Theodor Körner Die Braut Ein Lustspiel in Alexandrinern, in einem Aufzuge Personen. Graf Holm , der Vater. Graf Holm , der Sohn. (Ein Zimmer in einem Gasthause. Rechts zwei und links eine Tür. Im Hintergrunde der Haupteingang.) Erster Auftritt. Der Vater (kommt aus der Türe links). Vater. Triumph! sie willigt ein, will Herz und Hand mir schenken, Will meine Gattin sein. Ach, wie mich das entzückt! Doch warum wundr' ich mich? Wer kann ihr das verdenken? Wenn sie mich glücklich macht, ist sie nicht auch beglückt? Ich bin ein reicher Mann – jetzt eine seltne Ware! – Erst fünfzig, und das sind der Männer beste Jahre. Mich schätzt und liebt der Fürst; bei Hofe gelt' ich viel. Ich frage: spielt sie wohl mit mir gewagtes Spiel? Ja, wollte sie auch jetzt mit ihrem Jawort kargen, Ganz unbegreiflich wär's! Mir könnte man's verargen. An Stand und Reichtum ist sie mir durchaus nicht gleich. Doch ist sie denn nicht schön? Ist das nicht mehr als reich? Und gilt denn vornehm sein so viel als Reiz der Jugend, So viel als gutes Herz? – Ja, apropos, die Tugend? Daran denk' ich zuletzt. O, du verdorbne Welt! Ich will ja eine Frau, ich suche ja kein Geld; Mit einem Stammbaum kann ich mich doch nicht vermählen, Und ist ein Weiberkuß nicht mehr als Taler zählen? Ich geb' ihr Geld und Stand, sie gibt mir ihre Liebe. Die Frage wär' nicht leicht, bei wem das Wagstück bliebe. Die Sache ging so schnell; man wird bei Hofe staunen; Da heißt's gewiß: »Das ist so eine seiner Launen. Er bleibt ein Sonderling.« Ja, staunt und wundert euch! Ich werde glücklich sein; das andre gilt mir gleich. Was Fritz wohl sagen wird? Ei, eben denk' ich dran: Mein Sohn, der Fritz, ja, ja, der kommt schon morgen an. Nun, ich bin recht gespannt. Ich ließ im zweiten Jahre Ihn auf dem Schloß zurück. Mein Weib lag auf der Bahre; Verzweifelnd wollt' ich mich in Einsamkeit begraben; Zum Glück erbarmte sich die Schwägerin des Knaben Und zog ihn liebreich auf. Ihr Mann war Offizier; Sie ging nach Preußen nach; das Kind ließ nicht von ihr. Mir war das herzlich lieb; denn alles Kindersorgen Ist mir im Tod fatal. Da wußt' ich ihn geborgen, Ließ ihn mit Freuden da. Er hat drei Jahr studiert; Doch schreibt man eben nicht, ob er viel profitiert. Von losen Streichen mag er wohl das meiste wissen; Denn Schulden hab' ich doch genug bezahlen müssen. Zwar, ist er auch nicht ganz, wie ich ihn mir gedacht, Wenn er nur übrigens dem Vater Ehre macht! Wie er wohl aussehn mag? Ei nun, das wird sich zeigen. Er kann nicht häßlich sein; er soll dem Vater gleichen. Doch hab' ich jetzt die Zeit, so mit mir selbst zu plaudern? Freund, mit dem Eh'kontrakt ist's nicht galant zu zaudern. Die erste Liebe traut der Schwüre leichtem Eis; Doch bei dem zweiten Mal will man's gleich schwarz auf weiß, Ein schriftlich Instrument! Man kann's ja nicht verdenken. Warum nicht Sicherheit, will man ein Herz verschenken, Wenn man's beim Geld verlangt? Ach du gerechter Gott! Die Herzen machen ja noch oft genug bankrott. Drum will ein weiser Mann unangefochten bleiben, Er läßt die Zärtlichkeit sich im Kontrakt verschreiben. In andre Forderung will ich mich nicht verwickeln; Doch Zärtlichkeit gehört zu meinen Hauptartikeln. (Er geht in die Tür rechts ab.) Zweiter Auftritt Der Sohn (kommt durch die Haupttür). Sohn. Pack meine Sachen aus, Johann! Auf Numro achte! (Er wirft den Mantel ab.) Ich bin noch früher hier, als ich mir selber dachte; Mein Vater trifft gewiß erst morgen abends ein. Wie er mich finden wird? Er wird betroffen sein! Ich bin passabel hübsch; das kann mir niemand nehmen; Bin immer gut gelaunt; er braucht sich nicht zu schämen; Und kurz, der Herr Papa legt Ehre mit mir ein; Das wird ihm angenehm, mir nicht zuwider sein. Doch etwas Wichtigers hab' ich mit ihm zu reden. Wie will ich