegen die Wahl Jackson's unter Führung des Vorsitzenden Nicholas Biddle, des Freundes Monroe's, stark agitirt, wie denn beinahe sämmtliche aristokratische Klassen, namentlich alle Geldleute, der Wahl des Lieblings der Massen, ›des militärischen Häuptlings‹, entgegen waren. »Der Präsident soll, wie Biddle wenigstens behauptete; diesem zugemuthet haben, eine große Anzahl der Bankbeamten zu entlassen, um Jacksonleute an ihre Stelle zu setzen; jener will erwidert haben, daß er keinen andern Maßstab für seine Bediensteten kenne als Geschäftskenntniß und Ehrlichkeit; politische Ansichten gingen ihn nichts an, die Beamten der Bank seien außerhalb ihres Geschäftskreise freie Bürger wie jeder Amerikaner. »Schon in seiner ersten Präsidentenbotschaft sagte Jackson: ›Der Freibrief der Bank der Vereinigten Staaten gehe 1836 zu Ende, die Actionäre werden sicherlich die Erneuerung ihrer Sondervorrechte begehren. Ob das zweckmäßig sei, bedürfe einer ernsten Erwägung, und es sei gewiß gut, wenn die nationale Legislatur die Frage schon gegenwärtig ins Auge fasse, ehe sie anfange praktisch zu werden. Nach seiner Ansicht sei es vortheilhafter, eine Nationalbank zu schaffen, gegründet auf das Vertrauen und die Einkünfte der Nation, als den Actionären jährlich einen Vortheil von drei Millionen in die Hände zu spielen. »›Weg mit solcher Staatsbank!‹ sagte ich täglich, ›sie ist weiter nichts als der Fußschemel für einen lebenslänglichen Präsidenten.‹ »Indeß verfolgte der Präsident sein Ziel, er predigte, so oft sich dazu Gelegenheit zeigte, daß er die Union nach einem Bestande von achtundfunfzig Jahren schuldenfrei machen werde, wenn man die Einnahmen nicht zum Besten dieses oder jenes einzelnen Staats verschleudere. »Ebenso consequent, wie er die Uebersiedelung der Indianer hinter den Mississippi betrieb, verfolgte er seine Wege gegen die Bank. Diese hatte sich aber gleichfalls kampfbereit gemacht, freilich auf eine Art, die wir unschuldigen Actionäre nicht ahnten. Der Bankpräsident hatte von 1831 bis zum Ablaufe des Freibriefs das Leih- und Discontgeschäft um die Hälfte verdoppelt, aber die Unkosten und Geschäftsverluste vervierfacht; ein Congreßmitglied oder eine sonstige einflußreiche Person bekam Anleihen ohne jegliche Sicherheit, und schlechte Wechsel, die sonst überall nicht verkäuflich, wurden in der Hand eines Senators oder Congreßmitgliedes zu gemünztem Gelde. »Grant wurde unter anderm von dem Bankdirector so bevorzugt, daß er noch vor fünf Jahren, als Biddle vier Jahre vor Ablauf des Freibriefs um Erneuerung desselben nachsuchte, der eifrigste Vertheidiger der Bank war und mit vielen andern behauptete, alle einsichtsvollen Leute seien für die Bank und nur die unwissende Masse dagegen. Der Congreß wie der Senat waren ebenfalls für Erneuerung der Privilegien, allein der alte Ahorn legte Veto ein. Das war eine sehr gewagte Sache, die, glaube ich, zum ersten mal vorkam, aber ich stimmte ihm bei, wenn er zur Begründung der Nichtgenehmigung sagte: ›Keine Monopole in einer Republik, jedes Monopol wie jedes Sonderrecht gereicht der Bevölkerung zum Nachtheil!‹ Auch Heloise als gute Demokratin vertheidigte gegen ihren Mann mit Erfolg die Lehre des Präsidenten, wenn er sagt: ›Menschliche Einrichtungen können keine Gleichheit der Anlagen, der Erziehung und des Reichthums hervorbringen. Jedermann ist berechtigt zu verlangen, daß das Gesetz ihn zum Genusse aller himmlischen oder richtiger irdischen Gaben, aller Früchte eigener freier Betriebsamkeit, zu einem sparsamen, tugendhaften Lebenswandel den vollen Schutz verleihe.‹ »Wenn die Gesetze den natürlichen und gegebenen Unterschieden künstliche hinzufügen, Titel, Geschenke und ausschließliche Privilegien gewähren, um den Reichen reicher, den Mächtigen mächtiger zu machen, dann verletzt das Gesetz alle nicht vom Glücke bei ihrer Geburt oder im Leben Begünstigten, den Bauer, die arbeitende Klasse der Bevölkerung, und hilft die Klasse der Verzehrer ohne Arbeit vermehren. »Die Bankmänner hofften, Jackson habe sich durch dieses Veto selbst das Todesurtheil unterschrieben, allein er wurde mit noch größerer Majorität als das erste mal, mit 229 Stimmen von 286, gewählt und van Buren als Vicepräsident. »Die Bank, welche nach ihren eigenen Angaben alljährlich einen Ueberschuß von drei Millionen Dollars hatte, ließ es sich Geld kosten, und um ihre Macht für die gesammte Union fühlbar zu machen, kündigte sie eine große Menge Anleihen, beschränkte andere, lehnte das Discontiren auch guter Wechsel ab und rief eine große künstliche Knappheit des Geldes hervor. »Grant, der die Hartnäckigkeit des alten Ahorn kannte und vorhersah, was kommen würde, hatte die Vorsicht getroffen, unser Etablissement von allen weitgreifenden Verbindlichkeiten zu entlasten; wir hatten unsere Production beschränkt, wir brauchten die Bank, die auch unsere Wechsel zu discontiren geweigert, gottlob! nicht. Die Krisis, die hereinbrach, war unglaublich; Stockung in allen Gewerbszweigen, Entwertung des Eigenthums, Bankrotte über Bankrotte. Mit welchen Namen man den Präsidenten beschimpfte, als er vor drei Jahren die Staatsdepositen aus der Bank nehmen ließ, davon habt ihr in Europa keinen Begriff, allerorten wurden sogenannte Nothversammlungen und Nothreden gehalten, Nothadressen verfaßt, welche den Präsidenten bewegen sollten, von seinem das Vaterland zu Grunde richtenden verderblichen Vorgehen zurückzuschrecken. Aber er blieb standhaft, er hatte im Congreß die Majorität; im Senat freilich geboten die Bankleute über die Mehrheit und hätten Jackson gern in Anklagezustand versetzt, wenn das constitutionsmäßig möglich gewesen wäre. Man faßte eine Resolution dahin, daß sich der Präsident eine Autorität und Macht anmaße, die ihm nicht gebühre. Jackson protestirte dagegen und bestritt die Resolution als verfassungswidrig; es hat lange gedauert, bis die Frage, ob er verfassungswidrig gehandelt, entschieden war, erst am 16. Januar dieses Jahres ist auf Benton's Antrag die Resolution des Senats ›ausgestrichen auf Befehl des Senats‹ in Gegenwart desselben. »Das schwarze Parallelogramm ist seitdem zur Merkwürdigkeit des Senats geworden, jeder Reisende will es sehen, und Benton führt seitdem den Namen ›Der Ausstreicher‹. »Der Freibrief der Bank, der am 3. März vorigen Jahres ablief, ist nicht erneuert, aber sie existirt fort unter dem Namen Pennsylvania-Bank der Vereinigten Staaten, denn die Legislatur dieses Staats ließ sich herbei, ihr, unter einigen erschwerenden Umständen, für ihren Staat einen Freibrief zu geben; das Ende vom Liede ist aber der unausbleibliche Betrug. Ich wie Grant haben unsere Actien verkauft. »Die Geldknappheit und Entwertung aller Papiere, auch der sichersten, gab mir Gelegenheit, den Rest der Actien unsers Unternehmens, welche noch in festen Händen waren, anzukaufen, zu mäßigem Curs über Nominalwerth. Seit Anfang dieses Jahres hat die Actiengesellschaft aufgehört und ist ein Compagniegeschäft ›Grant und Baumgarten‹ entstanden. Wir machen keine Pflüge mehr, das kann der Handarbeit und den weiter nach Westen gelegenen Hüttenwerken in Cincinnati überlassen bleiben, aber wir walzen Eisenbahnschienen, und um das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden, habe ich bei meiner Herreise mir vorgenommen, die deutschen Unternehmungen in dieser Beziehung zu prüfen. Es ist eine arge Versündigung Hannovers, daß es, dessen Hauptstadt mit Gaserleuchtung dem ganzen Continent vorausging, mit den Eisenbahnen nachhinkt, und daß gerade die Stände es sind, welche allerlei dumme Einwendungen gegen das Eisenbahnwesen vorbringen.« »Laß das Raisonniren, Junge«, sagte der Maschinenbauer, »wir kommen schon nach, und dann mit Geschwindschritt. Braunschweig ist freilich voran, ich baue für die erste Bahn dort, ein Spielwerk nur, zwischen Braunschweig und Wolfenbüttel, mein erstes halbes Dutzend Locomotiven, und in den Dingen steckt mehr Anziehungskraft als in hundert Bureaukratenseelen. Ich lebe immer noch des Glaubens, daß der Dampf und andere Naturkräfte der Menschheit diejenigen Freiheiten bringen müssen, welche alle Gelehrsamkeit, Religion, Philosophie zu verwirklichen nicht vermocht hat. Wasser und Feuer wird uns zu freien Menschen erziehen, wenn ich das auch nicht mehr erlebe. Nun fahre fort, von dem Lande meiner Sehnsucht zu erzählen.« »Nicht so glücklich wie im Kampfe gegen die Bank war Jackson im Kampfe gegen die südlichen Nichtiger, namentlich seinen ehemaligen Vicepräsidenten John Cardwell Calhoun in Südcarolina. Er ging bis zur Rebellion vor, ich selbst habe Denkmünzen aus dem Jahre zweiunddreißig, auf denen er als erster Präsident der südlichen Conföderation bezeichnet ist. »Die Legislatur dieses Staats berief im October vor fünf Jahren eine Convention, welche eine Ordonnanz erließ, daß die Tarifbeschlüsse des Congresses aufgehoben und nichtig seien, eine Berufung an den obersten Gerichtshof gegen diese Ordonnanz für unzulässig erklärte und befahl, daß alle Beamten einen Eid auf Aufrechthaltung der Constitution schwören sollten. Das war offenbare Rebellion, wie denn auch von den Leuten offen erklärt wurde, daß, wenn die Unionsregierung gegen diese Nichtigkeitserklärung von Congreßbeschlüssen Gewalt anwenden werde, Südcarolina sich nicht mehr als ein Mitglied der Union betrachten könne. Das würde etwa sein, als wenn Hessen-Darmstadt einen Bundesbeschluß für ungültig erklärte und mit Austritt aus dem Deutschen Bunde drohte, denn Südcarolina hatte damals wenig mehr als eine halbe Million Einwohner, von denen beinahe zwei Drittel Sklaven waren, die Union aber vierzehn Millionen. »Dennoch fehlte es dem eisernen Jackson an dem Muthe, dem Verräther Calhoun den Proceß zu machen, er trug sich mit dem Glauben, der Congreß wie der Senat würden einsehen, daß es mehr als Albernheit wäre, wenn die Verfassung dem Congresse die Gewalt gäbe, Gesetze zu machen, und den Legislaturen der einzelnen Staaten zugestände, diese für null und nichtig zu erklären. Allein die wirklich schöne, väterlich mahnende Proclamation des Präsidenten hatte nicht den gewünschten Erfolg; während sie diesseits des Potomac mit der größten Begeisterung aufgenommen wurde, wurde sie im Süden verhöhnt. Der alte Ahorn sah sich 1833 genöthigt, den Congreß um größere Vollmacht für die Executive und um die Mittel zu ersuchen, dem rebellischen Getreibe in Südcarolina ein Ende zu machen. Da traten die Compromißleute aus ihrem Versteck, die Feinde Clay und Calhoun versöhnten sich und es kam jener unglückselige Compromißtarif zu Stande, wonach eine Tarifermäßigung im Sinne des Südens am 30. Juni 1842 ins Leben treten soll. Unser Alter wurde darob in Südcarolina weidlich als zahnloser Tiger verhöhnt. Hätte er Calhoun ergreifen, ihm den Proceß machen und ihn hängen lassen, er würde eine Wohlthat für die Union gethan haben. Das ist alles, was ich von allgemeinen Zuständen berichten kann. Zugleich darf ich aber versichern, das Wort des Vaters der Constitution, des Madison, wird sich verwirklichen. ›Wir sind nicht für uns allein, wir sind für die Rechte der Menschheit in den Kampf gezogen‹, die Despoten Europas werden uns fürchten lernen, wenn wir uns erst selbst gereinigt haben von dem innern Schaden der Sklaverei.« Fünftes Kapitel. Das hundertjährige Jubiläum. Während die Jugend nach dem Rohns hinaufgezogen war, um dort einen Vorcommers zu feiern, führte Brüderchen Dietrich, dessen Haar ebenso weiß war wie das des Pastors in Grünfelde, die Aeltern durch die festlich geschmückten, mit Kränzen und Blumen, Fahnen und Bannern gezierten Straßen, alle, selbst die Düstere Straße, reich illuminirt. Tausende von Menschen wogten die schönste und längste, die Weenderstraße, auf und ab. Was an Wagen in Göttingen und der Umgebung aufzutreiben war, führte Frauen, Kinder und Greise langsam im Schritt in der Stadt umher, daß sie sinnige und unsinnige Transparente, das alte gothische Rathhaus von der Zinne bis zur Erde herab erleuchtet sahen, die überall dicht gedrängte Menschenmenge, in der sich Lustigkeit und Frohsinn auf hunderterlei Weise zu erkennen gab, schauten und hörten. Auf den Straßen, noch mehr in den Vereinslocalen, gab es Schauspiel auf Schauspiel: Graubärte, die sich nach funfzig, vierzig, dreißig Jahren wiedersahen, sich anstarrten, wiedererkannten, in die Arme fielen, Freudenthränen weinten. Bei Schönhütte an der Jakobikirche, in der Restauration der neuen Aula gegenüber, wo man Wilhelm IV. von England ein Denkmal errichtet, in der Goldenen Krone bei Freund Bettmann, in der Stadt London, im König von Preußen, in der Michelei, überall sah man dieselben Scenen. Grauköpfe mitten unter der Jugend, alte Herren mit Sternen und Orden, Minister und Geheimräthe, Pastoren in Baret und Talar, Professoren und Doctoren, Pfaffen unter ihnen, F. Hurter in Schnallenschuhen, kurzen Hosen und seidenen Strümpfen, wurden, ohne daß man sie lange frug, von der Jugend auf die Tische gehoben, um sich von ihr wie Fürsten von Thoren fürstlich bedienen zu lassen. Fritz Bettmann hatte in umsichtsvoller Fürsorge sein größtes Zimmer (der Saal war von gemischter Gesellschaft überfüllt) für die Altersgenossen reservirt, die vor funfzig Jahren die Jubelfeier mitgemacht, und für die nächsten Generationen, die bis 1796 studirt hatten. In diesen Kreisen repräsidirte als Senior unser Freund, der Hauswirth Bürgert, der Uebersetzer gleichsam der Hogarth'schen Meisterstücke in deutsche Kupferstiche, in dessen Stube das Fragment »Faust« in Göttingen jedenfalls zum ersten mal gelesen wurde, wie wir uns erinnern. Er war alt und stumpf, denn er war vor funfzig Jahren schon ein Mann von Ruf und Universitätskupferstecher gewesen, jetzt zweiundachtzig Jahre alt. Bettmann hatte ihn in seiner Equipage mit noch einigen hochbetagten Herren, denen das Gehen zu sauer wurde, durch die Stadt fahren lassen, und nun saß er wieder am Präsidentenplatze vor der Mutterflasche mit dem Gelblack. Er liebte das modische Zeug, den Champagner, der ringsum getrunken wurde, nicht. Ihm zur Seite saß Karl Haus von Finkenstein, sein Gesicht sah heute froh und war frei von Falten; er stieß mit seinem Nachbar an, um in schäumendem Champagner einen Todten leben zu lassen, den gemeinsamen Freund Justus Erich Bollmann; dieser Nachbar war Graf Reinhard, der Gemahl der keuschesten Liebe des vor sechzehn Jahren Dahingeschiedenen. Auf der andern Seite Riepenhausen's saß Heinrich Schulz, der Pastor aus Grünfelde, der von dem französischen Gesandten soeben die Versicherung erhalten hatte, der Cultusminister habe sich mit großer Anerkennung über die in zweiter Auflage erschienene Rechtsphilosophie seines Sohnes, unsers Freundes Gottfried, ausgesprochen und werde ihn zu einer Professur an der Universität von Paris dem Könige vorschlagen. Dann kam Brüderchen Dietrich mit seinen rothblühenden Wangen und lächelnden Augen; neben ihm saß ein hoher alter Herr mit Orden und Sternen, vertieft im Gespräche mit seinem Nachbar. Der Unterhaltungsgegenstand derselben lag dem, was alle Gemüther am heutigen Tage bewegte, sehr fern, die beiden stritten über Kometen und Sternschnuppen; das waren Alexander von Humboldt und Gauß. Humboldt war gleichfalls Ehrengast Dietriches. Friedrich Schulz unterhielt sich mit dem kleinen Weber über Erdmagnetismus und elektromagnetische Telegraphie. Man hatte über Göttingen seit drei Jahren den ersten Telegraphendraht hoch über die Dächer mit Zuhülfenahme des Johanneskirchthurms gezogen, um Inclinationen und Declinationen des Erdmagnetismus zu studiren, ohne zu ahnen, daß nach zwanzig Jahren der ganze Erdball mit solchen Drähten umsponnen sein würde, obwol Steinheil in München schon den zweiten Schritt gethan zu der ruhmwürdigen Erfindung unsers Jahrhunderts. Gegen diese und andere alte ehrwürdige Herren betrachteten sich Georg und Hermann Baumgarten als Jünglinge, die bescheiden in der Entfernung den Worten der Aeltern lauschten. Das Erscheinen des Wirths, der sich nie sehen ließ, ohne in seiner Knittelversmanier den einen oder andern der Gäste anzureden und sein Hoch auszubringen, unterbrach die Unterhaltung der einzelnen nur auf kurze Zeit und war nicht vermögend, ein Trinkgelage, wie es in allen Zimmern und Sälen des Hauses, wie es beinahe in jedem Hause Göttingens an diesem Abend des sechzehnten stattfand, in Gang zu bringen. Die Veteranen der Wissenschaft und Kunst waren und blieben mäßig, die Erinnerung an die Vergangenheit führte nur einmal zum Ausbruche eines gemeinsamen Gesanges, als einer der Genossen von damals des Auszuges nach Kerstlingeröderfeld erwähnte und des Commerses in der dunkeln Waldwiese. Man füllte die Gläser; Brüderchen intonirte das Gaudeamus igitur , und die alte Weise war noch keinem der alten Herren fremd geworden. Das Dietrich'sche Haus, obgleich es der Gäste viele barg, hatte Fenster genug, um den Familien und Damen, die auf Bettmann's Garten wohnten, einen Platz zur Bewunderung des Festzuges zu gewähren. Brüderchen hatte seinen Gastfreund, den Pastor aus Grünfelde, vorher gewarnt, an dem Zuge teilzunehmen; »ich habe es noch in den Beinen, wenn ich an das Jahr 1787 denke«, sagte er, »und damals war ich ein junger Kerl. Es gibt aber nichts Langweiligeres als solch einen Festzug, namentlich wenn das Ende vom Liede noch eine langweilige Predigt ist, wie sie dir der Universitätsprediger nicht erlassen wird«. Der Erfahrene hatte recht, Gottfried Schulz mußte das Vergnügen inmitten mehrerer hundert Collegen, die sich aus dem Lande Hannover wie aus allen Theilen Deutschlands eingefunden, durch die Straßen zu ziehen, recht sehr büßen. Sein College Liebner, später Nachfolger Ammon's als Oberhofprediger zu Dresden, predigte zwei Stunden über das Säuseln des Herrn in der Weltgeschichte. Wie vor funfzig Jahren Leß den sechzehnjährigen Prinzen Ernst in den Schlaf geredet, so säuselte auch Herr Liebner den sechsundsechzigjährigen König Ernst August in den süßesten Schlaf, und viele der Tausende von Zuhörern folgten dem königlichen Beispiele. Die Jugend, die aus der Kirche flüchten konnte, floh zur »Fink«; von denen, die zwischen andere Theile des Festzuges eingekeilt waren und den Ausgang nicht erreichen konnten, lagen ganze Haufen auf den Treppen zu den Galerien, oder auf den Parkets derselben und schliefen, Freunde hatten die Schläfer mit den zahlreichen Fahnen bedeckt, die der Schmuck des Zuges gewesen. Unsere alten Freunde hatten an dem Festzuge dieses Tages genug; anders die Frauen, welche sich an den jugendlichen Gestalten der Studirenden in ihrem bunten Ausschmuck, an der komischen Gespreiztheit des Hofraths- und Professorenthums in den noch ungewohnten Talaren ergötzten, und denen es Vergnügen machte, wenn Grant, der das Sternenbanner der Union trug, dieses vor ihnen senkte, und die Neffen und Vettern, die sich um diesen geschart hatten, mit den Säbeln salutirten. Die alten Freunde saßen, während der zweite Festzug durch die Straßen paradirte, im Salon des Bettmann'schen Gartens und sprachen von Vergangenheit und Zukunft. Der Briefträger in der rothen Uniform brachte einen Brief an Heinrich Schulz, aus Paris, von Gottfried. Der Brief war der Portoersparung wegen sehr eng auf sehr feines Papier geschrieben, sodaß der Pastor ihn ohne Brille nicht entziffern konnte und dem Bruder Maschinenbauer zum Vorlesen gab. Der Brief war sehr lang und tagebuchartig geschrieben. Wir theilen nur einige Bruchstücke daraus mit, da wir hoffen, daß unser unglücklicher Held der göttinger Revolution einige Theilnahme bei den Lesern gefunden haben wird. Wie in Correspondenzen mit allen seinen Freunden, suchte er auch den Vater selbst, den alten Kantianer, zu den Anschauungen seines Lehrers und Meisters herüberzuziehen; lange Seiten des Briefes handelten von dem Selbstbewußtsein des Ich, um daran den Gedanken des Unendlichen, im Gegensatze, wie im Vereinsleben mit dem Endlichen, zu erläutern, da er den Gedanken Gottes (Wesens) und der Wesenheiten als ungewiß und unbeweisbar darlegte und von der untergeordneten Schauung des Ich ausgehend, sich stufenweise zu der unbedingten reinen Erkenntniß und Anerkenntniß Gottes erhob. Der Onkel Maschinenbauer sagte: »Was soll ich mit dem unpraktischen Zeuge? Das kannst du zu Hause in Grünfelde lesen, wenn du sonst nichts zu thun hast, ich habe von Worten wie Wesen, Urwesen, Wesenheiten und Kategorien, wie er es nennt, ganz und gar keinen Begriff; doch da auf der vierten Seite scheint etwas Faßbares zu kommen. Da schreibt er schon vom August: »Ich habe angefangen mich mit dem positiven französischen Rechte bekannt zu machen und bin eine Stunde wenigstens täglich zu den renommirtesten Codebreittretern ins Auditorium gegangen, allein es ist unglaublich, die Herren wissen nicht, was vor Napoleon bei ihnen Rechtens war, und vom Römischen Rechte haben sie nicht den geringsten Begriff, noch weniger von wissenschaftlicher Methode. Da wird ein Artikel des Code nach dem andern abgeleiert und die arrêts des Cassationshofes als die Summe höchster menschlicher Weisheit ausgegeben. Ach, von Wissenschaft ist hier überall keine Rede, aber schöne Redensarten und brillante Phrasen wissen die Professoren zu schaffen und mit Völkerrecht, Nationalökonomie, Geschichte, Plato und Aristoteles, Augustinus und Cartesius zu verbrämen, alles so mundgerecht und glatt, daß die Hörsäle voll Frauenzimmer sind, die bei jeder liberalen Aeußerung in die Hände klatschen und Bravo rufen, und so verteufelt schwarze Augen haben, daß ich immer roth werde, wenn eine mich anblickt.« »Da siehst du, Bruder«, unterbrach der Maschinenbauer sein Lesen, »wie ich recht gehabt habe, daß aus dem Jungen durch deine Erziehung nichts geworden ist, vor Kategorien schreckt er nicht zurück, aber der Blick einer schönen Französin bringt ihn um seinen Verstand. »Doch da kommen Reflexionen, wollen einmal sehen, wie der Junge über große Dinge urtheilt.« Und er las: »Es fehlt dem Franzosen an Consequenz, an aufopferndem Fleiße, an Beharrlichkeit. Durch Ruhm oder Reichthum zu glänzen, und zwar sobald wie möglich, und beides zu genießen und zwar so schnell es gehen will, das ist das Lebensziel eines jeden. Alles ist äußerlich, ceremoniell, gefirnißt. Einen innern Werth der Wissenschaft kennt der Franzose nicht. Ehr- und Prunksucht überall, Ueberzeugung nirgends. Politisches Glaubensbekenntniß als Mittel, zu Ehren und Reichtum zu gelangen, und die lassen sich hier in der That über Nacht erwerben, nur nicht für deinen Sohn, lieber Vater. Wären nicht die herrlichen Museen mit ihren Kunstwerken und so viele großartige Anstalten zur Beförderung der Wissenschaft, des Handels, der Industrie, auch die Theater, deren Anzahl schon zwanzig übersteigt, ich hätte Paris längst verlassen. Doch um wahr zu sein, es fehlt auch hier nicht ganz an ernstern Bestrebungen. Ich meine nicht etwa die der Saint-Simonisten, die in das Närrische gehen, aber ich habe hier Pierre Leroux und mehrere seiner Freunde und Mitarbeiter an der › Encyclopédie nouvelle ‹ kennen gelernt, vor denen ich allen Respect habe. Auch George Sand ist ein großer Geist, und unter den französischen Frauen gibt es viele höchst fleißige, erfindsame, unermüdliche, opferbereite. »Im ganzen lastet freilich das Julikönigthum mit seinen blos egoistischen, feigen, demoralisirenden Bestrebungen auf der Nation.« Der Maschinenbauer machte eine Pause und nahm eine Prise, dann fuhr er fort: »Da kommen wieder philosophische Expectorationen, die wollen wir für heute überschlagen und zu dem Schlusse des Briefes übergehen, der vom achten dieses Monats datirt ist und von einer ganz andern Hand geschrieben zu sein scheint. »›Die Bäume hier haben schon längst ein herbstlich gelbes, von Straßenstaub und Rauch angekränkeltes Ansehen. Es zog mich gestern unwillkürlich nach Fontainebleau und da habe ich ein merkwürdiges Abenteuer erlebt, das Dich interessiren wird, lieber Vater.‹ »Erlebt der Junge noch Abenteuer«, sagte der Maschinenbauer und griff zu dem vor ihm stehenden Weinglase, um die trocken gewordene Zunge anzufeuchten, »da bin ich in der That neugierig.« Der Vater und alle übrigen Anwesenden waren es auch. »Ich hatte meine Frau Koch zu der Fahrt eingeladen und diese hatte für unsere bescheidenen Bedürfnisse sich mit dem Nöthigen versehen. Wir fuhren bei einer kleinen Kaffeewirthschaft mitten im Walde vor und genossen dort ein frugales Frühstück, worauf ich mich mit einem Malerapparat tiefer ins Holz begab, um eine prächtige Eiche, die ich mir schon längst zur Skizze ausersehen, zu zeichnen. Schon hatten sich einige Zweige des Baumes gelb und roth gefärbt, und die Sonne schien auf den vierhundertjährigen Riesen, als wolle sie ihm recht etwas zugute thun und mir auch, denn der Lichteffect war herrlich. »Ich mochte wol zwei Stunden an meiner Skizze gemalt haben und dachte darüber nach, sie durch ein lebendes Wesen zu beleben, als ich ein Geräusch vernahm und zwei reizende Kinder hinter mir standen, die meine Arbeit mit Wohlgefallen betrachteten. Das eine Mädchen war wol sieben Jahre alt, das andere mochte zehn Jahre zählen – die lieblichen Gesichter waren von dicken schwarzen Locken eingerahmt, und feurig schwarze Augen blickten voll Neugierde auf den Maler und sein Bild. »Die Kleinere fing zuerst zu reden an: ›Großmama schläft und Schwester liest und da sind wir denn in das Holz gelaufen und haben schon lange hinter dir gestanden und zugesehen, wie du den Baum da auf das Papier gebracht hast. Das will ich auch lernen, da sollst du mir Unterricht geben.‹ »›Mir auch‹, fiel die Aeltere ein. »Ich versprach alles, bat aber die Kinder, sich an dem Fuße der Eiche zur Erde zu setzen, damit ich ihre eigenen Gesichter zeichnen könne. Die Kinder folgten meinen Anordnungen gern, und ich fühlte mich, ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll, in einer poetisch-schwärmerischen Stimmung, es gelang mir mit wenig Pinselstrichen, das Landschaftsbild durch das reizende Geschwisterpaar zu einer der besten Skizzen zu machen, die ich je ausgeführt habe. »Da erscholl plötzlich aus der Ferne eine liebliche Stimme, die Juliette und Anna rief. ›Ach, die Schwester‹, riefen die Kinder und sprangen auf – ›du mußt der Schwester und Großmama dein Bild zeigen‹, und zogen mich einen Waldweg entlang, wo in der Ferne ein junges, etwa siebzehnjähriges Mädchen uns entgegenkam. Die beiden Kinder sprangen ihr jubelnd und mit der Lebhaftigkeit entgegen, wie sie nur romanischem Blut eigen ist, von mir, meinem Bilde, ihren Bildern sprechend und mich in die Mitte zwischen sich ziehend. »Als wir näher kamen, verbot die ältere Schwester der jüngern das laute Geschrei, die Großmutter schliefe noch, man sollte sie nicht wecken. Wir kamen an eine Försterwohnung mit kleinem Garten, wo eine alte Dame, reich in seidene Kleider gehüllt, in einem mit Kissen und Decken reich gepolsterten Naturstuhle saß, sich von der Nachmittagssonne bescheinen ließ und ruhig schlief, wie es schien, sogar angenehm träumte. Die alte Dame hatte ein eigenthümliches Aussehen, ihr Kopf war stark und dick, das Gesicht wohlgenährt, der Teint erinnerte an eine Creolin. Langes schwarzes Haar, durch kein greises entstellt, drängte sich in wohlgekräuselten Locken unter einem schwarzen Sammthute hervor, der einzig durch eine Straußfeder, von einer diamantenen Agraffe gehalten, geschmückt war. Ich mußte unwillkürlich an eine Zigeunerfürstin denken. »Die Kleinen waren ganz still und stumm geworden, als sie der Großmutter sich näherten und sie so ruhig schlummern sahen. Die ältere siebzehnjährige Schönheit entschuldigte mit leiser Stimme die Schlafende: ›Sie ist heute siebzig Jahre alt, es drängte sie, mit den Enkeln den Geburtstag im Walde zu verbringen – die Fahrt von Paris hat sie aber stark angegriffen und nun schlummert sie seit einer Stunde schon so süß.‹ »Sie lud mich durch eine reizende Handbewegung ein, an einem einfachen Tische auf einer Gartenbank, an der sie selbst gesessen und gelesen hatte, Platz zu nehmen. Das Buch, worin sie gelesen, war zur Erde gefallen, ich nahm es auf, und denke Dir mein Erstaunen, es war Heine's ›Buch der Lieder‹. Ich hatte meinem Erstaunen Worte gegeben und ziemlich laut ›Heinrich Heine‹ gesagt. »Das Wort mußte in die Gehörnerven der schlafenden Matrone gefallen sein, denn diese rief wie im Traume nun laut, aber deutsch: »Mein Heinrich!« Dann plötzlich erwachend fuhr sie mit dem Batisttuche, das sie in der Hand hielt, mehrfach vor den Augen her, als wollte sie sieh überzeugen, ob sie noch wache oder träume und mich mit einem unbeschreiblichen Blick anstaunend, sagte sie: › Mon Dieu! est-ce que je rève encore? L'image de mon rève – Heinrich Schulz en pleione vie! ‹ »› Pardon, Madame, ce n'est pas lui. C'est le docteur en droit, Godefroi Schulz de Grunfelde. ‹ »›Also doch!‹ fuhr sie nun nach kurzem Besinnen deutsch fort – ›Sie der Sohn des Pastors Heinrich Schulz aus Grünfelde? Welcher glückliche Zufall führt Sie nach Paris und gerade heute nach Fontainebleau? Das ist eine Fügung des Himmels, für die ich demselben unendlich dankbar bin. Ihr Vater muß in demselben Jahre geboren sein wie ich, die ich heute meinen siebzigsten Geburtstag im Kreise meiner Enkelinnen feiere. Das (sie wies auf die Erwachsene) ist die zweite Tochter meiner Tochter, der Gräfin de la Colombière, Jeannette, ein gehorsames Kind, mehr deutscher als französischer Denkungsart.‹ »›Die beiden kleinen Unarten da, Juliette und Anna-Marie, sind ganz Französinnen, sie sollten Jungen sein, da würde ihr Vater, der General, tüchtige Krieger aus ihnen gemacht haben; aber meine Tochter Anna hatte nur Mädchen geboren, weil sie keine Knaben gebären wollte, die ihrem Geburtslande vielleicht das linke Rheinufer wieder aberobern wollten, wie mein Schwiegersohn, der General, sagte, als er noch lebte.‹ »Das ging mit einer Zungenfertigkeit, wie man sie nur in Paris findet. Die Kinder hatten indeß gleichfalls wieder Leben bekommen; schon während die Großmutter mit mir deutsch zu reden anfing, hatten sie mir das Skizzenbuch mit meinem bescheidenen Teller, auf dem ich meine Aquarellfarben bei mir führe, aus der Hand gezogen, um der Schwester Jeannette die Eiche und ihre eigenen Porträts zu zeigen. Jetzt mußte auch die Großmama in das Skizzenbuch sehen und das Versprechen geben, daß sie bei dem deutschen Maler, wofür die Kinder mich hielten, Unterricht haben sollten. »Die Großmama ließ aber den Kleinen nicht lange das Wort, ich mußte von Dir und mir selbst erzählen; daß ich seit sieben Jahren nicht in Heustedt gewesen, ein Vertriebener und politischer Verbrecher war, den man in Hannover ins Zuchthaus sperren würde, wenn man ihn hätte, das wollte der alten Frau gar nicht in den Kopf. Ich mußte die Frau Koch in meinem Fiaker allein nach Paris zurückkehren lassen, um in ihrer Equipage zurückzufahren, zu erzählen und erzählen zu hören. »Du wirst, lieber Vater, schon längst errathen haben, daß die alte Dame niemand anders war als die Korbflechterin, die in meiner Kindheit in dem Wildhausen'schen Hirtenhause in Eckernhausen wohnte, und deren Tochter, Anna Schlottheim genannt, zu Dir zum Confirmationsunterricht kam. »Unterwegs erfuhr ich die ganze Geschichte, die beiden Frauenzimmer waren nach Bremen gezogen und hatten dort bis zum Herbste 1813 gelebt, wo die Kosacken Bremen eroberten und zwei derselben ihren Tod in der Wohnung der Frauen fanden, was diese bewog, mit dem bei dieser Gelegenheit wiedergefundenen Vater der Mutter nach Paris zu ziehen. »Hier hatte denn die Tochter Anna nach dem zweiten Pariser Frieden einen reichen Napoleonischen General geheirathet, der vor einigen Jahren schon verstorben ist, mit Hinterlassung von vier Töchtern, von denen drei in dem Wagen saßen, die vierte seit einem Jahre an einen Staatsrath und so eine Art von Unterstaatssecretär im Ministerium des Cultus, der mir dem Namen nach bekannt war, verheirathet ist. »Auf der Fahrt schloß ich mit den Kleinen die innigste Freundschaft; eins um das andere drängte sich auf meinen Schos und theilte mir alle Ergebnisse, Leiden, Freuden und Hoffnungen des jungen Lebens mit. »Wir hatten aber noch nicht die Hälfte des Weges zurückgelegt, als zuerst Anna auf meinem Schose einzuschlafen begann. Nachdem sie auf den Rücksitz neben der Großmama gebettet war und Juliette an ihrer Stelle Platz genommen hatte, um mir von ihren Puppen, Kleidern, Unterrichtsstunden, von Mama u. s. w. zu erzählen, lehnte auch sie ihr Köpfchen an meine Brust, schlang ihre Arme um meinen Hals, um ruhig zu schlummern. Jetzt wurde auch die Großmutter von dem Schlummern der Kinder angesteckt, und ich war, sozusagen, mit der ältesten Tochter allein, was mir einige Herzbeklemmung erregte. Wir saßen lange schweigsam, um die Schlafenden nicht zu stören, dann aber mußte ich der lebhaften Jeannette über unsere deutschen Dichter, die sie sämmtlich kannte, meine Meinung sagen. Sie forschte und frug nach allen Seiten und hörte nicht eher mit Fragen auf, bis das Gelärm in der Nähe von Paris Großmutter und Kinder erwachen ließ. »Im Hause an der Rue de la Chaussée d'Antin war eine Festlichkeit zu Ehren der Großmutter vorbereitet; die Frau vom Hause, Gräfin Anna de la Colombière, empfing mich ungemein zuvorkommend. Ich erinnere mich ihrer noch ganz genau, sie ist noch immer eine schöne Frau oder vielmehr Witwe. »Auch die älteste Tochter und ihr Gemahl, die in einem entferntern Stadttheile wohnen, kamen zur Gesellschaft, und der Unterstaatssecretär, als er von meinen Bemühungen um eine Stelle an der Universität hörte, gab mir freiwillig die Versicherung, daß sich das machen lassen werde. Das wäre so weit sehr gut, die alte Dame hat mich ganz in ihr Herz geschlossen und überhäufte mich mit Artigkeiten, aber, lieber Vater, was sehr schlimm ist, ich glaube, ich habe auf der Fahrt mein Herz abermals verloren, und Jeannette ist doch so jung, gegen mich ein Kind, und ich bin zum Unglück in der Liebe geboren, wie die Erfahrung gelehrt hat.« »Der dumme Junge«, fuhr Onkel Maschinenbauer auf und faltete den Brief zusammen, »hat mehr Glück wie Verstand. Ich will wünschen, daß die kleine Pariserin dem Jungen das angedeihen läßt, was mein Bruder, der weise Philosoph, versäumt hat, Erziehung.« Der Pastor überhörte den Stich. »Woher kommt es«, fragte er, »daß uns gänzlich fern stehende Menschen so in unser Leben eingreifen, wie es die Filler's Martha in unser Leben gethan hat und ihre Großtochter nun vielleicht wieder in das Leben meines Sohnes thut?« »Was der immer für weitgreifende Einwirkungen findet«, erwiderte Friedrich, »ich wüßte nicht, daß die Martha in unser Leben viel eingegriffen, denn die Tracht Prügel, die wir vom Vater ihres dummen Geredes von Arm- und Beinbruch wegen erhielten, war verschmerzt, ehe das trockene Brot verzehrt war, das uns die Mutter heimlich zusteckte, und wir lachten, wenn wir uns das Bild vergegenwärtigten, wie die dicke Katharina den dickern Landrath Vogelsang zur Erde warf.« »Und was du, wie schon als Kind, immer ins Zeug hineinredest; hat nicht Martha's Intervention bei der Trauung Schlottheim's das ganze künftige Lebensschicksal unsers Freundes Karl bestimmt? Ist nicht der Tod meiner Anna eine Folge der Verkettung von Umständen, die sich durch Martha entspannen?« Die Brüder, die gern disputiren, würden noch länger gestritten haben, wenn die Frauen und die Jugend nicht von dem beendeten Festzuge des zweiten Tages zurückgekehrt wären; es galt Toilette zu machen, man wollte heute an einer größern Festtafel in der Krone essen, und abends zum Königsballe. Dieser Ball mit Banket war der Glanzpunkt der Feier für die Jugend und die zahlreichen Frauen aus allen Theilen Deutschlands. Man hatte die verdeckte Reitbahn zum Tanzsalon ausersehen und dahinter in die offene Reitbahn hinein ein hölzernes Zelt zum Banketiren gebaut. Das waren weite Räume, die viel Menschen fassen konnten. An den Seitenwänden war ein erhöhter Raum (Perron) zu Sitzplätzen angebracht, das Musikcorps der northeimer Dragoner sollte auf der Nordseite, das der mündener Jäger auf der andern Seite zum Tanze aufspielen. Der Eingang, dem ein gleichgeschmückter Ausgang nach der angebauten Halle entsprach und die dazwischen stehend und gehend sich aufhaltende Menge theilte den langen Saal in zwei Theile, und wenn die Dragoner einen Walzer aufspielten und die Jäger eine Polka, so schallte das nicht störend herüber zu dem andern Tanzplatze, denn inmitten beider befanden sich gewiß im Auf- und Abgehen, im Gespräche oder dem Tanze zusehend mehrere hundert Personen, die keine Sitzplätze gefunden. Das war eine Lust für die Jugend beider Geschlechter, aber auch ältere Damen verschmähten es nicht, von Söhnen oder Neffen sich einmal in den Tanztrouble ziehen zu lassen. Baumann war unermüdlich, mit Veronica der Mutter und Veronica der Tochter zu tanzen, obgleich ihn sein Herz zu der schönen Blankenburgerin Heloise von Finkenstein zog, die es ihm angethan hatte. Aber Heloise war stark umschwärmt von der braunschweiger Jugend und hatte nur selten noch einen Tanz übrig. Die Studenten suchten sich Damen jeder aus seinem Kreise, es fehlte an Vertreterinnen aus allen deutschen, namentlich hannoverischen Städten nicht; sehr stark waren die Schwäbinnen vertreten, da das göttinger Professorenthum sich immer aus Schwaben gut rekrutirt hatte. Grant konnte noch nicht tanzen; er würde es aber auch nicht vermocht haben, denn er hatte an königlicher Tafel offenbar zu gut dinirt und getrunken. Ernst August, der sein Quartier auf der Domäne Weende aufgeschlagen, gab in den Räumen der Paulinerkirche unter dem sogenannten historischen Saale der Bibliothek an allen drei Fasttagen Diners, zu denen neben Diplomaten und hohen Herrschaften, Abgesandten auswärtiger Universitäten, göttinger Hofräthen und Professoren, auch jeden Tag an funfzig bis sechzig Studenten – aus der Zahl der Offiziere und Fahnenträger – eingeladen waren. Dem jungen Nordamerikaner als Träger des Sternenbanners traf die Einladung für den zweiten Tag. Ernst August war splendid, er ging den Gästen mit gutem Beispiele voran, und alt wie jung hatte man den Weinen der königlichen Tafel etwas reichlich zugesprochen; man konnte es den vielen Herren, »die über Leichen dinirt hatten«, wie Dahlmann sagte, im Ballsaale der Reitbahn deutlich ansehen, daß sie Gäste des Königs gewesen waren. Es war nichts Seltenes, daß man einen Bruder Studio, dem ein alter mit Orden und Bändern geschmückter Herr etwas zu nahe kam, laut sagen hörte: »Altes Kamel, kannst du nicht sehen, daß das meine Beine sind, hast zu viel geladen, laß dich in die Todtenkammer bringen.« Höchst spaßhaft war es, wenn eine alte Berühmtheit den Versuch machte, mit einer jungen Dame zu tanzen, was noch häufig geschah. Unsere altern Freunde hatten durch die Fürsorge Dietrich's ein ruhiges Plätzchen gefunden, von wo sie dem Tanze zusehen konnten; Georg Baumgarten, der von seiner Frau und Heloise auf der Reise nach Amerika erfahren hatte, welchen großen Antheil der französische Ministerpräsident in Kassel an seiner Befreiung genommen, hatte sich durch Haus von Finkenstein diesem vorstellen lassen und mußte dem Grafen Reinhard Bericht erstatten über das Leben und Treiben Justus Erich Bollmann's, dessen Andenken gerade in jenen Tagen Varnhagen von Ense in dem Mundt'schen »Zodiacus« neu angeregt hatte. Haus von Finkenstein unterhielt sich mit einem hannoverischen hohen Rathe darüber, ob Ernst August schon so fest in den Händen des Herrn von Schele sich befinde, daß das Staatsgrundgesetz nicht mehr zu retten sei, und ob nicht etwa ein Anerbieten der Stände, die Schulden des Königs in Berlin zu zahlen und die Krondotation zu vermehren, den Verfassungsbruch verhüten könne? Die Aufklärungen über die Personen, die er hier erhielt, waren nicht sehr tröstlich. Friedrich Schulz hatte einen Professor der Mechanik gefunden und sprach von Locomotiven und Locomobilen. Der junge Grant hatte inzwischen Brüderchen und den grünfelder Pastor in den Banketsaal gezogen: »Es ist dort gar zu komisch, da sitzen wenigstens zweihundert Pastoren mit dem Rücken gegen die bedeckten Tische und harren des himmlischen Mannas.« Der Banketsaal konnte nicht allen Eingeladenen Sitzplätze bei der Tafel bieten, es waren drei lange Reihen von Tafeln im Saale, jede Reihe enthielt zwölf Tafeln und deren jede war für achtzig Personen gedeckt. So erhielt man über achtzehnhundert Sitzplätze und hoffte, daß die akademische Jugend namentlich, wie das auf den akademischen Bällen der Fall war, sich stehend abspeisen lassen werde. Die Tafeln hatte man schon geschmückt, große Rüstwagen voll Silberzeug waren aus der königlichen Silberkammer herbeigefahren, um Aufsätze für die Tafeln zu liefern. Besonders die sechs obern Tafeln am westlichen Ende zierten die schönsten alten Aufsätze, sie waren für die Elite der Geladenen, für Minister, Gesandte, die Deputationen der fremden Universitäten bestimmt, und standen auf Teppichen. Hier sah man Stühle, an den andern Tafeln nur hölzerne Bänke mit Ueberzügen von rothem Stoff. Auf diesen Bänken saßen nun viele alte Herren, die im Tanzsalon keinen Sitzplatz mehr gefunden hatten und die das Stehen und Herumschlendern ermüdete, und schlürften eine Tasse Thee oder tranken Sodawasser. Es waren in den vier Ecken des Saales vier Büffete, in dem einen wurde Thee und Kuchen fortwährend an jeden Fordernden verausgabt und durch königliche Bediente in den Tanzsalon gebracht, in dem zweiten wurden kalte Getränke, Limonade, Selterser Wasser, Mandelmilch, süßes Gelée gereicht. Das dritte Büffet war für den Wein bestimmt und sollte, wie das Küchenbüffet, erst später benutzt werden. Auf den Tafeln war schon ein Theil des Desserts ausgestellt, namentlich Conditoreisachen in den silbernen Aufsätzen, auch hatten der Saupark, die Göhrde und der Harz Opfer bringen müssen, jede Tafel war in der Mitte mit einem wilden Schweinskopfe geziert. Ein paar alte Studiengenossen riefen den Pastor aus Grünefelde und Brüderchen an, neben ihnen Platz zu nehmen; Grant verließ die Alten, die bald in Rückerinnerungen an ihre Jugend schwärmten. Je heißer es im Tanzsalon wurde, desto voller wurde es im Banketsaale, der nur noch halb erleuchtet war und den Glanz seiner Kronleuchter erst um elf Uhr in Gemäßheit der Anordnung des Hofmarschalls erstrahlen lassen sollte. Zu den Pastoren an der Tafel, von denen mancher hinter sich griff, um von dem Dessert zu naschen, gesellten sich bald Studenten, Söhne, Neffen, Bekannte. Es kamen einzelne Tanzpaare in die Halle, um sich zu erholen und abzukühlen, um ein vertrauliches Wort zu sprechen, vielleicht sogar eine Liebeserklärung zu machen, beziehungsweise anzuhören, oder um zu verabreden, an welcher Tafel man sich später womöglich treffen wollte. Studenten pflegen nun aber weder Freunde von Thee noch von Mandelmilch zu sein und von Sodawasser nur am Morgen nach einem Commerse. Man begehrte also Wein, der alte Schröder, der Hofkellermeister, weigerte sich aber lange standhaft, Wein vor Beginn des Souper zu verabfolgen; als indeß der Sohn des Hofpredigers kam und für seinen Vater um eine Flasche Wein bat, machte er eine Ausnahme und holte sogar eine Flasche Steinberger Cabinet herbei, die beste Sorte, welche Ernst August im Keller führte. Wehe, dreimal wehe dieser Ausnahme, die von vielen neidischen Augen gesehen war. Es traten nun verschiedene alte Herren an das Weinbüffet und begehrten Wein, darunter Leute bei Hofe wohlbekannt und angesehen. Man konnte ihnen nicht abschlagen, was man dem Sohne des Hofpredigers gewährt hatte. Bald trat einer nach dem andern heran und man sagte: »Wir alle sind Gäste des Königs, und was dem einen recht ist, ist dem andern billig!« Es wurde nach und nach jedem, der es forderte, eine Flasche Wein gereicht, wenn auch nicht Steinberger Cabinet, Gläser standen auf der Tafel. Da bot der Eßsalon nun einen sonderbaren Anblick, mehr als fünfhundert Personen saßen mit den Rücken gegen die Tafeln, jede mit einer Flasche Wein zu ihren Füßen oder zwischen den Beinen, das Glas in der Hand. Es wurde fortwährend eingeschenkt und nach burschikoser Manier vor- und nachgetrunken, und ob auch ein Generalsuperintendent ein freundlich saueres Gesicht machte, wenn ein Bursch, ihm unbekannt, zu ihm trat und sagte: »Altes Kamel, es kommt dir eins«, so mußte er doch Bescheid thun und nachtrinken. Wurde die Jugend auch hier und da lauter, dennoch ging es im ganzen in dem Salon sehr gehalten und ruhig zu, solche Reihen von zweihundert Schwarzröcken mit weißen Halstüchern, oder höherer Würdenträger im Talar mit der Halskrause oder mit weißen Bäffchen machen schon an sich einen imponirenden Eindruck, auch konnte man sehen, wie der böse Geist, der in dem Weine sein mußte, die frommen Herren zu unerlaubtem Handeln reizte, immer öfter machte einer und der andere von ihnen eine halbe Schwenkung zur Tafel und langte ein Stück Backwerk, Biscuit oder sonst etwas Süßes von den Tafelaufsätzen. Das sollte plötzlich anders werden. Unter den zur königlichen Tafel Geladenen waren viele Studenten aus Hannover gewesen, adeliche Söhne von Ministern und höhern Beamten, unter denen der jüngste Sohn des Grafen von Schlottheim aus Heustedt die Rolle eines Führers spielte, wenn es sich um tolle Streiche handelte; Ernst August liebte nicht das lange Tafeln, in Herrenhausen wie im Schloß an der Leinstraße wurden selbst bei einem Galadiner zwölf Schüsseln in einer Stunde abgegessen, so auch heute in der Pauliner Kirche. Das königliche Diner war schon um sechs Uhr nachmittags beendet, womit sollte man die Zeit bis zum Balle, bis acht, halb neun Uhr abends tödten? Schlottheim schlug vor, nach der Fink zu gehen und Pereat zu spielen, und erbot sich, die beiden ersten Eimer »anwachsen« zu lassen. Der Vorschlag ward acceptirt, es waren aus zwei Eimern vier geworden, und erst als der Nachtwächter sein: »Meine Herren, es hat zehn Uhr geschlagen«, ausrief und in das Kuhhorn blies, merkten die eifrigen Schwalbenjäger, daß es Zeit sei, zum Balle und Banket aufzubrechen. Schlottheim und seine Freunde waren in dem Zustande höchster Erheiterung, als sie in den Ballsaal traten, ohne selbst zu wissen oder zu glauben, daß die Laternen der Weenderstraße und der Mond sie schon schief angesehen hatten; sie stützten sich aufeinander, stützten sich auf ihre Säbel, wankten aber dennoch. Die Schärpen und Binden waren zum Theil zerrissen und beschmuzt. Sie drangen mit halber Gewalt, zum Theil mit blank gezogenen Säbeln durch den einzigen Eingang von der Weenderstraße, und die Pedelle und Gensdarmen, die den Eingang bewachten, wagten nicht, den Söhnen von Excellenzen und Grafen den Eingang zu wehren. Die Menge zwischen den beiden Tanzordnungen wich nach beiden Seiten zurück, als die funfzehn edeln Jünglinge zu drei und drei umschlungen auf den Banketsalon zustürzten. Den jungen Schlottheim führte sein Instinct stracks zu dem Weinbüffet, er rief: »Alter Schröder, Racker, Champagner her! Wir wollen Champagner trinken.« Aber Schröder ließ sich nicht blicken, wie ungestüm Schlottheim auch mit dem Säbel auf das Büffet schlug. Ein anderer Theil seiner Freunde hatte sich dem Küchenbüffet auf der andern Seite des Salons zugewendet und schrie: »Oberküchenmeister, wir sind hungerig wie die Wölfe, wir wollen soupiren, angefangen, angerichtet!« Als man sich auch in dem Küchenbüffet nichts merken ließ, als der letzte königliche Galadiener vielmehr in das Innere sich flüchtete, turnte einer der Jüngsten über das Büffet dem Diener nach. Gleichzeitig erstürmte der junge Graf Schlottheim mit denen, die ihm gefolgt waren, das Weinbüffet unter lautem »Hepp, hepp, hepp, hurrah!« Dem Zuge der trunkenen Königsgäste in das Banketzelt war eine Menge der bisher in dem Tanzsaal Versammelten gefolgt, selbst eine Anzahl neugieriger Damen, namentlich fremder, welche den Studenten in seiner Angerissenheit nicht kannten. Nach wenig Minuten traten die in das Innere des Weinbüffets eingedrungenen Studenten mit Armen voll Champagnerflaschen, die sie in Eis gelagert in einem der Pferdeställe aufgefunden, an die Barrière des Büffets und vertheilten unter die am nächsten Stehenden die Flaschen unter dem Gebrüll der Strophe aus dem »Fürsten von Thoren«: Wir aber sind erschienen, Euch fürstlich zu bedienen! Inzwischen brachte auch der in das Eßbüffet eingedrungene Haufen von dort Vorräthe aller Art, hohe Schüsseln mit Butterbroten, Schinken und Rauchfleisch, ostfriesisches Nadelholz, eingemachten und geräucherten Lachs. Einige der Trunkensten hatten sich über die auf der Tafel stehenden Wildschweinsköpfe hergemacht und versuchten dieselben mit ihren Säbeln zu tranchiren, bis sie in irgendeinem gutmüthigen Grün- oder Schwarzrocke einen Sachverständigen fanden, der geschickter als sie selbst waren. Graf Schlottheim setzte sich als Präsident an die vorderste Tafel und commandirte, mit seinem Degen auf den Tisch schlagend: »Rechts ein!« Die größere Anzahl alter und junger Herren, die mit dem Rücken am Tische saßen, folgte dem Commando; einige, welche nicht wollten, wurden mit den Beinen über die Bank gehoben und mußten gezwungen zu Tisch sitzen. Als fünf bis sechs Tafeln, die nächsten dem Tanzsalon, dicht besetzt waren, suchten auch die, welche bisher keinen Platz genommen, sondern auf- und abgegangen waren, Platz zu finden; die Studiosen bemühten sich, eine der in den Saal verirrten Damen »zu fangen« und sie nolens volens , oft mit dem Vater zur Seite, öfter mit einer Freundin zu Tisch zu führen. Es blieb aber schließlich selbst den Solidesten und Nüchternsten nichts übrig, als sich an die Tafel zu setzen, denn auf den Wunsch irgendeines der Hofchargen hatte der Prorector den Tanzsalon durch eine dreifache Reihe von nüchternen Offizieren der akademischen Garde absperren lassen. Es war Befehl gegeben, niemand, wer es auch sei, aus dem Banketsalon in den Tanzsalon treten zu lassen. Unsern Freunden, dem Pastor Heinrich Schulz und Brüderchen, war es mit Hülfe Grant's, der als Fahnenträger Offizierrang hatte, gelungen, noch eben vor Thorschluß in den Tanzsalon zu flüchten. Im Banketsaal wurden inzwischen die Kronleuchter angezündet, die Studenten, welche Wein- und Küchenbüffet erobert hatten, zwangen, den Säbel in der Hand, die goldbetreßten Diener und eine Menge in Uniform gesteckter Stiefelputzer und Aufwärter, aufzutragen, was zu haben war, während andererseits die Köche zu retten und zu verstecken suchten, was zu retten war, und der alte Schröder die ordinärsten Weine massenhaft auf die Tafeln schickte. Während man so lärmend und laut soupirte, hatten der Prorector und die Universitätsräthe unter Zuziehung einiger Senatsmitglieder Raths gepflogen, sie gingen in Gefolge der Pedelle in den Saal und suchten dort namentlich die Jugend durch Ermahnung zu bewegen, das Eßzelt zu verlassen. Es wurde vielen tauben Ohren gepredigt, nur diejenigen, welche Stipendien und Freitische bezogen, zeigten sich gehorsam. Erst als man zu den weitern Mitteln griff und die Willigen durch das Weinbüffet und die Privatwohnung des Stallmeisters Ayerer entließ, indem man ihnen erlaubte, daß jeder zwei oder drei Flaschen Wein mit nach Hause nahm, begann der Speisesaal sich mehr und mehr zu leeren. Auch die Pastoren nahmen zum großen Theil den Weg durch das Weinbüffet, viele von der Erlaubniß, eine Flasche mitzunehmen, bereitwilligst Gebrauch machend. Es war Militär requirirt, die sämmtlichen Büffets wurden militärisch besetzt, weder Speise noch Trank wurden verabfolgt, ein größerer Pferdestall als Todtenkammer eingerichtet und die Hinfälligen dahin geschafft. Die Verwirrung hatte sich aber auch schon in den Tanzsalon übertragen, wo die Erzählung die Dinge, welche im Banketsaal passiren sollten, noch übertrieb. Graf Reinhard erzählte seinen Freunden: beinahe auf jedem Ball, den Ludwig Philipp in den Tuilerien gebe, gehe es nicht anders zu, und da seien doch keine Studenten, da seien Deputirte und Offiziere, welche die Büffets stürmten. Das Tanzen hatte aufgehört, man stand in Gruppen, um zu berathen, was zu thun sei, Magnificus hatte die nüchtern gebliebenen Senioren und Consenioren um sich gesammelt, um zu berathen, was geschehen könne; Baumann zog einen der letztern beiseite und gab den Rath: »Laßt die Musikbande der Dragoner von dort oben kommen, zieht in geordnetem Zuge in den Banketsaal, macht dort an drei Orten halt und laßt, während die Musik schweigt, laut verkünden: alle braven Burschen würden aufgefordert, dem Hofrath Mühlenbruch, der wegen Krankheit zu Hause geblieben und dort seinen Geburtstag feiere, ein Vivat zu bringen, und ziehen dann unter Blasen des » Gaudeamus igitur « durch den Tanzsaal im Polonaisenstil ins Freie; ich wette, kein halbes Dutzend bleibt sitzen, und wer sitzen bleibt, der wird durch die Scheuerweiber, die nöthig sein werden, hinausgescheuert und hinausgefegt.« Der Rath fand Beifall, der Cordon wurde aufgelöst, die Offiziere, die ihn gebildet hatten, zogen an der Tête des Zuges in den Banketsaal, in der Mitte wurde halt gemacht, die Musik schwieg, ein Herold forderte zu dem Zuge nach Mühlenbruch auf. Inzwischen hatten sich im Tanzsalon alle Anwesenden aus dem einen Theile in den andern gezogen, sodaß man, als die Tête und nach ihr die Musik wieder erschien, in der freien Hälfte des Saales einen halben Kreis beschreiten konnte. Die Damen, welche in dem Banketsaale wider ihren Willen bis dahin festgehalten waren, schlichen sich, als der Cordon geöffnet war, zum größern Theil in den Tanzsaal, andere wurden von ihren Tischnachbarn befreit, sobald der Zug den Tanzsalon verließ. Es waren höchst komische Gestalten, die sich hier im Zuge durch den Saal bewegten, alt und jung. Der Banketsaal wurde aber leer, er konnte gereinigt und von neuem gedeckt werden, und wenn auch manche delicate und seltene Speise verschwunden war, so war doch noch so viel übrig, um die Tanzlustigen, welche sich wieder nach dem Anfange des Tanzes sehnten, zu befriedigen. Die ältern Freunde eilten nach Hause, um zur Ruhe zu kommen, nur Hermann Baumgarten blieb zum Schutze der Damen, die bis zum Morgen tanzten. Der dritte und letzte Festtag war Redeacten gewidmet; es fehlten freilich die den Betheiligten selbst schon beschwerlich fallenden Festzüge nicht. Die Folgen einer viertägigen, beziehungsweise nächtlichen Freudigkeit gaben sich schon in allen Kreisen kund; unsere ältern Freunde verschmähten, die Reden in der Aula zu hören, um die Züge anzusehen; bei dem gemeinsamen Mittagsessen gestand selbst der junge Amerikaner Grant es ein, daß ihm das Tragen des Sternenbanners heute außerordentlich schwer geworden sei. Aber die Jugend freute sich doch auf den Abend, wo von neuem der Tanzlust Genüge gethan werden sollte. In der Voraussicht, daß die Einladungen zum Banket des Königs nur wenige Frauen und Töchter aus dem Bürgerstande treffen würden, welche seit Wochen thätig gewesen waren, für den Schmuck der Stadt an diesen Festtagen zu arbeiten, hatte ein Comité jüngerer Leute, zu dem der Candidat der Advocatur, Bruno Baumann, gehörte, einen Subscriptionsball veranstaltet, der in denselben Räumen wie der Königsball stattfinden sollte. Die Unternehmer hatten mit den größten Schwierigkeiten zu kämpfen, mit der akademischen Bureaukratie, welche ihre paar Sessel und andere Utensilien nicht dem profanen Publikum überlassen wollte, mit der Polizei, welche eine Menge unnützer Präventivmaßregeln zu treffen sich verpflichtet glaubte, mit dem Stallmeister Ayerer, welcher die »Boutike« von seiner offenen Reitbahn so früh wie möglich entfernt und den Tanzsalon in den Winterreitsaal verwandelt zu sehen wünschte. Als alle diese Dinge überwunden waren, hatte der Magistratsdirector Ebel die Herablassung, sich und noch ein Magistratsmitglied an die Spitze des Comité stellen zu lassen und der Sache den Charakter einer von der Stadt gegebenen Festlichkeit zu vindiciren. Die jungen Unternehmer übersahen die Tragweite einer solchen Aenderung, sie sollten aber schon nach wenigen Stunden die Bedeutung fühlen. Der Subscriptionsball sollte um acht Uhr seinen Anfang nehmen. Da zu dem gestrigen Königsballe eine einfache Pastorentochter gar nicht, noch weniger eine sonstige »Landviole« eine Einladung bekommen hatte, so war der Zudrang zur Subscription noch am Tage des Balles selbst ungemein groß. Veronica, Mutter wie Tochter, und Heloise von Finkenstein, die sich auf dem gestrigen Balle trotz des stürmischen Intermezzos sehr wohl befunden – es war das ja doch einmal etwas ganz anderes als die Bälle im Redoutensaale der kaiserlichen Burg –, freuten sich, die tanzlustigen jungen Leute hatten sich um die drei Damen schon gestritten, und nur Veronica, die Mutter, hatte bewirken können, daß es unter den Vettern nicht zu einem hitzigen Kampfe gekommen war. Nachdem der Zug zur Aula beendet, Grant dort das Sternenbanner zum ewigen Andenken neben den übrigen Bannern übergeben hatte, nahm man in Bettmann's Garten ein Frühstück ein und rüstete zu einer Spazierfahrt. Ein sogenanntes Vesper, wie es der Kronenwirth nannte, ein zweites Lynsch, wie die Amerikaner sagten, hatte dieser einpacken lassen, in seinen eigenen Staatswagen, welcher die ältern Freunde einnahm; den Flaschenkeller führte die Jugend in zwei offenen Korbwagen bei sich. Man fuhr auf den Hohenhagen. Inmitten des Groner Holzes stiegen die Insassen des ersten Wagens aus, Hermann Baumgarten zeigte den Onkeln Pastor und Maschinenbauer die Stätte, wo er vor vierundzwanzig Jahren die Tonne Goldes gefunden. Die Chaussee war zwar erhöht und macadamisirt, sie lag aber noch auf derselben Stelle, und da Hermann auf Befragen erklärte, die Goldeichen befänden sich kaum eine Viertel Stunde weiter im Holze und er getraue sich, dieselben noch aufzufinden, ließ die Gesellschaft die Wagen auf der Chaussee halten und man trat die Fußwanderung zu den Goldeichen an. Jeder der Studenten hatte eine Flasche Wein unter dem Arme, die Damen trugen die Gläser, die Goldeichen wurden gefunden und auf das Glück des Goldonkels getrunken. Als dann die Basaltspitze des Hohenhagen erreicht war, da, wo vor fünfundvierzig Jahren Heinrich am Hochzeitstage seiner Anna Dummeier nach Nordwesten sehnsüchtig hinübergeschaut, fand man zwar einige Veränderungen. Gauß hatte seiner Triangulirvermessungen wegen hier eine Pyramide errichten lassen, die in weiter Ferne ihre Genossen fand. Sonst war die Gegend die alte, der Natur merkt man in einem Menschenalter, wenn Menschenhände selbst nicht thätig sind, keine Veränderungen an. Den jüngern Leuten, welche den Ort, wo ihr Großvater Oskar Baumgarten gelebt hatte, noch nicht kannten, wurde das Holz hinter Mohlenfelde gezeigt, in welchem das gemüthliche Jagdschloß sich im Grünen verbarg. Man lagerte in einem gegen den Ostwind geschützten Basaltsteinbruche und nahm ein vergnügtes zweites Frühstück ein. Die Herabfahrt nach Göttingen ging schnell von statten. Die Damen mußten noch Toilette machen, die jungen Leute wollten noch ein Glas kasseler Märzen aus der Fink trinken und sich dann gleichfalls in Balltoilette »werfen«. Der Beginn des Balles war auf acht Uhr bestimmt, um zehn Uhr sollte soupirt werden, allein eine Menge tanzlustiger Damen hatte sich schon eine halbe Stunde vor dieser Zeit eingefunden, um einen passenden Platz zu finden, oder weil man es mit den Freundinnen verabredet hatte. Auch die jungen Herren, die damals noch nicht so tanzfaul waren wie heute, waren Schlag acht Uhr sämmtlich am Platze. Man hatte zwar nicht, wie am gestrigen Tage, zwei Musikcorps, sondern nur den Stadtmusikus, verstärkt durch einige Violinen und Clarinetten des mündener Jägercorps, dagegen aber hatte man die ganze große Reitbahn als einen Tanzsalon, und wer diesen durchwalzte, der hatte etwas Tüchtiges geleistet. Nun schlug es acht Uhr, schlug acht ein Viertel, ein Halb, das Tanzcomité war vollständig versammelt, bis auf den einen, den Chef der Stadt, den Würdenträger des Subscriptionsballes. Endlich gegen drei Viertel acht Uhr erschien er in der vollen Würde seines Amtes, aber ohne seine Damen, die noch eine halbe Stunde auf sich warten ließen. Das galt für vornehm. Wie lang den jungen tanzlustigen Leuten die Stunde von acht bis neun wurde, ist unmöglich zu beschreiben. Die tanzlustigen Damen versuchten auf alle mögliche Weise das Tanzcomité zu veranlassen, den Tanz beginnen zu lassen, und die »Aufforderung zum Tanz« von Weber, die man zu Vertreibung der Zeit aufspielen ließ, dämpfte das Feuer nicht, sondern verstärkte es. »Dreihundert oder vierhundert Mann können doch unmöglich darauf warten«, hieß es, »bis es der Magistratsdirectorin und ihren beiden Fräulein Töchtern gefällt, mit ihrer Toilette fertig zu werden?« Auch außerdem versprach es langweilig, steif zu werden. Die beiden Geschlechter saßen oder standen bis auf wenige Ausnahmen getrennt; die Damen auf den etwas erhöhten Tribünen hatten schon von vornherein angefangen, sich nach Ständen zu sondern. Den Platz unter dem Orchester hatten die Magistratsdamen eingenommen, daneben hatten sich die Frauen der königlichen Beamten, die sich höher dünkten, besonders gruppirt, eine dritte Gruppe bildeten die Frauen und Töchter der Kaufleute, Aerzte und Advocaten, dann kamen die Pastorentöchter und sonstige Landviolen, der eigentliche Bürgerstand hatte sich ganz auf die südliche Seite zurückgezogen, dem Orchester gegenüber, um sich dort wieder nach Reichthum oder sonstigen Familien- und andern Beziehungen in Gruppen zu sondern. Durch die Fürsorge der göttinger Freunde und Baumann's hatte die uns befreundete wiener Familie nebst Heloise von Finkenstein im Kreise einiger göttinger Professorenfrauen, die sich wiederum von den übrigen sonderten, nahe dem Eingange in den Banketsaal einen guten Platz gefunden. Die Herren standen in der Mitte des Saales, viele jüngere Bürger, Angestellte, die gestern keine Berücksichtigung gefunden, vielleicht zweihundert Studenten, die mehr oder weniger eine Herzensflamme unter den Tänzerinnen hatten; man unterhielt sich von einer Menge tragikomischer Scenen vom gestrigen Königsballe. Was hatte die Tochter des Ministers des Innern, die schöne Augusta, sich gestern sagen lassen müssen? Wo hatte Graf von Schlottheim sich am Morgen gefunden? Was war aus den funfzig Flaschen Wein geworden, die eine lustige Compagnie ergaunert und, um solche vorläufig zu sichern, hinter der Mauer, an einem Orte, wo Feuerleitern oder sonstige Dinge aufbewahrt werden, verborgen hatte, um noch mehr zu acquiriren? Jeder hatte irgendein Abenteuer gehabt, auch an Liebesabenteuern, Bekanntschaftmachen, Bestellungen auf die nächsten Tage hatte es nicht gefehlt. Endlich gab der Magistratsdirector das Zeichen zum Beginn des Tanzes, die »Faustpolonaise« rauschte von dem Orchester herab, und, die Frau des Stadtsyndikus zur Seite, eröffnete er mit feierlich langsamem Hahnentritt die Polonaise. Ein Theil der schwerfälligen alten Welt, Bureaukraten und Würdenträger folgten ihm, alle mit häßlichen aufgeputzten Damen am Arme, die ihre Toiletten, welche seit einem halben Jahre Gegenstand ihrer Gedanken und Gespräche gewesen waren, nun wenigstens einmal im ganzen Saale produciren wollten. Bruno Baumann schloß sich, die schöne Heloise von Finkenstein am Arme, gleichsam als Repräsentant der jungen Welt, der eine goldene Zukunft noch lächelt, der Welt des Werdenden, dem steif voranschreitenden Zopfe an. Er hatte auf dem Wege nach dem Hohenhagen mit seiner Tänzerin schon alle Touren, die man tanzen wolle, überlegt, denn er war von den Unternehmern als Vortänzer bestimmt gewesen. Nun hatte der Magistratsdirector diese Rolle übernommen und diesem schien die Polonaise in einem Umschreiten des Saales zu bestehen. Es war eine lange Colonne, die dem Würdenträger folgte. Als er wieder an seinem Platze angekommen war und im Begriff stand, die Frau des Syndikus mit einem feierlichen Diener zu ihrem Platze zu führen, stand Baumann am entgegengesetzten Ende des Saals, er kannte den Musikdirigenten gut und dieser Baumann's Art, die Polonaise zu tanzen. Bruno winkte mit dem Taschentuche. Die Musik begann in ein schnelleres Tempo zu fallen, und nun fiel er mit seiner Tänzerin von dem Zuge ab, dem er bisher gefolgt war, und durcheilte, mit schnellerm Tritt die Tänzerin um sich herumdrehend, die umgekehrte Richtung, um der alten Welt Zeit zu lassen, sich abzuthun und ihre Plätze zu finden. Seine Nachmänner folgten und bald hatte sich in dem schönen Saal ein buntes Gewirr, wie es die Polonaise erheischt, und wie die göttinger Jugend es durch Hölzke's, des Tanzlehrers, Unterricht allgemein kannte, verbreitet, jetzt bildeten alle Tänzer eine große nicht enden wollende Schlange, die sich selbst in den Schweif biß, dann fielen die Herren zur Linken, die Damen zur Rechten ab, um sich am andern Ende des Saals zu fangen, bildeten einen großen Kreis, liefen Sturm und durchbrachen die Gegenseite. Man wickelte sich zum Knäuel auf und wickelte sich ab, bildete drei große Windmühlenflügel, in deren Winkeln gewalzt wurde, legte eine Ecossaisentour ein, die jedes Tanzpaar mit den übrigen in Verbindung brachte, und vergnügte sich sehr. Der Magistratsdirector hatte das Weitertanzen verhindern wollen, er fühlte sich in seiner Amtswürde verletzt und hat Bruno Baumann diesen bösen Streich, wie er ihn nannte, nie vergessen. Aber das Eis des conventionellen Tanzes war gebrochen, der steife Ton war dahin, die Jugend hatte den Sieg davongetragen, von jetzt bis zum andern Morgen herrschte nur Lust und Frohsinn. »Ach welch ein schöner Ball«, seufzten die schönen Göttingerinnen noch einige Jahre später, »und was wäre daraus geworden, wenn der Dr.  Baumann nicht die langweilige Ebel'sche Polonaise in eine lustige umgewandelt hätte!« Aber auch Freudentage haben ihr Ende; als die Tage des Jubels vorüber waren, kamen die Tage der Trennung und des Abschiedes. Aus allen Thoren fuhren die gepackten Reisewagen. Die Kränze an den Häusern und über den Straßen wurden welk. Auch unsere Freunde trennten sich. Henning mit seinen beiden Söhnen begleitete die beiden Schulz, die er erst jetzt kennen gelernt hatte, bis Hannover, um nach Norwegen weiter zu reisen. Georg Baumgarten, sein Sohn Hermann und Grant geleiteten die Wiener in ihre Heimat, den Weg über München nehmend, um auf der Rückreise Prag und Dresden genießen zu können. In Göttingen wurde es still, sehr still, desto angenehmer für Bruno Baumann, der Tag und Nacht an seinen Relationen arbeitete. Sechstes Kapitel. Bruno Baumann und das Patent vom 1. November. October war gekommen, das neue Semester hatte angefangen, in der »Kaserne« an der Obern Marsch, so nannte das Junge Göttingen das von Baumann bewohnte Haus, entwickelte sich reges Leben; die vier Studenten Grant, Hermann Baumgarten, der Amerikaner, der jüngere Theodor Hellung und der jüngste Sohn des Maschinenbauers Friedrich Schulz, Oskar, die hier unter Bruno's Oberaufsicht ihre Studien betrieben, gehörten zwar keinem Corps an, aber Kamele waren sie sämmtlich nicht. Ihre Studien waren freilich verschieden, aber sie liebten sich wie Brüder, sie alle schwärmten für Freiheit, die Amerikaner auch für ihr Vaterland, der Sachse und Hannoveraner für ein einiges Deutschland; sie alle schätzten und verehrten ihren Führer und Lehrer Bruno. Dieser ließ sich mit den jungen, oft eigensinnigen Gesellen auch keine Mühe verdrießen. Wollten die jungen Leute in das Theater – und Director Löwe hatte eine ziemlich gute Truppe vereinigt, die nicht nur Opern ganz passabel aufführte, sondern die sich auch von Philipp Otto von Münchhausen das Neueste von Laube, Gutzkow und Halm einstudiren ließ –, so führte er sie dahin, einmal wöchentlich ging man abends in die allgemeine Kneipe oder zu einem Theeabend des Jungen Göttingen, einen Abend wurde in Baumann's Stube gemeinschaftlich ein Shakspeare'sches Stück in deutscher Uebersetzung mit verteilten Rollen gelesen, den Donnerstag Abend konnte jeder beginnen was er wollte. Freitag war philosophisches Kränzchen auf Baumann's Stube, zu dem auch die größere Anzahl der jungen Leute kam, die wir zur Feier von Goethe's Geburtstag bei Carriere versammelt fanden. Sonnabend war Gasttag in der »Kaserne«. Der geräumige Gartensalon, sonst als Fechtboden und zu Turnübungen benutzt, wurde geräumt, Tische wurden aneinandergerückt, ein Eimer mit kasseler Bier stand auf dem Tische und vor jedem Sitze ein Schoppen. Der gemeinsame Diener der beiden Amerikaner, dem diese, um die Pedelle zu necken, den Namen Pudel gegeben hatten, ein Schwarzer, füllte die Gläser und stopfte die Pfeifen. Es wurde gesungen, politisirt, kritisirt und, wie sich von selbst versteht, getrunken. Jeder, der durch einen Freund eingeführt wurde, war willkommen, jede Bekanntschaft, welche die jungen Leute in ihrem Colleg oder auf dem Literarischen Museum machten, wurde eingeladen. Es war oft so voll, daß der Platz nicht ausreichte und Pudel am obern Ende der Tafel, ein Stiefelwuchs am untern Ende das Füllen der Schoppen besorgen mußten. Diese Gastabende gingen für Rechnung der reichen Amerikaner, die in der That ihre Wechsel nicht zu verbrauchen verstanden. Sonntag war wieder Feierabend, man vereinigte sich aber doch in der Regel zu Partien, man ging gemeinsam auf den Rohns, um dem »Kuhschwof« zuzusehen, und wenn hübsche Frauenzimmer da waren, auch wol selbst zu tanzen, oder man verabredete bei schlechtem Wetter eine Poule auf dem Museum und spielte dann gegen Verbot auch wol bis über zehn Uhr Billard. Die jungen Leute blieben sich Ende October selbst überlassen, ohne ihre Freiheit zu misbrauchen. Bruno hatte seine Relationen abgeliefert und war nach Celle zum Oberappellationsgericht geladen, um dort auch sein mündliches Examen zu machen. Bruno kehrte nach bestandenem Examen bei dem Onkel Maschinenbauer in Linden ein, um dem Justizminister seine Aufwartung zu machen und den Wunsch auszusprechen, in Göttingen als Advocat den Wohnsitz angewiesen zu bekommen. Nach dreimaligem vergeblichen Versuche, bei Excellenz vorgelassen zu werden, gelang dies unserm jungen Freunde am 1. November. Excellenz von Stralenheim mußte mit dem linken Fuße zuerst aus dem Bette gestiegen sein, oder Ernst August mußte ihm mit seiner Fistelstimme schon einige Grobheiten gesagt und ihm gezeigt haben, daß er nur Departementsminister, nicht mehr Rath des Königs sei, Excellenz war übel gelaunt. Er hörte den Candidaten stehend an, dann, als dieser seinen Wunsch dargelegt hatte, erwiderte er barsch: »Es ist hier nicht unbekannt geblieben, daß Sie, Herr Candidat, sich unberufen und unbefugt in politische Fragen einmischen; wir haben mit Staunen gehört, daß Sie als Gazettist für fremde Zeitungen correspondiren, sich nicht entblöden, das Thun und Lassen meines allergnädigsten Herrn und Königs Ernst August und seiner Räthe zu kritisiren. »Es sei Ihnen solches Thun hiermit allen Ernstes verwiesen. Bedenken Sie, junger Mann, daß es auf das Wissen nicht allein ankommt und ein bestandenes Examen noch kein Recht gibt zu einer Anstellung. Ehe Sie nicht gezeigt haben, daß Sie vor allem Gehorsam gelernt, ehe wir nicht die Ueberzeugung hegen dürfen, daß Sie die Anordnungen Sr. Majestät und seiner Räthe treu beachten und ihnen gehorsamen, eher werde ich mich schwer entschließen können, Sie unter die Zahl der Advocaten aufzunehmen.« Excellenz machte eine kleine Verbeugung zum Zeichen, daß Bruno entlassen sei; dieser war anfangs verblüfft, dann aber, als der Minister ihm schon den Rücken zukehrte, kam sein alter Jähzorn über ihn: »Excellenz«, sprach er mit kräftiger, für eine Audienz überlauter Stimme, »Excellenz dürfen nicht vergessen, daß ich nach bestandenem ersten Examen in der Justizkanzlei zu Göttingen einen Eid auf das Staatsgrundgesetz geleistet habe und daß ich meine Eide nicht so leicht zu brechen pflege, als dies andere Leute vielleicht schon gethan haben, oder noch thun werden.« Excellenz hatte sich wieder zu Bruno gewandt, sah ihn drohend an und griff nach einer silbernen Schelle auf dem Tische. Bruno machte einen kargen, trotzigen Diener und entfernte sich, innerlich zufrieden, daß er Mannesmuth wenn auch nicht vor Königsthronen, doch vor einer Excellenz gezeigt hatte, die Ernst August gegenüber keinen Mannesmuth zeigte. Er hatte bei seiner Rede die rechte Hand so zur Faust geballt, daß ihm, wie er jetzt erst sah, der neuerkaufte weiße Glacéhandschuh gänzlich geplatzt war. Bruno eilte von der Wohnung Stralenheim's am Brande zu der nahen Wohnung Detmold's an der Duvenstraße, dem er das Begegniß erzählte. »Junger Freund«, erwiderte dieser, »wie kann Sie das wundernehmen? Wissen Sie nicht, daß jeder Hannoveraner, der sich immatriculiren läßt und dadurch zu erkennen gibt, daß er dem Ungeheuer Staat seine Dienste leihen will, der Staatscontrole unterliegt? Vom Augenblick der Immatriculation an werden Sie überwacht, es werden Personalacten über Sie angelegt. Glauben Sie nicht, daß Ihre beiden Freunde, der Polizeichef von Beaulieu und der Magistratsdirector Ebel in diese Acten schon schöne Sittenzeugnisse und Berichte niedergelegt haben? »Ueberhaupt möchte ich Ihnen rathen, den Gedanken, sich in Göttingen niederzulassen, aufzugeben, kommen Sie hierher nach Hannover; die Stadt wird unter dem Königthum wachsen und sich ausdehnen, Handel und Industrie werden sie beleben, Eisenbahnverbindungen werden nicht ausbleiben, am Schwindel wird es nicht fehlen, der wieder den Advocaten Arbeit gibt. Ihr Onkel allein kann Ihnen so viel Beschäftigung geben, daß Sie davon leben können. Glauben Sie mir, auf die Länge der Zeit werden Sie es mit dem Professorenzopf und Hofrathshochmuth nicht aushalten, und das Treiben der Studentenwelt wird Ihnen nicht weniger zuwider werden. Oder gehen Sie nach Harburg, das ist die einzige Stadt, die neben Hannover eine Zukunft hat.« Das war ein guter Rath, und wenn Baumann denselben befolgt, daneben Excellenz Stralenheim demüthigst angefleht hätte, sein ungeschicktes Betragen ihm zu verzeihen und ihn in der Residenz anzustellen, wer weiß? Die Excellenz hatte ein gutes Herz, sagte man, sie würde es gethan haben, und Baumann würde für die nächsten vier Jahre seines Lebens mindestens eine umfangreichere Thätigkeit gefunden haben, als Schriftstellerei und Zeitungscorrespondenzen ihm boten. Aber die Stadt Hannover misfiel Bruno, und wer sich an den Zustand vor 1837 zurückerinnert, als Burg- und Leinstraße noch der Centralpunkt Hannovers waren, als da, wo sich jetzt die Ernst-Auguststadt aufgebaut hat, Kartoffeln, Kohl und Rüben gebaut wurden, an der Stelle des Theaters noch ein hoher Wall mit einer Windmühle darauf und ein übelduftender Stadtgraben sich befand, der wird Bruno das kaum verdenken. Das mäßig gute Theater, das Conditoreileben bei Spohn und für Auserwählte die geistig belebtere Existenz in der Kutsche, später in Lemförde, dem Versammlungsorte der Künstler und Schöngeister, behagte Bruno nicht. Ein großer grauer Kater hatte sich indeß auf Detmold's Schulter gesetzt und umschmeichelte ihn, während er einen andern schwarzen Kater auf dem Schose sitzen hatte und ihn streichelte. »Kann es schönere, geschmeidigere, lieblichere Formen geben als die eines solchen Katers, die eines siebzehnjährigen schönen Mädchens etwa ausgenommen?« fragte der Buckelige. Bruno starrte auf ein altes Oelgemälde an der Wand, dachte aber an Excellenz Stralenheim und wurde durch die Frage inne, daß es Zeit sei, sich zu empfehlen. »Apropos«, sagte Detmold, »wenn Sie noch ein Viertelstunden Zeit übrighaben, bleiben Sie. Es wird heute das große längsterwartete Ereigniß erfolgen; das Patent, welches das Staatsgrundgesetz aufhebt, ist in der Druckerei und wird abends in der Hannoverschen Zeitung und der Gesetzsammlung publicirt, in spätestens einer halben Stunde erhalte ich einige Abzüge davon. Wir wollen uns in die Arbeit theilen, ich übernehme für heute die ›Augsburger‹ und den ›Courier‹, Sie können an die ›Börsen-Halle‹ und die Kölner berichten.. Heben Sie die crassesten Sätze heraus und widerlegen Sie solche so kurz und schlagend wie möglich. Morgen wollen wir tauschen, bis dahin können Sie Ihre Gedanken sammeln und sich im ›Deutschen Courier‹ mindestens ausführlicher aussprechen.« »Ich warte natürlich«, sagte Bruno und stieß einen derben Fluch aus. In diesem Augenblicke erschien ein Buchdruckerlehrling und überreichte Detmold eine verschlossene Mappe. Als derselbe sich entfernt hatte. schloß jener die Mappe mit einem eigenen Schlüssel auf und zog sechs Fahnen des Gesetzblattes heraus, von denen er eine sofort couvertirte an die Adresse eines obscuren Mannes, der aber Magistratsdiener in Osnabrück war und das Empfangene sofort an Stüve ablieferte. Bruno mußte die Adresse mehrmals schreiben, denn daß seit Ernst August's Ankunft das Briefgeheimniß zu existiren aufgehört habe, glaubte man wenigstens allgemein. Bruno durchflog das Patent und begleitete einzelne Sätze mit Schimpfreden. »Das hilft zu nichts«, sagte der Kleine, »gehen Sie nach Hause und seien Sie fleißig, daß die Abendpost Ihre Artikel mitnehmen kann. Abends kommen Sie mit Ihrem Onkel nach Wessel's Schenke, Rumann und andere Leute kommen auch, da wollen wir etwas öffentliche Meinung machen. Ich werde Sie Rumann vorstellen.« Unser junger Freund eilte zu dem Onkel, der außerhalb der Stadt wohnte und der nach bürgerlicher Manier zu derselben Zeit wie seine Arbeiter das Mittagsessen einnahm, um zwölf, und ihn nun wegen seines Zuspätkommens auszankte, sich aber sofort besänftigte, als Baumann ihm die Neuigkeit des Patents mittheilte. Friedrich Schulz war noch zorniger, als Baumann es gewesen. »Da soll ja dieses – – –«, sagte er, »das man zu meiner Zeit in London kaum werth achtete, es mit faulen Orangen zu werfen, ein Kreuzdonnerwetter holen. Das wagt er, uns Hannoveranern zu bieten? Meint er, wie 1810 von bestochenen Coroners bei der Leiche seines Kammerdieners, auch von der Weltgeschichte in Beziehung auf uns ein Verdict zu bekommen felo de se ? Da wird er verdammt irregehen! Er soll hier erleben, was ein unabhängiger und selbständiger Bürgerstand vermag!« Der Onkel erzählte nun die dem Neffen gänzlich unbekannte Mordgeschichte vom 31. Mai 1810 nach den Traditionen, welche die Bekannten von Sellis in Umlauf gesetzt hatten und die das Volk wenigstens glaubte. Baumann hatte über das wichtigere vaterländische Ereigniß seinen persönlichen Kummer vergessen, er schrieb aber mit der Galle, die in sein Blut eingetreten war, zwei der bissigsten Artikel, die wol überhaupt gegen das Patent vom 1. November geschrieben sind, die er jedoch, als er sie später gedruckt zu Gesicht bekam, durch Selbstcensur der Redactionen und dann durch den Rothstift des Censors arg verstümmelt fand. Am Abend waren im Speisesaale von Wessel's Schenke viele angesehene reichere Bürger und manche Staatsdiener, die aber heute aufgehört hatten es zu sein und königliche Diener geworden waren, um ein Beefsteak zu essen. Man traf sich anscheinend zufällig, erging sich natürlich über das soeben durch die Zeitung publicirte Patent und zwar in freiester Weise, nur daß man den Namen Ernst August nicht aussprach, sondern den Namen Schele substituirte. Die auffallendste, am stärksten markirte Persönlichkeit der Gesellschaft war Rumann, Stadtdirector, auch bisher Präsident der Zweiten Kammer. Er war groß, stark gegliedert, ein kluges, Gehorsam heischendes Auge blickte aus seinem männlichen Antlitz. Trotz mancher persönlichen Schwächen, die er mit andern Größen theilte, mit Fürst Hardenberg weiland, mit seinem Freunde Detmold, ja mit dem neuen » Rex mulierosus « selbst, war er bei der Bürgschaft äußerst beliebt, da er die Rechte der Stadt gegen landdrosteiliche und ministerielle Bureaukraten bis dahin glänzend zu vertheidigen gewußt hatte und das Ohr des Vicekönigs von Cambridge besaß. Unter einem anscheinend kalten und ruhigen Aeußern tobte eine heftige, fast dämonische Natur; er war Anhänger der Principien von 1789 und Mirabeau sein Vorbild. Eine große Statuette desselben stand in seinem Arbeitszimmer und er liebte es, einen ganz kleinen Napoleon zwischen die Beine der Statuette zu stellen, »um dem Menschenschlächter seinen Platz anzuweisen«. Rumann hatte gehofft, bei Ernst August denselben Einfluß zu gewinnen, den er auf den Vicekönig ausgeübt; nun war er aber bei der Vertagung der Stände (im Juli) ohne vorherigen, im Staatsgrundgesetze vorgeschriebenen »Regierungsantritt durch Patent, mit dem königlichen Worte, die Verfassung aufrecht zu erhalten« dupirt, und man wälzte die Schuld, welche die ganze Zweite Kammer traf, auf deren Präsidenten. Er hatte seinen Vetter, den weiland westfälischen Staatsrath Leist, der als Begutachter der Nichtigkeit des Staatsgrundgesetzes von Ernst August nach Hannover berufen worden, an seinen Tisch genommen, um indirect auf den neuen König wirken zu können; seine Hoffnung war getäuscht. Er haßte Schele und den Feldzeugmeister von der Decken, weil er seit 1814 wußte, daß beide nur darauf ausgingen, das Land für den Adel auszubeuten; jetzt empörte ihn der Siegesjubel dieser Junker, es kochte in seinem Innern, er brannte vor Begierde, dem Könige zu zeigen, daß er Macht habe. Der von Detmold ihm vorgestellte Neffe des angesehenen Maschinenbauers wurde von ihm mit liebenswürdiger Zuvorkommenheit und weltmännischer Tournure eingeladen, an seiner Seite Platz zu nehmen. In kurzer Zeit hatte Rumann unsern jungen Freund um- und umgewendet, durchforscht, was an ihm war, was er wußte und konnte, und im Geiste schon den Platz angewiesen, den er in dem beginnenden Kampfe auszufüllen habe. Er ließ sich von Bruno ausführlich die Scene des Morgens bei Excellenz Stralenheim erzählen: »Da sehen Sie die bureaukratische Weisheit; das ist der Mann, der uns vor zwei Jahren durch seine Zähigkeit das Allodificationsgesetz verdarb, der unserm Lande die ungeheuere Lächerlichkeit aufgebürdet hat, daß wir jedes einzelne Zweigutegroschenstück justificiren lassen, der sich jetzt vor Schele, den er nicht liebt, beugt, und sich zum Departementsminister erniedrigen läßt, um im Amte zu bleiben. Lassen Sie sich dadurch nicht irremachen, dienen Sie wie bisher der gerechten Sache. Ich habe Artikel von Ihnen gelesen, die meinen vollen Beifall haben. Folgen Sie Detmold, Sie haben an ihm einen guten Lehrmeister, einen vortrefflichen Rathgeber und einen guten Freund.« Baumann folgte dem Rathe. Als unser junger Freund nach einigen Tagen wieder nach Göttingen zurückgekehrt war, fand er dort große Aufregung, aber noch größere Unschlüssigkeit. Es handelte sich um die Frage: Werden die Corporationen etwas thun? Wird die Universität als solche zum activen oder passiven Widerstande schreiten? Was wird die Justizkanzlei thun? Was der Magistrat? Daß letzterer nichts that, konnte als feststehend angenommen werden, denn Ebel und die größere Anzahl bürgerlicher Senatoren waren unbedingt mit allem zufrieden, was von oben verfügt wurde, und wenn der Syndikus auch mit der Justizkanzleipartei liebäugelte, so war er doch ein zu schwacher Mann, um sich an die Spitze der Opposition im Bürgervorstehercolleg zu stellen. In der Justizkanzlei war die Mehrheit der Ansicht, das Thun Ernst August's sei Unrecht und Gewalt, das Staatsgrundgesetz bestehe nach wie vor zu Recht, und jeder, der darauf eidlich verpflichtet, sei nach wie vor an seinen Eid gebunden. Nur der Verfasser des »Hannoverischen Adelslexikon«, von dem Knesebeck, Justizrath von Hinüber und Assessor Bacmeister erkannten das Patent als rechtsgültig an. Von der Universität als solcher regte sich nichts. Man erzählte sich, Dahlmann habe bei dem Prorector und gleichzeitigen Regierungscommissarius Bergmann vergeblich auf eine Zusammenberufung des Senats angetragen; was sollte auch der Senat, diese Versammlung von zehn oder elf ruheliebenden Greisen? Dagegen war die Studentenwelt, mit Ausnahme zweier Corps, in welchen hannoverische Junker das Uebergewicht hatten, sehr aufgeregt. Das zeigte sich namentlich bei einem Publicum, das Gervinus abends im Meister'schen Pandektenstalle las, über den »Fürsten« von Macchiavelli. Jede nur irgend auf die von Ernst August eingeschlagene Politik zu deutende Stelle wurde durch Demonstrationen unterbrochen. Und da nicht allein Studenten, sondern Justizräthe, Richter, Professoren, Gebildete aus allen Klassen die öffentliche Vorlesung besuchten und an dem Beifalle theilnahmen, so gewannen die Vorlesungen täglich mehr an Bedeutung. Daß unser Freund Bruno dort nicht fehlte, war selbstverständlich. Nun hatte damals das »Berliner Wochenblatt« das richtige Wort gefunden, es sagte: »Wenn der König die Verträge verletzt, welche das Grundgesetz des Landes bilden, und zugleich die ständische Versammlung, welche Beschwerde führen könnte, nicht mehr zusammentreten läßt, so ist allerdings der einzelne berechtigt, den Monarchen auf das Unrecht aufmerksam zu machen. Die Verwahrung dessen, dem unrecht geschieht, gegen Handlungen der überlegenen Gewalt, ist eine Art der Verteidigung, die nur der Despotismus für ein Verbrechen erklären kann.« Detmold machte Bruno auf diesen Vorsatz aufmerksam. »Der dort ausgesprochene Gedanke«, schrieb er, »muß nach allen Seiten hin und in allen möglichen Formen, wenn es sein kann, sogar grob polemisirend, wie vom entgegengesetzten Standpunkte geschrieben, durchgearbeitet werden, damit in den Hannoveranern und im deutschen Volke überhaupt der Gedanke rege werde, daß ein Volk nicht mehr rechtlos ist, daß der einzelne zu solchem Widerstande nicht nur berechtigt, sondern verpflichtet ist. Schreiben Sie scharf und anzüglich, schonen Sie keine Person.« Der Rath war ein überflüssiger, Brunos Natur neigte von selbst dahin. Er hatte eine älterliche Erziehung vermißt; schon als Knabe von acht Jahren war er in die Schule zu Münden geschickt, zu einem Lehrer, der alter Junggeselle war, dann hatte er in Göttingen auf dem Gymnasium ohne Familienumgang gelebt, ohne allen Umgang mit »edeln Frauen« namentlich. Sein Vater, noch mehr der Großvater Oskar Baumgarten hatten ihm beständig vorgepredigt: »Bleibe bei der Wahrheit, sage ungescheut jedermann die Wahrheit in das Gesicht«, und das hatte er sich zu Herzen genommen. Er hatte sich aber dabei die unglückliche Manier angewöhnt, den Leuten die Wahrheit auf eine unangenehme, sie persönlich verletzende Art zu sagen. Als Student hatte er sich mit den üblichen burschikosen und zum Theil cynischen Redensarten abgefunden, was ihm vielerlei Händel zugezogen hatte, als Candidat hatte sein Lehrherr beständig Noth, Anzüglichkeiten und beleidigende Ausdrücke zu modificiren oder zu streichen. Jetzt, in der Politik, wo er es seltener mit einzelnen Personen, als mit Principien, oder mit in Bildung begriffenen Parteien zu thun hatte, schlug er am liebsten mit dem Dreschflegel hinein und wurde von den Redactionen scharf überwacht. Die fein zugespitzte, aber scharf und sicher treffende satirische Malice seines Freundes Detmold fehlte ihm. Baumann ging nun den Indifferenten, den nicht warmen, nicht kalten, den Philistern, dem Stockhofrathsthume, das sich aus diesem oder jenem Grunde der Betheiligung an der Tagespolitik zu entziehen suchte, zu Leibe. Er hatte sich Börne zum Muster genommen, ohne ihn zu erreichen. Wenn Baumann und seine Freunde im Billardsaal des Museums Zeitungsartikel laut zu kritisiren anfingen, so schlich sich ein Professor nach dem andern davon. Da eine literarische Thätigkeit, wie er sie übte, nicht verborgen bleiben konnte, so kam es bald dahin, daß Bruno für den Verfasser aller und jeder Artikel galt, die, aus Göttingen oder aus dem Hannoverschen datirt, in irgendeiner Zeitung standen, wenn er auch noch so unschuldig daran war. Das zog ihm denn von den Angegriffenen oder denen, die sich getroffen fühlten, Herausforderungen, von den Tückischen heimliche Feindschaft, Verleumdung, Schädigung, von der Polizei Ueberwachung zu. Dagegen ließen ihm Freunde der Sache, die er vertheidigte, Mittheilungen aus allen Landestheilen zugehen und fehlte es ihm keinen Tag an Stoff zu Berichten. Es war am 19. November, als ein ihm befreundeter junger Professor ihn im Museum beiseiterief, ihm etwas Geschriebenes in die Hand steckte und sagte: »Das Neueste, lesen Sie, aber nicht hier.« Bruno eilte nach Hause und las hier den Protest der Sieben, Dahlmann's, Albrecht's, Jakob und Wilhelm Grimm's, Ewald's, Gervinus' und Wilhelm Weber's. Der Protest durchschütterte jede Fiber seines Körpers, er war ihm kein Schriftstück, sondern eine That, wie er sie seit Wochen provocirt hatte, eine That, die sich anreihte dem Anschlage der Thesen Luther's an die Kirchthüren von Wittenberg. Diese That konnte nur durch möglichst weite und schnelle Verbreitung an Bedeutsamkeit gewinnen. Neben seinem Arbeitszimmer war die Wohnung seines Lieblingsvetters, des jungen Schulz aus Hannover, der sich ganz seiner politischen Richtung hingab und den er schon oft gebraucht hatte, nach seiner Angabe Correspondenzen zu schreiben, um seine Autorschaft durch andern Stil und andere Art zu maskiren. Der Schlüssel steckte freilich in der Stubenthür, die Stube aber war leer, ebenso war es in den Stuben seiner übrigen Zöglinge, die eine Treppe höher wohnten. Die Aufwärterin belehrte ihn, daß die jungen Herren unten im Gartensalon sein, um einen »Rappiermops« auszumachen. »Laßt für heute die Kindereien«, sagte er, »es ist ohnehin schon zu dunkel dazu. Ich brauche euere Hülfe. Georg, Oskar und Karl lassen den Gartensalon erleuchten und heizen und richten zwölf Plätze zum Schreiben ein, mit den nöthigen Schreibmaterialien. Ihr andern geht zu den nächsten Freunden und treibt sie hierher, in einer Viertelstunde müssen die Plätze besetzt sein, ich werde dictiren.« Die Anordnungen wurden auf das bereitwilligste befolgt und nach kurzer Zeit stand unser Freund in einem Kreise von zwölf ihm zum größten Theil unbekannten Persönlichkeiten. Nach einer halben Stunde waren zwölf Abschriften des Protestes vorhanden. »Die Herren werden ohne weiteres begreifen, um was es sich handelt; die schnellste Verbreitung und mindestens vierundzwanzig Stunden um Geheimhaltung. Ich ersuche Sie, die Procedur noch dreimal zu wiederholen, Schulz wird dictiren. Der Bediente ist schon nach der Fink und augenblicklich wird auch ›Stoff‹ erscheinen. »Außer diesen zwölf Exemplaren bedarf ich noch zweiundzwanzig, die in einer Stunde geschrieben sein müssen. Dann schreibt jeder für sich selbst ein Exemplar ab, treibt so viel Freunde zusammen, als er findet, und wiederholt die Procedur bis zur Ermüdung in der Nacht; die Abschriften werden in alle Theile Deutschlands geschickt, und wer im Auslande Bekanntschaft hat, sendet sie auch dahin!« »Bravo!« rief der Chor, und als nun auch der Bediente mit kasseler Bier eintrat, mußte Bruno erst mit auf das Wohl der Sieben anstoßen, auf sie, welche die Ehre der Universität gerettet hatten. Nun sendete Bruno die erhaltenen Abschriften an Detmold, Rumann, seinen Onkel Schulz in Hannover, an sämmtliche Zeitungen, mit denen er in Verbindung stand (und für alle existirte in Hannover ein obscurer Name, weil man dem Postgeheimnisse mistraute), auch soweit die Abschriften reichten, an andere renommirte Zeitungen, die er nur dem Namen nach kannte. Als er seine Briefe versiegelt und in den Gartensalon trat, um die schon fertigen zweiundzwanzig neu geschriebenen Exemplare in Empfang zu nehmen, mußte er erst mit den schreibeifrigen Studenten ein Pereat trinken; wem dasselbe galt, ist unschwer zu errathen. Unser junger Doctor ging mit seinem Vorrathe zunächst nach dem Literarischen Museum, dann nach dem Civilclub, schließlich nach der Krone, die Abschriften überall an Gesinnungsgenossen vertheilend, gegen das Versprechen, vierundzwanzig Stunden zu schweigen, jedoch auf die Art, wie er gethan, für schnellste und weiteste Verbreitung zu sorgen. So geschah es, ohne Wissen und Willen der Sieben, während Excellenz Arnswald noch hoffte, vertuschen zu können, daß Hunderte von Abschriften des Protestes durch Deutschland, ja in Europa verbreitet wurden. Grant und Baumgarten hatten sogar noch vor Postschluß das Actenstück an ihre Väter in Washington und Pittsburg geschickt. Die jüngere Generation, welche die Weltumwälzung von 1848 erlebt und den Krieg von 1866, ist gewohnt, auf die That eines solchen Protestes geringschätzend hinzublicken. Ja, der Glorienschein ist abgeblaßt, ein Fähnrich oder Hauptmann, der bei Königgrätz verwundet davonkam, glaubt sich ein Held gegen solches »Federvieh«, wie es an der Tafel des königlichen Vetters in Berlin Ernst August nannte, das es auch nach 1848 zu weiter nichts gebracht habe, als zu der Professoren-Kurfürstenschaft in Frankfurt. Allein ein zeitgenössischer Dichter, Literarhistoriker und preußischer Geschichtschreiber würdigte die That doch gerechter, indem er auf die sittlichen Momente hinwies: »Eid, Meineid, Treue, Treubruch, Ehrlichkeit, Verrath, das waren keine politischen Spitzfindigkeiten, das waren sittliche Conflicte, deren Bedeutung jedermann erkannte. Es handelte sich darum, ob unter irgendeiner Verfassung irgendeine königliche Ordonnanz die ewigen Grundfesten der Sittlichkeit und Wahrheit mit einem brutalen Quos ego erschüttern konnte«, sagte Robert Prutz. Und diese Wahrheiten, die man noch heute verachtet, kann auch das Jahr 1866 und die folgenden sich gesagt sein lassen; es ist die alte Speise, woran die Menschheit seit Jahrhunderten kaut: Recht oder Gewalt! Wahrheit oder Lüge! Redlichkeit oder List. Der Protest und die brutale Gewalt, welche Ernst August, der erste Welfe, der wieder ein Königreich Hannover als selbständiges »Mittelreich« beherrschte, den Sieben anthat, haben Deutschland durch und durch erschüttert und nicht wenig beigetragen zu dem Untergange der Welfendynastie; sie haben in Preußen zuerst den Drang nach der in schweren Zeiten zugesagten Verfassung wieder wach gerufen, sie sind über die Donau hinübergedrungen, bis in die höhern Lebenskreise der lebenslustigen Kaiserstadt, sie haben wieder an die Zusammengehörigkeit der deutschen Stämme gemahnt, an den Gedanken, daß das deutsche Volk sich gemeinsam solcher Männer wie der Sieben annehmen müsse gegen den Despotismus eines einzelnen. Die deutsche Wissenschaft hat durch die würdigsten ihrer Repräsentanten den augenscheinlichen Beweis geliefert, daß sie nicht feil sei wie eine berliner H—, obwol das Ernst August an königlicher Tafel in Berlin in Gegenwart eines der ausgezeichnetsten Repräsentanten der Wissenschaft zu behaupten gewagt hatte, und es mußte in Berlin danach sein, um solches an solcher Stelle sagen zu dürfen. Ohne den Verfassungsbruch in Hannover mit allen seinen Folgen, namentlich der allgemeinen Verachtung des Bundestags, würde es 1848 nimmer zu einem Vorparlament und Parlament in Frankfurt, nicht zu der Kaiserspitze und 1866 nicht zu der Schlacht von Sadowa gekommen sein. Wer die Poesie der Weltgeschichte in dem Umschwunge nicht erkennt, daß der Freund und Rathgeber Baumann's, der kleine, verkrüppelte Advocat Detmold, jüdischer Abkunft, der 1840 in Hannover confinirt war, der keinen Schritt und Tritt thun durfte, ohne von Gensdarmen begleitet zu sein, der in seinen Kindermärchen den König als einen Kater darstellte, welcher die Mäuschen zum Frühstück verspeise, und den Hannoveraner-Mäuschen die Lehre gab: daß niemand gefressen wird, der sich nicht fressen lassen will – daß dieser Mann Reichsminister wurde und nach Wiederauflebung des Bundestags Bundestagsgesandter Ernst August's, wie er, angeblich gegen den Willen des Ministeriums, aber mit Willen des Königs, den Austritt aus dem Dreikönigsbündniß und den Beschluß des Bundestags vom 23. August 1850 beförderte, und dadurch den zweiten Schritt that, den Untergang Hannovers anzubahnen – für den sind diese Zeilen nicht geschrieben. Wer aus einem Roman lieber erfahren will, ob Wilhelm seine erstgeliebte Luise zur Frau, oder Melitta ihren Gardekapitän zum Manne bekommt, oder wie Ottilie dazu gekommen, dem einst geliebten Gatten untreu zu werden, wer das lieber will als einen Einblick gewinnen, wie es geschehen konnte, daß eine Dynastie, die über achthundert Jahre im niedersächsischen Boden gewurzelt, depossedirt werden konnte, und wie ein Königreich von beinahe zwei Millionen von der Landkarte verschwand, der lasse die folgenden Blätter ungelesen. Denn schildern diese auch Leben und Treiben, Freuden und Leiden der Kinder und Enkel unserer bisherigen Helden, so bedingte eben der Charakter der Zeit, wie der Charakter dieser Helden, daß die Lebensschicksale derselben zum großen Theile durch die Tagesereignisse bestimmt wurden. Die Wirkung des Siebener-Protestes in Deutschland, ja in Europa, war erstaunlich. Was in Hannover geschah, war übrigens nur ein Symptom einer weitschleichenden und Deutschland untergrabenden Krankheit, ein einzelner Fall, wo die Geschichte Execution hielt! Gleiche Ursachen – gleiche Folgen gilt künftig wie damals. An einem der folgenden Tage ging Baumann, da der Novembertag so klar und hell war wie ein schöner Januartag, nach Geismar hinaus, um dem Pastor Sander eine Bestellung Detmold's auszurichten. Sander, der sein eigener Patron war, hatte sich bis dahin als der einzigste unter allen Geistlichen entschieden als Gegner des Patents hervorgethan und seine Amtsbrüder in einer Schrift auch zur Eidesverweigerung aufgefordert. Die Hausgenossen begleiteten Bruno, blieben aber am Eingange des Dorfes bei dem Dreilindenwirthe, während jener in das Dorf zum Pastor ging. Die Unterhaltung war lang, so kam es, daß man erst nach acht Uhr, als es schon dunkel war, wieder in das Geismarthor eintrat. Was war das? die ganze kurze Geismarstraße war vom Entbindungshause an mit Menschen gefüllt? Die Studenten der Theologie wollten Ewald ein Vivat bringen, sie wollten nicht hinter den Juristen, Philologen und andern Facultäten zurückstehen, die gestern Albrecht, den Grimms, Dahlmann, Weber und Gervinus ihr Hoch gebracht hatten. Nun aber schlichen schon sämmtliche Pedelle zwischen der Masse umher und vermahnten noch mit Güte, aber im Namen des Prorectors, nach Hause zu gehen, und unter den Zweihundert, die da außer dem unvermeidlichen Straßenpöbel versammelt waren, schien nicht ein Mann von Energie zu sein. Als Baumann mit seinen Freunden mühsam zu der Wohnung Ewald's sich vorgedrängt hatte und die Situation überschaute, war er nicht lange in Zweifel, was zu thun sei; er schrie: »Ewald, der wahre Protestant, der Ueberzeugungs- und Eidestreue, er lebe hoch!« und nun hielt niemand sein Hoch zurück. Kaum hatte er angefangen, als Pedell Dierking ihm im Namen des Prorectors Schweigen gebot, indem er ihn an dem Rockkragen faßte. – »Hat mir nichts mehr zu befehlen, der Prorector – Hand vom Rock, oder ich schlage zu!« Bruno wurde vor die Polizei citirt, in eine Geldstrafe genommen und von Herrn von Beaulieu eindringlich ermahnt, sich nicht wieder als Anführer und Aufrührer von Studentenmassen zu zeigen, wenn er überhaupt erwarte, als Advocat angestellt zu werden. Nicht so leichten Kaufes kamen seine Eleven davon, welche von Dierking als Hauptschreier denuncirt waren, sie machten auf acht Tage Bekanntschaft mit dem neuen Carcer, aber zugleich mit der schönen Elise, der Castellanstochter. Wenige Tage später wurde von Hannover aus das System der Lüge und Fälschung schlimmer und frecher, als man es je an dem westfälischen Hofe zu Kassel betrieben, in Bewegung gesetzt. Ernst August besuchte das Jagdschloß Rotenkirchen, und der Prorector theilte dem Senat und der Universität mit, es werde gewünscht, daß man eine Deputation dorthin sende. Das geschieht, eine Deputation des Magistrats schließt sich an. Als die Deputation dort ankommt, erschienen der junge Schele und Lueder, welche mit allen Mitteln der Ueberredung und des physischen Zwanges den schwachen Professoren und Magistratsmitgliedern eine Adresse abzunötigen suchen, in der Universität und Stadt den Protest der Sieben misbilligen. So schwach Bergmann war, so war er dazu doch nicht zu bewegen, er sprach nur einige Worte über das unglückliche Ereigniß der Bekanntwerdung und schnellen Verbreitung der Proteste, und nahm die Mitwirkung der Sieben dabei in Abrede. Ebel dagegen hatte sich da zu den Worten verleiten lassen, daß er Namens der Stadt und Bürgerschaft sein Bedauern aussprach, wie einige Professoren, ihre Stellung völlig miskennend, Schritte gethan, die von der Bürgerschaft allgemein gemisbilligt würden. Die »Hannoversche Zeitung« brachte statt dessen eine in Hannover fabricirte Adresse, nach welcher die Universität »sich verpflichtet erachtet, den unüberlegten Schritten einiger Lehrer gegenüber die Gesinnung des unbegrenzten Vertrauens zu den landesväterlichen Absichten Sr. Majestät wie ihre unwandelbare Treue auszusprechen«. Man hatte erwartet, daß das Federvieh dem zu widersprechen nicht wagen würde; als dennoch Otfried Müller, Kraut, Ritter, Thöl, von Leutsch und Schneidewien eine Art von Zustimmung zu dem Proteste drucken ließen, als in der Kasseler Zeitung das Lügengewebe über die rotenkirchener Adressen aufgehellt wurde, da stieg die Erbitterung der Bürger Göttingens gegen ihren Magistratschef in dem Maße, daß ihm ein Pereat gebracht und die Fenster eingeworfen wurden. Gegen die Ebel schräg gegenüber wohnenden Studenten unter Baumann's Aufsicht wurde von neuem Untersuchung eingeleitet, ohne Erfolg; Bruno selbst aber war in Hannover von dem Magistratschef als Urheber der Affaire denuncirt und auf Befehl von dort unter specielle, aber geheime Polizeiaufsicht gestellt. Inzwischen war es December geworden und das Weihnachtsfest nahte. Zehn Tage vor diesem Feste rückte eine Schwadron Dragoner aus Northeim in die Universitätsstadt ein, auch wurde die reitende Gensdarmerie verstärkt. Nachmittags wurden die Sieben nach dem Consilienhause geladen, ihnen dort ihre Entlassung angekündigt, wobei Dahlmann, Gervinus und Jakob Grimm zugleich eröffnet wurde, daß sie binnen drei Tagen sich aus dem Lande zu entfernen hätten, widrigenfalls sie an einen andern Ort gebracht und Untersuchung über die außerordentlich schnelle Verbreitung der Schrift, in Hannover sowol als im Auslande, angestellt werden sollte. Also die schwersten Criminalstrafen, Entsetzung und Landesverweisung, wurden ohne richterliches Urtheil und Recht an denen vollstreckt, die in Ehrerbietung, ohne Trotz ihr Gewissen zu wahren versucht hatten. Bruno Baumann ging am andern Tage zu seinem hochgeschätzten Lehrer, um von ihm Abschied zu nehmen und ihm zu bekennen, daß er es gewesen sei, der hauptsächlich zur Verbreitung der Proteste beigetragen habe. Dahlmann, der sonst so unschöne, mit dem großen Munde, den dicken Lippen und dem in die Höhe stehenden Haare, der immer kalte und harte, war heute weich und gerührt. Er hatte mehr Zeichen der Liebe und Anerkennung gefunden, als er es selbst erwartet, und er blieb selbst milde und unerregt, als ihm in Gegenwart Baumann's das Unerhörteste begegnete, was sich denken läßt. Der vom Amte Vertriebene hatte am Schwarzen Bret anschlagen lassen, daß, da er durch königliche Gewalt behindert sei, seine Vorlesungen über Politik, Volkswirthschaft und deutsche Geschichte fortzusetzen, er bereit sei, das Honorar dafür den Fordernden zurückzuzahlen. Er nöthigte seinen alten fleißigen Schüler zum Sitzen und sprach sich gegen ihn offener aus, als es sonst seine zugeknöpfte Art gestattete. Bruno war nun Zeuge, wie nacheinander zehn und mehr Studiosen kamen, um Abschied zu nehmen, auch auf das eingezahlte Honorar zu verzichten und sich als Liebeszeichen seinen Namen in ihr Stammbuch oder sonst ein Andenken auszubitten. Er war aber auch Zeuge, als der Frechste aller Frechen, der durchtriebenste Stiefelwuchs kam mit sieben Belegkarten und im Namen des Grafen von Schlottheim und Consorten sich das Honorar zurückerbat, oder vielmehr nicht erbat, sondern mit befohlener Unverschämtheit forderte. Baumann wollte den Kerl die Treppe hinabwerfen, weil er es für unmöglich hielt, daß hannoverische Adeliche, wenn sie auch nur acht bis zehn Wochen bei Dahlmann gehört, sich das ganze Honorar zurückerbitten könnten, und weil er dem Stiefelwuchs zutraute, die Karten entwendet zu haben. Dieser versicherte aber hoch und theuer, die Belegkarten vom Grafen von Schlottheim nebst Auftrag zur Zurückforderung des Geldes empfangen zu haben. Er verschwieg freilich, daß Schlottheim ihm die Hälfte der 7 Louisdor als Trinkgeld zugesagt hatte. Einen Quästor gab es damals nicht in Göttingen, Dahlmann zahlte zurück, Baumann bat sich als Andenken die Belegzettel aus und besitzt sie noch heute; möglich, daß er sie im preußischen Abgeordnetenhause oder im Reichstage einmal einem der Herren vorzeigt, die sich damals zu diesem Schritte von Alexander von Schlottheim bewegen ließen. Die Stadt war aufgeregt, – öffentliche Anschläge verboten Zusammenrottungen, es sollten nicht mehr als drei Studenten zusammenstehen. Dragoner ritten mit blanken Säbeln durch die Straßen, bereit einzuhauen, wenn sich Zusammenrottungen zeigten. An den Straßenecken fand man geschriebene Aufforderungen, morgen den Professoren Dahlmann, J. Grimm und Gervinus das Geleit nach Münden zu geben; Polizeidiener und Gensdarmen waren beschäftigt, diese Zettel abzureißen, kaum abgerissen, wurden sie aber wieder erneuert. Es hatte geglatteiset und auf dem göttinger glatten Basaltpflaster war schwer zu reiten, gar nicht auf dem noch glättern Trottoir von Granit. Dies und der Umstand, daß auf der Weenderstraße für alle Brauhäuser gerade die sogenannten Wellen angefahren waren, Unterhölzer aus dem Göttinger Walde zur Feuerung, bewirkte, daß man die Dragoner reizte und verhöhnte, sich zusammenrottete und dieselben mit den Reiserbündeln von sich abwehrte und zu Falle brachte. Es war Sonnabend, den 16. December nachmittags, als Creizenach dem Freunde Bruno, mit dem er verabredet hatte, den drei Entsetzten das Geleit nach Kassel zu geben, die Nachricht brachte, der Prorector habe die Reise über Münden inhibirt und den Professoren eine Zwangsordre gegeben, über Witzenhausen zu reisen. »Außerdem aber, denke dir die Schweinewirthschaft! hat die Polizei allen Pferdephilistern bei 20 Thalern Strafe untersagt, heute und morgen an Studirende Wagen oder Pferde zu verleihen. Hat sie dazu ein Recht? Ist das nicht ein Eingriff in Privatrechte?« »Du weißt«, erwiderte Baumann, »daß ich immer gesagt habe, die göttinger Polizei thut, was sie will und kann, das heißt, woran sie nicht gehindert wird. Recht oder Unrecht, das sind Begriffe, die weder Beaulieu noch sein würdiger Polizeisenator kennen!« »Wir, Oppenheim, Paul von Scherff, Wolfsohn, Roos, Stricker«, fuhr jener fort, »haben beschlossen, nachmittags nach Witzenhausen voranzugehen, um dort den Verbannten einen würdigen Empfang zu bereiten. Da Schüler sich mitzugehen entschlossen hat, das Gehen ist sonst seine Sache nicht, will auch Karl von Rothschild mit; da haben wir also Aristokratie, haute finance und Demokratie zusammen. Willst du mit? oder deine Füchse?« »Ich kann nicht, ich muß noch ein Dutzend Briefe schreiben, damit ganz Deutschland erfahre, mit welcher brutalen Gewalt man hier vorgeht. Aber du thust mir einen Gefallen, wenn du die Füchse mitnimmst, dann wird es hier ruhig. Der Grant ist ganz außer sich und schimpft den ganzen Tag über die Feigheit der Deutschen. Sorge aber dafür, daß sie keinen Unsinn treiben. Ich komme morgen mit Bock und Wippermann nach, einen Wagen will ich schon bekommen, der alte Brandes läßt sich von einem Heinze so leicht nicht ins Bockshorn jagen.« Die Studiosen zogen gegen Abend zu verschiedenen Thoren hinaus, auf der Landwehr wollten sie sich sammeln. Es zogen aber nicht nur die Freunde, die wir kennen gelernt, es zogen Hunderte aus allen Gauen Deutschlands mit ihnen. Der Abend war frisch, die Felder lagen voll Schnee, der Mond schien hell, und der Schnee leuchtete mit ihm um die Wette. Die Studiosen erhielten noch Arbeit, um ihr Müthchen in der Nacht zu kühlen. Im Dorfe Friedland brannte es, und die Schar der jugendlichen Ritter trug nicht wenig dazu bei, die Macht des Elements zu dämpfen. Daran lag es denn wol auch, daß sehr wenige in der Nacht ihr Ziel, Witzenhausen, erreichten, die meisten blieben in größern oder kleinern Trupps in den Dörfern an der Landstraße hängen, in Friedland, Mertzhausen, Mohlenfelde. Unsere Freunde drangen noch in der Nacht bis zum Försterhause, weil George Grant die Stätte sehen wollte, wo sein Pathe Georg Baumgarten geboren war. Baumann fuhr schon früh morgens mit seinen Freunden aus und traf gegen neun Uhr in Witzenhausen ein, eben als die ersten Scharen Studirender einzogen unter Führung eines Bremanen, des rothen Baumeister. Da er in Witzenhausen wohl bekannt war, kehrte er in jenem Wirthshause neben der Rathsapotheke ein, das 1792 Heinrich Schulz unter seinem gastfreundlichen Dache gesehen hatte. Es kamen indeß immer neue Scharen angezogen, auch das junge Göttingen mit Baumann's Füchsen traf endlich ein. Man hatte sich im Forsthause zu lange bei dem Frühstück aufgehalten, und Karl von Rothschild zeigte sich als Meister, die göttinger Professoren zu imitiren, namentlich seinen Mentor, den Hofrath Rusticus. – Bauer hielt dem Baron nach seiner Rückkehr nach Göttingen eine Strafrede über das Vergehen des witzenhauser Geleits, ähnlich der Scene, die zwischen Falstaff und Prinz Heinrich spielt. Der Herr Baron war in seinen göttinger Jahren von einer Suada, von der das Mitglied des Reichstags und Herrenhauses bisher nur wenig Reste gezeigt hat. Der Bürgermeister hatte indeß, da in den Wirthshäusern für mehr als zweihundert Studenten kein Unterkommen zu finden war, diesen die Rathhausschlüssel gebracht, und die Hanseaten Cords und Burmeister nahmen es in die Hand, die kommende Feierlichkeit einigermaßen vorzubereiten. Es wurden vom Rathhause aus einzelne Posten bis über die Brücke hinaus gestellt, und man begann im Rathhaussaale so gut es ging zu campiren, sich, da es mit Feuer nicht anging, mit Getränken dieser und jener Art zu erwärmen. Da ward von den lebendigen Telegraphen das Zeichen gegeben, daß die Professoren sich nahten; alles stürzte nun hinaus, um jenseit der Brücke auf dem rechten Werraufer Spalier zu bilden. Der Wagen nahte, der Kälte wegen mit verschlossenen Fenstern, das Hurrah! begann. Da wurde das Fenster geöffnet, Otfried Müller beugte sich, in seinen kleidsamen, talarähnlichen blauen Mantel gehüllt, aus dem Wagen, und sagte nach beiden Seiten freundlich grüßend: »Meine Herrn, erweisen Sie uns nicht unverdiente Ehren; die, welche Sie erwarten, kommen erst später.« Kaum hatten die Studenten aber erfahren, daß der Wagen die sechs Nachprotestirenden berge, als ein donnerndes Vivat erschallte. Die Posten wurden gewechselt, man zog sich in das Rathhaus zurück, wo indeß einige Fässer mit kasseler Märzen aufgelegt waren, das trotz der Kälte mundete. Gegen elf Uhr kamen die Vertriebenen. Im ersten Wagen saß Gervinus mit seiner jungen Frau. Sie, die jugendlich Frische, mit den glänzenden Augen und den langen schwarzen Zöpfen enthusiasmirte die Jugend bis zum Uebermaß. In dem zweiten Wagen saßen Dahlmann, Jakob Grimm, Dahlmann's junger Sohn. Ein langdauerndes Vivat erscholl. Außer den Göttingern war ganz Witzenhausen auf den Beinen und vor dem jetzigen Felsenkeller Johannisberg. Ohne Verabredung trat man vor die Wagen und spannte die Pferde aus, wie sehr Dahlmann und Jakob Grimm auch abmahnten. Eine Anzahl junger Männer aus Witzenhausen bat um die Ehre, die Wagen ziehen zu dürfen; die nächststehenden Studenten und die jungen Witzenhäuser griffen zu, und unter donnerndem Hoch, von Hunderten von Studenten, Männern aus Witzenhausen, Frauen, Kindern, Bauern der Umgegend umgeben, rollten die Wagen über die Werrabrücke dem Rathhausplatze zu, wo vor dem Goldenen Hirsche noch einmal ein Vivat aus tausend Kehlen ertönte. Der Enthusiasmus und die Rührung waren unbeschreiblich – jung und alt vergoß Thränen, nur der Himmel lachte. Die Wolken, die den ganzen Morgen den Himmel bedeckt hatten, waren verschwunden, eine helle, warme Decembersonne leuchtete am blauen reinen Himmelszelte. Wahrlich, das war eine ganz andere Rührung als die, wo noch nicht dreißig Jahre später der Sohn des Vertreibers der Sieben, ein König zwar, aber geflüchtet aus seiner Residenz, von Göttingen auszog, um nimmer wieder unter dem Thronhimmel zu sitzen, von dem er glaubte, daß er bis zum Ende aller Dinge dauere. Als man die Professoren ausgeruht glaubte, erschienen die mit Baumann befreundeten Studiosen im Saale, wo jene ihr Mittagsmahl eingenommen hatten. Der Studiosus Creiznach aus Frankfurt a. M. trat vor und sprach den Abschiedsgruß: Die deutschen Männer, die mit Ernste Vollbrachten eine schöne Bahn, Die treulich für das Nächst' und Fernste Stets warm die Herzen aufgethan; Die nun in ungewisse Weite Aus lieb geword'ner Stätte gehn: Wir geben ihnen das Geleite, Wir grüßen sie auf Wiedersehn. Wohl glänzten gute Lebenssterne Ob euerm segensreichen Lauf. Ihr pflegtet fromm des Wissens Kerne Und herrlich wuchs die Pflanzung auf. Sie nährte sich im stillen Grunde Des deutschen Wesens allgemach Und hebt nun prangend in die Runde Das weitbewegte Schattendach. Doch nicht aus Schriften blos, aus Blättern Habt ihr verborgenes Gut geschafft: Ihr habt in Stürmen und in Wettern Gestanden mit des Geistes Kraft; Ihr sprachet zu des Volkes Wohle, Ihr richtetet nach rechtem Maß Und zeigtet nach dem festen Pole, Den mancher schwanke Sinn vergaß. Und wenn die Führer nun enteilen, An die sich uns're Jugend schloß; Und wenn, den Kranz euch zu ertheilen, Noch keine Siegespalme sproß: So ist in vielen treuen Herzen Ein lichter Funke doch erwacht Und hat die tausend Liebeskerzen Zu einer Flamme angefacht. Der Gruß der Liebe muß genügen Zum Segen auf der dunkeln Bahn; Er kündet euch in schwachen Zügen Den Dank des deutschen Volkes an: Wenn durch die Wolken, die sich thürmen, Ein lichter Strahl sich lachend zeigt, Und aus den Nebeln und den Stürmen Des Rechtes klare Sonne steigt. Die Gläser wurden gefüllt, Dahlmann und Grimm, ernst bewegt, drückten den eingetretenen Studenten die Hand, man lud diese zum Niedersitzen, Gervinus wurde gesprächig, eine ruhige trauliche Stimmung trat ein. Da erschien eine Deputation der Studirenden vom Rathhause und bat die Drei, sich noch einmal vor der ganzen Versammlung zu zeigen. Man ging zum Rathhause, hier begrüßte Baumeister die Scheidenden mit einer Anrede, und die Studirenden riefen ihnen nicht nur das Lebewohl zu, sondern jeder beeiferte sich, ihnen noch einmal die Hand zu drücken. Dahlmann standen die Thränen in den Augen. Er ermahnte nochmals die Jugend, jede politische Anspielung und jedes demonstrationsartige Verfahren bei ihrer Rückkehr zu unterlassen. Die Verbannten fuhren davon, die Mehrzahl der Studenten kehrte nach Göttingen heim, Baumann jedoch in seinem Wagen, und mehrere Ackerwagen, die, in der Eile mit Strohsitzen versehen, das junge Göttingen aufnahmen, folgten nach Kassel. Von diesen Ackerwagen sang man, nach einer amerikanischen Melodie, die Grant einem Schlachtliede aus Creizenach's »Sohn der Zeit« untergelegt hatte. Wie lagen wir in tiefer Nacht             So bang! Gottlob, daß wieder Ruf zur Schlacht             Erklang; Wir scharen uns nach träger Ruh             Zu Hauf, Und rufen Wald und Strömen zu:             Wacht auf! Und wahrlich, die Jugend, welche 1837 am 17. December Dahlmann, Jakob Grimm und Gervinus nach Witzenhausen begleitete, war aufgewacht, wach gerufen durch brutale Machtgewalt des Welfen Ernst August, der in absolutistischer Verblendung selbst begann, an dem Throne zu rütteln und zu schütteln, den sein großer Ahn Heinrich der Löwe einst so mächtig im norddeutschen Grund und Boden aufgerichtet hatte. Von den dritthalbhundert Studenten, die an diesem Tage in dem kleinen hessischen Städtchen waren, sind die meisten der Sache der Freiheit treu geblieben, und wenn selbst einer von denen, die jetzt auf dem Leiterwagen sangen: Und wenn das Reich den Kaiserglanz             Verlor: So streben wir zu frischem Kranz             Empor! auch in späterer Zeit als Minister in L. von der Fahne der Freiheit abgefallen schien, so trugen besondere Verhältnisse, die mächtiger waren als sein Herz, die Schuld, und er hat, da Frankreich seine Hand nach dem deutschen Ländchen auszustrecken wagte, gut zu machen versucht, was er früher verschuldet. Den Studiosen, welche die Verbannten nach Kassel begleitet, wurde dort angedeutet, daß sie die Stadt bis Mitternacht verlassen haben müßten; auch Dahlmann und Gervinus gönnte man keine Ruhe; Baumann und Bock wurden durch Wippermann in Privatquartieren untergebracht. Es kann nicht unsere Absicht sein, die verschiedenen Phasen, welche das hannoverische Volk gegen die Vernichtung des Grundgesetzes durchkämpfte, hier zu schildern, zumal nach der Entsetzung der Sieben der Widerstand der Universität gebrochen war und die Opposition in Osnabrück durch Stüve, Magistrat und Altersleute, in Hannover durch Rumann, Heiliger und Detmold neue Knotenpunkte gewann. Die politischen Ereignisse haben für uns überhaupt nur dann Bedeutung, wenn sie auf das Leben unserer Epigonen einwirken. Für Baumann's Lebens und Geistesrichtung hatten sie nun aber die bedeutsame Folge, daß er sich immer mehr auf politisch-literarische Arbeiten hingedrängt sah. Zwar durfte er als Candidat der Advocatur advociren, aber er mußte, wenn auch nur pro forma , in Begleitung eines wirklichen Advocaten auftreten, seine Schriften mußten von einem solchen mitunterzeichnet sein. Wenngleich nun jeder der bei dem Stadt- oder Amtsgericht gegenwärtigen Advocaten immer bereit war, Baumann sozusagen einzuführen, so waren das doch immer Weitläufigkeiten, die ihm die Praxis zuwider machten, namentlich auch deshalb, weil sie ihm Gegenverpflichtungen auferlegten. Aber gerade selbständig zu sein, auf eigenen Füßen zu stehen, darein setzte er seinen größten Stolz. Die Abhängigkeit der Staatsdienerschaft widerstrebte ihm innerlichst; er fühlte vielmehr den Beruf, das unter der neuen Welfensonne aufblühende Staatsbediententhum, die schlau zusammengesetzte und fest ineinandergreifende Maschine des modernen Despotismus, eine recht chinesische Ausgeburt des Bevormundungsstaats an der Leine wie an der Spree, an der Elbe wie an der Donau und Isar, männlich zu bekämpfen. Wie froh und glücklich hatte er sich gefühlt, als er Onkel Hermann in Wien schreiben konnte, daß er es so weit gebracht habe, für sich selbst sorgen zu können, daß er ihm herzlich für seine bisherigen Unterstützungen danke, solche für die Zukunft aber ablehnen müsse. Inzwischen hatten sich die Verhältnisse geändert; sein Vater war gestorben ohne Vermögen, hatte eine Witwe und sechs Kinder hinterlassen, von denen nur die älteste Schwester an einen Förster im Hessischen, den Sohn der Agnes Emeyer aus Grünfelde, verheirathet war. Sein ältester Bruder hatte die Forstcarrière eingeschlagen und war jetzt auf der Forstschule zu Klausthal, ein anderer Bruder diente auf einem bremer Schiffe als Matrose und bereitete sich zum Steuermannsexamen vor. Zwei Schwestern und sein jüngster Bruder Karl, dessen Talente von den Lehrern sehr gelobt wurden, lebten bei der Mutter in Hedemünden, die eine geringe Pension bezog. Es würde Bruno nicht schwer geworden sein, die Stelle seines Vaters als von Berlepsch'schen Gerichtshalters zu erhalten, allein in einem so kleinen Neste zu verbauern, das stand ihm nicht an. Als Ostern herankam, hatte er einen neuen pecuniären Verlust. Grant hatte seine Studien vollendet und wollte, nachdem er auf Weber's Rath in München bei Steinheil die vervollkommnete Methode der elektromagnetischen Telegraphie studirt, von welcher Weber vorher sagte, daß sie binnen zwanzig Jahren die Welt würde erobert haben und entfernte Erdtheile verbinden werde, noch ein halbes Jahr in den Werkstätten Friedrich Schulze's zu Hannover zubringen. Theodor Hellung, der Sohn Hassan's, hing die Studien ganz an den Haken. »Was soll ich die Rechte studiren«, sagte er, »wenn ich sehe, daß Recht für die Großen dieser Erde nicht existirt? Um den Armen im Auftrage des Reichen die letzte Habe durch den Executor verkaufen zu lassen, dazu will ich nicht studiren, ich will Maschinenbauer werden, ich gehe mit Grant zu deinem Onkel Schulz.« Nach Vertreibung der Sieben zog das ganze junge Göttingen theils nach Berlin, theils nach Heidelberg, um dort weiter zu studiren; so hatten denn auch der Amerikaner Baumgarten und Oskar Schulz nicht mehr Lust, in Göttingen zu bleiben. Baumann, der für den Unterricht, den er den jungen Leuten in der Philosophie gegeben hatte, sowie für Beaufsichtigung derselben von den beiden Onkeln in Pittsburg und Hannover ein reichliches Honorar bezogen, verlor dies. Zwar erhielt er von Gräfe, der mit andern Dingen, namentlich dem Processe der Sieben gegen die Regierung beschäftigt war, eine Menge bei höhern Gerichten schwebender Processe zur Weiterführung, allein er erhielt nur den üblichen Theil des Honorars für seine Arbeiten. Sein sehnlichster Wunsch wäre es gewesen, Mitglied der hannoverischen Ständeversammlung zu werden, aber es fehlte ihm die Qualification wie das nöthige Alter; so mußte er sich begnügen, Wahlen und Nichtwahlen machen zu helfen, die Maßnahmen der Opposition in öffentlichen Blättern zu empfehlen und zu verteidigen. Das Cabinet Schele hatte sich eine besoldete Preßhülfe beigelegt, ein gothaer Polizeisecretär Georg Zimmermann und ein jüdischer Literat, der in Göttingen lebte, Dr.  Meyer Eichholz, wurden nach Hannover berufen, um nach Angaben des Cabinets für die auswärtige Presse, namentlich den »Hamburgischen Unparteiischen Correspondenten«, zu schreiben. Baumann hatte beide vor sieben Jahren im Colleg der europäischen Staatengeschichte bei Dahlmann als seine Nachbarn gehabt, und es machte ihm jetzt Vergnügen, gegen die Besoldeten zu polemisiren. Dazu schrieb er für Gutzkow's »Telegraph« Charakteristiken der Sieben, er arbeitete für das »Jahrbuch der Literatur« von Gutzkow und war fleißiger Mitarbeiter an den Ruge-Echtermeier'schen »Jahrbüchern«. So widmete er sich einer vielseitigen und ersprießlichen Thätigkeit, stets rührig und fertig, im Sommer mit der Sonne aufstehend, im Winter bis spät in die Nacht arbeitend. Seit Ostern hatte er seinen jüngern Bruder Karl zu sich genommen, damit derselbe das Gymnasium besuchen könne. Auf der Reise nach Wien, die er sich für die Gerichtsferien vorgenommen, wurde nun freilich nichts, so heftig ihn die Sehnsucht nicht nach Onkel Hermann, sondern nach der reizenden Heloise von Finkenstein zog, die dort bei dem Onkel weilte. Er mußte den Besuch abschreiben. Aber einen Erfolg hatte dennoch dieser Absagebrief. Der Onkel schrieb, er habe Baumann mündlich einen Vorschlag machen wollen, den er jetzt schriftlich mache. Die hannoverische Angelegenheit errege in Wien großes Interesse, das Gedicht Anastasius Grün's an Jakob Grimm mit den Schlußversen über Ernst August: Versteht er auch ein deutsches Lied von deutscher Ehre schwerlich, Es findet sich wol einer dort, ihm's zu verwelschen ehrlich! sei in jedermanns Händen. Der ihm befreundete Redacteur eines großen Blattes würde gern Correspondenzen annehmen, allein dieselben müßten österreichisch-metternichisch zugeschnitten sein, und das werde Baumann nicht verstehen. Er habe indeß Zeit genug und kenne die wiener Censur hinreichend, um zu wissen, was er ihr bieten könne. Bruno möge ihm wöchentlich einen Bericht über die hannoverischen Angelegenheiten schreiben, den er mit 1 Louisdor zu honoriren ermächtigt sei. Baumann ahnte nicht, daß das Honorar aus der Tasche Hermann's kam, er wußte auch nicht, worüber er sich mehr freuen sollte, ob über den leichten Verdienst von 52 Louisdor jährlich oder über den herzlichen Gruß von Mutter und Heloise von Finkenstein, den Veronica die Jüngere unter den Brief des Vaters geschrieben hatte. Auch der Sommer 1839 kam, ohne daß Baumann erlangte, in Göttingen als Advocat angestellt zu werden; vergeblich war er auf Detmold's Rath nach Hannover herübergekommen, um bei dem allmächtigen Cabinetsminister selbst seine Anstellung als Advocat wenn nicht in Göttingen, so doch in Harburg zu bewirken. In Hannover setzte Schele das System der Fälschungen fort, das er in Kassel zu Jérôme's Zeiten kennen gelernt hatte, in Städten, die drei-, viermal jede Wahl verweigert hatten, dann aber einen Oppositionscandidaten wählten, wurden mit Hülfe seiner niederträchtigen Werkzeuge, feiler über- und demüthiger Unterbeamten, Gensdarmen und Polizeidiener Loyalitätsadressen, welche das Thun der Opposition verdammten und um die Lippen des graubärtigen Königs den Honigseim angestammter Unterwürfigkeit schmierten, zu Tage gefördert. Als die Zweite Kammer nach einem angenommenen Incompetenzantrage des Deputirten der Stadt Göttingen beschlußunfähig geblieben war, trieb man den Dr.  Christiani und Detmold durch Polizei in die Kammer, und als auch das nicht helfen wollte, wurden siebenundzwanzig Deputirte, weil sie nicht erschienen, für resignirend erklärt und Neuwahlen angeordnet. Die juristischen Facultäten von Heidelberg, Jena, Tübingen hatten ihr Gutachten dahin abgegeben, daß das Staatsgrundgesetz als zu Recht bestehend anzusehen sei; zweiunddreißig Wahlcorporationen lehnten Neuwahlen ab, es schien keine Aussicht vorhanden, daß das Cabinet eine beschlußfähige Zweite Kammer zusammenbringe. Da gelang es, einen der Führer der bisherigen Opposition zum Verräther zu machen, und mit seiner Hülfe kamen mehrere Wahlen zu Stande, auch erklärte die Regierung Minoritätswahlen für gültige Wahlen. Es war eine rechte Ministerwirthschaft, um ein Beispiel aufzustellen, wie man mit den Rechten und Formen der constitutionellen Monarchie umspringen könne. In frevler Sicherheit streute man die Drachensaat des Rechtsbruches und der Vergewaltigung aus, welche unter den glühenden Strahlen der allwaltenden Nemesis zu ihrer Zeit aufschießen mußte. So standen die Dinge, als Baumann, um die Gerichtsferien in Hannover bei dem Onkel zuzubringen und seine Anstellung zu betreiben, Mitte Juli 1839 dort eintraf. Der Magistrat der Residenz hatte im Juni eine energische Protestation gegen etwaige Beschlüsse der sogenannten Ständeversammlung bei dem Bundestage überreicht und die Excellenzen in der Eschenheimer Gasse gebeten, die heiligen, so vielfach und gewaltsam verletzten Rechte des Landes unter Hochdero sichern Schutz zu nehmen. Baumann hatte von den damals am Bundestage vorliegenden dreißig Beschwerden etwa ein halbes Dutzend im Auftrage verschiedener Corporationen concipirt, er schmeichelte sich, eine kräftige, derbe Sprache zu führen, allein er mußte gestehen, daß seine Schreibweise matt war gegen diese göttliche Grobheit Detmold's in der Petition der Residenz. Sein erster Weg war daher auch zu diesem, um demselben zu gratuliren. »War doch ein Fehlschuß«, sagte Detmold, »die hohe Bundeskanzlei hat die Eingabe zurückgewiesen, und ich habe nun die doppelte Arbeit einer neuen, in welcher die Form nach allen Seiten gewahrt werden soll. Der Bundestag ist es überhaupt noch nicht gewohnt, die Wahrheit zu hören, wie wollte ihm nun eine ungeschminkte, derbe Wahrheit behagen? Außerdem scheint man weitere Dinge im Schilde zu führen; gestern ist der kleine Rest der Beschwerde vom Cabinet bei dem Magistrat confiscirt.« Und allerdings wollte man an dem Magistrat der Residenz selbst ein Exempel statuiren; schon am 16. Juli erschien eine königliche Proclamation, welche erklärte, die Vorstellung vom 15. Juni an den Bundestag enthalte das Verbrechen der Majestätsbeleidigung, der Calumnie der Regierung mit öffentlicher Injurie gegen die Minister und die allgemeine Ständeversammlung, deren Bestrafung den Gerichten übertragen sei. Einstweilen werde aber der Stadtdirector Rumann von seinem Amte suspendirt, weil er die Vorstellung mit unterzeichnet habe. Für Baumann gab es Arbeit an diesem Tage, die Briefe flogen nach allen Himmelsgegenden. Am andern Morgen war Baumann frühzeitig in der Stadt (der Onkel wohnte in einer Vorstadt) und ging zu Detmold, der außergewöhnlich früh aufgestanden war. »Das Bürgervorsteher-Collegium«, sagte dieser, »hat in der Nacht eine Adresse an den König unterschrieben, welche um Zurücknahme der Suspension Rumann's und um Schutz der Stadtverfassung bittet, sie sollte mittags elf Uhr durch eine Deputation übergeben werden. Inzwischen höre ich soeben, daß der Landdrost von Dachenhausen schon um zehn Uhr den Oberamtmann Hagemann als interimistischen Stadtdirector einsetzen will. Das ist eine gedoppelte Verletzung der Verfassung, denn nach §. 5 kann kein Staatsdiener Mitglied des Magistrats sein, und sodann ist der Syndikus gesetzlicher Vertreter des Stadtdirectors in Behinderungsfällen. Das muß verhindert werden. Gehen Sie sofort zu Ihrem Onkel zurück und sagen Sie ihm, daß er sich mit einigen zuverlässigen Leuten auf das Rathhaus begibt und von seinen Freunden und Bekannten so viele mitnehmen soll, als er deren habhaft werden kann.« Als Baumann sich in die Vorstadt zurückbegab, sah er, wie in den einzelnen Stadtvierteln verschiedene angesehene Bürgersleute, die er oft des Abends in Wessel's Schenke um Detmold versammelt getroffen hatte, aus einem Hause in das andere gingen. Sein Onkel stieß ein Donnerwetter aus, als Baumann ihm erzählte, was vorgehe, er rief seinen ältesten Sohn und sagte diesem: »Laß hundert ruhige und zuverlässige Leute sofort nach Hause eilen, ihr Sonntagszeug anziehen und sich dann auf dem Markte vor dem Rathhause sammeln. Sind auch nur funfzig versammelt, so kommst du mit zehn Stück auf den Rathhaussaal und hältst dich in meiner Nähe.« Inzwischen war es in der Stadt Hannover lebhaft geworden, aus allen Straßen zogen die Bürger in Haufen nach dem Rathhause, ruhig, still, ohne jegliche Demonstration. Auf dem großen Rathhaussaale sammelte es sich immer mehr. Der König, hieß es, wolle die Deputation der Bürgervorsteher um elf Uhr empfangen, aber nach Entfernung »der populen «, die sich auf der Leinstraße gesammelt hatten. Obgleich es sich nun von selbst verstand, daß mit der Beeidigung des interimistischen Stadtdirectors innegehalten werden mußte, bis der König selbst entschieden hatte, drängte doch der Landdrost zur Beeidigung des Oberamtmanns Hagemann, den er zu diesem Zwecke auf den Rathhaussaal führte. Man wehrte ihm aber den Eintritt in das Magistratszimmer, und die Menge schrie: »Hinaus mit ihm, wir wollen keinen Oberamtmann, wir wollen Rumann behalten.« Hagemann bestieg einen Stuhl, um von der Pflicht des Gehorsams gegen den König zu sprechen. Da trat der alte Schulz vor, er war ein Mann von fünfundsechzig Jahren, aber rüstig und kräftig wie einer. Er faßte den Oberamtmann an den Patten seines Uniformrockes, trug ihn mit steifen Armen vor das nächste unvergitterte Fenster und rief: »Fenster auf!« dann hielt er den am ganzen Leibe Zitternden, indem er ihn unter die Arme faßte, zum Fenster hinaus und zeigte ihn der unten versammelten Menge. »Werft ihn zum Fenster heraus«, schrie die Menge. Aber Schulz setzte den Oberamtmann mit einem kräftigen Ruck wieder in den Saal und auf den Erdboden, indem er sagte: »Ich wollte dem Herrn Oberamtmann nur da draußen die Tausende zeigen, die gegen seine Einsetzung protestiren.« Der Herr Oberamtmann wußte nicht, wie ihm geschehen war, er hatte die Lust verloren, Stadtdirector zu spielen, er mochte wol an das Fenster des Hradschin denken, auf der Kleinseite von Prag, das er sich in seiner Jugend einmal von unten angesehen hatte. Die Deputation der Bürgervorsteher zog nun, von vielen tausend Bürgern begleitet, in die nahe Leinstraße vor das Palais des Königs. Ernst August war ein kluger Mann, er lobte die Loyalität der Bürger, erklärte, es habe nicht in seiner Absicht gelegen, die Rechte der Stadt zu kränken, er habe den §. 5 der städtischen Verfassung nicht gekannt, er nahm die Bestallung des Oberamtmanns Hagemann zurück und übertrug bis zur Rückkehr des Stadtgerichtsdirectors Heiliger dem Syndikus Evers die Verwaltung der Stadt. Die hannoverische Bürgerschaft, deren Loyalität man lobte und die man von ihrem Magistrat zu trennen suchte, bekräftigte nochmals in einer energischen Adresse ihre Uebereinstimmung mit dem Magistrat und ihr Festhalten am Staatsgrundgesetze. Noch drei Jahre hindurch suchte die Opposition auf verschiedenen, nicht immer richtigen Wegen das Grundgesetz sich zu retten, allein am Bundestage waren Oesterreich und das von Metternich ins Schlepptau genommene Preußen, bei dem die Erhaltung und Entwickelung des constitutionellen Rechtsstaats nicht eben mit Gunst angesehen wurde, gegen das Land, die Mittlern und Kleinen am Bunde aber wie immer ohnmächtig. Im folgenden Jahre wurde das Landesverfassungsgesetz von einer unvollständigen, durch Minoritäts- und Zwangswahlen kaum beschlußfähigen Ständeversammlung zurechtgemacht, die neuen Stände nach diesem Gesetze verweigerten die Budgetberathung, dann, 1842, fügte man sich den nicht zu ändernden Dingen. Auch Ernst August war des Haders müde geworden, er wollte Frieden. Man ging in der Hauptsache hartnäckig, im übrigen versöhnend vor, die Confinationen gegen Detmold und andere wurden aufgehoben, und selbst unser Freund Baumann erhielt ein Rescript, das ihn zum Advocaten in Heustedt ernannte. Siebentes Buch. Die Wage schwankt. Erstes Kapitel. Ein halbes Jahr in Heustedt. Obgleich Bruno Baumann von mütterlicher Seite aus Heustedt stammte, denn seine Großmutter Marianne, die Frau Oskar Baumgarten's, war dort geboren, so hatte er doch nicht den entferntesten Begriff von dem Orte, in welchem ihm seine Zukunft angewiesen war, er besaß dort weder Verwandte noch Bekannte. Die Urgroßältern waren über dreißig Jahre todt, die süße Nachtigall Bollmann's, die Mutter unserer Veronica Cruella, war vor zwei Jahren, der Pastor Heinrich Schulz kurz nach dem Jubiläum gestorben. Seine Mutter war nie in Heustedt gewesen, und so war im älterlichen Hause von diesem Orte auch kaum die Rede. Er mußte die Lage des Ortes in einer Specialkarte nachsuchen, sich aus dem Staatshandbuche über Behörden und Personen seines künftigen Wohnorts Auskunft suchen. Unter seinen Collegen in Göttingen fand er niemand, dessen Verbindung so weit im Lande hinunterreichte, genug, Heustedt war ihm eine unbekannte Größe, jedenfalls freilich ein kleines Nest, wenn auch immer viel größer als Hedemünden. Er wollte erst einen Theil der Welt sehen, ehe er in die Verbannung ging, denn dafür sah er die Anstellung dort an, und meldete seinem Onkel Hermann seine demnächstige Ankunft. Sein Herz schlug höher bei dem Gedanken an Wien und die schöne Heloise von Finkenstein, die dort noch weilte, weil auch ihr Vater, unser Freund Karl Haus, seiner Olga dorthin gefolgt war, und er mußte kühne Phantasien, die von der Möglichkeit einer Gegenliebe zu träumen wagten, mit Gewalt niederhalten. Vorher aber wollte er ein historisch politisches Werk über sein Vaterland, an welchem er seit Jahren arbeitete, vollenden, um es selbst seinem Verleger in Leipzig zu überbringen. Dieser, gleichfalls ein alter Bekannter, hielt ihn im Guttenberg drei Wochen bei sich fest, um ihm die große Stadt Leipzig zu zeigen und ihn mit einer Menge literarischer Persönlichkeiten bekannt zu machen. Es war der Anfang der vierziger Jahre, die Sturm- und Drangperiode der Literatur unsers Jahrhunderts, wenigstens in der Phrase. Die Unbehaglichkeit der öffentlichen Zustände, das Verlangen, die politischen Ideale bald verwirklicht zu sehen, trieben zur politischen Lyrik, zu einer Politik der Sehnsucht und Voraussage besserer Tage. Unser junger Freund war durch den praktischen Kampf, den er selbst seit beinahe sechs Jahren mitgekämpft, über die bloße Phrase hinweg, das großmäulige Geschrei nach unbestimmten Thaten war ihm zuwider geworden, er hatte Thaten gethan, zwar nur unscheinbare, und hatte dafür geduldet. Sechs seiner besten Lebensjahre waren im Kampfe für das Staatsgrundgesetz äußerlich unbemerkt dahingegangen. Während seine Altersgenossen Familien gegründet hatten und Kinder erzogen, hatte er Zeitungscorrespondenzen und Journalartikel geschrieben und nur Ein wirkliches Buch vollendet, auf das er nicht einmal stolz sein konnte, da es blos eine geschichtlich-politische Zusammenstellung enthielt. Sein Sinn war mehr auf das Praktische gerichtet und ein Buch wie das von Schön: »Woher und Wohin?« oder von Johann Jacoby: »Vier Fragen eines Ostpreußen«, schien ihm mehr werth als ein Dutzend politischer Lieder von Herwegh, Prutz oder Dingelstedt, obgleich er mit allen dreien befreundet war. Indeß erweiterte sich sein Horizont in der Buchhändler- und Literatenstadt um ein Bedeutendes, er lernte Schein von Sein, Gediegenheit von Renommisterei unterscheiden, und literarische Größen, die er bisher angestaunt, wurden bei persönlicher Bekanntschaft oft zu Zwergen. Von Leipzig ging er nach Dresden, wo sein erster Besuch den Herausgebern der »Deutschen Jahrbücher« galt, denen das Todesurtheil bald gesprochen werden sollte. Echtermeyer lebte damals noch, war aber, wie seine Freunde wußten, schon dem Tode verfallen; Arnold Ruge ließ es an geistiger Anregung nicht fehlen. Den Maler Hellung traf er nicht mehr am Leben, sein ältester Sohn war ein berühmter Maler geworden, der jüngste, Bruno's früherer Zögling, baute als Ingenieur an der Magdeburg-Halberstädter Eisenbahn. Ibrahim war verheirathet, er huldigte nur der Religion Mirza-Schaffy's und haßte jede Augenverdrehung. Er übernahm Baumann's Führung in die Museen und Galerien wie in die Umgegend. Die Abende brachte man auf der Brühl'schen Terrasse zu, einen Theil der Nacht bei dem »Verderber«, wo Ruge seine trockenen Witze losließ, auf Pferde und Esel schimpfte und den guten Sachsen nebenbei die Führung Deutschlands durch Preußen schon als einzige Rettung gegen die überwuchernde Kleinstaaterei predigte. Man schenkte ihm wenig Glauben, denn das Jahr 1840 hatte die Erwartungen, die man von einem Aufschwunge Preußens hegte, nicht erfüllt, und es galt heute noch, was vier Jahre früher Bettina an Jakob Grimm geschrieben: »Hier (in Berlin) scheint alles grün von weitem, ist aber doch nur Sumpf, auf dem Wasserlilien wachsen, und die Ultrastaatspolitik schnuppert sich wie eine Entenschar auf diesem Sumpfe dick und fett.« In Prag traf Baumann einen alten Freund, der dort an der Universität eine Professur erhalten hatte und nun versuchen wollte, die gemeinsame Lehre des Meisters in Oesterreich zu der Geltung zu bringen, die sie in Hannover und München, Dresden und Berlin nicht gefunden. Als Bruno den Spielberg und die Hauptstadt Mährens im Rücken hatte und über die weite Ebene die Pyramide des Stephan zum ersten mal sah, schien ihm im rosigen Goldscheine das Gesicht Heloisens entgegenzuschweben, allein er sagte sich: sei kein Narr, Baumann, wie würdest du einem so schönen und reichen Mädchen, das seit Jahren das Leben in der Kaiserstadt kennen gelernt, ein Nest wie Heustedt und die ungesicherte Existenz einer Advocatenfrau anbieten können? Aber, warf sein Herz ein, hat ihre Mutter, die Reichsgräfin, nicht Karl Haus geheirathet, der auch nichts mehr war als du? Der arme Doctor, er sollte schon am nächsten Tage erfahren, daß Heloise für ihn auf immer verloren, mit einem ungarischen Baron und Husarenoffizier verlobt sei. Die einzige Illusion, mit der die Phantasie Bruno's seit dem Jubelfeste zu Göttingen gespielt hatte, die ihm eine Erholung in seinem Denken und Arbeiten verschaffte, war zerschlagen; Rosen, Lenz, Liebe schien es für ihn auf der Welt nicht zu geben, nur Acten und Zeitungspolitik. Es war Ende Juli, die Familie hielt Villeggiatur in Sanct-Helena, der Onkel erwartete den Neffen in der Stadtwohnung und nahm ihn mit hinaus in die schönen lieblichen Rebgelände und Berge von Baden. Schon auf dem Wege nach dieser Stadt hatte ihn Baumgarten mit Heloisens Verlobung bekannt gemacht, man holte den Baron in Baden ab, um ihn mit hinüberzunehmen. Dieser war ein zwar liberaler, aber stolzer, namentlich von Nationaldünkel, wie es Bruno nannte, aufgeblähter Mann, der sein Ungarn nicht genug preisen konnte und nicht müde wurde, es über alle österreichischen Länder, noch mehr aber über Norddeutschland zu erheben. Der junge Gelehrte kam misgestimmt in Sanct-Helena an, und alle Freundlichkeit, mit der er von Veronica, der Mutter und der Tochter, und von der Braut des Ungarn empfangen wurde, die täglichen Ausflüge in die reizende Umgebung, das geräuschvolle Leben in dem nahen Baden, nichts wollte ihn ansprechen. Veronica, die jüngere, war funfzehn Jahre alt, sie entwickelte sich eben aus der Kindheit zur Jungfrau und versprach so schön zu werden, wie ihre Mutter es gewesen. Sie würde es nach wiener Gebrauch gar nicht übel aufgenommen haben, wenn der Cousin Doctor ihr ein bischen den Hof gemacht hätte, aber Bruno war kein Freund von Backfischen. Veronica, die Mutter, bemerkte recht wohl, daß der norddeutsche Vetter ein bischen wiener Politur ebenso nöthig habe wie einst ihr Hermann, aber sie fühlte sich nicht hingezogen zu dem mürrischen, finstern Gesichte eines Grüblers, der um seine Illusionen gekommen war. Nach acht Tagen offenbarte der junge Mann dem Onkel, daß er des Schlaraffenlebens in Sanct-Helena und Baden müde sei, er wünschte vierzehn Tage ungestört in der Kaiserstadt zu leben, um solche näher kennen zu lernen. Er müsse etwas zu verdienen suchen und habe von der Redaction der »Neuen Rheinischen Zeitung« Auftrag, wiener Briefe zu schreiben. Sämmtliche Hausgenossen hatten längst gemerkt, daß ihrem Gaste etwas in dem Leben auf der Villa nicht recht sei, daß er es dort nicht gemüthlich finde. Niemand außer Heloise selbst ahnte jedoch, daß es der Verlust seiner Liebesillusion sei, was ihn so verstimmte. Hermann bot ihm an, mit der Familie auf vierzehn Tage die Stadtwohnung zu beziehen, was jener aber entschieden ablehnte. »Nun gut denn, auch Veronica hat schon geäußert, daß dir das Leben hier auf dem Lande zu einsam sein würde; in der Stadt stehen zwei Zimmer mit Zubehör, auch Badecabinet, zu deiner Verfügung, der Hausmann und seine Frau werden die Aufwartung besorgen; Frühstück, Mittagstisch, Kaffee und Abendbrot wirst du nach wiener Sitte, wenn du diese kennen lernen willst, gerade in dem Stadttheile einnehmen müssen, wo du zufällig dich befindest. Da du aber unser Gast bist, so soll ich dir im Namen meiner Frau diese von ihr selbst gehäkelte Börse überreichen zur Bestreitung der notwendigsten Ausgaben, in Vertretung der Küche, welche sie nicht selbst besorgen kann. »Ich werde dich in die Stadt begleiten, einige Tage dort bleiben, um dich Freunden und Bekannten vorzustellen.« Das geschah, es begann nun ein neues Leben für Bruno, der sich in Theatern, Sommervergnügungsorten, Conditoreien, Restaurationen, Lesecabineten, Biergärten u. s. w. herumzutreiben begann, um das wiener Leben nach allen Richtungen kennen zu lernen und seine Reisebriefe zu schreiben. Sonntags fuhr er mit dem Stellwagen nach Baden, wo die Familie seines Oheims ihn erwartete. Mit dem bevorzugten ungarischen Nebenbuhler hatte ihn nähere Bekanntschaft ausgesöhnt, nachdem das, was er als persönlichen Stolz angesehen hatte, sich als Feindschaft gegen den österreichischen Absolutismus, als glühendster Patriotismus und auf stark ausgesprochene Nationalität gestützte Selbstachtung herausgestellt hatte. Bruno hatte die Dinge bisher von seinem göttinger Kirchthurmstandpunkte angesehen, die Bedeutung, welche das göttinger Ereigniß der Sieben und die sich daran knüpfende Opposition gegen den Verfassungssturz gewonnen, hatte ihn die Bedeutung Hannovers selbst weit überschätzen lassen. Wenn sich der Husarenoffizier im vertrauten Kreise über die Politik der Habsburg-Lothringer ausließ, wie sie, trotz mehrfacher, lediglich den Ungarn verdankter Rettung, immer wieder darauf ausgehe, Ungarn zu absorbiren, Italien durch Ungarn und Kroaten, Ungarn durch Deutsche und Italiener, Deutsch-Oesterreich aber durch allerlei Stämme, Galizier, Ungarn, Ruthenen im Zaume des Absolutismus halte, und es beklagte, daß es eigentlich ein Deutschland in Europa überall nicht gebe, denn der Bund sei im europäischen Concert kaum mehr wie Null, und Preußen, seit 1820 von seinem eigenen Princip abgefallen, nahe daran, in den Händen jesuitischer Protestanten seinem Untergange zugeführt zu werden – dann fühlte Bruno doch, daß es etwas anderes sei, die Welt vom Johanneskirchthurme oder vom Sanct-Stephan aus zu betrachten. Es ging ihm hier im Gespräche mit dem Onkel und dem Ungarn zum ersten mal der Größen- und Machtsinn in der Politik auf; er hatte bis dahin keinen größern Gesichtskreis gehabt, als wenn er vom Brocken herab in die norddeutsche Ebene schaute, Sanct-Stephan war ein Zwerg gegen den Brocken, als er aber von der Pyramide desselben nach Osten über die March in die ungarische Ebene hinausschaute, nach Süden zuerst eine Alpenkette erblickte, nach Westen sich hinter den sich hervorschiebenden Bergesrücken Salzburg, Tirol und Baiern dachte, nach Norden die mährische Ebene in Wirklichkeit und die böhmischen Wälder in der Phantasie sah, da ging ihm zum ersten mal der Gedanke der Größe Deutschlands auf, wenn es Ein Reich sei. Hermann hatte den Neffen mit all den wiener Dichtern und literarischen Persönlichkeiten bekannt gemacht, die er selbst kannte; er war Castelli wie dem Grafen Auersperg vorgestellt worden und hatte in der kurzen Zeit von acht Tagen eine Menge Bekanntschaften gemacht. Das machte sich gar leicht, denn wenn er auch allein ging oder fuhr, um diese oder jene Merkwürdigkeit zu sehen, am Abend zählte er ein halbes Dutzend Bekannte mehr. Setzte er sich in das alte Blumenstöckel, um ein frankfurter Würstel zu essen und einen Schoppen Märzen zu trinken, so rückte sein Nachbar am Tisch oder die Nachbarin näher heran und begann ein Gespräch, suchte er mittags in der Restauration von Stadt Frankfurt oder im Goldenen Lamm in der Leopoldstadt, oder wo es sonst war, in der Speisekarte, so fehlte es nicht an zuvorkommenden Wienern, von denen der eine die Hirnsuppe, der andere den Lungenbraten, der dritte Fasanen oder Backhähnel, der vierte ein Gemischtes empfahl; so waren Bekanntschaften gemacht und führten in der Regel zu einem gemeinsamen Ausfluge. Die neuen blanken Kremnitzer der Tante mochten Bruno reicher erscheinen lassen, als er war. Als er in Sanct-Helena über seine achttägigen Lebensereignisse berichtete, hatte er eine Menge Bekanntschaften von Schriftstellern, Dichtern, Mimen und andern Künstlern und Künstlerinnen aufzuzählen, außerdem war er mit einem halben Dutzend liebenswürdiger Wienerinnen, Mütter und Töchter, bekannt geworden. »Verliebe dich nur nicht«, sagte Veronica die Mutter, »du wirst keine der schönen Wienerinnen bewegen können, die Donau mit meiner heimatlichen Weser zu vertauschen, und im Grunde des Herzens kann ich es denselben nicht verdenken, denn als ich vor sechs Jahren seit 1813 zum ersten mal wieder in Heustedt war, kam es mir grauenhaft einsam und verkümmert vor. Ich bedauere dich, daß du dorthin verschlagen bist.« So kam das Gespräch auf Heustedt, und Bruno erfuhr erst hier, am Fuße des Semmering, nähere Details über den künftigen Aufenthaltsort. »Mein Bruder liegt jetzt mit seiner Schwadron dort im Quartierstande«, sagte Heloise, »ich werde Ihnen ein Empfehlungsschreiben mitgeben.« Nach weiterm vierzehntägigen Aufenthalte wurde Bruno aus den Zerstreuungen des wiener Lebens, dem er sich ergeben, aufgeschreckt durch eine Randbemerkung der Redaction zu seinen wiener Briefen. Da er die »Rheinische Zeitung« in keinem der Cafés gefunden hatte, die er zu besuchen pflegte, so ließ er sich die Nummern, welche seine Briefe enthielten, nach Wien nachschicken. Zu seinem vierten Briefe hatte nun der Redacteur, ein Freund und Gesinnungsgenosse, die Bemerkung gemacht, das Phäakenleben in Wien scheine so ansteckend zu sein wie einst das Leben in Capua. Die gesündeste Kraft scheine dort zu vergessen, daß aus Wien seit dreißig Jahren alles Uebel, woran Deutschland kranke, gekommen sei, von den Karlsbader Beschlüssen, den Maßnahmen gegen die Universitäten bis zu den geheimen Ministerialbeschlüssen von 1834 und den Bundestagsbeschlüssen in den hannoverschen Angelegenheiten. Bruno las seine Briefe von neuem durch, aber mit andern Augen: es war wahr, er fand nichts als Lob darin. Von Metternich und Gentz, von der Censur, dem Tabacksmonopol, von der Papierüberfülle, von dem Mangel an jedem Ernst im Leben, von der Leichtigkeit der Sitten, dem »Erlaubt ist, was gefällt« Goethe's, der Macht der Pfaffheit und der Machtlosigkeit der Wissenschaft hatte er kein Wort gesprochen, er hatte bisher nur den Sonnenschein, der über dem wiener Leben lagerte und den Anblick einer Mailandschaft gegen eine Schnee- und Regenlandschaft im Norden gewährte, gepriesen. Bruno ging in sich, er suchte Schatten und Schlagschatten und malte in seinem nächsten Briefe zu schwarz. Allein bald überschlich unsern jungen Freund ein Gefühl des Unbefriedigtseins in der lebenslustigen Welt, die Reflexion begann die Ueberhand zu gewinnen über die leichte Art, das Dasein zu nehmen, er drang auf Abreise. Diese wurde ihm indeß vom Onkel erst gewährt, nachdem verschiedene Ausflüge auf weitere Entfernung gemacht waren. Als es dann zum Abschiede kam, erzählte ihm der Onkel, wie er dazu gekommen sei, 1813 eine Tonne Goldes zu erbeuten, und daß er einen Theil dieses Geldes dazu bestimmt habe, strebsame junge Leute, namentlich deutsch-patriotische Bestrebungen zu unterstützen. Es verstehe sich von selbst, daß seine eigene Familie davon nicht ausgeschlossen sei. »Du bist, lieber Bruno«, sagte er, »über fünf Jahre, ohne eigentliche Schuld von deiner Seite, von dem Berufe, dem du dich gewidmet, durch Staatsgewalt zurückgehalten; dir ist die Gelegenheit benommen, in diesen besten Jahren deines Lebens durch Arbeit und Fleiß dir ein kleines Vermögen zu erwerben, eine Familie zu gründen. Nicht ich, sondern der Nationalfonds, den ich namens meines Vaterlandes verwalte, gibt dir zu deinem Anfange in Heustedt eine kleine Hülfe, und es übernimmt derselbe hiermit die Unterstützung deines jüngsten Bruders bis zum Abgange von der Universität.« Er legte viertausend Guldenscheine auf den Tisch. Bruno zögerte, das Geschenk anzunehmen. »Nimm ohne Zögern, ohne Bedenken, du hast sie verdient, ich weiß es. Leider ist unser Volk noch nicht dahin gekommen, einen Nationalfonds zu haben, verwaltet von den Edelsten des Volkes, bei dem der einzelne, der sich um das Vaterland verdient gemacht, anklopfen kann, wenn eine Zeit der Noth kommt. Ich sehe deinen Anfang in Heustedt vielleicht schwieriger an als du selbst; ein Advocat kann wenig dazu thun, daß die Leute in einer Gegend, wo er unbekannt ist, Zutrauen zu ihm fassen, das bringt erst eine längere Zeit, namentlich auf dem platten Lande. Dein Ruf als Schriftsteller wird schwerlich bis Heustedt gedrungen sein und würde dir bei den Bauern auch wenig nützen; Reclame zu machen, ist nicht möglich an solchen Orten. Ich billige deinen Plan, den Detmold dir eingegeben, durch höhere Einkommensteuerzahlung dich fähig zu machen, bei der nächsten Wahl als Candidat für die Zweite Kammer aufgestellt zu werden, wenn dieser Fall auch erst nach fünf Jahren eintritt. Dazu bedarfst du aber im Anfang der Mittel. Reicht das nicht, so klopfe dreist an, du empfängst kein Almosen, du empfängst nur schmalen, reichlich verdienten Lohn.