Georg Ebers Eine ägyptische Königstochter Herrn Richard Lepsius ordentlichem Professor, Doctor \&c. widmet auch diese achte Auflage seines Werkes in immer gleicher Verehrung                       der Verfasser Vorrede zur zweiten Auflage. Aut prodesse volunt aut delectare poëtae, Aut simul et jucunda et idonea dicere vitae.         Horat. De arte poetica v. 333. Seit dem ersten Erscheinen dieses Buches sind vier Jahre vergangen. Nun sich die zweite Auflage desselben in die Welt zu gehen anschickt, liegt es mir ob, ihr einige begleitende Worte mit auf den Weg zu geben. Daß ich mich bemüht habe, den folgenden Blättern den Namen einer »verbesserten Ausgabe« zu erwerben, bedarf kaum einer Versicherung. Der Autor steht ja seinem Werke gegenüber in einem väterlichen Verhältnisse, und welcher Vater wäre nicht bestrebt, sein Kind, selbst wenn er es schon zu wiederholten Malen auf Reisen schickte, sobald es sich zu einem neuen, gefahrvollen Wege rüstet, mit allem Guten auszustatten, das ihm zu Gebote steht, und es von allen Fehlern zu befreien, die ihm in den Augen der Menschen schaden könnten? So erscheint nur die Versicherung überflüssig, daß ich auf die Verbesserung des Textes der ersten Auflage meiner Königstochter alle mögliche Sorgfalt wiederholt verwendet habe; ich halte es aber doch für gerathen, in der Kürze anzudeuten, wo und wie ich eine bessernde Hand an die erste Auflage meines Buches legen zu müssen glaubte. Die Anmerkungen sind revidirt, geändert und mit Allem bereichert worden, was sich von dem seit 1864 durch die Altertumswissenschaft (namentlich auf dem Gebiete der altägyptischen Sprach- und Denkmälerkunde) neu Erforschten auf dem mir gewährten knappen Raume, auch für den Laien verständlich, darstellen ließ. An die Veränderung des Textes bin ich nur mit vorsichtiger, ja beinahe schüchterner Hand gegangen, denn in vier Jahren einer angestrengten Thätigkeit als akademischer Lehrer, als Forscher und Schriftsteller auf rein gelehrten, das freie Walten der schöpferischen Phantasie ausschließenden Gebieten, büßt die dichterische Seite in uns so viel ein, als die kritische gewinnt. Mit einer gänzlichen Umarbeitung meiner Erzählung mußte ich sie aus dem Gebiete der heitern Kunst herauszudrängen fürchten, dem sie doch entschieden angehören soll. So habe ich mich denn mit einer sorgfältigen Ausfeilung des Stiles, der Tilgung von Längen, die das Interesse weniger wißbegieriger Leser zu beeinträchtigen drohten, mit einigen dem Verständnisse oder der Charakteristik förderlichen Einfügungen und der Aenderung der Eigennamen begnügt. Diese letzteren gebe ich statt in der griechischen, in der lateinischen Form, denn mehr als eine meiner schönen Leserinnen hat mich versichert, daß sie Ibykus und Cyrus als bekannte Namen begrüßen würde, während die »Ibykos« und »Kyros« der ersten Auflage ihr fremd, gelehrt, und deßwegen abschreckend erschienen. Das k habe ich dem c überall vorgezogen, wo dem römischen c der Werth des deutschen k zukommt. Bei den ägyptischen und den durch die Keilschrift bekannt gewordenen Namen habe ich die unsrer Sprechweise angemessensten Formen gewählt. Solche Definitionen, die für das Verständniß des Textes unerläßlich erschienen (es sind deren wenige), stehen in der zweiten Auflage, statt in den schwerer zugänglichen Anmerkungen, unter dem Texte. Noch weniger wie damals, wo ich mit diesem Werke zum ersten Male in die Oeffentlichkeit trat, kann ich mir jetzt verhehlen, daß es eine große Zahl von zünftigen Gelehrten gibt, die es einem Jünger der Wissenschaft übel deuten, wenn er die Errungenschaften ernster Studien in ein von der Phantasie gewebtes Gewand kleidet. In einigen Stücken geb' ich ihnen Recht; daß es aber doch freundlich aufgenommen wird, wenn ein Gelehrter es einmal, sich selbst und anderen zur Lust, nicht verschmäht, die Resultate seiner Forschungen einer möglichst großen Anzahl von Gebildeten in der das allgemeine Interesse am meisten ansprechenden Form zugänglich zu machen, das beweist schon der schnelle Absatz der ersten starken Auflage dieses Buches. Jedenfalls gibt es wenige bessere Mittel, in weiten Kreisen belehrend und anregend zu wirken, als das von mir erwählte. Wer ein gelehrtes Werk zur Hand nimmt, der hat eben schon ein ausgesprochenes Interesse an der Wissenschaft, aber leicht kann es geschehen, daß Jemand, der in diesen Blättern nur Unterhaltung sucht, wenn er sie aus der Hand legt, angeregt durch das Gelesene, nach einem gelehrten Werke greift, vielleicht sogar für das Studium des Alterthums gewonnen ist. Bei den spärlichen Nachrichten, die wir über das häusliche Leben der Griechen und Iranier vor den Perserkriegen besitzen (von den Aegyptern wissen wir mehr), könnte übrigens auch der streng gelehrte Darsteller eines Privatlebens der Kulturvölker des sechsten Jahrhunderts v. Chr. der Mitwirkung solcher Kräfte nicht entrathen, die in das Gebiet der Phantasie gehören. Freilich wäre der letztere im Stande, den Anachronismus durchaus zu vermeiden, dem der Autor eines Werkes, wie das von mir unternommene, an gewissen Stellen rettungslos anheimfällt. Irrthümer äußerer Art lassen sich mit Fleiß und Aufmerksamkeit wohl umgehen, dagegen mochte und durfte ich mich nicht ganz frei machen von den Grundanschauungen der Zeit und des Landes, in denen meine Leser und ich geboren wurden; denn hätte ich rein antike Menschen und Zustände schildern wollen, so würde ich für den modernen Leser theils unverständlich, theils ungenießbar geworden sein und also meinen Zweck von vornherein verfehlt haben. Die handelnden Personen werden demnach zwar Persern, Aegyptern u. s. w. ähnlich sehen können, man wird aber doch ihren Worten mehr noch als ihren Handlungen den deutschen Darsteller, den nicht immer über der Sentimentalität seiner Zeit stehenden Erzähler anmerken müssen, der im 19. Jahrhundert nach der Geburt Jesu Christi geboren wurde, des hohen Lehrers, dessen Wort so mächtig eingriff in die Empfindungswelt und die Denkweise der Menschheit. Die Perser und Griechen, welche ihrer Herkunft nach mit uns verwandt sind, bieten in dieser Beziehung weniger Schwierigkeiten, als die auf ihrer vom Nile der Wüste abgerungenen Fruchtinsel isolirt dastehenden Aegypter. Ich weiß Herrn Professor Lepsius, der mich darauf aufmerksam machte, daß eine ausschließlich auf ägyptischem Boden stehende Kunstdarstellung den Leser ermüden würde, großen Dank. Seinem Winke folgend, habe ich schon in der ersten Auflage meinen dem Herodot entnommenen Stoff so disponirt, daß ich den Leser zunächst, gleichsam einleitend, in einen griechischen Kreis führe, dessen Wesen ihm nicht ganz fremd zu sein pflegt, mit dem er sogar ein wichtiges Gemeinsames besitzt: die Empfindungen im Gebiete des Schönen und der Kunst. Durch diesen hellenischen Vorhof gelangt er vorbereitet nach Aegypten, von dort nach Persien und endlich wieder zum Nile zurück. Er soll sein Interesse gleichmäßig an die genannten Völker vertheilen. Darum ruht die ganze Schwere der Handlung nicht auf einem einzigen Helden; ich bin vielmehr bemüht gewesen, alle drei Nationen durch geeignete Repräsentanten zu individualisiren. Wenn ich meinem Romane trotzdem den Namen der »ägyptischen Königstochter« gegeben habe, so geschah es, weil durch das Schicksal der Nitetis das Wohl und Wehe aller andern handelnden Personen bedingt wird, und diese also als der Mittelpunkt des Ganzen betrachtet werden darf. Bei der Charakteristik des Amasis bin ich der meisterhaften Schilderung des Herodot gefolgt, welche durch das auf einem alten Denkmale gefundene Bild dieses Königs bestätigt wird. Auch die Grundzüge zu meinem Kambyses hab' ich dem Herodot entnommen, wie denn dem ganzen Romane die Mittheilungen dieses großen Historikers, der nur wenige Jahrzehente nach den geschilderten Ereignissen geboren ward, zu Grunde liegen. Dennoch bin ich dem »Vater der Geschichte« nicht blindlings gefolgt, bin namentlich bei der Entwickelung der Charaktere meine eignen von den Grundsätzen der Psychologie vorgezeichneten Wege gewandelt und habe die Resultate der Hieroglyphen und Keilschriftentzifferung überall zu Rathe gezogen. Diese bestätigen freilich vielfach die von dem Halikarnassier aufgezeichneten Mittheilungen. Wenn ich mit Herodot den Bartja erst nach der Eroberung von Aegypten tödten lasse, so geschieht es, weil ich gerade an dieser Stelle nicht mit der gewöhnlichen Uebersetzung der Inschrift von Behistan übereinzustimmen vermag. Es heißt daselbst: »Ein Kambujiya mit Namen, Sohn des Kuru, von unsrer Familie, der war vorher hier König und hatte einen Bruder Bartiya mit Namen, von gleichem Vater und gleicher Mutter mit Kambujiya. Darauf tödtete Kambujiya jenen Bartiya.« Ich kann mich in diesem für das große Publikum bestimmten Buche nicht in sprachliche Erörterungen einlassen, aber selbst der Laie wird es einleuchtend finden, daß das obige »darauf« in diesem Zusammenhange keinen Sinn gibt. Die Inschrift stimmt sonst überall mit dem Berichte des Herodot, und ich glaube auch an dieser Stelle die Relation des Halikarnassiers mit der des Darius in Uebereinstimmung bringen zu können, doch muß ich mir die Begründung für einen anderen Ort aufsparen. Woher Herodot den Namen Smerdes für Bartja und Gaumata genommen, läßt sich nicht nachweisen. Letzteren finden wir bei Justin, wenn auch in verstümmelter Form, wieder. Warum ich den Halikarnassier Phanes zu einem Athener gemacht habe, findet sich angedeutet in der 90. Anmerkung des ersten Bandes. Dieser Zwang, den ich einer verbürgten Thatsache anthue, hätte sich in der ersten Auflage vermeiden lassen, war aber jetzt ohne große Umwälzungen im Texte nicht zu vermeiden. Einer ernsteren Entschuldigung bedürfte die Kombination, durch welche ich versucht habe, Nitetis möglichst jung zu machen; denn es ist, trotz der von Herodot gerühmten Milde des Amasis, ziemlich unwahrscheinlich, daß König Hophra noch zwanzig Jahre nach seinem Sturze gelebt haben sollte. Uebrigens stehen wir auch hier vor keiner Unmöglichkeit, denn es läßt sich nachweisen, daß Amasis die Nachkommen seiner Vorgänger nicht verfolgte. Ein gewisser Psamtik, welcher der gestürzten Dynastie angehörte, lebte wenigstens, wie ich auf einer Stele im leydener Museum gefunden habe, bis in's 17. Jahr der Regierung des Amasis und starb 75 Jahr alt. Endlich sei es mir gestattet, einige Worte über Rhodopis zu sagen. Daß sie ein ganz außergewöhnliches Weib gewesen sein muß, beweisen die in Anmerkung 10 und 14 des ersten Theils angeführten Stellen des Herodot und die Mittheilungen vieler anderer Schriftsteller. Daß sie schön gewesen sei, geht schon aus ihrem Namen hervor, der zu deutsch »Rosenwange« bedeutet. Auch ihre Liebenswürdigkeit wird ausdrücklich von dem Halikarnassier hervorgehoben. In welchem Grade sie mit allen Vorzügen ausgestattet gewesen sein muß, läßt sich am besten daraus entnehmen, daß die Sage und das Märchen bemüht gewesen sind, ihren Namen unsterblich zu machen. Rhodopis soll »wie viele behaupten« die schönste der Pyramiden (die des Mycerinus oder Menkera) erbaut haben; eine Erzählung von ihr, welche Strabo und Aelian bringen, bildet vielleicht die Grundlage zu einem unserer ältesten und schönsten Volksmärchen, dem Aschenbrödel, ja eine Sage von Rhodopis ist nahe verwandt mit unserer Loreleymähre. Nach Aelian raubte ein Adler, nach Strabo der Wind die Schuhe der zu Naukratis im Nile badenden Rhodopis, und legte sie zu Füßen des auf dem Markte Gericht haltenden Königs nieder. Dieser war entzückt über die Zierlichkeit der Sandalen und ruhte nicht eher, bis er die Besitzerin derselben aufgefunden und zu seiner Gemahlin gemacht hatte. Die Sage erzählt, daß auf einer der Pyramiden ein wunderholdes, nacktes Weib throne, das durch seine Schönheit die Wüstenwandrer um den Verstand bringe ( homines insanire faciat ). Ihr Name sei Rhodopis. Th. Moore, welcher diese Sage dem Zoega'schen Werke entlehnt hat, benutzt sie zu folgenden Versen: «Fair Rhodope, as story tells The bright unearthly numph, who dwells 'Mid sunless gold and jewels hid, The lady of the Pyramid.» So fabelhaft all' diese Mittheilungen klingen, so schlagend beweisen sie, daß Rhodopis ein Weib von ganz außergewöhnlicher Art gewesen sein muß. Wenn einige Gelehrte die Thracierin mit der schönen und heldenmüthigen Königin Nitokris gleichsetzen, von der Manetho bei Africanus, Eusebius u. A. redet, und deren Namen sich in der That (er bedeutet »siegreiche Neith«) als der einer der sechsten Dynastie angehörenden Königin auf den Denkmälern wiedergefunden hat, so conjiciren sie zu kühn, geben aber neue Belege für die Bedeutsamkeit unserer Heldin. Zweifelsohne sind die auf die Eine bezüglichen Sagen auf die Andere übertragen worden und umgekehrt. Herodot lebte viel zu kurze Zeit nach ihr und erzählt viel zu genaue und realistische Dinge aus ihrem Privatleben, als daß sie eine bloße Sagengestalt gewesen sein könnte. Das Schreiben des Darius am Ende des dritten Bandes soll die hellenische Rhodopis mit der Pyramidenerbauerin der Sage vermitteln. Ich will hier noch erwähnen, daß die erstere von Sappho »Doricha« genannt wurde. So mag man sie gerufen haben, ehe sie den Beinamen der Rosenwangigen erhielt. Endlich muß ich des Jambenflusses, der sich in der Liebesscene zwischen Sappho und Bartja im ersten und dritten Bande geltend macht, entschuldigend gedenken; auch liegt es mir ob, einige Worte über die Liebesscenen selbst zu sagen, welche ich in der neuen Auflage nur wenig verändert habe, obgleich mir gerade in Bezug auf sie die meisten Bedenken zu Ohren gekommen sind. Zunächst will ich gestehen, daß mir die Jamben bei der Schilderung des seligen Liebesglückes eines schönen jungen Menschenpaares, das mir selbst lieb geworden war, und das ich in die stille Nacht, an den ewigen Nil, zu Palmen und Rosen hinausbegleitete, unwillkürlich, sogar gegen meinen Willen (ich wollte ja einen Roman in Prosa schreiben), in die Feder gekommen sind. Die erste Liebesscene hat für mich eine Geschichte. Ich schrieb sie, ohne zu wissen, daß ich schrieb, in einer halben Stunde nieder. In meinem Buche ist zu lesen, daß die Perser das , was sie Abends im Rausche beschlossen hatten, am nächsten Morgen in der Nüchternheit von Neuem überlegten. Als ich im Sonnenscheine prüfte, was da beim Lampenlichte geworden war, wurde ich bedenklich und wollte schon die Liebesscenen vernichten, als mein theurer, zu früh verdorbener Freund Julius Hammer, der Dichter von »Schau' in Dich und schau' um Dich!« meine zum Ausstreichen erhobene Hand zurückhielt. Auch von anderer Seite wurde die Form der Liebesscenen gebilligt, und ich sage mir selbst, daß der poetische Ausdruck des Gefühles der Liebe sich in allen Ländern und Zeiten sehr ähnlich darstellt, während die Gespräche und Umgangsformen liebender Paare in der Realität, je nach Ort und Zeit, verschieden sein werden. Ich stehe hier dem übrigens nicht zu seltenen Falle gegenüber, daß die Dichtung der Wahrheit näher zu kommen ermöglicht, als die besonnene, beobachtende Prosa. Manche meiner verehrten Kritiker haben diese Scenen getadelt, andere, und unter ihnen solche, an deren Urtheil mir besonders viel gelegen ist, ihnen das freundlichste Lob zukommen lassen. Von diesen nenn' ich A. Stahr, C. v. Holtey, M. Hartmann, E. Hoefer, W. Wolfsohn, C. Leemans, Professor Veth in Amsterdam u. a. m. Dennoch kann ich nicht verschweigen, daß von gewichtigen Seiten her die Frage an mich herangetreten ist: Kannte denn das Alterthum überhaupt die Liebe in unserem Sinne, oder ist diese erst ein Produkt des Christentums, wie die Romantik, auf der ja schon dem Namen nach der Roman beruht? Daß ich mich, als ich mein Buch begann, ähnlichen Bedenken nicht verschlossen habe, das mag das Motto beweisen, welches ich über die Vorrede zur ersten Auflage setzte: »Man hat mehrfach bemerkt, daß in den Briefen Cicero's und des jüngeren Plinius Anklänge moderner Sentimentalität nicht zu verkennen seien. Ich finde in denselben nur Anklänge tiefer Gemüthlichkeit, die in jedem Zeitalter, bei jedem Volksstamme aus dem schmerzlich beklommenen Busen emporsteigen.« A. v. Humboldt, Kosmos II. S. 19. Und ich stimme unserem großen Gelehrten freudig bei und weise darauf hin, daß wir in heidnischen Kreisen entstandene Liebesromane haben. Ich erinnere nur an des Apulejus' Amor und Psyche. Die Liebe war auch dem Alterthume nicht fremd. Gibt es schönere Proben heißer Leidenschaft als die, welche uns aus Sappho's Liedern entgegenflammen, haben wir ein herrlicheres Bild gehuldigen Ausharrens in treuer Liebe als das, welches uns Homer in der edlen Penelopeia vorzeigt, gibt es schönere Beispiele des treuen Verbundenseins zweier Herzen selbst über den Tod hinaus, als die, welche uns Xenophon in der Erzählung von der Panthea und dem Abradat und die Geschichte Vespasian's durch die Kunde von dem Geschicke des Galliers Sabinus und seiner Gattin aufbewahrt haben? Kennen wir etwas Zarteres, als die Sage von den Halkyonen (Eisvögeln), die einander so zärtlich lieben, daß das Weibchen sein Männchen, wenn es vom Alter gelähmt wird, auf die Flügel nimmt und dahin trägt, wohin es verlangt? Solche Liebe belohnen die Götter, und wenn das Pärchen sein Nest baut und brütet, dann ruhen Wogen und Wind, und lieblicher scheint die Sonne vom Himmel in diesen »Halkyonen-Tagen«. Fehlt es an Liebesromantik da, wo ein Wüstling, Antonius, in seinem Testamente verlangen konnte, daß seine Leiche, er möge sterben wo er wolle, neben der seiner geliebten Kleopatra beizusetzen sei; ist selbst die Galanterie der Liebe da als unbekannt vorauszusetzen, wo man einer Königin, Berenice's, schönes Haar als Sternenbild an den Himmel versetzte, darf Hingabe für die Liebe bezweifelt werden bei Völkern, die um eines schönen Weibes willen furchtbare Kriege mit bitterer Hartnäckigkeit führen? Die Griechen hatten eine Schmach zu rächen, die Trojaner aber kämpften für den Besitz der Helena, denn die Greise von Ilion sind bereit, »um solchen Weibes willen lange Zeit Leiden zu tragen« τοιη̃δ' αμφὶ γυναικὶ πολὶν χρόνον άλγεα πάσχειν . Und wird nicht endlich die ganze Frage erledigt durch das einzige Gedicht des Theokrit, die Zauberin, welches Rückert uns Deutschen durch seine herrliche Uebersetzung ganz zu eigen machte? Da hockt das arme verlassene Mädchen mit ihrer alten Magd Thestylis am Feuer, über dem in seinem Rade der Wendehalsvogel sitzt, dem die Kraft beiwohnen soll, den treulosen Delphis zurückzuführen. Ein Assyrer hat die Simaitha genug der Zaubermittel gelehrt, und sie versucht sie alle und vergißt keines. Das ferne Brausen des Meeres. das rauchende Feuer, die in der Gasse heulenden Hunde, der gequälte, unruhige Vogel, die alte Magd, das in sich zerrissene Mädchen, die schauervollen Zaubermittel gesellen sich zu einem finsteren Nachtstücke, dessen Wirkung erhöht wird durch den ruhig und kalt vom Himmel glänzenden Mondschein. Nun verläßt die Alte das Mädchen, und Simaitha hält sogleich mit dem Zauber inne und läßt ihre Thränen fließen und hebt ihre Blicke zu Selene, der stillen Vertrauten der Liebenden, dem Monde empor und vertraut ihr Alles, was geschehen: wie sie den schönen Delphis zuerst gesehen, und wie ihr Herz in Liebe für ihn erglühte. Nichts mehr sah sie vom Auszuge der Jünglinge, »noch«, so läßt sie der Dichter klagen:                           »noch wie ich nach Hause gekommen,  . . . Wußt' ich, aber ein Fieber, ein hitziges setzte mir heftig Zu; zehen Tage nun lag ich zu Bett und zehen der Nächte. Merke, woher mir die Liebe gekommen ist, hohe Selene!« Und als Delphis endlich zum ersten Male über ihre Schwelle trat, da überzog sie Frost und Hitze: »Aber zu reden vermocht' ich nicht, nicht auch nur so viel als Lallend reden im Schlaf aufwimmernde Kinder zur Mutter; Sondern starr wie die Puppe von Wachs war der blühende Leib mir. Merke, woher mir die Liebe gekommen ist, hohe Selene.« Woher sie gekommen ist? Daher, woher sie uns heute kommt! Die Liebe der Kreatur zu ihrem Schöpfer, der Menschheit zur Gottheit sind die erhabenen und doch holden Geschenke des Christenthums. Mit seinem Gebote, den Nächsten zu lieben, schuf es den Begriff der Menschenliebe und der Menschheit überhaupt, der den heidnischen Nationen fremd war, die als fernstes Lebensziel nur ihre Heimathstadt und ihr Vaterland kannten. Freilich hat das Christenthum auch auf die Liebe von Mann und Weib verklärend eingewirkt; aber es ist wohl denkbar, daß ein griechisches Herz ebenso zart empfunden und sehnsüchtig geschlagen habe, als ein christliches. Die tiefere Glut der Leidenschaft ist ohnehin den Alten nicht abzusprechen. Fand die Liebe bei den letzteren aber auch ähnlichen Ausdruck wie bei uns? Wer kennt nicht den schönen Rundgesang: »Liebe, scherze, trink' und schwärme Und bekränze Dich mit mir, Härme Dich, wenn ich mich härme Und sei wieder froh mit mir!« Aber kein Dichter unserer Zeit hat ihn gesungen, er entstammt vielmehr der Dichterin Praxilla, die im fünften Jahrhunderte v. Chr. lebte. Hört man es dem folgenden Rückert'schen Liedchen an, daß es eine Nachbildung von Versen ist, die schon vor der Zeit unsrer Erzählung gesungen worden sind: »O süße Mutter Ich kann nicht spinnen, Ich kann nicht sitzen Im Stübchen innen Im engen Haus; Es stockt das Rädchen, Es reißt das Fädchen: O, süße Mutter Ich muß hinaus!« Ich könnte, wäre mir der Raum nicht so knapp zugemessen, vieles Aehnliche mittheilen. Nur Eins sei mir noch zu sagen gestattet. Bei den Alten wie bei uns gab sich das in sehnsüchtiger Liebe schlagende Herz zu gleicher Zeit wärmer und inniger der Natur hin. Der Mond war und ist der Vertraute der Liebenden, und ich möchte gern eine moderne Dichtung kennen lernen, in der der geheimnißvolle Reiz der Sommernacht und die Zauber, die den quellenerfüllten Garten in der Schlummerzeit umwehen, herrlicher geschildert würde, als in folgenden Versen, wiederum der Sappho, von denen Eichendorff gelernt zu haben scheint, und die uns zwingen langsamer zu athmen »kühl bis an's Herz hinan«. »Vor der hellen Scheibe des Mondes bergen Wieder ihren leuchtenden Glanz die Sterne, Wenn er voll im silbernen Lichte strahlet     Ueber den Erdenkreis.« und:     »Es plätschert Durch die Quittenzweige das heil'ge kühle Wasser, und beim Beben der Blätter fließet Schlummer hernieder« Nach Köchly's trefflicher Uebersetzung. . Diese Worte glaubte ich denen schuldig zu sein, die eine Liebe wie die der Sappho und des Bartja im Alterthume für unmöglich erklärt halben. Daß so zarte Empfindungen in vorchristlicher Zeit noch weit entschiedener als heute zu den Ausnahmen gezählt werden müssen, ist selbstverständlich. Schließlich gesteh' ich ein, daß ich doch wohl für das besprochene Paar zu warme Farben verwendet habe. Aber warum durfte ich nicht, als ich poetisch gestaltete, die Freiheit des Dichters für mich in Anspruch nehmen? Wie wenig ich mir diese Freiheit sonst zu Nutzen machte, das sollen die Anmerkungen am Ende eines jeden Bandes beweisen [Diese Anmerkungen sind hier, mit der ursprünglichen Nummer versehen, jeweils unter den Text gesetzt.] . Auch erschienen diese nöthig, theils um dem Leser weniger bekannte Namen und Zustände zu erläutern, theils um den Verfasser, den Gelehrten gegenüber, zu rechtfertigen. Möge sich der Laie nicht von ihnen abschrecken lassen. Der Text ist auch ohne Erklärungen für jeden Gebildeten leicht lesbar. Jena , den 28. November 1888. Dr. Georg Ebers. Vorrede zur vierten Auflage. Zwei und ein halbes Jahr nach dem Erscheinen der dritten ist diese vierte Auflage der ägyptischen Königstochter nothwendig geworden. Hinter mir liegt längst die neue Reise an den Nil, zu der ich mich während der Correctur der dritten Edition vorbereitete, und auf die ich wohl mit besonderer Befriedigung zurücksehen darf. Denn während meines Aufenthaltes in Aegypten 1872–73 ließ mich ein freundliches Ungefähr mancherlei Neues finden und darunter einen Schatz von unvergleichlichem Werthe, das große hieratische Manuscript, welches nunmehr in der Leipziger Universitäts-Bibliothek conservirt wird, das meinen Namen trägt und dessen Veröffentlichung jetzt schon vollendet vorliegt. Der Papyrus Ebers, die zweitgrößte und am besten erhaltene von allen aus dem gesammten ägyptischen Alterthum bis auf uns gekommenen Handschriften, ist im 16. Jahrhundert v. Chr. geschrieben worden und enthält auf 110 Seiten das auch den alexandrinischen Griechen bekannte hermetische Buch über die Arzneimittel der alten Aegypter. Der Gott Toth (Hermes) wird »der Führer« des Arztes genannt und die verschiedenen Schriften und Traktate, aus denen das Buch zusammengesetzt ist, sind von ihm ausgehende Offenbarungen. Es werden in der ehrwürdigen Rolle Diagnosen gestellt, und Heilmittel gegen die inneren und äußeren Krankheiten der meisten Theile des menschlichen Körpers vorgeschlagen. Neben den verordneten Droguen stehen die Zahlen, nach denen sie mit Gewichten zu wägen und mit Hohlmaßen zu messen sind, und als Begleiter der Recepte finden sich die frommen Sprüche verzeichnet, welche der Arzt bei ihrer Bereitung, und während er sie dem Patienten reichte, herzusagen hatte. In der zweiten Zeile der ersten Seite unserer Handschrift heißt es von ihr, sie sei hervorgegangen aus Sais . Ein großer Abschnitt dieses Werkes ist dem Sehorgan gewidmet. Seite 55 Zeile 20 beginnt das Buch von den Augen , welches acht große Seiten füllt. Was wir bisher von der Augenheilkunde des Pharaonenvolks wußten, das waren wir griechischen und römischen Autoren zu entnehmen gezwungen; der erwähnte Abschnitt des Papyrus Ebers ist nun die einzige bis jetzt bekannte ägyptische Quelle, aus der wir über diesen wichtigen Zweig der alten Medicin Belehrung zu schöpfen vermögen. Alles dies scheint kaum in die Vorrede zu einem historischen Roman zu gehören, und dennoch ist es gerade an dieser Stelle der Erwähnung werth; hat es doch etwas beinahe »Providentielles«, daß es gerade dem Autor der Königstochter, daß es gerade mir vorbehalten blieb, meine Wissenschaft mit dieser Schrift zu beschenken. Der Leser wird unter den in diesem Romane auftretenden Personen einem Augenarzte aus Sais begegnen, der ein Buch über die Krankheiten des Sehorgans verfaßte. Das Schicksal dieser kostbaren Arbeit wirkt bestimmend auf den Verlauf der gesammten Handlung ein. Diese Papyrusrolle des Augenarztes aus Sais , die noch vor Kurzem nur in der Vorstellung des Verfassers und der Leser der Königstochter existirte, ist nunmehr als reales Ding vorhanden. Es ist mir, als es mir diese Rolle heimzubringen gelang, ergangen wie dem Manne, welcher von einem Schatze geträumt hatte, und der ihn am Wege fand, da er ausritt. An zweiter Stelle würde in dieser Vorrede eine Entgegnung auf die in der Revue des deux mondes Tome VII, 1875 Janvier erschienene Besprechung der ägyptischen Königstochter durch Mr. Jules Soury am Platze sein; aber eine solche ist nicht wohl möglich ohne ein tieferes Eingehen auf die an einer anderen Stelle zu beantwortende, immerhin strittige Frage, ob das Genre des historischen Romans überhaupt berechtigt sei oder nicht. Und doch kann ich nicht umhin, Mr. Soury schon hier mitzutheilen, daß mich die Abfassung der Königstochter von keiner anderen Arbeit abgehalten hat; daß ich sie vielmehr, bevor ich meine akademische Thätigkeit angetreten, im Krankenzimmer geschrieben und durch ihre Schöpfung nicht nur Trost und Freude, sondern auch Gelegenheit gefunden habe, todtes Wissensmaterial für mich und Andere »lebig« zu machen. Herr Soury sagt, der Roman sei der Todfeind der Geschichte; aber dieser Satz darf ebensowenig zutreffend genannt werden als der andere, den ich dem seinen gegenüber zu stellen berechtigt zu sein glaube: Die Landschaftsmalerei ist die tödtliche Feindin der Botanik. Der historische Roman soll wie jedes andere Kunstwerk zunächst genossen werden. Niemand nehme ihn in die Hand, um aus ihm Geschichte zu erlernen; aber viele Leser, das ist der Wunsch des Autors, mögen sich durch sein Werk zu eigener Forschung, der die Anmerkungen den Weg weisen sollen, anregen lassen; wie denn auch bereits mehrere vortreffliche Kräfte durch die Lektüre der Königstochter ernsten ägyptologischen Studien zugeführt worden sind. Solchen Erfahrungen gegenüber brauch' ich, obgleich mir Mr. Soury's geistreiche Ausführungen manches Wahre zu enthalten scheinen, seinen Ausspruch, der historische Roman beeinträchtige die Wissenschaft, nicht auf das vorliegende Werk zu beziehen. – Leipzig , den 19. April 1875. Georg Ebers. Vorrede zur fünften Auflage. Es ist wiederum eine neue Auflage der »Aegyptischen Königstochter« nothwendig geworden und ich widme auch ihr ein eigenes Vorwort, weil der schnelle Fortgang des Drucks es mir leider unmöglich gemacht hat, einige Versehen zu beseitigen, auf welche ich durch die Güte des bekannten Botanikers Professor Paul Ascherson in Berlin, der Aegypten und die Oasen bereiste, aufmerksam gemacht worden bin. Ich lasse im Garten der Rhodopis Bd. I. S. 5 unter anderen Gewächsen »Mimosen« wachsen; hatte ich sie doch in allen Beschreibungen des Nilthals erwähnt gefunden, war ich doch später oft genug in den Gärten von Alexandria und Kairo durch den lieblichen Duft ihrer goldgelben Blüten erfreut worden. Nun höre ich, daß gerade diese Mimose ( Acacia farnesiana ) aus dem tropischen Amerika stamme und dem alten Aegypten gewiß fremd gewesen sei. Die Bananen , die ich Bd. I. S. 53 unter anderen ägyptischen Gewächsen erwähne, sind erst durch die Araber aus Indien in das Nilthal eingeführt worden. Die im dritten Bande vorkommenden botanischen Irrthümer war es mir noch zu berichtigen möglich. Schon Hehn's vortreffliches Buch »Kulturpflanzen und Hausthiere« hatte mich gelehrt, auf solche Dinge zu achten. Theophrast, ein Kleinasiat, gibt die erste Beschreibung eines Citrus und diese beweist, daß er wohl den sogenannten Paradiesapfel, aber nicht unsere Citrone gekannt hat, die ich also unter den im alten Lydien kultivirten Pflanzen nicht nennen darf. Palmen und Birken sind beide in Kleinasien gefunden worden; ich ließ sie aber neben einander wachsen und beging damit einen Verstoß gegen die pflanzengeographische Möglichkeit. Die Birke grünt hier auf dem Hochgebirge, die Palme kommt nach Griesebach (Vegetation der Erde I. S. 319) nur an der Südküste der Halbinsel vor. Die letztgenannten Irrthümer konnten, wie gesagt, in der neuen Auflage verbessert werden. Natürlich werde ich einem Jeden, der mich auf ähnliche Versehen aufmerksam macht, zu besonderem Danke verpflichtet sein. Leipzig , den 5 März 1877. Georg Ebers. Erster Band Erstes Kapitel. Der Nil hatte sein Bett verlassen. Weit und breit dehnte sich da, wo sonst üppige Saatfelder und blühende Beete zu sehen waren, eine unermeßliche Wasserfläche. Nur die von Dämmen beschützten Städte mit ihren Riesentempeln und Palästen, die Dächer der Dörfer so wie die Kronen der hochstämmigen Palmen und Akazien überragten den Spiegel der Fluth. Die Zweige der Sykomoren und Platanen hingen in den Wellen, während die hohen Silberpappeln mit aufwärts strebenden Aesten das feuchte Element meiden zu wollen schienen. Der volle Mond war aufgegangen und goß sein mildes Licht über den mit dem westlichen Horizonte verschwimmenden libyschen Höhenzug. Auf dem Spiegel des Wassers schwammen blaue und weiße Lotusblumen. Fledermäuse verschiedener Art schwangen und schnellten sich durch die stille, von dem Dufte der Akazien und Jasminblüthen erfüllte Nachtluft. In den Kronen der Bäume schlummerten wilde Tauben und andere Vögel, während, beschützt von dem Papyrusschilfe und den Nilbohnen, die am Ufer grünten, Pelikane, Störche und Kraniche hockten. Erstere verbargen im Schlafe die langgeschnäbelten Köpfe unter die Flügel und regten sich nicht; die Kraniche aber schraken zusammen, sobald sich ein Ruderschlag oder der Gesang arbeitender Schiffer hören ließ, und spähten, die schlanken Hälse ängstlich wendend, in die Ferne. Kein Lüftchen wehte, und das Spiegelbild des Mondes, welches wie ein silberner Schild auf der Wasserfläche schwamm, bewies, daß der Nil, der die Katarrhakten wild überspringt und an den Riesentempeln von Ober-Aegypten schnell vorbeijagt, da, wo er sich dem Meere in verschiedenen Armen nähert, sein ungestümes Treiben aufgegeben und sich gemessener Ruhe überlassen habe. In dieser Mondnacht durchschnitt 528 Jahre vor der Geburt des Heilandes eine Barke die beinahe strömungslose kanopische Mündung des Nils. Ein ägyptischer Mann saß auf dem hohen Dache des Hinterdecks und lenkte von dort aus den langen Stab des Steuerruders (Anm. 1) Wilkinson, Manners and customs of the ancient Egyptians. III. 196 und III. plate XIV . Eine schöne Zusammenstellung der Fahrzeuge, deren sich die alten Aegypter bedienten, findet sich bei Dümichen, Die Flotte einer ägyptischen Königin, T. I–V, T. XXV–XXXI. Hier sehen wir auch die von einer Ophirfahrt heimkehrenden Schiffe, welche, außer den Pfauen, alle jene Schätze mitbringen, von denen wir durch das I. B. der Könige wissen (9, 28; 10, 11), daß sie den mit seinem Freunde Hiram von Phönizien Seefahrer aussendenden Salomo bereicherten. Selbst über den Fortschritt der nautischen Kunst bei den Aegyptern geben die Denkmäler Kunde. Das bewegliche Steuer ward erst in späterer Zeit verwendet. Werkstellen von Schiffbauern zeigen die Monumente schon in der Pyramiden-Zeit, z. B. in den Mastaba von Sakkara, welche sich die Reichsgroßen in der vierten Dynastie als Grüfte und Grabkapellen erbauten. Sie gaben den Mastaba die Form von abgestumpften Pyramiden, ließen ihre Außenwände ungeschmückt; ihr Inneres wurde aber um so reicher ornamentirt mit jenen zarten und doch scharf und charakteristisch behandelten Basreliefs, die heute noch die Bewunderung unserer Bildhauer erwecken. Schiffsdarstellungen z. B. in dem Mastaba des Ti. Dümichen, Resultate der auf Befehl Sr. Maj. des Königs Wilhelm I. unternommenen Reise I. T. II. und IV. Als Beigabe zu diesem Werke gibt der Verfasser eine ganz vorzügliche Abhandlung von Graser, dem größten Kenner des antiken Seewesens. Das Seewesen der alten Aegypter. . In dem Kahne selbst versahen halbnackte Ruderknechte singend ihren Dienst. Unter dem offenen, einer hölzernen Laube gleichenden Kajütenhause lagen zwei Männer auf niedrigen Polstern. Beide waren augenscheinlich keine Aegypter. Selbst das Mondlicht ließ ihre griechische Herkunft erkennen. Der Aeltere, ein ungewöhnlich großer und kräftiger Mann im Beginn der sechziger Jahre, dessen dichte graue Locken bis auf den gedrungenen Hals ohne sonderliche Ordnung herniederfielen, war mit einem schlichten Mantel bekleidet und schaute düster in den Strom, während sein etwa zwanzig Jahre jüngerer Gefährte, ein schlanker und zierlich gebauter Mann, bald zum Himmel hinaufblickte, bald dem Steuermann ein Wort zurief, bald seine schöne purpurblaue Chlamis Die Chlamis war ein leichter Sommermantel von meist kostbaren Stoffen, welcher namentlich von eleganten Athenern getragen wurde. Der einfache Mantel, das Himation, wurde von den dorischen Griechen, namentlich den Spartanern, getragen. in neue Falten warf, bald sich mit seinen duftenden braunen Locken oder dem zart gekräuselten Barte zu schaffen machte. Das Fahrzeug war vor etwa einer halben Stunde aus Naukratis (Anm. 2) Diese Stadt, welche der Schauplatz eines Theiles unserer Erzählung sein wird, lag im Nordwesten des Nildelta's im saïtischen Nomos oder Bezirke, am linken Ufer der kanopischen Mündung des Nils. Nach Strabo und Eusebius ist dieselbe von Milesiern gegründet worden, und zwar, wie Bunsen rechnet, um 749 v. Chr. In früherer Zeit scheint griechischen Schiffen die Einfahrt in die kanopische Mündung nur im Nothfalle gestattet gewesen zu sein. Damals beschränkte sich auch der ganze Verkehr der Aegypter mit den verhaßten Ausländern auf die kleine, der Stadt Thonis gegenüber liegende Insel Pharus. Hom. Odyss. IV. 36 . Herod. II. 113 und 114. E. Curtius versucht in seinem geistreichen Schriftchen über die Ionier eine weit frühere Verbindung namentlich der Ionier mit den Aegyptern nachzuweisen. Eine solche hat jedenfalls stattgefunden, aber kaum unmittelbar durch den genannten berühmten Stamm; vielmehr war die Nordküste von Unterägypten schon sehr früh von Phöniziern colonisirt worden, die sich ganz den ägyptischen Sitten anschlossen, Aegypto-Phönizier genannt werden können und der Politik ihrer Verwandten in Tyrus und Karthago treu blieben, allen Fremden durch Gewalt und List die von ihnen eröffneten Tausch- und Handelsplätze zu verschließen. Näheres in unserem Werke: Aegypten und die Bücher Mose's, S. 195. In jüngster Zeit hat Brugsch einige neue Beiträge für die Begründung der hier ausgesprochenen Ansicht geliefert. Histoire d' Égypte. Deuxième édition. p. 128. Cap. XI. Le sémitisme en Égypte . Sobald sich die Griechen einmal in Naukratis niedergelassen hatten, befestigten sie dasselbe und erbauten ihren Göttern Tempel: die Aegineten dem Zeus, die Milesier dem Apollo, die Samier der Hera. – Außerdem wurde daselbst ein großer, vielen Städten und Stämmen gemeinsamer Tempel und eine Art von Hansa, das Hellenion, gegründet. Alexander wählte später in der Nähe dieser blühenden Handelsstadt den Platz zur Gründung von Alexandria. , dem einzigen hellenischen Hafenplatze im damaligen Aegypten, abgesegelt. Der graue, düstere Mann hatte auf der ganzen Fahrt kein Wort gesprochen, und der andere, jüngere, ihn seinen Gedanken überlassen. Als sich jetzt die Barke dem Ufer näherte, richtete sich der unruhige Fahrgast auf und rief seinem Genossen zu: »Gleich werden wir am Ziele sein, Aristomachus. Dort drüben, links, das freundliche Haus in dem Garten voller Palmen, der die überschwemmten Fluren überragt (Anm. 3) Wir sind im Oktober, wo der Nil bereits zu sinken beginnt. Die Gründe der Inundation sind namentlich seit H. Barths großartiger tabellarischer Arbeit (Zeitschr. für allgemeine Erdkunde. 1863. XIV. Bd. und S. Bakers Reise in Abessinien) genau bekannt geworden. Die Tropenregen und das Schmelzen des Schnee's auf den Hochgebirgen am Aequator verursachen die Ueberschwemmung. Anfangs Juni macht sich ein allmähliges Steigen des Stromes bemerklich, zwischen dem 15. und 20. Juli wird das langsame Schwellen zu einem rapiden Wachsen, Anfangs Oktober erreicht die Nilhöhe ihren Gipfelpunkt, den sie, nachdem sie schon den Rücktritt begonnen, zum andern Male zu erreichen sucht, um bald allmählig, und dann schnell und immer schneller zu sinken. Im Januar, Februar, März und April trocknet das Wasser noch immer nach; im Mai hat der Strom seinen tiefsten Stand erreicht. Seine Wassermenge ist dann 20mal so gering wie im Oktober. , ist die Wohnung meiner Freundin Rhodopis. Ihr verstorbener Gatte Charaxus hat es bauen lassen, und all' ihre Freunde, ja selbst der König, beeifern sich, es in jedem Jahre mit neuen Verschönerungen zu versehen. Unnöthige Mühe! Dieses Hauses beste Zierde wird, und wenn sie alle Schätze der Welt hineintragen wollten, seine herrliche Bewohnerin bleiben!« Der Alte richtete sich auf, warf einen flüchtigen Blick auf das Gebäude, ordnete mit der Hand seinen dichten grauen Bart, der Kinn und Wangen, aber nicht die Lippen (Anm. 4) Die Spartaner pflegten keine Schnurrbärte zu tragen. umgab, und fragte kurz: »Welches Wesen, Phanes, machst Du von dieser Rhodopis? Seit wann preisen die Athener alte Weiber?« Der also Angeredete lächelte und erwiederte selbstgefällig: »Ich glaube, daß ich mich auf die Menschen, und ganz besonders auf die Frauen wohl verstehe, versichere Dich aber nochmals, daß ich nichts Edleres in ganz Aegypten kenne, wie diese Greisin. Wenn Du sie und ihre holde Enkelin gesehen und Deine Lieblingsweisen von einem Chor vortrefflich eingeübter Sklavinnen (Anm. 5) Die Griechen ließen sich bei ihren Gastmählern oft durch Musik unterhalten; aber auch in Aegypten zeigen uns die Bilder bei den Gesellschaften gewöhnlich singende oder die Doppelflöte blasende Frauen, blinde Harfenisten \&c. gehört haben wirst, so dankst Du mir sicher für meine Führung!« – »Dennoch,« antwortete mit ernster Stimme der Spartaner, »wäre ich Dir nicht gefolgt, wenn ich nicht den Delphier Phryxus allhier zu treffen hoffte.« »Du findest ihn. Auch erwarte ich, daß Dir der Gesang wohlthun und Dich Deinem düsteren Sinnen entreißen wird.« Aristomachus schüttelte verneinend das Haupt und sagte: »Dich, leichtblütigen Athener, mag der Gesang der Heimath ermuntern; mir aber wird es, wenn ich die Lieder des Alkman (Anm. 6) Alkman (attisch Alkmäon) blühte um 650 in Sparta. Von einer lydischen Sklavin zu Sardes geboren, kam er in den Besitz des Spartaners Agesides, der ihn freiließ. Bald verschafften ihm seine schönen Lieder das Bürgerrecht von Lacedämon, woselbst man ihn zum Oberleiter im ganzen Gebiete der Tonkunst machte und er die sanfte lydische Musik, welche man durch Polymnestes kennen gelernt hatte, einzubürgern verstand. Himerius orat. 5 . Seine Sprache ist die dorisch-lakonische. Nach einem dem Gesange, den Freuden der Tafel und der Liebe gewidmeten Leben soll er an einer schrecklichen Krankheit gestorben sein. Wegen der vielen Jungfrauenchöre (Parthenien), welche von ihm herrühren, seiner Loblieder auf die Frauen und des freundschaftlichen Verhältnisses, in dem er zu den Spartanerinnen, unter denen er die blonde Megalostrata besonders auszeichnete, gestanden haben soll, verdient er den Namen des lacedämonischen »Frauenlob«. Auch seine Paeane und Hymnen sind hoch berühmt. Seine Fragmente sind von Welcker gesammelt worden und bei Bergk, Poetae Lyrici Graeci, Alcm. fr. zu finden. Deutsch bei Hartung. Die griechischen Lyriker, griechisch mit metrischer Uebersetzung. Seine Lieder müssen in Aegypten, wenn auch erst in späterer Zeit bekannt geworden sein, da zu den köstlichsten Papyrosfunden, welche in jüngerer Zeit am Nile gemacht worden sind, ein Bruchstück der Lieder des Alkman gehört. vernehme, ergehen, wie in meinen wachend durchträumten Nächten. Mein Sehnen wird nicht gestillt, es wird verdoppelt werden.« »Glaubst Du denn,« fragte Phanes, »daß ich mich nicht nach meinem geliebten Athen, den Spielplätzen meiner Jugend und dem lebendigen Treiben des Marktes zurücksehne? Wahrlich, das Brod der Verbannung will auch mir nicht munden, doch wird es durch Umgang wie den, welchen dieses Haus bietet, schmackhafter, und wenn meine theuren hellenischen Lieder, so wunderbar schön gesungen, zu meinem Ohre dringen, dann baut sich in meinem Geiste die Heimath auf; ich sehe ihre Oel- und Fichtenhaine, ihre kalten, smaragdnen Flüsse, ihr blaues Meer, ihre schimmernden Städte, ihre schneeigen Gipfel und Marmorhallen, und eine bittersüße Thräne rinnt mir in den Bart, wenn die Töne schweigen und ich mir sagen muß, daß ich in Aegypten verweile, diesem einförmigen, heißen, wunderlichen Lande, welches ich, Dank sei den Göttern, bald verlassen werde. Aber, Aristomachus, wirst Du die Oasen der Wüste umgehen, weil Du Dich doch später wieder durch Sand und Wassermangel winden mußt? Willst Du das Glück einer Stunde fliehen, weil trübe Tage Deiner warten? – Halt, da wären wir! Mach' ein fröhliches Gesicht, mein Freund, denn es ziemt sich nicht, in den Tempel der Charitinnen Die Göttinnen der Anmuth. Bekannter unter ihrem römischen Namen Gracien. traurigen Muthes zu treten.« Die Barke landete bei diesen Worten an der vom Nil bespülten Mauer des Gartens. Leichten Sprunges verließ der Athener, schweren aber festen Schrittes der Spartaner das Fahrzeug. Aristomachus trug einen Stelzfuß; dennoch wanderte er so kräftigen Schrittes neben dem leichtfüßigen Phanes dahin, daß man denken konnte, er sei mit dem hölzernen Beine zur Welt gekommen. Im Garten der Rhodopis duftete, blühte und schwirrte es wie in einer Mährchennacht. Akanthus, gelbe Mimosen, Hecken von Schneeballen, Jasmin und Flieder, Rosen und Goldregenbüsche drängten sich aneinander, hohe Palmen, Akazien und Balsambäume überragten die Sträucher, große Fledermäuse mit zarten Flügeln wiegten sich über dem Ganzen, und auf dem Strome tönte Gesang und Gelächter. Ein Aegypter hatte diesen Garten angelegt, und die Erbauer der Pyramiden waren von Alters her als Gartenkünstler hoch berühmt (Anm. 7) Wilkinson II. 136–145. Rosellini, monimenti civili Taf. 68 und 69. Die besten Bilder von Gartenanlagen der alten Aegypter sind in den Gräbern von Tel el Amarna (18. Dynastie) gefunden worden. Lepsius, Denkmäler aus Aegypten und Aethiopien. Abth. III. Bl. 102 fgd. Auch in einigen Gräbern zu Abd el Qurnah in der Todtenstadt von Theben, z. B. in Grab 34 und 35 und der von uns entdeckten Gruft des Generals Amen em heb , der ein großer Blumenfreund war. . Sie verstanden es, die Beete sauber abzustecken, regelmäßige Baum- und Sträuchergruppen zu pflanzen, Wasserleitungen und Springbrunnen, Lauben und Lusthäuschen anzulegen, ja sogar die Wege mit künstlich beschnittenen Hecken zu umzäunen, und Goldfischzucht in steinernen Becken zu treiben. Phanes blieb an der Pforte der Gartenmauer stehen, schaute sich aufmerksam um und horchte in die Luft hinaus, dann schüttelte er den Kopf und sagte. »Ich begreife nicht, was dieß zu bedeuten hat. Ich höre keine Stimmen, sehe kein Licht, alle Barken sind fort, und dennoch flattert die Fahne auf der bunten Stange neben den Obelisken zu beiden Seiten der Pforte (Anm. 8) An den Thoren ägyptischer Landhäuser pflegten zuweilen Obelisken mit der Namensinschrift des Besitzers zu stehen; auch waren Fahnen nichts Ungewöhnliches. Doch finden wir dieselben fast ausschließlich an den Thoren der Tempel, an denen sich heute noch Spuren der ehernen Krammen nachweisen lassen, in die die Fahnenstangen gesteckt worden sind. Auch den Griechen waren Fahnen nichts Unbekanntes. Aus einigen Inschriften bei den Masten an den Pylonen geht hervor, daß wenn die ersteren auch nicht geradezu als Blitzableiter aufgestellt worden sind, man doch bemerkt hatte, daß sie den Blitz anzögen. . Rhodopis muß abwesend sein. Sollte man vergessen haben? . . . . .« Er hatte nicht ausgeredet, als er von einer tiefen Stimme unterbrochen wurde: »Ach, der Oberst der Leibwache!« »Fröhlichen Abend, Knakias!« rief Phanes, den auf ihn zutretenden Greis mit Freundlichkeit begrüßend. »Wie kommt es, daß dieser Garten so still ist wie eine ägyptische Grabkammer, während ich doch die Fahne des Empfanges flattern sehe? Seit wann weht das weiße Tuch vergeblich nach Gästen?« »Seit wann?« erwiederte lächelnd der alte Sklave der Rhodopis. »So lange die Parcen meine Herrin gnädig verschonen, ist auch die alte Fahne sicher, so viele Gäste herbei zu wehen, als dieses Haus zu fassen vermag. Rhodopis ist nicht daheim; muß aber bald wiederkommen. Der Abend war so schön, daß sie sich mit allen Gästen zu einer Lustfahrt auf dem Nil entschlossen hat. Vor zwei Stunden, beim Sonnenuntergange, sind sie abgesegelt, und die Mahlzeit steht schon bereit (Anm. 9) Man pflegte, namentlich zu Athen, die Hauptmahlzeit, das Deipnon (δει̃πνον) spät zu halten. . Sie können nicht mehr lange ausbleiben. Ich bitte Dich, Phanes, sei nicht ungeduldig, und folge mir in's Haus. Rhodopis würde mir nicht verzeihen, wenn ich einen so lieben Gast nicht zum Verweilen nöthigen wollte. Dich aber, Fremdling,« fuhr er, den Spartaner anredend, fort, »bitte ich herzlich zu verweilen, denn als Freund ihres Freundes wirst auch Du meiner Herrin hoch willkommen sein.« Die beiden Griechen folgten dem Diener und ließen sich in einer Laube nieder. Aristomachus betrachtete seine vom Monde hell erleuchtete Umgebung und sprach: »Erkläre mir, Phanes, welchem Glücke diese Rhodopis, eine frühere Sklavin und Hetäre (Anm. 10) Die Hetären der Griechen sind keineswegs mit den modernen Lustdirnen zu vergleichen, denn der bessere Theil derselben vertrat die Intelligenz und Bildung der weiblichen Bewohner, namentlich der ionischen Theile, von Hellas. Man denke an Aspasia und ihr wohlbezeugtes Verhältniß zu Perikles und Sokrates. Auch unsere Rhodopis war hochberühmt. Die Hetäre Thargalia von Milet wurde die Gattin eines thessalischen Königs. Ptolemäus Lagi heirathete die Thaïs. Ihre Tochter hieß Irene, ihre Söhne waren Leontiskus und Lagus. Athen. XIII. p. 576 . Endlich wurden mehreren Hetären Bildsäulen errichtet. Hierüber handeln am besten F. Jakobs vermischte Schriften IV. und Becker Charikles II. S. 51–69. Mehr im Texte. , es verdankt, daß sie wie eine Königin wohnt und ihre Gäste fürstlich zu empfangen vermag?« »Diese Frage erwartete ich längst,« erwiederte der Athener, »es freut mich, daß ich Dich, ehe Du in das Haus dieses Weibes trittst, mit ihrer Vergangenheit bekannt machen darf. Während der Nilfahrt wollte ich Dir keine Erzählung aufdrängen. Dieser alte Strom zwingt mit unbegreiflicher Macht zum Schweigen und zur stillen Beschaulichkeit. Als ich, wie Du soeben, zum erstenmal eine nächtliche Nilfahrt machte, war auch mir die sonst so schnelle Zunge wie gelähmt.« »Ich danke Dir,« antwortete der Spartaner. »Als ich den hundertfünfzig Jahre alten Priester Epimenides (Anm. 11) Epimenides war Zeuspriester zu Knossus auf Kreta und soll nach Plinius 299, nach Xenophanes von Kolophon, seinem Zeitgenossen, 154 Jahre alt geworden sein. Laërtius Diogenes erzählt, er habe sich nach Belieben sterben und wieder aufleben lassen können. Da er 576 zu Sparta gewesen ist, so kann ihn der alte Aristomachus wohl gesehen haben. von Knossus auf Kreta zum erstenmale sah, überkam mich ein seltsamer Schauder, seines Alters und seiner Heiligkeit wegen; wie viel älter, wie viel heiliger aber ist dieser greisenhafte Strom ›Aigyptos‹ (Anm. 12) »Aigyptos« wurde der Nil in alter Zeit von den Griechen genannt; z. B. Homer. Odyss. IV. 478 . Der Ueberschwemmungsnil von Unterägypten heißt auf einigen Denkmälern »Akab«; aber doch wohl nur nach dem Lande, das er an seiner Mündung bewässerte, denn das Litoral des Delta, welches in früher Zeit von Aegypto-Phöniziern bevölkert war, scheint Aikab-t oder Aigab-t, das gebogene Küstenland, genannt worden zu sein, und der Name Aegyptens wurde von den Griechen gewiß zuerst aus phönizischem Munde vernommen. . Wer möchte sich seinem Zauber entziehen? Doch bitte ich Dich, mir von Rhodopis zu erzählen!« »Rhodopis,« begann Phanes, »ward als kleines Kind, da sie eben am thracischen Strande mit ihren Gefährtinnen spielte, von phönizischen Seefahrern geraubt und nach Samos gebracht, woselbst sie Iadmon, ein Geomore Die eingeborenen Adelsgeschlechter von Samos. kaufte. Das Mägdlein ward täglich schöner, anmuthiger und klüger, und bald von Allen, die es kannten, geliebt und bewundert. »Aesop (Anm. 13) Aesop (620–550) war nach Herodot ein Thracier, nach Andern ein Phryger oder ein Mann von Mesembria, einer milesischen Kolonie am schwarzen Meere. Er wurde an den Samier Iadmon als Sklave verkauft. In dem Hause desselben diente er mit Rhodopis zusammen und wurde später freigelassen. Herod. II. 134. Berühmt durch seine Thierfabeln, soll er als Sachwalter aufgetreten sein und der Freundschaft des Krösus genossen haben. Als er, schon hoch betagt, im Auftrage des letzteren nach Delphi ging, wurde er von den beleidigten Priestern des Diebstahls einer goldenen Schale beschuldigt, fälschlich zum Tode verurtheilt und von den delphischen Felsen hinabgeschleudert. In späterer Zeit erhielt jede durch eine Erzählung aus dem Naturreiche praktisch dargestellte Lebensregel den Namen der äsopischen Fabel. Ueber ihn und seine Dichtungen siehe Grauert de Aesopo et fabulis Aesopiis . Bonn 1825. In neuester Zeit ist vielfach, namentlich durch Zuendel, revue Archéol. S. 354 die gut begründete Behauptung aufgestellt worden, daß der Ursprung der äsopischen Fabeln in Aegypten zu suchen sei. Im Allgemeinen hält man Indien für die Heimath der Thierfabel. In der Villa Albani zu Rom die berühmte, leider beschädigte Statue des Aesop »Ein concentrirter Idealtypus des geistvollen Buckligen«. , der Thierfabeldichter, welcher damals gleichfalls im Sklavendienste des Iadmon verweilte, freute sich ganz besonders an der Liebenswürdigkeit und dem Geiste des Kindes. Er belehrte es in allen Dingen und sorgte für Rhodopis wie ein Pädonomus , den wir Athener den Knaben halten. Der gute Lehrer fand eine lenksame, schnell begreifende Schülerin, und die kleine Sklavin redete, sang und musicirte in kurzer Zeit besser und anmuthiger, als die Söhne des Iadmon, welche auf's Sorgfältigste erzogen wurden. In ihrem vierzehnten Jahre war Rhodopis so schön und vollendet, daß die eifersüchtige Gattin des Iadmon das Mädchen nicht länger in ihrem Hause duldete und der Samier seinen Liebling schweren Herzens an einen gewissen Xanthus verkaufen mußte. Zu Samos herrschte damals noch der wenig bemittelte Adel. Wäre Polykrates schon am Ruder gewesen, so hätte sich Xanthus um keinen Käufer zu grämen brauchen. Diese Tyrannen füllen ihre Schatzkammern, wie die Elstern ihre Nester! So zog er denn mit seinem Kleinode nach Naukratis, und gewann hier durch die Reize seiner Sklavin große Summen. Damals erlebte Rhodopis drei Jahre der tiefsten Erniedrigung, deren sie mit Schauder gedenkt. »Als endlich der Ruf ihrer Schönheit in ganz Hellas bekannt geworden war, und Fremde aus weiter Ferne nur um ihretwillen nach Naukratis kamen (Anm. 14) Nach Herodot II. 134 und 135 war Rhodopis so schön, daß jeder Hellene ihren Namen kannte. , geschah es, daß das Volk von Lesbos seinen Adel vertrieb und den weisen Pittakus zum Herrscher wählte. Die vornehmsten Familien mußten Lesbos verlassen, und flohen theils nach Sizilien, theils nach dem griechischen Italien, theils nach Aegypten. Alcaeus (Anm. 15) Alcaeus, ein Zeitgenosse und Freund der Sappho, stammte, wie diese, aus einer der vornehmsten lesbischen Familien und darf zu den trefflichsten Lyrikern des ganzen Alterthums gezählt werden. Mit allen Vorzügen, aber auch allem Stolz und allen Vorurtheilen seines Standes ausgestattet, setzte er Leib und Leben, Wort und Lied ein, um die Tyrannis zu stürzen, die nach Lesbos übersiedelnden Athener aus Sigeum zu vertreiben, und endlich die Oberherrschaft für den Adel zu bewahren, der sich kräftig gegen die Gewalthaber Melanchrus, Megalagyrus, Myrsilus, die Kleanaktiden wehrte. In beiden letzten Unternehmungen unglücklich, mußte er, als sich Pittakus zum Führer des Volks aufgeschwungen hatte, mit seinen Brüdern und Gesinnungsgenossen die Flucht ergreifen. Erstere nahmen bei Nebukadnezar von Assyrien Kriegsdienste, letztere, und mit ihnen Alcaeus, schweiften in der Welt umher. Es unterliegt keinem Zweifel, daß sich der Dichter mit Charaxus, dem Bruder der Sappho, auch zu Naukratis aufgehalten habe. Nachdem Pittakus seine Gesetzgebung, welche ihm den Namen eines Weltweisen eintrug, vollendet hatte, rief er die Verbannten zurück und verzieh dem Dichter, obgleich ihn derselbe auch in der Fremde mit den bittersten Versen verfolgt hatte. Die Lieder des Alcaeus sind erfüllt »von der ritterlichen Poesie des Adels von Mytilene, der, in allen Künsten der oligarchischen Erziehung genährt, durch stolzes Selbstgefühl gehoben, und sicher im Erbe der schönsten Vorrechte, sein Leben zwischen That und Genuß theilen und im Unglück niemals den leichten Muth aufgeben durfte.« – Er war ein Feuergeist, der in vollendeten Formen sang, weil er eben singen mußte, wenn eine Lust ihm blühte, wenn ihn ein Leid bedrückte. Klar, wunderbar unbefangen, frei von Sehnsucht und den Augenblick genießend, muß man ihn als eines der bedeutendsten Vorbilder des Horaz, der nicht nur seine Metra, sondern auch viele seiner Gedanken adoptirte, betrachten. Seine im Text erwähnte Beziehung zu Sappho wird durch einzelne seiner Fragmente verbürgt. Dieselben finden sich in A. Matthiae Alcaei reliquiae. L. 1827 . Dazu Welcker, Kleine Schriften I. S. 126–147 und Bergk, Lyr. gr. ed. I. p. 569–598 . Hartung, Die griechischen Lyriker. Griechisch mit metrischer Uebersetzung. V. p. 18 . Seine Porträtstatue ist bei Monte Calvo gefunden worden. Dieselbe entspricht ganz der oben gegebenen Charakteristik des Mannes. Wahrscheinlich soll auch eine treffliche Statue in der Villa Borghese zu Rom unsern Dichter darstellen. Braun glaubt, man habe in ihr einen Pindar zu erkennen. , der größeste Dichter seiner Zeit, und Charaxus, der Bruder jener Sappho (Anm. 16) Die berühmte Dichterin Sappho lebte nach Athenäus zur Zeit des lydischen Königs Alyattes, also zwischen 620–563 v. Chr., nach der Chronik des Eusebius ol. 44 , d. i. um 600 v. Chr. Außerdem wird sie als Zeitgenossin des Pittakus, Alcaeus und der Rhodopis genannt, was mit den obigen Angaben übereinstimmt. Wir werden kaum fehl gehen, wenn wir sie um 620 zu Mytilene auf Lesbos geboren werden lassen. Ihr Vater hieß Skamandronymus oder Skamon. Hiefür sprechen, außer Herodot, Aelian und andern alten Schriftstellern, Welcker, Bernhardy, Richter und Andere. Ihre Mutter und Tochter trugen den Namen Kleïs. Außer dem von uns erwähnten Charaxus hatte sie einen zweiten Bruder Larichus, der, nach Athenäus, im Prytaneum zu Mytilene ein hohes Ehrenamt bekleidete. Hieraus, sowie aus der Vertreibung der Sappho und des Charaxus zur Zeit des Pittakus erhellt, daß sie aus einer sehr vornehmen Familie stammte. Dieselbe muß auch wohlhabend gewesen sein, sonst hätte Charaxus, wie Herodot erzählt, Rhodopis nicht kaufen können. Suidas nennt den Gatten der Dichterin, Cerkolas, ausdrücklich einen sehr reichen Mann. Unter ihren Anbetern darf ihr berühmter Zeitgenosse Alcaeus nicht übergangen werden, während ihre bekannte unglückliche Liebe zu dem jungen Phaon von Bernhardy mit Recht eine Fabel genannt wird. Ebenso unwahr ist es, daß Anakreon, der erst mehrere Jahrzehnte später blühte, an Sappho gewisse erotische Verse, welche einer anderen Lesbierin gelten, gewidmet habe. Auch ihre unreine Leidenschaft für schöne Jungfrauen und ihr Sprung vom leukadischen Felsen gehören in das Reich der Fabel. Siehe Welcker, F. W. Richter, Bernhardy und Koechly. Von dem Aeußeren der Dichterin wissen wir nur wenig. Plato, Plutarch u. A. nennen sie »die schöne Sappho«. Alcaeus preist ihr schwarzes Haar und ihr liebreizendes Lächeln. Welcker zählt sie zu den im Alterthum gefeierten Schönheiten. Sie ist auf den Münzen ihrer Heimath, in Gemälden und Bildsäulen sehr häufig, aber wie es scheint, sehr verschieden abgebildet worden. Eines dieser Bilder beschreibt Democharis folgendermaßen: »So zu gestalten, o Maler, die mythilenische Muse Gab Dir einst die Natur selber, die Bildnerin ein. Lieblicher Glanz entströmet den Augen zur deutlichen Kunde, Wie ihr schaffender Geist quoll von lebendiger Kraft. Aber das Fleisch in natürlichem Wuchs, nicht schwellend in Unmaß, Deutet die Einfachheit ihres Gemüthes uns an. Und das Gemisch von frohem zugleich und sinnigem Antlitz Sagt, daß Cypris in ihr sich mit der Muse vermischt.« Tausende von Liedern sind ihr gewidmet worden; wir aber wollen an dieser Stelle nur folgende Epigramme des Pinytus und Antipater von Sidon aus der Griechischen Blumenlese (F. Jakobs) erwähnen. »Sappho's Asch' und Gebein und den Namen nur decket die Erde, Aber ihr weiser Gesang freut der Unsterblichkeit sich.« »Sappho ward ich genannt; ich besiegte die Lieder der Frauen Weithin, so wie Homer männliche Lieder besiegt.« Die Schreibart »Sappho« ist aeolisch. ΣΑΦΟ findet sich nur, wie auch Welcker glaubt, als Schreibfehler, auf einer Vase zu Wien. Die Fragmente ihrer Gedichte bei Bergk, Lyr. Gr. ed. II . Ein ganz vortrefflicher Vortrag über Sappho findet sich bei Koechly, Akademische Vorträge und Reden, S. 153 fgd. Solon äußerte den im Text angedeuteten Wunsch seinem Neffen gegenüber. Stobaeus Serm. XXIX. 28 . Der Erwähnung werth an dieser Stelle ist das zu Melos gefundene Relief, welches Sappho darstellt, nach deren Laute Alcaeus greift. Konservirt im British-Museum. Zur Erklärung dieses Monuments hat Overbeek, Geschichte der Plastik I. S. 148 folgende von Aristoteles bewahrte Anekdote herangezogen: »Alkaeos liebte seine schöne und geniale Landsmännin, und soll sie einmal mit den zärtlich verschämten Worten: ›Du dunkellockige, keusche, süßlächelnde Sappho, ich möchte Dir gern etwas sagen, doch hält mich Scheu zurück‹, angeredet haben. Darauf antwortete die Dichterin spröde und etwas schnippisch: ›Wenn Dich eine schöne und edle Sehnsucht triebe, und nicht die Zunge etwas Böses sagen wollte, dann würde Dich nicht Scham das Auge niederschlagen heißen, sondern Du würdest heraussagen, was gerecht ist.‹« , deren Oden zu erlernen der letzte Wunsch unseres Solon war, kamen hierher nach Naukratis, welches schon lange als Stapelplatz des ägyptischen Verkehrs mit der ganzen übrigen Welt blühte. Charaxus sah Rhodopis, und liebte sie bald so glühend, daß er eine ungeheure Summe hingab, um sie dem feilschenden Xanthus, welcher in die Heimath zurückzukehren wünschte, abzukaufen. Sappho verspottete den Bruder dieses Kaufes wegen mit beißenden Versen; Alcaeus aber gab dem Charaxus Recht, und besang Rhodopis in glühenden Liedern. »Der Bruder der Dichterin, der sich früher unter den Fremden in Naukratis verloren hatte, ward plötzlich durch Rhodopis berühmt. In seinem Hause versammelten sich um ihretwillen alle Fremden, und überhäuften sie mit Geschenken. Der König Hophra (Anm. 17) Wir haben für diesen König seinen bekannteren biblischen Namen Hophra gewählt. Den Griechen hieß er Uaphris und Apries. Seine hieroglyphischen Namensschilder (s. Lepsius, Königsbuch T. 48) Uah-ph-ra-het, woher die Umschreibung Uaphris und Hophra (Uah-ph-ra). Er regierte von 588–569. Diese Zahlen sind gesichert, erstens durch die hier schon vorhandenen Gleichzeitigkeiten, zweitens aber besonders durch die von Mariette gefundenen Apisgräber, deren Inschriften über die Regierungsjahre namentlich der Könige der 26. Dynastie, der auch Hophra angehörte, die schönsten Aufschlüsse geben. Er wurde von Amasis, der nach Athenäus sein Freund war, bei einem Aufstande, dessen die Propheten des alten Bundes erwähnen, Jerem. 44, 30. 46, 24–26, und den Herodot näher beschreibt, gestürzt. Herod. II. 169. Für diesen Theil der ägyptischen Geschichte treten jetzt die assyrischen Denkmäler mit ihren immer sicherer zu entziffernden Keilschriften mächtig fördernd ein. , welcher viel von ihrer Schönheit und Klugheit gehört hatte, ließ sie nach Memphis kommen, und wollte sie dem Charaxus abkaufen; dieser aber hatte ihr längst im Geheimen die Freiheit geschenkt und liebte sie zu sehr, um sich von ihr trennen zu mögen. Andererseits liebte auch Rhodopis den schönen Lesbier, und verblieb gerne bei ihm, trotz der glänzenden Anerbietungen, welche ihr von allen Seiten gemacht wurden. Endlich machte Charaxus das wunderbare Weib zu seiner rechtmäßigen Gattin, und blieb mit ihr und ihrem Töchterchen Klëis in Naukratis, bis Pittakus die Verbannten in die Heimath zurück berief. »Nun begab er sich mit seiner Gemahlin nach Lesbos. Auf der Reise dorthin erkrankte er und starb bald nach seiner Ankunft in Mitylene. Sappho, welche ihren Bruder wegen seiner Mißheirath verspottet hatte, wurde schnell zur begeisterten Bewundererin der schönen Wittwe, welche sie, mit ihrem Freunde Alcaeus wetteifernd, in leidenschaftlichen Liedern besang. »Nach dem Tode der Dichterin zog Rhodopis mit ihrem Töchterlein nach Naukratis zurück, und wurde hier gleich einer Göttin empfangen. Amasis (Anm. 18) Amasis von 570–526 v. Chr., von dem im Texte vielfach die Rede sein wird, hieß nach seinen Hieroglyphenschildern, Lepsius Königsbuch Taf. 48. 8, Aahmes (junger Mond). Sein gewöhnlicher Beiname war Se-Net, »Sohn der Neith«. Namen oder Bilder desselben finden sich auf Steinen der Festung Kairo, einem Relief zu Florenz, einer Statue im Vatikan, auf Sarkophagen zu Stockholm und London, einer Statue in der Villa Albani, einem Tempelchen von Rosengranit zu Leyden. Ein schöner Porträtkopf von Grauwacke in unserem Besitze stellt wohl denselben König dar. , der jetzige König von Aegypten, hatte sich unterdessen des Thrones der Pharaonen bemächtigt, und behauptete ihn mit Hülfe der Soldaten, aus deren Kaste er stammte. Da sein Vorgänger Hophra durch seine Vorliebe für die Griechen und den Verkehr mit den allen Aegyptern verhaßten Fremden seinen Sturz beschleunigt und namentlich die Priester und Krieger zu offener Empörung veranlaßt hatte, so hoffte man mit Sicherheit, daß Amasis, wie in alten Zeiten, das Land den Fremden absperren (Anm. 19) Die alten Aegypter sind in ihrem Verhältniß zu den Fremden mit den heutigen Japanesen vergleichbar. Alle Nichtägypter waren ihnen verhaßt, aber sie mußten doch gezwungener Weise von jeher Ausländern den Zugang über ihre Grenzen gewähren, ja sie konnten nicht verhindern, daß namentlich die Phönizier, in deren Hand der ägyptische Import- und Exporthandel sich befand, ähnlich wie die Portugiesen und Spanier in Japan (16. Jahrh.) einen großen Einfluß auf alle Kreise des Lebens, ja selbst auf das religiöse Bewußtsein des Volkes gewannen. Und wie in Japan auf die Iberier die Holländer folgten, so in Aegypten auf die Phönizier die Griechen, welche nach der persischen Invasion und den Zügen Alexanders das Nilthal beherrschten. , die hellenischen Söldner entlassen und statt auf griechische Rathschläge, auf die Befehle der Priester hören werde. Nun, Du siehst ja selbst, daß sich die klugen Aegypter in ihrer Königswahl betrogen haben und aus der Scylla in die Charybdis gefallen sind. Wenn Hophra ein Freund der Griechen war, so können wir Amasis unsern Liebhaber nennen. Die Aegypter, und vor allen die Priester und Krieger, speien Feuer und Flamme und möchten uns am liebsten sammt und sonders hinschlachten, wie Odysseus die Freier, die sein Gut verpraßten. Um die Krieger bekümmert sich der König nicht viel, weil er weiß, was jene und was wir ihm leisten; auf die Priester muß er jedoch immerhin Rücksicht nehmen, denn von einer Seite haben sie unbegrenzten Einfluß auf das Volk, dann aber hängt der König auch mehr, als er uns gegenüber eingesteht, an jener abgeschmackten Religion (Anm. 20) Wir wissen zwar, daß die ägyptische Priesterweisheit in hohem Ansehen bei den Griechen stand; viele Stellen in den Klassikern zeigen aber, daß die älteren Griechen und Römer, die nur die bizarren äußeren Formen der ägyptischen Religion sahen, dieselbe in der That für abgeschmackt hielten. – Später haben namentlich die Neuplatoniker den Lehren der Priesterschaft von Heliopolis, Theben \&c. Vieles entnommen. , welche in diesem seltsamen (Anm. 21) Herod. II 35. Lande seit Jahrtausenden unverändert fortbesteht, und deßhalb ihren Bekennern doppelt heilig erscheint. Diese Priester machen dem Amasis das Leben schwer, verfolgen und schaden uns wie und wo sie können, ja ich wäre längst ein todter Mann, wenn der König nicht seine schützende Hand über mich ausgebreitet hätte. Doch wohin gerathe ich! Rhodopis ward also zu Naukratis mit offenen Armen empfangen und von Amasis, der sie kennen lernte, mit Gunstbezeugungen überhäuft. Ihre Tochter Klëis, welche, wie jetzt Sappho, niemals die allabendlichen Zusammenkünfte in ihrem Hause theilen durfte, und beinahe noch strenger als die anderen Jungfrauen von Naukratis erzogen wurde, heirathete Glaukus, einen reichen phocäischen Handelsherrn aus edlem Hause, der seine Vaterstadt gegen die Perser tapfer vertheidigt hatte, und folgte demselben nach dem neu gegründeten Massalia (Anm. 22) Massalia, das heutige Marseille, wurde um 600 v. Chr. von Phocaea aus gegründet. Letztere ionische Stadt an der kleinasiatischen Küste fiel, nachdem sich alle Bürger auf ihren Schiffen aus derselben entfernt hatten, 19 Jahre vor dem Beginn unserer Erzählung in die Gewalt der Perser. Bevor die Kleinasiaten sich dort niederließen, bestand wohl schon eine phönizische Faktorei an der Stelle von Massalia. Später finden wir jedenfalls Phönizier als Mitbesitzer des Orts, eine Thatsache, die nicht nur von den Klassikern, sondern auch durch die hier gefundenen Denkmäler und Inschriften bestätigt wird. – Celten hießen bei den alten Griechen nicht nur die Gallier, sondern auch die germanischen und iberischen (spanischen) Stämme. , an der celtischen Küste. Die jungen Leute erlagen dem dortigen Klima, nachdem ihnen eine Tochter, Sappho, geboren war. Rhodopis unternahm selbst die lange Fahrt gen Westen, holte die junge Waise ab, nahm sie zu sich in's Haus, ließ sie auf's Sorgfältigste erziehen, und verbietet ihr jetzt, da sie erwachsen ist, die Gesellschaft der Männer, denn sie fühlt die Flecken ihrer frühesten Jugend so tief, daß sie ihre Enkelin, und das ist bei Sappho keine schwere Aufgabe, entfernter von jeder Berührung mit unserem Geschlecht hält, als es die ägyptische Sitte gestatten würde. Meine Freundin selbst bedarf des geselligen Verkehrs so nothwendig, wie ein Fisch des Wassers, wie ein Vogel der Luft. Alle Fremden besuchen sie, und wer ihre Gastfreundschaft einmal gekostet hat, der wird, wenn es ihm seine Zeit erlaubt, niemals fehlen, so oft die Fahne einen Empfangsabend verkündet. Jeder Hellene von irgend welcher Bedeutung besucht dieses Haus, denn hier wird berathen, wie man dem Hasse der Priester begegnen könne, und wie der König zu dem oder jenem zu bereden sei. Hier trifft man stets die neuesten Nachrichten aus der Heimath und der ganzen übrigen Welt, hier findet der Verfolgte ein unantastbares Asyl, denn der König hat seiner Freundin einen Freibrief gegen alle Belästigungen der Sicherheitsbehörde (Anm. 23) In Aegypten bestand eine sehr umsichtige und strenge Polizei, um deren Organisation sich Amasis besonders verdient gemacht haben soll. Von einem Gensdarmeriecorps, in dessen Reihen man mit Vorliebe Ausländer einstellte, haben wir durch zahlreiche Inschriften und Papyrusrollen Kunde. gegeben hier hört man die Sprache und Lieder der Heimath, hier wird berathen, wie Hellas von der wachsenden Alleinherrschaft (Anm. 24) Kurz vor der Zeit unserer Erzählung war es mehreren ehrgeizigen Hellenen, wie dem Pisistratus von Athen † 527, dem Polykrates von Samos † 522 und Lygdamis von Naxos † 524 gelungen, die Adelsherrschaft zu stürzen und sich der Regierung zu bemächtigen. befreit werden kann; dieses Haus ist mit einem Worte der Knotenpunkt aller hellenischen Interessen in Aegypten und von höherer politischer Bedeutung, als selbst das Hellenion, die hiesige Tempel- und Handelsgemeinschaft Siehe Anmerkung 2 . . In wenigen Minuten wirst Du die seltene Großmutter, und vielleicht auch, wenn wir allein bleiben, die Enkelin sehen, und schnell begreifen, daß diese Menschen keinem Glücke, sondern ihrer Trefflichkeit Alles verdanken. Ha, da sind sie! Jetzt gehen sie dem Hause zu. – Hörst du die Sklavinnen singen? Jetzt treten sie ein. Laß sie sich erst niederlassen, dann folge mir, und beim Abschiede will ich Dich fragen, ob Du bereust, mit mir gegangen zu sein, und ob Rhodopis nicht eher einer Königin gleicht, als einer freigelassenen Sklavin.« Das Haus der Rhodopis (Anm. 25) Die innere Einrichtung der Räume des Hauses haben wir nach Becker und K. F. Hermann gegeben. Das nach der nicht ganz klaren Stelle im Vitruv zu Barthelemy's Anacharsis gezeichnete Haus ist für unsern Zweck viel zu weitläufig. Hirts Entwurf sagt uns weniger zu, als die meisten anderen, wogegen uns der Hermann'sche Riß, Charikles II. 99, mit eben so scharfer Kritik als geschmackvoller Benutzung der bezüglichen Stellen gezeichnet zu sein scheint. Charaxus konnte, als reicher Mann, ein solches Haus recht wohl erbauen, obgleich die griechischen Privatwohnungen, namentlich in jener Zeit, einfacher als die von uns beschriebene gewesen sein mögen. Weit klarer als das griechische liegt uns das römische Haus, das sich namentlich nach den in Pompeji erhaltenen Bauwerken vortrefflich reconstruiren läßt, in seiner Anordnung vor. Mit großer Schärfe und Klarheit behandelt von J. Overbeck, Pompeji. dritte Aufl. 1866. Bd. I. S. 230. Der Riß S. 212. war im griechischen Stil erbaut. Die Außenseite des einstöckigen länglichen Gebäudes mußte nach unseren Begriffen durchaus einfach genannt werden, während die innere Einrichtung hellenische Formenschönheit mit ägyptischer Farbenpracht vereinte. Durch die weite Hauptthüre kam man in die Hausflur Thyroreion. , an deren linker Seite ein großer Speisesaal seine Fensteröffnungen dem Strome zukehrte. Diesem gegenüber lag die Küche, ein Raum, welcher sich nur in den Häusern reicher Hellenen vorfand, während die ärmeren ihre Speisen an dem Herde im Vorzimmer zu bereiten pflegten. Die Empfangshalle lag an der Mündung der Hausflur, hatte die Gestalt eines Quadrats und war rings von einem Säulengange umgeben, von welchem viele Gemächer Oikemata. ausgingen. Inmitten dieser Halle, dem Aufenthaltsorte für die Männer Andronitis. , brannte auf einem altarartigen Herde von reicher äginetischer Metallarbeit (Anm. 26) Die plastische Kunst der Aegineten war schon frühzeitig berühmt. In den Ueberresten altäginetischer Kompositionen läßt sich der Uebergang von der typischen Form zur freien Nachahmung der Natur am dentlichsten erkennen. Die 1811 von einer Gesellschaft englischer, dänischer und deutscher Reisender aufgefundenen Giebelgruppen vom Athenetempel zu Aegina, welche sich gegenwärtig zu München befinden, dürfen die interessantesten Denkmäler althellenischer Kunst genannt werden. Die erwähnten Figuren stellen Kämpfe zwischen Griechen und Trojanern um die Leichen gefallener Griechen, hier des Achill, dort des Oikles dar. Die Gruppe des Westgiebels mit der Athenestatue in der Mitte ist besonders bemerkenswerth und wohlerhalten. S. Wagner, Bericht über die äginetischen Bildwerke mit Anmerkungen von Schelling. 1817. Gerhard, Vorlesungen über Gipsabgüsse. 1844. S. 3–28. Welcker, antike Denkmäler I. S. 30 fgd. Overbeck, Geschichte der griech. Plastik. I. S. 117 fgd. Abgebildet bei O. Müller, Denkmäler der Kunst. I. T. 6–8. Clarac, Musée de sculpture p. 815. 821  fgd. In Bezug auf den Einfluß der ägyptischen auf die Anfänge der griechischen Kunst Fr. Thiersch, Epochen der Kunst bei den Griechen. 1829. R. Lepsius, Ueber einige ägyptische Kunstformen und ihre Entwickelung. Aus den Abhandl. d. k. Akademie d. W. Berlin 1871. das Feuer des Hauses. Bei Tage erhielt dieser Raum sein Licht mittels der Oeffnungen im Dache, durch welche zu gleicher Zeit der Rauch des Herdfeuers seinen Ausgang fand. Ein der Hausflur gegenüber liegender Gang, der durch eine feste Thür Metaulos Thüra. verschlossen war, führte in das große, nur von drei Seiten mit Säulen umgebene Frauengemach Gynäkonitis. , in welchem sich die weiblichen Hausbewohner aufzuhalten pflegten, wenn sie nicht in den bei der sogenannten Garten- oder Hinterthüre Kepaia Thüra. gelegenen Zimmern beim Spinnrocken oder Webestuhle saßen. Zwischen diesen und den Gemächern, welche das Frauengemach zur Linken und Rechten als Wirthschaftsräume umgaben, lagen die Schlafzimmer Thalamos und Antithalamos . , in denen zu gleicher Zeit die Schätze des Hauses aufbewahrt wurden. Die Wände des Männersaales waren mit röthlich brauner Farbe bemalt, von der sich weiße Marmorbildwerke, Geschenke eines Künstlers von Chios (Anm. 27) Auf der Insel Chios sollen die ersten Kunstwerke aus Marmor gefertigt worden sein. , in scharfen Linien abhoben. Den Fußboden bedeckten schwere Teppiche aus Sardes. Den Säulen entlang zogen sich niedrige, mit Pardelfell überzogene Polster, während in der Nähe des kunstreichen Herdes seltsam geformte ägyptische Lehnsessel und fein geschnitzte Tischchen von Thyaholz (Anm. 28) Aegyptischer Lehnsessel. Wilkinson II. plate XI. S. 192 fgd. Rosellini mon. civ. T. 66, 90–91, wo sich auch Sopha's finden, die den unseren nicht unähnlich sind. – Elegant gearbeitete Sitze auch für mehrere Personen, auf denen die Besitzer von Gräbern in Reliefdarstellungen und Bildern oder die in Form von Statuen dargestellten Götter und Könige thronen, sind häufig. – Das Thyaholz kam von der Oase des Jupiter Ammon in der libyschen Wüste und war so kostbar, daß Cicero für einen Tisch von diesem Holze eine Million Sesterzien, d. s. 55,000 Thaler bezahlte. In Algier sah ich in einer großen Ausstellung der Produkte der Provinz eine Platte von einem sehr schweren, festen und schönen Cedernholz, das unserer Birkenmaser glich und das der Katalog, wohl nach einer Conjectur seines Verfassers, »Thya-Wurzel und Stammholz aus Teniet-el-had« nannte. standen, auf denen allerlei musikalische Instrumente, Flöten, Kithara und Phormix lagen. An den Wänden hingen zahlreiche, mit Kikiöl (Anm. 29) Oel aus der Frucht des Wunderbaumes ricinus communis , welches von den Aegyptern Kiki genannt und zum Brennen und Salben gebraucht wurde. Herod. II. 94. Strabo, ed. Casaub. 824. Plinius XV. 7. Dioscor. IV. 164. Auf den Denkmälern, am häufigsten in Papyrusrollen, so auch in dem großen Papyros Ebers kommen Kuku oder Kaka-Nüsse vor. Wir möchten die letzteren mit den Oel spendenden Früchten der alten Aegypter zusammenbringen, da sie auch »Neter Kaka«, heilige Kiki-Nüsse genannt werden. gefüllte Lampen in verschiedenen Formen. Diese stellten einen feuerspeienden Delphin, jene ein seltsam geflügeltes Ungeheuer, dessen Rachen eine Flamme ausströmte, dar. Das von ihnen ausgehende Licht verschmolz sich zu schöner Wirkung mit dem Feuer des Herdes. In dieser Halle standen einige Männer von verschiedenem Aussehen und in verschiedenen Trachten. Ein Syrer aus Tyrus in langem rosinfarbenem Gewande unterhielt sich lebhaft mit einem Manne, dessen scharf geschnittene Züge und krauses schwarzes Haar den Israeliten erkennen ließen. Er war aus seiner Heimath nach Aegypten gekommen, um für den König von Juda, Serubabel, ägyptische Pferde und Wagen, die berühmtesten in jener Zeit, einzukaufen (Anm. 30) Chronika I. 3, 17–19. Schon Salomo ließ um 1000 v. Chr. Pferde und Wagen in Aegypten kaufen. Ein Pferd kostete 150, ein Wagen 600 Sekel (75 und 300 Thlr.). Ein Sekel, nach Luther »Silberling«, ist etwa gleich einem halben Thaler. Könige I. 10, 28. 29. Chronika II. 1, 16 u. 17. Die Denkmäler zeigen nicht nur schöne Pferde vor den Fahrzeugen des Pharao und Wagen, sondern selbst Wagenfabriken. Uebrigens sind beide, Pferde und Wagen, erst im 3. Jahrtausende vor Christus, wie die Monumente beweisen, in Aegypten eingeführt worden. Die Gestüte scheinen in Nordägypten, wo es weite Flächen gab, gehalten worden zu sein. Wir hören von Gestütsobersten reden (Stele mit der 400jährigen Aera zu Tanis) und Pharaonen schon vor der 26. Dynastie, der Amasis angehörte, besondern Werth auf den Pferdestand des Landes legen. Stele des Pianchi. Ueber das Zaumzeug der Aegypter und die Theile des Fuhrwerks, welches schon früh in Syrien mit Kunst verfertigt wurde, findet sich Treffliches in Chabas' Analyse des Papyr. Anastasi I. Voyage d'un Égyptien etc. Ein ganzer wohlerhaltener, leicht gebauter Wagen eines alten Aegypters hat sich in dem Grabe seines einstigen Besitzers (doch wohl kaum als seine Kriegsbeute) gefunden. Konservirt im ägyptischen Museum zu Florenz. . Drei Griechen aus Kleinasien in den kostbaren faltenreichen Gewändern ihrer Heimath Milet, standen neben ihm und führten ernste Gespräche mit Phryxus, dem schlichtgekleideten Abgesandten der Stadt Delphi, welcher Aegypten besuchte, um Gelder für den Apollotempel zu sammeln. Das alte Pythische Heiligthum war vor zehn Jahren ein Raub der Flammen geworden; jetzt galt es ein neues, schöneres aufzuführen (Anm. 31) Herod. II. 180. Pindar. Pyth. 7. 9. . Die Milesier, Schüler des Anaximander und Anaximenes (Anm. 32) Anaximander von Milet, geboren 611–546, ein berühmter Geometer, Astronom, Weltweiser und Geograph, verfaßt ein Buch über die Natur, zeichnete die erste Weltkarte auf Erz und führte eine Art von Uhr, welche er den Babyloniern entlehnt zu haben scheint, in Griechenland ein. Er denkt sich ein schwer definirbares Urwesen, das die Welt in ihrer Gesammtheit lenkt, auf welches sich das Materielle und Begrenzte gründet, und das doch selbst unendlich und unbegrenzbar ist. Der »Urschlamm« versinnlicht ihm den Keim alles Geschaffenen, und er läßt aus demselben Wasser, Erde, Pflanzen, Thiere, Fischmenschen, Menschen \&c. entstanden sein. Zeller, Philosophie der Griechen I. 170. Brandis T. 1. S. 123. – Anaximenes, 570–500, war gleichfalls ein Naturphilosoph von Milet und bezeichnete die »Luft« als den Urstoff. Plutarch plac. phil. I. 3. 6. Zeller, Philosophie der Griechen I. Brandis T. 1. S. 141. , befanden sich am Nil, um zu Heliopolis Astronomie und ägyptische Weisheit zu studiren. Der Dritte war ein reicher Kaufmann und Schiffsherr, Namens Theopompus, welcher sich zu Naukratis niedergelassen hatte. Rhodopis selbst unterhielt sich lebhaft mit zwei Griechen aus Samos, dem vielberühmten Baumeister, Metallgießer, Bildhauer und Goldschmied Theodorus (Anm. 33) Theodorus, aus einer berühmten samischen Künstlerfamilie stammend, machte sich um die Architektur und den künstlerischen Metallguß besonders verdient. Thiersch, Epochen der Kunst bei den Griechen 1829. Brunn, Künstlergeschichte II. S. 380 ff. Overbeek i. d. Berichten der kgl. sächsischen Gesellsch. d. Wissenschaften 1868. S. 68 ff. Bursian in Jahn's Jahrbüchern 1856. I. Abth. S. 509 ff. und dem Jambendichter Ibykus aus Rhegium (Anm. 34) Ibykus aus Unteritalien blühte in Mitten des 6. Jahrh. v. Chr. Den leidenschaftlichen und hochgebildeten Dichter zog Polykrates an seinen Hof. Die Begebenheiten nach seinem gewaltsamen Tode waren im Alterthum sprüchwörtlich geworden und sind durch Schiller's Kraniche des Ibykus allgemein bekannt. Seine Fragmente sammelte Schneidewin, Ibyc. carm. reliq. und Bergk, Poet. lyr. gr. Daß er in Aegypten gewesen sei, wird nirgends erwähnt; wohl aber, daß er die Griechen die den Aegyptern längst bekannte Identität des Morgen- und Abendsterns gelehrt habe. Achilles Tatius, Isag. in Arati Phaenomen. im Uranolog. Petavii p. 136 . S. Lepsius Chronologie, Einleitung S. 91. Diese Stelle, sowie die Freundschaft des Polykrates und Amasis machen es nicht unwahrscheinlich, daß Ibykus in Aegypten gewesen sei. , welche den Hof des Polykrates auf einige Wochen verlassen hatten, um Aegypten kennen zu lernen und dem Könige Geschenke ihres Herrn zu überbringen. Dicht neben dem Herde lag ein wohlbeleibter Mann mit starken sinnlichen Zügen, Philoinus aus Sybaris (Anm. 35) Sybaris war eine Stadt in Unteritalien, welche im ganzen Alterthume wegen ihrer Ueppigkeit berüchtigt war und, nach Strabo 62, von Achäern gegründet worden sein soll. Sie wurde um 510 von den Krotoniaten erobert und zerstört und später als Thurii wieder aufgebaut. , lang ausgestreckt auf dem bunten Pelzüberzuge eines zweisitzigen Stuhls, und spielte mit seinen duftenden, golddurchflochtenen Locken und den goldenen Ketten, die von seinem Halse auf das saffrangelbe Gewand hernieder fielen, welches bis an seine Füße reichte. Rhodopis hatte für Jeden ein freundliches Wort: jetzt aber sprach sie ausschließlich zu den berühmten Samiern. Sie unterhielt sich mit ihnen über Kunst und Poesie. Die Augen der Thracierin glühten im Feuer der Jugend, ihre hohe Gestalt war voll und ungebeugt, das graue Haar schlang sich noch immer in vollen Wogen um das schön geformte Haupt, und schmiegte sich am Hinterkopf in ein Netz von zartem Goldgeflechte. Die hohe Stirn war mit einem leuchtenden Diademe geschmückt. Das edle griechische Angesicht erschien bleich, aber schön und faltenlos, trotz seines hohen Alters; ja der kleine, immer noch wohlgeformte Mund, die großen, sinnigen und milden Augen, die edle Stirn und Nase dieses Weibes konnten einer Jungfrau zur Zier gereichen. Man mußte Rhodopis für jünger halten, als sie wirklich war, und dennoch verläugnete sie die Greisin keineswegs. Aus jeder ihrer Bewegungen sprach matronenhafte Würde, und ihre Anmuth war nicht die der Jugend, welche zu gefallen sucht, sondern die des Alters, die sich gefällig erweisen will, welche Rücksichten nimmt und Rücksichten verlangt. Jetzt zeigten sich die uns bekannten Männer in der Halle. Jedes Auge wandte sich ihnen zu, und als Phanes, seinen Freund an der Hand führend, eintrat, bewillkommnete man ihn auf's Herzlichste; einer der Milesier aber rief: »Wußt' ich doch nicht, was uns fehlte! Jetzt ist mir's auf einmal klar; ohne Phanes gibt es keine Fröhlichkeit!« Philoinus der Sybarit erhob jetzt seine tiefe Stimme und rief, ohne sich in seiner Ruhe stören zu lassen: »Die Fröhlichkeit ist ein schönes Ding, und wenn Du sie mitbringst, so sei auch mir willkommen, Athener!« »Mir aber,« sprach Rhodopis, auf die neuen Gäste zutretend, »seid herzlich gegrüßt, wenn ihr fröhlich seid, und nicht minder willkommen, wenn euch ein Kummer drückt; kenne ich doch keine größere Freude, als die Falten auf der Stirn eines Freundes zu glätten. Auch Dich, Spartaner, nenne ich ›Freund‹, denn also heiß' ich Jeden, der meinen Freunden lieb ist.« Aristomachus verneigte sich schweigend; der Athener aber rief, sich halb an Rhodopis, halb an den Sybariten wendend: »Wohl denn, meine Lieben, so kann ich euch beide befriedigen. Du, Rhodopis, sollst Gelegenheit haben, mich, Deinen Freund, zu trösten, denn gar bald werde ich Dich und Dein liebes Hans verlassen müssen; Du aber, Sybarit, wirst Dich an meiner Fröhlichkeit ergötzen, denn endlich werde ich mein Hellas wiedersehen, und diese goldne Mäusefalle von einem Lande, wenn auch unfreiwillig, verlassen!« »Du gehst fort? Du bist entlassen worden? Wohin gedenkst Du zu reisen?« fragte man von allen Seiten. »Geduld! Geduld! Ihr Freunde,« rief Phanes, »ich muß euch eine lange Geschichte erzählen, die ich bis zum Schmause aufbewahren will. – Nebenbei gesagt, liebste Freundin, ist mein Hunger fast eben so groß, wie mein Kummer, euch verlassen zu müssen.« »Hunger ist ein schönes Ding,« philosophirte der Sybarit, »wenn man einer guten Mahlzeit entgegensieht.« »Sei unbesorgt, Philoinus,« antwortete Rhodopis; »ich habe dem Koche befohlen, sein Möglichstes zu thun, und ihm mitgetheilt, daß der größeste Feinschmecker aus der üppigsten Stadt in der ganzen Welt, daß ein Sybarit, daß Philoinus über seine zarten Gerichte strenges Gericht halten werde. Geh', Knakias, und sage, man solle anrichten! Seid ihr jetzt zufrieden, ihr ungeduldigen Herren? Arger Phanes; mir hast Du mit Deiner Trauerkunde die Mahlzeit verdorben!« Der Athener verneigte sich; der Sybarit aber philosophirte abermals: »Zufriedenheit ist ein schönes Ding, wenn man die Mittel hat, all' seine Wünsche zu befriedigen; auch danke ich Dir, Rhodopis, für die Würdigung, welche Du meiner unvergleichlichen Heimath angedeihen läßt. Was sagt Anakreon? (Anm. 36) Anakreon von Teos lebte gleichfalls zur Zeit unserer Erzählung am Hofe des Polykrates. Der berühmte, liebenswürdige Sänger der Liebe und des Weins wird im Texte öfters genannt und angeführt werden. Die citirte Stelle findet sich Anacr. fragm. ed. Moebius XV . Seine Portraitstatue in der Villa Borghese zu Rom. Abgebildet in den Abhandl. der k. sächs. Gesellschaft der Wissenschaften, Phil.-hist. Klasse III. S. 730 ff. mit Text von Otto Jahn. ›Der heutige Tag liegt mir am Herzen, Wer weiß, was uns der nächste bringt, Drum flieht den Gram, verbannt die Schmerzen, Und spielt das Würfelspiel und trinkt! – –‹ »He! Ibykus, hab' ich Deinen Freund, der mit Dir an der Tafel des Polykrates schmaust, richtig citirt? Ich sage Dir, daß, wenn Anakreon auch bessere Verse macht als ich, meine Wenigkeit sich dafür doch nicht schlechter auf's Leben versteht, wie der große Lebenskünstler. Er hat in allen seinen Liedern kein Lob auf's Essen, und ist denn das Essen nicht wichtiger, als das Spielen und Lieben, obgleich diese beiden Tätigkeiten – ich meine Spielen und Lieben – mir auch recht theuer sind? Ohne Essen müßt' ich sterben, ohne Spiel und Liebe kann ich schon, wenn auch nur kümmerlich, fortbestehen.« Der Sybarit brach, zufrieden mit seinem schalen Witze, in ein lautes Gelächter aus; der Spartaner aber wandte sich, während man in ähnlicher Weise fortplauderte, an den Delphier Phryxus, zog ihn in eine Ecke und fragte ihn, seiner gemessenen Art vergessend, in großer Aufregung, ob er ihm die lang ersehnte Antwort des Orakels mitbringe? Das ernste Gesicht des Delphiers ward freundlicher; er griff in die Brustfalten seines Chiton und holte ein kleines Röllchen von pergamentartigem Schafleder hervor, auf dem mehrere Zeilen geschrieben waren. Die Hände des starken und tapferen Spartaners zitterten, als er nach dem Röllchen griff, und nachdem er es geöffnet, saugten sich seine Blicke an die Schriftzüge an, die es bedeckten. So stand er kurze Zeit; dann schüttelte er mißmuthig die grauen Locken, gab Phryxus die Rolle zurück und sagte: »Wir Spartaner lernen andere Künste, als Lesen und Schreiben. Wenn Du kannst, so lies mir vor, was Pythia sagt.« Der Delphier überflog die Schrift und erwiederte: »Freue Dich! Loxias Beiname, welchen Apollo wegen seiner dunklen, schiefen Orakelsprüche führte. Macrob. I. 17 . verheißt Dir eine glückliche Heimkehr; höre, was Dir die Priesterin verkündet: ›Wenn einst die reisige Schaar von schneeigen Bergen herabsteigt Zu den Gefilden des Stroms, welcher die Ebne benetzt, Führt Dich der zaudernde Kahn herab zu jenem Gefilde, Welches dem irrenden Fuß heimischen Frieden gewährt; Wenn einst die reisige Schaar von schneeigen Bergen herabsteigt, Schenkt Dir die richtende Fünf, was sie Dir lange versagt.‹« Gespannten Ohres lauschte der Spartaner diesen Worten. Zum zweiten Male ließ er sich den Spruch des Orakels vorlesen, dann wiederholte er ihn aus dem Gedächtnisse, dankte Phryxus, und steckte das Röllchen zu sich. Der Delphier mischte sich in das allgemeine Gespräch; der Spartaner aber murmelte den Spruch des Orakels unaufhörlich vor sich hin, um ihn ja nicht zu vergessen, und bemühte sich, die rätselhaften Worte zu deuten. Zweites Kapitel. Die Flügelthüren des Speisesaales öffneten sich. An jeder Seite des Eingangs stand ein schöner, blondgelockter Knabe, mit Myrtenkränzen in der Hand; in der Mitte des Saales erhob sich ein großer, niedriger, glänzend polirter Tisch, an dessen Seiten purpurrothe Polster die Gäste zu bequemer Rast einluden (Anm. 37) Gewöhnlich hatte wohl jeder Gast sein eigenes Tischchen; doch hören wir schon im Homer von großen Anrichtetafeln reden. Ilias IX. 206. 215. Odyss. I. 111 . In dem Symposion, welches Xenophanes ungefähr zur Zeit unserer Geschichte schildert, kommt eine Tafel vor, deren Ausstattung bei der folgenden Beschreibung von uns besonders benutzt worden ist. Xenoph. fragm. ed. Bergk I . In homerischer Zeit saß man bei Tische, später wurde die liegende Stellung ganz allgemein. S. A. Overbeek, Pompeji. Erste Aufl. S. 376 fgd. . Auf der Tafel prangten reiche Blumensträuße. Große Braten, Gläser und Schalen voller Datteln, Feigen, Granatäpfel, Melonen und Weintrauben standen neben kleinen silbernen Bienenkörben voller Honig; zarter Käse von der Insel Trinakria lag auf getriebenen kupfernen Tellern, und in der Mitte des Tisches stand ein silberner, einem Altar gleichender Tafelaufsatz, der rings mit Myrten und Rosenkränzen umwunden war, und von dessen Spitze süße Räucherungsdüfte aufstiegen. Am äußersten Ende des Tisches glänzte das silberne Mischgefäß (Anm. 38) Die Griechen pflegten gemischten Wein zu trinken. Den reinen Rebensaft soll Zaleukus bei Todes-, Solon bei strenger Strafe allen Bürgern, welche ihn nicht als Arzenei benutzen mußten, verboten haben. Die gewöhnliche Mischung war /  Wasser und /  Wein. Schol. z. d. Rittern des Aristophanes V. 1184. , ein herrliches äginetisches Werk, dessen gekrümmte Henkel zwei Giganten darstellten, die unter der Last der Schale, welche sie trugen, zusammenzubrechen schienen. Dieser Mischkrug war, wie der Altar in der Mitte des Tisches, mit Blumen umwunden, und auch um jeden Becher (Anm. 39) Es gab Becher bei den Griechen wie den Aegyptern in mannigfaltigen Formen und aus den verschiedensten Stoffen. Die graziösen griechischen Trinkgeschirre sind bekannt, aber auch die Aegypter wußten schöne Becher zu fabriziren. Sie sind von edlen Metallen, von Erz (die Becher der Priester nach Herod.), von feinem, zum Theil glasirtem Thon (im berliner Museum mit blauer Glasur) oder auch, doch wohl nur selten, von Glas. Viele waren bunt emaillirt und zeigten die Form einer sich öffnenden Blume, andere ahmten die Köpfe von Säugethieren und Vögeln nach, aus deren Hälsen man trank, wieder andere gleichen unseren Henkeltassen. Wilkinson II. S. 348–55. Rosellini, Mon. civ. T. LIII–LXII. Ebers, Aegypten u. d. B. Mose's, S. 328. Originale in den Museen von Berlin, London, Paris, Leyden, Turin, Bulaq \&c. schlang sich ein Rosen- oder Myrtenkranz. Rosenblätter waren in dem ganzen Zimmer umhergestreut (Anm. 40) Das Speisezimmer der Kleopatra soll eine Elle hoch mit Rosen bestreut gewesen sein. Athenäus, Deipnos. IV. 148. ed. Meineke . , an dessen glatten Wänden von weißem Stuck viele Lampen hingen. Kaum hatte man sich auf die Polster niedergelegt, so erschienen die blonden Knaben, umwanden die Häupter und Schultern der Schmausenden mit Myrten- und Epheukränzen, und wuschen ihre Füße in silbernen Becken (Anm. 41) Die Griechen gingen nur bekränzt zur Mahlzeit. Vor derselben wurden den Gästen die Füße von Sklaven gewaschen. Plato, Symposion p. 213 . Auch goß man vor dem Essen Wasser über die Hände. Athen. II. 60. . Als der Vorschneider schon die ersten Braten, um sie zu zerlegen, vom Tische genommen hatte, machte sich der Sybarit noch immer mit den Knaben zu schaffen, und ließ sich, obgleich er schon nach allen Wohlgerüchen Arabiens duftete, förmlich in Rosen und Myrten einwickeln; nachdem jedoch das erste Gericht, Thunfische mit Senfbrühe (Anm. 42) Dieses Gerichtes erwähnt Hipponax ungefähr zur Zeit unserer Geschichte. Hipponact. fragm. 34 ed. Bergk . , aufgetragen worden war, vergaß er aller Nebendinge und beschäftigte sich ausschließlich mit dem Genusse der trefflichen Speisen. Rhodopis saß auf einem Armstuhle an der Spitze der Tafel neben dem Mischkruge, und leitete sowohl die Unterhaltung, als auch die aufwartenden Sklaven (Anm. 43) Die Frauen pflegten sitzend zu essen. Die Griechen hatten Arm- oder Lehnstühle, wie die Aegypter. Aus Pompeji und den Darstellungen mancher Götter und besonders vornehmer Persönlichkeiten ist uns die Gestalt der Solia oder Throne bekannt geworden, welche eine hohe, etwas steile Lehne und an den Seiten Stützen besaßen, auf denen die Arme ruhen konnten. – Gewöhnlich wurde ein Symposiarch oder Leiter des Gastmahls durch Würfelung gewählt; hier aber kommt dieses Amt der Rhodopis von selbst zu. Ein Sklave des Hauses hatte die anderen, zum Theil von den Gästen mitgebrachten, Diener zu leiten. . Mit einem gewissen Stolze sah sie auf ihre fröhlichen Gäste, und schien sich mit jedem ausschließlich zu beschäftigen, indem sie sich bald bei dem Delphier nach dem Erfolge seiner Sammlungen erkundigte, bald den Sybariten fragte, ob ihm die Werke ihres Koches behagten, bald dem Ibykus lauschte, welcher erzählte, daß Phrynichus von Athen die religiösen Schauspiele des Thespis von Ikaria in's bürgerliche Leben gezogen habe, und mit Chören, Sprechern und Gegensprechern ganze Geschichten aus der Vorzeit aufführen (Anm. 44) Zur Zeit unserer Erzählung war das Drama noch in seiner Entstehung. Thespis gab den dionysischen Chören durch Wechselgesänge und Masken eine dramatische Gestalt, während Phrynichus als der erste eigentliche Tragödiendichter genannt werden muß. lasse. Dann wandte sie sich an den Spartaner und sagte ihm, daß er der Einzige sei, bei dem sie sich nicht wegen der Einfachheit ihres Gastmahls, wohl aber wegen der Ueppigkeit desselben zu entschuldigen habe. Wenn er nächstens wiederkomme, solle ihm ihr Sklave Knakias, der sich rühme, als entwichener spartanischer Helot (Anm. 45) Sklaven in Sparta, die sich ziemlich häufig ihrer Dienstbarkeit, welche übrigens im Allgemeinen zu schwarz geschildert wird, zu entziehen suchten. , eine köstliche Blutsuppe kochen zu können (bei diesen Worten schauderte der Sybarit), eine echt lacedämonische Mahlzeit bereiten. Als die Gäste gesättigt waren, wuschen sie sich von Neuem die Hände. Dann wurde das Speisegeschirr abgeräumt, der Fußboden gesäubert, und Wein und Wasser in den Mischkessel gegossen. Endlich (Anm. 46) Nach der eigentlichen Mahlzeit begann das Symposium. Erst jetzt bekränzte man sich gewöhnlich, wusch die Hände mit Smegma oder Smema (einer Art von Seife) und griff zum Weine. wandte sich Rhodopis, nachdem sie sich überzeugt hatte, daß Alles im besten Gange sei, an den mit den Milesiern streitenden Phanes und sagte: »Edler Freund! Wir haben jetzt unsere Ungeduld so lange bemeistert, daß es wohl Deine Pflicht wäre, uns mitzutheilen, welches schlimme Ungefähr Dich aus Aegypten und unserem Kreise zu entreißen droht. Mit leichtem Sinne, den die Götter euch Ioniern allen als köstliches Geschenk bei der Geburt zu spenden pflegen, magst Du Dich von uns und diesem Lande trennen; – wir aber werden Deiner lange schmerzlich gedenken, denn ich kenne keinen größeren Verlust, als den eines seit Jahren treu bewährten Freundes. Einige von uns haben auch zu lange am Nil gelebt, um nicht ein wenig von dem unwandelbar beständigen Sinne der Aegypter angenommen zu haben! Du lächelst; und dennoch glaube ich zu wissen, daß Du, obgleich Du Dich schon lange nach Hellas sehnest, nicht ohne alles Bedauern von uns scheiden wirst. Du gibst mir Recht? Wohl, so erzähle uns denn, warum Du Aegypten verlassen mußt oder willst, damit wir überlegen können, ob es nicht möglich sei, Deine Verweisung vom Hofe rückgängig zu machen, und Dich für uns zu erhalten.« Phanes lächelte bitter und sagte: »Ich danke Dir, Rhodopis, für Deine schmeichelhaften Worte und die gute Absicht, Dich meines Abschiedes wegen betrüben oder denselben womöglich verhindern zu wollen. Hundert neue Gesichter werden Dich das meine bald vergessen lassen, denn ob Du auch schon lange am Nilstrom wohnst, so bist Du doch, und dafür magst Du den Göttern danken, Hellenin geblieben vom Scheitel bis zur Sohle. Auch ich bin ein Freund der Treue, aber ein Feind der ägyptischen Thorheit; und ist wohl Einer unter euch Allen, der es weise finden könnte, sich über Unvermeidliches zu grämen? Die ägyptische Treue ist in meinen Augen keine Tugend, sondern ein Wahn. Diese Menschen, die ihre Todten seit Jahrtausenden bis heute bewahren, und sich eher das letzte Brot, als einen Knochen ihres Urahnen nehmen lassen (Anm. 47) Der verschuldete Aegypter konnte die Mumien seiner Vorfahren versetzen und gab sein letztes hin, ehe er sie verfallen ließ, denn seiner wartete, wenn er dies that, Schmach und Schande; auch wurde ihm nach dem Tode das Begräbniß versagt. Diodor I. 93. , sind nicht treu, sondern thöricht. Kann mir's Freude machen, diejenigen, welche ich liebe, traurig zu sehen? – Gewiß nicht! Ihr sollt euch meiner nicht in monatlangen und sich täglich wiederholenden Wehklagen erinnern, wie die Aegypter, wenn ihnen ein Freund dahin scheidet! Wollt ihr in der That des Fernen oder Abgeschiedenen, – denn ich darf Aegypten, so lange ich lebe, nie wieder betreten, – in späteren Tagen gedenken, so thut es mit lachendem Munde, und rufet nicht: ›Ach warum mußte Phanes uns verlassen!‹ sondern saget: ›Wir wollen fröhlich sein, wie Phanes, als er noch in unserm Kreise weilte!‹ So sollt ihr's halten, so befahl es schon Simonides, als er sang: ›Ja möchten wir nur etwas klüger sein, So stellten wir die langen Klagen ein, Und weinten an des Todten Sarkophag Nur einen Tag. Zum Tode haben wir ja Zeit genug; Das Leben aber, es verrinnt im Flug, Und ist auch sonder übergroßem Harm, So kurz und arm (Anm. 48) Eigene Uebersetzung nach Simonidis fragm. ed. Bergk . !‹ »Wenn man nicht über die Todten klagen soll, so ist es noch viel weniger weise, sich um scheidende Freunde zu grämen, denn jene sind für immer dahin, diesen aber sagen wir beim Abschied: Auf Wiedersehen!« Jetzt konnte der Sybarit, welcher schon lange ungeduldig geworden war, nicht länger schweigen und rief mit kläglicher Stimme: »Fange doch endlich zu erzählen an, Du mißgünstiger Mensch. Ich kann keinen Tropfen trinken, wenn Du nicht aufhörst vom Tode zu sprechen. Mir ist ganz kalt geworden, und ich werde jedesmal krank, wenn ich über . . . nun, wenn ich davon reden höre, daß wir nicht ewig leben!« – Die ganze Gesellschaft lachte, Phanes aber begann seine Geschichte zu erzählen. »Zu Sais wohne ich, wie ihr wißt, in dem neuen Schlosse; zu Memphis aber wurde mir, als Obersten der griechischen Leibwache, welche den König begleiten muß, wohin er auch reist, ein Quartier im linken Flügel des alten Palastes angewiesen (Anm. 49) Die Stadt Memphis soll schon von Menes, den die alten Chronologen meist nach Manetho den ersten König von Aegypten nennen, gegründet worden sein. Dieser soll auch den Nil, welcher vordem dicht an dem libyschen Gebirge vorbeifloß, 100  Stadien oberhalb Memphis abgedämmt, sein altes Bett ausgetrocknet und ihn gezwungen haben, zwischen den östlichen und westlichen Grenzbergen des Nilthals die Mitte zu halten. Noch zu Herodot's Zeit, unter den Persern wurde der Damm jener abgeschnittenen Nilkrümmung sorgfältig erhalten und ausgebessert, denn sein Durchbruch setzte Memphis der Gefahr aus, überflutet zu werden. Obgleich von diesen Dammbauten keine nachweisbaren Spuren übrig geblieben sind, so darf doch nicht an der Richtigkeit dieser Mittheilung gezweifelt werden, denn von dem Dorfe Seft aus wendet sich der Nil nach Westen und würde, wenn er nicht bei der Insel esch Schekame wieder eine Schwenkung nach Osten machte, die libyschen Höhen erreichen. Sein Name hat sich mehrfach auf Monumenten wieder gefunden, und zwar als erster in dem Stammbaume der Könige; so in der von Dümichen entdeckten Königstafel, welche mit Seti I. schließt. Menes (ägyptisch Mena) darf, trotz des Verdachtes, den sein Name erregen könnte, mit Bestimmtheit als historische Persönlichkeit betrachtet werden. S. de Rougé, Mém. sur les VI premières dyn. aeg . Er regierte nach Lepsius, welcher alle Chronographen und die vorhandenen Inschriften mit scharfer Kritik benutzt hat, 3892 v. Chr. und diese auf streng methodischem Wege gewonnene Zahl wird wunderbar bestätigt durch eine astronomisch-kalendarische Notiz auf dem Rücken des Papyrus Ebers. Des Menes Sohn und Nachfolger soll nach Manetho, einem Priester von Heliopolis, der um 250 v. Chr. für die Ptolemäischen Pharaonen die heiligen Schriften der Aegypter in's Griechische übersetzte, den Palast von Memphis gegründet haben. Von der Riesenstadt sind nur spärliche Reste bei den heutigen Dörfern Bedreschëin und Mitrahenneh übrig geblieben. Einige große Schutthaufen, die umgestürzte Kolossalstatue Ramses II., welche, von Caviglia und Slaone entdeckt, von den Klassikern erwähnt ward und jetzt Eigenthum der Engländer ist, Trümmer von Säulen und Steinbildern, Mauerspuren des Ptahtempels, Scherbenreste und kleinere Denkmäler in größerer Zahl ist Alles, was von der einstigen Riesenstadt übrig geblieben. Dennoch ist es möglich, ein ungefähres Bild von ihrer Gestalt zu gewinnen. Schmal und noch im 12. Jahrh. eine halbe Tagereise lang, streckten sich ihre Straßen zwischen dem Nil und dem Bahr Jusuf hin, im Norden bei Gizeh, im Süden etwa in der Breite der Pyramiden von Daschur endend. Das Quartier, in dem der phönizischen und ägyptischen Liebesgöttin ausschweifende Kulte gefeiert wurden, und in dem die Fremden sich später ansiedeln durften, heißt Ta anch, d. i. die Welt des Gebens. Es ward auch das Syrierviertel genannt und lag mit seinen heiligen Hainen gewiß mehr nach Süden hin. Der Königspalast stand auf einem heute noch vorhandenen Hügel dreiviertel Kilometer östl. von Mitrahenneh, von dem aus man heute noch sämmtliche Pyramiden zu überblicken vermag und von dem dereinst die Pharaonen den Bau ihrer Mausoleen geleitet haben werden. Besonders prächtig war das uralte Quartier Amhi, in dem die Tempel der Haupt-Götter standen, unter denen keiner berühmter und älter war, als der von Menes gegründete Tempel des Ptah, an den sich die ganze Geschichte der Stadt knüpft. Die mohammedanischen Eroberer verlegten ihre Residenz an eine Stelle des rechten Nilufers, die dem nördlichsten Theile von Memphis gegenüber lag, und hier entstand in der Nähe des befestigten Babylon das heutige Kairo. Die Todtenstadt von Memphis hat sich besser erhalten.. Die Pyramiden bleiben ewig stehen, das Serapeum, die Apisgräber, Mastaba (s. A. 1 ) \&c. sind von Mariette-Bey, einem gelehrten im Dienste des Vicekönigs stehenden Franzosen, ausgegraben worden. Die Wohnungen der Könige befanden sich keineswegs, wie von mehreren Seiten behauptet worden ist, in den Tempeln. Die Paläste der Pharaonen scheinen, wie die ägyptischen Privathäuser, aus weit leichterem und darum der Zerstörung zugänglicherem Material erbaut worden zu sein, als die Tempel. Diese bestanden wohl aus Nilziegeln, jene fast ausnahmslos aus Quadern von hartem Stein. . »Seit dem ersten Psamtik (Anm. 50) Der erste Psamtik, bekannter unter seinem griechischen Namen Psametich, gehörte zur 26. oder saitischen Dynastie. Er eröffnete Aegypten zuerst dem Verkehr mit dem Auslande. Hier leisten die Inschriften aus den Apisgräbern so gute Hülfe, daß wir den Thronbesteigungstag des Psamtik auf den 5. Februar 664 setzen können. residiren die Könige zu Sais, darum wurde das Innere der anderen Schlösser ein wenig vernachlässigt. Meine Wohnung war im Grunde ganz vorzüglich gelegen, köstlich eingerichtet und wäre vortrefflich gewesen, wenn sich nicht, gleich bei meinem ersten Einzuge in dieselbe, eine furchtbare Plage fühlbar gemacht hätte. »Bei Tage, wo ich übrigens selten zu Hause war, ließ meine Wohnung nichts zu wünschen übrig, bei Nacht aber war an keinen Schlaf zu denken, so fürchterlich spektakelten Tausende von Ratten und Mäusen unter den alten Fußböden, Tapeten und Ruhebetten. »Ich wußte mir keinen Rath in dieser Noth, bis mir endlich ein ägyptischer Soldat zwei schöne große Katzen verkaufte, welche mir auch nach mehreren Wochen einige Ruhe vor meinen Peinigern verschafften. »Ihr werdet Alle wissen, daß eines der liebenswürdigen Gesetze dieses wunderlichen Volkes, dessen Bildung und Weisheit ihr, meine milesischen Freunde, nicht sattsam preisen könnt, die Katzen für heilig erklärt. Göttliche Ehre wird diesen glücklichen Vierfüßlern, wie so mancher andern Bestie, zu Theil, und ihre Tödtung eben so streng bestraft, als der Mord eines Menschen.« Rhodopis, welche bis dahin gelächelt hatte, wurde ernster, als sie vernahm, daß die Verweisung des Phanes mit seiner Mißachtung der heiligen Thiere zusammenhing. Sie wußte, wie viele Opfer, ja wie viele Menschenleben, dieser Aberglaube der Aegypter bereits gekostet hatte. Vor Kurzem noch hatte König Amasis selbst einen unglücklichen Samier, welcher eine Katze getödtet hatte, nicht vor der Rache des zornigen Volkes zu retten vermocht (Anm. 51) Die Katze war wohl das heiligste von den vielen heiligen Thieren, welche die Aegypter verehrten. Während viele andere Thiere nur bezirksweise vergöttert wurden, war die Katze allen Unterthanen der Pharaonen heilig. Herod. II. 66 erzählt, daß die Aegypter, wenn ein Haus brenne, nicht eher an's Löschen dächten, als bis ihre Katze gerettet sei, und daß sie sich die Haare, als Zeichen der Trauer, abschören, wenn ihnen eine Katze stürbe. Wer eines dieser Thiere tötete, verfiel, mochte er mit Willen oder aus Versehen der Mörder desselben geworden sein, unerbittlich dem Tode. Diod. I. 81 war Augenzeuge, als die Aegypter einen unglücklichen römischen Bürger, welcher eine Katze getödtet hatte, des Lebens beraubten, obgleich, um der gefürchteten Römer willen, von Seiten der Behörden alles Mögliche geschah, um das Volk zu beruhigen. Die Leichen der Katzen wurden sorgfältig mumisirt und beigesetzt. Von den vielen balsamirten Thieren wurden und werden keine häufiger gefunden, als die sorgfältig mit Leinenbinden umwickelten mumisirten Katzen. Balsamirte Exemplare besitzt jedes Museum. Trotz der großen Pflege, welche die Katzen genossen, kann es doch an Mäusen in Aegypten nicht gefehlt haben. In einem Nomos oder Gau (dem Athribitischen) war die Spitzmaus heilig, und ein obscöner und satirischer Papyrus zu Turin zeigt uns einen Katzen-Mäusekrieg; Pap. Ebers enthält Mittel gegen Mäuse. Wir besitzen eine sehr schön gearbeitete Spitzmaus aus Bronze. Mr. de Potonnier, der Gefährte des bekannten Gründers des Ueberlandweges nach Indien, Waghorn, erzählte uns zu Kairo, daß er in einem alten Gemäuer in Unterägypten eines Nachts von Ratten überfallen worden sei. Die Narben der Bisse dieser ekelhaften Thiere hatten lange Jahrzehente nicht zu verwischen vermocht. Noch spät, ja als bereits der Islâm in Aegypten eingedrungen war, schenkte man den Katzen besondere Berücksichtigung. In Kairo wurde eine Summe Goldes vermacht, um verhungernde Katzen zu füttern, und die große nach Mekka reisende Pilgerkarawane wird heute noch von einem alten Manne, welcher mehrere Katzen bei sich führt und der der Katzenvater genannt wird, begleitet. S. die schöne Darstellung von Gentz in Ebers, Aegypten in Bild und Wort I. S. 103. . »Alles war gut,« erzählte der Oberst weiter, »als wir Memphis vor zwei Jahren verließen. »Ich hatte das Katzenpaar der Pflege eines ägyptischen Schloßdieners anvertraut, und wußte, daß die rattenfeindlichen Thiere meine Wohnung für künftige Fälle rein erhalten würden, ja ich begann schon selbst den freundlichen Rettern aus der Mäusegefahr eine gewisse Verehrung zu zollen. »Im vorigen Jahre ward Amasis krank, ehe der Hof sich nach Memphis begeben konnte, und wir blieben zu Sais. »Endlich, vor etwa sechs Wochen, machten wir uns auf den Weg zu der Pyramidenstadt (Anm. 52) Näheres im III. Theile des Textes S. 188. . Ich bezog mein altes Quartier, und fand in demselben keinen Schatten eines Mäuseschwanzes wieder; statt der Ratten wimmelte es aber von einem anderen Thiergeschlechte, welches mir nicht lieber war, wie seine Vorgänger. Das Katzenpaar hatte sich nämlich in den zwei Jahren meiner Abwesenheit verzwölffacht. Ich versuchte die lästige Brut von Katern jeden Alters und aller Farben zu vertreiben; aber es gelang mir nicht, und ich mußte allnächtlich meinen Schlaf von entsetzlichen Vierfüßler-Chorgesängen, Katzenkriegsgeschrei und Katerliedern unterbrechen lassen. »Alljährlich, zur Zeit des Bubastisfestes, ist es erlaubt, die überflüssigen Mäusefänger in den Tempel der katzenköpfigen Göttin Pacht abzuliefern, woselbst sie verpflegt, und, wie ich glaube, wenn sie sich gar zu stark vermehren, bei Seite gebracht werden. Diese Priester sind Spitzbuben! »Leider fiel die große Fahrt zu dem besagten Heiligthume (Anm. 53) Die Göttin Pacht (Sechet und Bast), welche mit dem Katzenkopfe abgebildet wurde, hatte zu Bubastis im östlichen Delta ihr vornehmstes Heiligthum. (S. Ebers, Durch Gosen zum Sinai, S. 15 fgd. 482 fgd.) Dorthin brachte man auch gewöhnlich die Katzenmumien, welche aber auch an anderen Orten, namentlich sehr häufig beim Serapeum bei Speos Artemidos und sonst gefunden worden sind. Sie war nach Herodot gleich der griechischen Artemis (Diana) und wurde die Bubastische genannt. Nach Stephanus von Byzanz soll die Katze auch auf ägyptisch Bubastos geheißen haben. Uebrigens nannte man das Thier für gewöhnlich Mau und in den jüngeren Sprachformen Emu und Schau. Man scheint auch in der Pacht die Beschützerin der Geburt und des Kindersegens verehrt zu haben. Bilder derselben bei Birch, Gallery p. 16  fgd. Wilkinson m. a. c. VI. Pl.  27 u. 35. Ebers, Aegypten in Bild und Wort I. S. 102. Es scheint keinem Zweifel zu unterliegen, daß man in der Bast gewisse Seiten der durch die Phönizier den Aegyptern zugekommenen Astarte (Fremden-Aphrodite, Venus urania ) verehrte. Ueber die Fahrt nach Bubastis im Text II. Theil S. 93 u. A. 73 . nicht in die Zeit unseres Aufenthaltes bei den Pyramiden; ich aber konnte es schlechterdings mit dieser Armee von Peinigern nicht länger aushalten, und beschloß, als mich zwei Katzenmütter von neuem mit einem Dutzend gesunder Nachkommen beehrten, wenigstens diese bei Seite zu schaffen. Mein alter Sklave Müs (Anm. 54) Müs, μυ̃ς, ein bei den Griechen nicht ungewöhnlicher Name, bedeutet »Maus«. , schon dem Namen nach ein geborener Katerfeind, erhielt den Auftrag, die jungen Dinger zu tödten, in einen Sack zu stecken und in den Nil zu werfen. »Dieser Mord war nothwendig, denn ohne ihn würde das Miaulen der jungen Kater den Schloßwärtern den Inhalt des Sackes verrathen haben. Als es dunkelte, begab sich der arme Müs mit seiner gefährlichen Last durch den Hathor Hain (Anm. 55) Die Liebesgöttin der Aegypter, die uralte Horizontgöttin und Mutter des jungen Horus. Sie ist eine der vornehmsten ägyptischen Gottheiten. Ihr Hauptheiligthum befand sich zu Dendera ( Ta-n-tarer , das Land des Nilpferdes, der Nilpferdgöttin), wo sie in all' ihren Namen, von denen sich zu Edfu über 300 finden, genannt wird. Ueberall erscheint sie als das dem männlichen, zeugenden entgegengesetzte weibliche, also empfangende und gebärende Princip, und kosmisch als die Welt, die Darstellung Gottes in der sichtbaren Welt, die Natur, in welcher die Gottheit wirksam ist. Als personifizirte Fruchtbarkeit stellt sie die Ergiebigkeit der Felder dar. Da diese in Aegypten vom Nile abhängt, so ist es Isis-Hathor, die »den Nil wachsen läßt zu seiner Zeit«. Sie ist die hehre Göttin der Liebe, die große himmlische Mutter, welche mit ihrem göttlichen Schutze den Müttern zur Seite steht, die Geberin aller Güter des Lebens, die Schöngesichtige, die da erfüllt Himmel und Erde mit ihren Wohlthaten. In späterer Zeit ward sie geradezu zur Muse. Tanz, Gesang, Scherz, ja selbst der Genuß und Rausch beim Weintrinken standen unter ihrem Schutze; in erster Reihe aber ward sie als Liebesgöttin verehrt. Strick und Tamburin in ihrer Hand deuten auf die fesselnde Kraft und die Lust der Liebe. Sie wird die große Königin des goldenen Kranzes genannt und die Amme, die den Gebärenden zur Seite steht. Sie war die Lieblingsgöttin der königlichen Frauen. Ihr heiliges Thier war die Kuh, und sie erscheint gewöhnlich in der Gestalt eines kuhköpfigen Weibes, das die Sonnenscheibe zwischen den Kuhhörnern, die an die Sichel des Mondes erinnern, trägt, oder als Kuh, die am Horizonte die junge Sonne gebiert. Abbildungen bei Birch, Gallery p. 19. Champollion, Panthéon Égyptien. T. 18. Rosell. mon. d. culto etc. Das Beste über unsere Göttin bei Dümichen, Bauurkunde von Dendera L. 1865. Isis ist die Hathor in außersinnlicher Form, die Fruchtbarkeit als der organischen Welt immanenter Begriff. nach dem Nile. Doch der ägyptische Schloßdiener, welcher meine Thiere zu füttern pflegte, und jede einzelne Katze bei Namen kannte, hatte unsern Plan durchschaut. »Mein Sklave ging gelassen durch die große Sphinxallee an dem Tempel des Ptah (Anm. 56) Der Tempel des großen Gottes von Memphis, Ptah, war eines der berühmtesten Bauwerke in Aegypten. König Menes sollte denselben bereits angelegt haben. Die aus Memphis stammenden und hier residirenden Pharaonen der 3., 4., 5. u. 6. Dyn. vergrößerten ihn. In der 12. Dynastie versah der unter dem Namen Möris bekannte Amenemha III. den Norden des Tempels mit Propyläen und auch die nach der Vertreibung der Hyksos zu Theben residirenden Könige versäumten es nicht, das Heiligthum des Ptah reich auszuschmücken. Ramses II. soll seine und seiner Gemahlin Statuen, nebst denen von zwei seiner Kinder vor diesem Tempel aufgestellt haben. Der Koloß des Königs ist von Caviglia und Slaone 1820 aufgefunden worden und liegt noch an seinem Platze. Ramses III. beschenkte, wie der große Papyr. Harris lehrt, den Tempel auf's reichste. Selbst die Aethiopier berücksichtigten das Heiligthum des Ptah, das der erste König der 26. Dyn., zu der auch Amasis gehörte, glänzend ausbaute. Amasis stellte hier Bildsäulen auf, von denen die größte schon zu Herodot's Zeiten am Boden lag. Ueber den hier verehrten Apis weiter unten. Spärliche Spuren des Tempels sind heute noch bei dem Araberdorfe Mitrahenneh nachweisbar. vorüber; das Säckchen hielt er unter seinem Mantel verborgen. Schon im heiligen Haine bemerkte er, daß man ihm folge; er achtete aber nicht darauf und setzte seinen Weg vollkommen beruhigt fort, als er bemerkte, daß die Leute, welche hinter ihm hergingen, am Tempel des Ptah stehen blieben und sich dort mit Priestern unterredeten. »Schon stand er am Ufer des Nils. Da hörte er, wie man ihm rief, wie viele Menschen ihm in schnellem Laufe folgten, und ein geschleuderter Stein dicht an seinem Kopfe vorüberpfiff. »Müs übersah die Gefahr, welche ihm drohte. Mit dem Aufgebot aller Kräfte jagte er bis an den Nil, schleuderte den Sack in das Wasser, und stand klopfenden Herzens, aber, wie er glaubte, ohne jeden Beweis seiner Schuld, am Ufer des Stromes. Wenige Augenblicke später war er von hundert Tempeldienern umringt. Der Oberpriester des Ptah, Ptahotep, mein alter Feind, hatte es nicht verschmäht, in eigner Person den Häschern zu folgen. »Mehrere derselben, und unter ihnen jener verrätherische Palastdiener, stiegen sofort in den Nil und fanden zu unserm Verderben den Sack mit seinen zwölf Leichnamen, der unversehrt im Papyrus Rohre und den Bohnenranken am Ufer hing. Vor den Augen des Oberpriesters, einer Schaar von Tempeldienern und wenigstens tausend herbeigeeilten Memphiten ward der baumwollene Sarg geöffnet. Als man seinen unseligen Inhalt gewahrte, erhob sich ein so entsetzliches Wehegeheul, ein so furchtbares Klage- und Rachegeschrei, daß ich's bis zum Schlosse vernehmen konnte. Die wuthentbrannte Menge stürzte sich in wilder Leidenschaft auf meinen armen Diener, riß ihn zu Boden, trat ihn mit Füßen, und würde ihn sofort getödtet haben, wenn der allmächtige Oberpriester nicht ›Halt‹ geboten, und, in der Absicht, mich, in dem er den Urheber der Frevelthat ahnte, mit in's Verderben zu ziehen, befohlen hätte, den schrecklich zugerichteten Missethäter in's Gefängniß zu setzen. »Eine halbe Stunde später ward auch ich festgenommen. »Mein alter Müs nahm alle Schuld des Verbrechens auf sein Haupt, bis der Oberpriester ihm durch Bastonnaden das Geständniß abnöthigte, ich habe ihm geboten, die Katzen zu tödten; er aber, als treuer Diener, meinem Befehle Folge leisten müssen. »Das Obergericht (Anm. 57) Dieser Gerichtshof, welcher Diod. I. 75 mit dem Areopag zu Athen und der Gerusia zu Sparta verglichen wird, bestand aus 30 Richtern aus der Priesterkaste (10 von Heliopolis, 10 von Memphis, 10 von Theben) und wählte den Trefflichsten (ένα τὸν άριστον) zum Präsidenten. Alle Klagen und Vertheidigungen mußten schriftlich eingereicht werden, damit Wort und Geberde den Richter nicht beeinflusse. Dieses Tribunal war selbst vom Könige unabhängig. Sehr lehrreich in Bezug auf die Rechtspflege bei den alten Aegyptern ist namentlich ein turiner – und der Papyrus Abbott geworden, welcher bekannter ist unter dem Namen des Papyr. judiciaire . Näheres und Angabe der Literatur bei Ebers, Durch Gosen zum Sinai, S. 534 fgd. , gegen dessen Urtheilssprüche selbst der König keine Macht besitzt, ist aus Priestern von Memphis, Heliopolis und Theben zusammengesetzt; ihr könnt euch also denken, daß man den armen Müs sowohl, als meine hellenische Wenigkeit ohne Bedenken zum Tode verurtheilte. Den Sklaven wegen zweier Kapitalverbrechen: erstens wegen des Mordes von heiligen Thieren, zweitens wegen der zwölfmaligen Verunreinigung des heiligen Nils durch Leichname; mich, wegen der Urheberschaft dieses, wie sie's nannten, vierundzwanzigfachen Kapitalverbrechens (Anm. 58) Schon der Mitwisser eines Verbrechens war nach ägyptischem Gesetz eben so strafbar als der Thäter. . Müs ward noch am nämlichen Tage hingerichtet. Möge ihm die Erde leicht sein! In meinem Andenken wird er nicht als mein Sklave, sondern als mein Freund und Wohlthäter fortleben! Im Angesicht seiner Leiche ward auch mir das Todesurtheil vorgelesen, und ich machte mich schon zur langen Reise in die Unterwelt fertig, als der König befehlen ließ, die Vollstreckung meiner Hinrichtung aufzuschieben. »Ich ward in mein Gefängniß zurückgebracht. »Ein arkadischer Taxiarch Anführer einer Taxis oder Compagniehauptmann. Lysias, Apol. p. 162 . , welcher sich unter meinen Wächtern befand, theilte mir mit, daß sämmtliche griechischen Offiziere der Leibwache und eine Menge von Soldaten, im Ganzen mehr als viertausend Mann, gedroht hätten, ihren Abschied zu nehmen, wenn man mich, ihren Führer, nicht begnadigen werde. »Als es dunkelte, wurde ich zum Könige geführt, welcher mich gnädig empfing. Er selbst bestätigte mir die Mittheilung des Taxiarchen und sprach sein Bedauern aus, einen so beliebten Obersten verlieren zu müssen. Was mich betrifft, so gestehe ich gern, daß ich dem Amasis nicht zürne, und mehr noch, daß ich ihn, den mächtigen König, bedaure. Ihr hättet mit anhören sollen, wie er sich beklagte, nirgend handeln zu können, wie er wolle, und selbst in seinen persönlichsten Angelegenheiten überall von den Priestern und ihrem Einflusse behindert und gefährdet zu sein. Käme es nur auf ihn an, sagte er, so würde er mir, dem Fremden, die Uebertretung eines Gesetzes, welches ich nicht verstehen könne, und darum, wenn auch fälschlich, für abgeschmackten Aberglauben halten müsse, gern vergeben. Der Priester wegen dürfe er mich aber nicht ungestraft lassen. Verbannung (Anm. 59) Gegen die eingeborenen Aegypter scheint die Verbannung nicht als Strafe angewendet worden zu sein; der Fremde, welcher entfernt werden sollte, konnte leicht mit ihr belegt werden. aus Aegypten sei die gelindeste Buße, welche er mir auferlegen könne. ›Du weißt nicht,‹ mit diesen Worten schloß er seine Klagen, ›wie große Zugeständnisse ich den Priestern machen mußte, um Gnade für Dich zu erlangen. Ist doch unser Obergericht selbst von mir, dem Könige, unabhängig!‹ »Also ward ich verabschiedet, nachdem ich einen großen Eid geleistet hatte, Memphis noch am selbigen Tage und Aegypten spätestens in drei Wochen verlassen zu wollen. »An der Pforte des Palastes traf ich mit Psamtik, dem Kronprinzen, zusammen, welcher mich schon lange, ärgerlicher Geschichten wegen, die ich verschweigen muß (Du kennst sie, Rhodopis), verfolgt. Ich bot ihm meinen Abschiedsgruß; er aber kehrte mir den Rücken zu, indem er ausrief: ›Auch dießmal entkommst Du der Strafe, Athener; meiner Rache aber bist Du noch nicht entgangen! Wohin Du auch gehst, ich werde Dich zu finden wissen!‹ – ›So darf ich hoffen, Dich wieder zu sehen!‹ entgegnete ich ihm, schaffte meine Habseligkeiten auf eine Barke, und kam hierher nach Naukratis, woselbst mir das Glück meinen alten Gastfreund Aristomachus von Sparta zuführte, welcher, als früherer Befehlshaber der Gruppen von Cypern (Anm. 60) König Amasis führte einen erfolgreichen Krieg gegen Zypern. Herod. II. 178. Diod. I. 68. , höchst wahrscheinlich zu meinem Nachfolger ernannt werden wird. Ich würde mich freuen, einen so trefflichen Mann an meinem Platze zu sehen, wenn ich nicht fürchten müßte, daß neben seinen vorzüglichen Diensten die meinen noch geringer erscheinen werden, als sie es in der That gewesen sind.« Hier unterbrach Aristomachus den Athener und rief: »Genug des Lobes, Freund Phanes! Spartanische Zungen sind ungelenk; mit Thaten will ich Dir aber, wenn Du meiner bedarfst, eine Antwort geben, die den Nagel auf den Kopf treffen soll.« Rhodopis lächelte den beiden Männern Beifall zu. Dann reichte sie jedem von ihnen die Hand, und sagte. »Leider habe ich Deiner Erzählung, mein armer Phanes, entnommen, daß Deines Bleibens nicht länger in diesem Lande sein kann. Ich will Dich nicht wegen Deines Leichtsinnes tadeln, dennoch konntest Du wissen, daß Du Dich um kleiner Erfolge willen großen Gefahren aussetztest. Der Weise, der wahrhaft Muthige unternimmt ein Wagniß nur dann, wenn der Nutzen, der ihm daraus erwachsen kann, die Nachtheile überbietet. Tollkühnheit ist eben so thöricht, wenn auch nicht eben so verwerflich als Feigheit, denn wenn auch beide schaden, so schändet doch nur die Letztere. Dein leichter Sinn hätte Dir dießmal beinahe das Leben gekostet, ein Leben, welches Vielen theuer ist und das Du für ein schöneres Ende, als dem Erliegen unter den Streichen der Narrheit, aufsparen solltest. Wir können nicht versuchen, Dich uns zu erhalten, denn wir würden Dir dadurch nichts nützen, uns aber schaden. An Deiner Stelle soll in Zukunft dieser edle Spartaner als Oberster der Hellenen unsere Nation am Hofe vertreten, sie vor Uebergriffen der Priester zu schützen, ihr die Gunst des Königs zu bewahren bemüht sein. Ich halte Deine Hand, Aristomachus, und lasse sie nicht eher los, bis Du uns versprochen hast, auch den geringsten Griechen, wie Phanes vor Dir, soweit es in Deinen Kräften steht, gegen den Uebermuth der Aegypter zu beschützen, und eher Deine Stellung aufzugeben, als das kleinste einem Hellenen angethane Unrecht straflos hingehen zu lassen. Wir sind wenig Tausende unter eben so vielen Millionen feindlich gesinnter Menschen; aber wir sind groß an Muth, und müssen stark zu bleiben suchen durch Einigkeit. Bis heute haben sich die Hellenen in Aegypten wie rechte Brüder betragen; Einer opferte sich für Alle, Alle für Einen, und eben diese Einheit machte uns mächtig, soll uns in Zukunft stark erhalten. Könnten wir doch dem Mutterlande und seinen Pflanzstätten dieselbe Einigkeit schenken, wollten doch alle Stämme der Heimath, ihrer dorischen, ionischen oder äolosischen Herkunft vergessend, sich mit dem einen Namen »Hellenen« begnügen, und, wie die Kinder eines Hauses, wie die Schafe einer Heerde leben, – wahrlich, die ganze Welt würde uns nicht zu widerstehen vermögen, und Hellas von allen Nationen anerkannt werden als ihre Königin (Anm. 61) Dieses Streben und dieser Wunsch nach Einheit ist den Hellenen keineswegs fremd gewesen, wenn wir ihn auch nur selten aussprechen hören. Aristoteles VII. 7. sagt z. B.: »Die Hellenen könnten, wenn sie sich zu einem Staate vereinigten, alle Barbaren beherrschen.