heute nun die langen Stunden töten? Was fang' ich Ärmster an in dieser kleinen Stadt, Die weder Kaffeehaus noch ein Theater hat? Wär' nur ein schönes Kind wo irgend aufgetrieben, Aus Langerweile wollt' ich mich sogleich verlieben. Wer weiß, ob der Papa nicht schon für mich gewählt? Dann sind die Stunden meiner Freiheit doch gezählt, Und hohe Not ist es, wenn ich es recht bedenke, Daß ich mein Herz vorher ein paarmal noch verschenke, Eh' es der Herr Papa macht seines Amts getan. Ein armes Männerherz gleicht einem Kraftroman. Wie ist man erst gespannt, wenn er ganz neu erschienen! Man reißt und zankt sich drum in Lesemagazinen. Doch diese Wut ist kurz; bald läßt der Eifer nach, Und müßig steht er da. Das währt wohl Jahr und Tag; Dann fällt's wohl einem ein, das alte Werk zu lesen; Er hört erstaunt, es sei so intressant gewesen; Drum ist nicht selten noch die Freude herzlich groß, Wird man das Ding zuletzt bei Käseweibern los. Für alle Zeiten bleibt's ein ausgemachter Satz: Ein Schatz im Kasten ist kein eigentlicher Schatz; Man muß sein Exemplar viel tausend Mal verborgen, Und für das übrige läßt man den Himmel sorgen. (Man hört im Zimmer links folgendes Lied zum Pianoforte singen:) Mutig durch die Lust des Lebens, Mutig durch des Lebens Qual! Deine Sehnsucht ist vergebens Nach dem höhern Ideal. Gern gehorsam jedem Triebe, Trotz allein der Leidenschaft! Selbst nicht die Gewalt der Liebe Zügle deine freie Kraft! Vorwärts zu dem neuen Glücke Durch der Tage bunte Reihn! Greife kühn zum Augenblicke! Nur die Gegenwart ist dein. Sohn (während des Gesanges) . Was hör' ich? Welch ein Ton! welch liebliches Organ! Die Stimme klingt so voll ans volle Herz heran! Mit welcher Leichtigkeit vermählt sich Wort und Klang! Ein wahrer Ohrenschmaus! Das nenn' ich doch Gesang! Das Lied gefällt mir wohl: der wahre Weg zum Glücke Ist kühn; das Leben folgt dem raschen Augenblicke. Wer nach der Zukunft hascht, der kann nicht glücklich sein, Und freudig ruf' ich's nach: »Die Gegenwart ist mein!« Wer wohl die Sängrin ist? Aus welchem schönen Munde Die süße Stimme spricht? Ich bin zur guten Stunde Hier angelangt: bei Gott! ich seh' es deutlich kommen, Es wird in kurzer Frist ein Herz mit Sturm genommen. Könnt' ich das Himmelskind von Angesicht nur sehn! Da ist das Schlüsselloch. Gewiß, so muß es gehn. Solch Augenkonterband' sind Amors schönste Rechte. Daß ich nur ungestört ein wenig lauschen möchte! (Er will durchs Schlüsselloch sehen.) Dritter Auftritt Der Vater (kommt aus dem Kabinette rechts). Der Sohn . Sohn. Verdammt! es kommt jemand. (Er zieht sich von der Tür zurück; doch behält er sie immer im Auge.) Vater (beiseite) .                 Ich hörte laut hier sprechen. Was mag's gewesen sein? Sohn (beiseite) .                 Den Hals möcht' ich ihm brechen! Vater (beiseite) . Sieh doch, ein junger Mann! Er blickt mich finster an, Als hätt' ich wirklich ihm was Böses angetan. Sohn (beiseite) . In diesem schlimmen Fall erlaub' ich jede Waffen; Denn mir liegt alles dran, ihn aus dem Weg zu schaffen. Wie fang' ich's an? Vater (beiseite) .                 Er sieht mir sehr verdächtig aus. Was er im Saale will, ich hätt' es gern heraus! Wie? hab' ich recht gesehn? Er schielt nach jener Türe. Sohn (beiseite) . Ob er am Ende geht, wenn ich ihn recht fixiere? Probieren könnte man's. (Pause, in welcher der Sohn den Vater scharf ansieht.) Vater (laut) .                 Was sehn Sie mich so an? Sohn. Es ist nun meine Art, und keinem liegt daran. Vater (beiseite) . Das ist ein Grobian, ein wahrer Eisenfresser! Ich werde höflich sein; vielleicht gelingt mir's besser. (Laut) Es soll mich herzlich freun, wenn ich Sie intressiere. Sohn. Mich intressiert nur eins. Vater.                 Dies eins ist? Sohn.                                 