« Baumann nahm und dankte. Der Abschied von Sanct-Helena und einige Tage später von Wien wurde ihm schwerer, als er vor drei Wochen erwartet hatte. Er fuhr bis Linz die Donau hinauf, durchstrich mit Hülfe von Stellwagen und zu Fuß das schöne Salzkammergut nach allen Richtungen, bestieg zum ersten male Gletscher und badete im tiefgrünen Königssee zwischen dessen achttausend Fuß hohen Marmorwänden. Dann stieg er über den Starnbergersee nach München herab, besah sich dieses kalte Athen mit seinen reichen Kunstschätzen und schmuzigem Hofbräu, suchte in Augsburg die Redaction der »Allgemeinen Zeitung« auf und ruhte erst in Heidelberg, wo sich drei Mitglieder des Jungen Göttingen als Privatdocenten habilitirt hatten, eine Woche aus. Es war schon October, als er in Heustedt eintraf. Wir haben das Städtchen seit etwa dreißig Jahren aus den Augen verloren. Aeußerlich war es das alte. Wenige Neubauten waren vorgenommen, der linke Flügel des Schlosses und der Fontainenthurm waren neu aufgebaut, die Nebengebäude gegen 1813 vergrößert, die Büse'sche Zuckerfabrik hatte zu existiren aufgehört. Auch der chinesische Pavillon hatte ein anderes Ansehen erhalten, er hatte auf der Westseite zwei den Fenstern auf der Ostseite entsprechende Fenster bekommen und war von dem vordern chinesischen Zimmer nicht mehr durch eine eiserne Fallthür, sondern durch eine reiche rothsammtene Portière getrennt. In dem einen Sechseck befand sich noch die alte Bibliothek und Kupferstichsammlung, in dem andern Sechseck noch das Büffet. Die hintere Wand nach Westen war mit einer guten Copie, der Umarmung Io's durch die Jupiter bergende Wolke, nach Correggio, aus dem berliner Museum, geschmückt, über den Büffet- und Bibliothekwänden hingen, freilich hinter seidenem Vorhange, auf der einen Seite eine Copie von Venus und Amor nach Padovanino. Man sah, der Gutsbesitzer Graf von Schlottheim hatte von Vater und Mutter dieselben Neigungen geerbt, der Pavillon hatte zwar Fenster nach der Parkseite, allein sie waren durch passende Decoration verhüllt. Selbst die alten Divans waren noch da, nur neu decorirt. Ein Rococotisch stand in der Mitte unter der alten Ampel; auf demselben befand sich freilich nicht mehr der alte Perlmutterkasten mit Zunder, Stahl, Stein und Schwefelfaden, man hatte jetzt bequemere Arten Feuer zu machen. Auch die Statuette des Mars und der Venus war verschwunden, der Franzose hatte sie entführt, statt dessen hatte eine Gruppe des Bacchus mit Adriadne den Platz eingenommen. Im Park waren nur einige abständige Bäume durch neue ersetzt, die beiden Bären standen wie vordem auf ihrem massiven Granitthore, nur trugen sie andere Schilder, das Wappen derer von Schlottheim weißer Linie. Die alte Holzbrücke über die Weser war dieselbe geblieben, der Proceß über den Platz zwischen der Weser und der Allee zum alten Schlosse war noch nicht beendet, wenigstens sah der Platz ebenso wüst aus wie vor Jahren. Im übrigen war das Leben in Heustedt ein gänzlich anderes als zur französischen Zeit, es ähnelte weit mehr der Zeit um 1792 als der von 1810–1813. Heustedt stand in dem Renommee, der drittheuerste Ort im Lande zu sein, man nannte es auch wol die dritte Residenz, weil daselbst nach Celle die verhältnismäßig meisten Behörden zusammengehäuft waren. Das Amt war ein sogenanntes Criminalamt, ein größeres, das die Gefangenen von mehrern kleinern Aemtern aufnahm, ein adelicher Drost stand an der Spitze, ein Amtmann besorgte die Dominialangelegenheiten, ein dritter Beamter die Vormundschaften, Curatelen und Concurse, drei Supernumerarassessoren theilten sich in Polizei (Wrougengericht), Justiz, Criminalsachen. Außerdem war Heustedt Sitz einer Forstinspection, wiederum war ein Herr von Teufel Oberforstmeister, ihm stand ein Forstsecretär zur Seite und drei Forsteleven arbeiteten unter ihm. Ein Wasserbauinspector, ein Wasserbauconducteur, ein Eleve und mehrere Deichvögte, ein Landesökonomiecommissar mit drei oder vier Gehülfen, ein Leggemeister, fünf, jetzt mit Bruno sechs Advocaten bildeten ein ansehnliches Heer Studirter. Den Rathskeller hatte ein Herr Hochmeier in Pacht, er war bis vor kurzem Weinreisender für ein bremer Haus gewesen und machte seinem Namen Ehre, er wollte hoch hinaus. Die Bedienung seiner Gäste war für ihn Nebensache. Unser Freund fand in der Weststadt nahe der Brücke eine passende Wohnung mit der Aussicht auf die Weser. Seine Bücherkiste, Actenrepositorium, Schreibtisch, Bett und dergleichen waren schon vor ihm die Weser herabgekommen, Dampfschiffe befuhren damals die Oberweser noch nicht, allein es hatte sich in Hameln eine Weser-Dampfschiffahrtsgesellschaft gebildet, welche mehrere Schiffe bauen ließ. Ein Intelligenz oder Wochenblatt gab es zu Heustedt in jenen Tagen noch nicht; nachdem der abgehende Advocat beeidigt war, mußte er, wie es üblich war, in allen Kirchdörfern der sechs Vogteien auf den Kirchhöfen nach Beendigung des Gottesdienstes bekannt machen lassen, daß er in Heustedt als Advocat bestallt sei und auf der Deichstraße bei dem Färber Krische wohne. Dann mußte er in den sauern Apfel beißen, bei der Gesellschaft und der Haute-Volée, bei den angesehenern Kaufleuten und Geschäftsleuten Visite zu machen. Mittags traf er im Rathskeller an der Tafel eine verhältnißmäßig zahlreiche Gesellschaft, ältere wie jüngere unverheiratete Personen, aber es wollte ihm nicht gelingen, zu dem Tone, der unter ihnen herrschte, irgendeinen harmonischen Anklang in seinem Innern zu finden. Man redete meistens von Personen und Sachen, die er nicht kannte, das ließ sich noch ertragen, er mußte die Personen und Dinge nach und nach kennen lernen. Aber man redete noch mehr über eine Menge Dinge, die er kannte; die ihm aber durchaus gleichgültig waren und blieben. Da saß am obern Ende des Tisches ein älterer Beamter mit dem Beinamen der »L'Hombre-Tiger«, welcher mit seinem halbtauben vis-à-vis eine Stunde lang über einen Fehler, den X oder Z im vorigen Jahre beim L'Hombre gemacht, sich unterhalten konnte. Die Juristen pflegten »Felle zu gerben«, wie die Nichtjuristen das nannten, oder noch öfter von Avancement zu sprechen. Von Literatur, Poesie, Politik war niemals die Rede. Was A hier, B dort gegessen und getrunken, wie eine Speise hier, wie sie in Hamburg oder Bremen zubereitet wurde, ob der von Kampf'sche oder der Egger'sche Rothspon der bessere sei, das waren Discussionen, die das Interesse der gesammten Tischgenossenschaft auf das höchste in Anspruch nahmen. Es war hergebracht, daß die Tischgenossen ihre Plätze nach dem Alter angewiesen erhielten. Bruno hatte zu Tischnachbarn zwei ihm widerliche Menschen, zwei adeliche Auditoren. Der eine, aus einem reichen Adelsgeschlechte, hatte durch seine Bornirtheit und seine komischen Antworten im ersten Examen eine gewisse Berühmtheit im Lande der Welfen errungen, der andere war Sohn eines Ministers, der sich 1837 hatte degradiren lassen, und war deshalb allein schon Baumann zuwider, obwol er sonst ein harmloser Gesell war, wenn auch mit einigem Adelsdünkel, den seine Schwestern freilich nicht theilten. Gegenüber saß ein junger Secondelieutenant von den Königin-Husaren, in Heustedt auf Commando. Die beiden Auditoren, die selbst Reitpferde hielten, sprachen mit ihrem Gegenüber fast von nichts als von Pferden, einen Tag wie alle Tage. Zwischen Baumann und seinem Tischnachbar zur Rechten, dem Wirth Hochmeier, blieben einige leere Plätze, für Durchreisende bestimmt. Waren diese Plätze unbesetzt, so hatte er nicht einmal einen Nachbar, mit dem er reden konnte, und Hochmeier selbst war, nach Art von Weinreisenden, ein Aufschneider, der von seinen Reisejahren allerlei Anekdoten auskramte, die er erlebt oder aufgeschnappt hatte und als selbsterlebte erzählte. Nachdem er bei sämmtlichen Tischgenossen Visite gemacht, mindestens seine Karte abgegeben hatte, wurde er wol von den ältern Herren gefragt, wie es ihm gefalle, ob er mit seiner Wohnung und seinem Hauswirth zufrieden sei, ob er schon Praxis habe u. s. w., im ganzen aber fühlte er, daß die Tischgenossenschaft sich zurückhaltend und zugeknöpft gegen ihn benahm. Baumann ahnte freilich nicht, in welchem Lichte seine Person den Tischgästen erschien, und wie mancherlei Erzählungen und Gerüchte über ihn seit einem halben Jahre schon in Heustedt im Umlauf waren. Mit seiner Ernennung zum Advocaten war an den Drosten von G. ein vertrauliches Postscriptum gekommen, dem Sinne nach des Inhalts: Candidat Baumann sei ein vorlauter, gefährlicher Mensch, Literat und Gazzettist, der in Heustedt unschädlich gemacht werden müsse. Derselbe habe sich in Göttingen in die Verhältnisse des Staats, der Universität und des Gemeindelebens in dreister Art eingemischt, öffentliche Verleumdungen angesehener Männer in auswärtigen Journalen nicht gescheut, das System der Regierung verdächtigt, sodaß Universität und Magistrat auf seine Entfernung gedrungen hätten. Man vertraue der Umsicht und Gewandtheit des Herrn Drosten, daß er dem jungen Manne dort Zügel anlegen werde, wozu kein Ort geeigneter sei als Heustedt, das sich durch seine Loyalität während der Verfassungswirren rühmlichst ausgezeichnet habe und durch den Kern seiner Bevölkerung gegen Ansteckung gesichert sei. Der erste Beamte in Heustedt war nun nichts weniger als Diplomat, er konnte nichts auf dem Herzen behalten, er mußte selbst Amtsgeheimnisse, wenigstens seiner Gemahlin, mittheilen, am liebsten aber kramte er solche im Herrenclub aus. Während an den Wochentagen jeder Beamte seine Expeditionsarbeiten besorgte, fand Sonnabends eine Art collegialischer Besprechung statt. Die sämmtlichen reitenden Vögte, die Auditoren und Assessoren sammelten sich in der großen Amtsstube, und der Drost theilte denselben die etwa eingetroffenen Eingänge von der Regierung mit, man besprach auch noch einmal ein Erkenntniß, wenn die Zahl der Dissentirenden zwei überstieg, oder stritt über die Interpretation eines neuen Gesetzes. Nachdem im April das Anstellungsdecret in Heustedt angelangt war, benutzte der Drost den ersten »Regimentstag«, um den Versammelten mit gewichtiger Miene, aber »vertraulich«, den Inhalt des Postscripts über den neuen Advocaten mitzutheilen, zur Nachachtung. Die vertrauliche Mittheilung war nach wenigen Tagen im ganzen Orte bekannt, natürlich mit großer Uebertreibung. Alles, was Bruno geschrieben, war anonym erschienen oder in den »Halleschen«, respective »Deutschen Jahrbüchern« nur mit einer Chiffre unterzeichnet, die den näher Befreundeten bekannt war – allein eine Nummer der »Deutschen Jahrbücher« hatte sich noch nie nach Heustedt verirrt, und so herrschte denn über die literarische Thätigkeit unsers jungen Freundes ein großes Dunkel, das natürlich um so mehr zu seinem Nachtheil ausgebeutet werden konnte. Das sei ein junger Mann, erzählte man sich, dem nichts heilig sei, weder die Person des Königs noch die Regierung, weder Altar noch Staatsbehörden. Man hatte in Heustedt noch nie einen Demagogen gesehen und machte sich nun ein recht wühlhuberisches Bild von dem Erwarteten. In der Hoffnung, denselben recht bald in Heustedt erscheinen zu sehen, war man freilich getäuscht worden; Baumann, der erst ein größeres Stück Deutschland sehen wollte, ließ über ein halbes Jahr auf seine Ankunft warten und gab dadurch Veranlassung, daß in allen Damenkaffees und Thees der »Wühler mit dem großen Barte« zum Gesprächsstoff diente. Nun hatte aber Frau Forstsecretär Mühlbach noch entdeckt, daß der Erwartete ein Enkel jenes Forstschreibers Oskar Baumgarten sei, der am Ende des vorigen Jahrhunderts die Tochter eines gräflich Wildhausen'schen Schlagtmeisters geheirathet und dann fortgezogen sei, als man die Frau nicht habe im Casino dulden wollen. Da wurden denn sehr alte Geschichten, von denen Baumann selbst nicht ein Wort wußte, aufgewärmt und mit allerlei Zuthat versehen, um sie pikant zu machen. Kurz, der Advocat war ein verrufener Mann, wie er ankam, vor dessen näherm Umgange man sich selbst, besonders aber die Töchter hüten mußte. So war es gekommen, daß die Tischgenossenschaft sich mehr von dem Ankömmling zurückzog, als es sonst üblich war. Schon lange vor seinem Eintreffen war darüber debattirt: ob man ihn in den Club aufnehmen oder bei dem Ballotement durchfallen lassen solle. Die Stimme des Drosten hatte sich für das Durchfallenlassen entschieden; »man muß«, sagte der erste Beamte, »einem solchen jungen Manne von vornherein zeigen, daß die Gesellschaft sein Treiben misbilligt«. Die Mehrzahl hielt das aber für eine Ungerechtigkeit, und der Superintendent erklärte es geradezu für nicht christlich. Dies kränkte den Drosten, der den Superintendenten ohnehin nicht leiden mochte, weil von dessen vier Töchtern eine schon verheiratet und zwei verlobt waren, während es keiner von den eigenen fünf Töchtern hatte gelingen wollen, ein fühlendes Herz zu finden, das dem ihren entgegenschlug, und er sagte: »Ich zweifle gar nicht, daß Ihre schönen Töchter den jungen Mann so zurechtschleifen werden, daß er bald wie ein Diamant glänzt, und Sie selbst werden ihn vielleicht bekehren und aus ihm eine Perle für alle Gläubigen schaffen.« Baumann war im Herrenclub aufgenommen. Dort lagen im Lesezimmer die »Hannoversche Zeitung«, der »Hamburgische Correspondent«, die »Kölnische Zeitung« wie die »Illustrirte Zeitung« und die »Fliegenden Blätter« aus. Bruno las schnell, in einer halben Stunde hatte er sämmtliche Blätter durchflogen und begab sich dann in das Billardzimmer, wo die jüngern Leute eine Poule zu spielen pflegten. Die Mehrzahl der Clubmitglieder saß im großen Saale beim Kartenspiel; drei L'Hombretische und zwei Whisttische waren an gewöhnlichen Tagen von nachmittags sechs bis abends neun Uhr im Gange, um welche sich zahlreiche Gruppen von Zuschauern, die man dort »Hätten« nannte, zu sammeln pflegten. Zu den regelmäßigen »Hätten« gehörte der Drost. Wie Bruno bald erfuhr, geschah das unfreiwillig; er fand aber nur Sonntags, wenn die auswärtigen Clubmitglieder kamen, eine Partie und war als Zuschauer den Spielern förmlich verhaßt, weil er bei jedem verlorenen Spiele nicht lassen konnte zu sagen: »Hätten Sie Manilla gezogen, so würden Sie gewonnen haben.« Unserm jungen Freund wurde öfter eine Karte angeboten, allein er zog es vor, wenn er den Wasserbauinspector fand, mit diesem eine Partie Schach zu spielen. Die ersten vierzehn Tage waren mit Besuchen und Gegenbesuchen so leidlich hingegangen, nun aber kam die Zeit der Ruhe, und Bruno kam sich wie ein Kaufmann vor, der den ganzen Tag vor seinem Laden steht, sich die Hände reibt und auf Käufer wartet. Er verlangte nach Processen, aber die Bauern kamen nicht. Er hatte sich von dem ältesten seiner Collegen, dem Advocaten Bardeleben, Acten ausgebeten, um das dortige Meierrecht zu studiren, das ihm unbekannt war, da es mehr auf Gewohnheit als auf geschriebenem Rechte beruhte. Unter diesen Acten befand sich auch der Dummeier'sche Proceß gegen Claasing, den Katharina nach dem Tode ihres Hans Dummeier angestrengt hatte. Der Proceß hatte sich bis über die Mitte der zwanziger Jahre hingeschleppt und war erst dann vom höchsten Gerichtshofe entschieden. Die Klage war in angebrachter Maße abgewiesen, konnte also jederzeit wieder aufgenommen werden. Es waren infolge der Ablösungsgesetze neue Anschauungen über das Meierrecht aufgekommen, hatten sich bisjetzt indeß nur bei dem Finanzministerium Bahn gebrochen. Finanzministerium? wird der Jurist ungläubig fragen. So war es, bis zu Ende des Jahres galt noch die Göhrder Constitution, welche den Rechtsspruch über Sachen der herrschaftlichen Meier den Landesgerichten entzog und den Verwaltungsbehörden, »der Kammer«, zuhöchst dem Finanzministerium überwies. Nach dessen neuern Entscheidungen aber würde der Proceß für Dummeier jetzt gewonnen sein. Bruno dachte daran, den Jochen Dummeier, wenn er noch lebe, zur Wiederaufnahme des Processes aufzufordern und sich ihm als Armenadvocat anzubieten. Sein Interesse an dem Meierrecht erlosch aber sofort, nachdem er sich eine ungefähre Rechtsansicht darüber gebildet hatte. Es stellte sich nun das Gefühl einer ungemeinen Vereinsamung bei ihm ein; er fühlte sich in so hohem Grade unglücklich, daß er dem verfluchten Neste je eher je lieber den Rücken hätte zukehren mögen. Er brachte seine Zeit damit hin, an seine vielen Freunde in Göttingen, Frankfurt, Heidelberg, Hamburg, Berlin, Leipzig, Dresden, Wien, München, Luxemburg, Paris, Pittsburg – überall hatte er Freunde, Studiengenossen, Strebegenossen, Verwandte – lange lamentable Briefe über das Thema zu schreiben, daß er hier untergehen und geistig verkommen müsse. Es war infolge dessen zwischen ihm und dem frühern Jungen Göttingen, von dem, wie wir wissen, sich drei seiner Freunde in Heidelberg niedergelassen hatten, ernstlich davon die Rede, daß er an den Neckar übersiedeln und dort sein Glück als Privatdocent versuchen solle. Er hatte das Geschenk aus dem Nationalfonds des Onkels noch nicht angegriffen, er konnte dort bei mäßigem Leben vier Jahre aushalten, und wenn er den Studenten gefiel, sein Glück machen. Er holte sich deshalb den Rath des Onkels Hermann ein. Ehe er von Wien Antwort bekam – ein Brief lief damals noch acht Tage und länger – trat ein Ereigniß ein, das diesen Plan zunichte machte. Mitte November, so weit war die Jahreszeit schon vorgerückt, fand in Heustedt ein großer Viehmarkt statt. Da kamen Domänenpächter, Gutsbesitzer, reiche Bauern von nah und fern, es war der Clubsaal zu einer großen Tafel eingerichtet, eine Musikbande, die vom bremer Freimarkte zurückkam, machte Tafelmusik, es wurde gut gegessen und fleißig getrunken. Kaum war der Kaffee auf dem Tische und die Cigarren angezündet, als die hinterste Tafel abgedeckt und dem Sofa näher gerückt wurde, auf einem in der Ecke stehenden Kasten wurde ein Instrument hervorgezogen, das Bruno hier zum ersten mal sah – eine Roulette. Ein allbekannter Bankhalter, der im Sommer die Bank in Rehburg in Pacht hatte, breitete das grüne Tuchlaken über den Tisch, und bald war die Tafel besetzt. Auch Bruno hatte einen Platz am Tische genommen und fing, als er das Spiel begriffen hatte, zu pointiren an. Er spielte mit großem Glück, solange er einfache Chancen verfolgte, und hatte schon mehr als 100 Thaler gewonnen, als sein Nachbar, der Drost, ihn aufmunterte, sein Glück mit Nummern zu forciren. Auch die ersten Nummern schlugen ein und verdoppelten seinen Gewinn. Plötzlich drehte ihm aber Fortuna den Rücken, kein Satz wollte glücken, sein Geld schwand schneller, als es gekommen, zumal er drei, vier, fünf Nummern zu setzen anfing. Nach einer halben Stunde war er völlig blank. Einer der Tischgenossen, der jetzt im Glück war, bot ihm 20 Thaler Darlehn, sie wurden angenommen, gingen aber den Weg zum Bankier. Eine Spielwuth, die ihn jedes vergünstigen Gedankens beraubte, war über ihn gekommen; er sprang auf, lief, so gut das Gedränge es zuließ, einen Tausendguldenschein von Haus zu holen, wechselte und spielte anfangs mit erneuertem Glück, dann mit beständigem Unglück so lange, bis er abermals auf Null reducirt war. Er eilte wieder nach Hause und wollte mit den 3000 Gulden, die er noch hatte, zum Rathskeller zurück, als der Wasserbauinspector in sein Zimmer trat. »Wenn Sie in dieser Rage zum Keller zurückkehren, so sind Sie sicher, nach einer Stunde ebenso ausgebeutet zurückzukehren, wie Sie soeben nach Hause gelaufen. Ich will Ihnen eine Geschichte erzählen, dann wollen wir eine Partie Schach spielen, und wenn Sie dann noch nach der Roulette zurückwollen, so begleite ich Sie. »Hier lebte bis vor drei Jahren ein pensionirter Amtmann Motz – der vor langen Jahren wegen eines beim Glücksspiel vorgefallenen Streites und Duelles von hier versetzt worden war, auch einer meiner Vorgänger war in die Sache verwickelt; bei meinen Acten liegt ein Bericht an das Geheimrathscollegium von damals. Doch das gehört nicht zur Sache. Motz hatte sich nach seiner Pensionirung nach Heustedt, seinem Geburtsorte, zurückgezogen, wo sein einziger Sohn als Supernumerarassessor arbeitete. Heute vor drei Jahren war, wie alle Jahre, Viehmarkt, und solange der Drost hier ist, treibt es jener Rouletteschwindel wie heute. Ich war nach Tisch auf den Krammarkt gegangen, um einigen Damen, die mir den Markt abgewonnen, etwas zu kaufen. Das Spiel mochte kaum eine Stunde eröffnet sein, als der junge Motz an mir erhitzt, ohne Hut, vorbeischoß, nach seiner Wohnung, wie heute Sie. Ich rief ihm im Spaß nach: Hat das so 'ne Eile? bekommt der Jude Ihr Geld nicht früh genug? Er sah und hörte nicht. »Ich ging später in den Spielsaal und sah mir die Menschen an, wenn man die in Hitze gekommenen Spieler überhaupt noch so nennen kann. Der junge Motz spielte mit Gold und spielte unglücklich, sein Spiel hatte die Aufmerksamkeit vieler auf sich gezogen, denn man erzählte mir, zwei Stapel Doppellouisdor, die vor dem Bankhalter lagen, habe er schon verspielt, und wunderte sich, woher er das Geld bekommen, da sein Vater nur von seiner Pension lebte. »Ich beobachtete, Motz langte wieder in die Tasche und zog einen Doppellouisdor hervor, es war der letzte, wie es schien, er betrachtete ihn lange nachdenkend, dann reichte er denselben dem Bankier zum Wechseln und besetzte die Null mit einem Thaler – die Null gewann, ein freudiges Lächeln umstrahlte das Gesicht des Spielers. »Während der Bankier ihm 36 Thaler auszahlte und frug, ob er auch Gold haben wolle, trat sein Vater mit hastigem Schritt ins Zimmer und auf den Sohn zu, dem er ein Wort in das Ohr flüsterte. Ein Nachbar des Spielers wollte das Wort Dieb gehört haben. »Der hochrothe junge Mann wurde todtenbleich, er raffte seine Thaler zusammen und verließ den Spielsaal, der Vater folgte ihm. Während letzterer noch nach seinem Hute suchte, rannte der Assessor abermals barhäuptig aus dem Hause, und hier am linken Ufer, wo das Fahrwasser ist, sprang er von der Brücke in die Weser. Nach acht Tagen fand man den Leichnam und konnte ihn nun mit dem Vater, den der Schlag gerührt, zugleich beerdigen. »Man erfuhr bald den Zusammenhang. Der Domänenpachter Angstmeier hatte ein Kapital von 2000 Thalern Gold ausleihen wollen, indeß hatte des Marktes wegen eine Obligation nicht aufgenommen werden können; er brachte das Gold zu seinem Freunde, dem Amtmann Motz, um es von ihm bis zum andern Tage aufheben zu lassen. Dieser schloß es in seinen Schreibtisch. Der Sohn, der dabei gegenwärtig war, hatte in der Spielwuth den Schrank erbrochen, die ganze Summe verspielt. »So, nun setzen Sie sich und lassen Sie uns eine Partie Schach spielen. Zeigen Sie mir, daß Sie wirklich ein Philosoph sind, wie Sie sagen.« Man setzte sich zum Schach. Bruno's Leidenschaft war der Scham gewichen, er nahm sich zusammen und gewann die Partie. »Nun gut«, sagte der Inspector, »Sie haben sich beruhigt, jetzt können wir wieder in den Spielsaal gehen, müssen es sogar Ihres Renommee wegen, denn nehmen Sie es mir nicht übel, Sie haben sich wie ein gerupfter Grünling benommen und mehr Schadenfreude als Mitleid erregt. Zeigen Sie sich jetzt als ruhiger, besonnener Mann. Wechseln Sie das größte Papier, das Sie haben. Setzen Sie von neuem 10 Thaler zum Spielen aus, will das Glück Ihnen wohl, so können Sie mit der Summe ebenso viel gewinnen als mit 1000 Gulden, haben Sie Unglück, so müssen Sie aufhören, wenn die 10 Thaler verloren sind.« Unterwegs sagte der freundliche Mann zu unserm Freunde noch Folgendes: »Ich bin zehn Jahre älter als Sie, lebe seit funfzehn Jahren an diesem Orte und darf mir daher wol erlauben, Ihnen einen guten Rath zu geben. Sie müssen sich nicht so sehr isoliren, je mehr Sie sich zurückziehen, desto mehr zieht sich die Gesellschaft von Ihnen zurück, ohne Gefälligkeit aber kann kein Mensch bestehen. So gern ich eine Partie Schach mit Ihnen spiele, so rathe ich Ihnen doch, daß, wofern Sie Karte spielen, Sie ein oder den andern Tag eine Partie L'Hombre oder Whist machen, Sie werden dadurch mit den Leuten bekannter als auf andere Weise, und glauben Sie mir, unsere guten Heustedter sind nicht besser, nicht schlimmer, als die Leute anderswo sind, und wenn man sich einigermaßen gewöhnt hat, läßt es sich hier besser leben als an hundert andern Orten. Denken Sie einmal an die Aemter in unserer Provinz, an Bruchhausen, Ehrenburg, Freudenberg, Harpstedt, Lemförde, Diepholz? – Und nun noch eins, geben Sie mir Ihr Ehrenwort, daß Sie zu spielen aufhören, wenn ich meine Hand auf Ihre Schulter lege.« Bruno versprach Nachfolge. Am Tische der Roulette hatte die Scene sich geändert, die Mehrzahl der hitzigen, namentlich alle jüngern Spieler waren blank und sahen dem Spiele nur noch zu, dagegen war der Major von Finkenstein, der Präsident des Rathskellertisches, von einer Reise zurückgekommen und nahm dicht neben dem Bankhalter einen bequemen Platz ein. Zwei oder drei reiche Gutsbesitzer saßen neben ihm, es wurde sehr hoch pointirt und dem Bankhalter, der an der Roulette stand, liefen die dicken Schweißtropfen über die magern Wangen und nahmen die aufgelegte Schminke in ihrem Rinnen vom Gesicht. Bruno hatte den Bruder seiner Geliebten noch nicht gesehen. Als er in Heustedt ankam, war derselbe verreist; er hatte nur seine Karte und den Brief Heloisens abgegeben. Unser Freund war unangenehm überrascht, als er in dem Major jenen Husarenoffizier wiedererkannte, der vor zwölf Jahren bei dem Einzuge der Truppen in Göttingen das höhnische Hepp! hepp! Pereat Göttingen! gerufen hatte. Das Gesicht war ihm damals schon widerwärtig gewesen, heute, wo es stärker bebartet war, aber nach der steifleinenen Vorschrift Ernst August's, misfiel es ihm noch mehr. Der Major Victor Justus Haus von Finkenstein saß im Glück, mehrere Rollen Gold und das Tausendguldenpapier Bruno's lagen schon als Gewinn vor ihm. Als Bruno die neue Note in Gold wechseln wollte, hatte der Bankier nicht so viel Geld, und der Major mußte auf Bitten desselben wechseln. Bruno steckte das Gold bis auf einen Doppellouisdor ein und fing, nachdem er diesen gewechselt hatte, ein Spiel mit Thalern an. Es schien, als wenn das Glück, welches bisher bei dem Major gewesen, mit dessen Gelde auf Bruno übergegangen sei. Der Major spielte ein eigenes Spiel, er setzte ein Dutzend Louisdor auf roth und ließ das Geld eine Zeit lang, die er an der vor ihm liegenden Uhr abmaß, stehen – verlor er, so besetzte er während der noch übrigen Zeit regelmäßig die rothe Null. Gewann diese, so setzte er die Hälfte des Gewinns auf rothe Farbe und ließ ein Viertel des Gewinns noch einmal auf der Null stehen, wobei er den Bankhalter freundlich anzurufen pflegte: »Drehen Sie ›Noll‹, Söhnchen!« und nicht selten hatte das geholfen. Bruno, dem Major gegenüber und die schwarze Farbe vor sich, hatte durch Zufall oder aus antisympathischer Neigung die schwarze Farbe gehalten, und diese, welche den ganzen Abend nicht Stich gehalten, wurde plötzlich dauernd, gewann nacheinander erst acht, dann vierzehnmal. Der Major verdoppelte nach jedem Verluste seinen Satz auf roth, konnte aber nicht eine einzige erlangen. Ebenso unglücklich spielte er auf der Null, diese kam nicht, während, so oft Bruno eine Zahl oder die schwarze Null setzte, diese kam. Bruno hatte so manche Doppellouisdor bezahlt bekommen, vor ihm lag ein Haufen Thaler, die Goldrollen des Majors waren verschwunden, einer der beiden Tausendguldenscheine lag schon wieder vor dem Bankier, die Stimmung des Majors wurde immer verdrießlicher, er trank ein Glas Champagner nach dem andern, fluchte und ersuchte endlich Bruno auf eine beinahe unartige Weise, ihm den zweiten »Wisch«, auf die Note weisend, zu wechseln und ihm sein Gold zurückzugeben, mit dem sein Glück geschwunden sei. Bruno war in Begriff, auf ähnliche Weise zu antworten, als der Wasserbauinspector die Hand auf seine Schultern legte. Er wechselte nun seinen Schein wieder ein und sah bei dieser Gelegenheit, daß er seinen Verlust beinahe eingeholt hatte, er machte der Gesellschaft eine Verbeugung und folgte dem Wasserbauinspector in das Lesezimmer, wo sich beide zu einer Partie Schach setzten. Am andern Mittage versäumte der Tischpräsident die Tischzeit und mußte selbst in das Strafbuch geschrieben werden – er ließ sich nach dem Essen von dem Wasserbauinspector dem neuen Advocaten vorstellen, schnarrte in nachgeahmtem berliner Garde-Offiziertone einige Worte von Bedauern, nicht getroffen zu haben, und wendete sich beim Kaffee, und nachdem er die Cigarre angezündet, wieder zu seinem Tischnachbar, um die Erzählung von Wien, Ofen, Pesth u. s. w. fortzuführen. Der Major hatte der Hochzeit der Schwester beigewohnt, im Hause seines Onkels, und das junge Ehepaar dann nach Pesth und tiefer nach Ungarn hinein begleitet. Hatte er keinen Gruß von Onkel Hermann, keinen von seiner Tante und Nichte Veronica, keinen Gruß von dem Ideal seiner Träume mitgebracht? War dieses völlige Ignoriren seiner Verwandtschaft und Bekanntschaft mit den Leuten, von denen der Major kam, nicht etwas Absichtliches? Zu Hause angekommen, fand er die Karte des Majors und einen Brief seines Onkels vor, der Major hatte also zu einer Zeit, wo er ihn bei Tische wußte, Visite gemacht und dadurch deutlich zu erkennen gegeben, daß er in nähere Beziehung zu dem jungen Advocaten nicht treten wollte. Seit dem Spielabende trat in Baumann's Leben eine Veränderung ein; er gab alle heidelberger Plane auf, er nahm sich vor, es sich in Heustedt gefallen zu lassen, das Leben zu nehmen wie es sei, und sich Freunde und Bekannte zu schaffen. Er betheiligte sich öfter am L'Hombre- und Whisttische, fing aber zu Hause eine größere wissenschaftliche Arbeit an, die ihm einen Namen machen sollte. Seitdem die Heustedter sahen, daß Bruno L'Hombre und Whist spielen könne, sahen, daß er eine Auster zu würdigen wisse, ein Glas Grog oder eine halbe Wein nicht verschmähte, seitdem derselbe nach dem Spiel mit ihnen plauderte, von Dresden, Prag, Wien und den schönen Wienerinnen erzählte, kurz seitdem sie merkten, daß er ein Mensch mit Leidenschaften und Schwächen wie sie sei, wurden sie minder zurückhaltend und zeigten sich aufgeknöpfter. Auch seine Geschäfte kamen in Gang. Der dritte Beamte überwies ihm zwei Concurscuratelen, Kaufleute schickten Bauern, die Processe anfangen wollten, Bruno mußte an Gerichtssitzungstagen regelmäßig schon nach dem Amte, um seine Termine zu halten, er kam mit seinen Collegen in nähere Berührung und fand ganz passable Leute, kurz er fühlte sich heimischer. Wir besitzen aus dieser Zeit noch einen Brief Baumann's an einen Freund in Leipzig, der uns vielleicht den besten Einblick in sein damaliges Leben gewährt. Nur den Anfang des Briefes lassen wir weg, er bezieht sich auf das neu angefangene Werk. Dieses sollte eine populäre Philosophie der Geschichte werden, wobei er sich zwar an die Grundlehren seines Meisters hielt, allein ohne an eine streng systematische und deductive Entwicklung in der Ausführung sich zu binden. Er ging von den Thatsachen der Geschichte aus und legte daran die Kritik der sittlichen Mächte; er prüfte, in welcher Weise Religion, Recht, Schönheit, Moral in dem Leben der einzelnen Völker zur Anerkennung und Darstellung gekommen seien, und welche Stellung diese Lebensmächte zueinander eingenommen hatten. Dann fuhr er im Briefe fort: »Was nun das hiesige gesellschaftliche Leben anbetrifft, so habe ich mich der Sitte und dem Brauche unterwerfen müssen, so schwer es mir auch angekommen ist. Aber man gewöhnt sich an alles. Ich spiele hier, trotz eines Pastors, mindestens ein um den andern Tag mein L'Hombre oder Whist auf dem Club, freilich mit allem Pech, weil ich mit Unaufmerksamkeit spiele. Aber ich fühle, daß das eine geistige Abspannung ist, die mir wohlthut; wenn ich abends nach Hause komme und mich zwei Stunden an die Arbeit setze, beschicke ich mehr als früher in fünf Stunden. »Auch der Geist verlangt nach Abwechselung. Meine Praxis ist im Zunehmen, und ich habe einige recht interessante Processe, die schon in höhern Instanzen schweben. »Du willst ein Bild der hiesigen Gesellschaft; nun wohl, wenn es Dich interessirt, will ich eine Reihe von Personen Dir vorführen. Der Allmächtigste und Gefürchtetste hier ist Graf Schlottheim, erster Kammerherr bei Sr. Majestät Ernst August, der mit Schele seit 1837 Politik gemacht hat. Ich kenne ihn noch nicht persönlich, da er während meiner Anwesenheit Heustedt noch nicht die Ehre seines Besuchs gegönnt hat; wenn er aber seinem jüngsten Bruder ähnlich ist, den ich in Göttingen kannte, so wird er mich schwerlich je in seinem Schlosse sehen. Du erinnerst Dich vom Jahre siebenunddreißig her noch des langaufgeschossenen Vandalen, der mit Oerzen, Malzahn und andern mecklenburger Junkern herumkneipte und von Dahlmann das Honorar für die nicht beendete Vorlesung durch den Stiefelwuchs zurückfordern ließ. Als ich die Sache zu Hause erzählte, ließen es sich die Füchse nicht nehmen, dem Herrn Grafen einen dummen Jungen aufzubrummen, und mein Freund Grant, der Amerikaner, hat ihn durch einen Säbelhieb auf immer gezeichnet. Der Jüngere, der Kammerherr, wird nicht besser sein. Er kommt indeß nur in der Frühlingszeit und im Herbst zur Jagd. »Dann sollte der Drost von G. eigentlich die erste Geige spielen. Ehe ich hierher kam, hatte ich aus den Verhandlungen der Ersten Kammer über das Staatsgrund- und die Ablösungsgesetze mir von ihm das Bild eines Aristokraten vom reinsten Wasser entworfen. Seitdem ich hier bin, habe ich mich überzeugt, daß er vom Aristokraten nichts hat, auch kein Gut und Geld, daß er ein ganz gewöhnlicher Bureaukrat ist, nur in der Rede und mit der Feder gewandter, als es in der Regel seine Collegen sind. Seine politischen Floskeln hat er aus Haller und dem »Politischen Wochenblatt«, von Volkswirthschaft hat er keinen Begriff, aber er ist sich bewußt, von anderm Stoffe zu sein als wir. Hier hat er sein Ansehen durch kleine Fingerkunststückchen beim Spiel, durch Schwatzhaftigkeit, Unzuverlässigkeit, fortwährende Verbindlichkeiten gegen Geldjuden eingebüßt. Seine fünf Töchter sind eine noch blonder als die andere, die jüngste nicht unschön, aber sie ist mit ihren langen Locken so schmachtend, daß man Mitleid mit ihr haben könnte. »Sie sämmtlich richteten, als ich Visite machte, die Frage an mich, ob ich tanze, und als ich das bejahte, brach die gesammte Schwesterschaft in ein Lamento über die Tanzfaulheit der jungen Herren los. Da habe ich für den ersten Casinoball, der morgen stattfindet, schon fünf unvermeidliche Tänzerinnen. »Nun sind noch ein paar Landjunker hier, beide in meinem Alter etwa, und seit zwei oder drei Jahren verheirathet. Der eine, Philipp von Vogelsang, groß, dick, schwerfällig, aber gutmüthig und ohne Adelsstolz; er läßt alles Geld, das er verbraucht, erst waschen, was ich nobel finde, er soll gute Gesellschaften und feine Bälle geben. Seine Frau, eine junge recht schöne Dame, eine verarmte Adeliche aus dem nahen Braunschweigischen, dem 1815 auf dem Wiener Congreß vergessenen Thedinghausen, soll sehr vergnügungssüchtig sein und keinen Ueberfluß an Geist besitzen. Sie erzählte mir bei der ersten Aufwartung, ihr Gemahl sei nur deshalb nicht Landrath (eine provinziallandschaftliche Sinecure), weil sein Vater Drost gewesen sei und deshalb eine landschaftliche Stelle nicht habe bekleiden können. So habe er denn die Wahl auf seinen Schwager, den Baron von Bardenfleth gelenkt, der – sie wollte noch mehr sagen, aber in diesem Augenblicke trat ihr Mann in das Zimmer. Ich konnte nach dem, was ich von andern gehört, aber die Rede schon ergänzen, sie wollte indiscret hinzufügen, der es ja auch nöthiger habe als ihr Gemahl, der nach Schlottheim der reichste Grundbesitzer sei. »Der Landrath von Bardenfleth, Vogelsang's Nachbar, ist ein kleines, feines, zierliches Männchen mit sehr kleinen Händen und Füßen, worauf er sich nicht wenig einbildet. Ob er Geist hat, darüber habe ich noch keine Beobachtungen anstellen können, er ist ein eifriger L'Hombrespieler und immer der erste auf dem Club. Seine Frau ist minder schön als die Gnädigste von Vogelsang, hat aber etwas Pikantes, ich möchte sagen an französische oder gar pariser Frauen Erinnerndes, obwol ich solche nur aus Romanen kenne. Sie ist witzig, voll von guten Einfällen, sie hat eine oberflächliche Kenntniß unserer schönen Literatur, obgleich es mir schien, als habe sie mehr aus einer Literaturgeschichte als aus den Quellen geschöpft. Sie sprach von literarischen Abenden, von der Nothwendigkeit eines Journalcirkels und meinte, daß ich ein Element sei, das Heustedt noch gefehlt habe. Sie wollte von ihrem Freunde, dem Wasserbauinspector, viel Gutes über mich gehört haben, und bat, ihr öfter die Ehre meines Besuchs zu gönnen. Außerordentlich gnädig, wie Du siehst. »Zwischen beiden Damen, die etwa in gleichem Alter, höchstens dreiundzwanzig Jahre alt sind, soll eine gewisse Eifersüchtelei herrschen. Beide von ihren Männern, in Gesellschaft wenigstens, vernachlässigt, sehen gern einen ganzen Schwarm von Anbetern hinter sich, da aber ihr Geschmack verschieden ist, so theilen sich die Elemente. Frau von Vogelsang liebt fixe Tänzer, ein Husarenlieutenant ist ihr lieber als ein Federfuchser, die Landräthin zieht die geistreiche Salonunterhaltung vor. So erzählt man mir. Wie mir der Forstsecretär vertraute, vermittelt die Natur zwischen den beiden Damen. Sie befinden sich regelmäßig zu entgegengesetzten Zeiten in dem Zustande, der ein Zurückziehen von der Geselligkeit für einige Zeit erheischt, und während eines solchen interessanten Zustandes fällt dann die Herrschaft über alle unbedingt der andern zu. Was ist das für eine Staatsform? Ich würde noch ein oder gar zwei Dutzend Frauen zu schildern haben, wollte ich alle die Göttinnen der kleinern Geschlechter der Gesellschaft schildern. Ich beschränke mich darauf, noch von zwei Familien zu sprechen. »Eine kleine Stunde von hier, auf einem hübschen Bauerhofe in Eckernhausen, inmitten eines Eichenwaldes, den aber die bremer Rheder schon stark lichten lassen, wohnt eine steinreiche Witwe, die Schwester eines Senators Junker aus Bremen, die Witwe Claasing. Sie ist durch ihren Reichthum wie durch ihren Geiz zu einer Berühmtheit geworden, deren Namen dem Fremden, der hierher kommt, in vierundzwanzig Stunden ein Dutzend mal genannt wird. Ihr Mann; der vor zwei Jahren gestorben, soll sich in Göttingen als Student ruinirt haben, er heirathete aber doch die Schwester seines Schwagers, eines Sohnes der bekannten bremer Firma Johann Karl Junker und Compagnie, damit das Geld beisammenbleibe. »Der älteste Supernumerarassessor, der, wie man in Heustedt zischelte, gern eine der ›Goldgänse‹, so nennt man die Töchter, heimführte, beredete mich zu einem Pflichtbesuche. »Noch in meinem Leben habe ich kein Gesicht gesehen, auf dem eine Untugend so deutlich ausgeprägt war, als bei Frau Claasing der Geiz. Ein langes, dünnes Knochenskelet von verhungertem Aussehen, mit Lippen so dünn und blaßgelb wie die einer Mumie, aber mit glühend schwarzen, unstet herumschwirrenden Augen, aus denen die Habsucht hervorleuchtete. »Dagegen sind die Goldgänse zwei frische blühende Rosenknospen, von denen man kaum glauben sollte, daß sie aus dem ausgetrockneten Stamme der Mutter entsprossen seien. »Die älteste Tochter, Minna, ist einundzwanzig, die jüngere, Auguste, neunzehn Jahre, beide sehen sich so ähnlich, daß es mir schwer wurde, sie voneinander zu unterscheiden, bis mir der Assessor zuflüsterte, die ältere habe am Kinne einen Leberfleck. »Beide Mädchen, welche noch bei Lebzeiten ihres Vaters ihre Erziehung in Bremen im Hause des Onkels Senator erhalten, zeigten sich in der Unterhaltung als besonnene, unterrichtete, bescheidene junge Damen, sodaß ich den heustedter Gänschen, welche den Namen wahrscheinlich aus Neid erfunden, wünschte, sie möchten halb so liebenswürdig sein als diese Dorfschönen. Während der Assessor sich mit der Aeltesten unterhielt und diese wie die Mutter bestürmte, morgen zum Balle nach Heustedt zu kommen, zeigte mir die Jüngere die innere Einrichtung eines niedersächsischen Bauerhauses, die ich noch nicht kannte, ein Haus, das Menschen und Vieh unter Einem Dache birgt. »Was für einen Werth so ein Hof hat, begreift man bei uns zu Hause nicht. Der Forstschreiber äußerte neulich bei Tisch: wenn der Hof ihm gehöre, so würde er aus dem Sünder für 30000 Thaler Eichen hauen lassen, ohne daß jemand sehen solle, daß ausgeholzt sei. Da waren Eichen, drei-, ja vierhundert Jahre alt und schlank wie die Tannen, weil sie zu dicht gestanden. »Wahrlich, wenn das Geld nicht wäre, die Auguste Claasing wäre ein Mädchen, in das ich mich verlieben könnte. Freilich mit dem Hauptvermögen wird der Sohn davongehen, der nach Bauernrecht diesen Hof, einen Siebenmeierhof in Grünfelde und noch zwei andere Höfe als bevorzugter Anerbe erhält, ein Grundvermögen von 150000 Thalern jedenfalls. »Dieser ›Anerbe‹ ist jetzt in Bremen auf dem Gymnasium und wird Ostern zur Universität nach Göttingen abziehen, und da will die Mama, um ihn zu überwachen und von Ausschweifungen abzuhalten, ihn begleiten. Wahrlich, eine harpagushafte Idee! »Frau Claasing forschte mich sehr aus nach den Preisen der Wohnungen und des Essens in Göttingen; ich konnte nicht umhin, einen Diebstahl an H. Heine zu begehen, mutatis mutandis , ich sagte ihr, sie könne bei Mutter Ballauf auf der Allee monatlich die Portion Mittagsessen für 4 bis 6 Thaler bekommen, und im Hotel Körber am Wilhelmsplatze sei es noch wohlfeiler. Aber welches zufriedene Lächeln strahlte über das Gesicht der Mutter! »›Ja, das wäre bei diesen theuern Zeiten noch zu erschwingen‹, meinte sie, ›aber meine Töchter machen mir Sorge; ich müßte sie in Pension geben, und das ist hier sehr theuer.‹ »Wie ist ein solcher Geiz psychologisch zu erklären? Ich möchte eine solche Schwiegermutter nicht, und wenn an den Haaren ihrer Töchter eine halbe Million hinge. »Nun ein Gegenstück. Die einzige Person, an die ich Empfehlungsbriefe hatte, nämlich von Detmold, war der Bankier und Productenhändler Meyer Moses Hirschsohn. Er selbst war nicht zu Hause, aber die Damen nahmen meine Aufwartung an. Die Frau des Hauses war die zweite Gattin, von der ersten stammte eine achtzehnjährige Tochter Pauline, eine Blondine ohne jede Spur orientalischer Gesichtsbildung. Die Tochter der zweiten Frau, Sidonie, war erst zwischen dreizehn und vierzehn Jahren, aber orientalisch entwickelt, klein, doch mit runden weichen Formen und einem Glutauge, wie ich es noch nie gesehen. Und diese Kleine wußte schon von diesen Augen Gebrauch zu machen. »Die Mutter aber, die etwa Dreißigjährige, – mir verwandelten sich die Horazischen Worte unwillkürlich in: o mater pulchra filia pulchrior – wahrlich, eine Schönheit ohne Makel, wie ich sie selbst in Wien nicht gesehen, eine Centifolie, voll aufgegangen, lieblich duftend wie eine Rose aus Jericho, Anbetung heischend, voll Siegesbewußtsein, wenn sie die Augen voll Glut auf einen Mann richtet. »Die Damen waren äußerst zuvorkommend, sie kannten mich längst, hieß es, und hatten mich schon ein halbes Jahr voll Sehnsucht erwartet. Ihr Cousin H., der das Feuilleton der »Kölnischen Zeitung« redigire, habe mich schon im April angekündigt, sie hatten meine Aufsätze in den »Deutschen Jahrbüchern« gelesen. Nach fünf Minuten waren wir in dem tiefsten literarischen Gespräche. Die Mütter und Töchter holten ihre Lieblingsdichter in Goldschnitt und Prachtband, da wurde mir Heine mit allen Uebergängen zu den politischen Dichtern Dingelstedt, Prutz, Geibel, Freiligrath, Herwegh vorgelegt. Sidonie kannte die meisten Gedichte auswendig. Die Mutter äußerte allerlei Angelerntes, aus Journalen Aufgelesenes, hatte aber auch manchen originellen guten Gedanken und manchen orientalischen Gedankenblitz. »Beim Abschiede wurde ich gebeten, so oft es nur meine Zeit erlaube, bei den Damen den Thee einzunehmen, sie seien so einsam und verlassen wie möglich, da der Papa seine Whistpartie am Abend jedem andern Vergnügen vorziehe. »Also auch literarisch-ästhetische Abende hier, wer hätte das gedacht? Vielleicht eine zweite still verborgene Rahel! Und wenn ich nur erst wüßte, welche Augen es gewesen, die mich nicht schlafen ließen, die schmachtenden der ältesten Tochter, die erfahrenen schönen der Mutter, oder die brennenden Sidoniens, des halben Kindes. »Es freut unsereinen aber doch, wenn er unter tausend Larven ein verständiges, fühlendes Herz für die Zukunft findet. Die Abwesenheit aller Kenntniß der Dichter und Literaten, welche mit uns an der Umgestaltung der Zeit arbeiten, in den ersten Gesellschaftskreisen hat mich im Anfange sehr niedergeschlagen. »Hier in der Familie eines jüdischen Handelsmanns finde ich zuerst ein gediegenes Verständniß meiner eigenen Bestrebungen auf jenem Felde. Meyer Moses Hirschsohn, obgleich ihm bei der nächsten Geburtstagsfeier Ernst August's der Commerzienrath nicht entgehen wird, gehört noch nicht zu der »Gesellschaft«. Unser Landadel ist bisjetzt nicht zu der Stufe der in andern Ländern vorherrschenden Bildung gekommen, daß die Verbindung mit einer reichen Jüdin ihn nicht schände, und unsere Bureaukratie pflegt den Judenhaß. »Wenn Deine ›Aesthetik‹ fertig ist, werde ich sie den Damen empfehlen, und Dein Verleger verkauft wahrscheinlich das erste Exemplar hierher nach Heustedt; wir tauschen dann. Vale , Dein Bruno.« Ueber den ersten Casinoball zu berichten, sind wir nicht im Stande, da wir weder anwesend waren, noch am folgenden Tage zu den beiden großen Kaffees, bei Frau von Vogelsang und der Landräthin, eingeladen waren. Von Hörensagen wissen wir indeß, daß in beiden Damenkreisen Bruno das Lob ertheilt wurde, nicht nur ein guter, sondern auch ein uuermüdlicher Tänzer zu sein, er hatte keinen Tanz überschlagen, zuerst mit den unschönen, selten zum Tanze aufgeforderten Damen getanzt, zum Beispiel mit den vier ältern Töchtern des Drosten. Die jüngste Superintendententochter wollte beobachtet haben, daß nur Auguste Claasing von ihm ausgezeichnet sei, mit der er Walzer, Française und Cotillon getanzt habe. In einer kleinen Stadt ist ein Kaffee am Tage nach einem Balle erst die wahre Würze des Balles. Was wird da alles erzählt, was hat Camilla hier, Sabina dort beobachtet, erhorcht oder conjecturirt! So viel haben wir vernommen, daß das Gespräch sich in ungebührlicher Länge in beiden Kaffees um den jungen Advocaten drehte, und wenn die Mehrzahl der Damen es auch nicht laut sagte, so dachten doch die meisten, ein solcher Wühlhuber wäre besser als ein steifer Assessor oder ein in sich selbst verliebter Lieutenant. Frau Landräthin lobte den gewandten Geist und die geistreiche, lebendige Unterhaltung, Frau von Vogelsang die Tournure und den schönen Françaisen-pas, den sie einem Bürgerlichen gar nicht zugetraut habe. Bruno hatte auch bei der unvermeidlichen Nachkneiperei der Herren nicht gefehlt, es war aber über seine Lippe keine Médisance gekommen, und diese bildeten doch eigentlich die Würze einer solchen Nachsession. Am andern Tage wurde seine »Philosophie der Geschichte« um keinen Paragraphen reicher. So kamen Weihnachten und der Sylvesterball. In der Tischgenossenschaft war ein Wechsel eingetreten, einer der Supernumerarassessoren, nicht der älteste, war als dritter Beamter an ein anderes Amt versetzt, die beiden Auditoren, die Pferdeliebhaber, waren auf ihren Wunsch versetzt – sie fühlten sich unheimlich in einer Gesellschaft, in der ein Demokrat eine Rolle zu spielen anfing – zwei Assessoren und ein Auditor traten neu ein. Der eine, Kloppmeier, war ein Duzbruder und Universitätsfreund Bruno's, der andere ein schon verheiratheter Mann, der nicht an der Wirthstafel aß, sondern sich das Essen in seine Wohnung holen ließ. Derselbe stand im Rufe eines der besten Criminalisten im Lande, eines wahren Diebesfängers, der jeden Inquisiten zum Geständnisse zu bringen wisse. Er hatte sich in den Thurm des alten Schlosses einquartieren lassen, in die Stube, von wo vor langen Jahren Oskar Baumgarten den Eisgang und den Ausbruch des Feuers in Eckernhausen beobachtete. Der Criminalassessor wohnte dort dem Gefangenhause am nächsten und konnte am leichtesten die Inquisiten im Schlafe überraschen und nachts inquiriren. Eine Strafproceßordnung gab es im Lande Hannover damals noch nicht, man procedirte nach einer Criminalinstruction von 1736, welche nur bei der eigentlich peinlichen Frage die Zuziehung eines Gerichtsschreibers nothwendig machte, bei der Voruntersuchung war der Inquirent ganz Herr des Inquisiten. Nun war die Gegend um Heustedt seit einigen Jahren im hohen Maße unsicher geworden; außer den gewöhnlichen Schafdiebstählen waren selbst Pferde von den Weiden gestohlen, es waren Einbrüche geschehen, man glaubte sogar, daß verschiedene Feuersbrünste böswillig angestiftet seien, um rauben zu können. Man sprach von einer großen, weitverzweigten Bande, die man die Blaue Bande nannte, der man Schmuggel und Dieberei zuschrieb. Aber man hatte noch keinen Angehörigen der Bande fangen und überführen können. Die Bauern aus mehrern Dörfern hatten jüngst zwei Gevattern Hasselbrock, die bei einem Diebstahle auf der That ertappt waren, zu Tode inquirirt, sie hatten ihnen, um sie zum Geständnisse zu bringen, so viel Hiebe auf Rücken und Sitztheile beigebracht, daß letztere einem Blutschwamme glichen und beide Gefangene an demselben Tage starben – und nun sollten die Inquisiten Jochen Dummeier und seinen Schwiegervater Meier zur Wüstenei als Anführer der Bande genannt haben. Allein man hatte in der Wüstenei zu verschiedenen Zeiten Haussuchungen gehalten und nichts entdeckt. Der tüchtigste Inquirent im Lande ward nun auf Commissorium nach Heustedt geschickt, um die Führer der Bande womöglich zu entdecken. Baumann war schon um Weihnachten, als es etwas zu frieren und stark zu schneien anfing, auf das Requisit von Wasserstiefeln aufmerksam gemacht, und Ende Januar kam denn auch ein Eisgang, aber ein leichter, und setzte die Oststadt unter Wasser. Das war etwas Neues für ihn, als er mit der Gesellschaft aus dem Rathskeller den Eisgang erwartete und in der Oststadt die Wasserstiefel probirte. Es waren übrigens die alten Gewohnheiten geblieben, man hatte die Speisen umsonst und bezahlte nur den steifen Grog. Selbst der Criminalassessor, der sonst seine Thurmwohnung wenig verließ, den Herrenclub selten besuchte, that dem Steifen alle Ehre an und wich nicht von seinem Platze im Sofa. Kloppmeier, der sich an Bruno eng angeschlossen hatte und diesem dadurch eine neue Stärke gab, und noch einige junge Herren holten die Töchter des Superintendenten und andere im Wasser sitzende Damen der Oststadt zu Schiff nach dem Rathskeller. In der Schloßkirche stand das Wasser vier Fuß hoch, und die Jungen jubelten, daß nun vor Ostern an Kirchgehen nicht mehr zu denken sei. Unangenehm war, daß beinahe drei Tage jede Postverbindung nach Hannover hin aufgehört hatte, da das Wasser zu einer Verbindung zu Schiff über die Weiden und Felder nicht hoch genug war, zu tief aber für Wagen und Pferde. Dagegen schleppte der große, sonst nur auf der Unterweser dampfende Roland Tag um Tag ein halbes Dutzend Weserböcke herauf, bis an die Brücke. Es war das zukunftverheißend, im Sommer sollte der Wittekind von Münden nach Bremen seine Fahrten beginnen. Das Wasser verlief bald, das war ein Glück für die Familie Bardeleben, denn sonst hätte man den Collegen Bruno's, der in der Oststadt wohnte, nicht zu Grabe bringen können. Unser Freund hatte die Praxis desselben während einer längern Krankheit versehen und erbte sie jetzt zum größern Theile. Auch der Bankier Meyer Hirschsohn hatte auf Antrieb seiner Frauenzimmer dem Doctor Laxpeter seine Kundschaft entzogen und solche an Baumann übertragen, sodaß dieser dadurch genöthigt war, fast täglich das Haus des Bankiers zu besuchen, wobei er nicht verfehlte, auch in die Frauengemächer einen Morgengruß zu bringen, der schönen Frau die Hand zu küssen und von Pauline schmachtende, von Sidonie glühende Blicke zu empfangen. Außerdem erhielt er bei diesen mindestens zweimal wöchentlich Einladungen zum Thee. Auf dem Tische lagen dann immer die neuesten belletristischen Erscheinungen, welche die Hahn'sche Hofbuchhandlung vermöge der ihr zustehenden Portofreiheit »zur Ansicht« auf das Land versendete. Es wurde gelesen, kritisirt und jene ästhetischen Gespräche geführt, die nach Tieck's Novellen in den vornehmen und gebildeten Salons Mode waren. Für Baumann würden diese Abende angenehmer gewesen sein, wenn er sich seiner Stellung zu den Frauen klarer gewesen wäre. Die älteste Tochter schwärmte für alles Schöne und gab ihre Liebebedürftigkeit dem jungen Manne, wenn sie mit ihm auf Augenblicke allein war, durch Seufzen und Blicke, die unsern Freund oft ängstigten, zu erkennen. Die Mutter pflegte wol zu sagen: »Paulinchen hat seit der norderneyer Reise den Kopf verloren, dort war ein Cousin von mir, der jetzt die — Zeitung in Frankfurt redigirt, bald ganz weg in das Mädchen, und das scheint ihr den Kopf etwas verdreht zu haben. Vater will nur einen Geschäftsmann zum Schwiegersohne und von einem Literaten und Journalisten nichts wissen. Wenn wir ihn aber sämmtlich bearbeiten, und da müssen Sie, Herr Doctor, tüchtig helfen, so zweifle ich nicht, daß er schließlich Ja sagt.« »O! Mama, wie kannst du so sprechen«, seufzte Pauline, »du weißt recht gut, wie sehr mir dein Cousin mit seinen Zudringlichkeiten zuwider war.« Sidonie sprach wenig, sie schien aber zu denken und war äußerst aufmerksam auf alles, was Bruno äußerte, richtete auch manche von Nachdenken zeugende Frage an ihn. Saß sie so, daß Mutter und Schwester sie nicht beobachten konnten, so hafteten ihre Augen beständig auf dem Vorleser, und sie erröthete, wenn er den Blick zufällig vom Buche erhob und zu ihr hinübersah. Dennoch würde die Mutter unserm Freunde die Schönste unter den Dreien und vielleicht die Liebste gewesen sein, wenn sie nicht einen Fehler gehabt hätte, der gerade ihm sehr zuwider war. Sie sprach zu viel und lobte ihn zu häufig in das Gesicht, sie bewunderte seine Aussprache, erklärte, jeder Abend, den er in ihrem Hause zubringe, sei ihr ein hoher geistiger Genuß, den sie seit ihrer Verheirathung entbehrt habe. Sie sprach, wenn sie allein mit ihm war, sofort von gleichgestimmten Seelen, von unverstandenen Seelenleiden, sodaß dieser sagte: »Gnädige Frau, ich verbiete Ihnen fortan einen Roman von der Gräfin Hahn-Hahn zu lesen, die Lektüre macht Sie nervenschwach.« Nun, es war wahr, die Stellung einer gebildeten Jüdin in solch einem kleinen Orte war äußerst ungünstig. Was half ihr aller Reichthum des Mannes? sie stand isolirt da, ohne allen Umgang, lediglich angewiesen auf sich selbst und ihre Familie. Die Frauen der »Gesellschaft«, das heißt alle, welche zu den Casinobällen Zutritt hatten, hielten sich fern, die andern Judenfrauen der Stadt standen an Bildung weit unter ihr. Bettina, so hieß die Mutter, war in der Residenz erzogen, hatte die vorzüglichsten Lehrer in neuern Sprachen, Geschichte, Geographie, Musik und Gesang gehabt. Sie hatte mindestens zweimal wöchentlich das Hoftheater besucht, in keinem Concert, keiner Vorlesung durfte sie fehlen. Ihre Mutter war Schöngeist; Künstler, Maler, Dichter, Schauspieler, Musiker, Literaten bildeten in ihren in der Residenz berühmten Empfangsabenden einen angenehmen Kreis. Bettina war schon als Kind besungen worden, ihr wurden Gedichte, Musikstücke gewidmet, sie war schön und wurde von der Mutter verzogen. Aus solchen Verhältnissen war sie durch die Verheirathung mit Meyer Hirschsohn, als sie eben das sechzehnte Jahr vollendet, herausgerissen. Sie hatte sich gesträubt, hatte viel Thränen vergossen, war unter Thränen in die Synagoge zur Trauung geführt. In Heustedt war es noch schlimmer, als sie es sich vorgestellt hatte; sie fand dort niemand, gegen den sie sich nur aussprechen konnte, mit allem, was sie wußte und kannte, war sie lediglich auf sich selbst angewiesen. Der Herr Gemahl hatte weder Ohr für Beethovensche Symphonien noch für Mendelssohn'sche Lieder, er wollte keine Gedichte von Anastasius Grün, Karl Beck, Geibel, Freiligrath und wie die neuesten Dichter sonst heißen mochten, hören, die sie ihm so gern vorlesen wollte, und ebenso wenig von »schönen Stellen« aus neuen Romanen, die sie doppelt angestrichen, etwas wissen. Hirschsohn war am Tage ganz Geschäftsmann und spielte abends, außer am Schabbes, sein Whist mit dem Rentmeister vom neuen Schlosse, dem Steuereinnehmer und dem Rector, welches vierblätterige Kleeblatt, wie der königliche Rentmeister spottend bemerkte, eigentlich die zweite Gesellschaft bildete. War der Herr Gemahl abends einmal ausnahmsweise zu Hause und seine Frau erbot sich, ihm etwas vorzusingen, sie hieß es: »Was nutzt mir das Notenpapier von Mendelssohn-Bartholdy – Noten von Mendelssohn in Berlin sind mir lieber.« Wollte sie lesen: »Was thue ich mit dem Geibel, willst du was lesen, so lies mir den Curszettel aus dem ›Hamburgischen Correspondenten‹, er ist mir zu eng gedruckt.« Klagte die Frau dann über geistige Vereinsamung, über den Drang, ihr volles Herz jemand, der dasselbe ganz verstände, auszuschütten – so spottete der Gemahl: »Hast du ein schönes Gemüth, so dreh's heraus, damit es die Leute sehen können, ich mache mir nichts daraus.« Gelegenheit, mit der »Gesellschaft« zusammenzukommen, gab es nur zweimal im Jahre, auf dem heustedter Scheibenschießen und dem vielbesuchten Scheibenschießen auf einem größern Dorfe. Die außerordentliche Schönheit Bettina's hatte Offiziere des Husarenregiments, Assessoren und sonstige junge Angestellte veranlaßt, die junge Frau zum Tanze zu führen, aber Meyer Hirschsohn war eifersüchtiger als Othello, er befahl seinem Johann anzuspannen, und verließ solche Orte kurz nach der Ankunft: »Habe ich mir die Tochter von Sternheim Moses genommen zum Weibe, damit ein Husarenlieutenant mit ihr tanze?« Was half ihr die Equipage? es gab keinen Corso, keine Herrenhäuser Allee; es gab keinen Thiergarten, überall keine Vergnügungsorte, wohin man hätte fahren können. Was hatte sie davon, wenn der Gemahl nach Johannis zu ihr sagte: ›Betty, kannst dich heute schön machen, wollen hinfahren zum Herrn Baron Weibermann, will feine Wolle kaufen«, oder wenn sie mit ihm zu Frau Claasing, zum Siebenmeier Meyer und andern Gutsbesitzern fuhr, wenn er Wolle, Weizen oder Roggen einkaufte. So suchte Bettina Trost in der Literatur, sie las Lyrik und Prosa, die dichterischen Versuche des Jungen Deutschlands und daneben Spindler und den vaterländischen Dichter Blumenhagen, sie las George Sand in der Ursprache und fand in ihr die einzige Dichterin, die ein Frauenherz zu würdigen verstand. Pauline wuchs neben ihr sich ziemlich selbst überlassen empor; sie erhielt erst spät Privatunterricht durch den Rector. Bettina hatte ihrem Gemahl die Tochter Sidonie geboren, nachher einen Sohn, der jetzt sechs Jahre alt war. Dann aber hatte sie nach einer rohen Behandlung von seiner Seite erklärt, daß sie keine Kinder mehr in die Welt setzen wolle, es gebe der unglücklichen Judenweiber schon genug. »Sobald du nur den Versuch machst, wieder zärtlich zu werden, Meyer Moses Hirschsohn«, hatte sie gesagt, »lasse ich mich scheiden. Ich habe Beweise, die Beweise leben: zwei-, drei-, vierfach!« Nun war Pauline erwachsen und heirathsfähig und selbst Sidonie schon über die eigentlichen Kinderjahre hinaus; jetzt, wo sie zum ersten mal ein Herz gefunden zu haben glaubte, das sie verstand, traten die Stieftochter und die eigene Tochter als ihre Nebenbuhlerinnen auf. Auch zu Frau Claasing hatte Baumann wiederholt Einladungen bekommen; die Tochter Auguste hatte entdeckt, daß man ja ganz nahe verwandt sei. Hatte nicht der Pastor Schulz in Grünfelde eine Stiefschwester des verstorbenen Vaters zur Frau, die Therese Emeyer? Frau Claasing klagte ihre bittere Noth über die schlechten Zeiten, sie fühlte schon, daß sie in ihren alten Tagen noch Hungerpfoten werde saugen müssen. Sie könne doch unmöglich ihre Töchter mit nach Göttingen nehmen, den Haushalt in Eckernhausen übernehme vom Maitag an der Hofmeier, und sie habe sich nur ein paar Stuben und Kammern reservirt. Für die Auguste sei halb und halb gesorgt. Meyer Hirschsohn, ihr guter Freund, habe sich erboten, dieselbe ohne Kostgeld zu sich zu nehmen, aber für die Minna verlange der Pastor 20 Louisdor, der Superintendent gar 25 Louisdor Kostgeld und außerdem Zahlung für Wäsche. Das sei doch ein Heidengeld, wie solle sie das erschwingen? Bruno lobte die Bildung der Hirschsohn'schen Damen sehr, erzählte, daß er manchen Abend in deren Gesellschaft zubringe, und meinte, daß man seine neugefundene Cousine unbedingt der Familie des Bankiers anvertrauen könne. Minna rieth er in die Pension zu dem Pastor zu senden, weil sie dort gleichalte Töchter finde, und so war es beschlossen. Zweites Kapitel. Ein Opfer der Justiz. Der Frühling nahte schnell, schon fand man an den Hagen, Gräben, im Park des neuen Schlosses Veilchen, und im Blumengarten vor dem Hause des Herrn von Vogelsang hatten die Schneeglöckchen schon ausgeblüht, Primeln und andere Frühlingsblumen traten an ihre Stelle, die Weiden hatten vollen grünen Schein, die dicken Knospen der Syringen waren aufgesprungen. Bruno pflegte in Gesellschaft seines Freundes Kloppmeier und des Wasserbauinspectors, an den er sich näher angeschlossen, nach dem Kaffee eine Stunde im Park zu spazieren, wo er den Freunden die Fortschritte seines Werkes mittheilte und mit ihnen über Probleme, die ihm nicht klar waren, sich besprach. Nur Sonnabends machte man hiervon eine regelmäßige Ausnahme, weil dann sämmtliche Judenfrauen und Judenmädchen Heustedts, und sie waren sehr zahlreich, mit Ausnahme Hirschsohn's natürlich, ihre besten Kleider und sich selbst im Park spazieren führten. Sonnabends nahm jeder seinen Mokka im eigenen Hause. Es war Anfang April, als Bruno seinen Kaffee getrunken, die »Neue Rheinische« gelesen, die Deichstraße hinab dem Orte Hengstenberg zuschlenderte. Er ging absichtlich allein, weil er über eins der schwierigsten Kapitel seiner »Philosophie der Geschichte« und der Philosophie überhaupt sich klar zu werden bestrebte, über die menschliche Freiheit und Abhängigkeit von tausend Zufälligkeiten und Einwirkungen von außen, von Ort und Land, von der Familie, der Umgebung, den Bekanntschaften, Beziehungen, von dem ganzen Volksindividuum, in dem man geboren wird, von der Zeit, in der man lebt, und so vielen andern Umständen. »Das deutsche Volk«, sagte er sich, »ist von Natur durchaus friedliebend, weder eroberungssüchtig, noch ruhmdürstend. Es greift nicht ein in das Leben berechtigt neben ihm stehender Völkerexistenzen, es vollbringt seine civilisatorischen Arbeiten und Thaten, ohne wie der Hahn dabei zu schreien. Wissenschaft und Kunst, Industrie und Handel, Ackerbau und Viehzucht sind ihm lieber als Soldatenspiel oder gar Krieg, allein der Ehrgeiz seines westlichen Nachbars, der Gloireschimmer, erinnert es wieder und wieder an sein Zerfallensein in dreißig und einige Staaten mit der schlechtesten aller Bundeseinheiten, dem Bundestage, und mit zwei rivalisirenden Großstaaten. Wird das französische Rheingeschrei uns nicht noch einmal zu einer Einheit, die den Franken Respect einflößt, zwingen?« Das vorjährige kölner Dombaufest und dessen Verherrlichung durch ein Prutz'sches Gedicht, von dem ihm ein Freund in Leipzig erst heute eine Anzahl besonderer Prachtabdrücke gesendet, gaben seinem Gedankengange die mehr politische Richtung. Da unterbrach Pferdegetrappel und ein eigenthümliches Schauspiel seinen Gedankengang. Der Criminalassessor kam ihm in kurzem Trabe auf einem großen schwarzen Rappen entgegengesprengt, an dessen Schweif ein alter Mann mit grauen Haaren, dem die Hände mit einer Kette gefesselt waren, angebunden war, und welcher mit keuchender Brust dem Trabe des Pferdes folgen mußte. Im Anfange der vierziger Jahre geschehen, actenmäßig. In kurzer Entfernung folgten zwei berittene Gensdarmen. Als der Assessor der Stadt näher kam, fing er an Schritt zu reiten, was zunächst die Folge hatte, daß der Gefangene auf das Hintertheil des Pferdes stürzte. Zur Erde konnte er nicht stürzen, dazu war die Fessel zu kurz. Nun machte der Reiter halt; die Gensdarmen trabten heran und entfesselten den Greis, der athem- und kraftlos zu Boden sank. Der Assessor gab seinem Rappen die Sporen und jagte über die Deichstraße der Brücke zu. Die Gensdarmen mußten dem Gefangenen wol eine Viertelstunde Zeit lassen, um sich zu erholen, dann stieg einer derselben vom Pferde, übergab dieses dem Kameraden und führte den Greis, ihn stützend, in die Stadt, zum Gefängnisse im alten Schlosse. Baumann, der die ganze Scene von der Höhe des Weserdeichs angesehen hatte, war aufs äußerste empört. War so etwas im Jahre 1843 noch möglich in einem civilisirten Staate? Mochte der alte Mann ein noch so großer Verbrecher sein, wer gab dem Assessor das Recht, ihm, ehe er verurtheilt war, so großes körperliches Leid zuzufügen? War nicht überhaupt die Zufügung eines Uebels, einer eigentlichen Qual, als Strafe ein dem Geist des neunzehnten Jahrhunderts widerstrebender Gedanke, gegen den sich jedes wahre Rechts- und Humanitätsgefühl sträuben mußte? Baumann verwarf nach der Lehre Krause's jede Straftheorie, welche die Strafe als Zufügung eines Uebels, sei es eines leiblichen oder eines geistigen, definirte, mochte sie sich nun Wiedervergeltungs-, Abschreckungs-, Warnungstheorie oder wie sonst nennen. Strafe war ihm allerdings die rechtliche Folge des Verbrechens, aber ihr Zweck war, die schuldige und verirrte Seele zum Rechten, zur Besserung zu führen, und Strafmittel sollten seiner Ansicht nach nur auf Besserung gerichtet sein. Ein solcher Act der Brutalität, noch vor dem Richterspruche ausgeübt, mußte nach seiner Meinung das Gemüth eines mit der menschlichen Gesellschaft und ihren Gesetzen zerfallenen Menschen verhärten, ihn noch bitterer stimmen, Rachegedanken in ihm wecken und zu neuen strafbaren Handlungen gegen den Staat, der so grausam gegen die Urrechte jedes Menschen verstieß, ihn aufreizen. Der Spaziergang war unserm jungen Freunde verleidet, er kehrte in die Stadt zurück und lenkte seine Schritte dem Rathskeller zu, um auf dem Club zu erfahren, welche Bewandtniß es eigentlich mit der Sache habe. Als er auf die Weserbrücke kam, fand er schon eine zahlreiche Menschenmenge versammelt, auch verschiedene Herren aus der Gesellschaft. Man erzählte sich, der Criminalassessor habe den gefährlichsten Anführer der Blauen Bande, den Jochen Dummeier, gefangen, und die Gensdarmen seien nach Westen geritten, um auch auf dessen Schwiegervater zu fahnden. »Jochen Dummeier?« fragte Bruno den zufällig an seiner Seite befindlichen Amtmann, »sollte das derselbe sein, der einen weitläufigen Proceß gegen die Familie Claasing geführt hat, wegen Herausgabe eines Meierhofes in Eckernhausen?« »Ei freilich«, erwiederte dieser. Nun ward ihm der Vorfall noch interessanter. Im Club ruhte noch alles Kartenspiel, man lobte die Kühnheit und den Muth des Assessors, der an der braunschweigischen Grenze den Bandenführer mitten aus einem Haufen der frechsten Schmuggler herausgeholt habe. Baumann, entrüstet über diese sich immer von neuem wiederholenden Lobeserhebungen, versetzte: »Und dann an den Schwanz seines Rappen hat binden lassen und ihn bald im Schritt, bald im kurzen Trabe zwei Stunden lang hinter sich hergeschleppt, daß er bei der Deichmühle hinab wie todt umfiel«, und erzählte, was er gesehen hatte. Zu seiner Genugthuung hörte er von mehr als einer Seite, laut und halblaut: »Aber das ist doch empörend!« Eine solche Aeußerung auf dem von Beamten zu dieser Zeit beinahe allein bevölkerten Club wollte viel sagen. »Das wird wieder ein hübsches nächtliches Inquiriren abgeben«, äußerte der Drost. Man setzte sich zum Spiel, Bruno lehnte die Karte ab und ging nach Haus, um den Vorfall einem großen deutschen Blatte zu melden. Er mußte dabei vorsichtig verfahren. Um nicht sofort als Correspondent errathen zu werden, datirte er aus der Residenz: »Aus einer kleinen, aber wohlbekannten Stadt an der Weser meldet man uns« u. s. w. Am andern Tage war Sonntag, und es war ein heller schöner Sonnentag. Bruno erwachte früh, da ihn das Morgenlicht kurz nach anbrechender Frühe im Bette begrüßte. Er konnte aus seinen Fenstern den größern Theil der Brücke übersehen, namentlich das ganze Terrain zwischen dem Rathskeller und dem alten Schlosse. Es fiel ihm ein ungewöhnliches Hin- und Herlaufen der Amtsdiener und des Gefängnißwärters auf. Während er sich seinen Kaffee bereitete, sah er auch den Amtsphysikus und Landchirurgus in Begleitung des Drosten nach dem alten Schlosse eilen. Auf der Brücke bildeten sich Gruppen von Menschen; da mußte eine Haupt- und Staatsaction verhandelt werden. Indessen wurde, sobald der braune Trank fertig war, seine Neugierde dem Inhalte einiger Briefe zugewendet, die er von Göttingen, Heidelberg und Leipzig bekommen hatte, und er drehte der Brücke den Rücken zu. Bald kam sein Barbier, er war Besitzer eines Castrum nobile , und man nannte ihn in Heustedt nur Doctor Schraps. »Nun, was gibt es Neues, Doctor?« fragte Bruno. »Wie? Wissen Sie noch nicht? Der gestern eingebrachte Delinquent hat sich gegen Morgen erhängt. Er ist in der Nacht verhört, hat nicht gestehen wollen, hat Prügel bekommen, dann grauenhafte Dinge eingestanden und sich darauf am eigenen Halstuche erhängt, oder, wie ich vermuthe, erdrosselt, da er an den Beinen gefesselt war.« Bruno freute sich, daß er seinen am gestrigen Abend geschriebenen Brief noch nicht abgeschickt hatte; er konnte nun einen Nachtrag hinzufügen, der seine Kritik glänzend rechtfertigte. Nach der Kirche pflegte man auf dem Rathskeller ein sogenanntes Glas Kirchenwein zu trinken, einen alten Franzwein, der von sämmtlichen Pastoren der Umgegend als Abendmahlswein bezogen wurde. Der Name stammte noch aus den Zeiten des alten Forstschreibers Haus, welcher behauptete, der liebe Herrgott verzeihe, daß man nicht in der Kirche gewesen sei, wenn man vor Tisch ein Glas von diesem Kirchenweine trinke. Alle Nichtkirchengänger kamen nach elf Uhr unfehlbar zum Rathskeller, um auf leichte Weise Absolution zu erlangen, es kamen aber auch die meisten Besucher der Schloßkirche, deren Weg dort vorbeiführte, und die Stunden vor Tisch pflegten Sonntags am besuchtesten zu sein. Bruno ging früher hin, als er es zu thun pflegte; das Zimmer war voller Gäste; das Thema der Unterhaltung war der Erhängte, die Lesarten verschieden. Endlich trat der Drost herein, er kam direct vom alten Schlosse und war dem Physikus und einem Assessor vorausgeeilt. Man kannte seine Lust, Neuigkeiten zu erzählen, Hochmeier trug ihm das Glas Kirchenwein schon entgegen und die Menge umringte ihn und bat um Aufklärung. Nach einem herzhaften Zuge begann er: »Nun, der Assessor hat wieder einmal genial inquirirt, man lobt das ja und hat ihn deshalb decorirt, wird aber doch eine schöne Nase setzen, wenn das Nachtprotokoll an die Justizkanzlei kommt! »Was eigentlich geschehen ist, weiß niemand, man kann es aber vermuthen. Der Herr College hat nach seinem Parforceritt von der thedinghausischen Grenze sein Mittagsmahl eingenommen und sich dann auf das Sofa gelegt, die türkische Pfeife angesteckt und von acht bis zehn Uhr schwedischen Thee gebraut. Herr Hochmeier wird vielleicht am besten wissen, ob er dazu eine oder zwei Flaschen Arak gebraucht hat. Um zehn Uhr hat er sich mit einem Buch Papier, Tinte und Feder in die Koje des Gefangenen begeben, sich vom Gefängnißwärter zwei Wachslichter anzünden lassen und diesen zu Bett geschickt. »›Wenn ich Ihn brauche, werde ich schellen, dann vergesse Er aber den Ochsenpesel nicht!‹ hat er diesem gesagt. »Gegen zwei Uhr in der Nacht hat der Assessor heftig geschellt, und Nappmeyer ist mit dem Ochsenpesel in der einen, der Laterne in der andern Hand in die Koje eingetreten. Der Inquirent ist bei seinem Eintritt vom Tische, an dem er protokollirte, aufgestanden und hat Dummeier zornig angeschrien: ›Hund, willst du nun unterschreiben!‹ »Der Gefangene, an einem Beine gefesselt, hat ein heiseres, rauhes Nein hervorgepreßt. Inquirent hat sich niedergesetzt, die Feder ergriffen, das, was er schrieb, laut sprechend; als nunmehr der Gefangenwärter Nappmeyer eingetreten war, wurde Delinquent noch einmal aufgefordert, das Protokoll, welches ihm vorgelesen war, bei Strafe von zwölf Hieben mit dem Ochsenpesel, zu unterschreiben. Nachdem er sich abermals weigerte, sind ihm diese aufgezählt worden. »›Willst du nun unterschreiben, du hörst, was dir bevorsteht‹, sagte der Inquirent, diesmal mit gemäßigterer Stimme. Dummeier schüttelte nur mit dem Kopfe, und so mußte ihm Nappmeyer zwölf aufzählen. »Delinquent stürzte bei dem letzten Schlage zu Boden und stöhnte: ›Wasser!‹ »Nappmeyer holte einen Krug, wie er für einen halben Tag hinreichen soll, von unten; der noch immer auf der Erde liegende Dummeier steckte die Zunge hinein, fing wie ein Hund an zu lecken, erhob sich dann und trank den Krug in einem Zuge aus. »›Jetzt will ich unterschreiben‹, sagte er, ›wenn ich noch einen Krug Wasser bekomme und mich niedersetzen kann.‹ »Nappmeyer schob dem Delinquenten den Stuhl hin, auf dem bis dahin der Assessor gesessen, dieser hatte sich wie schlaftrunken auf die Pritsche und den Strohsack des Delinquenten niedergelassen. Er rückte die Lichter näher, gab Dummeier die Feder und verließ dann die Koje, um den Krug unten von neuem mit Wasser zu füllen. »Als er wieder heraufkam, hatte Dummeier seine Schreiberei beendet, er trank den Krug abermals in Einem Zuge halb leer. »Die Aufmerksamkeit des Gefangenwärters wurde aber von dem Delinquenten abgelenkt auf den Inquirenten, der mit stieren Augen und wilden Geberden sich von seinem Lager erhob und schrie: ›Fort, fort, siehst du die Mäuse nicht und die Ratten, Nappmeyer? fort! fort! Die ganze Koje ist voller Mäuse und Ratten.‹ Nappmeyer, ein vorsichtiger Mann, hatte freilich die Lichter ausgelöscht, aber das Protokoll liegen lassen, die Koje verschlossen und den Assessor mit Mühe die drei Treppen in seinen Thurm hinaufgebracht. Heute Morgen, als er dem Gefangenen die Biersuppe bringen will, findet er ihn an der Erde liegend am eigenen seidenen Halstuche, das an der Pritsche befestigt ist, ich weiß nicht, die Aerzte streiten, ob erhängt oder erdrosselt. So die Aussage des Gefangenwärters.« Die Versammelten hatten mit lautlosem Schweigen der Erzählung des Drosten zugehört, dieser trank den Rest seines Kirchenweins aus und reichte das leere Glas dem Wirth, der es wiederum dem Oberkellner mit den langen Ohren und dummen Augen und Munde gab, um es zu füllen. »Aber meine Herren«, fuhr der Drost in erhöhtem Tone fort, er hatte sich schon in die Fistel hineingeredet, »wissen Sie, was der Jochen unter das Protokoll geschrieben hat? So etwas ist mir in meiner langjährigen Praxis noch nicht vorgekommen, ich habe dasselbe deshalb extrahirt. Er zog einen Flicken Papier aus seinem Uniformsrocke und las: ›Alles erlogen und erstunken. Der dreimal verfluchte und besoffene Menschenschinder hat mich zwei Stunden lang am Schwanze seines Pferdes nach Heustedt geschleppt, mich dann, nachdem ich kaum wieder zu Athem gekommen und in Schweiß gebadet war, mitten in der Nacht lange Stunden stehen lassen, daß ich vor Frost zitterte und bebte, mir einen Trunk Wasser, um den ich zehnmal bat, verweigert, mich zwingen wollen, seine eigenen wüsten, räuberischen, versoffenen Phantasien als eigene Bekenntnisse zu unterschreiben. Verflucht sei der Menschenschinder, verflucht die Gerechtigkeit im Lande Hannover. Johann Dummeier.‹«   Der Drost war seit längerer Zeit ein Feind des Assessors, namentlich aber seit dem letzten Geburtstage Ernst August's, wo dieser mit einem Guelfenorden decorirt war, auf den er selbst vergeblich seit Jahren hoffte; in seiner unbezähmbaren Feindschaft hatte er sich öffentlich so indiscret über einen Collegen ergehen können, wie es wahrscheinlich kein anderer Beamter im ganzen Lande gethan haben würde. Die Bahn der Rede war eröffnet, nun fing man an, über den Criminalassessor herzufallen und ihn zu zerfleischen. Mehrere von denen, die am Abend zuvor aus dem Club noch die Gefangennehmung Dummeier's als eine muthige, gloriose That gepriesen hatten, erklärten heute, daß Diebesfängerei sich für einen hannoverischen Beamten nicht schicke, wozu habe man denn Gensdarmen? Der Physikus, welcher zu dem Kreise hinzugetreten, äußerte: Daß Jochen sich nach dem Ritt in einem krankhaften Zustande befunden haben müsse, sei natürlich, und ein nächtliches Verhör störe den Geist. Sonst sei Jochen, wie die Section ergeben, kerngesund gewesen und habe, obgleich vierundsechzig Jahre alt, noch zwanzig Jahre leben können. Die Hiebe, die er bekommen, seien nicht schlimm gewesen, der Körper zeige sechs horizontale und drei mit Blut unterlaufene Longitudinalstreifen. Jochen sei von jeher ein Hitzkopf gewesen, der durch die Wände habe rennen wollen. Dagegen habe ihm der Zustand des Assessors nicht unbedenklich geschienen, er habe heute Morgen im Fieber gelegen und phantasirt. Anfangs habe er geglaubt, Dummeier habe ihm während der Zeit, wo der Gefangenwärter Wasser holte, einen angewischt, er habe deshalb den ganzen Körper des Assessors untersucht, aber keine Verletzung gefunden. Unmöglich sei es aber nicht, daß der Erhängte dem Assessor, als er sich allein mit ihm befunden, mit seiner Riesenfaust einen Schlag auf den Kopf gegeben habe. »Ei was«, rief eine Stimme aus dem Hintergrunde, »es ist weiter nichts als das Delirium tremens , was den Assessor phantasiren läßt, das hat er bei uns an der Elbe schon öfter gehabt, und seine Frau will sich deshalb von ihm scheiden lassen.« Die Stimme kam von einem Weinreisenden aus Gartow, der am besten wußte, daß der Assessor seit Jahren schon keinen Wein, sondern nur stärkere Getränke zu sich nahm und an Säuferwahnsinn litt. Der Drost mochte einsehen, wie unvorsichtig er in einer öffentlichen Wirthsstube sich geäußert, er trank sein Glas Kirchenwein aus und schlich sich davon. Die Juristen ergingen sich in Muthmaßungen, was die Justizkanzlei, an welche die Acten noch heute eingesendet werden sollten, wol sagen würde. »O, die mag sagen, was sie will«, mischte sich der in den Kreis getretene redselige Weinreisende ein, »ertheilt sie dem Assessor einen Rüffel, so steckt er ihn zu den vielen andern, die er schon bekommen. Der sitzt in Hannover zu fest, der hat im Jahre 1839 und 1840, als das ganze Land sich weigerte, zu einer incompetenten Kammer zu wählen, zweimal loyale Wahlen zu Stande gebracht, das schützt ihn gegen jede Anfechtung der Justizkanzlei, deren Loyalität selbst angezweifelt wird.« Daß der Assessor nicht krank war, zeigte sich bald; noch während man von ihm sprach, sprengte er auf seinem Rappen die Kastanienallee vom alten Schlosse her, hielt vor dem Rathskeller und ließ sich »seinen Morgenkaffee«, das heißt einen großen Cognac, auf das Pferd reichen, dann flog er im Galop der hohen Brücke zu. Durch den erzählten Fall gewann Baumann, solange er in Heustedt war, zum ersten mal Gelegenheit, die Misbräuche des geheimen gerichtlichen Verfahrens in einem lebendigen Beispiele, das Aufsehen machen mußte, darzulegen und das öffentliche mündliche Verfahren zu loben. Er wußte das geschickt, je nach dem verschiedenen Tone der Blätter, für die er schrieb, mit wechselnder Färbung zu thun. In der »Neuen Rheinischen« konnte er sich gehen lassen und that es in reichlichem Maße. Er knüpfte an den Einzelfall eine Kritik der gesammten Staatsverfassung, des Verfassungsbruchs und der dabei eigentlich verfolgten Zwecke, der Erhebung eines blinden, zum Regieren unfähigen Königs auf den Thron, der Ausbeutung der Finanzen, Vermehrung der Cavalerie über die Grenzen des Bundescontingents hinaus in luxuriöser Weise, Aufrechterhaltung der Exemtionen sowie der Beamtenwillkür und anderes mehr. Diese verschiedenen Zeitungsartikel, die von allen deutschen wie von vielen ausländischen Blättern nachgedruckt und mit Glossen begleitet wurden, machten großen Lärm, die halbe Beamtenwelt, sämmtliche Cavalerieoffiziere sahen sich in ihnen verletzt. Der Criminalassessor hatte dagegen nicht versäumt, die zahlreichen Acten über Beschuldigungen und Voruntersuchungen seit länger als dreißig Jahren, die gegen Jochen Dummeier anhängig gewesen waren, aber niemals zu einer wirklichen Verurteilung desselben geführt hatten, zu sammeln und mit einer Beschönigung seines Verfahrens an das Obergericht einzusenden. Dennoch errang die öffentliche Meinung den Sieg, daß der Criminalassessor bis auf weiteres suspendirt und in Disciplinaruntersuchung genommen ward, gleichzeitig theilte jedoch die officielle Zeitung die lange Reihe von Vergehen mit, deren Dummeier seit 1809 beschuldigt war, um die Gemeingefährlichkeit desselben darzustellen und den Criminalassessor gleichsam zu entschuldigen. Der Vorfall war auch bei der Tischgenossenschaft im Rathskeller vielfach Gegenstand der Erörterung geworden, wobei der präsidirende Major sich regelmäßig des Criminalassessors angenommen hatte, weil die Erfahrung lehre, daß gegen solche verstockte Bösewichte die gewöhnliche Inquisitionsmethode nichts helfe, daß es da drastischer Mittel bedürfe. Unser Freund, dessen Platz am Tische hinaufgerückt war und den nur zwei Nachbarn von dem Präsidenten schieden, da der nächstälteste zu dessen Linken saß, und die Reihenfolge dann übersprang, hatte nicht einmal unmittelbar nachher, sondern erst nachdem auch andere sich geäußert, dazwischengeworfen, es solle ihn gar nicht wundern, wenn unter der glorreichen Regierung des Königs Ernst August die erst vor fünfundzwanzig Jahren abgeschaffte Tortur wieder eingeführt würde. Der Major von Finkenstein erwiderte: »Ja, das werde kein übles Mittel sein, sich gegen die im Verborgenen schleichenden Pasquillanten zu schützen!« Bruno, der dies auf sich bezog, da die officielle Zeitung eine Polemik gegen seinen Artikel in der »Neuen Rheinischen« begonnen und ihn darin einen Pasquillanten genannt hatte, wollte aufbullern, aber sein Nachbar Kloppmeier zog ihn am Rockschoße. Er schwieg. Nach Tisch bat Kloppmeier seinen Freund, eine Tasse Kaffee bei ihm zu trinken, und als beide allein in dessen Wohnung waren, fragte jener: »Was hast du mit dem Major? Derselbe hat sich hinter deinem Rücken auf dem Club und in Privatgesellschaften mehrfach verfänglich über dich ausgelassen, sodaß ich schon Lust hatte, ihn zu coramiren, wäre ich nicht noch zu grün hier und könnte ich irgend erwarten, bei der Collegenschaft eine Stütze gegen diese Husarenwirthschaft zu finden.« »Ich habe, außer neulich am Roulette und heute, persönlich nie einen Zusammenstoß mit dem Manne gehabt, nie ein Gespräch mit ihm geführt, wohl aber bin ich in seine Schwester sterblich verliebt gewesen. Aber die Physiognomie des Majors misfällt mir seit dem Augenblicke, wo ich ihn vor zwölf Jahren zum ersten mal sah, und seitdem ich ihn hier getroffen, hat mich das Gefühl nicht verlassen, daß ich mit ihm zusammenstoßen müßte.« »Wenn der Major auch nur ahnt, daß du je in seine Schwester verliebt warst, so ist das schon eine tödliche Beleidigung für ihn«, sagte Kloppmeier, »denn ich habe nie einen hochmüthigern, adelstolzern Narren gesehen als ihn, obgleich sein Adel erst von gestern ist. Ich vermuthe übrigens, daß eine politische Intrigue dahintersteckt. Prinzeß Häßlich dort drüben macht stark in Politik, und ich weiß aus sichern Quellen, daß an ihrer Tafel davon die Rede gewesen, daß es eine Schande für Heustedt sei, einen solchen Demagogen wie dich in den Herrenclub aufgenommen zu haben. Der Major wird sich Rittersporen des Guelfenordens, der ihm noch fehlt, verdienen wollen, indem er dich hier unschädlich macht. Du kannst deine Pistolen, wenn du sie noch hast, dreist hervorsuchen und nach dem Rüstmeister senden. Du wirst sie über kurz oder lang gebrauchen müssen.« Der Freund hatte recht, es sollte schon am nächsten Mittag zum Aeußersten kommen. Bei Tisch wurde nur von Spiel und Pferden gesprochen; als das Dessert aufgetragen war und einzelne Tischgenossen schon Kaffee bestellten und nach der Cigarrentasche langten, begann der Major mit seinem Tischnachbar zur Linken ein Gespräch über den Criminalassessor. »Jean, hole einmal die gestrige ›Hannoversche Zeitung‹ vom Club«, sagte er zum Oberkellner. Dieser brachte die Zeitung, und da begann der Major die Fortsetzung der Polemik gegen den Artikel der »Neuen Rheinischen Zeitung« laut vorzulesen, der sich hauptsächlich in Schmähungen und Verdächtigungen des Verfassers jenes Artikels erging. Der Major legte das Blatt auf den Tisch, steckte sich eine Cigarre an, drehte an den Spitzen seines Schnurrbarts und sagte mit Emphase: »Der Mann schreibt mir aus der Seele, ich könnte einen solchen infamen Hund von Pasquillanten mit der Hundepeitsche tractiren, wenn ich ihn vor mir hätte!« Unser Freund sprang von seinem Sitze auf: »Herr Major, der Verfasser ist mein Freund, und ich vertrete jedes Wort, was er geschrieben. Sofern Sie also Ihre Aeußerung nicht revociren, werde ich mir erlauben, für meinen Freund Rechenschaft zu fordern.« »Soll mir lieb sein«, lachte der Major hämisch und strich abermals die Spitzen des Schnurrbarts. Die Tischgenossenschaft saß erstarrt, so etwas war seit zwanzig Jahren nicht vorgekommen, damals war ein mit einem Civilisten bei Tisch in Streit gekommener Offizier erschossen. Bruno ging nach Haus, Kloppmeier folgte bald nach; er hatte in Heidelberg wie in Göttingen seinem Namen Ehre gemacht und hatte selbst einen der gefürchtetsten Paukhähne, den Herrn von Bismarck-Schönhausen, abgeführt; der Ministerpräsident soll zwar später, wo er mit ihm in der Bildergalerie des königlichen Schlosses zusammentraf, gesagt haben, das sei ein Nachhieb gewesen. Kloppmeier sagte: »Du wirst einen Cartelträger und einen Secundanten gebrauchen müssen. Die Functionen des erstern werde ich gern übernehmen, secundiren darf ich nicht. Ich soll die Stütze einer alten Mutter und zweier Schwestern erst werden, denn seit sechs Jahren unterhalten sie mich von ihrem geringen Vermögen, das meine war bei dem zweiten Examen zu Ende. Ich habe aber einen Ersatzmann, im nahen Braunschweigischen wohnt Wettermann, unser alter Senior, als praktischer Arzt. Will der nicht, so thue ich es. Ich fordere den Major natürlich auf Pistolen, bestimme die Grenze bei Thedinghausen als Ort, morgen, elf Uhr vormittags, als Zeit. Der Major kann den Regimentsarzt mitbringen, der zugleich Unparteiischer ist. »Ich eile, sobald ich die Forderung ausgerichtet, zu Freund Wettermann, um dort das Nöthige zu besorgen. Du aber gehst heute frühzeitig auf den Club und suchst dir eine Partie. Sollte jemand die Unverschämtheit haben, dich nach der Affaire zu fragen, so sagst du, es lasse sich hoffen, daß die auf einem Misverständnisse beruhende Sache sich ausgleiche. Wenn du morgen halb acht Uhr ausfährst, so bist du halb elf Uhr im Birkenwäldchen an der Grenze.« Kloppmeier ging, ohne Antwort abzuwarten. Bruno hatte nach dem Spielabende seine Tausend-Guldenscheine bei Hirschsohn umgewechselt und sie, außer der Summe, die er bis Ostern zu verbrauchen glaubte, in der Sparkasse angelegt. Das Sparkassenbuch siegelte er ein, adressirte es mit einem Gruße an seinen jüngern Bruder Karl, der in Göttingen Jura studirte; eine Cession war unnöthig, da es auf den Inhaber lautete. Dann schrieb er einen längern Brief an die Mutter, von der er zärtlich Abschied nahm, ordnete seine Papiere und schlief ruhig, von Heloise von Finkenstein träumend. Am andern Morgen elf Uhr standen die Duellanten sich gegenüber, auf zwölf Schritt Barrière. Die beiden ersten Schüsse fehlten, Baumann hatte dem Major den Pelztschako vom Kopfe geschossen, des Majors Kugel hatte seine linke Brust in den Kleidern gestreift. Beim zweiten Schusse traf Bruno den rechten Oberarm des auf sein Herz zielenden Majors, sodaß er zur Erde sank und die Kugel seines Pistols zu Bruno's Füßen in den Rasen schlug. Der Major verlangte mit der linken Hand noch zwei Kugeln zu wechseln, allein eine Ohnmacht hinderte ihn, sein Verlangen, dem sich der Regimentsarzt widersetzte, durchzuführen, obgleich sein Secundant dasselbe vertrat. Doctor Wettermann brachte Bruno nach Bremen, wohin Kloppmeier, der zu Pferde nach Heustedt zurückeilte, Nachricht senden wollte. Drittes Kapitel. Die Wüstenei. Die Kugel Bruno's hatte einen Knochen im Oberarme des Majors zerschmettert, war dann aber abgeprallt und aus dem Arme entfernt; der Blutverlust des Verwundeten war stark, aber seine Wuth, von einem Federfuchser für immer unfähig gemacht zu sein, einen Säbel über den Kopf zu schwingen, war grenzenlos. Der Regimentsarzt brachte ihn zu Wagen nach Verden, während sein Secundant nach Heustedt ritt, um dort zu erzählen, der Major sei vom Pferde gestürzt und habe den Arm gebrochen. Obgleich noch am Abend desselben Tages viele Mitglieder des Clubs die Ereignisse kannten, behandelten sie sämmtlich aus Rücksicht gegen das Offiziercorps die Angelegenheit mit großer Zartheit. Es wurde öffentlich nirgends von der Sache gesprochen, man schwieg sie von allen Seiten todt und hütete sich namentlich bei Leuten, die als schwatzhaft bekannt waren, auch vor den leisesten Andeutungen. Kloppmeier schrieb seinem Freunde, er möge sobald als möglich zurückkehren. Als Bruno zu Hause anlangte, fand er auf seinem Schreibtische ein Decret des Amts, das ihn zum Vormunde des von Jochen Dummeier nachgelassenen Sohnes ernannte, zur Beeidigung einen Termin ansetzte und ihm aufgab, gehörige Sorge zu tragen, daß das Vermögen des Verstorbenen genau inventarisirt würde. Die Wüstenei lag in der Vogtei Kirnberg und diese stand unter dem reitenden Vogt Kuhnhard, einem alten, aber noch rüstigen Manne. Da das Wetter schön zu bleiben versprach, so schrieb unser junger Freund nach seiner Beeidigung als Vormund an den Vogt, daß er ihn am nächsten Tage in Kirnberg zur Inventarisation des Dummeier'schen Vermögens abholen wolle. Kirnberg lag auf einer Sanddüne, war aber mit prächtigen Buchenbeständen versehen, die nach Nordwesten durch einen breiten Gürtel Nadelholz gegen Wind und das Eindringen des Weideviehes geschützt waren. Das Gestüt war längst eingegangen und eine Haushaltungspachtung eingerichtet. Wenn man von der Domäne höher emporstieg, durch eine junge Fuhrenpflanzung, so kam man auf eine Hochebene, und das Auge sah nach Westen weiter nichts als öde Heide, hin und wieder einen Fuhrenkamp. Diese große Heidestrecke, die sich mehrere Stunden nach Westen zog, zeigte aber in alten Furchen deutlich die Spuren, daß sie einst urbar gewesen war. Jetzt war sie unbewohnt, nach jeder Richtung hin lagen die nächsten Dörfer zwei bis drei Stunden von ihrem Mittelpunkte, der sogenannten Wüstenei; sie wurde nur an den Rändern zu Heid- und Plaggenhieb benutzt und von der Domäne Kirnberg bis an eine gewisse Grenze mit schwarzbraunen Heidschnucken betrieben. Es hieß im Munde des Volkes, inmitten dieser Heidfläche habe ein großes blühendes Dorf gestanden, das nach der Schlacht von Drakenburg von Tilly niedergebrannt und zur Wüste gemacht sei. Daher der Name. Man schied die wahrscheinliche alte Feldmark des Dorfes nach gewissen Grenzen von der übrigen großen Gemeinheit, an der alle umliegenden Ortschaften Nutzungsrechte in Anspruch nahmen. Der Aberglaube hatte dafür einen Grund in dem verwunschenen Futter gefunden, das in der Wüstenei wachsen und das Vieh krank machen sollte. Historisch erklärte sich die Sache aber einfach. Nach der Niederbrennung des Dorfes waren zahlreiche Bewohner, die sich in die Wälder geflüchtet, übriggeblieben und hatten bei »Freunden« in den benachbarten Dörfern Aufnahme gefunden. Auch Vieh und Heerde waren in den damals noch zahlreichern Waldungen geborgen. Die frühern Hofbesitzer trieben nur ihr Vieh, nachdem sich der Krieg aus der Gegend gezogen, noch auf die alten Weiden und hatten die Absicht, sich dort wieder anzubauen. Allein da der Krieg sich immer weiter in die Länge zog und es in jedem Dorfe verwüstete Höfe gab, auch Männer, junge, kräftige, eine Seltenheit waren, so fand jeder nach und nach eine Heimstätte in einem der nächstliegenden oder entferntern Dörfer. Die erste Generation schützte noch selbst die alte Feldmark, auch die zweite Generation ward durch die Volksgerichte von jeder Benutzung der Wüstenei abgehalten, und nun mischte sich die Sage hinein, man sagte der Jugend, das Futter dort sei dem Vieh schädlich. Als unser Freund mit dem reitenden Vogt (der aber sein Pferd in seinen eigenen Beinen hatte) über die öde Heide schritt, sagte letzterer: »Herr Doctor werden sich wahrscheinlich von dem Orte und den Menschen in der Wüstenei einen ganz falschen Begriff machen, wie die große Menge, die Herren am Regimentstische an der Spitze, verleitet von dem Namen. Die Wüstenei ist eine wahre Oase in dieser Heidewüste, ich möchte sagen, ein Paradies auf fünf Meilen in der Runde, und die Menschen dort sind wahrlich nicht so schlecht, als sie verschrien sind, sondern viel besser als Hunderte von andern Bauern. »Im nächsten Jahre werden es dreiunddreißig Jahre, daß ich hier als Vogt lebe; Sie sehen mir das wol nicht an, daß ich meine zweiundsiebzig Jahre auf dem Nacken und viel mehr erlebt habe als viele Tausende hier herum. Ich bin in Amerika geboren, mein Vater war Schmied und Kanonier in der Armee Sr. königlichen Majestät Georg's III., die gegen die empörten Colonien kämpfte, meine Mutter Marketenderin. Ich bin von dort als Kind auf dem Wege nach Indien geboren. Meine erste Heldenthat fiel in mein elftes Jahr, wo ich in Gibraltar war, als die Spanier dasselbe belagerten, ich half in der Batterie Kugeln herbeitragen. Die Spanier thaten uns mit ihren schwimmenden Batterien großen Schaden. »›Ei‹, sagte mein Vater, der damals schon Oberkanonier war, ›dem Dinge wollen wir ein Ende machen, gehe einmal hin, Junge, und schaffe Schmiedekohlen herbei und mache mir hinter der Batterie ein tüchtiges Feuer an, und du, Christoph, nimm einen Spaten und suche, ob du auf diesem verdammten Felsen ein bischen Gras und Rasen findest, stich nur Erdkluten, mit Rasen bedeckt, etwa halb so groß wie ein lüneburgischer Torf!‹ »›Was soll das?‹ fragte der commandirende Offizier. »›Ich will das Ding da unten mit glühenden Kugeln in Brand schießen‹, erwiderte der Vater. – ›Mit glühenden Kugeln? ist Er ein Narr, Kuhnhard?‹ – ›Nein, ein Schmied, der mit Feuer umzugehen weiß, lassen Sie mich nur machen!‹ »Er verdeckte die Pulverladung mit Rasen und Erde, und noch waren keine zwanzig Schüsse auf die schwimmende Batterie gefallen, so brannte dieselbe. Da hat der Elliot selbst meinen Vater zum Oberfeuerwerker ernannt und ihm seine eigene goldene Uhr geschenkt, dieselbe, die ich heute noch trage, sehen Sie hier, Herr Doctor. »Als im folgenden Jahre Friede wurde, kehrten wir nach Hannover zurück, und mein Vater bekam einen Ruheposten als Castellan im Schlosse zu Celle. »Als es dann im Jahre 1792 gegen die Neufranken galt, habe ich den Feldzug in Brabant mitgemacht, mich unter Scharnhorst aus Menin durchgeschlagen. Ich war leicht verwundet und erhielt nach dem Baseler Frieden die Amtsdienerstelle in Heustedt. Als 1804 die Franzosen ins Land brachen und Mangel an disciplinirter Mannschaft war, da stellte ich mich freiwillig meinem alten Hauptmanne wieder zur Disposition, als er durch unsere Gegend kam. Nach der Convention von Sulingen und Artlenburg nahm ich zuerst meinen alten Dienst wieder ein und avancirte dann als Vogt nach Kirnberg. »Doch ich wollte ja nicht von mir, ich wollte von der Wüstenei oder dem Schafmeyer erzählen, den sie jetzt da unten in der Koje haben, neben der sich der Dummeier erhängt hat. Der hat viel Unglück gehabt auf dieser Erde, obgleich er ein braver tüchtiger Mensch ist, was mir niemand glauben will. Er hat mir seine Schicksale vom ersten Anfang an erzählt. Hier in Kirnberg war vor der Franzosenzeit ein Gestüt, und er war Knecht bei dem Obergestütmeister Claasing und hatte guten Lohn. Aber er war verliebt in die Margarethe Dunekake, die Tochter des Halbmeiers da unten in Grünfelde. Die aber that wenigstens, als ob sie nichts von ihm wissen wollte, und ließ ihn nie ans Fenster kommen, so oft er auch den anderthalbstündigen Weg bei Nacht zurücklegte. »Da kam der Herbstjahrmarkt in Heustedt heran, und sein Vetter, der Gärtner im neuen Schlosse zu Heustedt war, schnitt ihm das schönste Bouquet aus dem Gewächshause, und damit eroberte er beim Tanz im Schwarzen Bären das Herz der Spröden. Sie gab ihm das Jawort und erlaubte ihm, in der nächsten Nacht zu fenstern. Sein Tanzvergnügen dauerte nicht lange, die Aeltern trieben nach Hause, da es stark regnete. Doch Meyer war so seelenvergnügt, daß er seine Kameraden aufforderte, herunter in die Gaststube zu kommen, wo er sie tractiren wollte. »In der Stube saß ein jüdischer Hausirer, der allerlei Waaren zum Verkauf anbot, der Knecht kaufte einige Kleinigkeiten, die er in der folgenden Nacht seiner Margarethe zum Jahrmarktsgeschenk mitnehmen wollte, ohne viel zu handeln. Da winkt ihm der Hausirer in die halbdunkle Nebenstube, zieht einen silberbeschlagenen Meerschaumkopf aus der Tasche und bietet ihm solchen zum Kaufe an. Der Pfeifenkopf ist schön, so prächtig, wie er lange als Ziel der Zukunft vor seinen Augen gestanden; zwei Thaler ist kein Preis, an einem Tage, wo die Margareth ihm das Jawort gegeben. Er kauft den Kopf, geht zum nächsten Drechsler, um Rohr und Spitze zu kaufen, dann ein Viertelpfund rothen Reuter, und dampft nun vergnügt in den Schwarzen Bären hinein. »Seine Kameraden sind wieder in den obern Tanzsaal gegangen, er mag nicht mehr tanzen, aber es gelüstet ihn, mit seinem Meerschaumkopfe, dem silberbeschlagenen, großzuthun, er geht wieder hinauf und fährt dort fort zu trinken und zu rauchen. »Am andern Morgen wird er verhaftet und später angeklagt, seinem Herrn vermittels Einbruch in dessen reservirtes Zimmer – derselbe wohnte eigentlich in Eckernhausen – die Meerschaumpfeife und eine Börse mit Geld gestohlen zu haben. »Obgleich es meiner Meinung nach sehr unwahrscheinlich war, daß Meyer mit einer eben gestohlenen Pfeife einen öffentlichen Tanzboden besucht hätte, so wurde doch seine Verteidigung, er habe den Pfeifenkopf von einem ihm unbekannten Juden gekauft, wie eine schlechte Einrede aller Diebe misachtet, und er auf die gravirlichen Anzeichen des Besitzers, der Anwesenheit am Orte der That, der Freigebigkeit gegen seine Kameraden und was die Herren in Hannover am Grünen Tische noch sonst aus den Acten herauslasen, verurtheilt. »Hausdiebstahl mit Einbruch! Zwei Jahre Zuchthaus waren als das Geringste bei sonstigem Wohlverhalten erkannt, und er nach Celle abgeführt. »Viel schlimmer war sein zweites Unglück. Aus dem Zuchthause entlassen, scheut er sich, nach Hause zurückzukehren, er will nach Amerika, denn seine Margarethe, denkt er, ist ihm auf immer verloren nach solcher Schmach. Er kommt auch an die Elbe, aber sein Geld ist aufgezehrt, seine Füße sind wund, es ist spät Abend, er sucht vergeblich für seinen letzten Schilling Brot zu kaufen, und vergebens in einem Bauerhause ein Unterkommen zu finden. Am Ende des Dorfes, etwas von diesem abgelegen, steht ein Herrenhaus in einem großen Garten, aus dem ihm Birnen und Zwetschen verlockend Erquickung entgegenwinken. Er ist hungerig und durstig und widersteht der Verführung nicht, steigt über den Zaun, schüttelt einen Zwetschenbaum und steigt dann auf den Birnbaum, um sich noch einige schöne reife Birnen zu pflücken. Währenddessen hört er im Hause Geräusch und sieht, wie ein Kerl aus dem Fenster eines Zimmers sich schwingt und mit der Schnelligkeit einer Katze an dem Weintraubenspalier hinabklettert. Bald darauf erscheint ein Graukopf im Hemde am Fenster, schießt mit einem Pistol nach dem Flüchtling und ruft: Diebe, Diebe! Nun wird es unten im Hause lebendig, Knechte, Mägde, ein Bedienter und zwei Teckelhunde springen in den Garten. Meyer, der über den Zaun retiriren will, wird als Einbrecher gefangen, incriminirt, verurteilt. Zwar hat sich der Beutel mit zwanzig Pistolen, der dem Major von Voigt oben vor seinem Bette weggestohlen ist, unter dem Fenster wiedergefunden, der Dieb hatte seinen Raub verloren oder sich dessen entäußert. Wer glaubt auch einem entlassenen, am Orte der That ertappten Zuchthäusling, daß ein anderer das Einsteigen gethan habe? Das ist eine freche Lüge! Nach einigen Monaten kehrt er in dasselbe Zuchthaus zurück, aus dem er kurz zuvor entlassen. Diesmal auf vier Jahre. »Nachdem er seine Strafe abgebüßt hat, schickt man ihn in die Heimat nach Kirnberg, wo sein Vater, ein armer Häusling, längst verstorben war. Nun wollte ihn niemand als Knecht, niemand als Taglöhner, er konnte auch keine Wohnung finden. Da nahm ich mich seiner an und rieth ihm, in die herrenlose Wüstenei zu ziehen. Es wurde gerade eine alte Domanialscheuer auf Abbruch verkauft, ich sammelte von den reichern Bauern die Mittel, sie anzukaufen, die Dorfschaft fuhr das Material in die Wüstenei, wo das Gebäude mit Hülfe einiger Zimmergesellen aufgerichtet wurde. Die Maurerarbeit hat Meyer mit zwei Handlangern selbst verrichtet. »Was der Mann geschaffen hat, ist wahrhaft wunderbar, wie Sie, Herr Doctor, gleich selbst sich überzeugen werden. Sehen Sie dort links in der Heide ein Stück Wald? Das ist die Wüstenei – ich will keine Beschreibung davon machen, wir werden sie bald betreten.« Man schritt rüstig weiter und kam an einen Fuhrenbestand, der etwa dreißig Jahre alt sein konnte und ein rechtwinkliges Dreieck bildete, in der Erstreckung von West nach Ost etwa tausend Schritt lang und ebenso lang von Nord nach Süd. Hatte man die Fuhren durchschritten, so kam man auf ein von Birken und Akazien gemischtes Gebüsch, dann in einen großen Obstgarten mit gutem Rasenanger. Eine doppelte Reihe von Linden beschattete im Süden den Eingang eines großen, in niedersächsischer Weise, aber aus Ziegelsteinen erbauten Wohnhauses, der Eingang zu den Ställen lag auf der Nordseite. Etwas rückwärts beiseite stand ein älteres Haus aus Fachwerk mit Strohdach. Der Vogt wies auf das letzte Haus hin: »Das war der alte Stall, den ich in Kirnberg kaufte, darin hat Jochen Dummeier eine Reihe von Jahren gehauset, jetzt steht er leer.« Rechts vom Hause, im Schutze der Akazien, stand ein größerer Bienenzaun, nach Westen lagen zwei große Schafställe, nach Süden war ein Blumengarten mit Stachelbeer- und Johannisbeerbüschen, hinter welchem Gemüsefelder lagen, sämmtlich schon umgegraben und bepflanzt. Als sie dem Wohnhause näher kamen, trat ihnen aus der Thür eine blasse, schmächtige, krummgebeugte Frau entgegen, die Witwe Dummeier, sie hatte gleichzeitig den Tod des Mannes und die Gefangennehmung des Vaters zu beklagen, nachdem ihr ganzes Leben schon eine lange Kette unverschuldeten Misgeschicks gewesen war. Ihre Mutter Margarethe war die einzige Person in der ganzen Gegend, die an die Unschuld ihres Bräutigams geglaubt hatte, als dieser verurtheilt wurde, und die, jeden Heirathsantrag abweisend, ihm treu geblieben war und sich gegen den Willen ihrer Aeltern mit ihm verheirathete, als er sein Haus fertig gebaut hatte. Sie mußte den Consens der Aeltern durch das Consistorium ergänzen lassen und von ihrem Bruder, der den Hof übernommen hatte, die paar hundert Thaler Abfindung einklagen. Nun ging aber für sie ein Leben von Arbeit und Last an, wie sie wenige Menschen zu ertragen fähig sind. Von der Mitgift mußte Hausgeräth und Bett, Feldgeräth, eine Kuh, einige Heidschnucken, ein Schwein, Lebensbedürfnisse für den Winter, Futter für das Vieh gekauft werden; nachdem dies besorgt war, begannen Mann und Frau das Land um das Haus herum urbar zu machen. Meyer war ein verständiger Mann, er hatte lange gesucht und gesucht, ehe er sein erstes Haus aufrichten ließ, und hatte das an einem Orte gethan, wo er in der Heide eine Senkung fand, in der statt des Heidekrauts auf mehrere Fuß eine Grasart wuchs. Hier mußte also das Regenwasser zusammenströmen oder eine Quelle sein, die vielleicht nur im Sommer versiegte; ein großes Dorf konnte nicht ohne Bach, nicht ohne Wasser gewesen sein, sagte er sich, und daß hier ein Dorf gestanden, davon habe er reichliche Spuren entdeckt. Nun wurde vom frühen Morgen bis späten Abend ein Stück Land nach dem andern mit der Hand umgegraben, es mochte Sonnenschein sein, regnen oder schneien. Während der Mann grub, hieb die Frau in größerer Entfernung vom Hause Plaggen und fuhr diese mit einer Schiebkarre nach dem Hause, oder sie ging in den kirnberger Forst und sammelte Fallholz für den Winter und Streuung für die Kuh. Wenn man so fleißig und unaufhaltsam arbeitet, wie die jungen Leute es thaten, so beschickt man auch etwas, und als die Zeit der Aussaat kam, war es Kuhnhard, der dafür sorgte, daß einer der kirnbergischen Vollmeier das Land noch einmal umpflügte, eggte und bestellte. Als der Winter kam, suchte Meyer nach seiner Quelle und entdeckte sie endlich, viel nördlicher, aber auch viel stärker, als er sie vermuthet hatte. Das ist unsere Goldgrube, pflegte er seiner Frau zu sagen, wenn er mit ihr daran arbeitete, die Heide in Wiesengrund umzuschaffen, im nächsten Jahre brauchen wir, so Gott will, kein Heu für unsere Kuh zu kaufen. Im nächsten Frühjahr wurde das Land, was nicht mit Roggen besäet war, zu Kartoffeln und Gemüse benutzt. Der Neubauer hatte im Winter auf der öden Heide von Wind und Wetter viel zu leiden und fing daher, als es Zeit dazu war, mit Hülfe eines Stukenförsters die Fuhrenbesamung nach West und Nord an, zu welcher er den Samen umsonst erhielt, auch zur Anlegung eines Obstgartens verschaffte ihm der Vogt aus den Plantagen des neuen Schlosses manchen jungen Baumstamm. Als Margarethe ihm im nächsten Jahre einen Sohn gebar, hatte er in dem seit beinahe zweihundert Jahren unausgenützten Sandlehmboden eine so günstige Ernte, daß er nicht allein den Haushaltsbedarf bis zur nächsten Ernte besorgen, sondern sogar noch etwas verkaufen konnte. Auch die Wieseneröffnungen schlugen so ein, daß eine zweite Kuh angeschafft, Magd und Knecht gehalten werden konnten. So hatte sich Meyer in einer Reihe von Jahren mit unermüdlichem Fleiße ein werthvolles Besitzthum geschaffen, das den Neid manches Bauern zu erregen anfing. Er war in der glücklichen, zu unserer Zeit in Deutschland äußerst seltenen Lage, durch erste Besitzergreifung Eigenthum erwerben zu können. Sein Wohlstand stieg zusehends, der Viehstand hatte sich verdreifacht, jedes Jahr wurde eine neue Strecke Heide umgewühlt. Aber das redlichste Leben, alles Plagen und Quälen konnte ihn von dem Makel, Dieb zu sein, nicht befreien; ja Neid und Unverstand behaupteten, er habe in dem verwüsteten Dorfe einen Schatz gefunden, man ging so weit, ihm alle Schafdiebstähle in der Umgegend zuzuschreiben, weshalb man ihn bald Wüsteneimeyer, bald Schafmeyer nannte. Oft war in seinem Hause Nachsuchung nach gestohlenem Vieh gehalten, einmal hatte man ihn sogar einige Tage in Haft, weil in seiner Wohnung eingesalzenes Hammelfleisch gefunden war. Der Schatz, den Meyer gefunden, war seine brave Margarethe, welche mit ihm die Arbeit theilte und ihm das Leben in jeder Weise zu versüßen suchte. Sie hatte ihm einen Sohn und lange Jahre nachher eine Tochter geboren. Der Knabe wuchs heran und ging schon täglich anderthalb Stunden weit nach Grünfelde zum Unterricht bei dem Pastor Schulz, das Nestküken wurde zu Hause gehalten. Die Entlegenheit der Wüstenei brachte es mit sich, daß die Kriegszeit ohne alle Belästigung für den Mann in der Wüstenei vorüberging, man forderte ihm nicht einmal Steuern ab. Als er seine Occupation zehn Jahre besessen und nun die westfälische Zeit kam, lieh er auf seinen Grundbesitz von Hirsch Moses einige tausend Thaler, baute das neue Haus und einen neuen Schafstall, umgab einen Theil der Ländereien mit den dort üblichen »Hochgraben«, das heißt Wällen, die er mit Birken bepflanzte. Das neue Haus war ein Jahr bewohnt, als die Katastrophe der Vertreibung Katharina Dummeier's und ihres Sohnes aus der Hirtenwohnung erfolgte. Katharina war »Freund« zu Meyer's Frau, und diese gewährte den Vertriebenen einen Aufenthalt in dem alten Wohnhause. Jochen hielt es aber nicht lange in der Einsamkeit, er setzte den Schmuggel fort, erwarb sich ein eigenes Schiff und war eine gute Zeit auf der Unterweser thätig. Als die Franzosen vertrieben waren und das alte Aemter- und Beamtenwesen wieder platzgriff und Landwehrbataillone ausgerüstet wurden, ward auch der Sohn Meyer's in ein Regiment gesteckt und nach Frankreich geführt. Die Tochter Therese, zu der die Pfarrerin in Grünfelde selbst Pathe gestanden, war confirmirt, sie war ein zartes, schwächliches Mädchen, zu schwerer Arbeit nicht geschaffen, aber besser gebildet als andere Bauermädchen, sie konnte nicht nur lesen und schreiben, sondern auch nähen, knöppeln, stricken, hatte Unterricht in Geographie und Geschichte gehabt, und las an Winterabenden den Aeltern aus ihren Büchern etwas vor. Da kam die Nachricht, daß der einzige Sohn Friedrich bei Waterloo auf dem Schlachtfelde geblieben sei. Das gab eine große Umwandlung. Dem Vater hatte bisher das einsame Leben in der Heide genügt, das Urbarmachen der Wüstenei fern von den Menschen, die ihn mishandelt und ausgestoßen, erfüllte ihn mit Stolz, das Gedeihen und sein zunehmender Wohlstand ließen ihm die schwerste Arbeit leicht erscheinen. Besuch empfing er nie, mit Ausnahme des seines Gönners Vogt Kuhnhard, den er als Schöpfer seines Glücks hoch verehrte. Hätte er über sich nachgedacht, so würde er gefunden haben, daß nicht die Arbeit an sich, nicht die Umwandlung einer Wüstenei in einen der größten und schönsten Meierhöfe der Umgebung ihm Befriedigung und innere Genugthuung verschaffe, sondern der Gedanke an seine Kinder, hauptsächlich an seinen Sohn. Die unglückliche Successionsordnung mit ihrem Anerbenrechte, die nur die Gelüste der Gutsherren gegen die Töchter ihrer Meier und Eigenbehörigen abwehren sollte, hatte den niedersächsischen Bauer in einem Jahrhundert dahin erzogen, daß er in dem Sohne ein bevorzugtes Kind erblickt; so auch Meyer, die Tochter war ihm gleichgültiger. Seinem Sohne eine bessere Existenz zu schaffen, als er selbst sie gehabt hatte, dieser Gedanke stärkte ihn bei aller Arbeit. Er dachte es sich als den süßesten Augenblick seines Lebens, wenn er seinem Sohne die Wüstenei übergeben und sich auf den Altentheil setzen würde. Mann und Frau hatten nachts im Bette oft unter den Töchtern aus der Freundschaft der Mutter herumgesucht nach einer Frau für den Sohn. Meyer wollte nur von der Tochter eines Vollmeiers etwas wissen, von einer Heirath, durch die er wieder in die Gesellschaft der ersten seiner Standesgenossen aufgenommen und als ehrlicher Mensch anerkannt würde. Die Frau wollte die Nebenbedingung machen, die Braut müsse auch eine tüchtige Mitgift mitbringen, damit ihre Therese eine gute Abfindung bekomme und gleichfalls eine gute Partie mache. Vater sagte dann zu Muttern: »Geld verlange ich von meiner Schwiegertochter nicht, ich kann der Therese, wenn sie erst so weit ist, selbst ein gutes Stück Geld mitgeben, denn meine Schuld bei Hirsch Moses ist nicht nur abgetragen, sondern ich habe dort einen ganz schönen Sparpfennig stehen.« Nun war der Sohn todt. Was nützte es ihm, daß der Prediger in Grünhausen den Tod von der Kanzel angezeigt, dem Verstorbenen großes Lob gespendet und gesagt hatte, er sei auf dem Felde der Ehre für das Vaterland geblieben? Was war das Feld der Ehre für den armen Vater, den Ehrlosen, Verstoßenen? Ersetzte das Vaterland, das erst neu wiedererworbene, ihm seinen Sohn, gab es ihm, dem unschuldig Verurtheilten, seine Ehre wieder und belebte es die Bevölkerung um ihn her mit einem neuen Geiste, der dem Verdienste, das er sich durch Urbarmachung der Wüstenei erworben, Achtung und Anerkennung verschaffte? – Im Gegentheil! Seine Standesgenossen, die unter der Fremdherrschaft von Feudallasten frei gewesen waren, wurden wieder Meier und Eigenbehörige des Gutsherrn, die Steuern vermehrten sich, der Adel wußte die alten Steuerfreiheiten und Exemtionen zu behaupten, das Beamtenthum hatte von der französischen Präfecten- und Polizeiwirthschaft gelernt, das Befehlen und Verbieten, alle die Plackereien gingen erst recht los. Jetzt, welche Zukunft hatte er, der sich so frei dünkte wie ein Ritter, denn er war sein eigener Gutsherr; er, der sich voll Stolz Wüsteneimeyer nannte, er konnte seinen Namen nicht auf den Sohn vererben. Der Arme fühlte sich über alle maßen unglücklich. Therese war damals funfzehn Jahre alt. Zu dieser Zeit starb auch Katharine – auf dem Todtenbette gestand sie, daß sie, nicht ihr Jochen, im Jahre 1809 die Stallgebäude des neuen Schlosses angezündet habe, und ließ das durch den Prediger niederschreiben. Jochen kehrte nun zurück, er hatte sich erst bei der Belagerung von Hamburg als Käufer von allerlei Belagerungsutensilien herumgetrieben, dabei ein hübsches Stück Geld verdient, dann hatte er sich als Freiwilliger annehmen lassen, als Napoleon von Elba zurückgekehrt war, hatte an der Seite Meyer's gefochten und diesem die Augen zugedrückt. Er brachte dem Vater die letzten Andenken vom Sohne, eine Uhr und sonstige Kleinigkeiten. Jochen schien sich die Hörner abgestoßen zu haben, er war nicht mehr der alte, der durch jede Mauer mit seinem Stierkopfe hindurchzurennen glaubte. Hatten ihn vielleicht die Geschicke Napoleon's gelehrt, daß ein Maß in den menschlichen Dingen ist, daß es nicht angeht, daß die Bäume in den Himmel wachsen? Das herumtreibende Leben widerte ihn an, er fühlte eine gewisse Sehnsucht nach einer Häuslichkeit, und wäre es selbst ein Haushalt mit der Mutter gewesen. Er brachte 500 Thaler Gold mit, die er dem Wüsteneimeyer gab, um sie für ihn zu belegen, und vermiethete sich diesem gegen bestimmten Lohn als Großknecht. Sein Schiff hatte er schon seit längerer Zeit einem seiner frühern Gehülfen verpachtet. Meyer konnte noch immer Arbeitskräfte gebrauchen, und in Jochen steckte von Vater und Mutter her eine ungemeine Arbeitskraft wie ein gewisser Verstand. Er war es, der das auffand, was sein Herz jahrelang vergeblich gesucht, die wahre Quelle des Baches, der das verwüstete Dorf früher mit Wasser versehen hatte, sie lag weit west-nördlicher, als der Hofherr dieselbe gesucht hatte, und was dieser vor Jahren gefunden, war nur ein Nebenquell. Nun wurden neue Rieselwiesen eingerichtet unter Beihülfe eines aus der Lüneburger Heide herbeigezogenen Wiesenbauers. Die Zeit der Noth und Theuerung ging an der Wüstenei ohne große Beschwerde vorüber, schlimmer war die darauf folgende Zeit des Ueberflusses, wo die Früchte keinen Werth hatten. Damals wurde Therese, Meyer's Tochter, die sich langsam körperlich entwickelt hatte, neunzehn Jahre alt, und der Vater dachte an ihre Verheirathung. Er überließ seinem Großknechte die Wirtschaft, die jetzt schon mit einem Viergespann, mit drei Knechten und zwei Schäfern betrieben wurde, und zog in der Umgegend herum, einzig und allein mit dem Gedanken beschäftigt, für seine Tochter einen Mann und tüchtigen Hofwirth zu finden. Während länger als dreißig Jahren hatte Meyer öffentliche Vergnügungen, Jahrmärkte, Viehmärkte, Schützenhöfe, Erntefeste und Wirthshäuser gemieden, er war nie ohne Noth auch nur nach Heustedt gegangen, jetzt plötzlich sprang er um. Er kaufte sich ein Reitpferd, er ritt nach allen Märkten in der Umgegend, er suchte Bekanntschaften, tractirte und renommirte mit seinem Hofe und Gelde. Das alles geschah auf bäuerische Weise, plump und ohne Geschick, und auf gleiche Weise wurde ihm denn gerade von denen, die er aufsuchte, der wohlhabenden Bauernklasse, ins Gesicht gesagt: »Schafmeyer, du gehörst nicht an unsern Tisch«, oder noch gröber: »Wer im Zuchthause gesessen, mit dem kann ein Bauer nicht aus Einem Glase trinken, und hätte er noch so viel Geld.« Nur Lumpen, liederliche und versoffene Bauern ließen sich von ihm tractiren, zechten und jubelten mit ihm. Was er suchte, einen Mann aus angesehener Familie für seine Tochter, fand er nicht. Wer aber dreißig Jahre gesorgt und gearbeitet, der hält ein solches wüstes Leben, das Nichtsthun und Zeittodtschlagen nicht lange aus; auch Wüsteneimeyer kam zu sich, er ließ Jahrmärkte Jahrmärkte sein und kehrte zu seiner Arbeit zurück, aber die eigentliche Arbeitslust war einmal dahin. Aehnlich wie dem Vater erging es Theresen, wenn sie sich bei Schützenhöfen oder sonstigen Tanzvergnügungen der Umgegend betheiligte. Sie ward nur ausnahmsweise von einem Knechte zu Tanze geführt, die Söhne von Voll- und Halbmeiern hielten sich fern von ihr. Der Kirchgang nach Grünfelde, der freundliche Zuspruch der Pathe, die immer gleiche Milde Heinrich Schulz' waren ihre einzigen Erholungen. Als Meyer aufgegeben hatte, für seine Tochter einen Mann zu suchen, trat eines Sonntags Jochen Dummeier zu ihm heran und hielt um die Hand Theresens an, er sei mit dieser einig. So war es; wie sich das gemacht hatte, kann ich nicht sagen; Liebebedürftigkeit, Vereinsamung hatte die Herzen zusammengeführt. Nun war gegen Jochen's Herkunft nichts zu sagen, sein Vater war Vollmeier gewesen und hatte lange Jahre das Ehrenamt eines Deichgeschworenen bekleidet, seine Mutter stammte aus einem Vollmeierhofe; daß er selbst durch Claasing und dessen Verheiratung mit der Stiefschwester Anna um das schöne Besitzthum in Eckernhausen gekommen, war kein Unglück, denn nach wenigen Jahren konnte es die Wüstenei, abgesehen von dem Eichsünder, mit jedem Vollmeierhofe in Eckernhausen aufnehmen. Daß Jochen jahrelang Schmuggelhandel getrieben, galt für kein Vergehen, das war in westfälischer und französischer Zeit wie eine patriotische That angesehen. Jochen that sich etwas darauf zugute, daß er noch einen Weserbock besitze, der immerhin 800 bis 1000 Thaler werth sei, und der ihm jetzt 16 Louisdor Pacht einbringe. Waren die jungen Leute einig, warum sollte der Vater Nein sagen: ihm lag allein daran, daß ihm ein Anerbe geboren würde. Das geschah denn auch, und bei der Taufe in Grünfelde erklärte Wüsteneimeyer: »Nun will ich so lange leben, bis Hans, so war der Enkel getauft, groß ist und ich ihm selbst die Regierung übergeben kann.« Und er hielt Wort, er lebte von neuem auf. Die Fuhren waren herangewachsen, der Akaziengürtel stach mit seinem freundlichen hellen Grün, mit der Lebendigkeit seiner Blätter- und Blütenpracht gegen das dunkle starre Nadelholz vortheilhaft ab; die Obstbäume hatten schon manches Jahr Frucht getragen, die Linden vor dem Wohnhause warfen schon dichtern Schatten auf dasselbe, oft mehr, als es den Bewohnern erwünscht war, und aus dem kleinen Hans, der unter den Linden mit den Hunden gespielt, war ein Bursch von nunmehr einundzwanzig Jahren geworden. Meyer hatte mehr als hundert Morgen Land unter dem Pfluge, und in die sechzig Morgen Rieselwiesen, er hatte den Wall, der seine Besitzung im Osten umgab, niedergelegt, und sein Gut nach dieser Seite abermals erweitert. Seine Holzanpflanzungen nahmen jährlich zu, er hatte durch einen Forsttechniker sogar einen großen Kamp mit Eichheister bepflanzen lassen, etwas für Kindeskinder, wie er sagte. Das war die Wüstenei, die Baumann und Vogt Kuhnhard im April des Jahres 1843 betraten. Viertes Kapitel. Inquirent und Anwalt. Rehabilitation eines Verstoßenen. Als Bruno in das Haus trat, kam ihm die Witwe des zu Tode Gequälten in Trauerkleidern entgegen; der Vogt stellte den Doctor vor, und dieser sich als Vormund ihres Sohnes, der vom Gericht den Auftrag habe, ein Inventar über das Vermögen ihres verstorbenen Mannes aufzunehmen. »Alles, was Sie hier sehen, ist Eigenthum meines guten, unglücklichen Vaters«, erklärte die Witwe. »Mein Mann, Gott sei seiner Seele gnädiger, als die bösen Menschen es waren, besaß nichts als ein Kapital, welches mein Vater für ihn ausgeliehen, und zu seinem Unglück einen Weserbock, bei dessen Verkauf er ungerecht verhaftet und unmenschlich tractirt ist. Ich will Ihnen die reine Wahrheit sagen. Mein Mann hatte in französischer Zeit einen Bock erworben und damit Schmuggel getrieben; derselbe war aber lange Jahre an den Schiffer Kleemeier in Inschede verpachtet. Als das Schiff vor zehn Jahren abgängig wurde, sind die brauchbaren Theile zum Neubau verwandt worden, denn das Schiff rentirte gut, obgleich der Schmuggel ziemlich aufgehört hatte. Seit einigen Jahren aber, wo Thedinghausen wieder von Hannover getrennt ist, soll der Schmuggel wieder stärker im Schwinge sein, Kleemeier hat mindestens seine Pacht in den drei letzten Jahren nicht mit Gelde, sondern nur mit Kaffee, Zucker und Wein abbezahlt. Diese Sachen mußten wir bei Hengstenberg abnehmen. Das ist die einzige unerlaubte Handlung, die sich mein Mann in den zweiundzwanzig Jahren, die ich mit ihm verheirathet bin, hat zu Schulden kommen lassen. »Mein Vater hat sich nie an fremdem Eigenthum vergriffen, nie eines Spendelknopfes Werth sich unerlaubt angeeignet; er ist mit Unrecht bestraft, jetzt ohne Grund und Recht verhaftet. Mein Vater ist jetzt sechsundsiebzig Jahre alt und hat seit zehn Jahren die Wüstenei kaum mehr verlassen, und sich, da mein Mann die Wirtschaftsführung versah, beinahe lediglich mit seinem Bienenzaune und seinem Enkel abgegeben. »Wir leiden keine Noth, wir sind wohlhabend, sogar reich, wir haben selbst viele Schafe, daß es Unsinn wäre, Schafe zu stehlen oder andere Dinge. Und doch sind die Gensdarmen gekommen und haben Haus und Hof umgewühlt und nach gestohlenen Sachen gesucht. Selbst den ganzen Düngerhaufen und die Plaggen haben die Knechte von einem Orte zum andern bringen müssen. Man hat nichts gefunden, und dennoch hat man meinen sechsundsiebzigjährigen Vater nach Heustedt ins Gefängniß geschleppt, wo man meinen Mann ermordet. Ja ermordet, denn meinen Jochen so weit zu bringen, Hand an sich zu legen, dazu muß ihm sehr Schweres angethan sein. Wenn Sie, Herr Doctor, etwas für mich und meinen Sohn thun wollen, so müssen Sie vor allem meinem Vater die Freiheit schaffen, denn mein Sohn, Ihr Mündel, ist seit der Verhaftung seines Großvaters außer sich.« Ein Knecht ward nach Hans geschickt, der bei dem Bienenzaune beschäftigt war, um ihn dem Vormunde vorzustellen. Hans war ein kräftiger, gescheit aussehender Bursche, der sich von den gewöhnlichen Bauern jener Gegend schon dadurch unterschied, daß er nicht in Holzpantoffeln einherwankte, sondern eine wildlederne enge Hose in hohe Stiefeln gesteckt hatte, und daß ihm die Pelzmütze ganz burschikos und baretähnlich auf dem stark gelockten Haupte saß. Der Anflug von einem Schnurrbarte kleidete ihn gut. Er hatte die breite eiserne Stirn des Großvaters, dessen graue, helle Verstandesaugen, breite Brust und Schultern. Frau Dummeier deckte, während Vormund und Mündel sich unterhielten, den Tisch zum Frühstück. Baumann war mit seinem Mündel in geistiger Beziehung noch besser zufrieden als mit seiner äußern Erscheinung. Man sah, der Privatunterricht bei dem Pastor in Grünfelde (der nun schon einige Jahre todt war) hatte gute Früchte getragen; Hans las auch politische Zeitungen und kannte alle Leute, die sich im Kampfe für das Staatsgrundgesetz ausgezeichnet hatten, auch Baumann kannte er, was diesem natürlich schmeichelte. Beim gemüthlichen Frühstück erkundigte sich der Vormund bei Mutter und Sohn, ob noch Actenstücke in Bezug auf den alten Proceß wegen des Dummeier'schen Hofes in Eckernhausen vorhanden seien. Hans wußte kaum etwas von diesem Processe, das sei die Sache der Großmutter gewesen, sein Vater habe sich niemals große Hoffnungen gemacht, den Proceß zu gewinnen, und auch er hoffe von einer Wiederaufnahme nichts, da über die Dinge schon zu viel Gras gewachsen sei. »Verjährt ist aber nichts«, sagte der Advocat, »die Verjährung ist durch den Proceß unterbrochen, und seit Zurückweisung der Klage in angebrachter Maße sind keine vierzig Jahre verflossen. Die Ansichten der Juristen haben sich sehr geändert, während man früher alles Recht des Meiers aus der Bemeierung herleitete und ein Meierbrief wirklich geschehenes Unrecht deckte, legt man jetzt auf die Bemeierung nur unbedeutenden Werth; es wird daher auf das, was die Gräfin Melusine gethan, weniger ankommen, als darauf, ob Hans, der Großvater, seine Tochter Anna dem Sohne zweiter Ehe vorziehen durfte. Ich bin durch einen glücklichen Zufall im Besitze der Manualacten und will die Sache einmal gründlich prüfen und mit der Obervormundschaft berathen.« »Ach lassen Sie das, Herr Doctor, unser Hans hat an der Wüstenei genug«, sagte Frau Dummeier. Baumann versprach, daß sein erster Schritt bei der Nachhausekunft sein solle, womöglich die Freilassung des Großvaters zu erwirken. Auf dem Rückwege sprach Kuhnhard ein langes und breites zu dem Lobe der Wirthschaft auf der Wüstenei. »Aber glauben Sie mir, Herr Doctor, daß es möglich gewesen ist, den Herrn Drosten ein einziges mal zu bewegen, hierher zu kommen und die Wüstenei mit eigenen Augen anzusehen? oder nur möglich, die Herren Beamten zu überzeugen, daß Meyer weder ein Schafdieb, noch die Wüstenei eine Diebesherberge und Hehlort gestohlener Sachen sei? Der Drost muß oft durch diese Heide fahren, wenn er nach der neuen von der Regierung angelegten Colonie Affenrade will, aber der fährt immer eine halbe Stunde um, lediglich um nur ›das Raubnest‹, wie er die Wüstenei nennt, nicht zu sehen. Da hilft mir schon seit Jahren alles Reden nichts, der Meyer ist und bleibt ein Schafdieb, und die Wüstenei ist Wüstenei.« »Es heißt ja sonst aber«, erwiderte Baumann, »die Herren am Regimentstische sehen alles nur durch die Brillen der reitenden Vögte und glauben alles, was diese sagten?« »Das mag die Regel sein«, lachte der Vogt, »hat sich aber so ein Studirter erst selbst einmal eine Idee gebildet, wie der Herr Drost sagt, so bringt ihn der Teufel selbst nicht wieder davon ab.« »Haben Sie etwas in Erfahrung gebracht, was mit dem Criminalassessor wird?« fragte Baumann. »Wie?« erwiderte dieser, »wissen Sie noch nicht, es ist ja gestern schon ans Amt gekommen. Er ist, weil er sich in anerkennungswerthem Diensteifer zu weit hat hinreißen lassen, auf ein halbes Jahr suspendirt und nach Muffrika auf eine Strafstelle gesetzt.« Baumann fluchte, ihm war die Strafe zu gelinde. »Und doch«, äußerte der Vogt, »ist der Mann mehr zu bedauern als zu verdammen; den werden die Menschen arg gepeinigt haben, ehe er so heruntergekommen und an Geist und Körper zerrüttet worden ist. »Ich kenne nur einen kleinen Theil seiner Lebensschicksale, aber genug, um mir den Zusammenhang zu denken. Sehen Sie, als der Assessor vor neun oder zehn Jahren hierher versetzt wurde, da war er der lebenslustigste, fleißigste, tüchtigste Beamte, er war die Seele der Gesellschaft, der Leiter aller Vergnügungen und Ausflüge, der Liebling der Damen. Eine Nacht durchtanzen, die zweite durcharbeiten, das war ihm gleich, er nahm seinen Collegen jede schwierige Arbeit ab, denn Arbeit war sein Leben. Der selige Oberhauptmann von ** hatte ihn deshalb sehr lieb und lobte ihn bei Landdrostei und Ministerium. »Zum Unglück für den Assessor starb dieser sein Gönner, und an die Stelle desselben kam der jetzige Drost, der dem Assessor von Anfang an feindlich entgegentrat. Der Vater des Assessors, der damals, glaube ich, noch lebte, war nämlich Syndikus in W. und als solcher zum Mitglied der Zweiten Kammer gewählt, wo er sich zu den extrem Liberalen, dem Dr.  Christiani und andern hielt und dem Drosten, der in der Ersten Kammer saß, mancherlei Aerger bereitet haben soll, da er ihn zum Zielpunkte seiner Witze machte. Der Drost, der flüchtigste Arbeiter, den es geben kann, hatte jetzt bei allen Arbeiten des Assessors etwas zu erinnern; das war ihm ungenau, das zu weitläufig, namentlich soll er in der Supplicationsinstanz immer dahin gearbeitet haben, daß die Erkenntnisse des Assessors abgeändert wurden. Das focht den Assessor nichts an, er war und blieb der Mittelpunkt des Herrenclubs und Damencasinos. »Da wurde er zum dritten Beamten ernannt. Ich war zufällig gegenwärtig, als er das Schreiben mit seiner Ernennung empfing. ›Lieber Kuhnhard‹, sagte er zu mir, ›was bin ich glücklich, nun kann ich mein Liebchen heirathen.‹ – ›Ich weiß ja gar nicht, daß Sie verlobt sind, Herr Assessor, ich gratulire auch, darf ich wissen, wer die Glückliche ist?‹ »›Ich bin seit meiner Studentenzeit verlobt‹, sagte er, ›meine Braut wohnt in Göttingen.‹ »Wenige Tage darauf verkündeten die ›Hannoverischen Anzeigen‹ und Visitenkarten das Verlöbniß, das schon zehn Jahre bestanden hatte. Da fing man in Heustedt denn an die Köpfe zusammenzustecken, da wurde geforscht und gefragt, welches Standes und welcher Abkunft die Braut sei. Wie oft bin ich selbst gefragt worden. Endlich hieß es, es sei eine Schusterstochter, mit der sich der Assessor als Student ›verplempert‹. »Es waren damals gerade viele heiratsfähige Damen in der Gesellschaft, und mehr als eine mochte sich wol Hoffnung gemacht haben, den immer lustigen Assessor zu erobern. Jetzt trat eine Erkältung ein zwischen den Damen und dem Assessor, man zog den Wasserbauinspector, der damals noch Conducteur war, heran, wenn man eine Schlittenpartie, einen Extraball und dergleichen vom Stapel lassen wollte. »Die Gratulationen waren kühl, und wie der Assessor herausfühlte, zum Theil spöttisch; man fragte nach den ›werthen Aeltern‹ der Braut und dergleichen. Hinter dem Rücken des Assessors war aber eine förmliche Verschwörung errichtet. Die Frauen und Töchter der Collegen scheuten sich nicht, in Gegenwart der Dienstboten zu äußern: der Herr Assessor solle es nur wagen, die Schusterstochter in die Gesellschaft einführen zu wollen, da solle er etwas erleben. Am schlimmsten waren die Frau Drostin und ihre fünf Töchter. O! ich habe damals einen tiefen Blick in das Getreibe der Gesellschaft gethan! Die Braut hätte ein Engel von Schönheit und Tugend sein können, sie war eine Schusterstochter, das war genug, sie im voraus zu verurtheilen. »Genug, als nach den Gerichtsferien die junge Frau ankam – sie mußte in ihrer Jugend sehr schön gewesen sein, war aber im langen Brautstande etwas gealtert – und der Assessor mit ihr Besuche machte, wurde das junge Ehepaar beinahe von niemand angenommen. Nur Herr von Vogelsang und seine Frau, der Superintendent, der Pastor, einige Kaufleute und Ihr College Bardeleben machten eine Ausnahme, wie die bürgerlichen Clubmitglieder. Noch schlimmer war es aber, als der erste Casinoball stattfinden sollte, alle Familien hatten unterschrieben, die Beamten hatten aber conspirirt, daß, sobald der Assessor gleichfalls unterschriebe, sie fortbleiben wollten. »Alle diejenigen Leute, die man für zu gutmüthig oder für untergeordnet genug hielt, mit einer Schuhmacherstochter auf einen Ball zu gehen, waren in das Complot nicht eingeweiht. Der Ballabend kam, zehn bis zwanzig Familien erschienen, die Musik war von auswärts gekommen, man tanzte zwar, soupirte und wurde zuletzt ausgelassen lustig. Keiner der Collegen des Assessors war gegenwärtig, er ahnte, was geschehen war, und der Assessor sann auf Rache.« Baumann wußte nicht, daß man in Heustedt dasselbe Manöver schon mit seiner Urgroßmutter, der schönen Mainzerin, beabsichtigt, dann bei seiner Großmutter, der Frau Oskar Baumgarten's, in Scene gesetzt, daß ohne diese Dinge sein Vater schwerlich je die Tochter des Oberförsters gesehen und geheiratet haben würde, er selbst also nicht das Licht der Welt erblickt hätte, sonst würde er mit dem Assessor noch mehr Mitleid empfunden haben, als er schon empfand. »Die Herren im Club«, fuhr der Vogt in seiner Erzählung fort, »spielten bei jedem sogenannten Mondscheinessen, zu welchem viele Mitglieder aus der Nachbarschaft kamen, Hazard, regelmäßig Pharao, die Bank wechselte zwischen drei oder vier Herren. Der Assessor hatte dem Spiele oft zugeschaut, sich aber nie betheiligt. Als nun nach einem solchen Mondscheinessen, wobei stark getrunken war, der Herr Drost Bank auflegte, betheiligte sich auch unser Assessor. Nach Beendigung einer Taille, als der Drost die Karten zusammennimmt und von neuem zu mischen beginnen will, legt jener seine Hand auf die Karten – ›Mit Erlaubniß, Herr Drost – mit Erlaubniß, meine Herren‹, sagte er, ›die Karten sind gezeichnet!‹ Er hält die Karten, die er gefaßt hat, vor das Licht, und siehe, jede derselben ist in verschiedener Weise durch Nadelstiche durchbohrt, sodaß man auf der Rückseite durch das Gefühl den Werth der Karte errathen kann. »Da entsteht natürlich großer Lärm – es wird von falschem Spiel und Volteschlagen gesprochen, einige der Mitspieler, die den Drosten seit lange im Verdacht des falschen Spiels gehabt, werden sehr laut. Dieser behauptet natürlich, es sei ihm unbekannt, daß die Karten gezeichnet seien, der Wirth habe die Karten als neu geliefert, da liege noch der Umschlag, da seien noch vier uneröffnete Kartenspiele. Der herbeigerufene Hochmeier wird verwirrt, er behauptet freilich, das seien seine Karten nicht, er habe überhaupt nur vier neue Spiele geliefert – genug die Sache bleibt unaufgeklärt. »Der Assessor soll nun um seine Versetzung angehalten und es dadurch motivirt haben, es thue ihm leid, daß er die unschuldige Veranlassung gewesen sei, zu entdecken, daß Herr Drost von G. mit gekennzeichneten, nur durch ein unerklärliches Ungefähr in seine Hände gerathenen Karten abgeschlagen habe, unmöglich aber könne ein längeres collegialisches Zusammensein ersprießlich sein. »Nach diesen Vorfällen wurde der Assessor nach Ostfriesland versetzt, an die Meeresküste in eine kleine Stadt, in der er mit Mühe und Noth eine enge, ungesunde, feuchte Wohnung fand. Seine Frau hat das Fieber bekommen, Umschlag gehabt, den Rest ihrer Schönheit verloren, der Assessor hat sich das Trinken angewöhnt, das die Küstenbewohner des Klimas wegen schon gewohnt sind. »Seine Bitten um Versetzung sind unberücksichtigt geblieben, bis der neue König ins Land kam. Da hat man ihn in den Solling geschickt, um die Untersuchung in jenem Riesenprocesse zu führen, wo es sich um die Ermordung zweier königlichen Jäger und um mehrere Hunderte einzelner Verbrechen, Wilddiebstahl und dergleichen handelte. Beinahe sämmtliche Einwohner des Dorfes Sievershausen waren bei der Wilddieberei betheiligt, und es mußten, wie Sie, Herr Doctor, wissen werden, Ausnahmsmaßregeln ergriffen werden. »Diese Riesenuntersuchung gegen mehr als hundert Beschuldigte, die in vier bis fünf verschiedenen Aemtern verhaftet waren, hat der Assessor mit dem größten Fleiße, mit Umsicht und Talent geführt, allein er hat sich dabei überarbeitet, sich angewöhnt, des Nachts zu inquiriren und durch spirituöse Getränke sich munter zu halten. Daher stammt sein Ruf als Criminalist, und Ernst August hat ihn auch durch den Guelfenorden belohnt. »In der Einsamkeit des Sollings hat sich das Verhältniß zu seiner Ehefrau immer schlechter gestaltet, – die Geister haben schon bei der Hochzeit nicht mehr harmonirt, er hat davon gesprochen, daß er um ihretwillen die heustedter Schmach erduldet; ein Kind, das als geliebtes Bindemittel zwischen den Aeltern stand, ist gestorben. Der Assessor hat sich während jahrelanger Untersuchung unter einer durch und durch verwilderten Menschenrasse einen nicht nur harten und rauhen Ton gegen jeden Inquisiten angewöhnt, sondern ist Menschenfeind geworden und läßt seine Wuth an den armen Inquisiten aus, die in seine Hände fallen. In das Wendland, an die Elbe versetzt, scheinen die Zwistigkeiten mit der Frau sich durch Einmischung eines Geistlichen noch verstärkt zu haben; mindestens hat der Pastor dort die Gesellschaft gegen den völlig unfrommen, unkirchlichen Mann aufgewiegelt und allerlei Beschwerden wider ihn in Celle eingerührt. »Ich weiß dies alles aus Andeutungen, die er mir machte, als er jüngst wieder hierher kam; der starke Mann weinte, als er mich wiedersah. ›Ach! Kuhnhard‹, sagte er, ›wie glücklich war ich vor nenn Jahren, als ich das Gehalt bekam, das mir gestattete, zu heirathen, und welch elender, erbärmlicher Mensch bin ich jetzt.‹« Man war in Kirnberg angekommen, und Baumann hatte wiederum ein Beispiel erhalten, das ihn über den Satz von der menschlichen Willensfreiheit, den er in seiner »Philosophie der Geschichte« aufgestellt hatte, neue Fragen aufwerfen ließ. Hing in diesem Erdenleben nicht das meiste von dem ab, was man »Umstände« nannte? War die Lebensanschauung derer so unrecht, die große weltgeschichtliche Ereignisse kleinen Ursachen zuschrieben, einen europäischen Krieg z. B. einem Glase Wasser? Und doch hatte er in sich selbst ein zu starkes Selbstgefühl der Freiheit, um solchen trüben Zweifelsfragen lange nachzuhängen. Zu Hause angekommen, fand der Doctor ein Billet der Frau Hirschsohn, welche ihn für den Abend zum Thee einlud. Es sei ein Packet literarischer Neuigkeiten angekommen, auch erwarte ihn eine andere Ueberraschung. Außerdem fand er einen Brief von Detmold, mit dem er fortdauernde Correspondenz unterhielt. Dieser schrieb: »Lieber Freund! Welche Tollheit muß ich von Ihnen hören? Wenn unser Heldenmuth darin bestände, daß wir uns mit jedem Fähnrich oder Major einer in der Zeitung gethanen Aeußerung wegen schießen wollten, so würde es leicht sein, alle misliebigen Literaten, Dichter, Advocaten todtschießen zu lassen. Die Sache hat einen guten Verlauf genommen, und man gönnt hier allgemein dem Major, daß er flügellahm geschossen ist. Er wird indeß befördert werden und zukünftig statt des Sabuls die Feder führen müssen, ich höre, heut ist er als Militärbevollmächtigter Hannovers nach Frankfurt bestimmt. Glück zu!« Nach einigen Mittheilungen über Politik war in dem Briefe eine Aeußerung, die Baumann sehr misstimmte. Es hieß: »Sie thun viel besser, die Bekanntschaft Ihrer Cousine Claasing zu cultiviren, ein solcher Goldfisch kann in unsern Tagen allein einen jungen Advocaten auf die Beine bringen, denn ohne unabhängige äußere Stellung sollte man davonbleiben, praktischer Politiker werden zu wollen. Sie werden denn doch Ihr Leben lang nicht Journalist bleiben mögen?« Baumann, der Idealist, der an einer »Philosophie der Geschichte« arbeitete, war empört über diese realistische Andeutung des »kleinen Scheusals«. Bruno, voll Unabhängigkeitsgefühl, der sich erst glücklich gefühlt, als er die Unterstützung des Onkels ablehnen konnte, den sogar die Hülfe, welche Hermann ihm aus seinem Nationalfonds gewährt, gedrückt hatte, der stolz darauf war, neben den beiden Onkels in Hannover und Wien ein Drittel zu den Studienkosten seines jüngsten Bruders beitragen zu können, er sollte des schnöden Goldes willen eine Frau nehmen, um mit deren Gelde eine feste politische Stellung zu erlangen? Auguste Claasing hatte auf ihn einen sehr guten Eindruck gemacht, sie war ein verständiges Mädchen, hatte nicht die Prätensionen der Stadtdamen, hatte Bildung, ohne damit glänzen zu wollen, war schön und gut. Vielleicht hatte er sich in dem Briefe an Detmold, der das erste Begegnen mit der Cousine schilderte, zu warm ausgesprochen, und war so selbst schuld an dessen Auffassung. Als er am Abend nach dem Hause Meier Hirschsohn ging, fand er dort die ganze erste Etage hell erleuchtet. Unten stand Samuel, der Kutscher, Bedienten und Hausknecht in Einer Person spielte, in Galalivree, nahm das Ueberzeug in Empfang und bat den Herrn Doctor, sich hinaufzubemühen zu den Damen. Die obern Räume bestanden, soweit sie zu gesellschaftlichen Zwecken benutzt wurden, aus einem geräumigen Entréezimmer, rechts einem Salon, links dem sogenannten Gesellschaftszimmer, nebst einem kleinen Boudoir mit bis zur Erde reichendem Trumeau, damit die Damen ihre Toilette übersehen und nachbessern könnten. Bruno war bisher nur in den Familienzimmern zu ebener Erde, dem Comptoir gegenüber, empfangen, die wohnlich eingerichtet waren. Heute sollte er wahrscheinlich die Pracht und Herrlichkeit des Reichthums sehen. Schon im Entréezimmer brannte ein Kronleuchter, und auf dem Tische standen silberne Armleuchter. Frau Hirschsohn kam ihm in diesem Zimmer entgegen, faßte freundlich seine beiden Hände und sagte, ihn der Salonthür zuziehend: »Lieber Doctor, Sie müssen mir einen Gefallen thun und mir bei einer kleinen Verschwörung gegen meinen Mann helfen. Mein Cousin, der Doctor Behrend aus Frankfurt, ist zum Besuch gekommen. Er hat meiner Stieftochter im vorigen Herbste in Norderney zu tief in die Augen gesehen. Paulinchen stellt sich freilich etwas spröde, allein ich weiß, sie nimmt den Doctor Behrend schließlich lieber als David Cohn aus Hannover, den Wollhändler, oder Joseph Jakobsohn in Bückeburg, den Hofagenten, zwischen denen der Papa noch schwankt, denn sie weiß Bildung zu schätzen. Aber der Papa! da steckt der Knoten, der weiß nur Geld zu schätzen, und mein Cousin ist arm, er hat aber als Redacteur ein gutes Gehalt, und mit dem Vermögen von Paulinens Mutter würde er können machen ein großes, feines Haus in der Stadt am Main. Mein Mann hat unten seine Spielpartie, wir werden hinterher soupiren. Wenn Sie bei dieser Gelegenheit die große Bedeutung der Journalistik, von der mein Mann nicht den entferntesten Begriff hat, hervorheben wollen, überhaupt dem Doctor Behrend Gelegenheit geben, daß er aus sich herausgeht, sich ausspricht – mein Cousin ist sehr gescheit, er weiß über alles zu sprechen und zu schreiben – so thun Sie mir einen Gefallen. Ich bin Ihnen gut, Herr Doctor, und meine es sehr gut mit Ihnen, wie Sie heute schon sehen werden. Zum Dank sollen Sie eine schöne junge Dame, die sich, merken Sie wohl! sehr für Sie interessirt, zu Tisch führen. Nun aber kommen Sie, man wartet schon auf uns.« Im Gesellschaftszimmer, das äußerst geschmackvoll eingerichtet war, fand er außer der Familie und dem Dr.  Behrend, den man ihm vorstellte, Auguste Claasing. Cousine Auguste reichte ihm die Hand und dankte ihm, daß er durch seine Fürsprache bei der Mutter bewirkt habe, daß sie in dieser liebenswürdigen Familie ein Unterkommen gefunden. »Bei dem Pastor oder gar bei dem Superintendenten würde ich es keine vier Wochen ausgehalten haben«, sagte sie, »hier werde ich es hoffentlich aushalten, bis Mama des Studirens in Göttingen überdrüßig ist.« Frau Bettina lenkte das Gespräch sofort auf die literarischen Neuigkeiten, die auf einem besondern Tische ausgebreitet lagen, und ersuchte den Cousin, etwas vorzulesen. Dieser wählte Prutz' »Moritz von Sachsen«. Das rhythmische Pathos der auf die Neuzeit so anspielungsreichen Tragödie gewährte seinem Vortrage eine herrliche Folie. Behrend war nicht hübsch, ein stark orientalisch ausgeprägtes Gesicht, mit geistreicher Stirn freilich und schönen Augen, aber ein Kopf voll schwarzen negerhaften Wollhaars, ein großer genußsüchtiger Mund mit dicken Lippen; wenn er sich aber wie heute in Begeisterung las, vergaß man das, dann war der Cousin wirklich schön, das Geistige in ihm überwog das Sinnliche, das Auge strahlte voll Glanz, die Lippen zogen sich zusammen, der Jude war verschwunden. Aehnliches schien auch Paulinchen zu fühlen, sie ließ, während der Cousin der Mutter vorlas, den Blick kaum von ihm ab, und wenn sie dies that, ließ sie den Kopf sinken und streifte mit sehnsüchtigen Augen nach Bruno hinüber, gleichsam als vergleiche sie beide. Sidonie hatte eine reizende Toilette gemacht, ihr Gesicht, das jugendlich rosige, mit den glühenden Augen, war von braunschwarzen Locken umwallt, in denen eine weiße Camellie glänzte. Ein dunkles seidenes Kleid, nach altdeutscher Art ausgeschnitten, ließ einen untadelhaften weißen Hals sehen, der auf gleiche Büste hindeutete. Sie ließ Auguste Claasing und Baumann nicht aus den Augen und bewachte mit spöttischem Blicke die ältere Schwester, wenn diese, wie bei ergreifenden Stellen mehrmals geschah, tief aufseufzte oder gar mit dem Battisttuche nach den thränenumschleierten Augen fuhr. Als Dr.  Behrend den ersten Act beendet hatte und nun eine Kunst- und Unterhaltungspause eintrat, spendete Frau Bettina alles Lob dem Vortrage des Cousins, dieser lehnte bescheiden ab und vindicirte dasselbe der schönen, kräftigen Sprache des Dichters, die er mit Lessing's Rede verglich. Man besprach »Karl von Bourbon« desselben Verfassers. Indeß ließ der Herr des Hauses durch Samuel heraufsagen, der Robber sei beendet, ob die Herren erscheinen dürften? Die Hausfrau befahl, daß das Souper angerichtet werde, der gräflich Schlottheim'sche Rentmeister, der Rector und Steuereinnehmer erschienen im Entréezimmer, und der Cousin Behrend wurde ihnen vorgestellt. Bettina hatte die Plätze bei Tisch arrangirt, Baumann mußte Auguste Claasing führen und saß noch neben dem Herrn des Hauses, die Frau des Hauses setzte sich gegenüber und nahm den Rentmeister auf die eine, den Einnehmer auf die andere Seite, der Cousin führte Pauline, der Rector Sidonie. Der Tisch war mit Silber, Krystall und Lichtern beinahe überladen. Das Essen war dem Reichthume des Wirths angemessen, der Weinkeller vorzüglich, Hirschsohn in bester Laune, denn er hatte, was ihm selten begegnete, im Spiel gewonnen. Bettina referirte natürlich zuerst über den kostbaren Vortrag des Herrn Dr.  Behrend, dann winkte sie Bruno mit den Augen zu. Dieser fragte nun den Doctor über die Stellung der verschiedenen deutschen Börsen in Frankfurt und Wien, Hamburg und Berlin zueinander, und ihre Beziehungen und Abhängigkeit von den Börsen zu London, Paris und Amsterdam. Behrend erörterte das Thema so klar und mit solchen selbst für den Fragenden durchaus neuen Gesichtspunkten, daß Hirschsohn seine Kauapparate ruhen hieß, ein Wunder, das Bettina, solange sie mit demselben verheirathet war, noch nicht erlebt hatte. Der Bankier kaute nämlich eigentlich den ganzen Tag, wenn er nicht etwa rauchte; er hatte in den Taschen seines türkischen Schlafrocks beständig Chocolade, Bonbons, Macaronen und anderes Backwerk, das er selbst während der Comptoirzeit beständig in den Mund steckte und daran knusperte. Bettina hatte sich vergeblich bemüht, namentlich in den Flitterwochen, dem Gatten dieses »Mummeln« abzugewöhnen, sie, welche ihren Mann und seine Gewohnheiten genau kannte, nickte dem Hausfreunde vergnügt zu, sie sah, daß sich der Cousin in Respect zu setzen gewußt hatte, und gab durch ihre Augen zu verstehen, daß Bruno von neuem unterheizen möge. Dieser fragte, ob Dr.  Behrend den jungen Rothschild kenne, der 1837 in Göttingen studirt habe, und den er bei der Begleitung der Vertriebenen in Witzenhausen gesehen zu haben sich erinnere. Der Redacteur hatte nicht die Ehre, den jungen Herrn Karl von Rothschild, der jetzt behufs weiterer Ausbildung nach Neapel gereist sei, zu kennen, aber er kannte einen der Oheime Rothschild's, welcher der Hauptbegründer der neuen Zeitung war, deren Redacteur er sei, und er habe die Ehre, jährlich mehrmals von demselben zum Diner geladen zu werden. Das erschloß ihm das Herz Hirschsohn's, der sich zum ersten mal mit einer Frage an ihn wendete und sich die Einrichtungen in Rothschild's Hause beschreiben ließ. Nachdem die Neugierde des Wirths befriedigt war und seine Kauwerkzeuge sich wieder mit dem kalten Pudding zu thun machten, lenkte Baumann, indem er von den ungeheuern Erträgnissen einiger pariser und namentlich londoner Journale zu erzählen begann, das Gespräch auf die pecuniären Redactionserträge und den Ueberschuß des Journals. Dr.  Behrend sagte: »Ich habe nur ein Gehalt von 3000 Gulden, denn ich bin zweiter Redacteur, ich habe aber das Recht, für 12000 Gulden Actien al pari zu bekommen, wovon ich noch keinen Gebrauch habe machen können, obgleich die Actien jetzt 1130 stehen und noch fortwährend steigen. Deficiente pecunia , wissen Sie, lieber College, deficiunt omnia . Mit dem Erwerbe dieser Actien würde ich die Aussicht zum ersten Redacteur gewinnen und zu einer Gehaltsverbesserung von 2000 Gulden, aber ich darf die zwölf Actien nicht veräußern, sie müssen bei dem Verwaltungsrathe deponirt werden.« Bettina nickte abermals nach dem geschickten Anwalt hinüber, dieser sah auf seinen Nachbar und merkte, wie dieser wiederum spannte. Es kam nun Dessert und Champagner, man stieß gegenseitig mit den Gläsern an, obgleich sie nicht klangen, und trank allerlei Gesundheiten. Baumann erzählte, daß und in welcher Veranlassung er heute in der Wüstenei gewesen sei und zu seiner großen Verwunderung dort eine Oase, einen prächtigen Hof gefunden habe. Sich dann zu seiner Cousine, mit der er bis dahin wenig Gelegenheit zu reden gefunden hatte, wendend, sagte er: »Indeß ist eine unangenehme Seite bei dieser Vormundschaft, wahrscheinlich muß ich einen Proceß gegen Ihre Frau Mutter als Vormünderin ihrer Kinder wegen Herausgabe des Hofes in Eckernhausen beginnen.« Auguste erblaßte und sagte: »Das wäre ein großes Unglück für mich!« – »Wieso«, fragte Bruno, »der Hof fällt ja dem Bruder als Anerben zu?« – »O! glauben Sie nicht des Geldes wegen, Herr Doctor«, sagte Auguste erröthend, und in Affect zugleich, »ich befürchte nur, daß die Mutter Ihnen dann sehr böse wird.« Nun erröthete Bruno, besonders da Bettina ihm mit den Augen bedeutungsvoll zublinzelte. Der Hausherr war gesättigt. »Betty«, sagte er, »präsentire den Herren eine Havana, du weißt, aus der Kiste im Bureau – und du, Sidonie, sing uns eine Arie.« Bruno bemerkte erst jetzt, daß das Pianino von unten in den Salon gebracht war. »Ist mir hier zu heiß, setzen wir uns ins Zimmer daneben«, sagte der Hausherr zu seinen Spielgenossen, »Samuel soll aus dem Keller eine Flasche Capwein holen; Pauline, besorge die kleinen Capweingläser!« Bettina präsentirte indeß die Cigarren und flüsterte Baumann, der sich in eine Ecke des Salons zurückgezogen hatte, zu: »Doctorchen! Sie haben Ihre Sache vorzüglich gemacht, ich könnte Sie umarmen. Der Alte beißt an, haben Sie nicht gesehen, wie er Mund und Nase aufsperrte? Paulinchen beißt auch an und reißt sich Ihr Bild aus dem Herzen, aber Augustchen, das Goldfischlein, hat schon angebissen, gratulire!« Es war das für Baumann ein Stich ins Herz. Sidonie aber, die sich an das Pianino gesetzt, und während die Mutter die Cigarren herumreichte, präludirte, hob, nachdem sie den Kopf herumgedreht und einen ihrer Glutblicke auf Baumann geschleudert hatte, zu singen an: O wärest du mein eigen! und als sie unter dem lebhaftesten Applaus des Vaters geendet, stand sie auf und ging zu Bruno, der mit einem Gesicht, als habe er Leibschmerzen, in seinem Winkel saß. War die Mutter Bettina, so war Sidonie jetzt wirklich das Kind, sie wußte Bruno so süße Worte vorzuflüstern, daß sich die Falten von seiner Stirn verzogen und er sie von neuem zum Pianino führte, damit sie mit der Mutter, die Alt sang, eins jener schönen Mendelssohn'schen Duette singe, die damals, wie noch heute, die Welt entzückten. Dr.  Behrend unterhielt Pauline von den Annehmlichkeiten Frankfurts, vom Theater, den neuen Eisenbahnanlagen zur Verbindung mit Mainz, Wiesbaden und dem Rhein, sprach von Musikfesten und dergleichen. Man saß bis in die tiefe Nacht zusammen. Baumann legte sich, zu Hause gekommen, nicht eher schlafen, als bis er eine Vertheidigung pro avertenda inquisitione für Schafmeyer fertig hatte. Acten konnte er nicht einsehen, allein er deducirte aus dem, was derselbe in der Wüstenei geschaffen, daß er weder Dieb noch Diebeshehler sein könne. Er hätte sich diese Mühe ersparen können; der neue Inquirent hatte sich die Mühe gegeben, einmal sämmtliche Hülfsacten, die sich bei der neuen Acte fanden, gründlich durchzulesen, und da hatte sich denn gefunden, daß schon vor mehr als zwanzig Jahren ein im Kalkberge zu Lüneburg verstorbener Sträfling sich dazu bekannt, den Diebstahlsversuch bei dem Major in Moorburg gemacht zu haben, und auch der Jude, der ihm den Meerschaumkopf verkauft, war bei späterer Gelegenheit des Diebstahls bei Claasing geständig geworden. Meyer also war zweimal unschuldig bestraft, das Indicium, daß er ein Mann sei, dem man wol einen Diebstahl oder Diebeshehlerei zutrauen könne, hatte keinen Grund, und so fiel denn aller Verdacht, auf den die neue Untersuchung aufgebaut war, zusammen; er wurde entlassen, ehe die Vertheidigung abgeschrieben war. Obgleich es gegen Morgen war, als Baumann sich schlafen legte, wollte ihm der Schlaf doch lange nicht kommen. Liebte er Auguste? Daß sie ihm wohlgeneigt sei, das hatte sie deutlich verrathen. Bruno konnte aber über seine eigene Herzensempfindung nicht zur Klarheit kommen, denn der schwarze Lockenkopf Sidoniens mit dem heißen Blicke wollte aus seiner Phantasie nicht weichen. Am andern Morgen, ehe er noch aufgestanden war, trat Behrend in sein Zimmer; sich wie ein halb Wahnsinniger geberdend, rief er ihm zu: »Doctor! Advocat! von Ihnen hängt mein Lebensglück ab, Sie müssen mich zum glücklichsten der Menschen machen!« »Was kann ich dazu thun?« »Alles, alles. Denken Sie, lieber Doctor, gestern Abend noch habe ich mich gegen Paulinchen erklärt, die Cousine hat Ihnen gesagt, wie verliebt ich seit vorigem Herbst in das Mädchen bin. Paulinchen hat mir geantwortet, sie würde mit Nein oder Ja antworten nach Ihrer Entscheidung.« »Das ist ja reiner Unsinn!« platzte Bruno heraus. »Unsinn hin, Unsinn her«, sagte der andere; »die Cousine hat mir gesagt, Paulinchen hat einen harten Kopf, ich soll gehen, Sie zu bitten, daß Sie mir das Jawort gewinnen, der Papa hat schon zugesagt. Sie müssen sogleich mit mir kommen.« »Doctor, sind Sie bei Sinnen? Es ist noch nicht acht Uhr, die jungen Damen werden kaum aufgestanden, viel weniger in Toilette sein. Zur Visitenstunde werde ich mich einstellen und mich nach dem Wohlergehen der Damen erkundigen, jetzt, nehmen Sie es nicht übel, habe ich eine eilige Arbeit fertig zu machen.