« .« Die Augen der Greisin glühten bei diesen Worten; der Spartaner aber preßte ihre Hand mit ungestümer Heftigkeit, stampfte die Erde mit seinem Stelzfuße und rief: »Beim Zeus Lacedaemonius, ich will den Hellenen kein Härlein krümmen lassen; Du aber, Rhodopis, wärest würdig, eine Spartanerin zu sein!« »Und eine Athenerin!« rief Phanes. »Eine Ionierin!« die Milesier. »Eine Geomorentochter von Samos!« der Bildhauer. »Aber ich bin mehr als dies Alles,« rief das begeisterte Weib, »ich bin mehr, viel mehr, – ich bin eine Hellenin!« Alles war hingerissen, selbst der Syrer und der Hebräer konnten sich der allgemeinen Erregung nicht entziehen; nur der Sybarit ließ sich nicht in seiner Ruhe stören und sagte mit vollem Munde: »Du wärest auch werth, eine Sybaritin zu sein, denn Dein Rinderbraten ist der beste, welchen ich seit meiner Abreise von Italien genossen habe, und Dein Wein von Anthylla (Anm. 62) Athenäus I. 25. nennt den Wein von Anthylla den besten ägyptischen Rebensaft. Die Denkmäler nennen rothe und weiße Weinsorten, z. B. die von Kakem. Näheres Ebers, Aegypten u. d. Bücher Mose's, S. 322. Brugsch, Oasen. mundet mir fast ebenso gut, wie der vom Vesuv und von Chios!« Alles lachte, nur der Spartaner schleuderte auf den Feinschmecker einen Blick der Verachtung. »Fröhlichen Gruß!« rief plötzlich eine uns noch unbekannte tiefe Stimme durch das offene Fenster in den Saal hinein. »Fröhlichen Gruß!« – antwortete der Chor der Zechenden, fragend und rathend, wer der späte Ankömmling sein möge. Man hatte nicht lange auf den Fremden zu warten, denn, ehe noch der Sybarit Zeit gefunden hatte, einen neuen Schluck Wein sorgfältig mit der Zunge zu prüfen, stand ein großer hagerer Mann in den sechziger Jahren, mit einem länglichen, feinen und geistreichen Kopfe, Kallias, der Sohn des Phänippus von Athen (Anm. 63) Ein viel erwähnter, ausgezeichneter Athener, welcher zur Zeit unserer Geschichte lebte. Derselbe soll nach Herod. VI. 122. mit dem Rennpferde und dem Viergespanne gesiegt haben. , neben Rhodopis. Mit den klaren klugen Augen blickte der späte Gast, einer der reichsten Vertriebenen von Athen, welcher die Güter des Pisistratus zweimal vom Staate gekauft und zweimal, als der Gewalthaber wiederkehrte, verloren hatte, seine Bekannten an, und rief, nachdem er mit Allen freundliche Grüße ausgetauscht hatte: »Wenn ihr mir mein heutiges Erscheinen nicht hoch anrechnet, dann behaupte ich, daß alle Dankbarkeit aus der Welt verschwunden ist.« »Wir haben Dich lange erwartet,« unterbrach ihn einer der Milesier. »Du bist der Erste, welcher uns vom Verlaufe der olympischen Spiele Nachricht bringt!« »Und wir konnten keinen bessern Boten wünschen, als den früheren Sieger,« fügte Rhodopis hinzu. »Setze Dich,« rief Phanes voller Ungeduld, »und erzähle kurz und bündig, was Du weißt, Freund Kallias!« »Sogleich, Landsmann,« erwiederte dieser, »'s ist schon ziemlich lange her, seitdem ich Olympia verlassen und mich auf einem samischen Fünfzigruderer, dem besten Fahrzeuge, welches jemals gebaut wurde, zu Kenchreae eingeschifft habe. »Mich wundert's nicht, daß noch keine Hellene vor mir in Naukratis eingelaufen ist, denn wir hatten grausame Stürme zu bestehen und wären kaum mit dem Leben davongekommen, wenn diese samischen Schiffe mit ihren dicken Bäuchen, Ibisschnäbeln und Fischschwänzen (Anm. 64) So werden die zu jener Zeit hochberühmten samischen Schiffe von Herodot beschrieben; auch haben dieselben wohl häufig Eberköpfe an der Spitze geführt. Dahin deutet wenigstens der Bericht des Strabo, daß die Aegineten den von ihnen gekaperten Schiffen die Eberköpfe abgeschlagen hätten. Herod. III. 59. erzählt dasselbe von den Schiffsschnäbeln. nicht gar so vortrefflich gezimmert und bemannt wären. »Die anderen Heimkehrenden mögen, wer weiß wohin, verschlagen worden sein, wir aber konnten uns in den Hafen von Samos bergen und nach zehntägigem Aufenthalte wieder absegeln. »Als wir endlich heute früh in den Nil eingelaufen waren, setzte ich mich sofort in meine Barke und wurde von Boreas, der mir wenigstens am Schlusse der Reise zeigen wollte, daß er seinen alten Kallias noch immer lieb habe, so schnell befördert, daß ich schon vor wenigen Augenblicken das freundlichste aller Häuser erblicken konnte. Ich sah die Fahne wehen, sah die offenen Fenster erleuchtet, kämpfte in mir, ob ich eintreten sollte oder nicht; konnte Deinem Zauber, o Rhodopis, unmöglich widerstehen, und wäre außerdem von all' den Neuigkeiten, die ich noch unerzählt bei mir habe, erdrückt worden, wenn ich nicht ausgestiegen wäre, um euch bei einem Stücke Braten und einem Becher Wein Dinge mitzutheilen, die ihr euch nicht träumen lasset.« Kallias legte sich behaglich auf ein Polster nieder, und überreichte, ehe er seine Neuigkeiten auszukramen begann, Rhodopis ein prächtiges, eine Schlange darstellendes Armband von Gold (Anm. 65) Bei Th. Hope, Costume I. 138 . Auch ägyptische Armbänder in Schlangengestalt sind vorhanden. , welches er zu Samos in der Werkstatt eben jenes Theodorus, der mit ihm an einem Tische saß, für vieles Geld erstanden hatte. »Das bring' ich Dir mit (Anm. 66) Auch im Alterthum war es üblich, seinen Freunden kleine Geschenke von der Reise mitzubringen. So brachte z. B. Theokrit der Gattin seines Freundes Nicias eine elfenbeinerne Spindel, die er mit anmuthigen Versen begleitete. Wir weisen auf die köstliche Uebersetzung dieses Gelegenheitsgedichtes von F. Rückert. ,« sagte er, sich an die hocherfreute Greisin wendend, »für Dich, Freund Phanes, hab' ich aber noch etwas Besseres. Rathe, wer beim Viergespann-Rennen den Preis gewann?« »Ein Athener?« fragte Phanes mit glühenden Wangen; gehörte doch jeder olympische Sieg dem ganzen Volke, dessen Bürger ihn errang, war doch der olympische Oelzweig die höchste Ehre und das größte Glück, welches einem hellenischen Manne, ja einem ganzen griechischen Stamme zu Theil werden konnte. »Recht gerathen, Phanes!« rief der Freudenbote, »ein Athener hat den ersten aller Preise errungen, und mehr noch, Dein Vetter Cimon, der Sohn des Kypselos, der Bruder jenes Miltiades, welcher uns vor neun Olympiaden dieselbe Ehre brachte, war es, der in diesem Jahre, mit denselben Rossen, die ihm am vorigen Feste den Preis gewannen, zum zweitenmal siegte (Anm. 67) Der zweite Sieg der Rosse des Cimon muß, wie Duncker, Gesch. des Alterthums IV. S. 343 richtig bemerkt, um 528 stattgefunden haben. Dieselben Pferde siegten bei den nächsten Spielen, also vier Jahre später, zum dritten Male. Zum Danke ließ Cimon denselben an »der hohlen Gasse« bei Athen ein Denkmal errichten. Es sei daran erinnert, daß die Griechen die Wiederkehr der olympischen Spiele benützten, um die Jahre zu bestimmen Alle vier Jahre fanden die Wettkämpfe statt. Der erste ward 776 v. Chr. gesetzt. Das Einzeljahr ward genannt das 1., 2., 3., 4. der so und so vielten Olympiade. . Wahrlich, die Philaïden (Anm. 68) Neben den Alkmäoniden die vornehmste Adelsfamilie in Athen, welche sich von Ajax, dem homerischen Helden, abzustammen rühmte. Philäos, der Sohn des Ajax von Salamis, wird als ihr Ahnherr genannt. Die Miltiades und Cimon entstammen ihr. Der erste Miltiades, welcher die Tochter des Kypselos heirathete, war einer der ersten jährlichen Archonten von Athen (Pausan. IV. 23. 5. VIII. 39, 2.) und scheint sein Archontat schon um 664 und 659 bekleidet zu haben. S. a. M. Duncker, Geschichte des Alterthums IV. S. 301, wo der Stammbaum der Familie, von Miltiades an, mitgetheilt wird. verdunkeln immer mehr den Ruhm der Alkmaeoniden! Bist Du stolz, fühlst Du Dich glücklich über den Ruhm Deiner Familie, Phanes?« In hoher Freude war der Angeredete aufgestanden, und seine Gestalt schien plötzlich um eines Hauptes Länge gewachsen zu sein. Unsagbar stolz und selbstbewußt reichte er dem Siegesboten die Hand, welcher, den Landsmann umarmend, fortfuhr: »Ja, wir dürfen stolz und glücklich sein, Phanes; und Du vor Allem magst Dich freuen, denn, nachdem die Kampfrichter dem Cimon einstimmig den Preis zuerkannt hatten, ließ dieser den Gewalthaber Pisistratus von den Herolden als Besitzer des herrlichen Viergespanns und somit als Sieger ausrufen. – Euer Stamm darf nun, Pisistratus ließ dies sogleich verkünden, nach Athen zurückkehren, und somit wartet auch Deiner die langersehnte Stunde der Heimkehr!« Die Glut der Freude verschwand bei dieser Rede von den Wangen des Obersten, und der selbstbewußte Stolz seiner Blicke wandelte sich in Zorn, als er ausrief: »Ich sollte mich freuen, törichter Kallias? Weinen möcht' ich, wenn ich bedenke, daß ein Nachkomme des Ajax seinen wohlverdienten Ruhm so schmählich dem Gewalthaber zu Füßen zu legen vermag. Heimkehren soll ich? Ha, ich schwöre bei Athene, beim Vater Zeus und Apollo, daß ich eher in der Fremde verhungern, als meinen Fuß zur Heimath lenken will, so lange der Pisistratide mein Vaterland knechtet. Frei bin ich, wie der Adler in den Wolken, nachdem ich den Dienst des Amasis verlassen; aber ich möchte lieber der hungrige Sklave eines Bauern in fremdem Lande werden, als in der Heimath der erste Diener des Pisistratus sein. Uns, dem Adel, uns gebührt die Herrschaft in Athen; Cimon aber hat, indem er seinen Kranz dem Pisistratus zu Füßen legte, das Scepter des Tyrannen geküßt und sich selbst den Stempel des Knechtes aufgedrückt. Mich, den Phanes, das werde ich Cimon selber zurufen, kann die Gnade des Gewalthabers wenig kümmern; ja ich will ein Verbannter bleiben, bis daß mein Vaterland befreit ist, und Adel und Volk von Neuem sich selbst regieren, sich selbst ihre Gesetze vorschreiben! Phanes huldigt dem Bedrücker nicht, wenn sich auch tausend Cimon und die Alkmaeoniden bis auf den letzten Mann, ja wenn sich auch Dein Geschlecht, Kallias, die reichen Daduchen (Anm. 69) Kallias wird ein Daduche (»δαδου̃χος«) genannt, weil in seiner Familie das Recht, Fackeln bei den eleusinischen Mysterien zu tragen, erblich war. Xenoph. Hell. VI. 3. 2. , dem Pisistratus zu Füßen werfen sollte!« Mit flammenden Blicken überschaute der Athener die Versammlung; aber auch der alte Kallias musterte stolz und selbstbewußt den Kreis der Gäste. Es war, als wollte er einem Jeden zurufen. »Seht, ihr Freunde, solche Männer erzeugt meine ruhmreiche Heimath!« Dann faßte er von Neuem die Hand des Phanes und sprach: »Wie Dir, mein Freund, so ist auch mir der Gewalthaber verhaßt; doch ich vermag mich der Ueberzeugung nicht zu verschließen, daß die Tyrannis, so lange Pisistratus am Leben bleibt, kaum gestürzt werden kann. Seine Bundesgenossen Lygdamis von Naxos und Polykrates von Samos sind mächtig; gefährlicher aber als diese ist für unsere Freiheit die Mäßigung und Klugheit des Pisistratus selbst. Mit Schrecken hab' ich bei meinem jetzigen Aufenthalt in Hellas gesehen, daß die Volksmasse von Athen den Bedrücker gleich einem Vater liebt. Trotz seiner Macht läßt er dem Gesammtwesen die Verfassung des Solon. Er schmückt die Stadt mit den herrlichsten Werken. Der neue Tempel des Zeus, welcher von Kallaeschrus, Antistates und Porinus, die Du kennen mußt, Theodorus, aus herrlichem Marmor aufgerichtet wird, soll alle bisherigen Bauten der Hellenen übertreffen (Anm. 70) Vitruv. 7. praef. 15. Pausan. I. 18. Dicaearch. fragm. ed. Müller 59 . Es soll nur durch den Artemistempel von Ephesus übertroffen worden sein. . Er weiß Künstler und Dichter jeder Art nach Athen zu locken, er läßt die Gesänge des Homer niederschreiben und die Sprüche des Musaeus von Onomacritus aufzeichnen und sammeln. Er legt neue Straßen an und richtet neue Feste ein; der Handel blüht unter seinem Scepter und der Wohlstand des Volkes scheint trotz der Steuern, die ihm auferlegt werden, zu wachsen, statt sich zu vermindern. Aber was ist das Volk? Ein gemeiner Haufe, der, wie die Mücken, allem Glänzenden entgegenfliegt, und wenn es sich auch die Flügel an ihm verbrennt, die Kerze dennoch umflattert, so lange sie brennt. Laß die Fackel des Pisistratus verlöschen, Phanes, und ich schwöre Dir, daß die veränderungssüchtige Menge dem heimkehrenden Adel, dem neuen Lichte, nicht weniger beflissen entgegenfliegen wird, wie jüngst dem Tyrannen. – Gib mir noch einmal Deine Hand, Du echter Sohn des Ajax; euch aber, ihr Freunde, bin ich manche Neuigkeit schuldig. »Im Wagenrennen siegte also Cimon, der dem Pisistratus seinen Oelzweig schenkte. Niemals sah ich vier schönere Rosse als die seinigen. Auch Arkesilaus von Cyrene, Kleosthenes von Epidamnus (Anm. 71) Dieser siegte drei Olympiaden später mit seinen vier Hengsten Phönix, Korax, Samos und Knakias, denen er Denkmäler errichten ließ. Pausanias VI. 14. , Aster von Sybaris, Hekataeus von Milet und viele Andere hatten köstliche Gespanne nach Olympia gesandt. Ueberhaupt waren die diesmaligen Spiele mehr als glänzend. Ganz Hellas hatte Boten geschickt. Rhoda, die Ardeaten-Stadt im fernen Iberien Iberien (Spanien). Rhoda im heutigen Catalonien. Tartessus in Andalusien. , das reiche Tartessus, Sinope im entlegenen Osten am Gestade des Pontus, kurz jeder Stamm, welcher sich hellenischer Herkunft rühmt, war reichlich vertreten. Die Sybariten sandten Festboten von wahrhaft blendendem Glanze, die Spartaner schlichte Männer von der Schönheit des Achilles und dem Wuchse des Herkules; die Athener zeichneten sich durch geschmeidige Glieder und anmuthige Bewegungen aus, die Krotoniaten wurden von Milo (Anm. 72) Von diesem stärksten aller Hellenen werden unglaubliche Kraftstücke erzählt. Er siegte siebenmal zu Olympia, neunmal zu Nemea, sechsmal bei den Pythien (Delphi), zehnmal auf dem Isthmus. Diod. XII. 9. Daß er schon in der 62. Olympiade den Kranz errang, wissen wir bestimmt. Krause, Olympia S. 327. Darum kann er noch eher in der 63., d. i. 528 v. Chr., gekämpft haben. , dem stärksten Manne menschlicher Herkunft, geführt, die samischen und milesischen Festgenossen wetteiferten an Pracht und äußerem Schimmer mit den Korinthern und Mytilenaeern, die ganze Blüthe der hellenischen Jugend war versammelt, und in den Zuschauerräumen saßen neben Männern jeden Alters, jeden Standes und Volkes, viele holde Jungfrauen, welche namentlich von Sparta nach Olympia gekommen waren, um durch ihren Zuruf die Spiele der Männer zu verschönern (Anm. 73) Meyer, Olympische Spiele. Schömann, Privatalterthümer u. a. v. a. O. Verheirathete Frauen durften sich bei Todesstrafe nicht zu den Zuschauern gesellen. . Jenseits des Alphäus war der Markt erbaut. Dort konntet ihr Handelsleute aus allen Ländern der Welt erblicken. Hellenen, Karchedonier, Lyder, Phryger und feilschende Phönizier von Palästina schlossen große Geschäfte ab, oder hielten in Buden und Zelten ihre Waaren feil. Was soll ich euch das drängende Gewoge der Menge, die schallenden Chöre, die dampfenden Festhekatomben, die bunten Trachten, die kostbaren Wagen und Rosse, das Zusammenklingen der verschiedenen Dialekte, die Jubelrufe alter Freunde, welche sich hier nach jahrelanger Trennung wiederfanden, den Glanz der Festgesandten, das Gewimmel der Zuschauer und Kaufleute, die Spannung auf den Verlauf der Spiele, den herrlichen Anblick der überfüllten Zuschauerräume, den endlosen Jubel, sobald ein Sieg entschieden war, die feierliche Belehnung mit dem Zweige, den ein Knabe von Elis, dessen beide Eltern noch leben mußten, mit dem goldenen Messer von jenem heiligen Oelbaum in der Altis (Anm. 74) Altis hieß der heilige Platanen- und Oelbaumhain, welcher, von einer Mauer abgeschlossen, zwischen dem Alpheusfluß und dem Bache Kladeus lag. Pindar Olymp. VIII. Jüngst ist es auf Anregung von E. Curtius deutschen Gelehrten gelungen, auf Kosten ihrer Regierung die Fundamente des Tempels von Olympia frei zu legen und interessante Bildwerke auf seinen Giebelfeldern zu finden. schnitt, den Herkules selbst vor vielen Jahrhunderten gepflanzt hat; – was soll ich euch endlich das nicht aufhörende Jubelgeschrei, welches wie brüllender Donner durch das Stadium brauste, beschreiben, als Milo, der Krotoniat, erschien, und seine von Dameas gegossene Bildsäule von Erz auf den eigenen Schultern, ohne daß ihm die Knie wankten, durch das Stadium (Anm. 75) Der Schauplatz der Kämpfe. in die Altis trug (Anm. 76) Pausanias VI. 14. Euseb. Chron. 6. Ol. 72. Epigramm des Somonides fragm. 179. Bergk. Hartung 222. »Dieses ist Milon's Bildniß, so schön wie er selber: in Pisa Hat er gesiegt sechsmal (?) ohne zu fallen auf's Knie.« !? Einen Giganten hätte die Wucht des Metalls zu Boden gedrückt; Milo aber trug sie, wie eine lacedaemonische Kinderfrau ein Knäblein trägt (Anm. 77) Die spartanischen Kinderfrauen waren in ganz Griechenland berühmt und gesucht. . »Die schönsten Kränze, nach denen des Cimon, wurden einem spartanischen Brüderpaare zu Theil, dem Lysander und Maro, den Söhnen eines verbannten Edlen, mit Namen Aristomachus. Maro siegte im Wettlauf; Lysander aber stellte sich, unter dem Jubel aller Anwesenden, Milo, dem unwiderstehlichen Sieger von Pisa, den Pythien und dem Isthmus, zum Ringkampfe entgegen (Anm. 78) Die Gruppen der Kämpfer wurden durch das Loos bestimmt, nachdem ihre freie Geburt und Unbescholtenheit festgestellt worden war. . Milo war größer und stärker als der Spartaner, dessen Körperbau dem Wuchse des Apollo glich, und dessen große Jugend andeutete, daß er kaum dem Paedanomos Vorsteher des spartanischen Erziehungswesens. Xenoph. respubl. Lacedaemon. entwachsen war. »In ihrer nackten Schönheit, vom goldnen Salböle glänzend, standen sich der Jüngling und der Mann gegenüber, einem Panther und einem Löwen gleichend, die sich zum Kampfe bereiten. Der junge Lysander hob seine Hände vor dem ersten Anlaufe beschwörend zu den Göttern empor und rief: ›Für meinen Vater, meine Ehre und Spartaner-Ruhm!‹ Der Krotoniat aber lächelte überlegen auf den Jüngling herab, wie ein Feinschmecker lächelt, ehe er sich an die Arbeit begibt, die Schale einer Languste (Anm. 79) Langusten sind die wohlschmeckenden scheerenlosen Hummer, die an den Küsten des Mittelmeers, des rothen Meeres, ja schon an den atlantischen Gestaden Frankreichs vorkommen. zu öffnen. »Jetzt begann das Ringen. Lange konnte keiner von Beiden den Andern greifen. Wuchtig, fast unwiderstehlich faßte der Krotoniat nach seinem Gegner, der sich, wie eine Schlange, den furchtbaren Griffen der Zangenhände des Athleten entwand. – Lange währte das Ringen nach dem Griffe, dem die ganze ungeheure Versammlung stumm und athemlos zuschaute. Man hörte nichts als das Stöhnen der Kämpfer und den Gesang der Vögel in dem Haine der Altis. Endlich, – endlich war es dem Jünglinge gelungen, mit dem schönsten Griffe, den ich je gesehen, sich an seinen Gegner zu klammern. Lange strengte Milo vergebens seine Kräfte an, um sich den festen Armen des Jünglings zu entziehen. Der Schweiß ihrer Riesenarbeit netzte reichlich den Sand des Stadiums. »Immer höher wuchs die Spannung der Zuschauer, immer tiefer ward das Schweigen, immer seltener wurden die ermunternden Zurufe, immer lauter ließ sich das Stöhnen der beiden Kämpfenden vernehmen. Endlich sanken dem Jüngling die Kräfte. Tausend ermunternde Stimmen riefen ihm zu, noch einmal raffte er sich mit übermenschlicher Anstrengung zusammen, noch einmal versuchte er den Krotoniaten zu werfen; dieser aber hatte die augenblickliche Abspannung seines Gegners wahrgenommen, und preßte ihn in unwiderstehlicher Umarmung an sich. Da entquoll ein schwarzer, voller Blutstrom den schönen Lippen des Jünglings, der leblos aus den ermatteten Armen des Riesen zu Boden sank. Democedes (Anm. 80) Dieser berühmte Arzt stammte aus Kroton in Unteritalien und wurde in der Mitte des sechsten Jahrhunderts v. Chr. geboren. Wegen harter Behandlung seines Vaters soll er die Heimath verlassen und erst den Pisistratiden für 2500, dann dem Polykrates für mehr als 4000 Thaler Jahrgehalt als Leibarzt gedient haben. Später wurde er mit Gewalt an den persischen Hof gezogen, bewährte auch dort seine Geschicklichkeit und entkam durch List. 510 traf er wieder in Kroton ein und vermählte sich dort mit der Tochter des berühmten Athleten Milo. , der berühmteste Arzt unserer Zeit, ihr Samier müßt ihn vom Hofe des Polykrates kennen, eilte herbei; aber keine Kunst konnte dem Glücklichen helfen, denn er war todt. »Milo mußte sich des Kranzes begeben und der Ruhm dieses Jünglings wird durch ganz Hellas fortklingen. Wahrlich, ich möchte selber lieber todt sein gleich Lysander, dem Sohne des Aristomachus, als leben wie Kallias, der in der Fremde thatenlos altert. – Ganz Griechenland, durch seine Besten vertreten, geleitete den schönen Leichnam des Jünglings zum Scheiterhaufen und seine Bildsäule soll in der Altis, neben denen des Milo von Kroton und Praxidamas von Aegina (Anm. 82) Siegte in der 59. Olympiade im Faustkampfe. , aufgestellt werden. Endlich verkündeten die Herolde den Spruch der Kampfrichter: ›Sparta soll für den Verstorbenen einen Siegerkranz erhalten, denn nicht Milo, sondern der Tod, habe den edlen Lysander bezwungen; wer aber aus zweistündigem Kampfe mit dem stärksten aller Griechen unbesiegt hervorgehe, der habe den Oelzweig wohl verdient‹ (Anm. 81) Nach den Kampfgesetzen hatte Derjenige, dessen Gegner starb, keinen Anspruch auf den Preis des Sieges. .« Kallias schwieg einen Augenblick. Der lebhafte Mann hatte während der Schilderung dieser dem hellenischen Herzen theuersten Ereignisse der Anwesenden nicht geachtet, und in's Blaue starrend, die Bilder der Kämpfenden vor seinen Augen vorüberziehen lassen. Jetzt schaute er um sich und gewahrte staunend, daß der graue Mann mit dem Stelzfuße, den er, ohne ihn zu kennen, schon bemerkt hatte, sein Angesicht in den Händen verbarg und heiße Thränen weinte. Zu seiner Rechten stand Rhodopis, zu seiner Linken Phanes und alle Anwesenden schauten auf den Spartaner, als sei dieser der Held der Erzählung des Kallias gewesen. Der kluge Athener merkte sofort, daß der Greis in nächster Beziehung zu irgend einem der olympischen Sieger stehe; als er aber hörte, daß Aristomachus der Vater jenes ruhmgekrönten spartanischen Brüderpaares sei, dessen schöne Gestalten noch immer wie Erscheinungen aus der Götterwelt vor seinen Blicken schwebten, da sah auch er mit neidischer Bewunderung auf den schluchzenden Alten und eine Thräne füllte sein kluges Auge, ohne daß er ihr zu wehren versuchte. In jenen Zeiten weinten die Männer, wann sie eben von dem Balsam der Zähren Erleichterung hofften. Im Zorne, bei hoher Wonne, bei jedem Seelenschmerze sehen wir die starken Helden weinen, wogegen sich der spartanische Knabe am Altare der Artemis Orthia, ohne einen Klagelaut von sich zu geben, wund, ja manchmal zu Tode peitschen ließ, um des Lobes der Männer theilhaftig zu werden. Eine Zeitlang blieben alle Gäste stumm, die Rührung des Greises ehrend. Endlich unterbrach Jesua, der Israelit, das Schweigen und sagte in gebrochenem Griechisch: »Weine Dich recht aus, spartanischer Mann! Ich weiß, was es heißt, einen Sohn zu verlieren. Habe ich doch vor elf Jahren einen schönen Knaben in die Grube senken müssen in fremdem Lande, an den Wassern Babels, wo mein Volk in Gefangenschaft schmachtete. Hätte das schöne Kind nur noch ein einziges Jährchen gelebt, so würde es in der Heimath gestorben sein, und wir hätten es bestatten können in der Grube seiner Väter. Aber Cyrus der Perser, Jehovah segne seine Nachkommen, hat uns zu spät befreit um ein Jahr, und ich beweine das Kind meines Herzens doppelt, weil sein Grab gegraben ward im Lande der Feinde Israels. Gibt es etwas Grausameres, als zu sehen, wie unsere Kinder, der reichste Schatz, den wir haben, vor uns in die Grube fahren? Und, Jehovah sei mir gnädig, solch' treffliches Kind, wie Dein Sohn gewesen, zu verlieren, wenn es eben geworden ist zum ruhmreichen Manne, das muß der größte Schmerz sein aller Schmerzen!« Der Spartaner entfernte die Hände von dem strengen Angesichte und erwiederte unter Thränen lächelnd: »Du irrst, Phönizier; ich weine vor Freude, nicht vor Schmerz, und gern hätt' ich auch meinen zweiten Sohn verloren, wenn er gestorben wäre, wie mein Lysander.« Der Israelit, entsetzt über diesen Ausspruch, der ihm frevelhaft und unnatürlich erschien, schüttelte nur mißbilligend den Kopf; die anwesenden Hellenen aber überschütteten den vielbeneideten Greis mit Glückwünschen. Aristomachus schien vor hoher Wonne um viele Jahre jünger geworden zu sein, und rief Rhodopis zu. »Wahrlich, Freundin; Dein Haus ist für mich ein gesegnetes, denn seitdem ich es betreten, ist dies die zweite Göttergabe, welche mir in ihm zu Theil wird!« »Und welches war die erste?« fragte die Greisin. »Ein günstiges Orakel.« »Du vergißt die dritte!« rief Phanes, »am heutigen Tage haben die Götter Dich auch Rhodopis kennen gelehrt. Aber was war es mit dem Orakel?« »Darf ich's den Freunden mittheilen?« fragte der Delphier. Aristomachus nickte bejahend, und Phryxus las zum zweitenmale die Antwort der Pythia: »Wenn einst die reisige Schaar von schneeigen Bergen herabsteigt Zu den Gefilden des Stroms, welcher die Ebene benetzt, Führt Dich der zaudernde Kahn herab zu jenem Gefilde, Welches dem irrenden Fuß heimischen Frieden gewährt. Wenn einst die reisige Schaar von schneeigen Bergen herabsteigt, Schenkt Dir die richtende Fünf, was sie Dir lange versagt!« Kaum hatte Phryxus das letzte Wort gelesen, als Kallias der Athener in anmuthiger Bewegung aufsprang und ausrief: »Die vierte Gabe, das vierte Göttergeschenk sollst Du jetzo von mir in diesem Hause empfangen; wisse denn, daß ich meine seltsamste Neuigkeit bis zuletzt aufgehoben habe: Die Perser kommen nach Aegypten!« Keiner der Gäste, außer dem Sybariten, blieb an seinem Platze, und Kallias konnte sich der vielen Fragen kaum erwehren. »Gemach, gemach, ihr Freunde,« rief er endlich; »laßt mich hintereinander erzählen, sonst werde ich niemals fertig! Eine große Gesandtschaft des Kambyses, jetzigen Großkönigs des allgewaltigen Persien, kein Kriegsheer, wie Du Phanes vermuthest, ist auf dem Wege hierher. Zu Samos erhielt ich die Nachricht, daß sie schon in Milet angekommen sind. In wenigen Tagen müssen sie hier eintreffen. Verwandte des Königs, ja auch der alte Krösus von Lydien sind unter ihnen; – wir werden seltsame Pracht zu sehen bekommen! Den Zweck ihrer Sendung kennt Niemand, doch ward vermuthet, der König Kambyses werde Amasis ein Bündniß antragen lassen; ja man wollte wissen, der Großkönig sei Willens, sich um die Tochter des Pharao zu bewerben.« »Ein Bündniß?« fragte Phanes mit ungläubigem Achselzucken, »die Perser beherrschen jetzt schon die halbe Welt. Alle Großmächte in Asien haben sich ihrem Scepter unterworfen; nur Aegypten und das hellenische Mutterland blieben von dem Eroberer verschont.« »Du vergißt das goldreiche Indien und die großen asiatischen Wandervölker,« entgegnete Kallias. »Du vergaßest ferner, daß ein so zusammengewürfeltes, aus siebenzig Völkerschaften verschiedener Zungen und Sitten bestehendes Reich fort und fort den Keim des Krieges in sich trägt, und sich vor auswärtigen Kämpfen vorzusehen hat, damit nicht, wenn die Hauptmasse des Heeres abwesend ist, einzelne Provinzen die erwünschte Gelegenheit zum Abfall ergreifen. Frage die Milesier, ob sie ruhig bleiben würden, wenn sie vernehmen sollten, die Macht ihrer Bedrücker habe in irgend einer Schlacht den Kürzeren gezogen?« Theopompus, der Handelsherr von Milet, rief, den Redenden lebhaft unterbrechend: »Wenn die Perser in einem Kriege unterliegen, so haben sie hundert andere auf dem Halse, und meine Heimath wird sich nicht zuletzt gegen den geschwächten Zwingherrn erheben!« »Mögen die Gesandten vorhaben was sie wollen,« fuhr Kallias fort, »ich bestehe auf meiner Nachricht, daß sie spätestens in drei Tagen hier sein werden.« »Und somit wäre Dein Orakel erfüllt, glückseliger Aristomachus!« rief Rhodopis, »die reisige Schaar von den Bergen kann Niemand sein als die Perser. Wenn diese zu den Gestaden des Nils heranziehen, so soll sich der Sinn der richtenden Fünf, eurer Ephoren (Anm. 83) Die fünf Ephoren von Sparta waren eingesetzt worden, um die abwesenden Könige während des messenischen Kriegs zu vertreten. Später bediente sich der Adel des Ephorats, um der königlichen eine aus seiner Mitte hervorgehende Macht entgegenzustellen. Als höchste richterliche, pädagogische und sittenpolizeiliche Behörde wußten sie sich bald bei den meisten Angelegenheiten selbst über das Königthum zu stellen. Jeder Adelige, welcher über 30 Jahre alt war, hatte das Recht, sich alljährlich um das Ephorat zu bewerben. Aristot. polit. II. u. IV. Laërt. Diog. I. 68. , ändern, und man wird Dich, den Vater zweier olympischer Sieger, in die Heimath zurückberufen. – Fülle die Becher von Neuem, Knakias! Laßt uns diesen letzten Pokal den Manen des ruhmreichen Lysander spenden; dann aber mahn' ich euch, wenn auch ungern, an den nahenden Morgen. Soll doch der Wirth, der seine Gäste liebt, die Tafel aufheben, wenn die Wogen der Freude am höchsten fluthen. Die angenehme, ungetrübte Erinnerung wird euch bald in dieses Haus zurückführen, während ihr es unlieber besuchen würdet, wenn ihr an Stunden der Abspannung gedenken müßtet, welche der Freude folgten.« Alle Gäste stimmten Rhodopis bei und Ibykus nannte sie eine echte Schülerin des Pythagoras, die festlich-freudige Erregung des Abends lobend. Jeder bereitete sich zum Aufbruche. Auch der Sybarit, welcher um seine Rührung, die ihm höchst unbequem war, zu übertäuben, übermäßig viel getrunken hatte, erhob sich, von seinen herbeigerufenen Sklaven (Anm. 84) Die Griechen pflegten sich von ihren Sklaven zu Gastereien begleiten zu lassen. Alcibiades brachte z. B., nach Plato, Diener mit, als er das Symposion des Agathon besuchte. unterstützt, aus seiner bequemen Stellung, indem er von einem Bruche des Gastrechts faselte. Als ihm Rhodopis beim Abschiede die Hand reichen wollte, rief er, vom Geiste des Weines übermannt: »Beim Herkules, Rhodopis, Du wirfst uns zum Hause hinaus, als wären wir lästige Gläubiger. Ich bin nicht gewohnt, so lange ich noch stehen kann, von einem Gastmahle zu weichen; noch weniger aber, mir gleich einem Parasiten die Thür weisen zu lassen!« »Begreife doch, Du unmäßiger Zecher,« wollte Rhodopis lächelnd sich zu entschuldigen versuchen; Philoinus aber, den in seiner Weinlaune diese Entgegnung der Greisin verdroß, lachte spöttisch auf, und rief, der Thür entgegentaumelnd. »Unmäßiger Zecher nennst Du mich? Wohl! und ich heiße Dich eine unverschämte Sklavin! Beim Dionysus, man merkt Dir immer noch an, was Du in Deiner Jugend gewesen! Lebe wohl, Sklavin des Iadmon und Xanthus, Freigelassene des Charaxus! . . .« Er hatte nicht ausgesprochen, als sich der Spartaner plötzlich auf ihn warf, ihm einen gewaltigen Faustschlag versetzte und den Bewußtlosen wie ein Kind in den Nachen trug, welcher mit seinen Sklaven an der Pforte des Gartens wartete. Drittes Kapitel. Alle Gäste hatten das Haus verlassen. Wie Hagelschlag in ein blühendes Saatfeld war die Schmährede des Schlemmers in die Freude der Scheidenden gefallen; Rhodopis selbst stand bleich und zitternd in dem verödeten festlich geschmückten Zimmer. Knakias verlöschte die bunten Lampen an den Wänden. Statt des hellen Lichtes trat ein unheimliches Halbdunkel ein, welches das zusammengeworfene Tafelgeschirr, die Ueberreste der Mahlzeit und die von ihren Plätzen gerückten Ruhebänke spärlich beleuchtete. Durch die offene Thür zog eine kalte Luft, denn es begann Morgen zu werden, und die Zeit vor dem Sonnenaufgange pflegt in Aegypten empfindlich kühl zu sein. Die Glieder der leicht gekleideten Greisin durchschauerte leiser Frost. Thränenlos starrte sie in den öden Raum, der noch vor wenigen Minuten von Lust und Jubel erfüllt war. Sie verglich ihr Inneres mit diesem öden Freudengemach. Es war ihr, als zehre ein Wurm an ihrem Herzen, als gerinne all' ihr Blut zu Schnee und Eis. So stand sie lange, lange, bis ihre alte Sklavin erschien und ihr in ihr Schlafgemach voranleuchtete. Schweigend ließ sich Rhodopis entkleiden, schweigend öffnete sie den Vorhang, welcher ein zweites Schlafgemach von dem ihren trennte. In der Mitte desselben stand ein Bett von Ahornholz, in dem auf einer Matratze von zarter Schafwolle, die mit weißen Laken überdeckt war, unter lichtblauen Tüchern (Anm. 85) Becker, Charikles III. 67. Pollux X. 67. A. Rich unter lectulus , Overbeck, Pompeji dritte Auflage S. 375. Eben daselbst die Abbildung eines zu Pompeji gefundenen Bettschirms (spanische Wand). Die antiken Betten waren von Holz, Bronze oder Elfenbein; sehr häufig wurden sie auch gemauert und zwar als eine 7–8 Fuß lange, 2–2½ Fuß hohe Stufe, deren vorderer Rand zuweilen etwas erhöht war, und auf die man die Matratze, Decken \&c. legte. ein holdseliges, wunderliebliches Wesen schlummerte, Sappho, die Enkelin der Rhodopis. Die zarten, schwellenden Formen, dieses feingebildete Angesicht gehörten einer aufblühenden Jungfrau, dies selige, friedliche Lächeln einem harmlosen, glücklichen Kinde. Die eine Hand, auf welcher das holde Haupt der Schläferin ruhte, war in dem dunkelbraunen vollen Haare verborgen, die andere legte sich leicht um ein kleines Amulet von grünem Stein (Anm. 86) Die alten Griechen führten häufig, um sich vor Unglück zu schützen und dauernden Wohlseins zu genießen, Amulette. Hierüber besonders Arditi: Il fascino e l'amuleto; presso gli antichi . Bei den alten Aegyptern sehen wir Amulette in allerhäufigstem Gebrauche. Sie sollten nicht nur von den Lebenden, sondern vielmehr auch von den Seelen der Verstorbenen das Unheil abwenden. , welches von ihrem Halse herniederhing. Die langen Wimpern der geschlossenen Augen bewegten sich kaum bemerkbar, und über die Wangen der Schläferin breitete sich ein zartes, sanft verschwimmendes Rosenroth. Die feinen Nasenflügel hoben und senkten sich in gleichmäßigen Athemzügen. So bildet man die Unschuld, so lächelt der träumende Friede, solchen Schlummer schenken die Götter der sorglosen ersten Jugendzeit. Die Greisin näherte sich lautlos, den dichten Teppich (Anm. 87) Obgleich die Teppiche von Sardes und Babylon besonders berühmt waren, so preist doch schon Homer die ägyptischen Decken, welche er τάπητος (v. τάπης) nennt. Odyss. IV. 124 . Theokrit nennt die Purpurteppiche von Alexandrien sanfter als den Schlaf. Es gab kostbare auf beiden Seiten wollige ägyptische Teppiche (αμφίταποι). Athen. V. 197. voller Behutsamkeit kaum mit den Fußspitzen berührend, diesem Lager. Unsagbar zärtlich schaute sie in das lächelnde Kinderantlitz, leise und schweigend kniete sie vor dem Bette nieder, behutsam preßte sie ihr Angesicht in die weichen Decken desselben, so daß die Hand der Jungfrau die Spitzen ihres Haares berührte. Dann weinte sie ohne Unterlaß, als wollte sie mit diesen Thränen die Demüthigung, welche sie erfahren hatte, und alles Leid aus ihrer Seele waschen. Endlich stand sie auf, hauchte einen leisen Kuß auf die Stirn der Schläferin, hob die Hände betend zum Himmel empor und ging in ihr Gemach zurück, behutsam und leise, wie sie gekommen war. An ihrem Lager fand sie die alte Sklavin, welche ihrer immer noch wartete. »Warum bist Du nicht zur Ruhe gegangen, Melitta?« fragte sie freundlich und leise. »Geh' zu Bett; das lange Wachen thut nicht gut in Deinem Alter; Du weißt, daß ich Dich nicht mehr brauche. Gute Nacht! komm' morgen nicht eher, als bis ich Dich rufen lasse. Ich werde wenig schlafen können und bin froh, wenn mir der Morgen kurzen Schlummer bringt!« Die Sklavin zauderte; man sah ihr an, daß sie noch etwas zu sagen habe, und sich dennoch zu reden scheue. »Du möchtest mich um etwas bitten?« fragte Rhodopis. Die Alte zauderte noch immer. »Sprich nur, sprich; aber mach' es kurz!« »Ich sah Dich weinen,« sprach die Sklavin, »Du scheinst mir bekümmert oder krank zu sein; darf ich nicht bei Dir wachen; willst Du mir nicht sagen, was Dich quält? Schon oftmals hast Du erfahren, daß Mittheilung die Brust erleichtert und den Schmerz zertheilt. Vertraue mir auch heute Dein Weh; das wird Dir gut thun, gewiß, das wird Dir die Ruhe Deiner Seele wiedergeben!« »Nein, ich kann nicht sprechen!« erwiederte jene. Dann fuhr sie bitter lächelnd fort. »Ich habe wiederum gesehen, daß kein Gott im Stande ist, die Vergangenheit eines Menschen auszulöschen und daß Unglück und Schande Eins zu sein pflegen. Gute Nacht! Verlaß mich, Melitta!« Um die Mittagszeit des folgenden Tages hielt dieselbe Barke, welche am vorigen Abende den Athener und Spartaner getragen hatte, vor dem Garten der Greisin. Die Sonne schien so hell, so heiß und fröhlich vom klaren dunkelblauen ägyptischen Himmel, die Luft war so rein und leicht, die Käfer schwirrten so lustig, die Schiffer in den Kähnen sangen so laut und übermüthig ihre einförmigen, sich immer und immer wiederholenden Lieder, das Nilufer war so blühend, so fahnenbunt und menschenreich, die Palmen, Sykomoren, Akazien und Bananen grünten und blühten so saftig und kraftstrotzend, der ganze Landstrich ringsumher schien so außergewöhnlich reich von einer freigebigen Gottheit ausgestattet zu sein, daß der Wanderer glauben mußte, aus diesen Auen sei alles Unglück verbannt, hier sei die Heimath aller Lust und aller Freude. Wie häufig wähnen wir, an einem unter blühenden Obstbäumen versteckten stillen Dörfchen vorbeifahrend, dies sei der Sitz allen Friedens, der Anspruchslosigkeit und des herzlichen Beisammenlebens. Wenn wir aber in die einzelnen Hütten treten, so finden wir in ihnen, wie überall, Angst und Noth, Verlangen und Leidenschaft, Furcht und Reue, Schmerz und Elend neben ach! so wenigen Freuden! Wer mochte, nach Aegypten kommend, ahnen, daß dieses lachende, strotzende, bunte Sonnenland, dessen Himmel sich niemals bewölkt, zu Ernst und Bitterkeit geneigte Menschen ernährte, wer konnte vermuthen, daß in dem zierlichen, von Blüthen umkränzten, gastfreien Hause der glücklichen Rhodopis ein Herz in tiefem Kummer schlüge? Welcher Besucher der allgefeierten Thracierin konnte ahnen, daß dieses Herz der anmuthlächelnden Greisin angehöre? Bleich, aber schön und freundlich wie immer, saß sie mit Phanes in einer schattigen Laube neben dem kühlenden Wasserstrahle des Springquells. Man sah ihr an, daß sie abermals geweint hatte. Der Athener hielt ihre Hand und sprach ihr lebhaft zu. Rhodopis hörte ihn geduldig an, jetzt bitter, jetzt zustimmend lächelnd. Endlich unterbrach sie den wohlmeinenden Freund und sagte. »Ich danke Dir, Phanes! Ueber kurz oder lang muß auch diese Schmach vergessen werden. Die Zeit ist ein guter Wundarzt. Wäre ich schwach, so verließe ich Naukratis, und lebte in der Stille ganz allein für meine Enkelin. In diesem jungen Wesen, sag' ich Dir, schlummert eine ganze Welt. Tausendmal wollt' ich Ägypten verlassen, tausendmal besiegte ich diesen Wunsch. Mich hielt nicht das Verlangen nach Huldigungen Deines Geschlechts; deren habe ich so viele genossen, daß ich mehr als gesättigt bin! Mich, das schwache, das einst verachtete Weib, die frühere Sklavin, hielt und hält das Bewußtsein, freien, edlen Männern gewiß von einigem Nutzen, vielleicht manchmal unentbehrlich zu sein. An einen großen männlichen Wirkungskreis gewöhnt, würde mich die bloße Sorge für ein geliebtes Wesen nicht befriedigen; ich würde verdorren wie eine Pflanze, die man aus fettem Boden in die Wüste versetzt, und meine Enkelin bald ganz vereinsamt, dreifach verwaist in der Welt dastehen. Ich bleibe in Aegypten! »Jetzt, nach Deiner Abreise, werde ich den Freunden wahrhaft unentbehrlich sein. Amasis ist alt; wenn Psamtik ihm nachfolgen sollte, so werden wir mit großen, uns bisher erspart gebliebenen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Ich muß bleiben und fort- und vorkämpfen für Hellenen-Freiheit und Hellenen-Wohlfahrt. Das ist der Zweck meines Lebens. Diesem Zwecke bin ich um so treuer, je seltener sich eine Frau vermißt, ähnlichen Zielen ihr Leben zu weihen. Mögen sie mein Streben unweiblich nennen, immerhin! In dieser durchweinten Nacht habe ich gefühlt, daß noch unendlich viel von jener Frauenschwäche in mir wohnt, welche zu gleicher Zeit das Glück und Unglück meines Geschlechts ausmacht. Diese Schwäche, vereint mit der ganzen Fülle zarter Weiblichkeit in meiner Enkelin zu erhalten, ist meine erste Aufgabe gewesen; die zweite war, mich selbst von aller Weichheit zu befreien. Doch ist es unmöglich, gegen die eigene Natur einen Sieg ohne Niederlage zu erkämpfen. Will mich ein Schmerz unterjochen, will ich verzweifeln, dann ist mein einziges Mittel, jenes Pythagoras, des herrlichsten aller Lebenden, meines Freundes (Anm. 88) Pythagoras war unbedingt, und zwar zur Zeit des Amasis, wahrscheinlich in der Mitte des sechsten Jahrhunderts (wir rechnen um 536), in Aegypten. Herod. II. 81. 123. Diod. I. 98. Chaeremon beim Porphyrius de abstin. IV. Jamblichus vita Pythag. 35. Sehr reiches Material über Pythagoras bringt der sehr gelehrte, aber oft in seinen Konjekturen viel zu kühne Roeth, Geschichte unserer abendländ. Philos. Bd. II. und seiner Worte zu gedenken: ›Bewahre das Ebenmaß in allen Dingen, hüte Dich vor jubelnder Lust wie vor klagendem Jammer, und strebe danach, Deine Seele harmonisch und wohlklingend zu erhalten wie die Saiten einer schöngestimmten Harfe!‹ Dieser pythagoreische Seelenfrieden, diese tiefe, ungetrübte Ruhe des Gemüths habe ich täglich in meiner Sappho vor Augen; ich aber ringe darnach, trotz mancher Griffe des Schicksals, welche die Saiten meiner Herzenslaute gewaltsam verstimmen. Jetzt bin ich ruhig! Du glaubst nicht, welche Macht der bloße Gedanke an jenen großen Denker, jenen stillen gemessenen Mann, auf mich ausübt. Die Erinnerung an ihn zieht wie ein weicher und doch frisch belebender Ton durch mein Dasein. Auch Du hast ihn gekannt und mußt verstehen, was ich meine. Jetzt bitte ich Dich, Dein Anliegen vorzubringen. Mein Herz ist ruhig wie die Wogen des Nils, welcher dort so still und ungetrübt an uns vorüberfließt. Sei es Schlimmes, sei es Gutes, ich bin bereit Dich zu hören.« »So gefällst Du mir,« sprach jetzt der Athener. »Hättest Du früher des edlen Freundes der Weisheit, wie sich Pythagoras selbst zu nennen pflegte (Anm. 89) Pythagoras war der erste hellenische Denker, welcher sich nicht ein »Weiser«, sondern ein »Freund der Weisheit», »Philosophos« nannte. , gedacht, dann würde Deine Seele schon gestern ihr schönes Gleich[ge]wicht wiedergefunden haben. Der Meister gebietet, man solle an jedem Abende die Ereignisse, Gefühle und Gedanken des vergangenen Tages in seiner Vorstellung noch einmal durchleben. Hättest Du das gethan, so würdest Du Dir gesagt haben, daß die ungeheuchelte Bewunderung all' Deiner Gäste, unter denen sich Männer von hohem Verdienste befanden, die Schmähreden eines trunkenen Wüstlings tausendfach aufwiegt; Du hättest Dich als eine Freundin der Götter fühlen müssen, denn in Deinem Hause gewährten die Unsterblichen einem edlen Greise nach jahrelangem Mißgeschicke die höchste Wonne, welche nur immer einem Menschen zu Theil werden kann; endlich nahmen sie Dir einen Freund, um Dir sofort einen neuen, besseren zu schenken. Keine Widerrede, und laß mich jetzt mit meiner Bitte beginnen! »Du weißt, daß man mich bald einen Athener, bald einen Halikarnassier (Anm. 90) Halikarnassus (heute Bodru) an der südwestlichen Küste von Kleinasien war eine dorische Pflanzstadt auf karischem Gebiete. Das berühmte Grabmal des Königs Mausolos (Mausoleum), welches sich hier befand, ist in seinen Trümmern wieder aufgefunden worden, und die 1856 begonnenen, von Newton und Pullans geleiteten Grabungen haben jene herrlichen Erzeugnisse der griechischen Kunst zu Tage gefördert, welche jetzt neben den Bildwerken vom Parthenon dem British Museum zur höchsten Zierde gereichen. Herodot, selbst ein Halikarnassier, nennt Phanes einen Sohn desselben Ortes. Herod. I. 63. 64. Wir haben den Obersten zu einem Athener gemacht, um in ihm das Bild eines attischen Edlen zu geben. In der von dem gelehrten Holländer Professor Veth vorzüglich geschriebenen Kritik unseres Werkes werden wir deßwegen, vielleicht nicht mit Unrecht, getadelt. Wir würden in der zweiten Auflage Phanes ganz zu einem Halikarnassier gemacht haben, wenn uns nicht viel daran gelegen gewesen wäre, einen ionischen Griechen handelnd auftreten zu lassen. nennt. Die jonischen, aeolischen und dorischen Söldner haben sich von jeher mit den karischen nicht sonderlich vertragen; darum war mir, dem Anführer beider Theile, meine ich möchte sagen dreifache Herkunft besonders nützlich. So treffliche Eigenschaften Aristomachus besitzen mag, so wird mich Amasis dennoch vermissen; denn mir gelang es leicht, Einigkeit unter den Söldnerschaaren herzustellen, während der Spartaner den Karern gegenüber auf große Schwierigkeiten stoßen wird. »Diese meine doppelte Herkunft kommt daher, daß mein Vater eine Halikarnassierin aus edlem dorischem Geschlechte zum Weibe hatte und mit ihr, um das Erbe ihrer Eltern in Empfang zu nehmen, gerade zu Halikarnassus verweilte, als ich geboren wurde. Obgleich man mich schon in meinem dritten Lebensmonde nach Athen zurücknahm, so bin ich doch eigentlich ein Karer, denn der Geburtsort bestimmt die Heimath des Menschen. »In Athen ward ich, als junger Eupatride aus dem vornehmen, uralten Geschlechte des Ajax, mit allem Stolze eines attischen Adeligen aufgesäugt und erzogen. Der tapfere und kluge Pisistratus, aus einer der unsern zwar ebenbürtigen, aber keineswegs überlegenen Familie (es gibt kein vornehmeres Geschlecht wie das meines Vaters), wußte sich der Alleinherrschaft zu bemächtigen. Den vereinten Bemühungen des Adels gelang es, ihn zweimal zu stürzen. Als er zum dritten Male mit Hülfe des Lygdamis von Naxos, der Argier und Eretrier zurückkehren wollte, stellten wir uns ihm entgegen. Beim Athenetempel zu Pallene hatten wir uns gelagert. Als wir vor dem Frühstücke der Göttin opferten, überraschte uns der kluge Gewalthaber, überfiel unsere waffenlose Mannschaft und errang einen leichten unblutigen Sieg. Da mir die Hälfte des ganzen tyrannenfeindlichen Heeres anvertraut war, so beschloß ich eher zu sterben, als vom Platze zu weichen. Ich kämpfte mit allen Kräften, beschwor die Soldaten, Stand zu halten, wich und wankte nicht; fiel aber zuletzt mit einem Speere in der Schulter zu Boden. »Die Pisistratiden wurden Herren von Athen (Anm. 91) Thucyd. VI. 56. 57. . Ich floh nach Halikarnaß, meiner zweiten Heimath, wohin mich meine Frau mit unseren Kindern begleitete, erhielt den Ruf als Oberster der Söldner in Aegypten, weil mein Name wegen eines Pythischen (Anm. 92) Die pythischen Spiele wurden dem Pythontödter Apollo zu Ehren in der Nähe von Delphi alle 4 Jahre gefeiert. Sie fielen in das dritte Jahr der Olympiaden. Sieges und kühner Kriegsthaten bekannt war, machte den Feldzug auf Cypern mit, theilte mit Aristomachus den Ruhm, die Geburtsstätte der Aphrodite für Amasis erstritten zu haben, und wurde endlich Oberbefehlshaber aller Söldner in Aegypten. »Meine Frau starb im vorigen Sommer; die Kinder, ein Knabe von elf und ein Mädchen von zehn Jahren, blieben bei ihrer Muhme in Halikarnaß. Auch diese verfiel dem unerbittlichen Hades. Nun habe ich die Kleinen vor wenigen Tagen hierher bestellt; sie können aber nicht vor Ablauf dreier Wochen zu Naukratis eintreffen und möchten die Reise schon angetreten haben, ehe sie ein Gegenbefehl erreichen kann. »In vierzehn Tagen muß ich Aegypten verlassen, und vermag daher die Kinder nicht selbst zu empfangen. »Ich habe beschlossen, mich nach dem thracischen Chersonnes zu begeben, wohin mein Oheim, wie Du weißt, von dem Stamme der Dolonker (Anm. 93) Herod. VI. 35. 36. Laërt. Diog. I. 47 . Miltiades, welcher die nach Delphi ziehenden Gesandten der von ihren Nachbarn befehdeten Dolonker, eines thracischen Stammes, in sein Haus geladen hatte, wurde von denselben zum Fürsten erwählt. berufen werden ist. Dorthin sollen auch die Kinder nachkommen. Korax, mein alter treuer Sklave, wird in Naukratis bleiben, um die Kleinen zu mir zu bringen. Willst Du zeigen, daß Du in der That meine Freundin bist, so empfange und pflege sie, bis ein Schiff nach Thracien segelt, und verbirg sie sorgfältig vor den Blicken der Spione des Thronerben Psamtik. Du weißt, daß mich dieser tödtlich haßt, und sich leicht durch die Kinder an dem Vater rächen könnte. – Ich habe Dich um diese große Gunst gebeten, weil ich erstens Deine Güte kenne; zweitens aber, weil Dein Haus durch jenen Freibrief des Königs, welcher es zum Asyle macht, die Kinder vor allen Nachforschungen der Sicherheitsbehörde schützt, die ja in diesem formenreichen Lande gebietet, jeden Fremden, selbst Kinder, bei den Bezirksbeamten anzumelden. »Du siehst, wie hoch ich Dich schätze, denn ich übergebe Dir das Einzige, was mir das Leben noch lebenswerth macht. Selbst die Heimath ist mir nicht theuer, so lange sie sich dem Zwingherrn schmählich unterwirft. Willst Du dem geängstigten Herzen eines Vaters seine Ruhe wiedergeben, willst Du . . .?« »Ich will, ich will, Phanes!« rief die Greisin in unverstellter Herzensfreude. »Du bittest mich um Nichts, Du machst mir ein Geschenk. O, wie ich mich auf die Kleinen freue! Und wie wird Sappho jubeln, wenn die lieben Geschöpfe ankommen und ihre Einsamkeit beleben werden! Aber das sage ich Dir, Phanes, mit dem ersten thracischen Schiffe lass' ich meine kleinen Gäste auf keinen Fall abreisen! Ein kurzes halbes Jahr länger kannst Du Dich wohl von ihnen trennen, denn ich stehe dafür, daß sie trefflichen Unterricht empfangen und zu allem Schönen und Guten angehalten werden sollen.« »Darüber wäre ich unbesorgt,« erwiederte Phanes, dankbar lächelnd; »doch muß es dabei bleiben, daß Du die beiden Störenfriede mit dem ersten Schiffe reisen läßt. Meine Furcht vor der Rache des Psamtik ist leider nur zu wohl begründet. Nimm denn schon im Voraus den herzlichsten Dank für Deine Liebe und Güte gegen die Kinder. Uebrigens glaube ich selbst, daß die Zerstreuung durch die munteren Geschöpfe Deiner Sappho in ihrer Einsamkeit wohlthun wird.« »Und ferner,« unterbrach ihn Rhodopis mit niedergeschlagenen Blicken, »berechtigt mich doch wohl das Vertrauen, das ein Edler in meine mütterlichen Tugenden setzt, nicht mehr an die Schmach zu denken, die mir ein Schlemmer im Rausche angethan – da kommt Sappho!« Viertes Kapitel. Fünf Tage nach jenem Abend im Hause der Rhodopis sah man ein ungeheures Menschengedränge am Hafen von Sais. Aegypter jeden Alters, Standes und Geschlechts standen Kopf an Kopf am Rande des Wassers. Krieger und Kaufleute in weißen, mit bunten Franzen besetzten Kleidern, deren Länge sich nach dem höheren oder niederen Stande der Träger richtete, mischten sich in die große Schaar sehniger, halbnackter Männer, deren einzige Kleidung aus einem Schurze, der Tracht des gemeinen Mannes, bestand. Nackte Kinder drängten, stießen und schlugen sich, um einen bessern Platz zu erlangen. Mütter in kurzen Mänteln (Anm. 94) Nach verschiedenen Bildern aus altägyptischen Denkmälern. Die Mütter nach Wilkinson III. 363. Isis und Hathor mit dem Horuskinde aus dem Schoß oder an der Brust finden sich auf tausend Darstellungen, auch aus späterer Zeit und in griechischem Stil. Die letzteren scheinen als Vorbilder für die ältesten Gemälde der Mutter Gottes mit dem Christkinde gedient zu haben. hielten ihre Kleinen, wenn sie dadurch auch selbst des erwarteten Anblicks beraubt wurden, hoch empor. Eine Menge von Hunden und Katzen balgte sich zu Füßen der Schaulustigen, welche sich vorsichtig bewegten, um keines der heiligen Thiere zu treten oder zu verletzen. Sicherheitsbeamte, mit langen Stäben (Anm. 95) Wilkinson III. 386. Diese Stöcke aus Mr. Salt's Sammlung sind zu Theben gefunden worden und sollen aus Kirschenholz bestehen, was besonders merkwürdig wäre, weil heute keine Prunusart in Aegypten kultivirt wird. Aegypter mit langen Stöcken auf fast allen und auch den ältesten Denkmälern. Chabas hat diesen Stöcken eine besondere Abhandlung gewidmet. bewaffnet, deren metallene Knöpfe den Namen des Königs führten, sorgten für Ruhe und Ordnung, besonders aber dafür, daß Niemand durch seinen nachdrängenden Hintermann in den hoch angeschwollenen Nilarm, welcher die Mauern von Sais zur Zeit der Ueberschwemmung bespülte, geworfen werde; eine Befürchtung, die sich in mehreren Fällen als gerechtfertigt erwies. An der breiten, mit Sphinxen besetzten Ufertreppe, dem Landungsplatze der königlichen Barken, befand sich eine Versammlung anderer Art. Hier saßen auf den steinernen Bänken die vornehmsten Priester. Viele von ihnen waren in langen weißen Gewändern, andere mit Schurz, kostbaren Tragbändern, breitem Halsschmuck und Pantherfellen bekleidet. Einige trugen Kopfbinden mit Federschmuck, die sich um Stirn, Schläfen und den vollen steifen Bau der falschen Locken, welche bis auf den Rücken herabwallten, schmiegten, Andere prunkten mit der glänzenden Kahlheit ihrer sorgsam rasirten, wohlgebildeten Schädel. Unter ihnen Allen zeichnete sich der Oberrichter durch die vollste und schönste Straußenfeder am Kopfputze und ein kostbares Amulet von Saphir, das an einer goldenen Kette an seiner Brust hing, absonderlich aus (Anm. 96) Dies Amulet stellte Ma , die Göttin der Wahrheit welche eine Straußenfeder auf dem Haupte trug, dar. Dieselbe wird auch mit geschlossenen Augen gebildet. Siehe Wilkinson II. 28 u. VI. Pl. 49 . Aelian nennt dies Amulet ein Bildniß von Saphir-Stein, άγαλμα σαφείρου λίθου. Diodor sagt, es sei mit Edelsteinen besetzt gewesen. Die ganze Priesterklasse oder Ordnung der Pterophoren führte die Straußenfeder. Uebrigens trugen mehrere hohe Priesterordnungen Federn an den Köpfen. S. das Dekret v. Kanopus Z. 5. des griech. Textes und Clemens Alex. Strom. ed. Potter. p. 767 u. 68. (VI. 4.) Wilkinson I. 1. Ebers, Aegypten I. S. 343. . Die Obersten der ägyptischen Armee trugen bunte Waffenröcke (Anm. 97) Wilkinson III. Pl. 3. Rosselini, Mon. stor. I. 79. Mon. civ. T. 121 . und in den Gürtelbinden kurze Schwerter. Eine Abtheilung der Leibwache mit Streitäxten, Dolchen, Bogen und großen Schildern bewehrt, war zur rechten Seite der Treppe aufgestellt; zur Linken standen griechische Söldner in ionischem Waffenschmuck. Ihr neuer Anführer, der uns wohlbekannte Aristomachus, stand mit einigen griechischen Unterbefehlshabern, von den Aegyptern gesondert, neben den kolossalen Bildsäulen Psamtik I., welche, dem Strome zugekehrt, auf dem Platze über der Treppe aufgestellt waren. Vor diesen saß auf einem silbernen Stuhle der Thronfolger Psamtik, in einem enganliegenden golddurchwirkten bunten Rocke (Anm. 98) Auf vielen Denkmälern. S. z. B. Rosellini, Mon. stor. I. Tafel 81. , umgeben von den vornehmsten Höflingen, Kämmerern, Räthen und Freunden des Königs, welche Stäbe mit Straußenfedern und goldenen Lotusblumen in den Händen trugen (Anm. 99) Fast überall, wo der Pharao auftritt, begleiten ihn Männer mit solchen Stäben in der Hand. »Wedelträger« war auch ein gewöhnlicher Titel der Hofbeamten. . Die Menge des Volkes gab schon lange schreiend, singend und krakehlend verständliche Zeichen der Ungeduld von sich; die Priester und Großen an der Treppe dagegen sahen würdevoll und schweigend vor sich hin. Jeder Einzelne glich in seiner Gemessenheit, mit seiner steifen Locken-Perücke (Anm. 100) Im berliner Museum ist heute noch eine solche Perrücke zu sehen. deren Locken 2' 6" lang sind. Den Scheerungen, welche die Religion vorschrieb, verdankte wohl diese Tracht ihren Ursprung. Wie heute die Völker des Orients ihre rasirten Köpfe durch Turbane vor den Strahlen der Sonne und der plötzlich einfallenden Kühle des Abends schützen, so brauchten die Aegypter Perrücken für den gleichen Zweck. und dem falschen, regelmäßig gekräuselten Barte jenen vollkommen gleichen Standbildern, welche, ruhig, ernst und unverwandt in den Strom schauend, regungslos auf ihrem Platze saßen. Jetzt wurden in der Ferne seidene purpurroth und blau karrirte Segel sichtbar (Anm. 101) Wilkinson III. S. 211. Pl . 16. Hesekiel 27, 7. »Dein Segel war von gestickter Seide aus Aegypten.« Dümichen, Flotte einer ägyptischen Königin. Noch glänzender waren die kolorirten Bilder. Rosellini, Mon. civ. Taf. 107. 108. . Das Volk schrie und jubelte. Man rief. »Sie kommen, da sind sie!« – »Nimm Dich in Acht, daß Du das Kätzchen nicht trittst!« – »Amme, halte das Mädchen höher, damit es auch etwas zu sehen bekommt!« – »Du wirst mich noch in's Wasser werfen, Sebak!« – »Sieh' Dich vor, Phönizier, die Buben werfen Dir Kletten in den langen Bart!« – »Nun, nun, Hellene. Du brauchst nicht zu denken, daß Dir Aegypten allein gehört, weil Amasis euch am heiligen Strome zu wohnen erlaubt!« – »Unverschämtes Pack, diese Griechen! Nieder mit ihnen!« rief ein Tempeldiener. »Nieder mit den Schweinefressern (Anm. 102) Den Aegyptern war, wie den Juden, der Genuß des Schweinefleisches streng verboten. Im Todtenbuche, in einem Grabe zu Abd el Qurnah u. a. a. Orten wird dieses Verbot inschriftlich erwähnt. S. auch Porphyr. de abstin. IV. Das Schwein galt für ein sehr unreines Thier, das dem Typhon (ägyptisch Set), der seine Gestalt angenommen, wie der Eber dem Ares eignete, und die Schweinehirten waren ausnehmend verachtet. Nur bei dem Feste des Osiris und der Eileithyia wurde Borstenvieh geopfert. Herod. II. 47. Es ist wahrscheinlich, daß Moses den uralten ägyptischen Reinheitvorschriften das Verbot des Schweinefleisches entlehnte. Wenn sich reiche Aegypter rühmen, z. B. 1500 Schweine besessen zu haben, so ist dies mit dem oben erwähnten Berichte des Herodot in Zusammenhang zu bringen. Von den der Eileithyia dargebrachten Schweineopfern geben die an Darstellungen reichen Felsengräber der dieser Göttin geweihten el Kab Kunde. und Götterverächtern!« wiederhallte es rings umher. Man schickte sich zu Thätlichkeiten an; die Sicherheitsbeamten ließen aber nicht mit sich spassen, und schafften bald, ihre langen Stöcke nachdrücklich schwingend, Ruhe und Frieden. Die großen bunten Segel, leicht erkennbar unter den sie umwimmelnden blauen, weißen und braunen Tuchen kleinerer Nilfahrzeuge, näherten sich immer mehr der erwartungsvollen Menge. Jetzt erhoben sich auch die Würdenträger und der Thronerbe von ihren Sitzen. Der königliche Trompeterchor (Anm. 103) Trompeter. Wilkinson I. 290. Taf. 13. Dümichen, Flotte einer ägyptischen Königin. Taf. 8 u. 10. blies eine schmetternde, die Luft zerschneidende Fanfare, und die erste der erwarteten Barken hielt an der Landungstreppe. Das ziemlich lange Fahrzeug war reich übergoldet und trug auf seinem Schnabel das silberne Bild eines Sperbers. In der Mitte der Barke erhob sich ein goldener Baldachin mit purpurnem Himmel. Unter ihm luden lange Polster zum Sitzen ein. Im Vordertheile des Schiffes saßen an den Borden, die Riemen bewegend, je zwölf Ruderknechte, deren Schürzen von kostbaren Tragbändern gehalten wurden (Anm. 104) Alle Vornehmen besaßen mehr oder minder köstliche Nilbarken. Schon im Grabe des Ti zu Saqqara, das der Pyramidenzeit angehört, begegnet uns ein Oberaufseher der zahlreichen Schiffe dieses vornehmen Aegypters. S. a. A. 101 . . Unter dem Baldachin lagen sechs Männer, herrlich gekleidet und prachtvoll anzuschauen. Ehe noch die Barke angelegt hatte, sprang, als erster von ihnen, der jüngste von Allen, ein glänzend schöner Blondkopf auf die Landungstreppe. Bei seinem Anblicke entwand sich manchem ägyptischen Mädchenmunde ein gedehntes »Ah«, und selbst der ernste Blick einiger Würdenträger erhellte sich zu einem wohlgefälligen Lächeln. Der also Bewunderte nannte sich Bartja (Anm. 105) Dieser Bartja ist bekannter unter dem Namen Smerdes. Weßhalb ihn die Griechen also nannten, ist unklar. In den Keilinschriften von Bisitun oder Behistân heißt er Bartja oder, nach Spiegel »altpersische Keilinschriften« S. 5. X., Bardiya. Wir wählen, der leichteren Aussprache wegen, die erstere vereinfachte Lesart nach Rawlinson, Note of the Behistun inscription . Den Sohn des Amasis nennen wir nach den Namensschildern zu Karnak, den Katarrhakten-Inseln \&c. Psamtik, während die Griechen ihn Psammetichos, Psamenitos oder auch Psammecherites heißen, ein Name, in dem Unger, Chronologie des Manetho S. 284, eine Metathese von Psemtek (Psamtik) Ra vermuthet. , war der Sohn des verstorbenen und der Bruder des regierenden Großkönigs von Persien und hatte der Natur Alles zu danken, was sich ein zwanzigjähriges Herz nur immer zu wünschen vermag. Unter dem blauen und weißen Bunde, welcher seine Tiara umwand, quollen dichte, goldblonde Haare in üppigen Locken hervor, aus seinen blauen Augen leuchteten Leben, Lust, Güte und Keckheit, ja Uebermuth; sein edles, vom werdenden Barte umflaumtes Gesicht wäre des Meißels eines griechischen Künstlers würdig gewesen, und seine schlanke, muskulöse Gestalt verrieth hohe Kraft und Gewandtheit. Eben so groß als seine Schönheit war die Pracht seiner Kleidung. In der Mitte der Tiara, welche er trug, prangte ein großer Stern von Diamanten und Türkisen. Sein bis über die Knie reichendes Obergewand von schwerem weißem Goldbrokat ward über den Hüften von einer Binde in blau und weiß (den Farben des persischen Königshauses) zusammengehalten. Dieselbe trug ein kurzes goldenes Schwert, dessen Griff und Scheide über und über mit weißen Opalen und blauen Türkisen besetzt war. Die an den Knöcheln eng anschließenden Beinkleider von gleichem Goldbrokat wie das Gewand, bargen sich in kurzen hellblauen Lederschuhen. Die kraftvollen nackten Arme, welche die weiten langen Aermel des Kleides sehen ließen, waren mit mehreren kostbaren Armbändern von Gold und Edelsteinen geziert. Von dem schlanken Nacken hing eine goldene Kette bis auf seine hochgewölbte Brust herab (Anm. 106) Curtius III. 3. Xenoph. Cyrop. XIII. 3. 7. Buch Esther 1, 6. 8. 15. Aeschylus, Perser 661. Persepolitanische Skulpturen bei Niebuhr u. A. Im Uebrigen nach dem berühmten Mosaikfußboden, die Alexanderschlacht (Schlacht von Issus). In schönem Farbendruck bei Overbeck, Pompeji, dritte Aufl. zu S. 541. Sie ward in der casa del Fauno zu Pompeji gefunden und wird jetzt im museo Borbonico zu Neapel konservirt. Wahrscheinlich entstammt sie der Hand einer Malerin, Helena, Timon's Tochter, aus Aegypten. S. Welcker's kleine Schriften III. S. 460–475 und Gervinus, k. hist. Schriften VII. S. 435–487. Die Schneider'sche Ansicht, dies Bild behandle die Schlacht bei Clastidium, ist unbedingt falsch. . Dieser Jüngling sprang zuerst an's Land. Ihm folgte Darius, der Sohn des Hystaspes, ein vornehmer junger Perser von königlichem Geblüt ähnlich dem Bartja, und nur wenig geringer gekleidet als dieser. Der dritte Aussteigende war ein Greis mit schneeweißen Haaren, in dessen freundlich-ernstem Antlitz man die Güte eines Kindes, die Erfahrung eines Alten und den Geist eines Mannes zu erkennen vermochte. Er trug einen langen purpurfarbenen Aermelrock und gelbe lydische Stiefel (Anm. 107) Wegen dieser Stiefel, welche häufig erwähnt werden, rief das Orakel dem Krösus zu: »Λυδὲ ποδαβρέ«, weichfüßiger Lyder. Herod. I. 55. . Die ganze Erscheinung machte den Eindruck höchster Anspruchslosigkeit, und dennoch war dieser schlichte Greis vor Jahren der vielbeneidetste Mann seiner Zeit gewesen, mit dessen Namen wir noch nach mehr als zweitausend Jahren die Reichsten unter den Menschen bezeichnen. In ihm lernen wir Krösus, den entthronten König von Lydien kennen, der jetzt als Freund und Rathgeber am Hofe des Kambyses lebte, und den jungen Bartja als Mentor nach Aegypten begleitete. Ihm folgte Prexaspes, der Botschafter des Königs von Persien, Zopyrus, der Sohn des Megabyzus, ein edler Perser, Freund des Bartja und Darius; endlich aber erschien der schlanke, bleiche Sohn des Krösus, Gyges, der, nachdem er in seinem vierten Jahre stumm geworden war, durch die Todesangst, welche er bei der Einnahme von Sardes um seinen Vater ausgestanden, die Sprache zurückerlangt hatte (Anm. 108) Herod. I. 85. . Psamtik stieg die Stufen hinab, den Ankömmlingen entgegen. Sein gelbliches, strenges Angesicht bemühte sich freundlich zu lächeln. Die Würdenträger, welche ihm folgten, verneigten sich beinahe bis zur Erde vor den Fremden, indem sie die Arme schlaff herunter hängen ließen. Die Perser kreuzten die Hände über der Brust und warfen sich vor dem Thronerben nieder. Als die ersten Förmlichkeiten vorüber waren, küßte Bartja, nach der Sitte seiner Heimath, zur Verwunderung des solchen Anblick ungewohnten Volkes die gelbe Wange des bei der Berührung der unreinen Lippen eines Fremden leicht erschaudernden ägyptischen Königssohnes, und begab sich mit seinen Führern zu den harrenden Sänften, um sich in die für ihn und seine Begleiter bestimmte Wohnung im Königsschlosse von Sais tragen zu lassen. Ein Theil des Volkes strömte den Fremdlingen nach; die meisten Zuschauer verharrten aber auf ihren Plätzen, denn sie wußten, daß noch mancher nie gesehene Anblick ihrer wartete. »Willst Du dem geputzten Grasaffen und den andern Kindern des Typhon S. Anmerk. 147. nachlaufen?« fragte der mißvergnügte Tempeldiener seinen Nachbar, einen ehrsamen saitischen Schneidermeister. »Ich sage Dir, Puhor, und auch der Oberpriester hat es gesagt, diese Eindringlinge werden dem schwarzen Lande nichts als Unheil bringen! Wohin ist die alte gute Zeit gekommen, in der kein Fremdling, der sein Leben lieb hatte, seinen Fuß auf ägyptischen Boden setzen durfte! Jetzt wimmeln unsere Straßen von trügerischen Hebräern (Anm. 109) Die Juden hießen unter den Aegyptern, wie Chabas, Mélanges égyptologiques II. , gefunden, Hebräer (Apuriu). Ebers, Aegypten I. S. 316. H. Brugsch kämpft gegen diese Gleichstellung. , besonders aber von jenen unverschämten Hellenen, welche die Götter vernichten mögen! Da sieh' nur, das ist nun schon die dritte Barke voller Fremden. Und weißt Du, wer diese Perser sind? Der Oberpriester hat gesagt, in ihrem ganzen Reiche, das so groß sei wie die halbe Welt, gäb' es keinen einzigen Tempel für die Götter; die Mumien ihrer Todten ließen sie aber, statt ihnen ein ehrenvolles Begräbnis zu gewähren, von Hunden und Geiern zerreißen (Anm. 110) Diese Angaben sind richtig, da die Perser zur Zeit der achämenidischen Dynastie keine Tempel, sondern nur Feueraltäre hatten, und ihre Todten den Hunden und Geiern preisgaben. Der unreine Leichnam durfte weder die reine Erde durch Verwesung in ihr beflecken, noch dem reinen Feuer oder Wasser, welche er gleichfalls verunreinigt haben würde, preisgegeben werden. Weil man aber die Leichen nicht verschwinden lassen konnte, so legte man Dakhma's oder Begräbnißplätze an, welche mit wenigstens 4 Zoll dickem Pflaster und Kitt bedeckt und mit Schnüren umgeben sein mußten. Diese bedeuteten, daß das ganze Gebäude in freier Luft hänge, ohne die reine Erde zu berühren. Spiegel, Avesta II. Einleitung, 2. Kap. nach Anquetil. Bild des Dakhma daselbst Bd. II. Tafel 1. .« Der Schneider gab Zeichen großen Erstaunens und noch größerer Entrüstung von sich; dann wies er mit dem Finger nach der Landungstreppe und sagte: »So wahr der Isis Sohn den Typhon vernichtet, da landet die sechste Barke voller Fremder!« »Ja es ist arg!« seufzte der Tempeldiener, »sollte man nicht meinen, ein ganzes Kriegsheer ziehe heran? Amasis wird es noch so lange treiben, bis ihn die Fremden von Land und Thron verjagen und uns Arme, wie einst die bösen Hyksos, die Pestmenschen (Anm. 111) Hyksos werden Fremdherrscher in Aegypten genannt, deren Herkunft schwer zu bestimmen ist. Ihre Existenz wird nicht nur durch Manetho, sondern auch durch wenige, aber um so interessantere zu Tanis im Delta gefundene Denkmäler bezeugt, welche von ägyptischen Künstlern verfertigt, die Züge fremder, dem Gotte Set (Typhon) ergebener Regenten darstellen. Außerdem ist in Papyrus Sallier I. ein Dokument erhalten worden, welches von der letzten Zeit der Fremdherrschaft erzählt. Im Grabe des Schiffsobersten Ahmes zu el Kab findet sich eine Beschreibung der Erstürmung ihrer Festung Abaris zu Wasser und zu Lande durch die Aegypter. Der Turiner Königspapyrus hat einige Namen von Hyksoskönigen erhalten und die Stele mit der 400jährigen Aera, die zu Tanis gefunden ward, ein kleiner zu Bagdad gefundener Löwe \&c. weisen auf die Hyksosepoche. Die letzten Könige der 17. Dynastie (die legitimen Herrscher von Aegypten waren nach dem Süden zurückgedrängt worden) nahmen den Kampf mit den Fremden auf. Im Anfange der 18. Dynastie gehorcht wieder das ganze Reich einem Scepter. Wir halten die Hyksos für die übermächtig gewordenen phönizischen Kolonisten im nördlichen Delta, zu denen Araber und palästinäische Stämme stießen. Sie herrschten länger als 400 Jahre; ihre Vertreibung ist um 1600 v. Chr. zu setzen. Sie dürfen gewiß nicht, wie das seit Fl. Josephus geschehen ist, mit den Juden verwechselt werden. Näheres bei Ebers, Aegypten und die Bücher Mose's, S. 198 fgd. Auch verweisen wir, obgleich wir nicht überall seine Ansichten theilen, auf Chabas' schöne Arbeit: Les pasteurs en Égypte . Amsterdam 1868. Brugsch, Geschichte Aegyptens unter den Pharaonen, S. 212. Die Aethiopier herrschten im letzten Jahrtausend v. Christus unter 3 Regenten in Aegypten, bis der letzte von ihnen Taharka (Tirhaka) um 693 vertrieben wurde. Auch der priesterliche König von Oberägypten, Pianchi, der mit den kleinen Dynasten im Delta harte Kämpfe zu bestehen hatte, war ein Aethiopier. S. die Stele des Pianchi. E. de Rougé, Rev. archéol. n. s. VIII. S. 96. Lauth, Die Pianchistele, Abhandl. d. k. bayer. Akad. d. W. I. Kl. XII. Bd. 1. Abth. Oppert, Mémoire sur les Rapports de l'Égypte et de l'Assyrie . Der Name Pestmenschen, Geißel, mit dem die Aegypter der Hyksos gedenken, war der den Eindringlingen gewidmete Schmähname; ägyptisch aat-u . Chabas hat diesen richtig erklärt in den Mélanges égyptol. I. 263. , und die schwarzen Aethiopier, knechten und plündern.« »Die siebente Barke!« rief der Schneider. »Meine Herrin Neith, die große Göttin von Sais, soll mich verderben,« klagte der Tempeldiener, »wenn ich den König begreife. Drei Lastbarken hat er für das Gepäck und die Dienerschaft der persischen Gesandten nach dem gottverhaßten Giftneste Naukratis geschickt; statt jener drei mußten aber acht Kähne herbeigeschafft werden, denn neben Küchengeräthen, Hunden, Pferden, Wagen, Kisten, Körben und Ballen, haben die Götterverächter und Todtenschänder ein ganzes Heer von Dienern tausend Meilen weit hierher geschleppt. Unter ihnen sollen Menschen sein, die nichts zu thun haben, als Kränze zu flechten oder Salben zu bereiten (Anm. 112) Herod. VII. 83. Xenoph. Cyrop. VIII. 10. Anab. VI. 4. Nach Athenäus waren bei dem Gefolge des Darius, welches Alexander gefangen nahm, 277 Köche, 29 Küchenjungen, 17 Küfer, 70 Kellerhüter, 40 Salbenbereiter und 66 Kranzwinder. . Auch ihre Priester, die sie Magier nennen, haben sie bei sich. Ich möchte nur wissen, wozu diese Müßiggänger da sind? Was soll der Priester, wo man keine Götter und Tempel kennt?« Der greise König Amasis von Aegypten hatte die persische Gesandtschaft mit aller ihm eigenen Liebenswürdigkeit kurz nach ihrer Ankunft empfangen. – Vier Tage später ging er, nachdem er seine Geschäfte, denen er sich alle Morgen ohne Ausnahme hinzugeben pflegte, beendet hatte, mit dem alten Krösus im Schloßgarten spazieren, während sich die übrigen Perser in Begleitung des Thronerben auf einer Nilfahrt nach Memphis befanden. Der Schloßgarten, welcher königlich großartig, aber dennoch dem der Rhodopis ähnlich, angelegt war, lag bei der im Nordwesten der Stadt auf einem Hügel gelegenen Königsburg. Die beiden Greise ließen sich unter dem Schatten einer breitästigen Sykomore unweit eines riesengroßen Beckens von rothem Granit, in welches Krokodile von schwarzem Basalt aus weit geöffneten Rachen eine Fülle klaren Wassers spieen, nieder. Der entthronte König, um einige Jahre älter als der mächtige Herrscher an seiner Seite, sah dennoch weit frischer und kräftiger aus, als dieser letztere. Der Nacken des hochgewachsenen Amasis war gebeugt; schmächtige Beine trugen seinen starken Leib, sein Antlitz war wohlgeformt, aber voller Falten. Aus seinen kleinen blitzenden Augen leuchtete ein frischer Geist, und seine übervollen Lippen wurden fortwährend von einem schalkhaften, neckischen, oftmals spöttelnden Zuge umspielt. Die niedrige aber breite Stirn des Greises und sein großer, schön gewölbter Schädel bezeugten die Kraft seiner Intelligenz (Anm. 113) Bei Rosellini und in Lepsius' Denkmälerwerk findet sich das Porträt des Amasis als Jüngling. Die Züge desselben lassen vermuthen, daß Herodot diesen Fürsten richtig charakterisirt habe. ; die wechselnde Farbe seines Auges ließ vermuthen, daß Witz und Leidenschaft diesem seltenen Manne beiwohne, welcher sich von einem schlichten Krieger bis zum Throne der Pharaonen heraufgearbeitet hatte. Seine Sprache war schneidend und hart, seine Bewegungen, im Gegensatze zu der gemesseneren Art der anderen Mitglieder des ägyptischen Hofes, beinahe krankhaft lebendig. Die Haltung seines Nachbars erschien durchaus anmuthig und eines Königs würdig. Sein ganzes Wesen verrieth, daß er viel mit den Besten Griechenlands verkehrt habe. Thales, Anaximander und Anaximenes von Milet, Bias von Priene (Anm. 114) Siehe Anmerk. 32 u. 15 . Bias, einer der Weltweisen ionischen Stammes, blühte um 560 v. Chr. und war besonders berühmt wegen seiner weisen Urtheils- und Sittensprüche. Nach seinem Tode, welcher in öffentlicher Gerichtssitzung erfolgte, als er einen Freund vertheidigte, wurde ihm von seinen Landsleuten ein Heiligthum erbaut. Laërt. Diog. I. 88. , Solon von Athen, Pittakus von Lesbos, die berühmtesten hellenischen Weltweisen, hatten sich in besseren Zeiten als Gäste am Hofe des Krösus zu Sardes befunden. Seine volle, klare Stimme klang neben der gellenden des Amasis wie reiner Gesang. »Nun aber sage mir unverholen,« sprach der Pharao Zu deutsch »Großhaus«, die hohe Pforte. Aegyptisch perra . S. Ebers Aegypten und die Bücher Mose's I. S. 263. in ziemlich fließendem Griechisch, »wie Dir Aegypten gefällt. Ich kenne Niemanden, dessen Urtheil mir so werthvoll erschiene wie das Deine, denn erstens kennst Du die meisten Völker und Länder der Welt, zweitens haben Dich die Götter die ganze Leiter des Glückes herauf und hinunter steigen lassen; drittens aber bist Du nicht umsonst so lange der erste Rathgeber des mächtigsten aller Könige gewesen. Ich wollte, mein Reich gefiele Dir so gut, daß Du Lust bekämst, als mein Bruder bei mir zu bleiben. Wahrlich, Krösus, Du bist schon lange mein Freund, ob Dich auch gestern die Götter zum ersten Male meinen Augen gezeigt haben!« »Und Du der meine,« unterbrach ihn der Lyder. »Ich bewundere Dich wegen des Muthes, mit dem Du, Deiner Umgebung trotzend, das für gut Erkannte durchzusetzen verstehst, ich bin Dir dankbar wegen der Huld, mit der Du meinen Freunden, den Hellenen, begegnest, ich betrachte Dich wie einen Glücksverwandten, denn auch Du hast alles Wohl und Wehe, welches das Leben nur immer bieten kann, durchlaufen!« »Mit dem Unterschiede,« lächelte Amasis, »daß wir von verschiedenen Enden angefangen haben. Dir ward erst das Gute, dann das Schlimme zu Theil; mir erging es umgekehrt; wenn ich nämlich zugebe,« fügte er bedenklich hinzu, »daß ich mich in meinem jetzigen Glücke wohl befinde.« »Und ich,« erwiederte Krösus, »wenn ich zugebe, unter meinem sogenannten Unglücke zu leiden.« »Wie könnte das anders sein nach dem Verluste so großen Besitzes?« »Liegt denn das Glück im Besitze?« fragte Krösus. »Ist denn das Glück überhaupt ein Besitz? Das Glück ist doch nur eine Vorstellung, ein Gefühl, welches die neidischen Götter dem Dürftigen öfter gewähren wie dem Mächtigen, dessen klarer Blick von prunkenden Schätzen geblendet wird, der immer in Niederlagen bluten muß, weil er sich der Kraft bewußt, viel zu erlangen, stets unterliegt im Kampfe um den Besitz aller Güter, die er zu besitzen wünscht und nie zu erlangen vermag.« Amasis seufzte und sprach: »Ich wünschte; daß ich Dir Unrecht geben könnte; wenn ich aber an meine Vergangenheit zurückdenke, so muß ich gestehen, daß zugleich mit der Stunde, welche mir das sogenannte Glück brachte, die großen Sorgen meines Lebens begannen.« – »Und ich versichere Dich,« unterbrach ihn Krösus, »daß ich Dir für Deine verspätete Hülfe dankbar bin, weil mir die Stunde des Unheils das erste reine, wahrhaftige Glück gewährte. Als die ersten Perser die Mauern von Sardes bestiegen, verwünschte ich mich selbst und die Götter, schien mir das Leben hassenswerth, das Dasein ein Fluch. Kämpfend wich ich mit den Meinen zurück, Verzweiflung im Herzen. Da erhob ein persischer Soldat sein Schwert über meinen Scheitel, mein stummer Sohn fiel dem Mörder in den Arm und seit langen Jahren hörte ich wieder das erste Wort von seiner durch das Entsetzen gelösten Zunge. Mein stummes Kind Gyges hatte in der Stunde des Schreckens seine Sprache wieder erlangt, und ich, der den Göttern geflucht hatte, beugte mich nun ihrer Macht. Dem Sklaven, dem ich befohlen, mich zu tödten, sobald ich in die Gefangenschaft der Perser kommen würde, nahm ich sein Schwert ab. Ich war ein verwandelter Mann und lernte nach und nach den immer und immer aufgährenden Ingrimm gegen mein Geschick und meine edlen Feinde besiegen. Du weißt, daß ich endlich des Cyrus Freund wurde, daß mein Sohn neben mir mit dem vollen Gebrauche seiner Sprache als freier Mann aufwachse durfte. Was ich Schönes in meinem langen Leben gesehen, gehört und gedacht, sammelte ich, um es auf ihn zu übertragen, er war von nun an mein Reich, meine Krone, mein Schatz. Wenn ich des Cyrus sorgenschwere Tage und schlaflose Nächte ansah, so graute mir in der Erinnerung an meine eigene frühere Größe und Macht und immer klarer ward es mir, wo das eigentliche Glück zu suchen sei. Ein jeder trägt es als verborgenen Keim in seinem Herzen. Der zufriedene, geduldige Sinn, der sich hoch an Schönem und Großem, freundlich auch an dem Kleinen erfreut, das Leid ohne Klagen hinnimmt und es durch Erinnerungen versüßt, das Maßhalten in allen Dingen, das feste Vertrauen auf die Huld der Götter und die Gewißheit, daß auch das Schlimmste an uns vorübergehen muß, weil ja jedes Ding dem Wechsel unterworfen ist, dies Alles zeitigt den verborgenen Glückskeim in unserer Brust und gewährt uns die Kraft zu lächeln, wenn der vom Schicksale unerzogene Mann verzagen und verzweifeln möchte.« Amasis hörte aufmerksam zu, mit dem goldenen Windhundskopfe auf seinem Stabe Figuren in den Sand kritzelnd; dann sagte er. »Wahrhaftig, Krösus, ich ›der große Gott‹, ›die Sonne der Gerechtigkeit‹, ›der Sohn der Neith‹, ›der Herr des Kriegsruhms‹, wie die Aegypter mich nennen (Anm. 115) Diese Titel führte Amasis. Rosellini, Monumenti dell' Egitto. II. 149. Alle anderen Pharaonen hatten ähnliche Beinamen und wurden als Götter verehrt, wie tausend hieroglyphische Inskriptionen und so auch die Inschrift von Rosette und das Dekret von Kanopus lehren. – In der 26. Dynastie und sonst findet sich mehrfach der Titel Neb pehti, Herr des Kriegsruhmes. , bin versucht, Dich, Beraubten und Entthronten, zu beneiden. In früheren Tagen war ich glücklich wie Du es bist. Ganz Aegypten kannte mich, den armen Sohn eines Hauptmanns, wegen meines fröhlichen Herzens, meiner Schelmenstreiche, meines leichten Sinns und meines Uebermuths (Anm. 116) Nach Herod. II. 172 fgd. Diod. I. 95. . Der gemeine Soldat trug mich auf Händen, meine Vorgesetzten hatten viel an mir zu tadeln; dem tollen Amasis ließ man aber so manches durchgehen; meine Genossen, die Unterbefehlshaber des Heeres, kannten keine Festfreude ohne mich. Da schickte uns mein Vorgänger Hophra in den Krieg gegen Cyrene. In der Wüste verschmachtend, weigerten wir uns weiter zu ziehen. Der Verdacht, der König wolle uns den hellenischen Söldnern opfern, trieb zu offener Empörung. Scherzend, wie immer, rief ich den Freunden zu: ›Ohne König werdet ihr nicht fertig, so macht mich zu eurem Herrscher; einen fröhlichern findet ihr nirgends!‹ Die Soldaten hatten das Wort gehört. ›Amasis will König werden,‹ rief es von Glied zu Glied, von Mann zu Mann. ›Der gute, der glückselige Amasis sei unser König!‹ ward mir in wenigen Stunden zugejubelt. Ein Zechgenosse setzte mir den Helm des Feldherrn auf; – ich verwandelte den Scherz in Ernst, die Masse der Soldaten hielt zu mir, und wir schlugen Hophra bei Momemphis. Das Volk schloß sich der Verschwörung an. Ich bestieg den Thron. Man nannte mich glücklich. Bis dahin aller Aegypter Freund, ward ich jetzt der Feind ihrer Besten. Die Priester huldigten mir und nahmen mich in ihre Kaste auf, aber nur, weil sie hofften, mich ganz nach ihrem Belieben lenken zu können. Meine früheren Vorgesetzten beneideten mich oder wollten mit mir verkehren wie ehedem. Du begreifst, daß sich dies mit meinem neuen Amte nicht vereinen ließ und mein Ansehen untergraben haben würde; da zeigte ich denn eines Tags den bei mir schmausenden Befehlshabern des Heeres, die wiederum ihre Scherze mit mir zu treiben versuchten, das goldene Becken, in dem man ihnen die Füße vor dem Gastmahle gewaschen hatte; fünf Tage später ließ ich, als sie wieder bei mir schwelgten, eine goldene Bildsäule des großen Gottes Ra (Anm. 117) Ra, mit dem männlichen Artikel Phra, muß als Mittelpunkt des Sonnendienstes der Aegypter, welchen wir für die Grundlage ihrer ganzen Religion halten, betrachtet werden. Er wurde besonders zu Heliopolis, dem ägyptischen An (hebräisch On) verehrt. Auf den Denkmälern pflegte er in rother Farbe dargestellt zu werden. Sein heiliges Thier war der Sperber. Im Todtenbuche spielte er die größte Rolle. An ihn sind die meisten Hymnen und Gebete gerichtet worden. Plato, Eudoxus und wahrscheinlich auch Pythagoras haben die Lehren seiner Priester genossen. Ihm waren die Obelisken, welche übrigens zu gleicher Zeit Denksäulen waren, auf denen große Könige ihre Namen und Ruhmestitel verewigten, heilig. Plinius sagt von ihnen, daß sie die Strahlen der Sonne dargestellt hätten. Man betrachtete ihn, den Lichtgott, als Dirigenten der ganzen sichtbaren Schöpfung, in der er regierte, während Osiris in der Geisterwelt herrschte. Wie nun hinter jeder irdischen Erscheinung eine geistige verborgen ist, so ist auch Ra nur die irdische Manifestation des Osiris. Osiris ist die »Seele des Ra«; er wandelt selbst durch die diesseitige Welt als Ra, und ändert nur die Namen und die Existenzform, wenn er allabendlich wieder in seiner jenseitigen und eigentlichen Heimath bei sich selbst wieder anlangt, wo er die Regierung als Osiris führt, wie er sie hier als Ra geführt hatte. Am andern Morgen erzeugt er dann wieder aus sich den Ra in seiner verjüngten Form als Horus Ra, den Kreislauf stets von neuem beginnend. Lepsius' älteste Texte des Todtenbuches. Die Osiris-, Isis- und Horusmythe leiht diesen Anschauungen eine allegorisch-dramatische Form. Der Phönix (ägyptisch Bennu) gehörte zum Kultus des Ra. Alle 500 Jahre kam derselbe aus dem Palmenlande (dem östlichen Phönizien), um sich im Tempel zu Heliopolis zu verbrennen und schöner aus seiner Asche zu erstehen. Er bedeutete eine Zeitperiode von 500 Jahren, die sich, wie der Phönix, ewig aus sich selbst erneute und in ihrer sechsmaligen Wiederholung die Zeit bestimmte, deren die Seele bedurfte, um gereinigt aus ihrer Wanderung hervorzugehen. Lepsius Chronologie S. 180 fgd. auf die geschmückte Tafel stellen. Sobald sie diese erblickten, sanken sie nieder, um anzubeten. Als sie aufgestanden waren, ergriff ich den Scepter, hielt ihn hoch und feierlich in die Höhe und rief: ›Dieses Götterbild hat ein Künstler in fünf Tagen aus dem verachteten Gefäße gemacht, in das ihr spieet und in dem man euch die Füße wusch. Ich selbst war einstmals ein solches Gefäß; die Gottheit aber, welche besser und schneller als ein Goldschmied zu formen versteht, hat mich zu eurem Könige gemacht. So fallet vor mir nieder und betet an. Wer ungehorsam ist oder der Ehrfurcht, welche er dem Könige, dem Vertreter des Ra auf Erden schuldet, fürderhin vergißt, der ist des Todes schuldig!‹ Sie fielen nieder Alle, Alle. Mein Ansehen war gerettet; meine Freunde aber hatte ich verloren. Nun bedurfte ich eine andere feste Stütze. Ich machte die Hellenen dazu. Ein Grieche ist an Kriegstüchtigkeit mehr werth als fünf Aegypter; das wußte ich wohl, und darauf fußend, wagte ich das durchzusetzen, was ich für heilsam erachtete. »Die griechischen Söldner umgaben mich stets. Ich lernte von ihnen ihre Sprache, sie führten mir den edelsten Menschen zu, dem ich jemals begegnet bin, den Pythagoras. Ich bemühte mich, griechische Kunst und griechische Sitten bei uns einzuführen, denn ich hatte erkannt, daß es thöricht sei, an hergebrachtem Schlechterem eigensinnig zu hängen, wo Besseres am Boden lag, und nur darauf wartete, in ägyptischen Acker gesäet zu werden. »Ich theilte das ganze Land zweckmäßig ein (Anm. 118) Herod. II. 177. Diod. I. 95. , bestellte die beste Sicherheitsbehörde in der ganzen Welt und setzte Vieles durch; mein höchstes Ziel jedoch, griechischen Geist, griechischen Formensinn, griechische Lebenslust und freie hellenische Kunst in diese bunten und üppigen und doch so finsteren Lande einzuführen, scheiterte an der Klippe, welche mich, so oft ich etwas Neues erstrebe, mit Sturz und Untergang bedroht. Die Priester sind meine Hemmschuhe, meine Gegner, meine Meister. – Sie, die am Hergebrachten mit abergläubischer Ehrfurcht hangen, sie, denen alles Fremde ein Gräuel ist und die jeden Ausländer für den natürlichen Gegner ihres Ansehens und ihrer Lehren halten, lenken das frömmste aller Völker mit beinahe unumschränkter Gewalt. Darum mußte ich ihnen die schönsten meiner Pläne opfern, darum muß ich mein Leben nach ihren strengen Satzungen, als unfreiester aller Menschen, hinschwinden sehen, darum werde ich unbefriedigt sterben und nicht einmal sicher sein, ob mir die zürnende, stolze Schaar der Vermittler zwischen Mensch und Gottheit die ewige Ruhe im Grabe gönnen wird.« »Beim Retter Zeus, Du armer Glücklicher!« unterbrach ihn Krösus mit Theilnahme, »ich verstehe Deine Klagen! Denn wenn ich auch in meinem langen Leben schon manchen einzelnen Menschen gekannt habe, der ernst und finster durch's Leben ging, so glaubte ich doch nicht, daß es ein ganzes großes Geschlecht geben könne, dem düstere Herzen zu Theil wurden, wie den Schlangen der Giftzahn. So viele Priester ich auf meiner Reise hierher und au Deinem Hofe gesehen habe, so vielen finsteren Gesichtern bin ich begegnet. Selbst die Jünglinge, welche Dich bedienen, sah ich selten lächeln; und Frohsinn pflegt doch, wie die Blumen dem Frühling, der Jugend als holdes Angebinde der Gottheit zu gehören.« »Du würdest irren, wenn Du alle Aegypter für finstere Menschen halten wolltest,« antwortete Amasis. »Wohl fordert unsere Religion ein ernstes Gedenken an den Tod, Du wirst aber kaum ein anderes Volk finden, das zu spöttelnden Scherzen so geneigt ist, das, ergibt es sich einmal einer Festfreude, so selbstvergessen und ausschweifend jubelt wie das meine; aber euer Anblick ist den Priestern verhaßt, und sie lassen mich meine Verbindung mit euch, den Fremden, durch mürrisches Wesen entgelten. Jene Knaben, deren Du erwähntest, die Söhne der Vornehmsten unter ihnen (Anm. 119) Diodor I. 70. , sind die größte Plage meines Lebens. Sie thun mir Sklavendienste und gehorchen meinen leisesten Winken. Diejenigen, welche ihre Kinder zu solchen Geschäften hergeben, sollte man für gehorsame, ehrfurchtsvolle Diener ihres göttlich verehrten Königs halten; aber glaube mir, Krösus, gerade in dieser Hingebung, welche kein Herrscher ohne zu beleidigen zurückweisen kann, liegt eine feine und listige Berechnung. Jeder dieser Jünglinge ist mein Hüter, mein Wächter. Ich vermag keine Hand ohne ihr Vorwissen zu rühren, und rühre ich sie, so wird es noch in derselben Stunde den Priestern hinterbracht.« »Aber wie kannst Du ein solches Dasein ertragen? Verbanne die Spione aus Deiner Nähe und erwähle Deine Diener z. B. aus der Krieger Kaste, welche Dir nicht minder nützlich werden kann wie die Priester!« »Könnte ich nur, dürfte ich nur!« rief Amasis mit voller Stimme. Dann fuhr er leiser, wie erschrocken über sich selbst fort: »Ich glaube, daß unser Gespräch belauscht wird. Morgen werde ich das Feigengebüsch dort drüben ausrotten lassen. Dem jungen priesterlichen Gartenfreunde, der dort die kaum zur Reife gelangten Feigen bricht, ist es um andere Früchte zu thun als die, welche er so langsam in sein Körbchen legt. Die Hand pflückt das Obst, das Ohr die Worte von dem Munde seines Königs.« »Aber beim Vater Zeus und Apollo . . .« »Ich verstehe Deine Entrüstung und theile sie; aber jedes Recht legt Pflichten auf, und als König dieses das Hergebrachte göttlich verehrenden Landes muß ich mich dem Jahrtausende alten Hofceremoniel, in den Hauptsachen wenigstens, fügen. Wollte ich meine Ketten zerreißen, so könnte es geschehen, daß man meine Leiche unbestattet ließe, denn Du mußt wissen, daß die Priester über jeden Verstorbenen ein Todtengericht halten und denjenigen, welchen sie schuldig befinden, der Grabesruhe berauben (Anm. 120) Diese allgemein bekannte Sitte der alten Aegypter wird, außer von mehreren griechischen Berichterstattern, durch Monumente und Grabkammern, in denen die Namen ihrer Begründer, mühsam zerstört, vorgefunden worden sind, bestätigt. Wir werden sehen, wie groß bei den religiösen Anschauungen der Aegypter die Besorgniß vor einer Störung der Grabesruhe sein mußte; übrigens hat man gefragt, ob das von den Griechen erwähnte Todtengericht auf Erden nicht als eine Verwechselung mit dem Gerichte über die Seele im Jenseits betrachtet werden müsse; doch ohne sonderliche Berechtigung. . Die Rücksicht auf meinen Sohn würde meiner Mumie wohl die Bestattung sichern, was aber meiner Leiche von denen, die die Todtenopfer in meinem Grabe zu besorgen haben . . .« »Was kümmert Dich das Grab!« unterbrach Krösus mit Unwillen seinen Gastfreund. »Man lebt für das Leben, nicht für den Tod!« »Sage lieber,« erwiederte Amasis, sich von dem Ruhesitze erhebend, »wir griechisch Denkende halten ein schönes Leben für das Höchste; ich aber, Krösus, wurde von einem ägyptischen Vater gezeugt, einer ägyptischen Mutter genährt, mit ägyptischer Speise groß gezogen und habe ich auch manches Hellenische angenommen, so bleibe ich dennoch in meinem innersten Wesen ein Aegypter. Was Dir in der Kindheit gesungen und in der Jugend als heilig gepriesen ward, das tönt in Deinem Herzen nach, bis man Dich mit den Mumienbinden umwickelt. Ich bin ein Greis und habe nur noch eine kurze Spanne Zeit zu durchlaufen, bis ich bei jenem Grenzsteine anlange, hinter dem das Jenseits beginnt. Soll ich mir, um der kurzen Lebenstage willen, die langen Jahrtausende des Todes verderben? Nein, mein Freund; darin bin ich eben Aegypter geblieben, daß ich, wie jeder meiner Landsleute, fest und sicher glaube, an der Erhaltung meines Leibes, des Seelenträgers, sei die Wohlfahrt meines zweiten Lebens (Anm. 121) Jede Menschenseele wurde angesehen als ein Theil der Weltseele Osiris, mit dem sie sich wieder nach dem Tode des Leibes vereinte, um von nun an Osiris genannt zu werden. Himmel und Erde und Tiefe, das sind die drei großen Reiche des ägyptischen Kosmos. Aus dem gewaltigen Ozean, welcher das Himmelsgewölbe umfließt, fährt die Sonne in einem Nachen daher, der von Planeten und Fixsternen gezogen wird. Auf ihm kreisen die großen Sternbilder auf ihren Schiffen, da ist das Reich der seligen Götter, welche über dem himmlischen Ozean in ewiger Ruhe unter den Sternen thronen. Der Zutritt zu dem großen Strome erfolgt im Osten, wo allmorgendlich der Sonnengott als Kind geboren aus der Feuchtigkeit emporsteigt. Irdische Menschen bewohnen die Erdfläche, theilhabend an den drei großen kosmischen Reichen. Die Seele wird ihnen gegeben aus der Himmelshöhe, von wannen das Licht herfließt, ihr Körper, die Materie, gehört der irdischen Lebensbühne; die Gestalt, die äußere Form, wodurch sich ein Mensch von dem andern durch den Anblick unterscheidet, der Schemen, der Tiefe an. Bei dem Tode des Menschen trennen sich Seele, Körper und Schemen von einander; die Seele, um nach ihrem Ausgangspunkte, dem Himmel, zurückzukehren, denn sie ist ein Theil Gottes (des Osiris); der Körper, um der Erde übergeben zu werden, denn er ist aus Erde geformt nach dem Ebenbilde seines Schöpfers; der Schemen, um in die Tiefe hinabzusteigen, in das Reich der Schatten. Das Thor hiezu wurde im Westen liegend gedacht, am Berge der Abendröthe, da, wo die Sonne täglich zur Rüste geht, wo sie stirbt. Daher die gegenseitigen Wechselbeziehungen zwischen aufgehen und untergehen, zwischen kommen und scheiden, zwischen geboren werden und sterben . . . Die sorgfältige Erhaltung des Körpers nach dem Tode, sowohl in Bezug auf die Zerstörung desselben von innen heraus durch den Prozeß der Verwesung, als auch von außen her durch Zufälligkeiten und Gewalt, war eine Hauptbedingung nach altägyptischer Lehre (welche vielleicht von der Priesterschaft aus sanitätlichen Gründen eingesetzt worden ist) für die baldige Erlösung der Seele und damit für die zeitlich festgesetzte Vereinigung derselben mit dem Urquell des Lichtes und des Guten. Während eines großen Cyklus von Sonnenjahren war, nach ägyptischer Vorstellung, die Seele in einem gewissen Sinne noch gebunden an den Körper, den sie indessen nach Belieben zeitweise verlassen konnte, um sich in mannigfacher Gestalt und an jedem Orte sichtbar den irdischen Menschen zu zeigen, in jenen Formen, welche je nach der Stunde verschieden von einander, in Zeichnungen und Texten genau vorgeschrieben waren. Nach Grabdenkmälern und Papyrusrollen. Brugsch, Aegyptische Gräberwelt, Seite 6. gebunden, wenn ich noch nicht für würdig befunden werde, aufzugehen in die Seele der Welt und, selbst ein Bestandteil derselben, teilzuhaben als Osiris an der Leitung des Geschaffenen. Aber genug von diesen höchsten Dingen, die mir ein großer Eidschwur Dir dem Nichteingeweihten in ihrer ganzen Tiefe und Erhabenheit zu eröffnen verbietet. Beantworte lieber meine Frage. Wie gefallen Dir unsere Tempel und Pyramiden?« Krösus antwortete sinnend: »Die Steinmassen der Pyramiden kommen mir vor, als wären sie von der unermeßlichen Wüste, die bunten Säulengänge der Tempel, als wären sie von einem üppigen Lenze geschaffen worden; aber wenn auch die Sphinxe, welche zu den Thoren führen, den Weg in das Heiligthum weisen, so scheinen die schrägen festungsartigen Mauern der Pylonen wie zur Abwehr hingestellt zu sein. So locken auch die bunten Hieroglyphenbilder die Augen an, aber geheimnißvoll wie sie sind, wehren sie den forschenden Geist ab. Die Bilder eurer vielgestaltigen Götter stehen überall, sie drängen sich den Blicken unabweislich auf, und dennoch ahnt ein Jeder, daß sie etwas anderes bedeuten als was sie darstellen, daß sie nur faßliche Sinnbilder sind von wenigen Menschen zugänglichen, wie ich hörte, kaum begreifbar tiefen Gedanken. Ueberall wird meine Neugier angeregt, mein Interesse erweckt, aber nirgend fühlt sich mein warmes Gefühl für das Schöne freundlich eingeladen und befriedigt. Mein Geist möchte wohl streben, in die Geheimnisse eurer Weisen einzudringen, Herz und Sinn müssen aber fremd bleiben den Grundanschauungen, auf welchen euer Denken, Thun und Dasein beruhen, und welche zu lehren scheinen, daß das Leben für eine kurze Wallfahrt zum Tode, der Tod jedoch für das eigentliche wahre Leben zu halten sei!« »Und dennoch wird auch bei uns das Leben, das man durch rauschende Feste verschönt, in seinem vollen Werthe erkannt, werden die Schrecken des Grabes gefürchtet, versucht man dem Tode auszuweichen, wo er sich auch zeigen mag. Unsere Aerzte wären nicht so hoch berühmt und angesehen, wenn man ihnen nicht die Kunst zutraute, unser Erdendasein verlängern zu können. Aber dabei fällt mir der Augenarzt Nebenchari ein, welchen ich dem Könige nach Susa schickte. Bewährt er sich; ist man mit ihm zufrieden?« »Solcher Vertreter ehrt die Wissenschaft Deines Landes,« antwortete Krösus. »Nebenchari war es auch, der Kambyses auf die Anmuth Deiner Tochter aufmerksam machte. Manchem Blinden hat er geholfen; die Mutter des Königs ist aber leider noch immer des Lichtes beraubt. Wir bedauern es übrigens, daß ein so kunstfertiger Mann nur die Augen zu heilen versteht. Er war, als die Prinzessin Atossa das Fieber hatte, nicht zu bewegen, ihr einen Rath zu ertheilen.« »Das ist sehr natürlich, denn unsere Aerzte dürfen immer nur einen gewissen Theil des Körpers behandeln. Wir besitzen Ohren-, Zahn- und Augenärzte, Aerzte für Knochenbrüche und andere für innere Krankheiten. Kein Zahnarzt darf nach den alten Priestergesetzen einen Tauben, kein Knochenarzt einen Unterleibskranken behandeln, wenn er sich auch vortrefflich auf innere Leiden verstehen sollte (Anm. 122) Herod. II. 84. Börner, Antiquitates medicinae Aegyptiacae p. 20 . Sprengel und Hirsch, Geschichte der Medizin u. a. a. O. Auf alle diese Dinge wirft der von uns in Theben erworbene große medizinische Papyrus Ebers ein ganz neues Licht. Gegen die verschiedensten Krankheiten werden in diesem Werke, der von Clemens von Alexandrien das hermetische Buch über die Arzneimittel (περὶ φαρηάκων) genannten Schrift, Medikamente vorgeschlagen. Das Ganze ist ein Sammelwerk, in dem sogar die Namen mehrerer Autoren einzelner Abschnitte genannt werden. Dennoch war das ganze Buch dem Gotte Toth (Hermes) zugeschrieben, dessen inspirirte Jünger es verfaßt hatten. Es lehrt, daß die ägyptischen Aerzte über eine überraschende Fülle von Arzneimitteln verfügten, daß sie zu beobachten verstanden, daß ihnen prophylaktische Maßregeln nicht fremd waren und daß, wenn es auch nicht an Spezialisten gebrach, diese doch auch einen Ueberblick über die anderen Zweige der ägyptischen Medizin zu erwerben gehalten waren, denn wie Korrekturen und Randbemerkungen beweisen, ist unser »der Heilung aller Körpertheile« gewidmeter Papyrus von einem und demselben Arzte an verschiedenen Stellen, in welchen von der Behandlung sehr verschiedener Krankheiten geredet wird, benutzt worden. . Man will mit diesem Gesetze größere Gründlichkeit erzielen; wie denn die Priester, zu denen auch die Aerzte gehören, überhaupt mit dem rühmlichsten Ernste der Wissenschaft obliegen. Dort drüben liegt das Haus des Oberpriesters Neithotep, dessen Sternen- und Meßkunde selbst Pythagoras hochpries. Es grenzt an die Halle, welche in den Tempel der Göttin Neith, der Herrin von Sais, führt. Ich wollte, ich dürfte Dir den heiligen Hain mit seinen prächtigen Bäumen, die köstlichen Säulen des Heiligthums, deren Kapitäle die Gestalt der Lotusblume (Anm. 123) Die ägyptischen Säulen ahmten Pflanzenformen nach. Man gab ihren Kapitälen mit vollem Bewußtsein die Gestalt der zusammengebundenen Papyrusknospen, der Lotusblume oder Samenkapsel, wenn man sie nicht mit Palmenblättern oder Göttermasken zierte. Säulenschäfte, welche ein Bündel Papyrusstäbe darstellen, sind nicht selten. Ueber den Zusammenhang der altägyptischen und dorischen Säule Lepsius: Sur l'ordre des colonnes piliers en Égypte et ses rapports etc. in den Annales de l'institut de corresp. arch. Rome 1838. Vol. IX. und in seiner neuen Schrift über einige ägyptische Kunstformen. S. Anmerk. 26 . Schon Champollion hatte darauf hingewiesen, daß der Eingang der Gräber von Benihassan für die Entstehungsgeschichte der Säulenformen von großer Wichtigkeit werden könnte. Lettres écr. d'Ég. et de Nubie S. 74 fgd. nachahmen, und die kolossale Kapelle von Granit zeigen, welche ich zu Elephantine aus einem Steine arbeiten ließ, um sie der Göttin zu verehren (Anm. 124) Herod. II. 175. . Die Priester haben mich leider gebeten, selbst euch nur bis zu den Umfassungsmauern und Pylonen der Tempel zu führen. Komm', wir wollen jetzt meine Gattin und Töchter aufsuchen, denn sie haben Dich lieb gewonnen, und ich wünsche, daß Du freundliche Gesinnungen für das arme Mädchen gewinnst, ehe Du mit ihr in das ferne Land und zu den fremden Menschen ziehst, deren Fürstin sie werden soll. Nicht wahr, Du wirst Dich ihrer annehmen?« – »Verlasse Dich darauf,« betheuerte Krösus, den Händedruck des Amasis erwiedernd. »Ich will Deiner Nitetis väterlich zur Seite stehen, und sie wird meiner bedürfen, denn die Frauengemächer der persischen Paläste haben einen gar schlüpfrigen Boden. Uebrigens wird ihr mit vieler Rücksicht begegnet werden. Kambyses darf mit seiner Wahl zufrieden sein und wird es hoch aufnehmen, daß Du ihm Dein schönstes Kind anvertraust; denn wenn auch Tachot nicht weniger anmuthig erscheint als Nitetis, so fehlt ihr doch die Majestät des Wesens, welche die Letztere auszeichnet, und die der künftigen Königin von Persien wohl ansteht. Nebenchari hatte nur von Deiner Tochter Tachot gesprochen.« »Ich aber sende dennoch meine schöne Nitetis. Tachot ist so zart, daß sie die Anstrengungen der Reise und den Schmerz der Trennung kaum ertragen würde. Wenn ich meinem Herzen folgte, so dürfte auch Nitetis nicht nach Persien. Aber Ägypten bedarf des Friedens, und ich war König, eh' ich Vater wurde!« Fünftes Kapitel. Die übrigen Mitglieder der persischen Gesandtschaft waren von ihrer Nilfahrt zu den Pyramiden nach Sais zurückgekommen; nur Prexaspes, der Botschafter des Kambyses, befand sich schon auf dem Heimwege nach Persien, um dem Könige den günstigen Erfolg seiner Freiwerbung anzuzeigen. Im Schlosse des Amasis ging es gar lebhaft her. Das Gefolge der Botschafter des Kambyses, welches aus beinahe dreihundert Menschen bestand, und die vornehmen Gäste, denen man jede nur mögliche Aufmerksamkeit zollte, füllten alle Räume des großen saitischen Palastes. Die Höfe wimmelten von Leibwachen und Würdenträgern, jungen Priestern und Sklaven im reichsten Feierschmucke. Der König wollte heut, in einem zu Ehren der Verlobung seiner Tochter veranstalteten Feste, den Reichthum und die Pracht seines Hofes ganz besonders glänzend entfalten. Die hohe, von bunten Säulen getragene, dem Garten zugekehrte Empfangshalle, deren blau gemalte Decke mit tausend goldenen Sternen übersäet war, bot einen wahrhaft bezaubernden Anblick. An den mit Bildern und Hieroglyphenzeichen reichbemalten Wänden und Säulen hingen Lampen von farbigem Papyrus, die einen seltsamen, dem Sonnenlichte, welches durch bunte Scheiben strahlte, nicht unähnlichen Glanz verbreiteten. Der Raum zwischen den Wänden und Säulen war mit auserwählten Gewächsen, Palmen, Oleander, Granaten, Orangen und Rosen angefüllt, und hinter diesen verborgen stand eine unsichtbare Schaar von Harfen- und Flötenspielern, welche die Gäste mit feierlichen gleichförmigen Weisen empfing (Anm. 125) Die Schilderung dieser ganzen Gesellschaft ist den Wandgemälden entlehnt, welche Wilkinson, Rosellini, Lepsius u. A. in ihren großen Werken bildlich wiedergeben. Sie sind den Grabkapellen, d. h. dem ersten Saale der Felsengrüfte reicher Aegypter entnommen. In diesem versammelten sich die Hinterbliebenen der Verstorbenen, um seinen Manen zu opfern und sich seiner zu erinnern. Die Wandgemälde riefen hier das Gedächtniß an sein Leben, seine Würden, seinen Besitz, seine Liebhabereien \&c. zurück. Mit Vorliebe zeigte man sich in geselligem Beisammensein mit den Seinen. Solche Darstellungen finden sich zu Kom el achmar bei Minieh, zu el Kab und besonders häufig in den Grüften des zu der Nekropolis von Theben gehörenden Schech Abd el Qurnah. . In der Mitte des mit weiß und schwarzen Platten belegten Fußbodens standen zierliche, mit kalten Braten, süßen Gerichten, wohlgeordneten Frucht- und Kuchenkörben, goldenen Weinkrügen, gläsernen Pokalen und kunstreichen Blumenvasen bedeckte Tafeln. Neben diesen tummelte sich eine Menge reichgeschmückter Sklaven, welche, unter Leitung des Haushofmeisters, die Speisen und Getränke den einzelnen Gästen, die sich theils stehend unterhielten, theils auf kostbaren Lehnstühlen sitzend mit ihren Freunden sprachen, überreichten. Die Gesellschaft bestand aus Männern und Weibern jeden Alters. Den eintretenden Frauen boten junge Priester, die persönlichen Diener des Königs, zierliche Blüthensträuße dar, und mancher vornehme Jüngling war mit Blumen erschienen, welche er während des Festes der Auserwählten seines Herzens nicht nur überreichte, sondern sogar dicht unter die Nase hielt. Die, wie bei dem Empfange der persischen Botschafter gekleideten Aegypter bezeigten sich höflich, beinahe unterwürfig gegen die Frauen, unter denen sich übrigens wenige hervorragende Schönheiten befanden. Freilich war so manches mandelförmige Auge von zauberhaftem Reiz, der noch erhöht wurde durch die Färbung seiner Ränder mit der mestem genannten Augenschminke. Das Haupthaar der Meisten war nach dem gleichen Vorbilde geordnet; so zwar, daß die ganze Fülle der wellig gebrannten Locken nach hinten herabwallte und vorn derartig hinter die Ohren gestrichen war, daß rechts und links ein Zopf übrig blieb, welcher, zwischen Auge und Ohr herabfallend, bis zur Brust reichte. Ein breites Diadem hielt diese Coiffüren zusammen, von denen die Zofen wußten, daß sie eben so häufig ein Werk des Haarkräuslers als der Natur waren. Ueber dem Scheitel hin lag bei vielen Damen des Hofes eine Lotusblume, deren Stengel auf ihren Hinterkopf herabfiel. In den zarten, mit Ringen beladenen Händen, deren Nägel nach ägyptischer Sitte roth gefärbt waren (Anm. 126) Diese Sitte herrscht heute noch im Orient. Man bedient sich dazu der Hennapflanze, Lausonia spinosa . In Aegypten hat die Regierung diese Färbung verboten; doch wird man die fest eingewurzelte alte Sitte schwer zu beseitigen vermögen. Die oben erwähnte Schminkung der Augenränder ist gleichfalls noch heute üblich. Das arabische Kohl oder Spießglas kommt im Papyr. Ebers und auch sonst auf Denkmälern aus der Pharaonenzeit sehr häufig vor und führte den Namen Mestem. , trugen sie Fächer von bunten Federn, um den Oberarm, das Handgelenk und die Fußknöchel goldene und silberne Reifen. Die Gewänder aller anwesenden Aegypterinnen waren eben so schön als kostbar, namentlich durch die Feinheit der bis zur Durchsichtigkeit zarten Gewebe, und bei mancher so geschnitten, daß sie die rechte Brust unbedeckt ließen. Wie sich unter den Männern der junge persische Königssohn, Bartja, durch Schönheit und Anmuth auszeichnete, so war Nitetis, die Tochter des Pharao, die bei weitem reizendste unter allen Aegypterinnen. Das fürstliche Mädchen, welches in einem durchsichtigen rosenrothen Gewande, mit frischen Rosen im schwarzen Haar, an der Seite ihrer gleichgekleideten Schwester wandelte, war bleich wie die Lotusblume, die das Haupt ihrer Mutter schmückte. Die Königin Ladice (Anm. 127) Herod. II. 181. Nach dem Königsschilde der zweiten Gemahlin des Amasis, bei Lepsius Königsbuch II. Taf. 49, muß sie Sebaste genannt worden sein. Dieser Name kann für ägyptisch, aber auch für griechisch gehalten werden. In ersterem Falle würde sie Tochter der Göttin Bast, in letzterem »die Geehrte, Angebetete« bedeuten, und beweisen, daß die zweite Gemahlin des Amasis in der That eine Hellenin gewesen sei. , von Geburt eine Griechin, Tochter des Battus von Cyrene, ging an der Seite des Amasis und führte die jungen Perser ihren Kindern zu. Ein leichtes Spitzengewand überwehte den golddurchwirkten Purpurstoff ihres Kleides. Auf dem schönen griechischen Haupte trug sie den mit einer goldenen Uräusschlange geschmückten Kopfputz der ägyptischen Herrscherinnen (Anm. 128) Am Kopfschmucke jedes Königs und jeder Königin von Aegypten waren Uräusschlangen, die Zeichen der Herrscherwürde, angebracht. Ein silberner Königinnenhauptschmuck mit den Schlangenköpfen findet sich im Leydener Museum. Abbildungen in dem Lepsius'schen Denkmälerwerke, bei Champollion, Mon., Rosellini, Mon. stor. und civil. , bei Wilkinson u. a. a. O. in Menge. . Ihr Angesicht war eben so edel als wohlwollend, und jede Bewegung verrieth, daß sie jene Anmuth besaß, welche nur eine hellenische Erziehung zu geben vermochte. Amasis hatte diese Frau, nach dem Tode seiner zweiten Gattin, der Aegypterin Tentcheta (Anm. 129) Lepsius, Königsbuch II. Tafel XXXVIII. Des Amasis erste Gemahlin scheint Anchnas, die Wittwe Psamtik II., gewesen zu sein, die er wohl, da sie schon ziemlich bejahrt war, aus politischen Gründen heirathete. , der Mutter des Thronfolgers Psamtik, in Folge seiner Vorliebe für die Griechen und trotz des Einspruchs der Priester, zu seiner Königin erwählt. Die beiden Mädchen an der Seite Ladice's, Tachot und Nitetis, wurden Zwillingsschwestern genannt; zeigten aber keine Spur jener Aehnlichkeit, welche man sonst bei Zwillingen zu finden pflegt. Tachot war blond und blauäugig (Anm. 130) Die Aegypterinnen galten im Alterthum nicht gerade für schön. Dennoch finden wir unter den Porträts der Königinnen und Prinzessinnen, auf den Denkmälern sehr anmuthige Gesichter. Köstliche Proben von schönen ägyptischen Gesichtern haben sich bei den Ausgrabungen von Saqqara gefunden und sind abgebildet worden in Mariette's Serapéum. Denon sagt von den alten Bildern ägyptischer Frauen: » Celle des femmes ressemble encore à la figure des jolies femmes d'aujourd'hui: de la rondeur, de la volupté, le nez petit, les yeux longs, peu ouverts . . . le caractère de tête de la plupart tenait du beau styl. « Noch anerkennender spricht sich General Heilbronner in seiner Reisebeschreibung über die weiblichen ägyptischen Köpfe aus. Es ist auch trotz Hartmann's Einspruch fraglos, daß die Aegypter ein aus Asien an den Nil gewandertes Volk sind, das der sogen. kaukasischen Rasse zugehörte. S. Ebers, Aegypten u. d. Bücher Mose's I. S. 40 fgd. Euripides spricht von dem Nil, dessen Ufer schöne Mädchen bewohnen. Daß es auch blonde Aegypterinnen gegeben habe, ist gewiß. Manetho beim Syncellus nennt die Königin Nitokris ξανθὴ τὴν χροιάν, d. i. blond, und wir haben z. B. unter den Porträts bei Rosellini, Mon. stor. Taf. XIX. eine blonde Königstochter Namens Ranofre gefunden. Nach den Königsschildern bei Lepsius ist dieselbe eine Tochter Tutmes III. gewesen. Fast alle auf den Denkmälern abgebildete Frauen haben eine helle, gewöhnlich lichtgelbe Hautfarbe und zwar auf den allerältesten Monumenten, zu denen wir in erster Reihe die Mastaba von Mêdûm zählen dürfen. Die Koptinnen, welche man doch für direkte Nachkommen der alten Aegypter halten darf, sind oft sehr schön. Siehe G. Richter's Porträt eines anmuthigen koptischen Mädchens bei Ebers, Aegypten in Bild und Wort I. S. 33. , klein und zierlich gebaut, während Nitetis, groß und voll, mit schwarzen Haaren und Augen, durch jede Bewegung errathen ließ, daß sie einem königlichen Hause entstammte. »Wie bleich Du aussiehst, meine Tochter,« sprach Ladice, die Wange der Nitetis küssend. »Sei frohen Muthes und sieh' getrost der Zukunft entgegen. Ich bringe Dir den Bruder Deines zukünftigen Gatten, den edlen Bartja.« Nitetis erhob ihre sinnigen dunklen Augen und ließ sie lange prüfend auf dem schönen Jünglinge ruhen. Dieser verneigte sich tief, küßte das Gewand des erröthenden Mädchens und sprach: »Sei gegrüßt als meine zukünftige Königin und Schwester! Ich glaube gern, daß Dir der Abschied von der Heimath, von Eltern und Geschwistern, das Herz beklemmt; aber sei guten Muthes, denn Dein Gatte ist ein großer Held und ein mächtiger König; unsere Mutter Kassandane die edelste der Frauen, und die Schönheit und Tugend des Weibes wird bei den Persern geehrt, wie das Leben spendende Licht der Sonne. Dich, Du Schwester der Lilie Nitetis, die ich neben ihr ›die Rose‹ nennen möchte, bitte ich um Verzeihung, daß wir gekommen sind, Dir Deine liebste Freundin zu rauben.« Die Blicke des Jünglings strahlten bei diesen Worten in die blauen Augen der schönen Tachot, welche sich, die Hand auf's Herz drückend, stumm verneigte und Bartja noch lange nachschaute, als ihn Amasis fortzog, um ihm einen Stuhl gegenüber den Tänzerinnen anzuweisen, die soeben zur Unterhaltung der Gäste ihre Künste zu zeigen begannen. Diese Mädchen waren nur mit einem leichten Rocke bekleidet und schwangen und wanden nach dem Takte der Harfen und Tambourine ihre geschmeidigen Glieder. Hierauf gaben ägyptische Sänger ihre Lieder und Possenreißer (Anm. 131) Tänzerin, die sich selbst mit der Guitarre begleitet. Wilkinson II. 301. Harfenspieler, Wilkinson II. 20. Harfner und blinde Sänger II. 239. Frauen mit Tamburin II. 240. Männer, welche die Doppelflöte blasen, II. 232 u. 234. Gesellschaft mit Tänzerinnen und Musikern, Wilkinson II. Plate XII. II. 390. Jongleurs, Wilkinson II. 433. Musikalische Instrumente finden sich in den Museen. Die Tänzerinnen, welche wir zu gleicher Zeit singend antreffen, sind mit den heutigen Ghawasi zu vergleichen, welche durch ihre Reize, Gesang und Tanz die Gesellschaften der Kairener und anderer Städtebewohner am Nil erheitern. Im alten Aegypten wurden sie Achennu genannt und scheinen zum Hausstande großer Herren gehört zu haben. In vornehmen Familien hielt man sich besondere Haussänger. Der des Neferhotep ward in dem Grabe dieses der 18. Dyn. angehörenden Großen zu Abd el Qurnah abgebildet. Neben ihm ist sein an schönen Stellen reiches Lied zu lesen. muntere Spässe zum Besten. Endlich verließen einzelne Höflinge, ihr feierliches Wesen in der Trunkenheit (Anm. 132) Leider finden wir auf den Denkmälern sowohl betrunkene Männer als Frauen abgebildet. Ein Berauschter wird auf den Köpfen seiner Diener liegend, wie ein Balken, nach Hause getragen. Wilkinson II. 168. Ein Anderer steht auf dem Kopfe II. 169. Mehrere Damen sind eben im Begriff, das zu viel Genossene von sich zu geben. Wilkinson II. 169. Bei der großen Techu-Feier zu Dendera scheint der Rausch eben so geboten gewesen zu sein wie bei der Dionysien-Feier unter den Ptolemäern, von denen einer (Dionysos) den Nichtberauschten mit dem Tode bedrohte. Uebrigens galt auch bei den Aegyptern das Berauschtsein für einen unwürdigen und verpönten Zustand. Im Papyrus Anastasi IV. heißt es z. B. von einem Trunkenbolde: »Du bist wie ein Heiligthum ohne seinen Gott, wie ein Haus ohne Brod«: und dann: »Wie sehr muß man das Bier ( hek ) vermeiden«. Eine Menge von Stellen in dem Papyrus ziehen gegen Schlemmer und Säufer zu Felde. vergessend, den Saal. Die Frauen begaben sich, von fackeltragenden Sklaven abgeholt, in bunten Sänften nach Hause; nur die Kriegsobersten, die persischen Botschafter und einige Würdenträger, besondere Freunde des Amasis, wurden von dem Haushofmeister zurückgehalten und in eine kostbar geschmückte Halle geführt, woselbst eine in griechischer Weise zugerichtete Tafel, auf welcher ein riesengroßer Mischkrug stand, zu einem nächtlichen Trinkgelage einlud. Amasis saß auf einem hohen Lehnstuhle (Anm. 133) Kostbare vergoldete und bunt gepolsterte königliche Lehnstühle, abgebildet an den Wänden der Gräber und Tempel. Lepsius Denkmäler a. v. O. Wilkinson II. Plate XI. Rosellini, Mon. civ. Taf. 90–92. an der Spitze des Tisches; zu seiner Linken der junge Bartja, zu seiner Rechten der greise Krösus. Außer diesen und den Vertrauten des Pharao befanden sich auch die uns bekannten Freunde des Polykrates, Theodorus und Ibykus, sowie der nunmehrige Oberst der hellenischen Leibwache, Aristomachus, unter den Gästen des Königs. Amasis, den wir vor Kurzem so ernst mit Krösus reden hörten, erging sich jetzt in beißenden Scherzen. Er schien wiederum zu dem tollen Unterbefehlshaber, dem verwegenen Zechbruder von ehedem geworden zu sein. Mit sprudelndem Geiste schleuderte er Spässe und Witzworte neckend und höhnend den Trinkgenossen entgegen. Schallendes, oft wohl zu Ehren des königlichen Witzes erkünsteltes Gelächter antwortete seinen Scherzen, Becher auf Becher wurde geleert, und der Jubel erreichte seinen Gipfel, als der Haushofmeister mit einer kleinen vergoldeten Mumie erschien, und, indem er sie der Gesellschaft zeigte, ausrief: »trinket, scherzet und seid fröhlich, denn allzubald werdet ihr gleich diesem (Anm. 134) Herod. II. 78. Petron. Satyr. c. 34. Nicol. Damasc. Orat. I. Wilkinson gibt Abbildungen solcher Mumien II. 410, von denen viele erhalten sind. Lucian war Augenzeuge, als sie bei einem Gastmahle herumgegeben wurden. Die Griechen in Alexandrien scheinen diese Sitte adoptirt, aber statt der Mumie, auch hier verschönernd, einen geflügelten Genius des Todes herumgereicht zu haben. Sprüche wie der folgende sind nicht selten: »Laß hinter Dir alle Sorgen; sei eingedenk der Freuden, bis daß kommt der Tag der Reise, an dem man landet in dem Reiche, das da liebt das Schweigen.« Aus dem Grabe des Neferhotep zu Abd el Qurnah. sein!« »Ist dies Hinweisen auf den Tod eure Sitte bei Festgelagen?« fragte Bartja, ernster werdend, den König, »oder erlaubt sich Dein Haushofmeister heute nur diesen Spaß?« – »Seit uralter Zeit,« antwortete Amasis, »pflegt man solche Mumien, um die Heiterkeit zu steigern, und die Zecher zu erinnern, daß man genießen solle, so lang' es Zeit sei, den Trinkgenossen zu weisen. Du, junger Schmetterling, hast freilich noch lange Freudenjahre vor Dir; wir alten Söhne aber, Freund Krösus, müssen uns ernstlich daran halten. – Mundschenk, fülle schnell unsere Becher, damit kein Augenblick des Lebens nutzlos verrinne! Wie Du trinken kannst, Du goldhaariger Perser! Wahrhaftig, die großen Götter haben Dir eine eben so gute Kehle, als schöne Augen und blühende Reize beschert. Laß Dich küssen, Du herrlicher Jüngling, Du schlechter Knabe! Was glaubst Du, Krösus? Meine Tochter Tachot spricht von nichts, als von dem Milchbarte, welcher ihr erst mit holden Blicken, dann mit süßen Worten das Köpfchen verdreht zu haben scheint. Nun, Du brauchst nicht roth zu werden, Du junger Tollkopf! Ein Mann wie Du darf sich wohl nach Königstöchtern umschauen; aber wärest Du Dein Vater Cyrus selbst, die Tachot dürfte mir nicht nach Persien!« »Vater!« flüsterte der Thronerbe Psamtik, diese Rede unterbrechend, dem Könige zu. »Vater, hüte Deine Zunge und gedenke des Phanes!« Der König schaute seinen Sohn mit einem finstern Blicke an, und als habe ein Krampf seine frohe Laune gelähmt, mischte er sich nur noch seltener in das allgemeiner werdende Gespräch. Aristomachus, welcher Krösus schräg gegenüber saß, hatte bis dahin, ohne eine Sylbe zu reden oder die Scherze des Amasis zu belachen, die Perser unablässig betrachtet. Sobald der Pharao verstummt war, wandte er sich lebhaft Krösus zu und fragte: »Ich wünschte zu wissen, Lyder, ob Schnee die Berge bedeckte, als ihr Persien verließet?« Lächelnd und erstaunt über diese seltsame Ansprache antwortete Krösus: »Die meisten Berge des persischen Gebirges waren grün belaubt, als wir vor vier Monaten nach Ägypten aufbrachen; doch gibt es auch Höhen im Lande des Kambyses, auf denen der Schnee selbst in der heißesten Jahreszeit nicht zerschmilzt (Anm. 135) Besonders der Demawend. Siehe die Besteigung desselben in Brugsch's Reise nach Persien I. S. 284. , und diese sahen wir weißlich schimmern, als wir zur Ebene hinabzogen.« Das Antlitz des Spartaners ward sichtlich heiterer. Krösus, dem der ernste Mann gefiel, fragte ihn nach seinem Namen. »Ich heiße Aristomachus.« »Den Namen sollt' ich kennen.« »Du kanntest viele Hellenen, und viele heißen wie ich.« »Deinem Dialekte nach gehörst Du dem dorischen Stamme an. Solltest Du nicht ein Spartaner sein?« »Ich war es.« »So bist Du es nicht mehr?« »Wer die Heimath ohne Erlaubniß verläßt, ist des Todes schuldig.« »Verließest Du sie freiwillig?« »Ja.« »Warum?« »Um der Schande zu entgehen.« »Was hattest Du verbrochen?« »Nichts!« »So beschuldigte man Dich mit Unrecht eines Vergehens?« »Ja.« »Wer war der Urheber Deines Unglücks?« » Du! « Krösus fuhr von seinem Sitze auf. Der ernste Ton und das finstere Gesicht des Spartaners verboten jeden Gedanken an einen Scherz. Auch die Tischnachbarn der Beiden, welche dem seltsamen Gespräche gefolgt waren, erschraken und baten Aristomachus um eine Erklärung seiner seltsamen Aussage. Der Spartaner zauderte. Man sah ihm an, daß er ungern reden möge; endlich aber, als ihn auch der König zu erzählen aufforderte, begann er: »Du, Krösus, hattest, dem Orakel folgend (Anm. 136) Herod. I. 52. 54. 69. 70. Xenoph. Cyrop. VI. 2. 5. , uns Lacedämonier, als die mächtigsten der Hellenen, zu Bundesgenossen gegen die Macht der Perser erwählt, und uns das Gold zu der Apollo Herme ans dem Berge Thornax geschenkt. Die Ephoren beschlossen daher, Dir dafür ein riesengroßes, kunstreiches Mischgefäß von Erz zu verehren. Als Ueberbringer desselben erwählte man mich. Bevor wir nach Sardes kamen, zerstörte ein Sturm unser Schiff. Der Mischkrug versank mit ihm. Wir retteten uns mit dem nackten Leben nach Samos. Als wir heimkehrten, ward ich von Feinden und Neidern beschuldigt, Schiff und Mischkrug an samische Händler verkauft zu haben. Weil man mich nicht überführen konnte und dennoch verderben wollte, ward ich verurtheilt, zwei Tage und zwei Nächte lang am Pranger zu stehen. Man schmiedete in der Nacht meinen Fuß an den Schandblock. Bevor der Morgen meiner Entehrung graute, kam mein Bruder zu mir und reichte mir heimlich ein Schwert. Ich sollte mir vor der Beschimpfung das Leben nehmen. Ich konnte nicht sterben, denn ich hatte mich noch an meinen Verderbern zu rächen; darum hieb ich mir selbst den angeschmiedeten Fuß vom Beine und versteckte mich im Schilfe des Eurotas. Mein Bruder brachte mir heimlich Speise und Trank. In zwei Monaten konnte ich wieder auf diesem hölzernen Fuße gehen. Der ferntreffende Apollo übernahm meine Rache, denn meine verruchtesten Gegner raffte die Pest dahin. Trotz ihres Todes durfte ich nicht heimkehren. Zu Gythium schiffte ich mich endlich ein, um mit Dir, Krösus, von Sardes aus gegen die Perser zu fechten. Als ich in Teos landete, erfuhr ich, daß Du nicht mehr König wärest. Der gewaltige Cyrus, der Vater dieses schönen Jünglings, hatte in kurzen Wochen das mächtige Lydien erobert und den reichsten König zum Bettler gemacht.« Alle Zecher schauten den ernsten Krieger bewundernd an. Krösus schüttelte ihm die harte Rechte; der junge Bartja aber rief: »Wahrlich, Spartaner, ich möchte Dich mit nach Susa nehmen, um meinen Freunden zeigen zu können, was ich gesehen habe, den muthigsten, ehrenwerthesten aller Menschen!« »Glaube mir, Knabe,« gab Aristomachus lächelnd zurück, »ein jeder Spartaner hätte gleich mir gehandelt. Bei uns zu Lande gehört mehr Muth dazu, feige als tapfer zu sein!« »Und hättest Du, Bartja,« rief Darius, der Vetter des Königs von Persien, »ertragen können, an dem Schandpfahle zu stehen?« Bartja erröthete, aber man sah ihm an, daß auch er den Tod der Schande vorziehe. »Und Du, Zopyrus?« fragte Darius, sich an den dritten jungen Perser wendend. »Ich würde mich aus bloßer Liebe zu euch verstümmeln (Anm. 137) Diese hyperbolisch klingende Versicherung wußte Zopyrus, wie wir später erfahren werden, wahr zu machen. !« rief dieser und drückte unter dem Tische die Hände seiner beiden Freunde. Psamtik sah mit spöttischem Lächeln, Krösus, Gyges und Amasis voller Wohlgefallen, die Aegypter sich einander bedeutungsvoll anschauend, der Spartaner vergnüglich schmunzelnd, auf die jungen Helden. Jetzt erzählte Ibykus von dem Orakelspruche, welcher Aristomachus beim Nahen der Männer von den schneeigen Bergen die Heimkehr verhieß, und erwähnte dabei des gastfreien Hauses der Rhodopis. Psamtik ward unruhig, als er diesen Namen aussprechen hörte, Krösus äußerte den Wunsch, die greise Thracierin kennen zu lernen, von welcher ihm Aesop viel Rühmliches erzählt hatte, und als die Gäste, meistens bis zur Bewußtlosigkeit trunken, den Saal verließen, verabredeten sich der entthronte König, der Dichter, der Bildhauer und der spartanische Held, am folgenden Tage nach Naukratis zu fahren, um sich an den Gesprächen der Rhodopis zu erfreuen. Sechstes Kapitel. Der König Amasis hatte sich nach dem beschriebenen Gastmahle kaum drei Stunden nächtlicher Ruhe gegönnt. Wie alle Tage, so weckten ihn auch heute beim ersten Hahnenschrei junge Priester aus dem Schlummer, wie alle Tage führten sie ihn in's Bad, schmückten ihn mit dem königlichen Ornate und führten ihn zum Altar im Hofe des Schlosses, woselbst er vor den Augen des Volkes sein Opfer darbrachte, während der Oberpriester mit lauter Stimme Gebete sang, die Tugenden des Königs aufzählte und, um jeden Tadel von dem Haupte des Herrschers fern zu halten, seine schlechten Rathgeber für alle fluchwürdigen, in Unkenntnis begangenen Sünden verantwortlich machte. Wie alle Tage ermahnten ihn die Priester, seine Tugenden erhebend, zum Guten, lasen ihm die nützlichen Thaten und Rathschläge der großen Männer aus den heiligen Schriften vor und führten ihn in seine Gemächer, woselbst Briefe und Berichte aus allen Theilen des Landes seiner warteten (Anm. 138) Diese Einteilung des Tages eines Königs von Aegypten, welche Diod. I. 70 bringt, wird im Ganzen von den Denkmälern bestätigt. . Diese sich alle Morgen wiederholenden Ceremonien und Arbeitsstunden pflegte Amasis treulich inne zu halten, während er den späteren Theil des Tages wie es ihm beliebte, meistens in heiterer Gesellschaft zubrachte (Anm. 139) Herod. II. 173. . Darum warfen ihm die Priester vor, daß er ein unkönigliches Leben führe; er aber antwortete einst dem erzürnten Oberpriester: »Siehe diesen Bogen! Wenn Du ihn fortwährend anspannst, so wird er bald seine Kraft verlieren; benutzst Du ihn aber den halben Tag und gönnst ihm dann seine Ruhe, so bleibt er stark und brauchbar, bis die Sehne zerreißt.