Eine Türe. Vater. Recht wunderbar! (Beiseite.) Verdammt! der Mensch gefällt mir schlecht. Sohn (beiseite) . Was er nur überlegt? Vater (laut) .                 Sie sind gewiß nicht recht? Berichten könnt' ich Sie. Sohn.                 Ich bin recht sehr verbunden. Vater. Sie suchen sicherlich...? Sohn.                 Gesucht – und schon gefunden. Vater (beiseite) . Gefunden? Ei, verwünscht! (Laut.) So sind Sie schon bekannt? Und wünschen nur...? Sohn.                 Ganz recht! (beiseite.) – dich selbst ins Pfefferland! Vater. Was wäre denn Ihr Wunsch? und könnt' es mir gelingen –? Sohn. Das glaub' ich gern. – Ich will's in eine Fabel bringen. (Beiseite.) Vielleicht behorcht sie uns und weiß dann, was ich meine. Vater. Ich bin ganz Ohr. Sohn (sehr laut und manchmal der Türe zugewandt).         Wohlan! Ich saß im Buchenhaine – Der Abend war recht schön –, als mir ein Zauberklang Von unbekanntem Mund zum tiefen Herzen drang. Es war ein Himmelston, ja, ganz Gefühl, ganz Seele, Und unverkennbar blieb das Lied der Philomele. Vater (beiseite) . Wie er das Wort betont! Und er erzählt so laut, Als hätt' ich kein Gehör. Gält' es wohl meiner Braut? Sohn (beiseite) . Gewiß, er merkt den Spaß! (Laut.) Ich war ganz wonnetrunken Und in den schönsten Traum des schönsten Glücks versunken; Da kam ein alter Spatz zum Unglück mir dazwischen, Fing an, nach seiner Art zu pfeifen und zu zischen. Vater. Ein alter Spatz? So, so! (Beiseite.) Verdammt! das geht auf mich. Sohn. Wenn sonst ein Sperling singt, so ist's mir lächerlich; Nur jetzt verwünscht' ich ihn. Die süßen Töne schweigen; Vergebens such' ich auch den Sperling zu verscheuchen. Die Nachtigall singt wohl, fliegt nur der Spatz zurück; Doch unbekümmert pfeift er sein Trompeterstück. O, du verdammter Spatz! – Hier ist die Fabel aus. Man suche die Moral sich gütig selbst heraus! Vater. Für das Geschichtchen bin ich Ihnen sehr verbunden. Ich denke auch, daß ich den rechten Sinn gefunden. (Beiseite.) Er meint doch meine Braut. Das wär' ein dummer Streich! Ich hole den Kontrakt; sie unterschreibt sogleich; Dann ist sie mir gewiß; ich kann mit Ruhe schweigen. Sohn. Sie sind nun wohl so gut, den Sperling zu verscheuchen? Vater. Mit Freuden, junger Herr! Doch noch ein Wort zuvor: Ergötzt die Nachtigall mit süßem Lied Ihr Ohr, So rat' ich Ihnen, sich beizeiten zu bequemen, Des Spatzen Pfeiferlied mit in den Kauf zu nehmen; Die Hoffnung wär' umsonst und nur auf Sand gebaut; Denn Philomele wird des alten Sperlings Braut. (Er geht in die Tür rechts ab.) Vierter Auftritt. Der Sohn (allein) . Des alten Sperlings Braut? – Der Spaß wär' ohnegleichen! Er denkt in seinem Sinn, ich soll die Segel streichen? Doch prosit, bester Herr! das taugt in meinen Plan! Erwünschtes Ungefähr! vortrefflicher Roman! Drum war er so erzürnt auf meine schöne Fabel. O, wunderbares Glück! der Streich ist admirabel. Und käm' ein ganzes Heer von Sperlingen dazwischen, Jetzt hab' ich erst recht Lust, die Schöne wegzufischen. Doch bin ich nicht ein Tor? Ich schlage mich herum Und weiß am Ende ja nicht eigentlich, warum. Vorher muß ich sie sehn; das wird man billig finden; Und ist sie schön, so kann ein Blick mein Herz entzünden. Wie aber muß sie sein, wenn sie mich fesseln soll? Ich will kein Ideal; der Wunsch wär' gar zu toll. Doch soll ein Mädchen mich mit Liebesglut entzücken, Drei Dinge müssen sich vereinen, sie zu schmücken. Zuerst ein kleiner Fuß. Seh' ich ein Mädchen gehn, So wird vor allem nur auf ihren Fuß gesehn, Und ist der nett und klein und zierlich ausgeschmückt, So folg' ich ihr gewiß und bin schon halb entzückt. Sodann ein schöner Arm. Er darf durchaus nicht fehlen, Soll ich das Mädchen mir zu meiner Gattin wählen; Denn wen ein solcher Arm, wenn er Guitarre spielt, Nicht schnell begeistern