« Als Baumann gegen Mittag, sein Versprechen zu erfüllen, das Haus Hirschsohn's betrat, war dieser mit dem Doctor und Redacteur in die Morgensprache auf den Keller gegangen; hier traf sich um diese Zeit die Herrengesellschaft und das war ein freier Ort, wo auch ein Nichtmitglied des Herrenclubs, mit Landrath und Baron, Drost und Amtmann, Inspector und Assessor, Lieutenant und Auditor frei conversirte. Der Bankier that, als wenn er mit allen den Herren auf dem vertraulichsten Fuße lebe, und bildete sich nicht wenig darauf ein, in dem Redacteur des berühmten Journals den Cousin seiner Frau, Dr.  Behrend, vorstellen zu können. Bruno traf die Dame des Hauses allein – Sidonie saß oben bei offenen Fenstern am Pianino und sang: »O wärest du mein eigen«, – Auguste war in den Garten gegangen, um Veilchen zu pflücken, »Pauline sitzt in ihrem Zimmer und liest in Heine's ›Buch der Lieder‹«, erklärte Bettina. »Lieber Doctor, Sie sind in unserm Hause einmal zum spiritus familiaris , heißt es nicht so? ausersehen. Sie müssen zu Paulinchen gehen und ihr den Kopf zurechtrücken. Gestern Abend war das Kind nahe daran, Ja zu sagen, sie wollte nur, daß Sie mit der Wahl zufrieden seien. Heute will sie von dem Cousin nichts wissen. Wenn Sie ihr zureden, wird sie Ja sagen.« »Aber was kann ich denn dabei thun, gnädige Frau?« »Doctorchen! Doctorchen! stellen Sie sich doch nicht so, als wenn Sie nicht schon längst gemerkt hätten, daß das Kind etwas in Sie geschossen ist. Das ist ja der Grund, warum sie verheirathet werden muß, denn Papa würde nicht zugeben, daß sich das Mädchen taufen ließe. O! wenn Sie wüßten!« und sie seufzte tief auf, »welches schwere Opfer ich selbst habe bringen müssen, um die Einwilligung meines Mannes zu erlangen, Sie würden dienstbereiter sein. Jetzt liest Pauline wahrscheinlich in Heine: ›Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie ewig neu.‹ Gehen Sie hin, reden Sie ihr zu, es wird eine Scene geben; ich werde aufpassen, daß Sie ganz ungestört bleiben. Seien Sie Arzt und denken Sie an das Recept aus Goethe's ›Faust‹.« »Und der Kuppelpelz?« fragte Bruno. »Den wird Ihnen Paulinchen schon geben, wo nicht, so dürfen Sie denselben von mir fordern, ich gebe ihn gern .« Es gab allerdings eine Scene. Pauline schwamm in Thränen, als Bruno in ihre Stube trat, sie sah ihn so zärtlich, so schmachtend an, daß er kaum die Hand zu küssen wagte und mit der Fürsprache für den Dr.  Behrend erst später hervortrat. Sie brach von neuem in Thränen aus. »Das? und von Ihnen?« – »Pauline, süße Pauline«, sagte Baumann, »Sie werden die Oper ›Templer und Jüdin‹ von Marschner gesehen haben; nicht ich, das Schicksal spricht, ich muß umgekehrt, wie dort Rebekka sagen: Ich bin ein Christ! das scheidet mich von dir, meine Rebekka!« Aber Pauline fiel ihm leidenschaftlich um den Hals und küßte ihn. Es bedurfte Zeit, sie zu beruhigen, ihr klar zu machen, daß es eben das Schicksal sei, welches zwei liebende Herzen trenne. Baumann sah ein, daß er hier die Rolle eines Verliebten spielen und daß er das Schicksal gleichfalls anklagen müsse, und diese Rolle wurde ihm immer leichter. Nach und nach beruhigte sich das schwärmerische Herz; man nahm langen zärtlichen Abschied, und Pauline fand darin Trost, den ungeliebten Mann aus der Hand des Geliebten zu empfangen. Bruno führte Pauline, der man die Thränen nicht mehr ansah, deren Augen vielmehr glücklich und befriedigt strahlten, in das Familienzimmer, wo die Mutter und Auguste weilten. »Pauline sagt Ja, und ich gratulire.« »Es hat ja sehr lange gedauert«, meinte Bettina, schalkhaft mit dem Finger drohend, »ehe Sie das Starrköpfchen zurechtgesetzt haben! Wie steht es mit dem Kuppelpelze?« »Den habe ich von Ihnen zu fordern, gnädige Frau, vergessen Sie das nicht.« Auguste reichte Baumann das erste Veilchensträußchen. Hirschsohn und Behrend kamen zurück, und letzterer schwebte durch alle sieben Himmel, als ihm Bruno die erröthende Geliebte in die Arme führte. Am Nachmittage wurde Verschreibung gehalten, die Hochzeit sollte noch vor Pfingsten gefeiert werden und Sidonie das junge Ehepaar auf der Hochzeitsreise über Köln den Rhein hinauf begleiten. Die schöne Frau lächelte zufrieden und drückte dem Freunde voll Dankbarkeit die Hand, als er erst spät schied. Einige Tage nach den geschilderten Ereignissen brachte der junge Dummeier seinem Vormunde das Inventar über das väterliche Vermögen und die Obligation über das von Meyer belegte Geld. Das Inventar enthielt von Ansprüchen auf den Claasing'schen Hof nichts, Hans erklärte: er kenne solche Ansprüche nicht und überlasse das dem Vormunde, auch habe er künftig an der Wüstenei genug und trage kein großes Gelüste nach dem Meierhofe des Großvaters. Der Vormund hielt es indeß für seine Pflicht, das Inventar mit einer ausführlichen Denkschrift über die Ansprüche seines Pupillen an die Vollmeierstelle in Eckernhausen zu begleiten und um die Genehmigung zu einem Processe wegen Herausgabe dieses Hofes gegen die Claasing'sche Vormundschaft zu bitten, indem er auf den großen Umschwung hinwies, der in Beziehung auf meierrechtliche Grundsätze sich in der letzten Zeit Bahn gebrochen habe. Die Genehmigung wurde ertheilt. Durch seinen Freund, den Assessor Kloppmeier, bewirkte er außerdem, daß die beiden Protokolle, aus welchen die Unschuld Wüsteneimeyer's an den beiden Diebstählen, wegen deren er verurtheilt war, erhellten, im Provinzialblatte abgedruckt wurden, nebst einigen zum Lobe desselben wegen seiner bei Urbarmachung der Wüstenei entwickelten Thätigkeit am Regimentstage berathenen Bemerkungen, die eben dadurch zu gedrechselten Phrasen eines steifen Amtsstils wurden. Dagegen veranlaßte nun unser Freund den Redacteur aus Frankfurt, den Wüsteneimeyer'schen Fall zu einem Feuilletonartikel für sein Blatt zu bearbeiten, und für ihn einige hundert Exemplare davon besonders abziehen zu lassen, die im Amtsbezirke vertheilt werden sollten, wodurch die Zeitung jedenfalls an Abonnenten gewinnen und der Bauer angeregt werden würde, sich mehr um Zeitungen zu kümmern. Als das Blatt erschienen war, fuhr die Familie Hirschsohn auf Veranlassung unsers Freundes nach der Wüstenei. Der Bankier selbst entschuldigte sich, und Auguste Claasing mußte auf Brunos Dringen seinen Platz einnehmen. Behrend saß bei den Damen im Wagen, Bruno ritt voran, um den Besuch anzukündigen. Der alte Wüsteneimeyer hatte noch nicht in Erfahrung gebracht, daß sein Ruf durch das Amtsblatt rehabilitirt sei, er weinte Freudenthränen über dieses Ereigniß, und als ihm Behrend nun selbst die schöngeistig ausgeschmückte Erzählung seiner Lebensschicksale und Thaten vorlas, sagte er, die Hände faltend und dankbar zum Himmel blickend: »Jetzt kann ich ruhig sterben!« »Nicht sterben«, sagte Baumann, »leben bleiben, mindestens bis mein Mündel volljährig ist. Ich habe aber noch ein anderes Anliegen. Hans ist jetzt zwanzig Jahre alt geworden, ohne von der Welt etwas anderes gesehen zu haben als seine Geburtsstätte, Grünfelde und Heustedt. Ich zweifle nicht, daß er unter Euerer Leitung, alter Vater, mancherlei gelernt hat, er wird den Pflug führen, einsäen und ernten, Heu machen und dreschen können, er wird es verstehen, das Gewicht eines Ochsen abzuschätzen, rheinische Wolle von Heidschnuckenhaar zu unterscheiden, mit Pferden und Füllen umzugehen und ein ebenso guter Bienenwirth sein als Ihr selbst. Das alles reicht aber in unserer Zeit und für ein so großes Besitzthum wie die Wüstenei nicht mehr aus. Also Alter, an diesem Freudentage setzt Ihr dem Enkel ein Stipendium aus, damit er ein, zwei Jahre die Akademie in Hohenheim besuchen kann, das ist eine sehr berühmte Schule im Schwabenlande für Oekonomen!« Der Alte schlug freudig in die ihm dargereichte Hand, zum Zeichen seiner Einwilligung, obgleich die Mutter allerlei Einwendungen machte und sich von dem Sohne nicht trennen wollte. Es wurde ausgemacht, der junge Mann solle noch vor Pfingsten auf anderthalb Jahre nach Hohenheim und dann auf eine größere hannoverische Domäne ein Jahr lang in den praktischen Dienst. Es war ein sonniger Apriltag, man konnte im Schutze der Akazien den Kaffee im Freien einnehmen, und die Familie des Bankiers verschmähte trotz der jüdischen Osterfeiertage nicht, von Meyer's schönem Weizenbrote, der ersten frischen Grasbutter und dem köstlichen Tafelhonig zu genießen. Hans führte die Gäste herum, durch die Ställe, in die Gärten, in die Felder, zu den Weiden mit dem Rindvieh und den jungen Füllen, zum Bienenzaune und auf die noch nicht umgebrochene, aber schon eingefriedigte Heide. Baumann blieb mit seiner Cousine Claasing etwas von der übrigen Gesellschaft zurück und sagte zu seiner Begleiterin: »Ich habe Sie, liebe Cousine, absichtlich hierher geführt, damit Sie an Ort und Stelle sehen, was jener alte Mann mit unermüdlichem Fleiße geschaffen hat, und damit Sie meinen Pupillen von Angesicht zu Angesicht kennen lernen. Ich bin jetzt nämlich von der Obervormundschaft definitiv beauftragt, gegen Ihre Mutter von neuem einen Proceß wegen Herausgabe des eckernhäuser Hofes an den Enkel Hans Dummeier's anzustrengen. Nun ist es aber meine Ansicht, Ihrer Frau Mutter, ehe ich den Proceß beginne, den Vergleichsvorschlag zu machen, daß sie die Ansprüche meines Pupillen mit Gelde abfinde. Sie sehen dieses schöne Besitzthum und werden mir zugestehen, daß, wenn dem Besitzer reichere Mittel zu Meliorationen zu Gebote stehen, noch Großes geschaffen werden kann, ich wenigstens zweifle nicht, daß die ganze Feldmark des verwüsteten Dorfes wieder urbar und fruchtbar zu machen ist. Nun geht meine Bitte an Sie dahin, meine Wünsche bei Mutter und Geschwistern zu unterstützen. Ich werde Ihnen die Abschrift einer Denkschrift zustellen, in der ich die tatsächlichen wie die Rechtsverhältnisse auseinandergesetzt habe. Ihr Bruder ist achtzehn Jahre alt und hat schon ein Wort mitzusprechen, wie Sie und Ihre Schwester. Wenn er einen Vergleich will und Sie auch, wird die Obervormundschaft nicht entgegen sein, die von dem Rechte meines Mündels überzeugt ist.« »Wenn Sie mir sagen, Herr Doctor, daß die Forderung im Recht ist, so verzichte ich sowol als meine Schwester auf den Antheil an dem von Anna Dummeier zugebrachten Meiervermögen, und soviel ich dazu beitragen kann, soll das mein Bruder auch thun. Aber soweit ich meine Mutter kenne, wird diese schwerlich zum Vergleiche geneigt sein, und da ihr Einfluß meinen Bruder ganz beherrscht, wird dieser wenig auf die Worte der Schwestern geben. Meine Mutter ist von Haus aus sehr zusammenhälterisch und ebenso sparsam als Onkel Senator in Bremen freigebig. Sie sagt, ihre Pflicht als unsere Vormünderin gestatte nicht, uns etwas zu verbringen, und nun gar eine solche Perle wie den Hof in Eckernhausen.« »Mit dem Imrechtsein«, erwiderte Baumann, »ist es so ein eigenes Ding; das Naturrecht so wenig wie das gemeine Recht weiß etwas von Bevorzugung des Mannes vor dem weiblichen Geschlechte bei Erbschaften der Aeltern, sodaß die bei uns geltende Verordnung eigentlich auf fürstlicher Willkür beruht, ein positives Recht ist, aber ein materielles Unrecht. Das Recht meines Pupillen gründet sich nur auf die positive Vorschrift des Successionsedicts.« »Das genügt mir«, sagte Auguste, »ich bleibe bei dem, was ich gesagt habe«, und sie reichte ihm die Hand, die er an seine Lippen führte, wobei er durch einen eifersüchtigen Rückblick Sidoniens ertappt wurde. Frau Claasing lehnte jeden Vergleich ab, der Proceß nahm seinen Anfang. Fünftes Kapitel. Die Gesellschaft der Ungeschlossenen. Unser Freund hatte mit Hülfe des Assessors Kloppmeier, des Wasserbauinspectors und eines nach Heustedt versetzten Auditors, aus einer altadelichen Familie von großem Einflusse, der in Heidelberg und Berlin sich über die Lebensanschauungen des Adels und der hannoverischen Bureaukratenkreise emporgeschwungen, mancherlei Aenderungen in dem gesellschaftlichen Leben der kleinen Stadt durchzusetzen gewußt, die, so gering sie an sich schienen, doch nicht ohne Einfluß auf das Ganze blieben. So war im Herrenclub eine radicale Oppositionszeitung angeschafft, und eine große Anzahl Leute, die nie eine andere als die Regierungszeitung gelesen, bekamen nun einmal die Dinge auch von der Kehrseite zu sehen. Es war ein vom Herrenclub gänzlich unabhängiger Journallesecirkel ins Leben gerufen, wodurch ermöglicht war, daß drei oder vier Familien, welche der ersten Gesellschaft nicht angehörten, darunter Hirschsohn's, von diesem Institute Gebrauch machen konnten. Man hatte einen Buchbinder veranlaßt, eine Leihbibliothek einzurichten, und Bruno traf durch seine Verbindungen in Leipzig nicht nur eine passende Auswahl, sondern hatte auch erwirkt, daß vorerst nur ein Drittel des Preises baar bezahlt zu werden brauchte. Endlich hatte man erreicht, auch ein Glas Bier trinken zu können. Als Bruno im Jahre zuvor nach Heustedt gekommen und auf dem Keller ein Glas »Bairisch« gefordert, erwiderte Hochmeier beinahe grob: »Herr Doctor, im Rathskeller ist außer in der Kutscherstube noch nie ein Glas Bier getrunken, und so Gott will, wird das, solange ich das Leben behalte, so bleiben; drei Häuser in der Schloßstraße hinab können Sie bei dem Kneipwirth Waldmeier vielleicht Ihren Durst in Bier befriedigen.« – Waldmeier hatte eine große Ausspannwirthschaft für Bauern, aber auch zwei große Säle, wo Bürgerbälle stattfanden und im Jahrmarkt die Bauern tanzten; unter diesen Tanzsälen waren ausgedehnte Räume, die in gewöhnlichen Zeiten nicht gebraucht wurden. Als nun der neue Auditor gekommen war, er hatte in Heidelberg das Biertrinken gelernt, und kein Bier fand, raisonnirte er eines Tages nach aufgehobenem Mittagsmahle in burschikoser Weise über diesen Mangel. Hochmeier antwortete höhnisch: »Herr Baron, ich habe schon früher dem Dr.  Baumann gesagt, daß bei meinem Nachbar Bier zu finden ist.« Diese freche Antwort des Wirths misfiel sämmtlichen Tischgenossen, denen die cordiale Vertraulichkeit, womit sich derselbe zu der Gesellschaft gestellt hatte, längst unangenehm gewesen war. Man pflegte nach Tisch im Clubzimmer Billard zu spielen und Kaffee zu trinken, und hier verabredete man, bei dem Wirth Zum Elefanten, Waldmeier, einige Zimmer zu miethen und denselben zu veranlassen, kasseler und bairisch Bier kommen zu lassen. Man wollte dann dreimal wöchentlich am Abend zusammenkommen, um unter dem Namen der »Ungeschlossenen« sich zu unterhalten, zu politisiren, zu philosophiren, zu singen und commersiren, wenn man guten Stoff habe. Die Statuten der Gesellschaft sollten in dem einen Paragraphen zusammengefaßt werden: »Karten werden hier nicht gespielt.« Da Waldmeier gutes Bier nicht vorräthig hatte, so beschloß man, die Ungeschlossenen mit einem solennen Abendessen, bei dem Wein getrunken werden sollte, zu eröffnen, und dazu Sonnabend zu wählen, wo der Rathskellerwirth, wie man wußte, ein Fischessen vorbereitete. Jeder lud dazu ein oder zwei Gäste ein, oder beredete nähere Gesinnungsgenossen als künftige Ungeschlossene teilzunehmen. Baumann, Kloppmeier und der neue Auditor, den wir Baron Franz nennen wollen, übernahmen es, die nöthigen Einrichtungen zu treffen. Waldmeier war ein einsichtsvoller, thätiger, bescheidener Mann, der sich vom Hausknecht in einer Wirthschaft in Bremen zum Eigenthümer des Elefanten in Heustedt emporgeschwungen und dem Bärenwirthe in der Weststadt schon manchen Stammgast abtrünnig gemacht hatte, weil alles, was er den Gästen reichte, gut, sauber und wohlschmeckend war. So ging er bereitwilligst auf die ihm gemachten Vorschläge ein, reiste sofort nach Bremen, um dort die nöthigen Einkäufe zu machen, und kam schon am Abend des dritten Tages mit einem Wagen voll Vorräthe, worunter auch bairische Biere, zurück. Die Einladungen waren erfolgt, es hatten sich zwar manche der Eingeladenen gewundert, in einem solchen Locale zu speisen, allein das Souper war vortrefflich, der Wein gut und billig, die Unterhaltung durch Scherz, Gesang, ernste Gespräche, aber ohne politische Rücksichten, wie man sie im Club nehmen mußte, gewürzt. Man bestimmte die Abende, an denen man zusammenkommen wollte. Die meisten der Anwesenden erklärten definitiv ihre Mitgliedschaft zu den Ungeschlossenen und pränumerirten die kleinen Beiträge für Localmiethe. Am andern Tage sollte das Getränk probirt werden, und da kamen denn ziemlich alle, welchen das Kartenspiel nicht schon zum unabweislichen Bedürfniß geworden war; abermals eine freie, belebte, anmuthige Unterhaltung. Das war eine förmliche sociale Revolution! Die Damen steckten die Köpfe zusammen, drei Kaffees und zwei Thees am Sonntage waren die Folge; die Kartenspieler aus dem Club, die ihre »Hätten« nicht los wurden, raisonnirten über die vorlaute Jugend und das verderbliche Biertrinken. Eins zog das andere nach sich; zuerst folgte eine Reformation des sogenannten Damenclubs. Diese wurde wesentlich durch den Umstand begünstigt, daß Frau Landräthin von Vogelsang an der Reihe war, wegen interessanter Umstände ihn nicht mehr besuchen zu können. Die Damen der Mitglieder des Herrenclubs hatten nämlich im Winter alle vierzehn Tage und zwischen Ostern und Pfingsten noch einmal Damenclub oder Casino. Das waren denn langweilige Abende. Die Herren mußten den großen Saal räumen, ihr Spiel in den kleinen Saal und das Billardzimmer verlegen, im großen Saale wurde an drei Tischen Whist und Boston, an einem Tische L'Hombre von Damen und einigen ältern Herren gespielt. Junge Leute ließen sich nicht sehen. Die jungen Damen wußten nichts mit sich anzufangen, sie pflegten in der Ecke am Ofen an einem langen Tische zusammenzurücken und Vingt-et-un um Pfennige zu spielen. Dazu aß man Kuchen und trank Thee. Frau Baronin Bardenfleth, der jetzt die provisorische Herrschaft über die ganze Damengesellschaft zugefallen war, hatte neugierig wie alle Frauen schon zwei Tage nach dem Souper der Ungeschlossenen die Gründer zum Thee geladen, um sich von ihnen Näheres über die Zwecke der Gesellschaft, die Unterhaltung und dergleichen mittheilen zu lassen. »Sie Glücklichen«, sagte sie, »wie beneide ich Sie, wie amusant muß das sein, wir vernachlässigten Damen müssen im Casino dagegen mit Herrn von Teufel oder dem Herrn Drost Boston spielen, und keiner der jungen Herren läßt sich je sehen.« »Dem läßt sich ja auf das allerleichteste abhelfen, gnädige Frau«, entgegnete Bruno, »soviel ich weiß, ist das Casino so glücklich, keine Statuten zu besitzen; die Gesellschaft kann also beginnen, was ihre Königin befiehlt. Schicken Sie, Gnädigste, zum nächsten Casino ihren Flügel herüber, lassen Sie die Spieltische für die Spiellustigen dahin setzen, wo sie am wenigsten Raum einnehmen, fangen Sie selbst an etwas Musik zu machen, lassen Sie singen, wer Lust hat, lassen Sie nach Musik rathen, hier unser Inspector versteht es meisterhaft, vom Piano zum Forte und Fortissime überzugehen, führen Sie Charaden auf, stellen Sie Lebende Bilder dar, lassen Sie uns ein Liebhabertheater einrichten. Ich glaube im Namen der Ungeschlossenen Sie jedes Beistandes versichern zu dürfen.« »Das ist ja herrlich«, erwiderte die Herrscherin, »da wollen wir im nächsten Kränzchen schon den Anfang machen.« So geschah es, zur Freude der Jungen und Lebenslustigen, zum Aerger der in ihrem Spiel gestörten Alten, ja man fing schon an, Vorbereitungen zum nächsten Winter zu treffen, ein aus Damen und Herren zusammengesetztes Comité zu bilden, welches die Frage wegen des Liebhabertheaters in die Hand nehmen und vorbereiten sollte. Schon jetzt wurden in vielen Häusern Klagen laut über die unerhörten Neuerungen, welche von den Ungeschlossenen ausgingen. »Wenn das so fortgeht«, sagte der Bürgermeister, der erste aller Pfahlbürger und Neuerungsfeinde, »dann reißen die jungen Leute die Herrschaft des Herrenclubs und Casinos an sich und belästigen mich wol gar noch in meiner Rathsstube mit allerlei Neuerungen, wie Laternen, Trottoirs, Spazierwegen und dergleichen.« »Aber lieber Papa«, schmeichelte sein schönes Töchterchen Luise, »wie freue ich mich auf das Liebhabertheater, wenn ich nur erst wüßte, was für eine Rolle ich bekommen werde.« Der Superintendent hielt in seinem Hause nach Tisch eine lange Rede, in der er auszuführen suchte, daß das Biertrinken zur Unsittlichkeit, das Zusammensein ohne Kartenspiel zur Gottlosigkeit führe, und daß die Zusammenkünfte der Ungeschlossenen ein Teufelswerk seien. »Glaubt nicht«, so schloß er, an die Töchter gewendet, »daß ihr von mir jemals die Erlaubniß bekommt, bei dem Liebhabertheater mitzuspielen oder nur zuzusehen. Unsere Jugend ist zu verderbt, und ›fliehet die bösen Buben‹, heißt es in der Schrift.« Die Töchter machten ein betrübtes Gesicht. Als der Vater aber den Rücken gewendet, um auf dem Herrenclub eine Partie zu spielen, und die jüngste Tochter laut zu schluchzen anfing, sagte die Mutter: »Seid nur nicht bange, den wollen wir schon herumkriegen, ihr wißt, Vater ist seit Ostern brummig, daß Frau Claasing dem Pastor drüben und nicht uns ihre Tochter in Pension gegeben hat.« Frau von Vogelsang erfuhr in ihrem Wochenbette alle diese Neuigkeiten brühwarm durch ihre Vertrauten und sagte: »Ich habe auch noch ein Wort mitzusprechen.« Es nahte inzwischen die Pfingstwoche, und die Wiesen und Wälder thaten sich schon pfingstlich an, selbst die Wintereichen strengten sich an, zu dem Feste mit saftigem grünen Kleide angethan zu sein. Nun war es seit unvordenklichen Zeiten Sitte, daß, wenn es zu Himmelfahrt gutes Wetter war, die ganze Herren- und Damengesellschaft, die zum Herrenclub gehörte, einen Ausflug nach dem höchsten Berge der Umgegend machte. Man konnte das kaum einen Berg nennen und würde es schon im Hildesheimischen oder Göttingischen kaum einen Hügel genannt haben. Aber auf der Höhe stand ein altes fürstliches Jagdschloß mit hohem Wachtthurme, von dem man auf der einen Seite nach Süden bis zur Porta Westphalica und nach Hannover, mehr östlich den Harz mit dem Brocken sah, nach Norden die Thürme Bremens erblickte. Der Förster, welcher das Haus bewohnte, war an solchen Tagen auf Hunderte von Gästen eingerichtet, denn sie kamen meilenweit aus der Umgegend, weil die Kirnburg, so nannte man das Schloß, in der That weitumher der schönste Punkt in der ebenen, heidereichen Gegend war. Ein prächtiges Holz, eine kühle Waldschlucht mit sprudelnder Quelle, eine schöne Waldwiese, auf der ein großes Tanzzelt aufgeschlagen war, lockte selbst bremer Kaufleute und Senatoren dahin. Der Himmelfahrtstag war mehr für die Honoratioren, der erste und zweite Pfingsttag für das Volk bei diesen weltlichen Vergnügungen bestimmt. Auch der Senator Johann Karl Junker junior , der aus einem lustigen Doctor juris ein ältlicher, runder, behaglicher Vertreter der freien Hansestadt geworden war, hatte seinen Nichten geschrieben, er werde zu Himmelfahrt mit seiner Familie nach Kirnburg kommen und hoffe sie dort zu treffen. Es war herkömmlich, daß der Präsident des Herrenclubs die Woche vor Himmelfahrt ein Circular herumsendete, in welchem die Familien Heustedts bemerkten, mit wie viel Personen sie theilnehmen wollten, welche Speisen und Getränke sie zu dem gemeinsamen Pickenick mitbrächten, ob sie mit eigener Equipage führen oder darauf rechneten, auf einem der von der Gesellschaft beschafften großen Ackerwagen mit Stroh- oder Bretersitzen Platz zu finden. Nun war in diesem Jahre durch den Pastor, bei welchem die älteste Claasing'sche Tochter in Pension war, eine Frage aufgeworfen, welche die gesammte Gesellschaft, namentlich die weibliche, aufregte. Claasings gehörten selbstverständlich »zur Gesellschaft«, man mußte also die beiden Töchter zu der Fahrt einladen; von diesen war aber Auguste im Hause des Bankiers zum Besuch, nicht in Pension, man konnte sie anständigerweise nicht einladen, ohne zugleich Hirschsohns einzuladen. Allein, eine Judenfamilie zur Gesellschaft zu ziehen, wie wäre das möglich gewesen? Der Pastor ersann den Ausweg, daß er Auguste mitnehme, allein diese erklärte: sie ginge nicht ohne Hirschsohns, die sie so freundlich aufgenommen, während Minna Claasing dabei beharrte, ohne Theilnahme ihrer Schwester mache sie die Partie nicht mit. Das war nun vor allem dem Assessor unlieb, den Bruno bei Claasings eingeführt hatte, er war ernstlich verliebt in Minna und ihr Geld; auch der Baron Franz, der Sidonie nur am Fenster hatte sitzen sehen, aber von ihrem Glutauge entzückt war, fing an sich dafür zu interessiren, daß Hirschsohns eine Einladung bekämen. Er zog die Baronin Bardenfleth ins Complot und beredete sie, dem Clubpräsidenten, der ein Anbeter von ihr war und ihr nichts übel nahm, gleichsam aus Spaß mit dem Circular wegen der Himmelfahrtspartie zuvorzukommen und dieses, als verstehe es sich von selbst, auch zu dem Bankier zu senden. So geschah es. Da gab es denn viel Nasenrümpfen, viel Gerede von Anmaßung, namentlich waren alle Mütter mit ältern Töchtern unglücklich, die schönen Jüdinnen würden ihren Herzenspüppchen die wenigen Tänzer, die ihnen bis dahin geblieben, abspenstig machen. Der Drost ließ anfangs sogar seinen Namen wieder streichen »dringender Geschäfte halber« –, als er aber bedachte, wie oft ihn der reiche Jude aus Geldverlegenheiten errettet, und daß er denselben nächstens wieder werde gebrauchen müssen, besann er sich eines bessern und unterschrieb von neuem. Baumann war auf eine Ueberraschung bedacht; er ritt oft nach der Wüstenei, um den alten Meyer über die Abwesenheit des Enkels zu trösten und veranlaßte diesen, das königliche Amt und, durch die Baronin von Bardenfleth, die ganze Himmelfahrtsgesellschaft einzuladen, bei ihm ein Frühstück bei dieser Gelegenheit einzunehmen. Der nächste Weg zur Kirnburg ging nämlich über Kirnberg und die Wüstenei. Die Einladung ward angenommen. Hatte man bisher die Erzählungen Baumann's von der Wüstenei für Uebertreibung gehalten, so überzeugte man sich jetzt, daß sie wie ein Paradies in der Heide sei, und der Drost, dem das Frühstück außerordentlich gemundet, drückte dem alten Bauer einmal über das andere die Hand und versicherte, er werde gleich morgen an die Landdrostei berichten, welche Verdienste er sich durch die Urbarmachung so großer Ländereien erworben habe. Man ordnete das Zusammensitzen in den verschiedenen Wagen, bei dem bis dahin das Früher- oder Späterkommen vor dem Rathskeller den Ausschlag gegeben, jetzt mehr nach Beziehungen, Neigungen, Coterien. Die jüngere Welt, welche bis dahin in Equipagen bei Aeltern oder Tanten gesessen, nahm die Plätze auf den Leiterwagen ein, wo man möglichst bunte Reihe machte; ältere Herren und Damen wurden dagegen in die Equipagen gebracht. Auch Paulinchen, die Braut, und Auguste Claasing verließen den Hirschsohn'schen Wagen und räumten ihre Plätze dem Baron Franz und Bruno ein, um auf dem lustigern Leiterwagen Platz zu nehmen. Das war denn ein so vergnügter Himmelfahrtstag, wie ihn die jungen Schönen noch niemals erlebt hatten, die Fröhlichkeit steckte auch die alten Herren und Damen an. Mehrere bremer Familien, namentlich Junkers, schlossen sich den Heustedtern an, sodaß an den schattigen Rändern der Waldwiese Gruppe bei Gruppe sich gelagert hatte, und gegen hundert Familien von nah und fern Eine große Familie zu bilden schienen. Erst tief in der Nacht dachte man an die Rückfahrt, bei der mancher zärtliche Händedruck gewagt und erwidert wurde. Unser Freund hatte seinen Nebenzweck bei dem Frühstück in der Wüstenei erreicht – der Besuch des ganzen Amtes und der Honoratioren von Heustedt wirkte mehr als alle Zeitungsblätter und Reclamen. Seit dreißig Jahren ließ sich der Bruder der verstorbenen Frau Meyer zum ersten mal in der Wüstenei blicken, und ein Vollmeier der Umgegend nach dem andern sprach dort vor, um die Dinge anzusehen und anzustaunen. Der Wüsteneibesitzer war erst von jetzt an unter seinen Standesgenossen wieder ehrlich geworden. So die Erholungen unsers Anwalts; seine Thätigkeit, soweit sie nicht in seiner Praxis bestand, war äußerlich kaum greifbar. Er correspondirte mit seinem Onkel und seinem Vetter Schulz in Hannover, der sich gleichfalls dem Advocatenstande widmen wollte und zum ersten Examen vorbereitete, mit Onkel Hermann in Wien, mit Oheim Gottfried Schulz in Paris, mit seinen Zöglingen Grant und dem jungen Baumgarten in Nordamerika, mit den zerstreuten Genossen des jungen Göttingen, mit Literaten, Philosophen und Dichtern. Es war eine schlimme Zeit für die Presse in Deutschland; die »Deutschen Jahrbücher« waren unterdrückt, die »Neue Rheinische Zeitung« ebenfalls; die Censur ward allerorten verschärft, und in den Köpfen der Jugend brauste noch immer der abenteuerliche negative Gedanke: Reißt die Kreuze aus der Erden, Alle sollen Schwerter werden! während in Berlin Romantik, Frömmelei und eine verschwommene Naturphilosophie den Reigen führten. Die Kritik rüttelte und schüttelte zwar an allen Ketten und Vorurtheilen, aber sie durfte keinen Gedanken klar und scharf aussprechen, sie mußte errathen lassen, was sie meinte, sich in Bilder und Phrasen hüllen und hoffen, daß Publikus verstehen werde, zwischen den Zeilen zu lesen. In diesem Sinne muß alle Literatur von 1840 bis 1848 gelesen werden. Die Unzufriedenheit mit den Zuständen stieg, aber die Gestaltung der Zukunft schwebte in Dunst und Nebel. Nur Ruge hatte in seinen »Jahrbüchern« den Gedanken eines Deutschland unter Preußens Führung klar ausgesprochen, aber wie konnte eine Hegemonie Preußens im Süden, dem constitutionellen Sachsen und dem Norden Anklang finden, solange Preußen nicht den Schritt that, constitutionell zu werden, solange es selbst von Metternich's Hand geleitet schien? In Hannover galt es, auf dem Boden der Verfassung von 1840 Terrain zu erobern, nachdem der Versuch misglückt war, dieselbe abzuschütteln. Detmold schrieb an Baumann: »Werfen Sie Ihre ›Philosophie der Geschichte‹ beiseite, Sie locken damit doch den Hund nicht hinter dem Ofen hervor. Studiren Sie Budget und abermals Budget; die Actenstücke des vorigen Jahres besitzen Sie ja, ich sende Ihnen hier eine als Manuscript gedruckte Broschüre Stüve's über das Finanzkapitel, aus der Sie ersehen werden, um welche Summen das Land bei der Auseinandersetzung der Ueberschüsse zu kurz gekommen. Das ist der wunde Fleck, auf den immer und immer geschlagen werden muß, das ist das Thema, das unaufhörlich bis zum Anfange der nächsten Diät in allen Variationen vorgetragen werden muß. Ihre ›Philosophie der Geschichte‹ können Sie zu schreiben anfangen, wenn Sie funfzig Jahre alt geworden sind und die Welt besser kennen als jetzt.« Bruno war so beschäftigt mit allen diesen Dingen, daß ihm kaum Zeit blieb, den nothwendigsten gesellschaftlichen Ansprüchen Genüge zu leisten. Die Beamten ohne Ausnahme, die nur ihrem Berufe lebenden Collegen, sie alle hatten Zeit in Ueberfluß und litten nur am Mangel von Abwechselung beim Todtschlagen derselben. Das war keine Situation zum Verliebtsein. Und wenn er sich ernstlich prüfte, war er denn wirklich in Auguste oder in Sidonie oder in deren Mutter verliebt? Wenn das Liebe war, was die Dichter als Versenkung, als Aufgehen in ein weibliches Wesen, als unendlichen Born neuen Lebens und Fühlens und neuer Phantasien schildern, so war er nicht verliebt. Hätte er von der Politik lassen können unter der Bedingung, Auguste zur Frau zu bekommen? Nein. Hatte er doch selbst zuerst den Gedanken gehegt, das beste Ende seines Processes werde eine Verheirathung seines Pupillen mit Auguste sein. Hatte er je Verlangen getragen, von der schönen Frau Hirschsohn den ihm verheißenen Kuppelpelz zu begehren? Ironisirte er nicht in mephistophelischer Weise die Liebe, die Pauline für ihn zu hegen vorgab, tröstete er nicht die Verliebte mit ähnlichen Mitteln? Und nun gar Sidonie, war sie nicht ein bloßes Kind mit feurigen orientalischen Augen? Wahrlich, die Zeit war nicht geschaffen, mit Puppen zu spielen und in weichen Armen auszuruhen, nicht zum Seufzen und Schmachten angethan; die Stunde des Kampfes konnte täglich schlagen; Louis Philipp war alt. Die damalige Jugend erwartete schon von seinem Tode ein neues Jahrhundert. Zwar hatte Pauline nach ihrer Verlobung noch zwei- oder dreimal den Raptus bekommen, wie der Vater es nannte, indem sie unter Thränen erklärte, bei näherm Nachdenken sei sie zu der Ueberzeugung gekommen, daß sie den Dr.  Behrend nicht heirathen könne, er sei nicht »der Rechte, den ihr Herz gesucht habe«. Die Mutter kannte das Hausmittel gegen solchen Raptus. Sie ließ Bruno ersuchen, das Mädchen wieder auf vernünftige Wege zu bringen; dieser ließ sie sich aussprechen und ausweinen, ehe er mit seinen Verstandesgründen sie zu überzeugen wußte, daß in Frankfurt an Behrend's Seite ihrer eine heitere und glückliche Zukunft harre. So wurde denn nach Pfingsten die Hochzeit gefeiert; die Neuvermählten traten in Begleitung Sidoniens die Hochzeitsreise an, durch die Schweiz, Frankreich, über Paris, Brüssel, den Rhein hinauf nach Frankfurt. Die junge Frau schrieb von allen Hauptorten beglückte Briefe, Sidonie Naturschilderungen in Prosa und Versen. In Hirschsohn's Hause war es einsamer geworden, allein die geschäftlichen Beziehungen Bruno's zum Comptoir hatten sich bedeutend vermehrt, da er auch Notar geworden war und nun Wechsel protestiren, Obligationen aufnehmen, Unterschriften beglaubigen mußte, sodaß selten ein Tag verging, ohne daß er bei Frau Bettina und Augusten, welche ihr Hauptquartier in dem Weserpavillon des Hintergartens aufgeschlagen, vorsprach, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Zwar hatte die Mutter Augusten den Befehl ertheilt, jeden Umgang mit dem falschen Vetter zu meiden, der danach strebe, sie von Haus und Hof zu bringen, und bei dem Charakter der Mutter war nicht daran zu denken, daß, mochte der Proceß günstig oder ungünstig ausfallen, sie je ihre Einwilligung geben würde, daß die Tochter »dem pauvern Advocaten«, wie sie ihn nannte, die Hand reichen dürfe; allein im Pavillon der Frau Bettina zu erscheinen, konnte sie dem jungen Manne nicht wehren. So kamen die Gerichtsferien, und es zog unsern Freund an den Rhein; aber er vermied Frankfurt – er fürchtete die Glutaugen Sidoniens, an die er seit ihrer Abwesenheit öfter dachte, als er selbst wollte. Schon auf dieser Reise las er in den Zeitungen, daß im August, an des Königs Geburtstage, endlich das langersehnte Glück, der Titel Commerzienrath für den Bankier Meyer Moses Hirschsohn, eingetroffen sei. Auch ihm begegnete, als er Anfang September von Heidelberg und dem Schwarzwalde zurückkehrte, ein doppeltes Glück. Der Proceß gegen die Claasing'sche Vormundschaft war ausnahmsweise rasch zu Gunsten seines Pupillen entschieden, sodann aber war sein Zögling von Göttingen her, Theodor Hellung, als Ingenieur in Heustedt eingezogen, um eine Strecke an der Bremer Bahn zu bauen. Die technischen Anschläge und Vorarbeiten sollten schnell beendet werden, um den Ständen in der Diät von 1844 die erforderlichen Summen abfordern zu können; in Hannover fehlte es noch an Eisenbahntechnikern, daher hatte man aus Preußen und Sachsen solche herangezogen. Die Bahn konnte der Weserkrümmungen wegen zwar nicht an Heustedt herangeleitet werden, Theodor hatte es indessen vorgezogen, statt auf einem Dorfe zu wohnen, nach Heustedt zu ziehen, wo er Bruno und andere gute Gesellschaft wußte. Es lagen zwei Projecte vor, nach dem einen sollte die Bahn sich dem Passe Hengstenberg und Heustedt möglichst nähern, nach dem andere östlicher, am Rande großer Moore, zwischen Weser und Aller sich hinziehen. Die erste Richtung würde für Claasings die vortheilhafteste gewesen sein, denn in derselben lagen die zum Dorfe Grünfelde gehörenden Geestländereien, namentlich hatte der Siebenmeier wie der Vollmeierhof am rechten Weserufer lange Strecken Heide und schlechte Ackerländereien, die nothwendig für einen Bahnhof nach Heustedt verwendet werden mußten. Theodor Hellung nannte sich selbst einen durch und durch realistischen und praktischen Menschen, er haßte die graue Theorie, war er doch den Studien entlaufen, um ein technisches Fach zu ergreifen. Dennoch war er, wie es bei solchen Köpfen nicht selten ist, ein großer Idealist und Schwärmer, er war, wie die meisten jungen Leute jener Zeit, begeistert für eine deutsche Republik, für eine einheitliche, untheilbare. Der stark verpönte Kaisergedanke der alten Burschenschaft war der jungen Generation abhanden gekommen, sie hatte zu sehr den Druck des Dualismus und die Schwäche der Kleinen gefühlt. Mochte man nach Wien, mochte man nach Berlin blicken, an der Donau wie an der Spree fehlte das Zeug zu einem Kaiserthrone. »Der Rubel auf Reisen« erregte damals viel böses Blut, und man fürchtete vor allen Rußland. Theodor pflegte zu sagen: »Eine ungetheilte einheitliche französische Republik, ein einheitliches freies Italien, eine ungetheilte deutsche Republik, eine ungarische und polnische, eine griechische Republik mit der Hauptstadt Konstantinopel – dann mag der Zar kommen mit seinen asiatischen Horden!« Bruno, obgleich nur wenige Jahre älter, fühlte sich weiser, weil er über das Stadium eines Republikaners hinaus war; die Form des Staats hielt er für ziemlich gleichgültig und wollte nur, daß der Staat vieles, was andern Gesellschaftskreisen angehöre, an diese oder die verschiedenenen werkthätigen Genossenschaften, die sich neben dem Staate bilden sollten, abgebe und sich auf die Rechtssphäre beschränke. Er hatte mehr Gelegenheit, das Volk kennen zu lernen, fühlte und wußte, daß es an Republikanern fehle, daß die Masse allein vom Eigennutz regiert werde, daß die Macht der Autorität auf kirchlichem und weltlichem Gebiete viel größer sei, als sie der Gebildete sich denke, daß Gewohnheit und Aberglaube in den niedrigsten und höchsten Ständen viel tiefere Wurzeln geschlagen haben als im Mittelstande mit seinem nie rastenden Streben nach Weiterbildung. Die politischen Gegensätze stießen nicht selten im Privatgespräche wie in der Gesellschaft der Ungeschlossenen aufeinander. Theodor sagte dann fast verächtlich, wie er es von seinem Lehrherrn, dem Maschinenbauer Schulz, gehört hatte: »Ja, mit euern Theoremen, politischen Gedichten, politischen Liedertafeln und Vaterlandsgesängen werdet ihr die Freiheit niemals erobern; wir sind es, die euch Freiheit und Einheit bringen. Diese Eisenbahnbänder, welche die Erde umschlingen, die Flüsse überbrücken, die Berge durchstechen, diese Telegraphendrähte, welche die Entfernung verschwinden machen, sie dulden keine Unfreiheit und keine Auseinanderreißung des Zusammengehörigen.« Sechstes Kapitel. Suchen, Missen, Finden. Mit Hellung kam ein neues Element in die heustedter Gesellschaft. Er sang gut, hatte Talent zur Komik und Mimik und konnte die Damen zum Lachen zwingen, blos dadurch, daß er sie ansah; sein Geist sprudelte von Humor und Lebenslust. Als Michaelis vorübergegangen war, nahm man den alten Plan eines Liebhabertheaters wieder auf; der Ingenieur wurde in das Comité gewählt, er war der rechte Mann, der bisjetzt gefehlt hatte. Er verstand alles, entwarf und zeichnete Coulissen, bemalte sie mit Hülfe eines Stubenmalers, baute mit Hülfe eines Zimmergesellen die Bühne, wußte einen Vorhang herbeizuschaffen, ordnete die Erleuchtung, zwang Hochmeier, einen neuen Eingang in den Saal zu bauen, um Garderobezimmer für die Damen zu gewinnen, kurz, er leistete in vierzehn Tagen alles Nöthige. Nun nahmen die gemeinsamen Beratungen ihren Anfang, aber das Comité veruneinigte sich jedesmal, wenn ein Stück in Vorschlag gebracht war, bei der Vertheilung der Rollen. Man kam endlich auf den vernünftigen Einfall, den Sachsen zum Director und Regisseur zu wählen, und dieser war so klug, gleichzeitig drei Stücke auszuwählen und die Rollen so zu vertheilen, daß die Damen, welche bei dem ersten und zweiten zu kurz kamen, im dritten eine ihnen zusagende Rolle erhielten. So wurden die Hauptpersonen befriedigt, die Proben sollten beginnen, sobald der Herrenclub sich dazu bereit erklärt hatte, seinen Saal zweimal in der Woche zu den Proben herzugeben. Das ging recht gut, der kleine Saal reichte jetzt aus, die Spielpartien hatten sich um eine vermindert, die Zuschauerzahl hatte bedeutend abgenommen, da man sich drängte, an den Unterhaltungen der Ungeschlossenen theilzunehmen, die jetzt sogar einen Flügel auf Todtschlag erstanden hatten, damit der Ingenieur seinen Gesang begleiten könne. Dieser hatte in Minna Claasing das meiste Talent zur Komik und Schauspielkunst überhaupt entdeckt; dazu war sie bereit, Rollen zu übernehmen, vor denen die übrigen Damen zurückschauderten, Mütter, Tanten, alte Weiber. Sie lachte ebenso gern, als sie lachen machte, war unbefangen und lustigen Muths, spaßte, schäkerte, tanzte gern. So mochte Hellung die Frauen am liebsten; die Sentimentalen, die Gelehrtthuenden, die Prüden, vor allen die Frommen waren ihm zuwider. Minna ließ sich die Aufmerksamkeit, die der Neukömmling ihr widmete, um so lieber gefallen, als ihr außer dem Assessor in jüngster Zeit zwei Männer den Hof machten, von denen ihr der eine noch mehr zuwider war als der andere. Der älteste Sohn des Superintendenten war als Candidat der Theologie in das väterliche Haus zurückgekehrt und hatte nicht sobald von der reichen Erbin gehört, die bei Pastors sei, als er sich bei dem künftigen Herrn Amtsbruder, der immerhin in einiger Abhängigkeit von seinem Vater stand, insofern dieser die Inspection hatte, als Hausfreund einführte. Theophilus, durch Winke seines Vaters belehrt über die kirchliche Richtung, die von oben begünstigt wurde, hatte die Gieseler, Lücke und sonstige Göttinger zu rationalistisch gefunden und war, nachdem die landschaftlichen und andern ihm zugewendeten Stipendien und Freitische, die in Göttingen verzehrt werden mußten, abgelaufen, nach Erlangen übergesiedelt, als dem Herde des wahren Glaubens. Hier arbeitete er sich in alle äußern Formen, Reden, Augenverdrehungen der Zukunftstheologie hinein. Er knüpfte sogar mit einer Frau Professorin ein seelenbräutliches Verhältniß an. Theophilus war Schauspieler in seinem Fache, aber ein sehr geschickter. Seiner derb-sinnlichen Natur, oder wie er das nannte, »dem Teufel, der den Menschen versucht«, oder »dem sündigen Fleische«, ließ er die Zügel schießen, sobald dies nur heimlich geschehen konnte. Er schwang sich bald zum Vorstand jener frommen Studentenverbindung auf, die Erlangen ihren Ursprung verdankt, welche in ihrem Geheimbunde Lebensgenüsse, wie man sie sich in einer so kleinen Stadt nur auf geheimen Wegen verschaffen konnte, nicht verschmähte. Theophilus hatte sich angewöhnt, so oft er mit jemand sprach, mochte der Gegenstand sein, welcher er wollte, sein ganzes Gesicht in süßlich lächelnde Falten zu legen, er sprach in einem halb salbungsvollen, halb einschmeichelnden Tone und bediente sich selbst zur Bezeichnung des Heiligsten süßlicher, fast lüsterner Bilder. Dabei war jedem Wort der geistliche Hochmuthsstempel aufgedrückt. Als der Ingenieur den Theologen zum ersten mal bei dem Pastor getroffen, kam er ganz wüthend zu Bruno und erklärte, hätte er den infamen Kerl noch fünf Minuten länger mit Minna reden hören müssen, so würde er ihn ins Gesicht geschlagen haben; anders hätte er nicht gekonnt, deshalb sei er fast ohne Abschied fortgerannt. Der zweite Bewerber um Minna's Hand war kein geringerer als Graf Alexander von Schlottheim, jüngster Sohn Otto's. Bollmann hatte vor zeiten von Wien aus irrthümlich berichtet, als er an Karl Haus schrieb, daß Otto von Schlottheim dort sei, um das Millionenerbe seiner Frau in Empfang zu nehmen. Der Schwiegervater kannte seine Tochter Flora, kannte seinen Schwiegersohn zu gut, als daß er ihnen, die den Werth des Geldes, die Schliche und Pfiffe, Arbeit und Angst, die es ihm gekostet, solches zu erwerben, nicht kannten, solche große Reichtümer zur freien Verfügung gestellt hätte. Er setzte Schlottheim's Gattin nur auf das zur Erbin ein, was sie zur Aussteuer erhalten, zu Haupterben wurden die mit einem französischen Gesandtschaftsattaché verlobte zweite Tochter und sein Enkel Guido von Schlottheim eingesetzt, jedoch mit der Bestimmung, daß das Vermögen zur Hälfte in Grundbesitz in Mähren, den er selbst schon angekauft, unveräußerlich belegt bleibe, zur andern baaren Hälfte in hannoverschem Grundbesitz angelegt werde. Den Aeltern sollte nur der lebenslängliche Nießbrauch zustehen. So war denn die Besitzung des neuen Schlosses in Heustedt von vornherein Eigenthum des Guido von Schlottheim, des jetzigen Kammerherrn und Vertreters österreichischer Interessen am Hofe Ernst August's. Der König liebte den Glanz, sah gern einen reichen Adel um sich, und hatte Guido, als dieser sich verheirathete, den Kammerherrnschlüssel nur unter der Bedingung verliehen, daß er in Heustedt ein Majorat stifte, was geschehen war. Der zweite Sohn Flora's war in österreichische Dienste gegangen; Alexander, der dritte, war für den Staatsdienst bestimmt. Seine Aeltern hatten ihm nur ein mäßiges Vermögen hinterlassen, das er, nachdem er seine Volljährigkeit erreicht, in wenigen Jahren durchbrachte. Trotz aller Nachsicht, die man in Hannover bei dem Bruder eines Kammerherrn nahm, war ihm das Unglück zugestoßen, zweimal im ersten juristischen Examen durchzufallen, und er lebte nun von der Gnade seines Bruders, der ihn nicht mochte, und vom Spiel, wozu er junge Adeliche verführte, namentlich Offiziere, die sich in ihren kleinen Garnisonen langweilten. Guido hatte ihm wiederholt reiche Unterstützungen zufließen lassen, die dann in Bädern verschleudert wurden; er weigerte sich, ferner Geld herzugeben, und sagte dem Bruder: »Suche dir eine reiche Frau, ob Christin oder Jüdin, soll mir gleich sein.« Gegenwärtig befand sich Guido auf seinen österreichischen Gütern zur Fasanenjagd und hatte deshalb Alexander erlaubt, in Heustedt zu jagen. Dieser machte jedoch nur Jagd auf Geld, konnte er über 1000 Thaler zum Bankauflegen verfügen, so war ihm in der Garnison der Königin-Husaren, selbst in Heustedt, reiche Beute gewiß. Hirschsohn aber zeigte sich hart und zähe wie Sohlenleder, er war trotz des Commerzienraths schlechtester Laune, seine Betty quälte ihn, Sidonchen, sein Liebling, die zurückgekehrt war, ärgerte ihn, er hatte kein Geld für den Grafen, außer gegen solide Bürgschaft oder gegen kurze Wechsel. Seit dem Himmelfahrtsausfluge hatte Frau Bettina nur den Einen Gedanken verfolgt, ihren Mann und ihre Familie in den Herrenclub aufgenommen zu sehen. Sie durchsprach das Thema unzähligemal mit Baumann, allein dieser rechnete ihr auf den Fingern die Mitglieder vor, die eine schwarze Kugel geben würden. Als der Titel »Commerzienrath« der Welt gezeigt hatte, daß der Bankier Gnade vor den Augen des Königs gefunden habe, war sie von neuem auf den Freund eingedrungen. Dieser hatte ihr erklärt, die Standeserhöhung werde unzweifelhaft zur Erleichterung der Sache beitragen, er wolle auch wol verbürgen, daß sämmtliche Mitglieder der Ungeschlossenen mit weißen Kugeln ballotirten, allein er that ihr mit überzeugenden Gründen dar, daß, wenn der Vorschlag von ihm oder einem andern Mitgliede der Ungeschlossenen ausgehe, die Gegenpartei die Majorität davontragen würde. Nicht sowol das adeliche und bureaukratische Element sei zu fürchten, als das bürgerliche, die Kaufleute, Advocaten, Aerzte; namentlich die Frauen derselben wollten in diesem Einen vor dem Commerzienrathe voraus sein. Als nun nach Michaelis in ganz Heustedt von nichts die Rede war als von dem Liebhabertheater, da war es das ceterum censeo der Frau Gemahlin, welches sie früh morgens, beim Frühstück, beim Kaffee, und, wenn Hirschsohn einmal abends zu Hause blieb, auch dann wiederholte: »Daß er sich schon um Sidonchen's willen in den Herrenclub aufnehmen lassen müsse.« Hirschsohn hatte dazu keine große Neigung, sein zweiter Club genügte ihm, er wies die Frau auf die Erfahrungen zurück, die sie selbst im Anfange des Sommers gemacht habe. Nach der Fahrt auf die Kirnburg hatte sie es nämlich für an der Zeit gehalten, Brücken zu schlagen. Unter dem Vorwande, daß es Auguste Claasing bei ihr zu einsam werde, fing sie an, die Pastorin und Minna Claasing, die Frau ihres Arztes, die Bürgermeisterin und noch einige andere Damen zum Kaffee einzuladen. Es blieb aber die größere Anzahl der Geladenen unter schicklichen Vorwänden aus, und von keiner Seite erfolgten Gegeneinladungen. Keine von den Damen wollte die erste sein, welche die Jüdin in die Gesellschaft einführte, Baumann wiederholte ihr, die Aussichten für den Gemahl würden nur dann günstig sein, wenn er von einer den Bürgerlichen imponirenden Persönlichkeit vorgeschlagen werde, etwa dem Drosten, oder auch nur von dem Grafen Alexander von Schlottheim. Die Frauen arbeiteten nun dahin, daß Hirschsohn den Drosten ersuche, ihn im Herrenclub vorzuschlagen; allein dazu war dieser nicht zu bewegen gewesen, weil er die Folgen fürchtete; denn wenn er gegen den Drosten Verbindlichkeiten hatte, so steigerten sich dessen Ansprüche auf Darlehen. »Das alte Mummelthier ist unausstehlich zähe«, klagte Bettina. Hirschsohn hatte durch den Commerzienrathstitel keine schlechte Stammesangewohnheit verloren; es verursachte ihm eine geheime Freude, wenn vornehme Personen in sein Comptoir traten und seine pecuniäre Hülfe in Anspruch nahmen, und die jungen Grafen und Barone von der nächsten Husarengarnison kamen oft herüber, wenn ihre Kassen durch Spiel gesprengt waren. So erzählte der Bankier denn auch bei Tisch, daß Schlottheim bei ihm gewesen und 1000 Thaler habe leihen wollen. Zu der Zeit, als dies geschah, war Auguste nicht mehr bei Hirschsohns im Hause, ihre Mutter machte mit dem Bruder Ferien, sie war nach Eckernhausen gezogen auf einige Wochen, und Auguste ward dahin berufen; Minna ließ man bei dem Pastor, der ja das schwere Kostgeld für sie bekam. »Du mußt dem Grafen das Darlehn geben, unter der Bedingung, daß er dich in dem Herrenclub vorschlägt, du mußt das schon um Sidoniens willen thun«, sagte die Mutter, und das Kind nahte sich schmeichelnd dem Vater, streichelte ihm die Wangen und sagte: »Ja, Väterchen, das mußt du thun, ich komme hier vor Langeweile um, wenn ich nicht ins Casino gehen und im Liebhabertheater mitspielen kann.« »Will's überlegen, will's überlegen«, brummte der Bankier und hob die Mahlzeit auf. Das war, wie die Frauen wußten, ein Zeichen, daß die Festung noch nicht erobert sei. – Am Abend, als sie allein waren, wagte Bettina noch einen zweiten Sturm, und die Festung ergab sich. Aber der Sieg war theuer erkauft, Bettina hatte einen Grundsatz fallen lassen müssen, dem sie beinahe vierzehn Jahre nachgelebt, sie hatte dem Manne seine sogenannten Jugendsünden verziehen. Am andern Tage ward dem Grafen Alexander von Schlottheim eröffnet, daß ihm ein Darlehn von 1000 Thalern zu Gebote stehe, wenn er den Commerzienrath als Clubmitglied in Vorschlag bringe. So groß der Vorzug und die Ehre vor allen übrigen Glaubensgenossen auch war, so sehr Itzig Meyer, der Vorstand der Synagogengemeinde, der dem Commerzienrath seit Jahren allerlei Concurrenz machte und ihn jährlich bei den Synagogenbeiträgen höher schrob, auch vor Neid gelb werden mochte, 1000 Thaler warf Hirschsohn so leicht nicht fort. Er hatte einen Plan ausgeheckt, der ihm, wie er hoffte, sein Geld sichern sollte. Als der Graf nach wenigen Tagen – der Name des Commerzienraths hing schon im Herrenclub – ankam, das Geld in Empfang zu nehmen, gab ihm Hirschsohn nicht nur dieses, sondern auch den Rath, Minna Claasing zu heirathen. »Kann Ihnen sagen, Herr Graf, hat das Mädchen vom Vater her wenigstens ein Vermögen von 60000 Thalern, – keine Heirathsthaler, in guten Obligatiönchens, und nicht nach Nominalwert, sondern nach Curswerth – und was sie von der Mutter bekommt, schlage ich noch höher an. Mein Großvater selig, mein Vater und ich haben schon mit dem Herrn Obergestütmeister wie mit seinem Sohne Geschäfte gemacht, und wenn ich alle Obligationen nachrechne, die er allein von unserm Hause gekauft und cedirt erhalten – der Gestütmeister und sein Sohn nahmen nur gute Hypotheken auf Bauerhöfe, erst die Frau Claasing kaufte auch Staatspapierchens –, so wird er an baar hinterlassen haben mehr als 150000 Thaler, der Großvater. Der Sohn hat anfangs die Zinsen verthan, seit seiner Verheirathung aber gleichfalls zurückgelegt. »Waren aber auch glückliche Zeiten, die Kriegszeiten. Welche brillante Geschäfte waren da zu machen! Der Großvater Claasing hatte erst die großen Lieferungen, als die hannoverische Armee an der Elbe capitulirte, dann die Lieferung an die Franzosen. Oh. viel Geld verdient, viel Geld! »Frau Claasing hat schönes Vermögen mitgebracht, aber als Sondergut für sich behalten, – weiß mit Gelde umzugehen, hat Zinsen auf Zinsen gesammelt, alles zusammengehalten. Stammt von dem Handelshause Johann Karl Junker und Compagnie, viel Geld da! Ist ein Goldfisch, Herr Graf, können ein Rittergut kaufen, größer wie das neue Schloß, und können machen, wie Ihr Herr Bruder, ein Majorat, wenn Sie das Mädchen heirathen!« Der Rath fiel auf keinen unfruchtbaren Boden. Für den Grafen blieb, wenn er standesgemäß leben wollte, nichts anderes übrig als eine reiche Heirath. Das sollte aber seine letzte Zuflucht sein, vorerst wollte er das Leben noch in vollen Zügen genießen. Allein, war er nicht schon dahin gelangt, zur letzten Zuflucht greifen zu müssen? Hatte nicht die Schwierigkeit, die 1000 Thaler anzuleihen, ihm gezeigt, daß sein Credit sogar hier erschöpft sei? Sollte er sich eine so vortreffliche Gelegenheit, wie der Zufall sie ihm bot, aus den Händen gehen lassen? Nein, hier mußte Ernst gemacht werden. Er war so fest überzeugt, daß seine Person, sein Titel, seine feinen Manieren hinreichen würden, die »Jungfer« Claasing zu überzeugen, daß es ein großes Glück für sie sein würde, zur Gräfin von Schlottheim erhoben zu werden; er zweifelte keinen Augenblick, daß er nur zu kommen brauche, um zu siegen. Es konnte nun kaum größere Gegensätze geben als die Art und Weise, wie der scheinfromme Candidat und wie der siegesgewisse Graf dem reichen Mädchen ihre Huldigungen zu Füßen legten. Diese aber hatte sich rasch entschieden, entschieden für den Ingenieur, der ihr noch kein Wort von Liebe gesagt hatte. Aber wenn er im engern Kreise sein Gesicht erst in die lächelnden Falten des Theophilus legte, eine schüchterne fromme Miene annahm und im Tone modernster Pfaffheit Minna eine Liebeserklärung zuflötete, hinterher den Grafen, dann den Assessor copirte, dann wollte sich Minna zu Tode lachen und sagte: »Alle drei können mir gestohlen werden!« Die Proben zum Liebhabertheater, das dreistere Andrängen der übrigen Teilnehmer brachte in wenigen Tagen zwischen unserm Freunde und Minna einen Liebesbund zur Blüte, von dem die feinsten Nasen der heustedter Gesellschaft keine Witterung hatten. Die Gesellschaft zweifelte vielmehr nicht daran, daß der Graf die Siegespalme erlange, und Itzig Meyer, der nicht zur Gesellschaft gehörte, wohl aber Umgang mit dem Bedienten des Grafen hatte, sah die Sache für so zweifellos an, daß er dem Grafen freiwillig ein Darlehn von 2000 Thalern anbot, kündbar sechs Monate nach der Hochzeit. Das Geld wurde angenommen und in Verden Bank damit aufgelegt. Minna äußerte freilich gegen den Geliebten öfter Zweifel an der Einwilligung der Mutter und Vormünderin. Dieser jedoch nahm die Sachen leicht. »Liebes Kind«, sagte er lächelnd, »wozu hätte ich denn mein Talent zum Komödienspiel? Ich weiß, deine Mama betet Gott Mammon vor allem an, das soll uns nicht scheiden, sie soll in mir einen Harpagus erblicken, der sie noch übertrifft. Du mußt mir nur ihre übrigen kleinen Schwächen verrathen, ich will ihr noch in dieser Woche einen Besuch abstatten, der Bahnhofsanlage jenseit Grünfelde wegen.« Minna offenbarte nun dem Geliebten, daß nach der Sparsamkeit die Mutter vor allem stolz darauf sei, eine Tochter der Firma Johann Karl Junker zu sein, eine Enkelin der alten Patricierfamilie Breuer und die Schwester eines bremer Senators. »Die Regierung hat sich für die Heustedt nächstliegende Bahnlinie entschlossen und mich beauftragt, mit deiner Mutter unter der Hand wegen Expropriation zu verhandeln. Ich hoffe, die Nachricht ist günstig, mich bei ihr einzuführen, im übrigen vertraue meiner Kunst. In der Stadt aber mußt du die angefangene Komödie fortspielen, nur gegen den Assessor mußt du ehrlich sein, sage ihm, daß dein Herz einem andern gehöre, er wird sich zu resigniren wissen. Thue im übrigen, als ob du zwischen dem Grafen und dem Candidaten schwanktest, aber laß den Scheinheiligen glauben, daß sich das Zünglein der Wagschale zu seinen Gunsten neige, du mußt ihn an deine Mutter verweisen, er muß sich einen Korb in bester Form holen, der Augenverdreher muß bestraft werden.« Hellung machte am andern Tage seinen ersten Besuch in Eckernhausen. Er kam absichtlich nach der Kaffeezeit, Auguste war zum Besuch in der Pfarre, die Mutter allein. Er ging sogleich geschäftsmäßig zur Sache und erklärte, beauftragt zu sein, im Wege gütlicher Vereinbarung einen Expropriationsversuch zu machen. Der Witwe hüpfte das Herz vor Freude und sie faßte, obwol schweren Herzens, den Entschluß, dem Ingenieur ein Glas Wein anzubieten. »Wein, meine liebe Frau Claasing«, sagte der Schalk mit ernsthafter Miene, »kommt das ganze Jahr nicht über meine Zunge; darf ich um ein Glas Buttermilch oder um ein Glas Wasser bitten, so wird mir das lieb sein, da ich schnell gegangen bin.« Die Frau ging selbst, um ein Glas Buttermilch zu holen, und lobte es dann als eine seltene Tugend bei jungen Leuten, daß er nicht Wein trinke. Jener klagte mit ihr über Genußsucht, Verschwendung, Verderbtheit der Welt, die sich von dem Einfachen, Soliden und Gediegenen immer mehr abwende. Während dieses Gesprächs trat der Studiosus Claasing in die Stube, Johann Karl genannt, nach dem Pathen Senator; die Mutter stellte den Ingenieur als einen Normalmann vor, und dieser ermahnte den Studiosen zum Fleiß, zur Sparsamkeit und zum Gehorsam gegen die Mutter. Er führte den Grafen Alexander als Beispiel an, wohin ein ungeordnetes Leben führe; der sei zweimal durch das Examen gefallen, habe sein ganzes Vermögen verschwendet, lebe vom Schuldenmachen und sehe sich jetzt, wie es allgemein heiße, nach einer Frau mit Gelde um, damit er auch deren Vermögen durchbringen könne.« »Da hörst du nun vom Herrn Inspector selbst, was ich dir tausendmal gepredigt habe! Dein Vater lebte noch heute, wenn er in Göttingen solider gewesen und sich vor dem Umgange mit dem Bruder dieses Grafen und dem Major von Finkenstein gehütet hätte.« Der Studiosus schien nicht erfreut über die mütterlichen Ermahnungen, er machte ein verlegenes Compliment und erklärte, die Schwester abholen zu wollen. »Lassen Sie uns, hochgeehrte Frau, jetzt zum Zweck meines Besuches übergehen. Die Regierung ist geneigt, der Linie durch die grünfelder Geestfeldmark den Vorzug zu geben, jedoch lediglich unter der Voraussetzung, daß Sie bereit sind, die nöthigen Ländereien, namentlich zu dem Bahnhofe, gegen ein Kapital herzugeben, das Ihnen gegen den gegenwärtigen Pacht ein doppeltes Erträgniß einbringt. Sehen Sie hier, wir haben aus den Acten des reitenden Vogts zu Grünfelde das Verzeichniß der Pachterträge seit länger als dreißig Jahren. Der Durchschnittspacht stellt sich danach weit unter dem gegenwärtigen, und wenn man diese Register bei der Expropriation vorlegt, so weiß man doch nicht, ob die Ländereien nicht viel niedriger geschätzt werden als mein heutiges Angebot.« Das Gesicht der Frau fing an sich in die Länge zu ziehen, der Ingenieur merkte, daß er einlenken müsse. »Sie, meine werthe Frau, scheinen nicht zu wissen, welchen Werth heutzutage das baare Geld hat, man muß es nur gut zu gebrauchen wissen; ich möchte wetten, Sie haben manche tausend Thaler ausstehen, von denen Sie nur vier Procent Zinsen genießen. Ja, Sicherheit ist gut, und ländliche Hypothek besser als städtische, aber ein rentables, solides Unternehmen hat auch seinen Werth. Erlauben Sie, daß ich Ihnen von mir erzähle. Mein Vater hinterließ mir ein kleines Vermögen in Staatspapieren, guten Sachsen. Das erste, was ich that, war, die Papiere zu veräußern. Ich theilte das Geld, legte die eine Hälfte in Leipzig-Dresdener Eisenbahnactien an, die andere Hälfte in Actien der Waldschlößchenbierbrauerei. Die Leipzig-Dresdener stehen heute auf zweihundertunddrei und geben dreizehn Procent Dividende, die letztern kommen gar nicht auf den Markt, geben aber siebzehn Procent. Ich habe auf diese Weise in wenigen Jahren mein Vermögen verdoppelt, und da ich von meinem Gehalt leben kann, so werden die Zinsen immer wieder zum Kapital geschlagen. Ich kaufe jetzt Köln-Mindener Eisenbahn-Actien, sie sind gegenwärtig noch zu Pari zu haben, aber Sie werden erleben, wie dieselben zu steigen anfangen, wenn diese Bahn, die den Westen mit dem Osten verbindet, fertig sein wird, und wenn diese Weltbahn im wahren Sinne des Worts anfängt, Dividende zu zahlen. Ich bin lange zweifelhaft gewesen, ob ich nicht ein kleines Landgut und zwei Weinberge bei Meißen, die mir eine Großtante vermacht hat, veräußern und das Geld in Köln-Mindener anlegen soll, aber man hat so seine Schwächen, das Grundstück ist über dreihundert Jahre in meiner Familie gewesen und da trennt man sich denn nicht gern davon.« Unser Freund machte da keine Schwindelei, alles, was er erzählte, verhielt sich so; ja, er holte einige Dividendenscheine der Waldschlößchenbrauerei aus dem Taschenbuche und legte sie Frau Claasing vor. »Siebzehn Procent! das ist enorm, bei Gott!« seufzte diese auf und berechnete im stillen, wie viel das bringen müsse, wenn sie ihr und der Kinder Vermögen, weit über zweimalhunderttausend Thaler, die jetzt höchstens vier Procent einbrachten, zu siebzehn Procent verwerthen könnte. Unsere Wirthschafterin war aber eine resolute Frau; wenn ihrem Verstande etwas als vortheilhaft einleuchtete, so besann sie sich nicht lange, sie mußte ohnehin in den nächsten Wochen nach Göttingen zurück, und so erklärte sie sich bereit, zu dem angebotenen Preise zu veräußern. »Aber«, setzte sie hinzu, »Zipfel und Schnitzel, Winkel und Ecken dürfen nicht übrigbleiben, damit kann ich nichts anfangen, da meine Höfe jenseit der Weser liegen.« Man wurde in der Hauptsache einig und schied mit gegenseitiger Zufriedenheit. Frau Claasing sagte dem Ingenieur viele Schmeicheleien ins Gesicht über seine Solidität, seine Geschäftskenntnisse in so jungen Jahren, und bedauerte unendlich, daß ihre Tochter Auguste nicht zu Hause sei und sie dieselbe nicht vorstellen könne. Hellung erklärte, daß er die Ehre habe, Fräulein Minna zu kennen, und mit ihr bei den Proben zum Liebhabertheater zusammentreffe. Die Mutter schien darüber erfreut, obgleich sie, »um aufrichtig zu sprechen«, von solchen Künsten nicht viel halte. Als unser Freund abends zur Versammlung der Ungeschlossenen ging, machte er den gewohnten Umweg um die Schloßkirche, Minna schien ihn schon am Fenster erwartet zu haben. »Bresche geschossen«, rief er hinauf, warf ihr eine Kußhand zu und wünschte ihr Gute Nacht. Bei den Ungeschlossenen verhandelte man das Thema des Tages, das Ballotement Hirschsohn's, welches übermorgen stattfinden sollte; der Erfolg war noch immer zweifelhaft, obgleich Baron Franz sich ungemein für die Sache interessirte, er war verliebt in Sidonie und hoffte, im Casino Gelegenheit zu finden, mit ihr näher bekannt zu werden. »Freunde und Gönner«, ergriff der Ingenieur das Wort, »Spaß muß sein, und ihr wißt, ich liebe den Spaß. Ist niemand hier, der den liebenswürdigen Candidaten der Theologie noch heute Abend womöglich in unsere niedere Hütte führt? Wenn ich mich auf Menschenphysiognomien verstehe, und als Mime glaube ich etwas davon zu wissen, so hat Theophilus in Erlangen außer andern Dingen auch Bier zu trinken gelernt und kann wahrscheinlich mehr vertragen als mancher von uns. Erscheint der angehende Heilige in unserer Mitte, so ist ihm in gehöriger Form und unter schicklichem Vorwande von jedem vorzutrinken – Gratulationen zu seinem augenscheinlichen Glück bei dem Goldgänschen dürfen natürlich nicht fehlen, er ist so eitel wie Narciß, und im Lobe seiner Persönlichkeit kann man nicht zu weit gehen. Die Hauptsache aber und der Spaß, den ich im Sinne habe, ist dieser. Während seiner Anwesenheit bringen wir das Gespräch, wie zufällig, auf das Ballotement. Dann macht einer von Ihnen, es muß ein länger als ich in Heustedt Ansässiger sein, die Bemerkung, er werde gegen die Aufnahme des Commerzienraths stimmen, nicht weil dieser ein Jude sei, sondern weil Graf Schlottheim ihn zur Aufnahme vorgeschlagen, dieser aber kaum grün hier geworden sei und sich nicht einbilden dürfe, dem heustedter Herrenclub neue Gesetze vorschreiben zu wollen und Abweichungen von altehrwürdigen Observanzen einzuführen. Wir eröffnen eine Scheindebatte und beschließen dann förmlich einstimmig, schwarze Kugeln abzugeben. Theophilus ist auf Schlottheim, seinen wahrscheinlich glücklichern Nebenbuhler, so eifersüchtig, daß er nicht unterlassen wird, unsern Beschluß morgen zum Gemeingut der Stadt zu machen. Der Graf wird dadurch angespornt werden, für seinen Candidaten noch Stimmen zu werben, und viele von unsern Gegnern, die gegen die Aufnahme gestimmt hätten, werden, um uns zu ärgern, für dieselbe stimmen. Ja es ist nicht unmöglich, daß der Vater des Frommen der einzige ist, der schwarz abstimmt. »Wäre das nicht ein Hauptspaß?« Allgemeines Bravo. »So soll es sein«, intonirte singend ein tiefer Baß, und Chorus fiel ein: So soll es sein! Es lebe der Wein; Es lebe das Bier! Es leben auch wir! »Ich hole den Candidaten«, sagte Baron Franz, »ich sah ihn vorhin auf dem Club sitzen und dem L'Hombre zusehen.« Die Scene, die sich entwickelte, als der Baron Franz mit Theophilus in das Versammlungszimmer der Ungeschlossenen trat, war ein förmliches Lustspiel, alles improvisirt, aber es klappte wie nach einer zehnmaligen Probe, und wenn einer der Mitspieler sich einmal des Lachens nicht mehr enthalten konnte, so wußte der Sachse, der auch hier den Regisseur machte, durch ein paar im sächsischen Dialekt gesprochene Worte der ganzen Gesellschaft Stoff zum Lachen zu geben, und der Candidat lachte lustig mit. Er trank fleißig und ließ es nicht bei dem Nachtrinken bewenden, er trank diesem und jenem vor. Hoch erfreut, daß seinem Nebenbuhler eine Niederlage beigebracht werden sollte, kehrte er mehr von seiner innersten Natur heraus, als er sonst zu thun pflegte; ja er bekannte sich offen zu der Lehre des Altvaters im »Tasso«: »Erlaubt ist, was gefällt«, als praktisch den Frauen gegenüber. Je mehr seine Ergüsse der Gesellschaft zu gefallen schienen, desto mehr ließ er sich gehen, und der Baron Franz und ein anderer hatten in der Nacht ihre Noth, ihn nach Hause zu lootsen. Die richtig vorausgesehenen Wirkungen der Komödie machten Bruno noch am Tage des Ballotements viel zu schaffen. Schon früh morgens bekam er ein Billet von Bettina, worin sie bat, ihr ein Viertelstunden zu schenken wegen einer wichtigen Mittheilung. Er entschuldigte sich mit Terminen. Nachmittags bekam er ein zweites Billet des Inhalts: Nach den Vorgängen am vorgestrigen Abend in den Ungeschlossenen ziehe es ihr Mann vor, seinen Vorschlag zum Clubmitgliede zurückziehen zu lassen. Der Vorfall sei ihr zwar gänzlich unerklärlich, sie aber genau von dem, was vorgekommen, unterrichtet. Bruno antwortete kurz: »Keine Unvorsichtigkeiten! ich bürge für alles und bringe nach dem Ballotement die Nachricht des Sieges.« Als es so gekommen, wie der Ingenieur vorausgesagt hatte, als Hirschsohn mit allen gegen Eine Stimme, die des Superintendenten, aufgenommen war, und sich nun die Clubherren selbst erstaunt ansahen und nicht begreifen konnten, wie das möglich sei, da Theophilus doch auf das heiligste versichert, daß die Ungeschlossenen einhellig beschlossen hätten, schwarz zu stimmen, als Hellung allerlei Scherze machte, und die Spielpartien sich nicht zusammenfinden wollten, eilte Bruno nach dem Hause des Bankiers, um die Freudenbotschaft zu überbringen. Bettina dankte dem Botschaftsbringer mit einer Umarmung und einem Kuß für seine vielen Mühen. Sidonie blieb stumm. Bruno erzählte nun, wie man den Candidaten dupirt; der Commerzienrath versicherte hundertmal: »Tausend Thaler seien ihm nicht so lieb, als daß der Wunsch seiner Betty erfüllt sei, und Sidonchen nun auch Komödie mitspielen könne.« Der Commerzienrath revanchirte sich für die Aufnahme durch ein glänzendes Diner im großen Waldmeier'schen Saale, wozu alle Mitglieder des Herrenclubs eingeladen wurden. Am andern Tage las man im Gast- und Clubzimmer des Rathskellers auf gedrucktem Anschlage: »Nürnberger Bier 2 Ggr. – Kasseler 18 Pfennige. Hochmeier.« »Das ist eine Errungenschaft«, sagte der Ingenieur, »Bier demokratisirt, Hochmeier sollte von heute an Kleinmeier heißen!« – Vier Jahre sind vergangen, vier Jahre strenger Arbeit und ernsten Schaffens für unsern Freund in Heustedt. Was er in dieser Zeit gethan, war wenig dauernd gewesen, »Eintagsfliegenarbeit«, pflegte er selbst es zu nennen, und doch hatte es oft auf Hunderte, oft auf Tausende und Hunderttausende eingewirkt. Wenn so ein Zeitungsartikel packte und, von allen Blättern nachgedruckt, Gemeingut des gebildeten Deutschlands wurde, während nicht einmal seine nächsten Freunde wußten, daß er der Verfasser sei, dann erhob sich seine Brust manchmal stolz, dann hörte er die Flügelschläge einer neuen Zeit in der Luft rauschen, dann fühlte er seine Hände sich unwillkürlich zusammenballen, wie um dreinzuschlagen. Die Diplomaten, die Bureaukraten, die Fürsten, sie hatten keine Ahnung, was sich in diesen vier Jahren in den Gemüthern der Massen vollzog, die Pfaffen nun gar, welche die Komödie mit dem heiligen Rock in Trier in Bewegung gesetzt hatten, sie dachten nicht daran, wie sehr sie der Revolution, Freigeisterei und dem Unglauben dadurch in die Hände arbeiteten. Was hatte die allerorts verschärfte Censur, was hatten die Maßregelungen gegen Schriftsteller, Dichter, Journalisten, Professoren in Preußen und andern Staaten genützt? was hatte es geholfen, daß man ein großes Buch mit den Namen der Märtyrer hätte füllen können, die in dem letzten Jahrzehnt für die Freiheit gelitten? was halfen die aus Berlin aufsteigenden Weihrauchsdünste der romantischen Mystik? Es wehte ein frischer Luftzug über die Länder Europas, der keinen Dunst und Nebel aufkommen ließ! Nur Eins wurde gehemmt, das scharfe, entschiedene, das klare und bewußte Aussprechen der politischen Wahrheit. Man durfte höchstens in dicken censurfreien Büchern die Dinge bei dem wahren Namen nennen, in allen Journalen mußte man sie in ein Bim-Bam-Borium einhüllen oder in Phrasen verstecken. Statt sich in Volksversammlungen über das Wohl des Volkes und das, was diesem noththue, zu verständigen, sang man sich auf den sich immer großartiger ausdehnenden Liederfesten in eine Rage, die für Patriotismus und Freiheitsliebe galt; man dünkte sich, ohne je Waffen in der Hand gehabt zu haben, den alten Helden gleich, wenn man sang: Brüder, laßt die Waffen ruhen, Nehmet den Pokal zur Hand! Man glaubte wunder welche patriotische That vollbracht zu haben, wenn man Arndt's vieldeutiges Lied vom deutschen Vaterlande sang. Aber man war doch unendlich vorgeschritten gegen das vorige Jahrzehnt; es würden zur Zeit sich keine zehn, viel weniger gar hundert Studenten von den verschiedenen deutschen Universitäten zusammengefunden haben, welche geglaubt hätten, durch einen Putsch den Deutschen Bundestag sprengen und eine deutsche Republik in Frankfurt am Main proclamiren zu können. Bruno hatte in dem verflossenen Jahre viel gelitten; er fühlte es oft heraus, daß man seinen Clienten unrecht gab, weil man seine persönlichen politischen Ansichten misbilligte, aber er hatte auch manche stille Genugthuung erlebt. Was sein Herz anbetraf, so glaubte er kurz nach der Aufnahme des Commerzienraths in den Club, am Tage, wo sein Freund Hellung seine Verlobung mit Minna Claasing feierte, die Entdeckung gemacht zu haben, daß er Sidonie liebe. Daß sie ihn liebe, hatte er schon vor ihrer Abreise mit der Schwester errathen. Er fühlte, wie schwer es sei, einem so offenen, warmen, kindlichen Herzen gegenüber kalt und berechnend zu bleiben. Und doch, wohin sollte diese Liebe zu einer Jüdin führen? Soweit er den Charakter des Commerzienraths kannte, würde dieser nie zugegeben haben, daß Sidonie zum Christentum überträte, und er konnte nicht Jude werden. Sidonie hatte auf der Reise, durch den Aufenthalt in Paris und Frankfurt, viel gelernt, sie war weit zurückhaltender geworden, sie sang nicht mehr: »Ach wärest du mein eigen«, sie warf ihm keine Blicke mehr zu, aber, was viel gefährlicher war, sie fing an, sich mit seinen Lieblingsstudien zu beschäftigen. Er mußte ihr von seinen Zeitungsartikeln berichten, er mußte die fertigen Kapitel seiner »Philosophie der Geschichte« vorlesen, sie politisirte mit ihm, philosophirte und zeigte sich als die geistreichste Dame, die ihm je vorgekommen. Sie theilte ihm Gedichte und Novellenanfänge mit, las, wenn er abends beim Thee mit ihr und der Mutter allein war, die neuesten Literaturerscheinungen selbst vor, um ihm Zeit zu lassen, bei seiner Havana nachdenken zu können. Sie ließ sich die Aufmerksamkeiten des Barons Franz in dem Casinokränzchen und bei dem Liebhabertheater gefallen, ohne ihn je zu ermuntern, ohne den entferntesten Schein, als wolle sie die Eifersucht des Geliebten erregen. Das junge, kaum der Kindheit entwachsene Mädchen wußte sich mit der Würde einer Frau zu umgeben, und vor allem mied sie das etwas zudringliche Wesen der Mutter. Ihr Auftreten in der Gesellschaft brachte ihr von allen Seiten Lob ein, und selbst die Baronin Bardenfleth lud sie zu ihren literarischen Abenden. Wie hätte Bruno solchen geistigen und körperlichen Reizen auf die Dauer widerstehen können? Als es wieder Frühling geworden war, und Bruno sich mit Sidonie an einem schönen Nachmittage im Gartenpavillon allein befand, wagte er zum ersten mal von seiner Liebe zu sprechen. Sidonie stand auf. »Verweilen Sie einen Augenblick, Herr Doctor«, sagte sie kühl und eilte ins Haus. Sie kam mit einer Mappe in den Pavillon zurück, die sie mit dem Schlüssel dazu unserm Freunde überreichte. »Ihre Erklärung, lieber Freund«, sagte sie weich, »hat mich nicht überrascht, ich hatte sie früher oder später erwartet, in frühern Tagen heiß ersehnt. Das Schicksal in Gestalt der Weltgeschichte hat sich zwischen uns und unsere Liebe gestellt. Unser Wollen ist dagegen ohnmächtig, ich habe mich resignirt, mir genügt Ihre Freundschaft, versuchen Sie das Gleiche, diese meine Tagebuchblätter und die Briefe eines der ausgezeichnetsten Geister, die gegenwärtig auf Erden leben, werden diese Resignation und meine Wandlung erklären.« Bruno ging. Er schloß sich in seine Stube ein, um die Blätter – denn es waren nur einzelne auf verschiedenes Papier, je nach Zeit und Ort geschriebene Blätter, mit der Tagesbezeichnung – ungestört durchzulesen. Die Aufzeichnungen begannen Ende October im ersten Jahre seines heustedter Aufenthalts, wenige Tage nachdem er im Hirschsohn'schen Hause den ersten Besuch gemacht hatte. Sidonie schilderte das steigende Interesse an der neuen Erscheinung und beschäftigte sich nur mit ihm, mit der Beschreibung seiner Person, mit dem Versuche einer Analyse seines Könnens und Wissens, in Vergleichung mit andern jungen Männern. Nach wenigen Wochen kamen Reflexionen, ob das, was sie für den jungen Advocaten fühle, Liebe sei? Gedanken und Aussprüche über Liebe, die sich unser Freund in George Sand, Gräfin Hahn-Hahn und andern Tagesdichtern gelesen zu haben erinnerte, Variationen über das Thema »Ach wärest du mein eigen«, romantische Nebelbilder über eine Zukunft in einsamer Hütte neben dem Geliebten. Dann Eifersuchtsblitze gegen Schwester Pauline und die Mutter, später gegen Auguste Claasing, darauf wochenlang Klagen, ungeliebt zu sein, verbrämt mit Nachahmung Heine'scher Verse, kurz das Tagebuch war so bunt, wie es im Kopfe und Herzen eines schöngeistig gebildeten vierzehnjährigen Mädchens mit orientalischem Blute aussehen mag. Nach der Verlobung der Schwester trat mehr Ruhe, mehr Zuversicht in die Zukunft ein, in der Duellgeschichte erschien Bruno als ein Held, dann wieder Tage des Zweifels, der Qual und Eifersucht. Die ältere Schwester hatte, als sie den letzten »Raptus« bekam, wie der Vater es nannte, der Stiefschwester offenbart, daß sie den Dr.  Behrend deshalb nicht heirathen könne, weil sie Bruno liebe; das war zu viel. Die Fahrt nach der Wüstenei war in Novellenform eingekleidet, Bruno strahlte abermals als Held, aber der Kuß auf Augustens Hand warf wiederum den Feuerbrand der Eifersucht dazwischen; die Einladung zu der Fahrt nach Kirnburg erhob Sidonie in den Himmel, aber sie hatte, nachdem sich Baron Franz und Bruno in ihren Wagen gesetzt, und ersterer sie mit Artigkeiten überschüttete, kein Ohr für diese gehabt, sondern nur Bruno und die Mutter unter dem Schutze des Sonnenschirms beobachtet, aus Eifersucht. Die Auszeichnungen waren oft kindlich, häufig sogar kindisch. Auf vielen Seiten waren die Namen Sidonie und Bruno verschlungen, mit Rosen- und Vergißmeinnichtkränzen umgeben, andere Blätter trugen ein Herz mit den Buchstaben B. B. – Hier waren die Spuren von Thränen, am andern Tage war das Herz wieder voll Jubel und Zuversicht. Es folgten die Reisetage; keiner, an dem Sidonie nicht an Bruno gedacht hätte. In Genf waren einige Tage voll heftigen Regens eingetreten, die jeden Ausflug hinderten. Das verliebte Mädchen hatte hier einen neuen Roman: »Jacques«, von der von ihr angebeteten George Sand, gelesen und in der Nacht den abenteuerlichen Plan entworfen, wenn sie nach Paris kämen, Madame Dudevant aufzusuchen, ihr ihre Liebe, ihre Leiden, ihr Unglück zu offenbaren, sie um Trost und Hülfe anzuflehen. Dieser Plan war auf der Weiterreise zum festen Entschluß geworden und wurde ausgeführt. Die Beschreibung des Besuches und dessen, was dabei gesprochen, füllte eine Reihe von Blättern; George Sand hatte die zu ihren Füßen in Thränen aufgelöste Sidonie zu sich emporgezogen, geküßt und in freundlicher Rede zu ihr gesprochen, von der diese aber nur Fragmente behalten und mit langen Betrachtungen untermischt niedergeschrieben hatte. Die geistreiche Dichterin und Philosophin sagte danach unter anderm: »Wie soll ich das Räthsel Ihres Lebens lösen, die ich selbst noch nicht vermocht habe, das Räthsel meines eigenen Innern zu lösen? Wie soll ich Trost gegen Schmerz sprechen, der in dieser Welt nicht zu vermeiden ist, da ich die Gesetze des Leidens, das die Welt beherrscht, noch nicht gefunden habe? »Aber, mein liebes Kind, ich will Ihnen sagen, was mich in vielen schweren Leiden allein getröstet, mich vor Verzweiflung gerettet, das ist die aufrichtige Ueberwindung aller Selbstsucht vor Gott.« Sie hatte dann erörtert, Liebe sei Egoismus, die Selbstsucht, den Geliebten für sich allein zu haben; dieser Egoismus sei nicht unberechtigt, er liege tief in der menschlichen Natur begründet, die sich nach Glück sehne. Aber es sei ein Irrthum, zu glauben, daß in dem Einen Verlangen nach Vereinigung mit dem Geliebten alle Bedürfnisse der Seele vereinigt seien. Die Liebe sei göttlichen Ursprungs und wurzle in gleicher Liebe zu Gott. Ihr sei es undenkbar, daß zwei Menschen, die nicht an denselben Gott glauben, nicht zu demselben Gott beten, einander lieben oder gar in der Ehe vereint leben könnten. Der Widerspruch im Glauben der Aeltern würde die Kinder notwendig unglücklich machen, die Familienbande früher oder später zerreißen. »Die Bande«, sagte Madame Dudevant ferner, »welche Sie an Ihre Aeltern knüpfen, sind älter und heiliger als eine erste Jugendliebe, bei der Phantasie und Sinnlichkeit, uns selbst oft unbewußt, eine viel größere Rolle spielen, als wir glauben. Wenn, wie Sie sagen, Sie selbst weder einen Drang fühlen, zum Christenthum überzutreten, noch jemals die Einwilligung Ihres Vaters zu diesem Schritt erlangen können, so wäre es ein doppeltes Unrecht gegen den Gott Ihrer Väter wie gegen den leiblichen Vater, wenn Sie dieser selbstsüchtigen Liebe fernern Vorschub leisteten. Suchen Sie diese Selbstsucht zu ertödten, erheben Sie Ihre Gefühle für den Geliebten zur Freundschaft, sie ist uneigennütziger als die Liebe, sie theilt alle Leiden derselben, aber nicht alle Genüsse.« War das eine Sprache zu dem Herzen und phantastisch überfüllten Kopfe eines jungen Mädchens, das in den nächsten Wochen erst seinen funfzehnten Geburtstag feierte? Und doch machten diese mit milder, sanfter Stimme gesprochenen Worte, diese Worte, denen man es anhörte, daß sie aus dem Herzen kamen, einen ungemeinen Eindruck auf Sidonie und zeigten ihr den Abgrund, dem sie so nahe gestanden, ohne ihn zu bemerken, wo die Sinne den Sieg gewannen über die Lauterkeit des Herzens. George Sand sprach vieles über eigene Leiden und Unglücksfälle, namentlich über das Misgeschick, falsch gedeutet oder nicht begriffen zu werden. Auch Sidonie zeigte sich hier als Sünderin, sie bekannte der geehrten Frau, daß sie nach Lesen der »Lelia« den Rath, zu entsagen, die selbstsüchtige Liebe zu ertödten, nicht erwartet habe; scheine George Sand doch die freie Hingabe der Geliebten ohne Ehe unter Umständen zu entschuldigen. »Meine Tochter«, sagte die Dudevant ernst, »Sie haben mich verstanden, wie viele andere, das Buch selbst trägt die Schuld daran, ich weiß es, ich schrieb dasselbe, während ich selbst mich im Genusse eines reinen persönlichen Glücks befand, als zum ersten mal der Schmerz um das Allgemeine mich erfaßte. Sie nennen das in Deutschland Weltschmerz; es ist das Weh des ganzen Geschlechts, die Erkenntniß der Bestimmung des Menschen und die Einsicht, wie unendlich wenige Menschen auch nur eine Ahnung von dieser Bestimmung haben, das Gefühl der Unbedeutendheit des Individuums, seiner Machtlosigkeit, gegen dieses Wehe anzukämpfen; es ist die unendliche Vereinsamung der Seele, die sich wenigstens an Einen Menschen anklammern und, wenn es sein muß, gegen Sitte und Glauben mit ihm verbinden, in ihm auf- und mit ihm untergehen will. Aber eine solche Hingabe muß eine gegenseitige, sie muß eine ewige sein, sie muß sich in der Einsamkeit und fern von den Menschenmassen vollziehen. Paris ist ein Meer, auf dem Tausende von kleinen Barken überall zwischen den großen hinsteuern können, ohne bemerkt zu werden, in Paris wäre so etwas möglich. Aber in Deutschland, in einer kleinen Landstadt, da läßt sich nie ungestraft an Glauben und Sitten freveln, da kann man der schnöden Selbstsucht einer solchen Liebe, welche die Welt um sich vergißt, nicht fröhnen, ohne sich selbst wie den Geliebten unglücklich zu machen. Ein Zusammenleben ohne Ehe, ohne Begründung einer Familie mag sich unter gewissen Umständen entschuldigen lassen, empfehlen niemals.« Sidonie war tief ergriffen, sie kniete noch einmal vor der Dichterin nieder und bat um ihren Segen zum Werke des Entsagens, das sie beschlossen habe, sie bat, ihr melden zu dürfen, wie weit sie mit der Selbstertödtung ihrer Liebe gekommen sei, und ging sie an, ihr von Zeit zu Zeit einige Worte des Trostes und der Ermunterung zukommen zu lassen. Von dieser Zusammenkunft an behandelte das »Tagebuch« die äußern Ereignisse, das, was man in Paris gesehen hatte, nur kurz und oberflächlich, dagegen waren die im Gespräche mit der Sand aufgefangenen Gedanken zu längern oder kürzern Reflexionen verarbeitet, die, wie man aus den Antworten sah, wahrscheinlich den Briefen an die Dichterin als Unterlage gedient hatten. Der junge Mann mußte anerkennen, daß in dieser Mädchenseele eine Energie stecke, die eines Mannes würdig sei. Viele von den Gedanken, die George Sand ausgesprochen, beschämten ihn, denn es waren die Lehren seines Meisters selbst, nur in etwas französischer Auffassung, die ihm erst auf diesem Umwege wieder in die Seele zurückgerufen wurden. Er, der den Weltschmerz durch die Philosophie überwunden zu haben glaubte, er, der das Bewußtsein von dem großen Ziele der Menschheit hatte, der stolz darauf war, mitzuarbeiten vorläufig an der Befreiung des Staats von den ihm durch Absolutismus und Bureaukratismus anhaftenden Ketten und Schlacken der Polizeiwillkür und Gewalt, er sollte, um dem Egoismus einer Liebe zu fröhnen, mit dem, was die Welt für Sitte und Ordnung erachtete, brechen? Er, der Mann, sollte minder stark sein in der Selbstüberwindung? – Sein Verstand, der ihm schon immer gesagt, daß einer Verheirathung mit Sidonie unübersteigliche Schranken entgegenständen, sollte die Gefühle seines Herzens, die Bilder seiner Phantasie nicht beherrschen können? In einer schlaflosen Nacht kämpften Vernunft und Gefühl einen harten Kampf, aber die Vernunft siegte. Am andern Tage brachte er die Mappe an die Eigenthümerin zurück und sagte: »Wir sind und bleiben Freunde, die Dichterin hat recht, und ich ehre und bewundere Ihre Resignation, so schmerzlich sie meinem Egoismus ist.« Sie reichten sich die Hände. Bruno fühlte sich auch bald durch diesen Entschluß befriedigt, denn daß Familienbande jeden mehr oder weniger der politischen Unabhängigkeit und Freiheit berauben, davon hatte er schon die auffallendsten Beispiele erlebt. Das politische Leben war aber sein ein und alles. Sein Bruder Karl hatte ausstudirt, das Examen bestanden und arbeitete unter seiner Leitung; seine Praxis hatte sich ausgedehnt, man holte sich weit und breit Rath von ihm, und er war wohl im Stande, eine Familie zu ernähren. Sein Mündel, Hans Dummeier, war volljährig geworden, Wüsteneimeyer hatte ihm das Besitzthum übertragen und sich auf den Altentheil gesetzt, der Proceß gegen die Claasing'sche Vormundschaft war auch in dritter Instanz gewonnen, es handelte sich nur noch um Liquidation der seit dem Anfange des Processes gezogenen Früchte, wie andererseits um Feststellung der Abfindung vom Allode für Anna Dummeier, weiland Frau des Gestütmeisters Claasing, wie um den Ersatz der Aufwendungen für die Verbesserungen des Gutes. Frau Claasing hatte mit der Selbstüberwachung des Sohnes in Göttingen schlechte Erfahrungen gemacht, er war zu einem Wüstling und daneben zu einem Heuchler erzogen, der seiner Mutter durch Schmeicheln und Vorspiegeln das Geld abzulocken wußte und mit den adelichen Genossen des Reitunterrichts – fast des einzigen Studiums, dem er oblag – im benachbarten Kassel sich allen Ausschweifungen seines Alters hingab, während ihn die Mutter zum Besuche auf dieser oder jener Domäne wähnte. Sie war mit dem Sohne nach Eckernhausen zurückgekehrt, er stand noch unter ihrer Vormundschaft und wurde im Gelde so knapp gehalten, daß er in der That mit den jungen Leuten in Heustedt nicht verkehren konnte. Allein Alexander von Schlottheim nahm ihn in die Lehre und führte ihn Meyer Itzig zu, der gegen Wechsel, datirt nach dem Tage der Volljährigkeit, dem reichen Erben gegen hohe Provision und Zinsen Geld gab, soviel dieser verlangte. Dafür ertheilte der Graf ihm Unterricht in allen Karten- und Würfelspielen, die jener nicht schon in Göttingen und Kassel kennen gelernt, und vermittelte manches Liebesabenteuer. Zu dem Verlobten seiner Schwester stand er in gar keinen Beziehungen, er vermied denselben, soviel er konnte, und da der Inspector jetzt bei nahezu vollendeter Bahn seinen Wohnsitz auf dem Bahnhofe, Grünfelde gegenüber, aufgeschlagen hatte und weniger nach Heustedt als nach Eckernhausen kam, wo der junge Mensch fortschlich, wenn er den künftigen Schwager auf den Hof treten sah, erfuhr dieser von dem Treiben des Verschwenders wenig. Die Bahn nach Bremen war indeß vollendet und Hellung hatte einen Ruf nach seiner Heimat in die Direction der Leipzig-Dresdener Eisenbahn erhalten und angenommen. Er drang nun auf Hochzeit, welche Frau Claasing unter allerlei Vorwänden hinausgeschoben hatte. Auch gegenwärtig fehlte es an einem solchen Vorwande nicht. Ehe die Liquidation wegen Eckernhausen zu Ende wäre, ehe man wüßte, ob man an Hans Dummeier herauszuzahlen oder für Meliorationen von ihm zu empfangen habe, ließe sich das väterliche Vermögen nicht vollständig ermitteln; Frau Claasing, die sich höchst ungern vom Gelde trennte, wünschte die Hochzeit bis zu völliger Abwickelung des Processes hinausgeschoben. Nun kam unser Freund aus Dresden auf den alten Plan Bruno's zurück, den Streit auf die Weise zu beendigen, daß Claasings den Hof in Eckernhausen, an den man sich einmal gewöhnt, den man als Stammsitz der Familie betrachtete, behalten sollten, während Dummeier's Ansprüche mit Gelde abgefunden würden. Er wußte die künftige Schwiegermutter mit Schlauheit dahin zu bringen, daß sie sich entschloß, incognito – sie galt als seine Tante – die Wüstenei zu besuchen. Der Eindruck, den diese Anlage auf sie machte, war überwältigend, und sie griff den Gedanken Hellung's, die alte Familienfehde durch eine Verheiratung der Tochter Auguste mit Hans zu beseitigen, mit Lebhaftigkeit auf. Dieser Plan wurde noch durch einen besondern Umstand begünstigt. Johann Karl Claasing war durch Schlottheim zu den Leidenschaften, zu denen er schon von Natur hinneigte, zur Liederlichkeit, Schwelgerei und Verschwendung noch mehr verführt, er hatte beträchtliche Summen bei Meyer Itzig aufgenommen, noch größere schuldete er an Schlottheim auf Ehrenwort, die er in Sechsundsechzig, Piquet und Würfelspiel verloren. Dafür hatte er Wechsel ausgestellt, gleichfalls nach seiner Volljährigkeit, die im Januar 1848 eintrat, datirt. Der Graf aber hatte, nachdem seine Bewerbungen um Minna Claasing vergeblich gewesen, seine Augen auf Auguste geworfen und um deren Bruder zu gewinnen, diesem versprochen, er werde an dem Tage, da er sich mit seiner Schwester verlobe, alle Handscheine und Wechsel desselben zerreißen. Johann Karl zog deshalb den gräflichen Freund in sein Haus; dieser bewies der jüngern Schwester Artigkeiten, die ihr, wider sein Erwarten, misfielen. Sie fürchtete sich vor ihm und wich ihm aus, auch der Mutter war er nicht der rechte Mann; so schaffte sich der Plan des Ingenieurs, Dummeier mit Auguste zu verheirathen, in ihrem Kopfe Bahn, und nachdem man die jungen Leute zusammengebracht, fanden dieselben Gefallen aneinander. Die Hochzeit Hellung's und die Verlobung Augustes wurden an Einem Tage gefeiert, und bei dieser Gelegenheit söhnte sich Frau Claasing mit unserm Freunde Bruno, der die Erbauseinandersetzung geleitet hatte, wieder aus. Sie hatte es schon bei Minna's Verlobung zur Bedingung gemacht, daß diese und ihr Mann auf die mütterliche Erbschaft verzichteten, auch Auguste und der Bräutigam mußten einen gleichen Verzicht unterschreiben. Die Alte wollte über ihren Tod hinaus die Macht haben, mit ihrem Gelde zu schalten, wie es ihr beliebe, sie wollte nicht einmal durch das Gesetz, welches sie zwang, ihren Kindern wenigstens einen Pflichttheil zu hinterlassen, gebunden sein. Die Verlobung Auguste's mußte ihr Bruder entgelten, Schlottheim rupfte ihn soviel er konnte, und der Schwache war eine Puppe in der Hand des Erfahrenen. In Heustedt selbst hatte sich inzwischen manches verändert, es war sogar an diesem loyalen Orte der Geist der Opposition rege geworden und selbst bis in die Spitzen der Gesellschaft gestiegen, welche das Thun und Lassen der Regierung und des Königs kritisirten. Auf dem Herrenclub waren die von der Regierung unterstützten Blätter beseitigt worden, dafür wurde die »Deutsche Zeitung« von Gervinus, die »Bremer Zeitung« und die neugegründete »Weser-Zeitung« gehalten, man hatte jetzt täglich dreimal Postverbindung mit dem Bahnhofe und war der Welt um ein Bedeutendes näher gerückt, in zwei Stunden konnte man in Bremen, in drei Stunden in Hannover sein, und ein Telegraphendraht vermittelte den geistigen Austausch schon mit halb Europa. Daß man auch im Lande Hannover vorgeschritten war, bewies der Umstand, daß die Adelskammer sich herbeigelassen hatte, den aus Zweiter Kammer gekommenen Antrag auf Oeffentlichkeit der ständischen Verhandlungen anzunehmen und vor den Thron zu bringen. Ernst August jedoch, der von einem konstitutionellen Hannover nichts wissen wollte, antwortete: Oeffentlichkeit passe nicht für Landstände, sie diene nur dazu, achtbare Stellungen und Persönlichkeiten böswillig herabzuwürdigen, unerreichbare Wünsche zu wecken, den Samen der Unruhe und Unzufriedenheit mit dem Bestehenden im Volke auszustreuen, die Masse aufzuregen und zu verblenden. »Wir haben daher, in gewissenhafter Erwägung«, rescribirte er am 21. April 1847, »der uns obliegenden landesväterlichen Pflichten, unabänderlich beschlossen, eine Oeffentlichkeit der Sitzungen der Kammern unserer getreuen Landstände niemals zu gewähren.« Das war das zweite Niemals, das dem bittenden deutschen Volke von Thronen in diesem Jahre entgegengeschleudert wurde: an der Spree sollte sich niemals ein Blatt Papier zwischen König und Volk stellen, an der Leine sollte man niemals Oeffentlichkeit der ständischen Verhandlungen haben. Der Hannoveraner antwortete darauf am 2. December mit durchweg oppositionellen Wahlen. Unter den Gewählten befand sich auch Bruno Baumann. Siebentes Kapitel. Ein Strich durch die Rechnung. Das Jahr 1848 führte sich für Heustedt durch eine tragische Katastrophe ein. Johann Karl Claasing wurde am 17. Januar volljährig; Graf Schlottheim und er wollten diesen langersehnten Augenblick mit dem Pokale in der Hand feiern. Der chinesische Pavillon war zu einer kleinen Orgie ausersehen, er war den Tag vorher durch Kohlenbecken erwärmt. Am Abend huschten in Pelz gehüllte und verschleierte Frauengestalten durch den öden Park und schlichen in den offen stehenden Pavillon. Bald darauf kam auch Graf Alexander, Arm in Arm mit Claasing, – warme Arme streckten sich ihnen entgegen, und die Paare verschwanden hinter der Sammtportiere. Später servirte ein Diener in dem chinesischen Zimmer ein leckeres Mahl. Die Champagnergläser klangen, Lachen und Jubel scholl in die stille Nacht. Der Mond beleuchtete eine weite Wasserfläche, die Weser hatte ihre Ufer übertreten, und die ganze Halbinsel stand bis zum Paß Hengstenberg und dem Bahnhofe von Grünfelde unter Wasser. Gegen elf Uhr abends traten die Weibergestalten wieder aus dem chinesischen Zimmer und suchten unbemerkt durch den Park nach dem Heuwege zu gelangen. Drinnen aber setzten sich die beiden zum Spiel. Jeder hatte einen Champagnerkühler mit voller Flasche zu seinen Füßen stehen, die Thür zum chinesischen Zimmer war verriegelt, sodaß die Spieler durch die Dienerschaft nicht gestört werden konnten. Man spielte Sechsundsechzig, aber sehr hoch, die Partie um 500 Thaler. Der Graf war seinem Gegner offenbar im Spiel überlegen, dazu trank Claasing nach jedem beendigten Spiele ein Glas Schaum und schien im Anfange eines Rausches. »Wir wollen aufhören«, sagte der Graf, »und zusammenrechnen und dann die zwölfte Stunde mit dem Pokal in der Hand erwarten, die dich endlich der mütterlichen Tyrannei entzieht und dich zu einem freien Menschen und dem reichsten Grundbesitzer der Grafschaft macht.« Der andere glotzte ihn mit stieren Augen an. – »Ja wir wollen rechnen!« stammelte er. »Von vorgestern waren es 3000, gestern bliebst du mir 1500 schuldig, heute habe ich nur 2000 Thaler gewonnen, macht 6500.« »Nein, 3600«, stammelte Claasing. »Kannst du nicht mehr zusammenzählen?« »Du willst mich betrügen!« »Was? Du wagst einem Edelmanne zu sagen, er wolle dich betrügen? Hier unterschreib' den Wechsel, und wenn du morgen Abbitte gethan hast, und ich meine Wechsel bei Itzig versichert habe, will ich dir gegen baar Revanche geben.« Claasing schlug sich vor die Stirn, und seine Augen nahmen auf einmal einen eigenthümlichen Glanz an, er schien aus seinem Rausche zu erwachen, er schien nachzudenken. »Nun, wird's bald?« herrschte der Graf; »einen Wechsel mehr oder weniger, darauf wird's nicht ankommen, der Vollmeierhof in Grünfelde wird mit dem, was Meyer Itzig hat, wol daraufgehen, behältst doch noch genug; für die Wechsel, die ich habe, kannst du auf den Siebenmeierhof und Eckernhausen Hypotheken bestellen, denn das baare Geld wird mit der Ausstattung und Mitgift der Schwestern wol davongeflogen sein. Hättest es wohlfeiler haben können, es könnte deine Schwester Gräfin sein, wenn sie sich nicht dem Bauernlümmel an den Hals geworfen hätte.« Der Bruder Wüstling hörte das, was jener sagte, nur halb, er dachte erst jetzt wieder an ein Vorhaben, zu dem er sich den ganzen Tag vorbereitet, zu dem er sich heute Abend Muth hatte trinken wollen. Niemand fürchtete den Tag seiner Volljährigkeit so sehr als Claasing, denn er wußte, daß von diesem Tage an nach und nach alle Wechsel, die er Meyer Itzig und dem Grafen gegeben hatte, und die auf kurze Monatsfristen oder gar auf »Nach Sicht« lauteten, in Umlauf gesetzt und ihm zur Zahlung präsentirt werden würden, und niemand wie er fürchtete mehr die mütterliche Ruthe. War das auch nur figürlich gemeint, so dachte der Verschwender doch mit Schrecken daran, was die Mutter sagen würde, wenn Wechsel auf Wechsel gezahlt werden sollten. Wie alle Menschen seines Gelichters, war er im hohen Grade feig, er fürchtete die Entdeckung seiner Verschwendungen so sehr, daß er beschloß, sich das Leben zu nehmen, und zu dem Zwecke eine Duellpistole des Großvaters geladen und in seinen Pelz gesteckt hatte. Daß diese Wechsel schon so viel betrügen, als der Vollmeierhof in Grünfelde werth war, daran hatte er noch nicht gedacht, obgleich seit seiner Rückkehr von Göttingen schon über zwei Jahre verflossen waren und er seit dieser Zeit beinahe täglich vom Grafen Alexander »gemacht« war – der mit seinen Wechseln seine Schulden an Itzig wie an Hirschsohn bezahlt und andere an jenen discontirt hatte. Nun dachte der Elende an die Scene zurück, wie die Nachricht gekommen war, daß der Dummeier'sche Proceß in letzter Instanz für ihn verloren war, wie seine Mutter da gegen ihre Umgebung getobt hatte; was würde das nun erst abgeben, wenn Tag um Tag, Woche um Woche die Schuldbriefe kämen? Er war unfähig, die Hofwirthschaft zu führen, das mußte die Mutter thun, er war an die Herrschaft der Mutter so gewöhnt, in allen Geldsachen so unerfahren und unbeholfen, daß er sich eine Existenz ohne ihre Führung gar nicht denken konnte. Er hatte sich der Mutter noch nie offen und keck widersetzt, war er ihr ungehorsam, so nahm er zu den Mitteln der Lüge, Verstellung und Heuchelei seine Zuflucht. Wie hätte er wochen- oder monatelang – er wußte selbst nicht, wie viele Wechsel von ihm unterschrieben waren – das Toben der Mutter ertragen, wie hätte er ihm ausweichen sollen? Vom Bestande des väterlichen Vermögens, das ihm mit der Volljährigkeit von der Mutter übergeben werden sollte, hatte er keine Ahnung, er hatte sich nie darum bekümmert, aber der Mutter war die Zahlung an Dummeier und die Auszahlung der Erbtheile an ihre Töchter schwer von Herzen gegangen, sie hatte ärger geklagt und gestöhnt als je, und den Sohn zur Sparsamkeit ermahnt. Wenn er nicht zu Rathe hielt, so würde man Hypotheken auf die schuldenfrei vom Vater ererbten Güter aufnehmen müssen, und das sei eine Schande. Bringe er diese Schande über sie, so werde sie ihn enterben und verfluchen. Aus den Aeußerungen des Grafen war ihm der Abgrund seiner Verschuldung mit einem mal vor Augen getreten. Es packte ihn eine Todesangst. Zugleich trat aber ein Zug seines Charakters hervor, der sich bisjetzt noch nicht offenbart hatte. Sein Großvater war in seinem Alter wenn nicht geizig, doch im hohen Grade habsüchtig gewesen, sein Vater hatte während der Jahre, die er verheirathet lebte, als Muster von Sparsamkeit gegolten; ob nun von väterlicher oder von mütterlicher Seite, es steckte trotz aller Verschwendung eine geheime Ader von Habsucht und Geiz in ihm. Er sah deutlich ein, daß er durch Itzig und den Grafen betrogen war, von Itzig hatte er kaum die Hälfte dessen bekommen, worüber die Wechsel lauteten, oft, bei dringender Verlegenheit, nur ein Drittel; der Graf hatte ihn im Spiel hintergangen, das glaubte er wenigstens. Ihm kam der Gedanke, daß, wenn er vor Mitternacht, also vor dem Tage seiner Volljährigkeit aus dem Leben schiede, alle Wechsel und Schuldverschreibungen sich als ungültig erweisen würden, denn sie trugen ein Datum nach seiner Volljährigkeit, das auf Verlangen seiner Gläubiger doppelt, in Zahlen und mit Buchstaben, von ihm geschrieben war. Er zog die Repetiruhr, ein Geschenk seines Vaters, noch aus dem großväterlichen Nachlaß stammend, sie schlug dreiviertel auf zwölf an; es war keine Zeit mehr zu verlieren; rasch stürzte er einige Gläser Champagner hinunter und brach dann in ein heiseres Lachen aus. »Gräflein«, sagte er, »du hast mich schändlich betrogen, wie der Jude mich betrogen hat, ich will euch wieder betrügen!« und stürzte damit in das chinesische Zimmer. »Der wird schon wiederkommen«, lachte Alexander, »der Riegel öffnet sich nach außen nur auf Geheimdruck«, und er schenkte sich langsam ein Glas des Schaumweins ein. Noch hatte er dies aber nicht zu den Lippen geführt, als ein stark knallender Schuß im Nebenzimmer fiel – Claasing lag mit zerschmettertem Gehirn am Boden. Der Schuß war im Schlosse, in den Dienstwohnungen, er war im Hause des Schloßpredigers, der Küsterwohnung gehört worden, und bald strömte man von allen Seiten mit Laternen und Fackeln zum Orte der That; das Amt wurde aus dem Schlafe getrommelt, der Physikus erschien, allein es war nicht mehr zu helfen. Der Selbstmörder wurde von seiner Mutter und den beiden Schwestern beerbt. An Hellung schrieb Bruno gleich am andern Morgen, dann wurde ihm die schwere Pflicht, das Geschehene der Frau Claasing mitzutheilen, während er Sidonie ersuchte, nach der Wüstenei zu fahren und Augusten das schreckliche Ereigniß mitzutheilen. Der Commerzienrath war erregt, denn er hatte die 1000 Thaler, welche er Schlottheim geliehen, mit einem Wechsel von Claasing zurückgezahlt erhalten, der Wechsel war vom 20. Januar datirt und diesen Tag hatte der Aussteller nicht mehr erlebt. Er wußte auch, daß sein Concurrent Meyer Itzig im Besitze ähnlicher Wechsel über etwa 20000 Thaler sei und noch am frühen Morgen die im Besitz Schlottheim's befindlichen Wechsel für freilich sehr geringe Summen discontirt hatte. Der größere Verlust Itzig's tröstete ihn über die wahrscheinliche eigene Einbuße. Graf Alexander reiste nach Bremen ab, er schämte sich, in Heustedt sich blicken zu lassen, denn alle Welt wußte durch das Geschrei Itzig's, wie er den Todten gerupft habe und daß er die nächste Veranlassung zu der verzweifelten That desselben gewesen sei. Die Mutter des Unglücklichen fiel aus einer Ohnmacht in die andere, als man ihr sagte, ihr Sohn sei am Schlagflusse gestorben. Nachdem ihr Bruno aber mitgetheilt, daß der Verstorbene für etwa 20000 Thaler Wechsel, die sich in den Händen Itzig's befänden, ausgestellt habe, die indeß sämmtlich ein späteres Datum trügen, ahnte sie den Selbstmord und war geneigt, den Sohn für die durch seinen Tod herbeigeführte Sühne, die sie als Heroismus ansah, zu entschuldigen. Bruno stellte ihr an diesem Tage vergeblich vor, man würde die Wechsel für den vierten oder dritten Theil des Nennwerths leicht ankaufen können, so viel möge der Verstorbene auch wol baar darauf erhalten haben; sie wollte von einer auch nur theilweisen Bezahlung der Urkunden, welche die Fälschung an der Stirn trügen, nichts wissen. Dagegen beauftragte sie ihn, die Erbauseinandersetzung mit ihren Töchtern und Schwiegersöhnen zu ordnen und für das Begräbniß des Todten Sorge zu tragen. So wurden denn die nächsten Wochen unsers Freundes durch Correspondenzen mit Hellung sowie durch Verhandlungen mit Dummeier und seiner jungen Frau eingenommen, man schloß aber zu gegenseitiger Zufriedenheit ab. Die Kapitalien wurden, nachdem man die Wechsel zu einem Drittel des Nominalwerts angekauft, vertheilt, die Mutter erhielt den eckernhäuser Hof, Dummeier die beiden Höfe in Grünfelde, mit Ausnahme der Moore am rechten Weserufer, und beide zusammen fanden nach dem Taxat der Höfe und des Inventars die Schwester Minna in Dresden ab. Achtes Kapitel. Hoffnungen und Täuschungen des Jahres 1848. Die wichtigen politischen Ereignisse, welche um die Zeit der erzählten Ereignisse in Europa eintraten, die Eröffnung der Vereinigten Ausschüsse in Berlin, der Aufstand in Palermo und die Concessionen in Sicilien, der Tod Christian's VIII. von Dänemark, die Verfassungsproclamation in Neapel, die Studentenconflicte mit Lola Montez, Dinge, die Bruno zu jeder andern Zeit beinahe ausschließlich beschäftigt hätten, traten vor den Arbeiten, die jeder Tag forderte, in den Hintergrund. So wurde denn der Vielbeschäftigte förmlich überrascht von der Nachricht, daß man seit dem 23. Februar in Paris Barrikaden baue, daß am 24. Louis Philipp zu Gunsten des Grafen von Paris abgedankt habe, und als die »Kölnische Zeitung« am 28. abends schon die Nachricht brachte, daß am Tage vorher die Republik in Paris proclamirt, Louis Philipp entflohen sei, da hörte alle Arbeit, da hörte beinahe alle Ueberlegung auf. Der Tag, nach welchem Bruno so lange Zeit verlangt, der Tag, der Louis Philipp, den Börsenkönig, vom Throne entfernte, war urplötzlich gekommen; aber der Thron war nicht durch natürlichen Tod erledigt, er war durch Revolution, durch eine siegreiche, erledigt – die einheitliche Republik war nach dem Willen des Volkes proclamirt. Jetzt galt es, die Schläfer in Deutschland zu wecken, sich mit den Freunden und Gesinnungsgenossen in allen Theilen Deutschlands in Verbindung zu setzen, um womöglich allerorten nach einem gemeinsamen Plane an der politischen Neugeburt Deutschlands zu arbeiten. Aber Bruno in seinem Winkel kam zu spät; kaum waren seine ersten Briefe geschrieben, als schon die Nachricht kam von den ersten Bewilligungen der Regierung in Karlsruhe, von den Volksversammlungen in Heidelberg, von der Forderung eines Nationalparlaments. Die Ereignisse überstürzten sich, man konnte kaum nachfolgen: Concessionen an allen Orten, Entlassungen der Ministerien, Volksversammlungen, Petitionen, Adressen, Bassermann's Rede, die Ansprache des Bundes an das deutsche Volk, die Erlaubniß des Deutschen Bundes zur Aufhebung der Censur. Ueberall trug man den Volkswünschen Rechnung, nur in Hannover nicht, dort allein erfolgte weiter nichts als die Zusammenberufung der Stände auf den 30. März, von Aufhebung der Censur könne nicht eher die Rede sein, erklärte Ernst August, als bis von Bundes wegen Garantien gegen den Misbrauch der Presse gegeben seien, und eine Theilnahme landständischer Deputirten an den Beratungen und Beschlüssen des Deutschen Bundes sei wider das monarchische Princip. Das war denn doch ein bischen zu wenig, was man den Hannoveranern bot, und je zahmer und demüthiger die Adresse der Residenz gewesen, um so kräftiger wurden die Volksforderungen, wie sie von Süddeutschland ausgingen, in Adressen aus andern Städten, selbst kleinen Orten ausgesprochen. Bruno selbst entwarf eine solche, welche von den Ungeschlossenen mit allgemeinem Beifalle aufgenommen und, durch ihre Beihülfe mit mehr als tausend Unterschriften bedeckt, an das Cabinet geschickt wurde. Unser Freund ließ es aber dabei nicht bewenden, er schrieb allen seinen Bekannten unter den Mitgliedern der Zweiten Kammer und bat um eine Zusammenkunft auf den 17. März in Hannover, damit man sich vorher über gemeinsame Schritte verständige. Dies fand den meisten Anklang in Hildesheim, von dort kam aber nicht nur der Deputirte Dr.  Weinhagen, eine äußerst imponirende Gestalt, sondern er brachte zugleich ein paar Dutzend seiner Anhänger mit. »Um den hannoverischen Philistern«, wie er sich ausdrückte, »zu zeigen, was eine Harke sei.« Aus einer Besprechung unter den künftigen Deputirten wurde indeß an diesem Tage nichts, da man in Hannover am Abend vorher in einer Volksversammlung beschlossen hatte, Ernst August durch eine Massendeputation das abzuzwingen, was er bisher verweigert, und nun zunächst den Magistrat angehen wollte, den Volkswünschen energischer das Wort zu reden, als das bisher geschehen war. Als Bruno mit dem Frühzuge in Hannover ankam, war sein erster Weg zu Detmold. Dieser wohnte damals am Reitwalle, war eben aufgestanden, trank Kaffee und fütterte die ihn umschmeichelnden beiden Kater mit süßem Weißbrote, das er in Rahm tauchte. Detmold war von dem Gange der Dinge und von der beabsichtigten Demonstration nicht erbaut. »Bleiben Sie bei mir, Baumann«, sagte er, »auf dem Rathhause kommt doch nichts Gescheites zu Stande, ich müßte meine Pappenheimer schlecht kennen, wenn Herr Evers da nicht wieder so eine Adresse zurechtdrehte, die nicht gehauen und nicht gestochen ist.« Bruno jedoch ließ sich nicht halten er eilte zu seinem Onkel und ging mit diesem und dem jüngern Sohne, dem Juristen Oskar, in die Stadt. In den Straßen wogte es in außergewöhnlicher Art von Menschen, und der Platz zwischen Marktkirche und Rathhaus war dicht gefüllt. Ernst August hatte drei Tage vorher an seine angestammten Hannoveraner eine Proclamation erlassen, in welcher er auf die vielen Petitionen, die ihm von früh morgens bis spät abends zugesendet wurden, antwortete. Er machte es sich bequem, er acceptirte aus diesen Adressen nur die Verbrämungen von Liebe und Zutrauen – »wo andere Wünsche darin laut werden, kommen sie – davon bin ich überzeugt – nicht von den Hannoveranern selbst, sondern sind durch Fremde eingeflößt, die überall Unordnung und Verwirrung anzuregen bemüht sind«. – Die Stadthannoveraner wollten dem alten Könige nun zeigen, daß es nicht Fremde seien, die um deutsches Parlament, Preßfreiheit, Volksbewaffnung, Verantwortlichkeit der Minister, Schwurgerichte, öffentlich-mündliches Verfahren in Civil- wie Strafsachen, Uebertragung der Polizeigewalt an die Gerichte, Aufhebung der Exemtionen, Erweiterung der activen und passiven Wahlfähigkeit, freie Uebung der Culte bei politischer Gleichberechtigung u. s. w. baten, sie wollten dem Könige zeigen, daß ihre Wünsche erfüllen nicht ihr wahres Glück zerstören heiße, wie Ernst August es genannt hatte. Es fehlte zwar in dem vollgedrängten Rathhaussaale nicht an Leuten, welche noch immer durch Beschwichtigen, Vertuschen, Zukleistern zu helfen gedachten. Da trat ein Arzt auf, ein Hofrath und mächtiger Redner, und erzählte von der Krankheit des Königs, und wie es unpassend sein würde, an die Thür eines alten kranken Königs zu klopfen; man möge den Magistratsdirector und einige Bürgervorsteher in das Palais schicken, das würde anständiger sein als eine Massendemonstration. Da war es denn Weinhagen mit seinen Anhängern, welcher den Hofrath von seinem Stuhle herunterdonnerte: »Wir alle bringen dem Könige unsere Forderungen, die Zeit des Bittens hat aufgehört, wir fordern jetzt!« Ernst August war wirklich krank, und wäre er nicht krank gewesen, so würden die Nachrichten, die ihm der Telegraph gebracht hatte, ihn krank gemacht haben, denn die Welt war aus den Angeln gegangen, Metternich war entlassen, der Kaiser hatte seinen Oesterreichern eine freie Constitution versprochen, Kossuth war mit einer ungarischen Deputation in Wien eingezogen, welche die Forderungen der Ungarn vor den Thron brachte! Vor dem Bette des Königs saß die Gräfin von Grote, in dem Vorzimmer waren der Generaladjutant und der Cabinetsrath von Münchhausen. »Was will Populn?« fragte der Kranke mit dünner Fistelstimme. »Nach dem Berichte des Polizeidirectors über die Versammlung des gestrigen Abends im Ballhofsaale wollte man eben das, was Ew. königliche Majestät in Ihrer Proclamation zu gewähren abgelehnt.« »Was soll ich machen? ich bin ein alter kranker Mann, wenn mein kaiserlicher Bruder in Wien nachgegeben hat, ich auch nachgeben muß. Münchhausen soll in dem Sinne antworten, wenn Populn kommt.« »Der Generaladjutant versichert«, wendete die Gräfin ein, »daß er das vor dem Rathhause versammelte Volk mit einer Schwadron auseinandertreiben könne, und bittet um den Befehl dazu – die Schwadron ist auf dem Friedrichswalle aufgeritten.« »Nein! nein!« schrie der König voll eigensinniger Aufregung, »der Münchhausen soll kommen.« In diesem Augenblicke ließ sich aber schon von der nahen Dammstraße her Menschengetrappel vernehmen, die Deputation, gefolgt von mehrern tausend unbewaffneten Bürgern, stellte sich zwischen Schloß und Palais auf; sie erhielt Einlaß in das Palais. Hier wurde ihr gesagt, der Krankheitszustand des Königs erlaube es nicht, die Deputation zu empfangen, Se. Majestät würden aber eine etwaige Petition entgegennehmen und sofort bescheiden. Die Petition war übergeben, und die Deputation kündete dem draußen harrenden Volke an, daß die königliche Antwort sofort erfolgen solle. Die Menge harrte ruhig eine halbe Stunde aus, dann erschien Herr von Münchhausen vor dem Palais, ein Papier in der Hand, er stellte sich auf einen Stuhl, um besser von der Menge gehört zu werden, und eröffnete, daß Se. Majestät bereits zur Erfüllung mehrerer der gestellten Bitten Maßregeln angeordnet habe. Es wurden dann die Punkte einzeln durchgegangen, mehr oder minder bedingte Versprechungen abgegeben, darauf hingewiesen, daß den Hauptbeschwerden nur im Wege der Gesetzgebung, unter Mitwirkung der Stände, die ja in vierzehn Tagen zusammenträten, abgeholfen werden könne. Nur Ein Punkt war ablehnend beantwortet, der die Amnestie und Rehabilitation politischer Verbrecher betreffende. Sr. Majestät sei überall nicht bekannt, daß solche existirten. Bruno, der dem Cabinetsrathe ziemlich nahe stand, schrie: »Die Göttinger-Osteroder, Dr.  Eggeling, Seidensticker, Kirsten, König, Dr.  Gottfried Schulz, Dr.  Rauschenplat, Dr.  Schuster, Dr.  Plath.« Und die Menge donnerte nach: »Die Göttinger von 1831!« Der Cabinetsrath erklärte, daß er Sr. Majestät über diese Frage noch einmal Vortrag halten wolle, kehrte nach kurzer Zeit aus dem Palais zurück, mit der Erklärung, daß Se. Majestät Amnestie und Rehabilitation bewillige. Er brachte ein Vivat auf den König aus, in welches die Menge einstimmte und sich verlief. Am Abend war die königliche Erklärung, offenbar mit einigen Redactionsänderungen, die man für Restrictionen hielt, gedruckt, und der Maschinenbauer Schulz konnte dem Sohne seines Bruders Heinrich nach Paris schreiben, er könne zurückkommen, ja er müsse kommen, wenn er ihn noch sehen wolle, er fühle, daß es mit seinem Leben zu Ende gehe, aber er sterbe gern, denn er sehe ein neues Deutschland erstehen. Er möge Frau und Kinder mitbringen. Unser Freund, der Redacteur des »Katzenpötchen und Gänseblümchen«, war nämlich seit zehn Jahren glücklicher Gatte der Enkelin von Fillers Marthe, der Grafentochter, der Bekanntschaft von Fontainebleau. Man lebte damals wie in einem Rausche, jede Stunde brachte etwas Neues; doch bewog erst die Nachricht von den berliner Barrikadenkämpfen und die Proclamation des Vetters Friedrich Wilhelm »An meine lieben Berliner« den König Ernst August, das Cabinetsministerium wie die Departementsminister zu entlassen und ein Gesammtministerium zu bilden, an dessen Spitze Stüve und Graf Bennigsen, der bisher ungnädig angesehene Schatzrath, standen. Die dem Volke verdächtigen und verhaßten Staats- und Hofdiener wurden theilweise entlassen, so der Kammerherr von Schlottheim, der sich nach Heustedt zurückzog, und der zum Generaladjutanten avancirte Victor Justus Haus von Finkenstein, der zum ersten mal die reservirten Wohnungen auf seinem blankenburgischen Gute bezog. Das Ministerium legte dem Lande ein Programm vor, mit dem dieses zufrieden sein konnte, aber jeder Tag förderte die Ueberspanntheit der Forderungen. Gerade diejenigen, die sich bisher als Stockphilister um nichts gekümmert, gingen in der Maßlosigkeit ihrer Forderungen bis zu den Grenzen des Möglichen. Man hatte im December des vorausgegangenen Jahres geglaubt, die tüchtigsten Oppositionsmänner für die Zweite Kammer gewählt zu haben, jetzt waren diese Männer nicht liberal genug, das Land sendete noch vor Eröffnung der Kammern über hundert sogenannte Condeputirte nach Hannover, welche auf die wirklich erwählten Deputirten einen Druck ausüben sollten. Unter diesen Abgeordneten war eine große Anzahl solcher, die sich selbst fähiger zum Deputirten hielten als die Gewählten, und die daher auf eine constituirende Versammlung drangen. Bruno mußte in den Zusammenkünften, welche jene gemeinsam mit den fortgeschrittenen Deputirten hielten, harte Kämpfe mit Freunden und Parteigenossen bestehen, die ohne Berücksichtigung der realen Verhältnisse Forderungen laut werden ließen, die an Ueberspanntheit alles übertrafen, was in politischen Unverstandsblättern damals zu Markte getragen wurde. Darin waren alle einig: die bisherige Adelskammer mußte fallen, das active Wahlrecht mußte bedeutend erweitert werden, das passive unbeschränkt sein, allein die Mehrzahl der Condeputirten wollte, daß die Kammer ihre Gesammtthätigkeit lediglich auf ein Wahlgesetz zu einer constituirenden Versammlung beschränken sollte, während das Ministerium Stüve auf Rechtscontinuität und Vereinbarung der Verfassungsveränderungen mit diesen Ständen bestand. Unser Freund wurde sich in dieser Versammlung erst klar, wie unfertig es in den Köpfen der meisten Leute aussah, die als Leiter in Volks- und Bürgerversammlungen auftraten und daheim als die größten Politiker gelten mochten; er schämte sich des großsprecherisch zur Schau getragenen Patriotismus, von dem er bei den meisten in den zehn Jahren, die er selbst auf der politischen Bühne mitgewirkt hatte, nichts bemerkt; er verkannte die Gefahr nicht, welche aus der schwankenden Stellung zwischen Gesetzlichkeit und Ungesetzlichkeit, die in ganz Deutschland die Situation beherrschte, entstehen mußte, und that das Seinige, die Ueberzahl der Condeputirten zu der Beschlußfassung zu bringen, daß man es jedenfalls mit den einmal gewählten Ständen erst versuchen müsse. Die anwesenden Deputirten versprachen dagegen, wenn die Adelskammer zu den für nöthig erachteten Verfassungsveränderungen nicht einhellig ihre Zustimmung gäbe, wie es verfassungsmäßig wenigstens hinsichtlich der Aufhebung des Schlußartikels, der als Sicherheitsverschluß dem Verfassungsgesetze angehängt war, nöthig war, so wollten sie die ersten sein, welche auf eine constituirende Ständeversammlung dringen würden. Das war in Hannover vorgegangen, ehe noch das Vorparlament in Frankfurt zusammentrat. Es ist hier nicht der Ort, auszuführen, wie einerseits gerade diese Versammlung, in der die Leidenschaft noch ärger tobte als in norddeutschen Bürgern und Bauern, wie sie in Hannover versammelt gewesen waren, und andererseits der in dem romantischen Könige in Berlin urplötzlich hervorgetretene Deutschsinn, welchem die Anwandlung kam, Preußen in Deutschland aufgehen zu lassen, das Concept kleinstaatlicher, ruhiger und maßvoller Politiker, wie Stüve und seine Collegen es waren, verdarb. Der Gedanke aber, daß das deutsche Volk selbst es in die Hand genommen habe, Deutschland zu einem Reiche von der Nordsee und Ostsee bis zu den Alpen, von dem Pregel bis über den Rhein hinaus – soweit die deutsche Zunge dort noch klang, in Einheit und Freiheit zu gestalten, wirkte so mächtig auf jedes jugendliche Gemüth, daß alle Warnungen der Alten in den Wind gesprochen waren. Das souveräne deutsche Volk wollte über sich selbst bestimmen und der Bundestag sank zum Schleppenträger des Vorparlaments und Funfziger-Ausschusses herab, sodaß er sich dazu hergab, den Beschlüssen des Vorparlaments nach der Fassung der Funfziger eine Art von gesetzlichem Nimbus zu geben. In Berlin indessen ging man voran, der Vereinigte Landtag unterschrieb sein Todesurtheil und rief eine constituirende Versammlung auf breitester Grundlage zusammen, Adresse und Wahlgesetz wurden in vier Stunden fertig. Mußte in einer Zeit, die so flüssig war, auch der Besonnenste, wenn er Ideale im Busen barg, die gottlob! bei uns Deutschen nie fehlen werden, nicht glauben, es sei eine von Gott gesendete Zeit gekommen, wo man der Schranken der durch Zufälligkeiten gewordenen historischen und realen Verhältnisse los und ledig werde, wo man ohne Berücksichtigung dessen, was bisher Brauch, Norm, Gesetz gewesen, das Leben des gesammten deutschen Volkes mit Bewußtsein und künstlerisch, nach den Forderungen des idealen Rechts, weiter bilden könnte? Auch Bruno war dieser Ansicht; was galten ihm angeblich angestammte Rechte tausendjähriger Dynastien? Fand sich nur ein deutscher Kaiser, so mußten die Dynasten zufrieden sein, wenn das deutsche Volk sie abfand und ihnen das halb private, halb zu Staatszwecken dienende sogenannte Domanium reichlich vergütete. Alle mußten mediatisirt werden, oder doch wenigstens den Souveränetätsschwindel aufgeben, und die kleinen Dynasten sich dem Kaiser unterordnen, denn wenn irgendetwas, so bedarf die Souveränetät der Macht; wer sich nicht selbst schützen kann, soll nicht den Souverän spielen wollen. Allein Bruno war doch trotz solcher radicalen Ansichten noch sehr verschieden von denen, welche im Vorparlament und unter den Funfzigern die äußersten Ansichten vertreten hatten; diese drohten mit Republik und Gewalt, sprachen Sitten und Gewohnheiten in großthuerischer Weise Hohn, verachteten gesetzlichen und bürgerlichen Gehorsam. Er wollte nach den Lehren seines Meisters nichts von Gewalt und Umsturz wissen, er träumte sein Ziel als das Werk der Einsicht, des Patriotismus, der Aufopferung, hoffte, daß eben durch den Enthusiasmus, der aller Köpfe und Herzen einnahm, das Unmöglichscheinende möglich würde; er betrachtete das Recht als die Grundlage aller staatlichen Ordnung. Stüve, der Minister, dem die deutsche Bewegung unverständlich war, weil er, im osnabrückischen Localpatriotismus verkommen, es schon schwer fand, sich zu der hannoverischen Einheit emporzuarbeiten, der die Kleinstaaterei als zum Wesen Deutschlands gehörig ansah und darin einen Vorzug, die große Menge deutscher Bildungsstätten, erblickte, der in Ernst August einen klugen Staatsmann gefunden zu haben glaubte, welcher das Wort, das er ihm und dem Lande gegeben, auch getreulich und ehrlich halten werde, er ließ diejenigen Mitglieder der Nationalversammlung, die in Hannover anwesend waren, vertraulich zu sich bitten und sprach sich hier noch offener gegen sie aus, als er in der Zweiten Kammer gethan hatte. Die abenteuerliche Politik und Vergrößerungsgelüste Preußens ließen ihn befürchten, daß in Frankfurt zuerst die Selbstständigkeit der kleinen Staaten zu Grunde gehe – die ganze revolutionäre Bewegung werde aber nimmermehr zur Einheit führen, höchstens zur vollen Zweiheit oder gar zur Dreiheit. Wer zu viel erstrebe, erlange nichts! Der Entwurf der Siebzehn sei eine Unmöglichkeit, ein Volk, das seinen König und sich selbst wehrlos der Willkür eines Staatsoberhaupts und einer Nationalversammlung hingebe, existire in Deutschland nicht, und weder die Könige von Baiern und von Würtemberg, noch die von Sachsen und von Hannover würden sich zu erblichen Präfecten herabsetzen lassen, die nicht einmal mehr über eine Compagnie Soldaten gebieten könnten. Der Siebzehner-Entwurf führe entweder zur einheitlichen Monarchie oder zur Föderativrepublik. Geschichte, Recht und Volkscharakter seien dabei unberücksichtigt geblieben. Er glaube, von seinen Hannoveranern hoffen zu dürfen, daß sie dem preußischen Vergrößerungsstreben im Verein mit allen, die es mit dem deutschen Voll redlich meinten, Widerstand leisten würden. Stüve hatte aus dem Stillschweigen, womit man sein Wort aufnahm, schon schließen müssen, daß die Abgeordneten zur Nationalversammlung weniger particularistisch waren als er selbst. Wer konnte Mitte Mai 1848 überhaupt particularistisch sein? und welches Mitglied der Nationalversammlung wäre nicht stolz darauf gewesen, an einer constituirenden, vom souveränen Volke gewählten Versammlung teilzunehmen? War die Macht des ohne Volkswahl, ohne Mandat zusammengekommenen Vorparlaments schon so groß gewesen, daß alle Regierungen sich seinen Wünschen gefügt hatten, warum sollte die Macht des wirklichen Parlaments geringer sein? Und kamen in Frankfurt nicht die besten und einsichtsvollsten Männer aus ganz Deutschland zusammen, deren Herzen sämmtlich für das Wohl des Vaterlandes, für Freiheit und Einheit glühten? Bruno war in dem Wahlkreise seines Wohnorts zum Mitgliede des deutschen Parlaments gewählt worden. Er reiste mit einem eigentümlichen Gefühle von Spannung und Erwartung, halb voll Vertrauen und Zuversicht auf sich und die Zukunft, halb voll bescheidener Zweifel an seinem eigenen Wissen und Können, um die Mitte Mai über Köln nach Frankfurt. Wie viele seiner verehrten Lehrer sollte er dort sehen, wie viele Verwandte und Freunde, Gesinnungsgenossen und literarische Mitkämpfer, die er nur durch Briefwechsel kannte! Da war Albrecht, da war Dahlmann, seine Lehrer des Maßes und der Mäßigung in der Politik, Jakob Grimm, Gervinus. Dort traf er seinen Oheim Gottfried Schulz, seinen Lehrer der Philosophie, – wie er zu der Amnestie desselben mitgewirkt, so hatte er nicht wenig gethan, um das Andenken an seine siebzehnjährige Verbannung aufzufrischen, und er war die hauptsächlichste Veranlassung, daß man ihn in einem vaterländischen Wählkreise zum Deputirten ernannte. Bruno hatte ihn nur kurze Zeit in Hannover gesehen; ehe er Weib und Kind nach Deutschland brachte, wollte der junge Gelehrte sich die Zustände in seinem Vaterlande selbst anschauen. Jetzt war er nach Paris, um seine Sachen zu ordnen, es wurde dort schon unruhig, es fing der Kampf des vierten Standes mit der Bourgeoisie an sich vorzubereiten, an Philosophie und gar an deutsche Philosophie dachte kein Student mehr, er war als Lehrer und Professor dort überflüssig. Bruno traf in Frankfurt aber auch seinen Freund, den Eisenbahnmann Hellung, der in einem sächsischen Kreise gewählt war, er traf den Oheim Hermann Baumgarten, der einen steierischen Kreis vertrat, er traf Arnold Ruge, den Führer der Jung-Hegelianer, für dessen »Jahrbücher« er, solange sie existirten, gearbeitet hatte, und eine Menge göttinger Bekanntschaften aus der Studentenzeit. Außerdem erwartete ihn dort der Mann, der ihn in die praktische Politik eingeführt und eine große Autorität über ihn zu behaupten gewußt hatte, der kleine sarkastische Detmold. In Köln, auf dem Rheindampfer, traf Bruno mit einer größern Menge rheinpreußischer und westfälischer Collegen zusammen, von denen die Mehrzahl die Republik oder eine constitutionelle Monarchie mit starken demokratischen Institutionen als Ziel hinstellten, alle aber darüber einig schienen, daß das Verfassungswerk einzig und allein durch das Parlament geschaffen werden dürfe. Es trat, als man auf dem Verdeck diese Fragen erörterte, ein großer wohlbeleibter blonder Herr zwischen die Gruppe, der mit einer blitzartigen Zungengewandtheit, mit sprühenden Witzesfunken, mit Ironie und bitterer Schärfe auf den letzten Redner einfuhr, der – ich glaube, es war Franz Raveaux – von Abschaffung des Soldatenheeres, des Beamtenheeres, des Abgabenheeres, von Ausgleichung des Misverhältnisses zwischen Arbeit und Kapital, vorläufiger Duldung der Monarchie, wenn die Grundrechte des Volkes sichergestellt seien, gesprochen hatte. Der Sinn seiner Rede war der: wer da glaube, daß König Friedrich Wilhelm IV. schon todt sei und nichts mehr zu sagen habe, wer das Nationalparlament als einzig und allein berufen halte, die Verfassung fertig zu machen, wer von Abschaffung des Heeres spräche, während es nicht lange dauern werde, daß sich in der einen untheilbaren Republik der Ruhmesdurst und die Habsucht nach dem Rhein oder nach Italien kundgebe, wer nicht daran denke, das Verfassungswerk schließlich mit den Fürsten zu vereinbaren, der thäte besser, wieder nach Hause zu gehen, als der Kaiserstadt am Main zuzufahren. Das waren nur die Grundgedanken, die von einer Menge Zwischenbemerkungen, die oft gar nicht zur Sache zu gehören schienen, schließlich aber gut mit derselben verknüpft wurden, verbrämt und mit Spitzen gegen frühere Aeußerungen, die der Blonde gehört haben mußte, gestachelt waren. Der Redner, das sah man seinem Aeußern wie seinem Auftreten an, hatte viel Selbstbewußtsein und eine offene Selbstgefälligkeit. Als er seine Rede geschlossen hatte, sagte er: »Ich erlaube mir, mich den künftigen Herren Collegen als solchen vorzustellen, ich bin Georg von Vincke«, und damit drehte er dem Kreise den Rücken und ging auf das zweite Verdeck. So platzten schon auf der Hinreise die Geister aufeinander; da kamen schon, ehe die Versammlung nur in die Paulskirche eingezogen war, die principiellen Gegensätze: Constituirung auf Grund der Volkssouveränetät – und Vereinbarung mit den Fürsten, in Kampf. Bruno schwankte noch zwischen beiden Principien; sein Herz neigte sich dem ersten einzig und allein zu, sein Verstand sagte ihm aber, daß die Macht der Throne, wenn diese auch stark erschüttert seien, noch sehr groß sei, und daß, wenn die Diplomaten erst wieder zur Besinnung kämen, sie von den Soldaten wie den Beamtenheeren Gebrauch zu machen wissen würden. Unser Freund war kaum einen Tag in Frankfurt, beschäftigt, sich eine ruhige Wohnung, womöglich außerhalb der Thore, zu suchen, als er einen Besuch von Dr.  Behrend und eine Einladung von dessen Frau erhielt, mit einem bescheidenen Fremdenzimmer während seines dortigen Aufenthalts fürliebzunehmen. Er lehnte das ab, mußte aber einer Einladung zum Thee bei der Frau Doctorin Folge geben. Er würde Pauline nicht wiedererkannt haben, sie war in den wenigen Jahren, da er sie nicht gesehen, zu einer starken, beinahe dicken Hausfrau geworden, an der man nur noch wenige Spuren der Schönheit sah. Drei Buben mit negerschwarzen Krausköpfen und wulstigen Lippen wurden aus dem Kinderzimmer vorgeführt und darauf zu Bett geschickt, dann ging es an das Erzählen. Bis zum 18. Mai sammelte sich die größere Mehrzahl der Abgeordneten – die Oesterreicher waren zum größern Theile noch zurück. Welches Chaos das! Die verschiedenartigsten Wünsche, Vorstellungen, Richtungen, in Beziehung auf das Ziel, ein noch größeres Auseinandergehen in den Mitteln und Wegen. Hier Kirchthurmsinteressen und beschränkte Ansichten, dort titanenhafte Weltumgestaltungsträume. Hier eine Masse Unklarer, Ueberspannter, aber Gutmeinender; dort eine Menge mit klarem, aber verheimlichtem Ziele, dem der Republik, daneben eine große Zahl solcher, die sich selbst conservativ nannten, von ihren Gegnern aber als reactionär bezeichnet wurden. Man hatte sich schon im Vorparlament in Anarchisten und Reactionäre, wie man sich gegenseitig kennzeichnete, getrennt, – jede Partei suchte die Neuangekommenen zu sich heranzuziehen. Die Misregierung der verflossenen Jahrzehnte rächte sich hier. Da kamen aus allen Winkeln und Ecken Deutschlands Männer, die in kleinen Orten jahrzehntelang geduckt und gedrückt gesessen, die gegen bureaukratischen Machtmisbrauch, gegen exemtionssüchtigen Feudalismus, gegen Ueberhebung des Adels gekämpft und gestritten und dafür auf die eine oder andere Weise gelitten hatten und zurückgesetzt waren, Männer, die auf ihr vergangenes Leben stolz sein konnten, die aber Vergrollung, Bitterkeit und Haß im Herzen trugen, und die hier nun wieder, wie sie glaubten, eine Menge von Verräthern und Reactionären die geschäftige Rolle der Contrerevolutionäre spielen sahen. Und dieses Chaos war sich selbst überlassen, ohne Vorlage, ohne Staatenhaus, ohne Leiter; man kannte sich zum größern Theil nicht; wo man sich kannte, mied oder haßte man sich; die verschiedenen Stämme brachten verschiedene Grundansichten mit, die Süddeutschen waren durchweg Republikaner, die Norddeutschen waren die Verständigern, Gemäßigtern, Wohlmeinenden, Constitutionellen, aus denen sich der Stamm der Linken und der Rechten bildete. Bruno hatte in allen Parteien Freunde und Bekannte; heute zog ihn Hellung in die Versammlung des Holländischen Hofes, wo Ruge seine Lehren über die Freiheit der Culturvölker, sich selbst zu constituiren und sich mit andern zu verbinden, vor der Vielgeschwätzigkeit der zahllosen Reden nicht in gehöriger Tiefe begründen konnte; morgen zog ihn sein Lehrer Dahlmann in das Casino, um ihn dort für das rechte Centrum zu gewinnen, übermorgen sein Oheim Hermann Baumgarten in den Würtemberger Hof, dem auch sein Landsmann Grumbrecht, ihm von der Versammlung der Condeputirten und aus den Zeiten der göttinger Revolution bekannt, angehörte. Unser Freund konnte sich über die Partei, der er zutreten wollte, nicht schlüssig machen, an der einen hatte er dies, an der andern jenes auszusetzen, und da, wo er mit dem Programm am nächsten übereingestimmt hätte, misfielen ihm die leitenden Persönlichkeiten. Seine meisten Landsleute hatten sich im Landsberg vereinigt, auch Gottfried Schulz hatte dieser Fraction unter dem Banner: »daß die verfassunggebende Reichsversammlung das Recht in Anspruch nehme, die Verfassung des deutschen Bundesstaates selbständig herzustellen und über alle in dieser Beziehung gemachten Vorschläge endgültig zu beschließen«, sich angeschlossen; Bruno nahm nur unter Vorbehalt, sich näher zu instruiren, an den Zusammenkünften theil. Ohne daß er selbst es ahnte, war er mehr und mehr in die Hände, in die Leitung des schlauen Menschenkenners Detmold gefallen. Dieser, der die Hohlheit, Unfertigkeit, Ueberspanntheit, das großmäulige Pathos bei innerer Piepmeierei der großen Mehrzahl der Mitglieder des Parlaments übersah, hatte sich von vornherein der äußersten Rechten angeschlossen, aber nicht, weil er mit Radowitz, Georg von Vincke, von Boddien, von Beisler über Ziel und Wege einverstanden gewesen wäre, sondern weil es ihm vor allem darum zu thun war, Kenntniß davon zu erlangen, was für Hintergedanken in Berlin, in München wie in der Kaiserburg obwalteten. Er schmeichelte Bruno in hohem Grade, weil er durch ihn, der in allen Fractionen und Parteien Freunde hatte, am besten erfahren konnte, was in diesen beabsichtigt und beschlossen ward. Bruno war zwar in einen vielbeschäftigten Ausschuß gewählt, den Petitions- und Prioritätsausschuß, allein die Mannichfaltigkeit der Beratungen sagte ihm nicht zu, er hätte gewünscht, im Verfassungsausschusse zu sitzen. Detmold, dem dieser Wunsch nicht unbekannt und der selbst Mitglied des Verfassungsausschusses war, machte ihn mit allem bekannt, was dort verhandelt wurde, und wußte ihn unbemerkt zu der Ueberzeugung zu bringen, daß bei dem einmal geschichtlich gewordenen Dualismus zwischen Oesterreich und Preußen von einem Kaiserreiche, von dem in der Stille gemunkelt wurde, gar nicht die Rede sein könne. »Die Aufgabe der Nationalversammlung«, sagte er, »ist, die Einheit Deutschlands herzustellen, nicht aber dessen Zerreißung, die jedenfalls erfolgen muß, wähle man den Habsburg-Lothringer oder wähle man den Hohenzollern zum Kaiser. So sehr Baiern und der Süden vor Oesterreich Furcht hat, so wenig wird man sich Preußen unterordnen wollen. Oesterreich selbst kann nicht Vasall Preußens sein, was bleibt also übrig? Ein Klein-Deutschland bis zum Böhmerwalde, bis zum Main, wenn die Süddeutschen widerstandsfähig sind, oder wenn dies nicht der Fall, bis zum Inn! – das Deutschland von fünfundvierzig Millionen ist dahin, von deutscher Größe darf man nicht mehr sprechen! Ich kenne die Fäden; der Siebzehner-Entwurf ist schon darauf angelegt, daß Oesterreich aus Deutschland ausscheide und die Mittlern und Kleinen Preußen unterworfen werden.« So wußte der Schlaue seinen Freund den Einflüssen Dahlmann's und der Preußen zu entziehen, ihn für den Triasgedanken einzunehmen und ihn anzuspornen, in seinen Correspondenzen für politische Zeitungen, namentlich gegen Blittersdorf, der in der »Ober-Postamtszeitung« als Dreigestrichener die Reichspolitik vertheidigte, anzukämpfen. Während man in der Paulskirche über die Competenz der Versammlung stritt und den Versuch machte, diese die Rolle eines Convents spielen zu lassen, – denn zu Conventsmännern, die ihren Decreten mit einer hinter ihnen herfahrenden Guillotine Gehorsam zu schaffen gewußt hätten, fehlte den Zitz, den Robert Blum, Vogt und ihren Anhängern doch das Zeug, – erhielt Bruno aus Heustedt einen Brief, der seit lange beschwichtigte Regungen plötzlich wieder wach rief. Neuntes Kapitel. Umschlagen der Herzen. Der Brief, welcher die Sorgen des Politikers zerstreute, lautete folgendermaßen:   Herzensfreund! Die Sehnsucht nach Dir verzehrt mich! Ich kann nicht ohne Dich leben, mit dem Ertödten der Liebe ist es vorbei, seitdem Du abwesend bist. Seit acht Wochen habe ich Dich nicht gesehen, als im Traume, aber ich träume auch am Tage von Dir, und Dein Bild umschwebt mich vom Morgen bis zum Abend, vom Abend bis zum Morgen. Warum soll ich verzichten? warum soll ich Dich nicht besitzen, der Du doch mein eigen bist? Was hat die Religion mit unserer Liebe zu schaffen? Hat Gott die Liebe nicht in unser Herz gepflanzt, und er, der Allgütige, sollte diese Liebe verdammen, weil ich eine Jüdin bin, Du ein Christ bist? Zunächst sind wir beide doch Menschen, mit menschlichen Gefühlen und menschlichen Leidenschaften; – der Staat, die Gesellschaft, das Hergebrachte, die ausgefahrenen Gleise der Gewohnheit, was gehen sie unsere Seelen an, warum sollen sie unsere Liebe trennen? Ich bin nicht Jüdin in dem Sinne, daß ich mir Jehovah als Gott der Rache vorstellte, ich kenne nur einen Gott der Liebe, einen Gott, der die Welt weise, gerecht, gütig regiert, und der will, daß alle Menschen glücklich werden, nicht erst im Himmel, sondern schon auf Erden. Es gibt aber auf Erden kein Glück ohne die Liebe. »Mann und Weib müssen an denselben Gott glauben«, sagte die Dudevant, »es kann sich keine Familie aufbauen aus zwei so verschiedenen Elementen wie Christentum und Judenthum.« Ich glaube an Deinen Gott, den Weltumfassenden, an den Gott, der in sich, unter sich und durch sich die Welt trägt – an den Gott, der das Eine selbe, ganz unbedingte und unendliche Wesen ist. Sagtest Du nicht so? Ich studire seit kurzem Schleiermacher's »Der christliche Glaube«. Soviel ich Dich und Deine Weltanschauung kenne, ist das Dein Glaube nicht. Wenn das Christentum diejenige eigentümliche Gestaltung der Frömmigkeit, das heißt des Abhängigkeitsgefühls von Gott ist, welche alles Einzelne in sich auf das Bewußtsein von der Erlösung durch Jesus von Nazareth bezieht, so bist Du kein Christ, denn Du hast mir selbst gesagt – ich erinnere mich noch lebhaft, wir gingen auf dem Deiche unterhalb Heustedt, – es komme bei dem Christentum nicht auf das Dogma, sondern auf den Geist, nicht auf die individuelle geschichtliche Person des Nazareners, sondern auf die Wahrheit seiner Lehre, auf die Reinheit des menschlich-sittlichen und religiösen Urbildes an, die christliche Wahrheit liege in dem Gedanken des Himmelreichs, des Reiches Gottes, und zwar nicht blos eines künftigen, jenseitigen, sondern des Reiches Gottes schon auf Erden; »denn«, sagtest Du, »auch dieses Leben hat seine göttliche Bestimmung und steht unter der Führung des Alliebenden«. Du siehst, ich vergesse nicht so leicht, was Du gesagt hast. Bist Du nun kein Christ im Sinne Schleiermacher's, warum soll ich denn Christin werden, um mit Dir vereint leben zu können? Ich bete schon jetzt zu Deinem Gotte! Ist es blos des Scheines wegen? Ich hasse den Schein! Aber Dir zu Liebe, um Dich besitzen zu können, um ganz in Dir auszugehen, was wäre mir zu schwer?! O Bruno, ich kann nicht mehr sein ohne Dich; mein ganzes Wesen, meine Seele, mein Leib gehört Dir, verschmähe mich nicht, erbarme Dich meiner, sei der Quell meines Lebens! Ich habe meine Mutter zur Vertrauten meiner Liebe gemacht, sie billigt dieselbe und verspricht, allen Einfluß bei dem Vater aufzuwenden, daß er meinen Wünschen, dem Glücke meines Lebens nicht widerstrebe. Ich lebe in der süßen Hoffnung, daß die Schranke, die uns jetzt trennt, niedersinken werde. Ja Geliebter, es muß sein – ich trete zu Dir über! Um mich vorzubereiten, studire ich Schleiermacher, ein Schüler und Nachfolger desselben in Berlin soll mich – auf den Weg zu Dir führen. Denke Dir nur, mein Onkel, der Bruder meines Vaters in Berlin, ist mit seiner ganzen Familie zum Christentum übergetreten und darauf baronisirt. Er heißt jetzt Baron von Hirschstein. Der Vater war anfangs außer sich, wüthend, die Mutter hat ihn aber gezähmt und ihm gesagt, sie hätte geträumt, daß auch ich getauft werden würde. Das ist der Anfang. Nächste Woche bin ich in Frankfurt, bei Dir, Du Einziger, Du mein Engel und Liebster! Ewig Deine Sidonie .   Der Brief erschreckte Bruno mehr, als er ihn erfreute. Diese Leidenschaftlichkeit, dieser Umschlag, diese gänzliche Hingabe nach der Entsagung von früher störten das harmonische Bild, das er sich von Sidonie gemacht. Er hatte in Hannover als Ständemitglied, er hatte in Frankfurt, im Strudel des Parlaments, wenig an sie gedacht. Jetzt trat ihr Bild in voller Pracht der untergehenden Sonne vor seine Seele, und wich nicht, es wich nicht in einer ganzen fieberhaft durchträumten Nacht. Wir müssen ein Ereigniß nachholen, das uns begreiflich macht, wie Sidonie die Mutter, auf die sie so lange eifersüchtig gewesen, zur Vertrauten ihrer Liebe hatte machen können. Bettina hatte das Darlehn, welches vor fünf Jahren ihr Mann dem Grafen Schlottheim gegeben, theuer erkauft. Sie hatte ihm seine Untreue vergeben, er hatte aufs neue Treue gelobt und seit zehn Jahren wieder den ersten Kuß empfangen. Als sie im Jahre darauf einen Knaben geboren hatte und sich zum ersten mal wieder im Spiegel sah, erschrak sie über ihre eigene Gestalt. Sie war auf einmal alt geworden, ihre Augen waren ohne Feuer, ihre Lippen kamen ihr blaß und welk vor, einzelne Furchen durchzogen das Gesicht, graue und weiße Haare drängten sich aus ihrer Scheitelfrisur hervor. Tage- und wochenlang Kraftbrühen, im nächsten Sommer ein Seebad, nichts wollte ihr Jugend und Schönheit wiedergeben. Sie mußte resigniren, sie konnte nicht mehr hoffen, je die Liebe Bruno's, die sie in ihren schönsten Tagen nicht zu erobern vermocht, zu gewinnen. Sie fühlte Mitleid mit der Tochter, deren Liebe sie ahnte. War sie selbst unglücklich geworden in der Gemeinschaft mit einem ungebildeten, nur nach Geld strebenden Manne, so sollte doch ihre Tochter glücklich werden an der Seite dessen, den sie selbst in stiller Liebe verehrt hatte. Sie arbeitete unermüdlich daran, ihren Mann aus den Fesseln des starren Judentums aufzurütteln, seine Eitelkeit zu spornen, ihn zum Umgang mit Christen anzuhalten, ihn nachsichtsvoller zu machen gegen die Nichtbeobachtung der Ceremonialgesetze! Die Convertirung und Baronisirung des Bruders kamen ihr dabei zu Hülfe. Wenden wir uns wieder zu der Kaiserstadt zurück. Unmöglich ist es, unsern Freund durch alle Phasen seiner politischen Wandlungen, Irrungen, Täuschungen zu verfolgen.; um dies zu thun, müßten wir zu direct auf die politischen Begebenheiten eingehen; begnügen wir uns damit, aus seinen Tagebüchern seinen Gemüthszustand und die Gründe seines Handelns kennen zu lernen:   Den 6. Juni 1848. Seit acht Tagen beschäftigt man sich am Bundestage, in den Ministerialconferenzen, in den Clubs und Fractionen mit der Frage: wie eine Executivgewalt zu schaffen sei? Eine der kleinern Regierungen hatte schon die Errichtung eines provisorischen Staatenhauses zur Mitberathung der Verfassung vorgeschlagen, ein Haus nach dem Maßstabe des Bundesverhältnisses, einen verstärkten Bundestag, der in öffentlicher Berathung über das in der Paulskirche Beschlossene noch einmal beschließe. In Berlin wollte man davon nichts wissen. So kam man aus den von Welcker in der Sitzung des Bundestags vom 3. Mai angeregten Gedanken zurück, ein Directorium von drei Männern zu wählen. Detmold hatte mich unlängst mit dem hannoverischen Bundestagsgesandten bekannt gemacht, dieser, Herr von Wangenheim, hatte nun gestern mich und einige Collegen aus Hannover eingeladen und theilte uns mit, daß das Gesammtministerium es für das Zweckmäßigste halte, wenn drei Staatsmännner so lange mit executiver Centralgewalt betraut würden, bis die neue Verfassung definitiv begründet sei, und daß man den Grafen von Armansperg, bairischen Staatsminister, den sächsischen Minister von der Pfordten und den Staatsrath Mathy für die geeignetsten Dreimänner halte. Er bat uns, diese Idee in den Clubs zu befürworten. Diese Executivgewalt soll unter Mitwirkung des Bundestags ins Leben gerufen werden. Aber vom Bundestage will die ganze Linke nichts mehr wissen, und wie mir Hellung erzählt, haben im Holländischen Hofe Blum und Trützschler beantragt, einen Vollziehungsausschuß aus drei Männern der Nationalversammlung zu wählen. Detmold grinste, als ich ihm dies mittheilte, und äußerte: »Die Narren! glauben sie, drei Männer unter sich oder in der Paulskirche zu haben, welche die Fürsten absetzen, dem Kaiser von Oesterreich und dem Könige von Preußen befehlen könnten?!«   Den 9. Juni. Sidonie ist angekommen! Sie ist unendlich schön, Sie war gestern mit der Schwester in der Paulskirche, und obgleich die Sitzung sehr stürmisch war, – man begehrte Schutz gegen die Zusammenkunft der nach hier auf Pfingsten ausgeschriebenen Demokratischen Volksvereine – zog ihre Schönheit doch selbst die Aufmerksamkeit des Berges auf sich. Ich habe stundenlang in ihren Anblick versunken gesessen und wurde erst aus meinen Träumen gerissen, als Simon von Trier von der Tribüne herabdonnerte: »Ich muß mich dagegen verwahren, daß wir jetzt anfangen, Polizei zu spielen«, und mit den Worten gegen die Rechte schloß: »Wir fürchten die Bajonnete nicht, fürchten Sie auch keine andern Waffen!« die ihm natürlich unendlichen Beifall von den Galerien einbrachten. Die Phrase bleibt doch allmächtig!   Den 16. Juni. Wir haben die drei Ferientage, die uns der Himmel oder Heinrich von Gagern beschieden, herrlich ausgenutzt zu einem Abstecher in den Rheingau und das Nahethal. Seit meinen Studentenjahren schwebt mir Rüdesheim und der Niederwald, die gegenüberliegende Rochuskapelle und Bingen immer als einer der schönsten Punkte am Rhein vor. Und nun an der Seite Sidoniens! Pauline hätte zwar lieber gesehen, wenn eine ganze Schar Parlamentsmitglieder mitgegangen wäre, sie liebt die Spectakelmacher für die Galerie, allein ich stellte zur Bedingung, entweder wir allein oder gar nicht. Pauline ist zu schwer, um den Niederwald zu Fuß hinaufsteigen zu können, ihr Mann zu träge, beide ritten auf Eseln. Sidonie und ich waren zu Fuß weit voran, unsere Seelen hatten sich so viel zu erzählen, und als wir in ziemlichem Vorsprunge oben unter den ersten Bäumen ausruhten, da drückten sich die Lippen aneinander in seliger Umarmung. Warum konnten wir solche Thoren sein und drei Jahre nebeneinander leben wie Geschwister? Welche schöne Jugendzeit haben wir einer Marotte geopfert? Auf dem herzoglichen Jagdschloß war große Gesellschaft, Damen und Herren, Frankfurter und viele Mitglieder des Parlaments. Es mochte mehr als einer außer mir die Ausschußsitzungen versäumt haben. Vorstellen und vorgestellt werden, wie langweilig! Einige junge Dandies bewiesen sofort Sidonien Aufmerksamkeiten und wollten sich uns zu Führern oder Geleitern aufwerfen. Pauline wäre gern bei dem großen Troß geblieben, der wie wir noch das Schloß Rheinstein besuchen wollte, aber Sidonie, die mein Unbehagen fühlte und theilte, trieb zur Abreise. Während das Ehepaar auf weiten Schneckenwegen nach Asmannshausen hinabritt, sprangen wir beide wie die Kinder die nächsten, steilsten Wege hinab, sie wie eine Gazelle voran, doch ließ sie sich von Zeit zu Zeit haschen und abküssen. Ich fand die Gartenterrasse eines Weinbauern wieder, wo wir vor funfzehn Jahren uns mit den heidelberger Freunden ein Rendezvous gaben und commersirten. Die Fliederlaube duftete heute in prächtigen Blüten, der Ziegenstall wie das alte Gemäuer der Terrasse und das Gerumpel, welches ein Haus vorstellte, alles war von blühendem Jelängerjelieber umrankt. Wir hatten mehr als eine halbe Stunde vor der Eselcavalcade voraus, ich kenne die Führer. Ich führte Sidonie die Stufen zur Terrasse hinauf, ein altes Mütterchen, die einzige, die an den schönen Tagen nicht in den Weinbergen arbeitete, brachte uns einen Schoppen Asmannshäuser und eine trockene Semmel. Ein Göttertrank, versüßt durch feurige Küsse. Wir übernachteten in Bingen, bestiegen mit Sonnenaufgang die Klopp, fuhren dann im Nahethale hinauf zur Ebernburg, wo wir Mittag machten. Die Gestalten Hutten's und Franz von Sickingen's traten lebhaft vor meine Seele, und wir verglichen die große Zeit der Reformation und die Jetztzeit, die Ideale Hutten's und die Ideale Arnold Ruge's und der modernen badischen Ritter, die vor kurzem unter Hecker den Versuch gewagt, im Südwesten die Republik zu erklären. Dr.  Behrend brannte vor Ungeduld, wieder in sein Redactionsbureau zu kommen, er war mit Leib und Seele Oesterreicher und conjecturirte fortwährend, was aus dem Slawencongreß in Prag werden würde und ob Fürst Windischgrätz die Slawen werde bewältigen können. Pauline hätte gar zu gern einer Sitzung des Demokratencongresses beigewohnt, der in Frankfurt tagte, um die Helden der Linken reden zu hören. Wir wollten nichts von Politik hören, Sidonie und ich, und waren glücklich, als jene, nachdem wir über die Nahe zurückgefahren und nun den Rheingrafenstein erklimmen wollten, in der Höhe des Huttenthals angekommen, erklärte, nicht weiter zu können und uns da erwarten zu wollen. Ihr Mann mußte ihr Gesellschaft leisten, und wir waren wieder unter uns. Aber welche Angst habe ich ausgestanden, wenn oben auf den steilen Festungsmauern meine Begleiterin gleich einer Gemse bis an den äußersten Rand hinaustrat, um in die Tiefe hinabzuschauen. Wäre sie hinabgestürzt, ich hätte ihr folgen müssen. Am andern Tage fuhren wir nach Mainz hinauf, das Sidonie noch nicht gesehen. Diese drei Tage verdienen es, mir bis in das höchste Alter in Erinnerung zu bleiben, deshalb habe ich denselben so viel Raum in diesen Tagebuchsblättern gestattet.   Den 30. Juni. Heiße Tage seit voriger Woche. Das Gesetz über Einführung einer provisorischen Reichsgewalt, wie viel Worte, wie viel Schweißtropfen hat es gekostet! Dagegen ist gestern die Wahl des Erzherzogs Johann zum Reichsverweser um so glatter abgegangen; ob Gagern's »nicht weil«, sondern »obgleich ein Fürst« dazu beigetragen? Die äußerste Linke wollte Itzstein, er hatte zweiunddreißig, Gagern selbst zweiundfunfzig Stimmen, siebenundzwanzig Sonderlinge enthielten sich des Stimmens; auch Georg von Vincke hatte es nicht über sich gewinnen können, für einen Habsburg-Lothringer zu stimmen, obgleich Detmold nicht davon lassen will, daß das gerade der Weg zum preußischen Erbkaiserthum sei. Die Frankfurter jubeln, als zöge schon ein deutscher Kaiser wieder in ihre Mauern. Mir ist ganz wüst im Kopfe; Prioritäts- und Petitionsausschuß, Sidonie, die Sitzungen in der Paulskirche, das Zerren in den Clubs, das Artikelschreiben für die Heimat. Aber ich muß, die »Bremer Zeitung« hat sich nach Hannover hinübergesiedelt als »Zeitung für Norddeutschland«, und mein Freund Althaus und mein Neffe Oskar Schulz redigiren sie, mir zu sehr im Sinne der Linken. Da muß ich dann von Zeit zu Zeit einen Drücker aufsetzen und den Leuten begreiflich machen, daß sie das gute Wasser, was wir zu Hause haben und durch Stüve hoffentlich noch bekommen, nicht früher ausgießen, als bis wir hier reines, besseres haben. Wollen erst einmal abwarten, ob die Centralgewalt auch Gewalt bekommt, ob sich Oesterreich selbst und Preußen ihren Anordnungen fügen? Ich glaube nicht daran.   Den 10. Juli. Die Schleusen der Beredsamkeit haben sich seit acht Tagen geöffnet! – Die Grundrechte des deutschen Volkes werden berathen, und da glaubt sich jedermann zum Mitsprechen berechtigt. Welcher Wassersturz allein über die Vorfragen! Und nun gar die volkswirthschaftliche Entmischung! Wann sollen wir da zu Ende kommen?! Die Frauen sind jetzt täglich in der Paulskirche. Pauline sucht meine Eifersucht zu erregen, sie behauptet, die Schwester treibe nur deshalb in die Sitzungen, um das schöne blasse Antlitz von Raveaux mit den wunderbar schwarzen Augen zu sehen; Sidonie dagegen neckte jene, daß sie sich in den schönen Bart von Moritz Hartmann verliebt habe. Nun, Raveaux ist jetzt auf der Kurreise zum Reichsverweser, da kann er in Wien Eroberungen machen. Ich freue mich, daß Sidonie so verständig ist, mich nicht auf die Rednertribüne zu drängen, ich weiß, viele unnütze Reden werden von dort nur der Frauen wegen, die den Mann oder den Geliebten glänzen sehen wollen, gehalten.   