« Amasis hatte soeben den letzten Brief, die Bitte eines Nomarchen (Anm. 140) Nomarchen hießen die obersten Verwalter der Gaue oder Nomen von Aegypten, in welche das ganze Reich getheilt war. Der Name Nomos (νόμος) ist ganz griechisch und bedeutet wohl ursprünglich einen Weidebezirk. Aegyptisch heißt der Nomos p-tasch oder Thesp . Wir sind jetzt, namentlich durch die Verdienste des Engländers Harris, Brugsch's, Parthey's, Dümichen's und Jacques de Rougé's auf das Genaueste von der Eintheilung des Pharaonenreichs unterrichtet. Die Resultate der genannten Gelehrten wurden möglich durch viele an den Tempelwänden gefundene Listen der Nomen, aus denen hervorgeht, daß das ganze Land meist in 26 oberägyptische und 24 unterägyptische Gaue getheilt wurde, deren jeder 3 Unterabtheilungen hatte. Der Begriff des Nomos ward sehr zutreffend definirt von dem alexandrinischen Bischof Cyrill. in Esai. 19 . Nach den neueren Forschungen scheint es wahrscheinlich, daß die Grenzen der Nomen nicht durch zufällige lokale Verhältnisse entstanden, sondern durch die Legung von Graden mathematisch genau gezogen worden sind. Unter den Nomarchen, die den ganzen Nomos verwalteten, und wohl in der Metropolis, die dem Gau den Namen gab, residirten, standen in der Ptolemäerzeit die Toparchen, welche den Ortskreisen geboten. Diese letzteren wurden in Feldstücke (άρουραι, μερίδες) zerlegt. Strabo 787. um Gelder für mehrere nach der Ueberschwemmung nöthig gewordene Uferbauten (Anm. 141) Wegen der eigenthümlichen Beschaffenheit des Nils waren Uferbauten besonders nöthig. Die Pharaonen schätzten es sich zur Ehre, für dieselben zu sorgen. Herodot erzählt, daß Menes den westlichen Nilarm bei Memphis abgedämmt habe. Diese Nachricht kann richtig sein. S. Anm. 49 . Daß auch der Mörissee zur Regulirung der Ueberschwemmung gegraben worden sei, unterliegt keinem Zweifel mehr. Lepsius, Chronol. I. p. 262. Linant de Bellefonds, Mémoire sur le lac de Moeris . S. a. H. Stephan, das heutige Aegypten S. 8. , das Geforderte bewilligend, unterschrieben, als ihm ein Diener mittheilte, der Thronfolger Psamtik ließe seinen Vater ersuchen, ihm auf einige Minuten Gehör zu schenken. Amasis, welcher, erfreut über die günstigen Berichte aus allen Theilen des Landes, den Eintretenden heiter bewillkommnet hatte, wurde plötzlich ernst und nachdenklich. Endlich rief er nach langem Zaudern: »Geh' und sage dem Prinzen, er möge kommen!« Psamtik, wie immer bleich und düster, verneigte sich, als er die väterliche Schwelle überschritt, tief und ehrfurchtsvoll. Amasis dankte ihm durch einen schweigenden Wink; dann fragte er kurz und streng: »Was begehrst Du von mir? Meine Zeit ist gemessen.« »Absonderlich für Deinen Sohn,« antwortete mit zuckenden Lippen der Thronerbe. »Siebenmal habe ich Dich um die große Gunst ersuchen lassen, welche Du mir heute endlich gewährst.« »Keine Vorwürfe! Ich vermuthe den Grund Deines Kommens. Ich soll Dich in Betreff Deiner Zweifel über die Herkunft der Nitetis aufklären.« »Ich bin nicht neugierig und komme vielmehr, um Dich zu warnen und zu erinnern, daß außer mir noch ein Anderer lebt, welcher um dieses Geheimniß weiß!« »Phanes?« »Wer sonst? Er, der aus Ägypten und der eigenen Heimath Vertriebene, wird in wenigen Tagen Naukratis verlassen. Wer bürgt Dir dafür, daß er uns nicht an die Perser verräth?« »Die Güte und Freundschaft, welche ich ihm stets erwiesen habe.« »So glaubst Du an die Dankbarkeit der Menschen?« »Nein! aber ich vertraue meiner Fähigkeit, sie zu beurtheilen. Phanes wird uns nicht verraten! Ich wiederhole es, er ist mein Freund!« »Vielleicht Dein Freund, aber mein Todfeind!« »So hüte Dich vor ihm! Ich habe nichts von ihm zu fürchten.« »Du nicht, aber unsere Heimath! O bedenke Vater, daß, wenn ich Dir auch verhaßt sein mag als Dein Sohn, ich Dir dennoch als die Zukunft Ägyptens am Herzen liegen muß. Bedenke, daß nach Deinem Tode, den die Götter noch lange verhüten mögen, ich, wie Du es jetzt bist, die Gegenwart dieses herrlichen Landes darstellen werde, daß mein Sturz in Zukunft dasselbe bedeuten wird, wie der Fall Deines Hauses, wie der Untergang Aegyptens.« Amasis ward immer ernster, während Psamtik dringend fortfuhr: »Du wirst, Du mußt mir Recht geben! Dieser Phanes hat die Macht in Händen, jedem auswärtigen Feinde unser Land zu verrathen, denn er kennt es so gut wie ich und Du; in seiner Brust schlummert ferner ein Geheimniß, dessen Verrath unsern mächtigsten Freund zu unserem furchtbarsten Feinde machen könnte.« »Du irrst! Nitetis ist zwar nicht meine, aber dennoch die Tochter eines Königs und wird es verstehen, das Herz ihres Gatten zu gewinnen.« »Und wäre sie die Tochter eines Gottes, so würde Dir Kambyses, wenn er das Geheimniß durchschaute, zum Feinde werden; weißt Du doch, daß bei den Persern die Lüge für das größte Verbrechen (Anm. 142) Herod. I. 138. Xenoph. Cyrop. VIII. 8. 7. Avesta (Spiegel). Fargard IV. S. III. Theil Anmerk. 158 . und sich betrügen zu lassen für schmählich gilt; Du aber hast den Stolzesten, Mächtigsten unter ihnen betrogen; und was wird ein einzelnes unerfahrenes Mädchen vermögen, wo sich hundert in allen Ränken fein geschulte Weiber um die Gunst ihres Herrschers bewerben!« »Gibt es bessere Lehrer in der Redekunst, als Haß und Rache?« fragte Amasis mit schneidender Stimme. »Thörichter Sohn, glaubst Du denn, daß ich ein so gefährliches Spiel ohne reifliche Erwägung aller Umstände unternommen haben würde? Laß Phanes meinetwegen heute noch den Persern erzählen, was er nicht einmal weiß, was er nur ahnen, niemals aber beweisen kann. Ich der Vater und Ladice die Mutter müssen wohl am besten wissen, wer unser Kind sei. Wir Beide nennen Nitetis unsere Tochter; wer darf behaupten, sie sei es nicht? – Will Phanes die Schwächen unseres Landes einem anderen Feinde verrathen, wie den Persern, so möge er es thun; ich fürchte keinen! Willst Du mich auffordern, einen Mann, dem ich vielen Dank schulde, einen Freund, welcher mir zehn Jahre lang treulich diente, zu verderben, bevor er mich beleidigte, so sage ich Dir, daß ich, statt ihm Schaden zu thun, bereit bin, ihn vor Deiner Rache zu schützen, deren unlauteren Grund ich kenne.« »Mein Vater!« »Du möchtest diesen Mann verderben, weil er Dich verhindert hat, die Enkelin der Thracierin Rhodopis von Naukratis mit Gewalt an Dich zu bringen, weil ich ihn, als Du Dich für unfähig erwiesen, an Deiner Stelle zum Feldherrn ernannt habe. Du erbleichst? Wahrlich, ich bin Phanes dankbar, daß er mich von Deinen ruchlosen Plänen in Kenntniß setzte und mir dadurch Gelegenheit gab, die Stützen meines Thrones, denen Rhodopis theuer ist, immer fester an mich zu knüpfen.« »O, Vater! daß Du die Fremden also benennst, daß Du des alten Ruhmes der Aegypter also vergessen kannst! Schmähe mich, wie Du willst; ich weiß, daß Du mich nicht liebst; sage aber nicht, daß wir der Ausländer bedürfen, um groß zu sein! Sieh' zurück in unsere Geschichte! Wann waren wir am größten? Damals, als wir allen Fremden ohne Ausnahme die Pforten unseres Landes verschlossen und, auf eigenen Füßen stehend, der eignen Kraft vertrauend, nach den uralten Gesetzen unserer Väter und unserer Götter lebten. Jene Zeiten haben gesehen, wie Ramses der Große (Anm. 143) Ramses der Große, Sohn des Sethos, welchen ersteren die Griechen Sesostris nannten (über die Ursachen dieser Verwechselung Lepsius, Chronol. d. Aegypt. S. 538), regierte von 1394 bis 1328 v. Chr. Unter demselben entfaltete sich die ägyptische Macht zur höchsten Blüthe, denn er bezwang viele Völker von Afrika und Asien mit einem Heere, welches nach Diodor I. 53–58 aus 600,000 Fußsoldaten, 24,000 Reitern, 27,000 Wagenkämpfern und 400 Kriegsschiffen bestand, und grub sein Bild und seinen Namen als Siegestrophäe in die Felsen der unterjochten Länder ein. Herodot hat zwei dieser Bilder selbst gesehen II. 102–106, und heute noch kann man zwei derselben unweit Bairut, dem alten Βερόη oder Βερυτός finden. Guys und Wyse lieferten Abbildungen derselben. Solche finden sich auch in Lepsius' Denkmälern und den Annales de l'institut de corresp. Archéol. Rome 1834 . Mit Bezug auf diese Bilder nennen ihn wohl die ägyptischen Monumente: cher ta-u em menn-u her ran-f , der da festhält die Welt durch die Monumente, bezüglich auf seinen Namen. Ungeheure Tribute strömten durch ihn nach Aegypten, Tacitus annal. II. 60 , welche ihn in den Stand setzten, wunderbare Prachtbauten von Nubien bis Tanis, besonders aber in seiner Residenz Theben zu errichten. Einer der Obelisken, welche er zu Theben aufstellte, befindet sich heute auf der place de la concorde zu Paris. In jüngster Zeit übersetzt von F. Chabas. An den erhaltenen Wänden der Paläste und Tempel, welche der große Ramses errichten ließ, finden wir heute noch tausend Bilder, die ihn selbst, seine Heere, die vielen Völkerschaften, die seinen Waffen unterlagen, und die Götter, denen er seine Siege danken zu müssen glaubte, darstellen. Unter den letzteren scheint er dem Ammon und der Bast besondere Ehrfurcht gezollt zu haben. Andererseits ersehen wir aus den Inschriften, daß die Himmlischen alle Zeit bereit waren, ihrem Lieblinge jeden Wunsch zu erfüllen. Seine Kämpfe gegen die Cheta werden in langen Hieroglyphenreihen, sowohl auf der südlichen Wand des ungeheuren Säulensaales zu Karnak, als auch zu Luqsor und im Sallier'schen Papyrus poetisch geschildert. Das gleiche auf seine Thaten bezügliche Epos findet sich an sechs verschiedenen Stellen. Behandelt von Vicomte E. de Rougé. Der höchst interessante Friedensvertrag, den er mit den Cheta schloß, ist erhalten und vollständig übersetzt worden von Chabas in seinen Beigaben zur Analyse des Papyrus Anastasi I. voyage d'un Égyptien . Sein Porträt mit der leichtgebogenen Nase, das ihn in frischer Unternehmungslust darstellt, muß höchst charakteristisch genannt werden. Die schönste seiner Porträtstatuen wird im ägyptischen Museum zu Turin konservirt. Die Denkmäler befähigen uns, sein ganzes Leben von seiner Jugend, mit der uns namentlich die Denkmäler von Abydos bekannt machen, bis zu seinem Tode zu verfolgen, und geben Aufschlüsse über jedes Glied seiner Familie. Unter seines Vaters Seti Regierung erreichte auch die ägyptische Kunst ihre höchste Blüthe. mit unseren siegreichen Waffen die entlegensten Völker unterjochte, jene Zeiten haben gehört, wie die ganze Welt Aegypten das erste, größte Land der Erde nannte! Was sind wir jetzt? Aus Deinem, des Königs eignem Munde höre ich fremde Bettler und Abenteurer ›Stützen des Reiches‹ nennen; Dich, den König, sehe ich eine elende List bereiten, um die Freundschaft eines Stammes zu gewinnen, über welchen wir, ehe die Fremden zum Nile kamen, große Siege erfechten konnten (Anm. 144) Der Jude Josephus erzählt, dem Manetho folgend, Ramses habe auch die Meder bezwungen (??). Dies wäre nicht so unwahrscheinlich, wenn man in Bachtan Ekbatana (?) sehen darf, wo wir in der 20. Dynastie einen Pharaonen Tribute einsammeln sehen. Freilich spricht manches gegen diese Etymologie. Brugsch hält es für Bachi. Bachtan lag jedenfalls in Asien. Stele von der Bentrescht in der pariser Bibliothek. E. de Rougé, Étude sur une stèle égyptienne etc. Journ. Asiat. 1856–58 . . Aegypten war eine reichgeschmückte mächtige Königin, jetzt ist es eine geschminkte, mit goldenen Flittern behängte Dirne!« »Hüte Deine Zunge!« rief Amasis, die Erde mit dem Fuße stampfend. »Aegypten war niemals so blühend und groß als jetzt! Ramses hat unsere Waffen in ferne Lande getragen und Blut mit ihnen erworben; ich aber habe es dahin gebracht, daß die Erzeugnisse unserer Hände bis zu den Enden der Welt befördert werden und uns, statt des Blutes, Schätze und Segen bringen. Ramses ließ Blut und Schweiß der Unterthanen in Strömen für den Ruhm seines Namens fließen, ich habe es dahin gebracht, daß Blut nur sparsam, der Schweiß nur im Dienste nützlicher Arbeiten in meinem Lande vergossen wird und jeder Bürger in Sicherheit, Glück und Wohlstand seine Lebensreise vollenden kann. An den Ufern des Nils erheben sich jetzt zehntausend (Anm. 145) Herod. II. 177. Diese Nachricht scheint übertrieben zu sein, da nach Diodor zur Zeit der Ptolemäer Aegypten nicht mehr als 7 Millionen Einwohner zählte. Diod. I. 31. Josephus gibt 7,500,000 Seelen an. Die Zahl beim Theokrit ist nichts als eine mnemonische Spielerei mit der Zahl 3. Lane berechnet in seinem Account of the manners and customs of the modern Egyptians , daß dies Land für 8 Millionen Nahrung spenden könne. Champollion le jeune glaubt 6–7 Millionen annehmen zu dürfen. Die Einwohnerzahl von Aegypten betrug 1830 nach Lane 2,500,000 Seelen; nach Stephan, Das heutige Aegypten 1872 S. 58, hatte 1866 Aegypten 4,848,529 Einwohner. volkreiche Orte, kein Fuß breit Landes ist unbebaut, kein Kind in Aegypten entbehrt der Wohlthat des Rechtes und Gesetzes, kein Bösewicht kann sich dem wachen Auge der Obrigkeit entziehen. – Sollte uns ein Feind überfallen; wohl, so stehen neben unseren Festungen und den Bollwerken (Anm. 146) Die alten Aegypter verstanden sich sehr gut auf Befestigungskunst. Die Bilder auf den Denkmälern zeigen Forts mit Mauern und Zinnen. In unseren Werken Aegypt. I. 78 fgd. und Durch Gosen zum Sinai S. 71 fgd. haben wir zu beweisen versucht, daß der Nordosten des Landes (von Pelusium bis zum rothen Meere) durch eine Reihe von Fortifikationen gegen die Angriffe der Asiaten gesichert war. , die uns die Götter gegeben, den Katarrhakten, dem Meere und der Wüste, die besten Soldaten, welche jemals Waffen trugen, dreißigtausend Hellenen, außer der ägyptischen Kriegerkaste, zu unserem Schutze bereit. So steht es um Aegypten! Den Flitterstaat eitlen Ruhmes bezahlte es einst dem Ramses mit blutigen Thränen. Das echte Gold wahrhaftigen Bürgerglückes und friedlicher Wohlfahrt schuldet es mir und meinen Vorgängern, den saitischen Königen!« »Und dennoch sage ich Dir,« rief der Erbprinz »daß Aegypten ein Baum ist, an dessen Lebensmark ein tödtender Holzwurm nagt. Das Ringen und Streben nach Gold, nach Pracht und Glanz hat alle Herzen verdorben. Die Ueppigkeit der Fremden gab den schlichten Sitten unserer Bürger den Todesstoß. Für Gold ist Alles zu haben. Häufig hört man von Hellenen verführte Aegypter der alten Götter spotten; Zwist und Hader trennt die Kasten der Priester und Krieger. Täglich werden blutige Schlägereien zwischen hellenischen Söldnern, ägyptischen Kriegern, Fremden und Einheimischen gemeldet, Hirt und Heerde bekriegen einander; der eine Stein der Staatsmühle zerreibt den andern, bis das ganze Werk in Staub und Schutt versinken wird. Ja, Vater, wenn nicht heute, so werde ich niemals reden, und ich muß endlich aussprechen, was mein Herz bedrückt! Während Deiner Kämpfe mit unserer ehrwürdigen Priesterschaft, der besten Stütze des Thrones, hast Du ruhig mitangesehen, wie sich die junge Macht der Perser gleich einem Völker verschlingenden Ungethüm, welches bei jedem neuen Fraße furchtbarer und gewaltiger wird, von Ost nach Westen wälzte. Statt den Lydern und Babyloniern zu Hülfe zu kommen, wie Du ursprünglich wolltest, halfest Du den Griechen Tempel für ihre Lügengötter bauen. Als aber endlich jeder Widerstand unmöglich erschien, als Persien die halbe Welt unterjocht hatte und übermächtig und unbezwinglich von allen Königen fordern durfte, was es mochte, da schienen die Unsterblichen, Dir noch einmal die Hand zur Rettung Aegyptens reichen zu wollen. Kambyses begehrte Deine Tochter; Du aber, zu schwach, um Dein rechtes Kind der allgemeinen Wohlfahrt zu opfern, sendest dem Großkönige ein untergeschobenes Mädchen und schonest, weichmüthig wie Du bist, eines Fremdlings, der das Wohl und Wehe Deines Reiches in Händen hält und es verderben wird, wenn es nicht schon früher, von innerer Zwietracht zernagt, zusammensinkt!« Bis hierher hatte Amasis, bleich und bebend vor Zorn, sein Theuerstes schmähen lassen. Jetzt konnte er nicht länger schweigen, und mit einer Stimme, welche wie Posaunenklänge durch die weite Halle schmetterte, rief er aus: »Weißt Du wohl, wessen Dasein ich opfern müßte, wenn mir nicht das Leben meiner Kinder und die Erhaltung des von mir begründeten Herrscherhauses lieber wäre, als die Wohlfahrt dieses Landes? Kennst Du, großsprecherischer, rachdürstiger Sohn des Unheils, den zukünftigen Verderber dieses herrlichen, uralten Reichs? Du bist es, Du, Psamtik, der von den Göttern gezeichnete, von den Menschen gefürchtete Mann, dessen Herz keine Liebe, dessen Brust keine Freundschaft, dessen Antlitz kein Lächeln, dessen Seele kein Mitleid kennt! – Ein Fluch der Götter belastete Dich mit dem Dir eigenen unseligen Wesen und der Unsterblichen Feindschaft endet mit schlimmen Erfolgen, was Du beginnst. – Höre jetzt, denn einmal muß es gesagt sein, was Dir meine väterliche Schwäche so lange verschwiegen. Ich hatte meinen Vorgänger gestürzt und ihn gezwungen, mir seine Schwester Tentcheta zum Weibe zu geben. Sie gewann mich lieb und versprach ein Jahr nach der Hochzeit mich mit einem Kinde zu beschenken. In der Nacht, welche Deiner Geburt vorherging, schlief ich, vor dem Lager meiner Gattin sitzend, ein. Da träumte mir, Deine Mutter läge am Ufer des Nils. Sie klagte mir, sie empfinde Schmerzen in der Brust. Ich beugte mich zu ihr hernieder und sah, daß eine Cypresse ihrem Herzen entwuchs. Der Baum wurde immer größer, immer breiter und schwärzer; seine Wurzeln aber wanden sich um Deine Mutter und erwürgten sie. Ein kalter Schauder faßte mich. Ich wollte fliehen. Plötzlich erhob sich von Osten her ein furchtbarer Orkan, der die Cypresse umstürzte und sie niederwarf, so daß ihre breiten Zweige in den Nil schlugen. Da hörte der Strom zu fließen auf, sein Wasser verhärtete sich und statt des Flusses lag eine riesengroße Mumie vor mir. Die Städte an den Ufern schrumpften zusammen und wurden zu mächtigen Todten-Urnen, welche, wie in einem Grabe, den ungeheuren Leichnam des Nils umstanden. Da erwachte ich und ließ die Traumdeuter kommen. Keiner vermochte das wunderbare Gesicht zu erklären, bis mir endlich die Priester des libyschen Ammon folgende Deutung gaben: ›Tentcheta ist durch die Geburt eines Sohnes getödtet worden. Diesen, einen finstern unseligen Menschen, stellt die ihre Mutter mordende Cypresse dar. Unter seiner Regierung wird ein Volk von Osten den Nil, das sind die Aegypter, zu Leichen, und ihre Städte zu Trümmerhaufen, das sind die Todten-Urnen, machen.« Psamtik stand seinem Vater wie ein Steinbild gegenüber, als dieser fortfuhr: »Deine Mutter starb bei Deiner Geburt, brandrothes Haar, das Zeichen der Söhne des Typhon (Anm. 147) Typhon, ägyptisch Seth, der Gott des Unheils und des Bösen, hat im religiösen Bewußtsein der Aegypter eine merkwürdige Wandlung erfahren, da er in der ältesten Zeit weniger entschieden als verderbliche Gottheit auftritt. Mariette hat nachgewiesen, daß er von der 5. Dynastie an verehrt ward. Zu einer unbedingt verderblichen Gottheit scheint er für die Aegypter erst in der Zeit der Hyksos, die ihn ausschließlich verehrten, geworden zu sein. Früher ward wohl das böse Prinzip durch die Schlange Apep personifizirt. Seth war Kriegsgott und zugleich der Gott des Auslands. Unterlagen die Fremden, so hielt man ihn hoch, triumphirten diese, so verfolgte man ihn. Ramses nennt sich gern seinen Verehrer; spätere Fürsten kratzen seinen Namen aus, wo sie ihn finden. Endlich wird er ausschließlich als Prinzip der Vernichtung verabscheut. Nach Plutarch regierte er alles leidenschaftliche, Ordnungslose, Unbeständige, Unwahre und Thörichte in der Seele des Menschen. In einem Papyrus heißt er »der allmächtige Zerstörer und Veröder«. Lepsius, Erster Götterkreis S. 53. In seinem Wesen spiegelten sich also auch die verderblichen Kräfte der Natur. Alle schädlichen Pflanzen und Thiere sind sein Eigenthum, und auch das ungenießbare, wankelmüthige, unfruchtbare Meer gehörte zu seinem Reiche. Der störrige Esel, das garstige Nilpferd, das gefräßige Krokodil und der wilde Eber sind seine Lieblingsthiere. Seine Farbe war das Rothe, darum soll man ihm in alter Zeit die rothhaarigen Menschen, welche man typhonisch nannte, geopfert haben. Diod. I. 88. Dasselbe berichtet Plutarch. Im Papyrus Ebers werden üble oder schädliche geradezu »rothe« Dinge genannt. Z. B. Pap. Ebers Taf. I. Z. 20. Die Menschenopfer haben schon in sehr früher Zeit aufgehört. Uebrigens sollen noch weit später die rothhaarigen Aegypter mit Koth beworfen und verachtet worden sein. Seth's Bilder zeigen ihn entweder in der Gestalt eines dem Windhunde ähnlichen Thieres mit spitzen Ohren und gespaltenem Schwanze oder stellen ihn mit Borsten auf dem Rücken und dem Kopfe eines Krokodils, Esels oder Nilpferdes dar. Wir werden Seth-Typhon in der Isis- und Osiris-Mythe wieder finden. , umwuchs Deine Schläfe, Du wurdest ein düsterer Mann; – das Unglück verfolgte Dich, denn es raubte Dir ein geliebtes Weib und vier Deiner Kinder. Wie ich unter dem glücklichen Zeichen des Ammon, so wurdest Du, die Astrologen berechneten es, beim Aufgange des schrecklichen Planeten Seb geboren (Anm. 148) Die ägyptischen Astrologen waren weltberühmt. Herod. II. 82 sagt, die Aegypter hätten die Astrologie erfunden, und Aristoteles de coelo II. 12 , sie wären die ersten Astronomen gewesen. Jede Stunde hatte ihre Planeten, von denen einige Glück, andere Unheil verkündeten; auch kam es bei Horoskopen auf die Stellung der Sterne an. Ammon (Jupiter) war stets glückverheißend, Seb (Saturn) stets verderblich. Toth (Merkur) schwankend. Die verschiedenen Gestirne sollten auch auf einzelne Gliedmaßen Einfluß haben. Champollion, Lettres p. 239. Firmicus Maternus IV. 16 nennt sogar die Namen zweier berühmter ägyptischer Astrologen, des Petosiris und Nechepso. Siehe auch Diod. I. 50. 81. II. 92. Die Denkmäler sind voll von astronomischen Darstellungen, und die Festkalender, welche bis auf uns kamen, bestätigen das, was die Klassiker von der Astronomie der Aegypter berichten. , Du . . .« Amasis unterbrach seine Rede, denn heftig schluchzend, überwältigt von der Fülle des Furchtbaren, das er vernommen, brach Psamtik zusammen und rief mehr stöhnend als sprechend: »Höre auf, grausamer Vater, und verschweige wenigstens, daß ich der einzige Sohn in Aegypten bin, den der Haß seines Vaters schuldlos verfolgt!« Amasis schaute auf den bleichen Mann hernieder, der, das Angesicht in die Falten seines Gewandes verbergend, vor ihm niedergesunken war. Sein schnell entflammter Zorn verwandelte sich in Mitleid. Er fühlte, daß er zu hart gewesen sei, daß er mit seiner Erzählung einen giftigen Pfeil in Psamtik's Seele geschleudert habe und gedachte an die vor vierzig Jahren verstorbene Mutter des Unglücklichen. – Seit langer Zeit zum Erstenmale sah er als Vater, als zum Troste Berufener auf diesen finsteren, jede Liebesbezeugung abweisenden, ihm in allen Anschauungen so fremden Mann. Sein weiches Herz fand sich jetzt zum Erstenmale in die Lage versetzt, eine Thräne in dem sonst so kalten Auge des Sohnes trocknen zu können. In freudiger Hast ergriff er diese Gelegenheit. Er beugte sich zu dem stöhnenden Manne hernieder, küßte seine Stirn, richtete ihn auf und sprach mit sanfter Stimme: »Verzeihe mein Ungestüm, lieber Sohn. Die schlimmen Worte, welche Dich kränkten, kamen nicht aus dem Herzen des Amasis, sondern aus dem Rachen des Jähzorns. Du hast mich viele Jahre lang durch Kälte, Härte, Widerspenstigkeit und fremdes Wesen gereizt. Heute beleidigtest Du mich in meinen heiligsten Gefühlen, darum ward ich zu überschäumender Heftigkeit fortgerissen. Jetzt soll Alles wieder gut sein zwischen mir und Dir. Wenn wir auch zu verschiedener Art sind, als daß sich unsere Herzen je recht innig verschmelzen könnten, so wollen wir doch in Zukunft einig handeln und nachgiebig gegen einander sein.« Psamtik küßte, sich stumm verneigend, das Kleid seines Vaters. »Nicht also,« rief dieser, »küsse meinen Mund! So ist's recht, so geziemt sich's zwischen Vater und Sohn! Was den wüsten Traum betrifft, den ich Dir erzählt habe, so sei unbesorgt. Träume sind Trugbilder; doch, wenn sie auch wirklich von den Göttern gesandt werden, so sind doch Diejenigen, welche sie deuten, menschlichen Irrthümern unterworfen. Deine Hand zittert noch immer und Deine Wangen sind bleicher wie Dein leinenes Gewand. Ich war hart gegen Dich, härter als ein Vater . . .« »Härter als ein Fremder gegen den Fremden sein darf,« unterbrach der Thronfolger den König. »Du hast mich gebrochen und zerknickt, und wenn bis dahin mein Antlitz wenig lächelte, so wird es von heute an ein Spiegel des Elends sein.« »Nicht also,« sagte Amasis und legte die Hand auf die Schulter seines Sohnes. »Wenn ich Wunden schlage, so besitze ich auch die Macht, sie zu heilen. Nenne mir den wärmsten Wunsch Deines Herzens; er sei Dir gewährt!« Psamtik's Augen blitzten auf, ein röthlicher Schimmer flog über seine fahlen Wangen und er erwiederte ohne sich zu besinnen, aber mit einer Stimme, in der die Erschütterung, welche sein Herz in den letzten Augenblicken erfahren hatte, nachzitterte. »Ueberlaß mir Phanes, meinen Feind.« Der König blieb einige Augenblicke in Nachdenken versunken, dann sagte er. »Ich werde Deine Forderung erfüllen müssen; aber ich wollte lieber, Du hättest die Hälfte meines Schatzes verlangt, als dies. Tausend Stimmen in meinem Innern sagen mir, daß ich etwas zu thun im Begriff bin, das meiner unwürdig ist, das verderblich sein wird für mich, für Dich, für das Reich und für uns Alle. Ueberlege noch einmal, ehe Du handelst, und das sage ich Dir, was Du auch mit Phanes vorhast, der Rhodopis darf kein Haar gekrümmt werden; auch hast Du Sorge zu tragen, daß die Verfolgung meines armen Freundes besonders den Griechen ein Geheimniß bleibe. Wo werde ich einen Feldherrn, einen Berather und Tischgenossen wiederfinden wie ihn!? Ich seh' ihn auch noch nicht in Deiner Gewalt, und gebe Dir zu bedenken, daß, wenn Du auch klug als Aegypter sein magst, Phanes als Hellene klug ist! Besonders erinnere Dich auch an Deinen Eid, jedem Gedanken an die Enkelin der Rhodopis zu entsagen. Der Ersatz, welchen ich Dir biete, ist, meine ich, annehmbar; denn, kenne ich Dich recht, so erscheint Dir die Rache schätzbarer wie die Liebe! Was endlich Aegypten anbelangt, so wiederhole ich Dir, daß es niemals glücklicher war, als jetzt. Das Gegentheil zu behaupten fällt Niemandem ein, außer den unzufriedenen Priestern und Denen, welche ihnen nachplappern. Du möchtest auch die Geschichte von der Herkunft der Nitetis erfahren? So höre denn; Dein eigenes Interesse gebietet Dir zu schweigen!« Psamtik lauschte gespannten Ohres der Mittheilung seines Vaters und dankte diesem, als er geendet hatte, durch einen starken Händedruck. »Jetzt lebe wohl!« schloß Amasis die Unterredung mit seinem Sohne. »Vergiß nichts von dem, was ich Dir gesagt habe, und, darum bitte ich Dich besonders, vergieße kein Blut! Geschehe mit Phanes, was da wolle, ich mag nichts davon wissen, denn ich hasse die Grausamkeit und möchte Dich, meinen Sohn, nicht verabscheuen müssen. Wie fröhlich Du aussiehst! Armer Athener, Dir wäre besser, Du hättest niemals dieses Land betreten!« Als Psamtik die Halle seines Vaters verlassen hatte, ging dieser noch lange sinnend in derselben auf und ab. Seine Nachgiebigkeit that ihm leid, und es war ihm schon jetzt, als sähe er den blutenden Phanes neben dem Schatten des von ihm gestürmten Hophra vor sich stehen. »Aber er konnte uns in der That zu Grunde richten,« entschuldigte er sich vor dem Richter in seiner eigenen Brust; dann schüttelte er sich, richtete sich hoch empor, rief den Dienern und verließ lachenden Mundes seine Gemächer. Hatte der leichtblütige Mann, das Glückskind, seine mahnende Seele so schnell beruhigt, oder war er stark genug, um die Pein, welche er ausstand, mit dem Mantel eines Lächelns zu verbergen? Siebentes Kapitel. Nachdem Psamtik das Zimmer seines Vaters verlassen hatte, begab er sich ohne Aufenthalt in den Tempel der Göttin Neith. Am Eingange desselben fragte er nach dem Oberpriester. Die Tempeldiener baten ihn zu warten, denn der große Neithotep befinde sich soeben betend im Allerheiligsten (Anm. 149) Die ägyptischen Tempel sind so konstruirt, daß sie durch immer niedriger werdende Räume den Ernst und die Andacht des Beters sammeln müssen. »Alle Wege sind gewiesen, keine Abweichung gestattet, kein Irren möglich. Zwischen den Reihen der heiligen Thiere, zwischen den Thoren wandeln wir ehrfurchtsvoll durch. Weit, hoch und mächtig zeigt sich die Pforte . . . ein weiter Hof nimmt den Beter auf . . . die Seitenwände nähern, die Höfe senken, der Boden hebt sich, Alles strebt nach einem Ziele . . . So gehen wir weiter, nun schon der Zerstreuung des freien Himmels entzogen, von dem Ernst des Baues, von der Heiligkeit der Bildwerke eng umgeben. So umschließen uns die geweihten Wände immer näher, bis endlich nur der priesterliche Fuß das einsame, tönende Gemach des Gottes selbst betritt.« Schnaase, Kunstgeschichte I. 394. der erhabenen Herrin des Himmels. Ein junger Priester erschien nach kurzer Zeit und meldete, sein Gebieter erwarte den Prinzen. Psamtik verließ sofort den kühlen Platz, welchen er im Schatten der Silberpappeln des Götterhains, am Ufer des der großen Neith geheiligten Teiches (Anm. 150) Dieser See, den wir an Ort und Stelle gesehen haben, existirt heute noch bei den Ruinen von Sais, Sa-el-Hager . Herod. II. 170. Wilkinson IV. 192. II. 509. Karte der Description de l'Égypte . Der Gottheit geheiligte Seen finden sich bei den meisten Tempeln. Abbildung der Trümmer bei Ebers, Aegypten in Bild und Wort, I. S. 79. , eingenommen hatte. Er überschritt das mit Asphalt überzogene Steinpflaster des ersten Vorhofes, welches von blendenden Sonnenstrahlen, wie von glühenden Pfeilen, getroffen wurde, und hielt sich dabei in einer der langen Sphinxalleen, die zu den frei stehenden Pylonen Die zu den ägyptischen Tempeln führenden freistehenden Thore mit schrägen Wandungen, die vielleicht dem Theben des Homer den Namen des hundertthorigen verschafft haben. des riesigen Hauses der Göttin führten. Dann schritt er durch das ungeheure Hauptthor, welches, wie alle ägyptischen Tempelpforten, mit der breitbeschwingten Sonnenscheibe (Anm. 150a) Ueber die geflügelte Sonnenscheibe und ihre Bedeutung haben erst in jüngster Zeit die Denkmäler vollen Aufschluß gegeben. Aus den von Naville publizirten Texten von Edfu, welche Brugsch in seiner Abhandlung »die geflügelte Sonnenscheibe« übersetzte, hören wir nämlich, daß Hor Hut (der Horus von Edfu) den Bösen und seine Genossen in Gestalt eines geflügelten Sonnendiscus niederwarf und daß zum Gedächtniß an seine Siege die beschwingte, mit Uräusschlangen versehene Scheibe über alle Tempelthore und Sanktuarien in Aegypten angebracht werden sollte. Es erinnert also dieses Symbol den Beter an den endlichen Sieg des Guten über das Böse, des Lichtes über die Finsterniß, der Fruchtbarkeit über die Dürre, des Lebens über den Tod. geschmückt war. Die weitgeöffneten Thorflügel wurden zu beiden Seiten von thurmartigen Bauten, schlanken Obelisken und flatternden Fahnen überragt. Nun nahm ihn der zur Rechten und Linken von einem Säulengange begrenzte Hof auf, in dessen Mitte der Gottheit die Opfer dargebracht wurden Die ganze Vorderfront des eigentlichen Tempelgebäudes, die sich festungsartig in einem stumpfen Winkel von den Fliesen des weiten peristylen Hofes erhob, war mit bunten Bildern und Inschriften bedeckt. Durch den Porticus kam er in einen hohen Vorsaal, dann in die große Halle, deren blaue, mit tausend goldenen Sternen übersäte Decke von vier Reihen riesiger Säulen getragen wurde. Die Schäfte und lotusförmigen Kapitäle derselben, die Seitenwände und Nischen dieses Riesensaales, kurz Alles, was dem Auge begegnete, war mit bunten Farben und Hieroglyphenbildern bedeckt. In riesiger Größe erhoben sich die Säulen, unermeßlich hoch und großartig weit dehnte sich die Halle, die Luft, welche der Beter athmete, war ganz erfüllt von Weihrauch und Kyphiduft, sowie den Dämpfen, die aus dem zu den Räumen des Tempels gehörenden Laboratorium drangen. Eine leise Musik, von unsichtbaren Künstlern ausgeführt, schien nie zu schweigen, wurde aber dann und wann von dem tiefen Gebrülle der heiligen Kühe der Isis oder dem krächzenden Rufe der Sperber des Horus unterbrochen, deren Behausung sich in einem Nebensaale befand. Sobald der feierlich gedehnte Ruf einer Kuh wie ferner Donner oder der nervenerschütternde schrille Schrei eines Sperbers wie ein von der Erde zum Himmel aufzuckender Blitz erscholl, neigten sich die hockenden Andächtigen und berührten mit der Stirn die Steinfliese des mit Säulengängen umgebenen Vorhofs. Sie schauten mit zager Ehrfurcht in das ihnen verschlossene Innere des Tempels, in dessen aus einem Stück gearbeiteten kapellenartigen Allerheiligsten zahlreiche Priester standen, von denen einige Straußenfedern an den glänzend kahlen Köpfen, andere Pantherfelle an den weiß bekleideten Schultern trugen. Murmelnd und singend neigten und erhoben sie sich, schwangen Rauchgefäße und gossen aus goldenen Libationsgefäßen für die Götter reines Wasser aus. In dieser nur den Bevorzugtesten unter den Aegyptern geöffneten gigantischen Halle mußte sich der Mensch zwergenhaft klein erscheinen. Sein Auge, sein Ohr, ja selbst seine Athmungswerkzeuge wurden hier nur von solchen Einwirkungen der Außenwelt in Anspruch genommen, die weit ab lagen von Allem, was das Alltagsdasein bot, die die Brust beengten und die Nerven erzittern ließen. Taumelnd und entrückt dem eigentlichen Leben mußte der Andächtige hier nach einer Stütze außer sich suchen. Die Stimme des Priesters zeigte sie ihm, und die geheimnißvolle Musik und der Ruf der heiligen Thiere galten für Aeußerungen der Nähe der Gottheit. Nachdem Psamtik, ohne beten zu können, auf der für ihn bestimmten goldenen und gepolsterten niedrigen Ruhebank die Stellung eines Beters eingenommen hatte, kam er zu dem erwähnten kleineren und niedrigeren Nebensaale, in dem die heiligen Kühe der Isis-Neith und die Sperber des Horus gepflegt wurden. Ein mit Goldstickereien bedeckter Vorhang vom kostbarsten Stoffe verbarg sie den Augen der Tempelbesucher, denn der Anblick dieser vergötterten Geschöpfe war dem Volke nur selten und von ferne gestattet. Als Psamtik vorbeikam, wurden gerade in Milch erweichte Kuchen, Salz und Kleeblüthen in die goldenen Krippen der Kühe und kleine Vögel mit buntem Gefieder in das zierlich gearbeitete Häuschen des Sperbers gelegt. Der Thronerbe hatte in seiner heutigen Stimmung kein Auge für diese ihm wohlbekannten Dinge und erstieg mittels einer verborgenen Treppe die neben der Sternwarte gelegenen Gemächer, in denen sich der Oberpriester nach dem Gottesdienste aufzuhalten und auszuruhen pflegte. Neithotep, ein Greis von siebzig Jahren, saß in einem prächtigen, mit schweren babylonischen Teppichen belegten Gemache auf dem Purpurkissen eines vergoldeten Lehnstuhls. Seine Füße ruhten auf einer kunstreich geschnitzten Fußbank. In den Händen hielt er eine mit Hieroglyphenzeichen bedeckte Rolle. Hinter ihm stand ein Knabe, welcher mit einem Wedel von Straußenfedern die Insekten aus seiner Nähe verscheuchte. Das Angesicht des priesterlichen Greises war voller Runzeln; doch mochte es einstmals schön gewesen sein. Aus den großen blauen Augen sprach noch heute ein lebendiger Geist und würdiges Selbstbewußtsein. Neithotep hatte seine künstlichen Locken abgelegt. Der kahle, glatte Schädel stach eigentümlich von dem gefurchten Angesichte ab und ließ die bei den Aegyptern durchschnittlich flache Stirn ausnehmend hoch erscheinen. Das bunte Zimmer, an dessen Wände tausend Sprüche in Hieroglyphenschrift gemalt waren, die verschiedenartigen farbigen Bildsäulen der Göttin, welche in ihm standen, und das schneeige Weiß der Kleidung des Priesters konnten nicht verfehlen, auf den Fremden einen ebenso feierlichen als seltsamen Eindruck zu machen. Der Greis empfing den Thronerben mit großer Herzlichkeit und fragte: »Was führt meinen erlauchten Sohn zu dem armen Diener der Gottheit?« »Ich habe Dir Vieles zu berichten, mein Vater,« erwiederte Psamtik mit triumphirendem Lächeln; »denn ich komme soeben von Amasis.« »So hat er Dir endlich Gehör geschenkt?« »Endlich!« »Dein Angesicht sagt mir, daß Dir von unserem Herrn, Deinem Vater, huldvoll begegnet worden sei.« »Nachdem ich seinen Groll erfahren. – Als ich die Anliegen, mit denen Du mich beauftragtest, vorgebracht hatte, ward er unmäßig zornig und zerschmetterte mich schier mit furchtbaren Worten.« »Du wirst ihn verletzt haben! Oder bist Du dem Könige, wie ich Dir gerathen hatte, als demüthig bittender Sohn genaht?« »Nein, mein Vater; ich war gereizt und unwillig.« »Dann hatte Amasis Recht, zornig zu werden, denn niemals ziemt es dem Sohne, seinem Erzeuger unwillig zu begegnen; am wenigsten aber, wenn er etwas erbitten will. Du kennst die Verheißung: Wer seinen Vater ehrt, wird ein langes Leben haben (Anm. 150b) Ein ägyptisches Gebot, das auffallender Weise wie das hebräische vierte eine Verheißung hat. Es kommt vor im Papyrus Prisse, dem ältesten vorhandenen hieratischen Schriftstücke. ! Sieh', mein Schüler, darin fehlst Du immer, daß Du Dinge, welche leichtlich durch Güte und Milde erlangt werden könnten, gewaltsam und mürrisch durchzusetzen suchst. – Ein gutes Wort ist weit wirksamer als ein böses, und es kommt viel darauf an, wie man seine Rede zu brauchen versteht. – Höre, was ich Dir erzählen will: Vor vielen Jahren herrschte über Aegypten der König Snefru, welcher zu Memphis regierte. Dem träumte eines Tages, ihm fielen alle Zähne aus dem Munde. Er schickte sofort zu einem Traumdeuter und erzählte ihm den Traum. Da rief der Ausleger: ›O König, wehe Dir, alle Deine Verwandten werden vor Dir sterben!‹ Der erzürnte Snefru ließ den Unglücksboten peitschen und rief einen zweiten Seher. Dieser erklärte den Traum also: ›Großer König, Heil Deinem Namen, denn Du wirst länger leben, als alle Deine Verwandten!‹ Der König lächelte über diese Worte, und beschenkte den zweiten Deuter; denn, wenn ihm dieser auch dasselbe sagte wie der erste, so hatte er doch seinen Ausspruch in ein schöneres Wortgewand zu kleiden verstanden. – Begreifst Du den Sinn meiner Geschichte? So bemühe Dich denn in Zukunft, die Form Deiner Rede angenehm zu machen, denn es kommt, namentlich vor dem Ohre eines Herrschers, eben so viel darauf an, wie man spricht, als was man spricht.« »O, mein Vater, wie oft hast Du mir diese Lehre gegeben, wie oft sah ich selber ein, daß ich mir mit meinen rauhen Worten und zürnenden Geberden schade; ich vermag aber meine Art nicht zu ändern, ich kann nicht . . .« »Sage lieber: ich will nicht; denn wer in Wahrheit ein Mann ist, der muß, was er einmal gethan und nachher bereut hat, niemals wieder thun. – Allein genug der Lehren! Erzähle, wie Du den Groll des Amasis besänftigtest!« »Du kennst meinen Vater. Als er sah, daß mich seine furchtbaren Worte in tiefster Seele verwunde hatten, bereute er seinen Jähzorn. Er fühlte, daß er mir zu viel gethan hatte, und wollte seine Härte um jeden Preis wieder gut machen.« »Er hat ein edles Herz, aber sein Geist ist verblendet und sein Sinn befangen!« rief der Priester. »Was könnte Amasis für Aegypten sein, wenn er auf unsern Rath und die Gebote der Götter hören wollte!« »Gerührt, wie er war, bewilligte er mir zuletzt, hörst Du, Vater, bewilligte er mir das Leben des Phanes!« »Wie Deine Augen funkeln! Das ist nicht schön, Psamtik! Der Athener muß sterben, weil er die Götter beleidigte; der Richter aber soll zwar die Strenge walten lassen, sich jedoch über das Unglück des Verurteilten nicht freuen, sondern betrüben. Nun sprich, was erreichtest Du weiter?« »Der König theilte mir mit, welchem Hause Nitetis ihren Ursprung verdankt.« »Weiter nichts?« »Nein, mein Vater; aber brennst Du nicht darauf, zu vernehmen . . .« »Neugier ist ein Laster des Weibes; auch weiß ich längst, was Du mir erzählen könntest.« »Aber Du trugst mir ja gestern dringend auf, den Vater auszufragen.« »Ich that es, um Dich zu ergründen, um zu prüfen, ob Du den Befehlen der Gottheit ergeben bist und den Weg wandelst, der Dich allein würdig machen kann, in den höchsten Grad des Wissens eingeführt zu werden. Ich höre, daß Du uns redlich mittheilst, was Du erfährst und sehe, daß Du die erste Priestertugend, den Gehorsam, zu üben verstehst.« »So kennst Du den Vater der Nitetis?« »Ich selbst habe das Gebet an König Hophra's Grabe gesprochen.« »Aber wer hat Dir dies Geheimniß verrathen?« »Die ewigen Sterne, mein Sohn, und meine Kunst, in dem Buche des Himmels zu lesen.« »Und diese Sterne? Betrügen sie niemals?« »Niemals den wahrhaft Kundigen!« Psamtik erblaßte. Der Traum seines Vaters und sein furchtbares Horoskop stellten sich als entsetzliche Schreckbilder vor seine Seele. Der Priester bemerkte schnell die Veränderung in den Zügen des Königssohnes und sprach zu ihm mit sanfter Stimme: »Du gedenkst der unglücklichen Himmelszeichen bei Deiner Geburt und hältst Dich für einen verlorenen Menschen; aber tröste Dich, Psamtik; die Astrologen haben damals ein Sternbild übersehen, welches meinem Blicke nicht entgangen ist. Dein Horoskop war schlimm, sehr schlimm, aber es kann sich zum Guten wenden, es kann . . .« »O sprich, Vater, sprich!« »Es muß sich zum Guten kehren, wenn Du, alle anderen Dinge vergessend, einzig für die Götter lebst und ihrer Stimme, welche wir allein im Allerheiligsten vernehmen, unbedingt Folge leistest.« »Winke, mein Vater, und ich werde gehorchen!« »Das gebe die Herrin von Sais, die große Neith!« rief der Priester mit feierlicher Stimme. »Jetzt aber, mein Sohn,« fuhr er freundlich fort, »laß mich allein, denn ich bin müde vom langen Beten und der Last meiner Jahre. Wenn es möglich ist, so verzögere den Tod des Phanes, ich möchte ihn sprechen, bevor er stirbt. Noch eins! Gestern ist eine Schaar von Aethiopiern hier eingerückt. Diese Leute verstehen weder Aegyptisch noch Griechisch. Sie werden unter Führung eines treuen Mannes, welcher den Athener und die Oertlichkeit kennt, geeignet sein, den Verurtheilten bei Seite zu schaffen, denn ihre Unkenntniß der Sprache und Verhältnisse wird Verrath oder Plauderei unmöglich machen. Vor ihrem Aufbruche nach Naukratis dürfen sie nichts von dem Zweck ihrer Reise erfahren; ist die That vollbracht, so versetzen wir sie nach Kusch Der ägyptische Name für Aethiopien. zurück. Ein Geheimniß, das merke Dir, von welchem mehr wissen als Einer, ist schon zur Hälfte verrathen. Lebe wohl!« Psamtik verließ das Gemach des Greises. Wenige Augenblicke später trat ein junger Priester, einer der Diener des Königs, in dasselbe ein und fragte den Alten: »Hab' ich gut beobachtet, Vater?« »Vortrefflich, mein Sohn. Dir ist nichts entgangen, was Amasis mit Psamtik geredet. Möge Isis (Anm. 151) Isis, die Gattin oder Schwester des Osiris, ist die Natur, wodurch Gott zur Anschauung und Offenbarung gelangt. Näheres über den sie betreffenden Mythus im dritten Theile S. 195 fgd . Dein Gehör erhalten!« »Ach, Vater, ein Tauber konnte heut im Nebenzimmer jedes Wort vernehmen, denn der König brüllte wie ein Stier.« »Die große Neith hat ihn mit Unvorsichtigkeit geschlagen, Dir aber befehle ich, mit größerer Ehrfurcht von dem Pharao zu reden! Gehe jetzt und benachrichtige mich sofort, wenn Amasis den Anschlag auf Phanes zu hintertreiben versuchen sollte. Du findest mich auf jeden Fall zu Hause. Befiehl den Dienern, sie möchten alle Besucher abweisen und sagen, ich betete im Allerheiligen. Der Unnennbare behüte Deine Schritte!« Während Psamtik alle Vorbereitungen zur Gefangennahme des Phanes traf, stieg Krösus mit seinen Begleitern in eine königliche Nilbarke, um nach Naukratis zu fahren und den nächsten Abend bei Rhodopis zuzubringen. Sein Sohn Gyges und die drei jungen Perser blieben zu Sais, woselbst es ihnen vortrefflich gefiel. Amasis überhäufte sie mit Gefälligkeiten, gestattete ihnen, nach ägyptischem Gebrauche, den Verkehr mit seiner Gattin und den sogenannten Zwillings-Schwestern, lehrte Gyges das Dame-Spiel (Anm. 152) Nicht nur die geringen Aegypter, sondern auch die Pharaonen sehen wir auf den alten Bildern das Dame- oder ein ähnliches Spiel betreiben. König Ramses mit seiner Tochter? spielend bei Rosellini, zwei Aegypter beim Brettspiel Wilkinson II. 419. v. Minutoli, Gesellschaftliche Spiele bei den alten Aegyptern. leipziger Illustrirte Zeitung VII. 1852. Selbst im Jenseits hofften die Aegypter die Freuden dieses Spiels genießen zu dürfen. S. Birch. rev. archéol. N. S. XII, 56 fgd. und war unerschöpflich in Witz und Frohsinn, wenn er zusah, wie die kräftigen und gewandten jungen Helden das Ball- und Reifenwerfen seiner Tochter, ein beliebtes Vergnügen ägyptischer Mädchen (Anm. 153) v. Minutoli, Gesellschaftliche Spiele. Wilkinson II. 429. Rosellini, Mon. civ. Taf. 100 u. 101. Auch in den Gräbern sind Bälle gefunden worden und werden in den Museen, z. B. zu Leyden, aufbewahrt. , theilten. »Wahrlich,« rief Bartja, nachdem Nitetis den zarten mit bunten Bändern geschmückten Ring zum hundertsten Male ohne zu fehlen mit ihrem feinen Stäbchen von Elfenbein aufgefangen hatte, »dieses Spiel müssen wir auch in der Heimath einführen. Wir Perser sind anders als ihr Aegypter. Alles Neue und Fremde ist uns ebenso willkommen, als es euch verhaßt zu sein scheint. Ich werde unserer Mutter Kassandane davon erzählen, und diese wird mit Freude gestatten, daß die Frauen meines Bruders sich daran ergötzen.« »O, thue das, thue das!« rief die blonde Tachot, hoch erröthend. »Nitetis wird dann mitspielen und sich in die Heimath und zu ihren Lieben zurückträumen; Du aber, Bartja,« fügte sie leise hinzu, »mußt auch, so oft Du die Reifen fliegen siehst, an diese Stunde gedenken.« Der junge Perser antwortete lächelnd. »Ich werde sie niemals vergessen!« Dann rief er laut und munter, indem er sich an seine zukünftige Schwägerin wandte. »Sei guten Muths, Nitetis, denn es wird Dir besser bei uns gefallen, als Du glaubst. Wir Asiaten wissen die Schönheit zu ehren; dies beweisen wir schon dadurch, daß wir viele Frauen nehmen!« Nitetis seufzte, und Ladice, die Gattin des Königs, rief: »Damit eben zeigt ihr, daß ihr das Wesen des Weibes schlecht zu würdigen versteht! Du ahnst nicht, Bartja, was ein Weib empfindet, wenn es den Mann, der ihr mehr ist als das Leben, dem sie Alles, was ihr heilig und theuer ist, voll und ohne Rückhalt hingeben möchte, auf sich herabblicken sieht wie auf ein schönes Spielwerk, ein edles Roß, einen kunstreichen Mischkrug! Tausendfach schmerzlicher ist es noch, wenn man die Liebe, welche man für sich allein zu besitzen hoffen darf, mit hundert Anderen theilen muß!« »Da hast Du die Eifersüchtige!« rief Amasis. »Spricht sie nicht, als habe sie schon Gelegenheit gehabt, sich über meine Treue zu beklagen?« »O nein, mein Theurer,« gab Ladice zurück, »darin seid ihr Aegypter allen anderen Männern vorzuziehen, daß ihr, treu und beständig, euch an dem genügen laßt, was euch einmal lieb geworden ist; ja ich wage es dreist zu behaupten, daß keine Frau so glücklich sei, als das Weib eines Aegypters (Anm. 154) Nach Diod. I. 27. waren die ägyptischen Königinnen höher angesehen als selbst die Könige. Die Denkmäler und Listen beweisen, daß auch Frauen mit souveräner Gewalt regieren konnten. Durch die Thronerbin ward ihr Gatte zum König. Jedenfalls hatten sie ihre eigenen Einkünfte, Diod. I. 52, und wenn eine Fürstin nach ihrem Tode unter die Göttinnen aufgenommen ward, so erhielt sie ihre eigenen Priesterinnen (Dekret von Canopus). In der Ptolemäerzeit werden viele Münzen mit dem Bilde der Königinnen versehen und Städte nach ihnen benannt. Es sei bemerkt, daß Söhne, die von ihrer Herkunft reden, öfter den Namen der Mutter als den des Vaters nennen, daß ägyptische Gattinnen häufig »Herrinnen« oder»Gebieterinnen des Hauses« genannt werden, daß ihnen, wie griechische Papyrus lehren, freie Verfügung über das von ihnen eingebrachte bewegliche und unbewegliche Vermögen zustand, kurz, daß dem schwachen Geschlechte in Aegypten jedenfalls gleiche Rechte eingeräumt wurden wie dem starken. Das Streben vieler Prätendenten geht, wie die Denkmäler lehren, dahin, fürstliche Frauen aus einer legitimen Dynastie zu heirathen. Bei der Abwesenheit des Königs wird die Regentschaft seiner Gemahlin übertragen. Diod. I. 17. ! Selbst die Griechen, die das Leben doch wohl reicher zu schmücken wissen, als die Aegypter, verstehen nicht das Weib zu würdigen, wie es gewürdigt werden muß! In ihren dumpfen Stuben von Müttern und Schaffnerinnen zur Arbeit am Webestuhl und Spinnerocken angehalten, vertrauern die meisten hellenischen Jungfrauen ihre Kindheit, um, wenn sie herangewachsen sind, in das stille Haus eines ihnen unbekannten Gatten geführt zu werden, dessen Thätigkeit für den Staat und das Leben ihm nur selten gestattet, das Frauengemach zu betreten. Nur wenn die nächsten Freunde und Verwandten bei dem Gatten verweilen, darf sich das Weib, aber selbst dann nur schüchtern und zaghaft, zu den Männern gesellen, um von dem Weltgetriebe zu hören und zu lernen. Ach, auch in uns wohnt der Drang nach Wissen, und gerade unserem Geschlechte dürfte man gewisse Kenntnisse nicht vorenthalten, damit wir, als Mütter, Lehrerinnen unserer Kinder werden könnten. Was soll eine hellenische Mutter, welche selbst nichts weiß und erfahren hat, ihren Töchtern geben, als Unwissenheit? So genügt denn auch dem Griechen nur gar selten seine angetraute, ihm geistig untergeordnete Gattin, und er geht in die Häuser jener Hetären, welche, im steten Verkehre mit dem anderen Geschlechte, alles Wissen der Männer erlauschen und es mit den Blumen weiblicher Anmuth und dem Salze ihres feineren, zarteren Witzes zu würzen verstehen Siehe Anmerkung 10 . . In Ägypten ist es anders. Hier gestattet man den erblühten Mädchen den ungezwungenen geselligen Verkehr mit den Besten der Männer. Jüngling und Jungfrau lernen sich bei zahlreichen Festen kennen und lieben. Die Frau wird statt der Sklavin die Freundin des Mannes. Eines ergänzt das Andere. In Schicksalsfragen entscheidet der Stärkere; die geringeren Sorgen des Lebens werden dem im Kleinen größeren Weibe überlassen. Die Töchter erwachsen unter guter Leitung, denn die Mutter ist nicht ohne Wissen und Erfahrungen. Dem Weibe wird es leicht gemacht, tugendhaft und häuslich zu bleiben, denn es erhöht mit Tugend und Häuslichkeit das Glück dessen, welcher ihr allein gehört, dessen liebstes Eigenthum sie sich zu sein rühmt. Wir Frauen thun einmal nur, was uns gefällt! Die Aegypter verstehen die Kunst, uns dahin zu bringen, daß uns eben nur das gefallen kann, was gut ist. Hier am Nil hätten Phocylides von Milet und Hipponax von Ephesus niemals ihre Schmählieder auf uns zu singen gewagt, – hier hätte niemals die Sage von der Pandora (Anm. 155) Simonides von Amorgos, ein Jambendichter, welcher um 650 lebte, gefiel sich in beißenden Versen auf die Frauen. Er theilt dieselben in verschiedene Klassen ein, welche er mit garstigen Thieren vergleicht. Nur ein der Biene ähnliches Weib ist gut und kann den Mann beglücken. Er ist auch der Dichter der bekannten Pandorasage. Uebrigens finden sich auch Aegypter, die auf schlechte Frauen schmähen; ja wir hören solche ganz ähnlich wie von Simonides mit Raubthieren (Hyänen, Löwen, Panthern) vergleichen. Von einer lasterhaften Frau heißt es: Sie ist eine Aufsammlung von allen Schlechtigkeiten und ein Sack voll von allen Ränken. Chabas, Papyr. magique Harris. S. 135. Phocylides von Milet, ein barscher, schneidender Mensch, aber scharfer Beobachter, dichtete dem Simonides nach. Weit schroffer als er ist der körperlich mißgestaltete, in Armuth verkommende Hipponax von Ephesus (um 550). »In seinen Choliamben spiegelt sich (nach Bernhardy) seine Häßlichkeit in allen Formen ab.« Fragmente dieser Dichter bei Welcker, Schneidewin und Bergk. erfunden werden können.« »Wie schön Du sprichst!« rief Bartja. »Das Griechische zu erlernen ist mir schwer geworden; jetzt aber freue ich mich, daß ich mich's nicht verdrießen ließ und bei dem Unterrichte des Krösus aufgemerkt habe.« »Wer sind aber jene schlechten Männer, welche sich Schlimmes von den Frauen zu sagen unterfangen?« fragte Darius. »Ein paar griechische Dichter,« antwortete Amasis, »die kühnsten aller Menschen; denn lieber möchte ich eine Löwin, als eine Frau zu reizen wagen. Diese Griechen scheuen sich eben vor nichts in der Welt. Hört nur ein Pröbchen von der Poesie des Hipponax: ›An zweien Tagen nur kann Dich ein Weib erlaben, Am Tag der Hochzeit und – am Tag' wo sie begraben.‹« »Höre auf, höre auf, Du Loser!« rief Ladice, sich die Ohren zuhaltend. »Seht, ihr Perser, so ist dieser Amasis. Wo er necken und scherzen kann, da thut er's, – wenn er auch ganz gleicher Ansicht mit dem Verspotteten wäre. Es gibt gar keinen bessern Ehemann, wie ihn . . .« »Und gar keine schlechtere Frau, als Dich,« lachte Amasis; »denn Du bringst mich wahrhaftig in den Verdacht, ein gar zu gehorsamer Gatte zu sein! – Lebt wohl, Kinder; die jungen Helden sollen sich unser Sais ansehen; erst aber will ich ihnen mittheilen, was der böse Simonides von der besten Frau singt: ›Doch eine stammt von der Biene. Glücklich ist, Wer die empfängt; denn sie allein ist tadellos, Durch sie erblüht und mehret sich sein Lebensgut, Alt wird sie liebend mit dem liebenden Gemahl, Und ihr entsprießt ein schönes, rühmliches Geschlecht. Vor allen Weibern strahlet sie in Herrlichkeit, Denn einer Göttin holder Reiz umfleußt sie rings. Es freut sie nie zu sitzen unter Weibervolk, Wo jede nur von Liebeslust zu reden hat. So sind die besten Weiber und verständigsten, Die Zeus den Männern gnädig zum Besitz verleiht (Anm. 156) Nach der trefflichen Uebersetzung von F. W. Richter. .‹ »So ist auch meine Ladice! Lebt wohl!« »Noch nicht!« rief Bartja. »Ich muß erst unser armes Persien rechtfertigen, um meiner zukünftigen Schwägerin neuen Muth einzuflößen. Aber nein! Darius, rede Du für mich, denn Du verstehst die Kunst der Rede so gut als das Rechnen und die Wissenschaft des Schwertes!« »Du stellst mich ja wie einen Schwätzer und Krämer (Anm. 157) Ueber diesen Spottnamen, welchen Darius später erntete, im dritten Theil am Ende. dar,« erwiederte der Sohn des Hystaspes. »Doch sei es; ich brenne schon lange darauf, die Sitten unserer Heimath zu vertheidigen. Wisse denn, Ladice, daß Deine Tochter keineswegs die Sklavin, sondern die Freundin unseres Königs werden wird, wenn Auramazda (Anm. 158) Auramazda heißt in den Keilschriften der unter dem Namen Ormusd bekannte große und reine Gott der Perser, welcher dem bösen, finsteren Prinzipe Angramainjus oder Ahriman gegenübersteht. In der Zend-Avesta wird Auramazda (nach Spiegel) Ahura-Mazda genannt. sein Herz zum Guten lenkt; wisse, daß auch in Persien, freilich nur bei hohen Festen, die Weiber des Königs an der Tafel der Männer weilen, und daß wir gewohnt sind, den Frauen und Müttern die höchste Ehrfurcht zu erweisen. Hört nur, ob ihr Aegypter euren Gattinnen eine schönere Gabe schenken könntet, wie jener König von Babylon, der eine Perserin zum Weibe nahm. Diese, an die Berge ihrer Heimath gewöhnt, fühlte sich in den weiten Ebenen des Euphrat unglücklich und erkrankte am Heimweh. Was that der König? Er ließ einen riesengroßen Bau aus hohen Brückenbogen aufführen und seinen Gipfel mit einem Berge von fruchtbarer Erde bestreuen. Auf diesem pflanzte er die schönsten Blumen und Bäume, welche durch ein künstliches Pumpwerk bewässert wurden. Als Alles fertig war, führte er seine persische Gattin dorthin und machte ihr den künstlichen Berg, von dem sie, wie von der Höhe des Rachmed, in die Ebene schauen konnte, zum Geschenke (Anm. 159) Nebukadnezar soll diesen Riesenbau für seine persische Gattin Amytis errichtet haben. Curtius V. 5. Josephus conta Apion. I. 19. Antiq. X. 11. 1. Diod. II. 10. Näheres über die hängenden Gärten im zweiten Theile Anmerkung 20 . .« »Und ward die Perserin gesund?« fragte Nitetis mit niedergeschlagenen Augen. »Sie genas und wurde fröhlich; wie auch Du in kurzer Zeit Dich wohl und glücklich in unserem Lande fühlen wirst.« Ladice lächelte freundlich und fragte: »Was hat wohl mehr zur Genesung der jungen Königin beigetragen: der künstliche Berg oder die Liebe des Gatten, der solches Werk zu ihrer Freude errichtete?« »Die Liebe des Gatten!« riefen die Mädchen. »Aber Nitetis wird auch den Berg nicht verachten,« versicherte Bartja. »Ich werde es zu bewerkstelligen suchen, daß sie auf den hängenden Gärten wohne, so oft sich der Hof nach Babylon begibt.« »Jetzt aber kommt!« rief Amasis; »sonst werdet ihr euch die Stadt im Dunkeln betrachten müssen. Drüben stehen schon seit einer Stunde zwei Schreiber, welche meiner warten. Heda, Sachons, befiehl dem Hauptmanne der Leibwache, unseren hohen Gästen mit hundert Mann zu folgen!« »Aber wozu das? Ein Führer, vielleicht ein griechischer Unterbefehlshaber, würde genügen.« »Es ist besser so, ihr Jünglinge. Als Fremder kann man in Aegypten niemals zu vorsichtig sein. Merkt euch dies; besonders aber hütet euch, der heiligen Thiere zu spotten. Lebt wohl, meine jungen Helden, und auf Wiedersehen heut' Abend beim fröhlichen Becher!« Die Perser verließen, von ihrem Dolmetscher, einem Griechen, welcher in Aegypten erzogen worden war, und beide Sprachen (Anm. 160) Aus solchen in Aegypten aufgewachsenen Hellenen soll der erste Psamtik eine neue Kaste, die der Dolmetscher, gebildet haben. Herod. II. 154. Herodot selbst ist wohl von solchem »Dragoman« geführt worden. mit gleicher Fertigkeit redete, geführt, das Königsschloß. Die Straßen von Sais, welche in der Nähe des Palastes lagen, boten einen freundlichen Anblick. Die Häuser, von denen manche fünf Stockwerke hoch, doch nur aus leichten Nilziegeln erbaut waren, pflegten mit Bildern oder Hieroglyphenzeichen bedeckt zu sein. Altane mit Geländern von geschnitztem, bunt angestrichenem Holzwerke umgaben, von bemalten Säulen gestützt, nach dem Hofe zu die Wände. An den festverschlossenen Eingangsthüren vieler Häuser war der Name und Stand des Besitzers zu lesen (Anm. 161) Wilkinson II. S. 102. 95. 1. . Auf den platten Dächern standen Blumen und Ziersträucher, unter denen die Aegypter am Abende zu verweilen liebten, wenn sie nicht vorzogen, das Mücken-Thürmchen zu besteigen, welches nur wenigen Häusern fehlte. Diese kleinen Warten wurden erbaut, weil die lästigen Insekten, welche der Nil erzeugt, nur niedrig fliegen, und man sich daher auf der Höhe der Thürmchen vor ihnen retten konnte (Anm. 162) Wilkinson II. S. 119 und 121. Herod. II. 95. .Heute noch finden sich ähnliche Thürmchen. . Die jungen Perser freuten sich an der großen, fast übertriebenen Reinlichkeit, in welcher jedes einzelne Haus und selbst die Straßen glänzten. Die Thür-Schilder und Klopfer blitzten in der Sonne, die Malereien an den Wänden, Altanen und Säulen sahen aus, als seien sie erst eben vollendet worden, und selbst das Pflaster in den Straßen (Anm. 163) Die ägyptischen Straßen scheinen, wie dies namentlich aus den Trümmern von Alabastron und Memphis erhellt, gepflastert gewesen zu sein. Jedenfalls kann dies von den zu den Tempeln führenden Wegen behauptet werden. ließ vermuthen, daß man es zu scheuern gewohnt sei. Je weiter sich die Perser vom Nil und dem Palast entfernten, je unscheinbarer wurden die Gassen der Stadt. Sie war an den Neigungen eines mäßigen Hügels erbaut und hatte sich, da vor zweieinhalb Jahrhunderten die Residenz der Pharaonen hierher verlegt worden war, in verhältnißmäßig kurzer Zeit aus einem unbedeutenden Orte in eine ansehnlich große Stadt verwandelt. Auf der dem Nilarme zugewandten Seite von Sais waren die Straßen schön und glänzend; an der andern Berglehne lagen dagegen, nur selten von besseren Häusern unterbrochen, die aus Nilschlamm und Akazienzweigen verfertigten Hütten der Armuth. Im Nordwesten erhob sich die feste Burg des Königs (Anm. 164) Lepsius, Briefe S. 13, und schon die Gelehrten der französischen Expedition sahen die Schuttberge, welche die Lage der Akropolis von Sais andeuten. 1873 haben wir sie selbst betreten. S. o. A. 150 . . »Laßt uns hier umkehren,« rief Gyges, der Sohn des Krösus, seinen jüngeren Begleitern zu, welche er in Abwesenheit seines Vaters zu leiten und zu hüten hatte, als er sah, daß der Schwarm der Neugierigen, welcher ihnen folgte, von Schritt zu Schritt an Zahl und Größe zunahm. »Wie Du befiehlst,« gab der Dolmetscher zur Antwort. »Dort unten im Thale, am Fuße jenes Hügels, liegt aber die Todtenstadt der Saiten, und diese ist, meine ich, für Fremde sehenswerth genug.« »Geh' nur voran,« rief Bartja; »haben wir doch Prexaspes nur begleitet, um die Merkwürdigkeiten des Auslandes zu sehen!« Als sie endlich unweit der Todtenstadt zu einem freien, von den Buden der Handwerker (Anm. 165) Die Handwerker pflegten in Aegypten, damals wie heute, im Freien oder doch in der weit geöffneten Werkstätte zu arbeiten. umgebenen Platze gelangt waren, hörte man wüstes Geschrei unter der nachfolgenden Menge ausbrechen. Kinder jauchzten, Weiber riefen und eine Stimme, welche alle anderen überkreischte, schrie. »Kommt hierher, in den Vorhof des Tempels, um die Werke des großen Zauberers zu sehen, der aus den Oasen im libyschen Westen stammt und von Chunsu, dem Ertheiler guter Rathschläge und der großen Göttin Hekt mit allen Wunderkräften ausgestattet ist (Anm. 166) Daß derartige Zauberer und Schlangenbeschwörer im alten Aegypten nicht eben selten waren, läßt sich aus vielen Bibelstellen und Erzählungen der Alten: Psalm 58, 45, Jerem. 8, 17. Aelian histor. animal. XVII. 5 , beweisen. Heute noch soll es, nach Lane II. 219, allein in Kairo 300 solcher Schlangenbändiger geben, von denen wir viele in Kairo, Suez, Assuan \&c. gesehen haben. Wir erinnern auch an die Psyllen der Cyrenaica. Die Götter Chunsu und Hekt haben wir sozusagen als Patrone des Zauberers gewählt, weil des ersteren Bild z. B. auf der Stele der Bentrescht in der pariser Bibliothek zur Vertreibung böser Dämonen verwendet wird, und die Göttin Hekt der Magie vorstand. !« »Folgt mir zu dem kleinen Tempel dort drüben!« sagte der Dolmetscher. »Ihr werdet sogleich ein seltsames Schauspiel erblicken!« Nun drängte er sich mit den Persern durch die Masse der Aegypter, hier ein nacktes Kind, dort ein gelbliches Weib zurückstoßend, und kam bald mit einem Priester wieder, der die Fremden in den Vorhof des Tempels führte. Hier stand ein priesterlich gekleideter Mann zwischen mehreren Kisten und Kasten. Zwei Mohren knieten neben ihm auf der Erde. Der Libyer Das westliche Gestade des Nils mit seinem Hinterlande ward Libyen genannt; der libysche Nomos lag in Nordwestägypten und war gen Abend in der Gegend der Marmarica, die schon den Charakter der Wüste trägt, besonders schlangenreich. , ein riesengroßer Mensch mit geschmeidigen Gliedern und stechenden schwarzen Augen, hielt ein Blasinstrument in der Art unserer Clarinetten in der Hand. Um seine Brust und seine Arme wanden sich mehrere in Aegypten als giftig bekannte Schlangen. Als er den Persern gegenüber stand, verneigte er sich, lud mit einer feierlichen Geberde zum Zuschauen ein, legte sein weißes Gewand ab und begann nun allerlei Kunststücke mit seinen Nattern auszuführen. Bald ließ er sich von ihnen beißen, so daß lichtes Blut von seiner Wange träufelte, bald zwang er sie mit den seltsamen Tönen seiner Flöte, sich aufzurichten und tanzartige Bewegungen zu machen, bald verwandelte er sie, indem er ihnen in den Rachen spie, zu regungslosen Stäben. Dann warf er alle Schlangen zu Boden und führte in ihrer Mitte einen rasenden Tanz aus, ohne eins der Thiere mit den Füßen zu berühren. Wie ein Toller drehte und krümmte der Zauberer seine geschmeidigen Glieder, bis ihm die Augen aus dem Kopfe heraustraten und sich blutiger Schaum an seinem Munde zeigte. Plötzlich warf er sich wie todt zur Erde nieder. Nichts bewegte sich an seinem Leibe, außer den Lippen, welche ein pfeifendes Zischen hören ließen. Auf dieses Zeichen hin krochen die Schlangen ihm entgegen und legten sich, gleich lebendigen Ringen, um seinen Hals, seine Beine und seinen Leib. Endlich erhob er sich und sang ein Lied von der wunderbaren Macht der Gottheit, die ihn, zu ihrem eigenen Ruhme, zum Zauberer gemacht habe. Hierauf öffnete er einen der Kasten und legte die Mehrzahl der Schlangen in ihn hinein; nur einige, wahrscheinlich seine Lieblinge, behielt er als Hals- und Armbänder an sich. Als zweiten Theil seiner Schaustellung gab er einige gut ausgeführte Taschenspielerkünste zum Besten. Er verschluckte brennenden Flachs, balancirte tanzend Schwerter, deren Spitzen in seinen Augenhöhlen standen, zog lange Stricke und Bänder aus den Nasen ägyptischer Kinder, zeigte das bekannte Kugel- und Becherspiel und steigerte das andächtige Staunen der Zuschauer zur höchsten Höhe, indem er aus fünf Straußeneiern ebensoviele lebendige junge Kaninchen hervorzauberte. Die Perser gehörten durchaus nicht zu dem undankbarsten Theile seiner Zuschauer; im Gegentheil übte das niegesehene Schauspiel einen erschütternden Eindruck auf ihre Seelen. Ihnen war, als befänden sie sich im Reiche der Wunder; von allen Seltsamkeiten Aegyptens meinten sie jetzt die unerhörtesten gesehen zu haben. Schweigend waren sie wieder zu den schöneren Straßen zurückgelangt, ohne zu bemerken, wie viele der sie umgebenden Aegypter ohne Hände und mit verstümmelten Nasen und Ohren einhergingen. Diese verunstalteten Menschen waren den Asiaten kein ungewöhnlicher Anblick, denn auch bei ihnen wurden viele Vergehen durch Abschneiden von Gliedmaßen bestraft. Hätten sie sich erkundigt, so würden sie erfahren haben, daß in Aegypten der seiner Hand Beraubte ein überführter Fälscher, die Frau ohne Nase eine Ehebrecherin, der Zungenlose ein Staatsverräther oder Verleumder, der Mann sonder Ohren ein Spion und jenes bleiche, blödsinnige Weib eine Kindsmörderin sei, welche, zur Strafe für ihr Vergehen, die Leiche des erdrosselten Säuglings drei Tage und drei Nächte lang auf ihren Armen halten mußte. – Welches Weib konnte, nach Ablauf dieser Marterstunden, bei Sinnen bleiben (Anm. 167) Diod. I. 77. ? Die meisten Strafgesetze der Aegypter hatten ebensowohl den Zweck, das Verbrechen zu züchtigen, als den anderen, es dem Sünder unmöglich zu machen, sein erstes Vergehen zu wiederholen. Jetzt gerieth der Zug in's Stocken, denn eine zahlreiche Menschenmasse hatte sich vor einem der schönsten Häuser in der zum Neith-Tempel führenden Straße, dessen wenige Fenster (die meisten pflegten sich dem Hofe und Garten entgegen zu öffnen) mit Laden verschlossen waren, zusammengerottet. In der Hausthür stand ein schreiender Greis im schlichten weißen Gewande eines priesterlichen Dieners, der einer Anzahl von andern Mitgliedern seines Standes verwehren wollte, eine große Kiste aus dem Hause zu entfernen. »Wer gestattet euch, meinen Herrn zu bestehlen?« schrie er mit wüthenden Geberden. »Ich bin der Hüter dieses Hauses, und mein Herr hat mir, als er vom Könige nach Persien, das die Götter vernichten mögen, geschickt wurde, befohlen, absonderlich auf diese Kiste, in welcher seine Schriften liegen, Acht zu haben!« »Beruhige Dich, alter Hib!« rief der Tempeldiener, welchen wir beim Empfange der asiatischen Gesandtschaft kennen gelernt haben, »der Oberpriester der großen Neith, der Herr Deines Herrn, hat uns hierher gesandt. Es müssen seltsame Schriften in dieser Kiste stehen, sonst würde uns Neithotep nicht mit dem Auftrage, sie ihm zu holen, beehrt haben.« »Aber ich leide nicht, daß das Eigenthum meines Herrn, des großen Arztes Nebenchari, gestohlen werde!« schrie der Alte. »Ich will mir schon Recht schaffen, und wenn es nöthig ist, bis zum Könige gehen!« »Halt da!« rief jetzt der Tempeldiener. »So ist's recht. Macht, daß ihr mit der Kiste fortkommt, ihr Männer! Tragt sie sogleich zum Oberpriester; Du aber, Alter, würdest klüger handeln, wenn Du Deine Zunge hüten und bedenken wolltest, daß auch Du ein Diener meines Herrn des Oberpriesters bist. Mach', daß Du in's Haus zurückkommst, sonst schleppen wir Dich morgen selber fort, wie heut' die Kiste!« Bei diesen Worten schlug er die schwere Hausthüre so heftig zu, daß der Alte in das Vorhaus zurückgeworfen und den Blicken der Menge entzogen wurde. Die Perser hatten dem seltsamen Auftritte zugeschaut und ließen sich denselben von ihrem Dolmetscher erklären. Zopyrus lachte, als er vernahm, daß der Besitzer jener von dem allgewaltigen Oberpriester eingezogenen Kiste der Augenarzt sei, welcher sich wegen der blöden Augen der Mutter des Königs in Persien aufhielt und der sich durch sein ernstes, mürrisches Wesen am Hofe des Kambyses nur wenig beliebt gemacht hatte. Bartja wollte Amasis fragen, was dieser eigenthümliche Raub zu bedeuten habe; Gyges aber bat ihn, sich nicht um Dinge zu kümmern, welche ihn nichts angingen. Als sie dicht vor dem Schlosse angelangt waren (die in Aegypten schnell hereinbrechende Dunkelheit begann sich schon über die Erde zu breiten), fühlte sich Gyges plötzlich von einem fremden Mann, welcher sein Gewand festhielt, zurückgehalten. Er sah sich um und bemerkte, daß ihm der Unbekannte, indem er den Finger auf die Lippen preßte, das Zeichen des Schweigens gab. »Wann kann ich Dich allein und unbemerkt sprechen?« flüsterte er dem Sohne des Krösus zu. »Was willst Du von mir?« »Frage nicht und antworte schnell. Beim Mithra (Anm. 168) Der Eid beim Mithra, dem Sonnengotte, war den Persern besonders heilig. Vendid. Farg. IV. 36. Spiegel, Avesta S. 94. , ich habe Dir wichtige Dinge zu enthüllen!« »Du sprichst persisch? So bist Du kein Aegypter, wie Dein Gewand vermuthen läßt?« »Ich bin ein Perser; aber antworte schnell, ehe unser Gespräch entdeckt wird. Wann kann ich Dich unbemerkt sprechen?« »Morgen früh.« »Das ist zu spät.« »Nun denn in einer Viertelstunde, wenn es völlig dunkel ist, an diesem Thore des Schlosses.« »Ich erwarte Dich.« Mit diesen Worten verschwand der Mann. Gyges trennte sich, im Palaste angekommen, von Bartja und Zopyrus, steckte sein Schwert in den Gürtel, bat Darius, ein Gleiches zu thun und ihm zu folgen, und stand bald im Dunkel der Nacht am großen Portikus des Schlosses dem Fremden gegenüber. »Aumarazda sei gepriesen, daß Du da bist!« rief dieser dem jungen Lyder auf Persisch entgegen; »wer aber ist Dein Begleiter?« »Mein Freund, ein Achämenide (Anm. 169) Achämeniden hießen die von Achämenes, nach den Keilinschriften, Inschrift von Behistân I. 2, »Hakhâmanis« stammenden Könige und die mit ihnen verwandten Edlen. , Darius, Sohn des Hystaspes!« Der Fremde verneigte sich tief und sagte: »Wohl, ich fürchtete schon, ein Aegypter sei mit Dir gekommen.« »Nein, wir sind allein, und wollen Dich hören. Aber mach' es kurz. Wer bist Du und was willst Du?« »Ich heiße Bubares und war unter dem großen Cyrus ein armer Hauptmann. Als wir Sardes, die Stadt Deines Vaters, eingenommen hatten, durften wir anfangs plündern, da bat Dein weiser Vater den Cyrus, er möge zu rauben aufhören lassen, denn, nachdem er Sardes erobert habe, ließe er sich selbst, nicht aber ihn, den früheren Besitzer, plündern (Anm. 170) Herod. I. 88. . Nun ward bei Todesstrafe befohlen, alles Erbeutete an die Hauptleute abzuliefern; diesen aber aufgetragen, alle Kostbarkeiten, welche man ihnen überbringen würde, auf den Markt zusammen tragen zu lassen. Da lagen viele Haufen von goldenen und silbernen Geschirren, ganze Hügel von Weiber- und Männerschmucksachen voller Edelgestein . . .« »Schnell, schnell; wir haben nicht lange Zeit!« unterbrach Gyges den Erzähler. »Du hast Recht! Ich muß mich kürzer fassen! Ich verwirkte mein Leben, indem ich eine von Edelsteinen wimmelnde Salbenschachtel aus dem Schlosse Deines Vaters für mich behielt. Cyrus wollte mich hinrichten lassen; Krösus aber rettete mein Leben durch eine Fürbitte bei seinem Besieger. – Cyrus gab mich frei; erklärte mich aber für ehrlos. So verdanke ich denn Deinem Vater mein Leben; dennoch konnte ich nicht in Persien bleiben, denn die Ehrlosigkeit lastete zu schwer auf mir. Ein smyrnäisches Schiff brachte mich nach Cypern. Dort nahm ich wieder Kriegsdienste, lernte Griechisch und Aegyptisch, kämpfte gegen Amasis und wurde von Phanes als Kriegsgefangener hierher gebracht. Ich hatte stets als Reiter gedient. Man gesellte mich zu den Sklaven, welche die Pferde des Königs besorgen. Ich zeichnete mich aus und wurde nach sechs Jahren Stallaufseher. Ich habe niemals Deines Vaters und des Dankes, den ich ihm schulde, vergessen; jetzt kommt die Reihe an mich, ihm eine Wohlthat zu erweisen.« »Es handelt sich um meinen Vater? – So sprich, rede, theile mit!« »Sogleich. Hat Krösus den Thronerben Psamtik beleidigt?« »Ich wüßte nicht.« »Dein Vater ist heut Abend bei Rhodopis zu Naukratis?« »Woher weißt Du das?« »Ich hab' es von ihm selbst gehört, denn ich folgte ihm heute Morgen zur Barke, um mich ihm zu Füßen zu werfen.« »Hast Du Deinen Zweck erreicht?« »Ja. Er schenkte mir auch einige gnädige Worte; aber er konnte mich nicht lange hören, denn seine Gefährten hatten schon in dem Schiffe Platz genommen, als er kam. In der Eile sagte mir sein Sklave Sandon, den ich kenne, nur noch, daß es nach Naukratis ginge und daß das hellenische Weib, das sie Rhodopis nennen, einen Besuch erhalten solle.« »Er sagte die Wahrheit.« »So ist schnelle Rettung nöthig. Als der Markt voll war (Anm. 171) Die Griechen bestimmten die Vormittagszeit nach dem Besuche des Markts: πλήθουσα αγορά, περὶ πλήθουσαν αγοράν, – πληθώρη αγορα̃ς. Herod. II. 173. VII. 223. διάλυσις αγορα̃ς (Xenoph. Oekon. 12. 1). Wenn sich der Markt füllt, wenn der Markt voll ist, wenn der Markt sich leert. Eine genaue Bestimmung dieser Einteilung nach unserer Stundenrechnung ist unmöglich, dennoch erscheint es sicher, daß der Markt nach der Mittagszeit vorbei gewesen sei. Das Haupttreiben auf demselben mag von 10–1 Uhr gedauert haben. , sind zehn Wagen und zwei Barken mit äthiopischen Kriegern unter Führung eines ägyptischen Hauptmanns heimlich nach Naukratis gefahren, um in der Nacht das Haus der Rhodopis zu umstellen und ihre Gäste gefangen zu nehmen!« »Ha, Verrath!« rief Gyges. »Aber was mögen sie Deinem Vater anthun wollen?« fragte Darius. »Sie wissen doch, daß die Rache des Kambyses – –« »Ich weiß nichts,« wiederholte Bubares, »als daß das Landhaus der Rhodopis, in welchem sich auch Dein Vater befindet, heute Nacht von äthiopischen Kriegern umstellt werden soll. Ich selber habe die Bespannung ihrer Wagen besorgt und wohl vernommen, daß der Fächerträger des Thronerben dem Hauptmanne Pentaur die Worte zurief: ›Halte Ohren und Augen offen, laß das Haus der Rhodopis umstellen, damit er nicht aus der Hinterthür entkomme. Schont sein Leben, wenn es möglich ist, und tödtet ihn nur, wenn er Widerstand leisten sollte. Bringt ihr ihn lebendig nach Sais zurück, so sollt ihr zwanzig Ringe Gold (Anm. 172) Es steht fest, daß man vor der Perserzeit, also auch während dieses Theils unserer Geschichte, in Aegypten keine Münzen geprägt hat. Man wog die edlen Metalle ab und scheint sie in Gestalt von Ringen, Thieren \&c. verwerthet zu haben. Wir sehen auf vielen Denkmälern Leute, welche Gold beim Einkaufe von Waaren abwiegen, Andere, die ihre Tribute in goldenen Ringen zahlen \&c. Solche Ringe wurden noch zur Zeit der Ptolemäer, welche viele Münzen schlugen, von denen wir einige schöne Proben in unserem Aegypten in Bild und Wort gegeben haben, zu Zahlungen verwendet. Plinius XXXIII. 1. Wiegeschalen mit Gewichten in Thiergestalt z. B. bei Wilkins. II. S. 10. Ueber einige Gewichte der Aegypter und ihren Werth sind wir unterrichtet. erhalten!‹« »Könnte dieß wirklich meinem Vater gelten?« »Nimmermehr!« rief Darius. »Man weiß nicht,« murmelte Bubares, »in diesem Lande ist Alles möglich.« »Wie lange braucht ein schnelles Roß, um Naukratis zu erreichen?« »Drei Stunden, wenn es den Lauf aushält und der Nil die Straße nicht zu hoch überfluthet.« »In zweien bin ich dort!« »Ich reite mit Dir,« rief Darius. »Nein, Du mußt mit Zopyrus zu Bartja's Schutz hier bleiben. Befiehl unsern Dienern, sich bereit zu halten.« »Aber Gyges –« »Du bleibst hier und entschuldigst mich bei Amasis. Du sagst, ich, ich könne wegen Kopf- oder Magen- oder Zahnweh das Gelage nicht theilen; hörst Du? Ich reite das nisäische Roß des Bartja; – Du, Bubares, folgst mir auf dem des Darius; Du leihst es mir doch, mein Bruder?« »Wenn ich zehntausend hätte, sie gehörten Dir.« »Kennst Du den Weg nach Naukratis, Bubares?« »Wie meine Augen!« »So gehe hin, Darius, und befiehl, daß man Dein und Bartja's Roß bereit halte! Jedes Zaudern ist Verbrechen! Lebe wohl, Darius, vielleicht auf immer! Schütze Bartja! Lebe wohl!« Achtes Kapitel. Zwei Stunden vor Mitternacht drangen fröhliche Worte und helle Lichtstrahlen aus den offenen Fenstern des Hauses der Rhodopis. Heute war die Tafel der Greisin zu Ehren des Krösus besonders reich geschmückt. Auf den Polstern lagen, bekränzt mit Pappelzweigen und Rosen, die uns bekannten Gäste der Rhodopis: Theodorus, Ibykus, Phanes, Aristomachus, der Kaufmann Theopompus von Milet, Krösus und mehrere andere Männer. »Ja, dieß Aegypten,« sagte Theodorus, der Bildhauer, »kommt mir vor wie ein Mädchen, welches einen goldenen Schuh besitzt, den es, wenn er sie auch schmerzt und drückt, nicht ablegen mag, obgleich schöne, bequeme Sohlen vor ihr stehen, nach denen sie nur zu greifen hätte, um sich auf einmal frei und zwanglos fortbewegen zu können.« »Du meinst das starre Festhalten der Aegypter an ihren althergebrachten Formen und Gewohnheiten?« fragte Krösus. »Freilich,« antwortete der Bildhauer. »Noch vor zwei Jahrhunderten war Aegypten unbestreitbar das erste Land der Welt. Seine Kunst und sein Wissen übertrafen Alles, was wir leisten konnten. Wir sahen ihnen die Handgriffe ab, vervollkommneten, gaben den starren Formen Freiheit und Schönheit Siehe Anmerkung 26 . , hielten uns an kein bestimmtes Maß, sondern an das Vorbild des Natürlichen, und haben jetzt den Meister weit hinter uns gelassen. Wie war das möglich? – Lediglich dadurch, daß der Lehrer, von unerbittlichen Gesetzen gezwungen, auf dem alten Platze stehen bleiben mußte; wir aber nach Kraft und Lust im weiten Stadium der Kunst fortlaufen durften.« »Aber wie kann man den Künstler zwingen, seine Bildwerke, welche doch immer Verschiedenes darstellen, gleichmäßig zu gestalten?« »Das ist in diesem Falle schnell erklärt. Die Aegypter theilen den ganzem menschlichen Körper in 21¼ Theile (Anm. 173) Diese Zahl, sowie die folgende Geschichte nach Diodor I. 98. Plato erzählt, daß, nach einem Gesetze, die Aegypter ihre Bilder zu seiner Zeit ebenso schön oder häßlich gestalten mußten, als vor tausend und mehreren Jahren. Dies wird auch durch die Denkmäler bestätigt, obwohl doch jede Epoche ihren eigenen dem Kenner in's Auge fallenden Kunststil besaß. Im alten Reiche sind die Formen mehr gedrungen, unter Seti I. erreicht die Schönheit der Proportionen ihren Höhepunkt, von der 20. Dynastie an verschlechtert sich der Stil, in der 26. unter den Psamtikiden begegnen wir einem letzten Wiederaufblühen der Kunst, die aber trotz aller Sorgfalt bei der Behandlung des Details doch nicht die alte Feinheit der Formen wiederzufinden vermag. und bemessen hiernach die Verhältnisse der einzelnen Glieder zu einander. An diesen Zahlen halten sie fest und opfern ihnen die höheren Forderungen der Kunst. Ich selber habe dem Amasis, in Gegenwart des ersten ägyptischen Bildhauers, eines Priesters von Theben, die Wette angeboten, meinem Bruder Telekles nach Ephesus zu schreiben, ihm Größe, Verhältniß und Stellung nach ägyptischer Weise anzugeben und mit ihm zusammen eine Bildsäule zu verfertigen, welche wie von einer Hand und aus einem Stücke gearbeitet aussehen muß, obgleich Telekles ihren unteren Theil zu Ephesus ausführen soll, ich aber den oberen Theil zu Sais, unter den Augen des Amasis, herzustellen bereit bin.« »Und würdest Du Deine Wette gewinnen?« »Unbedingt. Ich bin schon im Begriffe, dieses Kunststück auszuführen; ein Kunstwerk wird es freilich nicht werden, so wenig, als irgend eine ägyptische Statue diesen hohen Namen verdient.« »Dennoch sind einzelne Bildwerke, die zum Beispiel, welche Amasis jetzt eben dem Polykrates als Geschenk nach Samos schickt, vortrefflich gearbeitet. Ich sah sogar zu Memphis eine Statue, die an dreitausend Jahre alt sein und einen König darstellen (Anm. 174) Diese Statuen von Holz stellten den König selber dar. Herod. II. 182. Porträtstatuen sind in ziemlich großer Zahl bis auf uns gekommen. Für die frühe Höhe der ägyptischen Bildhauerkunst schon in der Pyramidenzeit zeugt namentlich die gegenwärtig im Museum zu Bulaq befindliche Statue des Chefren, die aus sehr hartem Materiale köstlich gearbeitet ist und in der Weltausstellung zu Paris (1867) die Bewunderung aller Beschauer erweckte. Die zu Saqqara gefundene Holzstatue des sogenannten Dorfschulzen im Museum zu Bulaq entstammt gleichfalls der Pyramidenzeit und steht wegen der Feinheit ihrer Arbeit und des Realismus in der Behandlung unübertroffen da. soll, der die eine große Pyramide erbaute, und welche in jeder Beziehung meine Bewunderung erregte. Wie sicher ist der ungemein harte Stein bearbeitet, wie sauber ausgeführt ist die Muskulatur, namentlich der Brust, der Beine und Füße, wie verständig zeigt sich überall die Behandlungsweise, wie sicher gezeichnet sind die Umrisse, wie vollkommen erscheint auch bei anderen Statuen die Harmonie der Züge des Angesichts.« »Ohne Frage. Was das Handwerk in der Kunst, das heißt die sichere Verarbeitung selbst des härtesten Materials betrifft, so sind uns die Aegypter, trotz ihres langen Stillstandes, noch immer voraus. Keine griechische Statue ist je so wunderbar schön polirt worden wie das Standbild des Amasis im Hofe des Palastes. Die freie Gestaltung aber, die Prometheus-Arbeit, das Einhauchen der Seele in den Stein, werden die Aegypter nicht eher erlernen, als bis sie vollkommen mit dem alten Formenkrame brechen. Durch Proportionen erreicht man keine Darstellung des geistigen Lebens, – nicht einmal den anmuthigen Wechsel des Körperlichen. Betrachtet jene zahllosen Statuen, welche bei Palästen und Tempeln von Naukratis bis zu den Katarrhakten in langer Reihe seit dreitausend Jahren aufgestellt worden sind. Sie alle stellen freundlich ernste Menschen im mittleren Mannesalter dar, und dennoch ist die eine das Bild eines Greises, die andere soll das Andenken eines königlichen Jünglings verewigen. Kriegshelden, Gesetzgeber, Wüthriche und Menschenfreunde, alle haben so ziemlich das gleiche Ansehen, wenn sie sich nicht durch Größe, wodurch der ägyptische Künstler Macht und Stärke ausdrücken will, und das porträtartig ausgeführte Antlitz von einander unterscheiden. Wie ich mir ein Schwert, so bestellt sich Amasis eine Bildsäule. Bevor der Meister sein Werk begonnen hat, wissen wir Beide im Voraus, sobald wir nur die Länge und Breite sorglich angegeben haben, was wir erhalten werden, wenn die Arbeit fertig ist. – Wie könnte ich einen gebrochenen Greis gleich einem sich aufschwingenden Jünglinge, einen Faustkämpfer gleich einem Läufer, einen Dichter gleich einem Krieger formen? – Stellt den Ibykus neben unsern Freund, den Spartaner, und bedenkt, was ihr sagen würdet, wenn ich den harten Krieger wie den herzumstrickenden Sänger mit süßen Geberden darstellen wollte.« »Und was sagt Amasis zu Deinen Bemerkungen über diesen Stillstand?« »Er bedauert ihn; fühlt sich aber nicht stark genug, die alten bindenden Regeln der Priester aufzuheben.« »Und dennoch,« sagte der Delphier, »hat er für die Ausschmückung unseres neuen Tempels, ›um die hellenische Kunst zu fördern‹, – ich gebrauche seine eigenen Worte, – eine namhafte Summe bewilligt.« »Das ist schön von ihm,« rief Krösus. »Werden die Alkmäoniden bald jene dreihundert Talente 450,000 Thaler. , deren sie zur Vollendung des Tempels bedürfen, zusammen haben (Anm. 175) Die attische Adelsfamilie der Alkmäoniden hatte, nachdem sie vor Pisistratus aus Athen geflohen war, den Bau des neuen Tempels zu Delphi übernommen. Die Delphier selbst mußten den vierten Theil der Baugelder aufbringen, kollektirten auch in Aegypten und sollen dort eine hübsche Summe zusammengebracht haben. Herod. II. 180. ? Wär' ich noch in den alten Glücksumständen, so würd' ich gern die ganzen Kosten übernehmen; wenn mich auch Dein böser Gott, trotz aller Geschenke, die ich ihm darbrachte, gar arg betrogen hat. Als ich ihn nämlich fragen ließ, ob ich den Krieg gegen Cyrus beginnen sollte, gab er mir zur Antwort, daß ich ein großes Reich vernichten würde, wenn ich den Halys-Strom überschritte (Anm. 176) Herod. I. 53. Xenoph. Cyrop. VII. 2. . Ich vertraute dem Gotte, gewann nach seinen Befehlen die Freundschaft der Spartaner und zerstörte, den Grenzfluß überschreitend, in der That ein großes Reich; dieses Reich war aber nicht das medisch-persische, sondern mein eigenes armes Lydien, welches jetzt als Satrapie des Kambyses sich nur schwer an die ihm ungewohnte Abhängigkeit gewöhnen kann.« »Du tadelst den Gott mit Unrecht,« antwortete Phryxus, »denn es ist nicht seine Schuld, daß Du in menschlicher Eitelkeit seinem Ausspruch eine falsche Deutung gegeben hast. Er sagte nicht ›das Reich der Perser‹, sondern ›ein Reich‹ werde durch Deine Kriegslust zerstört werden. Warum fragtest Du nicht, welches Reich er meine? Hat er Dir nicht außerdem das Schicksal Deines Sohnes der Wahrheit gemäß vorhergesagt und Dir zugerufen, daß er am Tage des Unheils die Sprache wieder erlangen würde? Und als Du nach dem Falle von Sardes Cyrus um die Gnade batest, in Delphi anfragen zu dürfen, ob die griechischen Götter sich's zum Gesetze gemacht hätten, ihren Wohlthätern Undank zu erweisen, da hat Dir Loxias geantwortet, er habe das Beste mit Dir vorgehabt, aber über ihm walte, mächtiger als er, das unerbittliche Geschick, welches schon Deinem gewaltigen Ahnherrn (Anm. 177) Kandaules hatte sich durch den Mord des Königs Gyges des lydischen Thrones bemächtigt. Ihm wurde das oben erwähnte Orakel zu Theil. Herod. I. 8 fgd. 91. vorhersagte, daß der Fünfte nach ihm, und der warst Du, dem Verderben erlesen sei!« »Deine Worte,« unterbrach Krösus den Redner, »wären mir in der Zeit des Unheils nöthiger gewesen als jetzt. Es gab eine Stunde, in der ich Deinen Gott und seine Sprüche verfluchte, dann aber, als ich mit Macht und Reichthum meine Schmeichler verloren hatte und ich mich meine Thaten nach dem eigenen Urtheile zu messen gewöhnte, da erkannte ich wohl, daß nicht Apollo, sondern meine Eitelkeit mich in's Verderben stürzte. ›Ein Reich‹, das vernichtet werden sollte, konnte ja doch nicht meines, nicht das mächtige Reich des mächtigen Krösus, des Götterfreundes, des bis dahin unbesiegten Feldherrn bedeuten! Würde mich ein Freund auf diese Seite des zweideutigen Spruches hingewiesen haben, ich hätte ihn verlacht, oder vielleicht, ja wahrscheinlich, gestraft. Wie ein Roß den Arzt, der seine Wunde befühlt, um sie zu heilen, zu schlagen versucht, so der Despot den aufrichtigen Freund, der die Schäden seiner kranken Seele berührt. So hab' ich, was ich leicht hätte sehen können, nicht gesehen. Die Eitelkeit blendet das Auge, das uns zu unbefangener Prüfung der Dinge gegeben ward, und stärkt die Begehrlichkeit des Herzens, welches ohnehin, den Göttern sei Dank, sich jeder Hoffnung auf Gewinn weit öffnet und sich schnell abwehrend schließt, wenn sich ihm die begründete Besorgniß naht, ein Verlust oder Unheil sei im Anzuge. Wie viel öfter bangt mir jetzt, wo ich klar sehe und doch nichts zu verlieren habe, als damals, wo Niemand mehr verlieren konnte wie ich! Im Vergleiche mit früheren Zeiten bin ich arm, Phryxus, doch Kambyses läßt mich als König meine Tage beschließen und ich vermag für euren Bau noch immer ein Talent (Anm. 178) Das ältere attische Silbertalent betrug nach Böckh, Staatshaushaltung der Athener I. 25, 1500 Thaler, die Mine 25 Thaler, die Drachme 6 gute Groschen, der Obolus 1 Groschen. zu steuern.« Phryxus dankte; Phanes aber sagte: »Die Alkmäoniden werden ein schönes Werk herstellen, denn sie sind ehrgeizig, reich und wollen sich die Gunst der Amphiktyonen erwerben, um, von ihnen unterstützt, den Tyrannen zu stürzen, mein Geschlecht zu überflügeln und sich der Lenkung des Staats zu bemächtigen.« »Zu dem Reichthume dieser Familie hast Du, Krösus, wie man erzählt, neben der Agariste (Anm. 179) Agariste hieß die reiche Erbtochter des Klisthenes von Sicyon, welche der Alkmäonide Megakles heimführte. Herod. VI. 126– 130. Diod. VII. 19. Pherecydes fr. 20. Müller. , welche dem Megakles große Schätze mitbrachte, das Meiste beigetragen,« sagte Ibykus. »Freilich, freilich,« lachte Krösus. »Erzähle den Hergang der Sache!« bat Rhodopis. »Alkmäon von Athen kam einst an meinen Hof (Anm. 180) Herod. VI. 125. . Der heitere, fein gebildete Mann gefiel mir so gut, daß ich ihn längere Zeit bei mir behielt. Eines Tages zeigte ich ihm meine Schatzkammern, über deren Reichthum er in eine wahre Verzweiflung gerieth. Er nannte sich einen gemeinen Bettler und malte sich ein glückliches Leben aus, wenn er nur einen einzigen Griff in all' diese Herrlichkeiten thun dürfte. Da gestattete ich ihm, so viel Gold mitzunehmen, als er zu tragen vermöge. Was that nun Alkmäon? Er ließ sich hohe lydische Reiterstiefel anziehen, eine Schürze umbinden und einen Korb an den Rücken befestigen. Diesen füllte er mit Schätzen, in die Schürze häufte er so viel Gold, als er zu tragen vermochte, die Stiefel überlastete er mit goldenen Münzen, in Haar und Bart ließ er Goldstaub streuen; ja selbst den Mund füllte er mit Gold, so daß seine Backen aussahen. als sei er im Begriff, an einem großen Rettig zu ersticken. In jede Hand nahm er zuletzt eine goldene Schüssel, und schleppte sich so, unter seiner Last erliegend, zur Schatzkammer hinaus. Vor der Thür derselben brach er zusammen; ich aber habe niemals wieder so herzlich gelacht, als an jenem Tage.« »Und Du ließest ihm diese Schätze?« fragte Rhodopis. »Freilich, meine Freundin; glaubte ich doch die Erfahrung, daß Gold selbst einen klugen Mann zum Narren mache, nicht zu theuer bezahlt zu haben.« »Du warst der freigebigste aller Fürsten!« rief Phanes. »Und bin jetzt ein leidlich zufriedener Bettler. Doch sage mir, Phryxus, wie viel hat Amasis zu Deiner Sammlung beigetragen?« »Er gab tausend Centner Alaun (Anm. 181) Herod. II. 180. !« »Das scheint mir ein fürstliches Geschenk zu sein.« »Und der Thronerbe?« »Als ich ihn anging und mich auf die Freigebigkeit seines Vaters berief, lachte er bitter und sagte, mir den Rücken kehrend: ›Wenn Du für die Zerstörung eurer Tempel sammeln wirst, so bin ich bereit, doppelt so viel als Amasis zu zeichnen‹.« »Der Elende!« »Sage lieber: der echte Aegypter! Psamtik haßt Alles, was nicht aus diesem Lande stammt.« »Wie viel haben die Hellenen zu Naukratis beigetragen?« »Außer der reichen Beisteuer der Privatleute zeichnete jede Gemeinde (Anm. 182) S. Anmerk. 173 . Herod. II. 180. Diese Stelle kann so verstanden werden, als wenn alle Griechen in Naukratis zusammen 20 Minen, das sind 500 Thaler, gegeben hätten. Da dies für eine so bedeutende Stadt zu wenig, für jeden einzelnen Bürger (wie Valla will) viel zu viel wäre, so nehmen wir an, daß Herodot von den verschiedenen Gemeinden in Naukratis spreche. zwanzig Minen.« »Das ist viel!« »Philoinus der Sybarit schickte mir ganz allein tausend Siehe Anmerkung 178 . 250 Thaler. Drachmen und begleitete sie mit einem höchst sonderbaren Briefe. Darf ich ihn vorlesen, Rhodopis?« »Immerhin,« antwortete die Greisin. »Ihr werdet daraus ersehen, daß dem Schlemmer sein Betragen von neulich leid thut.« Der Delphier holte das Briefröllchen aus seiner Tasche und las: »Philoinus läßt dem Phryxus sagen: ›Es thut mir leid, daß ich neulich bei Rhodopis nicht mehr getrunken habe; denn hätt' ich das gethan, so würd' ich ohne alle Besinnung und außer Stande gewesen sein, auch nur die kleinste Fliege zu beleidigen. Meine verwünschte Mäßigkeit trägt also die Schuld, daß ich mich von nun ab nicht mehr an der wohlbesetztesten Tafel in ganz Aegypten ergötzen darf. ›Uebrigens bin ich Rhodopis schon für das Genossene dankbar, und sende Dir, in der Erinnerung an jenen herrlichen Rinderbraten, wegen dessen ich den Koch der Thracierin um jeden Preis zu kaufen wünsche, zwölf große Spieße zum Ochsenrösten (Anm. 183) Rhodopis soll ein solches Geschenk nach Delphi gesandt haben. Herod. II. 135. . Selbige mögest Du in irgend einem Schatzhause von Delphi, als Geschenk der Rhodopis, aufstellen lassen. Ich selber zeichne, weil ich ein reicher Mann bin, ganze tausend Drachmen. Bei den nächsten pythischen Spielen soll diese Gabe öffentlich ausgerufen werden. ›Dem Grobian Aristomachus von Sparta sprich meinen Dank aus. Er hat den Zweck meiner Reise nach Aegypten wesentlich gefördert. Ich war hierher gekommen, um mir einen bösen Zahn von jenem ägyptischen Arzte (Anm. 184) Die ägyptischen Zahnärzte müssen sehr geschickt gewesen sein. Man hat in den Kinnbacken von Mumien künstliche Zähne gefunden. Blumenbach, Von den Zähnen der alten Aegypter und von den Mumien. Im Göttinger Magazin 1780. I. S. 115. Im Papyr. Ebers werden Rezepte gegen verschiedene Zahnleiden verordnet, z. B. Taf. 72. ausnehmen zu lassen, welcher kranke Zähne ohne große Schmerzen beseitigen soll. Aristomachus hat den schadhaften Theil meines Gebisses mit seinem Faustschlage entfernt, und mir jene furchtbare Operation, vor der ich zitterte, erspart. Als ich zu mir kam, fand ich drei ausgeschlagene Zähne in meinem Munde, – den kranken und zwei leidlich gesunde, denen es anzusehen war, daß sie mir später vielleicht Schmerzen verursacht haben würden. ›Grüße Rhodopis und den schönen Phanes von mir; Dich aber ersuche ich, heute über ein Jahr ein Gastmahl in meinem Hause zu Sybaris einzunehmen (Anm. 185) Athen. XII. 20. Plut. sept. sap. p. 147 . . Wir pflegen unsere Einladungen wegen mancher kleiner Vorbereitungen etwas früh zu machen. ›Ich lasse diesen Brief von meinem gelehrten Sklaven Sophotatus im Rebenzimmer schreiben, denn ich bekomme den Krampf in die Finger, wenn ich nur der Arbeit des Schreibens zuschaue.‹« Alle Gäste brachen in ein schallendes Gelächter ans; Rhodopis aber sagte: »Mich erfreut dieser Brief, weil ich aus ihm ersehe, daß Philoinus kein schlechter Mensch ist. Sybaritisch erzogen . . .« »Verzeiht, ihr Herren, wenn ich euch störe, und Du, ehrwürdige Hellenin, daß ich ungeladen in Dein friedliches Haus dringe!« Mit diesen Worten unterbrach ein der Greisin fremder Mann, welcher von Allen unbemerkt in das Speisezimmer getreten war, das Gespräch der Schmausenden. – »Ich bin Gyges, Sohn des Krösus, und nicht zum Scherze vor kaum zwei Stunden von Sais fortgeritten, um zur rechten Zeit hier einzutreffen!« »Menon, ein Polster für unsern neuen Gast!« rief Rhodopis. »Sei herzlich willkommen in meinem Hause und ruhe aus von Deinem wilden, echt lydischen Ritte.« »Beim Hunde (Anm. 186) »νὴ τὸν κύνα.« Eid des Rhadamanthus, um den Namen der Götter zu vermeiden. Schol. Aristoph. Aves. 520. , Gyges,« sagte Krösus, seinem Sohne die Hand reichend, »ich begreife nicht, was Dich zu so später Stunde hierherführt. Ich hatte Dich ersucht, nicht von des mir anvertrauten Bartja Seite zu weichen, und dennoch . . . Aber wie siehst Du aus? Ist etwas vorgefallen? Hat sich ein Unglück ereignet? So sprich doch, sprich!« Gyges vermochte in den ersten Augenblicken kein Wort auf die Rede seines Vaters zu erwiedern. Ihm war, als er den Geliebten, für dessen Leben er gefürchtet hatte, wohlbehalten und fröhlich beim reichlichen Schmause sitzen sah, als habe er zum Zweitenmale die Sprache verloren. Endlich kehrte ihm die Kraft der Rede wieder und er antwortete: »Die Götter seien gepriesen, mein Vater, daß ich Dich wohlbehalten wiedersehe! Glaube ja nicht, ich habe meinen Posten an Bartja's Seite leichtsinnig verlassen. Ich bin gezwungen worden, mich als Unglücksvogel in diese frohe Versammlung einzudrängen. Wißt, ihr Männer, denn ich darf keine Zeit mit Vorbereitungen verlieren, – euer warten Verrath und Ueberfall.« Alle Anwesenden sprangen, wie vom Blitz getroffen, auf die Füße. Aristomachus lockerte schweigend das Schwert in seiner Scheide und Phanes streckte die Arme aus, als wollt' er prüfen, ob ihm noch die alte athletische Spannkraft innewohne. »Was ist's? – Was hat man mit uns vor?« fragte es von allen Seiten. »Dieses Haus ist von äthiopischen Kriegern umstellt!« erwiederte Gyges. »Ein treuer Mensch hat mir mitgetheilt, der Thronerbe wolle Einen aus eurer Mitte gefangen fortführen lassen, ja er habe befohlen, sein Opfer zu tödten, wenn es sich wehren sollte. Ich fürchtete für Dich, mein Vater, und jagte hierher. – Der Mann, von dem ich Alles erfuhr, hat nicht gelogen. Dies Haus ist umstellt. Als ich an der Pforte Deines Gartens, o Rhodopis, anlangte, scheute mein Roß, trotz seiner Ermüdung. Ich stieg ab und gewahrte im Mondenscheine hinter jedem Strauche die blitzenden Waffen und glühenden Augen versteckter Menschen. Sie ließen uns ungestört in den Garten treten.« »Eine wichtige Meldung!« unterbrach der in das Zimmer stürzende Knakias die Rede des Gyges. »Als ich soeben, um Wasser für den Mischkrug (Anm. 187) Das Nilwasser ist, wie wir aus eigener Erfahrung versichern können, außerordentlich wohlschmeckend. Ein Reisender nennt es den Champagner unter den Wassern, die Damen im Harem des Großsultans lassen Nilwasser bis nach Konstantinopel kommen, und die Araber sagen, daß Mohammed, wenn er davon getrunken hätte, sich ein ewiges Leben gewünscht haben würde. aus dem Nile zu holen, dem Strome zuging, stürzte mir ein Mensch entgegen, welcher mich beinahe umgerannt hätte. Ich erkannte ihn bald. – Es war ein äthiopischer Ruderer des Phanes, der hastig erzählte, er wär' eben, um zu baden, aus dem Nachen in den Nil gesprungen, als eine königliche Barke sich an den Kahn des Phanes gelegt und ein Soldat die in demselben verweilende Mannschaft gefragt habe, wem sie diene. ›Dem Phanes,‹ antwortete der Steuermann. Die königliche Barke fuhr langsam weiter, ohne sich scheinbar um Dein Schiff, mein Oberst, zu kümmern; der badende Ruderknecht hatte sich aber zum Scherz auf das Steuer des fremden Fahrzeuges gesetzt, und hörte dort, wie ein äthiopischer Soldat einem andern zurief: ›Behalte dieß Fahrzeug wohl im Auge; wir wissen jetzt, wo der Vogel sein Nest hat; nun wird es leicht sein, ihn zu fangen. Bedenke, daß uns Psamtik zwanzig goldene Ringe versprochen hat, wenn wir den Athener todt oder lebendig nach Sais bringen.‹ – Solches berichtete Sebek, der Matrose, welcher Dir seit sieben Jahren dient, o Phanes.« Mit großer Ruhe hatte der Athener die Erzählung des Gyges und die des Sklaven mit angehört. Rhodopis zitterte. Aristomachus rief: »Ich lasse Dir kein Härchen krümmen und müßten wir ganz Aegypten zerschlagen!« Krösus rieth zur Vorsicht; eine ungeheure Aufregung hatte sich des ganzen Kreises bemächtigt. Endlich brach Phanes sein Stillschweigen und sagte. »Niemals ist Ueberlegung nöthiger, als in Gefahr. Ich bin mit Nachdenken fertig und sehe ein, daß ich schwerlich zu retten bin. Die Aegypter werden versuchen, mich ohne Aufsehen zu beseitigen. Sie wissen, daß ich morgen in aller Frühe mit einer phoceischen Triere von Naukratis nach Sigeum segeln will und haben also keine Zeit zu verlieren, wenn sie mich fangen wollen. Dein ganzer Garten, Rhodopis, ist umstellt. Sollt' ich bei Dir bleiben, so wärest Du sicher, daß man Dein Haus nicht mehr als Asyl achten, es durchsuchen und mich in ihm fangen würde. Das phoceische Schiff, welches mich zu den Meinen bringen soll, wird ohne Zweifel gleich diesem Hause bewacht. Um meinetwillen soll kein unnützes Blut vergossen werden.« »Du darfst Dich nicht ergeben!« schrie Aristomachus. »Ich hab's, ich hab's!« rief plötzlich Theopompus, der milesische Kaufmann. »Morgen bei Sonnenaufgang segelt ein von mir befrachtetes Schiff mit ägyptischem Getreide, nicht von Naukratis, sondern von Kanopus aus nach Milet. Nimm das Pferd des edlen Persers und reite dorthin; wir bahnen Dir mit Gewalt den Weg durch den Garten!« »Unsere unbewaffnete Schaar würde zu einem Gewaltstreiche nicht genügen,« erwiederte Gyges. »Wir sind zehn Männer, von denen nur drei ein Schwert besitzen; – jene, deren Zahl sich wenigstens auf hundert beläuft, sind bis an die Zähne bewaffnet.« »Und wenn Du, Lyder, zehnmal keinen Muth hast, und wenn ihrer zweimal hundert wären,« rief Aristomachus, – »ich kämpfe!« Phanes drückte dem Freunde die Hand. Gyges erbleichte. Der erprobte Held hatte ihn muthlos genannt. Wieder fand er keine Worte, sich zu vertheidigen. Bei jeder Erregung des Gemüths versagte die Sprache seiner Zunge; plötzlich rötheten sich aber seine Wangen und schnell und bestimmt rief er: »Folge mir, Athener! Du aber, Spartaner, der Du sonst zu erwägen pflegst, ehe Du sprichst, nenne in Zukunft Niemand muthlos, den Du nicht kennst. – Ihr Freunde, Phanes ist gerettet. Lebe wohl, mein Vater!« Erstaunten Muthes schauten die Zurückbleibenden auf die sich entfernenden Männer. Kurze Zeit nach ihrem Verschwinden hörten die lauschenden Gäste den Hufschlag zweier fortsprengender Pferde; dann vernahmen sie nach längerer Zeit einen langgedehnten Pfiff und Hülferufe vom Nile her. »Wo ist Knakias?« fragte Rhodopis einen ihrer Sklaven. »Er hat sich mit Phanes und dem Perser in den Garten begeben.« In diesem Augenblicke trat der alte Diener zitternd und bleich in das Zimmer. »Hast Du meinen Sohn gesehen?« rief ihm Krösus entgegen. »Wo ist Phanes?« »Beide lassen euch den Abschiedsgruß durch mich überbringen.« »So sind sie fort? – Wie entkamen sie? Wohin wandten sie sich?« »Hier in diesem Seitenzimmer,« erzählte der Sklave, »hatten der Athener und der Perser zuerst einen Wortwechsel. Dann mußte ich Beide entkleiden. Phanes that die Hosen, den Rock und den Gürtel des Fremden an und setzte dessen spitze Mütze auf seine Locken; der Perser aber hüllte sich in das Chiton und den Mantel des Atheners, schmückte seine Stirn mit dem goldnen Reife desselben, ließ sich die Haare von seiner Oberlippe schneiden, und befahl mir, ihm in den Garten zu folgen. »Phanes, den Jedermann in seiner neuen Kleidung für einen Perser halten mußte, schwang sich auf eines der vor der Pforte haltenden Rosse. Der Fremde rief ihm fortwährend zu: ›Lebe wohl, Gyges, – lebe wohl, geliebter Perser, – reise glücklich, Gyges!‹ Der an der Pforte harrende Diener ritt ihm nach. In den Büschen hörte ich überall Waffengeklirr, aber Niemand trat dem fortjagenden Athener in den Weg. Die versteckten Krieger hielten ihn ohne Frage für einen Perser. »Als wir wieder vor diesem Hause standen, befahl mir der Fremde: ›Jetzt begleite mich zur Barke des Phanes und laß nicht ab, mich bei dem Namen des Atheners zu nennen.‹ – ›Aber die Matrosen können Dich leicht verrathen,‹ wandte ich ein. ›So geh' erst allein zu ihnen und befiehl, sie möchten mich empfangen, als wäre ich Phanes, ihr Gebieter.‹ »Ich bat nun, er möge mir erlauben, mich statt seiner im Kleide des Entflohenen von den Häschern ergreifen zu lassen. Er verweigerte dies auf's Bestimmteste, und er hatte Recht, als er sagte, meine Haltung würde mich leicht verrathen. Ach, nur der Freie schreitet gerade und aufrecht einher; des Sklaven Nacken ist immer krumm und seine Bewegungen entbehren der Anmuth, die ihr Edlen in den Schulen und Gymnasien erlernt. So wird es ewig bleiben, denn unsere Kinder müssen ihren Vätern ähnlich werden; entwächst doch der garstigen Zwiebel keine Rose und dem grauen Rettig keine Hyazinthe (Anm. 188) Nach einigen Versen des Theognis von Megara † 480 v. Chr. IV. 62. . Das Dienen krümmt den Nacken, wie das Bewußtsein der Freiheit den Wuchs erhebt!« »Was ist aus meinem Sohn geworden?« rief Krösus, den Sklaven unterbrechend. »Er nahm mein armes Opfer nicht an und setzte sich, indem er mir tausend Grüße an Dich, o König, auftrug, in die Barke. Ich schrie ihm nach: ›Gehabe Dich wohl, Phanes, glückliche Reise, Phanes!‹ Eine Wolke hatte sich über den Mond gebreitet; es war sehr finster geworden. Plötzlich hörte ich Geschrei und Hülferufe; das dauerte aber nur kurze Zeit, dann erklang ein gellender Pfiff, und endlich vernahm ich nur noch gleichmäßige Ruderschläge. Eben wollt' ich, um euch von dem Vorgefallenen zu benachrichtigen, in's Haus zurückkehren, als Sebek, der Schiffsknecht, von Neuem angeschwommen kam. Er berichtete Folgendes: ›Die Aegypter hatten die Barke des Phanes, wahrscheinlich durch Taucher, anbohren lassen. Sobald sie in die Mitte des Stromes gelangt war, sank sie unter. Die Matrosen schrieen nach Rettung. Da kam das königliche Schiff, welches ihnen folgte, herbei, nahm den vermeinten Phanes, als wenn es ihn retten wollte, an Bord, und verhinderte die Matrosen des Atheners, von ihren Bänken zu weichen. Sie Alle sind mit dem angebohrten Fahrzeuge untergegangen, nur der kühne Schwimmer Sebek erreichte das Ufer. Gyges befindet sich auf dem königlichen Schiffe; Phanes ist entkommen, denn jener Pfiff muß den Soldaten an der Hinterpforte gegolten haben. – Als ich, bevor ich hierherkam, die Büsche an der Straße untersuchte, fand ich keinen Menschen mehr hinter ihnen; doch hörte ich das Waffenrasseln und Reden der Krieger, welche sich wiederum auf dem Wege nach Sais befanden.‹« Mit fieberhafter Spannung hatten die Gäste der Rhodopis dem Sklaven zugehört. Als er seine Erzählung beendet hatte, war die Stimmung eine sehr getheilte. Das Glück, den geliebten Freund aus einer drohenden Lebensgefahr gerettet zu wissen, war das erste Gefühl der Meisten; dann aber machte sich die Furcht um den kühnen Lyder geltend. Man pries seinen Edelmuth, man beglückwünschte den Vater eines solchen Sohnes und kam endlich darin überein, daß der Thronerbe, sobald der Irrthum seiner Leute bemerkt werden würde, Gyges nicht nur ohne Weiteres freilassen müsse, sondern auch verpflichtet sei, ihm eine Genugthuung zu gewähren. Krösus selbst beruhigte sich bei dem Gedanken an die Freundschaft des Amasis und jene Scheu, welche derselbe vor der Macht der Perser gezeigt hatte. Bald darauf verließ er das Haus der Rhodopis, um bei dem Melisier Theopompus zu übernachten. »Grüße Gyges von mir!« rief Aristomachus, als sich der Greis entfernte. »Ich lasse ihn um Verzeihung bitten und ihm sagen, ich wünschte ihn zum Freunde zu haben, oder, wenn das nicht ginge, ihm als ehrlichem Feinde im Felde gegenüber zu stehen.« »Wer kann wissen, was die Zukunft bringt!« erwiederte Krösus, dem Spartaner die Hand reichend. Neuntes Kapitel. Die Sonne eines neuen Tages war über Aegypten aufgegangen. Der reiche Thau der Nacht, welcher am Nil den Regen zu ersetzen pflegt, lag wie Smaragden und Edelgestein auf den Blättern und in den Blüthen; die Sonne stand noch tief im Osten, und die von einem frischen Nordwestwinde durchwehte Morgenluft lud vor der drückenden Wärme des Mittags in's Freie. Aus dem uns wohlbekannten Landhause traten zwei weibliche Gestalten: die alte Sklavin Melitta und Sappho, die Enkelin der Rhodopis. Schwebenden Schrittes ging und lief das anmuthige Mädchen durch den Garten. Liebreizend und jungfräulich, wie wir sie im Schlafe gesehen, erschien sie auch jetzt. Dabei umspielte ein schalkhafter Zug ihren rosigen Mund und die Grübchen in Kinn und Wangen. Das volle braune Haar stahl sich unter dem purpurrothen Kopftüchlein hervor, und das leichte weiße Morgengewand mit den weiten Aermeln flatterte zwanglos um ihre geschmeidigen Glieder. Jetzt bückte sie sich, brach eine junge Rosenknospe, spritzte den Thau, welcher auf derselben lag, ihrer alten Wärterin in's Gesicht, lachte laut und glockenrein über ihren losen Streich, heftete die Rose an ihren Busen und begann mit wunderbar voller und anmuthiger Stimme zu singen: »Als Eros einstmals Rosen brach, Da ist es ihm geschehen, Daß seine Hand ein Bienlein stach: Er hatt' es nicht gesehen. »Nun schüttelt' er die Händchen klein, Nun hob er an zu klagen Und flog zu seinem Mütterlein Mit schnellem Flügelschlagen. »O Mutter, rief er, Mutter ach! Mir ist so weh und bange: Ich werde sterben, denn mich stach Gar eine böse Schlange. »Geflügelt ist das gift'ge Thier, Du wirst es sicher kennen: – Es ist dasselbe, das allhier Die Bauern ›Biene‹ nennen Die letzten Verse mit der Pointe dieses Liedes lauten: »Doch Cypris sprach: Wenn Du, mein Sohn, Empfindest solches Wehe Vom Stachel einer Biene schon, – Dann, liebes Kind, gestehe, »Wie muß es erst dem Menschen sein Mit Deinem Pfeil im Herzen: Ach, Eros, das ist eine Pein, Die schwerer zu verschmerzen!« (Anm. 189) Eigene Uebersetzung nach einem Pägnion des Anakreon, dessen Aechtheit, wie wir glauben, mit Unrecht angezweifelt worden ist. Anacr. ed. Melhorn. λγ'. .« »Ist mein Lied nicht schön?« – lachte das Mädchen. »O, wie dumm doch der kleine Eros ist, eine Biene für eine geflügelte Schlange zu halten! Die Großmutter sagt, sie wisse noch eine Strophe dieses Gesanges, den der große Dichter Anakreon erdacht hat; sie wolle mich die aber noch nicht lehren. Sage, Melitta, was mag die Strophe wohl enthalten? – Du lächelst? Liebe, einzige Melitta, singe mir das Verschen vor! Oder kennst Du es nicht? Nein? Dann freilich kannst Du's mich nicht lehren.« »Das ist ein ganz neues Lied,« erwiederte die Alte, den Bitten ihres Lieblings wehrend, »und ich kenne nur die Gesänge aus der alten guten Zeit. Aber was ist das? Hörtest Du nicht dort an der Pforte den Klopfer gehen?« »Freilich, und mir war's auch, als hätt' ich den Hufschlag eines Pferdes auf der Straße vernommen. Da klopft es wieder! Sieh' nach, wer zu so früher Stunde Einlaß begehrt. Vielleicht ist der gute Phanes gestern dennoch nicht abgereist und will uns noch einmal Lebewohl sagen.« »Phanes ist fort,« entgegnete die Alte ernster werdend. »Rhodopis hat mir befohlen, Dich in's Haus zu schicken, wenn Besuch kommen sollte . . . Geh', Mädchen, damit ich die Pforte öffnen kann. Geh', da klopft es wieder!« Sappho that, als liefe sie dem Hause entgegen; statt aber dem Befehle ihrer Wärterin zu folgen, versteckte sie sich hinter ein Rosengebüsch, um von dort aus den frühen Besuch in Augenschein zu nehmen. – Man hatte ihr die Vorgänge des gestrigen Abends, um sie nicht umsonst zu ängstigen, verheimlicht, und Sappho war gewohnt, in so früher Stunde nur die vertrautesten Freunde ihrer Großmutter erscheinen zu sehen. Melitta öffnete die Pforte des Gartens, und führte bald darauf einen blondlockigen, reich geschmückten Jüngling in denselben ein. Sappho, erstaunt über die ihr fremde Tracht und die große Schönheit des persischen Königssohnes, – denn dieser war der frühe Besucher, – rührte sich nicht von ihrem Platze und konnte ihre Augen nicht von seinem Angesichte wenden. Gerade so hatte sie sich den schönlockigen Apollo, den Führer des Sonnenwagens und der Musen, vorgestellt. Melitta und der Fremde näherten sich ihrem Verstecke; sie aber drängte das Köpfchen zwischen den Rosen hervor, um den Jüngling, welcher freundlich, aber in gebrochenem Griechisch zu der alten Sklavin sprach, besser verstehen zu können. Jetzt vernahm sie, daß er sich in einer gewissen Hast nach Krösus und dem Sohne desselben erkundigte. Dann hörte sie auch zum Erstenmale von der alten Sklavin Alles, was sich am gestrigen Abende zugetragen hatte. Sie zitterte für Phanes, sie dankte in ihrem Herzen dem edlen Gyges, sie fragte sich, wer dieser königlich geschmückte Jüngling sein möge. Wohl hatte ihr Rhodopis von den Heldenthaten des Cyrus, vom Sturze des Krösus, von der Macht und dem Reichthume der Perser erzählt; bis dahin hatte sie aber die Asiaten für ein wildes, rohes Volk gehalten. Je länger sie nun den schönen Bartja anschaute, je höher wuchs ihre Theilnahme für die Perser. Als sich endlich Melitta entfernte, um ihre Großmutter zu wecken und ihr den frühen Besuch zu melden, wollte sie ihr folgen; Eros aber, der thörichte Knabe, über dessen kindliche Unwissenheit das Mädchen noch vor wenigen Minuten gespottet hatte, wollt' es anders. Ihr Gewand verfing sich in den Dornen der Rosen, und ehe sie sich von ihnen los machen konnte, stand ihr der schöne Perser bereits gegenüber und half der hocherröthenden Jungfrau ihr Kleid von dem verrätherischen Strauche zu befreien. Sappho vermochte kein Wort des Dankes zu sagen und schlug, schämig lächelnd, die Augen nieder. Bartja, der sonst so übermüthige Knabe, blickte stumm und gleich ihr erröthend auf sie herab. Dieses Schweigen dauerte aber nur kurze Zeit, denn das Mädchen, welches sich bald von ihrem Schrecken erholt hatte, lachte auf einmal in kindlichem Ergötzen über den stummen Fremdling und die Seltsamkeit ihrer Lage hell und fröhlich auf und floh, gleich einem gescheuchten Reh, dem Hause zu. Jetzt kehrte auch dem Perser seine natürliche Unbefangenheit wieder. In zwei Sätzen hatte er das Mädchen erreicht. Schnell wie der Gedanke faßte er ihre Hand und behielt sie, trotz alles Sträubens, fest in der seinen. »Laß mich los!« bat Sappho, halb ernst, halb lächelnd ihre dunklen Augen zu dem Jüngling erhebend. »Wie sollt' ich!« antwortete dieser. »Ich habe Dich von dem Rosenstrauche gepflückt und halte Dich fest, bis Du mir, statt Deiner, Deine Schwester dort an Deinem Busen zum Andenken mitgibst in meine ferne Heimath.« »Bitte, laß mich los,« wiederholte Sappho. »Ehe Du meine Hand nicht frei gibst, geh' ich auf gar keine Verhandlungen ein.« »Wirst Du aber auch nicht wieder fortlaufen, wenn ich Deinen Wunsch erfülle?« »Gewiß nicht!« »Nun, so schenke ich Dir die Freiheit; aber jetzt mußt Du mir auch Deine Rose geben!« »Dort drüben am Strauche sind weit schönere. Pflücke Dir eine; was willst Du gerade mit dieser hier?« »Sie als Erinnerung an die schönste Jungfrau, welche ich jemals gesehen habe, sorglich bewahren.« »Nun geb' ich Dir die Rose gar nicht, – denn wer mir sagt, ich sei schön, der meint es schlecht mit mir; – wer mir aber sagt, ich sei gut, der will mir wohl!« »Wer hat Dich das gelehrt?« »Meine Großmutter, Rhodopis.« »Wohl denn, so sage ich Dir, Du bist das beste Mädchen auf der ganzen Welt.« »Wie magst Du solche Dinge reden, da Du mich doch gar nicht kennst! O, ich bin manchmal recht böse und ungehorsam! Wär' ich brav, so würd' ich jetzt, statt mit Dir zu plaudern, in unser Haus zurückgehen, wie sich's ziemt. Die Großmutter hat mir streng verboten, im Garten zu bleiben, wenn Fremde da sind, und ich mache mir auch nichts aus den vielen Männern, die stets von Dingen reden, die ich nicht verstehe.« »So wünschtest Du wohl auch, daß ich mich wieder entfernte?« »Ach nein, Dich verstehe ich ja ganz gut, wenn Du auch lange nicht so schön zu reden weißt, wie zum Beispiel Ibykus oder der arme Phanes, der gestern, wie ich erst vorhin von Melitta hörte, so jämmerlich fliehen mußte.« »Hattest Du ihn lieb?« »Lieb? – O ja, – ich mochte ihn sehr gerne leiden. Als ich kleiner war, brachte er mir immer Bälle, Gliederpuppen und Kegelspiele (Anm. 190) Gliedermann und Puppen für Kinder. Wilkinson II. 427. Anmerkung 149 [ Anmerkung 153 ]. Im Museum zu Leyden befindet sich ein sehr wohlerhaltener Gliedermann. aus Sais und Memphis mit; seitdem ich aber groß bin, lehrt er mich schöne, neue Lieder, und zum Abschiede hat er mir ein ganz kleines sicilisches Schooßhündchen (Anm. 191) Sicilische Schooßhündchen waren im Alterthum berühmt und scheinen zuerst von den üppigen Sybariten gehalten worden zu sein. mitgebracht, das ich Argos (Anm. 192) Also hieß auch der treue Hund des Odysseus. nennen will, weil es so weiß und schnellfüßig ist; in wenigen Tagen aber werden wir noch ein anderes Geschenk von dem guten Phanes bekommen, denn . . . Siehst Du wohl, so bin ich! Da hätte ich beinahe ein großes Geheimniß ausgeplaudert. Die Großmutter hat mir streng verboten, irgend Jemanden zu erzählen, was für liebe kleine Gäste wir erwarten; aber mir ist, als wären wir schon lange mit einander bekannt, und Deine Augen sind so gut, daß ich Dir gerne Alles sagen möchte. Siehst Du wohl, ich habe außer Großmutter und der alten Melitta gar keinen Menschen auf der ganzen Welt, dem ich anvertrauen könnte, was mich freut; – und, ich weiß selber nicht, woher es kommt, – aber manchmal begreifen die Beiden, so lieb sie mich haben, gar nicht, wie dieses oder jenes Schöne mir so große Freude machen kann.« »Das kommt daher, weil sie alt sind und das Jauchzen eines jungen Herzens nicht mehr verstehen können. Aber hast Du denn gar keine Gespielin, keine Altersgenossin, die Du liebst?« »Keine einzige. Es gibt wohl manches Mädchen außer mir in Naukratis; die Großmutter sagt aber, ich dürfe ihren Umgang nicht suchen, und weil sie nicht zu uns kommen wollten, sollte ich nicht zu ihnen gehen.« »Armes Kind, wenn Du in Persien wärest, so könnt' ich Dir bald eine Freundin schaffen. Ich hab' eine Schwester, Atossa heißt sie, die jung und schön und gut ist wie Du.« »Ach, wie schade ist es, daß sie Dich nicht begleitet hat. – Aber jetzt mußt Du mir auch sagen, wie ich Dich nennen soll.« »Ich heiße Bartja.« »Bartja? Ein seltsames Wort; Bartja – Bartja. Weißt Du, daß mir der Name gut gefällt? Wie hieß doch der gute Sohn des Krösus, der unseren Phanes so edelmüthig rettete?« »Gyges nennt man ihn. Darius, Zopyrus und er sind meine besten Freunde. Wir haben einander geschworen, uns niemals zu trennen, und Einer für den Andern Blut und Leben zu opfern (Anm. 193) Heute noch schließen die Perser feierliche Freundschaftsbündnisse, und zwar am sogenannten Feste der Nachfolge. »Zwei Perser, die auf Lebenszeit mit einander Freundschaft schließen wollen, gehen zum Mollah, bezeugen vor demselben ihre Absicht und lassen sich als brader hâ oder ›Brüder‹ feierlich einsegnen.« Brugsch, Reise nach Persien. I. S. 260. . So bin ich denn heut in aller Frühe, trotz ihrer flehenden Bitten, heimlich hierhergeeilt, um meinem Gyges beizustehen, im Fall er der Hülfe bedürfen sollte.« »Du bist aber umsonst geritten.« »Nein, beim Mithra, das bin ich nicht, denn ich habe Dich auf diesem Ritte gefunden. Nun aber mußt Du mir auch sagen, wie Du heißt?« »Man nennt mich Sappho!« »Ein schöner Name. Bist Du verwandt mit der Dichterin, von welcher mir Gyges so schöne Lieder vorgesungen hat?« »Freilich; die zehnte Muse oder der lesbische Schwan, wie sie die ältere Sappho nennen, war die Schwester meines Großvaters Charaxus. – Dein Freund Gyges ist wohl des Griechischen mächtiger als Du?« »Von der Wiege an hat er neben der lydischen die hellenische Sprache gelernt und spricht beide gleich geläufig. Auch des Persischen ist er vollkommen mächtig; und, was mehr sagen will, er hat sich auch alle Tugenden der Perser zu eigen gemacht!« »Welche haltet ihr denn für die höchsten Tugenden?« »Wahrhaftigkeit S. Anmerkung 142 . ist die erste von allen, die zweite nennen wir Tapferkeit, die dritte Gehorsam. Diese drei, vereint mit der Ehrfurcht vor den Göttern, haben uns Perser groß gemacht.« »Aber ich denke, daß ihr keine Götter kennt?« »Thörichtes Kind! Wer könnte ohne Götter, wer möchte ohne einen höheren Lenker bestehen? Freilich lassen wir die Himmlischen nicht wie ihr in Häusern und Bildern wohnen, denn ihre Wohnung ist Alles, was geschaffen ist. Die Gottheit, welche überall sein und Jedes hören und sehen muß, läßt sich nicht in Mauern verschließen (Anm. 194) Herod. I. 131 u. 132 und aus vielen anderen Quellen ersehen wir, daß die Perser zur Zeit der Achämeniden keine Tempel und Götterbilder besaßen. Das böse und gute Prinzip, Auramazda und Angramainjus, waren unsichtbare Wesen, welche mit einem zahllosen Gefolge von guten und bösen Geistern alles Geschaffene erfüllten. Die ewige Zeit schuf Feuer und Wasser. Hieraus entstand Ormusd (Auramazda), der gute Geist. Dieser war lichtglänzend, rein, dem Guten ergeben. Nachdem er in 12,000 Jahren Himmel, Paradies und Sterne geschaffen hatte, sah er den bösen Geist, Ahriman (Angramainjus), welcher schwarz, unrein, übelriechend und bösartig war. Ormusd beschloß, Ahriman zu vernichten. Ein großer Kampf begann, in welchem der Böse unterlag, um 3000 Jahre lang ohnmächtig vor Schrecken dazuliegen. Während dieser Zeit schuf Ormusd den Himmel, das Wasser, die Erde, die guten Gewächse, den Stier und das erste Menschenpaar in einem Jahre. Hierauf brach Ahriman wieder hervor und wurde bezwungen, aber nicht getödtet, weil sich nach dem Tode die Elemente, Feuer, Wasser, Luft und Erde, aus denen alles Lebende besteht, mit den Urelementen vereinigen und sich am Auferstehungstage das Auseinandergerissene wieder zusammenfügt. Nichts geht zum Nichtsein zurück; Alles vereint sich nur mit seinen Urbestandtheilen. Man hätte Ahriman nur tödten können, wenn sich seine Unreinheit in Reinheit, seine Finsterniß in Licht verwandelt haben würde. – So lebte das Böse fort, um, sobald der gute Geist etwas Gutes und Reines schuf, etwas Böses und Unreines zu erschaffen. Dieser Kampf wird fortdauern bis zum jüngsten Tage. Dann wird Ahriman rein und heilig sein, weil die Diws oder Daewa (bösen Geister) nach und nach all' sein Böses aufgenommen haben und am jüngsten Tage nicht mehr sein werden. Mit der Strafe jedes Menschen nach dem Tode sollen nämlich die Diws, welche in ihm wohnten und Theile Ahriman's waren, vernichtet werden. Nach Ulmai Islam bei Bullers und der Zend-Avesta. .« »Wo aber betet und opfert ihr denn, wenn ihr keine Tempel habt?« »Auf dem größesten aller Altäre: in der freien Natur; am liebsten auf dem Gipfel der Berge (Anm. 195) Heute noch stehen auf den Bergen die Feueraltäre der Parsen. Diese letzteren dürfen immer beten, sobald sich Feuer und Wasser in ihrer Nähe befindet. Spiegel, Avesta. Einleitung LI. Auch nach Herod. I. 132 opferten die Perser in der freien Natur. . Dort sind wir unserem Mithra, der großen Sonne, und Auramazda, dem reinen schaffenden Lichte, am nächsten; da dunkelt es zuletzt und wird es am frühesten hell. Nur das Licht ist rein und gut; die Finsterniß schwarz und böse. Ja, Mädchen, auf den Bergen ist uns die Gottheit am nächsten; dort weilt sie am liebsten. Hast Du einmal auf der waldigen Spitze eines Hochgebirgs gestanden und Dich im feierlichen Schweigen der Natur vom schaurig leisen Wehen des Odems der Gottheit umkreisen lassen? Hast Du Dich jemals im grünen Walde, an reinen Quellen, unter freiem Himmel, niedergeworfen und auf die Stimme des Gottes gelauscht, welche aus allen Blättern redet und aus allen Wassern spricht? Hast Du je gesehen, wie die Flamme sich unwiderstehlich hinaufschwingt zu ihrem Vater, der Sonne, und das Gebet, im himmelansteigenden Rauche, dem großen strahlenden Schöpfer entgegenträgt? – Du hörst mir verwundert zu; aber, Mädchen, ich sage Dir, Du würdest mit mir niederknieen und anbeten, wenn ich Dich zu einem Altar auf der Spitze des Hochgebirges führen wollte!« »O, daß ich mit Dir könnte! O, daß ich einmal von einem Berge hinunterschauen dürfte auf alle Thäler und Flüsse und Wälder und Wiesen! Ich glaube, daß ich mich da oben, wo sich nichts meinen Blicken verbergen könnte, fühlen würde, als sei ich selbst eine Alles schauende Gottheit. – Aber, was war das? – Die Großmutter ruft; ich muß gehen!« »O, verlaß mich noch nicht!« »Gehorsam ist auch eine persische Tugend!« »Und meine Rose?« »Hier hast Du sie.« »Wirst Du Dich meiner erinnern?« »Wie sollt' ich nicht?« »Liebes Mädchen, verzeih mir, wenn ich Dich um eine zweite Gunst ersuche.« »Schnell, schnell, die Großmutter ruft wieder!« »Nimm diesen Stern von Diamanten zum Andenken an diese Stunde.« »Ich darf nicht!« »O bitte, bitte, nimm ihn an! Mein Vater gab ihn mir zum Lohn, als ich den ersten Bären mit eigener Hand erlegt (Anm. 196) Die Könige pflegten mit derartigen Geschenken edle Thaten ihrer Unterthanen zu belohnen. Herod. III. 130. VIII. 118. Plutarch, Artaxerxes 10. 14. Xenoph. Anab. I. 2. Ehrenkleid. Xenoph. Cyrop. VIII. 3. S. III. Th. A. 187 . ; er war bisher mein Liebstes; jetzt sollst Du ihn haben, denn jetzt kenne ich nichts Lieberes als Dich!« Der Jüngling nahm die Kette mit dem Sterne von seiner Brust, und wollte sie dem Mädchen an den Hals hängen. Sappho sträubte sich, die kostbare Gabe anzunehmen; Bartja aber schlang seinen Arm um sie her, küßte ihre Stirn, nannte sie seine einzige Geliebte, legte mit freundlicher Gewalt den Schmuck um ihren Hals und schaute tief in die dunklen Augen des zitternden Kindes. Rhodopis rief zum dritten Male. Sappho entzog sich den Armen des Königssohnes und wollte fliehen; aber sie wandte sich nochmals auf den flehenden Ruf des Jünglings um und antwortete auf dessen Frage: »Wann darf ich Dich wiedersehen?« mit leiser Stimme: »Morgen früh bei jenem Rosenbusche!« »Der Dich als mein Bundesgenosse festhielt.