kann, der hat noch nie gefühlt. Das dritte, was ich will, ist's Wichtigste von allen; Denn ohne dies kann mir nicht Fuß, nicht Arm gefallen; Ein schönes Auge bleibt der Reize höchstes Glück, Und Venus ist nicht schön mit einem matten Blick. Also ein kleiner Fuß, ein seelenvolles Auge, Ein schön geformter Arm ist alles, was ich brauche, Und wenn dies Kleeblatt sich in Philomelen eint, So setz' ich alles dran, bis mir das Glück erscheint. Jetzt kann ich ungestört das Feld rekognoszieren; Den Posten nehm' ich ein, will keine Zeit verlieren. (Er sieht durchs Schlüsselloch.) Sie ist allein und schreibt, den Rücken zugewandt. Wie ist's mit Numro eins ? Der Fuß ist ganz scharmant, Und jeder Tadel schweigt. Er ist so zierlich klein; Bei Amors ganzer Macht, er kann nicht schöner sein! Und Numro zwei ? der Arm? Er scheint so voll geründet, Er hebt sich graziös, wie man nur wen'ge findet. Nun fehlt noch Numro drei ; das andre wär' geprüft; Doch sieht sie sich nicht um und scheint mir sehr vertieft. Wie wär's? Ich poche an; sie wird das Köpfchen drehen; Dann kann ich ihr ja leicht ins liebe Antlitz sehen; Und ist das Auge schön – und könnt' es anders sein? – So setz' ich alles dran. – Ich poche. (Er tut es.) Eine weibliche Stimme (im Kabinett) .                 Nur herein! Sohn. Welch wunderschöner Blick! Ein ganzer Himmel tagt In diesem Augenglanz. Nun sei der Sturm gewagt! (Er eilt in das Kabinett links ab.) Fünfter Auftritt. Der Vater (durch die Türe rechts). Vater (allein) . Das Feld ist leer; der Feind hat sich zurückgezogen. Vorüber ist die Furcht; ich atme wieder frei. Der Augenblick ist da, die Stunde mir gewogen. Wer weiß, bleibt mir das Glück noch lange so getreu? Der unverschämte Mensch mit Fabel und Moral Stand unbeweglich da zu meiner größten Qual. Mit einem alten Spatz mich höhnisch zu vergleichen! Wie brachte mich das auf! Und dennoch mußt' ich schweigen; Denn hätt' er meinem Ton den Ärger angemerkt, Der freche Übermut wär' nur dadurch gestärkt. Ja, unsre jungen Herrn! Man muß die Achsel zucken; Sie haben nichts zu tun als andern abzugucken, Wo ihre Perle liegt. Solch windiger Patron Träumt sich, wenn er nur kommt und sieht, da siegt er schon. Er prahlt mit Gunst und Glück, das er doch nie genossen, Schimpft Treue, Redlichkeit und Tugend Kinderpossen. Denn keine Tugend gibt's, so räsonniert der Held, Die, wenn der Rechte kommt, nicht wie die andern fällt, Und keine Treue gibt's für engverschlungne Hände, Die ihren Preis nicht hat, um den sie brechen könnte. Vortreffliches System! War's doch zu meiner Zeit Mit der Philosophie noch lange nicht so weit. Begreifen sie es denn, wie ein gesetzter Mann Für junge Mädchen noch Intresse haben kann? Soll nur ein Milchbart sich mit Siegeszeichen schmücken? Liegt etwas Tiefres nicht in ernster Männer Blicken? Wohl zum Verlieben ist ein solcher Fant genug; Doch Ehestand will Ernst: das ist ein alter Spruch. Mein Sohn ist sicherlich nicht frei von dummen Streichen; Doch solchen Gecken wird er ganz gewiß nicht gleichen; Das liegt in seinem Blut. Wenn auch der Apfel bricht Und weit vom Stamme fällt, vom Stammbaum fällt er nicht. Er könnte, würd' er sich an alles auch gewöhnen, Doch keinen Mann wie ich mit Sperlingstiteln höhnen. Er und der Fabelmann! Wie das mein Herz erfreut! Der Unterschied ist groß! Nur groß? nein, himmelweit! Da komm' ich willenlos schon wieder in das Schwatzen; Am Ende glaub' ich selbst die Fabel von dem Spatzen. Der schöne Augenblick ist mir vielleicht entflohn; Ich soll zu meiner Braut – und denk' an meinen Sohn! Ich kann recht albern sein! Wenn es das Fräulein wüßte, Ich frage, ob ich nicht vor ihr erröten müßte. Ein schöner Bräutigam! Drum jetzt nur schnell hinein! Man spricht im Kabinett. Sie ist nicht ganz allein. Fataler