Den 14. Juli. Auch die heutige rein hannoverische Debatte hat mich nicht auf die Tribüne gezwungen; es fielen da solche Kraftreden auch von sonst Gemäßigten, daß die Wahrheit: daß der König von Hannover das frank und frei sagt, was die übrigen Fürsten denken und in langen Diplomatischen Noten ausführen, nicht einmal Verständniß fand. Oder schlug man nur auf den Sack? Die österreichische Erklärung, welche nur von einem Staatenbunde etwas wissen will, der münchener Reichsverfassungsentwurf, die preußische Erklärung wegen der Wahl des Reichsverwesers, kündigen sie nicht alle mehr oder weniger offen an, daß die Regierungen der Versammlung das Recht, einzig und allein das Verfassungswerk zu schaffen, bestreiten?! Herr Bassermann will jeden, der einen Schlagbaum in den Weg wirft, welcher zur deutschen Einheit führt, mit den Abgeordneten von Leipzig zermalmen. Ja, wenn das Zermalmen so leicht ginge! Ich weiß nicht, ob Herr Bassermann einmal zugegen gewesen ist, wenn von der Makulatur, die er gedruckt, so ein Ballen eingestampft und zermalmt wird; selbst die Makulatur ist zähe und widerstrebt der Vernichtung. Wenn der kleine Stüve mit seinem Schreiben beabsichtigt hat, die Paulskirche darauf aufmerksam zu machen, daß es noch Könige gibt, so hat er seinen Zweck verfehlt. Die Majorität hat keine Ahnung davon, daß es ein Fehler war, als die Nationalversammlung bei ihrem ersten Schritt und Tritt, dem Gesetze vom 28. Juni und der Reichsverweserwahl, die Existenz deutscher Regierungen und des Bundestags ignorirte; consequent sind allein Zitz, Ruge und Genossen, sie wollten, daß Ernst August aufgefordert würde, sofort die Regierung des Königreichs Hannover in die Hände der Centralgewalt niederzulegen, um demnächst durch unsern souveränen Volkswillen weiter über die festzusetzende Regierungsform das Geeignete beschließen zu lassen. Wenn aber die Antragsteller glauben sollten, daß unsere guten Landsleute, wenn Ernst August dem freiwillig Folge geleistet (wer könnte ihn zwingen?), eine republikanische Regierungsform erwählt hätten, so irren sie sehr. So sehr man den König vor acht Jahren verwünschte – es würde keiner großen Manipulation bedürfen, einen Ernst August mit großer Majorität wiederwählen zu lassen. Wer ist dann aber blamirt? Uebrigens hat, um die Rechtscontinuität aufrecht zu erhalten, wie mir Detmold erzählt, vorgestern die Bundesversammlung ihre Machtbefugnisse in die Hände des Reichsverwesers niedergelegt. Wenn damit nur ein juristischer Gedanke zu verbinden wäre, wenn das die Centralgewalt stärken könnte! Aber die Eigenschaft und Machtvollkommenheit der Bundesversammlung steht der neugeschaffenen Centralgewalt direct entgegen, was ist da zu übertragen? Der Reichsverweser ist schon am 11. hier eingezogen, um heute wieder nach Wien zurückzureisen, wo Doblhoff noch immer kein Ministerium zu Stande bringen kann, und gemüthliche Anarchie, oder wie andere sagen, die anarchische Gemütlichkeit herrscht. Es muß dort arg hergehen, denn Veronica die Mutter hält sich und die Kinder nicht mehr sicher, so wenig in Wien wie in Sanct-Helena. Der Sicherheitsausschuß und Dr.  Goldmark beherrschen Wien. Die beiden Veronicas und der Student Baumgarten sind schon unterwegs hierher. Wie ich von Hermann höre, galt es vor allem, den jungen Studenten aus dem revolutionären Treiben zu ziehen.   Den 1. August. Wenn man verliebt ist und nebenbei Politik als Geschäft treibt, soll man kein Tagebuch führen. Seit der Debatte vom 14. vorigen Monats bin ich mit meinen Freunden noch mehr auseinandergekommen als früher. Ruge und seine Partei nannten mich von vornherein einen Abtrünnigen, weil ich nicht für den Convent und die Republik war. Hellung beschwor mich unter Thränen, zu ihnen im Donnersberge zu halten. Mit Oheim Gottfried ist nichts aufzustellen, seitdem die Grundrechte zur Berathung stehen; er hatte ein ganz neues System von Grundrenten ausgearbeitet, er leitet alle Rechte aus dem einen Urrechte der Persönlichkeit und der Menschheit her und deducirt daraus die Rechte des Einzelmenschen, z. B. das Recht auf Lebensunterhalt, das Recht auf Selbsthülfe und Selbstvertheidigung, das Recht der Ausbildung der Geisteskräfte, auf Wahl des Berufs und Wohnorts, die Rechte der Rasse, der Volksthümlichkeit, das Recht der Lebensalter, der Geschlechter u. s. w. Er ist nicht dahin zu bringen, einzusehen, daß das alles wol für ein System des Naturrechts, nicht aber für ein Gesetz passe, obgleich seine kleine hübsche Frau ihm mit mir hundertmal sagt, das sei unpraktisch. Hermann lebt in Besorgnissen um sein zweites Vaterland und hat große Noth gehabt, hier für seine Familie ein passendes Unterkommen zu finden. Veronica die Tochter ist eine Erscheinung, welche hier, wo es wahrlich nicht an schönen Frauen fehlt, Aufsehen erregt, mag sie mit ihrer Mutter in der Paulskirche, im Theater, auf der Mainlust oder in den Promenaden erscheinen. Georg ist ein Demokrat, ein Lärmmacher auf den Galerien, dem nichts im Kopfe schwebt als die ruhmwürdigen Thaten der Studentenlegion und der Aula, und der mit seiner Legion hier gern die Reactionäre in der Paulskirche, vor allen die Preußen, zusammenhiebe. Von der Versammlung im Landsberg habe ich mich zurückgezogen. Meine Landsleute wurden mir dort zu vertrauensselig in die Omnipotenz der Versammlung und zu sehr antihannoverisch. Durch Mediatisirung der Kleinstaaten allein kommen wir nicht zur Einheit, solange Oesterreich und Preußen nicht an Mediatisirung denken; solange beide Großstaaten sich nicht erklären, sondern, in Hintergedanken, Vorbehalten, Verclausulirungen leben, darf ein so kräftiger Stamm wie wir, die alten Sachsen, seine Stammeseigenthümlichkeiten der unbestimmten Centralmacht nicht auf dem Präsentirteller entgegenbringen. Was wir von unserer Selbständigkeit retten, ist vielleicht mehr werth als die goldenen Früchte, die man sich von den Grundrechten und der Einheit verspricht. Wippermann hat mich in das Casino eingeführt, doch hospitire ich vorläufig nur. Die Preußen überwiegen dort. Gervinus ist aus dem Parlament getreten. Der Reichskriegsminister hat einen Fühler ausgestreckt, wie weit seine Macht reiche, die sämmtlichen deutschen Truppen sollen am 6. dieses Monats dem Reichsverweser huldigen. Ob es geschieht?!   Den 9. August. Das Reichsministerium ist fertig – Fürst Leiningen Präsident. Mit dem Huldigen und Anlegen deutscher Farben ist es nichts Rechtes geworden, wie ich immer vorhergesagt habe; in Preußen hat die Armee gar nicht, in Baiern nur bedingt gehuldigt, in Hannover zeigte Ernst August, daß nur er Kriegsherr sei, selbst in Oesterreich huldigte nur die Besatzung Wiens. Dagegen hat das Volk überall freiwillig gehuldigt und demonstrirt. Gestern demonstrirte auch die Linke mit großem Skandal in der Paulskirche, unter Beistand der Galerien, die geräumt werden mußten. Die ganze Sitzungszeit ging in unnützem Geschrei verloren, die Amnestieanträge wurden durch Tagesordnung beseitigt. Die beiden Veroniken sind Freundinnen von Sidonie geworden, sie wissen um meine Liebe zu ihr und billigen dieselbe. Die Frauen haben endlich auch Ueberdruß gefunden an den Redereien der Paulskirche, sie musiciren desto fleißiger.   Den 5. September. Gestern wieder Sturm in der Paulskirche, des von Preußen ohne Vollmacht der Centralgewalt zu Malmö geschlossenen Waffenstillstands wegen, jedenfalls als Vorgefecht. Es ist ein gewagter Schritt von Preußen, so der öffentlichen Meinung von ganz Deutschland, der Nationalversammlung, selbst der Centralgewalt ins Gesicht zu schlagen! Die Macht oder Ohnmacht der Paulskirche gegen den Particularismus wird jetzt zu Tage kommen. Ob man den preußischen Particularismus niederschlägt wie den hannoverischen?   Den 8. September. Das Reichsministerium hat seine Entlassung gefordert, weil in der Paulskirche die Sistirung der zur Ausführung des Waffenstillstandes nöthigen militärischen und andern Maßregeln mit einer Majorität von siebzehn Stimmen beschlossen ist. Der Commerzienrath, den, scheint es, die Baronscarrière seines convertirten Bruders am meisten biegsam gemacht hatte, hat endlich eingewilligt, daß Sidonie zum Christenthum übertrete, er selbst und Frau Bettina wollen dieselbe Ende des Monats von hier abholen und zum Bruder in Berlin bringen. Dann kann Weihnachten Verlobung, zu Ostern Hochzeit sein. Wir befürchten den Leser zu ermüden, wenn wir noch weitere Auszüge aus dem Tagebuche Brunos bringen wollten, das sich bis zur Zurückberufung der hannoverischen Deputirten im nächsten Jahre hinzieht. Nach Sidoniens Abreise ist dasselbe freilich dürftiger, Bruno schrieb dreimal wöchentlich nach Berlin und erhielt von dort einen um den andern Tag ein Briefchen. Man sieht aus diesen Blättern, daß unser Freund immer mehr abhängig wurde von der Leitung Detmold's, daß er immer mehr Particularist wurde, wie seine bisherigen Freunde es nannten. Aber war er wirklich Particularist? Nein, er wollte auch ein deutsches Reich, einen deutschen Bundesstaat, aber er wollte die Sonderheiten deutscher Stämme und Staaten und die eigentümliche freie Kraft und Entwickelung in den Gliedern des Reichskörpers soweit wie möglich geachtet und geschont wissen; er wollte die militärischen Verhältnisse strammer und centralisirter, ein deutsches Parlament, ein Reichsgericht und Einigung wegen der Zölle. Er irrte jedoch darin, daß er die Hannoveraner wie einen besondern homogenen deutschen Volksstamm mit staatlicher Bildung ansah; das Königreich Hannover gleich andern deutschen Staatengebilden war nur Conglomerat und die staatliche Einheit ein Mantel, unter dem sich acht Fürsten-, Herzog-, Grafenthümer und noch allerlei Abfälle von andern deutschen Staaten versteckten. Detmold, der damals gerade »Piepmeier's Leben und Thaten« dichtete und zeichnete, hatte seine Hauptstärke darin, daß er die Schwächen seiner Gegner auf den ersten Blick erkannte und mit schlagendem Sarkasmus oder seiner Ironie so zu charakterisiren wußte, daß er überzeugte. Er hatte Bruno gegenüber nach und nach alle irgend bedeutenden Mitglieder der Nationalversammlung in ihrer Schwäche gekennzeichnet, sodaß aller und jeder Nimbus von den einzelnen und von der Versammlung selbst gefallen war. Er nannte das, seinem jungen Freunde einen Einblick hinter die Coulissen gewähren. Dieser sah bald nur noch Verführer und Verführte, Verräther und Verrathene, Anarchisten und Republikaner oder an Preußen verkaufte erbkaiserliche und mit dem erbkaiserlichen Fangnetz ausgerüstete Jäger, allerlei Lockspeise bietend. Er fing an, an mehr Egoismus zu glauben, als wirklich in der Paulskirche vorhanden war, denn nur wenige hatten das eigene Ich und das eigene Wohlergehen im Auge, sondern die meisten wollten das Wohl, die Freiheit und Einheit des Vaterlandes, wenn sie auch in den Wegen zum Ziele irrten und aus Unfertigkeit, Temperament, Verbissenheit über das Ziel hinaus- oder weit vorbeischossen. Detmold, wie man oft bei Verwachsenen bemerkt, war auf körperlich schöne wie auf geistig ausgezeichnete Männer neidisch und eifersüchtig; so haßte er namentlich Gagern, dem er schuld gab, sich durch Bunsen mit Palmerston und mit Rußland verbunden zu haben, um Oesterreich aus Italien zu verdrängen, Ungarn selbständig zu machen, und Preußen für ein norddeutsches Kaiserthum Raum zu schaffen. Er ließ keine Gelegenheit vorübergehen, um das Thun oder Lassen, das Reden oder Schweigen des Präsidenten, später des Vorsitzenden im Reichsministerium zu bespötteln und schlecht zu deuten, er wußte die schleswig-holsteinischen Professoren und Literaten als Schwächlinge und Erbkaiserfänger zu zeichnen, sodaß er auf seines Freundes Gemüth den unseligsten Einfluß ausübte und diesen beinahe ganz isolirte. Im Café Milani, wo er ihn einführte und zu halten suchte, war es diesem zu vornehm, zu steif und kalt, außerdem hörte man dort Vincke zehnmal, ehe einer der andern dazu kam, seine Meinung auszudrücken. Dazu kam es Bruno vor, als säßen dort ein halbes Dutzend oder mehr Diplomaten blos in der Absicht, einer dem andern seine Hintergedanken abzulauschen. Konnte es etwas weniger Zusammengehöriges geben als Georg Vincke und Detmold, jener Preuße durch und durch, dieser Vertrauter Schmerling's, Preußenhasser? Onkel Gottfried hatte sich von vornherein von Detmold zurückgezogen, da dieser das »Gänseblümchen« in alter göttinger Weise zu hänseln versuchte und die schöne Frau desselben mit französischen Artigkeiten und Schmeicheleien überhäufte. Aber Jeannette mochte den Buckeligen nicht, und ihr Mann warnte Bruno vergebens, sich mit dem »kleinen Scheusal« nicht zu tief einzulassen, derselbe misbrauche jedermann. Anfang October kam Commerzienrath Hirschsohn mit Frau, um Sidonie nach Berlin zu entführen. Dr.  Behrend glaubte sich verpflichtet, den reichen Schwiegervater seinem nähern Bekanntenkreise vorzuführen; sein Journal liebäugelte stark mit der Linken, daher, vielleicht unter dem Einflusse Paulinens, war es gekommen, daß zu dem Diner, das auf der Mainlust arrangirt war, außer Bruno und Hermann Baumgarten mit Frau und Tochter auch mehrere Parlamentsmitglieder der Linken eingeladen waren, unter andern Raveaux, Moritz Hartmann, Jakob Venedey und andere. – Bruno stand mit diesen Collegen nicht feindlich, man kannte und achtete sich aus der Zeit vor dem Parlament, und wenn man auch verschiedene Wege für die richtigen hielt, sich von der Tribüne, in den Clubs, in Zeitungen befehdete, so war man doch in Gesellschaften freundschaftlich und collegialisch. Raveaux unterhielt die beiden Veronicas von seinem Triumphzuge mit Heckscher nach Wien, seinen dortigen Erlebnissen und Kranksein; Hartmann ward von Pauline über Karlsbad oder Marienbad ausgefragt, das ihr für den nächsten Sommer zur Cur empfohlen war, Hermann Baumgarten ließ sich von Venedey's neunzehnjähriger Verbannung vorerzählen, Frau Bettina ward von einem frankfurter Bankier zu Tisch geführt, Bruno drückte die kleinen weißen Hände Sidoniens mehr und sah ihr öfter in die dunkeln Augen, als es für einen nicht öffentlich Verlobten passend schien. Nur Eins störte die Harmonie, der Commerzienrath wiederholte den ganzen Vorrath seiner platten, unfeinen Scherze, die er sich in Heustedt angewöhnt, und zeigte den Emporkömmling und den Mangel wahrer Bildung auf mehr als einerlei Weise. Es wurde unserm Freunde klar, daß er nicht wohlthun würde, neben dem Schwiegervater in Heustedt seine Familie aufzubauen. Durch den Aufenthalt in Hannover und Frankfurt war ihm das dortige kleinstädtische Leben zum vollen Bewußtsein gekommen. Die großsprecherischen Redewendungen, die man in den Zeitungscorrespondenzen jenes Jahres gebrauchen mußte, wenn man Anklang finden und gelesen sein wollte, ein wenig Stolz, Mitglied der Zweiten Kammer in Hannover (sie war freilich eben mit der Verkündung des Verfassungsgesetzes aufgelöst) und der constituirenden Nationalverfassung zu sein, Reichsgesetze schaffen zu helfen u. s. w., hatten unserm Freunde den Beruf eines Advocaten etwas verleidet, wenigstens war er schon halb und halb entschlossen gewesen, mit der neuen Gerichtsorganisation, welche das Ministerium Stüve verheißen, nach Hannover überzusiedeln. In jener Gesellschaft wurde es ihm klar, daß er mit der Christin Sidonie nicht an demselben Orte wohnen könne, wo der Jude Meyer Hirschsohn wohnte. Kurz nach der Abreise der Geliebten ereignete sich ein Zwischenfall, der in die persönlichen Verhältnisse unsers Freundes nicht wenig eingriff. Der Student Georg Baumgarten hatte sich den demokratischen Vereinen Frankfurts angeschlossen und sich auf der Pfingstweide in einer Art benommen, die es dem Vater zur Pflicht machte, ihn aus Frankfurt fortzuschaffen. Da es derzeit im Hannoverischen verhältnißmäßig am ruhigsten in ganz Deutschland war – hannoverische Truppen waren in sächsische Länder zur Aufrechterhaltung der Ruhe eingerückt – so hatte Baumgarten seinen Sohn Georg selbst nach Göttingen gebracht und ihn der Aufsicht eines dortigen befreundeten Professors anvertraut. Beruhigt war er nach Frankfurt zurückgekehrt, wo ihn die Nachricht von der Ermordung und hinterher Aufhängung des Kriegsministers Latour und dem furchtbaren Gemetzel vom 6. October aus Wien traf. Die Aufmerksamkeit auf die Verhandlungen der Paulskirche war von diesem Augenblicke an geschwunden; in Wien wie in Berlin war von neuem Blut geflossen; Bürgergarden rückten gegen Arbeiter in Berlin. Da erhielt der Vater am 24. October einen von Brünn datirten Brief, der sechs Tage unterwegs gewesen war. Er lautete: »Lieber Vater! Das Vaterland ruft, die akademische Legion ruft, die Ehre befiehlt; wenn Du diesen Brief erhältst, kämpfe ich an der Spitze der dritten Compagnie der akademischen Legion, die mich zu ihrem Anführer erkoren, gegen die Kroaten. Die Ehre befiehlt, der Sieg wird unser sein, grüße Mutter und Schwester, sie sollen für die gute Sache beten! Dein Georg.« So ereilte ihn die Strafe; hatte er selbst vor fünfunddreißig Jahren nicht auch Vater und Mutter verlassen, um sich den Lützowern anzuschließen? War nicht Jelachich mit seinen kroatischen Horden der zweiten Vaterstadt Wien ein schlimmerer Feind, als Napoleon es gewesen war, zumal jener im Bunde war mit einer verräterischen Camarilla? Bisher hatte man in Frankfurt noch an die Siege der Ungarn und Wiener geglaubt, die Versammlungen des Donnersbergs und des Deutschen Hofes hatten noch am 13. Robert Blum und Julius Fröbel nach Wien gesendet, um eine Adresse dieser Fractionen, »daß Wien sich durch seine Erhebung um das Vaterland verdient gemacht habe«, dahin zu überbringen; der Reichsverweser schickte Welcker und Mosle als Reichscommissare dahin, die letzte Nachricht, die aus Wien vom 20. October vorlag, enthielt ein Manifest des Constituirenden Reichstags, von Franz Smolka unterzeichnet, an die Völker Oesterreichs und das Manifest des Kaisers, datirt Olmütz, den 16. October – sonst hatte man nur die unbestimmte Nachricht, daß Fürst Windischgrätz die Vorstädte Wiens von allen Seiten umschlossen habe. Da half kein Besinnen; Hermann Baumgarten reiste noch in der Nacht nach Wien, um womöglich seinen Sohn zu retten; Bruno blieb als Beschützer der Frauen zurück und zog zu diesen auf die Villa vor dem Bockenheimer Thore. Es folgten trübe Tage, erst am 5. November erhielt die Familie die Nachricht, daß es Hermann am 1. November gelungen sei, hinter den Truppen in das eroberte Wien einzudringen, in welchem die blutigste Soldatenwirthschaft herrsche. Dann kam, zugleich mit der Nachricht von Robert Blum's Erschießung, die freudige Kunde, daß der Vater den Sohn in einem Versteck der Wiener Vorstadt aufgefunden habe, daß derselbe leicht verwundet sei, er aber hoffe, denselben innerhalb acht Tagen mit sich führen zu können, wenn der Reichsverweser seinen Paß auf seinen Sohn und auf eine Dame, die Baronin Heloise von Barrò, ausdehne, denn Heloise habe sich nach Wien geflüchtet, da ihre ungarischen Besitzungen von Kroaten besetzt seien und ihr Mann mit dem Heere im Felde stehe. Anfang December wohnte Bruno wieder in der Stadt, in der Villa Hermann's war Heloise eingekehrt, und Georg lag an einer Schußwunde, die einen Knochen des linken Arms verletzt hatte, danieder, von Mutter, Schwester und Heloise gepflegt. Man studirte nur die unsichern Armeenachrichten aus Ungarn; die Entsagung des Kaisers Ferdinand zu Gunsten seines Neffen Franz Joseph, die Entlassung Schmerling's und der Eintritt Gagern's als Ministerpräsident machten in der Villa nicht so viel Eindruck als die unsicherste Nachricht von den Beschlüssen des ungarischen Reichstags in Debreczin und von dem Vorrücken des Fürsten Windischgrätz gegen Ungarn. So nahten die Weihnachtstage, an denen Bruno einen Besuch in Berlin versprochen hatte. Achtes Buch. Was es bringen wird? Erstes Kapitel. Im Sturmjahre zu Berlin. Wenn man vom Brandenburger Thore unter die Linden tritt und die Neue Wilhelmsstraße auf dem Trottoir zur Linken überschritten hat, trifft man zwischen dem Ministerium des Innern und der Schadowstraße (jetzt dem Aquarium) ein Privathaus, das sich dadurch auszeichnet, daß es keine Läden im Parterre hat. Ein hoher eichengeschnitzter Thorweg schließt das Haus; der zur Portierwohnung führende Zug ist von Porzellan und trägt den Namen »Baron de Hirschstein«. Wurde der Thorweg geöffnet, so fand man sich auf einer großen Hausflur, über welche ein in Eichquadern gemauerter Fuhrweg zu den Remisen und Ställen im Hofraume führte. Rechts stieg man zwei Stufen von schwarz-weißcarrirtem Marmor zu einem Perron empor, welcher vor den Wohnungen der Dienstleute herlief und im schönen Treppenhause ausmündete, das Winter und Sommer mit Blattpflanzen, Blumen und Statuetten geschmückt war. Die Marmortreppen waren mit einem reichgezierten Treppengeländer aus Bronze eingefaßt, am Fuße ragte ein vielarmiger Candelaber mit Glocken von mattem Porzellan empor, der auf der ersten Treppenwendung einen zweiten, beim Eingange in die erste Etage einen dritten Bruder hatte. Die Marmortreppe war mit feinen brüsseler Teppichen belegt, über welchen ein Läufer von Kokosfasern zur Schonung ausgebreitet war. War man durch die Glasthüren in die erste Etage getreten und in das große Empfangszimmer zur Rechten eingeführt, so wurde das Auge unwillkürlich durch eine schöne Landschaft von Andreas Achenbach, Sonnenuntergang am Rhein, gefesselt, die über dem Sofa hing. An der entgegengesetzten Seite sah man neben der Thür, die in das Arbeitscabinet des Barons führte, zwei Porträts, die eines Herrn und einer Dame. Wenn das Porträt zur Linken, wie nicht zu zweifeln war, den Hausherrn vorstellte, so trug es keine Spur von Aehnlichkeit mit seinem Bruder, dem Commerzienrath in Heustedt. Dieser war groß, stark, robust, schwarz, mit großer jüdisch gebogener Nase, glatt rasirt, mit dicken aufgeworfenen Lippen, welche Hang zur Sinnlichkeit andeuteten, feurigen schwarzen Augen. Jenes Porträt dagegen stellte einen feinen Kopf mit beinahe englischem Gesichtsschnitt dar, mit klugen grauen Augen, von sanfter Röthe angehauchtem Gesicht, spärlich blond rothem Haare und einem Cotelettbarte von gleicher Farbe, zwischen dem ein breites Kinn, ein kleiner Mund mit schmalen Lippen, eine schöngeformte Nase voll Selbstbewußtsein der Welt Trotz zu bieten schienen. Ueber das schwarzsammtene Gilet hing an einem Gummibande ein Lorgnon von Schildpatt; außer einer einfachen goldenen Uhrkette und dem Trauringe trug der Baron keinen Schmuck, im Gegensatze zu seinem Bruder, dessen Hände von Diamant- und Siegelringen prangten und dessen massiv goldene Uhrkette mit einem halben Dutzend allerliebster Nippes, einer Locomotive, einem Kompaß, einem Porträt seiner Frau, einem goldenen Herzen u. dgl. beschwert war. Die Dame auf der rechten Seite trug ein weißseidenes Atlaskleid und hielt einen Orangeblütenstrauß in der Hand, ihre Schultern waren in eine schwarze Spitzenmantille eingehüllt, welche die Weiße des Nackens und Halses hervorhob. Ihr Gesicht, von langen schwarzen Locken umrahmt, hatte orientalische Züge, es war weder hübsch noch häßlich, ein jugendlich frisches Alltagsgesicht; aber ihre großen braunen, etwas chinesisch zugeschnittenen Augen, mit den schönen Brauen und den langen schwarzen Augenwimpern, hatten eine ungemeine Tiefe und deuteten auf ein sehnsuchtsvolles Gemüth. Beide Porträts waren von Karl Sohn in Düsseldorf gemalt, wie man an dem Costüm sah vor etwa zwanzig und einigen Jahren, vielleicht vor oder kurz nach der Hochzeit des Paares. Wenn es wahr ist, daß man daraus, wie jemand wohnt, einen Schluß auf seinen Charakter und Geist machen kann, so wollen wir die Zeit, wo der Hausherr auf der Börse, Mutter und Tochter aber bei Gerson oder in einem andern Laden sind, um Einkäufe zu machen, benutzen, uns die Wohnräume näher anzusehen. Das Arbeitscabinet des Hausherrn war nicht sehr groß, es hatte nur zwei Fenster nach den Linden hinaus, in der Mitte des Zimmers stand ein großer Schreibtisch von Eichenholz mit reicher Schnitzarbeit, an allen vier Seiten des Schreibtisches hohe eichene Stühle, Rücken und Sitze gepolstert und mit grünem Rips überzogen. Eine Chaiselongue von ähnlichem Stoffe und zwei hohe bequeme Lehnstühle, in deren Mitte ein runder Tisch mit einer grünen Tuchdecke, bildeten hinter dem Kamin eine trauliche Ecke in der Tiefe des Zimmers. An der Hinterwand hingen nur zwei größere Aquarelle, den Löwenhof in der Alhambra in Granada und den Eingang zum Saale der zwei Schwestern in demselben Prachtbau darstellend. Am rechten Fenster der Seite stand ein Stehschreibpult im Stil der Stühle und des Tisches, gegenüber ein eiserner feuerfester Schrank in demselben Stil wie die übrigen Möbel und in Eichenholzfarben. Auf dem Schreibtische waren englische, französische und deutsche Zeitungen sorgfältig auseinandergefaltet und durch allerlei Briefbeschwerer vor Unordnung bewahrt. Curszettel und andere Papiere lagen wohlgeordnet, jedes auf seinem ihm ein für allemal angewiesenen Platze. Eine Pendule in Bronze, ein Thermometer, ein Tintenfaß und ein Behälter für Federn, alles schien einen bestimmten Platz zu haben. Man sah kein Sandkorn, kein Stäubchen weder auf Tisch noch Papieren, es war dies das Zimmer eines durchaus accuraten und ängstlich auf Ordnung haltenden Geschäftsmannes. An dieses Geschäftszimmer stieß ein großer parketirter Gesellschaftssalon mit wiener Flügel von Jacarandaholz und gleichen Möbeln, die Wände mit rothen Sammttapeten bekleidet, von denen sich auf der fensterlosen Ostseite drei Porträts, die des Hausherrn, seiner Frau und einer etwa achtzehnjährigen Tochter, in den glänzendsten Goldrahmen hervorhoben. Die Aeltern waren hier um zwanzig Jahre älter als in dem ersten Zimmer, die Tochter ein Ebenbild der Mutter, nur der Haarschmuck war moderner, die Augen noch schmachtender. Auf der Wandseite nach Westen hing das Bild eines hohen schlanken blonden Ulanenlieutenants, es war der Sohn, welcher sich schon früh zum Cavalier ausgebildet hatte, und da er zu den Geschäften des Vaters keine Neigung zeigte, in das Militär eingetreten war, wo ihm das Geld des Vaters den Weg bahnte. Neben diesem Empfangssalon befanden sich noch zwei kleine Boudoirs, wie dieser selbst mit niedrigen Causeusen und weichen Fauteuils beinahe überladen. Der Salon zeigte mehr Pracht als feinen Geschmack, und da er unzweifelhaft seine Anordnung der Hausfrau verdankte, so ließ dies einen Schluß auf ihren Schönheitssinn machen. Neben dem Salon nach Norden fand sich noch ein achteckiger Speisesaal, pompejanisch decorirt. Die Frauengemächer lagen nach hinten, dem Speisesaale gegenüber in einem Flügel, der sich bis zu dem Garten hinter dem Hause erstreckte. Das Entréezimmer zu den Damengemächern war zugleich Bibliothek und verbarg hinter Glasschränken die Werke deutscher und französischer Classiker, auch englische Bücher nebst unzähligen Gedichtsammlungen in Goldschnitt und reichvergoldeten Einbänden. Dann folgte das Cabinet der Hausfrau, das mit unzähligen Nippsachen, Statuetten, Büsten, Gipsabgüssen nach antiken und modernen Compositionen überladen war, sodaß man trotz zahlreicher kostbarer Plüschfauteuils, Causeusen, amerikanischer Wiegestühle, nirgends ein gemüthliches Plätzchen fand. An dieses Boudoir stieß ein Musiksalon mit Pianino und Harfe, daran das Boudoir der Tochter vom Hause, der schönen Eva. Es war dies ein reizendes Gemach, ein Halbrundbau mit großen halbrunden, bis zum Fußboden reichenden Fenstern und Thüren. Um diesen Rundbau, der im Westen in einen Nachbargarten hineinragte und nach Norden und Osten in den eigenen Garten, zog sich ein Balkon, von welchem man außer dem Nachbargarten den Garten des Ministeriums des Innern und die Gärten bis zur Dorotheenstraße überschaute. Eine eiserne Wendeltreppe führte zu einer geschmackvollen Veranda und in den Garten hinab. Das Zimmer war mit seegrünem Seidenstoffe, in welchen goldene Sterne eingewirkt waren, tapeziert, dunkelgrüne schwere damastene Vorhänge vor Fenster- und Balkonthüren, neben feingestickten weißen Mullgardinen machten es möglich, dem Zimmer jeden Grad der Helligkeit zu geben. Die Möbeln waren Rococo, die Fauteuils mit grünseidenem Stoff, in welchen bunte Blumenbouquets eingewirkt waren, bezogen. Aber welch malerisches Chaos aus Tischen, Stühlen und Sofas! Da war kein Sitz leer, hier lag eine angefangene Aquarellzeichnung, dort ein aus dem Musiksalon mit herübergebrachtes Notenheft, ein aufgeschlagenes Album hier, ein Dutzend verschiedener Bücher aus der Bibliothek waren zum Theil auf dem Fußboden herumgeschleudert, wenn sie das Interesse der Leserin nicht mehr hatten fesseln können. Angefangene Stickereien, halbvollendete Briefe, Bleistiftzeichnungen, Schmuckgegenstände, Manschetten, alles wüst durcheinander. Wenn es im Köpfchen der Herrin ebenso wie in diesem Zimmer aussah, wenn sie so sehr im Gegensatze zu der Ordnungsliebe des Vaters lebte, so konnte das Familienverhältniß schwerlich ein glückliches sein. Daß die schöne Eva unbeständig, launisch, veränderlich sei, ließ sich bei dem Anblicke ihres Zimmers nicht in Zweifel ziehen. Der neugebackene Baron, das sah man aus dem ganzen Hause wie aus jedem einzelnen Zimmer, mußte ein sehr reicher Mann sein; es waren ihm von einem Juwelier für die Benutzung der untern Räume des Hauses zu Läden große Summen geboten, ja er selbst hätte mehr als 1000 Thaler jährlich ersparen können, wenn er das eigene Comptoir von der Königsstraße unter die Linden verlegt hätte, aber es schien ihm unfein, in seinem Privathause ein Geschäft zu treiben, er wollte da nichts von Handel und Wandel, Soll und Haben wissen. Der Baron war der jüngere Bruder des Commerzienraths; während dieser dem Vater beinahe von Kindheit auf in seinem Productengeschäft, Wollhandel und Korneinkäufen, wie im Negocengeschäfte behülflich gewesen und wenig Sinn für Erlernung fremder Sprachen zeigte, hatte jener französisch, holländisch, englisch mit Leichtigkeit erlernt, war einige Jahre in Amsterdam auf einem großen Comptoir, dann über fünf Jahre in London gewesen, wo er sich ganz nach seinem Principal, einem angesehenen Bankier, gebildet und englisches Wesen angenommen hatte. Nach Deutschland zurückgekehrt, hielt es ihn in Heustedt nur wenige Wochen, er begründete mit dem Vermögen, das er von der Mutter ererbt, und dem, was ihm der Vater vorläufig gab, ein Geschäft in Berlin. Da er seine Sache verstand, ordentlich und solid war, vorläufig nur auf Erwerb ausging, erwarb er sich in kurzer Zeit guten Ruf an der Börse und hatte das Glück, daß sich die schwarzlockige Tochter eines Inhabers von Millionen, die liebesbedürftige Judith Meyer, in ihn verliebte. Er erheirathete mit ihr das Haus unter den Linden und lebte lange Jahre glücklich mit derselben, nur bei dem Heranwachsen der Kinder ergaben sich Unebenheiten in der Ehe. Die Mutter war es, welche von frühester Jugend an die Neigungen des Sohnes auf die bunten Uniformen lenkte, indem sie ihn schon als kleinen Knaben mit einer Husarenuniform beschenkte und immer mit ihm von dem freien schönen Leben eines Offiziers sprach, das Bankgeschäft als etwas nicht Gentlemanlikes darstellend. Dann hatte der Sohn früh, ehe er die deutsche Sprache richtig verstand und das Französische mühsam erlernte, ein Pferd geschenkt bekommen und Reitunterricht erhalten. Als Gymnasiast schon pflog er mit Cavalerieoffizieren Umgang und tractirte dieselben mit Hülfe der Goldfüchse, die ihm die Mutter heimlich zusteckte; der Vater konnte ihn auf dem Comptoir nicht gebrauchen, er verstand weder zu rechnen, noch hatte er Sinn für Staatspapiere, Actien, Curse. Die Tochter ärgerte den Vater durch ihr unordentliches, flüchtiges Wesen, und er zankte mit der Mutter, daß sie Eva nicht zur Ordnung und Beständigkeit gewöhnen könne. Aber Judith war schwach gegen die Kinder, gegen ihr Ebenbild erst recht schwach. Hirschsohn war schon ein gemachter Mann, ehe sein Schwiegervater verstarb und der Tochter ein Vermögen hinterließ, das man auf mehr als eine Million anschlug; seitdem rechnete man ihn auf der Börse zu den Sternen dritter Größe, aber in gewisser Beziehung war und blieb er Börsenkönig. Es gab auf der ganzen Börse keinen schweigsamern Mann als unsern Hirschsohn, er sprach selten auch nur ein Wort. Er saß steif und stumm an seinem Platze in der alten Börse neben dem Dom im Lustgarten, klemmte dann und wann das Lorgnon zwischen seine Augen und betrachtete sich das Gewühl. Es drängte sich eine Masse Agenten, Makler, Anfänger im Geschäft regelmäßig um seinen Platz und überhäuften ihn entweder mit Anerbietungen oder wollten kaufen. Er fertigte sie mit Augenblinzeln oder Schütteln mit dem Kopfe ab; machte man ihm aber ein annehmliches Gebot, so nickte er, zog das Notizbuch aus der Tasche und merkte sich den Verkauf. Wollte er im Laufe der Börse kaufen, so winkte er mit den Augen einen der immer bereit stehenden Agenten herbei, riß ein Blatt aus dem Notizbuche und notirte seinen Auftrag kurz und bündig. Entfernte sich dann der Agent zu einem andern Platze, um einen Verkäufer aufzusuchen, so konnte man sicher sein, daß ein Dutzend Judenjünglinge dem Agenten folgten und zu erforschen suchten, zu welchem Curse Hirschsohn kaufe. Ein solcher Kauf hob für das betreffende Papier den Curs sofort in der Börsenmeinung um ein halbes Procent, denn man traute dem Schweigsamen mehr als gewöhnlichen Börseninstinct und Verbindungen mit auswärts zu. Es kamen damals noch nicht wie heute die Curse von London, Paris, Wien, Frankfurt gleichzeitig durch Telegramm auf die Börse. Nach dem Tode des Schwiegervaters heirathete sein Schwager eine Freifrau von so und so und wurde in den Adelstand erhoben. Hirschsohn haßte diesen Schwager, weil er von ihm bei der Erbtheilung hintergangen war oder sich hintergangen glaubte, und er, der bis dahin kaum einen andern Gedanken gehabt hatte, als wie er sein Geld vermehre, dachte nun unaufhörlich an Standeserhöhung, Rang, Verbindung mit hohen Personen. So war das Jahr 1848 gekommen. Als es anfing in Italien unruhig zu werden, verwandelte Hirschsohn noch zur rechten Zeit seine sämmtlichen Métalliques in englische Consols und entäußerte sich auch sonst aller zweifelhaften Papiere. So konnte er, als die Sündflut gekommen war, einem der jüngern Prinzen mit größern Vorschüssen aushelfen, der Bank sich gefällig erzeigen. Der Vermittler bei dem ersten Geschäfte war ein Major Graf von Bruckheim, ein armer Edelmann ohne Vermögen. Dieser vermittelte auch die vom Uebertritt zum Christenthume abhängig gemachte Baronisirung und hielt dann um die Hand der schönen Eva an, die, ohne lange zu zaudern, einwilligte, Gräfin und Frau des stattlichen Ulanenmajors zu werden. Eva war ein wunderliches Kind, von rascher Empfänglichkeit und Auffassung, aber ebenso schnellem Ueberdruß an dem soeben mit Enthusiasmus Unternommenen, ein Kind ohne Ruhe und Rast. Eva, die Jungfrau, hatte alle Fehler des Kindes beibehalten, nur mit dem Lack der Convenienz und Bildung überkleistert. Sie konnte in wenig Minuten traurig und lustig, sentimental und fromm und wieder frivol und Freidenkerin sein. Wenn wir in dem Boudoir der jungen Dame uns unter den auf Tischen und Stühlen umherliegenden Skizzen und Zeichnungen umsehen, so werden wir den Versuch desselben Bildes in mehrern Anfängen, in Kreide, Federzeichnung, Sepia und Silberstift finden. Man sieht in einer Straße eine Barrikade, neben der mehrere Verwundete liegen, auf der Barrikade steht ein Jüngling mit langflatternden Locken, in der linken Hand die schwarz-roth-goldene Fahne, in der rechten den Säbel. Die Cavalerie, welche einen Angriff gemacht hat, aber zurückgeschlagen ist, zieht sich im Hintergrunde der Straße in Unordnung zurück. Es war das eine Scene aus der Wirklichkeit, die Eva selbst erlebt hatte. Sie war am 18. März 1848 mittags in der Friedrichsstadt, als man Barrikaden zu bauen anfing. Vergeblich hatte sie versucht, von der Behrenstraße durch die Kleine Mauerstraße unter die Linden zu gelangen, sie mußte umkehren und den Durchgang durch die Friedrichsstraße suchen; hier war aber, wo sich diese nach den Linden zu verengt, nahe der Behrenstraße eben jene Barrikade erbaut, die sie mehrfach skizzirt hatte. Eva trat gerade aus der Behren- in die Friedrichsstraße, als ein Angriff der Dragoner abgeschlagen wurde, – der junge Mann auf der Barrikade kam ihr vor wie ein Held – ja es mußte außerdem ein Dichter sein, denn als er sie über die Erhöhung hinweghob, sah er sie mit seinen großen blauen Augen so schwärmerisch, so poetisch an, wie das noch nie ein Mensch gethan hatte. Der Jüngling schwebte darauf wochenlang vor ihrer Phantasie, sie fing hundertmal an, ihn zu zeichnen. Aber er war seit dem 18. März verschwunden, war er gefallen, war er gefangen oder verwundet? War er entflohen? Wie sollte sie ihn finden? Sie kannte weder Namen noch Stand. Sie war nach dem Friedrichshain hinausgefahren und hatte unter den Gräbern gesucht, sie hatte Erkundigungen nach dem Namen des Unbekannten angestellt und anstellen lassen, aber niemand, der in der Umgegend des Orts der Begegnung wohnte, kannte den Muthigen. Die einen sagten, es sei ein Student, die andern, es sei ein Maler gewesen. Ein Interesse, das sie länger als vier Wochen fesselte, hatte das junge Mädchen noch nicht gehabt; als der Mai kam, wurden die Bilder und Skizzen, bis auf ein paar der bestgelungenen, zerrissen, das Denken an den unbekannten Helden hörte auf. Bald darauf trat die schmeichelnde Vorstellung, Baronesse, Gräfin zu werden, an der Seite eines schönen Offiziers in der Oper und dem Schauspielhause zu erscheinen, dem Hofe vorgestellt zu werden, im Weißen Saale mit weißer Atlasrobe zu erscheinen, im Thiergarten neben dem Gemahl einen Spazierritt zu machen, von allen Jüdinnen beneidet zu sein, der Schwägerin Freifrau es an Pracht und Herrlichkeit zuvorzuthun, an die Stelle aller andern Phantasien. Jetzt, Anfang October, war das Wetter schon wieder umgeschlagen, der Ulanenoffizier und Graf war ihr etwas Altes, Gewohntes, Abgethanes; er hatte keinen Reiz mehr für sie, sie zeigte sich kalt und launisch gegen ihn. Hatte sie doch ihren Helden wiedergesehen, als sie jüngst über den Gensdarmenmarkt fuhr, wo sich Volkshaufen vor dem Schauspielhause gesammelt hatten, um den Ausgang der Abgeordneten aus dem Concertsaale zu erwarten. Da hatte der Fahnenträger auf der Treppe des Schauspielhauses gestanden und zum Volke geredet, das ihm Beifall zujauchzte. Was er geredet, konnte sie nicht verstehen; sie fragte danach nichts, ihr war es genug zu wissen, daß er nicht todt, nicht gefangen, nicht verwundet war. Ihr Ideal war ein Held des Volks, ein Demokrat – Eva wurde Demokratin und vertrat dem Bräutigam wie dem Vater gegenüber die Rechte des Volks, schwärmte für Ruge, D'Ester, Waldeck und die Helden der äußersten Linken, und suchte die Barrikadenscene wieder hervor, um sie endlich wenigstens einmal zu vollenden. – – So war das Haus, das waren die Menschen, die Sidoniens Ankunft erwarteten, und die Zeit, in welcher diese Ankunft erwartet wurde, war die ungünstigste, die sich denken läßt. Nicht daß das Wetter schlecht gewesen wäre, vielmehr war nach Mitte October noch ein schöner Nachsommer eingetreten, aber die Geister waren wie von Aequinoctialstürmen gejagt. In Wien war alles außer Rand und Band, die Anarchie, der Bürgerkrieg war eingezogen, die Stadt belagert; in Berlin war es unheimlich, der Sturm wollte losbrechen. Die Majorität der Versammlung im Concertsaale hatte das »von Gottes Gnaden« bei dem Titel des Königs gestrichen; der König hatte der ihm zum Geburtstage gratulirenden Deputation, die er freundlichst empfing, unter anderm gesagt: »Meine Herren, ich mache Sie darauf aufmerksam, wir besitzen noch eine angestammte Obrigkeit von Gottes Gnaden, welche mit voller Macht ausgestattet ist.« Das war der Demokratie zu viel; man stachelte die Massen, hetzte die Arbeiter auf, es kam zwischen Arbeitern und Bürgerwehr zum blutigen Kampfe. Zwei Tage vor diesem Kampfe kehrte der Commerzienrath mit Frau und Tochter bei seinem Bruder, dem Baron, unter den Linden ein; als nun nach jenem Zusammenstoße die Leichen der Arbeiter in den Straßen herumgetragen wurden und am Abend in der Alten Jakobsstraße von neuem eine Barrikade aufgerichtet wurde, vor der es abermals zum Kampfe kam, und von beiden Seiten Todte blieben, fand es der Commerzienrath nicht mehr geheuer in Berlin, er reiste nach Heustedt zurück, während Frau Bettina mit Sidonie zurückblieb. Wien war erobert, an demselben Tage, an dem die demokratischen Clubs und der Mob Berlins es versuchten, die Constituirende Versammlung in Berlin zu zwingen, den Wienern zu Hülfe zu eilen. Eva hatte anspannen lassen, sie hoffte, ihren Fahnenschwinger wiederzufinden, die Tante und Cousine aus Heustedt waren neugierig, sie hatten noch keine berliner Volksversammlung gesehen. Als man aber auf der Jägerstraße über den Gensdarmenmarkt fahren wollte, fing man an das Wagniß zu bereuen, die Menschenmasse wurde immer größer und dichter, die Art der Menschen nach Anzug und Physiognomie immer abschreckender; wahre Bassermann'sche Gestalten tauchten neben dem Wagen auf und grinsten zähnefletschend durch die Spiegelscheiben der mit der Baronenkrone gezierten Equipage. Als diese im langsamen Schritt so weit vorgefahren war, daß man die Freitreppe des Schauspielhauses und den jetzigen Schillerplatz übersehen konnte, wurde das Gedränge so groß, daß der Kutscher anhalten mußte. Bettina und Sidonie schwebten in tausend Aengsten und verwünschten ihre Neugierde. Eva hatte nur Augen für die Freitreppe, da war ihr Barrikadenheld wieder, die schwarzumflorte schwarz-roth-goldene Fahne in der Hand; neben ihm stand der wohlbekannte große, fette, rothumbartete Volksredner Held und redete mit seiner Riesenlunge und Feuerzunge zu der tobenden Menge, Gehör bittend für ein Mitglied der Deputation des Arbeitervereins aus Wien, welcher die Hülfe der Berliner für die von den Kroaten bedrängte Kaiserstadt erbitten wollte. Karbe, Ottensosser und andere Lieblinge der souveränen Menge standen zur Rechten. Einige Radicale aus der constituirenden Versammlung, D'Ester und andere, hielten sich mehr im Hintergrunde, gleichsam, als schämten sie sich der Gemeinschaft mit den vorn auf der Freitreppe Stehenden. Von dem, was Held sprach, konnte man im Wagen nichts verstehen, bei jedem Schlagworte aber erscholl ein Hurrah oder Bravo, das die Fenster des Schauspielhauses erschütterte. Die Rede war zu Ende, das Volk kam in Bewegung, es sehnte sich nach »Thaten«, zu welchen der Redner aufgefordert hatte. »Hier ist Gelegenheit!« schrie ein kleiner schiefer Kerl und schlug mit einem dicken Prügel in die Fenster der Equipage, sodaß Eva, welche dem Fenster am nächsten saß und nach ihrem Ideal mit dem schwarz-roth-goldenen Banner starrte, von Glassplittern überschüttet wurde und mehrere Wunden ins Gesicht bekam, »hier ist Aristokratenbrut, hängt sie!« Eine Abtheilung Bürgerwehr, die neben der Freitreppe stand, da, wo an Markttagen Strohmatten, Holzwaaren u. dgl. zum Verkaufe ausgestellt zu sein pflegen, versuchte nach der Equipage vorzudringen. Allein die Menge warf sich nun gegen sie, dadurch bekamen die Pferde etwas Luft. Als das Proletariat nach Westen drängte, sah der Kutscher von seinem hohen Bocke, daß die Räume vor ihm nach der Markgrafenstraße zu von unbewaffneten Maschinenbauern eingenommen waren, unter denen er seinen Bruder, einen Cyklopen von hervorragender Größe und vielem Einfluß bei den Genossen, erkannte. Er rief diesem zu und bat um Platz, gleichzeitig ließ er die Pferde anspringen und beseitigte dadurch noch ein paar Dutzend Proletarier, welche den Wagen von den Maschinenbauern trennten. Letztere theilten sich und ließen den Durchpaß nach der Markgrafenstraße frei; waren sie doch überhaupt nur erschienen, um, wo nöthig, eine Art Vermittlerrolle zwischen Bürgergarde und Arbeitern zu spielen. Die Insassen des Wagens athmeten erst auf, als dieser um die Hedwigskirche und neben dem Opernhause den Linden zufuhr. Es kann nicht die Aufgabe unserer Erzählung sein, die sich überstürzenden Ereignisse der nächsten Tage und Wochen zu schildern, aber wir müssen sie kurz andeuten, um zu motiviren, daß der Zweck, um dessen willen Sidonie nach Berlin gekommen war, in jenen Tagen keine Aussicht hatte erfüllt zu werden. Der Tag, von dem wir sprachen, war der 31. October, ein Dienstag, – die Constituirende hatte an diesem Tage unter Zustimmung Pfuel's den Adel wie die Orden und Ehrenzeichen abgeschafft; – man hielt einen Demokratencongreß ab, in dem man in Fractur sprach; in der Abendsitzung der Constituirenden, die bis zur Nacht dauerte, wurde die Unterstützung Wiens durch Vermittlung der selbst machtlosen Centralgewalt beschlossen, – für Waldeck gab es damals kein Deutschland ohne Oesterreich; am 1. November gab von Pfuel den Vorsitz im Cabinet und das Portefeuille des Krieges auf, der König nahm das an und berief den Grafen Brandenburg zur Bildung eines neuen Ministeriums; am folgenden Tage beschloß die Constituirende eine Deputation von fünfundzwanzig Mitgliedern an den in Sanssouci weilenden König und eine Adresse mit der Bitte um ein volksthümliches Ministerium. Der Minister »der bewaffneten Reaction« suchte Zuflucht in Jung's Wohnung, der diesen Namen erfand. – Bei der Audienz am 3. November spricht Jacoby, sich die Rolle des Präsidenten anmaßend, zum Könige: »Es ist das Unglück der Könige (und die Ursache ihres Falles?), daß sie die Wahrheit nicht hören wollen.« Die Hoffnungen auf ein Ministerium Rodbertus, von Unruh, Harkort, von Berg erweisen sich vergeblich. Am 6. November geht Bassermann als Reichscommissar nach Berlin. – Am 9. wird Robert Blum in Wien standrechtlich erschossen. Die Constituirende wird vertagt und nach Brandenburg verlegt. Die Majorität erklärt sich für permanent. Die Linke erklärt in Aufrufen an das Volk das Vaterland in Gefahr, die Rechte scheidet aus. Am 10. November rückt Wrangel mit zwanzigtausend Mann in Berlin ein; Truppen besetzen in der Nacht den Concertsaal. Den folgenden Tag setzt die Linke unter dem Präsidenten von Unruh ihre Sitzungen im Hotel-de-Russie, nachmittags im Schützenhause fort. Man fürchtet in Berlin jeden Augenblick den Ausbruch eines neuen Barrikadenkampfes. Die Bürgerwehr wird aufgelöst. Am 12. November: Berlin wird in Belagerungszustand erklärt; 13. November: der Rest der Constituirenden Versammlung erklärt das Ministerium des Hochverrats schuldig und wird aus dem Schützenhause durch Wrangel vertrieben – »gegen Demokraten helfen nur Soldaten«; constituirt sich am folgenden Tage noch einmal im Hotel Milenz und decretirt die Steuerverweigerung; 20. November: die Nationalversammlung in Frankfurt erklärt diese für ungültig; 28. November: die Constituirende Versammlung in Brandenburg wird eröffnet. Zweites Kapitel. Geld und Laune. Es ist eine Annehmlichkeit großer Städte, daß man inmitten des rauschenden Lärms, den jede Stunde bringt, unbeachtet, von keiner Neugier und Zudringlichkeit behelligt, für sich sein kann. Man schaut das Drängen und Jagen an wie das schäumende Spiel der Wogen vom festen Standorte am Gestade. Aber man muß Dichter oder Philosoph sein, wenn man in Tagen, wo Gesellschaft und Staat, Besitz und Gesetz in ihren Fugen erschüttert werden, seine Seelenruhe bewahren will. Unsere Freundinnen fanden sich nicht in solcher Fassung. Wahrlich, das war keine Zeit, um in den Lehren der christlichen Religion nach den Deutungen von Schleiermacher's Gefühlsglauben unterrichtet zu werden, die politischen Ereignisse überwogen jedes andere Interesse, nur das Eva's für ihren Barrikadenhelden nicht. Sie hatte am Tage nach jenem Ereignisse alle Zeitungen und Flugblätter kaufen lassen, welche durch die fliegenden Buchhändler feilgeboten wurden, und glücklich herausgefunden, daß ihr gegenwärtiges Ideal der Maler, Novellist und lyrische Dichter Zur Linde sei. Umgekehrt hatte die Durchfuhr der Hirschstein'schen Equipage natürlich Aufsehen erregt; einer der Berichterstatter in einem Flugblatte wollte sogar genau bemerkt haben, daß die Tochter des Millionärs mit außergewöhnlicher Aufmerksamkeit die Männer auf der Freitreppe des Schauspielhauses beobachtet hatte. Zur Linde, der Novellist, hatte die Dame, der er im März über den Straßenwall geholfen, nicht vergessen. Als er das Flugblatt las, sagte ihm ein inneres Gefühl des eigenen Selbstwerthes, daß seine Person es gewesen sei, welche die Aufmerksamkeit der Insassin des Wagens auf sich gezogen habe, und seine combinirende Dichterphantasie brachte die Barrikadenüberschreiterin und die Dame im Wagen in Zusammenhang. Infolge dessen strengte er sein Portemonnaie an, sich ein Paar Glacéhandschuhe zu kaufen, bürstete seinen fadenscheinigen Rock nach, ordnete den Calabreser, gab den Locken mit Kamm und Bürste einen kühnen Schwung und begann zwischen der Schadowstraße und dem Palais des Königs von Hannover zu promeniren. Schöne Seelen begegnen sich; Eva saß vor dem Fenster im großen Salon, eine Stickerei zu Weihnachten für den Vater in den Händen, aber sie arbeitete nicht, sie sah sich die auf der Straße Wandelnden durch das Spiegelglas vor dem Fenster an. Als der Dichter zum zweiten male die Straße passirte, öffnete sie das Fenster und ließ einen Veilchenstrauß fallen, den der Kunstgärtner am Morgen beim Wechseln der Blumen auf der Flur, in den Zimmern und in der Veranda ihr als das Neueste vom Jahre verehrt hatte. Der erröthende Jüngling blickte in die Höhe, drückte den Strauß an seine Lippen und barg ihn dann am Herzen, er fühlte sich über alle Beschreibung glücklich, die Tochter des Millionärs liebte ihn. Diese erhielt fortan täglich ein Sonett, das ihre Schönheit besang, sie mit allen Göttinnen, mit den Grazien und was sonst verglich. Während die Mutter sich frisiren ließ und Toilette machte, Tante Bettina und Sidonie sich in den Fremdenzimmern, eine Etage höher, beschäftigten, erwartete Eva im Visitensalon die Fensterparade des Malers, warf ihm auch wol ein Kußhändchen zu, wenn sie sich unbemerkt von der Straße aus glaubte. So stieg das Liebesfeuer des Jünglings von Tag zu Tag, er drang auf ein Rendezvous und erhielt endlich ein solches bei dem Floraplatze des Thiergartens zugesagt. Es war im Anfang December ebenso ruhig in Berlin als vier Wochen vorher unruhig, die Constituirende Versammlung sollte am 1. December im brandenburger Dome zusammentreten, und selbst die Linke wie die Partei von Unruh und von Rodbertus war nach Brandenburg abgereist. Außer am Morgen, Mittag und Abend, wenn die Arbeiter an ihr Tagewerk gingen, sah man in den Straßen wenige Menschen außer Soldaten. Obgleich die Läden der Leipziger und Friedrichsstraße schon anfingen sich für das herannahende Weihnachtsfest zu schmücken, blieb niemand vor den Läden stehen. Die Straßendemokratie war verschwunden, selten sah man noch einen fliegenden Buchhändler mit der neuesten Nachricht von Brandenburg und dem Gerüchte, König Friedrich Wilhelm IV. wolle zu Gunsten des Prinzen Wilhelm die Krone niederlegen oder dergleichen. Es war kein Wetter, im Thiergarten zu promeniren, die Alleen waren aufgeweicht, die Fußwege unpassirbar. Als Baron Hirschstein sich eines Mittags nach der Börse fahren ließ, schlich sein Töchterlein bald hinterher in Pelze gehüllt und dicht verschleiert nach dem Pariser Platze zu, rief eine Droschke an und befahl, nach dem Goldfischteiche zu fahren. Hier stieg sie aus und gebot dem Droschkenkutscher zu warten. Um das Rondel des Floraplatzes war schon seit einer halben Stunde ein Herr gegangen, in dem wir den Maler mit der schwarz-roth-goldenen Fahne nicht erkannt haben würden. Zur Linde hatte sich von seinem Schneider auf Grund einer in naher Aussicht stehenden reichen Heirath von Kopf bis zu Fuß neu kleiden lassen und war in einen Pelz gehüllt; der Calabreser hatte einem Cylinder weichen müssen, erwartungsvoll umkreiste er den Floraplatz, als gelte es, die neuen Gummiüberschuhe auszutreten. Der Wald war kahl, man konnte bis zur Bellevuestraße die Floraallee hinuntersehen, wie nach der andern Seite bis zum Hauptwege nach Charlottenburg. In dieser wie in der andern Allee war kein Mensch, kein Wagen zu erblicken, es war lautlos still, nur dann und wann hörte man, daß ein Omnibus nach Charlottenburg fuhr oder von dort kam; endlich trat die Ersehnte von Osten her in das Rondel und sank in die Arme des Geliebten. Ob Liebesbetheuerungen, Schwüre ewiger Treue und was sonst bei solchen Scenen vorzukommen pflegt, gewechselt wurden, darüber können wir nichts berichten. Das Paar umschritt zwei oder dreimal die Rundung, dann trennte es sich, Eva eilte zu ihrer Droschke, der Maler wartete im Hauptwege einen Omnibus ab. Es war der Winter nicht angethan zu Rendezvous im Freien, man verabredete einen Tag, wo man sich morgens bei Giovanoli in der Conditorei treffen wolle und dort Gelegenheit fände, vielleicht einige Minuten ungestört zu plaudern und weitere Verabredungen zu treffen. Der Maler hatte als Novellist sich die Entwickelung seines Romans ganz einfach zurechtgelegt: Entführung, Zorn des Vaters, Thränen und Sehnsucht der Mutter, Heirath in Paris oder London, Versöhnung, der Schwiegersohn bezieht mit der Gattin die zweite Etage des Hauses unter den Linden, die Fremdenzimmer werden eine Treppe höher hinangelegt, man lebt herrlich und in Freuden und ist bemüht, ein berühmter Maler zu werden. Die Straßendemokratie kannte Zur Linde schon heute, da er den Cylinder auf hatte, nicht mehr; das waren überwundene Zustände, die mit Flor umhüllte schwarz-roth-goldene Fahne stand in der Schlafkammer hinter seinem Bette. Der Bräutigam Eva's, der Graf Bruckheim, lag während des Octobers und bis Wrangel in Berlin einrückte, in Potsdam im Quartier, er ließ sich von dort aus die Woche ein- oder zweimal in dem Hause unter den Linden sehen, da er strengen Dienst hatte, und seine Braut ihm, wenn er ihr seine Aufmerksamkeit widmete, kalt, launisch, zuweilen geradezu unartig begegnete. Graf Bruckheim ignorirte das, er sah in Eva ein Kind, das dereinst als seine Frau schon an Gehorsam gewöhnt werden sollte, er unterhielt sich mit dem Schwiegerpapa, der mit ihm ein Feind der Herrschsucht der Constituirenden Versammlung war und deren Auflösung je eher je lieber hoffte, oder er wendete seine Aufmerksamkeit der Frau Bettina zu, die, ich weiß nicht durch welche kosmetischen Mittel oder welche Nachhülfe der Toilette, sich verjüngt hatte und in alter Schönheit strahlte. Als Wrangel in Berlin eingerückt war, kam der Graf häufiger, er führte die Damen in die Oper, in das Schauspielhaus, in Concerte und Matinées, immer mehr um Frau Bettina als um die Braut oder die Schwiegermutter bekümmert; Bettina ließ ihr ganzes Wissen und Können vor dem Grafen glänzen, sie war in seinen Augen die gebildetste Dame, die er bisjetzt kennen gelernt hatte. So nahte die Weihnachtszeit; die Correspondenz Sidoniens und Bruno's hatte unterdessen längst Mäßigung erfahren, dieser schrieb die Woche höchstens einmal, jene zweimal, auch der Ton der beiderseitigen Briefe war nicht mehr der alte überschwengliche, voll von glutathmenden Liebes- und Treueversicherungen. War es allein die prosaisch-politische Zeit, wo jeder Tag seine neuen Sorgen und Kämpfe brachte, jeder Kampf in der Paulskirche zu neuer Erbitterung führte, welche die Tändeleien der beiden Liebenden mäßigte, oder war die Liebe wirklich schon im Erkalten? Wenn die Briefe Paulinens an Sidonie Wahrheit enthalten hätten, so wäre Bruno's Liebe zu Sidonie allerdings erstorben gewesen oder im schnellen Erlöschen begriffen; aber Pauline gönnte der Stiefschwester den einst Geliebten nicht und war außerdem nicht gut auf denselben zu sprechen, weil sie sich von ihm vernachlässigt sah. Während Hermann Baumgarten nach Wien verreist war, hatte Bruno auf Einladung eine Soirée des Reichsverwesers in Begleitung seiner beiden Schützlinge besucht; Veronica, die Mutter und Tochter, hatten dort gesungen und die Anwesenden entzückt, sodaß die Zeitungen in den nächsten Tagen sich nach englischer Weise ausführlich mit den ersten Gesellschaftsabenden des Erzherzogs beschäftigten. Später, als Hermann mit seinem Sohne und der Baronin Heloise Berrò nach Frankfurt zurückgekehrt war, erfolgte eine zweite Einladung, welche letztere einschloß; allein diese war zu stolz, zu dem Balle des Reichsverwesers zu gehen, während ihr Mann als General in der Rebellenarmee kämpfte und ihre Güter von Kroaten geplündert wurden, und so ging der Onkel nebst Gemahlin und Tochter, begleitet von dem Neffen. Die Presse, selbst die österreichisch gefärbte, hatte keine Einladungen zu diesen Gesellschaften des Reichsverwesers erhalten, und Dr.  Behrend war deshalb schon nicht gut auf die einzelnen Eingeladenen zu sprechen, auch glaubte er in Bruno den Correspondenten eines süddeutschen Blattes entdeckt zu haben, der ihn und sein Blatt nicht selten geiselte. Das war freilich nicht der Fall; der Verdacht genügte aber, eine Erkältung hervorzurufen, und da Bruno bei dem Oheim bessere Gesellschaft fand als bei Behrend, so stockte der Umgang. Bruno's alte Leidenschaft zu der schönen Heloise war freilich nicht wieder erwacht, sie war die Frau eines andern, den sie liebte und verehrte, sodaß sie für alle stillen und lauten Huldigungen, die ihr in Frankfurt dargebracht wurden, keinen Sinn hatte. Allein er konnte nicht umhin, die beiden Frauengestalten miteinander zu vergleichen und bei dieser Vergleichung trat das Bild der Zukünftigen in Schatten. Die Baronin Berrò, jetzt dreiunddreißig Jahre alt, war eine stolze junonische Schönheit, sie hatte von der Mutter das ernste Wesen und das große schwarze Auge geerbt, von dem Vater die hohe denkende Stirn, des Diadems würdig. Aber wenn der Sonnenschein eines Lächelns über das meist kalte Gesicht zog und zwei liebliche Grübchen auf der vollen Wange hervorrief, dann nahm das Antlitz einen so eigentümlichen Reiz an, daß jeder bezaubert wurde. Alles, was Heloise that, kam aus ihrem innersten Wesen und war in voller Uebereinstimmung mit diesem, immer überlegt, ruhig, gemessen, würdevoll. Sidonie dagegen war eine Quecksilbernatur – ihre Gestalt war klein, aber voll, ihr Thun und Reden lebhaft und aufschäumend, ihre Gefühlsaufregungen heftig und wechselnd. Das Ueberspringen von Leidenschaft zur Resignation, von dieser wieder zur hingebungsvollsten Liebe, hatte etwas Anziehendes. Sie konnte erregt werden von dem, was sie gerade las, von einem Gedicht, einem Roman. Sie war unendlich leicht bestimmbar, lachte und vergoß Thränen in wenigen Minuten. Sie war Heloisen gegenüber ein unselbständiges Wesen. Wie es kam, daß gerade dieses bewegliche, nie ruhende Wesen, das Bruno so oft entzückt hatte, ihm nicht mehr gefiel, daß er Sidonie ernster, gemessener, ruhiger, Heloisen ähnlicher wünschte? Die beiden Veronicas, die Mutter wie die Tochter, hatten sich gerade durch das Sprudelnde, Lebendige des jungen Mädchens angezogen gefühlt, vielleicht weil beide ruhige und ernste Charaktere waren, er selbst war indeß auch ein ernster Charakter geworden, er fühlte das täglich mehr, warum zog ihn diese eidechsenartige Seite Sidoniens nicht mehr an wie früher? Sie erschien ihm im Traume als Luciane in den »Wahlverwandtschaften«, welche in dem mütterlichen Hause alles auf den Kopf stellte. Als sie nach Berlin abgereist war, ergriff ihn die größte Sehnsucht, ihr dahin zu folgen; jetzt, da die Weihnachtstage nahten und die Reise angetreten werden sollte, war diese Sehnsucht gar nicht mehr so lebhaft. Währenddessen saßen Bettina und ihre Tochter in ihrem Boudoir und schauten auf die kahlen Linden Berlins herab; der Friseur ließ sie heute ungebührlich warten, und heute gerade wollte Graf Bruckheim die Damen ins Museum führen, da der Tag hell und heiter war. »Ein sehr netter Mann, der Graf«, sagte die Mutter, »ich begreife nicht, was Evchen gegen ihn hat, warum sie ihn so unartig behandelt?« »Sie ist ein ungezogenes Kind«, erwiderte die Tochter, »sie weiß nicht, was sie will, und will jeden Tag etwas anderes.« »Ich wollte«, sagte Frau Bettina und seufzte tief auf, »ich brauchte nicht wieder nach Heustedt, ich könnte hier bleiben. Hier merkt man erst, was Leben heißt, hier hat man doch etwas für sein Geld. Ach Sidonie, ich möchte, du könntest eine solche Partie machen, wie die Eva! so einen Grafen zum Schwiegersohne zu haben, das wäre zu himmlisch! Kannst du dir deinen Advocaten nicht aus dem Sinne schlagen? Du könntest hier zehn bessere Partien finden! Wie schön wäre es, wenn du dich hier verheiratest und ich könnte bei dir leben! Hannover ist doch klein und unbedeutend gegen Berlin, und nun gar Heustedt! Ich schaudere, wenn ich an das Nest denke, und weiß nicht, wie ich es aushalten soll, wieder dort zu leben und nichts zu sehen und zu hören als von Woll- und Kornpreisen!« Die Tochter seufzte auch: »Bruno hat mir gesagt und geschrieben, daß er nicht daran denke, seinen Wohnsitz wieder in Heustedt zu nehmen, er will bei der bevorstehenden Organisation der Gerichte nach Hannover übersiedeln, und dort, liebe Mama, läßt es sich schon leben, wie du mir selbst zu tausend malen gesagt hast. Du wirst bei deiner Tochter immer eine liebevolle Aufnahme finden und ich hoffe, du wirst recht oft und recht lange in Hannover bei uns sein. ›Uns?‹ Ist es aber schon so weit? Ich weiß nicht, seine Briefe kommen mir so nüchtern, so kühl vor. Da fehlt jedes schwärmerische Liebeswort, und mit welchem Gleichmuthe hat er es aufgenommen, daß ich den Religionsunterricht noch nicht begonnen.« Die Ankunft des Friseurs unterbrach das Gespräch, es kam auch die Kammerzofe der Hausfrau, um bei der Toilette behülflich zu sein. Kaum war diese beendigt, als der Graf sich melden ließ. Eva entschuldigte sich mit Migräne, – sie könne heute nichts ansehen und sich nicht sehen lassen, sagte sie. So fuhr man ohne die Eigenwillige, die sich, sobald auch der Vater das Haus verlassen hatte, zum Conditor schlich, um mit dem Maler Liebesworte und Liebesblicke zu tauschen. In dem ägyptischen Saale des Museums traf man einen alten Bekannten, den Baron Franz, welcher die juristische mit der diplomatischen Carrière vertauscht hatte und der hannoverischen Gesandtschaft als Attaché beigegeben war. Der junge Mann hatte den Grafen schon bei einem Hoffeste gesehen, so war die Bekanntschaft bald vermittelt. Baron Franz fühlte sich in Berlin vereinsamt, er hatte wenigstens noch kein weibliches Wesen gefunden, das ihn anzog, und ohne »Verhältniß« konnte er nun einmal nicht leben. Er fand Sidonie schöner als vor ein paar Jahren, sie war geistig und körperlich ausgebildeter, und so begann er denn sofort, ihr seine Huldigungen darzubringen. Die Mutter, die von jeder neuen vornehmen Bekanntschaft entzückt war, lud ihn natürlich zu den Abenden im Hause des Schwagers, und Baron Franz verfehlte nicht sich einzustellen. Sidonie nahm hier die Aufmerksamkeit des jungen Attaché günstiger auf als einst in Heustedt, vielleicht wollte sie nach Mädchenweise ihre Cousine ärgern, vielleicht nur zeigen, daß sie kein Kind mehr sei. Sie ließ die dunkeln Augen freilich nicht so auf ihm haften wie auf Bruno, aber zuweilen streifte doch ein heißer Blick die verliebt auf sie gehefteten Augen des Barons. Sie war, als sie sich in Bruno verliebte, ein bloßes Kind gewesen; daß sie zu Madame Dudevant lief, war eine Kinderei; daß sie Bruno ihre Tagebuchsblätter gegeben, war auch eine Thorheit gewesen, deren sie sich jetzt schämte. Wäre es wahr, daß jener in die schöne Ungarin verliebt sei, wie Paulinchen schrieb, so hatte sie jetzt Gelegenheit, sich an ihm zu rächen. Sie brauchte den Baron Franz nur noch ein wenig entgegenkommender zu behandeln. In diesen Betrachtungen erging sie sich, als die Weihnachtstage vor der Thür waren. Ihr Onkel hatte der Mutter offen erklärt, daß er die Partie, Sidonien an einen unbedeutenden Advocaten in einer Provinzialstadt zu verheirathen, für kein Geschäft halte, daß er aber niemals in die Familienangelegenheiten seines Bruders sich mische, und die Mutter, welche sich allnächtlich das Glück ausmalte, das ihrer Tochter an der Seite des Barons Franz erblühen würde mit dem Aufenthalte in Berlin, war so indiscret gewesen, der Tochter jene Aeußerung zu hinterbringen. Ob der Baron je an eine Heirath mit Sidonie gedacht hatte? Schwerlich, soweit wir ihn kennen. Er hatte eine Schmetterlingsnatur, die von einer Blume zur andern flatterte und naschte, soviel sie konnte. Aber Bettina fand in Berlin ihr Paradies und beschäftigte sich täglich mehr mit dem Gedanken, wie es zu machen sei, daselbst ihren Wohnsitz zu nehmen. Und doch war ihr Berlin ein sehr theueres Paradies. Die Aufmerksamkeiten, die ihr Graf Bruckheim erwies, waren nicht ganz uneigennütziger Natur. Derselbe war durch Jockeyklub, Spiel, Pferde, Champagner in seinen Vermögensverhältnissen ärger zerüttet, als man ahnte. Er wurde namentlich zu der Zeit vor Weihnachten von Wechselgläubigern stark bedrängt. Nun hatte er zwar, als er um Eva's Hand anhielt, dem Vater derselben offenbart, daß er verschuldet sei, doch hielt er es nicht für angemessen, vor der Hochzeit den Schwiegerpapa anzugehen. Dagegen hatte er sich in einer Stunde, da Bettina sich bewogen fand, ihre große Seele vor ihm auszubreiten, dieser offenbart, und sie hatte ihm sofort ein Darlehn angeboten. Frau Hirschsohn hatte nämlich ein eigenes kleines Vermögen, das zufällig in österreichischen Métalliques angelegt war. Sie hatte diese mit nach Frankfurt genommen, um sie dort umzusetzen, allein der Curs war zu niedrig gewesen, und Behrend hatte den österreichischen Finanzen eine reiche Zukunft vorhergesagt, da die Quellen des Kaiserstaats unerschöpflich seien. Der Graf nahm die Métalliques zu dem Curse, den sie vor dem 14. März gehabt hatten, Bettina machte ihn sich verbindlich und zugleich ein gutes Geschäft, denn der künftige Schwiegersohn des Millionenschwagers war ihr sicher. So waren die Tage vor dem Christfeste gekommen. Trotz des Belagerungszustandes wurde es wieder lebhafter in Berlin, die Zahl der Fremden mehrte sich, die Weihnachtsmärkte bauten sich an den gewohnten Orten auf, die Straßenjugend belustigte sich mit Waldteufeln und andern lärmmachenden Instrumenten; die Läden kramten ihren schönsten Schmuck aus und die englische Gascompagnie machte gute Geschäfte, den Stoff zur Erleuchtung aller der Herrlichkeiten, die in den Läden zur Schau ausgestellt waren, zu liefern. Im Hause des Barons Hirschstein unter den Linden wurde zum ersten mal ein christlicher Weihnachtsbaum angezündet und reiche Geschenke lagen in dem Salon für alle auf besondern Tischchen ausgebreitet. Auch der neue Hausfreund, Baron Franz, war nicht vergessen, wie er selbst sich durch den Bedienten die Blumenbouquets für die Damen besorgen ließ, Camellien und Veilchen. Nur der für Sidonie bestimmte Strauß trug in der Mitte weißer von Veilchen umgebener Camellien zwei reizende Rosenknospen. Als Sidonie auf diese Rosenknospen einen Kuß drückte und dem Geber mit erröthendem Gesicht Dank sagte, fühlte die Mutter, welche ihre Tochter scharf beobachtete, eine Befriedigung durch ihr Inneres wehen. Sie ahnte, daß das Bild des Abwesenden durch den Gegenwärtigen verdrängt sei; das war aber auch die höchste Zeit, denn Bruno hatte geschrieben, daß er am Tage vor dem Feste abreisen werde. Eins der unerwartetsten Geschenke brachte die Stadtpost aus dem Hause unter den Linden in den vierten Stock eines Hauses in der Neuen Jakobsstraße zu dem Maler Zur Linde. »Mein Leben!« – schrieb Eva – »ich sende Dir hier alles, was ich besitze – mein mir von der Großmutter vermachtes Vermögen, tausend Pfund Sterling in Consols. Reise in den ersten Tagen nach dem Feste über Hamburg nach London, suche die Adresse, die ich ausgeschnitten beilege, und erwarte mich dort. Vater reist in denselben Tagen nach Leipzig, dann werde ich Gelegenheit finden zu fliehen und zu Dir zu kommen, um mich nie wieder von Dir zu trennen. Das beiliegende Taschenbuch habe ich selbst gestickt. Morgen Abend in der Oper! Deine Eva.« Das verliebte Kind hatte von der Großmutter eine Rente von dreißig Pfund Sterling als Legat erhalten und war auf das freie Verfügungsrecht, das ihr die Großmutter gegeben, so eifersüchtig, daß sie schon von ihrem dreizehnten Jahre an die Consols im eigenen Verwahrsam führte, die Coupons selbst abschnitt und im Comptoir des Vaters in der Königsstraße versilberte. Die königliche Familie feierte Weihnachten in Charlottenburg, dahin war auch der Vorgesetzte des Grafen Bruckheim befohlen, dieser hatte die Braut, Aeltern, und die beiden Heustedterinnen wie den Baron Franz nach Potsdam geladen. Franz machte abermals Fortschritte in der Gunst Sidoniens, die es nicht begreifen konnte, wie sie nicht schon in Heustedt entdeckt habe, daß Baron Franz doch viel liebenswürdiger als Bruno Baumann sei. Am zweiten Tage wurde die »Hochzeit des Figaro« im Opernhause gegeben, ein berühmter Gast aus Dresden war gekommen, und das Haus schon vor dem Feste ausverkauft; der Bankier bot dem Baron in seiner Loge einen Platz. Die Tochter hatte sich mit der Mutter an die Brüstung gesetzt, um besser zu sehen und gesehen zu werden, Bettina und ihr Schwager nahmen die Plätze dahinter ein, Sidonie und Franz saßen zu hinterst. Sidonie sah in der neuen mit feinem Pelz verbrämten Sammtrobe und der weißen Kaschmirmantille darüber allerliebst aus und hörte die Complimente, die ihr der Nachbar über ihren bon goût machte, mit Wohlgefallen. Eva ließ das Opernglas im Parterre herumschweifen, sie suchte den Geliebten. Aber vergebens; der Maler, der in dem Taschenbuche einen Hundertthalerschein gefunden, hatte es vorgezogen, in Gesellschaft anderer Freunde und Freundinnen ein Vorstadttheater zu besuchen und seiner Gesellschaft ein Abschiedssouper zu geben. Der Vorhang war gefallen, die Zuhörer hatten Zeit, sich einander anzusehen, zu mustern, zu kritisiren, Médisancen über Nachbarinnen zu flüstern, unbekannte Schönheiten aufzusuchen, Confect zu naschen oder in dem Foyer zu spazieren. Plötzlich wurde die Aufmerksamkeit des Hauses auf die Loge des russischen Gesandten gerichtet, welcher erst jetzt mit mehrern Herren eintrat. Nicht der Gesandte selbst war es, der die Aufmerksamkeit auf sich zog, sondern ein junger Begleiter desselben, in reicher kleidsamer, neugriechischer Tracht, mit Sternen und Orden auf der Brust. Der junge Mann war aber ein solches Ideal von männlicher Schönheit, daß er in der Tracht eines Bettlers Aufsehen erregt haben würde. Eva's Augenglas richtete sich seit der Erscheinung des Griechen nicht mehr auf die Bühne, sie sah weder den Grafen noch die Gräfin Almaviva, hörte weder Susanne noch Figaro, sie hatte nur Augen für den Mann in der Loge des russischen Gesandten, und diese Augen wurden so angestrengt, daß alle übrigen Sinne wirksam zu sein aufhörten. Was war ihr Barrikadenheld gegen diesen Götterjüngling? Selten war unter tausend und mehr Frauen das Urtheil über Mannesschönheit so übereinstimmend wie heute; wäre jede Frau im Opernhause ein weiblicher Paris gewesen und hätte unter den anwesenden Männern den Schönsten wählen sollen, alle hätten den Apfel dem Griechen gegeben. Auch Sidonie war von der Schönheit des Mannes entzückt; ihre Neugierde, wer der Fremde sei, war so groß, daß sie ihren Nachbar im nächsten Zwischenacte veranlaßte, in den Foyer zu gehen und sich nach Namen und Stand zu erkundigen. Baron Franz fing schon an eifersüchtig zu werden, aber sie lohnte seine Dienste durch einen ihrer Glutblicke und gab das Versprechen, den ganzen Abend das Glas nicht wieder auf die Loge des russischen Gesandten zu richten. »Es ist der Fürst Y.«, sagte der Baron, »der Zar, unzufrieden mit der vom Grafen Brandenburg octroyirten zu liberalen Verfassung, schickt ihn, damit er den Berlinerinnen die Köpfe verwirre, und so das Ministerium und der Hof, die den ihren verloren, ihn vielleicht wiederfinden.« In der That war es der Sohn unsers Don Juan mit der Schmarre, der die ungewöhnliche Aufregung in der Frauenwelt hervorbrachte. Kein Herz schlug aber so stürmisch als das Eva's; das war das Ideal, von dem sie seit ihrer Jugend geträumt, der Maler war nur Phantom, sein Bild war aus ihrer Seele verlöscht, sie dachte nicht mehr an die Flucht nach England, mochte er ihre Consols behalten, wenn nur der Grieche in Berlin blieb. Die Hausfrau hatte den Baron Franz gebeten, nach der Oper eine Tasse Thee bei ihr einzunehmen. Man saß in dem Salon, den wir im Anfange des Kapitels beschrieben; das Feuer im Kamin knitterte nach englischem Geschmacke, es war abends in diesem Raume viel gemüthlicher als am Tage. Der Baron Hirschsohn aß nach englischer Sitte jeden Abend sein geröstetes Brötchen und einige weiche Eier dazu, trank seine Tasse Thee und begab sich dann, es mochte Besuch bei seiner Frau sein oder nicht, in sein Arbeitszimmer zurück, wo er englische und französische Zeitungen las und eine Havana rauchte. Als der Hausherr sich zurückgezogen hatte, wurden Eis und Torten, Apfelsinen und anderes Naschwerk, wie es das Weihnachtsfest mit sich bringt, aufgetragen und der in Eis stehende Champagner entkorkt. Frau Bettina war eine große Freundin von diesem Getränke, sie behauptete, er mache sie wieder jung, und sie wußte die Gesellschaft zu reizen, sodaß die Damen mehr tranken, als sie gewohnt waren. Während die Frau des Hauses davon müde wurde und einzunicken anfing, wurde Bettina gesprächig, obgleich niemand auf das, was sie sagte, achtete; denn von den jungen Damen saß die eine in Gedanken an den Griechen versunken, die andere schien es sich vorgenommen zu haben, noch heute dem Baron Franz das Geständniß seiner Liebe zu entlocken. Sie erzählte ihm, wie sie gleich nach Neujahr bei dem Propst den Unterricht in der christlichen Religion anfangen und in vier Wochen Christin sein werde. Der Baron lobte diesen Entschluß, ergriff ihre kleine Hand, führte sie an seine Lippen und murmelte etwas von dem Glücklichen, der durch sie dereinst in den Himmel erhoben werde. Es war eine an das Alberne streifende Phrase; Sidonie legte sie zu ihrem Vortheile aus und ließ die volle Gewalt ihrer Augen auf den Diplomaten einstürmen. Wären sie unter sich gewesen, so hätte sich Sidonie, wie sie es beabsichtigt hatte, unter dem Vorwande von Kopfweh einige Minuten früher in eins der Boudoirs, die an den Salon grenzten, zurückgezogen, Baron Franz wäre zu ihren Füßen gesunken und hätte gefleht, daß diese kleine Hand ihn in den Himmel – natürlich in den Ehehimmel, dachte Sidonie, während Baron Franz vielleicht nur an ein Liebesparadies mit süßen Huris dachte – heben möge. So aber fühlte er sich von der Mutter beobachtet und das kühlte ihn ab. Nun erhob sich auch Eva aus ihrem träumerischen Zustande, sprang aus dem Fauteuil, in dessen Polster sie versunken gewesen war, starrte wie eine Schlaftrunkene um sich, als ob sie sich besinnen müßte, wo sie wäre, und sagte dann: »Ich muß den Vater sprechen«, und schlüpfte unter der Sammtportière, diese hinter sich zuziehend, in das Arbeitszimmer des Vaters. Dieser las das Lob der neuoctroyirten Verfassung und des Ministeriums Brandenburg in den » Times «, es war noch nie vorgekommen, daß seine Tochter am Abend zu ihm in das Arbeitscabinet getreten war, alle Hausgenossen wußten, daß er sich hier nicht stören ließ. Der Baron nahm das Lorgnon auf die Nase und starrte die Kommende verwundert an. Diese fiel zu seinen Füßen: »Vater, ich muß dir ein Herzensgeheimniß offenbaren.« »Bin kein Freund von Geheimnissen, am wenigsten von Herzensgeheimnissen«, sagte der Baron finster, legte das große Blatt auf den Tisch und schob der Tochter die Chaiselongue, die zu seiner Rechten stand, zu, »da setze dich und erzähle.« Sie setzte sich und sagte unter Thränen: »Vater, ich liebe den Grafen Bruckheim nicht, ich kann ihn nicht heirathen!« »Zu spät! Das hättest du früher sagen sollen!« »Vater, ich liebe einen andern, ich liebe den Fürsten Y. seit heute Abend unsäglich, ihn oder niemand.« »Soll ich etwa hingehen zur russischen Gesandtschaft, ich, Baron Hirschstein, und soll sagen, meine Tochter, die Eva, liebt den Fürsten Y. und würde ihm geben die Hand und ihm mitbringen eine Million? Ist nicht! wird nichts!« »Vater, dann werde ich gehen in ein Kloster, um mein Leben lang denken zu können an den schönen Mann.« »Geh in ein Kloster, ich kann dich dann um so eher enterben. Wirst dich aber besinnen und heirathen den Grafen Bruckheim und überstrahlen an Glanz und Ansehen meine Schwägerin, die Freifrau, Du wirst rächen an der Freifrau dein Vaterleben und Mutter.« »Vater, ich kann ihn nicht lieben, den Grafen, ich hasse ihn; um der Heirath zu entgehen, wollte ich fliehen mit einem jungen Helden, einem Dichter und Maler, nach England, und habe ihm schon gegeben meine Consols.« Der Baron hatte bisher ruhig in seinem höchst bequem gepolsterten Lehnstuhle gesessen, den Klemmer hatte er längst von der Nase fallen lassen, er hatte in seiner Ehe gelernt, wie man Frauen behandeln müsse, und nun gar ein solches launisches Kind, wie Eva, der wollen wir die Liebesmarotten aus dem Kopfe treiben, dachte er. Jetzt sprang er auf, die Ruhe war gewichen, die Würde, in die er sein Wesen hüllte, war dahin, sein Gesicht nahm die Züge seines Großvaters Moses Hirsch an, wenn er sich ärgerte, und, sich an den Lieblingsschwur des Großvaters erinnernd und die innere jüdische Natur hervorkehrend, sagte er: »Was hast du weggegeben? Die Consols hast du weggegeben, die du geerbt von der Großmutter! Was muß ich hören, bist reif zum Irrenhause! »Bei den Lichten auf dem Grabe meiner Mutter, mußt du wiederschaffen die Consols, ich werde lassen verhaften den Dieb noch heute, sage, wie heißt der Dieb, wo wohnt der Dieb?« »Beruhige dich, Väterchen«, sagte Eva einschmeichelnd, »er ist seit heute mein Ideal nicht mehr, ich werde ihm nicht nach England folgen, wohin er schon abgereist ist, aber ich werde ihm schreiben und er wird die Consols zurückschicken, er wird nur meinen Verlust bedauern, nicht den Verlust der Consols.« »Was sich das Aeffchen einbildet«, wüthete der Bankier, »wenn er fort ist nach England, wird er nicht zurückschicken die Consols, thäte es auch nicht an seiner Stelle«, und er warf sich in den Lehnstuhl, nahm das Glas wieder vor die Augen und befahl barsch: »Erzähle, beichte!« Eva log in der Eile eine Geschichte zusammen von Lebensrettung am 18. März, Verschwundensein, Wiederfinden im October, von Glücklichgewesensein, das Ideal gefunden zu haben, halb Wahrheit, halb Dichtung, sie vermied Zur Linde's Namen zu nennen, behauptete vielmehr, Namen und Wohnung des Ideals nicht zu kennen. Der Vater fixirte sie, allein sie wußte sich wie jede Evastochter zu verstellen. »Kannst zu Bett gehen, hier hinaus«, er öffnete die in die Flur mündende Thür. Der Bankier zündete dann die beiden Wachskerzen an, die auf dem Stehpult standen, langte aus dem eisernen Schranke ein großes Buch hervor, legte es auf das Pult, schlug darin nach und machte einige Notizen in sein Taschenbuch. Dann, nachdem das Buch in den eisernen Schrank zurückgelegt und dieser verschlossen war, schrieb er zwei Briefe, versiegelte sie und gab sie einem Diener mit dem Auftrage, sie in den Briefkasten des nächsten Postbureau, bei Strafe in keinen andern zu bringen. Währenddessen war im Salon die Hausfrau aus ihrem Schläfchen erwacht und fragte nach dem Verbleiben der Tochter – hörte erstaunt, daß sie in das Arbeitszimmer des Vaters gegangen. Baron Franz ergriff diese Gelegenheit, sich zu empfehlen – die Kammerjungfer stellte sich der Frau Commerzienräthin und Tochter zu Befehl, die nach oben gingen. Sidonie sah ernsthaft aus; dachte sie daran, daß in diesem Augenblicke Bruno schon in Berlin angekommen sei und wahrscheinlich in ihrer Nähe weile, oder dachte sie an die Eroberung des Barons?! Drittes Kapitel. Enttäuschung. Die schöne Nachdenkliche hatte Zeit, mit ihrem Herzen zu Rathe zu gehen. Wären nur Mädchenherzen nicht so leicht sich selber ein Räthsel! Frankfurt war in jenen Tagen noch nicht in directer Verbindung mit Berlin; Bruno mußte erst mit dem Dampfschiffe nach Köln fahren, um die Bahn nach Berlin zu erreichen; so war er während dieser Vorgänge auf einer der letzten Stationen vor Berlin erkältet, durchfrostet, übel gestimmt angekommen. Er kam sich seit einiger Zeit als ein anderer Mensch vor. Wo war jenes frische, offene, von Idealen getragene Jünglingsherz geblieben, mit dem er in das Jahr 1848 eingetreten war? Warum war er so unzufrieden mit sich selbst wie mit dem Laufe der politischen Dinge? Wurmte es ihn doch, daß er es nicht über sich vermocht hatte, sich zu der revolutionären Tagesphrase emporzuschwingen, daß er kein Redner war, weder auf der Tribüne der Paulskirche noch in den Clubs, oder tröstete ihn das Wort Detmold's, daß das sein Stolz sein müsse? Es fehlte ihm jede Herzensfreudigkeit, jede Sehnsucht nach Sidonie. Er fragte sich unterwegs, ob er sie geliebt haben würde, wenn sie ihm nicht das »O wärest du mein eigen!« entgegengesungen hätte? Er kam auf Gedanken, die ihm bisher fern gelegen hatten. War es angezeigt für ihn, in einer so bewegten Zeit wie die gegenwärtige, wo er entschlossen war, seinen Wohnsitz zu wechseln, wo er in Hannover erst daran arbeiten mußte, sich eine neue Wirksamkeit zu erwerben, zu heirathen? – Er hatte bei der Verschreibung, die er bei der Verlobung des Doctors Behrend machte, und bei spätern Verheirathungen jüdischer Frauen, wo er als Notar zugezogen war, erlebt, daß man über die Mitgift der Braut mäkelte und handelte. Er hatte an den Geldpunkt noch nicht gedacht, und es war ihm widerlich, über diese Angelegenheit mit dem Commerzienrath sprechen und verhandeln zu müssen. Kurz, die uubehagliche körperliche Stimmung bemächtigte sich auch des Geistes, und Bruno kam, zerschlagen an allen Gliedern und abgespannt, spät abends in Berlin an, während die Braut eben aus der Oper nach Hause fuhr. Er kannte die Stadt nicht und hatte von einem Mitreisenden das Lindenhotel sich als Gasthof zweiten Ranges empfehlen lassen, wohin ihn eine Droschke führte. Eine vor Ueberreizung halb schlaflose Nacht ließ ihn am andern Morgen mit Kopfschmerz erwachen. Er befand sich nicht in einer Bräutigamstimmung, das Frühstück wollte ihm nicht schmecken, Zeitungen gab es des Festtags wegen nicht, er studirte den Plan von Berlin und las in einem Fremdenführer. Ob eine Stadt uns gefällt, ob wir uns in derselben wohnlich fühlen, das hängt sehr von dem ersten Eindruck ab, den sie auf uns macht, und dieser ist meist wieder bedingt durch Wind und Wetter, Regen oder Sonnenschein. Selbst Salzburg, Heidelberg, Prag würden an einem so stürmischen Wintertage, wie es der zweite Weihnachtstag des Jahres 1848 war, nichts Anziehendes gehabt haben. Das Berlin, welches Bruno von seinem Fenster aus sah, war nicht festtäglich angethan. Ein scharfer Nordwest trieb über die Straßen schmuzige Schneeflocken, die sich in Naß auflösten, wenn sie den Boden berührten. Man sah, wie die wenigen Wanderer Mühe hatten, Hut und Schirm vor dem Winde zu wahren. Männer und Frauen waren in Paletots und Mäntel gehüllt, die armen Droschkenpferde wurden zum Galop angetrieben, Jeder eilte, unter Dach und Fach zu kommen, man hatte es im Zimmer am besten. Bruno hatte vom Kellner erfahren, daß das Haus des Barons Hirschstein nicht weit entfernt sei, und als gegen Mittag vom Schlosse her Parademusik erscholl, machte er sich auf, Sidonie zu besuchen. Die breite Straße bot dem Westwinde freien Spielraum, die Granitplatten waren zum Fallen glatt, Schnee und Regen beschlugen die Brille, doch war das Haus gefunden. Erst als er auf dem Marmor der Hausflur stand und das Resultat der an die Frau Commerzienräthin abgeschickten Karte erwartete, die Brille abgewischt, die Handschuhe fester gezogen hatte, fiel ihm ein, daß er für ein so vornehmes Haus wol gewähltere Toilette hätte machen sollen. Er hatte freilich einen feinen schwarzen Anzug an, aber keinen Frack, keine weißen Handschuhe, vor allem keinen Cylinder. Er haßte diese Hutform und trug, wie zwei Drittel seiner Collegen in der Paulskirche, den grauen Calabreser. Vielleicht hatte ihn der Blick, welchen der Bediente auf diesen Calabreser und auf den grauen mit Schnüren zusammengehaltenen Paletot warf, erst aufmerksam gemacht auf seinen Anzug, jedenfalls wußte er nicht, daß diese Hutform in Berlin zu der verdächtigsten Gattung gehörte. Werfen wir einen Blick auf die Fremdenzimmer. Als gestern Abend die Kammerzofe die Commerzienräthin und ihre Tochter verlassen hatte, fragte erstere: »Hat er sich erklärt, Sidonie?« Diese warf der Mutter einen bösen Blick zu: »Wie. konnte er das, wenn du uns beständig im Auge hieltest. Konntest du dir, nachdem Eva fortgegangen und die Baronin schlief, nicht etwas im Boudoir zu thun machen, damit wir einige Augenblicke ungestört wären?« Damit wünschte sie der Mutter Gute Nacht. Bettina schlief nicht viel in dieser Nacht, es gingen ihr so viele Plane im Kopfe herum, vor allem ängstigte sie der Gedanke, nun bald wieder in Heustedt an der Seite des Gemahls leben zu müssen. Diese Frau hatte ihr Leben lang nur Einen Mittelpunkt gehabt, um den sich ihr ganzes Thun und Lassen drehte, das war das eigene Ich. Eitelkeit und die Sucht zu glänzen waren von jeher die innern Triebfedern ihres Handelns gewesen. Literatur und Kunst, ihre ganze Schöngeisterei hatten nicht ein wirkliches Geistesbedürfniß befriedigt, sie waren nur Mittel gewesen, sich interessanter zu machen, sich vor ihren Freundinnen hervorzuthun, die Aufmerksamkeit der Männer, die ihr Haus besuchten, auf sich zu ziehen. Bettina war nicht damit zufrieden, von der Natur durch Schönheit ausgezeichnet zu sein, sie wollte auch durch Geist glänzen. Als das alles mit ihrer Verheirathung aufhörte, als die Eifersucht des Mannes sie den geselligen Kreisen entzog, als sie zur Einsamkeit verdammt war, da hatte sie freilich im Lesen ihren Trost gesucht, aber die Classiker und die neuern Dichter, die sie »studirte«, wie sie sagte, las sie doch nur zum Schein, ein gewöhnlicher Roman aus der Leihbibliothek der Residenz befriedigte sie vollkommen; sie las jedoch solche Bücher nur in der Heimlichkeit des Schlafgemachs, sie schämte sich vor der Stieftochter, und als Sidonie heranwuchs, vor dieser. Als Bruno nach Heustedt verschlagen war, hatte sie alles angestrengt, ihn anzuziehen, sie verstand es, geistreich zu scheinen. Sie hoffte, wenn die älteste Tochter verheirathet sein würde, freiere Hand zu bekommen, und als der Commerzienrathstitel und die Aufnahme in die erste Gesellschaft ihr geglückt waren, da fühlte sie sich eine Zeit lang glücklich. Sie hatte alles erreicht, was zu erreichen war, sie glänzte in den Damenthees, sie galt als schöne, geistreiche Frau, ja ein Assessor hatte sie die Rahel genannt. Die Tochter freilich wuchs ihr zu schnell heran, und ihre eigenen Triumphe wurden unterbrochen durch die abermalige Niederkunft, welche ihrer Schönheit so großen Abbruch that. Damals war ihr der Gedanke gekommen, fortan durch die Tochter zu glänzen, sie hatte sich der Zuneigung, die sie selbst eine Zeit lang für den jungen Doctor gefühlt, entschlagen zu Gunsten des Kindes, das sie glücklich und geliebt sehen wollte. In den engen Gesichtskreisen, in denen sie in Heustedt lebte, war der Ruf, den Bruno als Literat und als Politiker genoß, seine Wahl zum Deputierten und Mitgliede des Parlaments ihr als etwas Großes erschienen, sie hatte dazu beigetragen, Sidoniens Phantasie wieder mit Bruno's Bilde zu erfüllen, sie hoffte durch einen solchen Schwiegersohn zu glänzen. In Frankfurt freilich kam sie zu der Erkenntniß, daß sich Bruno vor den Hunderten seiner Collegen nicht auszeichne, daß ein Raveaux, Ludwig Simon, ein Dichter wie Moritz Hartmann, ganz andere Persönlichkeiten seien, daß man in Frankfurt wenigstens mit jenem nicht viel Staat mache. Die Verwandten des Advocaten, Veronica die Mutter und Veronica die Tochter, misfielen ihr, weil sie vornehmer und ihr an wahrhaft innerer Bildung überlegen waren. Sie tadelte seitdem jeden Tag bald dies, bald jenes an Bruno's Thun und Lassen. In Berlin im Hause des Barons Hirschstein ging ihr nun erst ein Leben auf, wie sie es gewünscht hatte, und seit dem gestrigen Abend dachte sie an nichts, als wie sich Sidoniens Verhältniß zu Bruno zerreißen und ein neues mit Baron Franz anknüpfen lasse. Jener, fand sie jetzt, paßte nicht zu Sidonie, er war doch nur Pedant und unbedeutend dazu. Er hatte sich nur zweimal in der Paulskirche vernehmen lassen, aber weder seine Collegen noch die Galerien hatten ihm Bravo! zugerufen. Sidonie war zu gut für ihn. An Gründen, die ihren Haß entschuldigten, fehlte es ihr nicht, ja der Umstand, daß Bruno ihr Entgegenkommen verschmäht, vielleicht sogar Pauline, später Sidonie ihr vorgezogen, machte sich wieder geltend, obgleich das längst verziehen war. Auch die Tochter hatte schlecht geschlafen. Hätte sich Franz am gestrigen Abend erklärt, so war sie entschieden, heute mit Bruno zu brechen. Das war nicht geschehen. Erfuhr aber der Baron jetzt, daß sie heimlich mit Bruno versprochen sei, und er mußte es erfahren, daß sie gerade um dessentwillen den Gedanken, Christin zu werden, gefaßt hatte, so mußte er mit seinen Aufmerksamkeiten gegen sie aufhören, und wie würde er das Kokettiren mit ihm gedeutet haben? – Man war etwa um zehn Uhr aufgestanden – das Wetter war abscheulich, der Schnee klatschte an die Doppelfenster und verdunkelte das Zimmer. Fanny, die Kammerzofe der Baronin, erschien und erbot sich, bei der Toilette behilflich zu sein, Fräulein Eva sei unwohl und werde das Bett nicht verlassen, die Baronin leide an Migräne und wolle im Négligé bleiben, keinen Besuch annehmen; der Friseur werde sogleich erscheinen. So begab man sich an das wichtigste Morgengeschäft der Damen. Als dieses beendet war, die Chocolade genossen, fing Sidonie, die gleichfalls misgestimmt schien, in einem Modejournale zu blättern an. Bettina setzt sich ans Fenster und schaute auf die Linden. Nach einer längern Pause sagte die Mutter: »Es wird gut sein, wenn du den Doctor etwas kühl empfängst und ihn nicht, wie in Frankfurt, mit Liebkosungen überhäufst. Es soll mich wundern, ob er dem Baron gefällt, die Sache selbst gefällt diesem nicht, ›ist kein Geschäft‹, sagte er mir.« »Ich werde wol wissen, wie ich mich zu benehmen habe«, erwiderte Sidonie, »und bedarf deiner Rathschläge nicht. Vergiß nicht, daß du es im Mai warst, die meine schon in Asche begrabene Jugend – – nun, du weißt ja, wie Heine sagt, von neuem anfachte, daß ich die Tollheit beging, mich ihm von neuem an den Hals zu werfen. Jetzt wird es zur Umkehr zu spät sein.« Ein reichbetreßter Bediente trat ein und überreichte eine Visitenkarte: »Ein komischer Mensch, bebartet wie ein Wühler, mit grauem Schnürenpaletot und grauem Calabreser, wünscht der Frau Commerzienräthin und Tochter seine Aufwartung zu machen.« »Führe ihn herauf«, sagte die Commerzienräthin, Sidonie erblaßte. Bruno stieg die Marmortreppe empor. Der Bediente nahm ihm Paletot, Hut und Schirm ab und führte ihn in das Zimmer der Damen. Hier empfingen ihn die Damen in großer Toilette, Sidonie in der Sammtrobe von gestern, die Mutter in schwarzem Atlas. Jene hatte statt der Flechten an beiden Wangen eine neumodige steife Frisur, die zu ihrem quirlenden Wesen wenig paßte. Der Empfang war mehr höflich als herzlich. Sidonie flog ihm nicht um den Hals, wie sie das in Frankfurt gethan, sondern reichte ihm nur die Hand zum Kuß – Frau Bettina musterte seinen Anzug vom Kopfe bis zum Fuße. Sidonie hatte Bruno in Frankfurt, wenn sie unter sich waren oder im engern Familienkreise, Du genannt; heute, wo nur die Mutter gegenwärtig war, sagte sie. »Herr Doctor!« Dieses steife und kalte Wesen paßte durchaus nicht zu der Lacertennatur des jungen Mädchens. Man erkundigte sich nach seiner Reise, beklagte das schlechte Wetter und wunderte sich über sein Hotel garni, das man nicht einmal dem Namen nach kennen wollte. Als er sich nach der Frau vom Hause erkundigte und fragte, ob er derselben vorgestellt werden könne, sah ihn Simonie verwundert an und sagte: »Aber doch wol nicht so, Herr Doctor?« – und die Mutter belehrte ihn in einem Tone, den er bis dahin nicht von ihr vernommen: daß man in Berlin Damen nie anders als im Frack und weißen Glacéhandschuhen vorgestellt zu werden pflege, daß man in Berlin nur Bummler und Wühler mit Calabreserhüten gehen sehe, und der Bediente daher schon Anstand genommen habe, seine Visitenkarte heraufzubringen. Er müsse bedenken, daß man nicht in Heustedt sei, und daß ihr Schwager nur mit den feinsten Leuten verkehre. Der Belehrte erwiderte etwas piquirt: »Ich habe bei dem Einpacken an andere Dinge gedacht und weiß nicht einmal, ob ich den Frack eingepackt habe!« »Aber, lieber Herr Doctor, wenn Sie Ihren Freund, den Baron Franz, der jetzt als Attaché bei der hannoverischen Gesandtschaft ist und gestern mit uns im Opernhause war, fragen wollten«, sagte die Commerzienräthin gereizt, »so wird der Ihnen sagen, daß es gegen allen Anstand ist, selbst uns in diesem Anzuge aufzuwarten.« Bruno sprang auf, empfahl sich kurz, hüllte sich in seinen Paletot, zog den Calabreser fest auf den Kopf und eilte die Treppe hinab, als hätte er ein Verbrechen begangen. Das mochte auch wol der Portier denken, der ihn herabkommen sah, denn er öffnete die Hausthür nicht, sondern bereitete sich vor, auf den ersten Ruf von oben den Dieb zu fassen, denn für nichts mehr und nichts weniger hielt er den Mann. Erst als dieser gewaltsam an der Portierglocke schellte, ließ er die Thür aufspringen. Bruno rannte statt links nach rechts und sah erst, als er durch die Propyläen des Brandenburger Thores gegangen und nun vor dem kahlen Thiergarten stand, daß er irregegangen. Er hatte das Brandenburger Thor oft abgebildet gesehen und geglaubt, daß es von Marmor, mindestens von Granit oder Sandstein sei; Jetzt, da er zurückging und sah, wie die Tünche abfiel, sagte er: »Berliner Schwindel!« und suchte baldmöglichst sein Hotel zu erreichen. Hier packte er seinen Koffer nicht aus, schickte auch nicht zum Kaufmann, um Cylinder und weiße Glacéhandschuhe zu kaufen, sondern schrieb unter seine Visitenkarte die Buchstaben p. p. c. , indem er seufzte: »Wieder eine Illusion weniger«, dann adressirte er dieselbe an Sidonie und übergab sie dem Kellner. Er aß ein bescheidenes Mittagsmahl und rüstete sich zur Abreise. Da aber ein Zug vor Abend nicht abfuhr, betrachtete er die Statue Friedrich's des Großen, das Opernhaus, Zeughaus, Schloß und was sonst hinter den Linden lag, besah den Gensdarmenmarkt und setzte sich dann bei Lutter und Wagner in die Ecke, wo Ludwig Devrient's und Hoffmann's Bilder hingen, um die Abfahrtszeit zu erwarten. »Es ist so besser«, philosophirte er, »für Menschen wie ich ist es gut allein zu sein.« Sidonie weinte bittere Thränen, als sie die Karte empfing, die sie auf immer von Bruno und damit von den schmeichelnden Träumen ihrer Jugend schied, Bettina triumphirte im stillen. – – Viertes Kapitel. Werthpapiere. Zur Linde hatte, ganz abgesehen von den Consols, deren Werth er gar nicht kannte, noch niemals in seinem Leben, außer im Traume, über eine Summe von 100 Thalern auf einmal verfügen können. Der Besitz von so viel Geld verwirrte ihn förmlich. Als er den Hundertthalerschein gewechselt, zahlte er mindestens dem Schneider die Hälfte von dessen Rechnung, dann hatte er Freunde und Freundinnen zum Theater und Souper geladen, und da ging es hoch her. Der Maler und Dichter hatte zwanzig blanke Thaler in die Hosentasche gesteckt, mit denen er schon im Theater klimperte, und die nach der Vorstellung daraufgehen sollten; man aß und trank dazu französische, dann süße Ungarweine, zuletzt einige Flaschen Champagner. Man war in dem Theater vor dem Halleschen Thore gewesen, das jetzt den Namen Callenbach'sches Vaudeville-Theater führt, und hatte auch da in einem besonders reservirten Zimmer soupirt. Als man aufbrach, ward Zur Linde, dem als Gastgeber von allen Seiten zugetrunken war, erst inne, daß er seiner Sinne wie seiner Gehwerkzeuge nicht mehr vollkommen mächtig sei; er schrie nach einer Droschke, allein es war so spät in der Nacht, oder richtiger so früh am Morgen, daß kein Wagen mehr in der Nähe des Theaters hielt. Man hoffte, auf dem Belle-Alliance-Platze noch einen solchen anzutreffen, und so nahmen denn zwei Freunde den Schwerfälligen an die Arme und zogen ihn in die Stadt. Aber die Hoffnung, eine Droschke zu finden, war vergeblich; den Trunkenen bis zu seiner Wohnung in die Neue Jakobsstraße zu schaffen, war unmöglich. Zum Glück wohnte einer der altern Herren der Gesellschaft in der Wilhelmsstraße, er nannte sich Intelligenzbuchhalter in der Expedition der Z. Z.'schen Zeitung, war eigentlich aber nur Annehmer und Ordner der Zeitungsannoncen und half bei der Expedition des Blattes. Er wohnte parterre in dem Hofe und pflegte am Tage an einem großen Glasfenster zu sitzen, mit der Ueberschrift: »Annoncenbureau der Zeitung Z. Z.« Neben dem Geschäftszimmer war sein Wohngemach mit einer kleinen ganz finstern Schlafkammer. In diese wurde Zur Linde mit Hülfe des handfesten Theils der Gesellschaft getragen und, nachdem man ihn des Pelzes und der Stiefel entledigt, ins Bett gebracht, wo er sofort in festen Schlaf fiel. Der Intelligenzbuchhalter streckte sich auf dem Sofa seiner Wohnstube aus und bedeckte sich mit dem Pelze des Malers. Zur gewohnten Stunde weckte ihn der Hausknecht mit der Anzeige, daß das Bureau geordnet sei und der Briefkasten geleert. Schwerfällig erhob sich der Mann der Intelligenz, braute im Bureau seinen Kaffee und seufzte, als er die Menge der Briefe und Zettel auf dem großen langen Tische bemerkte: »Was hat man doch von so zwei Festtagen? doppelte und dreifache Arbeit hinterher – was wird das morgen erst für eine Plackerei geben, wenn der erste Festtag schon eine solche Menge von Ausverkäufen, von nicht verkauften Weihnachtsstoffen enthält! Der Teufel hat die Zeitungen und seine Großmutter die Zeitungsannoncen erfunden.« Er zündete sich dann eine lange Pfeife an, setzte den Kaffeetopf in die Ofenröhre und nahm die vollgeschenkte Tasse zu seinem Arbeitstische. Es galt eine Vorarbeit, das Ordnen der Inserate nach Rubriken, das Eintragen derselben in die Kladde. Zu ersterm Zweck hatte sich die Zeitung nach dem Muster der » Times « ein Rubrikenschema gebildet, es war das zwar keine logische Kategorientafel, sondern ein Fachwerk, den täglich vorkommenden Bedürfnissen entnommen, und für jede Rubrik war ein Kasten vorhanden, mit einer Inschrift; da hieß es in dem ersten Kasten mit zwei Abtheilungen: Ammen: gesucht, zu finden; dann, Wohnungen: zu vermiethen, gesucht; Köchinnen, Dienstmädchen, Mädchen für alles, tugendhafte Mädchen, Ausverkäufe, Delicatessen, Verloren, Gefunden u. s. w., genug es standen mindestens zwei Dutzend Kästen auf der langen Tafel, und der Buchhalter mußte oft aufstehen, um nach dem einen oder andern auslangen zu können. Die am meisten gesuchten Kästen standen vor ihm, sodaß er sie ohne Mühe von seinem Sitze aus erreichen konnte. Nun brummte dem Armen noch der Kopf von gestern und wenn er gar noch an das Stück Arbeit dachte, das ihm bevorstand, in jedem Kasten die Annoncen wieder alphabetisch zu ordnen, so steigerte sich das Brummen zu Haarweh. Indeß wurde er durch ein Geräusch in dem dunkeln Schlafgemach in seiner Arbeit gestört, er ließ das eben eröffnete Schreiben, ohne einen Blick hineingethan zu haben, auf den Tisch fallen und ging in die Kammer. Hier war der Maler von dem durch die Stubenthür fallenden Lichtschein erwacht, wußte nicht, wo er war, wälzte sich im Bette herum und fiel aus diesem heraus auf ein nützliches am Boden stehendes Geschirr. Er hatte sich an einem Porzellanscherben den Kopf verletzt und schrie mörderlich. Der Buchhalter zog ihn in die ungeheizte Wohnstube – (das Heizen geschah nur nach den Bureaustunden) und von dieser in das Bureau. »Da«, sagte er, »steht eine Tasse und in der Ofenröhre steht warmer Kaffee, der wird dir bekommen.« Der Dichter rieb sich die Augen, um sich zu besinnen, konnte es aber nicht zusammenbringen, dann jammerte er mit kläglicher Stimme: »Ich will keinen Kaffee, ich muß Sodawasser haben, sehr viel Sodawasser, und einen sauern Hering.« »Ich bin aber leer gebrannt«, entgegnete der Buchhalter, »wenn du jedoch noch einen Brummer übrig hast, so will ich das Nöthige zu schaffen suchen. Bedenke, es ist schon nach zehn Uhr, die Kirchen sind bereits angegangen, die Läden geschlossen. Aber drüben der Delicatessenhändler ist mein guter Freund und ich kenne den Eingang von hinten.« Zur Linde suchte nach seinem Portemonnaie und zog einen Papierthaler aus demselben heraus, welchen er dem Buchhalter übergab. Dieser sagte: »Wenn du deine fünf Sinne wieder hast, so kannst du mir da helfen, die verruchten Annoncen in die Kästen zu ordnen, damit ich Zeit gewinne, mit dir zu frühstücken. Ich werde eine Flasche echten Boonekamp of Maagbitter mitbringen, der bringt uns am ersten wieder auf den Strumpf.« Der Maler warf sich auf das Sofa, der Kopf schmerzte ihm schrecklich, er fühlte sich an allen Gliedern wie zerschlagen, die Zunge war ihm trocken und brannte wie Feuer, der Gaumen war ihm noch trockener. Der Buchhalter blieb lange aus, auch er hatte Durst und war zuerst ein paar Häuser weiter gegangen, um eine kühle Blonde zu trinken. Es hielt Zur Linde nicht mehr auf dem harten Sofa, er setzte sich an den Arbeitstisch, musterte das System der Rubrikenkästen und zog dann mechanisch die Annonce aus dem offenen Couvert, das der Buchhalter aus der Hand gelegt, als er das Geräusch in der Kammer hörte. Sein Blick fiel dabei auf das adeliche Wappen, womit das Couvert gesiegelt war, er kannte das Wappen wohl, er hatte in den letzten Monaten zahlreiche Billets bekommen, ebenso gesiegelt, ein schwarzer Fels, auf dem ein rother Hirsch steht, im goldenen Felde, die Baronenkrone darüber. Mit Spannung schlug er die Annonce auseinander und las von fester männlicher Hand mit lateinischen Buchstaben geschriebene »Aufforderung und Warnung. »Derjenige junge Mann – Name und Stand sei heute aus Discretion verschwiegen – welcher aus meinem Hause in Besitz der Nr. 70233 engl. Consols über 1000 Pfund Sterling vom Jahre 1796 gesetzt ist, wird, da dies aus Irrthum geschehen ist, aufgefordert, die fraglichen englischen Consols binnen vierundzwanzig Stunden nach meinem Comptoir in der Königsstraße oder in meine Privatwohnung unter den Linden zurückzuschicken, indem angenommen werden soll, daß bei dem Empfang der Papiere auch seinerseits ein Irrthum stattgefunden habe, wie in Betreff der Gesinnung und Absicht des Gebers ein Irrthum, der sich aufgeklärt hat, stattfand. »Sollte dies nicht geschehen, so muß angenommen werden, daß die Absicht des Empfängers auf einen Schwindel berechnet war, und es wird der Polizei und dem Criminalgerichte Anzeige gemacht werden. »Uebrigens diene dem Empfänger zur Nachricht, daß in London die nöthigen Schritte gethan sind, die Papiere amortisiren zu lassen. »Jedermann wird übrigens hierdurch vor Ankauf der fraglichen Nr. 70233 engl. Consols über 1000 Pfund Sterling vom Jahre 1796 gewarnt. Baron von Hirschstein.« Der Maler starrte das Papier, das er schon dreimal überlesen hatte, ohne es recht zu verstehen, noch an, als der Buchführer, gefolgt von einem Jungen, der zwei Körbe trug, im Bureau erschien. Er schien außer der kühlen Blonden noch andere geistige Stärkungsmittel zu sich genommen zu haben, denn er war sehr lustig und sang im tiefsten Baß: Es naht sich der Prophet und sagte: »Nun, alter Junge, raffe dich auf, hier sind alle Remedia, die einen katzenjämmerlichen Menschen wieder auf die Beine bringen können, sechs Flaschen Soda, eine Flasche Magenbitter, eine Flasche reinen Nordhäuser, ich habe ihn selbst schon probirt, daher ist die Flasche nicht mehr ganz voll, hier sind einige einmarinirte Heringe, hier sind Sardellen und Anchovis und hier etwas Caviar; Butter und Brot kommt nach.« Er öffnete eine Flasche Sodawasser, bespritzte Gesicht und Kopf des wie eine Leiche auf seinem Arbeitsstuhle sitzenden Malers und stellte ein Glas des perlenden Getränks vor ihn hin, um sich selbst einen Boonekamp einzugießen. Der Maler stürzte das Glas Wasser hinunter und schien erst jetzt wieder etwas zu Sinnen zu kommen, er trank eine zweite Flasche und sagte dann: »Bruderherz, du mußt mir schwören, das nicht zu verrathen, was ich dir jetzt vertrauen will, und mir Rath zu ertheilen.« »Du hast doch das Geld; was wir gestern verkneipten, nicht gestohlen?« sagte der Buchhalter. »Nein, Bruderherz, bei Gott nicht«, erwiderte der Maler und reichte ihm die Annonce des Barons, »da lies!« Der Buchhalter trank erst noch einmal, diesmal von dem alten Nordhäuser, um den infamen Arzneigeschmack des Boonekamp zu vertreiben, wie er sagte. »Nun, bist du etwa der junge Mann, der die 1000 Pfund Consols empfangen hat?« fragte er dann, als er gelesen. Da inzwischen der Aufwartejunge Butter und Brot gebracht, fing er an zu frühstücken, nöthigte dem Maler ein Glas Nordhäuser als heilsam gegen die Kälte des Sodawassers auf und sagte: »Erzähle!« »Ja, ich bin der glückliche oder unglückliche Besitzer der Consols, die Tochter des Barons selbst, die ich entführen sollte, hat sie mir zu Weihnachten geschenkt, mit diesem Taschenbuche.« Er zog das gestickte Taschenbuch heraus, nahm den Brief Eva's und gab ihn dem Freunde zu lesen, während er sich selbst über das Weißbrot und den Caviar hermachte und nun auch den Boonekamp probiren wollte, da der Nordhäuser ihm gut bekommen sei. »Das Geld«, sagte jener, nachdem er den Brief gelesen, »es sind etwa siebentausend Thaler, bedenke das, gehört dir, mein Junge, der Baron Hirschstein soll keinen Shilling, keinen Penny davon haben«, damit sprang er auf, nahm das Couvert und die Annonce und warf beides in den Ofen und hielt die Thür desselben so lange offen, bis er sich überzeugt hatte, die Papiere seien verkohlt. »Höre meinen Plan. Ich bin des verdammten Bureaulebens hier müde, täglich zwölf Stunden Arbeit: Ordnen der Annoncen, Eintragen, Rechnungausziehen, morgens; nachmittags: Zeitungen expediren helfen, in Bänder einschlagen; abends: die während des Tags eingegangenen Inserate ordnen, und sofern sie unleserlich geschrieben, abschreiben, damit die Setzer leichteres Werk haben, die Inserate abmessen und den Preis buchen; und für das alles dieses kalte, feuchte, dunkle Loch als Wohnung, freie Feuerung nur für das Bureau und acht Thaler wöchentlich! »Ich hatte mindestens auf einige Louisdor Weihnachtsgabe gerechnet, der Lump von Drucker hat keinen Pfennig für mich übriggehabt! »Wir wollen nach Amerika, Bruderherz, du zahlst die Reisekosten für mich, und was ich dem Baron Hirschstein noch sonst abpresse, auf Grund des schlechten Versuchs, die Consols wieder einzulösen, soll mein sein. Nun sage mir vor allem, wie viel Geld hast du noch von dem Einhundertthalerscheine?« Der Maler zählte. »Noch dreißig und einige Thaler«, sagte er, »der Schneider allein hat sechsunddreißig Thaler abschläglich bezahlt bekommen, drei Thaler Hauspump, Monatsmiete, und dann ein Abend wie gestern, das reißt ins Geld.« »Sind die zu Neujahr fälligen Coupons noch an den Consols?« »Das weiß ich nicht, danach habe ich nicht gesehen.« »Wie viel Briefe hast du von dem Juden-Schickselchen erhalten, und hast du sie noch beisammen?« »Es mögen zwei Dutzend sein, sie sind verwahrt wie ein Schatz.« »Nun«, sagte der Buchhalter und nahm zur Abwechselung ein Glas Boonekamp, »wenn du fähig bist, gehe oder fahre nach Hause, hole mir die Briefe der Judenprinzessin und bring die Consols mit, damit ich sehe, ob die Coupons noch daran sind; wir brauchen Reisegeld. Komm sobald wie möglich wieder, aber halt, laß mir den Brief der Eva und die londoner Adresse hier.« Als der Maler gegangen war, trank der Buchhalter eine Flasche Soda, klopfte die Pfeife aus, zündete eine neue an und calculirte: »Das Schickselchen hat dem Vater den Namen des Inhabers der Consols nicht genannt, wenn das geschehen wäre, würde er sofort zur Polizei und nicht zu einer Zeitungsannonce seine Zuflucht genommen haben. Heute erscheint in ganz Berlin keine Zeitung, die Coupons sind also in jedem Comptoir zu wechseln, welches nachmittags geöffnet ist. Der Judenbaron fürchtet die Oeffentlichkeit, man sieht es der ganzen Fassung der Annonce an, sie ist darauf angelegt, einen Gimpel in die Falle zu locken. Aber der Gimpel hat seinen Freund Jakob, und er ist mit allen Hunden gehetzt, der ist selbst Laufjunge auf dem Comptoir des Barons gewesen. »Der Judenbaron soll die Frechheit, meinem Freunde das ihm als Bräutigam geschenkte Geld wieder abschwindeln zu wollen, büßen. Was soll er bezahlen?! Hundert, nein das nicht, zweihundert, nein dreihundert Pfund, nicht unter dreihundert Pfund! Dafür kann ich mir selbst in Amerika eine Presse kaufen und Buchdrucker werden, heidenmäßig viel Geld verdienen. Ans Werk, Jakob, aber vorher noch eine Herzstärkung!« Dann setzte er sich, nahm Feder und Papier und schrieb: Hamburg , 26. December 1848. Herr Baron! Gestern Morgen trat ich, um meinen Freunden die Anzeige zu machen, daß ich von ihnen schiede, in das Annoncenbureau der Z. Z-Zeitung. Dort sah ich zufällig eine Annonce von Ihnen, die sich offenbar auf mich bezog, und wußte mir dieselbe in Ihrem Interesse anzueignen. Herr Baron, der Brief, mit welchem mir Baronesse Eva die Consols übermachte, lautet, wie Abschrift beiliegt. Sie sehen daraus, daß ich Eigenthümer der Papiere bin von Rechts wegen; Sie selbst sind nie Eigentümer oder Besitzer gewesen. Ich werde mein Eigenthum morgen oder übermorgen in London zu verwerthen wissen und verachte Ihre Drohungen. Beweisen Sie Ihr Recht an den Papieren. Dagegen habe ich Papiere, die ich Ihnen zum Verkauf anbiete, es sind vierundzwanzig Briefe von Fräulein Tochter, Liebesbriefe, die der verlobte Bräutigam derselben – »das militärische Ungeheuer« und mit welchen liebenswürdigen Titeln der Herr Major Graf von Bruckheim sonst benannt wird – gewiß viel theuerer bezahlen würde als Sie. Allein, da Sie die Güte hatten, mich für einen Gimpel zu halten, der so dumm sein würde, Ihnen die Consols ins Haus zurückzusenden – will ich großmüthig sein. Herr Baron, Sie sind Millionär und ein Mann von großem Einfluß – die Ehe mit Ihrer Fräulein Tochter ist mir mehr werth als 1000 Pfund Sterling Consols, und in allen vierundzwanzig Briefen hat Eva von Liebe und Treue bis zum Tode geredet, und mir auch die Ehe versprochen. Sie ist untreu geworden, ich darf Entschädigung für den Treubruch fordern. Sehen Sie, wie großmüthig ich bin, ich verkaufe Ihnen bis zum 31. December sämmtliche Briefe, den Weihnachtsbrief mitgerechnet, für die Summe von 300 Pfund Sterling, baar oder gegen Wechsel auf die Englische Bank, zu zahlen, London – Street Nr. 00. Aber, Herr Baron, es geht mit den Briefen wie mit den Sibyllinischen Büchern, sie werden von Woche zu Woche theuerer. Ist das Geld am 31. December in meiner Wohnung, der von Fräulein Tochter zur Consummation der Ehe bestimmten, nicht gezahlt, so wird der erste Brief bis zum 8. Januar in der Z. Z.'schen oder einer andern berliner Zeitung veröffentlicht, der erste Brief ohne Namen. Die dreiundzwanzig übrigbleibenden Briefe steigen dann vom 1. bis 8. Januar zu einem Preise von 400 Pfund, in der Woche bis zum 15. auf 500 Pfund. Sie werden statt der eigenen meine Annonce morgen in der Z. Z. lesen. Der unbekannte Consolbesitzer. Dann entwarf er ein Inserat mit der Aufschrift: Zu verkaufen! zog ein Quadrat und schrieb hinein:   Vierundzwanzig Liebesbriefe einer vornehmen Berlinerin bis zum 31. Decbr. in London – Street Nr. 00. zu 300 £. St. zu verkaufen, später theuerer, oder zu spät. Der unbekannte Demokrat mit der Fahne.   wickelte den Papierthaler, den er von dem Maler empfangen hatte (das Frühstück hatte er auf Pump genommen) in das Inserat und schrieb mit Rothstift an den Rand: »So groß als für beiliegenden Thaler immer möglich!« Dann schrieb er seinem Principal, dem Buchdruckereibesitzer: eine Erbangelegenheit rufe ihn nach Altona, er müsse den Dienst als Vorstand des Anzeigenbureau aufgeben; darauf vertilgte er den Rest des Caviars und der Sardellen, ließ sich durch den dienstbaren Geist des Hauses dazu auch einige Flaschen Märzbier holen und fing an, einen kleinen Koffer zu packen. » Minima non curat Praetor «, sagte er zu sich selbst, indem er seine Wäsche musterte und die defecten Hemden zurückwarf, ein Beweis, daß er durch eine lateinische Schule gelaufen war, vielleicht sogar ein juristisches Colleg besucht hatte, und fuhr fort: »Man muß sich nicht mit zu viel Reisegepäck beschweren, sagte mein Vater, als er mich mit zwei Hemden und drei Paar Strümpfen auf das Gymnasium in Brandenburg schickte. Müßte nicht in Berlin geboren sein und später über zwanzig Jahre dort gelebt haben, wenn ich es nicht mit so einem Yankee aufnehmen wollte. Noth lehrt beten.« Jetzt trat Zur Linde wieder ein. Er hatte zu Hause reine Wäsche angelegt, war in einer Restauration gewesen, um ein Beefsteak zu essen, der Schreck von heute morgen war überwunden und die Gegenmittel hatten ihm neue Kräfte gegeben wie neuen Muth. Er zog die Consols aus der Tasche, die Coupons waren noch daran; Jakob Trampelmeier, so hieß der Intelligenzbuchhalter, schnitt die Coupons ab. »Da hätten wir Reisegeld und Geld zu einem Pelz für mich, denn wir müssen in Hamburg und London nobel auftreten«, sagte er; »fehlt dir noch etwas an der Garderobe, so ist es heute Zeit. Ich dachte bei demselben Schneider oder Magazininhaber zu kaufen, der dich so stattlich zum Brautfischzuge ausgerüstet hat, dann kommt er seinem Schaden etwa nach, wenn du ihm die Hälfte des Anzuges schuldig bleiben wirst. »Hast du nun noch irgendetwas zu Hause, was du in die Neue Welt mitnehmen willst, so schaff es hierher. Wie ist es mit dem Passe?« »Den soll ich um fünf Uhr abholen.« »Es ist jetzt halb vier Uhr, setze dich hierher und lies diesen Scheidebrief an den Baron von Hirschstein, du wirst meinen Plan begreifen und billigen; die Briefe von Eva liegen in dem Koffer da, die Consols kannst du zu dir stecken, besser aber, wir verschließen sie in den Koffer, nachdem wir ein Portefeuille dazu gekauft haben. Alles nobel, sagte mein Vater, als er die letzten Haare von meinem Confirmationsfrack bürstete, der dreimal gewendet war. »Ich will indeß zum Bezirkscommissarius und mir meinen Paß auf Altona holen. Ich habe dort gleichfalls eine Erbschaft zu erheben. Uebrigens steht da noch Butter, Brot und in dem Wandschranke meiner Stube ist Kuhkäse, Nordhäuser und Boonekamp, auf dem Tische steht noch eine Flasche Märzen und zwei Schoppen Sodawasser, du kannst dir also bene thun, denn ich schließe dich ein bis zu meiner Wiederkunft.« Damit ging er, schloß das Bureau hinter sich, nachdem er das Empfangsfenster verhangen, ein Zeichen, daß Publikus sich von jetzt an des Briefkastens vor dem Fenster bedienen müsse, wenn er Annoncen abgeben wolle. Zur Linde misfiel der Plan, den Baron Hirschstein die Briefe seines Töchterchens zurückkaufen zu lassen, nicht, er hatte nicht Eva, sondern nur ihr Geld geliebt, und Eva hatte ihn verrathen. Abends fuhren die beiden Freunde nach Hamburg. Das erste, was sie dort thaten, war, den Brief an den Baron in den Bahnhofsbriefkasten zu werfen, damit er mit dem nach Berlin abfahrenden Zuge dahin zurückgehe. Trampelmeier veräußerte sodann die Consols, und Zur Linde schenkte ihm 300 Pfund, was diesen zu folgender Aeußerung rührte: »Du bist ein prächtiger Kerl, mein Junge, du weißt, daß ich nichts beanspruche als freie Ueberfahrt nach Amerika, und das, was ich dem Baron Hirschstein für die Briefe abpresse. Es freut mich aber doch, daß du mir das gethan hast, der Teufel der Versuchung hätte einmal über mich kommen und zu mir sagen können: siehe, diese arme Malerseele hat im Leben ebenso viel Glück wie – mit Erlaubniß zu sagen – Mangel an Grütze im Kopfe; wenn du ihm die Sovereigns abnimmst, so wird ihm aus einem andern Glückstopfe von neuem eine Goldgans entgegenfliegen, diesmal vielleicht eine Lordstochter in London oder eine reiche Holländerin in Neuyork. So hätte mich der Satan verführen können. Aber deine Großthat hat den Versucher auf immer verscheucht, ich werde treu zu dir stehen und dir deinen Schatz vor schwindelhaften Yankees zu bewahren wissen. Ein Berliner, pflegte mein Vater zu sagen, muß sich durch die ganze Welt hindurchschlagen können.« – – Wir nehmen hier von der weiblichen Nachkommenschaft des Moses Hirsch Abschied, indem wir berichten, daß Baron Hirschstein die Briefe seiner Tochter von Trampelmeier zum ersten und wohlfeilsten Preise zurückkaufte, daß Eva als gehorsame Tochter den Grafen Bruckheim heirathete, Sidonie von Baron Franz zwar eine Liebeserklärung errang, aber kein Wort von einer Heirath aus ihm herauslockte, daß sie, nachdem sie die Taufe empfangen, einen Geschäftsfreund des Barons zum Manne nahm, daß Bettina sich mit dem Commerzienrath auseinandersetzte, um in Berlin bei der Tochter zu leben, die noch oft nach dem verscherzten Glück ihrer ersten Liebe seufzte. Eine Ahnung sagt uns, daß wir einem Mitgliede der Familie unsers alten Freundes Moses Hirsch, das wir bisher nur im Bilde gesehen, dem Ulanen, im Jahre der That 1866 noch einmal begegnen werden. Fünftes Kapitel. Schreckenstage. Frau Minna Hellung hatte den Beruf einer deutschen Frau wohl zu erfüllen gewußt, sie hatte ihrem Gatten zwei Knaben und ein Mädchen geboren, von denen der jüngste Knabe der Revolutionär genannt wurde, weil derselbe an dem Tage geboren ward, wo Hellung, das Parlamentsmitglied, zugleich zum Mitgliede des später so genannten Unverstandslandtages erwählt wurde und an welchem in Dresden ein Krawall stattgefunden hatte. Minna spielte nicht mehr in Liebhabertheatern, sie tanzte und sprang nicht mehr, die Kleinen machten ihr vom Morgen bis zum Abend zu schaffen, aber sie liebte ihren »Wilden«, wie sie den Mann nannte, noch ebenso sehr als in Heustedt, nur war sie unzufrieden, daß er sich zu viel mit der garstigen Politik befaßte. Seit beinahe einem Jahre war er nun in Frankfurt gewesen, hatte Grundrechte gemacht und an der künftigen Republik gearbeitet, jetzt war er des Lebens dort satt, wo die Verräther, wie er sagte, und die Erbkaisermacher die Majorität hatten. Ihm hatte das Bündniß seiner Partei mit den Kaisermachern nicht zusagen wollen, er ging nach Dresden zurück und nahm seinen Platz in der Zweiten Kammer ein, seine Arbeiten in der Direction wieder beginnend. Er war ein stark beschäftigter Mann, Mitglied der Stadtverordneten sowie unzähliger Vereine, der seine Frau nicht mehr so oft in das Theater führen konnte wie früher, der sie und die Kinder nicht mehr so oft in die »Boomblut« mit den beiden niedlichen Ponies fuhr, wie er sonst gethan, der die Familie der Politik halber seit einem Jahre stark vernachlässigte. Hellung hatte seine Wohnung in einem alten Palast, nicht dem Cosel'schen, in der Nähe des Zeughauses aufgeschlagen. In den untern Räumen arbeiteten Lehrlinge, Gesellen und Meister irgendeiner der zahlreichen Logen in Dresden an rohen und behauenen Steinen; die erste Etage hatte ein fremder Gesandter bewohnt, sie stand leer, die geräumigen Vorplätze der zweiten dienten den drei Kindern, außer einem kleinen Garten unten, zum Tummel- und Spielplatz. Hinter diesem Gärtchen zog sich der Botanische Garten vom Moritzdenkmal her weiter bis zum Pirnaischen Platze. Der 1. Mai des Jahres 1849 war so schön ins Land gekommen, wie der unbescheidenste Sachse, wenn es solche überall gibt, es nur wünschen konnte. Die Sonne lachte vom wolkenlosen blauen Himmel, wie über der Arnostadt, rings um Dresden zog sich die Blütenpracht der Kirsch-, Birn- und Apfelbäume herum, die Vögel flöteten und zirpten lustig. in den Zwingeralleen lockten die Nachtigallen mit süßer Klage, am frühen Tage wie am Abend und in der Nacht. Die Natur schien den Stadtmenschen zuzurufen: Kommt heraus! kommt zu uns! freut euch mit uns des Sonnenscheins und der Blütenpracht! Für wen es noch anderer Lockmittel bedurfte, den lockten die Reclamen des Tageblattes – in der Villa des Plauenschen Grundes gab es Feldschlößchen und Kulmbacher Bier nebst Käsekäulchen, in der Weintraube unter dem Spitzhäuschen gab es Kirschblüten und einen neuen Anstich von 1846er »Blanken« – im Großen Garten waren Concerte, in funfzig andern Gärten und Kaffeewirthschaften noch dies oder das. Aber kein Lockmittel half heute, in der Stadt wollten die Menschen von Knospenspringen, Sonnenschein, Blütenpracht, Käsekäulchen, schäumenden Töpfchen, und was es sonst war, nichts wissen, sie saßen in den langen engen Bierstuben der Brüderstraße ohne Licht und Sonnenschein, oder bei Engel, oder im Italienischen Dörfchen und steckten die Köpfe zusammen, politisirten, lasen Zeitungen, disputirten und zankten. Es schwirrten außer den Enten, welche die Zeitungen brachten, noch eine ganze Menge Enten in der Luft: der Communalgardenoffizier hatte aus sicherer Quelle gehört, der König von Würtemberg sei erschossen, weil er die Reichsverfassung nicht habe annehmen wollen – der Advocat wußte, auch der König Ernst August sei bei einem Volksaufstande umgekommen. Daß Berlin in vollem Aufruhr sei, daß die Truppen, mit Ausnahme der Garden, zu dem Volke übergegangen seien, daß sich der König Friedrich Wilhelm bereit erklärt, die Kaiserkrone anzunehmen, das war schon etwas Altes, das wußte seit gestern Abend jedes Kind, obgleich die heutigen Zeitungen noch immer keine nähern Nachrichten brachten, die berliner Blätter sogar schwiegen. Kinder von acht bis zehn Jahren, Knaben und Mädchen, liefen in den Straßen umher und drückten jedem, der die Hand ausstreckte, ein Flugblatt in die Hand. Hellung, welcher sich eiligen Schritts nach dem Rathhause der Altstadt begab, wohin die Stadtverordneten zusammenberufen waren, um wegen einer Adresse zu berathen, warf kaum einen Blick auf das Blatt, welches ein kleines Mädchen ihm in die Hand steckte. Mit großer Schrift stand da: »Feuer! Feuer!« Dann folgte ein Aufruf zur Empörung gegen alle Fürsten, welche dem Volkswillen, der Reichsverfassung sich nicht fügen wollten. »Sie machen es zu arg«, sagte er, »es wird Zeit, daß die Verständigern sich ermannen, um dem Unverstande die Zügel aus den Händen zu reißen.« »Wie kommt es«, dachte er, »daß die Leute, die noch vor wenig Tagen gegen die Reichsverfassung und das Erbkaiserthum in Reußner's Garten sich erklärten, heute das Banner der Reichsverfassung schwingen, sie, die nur rothe Republik, Umsturz und Anarchie wollten, um aus zerrütteten Verhältnissen herauszukommen?!« Er, der nach Frankfurt als Republikaner gekommen war und der im Donnersberge den extremsten Meinungen Beifall zugerufen hatte, er war, seitdem er in der Kammer saß, mehr dem Centrum zugewendet. Die socialdemokratische Partei und die äußerste Linke ging ihm zu weit. Vielleicht mochte er nur die Führer nicht, die Wortmacher und sich überall Hervordrängenden. Vielleicht wirkte der hausbackene Verstand seiner Frau, vielleicht seine Pflicht als Mitdirector der Leipzig-Dresdener Bahn, seine Pflicht als Stadtverordneter, die Vaterstadt, das schöne Elbflorenz vor Schaden zu bewahren, ernüchternd. Aber so gemäßigt er gegen die Vorgeschrittensten war, von dem Glauben an den Beruf und die Macht der Nationalversammlung, die Reichsverfassung einzig und allein, wie sie dieselbe geschaffen, auch ins Leben zu rufen, ließ er sich nicht abbringen. Er glaubte mit vielen Tausenden, daß die Stunde geschlagen habe, wo das Volk durch die That beweisen müsse, daß es ein einiges souveränes Volk sein wolle, und daß es die Pflicht der Hauptstadt sei, auf König Johann einen Druck auszuüben, daß er der Souveränetät des Reiches und deutschen Volkes einen Theil der eigenen opfere. Er war daher für eine Adresse des Magistrats und der Stadtverordneten an den König, daß dieser die Reichsverfassung anerkenne. Aber er widersprach dem Antrage, daß die Communalgarde Urversammlungen ankündige, um sich über die Reichsverfassung auszusprechen und die Mittel für die sofortige Durchführung derselben in das Auge zu fassen, weil er in die Weisheit der Beschlüsse der Massen kein Vertrauen setzte und wußte, daß die extremsten Beschlüsse die beliebtesten zu sein pflegen. Aus allen Gegenden Sachsens, aus Städten wie aus Dörfern, kamen stündlich neue sogenannte Landesdeputationen, um dem Könige die Anerkennung der Reichsverfassung anzuempfehlen, mit der Drohung, daß man für die Ruhe der Landestheile, aus denen man entsendet sei, sonst nicht einstehen könne. Das war die Form, die im vorigen Jahre Wunder gethan. Das neue Ministerium – Held war entlassen – Dr.  Zschinsky, von Beust und Rabenhorst suchte zwar das Volk und seine Abgesendeten mit der Versicherung zu beruhigen, daß, sobald nur erst die Anerkennung der Reichsverfassung von Preußen selbst erfolgt sei, der König von Sachsen nicht zurückbleiben wolle; allein das beruhigte niemand. Stadtrath und Stadtverordnete der Residenz stellten dann an die Majestät am 2. Mai den dringenden Antrag: »Anordnungen zu treffen, daß die Deutsche Reichsverfassung unverweilt und ungeändert als Gesetz verkündet werde.« Der König stellte sich der Deputation, welche ihm die Adresse überreichte, gegenüber auf den Standpunkt des Vereinbarungsprincips, das von der Nationalversammlung unbefugt beiseitegeschoben sei. »Die Reichsverfassung, wie sie vorliege, wie sie Oesterreich aus Deutschland verbanne, werde kein großes, mächtiges, sondern ein uneiniges, zerstückeltes Deutschland hervorrufen«, antwortete er. So kam der 3. Mai; – ganz Dresden wogte wie ein Bienenschwarm, man hatte von seiten der städtischen Behörden einen Sicherheitsausschuß gewählt, denn schon drangen von vielen Orten der Umgegend Schwärme von Communalgarden, Turnern, Vaterlandsvereine, Volksvereine und wie die Vereine sonst sich nannten, in die Stadt. Der Sicherheitsausschuß deputirte Hellung und einige andere Mitglieder der Stadtverordneten und des Stadtraths noch einmal ins Schloß, eine Abordnung aus Leipzig und eine solche der Communalgarde schlossen sich an. Der König wiederholte sein gestriges Wort. Während die Deputationen noch im Schlosse waren, fiel draußen auf dem Schloßplatze ein Schuß – bald darauf stürzte die Volksmasse in den Schloßhof mit einem halbentkleideten Leichnam. »Sie schießen auf die Bürger«, hieß es, »Waffen! Waffen! Nieder mit den Schwarz-Gelben!« Als die Deputation nach dem Rathhause zurückeilte, fing man in der Schloß- und Scheffelstraße schon an das Pflaster aufzureißen und Barrikaden zu bauen. Auf dem Rathhause hatte sich die Scene geändert, eine provisorische Regierung hatte sich eingesetzt oder war eingesetzt, man wußte nicht recht wie, der Commandant der Communalgarde war entlassen, Oberstlieutenant Heinze zum unumschränkten Anführer derselben ernannt, Tzschirner spielte den Dictator, der den Stadträthen und Stadtverordneten Befehle ertheilte und ihre Permanenz anordnete. Aber man schickte sie in ein Nebengebäude. Am Morgen des 4. Mai brachte ein Communalgardist unserer Freundin einen Brief ihres Ehemannes: »Wir«, schrieb er, »die Stadträthe sowol als die Stadtverordneten, sind hier im Nebengebäude des Rathhauses gewissermaßen als Gefangene, die nur bei Dingen, wo die provisorische Regierung die mögliche Verantwortlichkeit von sich abwälzen oder sie auf eine größere Anzahl vertheilen will, gefragt werden. Aber es ist eine so tolle Wirthschaft hier, daß wir es für unsere Pflicht halten, freiwillig auszuharren, um größeres Unheil zu vermeiden. Man fertigt Pechkränze an, man schleppt trotz aller unserer Protestationen das Rathhaus voll Pulver, man spricht davon, das Schloß zu unterminiren und dergleichen. »Auf Rath eines juristischen Freundes habe ich gestern für dich und Bruder Franz Ibrahim eine Generalvollmacht aufgesetzt, die dich ermächtigt, mein Grundeigenthum in Meißen zu verkaufen. Es ist für Nothfälle; der Stadtrath H. hat sie beglaubigt. »Als ich gestern von dem Zeughaussturm hörte und die Schüsse von der Frauenkirche herüberschallten, habe ich Todesangst wegen deiner und der Kinder Sicherheit ausgestanden. Es ist unmöglich, daß du dort bleibst. Fliehe, sobald als möglich, nach Neustadt zu der Baronin von F., du bist dort sicherer als bei meinem Bruder, der zu abgelegen wohnt; auch ist die F. wegen ihrer Verbindungen am Hofe weniger den Plackereien der Soldaten ausgesetzt. Meine wenigen Amtspapiere in den Repositorien schaffe in den Keller; Wertpapiere, Gold- und Silbersachen schaffe über die Elbe, sie sind dort sicherer. Grüße die Baronin, küsse die Kinder und vor allem erhalte dich mir, schone dich, rege dich nicht auf, ich bin durch den Wahnsinn um mich herum zur Beruhigung gebracht.« Minna folgte der Weisung ihres Mannes, aber schon war die Verbindung über die Elbbrücke gesperrt, und nur mit Mühe fand sie hinter der Synagoge eine Gondel, die sie mit Kindern, Wiegen und einigen Koffern mit den Werthsachen hinüber zur Neustadt führte. Die Baronin nahm die Freundin und Kinder gern auf; sie war Aristokratin, ihre Familie am Hofe angesehen. Sie selbst war die kinderlose Witwe eines freisinnigen Oberappellationsraths und schwärmte für ein einiges Deutschland, wie es die Mehrzahl der gebildeten Frauen in Dresden that. Ihre Wohnung lag hinter der Schlesischen Eisenbahn im Schutze des Bergrückens, der das Waldschlößchen trägt. Die Neustadt war voll sächsischer Truppen, Preußen wurden mit der Bahn von Berlin erwartet: um Sachsen vor dem Zwange des preußischen Erbkaiserthums durch das Volk zu schützen. Die königliche Familie flüchtete am Morgen desselben Tages, an welchem Minna nach Neustadt übersiedelte, auf einem Dampfschiffe nach Königstein, was in der Stadt den übelsten Eindruck machte. Das Volk, welches nach Einheit und Reichsverfassung schrie, wußte nicht, was es wollte; daß es dem Russen Bakunin, welcher Tzschirner bald die Zügel aus der Hand nahm, und seinen nähern Freunden um diese wenig zu thun war, darüber konnte niemand im Zweifel sein, der den Dingen nur einigermaßen näher stand, und das hatte Hellung denn auch bewogen, seine Frau und Kinder über die Elbe zu senden. Wir sind im Besitz verschiedener Brieffragmente an die Schwester Auguste Dummeier in der Wüstenei, welche die Lage der jungen Frau besser zeichnen, als wir es zu thun im Stande sein würden, und aus denen wir mindestens einige Auszüge mittheilen wollen:   Dresden (Neustadt), Freitag, 4. Mai. Geliebte Schwester! Wenn dieser Brief überall zu Deinen Händen gelangt, so wirst Du durch die Zeitungen über die Anfänge des hiesigen Aufstandes das Nähere erfahren haben, sodaß ich Dich wie mich mit Politik verschonen kann. Ich will Dir nur das Schreckliche meiner persönlichen Lage schildern, sowie das, was Dich über mich selbst und die lieben Kleinen beruhigen kann. Ich weiß nicht, ob Du Dir aus Deinem vorjährigen Aufenthalte noch ein Bild von unserer Wohnung machen kannst, aber das wirst Du noch wissen, daß, wenn wir aus dem Fenster nach rechts sahen, wir über die Rampische Gasse das Zeughaus erblickten, und daß, wenn wir aus unserer Gasse nach der Terrasse wollten oder nach der Vogelwiese, wir an einem großen Gebäude vorbeikamen, das eigentlich in den Botanischen Garten eingebaut ist und Klinikum heißt. Dieses Gebäude, das von unserer Wohnung nur durch eine kleine Gasse getrennt ist, war gestern Nachmittag der Hauptsitz der Aufständischen, von wo aus der Zeughof beschossen und das Zeughaus erstürmt wurde. Die Turner hatten sich im Klinikum festgesetzt und hätten auch das von uns bewohnte Palais zu einer Festung gemacht, wenn nicht die Freimaurerdienerschaft und einige angesehene Freimaurer sie durch gute Worte und gute Riegel von dem Eindringen in die Wohnung abgehalten hätten. Die Furcht der Freimaurer, ihre Geheimnisse profanirt zu sehen, hat uns vor größerm Unglück bewahrt. Nun denke Dich in meine Lage! Mein Mann war auf dem Rathhause, ich war mit den Kindern und Dienstboten ganz allein in der großen zweiten Etage, die erste Etage steht leer, und nun begann das Geheul der Sturmglocken, das Wirbeln der Trommeln, Hörnersignale, ein unbeschreiblicher Menschenlärm von der vom Gewandhause und dem Altmarkt durch unsere Schießgasse ziehenden Menge. Dazu kam sehr bald das Knattern der Gewehrsalven, das Krachen von Kartätschenschüssen, das Geschrei der Männer, das Gepolter beim Aufrichten von Barrikaden. Bald war in unserer Etage keine Sicherheit mehr, Flintenkugeln schlugen durch die Fenster, zertrümmerten Möbeln, Spiegel, Vasen, Bilder. Durch das Bild des Vaters meines Mannes, das seine beiden zuwanischen Frauen und den kleinen Ibrahim vor einem Springbrunnen darstellt, das Dich so sehr entzückte, hat eine Flintenkugel der Mirza beide Beine weggeschossen. Ich mußte mit den Kindern in die Mansardenzimmer flüchten, nachdem wir die Fenster unserer Wohnung, so gut es gehen wollte, mit Betten, Laken, Matratzen verstopft hatten. Und nun die Kinder! dieses Heulen und Schreien wegen des nicht endigen wollenden Schießens und Sturmläutens! Als es Nacht wurde und das Feuer ruhte, die Kinder endlich in den sichern Bodenkammern zur Ruhe gebracht waren und schliefen, kam der gute Vetter Moritz; er stand bei der Turnerschar und hatte sich durch den Botanischen Garten in unser Haus eingeschlichen. Er berichtete, daß soeben die tharander Bürgerwehr eingezogen, ebenso zahlreiche Bewaffnete von Wilsdruff, aus dem Plauenschen Grunde und von Loschwitz angekommen seien, und half dann die Papiere meines Mannes ordnen und in den Keller schaffen, unsere Werthsachen und Werthpapiere in Koffer packen, die Fenster noch vorsichtiger gegen Kugeln verwahren. Heute morgen erhielt ich ein Billet meines Mannes, der mir rieth, sobald wie möglich zu Frau von F. überzusiedeln, die in einem reizenden Versteck hinter dem Lincke'schen Bade und der Prießnitz östlich der Antonstadt wohnt. Du mußt Dich des freundlichen Landhauses noch erinnern, das wir eines Nachmittags besuchten, wo wir am Abend mit Vetter Moritz und andern Freunden ein Rendezvous auf dem Waldschlößchen uns zu geben versprochen hatten. Du erinnerst Dich gewiß der Scenerie, wenn Du Dir den großen Garten ins Gedächtniß zurückrufst, der von drei Seiten mit einer hohen Steinmauer eingefaßt war und nach vorn, nach der Zittauer Straße zu, eine eiserne Einfassung hatte. Weist Du noch, wir stiegen, nachdem wir durch eine Thür des Gartens in einen Weinberg gelangt waren, mehrere Terrassen hinan und ruhten oben auf einem von Kirschbäumen bekränzten Plateau, uns an den herrlichen Früchten und der reizenden Aussicht auf Neustadt, die Elbe, die Brühl'sche Terrasse, das Lincke'sche Bad und Siegels Restauration zu unsern Füßen zugleich labend. Hier ist es so ruhig wie in einem Kloster, wenn aus Altstadt nicht Gewehr- oder Kartätschenfeuer herüberschallt; die Kinder spielen in den gelben Sandwegen, das jüngste, der Revolutionär, ist auf den Armen seiner Amme in der Fliederlaube eingeschlafen. Ich sitze im Gartenpavillon, und da ich hier Schreibzeug gefunden, ist mir eingefallen, meine innere Unruhe dadurch zu bewältigen, daß ich an Dich schreibe. Die gute Baronin ist heute, trotzdem daß seit Morgen das Schießen drüben nicht aufhört, zum zweiten mal nach meiner Wohnung gefahren, um für mich und die Kinder das Nöthigste an Kleidungsstücken und Wäsche, die wir bei der Eile vergessen, zu holen. Sie läßt ihren Wagen dann auf dem Lincke'schen Bade, fährt hinüber, nimmt bei Elisensruhe den Wagen des Wirths und fährt durch den Ziegelschlag in die Stadt, dann muß sie aber, da die übrigen Straßen durch Barrikaden versperrt sind, durch die Amaliengasse über den Pirnaischen Platz. in die Schießgasse gelangen, da dicht vor unserm Hause eine Barrikade gebaut ist, welche das Klinische Institut in Verlängerung der Gasse gegen das Zeughaus deckt. Frau von F. ist glücklich von ihrer zweiten Expedition abends angekommen. Tzschirner, Heubner, Todt bilden die provisorische Regierung; das ist für mich ein Trost, denn mein Mann war nie näher mit ihnen verbunden, er hielt sie für ehrgeizig und nicht uneigennützig. Uneigennützigkeit ist für ihn aber die erste Tugend eines Republikaners. Die Baronin brachte eine Proclamation der neuen Regierung mit herüber; es heißt darin: »Sachsen! steht auf wie Ein Mann! das Volk, das ganze Volk ist Eins. Es gilt nur, dem äußern Feinde gegenüberzutreten. An euch ist es, Deutschland einig und frei zu machen. Das Vaterland, die provisorische Regierung rechnen auf euch!« Das ist ganz gut gesagt, wie sollen die guten Sachsen es aber anfangen, Deutschland einig und frei zu machen, wenn Oesterreich und Preußen nicht einig und frei sein wollen? Seit nachmittags zwei Uhr dauert das Schießen unaufhörlich, die Soldaten versuchten, wie die Baronin drüben hörte, von der Terrasse her gegen Zeughaus und Neumarkt und auf dem rechten Flügel vom Zwinger und der Ostraallee gegen den Wilsdruffer Platz und den Altmarkt vorzudringen. Gelänge das, so käme mein armer Mann zwischen zwei Feuer.   Sonnabend, 5. Mai abends. Ach, liebe Schwester, welch ein gräßlicher Tag! wie glücklich seid Ihr in Euerer von der Welt abgelegenen Wüstenei! Welche Seelenangst habe ich von früh an ausgestanden! Gestern Abend spät bekamen wir noch Einquartierung, das Füsilierbataillon des preußischen Garderegiments Alexander war eingetroffen und wurde in die Straßen diesseit des Neustädter Kirchhofs bis hinauf in das Waldschlößchen einquartiert. Die Baronin erhielt einen Lieutenant und sechs Mann, anständige Menschen, aber ich hörte eine halbe Compagnie in die Radeberger Gasse hineinziehen, welche sangen: »Gegen Demokraten helfen nur Soldaten!« und sehr betrunken zu sein schienen. Morgen sollen noch viel mehr Preußen kommen. Ach, mein Gott, welches Blut wird da fließen, wie viel unschuldiges! Könnte der König die Reichsverfassung nicht lieber annehmen? Wenn Friedrich Wilhelm die Kaiserkrone nicht annimmt, wird ja doch nichts daraus. Ueber wen kommt das vergossene Blut?! Zum Glück behält die Baronin die volle Besinnung, die Kinder sind wohl, aber sie jammern bis auf das jüngste, das der Sprache noch nicht mächtig ist, nach dem Vater und rufen in mir die Sehnsucht nach ihm und die Sorge um ihn wach.   Sonntag, 6. Mai morgens sechs Uhr. Seit morgens vier Uhr heulen die Sturmglocken, donnern die Kanonen. O es ist furchtbar! Es war nicht möglich, im Bett zu bleiben. Unsere Einquartierung sind wir los, aber die Communication mit der Altstadt hat gänzlich aufgehört. Die Dienstboten, der Gärtner, die Leute der Nachbarschaft bringen mit den nöthigen Lebensmitteln, die aber, was das Fleisch anbetrifft, schon sparsam zu werden anfangen, stündlich neue Nachrichten. Frankreich soll Preußen den Krieg erklärt haben; eine Reichsarmee sei auf dem Marsche nach Dresden, dreitausend Hanauer seien schon in Tharand, unser alter König in Hannover sei erhängt, das Schloß sei durch Bergleute unterminirt und solle noch heute, spätestens in der Nacht, in die Luft gesprengt werden!   Um zehn Uhr morgens. Ich komme mit der Baronin soeben von dem Kirschenwäldchen, seit sieben Uhr schlagen schwarze Dampfwolken und hohe Feuersäulen über das Schloß und die Schloßkirche empor. Nach dem, was wir durch Gläser oben ermitteln konnten, muß das Prinzenpalais, oder das alte Opernhaus oder ein Theil der Zwingerpavillons brennen. Das Schloß, soweit es der Elbe zugewendet ist, die Schloßkirche und das Theater sind es nicht, diese Gebäude konnten wir deutlich erkennen. Es wird soeben eine Proclamation der Minister Beust und Rabenhorst, welche im Blockhause in Neustadt einquartiert sind, durch das Gartenthor geworfen, in welcher an den Bestand der Regierung des Königs erinnert wird und die Mitglieder der provisorischen Regierung als »Hochverräther« bezeichnet werden. Als wir die Terrasse schon verlassen wollten, sahen wir ein neu angekommenes preußisches Regiment mit fliegenden Fahnen über die Elbbrücke ziehen.   Montag, 7. Mai abends. Das Schießen dauert fort, Tag und Nacht. Von Theodor noch immer keine Nachricht. Die Baronin hat sich vergeblich bemüht, im Blockhause Erkundigungen einzuziehen, die Minister wissen selbst nicht, wie es in den Stadttheilen jenseit der Brüderstraße aussieht. Das Opernhaus, das alte, ist abgebrannt, ein Pavillonzwinger brennt noch.   Dienstag, 8. Mai. Der gräßlichste Tag heute! Meine Köchin, die aus Altstadt gebürtig und deren Vater unter der Communalgarde ist, während der Bruder unter dem Turnercorps steht, hatte sich heute Morgen bis zum Japanischen Palais hinabgewagt, um dort vielleicht etwas aus der Stadt zu vernehmen. Sie kam laut heulend zurück, die Dienstboten steckten die Köpfe zusammen, man flüsterte leise. Die Baronin, die noch keinen Augenblick die Ruhe verloren, kam mir ganz verändert vor, ich merkte, man suche mir etwas zu verheimlichen. War meinem Manne ein Unglück widerfahren? Ich drang darauf, daß mir die Wahrheit mitgetheilt, daß mir das Schrecklichste nicht verhehlt werde. Die Baronin kam denn auch endlich damit heraus, daß die Köchin erzählt habe, von einer Bekannten, die es aus dem Garten des Brauhauses in der Neustadt selbst gesehen haben wollte, wie unser guter Herr, mein Theodor nämlich, auf dem neuerbauten Elbbrückenpfeiler von einem preußischen Soldaten mit dem Bajonnet erstochen und in die Elbe geschleudert sei. Ich wußte, daß das nicht wahr sei; in der unendlichen Anspannung, in der sich alle meine Nerven befinden, hätte eine Ahnung mir gesagt, wenn Theodor ein Unglück begegnet wäre. Wie sollte er außerdem durch die Menge der Feinde auf die Elbbrücke kommen? Außerdem halte ich es für unmöglich, daß vom Garten des Brauhauses ab das schärfste Auge einen Menschen, der auf dem vor zwei Jahren neuerbauten Pfeiler steht, erkennen kann. Die Baronin ist ein Engel, sie sorgt für mich und die Kleinen, als wäre ich ihr Kind.   Mittwoch, 9. Mai mittags. Gottlob, der Kampf ist vorbei! Von zwei Uhr nachts begann das Schießen. Die Preußen haben die große Barrikade vor der Wilsdruffer Gasse und den Eingang zum Wilsdruffer Platze erobert, die Barrikadenkämpfer, Bergleute, Turner, die aus andern Orten Zugezogenen, haben sich durch den Freiberger Schlag und auf der Straße nach Chemnitz zurückgezogen. Es sollen unerhörte Grausamkeiten vorgekommen sein, namentlich in Stadt Rom und Hôtel-de-Saxe am Neumarkte. Eine Proclamation des neuen Ministers von Friesen, die soeben vertheilt wird, sagt: »Die ganze Altstadt ist in der Gewalt der Truppen, die Rebellen fliehen nach allen Seiten.« Die Baronin will den Versuch wagen, nachmittags in die Altstadt zu dringen, um sich nach Theodor's Schicksal zu erkundigen.   Donnerstag, 10. Mai. Mein Mann lebt, aber als Gefangener. Wessen man ihn beschuldigt, weiß man wol selbst noch nicht. Auch Dr.  Minckwitz, Professor Richter, Stadtverordnetenvorstand Advocat Blöde und andere, die bis zur Uebergabe des Rathhauses in diesem blieben, sind mitverhaftet. Ibrahim brachte noch gestern Abend die Nachricht. Er hat den Bruder selbst gesprochen und dieser hat ihm gesagt: »Hätte ich ein böses Gewissen, wäre ich mir einer Schuld bewußt, so hätte ich auf demselben Wege wie die Mitglieder der provisorischen Regierung und andere fliehen können.« Ich bin beruhigt. Gute Nacht!   Sonnabend, 12. Mai. Gestern war ich in Altstadt. Welche Verwüstungen! Das alte Opernhaus, zwei Zwingerpavillons, drei Häuser der Zwingerstraße sind gänzlich niedergebrannt. Leerstehende Fensterlöcher, Mauern von Hunderten von Flintenkugeln und Kartätschenkugeln durchlöchert, herausgeschossene Quadern, zerschossene Fenstersäulen, zerschossene Dächer, die Straßen voll Dachziegel, zersplitterte Läden und Magazine, aufgerissenes Pflaster, gefällte Bäume, Reste von Barrikaden, das sind Anblicke, die sich überall darbieten, wo der Kampf wüthete. Auch unsere Wohnung ist stark beschossen und beinahe kein Fenster heil geblieben. Bisher ist es Ibrahim noch nicht möglich gewesen, einen Glaser und andere Arbeiter zur Herstellung aufzutreiben. Sobald reparirt ist, ziehe ich in meine Wohnung zurück, um meinem Manne näher zu sein. Die Juristen miströsten mich, wenn ich mir Hoffnung mache auf Freilassung nach einigen Tagen, – er ist wegen Hochverraths in Untersuchung, und da alles festzustellen, dazu gehörten Wochen und Monate, sagen sie. Morgen soll die Bahn nach Leipzig wieder ihre täglichen Dienste thun, da will ich diesen Brief abschicken, den Du der Mutter mit herzlichen Grüßen nach Eckernhausen überbringen willst. Grüße Deinen braven Hans vielmals und küsse die Kinder in meinem Namen. Deine Dich liebende Schwester Minna Hellung .   Theodor's Hoffnung, bald entlassen zu werden, verwirklichte sich nicht. Ein Riesenproceß im alten Inquisitionsverfahren wurde angestrengt, und da man der Hauptschuldigen nicht habhaft geworden, sollten die Minderschuldigen büßen. Theodor hatte keine Waffen getragen, er hatte auf keiner Barrikade gestanden, er hatte das Volk nicht zum Kampfe aufgefordert, aber nicht bei einer, sondern bei vielen Gelegenheiten sprach er sehr unvorsichtig, er verhehlte nie, daß die Republik sein Ideal sei; liebte es, auf Tyrannen- und Fürstenknechte zu schimpfen und die Kleinstaaterei zum Teufel zu wünschen. Die Erklärung der sechsundfunfzig Deputirten vom 30. April gegen das Ministerium Held war von seiner Hand unterschrieben. Was aber viel schlimmer war oder schlimmer ausgelegt werden konnte, er war in den Sicherheitsausschuß, der freilich ohne Resultat blieb, gewählt, und hatte die provisorische Regierung wenn nicht wählen helfen, doch geschehen lassen, daß sie gewählt wurde und sich einsetzte. Was er Gutes gewirkt: im Hindern von Brandstiftungen, im Protestiren gegen Sprengung des Schlosses, zur Erhaltung des Rathhauses mit seinem Archiv, Werthpapieren und Acten, davon schwieg man. Genug, die Art und Weise, wie man zu inquiriren anfing, ihm über Reden, die er in den Märztagen des vorigen Jahres gehalten, Rechenschaft abforderte, bewies ihm bald, daß es darauf abgesehen war, ihn als gefährlichen Staatshochverräther darzustellen. Ein Glück für ihn und die Seinen, daß Minna und die Kinder ihn allwöchentlich besuchen durften. So war der Herbst gekommen und die Sache schien sich noch immer im Stadium der Voruntersuchung zu befinden. Unser Freund, an Thätigkeit gewöhnt und im Freien zu wirthschaften, zu reisen, zu inspiciren,. wurde im Gefängnisse schwermüthig und krank. Minna bemerkte die Veränderung in dem ganzen Wesen ihres Gatten. Pflegte er sie bei frühern Besuchen, wenn auch mit erzwungenem Humor, zu begrüßen, mit den Kindern auf die alte Weise zu scherzen, den kleinen Revolutionär auf den Arm zu nehmen und zu sagen: »Der da soll noch einmal der Präsident der deutschen Republik werden«, so ließ er jetzt den Kopf hängen, klagte über Augenschmerzen und Langeweile. Zeitungen mochte er nicht lesen, die Siege, welche die Reaction überall feierte, nicht beschreiben hören. Minna wurde ernstlich besorgt. Nun brachte auch ein Bekannter die böse Nachricht, gegen den Vorstand der Stadtverordneten und frühern Abgeordneten zur Zweiten Kammer Blöde habe das Gericht zwölf Jahre Zuchthaus erkannt, während Professor Richter entlassen sei. Blöde befand sich mit Hellung etwa in gleichen Verhältnissen, er hatte vielleicht sogar noch mehr rechts gesessen, war bemüht gewesen, dem wüsten Treiben Bakunin's, Tzschirner's, Röckel's und anderer mit den Stadtrathsmitgliedern, die auf dem Rathhause aushielten, entgegenzutreten. Konnte gegen Blöde eine so harte Strafe erkannt werden, so durfte er kaum eine mildere erwarten; hätte er es aber in Waldheim auch nur ein Jahr, Wolle spinnend, ausgehalten? Blöde war entflohen, warum sollte Hellung nicht auch entfliehen? Bei seinem Geschick zu allem, seinen technischen Kenntnissen, konnte er in Amerika leicht ein Fortkommen finden, und hatte er ihr nicht oft von seinen lieben Freunden und Studiengenossen Grant und Baumgarten erzählt, die dort in glänzenden Verhältnissen lebten? Sie waren wohlhabend und konnten allenfalls von ihren Zinsen in dem freien Lande leben. Minna entwarf in der Nacht einen Plan zur Flucht. Der Gefangenwärter, früher Unteroffizier, hatte sie und die Kinder, so oft sie den Mann im Gefängniß besuchte, so mitleidig angesehen, und ihr oft geklagt, daß Gefängniswärter zu sein etwas Erschreckliches wäre, und daß er lieber in Amerika Holz hacken wolle, als hier sein Leben lang Leute, vor denen er die größte Hochachtung habe, zu bewachen. War das nicht ein Wink? Am andern Morgen hielt sie Rath mit dem Maler Franz Ibrahim und einem juristischen Freunde ihres Mannes, – sie verkaufte, wenn auch nur zum Schein, einem Dritten die Weinberge und Häuser ihres Mannes in Meißen. Der Käufer verpflichtete sich in einem Nebencontracte, solche in kürzester Zeit zum öffentlich meistbietenden Verkaufe zu bringen und das Geld nachzusenden. Der Jurist vermittelte den Verkauf der Actien der Leipzig-Dresdener, der Köln-Mindener Bahn, wie den der Waldschlößchen-Actien, und es wurden dadurch so reiche Mittel geschafft, daß die Familie die Reise nach Amerika bestreiten und daselbst mehrere Jahre ohne Sorgen leben konnte. Der Gefangenwärter war gern bereit, Hellung's Entweichen zu befördern, wenn er nur selbst mit nach Amerika genommen würde. Die Befreiung gelang, unser Freund erreichte mit dem Gefangenwärter glücklich die schlesische Grenze. Man verfolgte beide in der entgegengesetzten Richtung, hielt Haussuchungen bei Franz Ibrahim, bei Minna, in den Winzerhäusern der Weinberge, sogar bei der Baronin von F. Erst als Minna von Breslau ab ein Packet erhielt, unter der Adresse des Castellans, welcher die Loge unten im Hause bewachte, athmete sie auf und wußte, daß Theodor in Sicherheit war. Das Packet enthielt den langen schwarzen Bart des Mannes, den dieser, um sich unkenntlich zu machen, abgeschnitten hatte; ein Brief enthielt die Schilderung der Flucht. Es war verabredet, daß Hellung über Berlin nach Brüssel reise und sich dort aufhalte, bis Minna mit den Kindern nachkomme. In Dresden freute man sich allgemein der gelungenen Flucht, denn unser Freund Hellung war dort sehr beliebt. So suchte abermals einer unserer Freunde Zuflucht im Westen, und er that wohl daran. – Das Zuchthaus zu Waldheim und die dortige Behandlung der Maigefangenen hat in Deutschland einen schlechten Klang und der Name Beust wird schwerlich einen guten bekommen. – – Waren es denn aber nur einzelne wenige, welche so mit den wieder mächtig gewordenen Regierungen in Conflict geriethen über Principien, welche diese noch vor einem Jahre stillschweigend anerkannten, jetzt aber mit Festung und Zuchthaus bestraften? Nein, es waren Tausende aus allen Gegenden Deutschlands, jugendliche Schwärmer, die noch immer an die Omnipotenz des Frankfurter Parlaments glaubten, die noch immer wähnten, die einzelnen deutschen Fürsten, welche die Reichsverfassung nicht anerkennen wollten, die seien die Hochverräther, und das Volk sei berechtigt und verpflichtet, sie zu zwingen. Tausende und aber Tausende, darunter anerkannt tüchtige Juristen, Richter wie Advocaten, Professoren und Studenten, stützten sich auf den Wortlaut des Bundesbeschlusses vom 30. März in Gemäßheit der Interpretation des Vorparlaments, daß das Parlament einzig und allein befugt sei, die Reichsverfassung zu Stande zu bringen. Der Leibfuchs Bruno's aus dem Jahre 1837, der jüngste Sohn des vor kurzem zu seinen Vätern heimgegangenen Maschinenbauers Schulz, der Advocat Oskar Schulz, hatte die Advocatur nach dem Tode des Vaters an den Haken gehängt und war Mitredacteur der unter der Redaction des Dichters und Idealisten Theodor Althaus stehenden »Zeitung für Norddeutschland« geworden. Dieser hob in der Nummer vom 13. Mai den Beschluß der Nationalversammlung vom 10. Mai in den Himmel, einen Beschluß auf Antrag Reden's, des Hannoveraners, welche erklärte: »1.) Die Reichsversammlung beschließt: dem schweren Bruche des Reichsfriedens, welchen die preußische Regierung durch unbefugtes Einschreiten im Königreiche Sachsen sich hat zu Schulden kommen lassen, ist durch alle zu Gebote stehenden Mittel entgegenzutreten. »2) Neben Aufrechterhaltung der öffentlichen Ruhe und Sicherheit sind diejenigen Bestrebungen des Volks und seiner Vertreter, welche zur Durchführung der endgültig beschlossenen Reichsverfassung geschehen, gegen jeden Zwang und Unterdrückung in Schutz zu nehmen. »Die provisorische Centralgewalt ist zur Ausführung dieser Beschlüsse aufzufordern.