« Sappho eilte dem Hause zu. Rhodopis empfing Bartja und theilte ihm von dem Geschicke seines Freundes mit, was sie wußte. Der junge Perser ritt sogleich nach Sais zurück. Als die Greisin an diesem Abende, wie immer, an das Bett ihrer Enkelin trat, fand sie dieselbe nicht mehr kindlich schlummernd wie sonst, denn ihre Lippen bewegten sich, und, wie von neckischen Träumen gequält, seufzte die Schläferin tief und schmerzlich. Bartja traf auf dem Heimwege von Naukratis nach Sais mit seinen Freunden Darius und Zopyrus zusammen, welche ihm, sobald sie seine heimliche Entfernung bemerkt hatten, gefolgt waren. Sie ahnten nicht, daß Bartja, statt der gefürchteten Kämpfe und Gefahren, sein erstes Liebesglück geerntet habe. Kurze Zeit vor den drei Freunden traf Krösus zu Sais ein. Er begab sich sofort zum Könige und erzählte diesem ohne Rückhalt, der Wahrheit gemäß, was sich am letzten Abende zugetragen hatte. Amasis zeigte sich sehr verwundert über das Benehmen seines Sohnes, versicherte seinen Freund, daß Gyges sofort auf freien Fuß gestellt werden sollte, und erging sich in Spottreden und scherzhaften Bemerkungen über die fehlgeschlagene Rache des Psamtik. Als ihn Krösus kaum verlassen hatte, ließ sich der Thronerbe melden. Zehntes Kapitel. Amasis empfing seinen Sohn mit einem schallenden Gelächter und rief, nicht achtend auf sein bleiches und verstörtes Antlitz: »Hab' ich Dir's nicht gleich gesagt, daß es für einen schlichten Aegypter keine leichte Arbeit sei, den feinsten hellenischen Fuchs zu fangen? Ich gäbe zehn Städte meines Reiches darum, hätte ich dabei sein können, wie Du in dem vermeinten schnellzüngigen Athener den stotternden Lyder erkanntest!« Psamtik wurde immer bleicher. Er zitterte vor Zorn und erwiederte mit gepreßter Stimme: »Es ist nicht schön, mein Vater, daß dieser Deinem Sohne angethane Schimpf Dich erfreut. Wäre es nicht um Kambyses willen, so hätte der unverschämte Lyder, bei den ewigen Göttern, heute zum letzten Male das Licht der Sonne gesehen! Aber was kümmert's Dich, wenn ich, Dein Sohn, zur Zielscheibe des Spottes dieses griechischen Bettlerpacks werde!« »Schmähe nicht diejenigen, welche Dir bewiesen haben, daß sie klüger sind wie Du.« »Klüger – klüger? – Mein Plan war so fein und kunstvoll angelegt, daß . . .« »Die feinsten Gewebe zerreißen am leichtesten.« »Daß mir der hellenische Ränkeschmied nicht entgehen konnte, wenn sich nicht, gegen jedes Herkommen, der Gesandte einer fremden Macht zum Retter jenes von uns zum Tode Verurteilten aufgeworfen hätte.« »Du irrst, mein Sohn! Hier ist von keiner Vollstreckung eines Richterspruches, sondern von dem Gelingen oder Mißglücken einer persönlichen Rache die Rede.« »Die Werkzeuge derselben waren aber die Beamten des Königs, und darum ist das Geringste, was ich zu meiner Genugthuung von Dir fordern muß, daß Du den König von Persien um die Bestrafung eines Mannes ersuchst, welcher sich unberufen in die Vollstreckung Deiner Befehle mischte. Solches Vergehen wird in Persien, wo sich vor dem Willen des Königs Alles wie vor der Gottheit beugt (Anm. 197) Näheres über die Stellung der Könige von Persien im zweiten Theile. , richtig beurtheilt werden. Kambyses ist uns eine Bestrafung des Gyges schuldig.« »Ich aber werde keineswegs eine solche beantragen, denn ich bekenne, daß ich mich über die Rettung des Phanes freue. Gyges hat meine Seele vor dem Vorwurf, unschuldiges Blut vergossen zu haben, bewahrt, und Dich verhindert, grausame Rache an einem Manne zu nehmen, dem Dein Vater verpflichtet ist.« »So willst Du Kambyses den ganzen Vorfall verschweigen?« »Nein! Ich werde ihm denselben in einem Briefe scherzhaft, wie das meine Art ist, darstellen und ihn zu gleicher Zeit vor Phanes warnen. Ich will ihn darauf vorbereiten, daß sich derselbe, unserer Rache mit knapper Noth entgangen, bemühen werde, die Macht der Perser gegen Aegypten aufzureizen, und meinen Schwiegersohn ersuchen, dem Verleumder sein Ohr zu verschließen. Die Freundschaft des Krösus und Gyges wird uns nützlicher, als der Haß des Phanes gefährlich sein.« »Ist das Dein letztes Wort? Willst Du mir keine Genugthuung verschaffen?« »Nein! Es bleibt bei dem, was ich gesagt habe.« »So zittre nicht allein vor Phanes, sondern vor einem Zweiten, den wir in unseren und der Dich in seinen Händen hält!« »Du willst mir drohen, willst das gestern geknüpfte Band wieder zerreißen? Psamtik, Psamtik, ich rathe Dir zu bedenken, daß Du vor Deinem Könige, Deinem Vaters stehst!« »Du aber erinnere Dich daran, daß ich Dein Sohn bin; – denn wenn Du mich wiederum zwingst zu vergessen, daß Dich die Götter zu meinem Erzeuger gemacht haben und ich keine Hülfe von Dir erwarten darf, so werde ich mit eigenen Waffen zu kämpfen wissen!« »Ich wäre neugierig, dieselben kennen zu lernen!« »Ich brauche sie nicht vor Dir zu verbergen. Erfahre denn, daß ich und meine Freunde, die Priester, den Augenarzt Nebenchari in unserer Hand halten!« Amasis erbleichte. »Ehe Du ahnen konntest, daß Kambyses um Deine Tochter freien werde, schicktest Du diesen Mann, um einen Mitwisser der Herkunft meiner sogenannten Schwester Nitetis aus Aegypten zu entfernen, nach dem entlegenen Persien. Dort weilt er noch und wird auf den leisesten Wink der Priesterschaft dem betrogenen Könige mittheilen, daß Du ihm, statt des eigenen, die Tochter Deines entthronten Vorgängers Hophra zu übersenden wagtest. Alle Papiere des Arztes sind in unserem Besitze; das wichtigste unter ihnen, ein eigenhändiger Brief von Dir, verspricht seinem Vater, dem Geburtshelfer (Anm. 198) Gewöhnlich scheinen, wie noch heute in Aegypten, Hebammen den Gebärerinnen zur Seite gestanden zu haben. Exodus I. 15 werden zwei Hebammen genannt, die Siphra und Pua. Den gebärenden Königinnen assistirten außerdem, wie in unseren Mährchen, gute Feen, Göttinnen; gewöhnlich die Hathoren. , tausend goldene Ringe, wenn er selbst den Priestern verheimlichen wolle, daß Nitetis einem andern, als Deinem Hause entstamme.« »Wer besitzt diese Papiere?« fragte Amasis mit eisiger Stimme. »Die Priesterschaft.« »Und diese redet aus Deinem Munde?« »Du sagst es.« »Wiederhole denn, was Du begehrst.« »Ersuche Kambyses um die Bestrafung des Gyges und gib mir freie Vollmacht, den entkommenen Phanes nach meinem Gutdünken zu verfolgen.« »Ist das Alles?« »Leiste den Priestern einen Eid, daß Du von jetzt an den Hellenen neue Tempel ihrer Lügengötter in Aegypten aufzurichten verwehren und befehlen willst, daß man den Bau des Apollo-Heiligthums zu Memphis einstelle.« »Ich erwartete dergleichen Forderungen; hat man doch eine scharfe Waffe gegen mich erfunden. Ich bin bereit, den Wünschen meiner Feinde, zu denen Du Dich gesellt hast, nachzugeben: aber auch ich muß zwei Bedingungen stellen. Erstens verlange ich den besagten Brief, welchen ich allerdings an den Vater des Nebenchari unvorsichtiger Weise geschrieben habe, zurück. Ließe ich euch denselben, so wäre ich sicher, statt euer König zu bleiben, der erbärmlichste Sklave elender Priesterränke zu werden.« »Dein Wunsch ist billig; Du sollst das Schreiben erhalten, wenn –« »Kein zweites Wenn! Höre vielmehr, daß ich Deinen Wunsch, Kambyses um die Bestrafung des Gyges zu bitten, für so unklug halte, daß ich ihn nicht erfüllen werde. Jetzt verlaß mich und tritt mir nicht eher vor Augen, als bis ich Dich rufen lasse. Gestern hatte ich einen Sohn gewonnen, um ihn heute wieder zu verlieren. Steh auf! Ich verlange keine Zeichen einer Demuth und Liebe, welche Du niemals gekannt hast. Bedarfst Du eines Trostes, eines Rathes, so wende Dich an die Priester und sieh', ob sie Dir den Vater ersetzen werden. Sage Neithotep, in dessen Händen Du weiches Wachs bist, er habe das rechte Mittel gefunden, mir Dinge abzutrotzen, die ich ihm sonst versagt haben würde. Um Aegypten groß zu erhalten, war ich bisher zu jedem persönlichen Opfer bereit; nun ich aber sehe, daß die Priesterschaft sich nicht scheut, mir mit dem Verrathe des Vaterlandes zu drohen, um ihre eigenen Zwecke zu erreichen, könnt' ich mich leicht bewogen fühlen, die bevorzugte Kaste für gefährlichere Feinde meines Reiches zu halten, als selbst die Perser. Hütet euch, hütet euch! Dießmal gebe ich den Ränken meiner Feinde nach, denn ich selbst habe durch väterliche Schwäche eine Gefahr über Aegypten heraufbeschworen; in Zukunft aber will ich, bei der großen Neith, meiner Herrin, handgreiflich beweisen, daß ich König bin und eher die ganze Priesterschaft als den kleinsten Bruchtheil meines Willens opfern mag. Schweig – und verlaß mich!« Der Thronerbe entfernte sich; der König aber bedurfte diesmal langer Zeit, um scheinbar fröhlich vor die Gäste seines Hauses treten zu können. Psamtik begab sich sogleich zum Oberbefehlshaber der einheimischen Truppen und befahl ihm, das ungeschickte Werkzeug seiner vereitelten Rache, den ägyptischen Hauptmann, in die Steinbrüche (Anm. 199) Eine gewöhnliche, furchtbare Strafe für schwere Verbrecher. Diod. I. 78. III. 12–14. Näheres im Text des dritten Theils und daselbst Anmerk. 107 . der Thebais zu verbannen; die äthiopischen Krieger aber in ihre Heimath zurückzusenden. Dann eilte er zum Oberpriester der Neith, um ihm mitzutheilen, was er von dem Könige erzwungen habe. Neithotep schüttelte bedenklich das kluge Haupt über die drohenden Worte des Amasis, und verabschiedete den Thronerben nach einer kurzen Reihe von Ermahnungen, ohne welche er ihn niemals von sich zu lassen pflegte. Psamtik begab sich in seine Wohnung. Seine fehlgeschlagene Rache, der neue unheilvolle Bruch mit seinem Vater, die Furcht vor dem Spotte der Fremden, das Gefühl seiner Abhängigkeit von dem Willen der Priester, der Glaube an ein finsteres Geschick, welches von Geburt an über seinem Haupte schwebe, bedrückten sein Herz und umnebelten seinen Geist. Von einer schönen Gattin und fünf blühenden Kindern war ihm Nichts geblieben, als eine Tochter und ein kleiner Knabe, den er innig liebte. Zu diesem zog es ihn jetzt, bei diesem hoffte er Trost und neuen Lebensmuth zu finden. Das blaue Auge und der lachende Mund seines Sohnes waren die einzigen Dinge, welche das frostige Herz dieses Mannes erwärmen konnten. »Wo ist mein Sohn?« fragte er den ersten Höfling, welcher ihm in den Weg trat. »So eben hat der König den Prinzen Necho mit seiner Wärterin holen lassen,« antwortete der Diener. Der Haushofmeister des Thronerben näherte sich jetzt demselben und reichte ihm einen versiegelten, auf Papyrus geschriebenen Brief, indem er, sich tief verneigend, sagte. »Von Deinem Vater, dem Könige!« Psamtik erbrach in zorniger Hast das gelbe Wachs des Siegels, welches das Namensschild des Königs trug (Anm. 200) Siegelringe wurden schon in sehr früher Zeit von den Aegyptern getragen. So übergibt im 1. Buch Mose's 41. 42 der Pharao dem Joseph seinen Ring. Im berliner und in allen anderen ägyptischen Museen finden sich viele solche Reifen, welche zum Theil mehr als vier Jahrtausende alt sind. Wilkinson gibt die Bilder einer Reihe von Siegelringen III. S. 374. Bei Lepsius, Denkmäler X. Taf. 42, die Abbildung des Ferlini'schen Fundes, der, aus Nubien stammend, in Berlin aufbewahrt wird. Der betreffende Schatz, 1830 entdeckt, hat schon jetzt an seinem Fundorte zu einer Sage Anlaß gegeben. Auch an vielen Mumienhänden sind Ringe gefunden worden, von denen wir einige besitzen. , und las: »Ich habe Deinen Sohn zu mir kommen lassen, damit er nicht wie Du zum blinden Werkzeuge der Priester heranwachsen und vergessen möge, was er sich selbst und seinem Vaterlande schuldig sei. Ich werde für seine Erziehung Sorge tragen, denn die Eindrücke der Kindheit sind nachwirkend auf das ganze spätere Leben. Willst Du Necho sehen, so habe ich nichts dagegen; doch mußt Du mich vorher von Deinem Wunsche benachrichtigen lassen.« Der Thronerbe biß sich die Lippen blutig, um seinen Zorn den ringsumher stehenden Dienern zu verbergen. Der Wunsch seines Vaters und Königs war nach ägyptischer Sitte eben so bindend wie der strengste Befehl. Einige Augenblicke sann er schweigend nach; dann rief er nach Jägern, Hunden, Bogen und Lanzen, schwang sich auf einen leichten Wagen und ließ sich von seinem Rosselenker in das westlich gelegene Marschland fahren, um dort, die Geschöpfe der Wildniß mit Meute und Geschoß verfolgend (Anm. 201) Die ägyptischen Könige und Großen scheinen dem edlen Waidwerke hold gewesen zu sein. Außer Hunden von verschiedenen Rassen richtete man auch wilde Thiere, wie Pardel und Löwen, zum Jagen ab. Wilkinson III. 16. Eine schöne Löwenjagd findet sich bei Rosellini, Mon. stor. II. Taf. 129. Der Pharao hat einen Löwen erlegt, welcher, von Pfeilen durchbohrt, neben ihm verendet. Ein angeschossener Leu entflieht in das Schilf. – Jagdhunde verschiedener Arten bei Wilkinson III. 32. Jagden auf Gazellen, Steinböcke und andere grasfressende Thiere ebendaselbst III. 22. Rosellini, Mon. civ. Taf. 15–18. Jagd auf Geflügel mit Schlagnetz und Bumerang. Wilkinson III. 38. 39. 41. 42. Lepsius, Denkm. Abth. II. Taf. 131 u. 132. Jagdszenen aus Benihassan. Auf einem der sogenannten Hochzeitsskarabäen (18. Dynastie) lesen wir, daß der König mit eigener Hand 110 Löwen erlegte. , zu vergessen, was sein Herz bedrückte, und statt an seinem entronnenen Feinde an den Thieren seinen Zorn zu kühlen. Gyges war gleich nach der Unterredung seines Vaters mit Amasis freigelassen und von den Genossen mit lautem Jubel empfangen worden. Der Pharao schien die Gefangennahme des Sohnes seines Freundes durch doppelte Güte wieder gut machen zu wollen, denn er beschenkte ihn noch am selbigen Tage mit einem kostbaren Wagen, welchen zwei edle braune Rosse (Anm. 202) Siehe Anmerkung 30 . Ganz besonders schöne, reichgeschirrte Rosse finden sich auf den Denkmälern zu Theben. Siehe z. B. Rosellini, Mon. stor. Taf. 78. Lepsius, Denkm. III. 126 fgd. Herrliche Pferde aus dem modernen Aegypten sind dargestellt in Ebers, Aegypten in Bild und Wort I. S. 241. zogen, und bat ihn, ein kunstreiches Damenspiel Siehe Anmerkung 152 . zum Andenken an Sais mit nach Persien zu nehmen. Die Steine dieses Spieles bestanden aus Elfenbein und Ebenholz. In einigen derselben waren Sinnsprüche mit Hieroglyphenzeichen von Gold und Silber eingelegt. Amasis lachte viel mit seinen Gästen über die List des Gyges, ließ die jungen Helden ungezwungen mit seiner Familie verkehren und behandelte sie ganz wie ein heiterer Vater seine munteren Söhne. Nur bei den Mahlzeiten bewies er, daß der Aegypter in ihm sein Recht fordere, denn die Perser mußten an einem besonderen Tische essen. Er würde sich nach dem Glauben seiner Väter verunreinigt haben, wenn er mit den Fremden an einer Tafel seine Mahlzeit eingenommen hätte (Anm. 203) Herod. II. 41 erzählt, daß die Aegypter keinen Fremden küssen, noch aus einem Topfe mit ihm essen mochten, ja, daß sie nicht einmal das Fleisch anrührten, welches mit dem Messer eines Griechen zerlegt worden war. Auf der Stele des Pianchi dürfen die kleinen Dynasten des Delta die Schwelle des Pharao nicht überschreiten, weil sie unrein waren und Fische aßen. In der Genesis müssen die Brüder des Joseph gesondert von den Aegyptern speisen. . Als Amasis endlich drei Tage nach der Freilassung des Gyges erklärte, daß seine Tochter Nitetis in zwei Wochen zur Abreise nach Asien bereit sein werde, so bedauerten alle Perser, nicht länger in Aegypten bleiben zu dürfen. Krösus gefiel sich im Umgange mit dem samischen Dichter und Bildhauer. Gyges theilte die Vorliebe seines Vaters für die hellenischen Künstler. Darius, welcher sich schon zu Babylon mit Sternkunde beschäftigt hatte (Anm. 204) Die Chaldäer zu Babylon waren, nach den Aegyptern, die ersten Sternkundigen. Aristoteles de coelo II. 12 . Daß dieselben sich schon astronomischer Tafeln bedient haben, behauptet Chasles in den Comptes rendues de l'acad. des Sciences T. XXIII. 1846. p. 852–854 . Nach Herodot war Darius den Aegyptern wohl gewogen und wußte ihre Weisheit hoch zu achten. , war eines Abends, als er den Himmel beobachtete, unerklärlicher Weise von dem greisen Oberpriester der Neith angeredet und eingeladen worden, ihm auf den höchsten Pylon, der Hauptsternwarte des Tempels zu folgen. Der wißbegierige Jüngling hatte sich das nicht zweimal sagen lassen, und sammelte allnächtlich, den Lehren des Greises lauschend, neue Kenntnisse. Psamtik traf einst den Fremden bei seinem Meister und fragte Neithotep, als sich Darius entfernte, wie er dazu komme, diesen Perser in ägyptische Geheimnisse einzuweihen? »Ich lehre ihn,« antwortete der Oberpriester, »Dinge, welche jeder gelehrte Chaldäer zu Babylon eben so gut weiß wie wir, und mache uns dadurch einen Mann zum Freunde, dessen Gestirne die des Kambyses überstrahlen wie die Sonne den Mond. – Dieser Darius, sage ich Dir, wird einstmals ein mächtiger Herrscher werden; ja ich habe seinen Planeten selbst über Aegypten leuchten sehen. Dem Weisen ziemt es, nicht allein in der Gegenwart zu verweilen, sondern auch in die Zukunft zu schauen, nicht nur seinen Weg, sondern auch dessen Umgebungen zu betrachten. Kommst Du an einem Hause vorbei, so weißt Du nicht, ob Dir in ihm kein Wohlthäter für die Zukunft auferzogen wird. Laß nichts unbeachtet, was an Deinem Pfade steht; vor Allem aber blicke hinauf zu den Sternen. Wie der Hund des Nachts sonder Schlaf auf die Diebe lauert, so wache ich seit fünfzig Jahren auf die Wanderer am Himmel, die ewigen im Aether glühenden Verkünder des Schicksals, welche dem Menschen Morgen und Abend, Sommer und Winter, aber auch Glück und Unglück, Ruhm und Schande vorausbestimmen. Sie, die Untrüglichen, haben mir in Darius eine Pflanze gezeigt, welche zum großen Baum erwachsen wird.« Bartja waren diese nächtlichen Lehrstunden seines Freundes willkommen, denn sie veranlagen denselben, länger als gewöhnlich zu schlafen und erleichterten ihm also seine heimlichen Morgenritte nach Naukratis, auf welchen ihn Zopyrus, den er zu seinem Vertrauten gemacht hatte, zu begleiten pflegte. Während er selbst bei Sappho verweilte, bemühte sich sein Freund und seine Dienerschaft, einige Springhasen, Schnepfen, Pelikane oder Schakale zu erlegen. Die Heimgekehrten behaupteten dann, dem Mentor Krösus gegenüber, sich auf ihren Ausflügen der Lieblingsbeschäftigung vornehmer Perser, dem edlen Waidwerk, ergeben zu haben. Niemand bemerkte die Veränderung, welche in dem innersten Wesen des Königssohnes durch die Macht der ersten Liebe vor sich ging, außer Tachot, der Tochter des Amasis. Diese hegte seit dem ersten Tage, an welchem Bartja zu ihr geredet hatte, eine glühende Leidenschaft für den schönen Jüngling. Mit den zarten Fühlfäden der Liebe erkannte sie schnell, daß sich etwas Fremdes zwischen sie und ihn gestellt haben müsse. Wenn Bartja ihr früher gleich einem Bruder begegnet war, und ihre Nähe gesucht hatte, so vermied er jetzt sorgfältig, ihr vertraulich zu nahen. Er ahnte ihr Geheimniß und meinte, wenn er sie nur freundlich ansähe, ein Verbrechen an seiner Liebe für Sappho zu begehen. Die arme Königstochter grämte sich über die Kälte des Jünglings und machte Nitetis zu ihrer Vertrauten. Diese ermuthigte sie und baute Luftschlösser mit ihr. – Die beiden Jungfrauen malten sich aus, wie herrlich es sein würde, wenn sie, an zwei fürstliche Brüder vermählt, ohne sich von einander trennen zu brauchen, an einem Hofe leben dürften. – Aber Tag auf Tag verstrich, und der schöne Königssohn zeigte sich dem Mädchen immer seltener, und wenn er kam, so verkehrte er mit Tachot kühl und förmlich. Trotzdem mußte sich die Arme sagen, daß Bartja während seines Aufenthalts in Aegypten schöner und männlicher geworden sei. Ein stolzes und dennoch mildes Selbstbewußtsein strahlte jetzt aus seinen großen Augen, und statt des früheren jugendlichen Uebermuthes breitete sich nicht selten eine eigentümlich träumerische Ruhe über sein ganzes Wesen. Die rosigen Wangen hatten an Farbe verloren; aber das kleidete ihn gut, viel besser als sie, die, gleich ihm, von Tag zu Tag bleicher wurde. Melitta, die alte Sklavin der Rhodopis, war zur Beschützerin der Liebenden geworden. Sie hatte Bartja und Sappho eines Morgens überrascht, war aber von dem Königssohne so reichlich beschenkt, von seiner Schönheit so vollkommen bezaubert, von ihrem Herzblatte so innig gebeten und so süß umschmeichelt worden, daß sie versprach, ihrer Herrin gegenüber reinen Mund zu halten, und endlich, dem Triebe alter Frauen, junge Liebespaare zu begünstigen, folgend, den Zusammenkünften der Beiden alle nur denkbare Hülfe angedeihen ließ. Die Alte sah schon ihr »süßes Töchterchen« als Beherrscherin der halben Welt, nannte sie, wenn sie mit ihr allein war, »Fürstin« und »Königin«, und erblickte sich selbst in mancher schwachen Stunde als reichgeschmückte Würdenträgerin am persischen Hofe. Elftes Kapitel. Drei Tage vor der zur Abreise der Nitetis bestimmten Zeit hatte Rhodopis eine große Anzahl von Gästen, unter denen sich Krösus und Gyges befanden, nach Naukratis geladen. Während des Gastmahls sollten sich, von der Nacht und der Sklavin beschützt, die beiden Liebenden im Garten treffen. Als Melitta sich überzeugt hatte, daß die Tischgespräche im besten Gange waren, öffnete sie die Pforte, ließ den Königssohn in den Garten treten und führte ihm das liebende Mädchen entgegen. Dann entfernte sie sich, um die Beiden durch Händeklatschen vor jedem unberufenen Lauscher zu warnen. »Nur noch drei Tage lang werde ich Dich in meiner Nähe wissen,« flüsterte Sappho. »Weißt Du, manchmal kommt mir's vor, als hätt' ich Dich gestern zum ersten Male gesehen; gewöhnlich mein' ich aber, daß Du mir schon eine Ewigkeit gehörtest und ich Dich lieb gehabt hätte, so lang ich lebe!« »Auch ich glaube immer, daß ich Dich, so lang ich lebe, besitze; denn ich kann mir nicht vorstellen, daß ich einmal gelebt haben soll ohne Dich.« »Wäre die Trennungszeit nur erst vorüber!« »O, glaube mir, sie vergeht schneller wie Du meinst. Das Warten wird uns freilich lang, sehr lang vorkommen; wenn wir aber wieder beisammen sind, so denk' ich, daß es uns sein muß, als hätten wir uns erst eben Lebewohl gesagt. Siehst Du, so ist's mir jeden Tag ergangen. Wie hab' ich mir den Morgen um Dich herbeigesehnt; wenn er aber da war, und Du an meiner Seite saßest, so glaubte ich, ich hätte Dich gar nicht von mir gelassen, und Deine Hand ruhte noch von gestern her auf meinem Haupte.« »Und dennoch überkommt mich eine mir sonst unbekannte Bangigkeit, wenn ich an die Scheidestunde denke.« »Ich fürchte mich nicht so sehr vor ihr. Freilich wird mein Herz bluten, wenn Du mir Lebewohl sagst; aber ich weiß, daß Du wiederkommen und mich nicht vergessen wirst. Melitta hat das Orakel befragen wollen, ob Du mir treu bleibst; – sie wollte auch zu einem alten Weibe gehen, das soeben aus Phrygien angekommen ist und bei Nacht aus gezogenen Stricken weissagen kann. Dazu braucht sie, der Reinigungen wegen, Weihrauch, Styrax, mondförmige Kuchen und Blätter von wilden Dornsträuchern (Anm. 205) Dieselben Orakel wollte Glycera befragen, als ihr Geliebter, der Tragiker Menander, von dem Könige Ptolemäus nach Aegypten berufen worden war. Der Brief derselben, Alciphr. II. Ep. 4. ist wahrscheinlich unecht, aber ebenso geistreich als liebenswürdig. Ich erinnere auch an das herrliche Gedicht von dem liebeskranken Mädchen im Theokrit. ; aber ich habe mir das Alles verbeten, denn mein Herz weiß ja besser als Pythia, Stricke und Opferrauch, daß Du mir treu bleiben und mich lieb behalten wirst.« »Und Dein Vertrauen betrügt Dich nicht!« »Aber ich bin doch nicht ganz ohne Bangigkeit gewesen. denn ich habe, wie die Mädchen zu thun pflegen, wohl hundertmal in ein Mohnblatt geblasen und darauf geschlagen. Wenn es knallte, dann jubelte ich: ›Er wird Dich nicht vergessen!‹ Wenn das Blättlein aber ohne jeden Laut zerriß, so wurde ich betrübt. – Doch es ließ fast immer den erwünschten Ton vernehmen, und ich durfte viel öfter fröhlich, als traurig sein (Anm. 206) Dieses Blumenorakel, welches unserem Zerpflücken von Akazienblättern und Maßliebchen glich, war im Alterthum nicht ungewöhnlich. Pollux IX. 27. Becker, Charikles I. 327. Noch im heutigen Hellas sollen die Mädchen dieses Orakel befragen. Bybilakis, Neugriechisches Leben; S. 20. .« »Und so soll es bleiben.« »Ja, so muß es bleiben! Sprich aber leiser, Liebster, damit uns Knakias, der dort zum Nile geht, um Wasser zu schöpfen, nicht bemerk.« »Ja ich will leise sprechen. So! Jetzt streich' ich Dir Dein seidenes Haar zurück und flüstre in Dein Ohr: ›Ich liebe Dich!‹ Hast Du's verstanden?« »Was man gerne hört, sagt mein Ahne, das versteht sich leicht; doch hättest Du mir eben auch in's Ohr gerufen: ›Ich hasse Dich!‹ so würde mir Dein Blick trotzdem mit tausend Stimmen zugejubelt haben, daß Du mich liebst. Des Auges stummer Mund ist viel beredter, als alle Zungen in der ganzen Welt.« »Könnt' ich nur, wie Du, die schöne Sprache der Hellenen reden, dann wollt' ich . . .« »O, ich freue mich, daß Du nicht besser sprichst; denn könntest Du mir Alles sagen, was Du fühlst, so würdest Du mir, mein' ich, weit weniger zärtlich in die Augen schauen. Was sind denn Worte? Hörst Du dort die Nachtigall? Der Rede Gabe ward ihr nicht zu Theil und dennoch glaub' ich, daß ich sie verstehe.« »Willst Du mir's anvertrauen? Ich möchte gern wissen, was Bülbül, wie die Perser die Nachtigall benennen, mit ihrem Liebsten, dort drüben in dem Rosenbusche, zu verhandeln hat. Darfst Du verrathen, was der Vogel spricht?« »Ich will Dir's leise sagen! Philomele singt dem Gatten zu: ›Ich liebe Dich!‹ Und seine Antwort lautet, höre nur: ›Itys, ito, itys‹ (Anm. 207) Also läßt Aeschylus die Nachtigall flöten. Die künstliche Deutung des ίτυς, ίτω ist eine Spielerei, welche wir unserer kindlichen Sappho wohl in den Mund legen durften. Ursprünglich hat der Itysruf der Nachtigall einen ganz anderen Sinn. Philomele klagte um den Itys, den Knaben, der, um sie an dem Tereus, seinem Vater, zu rächen, geschlachtet worden war. Prokne, die Tochter des Pandion von Athen, war die Gattin des Tereus von Daulis in Thracien. Beide hatten einen Sohn Itys. Einst sollte Tereus die Schwester seiner Gattin, Philomele, zu dieser geleiten. Unterwegs that er dem Mädchen Gewalt an, schnitt ihr, damit sie das Geschehene nicht verrathen möge, die Zunge aus und ließ sie im Walde zurück. Philomele wußte aber ihrer Schwester von dem ihr Zugefügten durch Zeichen, die sie in ein Gewand webte, Kunde zu geben. Prokne schlachtete nun ihren eigenen Sohn und setzte ihn dem Vater Tereus zur Speise vor. Dieser bemerkte zu spät, womit er sich gesättigt, eilte den fliehenden Schwestern nach und wurde auf deren Gebet mit ihnen verwandelt. Nach der ursprünglichen Fassung der Sage floh Prokne in die Wälder als Nachtigall und klagte ihrem geopferten Itys nach, Philomele ward zur Schwalbe, die wegen der ausgeschnittenen Zunge nur zwitschern und »Tereu« rufen konnte; Tereus selbst wurde zum Wiedehopf, welcher, auch in Bezug auf Itys, stets » pou? « wo? rufen mußte. Die in die Nachtigall verwandelte Schwester ward mit ganzer, die zur Schwalbe gewordene mit halber Schlaflosigkeit gestraft. Ob Prokne, ob Philomele in die Nachtigall verwandelt worden sei, darüber herrschen in den verschiedenen Mittheilungen verschiedene Ansichten. Ovid, der die Sage Metamorph. VI. 425 seq. auf's Anmuthigste wiedergibt, läßt die Frage unentschieden. Uebrigens läßt er doch auch, Amores II. 6. 7–10. Philomele zur Nachtigall werden, was man auch später allgemein annahm. .« »Und was heißt ›Ito, Ito‹?« »Ich nehm' es an, ich nehm' es an!« »Und ›Itys‹?« »Das müßte man, um's richtig zu verstehen, schon künstlich deuten. Itys ist ein Kreis; der Kreis bedeutet, so ward ich belehrt, die Ewigkeit, denn er hat keinen Anfang und kein Ende. Drum ruft die Nachtigall: ›Ich nehm' es an, ich nehm' es an für alle Ewigkeit!‹« »Und wenn ich Dir nun sag': ›Ich liebe Dich‹?« »So geb' ich, wie die Sängerin der Nacht, Dir jubelnd wieder: Ich nehm' es an, für heut', für morgen, für die Ewigkeit!« »O welche Nacht, wie Alles ruht und schweigt; ich höre selbst die Nachtigall nicht mehr. Dort drüben im Akazienbaume, dessen Blüthentrauben so süßen Duft versenden, weilt sie jetzt. Der Palmen Kronen spiegeln sich im Nil und zwischen ihnen schimmert des Mondes Bild gleich einem weißen Schwan.« »Und seine Strahlen fesseln mit Silberfäden Alles, was da lebt. Drum liegt die ganze Welt wie ein gefangenes Weib in tiefem Schweigen da und regt sich nicht. Ich könnte jetzt, so froh ich bin, nicht lachen und noch viel weniger mit lauter Stimme sprechen.« »So flüstere oder singe!« »Du hast recht. Gib mir mein Saitenspiel! Ich danke Dir. Laß mich mein Haupt an Deinen Busen lehnen und Dir ein stilles Friedensliedlein singen. Alkmann Siehe Anmerkung 6 . Eigene Uebersetzung. der Lyder, der zu Sparta weilte, hat es erdacht, die stille Nacht zu preisen. Jetzt lausche mir, denn dieses sanfte Schlummerlied muß leise, leise von den Lippen wehen. – Küß' mich nicht mehr, nein, bitte, küß' mich nicht, bevor ich fertig bin; dann aber fordr' ich selbst den Kuß zum Dank: »Es schlafen die Gipfel der bergigen Höh', Es schlafen die Klippen in schlummernder See; Es schlafen die Schluchten, der Blätter Schaar, Der Wurm, den die nährende Erde gebar. »Die Thiere der Berge, sie träumen schwer, Es schlummert der emsigen Bienen Heer; Es schläft in des purpurnen Meeres Fluth Der salzigen Tiefen furchtbare Brut; Die hurtigen Vögelein schlafen fest Und ruhen die Schwingen im traulichen Nest.« »Nun, Geliebter; meinen Kuß?« »Ich hatte vor Lauschen das Küssen vergessen, wie ich vorhin vor Küssen das Lauschen vergaß.« »Du Loser! Ist mein Liedchen nicht schön?« »Schön, wie Alles, was Du singst.« »Und die großen hellenischen Sänger dichten.« »Auch darin geb' ich Dir Recht.« »Habt ihr in Persien keine Sänger?« »Wie magst Du also fragen? – Könnte ein Volk sich edlerer Gefühle rühmen, wenn es den Gesang verachtete?« »Aber ihr habt doch recht schlimme Sitten.« »Nun?« »Ihr nehmt so viele Frauen zur Ehe!« »Meine Sappho . . .« »Versteh' mich nicht falsch! Sieh', ich habe Dich so lieb, daß ich Nichts will, als Dich glücklich sehen und Dein ganzes Dasein theilen zu dürfen. Verstößt Du, wenn Du mich allein zum Weibe nimmst, gegen die Sitten Deiner Heimath, sollte man Dich Deiner Treue wegen verachten oder nur tadeln wollen, denn wer dürfte meinen Bartja verachten, so nimm Dir andere Weiber neben mir; aber erst laß mich nur zwei, nur drei Jahre lang Dich ganz allein besitzen. Willst Du das, Bartja?« »Ich will.« »Und dann, wenn meine Zeit vorüber ist und Du der Sitte Deines Landes nachgeben mußt, denn aus Liebe wirst Du keine Zweite heimführen, so laß mich Deine erste Sklavin bleiben. O, ich habe mir das so herrlich ausgemalt! Wenn Du in den Krieg ziehst, so setze ich Dir die Tiara auf die Locken, so gürte ich Dir das Schwert um und gebe Dir die Lanzen in die Hand. Wenn Du als Sieger heimkehrst, dann bekränze ich Dich zuerst. Reitest Du zur Jagd, so schnalle ich Dir die Sporen an, und gehst Du zum Gastmahle, dann schmücke und salbe ich Dich, winde Dir Pappel- und Rosenkränze und schlinge sie um Deine Stirn und Deine Schultern. Bist Du verwundet, so pflege ich Dich, bist Du krank, so weiche ich nicht von Deiner Seite, bist Du glücklich, dann ziehe ich mich zurück und weide mich aus der Ferne an Deiner Ehre und Deinem Wohlergehen; vielleicht rufst Du mich dann zu Dir und Dein Kuß sagt mir, daß Du mit Deiner Sappho zufrieden bist, daß Du mich noch immer liebst.« »O Sappho, wärest Du doch heute schon mein Weib! Wer einen so großen Schatz besitzt wie ich in Dir, der mag ihn hüten, aber nicht nach anderen Schätzen, die doch nur, mit ihm verglichen, ärmlich sein können, streben. Wer Dich geliebt, liebt keine Andre mehr! In meiner Heimath ist es zwar der Brauch, daß jeder Mann viele Weiber heimführt; aber dies wird nur gestattet, keineswegs durch ein Gesetz befohlen. Auch mein Vater hatte zwar hundert Sklavinnen, aber nur eine rechte, echte, wahre Gattin, unsere Mutter Kassandane.« »Und ich werde Deine Kassandane sein?« »Nein, meine Sappho, denn was Du mir wirst, das war noch keinem Manne sein Gemahl!« »Wann kommst Du mich zu holen?« »Sobald ich kann und darf.« »Nun will ich wohl geduldig warten!« »Und werde ich Nachricht von Dir erhalten?« »Ich schreibe Dir lange, lange Briefe und trage allen Winden Grüße für Dich auf . . .« »Thu' das, mein Liebchen; und was die Briefe anbelangt, so übergib sie dem Boten, welcher Nitetis von Zeit zu Zeit Nachrichten aus Aegypten überbringen wird.« »Wo find' ich ihn?« »Ich werde einen Mann zu Naukratis anstellen, der Alles, was Du ihm zukommen läßt, besorgen soll. Das Nähere will ich mit Melitta besprechen.« »Wir dürfen ihr vertrauen, denn sie ist klug und treu; doch habe ich noch eine andere Freundin, welche mich nach Dir am meisten liebt, und die auch ich nach Dir am liebsten habe.« »Du meinst Deine Großmutter Rhodopis?« »Meine treue Pflegerin und Lehrerin!« »Sie ist ein edles Weib! Mein Vater Krösus hält sie für die trefflichste der Frauen, und er kennt die Menschen wie der Arzt die Kräuter und die Wurzeln. In jenen weiß er, schlummert arges Gift, in diesen Tropfen, welche Heilung spenden, und Rhodopis, so sagte Krösus oft, gleicht einer Rose, welche Duft verleiht und Labungsöl für schwache Kranke spendet, selbst wenn sie welkend Blatt auf Blatt verliert und in Geduld des Windes wartet, der sie ganz verweht.« »O, daß sie lange lebe! Liebster Mann, gewähre mir noch eine große Bitte!« »Sie ist gewährt, schon eh' ich sie vernommen.« »Laß Rhodopis, wenn Du mich heimwärts führst, nicht in Aegypten zurück. Sie soll uns folgen. O, sie ist so gut und liebt mich so innig, daß sie, was mich beglücken mag, beglückt, und daß, was meinem Herzen theuer ist, auch ihrem liebenswerth erscheinen muß.« »Sie sei der erste Gast in unserem Hause!« »Wie gut Du bist! Jetzt bin ich ganz zufrieden und beruhigt. Die gute Greisin bedarf ja meiner! Sie kann nicht leben ohne mich, ihr Kind. Ich lache ihr die trüben Sorgen fort, und wenn sie, mich belehrend, bei mir sitzt, wenn sie mir Lieder singt, wenn sie mir zeigt, wie man den Griffel führt, die Laute schlägt, dann glänzt ein reineres Licht von ihrer Stirn, und alle Furchen, die der Gram gepflügt, sie glätten sich, ihr mildes Auge lacht, und sie vergißt so manchen bösen Tag, indem sie froh der Gegenwart genießt.« »Ich frage sie, bevor wir scheiden, ob sie uns in meine ferne Heimath folgen will?« »O, wie bin ich froh! – Und weißt Du auch, daß mir die erste Zeit der Trennung gar nicht furchtbar scheint? Jetzt darf ich Dir, als meinem Mann und Herrn, wohl Alles sagen, was mich schmerzt und freut; vor Anderen aber muß ich schweigsam sein. So wisse, Liebster, daß wir, wenn ihr in eure Heimath zieht, zwei kleine Gäste in unserem Hause erwarten; des guten Phanes Kinder, jenes Mannes, für den Dein Freund, der Sohn des Krösus, eine so edle That begangen hat. Ich will für die Kleinen immerdar wie eine Mutter sorgen, und wenn sie brav gewesen sind, dann werde ich ihnen schöne Mährchen singen von einem Königssohne, einem starken Helden, der sich ein schlichtes Mädchen zum Weibe nahm; und wenn ich dann beschreibe, wie der Prinz, der junge Held zu schauen war, so wirst Du hell vor meinen Augen stehen, und, ohne daß mein Pärchen etwas merkt, beschreib' ich Dich vom Kopfe bis zum Fuß. Mein Held erfreut sich Deines hohen Wuchses, ihn zieren Deine goldnen Locken, Dein blaues Augenpaar schmückt seine Stirn und Deiner Kleider königliche Pracht umgibt auch seine prangende Gestalt; Dein edles Herz, Dein treuer wahrer Sinn, die Ehrfurcht vor den Göttern, die Dich ziert, die Tapferkeit, Dein hoher Heldenmuth, kurz Alles, was an Dir mir lieb und werth, das wird dem Helden meines Liedes zu Theil. Die Kinder werden lauschen! Und wenn sie ausrufen werden: ›O wie lieben wir den Königssohn, wie ist er schön und gut; ach, könnten wir den edlen Jüngling sehen‹ – dann presse ich sie liebend an mein Herz und küsse sie, so wie ich Dich geküßt, und auch der Kinder Wunsch ist dann erfüllt, denn, weil Du ja in meinem Herzen thronst, so bist Du in mir lebend, ihnen nah, und, wie sie mich, umarmen sie auch Dich!« »Ich aber geh' zu meinem Schwesterlein, Atossa, und erzähle ihr von Allem, was ich auf meiner Fahrt gesehen habe. Und wenn ich der Griechen Anmuth, den Glanz ihrer Werke und die Schönheit ihrer Frauen preise, so will ich Dein holdes Wesen schildern, als das Bild der goldnen Aphrodite. Ich werde ihr von Deiner Tugend, Deiner Schönheit und Sittsamkeit, von Deinem Sange, dessen Wohllaut selbst die Nachtigall, wenn sie ihn hören darf, zum Lauschen zwingt, von Deiner Liebe, Deiner Zärtlichkeit gar viel erzählen. Dieß Alles aber übertrage ich von Dir auf Cypris göttliche Gestalt und küsse meine Schwester, wenn sie ruft: ›O Aphrodite, könnte ich Dich sehen!‹« »Horch, was war das, da klatscht die Wärterin! Leb' wohl, wir müssen fort! auf baldiges Wiedersehen!« »Noch einen Kuß!« »Leb' wohl!« Melitta war auf ihrem Posten, von Müdigkeit und Alter überwältigt, eingeschlafen. Endlich wurde sie durch ein lautes Geräusch aus ihren Träumen gerissen. Sie klatschte sogleich in die Hände, um das Paar zu warnen und Sappho herbeizurufen, denn sie sah an den Sternen, daß der Morgen nicht mehr fern sei. Als sich die Alte mit ihrer Schutzbefohlenen dem Hause näherte, bemerkte sie, daß jenes Geräusch, welches sie vorher geweckt hatte, von den Gästen ausgehe, die sich zum Aufbruch anschickten. Zur höchsten Eile drängend, schob sie das erschreckte Mädchen durch die Hinterthüre in das Hans, führte sie in ihr Schlafzimmer und wollte eben beginnen die Jungfrau zu entkleiden, als Rhodopis eintrat. »Du bist noch auf, Sappho?« fragte dieselbe. »Was bedeutet das, mein Kind?« Melitta bebte und hatte eine Lüge auf den Lippen; Sappho aber warf sich ihrer Großmutter an die Brust, umschlang sie zärtlich, küßte sie voller Innigkeit und erzählte ihr ohne Rückhalt die Geschichte ihrer Liebe. Rhodopis erbleichte. »Verlaß uns!« herrschte sie der Sklavin zu. Dann stellte sie sich vor ihre Enkelin, legte die Hände auf ihre Schultern und sprach: »Sieh mir in die Augen, Sappho! Kannst Du mich noch ansehen, eben so heiter, eben so kindlich rein, als vor der Ankunft jenes Persers?« Das Mädchen schaute lächelnd und freudig zu der Großmutter empor; da zog sie Rhodopis an ihre Brust, küßte sie und sprach: »Seit Du die Kinderschuhe ausgezogen hast, war ich bestrebt, Dich zu einer würdigen Jungfrau zu machen und Dich vor der Liebe zu bewahren. Ich wollte Dir bald einen passenden Gatten erwählen und Dich ihm nach hellenischer Sitte (Anm. 208) Während die Spartaner, der Neigung ihres Herzens folgend, heiratheten, pflegte man zu Athen nur mit den Eltern der Braut wegen der Ehe zu verhandeln. Dies war die Ursache oder Folge des sehr eingezogenen Lebens der attischen Jungfrauen. Näheres über die Heirathen bei den Griechen im Text des dritten Theils und daselbst Anmerkung 62 und 63 [ 64 und 65 ]. zum Weibe geben; aber die Götter haben es anders gewollt. Eros spottet aller Schranken, welche Menschenhände ihm entgegenzustellen vermögen; das heiße äolische (Anm. 209) Sappho's Großvater Charaxus, der Bruder der Dichterin Sappho, war, als Lesbier, ein Aeolier. Blut in Deinen Adern hat Liebe gefordert, das stürmische Herz Deiner lesbischen Ahnen klopft auch in Deiner Brust. Das Geschehene ist nicht zu ändern. Bewahre denn die Freudenstunden dieser Deiner reinen ersten Liebe wie ein kostbares Eigenthum in dem Hause Deiner Erinnerung, denn die Gegenwart eines jeden Menschen wird früher oder später so arm und öde, daß er solcher Erinnerungsschätze bedarf, um nicht zu verschmachten. Gedenke des schönen Knaben in der Stille, sage ihm Lebewohl, wenn er in seine Heimath zurückkehrt, aber hüte Dich auf ein Wiedersehen zu hoffen. Der Sinn der Perser ist leicht und wankelmüthig; alles Neue reizt ihn, alles Fremde nimmt er auf mit offenen Armen (Anm. 210) Herod. I. 135. Auch hierin bewähren sich die Perser als germanische Nation. Sie sind heute noch, wie zur Zeit des Herodot, nach allem Fremden und Neuen begierig. . Dein anmuthiges Wesen hat dem Königssohne wohl gefallen. Jetzt glüht er für Dich, aber er ist jung und schön, von allen Seiten umworben und ein Perser. Gib Du ihn auf, damit er Dich nicht aufgebe!« »Wie sollt' ich, Großmutter! Hab' ich ihm nicht Treue für die Ewigkeit geschworen?« »Ihr Kinder spielt mit dieser Ewigkeit, als sei sie ein Augenblick! Was Deinen Schwur betrifft, so tadle ich ihn; aber ich freue mich, daß Du an ihm festhältst, denn ich verabscheue jenes frevelnde Sprichwort, welches lehrt, Zeus höre nicht die Schwüre der Liebenden. Warum sollte die Gottheit den in Beziehung auf das Heiligste im Menschen geleisteten Eid geringer achten, als eine Betheuerung, welche kleinliche Fragen des Mein und Dein betrifft? Halte denn, was Du versprochen, vergiß niemals Deiner Liebe, gewöhne Dich aber an den Gedanken, der Person des Geliebten entsagen zu müssen.« »Niemals, Großmutter! Wäre denn Bartja mein Freund geworden, wenn ich ihm nicht vertrauen könnte? Gerade, weil er ein Perser ist, der die Wahrhaftigkeit seine schönste Tugend nennt, darf ich zuversichtlich hoffen, daß er seines Schwures gedenken und mich, trotz der Unsitte der Asiaten, zu seinem einzigen Weibe machen werde.« »Und wenn er seines Schwures vergißt, so wirst Du Deine Jugend elend vertrauern und mit vergiftetem Herzen . . .« »O gute, liebe Großmutter, höre auf, so schreckliche Dinge zu reden! Wenn Du ihn kennen würdest, wie ich ihn kenne, so müßtest Du mit mir jauchzen und mir zugeben, daß wohl der Nil versiegen und die Pyramiden einstürzen mögen, mein Bartja aber mich nicht betrügen kann!« Das Mädchen sprach diese Worte mit so freudiger Zuversicht, mit so überzeugender Gewißheit, und ihre dunklen, von Thränen erfüllten Augen glänzten dabei so warm und selig, daß auch das Antlitz der Greisin wieder freundlich wurde. Sappho schlang nun noch einmal ihre Arme um den Hals der Großmutter, erzählte ihr jedes Wort, welches der Geliebte zu ihr gesprochen hatte, und endete ihre lange Rede mit dem Ausrufe: »O Großmutter, ich bin so glücklich, so glücklich! Und wenn Du nun gar mit uns nach Persien kommst, dann hab' ich nichts mehr von den Unsterblichen zu erbitten.« »Nur zu bald werden sich Deine Arme wieder nach ihnen ausstrecken,« seufzte Rhodopis. »Nur mit neidischem Blick betrachten sie das Glück der Sterblichen und wägen uns das Schlimme mit verschwenderischen, das Gute mit kargen Händen zu. Geh jetzt in's Bett, mein Kind, und bete mit mir, daß dies Alles ein glückliches Ende nehmen möge. Einem Kinde habe ich meinen Morgengruß gebracht, einer Jungfrau sage ich gute Nacht; mögest Du mir als Gattin eben so freudig Deinen Mund zum Kusse bieten, als eben jetzt. – Morgen will ich euretwegen mit Krösus reden. Von seinen Ausspruche wird es abhängen, ob ich Dir gestatten kann, die Rückkehr des Persers zu erwarten, oder ob ich Dich beschwören muß, den Königssohn zu vergessen, um bald die Hausfrau eines Hellenen meiner Wahl zu werden. Schlafe wohl, mein Liebling, schlummre ruhig; Deine alte Großmutter wacht für Dich!« Sappho entschlief von seligen Träumen eingewiegt; Rhodopis aber schaute mit offenen Augen bald lächelnd, bald bedenklich die Stirn runzelnd, in die aufgehende Sonne und den lichten Tag. Am folgenden Morgen ließ Rhodopis Krösus ersuchen, ihr eine Stunde zu schenken. Sie erzählte dem Greise ohne Umschweif, was sie von Sappho erfahren hatte, und schloß ihre Rede mit den Worten: »Ich weiß nicht, welche Ansprüche die Perser an die Gattin eines Fürsten machen; kann Dir aber sagen, daß mir Sappho des ersten aller Könige würdig zu sein scheint. Sie stammt von einem edlen freien Vater, und ich habe gehört, daß nach euren Gesetzen ganz allein der Vater die Herkunft des Kindes bestimmt. Auch in Aegypten genießen die Nachkommen der Sklavin gleiche Rechte mit denen der Fürstentochter, wenn beide demselben Erzeuger (Anm. 211) Diod. I. 81. ihr Dasein verdanken.« »Ich habe Dir schweigend zugehört,« antworte Krösus, »und muß Dir sagen, daß ich ebensowenig wie Du in diesem Augenblicke weiß, ob ich mich freuen darf, oder ob ich diese Liebe beklagen soll. – Kambyses und Kassandane, die Mutter Bartja's und des Königs, wünschten schon vor unserer Abreise den Prinzen zu verheirathen. Der König selbst erfreut sich bis heute keiner Nachkommen. Sollte er kinderlos bleiben, so beruht die einzige Hoffnung auf die Fortpflanzung des Geschlechts seines Vaters Cyrus auf Bartja, denn der große Gründer der persischen Macht rühmte sich nur zweier Söhne, des Kambyses und des Freundes Deiner Enkelin. – Dieser Letztere ist der Stolz aller Perser, der Liebling des ganzen Hofes und Landes, die Hoffnung aller Würdenträger und Unterthanen. Er ist eben so schön als edel, eben so tugendhaft als liebenswerth. – Wohl verlangt man von den Königssöhnen, daß sie sich mit Weibern aus ihrem, dem Geschlechte der Achämeniden, vermählen, aber die Perser haben eine unbegrenzte Vorliebe für alles Fremde und würden, von der Schönheit Deiner Enkelin entzückt, von Bartja's Liebe zu ihr nachsichtig gemacht, gar bald den Verstoß gegen die alte Sitte vergeben, zumal jedwede That, welche der König gut heißt, keinen Einwand der Unterthanen zuläßt. Auch liefert die iranische Geschichte Beispiele genug, daß selbst Sklavinnen Könige zeugten (Anm. 212) Königsbuch des Firdusi. Söhne Feridun's. . Die Mutter des Herrschers, welche in beinah' eben so hohem Ansehen steht, als dieser selbst, wird dem Glücke ihres jüngsten und Lieblingssohnes nichts in den Weg legen. Wenn sie sieht, daß Bartja nicht von Sappho ablassen will, wenn sie bemerkt, daß das lachende Antlitz des angebeteten Ebenbildes ihres großen verstorbenen Gatten sich verfinstert, dann würde sie ihm, um ihn wieder fröhlich zu machen, selbst nicht verweigern, eine Scythin heimzuführen. Auch Kambyses wird, wenn die Mutter zur rechten Stunde in ihn dringt, seine Einwilligung nicht versagen.« »Nun so wären ja alle Schwierigkeiten beseitigt,« rief Rhodopis voller Freude. »Nicht die Vermählung, sondern die Zeit nach derselben macht mir Sorge.« »Meinst Du, daß Bartja –« »Von seiner Seite fürchte ich nichts. Er hat ein reines Herz und ist der Liebe so lange fremd geblieben, daß er, nun sie ihn einmal überwältigt hat, warm und dauernd lieben wird.« »Aber –« »Aber Du mußt bedenken, daß, wenn auch alle Männer die anmuthige Gattin ihres Lieblings jubelnd empfangen sollten, tausend Weiber in den Frauengemächern persischer Großen müßig verweilen, welche sich's zum Geschäfte machen werden, der jungen Emporgekommenen mit Ränken und Schlichen aller Art zu schaden, deren höchste Freude es sein wird, das unerfahrene Kind zu verderben und unglücklich zu machen.« »Du denkst sehr übel von den Perserinnen.« »Sie sind eben Weiber und werden diejenige beneiden, welche den Mann zu gewinnen wußte, nach dem sie alle für sich oder ihre Töchter sehnsüchtig ausschauten. Neid gestaltet sich in den müßigen, einförmigen Räumen des Harems gar leicht zum Hasse, und die Befriedigung desselben muß diesen armseligen Geschöpfen zum Ersatze für ihren Mangel an Liebe und Freiheit dienen. Sappho wird, das wiederhole ich Dir, je schöner sie ist, je boshafteren Anfeindungen ausgesetzt sein, und selbst, wenn Bartja sie innig liebt und in den ersten Jahren keine zweite Gattin heimführt, so schwere Stunden zu bestehen haben, daß ich in der That nicht weiß, ob ich Dir zu der scheinbar glänzenden Zukunft Deiner Enkelin Glück wünschen darf.« »Dasselbe empfinde auch ich. Ein schlichter Hellene wäre mir zum Eidam lieber gewesen als dieser edle Sohn eines großen Königs.« In diesem Augenblicke trat, von Knakias eingeführt, Bartja in's Zimmer. Er flehte die Greisin an, ihm ihre Enkelin nicht zu versagen, schilderte seine heiße Liebe zu ihr, und betheuerte, daß Rhodopis sein Glück verdoppeln würde, wenn sie mit ihm nach Persien ziehen wolle. Dann ergriff er die Hand des Krösus, bat ihn um Verzeihung, weil er ihm, seinem väterlichen Freunde, so lange verschwiegen habe, was sein Herz beglücke, und flehte ihn an, seine Werbung zu unterstützen. Lächelnd hörte der Greis die leidenschaftlichen Worte des Jünglings und sprach: »Wie oft, mein Bartja, hab' ich Dich vor der Liebe gewarnt! Sie ist ein brennendes Feuer.« »Aber ihre Flammen sind bunt und leuchtend!« »Sie verursacht Schmerzen.« »Aber diese Schmerzen sind süß.« »Sie verwirrt den Geist!« »Aber sie kräftigt das Herz!« »O, diese Liebe!« rief Rhodopis. »Redet der Knabe nicht, von Eros begeistert, als sei er sein Leben lang bei einem attischen Sprachmeister in die Schule gegangen?« »Und doch,« erwiederte Krösus, »nenne ich die Liebenden die ungelehrigsten aller Schüler. Man mag ihnen noch so klar beweisen, ihre Leidenschaft sei Gift, Feuer, Narrheit, Tod, so werden sie trotzdem ausrufen: ›aber sie ist süß‹, und unbeirrt zu lieben fortfahren!« In diesem Augenblicke trat auch Sappho in das Zimmer. Ein weites Festgewand mit purpurrothen gestickten Rändern und weiten Aermeln umwallte ihre zarten Glieder in freien Falten, welche an den Hüften von einem goldnen Gürtel zusammengehalten wurden. In ihren Haaren prangten frische Rosen und ihren Busen schmückte der blitzende Stern, das erste Geschenk des Geliebten. Anmuthsvoll und schämig verneigte sie sich vor dem Greise, dessen Blicke lange auf ihr ruhen blieben. Und je länger er in dieses jungfräulich holde Antlitz schaute, je freundlicher wurde das seine. Erinnerungsbilder stellten sich vor seine Seele, während eines Augenblickes wurde er selbst wieder jung, unwillkürlich näherte er sich dem Mädchen, liebreich drückte er einen Kuß auf ihre Stirn, faßte ihre Hand, führte sie Bartja entgegen und rief. »Nimm sie hin, sie muß Dein Weib werden, und wenn sich alle Achämeniden gegen uns verschwören sollten!« »Habe ich denn gar nichts mitzureden?« fragte Rhodopis, unter Thränen lächelnd. Jetzt erfaßte Bartja die rechte, Sappho die linke Hand der Greisin, und zwei flehende Augenpaare schauten in ihr Angesicht. – Da rief sie, sich hoch aufrichtend, gleich einer Seherin: »Möge Eros, der euch zusammenführte, möge Zeus und Apollo euch schirmen! Wie zwei Rosen an einem Stengel sehe ich euch liebend und glücklich im Lenze des Lebens prangen; was Sommer, Herbst und Winter euch bringen werden, das liegt tief verborgen im Schooße der Götter. Mögen die Schatten Deiner verstorbenen Eltern, meine Sappho, freundlich lächeln, wenn diese neue Botschaft von Dir zu ihnen dringt in die Häuser der Unterwelt!« Drei Tage später wogte am Landungsplatze bei Sais wiederum ein dichtes Menschengedränge. Das Volk hatte sich versammelt, um der in die Fremde gehenden Tochter des Königs ein letztes Lebewohl zuzurufen. In dieser Stunde zeigte es sich, daß die Aegypter, trotz aller Aufreizungen der Priester, mit inniger Liebe an ihrem Königshause hingen. Als Amasis und Ladice Nitetis zum Letztenmale weinend umarmten, als sich Tachot im Angesicht aller Saïten auf der großen Stromtreppe der Schwester schluchzend um den Hals warf, als sich endlich der die scheidende Königsbraut tragende Kahn mit schwellenden Segeln vom Lande entfernte, da blieben wenige Augen thränenleer. Nur die Priester sahen ernst und kalt, wie immer, dem ergreifenden Schauspiele zu. Als endlich auch die Schiffe der die Aegypterin entführenden Fremden vom Südwinde erfaßt wurden, klangen ihnen viele Flüche und Verwünschungen nach; die zurückgebliebene Königstochter aber winkte den Scheidenden noch lange mit ihrem Schleiertuche. Sie weinte ohne Unterlaß. Galten diese Thränen der Gespielin ihrer Jugend, galten sie dem schönen, geliebten Königssohne? Amasis umarmte vor dem ganzen Volke seine Gattin und Tochter. Er hielt den kleinen Necho, seinen Enkel, hoch empor und ließ die Aegypter bei seinem Anblicke in lauten Jubel ausbrechen. Psamtik, der Vater des Kindes, stand schweigend und trockenen Auges neben dem Könige, welcher ihn nicht zu beachten schien. Endlich näherte sich ihm Neithotep, der Oberpriester, führte den Zaudernden seinem Vater entgegen, legte seine Hand in die des Königs und rief laut den Segen der Götter über das königliche Haus. Während seiner Worte knieten die Aegypter mit erhobenen Händen nieder. Amasis zog den Sohn an seine Brust und flüsterte dem Oberpriester zu, als dieser sein Gebet vollendet hatte: »Laßt uns Frieden halten, um unsrer selbst und um Aegyptens willen.« »Hast Du jenen Brief des Nebenchari empfangen?« »Ein samisches Seeräuberschiff verfolgt die Triere des Phanes.« »Dort fährt das Kind Deines Vorgängers, die rechtmäßige Erbin des ägyptischen Thrones, ungehindert in die Ferne.« »Der hellenische Tempelbau zu Memphis soll eingestellt werden.« »Isis verleihe uns Frieden, und Glück und Wohlfahrt breite sich über Aegypten!« In Naukratis hatten die in Aegypten wohnenden Hellenen der in die Ferne ziehenden Tochter ihres Schutzherrn Amasis ein Fest bereitet. Auf den Altären der griechischen Götter wurden zahlreiche Opferthiere geschlachtet, und als die Nilbarken im Hafen landeten, erscholl ein lautes »Ailinos«! Festlich geschmückte Jungfrauen überreichten Nitetis einen goldnen Reifen, welcher, als Brautkranz, mit tausend duftenden Veilchen (Anm. 213) Die Brautkränze bei den Hellenen bestanden gewöhnlich aus Veilchen und Myrten. Ueber die Hochzeitsgebräuche im dritten Theil Anmerkung 62 und 63 [ 64 und 65 ]. umwunden war. Als schönste Jungfrau von Naukratis durfte ihn Sappho der Scheidenden überreichen. Nitetis küßte, die Gabe annehmend, dankbar ihre Stirn. Dann bestieg sie die ihrer harrende Triere. Die Ruderknechte gingen an ihre Arbeit und stimmten das Keleusma Das Lied, nach dessen Takte die griechischen Matrosen zu rudern pflegten. an (Anm. 214) Der Rhythmus des Keleusma wurde gewöhnlich von einem Flötenbläser, dem Trieraules, angegeben. Aeschylus, Perser 403. Laërt. Diog. IV. 22. Becker, Charikles I. S. 213. In den Fröschen des Aristophanes singen die Sumpfbewohner das Keleusma V. 205. . Der Südwind schwellte die Segel und ein tausendfaches Ailinos erscholl zum Zweitenmale. Bartja winkte vom Verdecke des Königsschiffes seiner Verlobten die letzten Liebesgrüße zu. Sappho betete leise zu Aphrodite Euploia, der Schutzpatronin der Schiffer. Eine Thräne benetzte ihre Wangen; aber ihren Mund umspielte ein Lächeln der Hoffnung und der Liebe, während die alte Sklavin Melitta, welche den Sonnenschirm der Jungfrau trug, wie eine Verzweifelnde weinte. Als dem Kranze, welcher das Haupt ihres Pfleglings zierte, zufällig einige Blätter entfielen, vergaß sie jedoch während eines Augenblickes ihres Schmerzes und leise flüsterte sie Sappho zu: »Ja, Herzchen, man sieht, daß Du Liebe empfindest, denn alle Mädchen, welche Blätter aus ihren Kränzen verlieren, deren Herz hat Eros getroffen (Anm. 215) Siehe Epigramm des Kallimachus 45. Bei Athenäus XV. p. 69 . .« Zweiter Band Erstes Kapitel. Sieben Wochen später bewegte sich auf der großen Königsstraße (Anm. 1) Die sogenannte »Königsstraße«, von der wir noch mehr zu sagen haben, war schon von Cyrus angelegt worden und ward von Darius mit besonderer Sorgfalt gepflegt. , welche aus dem Westen nach Babylon führte, ein langer Zug von Wagen und Reitern verschiedener Art der schon in weiter Ferne sichtbaren Riesenstadt entgegen. Unter dem von hölzernen Säulen getragenen Dache eines über und über vergoldeten, vierräderigen, mit Goldbrocat gepolsterten Fuhrwerks, dessen Seiten durch Gardinen verschlossen werden konnten, der sogenannten Harmamaxa Asiatischer Reisewagen, dem wir zuerst in Xenophon's Anabasis, wo eine Königin in demselben fährt, begegnen. Die Römer adoptirten die Harmamaxa und bedienten sich ihrer auf Reisen. , saß Nitetis, die ägyptische Königstochter. Zur Seite ihres Wagens ritten ihre Begleiter, die uns bekannten persischen Edlen und der entthronte König von Lydien mit seinem Sohne. Fünfzig andere Fuhrwerke und sechshundert Saumthiere folgten ihnen, während eine Abtheilung persischer Soldaten auf prächtigen Pferden dem Zuge voraufritt. Die Straße führte dem Euphrat entlang durch üppige Waizen-, Gersten- und Sesamfelder Eine in der Gegend von Babylon besonders üppig gedeihende Fruchtart, aus der man auch Oel preßte. , welche zweihundert-, ja manchmal dreihundertfältige Frucht trugen. Schlanke Dattelpalmen mit schweren Fruchtbüscheln standen überall auf den Aeckern, die nach allen Seiten hin von wohlgehaltenen Wassergräben und Kanälen durchschnitten wurden (Anm. 2) Herod. I. 193. Wiederaufgefundene Wasserleitung bei Layard, Nin. u. Bab. S. 215. Basreliefs, die wohlbewässerte und bebaute Gegend darstellend, l. l. S. 233. . – Trotz der Winterzeit schien die Sonne warm und hell vom wolkenlosen Himmel. Der gewaltige Strom wimmelte von größeren und kleineren Kähnen, welche die Erzeugnisse des armenischen Hochlandes der mesopotamischen Ebene zuführten und die meisten Waaren, welche von Griechenland und Kleinasien kamen, von Thapsakus Bedeutende Handelsstadt am Euphrat. Der Stationsplatz der Erdmessungen des Eratosthenes. aus nach Babylon beförderte. Pumpwerke und Wasserräder gossen erfrischendes Naß auf die Aecker und Pflanzungen an den Ufern, welche mit zahlreichen Dörfern geschmückt waren. Alles ließ erkennen, daß man sich dem Mittelpunkte eines alten, sorglich verwalteten Culturstaates näherte. Bei einem langen, mit schwarzem Erdpech (Anm. 3) Das Erdpech, welches sich heute noch vielfach in der Nähe von Babylon zeigt, wurde, wie fast alle neuen und alten Berichterstatter betätigen, von den Babyloniern als Mörtel benützt. Siehe außer den Alten W. Vaux, Niniveh and Persepolis. An historical sketch of Assyria and Persia , S. 136. Layard l. l. S. 262. Erdpech verbrannt. S. auch 529 u. 530. überzogenen Backsteinhause, an dessen Seiten sich eine Platanenpflanzung erhob, hielt der Wagen und das Gefolge der Nitetis. Krösus ließ sich von seinem Rosse heben, näherte sich dem Fuhrwerke, welches die ägyptische Königstochter trug, und rief ihr zu: »Hier wären wir bei dem letzten Stationshause angelangt! Dort drüben, der hohe Thurm, welcher sich am Horizont abzeichnet, ist der berühmte Tempel der Bel, neben euren Pyramiden eines der ungeheuersten Werke von Menschenhand. Bevor die Sonne untergeht, werden wir bei den ehernen Pforten von Babylon eintreffen. Gestatte mir, daß ich Dich aus dem Wagen hebe und Deine Dienerinnen zu Dir in's Haus sende. Du mußt Dich heute nach persischer Fürstinnen Art kleiden lassen, damit Du den Augen des Kambyses wohlgefallest. In wenigen Stunden wirst Du vor Deinem Gatten stehen. Wie bleich Du bist! Sorge dafür, daß Dir Deine Frauen mit täuschender Schminke freudige Erregung auf die Wangen malen. Der erste ist oft der entscheidende Eindruck. Diese alte Erfahrung gilt bei Niemanden mehr, wie bei Deinem künftigen Gatten. Wenn Du ihm, woran ich nicht zweifle, bei der ersten Begegnung wohlgefällst, so kannst Du sein Herz für immer gewonnen haben; solltest Du ihm heute mißfallen, so wird er Dich, nach seiner schroffen Art, kaum wieder eines freundlichen Blickes würdigen. Muth, meine Tochter, Muth! vor allen Dingen beherzige wohl jene Lehren, welche ich Dir gegeben habe!« Nitetis trocknete eine Thräne und erwiederte: »Wie soll ich Dir für all' Deine Güte danken, Krösus, mein zweiter Vater, mein Beschützer und Rathgeber! O, verlaß mich auch später nicht! Bleibe, wie auf dieser langen Reise über gefahrvolle Gebirgspässe, mein Wegweiser und Beschützer, wenn die Bahn meines armen Lebens über Gram und Sorge führt. Dank, mein Vater, tausend Dank!« Bei diesen Worten schlang die Jungfrau ihre vollen Arme um den Hals des Greises und küßte seinen Mund, gleich einer zärtlichen Tochter. Als sie den Hof des dunklen Hauses betrat, kam ihr ein Mann, dem eine Schaar von asiatischen Dienerinnen folgte, entgegen. Ersterer, der Oberste der Eunuchen (Anm. 4) Ueber diese unglückliche Menschenklasse, die der Eifersucht der Orientalen und ihrem Wunsche, sich eine Nachkommenschaft von reinem Blute zu erhalten, weit sicherer ihren Ursprung verdankt, als dem Wunsche der Sagengestalt Semiramis, sich nur von solchen Männern umgeben zu sehen, welche gleich ihr bartlos und von hoher Stimme wären. Näheres bei Ebers, Aegypten und die Bücher Mose's, S. 296 fgd. Porträt eines Eunuchen von Gentz bei Ebers, Aegypten in Bild und Wort I. S. 58. , einer der vornehmsten persischen Hofbeamten, war groß und wohlbeleibt. Sein bartloses Angesicht lächelte süßlich, in seinen Ohren schwenkten sich kostbare Gehänge, seine Arme und Beine, sein Hals und seine weibisch langen Gewänder waren mit goldenen Ketten und Ringen überdeckt und seine steifen gebrannten Locken, welche eine purpurne Binde umwand, strömten durchdringend scharfe Wohlgerüche aus. Ehrerbietig verneigte sich Boges (so hieß der Eunuch) vor der Ägypterin und sprach, seine fleischige mit Ringen überladene Hand vor den Mund haltend: »Kambyses, der Herrscher der Welt, sendet mich Dir entgegen, o Königin, damit ich Dein Herz mit dem Thau seiner Grüße erfrische. Er schickt Dir ferner durch mich, seinen ärmsten Knecht, die Gewänder der Perserinnen, damit Du, wie es der Gattin des größesten aller Herrscher ziemt, in medischen Kleidern der Pforte der Achämeniden nahen mögest. Diese Weiber, Deine Dienerinnen, warten Deiner Befehle. Aus einem ägyptischen Smaragd werden sie Dich in einen persischen Diamanten verwandeln.« – Boges trat zurück und gestattete mit einem herablassenden Winke dem Wirth der Herberge, der Fürstin, als sein Gastgeschenk, einen höchst geschmackvoll geordneten Korb voller Früchte zu überreichen II. Bd. A. 92 . Nitetis dankte beiden Männern mit freundlichen Worten, trat in das Haus, legte unter Thränen den Schmuck ihrer Heimath ab, und ließ die volle Flechte an ihrer linken Seite, das Zeichen ägyptischer Fürstentöchter (Anm. 5) Auf fast allen ägyptischen Bildern, welche Pharaonenkinder (Töchter und Söhne) darstellen, tragen dieselben solche Haarlocken, welche geflochten von der Stirn bis zum Halse reichen. Rosellini, Mon. stor. II. 123. Lepsius, Denkm. a. v. O. und auf tausend Darstellungen. , auflösen, um sich nach medischer Weise von fremden Händen ankleiden zu lassen. Ihre Begleiter befahlen unterdessen, eine Mahlzeit aufzutragen. Hurtige Diener holten Stühle, Tische und goldenes Geräth von den Wagen, die Köche tummelten sich, und Einer war dem Andern so schnell und willig zur Hand, daß gar bald eine köstlich geschmückte Tafel, auf welcher nicht einmal die Blumen fehlten, wie durch Zauberei, die hungrigen Reisenden erwarten konnte. In gleicher Ueppigkeit war auf der ganzen weiten Fahrt gelebt worden, denn auf den den fürstlichen Wanderern folgenden Saumrossen fand sich jede nur denkbare Bequemlichkeit, vom wasserdichten, golddurchwirkten Zelte an bis zum silbernen Fußschemel; und in den die Reisenden begleitenden Wagen saßen, neben Bäckern, Köchen, Schenken und Vorschneidern, Salbenreiber, Kranzwinder und Haarkräusler. Außerdem befand sich an der Landstraße nach jeder vierten Meile ein gut eingerichtetes Fremdenhaus. Hier wurden die unterwegs gefallenen Pferde ersetzt, hier gewährten schattige Baumpflanzungen gastlich Zuflucht vor der Hitze des Mittags, und auf dem Gebirge fand man in diesen Herbergen an warmen Herden Schutz vor Schnee und Kälte. Die persischen Fremdenhäuser, welche unseren Poststationen ähnlich waren, dankten ihre Entstehung und Verschönerung dem großen Cyrus, welcher durch wohlgehaltene Straßen die ungeheuren Entfernungen seines Weltreiches abzukürzen suchte. – Derselbe hatte auch einen regelmäßigen Postbotendienst eingerichtet. Auf jeder Station fanden die Felleisenreiter einen zur Abreise fertigen Ersatzmann auf frischem Pferde, welcher, nachdem er die zu befördernden Briefe erhalten hatte, in Windeseile fortsprengte, um bei der nächsten Herberge sein Felleisen einem neuen bereitstehenden Boten zuzuwerfen. Diese Couriere hießen Angaren und wurden für die schnellsten Reiter auf der Welt gehalten (Anm. 6) Herod. V. 14. 49–52. Xenoph. Cyrop. VIII. 6. 9. Plutarch, Artaxerxes 25. Persische Meilensteine finden sich noch heute bei den Trümmern der Königsstraße, welche Ninive und Ekbatana verband. Die Kurden nennen dieselben jetzt keli-Shin (blaue Säulen). W. Vaux, Nin. and Persep. S. 330. . Als die Schmausenden, zu denen sich auch Boges, der Eunuch, gesellt hatte, von der Tafel aufstanden, öffnete sich von neuem die Thür des Stationshauses. Ein gedehntes »Ah!« ließ sich hören, denn vor den Persern stand Nitetis in der kostbaren medischen Hoftracht, von dem Bewußtsein ihrer siegreichen Schönheit stolz erhoben und dennoch mädchenhaft erröthend über das Staunen ihrer Freunde. Unwillkürlich fielen die Diener, nach asiatischer Sitte, vor ihr nieder; die edlen Achämeniden aber verneigten sich tief und ehrerbietig. Es war, als wenn die Königstochter mit der schlichteren Kleidung ihrer Heimath alle Schüchternheit abgelegt und mit den von Gold und Edelsteinen strotzenden seidenen Gewändern der persischen Fürstin den Stolz und die Hoheit einer Königin angezogen habe. Die tiefe Ehrerbietung, welche man ihr soeben gezollt hatte, schien ihr wohlzuthun. Herablassend mit der Hand winkend, dankte sie den bewundernden Freunden; dann wandte sie sich an den Eunuchenobersten (Anm. 7) Nach dem Buche Esther 2, 12. 15 gab es einen Eunuchen-Obersten für die Gemahlinnen und einen zweiten für die Kebsweiber des Königs. Wir lassen Boges zur Zeit des Kambyses, also weit früher, diese beiden Aemter zugleich bekleiden. und sagte ihm freundlich, aber stolz: »Du hast Deine Schuldigkeit gethan. Ich bin mit den Kleidern und Sklavinnen, welche Du mir besorgtest, nicht unzufrieden. Ich werde meinem Gemahle Deine Umsicht zu rühmen wissen, empfange einstweilen diese goldene Kette als Zeichen meines Dankes.« Der allmächtige Aufseher der Frauen des Königs küßte ihr Gewand und nahm diese Gabe schweigend in Empfang. Mit solchem Stolze war ihm noch keine seiner Untergebenen entgegen gekommen. Alle bisherigen Weiber des Kambyses waren Asiatinnen, und diese pflegten, weil sie die Allmacht des Eunuchen-Obersten kannten, Alles aufzubieten, um seine Gunst durch Schmeichelworte und demüthiges Wesen zu gewinnen. Jetzt verneigte sich Boges zum Zweitenmale tief vor Nitetis; diese wandte sich aber, ohne ihn weiter zu beachten, dem Krösus zu und sagte leise: »Dir, mein gütiger Freund, kann ich weder durch Worte noch durch Gaben lohnen, was Du an mir gethan hast, denn Dir allein werde ich es zu danken haben, wenn mein Leben an diesem Hofe ein, wenn nicht glückliches, so doch friedliches sein wird.« Nun fuhr sie mit lauterer, auch ihren Reisegefährten verständlicher Stimme fort: »Nimm diesen Ring, welcher seit unserer Abreise von Aegypten meine Hand nicht verlassen hat. Sein Werth ist gering; seine Bedeutung aber groß. Pythagoras, der edelste aller Hellenen, gab ihn meiner Mutter, als er in Aegypten die Weisheitslehren unserer Priester erlauschte; diese schenkte ihn mir, als ich von der Heimat Abschied nahm. Auf dem schlichten Türkise hier steht eine Sieben. Diese durchaus untheilbare Zahl stellt die Gesundheit des Leibes und der Seele dar (Anm. 8) Sieben, die »mutterlose« Zahl, hat bis zur Zehn keinen Faktor. Zeller, Geschichte d. Philos. d. Griechen, S. 232 und 298. , denn nichts ist untheilbarer, als die Gesundheit. Wenn nur das kleinste Theilchen des Körpers leidet, so krankt der ganze Mensch; wenn sich ein schlechter Gedanke in unser Herz einnistet, so ist die Harmonie der ganzen Seele gestört. Laß Dir diese Sieben, so oft Du sie siehst, zurufen, was ich Dir wünsche: den ungeteilten, ungetrübten Genuß leiblichen Wohlseins und eine lange Fortdauer jener liebreichen Milde, welche Dich zum tugendhaftesten und darum zum gesundesten aller Menschen macht. Keinen Dank, mein Vater, denn ich würde Deine Schuldnerin bleiben, selbst wenn ich dem Krösus die Schätze des Krösus wiederzugeben vermöchte. Du, Gyges, nimm diese lydische Leyer von Elfenbein und erinnere Dich, wenn ihre Saiten klingen, an die Geberin derselben. – Dir, Zopyrus, reiche ich diese goldene Kette, denn Du bist, wie ich gesehen habe, der treueste Freund Deiner Freunde; wir Aegypter aber geben unserer Göttin der Liebe und Freundschaft, der schönen Hathor, als Symbol ihres fesselnden Wesens, Bande und Stricke in die lieblichen Hände Siehe I. Theil Anmerkung 55 . . – Dir, Darius, dem Freunde ägyptischer Weisheit und des gestirnten Himmels, überreiche ich zum Andenken diesen goldenen Reifen, auf dem Du den Thierkreis, von kundiger Hand in das Metall gegraben, finden wirft. – Du, Bartja, mein lieber Schwager, sollst endlich das kostbarste Kleinod empfangen, welches ich besitze. Nimm dieses Amulet von blauem Lapis Lazuli war ein im alten Aegypten sehr beliebter Edelstein, den man durch künstliche Glasflüsse nachzubilden verstand. Das Gleiche gilt vom Smaragd. Gestein (Anm. 9) Diodor I. 49 erzählt, daß im Grabe des Osymandyas (Palast Ramses II. zu Theben, das sogenannte Ramesseum) ein goldener, 365 Ellen umspannender, eine Elle dicker Kreis gelegen, welcher einen vollständigen astronomischen Kalender enthalten habe. Der zu Paris befindliche Thierkreis von Dendera, ein astronomisches Deckengemälde, das in der Zeit seiner Entdeckung für uralt gehalten wurde, ist ziemlich jung, da es erst dem Ende der Ptolemäerherrschaft seinen Ursprung verdankt. Letronne war der Erste, der es richtig würdigte. S. Lepsius, Chronol. S. 63 und Lauth, Les zodiaques de Denderah. München 1865 . . Meine Schwester Tachot hängte es um meinen Hals, als ich zum Letztenmal vor dem Schlafengehen den Nachtkuß auf ihre Lippen drückte. Sie sagte mir, dieser Talisman verschaffe Denen, welche ihn trügen, süßes Glück der Liebe. Sie weinte dabei, Bartja! Ich weiß nicht, an wen die Gute dachte; aber ich hoffe in ihrem Sinne zu handeln, wenn ich ihr Kleinod in Deine Hände lege. Denke, Tachot reiche es Dir durch mich, ihre Schwester, und erinnere Dich manchmal an unsere Spiele in den Gärten von Sais.« Bis dahin hatte sie griechisch gesprochen. Jetzt wandte sie sich an die in ehrerbietiger Entfernung harrende Dienerschaft und sagte in gebrochenem Persisch: »Nehmt auch ihr meinen Dank! Zu Babylon sollt ihr tausend Goldstatern (Anm. 10) Diese Statern sollen, nach Herodot I. 94, die ersten geprägten Münzen gewesen sein. Uebrigens hatten die Assyrer, wie Böckh und Brandis es nachgewiesen, schon weit früher ganz festes Maß und Gewicht. Die persischen Dareiken sind wohl erst zur Zeit des Darius geprägt worden, obgleich dieselben ihren Namen, nach Suidas, einem früheren Darius verdanken. Auch kann derselbe von dem Worte » Zara «, Gold, herkommen. Die Dareike hatte etwas über acht Thaler Werth. Böckh, Metrologie S. 46. 51. 129 fgd. Duncker, Geschichte des Altertums II. S. 642. Die jüngsten und schönsten Forschungen in Bezug auf den Werth der orientalischen Maße jeder Art verdanken wir Brandis. erhalten. Ich befehle Dir, Boges,« fügte sie, sich an den Eunuchen wendend, hinzu, »die angegebene Summe bis spätestens übermorgen unter die Leute vertheilen zu lassen. – Führe mich zu meinem Wagen, Krösus!« Der Greis beeilte sich, dieser Aufforderung Folge zu leisten. Während er Nitetis dem Fuhrwerke entgegen führte, flüsterte sie ihm, seinen Arm an ihre Brust drückend, zu: »Bist Du mit mir zufrieden, mein Vater?« »Ich sage Dir, Mädchen,« antwortete der Greis, »Du wirst an diesem Hofe, nach der Mutter des Königs, die Erste werden, denn auf Deiner Stirn thront der wahre Stolz der Königin und Du besitzest die Kunst, mit Wenigem viel zu verrichten. Glaube mir, daß eine kleine Gabe, wie Du sie zu wählen und darzureichen verstehst, dem Edlen größere Freude bereitet als ein Haufen Goldes, den man vor ihm niederwirft. – Köstliche Geschenke zu geben und zu empfangen ist die Gewohnheit der Perser. Sie verstehen es, einander zu bereichern; Du wirst sie lehren, einander zu beglücken. – Wie schön Du bist! Sitzest Du gut oder verlangst Du höhere Polster? Aber, was ist das? – Siehst Du nicht Staubwolken von der Stadt her aufwirbeln? Das wird Kambyses sein, welcher Dir entgegenzieht. Halte Dich aufrecht, Mädchen! Vor Allem bemühe Dich, den Blick Deines Gatten auszuhalten und zu erwiedern. Nur Wenige ertragen die Blitze dieses Auges. Gelingt es Dir, ihm frei und ohne Zagen in's Gesicht zu schauen, dann hast Du gesiegt. Muth, Muth, meine Tochter; Aphrodite schmücke Dich mit ihrer schönsten Schönheit! – Zu Pferde, meine Freunde, ich glaube, daß der König uns entgegenzieht!« Nitetis saß hoch aufgerichtet und die Hände auf das Herz pressend in dem goldenen Wagen. Die Staubwolke kam immer näher und näher. Jetzt flackerten auf derselben lichte Sonnenstrahlen, welche sich in den Waffen der Heranziehenden spiegelten, wie Blitze aus dem Gewitterhimmel hervor. Jetzt theilte sich die Wolke und einzelne Gestalten wurden sichtbar, jetzt verschwand der nahende Zug hinter dichtem Buschwerk an der Krümmung des Weges, jetzt, kaum hundert Schritte von ihr entfernt, zeigten sich die heransprengenden Reiter, nah und immer näher kommend, fast greifbar deutlich. Der ganze Zug glich einer bunten Masse von Rossen, Männern, Purpur, Gold, Silber und Edelsteinen. Mehr als zweihundert Reiter, alle auf schneeweißen nisäischen Pferden, deren Saumzeug und Schabracken von goldenen Glöckchen und Buckeln, von Federn, Quasten und Stickereien strotzten (Anm. 11) Nach den Bildern in H. Gosse's Assyria S. 238 und Layard, Niniv. and Babyl. S. 178. 340. 450. , folgten einem Manne, welcher von dem gewaltigen rabenschwarzen Hengste, den er ritt, oftmals fortgerissen wurde, öfter aber mit riesiger Kraft dem unbändigen schäumenden Thiere bewies, daß er der Mann sei, seinen tollen Muth zu zähmen. Dieser Reiter, dessen gewaltige Schenkel den Hengst zusammendrückten, daß er bebte und keuchte, trug ein scharlachroth und weiß gemustertes Gewand, welches über und über mit silbernen in dasselbe eingestickten Adlern und Falken bedeckt war (Anm. 12) Curtius III. 3. Xenoph. Cyrop. VIII. 3. 7. Aeschylus, Perser 835 und 836. Die Kleider und der Schmuck des Königs sollen nach Plutarch, Artaxerxes 24, 12,000 Talente, das sind 15 Millionen Thaler, werth gewesen sein. . Seine Unterkleider waren von Purpur und seine Stiefel von gelbem Leder. Um seine Hüften schlang sich ein goldener Gürtel, in dem ein kurzer, dolchartiger Säbel steckte, dessen Griff und Scheide mit Edelsteinen übersäet waren. Sein übriger Schmuck glich dem des Bartja. Auch seine Tiara wurde von der blauen und weißen Binde der Achämeniden umgeben. Unter derselben quollen dichte, ebenholzschwarze Locken hervor. Ein ungeheurer Bart von gleicher Farbe verbarg den ganzen unteren Theil seines Angesichts. Seine Züge waren bleich und unbeweglich; seine Augen aber, schwärzer noch als Haar und Bart, sprühten ein nicht erwärmendes, sondern versengendes Feuer. Eine tiefe, brandrothe Narbe, der Säbelhieb eines massagetischen Kriegers, durchfurchte die hohe Stirn, die große gebogene Nase und die schmalen Lippen des Reiters. Seine ganze Haltung trug den Stempel höchster Kraft und maßlosen Stolzes. Nitetis vermochte nicht, ihre Augen von der Gestalt dieses Mannes abzuwenden. Einen gleichen hatte sie niemals gesehen. Sie glaubte in diesem unbändig stolzen Angesichte den Inbegriff aller Männlichkeit zu erblicken. Es war ihr, als sei die ganze Welt, vor Allem aber sie selbst, um diesem Manne zu dienen, geschaffen worden. Sie fürchtete sich vor ihm, und dennoch sehnte sich ihr weiblich unterwürfiges Herz, wie eine Rebe an den Ulmenstamm, sich an diesen starken Menschen klammern zu dürfen. Sie wußte nicht, ob sie sich also den Vater alles Bösen, den furchtbaren Seth S. I. Theil A. 147 . , oder den Geber alles Lichts, den großen Ra, vorzustellen habe. Auf ihrem Angesichte wechselten, wie Licht und Schatten, wenn sich zur Mittagszeit der Himmel mit Gewölk umzieht, hohe Röthe und tiefe Blässe. Sie vergaß der Lehren ihres väterlichen Freundes und dennoch schaute sie, als Kambyses sein unbändiges, schnaubendes Roß zum Stillstehen an der Seite ihres Wagens zwang, athemlos in die flammenden Augen des Mannes, von dem sie wußte, daß er der König sei, wenn es ihr auch niemand gesagt hatte. Das strenge Angesicht des Beherrschers der halben Welt ward immer freundlicher, je länger sie, von einem wunderbaren Triebe gezwungen, seinen durchbohrenden Blick ertrug. Endlich winkte er ihr mit der Hand einen Gruß des Willkommens entgegen und ritt auf ihre Begleiter zu, welche von ihren Pferden gesprungen waren und sich theils vor dem Könige in den Staub geworfen hatten, theils, sich tief verneigend und nach persischer Sitte die Hände in den Aermeln ihres Gewandes verbergend, dastanden. Jetzt sprang er selbst von seinem Hengste. Im gleichen Augenblicke schwangen sich auch alle seine Begleiter von ihren Pferden. Die ihm folgenden Teppichbreiter legten, schnell wie der Gedanke, eine schwere purpurne Decke auf die Landstraße, damit der Fuß des Königs den Staub des Weges nicht zu berühren brauche, und wenige Augenblicke später begrüßte Kambyses seine Freunde und Verwandten, indem er ihnen den Mund zum Kusse darbot. Dann schüttelte er die Rechte des Krösus und befahl ihm, sein Pferd von Neuem zu besteigen und ihn, als Dolmetscher, zum Wagen der Nitetis zu begleiten. Die höchsten Würdenträger sprangen herbei und hoben den König wiederum auf sein Roß; dieser winkte, und der Zug setzte sich von neuem in Bewegung. Krösus trabte neben Kambyses zur Seite des goldenen Wagens. »Sie ist schön und gefällt meinem Herzen,« rief der Perser dem lydischen Greise zu. »Jetzt übersetze mir treulich, was sie auf meine Fragen antworten wird, denn ich verstehe keine andere als die persische, die assyrische und medische Sprache.« Nitetis hatte diese Worte verstanden. Eine namenlose Wonne zog in ihr Herz, und ehe noch Krösus dem Könige antworten konnte, sprach sie mit leiser Stimme und hoch erröthend in gebrochenem Persisch: »Wie soll ich den Göttern danken, welche mich Gnade vor Deinen Augen finden ließen. Ich bin nicht unkundig der Sprache meines Herrn, denn dieser edle Greis hat mich auf unserer langen Reise in der persischen Mundart unterrichtet. Verzeihe, wenn ich Dir nur in gebrochenen Sätzen antworten kann. Meine Lehrzeit war so kurz und meine Fassungsgabe ist ja nur die einer armen, ungelehrten Jungfrau (Anm. 13) Auch Themistokles erlernte, wie Diodor erzählt, die persische Sprache auf dem Wege nach Susa. Wir lassen also Nitetis nichts Unmögliches leisten. !« Der sonst so ernste Mund des Kambyses lächelte. Seine Eitelkeit fühlte sich durch den Eifer der Nitetis, sein Wohlgefallen zu erringen, geschmeichelt, und der strebsame Fleiß eines Weibes erschien dem Perser, welcher gewohnt war die Frauen in Unwissenheit und Trägheit, nur auf Putz und Ränke sinnend, aufwachsen zu sehen, eben so wunderbar als lobenswerth. Darum antwortete er mit sichtlichem Wohlgefallen: »Es freut mich, daß ich ohne Vermittler mit Dir reden kann. Fahre fort, Dich zu bemühen, die schöne Sprache meiner Väter zu erlernen; mein Tischgenosse Krösus wird auch in Zukunft Dein Lehrer bleiben.« »Du beglückst mich mit diesem Befehle,« rief der Greis, »denn ich könnte mir keine dankbarere und eifrigere Schülerin wünschen, wie die Tochter des Amasis.« »Sie bewährt den alten Ruhm ägyptischer Weisheit,« erwiederte der König, »und ich denke, daß sie auch die Lehren der Magier, welche sie in unserer Religion unterrichten werden, in kurzer Zeit verstehen und in ihre Seele aufnehmen wird.« Nitetis schlug die Augen nieder. Das Gefürchtete nahte. Statt den ägyptischen sollte sie von nun an fremden Göttern dienen. Kambyses bemerkte nicht ihre innere Bewegung und fuhr fort. »Meine Mutter Kassandane soll Dich in die Pflichten meiner Gattinnen einweihen. Ich selbst werde Dich morgen zu ihr führen. Was Du unschuldiger Weise erlauschtest, wiederhole ich Dir: Du bist meinem Herzen wohlgefällig. Sorge dafür, daß dieses Wohlgefallen erhalten bleibe! Wir wollen versuchen, Dir unsere Heimath lieb zu machen, und, weil ich Dein Freund bin, so gebe ich Dir den Rath, dem Boges, welchen ich Dir entgegensandte, liebreich zu begegnen, denn Du wirst ihm in vielen Dingen zu folgen haben, da er der Vorgesetzte des Weiberhauses ist.« »Mag er auch dem Hause der Weiber vorgesetzt sein,« antwortete Nitetis, »so denke ich doch, daß Deiner Gattin selbst kein Sterblicher als Du allein zu befehlen hast. Winke, und ich werde gehorchen; bedenke aber, daß ich eine Königstochter bin und einem Lande entstamme, wo das schwache Weib die Rechte des starken Mannes theilt, daß auch meine Brust jener Stolz durchdringt, den ich aus Deinem Auge leuchten sehe, mein Geliebter! – Dir, dem Großen, meinem Gatten und Beherrscher, will ich gleich einer Sklavin folgen; doch um die Gunst des unmännlichsten aller Männer, eines käuflichen Dieners zu werben, vermag ich eben so wenig, als den Geboten, die er mir vorschreiben möchte, zu gehorchen.« Das Erstaunen und Wohlgefallen des Kambyses wuchs. In solcher Weise hatte er noch kein Weib, außer seine Mutter, reden hören, und die kluge Art, mit der Nitetis unbewußt seine Macht über ihr ganzes Dasein anerkannte und hervorhob, befriedigte seine Eigenliebe. Der Stolz gefiel dem Stolzen. Er nickte dem Mädchen beifällig zu und sagte: »Du hast Recht. Ich werde Dir eine eigene Wohnung anweisen lassen. Ich allein will Dir befehlen, wie Du Dich verhalten sollst. Das freundliche Haus auf den hängenden Gärten wird heute noch für Dich eingerichtet werden.« »Dank, tausend Dank,« rief Nitetis. »O, wenn Du wüßtest, wie sehr Du mich durch diese Gabe beglückst. Von den hängenden Gärten hat Dein lieber Bruder Bartja mir so viel erzählen müssen, und keine von allen Herrlichkeiten Deines großen Reichs gefiel uns so wohl, als die Liebe jenes Königs, der diesen grünenden Berg aufthürmen ließ.« »Morgen wirst Du die neue Wohnung beziehen können. Sage mir jetzt, wie meine Boten Dir und den Ägyptern gefallen haben?« »Wie magst Du solches fragen? Wer konnte diesen edlen Greis kennen lernen, ohne ihn zu lieben? Wer müßte nicht die Vorzüge der jungen Helden, Deiner Freunde, bewundern? Sie alle sind unserem Hause theuer geworden. besonders aber hat Dein schöner Bruder alle Herzen gewonnen. Die Aegypter sind den Fremden abhold, sobald sich aber Bartja ihnen zeigte, zog ein Murmeln der Bewunderung durch die gaffende Menge.« Bei diesen Worten der Königstochter verfinsterte sich die Stirn des Königs. Er gab seinem Rosse einen harten Streich, daß es aufbäumte, warf es herum, sprengte an die Spitze seines Gefolges und gelangte nach wenigen Minuten zu den Mauern von Babylon. Nitetis, welche als Aegypterin an die größesten Bauten gewohnt war, staunte dennoch über die riesenhafte Ausdehnung und die Großartigkeit dieser ungeheuren Stadt. Die Mauern derselben erschienen durchaus uneinnehmbar, denn ihre Höhe maß fünfzig Ellen und ihre Breite war so groß, daß sich zwei Wagen bequemlich darauf ausweichen konnten. Zweihundert und fünfzig hohe Thürme krönten und befestigten diese ungeheure Schutzwehr, ja man hätte eine noch größere Anzahl solcher Citadellen bedurft, wenn Babylon nicht auf einer Seite von undurchdringlichen Sümpfen beschützt worden wäre. Die Riesenstadt erhob sich auf beiden Seiten des Euphrat. Ihr Umfang betrug mehr als neun Meilen, und die sie umgürtende Mauer beschirmte Bauwerke, deren Größe selbst die Pyramiden und die Tempel von Theben und Memphis überbot (Anm. 14) Diese Angaben sind theils dem Herodot, theils dem Diodor, Strabo und Arrian entlehnt. Die Trümmer dieser Riesenstadt sind heute noch, nach Layard l. l., Gosse, Assyria , Ritter, Erdkunde XI. S. 900 u. v. A., derartig, daß man aus ihnen auf die einstige ungeheure Ausdehnung derselben schließen kann. Aristot. polit. III. 1 sagt, Babylon habe nicht die Größe einer Stadt, sondern eines Volkes. . Das Thor, durch welches der königliche Zug in die Stadt gelangte, hatte vor den hohen Ankömmlingen seine fünfzig Ellen hohen ehernen Flügel weit geöffnet. Diesen Eingang beschirmte von jeder Seite ein Festungsthurm, vor je welchem sich als Wächter ein gigantischer geflügelter Stier von Stein mit ernstem, bärtigem Menschenkopfe erhob (Anm. 15) J. Bonomi, Niniveh and its Palaces , Fig. 33, und Layard auf vielen Bildern. Originale und Abgüsse von Erzeugnissen der alten assyrischen Kunst im British Museum zu London, im Louvre zu Paris und (namentlich Abgüsse) im neuen Museum zu Berlin. Die assyrischen Sphinxe hatten wohl die Aufgabe, die Allgewalt der Gottheit zu versinnbildlichen, denn sie vereinen in sich die größte Kraft im Leibe des Stiers, die höchste Einsicht im Menschenhaupte und die größte Schnelligkeit in den Flügeln des Adlers. . Staunend blickte Nitetis auf diese Riesenpforte, freudig bewegt in die lange, breite Straße der großen Stadt, welche ihr zu Ehren im schönsten Festgewande prangte. Sobald sich der König und der goldene Wagen zeigte, brach die zusammengelaufene Menge in lauten Jubel aus; dieser steigerte sich aber zu einem unaufhörlichen, donnernden und kreischenden Freudengeschrei, als man den heimkehrenden Bartja, den Liebling des Volkes, erblickte. Die Menge hatte auch Kambyses lange nicht gesehen, denn der König zeigte sich nach medischer Sitte nur selten in der Oeffentlichkeit. Unsichtbar wie die Gottheit sollte er regieren und sein Erscheinen unter dem Volke gleich einer Festfreude erwartet werden. So hatte sich denn auch heute ganz Babylon aufgemacht, um den gefürchteten Herrscher und den geliebten Heimkehrenden zu sehen und zu begrüßen. Alle Fenster waren von neugierigen Frauen besetzt, welche den Heranziehenden Blumen vor die Füße warfen und wohlriechende Essenzen auf sie hernieder gossen. Das ganze Pflaster war mit Myrthen und Palmenzweigen bestreut, grüne Bäume aller Arten standen vor den Thüren, Teppiche und Tücher hingen aus den Fenstern, Blumengewinde zogen sich von Haus zu Haus, Weihrauch und Sandeldüfte durchwehten die Luft, und in dichtem Gedränge standen zu beiden Seiten des Weges Tausende von gaffenden Babyloniern in weißen leinenen Hemden, bunten wollenen Röcken und kurzen Mäntelchen, lange Stäbe mit goldenen und silbernen Granatäpfeln, Vögeln oder Rosen in der Hand haltend (Anm. 16) Herod. I. 195. Im Propheten Ezechiel 23, 15. Diese Tracht stimmt auch schön mit den Bildern der Assyrer, welche sich unter den Darstellungen von fremden Nationen auf den ägyptischen Denkmälern finden. Abgebildet bei Rosellini in Farbendruck, Mon. stor. dell'Egitto II. Taf. 157 u. 158, ebenso in Lepsius' Denkmälern. Bei der berühmten Aufzählung der Züge Thutmes III. zu Karnak wird von Assuri und Bebel, vielleicht Assyrien und Babylon, gesprochen. Da heißt es: »Im Jahre 40 waren die Tribute des Königs von Assuri (Assyrien?) ein großer Stein Lapis lazuli, wiegend 20 Minen und 9 Aß, schönes Lapis lazuli von Bebel (Babylon?), Vasenaufsätze von Assuri \&c.« Zuletzt wurde das »statistische Denkmal von Karnak« veröffentlicht von Mariette Bey und behandelt von Brugsch und A. Wiedemann. ). Sämmtliche Straßen, durch welche sich der Zug bewegte, waren breit und gerade; die von Backsteinen erbauten Häuser stattlich und hoch (Anm. 17) Herod. I. 180. . Sie alle überragte, überall sichtbar, der Riesentempel des Gottes Bel mit seiner ungeheuren Treppe, die sich außerhalb des runden, thurmartigen Baues, welcher aus Stockwerken bestand, von denen das höher gelegene immer kleiner war als dasjenige, auf dem es ruhte, in acht weit gedehnten Kreisen, gleich einer ungeheuren Schlange, bis an die Spitze, die das eigentliche Heiligthum trug, hinauf wand (Anm. 18) Dieser Tempel des Bel, den Manche für den »Thurm von Babel«, 1. Buch Mose's 11, halten wollen, wird von Herodot I. 181. 182. 183, Diodor II. 8 und 9 (Ktesias), Strabo 738 u. v. a. alten Berichterstattern erwähnt. Die Trümmer desselben werden von den heutigen Bewohnern jener Gegend Birs Nimrud, Burg des Nimrod, genannt. Im Texte geben wir das ungefähre Bild des Baues, wie wir ihn uns nach den Stellen in den Klassikern, die seiner erwähnen, rekonstruirt haben. Die Höhe des ersten Stockwerks, welches heute noch, von Trümmern umgeben, dasteht, beträgt 260 Fuß. Die Mauern, welche den Tempel umgaben, sollen sich noch recht gut erkennen lassen und 4000' lang und 3000' breit gewesen sein. Ritter, Erdkunde XI. 877 fgd. Layard S. 494–499. Rich. collected memoirs. First memoir p. 37 . Zur Zeit unserer Erzählung muß dieser Riesenbau in vollem Glanze dagestanden haben, weil wir wissen, daß Nebukadnezar ihn köstlich ausbauen ließ. Diese Angabe des Josephus Antiq. X. 11, 1 wird durch eine Keilinschrift, welche Rawlinson übersetzte, bestätigt. Journal of the roy. As. society XII. 2. p. 476 . Die Basis des Belustempels scheint jedenfalls viereckig gewesen zu sein. . Jetzt näherte sich der Zug der Burg des Königs (Anm. 19) Auch diese Burg soll von Nebukadnezar erbaut worden sein; wenigstens tragen die Ziegel derselben, welche in den Trümmern bei Hillah gefunden worden sind, den in Keilinschrift geschriebenen Namen dieses großen Königs. Auch viele Bruchstücke von glasirten Reliefs werden heute noch dort gefunden. , deren Größenverhältnisse der Ungeheuerlichkeit der ganzen Anlage der Stadt entsprachen. Die Mauern, die den Palast umzogen, waren mit bunt glasirten Bildwerken überdeckt, welche seltsame Mischgestalten von Menschen, Vögeln, Säugethieren und Fischen, Jagden, Kriegsscenen und feierliche Aufzüge darstellten. Gegen Norden, dem Strome entlang, erhoben sich die hängenden Gärten (Anm. 20) Siehe I. Theil Anmerkung 154 [ 159 ]. Ein Trümmerhaufe, heute el Kasr , d. h. der Palast, genannt, erstreckt sich 2400' lang und 1800' breit am Ufer des Euphrat. »Auf der Nordseite dieses künstlichen Hügels von einem der höchsten Punkte sieht heute eine einsame Tamariske, ein sehr alter und starker Baum, auf den Fluß hinab; die Araber erzählen, es sei der einzige Baum, der von den hängenden Gärten der Semiramis übrig geblieben.« Duncker, Geschichte des Alterthums I. S. 572. Diodor II. 10 sagt, die hängenden Gärten hätten den Stufen eines Theaters geglichen. Layard fand auf einer Tafel Basreliefs mit der Darstellung eines auf Säulen schwebenden Gartens. Niniv. and Babyl. S. 233. Taf. XI. B. der Zenker'schen Uebersetzung. ; nach Osten hin lag auf dem anderen Ufer des Euphrat die zweite kleinere Königsburg, welche mit der ersteren durch den Wunderbau einer festen Steinbrücke verbunden war. Der Zug bewegte sich durch die ehernen Thore der drei den Palast umgebenden Mauern. Die Pferde der Nitetis standen still, Schemelträger halfen ihr aus dem Wagen. Sie befand sich in ihrer neuen Heimath und bald darauf in den ihr zur einstweiligen Wohnung angewiesenen Räumen des Weiberhauses. Kambyses, Bartja und die uns bekannten Freunde standen noch, von hundert glänzenden Würdenträgern umgeben, in dem mit bunten Teppichen belegten Schloßhofe, als man laute Weiberstimmen vernahm und eine wunderschöne junge Perserin, in kostbaren Kleidern, reiche Perlenschnüre in den vollen blonden Haaren tragend, von mehreren älteren Frauen verfolgt, in den Hof und den Männern entgegen stürzte. Kambyses stellte sich der Ungestümen lächelnd in den Weg; das Mädchen aber schlüpfte mit einer geschickten Wendung an ihm vorbei und hing einen Augenblick später, bald lachend, bald weinend an Bartja's Halse. Die verfolgenden Frauen warfen sich in ehrerbietiger Entfernung auf die Erde nieder; Kambyses aber rief, als das Mädchen den Heimgekehrten mit immer neuen Liebkosungen überhäufte: »Schäme Dich, Atossa! Bedenke, daß Du, seitdem Du die Ohrringe trägst (Anm. 21) Man gab den Perserinnen die Ohrringe, wenn sie in ihrem fünfzehnten Jahre mannbar wurden. Vendid. Fargard. XIV. 66 . Uebrigens mußten sich Mädchen wie Knaben im fünfzehnten Jahre mit der heiligen Schnur, kuçti oder kosti , umgürten. Nur in der Nacht durfte sie abgebunden werden. Die Verfertigung derselben ist noch bei den heutigen Persern mit vielen Förmlichkeiten verbunden. Sie soll aus 72 Fäden bestehen. Schwarze Wolle darf nicht dazu genommen werden. Spiegel, Avesta II. Einleitung XXIII. , aufgehört hast, ein Kind zu sein. Ich habe nichts dagegen, wenn Du Freude über die Heimkehr Deines Bruders empfindest, aber selbst in der Freude darf eine königliche Jungfrau der Schicklichkeit nicht vergessen. Mach', daß Du zu der Mutter zurückkommst! Dort drüben seh' ich Deine Wärterinnen. Geh' und sage ihnen, ich wolle Dich an diesem Freudentage straflos lassen! Drängst Du Dich zum Zweitenmale in diese, jedem Unberufenen verschlossenen Räume, so lass' ich Dich von Boges zwölf Tage lang einsperren. Merke Dir das, Du Wildfang, und sage der Mutter, ich würde sie gleich mit Bartja besuchen. Gib mir einen Kuß! Du willst nicht? Warte, Trotzkopf!« Bei diesen Worten sprang der König auf das Mädchen zu, hielt ihre Hände mit seiner Linken so fest zusammen, daß sie laut aufschrie, bog mit der Rechten das reizende Köpfchen zurück und küßte die widerstrebende Schwester, welche nun weinend ihren Wärterinnen entgegen und in ihre Wohnung zurücklief. Als Atossa verschwuren war, sagte Bartja: »Du hast die arme Kleine zu hart angefaßt, Kambyses; sie schrie vor Schmerz!« Des Königs Angesicht verfinsterte sich; er hielt aber die barsche Antwort, welche auf seinen Lippen schwebte, zurück und sagte, sich dem Hause zuwendend: »Komm jetzt zur Mutter; sie hat mich gebeten, Dich zu ihr zu führen, sobald Du anlangen solltest. Die Weiber können Dich wie gewöhnlich nicht erwarten! Nitetis sagte mir, Du habest auch die Aegypterinnen mit Deinen blenden Locken und rosigen Wangen bezaubert. Bete bei Zeiten zu Mithra , daß er Dir ewige Jugend verleihe und Dich vor den Runzeln des Alters bewahre!« »Willst Du mit diesen Worten sagen,« fragte Bartja, »daß ich keine Tugend besäße, welche auch dem Alter zur Zierde gereicht?« »Ich erkläre niemanden meine Worte. Komm!« »Ich aber werde Dich um eine Gelegenheit bitten, Dir zu beweisen, daß ich keinem Perser an männlichen Tugenden nachstehe.« »Das Jubelgeschrei der Babylonier konnte Dir sagen, daß Du nicht der Thaten bedarfst, um Anerkennung zu finden.« »Kambyses!« »Komm jetzt! Der Krieg mit den Massageten steht vor der Thür. Da wirst Du Gelegenheit haben, zu zeigen, was Du kannst und bist!« Wenige Minuten später lag Bartja in den Armen seiner blinden Mutter, welche klopfenden Herzens dem sehnsüchtig erwarteten Lieblinge entgegenharrte. Jetzt, da sie endlich seine Stimme vernahm und mit ihren Händen das theure Haupt befühlte, vergaß sie alles Andere und beachtete, indem sie sich des Heimgekehrten freute, selbst nicht ihren erstgeborenen Sohn, den allgewaltigen König, welcher bitter lächelnd zusah, wie sich ein voller Strom von Mutterliebe auf seinen jüngeren Bruder schrankenlos ergoß. Von der ersten Kindheit des Kambyses an hatte man jeden seiner Wünsche erfüllt, jeder Wink seiner Augen war gleich einem Befehle gewesen; darum konnte er keinen Widerspruch ertragen und überließ sich seinem jäh aufbrausenden Zorne, wenn einer seiner Unterthanen, und er kannte keine andern Menschen als solche, sich ihm zu widersprechen erkühnte. Cyrus, sein Vater, der mächtige Eroberer der halben Welt, dessen großer Geist das kleine Volk der Perser auf den Gipfel irdischer Größe gehoben und es verstanden hatte, sich die Ehrfurcht zahlloser unterjochter Stämme zu erwerben, dieser Cyrus verstand es nicht, in dem kleinen Kreise seiner Familie jenes Erziehungswerk auszuüben, welches ihm großen Staaten gegenüber so wunderbar gelungen (Anm. 23 [22]) Dieselbe Bemerkung findet sich im Seneca de ira und im Plato legg. 691 und 695. war. – Er sah schon in dem Knaben Kambyses den zukünftigen König, befahl seinen Unterthanen, dem Kinde blindlings zu gehorchen, und vergaß, daß, wer befehlen will, zuerst das Dienen erlernen müsse. Die Gattin seines Herzens und seiner Jugend, Kassandane, hatte ihm erst Kambyses, dann drei Töchter und endlich nach fünfzehn Jahren Bartja geschenkt. Der erstgeborne Sohn hatte sich längst den elterlichen Liebkosungen entzogen, als der jüngere Knabe zur Welt kam, um alle Sorgfalt und alle Pflege des zarten Kindesalters für sich allein in Anspruch zu nehmen. Der wunderholde, warmherzige, sich anschmiegende Nachkömmling ward der Augapfel beider Eltern; ihm schenkten sie die warme Gabe der Liebe, während sich Kambyses nur sorgsamer Rücksichten von Vater und Mutter zu erfreuen hatte. Der Erbe des Thrones zeichnete sich in manchem Kriege durch Muth und Tapferkeit aus; aber sein befehlshaberisches, stolzes Wesen erwarb ihm zitternde Knechte, während der leutselige, gemüthsvolle Bartja seine Genossen zu gleicher Zeit liebe Freunde nennen durfte. Das Volk endlich fürchtete Kambyses, und zitterte, wenn er nahte, trotz der reichen Geschenke, welche er verschwenderisch auszustreuen gewohnt war, während es den freundlichen Bartja liebte, in dem es das Ebenbild des verstorbenen Cyrus, des »Vaters seines Volkes«, erblickte. Kambyses fühlte sehr wohl, daß er sich jene Liebe, welche man seinem Bruder von allen Seiten freiwillig zollte, nicht erkaufen könne. Er haßte Bartja nicht; aber es verdroß ihn, daß der Knabe, welcher sich durch keine Thaten bewährt hatte, von allen Persern gleich einem Helden und Wohltäter verehrt und geliebt wurde. Alles, was ihm nicht gefiel, hielt er für Unrecht, was er für Unrecht hielt, mußte er rügen, und sein Tadel war, seit seiner Kindheit, selbst den Größten furchtbar gewesen. Die begeisterten Jubelrufe des Volkes, die überströmenden Liebesergüsse seiner Mutter und Schwester, besonders aber die warmen Lobpreisungen der Nitetis, welche dem Bartja gezollt worden waren, fachten heut in ihm eine Eifersucht an, die sein stolzes Herz bis dahin nicht gekannt hatte. Nitetis gefiel ihm ausnehmend wohl. Diese sich seiner Größe vollkommen unterwerfende und gleich ihm alles Geringe stolz verachtende Tochter eines mächtigen Königs, dieses Weib, welches, um seine Gunst zu gewinnen, sich ernstlicher Mühen bei der Erlernung der persischen Sprache unterzogen hatte, diese hohe Jungfrau, deren eigentümliche, halb ägyptische, halb griechische Schönheit (ihre Mutter war eine Hellenin gewesen) seine Bewunderung als etwas Neues, nie Gesehenes in Anspruch nahm, hatte nicht verfehlt, einen tiefen Eindruck auf ihn zu machen. Darum verstimmten ihn ihre dem Bartja freigebig gezollten Lobeserhebungen und machten sein Herz für die Eifersucht empfänglich. Als er mit dem Bruder die Gemächer der Frauen verließ, faßte er einen raschen Entschluß und rief ihm, ehe sie sich trennten, zu: »Du hast mich um eine Gelegenheit gebeten, Deine Mannhaftigkeit zu bewähren. Ich will sie Dir nicht versagen! Die Tapuren sind aufgestanden; ich habe ein Heer an ihre Grenze geschickt. Begib Dich nach Rhagae, übernimm den Oberbefehl und zeige, was Du bist und kannst.« »Ich danke Dir, mein Bruder,« rief Bartja; »darf ich meine Freunde Darius, Gyges und Zopyrus mit mir nehmen?« »Ich will Dir diese Gunst nicht versagen; haltet euch brav und zaudert nicht, damit ihr in drei Monaten wieder bei dem großen Heere seid, welches im Frühjahr zum Rachezuge gegen die Massageten aufbrechen soll.« »Morgen reise ich.« »Gehab' Dich wohl!« »Willst Du mir eine Bitte gewähren, wenn Auramazda mein Leben erhält und ich siegreich heimkehre?« »Ich will.« »O, nun werde ich siegen und stände ich mit tausend Mann gegen zehntausend Tapuren!« Die Augen des Jünglings leuchteten. Er dachte an Sappho. »Ich werde mich freuen, wenn Du Deine schönen Worte zu Thaten machst. Aber halt; ich habe Dir noch etwas zu sagen. Du bist zwanzig Jahre alt und mußt heirathen. Roxane, die Tochter des edlen Hydarnes, ist mannbar geworden. Sie soll schön sein und ist ihrer Herkunft nach Deiner würdig.« »O, mein Bruder, sprich mir nicht von der Ehe, ich . . .« »Du mußt ein Weib nehmen, denn ich bin kinderlos.« »Doch Du bist jung und wirst nicht ohne Nachkommen bleiben; auch sage ich nicht, daß ich niemals heirathen will. Zürne mir nicht; aber gerade jetzt, wo ich meine Mannheit bewähren soll, mag ich nichts von den Weibern hören!« »So mußt Du Roxane heimführen, wenn Du aus dem Norden zurückkehrst. Aber ich rathe Dir, die Schöne mit in's Feld zu nehmen. Der Perser pflegt besser zu kämpfen, wenn er neben seinen liebsten Schätzen ein schönes Weib in seinem Lager zu vertheidigen hat (Anm. 24 [23]) Herod. VII. 83. 177. Xenoph. Cyrop. VIII. 10. .« »Verschone mich mit diesem Befehle, mein Bruder. Bei der Seele unseres Vaters beschwöre ich Dich, strafe mich nicht mit einem Weibe, das ich nicht kenne und nicht kennen mag. Gib Roxane dem Zopyrus, der die Frauen liebt, gib sie dem Darius oder Bessus, welche dem Hydarnes verwandt sind; ich würde unglücklich werden . . .« Kambyses lachte und rief, seinen Bruder unterbrechend. »Das hört sich an, als hättest Du aufgehört ein Perser zu sein und wärest zum Aegypter geworden. Wahrlich, ich bereue schon lange, einen Knaben wie Dich in die Fremde geschickt zu haben! Ich bin nicht gewohnt, mir widersprechen zu lassen, und nehme nach dem Kriege keine Entschuldigung an. Jetzt magst Du meinetwegen unbeweibt in's Feld ziehen, denn ich will Dir nichts aufdrängen, was, wie Du meinst, Deine Mannhaftigkeit gefährden könnte. Uebrigens scheint es mir, als hättest Du noch andere geheime Gründe, meinen brüderlichen Vorschlag abzulehnen. Das sollte mir um Deinetwillen Leid thun. Jetzt ziehe hin. Nach dem Kriege laß ich keinen Widerspruch gelten. Du kennst mich!« »Vielleicht bitt' ich Dich selbst nach dem Kriege um das, was ich jetzt nicht von Dir annehmen möchte. So schlecht es ist, jemanden zu seinem Unglücke, so unweise ist es, einen Menschen zu seinem Glücke zwingen zu wollen. Ich danke Dir für Deine Nachgiebigkeit.« »Erprobe sie nicht zu oft! – Wie glücklich Du aussiehst! Ich glaube gar, daß Du verliebt bist und um der Holden Deines Herzens willen die andern Weiber verachtest.« Bartja erröthete bis zum Scheitel, ergriff die Hand seines Bruders und rief: »Forsche jetzt nicht weiter nach, nimm zum Zweitenmale meinen Dank und lebe wohl. Gestattest Du mir, nachdem ich von der Mutter und Atossa Abschied genommen habe, auch Nitetis Lebewohl zu sagen?« Kambyses biß sich in die Lippen, sah Bartja durchdringend an und rief, als er eine gewisse Verlegenheit in den Zügen seines Bruders zu bemerken glaubte, kurz und drohend. »Eile Dich, daß Du zu den Tapuren kommst! Meine Gattin bedarf Deines Schutzes nicht mehr; sie hat jetzt andere Hüter!« Bei diesen Worten kehrte er Bartja den Rücken und begab sich in die von Gold, Purpur und Edelsteinen strahlende Halle, wo Feldherren, Satrapen, Richter, Schatzmeister, Schreiber, Räthe, Eunuchen, Thürhüter, Fremden-Einführer, Kämmerer, Aus- und Ankleider, Schenken, Stallmeister, Jagdobersten, Leibärzte, Augen und Ohren des Königs (Anm. 25 [24]) Die »Augen und Ohren« des Königs sind etwa unseren Polizeiministern gleichzusetzen. Vielleicht hat Darius diesen Titel aus Aegypten entlehnt, auf dessen Denkmälern sich der Titel »Die 2 Augen des Königs von Oberägypten, die 2 Ohren des Königs von Unterägypten« schon früh findet, z. B. im Grabe des Amen em heb zu Abd el Qurnah. Uebrigens läßt der Knabe Cyrus, Herod. II. 114, einen seiner Spielgenossen οφθαλμὸν βασιλέως, das Auge des Königs sein. S. die Glosse bei Hesychius ( ed. Schmidt) unter οφθαλμός. Herod. I. 100 läßt das Spionirsystem der Polizei bei den Medern schon unter Dejoces beginnen. Zu seiner Zeit war das Land erfüllt von Spähern und Horchern. Die andern Hofbeamten werden in verschiedenen alten Schriftstellern erwähnt und von Duncker, Geschichte des Alterthums II. S. 606 und 614, aufgezählt. , und Botschafter aller Arten seiner warteten. Ihm voraus gingen Herolde mit Stäben, seinen Schritten folgte ein Heer von Fächer-, Sänften- und Schemelträgern, Teppichbreitern und Schreibern, die jeden Befehl ihres Herrn, jede nur angedeutete Bewilligung, Belohnung oder Strafe sofort aufzeichneten und den betreffenden Beamten zur Ausführung übergaben. In der Mitte der tageshell erleuchteten Halle stand eine vergoldete Tafel, die beinahe zusammenbrach unter der Last goldener und silberner Gefäße, Teller, Becher und Schalen, welche sie in schöner Ordnung schmückten. In einem durch purpurne Vorhänge verschlossenen Seitengemache stand ein kleiner Tisch, dessen wunderbar prächtige Geräthe viele Millionen werth sein mochten. An diesem pflegte der König zu speisen. Der Vorhang verbarg ihn den Blicken der anderen Schmausenden, während er die ganze Halle und jede Bewegung seiner Tischgenossen übersehen konnte (Anm. 26 [25]) Heracl. Cum. Fragm. I. Plutarch, Artaxerxes 5, erzählt, daß die Mutter und die Favoritgemahlin des Königs bei demselben gesessen haben. . Zu der Zahl dieser »Tischgenossen« gezählt zu werden, galt für die höchste Befriedigung des Ehrgeizes; ja schon derjenige durfte sich einer hohen Gunstbezeugung rühmen, welchem nur ein Antheil von der Tafel des Königs übersandt wurde. Als Kambyses in die Halle trat, warfen sich fast alle Anwesenden vor ihm nieder; nur seine Verwandten, die durch die blau und weiße Binde an ihren Tiaren kenntlich waren, begnügten sich mit einer ehrerbietigen Verbeugung. Nachdem der König in seinem Gemache Platz genommen hatte, ließen sich auch die Tischgenossen nieder, und nun begann eine ungeheure Schmauserei. Ganze gebratene Thiere wurden auf die Tafel gesetzt und, als der Hunger gestillt war, mehrere Gänge der seltensten Näschereien aufgetragen, welche später als »Persischer Nachtisch« selbst bei den Griechen berühmt wurden (Anm. 27 [26]) Herodot I. 133 sagt, die Perser meinten, die Griechen müßten hungern, weil man bei ihnen nach der Mahlzeit nichts Sonderliches mehr auftrüge. Aus neueren Reisewerken, namentlich Brugsch, Reise nach Persien, erfahren wir, daß die Iranier heute noch sehr viele Leckereien essen. J. v. Hammer gibt Proben eines Dichters Namens Abu Ishak, welcher nur Leckereien besang. . Dann erschienen Sklaven, die den Tisch von den Ueberresten der Mahlzeit säuberten. Andere Diener brachten riesige Weinkrüge herbei, der König trat aus seinem Zimmer heraus, um sich an der Spitze der großen Tafel niederzulassen, zahlreiche Schenken füllten auf's Zierlichste die goldenen Becher und kosteten den Wein, um zu zeigen, daß sich kein Gift in demselben verberge, und bald war eines jener Trinkgelage im besten Gange, bei denen später Alexander der Große das Maßhalten, ja selbst die Freundschaft vergaß. Kambyses war heute außergewöhnlich schweigsam. Ein Argwohn, Bartja liebe seine neue Gemahlin, war in seiner Seele wach geworden. Warum weigerte sich der Jüngling gegen alle Sitte, ja gegen die wegen seiner Kinderlosigkeit gebotene und oft besprochene Pflicht, ein vornehmes schönes Mädchen heimzuführen, warum wollte er Nitetis vor seiner Abreise zu den Tapuren noch einmal sehen, warum erröthete er, als er diese Bitte aussprach, warum hatte ihm die Aegypterin, fast ohne gefragt zu sein, so hohes Lob gezollt? Es ist gut, daß er fortgeht, denn er soll mir nicht auch die Liebe dieses Weibes rauben, dachte der König. Wäre er nicht mein Bruder, so wollte ich ihn dahin schicken, von wannen keine Wiederkehr ist! Nach Mitternacht hob er das Gelage auf. Boges, der Eunuchenoberst, erschien, um ihn in das Weiberhaus zu führen, wohin er sich zu dieser Stunde, wenn seine Trunkenheit ihn nicht hinderte, zu begeben pflegte. »Phädime erwartet Dich mit Ungeduld,« sagte der Verschnittene. »Laß sie warten!« antwortete der König. »Hast Du für die Herstellung des Schlosses auf den hängenden Gärten gesorgt?« »Man wird es morgen beziehen können.« »Welche Gemächer sind der Aegypterin angewiesen worden?« »Die frühere Wohnung der zweiten Gemahlin Deines Vaters Cyrus, der in den Tod gerufenen Amytis.« »Es ist gut. Nitetis soll mit der höchsten Ehrfurcht behandelt werden; Du selbst hast ihr keine anderen Befehle, als diejenigen, welche ich Dir für sie auftrage, zu ertheilen.« Boges verneigte sich. »Habe Acht, daß niemand, selbst Krösus nicht, mit ihr rede, bevor mein . . . bevor ich Dir anders lautende Befehle gebe.« »Krösus war heut Abend bei ihr.« »Was wollte er von meiner Gattin?« »Ich weiß nicht, denn ich verstehe kein Griechisch; doch hörte ich den Namen Bartja mehrmals wiederholen und glaube, daß die Aegypterin eine schlimme Nachricht erhalten hat. Sie sah sehr traurig aus, als ich mich, nachdem Krösus sie verlassen hatte, nach ihren Befehlen erkundigte.« »Angramainjus verderbe Deine Zunge,« murmelte der König, dem Eunuchen den Rücken kehrend und den Fackelträgern und Auskleidern folgend, welche ihn in seine Gemächer begleiteten. Um die Mittagszeit des folgenden Tages ritt Bartja mit seinen Freunden und einem großen Dienertrosse der tapurischen Grenze entgegen. Krösus begleitete die jungen Helden bis an die Thore von Babylon. Vor der letzten Umarmung flüsterte Bartja seinem greisen Freunde zu: »Sollte der Bote aus Aegypten auch für mich ein Schreiben in seinem Felleisen haben, so sende es mir nach.« »Wirst Du die griechischen Schriftzüge lesen können?« »Gyges und Eros werden mir helfen!« »Nitetis, der ich von Deiner Abreise erzählt habe, läßt Dich grüßen und Dir sagen, Du möchtest nicht die ägyptischen Freunde vergessen.« »Gewiß nicht!« »So mögen die Götter Dich behüten, mein Sohn. Sei milde wie Dein Vater gegen die Aufrührer, welche sich nicht aus Uebermuth, sondern für den schönsten Besitz des Menschen, die Freiheit, erhoben haben. Bedenke auch, daß Wohlthaten zu erweisen besser ist als Blut zu vergießen, denn das Schwert tödtet, aber die Güte und Milde des Herrschers macht die Menschen glücklich. Beende den Krieg, so bald Du kannst, denn er verkehrt die Natur; im Frieden überleben ja die Söhne ihre Väter, im Kriege die Väter ihre Söhne. Lebt wohl, ihr jungen Helden, und seid siegreich!« Zweites Kapitel. Kambyses hatte eine schlaflose Nacht. Das ihm neue Gefühl der Eifersucht steigerte sein Verlangen nach der Aegypterin, welche er noch nicht seine Gattin nennen durfte, denn das persische Gesetz schrieb vor, daß der König erst dann eine Fremde heimführen dürfe (Anm. 28 [27]) Nach dem Buche Esther 2, 12–14 wurde dieses Lehrjahr angewandt, um die Weiber in den Gebrauch von Salben, Spezereien und Wohlgerüchen einzuweihen. Diese Zeit scheint uns aber für derartige Künste zu lang zu sein. Warum sollte man sie nicht angewandt haben, um die fremden Weiber den Anforderungen gerecht zu machen, welche das Gesetz des Zoroaster an sie stellt? Zur Begründung dieser Konjektur wollen wir die dahin zielende Stelle, Vendidad Farg. XVIII. 123 und 124, wörtlich nach der Spiegel'schen Uebersetzung citiren. »Wer übt an Dir, der Du Ahura-Mazda bist, die größte Rache, wer thut Dir die größte Plage an?« Darauf entgegnet Ahura-Mazda: »Der, welcher den Samen vermengt der Frommen und Unfrommen, der Verehrer der Dävas und Derer, die die Dävas nicht verehren, der Sünder und Nichtsünder, und Diejenigen, welche sich mit Anbetern der Dävas vermischen, sollen eher getödtet werden, als giftige Schlangen.« Vend. XVIII. 123. Obgleich das Proselytenmachen den Mazdayaçnas fern bleiben mußte, weil sie es für eine Auszeichnung hielten, als solche geboren zu sein, so übertrug man doch auch an Fremde dies Vorrecht. Ja zur Sassanidenzeit werden Andersgläubige sogar bitter verfolgt. , wenn sie sich mit den iranischen Gebräuchen vertraut gemacht und zu der Religion des Zoroaster bekannt habe (Anm. 29 [28]) Zoroaster, eigentlich Zarathustra oder Zerethoschtro, war einer der größten Religionsstifter und Gesetzgeber. Nach Anquetil du Perron bedeutet sein Name »güldener Stern«. Doch ist diese Erklärung eben so unsicher, wie die vielen anderen, welche versucht worden sind. Sehr ansprechend erscheint die in dem unten citirten Kern'schen Aufsatze gegebene von zara goldig und thwistra schimmernd; also der goldschimmernde, χρυσοφάης. Ob er in Baktrien, Medien oder Persien geboren worden sei, ist ungewiß. Nach Anquetil erblickte er zu Urmi, einer Stadt in Aderbedjan, das Licht der Welt. Sein Vater hieß Poroschasp, seine Mutter Dogdo; sein Geschlecht rühmte sich königlicher Herkunft. Die Zeit seiner Geburt ist sehr – wie Spiegel sagt – »hoffnungslos« dunkel. Anquetil und viele andere Gelehrte wollen ihn zur Zeit des Darius leben lassen; diese Ansicht ist aber, wie Spiegel, Duncker und v. Schack in seiner Einleitung zur Uebersetzung des Firdusi bewiesen haben, unrichtig. Es ist hier nicht der Platz, auf diese schwiege Frage näher einzugehen, doch dürfen wir den Leser versichern, daß die Lehre des Zoroaster schon in der Zeit unserer Erzählung in Kraft war. Ueber den Religionsstifter schwanken die Nachrichten so sehr, daß jüngst ein gelehrter Holländer, Professor Kern, den Versuch machen konnte, die Existenz Zoroaster's als Persönlichkeit zu leugnen und ihn ganz in das Reich der Mythe zu versetzen. Seine mit vielem Geiste und großen Kenntnissen geschriebene Abhandlung findet sich in den Verslagen en midedeelingen der k. akad. v. wetenschapen. Amsterdam 1867. S. 132 fgd. Entgegengesetzter Ansicht ist Justi in seinem Handbuche der Zendsprache. Die Avesta ist wahrscheinlich erst später, etwa zur Zeit des Artaxerxes, vollständig aufgezeichnet worden. Sie enthielt 21. Nosk oder Theile. Nur der 20. » Vendidad « ist vollkommen auf uns gekommen. . Dem Gesetze nach hätte Nitetis eines vollen Jahres bedurft, ehe sie das Weib eines persischen Fürsten werden durfte; was war aber dem Kambyses das Gesetz? Er erblickte die Verkörperung desselben in seiner eignen Person, und meinte, für Nitetis würden drei Monate genügen, um alle Lehren der Magier verstehen und ihre Hochzeit mit ihm feiern zu können. Seine andern Weiber erschienen ihm heute hassenswerth, ja sogar Ekel erregend. Schon in seiner frühesten Jugend hatte man sein Haus mit Frauen angefüllt. Schöne Mädchen aus allen Theilen Asiens, schwarzäugige Armenierinnen, blendend weiße Jungfrauen vom Kaukasus, zarte Dirnen vom Ufer der Ganga, üppige Babylonierinnen, goldhaarige Perserinnen und die weichlichen Töchter der medischen Ebene gehörten ihm; ja mehrere Kinder der edelsten Achämeniden hatten dem Königssohne als rechte Gattinnen die Hand gereicht. Phädime, die Tochter des edlen Otanes, die Nichte seiner Mutter Kassandane, war bis dahin sein Lieblingsweib, oder vielmehr die Einzige gewesen, von der man denken konnte, sie stände seinem Herzen näher als eine erkaufte Sklavin. Aber auch diese schien dem Ueberdrusse und der Uebersättigung des Königs, zumal wenn er an Nitetis gedachte, gemein und verächtlich. Die Aegypterin schien ihm aus edleren, würdigeren Stoffen gebildet zu sein, wie jene Alle. Diese waren schmeichlerische Dirnen, Nitetis eine Königin. Im Staube lagen die Andern zu seinen Füßen; dachte er an Nitetis, so sah er sie aufrecht stehend, eben so hoch, eben so stolz, wie sich selber. Sie sollte von jetzt an nicht nur Phädimes Stelle einnehmen; er wollte sie vielmehr so hoch erheben, wie einst sein Vater Cyrus seine Gattin Kassandane. Sie allein konnte ihm mit Kenntnissen und Rath zur Seite stehen, während die Uebrigen, unwissend wie die Kinder, nur für Putz und Schmuck, für kleinliche Ränke und nichtige Tändeleien lebten. Die Aegypterin mußte ihn lieben, denn er war ihre Stütze, ihr Herr, ihr Vater und ihr Bruder in dem ihr fremden Lande. »Sie muß,« sagte er sich, und sein Wille schien dem Tyrannen so gültig wie die schon vollbrachte That. »Bartja soll sich hüten,« murmelte er vor sich hin; »er wird erfahren, was den erwartet, welcher meine Wege zu kreuzen wagt!« Auch Nitetis hatte eine unruhige Nacht. In dem an ihre Gemächer grenzenden Versammlungssaale der Weiber sang, tobte und lärmte man bis gegen Mitternacht. Oftmals erkannte sie die kreischende Stimme des Boges, der mit seinen Untergebenen scherzte und lachte. Als es endlich in den weiten Hallen des Palastes ruhig war, mußte sie an die ferne Heimath und die arme Tachot denken, welche sich nach ihr und dem schönen Bartja sehnte, der, wie ihr Krösus erzählt hatte, morgen in den Krieg, vielleicht in den Tod ziehen sollte. Dann schlief sie, von der Ermüdung der Reise überwältigt und von ihrem Gatten träumend, ein. Sie sah ihn auf seinem schwarzen Hengste reitend. Das wüthende Thier scheute vor der am Wege liegenden Leiche des Bartja, warf den König ab und schleifte ihn in den Nil, welcher plötzlich mit blutrothen Wellen zu fließen begann. In ihrer Angst schrie sie nach Hülfe; ihr Ruf hallte von den Pyramiden wieder und wurde immer lauten und furchtbarer, bis sie von dem schrecklichen Echo erwachte. Aber, was war das? Der klagende und schmetternde Ton, welchen sie im Traum vernommen, schlug auch jetzt an ihr wachendes Ohr. Sie riß die Laden einer Fensteröffnung auf und schaute in's Freie. Ein großer, prächtiger Garten mit Springquellen und langen Baumreihen breitete sich, von frischem Thaue benetzt, vor ihren Blicken aus (Anm. 29) Die persischen Gärten waren im ganzen Alterthume berühmt und wurden, wie es scheint, weit freier und ungezwungener angelegt, wie die der Aegypter. Selbst die Könige verschmähten es nicht, Gärtnerei zu treiben, und die vornehmsten Achämeniden legten mit Vorliebe schöne Parkanlagen, auf persisch Paradiese, an. Herod. V. 14. 49–52. Xenoph. Cyrop. VIII. 6. 9. Oekonom. 4. Diodor XVI. 41. Plutarch, Alcibiades 24. Ihre Vorliebe für schlanke Gewächse ging so weit, daß Xerxes einen besonders schönen Baum, den er auf seinem Wege nach Griechenland antraf, mit goldenem Zierrath schmückte. Firdusi, der größte persische Epiker, kennt kein höheres Lob für die menschliche Schönheit, als das Adjektiv »cypressenwüchsig«. Uebrigens genossen auch einige Bäume unter den Iraniern göttlicher Verehrung. Heilige Bäume kommen in ihrem Paradiese vor, wie der »Lebensbaum« im Hebräischen und Aegyptischen. . Kein Laut, außer jenem seltsamen Tone, ließ sich vernehmen; aber auch dieser verhallte endlich im Morgenwinde. Nach kurzer Zeit hörte sie aus der Ferne Geschrei und Toben, dann erwachte das Treiben in der Riesenstadt, und bald vernahm sie nur noch ein dumpfes, den Wogen des Meeres ähnliches Brausen. Die kühle Morgenluft hatte sie so vollkommen erweckt, daß sie sich nicht von Neuem niederlegen wollte. Abermals trat sie zum Fenster. Da sah sie zwei Menschen aus dem Hause, welches sie bewohnte, treten. Sie erkannte den Eunuchen Boges, welcher mit einem schönen, nachlässig gekleideten persischen Weibe redete. Die Beiden näherten sich ihrem Fenster. Nitetis verbarg sich hinter die halb geöffneten Laden und lauschte, denn es war ihr, als habe sie ihren Namen vernommen. »Die Ägypterin schläft noch,« sagte der Eunuch, »sie muß von der Reise schwer ermüdet sein.« »So antworte schnell,« sprach die Perserin. »Meinst Du wirklich, daß mir von dieser Fremden Gefahr drohen kann?« »Gewiß, mein Püppchen.« »Was bringt Dich auf diese Vermuthung?« »Das neue Weib braucht nicht meinen, sondern nur den Befehlen des Königs zu gehorchen.« »Ist das Alles?« »Nein, mein Schätzchen; ich kenne aber den König und lese in seinen Zügen wie ein Magier in den heiligen Büchern.« »So müssen wir sie verderben.« »Das ist leicht gesagt und schwer gethan, mein Täubchen.« »Laß mich los, Du Unverschämter!« »Nun wir sind ja ungesehen, und Du wirst mich nöthig haben.« »Meinetwegen; aber sage schnell, was zu thun ist?« »Dank', mein süßes Herzchen Phädime! – Ja also, für's Erste müssen wir uns ruhig verhalten und auf eine Gelegenheit warten. Wenn Krösus, der widrige Heuchler, der sich der Aegypterin anzunehmen scheint, fort ist, dann gilt es eine Schlinge zu stellen . . .« Die Redenden hatten sich so weit entfernt, daß Nitetis nichts mehr verstehen konnte. In stummer Entrüstung schloß sie den Laden und rief ihren Dienerinnen, um sich ankleiden zu lassen. Sie kannte jetzt ihre Feinde, sie wußte nun, daß tausend Gefahren ihrer warteten; dennoch fühlte sie sich gehoben und stolz, denn sie sollte das echte Weib des Kambyses werden. Niemals hatte sie ihren eigenen Werth so froh empfunden, wie diesen Elenden gegenüber. Eine wunderbare Siegesgewißheit zog in ihr Herz, welches sicher an die Zauberkraft des Guten und der Tugend glaubte. »Was hatte der schreckliche Ton heute früh zu bedeuten?« fragte sie die erste ihrer persischen Zofen, welche ihr Haar ordnete. »Meinst Du das tönende Erz, Herrin?« »Vor kaum zwei Stunden wurde ich durch einen seltsamen Klang aus dem Schlafe geschreckt.« »Das war das tönende Erz, Gebieterin, welches die Knaben der Edlen, die an der Pforte des Königs erzogen werden (Anm. 30) Besonders nach Xenoph. Cyrop. VIII. 8. 7. Anabasis I. 9. , allmorgendlich weckt. Du wirst Dich an den Klang gewöhnen! Wir hören ihn schon lange nicht mehr; im Gegentheil erwachen wir, wenn er an hohen Feiertagen einmal ausbleibt, von der ungewohnten Ruhe. Auf den hängenden Gärten wirst Du jeden Morgen, mag es kalt oder warm sein, beobachten können, wie man die Schaar der Knaben zum Bade führt. Die armen Kleinen werden schon an ihrem sechsten Geburtstage den Müttern fortgenommen, um mit den andern Buben ihres Standes gemeinschaftlich unter den Augen des Königs erzogen zu werden.« »Sollen sie schon so früh die große Ueppigkeit dieses Hofes kennen lernen?« »Ach nein, den armen Knaben ergeht es gar schlimm! Sie müssen auf harter Erde schlafen und sich vor Sonnenaufgang wieder erheben; sie werden mit Wasser, Brod und wenig Fleisch genährt. Was Wein und Zukost ist, wissen sie gar nicht. Manchmal müssen sie sogar mehrere Tage ohne alle Noth hungern und dürsten; man sagt, um sie an Entbehrungen zu gewöhnen. Wohnen wir zu Pasargadae oder Ekbatana (Anm. 31) Die Sommerresidenzen der Könige von Persien, in denen es empfindlich kalt werden kann. Ekbatana liegt am Fuße des hohen Elburs- (Orontes-) Gebirges in der Gegend des heutigen Hamadân; Pasargadä unweit des Rachmet im Hochlande von Iran. , dann können sie sicher sein, wenn es recht bitter kalt ist, in's Bad geführt zu werden; sind wir hier oder zu Susa, so läßt man sie, je heißer die Sonne brennt, je beschwerlichere Märsche machen.« »Und aus diesen harten, schlicht erzogenen Knaben werden so üppige Männer?« »Das geht ja immer so! Je länger man hungern muß, je besser mundet die Mahlzeit! So ein junger Edler sieht täglich allen Glanz der Welt, weiß, daß er reich ist, und muß dennoch darben. Was Wunder, daß er, wenn man ihn losläßt, alle Freuden des Lebens mit zehnfacher Lust genießt? Geht es aber in den Krieg oder zieht man zum Jagen aus, dann grämt er sich auch nicht, wenn es zu hungern und zu dürsten gilt, dann springt er lachend mit seinen dünnen Stiefeln und purpurnen Hosen in den Koth und schläft auf einem Felsen so gut wie auf seinem Lager von zarter arabischer Wolle. Du mußt sehen, welche Wagestücke die Knaben machen, besonders wenn der König ihren Uebungen zusieht! Kambyses wird Dich gewiß einmal mitnehmen, wenn Du ihn darum bittest.« »Ich kenne das. In Aegypten wird die Jugend, Knaben wie Mädchen, gleichfalls zu Leibesübungen angehalten. Auch meine Glieder sind durch Laufen, künstliche Stellungen, Ball- und Reifenspiele geschmeidig gemacht worden Siehe I. Theil Anmerkung 153 . .« »Wie seltsam! Bei uns wachsen wir Frauen heran, wie wir eben wollen, und lernen nichts, als ein bischen weben und spinnen. Ist es wahr, daß die meisten Aegypterinnen sogar die Kunst des Schreibens und Lesens verstehen?« »Fast alle werden in diesen Fertigkeiten unterrichtet.« »Beim Mithra, ihr müßt ein kluges Volk sein! Außer den Magiern und Schreibern erlernen nur wenige Perser jene schweren Wissenschaften. Die edlen Knaben lehrt man nichts, als die Wahrheit zu reden, gehorsam und tapfer zu sein, die Götter zu ehren, zu jagen, zu reiten, Bäume zu pflanzen und Kräuter zu unterscheiden. Wer schreiben lernen will, der mag sich später, wie der edle Darius, an die Magier wenden. Den Frauen ist es sogar verboten, solchen Wissenschaften obzuliegen. – Aber jetzt bist Du fertig. Diese Perlenschnur, welche Dir der König heute Morgen geschickt hat, steht prächtig zu Deinen rabenschwarzen Haaren. Darf ich Dich bitten, Dich zu erheben? Wahrlich, auch diese Schuhe sind Dir zu groß! Versuche dieses Paar! Du strahlst wie eine Göttin; aber man sieht, daß Du noch nicht gewohnt bist, die weiten seidnen Beinkleider und hohen Hacken an den Stiefelchen zu tragen. Geh' nur ein paarmal auf und ab, dann wirst Du selbst im Gange alle Perserinnen ausstechen!