Streich! Doch still! ich höre heftig sprechen. Sie scheint mir sehr erzürnt. Wer mag sich doch erfrechen –? (Er sieht durch das Schlüsselloch.) Wie? was? der Fabelmann? – O, treuvergessne Braut! Ich alter Praktikus hab' einem Weib getraut! Er ist ganz außer sich; er sinkt zu ihren Füßen. Zwar, seh' ich recht, darf ich nach ihren Mienen schließen, So teilt sie keine Schuld. Sie wendet stolz sich weg, Und ihre Blicke sind so streng wie seine frech. Beleidigt springt er auf. Sie aber bleibt gelassen. O, unvergleichlich Weib, in Gold soll man dich fassen! Er rast – sie lacht; – er droht – still weist sie nach der Tür. Der Fabelmann zieht ab! – und ich, ich triumphier'! Sechster Auftritt. Der Vater und der Sohn (aus dem Kabinette). Sohn (für sich) . Verdammt! Der Sturm mißlang, und ich bin abgeschlagen. Doch warum ärgr' ich mich? Wer wird nach so was fragen, Wenn man erobern will? Ei nun, man siegt nicht gleich, Und eine Eiche fällt nicht auf den ersten Streich. Vater. Ich find' es nicht galant, Vortrefflichster, mit Eichen Und Stämmen andrer Art ein Mädchen zu vergleichen. Viel glücklicher doch wär's, mein bester Herr Rival, Sie sagten: Rosen bricht kein Zephir auf einmal. Sohn (beiseite) . Sieh da, der alte Spatz, der will noch witzig sein! Ich glaube gar, der lacht? Das soll er mir bereun! (Laut.) Der Zephir bräche wohl die Rose ebenfalls; Doch ich bedarf des Sturms für meines Gegners Hals. Vater . Ei, ei, der arme Mann! Und doch verdient er Lob, Da er solch wackern Herrn keck aus dem Sattel hob. Sohn. Ja, wohl verdient er das; doch lern' ich ihn erst kennen, Will ich beim nächsten Gang ihn auch zu Boden rennen. Vater. Ei, das verbiet' er sich! Ich will es nur gestehn: Er hat das hohe Glück, vor dem Rival zu stehn. Sohn. Wie? Sie? Vater.                 Ja, ich! Sohn.                                 Sie selbst? Vater.                                                 Nun, ist's etwa nicht möglich? Sohn. Das wär' der größte Spaß! Ich gratuliere höchlich. Vater. Mein Herr! ich frage Sie, was ist denn da zu lachen? Was soll der spött'sche Blick und das Gesichtermachen? Sohn. Teilnahm' an Ihrem Glück. Wenn ich recht fröhlich bin, So recht aus voller Brust, muß ich Gesichter ziehn. Vater. Ich frage Sie im Ernst, bin nicht gelaunt zum Spaße: Was geht mein Glück Sie an? Was rümpfen Sie die Nase? Sohn. Sie fragen mich im Ernst? Vater.                 Zum Teufel, ja! Sohn.                                 Recht schön! Sie wollen wieder Ernst; Ihr Wille soll geschehn! Daß ich aufrichtig bin, davon gab ich schon Proben. Vater. Ja, was zu loben ist, muß man am Feind auch loben. Sohn. Zur Fabel von dem Spatz und von der Nachtigall Geh' ich zurück, und Sie verstehn's auf jeden Fall. Die Kunst belohnt sich schlecht in unsern kargen Tagen; Noch immer bleibt der Geist gefesselt an den Magen: Und Philomele hat, verloren im Gesang, Des Irdischen nicht acht; es fehlt ihr Speis' und Trank; Und darum schweigt sie wohl. Da kommt der Spatz geflogen; Der alte Sperling ist der Nachtigall gewogen Und bietet ihr sein Nest voll reicher Beute an, Wenn sie aus Dankbarkeit ihn treulich lieben kann. Drauf sinnt Frau Nachtigall im Busch gedankenvoll, Ob sie den alten Spatz zum Gatten nehmen soll. Zuletzt, von Hunger matt, trägt sie die Göttergabe Des wonnevollen Lieds mit Tränen still zu Grabe; Das rauhe Leben siegt; die Sängerin verläßt Den freien Buchenwald und fliegt ins Sperlingsnest. Der Töne voller Lust, kann sie sie je vergessen? Der Sperling gibt ihr ja nichts weiter als – zu essen. Drum, Sperling, merke dir! du bist kaum aus dem Haus, Bricht die verhaltne Lust in vollen Tönen aus. Denn keine Seele läßt durch eitle Konvenienzen Der Liebe großes Reich im Herzen sich begrenzen. Verstanden Sie mich wohl? Vater.                 