« Althaus drang nun darauf, daß auch in Hannover ein Landesausschuß für Vertheidigung und Durchführung der Reichsverfassung eingesetzt werde. Er führte den Gedanken der frankfurter Linken: Bildung eines Vollziehungsausschusses, Schaffung eines Parlamentsheeres, Krieg gegen die rebellischen Fürsten, mit glänzenden, dichterischen Farbentönen in mächtig ergreifender Weise aus. Althaus schien keine Ahnung davon zu haben, daß die Centralgewalt nur dem Namen nach bestehe, daß sie und die Reichscommissare überall, wo sie mit Höfen verhandelt, mutlos gewesen und unverrichteter Sache von Wien wie von Berlin zurückgekommen; er bedachte nicht, obgleich Schiller das schon König Karl VII. in den Mund gelegt hatte, daß weder Erzherzog Johann, noch Heinrich von Gagern und das ganze Parlament mit ihm ein Heer aus der Erde stampfen konnten, daß sich aber überall, wo es Aufstände für die Reichsverfassung zu unterdrücken galt, in Dresden, in Westfalen, am Rhein wie in der Pfalz, preußische Regimenter einstellten. Althaus wurde schon am 14. Mai verhaftet; Stüve fürchtete einen Volksaufstand. Jetzt führte Oskar die Redaction; die Verhaftung seines Freundes hatte ihn außer sich gebracht, er klagte sie an als eine Ungerechtigkeit, als einen Hohn gegen das Volk, er rief das hannoverische Volk zu den Waffen. Am folgenden Tage saß auch er hinter Schloß und Riegel des Cleverthorgefängnisses mit der Aussicht auf den Marstall und die Linden vor demselben, als Untersuchungsgefangener, des Hochverraths angeklagt. Er fühlte sich als Märtyrer und er litt sehr, denn ihm war sein erstes Lebensbedürfniß entzogen; er erhielt an den ersten Tagen weder Feder, Papier und Tinte noch Journale und Zeitungen. Vergeblich jammerte er, daß ihm wenigstens die officielle Hannoverische Zeitung, die er oft für das nichtswürdigste aller deutschen Blätter erklärt hatte, in die Koje gebracht werde. Millionen Deutscher hatten geschworen, für die Reichsverfassung Gut und Blut zu opfern; war er selbst nicht wenige Tage vor seiner Verhaftung noch Zeuge gewesen, daß sechstausend Hannoveraner aus allen Landestheilen in Eystrup bei Heustedt unter freiem Himmel diesen Schwur gethan? Sollte in keinem deutschen Lande das reichsverfassungstreue Volk der Soldateska Herr werden? Konnte nicht Baden, konnte nicht die Pfalz Ausgangspunkt für einen solchen Sieg sein?! Oskar's Träume führten ihm Barrikaden, Trommeln, Fahnen, Revolutionsrufe, Flintengeknatter und Siege des Volks vor seiner Phantasie vorüber. Hätte er, der noch keine Barrikade gesehen, nur eine Stunde die Schrecken eines solchen Kampfes, wie sie vor der Barrikade an der Wilsdrufferstraßenecke in Dresden stattfanden, sehen und dabei kämpfen sollen, er würde ernüchtert sein, er würde gefühlt haben, welcher Verantwortung er sich aussetzte, als er die Jugend Hannovers, die Arbeiter in den Blusen und die Idealisten mit der Feder auf die Barrikade rief. Jetzt reflectirte er nur über einen Leiter, den er schreiben wollte, wenn ihm zuerst wieder Tinte und Feder gegeben werde, und der die Gedanken behandeln sollte: Hat nicht der Nationalwille die Reichsverfassung beschlossen? Hat der Nationalwille nicht eine höhere Geltung als alle Verträge, welche deutsche Fürsten 1815 mit Fremden abgeschlossen, um Deutschland eine Gestaltung zu geben, in der es verkrüppeln und zum Spotte des Auslandes werden mußte? Wer gab dem Grafen Münster und dem englischen Ministerium das Recht, diese althannoverischen Provinzen mit neuen Grafschaften, Fürstenthümern, Absplissen und Flicken zu einem Königreiche zusammenzuwerfen? Was kann uns hindern, deutsch zu sein, zwingen, uns welfisch und den Welfen angestammt zu fühlen? Der Gefangene wurde nach und nach ruhiger. Er gab die anfangs gehegte Hoffnung auf, daß sein Bruder mit hundert seiner Maschinenbauer eines Nachts kommen würde, um seine Kerkerthür zu öffnen; er gab die Hoffnung auf, daß das Volk aufstehen würde, um Ernst August den Weg nach England zu zeigen, womit er im vorigen Jahre den Ständen gedroht hatte. Er fuhr nicht mehr in die Höhe, wenn einige Trainwagen über die Marstallsbrücke fuhren, er schrak nicht mehr aus dem Schlafe auf, wenn nachts eine Patrouille die Cleverthorwache visitirte. Nachdem die Voruntersuchung nach dem ersten Verhöre geschlossen war – Oskar hatte sich als Verfasser des incriminirten Aufsatzes bekannt, Complicen hatte er nicht – wurden ihm Bücher, Zeitungen, Papier und Feder bewilligt, er durfte in Begleitung des Wärters auf den Wällen Spaziergänge machen, half die Zeitung redigiren und wartete sein Urtheil ab. Sechstes Kapitel. Abkühlung. Es ist Zeit, daß wir uns nach einem unserer altern Freunde umsehen, nach Bruno Baumann. Als er von seiner verunglückten Brautfahrt nach Berlin, zerschlagen an Körper, verschnupft und erkältet, geistig durchfroren bis in das innerste Gemüth, zurückgekehrt war, suchte er Ruhe im Bett. Am andern Morgen fand ihn seine Aufwartung fiebernd, phantasirend, ohne Besinnung. Es wurde zum Arzt und zu dem Oheim Hermann geschickt; ersterer glaubte alle Anzeichen zu einem gastrisch-nervösen Fieber vorhanden, und Hermann hielt sich verpflichtet, den Neffen in sein Haus bringen zu lassen, um ihn der Pflege von Frau und Tochter zu übergeben. Als hier das Nervenfieber in aller Heftigkeit ausbrach, eine Barmherzige Schwester zu Hülfe genommen werden mußte, ließ es sich auch Heloise von Barrò nicht nehmen, Nächte hindurch bei dem Fiebernden zu wachen, obgleich sie selbst durch den härtesten aller Schläge getroffen war. Ihr Gemahl, Baron Lazzi von Barrò, war am 27. December bei der Vertheidigung Raabs gegen Windischgrätz gefallen, sie hatte die Trauerbotschaft in den ersten Tagen des neuen Jahres empfangen mit der Nachricht, daß Windischgrätz am 5. Januar ohne Widerstand in Ofen und Pesth eingezogen war. Ihr Gemahl todt, ihr zweites Vaterland, das sie wie eine geborene Ungarin liebte, von neuem in Ketten geschlagen, besiegt von den fremden Horden, Italienern, Kroaten, Slowaken! Sie fühlte sich recht einsam und verlassen in der Welt, ihr Bruder hatte sich von ihr abgesagt, er wollte mit der Gattin eines Rebellenführers nichts zu thun haben, er war nie brüderlich gesinnt, hatte ihr noch nicht einmal ihr mütterliches und väterliches Erbtheil, das in dem Schlosse Finkenstein steckte, ausgezahlt, sondern nur einige tausend Dukaten zur Aussteuer bei der Hochzeit nach Wien überbracht. Baron Lazzi und Justus Victor von Finkenstein waren zu entgegengesetzte Charaktere, als daß sie Gefallen aneinander hätten finden sollen; jener schwärmte für die Freiheit seines Vaterlandes, dieser liebte höchstens sich und ein lustiges Husarenleben, wie er es nannte. So waren die Geschwister schon bei der Hochzeit Heloisens kalt auseinandergegangen und die Kluft hatte sich seit den Märztagen erweitert, da Barrò auf Kossuth's Seite trat, während Justus Victor sich vor dem Hasse des Volks aus Hannover zurückziehen mußte und ziemlich einsam auf seinem Finkenstein wohnte. Es war schon Ende Januar, als die Fieberphantasien bei Bruno aufhörten, das Denken wieder die Oberhand gewann, das Auge klarer schaute. Als er zum ersten mal mit Bewußtsein erwachte und die Augen sehend aufschlug, erblickte er eine hohe in Trauer gekleidete Frauengestalt am Kopfende seines Bettes sitzend, die das Gesicht ihm abwendete, da sie auf einer Karte den Rückzug Bem's von Hermannstadt studirte. Bruno schlug schnell die Augen wieder zu, er mußte sich erst besinnen, wo er war, nachdenken, wer die Dame sei. Endlich ahnte er das Richtige. Veronica die Mutter kam herein und beugte sich über ihn. Da schlug er die Augen auf und sagte: »Liebe Tante!« Ein Schrei des Entzückens aus ihrem Munde, denn das war seit länger als vier Wochen das erste von Bewußtsein zeugende Wort, das aus des Kranken Munde kam, und das war der erste klare Blick, den er auf die Umgebung richtete. Heloise warf die Karte beiseite und wendete sich zu dem Kranken, er erkannte sie und lächelte ihr freundlich zu. Der Arzt erklärte Bruno für gerettet, aber die Wiedergenesung werde lange Zeit erfordern, die Krankheit habe alle Kräfte erschöpft. Gegen Ende März erst konnte der Genesene zum ersten mal wieder die Paulskirche besuchen; ach, mit wie andern Gefühlen geschah das als im Mai vorigen Jahres. Wie viele, viele Illusionen waren verschwunden, wie viele Hoffnungen zerknickt, wie sehr war der Blick in die Zukunft mit Dunkel und Nebel verhüllt! Es schien Bruno, als er wieder so weit gestärkt war, sich aus Zeitungen und stenographischen Berichten über das seit Neujahr Geschehene orientiren zu können, als sei man in Frankfurt in das Stadium eingetreten, wo niemand mehr ein noch aus wußte, und einer nach dem andern verzweifelnd resignirte. Alle friedlichen Mittel schienen erschöpft, es blieb nur noch die Revolution; aber die Kraft dazu war im vorigen Jahre in hochtönenden Worten, Adressen, Congressen, Putschen verpufft. Die Illusion von der Gewalt oder gar Allgewalt der Nationalversammlung lebte nur noch in einigen verworrenen Köpfen, welche an die Macht der März-, Volks-, Vaterlandsvereine und wie sie sonst hießen, die zu Tausenden wie Pilze aus der Erde geschossen waren, glaubten. Wer indeß diesen Vereinen näher getreten war, der wußte, daß man Adressen und großmäulige Redensarten haben konnte, daß alle Vereine nach der von den Führern ausgegebenen Schablone kräftigst arbeiteten, daß es aber unmöglich war, so viel Geld aufzubringen, um damit ein Parlamentsheer auch nur einen Tag unterhalten und besolden zu können. Nachdem am 27. März das Erbkaiserthum beschlossen, am folgenden Tage der König Friedrich Wilhelm von Preußen zum deutschen Kaiser erwählt, die Kaiserdeputation am 29. ernannt und abgereist war, am 30. März die Verfassung unterzeichnet wurde, da trafen sehr bald die Rückschläge ein: von Berlin die Nichtannahme der Kaiserkrone, von Wien am 5. April die Zurückberufung der österreichischen Abgeordneten, da sich das Parlament seit dem 27. März auf einen Boden gestellt habe, wohin ihm Oesterreich nicht folgen werde. Hermann Baumgarten folgte dem Beispiele seiner in die Heimat zurückkehrenden Landsleute um so lieber, als er es längst unerquicklich in der Paulskirche gefunden und als außerdem ein erfreuliches Familienereigniß die baldige Rückkehr nach Wien und dem Sanct-Helenenthale erwünscht machte. Veronica hatte sich nämlich plötzlich verlobt. Mit wem? fragen hundert Leserinnen auf einmal! Etwa mit Bruno? – Nein, um die Hand der Urenkelin des Spritzenmeisters Georg Schulz hatte ein griechischer Fürst angehalten. Der Sohn unsers Don Juan mit der Schmarre, der vor vierunddreißig Jahren in Veronica die Mutter so sterblich verliebt gewesen, war von Berlin nach Frankfurt gekommen, hatte auf einer Soirée des Erzherzogs Veronica die Tochter gesehen und sich sofort verliebt. Sein Vater hatte oft von Veronica der Mutter gesprochen und sie für die größte Schönheit erklärt, die er je gesehen, er war förmlich stolz auf seine Schmarre gewesen, der Sohn war Erbe seines heißen Blutes, das Widerstand nicht kannte, und wo es ihn fand, zu bewältigen wußte. Er war völlig unabhängig, sein Vater war im vorigen Jahre gestorben, ein wilder Ritt auf ungesatteltem unbändigen Rosse hatte Reiter und Roß dem jähen Tode entgegengeführt. Hermann's Sohn, der freiheitschwärmende Studiosus, war längst genesen, er hatte einen etwas steifen Arm als bleibendes Andenken an die Kroaten behalten, die er haßte bis in den Tod, allein er war besonnener geworden. Sie waren alle nach Osten abgereist. – Bruno dachte nur an Heloise von Barrò, die schöne Witwe, welche sich angeschlossen, um das Grab des Mannes bei Raab zu besuchen und zu schmücken. Er fühlte sich so einsam, war beinahe nur auf den Vetter Gottfried und auf Detmold angewiesen, da er selbst sich von den übrigen Landsleuten zurückgezogen hatte; Gottfried blieb noch immer Idealpolitiker, Detmold war Realpolitiker, der Intriguen machte und zerstörte. So kam der Wonnemonat Mai. Bruno hatte sich einen neuen Lebensplan zurechtgelegt. Nicht ohne Vermittelung und Hülfe Detmold's hatte er einer größern süddeutschen Feuerversicherungsanstalt die Concession in Hannover erwirkt. Diese bot ihm die ansehnlich besoldete Generalagentenstelle, welche einen Sitz in Hannover erforderte. Er kam so am einfachsten aus seinen heustedter Verhältnissen und gewann Zeit für politische und schriftstellerische Arbeiten. Er beschloß auf sein Mandat zum Parlament zu resigniren; Detmold bat ihn, zu bleiben, man dürfe die Kaisermacher durch Austritt der Unabhängigen jetzt nicht stärken. Inzwischen hatte Heinrich von Gagern am Tage der Niederwerfung des dresdener Aufstandes dem Reichsverweser ein neues Programm vorgelegt: »mit allen gesetzlichen und friedlichen Mitteln und durch das Gewicht der moralischen Macht der Centralgewalt die Durchführung der Reichsverfassung zu unterstützen«, und er hatte an die Nichtannahme sein Entlassungsgesuch geknüpft. Der Erzherzog weigerte sich, ein Programm anzunehmen, zu dessen Vollzug ihm die Mittel fehlten, und so nahm das Reichsministerium am 9. Mai definitiv seine Entlassung. Als der obenerwähnte von Reden'sche Antrag angenommen war, rief Detmold seinen Freund beiseite und sagte: »Ich glaube, wir können anfangen unsere Sachen einzupacken, die Komödie naht dem Ende. Denken Sie, soeben bietet mir Bally das Reichsjustizministerium an. Aber wer soll Ministerpräsident sein? Ich wette, Sie errathen es nicht. Denken Sie, die lächerlichste Person der Paulskirche – Grävell! – ich danke für Obst!« »Man lacht ihn aus«, erwiderte Bruno, »wenn er sich auf die Ministerbank setzt, wie man Sie auslachen würde, wenn man Sie nicht fürchtete. Bei alledem hat alles, was ich den Mann in der Paulskirche habe sagen hören, Hand und Fuß, wenn es auch oft unbehülflich, grob und rücksichtslos herauskommt. Wer weiß, ob er die Lacher nicht zur Ruhe brächte?« In der nächsten Sitzung am 11. Mai donnerten Raveaux und andere von der Rednerbühne gegen Waitz, die Verfassung führe sich selbst nicht ins Leben, das Volk, welches sich zum Schutze der Reichsverfassung bewaffne, sei nicht Rebell, die Rebellen seien die Fürsten, und sagte schließlich: »Die Competenz der Versammlung, zu beschließen, wird ihr niemand absprechen, das ist auch noch niemand eingefallen!« Grävell sprang vom Platze auf und rief: »Mir z. B. ist es wohl eingefallen!« Das entschied für Detmold, der mit geschlossenen Augen dasaß. Er wendete sich zu dem vor ihm sitzenden Bally und sagte: »Nehmen Sie ihn, Sie haben recht, er allein setzt mit seiner Ruhe die Gesellen unters Wasser. Unter seinem Präsidio nehme ich das Justizministerium!« Während Bally Grävell zum Reichsverweser führte, entwarf Detmold in der Paulskirche das Ministerprogramm. Dann suchte er Bruno auf und zog ihn beiseite: »Grävell wird Ministerpräsident, ich selbst habe gleichfalls angenommen, wollen Sie mein Referent und Unterstaatssecretär werden?« »Ein Ministerium mit der lächerlichsten Person an der Spitze, wie Sie gestern selbst sagten?« entgegnete er fragend. »Grävell«, erwiderte der Buckelige, »hat, wie Bally richtig sagt, sein Leben lang Freiheit, Ordnung und Gesetz vertreten, und der Linken gegenüber bedarf es einer grobnervigen, dreisten Natur. Uebrigens wird sich die Sache in wenig Wochen, vielleicht in wenig Tagen abspielen. Es handelt sich darum, den Reichsverweser gerade in diesem Augenblicke nicht im Stiche zu lassen. Die Erbkaiserlichen wollen die Ministerlosigkeit benutzen, um den Erzherzog zu drängen, die Centralgewalt in die Hände des Königs von Preußen niederzulegen. Fände der Reichsverweser kein Ministerium, so wäre das die nothwendige Folge. Aber die Herren haben die Rechnung abermals ohne den Wirth gemacht. Mein Programm wird ihre Ränke scheitern machen. Dann wird Preußen dem Beispiele Oesterreichs folgen und seine Abgeordneten abrufen. Hannover und Sachsen werden das Gleiche thun, und die Regierungen werden sich über eine Verfassung verständigen. Stüve hat in der in Berlin mit Sachsen und Preußen vereinbarten Reichsverfassung Oesterreich seinen Platz gesichert. Mit einem Kleindeutschland ist es vorerst ebenso wenig etwas als mit dem Erbkaiserthum. Bedenken Sie sich nicht lange, nehmen Sie mein Anerbieten, das außerdem Ihre Zukunft sichert, an. Ich würde Sie ungern vermissen, ich kenne Sie seit zwölf Jahren und Sie kennen meine Art.« Der Freund sagte zu. Es war die höchste Zeit, daß diese »Teufelei«, wie Haym sagt, glückte, denn ohne sie würde die andere Teufelei, die man in Berlin ausgedacht hatte, mehr Aussicht auf Erfolg gehabt haben. Der Oberst von Fischer war von Berlin angekommen, um den mürbe gemachten Reichsverweser zu veranlassen, die Nationalversammlung aufzulösen und die Centralgewalt an den König von Preußen zu übertragen. Dieser würde ein Reichsministerium Radowitz ernannt haben, Wahlen in Gemäßheit des Dreikönigsbündnisses würden ausgeschrieben sein, statt in Erfurt hätte in Frankfurt das neue Reichsparlament und ein Fürstenhaus getagt, die Fürsten würden sich unterworfen haben, und blieben die Oesterreicher fort, so war Oesterreich aus dem neuen Bunde hinaus. So etwas hielt aber damals nicht nur die gesammte Linke, sondern auch Staatsmänner wie Stüve, von der Pfordten, von Beust für das größte Unglück, was geschehen könne; man mischte schon die Karten zu dem Fiasco von Erfurt, und die Herren, die damals dem Dreikönigsbündnisse entschlüpften und das Volk um die Einheit betrogen, die tragen nebst Olmütz die meiste Schuld an dem 1866 vergossenen Blute. Heute sind wenige Menschen, welche eine solche Entwickelung der Dinge, die den Bruderkrieg abgewendet, den Main vom Fichtelgebirge bis nach Mainz überbrückt haben würde, nicht für eine glückliche hielten; in jenen Tagen schien Detmold's Ansicht in Bruno's Augen gerechtfertigt, und um einen solchen preußischen Plan hintertreiben zu helfen, nahm er die Stellung als Unterstaatssecretär an. Er fürchtete, daß der Reichsverweser eher zurücktrete, als die Centralgewalt in Preußens Hände lege, dann aber war die Revolution da und das Chaos, und im günstigsten Falle hielt er die Kreuzzeitungsritter nicht für Männer, die ein Deutschland ohne Oesterreich regieren könnten. Das Programm, welches Detmold in der Paulskirche entworfen hatte, schien ihm correct, sodaß selbst Metternich nichts daran hätte tadeln können; es lautete: »1) Die Errichtung des Verfassungswerks ist durch das Gesetz vom 28. Juni vorigen Jahres von der Thätigkeit der Centralgewalt ausgeschlossen. Eine Wirksamkeit behufs Durchführung der Verfassung liegt außerhalb der Befugnisse der Centralgewalt. Sie ist gern bereit, eine Anerkennung der Verfassung bei den Regierungen zu vermitteln, wird aber allen ungesetzlichen und gewaltsamen Bewegungen, welche die Durchführung der Verfassung zum Vorwande oder Anlaß haben, mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln entgegentreten, sobald die Hülfe und Vermittlung von den betreffenden Regierungen nachgesucht wird. »2) Die Centralgewalt erachtet es für ihre Pflicht, die ihr ausschließlich zustehende Regierungsgewalt vor jeder Einmischung zu bewahren und jeden Eingriff in dieselbe zurückzuweisen.« Das war ein Programm, bestimmt und faßbar, übereinstimmend mit dem Gesetze vom 28. Juni, das Gegentheil von dem letzten Gummi-elasticumprogramm Gagern's; das war ein Programm, das klar und entschieden den revolutionären Gelüsten zur Durchführung der Reichsverfassung, die sich auch bei Männern der Centren immer offener aussprachen, entgegentrat. Daß es den Zorn der Linken erregen mußte, war vorauszusehen. Das Gerücht der neuen Ministercombination verbreitete sich schnell. Onkel Gottfried Schulz kam noch am Abend zu Bruno und beschwor ihn, die Verbindung mit dem »kleinen Scheusal«, die ihm nur zum Verderben gereichen würde, aufzugeben. »Glaube mir«, versicherte er, » diesem kleinen von Ehrgeiz und Eitelkeit geplagten Teufel ist nichts in der Welt heilig, weder Vaterland noch Freiheit. Er wird seinen Freund Stüve verrathen, er wird Hannover verrathen, er wird sich von den Schwarzenberg oder wer es sein müßte, oder von Antonelli erkaufen lassen.« Bruno verteidigte den Leiter seiner politischen Bildung. Am Tage des 16. Mai ging er indeß mit einigem Herzklopfen in die Nachmittagssitzung der Paulskirche, er mußte für sich wie für seine Reichsminister auf einigen Hohn, auf Gelächter, Spott, vielleicht einige Kothwürfe gefaßt sein. So schlimm, wie es kam, hatte er sich die Sache allerdings nicht gedacht. Im Anfange der Sitzung wurde die preußische Verordnung, welche das Mandat der preußischen Abgeordneten für erloschen erklärte, dem Antrage Wiedenmann's gemäß, mit zweihundertsiebenundachtzig Stimmen gegen zwei für unverbindlich erklärt und die Erwartung ausgesprochen, daß sich die preußischen Abgeordneten der fernern Teilnahme an den Verhandlungen nicht entziehen würden. Inzwischen ging bei dem Präsidenten Theodor Reh ein Schreiben Gagern's ein, welches denselben und die Versammlung benachrichtigte, der Reichsverweser habe den Geheimen Justizrath Dr.  Grävell zum Minister des Innern ernannt und ihm einstweilen das Präsidium des Ministerraths übertragen. Die Mittheilung dieses Schreibens erzeugte unter den Abgeordneten wie auf den Galerien große Bewegung. Der neue Ministerpräsident bat um das Wort, ward aber mit großer Unruhe empfangen. Er sagte im Anfange seiner kurzen Rede: »Meine Herren! Wenn Sie auf mein weißes Haar sehen, so werden sie mir zutrauen, daß nicht Eitelkeit oder Ehrgeiz mich dazu bewegen konnte, um einen Posten mich zu bemühen, oder ihn nur mit Freuden anzunehmen, der mich aus den sorglosesten und bequemsten Verhältnissen herausbringt und eine so schwere Verantwortlichkeit auf meine Schultern legt, wie sie wol nicht schwerer aufgelegt werden kann. Ich bitte Sie darum, seien Sie so freundlich und erschweren Sie mir nicht die Last, die ich auf mich genommen habe. Ich empfehle mich Ihrem Wohlwollen!« Und was that die Nationalversammlung? Als Grävell die Namen der Mitglieder seines Ministeriums nannte: Detmold, Menke, Jochmus, entstand der größte Lärm, der je in der Paulskirche gewesen war, und es war seit einem Jahre viel Lärm dort gewesen, viel mehr als der deutschen Nation würdig war. Gelächter oben und unten; die Galerien trampeln, pfeifen, schreien bis zur Ungebühr. In der Versammlung ruft man, als der Name Jochmus genannt wird: »Ist das der Pascha von den drei Roßschweifen?« Von anstandsvoller Achtung, die auch republikanische Versammlungen ihren Würdenträgern zollen, keine Spur, der Präsident hatte die Macht nicht, die Ruhe herzustellen oder wollte es nicht. Wahrhaftig, ein beschämender Anblick! Obwol der Ministerpräsident erklärt hatte: er werde folgenden Tags der hohen Versammlung das Programm des Reichsministeriums zugehen lassen, so übergab dennoch Ludwig Simon eine für dringlich erklärte Interpellation: »Ob der neue Ministerpräsident bereit sei, die deutsche Reichsverfassung, in Gemäßheit des Artikel 15 des Gesetzes, unverkümmert zur Ausführung zu bringen?« Grävell ließ sich nicht verblüffen, er bat, bis morgen zu warten. Nun ein neuer dringender Antrag von Ziegert: »Die Nationalversammlung erklärt: ›Das neugebildete Ministerium besitzt das Vertrauen der Mehrheit des Hauses nicht.‹« Die Mehrheit fühlte denn doch, daß das vor der Mittheilung des Programms verfrüht sei. Von allen Seiten schrie man: Zurücknehmen! und der Antragsteller gehorchte. Am andern Tage war Himmelfahrt. Dennoch wurde eine Nachmittagssitzung auf vier Uhr anberaumt. Die Frankfurter pflegen an diesem Tage und schon in der Nacht vorher im Frankfurter Hölzchen »bei Appelwei und Wei« Natur zu kneipen. Der trunkene Galeriepöbel empfing das Reichsministerium mit unendlichem Hohn, was sich zu Pfingsten 1866 im Saalbau gegen Preußen und Norddeutsche feindlich geberdete, das tobte damals gegen ein österreichisches Reichsministerium. Ein Antrag Welcker's wurde als dringlich angenommen, worin die Nationalversammlung dem Reichsministerium ihr Mistrauen aussprach und seine Ernennung als eine Beleidigung der Nationalrepräsentation auffaßte. Das war dem Hannoveraner Freudentheil, in welchem viele das Urbild der Detmold'schen Piepmeier finden wollten, noch nicht stark genug, er donnerte bald im Baß, bald in der höchsten Fistel: »Es sei auszusprechen, daß ein Schrei der Entrüstung durch alle deutschen Gauen gehen würde, wenn die designirten Reichsminister nur vierundzwanzig Stunden im Amte blieben, es erheische demnach die Ehre und die Pflicht der Nationalversammlung dringend, Minister solcher Geistesrichtung, wie die designirten, sofort mit dem entschiedensten Unwillen zurückzuweisen.« Detmold zeichnete ihn während der Rede und reichte das Bild auf den Ministersitzen herum, das den besten Caricaturen Bonin's nicht nachstand. Das Blatt mit der Unterschrift »Piepmeier gegen das Reichsministerium« ist in den Privatbesitz Bruno's übergegangen. Karl Vogt meinte: »Man solle sich bei einem Mistrauensvotum nicht aufhalten, wenn man morgen schon in die Lage kommen könne, den Träger der Centralgewalt dahin zu schicken, wo er hergekommen.« Ob er sich selbst schon in der Heldenrolle des künftigen Trägers der Reichsgewalt erblickte? – Die Nationalversammlung war ein Jahr und einen Tag alt, als sie den Beschluß faßte, die Centralgewalt zu beseitigen und einen Reichsstatthalter womöglich aus der Reihe der regierenden Fürsten zu wählen. Die Politiker des Nürnberger Hofes waren die Macher. Detmold grinste während der Verhandlung und flüsterte dem hinter ihm sitzenden Bruno so laut, daß man es auf den Bänken der zunächstsitzenden Abgeordneten hören konnte, zu: »Jakob, setz' die Mütze auf, damit dir die Reichsstatthalterschaft nicht auf den Kopf fällt.« Der Ministerpräsident erklärte, der Reichsverweser werde sein Amt in die Hände zurückgeben, aus denen er dasselbe empfangen, in die Hände der Nationalversammlung, seine Macht werde er in die Hände der Regierungen zurückgeben, von der er sie durch den Bundestag erhalten. Es erhob sich ein ungeheueres Geschrei. Die Linke schrie: »Diese Dummheit! das ist unverschämt, schändliche Frechheit!« »Nennen Sie in Ihrem Berichte diese Schreier«, sagte Detmold zu Bruno gewendet, dessen Thätigkeit bisher darin bestanden hatte, daß er im Sinne des Reichsministeriums für verschiedene Zeitungen Berichte schrieb, und der damit beschäftigt war, die Rede des Ministerpräsidenten nach der vom Stenographenamte gesendeten Uebersetzung abzuschreiben, damit sie unverfälscht in die größern Zeitungen komme. »Vergessen Sie auch nicht«, fuhr der Kleine nach einiger Zeit fort, »zu erwähnen, wie es die Majorität dieses Traumes von einem Schatten anfangen will, die Centralgewalt zu beseitigen, nachdem sie nicht einmal das Ministerium der Lächerlichkeit hat beseitigen können. Auch können Sie dreist vorhersagen, daß nicht achtundvierzig Stunden vergehen werden, und die Edeln, welche vorgestern die Verordnung vom 14., welche die Preußen zurückruft, für unverbindlich erklärten, werden, Gagern und Dahlmann an der Spitze, reißaus nehmen.« Nach kurzer Zeit drehte sich der Justizminister abermals zu seinem Freunde: »Wenn Sie nach Augsburg schreiben, vergessen Sie nicht, dem künftigen Reichsstatthalter zu empfehlen, daß er für den Nürnberger Hof und seine sonstigen Wähler die Tagesgelder, drei Monate pränumerando womöglich, mitbringe, denn alle Taschen und Börsen sind leer.« Als man aus der Paulskirche ging, sagte Detmold: »Jetzt werden sie sich gegenseitig mit Koth bewerfen, wie die frankfurter Straßenjungen, sie, die sich zu der Erbkaiserwahl verbündeten. Die Linke wird die Schuld auf die Centren schieben, diese auf die Extreme, niemand wird zugestehen wollen, daß die Schuld des Mislingens an allen denen liegt, welche das Princip der Vereinbarung von sich wiesen und das Einzigundallein zur Devise erhoben.« Detmold hatte recht. Alles, was er vorhersagte, traf ein; nach wenigen Tagen begannen sogar die Führer der Linken mit ihm, dem Verhöhnten, zu verhandeln wegen eines Vorschusses der Bureaukosten und Diäten. Man wollte sich im Süden festsetzen und verschanzen, um bessere Tage zu erwarten. Es wurden auch fünfundzwanzigtausend Gulden bewilligt; allein die Auszahlung fand Anstand, da Reh, der Präsident, resignirt hatte, nachdem der Antrag Vogt's auf Verlegung der Nationalversammlung nach Stuttgart angenommen war. Da die Anweisung aber auf Reh lautete, weigerten sich die Kassenbeamten auszuzahlen, und auch das Reichsministerium wollte eine Nationalversammlung außerhalb Frankfurts nicht anerkennen. Die Nationalversammlung tagte am 30. Mai zum letzten mal in Frankfurt – an der Farce des stuttgarter Rumpfparlaments betheiligte sich keiner unserer Freunde. Am Abende des letzten Mai kam Gottfried, von Bruno Abschied zu nehmen, und beschwor ihn nochmals, von der unglückseligen Verbindung mit Detmold zu lassen. »Weißt du denn, daß dieser buckelige Don Juan, der in Paris das liederlichste Leben führte, sich mit einer jungen, schönen, gebildeten, vornehmen, reichen Frankfurterin verlobt hat?« sagte er. »Ja«, erwiderte jener, »eine Kupferstichsammlung hat dies zu Stande gebracht, und das kleine Laster hat seine zwölf Bände Scenenzeichnungen nach der Natur verbrannt und wird ein moralischer Mensch werden.« Gottfried schüttelte sein Haupt und ging. Bruno hatte in der Nacht einen beängstigenden Traum. Die beiden schönen Detmold'schen Kater, die er so oft gestreichelt, hatte ein Fräulein R. in Hannover in Kost und Pension genommen. Er träumte nun, sie hätten sich auf- und davongemacht, um den Reichsjustizminister in Frankfurt aufzusuchen, und da er in dessen Arbeitscabinet eingeschlafen war, so schmiegten sie sich so fest um seinen Hals, daß ihm das Athmen immer schwerer wurde und er zu ersticken drohte. In Verzweiflung wollte er die Thiere vom Halse reißen, als er erwachte. Siebentes Kapitel. Auf freiem Boden. Rückblick und Verständigung. Vierzig und ein Jahr waren verflossen, seitdem Heloise von Wildhausen, Agnese von Kitzow und Georg Baumgarten in Amerika eine Zuflucht gesucht hatten; aber unsere heustedter Freundin wie ihr Gemahl selbst waren aus dem Leben geschieden, beweint von Kindern und Enkeln und betrauert von vielen Hunderten von Arbeitern, denen Grant Vater und Freund gewesen. Agnese war merklich zusammengefallen und zusammengeschrumpft, aber sie hatte die zähe Gesundheit schmächtiger Personen, die das funfzigste Jahr erreicht haben, und war raschen, kühnen Geistes. Sie litt nicht an den Nerven, litt nicht am Herzen, ging trotz der Gebücktheit mit den jüngern Leuten um die Wette, war aus einer schüchternen deutschen Jungfrau eine Amerikanerin geworden. Der Gemahl Georg war noch so frisch, wie wir ihn 1837 bei dem göttinger Jubelfeste sahen, obgleich schon siebenundfunfzig alt. Die kräftige Natur seines Vaters, das Leben im Freien und Grünen hatte ihn munter erhalten, um die Hütte selbst kümmerte er sich wenig, er sorgte nur für Holzkohlen. In den Betrieb der Hütten und Walzwerke theilten sich sein Sohn Hermann und Aaron Grant, der älteste Sohn Heloisens. Georg Grant, den wir in Göttingen kennen lernten, hatte später unter Steinheil in München seine elektromagnetischen Studien weiter betrieben und, in sein Vaterland zurückgekehrt, sich mit Samuel Morse verbunden, der gleichzeitig wie Gauß und Weber auf den Gedanken verfallen war, das elektromagnetische Fluidum zum Telegraphiren zu benutzen, aber einen Schritt weiter im Praktische gethan hatte, indem er zugleich eine Maschine erfand, welche die Buchstaben der Telegraphen aufzeichnete. Georg erbaute mit diesem im Verein die erste und einzige Telegraphenlinie, welche auf Staatskosten angelegt wurde, die von Washington nach Baltimore. Gegenwärtig war er in Neuyork, um wegen einer neuen Linie, welche diese Stadt mit Cincinnati und weiter mit Saint-Louis verbinden sollte, mit dem Verwaltungsrathe einer Compagnie zu verhandeln. Sein Studiengenosse Robert Baumgarten, der die Handelsgeschäfte des Hütten- und Walzwerks vertrat, war auf einer Reise in dem fernen Westen, um mit der großartigsten Eisenbahncompagnie, die bis heute die Welt gesehen, welche die Erbauung eines Schienenwegs bis zum Stillen Ocean beabsichtigte, wegen Schienenlieferung Contracte abzuschließen, zugleich aber für seinen Freund Hellung, der ihm von England geschrieben, daß er als deutscher Flüchtling nach Amerika komme, um sächsischen Zuchthäusern zu entfliehen, eine Stelle als Eisenbahningenieur zu suchen. Wie hatte Amerika sich geändert, seitdem Bollmann vor einem halben Jahrhundert die pittsburger Eisenerze entdeckte, ja selbst seit der kürzern Zeit, wo die Hohöfen erbaut wurden? – Damals lag Pittsburg noch tief in dem Westen, jetzt rechnete man Pennsylvanien beinahe schon zu den Oststaaten. Damals war alles Land westlich von den Alleghanies und nordwestlich des Ohio ein einziges großes Territorium gewesen, das unser hoyaer Freund im Interesse Burr's beinahe zuerst durchforschte. Jetzt waren daraus die Staaten und Territorien Ohio, Indiana, Illinois, Michigan, Iowa, Wisconsin entstanden, schon bevölkert mit Millionen Weißer, während zu Ende des vorigen und Anfang dieses Jahrhunderts nur wilde Rothhäute dort hausten. Robert Fulton hatte es nicht mehr erlebt, daß die Savannah, der erste Dampfer, von Neuyork nach Liverpool fuhr und die Reise von Europa, welche bisher ein halbes Jahr und länger in Anspruch nahm, in vier Wochen und dann in vierzehn Tagen zurückgelegt werden konnte. Seit unsere Freunde auf Bettmann's Garten über die Geschicke Amerikas Bericht entgegengenommen, hatte van Buren, dann vier Wochen lang Harrison, darauf der charakterlose Verräther Taylor den Sitz im Weißen Hause eingenommen. In der vorletzten Präsidentenwahl war durch die südlichen Sklavenhalter James Knox Polk zum Präsidenten gewählt. Es war 1845, auf Betrieb der Sklavenhalter, Texas annectirt – mit England hatte man die nördlichen Grenzen, das Gebiet der Dickohrigen (Oregon) regulirt, sodaß fortan alles Land vom vierundzwanzigsten Grade nördlicher Breite an als zu den Vereinigten Staaten gehörig anerkannt wurde. Ein siegreicher Krieg mit Mexico, die Eroberung von Santa-Fé und Neumexico durch noch nicht zweitausend Freibeuter, die Eroberung Californiens, dessen Goldreichthum durch wissenschaftliche Forschungen des Professors Erman in Berlin schon festgestellt war, das waren die wichtigsten in das letzte Jahrzehnt fallenden Ereignisse. Seit dem 5. März 1849 (der 4. war ein Sonntag) saß seit längern Jahren zuerst wieder ein Candidat der Whigs, der alten Föderalisten, als Präsident im Weißen Hause, Zachary Taylor. Jetzt, wo unsere Erzählung nach Westen überspringt, schrieb man Juni 1850. Ganz Nordamerika, Regierung und Volk, wenn man einen solchen Unterschied überall machen darf, hatten die Errichtung einer französischen Republik mit Freuden begrüßt, und erwartungs- wie hoffnungsvoll sah man den deutschen Strebungen, einen Bundesstaat, ähnlich dem nordamerikanischen, zu errichten, entgegen, in richtiger Erkenntniß, daß eine Centralisation Deutschlands eins der wichtigsten Ereignisse der Weltgeschichte sein würde, weil eine solche vereinigte kräftige deutsche Macht zur Förderung des Weltfriedens, des freien Handelsverkehrs der Völker, zur Herstellung der gesetzlichen Freiheit und zur Verbreitung der Civilisation mehr beitragen würde als die Umwandlung der französischen Monarchie in eine Republik. Daß man in Amerika schon damals glaubte, nur Preußen könne Schirmherr einer deutschen Einheit sein, zeigte sich am klarsten dadurch, daß man eine Vertretung bei der deutschen Centralgewalt für überflüssig hielt und den nordamerikanischen Gesandten nach Berlin sendete. In Pittsburg hatte sich das Hütten- und Walzwerk nach allen Richtungen ausgedehnt, sowol was die Geschäftslocale als die Wohnräume betraf. In dem von Bollmann für Karl Haus erbauten Wohnhause, das später Georg Baumgarten eingenommen hatte, wohnten jetzt der Hüttenverwalter und einige Aufseher. Für das Comptoir war da, wo der Eisenbahnstrang die Werke mit dem nahen Ostbahnhofe verband, ein mächtiges neues Gebäude erstanden, in welchem zwei Dutzend Comptoiristen und Schreiber beschäftigt waren. Noch weiter von dem Hüttenwerke entfernt als Charltonhouse, hatte sich Georg Baumgarten auf einer Nußberghöhe, am östlichen Ende der Besitzung, in gleicher Höhe mit der in der Mitte liegenden Bollmanns-Pyramide ein Haus im Gothischen Stil erbauen lassen. Von dem nach Südwesten belegenen großen Balkon sah man auf das ewige Vermählungsfest der beiden großen Flüsse, die hier den Ohio bilden, auf die unzähligen Schlote und Dampfschornsteine, die sich im Kranze um die Stadt aufgebaut hatten und dieser theilweise schon einverleibt waren. Schon war Pittsburg der größte Fabrikort Amerikas, dessen Stahl- und Eisenwaaren über das Felsengebirge hinaus von californischen Goldgräbern gesucht wurden, es war damals noch nicht überflügelt von der Königin des Westens, von Cincinnati. Auf dem Söller seiner Burg saßen, durch ein Zelt gegen die Sonnenhitze geschützt, Georg Baumgarten und seine Gattin Agnese, daneben eine junge Frau, den ersten Sprößling auf dem Arme schaukelnd – es war die Schwiegertochter Olga, ein Sprößling aus der Ehe Grant's und Heloisens, dem ältesten Sohne Hermann vermählt. In einem Mahagonischaukelstuhle, mit vielen Polstern und Kissen ausgerüstet, wiegte sich ein junger Mann mit starkem deutschen Wühlhuberbarte und dampfte seine Havana. »Du wirst dich entschließen müssen, Vetter Oskar«, sagte der Hausherr, »ob du die Journalistenlaufbahn hier, wie dein Freund wünscht, fortsetzen, oder, wozu ich rathen möchte, dich auf den Advocatenstand vorbereiten willst. Da mußt du freilich in die Lehre gehen. Aber kein Stand bietet größere Aussichten. Unter den zwölf Präsidenten, welche seit Washington das Weiße Haus bewohnten, sind elf aus dem Advocatenstande hervorgegangen. Der Weg zum Congreßmitgliede oder Senator ist von keinem Standpunkte aus leichter. Wenn du also von Politik nicht lassen kannst, werde Advocat, ich habe in der Stadt Freunde, bei denen ich dich in die Lehre sende.« »Ich möchte das amerikanische Leben noch näher ansehen«, sagte der Bärtige, in welchem meine Leser unzweifelhaft Oskar Schulz erkennen, den wir hinter den Gittern des Cleverthorgefängnisses verlassen haben. »Es hat ja nicht so große Eile, was mich selbst anbetrifft. Du weißt, es fehlt mir nicht an Mitteln, mein ganzes väterliches und mütterliches Erbtheil steckt noch in der Fabrik zu Linden, allein mein Bruder verzinst es so gut, daß ich allenfalls hier von den Zinsen leben kann. Aber Kraftmeier liegt mir auf der Seele, er hat nichts und versteht kaum englisch.« Oskar hatte seine Strafe in Hildesheim verbüßen müssen, dort lernte er Kraftmeier kennen, gleichfalls einen Journalisten, der aber wegen Theilnahme am hildesheimer Aufruhr verurtheilt war. Kraftmeier hatte mit dem Töchterchen des Gefangenwärters ein Liebesverständniß angeknüpft und sie war dem Geliebten nach Amerika gefolgt. Hier saß er nun in Columbus, wußte nichts zu beginnen und drängte Oskar, hinüberzukommen, eine Druckerei zu kaufen, ein deutsches Journal zu gründen und mit ihm herauszugeben. »Lieber Vetter«, sagte der Amerikaner, »du bist mein werther Gast und fällst uns hier in keiner Weise zur Last, du bist uns lieb und werth. Aber, mein junger Freund, in Amerika führt man kein Bummlerleben, man unternimmt etwas, sei es auch, um nach Wochen oder Monaten zu wechseln. Ich sehe ein, daß du deinem Fluchtgenossen unter die Arme greifen mußt, ob ihm aber durch Gründung eines Journals geholfen sein wird, möchte ich bezweifeln. Seit vorigem Jahre sind in der Union von deutschen Flüchtlingen über hundertsiebzig deutsche Zeitungen, Wochen- und Tageblätter gegründet, weil die meisten dieser Flüchtlinge nur Federhelden sind. Die Hälfte dieser Journale ist schon wieder zu Grunde gegangen, nachdem die Gründer die letzten Reste ihres Vermögens geopfert. Wo sich mehrere verbanden, übervortheilte einer den andern. Einer der Unterredacteure der › Evening Post ‹ in Neuyork, den ich kenne, schilderte mir vor einiger Zeit sein Leben in den traurigsten Farben: ›Spaziergänge im Freien, Besuche des Theaters, das sind Dinge, die ich seit Jahren nicht genossen habe; meine Frau und Kinder sehe ich höchstens Sonntags, wenn nicht etwa Sonnabends noch ein Dampfer aus Europa eintrifft, Sklavenarbeit im Freien ist golden gegen diese geistige Sklaverei im Redactionsbureau.‹ »Bleibe fort von der Journalistik. In Columbus gibt es, soviel ich weiß, schon zwei deutsche Zeitungen, der ›Westbote‹ und der ›Republikaner‹, und drei Wochenblätter, alle demokratisch. Wie wird sich dort ein neues deutsches Organ begründen lassen, wenn es nicht etwa die Sklaverei vertreten wollte und die Abreißung des Südwestens?« »Ja, aber dem Kraftmeier und seiner Frau muß ich helfen, sie haben mich aus der verdammten Festung befreit, in der ich verrückt geworden wäre, sodaß ich nur einige tausend Schritte weiter auf den Wällen in das Irrenhaus hätte gebracht werden müssen, wenn ich nur noch zwei Monate dort zugebracht hätte. In Beziehung auf die Journalistencarrière gebe ich dir recht. Ich habe anderthalb Jahre geglaubt, an der Weltgeschichte zu arbeiten, indem ich Zeitungsartikel schrieb, aber die Welt ist darum doch ihren eigenen Weg gegangen. Sie hätte mich ruhig hinter Schloß und Riegel sitzen lassen. Auf eine nochmalige demokratische Erhebung in Deutschland, auf welche die meisten Flüchtlinge hier ihre Hoffnung setzen, rechne ich nicht; aber was ich von euerm vielgerühmten, gloriosen Amerika gesehen, zieht mich nicht an. Diese ewig rastlose, krampfhaft angespannte Thätigkeit der Leute hier widert mich an, da die Menschen blos des Erwerbes wegen geschaffen scheinen und gleich euern Hohöfen und Dampfmaschinen nur Geld und abermals Geld knirschen. Ich habe hier in Nordamerika noch keine Spur deutscher Gemüthlichkeit gefunden und bin zweifelhaft, ob ich nicht nach Deutschland zurückgehe. Finde ich doch dort noch immer vier- bis fünfunddreißig Vaterländchen, wo ich kein Hochverräter bin.« »Verstehst du, junger Vetter, unter deutscher Gemüthlichkeit, auf den Bierbänken herumzuliegen, zu kneipen und zu singen, umherzuschlendern, sorglos in den Tag hineinzuleben, so ist dafür bei uns allerdings der Boden nicht. Hier heißt es arbeiten und durch eigene Arbeit frei und selbständig werden. Denn das weiß bei uns jedes Kind, daß nur Besitz und Reichthum die wahre Freiheit gibt, und darum strebt jedermann danach. Auch die Romantik fehlt. Statt verfallener Thürme alter Raubburgen siehst du Dampfessen, hörst den Schmiedehammer statt Rappier- oder Degengerassel. Aber was beschaffen wir auch!« »Was ihr beschafft?« fiel der Bärtige dem Vetter heftig in die Rede; »wahrlich nichts Großes, nichts von ethischer und idealer Bedeutung.« Er sprang vom Wiegenstuhle auf und schleuderte das Cigarrenende weit über den Söller hinaus. »Man sieht in der That, daß du nur Neuyork und die Congreßstadt gesehen«, entgegnete der Freund ruhig, »und noch wenig oder nichts von unserm Leben und Treiben begriffen hast. Du hast nicht die entfernteste Ahnung, wie es scheint, daß wir im Begriff stehen, den größten Kampf, der je für ein ethisches Princip gekämpft ist, zu beginnen, den Kampf um die Gleichberechtigung der Menschen ohne Ansehen der Farbe. Es tritt der Bruderkrieg, der Krieg zwischen Norden und Süden, stündlich näher an uns heran, es handelt sich darum, die Sklaverei nicht weiter um sich greifen zu lassen in den neueroberten Staaten, wie in den sich aus Territorien zu neuen Staaten heranbildenden Regionen des Westens, die südlich der Compromißgrenze liegen. Demnächst wird es sich geradezu um die Aufhebung der Sklaverei handeln. »Leider ist es nicht nur möglich, sondern wie Grant, das Congreßmitglied, glaubt, sogar wahrscheinlich, daß unsere Staatsmänner, die seit Jahren von den Sklavenbaronen beherrscht sind, auch in diesem Jahre vor einem offenen Bruche zurückschrecken und abermals zu Compromissen ihre Zuflucht nehmen. Die Sklavenhalter wollen nämlich nicht, daß Californien nur unter der Bedingung als Staat aufgenommen werde, kein sklavenhaltender Staat zu sein; sie spielen mit dem Rechtssatze, daß nicht der Congreß, sondern jeder einzelne Staat selbst zu bestimmen habe, ob er Sklaven dulden wolle oder nicht. Ferner steht die Frage der Sklavenjagden auf der Tagesordnung, die leider durch den unglückseligen Vergleich von 1793 zum Gesetz geworden sind. Nach unserer Constitution soll kein freier Staat ›den Flüchtling von gezwungener Arbeit‹ schützen. Freilich wir in Pennsylvanien haben unsern Beamten trotzdem verboten, flüchtige Sklaven einzufangen. Ein Sklave, der Pennsylvanien betritt, ist so gut wie frei. Aber die Sklavenbarone überschreiten mit ihren Bluthunden unsere Grenzen und schießen die entflohenen Sklaven lieber todt oder lassen sie von Bluthunden zerreißen, bevor sie unter den Schutz einer Stadt oder eines Ortes kommen, hinreichend bevölkert, um die Baumwolljunker mit Flintenschüssen über die Grenze zurückzutreiben.« »Das ist mir allerdings neu«, sagte unser Freund aus Hannover, »und ein solcher Kampf gegen die Sklavenhalter würde mir schon erwünscht sein.« »Willst du dich der großen Sache widmen, der Aufgabe, die schon Franklin einleitete, mit ganzer Seele und Gemüth widmen, so hast du ein Lebensziel so schön und reich, wie du es nur verlangen kannst, denn es wird viel Arbeit geben. Ich kann dir in diesem Falle die beste Unterstützung schaffen. Du mußt dich in unsere Loge zu den Cedern des Libanon aufnehmen lassen, es trifft sich das gut, in nächster Zeit ist große Aufnahmeloge. Wir arbeiten hauptsächlich für die Gleichheit und Freiheit der schwarzen und andern Menschenrassen und sehen unsere gefährlichsten Feinde in den Afterlogen des Südens, in den Rittern vom Goldenen Zirkel und wie sie sich sonst nennen.« »Thun Sie das, lieber Vetter«, nahm Olga, zum ersten mal sich in das Gespräch mischend, das Wort, und richtete das große schöne Auge bittend zu ihm empor. »Aber damit wir nicht vom Ziele abkommen, wie helfe ich Kraftmeier?« »Sprachen Sie, lieber Vetter«, begann jetzt Agnese, »nicht auch von einem zweiten Plane Ihres Freundes, dem, eine Leihbibliothek anzukaufen, wozu er 300 Dollars bedürfe?« »Ich danke, liebe Frau, daß du mir das ins Gedächtniß zurückrufst. Höre, Schulz, das ist viel praktischer. Ich schieße die 300 Dollars her, um die Bibliothek mit Einrichtung anzukaufen, obgleich das meist Schund sein wird, vielleicht Ritter-, Räuber- und Geisterromane. Aber es kommt mir vor allem darauf an, für deinen Freund eine passende Beschäftigung zu finden. Laß den jetzigen Inhaber der Leihbibliothek weiter nach Westen ziehen, nach Saint-Louis, wir wollen ihm die Mittel gern geben, wenn dein Retter nur vorerst Unterhalt und Beschäftigung findet. Wenn dieser Kraftmeier unter der leipziger Buchhändlerschaft wirklich so viele Bekannte hat, als er sagt, so lassen sich dort für 500 Dollars so viele Bücher antiquarisch aufkaufen, daß er die 20000 Einwohner von Columbus bis an das Ende seines Lebens damit speisen kann. Ziehe auf deinen Bruder 500 Dollars und schicke an Kraftmeier den Wechsel als Geschenk. Ich will ihm 300 Dollars zehn Jahre unverzinslich auf sein ehrliches Gesicht darleihen, dann muß er selbst zusehen, wie er durchkommt.« »Du bist sehr gütig, lieber Vetter; erlaube mir, daß ich über alles das meinen Beschluß aussetze, bis Freund Hellung hier angekommen ist und ich mit ihm mich besprochen.« »Der wird hoffentlich in diesem Augenblicke ankommen, ich höre da von Osten den Kurierzug von Neuyork heranbrausen, er wird uns die Lieben bringen; denn daß der Dampfer, welcher Hellung von England brachte, schon vorgestern in Neuyork gelandet ist, melden uns die Zeitungen.« Unser Freund aus Dresden, den die Furcht vor dem Zuchthause in Waldheim zur Flucht nach Amerika getrieben hatte, war mit seiner Minna und den Kindern glücklich in England angekommen. Von hier meldete er seinen pittsburger Freunden von Göttingen her die Absicht, nach Amerika überzusiedeln, und bat sie, für ihn eine Stellung als Eisenbahningenieur zu suchen. Er wollte den Aufenthalt in England nicht vorübergehen lassen, ohne alle neuen technischen Erfindungen und Verbesserungen in diesem Fache, namentlich die grandiosen Brückenbauten, durch die sich Großbritannien auszeichnete, kennen zu lernen. Später hatte er Schiff und Abfahrtszeit wie wahrscheinliche Ankunft gemeldet. Aaron Grant führten gerade um diese Zeit Geschäfte nach Neuyork, wo er mit seinem Bruder die deutschen Flüchtlinge erwarten wollte. Während der Hundstage wollte die Familie mit diesen in Charltonhouse verbleiben, nach deutscher Art, ohne sich von Geschäften drängen zu lassen, sich der Erinnerung an die Vergangenheit und Jugend erfreuend und für die Zukunft Plane entwerfend. Nach einer Stunde kam denn auch von Charltonhouse die freudige Botschaft, die Deutschen seien angekommen. Nun sollte der Thee im Pavillon der Bollmanns Pyramide, die zwischen beiden Besitzungen etwa in der Mitte lag, eingenommen werden. Frau Doratine, die Gemahlin des altern Grant, die Tochter eines süddeutschen Flüchtlings aus den dreißiger Jahren, machte die Wirthin. Hatte Heloise schon deutsche Sitte und Brauch hier eingebürgert, so hatte die lebendige Rheinpfälzerin, deren Vater einst in der bairischen Zweiten Kammer und auf dem Hambacher Feste eine bedeutende Rolle gespielt, aus dem Gemahl alles steif-englische und affectirt-neuyorkische oder philadelphische Wesen hinausgetrieben. Man glaubte sich in diesem Kreise nach Heidelberg oder Kaiserslautern versetzt. Hellung, Georg Grant und Oskar Schulz hatten sich seit beinahe zwölf Jahren nicht gesehen, und welche bedeutenden Jahre für die Weltentwickelung! Mit welchem Jubel man sich umarmte, sich an die Jugendtage in Göttingen, die Vertreibung der Sieben, den Zug nach Witzenhausen, die Bekränzung der Statue Wilhelm's IV. auf dem Wilhelmsplatze erinnerte, das bedarf keiner Beschreibung. Als aber am späten Abend auch noch Robert Baumgarten aus dem Westen über den Ohio dampfte, da ließ die aufmerksame Hausfrau die Theetassen hinwegräumen, Rheinwein und Champagner in Eis legen und entfernte sich, um die ermüdete Minna und die Kinder zu Bett zu bringen. Bald saßen denn auch die Freunde bei deutschem Rheinwein zusammen und tranken auf das Wohl der Republik, der nordamerikanischen wie der zukünftigen deutschen, und die Verbrüderung beider zur Freiheit. Störend allein wirkte der Gedanke an den Mentor in Göttingen, an unsern Freund Bruno, dessen Verhalten im frankfurter Parlament allen unbegreiflich war, dessen Uebergang in das österreichische Lager als Unterstaatssecretär Detmold's und dessen Uebertritt in hannoverische Staatsdienste als Regierungsrath von allen Flüchtlingen einstimmig den bittersten Tadel erfuhr. Man gab den Vetter auf und hielt ihn für ein Opfer der verkommenen deutschen Zustände. Hellung solle berichten, wie ihm Amerika gefalle. »Ich bin drei Tage in Amerika, habe also wenig außer Neuyork gesehen und auch dieses mit Freund Grant in Einem Tage durchgehetzt. Da kann man ein Urtheil nicht haben. Nur so viel scheint mir unzweifelhaft, daß in Betreff der Narrheit die Menschen sich gleich sind. Wir trafen Neuyork mitten im Jenny-Lind-Fieber, und ich muß als guter Sachse gestehen, daß Dresden und Leipzig weniger närrisch sich benahmen. Es stand dieser Lind-Enthusiasmus der Riesenstadt sehr albern zu Gesicht, denn man sprach von nichts als von der schwedischen Nachtigall. Nun, Herrn Goldschmidt werden die neuyorker Dollars schon gefallen. Dann glaube ich einen allgemeinen Charakterzug der Nordamerikaner schon entdeckt zu haben, entdeckt durch eine Aeußerung, die ich in diesen drei Tagen viel hundertmal hörte. Bestelle man in einem Gasthause oder auf einem Dampfer was man wolle, man erhält die Antwort: › Well , in weniger als keiner Zeit steht es zu Dienst.‹ »Kein Volk der Erde scheint von der Bedeutung der Worte: Zeit ist Geld, so durchdrungen zu sein als der Yankee. Man braucht nur ein Dutzend Amerikaner essen, d. h. schlingen zu sehen.« »Da stimme ich dir vollkommen bei«, sagte Oskar Schulz, »die Hast, mit der hier alles und jedes geschieht, ist mir vollkommen zuwider. Man möchte Rom in Einem Tage erbauen. Man überheizt die Dampfschiffe und lebt in Gefahr, heißgebrüht in die Luft gesprengt zu werden, um eine Stunde früher zum Ziele zu kommen; man hat kaum Zeit, bis die Eisenbahnschienen festgenietet sind, die Locomotive steht schon vorn auf der Schiene, wenn die hintern Nieten noch fehlen; ein Yankeefahrzeug hat noch einmal soviel Segelzeug als ein englisches oder deutsches; man sucht nicht so viel zu lernen als möglich ist, sondern schnell zu lernen, was nothwendig ist, ins Geschäft zu kommen, zu verdienen, reich zu werden.« »Lieben Freunde«, unterbrach Georg Baumgarten den Redenden, »das Wort der Bibel: Man sieht den Splitter im fremden Auge leichter als den Balken im eigenen, bewährt sich jenseit wie diesseit des Oceans, und wird sich auch wol hinter dem Pacific bewähren. Ich bin über vierzig Jahre hier und glaube in dieser Zeit das, was den Nordamerikaner vor andern Völkern charakterisirt, herausgefunden zu haben; ihr habt nur auffallende Nebenzüge, wenn ich so sagen darf, entdeckt. Das Charakteristische Nordamerikas ist die Idee der Freiheit, der Freiheit in jeder Form, im Staate wie in der Kirche. Das Streben nach Reichthum muß, wie ich heute schon zu Schulz sagte, aufgefaßt werden als Streben, sich die Mittel zur völligen Freiheit und Unabhängigkeit zu schaffen.« »Aber wie reimt sich damit der Besitz von drei Millionen Sklaven?« entgegnete Oskar. »Die Sklavenfrage ist der faulste Punkt im Leben der Union, das haben schon Washington, Jefferson, Madison und alle Denker gesagt. Sie war durch die historische Entwickelung, durch gegebene Verhältnisse des Südens, mit denen man nicht zu brechen wagte, namentlich bei den Verdiensten der Virginier um Schaffung der Unabhängigkeit, bedingt. Durch die Ueberlegenheit der südlichen Staatsmänner, durch ihre Ungesetzlichkeit, ihr Drohen mit Secession und Nullification, durch den Ausfall der Präsidentenwahlen für die Demokraten, durch den Anschluß neuer südlicher Sklavenstaaten ist das Uebel verstärkt. Wir wollen über dieses Kapitel erst weiter reden, wenn ihr, lieber Oskar und Hellung, euch überzeugt haben werdet, wie groß die Anzahl der Männer im Norden ist, welche gegen diese Schmach ankämpfen. Laßt die Beurtheilung amerikanischer Zustände vorläufig beruhen. Du, lieber Hellung, der du zuletzt von Europa herübergekommen bist, berichtest wol von den Aussichten in Deutschland, Freiheit und Einheit zu schaffen, von den deutschen Flüchtlingen in London und ihrem Treiben, wie du, Oskar, uns über Hannover das Nähere mittheilst.« Der Ingenieur erzählte ausführlich und schloß damit, daß Ruge, Ronge, Struve und Kinkel jetzt in London die deutsche Revolution in die Hand nehmen wollten. »Ein Philosoph«, seufzte Georg Baumgarten, »ein Religionsmacher der fadesten Sorte, ein edler Don Quixote und ein Kunstschwärmer und Poet; da fällt ja alle meine Hoffnung in die Asche.« »Ja, und was das Schlimmste ist, jeder hackt auf den andern und sucht ihn herabzusetzen«, sagte Hellung. »In London erzählte mir ein Freund Struve's folgende von ihm als wahr verbürgte Anekdote: Im vorigen Sommer erbte Struve 800 Gulden und wandelte nun mit seiner Amalie Arm in Arm nach York auf das Land, pachtete eine kleine Farm, kaufte Hühner, Gänse, eine Kuh, zwei Matratzen und zwei wollene Decken zum Schlafen. Aber Amalie konnte die Kuh nicht melken, diese schlug nach ihr aus. Da zog Gustav weiße Glacéhandschuhe an, band der Kuh die Beine zusammen und zerrte an den Eutern, bis diese krank wurden. Im Garten waren Gänse und Hühner. Amaliens ganze Beschäftigung, wenn sie Agathon in die Drillichhöschen gesteckt und sich selbst à la Bernoise angethan, bestand darin, die Hühner und Gänse aus dem Garten von den Erbsen, Bohnen und Kohl zu scheuchen. Ein Brombeerstand war das Wertvollste der idyllischen Pachtwirthschaft, da Agathon das schwarze Zeug nicht mochte. Ein Englishman bot dafür zwei Pfund dritthalb Shilling. Aber Gustav sagte: Nein, ich sammle selbst. Die Brombeeren wurden jedoch schimmelig während des Sammelns. Denn Gustav pflegte viele Stunden des Tags unter einem Baume zu liegen und kampfgeschworene Jünger, die zu ihm als Retter emporschauten, zu lehren, daß die Zeit der Ernte in Deutschland sich nahe. Endlich waren die Brombeeren gesammelt, ein ganzer Tragkorb voll, den ein Bauer nach York trug, Gust wollte selbst bei dem Verkaufe sein, und Amalie konnte nicht ohne Gust sein. Agathon in Drillichhöschen, schwarzem Frack und großem Strohhute durfte nicht fehlen. Aber vergeblich wurden die Brombeeren in der Stadt und am Markte ausgeboten. Der Mob staunte die Bernoise an und verfolgte sie. Gust flüchtete in einen Shop; da hier nichts als sündhaftes Beef zu bekommen war, so machte sich die ländliche Familie selbst daran, ihre Früchte zu verzehren. Gustav holte seine Briefe von der Post. Die französischen, türkischen, elberfelder und schweizer Socialdemokraten erklärten sich zum Kampfe bereit, falls man noch ein wenig warten wolle. ›Nun, da kaufe ich Papier‹, sagte Gust zu Amalie, ›und wir schreiben inzwischen Weltgeschichte, du zeichnest die weiblichen Charaktere, ich die männlichen, wir wollen der Welt beweisen, daß alles Unglück von Adam bis zum Fehlschlagen der badischen Revolution vom Fleischessen herrührt.‹ »Und solche Menschen drängen sich an die Spitze und wollen Deutschland in Freiheit bringen? Nein, ich glaube, wir Deutsche müssen, wie die Juden durch Moses, noch wenigstens vierzig Jahre in der Wüste herumgeführt werden, um praktisch zu werden und sodann in das gelobte Land der Einheit und Freiheit einzuziehen.« »Ich verkenne den Balken in unserm Auge nicht«, sagte der Hannoveraner, »er ist: allzu großer angeborener oder anerzogener Respect vor dem Königthum und der Dynastie, übertriebene Besorgniß vor Anarchie und Gesetzlosigkeit, anerzogener Gehorsam und Autoritätsglaube. Da haben Stüve, Detmold, Vetter Bruno und alle, die für das Staatsgrundgesetz kämpften, ein Geschrei gemacht wegen Veränderung, namentlich des §. 17 des Staatsgrundgesetzes. Und im Jahre 1848, da Stüve Minister geworden, da er und seine Partei die Mehrheit in beiden Kammern haben und er das Verfassungsgesetz umändert, bleibt da nicht der §. 17 stehen wie er stand? Demzufolge tritt also nur bei geistiger Unfähigkeit eine Regentschaft ein, und wir Hannoveraner werden die Ehre haben, der Welt zu zeigen, daß auch ein blinder König zwei Millionen Menschen beherrschen kann. »Als Kapitel 1 des Verfassungsgesetzes zur Berathung kam, war Bruno schon nach Frankfurt abgereist, und ich hatte unter den Deputirten wenig Bekanntschaft. Ich kannte nach den Verhandlungen nur Einen, den ich für muthig genug hielt, das delicate Kapitel anzuregen, das war der Bauer Siedenburg, der auch den Muth gehabt hatte, es als einen politischen Fehler Stüve's zu tadeln, daß er Männer wie Lütken und andere, die 1837 zum Verfassungsbruche gerathen hatten, auf ihren Posten ließ. Ich brachte diesem Manne die vortreffliche Abhandlung Oppenheim's über die Regierungsfähigkeit unsers Kronprinzen und beredete ihn, den Antrag auf Wiederherstellung des §. 17 zu stellen, welcher lautete: ›Eine Regentschaft tritt ein, wenn der König entweder minderjährig ist oder sonst an der eigenen Ausübung der Regierung verhindert wird.‹ Siedenburg versprach das und theilte schon am selbigen Abend in der Parteiversammlung der Linken seine Absicht mit; die Partei stimmte bis auf wenige Aengstliche bei. Kaum hatten aber die Rechte und das Centrum davon gehört, als man von allen Seiten auf Siedenburg und die Linke einstürmte und ihnen angst und bange zu machen suchte. Das sei ein Noli me tangere , durch dessen Berührung die ganze Verfassungsrevision über den Haufen fallen würde! Wer die Verantwortung übernehmen wolle? Das Ministerium Stüve-Bennigsen würde, wenn der Antrag angenommen werde, seine Entlassung nehmen, denn es habe dem Könige versprochen, den Paragraphen zu lassen wie er sei. Dann bekomme man ein adeliches Reactionsministerium, und wohin das führen werde, könne man an den fünf Fingern abzählen. Ein blinder König, unter Leitung eines verantworteten Gesammtministeriums, sei gar so übel nicht, dann würde in der That erst in beiden Kammern die Regierungsmacht ruhen, und man möge bedenken, daß an der Stelle der Adelskammer eine Kammer des großen Grundbesitzes existire, in der das bäuerliche Element überwöge. Das alles solle um eines Theorems willen auf das Spiel gesetzt werden? »Kurz und gut, man schüchterte die Linke ein und Siedenburg stellte den Antrag nicht. Unter allen Deputirten hatte also keiner den Muth zu sagen: Ein Blinder ist nach göttlichen und menschlichen Gesetzen unfähig zur Regierung, da er nicht im Stande ist, seine eigenen Angelegenheiten zu besorgen. Sprechen nicht gerade die Feudalgesetze, auf welche das Königthum sich so gern beruft, jedem Blinden wie jedem Krüppel die Regierungsfähigkeit und das Successionsrecht ab? »Ich fürchte, meine Landsleute drüben werden es sehr schwer büßen müssen, diese Gelegenheit nicht benutzt zu haben, um den Blinden los zu werden. Der Herzog von Cambridge ist nach Wilhelm IV. der beste von allen Brüdern, er wäre Regent geworden. Den Kronprinzen habe ich durch einen frühern Kammerdiener, der ihn von erster Kindheit kennt, als einen sehr gefährlichen Charakter schildern hören; starrköpfig und eigensinnig wie sein Großvater, rücksichtsloser Absolutist und Egoist wie sein Vater, intriguant, ränkevoll und heuchlerisch wie seine Mutter, dabei unzuverlässig und schwankend wie ein Stuart. »Der alte Kanonier, wenn er in Ahle's Schenke im Kreise näherer Bekannten saß, pflegte zu sagen: ›Der Blinde stürzt das Land ins Unglück; wenn er nur glaubt, selbst zu herrschen, so wird er der Spielball der Pfaffen, der Junker und aller Ehrgeizigen sein, welche ihn in diesem Glauben zu erhalten und zu bestärken wissen.‹« »Nun, Kinder und Freunde, ich glaube, wir haben für heute genug politisirt«, sagte Georg Baumgarten, »die Angekommenen werden müde sein, laßt uns die letzte dort aus dem schönen Keller der Witwe Cliquot, die noch im Kühler steht, auf eine gute Nacht austrinken.« Achtes Kapitel. Die ◊ zu den Cedern des Libanon. Schöne, friedliche Wochen wurden im Freundeskreise verlebt. Nur einmal wurden sie gestört, als der Telegraph am 9. Juli 1850 die Nachricht von dem plötzlichen Dahinscheiden des Präsidenten Zachary Taylor brachte. Fillmore zog nun ins Weiße Haus und Aaron Grant mußte nach der Congreßstadt zurück, wo der Kampf um die californische Sklavenfrage von neuem entbrannte, aber nicht im Sinne der Sklavenhalter, welche die Missourilinie bis zum Stillen Ocean ausdehnen wollten, entschieden ward. Californien, dessen Constitution die Sklaverei ausdrücklich verbot, blieb freier Staat, gegen den Protest zwar der Senatoren Jefferson Davis, Mason, Soulu und Julen, der spätern Rebellenführer. Unsere deutschen Flüchtlinge wurden von Georg Baumgarten in eine der unzähligen Freimaurerlogen, die es in Amerika gibt, und zwar in die zu den Cedern des Libanon eingeführt, welche in Pennsylvanien viele Schwester- und Töchterlogen hatte. Die amerikanische Maurerei ist zwar, sowenig wie die europäische, zu der Einsicht gelangt, daß sie in einer Zeit wie die unsere auch dann ihre wahren Zwecke wird erfüllen können, wenn sie klar und öffentlich diese Zwecke, die ganze Erdmenschheit in einer allgemeinen Menschheitsbrüderschaft zu vereinen, lehrt und verbreitet; man sieht jenseit des Atlantischen Oceans ebenso wenig ein wie bei uns, daß sie nur durch ganze und volle Oeffentlichkeit die Schlacken, das Unedle und Menschheitswidrige, das sie in ihren Formen wie in ihrer Werkthätigkeit, in ihrem Rituale wie in ihren Symbolen aus dem Dunkel des Mittelalters mit herübergebracht hat, abstreifen kann. Allein die amerikanische Maurerei versteckt sich nicht in der Art wie die deutsche, sie tritt mit Pomp und Glanz öffentlicher Aufzüge auf. Die Loge zu den Cedern des Libanon in Pittsburg hatte zwei verschiedene Locale für Winter- und Sommerversammlungen. Die drei letzten Logentage des Freimaurerjahrs und die vier ersten des neuen Jahres, das Johannisfest selbst eingeschlossen, wurden im Sommerlocale abgehalten. Es war die erste Lehrlings- und Aufnahmeloge im neuen Jahre, am ersten Vollmondstage des Juli, als unsere Freunde nebst zehn andern Genossen in die Brüderschaft aufgenommen werden sollten. Die Brüder sammelten sich im Winterlogenhause in der Stadt, von wo man mit Musik, Fahnen und Banner, mit Schurz und Kelle, der Meister vom Stuhl und die übrigen Würdenträger mit schweren goldenen Ketten, mit Bändern und Orden der verschiedensten Art und mit den Kennzeichen ihres Amtes durch einen großen Theil der Stadt zogen, angestaunt von Tausenden von Profanen, welche den großartigen Zug von neunundneunzig Meistern, hundertsechsundsechzig Gesellen und über dreihundert Lehrlingen bis vor die Sommerloge begleiteten. Diese war im Park, von einer zwanzig Fuß hohen Mauer umgeben, zu welchem ein Wohngebäude des Castellans den Eintritt gewährte. Aus dem Eingangsgebäude trat man durch Arcaden in ein längliches Viereck, das auf drei Seiten von offenen Säulenhallen umgeben war, hinter denen eine dicke Taxushecke dasselbe vom übrigen Park abschloß. An der vierten Seite erhob sich eine Art Kuppelbau, der durch zwei hohe aus Blech gefertigte Cedern verdeckt wurde. Die Meister nahmen ihren Sitz im Süden, die Gesellen im Westen, die Lehrlinge im Norden. Man saß unter Orangen-, Citronen-, Mandel-, Oliven-, Lorber- und Myrtenbäumen. Als alle ihre Sitze eingenommen, begann zwischen beiden Cedern das erste Viertel des Mondes, durch elektrisches Licht dargestellt, zu schimmern, das an Helligkeit den Vollmond, der eben im Osten aufging, überstrahlte. Das Mondesviertel dehnte sich nach wenig Minuten bis zum Vollmonde aus. Nun erscholl aus dem Kuppelbau ein Männerchor mit Musikbegleitung, eine Hymne zu Ehren des Baumeisters aller Welten, während die Versammlung sich erhob und die Kopfbedeckung ablegte. Als der Gesang beendet war, wurden die zwölf Aufzunehmenden in das Wohngebäude zurückgeführt, um entkleidet zu werden. Seitdem der Mond zwischen den Cedern im Volllichte glänzte, sah man, daß der Kuppelbau durch eine mit blauer Seide überkleidete Breterwand verdeckt war, woran in großen goldenen Buchstaben die Worte glänzten: »Eingang zum Tempel Salomonis.« Dieser Eingang schob sich jetzt auseinander, man sah einen grünen Dom, gebildet aus Cedern und Palmen, wie im Eingange. Eine dreistufige Freitreppe, von der ganzen Breite des Baues, führte zu diesem Dome hinauf. Vorn, gleich an der Treppe, lag ein großer kostbarer Teppich, in welchen der Tempel Salomonis eingewirkt war, an drei Enden dieses Teppichs standen hohe goldene oder vergoldete Candelaber mit nicht brennenden armsdicken Wachskerzen. Nach Norden und Süden vor zwei altarähnlichen Pulten zwei in Hohepriestergewande gehüllte Männer, einen Hammer von schwarzem Ebenholz in der Hand, an dem Zirkel und Winkelmaß in Elfenbein ausgelegt waren. Auf einer Art von Thron, mehr im Hintergrunde des grünen Domes, saß der Meister vom Stuhl, einen goldenen Hammer in der Hand. Er war mit einem schwarzen Frack bekleidet und hatte einen Cylinder auf dem Kopfe, wie alle Anwesenden, außer jenen in Hohenpriesterkleidern, die mit einer Art persischen Hutes bedeckt waren. Außer mit dem Schurzfell war der Meister aber mit breiten blauen und gelben Bändern geschmückt; er trug nicht nur wie alle Anwesenden das Zeichen der Loge, die Cedern am blauen Bande, sondern war außerdem mit goldenem Richtscheit, Zirkel und Winkelmaß behangen. Ueber den Sitz des hammerführenden Meisters senkten sich vier Cedernzweige zu einer Art Thronhimmel herunter. Auf dem ersten dieser Zweige glänzten wie Diamantfeuer die Worte: »Freier Boden«; das zweite trug die Inschrift: »Freie Arbeit«; das dritte: »Freie Rede«; das vierte: »Freie Brüder«. Vor ihm, auf dem Altar, lag eine Bibel in Folio, der älteste Bibeldruck Englands, auf derselben Zirkel und Winkelmaß. Im Hintergrunde glänzte über die Cedern hinweg eine Sonne, wie wir sie in Europa in Opern zu sehen pflegen. Neben und hinter dem Meister vom Stuhl saßen der Ersatzmeister, der erste Aufseher und andere Würdenträger der Loge. Der Hammer des Meisters fiel auf den Altar, die Hämmer des zweiten und dritten Aufsehers folgten. Der Meister erhob sich und richtete an den jüngsten Schaffner, der zum Zeichen seiner Würde einen schwarzen Maßstab trug, die Frage: »Was ist die erste Sorge eines Maurers?« worauf dieser antwortete: »Zu sehen, ob die Loge gedeckt sei.« »So thue deine Schuldigkeit!« Der Schaffner umkreiste die Taxushecken und meldete, auf seinen Platz zurückgekehrt: »Die Loge ist gedeckt.« Der Meister richtete dann an den ersten und zweiten Aufseher Fragen über ihren Platz in der Loge und ihre Thätigkeit, und nachdem diese dem Brauche gemäß geantwortet, erklärte er: »Die Loge ist geöffnet, im Namen des heiligen Johannes! Ich verbiete alles Fluchen und Schwören, alles Flüstern wie alle profanen Gespräche.« Der Meister stieg darauf von seinem Stuhle herab, ein Schaffner brachte ihm ein Licht, mit dem er die Wachskerze des Candelabers an der Ostseite des Tempels Salomonis anzündete und die Worte sprach: »Die Sonne regiert den Tag.« Der erste Aufseher zündete darauf das zweite Licht an und sagte: »Der Mond regiert die Nacht.« Der dritte Aufseher sprach beim Anzünden des dritten Lichtes: »Der Meister regiert die Loge.« Nun trat der Meister vom Stuhle wieder zu seinem Platze, gab mit dem Hammer einen Schlag, der von den Aufsehern am Teppich nachgeschlagen wurde, und sprach: »In Ordnung, meine Brüder!« Alle entblößten das Haupt, der Meister sprach das Gebet. Darauf begrüßte der Meister die Brüder mit dem besondern Handschlag der Loge zu den Cedern des Libanon, welches von der Versammlung erwidert wurde. Als jeder wieder Platz genommen, sprach der Meister: »Geliebte Brüder, ich zeige euch an, daß die Meisterschaft die Arbeiten der heute aufzunehmenden Brüder, welche sie, in der Schwarzen Kammer eingeschlossen und von einem Aufseher bewacht, anfertigten, geprüft und dieselben für gut befunden hat. Wir dürfen hoffen, zwölf tüchtige Mitarbeiter an unserm Werke zu gewinnen; ich befehle daher, die neuen Brüder, wenn sie entkleidet sind, vorzuführen und den Tempel zu schließen.« Die Wände schoben sich wieder zusammen, der Mond, dessen Licht, seitdem die Sonne über den Cedern aufgegangen, erblaßt war, strahlte wieder in hellem Glanze. Die Aufzunehmenden waren nur mit Hosen und Hemden bekleidet, das rechte Bein war bis über das Knie entblößt, der linke Schuh war niedergetreten. Sie waren sämmtlich durch eine eiserne Kette an den Beinen miteinander verbunden, die Arme von je zweien waren mit silbernen Ketten zusammengehalten, die Handgelenke jedes einzelnen durch eine goldene Kette gefesselt. Ihre Augen waren unverbunden. So wurden sie von zwölf mit blanken Schwertern bewaffneten, das Gesicht mit Masken verhüllten Brüdern längs der Arcaden vor dem Eingange des Tempels Salomonis aufgestellt, wo sie auf der untersten Stufe in einer Reihe ihren Platz nahmen. Ihrem weitern Heraufdringen zu den beiden andern Stufen stellten sich von der Meisterstufe her die Aufseher, jetzt gleichfalls mit Schwertern bewaffnet, entgegen. Der Führer des Gefangenenzuges aber trat die drei Stufen zum Tempel Salomonis hinauf und klopfte mit dem Griffe seines Schwertes dreimal an die Pforte. Die bisher sitzenden Maurer erhoben sich und bildeten einen sechsfachen Halbkreis um die Gefesselten, zuerst die Meister in einfachem Kreise, die Gesellen in doppeltem, die Lehrlinge in dreifachem, und sie begannen unter Musikbegleitung von den Arcaden her aus Mozart's »Zauberflöte« den Chor der Priester zu singen, nachdem ein tiefer Baß die Worte des Sarastro vorgetragen hatte. Dieser Gesang machte einen eigenthümlichen Eindruck auf die Gefesselten. Jetzt erscholl aus dem Innern des Tempels die Arie des Sarastro: »In diesen heiligen Hallen«, unter Begleitung des Flügels. Als der Gesang beendet, schlug der erste Aufseher mit drei Schlägen an die Pforte des Tempels, aus diesem erfolgten drei Schläge mit dem Hammer: »Wer begehrt Einlaß?« Der Führer des Zuges antwortete: »Zwölf Jünger, welche die Meisterschaft für würdig erachtet hat zum Eintritt in den Tempel.« »Woher kommen sie?« fragte die Stimme von innen. »Von Westen«, lautete die Antwort. »Wohin wollen sie?« »Nach Osten.« »Was suchen sie im Osten?« »Die Freiheit und das Licht!« »Sind sie frei geboren und frei?« »Sie sind freie Männer, von freien Weibern geboren.« »So wird sich der Tempel ihnen öffnen.« Der Verschluß schob sich nach beiden Seiten zurück und die mit dreifachen Ketten Belasteten sahen geblendet und erstaunt die Pracht des grünen Tempels und lasen die Inschriften über dem Stuhle des Meisters. Dieser erhob sich und sprach mit Pathos: »Der Mensch ist frei geboren und frei, und die Stufen zu diesem Tempel dürfen nur freie Männer besteigen! Alle Ketten, angelegt von Gewalt und Unrecht oder eigener Selbsttäuschung, sind zerreißbar, seien sie auch von Eisen und Stahl, von Silber oder Gold. Die Ketten des Irrthums, des Luges und Truges, der Sinnlichkeit und der Lusttriebe, die wir uns selbst oder die schlechter Umgang uns anlegt, und die symbolisch dargestellt durch die goldenen Ketten, die euere Hand fesseln, und die silbernen, die zwei aneinanderfesseln, sind zerreißbar wie die Ketten der Gewalt. Zerreißt euere Ketten!« Das erforderte keine zu große Anstrengung, die Ketten waren danach eingerichtet, daß sie bei einer mäßig starken Bewegung sich öffneten und klirrend zu Boden fielen. »Sie sind nun frei, meine Brüder«, sagte der Meister vom Stuhle; »dieses Symbol des Abwerfens der Ketten hat zugleich eine tiefere Bedeutung, daß unser Bund, der Sie heute aufnimmt, von der Ansicht ausgeht, daß Sie sich durch die Aufnahme freigemacht haben und freigemacht werden von allen lasterhaften Gewohnheiten, welche die Sklaverei mit sich führt. Unser Bund ist ein Bund freier Männer, im reifen Alter, Männer von gesundem Urtheile und sittlichem Lebenswandel. Wenn Sie, meine lieben Brüder, diese Stufen hinaufsteigen, so stehen Sie an den Grundsäulen des alten Salomonischen Tempels, rechts die Säule Jachin, d. h. die Stärke, links die Säule Boas, d. h. Aufgerichtetsein in dem Herrn. Die Früchte, die die Cedern des Libanon tragen, versinnbildet der Baldachin über meinem Haupte; es sind: freier Boden, freie Arbeit, freie Rede, freie Brüder. »Wenn Metallketten, wenn selbst Diamantketten zerreißbar sind, unzerreißbar ist und bleibt die Kette der Bruderliebe, die uns verbündet. »Bruder erster Aufseher, führen Sie die Brüder einen nach dem andern mit den drei maurerischen Schritten nach Osten.« Es erfolgte dann das Aufnahmeceremoniell, dessen Beschreibung wir unterlassen können und müssen, da es dem deutschen Ritus sehr nahe kommt. Die Symbole der Freimaurerei, wie sie in den Tempelteppich eingewirkt waren, wurden den Aufzunehmenden erklärt, die Stiftungsgeschichte der Freimaurerei an Hiram's Tod anknüpfend mitgetheilt, Zeichen, Griff und Wort gegeben. Schließlich überreichte der Meister vom Stuhle den Neuaufgenommenen die Schurzfelle, wie jedem zwei Paar weiße Handschuhe, für sich wie für die Schwester oder künftige Schwester, eine Gabe, die unserm Freunde Oskar Schulz, wie wir später sehen werden, sehr gefährlich wurde. Es wurde ein sehr kriegerisch klingendes Lied gegen die falschen Brüder im Süden, die sich Freimaurer nennen und Sklavenhalter sind, gesungen, und Geld für abolitionistische Zwecke gesammelt. Die beiden Deutschen wunderten sich nicht wenig, als der Schatzmeister die Summe des heute Gesammelten aus 7350 Dollars angab. Die Bruderkette wurde geschlungen, ein Bundeslied gesungen, dann berief der zweite Aufseher die Brüder zu einer Tafelloge. Während die Brüder einen Gang durch den Park machten, wurden unter den Bäumen, wo man bisher gesessen, die Tafeln gedeckt, bunte Lampions angezündet, fünf Springbrunnen, die bisher geschwiegen, in Thätigkeit gesetzt, der Tempel Salomonis war verschlossen. Es ging bei dieser Tafelloge munter zu, aber nicht unmäßig, sondern nach der Freimaurer Spruch: »Mäßig, froh.« Der Vollmond am Himmel gab die herrlichste Beleuchtung und stellte die bunten Lampions in Schatten. Nachdem die officiellen Toaste auf die Union und das Sternenbanner, auf den Wollkämmer, jetzt Präsidenten Millard Fillmore, auf die verbundenen Logen u. s. w. getrunken waren, brachte der Meister vom Stuhle auch auf die neuaufgenommenen Brüder einen Toast aus und wendete sich dann zunächst an Hellung. »Unsere Loge«, sagte er, »rechnet es sich zu einer Ehre an, dich, Theodor Hellung, der du als Mitglied des deutschen Parlaments wie in Dresden für die Freiheit gekämpft und geduldet, zu ihrem Mitgliede zu zählen, dich, den sein profaner Beruf schon zum Wegebahner nach Osten macht. Deine Lehrlings-, Gesellen- und Meisterarbeiten wirst du in den nächsten Jahren fern von der Loge zu den Cedern von Libanon im weitern Westen verrichten, aber du arbeitest immer für die Loge selbst, denn jeder Schritt weiter nach dem Stillen Weltmeer ist ein Fortschritt für die Menschheit, ermöglicht das Ziel einer Erdenloge. Wir, die wir das Licht von Osten empfangen, haben den Beruf, die Freiheit, die dort verschwunden ist, wieder nach Osten zu bringen. Ich sehe im Geiste die Zeit kommen, wo nicht Europa, nicht Amerika der Mittelpunkt der Welt ist, sondern jene Inseln im Stillen Ocean, die heute noch zum Theil unbewohnt sind, zum Theil von wilden Völkern bewohnt werden. »Du wirst auf deinen Bahnen auf Rothhäute stoßen, vergiß nie, daß es Menschen, daß es Brüder sind! Vertilge sie nicht, selbst wenn sie deinen Planen hindernd in den Weg treten, deine Arbeiten zerstören. Bedenke, sie sind in Dunkel und Unwissenheit geboren und groß geworden, und die Weißen haben ihnen die Jagdgründe, in welchen ihre Väter, Großväter und Urgroßväter jagten und hausten, genommen, sie immer weiter nach Westen treibend. Verlocke sie nicht durch Feuerwasser, sondern suche sie zu belehren, womöglich zu bewegen, daß sie sich anbauen und Ackerbau treiben. »Und nun noch Eins: unsere Loge läßt einen Bruder eine so große und gefährliche Reise, wie du sie vorhast, nicht gern ohne treue Begleitung antreten, und so hat sie denn dafür gesorgt, daß du unter deinen Begleitern zwei Brüder findest, die dir treulich und brüderlich zur Seite stehen werden, beide heute mit dir aufgenommen. Das ist Andrew Word, Chef deiner künftigen Feldmesser, und Lincoln Hickory aus Kentucky, zäh und hart wie sein Name, schlau wie ein Fuchs und geschmeidig wie ein Indianer, der nie sein Ziel verfehlt. Er spricht die Sprache vieler Rothhautstämme, ist schon einmal über das Felsengebirge hinüber gewesen und ist zum Proviantmeister und Führer der Karavane bestimmt. Nimm deinen Platz zwischen diesen beiden Brüdern und gib ihnen den Bruderkuß.« Darauf wandte sich der Hammerführende zu Oskar Schulz und sagte: »Wenn ich dieses Glas mit allen Ehren der königlichen Kunst auf dein Wohl leere und die Brüder durch den ersten Schaffner auffordern lasse, zu laden und mit mir loszuschießen« – er machte eine Pause, um dem Schaffner Zeit zu lassen, seine Befehle zu vollziehen –, »so glaube mir, daß die Loge dich, obgleich du noch an dem rohen Stein arbeitest, zu einer nicht minder wichtigen Mission bestimmt hat. Bruder Georg Baumgarten wird dir eine versiegelte Instruction geben, die du erst im nächsten Jahre am Tage Johannis des Täufers öffnen darfst. Bis dahin magst du Land und Leute, Sitten und Gebräuche des Südens kennen lernen. Du wirst selbst sehen, ob es wahr ist, daß es dort von falschen Brüdern wimmelt, welche den Zweck der Maurerei in Niederhaltung der schwarzen Rassen und in Verbreitung der Sklaverei suchen, obwol sie als das Ziel ihrer Bauhütten angeben, bald Cuba, bald Mexico, bald Mittelamerika annectiren zu wollen. Sie nennen sich Ritter des einsamen Sterns, Ritter vom goldenen Zirkel, Ritter vom schwarzen Elfenbein, Ritter vom Goldenen Vliese, sind aber sämmtlich Prosklavereiritter. Hüte dich, je die geringste Andeutung zu geben, daß du Licht und Freiheit im Tempel Salomonis der Cedern des Libanon empfangen hast. Dies wäre dein sicherer Tod, denn Meuchelmord ist das immer bereite Mittel dieser Ritter, Dolch und Strick, Gift und Revolver sind ihr Handwerkszeug, Schurz und Kelle nur Schein. »Umarme jetzt deinen Bürgen und danke ihm.« Es wurde noch viel getoastet, geredet, gesungen, und wenn die Brüder nicht in der geschlossenen Ordnung, der Feierlichkeit und Stille, und so festen Schrittes, wie sie zum Tempel gingen, diesen verließen, so konnten doch selbst starke Mäßigkeitsmänner daran nicht Anstoß nehmen. Man ging eben auseinander, man zerstreute sich nach allen Richtungen, und da ging es denn lauter als gewöhnlich zu; Baumgarten's Equipage führte unsere Freunde rasch nach Georgen- und Charltonhouse. Unsere Leser werden aus dem Mitgetheilten errathen haben, daß der jüngere Baumgarten auf seiner Tour nach Westen für den Universitätsfreund Hellung eine vortheilhafte Stellung bei der kurz vorher gegründeten Central-Pacific-Compagnie gefunden hatte. Unser Freund aus Dresden sollte in Begleitung von sechzehn bis zwanzig Personen, außer den Dienern, Pferden und Maulthieren, den directesten Weg von Saint-Louis nach Californien über das Felsengebirge, sowol für eine Eisenbahn als für eine Telegraphenverbindung suchen, vermessen, soweit es nöthig, nivelliren, kartiren; er sollte die Hülfsquellen der Gegend, welche die Bahn durchschnitt, erforschen, die Gefahren, welche Natur und Indianerstämme dem Unternehmen in den Weg stellten, ermitteln, die Mittel, sich dagegen zu schützen, ausfindig machen. Obgleich ein solches Unternehmen eine mehrjährige Abwesenheit von Frau und Kindern erforderte, schreckte er nicht davor zurück, denn er wußte diese in Charltonhouse gut aufgehoben, und es steckte in ihm eine gewisse yankeehafte Unternehmungslust, Reisekühnheit, Waghalsigkeit. Außer bedeutenden Diäten waren ihm ganz außerordentliche Vortheile versprochen. Er sollte, wenn die von ihm gewählte Linie genehmigt werde. nicht nur die Strecke, deren Bau er wünschte, zum Ausbau erhalten, sondern ihm von Nebraska an bis an die Grenze von Californien so viel von dem der Compagnie von der Union zugesicherten Staatsgebiet angehören, um eine Stadt von hunderttausend Einwohnern darauf gründen zu können. Auch seinen Begleitern waren von diesen Staatsländereien Dotationen versprochen, und sie sollten, wie er, die Wahl haben, den Ort zu bestimmen. Die neuzugründende Stadt war nicht allein ein Lieblingsgegenstand der Phantasie unsers Freundes, sie diente auch den in Pittsburg vereinigten Freunden zu mannigfacher Unterhaltung. Man debattirte über Klima und Lage, entwarf Pläne zu allerlei Bauten, war natürlich sehr uneinig über alle Einzelheiten, nur in Einem Dinge war man einig: die Stadt müsse in dem amerikanischen Paradiese liegen und Hellungen heißen. Neuntes Kapitel. Auf der Fahrt nach Westen. Es war Anfang August, als ein leichter Korbwagen, von vier Rappen gezogen, unsere deutschen Freunde nebst den Amerikanern Robert Baumgarten, dem Oberfeldmesser Andrew Word und dem schlauen Kentuckier Lincoln Hickory über die Stadt Hannover nach der Grenze Pennsylvaniens dem Ohio zufuhr. Eisenbahnverbindungen wie heute gab es damals zwischen Pittsburg und Wheeling noch nicht. Man wollte einen Ohiodampfer überholen, der schon am Tage zuvor von Pittsburg abgefahren war, indem man den großen Bogen, welchen der Fluß erst nach Norden zu machen beliebt, zu Lande abschnitt. Die Sonne brannte heiß auf das rothweiß gestreifte Kattundach des Wagens, die Reisegesellschaft saß in leichtester Sommerkleidung von ungebleichter Leinwand mit breitränderigen Panamahüten, Cigarren und Cigaretten rauchend, und fuhr auf Steubenville zu. Am Ohio angekommen, sah man die Dampfwolken des Elefanten, so hieß der Dampfer, den man hier erwarten und besteigen wollte, noch mehrere Meilen weit nördlich in der Gegend des columbischen Liverpool, und die Deutschen glaubten, reichlich Zeit zur Einnahme eines Lunch am diesseitigen Ufer zu haben. Allein der Proviantmeister trieb zur sofortigen Ueberfahrt; »der Strom ist hier mindestens achtzehnhundert Fuß breit«, sagte er, »und die Strömung mächtig.« Der Mann hatte recht, die Ueberfahrt ging nicht so schnell, als es aussah, und kaum hatte man den jenseitigen Landungsplatz erreicht, als auch schon das Signal der Glocke des Elefanten zum Aus- und Einsteigen rief. Ein amerikanischer Dampfer fährt mit der doppelten Kraft und Schnelligkeit eines Rhein- oder Donauboots, und die Strömung des Ohio bis zu den Fällen von Louisville ist eine schnellere als die der Donau von Linz bis Wien. Es war ein Koloß von Dampfbootdreidecker, dieser Elefant, ein Schiff, wie man es nur auf dem Missouri, Mississippi und Ohio sieht. Der Kapitän, ein Mitglied der Loge zu den Cedern des Libanon, begrüßte die Ankömmlinge, die er schon erwartete, von seinem erhabenen Standpunkte. Auf dem überzelteten Deck wimmelte es von Swells und Dandies, welche sich namentlich in der Nähe des Damenzelts zu schaffen machten. Hier hatten, wie es schien, ein paar creolische Schönheiten einen dichten Kreis von Plantagenbesitzern aus dem Süden, die man auf den ersten Anblick von den Bewohnern des Ostens oder Westens unterschied, um sich versammelt. Während die Angekommenen eilten, den Kapitän zu begrüßen, blieb Oskar Schulz in der Nähe der Creolinnen stehen, gleichsam wie bezaubert und gebannt von dem Augenschlag der jüngern Schönheit, eines Mädchens von etwa funfzehn Jahren. Der Kapitän ließ seinen Steuermann den Platz auf der Brücke einnehmen und lud die Brüder in seine Kajüte. Als er Oskar nach den Creolinnen starren sah, stieß er einen kräftigen Fluch aus und faßte den jungen Mann bei den Armen, ihn mit Gewalt die Treppe hinabziehend. »Sind Schlangen, böse giftige Schlangen, diese Creolinnen«, brummte er, als sie in seine Wohnräume eingetreten waren. »Sind die schlimmsten aller Evatöchter, verführerische, blutig wollüstige Weiber, von denen man junge Männer fern halten muß. Wahre Satansbrut!« »Kapitän, unsere Magen bellen, könnten wir ein gutes Frühstück haben?« sagte der Kentuckier. »Ist schon bestellt, dazu auch kühl gelegter Rheinwein.« Es erschien auch schon ein Mulattenknabe, die Tische zu decken, und bald darauf ein schwarzer Koch mit weißer Jacke und Beinkleidern, der kalten Reh- und Hirschziemer, Salem, Brot, Maiskuchen, Butter und Bärenschinken auftischte. Die Reisenden hatten Appetit und sprachen den Speisen und Getränken gehörig zu. Der Kapitän allein aß nicht, er rauchte eine starke virginische Cigarre und schenkte sich dazu fleißig ein. »Das ganze Schiff steckt voll von Sklavenbaronen«, sagte er, »kribbelte mir schon unter den Fingern, unterheizen zu lassen, daß wir alle eine Luftfahrt machten, sie in die Hölle zu führen. Weiß nicht, was diese Virginier und Caroliner im Schilde führen, Gutes gewiß nicht. Die ganze Bande ist beisammen; Jefferson Davis, Senator Hunter, Senator Mason aus Virginien, verschiedene Congreßmitglieder, die sämmtlich bis Point-Pleasant eingeschrieben sind. Auch die Creolinnen, die verfluchten, wollen dahin.« »Ich werde hinaufgehen, wenn ich gefrühstückt habe«, sagte der Kentuckier, »mich verführt keine Creolin; ich werde den Prosklavereimann so gut spielen, daß ich in einer Viertelstunde euch berichten kann, was sie wollen. Zur Vorsicht will ich indeß mein Messer und meinen Revolver zu mir stecken.« Oskar Schulz hatte eine ganze Zeit stumm und still gesessen, ohne an dem Frühstück teilzunehmen, er sah sich hier von einem Fremden, den er zum ersten mal im Leben gesehen hatte, wie ein Schulknabe bevormundet, und hatte nicht übel Lust, dem Amerikaner zu zeigen, daß er kein Knabe mehr sei. Indeß, der Kapitän lud ihn mit so unbefangener Freundlichkeit ein, von dem Bärenschinken zu probiren, den er vor einigen Tagen erst von einem Hinterwäldler gekauft, daß er seinen Verdruß niederzwang und an der gemeinsamen Arbeit teilzunehmen begann, als Hellung schon aufstand und eine an der Wand hängende Karte des Laufes des Ohio zwischen Ohio und Virginien ins Auge faßte. Sein Geist haftete an dem Namen, den er vorhin aus dem Munde des Kapitäns als den Ort hatte bezeichnen hören, wo ein großer Theil der Passagiere aussteigen würde. Er fand den Ort und fragte: »Point-Pleasant, der Name kommt mir so bekannt vor, wo habe ich den gehört?« »Du wirst«, erwiderte Baumgarten, »von der furchtbaren Schlacht gelesen haben, die hier die Indianer unter ihren großen Häuptlingen Cornstalk, dem rothen Falk und Logan den Virginiern lieferten, eine Schlacht, die zehn volle Stunden dauerte und ohne einen glücklichen Handstreich des Obersten Levis allen zwölfhundert Virginiern das Leben gekostet haben würde. Sie waren zwischen dem Ohio und dem großen Canahwe eingeschlossen und von den auf ihre Skalpe begierigen Rothhäuten gänzlich umstellt.« Unser Hannoveraner, der indeß durch einige Gläser Rheinwein seine gute Laune wiedererhalten, fragte den Kapitän: »Aber Kapitän, was habt Ihr gegen die Creolinnen?, das sind doch, meine ich, ganz andere Dinger als euere kalt und spröde thuenden Quäkerinnen in Philadelphia und Pennsylvanien oder die ätherischen Ladies von Neuyork?« »Ihr sollt es hören, Dutchman«, erwiderte dieser, legte die Beine auf den Tisch und ließ sich durch den Mulatten, der zur Aufwartung geblieben, ein Glas Eiswasser reichen. »War ein Bürschchen jung von Jahren, spürte kaum den ersten Flaum am Barte, Untersteuermannsgehülfe auf einem Mississippidampfer, der von Saint-Louis nach Neuorleans fuhr. Wir hatten noch einige hundert Meilen bis zur Weltstadt am Mississippi, es war im December, das Wetter prächtig, Neuorleans fieberfrei; freute mich auf die Stadt, die ich zum dritten mal sehen würde. »Da stiegen in Natchez zwei Creolinnen ein, stiegen oder tanzten vielmehr mit einer so naiven Grazie auf das Deck, schlank, geschmeidig, schwebten über das Deck, hatten Augen so tief und glühend wie der Mississippi, wenn die letzten Sonnenstrahlen in ihm untergehen, so verlockend, daß alle Männeraugen ihnen folgten.« »Hört! Hört!« rief Baumgarten, »der Kapitän fängt an poetisch zu werden.« » Damn !« seufzte der Kapitän, »ich selbst war außer mir, war von einem Blicke bezaubert. Als die ältere der Doncellas an mir, der ich an der Stelle des Siesta haltenden Kapitäns das Commando versah, vorüberging, die Augen aufschlug, glaubte ich in den Himmel zu blicken. »Vermaledeit, diese Augen! Wußte die ältere und erfahrenere dieser Sirenen oder Nixen es so einzurichten, daß sie vielmals des Tags immer dahin trippelte, wo mein Dienst mich fesselte, und im Vorbeischweben sandte sie mir Blicke zu, die bis zu meinen innersten Herzfasern einbrannten. Ich junger Narr war wahnsinnig verliebt, ehe wir nach Neuorleans kamen, nahm Urlaub und folgte den Sirenen nach Saint-Charles-Hotel, dem prächtigsten, aber theuersten Wirthshause, das ich je im Leben gesehen. Da lebten wir herrlich und in Freuden, wurde aber ganz Sklav der schönen noch nicht zwanzigjährigen Witwe Doralice, obgleich ihre Sklavin Diana offenbar jünger und jungfräulicher, milder und zarter war. »Aber Doralice war eifersüchtig; seitdem sie einmal meine Blicke länger auf Diana ruhen sah, deren außerordentliche Aehnlichkeit mit ihrer Herrin mir auffiel, war ich beinahe immer allein mit ihr. »O! wie konnte das Weib reizen! Ich will nur Eins erwähnen. Eines Abends, als wir des Genusses beinahe nicht mehr mächtig waren und uns an Confect, süßen Früchten und Champagner erholten, befahl sie Diana zu sich und flüsterte dieser etwas ins Ohr. Diese entfernte sich, auch Doralice verließ mich. Mein süßestes Leben, sagte sie, schlaf ein Stündchen, hinterher werde ich dir ein Schauspiel für die Götter vorführen. »Ich weiß nicht, wie lange ich geschlafen, eine Mulattin mit einem Pfauenwedel schützte mich vor Mosquitos und sonstigen Unholden. Da erwachte ich von den Klängen eines Tamburins nebst Castagnetten. Ich flog empor. Die Mulattin öffnete die Thür zu einem Zimmer, welches mir bis dahin unbekannt war. In der Mitte dieses Zimmers hingen von vergoldeten Haken der mindestens zwanzig Fuß hohen Decke vier seidene Schnüre herab. »Drei Mulattenmädchen saßen auf einem erhöhten Platze und machten Musik, die eine spielte Guitarre, die zweite handhabte das Tamburin, die dritte die Castagnetten. »Doralice war in eine Art spanischer oder mexicanischer Männerkleidung gehüllt, Diana in eine reizende bis zum Knie reichende Basquina, welche die schlanke im Knospen befindliche Gestalt derselben vortheilhaft hervorhob. Herrin und Dienerin begannen, nachdem die ersten Takte der Musik erschollen waren, jede eine der seidenen Schnüre zu ergreifen und sich in eine langsame schwebende Bewegung zu setzen, mehr gehend als tanzend. Der Spanier verfolgte die Doncella, die sich dieser Verfolgung auf die graziöseste Art zu entziehen wußte, indem sie entweder zurückschwebte oder flog, oder eine Seitenbewegung, soweit es die lange Schnur erlaubte, oder gerade auf den Mann, wie sich ihm ergebend, zuschritt, dann aber, in seine Nähe gekommen, nach einer der leeren Schnüre mit der andern Hand griff und seinem Versuche, sie zu umarmen, sich graziös entzog. Kein Laut kam von den Lippen der Tanzenden, aber jeder Blick, jede Bewegung sprach. Die Musik begann einen schnelleren Takt, und rascher, leichter, feuriger wurde der Tanz; die Tanzenden wurden lebendiger, die Augen zündender, der ganze Körper zitternd vor Begierde. Schneller und schneller umkreiste sich das Paar, flog aneinander vorüber, im Fluge die Lippen aneinander drückend. Die Musik stimmte ein Allegro an, die Castagnetten klapperten heftiger, zum Angriff und Sieg mahnend, wie die Trommeln in der Schlacht. Aber die Doncella war noch nicht bereit, sich besiegen zu lassen, sie ging vielmehr zum Angriff über, sie schwebte jetzt an zwei Schnüren und wußte diese so geschickt um die Schnur des Tänzers zu verwickeln, daß die Schnüre sich verwoben, umschlangen, verkürzten, die Körper aneinander näher brachten; Diana's Blicke wurden schmachtender, zärtlicher, die des Spaniers womöglich noch funkelnder. Als er aber schon Sieger zu sein glaubte, den Arm um die Taille der Tänzerin schlingen wollte, um diese ganz zu haben, ließ diese eine der Schnüre fahren, gab der andern einen entgegengesetzten Schwung und schwebte nun rückwärts, den rechten Arm in zarter Rundung haltend, als sei sie bereit, den Verfolger darin aufzunehmen. Allein dieser schien etwas gelernt zu haben, man sah es ihm an, er war der Liebesneckerei müde, er wollte siegen. Er ergriff das zweite seidene Seil und schwang sich in entgegengesetzter Richtung um das Mädchen, die Schnüre verwoben sich, verkürzten sich immer mehr, der Tänzer wurde fieberischer, glühender, begehrlicher. Das war keine Kunst mehr, das war bacchische Lust, sapphische Wuth. Diana schien den Widerstand aufzugeben, sie schaute schmachtend, verlangend, liebedürstend; da umschlingt sie der Spanier, indem er die Schnur, die er bis dahin in der rechten Hand hielt, in die Linke nimmt, mit dem rechten Arme. Die Körper verschlingen sich, wie die Schnüre, sie bilden nur noch Eins. Diana hat den Spanier mit beiden Armen umschlungen, dieser hat alle vier Schnüre gefaßt und hindert dadurch das Auseinanderrollen, jene hat die Schnüre losgelassen und hängt nur in seinen Armen. »Ich mußte die Augen schließen, ich konnte diesen üppigsten aller Tänze, die ich je geschaut, nicht mehr ansehen, mein Blut tobte fieberhaft durch meine Adern. Was sind alle Tänze europäischer Ballettänzerinnen, Pariserinnen, Wienerinnen, wie ich sie in Neuyork und Boston gesehen, gegen diesen Tanz? Als ich die Augen wieder aufschlug, waren die Mulattenmädchen wie Diana verschwunden, ich war allein mit Doralice, die in meinen Armen sich von den Anstrengungen des Tanzes erholte. »So hielt sie mich fest mit tausend Banden der Sinne und Lust, machte mich ganz zu ihrem Sklaven. Mein Boot fuhr den Mississippi ohne mich hinauf, ich folgte ihr nach Red River, wo sie in der Nähe von Natchitoches eine große Plantage besaß. »Was wollte sie mit mir? Wollte sie mich heirathen, mich zum Mitbesitzer ihrer Reichthümer machen? Oder sollte ich nur ihr Lustsklave sein? »Ich war in einer Stimmung, daß ich nicht mehr denken konnte, hatte keinen Willen mehr, Gefühl, Phantasie aber wurden gelenkt von dem Augenzucken der Creolin. Es war, als habe sie mein Blut vergiftet, als stecke spanisches, mexicanisches Blut in mir; wie hätte man auch nur einen Augenblick kalt bleiben können, wenn sie neckte oder reizte, wenn sie mit den schwimmenden Augen zu winken schien und dann, jede Zärtlichkeit abwehrend, bis zum Wahnsinn reizte! »Wir waren acht Tage auf der Plantage, mit nichts beschäftigt als auf der Veranda zu sitzen und zu rauchen – Doralice rauchte ihre Paquillas wie ein Mann –, in Hängematten zu liegen und uns zu schaukeln und durch Pfauenwedel die böse Insektenwelt von uns abwehren zu lassen, zu essen, zu trinken, zu küssen, zu lieben. Meine Gebieterin hatte noch eine andere Abwechselung: bei der dreimaligen Toilette zankte sie Diana aus, die ihr seit einiger Zeit nichts mehr zu Dank machen konnte. Diese, wenn sie sich unbemerkt glaubte, schaute mich mit einem unendlich wehmüthigen, beinahe mitleidigen Blick an, als wollte sie sagen: Arme, verlorene Seele, ich bedauere dich. Doch lag zugleich ein Mehreres in dem Blick, etwa: wie keuscher, inniger, seelischer würde ich dich lieben! »Abends, wenn die Kühlung eingetreten war, trabten wir manchmal an den Ufern des Flusses hinauf, oder ließen uns, um die Flußkühlung zu genießen, von den Schwarzen hinaufrudern, um herunterzusegeln. Doralice wußte mit ihrem Rosse so gut umzugehen wie mit dem Segel. »So waren vierzehn Tage verschwunden, ich hatte mich an das Nichtsthun rasch gewöhnt; die Siesta war mein Bedürfniß und ich schlief auch des Nachts, in mein Mosquitonetz gehüllt, gut, wenn ich überall zum Schlafen kam. »Eines Nachmittags, nach langer Siesta, ich hatte sie nöthig, denn in der Nacht vorher war es Doralice eingefallen, mich den indianischen Stricktanz zu lehren, die ›Chica von Yucatan‹, wie sie ihn nannte, und ich war ein schlechter Tänzer und ihr allein fiel die Arbeit zu, die seidenen Stricke so zu verschlingen, daß unsere Lippen sich berühren konnten und wir zu Eins zusammenschmolzen – da erhob sich dieselbe aus ihrer Hängematte, flüsterte dem Negermädchen mit dem Pfauenwedel, das sie gewiegt hatte, einen Befehl zu und winkte mir, ihr zu folgen. »Als ich mir unter der Veranda, wo Diana saß und mit einer Flechtarbeit beschäftigt war, eine Cigarre anzündete, sagte diese leise: ›Nehmt Euch in Acht, sie hat eine schlechte Siesta gehabt, sie ist ermattet und begierdelos, sie muß Blut sehen!‹ »Indeß brachte das Niggermädchen Fächer und ein Instrument, dessen Bedeutung ich noch nicht kannte; es war eine Sklavenpeitsche. Doralice nahm letztere unter den Arm und den Fächer in die Hand, wir gingen dem Sklavendorfe zu, das ich noch nicht betreten hatte, obgleich es kaum eine Viertelstunde vom Herrenhause lag und sich bis zum Ufer des Red River hinstreckte, wo eine hohe Tafel anzeigte, daß hier Holz (zum Heizen der Dampfer) verkauft werde, vier Dollars die Klafter. »Wir kamen zu den Negerhütten, die mir in dem erbärmlichsten Zustande zu sein schienen. In der ersten wohnte ein alter Sklav, der schon der Mutter der jetzigen Herrin angehört hatte, Brutus genannt, wohlgelitten, weil sehr arbeitsfähig und arbeitswillig; von schwerer Arbeit in den Plantagen entlastet, hielt er den Garten in Ordnung. Er hatte seine Herrin als Kind auf den Armen getragen, sie in der Hängematte gewiegt, ihr den ersten Reitunterricht ertheilt, ihren Pony gesattelt und sie auf ihren Ausritten begleitet und beschützt. Er saß vor seiner Hütte und schnitzte Blumenstöcke für das herannahende Frühjahr. »Als wir näher kamen, erhob er sich, nahm seinen Hut, aus dem Blatt einer Palme geformt, von dem schwarzen Wollkopfe und sagte, mich vom Scheitel bis zur Zehe musternd, mit gutmüthigem Grinsen: ›Matrosenblut, Missis, Nummer sieben, oh! Brutus zählen können Missis, gar nicht so dumm sein, als aussehen.‹ »Doralice erblaßte und wurde dann von Zornespurpur übergossen, sie reichte mir die Sklavenpeitsche und sagte: ›Zählt dem frechen Nigger fünfundzwanzig über, daß die Hunde sein Blut lecken!‹ »Ich warf die Peitsche vor ihre Füße und sagte: ›Ich bin kein Sklavenaufseher!‹ »›Aber du bist mein Sklav und gehörst mir‹, schrie sie voll Wuth und Rachbegier, ›oder du sollst selbst die Peitsche fühlen!‹ Das schöne Weib sah einer Furie ähnlich, sie erhob die Peitsche vom Boden, und da ich schwieg und nur verächtlich lächelte, erhob sie die Peitsche gegen mich und würde mich über das Gesicht geschlagen haben, wenn ich ihre Hand nicht abgefangen hätte. So trafen mich nur einige Lederriemen der Peitsche mit ihren Knoten und verursachten mir einige blutunterlaufene Striemen im Gesichte. Ich bog das schwache Handgelenk zurück, sodaß das Weib kraftlos zu meinen Füßen zusammenbrach. Brutus stand mit den Augen eines Tigers hinter ihr, er hatte die Peitsche, die der Gebieterin entfallen, aufgenommen, und es bedurfte nur eines Winkes von mir, sie wäre auf die zarte Herrin niedergefallen und hätte Rache genommen für Hunderte von erlittenen Mishandlungen. »In diesem Augenblicke kam Diana. beugte sich über die Herrin, die ohnmächtig auf der Erde lag, und hob sie empor, während sie dem Nigger befahl, frisches Wasser zu schaffen, womit sie Stirn und Schläfe der Herrin netzte. Als sie wieder zu sich kam, griff sie nach ihrer Taille, als ob sie etwas suche, und sagte dann mit einem Blick und einer Miene, die mich nicht zweifeln ließen, daß sie die Wahrheit sage: ›Hätte ich meinen Dolch bei mir oder meinen Revolver, du wärst längst eine Leiche.‹ »Dann schritt sie, auf Diana gestützt, dem Herrenhause zu. »Der Nigger starrte hinter ihnen her; danach, als er sie weit genug entfernt wähnte, sagte er leise: ›Master, diesen Ort verlassen, fliehen, so schnell als Ihr könnt, Missis böse, sehr böse Frau sein, nicht treu sein, seit Mann todt, Ihr Nummer sieben. Brutus Euch treu bis in den Tod.‹ »Ich war längst entschlossen, mich aus diesem Lasterleben und Müßiggang emporzuraffen, mit dem nächsten Dampfer nach Neuorleans herabzufahren, meinen Kapitän um Verzeihung zu bitten, oder, wenn es sein mußte, als Matrose zu dienen. Zu diesem Zwecke packte ich meine wenigen Sachen und ging, von Doralice Abschied zu nehmen, die unter der Veranda saß und sich von Diana Eisumschläge um die rechte Hand, die ich ihr verdreht habe, legen ließ. »Als ich mich nahte, zog sich Doralice in ihr Boudoir zurück, wohin sie mich folgen hieß. Sie saß vor einem zierlichen Schreibtische und hatte die rechte Hand auf den Tisch gelegt, wo sie dieselbe gleichsam vor mir unter einem Batisttuche verbarg. »Als ich näher trat, sagte sie, mich zärtlich anblickend: »›Verzeihe meine Heftigkeit, süßes Leben, bleibe hier, sei wieder gut, habe mich so lieb, wie ich dich liebhabe!‹ »›Ich kann die Hand, die mit der Sklavenpeitsche nach mir schlug, nicht wieder zärtlich drücken‹, erwiderte ich. »›Nun so fahre zur Hölle‹, schrie sie, und in demselben Augenblicke blitzte ein Schuß aus einem kleinen Revolver, den sie unter dem Batisttuche verborgen, und ich stürzte an die Stirn getroffen zu Boden. »Zum Glück hatte die Kugel das Stirnbein nur gestreift bis auf den Knochen freilich, – die Narbe seht Ihr hier.« Er strich die Haare von der linken Stirn, und eine feuerrothe, etwa einen Finger breite Narbe lief von dem Stirnbein über das Ohr weg. »Ich lag von der Gehirnerschütterung bewußtlos, die Wunde blutete stark. Wie mir Diana später erzählte, warf sich die Mörderin weinend und wehklagend zu meinen Füßen, schrie, klagte sich selbst als Mörderin an, nannte mich mit den süßesten Namen, küßte mich, kurz sie sprang in das entgegengesetzte Extrem über. Sie verwünschte sich selbst und verschwendete tausend Liebkosungen an den Verwundeten, sog das Blut aus meiner Wunde und geberdete sich wie eine Wahnsinnige. »Diana rief Brutus herbei, er trug mich auf ein Ruhebett, legte den Kopf hoch, wusch ihn mit kaltem Wasser, während Diana Eisumschläge bereitete. Brutus war eine Art Arzt, der die Wunden seiner schwarzen Brüder und Schwestern auf der Plantage, an denen es nie fehlte, zu heilen pflegte, er konnte Blutungen stillen, das Fieber heilen, Verbände anlegen. Er legte einen Leinwandverband auf die Wunde, und Diana umhüllte mir den Kopf mit einer Ochsenblase, welche mit kleingestoßenem Eise gefüllt war. Ich kam zu mir und schlug die Augen auf, in demselben Augenblicke, als Doralice sich über mich beugte und mich küssen wollte. Ich schauderte unwillkürlich zusammen und schloß die Augen. »Doralice verbarg ihr Gesicht in das Kopfkissen, auf dem ich ruhte, und weinte heiße Thränen. Plötzlich sprang sie empor und befahl Brutus, ihren Hengst und ein Pferd für ihren Reitknecht satteln zu lassen, sie selbst wollte nach Natchitoches, um ärztliche Hülfe zu holen, sie wollte mit dem Arzt zurückfahren, der Reitknecht solle ihr Pferd nach Hause zurückführen. »Als die Huftritte verhallt waren, schlug ich die Augen auf und richtete mich in die Höhe. Ich fühlte mich bei vollem Verstande, fühlte kaum Schmerz an der Wunde, war frei von Kopfweh. Diana wollte, um meine Eisblase besorgt, meinen Kopf niederbeugen, ich beruhigte sie über mein Befinden, dankte ihr für ihre Pflege und drückte ihr einen Kuß auf die Stirn. Dann versprach ich, mich ruhig hinzulegen, mich ihrer Pflege zu überlassen, wenn sie mir die nähern Aufklärungen über sich und ihre Herrin gebe. Sie versprach dies. »Ich legte den Kopf jetzt so, daß ich sie ansehen konnte, und Diana erzählte: Doralice ist, wie wenigstens Brutus behauptet, meine Stiefschwester, väterlicherseits. Meiner Mutter erinnere ich mich nicht mehr. Brutus, der Haussklave bei dem Ehemanne der Mutter Doralicens, einem Herrn Birks, war, erzählt: diese, Chloë mit Namen, sei eine Quadrone gewesen, die Birks von einem mexicanischen Händler in Charleston kaufte. Sie war sehr schön und anstellig und der Herr, ein alter häßlicher Gesell, verliebte sich sterblich in sie, aber Chloë war klug, sie ergab sich dem Herrn erst, nachdem sie frei und seine Frau geworden war. »Zwei Jahre war Birks vermählt, ohne Aussicht, Kinder zu haben. Er wohnte damals noch in Südcarolina auf einer Plantage, die er dort besaß. Der Arzt verordnete der Frau ein vielgerühmtes Bad in Tennessee, und siehe, dasselbe bewährte seine Wirksamkeit; Chloë fühlte sich Mutter, der Plantagenbesitzer schwamm in einem Meere voll Wonne. »Noch vor der Geburt Doralicens kam ein neuer Sklavenaufseher, ein Weißer, den die Herrin im Bade Tennessee kennen gelernt hatte und der zugleich beabsichtigte, sich in Südcarolina anzukaufen, wenn er die Verhältnisse näher kennen gelernt habe. Birks hatte ihn auf Empfehlung seiner Frau engagirt, er nannte sich Booths. Es war noch ein junger Mann, dessen Vater, wie Brutus bei seiner Liebe in der Nachbarspflanzung gehört haben wollte, ein Prediger in Pittsburg gewesen sein solle und Smith geheißen habe. Dieser junge Mann habe sein ganzes Vermögen, eine Pflanzung mit zweihundert Sklaven, in Charleston verspielt, und besitze nur noch eine kostbare Diamantbrosche. »Brutus entdeckte schon in den nächsten Tagen vertrautere Beziehungen zwischen Booths und Chloë, und als sein Herr verreiste, sah er den Sklavenaufseher nachts in die Gemächer der Herrin steigen, die selbst eine Strickleiter an ihrem Fenster befestigt hatte. Daraus schließt Brutus, daß Doralice das Kind dieses Booths sei, und erklärt ihre große Aehnlichkeit mit mir und manches andere. »Nach der Geburt Doralicens kaufte Birks diese Pflanzung am Red River und verkaufte die Plantage in Südcarolina mit der Hälfte aller Sklaven an den Sklavenaufseher, wie es hieß um den Preis jener kostbaren Diamantbrosche, welche Chloë zu besitzen wünschte und die Doralice noch besitzt. »Nachdem Booths in Carolina Herr der Plantage geworden war, begann er ein Liebesverhältniß mit einem siebzehnjährigen Quadronenmädchen, dem ich meine Geburt verdanke. Birks starb übrigens bald, Brutus glaubt an Gift, von seinem ungetreuen Weibe ihm beigebracht, das statt zu trauern nach Neuorleans ging und dort ausschweifend gelebt haben soll. Sie kehrte erst nach einem Jahre als Gattin Booths' heim, sie hatte die Jahresernte der Plantage einem Nachbar verkauft und daher auch die Sklaven diesem bis zur Ernte verdungen. Doralice war inzwischen einer Amme, gleichfalls Quadrone, in Obhut gegeben worden. »Die Bedingung, unter welcher Chloë meinen Vater heirathete, war die, daß er meine Mutter nach Norden, wenigstens nach Nordvirginien oder Kentucky verkaufe. So wurde ich von meiner Mutter getrennt, Doralicens Mutter war, wie alle Frauen mit spanischem Blute, eifersüchtig. »Ich habe meine Mutter nie wiedergesehen, nie erfahren können, wo sie verkauft ist. Ich sollte der drei Jahre altern Halbschwester als Gespielin dienen und erhielt vom sechsten Jahre an mit ihr Unterricht bei einer Französin, die aus Neuorleans engagirt war. Wir lernten lesen und schreiben, was die Mutter nicht konnte, wir lernten französisch, empfingen Unterricht im Tanzen, sogar im Gehen, und lernten uns bewegen. »Doralice wußte schon in ihrem dreizehnten Jahre Eroberungen zu machen, sie war kokett und übte ihre Augenkünste auf jedermann, der ihr gefiel. Das geschah auf öftern Reisen nach Neuorleans; denn Chloë machte dahin viel häufigere Ausflüge, als es Booths zu gefallen schien, und die Tochter, meistens auch ich, begleiteten sie. »Doralice und ich standen nie sehr vertraut, sie zeigte mir von Kindheit an, daß sie mich nicht liebe, daß sie sich als ein höheres Wesen, mich als zum Dienen geboren betrachte. Sie quälte mich in jeder Weise, schlug mich, ließ mich sogar durch den Sklavenaufseher schlagen, ohne daß ich ihr etwas zu Leide gethan hätte, blos nach Laune. Als sie erwachsener war, trat immer mehr die Herrin hervor, nur zeitweilig war sie freundlich, manchmal zärtlich, aber auf eine Art, die mich erschreckte. »Mein Vater entschädigte mich heimlich durch Liebkosungen, wenn ich von Doralice oder ihrer Mutter ungerecht bestraft war. Er mußte das sehr heimlich thun, es gab eine große Scene, wie ich mich aus meiner frühesten Kindheit erinnere, als seine Frau ihn dabei überraschte, daß er mich als fünfjähriges Kind auf den Arm nahm und küßte. »Als Doralice sechzehn oder siebzehn Jahre alt war, bewarb sich ein reicher Nachbar und Plantagenbesitzer, ein ganz ansehnlicher Mann von etwa vierzig Jahren, um sie. Die Mutter begünstigte diese Bewerbung in jeder Weise, denn die Tochter stand ihrer Sucht, selbst Eroberungen zu machen, im Wege und hatte bei der letzten Fahrt zur Stadt, wie Neuorleans schlechthin genannt wurde, allein die Aufmerksamkeit der jungen wie alten Herren auf sich gezogen. Das konnte die Mutter nicht ertragen, sie predigte Doralicen täglich die Vortheile einer Heirath. »›Liebe‹, sagte sie, ›ist beim Heirathen Nebensache, je weniger man den Mann liebt, je eher kann man ihn zum Sklaven machen.‹ Die Tochter ließ sich wenigstens die Aufmerksamkeiten, die Amaria, so hieß der Nachbar, ihr darbrachte, und seine reichen Geschenke gefallen und schien ausprobiren zu wollen, wie weit sich derselbe von ihr werde beherrschen lassen. »Um diese Zeit reiste Chloë allein, das heißt ohne uns, nur in Begleitung ihrer Kammerzofe und eines Niggers zur Stadt. Dort erlag sie dem Fieber. In ihrem Testament hatte sie die Tochter zur Erbin eingesetzt, unter der Bedingung, daß sie Amaria heirathe, außerdem war ihr auferlegt, mir niemals die Freiheit zu geben, mich auch nie zu verkaufen, namentlich nicht an Booths. Diesem hatte sie hundert Sklaven vermacht, wenn er die Pflanzung sofort verlasse und auf die eigene in Südcarolina ziehe. »Die Stiefschwester war nun Herrin. Mein Vater wollte auf die hundert Sklaven verzichten, wenn sie mich dafür abtreten wolle, allein sie nahm das Testament der Mutter zum Vorwande ihrer Weigerung, und er mußte ohne mich abziehen. Seitdem warf er sich auf die Politik, ist Congreßmitglied und einer der eifrigsten Prosklavereimänner und Nichtiger. »Doralice heirathete Amaria, der als erstes Zeichen seiner Botmäßigkeit seine Pflanzung bis auf zweihundert der besten Sklaven verkaufen mußte. Sie brachten die Flitterwochen in demselben Bade hin, in welchem die Mutter meinen Vater kennen gelernt hatte, ohne jedoch dieselben Wirkungen zu erzielen. Die junge Frau war die Königin des Tages, die Regentin aller Vergnügungen, der die gesammte Männerwelt zu Füßen schmachtete. Amaria war gutmüthig und kurzsichtig, er sah nur schmachtende Liebhaber und war stolz auf die Schönheit seiner Frau, er sah nicht die erhörten. Doralice mußte mich in das Vertrauen ziehen, und ich weiß, daß sie ihrem Manne schon nach wenigen Wochen untreu wurde, wie sie jedem ihrer Anbeter untreu geworden ist. »Nach dieser Badesaison fing dann hier ein ziemlich langweiliges Leben an. Doralice, die mir verpflichtet war und ihre Langeweile nicht dadurch vertreiben konnte, daß sie mich quälte, wie sie das früher gethan, ging, wenn es ihr an Erregungen fehlte, in das Negerdorf, wo sich beständig Veranlassung zu Züchtigungen fand. Sie war gefürchteter als der Sklavenaufseher selbst, mehr als eine Sklavin ist auf ihren Befehl zu Tode geschlagen, sie schonte weder Mutter noch Kinder. Misfiel ihr ein Gesicht, so war ein Grund zur Strafe leicht gefunden. Der Gemahl hatte es nicht besser, sie geizte mit jeder Gunstbezeigung, die sie im Bade doch gegen Dritte verschwendet. Im August, als das Fieber in der Stadt war, und jedermann, dem dies möglich war, Neuorleans verließ, sandte sie den Gemahl dorthin, um ihr Kleider und Schmuck zu kaufen. Er kam nicht zurück, er wurde das Opfer der Krankheit. »Jetzt war Doralice frei, eine neunzehnjährige Witwe. Nach acht Wochen, als die kühlere Jahreszeit kam, fuhr sie hinauf nach Kentucky, wo bei Frankfurt ein neues Bad Modebad des Südens geworden war. Ich mußte sie begleiten, aber mein Gesicht färben, daß ich das Ansehen einer Mulattin bekam, wodurch die Weiße ihrer Farbe gehoben wurde. Hier war die schöne Witwe in Halbtrauer, die ihr reizend stand, von einem neuen Schwarm von Anbetern umgeben. Sie hatte die Wahl und, wie es schien, auch die Qual, denn sie wechselte oft. »Dort war es, wo ein herumziehender Barnum vier Quadronenmädchen producirte, die unter anderm, halb bekleidet, jenen üppigen Tanz, den wir in Neuorleans vor Ihnen aufführten, tanzten. Meine Herrin war so entzückt von diesem Tanze, daß sie keine Vorstellung versäumte und mich mit sich nahm, damit auch ich den Tanz erlerne. Sie selbst nahm Unterricht im Tamburin- und Castagnettenschlagen und ließ in ihrem Zimmer vier seidene Schnuren anbringen, an denen sie mit mir den Tanz nachtanzte, wenn wir aus der Vorstellung kamen. »Mit Widerwillen sah ich mich genöthigt, den Tanz zu lernen, mit noch größerm Widerwillen vor den gerade begünstigten Liebhabern der Herrin mit ihr zu tanzen. »Doralice führte einen ihrer Liebhaber aus dem Bade mit hierher und lebte ungescheut mit ihm, als wäre er ihr Gatte. Nach einem Vierteljahre zankte sie mit ihm, zückte den Dolch nach ihm, er ward entlassen. Dann fuhren wir wieder den Red-River hinab und den Mississippi hinauf, bis meine Herrin einen neuen Gegenstand ihrer Leidenschaft gefunden und zu ihrem Sklaven gemacht hatte. »Glauben Sie nicht, daß Sie der erste sind oder der letzte sein werden, der durch die tausend Künste meiner Herrin in ihr Netz gelockt ist. Es ist mir ein Trost gewesen, daß keiner von Ihren sechs Vorgängern, obgleich sie sämmtlich der untergeordneten, arbeitenden Klasse angehörten, sich dazu hergeben wollte, aus einem abgethanen Liebhaber ein Sklavenaufseher zu werden, der aushülflich einmal wieder als Liebhaber herangelockt werden konnte. – – »Diana schwieg. Mir wirbelte der Kopf, aber es kam mir ein glücklicher Gedanke. Einer meiner frühern Kameraden fuhr seit kurzem das Dampfboot Alexandria zwischen Neuorleans und Natchitoches. Ich hob mich aus dem Bette und bat Diana, mir Papier und Schreibzeug zu verschaffen, wenn sie mit mir nach dem Norden entfliehen wollte; auch Brutus könne uns begleiten. Diana war durch die Aussicht, der Herrschaft Doralicens zu entkommen, so entzückt, daß sie versprach, mir die treueste Sklavin und meinem Wünschen und Wollen beständig unterthan zu sein, während der herbeigerufene Brutus nur sagte: ›Treu sein bis in den Tod!‹ »Ich will aber keine Sklaven, ihr sollt frei werden; vor allem schafft Papier, Feder und Tinte!« »Ich schrieb dem Kapitän der Alexandria, daß er seine nächste Fahrt so einrichten möge, daß er bei Doralicens Pflanzung während der Thalfahrt des Nachts Holz einnehme, ich sei dort nicht besser als Gefangener, werde aber in Gemeinschaft mit zwei Sklaven fliehen, die er bis Neuorleans verbergen und sicher auf ein Schiff nach Neuyork bringen müsse. »Brutus versprach den Brief zu besorgen, er kenne den Nigger, der den Doctor fahre, auch wolle er den Sklaven beim Einladeplatze benachrichtigen, die Antwort in Empfang zu nehmen. »Kaum waren die nähern Verabredungen der gemeinsamen Flucht getroffen, als ein Wagen heranrasselte; ich nahm meine alte Stellung im Bett wieder ein und Diana legte die Eisblase auf die Wunde. ›Klagen Sie über heftiges Kopfweh, so werde ich mit Eisumschlägen fortfahren müssen und bei Ihnen bleiben dürfen‹, flüsterte sie mir zu, ›denn Doralice hat keine Geduld, auch nur eine Stunde hier auszuhalten.‹ »Bald darauf trat diese mit dem Arzte ein; dieser nahm den Verband ab, untersuchte die Wunde mit der Sonde, erklärte den Schädel für unverletzt, und da ich über Kopfweh klagte, verordnete er, daß mit den Eisumschlägen fortgefahren würde, und verschrieb ein Recept. »Brutus wurde beordert, mit dem Doctor zu fahren und die Medicin zurückzubringen. So konnte er den Brief an den Kapitän der Alexandria selbst besorgen, vielleicht sogar Antwort mitbringen. Diana verständigte sich mit ihm durch die Augensprache. »Doralice, von den Anstrengungen des Rittes und der Rückfahrt ermüdet, zog sich bald in ihre Gemächer zurück; so war ich denn mit meiner liebevollen und zärtlichen Pflegerin allein, welche in allem, was sie that, eine entgegengesetzte, zartere, weiblichere Natur zeigte als ihre wilde Stiefschwester. Mich umfing bald ein stärkender Schlaf, auch Diana war vor meinem Bette eingeschlummert. »Doch, ich sehe, wir nahen uns Wheeling, und da muß ich auf meinen Posten. Wozu auch weitere Details? Die Flucht glückte, Diana ist in Neuyork an einen reichen Kaufmann verheirathet, und Brutus treibt dort Negerdoctorei. Doralice habe ich nie wiedergesehen, es müßte denn jenes dreimal verdammte Creolenweib da oben in eigener Person sein. Nun, Dutchman, wenn Ihr noch Lust habt, mit den Creolinnen Bekanntschaft zu machen, so ist es Zeit, in zwei Stunden verlassen sie das Boot.« Damit verließ uns der Kapitän. Zehntes Kapitel. Umtriebe der Sklavenbarone. Die Erzählung des biedern Schiffskapitäns hatte unsern Reisenden in ein träumerisches Nachdenken versinken lassen. Nur flüchtige Blicke warf er auf die wechselnden Scenen der Landschaft, zwischen denen das Boot dahinglitt. Bald wurde seine Aufmerksamkeit lebhaft aufgereizt. In Wheeling mußte das Boot längere Zeit halten, theils um Kohlen einzunehmen, theils weil ein Trupp berittener Pflanzer drei eingefangene Sklaven, mit schweren Ketten beladen, in das Schiff brachte. Ein vierter wurde in einer Hängematte auf das Schiff und dann in den untersten Raum getragen, die Bluthunde hatten ihn ganz zerfleischt und ein Arzt, der sich zufällig an Bord befand, zweifelte an seinem Aufkommen. Die Pflanzer, Gesetzgeber und Senatoren auf dem Deck ließen sich von den glücklichen Menschenjägern die Einzelheiten der Jagd erzählen, lobten sie und die Bluthunde und wünschten ihnen Glück. »Diese Niggerhunde«, sagte Senator Mason, »die von der Vorsehung zu Sklaven geschaffen sind, denn sie sind halb Menschen, halb Lastthiere, werden in der Nähe dieses verruchten Quäkerstaats (er deutete auf das linke Ufer des Ohio), den wir gottlob! bald aus dem Gesicht verlieren, zu kühn; es ist die höchste Zeit, daß wir strengere Gesetze gegen die flüchtigen Sklaven, namentlich aber gegen alle schaffen, welche ihnen zur Flucht behülflich sind.« »Ja«, sagte unser Freund, der Kentuckier Lincoln Hickory, der inmitten der Pflanzer und Baumwollbarone saß, »es müßte bestimmt werden, daß jeder flüchtige Neger bei den Beinen aufgehangen würde, das könnte sie abschrecken. Unsere Sklaven werden auch durch die verdammten Quäker verdorben, näseln schon sämmtlich methodistische Lieder, predigen von Gleichheit vor dem Herrn, wollen ein ehrsames christliches Leben führen, einige können sogar lesen und schreiben und predigen sonntäglich aus der Bibel.« »Jeder, der seine Nigger unterrichten läßt«, meinte ein Pflanzer, »müßte als ein zur Flucht Helfender angesehen und bestraft werden.« »Nun, bei uns«, sagte der Inhaber einer Zuckerplantage in Louisiana, » fällt es keinem ein zu dulden, daß seine Nigger lesen und schreiben lernen, nicht einmal Haussklaven.« »Haben bei uns aber auch einen heillosen Respect vor den Carolinas und Louisiana; jammern und schreien, wenn sie nach unten verkauft werden«, fiel ein Virginier ein. »Es lebe die Sklavenjagd«, sagte ein prosklaveristisches Congreßmitglied, indem es eine Flasche Champagner entkorkte und mehrere Gläser einschenkte, » Willkommen den Sklavenjägern!« Der Kapitän war hinzugetreten und sagte: »Die Tigerjagd, pflegte ein ostindischer Offizier meiner Bekanntschaft zu sagen, ist ein herrlicher Zeitvertreib! Zuweilen wendet sich der Tiger aber um und jagt uns, dann ist der Spaß vorbei.« »Ihr wollt damit doch nicht sagen, daß die Niggerhunde es je wagen würden, sich gegen uns zu wenden?« schrie ein Senator aus Virginien. »Mit Eurer Erlaubniß, Herr Senator, gerade das wollte ich sagen, nichts mehr, nichts weniger, fahrt nur fort mit Euerm Auspeitschenlassen, mit Euern Sklavenjagden, und die Nigger werden das Beispiel von San-Domingo nachahmen!« »Ho, ho!« schrie ein anderer Virginier, »das ist eine schamlose Lüge und Ihr seid ein Abolitionist.« »Herr! auf diesem Schiffe bin ich der Herr und lasse mich nicht beleidigen!« sagte der Kapitän und zog den Revolver aus dem Gürtel; von seiten der Pflanzer zuckten Messer und knackten die Hähne von Revolvern; es wäre zum offenen Kampfe gekommen, wenn nicht auf der einen Seite der Kentuckier gegen die Leute, in deren Kreise er saß, aufgetreten wäre, während von der andern Seite Baumgarten und unsere deutschen Flüchtlinge den Kapitän in seine Kajüte zogen. »Leben in einem freien Lande«, sagte Hickory, »calculire, daß der Kapitän in seinem eigenen Hause frei von der Leber wegsprechen darf. Keinen Streit mit dem Kapitän, kenne ihn, ist ein verdammter Kerl, wäre im Stande, sich und uns alle in die Luft zu sprengen, denn er liebäugelt mit den Abolitionisten.« Das wirkte. Die Herren wurden um ihr eigenes Leben etwas besorgt, da jeder, der den Mississippi oder Ohio befuhr, täglich die Erfahrung machen konnte, wie leichtsinnig solche Dampfbootkapitäne mit dem Leben der Passagiere spielen. Lincoln Hickory trat lachend in die Kapitänskajüte ein und sagte: »Denen habe ich eingeheizt, und wenn Ihr, Kapitän, jetzt etwas unterheizen laßt, als wolltet Ihr eine Wettfahrt zur Hölle machen, etwas mehr Dampf, als mit dem wir fahren, so kommen sie vor Point Pleasant nicht aus der Furcht heraus. Verdienen es! Ich habe sie auch ausgepumpt nach allen Richtungen. Wollen eine Kossuthfeier veranstalten Die Kossuthfeiern fanden erst ein Jahr später statt, als hier in unserer Erzählung; sie wurden von allen Parteien an allen Orten begangen, wo der Ungar sich blicken ließ, und waren ein Ausdruck des Hasses, den man in Nordamerika allgemein gegen die Habsburg-Lothringer hegte, die man als die schlimmsten Feinde jeder nationalen Selbständigkeit, als Urheber und Schützer alles geistlichen und weltlichen Drucks in Europa betrachtete. , und haben Congreß und Senat auf acht Tage vertagt deshalb, aber in Wirklichkeit ist ihr Zweck, so viel Prosklavereimänner als möglich zu versammeln und Verabredungen zu treffen, wie ein Gesetzentwurf über das Einfangen flüchtiger Sklaven am besten durchzubringen sei, und was von den Einzelstaaten aus geschehen muß, um einen Druck auf den Congreß auszuüben; auch wollen sie sich wegen der nächsten Präsidentenwahl schon jetzt zu verständigen suchen. »Der Gesetzentwurf ist von Mason ausgegangen und wahrhaftig nicht übel. Der Senator hielt mich für einen so guten Genossen, daß er mir einen Blick in den Entwurf gestattete. »Die staatliche Behörde, nicht etwa Richter, sondern außerordentlich zu ernennende Commissare, welche zu entscheiden haben, ob das Recht auf Auslieferung eines in Anspruch genommenen Sklaven begründet sei, sollen zehn Dollars erhalten, wenn sie die Beweise für genügend, fünf Dollars, wenn sie dieselben für ungenügend erklären. Jeder, welcher sich des Einfangens und der Auslieferung widersetzt, soll mit Geldbuße bis zu tausend Dollars oder mit Gefängniß bis zu sechs Monaten bestraft werden, Beihülfe zur Flucht möchte man mit dem Tode belegen. Außerdem muß der Eigenthümer des Sklaven entschädigt werden.« »Das scheint ja dasselbe Gesetz zu sein«, fiel Baumgarten dem Kentuckier ins Wort, »das Webster in seiner Rede vom 7. März als höchst moralisch anpries. Wenn einer aus dem Norden das gethan, was wird da der Congreß thun? Ich fürchte, er nimmt die Schande auf sich und läßt den Entwurf passiren.« »Geht der Entwurf nicht durch, so denkt man aus der Union zu scheiden, und da das schwerlich ohne Krieg abgehen möchte, so will man Kossuth schmeicheln und sich durch ihn ungarische Offiziere verschreiben lassen. Point Pleasant hat man zur Feier gewählt, um ungestörter unter sich zu sein. »Senator Hammond sprach es offen aus: Revanche für Pavia! wir müssen Revanche haben für die Californienbill, das Einfangungsgesetz meines Freundes da betrachte ich nur als eine geringe Abschlagszahlung. Wir müssen entweder Mexico oder Mittelamerika nehmen und sie in Sklavenstaaten verwandeln, wenn wir das Gleichgewicht zwischen Süden und Norden wiederherstellen wollen; oder aber wir müssen Europa überzeugen, daß Sklaverei eine göttliche Ordnung der Dinge ist, daß ohne Sklaven die andere Menschenklasse unmöglich bestehen kann, welche sich der Geistesbildung und Civilisation widmet. Man weiß das in Europa längst, man hat dort weiße Sklaven, nur nennt man sie nicht so. Man muß Europa überzeugen, daß es besser ist, diese Prüderie aufzugeben, und die Arbeiter wieder zu Sklaven und Leibeigenen zu machen. Unser Norden ist prüde und heuchlerisch zugleich; er knechtet seine Arbeiter und unsere Sklaven will er emancipiren.« Man sprach noch vieles hin und her über die damals gerade auf der Tagesordnung stehende Sklavenfrage, ohne das Thema zu erschöpfen. Gegen Abend kam man bei Point Pleasant an; die Stadt und der Landungsplatz waren bekränzt, eine zahlreiche Menschenmenge empfing die erwarteten Gesetzgeber, Senatoren, Congreßmitglieder mit Musik und zahlreichen Hochs. Als dieselben das Deck verlassen, befahl der Kapitän, Deck und Herren- wie Damensalon auszuräuchern. Man fuhr in der Nacht noch bis Burlington, sah in Trompeton die Sonne aufgehen und nahm nun zum ersten Reiseziel die Königin des Westens, Cincinnati, zwischen Ohio nordwestlich und Kentucky südöstlich. Oskar Schulz, der immer an den amerikanischen Zuständen herumkrittelte, begann, als man am andern Morgen bei dem ersten Frühstück auf dem Deck saß und rechts und links die herrlichsten Gelände durchfuhr, den gestrigen Vorfall zwischen dem Kapitän und den Sklavenfreunden zu beleuchten, um darzuthun, daß man, wenn man die altenglischen Staaten verlassen habe, auf einen wahrhaft mittelalterlichen faustrechtlichen Zustand stoße. Robert Baumgarten entgegnete: »Mein Vater sagt: Bedürfnisse und Interessen regieren bisjetzt die Welt, Amerika aber hat das Bedürfniß nach Freiheit, und das sichert ihm die Zukunft.« So kam man dazu, die Frage zu erörtern, ob es wahr sei, daß Bedürfniß und Civilisation in einem innigen Zusammenhange stehen. Man stritt viel darüber. Hellung sagte: »Die Fragen: bedeutet Bedürfnißlosigkeit Geistesarmuth? und: sind viele Bedürfnisse ein Zeichen von Bildung und Geistesreichthum? lassen sich so allgemein gar nicht beantworten. Man muß unterscheiden zwischen leiblichen und geistigen, durch Volksthümlichkeit, Erziehung, Stand, Mode, Lebensalter herausgebildeten Bedürfnissen, und den jedem Menschen gleichmäßig innewohnenden: es giebt natürliche und künstliche Bedürfnisse. »Das allen Lebenden gemeinsame Bedürfniß ist das zu essen und zu trinken. Dieses Bedürfniß ist bei Kindern, ehe der Geist entwickelt oder von Vorurtheilen eingenommen ist, ziemlich gleichartig. Ich habe wenigstens nie gehört, daß höchstgeborene Kinder etwa nur die Milch der höchsteignen Mutter, oder mindestens hochadeliche oder adeliche Milch genießen wollen. In der Regel versieht ein kräftiges Bauermädchen Ammendienste, und das erste Blut, das in einem jungen Prinzen oder einer Prinzeß durch eigene Nahrung erzeugt wird, stammt von Bürger- und Bauernblute. Das Sprichwort sagt: Hunger ist der beste Koch, und Hunger und Durst lassen manches essen, was eigentlich nicht zur Nahrung des Körpers bestimmt scheint. Dann kommt Gewohnheit und Sitte dazu und befestigt auch das unnatürlichste Nahrungsmittel, z. B. bei manchen Völkern Thonerde, oder Arsenik in Steiermark. »Jede Gegend und jedes Klima hat in Beziehung auf Essen und Trinken verschiedene Bedürfnisse; der Grönländer hält seinen Fischthran für Ambrosia und verzehrt ein Talglicht mit Vergnügen, der Portugiese und Spanier kann tagelang von wenigen Zwiebeln leben, es giebt in Asien und Afrika viele Millionen Menschen, die niemals ein Stück Fleisch verzehrt, und in China gehören die Ratten zu den Delicatessen. Das Bedürfniß, gut zu essen und gut zu trinken, ist Sache der Erziehung, der Angewöhnung, der Kunst. Daß schlechte Nahrung auf Körper und Geist nachtheilig wirkt, kann man glauben, ohne Arzt zu sein; daß aber feine Nahrung und Leckerbissen auf Körper und Geist besonders wohlthuend wirkten, habe ich nie erlebt, vielmehr waren die Leute, die nur der Gourmandise lebten, regelmäßig geistesarm, und starke Esser waren meist geistesträge, freilich nicht ohne Ausnahmen. Wie Freund Riesser in Frankfurt unter allen Parlamentsmitgliedern bei Tisch die beste Klinge führte, so war auch seine Zunge immer schlagfertig. »Man sollte in der That darauf achten, daß Kinder nicht zu früh nur Gutschmeckendes zu essen und zu trinken lernen. Wenn so ein achtjähriger Knabe in einen Apfel oder eine Birne beißt und sie mit Lust verzehrt, wenn sie auch noch unreif sind, so ist das eine Lust anzusehen. Wenn ich aber so ein achtjähriges Gräfchen bei dem ›Verderber‹ sitzen sah, Austern verzehrend und mit dem Freiherrn von neun Jahren an seiner Seite darüber streitend, ob Fasanenbraten einem Birkhuhne vorzuziehen sei, so hätte ich dreinschlagen mögen; oder wenn ein solches Zieräffchen von sieben Jahren neben der Mama auf der Terrasse saß und davon sprach, daß das Eis bei Trepp am Altmarkte doch viel besser sei als das, was man auf der Terrasse bekomme. »Daß es einen Unterschied macht, ob man Whisky oder sonstigen Kartoffelfusel, oder ein Glas Ungarwein trinkt, glaube ich auch, aber hier entscheidet in der Regel weniger der Geschmack als der Beutel. Es ließe sich über Essen und Trinken noch manches sagen. Neben diesem existirt ein ebenso allgemeines Bedürfniß für den Menschen, das des Schlafens.« »Zum Teufel mit deiner Bedürfnißtheorie«, fiel Oskar Schulz dem Ingenieur in die Rede (er war schon als Student ein Langschläfer gewesen und war es noch, konnte aber bis tief in die Nacht hinein arbeiten, und fürchtete jetzt, daß Hellung ihn in altgewohnter Weise mit seinem Bedürfnisse zum Ausschlafen aufziehe); »ich habe auch ein Bedürfniß, um dessen Befriedigung ich viel gäbe, ich möchte einmal wieder ein gutes Glas bairisch Bier trinken, und wenn die Compagnie danach wäre, dazu singen: Das Jahr ist gut, Braunbier ist gerathen.« »Mit ersterm kann ich dienen«, sagte der Kapitän, »singen kann ich nicht. Aber dann müßt Ihr in die Kajüte kommen, denn ich führe das Bier nur für mich und möchte bei den andern Passagieren kein Bedürfniß anregen, das ich nicht befriedigen kann.« Der Ohio durchläuft von Pittsburg bis Cincinnati eine Strecke von beinahe fünfhundert englischen Meilen, und bei der schnellsten Fahrt amerikanischer Dampfer dauert eine Reise bis zur Königin des Westens doch immer sechs bis sieben Tage, da das Ein- und Aussteigen der Passagiere, das Holz-, Kohlen- und Wassereinnehmen Zeit erfordert. Wir haben nur eine Probe davon gegeben, wie unsere Freunde sich unterhielten; man vertrieb sich die Zeit mit Lesen, Schachspiel, Disputiren und trank dem Kapitän sein bairisches Bier aus. Ob Oskar Schulz dazu kam, sein burschikoses Bedürfniß zu befriedigen: dem Proviantmeister und Kentuckier die Melodie des Liedes: »Das Jahr ist gut«, beizubringen, wissen wir nicht; wir können uns aber denken, daß es ihm kein Leichtes war, bei der Uebertragung in das Englische den rechten Ton zu treffen. In Cincinnati verließen unsere Freunde den Dampfer, der nach Saint-Louis weiter hinabbrauste; Cincinnati war das Reiseziel Theodor Baumgarten's. Die Königin des Westens hatte Pittsburg in vielen Beziehungen überflügelt, zählte schon über 120000 Einwohner, Dampfschornsteine ragten überall, wohin man sah, empor, und am Landungsplatze drängten sich Dampfer an Dampfer, auf den Werften wurden eiserne und hölzerne Schiffe gebaut. Cincinnati hatte vor Pittsburg die zahlreichen Verbindungswege nach allen Himmelsgegenden voraus. Sechzehn Chausseen führten nach allen Richtungen; außer der mächtigen Wasserstraße des Ohio hatte es schon mehrere Eisenbahnverbindungen; die Bahn nach Saint-Louis, die Indiana und Illinois durchschnitt, kürzte den langweiligen Wasserweg von 680 Meilen auf eine Fahrt von zwei Tagen und einer Nacht; eine zweite Bahn nach Columbus, dem Mittelpunkte Ohios, war gleichfalls fertig; eine dritte nach Indianapolis in Angriff genommen, gleich wie man östlich nach Frankfurt und Lexington in Kentucky baute, und über Mariella östlich schon mit Baltimore und dem Atlantischen Meere in Verbindung stand. Es waren im letzten Jahre nahe an fünftausend Dampfschiffe gelandet und über hundert vom Stapel gelassen. Von der Natur mit reichen Steinkohlenlagern gesegnet, ebenso mit Eisenerzen, sah dieser Ort eine großartige Eisenindustrie sich entwickeln; aber man stand den Pittsburgern noch in vielen Dingen nach. Die meisten Eisenbleche zu den in Cincinnati erbauten Eisendampfern wurden noch aus dem Walzwerk unserer pittsburger Freunde bezogen, und Gußstahlschienen herzustellen war ein Fabrikgeheimniß derselben. Dennoch war die Concurrenz der Eisenindustrie Cincinnatis den pittsburger Fabriken fühlbar geworden, und jetzt handelte es sich darum, eine Filiale in Cincinnati einzurichten. Der jüngere Baumgarten, der Bergwissenschaften studirt hatte, wollte ein Eisen- und Kohlenbergwerk kaufen, wie den Platz zur Fabrikanlage. Der Ingenieur sollte hier ein halbes Dutzend Feldmesser in Empfang nehmen, der Kentuckier wollte Speck und Schinken für die Expedition einkaufen; denn die Königin des Westens schlachtete damals schon an zwei Millionen Schweine jährlich und verstand sich vorzüglich auf das Einpökeln. Oskar Schulz besah sich Land und Leute, sah sich auch ein Dutzend der achtundsiebenzig Kirchen an, die Cincinnati schon aufwies, die Bierbrauereien, probirte den Wein, der hier in großer Menge gezogen wird. Noch im August waren alle Vorbereitungen zu der Reise nach Westen getroffen; die Freunde nahmen Abschied von Baumgarten und trabten dem Westen zu. In allem Geschichtlichen, was Nordamerika betrifft, ist der Verfasser der vorzüglichen dreibändigen Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika von Karl Friedrich Neumann gefolgt. Bei Beschreibung der Reise über das Felsengebirge, der Zustände in Utah, die das folgende Kapitel bringt, diente ihm ein 1867 in deutscher Uebersetzung bei Bliß und Comp. in Neuyork erschienenes Werk. von Albert D. Richardson, mit 250 guten Holzschnitten und Stahlstichen, und die englische Schrift selbst nach mühsamem Suchen in den auf Staatskosten gedruckten: » The Railroad Surveys; Explorations for the Survey of a Railroad-Route between the Pacific and the Mississippi. « Das Werk, welches den größern literarischen Anstalten Europas von der Regierung zum Geschenk gemacht werden sollte, findet sich auf der göttinger Bibliothek nicht, ich fand es in Bremen im Privatbesitz eines Bekannten. Wie für die Kosten der Untersuchung der Gegenden zwischen Mississippi und dem Stillen Ocean 340000 Dollars vom Kongreß bewilligt wurden, so wurde nachträglich (am 16. Mai 1865) die Summe von 49000 Dollars allein für den Stich der Karten und Zeichnungen zu jenem Werke bewilligt. Ein zwölfter Band ist auf Privatkosten erschienen. Elftes Kapitel. Jenseit der Felsengebirge. Neu-Jerusalem am großen Salzsee, Februar 1852. Lieber Bruno! Einen herzlichen Gruß aus dem äußersten Westen, aus der Mormonenstadt im Territorium Deseret, wie die Heiligen in den Utahs, wie die Officiellen sagen: 4200 Fuß über dem Ocean, also 1000 Fuß beinahe höher als euer Brocken. Ja, sperre Augen und Ohren auf! wir, von König Johann's Gnaden dresdener Maiflüchtlinge, sind jetzt im Dienste der großen Union-Pacific-Rail-Road-Company und haben vom Atlantischen Meere ab schon 2100 englische Meilen zurückgelegt, sind den Ohio hinabgefahren, viele Hunderte von Meilen, dann auf der Bahn zum Mississippi und von da viele hundert Meilen weit den schmuzigen Missouri hinauf, zu dünn, um darauf zu gehen, zu dick, um darin schwimmen zu können, wie unser Proviantmeister sagt. Ein gewaltiges Land, dieses Amerika, und ein gewaltiges Volk, von dem ihr in Europa keine Ahnung habt! Alles Fortschritt mit Dampf, in allem, was es anfaßt, Gelingen! Schickt uns jährlich noch eine Million Deutsche, funfzig Jahre hindurch, und Amerika ist das mächtigste Reich der Welt, das aus Dankbarkeit Deutschland vor russischer Barbarei schützt, der ihr im entgegengesetzten Falle unrettbar anheimfallt. Wir haben alles, nur nicht Menschen genug, obgleich das Gold sie aus allen Welttheilen herlockt, und es in Californien schon von Chinesen wimmelt. Amerika war mir nach meinen Schulbegriffen immer sehr schmalbäuchig vorgekommen, es mag das von seiner Längenerstreckung vom Nordpol bis zum 54. Grade südlicher Breite kommen; daß es in der Brust breit genug ist, das habe ich auf meiner Fahrt hierher kennen gelernt. Aber es ist ein jugendlicher Riese, ohne hemmende europäische Vergangenheit, ohne veraltetes, die schaffenden Kräfte niederdrückendes und umstrickendes Erbgetrümmer. Nordamerika mit den gegenwärtigen Grenzen ist größer als Europa, Rußland eingeschlossen – wie lange wird es dauern, daß es Mexico mit sich vereint hat und Herr von Cuba ist?! Jetzt zieht das Gold nach den Felsengebirgen; wenn wir Wegebahner mit unserer Arbeit fertig sind, wird sich die Welt verändern; England wird vielleicht früher mit Amerikanern als mit den Russen in Ostindien zusammenstoßen. Du scheinst zu fragen: ob ich nicht etwas Heimweh und Sehnsucht nach dem schönen Dresden verspüre? Pah! Glaubst Du, ein vernünftiger Mensch könnte sich danach sehnen, im waldheimer Zuchthause Wolle zu spinnen und jeden Sonntag in die Kirche getrieben zu werden und das wunderliche Geplärr eines Schwarzrocks anzuhören? Oder glaubst Du, ich könnte Johann ein Wort gönnen und um Amnestie bitten? Ich nicht! Leben hier in einem freien Lande; ich sehe erst jetzt; was eine Republik ist, ich begreife erst jetzt, warum die Amerikaner so stolz sind und berechtigt sind es zu sein auf ihre gloriose Union und ihr Sternenbanner. Was haben wir als Deutsche, als deutsches Volk denn je gethan? Hermann hat den Varus geschlagen und 1813 hat sich das Volk von den Franzosen befreit. Ja, aber mit russischer und schwedischer Hülfe und nicht ohne englisches Geld, und deshalb sind wir nicht Eins geworden, die Bundesmacht als der constituirte, coordinirte und sich gegenseitig garantirende Particularismus steht jedem Streben nach Einheit hindernd im Wege. Wir in Amerika haben ganz andere, größere Ziele. Ich suche jetzt über Alpen mit ewigem Schnee eine Weltstraße zum Stillen Ocean, um uns den Westen aufzuschließen, suche das Paradies von Amerika, um eine große Stadt zu gründen. Es ist aber kein Spaß, es ist Ernst, und wenn mich meine Ahnung nicht trügt, so muß auf der Westseite der Sierra-Nevada dieses Paradies gefunden werden. Dann soll mir jeder Deutsche, der den Ackerbau oder ein Handwerk oder eine nützliche Kunst versteht, willkommen sein, ich will ihm Land schenken, das er bearbeiten, wo er sich ansiedeln mag. Wie ich dazu komme, Dir zu schreiben? Dir, von dem ich im Zorne in Frankfurt geschieden bin? Ich will Dir sagen: es ist mir auf meiner ganzen Fahrt hier dasjenige Abenteuer aufgestoßen, das Dich am meisten interessiren wird, obgleich es uns nicht an Abenteuern gefehlt hat, seitdem wir in Kansas-City das Missouriboot verließen. Da ich hier seit dem November festliege und wahrscheinlich erst am Ende des nächsten Monats daran denken kann, Humboldt-Cannon zu ersteigen, fehlt es mir nicht an Zeit, und ich will Dir in möglichst kurzen Zügen den Weg, der mich hierher geführt hat, beschreiben. Das ist weniger für Dich, als für meinen Schwager Dummeier, dem Du den Anfang dieses Briefes, die Reisebeschreibung gleichsam, senden willst. Ob Du dort drüben schon eine Karte finden wirst, auf der Du folgen könntest, bezweifle ich freilich. Kansas-City ist der Anfang einer Stadt, die sich vorgenommen hat, der Königin des Westens den Rang abzulaufen. Sie liegt auf einem hohen »Blutt« (Felsenhügel) und gewährt einen prächtigen Anblick auf den Missouri; Häuser zwar noch wenige, einige massive Brickhäuser und niedrige Breterhütten durcheinander noch, an dem Stieg, der 15–20 Fuß tief durch den Fels gehauen ist, kleben oben noch einige Häuser wie Schwalbennester am Felsen, die man vom Stieg aus nur durch Leitern erreichen würde. Aber nach dem Flusse zu, welches Getümmel von Ochsen, Maulthieren, Pferden, Wagen, Kaufmannswaaren aller Art, die von Dampfern ausgeladen und von Weißen, Indianern, Mischlingen, Negern, Mexicanern in Empfang genommen werden! Der Agent der neuen Stadt zeigte mir den Plan derselben; es mögen hier jetzt etwa tausend Erwachsene leben; nach dem Plane war auf eine Stadt von 100000 Einwohnern gerechnet, eine Stadt mit vielen großen Plätzen, einem Park, Opernhause, einer Universität, einem Centralbahnhofe mitten in der Stadt, von dem aus die Eisenbahnen nach Saint-Louis, den Obern Seen, am Missouri hinauf und nach Westen den Kansasfluß entlang sich erstreckten. Dabei mag viel Schwindel sein, um die Lots zu verkaufen; allein das hat Amerika vor dem alten Europa voraus, daß die Städte nicht nach Zufall, Laune und Ungeschick sich aufbauen, sondern von vornherein nach wenn nicht immer künstlerischen, doch praktischen und den Verhältnissen angemessenen Plänen angelegt werden. Mag die Kansasstadt noch zehn Jahre oder länger warten müssen, ehe sie zehntausend Einwohner hat, es kann nicht schaden, daß man von vornherein auf hunderttausend Rücksicht nimmt, der Platz ist ja da. Doch wurden schon Bauplätze von nur 150 Fuß Tiefe und 50 Fuß Breite für 3–700 Dollars verkauft. Trotz der noch kaum auf tausend gestiegenen Einwohnerschaft fehlt es an einer Druckerei und einem Journal mit großem Titel nicht. Hier begann unsere Arbeit. Wir zogen, um das Terrain zu recognosciren, erst viele Meilen weit am linken Missouriufer bis Saint-Joseph, dann am andern Ufer wieder hinab. Zwei Meilen oberhalb Kansas-City, da wo der Kansasfluß in den Missouri fällt, war eine Stadt im Entstehen, d. h. es waren 320 Acker vermessen und eingepfählt, und es hatte sich eine Gesellschaft gebildet und diesen Platz von der Regierung, den Acker für 1 Dollar und 25 Cents gekauft, Bauplätze und Blocks (Stadtviertel) vermessen, die dann durch Agenten an die von Osten nach Westen Wandernden schon in Saint-Louis oder Cincinnati verkauft werden. So hatte ich mir in Saint-Louis für 50 Dollars Platz VI, im Block I, an der Kansas-Avenue von der Neubabylon-Compagnie gekauft, den ich jetzt in Augenschein nehmen wollte. Unser Proviantmeister und Führer, ein verdorbener Kentuckier, hatte mich gewarnt, mich beschwindeln zu lassen, und mir gesagt, daß von all den hundert Straßen, die auf dem mir vorgelegten Plane von Neubabylon, dem Stern des Westens, verzeichnet waren, noch nicht eine einzige fertig sei. So war es auch, aber es existirte doch schon ein zweistöckiges Wirthshaus, eine Dampfsägemühle und etwa zwanzig Blockhäuser. Da die Kansas-Avenue, an der mein Block lag, sich den künftigen Kai des Kansasflusses, der etwa 400 Yards breit ist, entlang zog, beschloß ich, eine Breterhütte hier aufzubauen. Wir hatten unter unsern Feldmessern zwei Zimmerleute, unser Ochsengespann brachte von Kansas-City Balken und Sparren herüber, und in weniger als keiner Zeit war die Villa Hellung errichtet. Der Name Neubabylon hat Anstoß erregt durch den Schwindel, welchen ein Agent in Saint-Louis mit den Bauplatz-Assignaten getrieben hat; man nennt die neue Stadt, deren Bürger ich bin, Wyandott, nach einem Indianerstamm, der hier sein Reservatgebiet hat. Dieser Stamm hat sich schon gänzlich civilisirt, wohnt in Blockhäusern, bestellt sein Land, welches mit hohen virginischen Farren umgeben ist, mit Mais, Weizen und anderm Getreide, pflanzt Taback. Die Rothhäute, welche auf etwa sechs Quadratmeilen zusammenleben, sprechen englisch, halten Freischulen, Kirchen, verheirathen sich mit Weißen und sind sehr gute Christen. Von hier zogen wir den Kansas hinauf nach Westen, erst durch dichte hügelige Wälder, dann durch herrliche wellenförmige Prairien, mit Gräsern so hoch wie der reife Roggen bei uns, durchwoben mit rothen, blauen, gelben Blumen. Ich hatte einen indianischen schwarzen Pony gekauft, der häufig ganz bis über den Kopf im Grase verschwand. Die Räder unsers Proviantwagens wühlten schwarzen Kleiboden auf, so schwer ich ihn nur bei Heustedt gesehen. Der Himmel war von wundervoller Klarheit. Mehrere Einwanderer auf langen, mit weißem Leinen bedeckten Ochsenwagen hatten sich uns angeschlossen; ein indianischer Knabe auf einem Pony, bunte Federn in den Haaren, sonst mit zerrissenen Kleidern, führte uns durch das wogende Grasmeer. Es ist das Reservegebiet der Delaware-Indianer, durch das wir ziehen, einst ein mächtiger kriegerischer Stamm, jetzt auf einige hundert zusammengeschmolzen, die sich in den Wäldern angesiedelt haben und die Ebene meiden. Etwa 35 englische Meilen weiter stießen wir auf eine neue Ansiedelung, die erst im vorigen Jahre gegründet wurde, die Stadt Lawrence am Kansas, zu Ehren des Amos Lawrence in Boston so genannt; – früher führte sie den indianischen Namen Wau-ka-rusa (Hüftentief). Kaum zwanzig Häuser, aber schon eine Buchdruckerei und eine Zeitung: » Herald of Freedom «. Nach weitern 30 Meilen trafen wir eine Ansiedelung in der schönsten Prairie, der Ort nannte sich Topeka (der indianische Name für Kartoffel) und war von einem argen Grenzstrolch und Prosklavereimann, der sich Oberst Titus nannte, etwa vor anderthalb Jahren gegründet, jetzt aber im Besitz von Freistaatsmännern, die unter Walker's Führung einen freien Staat aus Kansas machen wollten. Wir wurden hier von mehrern Trupps Indianern überholt, die auf eine eigentümliche Art reisten: sie hatten nämlich lange Stangen zu beiden Seiten an die Sättel der Pferde, auf denen sie ritten, befestigt, hinten waren zusammengerollte Büffelfelle daran angebracht, die auf der Erde schleiften und auf denen unter weichen Fellen zwei oder mehrere Kinder lagen. Die Rothhäute baten sehr um Taback, den sie erhielten. Die Frauen ritten, den Säugling auf den Rücken geschnallt. So reisten wir mehrere Tage bis zu einer der vorerst noch westlichsten Militärstationen, dem Fort Riley, in dessen Nähe wir den Republican-River überschreiten mußten, der sich hier mit dem Smoky-Hill-Fork vereinigt, um den Kansasfluß zu bilden. Das Fort ist aus marmorähnlichem hellen Kalkstein zweistöckig aufgebaut. Man sah hier die über hundert Meilen entfernten düstern und rauchigen Hügel des Smoky-Hill, welche dem Flusse den Namen geben. Dreißig Meilen hinter dem Fort trafen wir auf die ersten Antilopen, die aber bei dem geringsten Geräusch die Flucht ergriffen, sodaß selbst unser Kentuckier, ein vortrefflicher Schütze, keinen Schuß nach ihnen versuchte. Am folgenden Tage trafen wir auf Hunderte von tiefen Büffelfährten, und sahen auch eins oder das andere dieser plumpen Thiere, die mit schwerem den Boden erschütterndem Tritt über die Prairie eilten. Der Kentuckier schoß einen jungen Bullen, dessen Fleisch uns vortrefflich schmeckte. Die Büffel sind wahre Bahnmacher in der Prairie, und Hickory versicherte mir, daß die besten Heerstraßen in den Fußpfaden der Büffelheerden angelegt seien. Hatten wir bisher, wenn nur unser Nachtquartier machten, ehe noch die Feldküche vom Ochsenwagen genommen war, eine Suche oder Jagd auf Klapperschlangen gemacht, die in Kansas häufig sind, so wurden wir jetzt durch ein Paar graue Wölfe verfolgt, von denen unser Proviantmeister das Weibchen niederschoß. Wir durchzogen einige Tage darauf eine Ansiedelung von Prairiehunden, die über eine Meile lang war. Wie viel Einwohner mochte sie haben? Diese Thierchen sind um weniges größer als unsere Eichhörnchen, leben nur von Gras und haben nichts mit dem Hunde gemein als das Bellen, sie sind ein biederes, lustiges Völkchen, das gern im Sonnenschein spielt. Prairiewölfe, Eulen und Schlangen sind ihre Feinde. Unser Nimrod ließ es sich trotz meines Einspruchs nicht nehmen, einige davon zu schießen, damit wir abends Prairiehundebraten hätten. Er wurde am Spieß gebraten und schmeckte sehr gut. Nach den hier angestellten Messungen waren wir jetzt schon 2300 Fuß über dem Meeresspiegel. Nun folgten wir dem Laufe des Republican-Fork, der uns in dieser Wüste mit seinem klaren Bergwasser versorgte; aber plötzlich sahen wir den Fluß vom Boden verschwinden, sein Bett ward völlig trocken. Ich bekam keinen kleinen Schreck, aber unser Proviantmeister beruhigte mich. Als wir am Abend in dem Flußbette lagerten, ließ er ein vier bis fünf Fuß tiefes Loch graben, und wir fanden Wasser. Endlich sahen wir südlich die erste Schneekuppe des Pickes-Peak und bald auch im Nordwesten den Long-Peak hinter einer Masse dunkler Wolken hervorschauen, wenn auch hundert Meilen entfernt. Wir befanden uns in einer trostlosen Wüste mit weißem Alkaliboden und Zwerggesträuchen, dürrem Gras, das nicht einmal unsere Ochsen fressen wollten, aber die Luft wurde schon frischer. Der Republicanfluß, der zwanzig Meilen lang unter der Erde seinen Lauf gesucht, kam wieder zum Vorschein, wir aber wendeten uns von seinen Ufern an die des Platteflusses, dem wir stromaufwärts in das Gebirge folgten. Je höher wir anstiegen, desto großartiger wurden die Gebirgsfirnen, Alpen an ihrem Fuße mit ungeheuern Fichtenwäldern bedeckt, aus denen die Gletscher bei Sonnenschein rosenroth ihre Häupter erhoben, bei Sonnenuntergang aber wie geschmolzenes Gold leuchteten. Der Kentuckier wollte mich auf eine alte Landstraße bringen, welche Santa-Fé mit Neumexico verbinde und zum großen Salzsee führe, auf der er selbst das Felsengebirge überschritten. Seit acht Tagen hatten wir kein lebendes Wesen außer unserer Karavane gesehen, jetzt standen wir vor Bergesriesen, auf keiner Karte verzeichnet, kamen an Flüsse und Bäche ohne Namen und mußten uns theilen, da wir unsere Wagen nicht über den angeschwollenen Bergstrom bringen konnten. Wir wußten nicht, ob wir noch in Kansas oder schon in einem andern Territorium waren, seit acht Tagen hatten wir nichts genossen als Speck und Schiffszwieback, letzterer so hart und von der Sonne so ausgedörrt, daß man ihn erst eine halbe Stunde ins Wasser legen mußte, um ihn verdaulich zu machen. Wir theilten uns, und ich bestieg mit unserm Kentuckier und acht meiner Gehülfen einen der höchsten Berge, die wir vor uns hatten, soweit wir und zwei Maulthiere, welche Lebensmittel, Whisky, Wasser und wollene Decken trugen, hinaufzukommen vermochten. Unsern Gefährten unten hatten wir aufgegeben, fortwährend ein großes Feuer zu unterhalten, damit wir nach dem Rauche uns orientiren und unsere Genossen wiederfinden könnten. Wir stiegen zwei Tage lang bis in die Schneeregion, wo nur noch einiges Heidegestrüpp wuchs. Es war gefährlich, weiter zu steigen; wir konnten hier den pyramidenförmig emporsteigenden Pic bis zur Hälfte umgehen, nach den Gebirgen zu. Hier war die Aussicht ähnlich der, die ich vor zehn Jahren einmal vom Dachstein herab auf die Salzburger Alpen genossen hatte, nur fehlten die vielen schönen grünen Seen. Doch konnte ich eine ungefähre Karte der Alpenketten und der Lage der Thäler entwerfen und die Einsicht gewinnen, daß hier für eine Eisenbahn schwer ein Ueberkommen zu finden sei. Wir waren auf einer Höhe von über 9000 Fuß nach der Barometermessung und stiegen am zweiten Tage noch so weit herab, um im Schutze des ersten Tannenwaldes bei einem Feuer, in unsere Decken eingehüllt, vor Kälte nicht zu erstarren, denn wir waren über die erste Hälfte des Octobers hinaus. Ohne den Kentuckier würde es schwer geworden sein, den Rückweg zu unsern Gefährten zu finden, denn von einem Pfade war nirgends die Rede; Kompaß und Barometer halfen. Außerdem hatte unser Proviantmeister beim Bergsteigen von Viertelstunde zu Viertelstunde einige junge Fichten gefällt und kreuzweise über die Pfade gelegt, auf denen wir emporgestiegen waren. Als wir das erste Wahrzeichen dieser Art fanden, war es dem mit dem Instinct eines Indianers versehenen Kentuckier leicht, den Rückweg zu finden, und so sahen wir denn auch, als wir an eine Waldlichtung kamen, den Dampf vom Lager unserer Freunde und entdeckten einen Waldbach, an dessen Ufer wir bequemer als bisher hinabstiegen. Der Proviantmeister führte die Maulthiere mit schwererer Last hinunter, als sie heraufgegangen, da er namentlich allenthalben, wo der Bergbach die Felsen bloßgelegt, Gestein abhackte und mitnahm, indem er behauptete, es sei Goldquarz. Heute, wo wir von den Mormonen Karten erhalten haben, welche diese auf ihrer Wanderung nach dem gelobten Lande mit großer Sorgfalt aufgenommen, wissen wir, wo wir gewesen sind: nämlich im Territorio Colorado bis etwa zum 39. Grade nördlicher Breite, und daß wir in das Gebiet zwischen Nord-Longs und Süd-Park eingedrungen waren. Wir wissen jetzt, daß wir Entdecker eines neuen Goldgebiets sind, welches das californische vielleicht an Mächtigkeit überbietet, und jedenfalls dazu beitragen wird, die unbewohnte Gegend zu bevölkern und die Anlage der Pacificbahn zu erleichtern. Mit den Gefährten wieder vereinigt, wurde beschlossen, an dem Flusse, an welchem wir uns befanden, nach Osten bis zum Missouri hinunterzuziehen. Das war ein Glück für uns, denn der Zufall ließ uns die südliche Platte oder das Nebraskathal finden. Nach achttägigem Marsche kamen wir bei Fort Grattan an, das am nördlichen Arm des Platte liegt, woselbst wir uns mit Lebensmitteln versorgen konnten. Der Platte (der seichte Fluß) hat in seinem untern Laufe fast die Breite des Mississippi, aber er ist höchstens 2 Fuß tief, in der trocknen Jahreszeit nämlich. Das Thal, in welchem er ostwärts herabsiecht, denn fließen kann man das kaum nennen, ist etwa 30 englische Meilen breit und hat in einer Erstreckung von 500 Meilen nach unsern Messungen nur 7 Fuß Gefälle auf die Meile. Das ist also ein Thal, von der Natur wie zur Eisenbahnanlage geschaffen. Ueber Fort Kearny folgten wir dem Flusse bis dahin, wo die Pawnee-Fork sich in ihn ergießt. Da sie tiefer und reißender war, auch steilere Ufer hatte, gingen wir oberhalb derselben über den Platte und kamen bei La Platte, einer neuen Stadt, an den Missouri, überwinterten aber einige Meilen nördlicher, wo sich den Council-Bluffs (Rathfelsen) am linken Missouriufer gegenüber eine neue Stadt, Omaha, aufbaut. Hier stellten wir unsere Arbeiten und Messungen zusammen und schickten den ersten Bericht ein. Der Vicepräsident der Compagnie, Thomas Duram, kam selbst von Neuyork herüber, um sich mit mir mündlich zu bereden, und als er meine günstigen Nachforschungen über das Plattethal näher kennen lernte, wurde festgestellt, daß die Bahn von Omaha an nach Westen in diesem Thale weiter geführt werden solle. Zugleich that er uns zu wissen, daß unsere in den Zeitungen veröffentlichten Berichte über die Goldgebirge den ganzen Osten aufzuregen begönnen, und daß schon Tausende sich rüsteten, im Frühjahre dahin zu wandern. Wir sollten darauf Bedacht nehmen, wenn wir in die Gegend kämen, wo wir die Parks bemerkten, eine Zweigbahn nach der Goldregion zu nivelliren und die Arbeiter über Fort Gallon zurückzusenden. Besser ausgerüstet als auf der ersten Wanderung, traten wir im März vorigen Jahres den Weg nach Westen von neuem an und fanden auch unter dem 42. Grade nördlicher Breite und dem 105. Längengrade ein Thal, in welchem der Goldregion näher zu kommen war. Dort hatten sich schon Tausende von Goldgräbern gesammelt und eine Stadt »Denver« gegründet. Wir erstiegen durch den Chaynepaß das Gebirge, überschritten den Nordarm des Platte im Territorium von Wyoming, dann den 1000 Fuß hohen Bridgerspaß. Hier machte unser Kentuckier die Entdeckung, daß wir schon im Gebiete der Bergbäche wären, welche ihre Gewässer zum Stillen Ocean senden, wahrscheinlich durch den Colorado (Rothen Fluß). Weit und breit war weder ein Gebirge noch ein Cannon zu sehen, wir befanden uns auf einer Hochebene ohne andere Vegetation als hier und da einige Cactusstauden und etwas Salbei. Unser Führer machte jenen Schluß daraus, daß die zahlreichen Forellen, die wir in den Bächen und Seen fingen, gelbbraun gefleckt waren, während die Forellen in allen zum Atlantischen Ocean oder Golf von Mexico strömenden Wässern schwarz gefleckt seien. Glücklicherweise waren wir in dieser trostlosen Wüste reichlich mit Lebensmitteln versehen. Unser Nimrod hatte einige Antilopen und einen großen Bären geschossen, dessen Keulen durch Holzessig, den wir bei uns führten, bald in delicaten Schinken verwandelt waren. Jetzt labten wir uns an Forellen, die wir in einer Specksauce zu unserm trockenen Zwieback verzehrten. Aus unserer Weiterreise, die natürlich sehr langsam von statten ging, da wir neben der Richtung, die von den nach Californien wandernden Goldsuchern ausfindig gemacht war, bald rechts bald links nach günstigerm Terrain suchten, wurden wir Anfang October auch von einem starken Schneesturm überrascht. Als wir am andern Morgen unsere Weiterreise begannen, tauchten vor uns plötzlich Alpengebirge auf. Ein Eindruck von früher, den ich nie vergessen werde, als ich einst von der Bavaria bei München zum ersten male die Alpenkette am Horizont erblickte, wiederholte sich mir, da nun die Alpenkette jenseit des Salzsees hervortrat. Die Wüste lag hinter uns, über uns wölbte sich ein wahrhaft italienischer Himmel, die Luft war milde und warm, Blumen sproßten aus den Felsritzen, Moskitos summten. Wir erblickten die Spuren menschlicher Thätigkeit; durch die wundervolle zwanzig Meilen lange Gebirgsschlucht sind wahre Riesenarbeiten, das Echo Cannon, welches uns das Herabsteigen mit der Bahn sehr erleichtern wird, von den Mormonen erbaut. Als wir endlich aus den Gebirgsschluchten herauswaren, lag das Utahbecken mit seinem blauen großen Salzsee, eingefaßt von himmelhohen schneebedeckten Bergen, zu unsern Füßen. Die Salzseestadt, obgleich sie noch sechs bis acht Meilen entfernt sein mochte, lag bei der Klarheit der Luft, als wenn sie ein halbes Stündchen entfernt wäre, wir sahen die breiten Straßen, die Gärten, die niedrigen Häuser. Wir haben hier unsere Winterquartiere aufgeschlagen und sind schon vier Monate da. Bis hierher ist dieser Brief zugleich für Hans Dummeier und seine Frau, die ich beide tausendmal grüße, bestimmt, und für heute mache ich eine Pause. Zwölftes Kapitel. Der Hafen der Verschlagenen. Den 3. März 1852. Ein wahres Riesenland, dieses Amerika, das aller unserer Vorstellungen spottet! Hier, wo vor fünf Jahren noch eine Wüste war, die nur zuweilen den Schlangengräbern, Utahindianern oder Schneckenfressern zum Winterquartier diente, ist heute eine blühende Stadt in einer Ausdehnung von fünf Quadratmeilen, bewohnt von mehr als 10000 Einwohnern. Die Stadt zählt 1500 Häuser, zum größten Theil einstöckig, aus bläulichen Backsteinen erbaut. Bei jedem Hause sind dreiviertel Acker Land, sodaß die ganze Stadt wie ein Garten mit Christhäuschen aus der Ferne sich anschaut. Die Straßen sind 200 Fuß breit und durchschneiden einander im rechten Winkel. An öffentlichen Gebäuden fehlt es noch, der Tempelbau ist in den ersten Anfängen; bisjetzt wird im Sommer in der Bowery – einer großen Laube mit Breterbänken – überrankt von wildem Wein und sonstigen Schlinggewächsen, die sich über dem von hohen Stangen getragenen platten Lattendache hinziehen, gepredigt, im Winter in einer großen Breterbude. Aber man trägt sich mit großen Planen. Der Tempel, der inmitten der Stadt errichtet werden soll, wird schöner und größer, als bisher einer auf Erden erbaut war, größer und schöner als Sanct-Peter in Rom. Es ist schon jetzt auf viele Meilen eine Holzbahn nach den Steinbrüchen des Red-Butte eröffnet, um rothe Sandsteinquader von ungeheuerer Größe (denke an solche Sandsteinfelsen, auf denen der Garten der Wirthshäuser in Reinhausen bei Göttingen ruht) herbeizuschaffen. Schon jetzt senden die Missionare der Mormonen aus Europa, Asien, Polynesien die seltensten Bäume und Gesträuche, Blumensamen, Zwiebeln, für den Park, welcher den Riesentempel umgeben soll. Vielleicht kann nach Jahren der romantische König an der Spree nach diesem Mormonentempel einen neuen Dom am Lustgarten aufbauen lassen, aber in sehr verkleinertem Maßstabe, denn der Platz für den Tempel und Park ist mindestens zehnmal so groß als der Platz zwischen Schloß, Museum, Dom und Spree. Bisjetzt sind von öffentlichen Gebäuden nur fertig die Zehntscheuer, ein großes plumpes Gebäude, ein Speicher zur Aufbewahrung des Naturalzehnten, den das Volk von allem, auch der Arbeit liefern muß, und das Staatenhaus, der Sitz der Regierung. Brigham Young's Wohnungen, das Löwenhaus und der Bienenkorb, mit einem Garten von zehn Acker Landes, sind von einer elf Fuß hohen Mauer umgeben. Ersteres hat seinen Namen von einem steinernen Löwen, der auf dem Balkon des Hauses ruht, letzteres trägt auf seinem Dache (das Haus ist zweistöckig) einen kolossalen Bienenkorb, das Wappen der Mormonen, zur Auslug. Der Thürhüter trägt in seinem Gürtel zwei Revolver. Hier wohnen etwa funfzehn von Brigham's dreißig Weibern. Die Salzseeheiligen sind gegen uns Heiden ( gentiles ) äußerst gastfreundlich und tolerant und haben uns in Beziehung auf die von uns schon durchzogenen Länderstrecken, wie die Länder jenseit der Sierra Nevada, mit sehr vielen Nachrichten versehen, welche für unser Unternehmen von Wichtigkeit sind. Sie haben Handwerker und Techniker aller Art in ihrer Gemeinde, namentlich zeigen ihre Architekten gesunden Sinn und Phantasie. Der Plan zum Tempel wird geheimgehalten, dagegen habe ich den Plan zu der Universität gesehen und allen Respect davor bekommen. Die nördliche Stadt befindet sich am Fuße eines Ausläufers des Wasatschgebirges. Hier hat man in der Länge von zwei englischen Meilen, etwa 40 Fuß über der Stadt, eine Terrasse geebnet, auf der die Universität erbaut werden soll. Wenn Du schon einmal in Marienbad warst, so denke Dir die Jägerstraße um zwanzigmal verlängert und zehnmal verbreitert. Auf dieser Terrasse wird nun ein wahrer Palast errichtet für Lehrer und Lernende, umgeben von einem Hain, zu dem man die Ahorn- und Nußbäume stehen ließ, welche hier, gegen Nordwind geschützt, das schon von der Natur vorbereitete Plateau bestanden. An den Hain schließt sich ein Lust- und Blumengarten und nach Süden zu ein botanisch-medicinischer Garten, sämmtlich mit Teichen, Springbrunnen, Bächen geziert, wozu das von der Höhe der Gebirge herabströmende Wasser Gelegenheit bietet. Ein großes Bassin ist zur Schwimm- und Badeanstalt hergerichtet, ein großes Viereck dient zum Turn- und Fechtplatze wie zur Reitschule. Etwas oberhalb der Universität wird eine Sternwarte erbaut, während der Bau eines chemischen Laboratoriums schon fertig ist, um welches manche deutsche Universität die Stadt der Heiligen beneiden könnte. Ein anderer Ausläufer des Wasatschgebirges, der sich im Norden der Stadt befindet, wird Hügel des Paniers genannt, er soll beinahe in dem ganzen Thalbecken Utahs sichtbar sein. Auf diesem Hügel soll demnächst die prächtigste und größte aller Fahnen mit den Nationalfarben aller Völker der Erde enthüllt werden, die ein Zeichen sein soll »der sich vollendenden Einheit der Menschen in Glauben und Liebe«. Willst Du das nicht Deinem Freunde Leonhardi in Prag schreiben, daß sich hier in Neu-Jerusalem, trotz der Wunderlichkeiten der Sekte, der Anflug des Gedankens von einem Menschheitsbunde findet? Aber noch manches andere hat mich an alte Lehren erinnert, die einst in unseren philosophischen Abenden zu Göttingen besprochen wurden, Anklänge an jene metaphysischen Träume des Orients, mit denen eine jugendliche Phantasie sich gern beschäftigt; und ich glaube auch die Quelle entdeckt zu haben, aus der solche Vorstellungen bis zu den Mormonen sich verbreitet haben. Du wirst Dich eines Studenten erinnern, der in jener Zeit in Göttingen unter dem Namen des »Urbonzen« bekannt war. Das Gesicht desselben zeichnete sich durch eine ungemein große Nase aus, und sein dünner Körper schlotterte in einer langen weiten Hose und einem schwarzen abgeschabten Frack mit einem Schwalbenschwanze, der bis auf die Erde reichte. Charakteristik für den Urbonzen war, daß man ihn niemals, es mochte Sommer sein oder Winter, Sonnenschein oder Schnee, ohne einen sehr großen alten baumwollenen Regenschirm unter dem Arme sah, den er zu schonen schien, da er ihn auch bei Regenwetter stets unter dem Arme trug. Später machte einer unserer Freunde die Entdeckung, daß das eine Art Vorrathskorb und Transportmittel sei. Der Urbonze »kochte sich selbst«, wie die Göttinger sagen, und da ging er denn auf den Markt, kaufte dort Kartoffeln und anderes Gemüse, das in dem Regenschirme untergebracht wurde, oder einen Hering, beziehungsweise ein Stück Wurst, die einzigen Fleisch- und Fischspeisen, zu denen sein Geldbeutel reichte. Er hatte damals einen Streit mit Professor Ewald gehabt über irgendeinen der Propheten und eine Streitschrift gegen diesen verfertigt, zu der er vergeblich einen Verleger oder Drucker suchte und die er daher jedem, der sie hören wollte, vorlas. Ich habe die Streitschrift einmal auf dem Rohns anhören müssen, sie führte den Titel: »Ewald ist kein Prophet, auch kein kleiner.