« In diesem Augenblicke klopfte es an die Thür und Boges, der Eunuch, trat ein, um Nitetis der blinden Kassandane, bei welcher Kambyses ihrer wartete, zuzuführen. Der Verschnittene stellte sich als ihr demüthigster Sklave dar und ergoß sich in einen Strom von blumenreichen Schmeichelworten, indem er sie mit der Sonne, dem Sternenhimmel, einer reinen Quelle des Glücks und einem Rosengarten verglich. Nitetis würdigte ihn keines Wortes und trat hochklopfenden Herzens in das Gemach der Mutter des Königs. Die Fenster desselben waren durch Vorhänge von grüner indischer Seide verschlossen, welche die helle Mittagssonne aufhielten und ein den Augen der Blinden wohlthätiges Halbdunkel herstellten. Der Fußboden war mit einem schweren babylonischen Teppiche belegt, in dessen Wolle die Füße der Schreitenden wie in Moos versanken. Die Bekleidung der Wände bestand aus einem Mosaik von Elfenbein, Schildpatt, Gold, Silber, Malachit, Lapis Lazuli Lapis Lazuli und Malachit werden unter den von asiatischen Völkern den Pharaonen gesteuerten Tributen schon früh genannt. , Ebenholz und Bernstein. Die goldenen Gestelle der Ruhesitze waren mit Löwenhäuten überzogen, und der an der Seite der Blinden stehende Tisch bestand aus gediegenem Silber. Kassandane, mit veilchenblauen, reich mit Silber gestickten Gewändern bekleidet, saß auf einem kostbaren Lehnstuhle. Auf ihren schneeweißen Haaren lag ein langer Schleier vom zartesten ägyptischen Spitzengewebe, dessen lange Enden ihren Hals umschlangen und unter dem Kinne zu einer großen Schleife zusammengeschürzt waren (Anm. 32) Diese prächtige Einrichtung des Wohnzimmers einer Mutter des Königs von Persien braucht keineswegs für übertrieben gehalten zu werden. Die Details sind den Persern des Aeschylus, der Cyropädie und Anabasis des Xenophon, dem Arrian, Curtius, Strabo u. v. A. entlehnt. Das Spitzengewebe, welches Kassandane trägt, nenne ich ägyptisch, da in der That zur Zeit unserer Geschichte nirgend feiner gewebt wurde, als am Nil. Die Klassiker behaupten, die Denkmäler, welche viele durchsichtige Gewänder zeigen, bestätigen dies. Im Besitze des Sir Gardener Wilkinson befand sich zudem ein äußerst feines Stück altägyptischen Gewebes. . Das von dem Spitzentuche eingerahmte Angesicht der Blinden, welche sich inmitten der sechziger Jahre befand, war wunderbar ebenmäßig geformt und verrieth neben einem hohen Geiste tiefe Herzensgüte und warme Menschenliebe. Die blinden Augen der Greisin waren geschlossen, aber man erwartete, wenn sie sich öffnen würden, ein paar milde, freundliche Sterne leuchten zu sehen. Die Haltung und Größe der Sitzenden verriethen einen stattlichen Wuchs. Die ganze Erscheinung war würdig der Wittwe des großen und guten Cyrus. Auf einem kleinen Sessel zu Füßen der Greisin saß ihr jüngstes, spät geborenes Kind Atossa und zog von ihrer goldnen Spindel lange Fäden. Der Blinden gegen über stand Kambyses und im Hintergrunde, halb verborgen von dem Dämmerlichte des Zimmers, der ägyptische Augenarzt Nebenchari. Als Nitetis die Schwelle dieses Gemaches überschritten hatte, trat der König auf sie zu und führte sie seiner Mutter entgegen. – Die Tochter des Amasis sank vor der ehrwürdigen Greisin auf die Kniee nieder und küßte ihre Hand mit wahrer Herzlichkeit. »Sei uns willkommen!« rief die Blinde, ihre tastende Hand auf das Haupt der Jungfrau legend. »Ich habe viel Gutes von Dir vernommen und hoffe eine liebe Tochter an Dir zu gewinnen.« Nitetis küßte abermals die zarte Hand der Königin und erwiederte mit leiser Stimme: »Wie dank' ich Dir für diese Worte! O gestatte mir, Dich, die Gattin des Cyrus, Mutter zu nennen. Meine Zunge, welche diesen süßen Namen auszusprechen gewohnt war, zittert vor Wonne, da sie jetzt, seit langen Wachen zum Erstenmal, wieder rufen darf: ›Meine Mutter!‹ Ach, ich will mich mit aller Kraft bestreben, würdig zu werden Deiner Güte, aber halte auch Du, was mir Dein liebes Angesicht zu versprechen scheint; steh' mir in diesem fremden Lande mit Rath und Lehre zur Seite, laß mich zu Deinen Füßen eine Zuflucht finden, wenn die Sehnsucht mich übermannt und mein Herz zu schwach wird, seinen Gram oder seine Wonne allein zu tragen; sei mir, in diesem einen Worte ist alles gesagt, sei, o sei meine Mutter!« Die Blinde fühlte warme Tropfen auf ihre Hand herniederfallen. Freundlich berührte sie mit den Lippen die Stirn der Weinenden und sagte. »Ich fühle Dir nach, was Du empfindest! Mein Herz wie meine Gemächer werden stets für Dich geöffnet sein, und wie ich Dich von ganzer Seele ›Tochter‹, so nenne Du mich mit vollem Zutrauen Deine Mutter! In wenigen Monden wirst Du die Gattin meines Sohnes werden, und später gewähren Dir die Götter vielleicht ein Geschenk, welches Dir die Mutter entbehrlich machen wird, weil Du die Mutterschaft in Dir selbst empfindest.« »Dazu gebe Auramazda seinen Segen!« rief Kambyses. »Ich freue mich, Mutter, daß meine Gattin auch Deinem Herzen wohlgefällt, und weiß, daß es ihr bei uns behagen wird, sobald sie nur erst unsere persischen Sitten und Gebräuche kennt. Wenn sie aufmerkt, so wird sie mir in vier Monaten angetraut werden können!« »Aber das Gesetz,« wollte die Mutter erwiedern. »Ich befehle, in vier Monaten!« rief der König, »und möchte Denjenigen sehen, welcher Einsprache dagegen erheben dürfte! Lebt jetzt wohl, ihr Frauen! Hab' Acht auf die Augen der Königin, Nebenchari, und wenn meine Gattin es gestattet, so magst Du, als ihr Landsmann, sie morgen besuchen. Lebt wohl! Bartja läßt grüßen. Er ist auf dem Wege zu den Tapuren.« Atossa wischte sich schweigend eine Thräne aus den Augen; Kassandane aber sagte: »Du hättest uns den Knaben einige Monde wenigstens lassen können. Dein Feldherr Megabyzus wird daß kleine Volk der Tapuren auch ohne ihn zu züchtigen wissen.« »Daran zweifle ich nicht,« antwortete der König; »Bartja sehnte sich aber selbst nach einer ersten Gelegenheit, sich im Kriege bewähren zu können; so schickte ich ihn denn in's Feld.« »Würde er nicht gern bis zum großen Massagetenkriege, in welchem höherer Ruhm zu gewinnen sein wird, gewartet haben?« fragte die Blinde. »Und wenn er von einem tapurischen Pfeile getroffen wird,« rief Atossa, »dann hast Du ihn der heiligsten Pflicht eines Menschen beraubt, dann hast Du ihn verhindert, die Seele unseres Vaters zu rächen!« »Schweig,« herrschte Kambyses seine Schwester an, »damit ich Dich nicht lehre, was Weibern und Kindern ziemt. Das Glückskind Bartja wird am Leben bleiben und sich hoffentlich jene Liebe verdienen, welche man ihm jetzt viel zu freigebig als Almosen in den Schooß wirft.« »Wie magst Du also reden? Schmückt Deinen Bruder nicht jede Tugend des Mannes? Ist es seine Schuld, daß er noch keine Gelegenheit hatte, sich gleich Dir im Kampfe hervorzuthun?« fragte Kassandane. »Du bist der König, dessen Befehl ich achte; meinen Sohn möchte ich aber tadeln, weil er seine blinde Mutter, ich weiß nicht aus welchem Grunde, der schönsten Freude ihres Alters beraubt. Bartja wäre gern bis zum Massagetenkriege bei uns geblieben; doch Deinem Eigenwillen gefiel es anders . . .« »Und was ich will ist gut!« unterbrach Kambyses, dessen Wangen blaß geworden waren, seine Mutter. »Ich will von dieser Angelegenheit nie wieder reden hören!« Mit diesen Worten verließ er jählings das Zimmer und begab sich, von seinem großen Gefolge, welches ihn, wohin er auch gehen mochte, nicht verließ, begleitet, in den Empfangssaal. Schon vor einer Stunde hatte Kambyses das Gemach seiner Mutter verlassen, und noch immer saß Nitetis neben der lieblichen Atossa zu Füßen der Greisin. Die Perserinnen lauschten den Erzählungen der neuen Freundin und wurden nicht müde, sich nach den Merkwürdigkeiten Aegyptens zu erkundigen. »O wie gern möcht' ich Deine Heimath besuchen!« rief Atossa. »Euer Aegypten muß ganz, ganz anders sein, als Persien und Alles, was ich bisher gesehen habe. Die fruchtbaren Ufer des ungeheuren Stromes, der noch größer ist als unser Euphrat, die Götterhäuser mit den vielen bunten Säulen, die künstlichen Berge der Pyramiden, in denen uralte Könige begraben liegen, das Alles muß einen köstlichen Anblick gewähren! Am schönsten aber denke ich mir eure Gastmähler, bei denen Männer und Frauen mit einander verkehren, wie sie wollen. Wir Perserinnen dürfen auch am Neujahrs- und am Geburtstagsfeste des Königs in Gesellschaft der Männer schmausen, aber das Reden ist uns dann verboten, ja es wäre sogar unschicklich, wenn wir die Augen aufschlagen wollten. Wie anders ist es bei euch! Beim Mithra, Mutter, ich möchte eine Aegypterin werden, denn wir Armen sind ja nichts als elende Sklavinnen, und ich fühle doch, daß auch ich ein Kind des großen Cyrus und nicht schlechter bin wie ein Mann. Rede ich nicht die Wahrheit, kann ich nicht befehlen und gehorchen, sehne ich mich nicht nach Ruhm, könnt' ich nicht reiten, den Bogen spannen, fechten und schwimmen lernen, wenn man mich nur üben und kräftigen wollte?« Das Mädchen war mit flammenden Augen von ihrem Sitze aufgesprungen und schwang ihre Spindel, ohne zu beachten, daß der Flachs sich verwirrte und der Faden riß. »Bedenke, was sich ziemt,« mahnte Kassandane. »Das Weib soll sich in Demuth ihrem stilleren Geschicke unterwerfen und nicht nach den Thaten des Mannes streben.« »Aber es gibt doch Weiber, welche gleich den Männern leben,« rief Atossa. »Am Thermodon in Themiscyra und am Irisstrom zu Komana wohnen jene Amazonen, die große Kriege geführt haben und noch heut im Waffenschmucke der Männer einhergehen.« »Von wem weißt Du das?« »Meine Wärterin, die alte Stephanion ans Sinope, welche der Vater als Kriegsgefangene nach Pasargadae brachte, hat es mir erzählt.« »Ich aber kann Dich eines Bessern belehren,« sagte Nitetis. – »Zu Themiscyra und Komana finden sich freilich eine Menge von Weibern, welche sich wie streitbare Männer rüsten; diese alle sind aber nichts als Priesterinnen, welche sich wie die kriegerische Göttin, der sie dienen, zu kleiden pflegen, um den Betern in ihrer eigenen Gestalt das Bild der Gottheit zu zeigen. Krösus sagt, es habe niemals ein Amazonenheer gegeben; die Griechen aber, welche aus allen Dingen schnell eine schöne Sage zu formen wüßten, hätten auch, nachdem diese Priesterinnen ihnen begegnet wären, aus den bewaffneten Jungfrauen jener Göttin ein Volk von streitbaren Weibern gemacht (Anm. 33) Nach Duncker, Gesch. d. Altertums S. 231 bis 238. Die Amazonen gehören erwiesenermaßen ganz in das Reich der Mythe. Es ist merkwürdig, daß auch die Chinesen eine Amazonensage gebildet haben. Das ethnographische Museum zu Jena, dessen Direktor ich war, besitzt ein sehr interessantes, einen Amazonenkrieg darstellendes chinesisches Bild. .« »Aber dann sind sie ja Lügner!« rief das enttäuschte Kind. »Freilich,« erwiederte Nitetis, »ist den Hellenen die Wahrheit nicht so heilig, als euch; solche Mähren zu erfinden und staunenden Hörern in schönen, nach fein ersonnenen Maßen geordneten Worten vorzusingen, nennen sie aber nicht ›Lügen‹, sondern ›Dichten‹.« »Gerade wie bei uns,« sagte Kassandane. »Haben doch die Sänger, welche den Ruhm meines Gatten preisen, die Jugendgeschichte des Cyrus ganz wunderbar verkehrt und ausgeschmückt, ohne doch Lügner genannt zu werden. Aber sage mir, meine Tochter, ist es wahr, daß diese Hellenen schöner sind als die anderen Menschen, und alle Künste besser verstehen, als selbst die Aegypter?« »Darüber wage ich nicht zu urtheilen. Unsere Kunstwerke sind so verschieden von denen der Hellenen! Wenn ich in unsere ungeheuren Tempel ging, um zu beten, so war es mir immer, als müsse ich mich vor der Größe der Götter in den Staub werfen und sie bitten, mich kleinen Wurm nicht zu zerschmettern; auf den Stufen des Hera-Heiligthums zu Samos aber mußte ich meine Hände erheben und den Göttern fröhlich danken, daß sie die Erde so schön bereitet haben. In Aegypten dacht' ich immer, wie man mich gelehrt hatte: ›Das Leben ist Schlaf, in der Todesstunde werden wir erst zum rechten Dasein im Reiche des Osiris erwachen,‹ in Griechenland meinte ich: ›Zum Leben bin ich geboren und zum Genusse dieser Welt, die mich so heiter und schön umblüht und umglänzt.‹« »Ach erzähle uns mehr von Griechenland,« rief Atossa; »aber erst soll Nebenchari die Augen der Mutter von neuem verbinden.« Der Augenarzt, ein großer ernster Mann im weißen ägyptischen Priestergewande, ging an sein Geschäft und zog sich nach Beendigung desselben und nachdem ihn Nitetis herzlich begrüßt hatte, schweigend in den Hintergrund zurück. Ein Eunuch trat in das Zimmer und fragte an, ob Krösus der Mutter des Königs seine Ehrfurcht bezeugen dürfe. Bald darauf erschien der Greis und ward als alter, bewährter Freund des persischen Königshauses mit aufrichtiger Herzlichkeit empfangen. Die ungestüme Atossa fiel dem lange Vermißten um den Hals, die Königin streckte ihm ihre Hand entgegen, und Nitetis begrüßte ihn wie einen geliebten Vater. »Ich danke den Göttern, daß sie mir euch wiederzusehen gestatten,« rief der rüstige Greis. »In meinem Alter muß man jedes neue Jahr als ein unverdientes Göttergeschenk hinnehmen, während die Jugend das Leben, als etwas von selbst Verständliches, als ein ihr von Rechtswegen zukommendes Eigenthum betrachtet.« »Wie beneide ich Dich um Deinen frohen Lebensmuth!« seufzte Kassandane. »Ich bin jünger wie Du; aber jeder neue Tag, dessen Ausgang zu sehen mir die Götter versagen, kommt mir vor wie eine neue Strafe der Unsterblichen.« »Höre ich die Gattin des großen Cyrus reden?« fragte Krösus. »Seit wann ist der Muth und die Zuversicht aus dem starken Herzen Kassandane's gewichen? Du wirst wieder sehend werden, sage ich Dir, und, wie ich, den Göttern für Dein schönes hohes Alter danken. Wer recht krank gewesen ist, der weiß das Glück der Gesundheit hundertfach zu schätzen, wer blind war und das Augenlicht wieder gewinnt, der muß ein ganz besonderer Freund der ewigen Götter sein. Male Dir nur die Wonne des Augenblicks, in welchem Du nach langen Jahren zum Erstenmale das Glanzlicht der Sonne, die Häupter Deiner Lieben und die Schönheit des Geschaffenen wiedersehen wirst, recht deutlich aus, und gestehe mir, daß die Herrlichkeit dieser Stunde ein ganzes Leben der Nacht und Blindheit aufwiegen kann (Anm. 34) In diesen Worten kann kein Anachronismus gefunden werden. Man denke nur an die schöne Stelle des Aristoteles in Cicero's De natura deorum , welche ganz ähnliche Empfindungen ausspricht. . Wenn Du geheilt sein wirst, dann beginnt für Dich, im Greisenalter, ein neues, junges Leben, und ich höre Dich schon meinem Freunde Solon beistimmen.« »Was sagte dieser?« fragte Atossa. »Er wünschte, Memnermos von Kolophon (Anm. 35) Memnermos, Fragm. ed. Bergk. Solon, Fragm. ebendaselbst 20. , welcher gesungen hatte, ein schönes Leben müsse mit dem sechzigsten Jahre enden, möge seine Verse verbessern und aus der Sechzig eine Achtzig machen.« »O nein,« rief Kassandane, »ein so langes Dasein würde mir, selbst wenn Mithra das Licht meiner Augen erneuern wollte, furchtbar scheinen. Ohne meinen Gatten komm' ich mir vor wie ein Wanderer, der sonder Ziel und Führer die Wüste durchirrt.« »Vergißt Du denn ganz Deine Kinder und dieses Reich, welches Du entstehen und wachsen sahst?« »O nein! Aber die Kinder bedürfen meiner nicht mehr, und der Beherrscher dieses Reiches ist nicht gewillt, auf den Rath eines Weibes zu hören.« Jetzt ergriff Atossa die rechte, Nitetis die linke Hand der Greisin, und die Aegypterin rief: »Um Deiner Tochter, um unseres Glückes willen mußt Du Dir ein langes Leben wünschen. Was wären wir ohne Deinen Schutz und Deine Hülfe?« Kassandane lächelte und murmelte kaum hörbar: »Ihr habt Recht, meine Kinder, ihr werdet der Mutter bedürfen.« »An diesen Worten erkenn' ich die Gattin des Cyrus,« rief Krösus, das Gewand der Blinden küssend. »Ich sage Dir, Kassandane, daß man Deiner bedürfen wird, wer weiß wie bald! Kambyses ist ein harter Stahl, der Funken weckt, wohin er schlägt. Deine Pflicht ist es, dafür zu sorgen, daß diese Funken keine Feuersbrunst im Kreise Derjenigen, welche Deinem Herzen die Liebsten sind, entzünden. Du bist die Einzige, welche den Aufwallungen des Königs eine Mahnung entgegensetzen darf; Dich allein betrachtet er als ebenbürtig seiner Majestät. Er verachtet das Urtheil aller Menschen; aber der Tadel seiner Mutter thut ihm weh. – So ist es denn Deine Pflicht, als Vermittlerin zwischen dem Könige, dem Reiche und den Deinen auszuharren und dafür zu sorgen, daß der Stolz Deines Sohnes nicht, statt von Deinem Tadel, von der Strafe der Götter gedemüthigt werde.« »O, wenn ich solches bewirken könnte!« antwortete die Blinde. »Doch wie selten beachtet mein stolzer Sohn den Rath seiner Mutter!« »Aber er wird wenigstens hören müssen, was Du ihm räthst,« gab Krösus zurück; »und damit ist schon viel gewonnen, denn wenn er auch Deine Lehren nicht befolgt, so werden sie dennoch als Götterstimmen in seinem Busen fortklingen und ihn von manchem Frevel zurückhalten. Ich will Dein Verbündeter bleiben, denn auch ich, der von seinem sterbenden Vater bestellt ward, um ihm mit Rath und That zur Seite zu stehen, wage manchmal, mit einem kühnen Worte seinen Ausschreitungen entgegen zu treten. Wir Beide sind die einzigen Menschen an diesem ganzen Hofe, deren Tadel er scheut. Seien wir muthig und verwalten wir treulich unser Mahneramt; Du aus Liebe zu Persien und Deinem Kinde, ich aus Dankbarkeit gegen den großen Mann, der mir einst Leben und Freiheit schenkte. Ich weiß, daß Du es beklagst, Kambyses nicht anders erzogen zu haben; die Nachreue aber muß man fliehen wie schädliches Gift. ›Bessermachen‹, nicht ›Reue‹ ist das Heilmittel für die Fehler der Weisen; denn die Reue verzehrt das Herz, das Bessermachen aber füllt es mit edlem Stolz und zwingt es zu volleren Schlägen.« »Bei uns in Aegypten,« sagte Nitetis, »zählt man die Reue sogar zu den zweiundvierzig Todsünden. ›Du darfst Dein Herz nicht verzehren‹, also lautet eins unserer hohen Gebote (Anm. 36) Im 125. Kapitel des sogenannten Todtenbuches tritt uns die Darstellung der Seele, deren Herz gewogen und gerichtet wird, entgegen. Die Rede, welche sie hält, wird die negative Rechtfertigung genannt. In ihr versichert sie vor den 42 Todtenrichtern, die 42 Todsünden, welche sie aufzählt, nicht begangen zu haben. Diese Rechtfertigung ist darum doppelt interessant, weil sich in ihr fast das ganze mosaische Sittengesetz wiederfindet, welches letztere, ganz absehend von nationalen Eigentümlichkeiten und Anschauungen, die allgemein menschliche Quintessenz der Moral zu sein scheint, die sich schon in unserer negativen Rechtfertigung paragraphirt findet. Todtenbuch ed. Lepsius 125. Der Text gereinigt von Pleyte. Wir können hier keine philosophischen Erörterungen geben; für uns spricht aber des Pythagoras (der so viel aus Aegypten entlehnte) Gebot gleichen Inhalts, das beinahe die nämliche Form trägt wie das ägyptische. .« »Mit diesen Worten,« sprach der Greis, »erinnerst Du mich, daß ich es übernommen habe, Deine Zeit für den Unterricht in den persischen Gebräuchen, der Religion und Sprache dieses Landes einzuteilen. Ich hätte mich gern nach Barene, der Stadt, welche Cyrus mir zum Geschenke machte, zurückgezogen, um dort in dem stillsten und lieblichsten aller Gebirgsthäler auszuruhen; um Deinet- und des Königs willen bleib' ich aber hier und werde fortfahren, Dich in der persischen Sprache zu unterrichten. Kassandane selbst wird Dich in die Sitten der Frauen dieses Hofes einweihen, Oropastes, der Oberpriester, soll Dich, nach dem Befehle des Königs, mit der iranischen Götterlehre bekannt machen. Er soll Dein geistlicher, ich werde Dein weltlicher Vormund sein (Anm. 37) Von der Zeit an, wo das Kind der Parsen den Gürtel »Kosti« trägt, muß es sich einen Schutzpatron unter den Yazatas und einen geistlichen Rathgeber unter den Destûrs (Priestern) aussuchen. Wie Vater und Mutter die leiblichen Eltern des Kindes sind, so ist dieser geistliche Rathgeber der geistige Vater. Spiegel, Avesta II. Einl. XXII. .« Nitetis, welche bis dahin freudig gelächelt hatte, schlug jetzt die Augen nieder und fragte mit gedämpfter Stimme: »Soll ich den Göttern meiner Heimat, zu denen ich bis heute gebetet habe, und die mich niemals unerhört ließen, untreu werden? Kann ich, darf ich ihrer vergessen?« »Du kannst, darfst und mußt,« sagte Kassandane mit fester Stimme, »denn die Frau soll keine andern Freunde haben, als der Mann. Die Götter sind aber die mächtigsten, treuesten und ersten Freunde des Mannes, darum ist es Deine Pflicht als Frau, sie zu ehren und, wie Du fremden Bewerbern Dein Haus verbietest, Dein Herz vor den Göttern und dem Aberglauben Deiner früheren Heimath zu verschließen.« »Und dann,« sagte Krösus, »will man Dich ja nicht der Gottheit berauben; man gibt sie Dir nur unter einem andern Namen. Denn wie die Wahrheit sich ewig gleich bleibt, ob Du sie wie die Aegypter › maa ‹ oder wie die Hellenen ›Aletheia‹ nennen magst, so verändert sich doch das Wesen der Gottheit nie und nirgends. – Sieh', meine Tochter, ich selber habe, als ich noch König war, in aufrichtiger Verehrung dem hellenischen Apollo geopfert, und glaubte mit dieser That der Frömmigkeit den lydischen Sonnengott Sandon nicht zu beleidigen; die Ionier beten andächtig zu der asiatischen Cybele, und jetzt, nachdem ich ein Perser geworden, erhebe ich meine Hände zum Mithra, Auramazda und der holden Anahita (Anm. 38) Anahita oder Ardi-çûra hieß die Göttin der Quellen, welche auch, und zwar nicht mit Unrecht, mit der griechischen Aphrodite verglichen worden ist. Aus der Quelle Anahita flossen alle Wasser, und sie hatte unbedingte Reinigungskraft. Vendidad VII. 37–40. Die Vermuthung, welche unser holländischer Uebersetzer ausspricht, Anahita sei eine ursprünglich semitische Gottheit, die mit dem weiblichen persischen Wassergenius zusammengeschmolzen worden sei, hat Vieles für sich und ist auch von uns an einer andern Stelle ausgesprochen worden. Ihre Verehrung ist in der That erst unter Artaxerxes Mnemon nachweisbar Für die erstere Ansicht tritt am lebhaftesten ein der berühmte Förderer orientalischer Münzkunde Stickel: De Dianae pers. monum. gr. , für die zweite Windischmann: Die persische Anâhita. Nach der späteren Tradition vertraute ihr Zoroaster den Samen an, aus welchem seine nachgeborenen Söhne vor dem jüngsten Gerichte erwachsen sollten. Anquetil, Zend-Avesta II p. 43 . . Pythagoras, dessen Lehren auch Dir nicht fremd sind, betet nur zu einer Gottheit. Er nennt sie Apollo, weil ihr, wie dem hellenischen Sonnengotte, das reine Licht und die Harmonieen, welche ihm das Höchste sind, entströmen. Xenophanes von Kolophon (Anm. 39) Ein berühmter Freigeist, welcher, kühn und selbstständig denkend, wegen seiner Spöttereien auf die homerische Götterwelt viel Tadel und Verfolgung dulden mußte. Er blühte schon zur Zeit unserer Erzählung, wurde aber so alt, daß er noch bis tief in's fünfte Jahrhundert hinein lebte. Er soll auch in Aegypten gewesen sein. Seine Fragmente haben wir schon oben angeführt. Er legte seine Spekulationen noch in Versen nieder. endlich spottet der vielgestaltigen Götter des Homer und setzt eine einzige Gottheit auf den Thron: Die rastlos zeugende Naturkraft, deren Wesen der Gedanke, die Vernunft und die Ewigkeit ist. Aus ihr ist Alles entstanden, sie ist die Kraft, welche sich ewig gleich bleibt, während sich der Stoff des Geschaffenen in stetem Wechsel ergänzt und erneut. Das heiße Sehnen nach einem höheren Wesen über uns, auf welches wir uns stützen können, wenn unsere eigenen Kräfte nicht ausreichen, den wunderbaren Trieb in unserer Brust, einen verschwiegenen Vertrauten für alle Leiden und Wonnen unseres Herzens zu haben, die Dankbarkeit, welche wir beim Anblicke dieser schönen Welt und der Glücksgüter, welche uns so reichlich zu Theil werden, empfinden, nennen wir Frömmigkeit. Erhalte Dir dieses Gefühl, aber bedenke wohl, daß nicht die ägyptischen, nicht die griechischen und nicht die persischen Götter abgesondert von einander die Welt. regieren, sondern daß sie alle Eins sind und eine untheilbare Gottheit, so verschieden man sie auch nennen und darstellen mag, die Geschicke aller Völker und Menschen leitet (Anm. 40) Wer die ungefähr derselben Zeit entstammenden Aussprüche des Xenophanes kennt, der wird diese Rede kaum anachronistisch finden können. .« Die Perserinnen hörten dem Greise staunend zu. Ihre ungeübte Fassungskraft vermochte nicht dem Gedankengange des Krösus zu folgen; Nitetis aber hatte ihn wohl verstanden und rief: »Ladice, meine Mutter, die Schülerin des Pythagoras, hat mich Aehnliches gelehrt; die ägyptischen Priester aber nennen diese Ansichten frevelhaft und ihre Erfinder Götterverächter. Darum hab' ich mich bestrebt, solche Gedanken in meinem Herzen zu unterdrücken. Jetzt will ich mich nicht länger dagegen sträuben. Was der fromme und weise Krösus glaubt, kann ja nichts Gottloses sein! Oropastes mag kommen! Ich bin bereit, seine Lehren zu hören und mir unsern Ammon, den Gott von Theben, in Auramazda, Isis oder Hathor in Anahita zu übersetzen. Andächtig werde ich aufblicken zu der Gottheit, die die ganze Welt umfaßt, die es auch hier grünen und blühen läßt und die Erquickung und Trost auch in die Herzen der Perser senkt, die sich betend an sie wenden.« Krösus lächelte. Er hatte geglaubt, Nitetis würde schwerer von den Göttern ihrer Heimath lassen, denn er kannte den unbeugsam am Hergebrachten und Anerzogenen hängenden Sinn der Aegypter; aber er hatte vergessen, daß die Mutter dieser Jungfrau eine Hellenin und daß die Lehre des Pythagoras den Töchtern des Amasis nicht fremd geblieben war. Endlich kannte er nicht den heißen Herzenswunsch dieses Mädchens, das Wohlgefallen ihres stolzen Gebieters zu erringen. Amasis selbst würde, obgleich er den samischen Weisen hoch verehrte, obgleich er manchem hellenischen Einflusse nachgab und mit Recht ein freidenkender Aegypter genannt werden konnte, eher sein Leben mit dem Tode, als seine vielgestaltigen Götter mit dem Begriffe »Gottheit« vertauscht haben. »Du bist eine gelehrige Schülerin,« sagte Krösus, seine Hand auf das Haupt seines Schützlings legend. »Zum Lohne dafür soll Dir gestattet sein, alle Morgen und Nachmittage, bis zum Sonnenuntergang, entweder Kassandane zu besuchen oder Atossa auf den hängenden Gärten zu empfangen.« Diese Freudenbotschaft wurde mit hellem Jubel von der jungen Perserin, mit einem dankbaren Blicke von der Ägypterin beantwortet. »Endlich,« fuhr Krösus fort, »habe ich euch Bälle und Reifenspiele aus Sais mitgebracht, damit ihr euch nach ägyptischer Weise ergötzen könnt.« »Bälle?« fragte Atossa erstaunt. »Was sollen wir mit den schweren hölzernen Kugeln (Anm. 41) In Persien gilt das Ballspiel heute noch für ein Männervergnügen. Ein Spieler treibt dem andern, wie bei unserem Sauball, dem englischen Cricket und holländischen Kastiespiel, hölzerne Kugeln zu. Chardin. ( Voyage en Perse III. S. 226) sah das Spiel von 300 Theilnehmern spielen. Viel Hierhergehöriges bei Hyde, De ludis orientalium . machen?« »Sei unbesorgt,« lachte Krösus. »Die Bälle, welche wir meinen, sind gar fein und zierlich aus einer aufgeblasenen Fischhaut oder aus Leder verfertigt. Ein zweijähriges Kind kann sie werfen, während ihr schon Mühe haben würdet, eine jener Holzkugeln, mit denen die persischen Knaben und Jünglinge spielen, aufzuheben. Bist Du mit mir zufrieden, Nitetis?« »Wie soll ich Dir danken, mein Vater?« »Höre nur nochmals die Einteilung Deiner Tage: Am Morgen wird Kassandane besucht, mit Atossa geplaudert und auf die Lehren der hohen Mutter gelauscht.« Die Blinde nickte zustimmend mit dem Haupte. »Gegen Mittag komm' ich zu Dir und unterrichte Dich, so manchmal von Ägypten und den Deinen redend, – Du hast doch nichts dagegen? – im Persischen.« Nitetis lächelte. »Einen Tag um den andern wird Dir Oropastes aufwarten, um Dich in die Religion der Perser einzuweihen.« »Ich werde mir alle Mühe geben, ihn schnell zu verstehen.« »Nachmittags wirst Du mit Atossa zusammen sein, so lange Du willst. Bist Du damit zufrieden?« »O Krösus!« rief das Mädchen und küßte die Hand des Greises. Drittes Kapitel. Am folgenden Tage bezog Nitetis das Landhaus bei den hängenden Gärten und lebte dort einförmig, aber vergnügt und arbeitsam, nach der Vorschrift des Krösus. Alle Tage wurde sie in einer festverschlossenen Sänfte zu Kassandane und Atossa getragen. Die blinde Königin ward ihr bald zu einer liebenden und geliebten Mutter, und die lebenslustige, unbändige Tochter des Cyrus ersetzte der Aegypterin beinah' ihre am fernen Nil zurückgebliebene Schwester Tachot. – Nitetis konnte sich keine bessere Gefährtin wünschen, als das übermüthige Kind, welches mit Scherz und Frohsinn zu verhindern wußte, daß sich Heimweh oder Unzufriedenheit in dem Herzen ihrer Freundin einnisteten. Der Ernst der Einen hellte sich durch die Heiterkeit der Anderen auf, und der Uebermuth der Perserin wurde durch das gleichmäßige edle und selbstbewußte Wesen der Aegypterin zu gemessener Fröhlichkeit. Krösus und Kassandane waren gleich zufrieden mit ihrer neuen Tochter und Schülerin. Oropastes, der Magier, lobte dem Kambyses täglich die Fähigkeiten und den Fleiß der Jungfrau; Nitetis erlernte die persische Sprache ungewöhnlich schnell und gut; der König ging nur zu seiner Mutter, wenn er die Ägypterin dort zu finden vermuthete, und beschenkte sie alle Tage mit köstlichen Schmucksachen und Kleidern. Die größte Gunst erzeigte er ihr dadurch, daß er sie niemals in ihrem Landhause bei den hängenden Gärten besuchte. Durch diese Handlungsweise bewies er, daß er gesonnen sei, Nitetis unter die geringe Zahl seiner angetrauten, rechtmäßigen Gemahlinnen aufzunehmen, eine Gunst, der sich manche Fürstentochter, welche in seinem Harem lebte, nicht rühmen konnte. Das schöne, ernste Mädchen übte auf den unbändigen, gewaltigen Mann einen seltsamen Zauber. Ihre bloße Gegenwart schien zu genügen, seinen starren Sinn zu schmelzen. Stundenlang sah er dem Reifenspiele zu und verwendete keinen Blick von den zierlichen Bewegungen der Aegypterin. Einmal, als ein Ball in's Wasser geflogen war, sprang er ihm in seinen schweren, kostbaren Gewändern nach und rettete ihn. Nitetis schrie laut auf, als der König sich zu dieser unerwarteten ritterlichen That anschickte; Kambyses aber überreichte ihr lächelnd das triefende Spielzeug und sagte: »Nimm Dich in Acht, sonst muß ich Dich öfter erschrecken!« In demselben Augenblicke nahm er eine goldene mit Edelsteinen besetzte Kette von seinem Halse und schenkte sie dem erröthenden Mädchen, welches ihm mit einem Blicke dankte, der vollkommen aussprach, was ihr Herz für den künftigen Gatten empfand. Krösus, Kassandane und Atossa merkten sehr bald, daß Nitetis den König liebe. Aus ihrer Scheu vor dem übermächtigen, stolzen Manne war in der That eine glühende Leidenschaft erwachsen. Sie glaubte, seines Anblicks beraubt, sterben zu müssen. Sein Wesen erschien ihr so glänzend und allmächtig wie das der Gottheit, der Wunsch, ihn zu besitzen, übermüthig und frevelhaft, aber seine Befriedigung dennoch schöner als selbst die Rückkehr in die Heimath, als eine Wiedervereinigung mit Denen, welche sie bisher ausschließlich geliebt hatte. Sie war sich dieser Leidenschaft kaum selbst bewußt und versuchte den Gedanken festzuhalten, daß sie ihn nur fürchte und eh' er komme, vor Angst und nicht vor Sehnsucht bebe. Krösus hatte sie bald durchschaut und ließ seinen Liebling hoch erröthen, als er mit seiner Greisenstimme das neueste Liedchen des Anakreon, welches er zu Sais von Ibykus erlernt hatte, neckend sang: »An seiner Hüfte trägt das Roß Das Mal, das man ihm brennt, Und Jedermann den Parther-Troß An der Tiara kennt; Doch, sehe ich Verliebte nah, Weiß ich sogleich: Sie lieben; Ein zartes Mal ward ihnen ja In's Herz hinein geschrieben Eigene Uebersetzung. Pägn. 15 . .« Also zogen in Fleiß und Spiel, in Ernst und Scherz, in Liebe und Gegenliebe Tage, Wochen und Monde an Nitetis vorüber. Der Befehl des Kambyses: »Es muß Dir bei uns gefallen«, fand Gehorsam, und als der mesopotamische Lenz (Januar, Februar und März), welcher dem regnerischen Dezember in jenen Gegenden folgt, vorüber war, als man während der Frühlings-Tag- und Nachtgleiche das größte Fest der Asiaten, das Neujahrsfest, gefeiert hatte, als die Maiensonne mit heißen Gluthen zu brennen begann, da fühlte sich Nitetis in Babylon wie zu Hause und alle Perser wußten, daß die junge Aegypterin Phädime, die Tochter des Otanes, aus der Gunst des Königs verdrängt und sichere Aussicht habe, die erste bevorzugte Gemahlin des Kambyses zu werden. Das Ansehen des Eunuchen-Obersten Boges sank, denn man wußte, daß der König den Harem nicht mehr betrete und der Verschnittene seinen Einfluß nur den Weibern verdankte, welche, was er selbst für sich oder Andere begehrte, Kambyses abschmeicheln mußten. – Täglich besprach sich der gekränkte Mann mit der gestürzten Favoritin Phädime, wie man die Aegypterin verderben könne; aber ihre feinsten Ränke und Listen scheiterten an der Liebe des Kambyses und dem makellosen Wandel der Königsbraut. Phädime, das ungeduldige, nach Rache lechzende, gedemüthigte Weib drängte fort und fort den vorsichtigen Boges zu einer entscheidenden That; dieser aber mahnte zum Abwarten und zur Geduld. Endlich, nach vielen Wochen, kam er voller Freude zu ihr und rief: »Wenn Bartja heimgekehrt ist, mein Schätzchen, dann ist unsere Stunde gekommen. Ich habe ein Plänchen ersonnen, das der Aegypterin so sicher den Hals bricht, als ich Boges heiße.« Bei diesen Worten rieb der ewig lächelnde Halbmann seine glatten, fleischigen Hände und schaute so gesättigt zufrieden drein, als habe er eine gute That verübt. Uebrigens machte er Phädime nicht einmal andeutungsweise mit seinem »Plänchen« bekannt und antwortete auf ihre dringenden Fragen: »Lieber möcht' ich mein Haupt in den Rachen eines Löwen, als mein Geheimniß in das Ohr eines Weibes legen. Wohl schätze ich Deinen Muth; aber ich gebe Dir zu bedenken, daß sich die Kühnheit des Mannes im Handeln, die des Weibes im Gehorchen bewähren muß. Thue darum, was ich Dir sagen werde, und warte geduldig ab, was die Zukunft bringt!« Nebenchari, der Augenarzt, pflegte Kassandane nach wie vor, hielt sich von allem Umgange mit den Persern zurück, und wegen seines düstern, schweigsamen Wesens wurde sein Name bald von ihnen sprüchwörtlich gebraucht. Man nannte bei Hofe jeden Glückseligen einen »Bartja«, jeden Griesgram einen »Nebenchari«. – Bei Tage verweilte er lautlos in den Zimmern der Mutter des Königs, in großen Papyrusrollen (Anm. 42) Der Name der heiligen Ambres scheint aus den Anfängen der Abschnitte größerer Texte » Ha em re' «, »Anfang der Kapitel«, korrumpirt zu sein. Horapollon I. 58. ed. Leemans erwähnt das »Buch der Krankheiten«, während Manetho bei Africanus und Eusebius von dem Nachfolger des ersten Königs von Aegypten Menes (die Chronographen und Denkmäler nennen ihn übereinstimmend als solchen) Athotes erzählt, daß er anatomische Bücher geschrieben habe. Da sonst die gelehrten und namentlich die medizinischen Werke gewöhnlich als herstammend von dem Gotte Thoth erklärt werden, so kann hier leicht wegen der Namensähnlichkeit dem Könige zugeschrieben worden sein, was dem Gotte gebührt. Unter den heiligen Schriften der Aegypter sollen sich auch 6 medizinische befunden haben. Clemens Alex. Strom. ed. Potter p. 757. (VI. 4.) Jamblichus, De Myst. Aeg. VIII. 4. S. auch Th. III. A. 115 . blätternd; bei Nacht bestieg er häufig mit Erlaubniß des Königs und des Satrapen (Anm. 43) Satrapen hießen die Gouverneure der einzelnen Provinzen, welche als Stellvertreter des Königs ziemlich unbeschränkt herrschten. Unsere erste von Malcolm Persia I. 41 vorgeschlagene Erklärung des Namens von Chattra der Sonnenschirm und pati Herr, also Herr des Sonnenschirms, geben wir gern auf zu Gunsten der Tiele'schen, welche Satrap ableitet von Khshatra Herrschaft und pavan Beschirmer. Zwar zeigen uns die Denkmäler die Großen des Reichs, welche das Tragen des Sonnenschirms hinter dem Könige her mit Würde verrichten (bei Niebuhr, Texier, Layard \&c.), auf Baktrisch und in der Zendavesta heißen sie aber » Shôitrapaita « (Herr eines Gaus) und Shôitrapan « (Beschirmer eines Gaus). Der holländische Uebersetzer dieser Anmerkung, Herr Dr.  Rogge, erklärt sich auch für die letztere Ansicht. Wir bemerken nur, daß wie im Deutschen so auch im Altpersischen, mit Verwendung des gleichen Bildes, beschirmen für beschützen steht. In einem ägyptischen Texte wird der General Ptolemäus (Lagi) Chschatrapan, d. i. Satrap genannt. von Babylon, Tritantächmes, einen der hohen Mauerthürme, um die Sterne zu beobachten. Die chaldäischen Priester, die uralten Pfleger der Himmelskunde, hatten ihm anbieten lassen, seine Beobachtungen auf der Spitze des großen Bel-Tempels, ihrer Sternwarte, zu machen; er aber weigerte sich entschieden dieser Einladung zu folgen, und verharrte in vornehmer Abgeschlossenheit. Als ihm Oropastes, der Magier, den berühmten babylonischen Schattenweiser, den Anaximander von Milet auch in Griechenland eingeführt hatte, erklären wollte, lächelte er höhnisch und kehrte dem Obersten der medischen Priester den Rücken, indem er sagte: »Das kannten wir schon, bevor ihr wußtet, was eine Stunde sei (Anm. 44) Obgleich die Chaldäer, wie dem Aristoteles mitgetheilt wurde, Himmelsberechnungen besaßen, welche bis 1903 vor Alexander, also bis 2234 v. Ch. zurückreichten ( Simplicius comm. in Arist. de coelo I. II. , Lepsius Chronologie 8. 9), so unterliegt es doch keinem Zweifel, daß die ägyptische Astronomie noch älter ist wie die ihre. Diodor. I. 81 berichtet sogar, die ägyptischen Priester behaupteten, daß die Chaldäer zu Babylon ägyptische Kolonisten wären und ihren Ruf als Astronomen den Lehren ägyptischer Priester zu danken hätten. Die letztere Behauptung kann etwas Wahres enthalten, dagegen sind die Aegypter weit eher aus Westasien als die Chaldäer aus Aegypten gekommen. .« Nitetis war ihm freundlich entgegen gekommen; er aber kümmerte sich nicht um sie, ja er schien sie absichtlich zu vermeiden. Als sie ihn eines Tages fragte: »Findest Du etwas Böses an mir, Nebenchari, oder habe ich Dich beleidigt?« gab er zur Antwort: »Du bist mir fremd, denn wie möchte ich Diejenige zu meinen Freunden zählen, welche ihren theuersten Lieben, den Göttern und den Sitten der Heimath, so willig und schnell treulos zu werden vermag?« Boges der Eunuch merkte sehr bald, daß der Augenarzt der zukünftigen Gattin seines Königs zürne; darum bemühte er sich, ihn zu seinem Bundesgenossen zu machen; Nebenchari wies aber seine schmeichlerischen Anreden, seine Geschenke und Aufmerksamkeiten mit Würde zurück. So oft ein Angare mit irgend einer Botschaft an den König in den Schloßhof einritt, beeilte sich der Eunuch ihn auszufragen, woher er komme und ob er nichts von dem Heere gegen die Tapuren vernommen habe? Endlich erschien der erwünschte Bote, welcher die Nachricht brachte, der aufrührerische Stamm sei gebändigt und Bartja werde binnen Kurzem heimkehren. Drei Wochen vergingen, Bote auf Bote meldete das Nahen des siegreichen Prinzen, die Straßen prangten wiederum im reichsten Festschmucke, das Heer zog in Babylon ein, Bartja dankte dem jubelnden Volke und lag bald darauf in den Armen seiner Mutter. Auch Kambyses empfing seinen Bruder mit unverstellter Herzlichkeit und führte ihn absichtlich zu Kassandane, als er wußte, daß sich Nitetis bei ihr befinde. Sein Herz war voll von der Gewißheit, daß ihn die Aegypterin liebe. Er wollte Bartja zeigen, daß er ihr vertraue, und nannte seine frühere Eifersucht einen thörichten Wahn. Seine Liebe machte ihn mild und freundlich, seine Hände wurden niemals müde zu schenken und wohl zu thun, sein Zorn war eingeschlummert, und die Krähen Babylons umkreisten jetzt, vor Hunger schreiend, den Platz, an welchem sonst die Häupter der Hingerichteten in großer Zahl als warnende Schreckbilder aufgestellt worden waren. Mit dem Sinken des Einflusses der schmeichlerischen Eunuchen, einer Menschenrasse, welche erst durch die Einverleibung von Medien, Lydien und Babylonien, woselbst sie viele der höchsten Staats- und Hof-Aemter bekleidet hatte, an die Pforte des Cyrus gekommen war, stieg das Ansehen der edlen Perser aus dem Geschlechte der Achämeniden, und Kambyses gewöhnte sich zum Wohle des Landes, mehr auf die Stimme seiner Verwandten, als auf die Ratschläge der Verschnittenen zu hören. Der greise Hystaspes, der Vater des Darius und Statthalter des persischen Stammlandes, welcher zu Pasargadae zu residiren pflegte, ein Vetter des Königs, Pharnaspes, sein Großvater von mütterlicher Seite, Otanes, sein Oheim und Schwiegervater, Intaphernes; Aspathines, Gobryas, Hydarnes, der Feldherr Megabyzus (Anm. 45) Diese Namen, welche Herodot nennt, finden sich zum Theil, wenn auch in etwas anderer Form, in der Inschrift von Behistân oder Bisitun wieder. Spiegel, Altpersische Keilschriften. Inschrift von Behistân IV. XVIII. S. 37. Rawlinson, Journ. of the Asiatic soc. X. p. 12 . , der Vater des Zopyrus, der Gesandte Prexaspes, der edle Krösus, der alte Held Araspes, kurz die vornehmsten Stammhäupter der Perser befanden sich gerade jetzt am Hofe des Königs. Dazu kam, daß der ganze Adel des Reichs, die Satrapen oder Statthalter aller Provinzen und die Oberpriester aller Städte sich zu dieser Zeit in Babylon befanden, weil der Geburtstag (Anm. 46) Der Geburtstag des Königs war das größte Fest der Perser und hieß das »vollkommene«. Herod. I. 133. Ueberhaupt wurden die Geburtstage, namentlich der Könige, im Alterthume hoch gefeiert. Die großen zweisprachigen ägyptischen Denkmäler, welche wir besitzen (die Tafel von Rosette Z. 10 des hieroglyphischen Textes, gr. Text Z. 40 und das Dekret von Kanopus ed. Lepsius hierogl. Text Z. 3, gr. Text Z. 5), erwähnen beide die Feier des Geburtstages eines ptolemäischen Königs von Aegypten. Aber wir hören auch schon in Bezug auf Ramses II. (14. Jahrh. v. Chr.) sagen: »Freude war im Himmel an seinem Geburtstage.« Stele von Kuban. Z. 3. Drumann führt in seinem Kommentar zu dem griechischen Texte der Tafel von Rosette viele auf den Geburtstag der Könige bezügliche Stellen an. S. a. Ebers, Aegypten I. S. 334. des Königs gefeiert werden sollte. Sämmtliche Würdenträger und Abgeordnete aus allen Provinzen strömten in die Königsstadt, um dem Herrscher Geschenke darzubringen, ihm Glück zu wünschen und an den großen Opfern teilzunehmen, an welchen Tausende von Rossen, Hirschen, Stieren und Eseln für die Götter geschlachtet zu werden pflegten. An diesem Festtage wurden alle Perser beschenkt, und Jeder durfte dem König eine Bitte vortragen, die nur selten unerfüllt blieb; auch ward das Volk in allen Städten auf Kosten des Herrschers gespeist. Kambyses hatte bestimmt, daß acht Tage nach dem Geburtstage seine Vermählung mit Nitetis stattfinden und zu derselben alle Großen des Reichs geladen werden sollten. Die Straßen von Babylon wimmelten von Fremden, die riesengroßen Paläste auf beiden Seiten des Euphrat waren überfüllt und alle Häuser prangten in festlichem Schmucke. Dieser Eifer seines Volkes, dieses Menschengedränge, welches in den Abgeordneten der Provinzen gleichsam das ganze Reich um ihn versammelte, trug nicht wenig dazu bei, die fröhliche Stimmung des Königs zu heben. Sein Stolz war befriedigt, und die einzige leere Stelle in seinem Herzen, der Mangel an Liebe, durch Nitetis ausgefüllt. Er glaubte zum Erstenmale in seinem Leben vollkommen glücklich zu sein, und vertheilte seine Geschenke nicht nur, weil ein König von Persien schenken mußte, sondern weil ihm das Geben wirkliche Freude verursachte. Der Feldherr Megabyzus wußte die Kriegsthaten des Bartja und seiner Freunde nicht hoch genug zu preisen. Kambyses umarmte die jungen Helden, beschenkte sie mit goldenen Ketten und Rossen, nannte sie »Brüder« und erinnerte Bartja an jene Bitte, welche er ihm nach der siegreichen Heimkehr zu gewähren versprochen hatte. Als der Jüngling die Augen niederschlug und nicht gleich wußte, wie er seinen Antrag beginnen sollte, lachte der König und rief: »Seht, ihr Freunde, wie unser junger Held gleich einem Mägdlein erröthet! Ich glaube, daß mir Großes zu gewähren bevorsteht, darum soll er bis zu meinem Geburtstage warten, und mir beim Trinkgelage, wenn der Wein ihm Muth gegeben hat, zuflüstern, was er sich jetzt zu erbitten scheut. Laß die Forderung groß sein, Bartja! Ich bin glücklich, und wünsche darum all' meine Freunde glücklich zu sehen!« Bartja lächelte ihm zu und begab sich zu seiner Mutter, um ihr, jetzt zum Erstenmale, mitzutheilen, was sein Herz ersehnte. Er fürchtete auf harten Widerstand zu stoßen; Krösus hatte ihm aber so gut vorgearbeitet und der Blinden so viel Rühmliches von Sappho erzählt, ihre Tugend und Anmuth, ihre Künste und Gaben so hoch gepriesen, daß die Mädchen behaupteten, die Enkelin der Rhodos habe dem Greise einen Zaubertrunk eingegeben, und Kassandane jetzt, nach kurzem Sträuben, den Bitten ihres Lieblings nachgab. »Eine Hellenin die rechte Gemahlin eines persischen Königssohnes!« rief die Blinde. »Das ist noch niemals dagewesen! Was wird Kambyses sagen? – Wie werden wir seine Zustimmung erlangen?« »Darüber kannst Du unbesorgt sein, Mutter,« erwiederte Bartja. »Ich bin der Einwilligung meinet Bruders ebenso sicher, als daß Sappho eine Zierde unseres Hauses werden wird.« »Krösus hat mir viel Schönes und Gutes von der Jungfrau erzählt, und ich freue mich, daß Du endlich entschlossen bist, Dich zu vermählen; aber dennoch scheint mir solche Ehe nicht für einen Sohn des Cyrus zu passen. Und hast Du auch bedacht, daß die Achämeniden ein zukünftiges Kind dieser Hellenin schwerlich als ihren König anerkennen werden, wenn Kambyses ohne Söhne bleiben sollte?« »Ich fürchte nichts, denn mein Sinn steht nicht nach der Krone. Uebrigens war schon mancher persische König der Sohn eines geringeren Weibes als meine Sappho (Anm. 47) Wir lesen zum Beispiel im Königsbuche des Firdusi, daß der Stamm des Feridun durch eine Sklavin erhalten wurde. Auch Sal, der Vater des Rustem, führte eine Fremde, in die er sich verliebt hatte, heim. Es war, mögen die Helden des persischen Epos rein mythische Personen gewesen sein (was keineswegs erwiesen ist) oder nicht, gewiß nichts Unerhörtes, daß ein Fürst eine Sklavin heirathete. ist. Ich weiß sicher, daß mich meine Verwandten nicht tadeln werden, wenn ich ihnen das Kleinod zeige, welches ich am Nile gewonnen habe.« »Möchte Sappho unserer Nitetis gleichen! Ich liebe sie wie meine eigene Tochter und segne den Tag, an welchem sie dieses Land betrat. Mit ihren warmen Blicken hat sie den harten Sinn Deines Bruders geschmolzen, ihre Güte und Sanftmuth verschönern meine Nacht und mein Alter, ihr milder Ernst hat Deine Schwester Atossa aus einem unbändigen Kinde in eine Jungfrau verwandelt! Rufe jetzt die Mädchen, welche unten im Garten spielen, damit wir ihnen mittheilen, daß sie durch Dich eine neue Freundin erhalten sollen.« »Verzeih' mir, Mutter,« erwiederte Bartja, »wenn ich Dich bitte, diese Angelegenheit der Schwester zu verschweigen, bis wir die bestimmte Einwilligung des Königs erlangt haben.« »Du hast Recht, mein Sohn. Wir müssen den Mädchen Deinen Wunsch verheimlichen, und wäre es nur, um ihnen eine mögliche Enttäuschung zu ersparen. Das Fehlschlagen einer schönen Hoffnung ist schwerer zu tragen als ein unerwartetes Leid; harren wir darum auf die Einwilligung Deines Bruders. Mögen Dir die Götter ihren Segen schenken!« Am frühen Morgen des königlichen Geburtstagsfestes brachten die Perser am Ufer des Euphrat ihre Opfer dar. Auf einem künstlichen Berge stand ein ungeheurer silberner Altar, aus welchem ein mächtiges Feuer, Flammen und Wohlgeruch gen Himmel sendend, brannte. Weiß gekleidete Magier speisten die Gluth mit zierlich gehauenen Stücken des feinsten Sandelholzes und schürten sie mit Ruthenbündeln. Das Haupt der Priester war mit einer Binde, der Paiti-dhana (Anm. 48) Dieses viereckige, 2–7 Finger breite Stück Zeug sollen alle Perser vor dem Munde führen, wenn sie beten. Anquetil gibt in seinem Zend-Avesta eine Abbildung desselben. Strabo erwähnt die Paiti-dhâna p. 733 . Nach ihm hing das Tuch, als Zipfel, von der Kopfbedeckung aus über die Lippen hin. , umwunden, deren Enden ihren Mund verdeckten und auf diese Weise den unreinen Athem von dem reinen Feuer abwehrten. Auf einer Wiese neben dem Strome hatte man die Opferthiere geschlachtet, ihr Fleisch in Stücke geschnitten (Anm. 49) Herod. I. 132. Strabo 733. Das ganze Opfergeräth der heutigen Parsen findet sich bei Anquetil beschrieben und abgebildet. , mit Salz bestreut und auf zarte Rasen und Kleesprossen, Myrthenblüthen und Lorbeerblätter ausgebreitet, damit nichts Todtes und Blutiges die schöne Tochter des Auramazda, die geduldige, heilige Erde, berühre. Nun trat Oropastes, der oberste Destur Priester. , an das Feuer und warf frische Butter hinein. Die Flammen schlugen hoch empor. Alle Perser fielen auf die Kniee und verbargen ihr Angesicht, denn sie glaubten, die Lohe schwinge sich ihrem Vater, dem großen Gotte, entgegen. Dann nahm der Magier einen Mörser, streute in denselben Blätter und Stengel des heiligen Haomakrautes (Anm. 50) Haoma oder Soma ist der Name einer Pflanze, deren Saft die Speise der Götter gewesen sein soll, und bei gewissen religiösen Zeremonien gekostet und in's Feuer geträufelt wurde. Endlich ist Haoma ein Gott. Näheres über den Somakultus der Arier bei Windischmann, in den Abhandlungen der K. B. Akad. der Wissenschaften IV. 2. , zerstampfte sie und goß den röthlichen Saft der Pflanze, die Speise der Götter, in die Flammen. Endlich hob er seine Hände zum Himmel empor und sang, während andere Priester das Feuer fortwährend mir frischer Butter zum wilden Auflodern zwangen, ein großes Gebet aus den heiligen Büchern. In diesem wurde der Segen der Götter auf alles Reine und Gute, vor Allem auf den König und das ganze Reich herabgerufen. Die guten Geister des Lichts, des Lebens, der Wahrheit, der edlen That, der Geberin Erde, des labenden Wassers, der glänzenden Metalle, der Weiden, der Bäume und der reinen Geschöpfe wurden gepriesen, die bösen Geister des Dunkels, der Lüge, welche die Menschen betrügt, der Krankheit, des Todes, der Sünde, der Wüste, der starren Kälte, der verödenden Dürre, des häßlichen Schmutzes und alles Ungeziefers sammt ihrem Vater, dem bösen Angramainjus, verflucht; und endlich stimmten alle Anwesenden singend in das Festgebet ein: »Reinheit und Herrlichkeit wartet des reinen Gerechten (Anm. 51) Dies schöne Gebet soll der Parse eigentlich sagen, wenn er vom Schlaf erwacht. Anquetil, Zend-Avesta II. 564 fgd. !« Dann schloß das Gebet des Königs die Opferfeierlichkeit. – Kambyses bestieg im reichsten Ornate den mit vier schneeweißen nisäischen Rossen bespannten goldenen, mit Karneolen, Topasen und Bernstein geschmückten Wagen und begab sich in die große Empfangshalle, um die Würdenträger und Abgeordneten der Provinzen zu empfangen. Sobald sich der König und sein Gefolge entfernt hatten, wählten sich die Priester die besten Stücke des Opferfleisches aus und gestatteten dem herandrängenden Volke, das übrig Gebliebene mit nach Hause zu nehmen. Die persischen Götter verschmähten das Opfer, als Speise; sie verlangten nur die Seelen der geschlachteten Thiere, und mancher Aermere, namentlich unter den Priestern, fristete sein Leben von dem Fleische der reichen Königsopfer. Wie der Magier gebetet hatte, so sollten alle Perser beten. Ihre Religion verbot, daß der Einzelne etwas für sich allein von den Himmlischen verlange. Vielmehr mußte jeder Fromme für alle Perser, besonders aber für den König Gutes erflehen; war doch jeder Einzelne ein Theil des Ganzen, wurde doch auch er beglückt, wenn die Götter dem Reiche Segen verliehen. Dies schöne Aufgeben der eigenen Persönlichkeit zu Gunsten der Gesammtheit hatte die Perser groß gemacht. Wenn man besonders für den König betete, so geschah dies, weil man in ihm die Verkörperung des ganzen Reiches erblickte. Die ägyptischen Priester stellten die Pharaonen als wirkliche Gottheiten dar, die Perser nannten ihre Fürsten nur Söhne der Götter (Anm. 52) In späterer Zeit ließen sich freilich auch die Könige von Persien, wenn auch nicht geradezu, als Gottheiten anbeten. und dennoch herrschten diese in der That weit unbeschränkter als jene, denn sie hatten es verstanden, sich von der Vormundschaft einer Priesterkaste frei zu halten, welche, wie wir gesehen haben, die Pharaonen wenn nicht beherrschte, so doch in den wesentlichsten Angelegenheiten zu beeinflussen pflegte. Von dem unduldsamen Wesen der Aegypter, welches alle fremden Götter vom Nile zu verbannen bestrebt war, wußte man in Asien nichts. Die von Cyrus besiegten Babylonier durften nach ihrer Einverleibung in das große asiatische Reich nach wie vor zu ihren alten Göttern beten. Die Juden, Ionier und Kleinasiaten, kurz die ganze Menge der dem Scepter des Kambyses gehorchenden Völkerschaften blieb ungestört im Besitze ihrer angeerbten Religionen und Sitten. So brannten denn auch zu Babylon am Geburtstage des Königs neben den Feueraltären der Magier viele andere Opferflammen, welche die Festgesandten für die Götter, welche sie in ihrer Heimath verehrten, angezündet hatten. Die Riesenstadt glich aus der Ferne einem ungeheuren Schmelzofen, denn über ihren Thürmen schwebten dichte Rauchwolken, welche das Licht der brennenden Maisonne verfinsterten. Als der König im großen Reichspalaste angelangt war, ordnete sich die Schaar der Festboten zu einem unabsehbaren Zuge, der durch die geraden Straßen Babylons dem Schlosse entgegen wallte. Myrthen und Palmenzweige, Rosen, Mohn- und Oleanderblüthen, Silberpappel-, Palmen- und Lorbeerblätter lagen auf allen Wegen. Weihrauch, Myrrhen und tausend andere Wohlgerüche durchwehten die Luft, Fahnen und Teppiche flatterten und wogten von allen Häusern. Das Jauchzen und die Jubelrufe des zahllosen babylonischen Volkes, welches, erst seit wenigen Jahren dem Perserreiche unterworfen, nach asiatischer Sitte seine Ketten gleich einem Schmucke trug, so lange es sich vor der Macht seines Zwingherrn fürchtete, übertönten die schmetternden Fanfaren medischer Trompeten, die sanften Töne phrygischer Flöten, die Cymbeln und Harfen der Juden, die Tamburine der Paphlagonier, die Saitenspiele der Ionier, die Pauken und Becken der Syrer, die Muscheln und Trommeln der Arier von der Indusmündung und die lauten Töne der baktrischen Schlachtposaunen. Duft, Farbenpracht, Gold- und Edelsteingefunkel, Pferdegewieher, Jauchzen und Gesang vereinten sich zu einem Ganzen, das die Sinne betäubte und die Herzen mit taumelnder Lust erfüllte. Keine der Festgesandtschaften war mit leeren Händen gekommen. Diese führten eine Koppel edler Pferde, jene riesenhafte Elephanten und possierliche Affen, eine dritte mehrere mit Schabracken und Quasten behängte Nashörner und Büffel, die vierte zweibucklige baktrische Kameele mit goldenen Ringen um den zottigen Hals. Andere brachten Wagen voll seltener Holzarten und Elfenbein, köstliche Gewebe, silberne und goldene Gefäße, Wannen voller Goldstaub und Barren, seltene Gewächse für die Gärten und für den Wildpark des Königs ausländische Thiere, unter denen sich Antilopen, Zebra's, seltene Affen- und Vogelarten auszeichneten (Anm. 53) Diesen Aufzug haben wir nach Reliefs beschrieben, deren Kenntniß wir großenteils den Layard'schen Grabungen und einem Obelisken von Nimrud (Niniveh) verdanken, der sich im Abgusse in mehreren europäischen Museen befindet; so auch neben den Mengs'schen Abgüssen zu Dresden. , welche letzteren an grüne Bäume gekettet waren und, mit den Flügeln schlagend, ein fröhliches Schauspiel darboten. Diese Geschenke galten als Tribute der unterjochten Stämme. – Nachdem sie dem Könige gezeigt worden waren, wurden sie von den Schatzmeistern und Schreibern gewogen, geprüft und entweder für genügend befunden oder, als zu gering, zurückgewiesen. In letzterem Falle mußten die kargen Geber doppelte Nachzahlungen leisten (Anm. 54) Zur Zeit unserer Erzählung besteuerten die Könige von Persien ihr Reich, wann und wie hoch sie wollten. Erst des Kambyses Nachfolger, Darius, führte ein geordnetes Steuersystem ein. Deßwegen erhielt er den Beinamen »der Krämer«. Selbst noch in späterer Zeit lag es übrigens den einzelnen Bezirken ob, bestimmte Naturallieferungen an den Hof zu schicken. Herod. I. 192. Xenoph. Anab. IV. 5. . Der Zug gelangte ohne Aufenthalt an die Pforten des Reichspalastes, denn die Peitschenträger und Soldaten, welche zu beiden Seiten der Straßen ein Spalier bildeten, hielten den Weg von der drängenden Masse des Volkes frei. Wenn die Fahrt des Königs zur Opferstelle prächtig gewesen war (fünfhundert reich geschmückte Rosse hatte man hinter seinem Wagen hergeführt (Anm. 55) Herod. VII. 40. 41. 54. 55. Xenoph. Cyrop. VIII. 3. Curtius III. 3. ) und der Aufzug der Gesandten glänzend genannt werden mußte, so war der Anblick des großen Thronsaales blendend und zauberhaft. Im Hintergrunde desselben stand auf sechs Stufen, deren jede von zwei goldenen Hunden gleichsam bewacht wurde, der güldene Thron, über welchen sich ein purpurner, von vier goldenen mit Edelsteinen besetzten Säulen getragener Baldachin breitete, dessen Dach zwei geflügelte Scheiben, die Feruer (Anm. 56) Der Feruer oder Ferwer ist der geistige Theil des Menschen, seine mit der Urteilskraft vereinte Seele. Er war längst vor der Geburt vorhanden, vereint sich mit uns, sobald wir in die Welt treten, und verläßt den Leib, sobald wir sterben. Der Ferwer kämpft gegen die Diws (bösen Geister) und ist Ursache unserer Erhaltung. Sobald er von uns weicht, muß sich der Körper auflösen. Nach dem Tode wird er, hat er Gutes gethan, unsterblich; verübte er Böses, in die Hölle gestürzt. Man soll den Ferwer anrufen und mit Opfern um Hülfe bitten. Er bringt auch das Gebet zu Gott, weßwegen er als geflügelte Scheibe dargestellt wird. Ulmai Islam bei Vullers, Fragmente über die Religion des Zoroaster. Wir weisen hier gern, namentlich in Bezug auf die Fravashi's (im Farvardin yasht ) auf Tiele, De Godsdienst van Zarathustra . des Königs, trug. Hinter dem Throne standen Wedel- und Fächerträger, vornehme Hofbeamte; zu seinen beiden Seiten die Tischgenossen, Verwandten und Freunde des Königs, die Würdenträger des Reichs, die vornehmsten Priester und Eunuchen. Die Wände und die Decke des ganzen Saales waren mit blitzenden Goldblechen bekleidet und der Fußboden mit purpurnen Teppichen belegt. Geflügelte Stiere mit Menschenhäuptern lagen als Wächter vor den silbernen Thoren der Halle, und im Hofe des Palastes hatten sich die Leibgarden, deren Lanzen mit goldenen und silbernen Aepfeln geschmückt waren, aufgestellt. Sie trugen goldene Panzer auf purpurnen Röcken, von Edelsteinen blitzende Schwerter in goldenen Scheiden und hohe persische Mützen. Unter ihnen zeichnete sich durch stattlichen Wuchs und kühne Haltung die Schaar ›der Unsterblichen‹ (Anm. 57) Diese »Unsterblichen« dankten ihren Ehrennamen dem Umstande, daß, sobald eines ihrer Mitglieder fiel oder starb, sofort ein Ersatzmann eintrat, und sich darum ihre Zahl niemals verringern konnte, sondern stets 10,000 Streiter betragen mußte. Schon Cyrus soll diese Garde eingerichtet haben. Herod. VII. 40. 41. 84. Xenoph. Cyrop. VII. 1. VIII. 1. 2. 3. Curtius III. 3. aus. Anmelder und Fremdenführer, elfenbeinerne kurze Stäbe in den Händen tragend, führten die Festboten in die Halle und an dem Throne vorüber. Vor den Stufen desselben angelangt, warfen sie sich, als wollten sie die Erde küssen, zu Boden und verbargen die Hände in die Aermel ihres Gewandes. Ehe sie dem Könige auf eine etwaige Frage antworteten, wurde ihnen ein Tuch um den untern Theil des Gesichts gebunden, damit ihr unreiner Athem seine reine Person nicht berühre. Kambyses sprach freundlich oder streng, je nachdem er mit den Geschenken und dem Gehorsame der einzelnen Provinzen zufrieden war, mit den vornehmsten Festboten. Als sich am Ende des Zuges die Gesandtschaft der Juden seinem Throne nahte, rief er den Hebräern, welchen zwei ernste Männer mit scharfen Zügen und langen Bärten vorangingen, ein freundliches ›Halt‹ entgegen. Der Erste von diesen war nach Art der vornehmsten und reichsten Babylonier gekleidet, der Zweite trug ein aus einem Stücke gewebtes, mit Schellen und Quasten besetztes Purpurgewand, welches von einem blau-roth-weißen (Anm. 58) Ewald, Altertümer des Volkes Israel (Anhang zur Geschichte d. V. I.), S. 289, 305 und 333. Weiß, Kostümkunde I. S. 344. Winer, Bibl. Realwörterbuch, 3. Aufl. Kitto, The tabernacle and furniture. Pl. III . Gürtel zusammengehalten wurde, und ein blaues Schulterkleid. Von seinem Halse hing ein Täschchen mit den heiligen Loosen Die Urim und Thummim. herab, welches zwölf in Gold gefaßte Edelsteine mit dem Namen der Stämme Israels schmückten. Eine weiße Binde, deren Zipfel bis über die Schultern herniederwallten, umschlang die ernste Stirn des hohen Priesters. »Ich freue mich, Dich wieder zu sehen, Beltsazar (Anm. 59) In der ersten Auflage führten wir dem Leser Daniel selbst in der Person des den Josua begleitenden Israeliten vor; dies scheint uns aber nach den Untersuchungen von Hitzig, Lengerke, Merx und dem Holländer Kuenen nicht mehr zulässig zu sein. Einen in Babylon zurückgebliebenen vornehmen und reichen Juden dürfen wir ohne Weiteres einführen; auch sei bemerkt, daß das erwähnte Dokument von der Hand des Cyrus, um dessentwillen Darius später den Bau des Tempels bewilligte, historisch beglaubigt ist. Esra 6, 2–12. Sacharja 1–8. Zur Zeit unserer Erzählung ist Josua hoher Priester. Bunsen, Bibelwerk S. CCCXXIV. ,« rief der König dem babylonisch gekleideten Manne zu. »Seit dem Tode meines Vaters hast Du Dich nicht an meiner Pforte blicken lassen!« Der also Angeredete verneigte sich demüthig und antwortete: »Die Gnade meines Herrn beglückt Deinen Knecht! Willst Du die Sonne Deiner Huld, trotz seiner Unwürdigkeit, Deinem Knechte leuchten lassen, so gewähre meinem armen Volke, welches Dein großer Vater in das Land seiner Väter heimkehren ließ, eine Bitte! Dieser Greis an meiner Seite, Josua, der hohe Priester unseres Gottes, hat den weiten Weg nach Babylon nicht gescheut, um sie Dir vorzutragen. Laß seine Rede Deinem Ohre angenehm sein und seine Worte eine fruchtbare Stelle in Deinem Herzen finden.« »Mir ahnt, was ihr verlangen werdet,« rief der König. »Hab' ich Recht, Priester, wenn ich vermuthe, daß sich eure Bitte abermals auf den Tempelbau in eurer Heimath bezieht?« »Meinem Herrn kann nichts verborgen bleiben,« antwortete der Priester, sich tief verneigend. »Deine Knechte zu Jerusalem sehnen sich danach, das Angesicht ihres Beherrschers zu schauen, und flehen zu Dir durch meinen Mund, Du möchtest das Land ihrer Väter besuchen, und um die Erlaubniß, den Bau des Tempels, welchen Dein erlauchter Vater, über dem die Gnade Gottes sei, genehmigte, fortsetzen zu dürfen.« Der König lächelte und erwiederte: »Du weißt Deine Bitte mit der Schlauheit Deines Volkes vorzubringen und wählst das rechte Wort und die rechte Stunde! An meinem Geburtstage kann ich einem treuen Volke kaum eine Bitte abschlagen; so versprech' ich Dir denn, so bald als möglich die gute Stadt Jerusalem und das Land Deiner Väter zu besuchen.« »Du wirst Deine Knechte hoch beglücken,« antwortete der Priester. »Unsere Oelbäume und Weinstöcke werden bei Deinem Nahen schönere Früchte tragen, unsere Pforten sollen weit gemacht werden zu Deinem Empfange, und Israel wird seinem Herrn entgegen jubeln, doppelt beglückt, wenn es ihn als neuen Bauherrn –« »Halt, Priester, halt!« rief Kambyses. »Eure erste Bitte soll, wie gesagt, nicht unerfüllt bleiben, denn ich hege schon lange den Wunsch, das reiche Tyrus, das goldene Sidon und Dein Jerusalem mit seinem wunderbaren Aberglauben kennen zu lernen; wollt' ich euch aber die Erlaubniß zur Fortsetzung des Tempelbaues schon jetzt ertheilen, was bliebe mir dann noch übrig, euch im nächsten Jahre zu bewilligen?« »Deine Knechte werden ihren Herrn mit Gaben und nicht mit Bitten willkommen heißen,« antwortete der Priester; »nun aber sprich das Wort und gestatte uns, dem Gott unserer Väter ein Haus zu bauen.« »Seltsame Menschen, diese Palastinäer!« rief Kambyses. »Ich hörte sagen, daß ihr an eine einzige durch kein Bildniß darstellbare Gottheit glaubt, welche nichts sei als ein Geist. Meint ihr denn, daß dies luftige Wesen nach einem Hause verlangt? Wahrlich, euer großer Geist muß schwach und erbärmlich sein, wenn er eines Wetterdaches gegen Wind und Regen und eines Schutzes gegen die Hitze bedarf, welche er selbst erzeugt hat. – Ist eure Gottheit wie die unsere überall gegenwärtig, wohl, so fallt vor ihr nieder und betet zu ihr, wie wir es thun, an jeder Stelle, und ihr könnt gewiß sein, überall vernommen zu werden!« »Der Gott Israels hört sein Volk an allen Orten,« rief der hohe Priester. »Er hat uns vernommen, als wir in der Gefangenschaft des Pharao fern von der Heimath schmachteten, er hörte uns, als wir an den Wassern Babels weinten! Er ersah Deinen Vater zum Werkzeuge unserer Befreiung, und wird auch heute mein Gebet erhören und Dein Herz erweichen. O, großer König, gestatte Deinen Knechten eine gemeinsame Opferstelle für die zwölf getrennten Stämme ihres Volkes, einen Altar, an dessen Stufen sie vereinigt für Dich beten, ein Haus, in welchem sie gemeinsam ihre Festtage heiligen können, zu erbauen! Für diese Huld werden wir die Gnade des Herrn unabläßlich auf Dein Haupt und seinen Fluch auf Deine Feinde herniederflehen.« »Gestatte meinen Brüdern den Bau ihres Tempels!« bat auch Beltsazar, der reichste und angesehenste von den in Babylon zurückgebliebenen Juden, welchen Cyrus mit großer Auszeichnung behandelt und selbst vielfach um Rath gebeten hatte. »Würdet ihr denn Frieden halten, wenn ich euren Bitten nachgeben wollte?« fragte der König. »Mein Vater erlaubte euch das Werk zu beginnen und gewährte euch die Mittel zu seiner Vollendung. Einig und glücklich zoget ihr von Babylon in die Heimath zurück; beim Bau des Tempels aber kam Zwist und Hader unter euch. Zahlreiche Bittschreiben, von den angesehensten Syrern unterschrieben, bestürmten Cyrus, die Fortsetzung des Tempelbaus zu verbieten, und erst vor Kurzem bin auch ich von euren Landsleuten, den Samaritern, flehentlich angegangen worden, den Bau zu unterbrechen. Betet denn zu eurem Gotte, wo und wie ihr wollt; weil ich euch wohl will, kann ich aber nicht die Fortsetzung eines Werkes genehmigen, welches Zwist und Uneinigkeit unter euch entflammt.« »Willst Du an diesem Tage eine Gnade zurücknehmen, die uns Dein Vater durch ein königliches Schreiben gewährte?« fragte Beltsazar. »Ein Schreiben?« »Es muß noch heut in dem Archive Deines Reiches aufbewahrt werden.« »Sobald ihr dasselbe findet und mir vorzeigen könnet,« gab der König zurück, »will ich den Bau nicht nur bewilligen, sondern euch sogar bei demselben unterstützen. Der Wille meines Vaters ist mir so heilig wie ein Befehl der Götter!« »Gestattest Du mir,« fragte Beltsazar, »das Archiv von Ekbatana, woselbst sich das Schriftstück finden muß, von Deinen Schreibern durchsuchen zu lassen?« »Ich erlaube es Dir; aber ich fürchte, daß ihr nichts entdecken werdet! Sage Deinen Landsleuten, Priester, ich sei mit der Ausrüstung der Krieger zufrieden, welche sie zum Kampfe gegen die Massageten nach Persien sandten. Mein Feldherr Megabyzus lobt ihre Haltung und ihr Aussehen. Mögen sie sich, wie in den Kriegen meines Vaters, bewähren! – Dich, Beltsazar, lade ich zu meinem Hochzeitsfeste mit der Aegypterin, und trage Dir auf, Deinen Landsleuten Mesach und Abed Nego (Anm. 60) Wir behalten die Namen Mesach und Abed Nego bei, weil wir keine passenderen für vornehme in Babylon wohnhafte Israeliten finden konnten, wie die, welche das Buch Daniel den Gefährten des frommen Jünglings beilegt. , den ersten Männern von Babylon nach Dir, zu sagen, ich erwarte sie heut Abend an meiner Tafel.« »Der Gott des Volkes Israel schenke Dir Glück und Segen,« sprach Beltsazar, sich tief verneigend. »Diesen Wunsch nehme ich an,« rief der König, »denn ich halte euren großen Geist, welcher große Wunder geübt haben soll, nicht für machtlos. Noch Eins, Beltsazar! Mehrere Juden haben neulich die Götter der Babylonier geschmäht und sind dafür bestraft worden. Warne Deine Landsleute! Sie machen sich verhaßt durch ihren starren Aberglauben (Anm. 61) Tacitus, Histor. V. 2–5 spricht sich in noch schärferer Weise, ja mit bitterer Härte, besonders wegen ihrer Unduldsamkeit, über die jüdische Religion aus. und den Hochmuth, mit dem sie sich zu behaupten erkühnen, euer großer Geist sei die einzige wahre Gottheit! Nehmt ein Beispiel an uns, die wir, zufrieden mit dem, was wir haben, auch den Besitz der Andern gut sein lassen. Haltet euch selbst nicht für besser als alle übrigen Menschen! Ich will euch wohl, denn selbstbewußter Stolz gefällt meinem Herzen; hütet euch aber, daß der Stolz nicht zu eurem Schaden in Ueberhebung ausartet! Lebt wohl und bleibt meiner Huld versichert!« Die Hebräer entfernten sich, enttäuscht, aber doch nicht ohne Hoffnung, denn Beltsazar wußte bestimmt, daß sich jenes den Tempelbau zu Jerusalem betreffende Dokument im Archive von Ekbatana vorfinden müsse. Den Juden folgte die Gesandtschaft der Syrer und der jonischen Griechen. Als die Letzten im Zuge zeigten sich in Thierfelle gekleidete, wild aussehende Männer von fremdartiger Gesichtsbildung. Ihre Gürtel, Schulterbänder, Bogen-Futterale, Aexte und Lanzenspitzen waren aus gediegenem Golde roh gearbeitet, ihre hohen Pelzmützen mit goldenen Zierrathen versehen. Ihnen voraus ging ein Mann in persischer Tracht, dessen Züge andeuteten, daß er demselben Stamme wie die ihm folgenden Männer angehöre (Anm. 62) Herod. I. 215. Diese Episode geben wir theils nach Herod. I. 204–216, theils nach Diod. II. 44 u. Justin. I. 8. – Ktesias, Persica 9. erzählt, Cyrus sei in einem Kampfe gegen die Derbier von einem Inder verwundet worden und gestorben. Xenophon läßt ihn, aber wohl nur, um ihm eine schöne Sterberede in den Mund zu legen, friedlich heimgehen. . Der König schaute mit Verwunderung auf diese sich dem Throne nähernden Gesandten. Seine Stirn verfinsterte sich, und indem er dem Fremdenführer winkte, rief er aus: »Was begehren diese Menschen von mir? Irr' ich nicht, so gehören sie jenen Massageten an, welche gar bald vor meiner Rache erzittern sollen. Sage ihnen, Gobryas, daß ein wohlgerüstetes Heer in der medischen Ebene bereit stehe, um ihnen mit dem Schwerte blutige Antwort auf jede Forderung zu geben!« Der Fremdenführer verneigte sich und sprach: »Diese Menschen sind heute Morgen während des Opfers mit großen Lasten des reinsten Goldes zu Babylon eingezogen, um Deine Nachsicht zu erkaufen. Als sie vernahmen, daß man zu Deiner Ehre ein großes Fest begehe, drangen sie in mich, ihnen heute noch die Gnade zu verschaffen, vor Dein Angesicht treten und Dir mittheilen zu dürfen, mit welchen Aufträgen sie von ihren Landsleuten zu Deiner Pforte entsandt worden sind.« Die bewölkte Stirn des Königs wurde heller. Mit scharfen Blicken musterte er die hohen, bärtigen Gestalten der Massageten und rief: »Laßt sie vortreten! Ich bin neugierig zu vernehmen, welche Aufträge mir die Mörder meines Vaters zu machen wagen!« Gobryas winkte; der größte und älteste der Massageten trat, von dem persisch gekleideten Manne begleitet, dicht vor den Thron und begann in der Sprache seiner Heimath mit lauter Stimme zu reden. Sein Nachbar, ein massagetischer Kriegsgefangener des Cyrus, welcher die persische Sprache erlernt hatte, übersetzte dem Könige Satz für Satz die Anrede des Wortführers der Nomaden. »Wir wissen,« begann derselbe, »daß Du, großer Herrscher, den Massageten zürnest, weil Dein Vater in einem Kampfe gegen unsere Macht, den er selbst, obgleich wir ihn niemals beleidigt hatten, heraufbeschwor, gefallen ist.« »Mein Vater war wohl berechtigt euch zu strafen,« unterbrach der König den Redner, »denn eure Fürstin Tomyris vermaß sich, ihm eine abschlägige Antwort zu geben, als er sich um ihre Hand bewarb.« »Zürne nicht, o König,« antwortete der Massaget; »aber ich darf nicht verschweigen, daß unser ganzes Volk diese Weigerung billigte. Einem Kinde konnte es ja nicht verborgen sein, daß der greise Cyrus unsere Königin nur darum der Zahl seiner Gattinnen beizugesellen wünschte, weil er, unersättlich nach Ländern, mit ihr auch unser Gebiet zu gewinnen hoffte.« Kambyses schwieg; der Gesandte aber fuhr fort: »Cyrus ließ den Araxes (Anm. 63) Der Araxes (Aras) entspringt in dem Hochlande von Armenien und ergießt sich in's kaspische Meer. , unsern Grenzstrom, überbrücken. Wir fürchteten nichts; darum ließ Tomyris ihm sagen, er möge sich die Mühe des Brückenschlagens ersparen, denn wir wären bereit, ihn entweder in unserem Lande ruhig zu erwarten und ihm den Uebergang über den Araxes frei zu lassen, oder ihm in sein eigenes Land entgegen zu ziehen. »Cyrus entschied sich, wie Kriegsgefangene uns später mittheilten, auf den Rath des entthronten Königs von Lydien, Krösus, dafür, uns in unserem eigenen Gebiete aufzusuchen und durch List zu verderben. Er sandte uns nur einen kleinen Theil seines Heeres entgegen, ließ ihn von unsern Pfeilen und Lanzen aufreiben und gestattete, daß wir uns seines Lagers ohne einen Schwertstreich bemächtigten. Wir glaubten den Unüberwindlichen besiegt zu haben und schmausten von euren reichen Vorräthen. Als wir, vergiftet von jenem süßen Tranke, welchen wir noch niemals versucht hatten und den ihr ›Wein‹ benennt, in einen der Betäubung gleichen Schlummer versunken waren, überfiel uns euer Heer und mordete einen großen Theil unserer Krieger. Viele nahmt ihr gefangen, unter diesen den heldenmütigen Spargapises, den jungen Sohn unserer Königin. »Als dieser erfuhr, daß seine Mutter bereit sei, Frieden mit euch zu machen, wenn ihr ihn freigeben wolltet, bat der edle junge Held, ihm seine Ketten abzunehmen. So geschah es. Als er den Gebrauch seiner Hände wieder erlangt hatte, ergriff er ein Schwert und durchbohrte seine Brust mit dem Rufe: ›Ich opfere mich für die Freiheit meines Volkes!‹ »Kaum erhielten wir die Nachricht von dem großmüthigen Tode des geliebten Jünglings, als wir alle Streitkräfte, welche eure Schwerter und Ketten verschont hatten, sammelten. Selbst die Knaben und Greise bewaffneten sich und zogen aus gegen Deinen Vater, um den edlen Spargapises zu rächen und sich, wie er, für die Freiheit der Massageten zu opfern. Es kam zum Treffen. Ihr wurdet geschlagen, Cyrus fiel, Tomyris fand seinen Leichnam in einer Lache von Menschenblut schwimmend und rief: ›Unersättlicher, jetzt, denke ich, wirst Du mit Blut gesättigt sein!‹ Die Schaar der Edlen, welche ihr die Unsterblichen nennt, drängte uns zurück und holte aus unsern dichtesten Reihen den Leichnam Deines Vaters. Du selbst hast an ihrer Spitze gestanden und wie ein Löwe gekämpft. Ich erkenne Dich wohl! Wisse, daß dieses Schwert an meiner Seite jene Wunde schlug, welche jetzt als purpurnes Ehrenzeichen Dein männliches Angesicht schmückt!« Die lauschende Menge regte sich, zitternd für das Leben des kühnen Sprechers; Kambyses aber nickte ihm, statt zu zürnen, beifällig zu und sagte: »Auch ich erkenne Dich jetzt! Du rittest an jenem Tage ein brandrothes, mit goldenen Zierrathen bedecktes Roß. Wir Perser wissen die Tapferkeit zu ehren, das sollst auch Du erfahren! Meine Freunde, niemals sah ich ein schärferes Schwert, niemals einen unermüdlicheren Arm, wie den dieses Mannes; verneigt euch vor ihm, denn Heldengröße verdient die Ehrfurcht der Tapfern, zeige sie sich beim Freunde oder beim Feinde (Anm. 64) Dieser Zug ist dem persischen Charakter vollkommen angemessen. Obgleich Herodot VII. 231 Xerxes ganz anders handeln läßt, so beweist doch folgendes Epigramm des Antiphilos aus Byzanz (Griechische Blumenlese F. Jacobs IV. 19), daß die Hellenen den ritterlichen Edelmuth der Perser sehr wohl gekannt haben: A.:     »Hier, dies Purpurgewand, o Leonidas, sendet dir Xerxes, Ehrend den muthigen Sinn, den Du im Kampfe bewährt. B.: Bietet Verräthern ein falsches Geschenk! Mich decke der Schild hier Auch noch im Tode, dem Grab dienet nicht prunkender Schmuck. A.: Aber Du starbst. Wie magst Du im Tode noch hassen die Perser? B.: Liebe der Freiheit stirbt nimmer in spartischer Brust.« . – Dir, Massaget, will ich rathen, bald nach Hause zu ziehen und zu rüsten, denn durch die Erinnerung an euren Muth und eure Kraft verdoppelt sich in mir die Sehnsucht, mit euch zu kämpfen. Starke Feinde, wie ihr seid, sind mir beim Mithra lieber als schwache Freunde! Ich will euch ohne Schaden in eure Heimath entlassen, aber bleibt nicht zu lange in meiner Nähe, sonst möchte im Gedanken an die Rache, welche ich der Seele meines Vaters schulde, mein Zorn erwachen und das Ende eures Lebens nahe sein!« Um den bärtigen Mund des Kriegers zog ein bitteres Lächeln und er erwiederte dem Könige: »Wir Massageten glauben, daß die Seele Deines Vaters nur zu furchtbar gerochen ward. Statt seiner verblutete der einzige Sohn unserer Königin, der Stolz meines Volkes, welcher nicht unedler oder geringer war als Cyrus. Fünfzigtausend Leichen meiner Landsleute haben als Todtenopfer die harten Ufer des Araxes mit ihrem Blute erweicht, während auf eurer Seite nur dreißigtausend Menschen dem Tode verfielen. Wir kämpften eben so wacker wie ihr, eure Rüstungen aber sind fester als die unsern und widerstehen den Pfeilen, welche unsere Felle durchbohren. Endlich, als grausamste Rache, habt ihr unsere edle Königin Tomyris getödtet.« »Tomyris lebt nicht mehr?!« rief Kambyses, den Redner unterbrechend. »Wir Perser sollten ein Weib gemordet haben? Was ist eurer Königin begegnet? Gib Antwort!« »Tomyris starb vor zehn Monden aus Gram über den Tod ihres einzigen Sohnes, darum durft' ich sagen, daß auch sie dem Kriege mit den Persern und der Seele Deines Vaters zum Opfer fiel.« »Sie war ein großes Weib,« murmelte Kambyses. Dann fuhr er, seine Stimme erhebend, fort: »Wahrlich, ihr Massageten, ich beginne zu glauben, daß die Götter selbst es übernommen haben, meinen Vater an euch zu rächen. Aber so schwer eure Verluste auch erscheinen mögen: Spargapises, Tomyris und fünfzigtausend Massageten wiegen immer noch nicht die Seele eines Königs von Persien, am wenigsten aber die eines Cyrus auf!« »Bei uns zu Lande,« antwortete der Bote, »ist im Tode Alles gleich, und die flüchtige Seele eines verstorbenen Königs nicht gewichtiger als die eines armen Knechtes. Dein Vater war ein großer Mann; aber das, was wir um seinetwillen erduldeten, ist ungeheuer. Wisse, König, daß ich Dir noch nicht alles Unglück mitgetheilt habe, welches seit jenem furchtbaren Kriege über unser Land gekommen ist. – Nach dem Tode der Tomyris ist Uneinigkeit unter den Massageten ausgebrochen. Zwei Männer glaubten gleiche Rechte auf den erledigten Thron zu haben. Die eine Hälfte des Volkes kämpfte für den ersten, die andere für den zweiten. Ein furchtbarer Bürgerkrieg, dem eine verheerende Pestilenz auf dem Fuße folgte, hat die Schaaren unserer Krieger gelichtet. Wir vermögen Deiner Macht, wenn Du uns bekriegen solltest, nicht zu widerstehen, und bieten Dir darum mit schweren Lasten reinen Goldes Frieden an.« »So wollt ihr euch ohne Schwertstreich unterwerfen?« fragte Kambyses. »Die Zahl meines in der medischen Ebene versammelten Heeres kann euch beweisen, daß ich von eurem Heldenmuthe Größeres erwartet habe. Ohne Feinde können wir nicht kämpfen! Ich werde die Streiter entlassen und euch einen Statthalter senden. Seid mir willkommen als neue Unterthanen meines Reichs!« Bei diesen Worten des Königs färbten sich die Wangen und die Stirn des massagetischen Helden mit flammender Röthe und er antwortete mit bebender Stimme: »Du irrst, o Herrscher, wenn Du denkst, daß wir die alte Tapferkeit verlernt oder Lust bekommen hätten, Knechte zu werden. Aber wir kennen Deine Macht und wissen, daß die kleine von Krieg und Pest verschonte Zahl unserer Landsleute Deinen unzählbaren wohlgerüsteten Heeren nicht widerstehen kann. Ehrlich und offen, nach Massageten Art, bekennen wir dieß; doch wir erklären zu gleicher Zeit, daß wir uns selbst zu regieren fortfahren und niemals ertragen werden, von einem persischen Satrapen Gesetze und Vorschriften zu empfangen. – Du siehst mich zürnend an; ich aber ertrage Deinen Blick und wiederhole meine Erklärung.« »Und ich,« rief Kambyses, »sage Dir dieß. Ihr habt nur eine Wahl! Entweder unterwerft ihr euch meinem Scepter, schließt euch unter dem Namen der massagetischen Provinz dem persischen Reiche an, empfangt einen Satrapen, den Stellvertreter meiner eigenen Person, mit gebührender Ehrfurcht, oder ihr betrachtet euch als meine Feinde und bequemt euch, von meinen Heeren gezwungen, zu denselben Dingen, welche ich euch jetzt im Guten anbiete. Heute könnt ihr noch einen wohlgesinnten Herrn gewinnen; später werdet ihr einen Eroberer und Rächer in mir zu fürchten haben. Bedenkt dieß wohl, eh' ihr antwortet!« »Wir haben Alles vorher erwogen,« antwortete der Krieger, »und eingesehen, daß wir, die freien Söhne der Steppe, viel eher den Tod, als die Knechtschaft gewinnen mögen. Höre, was Dir der Rath unserer Greise durch meinen Mund verkünden läßt: ›Wir Massageten sind nicht durch unsere eigene Schuld, sondern wegen großer Heimsuchungen unseres Gottes, der Sonne, zu schwach geworden, euch Persern widerstehen zu können. Wir wissen, daß ihr gegen uns ein großes Heer gerüstet habt, und sind bereit, durch alljährlich zu zahlende Schätze den Frieden und die Freiheit von euch zu erkaufen. Wisset, daß wenn ihr trotzdem versuchen wolltet, uns durch Waffengewalt zu bezwingen, ihr euch selbst den größten Schaden zufügen würdet. Sobald sich ein Heer dem Araxes nähern sollte, werden wir Alle mit Weibern und Kindern aufbrechen und eine andere Heimath suchen, denn wir wohnen nicht, wie ihr, in festen Städten und Häusern, sondern sind gewöhnt, auf unsern Rossen umherzuschweifen und unter Zelten zu ruhen. Unser Gold werden wir mit uns nehmen und die versteckten Gruben verschütten und vernichten, in welchen ihr neue Schätze finden könntet. Wir kennen alle Orte, an denen edle Metalle schlummern, und sind bereit, euch solche in reichem Maße zukommen zu lassen, wenn ihr uns Frieden und Freiheit gewährt; überzieht ihr uns aber mit Krieg, so werdet ihr nichts gewinnen, als eine menschenleere Steppe und einen unerreichbaren Feind, welcher euch furchtbar werden könnte, sobald er sich von den harten Verlusten, die seine Reihen lichteten, erholt haben wird. Laßt ihr uns Frieden und Freiheit, so sind wir bereit, euch außer dem Golde jährlich fünftausend schnelle Steppenpferde zuzusenden und euch beizustehen, sobald dem Perserreiche ernstliche Gefahren drohen.‹« Der Botschafter schwieg. Kambyses schaute sinnend zu Boden, zauderte lange mit der Antwort und sagte endlich, indem er sich von seinem Thron erhob: »Wir werden heute beim Zechgelage Rath halten und euch morgen mittheilen, welchen Bescheid ihr eurem Volke zu überbringen habt. Sorge dafür, Gobryas, daß diese Männer gut verpflegt werden, und übersende dem Massageten, welcher mein Angesicht zerhieb, einen Antheil von den besten Gerichten meiner eigenen Tafel.« Viertes Kapitel. Während dieser Vorgänge verweilte Nitetis einsam und in tiefe Trauer versunken in ihrem Hause auf den hängenden Gärten. Heute zum Erstenmal hatte sie dem gemeinsamen Opfer der Weiber des Königs beigewohnt und versucht, im Freien, vor dem Feueraltare von fremden Gesängen umtönt, zu ihren neuen Göttern zu beten. Die meisten Bewohnerinnen des königlichen Harems sahen die Aegypterin bei dieser Feierlichkeit zum Erstenmale und wandten, statt zu der Gottheit hinaus zu schauen, kein Auge von ihr ab. Nitetis, durch die neugierigen, feindseligen Blicke ihrer Nebenbuhlerinnen beunruhigt, zerstreut durch die lärmende Musik, welche von der Stadt herübertönte, schmerzlich bewegt von der Erinnerung an die andächtigen Gebete, welche sie in der feierlichen, schwülen Stille der Riesentempel ihrer Heimath an der Seite ihrer Mutter und Schwester den Göttern ihrer Kindheit dargebracht hatte, konnte, so sehr es sie drängte, für den geliebten König an seinem Feiertage Glück und Wohlsein von den Göttern zu erflehen, zu keiner andächtigen Erhebung kommen. Kassandane und Atossa knieten an ihrer Seite und stimmten aus voller Brust in die Gesänge der Magier ein, welche dem Herzen der Aegypterin nichts waren, als ein leerer Schall. Diese Gebete, denen an manchen Stellen hohe Poesie nicht abzusprechen ist, ermüden durch fortwährende Wiederholungen von Namen und Anrufungen einer Unzahl böser und guter Geister. Die Perserinnen wurden durch dieselben zur höchsten Andacht erhoben, denn sie hatten von Kindesbeinen an gelernt, jene Hymnen als die heiligsten und herrlichsten aller Lieder zu betrachten. Diese Gesänge hatten ihre ersten Gebete begleitet und waren ihnen werth und heilig, wie Alles, was wir von unsern Vätern ererben, was uns in der empfänglichsten Zeit unseres Lebens, der Kindheit, als verehrungswürdig und göttlich dargestellt wird; diese Gesänge konnten aber den verwöhnten Geist der mit den schönsten griechischen Dichtungen vertrauten Aegypterin nur wenig ansprechen. Das mühsam Erlernte war ihr noch nicht in Fleisch und Blut übergegangen, und während die Perserinnen die äußeren Formen ihres Gottesdienstes wie etwas Angeborenes, Selbstverständliches verrichteten, mußte sie sich geistig anstrengen, um der vorgeschriebenen Ceremonien nicht zu vergessen und sich keine Blöße vor den sie mißgünstig belauernden Nebenbuhlerinnen zu geben. Außerdem hatte sie wenige Minuten vor dem Opfer den ersten Brief aus Aegypten erhalten. Der lag ungelesen auf ihrem Putztische und kam ihr in den Sinn, sobald sie sich zum Beten anschickte. Welche Nachrichten mochte er enthalten? Wie ging es den Eltern, wie hatte sich Tachot in die Trennung von ihr und dem geliebten Königssohne gefunden? Als die Feier beendigt war, umarmte sie, hoch aufathmend, als sei sie von einer drohenden Gefahr erlöst worden, Kassandane und Atossa. Dann ließ sie sich in ihre Wohnung tragen und eilte, dort angelangt, in sehnsüchtiger Hast dem Putztische zu, auf welchem das theure Schreiben lag. Die junge Oberste ihrer Dienerinnen, dieselbe, welche sie auf der Reise zum Erstenmale in persische Gewänder gekleidet hatte, empfing sie mit einem schlauen, vielverheißenden Lächeln, welches sich in Staunen verwandelte, als ihre Herrin den auf dem Tische liegenden Putz keines Blicks würdigte und nach dem langersehnten Briefe griff. Hastig öffnete Nitetis das Wachs des Siegels und wollte sich eben, um die mühsame Arbeit des Lesens zu beginnen, niederlassen, als jene Dienerin dicht vor sie hintrat und die Hände zusammenschlagend ausrief: »Beim Mithra, Herrin! Du mußt krank sein! Oder enthält dieß graue, garstige Stück Zeug vielleicht eine Zauberei, welche Den, der es zuschaut, für alles Schöne blind macht? Lege die Rolle nur schnell beiseite und sieh' Dir die herrlichen Sachen an, welche Dir der große König, dem Auramazda Sieg verleihe, zusandte, während Du der Feier beiwohntest. Sieh' nur dieß köstliche Purpurgewand mit dem weißen Streifen und der reichen Silberstickerei, sieh' diese Tiara mit den königlichen Diamanten! Weißt Du denn nicht, daß solche Gaben mehr bedeuten, als gewöhnliche Angebinde? Kambyses läßt Dich bitten (bitten hat der Bote gesagt, nicht befehlen), Du mögest diese prachtvollen Sachen beim heutigen Festmahle tragen. Wie zornig wird Phädime werden! Was für Augen werden die anderen Weiber machen, welche niemals gleiche Geschenke erhielten! Bis zum heutigen Tage war Kassandane, die Mutter des Königs, die einzige Frau an diesem ganzen Hofe, welche den Purpur und die Diamanten tragen durfte; durch diese Geschenke hier stellt Dich Kambyses seiner erhabenen Mutter gleich, und macht Dich vor den Augen der ganzen Welt zu seiner Lieblingsgemahlin und Königin (Anm. 65) Buch Esther, I. 11 u. 19, II. 4. 17, V. 1. Heliodor v. Emesa, Aethiopica VII. 19. . O bitte, bitte, gestatte mir, Dir all' die neuen Herrlichkeiten anzuthun. Wie wunderschön wirst Du aussehen, wie neidisch, wie zornig müssen die Anderen werden! Dürfte ich nur dabei sein, wenn Du in die Halle trittst. Komm', Herrin, laß Dir die schlichten Gewänder ausziehen und Dich, nur zur Probe, von mir schmücken, wie es der neuen Königin geziemt.« Nitetis hatte der Schwätzerin schweigend zugehört und die kostbaren Geschenke mit stummem Lächeln betrachtet. Sie war Weib genug, um sich ihrer zu freuen; kamen sie doch von einem Manne, den sie inniger liebte als ihr Leben, bewiesen doch diese Gaben ihrem Herzen, daß sie dem Könige mehr sei als all' seine anderen Frauen, ja, daß sie von Kambyses geliebt werde. Der lang ersehnte Brief entfiel ungelesen ihrer Hand, schweigend gewährte sie den Bitten der Dienerin, und binnen Kurzem war ihr Schmuck vollendet. Der königliche Purpur hob ihre majestätische Schönheit, und ihre schlanke, herrliche Gestalt schien von der hohen, blitzenden Tiara erhöht zu werden. Als ihr der auf dem Putztische liegende Metallspiegel zum Erstenmale ihr im vollen Ornat einer Königin prangendes Bildnis zeigte, nahmen ihre Züge einen neuen Ausdruck an. Es war, als wenn sich in ihnen ein Theil von dem Stolze ihres Gebieters abspiegle. – Die leichtfertige Zofe sank unwillkürlich auf die Kniee nieder, als der strahlende Blick des von dem mächtigsten aller Männer geliebten Weibes ihr Beifall lächelndes Auge traf. Kurze Zeit lang schaute Nitetis auf das im Staube liegende Mädchen, dann schüttelte sie, vor Scham erröthend; das schöne Haupt, beugte sich zu ihr hernieder, hob sie freundlich auf, küßte ihre Stirn, beschenkte sie mit einem goldenen Armbande und befahl ihr, als ihre Blicke auf das an der Erde liegende Schreiben fielen, sie allein zu lassen. Mandane verließ mehr laufend als gehend das Zimmer ihrer Herrin, um das glänzende Geschenk ihren Untergebenen, den niedereren Zofen und Sklavinnen, zu zeigen; Nitetis aber warf sich mit von inniger Glückseligkeit überströmendem Auge und Herzen in den vor dem Putztische stehenden Lehnsessel von Elfenbein, sprach ein kurzes Dankgebet zu ihrer ägyptischen Lieblingsgöttin, der schönen Hathor, küßte die goldene Kette, welche ihr Kambyses nach seinem Sprunge in's Wasser geschenkt hatte, drückte ihre Lippen auf den Brief aus der Heimath, rollte ihn beinahe übermüthig vor inniger Herzensbefriedigung, indem sie sich tief in die purpurnen Kissen drückte, gemächlich auf und murmelte vor sich hin: »Wie bin ich doch so froh und überglücklich! Armer Brief, deine Schreiberin hat wohl nicht gedacht, daß dich Nitetis eine Viertelstunde lang ungelesen auf der Erde liegen lassen würde!« Freudig begann sie zu lesen; bald aber verwandelte sich ihr Lächeln in Ernst, und als sie am Schlusse des Briefes angelangt war, sank das Schreiben wiederum zur Erde nieder. Jenes Auge, dessen stolzer Blick die Dienerin zum Niedersinken gezwungen hatte, schwamm in Thränen, das hochgetragene Haupt ruhte auf dem Geschmeide, welches den Putztisch bedeckte; Thränentropfen gesellten sich zu Perlen und Diamanten, seltsame Gegensätze, wie die stolze Tiara und ihre zusammengesunkene Trägerin. Jener Brief enthielt folgende Worte. »Ladice, Gattin des Amasis und Königin von Ober- und Unterägypten, an ihre Tochter Nitetis, Gemahlin des Großkönigs von Persien. »Wenn Du, meine geliebte Tochter, so lange Zeit ohne Nachrichten aus der Heimath geblieben bist, so war dieß nicht unsere Schuld. Die Triere, welche die für Dich bestimmten Briefe nach Aegae befördern sollte, ist von samischen Kriegsschiffen, welche man lieber Seeräuberfahrzeuge nennen sollte, aufgehalten und in den Hafen der Astypalaia (Anm. 66) Aegä, Hafenstadt in Mysien. Die Astypalaia, welche hier genannt wird, ist nicht zu verwechseln mit der Insel Astypalaia, auf welcher von dorischen Kolonisten Akragas, »die schönste Stadt der sterblichen Menschen«, Pindar, Pyth. 12. 1, erbaut wurde. Astypalaia (Altenburg) hieß auch die mit runden Thürmen befestigte Burg des Polykrates auf Samos. Die Mauern derselben waren 12 Fuß dick und ihre Besatzung bestand aus der scythischen Leibgarde des Gewalthabers. Polyän I. 23. Curtius, Geschichte von Griechenland, S. 312. geschleppt worden. »Der Uebermuth des Polykrates, dem Alles, was er vornimmt, zu gelingen pflegt, wird immer größer. Kein Fahrzeug ist vor seinen Raubschiffen sicher, seitdem er die Lesbier und Milesier (Anm. 67) Herod. III. 39. , welche dem Unwesen entgegenzutreten suchten, auf's Haupt geschlagen. »Die Söhne des verstorbenen Pisistratus (Anm. 68) Pisistratus, von welchem wir schon gehört haben, ( I. Th. 2. Kap. ), starb 527 v. Chr. in hohem Alter. Ihm folgte sein ältester Sohn Hippias. sind seine Freunde. Lygdamis ist ihm verpflichtet und bedarf der samischen Hülfe, um seine Gewaltherrschaft über Naxos aufrecht zu erhalten. Die griechischen Amphiktyonen hat er gewonnen, indem er dem Apollo von Delos die benachbarte Insel Rhenia (Anm. 69) Rhenia (Rheneia) gehört zu den nördlichen Cykladen. Herod. III. 39. Thucydides I. 13. III. 104. schenkte. Alle seefahrenden Völker leiden von seinen Fünfzigruderern, welche zwanzigtausend Matrosen zur Bemannung bedürfen, den größten Schaden; dennoch wagt ihn Niemand anzugreifen, denn er ist von trefflich geübten Leibwachen umgeben und hat seine Burg und die prachtvollen Dämme des Hafens von Samos fast uneinnehmbar befestigt. »Die Kaufleute, welche dem glücklichen Koläus (Anm. 70) Kolaius, ein samischer Schiffsherr, wurde im siebenten Jahrhundert v. Chr. auf einer Fahrt gen Aegypten nach Westen verschlagen und war der erste Grieche, welcher die Säulen des Herkules (Meerenge von Gibraltar) passirte. Herod. IV. 152. nach Westen folgten, und jene Raubschiffe, die keine Schonung kennen, werden Samos zur reichsten Insel und Polykrates zum mächtigsten Menschen machen, wenn nicht, wie Dein Vater sagt, die Götter das so vollkommene Glück eines Menschen beneiden und ihm einen jähen Untergang bereiten werden. »Solches befürchtend, rieth Amasis seinem alten Freunde Polykrates, er möge, um die Mißgunst der Götter zu versöhnen, sein Liebstes, dessen Verlust ihn am meisten schmerzen möchte, in solcher Art von sich entfernen, daß er es nie wieder zurück erhalten könne. Polykrates hörte auf diesen Rath Deines Vaters und warf den kostbarsten Siegelring, welchen er besaß, das Werk des Theodorus, einen von zwei Delphinen gehaltenen Sardonix von ungeheurer Größe, in den eine Lyra, das Zeichen des Gewalthabers, wunderbar kunstreich gestochen war, von der Höhe des runden Thurmes seiner Burg in die See (Anm. 71) Plinius 37, 2 und Solinus 38 nennen den Stein dieses bekannten Ringes einen Sardonyx. Zur Zeit des letzteren besaß der Tempel der Konkordia, als Geschenk des Augustus, einen Ring, welcher für den des Polykrates ausgegeben wurde. Clemens von Alexandrien berichtet, daß in denselben eine Leier geschnitten gewesen sei. Die Araber erzählen heute noch eine ähnliche Geschichte; der Held derselben verliert aber seinen Ring durch Zufall. Geschichte vom klugen Schuhu bei Fr. Dieterici, Reisebilder aus dem Morgenlande I. S. 161. Schiller hat die Fabel zu seiner schönen Ballade dem Herodot entnommen, welcher Amasis an den Samier einen Brief, den er vollständig bringt, schreiben läßt. Herod. III. 40 fgd. Wir besitzen noch Siegelsteine aus Sardonyx; so den sehr schön geschnittenen, der dem Könige Abibal von Phönizien angehört hat, und welcher sich zu Florenz befindet. Gori, Gemmae antiquae ex Thesauro Mediceo, p. 56. Pl. XXII. de Luynes, Essai sur la numismatique des satrapies de la Phénicie sous les rois Achaeménides, p. 69. Pl XIII. 1. . »Sechs Tage später fanden seine Köche in dem Leibe eines Fisches jenen Siegelring wieder. Polykrates übersandte uns sogleich die Botschaft von diesem wunderbaren Ereignisse; Dein Vater aber schüttelte, statt sich zu freuen, gramvoll sein greises Haupt und sagte, er sehe wohl, daß man Niemand seinem Geschick entreißen könne. Am nämlichen Tage kündete er dem Polykrates die alte Freundschaft auf und ließ ihm sagen, er wolle sich bemühen, seiner zu vergessen, damit er vor dem Schmerze bewahrt bleibe, einen Menschen, den er liebe, in Unglück gerathen zu sehen. »Polykrates empfing lachend diese Botschaft und sandte uns die Briefe, welche seine Seeräuber unserer Triere abgenommen hatten, mit einem spöttischen Gruße zurück. Von jetzt an werden alle Schreiben an Dich über Syrien befördert werden. »Fragst Du mich, warum ich Dir diese lange Geschichte, welche Dich weniger als andere Nachrichten aus dem elterlichen Hause angeht, erzählt habe, so antworte ich Dir: ›Um Dich auf den Zustand Deines Vaters vorzubereiten.‹ Erkennst Du den heitern, lebensfrohen, sorglosen Amasis aus jenen düsteren Worten wieder, die er dem samischen Freunde zurief? »Ach, mein Gatte hat wohl Ursache betrübt zu sein, und die Augen Deiner Mutter wurden seit Deiner Abreise nach Persien niemals trocken. Von dem Krankenlager Deiner Schwester eile ich zu Deinem Vater, um ihn zu trösten und seine Schritte zu leiten. »Ich benütze die Nacht, um diese Zeilen zu schreiben, obgleich ich wohl des Schlummers bedürfte. »Hier bin ich von den Wärterinnen, die mich zu Tachot, Deiner Schwester, Deiner wahren Freundin, riefen, unterbrochen worden. »Wie oft hat die Theure in Fieberphantasieen Deinen Namen ausgerufen, wie sorglich bewahrt sie jenes Wachsbild (Anm. 72) Anakreon, welcher zur Zeit unserer Erzählung lebte, singt ein Lied von einem wächsernen Erosbild, welches er von einem Knaben für eine Drachme, 7 Silbergroschen 6 Pfennige, ersteht. Anakreon ed. Moebius 10 . Auch Plato gebraucht im Timäus S. 74 das Wort κηροπλάστης, d. i. Wachsbildhauer. Im Uebrigen scheint man namentlich Früchte in Wachs nachgebildet zu haben. Hierüber Böttiger, Kl. Schriften II. S. 98, III. S. 304 und Becker, Charikles I. S. 99. von Dir, dessen wunderbare Aehnlichkeit von der Höhe griechischer Kunst und der Meisterschaft des großen Theodorus zeugt. Morgen wollen wir dasselbe nach Aegina Siehe I. Theil Anmerkung 26 . schicken, um es in einer dortigen Werkstatt in Gold nachbilden zu lassen. Das zarte Wachs leidet von den heißen Händen und Lippen Deiner Schwester, die das Bildniß so oft berühren. »Jetzt, meine Tochter, nimm all' Deinen Muth zusammen, wie auch ich all' meine Kraft aufbieten will, um Dir in geordneter Reihenfolge zu erzählen, was die Götter über unser Haus verhängt haben. »Nach Deiner Abreise hörte Tachot drei Tage lang nicht auf zu weinen. All' unsere tröstenden Worte, alle Ermahnungen Deines Vaters, alle Opfer und Gebete vermochten nicht den Gram des armen Kindes zu lindern oder zu zerstreuen. Am vierten Tage versiegten endlich ihre Thränen. Mit leiser Stimme, scheinbar ergeben, antwortete sie, wenn wir sie fragten; den größten Theil des Tages aber saß sie schweigend bei ihrer Spindel. Die sonst so geschickten Finger zerrissen, wenn sie nicht stundenlang in dem Schooße der Träumerin ruhten, alle Fäden. Sie, die sonst so herzlich über die Scherze Deines Vaters lachen konnte, hörte ihnen nur noch mit gleichgültiger Stumpfheit zu; meinen mütterlichen Ermahnungen lauschte sie in ängstlicher Spannung. »Wenn ich ihre Stirne küßte und sie bat, sich selbst zu beherrschen, so sprang sie hoch erröthend auf, warf sich an meine Brust, setzte sich wieder an die Spindel und zog die Fäden mit beinahe wilder Hast; nach einer halben Stunde aber lagen die Hände wiederum unthätig in ihrem Schooße, waren ihre Augen von neuem träumerisch auf einen Punkt in der Luft oder an der Erde gerichtet. Wenn wir sie zwangen, an einem Feste theilzunehmen, so wandelte sie unter den Gästen theilnahmlos umher. »Als wir sie zu der großen Wallfahrt nach Bubastis mitnahmen, bei welcher das ägyptische Volk seines Ernstes und seiner Würde vergißt, und der Nil mit seinen Ufern einer großen Bühne gleicht, auf welcher trunkene Chöre zur höchsten Ausgelassenheit fortreißende Satyrspiele aufführen, als sie zu Bubastis (Anm. 73) Eine Schilderung dieses ausgelassenen Festes gibt Herod. II. 58. derselbe sagt, daß 700,000 Menschen die Pilgerfahrt nach Bubastis im Osten des pelusinischen Nilarmes zu unternehmen und dort mehr Wein, wie während des ganzen übrigen Jahres, zu trinken pflegten. Siehe auch Th. I. Anmerkung 53 . Zu Dendera, dessen Hathor auch die Große von Bubastis genannt wird, wurden, wie die Inschriften lehren ( Bd. I. A. 55 ), ähnliche Feste gefeiert. Die bei denselben stattfindenden Ausschweifungen und das ganze Wesen der Bast oder Sechet von Bubastis hängt entschieden mit phönizischen Kulten zusammen, zu deren Erklärung wir an die frühe phönizische Kolonisation der mediterraneischen Deltaküste erinnern. S. a. Ebers, Durch Gosen zum Sinai, S. 18, 482 und 483. Der Jahrmarkt in dem wenige Meilen von der Stätte des alten Bubastis gelegenen Tanta im Delta ist der Nachfolger des erwähnten Festes. Wir sahen Boote mit übermüthig jubelnden Frauen dorthin ziehen, wohnten dem ausgelassenen Treiben der Meßzeit von Tanta bei und fanden, daß gewisse Eigenschaften des ägyptischen Chem auf den heiligen Sejjid el-Bedawi, zu dessen Grab alljährlich Hunderttausende von Wallfahrern pilgern, übertragen worden sind. Näheres bei Ebers, Aegypten in Bild und Wort I. S. 88–96. zum Erstenmale in ihrem Leben ein ganzes Volk, das sich in taumelnder Lust und ausgelassenen Scherzen tummelt, erblickte, erwachte sie aus ihrem stummen Brüten und fing, wie in den ersten Tagen nach Deiner Abreise, von neuem an Thränen zu vergießen. »Traurig, beinahe rathlos brachten wir die Arme nach Sais zurück. »Ihr Aussehen glich dem einer Gottheit. Sie war schmächtiger geworden, aber wie wir Alle bemerkt zu haben glaubten, gewachsen; die Farbe ihrer Haut schimmerte in einer fast durchsichtigen Weiße, und ihre Wangen zierte ein leiser Anhauch, den ich nur mit der Farbe eines jungen Rosenblattes oder den ersten Grüßen der Morgenröthe vergleichen kann. Ihr Auge glänzt heute noch wunderbar schön und hell. Es scheint mir immer, als wenn diese Blicke mehr erschauten, als das, was sich auf der Erde und am Himmel bewegt. Ich meine, diese Blicke müssen über das Geschaffene hinaus in ferne Welten schauen. »Weil ihre Hände und ihre Stirn immer heißer wurden und manchmal ein leises Frösteln ihre zarten Glieder durchschauerte, ließen wir Imhotep, den berühmtesten Arzt für innere Krankheiten, aus Theben nach Sais kommen. »Der erfahrene Priester schüttelte den Kopf, als er Deine Schwester erblickte, und prophezeite, daß sie einer schweren Krankheit entgegeneile. Von nun an durfte sie nicht mehr spinnen und nur wenig sprechen. Sie mußte allerlei Tränke einnehmen, man besprach und beschwor ihr Leiden (Anm. 74) Die ägyptischen Aerzte scheinen die Kranken vielfach besprochen zu haben. Hierhergehörige medizinische Vorschriften mannigfaltiger Art sind uns namentlich in den hieratischen Papyrus erhalten, unter denen bis vor Kurzem der berliner medizinische besonders berühmt war. Brugsch hat ihn edirt in seinem Recueil de Monum. égyptiens Pl. 85–107, Chabas (Mélanges égyptol. 1862) behandelte ihn in vorzüglicher Weise und Brugsch, Notice raisonné d'un traité médical datant du XIV. siècle a. n. è erschloß manche Stelle in dem schwierigen Texte. S. auch H. Brugsch ü. d. medizinische Kenntniß der alten Aegypter und über ein altägyptisches medizin. Manuskript des berl. Museums. Allgemeine Monatsschrift für Wissenschaft und Literatur 1853. Der Papyrus beschreibt recht ansprechend den Zustand des Kranken z. B. in den Worten: »Sein Leib ist schwer, die Oeffnung seines Magens ist brennend, seine Kleider bedrücken ihn, und wenn er auch viele anhat, so wärmen sie ihn doch nicht. In der Nacht empfindet er Durst; der Geschmack seines Herzens (Magens) ist verdorben, wie eines Mannes, der Sykomorenfeigen gegessen hat . . . er hat ein Nest von Entzündung in seinem Leibe . . . wenn er aufsteht, so ist er wie ein Mann, den man zu gehen verhindert.« Von den Mitteln erwähn' ich: Palmenwein mit Kochsalz und Weihrauch zu äußerlichem Gebrauche zu einer Salbe vermengt. – In diese therapeutische Schrift mischen sich auch magische Elemente. So soll Isis angerufen werden, um die Keime eines Leidens zu zerstören. Eine hoffende Frau, die Körner von zwei verschiedenen Getreidearten, in ihr Wasser getaucht, sät, wird einen Knaben bekommen, wenn die erste Art, ein Mädchen, wenn die zweite zuerst wächst. Hier muß ich auch an die demotisch griechischen Papyrus erinnern, die sich zu Leyden befinden und die Dr.  Leemans in seiner trefflichen Publikation ( Monuments égyptiens du Musée de Leyde ) der Gelehrtenwelt zugänglich gemacht hat. Sekt. 2 enthält die Recette médicale par Hémérius . S. a. Sekt. 15. Ich erinnere auch an die von Parthey edirten griechisch-ägyptischen Zauberpapyrus. Die von Plutarch Is. und Os. erwähnten Räucherungen zur Desinfektion der Luft bei Epidemieen sind sehr rationell. Eine eigentümliche Beschwörungsformel ist durch ein koptisches Manuskript bis auf uns gekommen; ihr Verfasser hat nämlich die Namen der ägyptischen Todtengenien in die der Erzengel Michael, Uriel und Gabriel verwandelt. Dulaurier, Recette débrécatoire. Journal Asiatique IV. T. I. p. 433 . Amulette von medizinischer Wirkung, φυλακτήρια, nennt Horapollo I. 23; Orakel Tacit. Histor. IV. 81 . Wir könnten noch einen großen Raum mit hierhergehörigen Citaten füllen. Es ist wunderbar, daß wenn sich auch solche magische Mittel millionenmal als unwirksam gezeigt haben müssen, sie doch niemals aufgehört haben, Glauben und Anwendung zu finden; selbst heute nicht. Im Winter 1872–73 hatten wir das Glück, weitaus den schönsten und größten von allen bisher gefundenen medizinischen Papyr. heimzubringen. In der Vorrede S. XXIII . Seine Publikation ist jüngst beendet worden. Sie enthält eine in Bezug auf die artistische Herstellung unübertroffene Nachbildung der 110 Seiten des Papyrus, eine ausführliche Einleitung, die Angabe sämmtlicher Krankheiten, gegen welche Heilmittel vorgeschlagen werden, und eine lexikalisch geordnete Liste der im Papyr. vorkommenden Wörter. Obgleich es auch in diesem Werke, welches gleich ist dem von Clemens von Alexandria erwähnten Buche über die Arzneimittel der Aegypter, nicht an Beschwörungen fehlt, so werden doch gegen die meisten Krankheiten nach Maß und Gewichten bestimmte, aus vielen verschiedenen, allen Reichen der Natur angehörenden und nicht selten aus der Ferne nach Aegypten geschafften Droguen zusammengesetzte Arzneimittel vorgeschlagen. In dem dem 16. Jahrh. v. Chr. entstammenden ehrwürdigen Werke werden auch phönizische Schriften benützt. Dies ist höchst merkwürdig und interessant, weil uns dieser Umstand lehrt, daß schon so früh die Aegypter, trotz ihrer spröden Abgeschlossenheit, es nicht verschmähten, aus dem geistigen Besitz ihrer östlichen Nachbarn Nutzen zu ziehen. , die Sterne und Orakel wurden befragt, den Göttern reiche Opfer und Geschenke dargebracht. Die Hathorpriester von der Insel Philae übersandten uns für die Kranke ein geheiligtes Amulet, die Osirispriester von Abydus eine in Gold gefaßte Haarlocke des Osiris, und Neithotep, der Oberpriester unserer Schutzgöttin, veranstaltete ein großes Opfer, welches Deiner Schwester die Gesundheit zurückgeben sollte. »Aber weder Aerzte, noch Beschwörungen, noch Amulete wollten der Armen helfen. Neithotep verhehlte mir endlich nicht mehr, daß Tachots Sterne wenig Hoffnung verhießen. Der heilige Stier von Memphis starb in jenen Tagen; die Priester fanden kein Herz in seinen Eingeweiden und verkündeten Unheil, welches über Aegypten kommen werde. Bis heute ist noch kein neuer Apis gefunden worden. Man glaubt, daß die Götter dem Reiche Deines Vaters zürnen, und das Orakel von Buto hat verkündet, die Unsterblichen würden erst dann Aegypten mit neuer Huld beglücken, wenn alle den fremden Göttern auf der schwarzen Erde Aegypten, welches seine alten Bewohner Cham, das schwarze oder schwarzerdige, nannten. erbauten Tempel vernichtet und Diejenigen, welche den falschen Gottheiten opfern, aus Aegypten verbannt worden wären. »Die Unglückszeichen haben nicht gelogen. Tachot wurde von einem furchtbaren Fieber ergriffen. Neun Tage lang schwebte sie zwischen Tod und Leben, und sie ist heute noch so schwach, daß sie getragen werden muß und weder Hand noch Fuß zu rühren vermag. »Während der Fahrt nach Bubastis hatten sich, wie dies in Aegypten nicht selten geschieht (Anm. 75) Die ägyptische Augenkrankheit, welche auch uns leider nicht unbekannt geblieben ist, muß schon in sehr früher Zeit am Nile gewüthet haben. Aegyptische Augenärzte waren schon zur Zeit unserer Erzählung hochberühmt. Herodot sagt, ganz Aegypten wimmle von Aerzten, und auf den Denkmälern sehen wir Blinde abgebildet. Heute findet sich in Aegypten die Augenblennorrhoe entsetzlich häufig. F. Pruner, Krankheiten des Orients. Bruaut, Notice sur l'ophthalmie regnante . In den Mémoires sur l'Égypte I. p. 95–103 . S. a. III. Th. A. 16 . Durch den großen medizinischen Papyr. Ebers haben wir auch die ersten sicheren Nachrichten über den Stand der Kenntnisse der ägyptischen Augenärzte erlangt. Die Menge der schon im 16. Jahrh. am Nil erkannten Augenkrankheiten ist höchst überraschend. Viele Mittel zur Vertreibung der Granulation im Auge werden angegeben. Näheres zu Band III A. 15 . , die Augen des Amasis entzündet. Statt ihnen Ruhe zu gönnen, arbeitete er nach wie vor, von Sonnenaufgang bis zur Mittagszeit. Während der schlimmen Fiebertage Deiner Schwester wich er, trotz unserer Mahnungen, nicht von ihrem Lager. Laß mich kurz sein, meine Tochter! Das Augenübel wurde immer heftiger, und an demselben Tage, welcher uns die Nachricht brachte, Du wärest wohlbehalten zu Babylon eingetroffen, war Amasis erblindet. »Aus dem rüstigen, frohen Manne ist seit jener Zeit ein hinsiechender, düsterer Greis geworden. – Der Tod des Apis, die schlimmen Konstellationen und Orakelsprüche beängstigen sein Herz. Die Nacht, in welcher er lebt, umflort seine Heiterkeit. Das Bewußtsein, nicht ohne Stütze fortschreiten zu können, beraubt ihn seines sichern Willens. Der kühne, selbstständige Herrscher ist im Begriff zum willenlosen Werkzeuge der Priester zu werden. »Stundenlang verweilt er jetzt im Tempel der Neith, um zu beten und zu opfern. Dort läßt er auch eine Schaar von Werkleuten an einer Todtenwohnung für seine eigene Mumie arbeiten, während eine gleiche Anzahl von Maurern das von den Hellenen begonnene Heiligthum des Apollo zu Memphis der Erde gleich machen muß. Sein eigenes und Tachot's Unglück nennt er eine gerechte Strafe der Unsterblichen. »Seine Besuche am Lager der Kranken gereichen dieser zu geringem Troste; denn statt der Armen freundlich zuzureden, bemüht er sich ihr zu beweisen, daß auch sie die Strafe der Unsterblichen verdient habe. Er versucht das arme Kind mit der ganzen Kraft seiner siegenden Beredsamkeit dahin zu bringen, der Erde ganz und gar zu vergessen und durch fortwährende Gebete und Opfer die Gnade des Osiris und der Richter in der Unterwelt zu gewinnen. So foltert er die Seele unserer theuren Kranken, welche so gerne leben möchte. Vielleicht bin ich als Königin von Aegypten zu sehr Griechin geblieben; aber der Tod ist so lang und das Leben so kurz, daß ich die Weisen unweise nenne, welche durch ewiges Gedenken an den finsteren Hades diesem die Herrschaft über das halbe Leben schenken. »Abermals bin ich unterbrochen worden. Imhotep, der große Arzt, war angekommen, um nach dem Befinden unserer Kranken zu sehen. Er gibt wenig Hoffnung, ja er scheint sich zu wundern, daß dieser zarte Körper den harten Angriffen des Todes so lange Zeit zu widerstehen vermag. ›Sie wäre längst nicht mehr,‹ sagte er gestern, ›wenn sie nicht der feste Wille fort zu leben und eine nimmer rastende Sehnsucht aufrecht erhielte. Sie könnte, wenn sie die Lust leben zu wollen aufgäbe, sich sterben lassen, wie wir uns in den Schlaf hinüber träumen. Sollte ihr Wunsch befriedigt werden, so kann sie vielleicht (aber das ist unwahrscheinlich) ihr Dasein noch Jahre lang fristen; bleibt ihre Hoffnung nur noch kurze Zeit unerfüllt, so wird sie von derselben Sehnsucht, welche sie jetzt nicht sterben läßt, aufgerieben und getödtet werden.‹ Ahnst Du, wonach sie sich sehnt? Unsere Tachot hat sich von dem Bruder Deines Gatten bezaubern lassen. Damit will ich nicht sagen, daß, wie Ameneman der Priester glaubt, magische Mittel von dem Jünglinge angewendet worden sind, um sie für sich erglühen zu lassen, denn es bedarf noch weniger als so großer Schönheit und so anmuthigen Wesens wie Bartja besitzt, um das Herz einer unschuldigen Jungfrau, eines halben Kindes zu bestricken. Aber ihre Leidenschaft ist doch so heiß, die Veränderung ihres Wesens so groß, daß ich selbst in mancher Stunde an übernatürliche Einflüsse geglaubt habe. Kurz vor Deiner Abreise bemerkte ich schon, daß Deine Schwester dem Perser zugethan sei. Ihre ersten Thränen glaubten wir noch Deiner Abreise zuschreiben zu müssen; als sie aber in jenes stumme Träumen versank, bemerkte Ibykus, welcher damals noch an unserem Hofe verweilte, die Jungfrau sei von einer tiefen Leidenschaft ergriffen. »Als sie einst träumend vor der Spindel saß, sang er ihr in meiner Gegenwart das Liebesliedchen der Sappho in's Ohr: ›O süße Mutter, Ich kann nicht spinnen, Ich kann nicht sitzen Im Stübchen innen Im engen Haus; Es stockt das Mädchen, Es reißt das Fädchen. O süße Mutter, Ich muß hinaus (Anm. 76) Sappho ed. Neue XXXII. Nach F. Rückert's Uebersetzung. !‹ »Sie erbleichte bei diesen Worten und fragte: ›Hast Du selbst dies Liedchen erdacht, Ibykus?‹ »›Nein,‹ antwortete jener, ›die Lesbierin Sappho sang es vor fünfzig Jahren.‹ »›Vor fünfzig Jahren,‹ wiederholte Tachot gedankenvoll. »›Die Liebe bleibt sich immer gleich,‹ unterbrach sie der Dichter; ›wie Sappho vor fünfzig Jahren liebte, so hat man vor Aeonen geliebt, so wird man nach Jahrtausenden lieben.‹ »Die Kranke lächelte zustimmend und wiederholte von nun an, leise summend, gar oft jenes Liedlein, wenn sie müßig vor der Spindel saß. »Trotz alledem vermieden wir mit Fleiß jede Frage, welche sie an den Geliebten erinnern konnte. Als sie aber in Fieberschauern darnieder lag, wurden ihre glühenden Lippen nicht müde, Bartja's Namen auszurufen. Nachdem sie wieder ihrer Gedanken mächtig geworden war, erzählten wir ihr von jenen Phantasieen. »Da schüttete sie mir ihre ganze Seele aus und sagte mit feierlicher Stimme, gleich einer Prophetin gen Himmel starrend: ›Ich weiß, daß ich nicht sterben werde, eh' ich ihn wiedergesehen habe.‹ »Neulich hatten wir sie in den Tempel tragen lassen, weil sie Sehnsucht empfand, in den heiligen Hallen zu beten. Als die Andacht beendet war und wir an den im Vorhofe spielenden Kindern vorbei kamen, bemerkte sie ein kleines Mädchen, welches ihren Freundinnen mit großem Eifer etwas erzählte. Da befahl sie den Trägern, die Sänfte hinzusetzen und das Kind herbeizurufen. »›Was sagtest Du?‹ fragte sie die Kleine. »›Ich erzählte den Andern etwas von meiner ältesten Schwester.‹ »›Darf ich es auch hören?‹ fragte Tachot, so freundlich bittend, daß die Kleine ohne alle Scheu anhob: ›Batau, der Bräutigam meiner Schwester, ist gestern ganz unerwartet aus Theben heimgekehrt. Als der Isisstern (Anm. 77) Der Planet Venus führte bei den Aegyptern den Namen der Göttin Isis. Plinius II. 6. Arist. de mundo II. 7 . Sie kannten schon, wie sehr frühe Denkmäler beweisen, die Identität des Abend- und Morgensterns. Lepsius, Chronologie S. 94. aufging, trat er plötzlich auf unser Dach, wo Kerimama gerade mit dem Vater das Brettspiel spielte. Er brachte ihr einen schönen goldenen Brautkranz mit.‹ »Tachot küßte die Kleine und schenkte ihr ihren kostbaren Fächer. Als wir wieder zu Hause waren, lächelte sie mir schalkhaft zu und sagte: ›Du weißt ja, liebes Mütterchen, daß die Worte der Kinder im Vorhofe des Tempels für Orakelsprüche gehalten werden (Anm. 78) Plutarch, I. u. O. 14. Pausanias VII. 22. . Wenn die Kleine nicht gelogen hat, so muß er kommen! Hast Du nicht gehört, daß er auch den Hochzeitskranz mitbringen wird? O, Mutter, ich weiß es sicher, weiß es ganz genau, daß ich ihn wiedersehen werde!‹ »Als ich Tachot gestern fragte, ob sie etwas an Dich zu bestellen habe, bat sie mich, Dir zu sagen, sie übersende Dir tausend Grüße und Küsse und gedenke, wenn sie erst kräftiger geworden sei, Dir selbst zu schreiben, denn sie habe Dir Vieles anzuvertrauen. So eben bringt sie mir das beifolgende Zettelchen, das für Dich allein bestimmt sei, und das sie mit großer Anstrengung zu Ende gebracht. »Jetzt muß ich dem Schlusse dieses Briefes entgegeneilen, denn der Bote harrt schon lange auf ihn. »Ich möchte Dir so gern etwas Erfreuliches mittheilen. Aber wohin ich auch blicke, sehe ich nichts als Trübes. Dein Bruder verfällt immer mehr der Herrschsucht unserer Priester und besorgt, vom Neithotep geleitet, die Geschäfte der Regierung für Deinen armen blinden Vater. »Amasis läßt Psamtik volle Freiheit und sagt, daß es ihn wenig kümmern könne, ob der Thronfolger einige Tage früher oder später seine Stelle einnehme. »Er hinderte Deinen Bruder nicht, die Kinder des früheren Leibwachenobersten Phanes aus dem Hause der Hellenin Rhodopis gewaltsamer Weise zu entführen, und billigte es sogar, daß sein Sohn mit den Nachkommen der zur Zeit des ersten Psamtik, wegen der Bevorzugung der ionischen Söldner, nach Äthiopien ausgewanderten zweimalhunderttausend Krieger (Anm. 79) Nach Herod. II. 29–31 240,000 Mann. Nach Diod. I. 67 über 200,000. Zu Abusimbel in Nubien haben sich in dem großartigen von Ramses II. erbauten Felsentempel griechische und phönizische Inschriften gefunden, welche von den Verfolgern der Flüchtlinge verfertigt worden sind. Leps. Denkm. IV. Bl. 98 u. 99. Ebers, Aegypten und die Bücher Mose's, S. 162. in Verhandlung trat, um, falls sie sich bereit erklären sollten, in ihre Heimath zurückzukehren, die hellenischen Soldaten entlassen zu können. Die Verhandlungen blieben ohne Erfolg; Psamtik aber hatte die Griechen, weil er die Kinder des Phanes unwürdig behandelte, schwer beleidigt. Aristomachus drohte mit zehntausend der besten Söldner Aegypten zu verlassen; ja er verlangte seinen Abschied, als der Knabe des Phanes auf Geheiß Deines Bruders umgebracht worden war. Da verschwand der Spartaner plötzlich, Niemand weiß wohin; die Hellenen aber ließen sich durch große Summen bestechen und blieben in Aegypten. »Amasis schwieg zu alledem und sah opfernd und betend ruhig zu, wie sein Sohn alle Theile des Volkes bald beleidigte, bald in unwürdiger Weise zu versöhnen suchte. – Hellenische und ägyptische Kriegsobersten, so wie Nomarchen aus verschiedenen Provinzen haben mich versichert, dieser Zustand sei unerträglich. Man weiß nicht, wessen man sich von dem neuen Herrscher zu versehen hat, der heute befiehlt, was er gestern in Heftigkeit untersagte, der das schöne Band zu zerreißen droht, welches bis jetzt das ägyptische Volk an seine Könige knüpfte. »Lebe wohl, meine Tochter, gedenke Deiner armen Freundin, Deiner Mutter! Verzeihe Deinen Eltern, wenn Du erfahren solltest, was wir Dir so lange verschwiegen haben. Bete für Tachot, entbiete Krösus und den jungen Persern, welche wir kennen, unsern Gruß; bestelle auch an Bartja die Grüße Deiner Schwester, die ich ihn als das Vermächtniß einer Sterbenden zu betrachten bitte. Könntest Du doch der Schwester ein Zeichen senden, daß der junge Perser ihrer nicht ganz vergessen! »Lebe wohl und sei glücklich in Deiner neuen, blühenden Heimath.« Fünftes Kapitel. Wie die goldene Morgenröthe Regentage bringt, so ist die frohe Erwartung nicht selten eine Vorbotin trüber Ereignisse. Nitetis hatte sich so herzlich auf diesen Brief gefreut, welcher bittere Wermuthstropfen in ihr süßes Glück zu träufeln bestimmt war. Wie mit einem Zauberschlage hatte er einen schönen Theil ihres Daseins, die frohe Rückerinnerung an die liebe Heimath und an die Genossen des reinen Glücks ihrer Kindheit vernichtet. Während sie in ihren Purpurkleidern weinend dasaß, dachte sie an nichts wie an den Gram ihrer Mutter, das Leiden ihres Vaters und die Krankheit ihrer Schwester. Die frohe Zukunft, welche ihr lächelnd mit Glück und Macht und Liebe winkte, entschwand ihren Blicken. Die bevorzugte Braut des Kambyses vergaß des harrenden Geliebten, die zukünftige Königin von Persien empfand heißes Weh über das Unglück des ägyptischen Herrscherhauses. Die Sonne hatte längst die Mittagshöhe erreicht, als ihre Zofe Mandane wieder in das Zimmer trat, um die letzte Hand an den Schmuck ihrer Herrin zu legen. »Sie schläft,« dachte das Mädchen; »ich kann sie noch ein Viertelstündchen ruhen lassen; das Opferfest wird sie ermüdet haben, und sie muß beim Schmause in voller Frische und Schönheit prangen, um die Anderen zu überstrahlen wie der Mond die Sterne.« Ungehört von ihrer Herrin schlich sie aus dem Zimmer, dessen Fenster eine köstliche Aussicht auf die hängenden Gärten, die Riesenstadt, den Strom und die fruchtstrotzende babylonische Ebene darboten, hinaus in's Freie. Ohne sich umzusehen lief sie einem Blumenbeete zu, um Rosen zu brechen. Ihre Augen waren auf das neue Armband geheftet, in dessen edlem Gestein sich die Strahlen der Nachmittagssonne spiegelten, und wurden eines reichgekleideten Mannes nicht gewahr, welcher mit vorgestrecktem Kopfe durch ein Fenster des Zimmers blickte, in welchem Nitetis weinte. Der gestörte Lauscher wandte sich, sobald er es gewahrte, dem Mädchen zu und rief mit knabenhaft hoher Stimme. »Sei gegrüßt, schöne Mandane!« Die Zofe erschrak und sagte, als sie den Eunuchenobersten Boges erkannte: »Es ist nicht fein von Dir, Herr, ein armes Mädchen so zu erschrecken! Ich wäre, beim Mithra, in Ohnmacht gefallen, wenn ich Dich eher gesehen als gehört hätte. Weiberstimmen überraschen mich nicht; ein männliches Wesen ist aber in dieser Einsamkeit so selten wie Schwäne in der Wüste!« Boges lächelte, obgleich er die muthwillige Anspielung auf seine hohe Stimme sehr wohl verstanden hatte, voller Wohlwollen und antwortete, die fleischigen Hände reibend. »Freilich ist es hart für ein junges, schönes Täubchen, in einem so einsamen Neste verkommen zu müssen; aber sei nur geduldig, Herzchen! Bald wird Deine Herrin Königin werden und ein schmuckes, junges Männchen für Dich aussuchen, mit dem Du wohl lieber in der Einsamkeit leben wirst, als mit Deiner schönen Ägypterin?!« »Meine Herrin ist schöner, als Manchem lieb sein mag, und ich habe niemanden aufgetragen, mir einen Mann zu suchen,« antwortete sie schnippisch. »Den werd' ich auch ohne Dich finden!« »Wer möchte daran zweifeln? Ein so hübsches Lärvchen zieht die Männer an, wie ein Wurm die Fische.« »Ich angle nicht nach Männern; am wenigsten nach welchen von Deiner Art!« »Glaub's gern, glaub's gern!« kicherte der Eunuch; »aber sage mir, mein Schätzchen, warum bist Du so hart gegen mich? Hab' ich Dir etwas zu Leide gethan? Bin ich's nicht gewesen, der Dir diese hohe Stelle verschaffte? Bin ich nicht Dein Landsmann, ein Meder?« »Und sind wir beide nicht Menschen, und haben wir nicht beide zehn Finger an der Hand, und haben wir nicht beide unsere Nasen mitten im Gesichte? Es gibt hier halb so viele Meder wie Menschen; wenn diese alle, weil sie meine Landsleute sind, meine Freunde wären, dann könnt' ich morgen Königin sein. Und meine Stelle bei der Aegypterin hast Du mir auch nicht verschafft; die dank' ich dem Oberpriester Oropastes, der mich der großen Kassandane empfahl, nicht Dir! Wir haben hier oben nichts nach Dir zu fragen!« »Was Du da sagst, mein Liebchen! Weißt Du denn nicht, daß keine Zofe ohne meine Bewilligung angestellt werden darf?« »Das weiß ich so gut wie Du, aber . . .« »Aber ihr Weiber seid ein undankbares Geschlecht, das unserer Güte nicht werth ist!« »Vergiß nicht, daß Du zu einem Mädchen aus gutem Hause sprichst!« »Weiß wohl, mein Lämmchen! Dein Vater war ein Magier und Deine Mutter eine Magiertochter. Beide starben früh und übergaben Dich dem Destur Ixabates, dem Vater des Oberpriesters Oropastes, welcher Dich mit seinen Kindern aufwachsen ließ. Als Du die Ohrringe bekommen hattest, verliebte sich der Bruder des Oropastes, Gaumata (Anm. 80) Bei den Griechen unter dem Namen Smerdes bekannt. Die Keilinschriften nennen denselben jedoch Gumata oder, nach Spiegel, Gaumâta. Inschriften von Behistân  XI. Justin I. 9 gibt den richtigen, wenn auch verunstalteten Namen, und nennt den Smerdes Kometes. Ihm haben wir darum auch den Namen Oropastes entnommen, welchen Herod. III. 61 Patizeithes nennt. , – nun, Du brauchst nicht roth zu werden, Gaumata ist ein sehr schöner Name, – in Dein rosiges Lärvchen und wollte Dich, obgleich er erst neunzehn Jahre zählte, zum Weibe haben. Gaumata und Mandane, wie schön das zusammen klingt! Mandane und Gaumata! Wär' ich ein Sänger, so müßte mein Held Gaumata und seine Liebste Mandane heißen!« »Ich verbitte mir diese Spöttereien!« rief das Mädchen hoch erröthend und mit den Füßen stampfend. »Bist Du mir böse, weil ich finde, daß eure Namen schön zu einander passen? Zürne lieber dem stolzen Oropastes, der seinen jungen Bruder nach Rhagae (Anm. 81) Rhagae (Rhagai), zur Zeit des Alexander Europes, später durch Seleucus Nicator Arsacia, heute Rei genannt, ist eine der ältesten Städte in Persien. Hier soll Zoroaster geboren worden sein; desgleichen Harun er-raschid. Tobias wurde nach der heiligen Schrift dahin (nach Rages) verschlagen. Hier befand sich eine hochberühmte Priesterschule. , Dich aber an den Hof sandte, damit ihr einander vergessen möchtet.« »Du verläumdest meinen Wohlthäter.« »Meine Zunge soll verdorren, wenn ich nicht die reine Wahrheit rede. Oropastes trennte Dich und seinen Bruder, weil er Größeres mit dem schönen Gaumata vorhat, als eine Heirath mit der armen Waise eines geringen Magiers. Amytis oder Menische wären ihm als Schwägerinnen schon recht; ein armes Mädchen, wie Du bist, welches seiner Mildthätigkeit Alles verdankt, kann seinen ehrgeizigen Plänen nur hinderlich sein. Er möchte, unter uns gesagt, das Reich während des Massagetenkrieges als Statthalter verwalten und würde viel darum geben, wenn er sich auf irgend eine Weise mit den Achämeniden verschwägern könnte. In seinem Alter denkt man nicht mehr an neue Frauen; sein Bruder aber ist jung und schön, ja man sagt sogar, daß er dem Prinzen Bartja ähnlich sehe.« »Das ist wahr!