Ich danke in der Tat Für ihren langen Spruch und für den guten Rat. Mag man auch immerhin den Sperling nur verhöhnen, Die Nachtigall wird sich an seinen Ton gewöhnen; Die Sehnsucht nach Gesang kann ja nicht ewig sein, Und fängt sie an, der Spatz wird schon dazwischen schrein. So gut ist übrigens der Sperling in der Fabel Als manches andre Tier mit einem gelben Schnabel. Sohn. Herr! Vater.         Stille! Noch muß ich ein Wort im Ernste sprechen. Ich war auch einmal jung, und auf ein Hälsebrechen Kam mir's durchaus nicht an. Jetzt bin ich's nicht gewohnt; Doch hab' ich einen Sohn, mit dem's der Mühe lohnt. Sie haben nicht allein mich selbst sehr keck beleidigt. Auch werde meine Braut vor jedem Schimpf verteidigt! Der Himmel weiß, daß ich ungern dies Mittel nahm. Das sei mein letztes Wort auf Ihren Fabelkram. Sohn. Sie kamen mir zuvor. Ein Spaß war meine Fabel; Doch ich verstand den Ernst: – ein Tier mit gelbem Schnabel! – Impertinentes Wort! Kaum kenn' ich mich vor Wut! Schnell Herr! wo ist Ihr Sohn? Bei Gott! das fordert Blut. Vater. Er kommt erst morgen an; dann soll er Ihnen zeigen, Daß Männer unsrer Art nicht solchen Gecken weichen. Sohn. Herr, reizen Sie mich nicht, daß ich mich nicht vergesse! Ich hab' nicht Rast noch Ruh', bis ich mit ihm mich messe. Vater. Nur nicht so arg geprahlt! Sie werden es bereun. Sohn. Der erste ist er nicht, wird nicht der letzte sein. Ich kenne ja das Volk, die weltbekannte Rasse: Das tobt und renommiert auf jeder weiten Gasse; Doch kommt's auf einen Platz, wo es nicht weichen kann, Ist's mäuschenstill. Nicht wahr, ich kenne meinen Mann? Vater. Herr! Achtung für den Sohn, der mehr als Sie gewagt Und fünfzehn Ihrer Art leicht durch ein Knopfloch jagt. Sohn. Führt er den Degen wie der Vater seine Zunge, So hab' ich viel Respekt; dann ist's ein derber Junge. Doch glauben Sie mir, wenn er auch unsterblich wäre, Ich mach' in einem Tag dem meinigen mehr Ehre, Als für die ganze Zeit er seinem Vater macht! Vater. Die Frechheit geht zu weit! Das hätt' ich nicht gedacht! Ihr armer Vater! Ja, solch einen Sohn zu haben, Das ist das größte Kreuz! Eh'r ließ ich mich begraben. Doch ich bin überzeugt, er sieht es gar nicht ein, Und wie das Söhnchen ist, so wird der Vater sein. Sohn. Herr, ich vergesse mich, wenn ich das wieder höre! Mein Vater ist ein Mann von unbefleckter Ehre. Es bleibt nicht ungestraft, spricht man dem Edlen Hohn. Denn brav, beim ew'gen Gott! wie er, ist auch sein Sohn. Doch Zungenfechterei ist mir im Tod zuwider, Und gern darin besiegt, leg' ich die Waffen nieder. Sobald Ihr Sohn erscheint, bestimme man die Zeit! Denn jeden Augenblick bin ich dazu bereit. Es kocht das wilde Blut; ich kann es kaum erwarten, Und käm' er jetzt schon an, man trifft mich in dem Garten. Vater. Sobald er angelangt, soll er zum Kampfe gehn; Bis dahin nur Geduld! Sohn.                 Auf blut'ges Wiedersehn! (Er geht durch die Haupttüre ab.) Siebenter Auftritt. Der Vater (allein) . Wie bin ich echauffiert! Wer könnte sich auch fassen? Da bleib' ein andrer kalt! Man sieht mir's sicher an; Ich kann mich vor der Braut jetzt gar nicht sehen lassen, Ob ich auch, was ich tat, allein für sie getan. Sobald ich mich erholt, mach' ich sogleich Visite Und bring' ihr den Kontrakt mit still bescheidner Bitte. Vielleicht hat sie's gehört; dann lohnt ein einz'ger Blick Von ihr den ganzen Streit mit süßem Liebesglück. Mein Sohn – ja apropos, was wird der Fritz nun sagen, Muß er, kaum angelangt, für den Papa sich schlagen? Zwar ist's ihm Kleinigkeit; denn wie mein Freund geschrieben, Hat er zwei Jahre lang nichts emsiger getrieben Und so den Ruhm erlangt, daß er im vierten Jahr Auf der Akademie der beste Schläger war. Ich habe sonst das Geld für's Fechten oft verschworen; Doch seh' ich's deutlich ein, es