« Genug, der Mann war Kinder- und Studentenspott. Als Leonhardi damals an einem Beinschaden krank im Stumpfenbiel lag, habe ich den Urbonzen zweimal bei ihm getroffen, und er erklärte, das sei ein Mann von Kenntnissen und nicht ohne Geist, hinter dem stecke etwas. Nun ja, es steckt etwas dahinter, denn ohne den Urbonzen würde ich mich schwerlich hier niedergesetzt haben, Dir abtrünnigem Fürstenknecht diesen Brief zu schreiben. Der Urbonze ist hier der Mormonenapostel Phelps. Ich habe ihn an seiner ungeheuern Nase, einst die Zierde der Georgia-Augusta, – jetzt könnte man sie ein Juwel nennen, denn sie glänzt wie der schönste Rubin – wiedererkannt, und auf das Stichwort: »Ewald ist kein Prophet, nicht einmal ein kleiner«, hat er sich mir zu erkennen gegeben. Das Apostelthum verhindert Phelps nicht, selbst Weinberge zu bestellen und eine Weinschenke zu halten, in der ich und meine Mitarbeiter uns täglich treffen. Dort hat er, bei einem Glase selbstgebauten Capweins, der hier vortrefflich gedeiht, mich in die Tiefen der Mormonenmetaphysik eingeführt. Höre, ob Du nicht wohlbekannte Anklänge an Altes und Neues findest. »Der Menschengeist ist nicht geschaffen«, lehrt er, »er war von Ewigkeit zu Ewigkeit ein Individuum in Gott. Jedes dieser Geisterindividuen hat die Macht, auf die Erde hinabzusteigen und durch Annahme eines Leibes sich größere Herrlichkeit zu erwerben, sich mit der Natur zu vergatten. Der Geist durchdringt, belebt, vergeistigt die Materie; der Tod zerstört ihn nicht, sondern von ihm scheidet der sterbliche Leib, wenn die Gesetze der Natur es so bestimmen, das Ich aber kehrt zu Gott zurück und sucht sich einen neuen Leib. »Entspricht ein vom Himmel gestiegener Geist nicht seiner göttlichen Bestimmung und Lebensaufgabe, besteht er in der Prüfungszeit nicht, verscherzt er vielmehr sein Erbe durch üble Aufführung, so wird ihm nach dem Ableben dieses Leibes ein geringerer Leibestempel angewiesen. Geht der Geist auch dann noch nicht in sich, erinnert er sich nicht seines göttlichen Ursprungs, so wird er immer mehr in ein niedriges Dasein, aber nur im Gebiete der menschlichen Gattung, zurückgeführt, bis er sich bessert und Grad um Grad wieder emporwächst zu der Herrlichkeit der Kinder Gottes.« Nun, Bruno, schmeckt das nicht, wenn auch verstümmelt, nach den Lehren, die im philosophischen Kränzchen oft besprochen und mit Lust ausgemalt wurden, die aus altersgrauen Systemen Indiens und pythagoräischer Geheimbünde sich bis zu uns lebendig erhalten haben wie tausendjährige Samenkörner in den Felsengräbern Aegyptens? Doch im Ernst, ist das nicht mindestens eine zehnmal vernünftigere Idee als die aus Altem und Neuem Testament zusammengesetzte von dem Staub zu Staube, Erde zu Erdewerden und Wiedergeborenwerden des nämlichen Staubes am Jüngsten Tage und dessen Auferstehen zu Fleisch und Herrlichkeit, die unsere protestantischen Pfaffen bei ihren Leichenceremonien in unserm Vaterlande vortragen? Ich will Dich nicht weiter mit der Weisheit, die Phelps predigt, behelligen. Es sind immer einige vernünftige Gedanken darunter wie Goldkörner in Haufen Sand. Die mormonische Dogmatik ist viel schlimmer und dümmer als die unsere (was sehr viel sagen will), ein Gemisch nämlich von Judäismus, Christenthum, Mohammedanismus, Freimaurerei, mit allerlei verrückten Zuthaten eines echten Yankee, der für sich und seine Priesterschaft Profit machen will. Der ganze Quark beruht natürlich auf göttlicher Offenbarung, aber zum Glück für die Mormonen ist diese nicht abgeschlossen, sondern Gott offenbart sich dem Orden, aus welchem die Priesterschaft besteht, dem Orden der Melchisedek und Aaron, noch fortwährend. Da kann also mit Hülfe unsers Urbonzen und seiner Schüler leicht eine neue Mormonenbibel entstehen. Die Vielweiberei der Mormonen ist ein Stück Indianerbarbarei, allein es hat damit nicht so viel auf sich, als wir in Deutschland glauben, sie kann auch nicht so sehr entarten, wie im Orient, wo es jahrhundertelang vererbte Reichthümer und eine Menge Staatssinecuren gibt. Hier ist, wie man zu sagen pflegt, der Knüppel an den Hund gebunden; wer mehrere Frauen halten will, muß sehr reich sein, und wer von all seinem Einkommen den Zehnten contribuiren muß, der kann selten reich werden. Sodann aber ist zur weitern »Versiegelung«, wie die Heiligen die Ehe nennen, die Einwilligung der ersten Frau nöthig und für die Folge Einwilligung der zweiten, dritten, vierten u. s. w. Frau, außerdem aber noch die nach besonderer göttlicher Offenbarung durch einen Propheten vom Präsidenten ertheilte Erlaubniß. Wenn die Apostel und Propheten der Heiligen auf unsere Schwarzen arten, so wird eine solche Erlaubniß nicht ohne Kosten erlangt werden; unsere Consistorien wenigstens lassen sich jeden Eheconsens oder jede Dispensation von an sich gesetzlich unerlaubten Ehen recht ordentlich bezahlen. Der Mann empfängt die zweite und dritte und alle weitern Frauen aus der Hand der ersten, die sich immer für die wahrhaft versiegelte hält und die andern als Kebsweiber betrachtet. Da kann man denn sagen, wie Mühlenbruch lehrte, als ich noch Pandekten oder Institutionen tractirte: der Jurist sagt: » Volenti non fit injuria. « Unser Urbonze, der sich zu einer stattlichen Leiblichkeit herausgearbeitet und der als eine Art Bischof gewiß von dem Zehnten einen schönen Antheil bekommt, hat es nur zu vier Frauen gebracht, von denen zwei in einer besondern Wohnung leben. Die erste ist vierzig, die zweite zweiunddreißig, die dritte fünfundzwanzig, die vierte, ihm vor kurzem erst versiegelte, achtzehn Jahre alt. Die beiden ersten leben auf einem Winzerhause der Weinberge, zwei Meilen von der Salzseestadt. Als ich ihn fragte, ob die Frauen sich vertrügen, antwortete er mit Pathos: »Wo alle Weiber gleich glaubenstreu sind, bestrebt sich der Mann von selbst, sie sämmtlich gleich gut zu behandeln, wie ich das thue.« Wir stritten jüngst mit mehrern Heiligen in der Weinstube über Monogamie und Polygamie oder, wie die Mormonen sagen, über die Pluralitätsfrage. Jene behaupteten, der Beweis der göttlichen Genehmigung der Vielweiberei liege darin, daß ein Fünftel der Erdbewohner in Vielweiberei lebten, und daß in Europa und Amerika oder überall, wo Einweiberei stattfinde, lasterhafte Nebeneinrichtungen geduldet oder staatlich gefördert werden müßten, um die Monogamie aufrecht zu halten. Wir behaupteten: »Ohne Monogamie keine Familie, keine Erziehung«, die Gegner erwiderten: »Wir bilden eine große Familie der Heiligen.« Endlich kam Phelps, ein Glas Constantia in der Hand, mit einer Sophistik, die ich ihm nicht zugetraut hätte. Er nannte alle Du, Heilige wie Heiden, und stellte an mich die Frage: »Glaubst du an Unsterblichkeit?« als ich dies bejaht hatte, fragte er: »Bist du verheirathet?« Als ich auch dies bejaht hatte, fragte er weiter: »Wenn deine Frau stürbe, würden deine Priester dir nicht gestatten, eine zweite, und wenn auch diese todt wäre, eine dritte zu heirathen?« »Gewiß!« sagte ich. »Nun, dann würdest du am Jüngsten Tage in euerm Himmelreiche mit drei Frauen eintreten; wenn Gott aber im Himmel Vielweiberei gestattet, warum nicht auf Erden?« –   Den 7. März. Ich habe hier außer dem Urbonzen noch zwei Deutsche unter den Heiligen entdeckt, die regelmäßige Besucher der Weinstube sind. Der eine derselben nennt sich Jakob und ist Redacteur der Zeitung »Zion«, die täglich erscheint. Sein deutscher Name ist Jakob Trampelmeier, und wenn er sein Englisch radebrecht mit deutschen und andern Floskeln vermischt, so hört man das berliner Stadtkind heraus. Er hat nur Eine Frau, die seine Zeitung eigentlich redigirt, d. h. mit der Schere aus andern Zeitungen, die aus Californien oder dem Osten hierher kommen, zuschneidet, er selbst kann nicht englisch schreiben. Dagegen ist er sein eigener Setzer und Drucker und macht gute Geschäfte, denn er hat eine Auflage von 30000, wie er behauptet. Der zweite Deutsche ist sein unzertrennlicher Freund, der Leib- und Hofphotograph Brigham Young's, dessen Photographie ich beilege. Dieser Preuße ist ein schmächtiger deutscher Jüngling, der aber, weil er Geld hat und verdient, sieben Weibsen sich hat ansiegeln lassen, und er trägt, weil er in Deutschland ein berühmter Maler gewesen sein will, langes blondes Haar. Wo der Mensch eigentlich seine Liebenswürdigkeit sitzen hat, daß sich ihm alle Weiber zur Versiegelung selbst angeboten haben, weiß ich nicht. Er hat sie in den Häusern, und sie helfen ihm in seinem Geschäft. Eine Einrichtung des Mormonenstaats möchte mancher alten Jungfrau in Deutschland gefallen: jedes Frauenzimmer hat ein Recht auf einen Mann; sie wendet sich an den Präsidenten, und dieser ertheilt dem ersten besten Manne, der ihm tauglich scheint, den Befehl, die Jungfrau Y. Z. sich ansiegeln zu lassen. So giebt es alte Jungfrauen hier nicht. Zank unter mehrern Weibern soll selten sein, doch sollen die meisten, gegen die Vielweiberei eingenommen, nur durch religiöse Unterordnung und Autoritätsglauben sich derselben fügen. Uebrigens lebt man im ganzen wie bei uns, nur daß es keine Nichtsthuer gibt. Arbeit ist Pflicht, und der Präsident hat die Macht, durch Zwang dazu anzuhalten, wenn Ermahnungen nicht helfen. Auch die Propheten, Bischöfe, Apostel, Priester arbeiten. Brigham Young selbst ist Zimmermann und besitzt mehrere Sägemühlen. Ich selbst habe ihn Bäume unter die Maschine schieben sehen. Je mehr gearbeitet wird, desto reichlicher der Zehnte. Dieser fließt aber nicht blos in die Hände der Priester, sondern alle Staats- und Kirchenbauten, Schulen, Universitäten und sonstige öffentliche Anstalten werden daraus unterhalten. Was hier eigentlich für ein Recht gilt, das habe ich noch nicht erfahren können: das Territorium als solches ordnet sich der Constitution der Union unter und erkennt die Staatsgewalt des Präsidenten der Vereinigten Staaten an; im Privatverkehre ist das oberste Gesetz das der völligen Gleichheit und Gleichberechtigung, es gibt keine Privilegien und keine Exemtionen, und der gesunde Menschenverstand entscheidet im einzelnen Streitfall. Nicht einmal ein Strafgesetz ist codificirt, obgleich es durch göttliche Offenbarung erlangt sein soll. Jedenfalls ist dieses »Gesetz des Herrn«, wie man es nennt, hart, es bedroht, wie ich höre, viele Vergehen mit dem Tode, so den Ehebruch, und geht dabei von der falschen Voraussetzung aus, daß ohne Blutvergießen eine Vergebung der Sünden unmöglich sei. – Unser Freund, der Apostel Phelps, lud mich neulich zu einem Concert und Ball in »The Lords Chorehouse«, und ich muß gestehen, daß die hier vorgetragene Musik den leipziger Gewandhausconcerten Ehre gemacht haben würde. Die Musiker sind aber auch hoch geehrt, sie sollen in England von einem Apostel bekehrt sein und haben auf der Wanderung durch die Wüste und die Wildnisse des Indianerlandes das Volk Zions von Nauvoo bis Deseret durch Posaunenklänge, Hörner, Clarinetten bei gutem Muthe erhalten. Das Concert begann mit einer Jubelhymne und die meisten der vorgetragenen Stücke trugen einen ernsten, religiösen Charakter. Nach beendigtem Concert trank man gemeinschaftlich Thee, dann begann der Ball. Die Toiletten wie in Neuyork oder Cincinnati; Crinoline von ungeheuerm Umfang; Gesichter, wenig hübsch. Young selbst hatte nur zehn, die jüngsten von seinen Frauen, mitgebracht und eröffnete den Ball mit einem Hopser. Außer meinem Feldmesser waren unverheiratete Tänzer überall nicht zugegen, und dieser machte Eroberungen. Den Urbonzen hopsen zu sehen, machte mir viel Spaß, aber ich selbst mußte auch daran, der Photograph Julius Linde brachte mir seine jüngste Angesiegelte, ein niedliches Frauchen von siebzehn Jahren, dänischer Abkunft, wie denn die größere Anzahl der Mormonen hier aus Dänen, Schweden und Engländern besteht. Das Hauptgebrechen, an welchem der Mormonismus leidet, scheint mir zu sein, daß man die Frauen nicht als gleichberechtigt ansieht, ihnen eine andere Bedeutung als »Mutter zu sein in Israel«, d. h. als Mittel, aus dem Territorium möglichst bald einen Staat zu machen, nicht zuschreibt. Da man aber den Mädchen dieselbe gute Erziehung gibt wie den Knaben, so ist ein Zustand, der das ganze weibliche Geschlecht entwürdigt, auf die Dauer nicht aufrecht zu halten. Die gegenwärtige Generation stammt meist noch aus den niedern Ständen, den Bauern Schwedens und Dänemarks, aber in der heranwachsenden habe ich viele hübsche, feine Gesichter bemerkt. Eine der Töchter Young's, eine schwarzäugige Schöne, läßt es sich sehr angelegen sein, unsern Proviantmeister, den Kentuckier, zum Mormonenthum zu bekehren; er hat zugesagt, sie zu heirathen, wenn Eisenbahnbänder Californien mit dem Osten verbinden. Die Eisenbahnen und die Metallreichthümer der Felsengebirge werden das Mormonenthum umwandeln, die Vielweiberei mindestens vernichten, denn ich zweifle keinen Augenblick, daß die Felsengebirge, die wir überschritten haben und die wir vor uns sehen, ebenso voll Gold und Silber stecken als die Gebirge Californiens und die von uns entdeckten Colorados. Außer uns gibt es hier noch eine größere Anzahl Heiden, darunter auch ein Dutzend Juden, die natürlich nur Handel treiben. Auch an Chinesen fehlt es nicht, sie verrichten die schwierigsten Arbeiten, und ich werde einige von ihnen, die über die Felsengebirge schon herübergeklettert sind, engagiren, da sie zu allen Dingen Geschick haben.   Den 10. März. Wir sind noch immer hier, aber nicht unthätig. Einer der Professoren an der Universität hat mir ziemlich genau Kunde gegeben über die zwei Pfade, welche die Auswanderer, die Goldsucher, über die Sierra-Nevada zu nehmen pflegen, und mir eine recht gute Karte über den Humboldtspaß und den Hastingspaß gegeben, die ich copire. Danach scheint mir das Ufer des Humboldtflusses am geeignetsten zu sein zur Anlage einer Bahn. Auch erhielt ich nähere Auskunft über Deseret selbst. Das Becken von Utah, oder vielmehr die verschiedenen Becken, sind von den Felsengebirgen bis zur Sierra-Nevada 600 englische Meilen lang und 300 Meilen breit. Der Salzsee selbst ist von der Stadt 20 englische Meilen entfernt, er ist 120 Meilen lang, 40 Meilen breit und enthält sieben gebirgige Inseln; lebende Wesen, Fische, enthält er nicht, während das Todte Meer doch wenigstens Eine Fischart aufzuweisen hat. Ertrinken würde hier unmöglich sein. Der schöne See ist von 4–10000 Fuß hohen Bergen eingefaßt, welche am Fuße mit immergrünen Fichten bedeckt sind, deren Gipfel aber meistens in ewigem Schnee glänzen. Wir schifften mit einem Segelboote nach einer der größten Inseln des Sees, die einen paradiesischen Anblick gewährte. Es fließen vier Ströme in den See, ohne daß man bisjetzt einen Abfluß aus demselben entdeckt hätte. Der Hauptfluß in Utah ist der silberne schöne Jordan, der aus dem Utahsee kommt, einem Süßwassersee, an den Königsee erinnernd, wegen der steilen Bergabhänge, die gleichfalls Felswände von gewiß 6–7000 Fuß bilden. Alle die kleinen Thäler der großen Becken sind auf Hunderte von Meilen hin in Cultur gesetzt, mit kleinen niedlichen Wohnhäusern aus Adobes, mit rebenumrankten Veranden, von schattigen Ahornbäumen, Espen, Pappeln, Maulbeerbäumen umgeben. Der Boden ist bei weitem nicht so gut als der Prairieboden in Kansas oder Missouri, aber die Mormonen haben durch künstliche Bewässerung auch dem schlechtesten Boden die herrlichsten Früchte abzugewinnen gewußt. Sie sind ein sehr arbeitsames Völkchen. Sonntags hörte ich den Präsidenten selbst predigen; er ermahnte zur Industrie und Frugalität, sprach von seiner großen Baumwollenspinnerei und Weberei und redete viel von einem neuen Bewässerungssystem. Es waren gewiß 4000 Personen in der Bowery, es war nämlich die erste Sommerpredigt in der schon grünenden Laube. Ein Frauenzimmer begleitete den vor und nach der Predigt stattfindenden Gesang auf dem Melodium; eine große Orgel wird erst für den Tempel gebaut. Der Schluß der Rede des Präsidenten, den ich mir angemerkt habe, lautete: »Die Heiligen des Jüngsten Gerichts sind das glücklichste Volk der Erde, das fleißigste, friedlichste. Wenigstens würden sie es sein, wenn nicht ein paar elende, stinkige Advocaten in der Whiskystraße jederzeit bereit wären, Hader anzustiften und für 5 Dollars zu beweisen, daß Schwarz nicht Schwarz, sondern Weiß sei.« Die Latterday-Saints sind überhaupt keine finstern sauertöpfischen Frommen, wie unsere Schwarzen in Deutschland es mindestens zu scheinen sich bestreben, sie zeichnen sich nicht durch besondere Tracht aus, tragen keine weißen Halstücher, Bäffchen, Talare, Halskrausen, unterscheiden sich im Benehmen weder von den Nichtheiligen noch von uns Heiden, arbeiten alltags gleich andern Einwohnern Neu-Jerusalems, indem sie entweder Ackerbau, ein Handwerk oder Handel betreiben, der hier, wo sich zwischen San-Francisco und Saint-Louis noch kaum eine größere Stadt befindet, einen Knotenpunkt von großer Bedeutung hat. Der Präsident hält für seine Kinder und Enkel eine eigene Schule, es waren das 34 Schüler und Schülerinnen im Alter von vier bis siebzehn Jahren, und alle sahen klug und gut aus. Davon waren drei seine Enkel, die übrigen seine Söhne und Töchter. Ich hatte mir vorgestellt, der Unterricht in Neu-Jerusalem würde auf Staatskosten ertheilt; dem ist nicht so, jeder Ward der Stadt hält seine eigene Schule, und die Unterrichtskosten belaufen sich vierteljährlich auf 4–10 Dollars je nach den niedrigern oder höhern Klassen. Am Tage vor dem Schulbesuche war im Hause Brigham's eine Geschichte vorgefallen, die mich lebhaft an eine in der Heimat erlebte Begebenheit erinnerte. In Göttingen war ich Augenzeuge, als der Professor der Theologie, Gieseler, in der Barfüßerstraße ein Kind, das in die Gosse gefallen war und schrie, als wenn es am Spieße steckte, emporhob und es tröstend fragte: »Wem gehörst du denn, mein Kind?« – Das Kind, etwa fünf Jahre alt, hörte sofort mit Weinen auf, sah den Mann groß an und sagte: »Kennst du mich denn nicht, Papa? ich bin ja deine Minna!« Der Theologe hatte mehr zu denken, als daß er alle seine vierundzwanzig Kinder hätte kennen sollen. Zu Brigham gehen alle, die Rath bedürfen, Schlichtung von Streitigkeiten herbeiführen wollen, sich über dieses oder jenes zu beschweren haben. So kommt denn auch eine Frau um Abhülfe gegen die Ungerechtigkeit eines Kirchenältesten. Brigham thut, als ob er sie kenne, als er aber die Beschwerde zu Protokoll zu nehmen beginnt, ist er doch genöthigt zu sagen: »Wart' einmal, Schwester, ich habe deinen Namen vergessen!« »Meinen Namen?« erwidert sie unwillig, »ich bin ja deine Frau!« So war es; das sind die Folgen der Pluralität. Gestern ist der erste Zug Goldsucher angekommen, sie bringen die erfreuliche Nachricht mit, daß sich eine Compagnie in Columbus, einer neuen Stadt in Nebraska, gebildet hat, die Stationshäuser auf der ganzen Route nach Californien und eine Postverbindung über die Felsengebirge anlegen will. Wir können dann auch bald aufbrechen. Die Goldgräber haben aus dem Osten auch dicke Packete Zeitungen mitgebracht, die sie hier verkaufen. Ich habe einen solchen Packen gekauft, um zu sehen, was es in Europa gibt. Da lese ich denn zu meinem Erstaunen, daß ihr in Hannover seit November vorigen Jahres mit einem blinden König von Gott begnadigt seid. Ich finde das nicht schön vom lieben Herrgott. Wenn nach gemeinem Rechte (so viel habe ich aus Ribbentropp's Institutionen noch behalten) ein Blinder unfähig ist, ein Testament auf gleiche Weise wie ein anderer zu machen, wie soll nun jemand, der nicht für fähig gehalten wird, ein Testament zu machen, ein Volk regieren können? Zu allen öffentlichen Aemtern konnte im alten Rom nur ein Sehender zugelassen werden. Wer nicht lesen, wer nicht schreiben kann, wie soll der regieren können? Das alte deutsche Recht verlangte, damit jemand sein Erbe antreten könne, er gehe »ungehebt, ungestabt und ungeführt«, und der Bundestag hat den Herzog Karl von Braunschweig noch vor zwanzig Jahren für regierungsunfähig erklärt, weil er einige tollere Streiche machte als andere Fürsten, gewiß aber kaum toller, als sein Vormund sie gemacht hatte, als er gleichalterig war. Ich weiß nicht, für welche Sünden ihr Hannoveraner durch diesen blinden König gestraft werden sollt, aber eine Gottesstrafe ist ein solcher. Da will ich doch zehnmal lieber unter der Herrschaft eines Mormonenpräsidenten wie Brigham stehen. Wahrlich, ein Volk, das sich das gefallen läßt, einen Blinden zum König zu haben, ist werth, mit Skorpionen und Sklavenpeitschen gezüchtigt zu werden. Soviel ich weiß, hat, solange die Welt existirt, noch nie ein Blinder einen Thron bestiegen. Lebe wohl, beglückter Hannoveraner! Wenn Du mich einer Antwort würdigst, so adressire den Brief an meine Frau in Pittsburg. Dein Hellung . Dreizehntes Kapitel. Der Mann, der alles hält, was er verspricht. Wir müssen die Verzeihung unserer Leserinnen anflehen, daß wir sie in demselben Augenblicke, wo wir den Fuß nach Deutschland zurücksetzen, wieder mit einem politischen Kapitel behelligen. Aber in wessen Leben hätte die Politik nicht in den letzten Jahrzehnten eingegriffen? Auch sollten wir glauben, eine so große Katastrophe wie das Verschwinden der männlichen Linie einer achthundertjährigen mächtigen Dynastie von einem Königsthrone sei an und für sich ein poetischer Moment. Wenn wir dieselbe nicht von ihrer rein tragischen Seite auffassen, so kommt das daher, weil wir der Ueberzeugung sind, daß solche Dinge nie ohne eigene Verschuldung eintreten können, und weil es uns Pflicht erscheint, diese Selbstverschuldung nicht durch Declamationen über Gewalt und Raub zu verdecken. Hätten die beiden Könige, die als selbständige Herrscher auf dem königlichen Throne von Hannover saßen, nicht Wort und Treubruch an Land und Volk verübt, noch heute würde Georg, statt an der Donau auf fremdem Boden, am Leinestrande thronen. Außer dem blinden Könige in Uhland's Ballade ist uns, solange wir von der Weltgeschichte Kunde haben, kein Fall bekannt, wo ein Blinder einen Thron bestiegen hätte. Blendung galt im Alterthume als bestes Mittel, einen Herrscher regierungsunfähig zu machen, ohne ihn zu tödten. So müssen denn unsere Leser einige politische Erörterungen hinnehmen, wenn sie erfahren wollen, wie sich das Leben Bruno's weiter gestaltet hat. Das Jahr 1850 war gekommen, man befand sich seit dem 30. September des Jahres zuvor einmal wieder im Interim, welches bis Anfang Mai dauern sollte. Das neue Jahr hatte, nachdem das preußische Abgeordnetenhaus am 26. Januar das Gesetz über die Bildung eines Herrenhauses genehmigt, die Verkündigung einer preußischen Verfassung gebracht, und Friedrich Wilhelm IV. hatte sie beschworen. Graf Benningsen, der Lenker des Auswärtigen in Hannover, ließ, nachdem am 13. Februar die Reichsversammlung nach Erfurt berufen war, in Berlin erklären, daß Hannover sich infolge dieses Beschlusses vom Dreikönigsbündnisse lossage. Erfurt könne Preußen zu mächtig machen, fürchtete man in Hannover; die vier Königreiche setzten sich wieder einmal auf die österreichische Wippe, um Preußen ihr Gewicht fühlen zu lassen und es in die Höhe zu schnellen. Das am 20. März eröffnete, am 29. April geschlossene Erfurter Parlament nahm die Verfassung en bloc an. Jetzt schrieb man Mai, und da war man in den ersten Tagen des Wonnemonds in Frankfurt am Main stark beschäftigt, das Palais in der Eschenheimer Gasse, das seit beinahe zwei Jahren leer gestanden, neu zu decoriren. Tische und Stühle, Pulte und Secretäre, Repositenschränke und Divans, welche man aus dem Sitze der Bundesversammlung entfernt hatte und die sich in der Wohnung des Reichsverwesers, der verschiedenen Reichsminister oder bei Jucho, dem Verwahrer des Reichsarchivs, herumtrieben, wurden aufpolirt und wieder in die Eschenheimer Gasse gebracht. Die Säle waren neu gebohnt, die Fenster geputzt, die Zimmer gescheuert und geweißt. Die alten Bundesacten wurden von den Böden und aus den Kellern wieder in die Repositorien gebracht und Actenstaub und Moder gaben dem Palais seinen alten charakteristischen Dunst und Leichengeruch wieder. Eine Leiche sollte ja auf elektromagnetischem Wege belebt werden; der alte Bundestag, der sich selbst den Todesstoß gegeben, dann aber vor seiner Verendung seine Macht dem Reichsverweser Johann übertragen hatte, sollte wieder zum Leben gerufen werden trotz des Widerspruchs der einen von den beiden Mächten, denen der Reichsverweser wiederum seine Gewalt übertragen hatte, trotz des Widerspruchs Preußens. Die frankfurter Straßenjugend sang nach der Melodie des bekannten Sommerliedes: Jo! jo, jo, der Bundestag ist do! Thurn-Hohnstein ist gekumma, Hat Julius Günther mit genumma, Ritter Joseph von Xylandre, Der Detmold und noch Annere, Sie sind schon do, sie sind schon do! Un wir sein wieder froh! Preußen protestirte zwar dagegen, daß die zehn Delegirten, die in Frankfurt tagten, sich das Plenum der alten Bundesversammlung nannten, und der Staatsrechtslehrer Zachariä in Göttingen bewies den Delegirten, daß der alte Bundestag wirklich todt sei und von Rechts wegen nicht vom Tode aufgeweckt werden könne; aber was kehrte sich das österreichische Präsidium daran? Saßen doch die Delegirten von vier Königreichen an seiner Seite; mochten die Kleinen sich Preußen unterwerfen im Fürstentage zu Berlin. Der neue Bundestag hatte es am 21. September zu seiner vierten Sitzung gebracht; der k. k. österreichische Ministerial-Concepts-Adjunct, Ritter von Roschmann-Hörberg, verlas das Protokoll der letzten Sitzung, wonach die Delegirten von Baiern, Würtemberg, Liechtenstein die Zustände Kurhessens einer Prüfung unterziehen sollten, welches nach Darstellung des kurhessischen Bundesgesandten in offener Revolution sich befände. Der Wirkliche Geheimrath Adolf Freiherr von Holzhausen, als fürstlich liechtensteinischer Bevollmächtigter, erstattete Bericht. Er deducirte, weitläufiger natürlich, als wir es thun: wenn nach der Verfassung eines Staats die Stände das Recht der Steuerbewilligung in der Art hätten, daß sich dasselbe zugleich auf Verwilligung der Verwendungen beziehe, dann hätten sie auch die Pflicht, nicht blos für Ausbringung des ordentlichen und außerordentlichen Staatsbedarfs zu sorgen, sondern sie seien zugleich verpflichtet, deren Verwendungen zu bewilligen. Da nun die kurhessischen Stände die directen Steuern überall nicht bewilligt, die indirecten zwar bewilligt, aber nicht zur Verausgabung, sondern zur Deponirung, so habe sich die Ständeversammlung einer Steuerverweigerung schuldig gemacht. Da aber nach Artikel 57 und 28 der Wiener Schluß-Acte und dem Bundesbeschlusse vom 28. Juni 1832 feststehe, daß eine derartige Steuerverweigerung nicht stattfinden dürfe, daraus vielmehr Artikel 25 und 26 der Bundesacte Anwendung fänden, so beantrage der Ausschuß, zu beschließen: die kurfürstliche Regierung wird aufgefordert, alle einer Bundesregierung zustehenden Mittel anzuwenden, um die ernstlich bedrohte landesherrliche Autorität sicherzustellen; dieselbe zugleich zu ersuchen, ungesäumt der Bundesversammlung die in dieser Beziehung von ihr zu ergreifenden Maßregeln sowie den Erfolg anzuzeigen; die Bundesversammlung behalte sich vor, alle zur Sicherung oder Wiederherstellung des gesetzlichen Zustandes erforderlich werdenden Anordnungen zu treffen. Zugleich solle Hannover aufgefordert werden, sich zur Bundeshülfe bereit zu halten, d. h. Herrn Hassenpflug als Executor zur Seite zu stehen. Auf Anfrage des Präsidenten war niemand vorhanden, die Frage nach der Competenz (wenn es Beschwerden des Volkes galt, immer zur Hand) aufzustellen und zur Erörterung zu bringen, ob denn ein Drittel der Plenarversammlung oder weniger die Rolle derselben übernehmen könne, ob es sich nicht vielmehr für incompetent erklären müsse. Niemand wagte daran zu erinnern, daß der Bundestagsbeschluß vom 28. Juni 1832 durch den Bund selbst aufgehoben sei, obgleich Detmold von dem Minister des Auswärtigen darauf aufmerksam gemacht war. Niemand fand ein Wort dafür, daß in Hessen eine Steuerverweigerung gar nicht stattfinde, da Hassenpflug den Mitte Juni zusammengetretenen Ständen ein Budget überall nicht vorgelegt, sondern nur die Anforderung gestellt, das letzte Budget auf sechs Monate zu prolongiren, und, als das verweigert war, die Stände aufgelöst hatte. Auch den neuerwählten erst im August zusammentretenden Ständen war ein Budget nicht vorgelegt, sondern der Entwurf eines Gesetzes, wonach die Steuern nach dem Gesetze vom 5. April 1849 forterhoben, beziehungsweise nacherhoben werden sollten. Dieser Entwurf war von den Ständen modificirt angenommen. Niemand wagte dem Kurfürsten den guten Rath zu ertheilen, das Ministerium Hassenpflug zu entlassen und Frieden mit seinem Lande zu schließen, obgleich dies Mittel am besten geholfen hätte. Als der Regierungsrath Bruno Baumann, der im Ministerium des Auswärtigen arbeitete, das Bundestagsprotokoll vom 21. September bekam und den Inhalt des §. 10 las, sagte er, sich mit der Hand vor den Kopf schlagend: »So hat Onkel Gottfried doch recht gehabt, das kleine Scheusal hat Hannover verrathen. Ich selbst habe das Instructionsschreiben concipirt, welches Detmold aufgab, zunächst zu erklären, ohne Instruction zu sein, sodann aber als Ansicht des Gesammtministeriums zur Geltung zu bringen, daß der Bundestagsbeschluß vom 28. Juli 1832 zu den Ausnahmegesetzen gehöre und aufgehoben sei. Was wird Stüve, was Benningsen sagen und thun? Das würde eine schöne Situation für beide werden, wenn sie Strafhannoveraner nach Kassel senden sollten; bei uns wären sie damit abgethan. Wie aber hat der Kleine so durchaus entgegengesetzt handeln und abstimmen können, da er weiß, daß die Ritter Beschwerdeschriften an den Bund schon vorbereiten, vielleicht sogar schon überreicht haben, und daß, wenn mit Hessen der Anfang gemacht ist, hessische Executionstruppen vielleicht nach Hannover rücken, um eine Adelskammer wieder einzusetzen? Da steckt Oesterreich dahinter, vielleicht Ernst August selbst. So war es; die Abstimmung Detmold's war ein abgekartetes Spiel hinter dem Rücken des Ministeriums, aber im Einverständnisse mit dem österreichischen Präsidialgesandten am Bunde, dem Gesandten in Hannover und Ernst August, ein wahres Freundschaftsstück gegen den Vetter in Berlin. Graf Benningsen beschied Detmold zur persönlichen Rechenschaft nach Hannover und begehrte von dem Könige überhaupt die Zurückberufung desselben, und um dieser Forderung Nachdruck zu geben, begehrte das Gesammtministerium Benningsen-Stüve zum einundvierzigsten male seine Entlassung. Bisher hatte Ernst August diese verweigert, jetzt wurde er durch den österreichischen Gesandten und die am Hofe wieder mächtigen Ritter im Widerstande bestärkt. Allein das Zeug zu einem neuen Ministerium war noch nicht vorhanden. Hätte man aus den auf der Lauer stehenden bremischen Rittern ein Ministerium gebildet, so standen kurhessische Zustände für Hannover in Aussicht und der ganze Norden von Jütland bis an die Grenzen von Hessen-Darmstadt war dann unterwühlt. Mit Preußen stand man auf dem gespanntesten Fuße. Solche Erwägungen, geltend gemacht von seiten derer, die man zur Nachfolge im Ministerium ersehen, bestimmten Ernst August zu einem Mittelwege. Detmold sollte vorläufig in Frankfurt bleiben, dort aber erklären: daß er in der Sitzung vom 21. September mit specieller Instruction nicht versehen gewesen sei, und daß die königliche Regierung die Bundesbeschlüsse vom 28. Juni 1832 als ein durch den Bundesbeschluß vom 2. April 1848 aufgehobenes Ausnahmegesetz ansehe und bei Verhandlungen der Bundesversammlung diesem Grundsatze stets Folge geben werde. Der Gesandte sei daher beauftragt, die Zustimmung der Regierung zu den auf jenen Beschlüssen vom 28. Juni 1832 basirten Anträgen, die in den Sitzungen vom 7. und 10. October zum Beschluß erhoben worden, zu versagen. Diese für Detmold beschämende Erklärung wurde von ihm in der Sitzung vom 8. November Bundestagsprotokolle 1850, S. 172. wirklich abgegeben; allein Ernst August hatte dieselbe durch Ertheilung des Welfenordens versüßt. Um diese Zeit aber existirte ein Ministerium Benningsen-Stüve nicht mehr, die Junker wußten die Militärleidenschaft des Königs zu benutzen, um ein Ministerium zu beseitigen, welches das Land durch demokratische Gesetze verdarb, wie sie behaupteten. Ernst August, der sich so oft gerühmt, was er versprochen, das halte er auch, wollte jetzt Stüve nicht mehr Wort halten; er wollte die Grundzüge einer Organisation der Verwaltung, wie er sie genehmigt, nachdem die Stände ihre Zustimmung ertheilt hatten, nicht verkündet wissen. Die gesammte Staatsdienerschaft wartete aber auf diese Gesetze; war doch seit zwei Jahren keine Ernennung, keine Beförderung, keine Pensionirung eingetreten. Als das Ministerium zum zweiundvierzigsten male um seine Entlassung bat, erhielt es sie. Der Oberbürgermeister Lindemann, Theodor Meyer, alte Freunde Stüve's, glaubten im Vereine mit dem kraftvollen Kammerherrn von Münchhausen und seiner Schwiegermutter, der Freundin des Königs, Ernst August's Eigensinn brechen zu können. Sie vermochten ihn, auch die Justizorganisationsgesetze an demselben Tage zu unterschreiben, an welchem Detmold seine Abstimmung vom 21. September desavouiren mußte; sie dachten mit Hülfe der auf Beförderung hoffenden Staatsdienerschaft in Zweiter Kammer die Verwaltungsgesetze zu entdemokratisiren und durch ein reactionäres Sieb hindurchzupressen, zugleich mit den Rittern Frieden zu machen, indem man ihnen in der Hauptsache bewilligte, was sie im Herbst 1849 gefordert. Eine königliche Proclamation versicherte zwar, daß mit dem Ministerwechsel kein Systemwechsel eingetreten sei, unser Freund Bruno konnte aber von seinem Standpunkte leicht übersehen, daß eine merkliche Erkältung zwischen Herrn von Münchhausen und dem österreichischen Gesandten von Langenau eingetreten war, daß die österreichische Mache am hannoverischen Hofe aufhöre und eine Versöhnung mit Preußen angebahnt werde. Bruno hatte in Hannover viel mehr Gelegenheit, zu beobachten, daß, wie freiheitheuchlerisch man auch in Wien vorgehe, die alte Metternich'sche absolutistische Politik des Pudels Kern bleibe. Er concipirte daher mit Freude das Schreiben, welches Detmold von Frankfurt zurückrief und auch den Grafen Platen von Wien nach Hannover citirte, um neue Instructionen zu empfangen. Als aber österreichischen Truppen der Durchmarsch nach Schleswig-Holstein gestattet wurde, um dort gegen Deutsche, die dem dänischen Joche nicht unterworfen sein wollten, Execution zu üben und sie unter dieses Joch zurückzuführen, da ging ein Stich durch sein Herz, und er erinnerte sich der Worte seines Lehrers Dahlmann, in der Paulskirche gesprochen: »Sollte diese große Bewegung an dem Uebermuthe der Könige von Napoleon's Gnaden scheitern und das Heil unsers Volkes noch einmal sich zur Nebensache verflüchtigen, so hemmt, wenn es abermals flutet, kein Damm die wilden Gewässer mehr, und der Wanderer wird die Reste der alten deutschen Monarchien in den Grabgewölben ihrer Dynastien aufsuchen müssen.« Hatte er doch das höhnische Grinsen nahe genug gesehen, als sich Hannover der preußischen Hegemonie und dem Dreikönigsbündnisse entzog. Und als nun eine Verordnung vom 24. November 1850 die Bestimmungen des Patents vom 3. Juli 1843 betreffs Ernennung einer Commission zur Beglaubigung der Unterschrift des Kronprinzen aufhob und diese Unterschriftsbeglaubigung erleichterte, da fragte er einen seiner Collegen: »Wie wird es, wenn der Kronprinz, König geworden, erklärt: Ich bin gar nicht blind, ich sehe nur schlecht, und ich verordne daher, daß alles, was ich unterschreibe, auch ohne Beglaubigung gültig sei!?« Die Frage war motivirt, denn obgleich die Verordnung vom 3. Juli 1843 ein öffentliches Zugeständniß der Blindheit war, so fingirte der Kronprinz doch fortwährend, sehend zu sein, und sein ganzer Hof mußte auf diese Fiction eingehen. Der Kronprinz sehe alles, nur nicht sehr deutlich, sagte man in seiner Umgebung. Der alte König liebte aber, wie alle Welfen, den Kronprinzen nicht, noch weniger die frömmelnde, in gemischter Gesellschaft Abendandachten haltende Kronprinzessin; ihm war eine Zweideutigkeit, namentlich wenn sie von schönem Munde kam, lieber als ein Gesang vom Herrn Hofprediger Niemann. Der Kronprinz und die Kronprinzessin wurden knapp, sehr knapp gehalten, wenigstens nach Ansicht des Herrn Rittmeisters von Hedemann, der Geld zu verbrauchen wußte und dafür im Zuchthause endete. Am Hofe des Kronprinzen fing man an, eine Camarilla zu bilden, in welcher die Geistlichkeit sich von vornherein eine Hauptrolle anmaßte. Bruno war glücklich darüber, als die Verhandlungen zwischen Delbrück und Klenze zu dem Septembervertrage führten, aber er hatte Thränen des Unmuths vergossen, als die Mobilmachung Preußens nicht zur Vertreibung der Strafbaiern aus Hessen geschah, sondern um Herrn von Manteuffel auf seinem Wege nach Olmütz die Folie einer in Waffen stehenden Armee zu geben. Bruno gewann einen Einblick, daß der russische Zar es sei, der die Reise nach Olmütz befahl, daß dieser Deutschland in der That beherrsche. Das gab bei ihm den Ausschlag, sein durchdringender Geist schaffte sich rasch Licht in den politischen Zuständen nach allen Seiten, er erkannte die Gefahren, von denen Deutschlands Freiheit und Größe bedroht wurde, er machte sich selbst frei von den Vorurtheilen, die ihn umstrickten, verwarf die Politik des Particularismus, in die ihn Detmold eingeführt, wurde national und erkannte den Beruf Preußens zur Führerschaft an, aber er verlangte ein von russischem Einflusse befreites, ein wahrhaft freisinniges und allem Particularismus aufrichtig entsagendes Preußen. Der Minister des Innern hatte indeß die Organisationsgesetze von demokratischem Schmuze gereinigt, sie waren so, wie der König sie bei Einsetzung des Ministeriums haben wollte, mißfielen aber auch in dieser Gestalt der Camarilla. Ernst August verweigerte seine Unterschrift; nur das provinziallandschaftliche Gesetz vom 1. August erhielt dieselbe und wurde publicirt. Bruno hörte täglich die Klagen der Minister, Referenten und Unterstaatssecretäre, daß mit dem alten eigensinnigen Könige nichts mehr anzustellen sei, daß er die Gesetze verschlossen habe, den Schlüssel beständig bei sich trage, und daß auch die hannoverische Maintenon ihm die Unterschrift nicht abschmeicheln könne. »Das ist also der Mann, der alles hält, was er verspricht«, sagte sich Bruno. Aber seit dem Tage von Olmütz und dem Eintritt Preußens in den Bundestag waren die Actien der Reaction um hundert Procent gestiegen, und was die Ritter noch im vorigen Jahre befriedigte, das genügte jetzt nicht mehr. Ja, der österreichische Gesandte glaubte es an der Zeit, das verhaßte Ministerium, welches den Anschluß Hannovers an den Zollverein zu Stande gebracht hatte, ganz zu beseitigen. Es waren die Gesandten in Wien und München, Graf Platen und Herr von dem Knesebeck, dann der Bundestagsgesandte von Schele und Graf Kielmansegge Anfang October in Hannover versammelt, um bei der Hand zu sein, wenn der alte König mürbe gemacht wäre. Schon vor dieser Zeit war von den versöhnten Mächten Oesterreich und Preußen ein Antrag bei dem Bunde gestellt, eine Bundespolizei zu gründen (8. Juli); es sollte der Bund an die Staaten, deren innere Zustände die allgemeine Sicherheit zu bedrohen schienen, die Aufforderung richten, die seit 1848 erlassenen Verfassungen und Gesetze einer Prüfung zu unterziehen und mit den Grundgesetzen des Bundes in Uebereinstimmung zu bringen. Herr von Schele war dahin instruirt gewesen, daß eine Einmischung in die innern Angelegenheiten eines Landes den Bundesgesetzen widerstreite. Als am 6. August Bundestagsprototolle von 1851, §. 116, S. 254–262. der sächsische Gesandte namens des politischen Ausschusses referirte und die Competenz der Bundesversammlung zu solcher Einmischung für unbestreitbar erklärte, befand sich Herr von Schele in Hannover, und Herr von Nostitz und Jänckendorf stimmte namens Hannovers für diese Bundescompetenz, entgegen dem Instructionsschreiben vom 14. Juli. Es war das die Sitzung, in welcher Legationsrath von Bismarck-Schönhausen an die Stelle von Rochow's eintrat. Damals hatten aber die hannoverischen Ritterschaften schon längst Beschwerden gegen die Verfassung selbst und gegen das Gesetz vom 1. August bei dem Bunde eingereicht, und der Gesandte von Liechtenstein stellte in der Sitzung vom 30. September den Antrag: 1) die Beschwerdeschriften der hannoverischen Regierung zur Abgabe ihrer Erklärung mitzutheilen; 2) dieselbe darum zu ersuchen, mit Gesetzen und Verfügungen gegen die Provinziallandschaften vorerst innezuhalten. Abgestimmt wurde am 3. October, und auf Antrag des Dr.  von Eisendecher, welcher von Schele vertrat, der Antrag mit dem Zusatze: »ohne daß dadurch den in der Sache in Betracht kommenden formellen und materiellen Vorfragen präjudizirt werden soll«, von der Majorität gegen die Stimmen Baierns, Hannovers, Badens, Luxemburgs und Limburgs, des großherzoglich hessischen Hauses, Braunschweigs und Nassaus wie der Freien Städte angenommen. Als auch die hildesheimischen und kalenbergischen Ritterschaften mit Beschwerden nachhinkten, ging der politische Ausschuß so weit, bei Mittheilung dieser Beschwerden auszusprechen (21. Oktober): »Er unterlasse es, diejenigen neuen Verfassungs- und Gesetzesbestimmungen näher zu bezeichnen, welche nach vorläufiger Ansicht des Ausschusses zu beseitigen seien, da er glaube annehmen zu dürfen, daß der Bundesbeschluß vom 23. August für Hannover Veranlassung genug gewesen sei, um eine Revision der Gesetzgebung seit 1848 zu veranstalten.« Das ging dem Gesammtministerium denn doch zu weit, und selbst Ernst August fühlte, daß das eine Mediatisirung durch den Bundestag und durch solche Staaten sei, die 1848 in anarchischen Zuständen sich befunden hätten, während in Hannover alles auf gesetzmäßigem und vertragsmäßigem Wege geschaffen war. Unser Freund erhielt von dem Ministerpräsidenten Auftrag zu einer entschiedenen und derben Zurückweisung des politischen Ausschusses, die er mit Vergnügen concipirte und welche am 7. November nach Frankfurt expedirt wurde. Das geschah zu einer Zeit, wo der im einundachtzigsten Lebensjahre stehende Ernst August schwer erkrankt war und alle nach Herrschaft dürstenden Ritter und Adeliche sich schon im Hoflager des blinden Kronprinzen sammelten, der mit dem Bundestagsgesandten von Schele wegen Uebernahme und Bildung eines neuen Ministeriums verhandelte. Ernst August starb am 18. November. Neuntes Buch. Jähes Ende welfischer, Anfang neuer Dinge. Erstes Kapitel. Der blinde König. Zu dem nämlichen Tage, an welchem Ernst August aus dem Leben schied, trat der blinde am 27. Mai 1819 geborene König, ohne daß irgendein Bedenken gegen seine Regierungsfähigkeit laut geworden, den Thron durch ein Patent an, in welchem er bei seinem königlichen Worte versicherte, die Verfassung unverbrüchlich zu halten, und das Staatsministerium wie die sämmtliche Dienerschaft (der »Staat« war weggelassen, der König war schon der Staat) in ihren Aemtern bestätigte. Schon nach vier Tagen war das Ministerium Münchhausen entlassen, Bruno auf Wartegeld gesetzt, Schele glänzte als Ministerpräsident, Herr von Brandis als Kriegsminister, zum Justizminister hatte sich der frühere Advocat Windthorst, der erste Katholik in einem hannoverischen Ministerium, aufgeschwungen. Oberstaatsanwalt Bacmeister wurde Cultusminister, der Regierungsrath von Borries Minister des Innern, später trat noch der Ritterschaftspräsident von der Decken ein, einer der eifrigsten Förderer der ritterschaftlichen Beschwerden bei dem Bunde. Georg zählte die drei englischen George als seine Vorgänger und nannte sich statt Georg II. Georg V. Die am 2. December zusammentretenden Stände nahmen die Thronbesteigung des Blinden als ein unabänderliches Factum. Kein Wort wurde laut von Regierungsunfähigkeit und Regentschaft. Es war ein verhängnißvoller Tag, dieser 2. December, denn nachdem die Sitzung kaum begonnen, brachte der Draht die Nachricht von dem Staatsstreiche in Paris, der Rettung der Gesellschaft durch einen Napoleon. Die Ritter jauchzten; glaubten sie doch an Stahl, der vorhersagte: jetzt, nachdem das parlamentarische Regiment in Frankreich einen Stoß bekommen, werde die Reihe auch an England kommen. Bruno zog nach seiner Dienstentlassung nach Göttingen zu seinem Oheim Gottfried Schulz. Dieser hatte sich dort am Eingange des Leinekanals in die Stadt eine freundliche Villa erbaut, von deren Thurm man eine Rundschau bis zum Meißner hatte, die Ruinen des Hansteins wie der Gleichen sah und einen Blick in die stundenweite grüne Leinemarsch that. Er war zum außerordentlichen Professor ernannt, hielt Vorlesungen über Naturrecht und Staatsphilosophie, malte viel in Aquarell, unterrichtete seine Töchter und lebte mit seiner kleinen niedlichen Jeannette ein schönes Eheleben. Bruno, schon ein ältlicher, oft mürrischer und unzufriedener Junggesell, hatte Hannover deshalb so schnell verlassen, weil ihm dort zu oft zwei ihm widerliche Gesichter begegneten, die des Grafen Guido von Schlottheim und des von ihm flügellahm geschossenen Justus Victor Haus von Finkenstein, die, von Georg V. zurückgerufen, bald die Seele der Camarilla bildeten, welche zum Verfassungsbruche drängte. Ihm fehlte ein Beruf, und so gab er sich Arbeiten hin, deren Erfolglosigkeit er voraussehen mußte. Er hatte in der Zweiten Kammer noch manche Freunde von 1848 her, wenn er auch von den Parlamentsmitgliedern mehr getrennt war. An diese richtete er eine Denkschrift, in welcher er die Frage über die Regierungsunfähigkeit des Königs anregte, welche er selbst 1839–41 oft genug erörtert hatte und die später 1844 von seinem Freunde, dem heidelberger Privatdocenten Oppenheim, wissenschaftlich in einer Druckschrift behandelt war, und er empfahl der Opposition, womöglich mit dem Herzoge von Cambridge Verhandlungen anzuknüpfen, um dessen Geneigtheit, eine Regentschaft anzunehmen, zu erforschen, dann aber die Frage in der auswärtigen Presse anzuregen. Allein man antwortete ihm, die Sache sei 1848 verpfuscht; es sei eine von den Bedingungen gewesen, unter denen das Ministerium zu Stande gekommen sei, den §. 17 der Verfassung nicht anzutasten. Da nun die Verfassung nichts von dem Eintreten einer Regentschaft bei Blindheit sage, so fehle jede Handhabe, ja es werde durch das Gesetz die Regierungsfähigkeit des Blinden stillschweigend anerkannt. Diese anzutasten, könne als Hoch- und Landesverrat angesehen werden. Wenn die Agnaten, namentlich der zur Regentschaft berufene Herzog von Cambridge, die Regierungsfähigkeit Georg's nicht zu bezweifeln schienen, wenn die Fürsten Europas ohne Ausnahme Georg als Regent betrachteten, was sollten die Stände da ausrichten? Außerdem sei durch die bevorstehende Inslebenführung der Organisation die Majorität Zweiter Kammer dem Ministerium zugefallen, und würde ein Versuch der Minorität den offenen Widerwillen des jungen Königs gegen Constitutionalismus und parlamentarisches Regiment nur verstärken und die von den Rittern intendirten Verfassungsänderungen beschleunigen. Endlich seien die Meinungen in Erster und Zweiter Kammer in Betreff des Vertrags mit Preußen schon so auseinandergehend, daß es dahin führen würde, jeden Parteiverband zu zerreißen, wollte man jetzt die Regentschaftsfrage noch auf die Tagesordnung setzen; denn hamburger Freihändler, kurzsichtige Weinhändler, beziehungsweise Weinfabrikanten, Tabacksfabrikanten und Cigarrenmacher vereint mit sonstigen Schutzzöllnern und Personen vom Hofe, unterstützt durch die österreichische Gesandtschaft, machten Complot gegen den Zollanschluß. Bruno selbst wußte aus guter Quelle, daß Georg den Vertrag vom 3. September nicht liebe, wie er den preußischen Vetter nicht liebe und die Dynastie der Welfen hoch über die der Zollern setze, und er sah ein, daß seine ständischen Freunde triftige Gründe hätten, seine Vorschläge als inopportun zurückzuweisen. Seit einem Jahre war er von Heloise von Barrò beauftragt, ihr väterliches und mütterliches Erbtheil herauszuklagen. Der Proceß war in Wolfenbüttel bei dem höchsten Landesgerichte anhängig; er benutzte nunmehr seine Muße, denselben nach Kräften zu fördern, und führte auch ein glückliches Ende herbei. Ihm selbst war die Advocatur zuwider geworden. So war es ihm denn angenehm, als er nach Inslebenführung der Organisation, wodurch viele Plätze in der Kammer erledigt wurden, von seiner alten Wahlcorporation wieder zum Deputirten gewählt wurde. Er schloß sich aus alter Anhänglichkeit der gemäßigten Opposition an, welche von Stüve geleitet wurde, und die es für Pflicht hielt, das Ministerium Schele, solange es bestrebt sei, die Einmischung des Bundes fern zu halten, nach Möglichkeit zu unterstützen. Dies war aber die ernste Absicht Schele's. Er wußte in Georg V., der auf nichts eifersüchtiger war als darauf, seine volle Souveränetät zu bewahren, den Gedanken wach zu rufen, daß eine Einmischung des Bundes ein Eingriff in seine königlichen Rechte sei, während die Camarilla und die Minister von Borries und von der Decken predigten: wenn die Einmischung auf Wunsch des Königs geschehe, so sei das kein Eingriff in die Selbständigkeit Hannovers und auch kein Bruch des königlichen Wortes, wenn der Bundestag eine Revision anordne. Schele versuchte das Möglichste, die Ritter zu versöhnen, deren Prätensionen sich jedoch fortwährend steigerten. Die zehn Gebote, welche das Ministerium 1852 den Ständen behufs einer Revision der Verfassung vorlegte, gingen zu weit, und als dasselbe im nächsten Jahre mit gemäßigtern Vorschlagen kam, auf welche hin ein verfassungsmäßiger Auftrag hätte gefunden werden können, war der König durch seine Umgebung schon zum Verfassungsbruche bestimmt, und das Ministerium ohne Halt. Gänzlich unberechtigte Einflüsse von Predigern, einem Friseur, dem Polizeidirector Wermuth machten sich geltend, die Minister konnten wochenlang keine Audienz bei dem Könige erhalten, und als gerade die wichtigsten Entscheidungen bevorstanden, im Juni, reiste der König mit seiner Gemahlin nach London. Hier waren um Prinz Albert mehrere deutsche Fürsten versammelt, der jetzige König von Preußen und Prinz Adalbert, der Großherzog von Mecklenburg, der Herzog von Sachsen-Koburg. Vielleicht wollte man in England versuchen, diesen Fürsten selbst klar zu machen, daß die Pflicht der Selbsterhaltung dem Deutschen Bunde gebiete, gegen den russischen Koloß, der die Türkei zu verschlingen drohte, Front zu machen. Bruno und andere Hannoveraner hofften, daß der Aufenthalt in England die Feindschaft des Königs gegen den Constitutionalismus mäßigen, und daß Prinz Albert den Rath wiederholen würde, auf verfassungsmäßigem Wege zu bleiben und sein Königswort zu halten. Allein Georg war auf der abschüssigen Bahn zu weit vorgegangen, er ertheilte von London aus Befehl zur Auflösung der Zweiten Kammer und beharrte auch in England bei der Verstellung, sehen zu können. So besuchte er in hannoverischer Artillerieuniform am 2. Juli Woolwich, und er, der notorisch Blinde, gab sich vor Europa die Blöße, sich die Stückgießerei daselbst, das Laboratorium und Wagendepot zeigen zu lassen, die Dinge zu besehen und zu beloben. Auf dem am Abend stattfindenden Hofballe wagte er jedoch nicht, die Königin Victoria oder seine Marie zu Tanze zu führen. Während letztere sich der Prinzessin Auguste von Preußen eng anschloß, vermied Georg die preußischen Vettern, ließ sogar seine Feindschaft gegen dieselben hervortreten. Am 4. Juli in die Heimat zurückgekehrt, begab er sich nach Norderney – hier wußten die Ritter seine schwache Seite zu finden; der Köder der Domänen lockte über alle Bedenken hinweg, die dem Bruche des königlichen Worts entgegenstanden. Schele war in der Schweiz, sein persönlicher Einfluß hörte auf. Die Hauptintrigue wurde aber erst in Schloß Rotenkirchen abgespielt, und sie verdient unsern Lesern mitgetheilt zu werden, weil sie dadurch ein richtiges Bild von dem blinden Könige bekommen. Die alte freie Hansestadt Eimbeck, berühmt durch ihr Bier und die verpfändeten Welfenhosen, liegt in einem nach allen Seiten, außer nach dem Leinethale hin, von Bergen eingeschlossenen Thale. Nach Norden ist sie durch die Hohe Hube und den Braunschweiger Hils, nach Nordwesten durch den sargartigen Hundsrück, nach Südwesten durch die Vorhügel des Sollings wie nach Osten durch die Vorberge des Harzes geschützt. Nach Südwesten liegt am Fuße eines bewaldeten Berges, der einst die Burg der Herren von Gruben auf seinem Rücken trug, ein alter Thurm als Ueberrest. Die Herren von Gruben, wie die Besitzer der nach Osten oberhalb des Fleckens Salzderhelden liegenden Heldburg, waren Raubritter, welche das Ilme- und Leinethal unsicher machten, und als um das Jahr 1270 Herzog Albrecht von Grubenhagen sich dort festsetzte, wurde von den Welfen das Räuberthum lustig weiter fortgesetzt bis in das funfzehnte Jahrhundert hinein. Die Herzoge von Grubenhagen trieben jedoch die Sache großartiger, sie zogen über die Weser hinüber und raubten aus dem Kattenlande Vieh und alle Habe, die sie fortschleppen konnten. So vereinigten sich denn 1448 der Landgraf Ludwig der Friedsame mit den Vettern des Grubenhageners, Heinrich dem Friedfertigen und Wilhelm dem Aeltern von Braunschweig, und den Söhnen des letztgenannten, sowie mit den Städten Braunschweig, Hannover, Göttingen, selbst mit dem Erzbischofe von Mainz, dessen Besitzungen im Eichsfelde gleichfalls von der Raubburg aus unsicher gemacht wurden, um dem räuberischen Herzoge das Handwerk zu legen. Dürfte man den Chronikschreibern trauen, so wäre die Feste Grubenhagen damals von 20000 Mann belagert gewesen. Wol schleuderten die beiden größten und berühmtesten Geschütze der Göttinger, der Makefrede und die Scharpe Grete, viele hundert Steinkugeln gegen die Thürme und Mauern der Grubenburg, schossen aber keine Bresche. Der göttinger Friedensmacher barst, und unter den Verbündeten brach die übliche deutsche Uneinigkeit aus. Der Landgraf von Hessen wollte die Burg für sich haben und behalten, wenn sie erobert wäre; das wollten die Braunschweiger nicht leiden; die Städter aber wollten die Burg brechen, das wollten wieder die Herren nicht, und so wurde Grubenhagen gerettet. Aber schon 1521 war die Burg dem Zahn der Zeit erlegen. Philipp der Aeltere fing an am Fuße des Berges Rotenkirchen aufzubauen, sein Sohn erbaute dort ein Ablagerhaus und eine Kirche. Als aber 1596 die Herzoge von Grubenhagen ausgestorben waren und die wolfenbüttelsche Linie Besitz ergriffen hatte, blieb das schöne Besitztum länger als zwei Jahrhunderte hindurch unbesucht von den Fürsten, die es besaßen. Auch der Reichsgraf Daru, dem es Napoleon schenkte, hat es nie gesehen. Erst als der Herzog von Cambridge Hannover namens seines Vaters, des irrsinnigen Georg III., beherrschte, oder richtiger namens seines Bruders Georg, des Prinz-Regenten, ließ dieser die frühere erste Beamtenwohnung zu einem Jagdschlosse umbauen und machte häufig auf großen Hofjagden den Solling unsicher, ohne dem übermäßigen Wildstande erklecklichen Schaden zu thun. Dem Könige Ernst August wurde Rotenkirchen ein Lieblingsaufenthalt; wir haben im Laufe unserer Erzählung schon einmal diesen Ort eine Rolle spielen sehen, und das hat denn den Verfasser bewogen, kurz bevor er dieses Kapitel schrieb, sich die Oertlichkeit näher zu betrachten. Ernst August ließ die Kirche zu einem Absteigequartier für seine Cavaliere einrichten, ebenso die zweite Beamtenwohnung, auch wurde auf Landeskosten eine Chaussee dorthin gebaut. Als ich auf dem etwa eine Meile langen Wege von Eimbeck diese Chaussee fuhr, kam mir derselbe Gedanke, der dem alten König, wie ich erst später hörte, in höchstem Zorne entfuhr, als er den neuen Weg zum ersten mal befuhr – er kreischte in der Fistel seiner Umgebung zu: »Welches verdammte Schweinehund hat diese Chaussee gebaut?« Und in der That, man findet hier, obgleich die Natur nicht das geringste Hinderniß zu einem schnurgeraden Wege bietet, viel mehr Schlangenkrümmungen, als die Chaussee von Burg Klam zum Semmeringkogel beschreibt. Mein Kutscher war glücklicher im Verständniß der Erklärung dieses Umstandes als der unglückliche Erbauer, welcher sich damals im Gefolge Ernst August's befand. Der König wollte es nicht als Entschuldigung dienen lassen, daß es damals noch kein Expropriationsgesetz im Lande Hannover gab, und daß die Grundeigenthümer, welche zwischen königlicher und Landeskasse nicht unterschieden, glaubten, die Chaussee würde aus königlichem Beutel bezahlt, und unverschämte Entschädigungen forderten. Das Volk aber ist mit dieser einfachen Erklärung, warum man die alten Wege, die sich nach Lage der Grundstücke krümmten, beibehielt, nicht zufrieden; es erzählt, der Baumeister habe eine schöne Wirthstochter im Dorfe Edemissen zur Geliebten gehabt, und um diese öfter zu sehen, habe er den Weg über dieses Dorf eingeschlagen. Rotenkirchen besteht, wenn man die Gastwirthschaft vor der Domäne, die Schweizerei im Holze, die Wohnung des Fasanenmeisters und Gehegereuters ausnimmt, aus einem Complex von etwa einem Dutzend Gebäuden, die einen sehr großen viereckigen Hofraum einschließen. Das sogenannte Schloß ist ein im vorigen Jahrhundert erbautes Haus mit Souterrain, Erdgeschoß und einem Stockwerk, neun Fenster breit, mit der Fronte nach Süden. Eine breite Freitreppe führt zu dem durch einen runden Windfang von der Hausflur gesonderten Eingange. Zwei Candelaber mit goldenen Kronen auf eisernem Untergestell zieren die Treppe. Georg pflegte die Zimmer des Erdgeschosses zu rechter Hand zu bewohnen, aus den Fenstern derselben hat er zu verschiedenen Zeiten zu der Bevölkerung, die ihm Ovationen brachte, zu den Harzern, die nach Rotenkirchen befohlen waren, zu der Schuljugend von Eimbeck und ihren Ludi-Magistern christlich-welfische Reden gehalten. Hinter diesem Empfangs- und Audienzsalon befindet sich der Speisesaal, der Parkseite zu. Im Stockwerk ist der Tanzsalon nebst verschiedenen Zimmern und Schlafgemächern; die Königin Marie pflegte in den letzten Zimmern nach Nordosten zu wohnen, mit der Aussicht auf den im schönen englischen Geschmack angelegten vierzig Morgen großen Park. Die Aussicht auf einen Teich, von herrlichen Baumgruppen umgeben, auf dem weiße Schwäne sich wiegten, war für das romantisch-fromme Gemüth der Königin ein wahres Labsal, wie sie sagte. Das Schloß war geräumig genug, um außer der nächsten Umgebung der Majestäten auch noch Besuch bergen zu können; für Cavaliere war aber durch Ernst August die Kirche zum Ablager und Logirhause bestimmt, das Schiff der Kirche zu Pferdeställen, darüber Kutscherwohnungen, über diesen eine Reihe Wohn- und Schlafzimmer, blaue, grüne, rothe Kammern, ein Musiksalon, Billard und Spielzimmer, mit einfachen weißgoldenen Tapeten geschmückt. Da man den Cavalieren nicht zumuthen konnte, durch die alte ausgetretene steinerne Wendeltreppe, welche zum Thurme führte, die obern Gemächer zu betreten, so hatte man das Schloß mit der Kirche durch eine bedeckte Galerie verbunden, von der eine hölzerne Freitreppe über die Kutscherwohnungen hinweg in die obern Räume führte. Der König und seine Gemahlin, nebst dem achtjährigen Kronprinzen und den fünf- und vierjährigen Prinzessinnen Friederike und Marie, weilten seit Mitte September in Rotenkirchen. Dahin wurden dann die Minister häufig befohlen und namentlich der Ministerpräsident von Schele. Seine Revisionsvorschläge hatten die Billigung der Märzminister und der besonnenern Oppositionsmitglieder, und Schele konnte die Erwartung hegen, daß bei einer Neuwahl Zweiter Kammer die jüngern Elemente der Opposition, welche auf die vertragsmäßige Entstehung der Verfassung, auf das königliche Wort und das Recht sich steiften und nichts von einer Aenderung wissen wollten, die über dreitausend Wählern zur Ersten Kammer das Wahlrecht entzog, schwerlich wiedergewählt würden. Der Ministerpräsident hatte nach seiner Zurückkunft aus der Schweiz seine Erwartung, bei Neuwahlen auf die Majorität rechnen zu können, dem Könige gegenüber ausgesprochen; dieser hatte ihm aber verschwiegen, daß er wegen des Deficits in seiner Kasse daran denke, auch das Finanzkapitel zu ändern, die Domänen in Selbstverwaltung zu nehmen, und daß er es nicht mehr für einen Bruch seines königlichen Wortes halte, wenn auf seine Anträge der Bund die Verfassungsrevision besorge. Während noch am 13. October Schele und Windthorst mit dem Könige auf Grund des ursprünglichen Ministerprogramms, den verfassungsmäßigen Weg innezuhalten, unterhandelten, ward schon am 15. von Lütcken nach Rotenkirchen berufen und mit ihm über die Bildung eines dem Willen des Königs gänzlich unterthänigen Ministeriums verhandelt. Die Vorbereitungen zu dem auf Neujahr bevorstehenden Zollanschluß erheischten mancherlei Besprechungen der Minister mit dem Könige, und so verging denn keine Woche, ohne daß der eine oder andere von ihnen nach Rotenkirchen berufen wäre. Die Südbahn war damals erst bis Alfeld vollendet, und das Reisen war beschwerlich. Schele, Windthorst und der Cultusminister von Reiche waren auf den 20. October nach Rotenkirchen beschieden. Als sie in Eimbeck ankamen, erkundigte sich Windthorst bei dem Löwenwirth, wann der Landdrost von Lütcken zurückgereist sei. Herr Eicke jedoch hatte den Herrn von Lütcken zwar nach Rotenkirchen abfahren, aber nicht zurückkommen sehen. Auf dem Wege nach dem Jagdschlosse erörterten die drei Staatsminister die Frage, zu welchem Zwecke Herr von Lütcken wohl in Rotenkirchen gewesen sei, ob freiwillig oder befohlen, und ob derselbe noch dort sei und bei Tafel erscheinen werde? »Ich glaube, daß Lütcken noch beim Könige ist«, sagte Windthorst, der von jeher ein guter Diplomat war, »und bin überzeugt, daß er mit Bildung eines Ministeriums beauftragt ist, wenn man seine Anwesenheit vor uns verheimlicht.« Die Minister kamen noch vor Mittag in Rotenkirchen an, und es war noch keine halbe Stunde verflossen, als Windthorst wußte, daß Herr von Lütcken heimlich im Cavalierflügel weile, und zwar in den Zimmern, die in spätern Jahren für den Kronprinzen reservirt waren, neben dem Musik- und Billardsaale. Der König befahl die Angekommenen zu Tisch. Hier erschien Lütcken nicht, derselbe wurde auch mit keinem Worte erwähnt. Windthorst wußte nun, woher der Wind wehte. Georg war außerordentlich freundlich, namentlich gegen Schele, er sendete demselben wiederholt seine Schnupftabacksdose, ließ sich von der Schweizerreise erzählen, erzählte selbst einige Anekdoten aus seinem londoner und norderneyer Aufenthalte, wie er den Emdenern den Standpunkt klar gemacht und ihnen gesagt habe, daß an eine Erweiterung der Emsschleuse und Verlegung des Fahrwassers nicht gedacht werden könne, solange die Stadt Emden Deputirte sende wie diesen Stadtrichter Buren, und Leer Leute wie den Amtsassessor Groß. »Ueberhaupt, mein Herr Justizminister, und Sie, Excellenz von Reiche, lassen Sie es sich gesagt sein, daß es zweckmäßig ist, die Justizbeamten sowol als die Geistlichen wissen zu lassen, daß wir entschlossen sind, landesväterliche Milde und Nachsicht unsern Dienern in Justiz, Verwaltung und im geistlichen Stande – ich denke da beispielsweise an die Pastoren Pfaff und Rese in Zweiter Kammer – nicht mehr zukommen zu lassen, wenn sie offen gegen unsere königliche Regierung Partei ergreifen. Wir dürfen von allen unsern Dienern erwarten, daß sie unsern landesväterlichen Bestrebungen entgegenkommen, nicht aber unserer Regierung in den Ständen, bei den Wahlen, in Zeitungen und Druckschriften entgegentreten. Dem constitutionellen Schwindel muß ein Ende gemacht werden. Ich kann mir keine Monarchie denken ohne Theilnahme der Ritterschaften an der Gesetzgebung.« »Ew. Majestät wissen«, fiel Herr von Schele ein, »daß Ew. Majestät getreues Gesammtministerium seit längerer Zeit darauf Bedacht genommen hat, den Ritterschaften wiederum einen größern Antheil an der Gesetzgebung zu gewähren, daß es aber, um auf gesetzlichem und verfassungsmäßigem Wege vorschreiten zu können, nicht auf die jüngsten Forderungen des Rittertags zu Celle eingehen kann, den Rittern die ausschließliche Vertretung des großen Grundbesitzes in Erster Kammer zu übertragen. Das widerspricht der Statistik und würde dazu unter keiner Bedingung die Zustimmung der Stände zu erlangen sein.« »Versparen wir dies Thema spätern Erörterungen«, sagte Georg, »ich würde vorschlagen, den Kaffee im Freien einzunehmen, wenn ich (er drehte den Kopf nach der Parkseite des Speisesalons) nicht sähe und hörte daß ein starker Nordwind durch die Blätter rauscht; begeben wir uns deshalb nach dem Musiksalon.« Damit war das Zeichen zur Aufhebung der Tafel gegeben. Der König und seine Gesellschaft erhoben sich und schritten durch die Galerie zu der Freitreppe. Excellenz Windthorst, der sehr kurzsichtig ist, hatte beim Abwischen der Brille eins der Gläser herausgedrückt und blieb etwas zurück, um das Glas wieder einzuklemmen. Ein königlicher Bediensteter kam ihm dabei zu Hülfe und flüsterte ihm einige Worte zu. Der Justizminister eilte dann den Voraufgegangenen nach, ohne Brille, und so verfehlte er den Eingang in den Musiksaal und traf unglücklicherweise das unverschlossene Zimmer, in welchem Herr von Lütcken bei einer Flasche Champagner allein dinirte. Das Gerücht sagt, daß bei diesem unvermutheten Zusammentreffen Excellenz Windthorst seine ganze Fassung behalten, der künftige Ministerpräsident aber sehr erschrocken sich gezeigt habe. Dennoch vergingen nach dieser Scene vier Wochen, ehe Georg V. dem Mohr Schele bedeutete, er könne gehen, er habe seine Schuldigkeit gethan. Der Macher unter Schele dem Vater, Lütcken, hatte Schele den Sohn verdrängt. Als der König bei seiner Abreise von Rotenkirchen am 1. November die Worte sprach: »Ich bete täglich zu dem Herrn für das Wohl meiner Unterthanen und hoffe, daß das Band, welches nun schon tausend Jahre zwischen den hiesigen Einwohnern und meinem Geschlecht bestanden hat, auch ferner noch lange fortbestehen möge«, da hatte er schon selbst Hand angelegt, dieses Band (das freilich viel später geschlungen war, da 855 noch kein Welfe einen Fuß nach Norddeutschland gesetzt hatte und die Gegend zwischen Weser und Leine von Raugrafen von Dassel und den Grafen von Nordheim beherrscht wurde, ja Grubenhagen nachweislich erst 1250 als eine welfische Besitzung erwähnt wird) zu zerschneiden. Denn ein König, der sein königliches Wort bricht, der verscherzt jede Liebe und jede Achtung seines Volkes; er hat es sich selbst beizumessen, wenn ihn das Volk vom Throne verjagt oder seiner Verjagung ruhig zusieht. Zweites Kapitel. Das Paradies im Westen. Vier Jahre früher, ehe »die lange Zunge«, wie die Indianer den Telegraphen nennen, über die Sierra-Nevada gebaut war, und drei Jahre, bevor eine Poststation von zwölf zu zwölf Meilen den Reisenden Lebensbedarf, Postkutsche und Pferde lieferte, war es eine schwierigere Aufgabe, den Weg aus der fünfhundertfünfundsiebzig Meilen weiten Wüstenstraße vom Salzsee bis zu dem jetzigen Virginia-Nevada, auf dem man nichts sah außer Salbei, Zwergcedern, Cactus, Sand und Alkalien, zu durchreisen, als heute. Was half es dem Kentuckier, daß er schon zweihundertfunfzig Meilen hinter dem Salzsee in dem später sogenannten Cyan-Cannon Spuren von reichhaltigem Silberquarz entdeckte, während er nach einer Quelle suchte? Die Bergschlucht, in der man sich bewegte, war unwegsamer, als vor hundert Jahren die Roßtrappschlucht gewesen sein mag, nur daß diese kühne Bergschlucht am Harz ein Zwerg ist gegen die Cyanschlucht, die sich viele Meilen weit zwischen Bergen, zum Theil mit ewigem Schnee bedeckt, hindurchzieht. Hellung declamirte nach Heine: Rings umragt von dunkeln Bergen, Die sich trotzig übergipfeln, Und von wilden Wasserstürzen. Weiter kam er nicht, denn er stürzte selbst eine ganze Strecke hinab, da er nicht auf den engen Pfad geachtet hatte, während er hinauf wollte. Man mußte den Ochsenwagen zurücklassen, und es war ein Glück, daß man auf alle diese Schwierigkeiten durch die Berichte der Mormonen aufmerksam gemacht war. Aber selbst um mit den Maulthieren und ledigen Ochsen um hervorspringende Felsen herumzukommen, bedurfte es häufig erst einer Wegebahnung durch Sprengung der Felsen. So stieg man in der Mitte der Schlucht langsam höher hinauf, wie ein künftiger Schienenweg es wol aushalten konnte, bis zu der Humboldt-Gasse. Hier war die letzte Höhe überwunden, denn man hatte jetzt an dem Humboldt-Flusse beinahe dreihundert Meilen lang den besten Wegführer, man hatte, wenn auch in einer Wüste, doch Wasser, Gras für die Thiere und Holz, um zwischen den Zelten, welche abends aufgeschlagen wurden, ein ordentliches Feuer anzumachen. Bei dem sehr langsamen Fortschreiten wurde die Expedition häufig von Auswandererzügen überholt, die nicht zu messen und zu nivelliren brauchten. Aber der Herbst nahte, und man hatte noch nicht die letzte Höhe des Sägegebirges überwunden, den über siebentausend Fuß hohen Salmon-Trout-River-Paß, und da man diesen Cannon im Winter nicht zu passiren wagte, nahm man Winterquartiere auf einer damals erst neuerrichteten Station, etwa hundert Meilen nordwestlich vom Humboldt-See. Es ist seitdem an diesem Orte die Leander-City entstanden, und von hier führt der Weg nordwestlich über den High-Rock-Cannon nach Oregon hinab. Die Station Leander hatte Mehlvorräthe aus Californien und durfte in den nächsten Wochen noch eine Winterversorgung erwarten. Man schlug die Zelte auf, breitete die Büffelfelle aus und fing an mit gemeinsamen Kräften ein Blockhaus zu bauen, wobei die ungemeine Geschicklichkeit des Kentuckiers sich nützlich hervorthat und die Auswahl der Feldmesser sich als vortrefflich erwies, da jeder von ihnen ein Bauhandwerk verstand. Nur einer war Schneider und wußte außer der Kette nur die Nadel zu handhaben. Es sammelten sich hier noch vor Beginn des Winters mehrere Züge Goldsucher, welche den letzten Paß gleich unsern Freunden in dieser Jahreszeit nicht zu betreten wagten. Während Hellung und sein Oberfeldmesser zeichneten, Zahlen verglichen und die Arbeiten der übrigen zusammentrugen, machte der Proviantmeister mit einigen Jägern und alten Trappern, die sich anschlossen, weitere Excursionen zu den nächsten Bergzügen und zu den großen Seen, welche die Nevada durchziehen, und brachte neben Bärenschinken, Hirschziemern und Keulenungeheuern große Seelachse mit zurück, sodaß die Ueberwinterung gut von statten ging. Die Ochsen hatten freilich daran glauben müssen, sie waren geschlachtet, allein der Stationsinhaber versprach, daß der erste Frühjahrszug von Californien neue Ochsen bringen solle, und daß er für die von unsern Freunden erbauten zwei Blockhäuser die Fleischspeisen zur Weiterreise und ein Paar gute Zugochsen liefern wolle. Als das Frühjahr gekommen war, stiegen unsere Freunde die Sierra-Nevada hinab. Da, wo sich heute schon eine ganze Reihe von Städten, Ortschaften, Minenlagern befindet: Virginia-City, Vashoe-City, Donton-Carson, Nevada, Placeville, – war damals nur Fort Churchill am Carsonflusse, an dessen Ufer man anfangs herabzugehen gedachte, doch wählte man später die etwas nördlichere Route; da wo heute schon Ansiedelungen von fünfhundert Häusern (so Corn-Hill) mitsammt dem großen Hügel, auf dem sie erbaut waren, fortgewaschen sind, war damals tiefe Einöde, namenlose Felsschluchten, steile Granitwände von fünfhundert bis funfzehnhundert Fuß Höhe. Heute sieht man Männer, ganz in Kautschuk gekleidet, tief in den Schluchten, hohen Felswänden gegenüberstehen – um diese mit Wasser zu vertilgen. Lächle nicht, holde Leserin, wenn ich dir erzähle, daß diese Kautschukmänner die Felsen des Hexentanzplatzes oder der Roßtrappe, die ja jede schöne Berlinerin heute kennt, in einigen Monaten herabsprengen würden, wenn sie ihre amerikanischen Mittel hätten. Denke, eine gußeiserne Röhre von einem Fuß im Durchmesser fängt einen Bach auf und führt ihn so senkrecht als möglich hundert oder mehr Fuß tief am Felsen hinab. Unten im Thal sind an diese gußeisernen Röhren Kautschukschläuche angeschraubt, von nur zwei- oder dreizölligem Durchmesser. Einen solchen Schlauch, der wie das größte Rohr einer Dampfspritze aussieht, würde der stärkste Mann nicht eine Minute auch nur drei Fuß in die Höhe halten können, wegen der ungeheuern Gewalt des zusammengepreßten Wassers. Es sind daher Vorrichtungen angebracht, die Kautschukschläuche vorn emporzuhalten, sodaß ein Mann das Rohr selbst leicht regieren, etwas höher oder tiefer, seitwärts nach rechts oder links richten kann. Mit diesem verdichteten Wasserstrahl wird nun eine solche Felswand aus hundert oder mehr Schritte Entfernung von unten angegriffen, während, wenn das Terrain günstig ist, und dies ist es in den meisten Fällen, ein oder mehrere ähnliche Schläuche, geführt von Männern, die funfzig oder hundert Fuß oberhalb der Angriffspunkte aufgestellt sind, in den Felsen, der angegriffen wird, von oben und in seinen Rücken hineinarbeiten, ihn gleichsam zersägen. Das Wasser bohrt sich gleich einem ungeheuern Bohrer in die festesten Kieselschichten, erweitert die kleinsten Felsspalten und in weniger als keiner Zeit stürzt mit Donnergepolter ein Koloß wie ein kleines Haus groß in den Abgrund hinunter. Jetzt lassen die Männer bei den Rohren ihre Arbeit ruhen, greifen zu den Pieläxten und Brecheisen, um die Kieskolosse und Quarze dem Wasserstrome in der Schlucht näher zu bringen und sie vollends mit Eisen oder Wasser zu zermalmen. Der Abfluß des Wassers geschieht durch einen langen hölzernen Trog mit schnellem Fall. Hier bleibt das Gold auf dem Holze liegen, während die schmuzigen Erdtheile und die Steine durch die Gewalt des Wassers in der Schlucht weiter hinabgetrieben werden. Der Hügel, auf dem die fünfhundert Häuser von Corn-Hill standen, wurde von den Bewohnern derselben, nachdem sie die Häuser selbst niedergerissen, in einem Frühjahr und Sommer hinweggewaschen und dafür Hunderttausende an Gold erobert. Unsere Freunde hatten aber nicht Zeit, die romantischen Schönheiten der Schluchten, die Herrlichkeit und Klarheit der Luft, die Durchsichtigkeit der Seen, die Ueppigkeit der Vegetation, und was es sonst zu schauen und zu bewundern gab, zu beachten; ihre Aufgabe war eine andere, sie brauchten oft tagelang, um einen passenden Weg um einen einzigen Felsvorsprung zu finden, und waren dann, wenn sie Glück gehabt hatten, auf demselben Punkte, von dem sie ausgegangen, nur so und so viel Fuß tiefer. Sie mußten nach den Punkten suchen und sie auf ihren Karten verzeichnen, wo Tunnels angelegt werden konnten, wo Galerien von einem Felsen zum andern gebaut werden mußten, wo die Felsecken hinwegzusprengen waren. Es wird in Californien jetzt eine Galerie Photographien vorbereitet, welche alle pittoresken Punkte auf der Bahn von Sacramento bis zum Salzsee enthalten wird; auf diese muß ich meine Leser vertrösten, wenn sie sich ein Bild von den Mühseligkeiten und Gefahren machen wollen, die unsere Reisegesellschaft bei dem Uebergange über die Sierra-Nevada zu bestehen hatte. Das Wort Sägegebirge bezeichnet den Charakter des gesammten Gebirgszuges gut; die ewig mit Schnee bedeckten Spitzen der am Fuße meist dichtumlaubten Berge gehen steil wie die Zinken eines Kammes in die Höhe, und durch ihre Schluchten und Abgründe galt es, einen Weg zu suchen, der an ewigen Schneeregionen hin der Locomotive demnächst als Pfad dienen könne. Dagegen wollen wir den Lesern einen Brief Hellung's an seine Frau nicht vorenthalten, in welchem er dieser die Entdeckung des westlichen Paradieses, das er zur Gründung der Stadt Hellungen ausersehen, meldet. Derselbe ist datirt San Francisco, 11. November 1856:   Liebe Marianne, theueres Weib! Deine beiden Briefe habe ich nach meiner Zurückkunft an hiesigem Orte vorgefunden und freue mich unendlich, daß Du unsere Trennung mit der Geduld treuer Liebe erträgst. Bedenke, daß ich nicht nur Dich, sondern auch die Kinder entbehre, deren körperliches und geistiges Wachsthum Dich doch täglich mit Freude erfüllen muß. Was Du über Wachsthum und Lernbegier des kleinen Revolutionärs schreibst, macht mich stolz auf den Jungen; laß die Mädchen treiben, was sie wollen, wenn Käthchen zum Malen Lust hat, so laß ihr den besten Unterricht geben, der in Pittsburg zu haben ist. Nur nicht zu viel Pianospiel, Du weißt, ich liebe die Klimperei nicht und es geht auch viel zu viel Zeit damit verloren. Daß es Baumgartens und Grants wohlgeht, setze ich immer voraus, wie könnte es anders sein. Mich tröstet über unsere Trennung der Gedanke, daß wir unsere alten Tage in einem Paradiese zubringen werden, und daß ich wie Du auf unsere Lebensarbeit mit Befriedigung werde zurückblicken können. Ich kann mir sagen: du hast an einem Weltwerke gearbeitet, an einem Wunderbau, wie die Erde ihn noch nicht gesehen hat; Du darfst Dir sagen, daß das Andenken an Dich, die Mutter meiner Kinder, und Deine ausdauernde Liebe mich bei dieser Arbeit nicht wenig gestärkt und ermuthigt hat. Vom aufgefundenen Paradiese und meinen Zukunftsplanen später, zuerst von den letzten Tagen. Wir leben hier nicht ohne Erinnerung an unser Vaterland. Gestern haben wir im Kreise deutscher Freunde Schiller's Geburtstag gefeiert und für eine in Dresden im vorigen Jahre von Gutzkow begründete Schiller-Stiftung 100 Dollars zusammengeschossen, um deutschen Dichtern und ihren Angehörigen in Fällen schwerer Lebenssorge Hülfe und Beistand zu gewähren. Wenn sich die Menschen erst in allen Welttheilen brüderlich helfend und unterstützend die Hand bieten, so kann vielem Unglück vorgebeugt werden. Du kannst Baumgarten auf die Stiftung aufmerksam machen, damit er die Sache einmal in der Loge zu den Cedern anregt; es gilt nicht, Almosen zu geben, es gilt nicht einen vorübergehenden Zweck, es gilt zugleich, deutsche Dichter von fürstlichen Pensionen, von Fürsten-Gunst und Gabe unabhängig zu machen, es will die Nation selbst ihre Dichter ehren und ihnen die leidigen irdischen Sorgen tragen helfen. Gern nähme ich ein halbes Dutzend deutscher Dichter, namentlich wenn ich sie mir auswählen dürfte, mit in mein Paradies, um dasselbe zu verherrlichen und uns die Arbeit zu versüßen. Wer weiß, ob nicht einige von ihnen meinen Einladungen folgen, wenn ich nur die Farben in meiner Schilderung ordentlich treffe, sie zu überzeugen, daß ich wirklich das Paradies gefunden habe. Dichter, wenn sie Spannung erregen wollen, bedienen sich des Kunstmittels, daß sie das Thema erst leise, dann stärker anschlagen, dann aber etwas Neues dazwischenschieben. So will ich es auch machen, meine Liebe, um Deine Neugierde recht zu spannen. Statt Dir gleich hier zu erzählen, wo, wie und wann ich das Paradies fand, schiebe ich die Beschreibung einer Fahrt nach einem Wunder der Erde, nach dem Erhabensten, was ich noch gesehen, ein. Wir können nämlich den Bau der Eisenbahnstrecke von Sacramento aus nicht eher beginnen, als bis man uns von Osten Schienen, Locomotiven, tragbare Städte und transportable Häuser geschickt hat. Vorläufig haben wir oberhalb Sacramento ein Dutzend Sägemühlen eingerichtet, die uns täglich Hunderte von Schwellen liefern. Genug, diesen Stillstand benutzte ich im Juni mit mehrern Freunden zu dem Ausfluge in das Yosemitethal. Das ist für Californien etwa das, was die Sächsische Schweiz für unser Sachsen, der Harz für die Küstenbewohner ist, nur mit dem Unterschiede, daß die Yosemitepartie um so viel großartiger und schöner ist als die Sächsische Schweiz, in demselben Verhältnisse, wie der Staat Californien größer und großartiger, reicher und schöner, von der Sonne und der Erde, von Wasser und Feuer mehr begünstigt ist als das Land des vielberühmten Juristen-Königs. Wir machten die Reise dahin, 265 Meilen, in vier Tagen, bis Nacklon 123 Meilen per Dampfer, nach Maripaso mit der Postkutsche 91 Meilen, von hier nach Withe und Hatsch zu Wagen; vom letztern Orte mußten wir dann 40 Meilen zu Pferde zurücklegen. Als wir aber am steilen Rande des Inspirationspoints vom Pferde stiegen und in das Thal des Mercedflusses hinabsahen, das Yosemitethal uns schräg gegenüber, da war es mir, als stände ich auf der steilen Felswand des alten Watzmann und sähe auf den Königsee, und ferner dachte ich an den schönen Tag, als Du an meiner Seite zuerst auf der Bastei standest und auf die Elbe herunter und nach dem Königstein hinaufschautest. Aber welcher Unterschied hier und dort! Hier: Riesenbäume, Tannen von 250 Fuß Höhe, sahen von oben wie kleine Zwergbäume aus, das weiter im Thale hinauf liegende Gasthaus wie ein Kartenhaus, der 60 Fuß breite Merced wie ein silberner Faden; ungeheuere Felsmauern mit monströsen Zinnen, Thürmen, Gestalten grauer, brauner, weißer Farbe, wie wir sie im Bodethale sahen, starrten unter und neben uns. Wir standen 3000 Fuß über dem Thale; die Bastei und die Roßtrappe sind kaum 1000 Fuß hoch. Wir brauchten zwei Stunden, um auf dem rauhen, schwindelnden, im Zickzack führenden Felspfade herabzureiten, und schwebten in beständiger Gefahr, kopfüber in einen der Abgründe gestürzt zu werden. Die Länge des Yosemitethals ist 5 Meilen, seine größte Breite dreiviertel Meilen, die Felsmauern, welche es einschließen, sind zwischen 2600 und 6000 Fuß hoch. Als wir etwa eine Meile weit im Thale hinaufgeritten waren, sahen wir am andern Ufer des Flusses die Felswand El Capitano in die Höhe steigen. Sie erinnerte mich lebhaft an den Rheingrafenstein im Nahethale, mit dem einzigen Unterschiede, daß der Kapitän gerade 3000 Fuß höher ist als dieser Fels, an den Du, unten vom Hüttenthale, auch nicht hinaufsehen konntest. Neben dem Kapitän taucht der Three-Brothers-Felsen mit drei Spitzen, etwa 3500 Fuß senkrechter Höhe, an dem linken Ufer auf. Wir ritten auf diesem Ufer und unter den Kathedralfelsen mit zwei 3000 Fuß hohen Spitzen, dem Sentinel und Mount-Colfax, sämmtlich über 3000 Fuß hoch, hinweg. Auf unserm Ritt überschritten wir zuerst den Bridal-Veil (Brautschleierwasserfall), einen Bach, der sich 940 Fuß von dem Felsen, von dem wir herabkamen, in den Merced ergießt. Nördlich im Schutze des Colfaxberges hat ein Schriftsteller, Hutchins, ein zweistöckiges Gasthaus erbaut, das die Aussicht auf den schönsten und höchsten Wasserfall der Erde gewährt. Der Yosemitefall stürzt nämlich etwa eine halbe Stunde von dem gegenüber dem Gasthause sich nach Norden erstreckenden Yosemitethale von einer Höhe von 2634 Fuß, in nur drei Absätzen, von denen der erste eine Höhe von 1600 Fuß hat; die Schnellen sind 434, der letzte Fall 600 Fuß. Ich glaubte in meiner Jugend wunder was zu sehen, als ich in den Salzburger Alpen den 300 Fuß vom hohen Göll herabstürzenden Schwarzbachfall sah; nun vergleiche selbst, das Verhältniß ist zu unserm schandauer und andern Wasserfällen der Sächsischen Schweiz etwa wie das eines Elefanten zu einem Lamm. Der Fall hat oben eine mindestens viermal so große Breite als der Schwarzbach, und wir waren im Anfange des Sommers. Wenn im April und Mai der Schnee auf dem nördlichen Dornberge schmilzt, der dem Bache das Wasser gibt, und derselbe statt wie jetzt in der Breite von 20 Fuß in einer Strecke von 40 bis 50 seinen Sprung zum Thale in drei Absätzen macht, das muß kaum für das Gehör zu ertragen sein. Der Niagara verliert unter dieser Felsmauer seine Bedeutung. Man kann den Fall einen Tag lang ohne zu ermüden betrachten, denn die verschiedenen Nuancen von Licht und Schatten, der wechselnde Stand der Sonne gibt demselben ein immer neues Ansehen. Dazu die ganze Umgebung. Nach Osten zertheilt sich das Thal, in welches der Merced von der Sierra-Nevada herabströmt, in drei Canons, mit ebenso viel Nebenarmen des Merced, und noch drei Wasserfällen von geringerer Höhe, aber größerer Breite, von denen der Nevadafall, der sein Wasser von dem 6000 Fuß hohen Süd-Domfelsen und dem dahinterliegenden Hochplateau erhält, in einer Breite von 40, im Frühjahr von 80 Fuß 700 Fuß hoch herabstürzt, um dann wieder wie frisch gefallener Schnee in die Höhe zu zischen. Schwerlich werden die noch unerforschten asiatischen Hochgebirge Aehnliches bieten. Wenn Du nun bedenkst, daß das Yosemitethal schon 4000 Fuß über dem Meere liegt, so wirst Du kaum glauben, wie reizend hier das Grün der Wiesen, wie abwechselnd das der Bäume ist. Ich sah hier zuerst den Madrona, den Gebirgslorber, ein Immergrün von der seltensten Schönheit, mit saftig grünen Blättern und einer Rinde, die sich jährlich abschält, und einen Stamm und Zweige von blaßrother Farbe zurückläßt. Die Cedern, Tannen, Zwergeichen und Zwergkastanienbäume kletterten bis oben an die 3000 Fuß hohen Felsen hinan. Wir blieben drei Tage in diesem Paradiese, in dem man Ost- und Nordwind nicht kennt und nur die feuchten milden Westwinde vom Stillen Ocean herüberwehen. Die Rückreise machten wir mit einem kleinen Umwege nach Maripaso, um dort die ältesten und gewaltigsten aller Pflanzenproducte der Erde zu sehen, den Sequoias-Hain. Ich hatte viel von diesen Riesenbäumen gelesen und gehört, aber ihr Anblick war dennoch im höchsten Grade überraschend. Denke Dir 200 Bäume von mehr als 12 Fuß im Durchmesser, 50 von mehr als 16 Fuß, 6 von mehr als 30 Fuß, die über Fichten von 200 Fuß Höhe noch einmal so hoch emporragen. Der größte dieser Riesen, »der umgestürzte Monarch«, liegt ast- und laublos an der Erde, er hatte einen Durchmesser von 40 Fuß, er war hoch über 400 Fuß. Der ansehnlichste der noch stehenden Bäume, Grizzly-Giant (Graue Riese) genannt, hat einen Umfang, daß 50 Pferde um seinen Rumpf her Platz finden. Zum Glück hat die Gesetzgebung dafür gesorgt, daß sich Menschenhände an diesen Naturwundern nicht versündigen; durch spezielle Congreßacte sind das Yosemitethal und die Big-Trees-Haine von Maripaso von den allgemeinen öffentlichen Domänen ausgeschlossen und dem amerikanischen Volke für ewige Zeiten als Vergnügungsort gewidmet, damit es an der Größe der Natur ein Vorbild nehme, selbst zu wachsen. Zahlen geben keinen deutlichen Begriff, ich will Dir daher einen tatsächlichen Anhalt geben, der Deiner Phantasie zu Hülfe kommen mag. Der größte Schornstein auf dem pittsburger Hüttenwerke ist etwa 200 Fuß hoch und hat an der Erde einen Durchmesser von 16 Fuß. Nun denke Dir den Durchmesser verdoppelt und zwei solcher Dampfschornsteine übereinander und Du wirst etwa einen Begriff von einem Baume wie der Graue Riese haben. Die höchste Spitze des Sanct-Stephan in Wien ist 435 Fuß, und, wenn Du Dich des Marktthurms in Hannover erinnerst, ist der 320 Fuß hoch, die höchsten unter jenen Bäumen sind also so hoch wie die Spitze des Sanct-Stephan, die Höhe des Marktkirchenthurms erreichen schon etwa sechzig Stück. Maripaso liegt etwa in der Mitte zwischen dem Ocean und der Sierra-Nevada, es wird beabsichtigt, vom Sacramento aus nach Süden eine Bahn zu bauen bis an die Grenze von Sonora, die sich bei Fort Yuma nach Westen wendet, an der Südgrenze von Razona sich nach dem Rio-Grande und El-Paso in Neu-Mexico zieht, dann zwischen diesem und Texas zu Rio-Pecos. Hier wird ein Zweig nach der Westgrenze von Louisiana und dem Golf von Mexico biegen, während der andere nach Nordosten zum Red-River und dem India-Territorium, dann nördlich zum Arkansas, und durch den Staat Missouri hindurch nach dem Ohio und Saint-Louis, zum Anschluß an die bestehenden Bahnen geführt werden soll. Das wäre der zweite Weg vom Stillen Ocean zum Atlantischen Meere. Ueber meine Reise nach Oregon bis an den Riesenstrom Columbia darf ich schweigen; ich habe einen ausführlichen Bericht davon an Thomas Durant gesendet, der in einem neuyorker Blatte gedruckt werden wird, den Du also zu lesen bekommst. Wenn Amerika der wunderbarste aller Erdtheile ist, Californien das wunderbarste Stück Land in diesem Erdtheile, so ist San-Francisco die wunderbarste aller Städte auf Erden. Hier, wo vor zehn Jahren nichts als eine baufällige Kirche und einige elende spanische Adobe-Hütten standen, hat sich eine Stadt erhoben, die seitdem dreimal vom Feuer beinahe gänzlich verzehrt, wie der Phönix schöner und schöner der Asche entstiegen ist, die mit Neuyork wetteifert und die wahre Königin des Westens, die größte Handelsstadt der Welt werden wird. Sie hat alles Zeug dazu. Zunächst einen Hafen, der die sämmtlichen Schiffe Europas und Amerikas aufnehmen kann; ein Hinterland von Gold und Silber, von Früchten jeder Art, vor sich den unermeßlichen Stillen Ocean. San-Francisco ist jetzt schon Weltstadt; alle Nationen der Erde sind hier vertreten, Chinesen und Japanesen, Türken, Perser und Javaner, Sandwichinsulaner und Australier, Neger aller Sorten, Europäer aller Staaten und Städte. Das Klima ist für jeden, der eine gesunde Lunge hat und etwas Wind vertragen kann, wundervoll. Jetzt im November sitze ich hier bei offenen Fenstern und fange den Duft von blühenden Rosen und Heliotropen ein, die im Garten vor dem Hause stehen. Auf den- Blumen und Obstmärkten sieht man Früchte, welche die in Europa gezogenen an Größe und Schönheit übertreffen: Aepfel und Birnen, Trauben und Feigen, Melonen und Ananas, Nüsse verschiedener Art, Kastanien. Ich habe nie eine Traube von köstlicherm Aroma gegessen als eine solche Catavbatraube. Dagegen sind unsere Trauben in Meißen Essig. Vor einigen Tagen hatte ich die Ehre, von dem Präsidenten der Sam-Yap-Compagnie, Chni-Sing-Tong, zu einem chinesischen Banket eingeladen zu werden (die Einladungskarte mit chinesischer Schrift lege ich bei), das in der Hang-Heong-Restauration, die fix und fertig von China herübergebracht ist, eingenommen wurde. Fünf runde Tische, an deren jedem neun Personen saßen, nahmen die Gäste, Amerikaner, Deutsche, Chinesen, auf, letztere im prunkhaftesten Nationalcostüm mit glattgeschorenen Köpfen und auf die Erde herabhängenden Zöpfen. Ein spaßhaftes Mahl. Sämmtliche Speisen wurden in kleine Stücke geschnitten herein gebracht und mit zwei langen Elfenbeinstäbchen, die man zwischen die Finger der rechten Hand nimmt und dann als Zange behandelt, gegessen. Die Anzahl der Schüsseln war ungeheuer, weit über hundert. Ich will Dir eine Reihe von Delicatessen nennen, die ich gegessen habe: Bambussuppe, Vogelnestersuppe, gesottenes Seegras, gedämpfte Pilze, Bananaspasteten, Haifischsehnen, getrocknete Austern, Skorpioneneier, Fische der verschiedensten Sorten, Kuchen, Confect und Obst. Dabei zeigten die Chinesen, daß sie Burgunder und Champagner zu würdigen wußten. Nach Tisch wurde eine sehr kleine Tasse schwarzen duftigen Thees getrunken, dann chinesischer Wein in kleinen porzellanenen Bechern servirt, der außerordentlich stark war. Mit Katzenpfoten und Rattenschwänzen, einer Lieblingsspeise der Chinesen, wurden wir verschont. Wenn ein Chinese ein Glas ergriff, um zu nippen, so verbeugte er sich zuerst gegen jeden der mit ihm am Tisch Sitzenden; die Himmlischen scheinen mir das artigste Volk der Erde zu sein, bei denen selbst unsere Sachsen noch viel lernen könnten. Doch nun zum Paradiese, das ich entdeckt, dem Ort, wo Stadt Hellungen erbaut werden soll. Im vorigen Jahre, als wir vom Cap Hoorn herabstiegen in die Ebene des Americanflusses, bot uns ein Landmann herrliche Kirschen und prächtige große würzige Erdbeeren zum Kauf. Wir ließen uns in ein Gespräch ein, und denke Dir meine Ueberraschung, als ich in ihm nicht nur einen Landsmann, sondern einen meiner frühern meißener Winzer erkannte, der, entlassen von meinem Nachfolger, mit seiner Familie und noch einigen Freunden in Californien sich niedergelassen hatte und daselbst Wein- und Obstbau betrieb. Seine Ansiedelung war etwa eine halbe Stunde von der Wegstrecke, die wir maßen, entfernt, und so mußte ich mich denn selbst von seiner Häuslichkeit und seinen Einrichtungen überzeugen. Primann, so heißt der Winzer, wenn Du Dich dessen erinnerst, hatte sich am Ausflusse eines Baches in den Americanfluß angesiedelt, der seinen Lauf von Norden nach Süden nimmt und nur nach Osten von einer bewaldeten Hügelkette begrenzt ist, die sich auch nach jenem Flusse hinaufzieht. An diese Hügel, die mit Nuß- und Kastanienbäumen, mit Kirsch- und Obstbäumen verschiedener Arten bestanden waren, hatten sich die Sachsen, drei Familien, in drei verschiedenen Häusern angebaut, und die Südseite der Hügel gegen den Americanstrom, an dem sie schon wilde Reben vorfanden, zu Weinbergen eingerichtet. Die Landsleute erhoben die Fruchtbarkeit der Gegend über alles; Weizen, Roggen, die Bäume, der Weinstock, alles trage zehnmal mehr Frucht, als sie es in Meißen gewohnt gewesen. Dazu ein Klima, wie man es nur wünschen könnte, alles ewig blühend. Im Winter nur einige wenige Nebel- oder Regentage, die Pfirsiche blühen im Februar, die Kirschen im März; kurz das schönste Land auf Erden, meinte die Winzerin. Eine Stunde oberhalb, erzählte der zweite Winzer, sei ein See von einer Klarheit, wie er ihn noch nie gesehen; er habe bis auf den tiefen Grund Steine und Muschelthiere erkannt; der See sei mit Forellen von seltenem Wohlgeschmack stark bevölkert. Ich ließ mich zu dem See führen, – der Weg geht durch ein Thal, das durchschnittlich etwa dreiviertel Stunden, an manchen Orten eine Stunde breit sein mag, je nachdem die Hügelketten, die es umschließen, sich mehr oder weniger dem Bache zuschieben. Der Boden war fruchtbar, das schönste Gras mit Tausenden gelber, rother, blauer Blumen, wie ich sie nie gesehen, durchwoben. An den Südabhängen der Hügel fand sich überall wilder Wein, sonst Bäume jeder Gattung. Das Thal wird gegen Norden durch einen breiten höhern Berg, den ich auf 500 Fuß schätze, abgeschlossen, aber Du darfst nicht außer Acht lassen, daß wir uns 50 Meilen östlich von San-Sacramento befinden, und daß das Thal 2450 Fuß über dem Meere liegt. Den See schätze ich eine deutsche Meile lang und eine halbe Stunde breit, und ich habe nie Abspiegelungen von dieser Klarheit gesehen, wie derselbe sie bietet. Von Süden ragt eine Reihe von Schneegipfeln der Sierra-Nevada über die Hügelkette am linken Ufer des Baches, die an hohe Silber- und Golddome erinnern, bei untergehender Sonne aber in Rosaroth funkeln. Diese mindestens noch 50 Meilen entfernten Bergriesen, mit dem schmelzend glühenden Karmoisin ihrer Abhänge und Hochthäler, spiegeln sich mit einer solchen Klarheit in dem See, daß ich, der den Rücken gegen die Nevadasägen gekehrt auf einer Erhöhung stand, glaubte, das, was ich im See abgespiegelt sah, wären die Schneeberge selbst. Wie wehten die Lüfte in diesem Thale so rein, wie lieblich dufteten die Blumen! Hier wollen wir Hütten bauen, hier wollen wir unsere Stadt errichten, die sich in dieser reinen Wasserebene spiegeln und an ihrer Reinheit und Klarheit ein Vorbild nehmen soll. Im Norden des Sees, mit der Aussicht auf die ewigen Schneeberge der Sierra-Nevada, von wo ich vielleicht in zehn oder funfzehn Jahren den Anblick haben werde, wie lange Eisenbahnzüge das Cap Hoorn hinaufarbeiten, hier will ich unsere Wohnung aufschlagen. Dieser Bach, der sich vom Berge hinab in den See ergießt, soll durch unsern Park seinen Lauf nehmen. Meine Hütte soll von Eisen sein und wenn auch nicht ein Palast, doch groß genug, daß sie alle unsere amerikanischen und deutschen Freunde und Verwandten aufnehmen kann. Die Construction meines Hauses trage ich schon längst im Kopfe mit mir herum, und ich werde Grant den Auftrag geben, ein solches für mich, und funfzig bescheidenere Wohnungen für die ersten Bewohner der Stadt aus Eisen zu gießen. Wir wollen weder nach Gold noch nach Silber graben; wir wollen in diesem Paradiese leben, wie es die Natur bestimmt hat und der menschliche Geist verlangt. Alle Bergabhänge nach Süden und Südwesten sollen mit Wein bebaut, in dem Thale sollen Maulbeerbäume angepflanzt werden. Der Bach hat einen starken Fall, sodaß er bis an seinen Ausfluß in den Americanfluß ein Dutzend Sägemühlen und Blechschmieden ertragen kann. Wenn erst an den Ufern des Sees von beiden Seiten ein Kai heruntergeht und Paläste aus Granit emporragen, dann kann Genf mit seinem vielgerühmten See gegen diesen Evasee, so soll er getauft werden, die Flügel einziehen. Wie kalt weht der Wind dort von den Alpen her! Unsere Schneegebirge lassen keinen Ost herüberwehen zum Stillen Ocean, dieser selbst bringt uns nur lieblichen warmen Zephyr. Hier, denke ich, kann es keinen Spleen geben; auch für den, der krank und schwach herkommt, muß sich alles rosenroth färben, und die Zukunft ist so glückverheißend, wie der Sonnenuntergang hier einen beständig heitern Himmel verheißt. O! wie wollen wir in diesem Garten nur unter Orangen, Citronen, Granatbäumen von unserer Arbeit ruhen. O! dieses Paradies, wo finde ich die Menschen, würdig, es zu bevölkern? Wie leicht muß es sein, in solcher Umgebung ein Mensch zu sein! Alles ist hier frisch, heiter, duftig, wie neu geboren. Blumen und Blüten, Felsen und Bäume scheinen in der kräftig erquickenden Luft erst wahrhaft zu leben, während sie im Osten und gar bei uns in Deutschland höchstens ein Traumleben führen. Du hast, lieber Schatz, ein Land, wo die Goldorangen blühen, höchstens in der Phantasie gesehen; wenn Du hierher kommst, sollst Du Mignon's Sehnsucht nach ihrem Vaterlande begreifen lernen. Wie freue ich mich darauf, Dich mit den Kindern hier zu haben! In meiner Phantasie steht die Stadt schon fix und fertig – ich sehe unsern Kentuckier unter die Maschine seiner Sägemühle Nr. 1 dicke Eichstämme und Tannen schieben, ich sehe meinen ersten Feldmesser neben mir auf dem Katheder. Denn Hellungen soll nicht blos eine ackerbautreibende Stadt werden, ich will eine Universität hier errichten, eine praktische, zur Ausbildung von Ingenieuren, Feldmessern; eine Musterackerwirthschule will ich errichten, ja was will ich nicht alles? Eine Kirche mag sich eine gläubige Gemeinde, wenn sie sich je in Hellungen finden sollte, selbst bauen, aber ich hoffe, der Evasee ist zu klar und hell, als daß sich die Schwarzen darin spiegeln möchten. Diese Wälder im Vergleiche zu euerm eckernhäuser Eichensünder verhalten sich wie ein Frühlingstag in Neapel oder hier in Californien zu einem häßlichen Novembertage in Deutschland. Also, Weib! freue Dich der Zukunft; Du sollst, soviel an mir liegt, den Himmel schon auf Erden haben und im Paradiese wohnen, wie meine Mutter darin wohnte. Erziehe die Kinder gut. Der Revolutionär soll ein guter Conservativer werden. Wir sind hier gottlob! nicht wie in Deutschland mit altem Schutt überladen, den wir fortschaffen müssen, wir haben einen jugendlichen Boden und müssen nur sorgen, wenn wir ihn bebauen, daß der Bau gut werde. Laß den Jungen ein Sternenbanner zum Spielen anfertigen, damit er früh anfange, es hoch zu halten, und die Union wie seine Mutter liebe. Nun zehntausend Grüße und Küsse; – träume vom Paradiese und der Stadt Hellungen. Dein Theodor . Drittes Kapitel. Brennende Liebe im Süden. Es ist Zeit, daß wir uns nach unserm Freunde Oskar Schulz umsehen. Aber wir würden den Leser ermüden, wollten wir auf seinen Fahrten ihm folgen. Mag es erlaubt sein, ein gleichsam erst entdecktes und neues Land, das mit Riesenschritten der Civilisation entgegeneilt, während die Spanier es Jahrhunderte hindurch versumpfen ließen, auch nach seinen Natureigenthümlichkeiten zu skizziren und, so gut es geht, zu photographiren. Die Orte, in welchen Oskar die nächsten Jahre sich aufhielt, die größern Städte in Virginien, den beiden Carolinas und Louisiana, sind zu bekannt. Die Baumwoll- und Zuckerbarone mit ihren Niggern bildeten vor einem Jahrzehnt und länger den Gegenstand Miß Stowe'scher und anderer sentimental frömmelnder Schilderungen, mit denen wir bald überspeist wurden. Ständen wir dem Anfange unserer Erzählung so nahe, wie wir dem Ende uns nähern, so würden wir nicht umhin können, aus der maurerischen Lehrlingsarbeit, die unser Freund an den Meister vom Stuhl zu den Cedern des Libanon entsendete, einige Bilder, Betrachtungen und Gedankenspäne mitzutheilen, da wir anerkennen müssen, daß unser Hannoveraner Land und Leute scharf beobachtete, und daß er die Dinge nicht vom egoistischen Standpunkte des Nordens ansah, sondern von dem Standpunkte, den schon Washington und andere große amerikanische Staatsmänner zu dem durch unglückliche historische Fügung einmal unsegensvoll Gegebenen eingenommen hatten. Er sah sehr wohl ein, daß es nicht die bloße Humanitätsfrage war, welche die große Anzahl der Nördlichen zu Antisklavereimännern und Vernichtern der Sklaverei machte, sondern daß die Tariffrage eine vielleicht noch überwiegendere Rolle spielte, und daß das politische Gefühl, erregt durch die Thatsache, daß die Südlichen bei Präsidentenwahlen im Congreß und im Senat als Sieger erschienen und den Norden zu Concessionen und Vergleichen genöthigt hatten, welche den in seinem Bereich gepredigten Principien schnurstracks entgegenstanden, stark mitwirkte, um die Humanitätsfrage in eine politische umzuwandeln. Er überzeugte. sich, daß die socialen Elemente im Norden und Süden grundverschieden waren; im Süden großer Grundbesitz mit Sklavenarbeit und aristokratischen Neigungen des Grundherrn, vornehmer Scheu vor eigener Arbeit, selbst vor ein wenig Geistesarbeit; – im Norden Arbeit, rastlose, bürgerliche, kleiner Grundbesitz, großes Kapital, Industrie, Handel und Rhederei. Das schienen ihm so bedeutende volkswirtschaftliche Gegensätze, daß er in der That erstaunte, wie die Union so lange zusammengehalten habe. Solange die Gesetzgebung hauptsächlich in den Händen des Südens lag, mochte es gehen, allein welch mächtiges Gebiet ohne Sklavenarbeit hatte der Norden in Californien, Oregon und andern Staaten gewonnen! Wie, wenn ein Präsident aus dem Norden aus der Wahlurne hervorging und die Majorität sagte: keine Sklavenarbeit! Oskar war auf seinen Wanderungen im Süden mit einem alten Bekannten zusammengetroffen, einem Collegen sogar, mit dem Dr.  Kellner, Herausgeber der kasseler »Hornisse«, vordem Privatdocent in Göttingen, früher Demokrat vom reinsten Wasser. Hier, im Süden, stand aber derselbe an der Spitze des größten richmonder Journals und vertheidigte das Sklavereirecht. Die beiden Deutschen kämpften manchen harten Strauß miteinander. Der Hesse hatte das leichteste Spiel; er berief sich auf die Constitution der Vereinigten Staaten, welche die Sklaverei anerkannte. Der Hannoveraner setzte dem Gesetze das Natur- und Menschenrecht entgegen und verglich die Berufung des Hornissenmannes auf die Constitution mit dem Pochen Shylock's auf seinen Vertrag um Menschenfleisch. Der Hesse sagte: »Die ganze Antisklaverei-Agitation ist aus dem Neide entsprossen, mit dem der Norden auf unsere jährlich steigende Ausfuhr an Baumwolle, Zucker, Taback, Reis sieht. Euer ganzer Osten ist längst europäisch corrumpirt. Beharrlicher Fleiß, Thätigkeit, Ausdauer reichen dort nicht mehr hin, sich emporzuarbeiten, dazu sind nur noch Unredlichkeit, Verschlagenheit, Schwindel, Humbug im Stande. Nennt das Volk in Neuyork seine vierzig Gemeinderäthe nicht schlechthin vierzig Diebe? Reicht die Bestechung nicht hinauf bis zum Weißen Hause? Wir sollen hier euern Fabrikanten und Industriellen zu Liebe unsere Kleider um 50 Procent theuerer und schlechter kaufen, als wir sie aus Europa beziehen könnten, und ihr wollt die Quellen unsers Reichthums vernichten, indem ihr dem Süden die Sklaverei raubt, ohne welche einmal Baumwolle und Zucker, Reis und Taback nicht mit Vortheil producirt werden können?« Oskar entgegnete: »Die Zeit des Uebergewichts des Südens ist vorbei, der Handel mit Menschenfleisch muß aufhören. Es wird euch nicht mehr gelingen, die Einwanderer durch den Namen Demokraten auf euere die Menschheit schändende Bahn zu locken, und ohne das seid ihr verloren. Droht nur mit Ausscheidung, man wird euch zu zwingen wissen, in der Union zu bleiben.« Wie die beiden Deutschen, so standen sich schon Millionen gegenüber, und unter dieser Masse waren viele selbstsüchtige, fanatische, unreine Elemente auf beiden Seiten, während jene Theoretiker die Sache an und für sich in Betracht zogen. Unser Freund aus Hannover hatte in seinem Vaterlande nicht Zeit gehabt, sich zu verlieben. Das ist nicht so lächerlich, als manche schöne Leserin zu glauben scheint. Ein unglücklicher Redacteur einer politischen Zeitung ist in einer Zeit, wo die Wogen so hoch gehen, als vom Jahre 1848 bis 1850 in Deutschland, in der That behindert, sich neben der Politik noch mit andern Dingen, seien es selbst die schönsten Augen, zu beschäftigen. Jetzt hatte Oskar Ueberfluß an Zeit, denn das Land- und Leute-Beobachten war gegen die auf einem Redacteur ruhende Arbeitslast das Leben eines Flaneurs. Er hatte von dem Meister zum Stuhle nur eine Gesellenarbeit zur Aufgabe erhalten, eine mehr statistische Arbeit, er sollte so genau wie möglich die Anzahl der im Süden befindlichen Logen zum Goldenen Ritter, Goldenen Zirkel, Weißen Ebenholz und wie sie sonst hießen, und ihrer Mitglieder erkunden und darüber nach Pittsburg berichten. Um ihm dieses Geschäft zu erleichtern, waren ihm das Zeichen und der Schurz einer vaterländischen Loge, nebst Gesetzen, Ritual und Symbolik zugeschickt. Er sollte sich für einen Bruder Freimaurer der ◊ zu G. ausgeben, die schon ihres Namens wegen im Süden Anklang fand, und sich, so oft es geschehen könne, als Gast in die Loge einführen lassen. Denn obwol der eigentliche Zweck dieser südlichen Logen meist nur auf Verbreitung und Schutz der Sklaverei gerichtet war, so wurde dies doch als Geheimniß der höhern Grade behandelt, in den Lehrlingslogen, in welche allein besuchende Brüder eingeführt wurden, hielt man sich an Allgemeinsten, spielte mit Symbolen und Ceremonien. Dieser Auftrag verschaffte Oskar Schulz an allen Orten auf die leichteste Weise Bekanntschaft und häufig auch Vertrauen. Er reiste als deutscher Naturforscher, und so wurde er denn leicht eingeweiht auch in das wahre Wesen des Geheimbundes, da es Leute gab, die es für wünschenswerth hielten, die Sklaverei auch wieder in Europa einzuführen, und die dem deutschen Reisenden gegenüber mit diesen großartigen Planen hervortraten. Seine Phantasie hatte reichlich Muße, sich nach allen Richtungen zu ergehen. In Richmond und Petersburg, in Columbia und dem georgischen Columbus, in Charleston und Montezuma sah er manche herrliche Frauengestalt an sich vorüberrauschen, Frauen französischer, spanischer, englischer, deutscher Abkunft, Jungfrauen, zierliche, üppig-volle, ätherisch-verduftende, lernte er kennen; manch flammender Blick begegnete dem seinen, aber dauernden Eindruck vermochte keine dieser Schönen auf ihn zu machen, ihm schwebten noch immer die Glutaugen vor, womit die creolische Schönheit ihn auf dem Deck des Elefanten angeblickt, er konnte die Grazie ihrer Bewegungen, die feine durchsichtige Haut des Gesichts, den kleinen Fuß mit den durchbrochenen Seidenstrümpfen, welche das zarte Blaßroth der Haut matt hindurchschimmern ließen, nicht vergessen. Er träumte bei Nacht, er träumte bei Tage, wenn er auf einer Hängematte hingestreckt die süßen Düfte der Orangengärten einsog und den Rauch der Havana in die blauen Lüfte sendete. Es lernt sich alles im Leben, auch das Nichtsthun. Als Oskar zwei Jahre in Virginien, den beiden Carolinas, Georgia und einem Theile von Florida zugebracht hatte, war ihm das Nichtsthun längst nicht mehr so lästig als im Anfang seiner Reise; er weilte Wochen und Monate da, wo es ihm gefiel, aber es zog ihn mit unwiderstehlicher Sehnsucht weiter nach Westen, es war ihm, als müßte er dort der Creolin wieder begegnen, welche einen so tiefen Eindruck auf ihn gemacht hatte. In einer Soirée in Charleston war er einer Creolin von ähnlicher Gestalt, gleicher Grazie, gleich glühendem Blicke begegnet, allein es war das nicht seine Schiffsbekanntschaft, die Dame kam direct aus Mexico und konnte kaum englisch sprechen. In Neuorleans glaubte er auf dem Deck eines stromauf fahrenden Dampfers seine Schöne zu gewahren, als die Landungsbrücke eben abgezogen wurde; er fuhr auf einem Dampfer, der wenige Stunden später abfuhr, drei Tage dem ersten Schiffe nach, und als er dasselbe bei Napoleon am Einfluß des Arkansas einholte, fand er, daß seine Augen ihn getäuscht hatten. Diese Thorheit brachte ihn, da seine Liebessehnsucht stieg, auf den vernünftigen Gedanken, jene Pflanzung am Red-River aufzusuchen, von welcher der Kapitän des Elefanten erzählt hatte. Fand sich, daß die ältere Creolin jene Doralice sei, die auf den Kapitän geschossen, so war es leicht, eine Annäherung zu vermeiden. War es denn aber nicht möglich, daß die Flucht des Kapitäns und der Schwester wie des Sklaven Brutus einen wohlthätigen Eindruck auf sie gemacht hatte? Jedenfalls war es nicht nothwendig, anzunehmen, daß die Tochter auf die Mutter artete; wenn die Tochter nach dem Vater artete, und dieser Vater der Kapitän war – und daß dem so sei, bildete sich unser Freund, ohne weitere Belege dafür zu haben, ein – so war die Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß sie das Gegentheil der Mutter sei. Die Reise zum Red-River wurde beschlossen, und da, wo an der nördlichen Grenze der Grafschaft Concordia die Entfernung des Rothen Flusses von dem Mississippi nur wenige Meilen beträgt, ließ sich Oskar aussetzen, miethete in einem Dorfe am Mississippiufer zwei Pferde und ritt, von einem Bauer begleitet, nach Natchitoches hinüber, sein Gepäck sollte mit dem Dampfer nachkommen. Natchitoches war ein kleines Städtchen von fünftausend Einwohnern, es hatte aber die Großloge zum Goldenen Zirkel von Neuorleans hier eine Filialloge gegründet, und so durfte unser Freund hoffen, Bekanntschaften anknüpfen und Erkundigungen über die Pflanzungen am andern Ufer einziehen zu können. Er erfuhr, daß in dem Städtchen ein deutscher Stellmacher und zwei Tischler wohnten, und daß an dem Fluß herunter mehrere deutsche Familien sich angesiedelt hatten, selbst ein deutscher Arzt hatte sich hier seit drei Jahren niedergelassen.. Es war natürlich, daß Oskar den deutschen Collegen zuerst aufsuchte. Er fand einen noch jugendlichen Mann in ihm, den die Theilnahme an dem badischen Aufstande im Jahre 1849 aus seinem Wohnsitze Rastadt nach Amerika geführt hatte. Mehrere Deutsche, die mit ihm über den Ocean kamen und sich am Red-River ansiedeln wollten, wo sie Freunde und Verwandte hatten, veranlaßten ihn, in Natchitoches sein Glück zu versuchen, und es war ihm günstig. Dr.  Bill, so hieß der Badener, hatte Glück mit Fiebercuren und war zehn Meilen den Fluß hinauf wie hinab ein gesuchter und beliebter Arzt auf den Pflanzungen; er stand zur Zeit im Begriff, sich mit der Tochter eines reichen Schiffbauers zu vermählen. Kaum hatte Oskar als Doctor der Philosophie und deutscher Naturforscher sich vorgestellt und der Landsmann vom Rhein seinerseits erzählt, wie er nach Natchitoches verschlagen sei, als ersterer anfing, nach den Pflanzungen am linken Ufer des Red-River zu fragen, welche im Besitze einer Witwe Amaria wären. Sie müßten sehr groß sein, denn es sollte ein Negerdorf mit 800 Niggers dazu gehören. »Ich kenne so ziemlich alle Ansiedelungen an diesem Flusse«, erwiderte der Arzt, »20 Meilen hinab und 30 hinauf; aber ich kenne keine Witwe Amaria, auch kein so großes Negerdorf. Gegenüber liegen stromabwärts zuerst vier kleine deutsche Ansiedelungen, die man hier mit dem Namen einer Pflanzung gar nicht beehrt. Jeder von unsern Landsleuten pflanzt zwar auch etwas Baumwolle, allein keiner hat mehr als ein halbes Dutzend erwachsene Sklaven, und die kleinen deutschen Flachsköpfe sind bei der Ernte in den Cottonfeldern ebenso thätig als die schwarzen, krausen Negerköpfe. Etwa zwei Meilen hinab liegt eine wahre Musterpflanzung, sie gehört einem Franzosen, der eine kleine allerliebste Pariserin sich zur Frau geholt hat. Drei Meilen weiter nach Süden stoßen wir auf einen Herrn Micks, Besitzer von etwa 300 Sklaven, eine der mir widerlichsten Persönlichkeiten in der ganzen Grafschaft. Er ist ein roher, plumper Geselle, aus Texas oder Neu-Mexico herübergekommen, und soll früher Sklavenfänger gewesen sein. Die Frau, zu deren Behandlung ich herübergerufen wurde, mag früher hübsch gewesen sein, aber der Gebrauch künstlicher Schönheitsmittel und der Genuß geistiger Getränke, vielleicht auch Opiums, hat sie heruntergebracht. Ich traf die Dame in einem Zustande unbegreiflicher Aufregung, den ich mehr einem Opiumtaumel als einem Champagnerrausche, wie der Mann es that, zuschrieb. Sie starrte mich mit so glänzenden, halb verrückten Augen an, und ihr ganzes Gesicht drückte einen solchen Zustand heftigsten Seelenschmerzes aus, daß ich mir erklären konnte, daß sie sich durch Laudanum habe vergiften und sich den Muth dazu durch Champagner habe trinken wollen. Es waren zwei Töchter in dem Gemache der Kranken, die in einer Hängematte lag; die älteste hatte den Kopf auf das Sofa gedrückt und schien zu weinen, ich habe von ihr nichts gesehen als schlanke, schmiegsame, gerundete Formen. Die jüngere Tochter, ein Mädchen von etwa dreizehn Jahren, suchte den Vater zu beschwichtigen, der wie ein Wütherich in dem Zimmer umhertobte und nicht übel Lust hatte, wie er sich ausdrückte, ›dem versoffenen Weibe den Verstand wieder mit der Sklavenpeitsche einzuprügeln‹. Ich entfernte mich, sobald ich konnte, und habe die Pflanzung nicht wiedergesehen.« Oskar stellte seine Fragen ein; er war durch die Antwort nicht mehr unterrichtet. Den Versuch, die Pflanzung selbst zu sehen, wollte er indeß wagen. Gehörte das Ziel seiner Träume einer Familie an wie die Micks, so würde er das Denken und Phantasiren von den Augen, die ihn schon drei Jahre lang verfolgten, um so leichter lassen können. Er hatte kein bestimmtes Reiseziel, und es konnte ihm gleich sein, ob er sich einige Wochen in Natchitoches oder weiter hinauf in Alexandria aufhielt, wohin er seine Reise zunächst fortzusetzen gedachte. Der Gasthof, in dem er sich aufhielt, gab bald Gelegenheit, die Honoratioren des Städtchens kennen zu lernen, und nachdem er sich einem Herrn mit einer Physiognomie, die ihm gefiel, und der ihm vom Wirthe als Freimaurer bezeichnet war, als Bruder aus dem Orient der Loge zum Goldenen Zirkel zu G. in Deutschland zu erkennen gegeben, folgten Einladungen in Familien und Ausflüge in die Umgebung. Bis zur nächsten Lehrlingsloge mußte Oskar noch den Vollmond abwarten, der eben erst Abschied genommen hatte. Das Leben bis dahin war mitunter langweilig und häufig schweiften seine Gedanken nach der Heimat, nach dem Bächlein der Rothen Leine, wenn er Tag für Tag von seinem Fenster aus den Red-River langsam und schwerfällig aus den westlichen Wüstenregionen zwischen Neu-Mexico und Indiana sich dem Mississippi zubewegen sah, mit denselben Dampfschiffen und Fleetbooten, die er am Tage zuvor schon gesehen zu haben glaubte. Dieses Leben und Treiben in Gasthöfen, Tavernen, Boardinghouses, Inns oder wie sie sonst genannt werden oder sich nennen, ist in Amerika noch von einer viel größern Eintönigkeit als in Deutschland, weil dem Amerikaner jede Anlage zur Gemütlichkeit und außerdem die Zeit fehlt, woran man in Deutschland Ueberfluß zu haben scheint, wie jedes Kaffee-, Wein- und Bierhaus, jede Tonhalle, jeder Club zeigt. In der eigentlichen Gaststube überall derselbe Schenktisch, nur mehr oder weniger elegant, mit den Flaschen und Caraffen dahinter, die von bunten goldbedruckten Etiketten strotzten, dahinter die Wein- und Champagnerflaschen oder Bierflaschen, überall dieselben Yankees, Plantagenbesitzer, Hinterwäldler, die stehend in weniger als keiner Zeit drei, vier oder mehr Gläser dieses oder jenes Getränks hinuntergießen. Sieht man ausnahmsweise einmal ein halbes Dutzend Männer um einen Kamin herumsitzen, so kann man eine Viertelstunde warten, ehe einer von ihnen ein Wort spricht, alle scheinen sich nur zu üben, den Tabackssaft mit Kunstfertigkeit und Eleganz in das Feuer zu spritzen. Diese Gastzimmer waren ihm unausstehlich, und nur die Noth trieb ihn hinein, wenn er in das »Neu-Orleans-Bulletin« oder eine sonstige Zeitung blicken wollte, deren Entfernung aus dem Trinkzimmer gegen die Sitte war. Zum Glück für ihn lief um die erste Etage des Neu-Orleans-Hotels, in welchem er wohnte, eine breite hölzerne Veranda ringsherum, und obgleich es gegen Ende Januar war, schien hier die Sonne so warm und herrlich, daß er den größten Theil des Tages im Freien zubrachte. Schon blühten die Pfirsiche an dem Hause empor, und Schlingpflanzen mancher Art kletterten an dem Geländer hinauf, öffneten auch wol schon herrliche Blütenkelche. Im Garten hinter dem Hause begannen Oleander und Granatblüten anzusetzen, Rosen zu knospen, Jasmin duftete seine betäubenden süßen Gerüche. Oskar saß da stundenlang, betrachtete das rege Leben auf dem Kai zu seinen Füßen, dem Landungsplatze der Dampf- und Flachboote, oder schaute stromabwärts nach dem jenseitigen Ufer, wo er sich hinter einem bewaldeten Hügel die Pflanzung mit der schönen Creolin phantasirte. Zu seinen Füßen saß ein schöner schwarzgelockter Hühnerhund, der zu seinem Herrn emporsah. Dieser hatte vor anderthalb Jahren von einem Auswanderer in Charleston den Hund, als er ein halbes Jahr alt war, gekauft. Das Thier, das es im Zwischendeck eines Segelschiffes auf der langen Fahrt schlecht genug gehabt haben mochte, gewöhnte sich schnell an seinen neuen Herrn und ward dessen unzertrennlicher Begleiter, der niemand in dessen Abwesenheit in das Zimmer einließ und nicht duldete, daß Sachen seines Herrn von Fremden berührt wurden. Oskar hatte sich bei seiner Unthätigkeit häufig mit »Hund Caro« beschäftigt und diesen außer der nöthigen Jagddressur noch manches Stückchen gelehrt, das ihm zur Unterhaltung diente. Caro konnte Thüren öffnen und zumachen, verlorene Sachen wiederfinden, Menschen stellen und schien alles, was sein Gebieter zu ihm sprach, zu verstehen. So saßen Herr und Hund eines Nachmittags auf der Veranda, als der Wagen des Arztes vor dem Hause anhielt. Der Hund sprang fröhlich auf, als er Wagen und Pferde erkannte, denn er wußte, daß es über Land ging. Ehe sein Herr sich erhoben, holte er für diesen Panamahut und Sonnenschirm aus der Stube. Oskar wurde roth und wieder weiß, als der Wagen vorfuhr, denn er glaubte, es sollte nach der Pflanzung des Master Micks gehen. Das war nun freilich nicht der Fall, es galt diesmal nur, die von dem Franzosen bewohnte Nachbarpflanzung zu besuchen. Man mußte über den Fluß mit einer Fähre setzen, zu einer Brücke wurden erst die Fundamente gelegt. Caro aber verschmähte das Fahrzeug, er schwamm voran, ohne sich durch die Strömung auch nur einen Zoll von der geraden Richtung abbringen zu lassen. Man fuhr am linken Ufer im schlanken Trabe nach Süden; die Wege waren gut, denn sie dienten den Pflanzern, um den Einladeplatz für Zucker, Baumwolle und sonstige Absatzproducte zu erreichen. Der Arzt erzähle dem Landsmanne, daß der Pflanzer, zu dem sie fuhren, ein Pariser sei, der vor etwa fünf Jahren die Pflanzung von einem alten Oheim geerbt und sich dann vor drei oder vier Jahren die Jugendgeliebte nachgeholt habe. Diese sei die Tochter eines altnapoleonischen Generals, ohne daß sie für den gegenwärtigen Beherrscher Frankreichs schwärme. Sie sei liebenswürdig und sehr lebendig, er fühle sich in ihrer Gesellschaft aber immer noch etwas unheimlich, da sie ihn wegen seines überrheinischen Französisch verspottet habe. Die Pflanzung lag etwa eine halbe Stunde weit von dem Ufer des Flusses, der sich hier stark nach Südost krümmte, hineingeschmiegt in einen grünen Wald von Ahorn, Eichen und andern Bäumen, der sie gegen Nordwestwinde schützte. Sie war überall der Straße zu in weitem Umfange von einer hohen regelrechten Fenz umgeben. Das Wohngebäude hatte nur Ein Stockwerk. Eine von hölzernen Säulen getragene Veranda umgab das Haus nach drei Seiten. Dieselbe war so tief, daß man eine nach zwei Seiten mit Gedecken zu belegende Tafel in ihr aufstellen konnte. Im ersten Stock war die Veranda nach Osten, Süden und Westen durch eine breite weiße Cottonbedachung, nach Art unserer Markisen, gegen Sonnenglut geschützt. Das Haus umgab ein prächtiger Garten, in welchem schon jetzt, Ende Januar, Orangen, Granaten, Convolveln, Juniperus, carolinischer Lorber, amerikanische Agaven und andere Blumen und Blattpflanzen das schönste Grün verbreiteten, in Tausenden von weißen, gelben, rothen Blüten erglänzten und einen Wohlgeruch aussandten, der die Sinne berauschte. Die Familie des Besitzers, Vicomte Eugen du Plessis, bestand aus Frau und zwei Kindern. Man saß unter der Veranda, um nach der Siesta Kaffee zu trinken. Das älteste Kind, ein Knabe, etwa zwei Jahre alt, spielte auf einer feinen Binsenmatte zu Füßen der Mutter mit einem weißbraunen Wachtelhündchen, das jüngere wurde von einem Mulattenmädchen in einer unter der Veranda befestigten Hängematte gewiegt und mit dem Pfauenwendel vor Mosquitos und andern lästigen Insekten geschützt. Ein Negerknabe nahm das Gespann des Arztes in Empfang und führte die Pferde in den Stall. Hund Caro, der gewohnt war, bei den Pferden sein Quartier aufzuschlagen, hatte sich, ehe noch der Arzt unsern Freund vorstellen konnte, auf die Terrasse und in die Veranda gedrängt, mit dem Wachtelhündchen und dem Knaben Bekanntschaft und Freundschaft geschlossen und sich benommen, als sei er hier zu Hause, was seinem Herrn sehr unangenehm war, da es ein Zeichen schlechter Erziehung schien. Allein der Vicomte empfing die Gäste mit so viel französischer Höflichkeit, und die Dame vom Hause nahm sich des schönen Hundes mit solcher Lebhaftigkeit an, daß er den eroberten Platz behaupten durfte. Der Arzt drückte seine Freude darüber aus, daß er die Familienglieder in vollkommenem Wohlsein beisammen finde, während er sich schon Gedanken darüber gemacht habe, daß eins der Kinder erkrankt sein könnte. »Zum Glück war diese Besorgniß grundlos«, erwiderte der Vicomte, »und ich muß um Verzeihung bitten, daß ich in flüchtiger Hast Ihnen nicht geschrieben, daß es sich um einen zwölfjährigen Negerknaben handelt, der auf der Pferdeweide von einem der Ponies abgeworfen ist und sich den Arm gebrochen oder verstaucht hat.« »Dann wollen wir sofort zu dem Kranken«, sagte der Doctor. »Nicht früher, als bis Sie diese Tasse Kaffee getrunken und sich eine Cigarrette oder eine Havana angezündet haben«, beschwichtigte die Pariserin. Das nahm für den eifrigen Berufsmann nicht lange Zeit in Anspruch, er begab sich mit dem Vicomte und einem alten Neger, der bei Krankheitsfällen als Gehülfe, Wärter, selbst als Arzt gebraucht zu werden pflegte, in das Cottondorf, das Zuckerdorf lag entfernter. Während Caro sich von dem jungen Vicomte ganz gemüthlich an den langen Ohren ziehen ließ und dem Wachtelhunde, wenn er über diese Freundschaft eifersüchtig zu belfern anfing, einen wohlgemeinten Schlag mit seinem Vorderfuße gab, begann Oskar mit der jungen Frau ein Gespräch in den üblichen Fragen, wie sie die Einsamkeit am Red-River mit dem schönen Paris habe vertauschen können, und diese begann zu erzählen: »Ein Oheim meines Mannes, der ein alter wunderlicher Kauz gewesen sein muß und in Frankreich ein schönes Vermögen besaß, hatte sich kurz vor der Zeit, ehe Napoleon Louisiana verkaufte, hier angesiedelt, diese Pflanzung nach seinem Geschmack erbaut, zwei Negerdörfer für die Baumwoll- und Zuckersklaven eingerichtet. Er hat beinahe nur seinen Sklaven gelebt, da er die Bildungsfähigkeit der Neger zu seinem Hauptstudium machte. Die Schulen, welche er eingerichtet, sind wahre Musterschulen, sie werden deshalb von unsern südlichen Nachbarn, welche Ausbildung ihrer Sklaven einem Verbrechen gleichachten, nicht geliebt und sind oft in öffentlichen Blättern verspottet und verleumdet worden. Entdeckte der Alte bei irgendeinem Negerknaben oder Mädchen eine besondere Fähigkeit z. B. zum Zeichnen, Rechnen, so sendete er dieselben nach Neuyork oder Philadelphia, um sie ausbilden zu lassen. Dadurch hat er die größten Erfolge erreicht; unter denen, welchen er Freibriefe gab, sind die bedeutendsten Mechaniker, Künstler, Gelehrten der Union, sogar ein Astronom. Die hiesigen Sklaven behandelte er wie seine Kinder; jede Familie erhielt ihr eigenes Häuschen und so viel Weideland, um eine Kuh zu ernähren, obgleich man hier den Luxus einer Kuh für eine Negerfamilie nicht kennt; außerdem wurde für jedes der Dörfer noch ein gemeinsamer Weideplatz für das Vieh am Flusse reservirt. »Das größere Gebäude, welches Sie dort über die Ahornbäume emporragen sehen, ist die gemeinsame Schule; der Lehrer ist im Dorfe geboren, ebenso ist der Prediger ein Neger. Sie finden im Dorfe jedes Handwerk vertreten, denn was der Sklave nach Feierabend schafft, erwirbt er für sich selbst. In Neu-Orleans wird manches als pariser Arbeit verkauft, was hier im Dorfe gemacht ist. Die feinsten Schnitzeleien in Elfenbein und Holz werden von plumpen Negerhänden geschaffen. Ich will Ihnen später ein Kästchen zeigen, das Sie von japanesischer Arbeit nicht werden unterscheiden können. Der Künstler, welcher es verfertigt, schnitzt jetzt die beiden Dörfer, Schule und Kirche, Garten und Bäume, und mein Mann will das Kunstwerk zu der im nächsten Jahre in London stattfindenden internationalen Weltausstellung senden. »Doch, um wieder auf den frühern Besitzer der Pflanzung zurückzukommen: derselbe hatte in einem in Natchitoches niedergelegten Testament meinen Mann zu seinem Erben eingesetzt, unter Bedingungen, welche in einem in Paris deponirten Codicill enthalten seien. Darin war meinem Manne auferlegt, diese Pflanzung funfzehn Jahre selbst zu bewirthschaften, in dem Geiste, wie es der Testator gethan, den Negern Vater und Berather zu sein und sie zu der möglichsten Bildung heranzuziehen. Er dürfe keinen Neger je verkaufen, solle jedem einen Freibrief geben, der zu einer Kunst oder Wissenschaft besondere Befähigung zeige. Endlich, spätestens nach funfzehn Jahren, sollte er sämmtliche Sklaven, Männer, Frauen, Kinder, freigeben und ihnen die beiden Dörfer, Schule und Kirche, mit allem Weide-, Cotton- und Zuckerrohrlande, zum Eigenthum überweisen, um hier eine ikarische Republik, einen kleinen Negerstaat zu bilden. Nur dieses Haus mit Garten, Park und Wald sollte meinem Manne eigen bleiben. »Wenn Sie, mein Herr, sich schon einige Zeit hier im Süden aufgehalten haben, so können Sie sich denken, daß diese Testamentsbestimmungen hier Geheimniß bleiben müssen. Ahnten unsere Nachbarn die Absicht des Testators, der Welt zu zeigen, daß ein Nigger ebenso bildungsfähig sei als ein Weißer, wüßten sie, daß jetzt nach zehn Jahren hier eine freie Negercolonie entstehen soll, man würde unsere Pflanzung mit Feuer und Schwert vertilgen. Der alte Oheim spricht in seinem pariser Codicill freilich die sichere Erwartung aus, daß in zwanzig Jahren die Sklaverei in der Union nicht mehr bestehe, eine Vorhersagung, der ich nach dem, was ich hier erfahren, freilich wenig Glauben schenke. Würde die Sklaverei schon vor Ablauf von funfzehn Jahren gesetzlich aufgehoben, so ist mein Mann seines Aufenthalts hier entbunden; er hat alsdann nur den Niggern ihr Eigenthum zu überweisen. Darauf tritt er aber die eigentliche Erbschaft erst an. Diese besteht in einem Palais in Paris, in einer französischen Rente von 20000 Francs und in einer englischen Rente von 1000 Pfund Sterling in Consols, welche Gegenstände durch zwei pariser Notare bis dahin verwaltet werden, um Zins zu Zins zu schlagen. »Mein Gemahl war bis dahin Kapitän bei der reitenden Artillerie, ein Vicomte ohne Herrschaft, der von seinem Solde leben mußte, da das Kapital, welches sein Vater, der Emigré, von den Entschädigungsmillionen für die während der Revolution confiscirte Vicomtie erhalten hatte, von diesem aufgezehrt ist. Er war Republikaner und kein Freund der Bonaparte und wußte, daß, seitdem Louis Napoleon auf dem Präsidentenstuhle saß, auf Beförderung für ihn nicht zu rechnen war. »So nahm er denn seinen Abschied, reiste hierher, um sich die Besitzung und ihre schwarzen Bewohner anzusehen, und schrieb darauf mir, ob ich sein Schicksal theilen, hier länger als ein Jahrzehnt, einsam unter Schwarzen, mit ihm zubringen wolle. Es kam mir zwar spaßhaft vor, daß ich Negermutter werden und statt in den Lustgärten von Paris, Versailles, Fontainebleau und in den Theatern an der Seine in den Urwäldern am Red-River meine besten Lebenstage verbringen sollte, dagegen lockte die Beschreibung des paradiesischen Gartens und Parks, wie die Photographie dieser Wohnung, die mir Eugen sendete, und dann, außer der Liebe zu Eugen, eine kleine Schwäche aller Pariser, die ich Ihnen verrathen will, Herr Doctor! Wir Pariser finden uns in der ganzen Welt zurecht, wenn wir nur die Aussicht haben, in unsern alten Tagen in Paris leben, womöglich gut leben zu können. Ich bin also Eugen hierher gefolgt und bereue es nicht. Fünf Jahre sind seit der Testamentseröffnung verflossen, die andern zehn Jahre werden auch noch hingehen; die Gegend ist schön und gesund, die Wohnung selbst und der Garten vorzüglich, die schwarzen Menschen sind vortrefflich, gutgeartet, geschickt, willig und bildungsfähig. Wir haben nur Eine Klage: unsere Nachbarn taugen nichts. Nach oben hin haben wir uns zwar wenig zu beklagen; es wohnen dort Deutsche mit wenig Sklaven, die sie gut halten; ihre Sklaven senden ihre Kinder in unsere Negerschulen und besuchen unsere Kirchen, wir haben gegen Liebschaften unter unsern und den Sklaven der Deutschen nichts, da sie regelmäßig zur Heirath führen. In diesen Negerehen aber herrscht eine Liebe und Treue, an der wir Europäer uns ein Beispiel nehmen könnten, wenigstens die Männer. »Aber desto schlimmer sieht es den Fluß hinab aus. Unser nächster Nachbar, Master Micks, ist ein Sklavenpeiniger, schlimmer als Frau Stowe ihn geschildert. Er war früher, wie ich mir habe erzählen lassen, Sklaveneinfänger, der seine und seiner Bluthunde Dienste an Pflanzer vermiethete, denen Sklaven entflohen waren, wie das oben am Mississippi nichts Seltenes sein soll. Der Besitzerin der nächstgelegenen Pflanzung war nun vor Jahren ein Nigger und ein Quadronenmädchen entflohen, und sie nahm zu dem berühmten Einfänger ihre Zuflucht. Dieser hat die Sklaven nicht, wohl aber die Herrin selbst eingefangen und geheirathet, und nun gleichfalls eine Musterwirthschaft dort eingerichtet, dem Oheim zum Aerger. Die Sklaven, welche er vorfand, waren ihm, wie er sagte, durch Milde und die Nachbarschaft verdorben, er hat sie sämmtlich verkauft. Er wollte den Pflanzern Louisianas zeigen, wie allein die Peitsche den Nigger regiere, und machte öffentlich bekannt, daß er träge, faule, ungehorsame, widerspenstige, böswillige Nigger kaufe, da er ein Mittel habe, sie zu zähmen, und kaufte von Saint-Louis bis Neu-Orleans herab 300 Stück seit Jahren mishandelter, störrischer, verthierter Nigger zusammen, denen er in zwei frühern Genossen Sklavenaufseher der rohesten Art gab. Er vermaß sich, mit den 300 zusammengekauften Sklaven mehr Arbeit zu verrichten, als die 800 Sklaven des Herrn Amaria verrichtet hätten.« »Amaria?« fragte Oskar halb erschrocken, halb erfreut, und wurde blaß und wieder roth. »Ja! Amaria, das war der Name seines Vorgängers, dessen Witwe er geheirathet«, versetzte die Französin. »Ist Ihnen der Name bekannt?« »Nicht doch«, stotterte jener, und die Erzählerin fuhr fort: »Micks regiert durch Furcht und Schrecken, soll aber die Pflanzung sehr herabgebracht haben; seine vorjährige Cottonernte wie Zuckerernte wurde durch die unserige bei weitem übertroffen, obgleich jene Pflanzung größer ist und er hundert Sklaven mehr besitzt. Selbstmorde der Nigger sind bei ihm an der Tagesordnung, obgleich der Neger an sich lebenslustig ist und harte Arbeit wie Schmerzen zu ertragen weiß. Ebenso schlecht als seine Neger behandelt er seine Frau und seine Stieftochter, und doch ist diese, meine einzigste Freundin hier, ein Engel von Schönheit, Milde, Sanftmuth, Menschenliebe, die hinter dem Rücken des Stiefvaters manche Thräne zu trocknen weiß. Es ist mir oft unbegreiflich gewesen, wie Hermine ihre Seelenreinheit in solcher Umgebung hat bewahren können. Denn die durch brutale Behandlung zur Verzweiflung gebrachte Mutter hat sich schrecklichen Lastern hingegeben, sie raucht Opium, berauscht sich in Champagner und sonstigen Spirituosen. Die Stiefschwester artet auf den Vater und ist so häßlich und böswillig wie er selbst.« Unserm Freunde war bei dieser Erzählung heiß und kalt geworden; es war kein Zweifel, er hatte das Urbild seiner Träume gefunden, die Hermine der Erzählerin war niemand anders als jene Creolin, deren Augen ihm seit drei Jahren keine Ruhe ließen, nach denen er seit jener Zeit mit unwiderstehlicher Sehnsucht sich umgeschaut hatte. Es trat eine Pause in der Unterhaltung ein, da Oskar in träumerisches Nachdenken versank, aus dem er erst durch das Anschlagen des Hundes Caro geweckt wurde. Der Vicomte und der Arzt kamen zurück, letzterer hatte den verrenkten Arm des Negerknaben wieder eingesetzt und dann mit dem Vicomte beide Negerdörfer Haus bei Haus besucht, alle Männer, Frauen und Kinder aber im besten Wohlsein befunden. Die Luft draußen wurde vom nahen Fluß her nebelig, die Mosquitos und anderes geflügeltes Ungethüm wurden zudringlicher, die Hausfrau nöthigte die Gäste in das Haus, Caro wurde zu den Pferden gebracht. Die Zimmer neben der Veranda waren nach neuester pariser Mode eingerichtet. Oskar bewunderte die japanesische Arbeit des Negers, die schönen Elfenbein-Schnitzereien von derselben Hand und nahm dann, während der Vicomte und der Arzt sich über Congreßpolitik unterhielten, ein Album zur Hand, um darin zu blättern. Es waren Bleistift- und Kreidezeichnungen aus der Umgegend von Paris, wahrscheinlich von der Frau des Hauses; auch einige Aquarellmalereien. Unter diesen fesselte ein Bild die Aufmerksamkeit unsers aufgeregten Freundes in hohem Maße: eine mächtige Eiche, in ihrem Herbstkleide, an deren Fuße zwei Kinder mit schwarzen Lockenköpfen und schwarzen glänzenden Augen saßen und, wie es schien, zu dem Maler erstaunt emporblickten. Das Bild kam Oskar so bekannt vor, als müsse er es schon gesehen haben, dennoch erinnerte er sich nicht wann und wo. Während er noch auf das Blatt starrte, trat die Hausfrau wieder in den Salon, nahm ihren Platz neben ihm und betrachtete das Bildchen gleichfalls mit Interesse, wie es schien. Plötzlich glaubte Oskar in einigen zu Tage liegenden Wurzeln des Baumes das Autogramm seines Vetters Gottfried Schulz zu erkennen und erinnerte sich nun auch, ein gleiches Bild, in etwas roherer, flüchtiger Skizze, in dessen Sammlung gesehen zu haben, ja er wollte sogar die ganze Behandlungsweise des Vetters erkennen. Mit sichtbarer Erregtheit sagte er zu seiner Nachbarin: »Gnädige Frau, darf ich fragen, wer dies gemalt hat?« »Sehen Sie einmal die beiden Kinder an«, erwiderte diese, und zwar zu seinem Erstaunen wie zum Erstaunen seines Freundes, des Arztes, im reinsten Deutsch, »ob Sie keine Aehnlichkeit zwischen einem der Kinder und mir entdecken?« Oskar sah sie an und schüttelte mit dem Kopfe. »Und doch bin ich eben das kleinste dieser Kinder, Anne Marie de la Colombière, vor sechzehn oder siebzehn Jahren, und der Maler ist der Mann meiner Schwester Jeannette, den ich damals im Walde von Fontaineblau zuerst entdeckte, als er die Eiche skizzirte.« »Also meines Vaters Brudersohn, der Professor Gottfried Schulz?« »Ihr Vetter, der Professor?« fiel sie lebhaft ein, »dann sind wir ja cousins à la mode Brétagne . Das ist ja vortrefflich, da werde ich Sie hier halten, so lange es meine schwachen Kräfte vermögen, und wenn diese nicht ausreichen, so müssen die Eugen's helfen.