« rief die Zofe. »Denke nur, daß ich, als wir damals meiner Herrin entgegengezogen waren, und ich Bartja auf dem Hofe des Stationshauses zum Erstenmale sah, ihn zuerst für Gaumata gehalten habe. Sie gleichen einander wie Zwillinge und sind die schönsten Männer im ganzen Reiche!« »Wie Du erröthest, mein Röschen! Aber so vollkommen täuschend ist die Aehnlichkeit doch nicht. Als ich heute morgen den Bruder des Oberpriesters begrüßte . . .« »Gaumata ist hier?« unterbrach die Zofe den Eunuchen mit leidenschaftlicher Heftigkeit. »Hast Du ihn in der That gesehen oder willst Du mich nur ausforschen und zum Besten haben?« »Beim Mithra, mein Täubchen, ich habe ihm heute die Stirn geküßt und ihm gar viel von seinem Schätzchen erzählen müssen; ja ich will das Unmögliche für ihn möglich machen, denn ich bin zu schwach, um diesen lieblichen blauen Augen, diesem goldhaarigen Lockenkopfe und diesen Pfirsichwangen widerstehen zu können! Spare Dir Deine Röthe, spare sie Dir, meine kleine Granatenblüthe, bis ich Dir Alles erzählt haben werde. In Zukunft wirst Du dem armen Boges nicht mehr so hart begegnen und einsehen lernen, daß er ein gutes Herz voller Freundschaft für Mandane, seine kleine, schöne, schnippische Landsmännin, besitzt.« »Ich traue Dir nicht,« unterbrach die Zofe diese Betheuerungen. »Man hat mich vor Deiner glatten Zunge gewarnt, und ich weiß nicht, womit ich Deine Theilnahme verdient haben sollte.« »Kennst Du das?« fragte der Eunuch, dem Mädchen ein weißes, mit künstlich gestickten goldenen Flämmchen bedecktes Band zeigend. »Das letzte Geschenk, welches ich für ihn stickte!« rief Mandane. »Das Zeichen, um welches ich Gaumata ersuchte. Ich wußte wohl, daß Du mir nicht trauen würdest. Wer hätte schon gesehen, daß der Gefangene seinen Wächter liebt?« »Schnell, schnell sage mir, was mein Gespiele von mir verlangt! Sieh nur, dort drüben im Westen röthet sich schon der Himmel. Es wird Abend, und ich muß die Herrin zum Feste schmücken.« »Ich will mich beeilen,« sagte der Eunuch, indem er plötzlich so ernst wurde, daß Mandane vor ihm erschrak. »Wenn Du nicht glauben magst, daß ich aus Freundschaft zu Dir mich einer Gefahr aussetze, so nimm an, daß ich eurer Liebe helfe, um den Stolz jenes Oropastes zu demüthigen, welcher mich aus der Gunst des Königs zu verdrängen droht. Du sollst und mußt, trotz aller Ränke des Obersten der Magier, die Gattin Deines Gaumata werden, so wahr ich Boges heiße! Morgen Abend, nach dem Aufgange des Tistarsterns (Anm. 82) Der Tistar-Stern (wohl der Sirius oder Hundsstern), in dem Avesta Tistrija , in den Veden Tishija , wird als glänzender, mächtiger Stern, der den in Persien so werthvollen Regen bringt, angerufen. Er wird in den heiligen Schriften der Parsen sehr oft erwähnt. Spiegel, Avesta I. 1. Excurs. S. 274. Es handeln über ihn mehrere Jasht. Von ihm wagte Anquetil, Vie de Zoroaster p. 1 den Namen des Zerethoschtro ( zere Gold und Thaschtre Tistar-Stern) abzuleiten. , wird Dein Liebster Dich besuchen. Ich werde alle Wächter zu entfernen wissen, damit er ungefährdet zu Dir kommen und eine Stunde, aber hörst Du, nur eine Stunde, bei Dir bleiben und alles Weitere mit Dir verabreden kann. Deine Herrin wird, ich weiß es bestimmt, die Lieblingsgemahlin des Kambyses werden. Später leistet sie zu Deiner Ehe mit Gaumata hülfreiche Hand, denn sie liebt Dich und kennt kein Lob, welches ihr für Deine Treue und Geschicklichkeit zu hoch erschiene. Morgen Abend, wenn der Tistarstern aufgeht,« fuhr er, in den alten tändelnden Ton, der ihm eigen war, zurückfallend, fort, »beginnt die Sonne Deines Glücks zu scheinen. Du schlägst die Augen nieder und schweigst? Die Dankbarkeit verschließt Dein kleines Mündchen! He? Hab' ich Recht? Ich bitte Dich, Täubchen, sei weniger stumm, wenn es einmal gelten sollte, des armen Boges vor Deiner mächtigen Herrin lobend zu erwähnen! Soll ich den schönen Gaumata grüßen? Darf ich ihm sagen, daß Du ihn nicht vergessen hast und ihn freudig erwartest? Du zauderst? O weh, es beginnt schon zu dunkeln! Ich muß fort, um nachzusehen, ob alle Weiber nach der Ordnung zum großen Geburtstagsschmause geschmückt sind. – Noch Eins! Gaumata muß übermorgen Babylon verlassen; Oropastes fürchtet, daß er Dich wiedersehen möchte und hat ihm befohlen, sobald die Feier vorüber sei, nach Rhagae zurückzukehren. Du schweigst noch immer? Nun wohl, dann kann ich Dir und dem armen Knaben nicht helfen! Ich werde auch ohne euch mein Ziel erreichen, und am Ende ist es am besten, wenn ihr eure Liebe vergeßt. Lebe wohl!« Das Mädchen kämpfte einen schweren Kampf. Ihr ahnte, daß Boges sie betrügen wolle; eine innere Stimme befahl ihr, dem Geliebten das Stelldichein zu verweigern; das Gute und die Vorsicht gewannen die Oberhand in ihrem Herzen und sie wollte eben ausrufen: »Sag' ihm, daß ich ihn nicht empfangen werde,« als ihre Blicke dem seidenen Bande, welches sie einst dem schönen Knaben gestickt hatte, begegneten. Heitere Bilder aus ihrer Kindheit, kurze Minuten taumelnden Liebesrausches zogen blitzschnell durch ihr Gedächtniß; Liebe, Leichtsinn, Sehnsucht gewannen die Oberhand über Tugend, Ahnung, Vorsicht, und ehe Boges sein Lebewohl aussprechen konnte, rief sie fast willenlos und wie ein gescheuchtes Reh dem Hause zueilend. »Ich werde ihn erwarten!« Boges ging mit raschen Schritten durch die blühenden Gänge der hängenden Gärten. An der Brüstung des hohen Bauwerks blieb er stehen und öffnete behutsam eine verborgene Fallthür. Dieselbe diente zum Verschluß einer geheimen Treppe, welche der Bauherr angelegt haben mochte, um durch einen der mächtigen Pfeiler, welche die Gärten trugen, vom Ufer des Stromes aus unbemerkt die Wohnung seiner Gattin erreichen zu können. Die Thür bewegte sich leicht in ihren Angeln und wurde, als Boges sie wieder verschlossen und einige Strommuscheln, welche die Gänge des Gartens bedeckten, über sie hin gestreut hatte, selbst für Suchende schwer auffindbar. Der Eunuch rieb sich, nach seiner Gewohnheit freundlich lächelnd, die mit Ringen bedeckten Hände und murmelte vor sich hin: »Jetzt muß es glücken! Das Mädchen geht in's Garn, ihr Liebster gehorcht meinem Winke, die alte Treppe ist zugänglich, Nitetis hat an diesem Freudentage bitterlich geweint, die blaue Lilie erblüht morgen Nacht; ja, ja, mein Plänchen muß glücken! Schönes ägyptisches Kätzchen, Deine Sammetpfötchen werden morgen in dem Fuchseisen hängen bleiben, welches Dir der arme, verachtete Eunuch, der Dir nichts befehlen darf, aufstellt.« Bei diesen Worten durchzuckte ein Blitz der Tücke das Auge des forteilenden Weiberhüters. An der großen Treppe begegnete er dem Eunuchen Neriglissar, welcher als Obergärtner auf den hängenden Gärten wohnte. »Wie steht es mit der blauen Lilie?« fragte er denselben. »Sie entwickelt sich köstlich!« rief der Gärtner, seines geliebten Blumenzöglings in Begeisterung gedenkend. »Morgen, wenn der Tistarstern aufgeht, wird sie, wie ich Dir verheißen habe, in der schönsten Blüthe prangen! Meine ägyptische Herrin wird eine große Freude haben, denn sie liebt die Blumen, und ich bitte Dich, auch dem Könige und den Achämeniden mitzutheilen, daß es meinem Fleiße gelungen sei, jene seltene Pflanze zur Blüthe zu bringen. Sie zeigt sich nur alle zehn Jahre während einer einzigen Nacht in ihrer vollen Schönheit. Theile dies den edlen Achämeniden mit und führe sie zu mir.« »Dein Wunsch soll erfüllt werden,« lächelte Boges. »Auf den Besuch des Königs darfst Du freilich nicht rechnen, denn ich vermuthe, daß er die hängenden Gärten vor seiner Vermählung mit der Aegypterin nicht betreten wird; einige Achämeniden werden aber sicher erscheinen. Sie sind so große Garten- und Blumenfreunde, daß sie sich diesen seltenen Anblick nicht entgehen lassen werden. Vielleicht kann ich auch Krösus hieher führen; er versteht sich zwar weniger auf die Gärtnerei, als die persischen Blumennarren, dafür ist er aber um so erkenntlicher für jeden dem Auge wohlgefälligen Anblick.« »Bringe ihn nur mit,« rief der Gärtner; »er wird Dir dankbar sein, denn meine Fürstin der Nacht ist schöner als alle Blüthen, welche jemals in königlichen Gärten gezogen worden sind! Du hast ja in dem spiegelhellen Wasserbehälter die von grünen Blättern umkränzte Knospe gesehen; wenn sie aufbricht, so gleicht sie einer himmelblauen riesenhaften Rose. Meine Blüthe . . .« Der begeisterte Gartenkünstler wollte in seinen Lobpreisungen fortfahren; Boges verließ ihn aber, wohlwollend grüßend, schritt die Treppe hinunter, stellte sich in den zweiräderigen hölzernen Wagen, welcher seiner wartete, und ließ sich von dem neben ihm stehenden Lenker seiner mit Quasten und Glöckchen behängten Rosse (Anm. 83) Nach Bildern bei Gosse, Assyria S. 224 und 251 und Layard, Niniveh and its remains p. 288. Nin. a. Bab. S. 198. 340. 450. in raschem Trabe bis an die Pforte des Gartens, welcher das große Weiberhaus des Königs umgab, führen. Im Harem des Kambyses herrschte heut ein gar bewegtes, emsiges Leben. Boges hatte befohlen, daß alle Frauen des Hofes, um so schön und frisch als möglich zu erscheinen, vor dem Beginne des großen Festmahls in's Bad geführt werden sollten; darum begab sich der Weiberfürst ohne Aufenthalt zu dem Flügel des Palastes, welcher das Frauenbad enthielt. Schon aus der Ferne tönte ihm ein wirres Lärmen von schreienden, lachenden, schwatzenden und kichernden Stimmen entgegen. In der weiten Halle des bis zur übergroßen Hitze erwärmten Saales tummelten sich mehr als dreihundert Weiber (Anm. 84) Diodor XVII. 77 sagt, der König von Persien habe so viele Weiber wie Tage im Jahr besessen. In der Schlacht bei Issus wurden von Alexander dem Großen die 329 Kebsweiber des letzten Darius gefangen genommen. S. auch im Buche Esther I. 9. 18. II. 2 fgd. Herod. III. 68. 69. 84. 88 u. a. v. a. O. Man beachte aber wohl, daß die großen oben genannten Zahlen sich nur auf die Kebsweiber beziehen. Nach der Niederwerfung des Aufstandes der Magier wurde unter den Großen des Reichs abgemacht, daß der König nur unter ihren Töchtern seine rechtmäßigen Gemahlinnen wählen dürfe. Herod. III. 84. Nach diesem Gesetze scheint fast ausnahmslos gehandelt worden zu sein. Darius hatte später vier rechtmäßige Frauen, deren erste Atossa blieb. Hierauf gründet sich zum Theil v. Hammer's schwer zu widerlegende Ansicht, daß die von Mohammed gestattete Ehe mit vier Weibern einer alten Sitte des Orients ihren Ursprung verdanke. v. Hammer, Geschichte des osmanischen reiches 1. Bd. S. 565. , umwallt von einer dichten Wolke feuchten Wasserdampfes. Wie Nebelbilder bewegten sich die halbnackten Gestalten, deren dünne seidene Ueberwürfe sich, von der Nässe durchdrungen, an die zarten Formen schmiegten, in buntem Durcheinander über die heißen marmornen Fliesen des Bades, von dessen Decke lauwarme Tropfen, auf dem Gestein des Fußbodens zerstiebend, niedertroffen. Hier lagen munter plaudernde Gruppen üppig schöner Weiber zu zehn und zwanzig in muthwilliger Plauderei, dort zankten sich zwei Königsfrauen gleich ungezogenen Kindern. Eine von dem zierlichen Pantoffel ihrer Nachbarin getroffene Schöne kreischte gellend auf, eine andere lag in träger Beschaulichkeit, regungslos wie ein Leichnam, auf dem heißen, feuchten Boden. Sechs Armenierinnen standen neben einander und sangen mit hellen Stimmen ein muthwilliges Liebeslied in der Sprache ihrer Heimath, während ein Häuflein blondhaariger Perserinnen sich bemühte, die arme Nitetis so zu verlästern, daß der Lauscher hätte glauben müssen, die schöne Aegypterin gleiche jenen Unholden, mit denen man Kinder schreckt. Durch dieses Gewirr bewegten sich nackte Sklavinnen, welche wohlgewärmte Tücher auf den Köpfen trugen, um sie ihren Herrinnen überzuwerfen. Das Geschrei der Eunuchen, welche, die Thüren des Saales bewachend, die Badenden zur Eile antrieben, kreischende Stimmen, die den erwarteten Sklavinnen riefen, und durchdringende, den heißen Wasserdämpfen beigemischte Wohlgerüche machten das bunte Durcheinander zu einem wahrhaft betäubenden Schauspiele. Eine Viertelstunde später boten die Frauen des Königs einen dem beschriebenen vollkommen entgegengesetzten Anblick dar. Wie von Thau benetzte Rosen lagen sie still, nicht schlafend, aber träumend auf weichen Polstern, welche die langen Wände eines riesigen Saales umgaben. Das wohlriechende Naß hing noch immer in ihren aufgelösten, ungetrockneten Haaren, während hurtige Sklavinnen auch die leiseste Spur der tief in die Poren dringenden Feuchtigkeit mit weichen Säckchen aus Kameelshaaren von den zarten Körpern abrieben. Seidene Decken wurden über die schönen, müden Glieder gebreitet, und eine Schaar von Eunuchen sorgte dafür, daß keine muthwillige oder zanksüchtige Einzelne die Ruhe des träumenden Weiberheeres störe. Trotz der Wächter war es aber selten so still wie heute in jenem dem Badeschlummer gewidmeten Saale; denn wer heute die Friedensstörerin spielte, mußte fürchten, zur Strafe von dem großen Schmause ausgeschlossen zu werden. Eine volle Stunde mochten sie schweigend verträumt haben, als der Schall eines geschlagenen Metalls dem Schauspiele ein neues Ansehen gab. Die ruhenden Gestalten sprangen von ihren Polstern auf, ein Heer von Sklavinnen drang in die Halle, Salben und Wohlgerüche wurden über die Schönen ausgegossen, üppige Haare künstlich geflochten und mit Edelsteinen verziert; kostbare Schmucksachen, seidene und wollene Gewänder in allen Farben des Regenbogens herbeigebracht, von Perlen und Edelsteinen steife Schuhe an zarte Füße gebunden, und reiche, goldene Gürtel um die Hüften der Angekleideten befestigt (Anm. 85) Einige Könige gaben ihren Frauen als Gürtel- (Nadel-)Geld die Einkünfte ganzer Städte. Xenoph. Anab. I. 4. Cicero, Verr. III. 83 . Kostbares Schuhwerk Judith XVI. 9. Ueber die reichgefüllten Schatzkästen der persischen Weiber Herod. III. 130. . Der Schmuck der meisten Weiber, welcher in seiner Gesammtheit den Werth eines großen Königreichs darstellen mochte, war vollendet, als Boges in die Halle trat. Ein vielstimmiges, kreischendes Jubelgeschrei empfing den Ankömmling. Zwanzig Weiber gaben sich die Hände und umtanzten ihren lächelnden Wärter, ein in den Räumen des Harems entstandenes kunstloses Schmeichellied auf seine Tugenden singend. Heute pflegte der König jeder seiner Frauen ein billiges Anliegen zu gewähren, darum stürmte, nachdem die Tänzerinnen ihre Kette gelöst hatten, eine Schaar von Bittstellerinnen auf Boges ein, um ihm, seine Wangen streichelnd und seine fleischigen Hände küssend, Forderungen der verschiedensten Art in's Ohr zu raunen und ihre Befürwortung zu erschmeicheln. Der lächelnde Weiberdespot hielt sich die Ohren zu, stieß die Zudringlichen schäkernd und kichernd zurück, versprach der Mederin Amytis, daß die Phönizierin Esther, und der Phönizierin Esther, daß die Mederin Amytis bestraft werden sollte, verhieß der Parmys einen schöneren Schmuck, als den der Parisatys, und der Parisatys (Anm. 86) dieser Name bedeutet. »vom Geschlechte der Peri«. Nach Rogge eigentlich Pairikazana, Pairikagaona oder Pairikanâfa . einen kostbareren als den der Parmys und setzte, als er sich der andringenden Bittstellerinnen gar nicht mehr erwehren konnte, ein goldenes Pfeifchen an den Mund, dessen scharfer Ton gleich einem Zauber auf die Weiberschaar wirkte. Die erhobenen Hände sanken plötzlich nieder, die trippelnden Füßchen standen still, die geöffneten Lippen schlossen sich, der Lärm verwandelte sich in lautlose Stille. Wer dem Tone dieses Pfeifchens, welches so viel bedeutete, als die Verlesung einer Aufruhrsakte, als ein: »Still, im Namen des Königs!« nicht gehorchte, war strenger Strafe gewiß. Heute wirkte der helle Klang besonders schnell und durchgreifend. Boges gewahrte dies mit selbstzufriedenem Lächeln, schenkte der ganzen Versammlung einen wohlwollenden, seine Zufriedenheit andeutenden Blick, versprach in blumenreicher Rede die Bitten all' seiner lieben weißen Täubchen beim Könige zu befürworten und befahl endlich seinen Untergebenen, sich in zwei langen Reihen aufzustellen. Die Frauen gehorchten und ließen sich wie Soldaten von ihrem Befehlshaber, wie Sklaven von einem Käufer mustern. Boges war mit dem Putze der meisten zufrieden; einigen Einzelnen befahl er aber röthere Schminke aufzulegen, die allzugesunde Farbe durch weißes Pulver zu dämpfen, die Haare höher aufzustecken, die Augenbrauen tiefer zu schwärzen oder die Lippen besser zu salben. Nach beendeter Musterung verließ er den Saal und begab sich zu Phädime, welche als Gattin des Kambyses, wie all' seine rechtmäßigen Frauen, von den Kebsweibern abgesonderte Gemächer bewohnte. Die gestürzte Favoritin, die gedemüthigte Achämeniden-Tochter erwartete den Eunuchen schon lange. Sie war überaus glänzend gekleidet und beinahe überladen mit kostbaren Schmucksachen. Von ihrer kleinen Frauentiara wehte ein dichter Schleier von golddurchwirktem Flor und um dieselbe schlang sich die weiß und blaue Binde, welche in ihr eine Achämeniden-Tochter erkennen ließ. Man mußte sie schön nennen, obgleich sich an ihr jene allzu starke Entwicklung der Formen schon bemerkbar machte, der die Frauen des Orients nach einigen Jahren des trägen Haremlebens anheimzufallen pflegen. Fast übervolles goldblondes Haar quoll, mit silbernen Kettchen und kleinen Goldstücken durchflochten, unter ihrer Tiara hervor und schmiegte sich an ihre weißen Schläfen. Als Boges in das Zimmer trat, sprang sie ihm bebend entgegen, warf einen Blick in den Spiegel, einen andern auf den Eunuchen, und fragte leidenschaftlich erregt. »Gefall' ich Dir? Werd' ich ihm gefallen?« Boges lächelte wie immer und gab zurück: »Mir gefällst Du stets, mein goldener Pfau, und auch dem Könige würdest Du gefallen, wenn er Dich sehen möchte, wie ich Dich gesehen habe. Als Du mir soeben zuriefst: ›Werde ich ihm gefallen?‹ da warst Du wahrhaft schön, denn die Leidenschaft färbte Dein blaues Auge so schwarz, daß es aussah wie die Nacht des Angramainjus, und der Haß warf Deine Lippen auf und zeigte mir zwei Reihen Zähne, welche weißer sind als der Schnee des Demawend!« Sichtlich geschmeichelt und sich zu einem zweiten ähnlichen Blicke zwingend, rief Phädime: »Laß uns bald zur Tafel aufbrechen, denn ich sage Dir, Boges, daß meine Augen noch schwärzer glänzen und meine Zähne noch schärfer leuchten werden als vorhin, wenn ich die Aegypterin auf dem Platze, welcher nur mir gebührt, erblicken werde!« »Sie darf ihn nicht lange behalten!« »So gelingt Dein Plan? O, rede, Boges, verschweige mir nicht länger, was Du vorhast! Ich will stumm sein wie eine Leiche und Dir helfen . . .« »Ich kann und darf nichts plaudern, aber ich will Dir sagen, um Dir diesen bitteren Abend zu versüßen, daß sich Alles vortrefflich macht, daß der Abgrund, in den wir unsere Feindin stürzen wollen, gegraben ist, und ich meine goldene Phädime bald auf ihren alten Platz und vielleicht noch höher zu stellen gedenke, wenn sie nur blindlings gehorcht.« »Sage, was ich thun soll; ich bin zu Allem bereit!« »Wohl gesprochen, Du tapfere Löwin! Folge meinen Worten und Alles wird gelingen. Wenn ich Schweres von Dir verlange, so wird Dein Lohn um so köstlicher sein. Widersprich mir nicht, denn wir haben keinen Augenblick zu verlieren! Lege sogleich allen überflüssigen Schmuck von Dir und hänge nichts als die Kette, welche Dir der König bei der Hochzeit gab, um den Hals. Statt dieser hellen Gewänder mußt Du dunkle, schlichte Kleider anziehen. Wenn Du Dich vor Kassandane, der Mutter des Königs, niedergeworfen hast, so verneigst Du Dich demüthig vor der Aegypterin.« »Unmöglich!« »Keinen Widerspruch! Schnell, schnell entkleide Dich des Schmucks, ich bitte Dich! So ist's recht! Nur wenn Du gehorchst, sind wir des Erfolges sicher! Der weißesten Peri Hals ist dunkel gegen den Deinen!« »Aber . . .« »Wenn die Reihe an Dich kommt, vom König etwas zu erbitten, so sagst Du, Dein Herz habe aufgehört zu wünschen, seitdem Dir Deine Sonne ihr Licht entziehe.« »Gut.« »Wenn Dein Vater Dich fragt, wie es Dir geht, so weinst Du.« »Ich werde weinen.« »So weinst Du in solcher Art, daß alle Achämeniden Dich weinen sehen.« »Welche Erniedrigung!« »Keine Erniedrigung, nur ein Mittel, um desto sicherer zu steigen! Wisch' Dir schnell die rothe Schminke von den Wangen und färbe sie weiß, bleich, immer weißer.« »Ich werde dieser Farbe bedürfen, um mein Erröthen zu verbergen. Du verlangst Furchtbares von mir, Boges; aber ich will gehorchen, wenn Du mir Deinem Plan . . .« »Zofe! Bringe schnell die neuen dunkelgrünen Gewänder der Herrin!« »Ich werde wie eine Sklavin aussehen!« »Die wahre Anmuth ist auch in Lumpen schön.« »Wie wird die Ägypterin mich überstrahlen!« »Alle Welt muß sehen, daß Du weit entfernt bist, Dich mit ihr messen zu wollen. Man wird sich fragen: ›Wäre Phädime nicht eben so schön, wenn sie sich aufgeputzt hätte, gleich diesem hochmüthigen Weibe?‹« »Aber ich kann mich nicht vor ihr verneigen!« »Du mußt!« »Du willst mich verderben und demüthigen!« »Kurzsichtige Thörin! Höre schnell meine Gründe und gehorche! Es muß uns darauf ankommen, die Achämeniden gegen unsere Feindin aufzubringen. Wie zornig wird Dein Großvater Intaphernes, wie wüthend Dein Vater Otanes sein, wenn sie Dich im Staube vor einer Fremden erblicken. Ihr gekränkter Stolz wird sie zu unseren Bundesgenossen machen; und wenn sie auch, wie sie's nennen, zu ›edel‹ sind, um selber etwas gegen ein Weib zu unternehmen, so werden sie mir doch, wann ich ihrer bedarf, lieber helfen, als im Wege stehen. Ist die Aegypterin vernichtet, dann wird sich der König, wenn Du mir gehorchst, Deiner bleichen Wangen, Deiner Demuth, Deiner Uneigennützigkeit erinnern. Die Achämeniden und selbst die Magier werden ihn bitten, er möge eine Edle seines Geschlechts zur Königin machen; welches Weib in Persien rühmt sich aber höherer Geburt als Du, wer anders wird den Purpur empfangen, als mein bunter Paradiesvogel, meine schöne Rose Phädime? Wie man einen Sturz vom Pferde nicht fürchten muß, wenn man reiten lernen will, so muß man sich nicht vor einer Erniedrigung scheuen, wenn es gilt, den höchsten Preis zu gewinnen!« »Ich werde gehorchen!« rief die Fürstentochter. »Dann müssen wir siegen!« antwortete der Eunuch. »Jetzt glänzen Deine Augen von neuem in dem rechten dunklen Schwarz! So lieb' ich Dich, meine Königin, so soll Dich Kambyses sehen, wenn sich die Hunde und Vögel mit dem zarten Fleische der Aegypterin mästen, und ich ihm zum Erstenmale nach langen Monden in stiller Nacht Deine Schlafgemächer öffnen werde. Heda, Armorges, befiehl den Weibern, sie sollen sich bereit halten und in die Sänften steigen; ich gehe voraus, um ihnen ihre Plätze anzuweisen.« Die große Festhalle war mit Tausenden von Lichtern, deren Flammen sich in den Goldblechen, welche die Wände bekleideten, abspiegelten, mehr als tageshell erleuchtet. Eine unabsehbar lange Tafel stand in der Mitte des Saales und bot durch den Reichthum der sie überbürdenden goldenen und silbernen Becher, Teller, Schüsseln, Aufsätze, Krüge, Kannen, Fruchtschalen und Räucheraltäre einen märchenhaft prunkvollen Anblick. »Der König wird bald erscheinen!« rief der Oberste der Tafeldecker, ein vornehmer Hofbeamter, dem Mundschenken des Königs, einem edlen Anverwandten des Kambyses, zu. »Sind alle Krüge gefüllt, alle Weine geprobt, die Becher aufgestellt und die Schläuche, welche Polykrates sandte, ausgeleert?« »Alles fertig!« antwortete der Schenk. »Jener Wein aus Chios übertrifft an Güte Alles, was ich bisher getrunken habe, und verdunkelt nach meinem Geschmacke selbst den syrischen Traubensaft (Anm. 87) Der Wein von Chios wurde von den Griechen am höchsten geschätzt; der von Byblus (Gebal) in Syrien war wegen seiner schönen Blume besonders berühmt. . Kost' einmal!« Bei diesen Worten ergriff er mit der einen Hand ein zierliches goldenes Becherchen, mit der andern einen Henkelkrug von gleichem Metalle, schwang den Krug in die Höhe und goß den edlen Trank in weitem Bogen so geschickt in die kleine Höhlung des Pokals, daß kein Tropfen zur Erde fiel. Dann ergriff er den Becher mit den Fingerspitzen und überreichte ihn, sich zierlich verbeugend, dem Tafeldecker (Anm. 88) Xenoph. Cyrop. I. 3. 8 rühmt die persischen Mundschenken sehr lebhaft wegen ihrer Geschicklichkeit und Grazie. . Dieser schlürfte bedächtiglich und mit der Zunge schnalzend das kostbare Naß und rief, indem er dem Schenken den Pokal zurückgab: »Wahrlich, ein edler Trank, welcher doppelt mundet, wenn er so anmuthig, wie nur Du es verstehst, dem Trinker überreicht wird. Die Fremden haben Recht, daß sie die persischen Schenken als die geschicktesten in der ganzen Welt mit Bewunderung betrachten.« »Ich danke Dir,« antwortete der Andere, die Stirn seines Freundes küssend, »und bin stolz auf mein Amt, welches der große König nur seinen Freunden überläßt. Dennoch wird es mir in diesem erstickend heißen Babylon beinahe zur Last! Wann werden wir endlich in die Sommerresidenzen, nach Ekbatana oder Pasargadae ziehen?« »Heute hab' ich mit dem Könige hierüber gesprochen. Wegen des Massagetenkrieges wollt' er nicht erst den Aufenthalt wechseln, sondern von Babylon aus geradenwegs in's Feld ziehen; sollte aber, was nach der heutigen Botschaft nicht unwahrscheinlich ist, der Krieg unterbleiben, dann werden wir drei Tage nach der Hochzeit des Königs, also in einer Woche, nach Susa aufbrechen.« »Nach Susa?« fragte der Mundschenk. »Dort ist es nur wenig kühler als hier, und außerdem wird die alte Memnonsburg (Anm. 89) Die Burg von Susa wurde von den Alten, ja selbst von Ktesias, der sich lange Zeit als Arzt am persischen Hofe aufhielt, »Memnons-Burg« genannt. Ktesias bei Diodor II. 22. Herod. VII. 151. V. 53. 54. Aeschylus bei Strabo S. 718. Ueber die mythische Persönlichkeit des Memnon findet sich das Beste in Fr. Jacobs' vermischten Schriften. umgebaut.« »Der Satrap von Susa hat dem Könige die Botschaft gebracht, der neue Palast sei fertig und übertreffe an Glanz und Pracht alles Dagewesene. Kaum hatte Kambyses dies vernommen, als er ausrief: ›Dann brechen wir drei Tage nach dem Hochzeitsfeste dahin auf! Ich will der ägyptischen Königstochter zeigen, daß wir Perser das Bauen eben so gut verstehen als ihre Väter. Sie ist vom Nile her an heiße Tage gewöhnt und wird sich in unserem schönen Susa wohl befinden.‹ Der König scheint diesem Weibe wunderbar hold zu sein!« »Freilich wohl! Er vernachlässigt um ihretwillen alle anderen Frauen und wird sie bald zur Königin erheben!« »Das ist unrecht; die Achämenidin Phädime hat ältere und bessere Rechte.« »Sicherlich; aber was der König will, ist gut.« »Des Herrschers Wille ist der Wille der Gottheit.« »Wohlgesprochen! Der rechte Perser freut sich, die Hand seines Herrschers küssen zu dürfen, selbst wenn sie vom Blute seines Kindes gefärbt ist.« »Kambyses hat meinen Bruder hinrichten lassen; aber ich grolle ihm darum nicht mehr als der Gottheit, welche mir meine Eltern raubte. – He, ihr Diener, zieht die Vorhänge zurück, denn die Gäste nahen. tummelt euch, ihr Hunde, und paßt auf euren Dienst! Gehab' Dich wohl, Artabazos; unser wartet eine heiße Nacht!« Sechstes Kapitel. Der oberste Tafeldecker ging den eintretenden Gästen entgegen und wies ihnen, unterstützt von einigen anderen edlen Stabträgern , ihre Plätze an. Als sich Alle niedergelassen hatten, verkündete eine Trompetenfanfare das Nahen des Königs. Sobald er die Halle betrat, erhoben sich die Gäste und empfingen ihren Herrscher mit dem donnernden, oft wiederholten Rufe. »Sieg dem Könige!« Ein sardischer Purpurteppich, welchen er und Kassandane allein betreten durften, bezeichnete den Weg zu seinem Platze. Die blinde Mutter des Königs ging, geführt von Krösus, ihrem Sohne voran und nahm einen Thron an der Spitze der Tafel ein, welcher höher war als der goldene Sessel des Kambyses (Anm. 90) Plutarch, Artaxerxes 5. , der neben dem ihren stand. Zur Linken des Herrschers nahmen die rechtmäßigen Weiber Platz. Nitetis saß neben ihm, neben dieser Atossa, neben Atossa die schlicht gekleidete, bleich gefärbte Phädime, und neben der letzten Gattin des Königs der Eunuch Boges. Dann kam der Oberpriester Oropastes, einige andere hochgestellte Magier, die Satrapen mehrerer Provinzen, unter denen sich auch der Jude Beltsazar befand, und eine Menge von Persern, Medern und Eunuchen, welche hohe Staatsämter bekleideten. Zur Rechten des Königs saß Bartja. Diesem folgten Krösus, Hystaspes, Gobryas, Araspes und andere Achämeniden nach ihrem Alter und Range. Die Kebsweiber saßen theils am untersten Ende der Tafel, theils standen sie gegenüber dem Könige, um durch Spiel und Gesang die Festfreude zu erhöhen. Hinter ihnen verweilten viele Eunuchen, welche Acht zu geben hatten, daß sie ihre Augen nicht zu den Männern erhöben (Anm. 91) Herod. IX. 110 u. 111. Buch Esther 1. 10 u. 11. Brisson, Regn. Persarum principat. I. c. 103 . . Der erste Blick des Kambyses galt Nitetis, welche in aller Pracht und Würde einer Königin, bleich, aber über alle Beschreibung schön in den neuen Purpurkleidern, an seiner Seite saß. Die Augen der Verlobten begegneten sich. Kambyses fühlte, daß ihm aus dem Blicke seiner Braut heiße Liebe entgegenstrahle. Dennoch bemerkte er mit dem seinen Instinkte zärtlicher Leidenschaft, daß dem theuren Wesen ein ihm unbekanntes Etwas begegnet sein müsse. Wehmüthiger Ernst umspielte heute ihren Mund, und ein trüber, nur ihm bemerkbarer Schleier umflorte ihren sonst so ebenmäßig klaren, ruhig heiteren Blick. – »Ich werde sie später fragen, was ihr widerfahren,« dachte der König; »meine Unterthanen dürfen nicht bemerken, wie lieb mir dieses Mädchen ist.« Nun küßte er die Stirn seiner Mutter, seiner Geschwister und nächsten Anverwandten, sprach ein kurzes Gebet, in welchem er den Göttern für ihre Gnade dankte und ein neues glückliches Jahr für sich selbst und alle Perser erflehte, nannte die ungeheure Summe. mit der er an diesem Tage seine Landsleute beschenkte, und forderte die Stabträger auf, Diejenigen vor sein Angesicht treten zu lassen, welche von diesem Feste der Gnade die Gewährung eines billigen Wunsches erhofften. Keiner der Bittsteller ging unbefriedigt von dannen, hatte doch ein Jeder am Tage vorher dem obersten Stabträger sein Gesuch vorgetragen und sich über seine Zulässigkeit unterrichten lassen müssen. In gleicher Weise wurden die Anliegen der Weiber, ehe sie dem Könige vorgetragen werden durften, von den Eunuchen geprüft. Nach den Männern führte Boges die Schaar der Frauen (nur Kassandane blieb sitzen) an dem Herrscher vorüber. Atossa eröffnete mit Nitetis den langen Zug. Phädime und eine andere Schöne folgten den Königstöchtern. Letztere war auf's Glänzendste geschmückt und von Boges der gestürzten Favoritin beigesellt worden, um ihre beinah dürftige Einfachheit noch schärfer hervortreten zu lassen. Intaphernes und Otanes sahen, wie Boges vermuthet hatte, finsteren Blickes auf ihre Enkelin und Tochter, welche so bleich und dürftig gekleidet an dieser Stätte des Glanzes erschien. Kambyses, der aus früheren Zeiten die verschwenderische Putzsucht Phädime's kannte, musterte, als sie ihm gegenüberstand, halb unwillig, halb erstaunt den schlichten Anzug und die bleichen Züge der Achämenidin. Seine Stirn verfinsterte sich und grollend herrschte er dem vor ihm niedersinkenden Weibe zu: »Was soll diese Betteltracht an meiner Tafel und meinem Ehrenfeste? Kennst Du nicht mehr die Sitte unseres Volkes, vor seinem Herrscher nur im Schmucke zu erscheinen? Wahrlich, wäre heut ein anderer Tag und achtete ich Dich nicht als die Tochter unserer liebsten Verwandten, so ließ' ich Dich von den Eunuchen in den Harem zurückführen und Dich in der Einsamkeit über das Ziemliche nachdenken!« Diese Worte erleichterten die Aufgabe der Gedemüthigten. Laut und bitterlich weinend schaute sie zu dem Zürnenden auf und hob ihre Blicke und Hände so flehentlich zu ihm empor, daß sich der Groll des Königs in Mitleid verwandelte und er, die Knieende aufhebend, fragte: »Hast Du eine Bitte auf dem Herzen?« »Was sollte mir noch wünschenswerth erscheinen, seitdem mir meine Sonne ihr Licht entzieht?« lautete die unter leisem Schluchzen gestammelte Antwort. Kambyses zuckte die Achseln und fragte noch einmal: »Wünschest Du Dir gar nichts? In früheren Tagen konnte ich mit Geschenken Deine Thränen trocknen; fordere denn auch heut einen goldenen Trost.« »Phädime wünscht nichts mehr! Für wen bedürfte sie auch des Schmucks, seitdem ihr König, ihr Gatte, das Licht seines Auges von ihr wendet?« »So kann ich Dir nicht helfen!« rief Kambyses, indem er sich unwillig von der Knieenden abwandte. Der Rath des Boges, daß sich Phädime Weiß auflegen solle, war gut gewesen, denn unter der bleichen Schminke glühten ihre Wangen vor Zorn und Scham. Trotzdem blieb sie Herrin ihrer Leidenschaft und folgte dem Befehle des Eunuchen, indem sie sich tief und ehrerbietig, wie vor der Mutter des Königs, vor Nitetis verneigte und ihre Thränen frei und offen unter den Augen aller Achämeniden fließen ließ. Otanes und Intaphernes verbissen nur mühsam den Grimm, welchen die Erniedrigung ihrer Tochter und Enkelin in ihnen erweckte, und manches Achämeniden Auge sah mit hoher Theilnahme auf die unglückliche Phädime, mit stillem Groll auf die bevorzugte, schöne Fremde. Alle Ceremonien waren beendet und die Schmauserei begann. – Vor dem Könige lag in einem goldenen Korbe, von andern Früchten zierlich umgeben, ein riesiger Granatapfel in der Größe eines Kinderkopfes (Anm. 92) Das gewöhnliche Pischkesch oder Gastgeschenk, welches die Perser heute noch einander zu verehren pflegen, besteht aus Süßigkeiten oder Körben mit ausnehmend zierlich geordneten Früchten. Brugsch läßt in seiner Reise nach Persien dem Geschmacke, mit welchem das Obst geordnet wird, hohes Lob widerfahren. . Jetzt erst bemerkte er ihn, musterte die Schönheit der seltenen, ungeheuren Frucht mit Kennerblicken und fragte: »Wer hat diesen wunderbaren Apfel gezogen?« »Dein Knecht Oropastes,« antwortete der Oberste der Magier, sich tief verbeugend. »Seit vielen Jahren treibe ich die Gärtnerkunst und habe es gewagt, in dieser herrlichen Frucht den schönsten Erfolg meiner Mühen zu Deinen Füßen niederzulegen (Anm. 93) Die folgende Geschichte erzählt Aelian var. hist. I. 23. von Artaxerxes und einem gewissen Omises. .« »Ich danke Dir!« rief der König, »denn, meine Freunde, dieser Granatapfel wird mir die Wahl eines Statthalters erleichtern, wenn wir in den Krieg ziehen. Beim Mithra, wer einen kleinen Baum so sorgsam zu pflegen versteht, der wird auch in großen Dingen tüchtig sein! Welch' eine Frucht! Wer sah ihresgleichen? Noch einmal danke ich Dir, Oropastes, und weil der Dank des Königs nicht in Worten allein bestehen darf, so ernenne ich Dich heute schon, für den Fall eines Krieges, zum Statthalter des gesammten Reichs. Ja, meine Freunde, wir werden nicht mehr lange in träger Ruhe unsere Zeit verträumen. Der Perser verliert seine Fröhlichkeit ohne die Lust des Krieges!« Ein Murmeln des Beifalls zog durch die Reihen der Achämeniden. »Sieg dem Könige!« erklang es von neuem. Schnell vergessen war der Groll wegen des gedemüthigten Weibes; Schlachtgedanken, Traume von unsterblichem Waffenruhm und Siegeskränzen, Rückerinnerungen an vergangene Großthaten hoben die Feststimmung der Schmausenden. Der König selbst, an diesem Tage mäßiger als sonst, munterte seine Gäste zum Trinken auf und freute sich der lärmenden Heiterkeit und der überschäumenden Kampflust seiner Helden, mehr aber noch der zauberhaften Schönheit der Aegypterin, die, bleicher als sonst und gänzlich erschöpft von den Anstrengungen des vergangenen Morgens und der ungewohnten Last der hohen Tiara, an seiner Seite saß. So glücklich wie an diesem Tage hatte er sich noch nie gefühlt! Was fehlte ihm auch, was konnte er noch wünschen, er, dem die Gottheit das Glück der Liebe zu allen Schätzen, welche das Herz zu begehren vermag, in den Schooß geworfen hatte? Sein Starrsinn schien sich in mildes Wohlwollen, seine strenge Härte in freundliche Nachgiebigkeit verwandelt zu haben, als er dem neben ihm sitzenden Bartja zurief. »Nun, Bruder, hast Du mein Versprechen vergessen? Weißt Du nicht mehr, daß Du heute, sicher der Gewährung, von mir erbitten darfst, was Dein Herz begehrt? So ist's recht, leere den Becher und steigere Deinen Muth! Daß Du aber nichts Geringes forderst! Ich bin heute in der Stimmung, große Geschenke zu machen! Ah, Du willst mir im Geheimen sagen, was Du begehrst? So tritt näher! Ich bin doch neugierig zu erfahren, was der glücklichste Jüngling in meinem ganzen Reiche so sehnlich begehrt, daß er wie ein Mädchen erröthet, sobald man von seinem Wunsche spricht.« Bartja, dessen Wangen in der That vor Erregung glühten, beugte sich lächelnd dem Ohre seines Bruders entgegen und erzählte ihm, leise flüsternd, in kurzen Worten die Geschichte seiner Liebe. »Sappho's Vater hatte geholfen, seine Vaterstadt Phocaea Siehe Anmerkung 22 im I. Theil . gegen die Heere des Cyrus zu vertheidigen.« Diesen Umstand hob der Jüngling klüglich hervor, nannte seine Geliebte der Wahrheit gemäß die Tochter eines hellenischen Streiters aus edlem Geschlechte und verschwieg (Anm. 94) Das Gesetz verbot den Persern Schulden zu machen, weil der Schuldner manche Unwahrheit reden müsse. Herodot I. 138. Darum verachteten sie alle Geldgeschäfte, welche auch ihrem kriegerischen Sinn keineswegs zugesagt haben würden. Sie überließen den Handel den überwundenen Nationen und dachten verächtlich über denselben. , daß derselbe durch kaufmännische Unternehmungen große Schätze erworben habe. Er schilderte seinem Bruder die Anmuth, hohe Bildung und Liebe seiner Braut und wollte sich eben auf das Zeugniß des Krösus berufen, als ihn Kambyses unterbrach und, seine Stirne küssend, ausrief: »Spare Deine Worte, mein Bruder, und folge der Sehnsucht Deines Herzens. Ich kenne die Macht der Liebe und will Dir helfen die Einwilligung unserer Mutter zu erringen.« Bartja warf sich, von Glück und Dankbarkeit überwältigt, dem königlichen Bruder zu Füßen; dieser aber hob ihn freundlich auf und rief, sich besonders an Nitetis und Kassandane wendend. »Merkt auf, ihr Lieben! Der Stamm des Cyrus soll neue Blüthen treiben, denn unser Bruder Bartja hat sich entschlossen, seinem den Göttern mißliebigen Junggesellenleben (Anm. 95) Die Religion gebot den Persern zu heirathen, und setzte den Unbeweibten der Verachtung aus. Vendid IV. Fargard. 130 fgd. Das Leben zu erwecken und zu fördern galt für das Höchste; darum war auch, viele Kinder zu haben, besonders rühmenswert. Herod. I. 136. ein Ende zu machen. In wenigen Tagen zieht der liebende Jüngling in Deine Heimath, Nitetis, und bringt den zweiten Edelstein vom Ufer des Nils nach unserer bergigen Heimath!« »Was hast Du, Schwester?« rief, ehe Kambyses diese Worte vollendet hatte, die junge Atossa, indem sie die Stirn der Ägypterin, welche ohnmächtig in ihren Armen ruhte, mit Wein benetzte. »Was war Dir?« fragte die blinde Kassandane, als die Braut des Königs nach wenigen Augenblicken zu neuem Leben erwachte. »Die Freude, das Glück, Tachot,« stammelte Nitetis. Kambyses war, wie seine Schwester, der Umsinkenden zu Hülfe gesprungen. Als dieselbe ihr volles Bewußtsein zurückerlangt hatte, bat er sie, sich durch einen Trunk zu stärken, reichte ihr selbst den Becher und fuhr, seinen ersten Bericht ergänzend, fort: »Bartja wird in Deine Heimath ziehen, meine Gattin, und sich die Enkelin einer gewissen Rhodopis, die Tochter eines edlen Kriegshelden, welcher dem männlichen Phocaea entstammt, aus Naukratis am Nil zum Weibe holen.« »Was war das?« rief die blinde Mutter des Königs. »Was ist Dir?« fragte die muntere Atossa in besorgtem, beinahe vorwurfsvollem Tone. »Nitetis!« rief Krösus seinem Schützling mahnend zu. Aber diese Warnung kam zu spät, denn schon war der Becher, welchen Kambyses seiner Geliebten überreicht hatte, ihren Händen entsunken und klirrend zu Boden gefallen. Die Blicke aller Anwesenden hingen in ängstlicher Spannung an den Zügen des Königs, welcher, bleich wie der Tod, mit zitternden Lippen und krampfhaft geballter Faust abermals von seinem Sessel aufgesprungen war. Nitetis schaute, um Nachsicht bittend, zu ihrem Geliebten empor; er aber wandte, den Zauber dieses Blickes fürchtend, sein Haupt und rief mit heiserer Stimme: »Führe die Frauen in ihre Gemächer, Boges! Ich will sie nicht mehr sehen . . . Das Trinkgelage soll beginnen . . . Schlafe wohl, meine Mutter, und hüte Dich, Nattern mit Deinem Herzblute zu säugen. Schlafe gut, Aegypterin, und bitte die Götter, daß sie Dir eine gleichmäßigere Verstellungskunst gewähren mögen. Ihr Freunde, morgen ziehen wir zum Jagen aus! Gib mir zu trinken, Schenk! Fülle den großen Becher; aber koste viel, sehr viel, denn heute fürcht' ich mich vor Gift, heut zum Erstenmale! Hörst Du, Aegypterin; ich fürchte mich vor Gift, und alle Gifte und Arzeneien (Anm. 96) Schon dem Homer war Aegypten als besonders reich an Heilmitteln bekannt. In den Inschriften an den Wanden der Tempellaboratorien, namentlich zu Dendera und Edfu, welche Dümichen publizirt hat, und in den medizinischen Papyrus finden sich Droguen in überraschender Menge hergezählt. Odyssee IV. 299. Plinius XXV. 2 erwähnt der großen Zahl der am Nil gedeihenden offizinellen Kräuter. Die ägyptischen Gifte, besonders der Strychnos, waren nicht minder berühmt. Plinius XXI. 15. Auch das Halicacabon, welches Homer, Odyss. 304, μω̃λυ nennt, war ein schlimmes ägyptisches Gift. Die Zahl und Verschiedenartigkeit der im Papyrus Ebers verordneten Droguen zeugt für den großen Reichthum der ägyptischen materies medica . , haha, das weiß ja ein jedes Kind, alle Gifte kommen ans Aegypten!« Nitetis verließ die Halle, mehr taumelnd als gehend. Boges begleitete sie und befahl den Sänftenträgern, sich zu beeilen. Bei den hängenden Gärten angelangt, übergab er die Aegypterin den Eunuchen, welche ihr Haus zu bewachen hatten, und verabschiedete sich von ihr, indem er, seine Hände reibend und leise kichernd, keineswegs ehrerbietig wie sonst, aber um so vertraulicher und freundlicher sagte. »Träume von dem schönen Bartja und seiner ägyptischen Liebsten, mein weißes Nilkätzchen! Hast Du nichts an den schönen Knaben, dessen Verliebtheit Dich so sehr erschreckt, zu bestellen? – Besinne Dich gut; der arme Boges will gern den Vermittler spielen, der verachtete Boges will Dir wohl, der demüthige Boges wird sich grämen, wenn er die stolze Palme von Sais fallen sieht, der Seher Boges verkündet Dir eine baldige Heimkehr nach Aegypten oder eine sanfte Ruhe in der schwarzen Erde von Babylon, der gute Boges wünscht Dir ruhigen Schlaf! Gehabe Dich wohl, mein geknicktes Blümchen, meine bunte Natter, die sich selbst verwundete, mein vom Baume gefallener Pinienapfel!« »Unverschämter!« rief die entrüstete Königstochter. »Ich danke Dir,« antwortete der lächelnde Unhold. »Ich werde mich über Dein Betragen beschweren,« drohte Nitetis. »Wie liebenswürdig Du bist!« erwiederte Boges. »Fort aus meinen Augen!« rief die Aegypterin. »Ich gehorche Deinen holden Winken,« flüsterte der Eunuch, als wenn er ihr ein Liebesgeheimnis in's Ohr zu raunen habe. Sie wich, angewidert und entsetzt über diesen Hohn, dessen Furchtbarkeit sie durchschaute, zurück und wandte Boges, indem sie dem Hause zueilte, den Rücken; er aber rief ihr nach: »Denke meiner, schöne Königin, denke mein! Alles, was Dir in den nächsten Tagen begegnen wird, ist eine Liebesgabe des armen verachteten Boges!« Sobald die Aegypterin verschwunden war, änderte er seinen Ton und befahl den Wächtern in strenger, befehlshaberischer Weise, die hängenden Gärten sorgsam zu bewachen. »Wer von euch einem andern Menschen, wie mir, diesen Ort zu betreten gestattet, ist des Todes schuldig! Niemand, hört ihr, Niemand; am wenigsten aber Boten von der Mutter des Königs, von Atossa oder anderen Großen dürfen den Fuß auf diese Treppe setzen. Wenn Krösus oder Oropastes die Aegypterin zu sprechen begehren, so weist ihr sie bestimmt zurück! Verstanden? Hiermit wiederhol' ich, daß ihr Alle ohne Unterschied am längsten gelebt haben sollt, wenn ihr euch durch Bitten oder Geschenke zum Ungehorsam verleiten laßt. Niemand, Niemand darf diese Gärten ohne meinen ausdrücklichen mündlichen Befehl betreten! Ich denke, daß ihr mich kennt! Nehmt diese Goldstateren zum Lohne für den erschwerten Dienst und hört meinen Schwur beim Mithra, daß ich des Nachlässigen oder Ungehorsamen nicht schonen werde!« Die Wächter verneigten sich und waren entschlossen, ihrem Vorgesetzten zu gehorchen, denn sie wußten, daß er nicht zu scherzen pflege, wenn er ernstlich drohte, und ahnten, daß große Dinge zu erwarten seien, denn der geizige Boges vertheilte seine Stateren nicht zum Spaße. Dieselbe Sänfte, welche Nitetis getragen hatte, führte den Eunuchen in die Festhalle zurück. Die Gattinnen des Königs hatten sich entfernt; nur die Kebsweiber standen noch auf dem ihnen angewiesenen Platze und sangen, ungehört von den lärmenden Männern, ihre einförmigen Lieder. Die zechenden Gäste dachten längst nicht mehr an das ohnmächtige Weib. Jeder neue Becher steigerte das Toben und Durcheinanderschreien der Trunkenen. Vergessen schien die Erhabenheit des Ortes und die Gegenwart des allmächtigen Herrschers. Hier jauchzte ein Berauschter gellend auf in trunkener Lust, dort umarmten sich zwei Krieger, deren Zärtlichkeit der Wein erzeugt hatte, dort wurde ein schwerberauschter Neuling von kräftigen Dienern aus der Halle getragen, dort ergriff ein alter Trinker einen Krug statt des Bechers, und leerte ihn unter dem Jubelgeschrei seiner Nachbarn auf einen Zug. An der Spitze der Tafel saß der König, bleich wie der Tod, theilnahmlos in den Becher starrend. Sobald er seines Bruders ansichtig wurde, ballten sich seine Fäuste. Er vermied es, ihn anzureden, und ließ seine Fragen unbeantwortet. Je länger er vor sich hinstarrte, je fester wurde seine Ueberzeugung, die Aegypterin habe ihn hintergangen und ihm Liebe geheuchelt, während ihr Herz Bartja gehörte! Welch' schändliches Spiel war mit ihm getrieben worden, wie tief mußte die Treulosigkeit dieser gewandten Heuchlerin wurzeln, da die bloße Nachricht, daß sein Bruder eine Andere liebe, nicht nur ihre gewohnten Künste zu vernichten, sondern sie sogar ihres Bewußtseins zu berauben genügte. Otanes, der Vater der Phädime, hatte, als Nitetis die Halle verließ, gerufen: »Die Aegypterinnen scheinen für das Liebesglück ihrer Schwäger sehr empfindlich zu sein; die Perserinnen sind weniger freigebig mit ihren Gefühlen und sparen sie ihren Männern auf!« Der Stolze gab sich den Anschein, als vernehme er nicht diese Worte, und verschloß seine Augen und sein Gehör, um des Gemurmels und der Blicke seiner Gäste, welche allesammt bestätigten, daß er hintergangen worden sei, nicht gewahr zu werden. Bartja konnte keine Schuld an ihrer Treulosigkeit haben; sie nur liebte den schönen Jüngling und liebte ihn vielleicht um so heißer, je weniger sie auf eine Erwiederung ihrer Leidenschaft hoffen durfte. Hätt' er den leisesten Argwohn gegen seinen Bruder gehegt, so würde er ihn auf der Stelle getödtet haben. Bartja war unschuldig an seiner Täuschung und seinem Unglück; aber er war die Ursache desselben, und darum stieg der alte Groll, welcher, kaum eingeschlummert, in seinem Herzen ruhte, von neuem, und wie jeder Rückfall gefährlicher ist als die erste Krankheit, mit doppelter Heftigkeit in ihm empor. Er sann und sann und wußte nicht, wie er das falsche Weib bestrafen sollte. Ihr Tod befriedigte nicht seine Rache; er wollte ihr Schlimmeres anthun! Sollte er sie in Schmach und Schande nach Aegypten zurückschicken? O nein! Sie liebte ja ihre Heimath und würde dort von ihren Eltern mit offenen Armen empfangen worden sein. Sollt' er, nachdem sie ihre Schuld gestanden (denn das Geständniß zu erzwingen, war er fest entschlossen), die Treulose in einen einsamen Kerker verschließen oder sie, als Dienerin seiner Kebsweiber, dem Boges übergeben? Das war das Rechte! So wollt' er die Treulose strafen, so wollt' er die Heuchlerin, welche sich erlaubt hatte, ein frevelhaftes Spiel mit ihm zu treiben, und deren Anblick er doch nicht entbehren mochte, züchtigen. Dann sagte er sich: »Bartja muß fort von hier, denn Feuer und Wasser kommen eher zusammen, als dieses Glückskind und ich beklagenswerter Mann. Seine Nachkommen werden sich einst in meine Schätze theilen und diese Krone tragen; aber noch bin ich König und will beweisen, daß ich's bin!« Wie ein Blitz durchzuckte ihn die Erinnerung an seine stolze, allmächtige Größe. Aus seinen Träumen zu neuem Leben emporgerissen, warf er in wilder Leidenschaft seinen goldenen Becher mitten in die Halle, so daß der Wein wie Regenschauer auf seine Nachbarn niederspritzte, und rief: »Hört auf mit dem müßigen Geschwätz und unnützen Lärm! Laßt uns, trunken wie wir sind (Anm. 97) Herod. I. 134. In der Trunkenheit hielten die Perser Rath und faßten Beschlüsse. Nüchtern wurde dann das Beschlossene noch einmal überdacht. Aehnliches erzählt Tacitus von unseren Vorvätern, den alten Germanen. Germ. c. 22 . , Kriegsrath halten und die Antwort bedenken, welche wir den Massageten schulden. Dich, Hystaspes, als Aeltesten von uns, frag' ich zuerst um Deine Meinung!« Der greise Vater des Darius erwiederte: »Mir scheint es, als wenn uns die Gesandten der Nomaden keine Wahl gelassen hätten. Gegen menschenleere Steppen können wir nicht zu Felde ziehen; weil aber unsere Heere einmal gerüstet sind und unsere Schwerter schon zu lange geruht haben, so brauchen wir einen Krieg. Um diesen führen zu können, fehlt uns nichts als einige kräftige Feinde, und sich Feinde zu machen ist die leichteste Arbeit, die ich kenne!« Die Perser brachen bei diesen Worten in lauten Jubel aus; Krösus aber ergriff, als der Lärm verstummte, das Wort und sprach: »Du bist ein Greis, wie ich, Hystaspes; aber als ächter Perser wähnst Du nur in Schlachten und Kämpfen glücklich sein zu können. Der Stab, einst das Zeichen Deiner Feldherrnwürde, ist jetzt Deine Stütze; dennoch redest Du gleich einem heißblütigen Jünglinge! Feinde, das geb' ich zu, sind leicht gefunden; aber nur Thoren bemühen sich, solche mit Gewalt zu erwerben. Wer sich muthwilligerweise Feinde verschafft, gleicht einem Frevler, welcher sich selbst verstümmelt. Haben wir Feinde, dann ziemt sich's gegen sie zu kämpfen, wie es sich für den Weisen schickt, dem Unglücke eine feste Stirn entgegen zu setzen! Laßt uns keinen Frevel begehen, meine Freunde, und keinen ungerechten, den Göttern verhaßten Krieg beginnen, sondern warten, bis man uns ein Unrecht zufügt, und dann mit dem Bewußtsein, wegen einer gerechten Sache in den Kampf zu ziehen, siegen oder sterben.« Ein leises Murmeln des Beifalls, übertönt von dem Rufe: »Hystaspes hat das Rechte getroffen! Suchen wir einen Feind!« unterbrach die Rede des Greises. Der Botschafter Prexaspes, welcher nun das Wort erhielt, rief lachend: »Folgen wir den beiden edlen Greisen; dem Krösus, indem wir auf ein Unrecht, welches man uns zufügt, warten, dem Hystaspes, indem wir unsere Empfindlichkeit steigern und annehmen, daß Jeder, der sich nicht freudig ein Mitglied des großen Reiches unseres Vaters Cyrus nennen möchte, unter die Feinde der Perser zu zählen sei. Fragen wir z. B. bei den Indern an, ob sie stolz sein würden, Deinem Scepter zu gehorchen, Kambyses. Sagen sie nein, dann lieben sie uns nicht, und wer uns nicht liebt, der ist eben unser Feind!« »Nichts da!« rief Zopyrus. »Wir müssen Krieg haben um jeden Preis!« »Ich stimme für Krösus,« rief Gobryas. »Ich auch!« der edle Artabazus. »Wir sind für Hystaspes,« schrieen der Held Araspes, der greise Intaphernes und andere alte Waffengefährten des Cyrus. »Keinen Krieg gegen die Massageten, welche uns fliehen, aber Krieg um jeden Preis!« brüllte der Feldherr Megabyzus, der Vater des Zopyrus, mit seiner schweren Faust auf die Tafel schlagend, daß die goldenen Gefässe an einander klirrten und mehrere Becher umfielen. »Keinen Krieg gegen die Massageten, an denen Cyrus von den Göttern selbst gerächt wurde,« sagte der Oberpriester Oropastes. »Krieg! Krieg!« brüllten die trunkenen Perser in wildem Durcheinander. Kalt und ruhig ließ Kambyses einige Zeit lang die ungezügelte Begeisterung seiner Streiter toben; dann erhob er sich von seinem Sitze und rief mit donnernder Stimme. »Schweigt und hört euren König!« Wie ein Zauberschlag wirkten diese Worte auf die berauschte Schaar. Selbst der Trunkenste gehorchte in unbewußtem Gehorsam dem Befehle seines Herrschers, welcher, seine Stimme senkend, fortfuhr: »Ich hab' euch nicht gefragt, ob ihr Krieg oder Frieden begehrt, denn ich weiß, daß jeder Perser die Arbeit des Kampfes der ruhmlosen Unthätigkeit vorzieht; – ich habe wissen wollen, was ihr an meiner Stelle den Massageten antworten würdet. – Haltet ihr die Seele meines Vaters, des Mannes, dem ihr eure Größe verdankt, für gerächt?« Ein dumpfes bejahendes Gemurmel, unterbrochen von wenigen heftigen Verneinungen, antwortete dem Könige, dessen zweite Frage: »Sollen wir die Bedingungen der heut eingetroffenen Gesandtschaft annehmen und dem gelichteten, von den Göttern heimgesuchten Volke Frieden schenken?« von allen Anwesenden lebhaft bejaht wurde. »Das ist es, was ich zu wissen verlangte,« fuhr Kambyses fort. »Morgen wollen wir in der Nüchternheit, nach alter Sitte, erwägen, was im Rausche beschlossen wurde. Durchzecht die letzten Stunden der Nacht; ich verlasse euren Kreis und erwarte euch beim letzten Schrei des heiligen Vogels Parodar (Anm. 98) Der Hahn war den Persern heilig, denn er scheuchte die finsteren Diws der Nacht in ihre Höhlen zurück. Jasht Avân 21. Er hieß Parôdar ( Parôdarsh ) und wurde auch onomatopoietisch Kahrkatâç (der seinen Kamm Hebende und Senkende?) genannt. Vendid. XVIII. 34 fgd. am Thore des Bel, um mit euch zu jagen!« Mit diesen Worten verließ der Herrscher die Halle. Ein donnerndes »Sieg dem Könige« brauste ihm nach. Boges, der Eunuch, hatte sich vor seinem Gebieter aus dem Saale geschlichen. Im Vorhofe fand er einen Burschen des Blumenzüchters von den hängenden Gärten. »Was willst Du hier?« fragte er ihn. »Ich habe dem Prinzen Bartja etwas zu übergeben.« »Dem Bartja? Hat er Deinen Herrn um eine Sämerei oder einen Steckling gebeten?« Der Knabe schüttelte seinen sonnenverbrannten Kopf und lächelte schelmisch. »So hat Dich ein Anderer geschickt?« fragte Boges aufmerksamer werdend. »Ja, eine Andere.« »Ah, die Aegypterin läßt ihrem Schwager durch Dich etwas sagen!« »Wer hat Dir das verraten?« »Nitetis sprach mir davon. Gib her, was Du hast; ich werde es Bartja sogleich überreichen.« »Ich darf es keinem Anderen als ihr selbst einhändigen.« »Gib her; ich kann den Auftrag sicherer besorgen als Du.« »Ich darf nicht.« »Gehorche mir, oder –« In diesem Augenblicke nähere sich der König den Streitenden. Boges besann sich einen Augenblick, dann rief er mit lauter Stimme den an der Pforte Wache haltenden Peitschenträgern und befahl ihnen, den erstaunten Burschen festzunehmen. »Was gibt es hier?« fragte Kambyses. »Dieser Verwegene,« antwortete der Eunuch, »ist in den Palast gedrungen, um Bartja eine Botschaft Deiner Gattin Nitetis zu überbringen.« Der Knabe war, als er den König gewahrte, den Boden mit der Stirn berührend, auf die Kniee gesunken. Kambyses schaute todtenbleich auf den unglücklichen Boten. Dann wandte er sich an den Eunuchen und fragte: »Was begehrt die Aegypterin von meinem Bruder?« »Der Bursche behauptet, er habe den Befehl, das, was er bringe, nur Bartja selbst zu übergeben.« Bei diesen Worten hielt der Knabe dem Könige, indem er ihn flehentlich bittend anschaute, ein Papyrusröllchen entgegen. Kambyses entriß ihm das Blatt und stampfte wüthend mit dem Fuße, als er griechische Schriftzeichen, welche er nicht zu lesen vermochte, auf ihm erblickte. Nachdem er sich gesammelt hatte, fragte er den Knaben, indem er ihn mit einem furchtbaren Blick anschaute: »Wer hat Dir dieß übergeben?« »Die Zofe der ägyptischen Herrin, die Magiertochter Mandane.« »Für meinen Bruder Bartja?« »Sie sagte, ich solle dieses Blatt dem schönen Prinzen vor dem Schmause einhändigen, ihm einen Gruß von der Herrin Nitetis bestellen und ihm mittheilen . . .« Der König stampfte vor Ingrimm und Ungeduld mit dem Fuße, worüber der Knabe so sehr erschrak, daß ihm die Stimme versagte und er nur mühsam fortfahren konnte: »Der Herr ging ja vor dem Schmause neben Dir, da konnt' ich ihn nicht anreden. Jetzt erwart' ich ihn hier, denn Mandane versprach mir ein Goldstück, wenn ich den Auftrag geschickt ausrichten würde.« »Das hast Du nicht gethan,« donnerte der nach seiner Ansicht so schändlich hintergangene Mann. »Das hast Du nicht gethan! Ihr Trabanten, ergreift den Burschen!« Der Knabe erhob flehentlich bittend Blick und Stimme, aber vergebens, denn schnell wie der Gedanke hatten ihn die Peitschenträger ergriffen, und der König, welcher mit raschen Schritten seinen Gemächern zueilte, vernahm nicht mehr sein winselndes Flehen um Schonung und Gnade. Boges rieb, dem Herrscher folgend, seine fleischigen Hände und lachte still vor sich hin. Als die Auskleider ihr Geschäft beginnen wollten, wies sie der König mit dem Befehle, ihn sofort zu verlassen, grollend zurück. Nachdem sie sich aus dem Gemache entfernt hatten, rief er Boges und murmelte. »Von dieser Stunde an übertrage ich Dir die Aufsicht über die hängenden Gärten und die Aegypterin. Bewache sie gut! Wenn ein Mensch oder eine Botschaft ohne mein Wissen zu ihr gelangt, so ist Dein Leben verwirkt!« »Aber, wenn Kassandane oder Atossa zu ihr schicken?« »So weise die Boten ab und laß ihnen sagen, ich würde jeden Versuch, den sie wagen sollten, mit Nitetis zu verkehren, für eine mir zugefügte Beleidigung ansehen.« »Darf ich Dich um eine Gnade bitten, o König?« »Die Stunde dazu ist schlecht gewählt.« »Ich fühle mich so krank. Uebertrage nur für den morgenden Tag die Aufsicht über die Gärten einem Anderen wie mir.« »Nein! – Verlaß mich!« »Heftiges Fieber durchschauert mein Blut. Ich habe heut dreimal die Besinnung verloren. – Wenn irgend Jemand während einer solchen Schwäche . . .« »Wer könnte Deine Stelle vertreten?« »Der lydische Eunuchenhauptmann Kandaules. Er ist treu wie Gold und unbeugsam streng. Ein Tag der Erholung wird meine Gesundheit herstellen. Sei gnädig!« »Niemand ist so schlecht bedient, als ich, der König. Kandaules mag Dich morgen vertreten; gib ihm aber strenge Befehle und sage ihm, daß eine einzige Nachlässigkeit sein Leben bedroht. – Verlaß mich!« »Noch Eins, mein König: Du weißt, daß morgen Nacht in den hängenden Gärten die seltene blaue Lilie erblüht. Hystaspes, Intaphernes, Gobryas, Krösus und Oropastes, die größten Gartenkünstler an Deinem Hofe, möchten sie gern in Augenschein nehmen. Dürfen sie auf wenige Minuten die hängenden Gärten betreten? Kandaules soll Acht haben, daß sie nicht mit der Aegypterin verkehren.« »Kandaules wird seine Augen offen halten, wenn ihm sein Leben lieb ist. – Geh'!« Boges verneigte sich tief und verließ das Gemach des Königs. Den Sklaven, welche ihm mit Fackeln voranleuchteten, warf er einige Goldstücke zu. Er war sehr fröhlich! Alle seine Pläne glückten über Erwartung, denn das Schicksal der Nitetis schien so gut als entschieden, und er hielt das Leben des Kandaules, seines Standesgenossen, den er haßte, in seinen Händen. Kambyses ging bis zum Morgen in seinen Gemächern auf und nieder. Als die Hähne krähten, hatte er fest beschlossen, Nitetis zu einem Geständnisse zu zwingen und sie dann als Magd der Kebsweiber in den großen Harem zu senden. Bartja, der Vernichter seines Glücks, sollte sogleich nach Aegypten reisen und später als Satrap entfernte Provinzen verwalten. Er scheute das Verbrechen des Brudermords, aber er kannte sich selber gut genug, um zu wissen, daß er in einem Augenblicke des Jähzorns den Verhaßten tödten würde, wenn er ihn nicht aus dem Bereiche seiner Leidenschaft entfernte. Zwei Stunden nach dem Aufgange der Sonne jagte Kambyses auf schnaubendem Hengste seinem unabsehbaren, mit Schild, Schwert, Lanze, Bogen und Fangschnur bewaffneten Gefolge weit voran, um das von mehr als tausend Hunden aufgescheuchte Wild des viele Meilen großen Thiergartens von Babylon zu erlegen. (Anm. 99) Die Jagdzüge der Könige waren natürlich eben so ungeheuer wie ihr Reisegefolge. Da das Waidwerk zu den Lieblingsbeschäftigungen edler Perser gehörte, so wurden schon die Knaben zeitig zu demselben angehalten. Selbst Könige rühmen sich nach Strabo in ihren Grabschriften, große Jäger gewesen zu sein. In den Trümmern von Persepolis ist ein Relief gefunden worden, auf welchem der König eine Löwin mit dem rechten Arme erwürgt. Texier, Description de l'Arménie pl. 98 . Layard hat auch bei seinen Grabungen Jagdszenen, z. B. Hirsche und Wildschweine im Rohr, gefunden, und die Griechen erzählen viel von den großen Thiergärten und dem aus Reitern und Fußgängern bestehenden Jagdgefolge der Könige von Persien. Xenoph. Cyrop. I. 2. II. 4. Nach demselben mußte jeder Jäger mit Pfeil und Bogen, zwei Lanzen, Schwert und Schild bewaffnet sein. Aus dem Königsbuche des Firdusi ersehen wir, daß auch die Fangschnur zum Jagen sehr gern gebraucht wurde. Schon vor 900 Jahren war auch die Falkenbeize den Persern wohlbekannt. Buch des Kabus XVIII. S. 495. Der Boumerang (das zurückkehrende Wurfholz) wurde bei der Vogeljagd, wie früh von den Aegyptern und jetzt von den neuholländischen Wilden gebraucht. Nach Brugsch ist der Schah von Persien, Nasr ed-din, ein ebenso leidenschaftlicher als kühner Jäger. . Siebentes Kapitel. Die Jagd war vorüber. Ganze Wagen voll erlegten Wildprets, unter welchem sich mehrere riesengroße Eber befanden, die Kambyses mit eigener Hand erlegt hatte, wurden den heimkehrenden Waidmännern nachgefahren. Vor den Pforten des Palastes zerstreuten sie sich, um in ihren Wohnungen das altpersische Jagdgewand von schlichtem Leder mit glänzenden modischen Hofkleidern zu vertauschen. Während des Jagens hatte der König seinem Bruder mit mühsam zurückgehaltener Erregung den scheinbar freundlichen Befehl gegeben, am nächsten Tage aufzubrechen, um Sappho abzuholen und nach Persien zu geleiten. Er hatte ihm zu gleicher Zeit die Einkünfte der Städte Baktra, Rhagae und Sinope zur Erhaltung des neuen Hausstandes angewiesen und der jungen Frau, als sogenanntes Gürtelgeld, die Steuern ihrer väterlichen Heimath Phocaea geschenkt. Bartja dankte dem freigebigen Bruder mit ungeheuchelter Wärme; Kambyses aber blieb eisig kalt, rief ihm einige kurze Abschiedsworte zu und wandte ihm, einen wilden Esel verfolgend, den Rücken. Auf dem Heimzuge von der Jagd lud der junge Held seine Seelenfreunde Siehe Anmerkung 193 des I. Theils . Krösus, Darius, Zopyrus und Gyges zu einem Abschiedstrunke ein. Krösus wollte sich später zu den Zechenden gesellen, denn er hatte versprochen, beim Aufgange des Tistarsterns mit den vornehmen Blumenfreunden dem Erblühen der blauen Lilie auf den hängenden Gärten beizuwohnen. Als er Nitetis dort am frühen Morgen aufsuchen wollte, war er von den Wächtern entschieden abgewiesen worden; jetzt schien ihm die blaue Lilie eine neue Möglichkeit zu bieten, seinen geliebten Schützling, dessen gestriges Benehmen er sich kaum erklären konnte und dessen strenge Bewachung ihm große Besorgniß einflößte, zu sehen und zu sprechen. Die jungen Achämeniden saßen, als es dämmerte, in einer schattigen Laube des königlichen Gartens, an deren Seite helle Springbrunnen plätscherten, in fröhlichen Gesprächen bei einander. – Araspes, ein vornehmer Perser und Freund des verstorbenen Cyrus, hatte sich zu den Plaudernden gesellt, und that sich gütlich an dem trefflichen Weine des Königssohnes. »Glücklicher Bartja,« rief der alte Junggeselle, »Du ziehst fort in ein goldenes Land, um Dir das Weib Deiner Liebe heimzuholen, während ich armer Hagestolz, getadelt von aller Welt Siehe Anmerkung 95 des II. Theils . , meinem Grabe entgegengehe, ohne Weiber und Kinder zu hinterlassen, welche mich beweinen und zu den Göttern für ein mildes Gericht über meine Seele bitten möchten.« »Wer wird solche Gedanken hegen!« rief Zopyrus, den Becher schwingend. »Glaube mir, jeder Mann, der eine Frau heimführt, kommt durch sie wenigstens einmal täglich in die Lage zu bereuen, daß er nicht unverheirathet geblieben ist! Sei fröhlich, Väterchen, und denke, daß Du Dich über Deine eigene Schuld oder vielmehr über Deine Weisheit beklagst. Man wählt die Frauen doch nur wie die Nüsse nach dem Aussehen der Schale. Wer mag wissen, ob ein guter oder verdorbener oder gar kein Kern darin steckt. Ich spreche aus Erfahrung, denn wenn ich auch erst zweiundzwanzig Jahre zähle, so habe ich doch fünf stattliche Weiber und eine ganze Schaar von holden und unholden Sklavinnen in meinem Hause.« Araspes lächelte bitter. »Wer hindert Dich denn, heute noch zu heirathen?« rief Gyges. »Du bist zwar sechzig Jahre alt; aber Du nimmst es mit manchem Jüngeren auf, was Stattlichkeit, Kraft und Ausdauer anbetrifft. Du gehörst zu den edelsten Verwandten des Königs; ich sage Dir, Araspes, Du bekommst noch zwanzig schöne, junge Frauen!« »Fege vor Deiner eigenen Thür,« gab der Hagestolz dem Sohne des Krösus zurück. »Wäre ich wie Du, so würd' ich wahrhaftig nicht bis in meine dreißiger Jahre unbeweibt geblieben sein!« »Ein Orakelspruch verbot mir zu heirathen.« »Thorheiten! Wie kann sich ein verständiger Mann um Orakel kümmern. Nur in Träumen verkünden uns die Götter die Zukunft! Ich dächte doch, daß Du an Deinem leiblichen Vater gesehen haben müßtest, wie schändlich jene griechischen Priester ihre besten Freunde betrügen.« »Das verstehst Du nicht, Araspes.« »Und verlange es nicht zu verstehen, Knabe, der Du gerade deßwegen an die Orakel glaubst, weil Du sie nicht verstehst, und weil ihr in eurer Beschränktheit Alles, was ihr nicht begreift, Wunder nennt. Was euch aber wunderbar erscheint, dem vertraut ihr sicherer als der einfachen, auf der Hand liegenden Wahrheit. Das Orakel hat Deinen Vater betrogen und in's Verderben gestürzt; aber das Orakel ist ein Wunder, und darum läßt auch Du Dich von ihm vertrauensvoll Deines Glückes berauben!« »Du lästerst, Araspes. Ist es die Schuld der Götter, wenn wir ihre Sprüche falsch verstehen?« »Ohne Zweifel, denn wenn sie uns nützen wollten, so würden sie uns mit ihren Worten die nöthige Einsicht schenken, sie zu begreifen. Was helfen mir schöne Reden, wenn sie mir in einer mir unverständlichen Sprache vorgetragen werden?« »Laßt das unnütze Streiten!« rief Darius. »Erkläre uns lieber, Araspes, warum Du Dich so lange von den Priestern tadeln, bei den Festen zurücksetzen und von den Weibern schmähen ließest, um, obgleich Du jeden Bräutigam beglückwünschest, ein alter Junggeselle zu bleiben?« Araspes blickte sinnend zu Boden, dann schüttelte er sich, that einen langen Zug aus dem Becher und sagte: »Ich habe meinen Grund, ihr Freunde; aber jetzt kann ich ihn euch nicht mittheilen.« »Erzähle! erzähle!« »Ich kann nicht, Kinder, ich kann nicht! Diesen Becher leere ich auf das Wohl Deiner holden Sappho, mein glücklicher Bartja, und diesen hier weihe ich Deinem Einstigen Glücke, mein Liebling Darius!« »Ich danke!« rief Bartja, indem er freudig seinen Becher an die Lippen setzte. »Du meinst es gut,« murmelte Darius, finster zu Boden schauend. »Ei, ei, Du Sohn des Hystaspes,« rief der Alte, den ernsten Jüngling betrachtend; »so finstere Züge stehen dem Bräutigam, der auf das Wohl seiner Liebsten trinken soll, gar übel! Ist das Töchterchen des Gobryas nicht nach Atossa die vornehmste aller jungen Perserinnen! Ist sie nicht schön?« »Artystone besitzt alle Vorzüge einer Achämenidin,« antwortete Darius, ohne die Falten seiner Stirn zu glätten. »Nun, was verlangst Du denn noch mehr, Du Ungenügsamer?« Darius erhob den Becher und schaute in den Wein. »Der Knabe ist verliebt, so wahr ich Araspes heiße,« rief der Alte. »Was ihr für närrische Leute seid,« unterbrach Zopyrus diese Ausrufungen. »Der Eine ist gegen alle persische Sitte Junggeselle geblieben, der Andere heirathet nicht, weil ein Orakel ihn beängstigt, Bartja will sich mit einem Weibe begnügen, und Darius sieht aus wie ein Destur, der die Sterbelieder singt, weil sein Vater ihm befiehlt, mit dem schönsten und vornehmsten Mädchen in ganz Persien glücklich zu werden!« »Zopyrus hat Recht,« rief der Alte. »Darius ist undankbar gegen das Glück!« Bartja verwandte keinen Blick von dem also getadelten Freunde. Er sah ihm an, daß die Scherze der Gefährten ihm mißfielen und drückte ihm, sein eigenes Glück doppelt fühlend, die Hand, indem er sagte: »Es thut mir leid, daß ich bei Deiner Hochzeit abwesend sein werde. Wenn ich wiederkomme, so hoff' ich Dich mit der Wahl Deines Vaters ausgesöhnt zu finden.« »Vielleicht,« antwortete Darius, »kann ich Dir bei Deiner Rückkehr noch eine zweite und dritte Frau zeigen.« »Das mag Anahita Siehe Anmerkung 38 des II. Theils . geben!« rief Zopyrus. »Die Achämeniden würden bald aussterben, wenn alle handeln wollten wie Araspes und Gyges. Dein einziges Weib, Bartja, ist auch nicht der Rede werth! Es wäre Deine Pflicht, schon um den Stamm des Cyrus zu erhalten, drei Frauen auf einmal heimzuführen.« »Ich hasse unsere Sitte, viele Frauen zu nehmen,« rief Bartja. »Wir stellen uns durch sie unter die Weiber, denen wir zumuthen, uns ein ganzes Leben lang treu zu bleiben, während wir, denen die Treue über Alles gehen sollte, heute Dieser, morgen Jener unverbrüchliche Liebe schwören!« »Bah!« rief Zopyrus. »Ich möchte lieber meine Zunge einbüßen, als einen Mann belügen; unsere Frauen sind aber so trügerische Geschöpfe, daß man ihnen mit gleicher Münze zahlen muß.« »Die Helleninnen sind von anderer Art, weil ihnen anders begegnet wird,« erwiederte Bartja. »Sappho erzählte mir von einer griechischen Frau; sie hieß, wie ich glaube, Penelope, welche zwanzig Jahre lang in Liebe, Geduld und Treue, obgleich fünfzig Freier tagtäglich in ihrem Hause verweilten, auf ihren für todt gehaltenen Gatten harrte.« »Meine Weiber möchten nicht so lange auf mich warten!« rief Zopyrus und lachte vergnügt. »Offen gestanden, würde ich mich auch nicht grämen, wenn ich nach einer Abwesenheit von zwanzig Jahren bei meiner Heimkehr ein leeres Haus fände. Statt der Untreuen, die indessen alt geworden sein müßten, könnte ich dann um so jüngere, schönere Kinder in meinen Harem aufnehmen. Aber es findet nicht Jede einen Entführer, und unseren Frauen ist ein abwesender immer noch lieber als gar kein Mann.« »Wenn Deine Weiber diese Worte hörten!« lachte Araspes. »Sie erklärten mir den Krieg oder, was noch schlimmer wäre, sie würden Frieden mit einander schließen.« »Wie so?« »Wie so? Man merkt, daß ihr keine Erfahrungen habt!« »So weihe uns in die Geheimnisse Deiner Ehe ein.« »Sehr gerne! Ihr könnt euch denken, daß fünf Frauen in einem Hause weniger friedlich bei einander leben als fünf Tauben in einem Schlage; die meinen wenigstens führen einen ununterbrochenen Krieg auf Tod und Leben. Daran hab' ich mich gewöhnt und freue mich über ihre Munterkeit. Vor einem Jahre waren sie nun zum Erstenmale einig, und diesen Tag des Friedens muß ich den unglücklichsten meines Lebens nennen.« »Spaßvogel!« »Nein, ich rede in vollem Ernste. Der elende Eunuch, welcher die Fünf zu bewachen hat, ließ einen alten Juwelenhändler aus Tyrus zu ihnen. Jede wählte sich einen kostbaren Schmuck. Als ich nach Hause komme, naht sich mir Sudabe und bittet um das Geld für jenes Geschmeide. Das Ding war so theuer, daß ich mich weigerte, den Kaufpreis zu erlegen. Alle Fünf baten mich einzeln um das Geld, ich aber schlug es jeder Einzelnen rund weg ab und ging zu Hofe. Als ich wieder nach Hause komme, sitzt meine ganze Weiberschaar heulend neben einander. Eine umarmt die Andere und nennt sie ihre Leidens- und Unglücksgefährtin. Die Feindinnen erheben sich in rührender Einmüthigkeit und überhäufen mich mit Schmähreden und drohenden Worten, bis ich das Zimmer verlasse. Als ich mich niederlegen will, finde ich fünf verschlossene Thüren. Am nächsten Morgen wird das Gejammer vom vorigen Abend fortgesetzt. Ich fliehe wiederum und reite mit dem Könige auf die Jagd. Als ich ermüdet, hungrig und erfroren heimkehre (es war im Frühling und wir verweilten schon zu Ekbatana, als der Schnee noch ellenhoch auf dem Orontes lagerte), find' ich kein Feuer im Herde und keine Mahlzeit bereitet. Die edle Schaar hatte sich, um mich zu strafen, verbündet, das Feuer gelöscht, den Köchen verboten, ihre Pflicht zu thun und, was das Schlimmste war, den Schmuck behalten! – Als ich kaum den Sklaven befohlen habe, das Feuer anzuschüren und ein Mahl zu bereiten, erscheint der unverschämte Juwelenhändler von neuem und verlangt sein Geld. Ich weigere mich abermals zu bezahlen, ich verbringe wieder, abgeschlossen von den Weibern, meine Nacht und opfere am nächsten Morgen, um des lieben Friedens willen, zehn Talente. Seitdem fürchte ich die Einigkeit meiner Geliebten wie die bösen Diws und sehe nichts lieber als ihre kleinen Zänkereien und Händel.« »Armer Zopyrus!« lachte Bartja. »Armer?« fragte der fünffache Eheherr. »Ich sage euch, daß ich glücklicher bin als ihr. Meine Frauen sind jung und anmuthig, und wenn sie altern, wer hindert mich, schönere in mein Haus zu nehmen, die dann neben den verblühten doppelt reizend erscheinen werden. – He, Sklave, sorge für Lampen! Die Sonne ist untergegangen, und der Wein mundet nur, wenn helles Licht die Tafel bescheint!« »Hört, wie schön der Vogel Bülbül singt!« rief Darius, welcher aus der Laube in's Freie getreten war, den Freunden zu. »Beim Mithra, Sohn des Hystaspes, Du bist verliebt,« unterbrach Araspes den Ausruf des Jünglings. »Wer den Wein verläßt, um der Nachtigall zu lauschen, den hat der Blüthenpfeil der Liebe (Anm. 100) Diese Anschauung haben wir den Indern entlehnt, deren Liebesgott Kama die Herzen mit zugespitzten Blüthen verwundet. Die Nachtigall »Bülbül« spielt eine große Rolle in den Liedern der Perser. Ihr Lied gilt für den Inbegriff alles Wohllauts, sie selbst für den Vogel der liebenden. S. J. v. Hammer, Geschichte der schönen Redekünste Persiens. so sicher getroffen, als ich Araspes heiße!« »Du hast Recht, Väterchen,« rief Bartja. »Philomele, wie die Hellenen unsere Bülbül nennen, der die Liebe so schöne Gesänge in die Brust legt, ist bei allen Völkern der Vogel der Liebenden. Von welcher Schönen träumtest Du, Darius, als Du in die Nacht hinaus tratest, um der Bülbül zu lauschen?« »Von Keiner,« antwortete der Befragte. »Ihr wißt, daß ich den gestirnten Himmel gern beobachte. Der Tistarstern ging heute so wunderbar strahlend auf, daß ich den Wein verließ, um ihn näher zu betrachten. Ich hätte meine Ohren verschließen müssen, um den lauten Wechselgesang der Nachtigallen nicht zu vernehmen.« »Du hast sie weit genug geöffnet; Dein entzückter Ausruf bewies das!« lachte Araspes. »Genug!« rief Darius, den diese Neckereien verdrossen. »Unvorsichtiger,« flüsterte jetzt der Alte dem Jünglinge zu, »nun erst hast Du Dich verrathen! Wärest Du nicht verliebt, so würdest Du lachen, statt aufzubrausen! Aber ich will Dich nicht reizen und frage Dich, was Du aus den Sternen gelesen?« Darius schaute bei diesen Worten nochmals zum Himmel empor und heftete seine Augen unverwandt an ein leuchtendes, über dem Horizonte schwebendes Sternbild. Zopyrus beobachtete den Astrologen und rief den Freunden zu: »Dort oben muß etwas Wichtiges vorgehen. He, Darius, theile uns mit, was sich am Himmel ereignet!« »Nichts Gutes,« antwortete dieser. »Ich habe mit Dir allein zu reden, Bartja.« »Warum das? Araspes ist verschwiegen, und vor euch Anderen hab' ich kein Geheimniß.« »Dennoch –« »Rede nur!« »Nein, ich bitte Dich, mir in den Garten zu folgen.« Bartja nickte den Zechern zu, legte seinen Arm auf die Schulter des Darius und trat mit ihm in das helle Mondlicht hinaus. Als sie allein waren, ergriff der Sohn des Hystaspes beide Hände seines Freundes und sagte. »Heut zum Drittenmale gehen am Himmel Dinge vor, welche Dir nichts Gutes verheißen. Dein böser Stern tritt Deinem heilbringenden Gestirne so nah, daß man nur wenig Astrologie zu verstehen braucht, um Dir voraussagen zu können, Dich erwarte eine ernstliche Gefahr. Sieh' Dich vor, Bartja, und reise noch heut nach Ägypten, denn die Sterne sagen mir, daß Dir am Euphrat, nicht in der Ferne, das Verhängniß droht.« »Glaubst Du so sicher an die weissagende Kraft des gestirnten Himmels?« »Sicher! Die Sterne lügen niemals!« »Dann wäre es Thorheit, sich dem, was sie verheißen, entziehen zu wollen.« »Wohl, der Mensch kann zwar seinem Verhängnisse nicht entgehen; das Schicksal gleicht aber den Lehrern in der Fechtkunst, welche diejenigen Schüler am liebsten haben, die am muthigsten und geschicktesten mit ihnen zu kämpfen verstehen. Reise heute noch nach Aegypten, Bartja!« »Ich kann nicht, denn ich habe der Mutter und Atossa noch nicht Lebewohl gesagt.« »Sende ihnen durch einen Boten Deine Abschiedsgrüße und trage Krösus auf, ihnen den Grund Deiner Abreise aus einander zu setzen.« »Sie würden mich für feige halten.« »Einem Menschen zu weichen, ist schimpflich; dem Verhängnisse aus dem Wege zu gehen, weise.« »Du widersprichst Dir selbst, Darius! Was würde der Fechtmeister über den fliehenden Schüler sagen?« »Er würde sich der Kriegslist freuen, durch welche der Vereinzelte einer großen Uebermacht zu entgehen sucht.« »Welche ihn endlich dennoch fangen und vernichten würde. – Wie sollte ich eine Gefahr, die, Du sagtest es selbst, nicht abgewendet werden kann, hinauszuschieben suchen? Wenn mich ein Zahn schmerzt, so lasse ich ihn sofort ausreißen, während Weiber und Feiglinge sich wochenlang quälen und ängstigen, um die schmerzliche Operation nur nicht gleich, nur so spät als möglich vollziehen zu lassen. Ich erwarte die Gefahr mit festem Muthe und wünsche ihr recht bald zu begegnen, um sie desto eher hinter mir zu haben!« »Du kennst nicht ihre Größe.« »Fürchtest Du für mein Leben?« »Nein.« »Theile mir mit, was Du besorgst!« »Jener ägyptische Priester zu Sais, mit dem ich die Sterne beobachtete, hat Dein Horoskop mit mir gestellt. Er war der himmelskundigste Mann, welchen ich jemals gesehen. Ich verdanke ihm manche Kenntniß und will Dir nicht verschweigen, daß er mich schon damals auf Gefahren aufmerksam machte, die über Deinem Haupte schweben.« »Und Du verschwiegst mir das?« »Warum sollt' ich Dich vorzeitig ängstigen? Jetzt, wo sich das Verhängniß nähert, warn' ich Dich.« »Ich danke Dir und werde Vorsicht üben. Früher hätte ich nicht auf Deine Mahnung gehört; seitdem ich aber liebe, ist mir's, als hätt' ich nicht mehr so frei über mein Leben zu verfügen als sonst.« »Ich verstehe dieses Gefühl . . .« »Du verstehst mich? So hatte Araspes recht beobachtet? – Du sagst nicht nein?« »Ein Traum sonder Hoffnung!« »Welches Weib könnte Dich verschmähen?« »Verschmähen?« »Ich begreife Dich nicht! Sinkt Dir, dem kühnsten Jäger, dem stärksten Ringer, dem weisesten aller jungen Perser, der feste Muth einem Weibe gegenüber?« »Darf ich Dir vertrauen, mehr vertrauen, als ich meinem Vater vertrauen würde, Bartja?« »Du darfst!« »Ich liebe die Tochter des Cyrus, Deine und des Königs Schwester, Atossa!« »Hab' ich Dich recht verstanden; Du liebst Atossa? So danke ich euch, ihr reinen Amescha çpenta Siehe II. Theil Anmerkung 106 . . Von heute an glaub' ich nicht mehr an Deine Sterne, denn statt der Gefahren, mit denen sie mich bedrohen, schenken sie mir ein unerwartetes Glück. Umarme mich, mein Bruder, und erzähle mir die Geschichte Deiner Liebe, damit ich Dir helfen kann, das, was Du einen Traum sonder Hoffnung nanntest, zur Wahrheit zu machen!« »Vor unserer Abreise nach Aegypten zogen wir, wie Du weißt, mit dem ganzen Hoflager von Ekbatana nach Susa. Ich befehligte damals die Abtheilung der ›Unsterblichen‹, welche die Wagen der königlichen Frauen zu beschützen hatte. Auf dem Engpasse, der über den Orontes führt, glitten die Pferde vor dem Wagen Deiner Mutter und Schwester aus. Das Joch, an welches die Rosse geschirrt waren (Anm. 101) An der Spitze der Deichseln persischer Wagen befand sich ein Joch, welches an den Rücken der Pferde befestigt wurde und die Stelle unserer Kummete und Widerhalter vertrat. S. das Bild bei Gosse, Assyria S. 224. Layard S. 151 und 447–451. Aehnlich wurden auch die ägyptischen Pferde angeschirrt. S. Bd. I. A. 30 . Die auf den persischen und assyrischen Denkmälern abgebildeten Pferde sind von entschieden anderer Rasse als die, welche auf den ägyptischen Monumenten abgebildet wurden. , brach von der Deichsel, und vor meinen Augen sank der vierrädrige schwere Wagen ohne Halt und Hemmniß in den Abgrund. Schaudernd sahen wir, unsere Pferde zu furchtbarer Eile spornend, das Fuhrwerk verschwinden. Bei der Stätte des Unglücks angelangt, glaubten wir uns auf den Anblick von Trümmern und Leichen vorbereiten zu müssen; die Götter hatten aber die Deinen in ihren allmächtigen Schutz genommen, und der in den Abgrund geschleuderte Wagen ruhte mit zertrümmerten Rädern in den Armen zweier riesiger Cypressen, welche sich mit zähen Wurzeln an das zerklüftete Schiefergefels klammerten und ihre dunklen Wipfel bis zum Saume der Fahrstraße emporstreckten. »Schnell wie der Gedanke sprang ich vom Pferde und kletterte, ohne mich zu besinnen, an einer der Cypressen hernieder. Deine Mutter und Schwester riefen um Hülfe und streckten mir ihre Arme flehend entgegen. Ihre Gefahr war entsetzlich, denn die hölzernen Wände des Wagens, von dem harten Anprall aus den Fugen gerissen, drohten sich in jedem Augenblicke zu theilen und die von ihnen eingeschlossenen Frauen preiszugeben dem unvermeidlichen Sturz in den Abgrund, welcher tief, schwarz, unergründlich, ein Sitz der finsteren Diws, bereit schien, die schönen Opfer in seinem Rachen zu zermalmen. »Ich stand, mich an den Stamm der Cypresse klammernd, vor dem zerberstenden, schwebenden Wagen. Da traf mich zum Erstenmale der flehende Blick Deiner Schwester. Seit jenem Augenblicke liebte ich Atossa; aber damals wußte ich noch nicht, was in meinem Herzen vorging, denn ich konnte an nichts, als an die Rettung der Deinen denken. In wilder Hast hob ich die zitternden Weiber aus dem Wagen, dessen Theile eine Minute später aus einander fielen und der dann krachend in den Abgrund herniederstürzte. Ich bin ein starker Mann, aber ich bedurfte des Aufwandes aller Kräfte, um mich selbst und die beiden Frauen so lange über dem Abgrunde zu erhalten, bis man Seile zu mir hernieder geworfen hatte. Atossa hing an meinem Halse, Kassandane ruhte, von meiner Linken gehalten, an meiner Brust. Mit der Rechten schlang ich den Strick um meinen Leib, man zog uns empor, und wenige Minuten später befand ich mich mit den geretteten Deinen auf der sicheren Landstraße. »Nachdem ein Magier die Wunden, welche das scharf angezogene Seil in meine Seite geschnitten, verbunden hatte, ließ mich der König rufen, beschenkte mich mit dieser Halskette und den Einkünften einer ganzen Satrapie und führte mich selbst zu den Frauen, welche mir in warmen Worten ihren Dank aussprachen. Kassandane gestattete mir, ihre Stirn zu küssen und ließ mir den ganzen Schmuck, welchen sie während jenes Augenblickes der Gefahr getragen hatte, für meine künftige Gattin überreichen. Atossa zog einen Ring von ihrem Finger, steckte ihn an meine Hand und küßte dieselbe, lebhaft, wie sie ist, in dankbarer Aufwallung. Seit jenem Tage, dem glücklichsten meines Lebens, habe ich Deine Schwester bis zum gestrigen Abende niemals wiedergesehen. Bei dem großen Geburtstagsschmause saßen wir einander gegenüber. Mein Auge begegnete dem ihren. Ich sah nichts als Atossa und weiß, daß sie ihren Retter nicht vergessen hat. Kassandane . . .« »O, meine Mutter wird Dich gern ihren Eidam nennen, dafür leiste ich Bürgschaft! An den König mag sich Dein Vater wenden; er ist unser Oheim und darf die Tochter des Cyrus mit gutem Rechte für seinen Sohn begehren!« »Erinnerst Du Dich noch jenes Traumes Deines Vaters? Um seinetwillen hat Kambyses niemals aufgehört, mich mit Mißtrauen zu betrachten.« »Das ist längst vergessen! Mein Vater träumte vor seinem Tode, Du habest Flügel (Anm. 102) Herod. I. 209. ; darum fürchtete er, von den Traumdeutern verblendet, Du, ein achtzehnjähriger Knabe, werdest nach der Krone streben. Kambyses dachte jenes Gesichts, bis ihm Krösus, nachdem Du die Meinen gerettet hattest, erklärte, der Traum sei erfüllt, denn nur ein geflügelter Adler oder Darius vermöge so kräftig und geschickt über einem Abgrunde zu schweben.« »Doch diese Deutung behagte Deinem Bruder nur wenig. Er will der einzige Adler in Persien sein; Krösus aber schmeichelt nie seinem Stolze.« »Wo er nur so lange bleibt?!« »Er ist auf den hängenden Gärten. Dein Vater und Gobryas werden ihn zurückhalten.« »Das nenne ich höflich!« ließ sich in diesem Augenblick die Stimme des Zopyrus vernehmen. »Bartja ladet uns zum Schmause und läßt uns, Geheimnisse auskramend, ohne Wirth die Becher leeren!« »Wir kommen, wir kommen!« rief der Königssohn als Antwort zurück. Dann ergriff er die Hand des Darius, drückte sie und sagte: »Deine Liebe zu Atossa macht mich glücklich. Ich bleibe bis übermorgen hier, wenn mich auch die Sterne mit allen Gefahren der Welt bedrohen! Morgen ergründe ich Atossa's Herz und erst, wenn Alles im rechten Geleise ist, ziehe ich fort, um meinem geflügelten Darius zu überlassen, sein Ziel mit eigenen Kräften zu erreichen.« Mit diesen Worten ging Bartja der Laube zu, während sein Freund von neuem gen Himmel schaute. Je länger er in die Sterne sah, desto finsterer wurde sein Antlitz. Als der Tistarstern unterging, murmelte er. »Armer Bartja!« Die Freunde riefen ihm und er wollte soeben zu ihnen zurückkehren, als er eines neuen Sternes ansichtig wurde, dessen Stellung er mit Aufmerksamkeit musterte. Der Ernst seiner Züge verwandelte sich in ein triumphirendes Lächeln, seine hohe Gestalt schien zu wachsen, seine Hand preßte sich auf sein Herz, und mit den leise geflüsterten Worten: »Geflügelter Darius, brauche Deine Schwingen; Dein Stern wird Dir zur Seite stehen!« begab er sich zu den harrenden Freunden. Kurze Zeit darauf näherte sich Krösus der Laube. Die Jünglinge sprangen von ihren Sitzen, um den Greis zu bewillkommnen, welcher, wie vom Blitze getroffen, stehen blieb, als er Bartja's vom hellen Mondlicht beschienenes Antlitz erkannte. »Was ist Dir begegnet, Vater?« fragte Gyges, indem er die Hand des Krösus voller Besorgniß ergriff. »Nichts, nichts,« stammelte dieser kaum hörbar, drängte seinen Sohn zur Seite, näherte sich Bartja und flüsterte ihm in's Ohr: »Unseliger, Du bist noch hier? Säume nicht länger und fliehe! Die Peitschenträger, welche Dich verhaften sollen, folgen mir auf dem Fuße! Glaube mir, daß Du, wenn Du nicht eilst, Deine doppelte Unvorsichtigkeit mit dem Tode büßen mußt.« »Aber, Krösus, ich habe –« »Du hast das Gesetz dieses Landes, dieses Hofes verhöhnt und wenigstens dem Scheine nach die Ehre Deines Bruders gekränkt . . .« »Du redest –« »Fliehe, flieh', sag' ich Dir; denn wärest Du auch in unschuldiger Absicht auf den hängenden Gärten und bei der Aegypterin gewesen, so hast Du dennoch Alles zu fürchten! Wie konntest Du, der doch den Jähzorn des Kambyses kennt, sein ausdrückliches Gebot so freventlich verletzen!« »Ich verstehe nicht . . .« »Keine Entschuldigungen! Flieh'! Du weißt nicht, daß Dich Kambyses schon lange mit Eifersucht betrachtet, daß Dein nächtlicher Besuch bei der Aegypterin . . .« »Ich habe, seitdem Nitetis hier ist, die hängenden Gärten mit keinem Fuße betreten!« »Füge nicht zum Frevel die Lüge, ich . . .« »Ich schwöre Dir . . .« »Willst Du eine That des Leichtsinns durch Meineid zum Verbrechen machen? – Die Peitschenträger kommen schon, flieh', flieh'!« »Ich bleibe, denn ich beharre bei meinem Schwur.« »Verblendeter! Wisse, daß ich selbst, Hystaspes und andere Achämeniden, Dich, noch ist es keine Stunde her, auf den hängenden Gärten gesehen haben . . .« Bartja ließ sich in seinem Erstaunen halb willenlos von dem Greise fortführen; als er aber dessen letzte Behauptung vernommen hatte, blieb er stehen, rief seine Freunde herbei und sagte: »Krösus will mir vor weniger als einer Stunde auf den hängenden Gärten begegnet sein; ich aber bin, wie ihr wißt, seid dem Untergange der Sonne nicht von euch gewichen. Bestätigt ihm durch euer Zeugniß, daß hier ein böser Diw sein Spiel mit unserem Freund und seinen Begleitern getrieben haben muß.« »Ich schwöre Dir, Vater,« rief Gyges, »daß Bartja seit vielen Stunden diesen Garten nicht verlassen hat.« »Wir betheuern dasselbe,« stimmten Araspes, Zopyrus und Darius lebhaft ein. »Ihr wollt mich betrügen?« brauste Krösus auf, Einen nach dem Andern vorwurfsvoll anblickend. »Glaubt ihr, ich sei blind oder sinnverwirrt? Meint ihr, daß euer Zeugniß die Aussage der edelsten Greise, des Hystaspes, Gobryas, Intaphernes und des Oberpriesters Oropastes entkräftigen werde? Bartja ist trotz eures falschen Zeugnisses, das keine Freundschaft entschuldigen kann, ein Kind des Todes, wenn er nicht flieht!« »Angramainjus soll mich verderben,« rief, den geängstigten Greis unterbrechend, der alte Araspes, »wenn der Sohn des Cyrus vor zwei Stunden auf den hängenden Gärten gewesen ist.« »Du magst mich nicht mehr Deinen Sohn nennen,« fügte Gyges hinzu, »wenn unser Zeugniß falsch war.« »Bei den ewigen Sternen,« wollte Darius ausrufen, als Bartja die durcheinander Schreienden unterbrach und mit fester Stimme sagte: »Dort kommt eine Abtheilung der Leibwache in den Garten. Ich soll verhaftet werden und kann nicht fliehen, weil ich, der ich unschuldig bin, dadurch den Verdacht der Schuld auf mich laden würde. Bei der Seele meines Vaters, bei den blinden Augen meiner Mutter, bei dem reinen Lichte der Sonne schwöre ich Dir, Krösus, daß ich Dich nicht belüge.« »Soll ich Dir gegen das Zeugniß meiner beiden hellen Augen glauben, die mich noch nie betrogen haben? Ich will es, Knabe, denn ich liebe und ehre Dich. Bist Du schuldig, bist Du unschuldig, ich weiß es nicht, ich will es nicht wissen; das aber weiß ich, daß Du fliehen mußt, eilig fliehen! Du kennst Kambyses! Mein Wagen wartet an der Pforte. Jage die Pferde todt, aber flieh'! Die Soldaten scheinen zu wissen, um was es sich handelt, denn es ist unzweifelhaft, daß sie so lange zaudern, um Dir, ihrem Lieblinge, Zeit zu lassen, Dich zu entfernen. Flieh', flieh', oder es ist um Dich geschehen!« »Flieh', Bartja,« rief auch Darius, seinen Freund vorwärts drängend, »und gedenke der Warnung, die Dir der Himmel selbst in Sternenschrift sandte.« Bartja schüttelte schweigend sein schönes Haupt und sagte, die bangen Freunde zurückweisend: »Ich bin noch nie geflohen und gedenke auch heute Stand zu halten. Feigheit scheint mir schlimmer als Tod, und ich leide lieber Unrecht von Andern, als daß ich mich selbst beschimpfe. Da sind die Soldaten! Willkommen Bischen; Du sollst mich verhaften? Ja!? Warte nur einen Augenblick, bis ich den Freunden Lebewohl gesagt habe.« Bischen, der also Angeredete, ein alter Feldhauptmann des Cyrus, der Bartja den ersten Unterricht im Pfeilschießen und Speerwerfen ertheilt, im Tapurenkriege an seiner Seite gefochten und ihn lieb hatte wie seinen eigenen Sohn, unterbrach den Jüngling und sagte: »Du brauchst von Deinen Freunden nicht Abschied zu nehmen, denn der König, der wie ein Rasender tobt, hat befohlen, ich sollte Dich und Jeden, den ich bei Dir finden würde, verhaften.« Dann fügte er leise hinzu: »Der König ist außer sich vor Zorn und bedroht Dein Leben. Du mußt fliehen. Meine Leute gehorchen mir blindlings und werden Dich nicht verfolgen; ich aber bin alt und Persien verliert nur wenig, wenn mein Kopf fallen sollte.« »Ich danke Dir, Freund,« erwiederte Bartja, ihm die Hand reichend, »aber ich kann Dein Opfer nicht annehmen, denn ich bin unschuldig und weiß, daß Kambyses wohl jähzornig, aber nicht ungerecht ist. Kommt, ihr Lieben; ich glaube, daß der König uns heute noch verhören wird.« Achtes Kapitel. Zwei Stunden später stand Bartja mit seinen Begleitern vor dem Könige. Bleich und hohläugig saß der riesige Mann auf seinem goldenen Stuhle, hinter dem zwei Leibärzte, mit allerlei Gefäßen und Instrumenten in der Hand, warteten. Kambyses war erst vor wenigen Minuten wieder zu sich gekommen, nachdem er länger als eine Stunde in den Armen jener furchtbaren Krankheit gelegen hatte, welche Leib und Seele zerrüttet, und die wir mit dem Namen der fallenden Sucht oder Epilepsie bezeichnen. Seit der Ankunft der Nitetis war er von diesem Uebel verschont geblieben, das ihn heut in Folge überwältigender Gemütsbewegungen mit unerhörter Heftigkeit ergriffen hatte (Anm. 103) Wenn Herod. III. 33 erzählt, Kambyses sei schon mit einer gefährlichen Krankheit, welche Einige die »heilige« nennen, geboren worden, so kann er damit kaum ein anderes Leiden, als die fallende Sucht oder Epilepsie meinen. . Wär' er Bartja vor wenigen Stunden begegnet, so würde er ihn mit eigener Hand getödtet haben; der epileptische Anfall hatte aber seinen Zorn zwar nicht gebrochen, aber doch soweit besänftigt, daß er im Stande war, Kläger und Beklagte anzuhören. Zur rechten Seite des Thrones standen Hystaspes, der greise Vater des Darius, Gobryas, sein zukünftiger Schwiegervater, der betagte Intaphernes, der Großvater jener Phädime, welche wegen der Ägypterin die Gunst des Königs verloren hatte, der Oberpriester Oropastes, Krösus und hinter diesem Boges, der Eunuchenoberst. Zur Linken verweilten Bartja, dessen Hände mit schweren Ketten gefesselt waren, Araspes, Darius, Zopyrus und Gyges. Im Hintergrunde standen mehrere hundert Würdenträger und Große. Nach langem Schweigen erhob Kambyses seine Blicke, ließ sie vernichtend auf dem gefesselten Jüngling ruhen und sprach mit dumpfer Stimme. »Oberpriester, sage uns, was den erwartet, der seinen Bruder betrügt, den König entehrt und beleidigt und sein Herz mit schwarzen Lügen verfinstert!« Oropastes trat hervor und antwortete: »Einen solchen erwartet, sobald er überführt ist, ein qualvoller Tod in dieser Welt und ein furchtbares Gericht auf der Brücke Chinvat (Anm. 104) Am dritten Tage nach dem Tode, wenn die glänzende Sonne aufgeht, dann führen die Diws die Seelen an die Brücke Chinvât, wo sie nach dem Lebensbewußtsein und dem Wandel befragt werden. Vendid. Farg. XIX. 93 fgd. Dort kämpfen die beiden himmlischen Mächte um die Seele. Vendid. Farg. VII. 132. Bei diesem Kampfe findet die Seele der Guten, deren Geruch die Diws wie ein Schaf die Wölfe fürchten, Vendid. Farg. XIX. 108, bei den reinen Geistern, Yazatas, Unterstützung und geht siegreich in den Himmel ein, während die Seele des Unreinen keine Hülfe findet und von dem Diw Vizareshô gebunden in die Hölle geschleppt wird. Noch andere nach Rogge's Ansicht schönere Vorstellungen finden sich bei Tiele, D. godsd. v. Zarath . S. 251 fgd. Vortreffliches hierüber von Spiegel, Ausland 1872. , denn ein solcher hat gegen die höchsten Gebote gefrevelt, und indem er drei Verbrechen beging, jene Gunst unseres Gesetzes verscherzt, die Demjenigen, welche nur einmal gesündigt, und sei er nichts als ein Sklave, das Leben zu schenken gebietet (Anm. 105) Herod. I. 137. .« »So ist Bartja des Todes schuldig! Führt ihn fort, ihr Wachen und erdrosselt ihn! Führt ihn fort! Schweig', Elender, ich will Deine gleisnerische Stimme nie mehr hören, nie mehr die lügnerische Auge sehen, welches Alles mit buhlerischen Blicken betrügt und den Diws seinen Ursprung verdankt. Fort, ihr Wachen!« Der Hauptmann Bischen nahte, um den Befehl zu vollstrecken; Krösus aber trat in diesem Augenblicke vor den König, warf sich, den Estrich mit der Stirn berührend, zu Boden, erhob die Hände und sprach: »Jedes Jahr, jeder Tag bringe Dir nichts als Glück, Auramazda spende Dir alle Lebensgüter und die Amescha çpenta (Anm. 106) Die Amescha çpenta (heilige Unsterbliche) sind den hebräischen Erzengeln vergleichbar. Dieselben umgeben den Thron Auramazda's und symbolisiren die höchsten Tugenden. Ihre Zahl wird später auf sechs fixirt. mögen die Wächter Deines Thrones sein! Verschließe Dein Ohr nicht der Rede des Alters und bedenke, daß Cyrus, Dein Vater, mich zu Deinem Rathgeber bestellte. Du willst Deinen Bruder umbringen; ich aber sage Dir, folge nicht Deinem Zorne, sondern suche Dich selbst zu beherrschen! Zu prüfen vor dem Handeln ist die Pflicht der Weisen und Könige. Hüte Dich, brüderliches Blut zu vergießen, denn wisse, daß seine Dämpfe ansteigen zum Himmel und zu Wolken werden, welche die Tage des Mörders verfinstern und endlich tausend Blitze der Rache auf ihn hernieder schleudern. Doch ich weiß, daß Du richten und nicht morden willst. Handle denn nach dem Brauche Derer, welche Recht sprechen und höre beide Theile, bevor Du urtheilst. Hast Du dies gethan, ist der Verbrecher überführt worden und geständig seiner Schuld, dann wird die Blutwolke Dein Dasein nicht mehr verfinstern, sondern Dich beschatten, und statt der Strafe der Götter wirst Du den Ruhm eines gerechten Richters gewinnen.« Kambyses hörte dem Greise schweigend zu, winkte Bischen zurückzutreten und befahl Boges, seine Klage zu wiederholen. Der Eunuch verneigte sich und begann: »Ich war krank und mußte darum die Aufsicht über die Aegypterin meinem Gefährten Kandaules, welcher seine Unachtsamkeit mit dem Tode büßte, überlassen. Gegen Abend befand ich mich wohler und bestieg die hängenden Gärten, um zu sehen, ob Alles in Ordnung sei und die seltene Blume in Augenschein zu nehmen, welche in dieser Nacht aufblühen sollte Der König, dem Auramazda Sieg verleihe, hatte befohlen, die Aegypterin strenger zu bewachen als sonst, weil sie sich unterfangen hatte, dem edlen Bartja einen Brief . . .« »Schweig',« unterbrach der König den Eunuchen, »und halte Dich bei der Sache.« »Als der Tistarstern gerade aufging, langte ich auf den Gärten an und verweilte eine Zeit lang mit diesen edlen Achämeniden, dem Oberpriester und dem Könige Krösus bei der blauen Lilie, denn sie war in der That von zauberhafter Schönheit. Dann rief ich meinem Genossen Kandaules und fragte ihn in Gegenwart dieser edlen Zeugen, ob Alles in Ordnung sei. Er bejahte dies und fügte hinzu, er komme eben von Nitetis, welche den ganzen Tag geweint und weder Trank noch Speise zu sich genommen habe. Ich, besorgt für das Wohlsein meiner hohen Gebieterin, trage Kandaules auf, einen Arzt zu holen, und will mich eben, um mich selbst von dem Befinden der Herrin zu überzeugen, von den edlen Achämeniden trennen, als ich im Mondenschein eine männliche Gestalt erkenne. Ich war so krank und schwach, daß ich kaum stehen konnte und hatte keine männliche Hülfe außer dem Gärtner bei mir. »Meine Untergebenen hielten, ziemlich weit von uns, an den Eingängen Wache. »Ich klatschte in die Hände, um einige von ihnen herbei zu rufen, und näherte mich, als sie nicht kamen, von diesen Edlen beschützt, dem Hause. Die männliche Gestalt stand vor den Fenstern der Aegypterin und stieß, als sie uns nahen hörte, einen leisen Pfiff aus. Alsogleich erschien, im hellen Mondlichte genau erkennbar, eine zweite Gestalt, welche aus dem Fenster des Schlafzimmers der Aegypterin in den Garten sprang und mit ihrem Begleiter uns entgegen kam. »Ich schalt meine Augen Lügner, als ich in dem Eindringlinge den edlen Bartja erkannte. Ein Feigengebüsch verbarg uns den Fliehenden; wir aber konnten sie, da sie kaum vier Schritte weit von uns vorüber gingen, ganz deutlich erkennen. Während ich mich noch bedenke, ob ich das Recht habe, einen Sohn des Cyrus zu verhaften, und Krösus Bartja anruft, verschwinden die Beiden plötzlich hinter einem Cypressenbaume. Wir folgten ihnen und suchten lange, aber vergeblich nach den in räthselhafter Weise Entkommenen. Nur Dein Bruder wird im Stande sein, uns die seltsame Art seines Verschwindens zu erklären. Die Aegypterin lag, als ich gleich darauf das Haus untersuchte, ohnmächtig auf dem Divan in ihrem Schlafzimmer.« Alle Anwesenden horchten in ängstlicher Spannung; Kambyses aber knirschte mit den Zähnen und fragte mit erregter Stimme: »Kannst Du die Worte des Eunuchen bezeugen, Hystaspes?« »Ja!« »Warum legtet ihr nicht Hand an den Frevler?« »Wir sind Krieger, aber keine Häscher.« »Oder besser, jener Bube ist euch lieber als euer König.« »Wir ehren Dich und verabscheuen den Verbrecher Bartja, wie wir den schuldlosen Sohn des Cyrus liebten.« »Habt ihr Bartja genau erkannt?« »Ja.« »Auch Du, Krösus, verneinest nicht meine Frage?« »Nein. Ich glaube Deinen Bruder im Mondscheine so deutlich, als er dort vor mir steht, gesehen zu habend doch mein' ich, daß uns irgend eine wunderbare Aehnlichkeit getäuscht haben muß.« Boges erblaßte bei diesen Worten; Kambyses aber schüttelte mißbilligend sein Haupt und sagte: »Wem dürfte ich glauben, wenn die Augen meiner bewährtesten Helden trügen könnten; wer möchte Richter sein, wenn Zeugnisse wie die euren keine Gültigkeit haben sollten?« »Andere eben so gültige Aussagen als die unseren, werden Dir beweisen, daß wir uns geirrt haben müssen.« »Wer wagt es für jenen Frevler Zeugniß abzulegen?« fragte Kambyses aufspringend und mit dem Fuße stampfend. »Wir, ich, wir!« riefen Araspes, Darius, Gyges und Zopyrus wie mit einer Stimme. »Verräther, Schurken!« schrie der König. Als aber seine Blicke den mahnenden Augen des Krösus begegneten, senkte er seine Stimme und rief: »Was habt ihr für den Frevler vorzubringen? Bedenket euch wohl, eh' ihr redet, und fürchtet die Strafe, welche des falschen Zeugnisses wartet.« »Wir bedürfen dieser Mahnung nicht,« sagte Araspes; »doch können wir beim Mithra beschwören, daß wir seit der Heimkehr von der Jagd Bartja und seinen Garten keinen Augenblick verlassen haben.« »Und,« fügte Darius hinzu, »ich, der Sohn des Hystaspes, kann die Unschuld Deines Bruders ganz besonders klar beweisen, denn ich beobachtete mit ihm den Tistarstern, welcher ja, nach der Aussage des Boges, seine Flucht beleuchtet haben soll.« Hystaspes sah nach diesen Worten staunend und fragend auf seinen Sohn; Kambyses schaute bald den einen, bald den andern Theil der Zeugen, welche sich gegenseitig zu glauben gewohnt waren und einander doch nicht glauben konnten, prüfend und unschlüssig an. Bartja, der bis dahin geschwiegen und schmerzlich auf die Ketten, welche seine Hände fesselten, geschaut hatte, benutzte das allgemeine Stillschweigen und sagte, sich tief verneigend: »Gestattest Du mir, einige Worte zu reden, mein König?« »Sprich!« »Unser Vater gab uns das Beispiel, nur dem Guten und Reinen nachzustreben; darum war mein Wandel bis dahin unbefleckt. Kannst Du mich einer einzigen finsteren Handlung zeihen, so glaube mir nicht; findest Du aber keinen Fehl an mir, so traue meinen Worten und bedenke, daß ein Sohn des Cyrus den Tod einer Lüge vorzieht. Ich gestehe, daß sich noch kein Richter in einer mißlicheren Lage befand als Du. Die Besten Deines Reiches zeugen gegen die Besten, der Freund gegen den Freund, der Vater gegen den Sohn. Ich aber sage Dir, daß, wenn ganz Persien seine Hand gegen Dich aufhöbe und Alle beschwören wollten, Kambyses habe Dies oder Jenes begangen, Du aber versichern würdest: ›Ich that es nicht,‹ ich, Bartja, das ganze Persien Lügen strafen und ausrufen würde: ›Ihr seid falsche Zeugen, denn viel eher wird das Meer Feuer auswerfen, als der Mund des Cyrussohnes mit Lügen umgehen!‹ Wir Beide sind so hoch geboren, daß Du nur gegen mich, Du aber allein gegen Dich selbst zu zeugen vermagst.« Kambyses sah nach diesen Worten weniger zornig auf seinen Bruder; dieser aber fuhr fort: »So beschwöre ich denn hiermit beim Mithra und allen reinen Geistern meine Unschuld. Wenn ich seit meiner Heimkehr auf den hängenden Gärten gewesen bin, wenn mein Mund Dich jetzt belügt, dann soll mein Leben vergehen und mein Geschlecht aussterben!« Bartja hatte diesen Eid mit so sicherer, überzeugender Stimme geleistet, daß Kambyses befahl, seine Ketten zu lösen. Dann sagte er nach kurzem Sinnen: »Ich will Dir glauben, denn ich vermag nicht, Dich für den verworfensten aller Menschen zu halten. Morgen wollen wir die Sternendeuter, Weissager und Priester befragen. Vielleicht vermögen sie die Wahrheit an den Tag zu bringen. Siehst Du ein Licht in dieser Finsterniß, Oropastes?« »Dein Knecht vermuthet, daß ein Diw die Gestalt des Bartja angenommen habe, um Deinen Bruder zu verderben und Deine königliche Seele mit dem Blute des Sohnes Deines Vaters zu beflecken.« Kambyses und alle Anwesenden nickten beifällig; ja Kambyses wollte eben seinem Bruder die Hand reichen, als ein Stabträger eintrat, welcher dem Könige ein Dolchmesser überreichte. Ein Eunuch hatte es unter dem Fenster des Schlafzimmers der Nitetis gefunden. Kambyses schaute die Waffe, deren kostbarer Griff von Rubinen und Türkisen wimmelte, prüfend an, erblaßte und warf den Dolch plötzlich so heftig vor die Füße seines Bruders, daß die Edelsteine aus ihrer Fassung fielen. »Dies ist Dein Dolch, Du Elender!« schrie er und brauste von neuem jähzornig auf. »Heute Morgen beim Jagen hast Du mit ihm dem Eber, den ich erlegte, den letzten Stoß gegeben. Auch Du, Krösus, mußt ihn kennen, denn mein Vater nahm ihn aus Deiner Schatzkammer zu Sardes. Jetzt bist Du überführt, Du Lügner und Betrüger! Die Diws brauchen keine Waffen, und Messer gleich diesem findet man nicht auf allen Wegen. Du faßt nach Deinem Gürtel? Du erbleichst? Dein Messer fehlt Dir?« »Es ist fort. Ich muß es verloren, und ein Feind von mir . . .« »Binde ihn, feßle ihn, Bischen! Führt den Verräther und die falschen Zeugen in den Kerker! Morgen werden sie erdrosselt! Tod ist die Strafe für den Meineid! Wenn sie entwischen, so fallen die Köpfe der Wächter. Kein Wort will ich hören; hinaus, ihr meineidigen Schurken. Du eilst auf die hängenden Gärten, Boges, und bringst die Aegypterin zu mir. Aber nein, ich will die Schlange nicht mehr sehen! Bald graut der Morgen. Zur Mittagszeit soll die Verrätherin durch die Stadt gepeitscht werden. Dann will ich . . .« Weiter konnte der König nicht sprechen, denn er sank, einem neuen epileptischen Krampfe verfallend, auf den marmornen Fußboden der Halle nieder. Während dieses Entsetzen erregenden Schauspiels trat die blinde Kassandane, geführt von dem greisen Feldherrn Megabyzus, in den Saal. Die Kunde des Geschehenen war in ihre einsamen Gemächer gedrungen; darum hatte sie sich, trotz der nächtlichen Stunde, aufgemacht, um die Wahrheit zu ergründen und ihren Sohn vor Uebereilungen zu warnen. Fest und unerschütterlich glaubte sie an die Unschuld Bartja's und der Nitetis, wenn sie sich das Vorgefallene auch nicht erklären konnte. Zu mehreren Malen hatte sie versucht, sich mit der Aegypterin in Verbindung zu setzen, aber es war ihr nicht gelungen; denn die Wächter hatten die Kühnheit gehabt, ihr, als sie endlich in eigener Person zu den hängenden Gärten kam, den Eintritt zu untersagen. Krösus eilte der hohen Frau entgegen, theilte ihr in schonender Weise das Vorgefallene mit, bestärkte sie in dem Glauben an die Unschuld der Angeklagten und führte sie zum Lager ihres Sohnes, des Königs. Die Krämpfe desselben dauerten diesmal nicht lange. Erschöpft und bleich lag er auf seinem goldenen Bette unter Decken von purpurner Seide. Neben ihm saß seine blinde Mutter, am Fußende des Lagers stand Krösus mit Oropastes, und im Hintergrunde des Zimmers beriethen sich vier Leibärzte (Anm. 107) Es ist natürlich, daß die Medizin von den das Leben so hoch schätzenden Persern besonders aufmerksam gepflegt worden ist. Plinius XXX. 1 behauptet sogar, daß die ganze Religion des Zoroaster auf Arzneikunde basirt sei. In der That finden sich in der Avesta viele medizinische Vorschriften. Der VII. Fargard des Vendidad enthält eine detaillirte Medizinal-Taxe. »Einen Priester heile der Arzt für einen frommen Segensspruch, den Herrn des Hauses für ein kleines Zugthier u. s. w., den Herrn einer Gegend um ein Viergespann von Ochsen. Wenn der Arzt zuerst die Frau eines Hauses heilt, so ist ein weiblicher Esel sein Lohn \&c. \&c.« In demselben Fargard lesen wir, daß der Arzt eine Art von Examen abzulegen hatte. Wenn er dreimal böse Menschen, an deren Körper er seine Kunst versuchen durfte, glücklich operirt hatte, so war er »fähig für immer«. Wenn er drei Böse, Dâevayaçna (Anbeter der Diws), zu Tode kurirte, »so war er unfähig zu heilen für immerdar«. Plinius zählt eine Menge wunderlicher Rezepte der Magier her. Als erste Eigenschaft des Thrita, eines großen Sagenhelden, der auch den Indern nicht fremd ist, nennt der Vendidad seine Heilkunde. XX. Farg. 11. , leise flüsternd, über den Zustand des Kranken. Kassandane ermahnte ihren Sohn mit sanften Worten, sich vor leidenschaftlichem Aufbrausen zu hüten und zu bedenken, wie traurige Folgen jeder Ausbruch des Zorns für seine Gesundheit haben könnte. »Du hast Recht, Mutter,« antwortete der König, bitter lächelnd. »Es wird nöthig sein,. daß ich Alles, was meinen Zorn erweckt, aus meinem Wege räume. Die Aegypterin muß sterben und mein verrätherischer Bruder seiner Buhlerin folgen!« Kassandane brauchte ihre ganze Beredsamkeit, um für die Unschuld der Verurteilten zu sprechen und den Zorn des Königs zu besänftigen; aber weder Bitten, noch Thränen, noch mütterlich mahnende Worte vermochten den Entschluß des Kambyses, sich von den Mördern seines Glücks und seiner Ruhe zu befreien, umzustoßen. Endlich unterbrach Kambyses die wehklagende Greisin und sagte: »Ich fühle mich tödtlich erschöpft und kann Dein Schluchzen und Deine Klagen nicht länger mit anhören. Die Schuld der Nitetis ist erwiesen. Ein Mann hat ihr Schlafzimmer nächtlicher Weile verlassen, und dieser Mann war kein Dieb, sondern der Schönste der Perser, an den sie sich gestern Abend einen Brief zu senden erfrechte.« »Kennst Du den Inhalt dieses Schreibens?« fragte Krösus und näherte sich dem Lager. »Nein; es war in griechischer Sprache geschrieben. Die Treulose wählt zu ihren frevelhaften Bestellungen Zeichen, welche niemand an diesem Hofe zu lesen vermag.« »Gestattest Du mir, daß ich Dir den Brief übersetze?« Kambyses deutete mit der Hand auf ein Kästchen von Elfenbein, in welchem das verhängnißvolle Schreiben lag und sagte: »Nimm und lies; verschweige mir aber kein Wort, denn morgen werde ich mir diesen Brief nochmals von einem der Kaufleute aus Sinope, die zu Babylon wohnen, vorlesen lassen.« Krösus athmete in neuer Hoffnung auf und nahm das Papier in die Hand. Als er es überlesen hatte, füllten sich seine Augen mit Thränen und seine Lippen murmelten: »Die Pandorasage ist dennoch wahr, und ich kann den Dichtern, welche die Weiber schmähen Siehe I. Theil Anmerkung 155 . , nicht mehr zürnen. Alle, alle sind falsch und treulos! O Kassandane, wie trügerisch sind die Götter. Sie schenken uns die Gabe des Alters; aber nur, um uns wie die Bäume, wenn der Winter naht, zu entblättern und uns zu zeigen, daß Alles, was wir für Gold hielten, Kupfer, und das, wovon wir Labung hofften, Gift sei!« Kassandane weinte laut auf und zerriß ihr kostbares Gewand; Kambyses aber ballte die Fäuste, als Krösus mit bewegter Stimme folgende Worte las: »Nitetis, Tochter des Amasis von Aegypten, an Bartja, den Sohn des großen Cyrus. »Ich habe Dir, aber Dir allein, etwas Wichtiges zu sagen. Morgen hoffe ich Dich vielleicht bei Deiner Mutter zu sprechen. Es liegt in Deiner Hand, ein armes, liebendes Herz zu trösten und ihm vor seinem Verlöschen einen glücklichen Augenblick zu gewähren. Ich habe Dir viel und Trauriges zu erzählen und wiederhole Dir, daß ich Dich bald sprechen muß.« Das verzweifelte Gelächter ihres Sohnes schnitt der Mutter in's Herz. Sie beugte sich über ihn und wollte sein Angesicht küssen; Kambyses aber wehrte ihren Liebkosungen und sagte: »Es ist eine zweifelhafte Ehre, zu Deinen Lieblingen zu gehören. Bartja hat sich von der Verrätherin nicht zweimal rufen lassen und sich mit falschen Schwüren entehrt. Seine Freunde, die Blüthe unserer Jugend, haben sich für ihn mit unauslöschlicher Schande bedeckt, und Deine geliebteste Tochter ist durch ihn . . . . Aber nein, Bartja hat an der Verderbniß dieses Unholds, der die Gestalt einer Peri trägt, keine Schuld. Aus Heuchelei, Lüge und Trug bestand ihr Leben; ihr Tod soll euch beweisen, daß ich zu strafen verstehe. Jetzt verlaßt mich, denn ich muß allein sein.« Kaum hatten sich die Anwesenden entfernt, als Kambyses aufsprang und wie ein Rasender umherlief, bis der heilige Vogel Parôdar Siehe Anmerkung 98 des II. Theils . den Tag erweckte. Als die Sonne aufgegangen war, legte er sich wiederum auf sein Lager und versank in einen der Erstarrung ähnlichen Schlaf. Während dieser Vorgänge saßen die jungen gefangenen Helden und der alte Araspes, nachdem Bartja dem Gyges einen Abschiedsbrief an Sappho diktirt hatte, zechend bei einander. »Laßt uns fröhlich sein,« rief Zopyrus, »denn ich glaube, daß es mit der Freude bald vorbei sein wird! Ich will nicht länger leben, wenn wir morgen früh nicht sammt und sonders todt sind. Schade, daß wir Menschen nur einen Hals haben; hätten wir zwei, so würde ich mehr als ein Goldstück für unser Leben verwetten.« »Zopyrus hat Recht,« fügte Araspes hinzu; »wir wollen fröhlich sein und die Augen aufhalten, denn sie werden sich bald genug auf immer schließen.« »Wer unschuldig wie wir in den Tod geht, hat keine Ursache zur Trauer,« sagte Gyges. »Füll' mir den Becher, Schenk!« »He, Bartja und Darius,« rief Zopyrus den Freunden zu, welche sich leise besprachen. »Habt ihr wieder Geheimnisse? Kommt her zu uns und nehmt den Becher! Ich habe mir, beim Mithra, niemals den Tod gewünscht, heute freu' ich mich aber auf den schwarzen Azis (Anm. 108) Ein böser Geist, der die Menschen tödtet. Vendid. XVIII. 45. »Zu mir möchte der von den Dävas geschaffene Azis kommen, welcher erscheint, um mich der Welt zu entreißen.« , denn er wird uns Alle auf einmal entführen. Zopyrus stirbt lieber mit seinen Freunden, als daß er ohne sie lebt!« »Vor allen Dingen,« sagte Darius, indem er sich mit Bartja zu den Trinkenden gesellte, »müssen wir uns das Vorgefallene zu erklären versuchen.« »Mir ist's gleich,« rief Zopyrus, »ob ich mit oder ohne Erklärung sterbe, wenn ich nur weiß, daß ich unschuldig bin und den Tod des falschen Zeugen nicht verdient habe! Schaff' uns goldene Pokale, Bischen; aus diesen schlechten, ehernen Bechern will mir der Wein nicht munden. Wenn auch Kambyses unseren Freunden und Vätern uns zu besuchen verbietet, so kann er doch nicht wollen, daß wir in unseren letzten Stunden Noth leiden!« »Nicht das geringere Metall des Gefäßes, sondern der Wermuthstropfen des Todes verbittert Dir den Trunk,« sagte Bartja. »Bei Leibe nicht,« rief Zopyrus; »ich hatte schon halb vergessen, daß das Erdrosseln zu tödten pflegt.« Nach diesen Worten stieß er Gyges an und flüstere ihm zu: »Sei doch heiter! Siehst Du denn nicht, daß Bartja der Abschied von der Erde schwer wird? Was sagtest Du, Darius?« »Ich meinte, es sei nicht anders möglich, als daß, wie Oropastes vermuthet, ein böser Diw Bartja's Gestalt angenommen und sich zu der Aegypterin begeben habe, um uns zu verderben.« »Thorheit, ich glaube nicht an solche Dinge!« »Erinnert ihr euch nicht an die Sage vom Könige Kawus, zu welchem gleichfalls ein Diw in der schönen Gestalt eines Sängers trat?« »Freilich,« rief Araspes. »Cyrus ließ sich diese Sage so oft beim Schmause vorsingen, daß ich sie auswendig weiß. Wollt ihr sie hören?« »Gern, gern, singe, laß hören!« riefen die Jünglinge. Araspes besann sich einen Augenblick, dann begann er halb sprechend, halb singend: Nun Kawus, statt des Vaters, König war, Und alle Welt ihm untertänig war, Nun er die Erde vor sich beben sah Und sich von Schätzen reich umgeben sah, Die Ketten sah, den Thron, die Perlenreih'n, Der Krone Gold und funkelndes Gestein, Die Thasirrosse stark von Bug und Weichen, Schien er sich auf der Erde ohne Gleichen, So einst in goldgeschmückter Rosenlaube Erlabt' er sich am süßen Saft der Traube; Zu einem Höfling unterdessen trat Ein Diw, in Sängertracht gehüllt, und bat Um Einlaß bei dem Schah. So hub er an: »Ich bin ein Sänger von Masenderan (Anm. 109) Mazenderan (wohl besser als das Masenderan bei Schack), ein Gau am Nordrande von Iran, wird in den Heldensagen zwar seiner Fruchtbarkeit wegen gepriesen, von der andern Seite aber ein Sitz der bösen Geister genannt. Heute noch ist der Gau Mazenderan mit einer fast tropischen Vegetation gesegnet, und die Großen von Mazenderan legen sich mit Stolz den Namen der »Diws« bei. Siehe Ritter, Erdkunde VIII. 426 fgd. ; Der Schah, wenn ihm genehm ist, mich zu hören, Mag Zutritt mir zu seinem Thron' gewähren.« Und Kawus spricht: »Man führ' ihn gleich herein! Er nehme Platz in meiner Sänger Reih'n!« – Da schlägt der Diw die Saiten, und dem schönen Masenderan läßt er ein Lied ertönen: »Wollt ihr das Lied von Masenderan hören?« »Singe, singe weiter!«         »Gepriesen sei mein Land Masenderan! Glück lache seine Au'n und Länder an, Wo in den Gärten stets die Rose blüht, Am Berghang Tulp' und Anemone blüht, Wo immer rein die Luft und grün das Land, Den ew'gen Lenz nicht Frost noch Hitze bannt, Wo stets die Nachtigall im Walde singt, Die Hindin an der Bergeshalde springt Und nie von ihrem muntern Laufe ruht; Wo Alles prangt in Duft und Farbengluth; Wo Rosenwasser in den Strömen fließt Und Wohlgerüche in die Seele gießt. Im Bahman, Ader, Ferwerdin und Di Blühn dort die Tulpen; sie verwelken nie; Der Rand der Bäche grünt das ganze Jahr, Die Falken sind beim Jagen immerdar; Das ganze Land, so weit es sich erstreckt, Ist mit Geschmeide, Seid' und Gold bedeckt; Die Priester sind dort goldbediademt, Die Großen tragen Gürtel, goldverbrämt; Ist Einem dort der Aufenthalt verweigert, So fehlt ihm, was sein Glück auf's Höchste steigert (Anm. 110) Diesen schönen Gesang haben wir dem Königsbuche des Firdusi entnommen und nach der trefflichen v. Schack'schen Uebersetzung, Berlin, W. Herz, wiedergegeben. Firdusi, geboren um 940 n. Chr., besang die älteste persische Geschichte in seinen unvergänglichen Epen. Jener Kai Kawus, der, von dem Diw verlockt, nach Mazenderan zog, gehörte zu der Familie der Kajaniden. welche nicht, wie einige Gelehrte wollten, mit den Achämeniden gleichgesetzt werden darf, sondern, wenn man sie nicht als rein mythische Personen betrachten will, jedenfalls früher regierte, als diese. Wir nahmen uns die Freiheit, einen so lange nach der Zeit unserer Geschichte lebenden Dichter redend einzuführen, weil sich die Gesänge desselben genau an die altpersische Tradition halten und ächt persisch sind. Außerdem finden wir unser Citat so dichterisch schön, daß wir dadurch unsere Leser mit dem Anachronismus versöhnen zu können hoffen. .« »Und Kai Kawus hörte auf die Worte des in Sängergestalt verwandelten Diw und zog nach Masenderan, und wurde dort von den Diws geschlagen und des Augenlichts beraubt.« »Aber,« fiel Darius ein, »Rustem, der große Held, kam und schlug den Erscheng und die anderen bösen Geister, und befreite die Gefangenen und machte die Blinden sehend, indem er ihnen das Blut der getödteten Diws in die Augen träufelte. Ebenso wird es uns ergehen, ihr Freunde! Wir, die Gefangenen, werden befreit und dem Kambyses und unseren verblendeten Vätern die Augen geöffnet werden, daß sie unsere Unschuld erkennen. Höre, Bischen, gehe, wenn wir dennoch getödtet werden sollten, zu den Magiern, den Chaldäern und dem Aegypter Nebenchari und sage ihnen, sie möchten nicht mehr nach den Sternen schauen, denn sie hätten dem Darius bewiesen, daß sie Lügner und Betrüger wären!« »Ich habe es immer gesagt,« unterbrach ihn Araspes, »daß nur die Träume zu weissagen verstehen. Eh' Abradat in der Schlacht vor Sardes fiel, sah die unvergleichliche Panthea im Traume, wie er von einem lydischen Pfeile durchbohrt wurde.« »Grausamer Mensch,« rief Zopyrus, »mußt Du uns erinnern, daß sich's schöner auf dem Schlachtfelde als mit zusammengeschnürtem Halse stirbt?!« »Hast Recht!« erwiederte der Alte; ich habe manchen Tod gesehen, der mir wünschenswerter vorkam als der unsere, ja selbst als das Leben. Ach, Kinder, es gab eine Zeit, in der es besser war als heut!« »Erzähle uns etwas aus jenen Tagen!« »Vertraue uns, warum Du niemals geheirathet hast! In der andern Welt wird Dir's nicht schaden, wenn wir Dein Geheimniß ausplaudern.« »Ich habe kein Geheimniß; denn das, was ihr erzählt haben wollt, kann euch jeder eurer Väter mittheilen. »So hört denn! »Als (Anm. 111) Die Geschichte von der Panthea, dem Abradat und Araspes bringt Xenophon, sehr griechisch gefärbt, in seiner Cyropädie. Er hat diese anmuthige Novelle wahrscheinlich selbst erfunden, um seinen Helden Cyrus zu feiern. Xenoph. Cyrop. V. ich jung war, spielte ich mit den Weibern, aber spottete der Liebe. Da wollt' es der Zufall, daß Panthea, die schönste aller Frauen in unsere Hände fiel. Cyrus machte mich, der sich rühmte, ein unverwundbares Herz zu haben, zu ihrem Wächter. Ich sah Panthea täglich, und, ja meine Freunde, und lernte, daß die Liebe stärker sei als unsere Willenskraft. Sie wies meine Bewerbungen ab, veranlaßte Cyrus, mich aus ihrer Nähe zu entfernen und ihren Gatten Abradat als Bundesgenossen aufzunehmen. Das treue edle Weib schmückte, als es zum Kampfe ging, ihren schönen Gatten mit all' ihrem Geschmeide und sagte ihm, daß er der Tugend des Cyrus, welcher sie, die Gefangene, wie eine Schwester behandelt hatte, nur durch aufopfernde Freundschaft und heldenmütige Tapferkeit danken könne. Abradat stimmte der Gattin bei, kämpfte wie ein Löwe für Cyrus und fiel. Bei seiner Leiche entleibte sich Panthea. Als ihre Diener dieß erfahren hatten, machten sie am Grabe der schönsten Herrin auch ihrem Leben ein Ende. Cyrus beweinte das edle Paar und ließ ihm einen Leichenstein errichten, den ihr heute noch bei Sardes sehen könnt. Auf demselben stehen die schlichten Worte: ›Der Panthea, dem Abradat und den treuesten aller Diener.‹ Seht, ihr Kinder, wer ein solches Weib geliebt hat, der kann wohl nimmer an eine andere denken!« Die jungen Helden hatten dem Greise schweigend zugehört, und blieben, als er schon längst zu erzählen aufgehört hatte, noch immer stumm. Endlich rief Bartja, seine Hände zum Himmel erhebend: »O großer Auramazda! Warum läßt Du mich nicht enden wie Abradat; warum müssen wir gleich Mördern eines schmählichen Todes sterben?« In diesem Augenblicke trat Krösus, von Peitschenträgern geleitet, mit gefesselten Händen in die Halle. Die Freunde eilten dem Greise entgegen und bestürmten ihn mit Fragen. Gyges warf sich an die Brust seines Vaters und Bartja näherte sich dem Lenker seiner Jugend mit geöffneten Armen. Die heiteren Züge des Greises waren streng und ernst und seine sonst so milden Augen düster, fast drohend. Mit einer kalten, gebieterischen Handbewegung wies er den Königssohn zurück und sagte mit zitternder, Schmerz und Vorwürfe athmender Stimme: »Laß meine Hand, verblendeter Knabe; Du bist nicht werth der Liebe, die ich Dir bis zu diesem Tage schenkte. Vierfach treulos hast Du Deinen Bruder betrogen, Deine Freunde hintergangen, das arme Kind, das in Naukratis auf Dich wartet, verrathen und das Herz der unglücklichen Tochter des Amasis vergiftet.« Anfänglich hörte Bartja gelassen zu; als aber Krösus das Wort »betrogen« aussprach, ballten sich seine Fäuste, und, wild mit dem Fuße stampfend, rief er aus: »Deine Jahre, Deine Schwäche und der Dank, den ich Dir schulde, schützen Dich, Greis, sonst würden diese Schmähreden Deine letzten gewesen sein!« Krösus hörte diesen Ausbruch gerechten Zornes gelassen an und sagte. »Kambyses und Du seid eines Blutes; dies beweist Dein thörichtes Toben. Es würde Dir besser stehen, wenn Du, Deine Frevelthaten bereuend, mich, Deinen Lehrer und Freund, um Verzeihung bitten, und nicht der unerhörtesten Schändlichkeit den Undank beigesellen wolltest.« Diese Worte lösten den Zorn des beleidigten Jünglings. Seine geballten Hände sanken kraftlos nieder und seine Wangen wurden todtenbleich. Diese vermeintlichen Zeichen der Reue milderten die Entrüstung des Greises. Seine Liebe war stark genug, um den schuldigen wie den unschuldigen Bartja zu umfassen und, seine Rechte mit beiden Händen fassend, fragte er ihn, wie ein Vater seinen Sohn fragt, den er auf dem Schlachtfelde verwundet antrifft: »Gestehe mir, Du armer verblendeter Knabe, wie war es möglich, daß Dein reines Herz dem Bösen so schnell anheimfallen konnte!« Bartja hörte diesen Worten schaudernd zu. Sein Angesicht röthete sich wieder, aber seine Seele erfüllte sich mit bitterem Weh. Zum Erstenmale verließ ihn der Glaube an die Gerechtigkeit der Götter. Er nannte sich das Schlachtopfer eines grausamen. unerbittlichen Geschicks, er empfand dasselbe, was das unschuldige, gehetzte Wild fühlen muß, wenn es zusammenbricht und das Nahen der Meute und der Jäger vernimmt. Seine zarte, kindliche Natur wußte nicht, wie sie diesen ersten ernsten Schicksalsschlägen entgegentreten sollte. Man hatte seinen Körper und seinen Muth irdischen Feinden gegenüber zu stählen gewußt; aber seine Erzieher hatten ihn eben so wenig als seinen Bruder gelehrt, die Schläge des Geschicks abzuwehren. Schienen Kambyses und Bartja doch bestimmt zu sein, nur aus der Schale des Glücks und der Freude zu trinken. Zopyrus konnte die Thränen seines Freundes nicht ansehen. Zürnend warf er dem Greise vor, daß er hart und ungerecht sei. Gyges schaute seinen Vater flehend an, Araspes stellte sich zwischen den tadelnden Greis und den gekränkten Jüngling; Darius aber trat mit ruhiger Ueberlegenheit, nachdem er eine Zeitlang alle Betheiligten still beobachtet hatte, Krösus gegenüber und sagte: »Ihr kränkt und beleidigt einander, ohne daß der Angeklagte zu wissen scheint, wessen man ihn bezüchtigt, ohne daß der Richter die Vertheidigung des Beschuldigten hört. Ich bitte Dich, Krösus, theile uns mit, um der Freundschaft willen, die uns bis heute verband, was Dich bewog, Bartja, an dessen Unschuld Du noch vor Kurzem glaubtest, so hart zu verurtheilen?