war nicht ganz verloren, Und er bezahlt es mir auf einem Brett zurück. Mit Freuden denk' ich selbst an jener Tage Glück, Voll frischem Lebensmut und freudigem Gelingen, Wo mir es Freude war, den blanken Stahl zu schwingen. Zwar endlich still davon! Es wird bei mir zur Klarheit: Die Fabel von dem Spatz war nicht ganz ohne Wahrheit. Ja, ja, das merk' ich wohl und will es gern gestehn; Ich überlege nur, wie da sich vorzusehn. Ich werde den Kontrakt noch etwas ändern müssen, Damit ich sichrer bin; doch wie? das möcht' ich wissen. So jung, so hübsch! Ja, ja, es ist wohl viel gewagt! Ich hör' noch seinen Spruch. Wie hat er doch gesagt? Ja! – keine Seele läßt durch eitle Konvenienzen Der Liebe großes Reich in ihrer Brust begrenzen. Der Mann hat recht; gewiß, ich seh' es deutlich ein; Am Ende muß ich für die Fabel dankbar sein. Wo Herz mit Herzen nicht allein den Bund geschlossen, Sind alle Schwüre doch nur arme Kinderpossen. Wenn in die volle Brust die Liebe strahlt, da brennt's, Und andre Heirat bleibt nur eitle Konvenienz. (Er geht durch den Hintergrund ab.) Achter Auftritt. Die Bühne verwandelt sich in einen Garten. Der Sohn (allein) . Ich hatte mich erhitzt, war recht in voller Wut; Nun bin ich abgekühlt, und leichter fließt das Blut. Drum kann ich nicht umhin, mich herzlich auszulachen. Das ist mehr als zu viel! das nenn' ich Streiche machen! Erst wollt' ich voll Verdruß mir gar den Kopf zerbrechen. »Was fang' ich,« fragt' ich mich, »den ganzen Tag nur an?« Doch kurz darauf soll ich mich schießen, haun und stechen Und spiele obendrein den herrlichsten Roman. Denn immer geb' ich noch die Hoffnung nicht verloren; Ich bin ja außerdem nicht ohne Glück geboren. Mein Vater wird sich freun, wenn er die Streiche hört. Man sagte mir, daß er nie ein Vergnügen stört; Er ist sogar ein Freund von solchen lust'gen Streichen, Und was das anbetrifft, da such' ich meinesgleichen. Er soll zufrieden sein; an seinem eignen Sohn Wird für die Toleranz ihm ein gewünschter Lohn. Ich bin doch recht gespannt auf meines Gegners Miene. Wie der sich wundern wird! Wenn er nur bald erschiene! Treff' ich das Bübchen, nun, es soll erbärmlich schrein! Ich weiß es schon, es wird ein Muttersöhnchen sein. Mich ennuyiert der Spaß mit solchen armen Mücken; Doch will ich ihn geflickt dem Vater wiederschicken, Damit sich's der Patron wohl ins Gedächtnis schreibt, Daß von dem Grafen Holm nichts ungerochen bleibt. Neunter Auftritt. Der Sohn, der Vater (mit einem Briefe in der Hand). Vater. Da ist er ja! – Mein Herr, ich hab' es erst vernommen, Mein Sohn ist unverhofft schon heute angekommen; Er soll im Garten sein; ich selbst sah ihn noch nicht; Doch schick' ich Leute aus, und er kennt seine Pflicht. Sohn. Mir ist es angenehm, die Sache zu beenden, Eh' noch mein Vater kommt. Ich muß nach Hause senden. Sie sehen, Herr, es fehlt noch jede Waffe mir; Doch braucht das kurze Zeit. Gleich bin ich wieder hier. (Will gehen.) Vater. Noch eins, mein Herr! Mir ist dies Briefchen zugekommen. Es hat mein Fräulein Braut den eignen Weg genommen, Um mir zu zeigen, daß auch nichts sie intressiere, Was mir noch unbekannt. Die Aufschrift ist die Ihre. Sie schickte mir den Brief. (Die Adresse lesend.) »Herrn Woldemar von Stein.« Ich denke wenigstens, das werden Sie wohl sein? Sohn. Mir ist das böse Glück nicht so voll Gunst geblieben, Daß eine solche Hand den Brief an mich geschrieben. Vater. Sie heißen nicht »von Stein«? Sohn.                 Ich habe nicht das Glück. Vater. Der Brief ist nicht an Sie? Sohn.                 Hier geb' ich ihn zurück. Vater. Und doch schickt sie ihn mir. Was hat das zu bedeuten? Was geht der Brief mich an? Sohn.                 