« Dieser war aufgesprungen, umarmte den neuentdeckten verschwägerten Verwandten, und seine Frau that desgleichen. Daß sich Oskar gern halten ließ, war selbstverständlich, hatte er doch hier die beste Gelegenheit, sein Traumbild näher kennen zu lernen. Man war noch in Erörterung der verwandtschaftlichen und persönlichen Verhältnisse begriffen, als Hermine Amaria auf einem schwarzen Pony, begleitet von einem riesigen Neufundländer, in das Gartenthor einritt und vor der Veranda abstieg. Anne Marie jubelte auf und umarmte die Freundin; der Vicomte wie der Arzt traten ihr oben entgegen. Oskar konnte nicht zurückbleiben. Die Abendsonne leuchtete in das feingeschnittene, zarte, durchsichtige Gesicht der Creolin, die am Arme oder eigentlich in den Armen der Freundin die Stufen zu der Veranda hinauftrat. Als sie hinter dem Vicomte und dem Arzte aber das bärtige Gesicht unsers Freundes plötzlich hervorschimmern sah, und die Freundin ihr diesen als einen Cousin aus Deutschland vorstellte, nicht aber als einen Plagegeist, wie sie dort zu Tausenden herumschwärmten, erröthete sie tiefer als die untergehende Sonne in den Fluten des Red-River. Sie hatte offenbar Oskar wiedererkannt; als man aber nachher im Salon ein Abendmahl einnahm und in Champagner auf das Wohl des so zufällig entdeckten Vetters trank, da wagte sie nicht, die Kraft ihrer Glutaugen, wie auf dem Schiffe, noch einmal zu versuchen. Ein glücklicher Abend, nur daß Hermine zu früh schied. Auch der Arzt brach auf. Hund Caro war sehr verwundert, seinen Herrn nicht in den Wagen des letztern, sondern zu Pferde steigen zu sehen; der Vicomte hatte vorgeschlagen, Hermine noch ein Stück durch den Urwald, der beide Pflanzungen voneinander trennte, zu geleiten, er ritt mit seiner Gattin voran, während der Neufundländer und Caro, die bei den Pferden schon Freundschaft geschlossen haben mußten, lustig vorausbellten. Frauen sind scharfsichtig; die kleine Pariserin war es sehr, und da sie aus dem Gespräch unsers Freundes erfahren hatte, daß dieser Hermine schon früher gesehen und beachtet, da wußte sie auch, was die Frage nach Amaria bedeutet hatte, sie wußte, daß ihre Freundin den deutschen Vetter interessire, daß hier vielleicht ein paar Herzen sich suchten oder schon gefunden hatten. Welche Frau fühlte sich aber nicht berufen, keimende Liebe zu hegen und zu pflegen, zu schützen und zu fördern, den Liebenden Gelegenheit zu geben, allein zu sein? Anne Marie war es, die, nachdem sie der Freundin das Versprechen zu einem Spazierritt am frühen Morgen abgenöthigt, den Gemahl zu rascherm Trabe reizte und den Zwischenraum zwischen sich und dem Paare dahinter möglichst erweiterte. Ob aber Oskar heute Abend schon, als das erste Viertel des Mondes durch die dunkeln Bäume schimmerte, eine Erklärung wagte, oder erst am andern Morgen, als die Geliebte und er auf das Geheiß der Vicomtesse von den Pferden stiegen, diese einem Niggerknaben übergaben und durch den von tausend Thautropfen glänzenden Wald zu einer Einsiedelei gingen, welche die Freundinnen im Versteck des Urwaldes hatten errichten lassen, während die Pariserin ihrem Gatten entgegenritt, der, um eine Bestellung auszurichten, einen Umweg durchs Negerdorf genommen hatte, das, liebe Leserin, kann ich mit Gewißheit nicht sagen. So viel aber darf ich verrathen, daß, als nach einer halben Stunde der Vicomte mit seiner Frau vor der Einsiedelei anlangte und Oskar mit Hermine im Arm heraustrat, Liebesseligkeit aus beider Antlitz leuchtete, und daß Hermine sich so elastisch an Oskar anschmiegte, als sei sie für immer Eins mit ihm. Es war aber auch ein herrlicher Februarmorgen, so warm wie bei uns ein Junimorgen, das junge Laub des Unterwaldes war schon entfaltet, die Kastanienbäume hatten auf offenern Stellen ihre Blütenstengel aufgethan, es sprangen alle Knospen, warum sollte da in zwei Herzen, die sich längst nach einander gesehnt, die Liebe nicht aufgehen, warum sollte der Mund nicht aussprechen, was die Augen schon längst gethan: ich liebe dich! Oskar und Hermine hatten sich im Urwalde Liebe und Treue für das Leben gelobt, und sie stellten sich den Freunden als Verlobte vor. Aber wie es kein Licht ohne Schatten gibt, so auch keine reine ungestörte Freude und Seligkeit. Kaum hatte Hermine Abschied genommen, als ihre Freundin Oskar in die nähern Familienverhältnisse der Geliebten einweihte. Micks hatte bei seiner Verheirathung mit der Witwe Amaria einen Ehevertrag zu erschleichen gewußt, welcher ihn bei dem Tode seiner Frau zum Eigenthümer der Pflanzung machte und ihn nur verpflichtete, Hermine mit einem Drittel des Werthes abzufinden. Im Fall die Frau versterbe, ehe jene volljährig sei, sei Micks zu deren Vormunde bestimmt. Nun habe dieser seit einem Jahre von seiner Frau verlangt, sie solle das Erbtheil der Tochter auf ein Sechstel testamentarisch herabsetzen, und weil sie sich weigere, mishandle er sie. Seit einigen Wochen sei nun Micks mit dem Plane hervorgetreten, Hermine an einen seiner Freunde, einen Baumwollagenten in Neu-Orleans, zu verheirathen. Diese habe durch Bitten und Flehen bei der Mutter bisjetzt verhindert, ihre Zustimmung zu ertheilen, ob dieselbe aber in einem der vielen schwachen Augenblicke, die sie habe, nicht einwilligen werde, sei mehr als zweifelhaft. »Wenn Habsucht«, erklärte Oskar, »die Haupttriebfeder der Handlungsweise jenes Mannes ist, so wird ein Ausweg leicht zu sinken sein. Ich selbst bin nicht ohne Vermögen, und nach den letzten Nachrichten aus Deutschland ist es meinem Bruder gelungen, mein Erbtheil flüssig zu machen und mir auszuzahlen. Es schwimmt in guten Dollars schon über das Meer, und ich kann mit einiger Anspruchslosigkeit etwa von den Zinsen leben. Ich werde aber im Osten eine Beschäftigung suchen, sei es als Advocat oder als Kaufmann. Ich würde Herminen heirathen, wenn sie keinen Cent im Vermögen hätte. Wenn ich mich also gegen Micks bereit erkläre, mit einem Sechstel zufrieden zu sein, so sollte ich glauben, würde er mir ihre Hand nicht verweigern.« »Was aber wird aus der Mutter?« fragte die Vicomtesse, »soll die den Mishandlungen ihres Mannes ausgesetzt bleiben?« »Wenn sie von Micks scheiden will, mag sie mit uns nach Osten ziehen, will sie das nicht, muß Hermine sich von ihr trennen.« So machte man Zukunftsplane. Oskar erzählte, wie er am Vollmondstage in Natchitoches die Bekanntschaft des Pflanzers zu machen hoffe und gleich am andern Tage bei diesem und Herminens Mutter um die Hand der Geliebten anhalten wolle. Die Pariserin warnte den Vetter, sich mit den Freimaurern einzulassen, Eugen habe ihr erzählt, daß die schlimmsten aller Sklavenhalter in den Logen die ersten Aemter und Würden bekleideten; er nahm die Warnung leicht hin. Noch acht Tage hatte Oskar das Glück, die Geliebte täglich zu sehen und aus ihrem Munde zu hören, daß sie ihn über alles liebe. Die Französin scherzte: Hermine habe ihr anvertraut, daß sie sich zuerst in seinen Bart verliebt habe, er sei der erste Mann gewesen, den sie im Vollbarte gesehen. Wenn er den Bart hinwegschnitte, sei auch die Liebe vorbei, die Creolinnen seien wetterwendisch und unfähig, treu zu lieben. Eugen sprang dem jungen Mädchen zu Hülfe, indem er behauptete, daß die Pariserinnen die Creolinnen noch überträfen – man scherzte und neckte sich, um sich versöhnt in die Arme fallen zu können. Es war indessen der 15. Februar, der Tag der Logenfeier, gekommen, Oskar hatte am Abend vorher von Hermine Abschied genommen und ihr versprochen, am Tage nachher auf Micks' Plantage zu kommen und den entscheidenden Schritt zu thun. Er ritt nach dem Frühstück zur Stadt, zum Misvergnügen Caro's, dem es auf der Pflanzung besser gefiel. Viertes Kapitel. Die Vergeltung. An demselben Vormittage, wo Oskar sich zu Micks begeben wollte, ging es bei dem letztern hoch her. Ein Dampfer aus Neu-Orleans hatte am frühen Morgen den Baumwollagenten, an den jener seine Waare zu verkaufen pflegte, abgesetzt, und dieser war mit dem Herrn zur Presse gegangen, neben der in einem großen Schuppen die Ballen aufgespeichert waren, während ein Dutzend Sklaven mit Pressen, Emballiren, Zeichnen, Wägen beschäftigt waren. Der Aufseher, nach dessen Anweisung man hier arbeitete, schien übler Laune zu sein, denn keiner der Nigger war ihm fleißig genug, besonders schien er es auf einen großen breitschulterigen Nigger, der alle andern um Kopfeshöhe überragte und deshalb wol den Namen Goliath führte, abgesehen zu haben. So oft derselbe einen Ballen Baumwolle auf den Wagebalken warf, erhielt er einen Hieb und allerlei schnöde Schimpfworte. »Dreimal verfluchter Philistersohn, willst du deine faulen Knochen besser rühren!« hieß es – oder das andere mal »Niederträchtiger Hund von Gath!« – man hörte, daß der Sklavenaufseher die Bücher Samuelis kannte – »wenn du nicht schneller schaffst, will ich es machen, wie es David mit deinen Vorfahren machte, ich will dich peitschen, daß die Vögel unter dem Himmel und die Thiere auf dem Felde die Fleischfetzen fressen sollen, die ich von deinen faulen Knochen herabhaue«, und abermals fiel die schwere mit Kupferdraht durchflochtene Lederpeitsche auf den Rücken des Niggers. Dieser hatte sich gebeugt, um einen neuen Ballen Baumwolle auf den Wagebalken zu legen. Er hob den schweren Ballen wie einen Spielball über dem Kopfe empor, und schien die Absicht zu haben, den Aufseher damit niederzuschmettern; der Aufseher erblaßte, denn er hätte der Gefahr nicht entgehen können. Da sagte der Nigger, sich besinnend: »Es steht geschrieben, der Herr Zebaoth will den Tag der Rache mit Schwefel und Feuer begehen«, und er legte den Ballen auf die Wage. »Sohn einer Hündin«, sagte der Sklavenaufseher, »der Herr Zebaoth wird dich zunächst auf das Blut strafen«, und er schwang die Peitsche um die Hüfte des Riesen, daß sich die Knoten in den Leib und die Brust blutig einbohrten. Micks und der Agent standen im Eingange der Presse und sahen der Scene zu; ersterer sagte: »Mein Wahrspruch ist und bleibt die Peitsche, der Nigger muß sie von Anfang bis zum Ende der Arbeit sehen und mindestens zweimal des Tages fühlen.« Man wurde über den Preis der Baumwolle einig, der Agent war ein Bruder aus der Loge Orient von Neu-Orleans und wollte mit nach Natchitoches zur Loge. Micks wurde aber noch über einen andern Handel mit demselben einig, er sollte Hermine zum Weibe und die Hälfte dreier Baumwollernten zur Aussteuer haben. Als diese Geschäfte beendigt waren, kamen aus dem Süden verschiedene Pflanzer zu Pferde und zu Wagen, die sämmtlich zur Loge wollten. Der Hausherr hatte ein leckeres Diner anrichten lassen und die Brüder dazu eingeladen, auch die Damen fehlten nicht; Doralice hatte sich auf das prächtigste herausstaffirt, schön geschminkt und sonst bemalt; Hermine war in einfachem grauweißen Tüllkleide, ihre jüngere Schwester Nella, die unschöne, bald vierzehnjährige, war in rosenrothem seidenen Kleide mit einer feinen weißen Gaze darüber und kokettirte mit den Nachbarn, wie ihre Mutter es in gleichen Jahren gethan hatte. Man trank reichlich und wurde zutraulich, sobald die schwarze Bedienung nicht zugegen war. »Ich würde 10000 Dollars nicht zu viel finden, wenn mir jemand diesen französischen Vicomte da über mir wegräucherte«, sagte Micks, »sodaß alle seine Niggers bei lebendigem Leibe in den Flammen umkämen und er selbst mit Frau und Kind in die Hölle führe!« »Sende Euch«, entgegnete der erkorene Schwiegersohn, »aus Neu-Orleans einen Unternehmer, der es für 8000 thut und mir noch ein Profitchen zukommen läßt. Haben vortreffliche Jungen in der Stadt, es bedarf ihrer kaum zwei Dutzend, die Pflanzung niederzubrennen mit Villa und Niggerdörfern, Presse und Siederei.« »Hat das so große Eile?« sagte Bardo, der nächste nach Süden wohnende Pflanzer. »Ei allerdings, die größte Eile!« erwiderte Micks. »Die dreimal verfluchte Musterpflanzung fängt an mir Furcht einzuflößen. Meine rüdesten Niggers fangen an Sonntags nach drüben zur Kirche zu laufen, wo einer ihrer Genossen predigt. Und dazu kommt das Geschrei, welches die Yankees im Quäkerstaate und in Neuyork von den verruchten Dingen in die Welt schleudern. Bringt da der » New-York Herald « eine vier Spalten lange Beschreibung der Musterpflanzung des Vicomte. Danach soll der Alte schon über hundert Niggern und dieser junge Schwindler über vierzig Freibriefe gegeben haben, und aus allen sind tüchtige Staatsbürger der gloriosen Union geworden, wie es heißt. Was aber das Schlimmste ist, der Artikelschreiber bekennt selbst, ein auf dieser Pflanzung groß gewordener und freigegebener Nigger zu sein, der jetzt Mitredacteur des » New-York Herald « sei. Er berichtet, daß der Vicomte zu der internationalen Ausstellung nach London ein von einem Nigger geschnitztes Modell seiner Niggerdörfer, Schule und Kirche, Elfenbeinschnitzereien, japanesische Arbeiten, senden will, um der Welt zu beweisen, daß diese Nigger Kunstsinn haben und ebenso gut sind wie wir. Ich fürchte oft, derselbe möchte verrückt genug sein, den sämmtlichen Niggern auf einmal die Freiheit zu geben, um uns den Beweis zu liefern, daß freie Niggerarbeit in Louisiana möglich sei.« »Wollen ihn theeren!« schrien drei bis vier Pflanzer. »Möchte nicht so leicht an ihn zu kommen sein«, sagte Micks, »zur Stadt kommt er selten, und die Nigger lassen das Leben für ihn.« Hermine, die diese Reden mit Angst und Schrecken erfüllten, denn sie wußte, daß ihr Stiefvater nicht scherzte, wies, als ihr Nachbar, der widerliche Agent aus Neu-Orleans, mit ihr auf den Untergang der Musterplantage anstoßen wollte, dies mit Entrüstung zurück. Da erhob sich oben am Tisch ihre Mutter, die neben einem wachsgelben Pflanzer saß, der ihr und sich fleißig gekühlten Champagner eingeschenkt hatte, und sagte: »Meine Herren, gute Freunde und Nachbarn, ergreifen Sie mit mir die Gläser, um ein glückliches Familienfest mit uns zu feiern. Herr George Lewine aus Neu-Orleans, Ihnen sämmtlich bekannt, hat heute um die Hand unserer Tochter Hermine angehalten und wir haben ihm dieselbe zugesagt – ein Glas den Verlobten!« »George und Hermine hoch! abermals hoch!« riefen die Gäste. Die Jungfrau saß da, überrascht, zitternd am ganzen Körper, aber ohne jegliche Willenskraft. Erst als ihr Nachbar, der aufgedrängte Verlobte, ihre Hand ergreifen und küssen wollte, sank sie ohnmächtig zusammen, unter dem Aufschrei: »Mein Oskar!« Aber Oskar war meilenweit entfernt, und der Stiefvater wiederholte die einzige Strophe eines großen englischen Dichters, die er aus »Romeo und Julia« im Gedächtniß behalten, ein zweideutiges Wort der Amme, das allgemeines Gelächter der Gesellschaft hervorrief. Inzwischen mußte Hermine in ihre Gemächer gebracht werden, und das wurde Veranlassung, daß sich die Tischgesellschaft gleichfalls zum Aufbruch rüstete und eine halbe Stunde später unter lautem Gelärm zu Wagen oder zu Pferde der Stadt zuzog. Als Hermine durch diesen Lärm aus ihrem Halbschlafe aufgestört wurde und ihr das bei Tisch Erlebte vor die Seele trat, wurde ihr klar, daß sie den Vicomte warnen und für sich selbst auf der Nachbarpflanzung Trost und Hülfe suchen müsse. Sie begann sich ohne Beihülfe ihrer Mulattin zu entkleiden und das Reitkleid anzuziehen, und beorderte ihren treuen Negerknaben Cato, den Pony zu satteln und ihn vor das Waldthor zu führen. Ohne Aufsehen verließ sie das Haus und ritt, von ihrem Hunde begleitet, durch den Wald. Doralice begab sich in ihre in der obern Etage befindlichen Schlafgemächer, sie hatte dem Champagner zu sehr zugesprochen und war so müde, daß sie sich nicht erst entkleiden ließ, sondern in dem Anzuge, den sie bei Tisch getragen, in die Hängematte legte, sich mit doppeltem Mosquitonetz umhüllte, die Tüllgardinen herabzog und sich von der alten Chloë in den Schlaf wiegen ließ. Das Schlafzimmer hatte wie alle Zimmer im Hause nicht Glasfenster wie bei uns, sondern nur feine hölzerne Jalousien, die Dunkelheit und Luftzug gaben, Bedürfnisse des Lebens im Süden, an die wir nicht gewöhnt sind. Das Töchterchen Nella hatte gleichfalls des süßen Weines zu viel genossen, allein die Wirkung war eine andere wie bei der Mutter, sie war nicht schläfrig, sondern im hohen Grade erregt und ausgelassen, und suchte nach weitern Erregungen. Ihr Negermädchen ausprügeln zu lassen, war etwas zu Gewöhnliches, sie wollte auf dem Pony der Schwester in den Wald reiten, aber dieser war nicht mehr im Stalle. So fand sie nichts als den Schaukelstuhl, der zwischen zwei hohen Platanen in Stricken hing. Aber Juno, so hieß das Negermädchen, das ihr zur speciellen Bedienung beigegeben war, eine Tochter Goliath's, konnte ihr heute nichts recht machen, sie schleuderte nicht hoch genug, schleuderte schief und wurde beständig gescholten. Der erregten Nella war das Sitzen in dem Schaukelstuhle bald zu langweilig, sie erhob sich und stellte sich in den Stuhl, indem sie sich mit den Händen an den Stricken hielt, und befahl Juno, die Schaukel recht hoch zu stoßen. Das that Juno denn auch, und Nella war bemüht, mit den Füßen nachzuhelfen. Sie war dabei aber sehr unvorsichtig, ließ den Strick, den sie in der linken Hand hielt, fahren und fiel aus ziemlicher Höhe auf die Erde, mit dem Gesicht in den Sand, sodaß das ganze Antlitz geschunden war. Nella erhob ein ungeheueres Geschrei, einige Negerweiber liefen herzu, und auch der finstere Sklavenaufseher vom Morgen eilte, aus seiner Siesta aufgestört (es war die Ruhestunde, wo die Nigger ihren Maisbrei oder Maiskuchen zu verzehren pflegten), mit seiner Karbatsche unter dem Arme herbei. Nella beschuldigte Juno, sie habe sie absichtlich aus der Schaukel geworfen, und befahl dem Aufseher, sie tüchtig zu strafen. Dieser, der gegen den Riesen Goliath und seine Familie besondern Groll hegte, ergriff die zu den Füßen der Herrin hingesunkene und ihre Unschuld betheuernde Juno, schleppte sie seiner Wohnung zu, in welcher eine eigene Einrichtung zum Prügeln war, legte sie über den Prügelblock und hieb auf sie los. Juno schrie bei jedem Hiebe laut auf, und Nella, die gefolgt war, um der Execution beizuwohnen, schien den eigenen Schmerz zu vergessen und munterte den Aufseher auf, derber zu schlagen. Juno schrie nicht mehr, sie stöhnte nur noch, und auch dieses Stöhnen hörte auf, sodaß der Aufseher mit Schlagen innehielt. Nella befahl ihm freilich, fortzufahren, da der Niggerbalg sich nur verstelle, allein den Aufseher überkam eine geheime Furcht. Was würde Micks sagen, wenn er ein zwölfjähriges kräftiges Niggermädchen, das zwei- bis dreihundert Dollars werth war, getödtet hatte? Er zog die Gemishandelte vom Blocke empor, aber er hatte nur eine Leiche vor sich, das Kind war tödlich getroffen. Einige Negerweiber wurden herbeigerufen, die Todte in die Hütte des Vaters zu bringen, was sie unter Absingen eines Klageliedes thaten. Inzwischen hatte sich im Herrenhause ein Unglück zugetragen, das noch niemand ahnte, das aber bald allen offenbar werden sollte. Doralice war eingeschlummert und träumte süß, sie träumte von ihrem Hermann, dem Vater ihrer Hermine, dem Kapitän des Elefanten, den sie von allen Männern, die sie geliebt, am liebsten gehabt hatte. Die Negerin, welche Doralice in den Schlaf gewiegt hatte, war zu Füßen der Hängematte gleichfalls eingenickt, erwachte aber, als sie den Klagegesang der Niggerweiber hörte, sprang auf und lief, neugierig, was der Gesang bedeute, hinab und in den Garten. Auch in der Schlafenden Träume drang das Geräusch, sie erwachte, rief nach Chloë, um sich wieder einwiegen zu lassen. Diese war nicht zugegen, die Aufgestörte konnte nicht wieder einschlafen, sie war aber noch in einem Halbrausche und zu bequem, um sich selbst durch eigene Bewegung zu schaukeln. Man trug damals in Amerika, nach Mode deutscher Ritterzeit, Taschen am Kleide hängend, die um die Taille durch feine Stahlketten befestigt waren. Eine solche Ledertasche trug auch Doralice, sie enthielt Cigarrettos und ein Etui mit Wachszündhölzern. Sie zog die Tasche zu sich heran, nahm eine Cigarre, zündete sie an und fing an, sich in ihrer Hängematte zu wiegen. Nach wenig Zügen entsank ihr die Cigarre, sie war wieder eingeschlafen. Plötzlich erwachte sie von neuem und sah das Zimmer, in dem sie sich befand, in Flammen stehen. Mochte die Wachskerze, die sie zur Erde geworfen hatte, den Teppich angezündet haben oder ihre Cigarre das Mosquitonetz: genug, die Tüllgardinen, die ihre Hängematte umgaben, die Mosquitonetze, in die sie sich eingehüllt, alles brannte in lichten Flammen, ihre Kleider fingen schon Feuer, und sie war nicht im Stande, sich aus dieser Situation zu retten, denn ihre Glieder waren wie gelähmt, Muskeln und Sehnen wollten nicht gehorchen. Die seidenen Stricke, an welche die Hängematte befestigt war, brannten gleichfalls und rissen, die Matte mit ihrem Inhalte fiel zur Erde auf den glimmenden Teppich. Das erst gab den Gliedern Doralicens wieder Bewegung und Leben, sie fühlte aber gleichzeitig den Schmerz von Brandwunden an verschiedenen Stellen des Körpers. Es war nicht leicht, sich aus den brennenden Mosquitonetzen, die sich verschlungen hatten, loszuwinden, und sie verbrannte sich dabei die Hände. Dann zwar gelang es ihr, die Thür zu erreichen und in das Zimmer zu fliehen, nun aber bekamen die brennenden Kleider mehr Luft, und ein Verzweiflungsschrei nach Hülfe durchbebte das Haus. Zu ihrem Glück war der Sklavenaufseher, der Juno erschlagen, eben in das Haus eingetreten, er eilte hinauf, löschte den Brand der Kleider und trug die Jammernde auf seinen Armen in den Garten, wo er dieselbe ins Gras lagerte und in das Haus zurückeilte, um das Feuer zu löschen. Dazu war es indeß zu spät. Das Feuer hatte die Holzjalousien der Fenster ergriffen, die Flammen schlugen schon zu zweien dieser Fenster hinaus und hatten das ganze die obere Veranda gegen die Sonnenstrahlen schützende Kattundach in Brand gesetzt. Während Doralice jammerte und von einer Negerin mit Oel überschüttet wurde, um den Schmerz der Brandwunden zu lindern, kam von den Negerhütten her ein Zug heulender Negerweiber, Kinder und Männer, der Riese Goliath voran. Dieser saß bei dem Maisbrei mit Speck, als man die Leiche seiner Juno brachte. Während die Frau, Judith, ein Geheul ausstieß, fiel der Mann auf die Knie und betete. Nun erscholl von den vor der Negerhütte Stehenden der Ruf: Feuer! man sah die Flammen aus den Fenstern des Herrenhauses zum Dache emporschlagen. Der Neger erhob sich vom Gebet und sagte mit furchtbarer Stimme: »Dank, Dank, Herr Gott Zebaoth! der Tag der Rache ist da, und die Rache ist mein. Wie Sodom und Gomorrha durch die Rache des Gottes Zebaoth vertilgt wurden von der Erde, so soll auch vertilgt werden durch Schwefel und Feuer alle weiße Brut, die da wohnet in dieser Herberge der Moabiter und Ammoniter, der verruchten Nachkommen Lot's!« Er zog unter dem Gesange »Gelobet sei Gott Zebaoth«, gefolgt von Niggern, Weibern und Kindern, nach dem brennenden Wohngebäude. Dort angekommen, hieß er die Neger die Baumwollballen, welche man schon vom Lagerhause herbeigeschleppt, in die Eingänge des Hauses und auf die Veranda werfen und anzünden, damit das Haus auch unten Stoff genug für das Feuer habe. Nachdem er sich überzeugt hatte, daß Wohnhaus und Nebengebäude unrettbar dem Feuertode verfallen, richteten sich seine Gedanken auf den Mörder seiner Tochter. Er zog zu dessen Wohnung, in der jener sich verrammelt hatte und, mit einem Revolver bewaffnet, jeden zu erschießen drohte, der sich nahen würde. Die Bande der wüthenden Sklaven bildete einen Kreis um das Haus und fing an Baumwollballen herbeizuschleppen, um den Aufseher einzuräuchern. Goliath verhinderte das – er hatte sich mit einer Wagenrunge bewaffnet und stieß die Thür des Hauses ein. Der Aufseher schoß auf ihn und streifte die linke Schulter, ehe der zweite Schuß fiel, hatte jener ihm schon den Revolver aus der Hand geschlagen. Dann sprang Goliath auf den Mann zu, ergriff ihn wie einen Knaben und hob ihn auf seine Arme, ihn an den Händen und Füßen so festklemmend, daß er sich nicht bewegen konnte. »Auf nach der Siederei«, rief er den Negerjungen, die ihn umschwärmten, zu, »werft Feuer unter die Melassepfanne!« Die Zeit des Zuckersiedens war längst vorüber, aber man bereitete aus der abgelaufenen Melasse, aus der sich kein krystallisirter Zucker mehr gewinnen ließ, Rum und heizte zu diesem Zwecke zwei Pfannen. Dahin zog die Masse. Der Führer aber sang: Die Rache ist mein, spricht der Herr! Sie ist mein, sage ich. Die Rache ist süß, süß, süß! Süßer als Honig und Manna! Die Negerbuben hatten inzwischen einige Bündel Begaß (ausgepreßten und getrockneten Zuckerrohrs) in den Syrup der Pfanne getaucht und dann in das Feuer geworfen. Die Flamme schlug mächtig unter dem Herde vor und der Syrup brodelte kochend und schäumend. In diese flüssige, schmuzige, kochende Masse warf Goliath den Sklavenvogt. Den Weibern wurde nun befohlen, alle ihr Habseligkeiten aus den Hütten zu schaffen. Die Siederei wurde angezündet, nachdem aus ausgepreßtem Zuckerrohr, das man mit Baumwolle umwickelte und in der Melasse des Kühlapparats tränkte, Fackeln gemacht waren. Dann galt es noch, Feinde zu vertilgen, die jeder haßte. Es waren das ein Dutzend Bluthunde, die einen besondern Stall, schöner als die beste Negerhütte, innehatten. Es war fast keiner unter der Sklavenschar, der nicht die Narben von Bissen derselben an seinem Körper trug, denn Micks pflegte die jungen Hunde dadurch einzuüben, daß er einem Nigger einen ziemlichen Vorsprung gab und dann die Thiere auf seine Spur brachte. Jener mußte einen vorgeschriebenen Weg durch den Urwald hinter der Pflanzung nehmen, ließ er sich von den Hunden einholen, so ging es ohne Bisse nicht ab, obgleich mancher Hund von den wüthenden Niggern bei dieser Gelegenheit erwürgt wurde. Aber Micks trieb Handel mit solchen Hunden, und einen vorteilhaften. Der Stall wurde ringsum mit Baumwollballen umgeben und diese angezündet. Das Geheul der Hunde war erschrecklich, erlosch aber, noch ehe das Feuer den Stall ergriff; sie waren erstickt. Nun schritt Goliath zu der letzten Rachethat. – Doralice lag noch immer hülflos auf dem Rasen vor dem brennenden Hause, die Glut des Brandes machte die Wunden von neuem schmerzen, nachdem das Oel einige Linderung gegeben. Der Neger nahm einen Baumwollballen auf den Kopf, warf ihn auf das unglückliche jammernde Weib und zerquetschte sie. Dann sang er: Gott Zebaoth, die Rache war mein, Die Rache ist süß! und zündete den Ballen über der Leiche an. Die übrigen Nigger waren indeß in den Keller des Vorrathshauses gedrungen, hatten ein Faß mit Rum hervorgeschleppt, das sie mit wildem Geschrei umtanzten. Die Frauen kamen zugleich mit Bündeln von Kleidern, Lumpen und Sachen, die sie aus den Hütten gerettet und ihr eigen nannten, während schon viele der Hütten brannten. Da ließ sich in der Ferne der schwarze Dampf eines von Mansura heraufkommenden Dampfers sehen. Das Schiff, das noch mehr Krümmungen zu überwinden hatte, konnte in einer Stunde an Ort und Stelle sein. Der Dampfer, wenn er die brennende Pflanzung sah, würde anhalten, die Weißen, die nach der Mode des Südens sämmtlich mit Feuerwaffen versehen zu sein pflegten, würden gegen die aufrührerischen Sklaven gemeinsame Sache machen, und wenn diese, woran sie eben gingen, sich in Rum berauschten, hatte man leichtes Spiel mit ihnen. Dieser Gedanke fuhr Goliath durch den Kopf, er zerschmetterte das Rumfaß durch einen Fußtritt und rief mit Donnerstimme: »Gott der Herr Zebaoth befiehlt euch, mit mir in das Gelobte Land nach Westen zu ziehen. Ueber den Fluß, ehe der Dampfer kommt!« Nun war es ein Drängen und Treiben dem Flußufer zu, jeder wollte der erste sein, die dort liegenden Schiffe und Kähne der Pflanzung zu erreichen. Die Männer stürzten sich in das Wasser, um hinüberzuschwimmen. Keiner der Flüchtlinge hatte einen Begriff von der Weite des Weges vom Red-River bis zum Sabineflusse, der Louisiana von Texas scheidet. Jeder war auf eigene Rettung bedacht, nur die Familien hielten zusammen, und am rechten Ufer trennte man sich in ungeordneter Flucht. Nella, welche große Schuld an diesen Vorgängen trug, hielt sich anfangs im Gebüsch des Gartens versteckt, als sie aber die Wohngebäude, die Presse, die Siederei, die Negerdörfer brennen sah, flüchtete sie in den Urwald. Da sich der Red-River stark nach Osten krümmte, so lief derselbe hinter des Vicomte Pflanzung von Norden nach Süden, hinter der Besitzung Micks' aber von Westen nach Osten, und es gehörte genaue Ortskenntniß dazu, sich da, wo der Wald zusammenstieß, nicht zu irren. Denn da die Nachbarn keinen Umgang miteinander hatten, führten auch keine sichtbaren Wege durch die Waldung, und Hermine pflegte, wenn sie ihre Freundin besuchte, einem Schleichwege zu folgen, den der Neufundländer entdeckt hatte. Nella, von Furcht und Schrecken; von Gewissensbissen und von der Vorahnung des höllischen Feuers geängstigt, floh ohne Besinnung, bis ihr der Athem ausging. Sie konnte nicht weiter und wußte nicht, wo sie war; es war nicht Weg noch Steg zu sehen, und ein Baum sah aus wie der andere. Sie setzte sich, an einen Baum gelehnt, zur Erde und suchte den sie peinigenden Durst damit zu stillen, daß sie junge Blätter und Gras in den Mund nahm und auskaute. Aber eine Plage war noch schrecklicher. Es schien, als ob die Gesammtheit der Mosquitos, die hier im Walde hausten, eine Ahnung, einen Geruch davon hätten, daß hier ein weißes Menschenkind mit Blut, so süß wie Honig, mit geschundenem Gesichte im Grase lag, sodaß es keiner Mühe bedurfte, sich einmal recht satt an Menschenblut zu trinken. Ganze Schwärme umsausten sie. Da war nichts abzuwehren, namentlich wurden die Wunden des Gesichts zum Tanz- und Tummelplatz für die Orgien der Mosquitos. Die Lage der beiden Pflanzungen brachte es mit sich, daß man auf der des Vicomte nicht das Geringste von dem Brande merkte. Der Weg am Flusse, der zu derselben führte, machte eine starke Krümmung, und man erreichte auf demselben die ersten Wohnhäuser erst nach einer Stunde. Der dazwischenliegende Wald war ein bis zwei englische Meilen breit. Dazu wehte ein Nordwest, der den Rauch nach Südosten trieb. Der Vicomte war durch die Nachricht, die Hermine ihm brachte, daß man in Neu-Orleans eine Bande Mordbrenner dingen wolle, um seine Pflanzung einzuäschern, weder überrascht, noch erschreckt; er hatte oft an eine solche Möglichkeit gedacht und war darauf vorbereitet. Er konnte allen seinen Niggern Vertrauen schenken, er durfte ihnen Waffen in die Hand geben, und mit Büchsen, Flinten, Revolvern war schon sein Erblasser reichlich versorgt gewesen. Wenn in irgendeinem Lande, so gilt in Amerika das Wort: Hilf dir selbst, so wird Gott dir helfen. Der Vicomte wußte, daß er weder von dem Grafschaftsgerichte, noch von dem Geschworenengerichte, noch von den Behörden eine Hülfe zu erwarten habe. Die Deutschen über ihm waren zu schwach, um ihm Beistand leisten zu können. Daß Micks darauf sinne, ihn zu verderben, ahnte er, jetzt hatte er Gewißheit, und er rief die zuverlässigsten seiner Neger zusammen, vertraute ihnen im allgemeinen, in welcher Gefahr die Pflanzung, die Negerdörfer und das Privateigentum der Neger, das nicht unbedeutend war, schwebe, und versah sie mit Schießwaffen, Pulver und Kugeln. Die Jugend mußte indeß die beiden Spritzen, welche in jedem der Negerdörfer waren, probiren, die Spritzengeräthschaften untersuchen. Die Wachthunde wurden in den Dörfern vertheilt und ein expresser Nachtwachtdienst wurde veranstaltet, den der schwarze Prediger und der Schulmeister zu überwachen freiwillig übernahmen. Eine schwierigere Aufgabe hatte die Vicomtesse, sie sollte der Freundin Trost einsprechen wegen des aufgedrungenen oder aufzudringenden Bräutigams. Als der Abend herannahte und Hermine nach Haus wollte, um bei der Mutter einen letzten Versuch zu machen, den Neu-Orleans-Mann, den widerlichen, von sich abzuwehren, ihr Oskar's Bewerbung und ihre Liebe zu ihm mitzutheilen, kam Cato, ihr Negerknabe, der Pferd und Hund unter Aufsicht hatte, der einzige Nigger, der nicht mit über den Fluß nach Westen gegangen war, athemlos mit der Nachricht von dem Niederbrennen der Pflanzung, dem Aufruhr und der Flucht der Neger. Unter solchen Umständen war nicht daran zu denken, daß sie das Haus des Vicomte verlasse. – Eugen ließ eine der Spritzen bespannen und, mit der doppelten Mannschaft versehen, an dem Flusse hinab nach Micks' Pflanzung fahren, während er selbst und vier seiner besten Nigger, mit Revolvern bewaffnet, durch den Wald ritt. Cato und der Neufundländer schlossen sich denselben an, der Knabe wußte den tragischen Tod Doralice's nicht und sollte nun im Auftrage seiner Herrin über Verbleib von Mutter und Stiefschwester Erkundigung einziehen. Der Neufundländer, auf seinen Streifereien den Reitern voran, entdeckte die Spur Nella's und leitete zu deren Schmerzenslager. Sie war von Mosquitos übel zugerichtet und kaum im Stande, auf dem Pony von einem der Neger zu der Pflanzung des Vicomte geführt zu werden. Der Diener erhielt zugleich den Befehl, so schnell wie möglich nach Natchitoches zu reiten, um den Arzt herbeizuholen. Auf der verwüsteten Pflanzung war nichts mehr zu retten, alles Trümmerhaufen, die Leiche Doralice's war unter dem brennenden Baumwollballen verkohlt. Währenddessen hatten sich in Natchitoches die Ritter zum Goldenen Zirkel aus zwanzig Meilen der Umgegend versammelt und in dem Gasthause, wo Oskar wohnte, sich umgekleidet. Wenn die Freimaurer im Norden und in den England-Staaten öffentliche Aufzüge nicht verschmähten, so glaubte man im Süden durch solche erst recht glänzen und imponiren zu müssen. Die Ritter zum Goldenen Zirkel trugen sogar eine Art Uniform, sie zogen in blauen Fracks mit Goldknöpfen, gelben Beinkleidern, Reiterstiefeln, Stürmern mit blauem Federbusch, den Degen an der Seite, mit dem Schurz angethan, den Goldenen Zirkel am breiten gelben Bande vor der Brust, in feierlicher Procession durch die Straße. Der erste Aufseher führte den Zug, der zweite schloß ihn; dies war Micks. Das Ritual der Loge wich vielfach von dem in Europa gebräuchlichen ab. Man hatte etwa eine halbe Stunde gearbeitet, als einer der dienenden Brüder zu dem Sitze des Meisters vom Stuhle schlich und diesem etwas in das Ohr flüsterte. Dieser schüttelte mit dem Kopfe und sagte dem Manne halblaut: »Mag es ruhig weiter brennen.« Es war nämlich in der Stadt das Gerücht, man wußte nicht wie, verbreitet, die Pflanzung des Vicomte du Plessis brenne. Nach abermals einer halben Stunde, als die Arbeit beinahe vollendet war, und die meisten Brüder sich schon danach sehnten, zur Tafelloge gerufen zu werden, trat derselbe dienende Bruder wiederum mit einer geheimen Meldung zum Meister. Diesmal wurde der Hammerführende blaß, er erhob den Hammer und schlug mit Macht auf den Altar. »Meine Brüder«, sagte er, »ich hebe diese Loge ohne alles Ceremoniell auf, berufe sie auch nicht zu einer Tafelloge, sondern zu einer wichtigern Arbeit. Ein soeben angekommener Dampfer bringt die Trauerkunde, daß auf der Pflanzung unsers Bruders, zweiter Aufseher, ein Niggeraufstand ausgebrochen ist und daß die Wohnungen und Sklavenhütten in Brand gesteckt sind. Calculire, daß wir uns, gehörig bewaffnet, an den Ort der That begeben. Der Dampfer hat schon gewendet und wird uns hinabfahren.« Die Verwirrung, die diese Rede hervorbrachte, war groß. Micks war anfangs wie erstarrt, dann sprang er mit einem Fluche auf und war der erste am Bord des Bootes. Die übrigen folgten ihm nicht so bald, da sie die Uniform erst ablegen und sich bewaffnen wollten. Oskar wurde von dem Arzte angerufen, der eben hatte anspannen lassen, und da er von diesem hörte, daß Hermine auf der Pflanzung des Vicomte sei, ließ er die Ritter mit dem Dampfer fahren, warf sich in bequemere Kleider und fuhr mit dem Doctor und dem Hunde Caro nach Süden. Fünftes Kapitel. Das Schwindeljahr im Welfenlande. Die Bahn des Rechts- und Verfassungsbruches ist glatt und abschüssig. Als der blinde König gegen den Rath Stahl's, des Führers der damaligen preußischen Conservativen, dem durch Vertrag zwischen den Ständen und dem Könige geschaffenen Verfassungsgesetze ein Ende zu machen beschlossen hatte, da ging es rasch genug, wenn auch dem nach unbeschränktem Besitz der Domänen sehnsüchtigen, von seiner Umgebung vielfach ausgeplünderten Könige nicht rasch genug. Der Vorschlag zur Auflösung der Zweiten Kammer, die unter dem Präsidium des Dr.  Ellissen und der Führung Stüve's im Juli 1855 noch einmal daran erinnerte, daß an einem Königsworte nichts zu drehen und zu deuteln sei, daß ein Königswort heilig und unverletzlich sein müsse, fand kein Gehör. Das Ministerium eines Mannes wie von Lütcken war dem Blinden nicht rasch, entschieden und rücksichtslos genug, es mußte dem Ministerium Borries weichen, und eine königliche Verordnung vom 1. August 1855 octroyirte die Verfassung von 1848 hinweg. Wenn Mythenbildungen nie aufhören, selbst in diplomatischen Kreisen gefordert werden, und die Zeitungsenten sogar einen sehr großen Theil unserer Tagslektüre bilden, so ist doch die Dichtung, wenn sie große geschichtliche Ereignisse, die alle Zeitgenossen mit erlebt haben, berührt, in ihrer Freiheit beschränkt. Wir fühlen das sehr hart, wir hätten gern gesagt, daß um diese Zeit, von der wir reden, Graf Schlottheim Finanzminister und der bisherige Generaladjutant des Königs, Victor Justus Haus von Finkenstein, Kriegsminister geworden seien, allein der »Gothaer Almanach«, das »Hannoverische Staatshandbuch« wie jedes Geschichtswerk würde uns Lügen strafen. Dürfen wir unsern Lesern zumuthen, wenn wir inskünftige vom Ministerpräsidenten reden, nicht an den im »Gothaischen Kalender« stehenden Grafen von Kielmannsegge, sondern an unsern bekannten Grafen Guido von Schlottheim zu denken, und statt des Kriegsministers von Brandis die ihnen bekanntere Persönlichkeit Victor Justus Haus von Finkenstein's ins Auge zu fassen, so erlangen wir dadurch die dichterische Freiheit, diesen Personen unserer Erzählung Absichten, Worte, Thaten unterschieben zu dürfen, welche wir, ohne ein vielleicht strafbares Verbrechen zu begehen, den wirklichen Räthen Sr. Majestät des Königs Georg nicht zuschreiben dürften. So heben wir es beispielsweise als eine (wenigstens durch die uns bekannte Naturanlage Schlottheim's, unsers fingirten Ministerpräsidenten und Finanzministers) berechtigte Eigentümlichkeit hervor, daß er den Schwindel bei Gründungen neuer Actien- und Commanditgesellschaften, Börsenspiel und was dahin gehört, förderte, um, wie der außer Dienst in Göttingen lebende Regierungsrath und Abgeordnete Bruno Baumann sagte, die Aufmerksamkeit des reichen und speculirenden Bürgerstandes, des Fabrikanten und Industriellen von der innern Politik abzulenken. Diese dem Stoffe anklebende Unfreiheit bedingt es sogar, daß wir für die bis in die nächste Gegenwart spielende Periode an die Stelle der Genrebilder, die wir bisher zeichneten, Nebel- und Wandelbilder setzen, von durchaus ungleicher Ausdehnung, bei denen wir der Phantasie unserer Leser sehr häufig den Zusammenhang zu finden überlassen müssen. Drei Herren kamen aus dem Hotel Westendhall und schritten zum Weserbahnhofe in Frankfurt am Main; es war noch früh am Morgen, aber der Zug nach Kassel war schon arrangirt und sollte in fünf Minuten abfahren. Der älteste und ansehnlichste der Männer war blond, es war unschwer, den Holländer zu erkennen, ja bei einiger Menschenkenntniß mußte man dem Mann ansehen, daß er sehr reich war. Es war der Chef des Hauses van Hemmerding, das, wie damals viele andere Häuser, an einem Ueberflusse baaren Geldes litt und daher geneigt war, sich an einem soliden industriellen Unternehmen in Deutschland zu betheiligen. Das bisher so jüngferliche Land der Welfen war unter der glorreichen Regierung Georg's V. und des umsichtigen Finanzministers zuerst der Industrie aufgeschlossen, barg es doch selbst große Reichthümer, wie man an dem Gedränge gesehen hatte, das bei Deponirung der Papiere bei Gründung der Bank entstanden war. Ein Eisengrubenbesitzer vom Harz, Herr Rehse, der sich einige Zeit in Amsterdam aufgehalten hatte, wußte die Aufmerksamkeit des Hauses Hemmerding auf ein Kohlenbergwerk im Osnabrückischen zu lenken, das nach seiner Angabe unerschöpflich sein sollte. Da dasselbe aber im Besitz eines verarmten Adelichen, des Herrn von Steinhammer, sei, dem die Mittel zum Tiefbau, überhaupt zu einem ordnungsmäßigen Betriebe fehlten, so seien 200000 Thaler, für die man das Kohlenbergwerk kaufen könne, ein höchst niedriger Preis; zumal sich nach seinen eigenen Anschauungen und nach denen des berühmten Geologen Steinkäfer nahe dem Kohlengebiete auch Eisen vorfinden müsse. Wäre das aber, calculirte Rehse dem Hause Hemmerding vor, so sei es ein Leichtes, für eine Million Actien unterzubringen, namentlich wenn man die Hütte etwa »Welf« und das gewonnene Eisen »Welfeneisen« nenne. Einer solchen Actiengesellschaft könne man das Kohlenbergwerk immer zu 300000 Thalern anrechnen. Genug, Herr van Hemmerding wollte sich das Object selbst einmal ansehen, als vorsichtiger Mann hatte er sich aber einen Geologen und Eisenbahntechniker aus Belgien verschrieben, der ihn begleiten sollte. Der Grubenbesitzer Rehse hatte beide am Tage zuvor in Frankfurt erwartet und in Westendhall einquartiert. Der Holländer wollte sein Zimmer nicht wieder verlassen, nachdem er sich darin eingerichtet hatte. Dem Belgier aber zeigte Rehse die Merkwürdigkeiten der Freien Reichsstadt, den Pfarrthurm und die Zeil, das Goethehaus und Goethedenkmal, die Eschenheimer Gasse und die Paulskirche, und führte ihn dann in ein Hotel, in welchem man, wie er sagte, die beste Flasche Carteblanche trank. Der Eisensteingrubenbesitzer war in dem Hause bekannt; der Oberkellner setzte auf seinen Wink mit den Augen sofort ein halbes Dutzend kalt, und der Wirth selbst, der sich entschuldigte, den Herren keine Gesellschaft leisten zu können, da ihn ein Geschäft abrufe, führte diese in die wohnlichern Zimmer seiner Gemahlin. Es seien da freilich, entschuldigte er, einige Damen zu Besuch, da es aber Bekannte des Herrn Rehse seien, so werde das ja nichts schaden und Champagner trinke sich in Damengesellschaft immer angenehmer. Der Grubenbesitzer war ein Mann von gedrungener, kräftiger Gestalt, markigem Körper, rothem Gesicht, kleinen grauen stechenden Augen und blondem, ins Röthliche spielendem Haar. Er verstand es sehr gut, den ehrlichen, geraden Niedersachsen, den gutmüthigen biedern Mann zu spielen, der, wie Luther es schon gethan, Wein, Weiber und Gesang liebe. Er wollte heute noch erfahren, wessen Geisteskind der Belgier sei, und es war nicht absichtslos, daß er diesen gerade in dieses Haus führte, wie die Freundinnen der Wirthin auch nicht ganz zufällig zum Besuche da waren. Der Fremde wurde von Rehse der Wirthin vorgestellt. Da war Fräulein Ida Tram, erste Sängerin am Stadttheater, eine Mainzerin, ein schlankes blondes Kind mit blauen Augen, sanft voll Taubenunschuld, mit ewig lächelnden Kirschlippen und weißen glänzenden Zähnen, den Grübchen in den Wangen und im Kinn, die so naiv mainzerisch schwatzen konnte, als wisse sie nicht, was Liebe sei. Dann war da die junge Frau des kaiserlich königlichen Gesandtschaftsadjunctssecretärs aus Wien, eine üppige, feurige Brünette. Von Homburg herübergekommen war die Frau oder Geliebte eines der dortigen Spielpächter, eine Pariserin, die weniger schön, aber äußerst pikant war und allerliebst zu kokettiren wußte. Die Wirthin selbst galt in Frankfurt für eine der schönsten Frauen. Der Champagner perlte in den weiten runden Schalen und die Damen wußten ihn zu trinken, die Bekanntschaft machte sich schnell. Der Eisensteingrubenbesitzer setzte sich neben die Wienerin und unterhielt sich eifrigst mit ihr, doch wechselte er hinter dem Rücken derselben häufig bedeutsame Blicke mit der Pariserin, die mit dem Fächer spielte und offenbar unzufrieden war, daß es ihr nicht gelang, die Aufmerksamkeit des jungen belgischen Technikers zu fesseln. Dieser hatte im Anfang neben der Wirthin auf einer Causeuse Platz genommen, die Dame vom Hause rief aber die blonde Mainzerin an ihren Platz, da sie zu bemerken glaubte, daß die Augen des Ingenieurs häufig nach dieser, welche sich zärtlich an die Französin schmiegte, gerichtet waren, indem sie einen Vorwand nahm, um durch die Plüschportière in ihr nebenan befindliches Boudoir zu schlüpfen. Die Dinge glichen sich mehr aus, als noch zwei Hausgenossen die Gesellschaft vermehrten, ein Herr von Blindlunger und ein durchreisender Freund desselben, beide keine Verächter des Schaumweins. Es bildeten sich nun ganz von selbst Pärchen, man scherzte und lachte, die Mainzerin sang einige Couplets aus einer neuen Oper, und verschwand darauf im Boudoir der Freundin, wo der Belgier sie erst aufsuchen mußte, um sie nach einiger Zeit wieder zum Pianino zu führen. Als Rehse von dem Ingenieur in Erfahrung gebracht, daß im Boudoir ein sehenswertes Album liege, führte er die Wienerin hinein, dasselbe anzusehen, was denn so ansteckend wirkte, daß ein Paar nach dem andern hinter der Portière verschwand. Es waren schon mehr als ein Dutzend Flaschen entkorkt, und die Pariserin wünschte eine neue Sorte, sie wollte Goldlack, zugleich forderte sie Herrn von Blindlunger auf, eine kleine Bank aufzulegen, der Unterhaltung wegen. Dieser ließ sich nicht lange nöthigen, die Gläser wurden von dem Tische geräumt und auf Nebentische gestellt. Das Spiel war bald im Gange. Die Mainzerin hatte ihre Börse vergessen und mußte nun mit dem Belgier in Compagnie spielen. Beide spielten mit Unglück, und der Ingenieur verlor in kurzer Zeit mehrere hundert Francs, seine Börse war leer. Der Eisengrubenbesitzer hatte aber eine Menge Bankscheine und gab ihm ein Tausendfrancspapier, ohne den Wechsel, den ihm dieser zur Sicherheit anbot, anzunehmen. Neben dem Papier hatte er zugleich einen im voraus geschriebenen Zettel aus dem Portemonnaie gezogen, auf welchem der Ingenieur, während der Bankier den Tausendfrancsschein wechselte, Folgendes las:   »Ich sichere dem Herrn Ingenieur Petit diejenige Summe zu, welche van Hemmerding mehr als 200000 Thaler für das von Steinhammer'sche Kohlengebiet bezahlt, jedoch in Actien der neuzugründenden Gesellschaft, im Paricurse. Ich werde zu diesem Zwecke Herrn Petit mit Hülfstruppen, die auf der Station Gießen zu ihm stoßen, verstärken. Frankfurt, den 7. Juni 1856. Rehse .«   Ueber das schmale dunkle Gesicht des Belgiers glitt ein Lächeln des Verständnisses, er nickte dem Harzer zustimmend zu, steckte das Scriptum und einige hundert Guldenscheine vorsichtig in das Portemonnaie und spielte mit der größern Summe mit besserm Glück als vorher. Je mehr sich der Gewinn vor ihm vermehrte, desto zärtlicher schmiegte sich die Sängerin an ihn an, und desto begehrlicher wurden die früher so unschuldigen blauen Augen. Sie sang: Schmiegt sich das Täubchen Kosend an dich an, So denke auch zuweilen An mich, du süßer Mann! Der Belgier schien jedoch in diesem Augenblicke an etwas anderes zu denken und selbst die zärtlichen Seufzer der Taube zu überhören. – Der Harzer hörte zuerst auf zu pointiren, bezahlte den Champagner und bat die Frau vom Hause um eine vertrauliche Unterredung, die ihm in deren Boudoir gewährt wurde. Die Mainzerin ließ indeß den Kork einer noch unangebrochenen Flasche knallen und der Bankier sagte die letzte Taille an: da sich das Interesse für dieses Spiel verloren zu haben scheine, um einem andern Raum zu gönnen. Die Sängerin schien an dem Belgier so großen Gefallen gefunden zu haben, daß sie auch, nachdem er das vor ihm liegende Geld, das ja längst nicht alles gewonnen war, mit ihr getheilt hatte, die unbefriedigte Taube weiter spielte. Die Wienerin schaute eifersüchtig auf die Portière des Boudoirs, die Pariserin kokettirte mit ihren kleinen Füßen, die sie auf den Sitz stemmte, den Rehse eben verlassen. Doch trennte man sich, wie es schien, zu allgemeiner Zufriedenheit – Rehse fuhr die Pariserin zu ihrer Wohnung, die Sängerin verpflichtete sich, den der Wege und Stege unkundigen Ingenieur ungefährdet nach Westendhall zu bringen, Herr von Blindlunger und sein Freund leisteten der Dame vom Hause und der Wienerin noch einige Zeit Gesellschaft, bis der Ehemann der erstern von seiner Geschäftstour zurückkam und die Wienerin nach Haus führte. Rehse konnte dem Ingenieur schon immerhin einen bedeutenden Gewinn in Aussicht stellen, denn jedenfalls blieb er der Hauptgewinnende. Er hatte sich nämlich mit Herrn von Steinhammer geeinigt, daß er diesem einen Käufer für das Kohlenbergwerk schaffe, der mehr als 80000 Thaler bezahle. Steinhammer durfte ohne Zustimmung Rehse's kein Gebot annehmen, und hatte sich schriftlich verpflichtet, alles, was er über 80000 Thaler bekomme, dem Verkaufsagenten herauszuzahlen. Mit der Summe von 80000 Thalern war nämlich der bauwürdige Theil der Flötze hinreichend bezahlt; die Flötze in der Tiefe waren zwar wahrscheinlich sehr reichhaltig, allein es war zweifelhaft, ob man das Wasser werde bewältigen können, da sie sehr tief lagen. Wenn Hemmerding daher für 200000 Thaler kaufte, verdiente Rehse 120000 Thaler und verdiente mit diesem gemeinsam noch einmal 100000 Thaler, wenn man das Werk einer Actiengesellschaft zu dem höhern Preise verkaufte. Zu einer solchen Gesellschaft waren aber die Elemente schon gefunden, es fehlte nur der Name mit den Respect einflößenden Millionen und zunächst der Ankauf selbst; dazu war das Haus van Hemmerding wie geschaffen. In Hannover arbeitete der frühere Redacteur eines ritterschaftlichen sogenannten conservativen Blattes: »Der Nachtwächter«, jetzt Advocat Uebellage, an der Bildung einer solchen Actiengesellschaft. Er kannte alle reichen adelichen Gimpel, bei denen es lohnte, sie zu einer Welfeneisen schlagenden Gesellschaft heranzuziehen. So etwas lohnte sich besser als Nachtwächterjournalistik und kleine Kaufmannsprocesse. Als am andern Morgen unser neuer Bekannter Rehse den Herrn van Hemmerding zum Bahnhofe begleitete, sagte er: »Ich versichere Ihnen, Herr Baron, daß es mir unendlich leidthut, daß unsere heutige gemeinsame Reise durch die fatale Depesche aus Köln unterbrochen wird. Aber ich hoffe, daß ich vielleicht noch einige Stunden früher in Minden bin, wenn ich den Nachtzug dahin benutze, während Sie ruhig in Hannover ausschlafen können; Herr von Steinhammer hat versprochen, daß uns seine Equipage an der Bahnhofsstation erwarten soll, und so wünsche ich Ihnen denn eine gute Reise. Im Unionhotel werden Sie vortrefflich aufgehoben sein, und auch Herrn Petit, der etwas angestrengt und übernachtet aussieht, wird eine Nachtruhe gut bekommen. Nochmals glückliche Reise! Auf Wiedersehen bis morgen!« Der Zug brauste nach Norden. Rehse ging auf das Telegraphenbureau und telegraphirte an den Oberbergrath Schnuppius, zur Zeit in Gießen: »Abgefahren; Wagen Nr. 73, erste Klasse.« An von Steinhammer lautete die Drahtnachricht: »Käufer unterwegs, fordern Sie 220000 Thaler und schließen Sie nicht unter 210000 Thalern ab.« Die längste Depesche erhielt Advocat Uebellage: »Reise angesichts dieses zu Steinhammer, nimm den Statutenentwurf zum Welf mit, mache ihm bemerklich, wie vorteilhaft es für den Welf und ihn selbst sein würde, wenn er statt Baarzahlung mindestens 25000 Thaler in Actien des Welf nähme, die er als Mitbegründer zu 85 haben soll, während wir dieselben nicht unter 90 emittiren und in Berlin in vier Wochen auf 120 treiben. Dann mag er losschlagen. Sage ihm, daß ich selbst mich mit 20000 betheilige, und daß der Name van Hemmerding 10 Millionen bedeutet. »Wir müssen morgen früh abschließen, dann können wir übermorgen in Wunstorf den Welf begründen. Beordere deine Ritter dahin, sorge für ein feines Diner und für den besten Champagner, der in Hannover zu haben ist, die Unterschriftsvollziehung des Verwaltungsraths unter die Actien ist ein langweiliges Ding, wobei der flüssige Stoff nicht fehlen darf. Der Druck ist doch fertig und ebenso prachtvoll wie die Zeichnung? Rückantwort nach Köln, wohin abreise.« Man sieht, der Geschäftsmann zählte die Worte nicht ängstlich ab; was wollten auch bei solchen Geschäften ein paar Thaler heißen? Während er den Rhein hinabfuhr, um dort, wo er die Eisenbahnverbindung nach Köln zuerst erreichte, diese zu benutzen, wollen wir van Hemmerding auf seiner Reise nach Norden begleiten. Als Frankfurt im Rücken lag, sagte der Ingenieur: »Ich halte den Herrn Rehse für einen verdammt schlauen Gesellen, wir werden wohlthun, wenn wir sehr vorsichtig zu Werke gehen. Sind die Bohrproben unter den Augen des Professors Steinkäfer angestellt und die Resultate der Reihenfolge nach aneinandergeschichtet, so müssen die Zweifel an der Mächtigkeit der Flötze und der Güte der Kohlen schwinden, denn die Proben sind so fettig wie die besten englischen Kohlen, aber der Preis ist doch immer noch sehr hoch. Etwas anders wäre es, wenn sich, wie Rehse versichert, nothwendig in demselben Kohlengebiete oder dicht daneben auch brauchbares Eisen fände.« »Ich halte Herrn Rehse für einen klugen, erfahrenen und zugleich ehrlichen Mann«, meinte der Holländer – »daß er gern ein Profitchen machen will, finde ich sehr natürlich, wir alle wollen das. Glauben Sie mir, Herr Petit, ich verstehe mich etwas auf Physiognomik und mache nie größere Geschäfte mit Leuten, deren Gesicht mir nicht gefällt. Ich würde diese Reise nach Westfalen nicht machen, wenn mir nicht die Photographie des Herrn von Steinhammer gefallen hätte. Sehen Sie das rothe Gesicht Rehse's, diese von Gesundheit strotzenden Wangen, diesen kräftigen Körper, dem man ansieht, daß er anstrengende Arbeit kennt, diese völlige Unaufmerksamkeit auf sich hinter der Flasche – da ist nirgends eine Spur von Falschheit. Ich sehe mir die Leute, mit denen ich Geschäfte mache, gern in dem Zustande an, den guter Wein und soviel der Mann vertragen kann, erzeugt. Wer bei meinem Dry Madeira, meinen Capweinen und meinem Champagner, nachdem eine Grundlage mit Rhein- oder Bordeauxweinen gemacht ist, verschlossen oder nüchtern bleibt, das ist mein Mann nicht. Rehse habe ich so pudeldick gehabt, daß er mir Liebes- und andere Geheimnisse, kleine berliner Börsenmanöver und Plane zu großen gewinnbringenden Unternehmungen anvertraute. Es ist ein Mann von großartigen Kombinationen, noch etwas zu jung und ohne Vermögen, das sind Fehler, von denen der eine mit jedem Tage von selbst schwindet, dem andern Energie abhelfen kann.« Unter diesen und andern Gesprächen kam man nach Gießen, wo die Maschine Wasser nahm. Die beiden Reisenden hatten es sich in dem Coupé erster Klasse bequem gemacht, jeder saß in einer Ecke, keiner dachte daran, gleich den meisten Passagieren aus dem Wagen zu stürzen und von den berühmten berliner Pfannkuchen, welche der Restaurant täglich feilbietet, zu kaufen. Der Holländer nahm einen Schluck kalten Thees, den er in einer Reisetasche bei sich führte, zündete eine Cigarre an und bot seinem Nebenmanne eine gleiche. Da wurde das Coupé aufgerissen, ein großer starker Englishman in hellgrauem Anzuge mit röthlichem Cotelettebarte und einem Nasenklemmer stieg ein und flegelte sich seiner ganzen Länge nach auf den freien Sitz dem Holländer gegenüber, sodaß sein Begleiter, ein kleiner Mann mit einem Vogelgesichte und einer Uniform, wie sie höhere preußische Bergbeamte zu tragen pflegen, auf den Rücksitz zwischen dem Holländer und dem Belgier Platz nehmen mußte. Noch ehe der Zug sich wieder in Bewegung setzte, öffnete der Engländer ein großes Portefeuille, das er unter dem Arme getragen hatte, nahm daraus Zeichnungen, Pläne, lange Berechnungen und Zahlenreihen, breitete solche auf seinen langen Beinen aus und benahm sich, als sei er ganz allein in dem Coupé. Der Mann in der Uniform schrumpfte ganz in sich zusammen und drückte sich in das weiche Polster. Der Belgier, welcher sein Nachtquartier mit der Sängerin hatte theilen müssen, da diese den Schlüssel zu ihrem Hause vergessen hatte, war ermüdet, er versuchte zu schlafen, faßte aber die Neuankömmlinge scharf ins Auge und dachte: »Sollten das die Hülfstruppen sein, die dir Rehse in Gießen senden wollte?« Am unzufriedensten mit dem Zuwachs an Reisegefährten war der Holländer, er öffnete das Fenster auf der Windseite und paffte seine Dampfringe, von denen der eine genau so groß war wie der andere, immer schneller in die Luft. Als man Marburg vorüber war, und der Holländer das Städtchen Amöneburg auf seinem Felskegel mit besonderm Wohlgefallen betrachtete, was die zahlreiche Judenschaft, die diese Bergstadt bewohnt, wenn sie es hätte wahrnehmen können, zu neuen großartigen Speculationen in Ziegen- und andern Fellen veranlaßt haben würde, denn das Lächeln eines Millionärs bringt Glück, nahm der Engländer eine große Durchschnittszeichnung eines Bergwerks auf seine Knie und verglich die Zahlen der Profile mit den Zahlen einer langen Tabelle. Der Holländer, welcher, um Amöneburg bewundern zu können, ein Lorgnon in das Auge geklemmt hatte, schrak zusammen, als er seinen Blick auf die zwischen den Beinen des Engländers eingeklemmte Zeichnung fallen ließ. War das nicht die Profilzeichnung des Kohlenbergwerks, das er zu kaufen beabsichtigte, dieselbe Zeichnung, die er in seinem Reisekoffer bei sich führte? Als der Engländer sah, daß der ihm gegenüber Liegende sein Augenmerk auf die über seinem Knie hangende Zeichnung richtete, schlug er diese zusammen und legte sie in das Portefeuille, aus dem er eine Karte herausnahm und sie eifrig zu studiren begann. Der Holländer drückte sich in die Ecke, ließ die Cigarre ausgehen und that, als ob er schlafe, blinzelte aber fortwährend mit seinen blauen Augen auf den Englishman. Dieser fing jetzt an auf Englisch mit dem Manne in Uniform zu reden: »Master« – das Oberbergrath Schnuppius wollte nicht heraus – und der Kleine sagte: »Lassen Sie Titel und Namen, Master genügt mir vollkommen!« »Sie sind also überzeugt, daß man Eisen dort finden wird?« »Ich bin davon nicht nur aus wissenschaftlichen Gründen überzeugt, ich selbst habe in dem Revier, keine halbe Stunde von der Zeche, ein reiches zu Tage kommendes Lager von braunem Graserzstein gefunden, das nach meiner Ansicht bis zur Sohle des Thales mächtig sein muß, also nahezu unerschöpflich. Ich habe das Erz 53 Procent enthaltend gefunden, hinreichend mit Kalk vermischt, um den Verhüttungsproceß zu erleichtern. Die Wesergebirge kenne ich von früher Jugend an und habe dieselben in Minden besondern Forschungen unterzogen, denn ich war bei den Formationen des Gebirges, bei den Gruppen von Zechstein, buntem Sandstein, braunem Jura, die zu Tage treten, überzeugt, daß man hier Kohlen, Eisen, Salz finden würde. Die Zeche auf dem Steinhammer'schen Gut war mir schon in meiner Kindheit bekannt, man achtete ihrer aber nicht, weil das obere Flötz, wenn auch acht Fuß mächtig, doch nur eine magere Kohle gab. Doch da sind Sie, wie ich weiß, besser instruirt als ich selbst. »Was das Eisenerz betrifft, so war ich im vorigen Jahre von einer Gesellschaft, die sich unter dem Namen Porta in Minden gebildet hat, beauftragt, im Wittekind nach Brauneisenstein zu suchen. Als mein Geschäft vollendet war, ging ich der Bergkette des Wesergebirges entlang ins Hannoverische, um Verwandte zu besuchen. Da von Steinhammer damals unter Leitung des Professors Steinkäfer nach dem zweiten und dritten Flötze bohren ließ, und man eine prachtvolle fette Kohle als Ergebniß dieser Bohrungen zeigte, besuchte ich die Zeche. Um wieder ins Preußenland zu kommen, ging ich den Berg nach Norden hinunter und stieß auf ein großes braunes unbeackertes Feld, mit Kalksteinen von der Größe einer Haselnuß überstreut. Ich nahm eine Hand voll von der Erde auf und fühlte sogleich, daß es Rasenerz in Grandform sei. Ich hielt die Entdeckung geheim und habe nur meinem Freunde Riedel davon eine Mittheilung gemacht, der mich, mein Herr, veranlaßt hat, Sie auf Ihrer Reise nach M. zu begleiten. Das Eisenerz liegt kaum eine Stunde von der Station, auf der wir einen Wagen von Hannover aus telegraphisch bestellen können.« »Sehr gut«, sagte der Engländer, »wenn sich findet Eisen, ich werde kaufen und sollte ich geben 40000 Pfund.« Herr van Hemmerding, der des Englischen mächtig war, hatte keine Silbe von dem Gespräch verloren und dachte bei sich, was das Beefsteak zahlen kann, das kann ich auch zahlen. Er hatte keine Ahnung davon, daß die Existenz des Eisensteinlagers schon dem Großvater Steinhammer's bekannt gewesen, daß dieser, wie der Vater und der jetzige Besitzer, Proben davon an Sachkundige am Harz gesendet, daß aber zu drei verschiedenen Zeiten die dortigen Techniker erklärt hatten, das Erz, obgleich es über 40 Procent Eisen enthalte, sei der Verhüttung nicht werth, da es über 8 Procent Phosphorsäure führe und ein untaugliches Eisen liefere. Steinhammer durfte daher die Eisensteingrube nicht mit zum Verkaufe bieten, denn dann hätte er Proben liefern müssen, und da hätte sich gefunden, daß, solange man das Mittel, die Erze von dem Phosphor zu lösen, noch nicht gefunden habe, die Grube unbrauchbar sei. Man mußte also die Grube von den Käufern entdecken, und das Feld, in dem sie lag, gewissermaßen hinter dem Rücken des Verkäufers in das Zechengebiet mit einschmuggeln lassen. Für die fernere Zukunft hatte Rehse, der ganz tüchtige technische Kenntnisse hatte, schon gesorgt, er hatte mehrere Centner des Grubenerzes nach Neusalzwerk bei Rehme, nicht sehr entfernt, schaffen lassen und ließ dieselben dort mit verdünnter Salzsäure von Phosphor reinigen; das Erz wurde dadurch, wenn nicht ganz frei von Phosphor, doch so rein, daß es als zur Verhüttung brauchbar, ja als viel besser sich herausstellte als anderes Erz, das weiter nach dem Rheine zu verhüttet wurde. Die verhältnißmäßig großen Unkosten dieser Reinigung mußten natürlich den künftigen Actionären verheimlicht werden, die Proben des gereinigten Eisensteins sollten als in der neuentdeckten Grube gefundene gelten. Der Belgier hatte gleichfalls nicht geschlafen: »Die Hülfstruppen sind gut«, sprach er in sich hinein, »die werden das holländische Phlegma austreiben helfen, und ich werde kaum zuzureden haben. Bildet sich nach dem Plane des Harzers eine Gesellschaft, so ist auch mein Auftraggeber nicht der Betrogene, sondern die Actionäre, und wenn er sich als Actionär betheiligt, so ist das nicht meine, sondern seine Schuld. Ueberhaupt«, sagte er halblaut, »ist es ja Christenpflicht, seinem Nebenmenschen die Lasten, welche ihn drücken, tragen zu helfen. Dieser holländische Geldsack seufzt unter der Last, er weiß nicht, was er mit den vielen Millionen anfangen soll, ihm kann geholfen werden.« In Kassel ruhte der Holländer nicht, bis der Conducteur ihm und seinem Begleiter ein besonderes Coupé angewiesen hatte, und brütete neue Plane, wie man dem Engländer zuvorkommen könne, es solle ihm auf einen Extrazug von Hannover ins Osnabrückische nicht ankommen. Sein Begleiter hatte Mühe, den ganz in Feuer und Flammen Gerathenen zu überzeugen, daß eine Weiterfahrt bis ins Osnabrückische nichts helfen würde, da man dort doch vor spät Abend nicht ankommen und die Eisengrube nicht mehr aufsuchen könne. Sich von der Existenz derselben zu überzeugen, sei doch vor allem das Nothwendigste. Der ortskundige ehrliche Harzer werde den Weg dahin am leichtesten finden können, oder man müsse morgen dem Engländer und dem Bergmann nachfahren und jenen direct zu Steinhammer senden. Diese Gründe und die Ermüdung, die sich von der Fahrt von Frankfurt bis Hannover bei dem Holländer eingestellt hatte, ließen den letztern von seinem Vorhaben abstehen. Am andern Tage kaufte van Hemmerding Ober- und Untergrund der Zeche und drei Morgen Landes, welche die zu Tage liegenden Eisengruben umfaßten, nebst allem Untergrund, in welchem sich Eisenerze fanden, für 220000 Thaler. Der Kauf war eben vor Notar und Zeugen abgeschlossen, als der Engländer und der Oberbergrath Schnuppius auf Haus Steinhammer eintrafen und ersterer dem neuen Eigentümer 40000, dann 50000 Pfund bot. Der glückliche Käufer wollte mit solch kleinem Profit sich nicht abfinden lassen. Nach einem glänzenden Diner legte Dr.  Uebellage den Prospect zu einer Actiengesellschaft »Hie Welf« vor, zur Ausbeutung der unermeßlichen auf dem Gute des Herrn von Steinhammer entdeckten Eisenerze und der gleichfalls unerschöpflichen Kohlenlager; van Hemmerding übernahm es, seinen Namen als Director zu bezeichnen. Am folgenden Tage constituirte sich die Gesellschaft, zu der Dr.  Uebellage die Genehmigung des Finanzministeriums schon im voraus erwirkt hatte, zu Wunstorf in formeller Weise. Die Ritter des Doctors waren erschienen, sie wählten den ärmsten unter sich als Vicedirector; zwei berliner Bankiers, ein Kaufmann aus Braunschweig, der dem Bankrott nahe stand, wie die übrigen Ritter, wurden Mitglieder des Verwaltungsraths, die als solche sich mit dem bescheidenen Honorar von 500 Thalern und Diäten nebst Reisekosten begnügten. Uebellage ward Rechtssyndikus der Gesellschaft mit 1500 Thalern und Mitglied des Verwaltungsraths. Rehse selbst beteiligte sich nur mit 20000 Thalern von dem reichen Gewinn, den er gemacht, als Actionär, erhielt aber, als einer der Gründer, wie von Steinhammer, die Actien zu 85. Er wußte die Gründer dahin zu bringen, daß sie den Belgier als technischen Director mit einem sehr hohen Gehalt anstellten. Das neue Unternehmen wurde in allen Zeitungen als das glänzendste und rentabelste ausgeschrien, das es geben könne, wovor die Georg-Marienhütte die Segel streichen müsse. Nach vier Wochen, während eben erst einige hundert Belgier im Gutsdorfe Steinhammer angekommen waren, um große Backsteinfeldbrände zu machen, hatte der Harzer mit Hülfe seiner Genossen die Actien an der berliner Börse zu 123½ hinaufgeschwindelt und seinen Antheil zu diesem Preise verkauft. Sechstes Kapitel. Der Gaunerbund. In einem der elegantesten Häuser am Georgenwalle finden wir im schön decorirten Privatzimmer des Advocaten Uebellage einen Theil der Herren beisammen, deren Bekanntschaft wir in den letzten Tagen gemacht haben. Die Dinge der Gesellschaft »Hie Welf« hatten sich glänzend gestaltet, die Actien waren das gesuchteste Speculationspapier auf der berliner Börse und waren auch durch van Hemmerding's Namen auf der amsterdamer Börse gesucht. Sämmtliche hier Versammelte waren Gründer, die nach ihrem Verdienst bei der Stiftung mehr oder weniger Actien zu dem Gründungspreise erhalten und bei dem Verkaufe bedeutend gewonnen hatten. In Norddeutschland hatte das Fieber, durch Speculation in Industriepapieren oder in Wispeln an der berliner Börse schnell reich zu werden, erstaunliche Fortschritte angenommen. Jeder kleine Kapitalist betheiligte sich bei dem einen oder andern Unternehmen, dieser hielt papenburger oder harburger Rhedereiactien für das Vortheilhafteste, jener hob die Actien der Georg-Marienhütte in den Himmel, denn wie konnte es anders sein, als daß ein Etablissement, dem König und Königin ihren Namen gegeben und bei dem sie sich mit Hunderttausenden betheiligt, sich rentiren müsse? Ein dritter hielt die hannoverischen Bankactien, die bis 117 getrieben waren, ehe die Bank nur ein einziges Geschäft gemacht, für das solideste Papier, ein vierter war von den 33 Procent Reingewinn, den die ilseder Hütte abwerfen müsse, so überzeugt, daß er seine sämmtlichen in Grundbesitz belegten Hypotheken kündigte und ilseder Actien kaufte, der fünfte zog Flachsbereitungsanstalten vor, der sechste eine chemische Fabrik, der siebente betheiligte sich bei einer Champagnerfabrik, der achte bei einer Wasserglasfabrik. Dazu kamen appenthaler Kupferbergwerke, Spinnereien, Eisengießereien, einige Dutzend Zechen an der Ruhr, Actien- und Commanditgesellschaften in den benachbarten preußischen Provinzen und in Oldenburg. Die Gesellschaft, die wir bei Uebellage finden, bestand aus dem Harzer Rehse, dem Bankier Schulte aus Berlin, dem Kaufmann Friedel aus Braunschweig und dem Engländer, der auf der Fahrt von Gießen nach Kassel van Hemmerding untergeheizt hatte (er hatte den falschen Cotelettebart abgelegt und zeigte sich als der Handlungsgehülfe Schneeweis, der längere Zeit in London in einem Geschäfte gewesen war). Außerdem war noch der Agent Kahlmeier gegenwärtig, aber so dringend damit beschäftigt, den Clicot im Eise herumzudrehen, daß er für nichts anderes Sinn hatte. Rehse, der es sich auf einer Chaiselongue bequem gemacht, während Schneeweis die leeren Rheinweinflaschen vom Tische räumte und Uebellage Champagnerkelche herbeiholte (Bedienung war absichtlich vermieden), sagte ungeduldig zu Kahlmeier: »Mach, daß du mit deinem Kühlen fertig wirst; es ist Zeit, daß wir ans Geschäft kommen.« Kahlmeier nahm eine Flasche aus dem Kübel, entkorkte sie kunstgemäß und schenkte ein, worauf Uebellage das Wort nahm. »Seit einem halben Jahre«, sagte er, »habe ich mich keine Mühe und kein Geld verdrießen lassen, so ziemlich in alle größern, namentlich aber in alle Localblätter zwischen hier und der Nordsee, die Notiz zu bringen, daß es in Irland gelungen sei, den Torf so zu pressen, daß man mit so comprimirtem Torfe jetzt an mehrern Hohöfen Eisen verhütte. Vor kurzem ist es mir nun noch gelungen, in die ›Weser-Zeitung‹ einen Artikel einzuschmuggeln, worin gesagt wird, daß ein gleiches Verfahren jetzt auch in Steiermark angewendet werde und gegen die bisherige Holz- und Steinkohlenheizung sich um die Hälfte wohlfeiler herausstelle. »Sämmtliche bremer Localblätter wie unsere hannoverischen Zeitungen haben die Notiz nachgebracht, und die Techniker im Künstlerverein und in Lemförde zanken schon wochenlang über die Möglichkeit einer solchen Verhüttung, zwei weltberühmte Professoren unserer Polytechnischen Schule haben sich für die Möglichkeit erklärt, und habe ich von beiden Gutachten eingeholt, die Sie, meine Freunde, zum Theil ja kennen. »Es wachsen täglich neue Unternehmungen aus dem Boden, es ist die höchste Zeit, daß wir mit der Hüttenunternehmung, auf Torf gegründet, hervortreten, und bitte ich die Herren, die in Bremen und Verden das Terrain recognoscirt haben und welche in Heustedt waren, Bericht abzustatten.« Herr Schneeweis, nachdem er sich seinen Kelch gefüllt, ohne den Wein zu viel schäumen zu lassen, berichtete: »Der Hauptzweck meiner Reise nach Bremen ist verfehlt; der lange Consul will nicht anbeißen. Er ist anderweit, namentlich mit der Transatlantischen Dampfschiffahrt zu sehr beschäftigt. Auch hegt er einiges Mistrauen; er hat nach London an Freunde geschrieben, die mit der Eisenindustrie vertraut sind, aber man weiß dort nichts von Hohöfen in Irland, die mit Torf geheizt und angeblasen wären, man kennt kein Torfeisen. Die Torfproben, die ich ihm vorlegte, fanden seine Anerkennung, er verlangte aber eine detaillirtere Rechnung über die Productionskosten, die ich nicht geben konnte. Genug, ich mußte froh sein, ihn nur nicht zum offenen Gegner zu haben. »Glücklicher war ich dagegen mit der übrigen Einwohnerschaft. Ich habe nach dem Steinkäfer'schen Manuscript im Künstlerverein einen Vortrag über Moor- und Torfbildung gehalten, und meine Proben, die so glatt aussahen wie Chocoladentäfelchen, den Herren und Damen im Saale herumgereicht. Die Bremerinnen schwärmen sämmtlich für solchen Preßtorf und wünschen ihr Teufelsmoor schon in Preßtorf verwandelt zu sehen. Ich hoffe doch, die gute Stadt Bremen wird, schon um die Hamburger zu ärgern und ihnen wieder in einem Dinge zuvor zu sein, für eine halbe Million Actien kaufen, und es wird uns auch wol glücken, einen Senator für die Vicepräsidentur zu fangen, wenn wir nur erst einen respectabeln Präsidenten haben. Wenn die Bremer erst Hohöfen, Puddelöfen und Walzwerke, ein stattliches Directorialgebäude, Arbeiterwohnungen, ungeheuere Torfschuppen aus der Erde steigen, die Torfstechmaschine arbeiten sehen, wird es nicht an Actienliebhabern fehlen.« »Ich bin im ganzen glücklicher gewesen«, erzähle nun Kahlmeier und warf sich in die Brust. »Ich glaube einen ersten Präsidenten gefunden zu haben. Wie ihr wißt, ist der Bruder unsers Finanzministers Graf X. in Heustedt Drost (erster Beamter). Er ist so bornirt, wie wir es nur wünschen können, und begierig, erster Präsident mit einem Gehalt von 3000 Thalern zu werden und wird zu dem Zwecke das ganze Vermögen seiner Frau, – er selbst hat nur seinen Gehalt als Drost – in Actien anlegen. Da haben wir einen Namen von gutem Klang und zugleich Vertrauen bei dem Volke. Denn, so calculirt Publicus, ein Drost wird sich nicht an die Spitze eines Unternehmens stellen, das auf Sand gebaut ist. Der Drost sichert uns die 300 Morgen Moor, die zum Domanio gehören und jetzt nichts einbringen, gegen einen sehr mäßigen Kanon zur Erbpacht auf 99 Jahre zu. »Dann lebt bei Heustedt eine sehr reiche Wittwe, eine Frau Claasing, die in den letzten zehn Jahren in glücklichen Speculationen in Köln-Mindener Actien und andern Industriepapieren zu ihrem an und für sich großen Vermögen noch 100000 Thaler gewonnen hat. Wir bedürfen dieser, da wir ein Stück Land hinter der Bremer Bahn und ein Torfmoor von etwa hundert Morgen, ohne das wir nicht an das herrschaftliche Moor kommen können, sowie einiges Land erkaufen müssen. Sie will sich mit 120000 Thalern betheiligen, aber zum Nominalwerthe von 85 – da sie sich schon auf Emissionscurse versteht. Ferner ist dort der Graf Schlottheim, Vertrauter Sr. Majestät, begütert, ich habe seinen Rentmeister gewonnen, und wenn man diesem einige Actien zufließen läßt, so können wir darauf rechnen, einen Actionär mit 20–30000 zu gewinnen. Der Commerzienrath Hirschsohn wird 50000 zeichnen, unter der Bedingung, daß er Mitglied des Verwaltungsraths wird. Kleine Zeichnungen hätte ich eine Menge erhalten können, aber ich habe absichtlich zurückgescheucht.« »Bravo!« sagte Rehse, »ich schlage vor, daß wir auf das Wohl Kahlmeier's ein Glas leeren!« So geschah es. Um diese Unterhaltung zu verstehen, müssen wir Nachfolgendes hinterhersenden: Rehse, auf einem der höchstgelegenen Punkte des Harzes geboren, hatte auf der Polytechnischen Schule in Hannover eine Menge tüchtiger Kenntnisse erworben, sich darauf in Belgien, Frankreich, England umgesehen, dort aber auch sein Erbe verzehrt. Als erfahrener Mann ging er nach Berlin, um dort eine seinem Wissen angemessene Carrière zu machen. Hier traf er mit allerlei Projectenmachern und Hochschwindlern zusammen, machte in Börsenspeculationen, lernte, wie man Actien und Commanditgesellschaften mache, sah, wie die Actien von Eisen- und Kupfergruben und Zechen an der Börse ge- und verkauft wurden. Er spielte an der Börse, ohne größere Fonds zu besitzen, mit Gewinn; nun kam ihm der Gedanke, ein selbständiges Unternehmen zu gründen! Er kannte am nördlichen Unterharz eine Eisensteingrube untadelhaften Eisenerzes, die viele Jahrhunderte in Betrieb gewesen war, die aber seit länger als einem Jahrhundert brach lag, nachdem alles Holz, was auf den Bergen der Umgegend stand, zur Verhüttung verbraucht war. Diese Grube, noch immer für Jahrhunderte hinreichend, war aus dem Besitze des Staates in den einer Gemeinde übergegangen, die sie als Pertinenz eines kleinen Hofes, Aberlahwiese genannt, wieder an einen Freund Rehse's verkauft hatte, für 8000 Thaler etwa und einen jährlichen Kanon von 300 Thalern. In der Nähe dieses Eisensteinlagers, auf eine Stunde Entfernung, wurde jetzt eine neue Eisenbahn von Osten nach Westen erbaut, und es war dadurch die Möglichkeit eröffnet, das Eisenerz in eine Gegend zu transportiren, wo das Hauptmaterial zur Verhüttung, Holz- oder Steinkohlen, nicht fehlten. Darauf hin hatte Rehse in Gemeinschaft mit dem Bankier Schulte das Gut Aberlahwiese mit dem dazugehörenden Eisensteinlager für 12000 Thaler und dem darauf ruhenden Kanon gekauft, aber nur 4000 Thaler abbezahlt; da Schulte seine Geschäfte nur mit fremden Geldern zu machen pflegte und Rehse zur Zeit des Ankaufs Börsenverluste gehabt hatte, mußte schon Stundung eintreten. Nachdem der Verkauf des Steinhammer'schen Kohlenwerks so glänzend gelungen war, und das Hinauftreiben der Actien auch in die Tasche des berliner Bankiers Flut gebracht hatte, wurde die Restsumme bezahlt, Aberlah ward formell übergeben und es handelte sich darum, dieses am Harze liegende Graseisenerz einer neuzubildenden Gesellschaft zu verkaufen. Der bisherige Besitzer blieb als Pachter auf dem Gute und übernahm, da er Pacht und Kanon nicht zu bezahlen brauchte, während der zehnjährigen Pachtjahre den Centner Eisenerz für 11 Pfennige an die Eisenbahnstation zu fahren, einschließlich der Einladung. Auch dieses Erz lag zu Tage. Nun handelte es sich um einen Ort, wo man verhütten konnte. Steinkohlen aus Westfalen dahin zu schaffen war zu kostspielig, Holz wurde am ganzen Harz mit jedem Jahre theuerer, so ersann man denn das Torfproject, gedachte jedoch, den Hohofen mit Holzkohlen anzublasen und den Torf nur zum Scheine, Holzkohlen oder Kalkstein bedeckend, aufzuführen. Das Unternehmen gelang abermals – die berühmte Grünfelder Hütte, die champagnersaures Eisen lieferte, wurde aufgebaut, ein Actienkapital von 1½ Millionen Thalern zusammengebracht. Wie gehört das alles zu dieser Erzählung? höre ich einen Kritiker fragen. O doch! Um das zu beweisen, müssen wir einen Griff näher der Gegenwart thun. Unter dem 5. October 1861 schreibt der Advocat Karl Baumann seinem Bruder Bruno, dem Regierungsrath a. D., Folgendes: »Lieber Bruder! Ich zeige Dir an, daß am 30. vorigen Monats die Frau Claasing in Eckernhausen gestorben ist. Sie war seit einem halben Jahre beinahe verrückt. Da sie über 10000 Thaler im Concurse der Grünfelder Hüttengesellschaft verloren hatte, so bildete sie sich ein, sie müsse verhungern, während sie außer dem Hofe in Eckernhausen doch noch über 200000 Thaler im Vermögen hatte. »Sie hat ein merkwürdiges, heute eröffnetes, Testament gemacht und nur ihren Hof in Eckernhausen ihrer ältesten Tochter Minna Hellung nach Anerbenrecht vererbt, welche die Schwester Auguste Dummeier vom Allode abzufinden hat. Da aber die adelichen Wiesen vom Wildhausen'schen Gute zum Allod gehören, so wird die Abfindung nicht klein sein. Der Hof wird mit diesen Wiesen und mit Inventar von Sachverständigen auf 120000 Thaler geschätzt. »Ihr Baarvermögen in guten Werthpapieren dagegen hat sie zu einem Familienfideicommiß bestimmt, das erst nach hundert Jahren an die Enkel oder Urenkel der jetzt lebenden Großkinder übergeben werden soll. Da die beiden Töchter bei ihrer Verheirathung auf die mütterliche Erbschaft verzichtet haben, und unsere Gesetzgebung solchen Fideicommissen nichts entgegensetzt, so werden die Schwiegersöhne sich das gefallen lassen müssen. Das Familienfideicommiß soll bei der Sparkasse zu Heustedt zu drei Procent belegt, und von dem jedesmaligen Bürgermeister der Stadt, dem ältesten Amtsrichter und einem Advocaten verwaltet werden. In letzterer Eigenschaft hat sie mich ernannt, nach meinem Tode haben Bürgermeister und Amtsrichter sich über eine neue Persönlichkeit zu einigen. Wir sollen angemessen honorirt werden. Die Zinsen werden jährlich zum Kapital geschlagen; wie groß das Vermögen am 4. October 1961 (hundert Jahre nach der Testamentseröffnung) sein wird, habe ich auszurechnen noch nicht vermocht. »Wo Dein Freund Hellung sich zur Zeit befindet, weiß ich nicht, Auguste Dummeier will aber ihrer Schwester, die noch immer in Pittsburg sich aufhalten soll, Nachricht zukommen lassen. Der älteste Sohn Dummeier's ist zu Ostern confirmirt und besucht jetzt hier die Ackerbauschule, er ist bei uns in Kost, der zweite Sohn, zwölf Jahre alt, soll im nächsten Jahre die Rectorschule besuchen, er wird auch bei uns sein und kann dann mit meinem Jungen, Deinem Pathen, zusammen arbeiten. »Du weißt, daß ich als Curator die Liquidation der Grünfelder Hüttengesellschaft abzuwickeln habe; da erhielt ich denn einen Einblick in die groben Betrügereien, welche sich die Gründer haben zu Schulden kommen lassen, und die Schwindeleien, die von den technischen und kaufmännischen Directoren unter dem Präsidium des einfältigen Drosten von ** fortgesetzt sind. Dieser hat das ganze Vermögen seiner Frau verloren und sich eine Kugel durch den Kopf geschossen, als er seine Entlassung aus dem Staatsdienste erhielt. »Es sind nicht nur sämmtliche Actionäre betrogen und es ist dadurch namentlich über viele Familien Elend und Unglück gekommen, sondern bedeutende Creditanstalten, die Leipziger Creditbank, welche 500000 Thaler zu fordern hat, das holländische Haus van Hemmerding mit 200000 Thalern, die Dessauer Bank mit 500000 Thalern, verlieren bedeutend. Der einzige, der sich oben erhalten hat von der ganzen Schwindelbande, ist Rehse, welcher das Etablissement mit Geld der Genfer Bank für 350000 Thaler an sich gekauft hat. Was er damit beginnen wird, weiß man nicht, wahrscheinlich einen neuen Schwindel. »Meine Frau und die Kinder lassen Dich herzlich grüßen. Dein Karl .« Siebentes Kapitel. Der größte Grundbesitzer und sein grünes Buch. Es waren elf Jahre verflossen seit dem Tage, da die Bewohner der Residenzstadt an die Thür des kranken Königs Ernst August gepocht und die Versprechungen erlangt hatten, von denen oben berichtet. Jetzt war seit beinahe zwei Jahren die Verfassung von 1848 schon vernichtet, und man war in Begriff, die letzte Hand anzulegen und das Finanzkapitel, das der Bundestag unberührt gelassen hatte, zu beseitigen. Ein ganz in Roth gekleideter Kammerhusar wartete in der Pedellenloge der Zweiten Kammer in Hannover, ungeduldig wie es schien, auf den täglichen Bericht Sr. Excellenz von Borries an König Georg V.   »Ew. Majestät melde ich«, schrieb dieser, »daß die Loyalität gesiegt hat, daß der Raub, welchen die frevelnde Hand der Revolution zum zweiten mal an das Eigenthum Ew. Majestät, die Domänen, gelegt hatte, gesühnt ist. Mit 51 gegen 24 Stimmen sind die Anträge des Oberbürgermeisters Barkhausen, die von R. von Bennigsen befürwortet wurden, abgelehnt, spätere Anträge der Opposition sogar gegen 53 Stimmen, bei namentlicher Abstimmung. Hannover, den 18. März 1861. Borries .«   Excellenz Graf Schlottheim, der auf der Tribüne der Ersten Kammer den Verhandlungen beigewohnt hatte, eilte durch die Registratur in die Vorzimmer der Ersten Kammer zurück und dann die Freitreppe hinab seinem Wagen zu, um schnell Toilette zu machen, denn er war nach Herrenhausen zur königlichen Tafel befohlen. Majestät Georg war sehr aufgeräumt bei Tafel, nachdem derselbe den Brief des Ministers des Innern erhalten hatte. Nach der Tafel bei Kaffee und Liqueur erzählte Schlottheim die nähern Einzelheiten der Kammersitzung. Herr von Borries habe die Kammeropposition niedergedonnert, und der Pastor Ernst habe der Minorität gesagt, »daß der Zorn Gottes solange über dem Lande bleiben werde, bis die Thaten des Jahres 1848 gesühnt seien«. Schlottheim zog zugleich ein Verzeichnis derjenigen Mitglieder der Zweiten Kammer hervor, welche sich bei den Verhandlungen wegen des Finanzkapitels verdient gemacht hätten, und empfahl, dieselben mit dem Guelfenorden zu decoriren. »Denn«, setzte er hinzu, »bisjetzt sind die Schwierigkeiten nur theoretisch weggeräumt, wir haben noch die praktische Schwierigkeit der Ausscheidung selbst zu überwinden, bei welcher es sich, je nachdem man rechnet und arrangirt, leicht um eine Differenz von 200000 Thalern jährlich handeln kann. Wir bedürfen also noch des guten Willens der Mehrheit, und um diesen anzuspornen, der Decorationen!« Der König schenkte dieser Rede kaum noch Aufmerksamkeit, sein fein ausgebildetes Ohr hörte ein ungewöhnliches Geräusch: »Was sind das für Wagen, die da heranfahren?« »Ew. Majestät steht heute noch eine Ueberraschung bevor, eine Deputation bäuerlicher Mitglieder Zweiter Kammer wünscht Ew. königlichen Majestät Aufwartung machen zu können, um den unterthänigsten Glückwunsch darzubringen als nunmehr erstem und größtem Grundbesitzer.« Ein freudiges Lächeln überzog das Gesicht des Königs, der Graf mußte ihn nach dem Salon führen, in welchem er Audienzen zu ertheilen pflegte, der Hofbesitzer Rudolph und zehn andere bäuerliche Grundbesitzer wurden in den Salon geführt, und ersterer überreichte dem Könige ein mit Gold auf weißen Atlas gedrucktes Gedicht und begann mit folgender Rede: »Allerdurchlauchtigster, Großmächtigster König! Allergnädigster Herr! Vor den Stufen des Thrones ihres allverehrtesten Königs und Landesherrn erscheinen ehrfurchtsvoll unterzeichnete Grundbesitzer und Mitglieder der Zweiten Kammer der allgemeinen Ständeversammlung, um ihrem heißgeliebten Landesherrn nunmehro als allerhöchstem und erstem Grundbesitzer aus dem Gefühle innigster und herzlichster Unterthanenliebe des Himmels reichsten Segen zu wünschen. Allergnädigster König und Herr! Schon unsere Väter wurden zu den Getreuesten gezählt, welche ihrem höchsten Landesherrn stets mit Gut und Blut in Liebe zugethan waren; sie erkannten voll Ehrfurcht in dessen erhabener Person den Stellvertreter Gottes auf Erden. Wir, die Söhne dieser Väter, fühlen uns von denselben Gesinnungen durchdrungen, nie und nimmer werden dieselben erlöschen. Genehmigen Ew. königliche Majestät allergnädigst und huldvoll noch folgende Ausdrücke der Freude und des innigsten und herzlichsten Dankes Allerhöchstdero getreuer Unterthanen und Grundbesitzer für die ihrem Stande gewordene Allerhöchste Auszeichnung und Ehre, in ländlicher Blumensprache: Der Schöpfer über Sternenzelten, Gab uns in ein' der schönsten Welten, Nach seinem höchsten Ebenbilde Den besten König weis' und milde.     Damit die Krone sanft nur drücke,     Und aller Segen Ihn beglücke,     Gab Gott dem Fürst aus Sachsens Gauen     Die schönste Blum' und Zier der Frauen. Drei, Engeln gleiche Königs-Kinder Erhöhn das Glück und sind nicht minder Des Landes Stolz, der Aeltern Freude, Hannovers Volkes Seelenweide.     Auch hat der Friede, der vermißte,     Besiegt nunmehr die kleinen Zwiste,     Zerstäubt sind die Juristen-Schnitzer,     Der höchste Herr ist Grundbesitzer. Wo sich die höchsten Herr'n bemühen, Da muß doch wol der Landbau blühen. Heil sei Hannovers schönem Lande. Glückauf dem treuen Bauernstaude!     Herr Gott, bleib' stets nur ein Bescherer,     Gib Heil dem Höchsten – der Ernährer –     Glückauf dem Stärksten – tapfrer Wehrer –     Vivat der Größte – guter Lehrer! Gott erhalte unsern allergnädigsten König und Landesherrn!« Georg, nie verlegen, wenn es zu antworten galt, hatte einen Vorrath größtenteils frommer, Christum, den Herrn, zu dem er für das Wohl seiner Angestammten täglich bete, regelmäßig hineinziehender Redefloskeln. Heute zog er das patriarchalische Register auf. »Geliebte Kinder«, erwiderte er, obgleich jeder der einzelnen Abgeordneten beinahe noch einmal so alt war als er selbst, »die kindlich treue Unterthanenliebe, die euch in euern Handlungen als Landstände geleitet, und euch getrieben, diese Ansprache an mich zu richten; und die wahrhaft väterlichen Gesinnungen, die ich für alle meine Unterthanen und mithin für euch, die ihr in so herzlicher Absicht zu mir gekommen seid, besonders hege, werden es euch verstehen machen, daß ich euch hier wie ein Vater seine geliebten Kinder anrede. Herzlich danke ich euch für euer Wirken in den Ständen, zur Vollendung des für das Land wie für die Krone so wichtigen Verfassungswerkes, wie für alles das, was in euerer Ansprache an mich enthalten ist. In dem für das königliche Haus wiedererlangten Grundeigenthum ist demselben nicht nur sein altes Recht und der Boden wieder geworden, auf welchem seine Macht von alters her beruhte, sondern es ist auch die Basis wiedergewonnen, auf der ein so schönes Band zwischen dem Herrschergeschlechte und den Grundeigentümern im Lande stets geschlungen war, und von dem der heutige Tag von neuem Zeugniß gibt. In meinem Herzen wird die Erinnerung daran nie erlöschen, und ich werde ihn zum ewigen Andenken in die Chronik meines Hauses eintragen lassen. Dankbar blicke ich zu Gott, daß der biedere Bauernstand in den hannoverischen Landen seit Hunderten von Jahren im Glück und im Unglück mit stets ungeschwächter Treue seinem alten Herrscherhause innig angehangen hat; wie denn auch ihr auf diesem Landtage mit euern gleichgesinnten Standesgenossen thätig zur Wiederherstellung der geordneten Zustände mitgewirkt habt. Und wie meine Vorfahren stets dahin gestrebt, einen tüchtigen Bauernstand zu erhalten und seine Verhältnisse zu heben, daß er, wie jetzt, segensvoll blüht und in allen Landen gepriesen wird: so werde auch ich mit Gottes gnädigster Hülfe rastlos beflissen sein, durch weitere Entfaltung euere Verhältnisse zu fördern; – so wie ich denn gewillt bin, schon in nächster Zukunft Gesetze zu erlassen, wodurch die so nothwendige Zusammenhaltung der Höfe für kommende Zeiten gesichert wird. Tief erkenntlich bin ich euch für die liebevollen Gesinnungen, die ihr für meine theuere Königin und meine geliebten Kinder empfindet und ausgesprochen habt. Ihr könnt versichert sein, daß die Grundsätze und Ansichten, die ich für euer Wohl hege, auf meinen theuern Sohn übergehen, und, so Gott will, von Geschlecht zu Geschlecht auf alle welfischen Thronfolger bis zu dem Ende aller Dinge forterben werden.« So war König Georg wieder der erste Grundbesitzer und heute war es das erste mal, daß er den erhabenen Gedanken äußerte, daß der Welfenthron bis an das Ende aller Dinge in seinem Geschlecht forterben werde.   Wer dem Kriegsrath Elster am 19. Juni 1859 auf seinem Gange von Herrenhausen begegnete – und der schöne Sommertag lockte viele Menschen zum Georgengarten – der sah ihm an, daß ihm etwas ganz außerordentlich Erfreuliches zugestoßen sein mußte, denn das sonst sorgenvolle in Falten gelegte Gesicht strahlte heute voll Zufriedenheit, und ein selbstzufriedenes Lächeln umschwebte die schmalen Lippen. Es war auch nichts Geringes, was er zu Stande gebracht hatte, ein Werk, das dem Kriegsminister nicht hatte glücken wollen, er hatte jetzt, da die Kaiser Frieden geschlossen hatten, Georg V. überzeugen müssen, daß es absolut nothwendig sei, von den Ständen, die im März schon 1 Million Thaler behufs Kriegsrüstungen bewilligt hatten, nochmals 1,350000 Thaler zu fordern. »Aber wie haben wir den Krieg zu befürchten, da die Kaiser in Villafranca sich selbst die Hand zum Frieden gereicht haben und Oesterreich die Lombardei bis zum Mincio abgetreten hat?« sagte der König. »Ich stimme zwar dem Kaiser von Oesterreich bei, daß die Schmach dieses Friedens auf den Deutschen Bund fällt, da er, der natürliche Bundesgenosse Oesterreichs, ihn im Stich gelassen. Allein ich weiß mich schuldlos, habe ich doch selbst die Reise nach Berlin gemacht, um ein anderes Resultat zu erzielen. Für den Augenblick sehe ich keine Kriegsgefahr, und ich glaube, wir könnten zu entwaffnen anfangen und die aufgekauften Pferde wieder verkaufen.« So hatte der König die Forderung des Kriegsministers zurückgewiesen, denn neue Schlösser bauen und Krieg fürchten, das schien ihm sich nicht zu reimen. Nun aber ging der Kriegsrath daran, dem Könige die Notwendigkeit der Rüstung von einem andern Gesichtspunkte klar zu machen. »Nicht Frankreich ist es«, hatte er vorgetragen, »das wir zu fürchten haben, es ist der Ehrgeiz des Prinz-Regenten. Das Ministerium der neuen Aera liebäugelt mit den Liberalen und den gothaischen Kaisermachern. In der Hofburg ist man gut unterrichtet, und der Friede ist weniger Folge der Schlappe, die Oesterreich bei Solferino erlitten, als ein Vorgehen gegen Preußen, dessen Sprache mit jedem Tage prätentiöser wird. Oesterreich gibt die Position in der Lombardei auf, um seine Position in Deutschland zu behaupten, um Preußen im Zustande von Olmütz zu fesseln. Oesterreich hat schon durch sein Manifest gesprochen, es wird seine Position in der Eschenheimer Gasse erst wieder behaupten können, wenn es seine Bundesgenossen in Deutschland stark weiß und bereit, ihm beizustehen.« Das war zu dem Herzen des Königs gesprochen, er hatte seine Einwilligung zu dem Schreiben des Gesammtministeriums an die allgemeinen Stände vom 19. Juli gegeben, welches neue 1½ Millionen forderte. Elster hatte im Sommer eine Tochter auszustatten, die sich verheirathen wollte, von zwei Söhnen war der eine auf der Universität und verbrauchte sehr viel Geld, der andere, ein Husarenlieutenant, verbrauchte noch mehr. Dazu hatte ihm der Schloßhauptmann von H. einige tausend Thaler im Pharao abgewonnen auf Ehrenwort. Zwar hatten die Abfälle von der Märzmillion diese Spielschuld gedeckt, aber er wußte noch nicht, womit er neben den laufenden Bedürfnissen, zu welchen das Gehalt noch nie hingereicht hatte, die bevorstehenden Ausgaben decken sollte. Jetzt hatte der liebe Gott sich ins Mittel gelegt und geholfen. Ein außerordentlicher Credit für die Kriegskasse, um Kriegsgefahr abzuwenden oder ihr entgegenzutreten, war immer etwas, das dieser und anderer Leute Kasse emporhelfen konnte, da daraus Bedürfnisse der hohen und höchsten Personen gedeckt zu werden pflegten, für die man sonst im Budget ein Unterkommen nicht fand. Das war einmal Gebrauch, und dabei fiel für die Rechenmeister etwas ab, wenn auch der das Kriegsdepartement in den Kammern vertretende Generalsecretär, der Kriegsgott genannt, davon nichts merken durfte. Für den Kriegsrath erwuchsen übrigens außer directen Vortheilen die Hauptbezüge aus Geschenken der Lieferanten. Der kluge Mann berechnete: 500000 Thaler für Anschaffung von Montirung und Material – die wollenen Decken sollte Commerzienrath Ameyer liefern; er hatte sich beständig als coulant erwiesen; die Tuchlieferung erhielt Commerziencommissar Bemeyer u. s. w. Da mußten wenigstens 10 Procent abfallen. Pferde waren zwar schon angekauft, aber 700000 Thaler war ein hübsches Geld. Beim Wiederverkauf mußte etwas zu verdienen sein, vorläufig aber bei dem Verleihen an Gutsbesitzer und Domänenpächter. Die Küstenvertheidigung, nun das war ein Popanz, der jedesmal vorgeschoben wurde, um der Bevölkerung bange zu machen. Seitdem die Dänen die Elb-, Weser-, Emsmündungen im Jahre 1848 und 1849 blokirt hatten, und die Demokraten so großes Geschrei erhoben, was war da geschehen? Man hatte das bischen deutsche Flotte unter den Hammer gekriegt und kein Huhn noch Hahn hatte gekräht, oder doch nur gekräht. Während der Kriegsrath so zusammenrechnete, hatte König Georg sein Mittagsmahl eingenommen und ließ sich dann von seinem Generaladjutanten Victor Justus Haus von Finkenstein durch einige Alleen des steifen herrenhauser Gartens führen, bis zu einer Fontaine, in deren Kühlung er seinen Kaffee zu nehmen pflegte. Hier in einem reservirten Theile des Gartens, den Publicus nicht betreten durfte, wartete der Majestät schon der zu seinem persönlichen Dienst berufene Geheime Cabinetsrath Dr.  Lex, die Augen des Blinden, sein Vorleser, in kühler gegen die Sonne geschützter Laube, da der König dem Spiel des Springbrunnens so gern »zusah«, wie er sagte. Lex war ein kleiner blasser Mann, der in frühern Zeiten das Privatdocententhum in Göttingen aufgegeben hatte, nachdem die Studenten sich erlaubt, in seiner Vorlesung einen Kampf zwischen zwei Boxerhunden zu provociren, die sich nicht scheuten, das Katheder zu ihrem Kampfplatze zu wählen und den zitternden Docenten zu nöthigen, auf demselben Schutz zu suchen. Er hatte dann als Subredacteur die »Hannoversche Zeitung« redigiren helfen, sich loyal und brauchbar bezeigt, und war zum Lector, jetzt zum Geheimen Cabinetsrathe emporgestiegen. Dieser kleine schmächtige Mann, dessen Kinn in eine weiße Kravatte verhüllt war, galt nicht nur für die wichtigste Person am Hofe, sondern war es. Denn wenn Fräulein Baumeister, der Hofschauspielerin, oder später der Hofopernsängerin Ubrich die Gnade zutheil wurde, Sr. Majestät im vertraulichen Zuzweisein Gedichte, ältere oder neuere dramatische Erzeugnisse, vorlesen zu dürfen, so erbrach Dr.  Lex nicht nur alle Immediateingaben an den König, alle Briefe der Minister an ihn, sondern er mußte ihm täglich aus den Zeitungen Bericht erstatten und daraus vorlesen. Das geschah regelmäßig ohne Beisein eines Dritten. Was konnte der Mann da lesen, wenn er verschlagener und mehr Diplomat und Hofmann gewesen, als er war! Leute, die den kleinen, blassen, immer ängstlich aussehenden Mann genau kennen wollten, behaupteten, er habe nie ein anderes Wort gelesen, als er gedruckt oder geschrieben fand, wohl habe er aber alles nicht gelesen, was dem Könige unangenehm sein konnte, natürlich sofern es etwas war, das sich überall verheimlichen ließ, sowie alles, was Anstoß in der Form und den Worten gab. In solchem Falle pflegte Lex das Referat vorzuziehen. Als Georg und sein Begleiter dem kühlen Plätzchen sich nahten, stand der Geheime Cabinetsrath ehrerbietigst von seinem Sitze auf und machte eine tiefe Verbeugung. Der König, der ganz genau den Platz kannte, wo Lex zu sitzen pflegte, sagte: »Bedecken Sie sich, mein Lieber, und theilen Sie uns mit, was es Neues gibt; Sie, Finkenstein, hören wol mit an, was die Mittagszeitungen gebracht haben.« Der Lector setzte sich zögernd und sagte: »Es ist leider wenig Gutes, was ich heute mitzutheilen habe.« »Nichts Gutes?« fragte Georg gespannt, »ich hatte geglaubt, nach dem Friedensschlusse würde uns nur Gutes kommen können, da der Habsburger die Macht und Freiheit erlangt hat, den ehrgeizigen Planen des Vetters › suum cuique ‹ entgegenzutreten und uns vor Raub zu schützen?« »Wenn hinter dem, was ich zu berichten habe«, sagte Lex, »nur nicht Graf von Schwerin-Putzar und andere seiner Genossen stecken.« »Lesen Sie, lesen Sie!« unterbrach ihn der König ungeduldig, beinahe barsch, und jener begann: »Eisenach, den 17. Juli. Heute hatten sich hier deutsche Patrioten aus allen Theilen Deutschlands mit Ausschluß Oesterreichs und sehr geringer Betheiligung aus Preußen, zusammengefunden, Männer guten Rufs im Vaterlande, meistens Mitglieder verschiedener Landesvertretungen oder anerkannte Führer der demokratischen Partei aus den sächsischen und thüringischen Fürstenthümern, aus Franken, Würtemberg, Baiern, Kurhessen, Sachsen, Hannover und den Freien Städten, um die unglückliche Lage Deutschlands mit Klarheit ins Auge zu fassen und zu erwägen, wie das Vaterland den Gefahren, die es von den beiden großen Militärstaaten im Osten und Westen bedrohen, bei seiner völligen Zerrissenheit entgehen kann. Die Versammelten waren einstimmig der Ansicht, daß diesem Unheile nur durch möglichst rasche Einführung einer einheitlichen und freien Bundesverfassung unter preußischer Spitze zu steuern möglich sei. Die deutschen Bundesregierungen werden freilich von ihrer Scheinsouveränetät –« »Halten Sie ein«, befahl der König, »wir kennen jedes weitere Wort, was folgt, das ist Geplärr aus der Paulskirche, das sind die alten Phrasen der gothaischen Mediatisationspartei. Wir sollen dem Herrn Vetter, der unsere angestammten welfischen Lande mit derselben Raublust in sein Herz geschlossen als sein Großvater und Vater und der sogenannte Große, der uns Ostfriesland raubte, unsere Eisenbahnen, Telegraphen-Posten, und unsere Truppen zur Verfügung stellen, damit er unsere einzige Stütze, Oesterreich, aus Deutschland und dem Bunde hinaustreibe. »Die Herren Preußen irren sich; ich kenne mein angestammtes Volk besser. Niemand von meinen treuen Hannoveranern verspürt auch nur die geringste Lust, zu Gunsten Preußens und der Demokratie die angestammten Einrichtungen aufzugeben. »Noch ist niemand erstanden, der die Formel erfunden hat, die durch tausendjährige Einzelentwickelung entstandene Particularisation der Stämme gewaltsam zu beseitigen. Der Stamm der Hannoveraner wird das nimmer dulden. Ich, ein Vasall der Zollern, die Waldhüter von Sanct-Sebaldus und Vögte der Nürnberger waren, während meine ruhmreichen Vorfahren, Herzoge von Baiern und Sachsen, ihre Macht von jenseit der Alpen bis zur Nordsee ausdehnten?! »Aber ich bin neugierig, welche meiner Unterthanen sich etwa verirren konnten, an der eisenacher Versammlung theilzunehmen, lesen Sie die Namen.« Der Cabinetsrath las: Adickes, Landtagsabgeordneter; Albrecht, Obergerichtsanwalt und Mitglied Zweiter Kammer, Rudolf von Bennigsen; Bruno Baumann, Regierungsrath a. D., und noch eine Menge anderer Namen. Des Königs Stirn verfinsterte sich, er stampfte mit den Füßen auf den Grandboden. »Das ist aber noch nicht das Schlimmste«, fuhr jener fort, »soeben berichtet der Generalpolizeidirector« – und er nahm ein Schreiben vom Tische und las: »Heute Mittag sind im großen Börsensaale eine größere Anzahl Mitglieder der Zweiten Kammer, sodann Advocaten und Anwälte vom versammelten Anwaltstage und sonstige bekannte demokratische Schreier aus allen Landestheilen zusammengekommen, um ein sogenanntes nationales Programm zu berathen. Herr Rudolf von Bennigsen scheint auch hier wieder der Führer. Ich habe die Versammlung in Person überwacht und werde sie fortwährend heimlich, aber streng überwachen lassen. Noch vor Abend berichte ich persönlich das Nähere.« »Dieser Agitation muß ein Ende gemacht werden«, sagte der König und hob das Haupt, das er bisjetzt gesenkt hatte, gegen Justus Victor, zog die Augenlider, die sonst beide Augen verdeckten, in die Höhe, sodaß dieser, der, so lange er auch in der Umgebung des Königs gewesen war, noch niemals diese starren, todten Augen gesehen hatte, wenn er poetische Rückerinnerungen gehabt hätte, an den Streckvers in den »Flegeljahren« hätte denken müssen, wo Jean Paul sagt: »Blicke mich nicht an, kaltes, starres, blindes Auge, du bist ein Todter, ja der Tod.« »Majestät«, erwiderte der Generaladjutant, »ich sinne schon seit zehn Minuten nach, wie man diesen Baumann, denselben, der mir den Arm lahm geschossen, recht exemplarisch strafen könnte.« »Alle, alle«, sagte Georg heftig, »die mich in Eisenach, die mich hier verrathen! Doch ich höre Schritte.« Haus von Finkenstein sprang aus der Laube und sah die Allee hinab. »Wermuth kommt«, referirte er dann. Der Generalpolizeidirector war in großer Uniform, den Stürmer auf dem Haupte. Er war ein älterer Mann, wohlbeleibt mit unschönem Gesicht, das aber große Schlauheit verrieth, wie der große Mund, der breite Unterkiefer und die wulstigen Lippen auf einen kräftigen Magen schließen ließen. Der Mann hatte eine glänzende Carrière gemacht, aus einem Advocaten in dem kleinen Hameln war er Chef der gesammten Polizei, ein allmächtiger Mann, der Vertraute des Königs geworden, dem er jeden Tag die im Lande wie in der Residenz vorgefallenen Polizei- und Skandalgeschichten berichten mußte. Der Generalpolizeidirector entblößte das Haupt und bückte sich tief vor dem Könige, in dieser Stellung während seines Referats verharrend, obgleich er wußte, daß der König diese Zeichen der Ehrerbietung nicht wahrnehmen konnte. »Majestät«, sagte er, »das Unerhörteste geschieht in Ihrer Residenz, gleichsam unter Ihren Augen. Leute, die Ew. königliche Majestät den Huldigungseid geschworen, Landesvertreter, Anwälte, Advocaten, pensionirte königliche Diener, Bürgermeister, Landräthe, Senatoren sprachen in öffentlicher Versammlung ungescheut davon, den Deutschen Bundestag durch eine feste, starke, bleibende Centralregierung mit preußischer Spitze zu ersetzen. Demokraten und Constitutionelle wollen sich zu Ehren der nationalen Unabhängigkeit und Einheit verschmelzen. Alles soll darauf hinarbeiten, daß Preußen in diesem Sinne die Initiative ergreife. In ganz Deutschland soll es als erste Pflicht jedes Deutschen gepredigt werden, die preußische Regierung, das Ministerium der neuen Aera, zu unterstützen, wenn dieses in den Lockapfel, den ihm die Gothaer hinwerfen, einbeißt.« Der König sagte, auf einen eisernen Gartenstuhl deutend: »Setzen Sie sich, mein lieber Generalpolizeidirector. Sie haben einen sauern Tag gehabt.« »Allergnädigste Majestät«, sagte der kleine Mann mit der weißen Halsbinde, »ist es mir erlaubt, meine Meinung zu äußern?« und als der König nickte, fuhr er fort: »Ich fürchte, daß dahinter mehr steckt. Erinnern sich Ew. Majestät der Moniteurnote vor dem Kriege, welche das Recht Preußens auf Hegemonie und Annexion der nordwestlich der Elbe gelegenen Länder ziemlich unverhohlen aussprach? Damit scheint mir diene Gortschakow'sche, welche dem Deutschen Bunde Neutralität anbefahl, daneben aber auf den Prinz-Regenten als den ritterlichen Hort der deutschen Nation, d. h. als deutschen Kaiser, hinwies, in Verbindung zu stehen. »Es scheint mir nicht zufällig zu geschehen, daß gerade in diesen Tagen unser würdiger Freund hier« – er wies auf Wermuth – »bei verschiedenen Buch- und Kunsthändlern Karten von Europa, mit der Jahreszahl des nächsten Jahres, confiscirte, nach welchen Preußen die Rheinprovinz an Frankreich abgetreten, dagegen alles Land zwischen Main und Rhein und Nordsee sich annectirt hat, und in der man den Frevel begangen hat, den durchlauchtigsten Thron unsers angestammten Fürsten nach Konstantinopel zu versetzen? Das alles und die vorgestrige Versammlung in Eisenach, die heutige in Hannover, scheint mir nicht ohne Zusammenhang, und ich glaube, daß Ew. Majestät Grund haben, vor dem Räuberstaate, wie Sie treffend zu sagen pflegen, auf der Hut zu sein.« Georg V. lachte höhnisch auf und erwiderte: »So weit sind wir noch nicht, mein lieber Geheimer Cabinetsrath, das Welfenhaus steht fester begründet als Felsen, und sein Ruhm reicht stolzer empor als die Eichenkronen der Wälder. Gott, zu dem ich täglich bete, hat mir im Traume zugesagt, daß das Welfenhaus und das Land Hannover ineinander fest verwoben bleiben bis zum Ende aller Dinge.« Nach einer kurzen Pause fuhr der König fort: »Können wir diese Nationalrebellen gerichtlich abstrafen lassen, oder wie treffen wir sie sonst?« »Majestät werden sich überzeugen«, nahm Wermuth das Wort, »daß in unserm Strafrecht ein Artikel noch fehlt, der die Gelüste, einen deutschen Kaiser zu machen, mit der verdienten Zuchthausstrafe bedroht. Außerdem sind ja leider gothaische Gedanken bis in das höchste Tribunal hinein verbreitet. Man hat die deutschen Fürsten in dem Unglücksjahre 1848 zu oft mit den Worten deutscher Einheit, Centralgewalt u. s. w. spielen lassen. Wie können die Schuldigen nur indirect treffen.« »Hat denn aber niemand in der Versammlung die Rechte der tausendjährigen Welfendynastie vertheidigt?« »Allerdings machte der Oberbürgermeister Barkhausen aus Lüneburg einen schwachen Versuch, und einmal schien es sogar, als ob der Landrath Neubourg aus Stade ihm secundiren wollte. Ersterer warnte davor, Preußen auch nur einen kleinen Finger zu reichen, weil dieses gleich die ganze Hand ergreife. Die preußischen Geheimräthe seien die unerbittlichsten Uniformisten, die nur nach preußischer Schablone arbeiten könnten. Er glaube, daß den deutschen Fürsten ein viel größeres Stück Souveränetät gelassen werden könne, als Bennigsen, Miquèl, Baumann und andere es im Interesse der Centralisation für geboten hielten. Der Advocat Weber aus Stade wollte die Kleinstaaterei gänzlich aus der Luft haben; ihm genügte nur ein preußischer Einheitsstaat. Die Mehrzahl war der Ansicht, daß das, was man fordere, zu unbedeutend sei, um mit einer Mediatisirung verglichen werden zu können. Im ganzen hielten sich die Redner (ich vernahm alles genau, denn ich hatte ein gutes Versteck in der Musikantenloge) in den parlamentarischen Grenzen. Jetzt tafeln und toasten sie, und da sie unter sich zu sein glauben, wird es offener hergehen, denn die Oeffentlichkeit zieht von selbst Schranken. Ich habe Duve und einem Stenographen meinen Platz überlassen und werde Ew. Majestät morgen des nähern berichten können.« »Damit ist mir nur nicht viel geholfen, lieber Wermuth«, sagte Georg; »es fragt sich, wie strafen wir den Frevel und wie hindern wir, daß er weiter um sich greife?« »Majestät, ich habe an Mittel gedacht. Mein allergnädigster und huldreichster König wird sich erinnern, daß vor einigen Jahren in Dresden ein Schwarzes Buch eingerichtet wurde, das der Polizei aller deutschen Länder gute Dienste geleistet, indem es alle politischen Agitatoren, alle Wühler gegen das monarchische Princip, die literarischen Demokraten und Versemacher, die Gazettisten und Redehelden der Landtage zur gemeinsamen Kenntniß der Regierungen brachte. Die Versammlung des heutigen Tages gibt die beste Gelegenheit, ein Schwarzes hannoverisches Buch zu gründen, denn man will den Kern der heutigen Reden in einer Ansprache als Brandbrief in das Land schleudern und alle Gleichgesinnten auffordern, sich offen zu dem neuen Programm zu bekennen. Da haben wir das Schwarze Buch von selbst.« »Nicht Schwarzes Buch«, unterbrach der König, »ein Welfe darf nie einem Wettiner etwas nachmachen, Grünes Buch soll es heißen.« »Wohl Majestät«, erwiderte der Polizeimann unterthänigst; »ich wollte auch vorschlagen, viel weiter zu gehen, als man in Sachsen gegangen ist. Alle in das Grüne Buch eingetragenen Namen müssen als verfemt angesehen werden. Der Staat muß ihnen alles entziehen, was er kann. Da sind die Masse der Advocaten, welche den Nationalrebellen angehören und sie leiten. Den Gerichten muß befohlen werden, keinem von ihnen Curatelen oder sonst einträgliche Beschäftigungen, über welche die Gerichte zu verfügen haben, zu übertragen, wie es sich von selbst versteht, daß sie in Processen des Fiscus niemals als Anwälte und Procuratoren bestellt werden, daß man ihnen kein Notariat verleiht und keine Beförderung vom Advocaten zum Anwalte zukommen läßt. Majestät werden erleben, wie bald der eine und andere kommt und ausruft: pater peccavi . Da sind auch Zeitungsredacteure, Verleger, Drucker, deren Namen schon heute im Grünen Buche stehen; keinem derselben darf von Behörden und Gerichten fortan ein Inserat zugewendet werden, man muß die gutgesinnten Blätter und Zeitungen unterstützen, namentlich die der gutgesinnten Provinzialpresse. Da ist ferner der Gutsbesitzer Adickes, er treibt Holzhandel, und ich hörte neulich abends zu meinem großen Erstaunen vom Generaldirector Hartmann, daß die Eisenbahndirection mit ihm Geschäfte für mehr als hunderttausend Thaler abschließt. Was schadet es, wenn sie bei andern einige tausend Thaler theuerer kauft? Da sind Maurermeister und Zimmerleute, Dachdecker und sonstige Arbeiter, die herrschaftliche Arbeiten in Verding haben, heute in der Rebellenversammlung anwesend gewesen, Krämer, Kaufleute, Fabrikanten, von denen vielleicht der Hof selbst kauft! Sie alle sollen und müssen fühlen, was es heißt, das tausendjährige Herrscherhaus der Welfen den Zollern als Vasallen unterordnen zu wollen.« »Schon gut, schon gut«, sagte der König, »das alles ist in den Händen meines Ministers des Innern und in Ihren Händen wohl aufgehoben. Wie aber treffe ich die Anstifter, diesen Bennigsen, Baumann und andere?« Ehe Wermuth antworten konnte, meldete ein reich in Goldstickerei und Roth gekleideter Kammerhusar: »Se. Hochwürden, der Consistorialrath Taubenschlange, wünscht unterthänigst Aufwartung zu machen.« Dieser, ein langer, dürrer Mann, im Talar und Baret, redete den König höchst salbungsvoll an: »Sei durch mich von Gott begrüßt, König Israels! Der Herr erleuchte dich fernerweit mit seiner Gnade, und dein hohes Herrscherhaus mit seinem Segen! »Königliche Majestät«, fuhr er dann mehr im Geschäftstone fort, »unsere Mutter, die Kirche, hat mich beauftragt, Ew. Majestät den Dank zu überbringen für die Gnade und Huld, mit der Allerhöchstdieselben den untertänigsten Vorschlag des Consistoriums, dem fleißigen Arbeiter an dem neuen Katechismus, Pastor L., die Superintendentur in X. zu verleihen, genehmigt haben, Dank zu sagen und Treue zu geloben für die Huld und Gnade, mit der Ew. königliche Majestät jede redliche Arbeit für das Kommen des Reiches Gottes schützen und fördern. »Aber ich muß zugleich Ew. königliche Majestät um eine neue Gnade unterthänigst anflehen. Es ist uns allen bekannt, wie hochgeneigt Majestät sind, alles Schädliche von der Kirche, der durch Unglauben so schwer bedrängten, abzuwehren. Uns wird die Nachricht, daß die Bürger der aufgewühlten, beständig ungläubigen und unruhigen Stadt Osnabrück auf Ew. königliche Majestät eine Pression auszuüben beabsichtigen. Eine zahlreiche Deputation von Agitatoren ist von dort abgereist, um Ew. Majestät eine Petition zu überreichen, wegen Bestätigung des als Prediger erwählten Pastors S., dem das Consistorium zu Osnabrück mit vollem Rechte als Ungläubigem und Nichtchristen die Bestätigung versagte. Das Consistorium vereint seine Bitten mit dem Consistorio zu Osnabrück, daß Ew. königliche Majestät die Deputation zurückweisen möge.« Der Consistorialrath würde eines weitern und breitern gesprochen haben, wenn der König seine Rede nicht abgeschnitten hätte, indem er sagte: »Es ist mir eine innige Freude gewesen, unserm wackern L., der so fleißig arbeitet an der Wiederherstellung des alten Glaubens an Christi Blut, durch Bestätigung seiner Wahl zu zeigen, daß wir Verdienste zu ehren wissen. Was den Unchristen S. anlangt, so braucht sich die Kirche keine Sorge zu machen. Ich werde meinem Hofmarschall Befehl ertheilen, diese osnabrücker Deputation nicht vorzulassen. Wir wissen zu gut, welche Stütze eine gläubige Kirche für den Thron ist. Wie mein Vater werden ich, meine Enkel und Urenkel des Herrn und der Kirche Diener bleiben bis zum Ende aller Dinge.« Der Consistorialrath wollte etwas antworten, aber Georg, als sähe er dies, erhob sich und sagte: »Ich sehe, daß die Sonne Abschied nehmen will, es wird kühl, und es ist Zeit, ins Haus zu gehen.« Dem war freilich nicht so, die Sonne stand noch hoch am Himmel, aber die Bäume des Parks, namentlich die von dem großen Springbrunnen her, warfen ihre längern Schatten in die Seitenallee, in welcher der König saß. Der Generalpolizeidirector und der Consistorialrath machten ihre Abschiedsreverenzen, letzterer telegraphirte nach Osnabrück, ersterer gab seinen Unterbeamten Anweisung, ein Grünes Buch anzufertigen. Achtes Kapitel. Wolkenbilder. Der Verfasser hatte das letzte Kapitel und die letzte Zeile dieses Werks geschrieben, die Pflicht rief ihn, den Althannoveraner, zum Abgeordnetenhause nach Berlin; zur Abwechslung sollte er sich mit Kreisordnung, Budget, mit von Mühler'schen Unterrichtsgesetzen, und wer weiß was noch sonst beschäftigen. Es war eine stürmische Octobernacht, aber er hatte das Glück, von Braunschweig an in seinem Coupé allein zu sitzen. Hier sah er, wie schwarze Wolkenschatten in abenteuerlichen Gebilden vor dem Vollmonde herzogen. Wer hat nicht Aehnliches erlebt und wer weiß nicht, wie sehr solche Gestalten auf die Phantasie einwirken? Dazu kam, daß auch die weißen Dampfwolken der Locomotive an der Fensterseite, wo der Verfasser saß, hinzogen, und da sie entgegengesetzten Strömungen als die obern Wolken folgten, so wurden die Gebilde immer seltsamer. Die Wolkenmassen nahmen Gestaltungen an, die ich in den letzten zehn Jahren an mir hatte vorüberrauschen sehen, und welche eine Lücke ausfüllten in dem vorletzten Kapitel, wo der Sprung vom Jahre neunundfunfzig auf das Jahr sechsundsechzig doch zu groß ist. Diese Wolkengebilde, wie sie mir erschienen, will ich meiner Erzählung einschieben. Was ist das für ein Reiter, der da vor der Mondscheibe vorbeireitet? Ist es der todte Schatz von Bürger's Leonore? Ist es der Comthur aus dem »Don Juan«? Nein, der hat kein so großes Gefolge um sich, hier sehe ich um die Reiterstatue sich immer größere wohlgeordnete Züge sammeln, Züge mit Fahnen, Bannern, Musik. Ah! jetzt weiß ich, was ich sehe, es ist das Ernst-August-Denkmal, wir sind am 21. September 1861, und ich befinde mich auf dem Platze zwischen Bahnhof und Bierkirche in Hannover, um zu sehen, wie das dankbare Volk seinen Heldenkönig noch im Tode ehrt. Ein finsterer Mann mit großem schwarzen Backenbarte, ich kenne ihn wohl, es ist der Dr.  von Malortie, Hofmarschall, verkündete aller Welt, was jetzt geschehen solle. Also dem Jugendfrischen Ernst August im Silberhaar, Jedweder Zoll ein Heldenbild! Gerechtigkeit sein Ehrenschild! Und seines Volkes Stolz und Lust! soll das noch verhüllte Monument errichtet werden. »So laß doch das Flüstern und Fragen, ich will hören, was der Mann sagt, Giftkröte«, sagte ich zu meinem Begleiter, welcher mich am Rocke zerrte und fragte, in welcher Schlacht Ernst August seine Heldenthaten verrichtet, » schweige, vielleicht erfährst du aus dem Munde dieses Geschichtschreibers, an welchem Orte der Heldenkönig an der Spitze seiner angestammten Hannoveraner gegen die Welschen focht.« Siehe, da kommt der König Georg V. in Generalsuniform, der Kronprinz in der Uniform der Gardehusaren, die Königin mit den Prinzessinnen Friederike und Marie, den Lieblichen. Der Hofmarschall redet langsam und feierlich, und die vielen tausend Menschen, die auf dem Platze stehen, sind still und stumm, um kein Wort zu verlieren von dem, was er sagt, und er spricht: »Es ist einem Fürsten aus dem erhabenen Hause der Welfen dieses Denkmal von seinem dankbaren Volke errichtet, aus einem Hause, welches vor länger als neunhundert Jahren gewaltig und mächtig dastand, wie kein zweites in Europa. Den Welfen gehorchen noch heute die Völker am Nord- und Südpol der Erde!« Ein wohlgefälliges Lächeln überglitt das Gesicht des Königs bei den letzten Worten, während es sich verfinstert hatte, als der Hofmarschall von neunhundertjährigem Alter der Welfendynastie sprach, da er selbst nur nach tausend Jahren zählte. Der Redner begann nun mit byzantinischen Redefloskeln, wie sie am Welfenhofe schon hergebracht waren, das Lob der vierzehnjährigen Regierung Ernst Augusts auszuposaunen, des erhabenen Königs, der nie an sich (Domanialausscheidung?), sondern nur an das Wohl und Glück seines angestammten Volkes gedacht habe. Dann kam der Redner auf den erhabenen Welfensprossen, der durch die besondere Welfenvorsehung, die über dem gloriosen Hause wache, jüngst aus großer Lebensgefahr errettet sei und heute seinen sechzehnten Geburtstag feiere. Die ewige Dauer des Welfenhauses im Verein mit den Angestammten fehlte natürlich nicht. Mein Nebenmann, der den Namen Giftkröte führte, ein Ostfriese, welcher zur Zeit der Rettung des Welfensprossen in Norderney anwesend war, flüsterte mir beständig schnöde Bemerkungen zu, sodaß ich wirklich froh war, als, nachdem auf Befehl Georges die Hülle vom Denkmal gefallen war, Musikcorps, Liedertafeln, Kanonenschüsse weitere Mittheilungen hinderten. Ich erinnerte mich daran, wie ich am Abend mit Freund Baumann durch die reichilluminirten Straßen der Residenz fuhr und die byzantinischen Schmeichelreden in Versen und Prosa las, womit man das Welfenhaus überschüttete. Bruno fragte, werden wir oder unsere Nachkommen Georg V. ein gleiches Denkmal setzen? Ein Denkmal, wie es der Bruch der Verfassung und der Bruch des königlichen Worts fordert? Oder wird der Sturm der Weltgeschichte dieses übermüthige, gewaltthätige, treulose Geschlecht knicken wie einen Grashalm und unter den Trümmern der Verträge vom Jahre funfzehn zertreten? Ich hatte während dieser Rückerinnerungen den Mond nicht angeschaut; jetzt, da ich wieder nach demselben hinaufblickte, glaubte ich ein neues Bild zu sehen, den langen Consistorialrath, den meine Leser zuerst und zuletzt bei dem Könige in Herrenhausen sahen, umgeben von vielen Amtsgenossen, Predigern in Talar und Baret mit der steifen Krause um den Hals oder mit Bäffchen. Sie umringen den Consistorialrath, wünschen ihm Glück, machen ihm Lobeserhebungen, preisen ihn in dem Herrn. Was ist geschehen? – Wir sind um ein halbes Jahr in der Zeit weiter gerückt, gestern war der 14. April 1862, der Geburtstag der »engelreinen« Königin, und da offenbarte sich aller Welt, was der Consistorialrath in aller Stille vermocht hatte. Er hatte den König Georg V. abermals zu einer Handlung bewogen, die gegen das Landesverfassungsgesetz verstieß. Man hatte seit Jahren in aller Stille den altlutherischen Katechismus nach einer alten Bearbeitung umformen lassen, um das trübe Gebräu des Rationalismus aus den neunziger Jahren, »wo das Rasen mit der Vernunft gegen Bollwerke des Glaubens stürme«, zu beseitigen. Das ging, da Aenderungen der Liturgie damit verbunden waren, nicht ohne Zusammenberufung einer Synode; aber man fürchtete diese und das Laienelement, da sich nur wenige Gemeinden zu derjenigen Kirchlichkeit bekannten, die von oben herab begünstigt wurde. Der neue Katechismus lehrte die Existenz eines lebendigen Teufels und übergab den Predigern wieder den Gnadenschlüssel, die Sünden zu vergeben, und damit die Macht über die Gemüther. Georg V. hatte nun tags zuvor am Geburtstagsfeste der Königin, zu Ehren der Confirmation des Kronprinzen und zum Preise des Herrn, eine königliche Verordnung octroyirt, durch welche der neue Katechismus, »der dem freudigen, rücksichtslosen Ausdruck des Glaubens Worte lieh«, in allen lutherischen Kirchengemeinden eingeführt werden sollte. Tausende von Exemplaren lagen lange vorher gedruckt und gebunden bei dem Drucker, resp. Verleger des loyalen Tageblattes und wurden mit der Verordnung in alle Landestheile gesendet. Der Consistorialrath hatte den stolzen Welfen so sehr von seiner Sündhaftigkeit und Vergebungsbedürftigkeit überzeugt, daß dieser, als der Superintendent Saxer ihm bei einem Königsbesuch im Bremenschen ob dieser That dankte, erwiderte: »Es ist mir eine innige Freude gewesen, am Geburtstage der Königin die Verordnung über Einführung des neuen oder richtiger alten Katechismus unterschreiben zu können, und ich hoffe, daß mir der Gedanke daran in meiner letzten Stunde eine Erquickung sein wird. Ich fehle täglich mehr, ich bin nur ein armer Sünder, und es gibt nur Einen Weg zur Seligkeit, den Glauben an Christi Blut, und dieser Glaube wird in dem neuen Katechismus reiner gelehrt als in dem alten.« Wörtlich nach der Zeitschrift für die Angelegenheiten der lutherischen Kirche und den Berichten der hannoverischen Landeszeitung. ) Ich versank wieder in Träumereien, als ich an die Ereignisse mich erinnerte, die verhinderten, daß die officielle Kinderlehre um dreihundert Jahre zurückgeschraubt und die unheimlichen Lehren vom Reiche des Teufels und der Priestergewalt aufgestellt wurden; ich sah, wie ein einfacher Mann gegen die Schriftgelehrten des Consistoriums auftrat, und wie das ganze Land zu dem Archidiakonus Baurschmidt stand, wie sein Weg in das Inquisitionsgericht des Consistoriums wegen seiner Schrift gegen den neuen Katechismus mit Blumen, Teppichen, Kränzen belegt, und er von einer zahlreichen Menge begleitet war, wie seine Abreise von Ahles Schenke bis zum Bahnhofe und in seine Heimat einem Triumphzuge glich, den in dieser Weise Könige selten erleben. Dann sah ich den Aufstand vom 8. August, wie man das Haus des Consistorialraths zu demoliren anfing und die bewaffnete Macht einschreiten mußte. Wenn ich das Resultat der vor wenigen Tagen abgehaltenen Synodalwahlen dagegen in Erwägung zog, so kam nur die Erkenntniß, daß die protestantische Pfaffheit an keinem Satze des Neuen Testaments fester halte als an dem: »Seid sanft wie die Tauben und klug wie die Schlangen.« Mein Blick erhob sich wieder zum Monde, ich glaubte die schöne Landschaft des Sanct-Wolfgangssees zu sehen, an dem Abend, wo mein Freund Bruno Baumann, sein Bruder Karl und ich im Mondenschein darin badeten, am 22. September desselben Jahres. Wir waren am Tage schon auf dem Schafberge gewesen und hatten das herrliche Panorama der Salzburger Alpen und Seen überschaut. Am andern Morgen mußten wir hinuntereilen in das Donauthal, wenn wir zur rechten Zeit in Wien zur Eröffnung des Juristentages ankommen wollten. Nun aber verspäteten sich die drei zweiräderigen Wagen, welche nöthig waren, uns nach Ischl zu schaffen; jeder von uns saß allein mit seinem Kutscher auf dem kleinen Fuhrwerk, und dennoch kamen wir zu spät zum Postanschluß. Die kaiserlich königlichen Poststellwagen waren schon abgefahren, und nur mit Mühe erhielten wir Extrapost, um uns zum Anschluß an den Dampfer nach Ebensee zu führen. Aber jetzt ging es im gestreckten Galop die schöne Chaussee an der Traun hinab, bis wir die Stellwagen überholt hatten. Auf dem Dampfer trafen wir mehr als zwei Dutzend hannoverischer Juristen, die dasselbe Ziel hatten. Der schöne Traunsee mit dem reizend gelegenen Traunkirchen, den beinahe sechstausend Fuß sich senkrecht aus dem See erhebenden Traunstein zur Rechten, vor uns das zur Zeit in Nebel gehüllte Gmunden, fesselte uns an das Deck. Nur Karl Baumann hatte größern Zeitungs- als andern Hunger, er schlich in die Kajüte hinab, seit fünf Tagen hatten wir Zeitungen nicht zu Gesicht bekommen. Während wir, die in Ischl um das ersehnte Frühstück Gekommenen, die Landsleute begrüßten und uns anschickten, das Versäumte nachzuholen, kam der junge Baumann aus der Kajüte heraufgestürmt und tanzte wie unsinnig auf dem Verdecke herum, »Vivat! Vivat!« schreiend und ein Zeitungsblatt um den Kopf schwingend. »Welche Tarantel hat dich denn gestochen?« schalt Bruno. »Graf Borries«, erwiderte Karl, »ist in Ungnade entlassen, das Gnadengeschenk Gottes, der neue Katechismus, zurückgenommen!« Als wahrhaftiger Geschichtschreiber darf ich versichern, daß keiner der vielen anwesenden Hannoveraner, Kronanwälte, Oberappellations- und Obergerichtsräthe, Anwälte und Advocaten, mehrfach decorirte königliche Diener nicht ausgenommen, ob dieser Nachricht auch nur eine Thräne vergoß. Alle stimmten vielmehr in das Hoch Baumann's, und Preußen und Baiern, Sachsen und Schwaben, Rheinländer und Mecklenburger fielen mit ein, und als der Dampfer nach einer Stunde in Gmunden landete, da war die letzte Flasche Vöslauer, die er am Bord führte, geleert. Da meine Phantasie mich einmal nach Wien geführt hat, so kann ich gleich hier den Leser mit einem Ereignisse bekannt machen, das ihn interessiren wird, wenn er für den mehr in den Hintergrund getretenen Bruno Baumann noch einige Zuneigung fühlt. Wir waren zu drei aus dem Welfenlande ausgezogen, kehrten aber nur zu zwei dahin zurück, ohne Bruno. Das hing so zusammen. Die Kaiserstadt nahm uns sehr gut auf, viel besser, als wir es am Morgen unserer Abfahrt von Linz vermuthen durften. Denn es regnete stark, regnete stundenlang, sodaß man oft das jenseitige Donauufer kaum erkennen konnte, aus dem Eisenbahnwaggon nämlich. Als wir aber in die Nähe Wiens kamen und an Schönbrunn vorbeifuhren, da theilten sich die Wolken, ein Sonnenstrahl beleuchtete den Prachtbau der Gloriette, und von diesem Augenblick an hatten wir während der ganzen Reise nur Sonnenschein. Nachmittags waren über tausend Equipagen und mehr als hunderttausend Menschen im Prater, ein Schauspiel, wie wir es noch nicht erlebt hatten. Und nun gar abends im Sperl, wo die Stadt uns als ihre Gäste empfing. Zum Glück wurde es abends so kalt, daß das Festcomité die Eingeladenen ersuchte, die verschiedenartigen Ueberzieher wieder anzulegen und die Hüte aufzubehalten. Nur so konnte man es in dem schön illuminirten Sperlgarten aushalten; aber welch bunt bewegtes, ungenirtes Leben und Treiben! Wenn man aus den Sälen des Sperl die breite Freitreppe hinunter in den Garten trat und auf den Halbrundbau zuschritt, in welchem der Wiener Männerchor, an hundert Mann, uns durch kräftigen Gesang begrüßte, und die sämmtlichen deutschen Universitäten uns in Transparentbildern oder als Medaillons entgegenlachten, dann glaubte man in einem Zaubergarten zu sein. Strauß mit seiner Truppe löste durch Polkaklänge den Gesang ab, dann erscholl aus einem andern Theil des großen Gartens die Blechmusik der Gardeartillerie, welche wieder abgelöst wurde durch die Militärmusik eines Infanterieregiments. Man traf auf hundert Bekannte und Freunde, die man oft zwanzig Jahre und länger nicht gesehen; es war gefährlich und doch so leicht auseinanderzukommen, denn das Wiederfinden war schwer. Wir suchten Hermann Baumgarten, der aus seinem Helenenthale herab zur Donau gekommen war. Endlich fanden wir ihn mit alten Lützower Kampfgenossen hinten in der Nähe der großen Fässer von Dreher'schem Märzen, und wir verließen diesen Platz vor Einnahme des Mahls nicht wieder. Sämmtliche Gäste, Norddeutsche wie Süddeutsche, waren übereinstimmend der Ansicht, daß es auf der ganzen Erde ein besseres Bier nicht gebe. Es ist natürlich nicht meine Absicht, alle die Festlichkeiten zu erzählen, mit denen wir überschüttet wurden, nur zwei derselben sollen hervorgehoben werden. Montags zogen wir der Festvorstellung im Hofoperntheater (damals noch in der innern Stadt) die Ovation vor, welche Wien der aus Kissingen gesund zurückgekehrten Kaiserin in Schönbrunn brachte – zwölftausend bunte Laternen und Fackeln, zehn Musikcorps, wiener Männerchorgesang – die Kaiserhymne und Arndt's deutsches Vaterlandslied – Wien war überall schwarz-roth-golden in jenen Tagen, und pfiffige Politiker wollten im nächsten Jahre den Fürstentag in Frankfurt schon in Wien gerochen haben. Für uns Juristen waren im Hof unter den Fenstern, wo Kaiser und Kaiserin sich präsentirten, zwei Tribünen erbaut, als wir aber kamen, und wir gingen zeitig hin, da wir versprochen hatten, Hermann Baumgarten und seinen Damen Plätze zu reserviren, fanden wir die uns bestimmten Räume von Financiers aus orientalischem Geschlecht beinahe sämmtlich eingenommen, und nur mit Mühe gelang es uns, von einigen Landsleuten Sitzplätze für die Damen zu erhalten. Hermann Baumgarten brachte seine Veronica, eine Schönheit noch im hohen Alter, und die Baronin Heloise von Barrò mit sich. Ich hatte diese seit dem Balle beim göttinger Jubiläum nicht wiedergesehen. Sie war noch immer eine schöne Frau in der Mitte der Vierzig, und Bruno Baumann wich nicht mehr von ihrer Seite, obgleich die Haare seines Bartes schon hier und da grau zu werden anfingen. Am andern Tage besuchte er keine Abtheilungssitzung, auch war er nicht bei dem Empfange im k. k. Lustschlosse durch Erzherzog Rainer, noch abends bei Excellenz von Schmerling, sondern mit Hermann und seinen Damen erst nach Laxenburg gefahren und dann ins Opernhaus gegangen. Mittwochs beim Festcommers im Dreher war er sehr zerstreut. – Hermann war mit den Damen wieder abgereist und nahm an den politischen Discussionen, welche wir Norddeutsche der nationalen Partei mit den österreichischen Collegen – die heute zum Theil Minister sind, führten, nur geringen Antheil. Donnerstag verweigerte er an dem Festmahl in der Neuen Welt teilzunehmen, war auch nicht in der Plenarversammlung. Erst Freitag, als es früh morgens hieß: hinaus nach dem Südbahnhofe! kam wieder Leben in ihn, wir fuhren nach dem Semmering, vor Baden und dem Helenenthale vorüber. Auf der Rückkehr, wo die Stadt Baden uns bewirthete, zog er es vor, mit Hermann und seinen Damen bei der Conditorei sitzen zu bleiben und statt zu diniren Eis zu schlürfen. Man zählte in Baden an diesem Tage über zwanzigtausend schöne Wienerinnen, ich glaube Bruno hat keine von ihnen bemerkt. Am Abend, als die Lampions, die den schwarz-roth-goldenen Aar mit dem deutschkaiserlichen Doppelkopfe bildeten, zu erlöschen begannen, fuhren wir nicht nach Wien zurück, sondern nach Sanct-Helena in Baumgarten's Villa, und von da mußten wir ohne Bruno nach dem Norden zurück. Die Ungarin hatte ihn uns geraubt und auf ihre ihr wieder zurückgegebenen Güter geführt. Seitdem habe ich Bruno nicht wiedergesehen, aber er hatte mir im Herbst selbstgekelterten Tokayer gesendet, und ich erinnerte mich eben zur rechten Zeit, daß ich davon ein halbes Fläschchen bei mir führe, und trank es auf das Wohl des Gebers, seiner Frau und seiner beiden Kinder. Seit dem Augenblick konnte ich die Wolkenbilder vor dem Monde nicht mehr enträthseln, ich dachte an Wien, dachte an das hannoverische Ministerium der neuen Aera und die Verbrüderungsfeste mit denen, die zwei Jahre später Hoch- und Nationalverräther genannt wurden, und schlief ein. Als ich erwachte, war es heller Morgen, der potsdamer Dom schimmerte im schönsten Sonnenscheine. Neuntes Kapitel. Der Boden bebt. Die Natur unsers Stoffes legt uns auch in diesem Kapitel skizzenhaft hingeworfene Lebensbilder auf, deren Bedeutung und Zusammenhang wir häufig dem Leser selbst zu suchen überlassen müssen. Wenn wir einzelne historische Andeutungen, gleichsam als rothen Faden den Lesern in die Hand zu drücken wagen, um sich im Labyrinth kleinstaatlich welfischer Zustände zurechtzufinden, so bitten wir deshalb um Verzeihung. Als das Jahr sechsundsechzig seinen Umlauf begann, hatte Georg V. während einer funfzehnjährigen Regierung sein Ministerium zum sechsten male geändert. Das Ministerium der neuen Aera, das in den Wolkenbildern flüchtig an uns vorüberrauschte, war entlassen. Niemand wußte so recht den Grund, und an die Stelle von Männern, die es so getreu mit dem Könige und so gut mit dem Lande gemeint hatten, als sie, um ihre Stellung zu behalten, es wagen durften, waren zum Theil gänzlich grüne und unbekannte Persönlichkeiten getreten, zum Theil Namen, die weder bei dem Adel, noch bei der Volkspartei, noch bei den Bureaukraten und Gerichten beliebt waren. Hatte der Blinde gegenwärtig die Männer gefunden, die in all und jedem Punkte seinem Willen unterthan waren, ihn als den Stellvertreter Gottes, sich selbst als die untergeordneten Werkzeuge der königlich welfischen Majestät ansahen? Das Organ des Grafen Platen, der sammt dem Kriegsminister auf seinem Posten geblieben war, predigte allerdings: »Das göttliche Wort und die göttliche Ordnung sind der Ausgangspunkt und die Wurzel aller menschlichen Ordnungen, die Bestand haben sollen im drängenden Treiben der Zeit. Die Politik muß ein Gottesdienst sein. Wir müssen Vertrauen haben in die unumstößliche Wahrheit und die ewige Dauer welfischer Dinge.« Es klang recht schön und mußte die in dem »Herrn« Gläubigen zu der schönsten Begeisterung erheben, wenn die officiöse königliche Zeitung am Neujahrstage sagte: »Es ist die Sache Gottes, die wir führen, und der gewaltige Arm des Allmächtigen ist es, der unser heiliges Banner trotz aller Anfechtungen siegreich emporhält!« Man sieht, wenn die Politik noch nicht zur Religion geworden war, so war sie doch bereits kirchlich geworden. Drei Monate später war dieses heilige Banner freilich schon in großen Schwankungen. Noch zwei Jahre früher hätte Graf Platen dem, was man historisch-legitimes Recht nennt, Geltung verschaffen können, wenn er den Muth gehabt hätte, redlich und offen für die Rechte des Augustenburgers, wie die Zweite hannoverische Kammer es wollte, einzutreten. Allein die Integrität der dänischen Monarchie und die Londoner Protokolle galten dem Grafen eben mehr als die nationalen Rechte Deutschlands und die Forderung aller, die an mehr als das Arndt'sche Lied: »Was ist des Deutschen Vaterland?« bei dem Worte Deutschland dachten. Jetzt waren die Elbherzogthümer ein erobertes, Oesterreich und Preußen gehöriges Land, von dem Oesterreich schon ein Stück altwelfischer Lande, Lauenburg, an Preußen verkauft hatte. Man stritt sich um Auslegung des Vertrags von Gastein, Oesterreich und Preußen hatten zu rüsten angefangen, selbst das kleine Sachsen, welches das Herausdrängeln der Executionsbundestruppen aus Holstein übler aufgenommen hatte als Hannover, rüstete. Freilich hatte der »Kladderadatsch« den Grafen von Platen ziemlich geschont, den Herrn von Beust aber in seiner vollen Glorie dargestellt seit den Londoner Conferenzen. Es hatte sich ein Zeitungskrieg darüber entsponnen, wer zu rüsten angefangen habe; nach Krieg dürsten wollte weder Oesterreich noch Preußen. Am Hofe zu Hannover nahm man diese Entwickelung der Dinge nicht so ernst, der fatale Zeitpunkt war gekommen, wo man die Kammern wieder zusammenrufen und Rechenschaft ablegen mußte, weshalb man die unschuldige Novelle zum Wahlgesetz nicht publicirt habe. Bacmeister glaubte sich mit der Zweiten Kammer durch Vorlegung einer Gewerbeordnung abfinden zu können, und Graf Platen, der in Berlin sehr fetirt und mit dem Großkreuz des Rothen Adlerordens decorirt war, machte kein Hehl daraus, daß er die Elbherzogthümer, wenn sie einmal nicht dänisch bleiben könnten, lieber in den Händen einer zollernschen Secundogenitur sähe als in denen des Herzogs von Augustenburg, obgleich derselbe offenbar welfisches Blut in sich trug, da seine Urgroßmutter eben jene unglückliche Karoline Mathilde war, die wir im Anfange unserer Erzählung kennen gelernt haben. Erst als Preußen mit seinen Bundesreformvorschlägen hervortrat, schien man in Hannover aufzuwachen und sich darüber klar zu werden, daß der Bund kein Ding sei, welches einen ernsthaften Antagonismus zwischen Oesterreich und Preußen ertragen könne; und als nun Preußen anfragen ließ, welche Partei Hannover ergreifen würde, wenn es zu einem Bruche zwischen den beiden deutschen Großmächten käme, oder wenn gar Preußen von Oesterreich angegriffen würde, da mußte der Welfennebel, der die Köpfe umdüsterte, wol etwas schwinden. Graf Platen erklärte dem preußischen Gesandten: Hannover werde sich in einem solchen Falle auf den Bundesstandpunkt, auf den Boden stricter Neutralität, zurückziehen. »Gegen Oesterreich kämpfen wir nicht«, sagte der Graf Anfang April zu dem Prinzen Ysenburg, »aber auch nicht gegen Preußen; wir werden weder mit Oesterreich noch mit Preußen eine Allianz schließen; wir stehen auf dem Bundesstandpunkte, und wenn eine deutsche Großmacht mit einem auswärtigen Staate oder mit einem zum Deutschen Bunde gehörigen Staate Krieg führen will, so bleibt der Bund selbst neutral.« Prinz Ysenburg machte bemerklich, daß das Zurückgehen auf den Bundesstandpunkt einem Bündnisse mit Oesterreich ziemlich gleichbedeutend sei, da der Bund seit seinem Wiederauferstehen nur österreichischen Augenwinken nachgelebt habe. Indeß war man damals noch der Meinung, daß ein Bruch vermieden werde, und Frauenhände arbeiteten in Wien, Berlin wie München gar emsig an dem Frieden. Dieser lag niemand mehr am Herzen als der Königin Marie; sie glaubte ihn erbeten zu können, und verdoppelte ihre Betstunden, denn der Herr Gemahl fühlte sich sehr empört, daß Preußen durch die Bundesreform, namentlich die der Militärverfassung, die Sphäre seines Machteinflusses augenscheinlich zu vergrößern suchte. »Hochmuth kommt vor dem Fall!« hatte Georg seiner Marie in Bezug auf den Vetter Wilhelm gesagt, doch hatte er nur Herrn von Gerlach und der Kreuzzeitung nachgesprochen. »Wir wollen nicht ganz machtlos sein, wenn es zum Kriegstanze kommt«, sagte er zu seinem Generaladjutanten Freiherrn Haus von Finkenstein, »man soll hundertzweiundzwanzig Mann Reservisten auf das Bataillon bis zum 15. April einberufen. Frühjahrsmanöver!« »Der General J. befindet sich im Vorzimmer«, bemerkte der Graf. »Eintreten!« Der General, den das Volk für einen der tüchtigsten Offiziere hielt, versuchte dem Könige diese Einberufung der Reservisten auszureden und als eine halbe Maßregel darzustellen, die zu nichts helfen, sondern nur schaden könne. »Will man Preußen durch eine bewaffnete Neutralität imponiren, königliche Majestät, so muß man sich gefallen lassen, von Preußen als Feind behandelt zu werden, und ein preußisches Armeecorps reicht hin, Hannover zu occupiren und die Armee Ew. königl. Majestät lahm zu legen. Wir sind, seitdem die Division Manteuffel in Schleswig sich befindet, auf allen Seiten von Preußen umschlossen.« »Mein Land occupiren?! Das wird König Wilhelm nicht wagen, die Gesandten der Höfe von England, Rußland, Frankreich würden das nicht dulden!« »Majestät verzeihen«, erwiderte der General, »von diplomatischen Kunststückchen verstehe ich nichts; darf ich mir aber untertänigst die Frage erlauben, über wie viel Mann die Herren Sir Francis Howard, Johann von Persigny und der Graf de Rieser verfügen?« König Georg schwieg, aber Graf Schlottheim nahm das Wort und sagte: »Der Graf von Ingelheim verfügt über die Division Kalik, und die Worte von England, Rußland, Frankreich wiegen mehr als hunderttausend Mann.« »Königliche Majestät, Verzeihung, wenn ich zu fragen mir erlaube«, erwiderte der General, »was wird es helfen, wenn wir unsere Infanterie auf zwölftausend Mann erhöhen und nicht zugleich Pferde ankaufen, unsere Artillerie mobil machen, kurz ganz rüsten, wie es Sachsen thut? Wir haben nicht drei Batterien mobiler Geschütze. Unsere Zeughäuser sind vollgepfropft von Tuchvorräthen, Uniformen, Decken, Militäreffecten aller Art, Pulver genug, um Hannover in die Luft zu sprengen, aber die Miniégewehre sind noch nicht eingeschossen. Wird Preußen in der Lage sein, ein vollständig bewaffnetes Hannover zwischen seinem Osten und Westen ertragen zu können? Gewiß nicht, und so nützt denn das Zusammenberufen der Reservisten wenig.« »Ich weiß, Herr General,« sagte der König, »Sie sind ein Bewunderer des preußischen Militärorganismus, während ich glaube, daß wir von Preußen nichts mehr lernen können und nichts zu lernen brauchen. Noch bin ich souveräner Fürst und werde mir die Politik der freien Hand nicht nehmen, mich von dem Bundesstandpunkte nicht verdrängen lassen. Wenn der Bund Mobilmachung befiehlt, so gehorche ich in derselben Stunde.« »Ew. Majestät sind mein gnädigster Kriegsherr, dessen Befehlen ich mich dienstwillig unterordne«, erwiderte der General. Man sah jedoch das Heraustreten Hannovers aus dem Friedenszustande in Berlin nicht mit gleichgültigen Augen an, und Prinz Ysenburg mußte dem Grafen Platen sein Befremden über diese Maßregel ausdrücken, da Preußen in einem ausbrechenden Kriege Hannover nichts über die Neutralität Hinausgehendes zumuthen werde; aber das sei nur möglich, wenn Hannover seine Truppen auf dem bisherigen Friedensstande belasse. Das Hofblatt, die »Nordseezeitung«, eiferte gegen die maßlose Ueberhebung der preußischen Noten, welche der geschichtlichen Wahrheit, dem Rechte, der Logik in das Gesicht schlügen und offen und rücksichtslos Hohn sprächen. Man brauche keinen Schutz von Preußen, der einzig wahre würdige, kräftige Schutz für die Existenz und Selbständigkeit Hannovers sei der Deutsche Bund; die mächtige Defensivkraft desselben habe sich funfzig Jahre bewährt, den deutschen Grenzen Respect verschafft, und dem deutschen Stamm Achtung in Europa. »Die Reformvorschläge Bismarck's sind ein Hohn für Oesterreich«, sagte man in Herrenhausen; »die Drohung des Austritts aus dem Bunde ist lächerlich, wohin will Preußen denn treten?« So kam der 18. April und mit ihm die Stände. Die Erste Kammer war antipreußisch, ein Parlament nach allgemeinem Stimmrecht schien den Herren etwas Ungeheuerliches; an einen Krieg glaubten sie nicht, da der Artikel 11 der Bundesverfassung einen Krieg verbiete; die Machtstellung Hannovers hielten sie für größer, als sie war und sein konnte. In der Zweiten Kammer hatten die Liberalen unter der Führung R. von Bennigsen's die Majorität, sie hatten schon die Schwenkung von dem Augustenburger weg nach Preußen gemacht und sich mit einer Annexion der Elbherzogthümer durch Preußen halb und halb versöhnt, obgleich Graf Bismarck in ihren Augen nicht als der Mann galt, Deutschland die Einheit zu geben, da er zu Hause Verfassung und Freiheit nicht achte. Die Sonnabendsversammlungen der Nationalvereinler in Kasten's Hotel waren zahlreicher besucht als je vorher, da die liberalen Mitglieder Zweiter Kammer, auch wenn sie nicht Mitglieder des Nationalvereins waren, an den Versammlungen teilnahmen. Zu den letztern gehörte Karl Baumann, der, nachdem sein Bruder Bruno nach Ungarn übergesiedelt, an dessen Stelle in die Kammer gewählt war. Während in diesen Versammlungen Grumbrecht und Miquèl gegen den Fluch der Kleinstaaterei eiferten, vertheidigte der Preuße Redacteur Eichholz das Recht der Legitimität in den Elbherzogthümern und warnte im Sinne der preußischen Fortschrittspartei vor allen Bismarck'schen Planen. So nahte das liebliche Fest der Pfingsten; aber es war ein kalter Mai, die ausgeschlagenen Bäume in der Eilenriede erfroren, die Knospen wollten nicht springen, der Holunder keine Düfte spenden. Der Zeiger am Zifferblatt der Polytechnischen Schule zeigte elf Uhr morgens, die Polytechniker schwärmten aus, in das nächste Bierhaus oder zu der kohlenwassersauern Elise mit den langen schwarzen Augenwimpern und dem feuchtschwimmenden Augenpaar, die auf dem Platze, wo jetzt Robby's Kaffeehaus steht, ihr kühlendes Getränk verzapfte. Aus der großen Packhofsstraße schritten fünf Männer dem Keller der Zauberflöte zu, voran ein ältlicher, dicker, schwerfälliger Herr. Dieser stieg mit langsamen, bedächtigen und gewichtigen Schritten die Treppe hinab und sah, unten angekommen, sich nach seinen Begleitern um, als wolle er sich überzeugen, daß keiner fehle. Es war das Otto von Düffel, seit achtzehn Jahren Vertreter des dritten ostfriesischen Standes in Zweiter Kammer, der treue Führer seiner Landsleute. Sie erschienen als die ersten Gäste in diesen heiligen, aber etwas düstern Hallen, die sich erst abends bei Gaslicht zu füllen pflegten. Der Inhaber der Zauberflöte, Herr Scheele, kannte das Bedürfniß seiner Gäste, und ohne Bestellung wurden vor den Ostfriesen vier kleine Gläser mit Jan ten Dornkaat-Koolmann'schem Kümmel aufgesetzt, eine tüchtige Portion friesisches Nagelholz, das so roth und saftig aussah wie Schinken und dem schönsten hamburger Rauchfleische den Preis streitig machte, sammt fetter, gelber Grasbutter und Brot, während vor Otto von Düffel eine große Tasse Bouillon und ein Weißbrötchen aufgetragen wurde. Ein Mann mit schwarzem Vollbart und großen lebhaft funkelnden braunschwarzen Augen trat in den Keller und wendete sich zu den Frühstückenden. Es war der Bürgermeister Miquèl aus Osnabrück. »Treffe ich euch endlich, edle Frisia«, sagte er. »Ich habe euch vergeblich in euerm Hauptquartier, in Stadt Hamburg, aufgesucht. Die dringendste Nothwendigkeit erfordert, daß wir mit einem tüchtigen Stamm Norddeutscher nach Frankfurt kommen, denn die Süddeutschen werden im Abgeordnetentage sonst zu stark vertreten sein, und sie sind sämmtlich ganz aus dem Häuschen und erbitterter auf Preußen, als man es glauben sollte. Da müssen wir Hannoveraner vermitteln. Herr von Beust, dieser grimmige Preußenhasser, hetzt die Königreiche, und die süddeutsche Presse ist im österreichischen Solde, namentlich die jüdische in Frankfurt. Wir vertagen uns heute bis Donnerstag, gewinnen also fünf Tage. Deshalb, edle Friesen, rüstet euch, heute Nacht oder spätestens morgen früh mit nach Frankfurt zu fahren, Bennigsen, Albrecht, von der Horst und noch ein Dutzend andere fehlen nicht!« »Ich bleibe hier«, sagte Otto von Düffel, »wenn der Landrath, Strenge und sonst jemand mit wollen, habe ich nichts dagegen; die haben jüngere Beine, ich bin mein Leben lang genug auf Reisen gewesen.« »Mit euch verdammten Kerlen«, erwiderte Miquèl, »ist seit dem Annexionsschwindel im vorigen Jahre gar nichts mehr anzufangen, es scheint, als wenn ihr sämmtlich Welfenhosen angezogen hättet! Aber Spaß beiseite, Frisia muß in Frankfurt vertreten sein, und da ist keiner würdiger als unser Otto von Düffel. Bester, raffen Sie sich auf, Sie haben Ihre Pappenheimer schon zu manchem Treffen geführt, führen Sie dieselben nach Frankfurt! Reden braucht ihr nicht zu halten, zu singen braucht ihr auch nicht. Düffel imponirt hinreichend durch seine Schulterbreite und seinen Stiernacken, Strenge durch seine Länge, der Landrath durch seine Geschwindigkeit. Für eine Flasche Jan ten Dornkaat-Koolmann will ich, wenn es sein muß, sorgen, den Rückweg könnt ihr über Köln nehmen und ein Stück Rhein ansehen.« »Ich fahre mit«, sagte der Landrath, welcher sich geschmeichelt fühlte; »ich auch«, fiel Strenge ein, und auch die übrigen Vertreter entschlossen sich zur Mitfahrt. Während so in der Zauberflöte verhandelt wurde, wandelten im Garten des Ständehauses, wenige Schritte weiter südlich von der Zauberflöte, eine hohe militärische Gestalt und ein sehr kleiner Mann mit goldener Brille und von gebücktem Gange. Es war das einer der vielen Exminister, die das Welfenland aufzuweisen hatte, aber ein Mann, von dem man glaubte, daß er die weitgreifendste Verbindung in Wien, ja über die Alpen hinaus in Rom habe. Der Uniformirte war der Graf von Schlottheim, und dieser sagte: »Ich kann Excellenz versichern, daß die Situation eine sehr ernste ist, und wir der dringendsten Hülfe bedürfen, sonst drängt man uns, trotz der Abneigung Sr. Majestät, zum Neutralitätsbündnisse mit Preußen. Prinz Ysenburg hat nicht nur der Excellenz Platen eine sehr energische, beinahe drohende Depesche vom 9. Mai vorgelesen, sondern letzterer hat auch Gelegenheit genommen, vorgestern selbst Sr. Majestät in Herrenhausen den Inhalt derselben zu wiederholen. Graf Bismarck versichert, daß König Wilhelm nicht die Absicht hege, die Souveränetät der deutschen Fürsten anzutasten oder zu gefährden, daß auch die beabsichtigte Reform der Bundesverfassung von diesem Gedanken fern sei und auf das bescheidenste Maß dessen sich beschränke, was das allgemeine deutsche Interesse, was die Wehrhaftigkeit nach außen und die Entwickelung der Wohlfahrt nach innen verlange. »Der Prinz hat Sr. Majestät über die vermeinte Gefährlichkeit des allgemeinen Wahlrechts Aufklärungen gegeben, die den König in dieser Beziehung beruhigt haben. Die Diätenlosigkeit ist das große Gegengewicht. »Dann ist der Gesandte darauf übergegangen, daß die geographische Lage Hannover zum natürlichen Bundesgenossen Preußens mache, und das eigene Interesse Hannovers verlange, jede zweideutige Stellung fern zu halten. Wenn irgendeine feindselige Tendenz sich in der Haltung Hannovers kundgebe, so dürfe Se. Majestät versichert sein, daß König Wilhelm alle und jede verwandtschaftliche Rücksicht beiseitesetzen und keinen andern Beweggrund anerkennen werde als die Pflichten gegen Preußen. Dieses könne die Rüstungen Sachsens, nicht aber eine bewaffnete Neutralität Hannovers, wie man sie jetzt im Sinne zu haben scheine, ertragen. Die von Hannover in Aussicht genommenen Frühjahrsexercitien hätten Se. Majestät König Wilhelm schon jetzt veranlaßt, das siebente westfälische Armeecorps mobil zu machen. Das Motiv dazu sei einfach, daß Preußen sich von Hannover bedroht glaube; die Antwort sei deutlich. »Se. Majestät müsse sich sagen, daß es gerade die Entschließungen Hannovers sein könnten, welche die deutschen Reformbewegungen aus den sehr bescheidenen Bahnen, die sie nach den Intentionen des Königs Wilhelm innehalten sollen, hinausdrängten; denn je nachdem werde Preußen diese Bestrebungen, die in den Herzen der Völker festgewurzelt seien, als Vertheidigungswaffe gegen die Bundesgenossen in Bewegung setzen müssen, um der von den bisherigen Bundesgenossen drohenden Vergewaltigung vorzubeugen. »Sr. Majestät Regierung müsse die angeordneten Rüstungen zurückziehen, denn eine bewaffnete Neutralität Hannovers, das müsse er wiederholen, übe auf Preußen einen nicht zu ertragenden Druck. Preußen sei jeden Augenblick geneigt, einen Vertrag über Bewahrung der Neutralität mit dem Könige Georg zu schließen. »Während Se. Majestät durch mich selbst noch vor acht Tagen dem Kurfürsten von Hessen. melden ließ, daß das Gerücht von einer Vereinbarung mit Preußen zu einem Neutralitätsvertrage falsch sei, hat am 14. d. M. Graf Platen dem Herrn von Stockhausen nach Berlin berichten müssen, daß unsere königliche Majestät bereit sei, in sofortige Unterhandlungen wegen eines Neutralitätsvertrages einzutreten. »Se. Majestät sind durch die Drohungen des Prinzen Ysenburg zum ersten male auf den Gedankengang gebracht, daß bei einem Kriegsfalle zwischen Oesterreich und Preußen die Grundsätze des deutschen Bundesrechts tatsächliche Geltung nicht mehr finden würden und es daher im Interesse Hannovers liegen könne, sich zuerst selbst zu sichern. »In diesen Gesinnungen ist, wie es scheint, Se. Majestät noch durch den Staatsrath Zimmermann bestärkt, welcher, durch telegraphische Depesche hergerufen, mit Sr. Majestät eine Unterredung unter vier Augen hatte, und offen erklärt, daß er den Krieg für unvermeidlich halte. »Denken Sie, Excellenz, was wird man in Wien von uns halten, wenn Stockhausen in Berlin abschließt?! Das muß verhindert werden.« »Ich weiß«, sagte die kleine Excellenz und wischte an der goldenen Brille, den Grafen mit blöden Augen anstarrend, »daß heute noch, vielleicht in diesem Augenblick der Präsidialgesandte Hannover vor einem Neutralitätsvertrage mit Preußen, wodurch dasselbe verhindert würde, einem Bundesbeschlusse wegen Mobilmachung Folge zu leisten, warnen wird. Herr von Heimbruch wird nicht säumen, die Nachricht noch heute nach Herrenhausen zu senden.« »Das genügt mir nicht«, erwiderte Graf Schlottheim, »der General Jacobi, Generallieutenant Knigge, Oberst Slicher und Generalconsul Zimmermann haben das Vertrauen Sr. Majestät auf einen unbedingten Sieg Oesterreichs erschüttert. Ich weiß nur Ein Mittel: Se. Majestät hält große Stücke von Sr. Durchlaucht dem ältesten Bruder. Könnten Excellenz vielleicht durch Verbindungen in Wien vermitteln, daß Prinz Solms-Braunfels, der österreichische General, sofort hierher käme und bezeugte, daß der Kaiser achtmalhunderttausend Mann ins Feld stellen werde?« »Will sehen«, sagte die Excellenz und setzte sich in einem der Commissionszimmer zu einer telegraphischen Depesche nieder, die ein Diener des Hauses sofort zum Telegraphenbureau brachte. Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen, aber es wehte ein kaltschneidiger Ostwind, und unsere Freunde, die in der Freitagsnacht ohne Pelze nach Frankfurt abgereist waren, waren von der Fahrt nicht sehr erbaut, trotz des Jan ten Dornkaat und sonstiger Erwärmungsmittel. Im Saalbau zu Frankfurt wurde ihnen dagegen desto stärker eingeheizt, Metz wurde von Dr.  Braunfels, Braun und Miquèl von beliebigen schwäbischen Größen vernichtet, zum Schlusse wurden die Abgeordneten durch Kanonenschläge zur Ordnung gerufen. Eine eigentümliche Manier das! Die Norddeutschen drangen auf Neutralität und Frieden; wenn sich die beiden Großmächte um die Eroberung der Elbherzogthümer, die sie außerhalb des Bundes vollendet, zanken wollen, so gehe das den Bund nichts an, wie ja in solchem Falle der Artikel 11 (im Entwurfe 10) der Bundesverfassung es vorher bestimmt habe. Die Versammlung des souveränen Volks im Circus verlangte dagegen Krieg. Die Frankfurter wollten Berlin zeigen, daß sie auch ein Wort mitzusprechen hätten, sie wollten kein deutsches Parlament an der Spree, das gebühre allein Frankfurt, der Kaiserstadt. In der Welfenstadt war inzwischen der k. k. General Prinz Solms-Braunfels, Stiefbruder des Königs, angekommen. Er stellte der brüderlichen Majestät die Sachlage in anderm Sinne vor, als es der langjährige Berather des Königs, der Generalconsul in Hamburg, gethan hatte. Es bleibe kein Zweifel, daß es zum Kriege kommen werde und daß Oesterreich entschlossen sei, selbst Venetien zum Opfer zu bringen, um sich durch einen Hohenzollern nicht aus Deutschland verdrängen zu lassen. Das Kaiserreich werde Combattanten weit über die Zahl der Preußen aufstellen können, und verstärkt durch das bundestreue Baiern, Würtemberg, Sachsen, Baden, Nassau, beide Hessen werde man, ernstlicher als am Tage von Olmütz, Preußen demüthigen müssen. Die Souveränetät der kleinen und mittlern Staaten würde nicht früher gesichert sein, als bis Preußen so geschwächt worden, daß es seine Prätension, europäische Großmacht zu spielen, aufgebe. »Es ist Zeit«, sagte der General in vertraulicher Unterredung, »daß man den Preußen den alten Raub abnimmt; hat Se. kaiserliche Majestät die Waffen ergriffen, so wird er sie nicht niederlegen, bis Schlesien wieder an Oesterreich, die Provinz Sachsen an den König von Sachsen abgetreten ist, und stände Hannover treu zu dem Kaiser, so würde Westfalen Ew. Majestät keine unliebsame Vergrößerung sein. Wie große Stücke mein kaiserlicher Herr auf königliche Majestät hält, davon sei Ihnen, königlicher Bruder, dieses eigenhändig Schreiben des Kaisers ein Beweis, welches dem Feldmarschallieutenant von Gablenz befiehlt, die Brigade Kalik zu Ew. Majestät vollkommenster Disposition bereit zu halten. »Es sind Vorbereitungen getroffen, daß in kürzester Zeit auch holsteinische Truppen mobil gemacht werden können, und ein gemeinsames Lager der Brigade Kalik mit den Truppen Ew. Majestät und den Holsteinern an der Niederelbe würde die Preußen in Schleswig nicht nur in Respect halten, sondern die preußischen Combinationen geradezu umstoßen.