« Der Greis folgte diesem Verlangen und erzählte, daß er einen eigenhändigen Brief der Aegypterin gelesen, in welchem sie den Jüngling zu einer geheimen Zusammenkunft auffordere. Seine eigenen Augen, das Zeugniß der ersten Männer im Reiche, ja selbst der vor dem Hause der Nitetis gefundene Dolch habe ihn nicht von der Schuld seines Lieblings überzeugen können; jener Brief aber sei gleich einer Brandfackel in sein Herz geflogen und habe den letzten Rest seines Glaubens an die Tugend und Reinheit des Weibes vernichtet. »Ich verließ den König,« so schloß er, »fest überzeugt von der frevelhaften Verbindung eures Freundes mit jener Aegypterin, deren Herz ich bis dahin für einen Spiegel alles Guten und Schönen gehalten hatte. Könnt ihr mir verargen, wenn ich Denjenigen tadle, welcher diesen klaren Spiegel und die nicht minder makellose Reinheit seiner eigenen Seele so schändlich befleckte?« »Wie soll ich Dir meine Unschuld beweisen?!« rief Bartja, die Hände ringend. »Wenn Du mich liebtest, so würdest Du meinen Worten glauben; wärest Du mir zugethan . . .« »Mein Knabe! Um Dein Leben zu retten, verwirkte ich, wenige Minuten ist es her, das meine. Als ich erfuhr, daß Kambyses euren Tod in der That befohlen hatte, eilte ich zu ihm, bestürmte ihn mit Bitten und vermaß mich, als mein Flehen nichts fruchtete, dem gereizten Manne bittere Vorwürfe zu machen. Da riß das dünne Gewebe seiner Geduld, und tobend befahl er den Trabanten, mein Haupt zu fällen. Der Peitschenträger-Oberst Giw verhaftete mich, schenkte mir aber bis morgen das Leben. Er ist mir verpflichtet und wird den Aufschub der Hinrichtung verheimlichen können. Ich freue mich, daß ich euch, meine Söhne, nicht zu überleben brauche und sterbe unschuldig neben euch, den Schuldigen.« Diese Worte erweckten einen neuen Sturm des Widerspruchs. Abermals blieb Darius dem allgemeinen Ungestüm gegenüber gemessen und ruhig. Er erzählte dem Greise von neuem den ganzen Verlauf des Abends, die Unmöglichkeit der Schuld des Bartja beweisend. Dann forderte er den der Treulosigkeit Angeklagten zum Reden auf. Bartja wies jedes Einverständniß mit Nitetis so kurz, schlagend und entschieden zurück und bekräftigte seine Aussagen mit einem so furchtbaren Eidschwure, daß die Ueberzeugung des Krösus erst zu schwanken, endlich zu schwinden begann und er, als Bartja seine Rede schloß, ihn hoch aufathmend, als habe man seine Brust von einer schweren Last befreit, in seine Arme schloß. So sehr sich die Freunde von nun an bemühten, das Vorgefallene zu erklären, so erfolglos blieb ihr Sinnen und Erwägen. Uebrigens waren Alle der festen Ansicht, Nitetis liebe Bartja und habe jenen Brief an ihn in schlimmer Absicht geschrieben. »Wer sie gesehen hat,« rief Darius aus, »als Kambyses den Tischgenossen mittheilte, Bartja habe sich ein Weib erwählt, der kann nicht an ihrer Leidenschaft für ihn zweifeln. Als sie den Becher fallen ließ, hörte ich schon den Vater der Phädime sagen, die Aegypterinnen schienen großen Antheil an den Herzensangelegenheiten ihrer Schwäger zu nehmen.« Während dieser Gespräche war die Sonne aufgegangen und schien hell und freundlich in die Wohnung der Gefangenen. »Mithra will uns das Scheiden schwer machen,« murmelte Bartja. »Nein,« erwiederte Krösus, »er leuchtet uns nur freundlich voran in die Ewigkeit« Neuntes Kapitel. Die unschuldige Urheberin all' dieser traurigen Verwicklungen, Nitetis, hatte seit dem Geburtstagsfeste des Königs unendlich traurige Stunden verlebt. Seit jenen harten Worten, mit denen Kambyses das arme Weib aus der Halle gewiesen, nachdem ihr unerklärliches Benehmen seine Eifersucht erweckt hatte, war nicht die geringste Kunde, weder von ihrem zornigen Geliebten, noch von seiner Mutter und Schwester zu ihr gelangt. Jeder Tag hatte sie seit ihrer Anwesenheit in Babylon mit Kassandane und Atossa vereint. Als sie sich zu denselben tragen lassen wollte, um ihnen ihr sonderbares Benehmen zu erklären, verbot ihr Kandaules, ihr neuer Wächter, in kurzen Warten, das Haus zu verlassen. Bis dahin glaubte sie. eine freimüthige Erzählung dessen, was sie dem letzten Briefe aus ihrer Heimath entnommen, werde all' diese Mißverständnisse aufklären. In Gedanken sah sie schon Kambyses, seine Heftigkeit und seine thörichte Eifersucht bereuend, ihr die Vergebung fordernde Hand entgegenstrecken. Endlich zog sogar eine gewisse Freudigkeit in ihre Seele, als sie eines Wortes gedachte, das sie einst aus dem Munde des Ibykus vernommen hatte. »Wie ein starker Mann heftiger als ein Schwächling vom Fieber erfaßt wird, so quält die Eifersucht ein kräftig liebendes Herz furchtbarer, als ein nur obenhin von der Leidenschaft ergriffenes.« Wenn der große Kenner der Liebe Recht hatte, so mußte Kambyses, dessen Eifersucht so schnell und furchtbar entflammt war, eine große Leidenschaft für sie empfinden. In diese Zuversicht mischten sich fortwährend trübe Gedanken an die Heimath und finstere Ahnungen, denen sie ihr Herz nicht verschließen konnte. Als die Mittagssonne glühend am Himmel brannte und noch immer keine Nachricht von Denen, die sie liebte, kam, wurde sie von einer fieberhaften Unruhe ergriffen, welche sich fort und fort steigerte, bis die Nacht hereinbrach. Als es dunkelte, trat Boges bei ihr ein und erzählte ihr mit bitterem Hohne, daß der König ihren Brief an Bartja besitze, und der Gärtnerknabe, welcher ihn überbringen sollte, hingerichtet worden sei. Die gemarterten Nerven der Königstochter vermochten diesem neuen Schlage nicht zu widerstehen. Ehe Boges sie verließ, trug er die Besinnungslose in ihr Schlafgemach und riegelte es sorglich zu. Wenige Minuten später entstiegen zwei Männer, ein Jüngling und ein Greis der Fallthüre, welche Boges vor zwei Tagen so aufmerksam geprüft hatte. Der Alte blieb, sich an die Wand des Hauses drängend, stehen, während der Jüngling einer an einem Fenster winkenden Hand folgte und sich mit einem Satze in das Zimmer schwang. Liebesworte und die Namen Gaumata und Mandane wurden leise geflüstert, Küsse gewechselt und Schwüre geleistet. Endlich klatschte der Alte in die Hände. Der Jüngling folgte sogleich diesem Winke, umarmte die Dienerin der Nitetis noch einmal, sprang wieder durch das Fenster in den Garten, eilte an den nahenden Bewunderern der blauen Lilie vorüber, schlüpfte mit seinem Begleiter in die offen gehaltene Fallthüre, schloß sie behutsam und verschwand. Mandane eilte schnell in das Zimmer, in welchem ihre Herrin des Abends zu verweilen pflegte. Sie kannte ihre Gewohnheiten und wußte, daß sie allabendlich beim Aufgang der Sterne an dem dem Euphrat zugekehrten Fenster zu sitzen und von dort aus, ohne jemals nach einer Dienerin zu verlangen, stundenlang in den Strom und die Ebene zu schauen pflegte. So hatte sie, ohne eine Entdeckung von dieser Seite zu befürchten und in dem Bewußtsein, von dem Eunuchenobersten selbst beschützt zu werden, ihren Geliebten ruhig erwarten können. Kaum hatte sie ihre bewußtlose Herrin gefunden, als sie vernahm, wie sich der Garten mit Menschen füllte, Männer- und Eunuchenstimmen durcheinander schrieen, und die Trompete ertönte, welche die Wächter herbeizurufen bestimmt war. Anfänglich zitterte sie in dem Gedanken, man habe ihren Geliebten entdeckt; als aber Boges erschien und ihr zuflüsterte: »Er ist glücklich entkommen!« befahl sie den Dienerinnen, welche aus dem Weibergemache, in das sie dieselben, ihres Stelldicheins wegen, verbannt hatte, schaarenweis herbeiströmten, die Gebieterin in ihre Schlafkammer zu tragen, und wendete alle Mittel an, um Nitetis in's Leben zurückzurufen. Diese hatte kaum die Augen geöffnet, als Boges in ihr Zimmer trat und zweien Eunuchen, die ihm folgten, befahl, die zarten Arme der Jungfrau mit Ketten zu belasten. Keines Wortes mächtig ließ Nitetis Alles über sich ergehen; ja sie fand keine Erwiederung, als ihr Boges, das Haus verlassend, zurief: »Laß' Dir's in Deinem Käfig wohlgefallen, mein gefangenes Vögelchen. So eben erzählt man Deinem Herrn, ein Königsmarder habe sich in seinem Taubenschlage vergnügt. Gehab' Dich wohl und denk' an den armen, geplagten Boges, wenn Dich bei dieser Hitze die feuchte Erde abkühlen wird. Ja, mein Täubchen, im Tode erkennt man seine wahren Freunde, darum will ich Dich in keinem Sacke von grobem Leinenzeuge, sondern in einem Tuche von zarter Seide vergraben lassen! Lebe wohl, mein Herzblatt!« Das schwergeprüfte Weib hörte diese Worte bebend an und bat Mandane, nachdem sich der Eunuch entfernt hatte, um Aufklärung über das Vorgefallene. Die Zofe erzählte ihr, dem Rathe des Eunuchen folgend, Bartja habe sich in die hängenden Gärten geschlichen und sei, als er eben ein Fenster ersteigen wollte, von mehreren Achämeniden gesehen worden. Man habe Kambyses den Verrath seines Bruders mitgetheilt und fürchte Alles von der Eifersucht des Königs. Das leichtsinnige Mädchen vergoß bei dieser Erzählung reichliche Thränen bitterer Reue, welche ihrer Herrin wohlthaten, weil sie dieselben für Zeugen aufrichtiger Liebe und Theilnahme hielt. Verzweifelnd schaute Nitetis, als Mandane schwieg, auf ihre Ketten und bedurfte langer Zeit, um sich in ihre furchtbare Lage zu finden. Dann überlas sie den Brief aus der Heimath noch einmal, schrieb auf einen Zettel die kurzen Worte: »Ich bin unschuldig«, befahl der schluchzenden Dienerin, beide nach ihrem Tode der Mutter des Königs zu übergeben und durchwachte eine unendlich lange Nacht. In ihrem Salbenkästchen befand sich ein Mittel zur Verschönerung der Haut, welches, wie sie wußte, den Tod herbeiführte, wenn man es in größerer Menge genoß. Dieses Gift ließ sie sich bringen und beschloß mit ruhiger Ueberlegung sich, wenn der Henker nahen sollte, mit eigener Hand den Tod zu geben. Von nun an freute sie sich auf ihre letzte Stunde und sagte sich. »Er tödtet Dich zwar; aber er tödtet Dich aus Liebe.« Dann kam ihr der Gedanke, ihm einen Brief zu schreiben und ihm in demselben die ganze Fülle ihrer Liebe zu gestehen. Er sollte dies Schreiben erst nach ihrem Tode erhalten, damit er nicht glauben möge, sie habe es, um ihr Leben zu retten, geschrieben. Die Hoffnung, der unbeugsame Starke könnte diese letzten Grüße vielleicht mit seinen Thränen benetzen, erfüllte ihre Seele mit einer schmerzlichen Wollust. Trotz ihrer schweren Ketten schrieb sie dann folgende Worte. »Kambyses wird dieses Schreiben erst, wenn ich nicht mehr sein werde, erhalten. Es soll meinem Gebieter sagen, daß ich ihn heißer liebe als die Götter, die Welt, ja als mein eigenes junges Leben. Kassandane und Atossa sollen sich meiner freundlich erinnern! Aus dem Briefe meiner Mutter werden sie ersehen, daß ich unschuldig bin und Bartja nur um meiner armen Schwester willen zu sprechen begehrte. Boges hat mir gesagt, mein Tod sei beschlossen. Wenn der Henker naht, so werde ich meinem Leben ein Ende machen. Ich begehe ein Verbrechen an mir selbst, um Dich, Kambyses, vor einer schimpflichen That zu bewahren.« Dieses Schreiben übergab sie sammt dem Briefe ihrer Mutter der weinenden Mandane mit der Bitte, beide dem Kambyses, wenn sie nicht mehr sein sollte, zuzustellen. Dann warf sie sich nieder und flehte zu den Göttern ihrer Heimath, indem sie dieselben wegen ihrer Abtrünnigkeit um Verzeihung bat. Als Mandane sie ermahnte, ihrer Schwäche zu gedenken und sich niederzulegen, sagte sie: »Ich brauche nicht zu schlafen, denn ich habe ja nur noch kurze Zeit zu wachen!« Je länger sie betete und ägyptische Hymnen sang, desto inniger wandte sie sich wiederum den Göttern ihrer Heimath zu, welche sie nach so kurzem Kampfe verleugnet hatte. Fast alle Gebete, die sie kannte, bezogen sich auf das Leben nach dem Tode. Im Reiche des Osiris, in der Unterwelt, woselbst die zweiundvierzig Todtenrichter den Werth oder Unwerth der Seele nach der Wägung der Göttin der Wahrheit und des Himmelsschreibers Thoth beurtheilen sollten, durfte sie ihre Lieben wiederzusehen hoffen, wenn ihre ungerechtfertigte Seele nicht die Wanderung durch die Leiber der Thiere antreten mußte, wenn ihr Körper, der Seelenträger, erhalten bleiben würde (Anm. 112) Ueber das Dogma der Aegypter, welches die Wohlfahrt der Seele von der Erhaltung des Leibes abhängig machte, und ihre Ansichten von dem Fortleben nach dem Tode I. Th. A. 121 . Hier sei noch erwähnt, daß, da der Verstorbene in der Unterwelt den Gebrauch seiner Glieder, des Mundes, des Herzens, der Füße und Hände wieder erhält (Todtenb. K. 21–30), diese erhalten bleiben mußten, denn was dem Leibe fehlte, das fehlte dem Schemen, seinem Abbilde. Jedenfalls haben sie es verstanden, den Unsterblichkeitsgedanken nach allen Seiten hin auszubeuten. Wie die Sonne in der Nacht nicht stirbt, sondern nur die Unterwelt beleuchtet, so ist auch der verstorbene Aegypter nicht todt; seine ewige Seele beginnt vielmehr nach dem Abschiede von der Erde erst recht zu leben. Sie geht in die Unterwelt, um dort entweder gerechtfertigt zu werden, und dann im reinen Richte des Ostens, der Seligkeit theilhaftig, in dem Gefilde Anlu oder Alu wohlbewässerte Felder zu besäen und mühelos abzuernten, bis sie reif ist, als ein Theil der Weltseele in Osiris aufzugehen, oder nach furchtbaren Qualen in dem höllischen Purgatorium aus der Unterwelt gepeitscht zu werden und ihre Wanderung durch die Thierleiber anzutreten. So sehen wir an verschiedenen Stellen, wie die verdammte Seele in Gestalt einer Sau aus dem Hades hinausgepeitscht wird. Nach dieser Wanderung darf sie, gereinigt und gesühnt, sich endlich mit Osiris vereinen oder muß nochmals den Reinigungsweg antreten. Pythagoras hat seine Lehre von der Seelenwanderung den Aegyptern entlehnt. Plato entkleidet sie so zart, wie nur er es vermochte, ihres körperlichen Gewandes und übertrug sie in das Reich des Geistes. Die Seelenwanderung bei den Aegyptern hatte übrigens keinesfalls gleiche Bedeutung wie bei den Indern. Ueber die Dauer der Wanderung und die Phönixperiode siehe Lepsius, Chronologie S. 181. . Dies »wenn« erfüllte sie mit fieberhafter Unruhe. Die Lehre, daß das Wohl der Seele an die Erhaltung des zurückbleibenden irdischen Theils des Ich geknüpft sei, war ihr von Kindheit an eingeprägt worden. Sie glaubte an diesen Wahn, der Pyramiden gethürmt und Felsen ausgehöhlt hatte, und erbebte, als sie daran dachte, daß ihr Leichnam, nach persischer Sitte, den Hunden, Raubvögeln und zerstörenden Mächten preisgegeben und ihrer Seele somit jede Hoffnung auf das ewige Leben geraubt werden würde. Da kam ihr der Gedanke, den alten Göttern nochmals untreu zu werden und sich vor den neuen Geistern des Lichts niederzuwerfen. Diese gaben den abgestorbenen Leib den Elementen, aus denen er bestand, zurück und prüften nur die Seele des Verstorbenen. Als sie aber ihre Hände zur großen Sonne erhob, die soeben mit ihren goldenen Strahlenschwertern die im Euphratthale wallenden Nebel besiegte, als sie den Mithra in neu erlernten Liedern zu preisen beginnen wollte, da versagte ihr die Stimme, und statt des Mithra sah sie in dem Gestirn des Tages den Gott, den sie in Aegypten so oftmals gelobt hatte, den großen Ra, und statt des Hymnus der Magier sang sie das Lied, mit dem die ägyptischen Priester die Morgensonne zu begrüßen pflegten: »Der großen Gottheit eure Kniee beugt, Dem Kind des Himmels, dem erhab'nen Ra, Ihm, der aus eigner Urkraft sich erzeugt, Den, frisch erneut, ein jeder Morgen sah. Dir schalle Ruhm, der Du im Himmelsmeer, Gedeihen spendend, wallest durch das Blau; Du schufest Alles, Alles rings umher, So weit sich wölbt die hohe Himmelsau. Du bist der Wächter, dessen milder Strahl Den Reinen Allen süßes Leben bringt; Dir schalle Ruhm; und wenn im Himmelsthal Dein heller Pfad sich durch die Blaue schlingt, So beben alle Götter, die Dir nah, Vor süßer Wonne, Kind des Himmels, Ra (Anm. 113) Nach einer Grabinschrift im berliner Museum, zuerst behandelt von E. de Rougé. In der Zeitschrift der deutsch-morgenländischen Gesellschaft IV. 375. In deutsche Verse gebracht vom Verfasser. !« Reicher Trost zog mit diesem Sange in ihr Herz. Mit thränenfeuchten Augen schaute sie, ihrer Kindheit gedenkend, dem jungen Lichte, dessen Strahlen ihre Augen noch nicht blendeten, entgegen. Dann sah sie hernieder in die Ebene. Da floß, dem Nile ähnlich, der Euphrat mit seinen gelblichen Wellen. Zahlreiche Dörfer schauten, wie in ihrer Heimath, aus üppigen Saatfeldern und Feigengebüschen hervor. Gen Westen dehnte sich meilenweit der Thiergarten des Königs mit seinen hohen Cypressen und Nußbäumen. Auf allen Blättern und Halmen schimmerte der Morgenthau, und in den Büschen des Gartens, den sie bewohnte, ließen zahllose Vögel ihre lieblichen Stimmen vernehmen. Jetzt erhob sich ein leiser Lufthauch, trug süße Rosendüfte zu ihr hin und spielte mit den Wipfeln der Palmen, die sich am Ufer des Stromes und auf allen Aeckern rings umher, in zahllosen Mengen, schlank und zierlich erhoben. Ostmals hatte sie diese schönen Bäume bewundert und sie mit Tänzerinnen verglichen, wenn der Sturm ihre schweren Kronen erfaßte und ihre schlanken Stämme bald hierhin bald dorthin beugte. Wie häufig hatte sie sich gesagt, hier müsse die Heimath des Phönix Siehe Anmerkung 117 des I. Theils . , des Vogels aus dem Palmenlande sein, der, wie die Priester erzählten, alle 500 Jahre zu dem Tempel des Ra nach Heliopolis kam, woselbst er sich in heiligen Weihrauchflammen verbrannte, um schöner zu erstehen aus seiner Asche und nach drei Tagen in seine östliche Heimath zurückzufliegen. Und während sie dieses Vogels gedachte und gleich ihm aus der Asche des Unglücks zu neuem, schönerem Glücke zu erstehen wünschte, da flog von den Cypressen her, welche die Wohnung Dessen verbargen, den sie liebte und der sie so elend gemacht hatte, ein großer Vogel mit glänzendem Gefieder auf, schwang sich höher und höher und ließ sich endlich auf einer Palme dicht vor ihrem Fenster nieder. Einen gleichen Vogel hatte sie noch nie gesehen, und es konnte auch kein gewöhnlicher Vogel sein, denn ein goldenes Kettlein hing an seinem Fuße, und sein Schweif bestand nicht aus Federn, sondern, wie sie meinte, aus Sonnenstrahlen. Dies war Benno Im Altägyptischen hieß der Phönix Benno. Ueber ihn und seinen Kult zu Heliopolis außer in Note 117 d. I. Th. und 112 d. II. Th. bei Lepsius Chron. S. 180 fgd. und Brugsch geogr. Inschr. I. S. 258. , der Vogel des Ra! Andächtig fiel sie von neuem auf die Kniee nieder und sang das alte Phönixlied, indem sie von dem strahlenden Luftbewohner keinen Blick verwandte: ›Hoch über den Häuptern der Menschen daher Durchschneidet mein Fittig das Aethermeer. Der Schöpfer, der mächtige, hat mich gemacht; Ich gleiche ihm selber an glänzender Pracht. Nun bin ich so lieblich, so köstlich zu schauen Wie Kronen der Blumen aus blühenden Auen. Doch strahl' ich auch glänzend im herrlichsten Licht, Geheim ist mein Wesen, du kennest es nicht; Ich aber kenn' Alles, was wird und geschah, Ich bin ja die Seele des ewigen Ra (Anm. 114) In ganz freier Uebertragung nach den ersten Sätzen des 83. Kapitels des Todtenbuchs in deutsche Verse gebracht vom Verfasser. Das betreffende Kapitel führt als Vignette das Bild eines Phönix und heißt »das Kapitel von der Verwandlung in den Bennuvogel«. In der That werden die Seelen in Phönix und anderen Vogelgestalten dargestellt. Der Bennu ist als Seele des Weltgeistes zu betrachten und mit diesem, als dessen Ausfluß und Theil sie angesehen wird, vereint sich die Menschenseele nach dem irdischen Tode, indem sie doch eine gewisse Individualität beibehält. Natürlich nur, wenn sie gerecht befunden ward und alle Vorbereitungsstadien durchlaufen hat. .‹ Der Vogel lauschte, das mit wallenden Federn verzierte Köpfchen neugierigklug hin- und herwendend, auf diesen Gesang und flog fort, sobald er beendet war. Nitetis schaute dem vermeinten Phönix, einem Paradiesvogel, der das Kettchen, welches ihn an einen Baum im Thiergarten gefesselt, zerrissen hatte, freundlich nach. Eine wunderbare Zuversicht auf Rettung zog in ihr Herz, denn sie meinte, der Gott Ra habe ihr den Vogel zugesandt, dessen Gestalt sie als seliger Geist annehmen sollte. So lange man wünscht und hofft, kann man viel Unglück ertragen; kommt das Glück nicht, so verlängert sich die Erwartung, und mit ihr die Süßigkeit, welche ihrem Wesen innewohnt. Diese Stimmung ist sich selbst genug und enthält eine Art Genuß, der die Stelle der Wirklichkeit vertreten kann. Mit neuer Hoffnung legte sich Nitetis, ermattet wie sie war, auf den Diwan nieder und versank bald gegen ihren Willen, ohne das Gift berührt zu haben, in einen tiefen, traumlosen Schlaf. Den Unglücklichen, welche die Nacht durchweinen, pflegt die aufgehende Sonne tröstend in's Herz zu scheinen, während sie den Schuldigen, die das Dunkel aufsuchen, mit ihrem reinen Lichte eine unwillkommene Erscheinung zu sein pflegt. Indessen Nitetis schlief, wachte Mandane, gequält von furchtbaren Gewissensbissen. Wie gern würde sie die Sonne, welche der gütigsten Herrin durch ihre Schuld den Tod bringen sollte, zurückgehalten und von nun an in ewiger Nacht gelebt haben, wenn sie dadurch vermocht hätte, ihre gestrigen Thaten ungeschehen zu machen. Das gute aber leichtsinnige Geschöpf wurde nicht müde, sich eine ruchlose Mörderin zu nennen. Hundertmal nahm sie sich vor, Alles der Wahrheit gemäß zu gestehen und Nitetis zu retten; aber jedesmal siegten Lebenslust und Furcht über die guten Regungen ihres schwachen Herzens. Wenn sie gestand, so war sie des Todes gewiß, und sie fühlte sich so ganz für das Leben geschaffen, ihr graute so sehr vor dem Grabe, sie hoffte so viel von der Zukunft! Hätte sie nur ewige Gefangenschaft zu befürchten gehabt, so würde sie vielleicht die volle Wahrheit enthüllt haben; sterben aber, sterben konnte sie nicht! Und war denn die Verurtheilte überhaupt durch ein Geständniß zu retten? Hatte sie denn nicht selbst eine Botschaft derselben durch den unglücklichen Gärtnerknaben an Bartja bestellen müssen? Dieser geheime Briefwechsel war entdeckt worden, und darum wäre Nitetis wohl auch ohne ihr Zuthun verloren gewesen! Wir sind niemals geschickter, als wenn es gilt, das Unrecht, welches wir begehen, vor uns selbst zu beschönigen. Mandane kniete, als die Sonne aufging, vor dem Lager ihrer Herrin, weinte bitterlich und begriff nicht den ruhigen Schlaf derselben. Auch Boges, der Eunuch, hatte eine schlaflose, aber glückliche Nacht verlebt. Sein Stellvertreter und Amtsgenosse Kandaules, den er haßte, war seiner Nachlässigkeit, ja vielleicht Bestechlichkeit wegen, auf Befehl des Königs sofort hingerichtet worden, und Nitetis war nicht nur gestürzt, um vielleicht später wieder erhoben zu werden, sondern vielmehr zu einem schimpflichen Tode verurteilt worden, der sie für immer unschädlich machen sollte. Auch der Einfluß der Mutter des Königs hatte einen harten Stoß erlitten. Endlich schmeichelte ihm das Bewußtsein seiner Ueberlegenheit und der geschickten Durchführung seines schwierigen Unternehmens ebenso sehr, als ihn die Hoffnung, bald wieder durch seinen Liebling Phädime der allmächtige Günstling von früher zu werden, beglückte. Das über Krösus und die jungen Helden verhängte Todesurtheil war ihm gleichfalls erwünscht, denn wenn sie am Leben blieben, so war eine Entdeckung seiner Ränke nicht unmöglich. Der Morgen graute schon, als er das Gemach des Königs verließ, um sich zu Phädime zu begeben. Die stolze Perserin war noch nicht zur Ruhe gegangen. Sie erwartete in fieberhafter Ungeduld den Eunuchen, denn schon war das Gerücht von dem Vorgefallenen in das Weiberhaus und zu ihr gedrungen. Sie lag, nur mit einem leichten seidenen Hemde und gelben, von Türkisen und Perlen strotzenden Pantoffeln bekleidet, von zwanzig Dienerinnen umgeben, auf dem purpurnen Diwan ihres Putzzimmers. Sobald sie Boges nahen hörte, schickte sie die Sklavinnen fort, sprang auf, lief ihm entgegen und überschwemmte ihn mit einer Fluth von zusammenhangslosen Fragen, welche sämmtlich ihre Feindin Nitetis betrafen. »Gemach, mein Täubchen,« sagte Boges, seine fleischige Hand auf ihre Schulter legend. »Gemach! Wenn Du Dich nicht bequemen kannst, mäuschenstill und ohne Fragen meinem Berichte zuzuhören, so erfährst Du heute kein Sterbenswort. Ja, meine goldene Königin, ich habe Dir so viel zu erzählen, daß ich erst morgen fertig werden würde, wenn Du mich nach Herzenslust unterbrechen dürftest. Ach, mein Lämmchen, ich habe heut' noch so viel zu thun! Da gibt es erstens einem ägyptischen Eselsritte beizuwohnen, zweitens einer ägyptischen Hinrichtung zuzusehen . . . aber ich greife meiner Geschichte vor und will von Anfang an erzählen. Weinen, lachen, schreien darfst Du vor Freude, so viel Du willst; das Fragen bleibt Dir aber verwehrt, bis ich fertig bin. Diese Liebkosung hab' ich wohl verdient! So, jetzt lieg' ich gut und kann anfangen: Es lebte in Persien ein großer König, der viele Weiber hatte, von denen er Phädime am meisten liebte und vor allen anderen auszeichnete. Da gefiel es ihm eines Tages, um die Hand der Tochter des Amasis von Ägypten zu werben. So schickte er denn eine große Gesandtschaft mit seinem eigenen Bruder als Freiwerber nach Sais . . .« »Torheiten!« rief Phädime ungeduldig; »ich will wissen, was sich heut ereignet hat.« »Geduld, Geduld, mein ungestümer Wind des Ader . Wenn Du mich noch einmal unterbrichst, so geh' ich fort und erzähle den Bäumen meine Geschichte. Gönne mir doch die Freude, meine Erfolge zum andern Male zu durchleben. Während ich erzähle, befinde ich mich so wohl wie ein Bildhauer, der den Hammer aus der Hand gelegt hat und sein eben vollendetes Werk betrachtet.« »Nein, nein,« unterbrach ihn Phädime abermals, »ich kann jetzt nicht hören, was ich schon lange weiß. Ich sterbe vor Ungeduld. Seit vielen Stunden warte ich hier in fieberhafter Spannung. Jedes neue Gerücht, das sich Dienerinnen und Eunuchen zu mir zu bringen beeilten, steigerte meine Ungeduld. Ich bin im Fieber und kann nicht länger warten. Verlange von mir, was Du willst, aber befreie mich aus dieser entsetzlichen Spannung. Später will ich Dir, wenn Du mich bittest, Tage lang zuhören!« Boges lächelte vergnüglich und sagte, sich die Hände reibend: »Schon als Kind hab' ich kein schöneres Vergnügen gekannt, als einem an der Angel zappelnden Fischlein zuzusehen; jetzt hängst Du, der schönste aller Goldkarpfen, an meinem Seile; darum kann ich Dich nicht eher loslassen, als bis ich mich zur Genüge an Deiner Ungeduld geweidet habe.« Phädime sprang nun von dem Lager auf, das sie mit Boges getheilt hatte, stampfte mit den Füßen und geberdete sich wie ein ungezogenes Kind. Dem Eunuchen schien dieß Betragen große Freude zu machen, denn er rieb sich immer lustiger die Hände, lachte, daß ihm helle Thränen über die fleischigen Wangen liefen, und leerte viele Becher Weins auf das Wohl der gefolterten Schönen, ehe er also zu erzählen begann: »Es war mir nicht entgangen, daß Kambyses seinen Bruder Bartja, der die Aegypterin hierher gebracht hatte, aus Eifersucht und keinem andern Grunde gegen die Tapuren schickte. Das hochmüthige Weib, dem ich nichts zu befehlen haben sollte, schien mir aber so wenig nach dem schönen Blondkopfe zu fragen wie ein Jude nach Schweinefleisch oder ein Aegypter nach weißen Bohnen (Anm. 115) Die Aegypter durften keine Bohnen essen, wahrscheinlich wegen ihrer blähenden Eigenschaft. Cicero, de Div. I. 30. Herod. II. 37. Plut., Isis u. Osir. 9. Pythagoras entlehnte dies Verbot den Aegyptern. Nach Diodor I. 89 hätte es sich nur auf einen Theil der Aegypter bezogen, denn einige enthielten sich der Linsen, andere der Bohnen \&c. Heute fehlen Bohnen, von denen sich die Armen fast ausschließlich nähren, selten bei den Mahlzeiten der Aegypter. Im Papyr. Ebers kommen sie unter den Medikamenten vor. . Dennoch beschloß ich die Eifersucht des Königs zu nähren und vermittelst derselben die Unverschämte, der es zu gelingen schien, uns Beide aus der Gunst des Herrschers zu verdrängen, unschädlich zu machen. Lange suchte ich vergeblich nach einem tauglichen Plane. »Als endlich das Neujahrsfest kam Im März, bei der Frühlings-Tag- und Nachtgleiche. , versammelten sich alle Priester des Reichs zu Babylon. Acht Tage lang war die Stadt voller Jubel, Schmausereien und Gelage. Auch am Hofe ging es hoch her, und ich hatte wenig Zeit an meine Pläne zu denken. Da führten mir die gütigen Amescha çpenta Siehe Anmerkung 106 des II. Theils . , als ich gerade am allerwenigsten auf Erfolge hoffen durfte, einen Jüngling in den Weg, den Angramainjus selbst für meine Pläne geschafft zu haben schien. Gaumata, der Bruder des Oropastes, war nach Babylon gekommen, um dem großen Neujahrsopfer beizuwohnen. Als ich den Jüngling zum Erstenmale bei seinem Bruder, den ich im Auftrage des Königs besuchen mußte, sah, vermeinte ich ein Gespenst zu erblicken, so vollkommen glich er dem Bartja. Nachdem ich mein Geschäft mit Oropastes beendet hatte, begleitete mich der Knabe bis zu meinem Wagen. Ich ließ nichts von meinem Erstaunen merken, überhäufte ihn mit Freundlichkeit und bat ihn, mich zu besuchen. Am selben Abende klopfte er bei mir an. Ich ließ den besten Wein auftragen, nöthigte ihn zum trinken und erfuhr abermals, daß die beste Eigenschaft des Rebensaftes die ist, selbst den Schweigsamen plauderhaft zu machen. Der Jüngling bekannte mir in seinem Rausche, er sei nicht nur um des Opfers, sondern vielmehr um eines Mädchens willen nach Babylon gekommen, das bei der Aegypterin als oberste Dienerin verweile. Er liebe sie, so erzählte er, seit seiner Kindheit; sein ehrgeiziger Bruder aber wolle höher mit ihm hinaus und habe der schönen Mandane, um sie von ihm zu trennen, eine Stelle bei der neuen Gattin des Königs verschafft. Endlich bat er mich, ihm eine Unterredung mit seiner Liebsten zu verschaffen. Ich hörte ihm freundlich zu, machte aber Schwierigkeiten und ersuchte ihn schließlich, am folgenden Tage von neuem bei mir anzufragen. Er kam. Ich sagte, daß sich etwas thun ließe, wenn er sich entschließen wolle, meinen Anordnungen blindlings zu gehorchen. Willig ging er auf Alles ein, reiste auf mein Geheiß nach Rhagae zurück und kam erst vorgestern heimlich nach Babylon, woselbst ich ihn in meiner Wohnung verborgen hielt. Bartja war indessen wiedergekommen. Jetzt galt es, die Eifersucht des Königs von neuem zu erregen und die Aegypterin auf einen Schlag zu verderben. Durch Deine Erniedrigung erweckte ich den Groll Deiner Verwandten gegen unsere Feindin und bereitete Alles zu meinem Unternehmen vor. Das Schicksal war mir besonders hold. Du weißt, wie Nitetis sich beim Geburtstagsschmause benahm, aber es ist Dir unbekannt, daß sie am selben Abend einen Gärtnerburschen mit einem Briefe an Bartja in die Königsburg sandte. Der ungeschickte Bote ließ sich erwischen und wurde in derselben Nacht auf Befehl des wüthenden Königs hingerichtet; ich aber sorgte dafür, daß Nitetis so abgeschnitten von jeder Verbindung mit ihren Freunden blieb, als wohne sie im Neste der Simurg (Anm. 116) Die Simurg ist der persische Wundervogel, welcher mit dem Vogel Rock oder Greif zu vergleichen ist. In ihrem Neste wurde Sal, der Vater des Rustem, auferzogen. Sie wird nicht nur groß und stark, sondern auch »weise« genannt. Siehe Firdusi, Königsbuch, Sal. . Das Andere weißt Du.« »Aber wie entkam Gaumata?« »Durch eine nur mir bekannte Fallthür, die den Fliehenden weit geöffnet erwartete. Alles ging vortrefflich; ja es war mir sogar gelungen; ein Dolchmesser des Bartja, das er auf der Jagd verloren hatte, zu erlangen und es unter das Fenster der Nitetis zu legen. Um den Prinzen zu entfernen und ihn zu hindern, während der Zeit dieser Vorgänge mit dem Könige oder anderen gewichtigen Zeugen zusammen zu kommen, hatte ich den griechischen Kaufmann Koläus, der gegenwärtig milesische Tuche zu Babylon feil hält und der mir jeden Gefallen thut, weil ich den ganzen Bedarf an wollenen Stoffen für das Weiberhaus von ihm entnehme, gebeten, mir einen Brief in griechischer Sprache zu schreiben, der Bartja im Namen seiner Liebsten, Sappho heißt sie, aufforderte, sich ganz allein zur Zeit des Aufgangs des Tistarsterns bei dem ersten vor dem Euphratthore gelegenen Stationshause einzufinden. Mit diesem Briefe hatt' ich aber Unglück, denn der Bote, welcher ihm denselben übergeben sollte, richtete seine Bestellung ungeschickt aus. Zwar betheuerte er, das Schreiben Bartja selbst übergeben zu haben; es unterliegt aber keinem Zweifel, daß er es einem Fremden, wahrscheinlich dem Gaumata, einhändigte. Ich war nicht wenig erschreckt, als ich erfuhr, Bartja sei am Abend mit seinen Freunden beim Weine vereint gewesen. Doch, das Geschehene war nicht rückgängig zu machen und Zeugen wie Dein Vater, Hystaspes, Krösus und Intaphernes wogen die Aussagen des Darius, Gyges und Araspes reichlich auf. Hier zeugte man gegen, dort für den Freund. Schließlich ging doch noch Alles gut. Die jungen Herren sind zum Tode verurtheilt, und Krösus, welcher sich, wie immer, dem Könige unverschämte Dinge zu sagen erfrechte, wird schon sein letztes Stündlein hinter sich haben. In Bezug auf die Aegypterin hat der oberste Schreiber soeben folgendes Schriftstück aufsetzen müssen. Höre, mein Täubchen, und freue Dich! »›Die ehebrecherische Tochter des Königs von Aegypten, Nitetis, soll zur Strafe für ihre Schandthaten nach der Strenge des Gesetzes gerichtet werden, und zwar also. Man setze sie rittlings auf einen Esel und führe sie durch die Straßen der Stadt, damit das Volk von Babylon sehe, daß Kambyses die Tochter eines Königs eben so streng zu züchtigen weiß, als seine Richter die geringste Bettlerin bestrafen. Wenn die Sonne untergegangen ist, soll die Ruchlose lebendig vergraben werden. – Dieser Befehl wird dem Eunuchen-Obersten Boges zur Ausführung übergeben. Der Oberste der Schreiber Ariabignes im Auftrage des Königs Kambyses.‹ »Kaum hatte ich diese Zeilen in meinen Aermel gesteckt, als sich die Mutter des Königs mit zerrissenen Kleidern, von Atossa geführt, in die Halle drängte. – Da gab es viel Heulen, Geschrei, Vorwürfe, Flüche, Bitten und Beschwörungen; der König blieb aber standhaft, und ich glaube, daß Kassandane und Atossa dem Krösus und Bartja in die andere Welt nachgesandt worden wären, wenn nicht die Scheu vor der Seele seines Vaters den wutschnaubenden Sohn abgehalten hätte, seine Hand an die Wittwe des Cyrus zu legen. – Für Nitetis sprach Kassandane übrigens kein Wort. Sie scheint von ihrer Schuld eben so fest überzeugt zu sein als Du und ich. Den verliebten Gaumata brauchen wir auch nicht mehr zu fürchten. Ich habe drei Männer gemiethet, welche ihm, ehe er nach Rhagae kommt, ein kühles Bad in den Wogen des Euphrat verschaffen sollen! Die Fische und Würmer werden lustige Tage haben, ha, ha!« Phädime stimmte in dieses Gelächter ein, überschüttete den Eunuchen mit Schmeichelnamen, welche sie ihm abgelernt hatte, und hängte ihm mit ihren vollen Armen eine schwere, von Edelsteinen strotzende Kette als Zeichen ihrer Dankbarkeit um den fleischigen Hals. Zehntes Kapitel. Die Nachricht von dem Vorgefallenen und zu Erwartenden erfüllte, ehe die Sonne die Mittagshöhe erreicht hatte, ganz Babylon. Die Straßen wimmelten von Menschen, welche dem seltsamen Schauspiele, das die Bestrafung der treulosen Gattin des Königs abzugeben versprach, mit Ungeduld entgegen sahen. Die Peitschenträger mußten ihr ganzes Ansehen brauchen, um den Andrang der Gaffer zurückzuhalten. Als sich später das Gerücht von der bevorstehenden Hinrichtung des Bartja und seiner Freunde verbreitete, nahm der Jubel des Volks, welches, von dem am Geburtstagsfeste des Königs und den ihm folgenden Tagen freigebig gespendeten Palmenweine berauscht, seine Aufregung nicht zu zügeln vermochte, eine andere Gestalt an. Trunkene Männer rotteten sich zusammen und durchzogen die Straßen mit dem Rufe: »Bartja, der gute Sohn des Cyrus, soll getödtet werden!« Die Frauen vernahmen diese Worte in ihren stillen Gemächern, entflohen den Wärtern und eilten, den gewohnten Schleier vergessend, hinaus in's Freie, um den empörten Männern heulend zu folgen. Die Freude, eine besonders glückliche Schwester gedemüthigt zu sehen, schwand vor dem Schmerze über die nahe Hinrichtung des geliebten Jünglings. Männer, Weiber, Kinder tobten, schrieen, fluchten und feuerten einander zu immer heftiger werdenden Zornesausbrüchen an. Alle Werkstätten leerten sich, die Kaufleute schlossen ihre Gewölbe und die Schulbuben und Dienstleute, denen der Geburtstag des Königs acht freie Tage zu geben pflegte, benutzten ihre Unabhängigkeit, um am lautesten zu schreien und, oftmals ohne zu wissen, um was es sich handele, zu klagen und zu heulen. Endlich wurde das Getümmel so groß, daß die Peitschenträger nicht mehr zur Herstellung der Ruhe genügten, und eine Abtheilung der Leibwache, um die Straßen zu säubern, aufmarschiren mußte. Sobald sich die glänzenden Rüstungen und langen Lanzen zeigten, wich das Volk zurück, besetzte die Nebengassen und sammelte sich, sobald die Soldaten vorüber waren, zu neuen Haufen. Am sogenannten Thore des Bel, in welches die nach Westen führende Landstraße mündete, war das Gedränge am größten, denn es hieß, daß die Ägypterin zu diesem Thore, durch welches sie in Babylon eingezogen, schimpflich hinausgeführt werden solle. So war denn auch an dieser Stelle eine besonders zahlreiche Schaar von Peitschenträgern aufgestellt worden, der es oblag, den durch das Thor ziehenden Wanderern Platz zu machen. Uebrigens begaben sich heute nur Wenige aus der Stadt hinaus, denn die Neugier war stärker als der Drang der Geschäfte oder die Lust, sich im Freien zu ergehen. Diejenigen aber, welche von auswärts kamen, verweilten fast Alle bei dem Thore, als sie vernahmen, welches Schauspiel der dort versammelten Menge geboten werden sollte. Schon stand die Sonne hoch am Himmel, und es fehlten nur noch wenige Stunden an der zum Eselsritte der Nitetis festgesetzten Tageszeit, als sich ein Reisezug in großer Schnelligkeit dem Thore näherte. Erst kam eine sogenannte Harmamaxa Bd. II. S. 1. Anmerkung. , welche von vier Pferden gezogen wurde, dann ein zweirädriger Karren, endlich ein mit Maulthieren bespannter Lastwagen. In ersterem Fuhrwerke saß ein schöner, stattlicher Mann von etwa fünfzig Jahren, in persischer Hoftracht und ein Greis in langen, weißen Gewändern, während mehrere Sklaven in schlichten Hemden, und breitkrämpige Filzhüte auf den kurz geschorenen Haaren tragend, den Karren inne hatten. Neben dem letzteren ritt ein älterer Mann in persischer Dienertracht. Der Lenker des ersten Gespanns hatte große Mühe, sich für seine mit Quasten und Glöckchen behängten Pferde einen Weg durch die Volksmenge zu bahnen. Dicht vor dem Thore mußte er anhalten und einige Peitschenträger herbeirufen. »Mach' uns Platz!« schrie er einem Hauptmanne der Sicherheitswächter zu, welcher sich mit seinen Leuten dem Fuhrwerk näherte; »die königliche Post hat keine Zeit zu verlieren, und ich fahre einen vornehmen Herrn, der Dich jede Minute Aufschub büßen lassen wird!« »Gemach, mein Sohn,« gab der Hauptmann zurück. »Du siehst, daß es heute leichter ist, aus Babylon heraus, als hinein zu kommen. Wen fährst Du?« »Einen vornehmen Herrn, der einen Freipaß des Königs besitzt. Schnell, mach' uns Platz!« »Hm, das Gefolge sieht eben nicht königlich aus!« »Was geht's Dich an? Der Freipaß . . .« »Ich muß ihn sehen, eh' ich euch in die Stadt lasse!« Diese Worte richtete er halb an die Reisenden, welche er aufmerksam und mißtrauisch anschaute, halb an den Kutscher. Während der persisch gekleidete Mann in dem Aermel seines Gewandes nach dem Freipasse suchte, wandte sich der Peitschenträger einem sich nähernden Kameraden zu, zeigte auf das spärliche Gefolge des Reisenden und sagte: »Hast Du je solchen wunderlichen Aufzug gesehen? Ich will nicht Giw heißen, wenn hinter diesen Ankömmlingen nichts Besonderes steckt. Der unterste Teppichbreiter des Königs reist ja mit viermal größerem Gefolge, als dieser Mensch, der einen Freipaß führt und die Kleider eines Tischgenossen trägt!« Jetzt streckte ihm der Beargwohnte ein zusammengerolltes, nach Moschus duftendes Seidenröllchen (Anm. 117) Nach Firdusi: »Nun schrieb er einen Brief auf seid'nem Stoff, Der ganz von Moschus, Wein und Ambra troff. entgegen, auf dem das Siegel des Königs und einige Schriftzeichen zu sehen waren. Der Peitschenträger ergriff es und prüfte das Siegel »Es ist richtig,« murmelte er. Dann begann er die Buchstaben anzublicken. Kaum hatte er die ersten derselben entziffert, als er den Reisenden scharf und immer schärfer anschaute und mit dem Rufe: »Herbei ihr Leute, umstellt den Wagen; dieser Mann ist ein Betrüger!« den Pferden in die Zügel fiel. Nachdem er sich überzeugt hatte, daß kein Entrinnen möglich war, näherte er sich wieder dem Fremden und sagte: »Du führst einen Freipaß, der Dir nicht zugehört. Gyges, der Sohn des Krösus, für den Du Dich ausgibst, sitzt im Gefängniß und soll noch heute hingerichtet werden. Du hast keine Aehnlichkeit mit ihm und wirst es bereuen, Dich für den Sohn des Krösus ausgegeben zu haben. Steige aus und folge mir.« Der Reisende leistete diesem Befehle keinen Gehorsam; sondern bat den Hauptmann in gebrochenem Persisch, sich vielmehr zu ihm in den Wagen zu setzen, weil er ihm wichtige Dinge anzuvertrauen habe. Der Beamte zauderte einen Augenblick; als er aber sah, daß eine neue Schaar von Peitschenträgern heranrückte, winkte er ihnen, vor den ungeduldig stampfenden Pferden stehen zu bleiben, und stieg in die Harmamaxa. Der Fremde schaute den Hauptmann lächelnd an und fragte ihn: »Seh' ich aus wie ein Betrüger?« »Nein, denn wenn Deine Sprache auch verräth, daß Du kein Perser bist, so hast Du doch das Ansehen eines Edlen.« »Ich bin ein Hellene und hierher gekommen, um Kambyses einen großen Dienst zu leisten. Der Freipaß des Gyges, der mein Freund ist, wurde mir von ihm, als er in Ägypten war, für den Fall, daß ich nach Persien kommen sollte, geliehen. Ich bin bereit, mich vor dem Könige zu rechtfertigen, und habe nichts zu fürchten, wohl aber für Nachrichten, die ich bringe, große Gunst zu erwarten. Laß mich, wenn dies Deine Pflicht erfordert, ungesäumt zu Krösus führen; dieser wird Bürgschaft für mich leisten und Dir Deine Leute, deren Du heut zu bedürfen scheinst, wiederschicken. Vertheile diese Goldstücke unter ihnen und erzähle mir sogleich, was mein armer Freund Gyges verbrochen hat, und was dies Menschengewimmel und Getümmel bedeutet.« Der Fremde hatte zwar in schlechtem Persisch, aber mit so überlegener Würde und so fester Sicherheit gesprochen, auch war seine Gabe so reich gewesen, daß der an Unterwürfigkeit gewöhnte Despotendiener einem Fürsten gegenüber zu sitzen glaubte, seine Arme ehrerbietig kreuzte und, seiner vielen Geschäfte entschuldigend gedenkend, in fliegenden Worten zu erzählen begann. Er hatte in der vergangenen Nacht während des Verhörs in der großen Halle Wache gestanden und konnte darum dem Fremden das Vorgefallene mit ziemlicher Genauigkeit berichten. Der Grieche folgte dem Erzähler in großer Spannung und schüttelte häufig, namentlich aber, als von der Treulosigkeit der Amasis-Tochter und des Cyrus-Sohnes die Rede war, ungläubig das schöne Haupt. Die verhängten Todesurtheile, besonders das des Krösus, schienen ihn tief zu ergreifen; aber schnell verschwand das Bedauern aus seinen lebhaften Zügen, um tiefem Nachdenken und bald darauf einer Freude Platz zu machen, welche errathen ließ, daß sein Sinnen mit schönem Erfolge gekrönt worden sei. Auf einmal wich seine ernste Würde von ihm. Munter auflachend und mit der Hand seine hohe Stirn fröhlich schlagend, ergriff er mit der Linken die Hand des erstaunten Hauptmanns, drückte sie und fragte: »Würdest Du Dich freuen, wenn Bartja gerettet werden könnte?« »Unaussprechlich!« »Wohl, dann bürg' ich dafür, daß Du wenigstens zwei Talente 3000 Thaler. erhältst, wenn Du mir die Möglichkeit verschaffst, den König zu sprechen, ehe das erste der Todesurtheile vollstreckt worden ist.« »Aber, wie könnte ich, ein armer Hauptmann –« »Du mußt, Du mußt!« »Ich kann nicht!« »Ich weiß wohl, daß es für einen Fremden schwer, beinahe unmöglich ist, eine Unterredung mit eurem Herrscher zu erlangen; meine Botschaft duldet aber keinen Aufschub, denn ich vermag die Unschuld Bartja's und seiner Freunde zu beweisen. Hörst Du, dies vermag ich. Glaubst Du nun, daß Du mir den Zutritt verschaffen mußt?« »Aber wie wär' es möglich?« »Frage nicht, sondern handle! – Sagtest Du nicht, Darius gehöre mit zu den Verurtheilten?« »Ja.« »Ich hörte, sein Vater sei ein hoch angesehener Mann.« »Er ist der Erste im Reiche nach den Kindern des Cyrus.« »So führe mich sofort zu ihm. Er wird mich freundlich empfangen, wenn er erfährt, daß ich seinen Sohn zu retten vermag.« »Wunderbarer Fremdling, aus Deinen Worten spricht so viel Zuversicht, daß ich . . .« »Daß Du mir glauben darfst! Schnell, schnell, schaff' uns Leute, welche das Gedränge zertheilen und uns zum Palaste begleiten können!« Außer dem Zweifel gibt es nichts, was sich geschwinder mittheilt, als die Hoffnung auf die Erfüllung eines ersehnten Wunsches, zumal wenn sie uns durch einen wahrhaft Zuversichtlichen eröffnet wird. Der Peitschenträgerhauptmann glaubte dem seltsamen Reisenden, sprang, seine Geißel schwingend, aus dem Wagen und rief seinen Untergebenen zu: »Dieser edle Herr ist gekommen, um Bartja's Unschuld zu beweisen und muß sogleich zum Könige geführt werden. Folgt mir, Freunde, und macht ihm Platz!« In diesem Augenblicke erschien ein Zug berittener Leibgardisten. Der Hauptmann eilte ihrem Befehlshaber entgegen und bat ihn, unterstützt von dem Zurufe der Menge, den Fremden zum Palaste zu begleiten. Indessen schwang sich der Reisende auf das Pferd seines Dieners und folgte den ihm Bahn brechenden Persern. Schnell wie der Wind durchflog die hoffnungsvolle Kunde die Riesenstadt. Je weiter die Reiter kamen, desto williger öffneten sich die Volkshaufen, desto brausender wurde der Jubel der Menge, desto ähnlicher der Ritt des Fremden einem Triumphzuge. Nach wenigen Minuten hielten die Reiter an der Pforte des Palastes. Noch hatten sich ihnen die ehernen Thore nicht geöffnet, als ein zweiter Zug erschien, an dessen Spitze der greise Hystaspes in braunen, zerrissenen Trauerkleidern auf einem blau gefärbten Rosse, dessen Schweif und Mähne abgeschoren war, langsam daherritt (Anm. 118) Nach der Trauer um Iredsch. Firdusi, Königsbuch, übersetzt von Schack I. S. 132. Das braune Trauergewand nach Rosenmüller. Das alte und neue Morgenland I. S. 179. . Er war gekommen, um den König um Gnade für seinen Sohn zu bitten. Kaum erblickte der Peitschenträgerhauptmann den edlen Greis, als er laut aufjubelte, sich vor seinem Rosse niederwarf und ihm mit gekreuzten Armen mittheilte, welche Hoffnung jener Fremde in ihm erweckt habe. Hystaspes winkte dem Reisenden, der sich auf seinem Rosse anmuthsvoll vor ihm verneigte, und ließ sich von ihm die Aussage des Peitschenträgers bestätigen. Auch er gewann von nun an neue Zuversicht, bat den Fremden, ihm zu folgen, führte ihn in den Palast und ersuchte den obersten Stabträger, ihn zum Könige zu führen, während er dem Griechen befahl, an der Pforte des königlichen Gemachs zu verweilen. Kambyses lag, als sein greiser Verwandter das Zimmer betrat, bleich wie der Tod auf seinem Purpurdiwan. Zu seinen Füßen kniete ein Mundschenk, welcher sich bemühte, die Scherben eines kostbaren ägyptischen Glasgefässes aufzulesen, das ihm der König, weil ihm der in ihm dargereichte Trank nicht mundete, ungeduldig vor die Füße geworfen hatte. Eine große Zahl von Hofbeamten umgab in ziemlicher Entfernung den gereizten Gebieter. Man sah einem Jeden an, daß er den Zorn des Herrschers fürchte und sich so weit als möglich von ihm zurückzuziehen wünsche. Lautlose Stille erfüllte den weiten Raum, durch dessen offene Fenster das blendende Licht und die drückende Hitze des babylonischen Maitages zog. Ein großer Hund von edler epirotischer Rasse war der Einzige, der es wagte, das tiefe Schweigen mit wimmerndem Geheul zu unterbrechen. Kambyses hatte das schmeichelnde Thier mit einem gewaltigen Fußtritte zurückgestoßen. Ehe der Stabträger Hystaspes einführte, sprang der König von seinem Lager auf. Er konnte die träge Ruhe nicht mehr aushalten; sein Schmerz und Zorn drohten ihn zu ersticken. Das Geheul des Hundes erweckte einen schnellen Gedanken in seinem abgemarterten, nach Vergessenheit lechzenden Gehirn. »Zur Jagd!« schrie er, sich auf die Füße stellend, den zusammenschreckenden Höflingen zu. Die Jägermeister, Stallmeister und der oberste Hüter des Hundezwingers eilten, dem Befehl ihres Herrn zu gehorchen. Dieser rief ihnen nach: »Ich will den ungezähmten Hengst Reksch (Anm. 119) So hieß auch der berühmte Hengst des Rustem. Der Name bedeutet »Blitz«. besteigen. Rüstet die Falken, laßt alle Hunde los, entbietet Jeden, der den Speer zu führen versteht! Wir wollen den Thiergarten aufräumen!« Nun legte er sich, als hätten diese Worte seinen gewaltigen Körper gänzlich erschöpft, von neuem auf den Diwan nieder. Er bemerkte den eingetretenen Hystaspes nicht, denn seine finsteren Blicke folgten unablässig den Sonnenstäubchen, welche in dem durch das Fenster dringenden Lichte muntere Spiele trieben. Der Vater des Darius wagte den Gereizten nicht anzureden; er stellte sich aber in das Fenster, zertheilte die flatternden Keime und zog in dieser Weise den Blick des Königs auf sich. Kambyses schaute ihn und seine zerrissenen Gewänder erst grollend, dann bitter lächelnd an und fragte: »Was willst Du?« »Sieg dem Könige! Dein armer Diener und Oheim ist gekommen, um die Gnade seines Herrschers anzurufen!« »Steh' auf und geh'! Du weißt, daß ich für Meineidige und falsche Zeugen keine Gnade kenne. Es ist besser, einen todten als einen ehrlosen Sohn zu haben.« »Wenn Bartja aber unschuldig wäre und Darius –« »Du wagst es, mein Urtheil anzufechten?« »Das sei ferne von mir. Was der König thut, ist gut und duldet keinen Widerspruch: doch –« »Schweig'! Ich will nicht, daß man diese finsteren Missethaten von neuem berühre. Du bist beklagenswerth als Vater; aber auch mir haben die letzten Stunden keine Freuden gebracht. Ich bejammere Dich, Greis; doch ich darf die Strafe Deines Sohnes so wenig zurücknehmen, als Du sein Verbrechen ungeschehen machen kannst.« »Aber wenn Bartja dennoch unschuldig wäre, wenn die Götter . . .« »Meinst Du, daß die Himmlischen Betrüger und Meineidige unterstützen?« »Nein, mein König! Aber ein neuer Zeuge ist erschienen, der . . .« »Ein neuer Zeuge? Wahrlich, ich möchte gern mein halbes Reich hingeben, wenn ich mich von der Unschuld vieler meinem Hause so nahe stehender Menschen überzeugen könnte!« »Sieg meinem Herrscher, dem Auge des Reichs! Draußen harrt ein Hellene, der, nach seiner Gestalt und Haltung zu urtheilen, einer der Edelsten seines Stammes zu sein scheint. Er behauptet, die Unschuld Bartja's beweisen zu können.« Der König lachte bitter auf und rief: »Ein Hellene?! Vielleicht ein Verwandter der Schönen, die Bartja so treulich liebte? Was will dieser Fremdling von den Angelegenheiten meines Hauses wissen? Aber ich kenne diese jonischen Hungerleider! Frech und schamlos mischen sie sich in Alles, und glauben mit ihrer Schlauheit und ihren Ränken bethören zu können! Wie viel hast Du für den neuen Zeugen bezahlt, mein Oheim? Den Griechen geht eine Lüge so leicht von den Lippen wie den Magiern ein Segensspruch, und ich weiß recht gut, daß sie mit Gold für Alles zu gewinnen sind. Ich bin neugierig, Deinen Zeugen zu sehen. Ruf' ihn! Wenn er mich belügen will, so mag er jedoch bleiben, wo er ist, und bedenken, daß es, wo das Haupt eines Cyrus-Sohnes fällt, auf tausend Griechenköpfe nicht ankommen kann!« – Bei diesen Worten flammte das Auge des Königs zornig auf; Hystaspes aber ließ den Hellenen rufen. Ehe derselbe in die Halle trat, banden ihm die Stabträger ein Tuch vor den Mund und befahlen ihm, sich vor dem Könige niederzuwerfen. Der Grieche ging dem Herrscher, welcher ihn durchdringend anblickte, mit edlem Anstand entgegen und warf sich vor ihm, die Erde küssend, nach persischer Sitte nieder. Das anmuthige Wesen und die schöne Gestalt des Fremden, der seinen Blick ruhig und bescheiden ertragen hatte, schienen dem Könige zu behagen, denn er ließ ihn nicht lange am Boden liegen und fragte ihn nicht eben unfreundlich: »Wer bist Du?« »Ich bin ein hellenischer Edler. Mein Name ist Phanes, meine Heimath Athen. Zehn Jahre lang habe ich als Kriegsoberster und Befehlshaber der griechischen Söldner des Amasis nicht ohne Ruhm gedient.« »Bist Du Derselbe, dessen geschickter Führung die Aegypter ihre Siege auf Cypern verdanken?« »Der bin ich.« »Was führt Dich nach Persien?« »Der Glanz Deines Namens, o Kambyses, und die Sehnsucht, mein Schwert und meine Erfahrungen Deinem Dienste zu weihen.« »Weiter nichts? Sei aufrichtig und bedenke, daß Dir eine einzige Lüge das Leben kosten kann. Wir Perser haben andere Begriffe von Wahrhaftigkeit als ihr Hellenen!« »Auch mir ist die Lüge verhaßt, und wäre es nur, weil sie mir als eine Verzerrung und Verkümmerung des Natürlichen, das ist des Wahren, unschön erscheint.« »So sprich!« »Freilich trieb mich noch ein Drittes nach Persien, das ich Dir aber später mittheilen möchte. Dies Dritte betrifft etwas ungemein Wichtiges, zu dessen Besprechung wir langer Zeit bedürfen; heute aber –« »Gerade heute werd' ich gern etwas Neues hören. Begleite mich auf die Jagd! Du kommst mir wie gerufen, denn niemals hab' ich einer Zerstreuung nöthiger bedurft als eben jetzt.« »Ich werde Dich gern begleiten, wenn Du –« »Man stellt dem Könige keine Bedingungen! Bist Du im Jagen geübt?« »Ich habe manchen Löwen der libyschen Wüste erlegt.« »So komm' und folge mir!« Der König schien im Gedanken an die Jagd seine Erschlaffung abgeschüttelt zu haben und wollte die Halle verlassen, als sich Hystaspes von neuem ihm zu Füßen warf und mit erhobenen Händen ausrief: »Soll mein Sohn, soll Dein Bruder unschuldig sterben? Bei der Seele Deines Vaters, der mich seinen treuesten Freund zu nennen pflegte, beschwöre ich Dich, diesen edlen Fremdling anzuhören!« Kambyses blieb stehen. Seine Stirn umzog sich mit neuen Falten, seine Stimme klang drohend und seine Augen sprühten Blitze, als er dem Griechen, die Hand gegen ihn erhebend, zurief: »Sage, was Du weißt; bedenke aber, daß Du mit jedem unwahren Worte Dein eigenes Todesurtheil aussprichst!« Phanes hörte ihn ruhig an und sagte, indem er sich anmuthsvoll verneigte. »Der Sonne und meinem Könige kann nichts verborgen bleiben. Wie vermöchte ein armer Sterblicher so Gewaltigen die Wahrheit zu verschließen? Der edle Hystaspes sagt, ich vermöge die Unschuld Deines Bruders sicher zu beweisen; ich aber kann nur hoffen und wünschen, daß mir so Großes und Schönes gelingen möge. Jedenfalls haben mich die Götter eine Spur auffinden lassen, welche wohl geeignet scheint, ein neues Licht auf die gestrigen Vorgänge zu werfen. Beurtheile selbst, ob ich allzu kühn gehofft und allzu schnellen Verdacht geschöpft habe; bedenke aber stets, daß mein Wille, Dir zu dienen, redlich und mein Irrthum, wenn ich mich täuschte, verzeihlich war; bedenke, daß es nichts Gewisses auf der Welt gibt und daß ein Jeder eben das, was er für das Wahrscheinlichste hält, untrüglich zu nennen pflegt.« »Du sprichst gut und erinnerst mich durch Deine Worte an . . . Verwünscht! Rede und mach's kurz! Im Hofe bellen die Hunde!« »Ich befand mich noch in Aegypten, als Deine Gesandtschaft dorthin kam, um Nitetis nach Persien zu holen. Im Hause meiner trefflichen, vielberühmten Landsmännin und Freundin Rhodopis wurde ich mit Krösus und seinem Sohne bekannt, während ich Deinen Bruder und seine Freunde nur flüchtig zu sehen bekam. Trotzdem erinnerte ich mich des schönen Angesichts des königlichen Jünglings gar wohl, denn als ich später zu Samos die Werkstätte des großen Bildhauers Theodorus besuchte, erkannte ich seine Züge wieder –« »Trafst Du mit ihm auf Samos zusammen?« »Nein! Theodorus hatte aber das Haupt eines Sonnengottes, der von den Alkmäoniden für den neuen Tempel zu Delphi bei ihm bestellt war, mit den Zügen Deines Bruders, welche sich seinem Gedächtnisse getreulich eingeprägt hatten, geschmückt.« »Deine Erzählung fängt wenig glaubhaft an. Wie wäre es möglich, ein Angesicht, das man nicht vor sich hat, so ähnlich nachzubilden?« »Theodorus hat dies Meisterwerk vollbracht und wird Dir gern, wenn Du seine Kunstfertigkeit erproben willst, ein zweites Bild Deines Bruders –« »Ich verlange nicht darnach. Erzähle weiter!« »Auf meiner Reise hierher, die ich, Dank den vortrefflichen Einrichtungen Deines Vaters, in unglaublich kurzer Zeit, bei jeder vierten Meile die Pferde wechselnd, zurücklegte . . .« »Wer gestattete Dir, als Fremden, die Benutzung der Postpferde?« »Der für den Sohn des Krösus ausgestellte Freipaß, welcher zufällig in meinen Besitz kam, als mich Gyges, um mir das Leben zu retten, zwang, meine Kleider mit seinen Gewändern zu vertauschen.« »Ein Lyder betrügt den Fuchs, ein Syrer den Lyder, aber ein Ionier alle Beide,« murmelte der König und lächelte zum Erstenmale: »Krösus erzählte mir von dieser Geschichte. – Armer Krösus!« – Bei diesen Worten verfinsterten sich seine Züge von neuem und seine Hand versuchte die Falten von seiner Stirn zu streichen; der Athener aber fuhr fort: »Ich legte meine Reise ohne Hinderniß zurück, bis ich heute Morgen in der ersten Stunde nach Mitternacht von einem seltsamen Ereignisse aufgehalten wurde.« – Der König horchte, aufmerksamer werdend, der Erzählung und mahnte den die persische Sprache mühsam handhabenden Athener zur Eile. »Wir befanden uns,« fuhr dieser fort, »zwischen dem letzten und vorletzten Stationshause vor Babylon und hofften bei Sonnenaufgang die Stadt zu erreichen. Ich dachte meiner bewegten Vergangenheit, und meine schmerzerfüllte, von der Erinnerung an ungerochene Frevelthaten beunruhigte Seele fand keinen Schlaf, während der ägyptische Greis an meiner Seite, von dem einförmigen Klange der Glöckchen an den Pferdegeschirren, dem immer gleichen Hufschlage der Gäule und dem Brausen der Euphratwogen eingewiegt, an meiner Seite friedlich träumend ruhte. Die Nacht war wunderbar schön und still. Die Strahlen des Mondes beschienen den Weg und vereinten sich mit dem Schimmer der Sterne, um die schlummernde Landschaft beinahe tageshell zu erleuchten. Kein Fuhrwerk, kein Wanderer oder Reiter war uns seit einer Stunde begegnet; die ganze Bevölkerung der Umgegend von Babylon befand sich, wie man uns erzählt hatte, zu Deinem Wiegenfeste in der Stadt, um die Pracht Deines Hofes anzustaunen und Deine Freigebigkeit zu genießen. Endlich drang unregelmäßiger Hufschlag und Glöckchengeläute au mein Ohr, und wenige Augenblicke später vernahm ich deutliche Hülferufe. Schnell entschlossen, nöthigte ich den mich zu Pferde begleitenden persischen Diener abzusteigen, schwang mich in seinen Sattel, befahl dem Fuhrknechte, welcher den Karren, auf dem meine Sklaven saßen, lenkte, seine Maulthiere nicht zu schonen, lockerte meinen Dolch und mein Schwert, gab dem Pferde die Sporen und jagte dem immer lauter werdenden Hülferuf entgegen. Ich war noch keine Minute geritten, als ich Zeuge eines entsetzlichen Schauspiels wurde. Drei wild aussehende Bursche rissen einen Jüngling, der das weiße Gewand der Magier trug, vom Pferde, betäubten ihn mit Schlägen und waren, als ich vor ihnen stand, im Begriff, ihr Opfer in den Euphrat zu werfen, der an dieser Stelle die Wurzeln der Palmen und Feigenbäume, welche die Landstraße einfassen, bespült. Schnell entschlossen, stieß ich mein hellenisches Schlachtgeschrei aus, das schon manchen Feind erbeben ließ, und stürzte mich auf die Mörder, die, feige wie alle Menschen ihres Gelichters, sobald sie einen ihrer Spießgesellen mit gespaltenem Schädel daliegen sahen, die Flucht ergriffen. Ich ließ die Elenden laufen und beugte mich über den schwer verwundeten Jüngling. Wer beschreibt mein Entsetzen, als ich in ihm Deinen Bruder Bartja zu erkennen glaubte! Ja, das waren dieselben Züge, welche ich zu Naukratis und in der Werkstätte des Theodorus gesehen, das waren . . .« »Wunderbar!« unterbrach Hystaspes den Erzähler. »Vielleicht allzu wunderbar, um glaubhaft zu sein,« fügte Kambyses hinzu. »Nimm Dich in Acht, Hellene, und bedenke, daß mein Arm weit reicht! Ich werde die Wahrhaftigkeit Deiner Erzählung prüfen lassen!« »Ich bin gewöhnt,« versetzte der Athener, sich tief verneigend, »der Lehre des weisen Pythagoras, dessen Ruhm vielleicht auch bis zu Dir gedrungen ist, zu folgen, und stets, ehe ich rede, mit mir zu beratschlagen, ob das, was ich sage, mich nicht in der Zukunft reuen könnte.« »Das klingt schön und weise; aber, beim Mithra, ich habe ein Wesen gekannt, das den Namen desselben Lehrers oftmals im Munde führte und sich in seinen Thaten als treueste Schülerin des Angramainjus bewährte. Du kennst die Verrätherin, welche heute noch gleich einer giftigen Natter von der Erde getilgt werden soll.« »Wirst Du mir verzeihen,« fragte Phanes, welcher den tiefen Schmerz, der die Züge des Königs erfüllte, bemerkt hatte, »wenn ich Dir einen andern Spruch unseres großen Meisters zurufe?« »Rede!« »Jedes Gut wird eben so schnell verloren als gewonnen; darum trage, wenn Dir die Götter Schmerzen bereiten, Dein Geschick in Geduld. Murre nicht unwillig, sondern bedenke, daß niemanden von den Göttern schwerere Lasten auferlegt werden, als er zu tragen vermag. Hast Du eine Herzenswunde, so berühre sie eben so wenig, als ein leidendes Auge. Gegen Schmerzen der Seele gibt es nur zwei Arzneimittel: ›Hoffnung und Geduld!‹« Kambyses folgte diesen, den goldenen Sprüchen des Pythagoras entlehnten Worten und lächelte bitter, als er das Wort »Geduld« vernahm. Aber die Rede des Atheners hatte ihm gefallen, und er forderte ihn auf, weiter zu erzählen. »Wir trugen,« fuhr Phanes sich tief verneigend fort, »den leblosen Jüngling in meinen Wagen und brachten ihn zum nahe gelegenen Stationshause. Dort schlug er die Augen auf und fragte, mich ängstlich anschauend, wer ich sei und wo er sich befinde? Der Wirth des Stationshauses stand neben uns: darum mußte ich, um den Freipaß, durch den ich neue Pferde bekam, nicht Lügen zu strafen und keinen Verdacht in dem Manne aufkommen zu lassen, mich für Gyges, den Sohn des Krösus, ausgeben. »Der verwundete Jüngling schien Denjenigen, für welchen ich gehalten zu werden wünschte, zu kennen, denn er schüttelte bei meinen Worten das Haupt und murmelte: ›Du bist nicht Der, für den Du Dich ausgibst!‹ Dann schloß er abermals die Augen und verfiel in ein heftiges Fieber. Nun entkleideten wir ihn, öffneten ihm eine Ader und verbanden seine Wunden. Mein persischer Diener, der Bartja am Hofe des Amasis, woselbst er als Stallaufseher gedient, gesehen hatte, leistete, unterstützt von dem ägyptischen Greise, der mich begleitet, hülfreiche Hand und wurde nicht müde zu betheuern, der Verwundete sei niemand anders als Dein hoher Bruder. Auch der Wirth des Stationshauses schwur, als wir das Angesicht des Jünglings vom Blute gereinigt hatten, der Ueberfallene sei ohne jeden Zweifel der jüngere Sohn Deines großen Vaters. Indessen war mein ägyptischer Begleiter hinausgegangen und hatte aus der Reiseapotheke (Anm. 120) Eine solche Reiseapotheke befindet sich gegenwärtig im ägyptischen Museum zu Berlin. Dieselbe ist sehr hübsch und kompendiös eingerichtet. Sie ist sehr alt, denn die Inschrift des Kastens, in dem sie stand, lehrt, daß sie in der XI. Dynastie (Ende des dritten Jahrtausends v. Chr.) verfertigt ward; und zwar unter König Mentuhotep. , ohne die ein Aegypter nur ungern seine Heimath verläßt, ein Tränkchen geholt, das er dem Kranken reichte. Die Tropfen wirkten so wunderbar, daß sich das fiebernde Blut in wenigen Stunden beruhigte und der Jüngling, als die Sonne aufging, wiederum die Augen öffnete. Nun verneigten wir uns vor ihm, als vor Deinem Bruder, und fragten ihn, ob er in den Palast nach Babylon gebracht zu werden wünsche. Er verneinte dies mit Heftigkeit und versicherte, daß er nicht Der sei, für den wir ihn hielten, sondern . . .« »Wer kann Bartja so ähnlich sehen? Rede! Ich bin neugierig, dies zu erfahren!« unterbrach der König den Sprecher. »Er behauptete, daß er der Bruder Deines Oberpriesters sei, Gaumata heiße, und daß man seinen Namen auf dem Freipasse, welcher in dem Aermel seines Magiergewands stecke, finden müßte. Der Wirth der Herberge fand das bezeichnete Dokument und bestätigte, da er lesen konnte, die Behauptung des Kranken, der bald von neuen Fieberschauern ergriffen wurde, in denen er allerlei zusammenhangslose Reden führte.« »Hast Du sie verstanden?« »Ja! Er wiederholte immer dasselbe. Die hängenden Gärten schienen all' seine Gedanken auszufüllen Er mußte soeben einer großen Gefahr entgangen sein und scheint dort mit einem Weibe Namens Mandane eine Liebeszusammenkunft gehabt zu haben.« »Mandane,« murmelte Kambyses, »Mandane. Wenn ich nicht irre, so führt die erste Dienerin der Tochter des Amasis diesen Namen.« Den feinen Ohren des Griechen entgingen diese Worte nicht. Einen Augenblick sann er schweigend nach, dann lächelte er und rief: »Laß die gefangenen Freunde frei, mein König, denn ich bürge Dir mit meinem Kopfe dafür, daß Bartja nicht auf den hängenden Gärten war!« Der König schaute den kühnen Redner verwundert, aber freundlich an. Das freie, zwanglose, anmuthige Wesen, welches der Athener ihm, dem Könige gegenüber, zeigte, war ihm neu und berührte ihn wie der Hauch der Seeluft, wenn sie die Stirn eines Menschen zum Erstenmal umweht. Während seine Großen, ja selbst seine nächsten Verwandten, ihn nur mit gekrümmtem Rücken anzureden wagten, stand der Grieche schlank und aufrecht vor ihm; während die Perser jedes Wort, welches sie an ihren Herrscher richteten, mit blumigen Phrasen und schmeichlerischen Redensarten zu behängen pflegten, sprach der Athener frei, schlicht und schmucklos. Dabei begleitete er seine Rede mit so anmuthigen Bewegungen und so ausdrucksvollen Blicken, daß sie der König, trotz seiner mangelnden Sprachgewandtheit, besser verstand, als die meist in Gleichnisse gekleideten Berichte seiner eigenen Unterthanen. Nur Nitetis und diesem Fremden gegenüber hatte er je vergessen, daß er König sei. Hier stand der Mensch vor dem Menschen, hier vergaß der stolze Selbstherrscher, daß er mit einem Wesen rede, dessen Leben oder Tod ein Spielball seiner Laune sei. So mächtig wirkt die Würde des Mannes, das Selbstbewußtsein eines sich seines Anspruchs auf Freiheit bewußten Menschen und die überlegene Bildung selbst auf den strengen Despoten. Auch gab es noch etwas Anderes, das Kambyses so schnell für den Athener gewann. Dieser Mann schien gekommen zu sein, um ihm vielleicht den theuersten verloren und mehr als verloren geglaubten Schatz wieder zu geben. Wie konnte aber das Leben dieses ausländischen Abenteurers als Pfand für die Söhne der ersten aller Perser angenommen werden? Dennoch erzürnte der Vorschlag des Phanes den König keineswegs. Er lächelte vielmehr über die Kühnheit des Hellenen, der sich in seinem Eifer von dem Tuche, das seinen Mund und Bart umwehte, befreit hatte, und rief: »Es scheint mir, beim Mithra, als wolltest Du uns Gutes bringen, Hellene! Ich nehme Deinen Vorschlag an. Sind die Gefangenen, trotz Deiner Vermuthung, schuldig, so bist Du verpflichtet, Dein Leben lang als mein Diener an unserem Hofe zu verweilen; vermagst Du aber in der That das zu beweisen, wonach mein Herz sich sehnt, dann will ich Dich zum Reichsten Deiner Landsleute machen.« Phanes lächelte ablehnend und fragte: »Gestattest Du mir, einige Fragen an Dich und Deine Hofbeamten zu richten?« »Rede und frage, wie und was Du willst!« In diesem Augenblicke trat der Jägermeister in die Halle und zeigte an, daß Alles zum Jagen bereit sei. »Man soll warten!« herrschte der König den vor Eifer, alle Vorbereitungen zu beschleunigen, athemlosen Tischgenossen zu. »Ich weiß nicht, ob wir heute überhaupt jagen werden. Wo ist der Peitschenträger-Hauptmann Bischen?« Datis, das sogenannte Auge (Anm. 121) S. Band II. S. 26 und Anmerk. 25 [24] des Königs, der nach modernen Begriffen die Stelle des Polizeiministers bekleidete, enteilte dem Zimmer und kam in wenigen Minuten, die Phanes, um verschiedene der anwesenden Großen über allerlei ihm wichtige Einzelnheiten zu befragen, benutzte, mit dem Gesuchten wieder. »Was treiben die Gefangenen?« fragte Kambyses den vor ihm liegenden Hauptmann. »Sieg dem Könige! Sie erwarten den Tod mit Ruhe, denn es ist süß, durch Deinen Willen zu sterben.« »Hast Du ihre Gespräche mit angehört?« »Ja, mein Herrscher.« »Gestehen sie einander zu, daß sie schuldig sind?« »Mithra allein weiß in das Herz zu schauen; aber Du, mein Fürst, würdest, wie ich, Dein ärmster Knecht, an die Unschuld dieser Verdammten glauben, wenn Du sie sprechen hörtest.« Der Hauptmann schaute ängstlich zum Könige auf, denn er fürchtete, diese Worte möchten seinen Zorn erregt haben; Kambyses aber lächelte freundlich, statt zu grollen. Plötzlich verfinsterte ein trüber Gedanke sein Antlitz, und kaum vernehmbar fragte er: »Wann ist Krösus hingegerichtet worden?« Der Hauptmann erzitterte bei diesen Worten, Angstschweiß trat vor seine Stirn und seine Lippen vermochten kaum die Worte zu stammeln: »Er ist – er hat – wir dachten –« »Was dachtet ihr?« unterbrach ihn Kambyses, in dessen Brust eine neue Hoffnung aufdämmerte. »Solltet ihr meinen Befehl nicht sogleich ausgeführt haben? Sollte Krösus noch unter den Lebenden wandeln? Rede, sprich, ich will die volle Wahrheit wissen!« Der Hauptmann krümmte sich wie ein Wurm zu den Füßen seines Gebieters und stammelte endlich, ihm seine Hände flehentlich entgegenstreckend: »Gnade, Gnade, mein Herrscher! Ich bin ein armer Mann und habe dreißig Kinder, von denen fünfzehn –« »Ich will wissen, ob Krösus lebt oder nicht!« »Er lebt! Ich dachte, daß ich nichts Böses thäte, wenn ich ihn, dem ich Alles verdanke, eine Stunde länger leben ließe, damit er . . .« »Es ist genug!« rief jetzt der König hoch aufathmend. »Diesmal soll Dir Dein Ungehorsam straflos hingehen, und weil Du so viele Kinder hast, mag Dir der Schatzmeister zwei Talente auszahlen. – Gehe jetzt zu den Gefangenen, bescheide Krösus hierher und sage den Anderen, sie möchten, wenn sie unschuldig wären, guten Muthes sein.« »Mein König ist die Leuchte der Welt und ein Ozean der Gnade!« »Bartja und seine Freunde sollen nicht länger eingeschlossen bleiben. Sie mögen sich, von euch bewacht, im Palasthofe ergehen; Du, Datis, begibst Dich sogleich zu den hängenden Gärten und befiehlst Boges, die Vollstreckung des Urtheils an der Aegypterin aufzuschieben. Ferner soll zu dem von dem Athener bezeichneten Stationshause geschickt und der dort liegende Verwundete unter sicherer Bedeckung hierher gebracht werden.« Das Auge des Königs wollte gehen; Phanes hielt ihn aber zurück und fragte. »Gestattet mir mein König eine Bemerkung?« »Rede!« »Es scheint mir, als könnte uns der Eunuchen-Oberst die sicherste Auskunft geben. Der phantasirende Jüngling sprach seinen Namen oftmals in Verbindung mit dem seiner Liebsten aus.« »Eile, Datis, und führe Boges hierher.« »Auch der Oberpriester Oropastes muß, als Bruder des Gaumata, verhört werden; ebenso Mandane, welche, wie mir so eben auf's Bestimmteste versichert wurde, die oberste Dienerin der Aegypterin ist.« »Hole sie, Datis!« »Wenn man endlich Nitetis selbst . . .« Bei diesen Worten des Atheners erbleichte der König, und ein leiser Frost überflog seine Glieder. Wie gern hätte er die Geliebte wiedergesehen! Aber der Gewaltige fürchtete sich vor den bestrickenden oder vorwurfsvollen Blicken dieses Weibes; darum rief er, nach der Thür weisend, Datis zu: »Geh' und hole Boges und Mandane; die Aegypterin soll, wohl bewacht, auf den hängenden Gärten bleiben!« Der Athener verneigte sich ehrerbietig, als wenn er sagen wollte: »Nur Dir steht es zu, an dieser Stelle zu befehlen.« Der König betrachtete ihn mit Wohlgefallen und setzte sich wiederum auf den purpurnen Diwan. Sinnend stützte er seine Stirn mit der Hand und schaute zu Boden. Das Bild der einst so innig Geliebten trat, nicht zu bannen, immer greifbarer vor seine Seele, und der Gedanke, daß diese Züge nicht zu täuschen vermöchten, daß Nitetis dennoch unschuldig sein könnte, schlug immer festere Wurzeln in sein der Hoffnung neu geöffnetes Herz. Wenn Bartja freigesprochen werden konnte, dann war auch jeder andere Irrthum denkbar; dann wollte er selbst auf die hängenden Gärten gehen, ihre Hand ergreifen und ihre Vertheidigung anhören. Hat die Liebe einen reifen Mann erfaßt und durchdrungen, so schlingt sie sich wie die Blutadern durch sein ganzes Wesen, und kann nur mit seinem Leben vernichtet werden. Als Krösus in das Zimmer trat, erwachte Kambyses aus seinen Träumen, hob den Greis, der sich ihm zu Füßen geworfen hatte, freundlich auf und sagte: »Du hast Dich an mir vergangen; ich aber will Gnade üben, weil ich der letzten Worte meines sterbenden Vaters gedenke, der mir befahl, Dich als Rathgeber und Freund hoch zu halten. Nimm Dein Leben aus meiner Hand zurück und vergiß meinen Zorn, wie ich Deine Unehrerbietigkeit vergessen will. Laß Dir jetzt von jenem Manne, der Dich zu kennen behauptet, mittheilen, was er vermuthet. Es verlangt mich darnach, auch Deine Ansicht zu hören.« Krösus wandte sich, tief bewegt, dem Athener zu und ließ sich von ihm, nachdem er ihn herzlich bewillkommnet hatte, in seine Vermuthungen einweihen. Der lebhafte Greis folgte ihm immer aufmerksamer, hob, als Phanes schwieg, seine Hände zum Himmel empor und rief: »Verzeiht mir, ihr ewigen Götter, wenn ich jemals an eurer Gerechtigkeit zweifelte. Ist es nicht wunderbar, Kambyses? Mein Sohn stürzte sich in Gefahr, um diesem edlen Manne das Leben zu retten, und jetzt führen die Götter den Geretteten nach Persien, um Alles, was Gyges ihm erzeigte, zehnfach wieder gut zu machen! Wäre Phanes von den Aegyptern umgebracht worden, so würden vielleicht schon in dieser Stunde die Häupter unserer Söhne gefallen sein!« Bei diesen Worten warf sich Krösus an die Brust des Hystaspes, der, gleich ihm, seinen Lieblingssohn zum Zweitenmale geboren werden sah. Der König, Phanes und die persischen Würdenträger sahen tief bewegt auf die sich umarmenden Greise. Keiner der Anwesenden zweifelte mehr an der Unschuld des Bartja, obgleich sie bisher nur durch Vermuthungen begründet worden war. Wo der Glaube an die Schuld gering ist, pflegt der Vertheidiger offene Ohren zu finden. Elftes Kapitel. Phanes hatte mit echt attischem Scharfsinn aus dem Gehörten den rechten Sachverhalt dieser traurigen Angelegenheit errathen; ja ihm war nicht entgangen, daß auch die Bosheit ihre Hand im Spiele gehabt haben müsse; konnte doch Bartja's Dolch nicht anders als durch einen Verräther auf die hängenden Gärten gekommen sein. Während er diesen Verdacht dem Könige kund that, wurde der Oberpriester Oropastes von den Stabträgern in die Halle geführt. Der König schaute ihn grollend an und fragte ohne jedes einleitende Wort: »Hast Du einen Bruder?« »Ja, mein König. Er und ich sind die einzigen Ueberlebenden von sechs Geschwistern; meine Eltern . . .« »Ist dieser Bruder jünger oder älter als Du?« »Ich war der Aelteste von uns Allen, während er, der Jüngste, meinem Vater als Freude seines Alters geboren wurde.« »Hast Du eine auffallende Aehnlichkeit zwischen ihm und einem meiner Verwandten bemerkt?« »Ja, mein König. Gaumata gleicht Deinem Bruder Bartja so auffallend, daß man ihn stets in der Priesterschule zu Rhagae, woselbst er sich noch heute befindet, den Prinzen nannte.« »War er in der jüngsten Zeit zu Babylon?« »Während des Neujahrsfestes zum Letztenmale.« »Sprichst Du die Wahrheit?« »Mein Kleid und mein Amt würden mich doppelt strafbar machen, wenn ich meinen Mund zu einer Lüge öffnen wollte.« Der König erröthete bei diesen Worten vor Zorn und rief: »Dennoch lügst Du, denn Gaumata war gestern Abend hier! Du erbebst mit gutem Grunde!« »Mein Leben gehört Dir, dem Alles gehört; dennoch schwöre ich, der Oberpriester, bei dem höchsten Gotte, dem ich dreißig Jahre lang treulich gedient habe, daß ich nichts von der gestrigen Anwesenheit meines Bruders zu Babylon weiß.« »Dein Angesicht trägt die Züge der Wahrhaftigkeit.« »Du weißt, daß ich am gestrigen hohen Tage keinen Augenblick von Deiner Seite gewichen bin.« »Ich weiß.« Abermals öffneten sich die Pforten, um die zitternde Mandane einzulassen. Der Oberpriester sah sie staunend und fragend an. Dem aufmerksam beobachtenden Auge des Königs entging es nicht, daß die Zofe in einer gewissen Beziehung zu Oropastes stand, darum fragte er ihn, ohne das zitternde Mädchen, welches vor seinen Füßen lag, zu beachten: »Kennst Du dies Weib?« »Ja, mein König. Sie erhielt durch mich die hohe Stelle einer Oberin allen Gesindes bei der, – vergib ihr Auramazda, – bei der ägyptischen Königstochter.« »Wie kamst Du, ein Priester, dazu, dies junge Weib zu begünstigen?« »Ihre Eltern starben an derselben Pest, welche meine Brüder dahinraffte. Ihr Vater war ein ehrenwerther Priester und ein Freund unseres Hauses; darum nahmen wir das Mägdlein zu uns, eingedenk der hohen Lehre: ›Gibst Du dem reinen Manne und seinen Wittwen und Waisen nichts, dann wirst Du fortgeschleudert werden von der reinen, unterwürfigen Erde zu stachelnden Nesseln, schmerzenden Leiden und den furchtbarsten Orten.‹ So wurde ich ihr Pflegevater und ließ sie mit meinem jüngsten Bruder auferziehen, bis er in die Priesterschule eintrat.« Der König wechselte mit Phanes einen Blick des Einverständnisses und fragte: »Warum behieltest Du das Mädchen, welches doch schön zu sein scheint, nicht bei Dir?« »Als sie die Ohrringe Siehe Anmerkung 22 [21] des II. Theils . erhalten hatte, hielt ich es für passend, sie, eine Jungfrau, aus meinem priesterlichen Hause zu entfernen und ihr eine selbstständige Zukunft zu gründen.« »Hat sie auch als erwachsenes Mädchen Deinen Bruder wiedergesehen?« »Ja, mein König. So oft mich Gaumata besuchte, ließ ich ihn mit Mandane wie mit seiner Schwester verkehren: als ich aber später bemerkte, daß sich in die kindliche Freundschaft die Leidenschaft der Jugend zu mischen beginne, wurde mein Beschluß, das Mädchen fortzuschicken, immer fester.« »Wir wissen genug,« sagte der König, indem er dem Oberpriester durch einen Wink zurückzutreten befahl. Dann blickte er auf das Mädchen hernieder und herrschte ihr zu: »Erhebe Dich!« Mandane stand zitternd und bebend auf. Ihr frisches Gesichtchen war bleich wie der Tod geworden, und ihre rothen Lippen hatten eine bläuliche Farbe angenommen. »Erzähle, was Du vom gestrigen Abende weißt; bedenke aber, daß eine Lüge Dein Tod ist.« Die Kniee der Geängstigten bebten so stark, daß sie sich kaum aufrecht zu halten vermochte und die Furcht ihre Lippen versiegelte. »Meine Geduld ist kurz!« rief ihr Kambyses von neuem zu. Mandane schrak zusammen, wurde noch bleicher und fühlte sich unfähiger zu sprechen, als vorher. Da trat Phanes an den zornigen König heran und bat ihn leise, ihm zu gestatten, dies Weib zu verhören. Ihr Mund, den jetzt die Angst verschließe, werde von einem begütigenden Worte geöffnet werden. Kambyses nickte ihm willfährig zu, und was der Athener vorausgesagt hatte, bewahrheitete sich; denn kaum hatte er Mandane des Wohlwollens aller Anwesenden versichert, seine Hand auf ihr Haupt gelegt und ihr freundlich zugeredet, als sich der Quell ihrer Augen öffnete, ein Thränenstrom ihre Wangen benetzte, und der Bann, welcher ihre Zunge gefesselt hatte, dahin schwand. Nun erzählte sie, von leisem Schluchzen unterbrochen, Alles, was sie wußte, verschwieg nicht, daß Boges jenes Stelldichein unterstützt habe, und schloß mit den Worten: »Ich weiß wohl, daß ich mein Leben verwirkt habe und daß ich das schlechteste und undankbarste Wesen auf der Welt bin; all' dies Unheil wäre aber niemals möglich gewesen, wenn Oropastes seinem Bruder gestattet hätte, mich zu heirathen!« Bei diesen sehnsüchtig ausgesprochenen Worten brach sie in neues Schluchzen aus, während sich die ernsten Zuhörer, ja selbst der König, eines leisen Lächelns nicht erwehren konnten. Dies Lächeln rettete das schwer bedrohte Leben des Mädchens. Kambyses würde aber nach Allem, was er erfahren, kaum gelächelt haben, wenn Mandane nicht mit jenem feinen Instinkte, welcher den Frauen just in der Stunde der drohenden Gefahr am willfährigsten zu Gebote steht, verstanden hätte, seine schwache Seite aufzufassen und auszubeuten. So verweilte sie denn viel länger als nöthig bei der Freude, welche Nitetis über die Geschenke des Königs geäußert hatte. »Tausendmal,« rief sie, »küßte meine Herrin alle Dinge, die man ihr von Dir, o König, brachte; am öftesten aber hat sie ihre Lippen auf jenen Blumenstrauß gedrückt, welchen Du ihr vor einigen Tagen mit eigenen Händen pflücktest. Ach, und als der Strauß zu welken begann, da nahm sie Blume für Blume, breitete die Blüthenblättchen sorglich aus, legte sie zwischen wollene Tücher und stellte eigenhändig ihre schwere, goldene Salbenschachtel darauf, um sie zu trocknen und als Andenken an Deine Güte aufzubewahren!« Als sie bemerkte, daß sich die Züge ihres strengen Richters bei diesen Worten aufheiterten, schöpfte sie neuen Muth, legte der Herrin süße Worte, welche sie niemals ausgesprochen, in den Mund und behauptete, daß sie, Mandane, hundertmal gehört habe, wie Nitetis den Namen »Kambyses« unaussprechlich zärtlich im Schlafe ausgerufen habe. Endlich schloß sie ihre Rede, indem sie schluchzend um Gnade bettelte. Der König schaute ohne Groll, aber mit grenzenloser Verachtung zu ihr hernieder, stieß sie mit dem Fuße zurück und rief: »Aus meinen Augen, Du Hündin! Blut wie Deines würde das Beil des Henkers besudeln! Aus meinen Augen!« Mandane ließ sich nicht lange bitten, die Halle zu verlassen. Das »aus meinen Augen« klang ihr wie süße Musik. Spornstreichs eilte sie durch die weiten Höfe des Palastes, um auf der Straße dem drängenden Volke, gleich einer Wahnwitzigen, unaufhörlich zuzurufen: »Ich bin frei! ich bin frei!« Kaum hatte sie den Saal verlassen, als Datis, das Auge des Königs, ihn von neuem betrat und die Mittheilung brachte, daß man den Eunuchenobersten vergeblich gesucht habe. Derselbe sei in räthselhafter Weise von den hängenden Gärten verschwunden; er, Datis, habe jedoch seinen Untergebenen den Auftrag ertheilt, den Flüchtling zu suchen und ihm denselben todt oder lebendig abzuliefern. Der König brauste bei dieser Botschaft in neuem Jähzorn auf und bedrohte den Sicherheitsbeamten, welcher die Aufregung des Volkes seinem Gebieter klüglich verschwieg, mit schwerer Strafe, wenn man des Entflohenen nicht bis zum nächsten Morgen habhaft werden sollte. Kaum hatte er ausgesprochen, als der Stabträger einen Eunuchen der Mutter des Königs einführte, durch den sie ihren Sohn um eine Unterredung ersuchen ließ. Kambyses schickte sich ohne Bedenken an, dem Wunsche der Blinden zu willfahren, reichte Phanes seine Hand zum Kusse, eine seltene und nur den Tischgenossen gewährte Gunstbezeugung, und rief: »Alle Gefangenen sind sofort auf freien Fuß zu setzen. Geht hin zu euren Söhnen, ihr geängstigten Väter, und sagt ihnen, sie möchten meiner Huld und Gnade versichert sein. Es wird sich wohl für Jeden von ihnen eine Satrapie, als Ersatz für diese Nacht unschuldiger Gefangenschaft, finden. Dir, mein hellenischer Freund, bin ich zu großem Danke verpflichtet. Um mich desselben zu entledigen und Dich an meinen Hof zu fesseln, bitte ich Dich, Dir von unserem Schatzmeister hundert 150,000 Thaler. Talente auszahlen zu lassen.« »Eine so große Summe,« gab Phanes sich verneigend zurück, »werde ich kaum gebrauchen können.« »Dann mißbrauche sie!« erwiederte der König, freundlich lächelnd, und verließ mit dem an den Athener gerichteten Rufe: »Auf Wiedersehen beim Schmause!« von seinen Hofbeamten begleitet, die Halle. Während dieser Vorgänge herrschte in den Gemächern der Mutter des Königs tiefe Trauer. Kassandane glaubte, nachdem sie den Inhalt jenes Briefes an Bartja vernommen hatte, an die Treulosigkeit der Nitetis, während sie ihren geliebten Sohn für unschuldig hielt. Wem durfte sie noch trauen, wenn das Mädchen, in dem sie bis dahin die Verkörperung aller weiblichen Tugenden gesehen hatte, eine verworfene Treulose genannt werden mußte, wenn die edelsten Jünglinge meineidig werden konnten?! Nitetis war für sie mehr als todt; Bartja, Krösus, Darius, Gyges, Araspes, mit denen Allen ihr Herz durch Bande des Bluts und der Freundschaft verbunden war, so gut als gestorben. Und sie durfte ihrem Schmerze nicht einmal freien Lauf lassen, denn es lag ihr ob, die Ausbrüche der Verzweiflung ihres wilden Kindes zu zügeln. Atossa geberdete sich wie eine Rasende, als sie von den verhängten Todesurtheilen hörte. Die Mäßigung, welche sie durch den Umgang mit der Aegypterin gewonnen hatte, wich von ihr, und ihr so lang zurückgehaltenes Ungestüm brach doppelt lebhaft hervor. Nitetis, ihre einzige Freundin, Bartja ihr Bruder, an dem sie mit ganzer Seele hing, Darius, den sie, jetzt fühlte sie es, nicht nur als ihren Lebensretter ehrte, sondern mit der ganzen Innigkeit einer ersten Neigung liebte, Krösus, an dem sie wie eine Tochter hing, Alles, was ihr theuer war, sollte sie jetzt auf einmal verlieren. Sie zerriß ihre Kleider, zerraufte ihr Haar, nannte Kambyses ein Ungeheuer und Jeden, der an die Schuld so trefflicher Menschen glaube, verblendet und wahnsinnig. Dann zerfloß sie wieder in Thränen und schickte demüthige Gebete zu den Göttern, um wenige Minuten später ihre Mutter zu beschwören, sie auf die hängenden Gärten zu begleiten und mit ihr die Vertheidigung der Nitetis anzuhören. Kassandane suchte das ungestüme Mädchen zu besänftigen und betheuerte, daß jeder Versuch, Nitetis zu sprechen, vergeblich sein würde. Nun begann Atossa von neuem zu toben und zwang endlich die Greisin, ihr mit mütterlicher Strenge Stillschweigen aufzuerlegen und sie, als der Morgen graute, in ihr Schlafgemach zu verweisen. Das Mädchen folgte dem Gebote der Blinden und setzte sich, statt ihr Lager aufzusuchen, an das hohe Fenster, welches sich den hängenden Gärten entgegen öffnete. Thränenden Blickes schaute sie zu dem Hause hinüber, in welchem jetzt ihre Freundin, ihre Schwester, einsam, verlassen, verbannt, einem schmachvollen Tode entgegen sah. Plötzlich schien ein kräftiger Wille ihr von Thränen ermattetes Auge von neuem zu beleben, und statt in die grenzenlose Weite, heftete sich ihr Blick unverwandt auf einen schwarzen Punkt, welcher vom Hause der Aegypterin aus, immer größer und erkennbarer werdend, in gerader Linie auf sie zuflog und sich endlich auf eine Cypresse dicht vor ihrem Fenster niederließ. Da schwand mit einem Male der Gram von ihrem lieblichen Antlitze; hochaufathmend klatschte sie in die Hände und rief aus! »O, sieh' da, der Vogel Homaï (Anm. 122) Der Paradiesvogel heißt auf persisch Homaï . Siehe darüber Malcolm, Persia S. 53. ! Der Glücksvogel! Nun wird Alles gut werden!« Derselbe Paradiesvogel, dessen Anblick dem Herzen der Nitetis so wunderbaren Trost gebracht hatte, schenkte auch Atossa neue Zuversicht. Prüfend, ob sie von niemand gesehen werde, schaute sie in den Garten. Als sie sich überzeugt hatte, daß Keiner, außer einem alten Gärtner, darin verweile, schwang sie sich, behend wie ein Reh, aus dem Fenster hinaus, brach einige Rosenblüthen und Cypressenzweige und näherte sich mit ihnen dem Greise, welcher ihrem Treiben kopfschüttelnd zusah. Schmeichlerisch liebkoste sie die Wange des Alten, legte ihre Blumen in seine gebräunte Hand und fragte: »Hast Du mich lieb, Sabaces?« »O Herrin!« lautete die einzige Antwort des Greises, der den Saum des Gewandes der Königstochter inbrünstig an seine Lippen drückte. »Ich glaube Dir, Väterchen, und will Dir beweisen, daß ich meinem alten, treuen Sabaces traue. Verstecke diese Blumen wohl und eile schnell in den Palast des Königs. Sag', Du brächtest Früchte für die Tafel. Neben der Wache der Unsterblichen werden mein armer Bruder Bartja und Darius, der Sohn des edlen Hystaspes, gefangen gehalten. Du sorgst dafür, daß den Beiden diese Blumen sogleich, aber hörst Du, sogleich, mit einem herzlichen Gruße von mir, übergeben werden.« »Die Wächter werden mich nicht zu den gefangenen Herren lassen.« »Nimm diese Ringe und drücke sie ihnen in die Hand. Man kann den Armen doch nicht verbieten, sich an Blumen zu erfreuen!« »Ich will versuchen.« »Ich wußte ja, daß Du mich liebst, guter Sabaces! Jetzt mache schnell, daß Du fortkommst, und kehre bald zurück!« Der Greis entfernte sich so eilig wie er konnte. Atossa schaute ihm gedankenvoll nach und murmelte vor sich hin: »Jetzt werden sie Beide wissen, daß ich sie bis an ihr Ende geliebt habe. Die Rose bedeutet: ›ich liebe Dich‹; die immer grüne Cypresse ›treu und unwandelbar‹.« Nach einer Stunde kam der Greis zurück und überbrachte der Königstochter, welche ihm entgegen eilte, den Lieblingsring des Bartja und von Darius ein in Blut getränktes indisches Tuch. Thränenden Blickes nahm Atossa diese Gaben aus der Hand des Alten, dann setzte sie sich mit den theuren Angedenken unter einen breitästigen Platanenbaum, drückte sie abwechselnd an ihre Lippen und murmelten »Bartja's Ring bedeutet, daß er meiner gedenke; das blutgetränkte Tuch des Darius, daß er bereit sei, sein Herzblut für mich zu vergießen.« Atossa lächelte bei diesen Worten und vermochte von nun an, indem sie an das Geschick ihrer Freunde dachte, bitterlich, aber still zu weinen. Wenige Stunden später verkündete ein Bote des Krösus den königlichen Frauen, daß die Unschuld des Bartja und seiner Freunde erwiesen, und auch Nitetis so gut als gerechtfertigt sei. Alsogleich schickte Kassandane auf die hängenden Gärten, um Nitetis auffordern zu lassen, vor ihr zu erscheinen. Atossa lief, im Jubel eben so zügellos als im Jammer, der Sänfte ihrer Freundin entgegen und flog von einer ihrer Dienerinnen zur andern, um ihnen zuzurufen: »Alle sind unschuldig; Alle, Alle sollen uns erhalten bleiben!« Und als die Sänfte mit der Freundin sich endlich näherte, als sie die Geliebte, bleich wie der Tod, in ihr erblickte, da brach sie in ein lautes Schluchzen aus, fiel der Aussteigenden um den Hals und bedeckte sie so lange mit Küssen und Liebkosungen, bis sie bemerkte, daß die Kniee der Erretteten wankten und sie einer kräftigeren Stütze, als ihrer schwachen Arme, bedürfe. Ohnmächtig wurde die Aegypterin in die Gemächer der Mutter des Königs getragen. Als sie die Augen wiederum aufschlug, ruhte ihr marmorbleiches Haupt im Schooße der Blinden, fühlte sie Atossa's warme Lippen auf ihrer Stirn, stand Kambyses, der dem Rufe seiner Mutter gefolgt war, an ihrem Lager. Verstört und beängstigt schaute sie im Kreise Derer, die sie am meisten liebte, umher. Endlich erkannte sie Einen nach dem Andern, strich mit der Fläche der Hand über ihre bleiche Stirn, als wollte sie einen Schleier von ihr entfernen, lächelte jeden Einzelnen freundlich an und schloß dann wiederum die Augen. Sie wähnte, die gütige Isis habe ihr ein süßes Traumbild beschert, und versuchte nun, es mit aller Kraft ihrer Seele festzuhalten. Da rief Atossa ihren Namen mit ungestümer Zärtlichkeit. – Von Neuem schlug sie die Augen auf und begegnete abermals denselben liebevollen Blicken, von denen sie geträumt zu haben glaubte. Ja, das war ihre Atossa, das ihre mütterliche Freundin, das nicht der zürnende König, sondern der Mann, der sie liebte. – Jetzt öffnete auch er die Lippen und rief, sein strenges Herrscherauge wie ein um Gnade Flehender zu ihr aufschlagend: »O Nitetis, erwache! Du darfst, Du kannst nicht schuldig sein!« Freudig verneinend bewegte sie leise ihr Haupt, und über ihre schönen Züge schwebte, wie der Hauch des jungen Lenzes über Rosenbeete, ein wonniges Lächeln. »Sie ist unschuldig; beim Mithra, sie kann nicht schuldig sein!« rief Kambyses zum Andernmale und stürzte, der Anwesenden nicht achtend, auf die Kniee nieder. Ein persischer Heilkünstler näherte sich jetzt der Geretteten und bestrich ihre Schläfen mit einem süßen Duft verbreitenden Salböl, während der Augenarzt Nebenchari Beschwörungsformeln murmelnd, kopfschüttelnd ihren Puls befühlte und ihr einen Trank aus seiner Handapotheke reichte. Nun gewann sie ihre volle Besinnung wieder und fragte, sich an Kambyses wendend, nachdem sie sich mühsam aufgerichtet und die Liebesbezeugungen der Freundinnen erwiedert hatte: »Wie konntest Du Solches von mir denken, mein König?!« Kein Vorwurf, nur tiefes Weh sprach aus diesen Worten, welche Kambyses mit der leisen Bitten »Verzeihe mir,« beantwortete. Kassandane dankte durch einen freundlichen Blick ihrer blinden Augen dieser Selbstverleugnung ihres Sohnes und sagte. »Auch ich, meine Tochter, bedarf Deiner Vergebung.« »Ich aber habe nie an Dir gezweifelt!« rief Atossa, die Freundin stolz und glücklich auf den Mund küssend. »Dein Schreiben an Bartja erschütterte meinen Glauben an Deine Unschuld,« fügte die Mutter des Kambyses hinzu. »Und doch war das Alles so einfach und natürlich,« antwortete Nitetis. »Hier, meine Mutter, nimm diesen Brief aus Aegypten. Krösus mag ihn Dir übersetzen. Er wird Alles erklären. Vielleicht bin ich unvorsichtig gewesen. Laß Dir von Deiner Mutter das Nöthige mittheilen, mein König. O, bitte, spotte nicht meiner armen, kranken Schwester. Wenn eine Aegypterin liebt, so kann sie nicht vergessen. Mir ist so bang! Es geht zu Ende. Die letzten Stunden waren gar so entsetzlich! Das furchtbare Todesurtheil, welches Boges, der entsetzliche Mann, mir vorlas, dies Urtheil zwang mir das Gift in die Hand. Ach, mein Herz!« Mit diesen Worten sank sie in den Schooß der Greisin zurück. Nebenchari, der Arzt, stürzte herbei, flößte der Kranken einige neue Tropfen ein und rief: »Dachte ich's doch! Sie hat Gift genommen und wird sicher sterben, wenn dieses Gegenmittel ihren Tod auch noch um einige Tage verzögert!« Kambyses stand neben ihm, bleich und starr jede seiner Bewegungen verfolgend, während Atossa die Stirn der Freundin mit Thränen benetzte. »Man bringe Milch und hole meinen großen Arzneikasten,« befahl der Augenarzt. »Rufet auch Dienerinnen, um sie fortzutragen, denn vor allen Dingen ist sie der Ruhe bedürftig.« Atossa eilte in das Nebenzimmer; Kambyses aber fragte den Heilkünstler, ohne ihn anzublicken: »Gibt es keine Rettung?« »Das Gift, welches sie genossen, hat unfehlbaren Tod zur Folge.« Als der König diese Worte vernommen hatte, stieß er den Arzt von der Kranken zurück und rief: »Sie soll leben! Ich befehl' es! Hierher, Eunuch! Alle Aerzte in Babylon werden aufgeboten, alle Priester und Mobeds (Anm. 123) Mobeds sind Priester. In der Avesta kommen sie nicht vor. Spiegel leitet ihren Namen ab von nmâna paiti . Rogge zieht nach Tiele Haug's Erklärung von magu pat , Herr der Magier, vor. berufen! Sie soll leben, hört ihr, sie muß leben, ich befehl' es, ich, der König!« In diesem Augenblick öffnete Nitetis ihre Augen, als wollte sie dem Befehl ihres Gebieters Folge leisten. Ihr Angesicht war dem Fenster zugekehrt. Aus dem Cypressenbaume vor demselben saß der Paradiesvogel mit dem goldenen Kettlein am Fuße. – Die Blicke der Leidenden fielen zuerst auf den vor ihr niedergesunkenen Geliebten, der seine heißen Lippen auf ihre Rechte preßte. Lächelnd murmelte sie: »O dieses Glück!« Dann erblickte sie den Vogel, zeigte mit der Linken auf ihn hin und rief: »O sehet, sehet! Der Vogel des Ra, der Phönix!« Nach diesen Worten schloß sie ihre Augen und verfiel bald darauf in ein heftiges Fieber. Dritter Band. Erstes Kapitel. Prexaspes, der Botschafter des Königs, einer der vornehmsten Hofbeamten, hatte Gaumata, den Geliebten der Mandane, dessen Aehnlichkeit mit Bartja in der That staunenswerth genannt werden mußte, krank und verwundet wie er war, nach Babylon gebracht. Hier wartete er im Kerker des Richterspruches, während Boges, sein Verführer, trotz aller Bemühungen der Sicherheitsbehörde, nirgends aufzufinden war. Das Volksgedränge in den Straßen von Babylon hatte seine Flucht, welche ihm durch die uns bekannte Fallthür aus den hängenden Gärten möglich geworden war, erleichtert. Die Reichthümer, die man in seiner Wohnung vorfand, waren ungeheuer. Ganze Kisten voll Gold und Schmucksachen, die er sich in seiner Stellung leicht verschaffen konnte, wurden in den königlichen Schatz, dem sie entstammten, zurückgeführt. Aber Kambyses hätte gern, um des Verräthers habhaft zu werden, den zehnfachen Betrag dieser Reichthümer hingegeben. Zwei Tage nach der Freisprechung der Angeklagten ließ er, zu Phädime's Verzweiflung, alle Bewohnerinnen des Weiberhauses, seine Mutter, Atossa und die mit dem Tode ringende Nitetis ausgenommen, nach Susa schaffen. Mehrere vornehme Eunuchen wurden ihrer hohen Stellen entsetzt. Die Kaste sollte für das Verbrechen ihres der Strafe entronnenen Mitgliedes büßen. Oropastes, welcher sein Amt als Stellvertreter des Königs bereits angetreten und seine Unschuld an dem Verbrechen seines Bruders klar erwiesen hatte, belehnte ausschließlich Magier mit den erledigten Würden. Die Demonstration, welche von Seiten der Babylonier zu Bartja's Gunsten stattgefunden hatte, wurde dem Könige erst bekannt, nachdem das Volk schon längst aus einander gelaufen war. Trotz seiner Sorge um Nitetis, die ihn fast ausschließlich in Anspruch nahm, ließ er sich genauen Bericht über diese gesetzwidrigen Vorfälle abstatten und befahl die Rädelsführer streng zu strafen. Er glaubte dem Geschehenen entnehmen zu können, daß Bartja um die Gunst des Volkes werbe, und würde ihm vielleicht schon setzt sein Mißfallen thätlich bewiesen haben, wenn ihm nicht sein besseres Gefühl gesagt hätte, daß nicht er dem Bartja, sondern Bartja ihm zu vergeben habe. Trotzdem konnte er den Gedanken, sein Bruder sei wiederum, wenn auch ohne sein Zuthun, an den traurigen Ereignissen der letzten Tage Schuld gewesen, eben so wenig unterdrücken, wie den Wunsch, ihn so vollkommen als möglich zu beseitigen. Darum schenkte er dem Verlangen des Jünglings, sofort nach Naukratis zu reisen, vollen Beifall. Nach einem zärtlichen Abschiede von seiner Schwester und Mutter machte sich Bartja, zwei Tage nach seiner Freisprechung, auf den Weg. Gyges, Zopyrus und ein zahlreiches Gefolge, welches kostbare Geschenke von Seiten des Kambyses für Sappho mit sich führte, begleiteten ihn. Darius folgte ihm nicht, da ihn seine Liebe für Atossa zurückhielt. Auch war der Tag nicht fern, an welchem er Artystone, die Tochter des Gobryas auf Befehl seines Vaters heimführen sollte. Bartja trennte sich mit schwerem Herzen von seinem Freunde, dem er in Bezug auf Atossa zur größten Vorsicht rieth. Kassandane wußte jetzt um das Geheimniß der Liebenden und versprach, Darius bei dem Könige das Wort zu reden. Wenn Einer, so durfte der Sohn des Hystaspes seinen Blick zur Tochter des Cyrus erheben; war er doch eng mit dem regierenden Hause verschwägert, gehörte er doch, wie Kambyses, zu den Pasargaden; war doch sein Stamm eine jüngere Linie der herrschenden Dynastie und darum nicht minder vornehm als diese (Anm. 1) In der Inschrift von Behistân finden wir den Stammbaum des Darius, der mit demjenigen, welchen wir namentlich Herodot verdanken, vereint werden kann. Inschr. v. Behistân I. §. II. . Sein Vater nannte sich das Oberhaupt des gesammten Reichsadels und verwaltete als solches die Provinz Persien, das Mutterland, dem das ungeheure Weltreich und dessen Beherrscher ihren Ursprung verdankten. Nach dem Aussterben der Familie des Cyrus hatten die Nachkommen des Hystaspes ein wohlbegründetes Erbrecht auf den persischen Thron. Darum war Darius, ganz abgesehen von seinen persönlichen Vorzügen, ein ebenbürtiger Freier für Atossa. Dennoch konnte man jetzt noch nicht wagen, um die Einwilligung des Königs zu bitten. Bei der düsteren Stimmung, in welcher sich derselbe seit den letzten Vorfällen befand, konnte er leicht eine abschlägige Antwort geben, und eine solche mußte unter allen Umständen als unwiderruflich betrachtet werden. So zog Bartja, ohne über die Zukunft des ihm so theuren Paares beruhigt zu sein, in die Ferne. Krösus versprach, auch hier als Vermittler aufzutreten und führte Bartja kurz vor seiner Abreise mit Phanes zusammen. Der Jüngling kam dem Athener, von dem er durch seine Geliebte nur Schönes und Gutes gehört hatte, mit großer Freundlichkeit entgegen und gewann sich schnell die Zuneigung des vielerfahrenen Mannes, der ihm manchen nützlichen Wink und ein Empfehlungsschreiben (Anm. 2) Aus verschiedenen Stellen bei den Klassikern geht hervor, daß die alten Griechen Empfehlungen, welche theils aus Briefen, theils aus dem Abdruck des Siegels bestanden, mit auf Reisen zu nehmen pflegten. Schon in der Ilias erzählt Glaukos von solchem Symbolon. Vgl. Plutarch, Artaxerxes XVIII. und namentlich Böckh, Corp. Inscr. I. p. 126. Marmor. Oxon. II. 24. In dieser Inschrift wird von den Empfehlungsschreiben oder Zeichen (σύμβολα) gesprochen, welche der König von Sidon, Strato, etwa seinen Gesandten nach Athen mitgeben möchte. Eines Passes (σφραγίς) in das Ausland wird in den Vögeln des Aristophanes 1212 gedacht. Solcher war mit dem Siegel des Staates versehen. Die Lokrer führten den Abendstern in demselben, die Samier eine Leyer u. s. w. Siehe II. Theil Anmerk. 71 . an den Milesier Theopompus zu Naukratis auf den Weg gab, und ihn schließlich um ein Gespräch unter vier Augen ersuchte. Als Bartja mit dem Athener wiederum zu den Freunden trat, erschien er ernst und nachdenklich; bald aber hatte er die Sorge vergessen und scherzte mit den Genossen beim frohen Abschiedsbecher. Bevor er am Morgen des nächsten Tages sein Roß bestieg, ließ ihn Nebenchari um eine Audienz bitten. Der Augenarzt wurde vorgelassen und ersuchte ihn, eine umfangreiche Briefrolle für den König Amasis nach Aegypten mitzunehmen. Sie enthielt eine ausführliche Schilderung des Leidens der Nitetis und endeten »So wird dieses arme Opfer Deines Ehrgeizes durch das Gift, welches sie, um nicht zu verzweifeln, einnahm, in wenigen Stunden einem zu frühen Tode verfallen. Wie der Schwamm ein Bild von der Tafel, so wischt die Willkür der Mächtigen dieser Erde das Glück eines Menschenlebens aus. Verbannt von Heimath und Besitz verkümmert Dein Knecht Nebenchari; als Selbstmörderin siecht die unselige Tochter eines ägyptischen Königs dahin. Ihr Leichnam wird von Hunden und Geiern nach persischer Sitte zerrissen werden. Wehe Denen, welche die Unschuldige des Glückes der Erde und der Ruhe im Jenseits beraubten!« Bartja versprach dem finsteren Manne, dies Schreiben, dessen Inhalt er nicht kannte, mitzunehmen, stellte, von einer jubelnden Volksmenge umgeben, vor den Thoren der Stadt die Steine auf, welche ihm, nach dem persischen Aberglauben (Anm. 3) Dieser Aberglaube ist heute noch herrschend. Morier, Zweite Reise in Bertuch's neuer Bibl. d. Reisebeschr. S. a. de Wette, Archäologie §. 192. , eine glückliche Reise sicherten, und verließ Babylon. Indessen schickte sich Nebenchari an, auf seinen Posten am Sterbelager der Aegypterin zurückzukehren. An der ehernen Pforte der Mauer, welche den Garten des Weiberhauses mit den Höfen des großen Palastes verband, trat ihm ein weiß gekleideter Greis entgegen. Kaum hatte er diesen erblickt, als er zurückbebte und den hageren Alten wie eine Erscheinung anstarrte. Da ihm derselbe jedoch vertraulich und freundlich zulächelte, beschleunigte er seine Schritte, streckte ihm mit einer Herzlichkeit, welche ihm keiner seiner persischen Bekannten zugetraut haben würde, die Hand entgegen und rief in ägyptischer Sprache: »Darf ich denn meinen Augen trauen?! Alter Hib Hib bedeutet im Altägyptischen einen Ibis. Viele alte Aegypter führten den Namen heiliger Thiere. , Du hier in Persien? Eher hätte ich des Himmels Einsturz als die Freude, Dich hier am Euphrat zu sehen, erwartet! Jetzt aber sage mir in Osiris Namen, was Dich alten Ibis bewegen konnte, Dein warmes Nest am Nile zu verlassen und die weite Reise gen Osten zu unternehmen?« Der Alte, welcher sich während dieser Worte mit herunterhängenden Armen tief verbeugt hatte, schaute jetzt den Arzt mit unbeschreiblicher Glückseligkeit an, betastete seine Brust mit zitternden Händen und rief, sein rechtes Knie beugend und die eine Hand auf's Herz pressend, die andere gen Himmel erhebend: »Habe Dank, große Isis, die Du den Wanderer beschirmst, daß Du mich meinen Herrn also finden läßt! Ach, Kind, welche Angst hab' ich um Deinetwillen ausgestanden! Abgezehrt, wie einen verhungerten Gefangenen aus den Steinbrüchen, verhärmt und elend dachte ich Dich anzutreffen, und sehe Dich jetzt wieder in blühender Gesundheit, schön und stattlich wie immer! Ach, wenn der arme alte Hib an Deiner Stelle gewesen wäre, so würde er sich längst zu Tode gegrämt und geärgert haben!« »Glaub' Dir's, Alterchen! Auch ich habe die Heimath nur gezwungen und mit blutendem Herzen verlassen. Die Fremde gehört dem Seth Siehe I. Theil Anmerkung 147 . ; die gütigen Götter wohnen nur in Aegypten, nur am heiligen, gesegneten Nil!« »Hat sich was mit dem Segen!« brummte der Alte. »Du erschreckst mich, Väterchen. Was ist vorgefallen, daß . . . ?« »Vorgefallen? – Hm! – Schöne Dinge sind vorgefallen! Nun, Du wirst schon zeitig genug davon hören! Glaubst Du denn, daß ich unser Haus und meine Enkelchen verlassen und mich in meinem achtzigsten Jahre wie solch' ein hellenischer ober phönizischer Landstreicher auf Reisen und unter die heillosen Fremden, welche die Götter vernichten mögen, begeben haben würde, wenn es in Aegypten noch auszuhalten wäre?« »Aber so rede doch!« »Später, später! Jetzt mußt Du mich für's Erste mit in Deine Wohnung nehmen, die ich nicht verlassen will, so lange wir in diesem typhonischen Lande bleiben.« Der Greis hatte diese Worte mit so lebhaftem Abscheu ausgesprochen, daß sich Nebenchari eines Lächelns und der Frage. »Ist man Dir denn gar so übel begegnet, mein Alter?« nicht erwehren konnte. »Pest und Chamsin Der Südwestwind, welcher namentlich den Staaten des fruchtbaren Nilthals so gefährlich wird, und der uns unter dem Namen des den Wüstenwanderern feindlichen Samum bekannter ist. !« polterte der Greis. »All' diese Perser sind die nichtswürdigste Typhonsbrut auf Erden! Mich wundert nur, daß sie nicht allesammt rothköpfig und aussätzig geboren werden! Ach Kind, ich bin schon zwei Tage in dieser Hölle und habe eben so lange mitten unter den Götterverächtern leben müssen! Man sagte mir, es sei unmöglich, Dich zu sprechen, denn Du dürftest das Lager der kranken Nitetis nicht verlassen. Die arme Kleine! Ich hab's gleich gesagt, daß diese Heirath mit einem Fremden übel ablaufen würde. Na, es geschieht Amasis schon recht, wenn ihm seine Kinder Kummer machen! Er hat's um Dich allein verdient!« »Schäme Dich, Alter!« »Ei was! Einmal muß es doch heraus! Ich hasse diesen hergelaufenen König, der, als er noch ein armer Junge war, Deinem Vater die Datteln von den Bäumen schlug und die Schilder von den Hausthüren riß! O, ich hab' ihn damals wohl gekannt, den Taugenichts! 's ist eine Schmach, daß man sich von solchem Menschen, der . . .« »Gemach, gemach, Alter!« unterbrach Nebenchari den sich ereifernden Greis. »Wir sind nicht Alle von einem Holze gemacht, und wenn Amasis als Knabe wirklich nicht viel mehr war als Du, dann ist es Deine Schuld, wenn Du als Greis so viel weniger bist als er.« »Mein Großvater war Tempeldiener, mein Vater war es, darum mußte ich natürlich dasselbe werden (Anm. 4) Der Sohn mußte gewöhnlich dasselbe werden, wie der Vater. Diod. I. 74. Lepsius hat ausnehmend lange Stammbäume gefunden, deren Mitglieder alle denselben Beschäftigungen oblagen. Die auf den Denkmälern vorkommenden Geschlechterverzeichnisse, die Namen und Titel von Vater, Mutter, Kindern \&c. sind in jüngster Zeit gesammelt und herausgegeben worden von Lieblein, Dictionnaire de noms hiéroglyphiques . Sie haben Wichtigkeit erlangt für die Berechnung der Zeiten der ägyptischen Geschichte. Uebrigens waren die Kasten der Aegypter lange nicht so streng begrenzt wie die der Inder, denn die Denkmäler lehren, daß der Sohn des Kriegers ein Priester und der des Priesters ein Soldat werden konnte, daß sich eines Vaters Söhne verschiedenen Ständen widmeten und – dafür sprechen besonders einige hieratische Manuskripte didaktischen Inhalts – den Jünglingen freistand, sich einen Beruf zu wählen. Jedenfalls hielt man es aber für das Vorzüglichere und war es gebräuchlich, dem väterlichen Berufe treu zu bleiben. Dies galt übrigens beinah bei allen Völkern des Alterthums, selbst bei den Griechen.  . . .« »Ganz recht, so befiehlt es das Gesetz der Kasten, dem zu Folge Amasis nichts Anderes sein dürfte, als höchstens ein armer Kriegshauptmann.« »Nicht Jeder hat ein so weites Gewissen wie dieser Glückspilz!« »Immer der Alte! Schäme Dich, Hib! So lang ich lebe, und das dauert nun schon ein volles halbes Jahrhundert, ist jedes dritte Wort, das Du redest, ein Scheltwort. Als ich noch ein Kind war, mußte ich unter Deiner üblen Laune leiden; jetzt trifft sie den König.« »Und mit Recht! O, wenn Du wüßtest! Sieben Monate ist es her, seitdem . . .« »Ich kann Dich jetzt nicht hören! Beim Aufgange des Siebengestirns will ich aber einen Sklaven schicken, der Dich in meine Wohnung führen soll. Bis dahin bleibst Du in Deinem bisherigen Quartiere, denn ich muß notwendiger Weise zu meiner Kranken.« »So, Du mußt? – Gut, geh' nur und laß den alten Hib sterben! Ich komme um, ich vergehe, wenn ich nur noch eine Stunde bei diesen Menschen bleiben soll!« »Aber, was willst Du eigentlich?« »In Deinen Gemächern warten, bis wir wieder abreisen.« »Hat man Dich denn gar so unglimpflich behandelt?« »Und wie! O, dieser Ekel! Sie haben mich gezwungen, mit ihnen aus demselben Topfe zu essen und mein Brod mit ihrem Messer zu schneiden. Ein heilloser Perser, der lange in Aegypten gewesen und mit mir gereist ist, hat ihnen Alles mitgetheilt, was uns verunreinigt (Anm. 5) Ueber die zahlreichen Reinigungen durch Waschen, Scheeren, Purgiren \&c. siehe Herod. II. 37. 41. 47. 77. Plutarch, Is. et Osir. 5 . Genesis 41. Ebers, Aegypten u. d. Bücher Mose's I. S. 350. . Als ich mich scheeren wollte, nahmen sie mir das Messer fort. Eine nichtswürdige Dirne küßte mich, eh' ich mich dessen versah, auf die Stirn. Du brauchst nicht zu lachen! Ich bedarf wenigstens eines Monats, um mich von all' diesen Befleckungen zu säubern. Als endlich das Brechmittel, welches ich genommen, seine Wirkung that, verhöhnten sie mich. Aber das war noch nicht Alles. Ein verwünschter Küchenjunge schlug in meiner Gegenwart ein heiliges Kätzchen halb zu Tode. Ein Salbenreiber, der erfahren hatte, daß ich Dein Diener sei, ließ mich durch denselben verruchten Bubares, mit dem ich hergekommen, fragen, ob ich mich auch auf Augenheilkunde verstehe? Ich habe diese Frage vielleicht bejaht; denn, weißt Du, in sechzig Jahren sieht man seinem Herrn schon etwas ab. Da klagt mir der elende Mensch, Bubares verdolmetschte mir Alles, daß er sich wegen eines schrecklichen Uebels an seinen Augen beunruhige. Als ich ihn frage, worin dies bestehe, läßt er mir antworten, daß er im Dunkeln nichts zu erkennen vermöge!« »Du hättest ihm antworten sollen, das einzige Mittel gegen diese Krankheit sei, Licht anzustecken!« »O, wie ich diese Bösewichter hasse! Wenn ich noch eine Stunde lang bei ihnen bleiben muß, so gehe ich zu Grunde!« Nebenchari lächelte und gab seinem Diener zurück: »Du wirst Dich den Fremden gegenüber wunderbar genug geberdet und ihren Uebermuth gereizt haben. Die Perser sind im Allgemeinen sehr artige, höfliche Leute (Anm. 6) Herod. I. 134. . Versuch's nur noch einmal mit ihnen! Heute Abend will ich Dich gern bei mir aufnehmen; eher aber kann ich nicht.« »Dacht' ich's doch! Auch er hat sich verändert! Osiris ist todt und Seth herrscht wieder auf Erden!« »Gehab' Dich wohl! Wenn das Siebengestirn aufgeht, so erwartet Dich der Sklave Pianchi, unser alter Aethiopier, an dieser selben Stelle.« »Pianchi, der alte Spitzbube, den ich nicht sehen mag?« »Derselbe!« »Hm, 's ist immer noch was Gutes, wenn man bleibt wie man war. Ich kenne freilich Leute, die das nicht gerade von sich sagen können, die, statt sich auf ihre Kunst zu beschränken, auch innere Krankheiten heilen wollen, die einem alten treuen Diener . . .« »Befehlen seinen Mund zu halten und den Abend in Geduld zu erwarten.« Diese letzten mit Ernst gesprochenen Worte verfehlten ihren Eindruck auf den Alten keineswegs. Er verneigte sich und sagte, ehe sein Herr ihn verließ: »Ich bin unter dem Schutze des früheren Söldnerobersten Phanes hieher gekommen. Er hat dringend mit Dir zu sprechen.« »Das ist seine Sache; er möge mich aufsuchen!« »Du steckst ja den ganzen Tag bei dieser Kranken, deren Augen so gesund sind . . .« »Hib!!« »Meinetwegen mag sie den Staar auf beiden haben! Darf Phanes heut' Abend mit mir kommen?« »Ich wünschte mit Dir allein zu sprechen.« »Und ich mit Dir; der Hellene scheint aber sehr eilig zu sein und weiß fast Alles, was ich Dir zu erzählen habe.« »Hast Du geplaudert?« »Das gerade nicht, aber . . .« »Mein Vater rühmte Deine Treue und ich hielt Dich bis heute für zuverlässig und verschwiegen.« »Das war ich auch immer. Dieser Hellene wußte aber schon viel von dem, was ich weiß, und das Andere . . .« »Nun?« »Das Andere hat er aus mir herausgeholt, ich weiß selbst nicht wie! Trüge ich nicht dies Amulet gegen den bösen Blick, so müßte . . .« »Ich kenne den Athener und verzeihe Dir! Es würde mir lieb sein, wenn er Dich heut' Abend begleitete. Wie hoch die Sonne schon steht! Die Zeit drängt! So erzähle in kurzen Worten, was sich zugetragen hat . . .« »Ich denke, heut' Abend . . .« »Nein, ich muß wenigstens eine allgemeine Kenntniß von dem Vorgefallenen haben, eh' ich mit dem Athener rede. Mach' es kurz!« »Du bist bestohlen worden.« »Weiter nichts?« »Wenn Du das nichts nennst.« »Antworte! Weiter nichts?« »Nein!« »Dann lebe wohl!« »Aber, Nebenchari . . .« Der Augenarzt hörte diesen Ruf nicht mehr, denn schon hatte sich die Pforte, welche zu dem Hause der Weiber des Königs führte, hinter ihm geschlossen. Als das Siebengestirn aufgegangen war, saß Nebenchari in einem der prächtigen Zimmer, die er auf der östlichen Seite des Palastes, unweit der Wohnung Kassandane's, inne hatte. Die Freundlichkeit, mit der er seinem alten Diener begegnet war, hatte wieder jenem Ernste Platz gemacht, der ihn unter den leichtblütigen Persern in den Ruf eines finsteren Griesgrams brachte. Er war ein ächter Aegypter, ein ächtes Kind jener Priesterkaste, deren Mitglieder selbst in ihrer Heimath, sobald sie sich öffentlich zeigten, feierlich und würdevoll einherzugehen und niemals zu scherzen pflegten, während sie im Kreise ihrer Genossen und Familie den selbstauferlegten Zwang abschüttelten und heiter bis zur Unbändigkeit sein konnten. Nebenchari empfing Phanes mit kalter Höflichkeit, obgleich er ihn von Sais her kannte, und befahl dem alten Hib nach einer kurzen Begrüßung, ihn mit dem Obersten allein zu lassen. »Ich habe Dich aufgesucht,« begann der Athener in ägyptischer Sprache, deren er vollkommen mächtig war, »weil ich wichtige Dinge mit Dir besprechen muß . . .« »Von denen ich unterrichtet bin!« lautete die kurze Antwort des Arztes. »Das möchte ich bezweifeln,« erwiederte Phanes mit ungläubigem Lächeln. »Du bist aus Ägypten verjagt, von Psamtik, dem Thronerben, bitter verfolgt und gekränkt worden, und kommst jetzt nach Persien, um Kambyses zum Werkzeuge Deiner Rache gegen mein Vaterland zu machen.« »Du irrst! Deinem Vaterlande schulde ich nichts; desto mehr habe ich jedoch dem Hause des Amasis heimzuzahlen.« »Du weißt, daß in Ägypten Staat und König Eins sind.« »Ich glaube vielmehr die andere Bemerkung gemacht zu haben, daß sich die Priester Deiner Heimath gern dem Staate gleichsetzen.« »So bist Du besser unterrichtet als ich. Ich hielt bis dahin die ägyptischen Könige für unbeschränkt.« »Das sind sie, soweit sie sich dem Einflusse Deiner Standesgenossen zu entheben verstehen. – Auch Amasis beugt sich jetzt vor den Priestern.« »Seltsame Neuigkeit!« »Die man Dir längst mitgetheilt haben wird.« »Meinst Du?« »Ganz bestimmt! Aber noch bestimmter weiß ich, daß es Amasis einmal, hörst Du, einmal gelungen ist, den Willen seiner Lenker dem seinigen unterzuordnen.« »Ich erfahre nur wenig aus der Heimath und weiß nicht, was Du meinst.« »Das glaube ich; denn wenn Du es wüßtest und balltest jetzt nicht Deine Fäuste, dann wärest Du nicht besser als ein Hund, der sich winselnd treten läßt und seinem Quäler die Hände leckt!« Der Arzt erbleichte bei diesen Worten und sagte: »Ich weiß, daß ich von Amasis beleidigt worden bin; bitte Dich aber, zu bemerken, daß ich die Rache für ein zu süßes Gericht halte, um es mit einem Fremden theilen zu mögen!« »Wohlgesprochen! Was aber meine Rache anbetrifft, so vergleiche ich sie mit einem Weinberge, der so voll ist, daß ich ihn nicht allein abzuernten vermag.« »Und Du bist hierhergekommen, um hülfreiche Winzer anzuwerben?« »So ist's; gebe ich doch die Hoffnung immer noch nicht auf, daß Du die Ernte mit mir theilen wirst.« »Du irrst! Meine Arbeit ist vollbracht; die Götter selbst haben sie mir abgenommen. Amasis ist dafür, daß er mich aus der Heimath, von Freunden und Schülern verbannte und eigennütziger Pläne wegen in dies unreine Land schickte, hart genug bestraft worden.« »Etwa durch seine Blindheit?« »Vielleicht.« »So weißt Du nicht, daß Dein Kunstgenosse Petammon eine Haut, die den Sehstern des Amasis bedeckte, durchschnitten und ihm das Tageslicht wieder gegeben hat?« Der Aegypter zuckte zusammen und knirschte mit den Zähnen; aber er gewann schnell seine Fassung wieder und gab dem Athener zurück: »Dann haben die Götter den Vater in seinen Kindern bestraft.« »Wie meinst Du das? – Psamtik behagt dem Könige in seiner jetzigen Stimmung sehr wohl; Tachot leidet zwar, betet und opfert jedoch um so fleißiger mit dem Vater. Was endlich Nitetis betrifft, so wird ihm der wahrscheinliche Tod derselben nicht näher gehen, als sei eine Freundin seiner Tochter gestorben; das weißt Du so gut als ich.« »Abermals kann ich Dich nicht verstehen.« »Das ist natürlich, so lange Du wähnst, daß ich die schöne Kranke für ein Kind des Amasis halte.« Der Aegypter erbebte wiederum; Phanes aber fuhr fort, ohne scheinbar auf seine Erregung zu achten: »Ich bin besser unterrichtet, als Du vermuthen kannst. Nitetis ist die Tochter Hophra's, des entthronten Vorgängers Deines Königs. Amasis hat sie auferzogen, als wäre sie sein eigenes Kind, erstens um Deine Landsleute glauben zu machen, der gestürzte Pharao sei ohne Nachkommen gestorben; zweitens aber, um Nitetis aller Ansprüche auf einen Thron, der ihr von Rechtswegen zukommt, zu berauben. Am Nile sind ja auch Weiber regierungsfähig (Anm. 7) In den Königslisten finden sich mehrere von den Denkmälern bestätigte regierende Königinnen. Lauth in seinem Manetho findet sogar, daß die Eintheilung der Dynastieen in Zusammenhang steht mit den Regierungen der Königinnen. !« »Dies sind Vermuthungen . . .« »Die ich durch unumstößliche Beweise zu bekräftigen vermag! Unter den Papieren, welche Dein alter Diener Hib in einem Kästchen bei sich führte, müssen sich Briefe eines berühmten Geburtshelfers (Anm. 8) Nach den Bildern auf den alten Denkmälern und dem ersten Kapitel des Exodus scheint es, als wenn, wie im heutigen Aegypten, die Geburtshülfe gewöhnlich von Hebammen ausgeübt worden sei; doch ist es gewiß, daß bei schwierigen Lagen auch Aerzte zu Hülfe gerufen worden sind. In dem hieratischen Papyrus 1558 medizinischen Inhalts zu Berlin wird mehrfach von helfenden Frauen geredet. Im med. Papyrus Ebers befinden sich lehrreiche den Frauenkrankheiten gewidmete Abschnitte. Es gab eigene Geburtszimmer; wie bei den Tempeln symbolische für die Göttinnen, so wohl auch in den Privathäusern für die Wöchnerinnen. Sie hießen meschen und nach ihnen die Hebammen ta meschennu , die vom Geburtszimmer. , Deines leiblichen Vaters, vorfinden –« »Wenn dem so wäre, dann sind doch in jedem Falle diese Schreiben mein Eigenthum, das ich nicht herauszugeben gesonnen bin; zweitens aber möchtest Du in Persien vergeblich nach einem Manne suchen, der die Schrift meines Vaters zu entziffern verstände.« »Verzeih' mir, wenn ich Dich abermals auf einige Irrthümer aufmerksam mache. Erstens befindet sich jenes Kästchen, wie gesagt, in meinem Gewahrsam und wird Dir, so hoch ich sonst das Recht des Eigentümers zu achten gewohnt bin, nicht eher zurückerstattet werden, bis mir sein Inhalt für meinen Zweck gedient hat; zweitens verweilt in der That durch die wunderbare Fügung der Götter ein Mann zu Babylon, welcher jede Schriftart, die ein ägyptischer Priester nur immer kennen mag, zu lesen versteht. Erinnerst Du Dich zufällig des Namens Onuphis?« Der Arzt erbleichte zum Drittenmale und fragte: »Bist Du sicher, daß dieser Mann noch immer unter den Lebenden wandelt?« »Gestern habe ich mit ihm gesprochen. Er war, wie Du weißt, Oberpriester zu Heliopolis und darum in all' eure Geheimlehren eingeweiht. Mein weiser Landsmann Pythagoras von Samos kam nach Aegypten, erlangte, nachdem er sich einigen eurer Ceremonien unterworfen hatte (Anm. 9) Jamblichus de vita Pythagorae II. p. 18 ed. Kiessl . Diod. I. 98. Plutarch, Quaest. conviv. VIII. 8. 2. Onuphis wird auch Oinuphis genannt. Viel Hierhergehöriges bei Röth, Geschichte unserer abendländischen Philosophie. Dies höchst geistreiche auf ausgedehnten Studien beruhende Werk verliert leider an Werth durch die schrankenlose Kühnheit der Kombinationen seines Verfassers. , die Erlaubniß, an dem Unterrichte der Priesterschule von Heliopolis Theil zu nehmen, gewann sich durch seine großen geistigen Vorzüge die Liebe des trefflichen Onuphis, wurde durch ihn in alle Geheimlehren (Anm. 10) Ueber die Geheimlehren der Aegypter hören wir zwar von späteren griechischen Schriftstellern, namentlich von einigen Neuplatonikern, viel fabuliren, können uns aber kein klares Bild von ihnen machen, obgleich Vieles, was ihnen angehört, uns in den Papyrusrollen bewahrt ward. Leider ist aber überall, wo mysteriöse Dinge behandelt werden, die Sprache der priesterlichen Schreiber so stark mit Metaphern überladen und geflissentlich verdunkelt worden, daß sich das Gemeinte schwer klar erfassen läßt. Die Mysterien scheinen, wie auch Plutarch (Isis und Osiris 4–11) sagt, ausschließliches Eigentum der Priester gewesen zu sein, und dasjenige, was durch die heiligen Ceremonien symbolisirt wurde, umfaßt zu haben. Der Glaube an einen einigen Gott scheint, wie auch das Todtenbuch lehrt, den Kern jener Geheimlehren gebildet zu haben, welche viel Hohes und Schönes enthalten haben müssen, da die Weisesten der Griechen, Lykurg, Solon, Thales, Pythagoras, Demokrit, Plato und manche Andere, ihnen viele ihrer Lehren in Staatswissenschaft, Geometrie, Astronomie und Philosophie entlehnt haben. Auch Moses verdankt wohl den Geheimlehren, welche er, als Zögling der Priester, kannte, viele seiner sittlichen und medizinischen Vorschriften. S. II. Th. Anmerk. 36 . Ueber die Mysterien ist mit einem großen Aufwande von Gelehrsamkeit, aber sehr kleinen Resultaten, auch von neueren Gelehrten viel geschrieben worden: so von J. G. Bremer, Symbolische Weisheit der Aegypter \&c; R. Howard, Revelations of Egyptian Mysteries ; F. Nork, Andeutungen eines Systems der priesterlichen Mysteriosophie und Hierologie \&c. Ein vollkommenes Verständniß des schon von S. Birch im 5. Bande der Translation des Bunsen'schen Werkes, Aegyptens Stelle in der Weltgeschichte, vollständig aber leider ohne jede Textkritik übersetzten Todtenbuchs und die Publikation der hieratischen Papyrus, die bei dem jetzigen Stande der ägyptischen Philologie dem Studium ihre Geheimnisse nicht länger vorenthalten können, wird die Mysterien der Mysterien, wenn auch nicht beseitigen, so doch vielfältig aufklären. Manches ward schon erworben, besonders durch die Inschriften aus der Ptolemäerzeit, das 1., 17., 125. u. a. Kapitel des Todtenbuchs, die pantheistischen Texte in den Königsgräbern und in den Oasentempeln, das Buch vom Athem und viele funeräre Schriftstücke, deren Text durch Vergleichung hergestellt werden kann. eingeweiht und machte sie der Welt nutzbar. Ich selbst und meine edle Freundin Rhodopis nennen uns mit Stolz seine Schüler. Als Deine Standesgenossen erfuhren, daß Onuphis zum Verräther an den Mysterien geworden sei, beschlossen die priesterlichen Richter, ihn umzubringen. Er sollte durch ein Gift getödtet werden, das man aus den Kernen des Pfirsichbaumes gewinnen kann. Der Verurtheilte hörte von dem, was ihn bedrohte, und floh nach Naukratis, woselbst er im Hause der Rhodopis, von deren Geist und Güte ihm Pythagoras erzählt hatte, einen durch den Freibrief des Königs gesicherten Versteck fand. Hier wurde er mit Antimenidas, dem Bruder des Dichters Alcäus Siehe I. Theil Anmerkung 15 (Alcäus). von Lesbos bekannt, der viele Jahre lang, während er durch Pittakus, den weisen Herrscher von Mitylene, aus der Heimath verbannt gewesen, zu Babylon gelebt und bei Nebukadnezar, dem damaligen Könige von Assyrien, Kriegsdienst genommen hatte. Dieser Antimenidas gab ihm Empfehlungen an die Chaldäer. Anuphis reiste zum Euphrat, ließ sich zu Babylon nieder und mußte sich, da er als armer Mann seine Heimath verlassen hatte, nach einem Broderwerb umsehen. Einen solchen erhielt er durch den Empfehlungsbrief des Antimenidas. Heute noch fristet er, der einstmals zu den Mächtigsten in Aegypten gehörte, sein Leben, indem er den Chaldäern bei ihren astronomischen Berechnungen auf dem Thurme des Bel mit seinen überlegenen Kenntnissen hülfreiche Hand leistet. Onuphis ist beinahe achtzig Jahre alt, doch vollkommen frischen Geistes. Als ich ihn gestern sprach und um seinen Beistand bat, sagte er mir ihn mit leuchtenden Augen zu. Dein Vater war einer seiner Richter; er will aber nicht seinen Groll von dem Erzeuger auf den Sohn übertragen und läßt Dir seinen Gruß entbieten.