Herr, Sie sind zu beneiden! Ihr Glaube steht so fest, Sie ahnen keinen Fall. Mir deucht, das ist ein Lied von der Frau Nachtigall. Der Brief ist sicherlich in falsche Hand gegeben. Doch brechen Sie ihn auf! Das wird den Zweifel heben. Vater (beiseite) . Wenn's möglich wär'! Bei Gott! Warum könnt' es nicht sein? Was hat das Fräulein Braut mit diesem Herrn von Stein? Ich sah das Mädchen, das den Brief mir gab, erschrecken, Sobald sie mich erblickt, und etwas schnell verstecken. Sohn. Sie überlegen, da Sie einem Weib getraut? Vater. Um jeden Zweifel an die Treue meiner Braut Zu unterdrücken, wohl! so will ich ihn erbrechen. Doch soll mein wackrer Sohn den Zweifel blutig rächen. Den Inhalt ahn' ich schon; Geschäfte werden's sein; Sie hat ein Kapital bei diesem Herrn von Stein. Sohn. Ein Kapital? Ei, ei! Vater.                 Es soll sogleich sich weisen. (Beiseite.) O, Liebe, laß mich nicht in saure Äpfel beißen! (Er erbricht den Brief und liest:) (Laut.) »Mein teurer Woldemar!« Sohn.                 Das fängt erbaulich an. Vater (beiseite) . Verdammt! Sohn.                 Nur weiter! Da ist nichts Verdächt'ges dran. Vater (liest) . »Graf Holm, der eitle Geck –« Sohn.                 Aha! das geht auf mich. Vater. Wie, ich ein eitler Geck? Was untersteht sie sich? Sohn. Ei, warum seh' ich Sie so in die Wut geraten? Daß Ihre Braut mich meint, kann Ihnen wenig schaden. Vater. Wie, Herr! Was denken Sie? Der eitle Geck bin ich. Sohn. Unmöglich; ich bin's. Vater.                 Nein! der Titel geht auf mich. Sohn. Nun, schreibt sie nicht Graf Holm? Vater (für sich) .                 Ach, daß ich leugnen müßte! Graf Holm, ja, ja, Graf Holm! Sohn.                 Was mehr? Wenn ich nur wüßte, Wie Sie das ärgern kann? Vater.                 Sie sollten sich doch schämen! Mir gilt der eitle Geck, das lass' ich mir nicht nehmen. Sohn. Sie sind Graf Holm? Vater.                 Nun ja! Sohn.                                 Das ist, um toll zu werden! Vater. Nun, Herr, was lachen Sie? Was sollen die Gebärden? Sohn. Der junge Graf also – er traf soeben ein – Das ist Ihr Sohn? Vater.                 Ja, ja! Was soll denn mit ihm sein? Sohn. Und mit dem nämlichen soll ich mich duellieren? Vater. Zum Teufel, ja! Sohn.                 Da muß man den Verstand verlieren. Vater. Herr! sind Sie etwa toll? Sohn.                 Das kann ich selbst nicht sagen; Doch werd' ich mich, Herr Graf, mit Ihrem Sohn nicht schlagen. Vater. Sie müssen! Sohn.                 Nimmermehr! Vater.                                 Was hat man gegen ihn? Sohn. Mein einz'ger Grund ist der, weil ich es selber bin. Vater. Wie? Sie mein Sohn? Sohn.                 Darf er in Ihre Arme fliegen? Die Stimme der Natur hat lange zwar geschwiegen; Doch jetzo schweigt sie nicht. Vater.                 Ja, ich erkenne dich! Sohn. Mein teurer Vater! Vater.                 Komm, mein Sohn! Umarme mich! Wir haben beide zwar uns seltsam kennen lernen; Doch soll der frühe Streit die Herzen nicht entfernen, Und hast du mir den Text auch noch so sehr gelesen: Durch dich bin ich befreit; es ist mein Glück gewesen. Sohn. Mein Vater, Sie verzeihn? Vater.                 Von Herzen, lieber Sohn! Sohn. Ich war ein bißchen derb. Vater.                 Recht derb! Doch still davon! Sohn. So brauch' ich also nicht mich mit mir selbst zu schlagen? Vater. Ich gebe den Befehl, dich friedlich zu vertragen. Sohn. Und Ihre Fräulein Braut? Vater (zerreißt den Brief) .                 Von ihr weiß ich genug, Und ich verachte sie! Du merke dir den Spruch: – Dein eigner Vater hat das Beispiel dir gegeben; Magst du den Schleier nie so spät wie ich erheben! – Die Liebe winkt allein dir in der Jugend Lenz; Ein andres Bündnis bleibt bloß eitle Konvenienz; Nur wo die Liebe blüht, da reift die wahre Treue; Sonst schließt der kurze Traum mit einer langen Reue. (Der Vorhang fällt.)