« »Durchlauchtiger Bruder«, erwiderte der König, »wir sprechen hier als Söhne Einer Mutter, die für das Wohl aller ihrer Kinder bis zu ihrer Beisetzung in der Welfengruft ernstlich strebte und zu dem Herrn betete; ein Punkt ist und bleibt mir dunkel. Die thränenreichsten Briefe meiner königlichen Gemahlin – unter uns gesagt, gibt sie sich dem Beten, dem Schwarzsehen, dem Thränenvergießen zu sehr hin – an ihre Schwester die Großfürstin, sowie ähnliche Strebungen der Königin Olga haben nicht vermocht, von Petersburg die bestimmte Versicherung zu erwirken, daß Rußland unter allen Umständen das halte, was es 1815 versprochen, und die Existenz der deutschen Souveräne auch jetzt zu garantiren gewillt sei. Eine Aeußerung meiner erlauchten Schwägerin läßt mich sogar befürchten, daß Kaiser Alexander oder sein Leiter, Fürst Gortschakow, den Kampf Oesterreichs gegen Preußen gern sehe, weil er Gelegenheit gebe, an der Donau Geschäfte zu machen. Das wirkt auf meine Entschließungen entschiedener ein, als das immer mehr Grund gewinnende Gerücht eines Allianzvertrags Preußens mit Italien. Da sind die Alpen ein Hinderniß und Italien ist, von Frankreich abhängig, ein unzuverlässiger Verbündeter.« »Ew. Majestät«, erwiderte der General, »kennen die Uneigennützigkeit der deutschen Politik meines kaiserlichen Kriegsherrn. Die Interessen seiner getreuen Bundesgenossen haben in seinen Augen immer höhere Ansprüche gehabt als sein eigenes Interesse. Oesterreich hat seit fünfundfunfzig Jahren in Deutschland für sich nichts gesucht, es hat nur die ihm von Rechts wegen zustehende Führung nicht an Preußen abgeben oder mit ihm theilen wollen. Glauben mir brüderliche Majestät, daß Oesterreich seit dem Fürstentage entschlossen war, Preußen mit Gewalt der Waffen die ihm gebührende Stellung anzuweisen, und daß es diesen Gedanken trotz der Allianz mit Preußen gegen Dänemark nie aufgegeben hat. Wir sind bis an die Zähne bewaffnet. Unser Festungsviereck schützt uns gegen Italien. Die vier Königreiche stehen auf unserer Seite! Es würde nur an uns liegen, Preußen gänzlich zu zermalmen. Daß wir es demüthigen, stark demüthigen, das sieht man in Petersburg gern, obgleich man sich dort immer tiefer in den Mantel der Schweigsamkeit und Neutralität hüllt. »Glauben Majestät, daß die kaiserliche Mutter über alles, was am Hofe Alexander's geschieht, nicht ebenso gut unterrichtet sei als Graf Platen? oder selbst Majestät Königin durch ihre erlauchte Schwester?« Georg V. ließ sich leicht zu dem überreden, was er wünschte; ein Neutralitätsbündniß mit Preußen kam ihm nach den Versicherungen, die Graf Platen, die er selbst dem österreichischen Gesandten und andern Agenten der Bamberger gegeben, die er dem Kurfürsten von Hessen direct gegeben, wie ein halber Verrath an Oesterreich vor. Nachmittags machte das königliche Diner in Herrenhausen der Kochkunst des Verclas alle Ehre, und man erging sich in Phantasiegebilden eines Welfenreichs von der Elbe bis zum Rhein. Georg V. war in der rosenfarbensten Laune, auch die Königin Marie hatte das Jammergesicht, das sie seit Wochen zur Schau getragen, in ihrem Boudoir gelassen; Prinz Solms, der an ihrer Seite saß, wußte ihr viel Schönes aus der Hofburg, von Wien, von dem Enthusiasmus, mit welchem die Ungarn rüsteten, zu erzählen. Die Familie der Stiefbrüder des Königs war heute sehr stark in Herrenhausen vertreten, der Gardehauptmann Ernst scherzte mit der Prinzessin Friederike, Prinz Georg, Rittmeister in der Garde-du-Corps, vermaß sich gegen die Prinzessin Marie, ihr, wenn er an der Seite seines Bruders, Kaiser Franz Joseph-Kürassier-Rittmeisters, in die Spreestadt eingeritten, die schönste Vase der Porzellanfabrik für ihr Boudoir auf der Marienburg zu senden. Die große Fontaine ließ ihre Wasser in die Lüfte springen, Tausende getreuer Angestammten wandelten in den steifen Gängen des Park- und Berggartens oder fuhren durch die schönen Grünflächen des Georgengartens nach Herrenhausen. Am Abend fand eine neue Feier statt – die Bäder des Caracalla wurden im Odeon eröffnet. Der königliche Hofrestaurateur Grobmeier hatte es für nöthig gehalten, der buntlampigen Tivoliausschmückung eine classische Säulenhalle entgegenzusetzen, zu Ehren der Welfen, allerdings mit dem Gelde des Königs. Aller Glanz der Kunst, welcher von Hannover ausstrahlte, fiel doch immer wieder auf das Welfenthum zurück, und wenn der k. k. Generallieutenant dem Bruder versicherte, daß man an der Wien Hannover um diese Bäder Caracalla's beneiden würde, und daß er in der Hofburg von dem Glanze erzählen werde, mit dem sich das Leben in der Residenz an der Leine entwickelte, so zog ein zufriedenes Lächeln über das sonst ernste Gesicht des Königs. Für diesen war ein Ehrenplatz vom Wirth eingerichtet worden, ein Platz, von dem es dem Könige möglich war, die ganze Herrlichkeit zu überschauen. Der Platz war mit Teppichen belegt und nach einer Seite gegen den kalt von dem Bahnhofe her eindringenden Nordwind geschützt. Landdrost Wermuth war zur Feier des Tages von Hildesheim herübergekommen und referirte über die zunehmenden Eroberungen, die er für das königliche Haus in jener so übel verschrienen Stadt mache. Später machte auch noch Excellenz, der Minister des Innern, seine Aufwartung, und der König begnadigte ihn mit einer langen Privataudienz. Der dünne lange Mann, mit dem feinen Gesichte und spärlichen Haar, stand beinahe eine Viertelstunde barhaupt vor Sr. Majestät, um demselben nach telegraphisch eingegangenen Nachrichten zu referiren, daß die in Frankfurt versammelten national-liberalen Abgeordneten im Saalbau Fiasco gemacht, und die Volksversammlung im Circus »Nieder mit Bismarck, nieder mit Preußen, es lebe Oesterreich!« geschrien habe. Süddeutschland dürste nach Krieg und sei gerüstet. Der Minister mußte oft stark husten, der kalte Ostwind, der über sein beinahe kahles Haupt wehte, das er nicht zu bedecken wagte, wenn Se. Majestät das nicht befahl, bat endlich sich zurückziehen zu dürfen, da er sich unwohl fühle. Das Zipperlein war im Anzuge, ein sehr verhängnißvolles Zipperlein für Hannover, und trotzdem daß Excellenz nicht verfehlte, ehe sie das Odeon verließ, sich von Herrn Grobmeier eigenhändig ein steifes Glas schwedischen Punsches reichen zu lassen, hüllte sie sich im Wagen doch tief in den dort befindlichen Pelz, um nach dem Emmerberge zurückzufahren. Majestät ließ sich vom Grafen von Schlottheim die Menschenmassen charakterisiren, die sich vor dem erhabenen Welfensitze vorbeidrängten und unterthänigst und ehrerbietigst die königliche Familie begrüßten. Da fehlte kein Hoffourier mit Frau und Kind, die gesammte welfentreue Einwohnerschaft hatte sich auf dem Odeon versammelt, die höhere Staatsdienerschaft, das Militär, die Geistlichkeit, alles war vertreten. »Wenn ich sehe, wie meine treuen Hannoveraner mit freudestrahlenden Gesichtern an dem Sitze ihres angestammten Königshauses vorbeiströmen, so fühle ich so recht, wie keiner der deutschen Stämme inniger und bis in alle Ewigkeiten mit dem angestammten Hause mehr verbunden ist als meine Hannoveraner«, sagt Se. Majestät. Gerade in diesem Augenblicke ging indeß eine Gruppe von Menschen an dem Königssitze vorüber, unter denen keiner der Herren den Hut zog, keine der Damen eine Verbeugung machte. Es waren das Karl Baumann aus Heustedt, in Begleitung seiner Frau, und einiger national-liberalen Mitglieder Zweiter Kammer, nebst Hans Dummeier von der Wüstenei und seinen zwei schönen Töchtern, eben hinaus über die Backfischjahre. Graf Schlottheim lorgnettirte die Gruppe, und Baumann warf ihm von unten einen bösen Blick zu. Das mochten vielleicht die einzigen Personen sein, die wenigstens äußerlich damals den Welfencultus nicht zur Schau trugen. Alles, was kleindeutsche und preußische Neigungen hatte, dem eine Niederschmettern Preußens als ein Unglück erschien, betrat die Räume des welfisch durchräucherten Odeons schon nicht mehr. Baumann hatte seine Frau und die Dummeier'schen Töchter auf Pfingsten eingeladen, und da hielt er es für seine Pflicht, diesen auch die Bäder des Caracalla und die königliche Familie zu zeigen, den Rest des Abends oder der Nacht wollte man im Tivoli zubringen. Kaum aber waren die Pfingsttage vorbei, ja noch am dritten Festtage, den wenigstens das Volk zu feiern pflegt, klopfte Prinz Ysenburg an die Pforte des Grafen Platen und eröffnete ihm laut einer Depesche des Grafen Bismarck vom ersten Pfingsttage, daß Preußen unter sehr günstigen Bedingungen für Hannover sich zur Neutralität bereit erkläre. Der Graf war damit einverstanden, daß der fragliche Vertrag nur für den Fall abgeschlossen werde, daß es zum innern Kriege in Deutschland und damit zum Zerfall des Bundes komme. Das Aufhören des Bundes falle aber mit dem Anfange des Krieges unmittelbar zusammen; es sei mit dem Austritt Preußens aus dem Bunde ein Verstecken Hannovers hinter das Bundesrecht und Bundesverhältniß nicht möglich. Daß König Georg bis zu diesem Zeitpunkte das Bundesverhältniß wahre, sei selbstverständlich; allein Preußen könne den Bundesstandpunkt sich gegenüber nicht gewahrt finden, wenn man etwa in Frankfurt durch Majorität eine Mobilmachung beschließe, und Hannover diesem Beschlusse seinerseits Ausführung geben wolle. Ein solcher Mobilisirungsbeschluß werde von Preußen unbedingt als Anfang des Krieges angesehen. Dagegen habe man nichts dawider einzuwenden, daß die angeordnete verfrühte Exercirzeit ausgehalten werde, damit dem Ansehen des Kriegsherrn kein Schade geschehe. Die Souveränetät des Königs werde, soweit es das neue Bundesverhältniß erlaube, respectirt werden, und König Wilhelm sei bereit, sofort in Verhandlungen einzutreten, welche auch nach der Auflösung des Bundes die Unabhängigkeit des Königreichs Hannover gewährten. Fürst Ysenburg eröffnete dem Grafen Platen und denjenigen Mitgliedern des Ministeriums und Hofes, mit denen er in diesen Tagen in Berührung trat, auch noch mehr. Es sei für keinen der betheiligten Staaten gefährlicher, auf eine Niederlage Preußens zu speculiren, als für Hannover, weil selbst in solchem Falle kein Land gelegener liege, um als Compensation benutzt zu werden. Diese Warnung drang zu dem Könige, wie zu der Königin, noch während der Prinz Solms in Hannover weilte, fand ebendeshalb kein geneigtes Ohr. Man legte in jener Zeit vielmehr dem Blinden das in Gips gearbeitete Modell eines bewaffneten Lagers bei Stade vor, das dreißig- bis vierzigtausend Mann Truppen fassen könne. Von einer Zusammenziehung österreichischer, holsteinischer und hannoverischer Truppen bei Stade, die einen Flankenmarsch auf das schutzlose Berlin machen könnten, sprach man in militärischen Kreisen ziemlich offen und ohne Scheu. Es war in einer Conseilsitzung in Herrenhausen vom 23. Mai, wo Hannovers Schicksal besiegelt wurde, wo das Gesammtministerium unter dem Vorsitze des Königs beschloß, von einem Neutralitätsbündnisse mit Preußen abzusehen. Man hoffte noch im friedlichen Wege neue Tage von Olmütz kommen zu sehen, hoffte, die Kleinstaaten würden durch ihre Majorität in der Eschenheimer Gasse dem Vetter Wilhelm soviel Respect einflößen, daß er zu entwaffnen und sich der Reformidee des Fürstentages zu unterwerfen anfange. Dazu standen ja Friedensconferenzen in Paris in Aussicht. Freilich war ein solches Conseil nur Popanz; die Verfassung hatte dem Blinden zwar ein Gesammtministerium zur Seite gestellt, aber hatte dieser je seinen Willen dem des Gesammtministeriums untergeordnet? Auch heute würde, wenn sämmtliche Minister sich für ein Neutralitätsbündniß erklärt hätten, der Wille des Königs, der von einem solchen nichts wissen wollte, den Ausschlag gegeben haben; allein Georg hatte sich ein Ministerium zusammensetzen lassen, das noch nie einen Gesammtwillen gehabt hatte, von dem jeder einzelne Minister nur der gehorsame Diener des Königs war. Prinz Ysenburg, der täglich drängte, denn man wollte in Berlin wissen, woran man mit Hannover sei, erhielt endlich die Antwort: »Die königlich hannoverische Regierung sei fest entschlossen, ihren Bundespflichten treu zu bleiben und allen Bundesbeschlüssen, welche die Competenz des Bundes nicht überschritten, Folge zu geben.« Baumann wollte seinem Besuche, den Dummeierschen Töchtern, den Silberschatz der Welfen zeigen, allein der Lohndiener brachte die Antwort, es würden keine Karten mehr ausgegeben; er eilte nun selbst zum Schlosse, um in seiner Eigenschaft als Abgeordneter den Eintritt zu erlangen, aber auch hier erhielt er die Antwort, die Silberkammer sei auf acht Tage geschlossen, es finde große Silberwäsche statt. Als er das einigen seiner politischen Freunde klagte, erwiderte Grumbrecht: »Silberwäsche? ich wette, daß die ganze Silberkammer schon nach England transportirt ist, man will hier den Krieg, ich weiß es.« Im Volke wollte niemand den Krieg; wie die Mehrheit Zweiter Kammer, wollte die Mehrheit der Hannoveraner Neutralität. Rudolf von Bennigsen hatte seiner Partei einen Antrag vorgelegt, welcher nicht nur dies aussprach, sondern das Mittel, dieses Ziel zu erreichen, deutlich angab: das war kein anderes als Entlassung des gegenwärtigen Ministeriums. Da man den Nationalverein in Hannover trotz des Grünen Buches nicht mit Stumpf und Stiel ausrotten konnte, hatte ein Schatzrath von Rössing, als Liedervater von größerm Ruf denn als Politiker, einen Großdeutschen Verein gestiftet, dem alle Hofarbeiter angehörten. Dieser großdeutsche Held, welcher noch ein paar Jahre früher seine Liedertafeln nach Herrenhausen geführt hatte, um dem Könige ein Ständchen zu bringen, obwol einer der vorzüglichsten der vereinigten norddeutschen Liedertafeln, der bielefelder, untersagt worden war, dorthin ihr schwarz-roth-goldenes Banner mitzubringen, hatte sich nicht geschämt, dem Bennigsen'schen Antrage eine Retourkutsche entgegenzufahren, wie man zu sagen pflegt. Er brachte in Erster Kammer, deren Mitglied er war, einen Antrag ein, der den Bennigsen'schen geradezu auf den Kopf stellte, dahin lautend, daß die Stände von Sr. Majestät dem Könige in einer Adresse verlangen sollten: mit allen bundestreuen Staaten dem Friedensbruche rücksichtslos entgegenzutreten; dem Kriegsherrn dazu die kräftigste Unterstützung des Volkes zu versprechen, und Se. Majestät zu ersuchen, dahin zu wirken, daß eine Delegirtenversammlung, nach Maßgabe der österreichischen Vorschläge auf dem Fürstentage, baldigst zusammentrete. Das Zipperlein, welches sich Excellenz Bacmeister bei Eröffnung der Bäder des Caracalla zugezogen hatte und das seine Abwesenheit in Zweiter Kammer entschuldigte, hatte zugleich die am Hofe erwünschte Folge, daß der von Rössing'sche Urantrag, der viel später gestellt war, früher in Erster Kammer zur Verhandlung kam als der von Bennigsen'sche, bei dem der Minister des Innern gegenwärtig zu sein wünschte. Man schrieb den 4. Juni, die gute Stadt Hannover war in Aufregung, die Tribüne Erster Kammer war besetzt wie noch niemals, selbst im Jahre 1848 nicht, als es sich um die Einhelligkeit eines Beschlusses handelte, den Riegel vor dem jede Verfassungsänderung hindernden Schlußparagraphen der Verfassung zu beseitigen, oder wo es sich um die Adresse handelte, in welcher sich der Adel als todt erklärte. Der für Mitglieder Zweiter Kammer reservirte Theil der Tribüne war von Frauen und Töchtern von Abgeordneten so besetzt, daß es schwer hielt, auch nur für Einen Mann noch Raum zu schaffen, dazu war die Hitze unerträglich. Verschiedene Mitglieder der Opposition, die dort nicht mehr Platz finden konnten, entschlossen sich zur Arbeitstheilung; es sollte ein Mitglied, für das Platz erobert war, eine halbe Stunde zuhören, und dann, von einem zweiten abgelöst, vor Victoria Hotel Bericht erstatten. Unsern jüngern Freund Karl Baumann traf das Los, der erste zu sein. Es würde eine Grausamkeit sein, eine meiner schönen Leserinnen auch nur eine Stunde auf die menschenüberfüllte Tribüne zu führen; dagegen im Schatten der Markise vor dem Hotel Victoria zu sitzen, mit der Aussicht auf das Theater und die Promenaden vor demselben, die blühenden Blumenbeete, eine Flasche Selters vor uns, das wird schon angehen. Neben dem Tische, wohin ich meine Leserinnen führe, hat sich ein halbes Dutzend Oppositionsmitglieder aus Zweiter Kammer hinter halbe Flaschen bairischen Biers postirt, um ihren Berichterstatter zu erwarten; wir kennen sie nicht mit Namen, wollen sie aber, so gut das in der Eile möglich ist, zu zeichnen versuchen. Neben dem Tische der Deputirten steht ein anderer, an welchem ein Dutzend Offiziere verschiedener Waffengattungen sitzen, als sei es ihre Lebensaufgabe, die vorübergehenden Frauenzimmer zu lorgnettiren. An dem Tische der Kammermitglieder wird so laut gesprochen, daß man an dem Tische der Lieutenants wie an dem, wohin ich meine Leserinnen führe, jedes Wort vernehmen kann. »Es ist eine Niedertracht«, sagt ein ältlicher Herr im Anfange der funfziger Jahre, mit graumelirtem Henriquatre, aber schwarzem Lockenhaar, »daß über diesen Rössing'schen Antrag heute vor dem in unserer Kammer von Bennigsen eingebrachten Urantrage debattirt wird. Ich fange an zu glauben, daß Bennigsen's Onkel, unser Präsident, mit den Schwarz-Gelben durchsticht, sonst hätte er nicht dulden dürfen, daß Schlepegrell den Antrag auf die Tagesordnung der Ersten Kammer setzt.« Sein Nachbar, einen Kopf höher, ebenfalls grau, wie es schien ein paar Jahre älter, der seinen Strohhut sorgfältig neben sich gelegt, aber ein grünes Sammtkäpplein aufgesetzt hatte, um den Mondschein auf seinem Kopfe zu verdecken, oder diesen gegen Zugluft zu schützen, erwiderte: »Das weiß ja jeder, daß der Graf Bennigsen ein Particularist ist, das ist er 1848 gewesen wie 1849, und ist er noch heute, trotzdem, daß ihn Georg Rex heute noch so schlecht behandelt, wie er ihn in den vierziger Jahren als Kronprinz in Norderney behandelte, wo er freilich oppositioneller Schatzrath war.« »Lieben Freunde«, sagte ein Mann in grauer Jagdjoppe mit grünem Kragen, offenbar viel jünger als die bisherigen Sprecher, »ich freue mich über die Dummheit der Collegen in Erster Kammer, wie ich mich heute über die Dummheit ärgere, der einzige Hannoveraner gewesen zu sein, der am Rumpfparlament theilnahm. Die Unentschiedenheit in Herrenhausen, ich weiß das aus bester Quelle« (dies wurde mit einem gewissen Nachdruck gesprochen und so laut, daß die Lieutenants vom Nebentische es nothwendig hören mußten; der Sprecher war nebenbei Redacteur einer national-liberalen Zeitung), »ist haarsträubend, heute Neutralität, morgen Bundesstandpunkt, übermorgen Furcht vor Preußen und Neigung zur Neutralität, den folgenden Tag kommt unser College, der aus Rendsburg verdrängelt wurde, zur Audienz, dann ist wieder der Muth Heinrich's des Löwen in den König gefahren. Das muß doch endlich einmal ein Ende nehmen. Wie man sich entscheidet, das ist ziemlich gleichgültig, Hannovers Militär macht den Kohl nicht fett, trotz aller Einbildung, die der ›tappere Husar‹ meines Freundes da drüben von seinen Königin-Husaren und unserer Cavalerie überhaupt hegen mag.« Dieser Freund da drüben war ein Mann von herculischer Gestalt, breiten Schultern, langem vollen Schwarzbarte, der sich förmlich in einen jungen, von der Majestät selbst in die Kammer geschickten Collegen – einen Husarenoberst, der das Interesse des Klosterfonds vertreten sollte und wenige Wochen später den Heldentod starb, – verliebt zu haben schien, da er nie anders als »mein tapperer Husar« von ihm sprach; er erwiderte: »Ich habe gestern noch mit unserm Kriegsgott gesprochen, er hat mich versichert, daß an ein actives Eingreifen Hannovers nicht zu denken sei. Die Einberufungen hätten keine Bedeutung, es sei das nur eine Beruhigung für ›Dietrich‹, unsern Nachbar, der in einigen Aengsten zu schweben scheint. Daß man Kanonen und Miniégewehre nach Stade gesendet, hängt mit einem früher beabsichtigten Lager bei Stade zusammen.« »Aber«, und ein kleiner Mann mit blondem Bart, den unsere Leser schon unter dem Namen Giftkröte kennen gelernt haben, ein gefürchteter Correspondent für auswärtige Zeitungen, sprang von seinem Sitze auf und fuhr fort: »aber, wiederhole ich, warum sendet man denn die Infanterie zu den sogenannten Frühjahrs-Exercitien in die Heiden zwischen Rotenburg und Tostedt, wo sie sich mit der Division Kalik in vierundzwanzig Stunden, wenn es noththut, vereinigen können?« Ein Mann, der zwei Stühle bedurfte, um es sich recht bequem zu machen, eine Zierde des Magistrats und gleichfalls Kammermitglied, legte mit Bedächtigkeit die Cigarre aus dem Munde und sagte: »Weil es zwischen Rotenburg und Tostedt keine Saaten zu zertreten gibt!« In diesem Augenblick kam Karl Baumann, der erste Berichterstatter, aus der Ersten Kammer zurück und rief schon von weitem nach einem Glase Soda. »Verfluchte Hitze in dem Kasten«, sagte er, »und dazu Blech und Blech. Hat dieser Rössing ein Zeug durcheinandergeschwatzt! Die ganze Weisheit des Liedervaters gipfelte sich in dem Satze, daß der Deutsche Bund für ewige Zeiten geschlossen ist. Wer sich der Majorität nicht füge, sei ein Friedensbrecher, und dem müsse man mit aller Entschiedenheit entgegentreten. Ja, wie viele Verträge sind nicht auf ewige Zeiten geschlossen? Wie viele haben aber nur ein Menschenalter überdauert? Wenn mir ein Vertrag unerträglich wird, wer will mich hindern, ihn aufzuheben, aus einem Bündniß, das man benutzt, um mich zu unterdrücken, auszutreten? Ich begreife gar die Geduld Preußens nicht. Wenn Bismarck, wie unser Freund da neulich erörterte, zu revolutionären Zwecken reactionäre Mittel unbegreiflicherweise in die Hand nimmt, so mag er dazu Gründe haben. Aber dieses Bambergisiren, das mag der Teufel ertragen, nur nicht ein Staat wie Preußen! Ich möchte wetten, daß der Herr Schatzrath Berlin noch mit keinem Auge gesehen und von der Macht Preußens gar keinen Begriff hat.« »Wir haben dich nicht in die Kammer geschickt, uns hier deine politischen Ansichten vorzutragen«, unterbrach ihn der Joppenmann, »dazu stelle ich dir, da wir Eichholz über die Elbe geschickt, unser Blatt zu Gebote, du sollst hier referiren.« »Nun, das ist bald geschehen«, erwiderte jener. »Der Hofmarschall von Malortie begrüßte den Antrag im Namen Sr. Majestät mit Freude und Befriedigung und versicherte, Hannover werde auf dem Bundesstandpunkte beharren! »Wo bleibt aber der Bundesstandpunkt, wenn der alte Bund in die Höhe fliegt? Oesterreich hat nach meiner Ueberzeugung die Lunte schon angelegt; nachdem es früher den Bund beiseiteliegen ließ und einen Sonderbund mit Preußen geschlossen hatte, will es jetzt alles in die Hände des Bundes legen? Das ist ja geraden lächerlich und heißt den Bund für Sünden, die er nicht begangen hat, verantwortlich machen.« »Nicht raisonniren, berichten!« erscholl es am Tische, und unser Freund fuhr fort: »Graf von Schlottheim sprach es mit dürren Worten aus, jede mittelbare oder unmittelbare Stärkung Preußens sei ein Schritt zu Hannovers Untergang. Der Friedensbrecher sei Preußen, und die hannoversche Politik verlange daher engen Anschluß an die Königreiche und enge Verbindung mit Oesterreich, um Preußen zu schwächen. Bin sehr neugierig, ob Bismarck das so ruhig hinnimmt, diese von dem vertrautesten Rathgeber Georg's ausgesprochene Aeußerung. Als Graf Borries zu reden anfing, erschien mein Stellvertreter und ich war froh, frische Lust schöpfen zu können.« »Was sagt ihr denn zu der in der ›Nordsee-Zeitung‹ verbreiteten Nachricht, daß Bismarck einen geheimen Vertrag mit Napoleon abgeschlossen habe«, fragte der dicke Schwarzbärtige, »wonach das linke Rheinufer an Frankreich falle und Preußen durch Hannover und Sachsen entschädigt werde?« »Dann verdiente Bismarck an den höchsten Galgen gehängt zu werden«, schrie die Giftkröte, vom Sitze aufspringend, »und er wird ihm nicht entgehen wie dem Schusse Blind's.« »Beruhige dich, edler Friese«, sagte der Mann mit der Joppe, »ich weiß von Bennigsen, daß Graf Bismarck den Prinzen Ysenburg schon durch eine Note vom 28. Mai beauftragt hat, gegen Graf Platen und gegen jeden zu erklären, das sei eine schändliche Lüge und Verleumdung. Was gilt aber eine solche Erklärung dem Meding und Onno Klopp oder dem Könige selbst? Die ›Nordsee-Zeitung‹ bezeichnet heute Bennigsen wieder als hannoverischen Romano und uns alle als seine Helfer und Landesverräther, welche das selbständige Mittelreich der Welfen der unberechtigten Suprematie Preußens unterwerfen wollen.« Wir übergehen die weitern Berichterstattungen, da die Verhandlungen der Adelskammer sowol als der Zweiten Kammer der Geschichte angehören, und es uns nur darum zu thun ist, die Situation der letzten Tage der Herrschaft des Königs anschaulich zu schildern. Zehntes Kapitel. Bis zum Ende aller Dinge. Es waren seit dem 4. Juni acht Tage verflossen, Oesterreich hatte am 11. Juni seinen Mobilisirungsantrag gestellt, schon den folgenden Tag erklärte Prinz Ysenburg im Auftrage des Grafen Bismarck dem Grafen Platen: »Dem Mobilisirungsantrage fehle jede bundesrechtliche Grundlage. Durch Annahme desselben lösten die Betheiligten das Bundesverhältniß und treten als Bundeslose mit einem Acte der Feindseligkeit gegen Preußen auf. In dem ausbrechenden Kriege würde Preußen sich alsdann nur durch sein eigenes Interesse und das der zu ihm stehenden Staaten leiten lassen.« Was das Interesse Preußens aber heischte, das hatte Bülow-Cummerow schon vor Jahren der Welt verrathen, jeder Staatsmann mußte es wissen. Am folgenden Morgen war Conseil in Herrenhausen, zu dem auch der Generalkonsul Staatsrath Zimmermann von Hamburg hertelegraphirt war. Er war der einzige, der klar sah; hatte er doch schon vor wenigen Tagen das Bleiben des Feldmarschallieutenants Gablenz auf hannoverischem Boden am linken Elbufer hauptsächlich verhindert und war Veranlassung gewesen, daß die Division Kalik direct auf Frankfurt fuhr; heute war er wieder der einzige, der gegen die Mobilisirungsanträge sprach, auch gegen den in correcterer Fassung, der nur die Staaten außer Oesterreich und Preußen zur Mobilisirung aufforderte. Allein ein vernünftiger Rath fand in Herrenhausen schon längst kein Gehör mehr; Graf von Schlottheim, Generaladjutant Victor Justus Haus von Finkenstein, der Regierungsrath Meding, der Archivrath Onno Klopp, daneben der Consistorialrath Schlangentaube, der Hofprediger Uhlhorn, bis auf eine Menge namenloser Leute hatten das Ohr des Königs, und dieser, der eben nur hörte, bekam nichts zu hören als Redensarten, die seinem Ohr schmeichelten. Der König war seit Pfingsten in einer fieberhaften Spannung, er litt an Schlaflosigkeit und plagte seine königliche Dienerschaft, vom Ministerium bis zum Hochkoch gar sehr. Er pflegte des Morgens mit der Sonne aufzustehen und sofort, ohne Kaffee oder Thee getrunken zu haben, eine côtelette au naturel oder eine andere Fleischspeise zu sich zu nehmen und einige Gläser Sherry zu trinken. Dann ließ er sich im Parke umherführen und befahl früh fünf Uhr morgens den einen oder andern Minister, General, oder wen er gerade zu sprechen wünschte, telegraphisch zu sich; die so Gerufenen kamen, oft ohne noch irgendetwas genossen zu haben, früh morgens um fünf oder sechs Uhr nach Herrenhausen, und Georg, der keine Zeit kannte, keine schlagende Uhr liebte, hielt sie oft bis Mittag und darüber in vertraulichen Conferenzen fest. Man würde sich inzwischen sehr irren, wenn man glaubte, daß in solchen Audienzen die Hauptfrage, von der die Existenz des Welfenreichs abhing, Gegenstand der Erörterung gewesen wäre; es war vielmehr nur der dem Könige eigene Beschäftigungstrieb, der bei der innern Unruhe, die ihn quälte, genaue Auskunft über die kleinsten, oft kleinlichsten Dinge verlangte, mit denen er Minister und Räthe oft viele Stunden quälte. Der Blinde hatte sich durch eigene Schuld seit Jahren eine Masse Verlegenheiten bereitet, indem er, ohne seine Minister gehört zu haben, einzelnen Corporationen, Deputationen, die sein Ohr zu erreichen wußten, Versprechungen gab, die den Absichten seiner Minister geradezu entgegenstrebten. So hatte er dem residenzlichen Handwerkerstande, der ihm bei der Einweihung des Ernst-August-Denkmals so große Freude bereitet, das Versprechen gegeben, daß ihre Zunftrechte dauernd geschützt werden sollten, während selbst der Minister Bacmeister es für nothwendig erachtet hatte, ihm die Unterschrift zu einem Gewerbegesetz abzunöthigen, welches mehr oder weniger auf dem Boden der Gewerbefreiheit stand. Nun erregten die Zünftler der Residenz im ganzen Lande Agitationen und bedrängten den König mit Petitionen, die ihn an sein Versprechen erinnerten. Wir haben in einem frühern Kapitel gesehen, daß der größte Grundbesitzer seinen getreuen Mitgrundbesitzern versprochen, die Untheilbarkeit des Grundbesitzes zu schützen, und doch hatte schon das vorletzte Ministerium Windthorst-Hammerstein einen Gesetzentwurf ausgearbeitet, welcher zwar noch nicht das Höfewesen von der Untheilbarkeit freimachte, aber doch einen großen Schritt in dieser Richtung that. Dem Könige fehlte jeder Begriff von der Staatsidee, er fühlte sich nur als souveräner patriarchalischer Herr, dessen Eigenwille über alles entschied. So hatte er nach dem Conseil bis zum Diner am Nachmittage einer Menge Personen Audienzen ertheilt und viele Kleinigkeiten nach selbsteigenen Beschlußnahmen erledigt, als nach dem Diner der Generalconsul Zimmermann sich in dringenden Angelegenheiten zur Audienz melden ließ. Der König, noch zornig darüber, daß dieser Mann es gewagt hatte, zur Neutralität mit Preußen und zur Abstimmung gegen den Antrag der Königreiche zu rathen, weigerte die Audienz. Der Staatsrath mochte darauf vorbereitet gewesen sein, er zog ein Schreiben aus der Tasche und übergab es dem Dienstthuenden, und darauf schlüpfte die schmächtige, schiefe, trotz des hohen Stürmers mit Federn immer schneiderhafte Persönlichkeit wieder zur Droschke, um nach dem Unionhotel zurückzufahren. Der Brief lautete: »Allerdurchlauchtigster, Großmächtigster König und Herr! »Erlauben Ew. königliche Majestät Ihrem unterthänigsten Diener, eine Mittheilung zu machen, welche demselben von der allergrößten Wichtigkeit scheint. Durch außerordentliche Verbindungen habe ich das Glück gehabt, vor zwei Stunden in Besitz der Abschrift eines Schreibens des Kaisers Napoleon, datirt: Palais der Tuilerien, 11. Juni 1866, an den Minister Drouin de l'Huys zu gelangen, welches ich anbiege. »Ew. königliche Majestät wird es einem von Ew. Majestät getreuesten Dienern, welchen Allerhöchstdieselben zum Staatsrathe ernannt, und der Ew. Majestät seit länger als zehn Jahren den nach seiner bescheidenen Einsicht in höhern Staatsaffairen erforderten Rath mit größter Gewissenhaftigkeit ertheilt zu haben sich bewußt ist, gestatten, daß er Ew. königlichen Majestät Aufmerksamkeit der Stelle des Schreibens zuwendet, wo es heißt: ›Der entstandene Conflict hat drei Ursachen, die schlecht abgegrenzte geographische Lage Preußens, den Wunsch Deutschlands nach einer seinen Bedürfnissen mehr entsprechenden Reconstituirung, und die Nothwendigkeit für Italien, seine nationale Unabhängigkeit zu sichern –‹ sowie dem Ausspruche Napoleon's, wo der Kaiser für Preußen mehr Homogeneität und Kraft im Norden wünscht. »Allerdurchlauchtigster König und Herr! Das, was Preußen im Norden die Kraft nimmt, ist das zwischen seinen Osten und Westen eingekeilte Hannover. Jeder Krieg bringt nothwendig eine Veränderung der Karte Deutschlands mit sich; und hat Napoleon gegen Arrondirung Preußens im Norden nichts zu erinnern, wer weiß, gegen welche Abmachungen?, so würden, im Fall die Verbündeten Ew. königlichen Majestät unterliegen, nicht nur Schleswig-Holstein, sondern auch Kurhessen, Nassau und Hannover die zur Compensation geeignetsten Gegenstände sein. »Ew. Majestät glauben sicher an den Sieg des hohen kaiserlichen Verbündeten, allein der Sieg muß rasch erfolgen, sonst sind Ew. Majestät Erblande das erste Opfer des Krieges. Ew. Majestät Kriegsheer ist nur halb gerüstet, aber das Compensationsobject ist durch drei, wenn nicht vier preußische Armeecorps bedroht – Nassau von Koblenz und Wetzlar, Kurhessen von Wetzlar und Westfalen, Hannover durch das westfälische Armeecorps, durch die Division Manteuffel in Holstein und das, was von Magdeburg herangezogen werden kann. »Ew. Majestät beschwöre ich, morgen noch einmal den Rath des Gesammtministeriums, mit Hinzuziehung nicht voreingenommener Militärs und anderer Berather der Krone anzuhören. Ew. Majestät südliche Verbündete können Ihnen bei einem Ueberfalle Hannovers nirgends die Hand reichen, und wie mir General Jacobi vertraulich sagte, ist keine Möglichkeit vorhanden, vor Anfang des nächsten Monats Ew. Majestät tapferes Kriegsheer mobil zu machen. Wird Preußen bis dahin warten? kann es warten? »Bei solcher Lage der Dinge scheint es mir die Sicherheit des Königreichs zu erheischen, das Neutralitätsbündniß mit Preußen nicht von der Hand zu weisen. »Ew. Königl. Majestät allerunterthänigster \&c. Zimmermann .«             Als Dr.  Lex dem Könige dieses Schreiben vorgelesen hatte, wurde dieser nachdenklich; er befahl, die Minister und einige Militärpersonen auf den andern Morgen zu einem Conseil nach Herrenhausen berufen zu lassen, und Lex mußte die nöthigen Depeschen ausfertigen. Während dieser arbeitete, theilte der König seinem Haus von Finkenstein und dem Grafen Schlottheim die französische Depesche mit; beide standen fest zu Oesterreich; Schlottheim hatte dort noch Verbindungen am Hofe, wie die angekauften Fideicommißgüter, Victor Justus haßte Preußen, ohne selbst den Grund davon zu wissen. Man hatte ihn, als er bei Gelegenheit des italienischen Krieges mit dem Könige einmal in Berlin war, völlig ignorirt und nicht mit dem üblichen Orden decorirt. Beide suchten Georg in dem Glauben an den unzweifelhaften Sieg Benedek's gegen die beiden preußischen Prinzen zu erhalten; die Königin betete abwechselnd um den Frieden, und wenn es zum Kriege komme, um den Sieg Oesterreichs, und der Hofprediger verwies sie auf den Herrn, der nur der gerechten Sache beistehe. In der Berathung des andern Tages wurde das Gegentheil von dem beschlossen, was Zimmermann gewünscht hatte, nämlich es wurde der gestrige Beschluß wegen der heutigen Abstimmung in Frankfurt nicht nur nicht zurückgezogen, sondern in Voraussicht, daß die Mobilisirung auch des zehnten Armeecorps beschlossen würde, heute schon die Einberufungsordre an die Reserven ausgefertigt, um auf die erste telegraphische Nachricht aus Frankfurt solche in das Land zu senden. Die Gardeoffiziere sprachen schon laut von Mobilisiren, Pferdeankauf, Feldzulage, und rasselten auf den Straßen, in dem Theater, bei Kasten und in andern Kaffeehäusern lauter mit den Säbeln als sonst. Der Minister des Innern machte in der Zweiten Kammer ein erbärmliches Gesicht, als sei das Bewußtsein, eine Dummheit begangen zu haben, über ihn gekommen. Er vertraute Leuten von der Opposition an, Zimmermann und er selbst hätten im Conseil gegen den Bundesbeschluß gestimmt. Die Kammersitzung wurde beendigt, ehe der Draht Nachricht aus Frankfurt gebracht hatte; gegen fünf Uhr wurden aber an den Straßenecken und Plakatsäulen schon die Abstimmungen des Bundestags angeschlagen. Während sämmtliche Liberale die Abstimmung Hannovers bedauerten, jubelte die Hofclique und die kriegsdurstige Militärpartei. Daß Herr von Savigny in der Abstimmung einen Bruch des Bundes gefunden und Preußens Austritt aus demselben erklärt habe, wurde erst am Abend bekannt und veranlaßte die Führer der nationalen Partei, diese noch am Abend spät zu versammeln. Man beschloß, am andern Tage von der ganzen Partei einen Urantrag einzubringen und in einer Adresse an den König auszusprechen, daß der Bundesbeschluß ungerechtfertigt sei und geeignet, den Bürgerkrieg herbeizuführen, weshalb an Se. Majestät das dringende Ersuchen gestellt werde: »Die Rathgeber der Krone, welche den obigen Schritt veranlaßt, unverzüglich zu entlassen, den Bundesbeschluß nicht zur Ausführung zu bringen; jedes Heraustreten aus einer stricten Neutralität zu vermeiden; auf schleunige Einberufung eines deutschen Parlaments zu dringen.« Rudolf von Bennigsen und Miquèl wurden mit der Redaction des Antrags beauftragt. Es war nach zehn Uhr abends, als die Abgeordneten der Partei sich trennten. Herr von Düffel schritt mit seinen Landsleuten der Zauberflöte zu, manche andere folgten, während die Mehrzahl sich nach den gewohnten Abendlocalen begab. Es hatte zum ersten mal seit mehrern Wochen gegen Abend etwas geregnet und die Luft sich abgekühlt, sodaß man im Gegensatz zu den vorhergehenden Tagen schon ein durch Gaslicht erwärmtes Local angenehm fand. Deshalb mochte sich auch wol in der Zauberflöte die große Menge Gäste eingefunden haben, die wir dort treffen. Rechts und links war alles besetzt und nur unter dem Bilde des Tempels der Isis standen zwei leere Tische laut einem großen Zettel »belegt« für die Abgeordneten Zweiter Kammer, die sich hier zu versammeln pflegten. Am runden Tische in der Mitte der Halle hatten sich, wie im Winter, Kaufleute, Fabrikanten, Künstler, Advocaten zusammengefunden; die uns bekannte Giftkröte führte hier das Wort; der Gegenstand des Gesprächs war in allen Localen, vielleicht in allen Bier- und Weinstuben Deutschlands derselbe, das, was alle Herzen und Gemüther der Nation bewegte, die Abstimmung in Frankfurt, die Auflösung des Bundes, das Aufhören des Bundesrechts, der Krieg. »Ich«, sagte der kleine Blondin, »nehme die Abstimmung gern als eine Gottesgabe an, um mit den Worten unsers Allerdurchlauchtigsten zu sprechen. Sie bringt endlich Klarheit; und wenn es noch ein Mittel gibt, die Verblendung, mit der man in Herrenhausen und an vielen kleinen Höfen von dem ›Herrn‹ gestraft ist, zu heben, so ist es dies. Der Souveränetätsschwindel, den die Kleinen und Mittlern wie einen Pfauenschweif ausbreiten, sobald das deutsche Reich etwas von ihnen verlangt, wird zusammenschrumpfen, wenn sie einsehen, auf sich selbst angewiesen zu sein, wenn sie ihre wirkliche Machtstellung gegen Preußen einmal näher prüfen. Mir sagte heute noch der Hauptmann Z. von der Artillerie, daß wir nicht Eine mobile Batterie hätten. Und da will man den Friedensbrecher aufsuchen und strafen! Ich wette, daß innerhalb vierundzwanzig Stunden Hannover von Preußen besetzt ist, um den Mobilisirungsbeschluß zu hindern!« »Ich halte die Wette«, sagte Karl Baumann, der eben in den Keller getreten war und hinter dem Redner stand. »Aber der ganze runde Tisch muß satis haben«, bemerkte ein Freihandschütz in der Joppe. »Das versteht sich von selbst«, erwiderte Baumann, »jedoch ich unterscheide; ich will zugeben, daß Sonnabend oder Sonntag das ganze westfälische Armeecorps ins Land einrückt, und sich sehr langsam auf der Etappenstraße über Hildesheim nach Braunschweig weiter bewegt, das nenne ich aber keine Besetzung – das Wort ist überall unbrauchbar, weil nicht technisch. Will die Giftkröte statt dessen Besitzergreifung oder Occupation, kurz provisorische Anmaßung der Regierungsgewalt setzen, so bin ich bereit, zwei Anker Bier oder vierundzwanzig Flaschen Rothspon zu wetten.« »Ich halte zwölf Flaschen mit«, rief Fabrikant Kirsche, »ich komme mit dem Zehn-Uhr-Zuge von Bielefeld und habe gesehen, daß von dort bis Minden jeder Ort mit Pickelhauben vollgestopft ist. Ein mir bekannter preußischer Offizier, den ich in Minden am Bahnhofe sprach, versicherte, daß Sonntag die Preußen Hannover besetzen würden, und hat sich bei mir Quartier ausgebeten.« In diesem Augenblicke traten die Friesen und andere Abgeordnete in den Keller ein und blieben einen Augenblick um den runden Tisch, wo die vorhin erwähnten Gespräche mit großer Lebhaftigkeit geführt wurden, stehen, wendeten sich dann aber den ihnen reservirten Sitzen zu, bis auf ihren Führer, der von der kleinen Giftkröte angeschrien wurde: »Was habt ihr denn beschlossen, ehrenwerthe Landboten und Landsleute?« »Wir wollen«, erwiderte der biedere Otto, »einen letzten Versuch machen, wie die Frauenzimmer, wenn sie in gewisse Jahre kommen, zu sagen pflegen. Morgen wollen neunundvierzig von uns in einer Adresse an den König um Entlassung Platen's und seiner Sippschaft bitten und um strenge Neutralität, keine Mobilisirung, sondern Abrüstung.« Der lange Grumbrecht war indeß eingetreten und hatte neben dem rothbärtigen Drucker der »Zeitung für Norddeutschland« Platz genommen und sein grünes Käppel aufgesetzt. »Mir steht der Verstand stille«, sagte der vielberedte Abgeordnete, »ich begreife wahrlich nicht, wie Graf Bismarck eine revolutionäre Politik, die Umwandlung des Deutschen Bundes in ein Bundesparlament auf allgemeines Stimmrecht basirt, mit reactionären Mitteln zu Wege bringen will.« »Das fällt ihm ja gar nicht ein«, sagte ein Bürgervorsteher der Residenz, der freilich Mitglied des Nationalvereins war, aber starker Demokrat, und nur die berliner »Volks-Zeitung« las, »er hat selbst gesagt, daß der Kitt, mit dem er Deutschland verbinden will, Blut und Eisen sei. Danke für solchen Kitt. Bin ein guter Deutscher; mag Oesterreich aus dem Bunde scheiden und Preußen das Kaiserthum erlangen, aber Preuße will ich nicht werden! Außerdem glaube ich, ohne gerade eine Wette anzubieten, daß, sobald die Truppen sämmtlich Berlin verlassen haben, dort sowol wie in den Rheinprovinzen eine Revolution ausbricht.« »Nun, so weit wird es hoffentlich nicht kommen«, erwiderte Grumbrecht, »hoffentlich gibt die Majestät der preußischen Sommation nach, von der ich höre, daß sie in der Luft schwebt; wir bekommen ein Ministerium Bennigsen, lassen unsere Truppen Wesel, Köln, Luxemburg besetzen, und den Kampf mögen Preußen und Oesterreich ausfechten. Aber der Kleinstaaterei muß gründlich ein Ende gemacht werden und das persönliche Regiment muß auf ein verantwortliches Gesammtministerium übergehen. Was die Revolution in Berlin anlangt, so ist das eine Bernstein'sche Phantasie; die Preußen haben Staatsbegriff und werden, wenn es sich um die Ehre und die Erhaltung ihres Staats handelt, ob Linie, ob Landwehr, ebenso gut auf Kroaten, Slowaken, Czechen und wie die österreichischen Bruderstämme sonst heißen, schlagen, als 1813 auf die Franzosen und Rheinbündler.« »Bitte um Verzeihung, Herr Bürgermeister, wenn ich Sie etwa unterbrechen sollte«, sagte die Giftkröte, »wie lange würde sich ein Ministerium von Bennigsen, unter Mitwirkung Miquèl's, Grumbrecht's und anderer natürlich, bei Georg V. halten? Bei Gott, ich würde Ihre liebe Frau bedauern, die mit solcher Zärtlichkeit an Ihnen hängt, wenn Sie zu einem solchen Posten berufen würden, denn die Hof-, Militär- und schwarze Clique würde Sie in vier Wochen todtärgern, und Consistorialrath Taubenschlange Ihre Grabrede halten müssen. Erlauben Sie, daß wir erst unsere Wette schlüssig machen, und wir wollen wünschen, daß uns noch Zeit genug bleibt, dieselbe auszutrinken.« So redete man am runden Tische, so am Tische der Abgeordneten, so an der rechten Kellerseite. Als am andern Vormittage im Vorzimmer zur Zweiten Kammer die funfzig Abgeordneten der Opposition zusammentraten, um die Redaction des Bennigsen'schen Urantrages anzuhören und zu unterschreiben, hing das Schicksal Hannovers an einem seidenen Faden. Der preußische Gesandte hatte schon am Morgen dem Reichsgrafen von Platen-Hallermünde die bekannte Sommation vom 15. Juni gesendet, in welcher die preußische Regierung und König Wilhelm selbst noch einmal Neutralität und Garantie des hannoverischen Gebiets anbot, aber unter erschwerenden Bedingungen. Hannover solle seine Truppen auf den Friedensstand vom 1. März zurückführen, der Berufung des Parlaments zustimmen und die Wahlen dazu ausschreiben, sobald dies von Preußen geschehe, wogegen Preußen dem Könige sein Land und seine Souveränetätsrechte nach Maßgabe der Reformvorschläge vom 14. Juni gewährleiste. Widrigenfalls werde Preußen Hannover als im Kriegszustande gegen sich begriffen ansehen. Antwort wurde im Laufe des Tages begehrt. Das war also der letzte, aber deutlichste diplomatische Druck, den Prinz zu Ysenburg ausübte; vereint mit dem Druck, den der Bennigsen'sche Urantrag, unterschrieben von neunundvierzig Mitgliedern der Zweiten Kammer, der unzweifelhaften Majorität, ausüben sollte, nachdem sein Inhalt schon am Morgen in Herrenhausen bekannt war, durfte man bei den launenhaften Beschlußnahmen Georg's noch immer die Hoffnung nicht aufgeben, daß der König endlich zu der Einsicht komme, die jeder Unbefangene hegte, daß die geographische Lage Hannovers gar keine Wahl zwischen einem Bündnisse mit Preußen oder einem solchen mit Oesterreich lasse. Nach dem Bericht des Generalstabes wurde nachmittags ein Uhr in Herrenhausen der Beschluß gefaßt, die Armee bei Göttingen zu sammeln, während die Muthigern eine Zusammenziehung bei Hannover wünschten. Der höchste Kriegsherr entschied für Göttingen, weil er hoffte, von dort Anschluß an hessische und bairische Truppen gewinnen zu können. Die Truppen selbst, welche in Brigaden bei Verden, Harburg, Burgdorf und Liebenau zusammengezogen wurden, befanden sich meistens auf dem Marsche nach dem Norden, als sie die Contreordre bekamen nach Göttingen. In der Residenz liefen die nicht in den Kasernen einquartierten Soldaten nachmittags wie kriegstoll in den Straßen herum, um die kleinen Montirungsstücke aus den Quartieren zu holen, vom Liebchen Abschied zu nehmen, oder von Aeltern, Freunden, Verwandten. Offiziere jagten zu Pferde, in Equipagen und Droschken durch die Straßen, die Zeughäuser spien Kanonen, Munitionswagen aus, die nebst Train- und andern Wagen vor dem Bahnhofe aufgestellt und eingeladen wurden. Es war in alledem wenig Geordnetes, man sah die Hast und Uebereilung an allen Ecken herausgucken, das Unfertige, der Mangel an Uebung, beim Aufladen der Kanonen z. B., fiel selbst dem Laien auf. Auf dem Bahnhofsplatze standen Tausend von Menschen, um den Abzug der ersten Truppen eines Bataillons des Garderegiments anzusehen, Bürger, Frauenzimmer aller Art, Beamte, Mitglieder Erster und Zweiter Kammer. Niemand wußte eigentlich, was da werden sollte. Offiziere eilten nach dem Bahnhofe und wieder zurück; wurde einer derselben von seinem nächsten civilistischen Freunde angerufen, um Aufklärung gebeten, so machte er die Zeichen der höchsten Eile und rief etwa: »Nach Kassel!« oder »Nach Koburg!« Vor dem Abgeordnetenhause nach der Seite der Osterstraße standen schwere Packwagen, auf welche aus der Generalkasse mächtige Geldfässer aufgeladen wurden, die der Armee nach dem Süden folgen sollten. Das war kein Rückzug mehr, das war Flucht, übereilte, kopflose Flucht! Schon kamen von Nienburg und andern nördlich gelegenen Orten die auf dem Marsche befindlichen Bataillone auf der Eisenbahn zurück, um nach Göttingen durchzufahren. Dennoch begleitete der Pöbel abends, als das zweite Bataillon des Garderegiments vom Waterlooplatze mit Fahnen und klingendem Spiel zum Bahnhofe zog, dieses mit Vivat und Triumphgeschrei, als gehe es zum Siege. Nach Sonnenuntergang, nachdem Prinz Ysenburg noch persönlich in Herrenhausen versucht hatte, die Dinge zum Guten zu wenden, erfolgte die Kriegserklärung, mit ihr die Panique und Kopflosigkeit. König und Kronprinz wollten in der Nacht noch abreisen, ein Entschluß, von welchem die Mehrzahl der Minister erst am andern Morgen Kenntniß erhielt, nachdem die Sache geschehen war. Die Abreiserüstungen, der Abschied, den das Hofpersonal, das die Begleitung des Königs bildete, von Frau und Kind nahm, der Transport königlicher Wagen und Marstallspferde, dies alles trug die Nachricht bald von Haus zu Haus. Magistrat und Bürgervorsteher versammelten sich noch um elf Uhr abends zu einer Berathung, und sendeten eine gemeinsame Deputation nach Herrenhausen, den König zu bitten, in seiner Residenz zu bleiben und das preußische Ultimatum anzunehmen, da die Lage des Landes dies fordere. Georg, in Galauniform, erwiderte darauf die bekannten Worte, daß er als König, Welf und Christ auf die preußischen Vorschläge nicht eingehen könne, da sie einen der Mediatisirung gleichen Erfolg haben würden. Morgens drei Uhr fuhr der König nach Göttingen ab, der Tag nach vielen hellen und sonnigen war ein Regentag; in der Begleitung des Königs war nur Graf Platen, der Kriegsminister, Graf von Schlottheim und der Mann, welcher von Justus Erich Bollmann einen seiner Vornamen führte, Justus Victor Haus von Finkenstein, Cabinetsrath Dr.  Lex, Onno Klopp und sonstige unbekanntere Größen. Justus Victor hatte in den letzten Tagen seine geistige und körperliche Unfähigkeit, den Posten eines Generaladjutanten zu führen, in so hohem Maße gefühlt, daß er entschlossen war, die Majestät um gnädige Entlassung zu bitten. Rheumatismus in Schulter, linkem wie rechtem Arm, machten ihm das Unterschreiben seines Namens schon unbequem; nun sollte er aber noch Generalordres concipiren, Marschordres u. s. w. entwerfen, wozu ihm auch die geistigen Fähigkeiten abgingen. Er wälzte während der Reise nach Göttingen nur noch im Kopfe herum, wen er dem Könige an seiner Stelle empfehlen solle. Der Mann mußte vor allem Preußenhasser sein, dann aber, unbewußt, immer unter seiner und Schlottheim's Leitung stehen bleiben, sodaß nicht der blinde König, sondern das österreichische Complot der eigentliche Kriegsherr war. Dann mußte derselbe aber nicht allein Generaladjutant des Königs, sondern zugleich Generaladjutant des Armeestabes sein, sodaß er gegen den wirklich Commandirenden, wenn dieser nicht nach seiner und Schlottheim's Pfeife tanzen wollte, den Generaladjutanten des Kriegsherrn, also den Befehlenden statt Gehorchenden, hervorkehren konnte. Justus kannte ja aus der österreichischen Geschichte die Wirksamkeit eines solchen Hofkriegsraths; er und Schlottheim wollten der Geheime Hofkriegsrath des Königs sein, der durch den Generaladjutanten den commandirenden General im Zügel halten konnte. Aber wer mußte dann das Commando führen? Der alte General Halkett war glücklicherweise todt; die Armee wünschte den Divisionär Gebser zum Commandirenden, das hatte sich schon in Hannover kundgegeben; der war aber ein eigensinniger Kauz, der sich den königlichen Generaladjutanten nicht auch als Adjutanten des Generalstabes würde gefallen lassen. Ein passender General also und ein passender Generaladjutant war zu suchen; letzterer war bald gefunden. Georg liebte unter den kräftigern jüngern Offizieren keinen mehr als den Obersten Dammers, ihn hatte er als Vertreter des Klosterfonds und zur Unterstützung »des Kriegsgottes« in die Zweite Kammer geschickt. Hatte sich Dammers in Rendsburg den Preußen gegenüber doch brüsk genug benommen und im Sinne des Kriegsherrn gehandelt Dann aber hatte er sich in das Herz Sr. Majestät schon seit der Zeit eingeschlichen, als deutsche Bundestruppen durch Hannover zogen, um im Verein mit Hannover die Bundesexecution in Holstein zu vollziehen. Das Offiziercorps der durchziehenden Truppen pflegte dann auch nach Herrenhausen eingeladen zu werden, dort wurde gut gegessen und getrunken, aber noch stärker getoastet. Die Herrscher der Mittelreiche, noch berauscht von den Wilhelmi'schen Rheinweinen am Fürstentage, schwebten in Träumen von ewiger durch Oesterreich verbürgter Souveränetät, vor allen Georg Rex. Der Kriegsherr in Hannoverland hielt bei solcher Gelegenheit den Offizieren, die bei ihm tafelten, eine brillante und elegante Rede von den Heldenthaten, die er von ihnen erwarte, ein Sachse antwortete mit Beustischer Sängerfestberedsamkeit. Da ergriff Oberst Dammers den Pokal, um auf das Wohl der vereinigten Bundesarmeecorps ein »Hipp! Hipp! hurrah hoch!« nach englisch-hannoverischer Manier auszubringen. Hatte er auch nicht die Beredsamkeit seines Vetters, Otto Dammers, des Corpsbruders Bismarck's, so wußte er doch die ruhmvollen Thaten hannoverischer Truppen von Minden bis Waterloo, auf der Halbinsel und in Sicilien in glänzenden Worten hervorzuheben; er schloß mit der Versicherung, daß jeder Soldat dem ruhmvollen Welfenkönige bis zum letzten Blutstropfen treu und gehorsam folgen würde, wohin der Kriegsherr das tapfere Heer führe. Dann sprang er mit einer jener Wendungen, die er dem Vetter abgelauscht haben mußte, in eine unerwartet weiche religiöse Stimmung über und beschwor den König: wenn der Herr es beschlossen, daß er im bevorstehenden Kampfe falle, so bitte er nur um das Eine, zu befehlen, daß seine Leiche in das Welfenland zurückgebracht und dort beerdigt werde, denn er liebe dieses Land und seinen Herrscher so sehr, daß seine Seele nur dann Ruhe finden würde, wenn er versichert sei, daß seine Gebeine in dem so heiß geliebten Lande ruhen würden. Dieser Schluß hatte den König ungemein gerührt und entzückt und der Oberst war sein erklärter Liebling. Georg und der Kronprinz hatten sich aus dem Saloncoupé in ihre Schlafcabinete zurückgezogen. In der entgegengesetzten Ecke des Salonwagens flüsterte Finkenstein dem Grafen von Schlottheim zu: »Mit Gebser ist es nichts – richte die Aufmerksamkeit des Königs morgen in Göttingen auf Arentsschildt, er ist leichter zu regieren; daneben muß Dammers in meine Stelle und zugleich Generaladjutant des Stabes werden.« Der Morgen war unterdeß hereingebrochen; man befand sich bereits im Lande Braunschweig, da, wo Graf von Borries dem Vetter des Königs verwehren wollte, im eigenen Lande eine Eisenbahn von Osten nach Westen zu bauen. Als man weiter im Leinethale hinauffuhr und die Vorberge des Harzes zur Linken, den Solling zur Rechten hatte, machte die Sonne beim Aufgange den vergeblichen Versuch, die Nebel- und Regenwolken zu zerstreuen. Zwischen morgens sechs und sieben Uhr traf der König in Göttingen ein und nahm bei unserm Freunde Bettmann Quartier, in dem Zimmer, das Beuermann und Gutzkow 1837 den Epigonen zur Fortsetzung der attischen Nacht anboten. Die Generaladjutantur nahm die Speisesäle nach hinten in Beschlag, die obern Etagen wimmelten von Generalen und Offizieren, Hofbedienten, Salonkammerdienern, Leibkammerdienern, Leibjägern. Die Armee-Intendantur hatte gegenüber in der Rathsapotheke ihre Niederlassung gefunden. Dem Könige voraus waren schon mehrere Bataillone des Leibregiments und Garderegiments in Göttingen eingerückt, es folgten ihm das Gardejäger-Bataillon, die Bataillone verschiedener Infanterie-Regimenter, des Ingenieur-Corps, Artillerie-Bataillone. Der Weg nach Kassel war offen, die Eisenbahnverbindung ungestört, man konnte, wenn man Anschluß an Baiern suchte, diesen am 17. noch über Kassel, Frankfurt oder über Eisenach mit der Eisenbahn finden. Die vereinigten Kurhessen und Hannoveraner hatten Wetzlar nicht zu fürchten. Während man die Einberufenen in Göttingen sammelte und die Mobilmachung fortsetzte, konnte man alle Truppentheile, die vorher zu Brigademanövern bestimmt und ziemlich mobil waren, nach Kassel senden. Wäre das geschehen, so hätte die Division Beyer am Mittwoch den 19. Juni nicht in Kassel einrücken können. Aber man hatte Wichtigeres zu thun, die von Finkenstein ersonnene Intrigue mußte zunächst ausgeführt werden. Der Chef des Generalstabes, Generallieutenant von Sichart, der Divisionär Generallieutenant von Ramdohr nahmen oder erhielten ihre Entlassung. An die Stelle Finkenstein's trat Oberst Dammers und wurde zugleich Generaladjutant des Armeestabes. Generallieutenant von Arentsschildt wurde zum Höchstcommandirenden ernannt. Die Eintheilung in Divisionen hörte auf, die Armee wurde in vier Infanterie- und eine Reserve-Cavaleriebrigade eingetheilt. Man ließ den König eine Proclamation an sein Volk schreiben, in welcher er dieses aufforderte, an dem Welfenhause festzuhalten, wie seine Väter, und mit ihm zu hoffen, daß der allmächtige Gott die ewigen Gesetze des Rechts und der Gerechtigkeit unwandelbar durchführe zu einem glorreichen Ende. Man ließ den König zweimal zum Abendmahl gehen, und Schlottheim führte denselben, da er doch den Göttingern zeigen wollte, daß er sehend sei, nebst dem Kronprinzen, zum Grabe der Cäcilie Tychsen, der bezauberten Rose Ernst Schulze's. Während man in Göttingen organisirte, Ordres an die Armee entwarf, Dislocationen ausarbeitete, die Bataillone von einem Ort nach dem andern warf, Pferde anzuschaffen suchte, Marschdispositionen entwarf, nahm Beyer Kassel. Nun mußte die Eisenbahn zwischen Dransfeld und Münden unfahrbar gemacht werden. Während man in Kassel leicht einen Beobachter hätte haben können, der über die Stärke der Preußen, über ihre Absichten berichtete, verließ man sich auf Gerüchte und unsichere Studentennachrichten. Die Zeit der Ordres und Contrordres begann. Der Marsch nach Süden sollte den 20. Juni beginnen und zwar über Witzenhausen, Allendorf, Eschwege, sodaß man von dort entweder links im Werrathale nach Eisenach auf Koburg oder rechts über Bebra in das Fuldathal eindringen konnte, um am untern Main die Baiern zu finden. Da plötzlich läßt man sich von der Möglichkeit erschrecken, daß Beyer Truppentheile nach Witzenhausen geschoben haben könne, und ändert den schon an die Truppen verteilten Marschplan; man will den geraden Weg verlassen und über Heiligenstadt nach Mühlhausen, Wanfried, Eisenach und durch den Thüringerwald. Wer commandirt, der General Arentsschildt, der Höchstcommandirende, sein neuer Generaladjutant oder der Geheime Hofkriegsrath? das weiß niemand mehr. Man brach am 21. auf – »Krone ade!« hätte der König Georg sagen können, als er von der Bettmann'schen Krone auf das Pferd stieg und von dem österreichischen Gesandten, der ihn bis dahin begleitet hatte, Abschied nahm. In Hannover erfuhr die Mehrzahl der Einwohner erst Sonnabend morgens die Abreise des Königs, und das Ministerium vertagte die allgemeine Ständeversammlung und löste sie dann auf, um vor dem 1. Juli die Steuern, welche noch nicht vollständig bewilligt waren, ausschreiben zu können. Von den Eisenbahnverbindungen war nur die nach Bremen unverletzt geblieben; nach Osten, nach Harburg, nach Westen über Wunstorf hinaus, und von Sonntag ab nach Süden waren die Bahnen unbrauchbar gemacht, alle Eisenbahnwagen nach Göttingen geschickt, denn schon waren Preußen über die Elbe gerückt, und die Division Manteuffel hatte Harburg und Stade besetzt. Sonntag nachmittags rückten die ersten Preußen in die Stadt Hannover ein; die Königin Marie und die beiden Prinzessinnen waren in Herrenhofen, hatten am Tage vorher noch einen guten Theil der Residenz zu Fuß durchwandert und große Bürgerfreundlichkeit gezeigt. Sonnabend nachmittags, abends und nachts leerten die Polytechniker und das Volk noch alle Zeughäuser und schleppten die dort zum Theil unnütz angehäuften Materialien und Vorräthe zum Bahnhofe, von wo sie weiter nach Göttingen geschafft wurden. Hier aber wußte man nicht, wo man mit sämmtlichen wollenen Decken bleiben sollte, ließ Pulver und Shrapnels in die Leine werfen und gab große Tuchballen dem Pöbel preis. Es ist nicht Pflicht dieser Erzählung, die Armee auf ihrem ermüdenden Marsche zu begleiten; wer sich der Hitze, namentlich am 22. und 23. Juni erinnert, des gebotenen langgezogenen Colonnenmarsches auf kalkstaubigen Wegen gedenkt (die Marschordre war abermals geändert, und der Flankenmarsch auf Wanfried, Treffurt, Eschwege fand nicht statt, weil man jeder zugebrachten Nachricht Glauben schenkte), der wird begreiflich finden, daß kaum Wagen zu beschaffen waren, die Zahl der abgelegten Tornister nachzutransportiren und die Maroden aufzunehmen. Man stieß am 22. und 23. auf keinen Feind, erhielt aber eine telegraphische Depesche aus dem Hauptquartier Moltke's, die Waffen zu strecken, da man umzingelt sei. Lieutenant Ahlefeld war mit Königin-Husaren an diesem Tage in Eisenach gewesen und meldete, daß man dort keine Truppen getroffen; von Gotha her wurde das Gleiche berichtet, und es war im Hauptquartier beschlossen, am folgenden Tage Gotha zu nehmen. Vom 24. bis zum 27. Juni schwebt ein gewisses Dunkel über der Sache; nur so viel steht fest, daß niemand wußte, wer zu entscheiden habe, und bei solcher Leitung der blinde König im Kriegsrath ein entscheidendes Wort mitsprach; von dem, was nothwendig und möglich war, nämlich über Eisenach nach dem Meiningenschen vorzudringen, nichts geschah, sondern die Zeit mit unnützen Verhandlungen in Gotha vertrödelt, die Truppen durch Hin- und Hermärsche ermüdet wurden. Hat man sich durch Preußen oder Gothaer dupiren lassen, so ist das eigene Schuld. Man hatte Waffenstillstand geschlossen. Als sich die Preußen so stark sahen, einen Angriff der Hannoveraner auf Gotha oder Eisenach mit Aussicht auf Erfolg abwehren zu können, kündigte der General von Fließ den Waffenstillstand und erklärte, in zwei Stunden vorrücken zu wollen. Noch einmal, Mittag, den 26. Juni, ließ Graf Bismarck dem Könige ein Bündniß mit Preußen unter den Bedingungen vom 15. Juni anbieten, durch Oberst von Döring. Der König schwankte sichtbarlich, sein böser Dämon, Graf Schlottheim, stand ihm aber zur Seite und flüsterte von Heinrich dem Löwen. Georg wies das Anerbieten zurück und befahl seinem General, dem Vorrücken Widerstand entgegenzusetzen. Die Offensive gab man auf. Die Soldaten waren schon drei Nächte nicht zur Ruhe gekommen und gleichzeitig fehlten die Lebensmittel. Hinter der Unstrut und hinter den Ortschaften Thamsbrück, Merxleben, Nägelstedt nahm man eine Defensivstellung, die erste und zweite Brigade hinter Merxleben, die dritte südlich von Thamsbrück bei der Untermühle, die vierte hinter Nägelstedt. Der König verließ bald nach Mitternacht Langensalza und brachte die Zeit bis zum Morgen nördlich von Merxleben im freien Felde zu; dann, als die Truppen abzukochen begannen, nahm derselbe Quartier in Thamsbrück und versuchte sich durch einige Stunden Schlaf zu stärken. Aber der Schlaf wollte nicht kommen, er ließ sich nicht befehlen, der Augenblick der Entscheidung nahte und machte das Herz des Königs stärker klopfen. Sein Selbstvertrauen verhieß ihm Sieg, er wußte, daß er auf die Tapferkeit seiner Truppen bauen konnte, aber er mußte sich sagen, daß nicht hier, nahe der Grenze seines Landes, in thüringischen Landen, sein Schicksal und das seines Landes entschieden würde, sondern in weiter Ferne, vielleicht in den böhmischen Waldschluchten oder an den Ufern der Moldau und Elbe, oder, wie er hoffte, in der schlachtberühmten Ebene von Leipzig. Gestern konnte er noch unter den Bedingungen vom 15. Juni ein Bündniß mit Preußen und die Garantie seiner Länder erkaufen; heute konnte er das nicht mehr, er mußte siegen oder ruhmvoll untergehen. Schon in Göttingen hatte sein Cabinetsrath ihm nur dürftig aus Zeitungen vorlesen können, in Langensalza fanden sich nur ältere preußische Blätter, die er haßte, man war im Hauptquartier über die Weltlage sehr schlecht unterrichtet. Die Oesterreich sich zuneigenden Offiziere behaupteten, Benedek sei nach Sachsen marschirt und rücke direct nach Berlin vor, wo eine Revolution in nächster Aussicht stehe. Der Stoß, den Prinz Albrecht von Oberschlesien aus beabsichtige, werde parirt werden, während das Gros der k. k. Armee nach der Spree rücke. Die preußenfreundlichen Offiziere wollten wissen, daß die Preußen nicht allein ganz Sachsen innehätten, sondern über Zwickau hinaus durch die Hochwälder nach Böhmen eindrängen, und Benedek nur eine Defensivstellung einnähme. Wir alle sind der Zeitungsnachrichten so gewöhnt, daß es jedem von uns wunderbar und beunruhigend vorkommt, wenn wir mehrere Tage ohne Zeitungsblätter uns behelfen müssen; noch mehr fühlte der König diesen Mangel. Im heiligenstädter Nachtquartier hatte er die letzte Nachricht von Hannover und Herrenhausen bekommen, seit Heiligenstadt hatte ihm auch Dr.  Lex keine Zeitung mehr vorlesen können. Ob sich der Blinde überall eine Vorstellung von der Gegend machen konnte, die man Thüringerwald nennt, und von dem, was er Süden nannte? Wir bezweifeln das sehr. Man muß Student gewesen sein und jedes Dörfchen vom Inselberge an bis hinter Salzungen kennen, man muß den Rennstieg begangen haben und nach Ruhla hinuntergestiegen sein, um ein Bild vom Thüringerwalde zu haben. Wer mit der Bahn nach Meiningen und Koburg fährt, der hat eben keine Anschauung des Thüringerwaldes. Ob man sich im Generalstabe einen deutlichen Begriff davon machte, was man erreichte, wenn man bei Mechtersen oder Eisenach die Bahn überschritten hatte? Ob einer der Offiziere einmal von Eisenach nach Altenstein oder Liebenstein gegangen oder gefahren war? Fast sollte man daran zweifeln. Hannoverische Husaren hatten am 19. Juni die Division Beyer in Dassel einrücken sehen; die Bahn über Rottenburg, Bebra, Gerstungen konnte in wenig Stunden Truppen nach Eisenach werfen – die Division Goeben verstärkte Beyer. Als man den großen Zug nach Süden von Göttingen aus begann, waren die Preußen schon bei Northeim sichtbar geworden, und General Vogel von Falckenstein konnte denselben Weg nehmen, den Georg gezogen. Die Manteuffel'sche Division konnte auf Umwegen über Braunschweig, Magdeburg, Erfurt Truppen nach Gotha werfen, oder über Göttingen und Mühlhausen nachmarschiren. Dort stand das Corps des Generalmajors Fließ. Man war in der Falle, wenn nicht heute schon, so doch sicher morgen. Als der König kaum in Thamsbrück Quartier genommen, erschollen von Hennigsleben her, wo am Morgen noch die Cambridge-Dragoner ihren Stand gehabt, südlich von Langensalza, die ersten preußischen Kanonenschüsse, und als die elfte Stunde gekommen war, sah Oberst von Strube sich genöthigt, Langensalza und den Jüdenhügel dem Feinde zu überlassen, und nun begannen von letzterm Punkte aus preußische Batterien gegen die drei auf dem Kirchberge von Merxleben postirten hannoverischen Batterien zu spielen, und eine dichte preußische Schützenkette entwickelte am rechten Ufer der Unstrut ein heftiges Gewehrfeuer auf die in und um Merxleben befindliche Brigade de Vaux, was man in Thamsbrück sehr deutlich vernahm. Georg erhielt von Zeit zu Zeit Nachricht aus dem Hauptquartier in Merxleben, aber viel zu dürftige für seine mit jedem Augenblick zunehmende Ungeduld; einer der Offiziere der Cambridge-Dragoner, von denen eine Schwadron dem Könige als persönliche Schutzwehr beigeordnet worden, war zwischen Thamsbrück und dem Hauptquartier beständig unterwegs. Der König wollte von seinem Generaladjutanten wissen, warum noch nicht zur Offensive übergangen würde; Victor Justus hatte auf dem Kalkberge eine Position eingenommen, welche nicht nur Merxleben übersehen ließ, sondern auch die Stellung der Preußen in und um Langensalza im Badewäldchen und auf dem Jüdenhügel, und berichtete von dort. Als dem Könige gemeldet war, daß der Brigade Bülow Befehl gegeben sei, über die Unstrut zu marschiren und den Feind anzugreifen, erließ der König an Haus von Finkenstein den Befehl, sich der Brigade Bülow anzuschließen und ihm von Viertelstunde zu Viertelstunde Berichte zu senden. Es wurde jenem indeß nicht so leicht wie der Bülow'schen Infanterie, über die Unstrut zu kommen. Er war mit einem feinen Vollblut beritten und das Unstrutufer sehr abschüssig, beinahe funfzehn Fuß steil abfallend. Als er eine günstige Stelle zum Herunterkommen suchte, traf vom Jüdenhügel her eine Shrapnelkugel sein Pferd, tödtete dasselbe, er selbst fiel in die Unstrut, zerbrach den rechten Arm und wurde von den im Badewäldchen befindlichen Preußen gefangen genommen. Während man hannoverischerseits schon gegen den Jüdenhügel vordrang, die Preußen aus dem Bade, Badewäldchen, Kallenberg's Mühle vertrieben hatte, drang eine feindliche Colonne bei der Untermühle von Thamsbrück vor und beunruhigte den König, der indeß von dort längst aufgebrochen war und sich zu der Stellung zurückgezogen hatte, welche bis dahin, mehr nordöstlich vom Orte, die Brigade Eggers eingenommen. Bei dieser Affaire hatte sich Graf Schlottheim, um zu recognosciren, zu weit auf dem Wege vorgewagt, welcher auf den Kirchplatz in Thamsbrück führt. Die Kugel eines Koburgers traf ihn hier in die Brust und endete sein Leben, ein nutzloses, für König und Vaterland verderbliches. Seine Leiche ward erst am folgenden Tage in hohem Korne gefunden, sein Pferd wurde eine Beute des Feindes. Nachmittags vier Uhr war Generalmajor von Fließ geschlagen und zog sich auf Gotha zurück. Um sechs Uhr zog Georg als Sieger in Langensalza ein und dictirte um sieben Uhr im Hoheitsgefühl und Siegestaumel den folgenden Erlaß an seine Armee: »Hauptquartier Langensalza, den 28. Juni 1866. Nachdem am gestrigen Tage (27. Juni) meine ruhmreiche Armee ein neues unverwelkliches Reis in den Lorberkranz geflochten, welcher ihre Fahnen schmückt, hat mir der commandirende General, Generallieutenant von Arentsschildt, und mit ihm die sämmtlichen Brigadiers auf ihre militärische Ehre und ihr Gewissen erklärt, daß meine sämmtlichen Truppen wegen der gehabten Anstrengungen und wegen der verschossenen Munition nicht mehr kampffähig seien, ja daß dieselben wegen der Erschöpfung ihrer Kräfte nicht mehr im Stande seien zu marschiren. Zu gleicher Zeit haben der Generallieutenant von Arentsschildt und sämmtliche Brigadiers mir erklärt, daß es unmöglich sei, Lebensmittel für die Truppen auf länger als einen Tag herbeizuschaffen. Da nun heute der commandirende Generallieutenant von Arentsschildt ferner die Anzeige gemacht hat: er habe sich überzeugt, daß von allen Seiten sehr bedeutende und meiner Armee bei weitem überlegene Truppenmassen heranrückten, so habe ich in landesväterlicher Sorge für meine in der Armee die Waffen tragenden Landeskinder es nicht verantworten zu können geglaubt, das Blut meiner treuen und tapfern Soldaten in einem Kampfe vergießen zu lassen, welcher nach der auf Ehre und Gewissen erklärten Ueberzeugung meiner Generale im gegenwärtigen Augenblicke ein völlig erfolgloser sein müßte. Ich habe deshalb den Generallieutenant von Arentsschildt beauftragt, eine militärische Capitulation abzuschließen, indem eine überwältigende Uebermacht sich gegenüberbefindet. Schwere Tage hat die unerforschte Zulassung Gottes wie über mich, mein Haus und mein Königreich, so auch über meine Armee verhängt; die Gerechtigkeit des Allmächtigen bleibt unsere Hoffnung, und mit Stolz kann jeder meiner Krieger auf die Tage des Unglücks zurückblicken; denn um so heller strahlt in ihnen die Ehre und der Ruhm der hannoverischen Waffen. Ich habe mit meinem theuern Sohn, dem Kronprinzen, bis zum letzten Augenblick das Los meiner Armee getheilt, und werde stets bezeugen und nie vergessen, daß sie des Ruhms der Vergangenheit sich auch in der Gegenwart werth gezeigt hat. Die Zukunft befehle ich voll gläubiger Zuversicht in die Hand des allmächtigen und gerechten Gottes Georg V., Rex .« Das war der letzte freudige Augenblick des armen blinden Mannes, den Selbstüberschätzung, Schmeichelei und Heuchelei zum Verderben führten. Am andern Tage mußte seine siegreiche Armee capituliren. Elftes Kapitel. Zerbrochene Ketten. Wir kehren zu unsern Freunden im Süden der amerikanischen Vereinsstaaten zurück. Als der Arzt in Begleitung Oskars und des Hundes Caro auf der Pflanzung des Vicomte ankam, war dieser soeben von der Brandstätte heimgekehrt, ohne eine Spur von Doralice gefunden zu haben. Der Neufundländer spürte vergebens; eine lebende Seele, die bei dem Brande zugegen gewesen, sah man nicht, es war nur zu wahrscheinlich, daß die Vermißte ihren Tod gefunden hatte. Der Arzt wurde sofort in das Krankenzimmer Nella's geführt, wo diese, in einer Hängematte liegend, bald laut weinte, bald voll Schmerzen aufschrie, zur Madonna betete und wieder in Wuthausbrüche gegen das Negermädchen verfiel, welches sie wiegen mußte und den Pfauenwedel handhaben, wenn einige Mosquitos durch das Netz drangen und sich auf den Gesichtswunden ergötzten. Nella's Klagen galten nicht den Schmerzen, diese hatten nachgelassen, da man in jeder Pflanzung mit lindernden Oelen und andern Hausmitteln gegen Mosquitos versehen war, sie galten dem Verluste ihrer Schönheit und Jugendfrische. Denn als sie sich zum ersten mal auf der französischen Pflanzung wieder in einem Spiegel erschaute, das geschundene; geschwollene, von Mückenbissen entstellte Gesicht erblickte, erkannte sie sich selbst nicht wieder, ein häßliches Ungethüm schaute sie aus dem Spiegel an. Der Arzt gab Trost, er salbte die Wunden nochmals mit stark duftenden Oelen, von welchen Mosquitos keine Freunde waren, und gab der Ungeduldigen ein Morphium, das ihr die nächsten vierundzwanzig Stunden Ruhe bereiten sollte. Hermine fiel dem Geliebten in die Arme und weinte sich an seiner Brust aus. Eine Ahnung sagte ihr, daß ihre Mutter den Tod gefunden haben müsse, da du Plessis keine Spur von derselben gefunden, und war Doralice auch kein tugendsames Weib gewesen, ihr war sie eine gute, zärtliche Mutter gewesen, die um ihretwillen vieles von dem rohen Manne erduldete. Oskar gestand die Möglichkeit des Todes der Mutter seiner Hermine ein, hielt aber auch den Fall für nicht unwahrscheinlich, daß sie in den Wald geflüchtet und dort vor Ermattung liegen geblieben sei, oder daß Micks, der ja mit seinen Genossen zum Goldenen Zirkel auf dem Dampfschiff zur Brandstätte geeilt und dort vermuthlich früher angekommen sei als der Vicomte, sie aufgefunden und zu einem befreundeten Pflanzer geführt habe. Er habe mit dem Vicomte verabredet, daß beide zusammen bei Tagesanbruch hinüberreiten und neue Nachforschungen anstellen wollten; er bürge dafür, daß sein Hund die Spur der Mutter finden werde, wenn Hermine ihm nur ein Tuch, ein Stückchen Leibwäsche, ein Kleidungsstück, was ihre Mutter getragen, verschaffen könne. Wo sollte aber Hermine das hernehmen? Nach dem Berichte des Vicomte waren ja das Wohnhaus und alle Gebäulichkeiten daneben bis auf den letzten Rest niedergebrannt, alle Kleider, aller Schmuck der Mutter verloren. Da erinnerte sie sich plötzlich eines Vorfalls vom letzten Morgen. Als das erste Zeichen, daß das Diner bereit stehe, gegeben war, stürzte Doralice in großer Aufregung in das Boudoir der Tochter; sie war völlig angekleidet bis auf den Handschuh der rechten Hand, den ihre ungeschickte creolische Kammerzofe ihr nicht hatte anziehen können, und die linke Hand war in den zu engen Handschuh eingeklemmt, daß sie selbst sich nicht helfen konnte; nun sollte Hermine ihr behülflich sein. Diese brachte auch den Handschuh mit Mühe über die Hand, allein er platzte an einem Diamantringe, den Doralice am Zeigefinger trug, in der Naht, und nun riß diese voll Zorn beide Handschuhe ab, und warf sie auf den Boden. Als Hermine nach der Tafel das Reitkleid anzog, nahm sie die feinen pariser Handschuhe, welche sie selbst in solcher Güte nicht erhielt, auf und steckte sie in ihr Reitkleid, sie wollte den Schaden ausbessern und die Handschuhe, welche ihr paßten, selbst tragen. Das fiel ihr jetzt ein, sie holte die zarten rosafarbigen Handschuhe herbei und übergab sie dem Geliebten. In diesem wurde dadurch eine Ideenverbindung oder Rückerinnerung an einen am Nachmittage gefaßten Entschluß erweckt. Oskar hatte, als er die falsche deutsche Freimaurertracht, in der er am Abend in der Loge erscheinen wollte, aus seinem Koffer nahm, auch seine Arbeitskleider aus der Loge zu den Cedern des Libanon zu Gesicht bekommen, dabei hatte er sich erinnert, daß der Meister vom Stuhl ihm bei der Aufnahme ein Paar weiße Frauenhandschuhe übergeben und ihn ermahnt hatte, dieselben im Namen der Loge derjenigen, die er zu seiner Gattin erwählen werde, als geliebter Schwester, zu übergeben. Er hatte die Handschuhe herausgelegt, und als er sich umkleidete, zu sich gesteckt, allein die Sache wieder vergessen. Jetzt holte er sie hervor und übergab sie Herminen. Diese, welche von der Freimaurerei keinen Begriff hatte, noch weniger von den sich einander bekämpfenden amerikanischen Parteien, dankte mit einem heißen Schwesterkuß, nahm die Handschuhe, welche sich von gewöhnlichen Handschuhen in keiner Weise unterschieden, und legte sie in ihren offenen Toilettenkasten. Man redete von der am nächsten Tage bevorstehenden Expedition, an der Hermine theilzunehmen wünschte; was ihr indeß von dem Vicomte und dessen Gemahlin, als man sich später beim Thee unter der Veranda traf, ausgeredet wurde; dagegen sollte ihr Neufundländer mitgenommen werden. Es war spät geworden, als man versuchte, Nachtruhe zu finden, was indeß selbst den bei den Ereignissen am wenigsten Betheiligten, dem Vicomte und seiner Gattin, nicht gelang. Micks, am Orte seines frühern Reichthums angekommen, als er sah, daß hier nichts mehr zu retten war, sondern alles neu gegründet werden mußte – selbst seine in südlichen Papieren aufgehäuften Baarschätze waren verloren – dachte an nichts als Rache. Frau, Tochter, Stieftochter waren ihm gleichgültig; er überließ es dem Verlobten der letztern, sich um dieselben zu bekümmern, indem er die Vermuthung aussprach, daß dieselben auf der Pflanzung des verruchten abolitionistischen Franzosen Zuflucht gesucht hätten. Da man fand, daß nicht ein einziger Kahn, keine Gondel, kein Jagdboot, kein Zucker- oder Viehtransportschiff auf dem linken Ufer des Red-River zu entdecken war, so war es offenbar, daß sich die Nigger auf das andere Ufer geflüchtet hatten. Es wurde Kriegsrath gehalten und beschlossen, alle Pflanzer zehn Meilen oberhalb und unterhalb der zerstörten Besitzung, mit Ausnahme des Vicomte, durch persönliche Schreiben und durch öffentliche Aufforderungen in Journalen von Neuorleans, an die man von der nächsten Station telegraphiren wollte, aufzubieten, die flüchtigen Nigger mit allen zur Hand stehenden Mitteln zu verfolgen, sie einzufangen und ein Exempel zu geben, das vor ähnlichen Aufständen abschrecke. Die Sklavenjagd sollte von Clautiersville südlich bis Natchitoches nördlich nach Westen in einem Halbkreise, der sich immer mehr verengen und an der Grenze von Texas schließen sollte, beginnen. Alle am diesseitigen Ufer Wohnenden sollten Freunde und Bekannte, auch wenn sie keine Mitglieder der Ritter vom Goldenen Zirkel seien, in der Nacht durch Eilboten aufbieten und am andern Tage mit Bluthunden und allen Niggerfängern, die nur aufzutreiben seien, die Jagd beginnen. Micks selbst, dem Wege und Stege der Prairien und Wüsten bis nach der Grenze von Texas wohlbekannt waren, wollte das Centrum führen, der Meister vom Stuhl sollte den linken Flügel, der erste Aufseher von Natchitoches aus den rechten Flügel führen. Unterwegs wollte man alle Sklavenhalter zur Hetzjagd mitnehmen. Es sei das eine allgemeine Sache Louisianas, hieß es, und niemand werde sich ausschließen. Der Baumwollagent von Neu-Orleans sollte aber während der Zeit nicht nur die Frauenzimmer aufsuchen, sondern vor allem dafür sorgen, daß spätestens innerhalb vierzehn Tagen, denn bis dahin hoffte man alle Mordbrenner eingefangen zu haben, seine »Jungen« aus Neu-Orleans am Platze seien, um die Pflanzung des Franzosen einzuräuchern, ihn selbst zu theeren und zu federn, wobei man helfen wolle. Micks, der im Centrum vorgehen wollte, werde den Flüchtlingen drei Tage Vorsprung gönnen, damit die beiden Flügel vorauseilen und die Flüchtlinge sicher in die Flanke nehmen könnten. »Wir müssen die Niggerhunde fangen«, sagte er, » und wenn wir sie bis zum Ufer des Sabine verfolgen müßten. Der rechte Flügel reitet von Natchitoches auf Advis Village und am rechten Ufer der Bayou-Haspoon hinab auf Sabine Town zu, der linke Flüge operirt von Clautiersville auf Bayou Negrel, ich selbst such das Cantonnement. Verflucht sei meine Seele, wenn ich ein solches Ding besitze, wenn ich nicht den Goliath von den Hunden halb zerfleischen lasse und ihn dann eigenhändig bei den Beinen aufhänge!« Während die am linken Ufer Angesessenen ihren Pflanzungen zueilten, brachte der Dampfer die auf dem rechten Ufer Wohnenden stromabwärts hinüber und dampfte mit den oberhalb Wohnenden, die den rechten Flügel bilden sollten, nach Natchitoches. Der Arzt blieb auf der Pflanzung des Vicomte, um an der Expedition des andern Tages theilnehmen zu können. Man ritt durch den Wald, Hund Caro und Herminens Neufundländer voran. Sie fanden zuerst die Spur eines alten Negerweibes, desselben, das Doralicens Brandwunden mit Oel gewaschen, sie auf dem Rasenplatze verpflegt hatte und dabei gegenwärtig gewesen war, als Goliath dieselbe mit dem Baumwollballen zerschmetterte. Sie entfloh, als jener die Baumwolle in Brand steckte, und war jetzt halb verhungert. Durch das Negerweib erhielt man die erste Nachricht von Doralicens Tode und ihrer Todesart. Ein begleitender Schwarzer mußte die Alte in das Niggerdorf bringen. Dann fanden die Hunde die Spur zum Schmerzenslager Nella's, und Caro apportirte ein Foulard, womit diese die Insekten von sich abzuwehren gesucht hatte, mit einer kostbaren Diamantbrosche in Kreuzesform daran, das das Kind auf dem Rückwege verloren hatte. An Ort und Stelle angekommen, suchte man zunächst den Rasenplatz, wo Doralice geendet hatte, man erkannte ihn bald an den Resten der verbrannten Baumwolle. Der Ballen mußte auseinandergeplatzt sein, oder Goliath die Fesseln, die ihn zusammenhielten, vorher gelöst haben. Denn die Brandstätte nahm einen fünfmal größern Fleck ein, als der Ballen selbst bedeckt haben würde. Man fand den halbverkohlten Körper; der Schädel war von der Wucht des Ballens tief in den Rasen eingeklemmt und zerschmettert. Die Ueberreste der Unglücklichen wurden auf derselben Stelle, wo man sie gefunden, begraben, und du Plessis versprach, durch seinen geschicktesten Bildhauer der Todten ein marmornes Denkmal errichten zu lassen. Der Arzt constatirte die Identität der Leichenreste an zwei falschen Zähnen, die er der Todten selbst eingesetzt. Man verabredete mit der Vicomteß, wie den beiden Töchtern die Todesart zu verheimlichen sei, und zu sagen, Doralice sei von einem Balken der Veranda erschlagen und unter dieser im Schutt aufgefunden. Man traf auf der ganzen Pflanzung nichts Unverletztes an, außer dem Schaukelstuhle, aus dem Nella gefallen war, der ruhig an seinen Stricken hing. Unser Freund Oskar hatte die schwere Aufgabe, der Geliebten den Tod mitzutheilen und sie zu trösten. Aber Liebe und Schmerz sind innig verwandt, und wo ein schmerzerfülltes Herz nur einen geliebten Busen findet, an dem es sich durch Thränen erleichtern und sich die Thränen von geliebtem Munde wegküssen lassen kann, da findet der Trost sich leicht. Im ganzen waren es acht selige Tage, welche Hermine und Oskar in schönster Ruhe verlebten. Das Befinden Nella's hatte sich in dieser Zeit außerordentlich gebessert, die Wunden waren geheilt, zum Theil trat aus den geschundenen Stellen schon die neue Haut hervor, die Geschwulst war gewichen, die Furcht, ein Ungethüm zu bleiben, legte sich, und die alte Natur trat mit jedem Tage, wie das Gesicht wieder die frühere Gestalt annahm, mehr hervor. Bald nahm sie an dem gemeinsamen Frühstück, Mittags- und Abendessen der Familie des Vicomte theil, und da konnte ihr denn das zärtliche Verhältniß ihrer Stiefschwester mit dem Deutschen nicht lange ein Geheimniß bleiben. Der Tod ihrer Mutter hatte sie wenig berührt, es hatte beinahe den Anschein, als wenn er ihr nicht unerwünscht wäre. Neid gegen die ältere, weit schönere Schwester war von jeher ihre Hauptleidenschaft gewesen. Sie war nicht uneingeweiht in die Plane des Vaters, und wie sie die Schwester schon bei dem letzten Gastmahl, das dem Unglücke vorausging, um den ihr aufgedrungenen Bräutigam beneidete, so hoffte sie nun den Neu-Orleanser für sich erobern und die Schwester mit Hülfe des Vaters aus dem Erbe verdrängen zu können. Sie beobachtete jedes Thun und Lassen derselben und so fiel es ihr auf, daß sie, wenn sie zum Diner Toilette machte, jeden Tag ein paar weiße Glacéhandschuhe anzog, die sie vorher küßte. Nella suchte bei der ersten Gelegenheit, wo sie sich allein im Boudoir ihrer Stiefschwester befand, sich der Handschuhe zu bemächtigen, und untersuchte dieselben nach allen Seiten, fand aber nicht das Geringste daran, was sie von andern Handschuhen unterschied. Nella beobachtete namentlich bei Tische jede Bewegung des liebenden Paares, und da fiel es ihr auf, daß Hermine, die Augen auf Oskar gerichtet, auf die weißen Handschuhe an ihren Händen deutete. Daraus machte sie den richtigen Schluß, daß die Handschuhe in Beziehung zu Oskar stehen müßten, vielleicht ein Geschenk desselben seien, und um der Schwester einen Schabernack zu spielen, beschloß sie, sich die Handschuhe anzueignen. Eines Morgens vermißte Hermine das Geschenk des Geliebten, während sie sich genau erinnerte, die Handschuhe vor dem Zubettgehen in die Toilette gelegt zu haben. Es wurde das ganze Haus durchsucht, ohne eine Spur zu finden, Hund Caro, dem Oskar begreiflich zu machen suchte, um was es sich handle, umschnüffelte Nella und folgte ihren Spuren, versuchte auch mehrmals ihrem Kleide selbst näher zu kommen, sodaß diese sich anscheinend ängstlich in die ihr eingeräumten Zimmer zurückzog. Hier nahm sie die Handschuhe und fing an sie zu zerschneiden, um sich ihrer zu entledigen und sie leichter im Feuer oder Wasser gänzlich zu vertilgen. Bei diesem Geschäfte entdeckte sie, daß in beide Daumenfinger ein schwarzer Stempel inwendig eingedruckt war, welcher das Siegel zur Loge der Cedern des Libanon enthielt. Während sie die übrigen Theile der Handschuhe in die kleinsten Stücke zerschnitt, bewahrte sie das Daumenfingerpaar in einem Papier, das sie stark mit Rosenöl tränkte, an ihrem Busen. Nella war von früher Jugend ein neugieriges Kind gewesen, das nicht nur die eigenen Aeltern bei ihren ehelichen Streitigkeiten behorcht hatte, sondern auch nie verfehlte zu lauschen, wenn bei dem Vater Besuch war. Namentlich war sie seit länger als einem Jahre darauf erpicht, die auf die Loge Natchitoches bezüglichen Geheimnisse zu erforschen. Die Vollmondsreisen des Vaters nach diesem Orte hatten zuerst ihre Aufmerksamkeit erregt, dann hatte sie, als derselbe mit zahlreichen Brüdern einmal in ziemlich trunkenem Zustande von dort zurückkam, die Gelegenheit wahrgenommen, die Ordenstracht, Zeichen, Schmuck, Symbole, die des Vaters Amt andeuteten, während er selbst schlief und dies alles unordentlich in der Stube umherlag, in Augenschein zu nehmen. Endlich hatte sie jüngst eine Zusammenkunft belauscht, in der ihr Vater sich mit dem Meister vom Stuhl und dem ersten Aufseher über ◊-Angelegenheiten berieth. Bei dieser Gelegenheit war viel von einer Freimaurersekte zu den Cedern des Libanon die Rede gewesen, die im Norden gar sehr an Ausbreitung gewinnen solle, und deren Tendenz Aufhebung der Sklaverei sei. Nun las sie in dem Stempel des inwendig in den Daumenfinger der Handschuhe eingepreßten Siegels deutlich die Umschrift »Cedern des Libanon« und erkannte auch Cedern in dem Siegel selbst. Sie calculirte daher, wie die Amerikaner zu sagen pflegen, vollkommen richtig, wenn sie Oskar mit den Handschuhen und den Cedern des Libanon in Verbindung brachte und zu der Ansicht kam, daß ihrem Vater daran liegen müsse, zu erfahren, daß Oskar mit den Freimaurern der Cedern des Libanon in Verbindung stehe. Der Vicomte wurde durch die Nachricht aufgeschreckt, daß ein Fremder in Begleitung eines Negers zu Pferde angekommen, beide Negerdörfer durchgangen, sich schriftliche Notizen, wie es scheine, sogar Zeichnungen gemacht habe. Er setzte sich sofort mit Oskar zu Pferde und suchte den Fremden, von dem Neufundländer und Caro begleitet, aufzufinden, allein derselbe war bereits verschwunden. Sehen wir uns nach den schwarzen Flüchtlingen um. Goliath war ein wirklicher, kein »Freiligrath'scher« Mohrenfürst, wie Heinrich Heine eifersüchtig neidisch spottet. Er hatte in seiner Heimat viele Jahre lang die schwächern Nachbarstämme bekriegt, schwarze Brüder erbeutet und auf den Sklavenmarkt gesendet, bis er selbst nebst seinem Volke die Beute eines Mächtigern wurde. Auf den Markt verkauft, hatte er zehn Jahre auf einem Mississippidampfer als Feuermann gedient, dabei englisch und etwas französisch gelernt, und sich nicht nur mit dem Gebrauch des Kompasses bekannt gemacht, sondern er hatte sich von Trinkgeldern und Ersparnissen selbst zwei Kompasse angeschafft, von denen er einen statt einer Uhr trug. Auch wußte er sehr gut mit Feuerwaffen umzugehen und hatte auf dem Dampfer überhaupt manche Fertigkeit sich angeeignet. Er würde sein Leben lang auf dem Dampfer geblieben sein, wenn er sich nicht eines Tages an dem Ingenieur vergriffen hätte, als dieser ihm befahl, eine Tonne Schmalz vom Verdeck zu stehlen und solche unterzuheizen, damit ein Concurrenzdampfer, der voraus war, überholt würde. Goliath weigerte sich dessen, und als der Ingenieur nun die Schmalztonne dennoch in den Feuerraum zu bringen befahl, rollte jener dieselbe dem Ingenieur so heftig über die Füße, daß sie gequetscht wurden. Der Riese erhielt dafür seine Peitschenhiebe, wurde, als man nach Neu-Orleans kam, verkauft und fiel in Micks' Hände. Schon längere Zeit war Goliath mit dem Plane umgegangen, nach Westen zu entfliehen; er wußte, daß in Californien keine Sklaverei stattfand, und daß es möglich sei, dort in den Goldminen reich und unabhängig zu werden. Aber er mochte nicht allein fliehen, nicht Frau und Tochter verlassen. Als die Quälereien auf Micks' Pflanzungen anfingen ärger zu werden, dachte Goliath an einen Aufstand, und um die Schwarzen sich unterwürfig zu machen, gewöhnte er sich einen biblischen Jargon an, denn er war Christ und las fleißig in der Bibel. Das hinderte ihn aber nicht, schlau zu sein. Auf Flucht oder Aufruhr seit Jahren bedacht, hatte er sich mit Feuerwaffen, Pulver und Blei zu versehen gewußt und diese in seiner Hütte verborgen. Wie er dem Sklavenaufseher, ehe er ihn in die Melassepfanne steckte, die goldene Uhr aus der Tasche zog, so hatte er die Wohnungen beider Aufseher, ehe sie in Brand gesteckt wurden, ausplündern lassen; und ein junger gewandter Negerknabe hatte auf seinen Befehl aus dem brennenden Herrenhause noch die Jagdflinten und Revolver Micks' gerettet. So waren die Flüchtlinge im Besitze von etwa zwölf Büchsen und drei Revolvern. Als die Flüchtigen am jenseitigen Ufer angekommen waren, bildete Goliath aus denen, die mit Feuerwaffen bekannt waren, eine Leibgarde für sich, die den Rückzug decken sollte. Einen gescheiten jungen Neger, der früher weiter am Red-River hinauf auf einer Pflanzung nahe dem Sodasee gewesen war, schickte er mit den Frauen und Kindern voran. Er hatte sich eine Karte von Louisiana, Texas und dem Indianerterritorium zu verschaffen gewußt, und, bekannt mit den Wegeleitungen mächtiger Ströme, schon früher beschlossen, seine Flucht nicht direct nach Westen zu nehmen, sondern nach Norden, den Red-River, ehe die Wachita sich mit ihm vereint, zu überschreiten, um den Canadienstrom zu erreichen, an dessen Ufern hinauf er die Hochebene von Neu-Mexico besteigen wollte. Man wanderte die ganze Nacht, um im Dunkel noch die Chaussee von Natchitoches nach Advis Village zu überschreiten. Als man an einen kleinen Fluß gelangte, der bei Natchitoches sich in den Red-River ergießt, befahl Goliath Frauen und Kindern, in diesem Flusse selbst, der seichtes Wasser führte, eine Stunde stromauf zu gehen und sich dann immer nördlich zu halten. Er selbst wollte den ersten Angriff erwarten und die Angreifer glauben machen, daß der ganze Trupp nach Westen gewandert sei. Er stieg, während der Vortrab im Flußbett aufwärts zog, auf die andere Seite und lagerte sich mit seiner Leibgarde auf einem bewaldeten Hügel. Hier wollte er Micks erwarten, er kannte dessen Ungeduld und Hast zu genau, um nicht zu ahnen, daß er seinen Genossen voraneilen würde. Der Neger that nichts, um seine und der Genossen Spuren zu verbergen, im Gegentheil, er wollte gefunden werden. Während seine Leibgardisten einen Rehbock brieten, den sie erlegt, und von dem mitgenommenen Mais ihre Kuchen buken, brütete Goliath Racheplane. Er bereitete sich aus einer jungen Eiche eine Art Keule, mit der er seinen Verfolger todtschlagen wollte, der Schuft, meinte er, sei eines ehrlichen Schusses nicht werth. Goliath hatte den Charakter seines Herrn richtig beurteilt. Micks, der in der Nacht auf der Pflanzung eines Freundes und Bruders zugebracht hatte, dachte schon am frühen Morgen auf die Verfolgung und Hetze und nur mit Mühe hielt ihn der Freund bis Mittag, um von einer Nachbarpflanzung noch zwei Hunde herbeizuschaffen, die sich auf Niggerjagd und Menschenfleisch verstanden. Obwol er selbst den Plan ausgedacht hatte, dem rechten und linken Flügel einen Vorsprung von ein bis zwei Tagen zu lassen, hielt es ihn nachmittags nicht mehr. Er wollte ja, sagte er, nicht Jagd machen, er wollte nur recognosciren, und zog den Freund mit sich. Man ritt anfangs auf der Chaussee, die nach Natchitoches am linken Ufer führte, und es dauerte nicht lange, bis die Hunde die Spur fanden; es waren vier ausgezeichnete Spürer. Sie rissen die Leiter mit bis zu der Stelle, wo die Neger in das Flußbett geschritten waren. Hier berieth man sich, was weiter zu thun sei. Der Freund war der Meinung, das Recognosciren einzustellen, da man gefunden habe, was man wolle, und da man am andern Morgen mit leichter Mühe die Stelle entdecken werde, an welcher die Nigger das Flußbett wieder verlassen hätten; allein da einer der Hunde den Fluß durchschwommen und am andern Ufer die Spur der Flüchtigen traf und verfolgte, so ließ man sich von den Thieren leiten. Der allzu eifrige Menschenfänger sollte aber seine Voreiligkeit büßen. Als er Goliath aufgefunden und an ihn springen wollte, traf ihn ein Schlag mit dessen Keule, der ihn sofort niederstreckte. Die drei übrigen Hunde setzten nun auch über den Fluß, folgten aber den Spuren der Leibgarde des Negers, die mehr links lagerte; die Reiter waren durch den Fluß geritten, allein das Terrain, das Goliath mit strategischer Umsicht ausgesucht hatte, gestattete nicht länger zu reiten, sie mußten absteigen. Micks folgte den Spuren seines Hundes, den er vergeblich zurückrief, sein Begleiter wandte sich links. Daß man auf Neger mit Feuerwaffen stoßen würde, davon hatte keiner von beiden eine Ahnung. Als nun von der linken Seite her acht Schüsse auf einmal fielen, womit sich die Negergarde der Hunde erwehrte, war es für Micks zur Umkehr zu spät, er selbst erhielt in diesem Augenblicke aus einer seiner eigenen Büchsen eine Kugel in das Knie, sodaß er zusammenbrach; wenige Augenblicke später stand Goliath vor ihm und schwang die Keule. Micks war so erschrocken vor dem teufelsmäßigen Grinsen des Schwarzen, daß er nicht daran dachte, den Revolver, der zur Erde gefallen war, aufzuheben und gegen den Feind zu gebrauchen. Wie der Vogel vom Blicke der Solange, war er gebannt, gelähmt vor den rollenden Augen und den fletschenden Zähnen des Niggers. Die Keule fiel, ein verworfenes Menschenleben war dahin. Der Schwarze nahm die Waffen seines Feindes und überließ die Kleider und das Geld, was er bei sich trug, seinen Begleitern. Auch der Freund Micks' fand seinen Tod, eine Negerkugel traf ihn ins Herz. Goliath bestieg den Schimmel, den der Erschlagene geritten, und wer ihn zu Pferde sitzen sah, auf dem Gesicht das Frohlocken über die Vernichtung der Feinde, der zweifelte nicht, daß er ein echter Mohrenfürst war. Er sang: Danke dir, Gott Zebaoth, Danke, daß du den Feind in meine Hand gabst! Die Rache ist süß – süßer als Honig und Manna! und trieb die Begleitung in den Fluß, um in demselben hinaufzumarschiren. Der Abzug des rechten Flügels geschah nicht so rasch, als Micks es gehofft hatte, die betheiligten Pflanzer waren am Mittage noch nicht zusammen, und dann, als man ziemlich zahlreich war, beschloß man erst ein Frühstück einzunehmen, das sich, gegen amerikanische Sitte, länger hinzögerte. Die elenden Niggerhunde, dachten sie, wären mit Pferden und mit den Bluthunden gar bald erreicht, und nach Advis Village, wo man Nachtquartier zu machen gedachte, konnte man leicht vor Abend kommen. Daß der Vortrab der Flüchtlinge indeß die Landstraße, die dahin führte, schon überschritten hatte, als die Ritter vom Goldenen Zirkel aufbrachen, und daß jene ihre Spuren dadurch verwischt hatten, daß sie einen großen Theil des nordwestlich von Natchitoches belegenen blanken Sees an seinen seichten Schilfufern durchwateten, das ahnte niemand. Auf der Pflanzung des Vicomte wurde man durch die Nachricht aufgeschreckt, daß sich der verdächtige Fremde abermals, wenn auch nicht in den Negerdörfern selbst, doch im Urwalde, in Begleitung eines berittenen Niggerknaben, gezeigt habe. Der Fremde war niemand anders als der Baumwollagent aus Neu-Orleans, der nach seiner Verlobten, Hermine, forschte. Er hatte eine heimliche Zusammenkunft mit Nella, die wieder völlig hergestellt war, zu bewerkstelligen gewußt, von ihr den Tod Doralicens und von den Vorbereitungen erfahren, die der Vicomte gegen einen Angriff und die Einäscherung seiner Negerdörfer treffe; dadurch wurde er bewogen, sein Vorhaben in letzterer Beziehung hinauszuschieben, bis man des Wachhaltens überdrüßig geworden und die Furcht verschwunden sei. Nella hatte nicht unterlassen, ihn zugleich davon zu unterrichten, daß ihre Stiefschwester ein Liebesverhältniß mit einem Deutschen eingegangen habe und man von Heirath und Hochzeit als einer ausgemachten Sache spreche; sie hatte dabei nicht undeutlich zu verstehen gegeben, daß sie selbst bald heirathsfähig und ihm herzlich gut sei, daß sie ihn jedenfalls lieber habe als Hermine, auch hatte sie nicht verfehlt, ihm die Daumen der zerschnittenen Handschuhe mit dem Siegel der Loge zu den Cedern des Libanon zu geben. Der Agent hatte längst eingesehen, daß auf seine Verabredungen mit Micks, deren Grundlage ohnehin durch den Brand zerstört war, nicht viel zu geben sei. Ihm war es überall nicht sowol um ein Weib als um Geld zu thun, und es war fraglich, ob Micks zur Zeit Geld zur Aussteuer und Ausstattung der einen oder andern Tochter finden würde. Wie, wenn seine Ehepacten und Papiere, auf welche er seine und seiner Tochter Ansprüche auf die Pflanzung gründete, verbrannt wären gleich seinen Werthpapieren? – Der Agent war ein vorsichtiger Mann, und als solcher beschloß er, den Pflanzer aufzusuchen, um zu hören, wie es stehe. Es war ihm bekannt, daß dieser das Terrain in der Mitte absuchen wollte, und er versah sich selbst mit einem Fanghunde, um der Spur zu folgen. Er sollte nicht lange suchen, nach wenig Stunden fand der Hund die entkleidete Leiche des Pflanzers, um die sich Raubvögel stritten. Die Leiche wurde nach Natchitoches gebracht und dort beerdigt. Ein Eilbote ritt mit der Nachricht von Micks' Tode dem rechten Flügel der Verfolger nach und veranlaßte diesen, von weiterm Nachsetzen abzustehen. Auf der Pflanzung des Vicomte erfuhr man von diesen Ereignissen nichts; Oskar hatte Hermine über den Tod der Mutter zu trösten gewußt, man machte Plane für die Zukunft. Sobald ihr Stiefvater zurückkomme, wollte er mit ihm unterhandeln, es war ihm nur um Hermine, nicht um ihr Vermögen zu thun, und so hoffte er mit jenem fertig zu werden, zumal derselbe seine angeblichen Ansprüche an die Nachlassenschaft seiner Frau nicht mehr durch Urkunden nachweisen konnte. Da wurde der Vicomte eines Tages durch das Erscheinen eines Gerichtsboten überrascht, der ihm die Vorladung zu einer im nächsten Monate stattfindenden Sitzung brachte, um sich auf eine Klage des George Lewine zu Neu-Orleans, Klägers, gegen den Vicomte du Plessis, wegen Herausgabe der älternlosen, mit dem Kläger öffentlich verlobten Jungfrau Hermine Amaria zu verantworten. Du Plessis verstand wenig von amerikanischen Rechten, allein er wußte so viel, daß ein Verlobungsact, wie der bei dem Gastmahl seinem Nachbars vorgekommene, dem Kläger allerdings formelle Rechte verleihe. Ohne etwas von der Sache zu erwähnen, eilte er nachmittags mit Oskar nach Natchitoches, um sich mit seinem dortigen Notar und Rechtsbeistande zu besprechen. Dieser sah die Sache weit ernsthafter an und rieth, daß Hermine den Staat Louisiana, ja den ganzen Süden, so schnell wie möglich verlasse, denn wenn Lewine gegen Hermine selbst bei dem Ehegerichte eine Klage anstelle, so werde sie verurtheilt, sich mit ihm trauen zu lassen. Ehe sie aber abreise, müsse sie vor Notar und Zeugen dem Vicomte ein Zeugniß ausstellen, daß dieser sie nicht mit Gewalt zurückgehalten, sondern daß sie selbst nach dem Brande der mütterlichen Pflanzung Zuflucht bei seiner Frau gesucht habe, die diese ihr freundnachbarlichst gewährt; daß sie sich jetzt ebenso freiwillig aus dieser Zufluchtsstätte entferne, um bei Verwandten im Osten eine Zuflucht zu suchen, und daß sie beschwöre, nie zu der Verlobung mit George Lewine ihre Zustimmung gegeben und diesen nie geküßt zu haben. Der Notar versprach, selbst auf die Pflanzung zu kommen, den Arzt und einen andern Zeugen mitzubringen und die Documente anzufertigen. Oskar dürfe, da die Gesetze gegen Entführer sehr streng seien, sich bei der Sache überall nicht beteiligen; er müsse vielmehr, während Hermine nach Westen reise, um sein Alibi beweisen zu können, in Natchitoches sich aufhalten. Da vor kurzem eine Telegraphenverbindung zwischen Natchitoches und Vidalia am Mississippi hergestellt war, am andern Ufer aber Natches lag, von wo eine Eisenbahn und Drahtverbindung nach Pittsburg und dem Osten bestand, so telegraphirte Oskar seinen Freunden nach Pittsburg, daß einer von ihnen nach Saint-Louis reisen möge, um dort seine Braut aus den Händen des Vicomte du Plessis und seiner Frau zu empfangen; denn der Vicomte hatte sich rasch entschlossen, Hermine vom Red-River nach dem Mississippi zu bringen und mit ihr bis zu einem sichern Ort hinaufzufahren. Sein Weibchen sollte auf dieser Fahrt einmal einen Theil seines neuen Vaterlandes sehen, die Sorge für die Pflanzung konnte er getrost seinem alten Aufseher überlassen, der schon bei dem Oheim dieses Amt bekleidet hatte. Am Nachmittage wurden die Documente angefertigt, welche der Rechtsmann für nothwendig erachtete, und am andern Morgen reisten die beiden Frauen mit dem Vicomte nach Osten. Oskar ritt einsam und niedergeschlagen nach Natchitoches, um dort im Gasthofe das alte Zimmer wieder zu beziehen, das er bewohnte, ehe er Hermine aufgefunden hatte. Wiederum saß er mit dem Hund Caro auf der Veranda und sah auf das Treiben zu seinen Füßen, auf den Red-River und von Zeit zu Zeit auf eine vor ihm ausgebreitete Landkarte. Die Saat des Neides und Verraths, die Nella ausgestreut hatte, indem sie Lewine die Daumen von den zerschnittenen Handschuhen mit dem Siegel der Loge zu den Cedern des Libanon gab, war aufgegangen. In einer Meisterconferenz der Ritter zum Goldenen Zirkel, in der man die Documente, welche beweisen sollten, daß Oskar ein Mitglied der gehaßten Loge und ein Abolitionist sei, wie man schon aus seinem Vertrautsein mit dem Vicomte schließen konnte, für genügend erkannte, wurde der Tod des Verräthers beschlossen, der es gewagt habe, sich in ihre Loge einzuschleichen, und der nur aus verräterischen, sklaverei-feindseligen Absichten sich im Süden aufhalte. Das Los entschied über den Thäter, es traf einen Plantagenbesitzer oberhalb Natchitoches, der sich noch desselben Tages in dem Gasthause, wo unser Freund wohnte, als nächster Nachbar desselben einquartierte. Wir haben schon früher erzählt, daß rings um das Haus eine hölzerne Veranda lief. Diese war aber nur von Zimmer zu Zimmer zugänglich, und die Zwischenräume durch entsprechende Holzwände in der durchbrochenen Form des Ganzen getrennt. Oskar war da am warmen Märzabend, wärmer als bei uns ein Juniabend, bis spät in die Nacht sitzen geblieben, hatte in die Sterne geblickt, an Vergangenheit, Heimat, Zukunft, vor allem an die Geliebte gedacht. Sein Hund saß neben ihm und schaute auch gen Himmel. Ob er die Sterne überhaupt wahrnahm? ob er auch dachte, ob er etwa von einer Jugendgeliebten in Deutschland träumte? Man schlief in Natchitoches nicht auf Matratzen und in Federbetten, wie bei uns, sondern in luftigen Hängematten, eingehüllt in Mosquitonetze. Die Frontseite von Oskar's Zimmer, nach der Veranda hinaus, war von zwei Glasfenstern gebildet, mit Markisen davor, und einer großen hölzernen jalousieartigen Thür, die nach innen wiederum durch ein sehr dichtes Mosquitonetz als Portière geschützt war. Oskar konnte an diesem Abend lange den Schlaf nicht finden, und als er endlich einschlief, träumte er von allen Dingen, die er erlebt, von seiner Gefangenschaft auf der Festung Hildesheim, von der Nacht, wo Kraftmeier ihn zur Flucht aus einem tiefern Schlaf aufgerüttelt hatte, als der war, den er heute schlief. Er hörte den Hund, der auf der entgegengesetzten Seite seiner Schlafstelle, unter einem Sofa, seine Nachtruhe gesucht, einmal anklagen, aber leise, gleichsam im Traume. Aber instinctartig griff er im Halbwachen nach der Wand, wo sein Revolver hing. Nicht im Traume war Hund Caro, er hatte durch irgendeinen Sinn, der dem Menschen fehlt, oder einen stärkern, als der Mensch ihn zu haben pflegt, die Wahrnehmung gemacht, daß sich ein Mann draußen von links nach rechts auf den Theil der Veranda schwang, der zu den Zimmern seines Herrn gehörte, und sich vorsichtig der nicht verschlossenen Eingangsthür näherte. Caro war nicht müßig, er schlich aus seinem Lagerplatze unter dem Sofa hervor und stellte sich hinter das erste Fenster, zum Sprunge bereit. Die Thür wurde vorsichtig geöffnet, ein Mann, den Dolch in der Hand, zerschnitt die Mosquitoportière und wollte in das Zimmer treten. In demselben Augenblick sprang Caro nach heftigem Anschlage an dem Eindringlinge empor und hatte ihn an der Kehle, während dieser seinen Dolch in den Rücken des Hunden bohrte. Oskar, durch das Gebell des Wächters aus seinen Träumereien völlig wach geworden, machte sich von seinem Mosquitonetze frei und zerschmetterte dem Eindringenden durch einen Revolverschuß den Schädel. Obwol nun aus der ganzen Situation hervorging, daß unser Freund sich im Zustande der Nothwehr befunden habe – ein fremder Mann hatte versucht, mit dem Dolche in der Hand in sein Schlafzimmer zu dringen und hatte seinen Hund mit dem Dolche verwundet – so wurde derselbe doch am andern Morgen verhaftet. Der Einfluß der Freunde des Erschossenen war zu stark, und diese hatten dafür gesorgt, den Ausländer als Spion, Abolitionist, Verräther au der Loge darzustellen und so verhaßt zu machen, daß, wenn sofort ein Geschworenengericht zusammen gewesen wäre, es denselben unzweifelbar verurtheilt haben würde. Hund Caro, dessen Wunde Dr.  Bill zugenäht und verbunden hatte, folgte seinem Herrn in das Gefängniß, der Arzt telegraphirte das Geschehene nach Pittsburg und bat um einen erfahrenen Advocaten. Ein solcher traf zugleich mit dem von Saint-Louis zurückkehrenden Vicomte ein, und nachdem er in alle Verhältnisse eingeweiht war, hielt er den neuorleanser Agenten für den rechten Mann, mit dem zu handeln sei. Da er zugleich mit einer Vollmacht Herminens versehen war, die in der allernächsten Zeit ihr einundzwanzigstes Lebensjahr und damit ihre Volljährigkeit erlangte, so kam er mit ihm dahin überein: George Lewine gab seine Ansprüche an Hermine auf und heirathete Nella. Die verbrannte Pflanzung wurde für einen sehr hohen Preis an den Vicomte verkauft, davon erhielt Nella zwei, Hermine ein Drittel des Kaufpreises. Lewine übernahm dagegen, die Ritter zum Goldenen Zirkel in Natchitoches freundlich für unsern Hannoveraner zu stimmen, namentlich ihn von dem Verdachte, Spion und Verräther zu sein, zu reinigen. Die Geschworenen sprachen das Nichtschuldig und Oskar weilte keinen Tag länger im Süden, er eilte in die sich voll Sehnsucht nach ihm in Pittsburg ausstreckenden Arme Herminens. Das Feuer, das wir seit längerer Zeit unter der Asche glühen sahen, war von einem Windstoß, der Wahl Lincoln's zum Präsidenten, entflammt, der Süden wollte ausführen, womit er so lange gedroht hatte, er sagte sich von der Union los, er zerriß das Sternenbanner und pflanzte die Fahne des Aufruhrs auf. Wir können dem Bruderkampfe im Besondern nicht folgen; der Süden wurde besiegt und wir sehen heute einen Enkel Heloisens von Wildhausen und Urenkel Oskar Baumgarten's, des Forsteleven, auf dem Präsidentenstuhle des Weißen Hauses. Zwölftes Kapitel. Anfang neuer Dinge. Im Monat August des Jahres 1868 las man in den deutschen Zeitungen nachstehenden Artikel: »Der erste Zug der Central-Pacificeisenbahn über die Sierra-Nevada . »Die Eisenbahn nach dem Stillen Ocean wird die merkwürdigste der Welt bilden. Es gibt keine andere, deren Anlage mit solchen Naturschwierigkeiten zu kämpfen gehabt hat, und keine, die so reich an den großartigsten Naturschönheiten und Contrasten ist. Vor einiger Zeit wurde gemeldet, daß die Schienen die höchste Spitze der Felsengebirge erreicht haben, jetzt liegt uns die Schilderung der ersten Fahrt eines Eisenbahnzuges über die mit ewigem Schnee bedeckten Gipfel der Sierra-Nevada vor, welche Californien von den weiten Ebenen des silberreichen Nevada trennt. »Die Schwierigkeiten, welche überwunden werden mußten, um jene Gebirge zu vereinen, werden aus der Beschreibung der Fahrt selbst am besten erhellen, die wir in der › Alta-California ‹ von San Francisco finden, der wir im wesentlichen folgen. Die Fahrt begann von Sacramento City am 17. Juni. Duftiger, tropischer Sommer herrschte in der Hauptstadt des Goldstaates. Oleanderbäume mit ihren glänzendrothen Blüten, Rosen von allen Farben, oft die Wohnungen halb verdeckend, riesenhafte Fuchsien, welche an den Mauern emporrankten, erfreuen überall das Auge, man glaubt sich nach Neu-Orleans versetzt mit seinen immergrünen Bäumen und den schimmernden Kelchen der Magnoliablüten. »Der Eisenbahnzug, George Wood ist sein historischer Führer, bewegt sich über das Nicholson-Pflaster vorbei an den noch nicht vollendeten Riesenmaschinenwerkstätten der Central-Pacificbahn, das Thal des Sacramento entlang. Am östlichen Horizont heben sich die Kolosse der Sierra-Nevada ab, in blauen Duft gehüllt, gegen welchen die schneebedeckten Kuppen prächtig abstechen. Die Strahlen der Sonne werden von ihnen in den mannigfachsten Farben zurückgeworfen, die eine fernere Spitze funkelt wie ein Eisberg in allen Farben des Opals, die andere gleicht einer im feinsten Roth durchscheinenden Riesenmuschel, eine dritte blinkt glänzendweiß wie getriebenes Silber. Die Gegend am Fuße der Gebirgskette ist offen, nur wenige Bäume und Hütten sind sichtbar. »Der Zug eilt weiter, die Bergspitzen verschwinden, die Hitze wird drückender, die erquickenden Erdbeeren, Birnen, Kirschen und andere Sommerfrüchte, welche zum Verkauf in den Waggons angeboten werden, finden zahlreiche Käufer. »Kürzer und schärfer stöhnt das Dampfroß; man fühlt beim Zurücklehnen im Sitz, daß man aufwärts gezogen wird. Es geht steil und immer steiler hinan, vorbei an kleinen Minendörfern und Händlerposten, immer höher und höher, bis um 9 50 vormittags Colfax erreicht ist, das 54 Meilen von Sacramento, 2448 Fuß hoch im Gebirge liegt. Auf mächtigen Erdwerken bewegt sich der Zug weiter um Cap Horn herum, ängstlich blicken nervenschwache Passagiere ins Thal hinab, an dessen abschüssiger Felsenwand die Bahn hinläuft, und aus dessen Tiefen der American-River nur noch wie ein gelbes Band heraufleuchtet. Acht Meilen von Colfax überschreiten wir das Goldgräberlager von Secrettown, und blicken aus einer Höhe von 2958 Fuß in das Thal zurück. Vorwärts und aufwärts braust die Locomotive; zwischen den Gebirgen hindurch tauchen im Hintergrunde neue Gebirge auf, die heiße Luft des Thales erreicht uns nicht mehr, die Schneefelder senden uns aus den obern Gegenden ihren kühl fächelnden Gruß. Die Luft wirkt wunderbar erheiternd, unsere Stimmung steigt höher mit jeder neuen Station der Himmelfahrt. »Siebenundsechzig Meilen von Sacramento blicken wir auf die erschöpften Minen von Dutch Flat hinaus, das uns flach genug vorkommt. Zwei Meilen weiter berühren wir Alta, dessen Dächer bereits jene steile Form der Alpenwohnungen annehmen, welche die Schneemassen des Winters notwendig machen. Die Abhänge des Gebirges zieren stattliche Tannenwälder, deren Stämme immer höher emporsteigen mit der steigenden Bahn. Wir sind 3625 Fuß über dem Meere. Der Strom fern unten im Felsenthale erscheint uns wie ein safrangelber Faden, die Wagenreihe klammert sich ans Gebirge, wie die Schwalbe an die Klippe im Meere. Schnee erscheint nicht weit über uns an den Seiten, und an der Bahn bemerken wir von Zeit zu Zeit mächtige Balkenwehren über dem Gleise zur Abwehr der Schneemassen. Hinter Shady-Run-Station treffen wir den ersten Tunnel. Er ist 500 Fuß lang und 4500 Fuß über dem Meere. Rauher wird das Gebirge, die Schneefelder nähern sich mehr und mehr dem Gleise. »Höher und höher stürmen wir fort in das Herz des Gebirges, niedriger werden die Bäume, Cedern und Kiefern treten an die Stelle der stattlichen Tannen, wir sehen die rothe Erde des Goldgürtels unten nicht mehr. Graue Granitfelsen werden häufiger, die kleinen Gebirgsspitzen auf beiden Seiten der Bahn zeigen kahle Häupter. Oede und einsam ist ringsum die Gegend. Ein neuer Tunnel von 300 Fuß Länge wird durchschossen, Crystallake liegt hinter uns, wir halten in Cisco, einem aus Shanties bestehenden Ort, lange Zeit das Ende der Bahn, 5900 Fuß über dem Meere, und immer noch steigt die Bahn. Verschwunden sind Fichten und selbst die Kiefern. Der Weg führt durch Granitfelsen, durch welche Pulver die Oeffnung gesprengt hat. Ueberall, soweit das Auge reicht, unermeßliche Schneefelder, durch welche die Schaufel der Fahrt vorangegangen. Wir glauben uns in eine Wintergebirgsgegend Neuenglands versetzt. Die steilen Abgründe herab toben Flüsse und Bäche, kalt wie das Wasser des schmelzenden Schnees. Der Bahn entlang zeigen sich Massen chinesischer Arbeiter, welche die Strecke vor uns frei geschaufelt, oder welche sich vorbereiten, in das große Becken Nordamerikas hinabzusteigen, um dort weiter an der Riesenbahn des Continents zu schaffen, deren westliches Ende sie vollendet. Einhundertzwei Meilen von Sacramento erreichen wir Summit Valley, 6800 Fuß über dem Meere. Höher erheben sich an beiden Seiten des Gleises die Schneewälle. Zwei Meilen weiter und der große Tunnel, 1959 Fuß lang, schaut uns mit seinem Cyklopenauge an. Wir haben endlich den Gipfel des ungeheuern Alpenstocks erstiegen und können das ›Nicht darüber hinaus!‹ auf die Granitwände des Tunnels schreiben. Wir stehen 7043 Fuß über der Meeresfläche, die Luft ist kalt und feucht, jedoch nicht drückend, wie man von der verdünnten Luft in dieser Gebirgshöhe erwarten sollte. An der andern Seite des Tunnels schaufeln chinesische Arbeiter den Schnee fort, der in ganzen Schichten von den mächtigen Granitblöcken auf das Gleise gestürzt ist. Aus zahllosen Spalten des Tunnels strömt das Wasser, wir waten zu Fuß durch und erkundigen uns sehnsüchtig nach den Aussichten der Weiterfahrt. Mehrere Stunden Pause, ehe die brave Locomotive Antilope, die uns so weit gebracht, zum Einsteigen die schrille Pfeife ertönen läßt. »Ein neuer Schneesturz hält uns auf, dann wieder vorwärts, um bald wieder zu halten und so fort. Die Schneewälle treten so dicht heran, daß die Wagen auf beiden Seiten sie streifen. Sechs Tunnel von je 100 bis 863 Fuß Länge sind zu durchfahren. Bläuliche Eismassen hängen an ihren Wänden herab, wie die Tropfsteingebilde der Mammutshöhle Kentuckys. Wir sind bereits 600 Fuß abwärts gelangt, wir tauchen aus dem letzten Tunnel auf, der Schaffner ruft, sich umsehend, aus: ›Beim Himmel, wir sind über das Gebirge, wir werden keinen Schneesturz mehr vorfinden!‹ So ist denn das Riesenwerk vollendet! Worte können das Gefühl nicht beschreiben, das uns beim Rückblicke auf die zurückgelegte Fahrt erfüllt. »Rascher bewegt sich jetzt der Zug thalabwärts. Der Dampf ist abgeschlossen, die Bremsen sind angelassen; wie der Adler mit gefalteten Flügeln geräuschlos ins Thal fliegt, so bewegt sich der Zug aus dem Reiche der Luft das Gebirge herab in die große Niederung Nevadas. Um Abgründe zieht sich der Weg, unten im Thale erglänzt Donner-Lake zwischen den Fichtenhügeln. Nach einer Fahrt von sieben Meilen erreichen wir die Mündung des klaren Sees, ein rasch dahinstürzender Strom bläulichen kalten Wassers; noch neun und eine halbe Meile, und wir sind bereits 783 Fuß vom Gipfel der Sierra abwärts. Rascher geht es von da in das romantische Thal des Trackee, Bergströme stürzen sich aus den Gebirgen von Süden her, in denen der lieblichste See der Erde verborgen liegt, der See Trahoe. Die Waldungen sind hier von ungeheurem Umfange, sie liefern das Holz für die Bahn nach Osten zu. Der schäumende Fluß treibt eine Menge von Sägemühlen; die Hügel sind von Arbeitern aller Nationen und Rassen erfüllt (die Chinesen herrschen vor), sie fällen die Bäume und richten sie zu Eisenbahnzwecken her. »Der Chinese sieht den ersten Zug von der Sierra-Nevada herabbrausen; er begreift die ungeheuere Wichtigkeit des Ereignisses, sein unerschütterlicher Gesichtsausdruck weicht, und er begrüßt mit schwingendem Hut und lautem Rufen das Dampfroß und die Reisenden, die es führt. Für ihn ist das Ereigniß von besonderer Bedeutung: es öffnet ihm den amerikanischen Continent. »Schrill tönt die Pfeife, Trackee Station ist erreicht, 119 Meilen von Sacramento, 5850 Fuß über See. Freudig betroffen erblicken den Zug die Postpferde, die bis dahin den Verkehr zwischen diesem Punkte und dem Gipfel des Gebirges besorgt; ihre Arbeit ist vorüber, eine gewaltigere Kraft ruft ihnen für immer ›Abgelöst!‹ zu. »Bald werden die Treiber ihre Zelte zusammenlegen, wie der Araber, und in der Ferne verschwinden. Breiter und breiter wird bei der Hinabfahrt das Thal des Trackee, das Gehölz wird spärlicher, Salbeibüsche treten auf, hier und da ein Stück bebautes Ackerfeld. Das Getreide sprießt kaum aus dem Boden heraus, während es auf dem westlichen Abhange der Sierra bereits reif und meistens schon eingebracht ist. Auf jener Seite warmer üppiger Mittsommer, auf dem Gipfel eisiger Winter, auf dem östlichen Abhange Frühlingsanfang. Noch zwei Tunnel nehmen uns auf, wir setzen wiederholt über den Fluß und treten zuletzt in die offene, baumlose Fläche von Nevada, am Horizont die schneebedeckten Höhen der Washoegebirge und das wunderbare Land des Silbers vor uns. Gerade im Augenblicke, wo der letzte Schimmer des Tages den Gipfel der Sierra verläßt, verkündigt das fröhliche Pfeifen der Locomotive das Ende der Reise, wir sind in Reno, einer Stadt von Kaufläden, Hotels, Salons, Spielhöllen und Leihställen, die innerhalb eines Monats wie durch Zauber aus dem Boden hervorgesprungen ist. Die ganze Bevölkerung, Männer, Frauen und Kinder, stürzt heraus, uns zu bewillkommnen. So endigte die Fahrt des ersten Passagierzuges über die Sierra Nevada.« Was aber die Zeitungen nicht erzählten, war dies, daß zu derselben Zeit ein mächtiger Dampfer, welcher von San Francisco den Sacramento hinaufgesteuert war, am Bahnhofe sonderbar aussehende Eisenwerke auslud, mit denen ein ganzer Güterzug angefüllt wurde. Das waren keine Kanonen, keine Zündnadelgewehre oder Schwerter, das waren Dinge des Friedens und der Wohlfahrt, eine ganze Stadt, gegossen und geschmiedet in Pittsburg, die, um die Südspitze Amerikas herumgefahren, hier landete, um nach wenigen Wochen in Hellungen auferbaut zu sein. Diese Stadt selbst war nicht mehr ein Ort blos auf dem Papiere, um den See standen schon eine Reihe stattlicher Häuser von Stein und Holz. Dort wohnte seit drei Jahren unsere Freundin, die Frau des Ingenieurs, der jetzt auf der von ihm erbauten Bahn den ersten Zug über die Sierra-Nevada führte und dessen Sohn, der Revolutionär, ein zwanzigjähriger Baumeister, bereits ein Dutzend Häuser daselbst erbaut hatte und nun mit Ungeduld den ersten Güterzug erwartete, der die eiserne Stadt nebst Ingenieuren und Arbeitern nach Colfax bringen sollte. Ebendort in dem Vorgarten eines prächtigen Gebäudes nach Schweizerbauart sehen wir eine junge Frau, deren Züge uns bekannt vorkommen, mit zwei Kindern spielen. Treten wir näher, so erkennen wir unsere Creolin Hermine Amaria, jetzt unschöner Frau Schulz genannt, und ihre Erstgeborenen. Der Mann, welcher unter der weinlaubumkränzten Veranda sitzt und Netze ausbessert, ist gleichfalls ein Bekannter, es ist der Kapitän des Elefanten, im Kriege mit dem Süden durch eine Verwundung am Beine Invalide geworden; er hat in Hermine seine Tochter erkannt und will bei ihr sein Leben beschließen; zur Zeit versteht es niemand besser als er, im See Lachsforellen und andere Fische zu fangen. Der Name Evasee, den Hellung dem See zur Erinnerung an das Paradies geben wollte, hat keinen Anklang gefunden, man nennt ihn den Hellen oder Blanken See. An dem daraus entströmenden Bache sehen wir schon drei größere Sägemühlen, roh nach Blockhäuserart, auch eine Blankschmiede und ein Paar Kornmühlen. Unser Proviantmeister, der Kentuckier, hat die letztern, andere Genossen Hellung's haben die erstern erbaut. Die beiden Winzer aus Meißen, die unser Freund dort fand und welche zu der Entdeckung des Wunderlandes Veranlassung gaben, haben ihre in der Nähe der Eisenbahn und am Eingange vor den Minen belegenen Farmen verkauft und sich auf den Grundstücken niedergelassen, die Hellung ihnen schenkte. Die Erdbeeren, Kirschen und andern Früchte, die an der Station Colfax den Reisenden im Eisenbahnzuge geboten werden, sind größtenteils Erzeugnisse des Fleißes unserer deutschen Winzer, die für den Ertrag der verkauften drei Farmen sämmtliche Verwandte und Freunde von der Elbe Strande herangezogen haben. Die meißener Colonie hat sich des Wein- und Obstbaues angenommen und in den Kellern ihrer schmucken Häuser liegen viele Fässer blanken, rothen, gelben, braunen Rheinweins, Burgunderwein, Samos Konstantin und ähnliche Weine, sämmtlich edlere Getränke, als sie Donau, Elbe, Rhein hervorzubringen im Stande sind. Nach Westen, in einem üppigen Weidestrich, hat sich eine Ansiedelung aus der Umgegend Heustedts gesammelt, von Hellung's Schwager Dummeier angeworben, die hier Rindvieh und Pferdezucht nach niedersächsischer Weise betreibt, ihre Häuser nach niedersächsischer Art, wohnlich für Mann, Frau und Kind, Knecht, Pferd, Rind baut, die Ortsgenossenschaft mit Milch, Butter und Käse versorgt. An dem Nordabhange des Evaberges – dieser Name hat sich durchsetzen lassen – sieht man Garten- und Parkanlagen, durch welche der Evabach vom Berge nach wissenschaftlich-künstlerischer Theilung hindurchrauscht. Die Baustätten sind mit Dielen, Balken, Steinen wohlgefüllt, welche der eisernen Gerippe aus Pittsburg warten. Hier will nicht nur Hellung seine Wohnung bauen und daneben das Gemeindehaus, sondern auch der ältere Bruder Ibrahim hat sich entschlossen, das Ende seines Lebens, das er im Paradiese von Zuwan empfangen, im Paradiese Californiens hinzubringen. Das schöne Dresden und seine Elbvilla scheinen ihm durch die preußischen Schanzen verunziert. Er will lieber in seinen alten Tagen die weite Reise wagen und in dem See vor seiner Wohnung die Schneeberge der Sierra-Nevada sich abspiegeln sehen. Auch eine Niggercolonie aus der Pflanzung des Vicomte du Plessis, die geschicktesten frühern Arbeiter, Künstler, Bildhauer, Maler, Uhrmacher, Schlosser, Tischler, hatten sich übergesiedelt, seitdem sie von ihrem vormaligen Herrn gehört, daß er selbst in Hellungen seinen Wohnsitz aufschlagen wollte. Der Vicomte hatte die Frist, welche ihm sein Erblasser gesetzt, nicht abzuwarten brauchen, die Sklaverei war schon vor deren Ablauf durch das Gesetz aufgehoben und er konnte nun den freien Schwarzen die ererbte wie die angekaufte Pflanzung als Eigenthum übergeben. Er hatte die Bedingungen, unter denen er die Haupterbschaft antreten sollte, erfüllt, und war mit Frau und Kind nach Paris gereist, nicht um dort sein Leben hinzubringen, sondern nur um die Erbschaft zu erheben. Der Vicomte war kein Freund jener Freiheit und Civilisation, mit der das Imperatorenthum Frankreich beglückt und an die Spitze aller Erdvölker gehoben haben wollte, und sein Frauchen war keine so unverbesserliche Pariserin, daß sie geglaubt hätte, ihr Leben nirgends als in der Straße Saint-Honoré beschließen zu können. Die Schilderungen des Paradieses, die Vetter Schulz noch in die Pflanzungen am Red-River sendete, bewogen den Vicomte zu dem Entschlusse, sich dort niederzulassen, und er theilte diesen den Niggern mit, um diejenigen, die ihn als freie Männer dahin begleiten wollten, mit Reisegeld zu versehen. Der Golf von Mexico war mit Red-River und Mississippidampfern leicht zu erreichen und die Bahn über die Meerenge von Panama schon eröffnet. Mehrere entschlossen sich zur Uebersiedelung, und der Vicomte ersuchte einen Architekten, ihm eine einfache Villa am See zu erbauen, damit er eine Wohnung vorfinde, wenn er aus Europa zurückkehre, und gab ihm die Mittel zum Bau. Dies brachte die Schwarzen auf den Gedanken, ihrem Wohlthäter eine Ueberraschung zu bereiten. Jeder trug nach seinen Kräften dazu bei, und dem Architekten wurde eine große Summe Geldes eingehändigt, um in Hellungen für den Vicomte ein Haus ähnlich seinem am Red-River, aber prachtvoller, und einen Garten und Park gleich dem dortigen anzulegen. Der Holzschnitzler fertigte das Modell an, und während der Vicomte nach Europa reiste, fuhren die Nigger im Stillen Ocean nach Norden hinauf. Wo sich im Leben der Natur und Menschheit Krystallisationspunkte bilden, da vollzieht sich der Proceß selbst desto schneller und leichter, je mehr Naturbedingungen ihn begünstigen. Im Paradiese Californiens fehlte nichts, was die Natur zu einem Krystallisationspunkte der Cultur zu bieten hat, nur tüchtige, reine, fleißige Menschen fehlten, und solche herbeizuschaffen war die nächste Aufgabe menschlicher Geistesthätigkeit. Indeß auch hierbei kam die Natur den Gründern der neuen Ortsgenossenschaft auf eine überraschende Weise entgegen. Der Revolutionär hatte sich in Philadelphia nicht nur zum Architekten ausgebildet, er hatte auch Geologie mit besonderer Vorneigung betrieben. Als er nun mit der Mutter nach Californien übersiedelte – die Schwestern waren im Osten verheirathet – war es sein Erstes gewesen, die Umgegend nach allen Richtungen zu durchforschen. Da hatte er denn das Glück, einen warmen Schwefelquell am westlichen Fuße des gegen Norden belegenen Evaberges zu entdecken. Eine nähere Untersuchung ergab, daß das Wasser außerdem Natron, Kali, Jod, Brom enthielt, also Bestandtheile, die von den Aerzten sehr gesucht sind. Der junge Hellungen ließ die Quelle zu einem Bassin ausgraben und dieses mit einem Blockhause überbauen Es hatten sich in der Nähe schon einige Minenarbeiter angesiedelt, die sich in den Gruben außer vielem Gold auch Gicht und Lähmung geholt hatten. Unser Freund veranlaßt die Gelähmten, jene Quelle zum Baden zu gebrauchen, und erzielte dadurch den glänzendsten Erfolg. Der Ruhm des Gesundbrunnens verbreitete sich bald und lockte eine Menge Arbeiter herbei, die dort für rheumatische und ähnliche Uebel Heilung suchten. Nach kurzer Zeit mußte ein zweiter Badeteich ausgegraben werden, um dem Andrange zu genügen, und der junge Baumeister beschäftigte sich schon mit dem Gedanken zur Anlage großer Thermen, wie er sie aus dem Alterthume kannte. Der Ruf der Heilquelle trug nicht wenig dazu bei, um neue Ansiedler heranzuziehen, und wer das Paradies einmal sah, der suchte die Mittel, dort zu bleiben. Indeß war auch der Gründer der neuen Stadt nicht müßig, Menschen, wie er sie wünschte, heranzuziehen. Im August und September des Jahres 1868 circulirte in Sachsen, in Nord- und Süddeutschland, in liberalen Kreisen ein lithographirtes Schreiben, das also lautete: »Freunde in der Heimat! Gesinnungsgenossen! Kampfgenossen für die Freiheit und Einheit Deutschlands! »Ein deutscher Landsmann bietet euch in einem fernen Erdtheile eine Heimstätte, wie sie schöner belegen, von der Natur in jeder Beziehung mehr begünstigt, gesunder und fruchtbarer und außerdem mit kräftigen Heilquellen so reich versehen, vielleicht auf dem ganzen Erdboden nicht wieder gefunden wird. »Als Wegebahner und Mitbauer der Pacificbahnen habe ich von den 25 Millionen Acres Staatsländereien, welche die Regierung den beiden an dem Unternehmen betheiligten Compagnien zusicherte, 50000 für mich erhalten. Davon habe ich 25000 in Nebraska, am Platteflusse belegen, wieder veräußert (den Acre für 3 Dollars), um in Californien, wo mir die andere Hälfte meiner Dotation nach meinem Wunsche angewiesen worden ist, von der Central Pacific Railway Compagny dafür das Doppelte zu erwerben. »Meine sechzehn Mitarbeiter, die unter meiner speciellen Führung standen, sind auf ihren Wunsch am letztern Orte mit 50000 Acres belohnt worden. Hier, am westlichen Fuße der Sierra Nevada, zwischen dem 39. bis 40. Grad nördlicher Breite, habe ich in Gemeinschaft mit meinen Feldmessern, Kartenzeichnern, Proviantmeistern und sonstigen Gehülfen eine Ortsgenossenschaft gegründet, der man den Namen ›Hellungen‹ gegeben hat, nicht nur weil ich, der zufällige Entdecker dieses bisher unbekannten Landstrichs, so heiße, sondern weil die Ansiedelung sich um einen See anbaut, so hell wie Silber, wo die Luft so rein und heiter ist wie die des blauen Himmels in Neapel, und weil in dieser Ortsgenossenschaft alles hell und klar, offen und durchsichtig sein soll, nicht nur nach Zirkel und Winkelmaß, sondern auch nach Vernunft und Recht. »Nach den Grundsätzen der neu reconstituirten Union: Freier Boden, Freie Arbeit, Freie Rede, Freie Menschen! ist der Bau begründet und auf dieser Grundlage soll er fortgeführt werden. »Wer daran im rein menschlichen Geiste helfen will, wem jene Worte aus der Seele gesprochen sind, der soll mir willkommen sein. Allen ist ein freies Feld der vielseitigsten Ausbildung und Berufsthätigkeit dargeboten. »Wir wollen gemeinsam versuchen, was unter den denkbar günstigsten Verhältnissen, welche die Natur bietet, und bei völliger Freiheit von jeder Bevormundung, die den Genossen gewährt wird, bei gesellschaftlichen Einrichtungen, die nach strengem Rechte die Wohlfahrt aller bezwecken, aus einer Gemeinde werden kann, die auf ihr Banner den Wahlspruch ›Reine Humanität‹ geschrieben hat. »Die Ortsgenossenschaft Hellungen wird auf dem allgemeinmenschlichen Boden der Sittlichkeit errichtet; Sittlichkeit ist nicht ohne Menschenliebe, Gerechtigkeit und Fleiß, auch soll sie, so Gott will, nicht ohne Religion sein. Allein die Religion ist als solche nicht die Sache der Gemeindeverwaltung, wie sie in Amerika nicht Sache des Staats ist. Sie bleibt eine freie Angelegenheit der Einzelnen, der Familien und der auf Grund gemeinsamer Ueberzeugungen sich zu Religionsverbänden Vereinigenden. Wohl aber hat die Gemeinde die Ortsgenossen zu schützen vor Uebergriffen und Unduldsamkeit der Religionsgenossenschaft, sie verwehrt alle unter dem Schilde der Religion auftretenden Vorschriften und Gebräuche, welche die Sittlichkeit, die Ehre und Integrität des Menschen, die Freiheit und die allgemeinen persönlichen und geselligen Menschenrechte kränken. In Hellungen werden keine priesterlichen Sklavenzüchter des Geistes geduldet werden, es wird dort widernatürlicher Gelübdezwang nie Eingang haben, jedermann soll dort in der That nach seiner Façon selig werden können, oder, was besser ist, er soll schon hier im Himmel zu leben das Seine thun können. »Ich habe Platz zu einer Stadt von 80000 Hauseigenthümern und aus dem Eigenthum meiner Mitarbeiter ist außerdem für 25000 Raum, für jeden Hausplatz, Hof, Wirtschaftsgebäude etwa einen deutschen Morgen gerechnet. »Bisjetzt sind etwa 500 Bauplätze vergeben, über 100 sind vollständig bebaut, andere im Bau begriffen. »Die neue Stadt liegt an einem See, der den Genfersee an Schönheit bei weitem übertrifft. Wenn sich auch die Schneeberge der Sierra-Nevada in seinen silbernen Wassern spiegeln, so streift doch niemals eine kalte Luftschicht von dort über den See und seine Ufer hin. Obgleich 3000 Fuß über dem Spiegel des Stillen Oceans, kennen wir keinen Winter, kein Aufhören der Vegetation. »Wir sind glücklicher daran als alle Europäer und Asiaten, welche mit den Ruinen und dem Schutt der Vergangenheit zum Erdrücken beladen sind, welche mit schlechten Gebräuchen, Sitten, Vorurtheilen, mit überlebten Einrichtungen zweier Jahrtausende zu kämpfen haben; wir haben einen jungfräulichen Boden frisch anzubauen. »Uns steht kein altes historisches Gerümpel, keine Gerichtslauben, kein römisches, noch kaiserlich und königlich peinliches, noch das sogenannte Recht (d. h. Unrecht) des Krieges im Wege, keine Dinge, die auf das Recht ihrer Existenz pochen, weil sie ein Jahrtausend lang da gewesen, vielleicht durch Gewalt, Unrecht oder Zufall entstanden sind. Wir können unsere Städteordnung aufbauen und ausdehnen ohne königliche, polizeiliche, militärische oder sonstige Genehmigung. »Wir brauchen uns nicht zu vereinigen, um die Mächte des Menschengeistes und der Menschenkraft gegen die Ungunst und Kargheit der Natur, oder gegen andere feindselige Gewalten geltend zu machen; wir haben keinen eroberungssüchtigen Nachbar zu fürchten. Die Natur ist unsere Freundin, deren Gaben wir durch die Mittel der Kunst höher zu gestalten haben. »Unsere Aufgabe im Vereinsleben wird sein und bleiben, unsere menschlichen Gesinnungen, unser Wissen und Können durch Thätigkeit zum Besten aller an den Tag zu legen, durch Bruderliebe und Duldsamkeit uns gegenseitig zu fördern und zu stärken, die unbedingte Achtung der Freiheit und Würde eines jeden Menschen, die Anerkennung seiner Eigenthümlichkeit und des Rechte zu der Entwickelung seiner Fähigkeiten durch gutes Beispiel in immer weitern Kreisen zu verbreiten, durch Gemeinsinn und Hülfeleistung das Band der Gemeinde immer inniger zu schlingen. »Wir kennen keinen Standesunterschied, keine durch Geburt oder Laune des Glücks bedingte Bevorzugung, keine gesellschaftliche Stellung, die auf Raub und Knechtung beruht, keine Ausnahmen von Gesetz und Recht, keine privilegirten Herren und Müßiggänger. Jeder wird bei uns nach seinen Werken gemessen, einem jeden wird seinen Leistungen gemäß nach einer auf Privateigenthum gestützten Wirthschaftsordnung der Lohn für seine Arbeit gewährt. Müßiggang gilt als ein entehrendes Laster, Standeseitelkeit als Narrheit. Wir füttern keine Mumien, weder dynastische noch klerikale. Altersschwache, Kranke, Gebrechliche, Witwen und Waisen fallen der Pflege der Ortsgenossenschaft zu. Das Gemeinwesen übt im weitesten Maße die wirksamste Solidarität aus; gegen Verluste findet nach Möglichkeit Versicherung statt. Wir schützen alle einander; um stark zu sein, haben wir weder Kasernen noch Citadellen, aber alle Männer sollen das Herz am rechten Flecke haben, das hilft mehr als der Kriegsstand im Frieden, der Europa mit galopirender Schwindsucht bedroht. »Der Unterricht in den Volksschulen wird von der Gemeinde in Gemäßheit der einzigen Steuer, die wir kennen, einer selbsteingeschätzten Einkommensteuer, getragen. Es kann demselben kein Kind bis zu seinem vierzehnten Lebensjahre entzogen werden, obgleich es jeder Familie freisteht, ihren Kindern daneben Privatunterricht zu ertheilen oder ertheilen zu lassen; indeß auch die aus der Schule Entlassenen sind zur weitern Fortbildung verpflichtet. Die Erziehung ist die heiligste Angelegenheit; wir gewähren die Mittel zur Gründung von Erziehungs- und Lehranstalten für alle Altersstufen nach den Grundsätzen von Krause und F. Fröbel. »Ich habe für deutsche Gesinnungsgenossen vorläufig 500 Bauplätze, jeden mit etwa anderthalb deutschen Morgen Grundbesitz, zur unentgeltlichen Disposition reservirt; 5000 Baustellen habe ich der Stadt geschenkt, um durch Verkauf derselben die ersten Mittel zu gemeinsamen Einrichtungen zu schaffen, wie ich selbstverständlich das Grundeigenthum zur Anlegung von Straßen, öffentlichen Plätzen, Schulen und Akademien unentgeltlich abgebe. Das Baumaterial ist billig, die Arbeit wird gut bezahlt, ist aber des Preises werth. Die Chinesen sind nüchterne, fleißige, solide Arbeiter und die Ortsgenossenschaft ist schon jetzt im Stande, jeden, der einen Neubau unternimmt, mit Vorschüssen und Darlehnen zu unterstützen. »Eiserne Häuser stellen sich bisjetzt am schnellsten und wohlfeilsten her, obgleich sie für jetzt noch aus Pittsburg bezogen werden. Meine 500 Wohnstätten, die ich für Landsleute vorbehalte, sind aber nicht allein für Wohlhabende und Arbeitskräftige bestimmt, vorläufig habe ich auch Raum für 50 Gebrechliche, Alte, Schwache. Mein Bruder, der Maler Franz Ibrahim Hellung, der im April zu mir (über die Meerenge von Panama) reist, wird denselben bis zu dem künftigen Aufenthaltsorte freie Ueberfahrt und Unterhaltungskosten gewähren. »Daß ich Ansiedler verlange, die zu meinem Unternehmen taugen, versteht sich von selbst. Es sei ein jeder, der sich uns anschließt, integer vitae scelerisque purus , wie der alte Horaz sagt, und dabei ein rüstiger Arbeiter mit Kopf und Hand. In Hellungen können Schwelger und Schlemmer, Raufbolde, Bettler, Renommisten, Gaukler, gemeine und vornehme Strolche, Wucherer, Spieler und Nichtsthuer keine Herberge finden; wir dulden nicht Leihhäuser und Häuser der Unzucht, noch Kneipwirthe, die solchen Lastern dienen, nicht Clubs und Salons der Verführung, noch Spielhöllen; wir wollen nicht Criminalnovellenschreiber, literarische Lohndiener, feile Poeten, Pfaffen, Rechtsverdreher, Proceßkrämer, politische und kirchliche Hetzer, so wenig wie Taschendiebe, Börsenlügner und Falschmünzer, in unserer Mitte sehen. »Möge Deutschland, das an Kräften jeder Art so überreich ist, uns eine tüchtige Zahl wackerer Männer und Frauen senden; wir werden sie als Glieder der großen Familie der Menschheit willkommen heißen. Theodor Hellung , früher in der Direction der Leipzig-Dresdener Eisenbahn, Vorstand der Stadtverordneten in Dresden, frankfurter Parlamentsmitglied, sächsischer Abgeordneter, später Maigefangener und Flüchtling.« Es ist ein erhebend wohlthuendes Gefühl, das uns ergreift, wenn wir ein großes gemeinnütziges Unternehmen gelungen sehen. Wie vieles Wunderwürdige der Art ist vor den Augen der gegenwärtigen Generation erstanden, wie rasch folgen Erfindungen und Thaten für die Verbesserung der menschlichen Zustände, welche reiche Hoffnungen bietet die Zukunft! Die großartigen Fortschritte für die Hebung und Verbreitung des materiellen Wohlseins werden nicht verfehlen, auch der sittlichen und gesellschaftlichen Vervollkommnung, dem höchsten Ziele aller Culturarbeit, zu statten zu kommen. Bei dem Anschauen solcher Werke, wie jene Weltstraßen, deren Eisenstränge ganze Erdtheile umfangen und zusammenhalten, fallen vor dem denkenden Geiste alle die feindlichen und hemmenden Schranken, welche die Völker und Stämme, Stände und Staaten, Glauben, Gebräuche und Meinungen scheiden und widereinander treiben. Und sie werden einst auch in Wirklichkeit verschwinden, so gewiß wie die Wälle und Thürme der alten Grenzwehr des Römerreichs in Trümmer gesunken sind, sobald der Lebenshauch einer neuen höher begabten Zeit über sie hinstürmte. Nicht Haß und Streit, nicht Selbstsucht und Krieg kennen das Ziel, die schaffende, alles Gute pflegende Thätigkeit ist es, der das volle Recht gebührt und die den Sieg erringen wird. Wie schön eröffnet sich die Fernschau über die kommenden Geschlechter! Wie viele Millionen werden sich dessen freuen, was die Gegenwart bereitet, wie viele werden dankbar auf das zurückblicken, was die Vorfahren erarbeitet haben! Doch nicht in Betrachtungen wollen wir uns jetzt ergehen, vielmehr wollen wir einfach die Sache selbst zu dem Leser reden lassen. Am 10. Mai. 1869 harrten viele Millionen Nordamerikaner, Menschen aus allen Nationen der Welt, jedes Alters und Geschlechts, auf drei Hammerschläge, die Zeugniß davon ablegen sollten, was der Menschengeist des 19. Jahrhunderts Großes zu vollbringen vermocht. Zwei Tage zuvor hatte Hellung in Gemeinschaft mit dem Oberingenieur Z. D. Judahs die letzten Schienen auf dem von Californien her geführten Central Pacific Railway gelegt, heute sollte die letzte Schiene auf dem von Omaha her erbauten Union Pacific Railway gelegt, und beide Bahnen verbunden werden. Von Sacramento, bis wohin vom Meere vorläufig Dampfer fuhren, war man 730 englische Meilen nach Osten vorgerückt, von dort hatte man eine größere Strecke, nämlich 1030 Meilen herstellen können, da die Rocky-Mountains der Locomotive viel weniger Schwierigkeiten entgegensetzten als die Sägegebirge Californiens. Dazu kam der ältere Schienenweg von Omaha bis Neuyork mit 1450 Meilen. Man hatte am Vortage des für die Vereinigung der Bahnen bestimmten Tages von Ort und Stelle telegraphirt, daß der Zusammenschluß der Riesenstraße etwa mittags geschehen würde. In allen Städten und Wohnorten, selbst in einsamen Landhäusern, sofern sie nicht gänzlich abgelegen von Eisenbahn- und Telegraphenverkehr waren, fand man daher um die Mittagszeit alle Welt auf den Beinen, voll Unruhe und gespannter Erwartung, aber auch von einem stolzen Hochgefühl durchdrungen, denn der freie Bürger eines großen Staatsverbandes stellte sich mit begründetem Bewußtsein in die Mitte des großartigsten Weltverkehrs, den bis dahin die Menschheit gesehen. Wol nur wenige hatten den Unterschied der Zeit berechnet. Als daher in der Capitolstadt schon zwei Uhr nachmittags vorüber war, wurde man hier, in Neuyork und andern Orten des Ostens ungeduldig, und es kamen nach Omaha, wohin alle Drähte des Ostens zusammenliefen, von verschiedenen Stellen die Anfragen, worauf die Verzögerung beruhe? Von dort antwortete der Draht: »Berechnet die Zeit!« Gegen halb drei Uhr washingtoner Zeit kam auf jeder Eisenbahnstation der Union, diesseit und jenseit der Felsengebirge, die Mahnung an: »Macht euch bereit!« und die Direction der Telegraphen in Washington setzte den Draht von Omaha mit der großen Glocke, dem Weißen Hause, dem Capitol und dem Geschützstande in Verbindung, in Neuyork verbindet man den Draht mit dem Glockenspiel des Trinitythurms, mit den Hafenbatterien, dem höchsten Thurm Brocklyns. Jede Stadt hat ihre besondere Einrichtung, wodurch die Gesammtbevölkerung gleichzeitig Kenntniß des Ereignisses haben soll. Das war das erste Festwort, das Millionen von Herzen in Bewegung setzte. Jetzt sprach der Draht: »Hüte ab! man betet; thut desgleichen!« und Millionen von Menschen fielen je nach ihren verschiedenen Religionsgebräuchen auf die Knie, falteten die Hände, sprachen ihr Gebet in den Hut, riefen zu Allah in mohammedanischer Weise, die im Mittelreich Geborenen flehten ihren Herrscher und Himmelssohn an, wenn sie den Glauben an ihn nicht etwa verloren hatten. Feierliche Stille herrschte in einem Gebiete von mehr als drei Millionen englischer Geviertmeilen. Als es in Washington zwei Uhr fünfundvierzig Minuten war, meldete man von Promontory Summit: »Fertig!« Fünf Minuten später dröhnten die drei Hammerschläge, welche durch goldene Bolzen das Eisenband festigten, und Nordamerika war von Meer zu Meer verbunden. In Washington schlug gleichzeitig mit den Hammerschlägen am Promontory Point die große Glocke: eins, zwei, drei! Das Sternenbanner entfaltete sich auf dem Capitol, dem Weißen Hause, auf andern öffentlichen Gebäuden und auf Tausenden von Privathäusern, Kanonendonner verkündete in hundert Schüssen das große Ereigniß. In Neuyork ließ das Glockenspiel vom Trinitythurme, um den sich mehrere hunderttausend Menschen gesammelt hatten, die Weise »Nun danket alle Gott!« erklingen. Die Hafenbatterien feuerten ihre hundert Schüsse, und vom Hafen und auf der Rhede donnerten Tausende von Schüssen den Gegengruß, darunter über zweihundert Schiffe mit der Flagge des Norddeutschen Bundes, schwarz-weiß-roth. Hunderttausende von Kanonenschüssen antworteten ungehört von andern Häfen am Atlantischen Ocean, am Stillen Meere und Mexicanischen Golf, von den Riesenströmen des Innern, von den Robbenfängereien Neufundlands! Welche Zeit war es aber am Orte der That, als in der Centralstadt die Uhr zwei Uhr und funfzig Minuten zeigte? In der Mormonenstadt, welche mit Promontory Point etwa die gleiche Zeit hat, war es 12 U. 30 M.. in Saint-Johns 4 U. 28 M. nachmittags, in Neuyork 3 U. 2 M., in San Francisco dagegen erst 11 U. 48 M., in Saint-Louis 1 U. 38 M., in Neuorleans 1 U. 58 M., in Santa-Fé 12 U. 53 M., in Pittsburg 2 U. 18 M. Die Handelskammern von Neuyork und San Francisco, die am heutigen Tage die Aussicht gewonnen, den Welthandel Londons zu sich herüberzuziehen, begrüßten sich telegraphisch. Welch ungeheueres Reicht Welch herrlicher Boden dem Wetteifer wohlthätiger Arbeit, dem Kunstfleiß, der freien gesellschaftlichen Entwickelung geöffnet! – Kaiser Karl V. rühmte sich, daß in seinen Staaten die Sonne nicht untergehe. Aber er sah noch bei seinen Lebzeiten die Sonne des Ruhmes und Glanzes untersinken, der Koloß seines Weltreichs ging in Stücken durch den Fluch des Geistesdrucks, womit er die göttliche Macht der Geschichte auszulöschen trachtete. Die Riesenmacht des corsischen Soldaten fiel auseinander, weil sie durch Gewalt die Völker dienstbar machen und zusammenketten wollte. Aber das Reich der Freiheit und des friedlichen Schaffens, bespült von den beiden größten Weltmeeren, über die es seine Hand streckt, wird es auch dahin fließen und schwinden, wie eine Welle in den Wogen der Geschichte? Nein, das wird nicht geschehen! Ihm winkt eine große Zukunft, es wird der Mittelpunkt werden, von welchem dem abgelebten Osten Asiens wie dem gealterten Europa Licht, Luft, Freiheit zugeweht wird! Das neueröffnete Verkehrsgebiet, telegraphisch mit Europa an mehrern Punkten verknüpft, ebenso auf der Seite nach Asien der Telegraphenleitung zugänglich, wird mit seinen großartigen Küstenstrichen durch die Flottenheere des Dampfes und Segels die alte, nun auch über Suez durchbrochene Welt, nach allen Seiten, über beide Weltmeere, die es bespülen, berühren, und durch die Stationen des Stillen Oceans ein herrliches Inselreich in seinen Kreis ziehen. Naturschätze und Erzeugnisse des Kunstfleißes werden auf dem Universalmarkte der Menschheit ausgetauscht; noch mehr: die Gedanken, Kenntnisse, Erfindungen und Bestrebungen werden bald Gemeingut in allen Fernen sein, Gesittung durch Arbeit gehoben und verbreitet, die Völker aller Zonen untereinander verbrüdert werden. Der denkwürdige Tag versammelte auch die Freunde, welche unsere Erzählung bis zuletzt begleitet hat. Die pittsburger Nachkommen von Melusine von Wildhausen, von Oskar Baumgarten und Agnese von Kitzow, soweit sie noch am Leben, feierten, mit Ausnahme des Mannes im Weißen Hause, diesen Tag in Omaha, um nachmittags vier Uhr mit dem ersten ordentlichen Zuge über die Felsengebirge zu fahren, die Verwandten und Freunde, die Nachkommen von Georg Schulz und der schönen Mainzerin, des Malers Hassan, der Filler-Marthe in der Stadt Hellungen zu begrüßen, und daselbst die Ankunft Franz Ibrahim's mit funfzig Deutschen zu erwarten. Von Heustedt herüber sendeten Hans Dummeier und seine Frau telegraphische Grüße, ebenso von Wien und aus Ungarn Hermann Baumgarten und Bruno Baumann. Der einstige Redacteur des »Gänseblümchens und Katzenpötchens«, Professor Gottfried Schulz, hatte aus Göttingen den Entwurf einer Städteordnung für Hellungen eingesandt, wobei er die philosophischen Lehren seines Meisters Krause zu Grunde gelegt hatte, wie sie in dessen »Urbilde der Menschheit« dargelegt sind und in den sich daran schließenden Rechtsphilosophien seiner Freunde Ahrens (des Schriftführers im Gemeinderath Göttingens von 1831) und Röder in Heidelberg entwickelt waren. Er hatte die dem Denker selten sich darbietende Gelegenheit, seine Ideen ins praktische Leben einzuführen, mit Lust und Liebe ergriffen. Aber weit entfernt, in trüben Nebelbildern zu schwärmen, war die Verfassung, welche er dem neuen Gemeinwesen gab, in allen Stücken den vorhandenen Verhältnissen, den Naturbedingnissen, der Weltlage desselben angemessen und er fand Verständniß für seine Ideen und Bereitwilligkeit bei seinen Freunden, sie zu verwirklichen. Ihn hätte Plato um die schöne Aufgabe eines Gesetzgebers beneiden mögen. In klarer Einsicht der verschiedenen gleich wesentlichen Aufgaben der Gesellschaft, für Recht, Sittlichkeit, Religion, Wissenschaft, Kunst, Erziehung, zeichnete er einer jeden ihre eigenthümliche und autonome Wirksamkeit vor, und setzte sie zugleich in allseitige Wechselwirkung. Der politischen Behörde wies er ihre bestimmte Sphäre an, die Wahrung und Verwaltung des Rechts, und verwehrte jeden Uebergriff von jeglicher Seite; denn die Rechtsgesellschaft hat nur die Bedingungen für die Erreichung sämmtlicher Lebensaufgaben der Menschen herzustellen, nicht aber selbst das ganze gesellschaftliche Leben in die Hand zu nehmen und zu bestimmen. Er entwarf ein durchaus organisches Gemeindewesen, errichtet auf dem Grundsatze freier Vergesellschaftung für sämmtliche Lebensaufgaben der Menschheit, weit entfernt von dem Unheil der Omnipotenz des Staats oder der Kirche oder des Industrialismus und der Geldherrschaft. Ja, wer Prophet wäre, wer erschauen könnte, ob nach hundert Jahren, wenn das Fideicommiß der Witwe Claasing ihren amerikanischen Ur-Urenkeln ausgehändigt werden wird, ob dann um den Krystallisationspunkt Hellungen sich ein Leben gebildet hat im Sinn der neuen Gesellschaftslehre? Aber auch ohne Prophet zu sein, kann man wahrsagen, daß, wenn man 2070 schreiben wird, in Europa und Amerika wenigstens stehende Heere nicht mehr zu finden sein werden, ebenso wenig bureaukratische Polizeistaaten und unduldsame Priestergewalt. Ob der ewige Friede dann gekommen sein wird? Ob die Völker sich wie Brüder die Hand reichen werden? Ob Europa und Amerika dann, gleich Aerzten des Menschengeschlechts, die erstarrten asiatischen und die unmündigen und verwahrlosten afrikanischen Völker unter eine aufrichtige civilisatorische Vormundschaft und Erziehung genommen haben? Ob das Völkerrecht allgemein geworden und das Menschheitsrecht anerkannt sein wird? Hoffen wir mit Maß, aber mit Zuversicht! Die Völker werden begreifen, daß sie alle gewinnen an Macht und Wohlfahrt, wenn sie sich als Freunde ansehen. Leise, aber mit fester Hand, wird der allwaltende Genius der Menschheit sein Band der Versöhnung, des Friedens, der Liebe und Gerechtigkeit um alle Völker und Rassen schlingen, und jene erhabene Idee des Menschheitsbundes, d. i. eines das ganze Menschengeschlecht dieses Planeten umspannenden wohlgegliederten Gemeinwesens, wie es zuerst in der Loge zu den drei Schwertern unsern Freunden vorgestellt wurde, wird eine lebendige Wahrheit werden, das Licht dieser Wahrheit, welches jetzt nur wie aus der Ferne winkende Sterne im Geiste einzelner Denker und Menschenfreunde leuchtet, wird mit Tageshelle das schöne Rund der Erde umstrahlen. Dir aber, mein deutsches Vatervolk, ist die größte und schönste Aufgabe gestellt für die Herbeischaffung besserer Zeiten! Gedenke deiner Pflicht, der Wahrheit und dem Rechte, der reinen Menschenbildung Bahn zu brechen! An deiner Freiheit und Erstarkung, an deiner thatkräftigen Ermannung hängt das Schicksal unsers Erdtheils. Und sollte ein feindseliger Dämon der Gewaltherrschaft, der Knechtung der Geister, der Lähmung der Arbeit, der Zwietracht und Lüge dein altes Haus in Europa zerstören, so wird der bessere Geist und das echte Leben in dir sich hinüberretten zu den verwandten Brüdern jenseit des Weltmeeres, um mit frischer Kraft von dort aus das europäische Erbland neu zu beleben.