« Nebenchari hatte während dieser Erzählung sinnend zu Boden geschaut. Als Phanes schwieg, sah er ihn durchdringend an und fragte: »Wo sind meine Papiere?« »In Händen des Anuphis, der in ihnen nach den Belegen sucht, deren ich bedarf.« »Das konnte ich denken! Sei so gut, mir zu sagen, wie die Kiste aussieht, welche Hib nach Persien zu bringen für gut fand.« »Es ist ein Köfferchen von schwarzem Ebenholz. Sein Deckel ist kunstreich geschnitzt. Man sieht in seiner Mitte einen geflügelten Käfer, und an seinen vier Ecken . . .« Nebenchari athmete auf und sagte: »Dies Kistchen enthält nichts, als einige Aufzeichnungen meines Vaters.« »Die meinen Zwecken vielleicht genügen werden. Ich weiß nicht, ob man Dir erzählt hat, daß ich mich der höchsten Gunst des Kambyses erfreue.« »Um so besser für Dich! Ich kann Dich versichern, daß die Papiere, welche Dir vielleicht ernstlich dienen könnten, in Aegypten geblieben sind.« »Sie lagen in einer großen, bunt bemalten Sykomoren-Kiste.« »Woher weißt Du das?« »Weil ich, – merke wohl auf, Nebenchari, – weil ich Dir jetzt der Wahrheit gemäß mittheile, – ich schwöre nicht, denn Pythagoras, der Meister, verbietet den Eidschwur, – daß eben diese Kiste mit sammt ihrem ganzen Inhalte im Haine des Neith-Tempels zu Sais auf Befehl des Königs verbrannt worden ist.« Diese Worte, welche Phanes langsam, Sylbe auf Sylbe scharf betonend, aussprach, trafen den Aegypter wie ebensoviel Blitzschläge. Die kalte Ruhe und Gemessenheit, die er bis dahin bewahrt hatte, wichen einer unbeschreiblichen Erregung. Seine Wangen glühten und seine Augen flammten. Aber nur während einer einzigen Minute. Dann verwandelte sich die Erregung in eisige Ruhe, die glühenden Wangen entfärbten sich und der bebende Mund sprach kalt und gelassen: »Du willst mich, um mich zu Deinem Bundesgenossen zu machen, mit Haß gegen meine Freunde erfüllen. Ich kenne euch Hellenen! Ränkevoll und listig, verschmäht ihr kein Mittel des Truges und der Lüge, wenn es euch daran liegt, eure Zwecke zu fördern.« »Du beurtheilst mich und meine Landsleute nach ächt ägyptischer Art; das heißt, Du hältst uns als Fremde für so schlecht als möglich; diesmal täuschest Du Dich aber in Deinem Verdachte! – Laß den alten Hib kommen und Dir von ihm bestätigen, was Du mir nicht glauben willst.« Nebenchari's Stirn verfinsterte sich, als Hib, seinem Rufe folgend, in das Zimmer trat. »Komm näher!« herrschte er dem Alten zu. Hib folgte achselzuckend dem Befehle. »Hast Du Dich von diesem Manne bestechen lassen? Ja oder nein? Ich verlange die Wahrheit, denn es gilt das Wohl oder Wehe meiner Zukunft. Bist Du in die Schlingen dieses Meisters in allen Listen gegangen, so verzeih' ich Dir, weil ich Dir, einem alten treuen Diener, Vieles zu danken habe. Sage die Wahrheit, – ich beschwöre Dich im Namen Deiner osirischen Väter!« Das gelbliche Gesicht des Alten war während dieser Worte seines Herrn erdfahl geworden. Mehrere Minuten lang konnte er schluckend und schnaufend keine Antwort finden. Endlich, nachdem es ihm gelungen war, die Thränen, welche sich mit aller Gewalt in seine Augen dringen wollten, hinunter zu würgen, rief er halb zornig, halb weinerlich: »Hab' ich's nicht gleich gesagt? Er ist in diesem Lande der Schmach und des Unheils verzaubert und verderbt worden. Wessen man selber fähig ist, das traut man auch Andern zu! Sieh' mich nur zornig an, ich mache mir nichts daraus. Was kann es mich überhaupt noch kümmern, wenn man mich, einen alten Mann, der sechzig Jahre lang demselben Hause treu und redlich gedient hat, für einen Schurken, einen Spitzbuben, einen Verräther, wenn's euch gefällig ist, auch für einen Mörder hält!« Bei diesen letzten Worten flossen die Augen des Greises, sehr gegen seinen Willen, von heißen Thränen über. Der leicht gerührte Phanes klopfte ihm auf die Schulter und sagte, sich an Nebenchari wendend: »Hib ist ein treuer Mensch. Nenne mich einen Schurken, wenn er einen Obolus von mir angenommen hat.« Der Arzt hätte dieser Worte des Atheners nicht bedurft, um von der Unschuld seines Dieners vollkommen überzeugt zu sein. Er kannte ihn so lange und so genau, daß er in den keiner Verstellung fähigen Zügen des Alten wie in einem offenen Buche zu lesen verstand; darum näherte er sich ihm und sagte begütigend: »Ich habe Dir nichts vorgeworfen, Alter. Wer wird über eine bloße Frage so böse werden!« »Soll mich wohl noch über Deinen schändlichen Verdacht freuen?« »Das nicht; – wohl aber gestatte ich Dir jetzt, zu erzählen, was sich während meiner Abwesenheit in unserem Hause zugetragen hat.« »Schöne Geschichten! Wenn ich nur daran denke, wird mir so bitter im Munde, als wenn ich Koloquinthenäpfel kaute.« »Du sagtest vorhin, man habe mich bestohlen.« »Und wie! So ist noch gar kein Mensch vor uns bestohlen worden! Wenn die Spitzbuben noch Strolche von der Diebeskaste gewesen wären (Anm. 11) Nach Herod. II. 120 sollte zwar der schlaue Baumeistersohn, welcher das Schatzhaus des Rhampsinit bestohlen hatte, streng bestraft werden: aus Diodor I. 80 und A. Gellius XI. 18 geht aber hervor, daß die Diebe, wenn sie sich als solche bei den Behörden meldeten, vielleicht streng überwacht, aber nicht bestraft wurden. Nach Diodor soll es einen Vorsteher der Diebeskaste gegeben haben, bei dem man sich das entwendete Gut gegen Aufgabe des vierten Theils abholen konnte. Dieses seltsame Gesetz verdankt wohl jener Vorschrift seinen Ursprung, nach welcher jeder Aegypter verpflichtet war, sich alljährlich bei der Obrigkeit seines Bezirkes zu melden und sich über seinen Lebensunterhalt auszuweisen. Denjenigen, welcher falsche Angaben machte, erwartete die Todesstrafe. Diod. I. 77. So konnte Niemand, dem sein Leben lieb war, sich dem überwachenden Auge der Obrigkeit entziehen. Der Dieb opferte den besten Theil seines Gewinnes und bekannte seine Unredlichkeit, um nicht dem Tode zu verfallen. , so könnte man sich trösten, denn erstens würden wir dann den besten Theil unseres Eigentums wieder bekommen haben,. und zweitens nicht schlimmer dran gewesen sein wie viele Andere; wenn aber . . . .« »Bleibe bei der Sache, denn meine Zeit ist gemessen!« »Weiß schon! Der alte Hib kann Dir hier in Persien nichts recht machen; aber sei es drum! Du bist der Herr und hast zu befehlen; ich bin nichts als der Diener, der gehorchen muß. Ich will mir's merken! Es war also gerade in der Zeit, wo die große persische Gesandtschaft nach Sais kam, um Nitetis zu holen und sich von aller Welt wie Wunderthiere angaffen zu lassen, als die Schändlichkeit vor sich ging. Ich sitze, gerade eh' die Sonne unterging, auf dem Mückenthürmchen und spiele mit meinem Enkel, dem ältesten Knaben meiner Benra , – 's ist ein prächtiger, dicker Junge geworden, der für sein Alter merkwürdig klug und kräftig ist. Der Schlingel erzählt mir eben, sein Vater habe, wie die Aegypter thun, wenn ihre Frauen die Kinderchen zu viel allein lassen, die Schuh' seiner Mutter versteckt (Anm. 12) Plutarch erzählt, es sei in Aegypten unschicklich gewesen, barfuß über die Straße zu gehen: darum hätten die Männer ihren Frauen, um sie zur Häuslichkeit zu zwingen, die Schuhe versteckt. Nach Herod. II. 35 lag es übrigens den Weibern ob, die Einkäufe auf dem Markte zu machen, was uns durchaus nicht ungewöhnlich erscheint, dem Griechen aber auffallen mußte, da in seiner Heimath die Männer den Markt besuchten. , und ich lache aus vollem Halse, weil ich der Benra, die keines der Enkelkinder bei mir wohnen lassen will, diesen Streich schon gönnte, – sie sagen immer, ich verzöge die Kleinen, – als es plötzlich mit dem Klopfer so heftig an die Hausthür pocht, daß ich schon denke, es sei Feuer ausgebrochen, und den Jungen von meinem Schooße fallen lasse. So schnell ich kann, spring' ich die Treppe hinunter, nehme mit meinen langen Beinen immer drei Stufen auf einmal und schiebe den Riegel zurück. Die Thür fliegt auf, und eine Schaar von Tempeldienern und Sicherheitsbeamten, – es waren wenigstens fünfzehn Mann, – dringt, ehe ich noch Zeit habe, nach ihrem Begehr zu fragen, in's Haus. Pichi, der unverschämte Tempeldiener der Neith, – Du kennst ihn ja, – stößt mich zurück, riegelt die Thür von innen zu und befiehlt den Schaarwächtern, mich zu binden, wenn ich seinen Befehlen nicht Folge leisten würde. Ich werde natürlich grob, denn ich kann nicht anders, wenn mich etwas ärgert, das weißt Du, Herr; da läßt er mich, – bei unserem Gotte Toth, der die Wissenschaft beschirmt, ich rede die Wahrheit, Herr, – da läßt der Grünschnabel mir die Hände binden, verbietet mir, dem alten Hib, den Mund und theilt mir mit, daß er vom Oberpriester den Auftrag habe, mir fünfundzwanzig Stockprügel geben zu lassen, wenn ich mich nicht ohne jede Widerrede seinen Anordnungen fügen würde. Dabei zeigt er mir den Ring des Oberpriesters. Nun mußt' ich, ob ich wollte oder nicht, dem Befehle dieses Schuftes gehorchen! Der bestand in nichts Geringerem, als ihm sofort alle Schriftstücke, die Du in Deinem Hause zurückgelassen, einzuhändigen. Aber der alte Hib ist nicht so dumm, daß er sich fangen läßt, wenn auch Manche, die ihn besser kennen sollten, meinen, daß er ein bestechlicher Mensch und der Sohn eines Esels sei. Was werde ich also thun? Ich stelle mich, als wär' ich ganz zerknirscht von dem Anblicke des Siegelrings, ersuche Pichi so höflich wie ich eben kann, mir die Hände loszubinden, und sage, daß ich die Schlüssel holen wolle. Man nimmt die Stricke von meinen Händen, ich eile die Treppe hinauf, immer fünf Stufen mit einem Schritte nehmend, reiße, oben angekommen, die Thür Deines Schlafzimmers auf, schiebe meinen Enkel, der vor ihr stand, hinein und stoße den Riegel vor. Dank meinen langen Beinen war ich den Andern so weit voraus, daß ich Zeit behielt, dem Jungen das schwarze Kästchen, welches Du meiner besondern Obhut empfohlen hattest, in den Arm zu geben, den kleinen Kerl durch das Fenster auf den Altan, der das Haus an der dem Hofe zugekehrten Seite umgibt, zu heben und ihm zu befehlen, es sofort in den Taubenschlag zu stecken. Dann öffne ich die Thür, als wäre nichts geschehen, mache dem Pichi weis, der Junge habe ein Messer im Munde gehabt, und ich sei darüber so entsetzt gewesen, daß ich vor lauter Angst die Treppe so rasch hinaufgesprungen sei und den Buben nun zur Strafe an die Luft gesetzt habe. Der Bruder eines Nilpferds glaubte mir und ließ sich dann durch das ganze Haus führen. Erst fanden sie die große Sykomoren-Kiste mit den Papieren, welche Du mir gleichfalls sorgsam zu bewachen anbefohlen hattest, dann die Papyrusrollen auf Deinem Arbeitstische, und nach und nach alles Geschriebene, was nur im Hause aufzutreiben war. Das steckten sie ohne Auswahl in die große Kiste und trugen sie hinunter; das schwarze Kästchen aber lag unversehrt im Taubenschlage. Mein Enkel ist der klügste Junge in ganz Sais! »Als ich die Kiste zum Hause hinaustragen sah, erwachte meine mühsam hinuntergekämpfte Wuth von neuem. Ich drohte den unverschämten Eindringlingen, sie bei den Richtern, ja, wenn es Noth thäte, beim Könige zu verklagen, und würde auch das Volk gegen sie aufgehetzt haben, wenn die verdammten Perser, denen die Stadt gezeigt wurde, nicht gerade in diesem Augenblicke die ganze Aufmerksamkeit der zusammengelaufenen Menge in Anspruch genommen hätten. Am selben Abende ging ich zu meinem Schwiegersohne, der, wie Du weißt, gleichfalls Tempeldiener der Göttin Neith ist, und bat ihn, Alles aufzubieten, um sich Kenntniß von dem Schicksale der geraubten Schriften zu verschaffen. Der gute Mensch ist Dir noch immer dankbar für die reiche Mitgift, welche Du meiner Benra schenktest, und kam drei Tage später zu mir, um mir zu erzählen, daß er Zeuge gewesen sei, wie man Deine schöne Kiste und alle in ihr befindlichen Rollen verbrannt habe. Ich bekam vor Aerger die Gelbsucht, ließ mich aber von meiner Krankheit nicht abhalten, bei den Richtern eine Klageschrift einzureichen. Diese Elenden wiesen mich, gewiß nur weil sie selbst Priester sind, mit meiner Beschwerde ab. Jetzt gab ich in Deinem Namen ein Bittschreiben beim Könige ein, wurde aber auch von diesem mit der schnöden Drohung, man werde mich als Staatsverräther betrachten, wenn ich jener Papiere noch einmal erwähnen würde, abgewiesen. Nun war mir meine Zunge zu lieb (Anm. 13) Dem Staatsverräther sollte nach ägyptischem Gesetze die Zunge abgeschnitten werden. Diod. I. 78. , um weitere Schritte zu thun. Der Boden brannte mir unter den Füßen. Ich konnte nicht in Aegypten bleiben, denn ich mußte Dich sprechen; ich mußte Dir erzählen, was man Dir angethan; ich mußte Dich, der Du mächtiger bist, als Dein armer Diener, auffordern, Dich zu rächen; ich mußte Dir auch den schwarzen Kasten, den man mir sonst vielleicht gleichfalls abgejagt hätte, überliefern. So verließ ich denn mit blutendem Herzen die Heimath und mein Enkelchen, um, so alt ich bin, in die typhonische Fremde zu ziehen. Ach, der kleine Junge war so klug! Als ich ihn beim Abschiede küßte, sagte er: ›Bleib' bei uns, Großvater! Wenn die Fremden Dich verunreinigen, so darf ich Dich nicht mehr küssen.‹ Benra grüßt Dich herzlich, und mein Schwiegersohn läßt Dir sagen, er habe in Erfahrung gebracht, daß Psamtik, der Thronfolger, und Petammon, der Augenarzt, Dein alter Nebenbuhler, ganz allein an dieser fluchwürdigen Frevelthat schuld wären. Weil ich mich nicht dem typhonischen Meere anvertrauen wollte, so reiste ich zuerst mit einem Zuge arabischer Handelsleute bis nach Thadmor, der palmenreichen Wüstenstation der Phönizier (Anm. 14) Thadmor, das spätere Palmyra, ist wohl von Salomo erbaut worden, obgleich arabische Sagen es noch älter sein lassen. Schultens, Index geogr. Der weise König, welcher auch als unternehmender Kaufmann bekannt ist, wandte seine Aufmerksamkeit auf diesen Platz, wohl mehr um die mitten in der syrischen Wüste gelegene Oase den Karawanen als Ruhestätte zu schenken, als um sein Reich vor den Unfällen der Syrer und Araber zu schützen, wie Winer in seinem biblischen Realwörterbuche 3. Aufl. will. Der anfänglich kleine Ort erlebte eine hohe Blüthe, welche sich schnell entfaltete. Heute noch überraschen die Trümmer von Palmyra den Reisenden durch ihre Schönheit und Größe. Siehe R. Wood, The ruins of Palmyra . – Karchemisch am Euphrat, berühmt durch die dort geschlagene Schlacht zwischen Necho und Nebukadnezar, Jerem. 46, 2, wird als Hauptstation der über Palmyra führenden Straße nach Babylon angegeben. Josephus, Antiq. VIII. 6. X. 6. Movers, Das phönizische Alterthum II. 40. S. a. Maspero's Dissertation über diese Stadt. , und von dort mit sidonischen Händlern bis Karchemis am Euphrat, woselbst sich die von Phönizien nach Babylon führende Straße mit derjenigen verbindet, die von Sardes aus hierher führt. Schwer ermüdet saß ich dort in dem Wäldchen vor dem Stationshause, als ein mit königlichen Postpferden reisender Fremder ankam. Ich erkannte in ihm sofort den früheren Obersten der hellenischen Söldner.« »Und ich,« unterbrach Phanes den Erzähler, »erkannte ebenso schnell in Dir, Alter, den längsten und zänkischsten Menschen, der mir je begegnet ist. Hundertmal hatte ich zu Sais über Dich lachen müssen, wenn Du auf die Kinder schaltest, die Dir nachliefen, so oft Du mit dem Arzneikästchen unter dem Arme Deinem Herrn durch die Straßen folgtest. Ja, ich erinnerte mich, sobald ich Dich sah, eines Scherzes, den sich der König nach seiner Art auf Deine Kosten erlaubt hatte. Als ihr Beide eines Tages vorbeikamet, rief er: ›Der Alte kommt mir vor wie eine grimmige Eule, die von kleinen necksüchtigen Vögeln umflattert wird, und Nebenchari soll ein böses Weib haben, das ihm zum Lohne für all' die Augen, welche er sehend macht, seine eigenen auskratzen wird!‹« »Solche Schändlichkeit!« rief der Alte, in Verwünschungen ausbrechend. Der Arzt hatte schweigend und sinnend der Erzählung seines Dieners zugehört. Von Zeit zu Zeit wechselte die Farbe seines Angesichts. Als er hörte, daß man seine Papiere, die Frucht vieler mühsam durcharbeiteter Nächte, verbrannt, mit dem Willen seiner Standesgenossen und des Königs freventlich zerstört habe, ballten sich seine Fäuste und sein Körper erbebte, als überkomme ihn ein harter Frost. Dem Athener war keine Bewegung des Saïten entgangen. Er kannte die menschliche Natur und wußte, daß häufig ein Wort des Spottes die Seele des Ehrgeizigen tiefer verletzt, als harte Beleidigungen. Darum wiederholte er gerade jetzt jenen leichtfertigen Scherz, den sich Amasis in Wahrheit einstmals, seiner schalkhaften Neigung folgend, erlaubt hatte. Auch war seine Rechnung richtig gewesen, denn er bemerkte, daß Nebenchari bei seinen letzten Worten eine Rose, welche vor ihm auf dem Tische lag, mit der flachen Hand zerdrückte. Ein wohlgefälliges Lächeln unterdrückend, sah Phanes zu Boden und fuhr fort. »Jetzt wollen wir aber die Erzählung der Reiseabenteuer des braven Hib schnell beschließen. Ich lud ihn ein, meinen Wagen zu theilen. Erst weigerte er sich, mit einem so verruchten Fremden, wie ich bin, auf einem Polster zu sitzen; doch gab er endlich meinen Bitten nach, hatte auf der letzten Station Gelegenheit, an dem Bruder des Oberpriesters Oropastes die Handgriffe, welche er Dir und Deinem Vater abgesehen, der Welt zu zeigen, und langte glücklich zu Babylon an, woselbst ich ihm im Königspalaste selbst ein Unterkommen verschaffte, weil wir Deiner, wegen der traurigen Vergiftung Deiner Landsmännin, nicht habhaft werden konnten. Das Andere weißt Du.« – Nebenchari senkte bejahend sein Haupt und befahl Hib mit einem ernsten Winke, das Zimmer zu verlassen. Der Alte gehorchte brummend und leise vor sich hin scheltend. Als sich die Thür hinter ihm geschlossen hatte, näherte sich der Heilkünstler dem Kriegsmann und sagte: »Ich fürchte, Hellene, daß wir trotz alledem keine Bundesgenossen sein können!« »Und warum nicht?« »Weil ich vermuthe, daß Deine Rache im Vergleich zu derjenigen, die mir zu üben obliegt, zu gelinde ausfallen möchte.« »In dieser Beziehung hast Du nichts zu besorgen!« antwortete der Athener. »Darf ich Dich meinen Bundesgenossen nennen?« »Ja; unter einer Bedingung!« »Laß sie hören!« »Du mußt mir Gelegenheit verschaffen, mit eigenen Augen das Werk unserer Rache zu sehen.« »Das heißt, Du willst, wenn Kambyses nach Aegypten zieht, das Heer begleiten?« »Ja! Und wenn meine Feinde in Schmach und Elend schmachten, dann will ich ihnen zurufen: ›Seht, ihr Feiglinge, dies Unheil verdankt ihr dem armen, verbannten Augenarzte!‹ O, meine Bücher, meine Bücher! Sie waren mir Ersatz für Weib und Kind, die ich Beide verloren. Aus ihnen sollten Hunderte lernen, den Blinden aus seiner Nacht zu erlösen und dem Schauenden die süßeste Göttergabe, die Blume des Angesichts, das Gefäß des Lichtes, das sehende Auge, zu erhalten. Nun meine Bücher zerstört sind, hab' ich umsonst gelebt; mit meinen Werken haben die Elenden mich selbst verbrannt! O meine Bücher, meine Bücher!« Bei diesen Worten schluchzte der unglückliche Mann schmerzlich auf; Phanes aber näherte sich ihm, ergriff seine Rechte und sprach: »Dich, mein Freund, haben die Aegypter geschlagen, ich aber bin von ihnen gemißhandelt worden; Dir sind Diebe in die Scheune gedrungen, mir haben Mordbrenner Haus und Hof eingeäschert. Weißt Du, Mann, weißt Du, was man mir gethan hat? Wenn sie mich verjagten und verfolgten, so hatten sie ein Recht dazu, denn ich war nach ihren Gesetzen des Todes schuldig. Um meinetwillen hätte ich ihnen vergeben können, denn ich hing an diesem Amasis, wie ein Freund an dem Freunde hängt. Das wußte der Elende, und dennoch litt er das Unglaubliche. O, das Gehirn sträubt sich, das Entsetzliche zu denken! Wie die Wölfe drangen sie bei Nacht in das Haus eines wehrlosen Weibes und raubten meine Kinder, ein Mädchen und einen Knaben, den Stolz, die Freude, den Trost meines heimathlosen Lebens. Und was thaten sie mit ihnen? Das Mädchen hielten sie gefangen, wie sie vorgaben, um mich zu verhindern, Aegypten an die Fremden zu verrathen; den Knaben aber, das Bild der Schönheit und Güte, meinen einzigen Sohn, hat Psamtik, der Thronerbe, vielleicht mit Wissen des Amasis, ermorden lassen. Mein Herz war in Gram und Verbannung zusammengeschrumpft, jetzt aber fühle ich, wie es in der Hoffnung nach Rache anschwillt und in freudigeren Schlägen pocht!« Nebenchari sah mit düsterglühenden Blicken in die flammenden Augen des Atheners und sprach, indem er ihm die Hand reichte: »Wir sind Bundesgenossen!« Der Hellene ergriff die Rechte des Arztes und sagte: »Jetzt gilt es zunächst, uns der Gunst des Königs zu versichern!« »Ich werde Kassandane sehend machen.« »Du könntest?« »Jene Operation, welche Amasis das Licht wieder gab, ist meine Erfindung. Petammon entwandte sie mir aus meinen verbrannten Schriften.« »Warum hast Du aber Deine Kunst nicht früher bewährt?« »Weil ich nicht gewohnt bin, meinen Feinden Geschenke zu machen.« Phanes fühlte bei diesen Worten einen leisen Schauder; faßte sich aber schnell und sagte: »Auch mir ist die Gunst des Königs gewiß. Die Gesandten der Massageten sind heute schon heimwärts gezogen. Man hat ihnen den Frieden bewilligt und –« In diesem Augenblick wurde die Thür aufgerissen, ein Eunuch Kassandane's stürzte athemlos in's Zimmer und rief Nebenchari zu: »Die Herrin Nitetis will sterben! Schnell, schnell! Mach' Dich auf und folge mir!« Der Arzt winkte seinem Bundesgenossen zu, zog die Sandalen an und folgte dem Eunuchen an das Lager der hinscheidenden Königsbraut. Zweites Kapitel. Schon versuchte die Sonne, sich durch die dichten Vorhänge, welche das Fenster des Krankenzimmers der Aegypterin verschlossen, Bahn zu brechen, als Nebenchari noch immer an ihrem Lager saß. Bald befühlte er ihren Puls, bald bestrich er ihre Stirn und Brust mit duftenden Salben, bald starrte er träumerisch vor sich hin. Die Leidende schien nach einem Krampfanfalle in tiefem Schlummer zu liegen. Am Fußende ihres Bettes standen sechs persische Heilkünstler und murmelten Beschwörungen, während Nebenchari zu Häupten der Kranken saß und von dort aus den Asiaten, die seine überlegenen Kenntnisse anerkannten, Vorschriften diktirte. So oft der Aegypter den Puls der Kranken berührte, zuckte er mit den Achseln, eine Bewegung, welche seine persischen Kollegen jedesmal einhellig nachahmten. Von Zeit zu Zeit öffnete sich der Vorhang des Zimmers und ließ einen blühenden Mädchenkopf sehen, dessen blaue Augen den Heilkünstler ängstlich fragend anschauten, um von ihm mit demselben bedauerlichen Achselzucken abgefertigt zu werden. Zweimal hatte sich die Fragerin, Atossa, die Schwester des Königs, den schweren Teppich von milesischem Wollengewebe kaum mit den Füßen berührend, bis an das Lager ihrer kranken Freundin geschlichen, um einen leisen Kuß auf ihre von einzelnen feuchten Perlen bethaute Stirn zu hauchen; war aber jedesmal von dem ägyptischen Arzte mit streng verweisenden Blicken in das Nebenzimmer heimgesandt worden. Hier lag Kassandane, den Ausgang der Dinge erwartend, während Kambyses, als die Sonne aufgegangen und Nitetis in Schlummer versunken war, die Krankenstube verlassen und sich auf ein Roß geschwungen hatte, um, von Phanes, Prexaspes, Otanes, Darius und vielen aus dem Schlaf geweckten Höflingen begleitet, den Thiergarten in einem wilden Ritte zu durchmessen. Er wußte, daß er jede Gemüthsbewegung am besten auf dem Rücken eines unbändigen Hengstes sitzend überwältigen oder vergessen konnte. Als Nebenchari den dröhnenden Hufschlag aus der Ferne vernahm, schrak er zusammen. Ihm träumte mit offenen Augen, der König ziehe mit unübersehbaren Reiterschaaren in seine Heimath, werfe Brandfackeln in ihre Städte und Tempel und zermalme mit gewaltigen Faustschlägen die Riesenbauten der Pyramiden. In dem Schutte der eingeäscherten Städte lagen Weiber und Kinder, aus den Gräbern schrieen mit klagenden Stimmen die Mumien der Verstorbenen, die sich gleich Lebenden bewegten; und Alle: Priester, Krieger, Weiber, Kinder, Todte und Sterbende, riefen seinen Namen aus und fluchten ihm, dem Verräther seines Vaterlandes. Kalte Fieberschauer durchbebten sein Herz, welches krampfhafter schlug, als die Adern der Sterbenden an seiner Seite. – Wiederum öffnete sich der Vorhang des Nebenzimmers, wiederum schlich Atossa herbei und legte ihre Hand auf seine Schulter, Er schrak zusammen und erwachte. Nebenchari hatte drei Tage und drei Nächte fast ohne jede Unterbrechung an diesem Lager gesessen. Jene Träume waren wohl berechtigt, den Uebermüdeten aufzusuchen. Atossa schlich zu ihrer Mutter zurück. Tiefes Schweigen lagerte in der schwülen Luft des Krankenzimmers. Der Aegypter gedachte seines Traumes; er sagte sich, daß er im Begriff sei, zum Verräther und Verbrecher zu werden. Nochmals zog Alles, was er im Halbschlummer geschaut hatte, an seinen Blicken vorüber; diesmal aber drängte sich ein anderes Bild vor jene schrecklichen Gesichter. Nebenchari sah sich neben den mit Ketten belasteten Gestalten des Amasis, der ihn verbannt und verspottet, des Psamtik und der Priester, die seine Werke vernichtet hatten, stehen. Seine Lippen bewegten sich leise; sie durften an dieser Stätte den unbarmherzigen Worten, die er im Geiste seinen um Gnade flehenden Feinden zurief, keinen Ausdruck geben. Dann wischte sich der harte Mann eine Thräne aus dem Auge. Vor seiner Seele zogen die langen Nächte vorüber, in denen er, mit dem Schreiberohr in der Hand, beim matten Scheine der Lampe dagesessen und seine Gedanken und Erfahrungen, jeden Buchstaben sorglich malend, in den feinsten hieratischen Zeichen niedergeschrieben hatte. Für manche Krankheit des Auges, welche die heiligen Bücher des Toth und die Traktate eines alten hochberühmten Arztes aus Byblos (Anm. 15) Dem ibisköpfigen Gotte Thoth, dem Himmelsschreiber, den die Griechen mit ihrem Hermes verglichen (s. Pietschmann, Hermes Trismegistos. L. 1875), wird die Erfindung fast aller Wissenschaften zugeschrieben. Er ist der Zweite neben Osiris, der Logos, die Vernunft, die der schaffenden Kraft berathend zur Seite steht. Er, der dreimal große (Trismegistos), soll auch sechs Bücher über die Heilkunde geschrieben haben, welche die Anatomie, die Lehre von den Krankheiten, die Anwendung der Arzneimittel und auch die Augenkrankheiten behandelt haben sollen. Dasjenige über die Arzneimittel ist im Pap. Ebers vollständig erhalten bis auf uns gekommen. Clem. Alex., Strom. VI. 260 . Siehe Jamblichus, De myst. Aegypt. VI. 4. Auch Isis und später Serapis werden als heilkundige Götter gerühmt. Diod. I. 25. Tacit. hist. IV. 81 . unheilbar nannten, hatte er ein Rettungsmittel gefunden. Aber er wußte wohl, daß seine Amtsgenossen ihn des Frevels bezüchtigt haben würden, wenn er sich herausgenommen hätte, die geweihten Schriften verbessern zu wollen. Darum hatte er als Ueberschrift seines Werkes die Worte gewählt »Einige neue von Nebenchari, dem Augenarzte, aufgefundene Schriften des großen Thoth, die Heilkunde des Gesichts betreffend (Anm. 16) Wir hören mehrfach in den bis zu uns gekommenen Schriften der alten Aegypter von Büchern und Urkunden reden, welche unter dieser und jener Götterstatue gefunden oder zur Zeit alter Könige verfaßt worden sein sollen. Jedenfalls sollte ihre Heiligkeit dadurch erwiesen und die Gottheit als ihr Verfasser bezeichnet werden. Einige Werke nennen freilich den Namen des Autors; so das Märchen von den Brüdern ( Papyr. d'Orbiney ), dessen Verfasser Anana hieß. Im Papyr. Anastasi IV. werden mit ihm sieben andere Schriftsteller genannt: Kagabu, Hora, Merapu, Bek en Ptah, Amen mes, Sunro und Mer Ptah. Von den hermetischen Büchern war eines allein den Krankheiten des Auges gewidmet, denen auch im Papyr. Ebers ein großer Abschnitt zugetheilt ist. S. 56, 1 beginnt ›das Buch von den Augen‹. Das erste Rezept wird gegen das Zunehmen der Entzündung in den Bluttheilen im Auge verordnet. Andere Mittel sollen helfen gegen das Wasser im Auge, das Triefen des Auges, Augenentzündungen \&c. S. 56, 7 handelt vom Eröffnen des Sehens in den Lagen hinter dem Auge, S. 57, 2–4 steht ein Mittel zum Zusammenziehen der Pupille des Auges, 57, 5–6 ein anderes zum Vertreiben des Weißwerdens ( albugo ) an den Augen. Die Granulationen im Auge, die Verfettung des Sehorgans \&c. werden berücksichtigt. S. 63, 8 wird eine Arznei für die Augen nach Angabe eines Semiten aus Byblos mitgetheilt. Es war auch in Alexandrien, wo Herophilus von Chalcedon im dritten Jahrhundert v. Chr. die Netzhaut im Auge entdeckte und benannte. Im Papyr. Ebers wird der Arzt Nebsecht und der priesterliche Schriftsteller Chui erwähnt. .« Nach seinem Tode wollte er seine Arbeit der Bibliothek zu Theben (Anm. 17) Die Bibliothek von Theben, welche nach Diodor I. 49 die Inschrift ψυχής ιατρει̃ον, Heilanstalt für die Seele, führte, soll nach Jamblichus, De myst. Aegypt. VIII. 1 , 20,000 hermetische oder priesterliche Bücher enthalten haben. Sie befand sich in dem Ramesseum, welches nach Diodor von Osymandyas, dem Ramses Miamun (dem von Ammon geliebten) der Denkmäler, im vierzehnten Jahrhundert v. Chr. erbaut worden ist. Champollion erkannte ihre Räume in den Trümmern des Ramesseum wieder. An der Wand eines hinteren Raumes befinden sich Darstellungen Thoth's, des Gottes der Weisheit, und der Safech, der Göttin der Geschichte. Mehrere hieratische Papyrus, welche wir noch heute besitzen, sind aus dieser Bibliothek datirt, welche nicht selten in den ägyptischen Bücherrollen erwähnt wird. Lepsius fand sogar zu Theben die Gräber von zwei Bibliothekaren unter Ramses Miamun. Die Inhaber waren Vater und Sohn, da auch dieses Amt, wie die meisten, erblich war. Sie führten die Titel »Oberster der Bücher« und »Chef der Bücher«. Siehe Lepsius, Chronologie, Einl. S. 39. Die Bibliotheken scheinen immer zu Tempeln gehört zu haben. Zu Dendera, Edfu und namentlich zu Philae lehren Inschriften, in welchen Räumen der Tempel die Schriftrollen aufbewahrt worden sind. Das Todtenbuch erwähnt gewissen Gottheiten zugehörende Bibliotheken, und Galen spricht von einer zum Tempel der Ptah zu Memphis gehörenden Büchersammlung, in welcher auch medizinische Manuskripte aufbewahrt worden sind. Gal., De comp. med. sec. gen. V. 2. Wir wissen, daß auch zum Serapeum in Alexandria eine große Bibliothek gehörte. S. Parthey's Monographie, Das alexandrinische Museum. Fr. Ritschel bestimmte mit dem ihm eigenen Scharfsinn die Zahl der in den alexandrinischen Bibliotheken aufbewahrten Rollen. vermachen, damit seine Erfahrungen all' seinen Nachfolgern nützlich werden und der ganzen Schaar der Leidenden Früchte tragen möchten. Anerkennung nach dem Tode wünschte er für sich, während er der Wissenschaft den Schlaf seiner Nächte opferte; Ruhm durch seine Mühen für die Kaste, der er angehörte. – Da stand jetzt sein alter Nebenbuhler, nachdem er ihm die Erfindung des Staarschnittes geraubt, an der Seite des Thronfolgers im Haine der Neith und schürte das vernichtende Feuer. Rothe Gluthen färbten die boshaften Züge der Beiden, und ihr hämisches Gelächter stieg mit den Flammen, Rache heischend, gen Himmel. Dort drüben reichte der Oberpriester dem Amasis die Briefe seines Vaters. Hohn und Spott sprühte von den Lippen des Königs, triumphirende Freude aus den Zügen Neithotep's. – So sehr war Nebenchari in seinen Träumen versunken, daß ihn einer der persischen Aerzte auf das Erwachen der Kranken aufmerksam machen mußte. Er nickte demselben, auf seine müden Augen deutend, lächelnd zu, befühlte den Puls der Leidenden und fragte sie in ägyptischer Sprache. »Hast Du gut geschlafen, Herrin?« »Ich weiß nicht,« antwortete die Kranke mit kaum vernehmbarer Stimme. »Mir war zwar, als wenn ich geschlummert hätte; dennoch sah und hörte ich Alles, was hier im Zimmer vorging. Ich fühlte mich so müde, daß ich den Traum nicht vom Wachen unterscheiden konnte. Ist nicht Atossa mehrmals bei mir gewesen?« »Ganz recht!« »Und Kambyses verweilte bis die Sonne aufging bei Kassandane; dann ging er in's Freie, bestieg den Hengst Reksch und ritt in den Thiergarten.« »Woher weißt Du das?« »Ich hab' es gesehen.« Nebenchari schaute besorgt in die glänzenden Augen der Jungfrau, welche fortfuhr: »Auch hat man viele Hunde in den Hof hinter diesem Hause geführt.« »Der König will seinen Schmerz über Dein Leiden vielleicht durch eine Jagd betäuben.« »O nein, das weiß ich besser! Oropastes hat mich gelehrt, daß jedem sterbenden Perser Hunde (Anm. 18) Sobald ein Perser starb, stürzte in Gestalt einer Fliege die Drukhs Naçus , der unreine Dämon des Todes, herzu und setzte sich vernichtend, Fäulniß und Verderben bringend, auf den Leichnam und einen der Anwesenden. Vendid. Farg. VII. 2–24. Die Parsen halten heute noch den Sterbenden Hunde vor. Ritter, Erdkunde IV. S. 1092. Vielleicht thun sie das, um das Gespenst des Todes zu veranlassen, in die Thiere zu fahren; außerdem soll aber die böse Drukhs von den Augen zweier besonders gefleckter Hunde verscheucht werden. Letztere Bemerkung bringt der holländische Uebersetzer. Siehe auch Tiele, Godsd. v. Zarath. S. 184. zugeführt werden, damit der Diw des Todes in sie fahre.« »Du bist ja noch am Leben, Herrin, und . . .« »O, ich weiß, daß ich sterben werde! Hätt' ich auch nicht gesehen, wie Du und die anderen Aerzte, indem ihr mich anschautet, die Achseln zucktet, so wüßte ich dennoch, daß ich nur noch wenige Stunden zu leben habe. Das Gift ist tödlich!« »Du sprichst zu viel, Herrin; das Reden wird Dir schaden.« »Laß mich, Nebenchari! Ich muß Dich um etwas bitten, eh' ich sterbe.« »Ich bin Dein Diener!« »Nein, Nebenchari, mein Freund sollst Du sein, mein Priester! Nicht wahr, Du zürnst mir nicht mehr, weil ich zu den persischen Göttern gebetet habe? Unsere Hathor ist doch immer meine beste Freundin geblieben. – Ja, ich seh' Dir's an, daß Du mir vergibst. – Nun mußt Du mir aber auch versprechen, mich nicht von Hunden und Geiern zerreißen zu lassen Siehe I. Theil Anmerkung 110 . . O, der Gedanke ist gar zu schrecklich! Nicht wahr, Du wirst meinen Leichnam balsamiren und ihn mit Amuletten schmücken?« »Wenn der König es gestattet.« »O gewiß! Wie könnte Kambyses meine letzte Bitte unerhört lassen?« »Meine Kunst gehört Dir!« »Ich danke Dir; aber ich habe noch eine Bitte.« »Fass' Dich kurz! Meine persischen Genossen deuten mir an, daß ich Dir Schweigen auferlegen soll.« »Kannst Du sie nicht auf einen Augenblick entfernen?« »Ich will es versuchen.« Nebenchari näherte sich den Magiern. Wenige Minuten sprach er mit ihnen, dann verließen sie das Zimmer. Er hatte vorgegeben, eine große Beschwörung, der kein Dritter beiwohnen dürfe, vornehmen und ein neues geheimes Gegengift anwenden zu wollen. Als die Beiden allein waren, athmete Nitetis freudig auf und sagte. »Gib mir Deinen Priestersegen zur langen Reise in die Unterwelt und mach' mich fertig für die Wanderung zum Osiris!« Nebenchari kniete an ihrem Lager nieder und murmelte leise Gesänge, denen Nitetis mit andächtiger Stimme antwortete. Der Arzt stellte Osiris, den Herrn der Unterwelt, dar; Nitetis die Seele, welche sich vor ihm rechtfertigt Siehe II. Theil Anmerkung 36 . . Nachdem diese Ceremonien beendet waren, hob sich die Brust der Kranken in volleren Athemzügen. Nebenchari sah nicht ohne Rührung auf die junge Selbstmörderin. Er war sich bewußt, den Göttern seiner Heimath diese Seele gerettet, einem guten Geschöpfe die letzten schweren Stunden erleichtert zu haben. Während dieser Augenblicke hatte er in reinem Mitleiden und wahrer Menschenliebe jedes bittere Gefühl vergessen; als aber der Gedanke, Amasis habe das Unglück auch Dieses lieblichen Geschöpfes verschuldet, in ihm aufstieg, verfinsterten schwarze Gedanken von neuem seine Seele. – Nitetis, welche eine Zeitlang schweigend dagelegen hatte, wandte sich wiederum freundlich lächelnd ihrem neuen Freunde zu und fragte: »Nicht wahr, ich werde vor den Todtenrichtern Gnade finden?« »Ich hoffe und glaube es!« »Vielleicht werde ich Tachot am Throne des Osiris finden, und mein Vater . . .« »Dein Vater und Deine Mutter erwarten Dich! Segne in Deiner letzten Stunde Diejenigen, welche Dich erzeugten, und fluche Denen, welche Dir Eltern, Thron und Leben raubten.« »Ich verstehe Dich nicht.« »Fluche Denen, Mädchen, welche Dir Eltern, Thron und Leben raubten!« rief der Arzt zum andern Male, sich hoch aufrichtend und mit tiefen Athemzügen auf die Sterbende herniederschauend. »Fluche den Bösen, Mädchen, denn dieser Fluch wird Dir höhere Gnade vor den Todtenrichtern verschaffen, als tausend gute Werke!« Der Arzt griff, indem er diese Worte ausrief, nach der Hand der Kranken und drückte sie mit Heftigkeit. Nitetis schaute den Zürnenden ängstlich an und lispelte in blindem Gehorsam: »Ich fluche!« »Fluche Denen, die Deinen Erzeugern Thron und Leben raubten!« »Denen, die meinen Erzeugern Thron und Leben raubten! O – ach – mein Herz!« – Entkräftet sank sie auf das Lager zurück. Nebenchari beugte sich über die Leidende, drückte, ehe die Aerzte des Königs das Zimmer betreten konnten, einen leisen Kuß auf die Stirn der Sterbenden und murmelte: »Sie stirbt als meine Bundesgenossin. Die Götter vernehmen den Fluch der sterbenden Unschuld! Nicht nur als mein eigener, nein auch als Rächer König Hophra's trage ich das Schwert nach Aegypten!« – Einige Stunden später schlug Nitetis noch einmal die Augen auf. Diesmal ruhte ihre kalte Rechte in den Händen Kassandane's. Zu ihren Füßen kniete Atossa; Krösus stand zu Häupten des Bettes und unterstützte mit seinen alten Armen den gewaltigen König, welcher im Uebermaß des Schmerzes gleich einem Trunkenen hin und her wankte. Die Sterbende schaute sich strahlenden Blickes in diesem Kreise um. Sie war unsagbar schön. Kambyses nahte sich den erkaltenden Lippen und drückte einen Kuß auf dieselben, – den ersten und letzten, den er ihr geben durfte. Da entquollen zwei volle, warme Freudenthränen ihren brechenden Augen, der Name Kambyses klang leise von ihrem erbleichenden Munde, sie sank in Atossa's Arme zurück und war nicht mehr. Wir übergehen die Schilderung der nächsten Stunden, denn es widersteht uns, zu beschreiben, wie auf ein Zeichen des obersten persischen Arztes alle Anwesenden außer Nebenchari und Krösus in großer Eile das Zimmer verließen; wie man Hunde in das Krankenzimmer führte, um ihre klugen Köpfe der Verstorbenen zuzuwenden und die Drukhs Naçus durch die Thiere verscheuchen zu lassen Siehe III. Theil Anmerkung 18 . ; wie, nach dem Ableben der Jungfrau, Kassandane, Atossa und alle ihre Diener sofort ein anderes Haus bezogen, um von dem Leichnam nicht verunreinigt zu werden, wie man alle Feuer in der alten Wohnung verlöschte, damit das reine Element den bestehenden Geistern des Todes entrückt werde (Anm. 19) Im Winter darf das Feuer nach neun Tagen, im Sommer nach einem Monat in die Wohnung des Verstorbenen zurückgebracht werden. Vendid. Farg. V. 130. , wie man Beschwörungsformeln murmelte (Anm. 20) Der ganze zehnte Fargard des Vendidad ist voll von solchen Beschwörungen. , wie sich endlich Jeder und Alles, was dem Leichname nahe gekommen war, zahlreichen Waschungen mit Wasser und Rinderurin unterziehen mußte. Kambyses verfiel am Abende in seine alten epileptischen Krämpfe. Zwei Tage später ertheilte er Nebenchari die Erlaubniß, den Leichnam der Verstorbenen, ihrem letzten Wunsche gemäß, in ägyptischer Weise zu balsamiren. Er selbst überließ sich schrankenlos seinem Schmerze, zerfleischte seine Arme, zerriß seine Kleider und streute Asche auf sein Haupt und sein Lager. Alle Großen des Hofes mußten seinem Beispiele folgen. Die Wachen zogen mit zerrissenen Fahnen, bei gedämpftem Trommelschalle, auf. Die Cymbeln und Pauken der Unsterblichen waren mit Flor umwunden; die Rosse, die der Verstorbenen gedient hatten, sowie diejenigen, welche bei Hofe benutzt wurden, mußten blau gefärbt und ihrer Schweife beraubt werden; das ganze Hofpersonal ging in dunkelbraunen, bis zum Gürtel zerrissenen Trauerkleidern umher Siehe II. Theil Anmerkung 118 . , und die Magier mußten drei Tage und drei Nächte lang ohne Unterbrechung für die Abgeschiedene beten (Anm. 21) Ueber die Zahl der Sterbegebete bei den verschiedenen Verwandtschaftsgraden siehe Vend. Farg. XII. 1 fgd. , deren Seele in der dritten Nacht bei der Brücke Chinvat Siehe II. Theil Anmerkung 104 . den Richterspruch für die Ewigkeit erwartete. Auch der König, Kassandane und Atossa entzogen sich jenen Reinigungen nicht und sprachen, wie für eine nächste Anverwandte, dreißig Sterbegebete, während Nebenchari die Todte in einem vor den Thoren der Stadt gelegenen Hause nach allen Regeln der Kunst in der kostbarsten Weise zu balsamiren begann (Anm. 22) Es gab drei verschiedene Arten von Balsamirungen, die erste kostete ein Silber-Talent (1500 Thlr.), die zweite 20 Minen (400 Thlr.), während die dritte sehr billig war. Herod. II. 86–88. Diod. I. 91. Erst zog man das Gehirn zur Nase heraus und füllte den Schädel mit Spezereien. Dann nahm man die Eingeweide ans dem Leib und that Gewürze in denselben. Endlich legte man den Körper 70 Tage lang in eine Natron-Auflösung und umwickelte ihn mit Byssusbinden, welche mit Gummi bestrichen wurden. Unter Byssus ist hier nach den mikroskopischen Untersuchungen an Mumienbinden des Dr.  Ure und Professor Czermak jedenfalls Leinwand, nicht Baumwolle zu verstehen. – Dies ist die kostbarste Balsamirungsart, welche die Griechen nach den neuesten chemischen Untersuchungen ziemlich richtig angegeben haben. L. Penicher behauptet, die Leichen seien erst in Dörröfen etwas ausgetrocknet worden, dann habe man in alle Oeffnungen Cedernharz oder Asphalt gegossen. Traité sur les embaumements selon les anciens et les modernes. Paris 1699. Herod. II. 89 über die Balsamirung der weiblichen Leichname. Besonders ausführlich über die Mumisirung handelt Pettigrew, History of egyptian mumies. Lond. 1834. Czermak's mikroskopische Untersuchungen an ägyptischen Mumien ergeben die wunderbare Erhaltung der kleinsten Theilchen des Körpers und bestätigen viele Angaben des Herodot. Die Denkmäler erhalten auch in Beziehung auf die Balsamirung viel Lehrreiches, und wir kennen die Bestimmung fast aller Amulette, die man den Todten beizugeben pflegte. . Neun Tage lang verweilte Kambyses in einem Zustande, der dem Wahnsinne glich. Bald wüthend, bald stumpf und theilnahmslos, gestattete er selbst nicht seinen Anverwandten und dem Oberpriester, ihm zu nahen. Am Morgen des zehnten Tages ließ er den Obersten der sieben Richter kommen und befahl ihm, das Urtheil über Gaumata, den Bruder des Oropastes, in so milder Weise als möglich zu sprechen. Nitetis hatte ihn auf dem Krankenlager gebeten, das Leben des unglücklichen Jünglings zu schonen. Eine Stunde später überbrachte man ihm den Wahrspruch zur Bestätigung. Derselbe lautete: »Sieg dem Könige! – Nachdem Kambyses, das Auge der Welt und die Sonne der Gerechtigkeit, in seiner Milde, die so weit ist als der Himmel, und so unerschöpflich wie das Meer, uns befohlen hat, die Verbrechen des Magiersohnes Gaumata nicht mit der Strenge des Richters, sondern mit der Nachsicht der Mutter zu beurteilen und zu bestrafen, so haben wir, die sieben Richter des Reiches, beschlossen, seines verwirkten Lebens zu schonen. Weil aber durch den Leichtsinn dieses Jünglings die Höchsten und Besten im Reich gefährdet worden sind, und befürchtet werden könnte, daß er sein Angesicht und seine Gestalt, welche die Götter in ihrer Huld und Gnade denen des edlen Cyrus-Sohnes Bartja wunderbar ähnlich machten, noch einmal zum Schaden der Reinen und Gerechten mißbrauchen könnte, so haben wir beschlossen, sein Haupt also zu entstellen, daß der Unwürdigste vom Würdigsten im Reiche leicht zu unterscheiden sein möge. Darum sollen dem Gaumata, mit Willen und auf Geheiß des Königs, beide Ohren abgeschnitten werden, zur Ehre der Gerechten und zur Schmach des Unreinen!« Kambyses bestätigte dieses Urtheil, welches am selbigen Tage vollstreckt wurde. Oropastes wagte nicht, für seinen Bruder Fürsprache einzulegen; die demselben angethane Schmach kränkte aber seine ehrgeizige Seele tiefer, als wenn man ihn zum Tode verurtheilt haben würde. Er fürchtete, durch den Verstümmelten an Ansehen einzubüßen, und befahl ihm deßwegen, Babylon so bald als möglich zu verlassen und ein Landhaus, welches er auf dem Berge Arakadris (Anm. 23) In der Inschrift von Behistân I. §. IX., bei Spiegel §. XI. wird dieser Berg genannt. In Bezug auf das Abschneiden der Ohren des Gaumata sei gesagt, daß diese Strafe, welche Herodot dem falschen Smerdes angedeihen läßt, in der That selbst bei Persern von hohem Range angewendet wurde. In der Inschrift von Behistân bei Spiegel S. 15 und 21 werden dem vornehmsten Rebellen Fravartis (Phraortes) die Ohren, Zunge und Nase abgeschnitten. Derartige Strafen, von denen berichtet wird, werden aufgeführt bei Brisson, De regn. Persar. II. p.  334 u. 35. besaß, zu beziehen. Während der letzten Tage hatte sich ein dürftig gekleidetes Weib, dessen Angesicht von einem dichten Schleier bedeckt war, Tag und Nacht an dem großen Eingangsthore des Palastes aufgehalten und sich weder von den Drohungen der Wachen, noch den rohen Späßen der königlichen Dienstleute von ihrem Posten vertreiben lassen. Keiner der Unterbeamten, der das Thor passirte, entging ihren neugierigen Fragen, erst nach dem Befinden der Aegypterin, dann nach dem Ergehen Gaumata's. Als ihr ein gesprächiger Lampenanzünder das über den Bruder des großen Oberpriesters verhängte Urtheil, schadenfroh lachend, mittheilte, geberdete sie sich wie eine Unsinnige und küßte das Gewand des erstaunten Mannes, der sie für eine Geisteskranke hielt und ihr ein Almosen anbot. Sie lehnte es ab und verharrte auf ihrem Posten, indem sie sich von dem Brode, das ihr mitleidige Speisevertheiler zuwarfen, nährte. Als Gaumata drei Tage später in einer verschlossenen Harmamaxa, mit fest verbundenem Haupte, zum Thore des Palastes hinausfuhr, eilte sie dem Wagen nach und lief so lange schreiend neben ihm her, bis der Fuhrknecht seine Maulthiere anhielt und nach ihrem Begehren fragte. Nun schlug sie den Schleier zurück und zeigte dem kranken Jünglinge ihr hübsches, tief erröthendes Gesicht. Gaumata stieß, als er es erkannte, einen leisen Schrei aus, sammelte sich aber bald wieder und fragte. »Was willst Du von mir, Mandane?« Die Unglückliche hob ihre Hände flehend empor und rief: »O verlaß mich nicht, Gaumata! Nimm mich mit Dir! Ich verzeihe Dir all' das Unglück, in welches Du mich und die arme Herrin gestürzt hast. Ich liebe Dich ja so sehr und will Dich pflegen und für Dich sorgen wie Deine niedrigste Magd!« Der Jüngling kämpfte in seinem Innern einen kurzen Kampf. Schon wollte er die Thür des Wagens öffnen und die Geliebte seiner Kindheit in seine Arme schließen, als er den Hufschlag nahender Rosse vernahm. Er sah sich um, erbliche einen Wagen voll Magier, welche zum Gebete nach dem Schlosse fuhren, und erkannte in ihnen mehrere frühere Genossen aus der Priesterschule. Seine Scham erwachte; er fürchtete, von ihnen, die er, als Bruder des Oberpriesters, oftmals stolz und hochfahrend behandelt hatte, gesehen zu werden, warf Mandane einen Beutel voll Gold, den ihm sein Bruder beim Abschied geschenkt hatte, zu und befahl dem Fuhrmanne, in aller Eile fortzufahren. Die Maulthiere jagten in wilder Flucht davon. Mandane stieß den Beutel mit den Füßen von sich, lief dem Gespanne nach und hielt sich an dem Kasten des Wagens fest. Ein Rad erfaßte ihr Kleid und riß sie zu Boden. Mit der Kraft der Verzweiflung sprang sie auf, überholte die Mäuler, welche, da die Straße einen Berg hinaufführte, langsamer gehen mußten, und warf sich ihnen in die Zügel. Der Fuhrknecht brauchte seine dreischnürige Geißel, die Thiere bäumten sich, rissen das Mädchen um und jagten davon. Ihr letzter Angstschrei drang wie ein Lanzenstich in die Wunden des Verstümmelten. Am zwölften Tage nach dem Tode der Nitetis begab sich Kambyses wieder auf die Jagd. Das Waidwerk mit seiner Anstrengung, seinen Gefahren und Erregungen sollte ihn zerstreuen. Die Großen und Würdenträger empfingen ihren Herrscher mit donnerndem Zurufe, den er freundlich dankend hinnahm. Die wenigen Tage des Grams hatten den des Leides ungewohnten Mann sehr verändert. Sein Angesicht war bleich, sein rabenschwarzes Haupt- und Barthaar grau geworden. Die frühere Siegesgewißheit strahlte nicht mehr so leuchtend, wie sonst, aus seinen Blicken; hatte er doch schmerzlich erfahren, daß es einen stärkeren Willen gab, als den seinen, daß er zwar Vieles vernichten, aber auch nicht das ärmste Leben erhalten konnte. Ehe man aufbrach, musterte Kambyses die Jäger, rief Gobryas herbei und fragte nach Phanes. »Mein König hat nicht befohlen –« »Er ist ein- für allemal mein Gast und Gefährte. Rufe ihn und folge uns nach.« Gobryas verneigte sich, sprengte zum Palaste zurück und hielt nach einer halben Stunde wiederum mit Phanes beim Gefolge des Königs. Mancher freundliche Gruß der Jagdgenossen wurde dem Athener zu Theil; ein Umstand, der um so befremdender erscheinen mußte, weil Niemand neidischer zu sein pflegt, als Höflinge, und kein Mensch der Mißgunst sicherer sein darf, als der Günstling eines Herrschers. Nur Phanes schien eine Ausnahme von dieser Regel bilden zu wollen. Er war allen Achämeniden so offen, so frei und doch bescheiden entgegengekommen und hatte durch hingeworfene Andeutungen auf einen großen Krieg, der nicht ausbleiben könne, so viele Hoffnungen zu erregen und durch trefflich erzählte, den Persern ganz neue Scherze so große Heiterkeit zu erwecken verstanden, daß Alle, mit wenigen Ausnahmen, das Erscheinen des Atheners freudig begrüßten. Als er sich von dem Jägerzuge getrennt hatte, um mit dem Könige einen wilden Esel zu verfolgen, gestand Einer dem Andern zu, noch niemals einen so vollkommenen Mann wie Phanes gesehen zu haben. Man bewunderte die Klugheit, mit der er die Unschuld der Gefangenen an den Tag gebracht, die Feinheit, mit welcher er den König gewonnen, die Schnelligkeit, mit der er die persische Sprache erlernt hatte. Dabei wurde er von keinem der Achämeniden durch Schönheit und Ebenmaß der Gestalt übertroffen. Auf der Jagd bewährte er sich als vollkommener Reiter, und im Kampfe mit einem Bären als ausnehmend kühner und geschickter Jäger. Während die Höflinge bei der Heimkehr all' diese Eigenschaften des neuen Günstlings in den Himmel erhoben, rief der alte Araspes: »Ich gebe gern zu, daß dieser Hellene, welcher sich übrigens auch schon im Kriege bestens bewährt hat, ein seltener Mann ist; ihr würdet ihm aber nicht halb so viel Lob zu Theil werden lassen, wenn er kein Fremder, wenn euch seine Art nichts Neues wäre!« Phanes hatte diese Worte vernommen, denn er befand sich, von dichtem Strauchwerk versteckt, in unmittelbarer Nähe des Redners. Als dieser schwing, gesellte er sich zu den Plaudernden und sagte lächelnd: »Ich habe Dich verstanden und danke Dir für Deine freundliche Gesinnung. Der zweite Theil Deiner Rede berührte mich beinahe noch angenehmer als der erste; fand ich doch in ihm meine eigene Bemerkung bestätigt, daß ihr Perser das großmüthigste aller Völker seid, da ihr den Tugenden fremder Menschen dasselbe, ja beinahe größeres Lob als euren eigenen zu Theil werden lasset.« Alle Anwesenden lächelten geschmeichelt, Phanes aber fuhr fort: »Wie anders sind zum Beispiel die Juden! Sie halten sich für das einzige den Göttern wohlgefällige Volk und machen sich dadurch allen Weisen verächtlich und der ganzen Welt verhaßt. Und nun erst die Aegypter! Ihr glaubt nicht, wie verkehrt diese Menschen sind! Wenn es auf die Priester, welche ausnehmend mächtig sind, allein ankäme, so würden alle Ausländer getödtet und das ganze Reich des Amasis jedem Fremden unzugänglich gemacht werden. Ein ächter Aegypter hungert lieber, als daß er aus einem Topfe mit unsereinem speist. Es gibt nirgends so viel Seltsamkeiten, so viel Befremdliches und Staunenerregendes wie dort! Doch um billig zu sein, muß ich auch gestehen, daß Aegypten mit Recht als reichstes und wohlbebautestes aller Länder der Welt bekannt ist. Wem dieses Reich gehört, der braucht selbst die Götter ihrer Schätze wegen nicht zu beneiden! Und es ist kinderleicht zu erobern, dies schöne Aegypten! Ich kenne die dortigen Verhältnisse aus zehnjähriger Erfahrung und weiß, daß die ganze Kriegerkaste des Amasis einer einzigen Schaar, wie eure Unsterblichen, nicht widerstehen könnte. Nun, wer weiß, was die Zukunft bringt! Vielleicht machen wir noch Alle zusammen einen Ausflug nach dem Nil. Ich meine, daß eure guten Schwerter ziemlich lange gerostet haben!« Allgemeine stürmische Beifallsrufe begleiteten diese wohlberechneten Worte des Atheners. Kambyses hatte den Jubel seines Gefolges vernommen, wandte sein Roß und fragte nach der Ursache desselben. Phanes nahm schnell das Wort und sagte, die Achämeniden hätten gejauchzt beim Gedanken an die Möglichkeit eines bevorstehenden Krieges. »Welchen Krieges?« fragte der König, zum Erstenmale seit langen Tagen lächelnd. »Wir redeten nur von der allgemeinen Möglichkeit,« antwortete Phanes leichthin. Dann lenkte er sein Roß dicht an die Seite des Königs. Seine Stimme nahm einen gesangreichen, zum Herren gehenden Ton an; mit innigem Ausdruck schaute er in die Augen des Königs und sprach: »O, mein Fürst, zwar bin ich nicht als Dein Unterthan in diesem schönen Lande geboren, zwar darf ich erst seit kurzer Zeit mich rühmen, den Mächtigsten aller Herrscher zu kennen, und dennoch vermag ich mich des vielleicht frevelhaften Gedankens nicht zu erwehren, daß die Götter mein Herz von Geburt an zu inniger Freundschaft mit Dir bestimmt haben. Nicht jene großen Wohlthaten, welche Du mir erwiesen, haben mich Dir so schnell und innig genähert. Deren bedarf ich nicht, denn ich zähle zu den Reicheren meines Volkes und habe keinen Sohn, keinen Erben, dem ich erworbene Schätze vermachen könnte. Einstmals nannte ich einen Knaben mein, ein schönes, liebliches Kind; – aber das wollte ich Dir ja nicht sagen, ich . . . Zürnest Du meiner Freimüthigkeit, o König?« »Wie sollte ich!« antwortete der Herrscher, zu dem noch niemand vor dem Athener in ähnlicher Weise geredet hatte, und der sich mächtig zu dem seltsamen Fremden hingezogen fühlte. »Bis zum heutigen Tage war mir Dein Schmerz zu heilig, um ihn zu stören; jetzt aber ist die Zeit gekommen, Dich dem Grame zu entreißen und Dein erkaltendes Herz mit neuer Gluth zu erfüllen. Du wirst Dinge vernehmen, welche Dich kränken müssen.« »Es gibt nichts mehr, was mich betrüben könnte!« »Meine Worte werden nicht Deinen Schmerz, sondern Deinen Zorn erregen!« »Du spannst meine Neugier!« »Man hat Dich schnöde betrogen; Dich, wie jenes liebliche Wesen, das vor wenigen Tagen einem zu frühen Tode verfiel.« Kambyses schaute den Athener mit blitzenden Augen fragend an. »König Amasis von Ägypten hat sich erlaubt, mit Dir, dem mächtigen Herrn der Erde, ein freventliches Spiel zu treiben. Jene holde Jungfrau war nicht seine Tochter, obgleich sie selber glaubte, das Kind des Amasis zu sein; sie –« »Unmöglich!« »So sollt' es scheinen, und dennoch rede ich die reine Wahrheit! Amasis hat ein Gewebe von Lügen gesponnen, mit dem er alle Welt, und auch Dich, o  König, bestrickte. Nitetis, das holdeste Wesen, welches jemals von einem Weibe geboren wurde, war ein Fürstenkind; aber nicht der Kronenräuber Amasis, nein, der ächte, aber durch ihn gestürzte König von Ägypten, Hophra, erzeugte diese Perle! Runzle die Stirn, mein Herrscher; Du hast ein Recht dazu, denn es ist grausam, von Freunden und Bundesgenossen betrogen zu werden!« Kambyses gab seinem Hengste die Sporen und rief, nachdem Phanes, um seine letzten Worte tief wirken zu lassen, eine Zeitlang geschwiegen hatte. »Das Nähere! Weiter! Ich will Näheres wissen!« »Der entthronte Hophra hatte zwanzig Jahre (Anm. 24) Nach Herod. II. 169 behandelte Amasis seinen entthronten Vorgänger sehr huldreich und ließ ihn leben, bis er von den Aegyptern überfallen und erhängt wurde. Um des Alters der Nitetis willen müssen wir Hophra seinen Sturz um zwanzig Jahre überleben lassen. Nur so können wir die Geschichte des Herod. III. 1, welche unserer Erzählung zu Grunde liegt, retten. Amasis würde kaum gewagt haben, dem Großkönige von Persien eine vierzigjährige Jungfrau zum Weibe anzubieten. Dabei muß noch bedacht werden, daß eine vierzigjährige Dame vom Nil älter ist, als eine sechzigjährige Europäerin. In der Vorrede ist bereits über diese Frage gehandelt worden. lang in leichter Gefangenschaft zu Sais gelebt, als sich seine Gattin, welche drei Kinder geboren und ebensoviele begraben hatte, zum andern Male schwanger fühlte. Hophra war glücklich und wollte, um sich für diese Gnade zu bedanken, in dem Tempel der Pacht Siehe I. Theil Anmerkung 53 . , einer ägyptischen Göttin, der man den Kindersegen zuschreibt, Opfer bringen, als ein früherer Großer seines Hofes, Namens Patarbemis (Anm. 25) Herod. II. 162. , den er im Zorn ungerechter Weise schmählich verstümmelt hatte, ihn mit einer Schaar von Sklaven überfiel und niedermetzelte. Amasis ließ die klagende Wittwe sofort in seinen Palast bringen und ihr ein Gemach neben dem Zimmer seiner Gattin Ladice anweisen, welche gleich ihr einer baldigen Niederkunft entgegensah. Die Wittwe des Hophra schenkte dort einem Mädchen das Leben, gab aber selbst in der schweren Stunde den Geist auf. Ladice genas zwei Tage später gleichfalls eines Kindes. – Aber da sind wir im Schloßhofe. Wenn Du mir gestattest, so werde ich Dir den Bericht des Geburtshelfers, welcher den Betrug vermittelte, vorlesen lassen. Verschiedene Aufzeichnungen desselben sind durch eine wunderbare Fügung, von der ich Dir später erzählen werde, in meine Hände gekommen. Onuphis, ein früherer Oberpriester von Heliopolis in Ägypten, lebt hier zu Babylon und kennt alle Schreibarten (Anm. 26) Zur Zeit des Amasis existirten schon die drei Schreibarten der Aegypter, obgleich die ersten Proben der demotischen (Volks-) oder Briefschrift, welche wir besitzen, nicht viel älter sind, als die Dynastie, der er angehört. (Die 26.) seines Volkes. Nebenchari, der Augenarzt, wird sich, wie natürlich, weigern, einen Betrug, der seinem Vaterlande sicheres Verderben bringen muß, aufdecken zu helfen.« »Ich erwarte Dich in einer Stunde mit jenem Manne. Krösus, Nebenchari und alle Achämeniden, welche in Aegypten waren, sollen gleichfalls erscheinen. Bevor ich handle, muß ich Gewißheit haben. Dein Zeugniß reicht nicht aus, denn ich weiß von Amasis selbst, daß Du Grund hast, seinem Hause zu zürnen.« Zur festgesetzten Zeit standen die Befohlenen vor dem Könige. Der frühere Oberpriester Onuphis war ein Greis von achtzig Jahren, dessen abgezehrtes Haupt einem Todtenschädel geglichen haben würde, wenn nicht aus demselben zwei große graue Augen hell und geistvoll geblickt hätten. Er saß, da er seiner gelähmten Glieder wegen nicht anders konnte, auch vor dem Könige in einem Lehnsessel und hielt eine große Papyrusrolle in der abgemagerten Hand. Seine Kleidung war schneeig weiß, wie sich dies für den Priester ziemte, zeigte aber hier und dort Flicken und Risse. Früher mochte er groß und schlank gewesen sein; jetzt aber war er so gebeugt und zusammengezogen von Alter, Entbehrungen und Leiden, daß seine Gestalt winzig klein, sein Haupt dagegen viel zu groß für den zwerghaften Leib erschien. Neben diesem seltsamen Manne stand Nebenchari und legte die Kissen, welche seinen Rücken stützten, zurecht. Der Arzt verehrte in ihm nicht nur den in alle Mysterien tief eingeweihten Oberpriester, sondern auch den hochbetagten Greis (Anm. 27) Das Alter zu ehren galt den Aegyptern als heilige Pflicht. Herod. II. 80. Cicero, De senectute 18 . Geht auch aus dem literarischen Nachlasse der Aegypter selbst hervor. Im Papyrus Prisse findet sich das 4. Gebot des mosaischen Gesetzes, selbst mit der Verheißung. . Zur Linken des Alten stand Phanes, neben diesem Krösus, Darius und Prexaspes. Der König saß auf einem Thronsessel. Sein Angesicht war streng und düster, als er, das Schweigen der Anwesenden unterbrechend, also anhob: »Der edle Hellene dort, den ich für meinen Freund zu halten geneigt bin, hat mir seltsame Mittheilungen gemacht. Amasis von Aegypten soll mich schnöder Weise betrogen haben. Meine verstorbene Gattin soll nicht seine, sondern seines Vorgängers Tochter gewesen sein!« Ein Murmeln des Staunens ließ sich hören. »Der Greis dort drüben ist erschienen, um uns den Betrug zu beweisen.« Onuphis machte eine beistimmende Bewegung. »Jetzt richte ich zuerst an Dich, Prexaspes, meinen Botschafter, die Frage. Ist Dir Nitetis ausdrücklich als Tochter des Amasis übergeben worden?« »Ausdrücklich! Zwar hatte Nebenchari der hohen Kassandane die andere Zwillingsschwester, Tachot, als die schönere von beiden Königstöchtern gepriesen; Amasis bestand aber darauf, Nitetis nach Persien zu schicken. Ich vermuthete, daß er Dich, indem er Dir sein schönstes Kleinod anvertraute, besonders verpflichten wollte, und ließ ab von der Werbung um Tachot, weil mir die Verstorbene, sowohl an Liebreiz als an Würde, ihre Schwester zu überragen schien. In seinem Briefe an Dich schrieb er auch, wie Du Dich erinnern wirst, daß er Dir sein schönstes, liebstes Kind anvertraue.« »Also schrieb er.« »Und sicher war Nitetis die schönere und edlere von Beiden,« bestätigte Krösus die Worte des Gesandten. »Uebrigens kam es mir vor, als wäre Tachot der Liebling des ägyptischen Königspaares.« »Ganz gewiß!« fügte Darius hinzu; »Amasis neckte einst Bartja beim Schmause und sagte: ›Sieh' nicht zu tief in Tachot's Augen, denn wärest Du auch ein Gott, so würde ich Dir doch nicht gestatten, sie mit nach Persien zu nehmen!‹ Der Thronfolger Psamtik war über diese Aeußerung auffallend entrüstet und rief dem Könige zu: ›Vater, gedenke des Phanes!‹« »Des Phanes?« »Ja, mein König,« antwortete der Athener. »Amasis hatte mir einst im Rausche sein Geheimniß verrathen; Psamtik warnte ihn nun, sich nicht zum Zweitenmale zu vergessen.« »Erzähle!« »Als ich von Cypern siegreich nach Sais heimkehrte, wurde ein großes Fest bei Hofe gefeiert. Amasis zeichnete mich in jeder Weise aus und umarmte mich, weil ich eine reiche Provinz für ihn gewonnen hatte, zum Entsetzen seiner Landsleute. Je trunkener er wurde, desto wärmere Anerkennung zollte er mir. Als ich ihn endlich mit Psamtik in seine Wohnung zurückführte, und wir an den Gemächern seiner Tochter vorüberkamen, blieb er stehen und sagte: ›Da schlummern die Mädchen. Wenn Du Deine Gattin verstoßen willst, Athener, so gebe ich Dir Nitetis zum Weibe! Du wärest mir ein lieber Eidam! 's ist ein wunderlich Ding mit dem Mädchen, Phanes! Sie ist nicht mein eigenes Kind!‹ . . . So viel ließ Psamtik den Trunkenen sagen. Dann legte er ihm die Hand auf den Mund und schickte mich mit barschen Worten in mein Quartier. Dort überdachte ich das Gehörte und reimte mir zusammen, was ich jetzt aus sicherer Quelle weiß. Ich bitte Dich, König, diesem Greise zu befehlen, die bezüglichen Tagebuchblätter des Geburtshelfers Imhotep zu übersetzen.« Kambyses winkte, und der Greis las mit lauter, klangreicher Stimme, welche Niemand diesem gebrechlichen Körper zugetraut haben würde: »Am fünften Tage des Monats Toth (Anm. 28) Der Monat Thoth dauerte vom 29. August bis zum 27. September. Der 5. Thoth war also gleich unserem 2. September. wurde ich zum Könige gerufen. Ich erwartete dies, denn die Königin lag in den Wehen. Mit meiner Hülfe genas sie leicht und glücklich eines schwachen Mädchens. – Als die Amme dasselbe übernommen hatte, führte mich Amasis hinter den Vorhang, der das Schlafgemach seiner Gattin zertheilt. Dort lag ein zweiter Säugling, in dem ich das Neugeborene der Gattin des Hophra erkannte, die am dritten Tage des Toth unter meinen Händen gestorben war. Der König zeigte auf die kräftige Kleine und sagte: ›Dies ist ein elternloses Wesen; da aber das Gesetz sagt, man solle sich der verlassenen Waisen annehmen (Anm. 29) Nicht nur das Todtenbuch ward hier zu Grunde gelegt; es geht vielmehr auch aus vielen anderen Texten hervor, daß es den Aegyptern geboten war, Mildthätigkeit, namentlich auch gegen Wittwen und Waisen, zu üben. So rühmt sich ein vornehmer Gouverneur in seinem Grabe zu Benihassan (Lepsius, Denkm. II. Bl. 22), kein schwaches Kind (vielleicht Waise zu verstehen) geschädigt, keiner Wittwe Böses angethan zu haben \&c. , so haben Ladice und ich beschlossen, diesen Säugling aufzuerziehen, als wenn er unsere eigene Tochter wäre. Nun liegt uns daran, der Welt und dem Kinde diese Handlung zu verbergen. Darum bitte ich Dich, reinen Mund zu halten und zu verbreiten, Ladice habe ein Zwillingspaar zur Welt gebracht. Vollbringst Du dies nach unserem Willen, so erhältst Du heute noch 5000 goldene Ringe Siehe I. Theil Anmerkung 172 . und Jahr für Jahr, so lange Du lebst, den fünften Theil dieser Summe.‹ Ich verneigte mich schweigend, befahl allen Anwesenden, die Wochenstube zu verlassen, und rief sie dann wieder herein, um ihnen mitzutheilen, daß Ladice eines zweiten Mägdleins genesen sei. Das rechte Kind des Amasis erhielt den Namen Tachot, das untergeschobne wurde Nitetis genannt.« Kambyses sprang bei diesen Worten von seinem Sitze auf und durchmaß den Saal mit großen Schritten; Onuphis aber fuhr, ohne sich stören zu lassen, fort: »Am sechsten Tage des Monats Toth. Als ich mich heute Morgen, um ein wenig von den Anstrengungen der Nacht auszuruhen, niedergelegt hatte, erschien ein Diener des Königs, der mir das versprochene Gold und einen Brief überbrachte. In demselben wurde ich gebeten, ein todtes Kind zu schaffen, welches als das verstorbene Töchterlein des Hophra mit großer Feierlichkeit bestattet werden sollte. Mit vieler Mühe hab' ich vor einer Stunde das Verlangte von dem armen Mädchen, welches heimlich bei der alten Frau, die am Eingange der Todtenstadt wohnt, niedergekommen ist, erhalten. Sie wollte ihren verstorbenen Liebling, der ihr so viel Gram und Schande gebracht hatte, nicht von sich geben und willfahrte mir nur, als ich ihr versprach, das Kleine sollte auf's Schönste mumisirt und beigesetzt werden. In meinem großen Arzneikasten, den diesmal mein Sohn Nebenchari, statt meines Dieners Hib, tragen mußte, schafften wir die kleine Leiche in das Wochenzimmer der Gattin des Hophra. Das Kind des armen Mädchens wird mit aller Herrlichkeit begraben werden. Dürfte ich ihr doch mittheilen, welches schöne Loos ihren Liebling nach dem Tode erwartet! Nebenchari wird soeben zum Könige berufen.« Bei der zweiten Nennung dieses Namens blieb Kambyses stehen und fragte: »Ist unser Augenarzt Nebenchari derselbe, dessen diese Schrift erwähnt?« »Nebenchari,« gab Phanes zurück, »ist der Sohn desselben Imhotep, der die beiden Kinder vertauschte!« Der Augenarzt blickte düster zu Boden. Kambyses nahm Onuphis die Papyrusrolle aus der Hand, beschaute die Schriftzeichen, welche sie bedeckten, kopfschüttelnd, näherte sich dem Arzte und sprach: »Betrachte diese Zeichen und sage mir, ob Dein Vater sie geschrieben?« Nebenchari fiel auf die Kniee nieder und erhob seine Hände. »Hat Dein Vater diese Zeichen gemalt? frage ich.« »Ich weiß nicht, ob . . . . In der That . . . .« »Die Wahrheit will ich wissen! Ja oder nein?« »Ja, mein König; aber . . . .« »Erhebe Dich und sei meiner Gnade gewiß. Es zieret den Unterthan, wenn er treu zu seinem Herrscher steht; vergiß aber nicht, daß Du mich jetzt Deinen König zu nennen hast. Kassandane ließ mir sagen, Du wollest ihr morgen durch eine kunstreiche Operation das Gesicht wiedergeben. Wagst Du auch nicht zu viel?« »Ich bin meiner Kunst gewiß, o König!« »Noch Eins! – Wußtest Du um diesen Betrug?« »Ja – mein Fürst.« »Und Du ließest mich im Irrthume?« »Ich hatte Amasis schwören müssen, das Geheimniß zu bewahren, und ein Schwur . . . .« »Der Schwur ist heilig. Sorge dafür, Gobryas, daß diesen beiden Aegyptern eine Portion von unserer Tafel angewiesen werde. Du scheinst einer besseren Nahrung zu bedürfen, Alter!« »Ich bedarf Nichts, als Luft zum Athmen, eine Krume Brod und einen Schluck Wasser, um nicht zu verhungern und zu verdursten, ein reines Gewand, um den Göttern und mir selbst angenehm zu sein, und ein eigenes Stübchen, um keinem Menschen im Wege zu stehen. Niemals war ich reicher, als am heutigen Tage.« »Wie so?« »Ich bin soeben im Begriff, ein Königreich zu verschenken.« »Du sprichst in Räthseln.« »Ich habe durch meine Uebersetzung dargethan, daß Deine verstorbene Gattin das Kind des Hophra gewesen sei. Nach unserem Erbrechte hat, wenn keine Söhne oder Brüder vorhanden sind, auch die Tochter des Königs ein volles Anrecht auf den Thron S. III. Theil Anmerkung 7 . . Wenn diese wiederum kinderlos stirbt, so ist ihr Gatte ihr gesetzlicher Nachfolger. Amasis ist ein Kronenräuber, während Hophra und seine Nachkommen durch das Recht der Geburt Ansprüche auf die Herrscherwürde haben. Psamtik verliert jedes Recht auf das Szepter, sobald sich ein Bruder, ein Sohn, eine Tochter oder ein Eidam des Hophra findet. Also begrüße ich in meinem Könige den zukünftigen Herrn meines schönen Vaterlandes.« Kambyses lächelte selbstgefällig, und Onuphis fuhr fort: »Auch habe ich in den Sternen gelesen, daß Psamtik untergehen wird; Dir aber die Krone von Aegypten beschieden ist.« »Die Sterne sollen Recht behalten!« rief Kambyses; »Dir aber, Du freigebiger Alter, befehle ich, einen Wunsch, er möge lauten, wie er wolle, auszusprechen.« »Laß mich Deinem Heerzuge in einem Wagen folgen. Ich sehne mich darnach, meine Augen am Nile zu schließen.« »So sei es! Verlaßt mich jetzt, ihr Freunde, und sorgt dafür, daß alle Tischgenossen zum heutigen Schmause erscheinen. Wir wollen beim süßen Weine Kriegsrath halten. Ein Feldzug nach Aegypten scheint mir lohnender zu sein, als ein Kampf mit den Massageten!« »Sieg dem Könige!« riefen die Anwesenden mit lautem Jubel und entfernten sich, während Kambyses seine An- und Auskleider rufen ließ, um zum Erstenmale die Trauergewänder mit den prunkenden Königskleidern zu vertauschen. Krösus und Phanes begaben sich gemeinsam in den Garten, welcher auf der Ostseite des Schlosses mit Baum- und Sträucherpflanzungen, Wasserkünsten und Blumenbeeten grünte. Die Züge des Atheners strahlten vor Befriedigung, während der entthronte König sorgenvoll vor sich hinblickte. »Hast Du bedacht, Hellene,« begann der Letztere, »welche Brandfackel Du soeben in die Welt geschleudert hast?« »Unbedacht zu handeln ist nur Kindern und Narren eigen.« »Du vergißt die von der Leidenschaft Bethörten.« »Zu diesen gehöre ich nicht.« »Und dennoch zeugt die Rache die furchtbarsten Leidenschaften.« »Nur, wenn sie in blinder Wallung geübt wird. Meine Rache ist kühl wie dieses Eisen; aber ich kenne meine Pflicht.« »Die erste Pflicht jedes Tugendhaften ist, dem Wohle seines Vaterlandes sein eigenes unterzuordnen.« »Das weiß ich . . .« »Vergißt aber, daß Du den Persern mit dem ägyptischen Reiche Deine hellenische Heimath überlieferst!« »Ich denke anders.« »Glaubst Du, daß Persien das schöne Griechenland unangefochten lassen wird, wenn alle anderen Küsten des Mittelmeeres ihm gehören?« »Keineswegs; wohl aber kenn' ich meine Hellenen und glaube, daß sie allen Barbarenheeren siegreich widerstehen und, naht die Gefahr, größer sein werden, denn je. Die Noth wird all' unsere gesonderten Stämme vereinen, wird uns zu einem großen, einigen Volke machen und die Throne der Tyrannen stürzen.« »Das sind Träume.« »Die zur Wahrheit werden müssen, so wahr ich auf die Erfüllung meiner Rache hoffe!« »Ich kann nicht mit Dir rechten, denn mir sind die Verhältnisse Deiner Heimath fremd geworden. Uebrigens halte ich Dich für einen weisen Mann, der das Schöne und Gute liebt und zu rechtlich denkt, um aus bloßem Ehrgeiz ein ganzes Volk verderben zu mögen. Es ist furchtbar, daß die Schickung die Schuld des Einzelnen, wenn er eine Krone trägt, an ganzen Nationen vergilt! Jetzt erzähle mir, wenn Dir etwas an meiner Meinung gelegen ist, welches Unrecht Deine Rachsucht so mächtig entflammt hat!« »Höre denn und versuche niemals wieder, mich von meinem Vorhaben abzulenken! Du kennst den Thronerben von Aegypten, Du kennst auch Rhodopis. Erster war mein Todfeind aus mehreren Gründen, Letztere die Freundin aller Hellenen, und ganz besonders die meine. Als ich Aegypten verlassen mußte, bedrohte mich Psamtik mit seiner Rache. Dein Sohn Gyges rettete mich vor dem Tode. Einige Wochen später kamen meine Kinder nach Naukratis, um mir von dort aus nach Sigeum zu folgen. Rhodopis nahm sie in ihren freundlichen Schutz. Ein Elender hatte das Geheimniß erspäht und dem Thronfolger verrathen. In der folgenden Nacht wurde das Haus der Thracierin umstellt und durchsucht. Man fand meine Kinder und nahm sie gefangen. Amasis war unterdessen erblindet und ließ seinen elenden Sohn gewähren, der sich nicht entblödete, meinen einzigen Knaben – zu . . .« »Er ließ ihn tödten?« »Du sagst es.« »Und Dein anderes Kind?« »Das Mädchen ist heute noch in seiner Gewalt.« »Aber man wird der Armen ein Leid anthun, wenn man erfährt . . .« »Sie möge sterben. Lieber kinderlos, als ohne Rache zu Grabe gehen!« »Ich verstehe Dich und kann Dir nicht mehr zürnen. Das Blut Deines Knaben muß gerochen werden.« Bei diesen Worten drückte der Greis die Rechte des Atheners, der, nachdem er seine Thränen getrocknet hatte und seiner Gemütsbewegung Herr geworden war, ausrief. »Komm' jetzt zum Kriegsrathe! Niemand darf den Schandthaten des Psamtik dankbarer sein, als Kambyses. Dieser Mann der schnellen Leidenschaft paßt nicht zum Friedensfürsten.« »Und doch scheint mir die höchste Aufgabe eines Königs die zu sein, an der inneren Wohlfahrt seines Reiches zu arbeiten. Aber die Menschen sind einmal so, daß sie ihre Schlächter höher preisen, als ihre Wohlthäter. Wie viele Gesänge ertönten dem Achill; wem aber ist es eingefallen, die weise Regierung des Pittakus in Liedern S. I. Theil Anmerkung 15 und 16 . zu feiern?« »Es gehört eben mehr Muth dazu, Blut zu vergießen, als Bäume zu pflanzen.« »Aber mehr Güte und Klugheit, Wunden zu heilen, als Wunden zu schlagen. Doch ehe wir die Halle betreten, muß ich Dir eine dringende Frage vorlegen. Wird Bartja, wenn Amasis die Pläne des Königs erfährt, ohne Gefahr zu Naukratis bleiben können?« »Keineswegs. Ich habe ihn jedoch gewarnt und ihm gerathen, verkleidet und unter falschem Namen dort aufzutreten.« »Zeigte er sich willfährig?« »Er schien mir folgen zu wollen.« »Jedenfalls wird es gut sein, wenn man ihm einen Boten nachsendet, der ihn warnt.« »Wir wollen den König darum bitten.« »Komm' jetzt. Dort fahren schon die Wagen aus der Küche, welche die Mahlzeit für den Hofstaat enthalten.« »Wie viel Menschen werden vom Könige täglich ernährt?« »Etwa 15,000 (Anm. 30) Dieser ungeheure Hofstaat soll täglich zu seinem Unterhalte 400 Talente, d. s. 600,000 Thlr., gebraucht haben. Athen. Deipn. p. 607 . .« »So mögen die Perser den Göttern danken, daß ihre Herrscher nur einmal des Tages zu speisen pflegen!« Drittes Kapitel. Sechs Wochen nach diesen Ereignissen trabte eine kleine Reiterschaar den Thoren von Sardes entgegen. Ross' und Leute waren von Schweiß und Staub bedeckt. Erstere, welche die Nähe der Stadt mit ihren Ställen und Krippen ahnten, nahmen ihre letzte Kraft zusammen, schienen aber für die Ungeduld der beiden Männer, die in bestaubter persischer Hoftracht an der Spitze des Zuges ritten, viel zu langsam zu gehen. Die wohlgehaltene Königsstraße, welche sich über die Vorberge des Tmolus-Gebirges hinzog, war von Aeckern mit schwarzem Fruchtboden und Bäumen von mancherlei Art umgeben. Oliven-, Citronen- und Platanenhaine, Maulbeer- und Weinpflanzungen zogen sich am Fuße der Berge hin, während in größerer Höhe Pinien, Cypressen und Nußbaumwälder grünten. Auf den Aeckern standen Feigensträucher und Dattelpalmen voller Früchte. Im Grase der Wiesen und am Boden der Wälder blühten farben- und duftreiche Blumen. Dann und wann zeigten sich sorgsam eingefaßte Brunnen mit Ruhesitzen und schattigem Strauchwerk am Rande der Straße, die über Schluchten und Bäche, welche durch die Hitze des Sommers halb vertrocknet waren, führte. An schattigen feuchten Stellen blühte die Lorbeerrose, während sich da, wo die Sonne am heißesten brannte, schlanke Palmen wiegten. Ein tiefblauer, vollkommen wolkenloser Himmel lag über dieser üppigen Landschaft, deren Horizont im Süden von den schneeigen Spitzen des Tmolus-Gebirges, im Westen von den bläulich schimmernden Sipylus-Bergen begrenzt war. Die Straße führte jetzt durch ein Birkenwäldchen, um dessen Stämme sich traubenreiche Weinreben bis zu den Gipfeln rankten, thalabwärts. An einer Krümmung des Weges, welche einen Blick in die Ferne bot, hielten die Reiter. Vor ihnen lag die Hauptstadt des einstigen lydischen Reiches, die frühere Residenz des Krösus, das goldene Sardes (Anm. 31) Aeschylus, Perser V. 45. , im vielberühmten Hermusthale. Ein steiler schwarzer Felsen, auf dessen Gipfel sich weithin sichtbare Bauten von weißem Marmor erhoben, die Burg, um deren dreifache Mauer der König Meles vor vielen Jahrhunderten einen Löwen getragen hatte, damit sie uneinnehmbar werde, beherrschte die Schilfdächer der zahlreichen Häuser der Stadt (Anm. 32) Herod. I. 84 und 94. V. 101. . Nach Süden hin war der Abfall des Burgberges weniger steil und mit Häusern bebaut. Im Norden der Akropolis erhob sich am Goldsand führenden Paktolus der frühere Palast des Krösus. Ueber dem Marktplatze, der den bewundernden Reisenden wie ein unbewachsener Fleck inmitten einer blühenden Wiese erschien, rauschte der röthliche Fluß, der sich nach Westen zu in ein schmales Gebirgsthal ergoß, um dort den Fuß des großen Tempels der Cybele zu bespülen. Nach Osten hin erstreckten sich weite Gärten, in deren Mitte der spiegelhelle Gygäische See erglänzte. Bunte Lustfahrzeuge, begleitet von vielen schneeweißen Schwänen, bedeckten ihn. Etwa eine Viertelstunde von den Wassern entfernt erhoben sich zahlreiche, von Menschenhänden aufgeschüttete Hügel, unter denen sich drei, ihrer bedeutenden Größe und Höhe wegen, besonders anszeichneten (Anm. 33) Der gygäische See war schon dem Homer, Ilias II. 863, XX. 386, 392, bekannt. Er ist nach Prokesch drei Stunden lang und eine Stunde breit. S. auch Hamilton, Asia Minor I. S. 145. Die lydischen Königsgräber wurden von Herod. I. 93 nach den ägyptischen und babylonischen die größten Werke von Menschenhand genannt. Diese kegelförmigen Hügel stehen heute noch unweit des gygäischen Sees bei den Trümmern von Sardes. Hamilton ( Asia Minor I. p. 45 ) zählte einige 60, und brauchte zehn Minuten, um den Hügel des Alyattes zu umreiten; Prokesch (Denkwürdigkeiten und Erinnerungen aus dem Orient) sah 100 solcher Hügel. Der größte (das Grab des Alyattes) hat noch immer 3400 Fuß Umfang und mißt in schräger Höhe 650 Fuß. Nach Prokesch liegen auf einigen dieser Gräber riesige Phallus-Säulen. Konsul Spiegelthal zu Smyrna fand in dem Hügel des Alyattes eine Grabkammer. Monatsber. der berl. Akad. der Wissenschaften. Dez. 1854. S. 700 fgd. Sardes ward jüngst besucht und beschrieben von Starck. . »Was haben diese eigentümlich aussehenden Erdberge zu bedeuten?« fragte Darius, der Anführer jener Schaar, den an seiner Seite reitenden Mann, Prexaspes, den Botschafter des Kambyses. »Es sind die Gräber der früheren Könige von Lydien,« lautete die Antwort. »Das größte unter ihnen, dort drüben links, nicht das mittlere, welches einem fürstlichen Ehepaare, der Panthea und dem Abradat geweiht wurde Siehe II. Theil Anmerkung 111 . , ist das dem Vater des Krösus, Alyattes, errichtete Denkmal. Die Handelsleute, Handwerker und Dirnen von Sardes haben es ihrem verstorbenen Könige aufgeschüttet. An den fünf Säulen, welche auf dem Gipfel stehen, kann man lesen, wie viel jeder Theil zuwege brachte. Die Dirnen sind am fleißigsten gewesen (Anm. 34) Herod. I. 93. . Der Großvater des Gyges soll ein besonderer Freund von ihnen gewesen sein.« »Dann ist der Enkel sehr aus der Art geschlagen!« »Was um so wunderbarer erscheinen muß, da auch Krösus in seiner Jugend durchaus kein Feind der Weiber gewesen ist, und die Lyder den Freuden der Liebe sehr ergeben zu sein pflegen. Dort drüben im Paktolus-Thale, unweit der großen Goldwäscherei, steht der Tempel der Göttin von Sardes (Anm. 35) Die kleinasiatischen Griechen nahmen den Kultus dieser Göttin auf und stellten sie auf einem Löwen reitend oder überhaupt in Begleitung von Löwen dar. O. Müller, Archäol. §. 395 und 387. Sie trug ein Tambourin in der Hand, welches, nach Pindar bei Strabo p. 470 , bei ihren taumelnden Festen geschlagen wurde. P. Heyse hat in seiner Thekla eine sehr schöne Schilderung eines Cybele-Festes gegeben. Das Wesen dieser großen Naturgottheit personifizirte die Zeugung und Fruchtbarkeit auf allen Gebieten. Deßwegen war auch ihr Kultus ein wollüstiger. Herod. I. 93 erzählt, die Mädchen von Sardes hätten sich im Dienste der Göttin durch Umgang mit Männern ein Heirathsgut erworben. In der Ehe wären sie dann ihren Gatten treu gewesen. Athen. deipn. p. 515 . Die Griechen machten die große Mutter der Kleinasiaten zur Gemahlin des Kronos, die Mutter des Zeus, der Ahnfrau der Götter. Der Niobesage liegt wohl die Mythe von der Cybele d. i. der fruchtbaren Erde, welche in jedem Herbste ihrer Kinder beraubt wird, zu Grunde. M. Duncker, Geschichte des Alterthums O. S. 252. Der Stein der Niobe sieht, wie schon Pausanias I. 21 erzählt, einem trauernden Weibe ähnlich. v. Olfers legte der archäologischen Gesellschaft zu Berlin den 4. Nov. 1862 Photographieen dieses Felsens vor, welche beweisen, daß die Kunst nachgeholfen hat, um dem Steine die Gestalt eines Weibes zu geben. – Als mittelgroßer Stein, den ein Mann aufzuheben vermochte, wurde Cybele zu Pessinus verehrt. Dieser Stein wurde am Ende des dritten Jahrhunderts v. Chr. auf Geheiß der sibyllinischen Bücher nach Rom gebracht und angewendet, um die angezweifelte Keuschheit der vestalischen Jungfrauen zu prüfen. Livius XXIX. 14. Phrygische Eunuchen versahen das Priesteramt bei demselben. Die beiden letzten Umstände beweisen, im Bunde mit vielen anderen Nachrichten, daß mit dem Namen Cybele zwei verschiedene (eine der Zeugung freundliche und eine ihr feindliche) Gottheiten bezeichnet worden sind. Duncker findet in ihr ganz richtig eine Vereinigung der syrischen Astarte und Aschera. , die man Cybele oder Ma benennt. Du siehst das weiße Gemäuer aus dem Haine, der ihn umgibt, hervorleuchten. Da findet sich manches schattige Plätzchen, wo sich die jungen Leute von Sardes zu Ehren der Göttin, wie sie sagen, in süßer Liebe vereinen.« »Grad' wie zu Babylon am Feste der Melitta (Anm. 36) Herod. I. 199. Buch Baruch VI. 43. Strabo 1058. .« »An den Küsten von Cypern herrscht dieselbe Gewohnheit (Anm. 37) Herod. I. 199. Justin. XVIII. 5. Movers, Religion der Phönizier a. a. O. Prostitution gehörte überhaupt zum Kultus der Naturgottheiten Westasiens. . Als ich dort auf meiner Heimfahrt von Aegypten landete, empfing mich eine Schaar der schönsten Mädchen mit süßen Gesängen und führte mich, tanzend und Cymbeln schlagend, in den Hain ihrer Göttin. Dort mußte ich einige Goldstücke niederlegen und wurde dann von dem holdseligsten Kinde, das Du Dir denken kannst, in ein duftendes Zelt von Purpurstoff geführt, woselbst ein Lager von Rosen und Lilienblättern uns aufnahm.« »Zopyrus wird der Krankheit des Bartja nicht zürnen.« »Und sich länger im Haine der Cybele als an der Seite des Leidenden aufhalten. Ich freue mich sehr, den heitern Kumpan wiederzusehen.« »Er wird jene trübe Laune, der Du jetzt so oft verfällst, nicht mehr aufkommen lassen.« »Ich werde sie unterdrücken, obgleich jene Stimmungen, die Du mit Recht tadelst, ihren Grund haben. Krösus sagt, man sei nur übel gelaunt, wenn man zu träge oder kraftlos wäre, gegen Mißhelligkeiten anzukämpfen. Unser Freund hat Recht. Man soll Darius weder einer Schwäche noch einer Trägheit zeihen dürfen. Wenn ich nicht die Welt beherrschen kann, so will ich wenigstens Herr meiner selbst sein!« Der schöne Jüngling richtete sich bei diesen Worten in seinem Sattel hoch empor. Sein Begleiter sah ihn staunend an und rief: »Wahrlich, Sohn des Hystaspes, ich glaube, daß Du zu großen Dingen bestimmt bist. Die Götter haben ihrem Lieblinge Cyrus, als Du noch ein Knabe warest, nicht von ungefähr jenen Traum geschenkt, um deswillen er Dich von Deinem Vater in Gewahrsam halten ließ.« »Und dennoch sind mir noch keine Flügel gewachsen!« »Nicht Deinem Körper, wohl aber Deinem Geiste. Jüngling, Jüngling, Du wandelst eine gefährliche Straße!« »Braucht der Geflügelte den Abgrund zu fürchten?« »Ja; wenn seine Kräfte versagen!« »Ich aber bin stark!« »Doch Stärkere werden versuchen, Deine Schwingen zu brechen!« »Sie mögen kommen! Ich weiß, daß ich nur das Rechte will, und vertraue meinem Sterne!« »Weißt Du auch, wie er heißt?« »Er beherrschte die Stunde meiner Geburt und Anahita (Anm. 38) Der Planet Venus. Vullers, Fragmente über die Religion des Zoroaster. ist sein Name.« »Ich glaube ihn besser zu kennen. Heißer Ehrgeiz nennt sich die Sonne, deren Strahlen Deine Handlungen leiten. Hüte Dich, Jüngling! Auch ich bin einstmals jene Straße gewandert, welche entweder zum Ruhm oder in die Schande, aber nur selten zum wahren Glücke führt. Der Ehrgeizige gleicht dem Dürstenden, welcher Salzwasser trinkt! Je mehr Ruhm er erntet, desto begieriger wird er nach Ruhm und Größe! Ich bin aus einem geringen Soldaten der Botschafter des Kambyses geworden; was bleibt Dir zu erstreben übrig, da es jetzt schon, außer den Kindern des Cyrus, keinen Größeren gibt, als Dich? . . . Aber trügen mich nicht meine Augen, so reiten dort Zopyrus und Gyges an der Spitze jener Reiterschaar, die uns von der Stadt her entgegengeht. Der Angare, welcher vor uns die Herberge verließ, muß unsere Ankunft gemeldet haben.« »Ja, sie sind es!« »Wahrlich! Sieh' nur, wie der muthwillige Zopyrus mit dem Palmenzweige, den er soeben abbrach, winkt und wedelt!« »Ihr Leute, schneidet uns schnell ein paar Aeste von diesem Strauche! So ist's recht! Laßt uns mit purpurner Granate der grünen Palme antworten!« Wenige Minuten später umarmten Darius und Prexaspes ihre Freunde. Dann zogen die vereinten Reiterschaaren durch die Gärten, welche den Gygäischen See, den Erholungsplatz der Bewohner von Sardes, umgaben, in die volkreiche Stadt, deren Bürger, da sich die Sonne zum Untergange neigte und kühlere Lüfte zu wehen begannen, in hellen Haufen den Thoren entströmten, um sich im Freien zu ergehen. Lydische Krieger mit reich verzierten Helmen und persische Soldaten, welche cylinderförmige Tiaren trugen, gingen geschminkten und bekränzten Dirnen nach. Wärterinnen führten Kinder zu dem See, um sie die Schwäne füttern zu lassen. Unter einem Platanenbaume saß ein blinder Sängergreis, der seinen zahlreichen Zuhörern wehmüthige Lieder, die er mit der zwanzigsaitigen lydischen Laute, der Magadis, begleitete, vorsang. Kegel und Würfel spielende (Anm. 39) Die Lyder sollen das Würfel-, Ball- und andere Spiele, nur nicht das Brettspiel erfunden haben. Herod. I. 94. Das letztere scheint ägyptischen Ursprungs zu sein. Uebrigens ist es auch höchst wahrscheinlich, daß man am Nile früher als in Lydien das Ballspiel kannte. Jünglinge ergötzten sich im Freien, und halberwachsene Mädchen kreischten erschrocken auf, wenn der geschleuderte Ball eine Genossin traf oder von ungefähr in den See fiel. Die persischen Ankömmlinge achteten kaum dieses bunten Bildes, welches sie zu anderer Zeit ergötzt haben würde. Ihre ganze Aufmerksamkeit wandte sich den Freunden zu, die ihnen von Bartja und dessen glücklich überstandener Krankheit erzählten. Der Satrap von Sardes, Oroetes, ein stattlicher Mann in überladen glänzender Hoftracht, dessen kleine schwarze Augen durchdringend und stechend unter buschigen zusammengewachsenen Augenbrauen hervorsprühten, kam ihnen an der ehernen Pforte des Palastes, den Krösus vor ihm bewohnt hatte, entgegen. Die Satrapie, welche er verwaltete, war eine der wichtigsten und einträglichsten im ganzen Reiche. Seine Hofhaltung glich derjenigen des Kambyses an Glanz und Reichthum, wenn auch seine Diener und Weiber weniger zahlreich waren, als die des Königs. Dennoch kam den Reitern an der Pforte des Palastes eine große Schaar von Leibwächtern, Sklaven, Eunuchen und reich gekleideten Beamten entgegen. Das Statthaltereigebäude, welches noch immer prächtig genannt werden mußte, war einstmals, als Krösus dasselbe bewohnte, das glänzendste aller Königsschlösser gewesen; bei der Einnahme von Sardes waren aber von dem persischen Eroberer die Reichthümer des Entthronten in den Schatz des Cyrus nach Pasargadae abgeführt und die schönsten Kunstwerke von rohen Händen vernichtet worden. Seit jener Schreckenszeit hatten die Lyder manchen verborgenen Schatz hervorgeholt und sich in einigen Friedensjahren unter der Regierung des Cyrus und Kambyses durch Kunstfleiß und Betriebsamkeit soweit erholt, daß Sardes wiederum als eine der reichsten Städte Kleinasiens, und somit der ganzen Welt, angesehen werden konnte. Obgleich Darius und Prexaspes an die Pracht einer königlichen Hofhaltung gewöhnt waren, so erstaunten sie dennoch über die Schönheit und den Glanz des Satrapenhauses. Absonderlich köstlich schien ihnen die künstliche Marmorarbeit, welche sich weder zu Babylon, noch zu Susa, noch zu Ekbatana vorfand (Anm. 40) Zur Zeit unserer Erzählung existirte der Palast von Persepolis noch nicht. Dieser war theils aus dem schwarzen Gestein des Berges Rachmed, theils aus weißem Marmor zusammengefügt. Darius wird den Bau desselben begonnen haben. Der Palast von Susa bestand aus Ziegeln, Strabo p. 728 ; der von Ekbatana aus Holz, welches mit Goldblechen von ungeheurem Werthe bekleidet und mit Ziegeln von edlen Metallen bedeckt war. Polyb. X. 27. . Gebrannte Ziegel und Cedernholz mußten dort die glatten Blöcke des Urkalkes ersetzen. In der großen Halle fanden die Ankömmlinge den bleichen Bartja, welcher ihnen von dem Polster aus, auf dem er lag, die Arme entgegenstreckte. Nachdem die neuvereinten Freunde an der Tafel des Satrapen geschmaust hatten, begaben sie sich, um einander ungestört sprechen zu können, in das Gemach des Genesenden. Als sie sich dort niedergelassen, rief Darius, indem er sich au Bartja wandte: »Jetzt mußt Du mir zu allererst erzählen, wie Du zu dieser bösen Krankheit gekommen bist.« »Kerngesund,« begann der Königssohn, »reisten wir, wie ihr wißt, von Babylon ab und kamen ohne Unterbrechung bis nach Germa, einem kleinen am Sangarius gelegenen Städtchen. Von dem anstrengenden Ritte ermüdet, verbrannt von der Sonne des Chordât und vom Staube des Weges beschmutzt, sprangen wir von den Pferden, warfen die Kleider ab und stürzten uns in die Wogen des Stromes, welcher klar und hell, recht zum Baden auffordernd, an dem Stationshause vorüberfloß. Gyges tadelte unsere Unvorsichtigkeit; wir aber schlugen, auf unsere abgehärteten Glieder bauend, seine Mahnungen in den Wind und schwammen fröhlich in den grünen Wogen umher. Vollkommen ruhig, wie immer, ließ uns Gyges gewähren, entkleidete sich, nachdem wir mit dem Bade fertig waren, und sprang gleichfalls in den Strom. »Zwei Stunden später saßen wir von neuem in den Sätteln, jagten, als gälte es Tod und Leben, auf der Landstraße fort, wechselten bei jedem Stationshause die Pferde und machten die Nacht zum Tage. »In der Nähe von Ipsus bekam ich heftige Kopf- und Gliederschmerzen, schämte mich aber, meine Leiden zu gestehen und hielt mich aufrecht, bis wir zu Bagis frische Pferde besteigen sollten. Als ich mich in den Sattel schwingen wollte, schwanden mir Kräfte und Sinne, und bewußtlos sank ich zu Boden.« »Wir bekamen einen schönen Schreck, als Du zusammenbrachest,« unterbrach Zopyrus den Redner, »und es war ein rechtes Glück, daß Gyges bei mir war. Ich hatte den Kopf ganz und gar verloren; Jener behielt aber seine volle Geistesgegenwart und handelte, nachdem er seinem Herzen durch einige für uns nicht gerade schmeichelhafte Worte Luft gemacht hatte, wie ein umsichtiger Feldherr. – Der Esel von einem Arzte, der herzulief, betheuerte, Bartja sei rettungslos verloren, wofür er von mir eine Tracht Prügel bekam.« »Die er sich gern gefallen ließ,« lachte der Satrap, »da Du auf jede Schwiele eine Goldstatere zu legen befahlest.« »Meine Kampflust hat mich schon viel Geld gekostet! Doch zur Sache. Kaum hatte Bartja wieder die Augen geöffnet, als mir Gyges auftrug, nach Sardes zu reiten und einen guten Arzt mit einem bequemen Reisewagen zu holen. Den Ritt macht mir sobald Keiner nach! Eine Stunde vor der Stadt brach mein drittes Pferd vor Ermüdung zusammen. Nun lief ich, was ich laufen konnte, den Thoren zu. Die Spaziergänger und Wanderer müssen mich alle für wahnsinnig gehalten haben. Den ersten Reiter, der mir begegnete, einen Kaufmann aus Kelänä, riß ich ohne Weiteres vom Pferde, schwang mich in den Sattel und war, bevor der nächste Morgen graute, mit dem geschicktesten sardischen Arzte und dem besten Reisewagen des Oroetes bei unserem Kranken, den wir, im langsamsten Schritte fahrend, in dieses Haus brachten, woselbst er ein hitziges Fieber bekam, alle Dummheiten, die nur ein Menschengehirn ausdenken kann, phantasirte, und uns so grausame Angst ausstehen ließ, daß mir, wenn ich daran denke, noch immer die hellen Schweißtropfen von der Stirne triefen.« Hier ergriff Bartja die Hand des Freundes und sagte, sich an Darius wendend: »Ihm und Gyges verdanke ich mein Leben. Sie haben mich, bis sie euch entgegenritten, keine Minute verlassen und mich gepflegt wie eine Mutter ihr krankes Kind. Auch Deiner Güte, Oroetes, bin ich verpflichtet; doppelt, weil Dir aus derselben Unannehmlichkeiten erwachsen sind.« »Wie wäre das möglich?« fragte Darius. »Jener Polykrates von Samos, dessen Namen in Aegypten so oft genannt wurde, hat den berühmtesten Arzt, den Griechenland zeugte, bei sich. Nun schreibt Oroetes, als ich krank in seinem Hause liege, an Democedes Siehe I. Theil Anmerkung 80 . und bittet ihn mit ungeheuren Versprechungen, sogleich nach Sardes zu kommen. Samische Seeräuber, welche die ganze ionische Küste unsicher machen, fangen den Boten auf und überbringen den Brief des Oroetes ihrem Herrn Polykrates. Dieser öffnet ihn und schickt den Abgesandten hieher zurück mit der Botschaft, Democedes stehe in seinem Solde. Wenn Oroetes (Anm. 41) Dieser selbe Oroetes lockte später den Polykrates mit List nach Sardes und ließ ihn dort an's Kreuz schlagen. Herod. III. 120–125. Valerius Maximus VI. 9. 5. seine Dienste begehre, so möge er sich an ihn, den Polykrates selbst, wenden. Unser edler Freund demüthigte sich um meinetwillen und willfahrte dem Samier, indem er ihn seinen Arzt nach Sardes zu senden ersuchte.« »Und Polykrates?« fragte Prexaspes. »Der hochmüthige Inselfürst sandte sofort den Heilkünstler, welcher mich, wie ihr seht, wieder hergestellt und Sardes erst vor wenigen Tagen reich beschenkt verlassen hat.« »Uebrigens,« fiel Zopyrus dem Königssohn in die Rede, »kann ich wohl begreifen, warum der Samier seinen Leibarzt nicht gern von sich läßt. Ich sage Dir, Darius, solchen Mann gibt es nicht zweimal! Schön ist er wie Minutscher, klug wie Piran Wisa, stark wie Rustem (Anm. 42) Helden aus der uns besonders durch die Epen des Firdusi erhaltenen ältesten persischen Sage. und hülfreich wie das heilige Soma Siehe II. Theil Anmerkung 50 . Du hättest nur sehen sollen, wie er metallene Scheiben, die er Diskus nannte, zu schleudern verstand. Ich bin kein Schwächling; aber er warf mich nach kurzem Ringen zu Boden, und Geschichten konnte er Dir erzählen, Geschichten, daß einem beim Zuhören das Herz im Leibe tanzte.« »Wir haben einen ähnlichen Menschen kennen gelernt,« sagte Darius, die Begeisterung seines Freundes belächelnd, »Phanes, den Athener, welcher damals kam, um unsere Unschuld zu beweisen.« »Democedes, der Arzt, ist aus Kroton, einem Orte, der dicht beim Untergange der Sonne liegen muß –« »Aber,« fügte Oroetes hinzu, »wie Athen von Hellenen bewohnt wird. Hütet euch vor diesen Menschen, meine jungen Freunde, denn sie sind eben so schlau, lügnerisch und selbstsüchtig, als kräftigen Leibes, klug und schön.« »Democedes ist edel und wahrheitsliebend,« rief Zopyrus. »Und Phanes,« versicherte Darius, »wird selbst von Krösus für ebenso tugendhaft als tüchtig gehalten.« »Auch Sappho,« bestätigte Bartja diese Aussage, »hat des Atheners nur rühmend gedacht. Schweigen wir aber von den Hellenen, denen Oroetes nicht wohl will, da sie ihm, ihrer Widerspenstigkeit wegen, viel zu schaffen machen.« »Das wissen die Götter!« seufzte der Satrap. »Eine Griechenstadt ist schwerer im Gehorsam zu halten, als alle Länder zwischen dem Euphrat und Tigris.« Während dieser Worte des Satrapen war Zopyrus an das Fenster getreten und rief, den Redner unterbrechend: »Die Sterne stehen schon sehr hoch, und Bartja bedarf der Ruhe; darum eile Dich, Darius, und fange an von der Heimath zu erzählen!« Der Sohn des Hystaspes winkte beistimmend und begann mit dem Berichte jener Ereignisse, welche wir bereits kennen. Das Ende der Nitetis flößte namentlich Bartja aufrichtige Teilnahme ein, während der entdeckte Betrug des Amasis alle Anwesenden mit Staunen und Entrüstung erfüllte. »Nachdem die eigentliche Herkunft der Verstorbenen unumstößlich festgestellt war,« fuhr der Erzähler nach einer kurzen Pause fort, »schien Kambyses wie umgewandelt zu sein. Er berief uns Alle zum Kriegsrath, und hatte bei Tafel wieder statt der Trauerkleider königliche Gewänder an. Ihr könnt euch denken, mit welchem Jubel die Hoffnung auf einen Krieg mit Aegypten aufgenommen wurde. Nicht einmal Krösus, der dem Amasis wohl will, und sonst, wo er nur immer kann, zum Frieden räth, hatte diesmal etwas einzuwenden. Am andern Morgen wurde, wie gewöhnlich, das im Rausche Beschlossene nüchternen Muthes überdacht. Nachdem verschiedene Ansichten laut geworden waren, bat Phanes um das Wort und sprach wohl eine Stunde lang. Aber wie verstand er zu reden! Es war, als hätten ihm die Götter Wort für Wort in den Mund gelegt. Unsere Sprache, die er in unglaublich kurzer Zeit erlernt hat, floß wie Honig von seinen Lippen und lockte bald heiße Thränen aus Aller Augen, bald stürmischen Jubel und wilde Ausbrüche der Wuth aus der Brust der Anwesenden. Jede Bewegung seiner Hände war anmuthig wie der Wink einer Tänzerin, und dennoch männlich und würdevoll. Ich vermag seine Rede nicht wiederzugeben, denn meine Worte würden neben den seinen wie Trommelgerassel neben Donnerschlägen klingen. Und als wir endlich, hingerissen und begeistert, den Krieg einstimmig beschlossen hatten, nahm Phanes noch einmal das Wort und gab die Mittel und Wege an, durch welche man den Sieg am leichtesten erringen könnte.« Hier mußte Darius innehalten, denn Zopyrus war ihm mit lauten Jubelrufen um den Hals gefallen. Auch Bartja, Gyges und der Satrap Oroetes nahmen diese Nachricht freudig auf und drängten den Erzähler, schleunigst fortzufahren. »Im Monat Farwardin (Anm. 43) Der Farwardin ist gleich unserem März, der Murdâd gleich unserem Juli. Spiegel, Avesta, Einl. S. XCVIII. ,« begann der Jüngling von neuem, »müssen unsere Heere an der Grenze von Aegypten stehen, weil im Murdâd Farw, März. Murd, Juli. der Nil sein Bett verläßt und den Marsch des Fußvolks zu hindern droht. Der Hellene Phanes ist jetzt auf dem Wege zu den Arabern, um ein Bündniß mit ihnen zu schließen (Anm. 44) Herod. III. 5. . Die Wüstensöhne sollen unsere Heere in ihrem quellenlosen Lande mit Wasser und Führern versehen. Ferner will er das reiche Cypern, welches er einstmals dem Amasis eroberte, für uns gewinnen. Die Könige dieser Insel haben durch seine Fürsprache ihre Kronen behalten und werden seinen Rathschlägen Folge leisten. Der Athener sorgt für Alles und kennt Weg und Steg, als könne er, wie die Sonne, die ganze Erde überschauen. Er zeigte uns auch das Bild aller Länder auf einer Kupfertafel.« Oroetes nickte zustimmend mit dem Kopfe und sagte: »Auch ich besitze solches Gemälde der Welt. Ein Milesier Namens Hekatäus (Anm. 45) Hekatäus von Milet kann, wie Herodot »der Vater der Geschichte«, »der Vater der Geographie« genannt werden. Er verbesserte die Karten des Anaximander und schrieb ein großes Werk, »die Reise um die Welt«, welches leider, abgesehen von ganz kleinen Bruchstücken, verloren gegangen ist und von den Alten für das vorzüglichste in seiner Art gehalten wurde. Er kannte, wie Herod. V. 36 versichert, alle Theile des persischen Reichs auf's Genaueste und hat auch Aegypten bereist. Er lebte zur Zeit unserer Erzählung, denn er ward etwa um 550 v. Chr. zu Milet geboren, dessen Fall (496) er noch erlebte. Seine Karte ist von Klausen i. d. fragm. Heact. hergestellt worden. Solche findet sich auch bei Mure, Lan. and Lit. of ancient Greece. Tom. IV. Uebrigens gab es schon längst vor ihm Landkarten, die älteste bekannte ist die der Goldminen, im turiner ägypt. Museum aufbewahrte (s. III. Th. A. 107 ), welche eine ägyptische Priesterhand mit großem Geschicke und einer Projektion, die ein ziemlich deutliches Bild der dargestellten Gegend gibt, gezeichnet hat. , der sich fortwährend auf Reisen befindet, hat es gezeichnet und es mir für einen Freipaß überlassen.« »Was diese Hellenen aber auch Alles erdenken!« rief Zopyrus, der sich gar nicht erklären konnte, wie ein Bild der Erde aussehen möchte. »Ich will Dir morgen meine Kupfertafel zeigen,« sagte Oroetes; »jetzt aber sollten wir Darius nicht wieder unterbrechen.« »Phanes ging also nach Arabien;« fuhr der Erzähler fort, »während Prexaspes nicht nur abreiste, um Dir, Oroetes, zu befehlen, so viele Soldaten als möglich, – besonders Ionier und Karier, deren Anführung der Athener übernehmen wird, – auszuheben, sondern auch, um Polykrates ein Bündniß mit uns anzutragen.« »Ein Bündniß mit ihm, dem Seeräuber?« fragte Oroetes, dessen Stirn sich verfinsterte. »Demselben,« sagte Prexaspes, indem er die unwillige Miene des Oroetes geflissentlich unberücksichtigt ließ. »Phanes hat von dem Gebieter über so viele treffliche Schiffe schon Zusagen erhalten, die meiner Sendung einen günstigen Erfolg versprechen.« »Die phönizischen, syrischen und ionischen Kriegsfahrzeuge,« erwiederte der Satrap, »würden hinreichen, um die ägyptische Flotte zu bewältigen.« »Ganz Recht! Sollte sich aber Polykrates gegen uns erklären, so würden wir uns kaum auf der See behaupten können; sagtest Du doch selbst, daß er im ägäischen Meere nach Willkür schalte und walte.« »Dennoch mißbillige ich jeden Vertrag mit dem Räuber!« »Wir suchen vor allen Dingen starke Bundesgenossen, und die Seemacht des Polykrates ist gewaltig. Erst wenn wir Aegypten mit seiner Hülfe besitzen, wird die Zeit, seinen Uebermuth zu demüthigen, gekommen sein. Einstweilen bitte ich Dich, Deinen persönlichen Groll zu unterdrücken und nur an das Gelingen unseres großen Vorhabens zu denken. Diese Worte sage ich im Namen des Königs, dessen Ring ich trage und Dir zu zeigen beauftragt bin.« Oroetes verneigte sich kurz vor diesem Zeichen der Herrschergewalt und fragte: »Was verlangt Kambyses von mir?« »Er befiehlt, daß Du Alles aufbieten mögest, um jenes Bündniß mit dem Samier zu Stande zu bringen. Auch sollst Du Deine Truppen sobald als möglich zum großen Reichsheer in der babylonischen Ebene stoßen lassen.« Der Satrap verneigte sich und verließ in trotziger Haltung das Zimmer. Sobald seine Schritte in dem Säulengange des inneren Hofes verhallten, rief Zopyrus: »Der arme Mann! Es ist hart für ihn, dem Uebermüthigen, der sich manche Frechheit gegen ihn herausnahm, freundlich begegnen zu sollen. Denkt nur an die Geschichte mit dem Arzte!« »Du bist zu mild,« sagte Darius, den Freund unterbrechend. »Dieser Oroetes gefällt mir nicht! So darf man keinen Befehl des Königs aufnehmen! Saht ihr nicht, wie er seine Lippen blutig biß, als ihm Prexaspes den Siegelring des Herrschers zeigte?« »In diesem Manne lebt ein trotziger Geist!« rief auch der Botschafter. »Er verließ uns so schnell, weil er seinen Zorn nicht länger bemeistern konnte.« »Trotzdem ersuche ich Dich,« bat Bartja, »meinem Bruder das Benehmen des Satrapen, dem ich Dankbarkeit schulde, zu verschweigen.« Prexaspes verneigte sich; Darius aber sprach: »Jedenfalls muß man ein wachsames Auge auf diesen Menschen richten. Gerade an dieser Stelle, so weit von der Pforte des Königs, inmitten feindlicher Völker, brauchen wir Statthalter, die ihrem Herrscher williger gehorchen, als Oroetes, der sich einbildet, König von Lydien zu sein!« »Grollst Du dem Satrapen?« fragte Zopyrus. »Ich glaube, ja,« – lautete die Antwort. »Wer mir auch begegnet, flößt mir gleich im ersten Augenblicke entweder Liebe oder Abneigung ein. Dieses schnelle unerklärliche Gefühl hat mich selten betrogen. Oroetes mißfiel mir schon, eh' ich ein Wort ans seinem Munde vernommen hatte. Ebenso erging es mir mit dem Aegypter Psamtik, während ich mich zu Amasis hingezogen fühlte.« »Du bist einmal anders, als wir!« lachte Zopyrus »Thu' mir aber jetzt den Gefallen und laß den armen Oroetes ruhen; 's ist ganz gut, daß er fort ist, denn nun kannst Du ungezwungener von der Heimath reden. Was macht Kassandane und Deine Göttin Atossa? Wie geht's dem Krösus? Was treiben meine Weiber? Sie werden nächstens eine neue Gefährtin bekommen, denn ich bin willens, morgen um das holde Töchterlein des Oroetes zu werben. Mit den Augen haben wir Beide uns schon allerlei Liebes erzählt. Ich weiß nicht, ob wir persisch oder syrisch sprachen; aber wir sagten einander die angenehmsten Dinge.« Die Freunde lachten, und Darius rief, in die allgemeine Heiterkeit einstimmend: »Jetzt sollt ihr ein frohe Botschaft, die ich mir eigentlich, als das Beste, für den Schluß aufgespart hatte, vernehmen. He, Bartja, spitze nur die Ohren! Deine Mutter, die edle Kassandane, hat das Licht der Augen zurückerlangt! Ja, ja, – es ist die reine, lautere Wahrheit! – Wer sie geheilt hat? – Nun wer anders, als der griesgrämliche Aegypter, der jetzt womöglich noch düsterer geworden ist, als früher. Beruhigt euch nur und laßt mich weiter erzählen, sonst wird es Morgen, ehe Bartja zum Schlafen kommt. Uebrigens sollten wir schon jetzt aus einander gehen, denn das Schönste habt ihr vernommen und könnt davon träumen. Ihr wollt nicht? Dann muß ich in Mithra's Namen weiter erzählen, wenn mir auch das Herz dabei blutet. Laßt mich mit dem Könige beginnen! – So lange Phanes in Babylon war, schien er seinen Schmerz um die Aegypterin vergessen zu haben. Der Athener durfte ihn niemals verlassen. Sie waren so unzertrennlich wie Reksch und Rustem Siehe II. Theil Anmerkung 119 . . Kambyses fand in dieser Gesellschaft auch gar keine Zeit zur Trauer, denn der Hellene hatte jeden Augenblick neue Einfälle und unterhielt nicht nur den König, sondern uns Alle bewunderungswürdig. Dabei war ihm Jeder hold; ich glaube, weil ihn Keiner recht beneiden konnte. Sobald er nämlich einen Augenblick allein war, traten ihm Thränen über seinen gemordeten Knaben in die Augen; darum war seine große Heiterkeit, die er auch auf Deinen ernsten Bruder, lieber Bartja, zu übertragen verstand, doppelt bewundernswürdig. – Alle Morgen ritt er mit Kambyses und uns Allen zum Euphrat und freute sich an den Uebungen der Achämeniden-Knaben Siehe II. Theil Anmerkung 30 . . Als er die Buben spornstreichs an den Sandhügeln vorbeireiten und die auf ihnen stehenden Töpfe mit Pfeilen zerschießen sah, als er erblickte, wie sie Holzblöcke auf einander warfen und ihnen geschickt auswichen (Anm. 46) Niebuhr sah auf seiner Reise nach Asien zu Schiraz junge Leute, welche diese Spiele mit großem Eifer betrieben. Siehe auch Hyde, De ludis orientalium . , gestand er, daß er dies nicht nachzumachen verstünde, wogegen er sich anbot, im Speerwerfen und Ringspiele mit uns Allen den Kampf aufzunehmen. Lebhaft, wie er ist, sprang er sogleich vom Pferde, warf, – es war eine Schande (Anm. 47) Die Morgenländer hielten schon damals die Nacktheit für höchst unschicklich, während die Griechen nichts Schöneres kannten, als den nackten Körper. Als die Hetäre Phryne einst wegen Verletzung der Religion vor den Richtern stand, und diese sie verurtheilen wollten, riß der Vertheidiger des schönen Weibes das Gewand von ihrem Busen. Der Kunstgriff wirkte, denn überwältigt von der wunderbaren Anmuth der nackten Formen und überzeugt, daß nur einen Liebling Aphrodite's solche Reize zieren könnten, sprachen die Richter die Angeklagte frei. Athen. XIII. p.  590. , – die Kleider ab und schleuderte, zum Jubel der Knaben, ihren Ringmeister wie eine Feder in den Sand. Dann überwältigte er eine gute Anzahl von Großsprechern und hätte wohl auch mich gezwungen, wenn er nicht schon ermüdet gewesen wäre. Ich versichere euch übrigens, daß ich stärker bin, als er, denn ich vermag schwerere Blöcke zu heben; der Athener gleicht aber einem Aal an Behendigkeit und umstrickt seine Gegner mit wunderbaren Griffen. Seine Nacktheit kam ihm auch zu Statten. Eigentlich sollte man, wäre es nicht unschicklich, nur entkleidet ringen und sich dazu, wie die Hellenen, die Haut mit Olivenöl salben. – Im Speerschleudern übertraf er uns gleichfalls, wogegen der Pfeil des Königs, der, wie ihr wißt, stolz darauf ist, der beste Schütze in Persien zu sein, weiter flog, als der seine. Am meisten lobte er unsere Sitte, daß nach dem Ringkampfe der Geworfene dem Sieger die Hand küssen muß. Endlich zeigte er uns eine neue Uebungsart, den Faustkampf. Seine Anwendbarkeit wollte er aber an keinem Freien erproben; darum ließ der König den größten und stärksten von allen Dienern, Bessus, meinen Stallknecht, kommen, der mit seinen riesigen Armen die Hinterbeine eines Pferdes so fest zusammendrückt, daß der Gaul zittert und sich nicht zu rühren vermag. Der gewaltige Schlagetodt, welcher Phanes mindestens um eines Hauptes Länge überragte, lachte und zuckte mitleidig die Achseln, als er hörte, daß er mit dem fremden Herrlein einen Faustkampf versuchen sollte. Seines Sieges gewiß, stellte er sich dem Athener gegenüber und that einen Schlag nach ihm, der einen Elephanten getödtet haben würde; Phanes aber wich ihm aus und schlug in dem gleichen Augenblicke dem Riesen so furchtbar mit der bloßen Faust unter die Augen, daß dem Munde und der Nase desselben ein Blutstrom entquoll, und der ungeschlachte Mensch heulend zu Boden sank. Als man ihn aufgerichtet hatte, glich sein Antlitz einem grünlichblauen Kürbis. Die Knaben jubelten über diesen Streich; wir aber bewunderten die Geschicklichkeit des Hellenen und freuten uns der guten Stimmung des Königs, die sich besonders bemerkbar machte, wenn ihm Phanes muntere griechische Lieder und Tanzweisen zu den Klängen der Laute vorsang. Indessen hatte Kassandane durch die Kunst des Aegypters Nebenchari ihr Augenlicht wieder erlangt, ein Vorfall, welcher natürlich dazu beitrug, den Tiefsinn des Königs noch mehr zu zerstreuen. Wir hatten gute Tage, und ich wollte mich eben um Atossa's Hand bewerben, als Phanes nach Arabien aufbrach, und sich Alles schnell veränderte. »Sobald nämlich der Athener die Pforte verlassen hatte, schienen alle bösen Diws in den König gefahren zu sein. Stumm und düster ging er einher, sprach kein Wort und genoß, um seinen Trübsinn zu übertäuben, schon am frühen Morgen ganze Kannen des schwersten syrischen Weines. Des Abends war er so trunken, daß man ihn gewöhnlich aus der Halle tragen mußte, während er des Morgens mit Krämpfen und Kopfschmerzen erwachte. Bei Tag wandelte er umher, als suche er etwas, und bei Nacht hörte man ihn oft den Namen Nitetis rufen. Die Aerzte waren für seine Gesundheit besorgt und gaben ihm Arzneien, die er fortgoß. Krösus hatte ganz Recht, als er ihnen eines Tages zurief: ›Ehe man sich mit der Heilung befaßt, ihr Herren Magier und Chaldäer, muß man den Sitz der Krankheit ergründet haben! Kennt ihr denselben? Nein? Dann will ich euch sagen, was dem König fehlt! Er hat ein inneres Leiden und eine Wunde. Das erstere heißt Langeweile, und die zweite sitzt im Herzen. Für jene ist der Athener gut, für diese aber weiß ich kein Mittel, denn die Erfahrung lehrt, daß solche Wunden entweder von selbst vernarben, oder aber nach innen verbluten.« »›Ich wüßte dennoch eine Arznei für den König!‹ rief Otanes, der diese Worte vernommen hatte. ›Wir sollten ihn überreden, die Weiber, oder wenigstens meine Tochter Phädime, aus Susa zurückkommen zu lassen. Liebe zerstreut die Schwermuth und beschleunigt den Lauf des langsam fließenden Blutes!‹ – Wir gaben dem Redner Recht und forderten ihn auf, den Herrscher an die verbannten Frauen zu erinnern. Otanes wagte den Vorschlag, als wir gerade beim Schmause saßen, wurde aber so hart vom Könige angelassen, daß er uns Allen leid that. Kurze Zeit darauf ließ Kambyses eines Morgens alle Mobeds und Chaldäer kommen, um ihnen die Deutung eines seltsamen Traumgesichtes zu befehlen. »Ihm hatte geträumt, daß er sich inmitten einer dürren Ebene befinde, die, dem Boden einer Tenne ähnlich, keinen Halm erzeugte. Mißgestimmt über den öden, traurigen Anblick des Platzes, wollte er soeben andere, fruchtbarere Orte aufsuchen, als Atossa erschien und, ohne ihn zu bemerken, einer Quelle entgegenlief, die plötzlich wie durch Zauberei mit fröhlichem Gemurmel aus dem dürren Boden emporquoll. Staunend sah er diesem Schauspiele zu und bemerkte, wie sich überall, wo der Fuß seiner Schwester das versengte Land berührt hatte, schlanke Terebinthen (Anm. 48) Die Könige von Persien mußten bei ihrer Krönung eine Terebinthe essen. Plutarch, Artaxerxes 3. erhoben, die sich, da sie größer wurden, in Cypressenbäume verwandelten, deren Gipfel bis in den Himmel ragten. Als er Atossa anreden wollte, war er aufgewacht. »Die Mobeds und Chaldäer beriethen sich und deuteten den Traum dahin, Atossa werde bei all' ihren Unternehmungen vom Glücke begünstigt werden. »Kambyses gab sich mit dieser Antwort zufrieden; als er aber in der nächsten Nacht ein ähnliches Traumbild erblickte, da bedrohte er die Mobeds mit dem Tode, wenn sie ihm keine andere Deutung geben würden. Die Weisen bedachten sich lange und antworteten endlich, Atossa werde einstmals Königin und die Mutter mächtiger Fürsten werden. »Mit dieser Auslegung war der König zufrieden und lächelte sonderbar vor sich hin, als er uns seinen Traum erzählte. »Kassandane berief mich am selbigen Tage und that mir zu wissen, ich möge, so lieb mir mein Leben wäre, jeder Hoffnung auf den Besitz ihrer Tochter entsagen. »Eben wollt' ich den Garten der hohen Greisin verlassen, als ich Atossa hinter einem Granatengebüsch erblickte. Sie winkte mir. Ich kam. Wir vergaßen Gefahr und Schmerz und nahmen endlich Abschied auf immer. Jetzt wißt ihr Alles. Und nun, wo ich entsagt habe, wo jeder fernere Gedanken an dies holde Wesen Wahnsinn wäre, muß ich mir Gewalt anthun, um nicht eines Weibes wegen, wie der König, in Trübsinn zu verfallen. So lautet das Ende dieser Geschichte, deren Schluß wir schon erwarteten, als mich, den zum Tode Verurteilten, Atossa's Rose zum Glücklichsten aller Sterblichen machte. Hätt' ich euch damals, in der vermeinten Todesstunde, mein Geheimniß nicht verrathen, so würde es mit mir zu Grabe gegangen sein! Doch, was rede ich! Auf eure Verschwiegenheit darf ich ja zählen und bitte euch nur, mich nicht so bedauerlich anzublicken. Ich bin, wie ich meine, noch immer beneidenswerth, denn ich habe eine Stunde des Glücks genossen, die hundert Jahre des Elends aufwiegt. Ich danke euch – ich danke! Jetzt aber laßt mich schnell zu Ende kommen! »Drei Tage nach meinem Abschiede von Atossa mußte ich Artystone, des Gobryas Tochter heimführen. Sie ist schön und würde einen anderen als mich glücklich machen. Am Morgen nach der Hochzeit kam der Angare, welcher die Nachricht von Bartja's Erkrankung nach Babylon brachte. Schnell entschlossen bat ich den König, Dich aufsuchen, pflegen und vor der Dein Leben in Aegypten bedrohenden Gefahr warnen zu dürfen, nahm, trotz der Einsprache meines Schwiegervaters, von meiner Neuvermählten Abschied und jagte in Begleitung des Prexaspes ohne Aufenthalt an Deine Seite, mein Bartja, um Dich mit Zopyrus nach Aegypten zu begleiten, während Gyges dem Botschafter als Dolmetscher nach Samos folgen muß. Also befiehlt es der König, dessen Stimmung sich in den letzten Tagen verbessert hat, weil er in der Besichtigung der herbeiziehenden Heeresmassen Zerstreuung findet, und ihn die Chaldäer versichert haben, daß der Planet Adar (Anm. 49) Der Planet Mars. Chron. Pasch. I. p. 18 . Cedrenus, Chron. I. p. 29. Cicero, Nat. deor. II. 20. 46 . , welcher ihrem Kriegsgotte Chanon angehört, den persischen Waffen einen großen Sieg verheiße. Wann denkst Du reisen zu dürfen, Bartja?« »Morgen, wenn Du willst,« antwortete dieser. »Die Aerzte sagten, daß mir die Seefahrt gut bekommen würde. Die Landreise bis Smyrna ist ja nur kurz.« »Und ich,« fügte Zopyrus hinzu, »versichere Dich, daß Deine Liebste Dich schneller gesund machen wird, als alle Arzneibereiter der Welt!« »So wollen wir in drei Tagen aufbrechen,« überlegte Darius, »denn wir haben noch allerlei vor der Abfahrt zu besorgen. Bedenkt nur, daß wir in ein so gut wie feindliches Land ziehen! Bartja muß, so habe ich mir das Ding überlegt, als ein Teppichhändler von Babylon auftreten. Ich stelle seinen Bruder dar und Zopyrus einen Kaufmann, der mit sardischem Roth (Anm. 50) Eine im Alterthume sehr beliebte Farbe, welche aus der Blüthe des Sandixbaumes gewonnen wurde. Aristoph. Acharn. 113. Handel treibt.« »Könnten wir nicht als Krieger auftreten?« fragte Zopyrus, »'s ist schmählich, für solchen trügerischen Schacherer gehalten zu werden! Wie wär's z. B., wenn wir uns für lydische Soldaten ausgeben, die einer Strafe entflohen sind und Dienste im ägyptischen Heere suchten?« »Der Vorschlag ließe sich hören!« sagte Bartja. »Auch meine ich, daß man uns, unserer Haltung wegen, eher für Krieger, als für Kaufleute ansehen würde.« »Das wäre nicht maßgebend,« erwiederte Gyges. »So ein hellenischer Großhändler und Schiffsherr geht einher, als wenn ihm die Welt gehörte. Uebrigens finde ich den Vorschlag des Zopyrus nicht übel.« »Gut denn,« sagte Darius, nachgebend. »So muß uns Oroetes mit den Kleidern lydischer Taxiarchen (Anm. 51) Die persische Armee war in Dezimaltheile gegliedert. Die Division zählte 10,000, das Regiment 1000, die Kompagnie 100 Mann. Der Taxiarch war etwa gleich unserem Hauptmann, der Hekatontarch ein über 100, der Chiliarch ein über 1000 Mann Kommandirender. Uebrigens bezeichnete später bei den Persern der Name der Chiliarchen eine sehr hohe Stellung, deren Träger (χιλιάρχης) die erste Person nach dem Könige gewesen sein soll. Diod. XVIII. 48. Aelian, Var. hist. I. 21. versehen.« »Warum nicht gar mit dem Schmucke der Chiliarchen!« rief Gyges. »Das würde bei eurer Jugend Verdacht erregen.« »Als gemeine Soldaten können wir doch nicht auftreten.« »Nein, aber wohl als Hekatontarchen!« »Auch gut,« lachte Zopyrus, »wenn ich mich nur nicht für einen Krämer ausgeben muß! – In drei Tagen geht's also fort! 's ist mir lieb, daß ich Zeit behalte, mich des Töchterleins dieses Satrapen zu versichern und endlich einmal den Cybele-Hain, nach dem ich mich schon lange sehne, zu besuchen. Aber jetzt, gute Nacht, Bartja! Und daß Du gehörig lange liegen bleibst. Was würde Sappho sagen, wenn Du mit bleichen Wangen zu ihr kämest!« – Viertes Kapitel. Ein heißer Hundstags-Morgen war über Naukratis aufgegangen. Der Nil hatte bereits seine Ufer überschritten und die Aecker und Gärten von Aegypten mit Wasserfluthen bedeckt. Die Häfen an der Mündung des Stromes wimmelten jetzt von Schiffen. Aegyptische Fahrzeuge, bemannt mit den phönizischen Kolonisten der Deltaküste, brachten seine Gewebe von Malta, Metalle und Gestein von Sardinien und Wein und Kupfer aus Cypern (Anm. 52) Die Existenz von phönizischen Kolonisten an der Deltaküste haben wir nachzuweisen versucht in Aegypt. u. B. M. S. 127 fgd. Aegyptophönizische Kolonieen sind nachweisbar auf Sardinien, Kreta, Malta, Cypern und auf Euböa u. a. O. Höchst lehrreich sind die auf Sardinien und die in dem glänzenden Cesnolaschen Werke mitgeteilten, auf Cypern gemachten Funde. Sardinisches bei Spano, Lamarmora, in Gerhard's archäol. Zeitung, im Bulletino Sardo und bei H. v. Maltzan. . Griechische Trieren führten feine Oele und Weine, Mastixzweige, chalcidische Erzarbeiten und wollene Gewebe herbei; phönizische und syrische Fahrzeuge mit bunten Segeln, Kupfer, Zinn, Purpurstoffe, Edelsteine, Gewürze, Glasarbeiten, Teppiche und Cedern vom Libanon zum Bau von Häusern, nach dem holzarmen Aegypten, um die Schätze Äthiopiens: Gold, Elfenbein, Ebenholz, bunte Tropenvögel, Edelsteine und schwarze Sklaven, besonders aber das weltberühmte ägyptische Korn oder memphitische Wagen, saïtische Spitzengewebe und feinen Papyrus für ihre Waaren einzutauschen. Aber die Zeit des bloßen Tauschhandels war längst vorüber, und die Kaufleute von Naukratis bezahlten ihre Einkäufe nicht selten mit klingendem Golde und sorglich gewogenem Siehe I. Theil Anmerkung 172 . Silber. Große Waarenspeicher umgaben den Hafen der hellenischen Pflanzstadt. Neben ihnen standen leicht gebaute Häuser, in welche Musik und Gelächter, sowie der Blick und Zuruf geschminkter Dirnen die müßigen Seefahrer lockte (Anm. 53) Abgesehen davon, daß solche Freudenhäuser in keiner großen Hafenstadt des Alterthums fehlten, werden die an der kanopischen Mündung ausdrücklich von Strabo 801 erwähnt. . Zwischen schwarzen und weißen Sklaven, welche schwere Ballen auf dem Rücken trugen, tummelten sich Ruderknechte und Steuermänner in verschiedenen Trachten. Schiffsherren in hellenischen oder schreiend bunten phönizischen Kleidern riefen ihren Untergebenen Befehle zu und übergaben den Großhändlern ihre Frachtgüter. Wo sich ein Streit erhob, zeigten sich schnell ägyptische Sicherheitsbeamte mit langen Stäben und hellenische Hafenwächter, die von den Aeltesten der Kaufmannschaft der milesischen Pflanzstadt angestellt waren Siehe I. Theil Anmerkung 2 . . Jetzt entleerte sich der Hafen, denn die Stunde der Eröffnung des Marktes war nahe (Anm. 54) Wie eifrig sich die Griechen zum Markte drängten, beweist folgendes Geschichtchen, welches Strabo 658 erzählt: Ein Flötenspieler zu Jasos wurde von all' seinen Zuhörern verlassen, sobald die Glocke zum Markte rief. Nur Einer blieb bei ihm. Der Musikant dankte demselben, daß er sich nicht habe durch die Glocke im Zuhören stören lassen. »Ach« – rief der Mann – »es hat also schon geläutet?!« und lief gleichfalls fort. , und der freie Hellene pflegte dort nicht gern zu fehlen. Mancher Neugierige blieb aber diesmal zurück, denn soeben wurde ein schön gebautes samisches Schiff mit langem Schwanenhalse, die Okeia (Anm. 55) ’Ωκει̃α »das Schnelle«. Böckh, Staatshaushalt der Athener III. 93. Götterbilder als Schiffszierrath finden sich nicht nur bei den Griechen, sondern auch bei den Phöniziern. , an deren Vordertheil ein hölzernes Bild der Göttin Hera prangte, abgeladen. Besonderes Aufsehen erregten drei schöne Jünglinge in lydischer Kriegertracht, welche der Triere entstiegen. Mehrere Sklaven folgten denselben und trugen ihnen einige Kisten und Bündel nach. Der Schönste der Ankömmlinge, in denen der Leser unsere jungen Freunde Darius, Bartja und Zopyrus erkannt haben wird, redete einen Hafenwächter an und bat ihn, ihm die Wohnung Theopomp's, des Milesiers, seines Gastfreundes, zu zeigen. Dienstwillig und höflich, wie alle Griechen, ging der Beamte den Fremden voran und führte sie über den Markt, dessen Eröffnung gerade durch den Klang einer Glocke angezeigt wurde, in ein stattliches Haus, das Eigenthum des angesehensten Mannes von Naukratis, des Milesiers Theopompus. Aber die Jünglinge waren nicht ohne Aufenthalt über den Markt gekommen. Der Zudringlichkeit frecher Fischverkäufer hatten sie sich ebenso leicht entzogen, als dem einladenden Zurufe der Fleischer, Wurst- und Gemüsehändler, Töpfer und Bäcker. Als sie sich aber dem Platze (Anm. 56) Die verschiedenen Waaren wurden in begrenzten Abtheilungen (κύκλοι) feilgeboten. Der Platz der Blumenverkäuferinnen, welche im Allgemeinen für leichtsinnige Mädchen galten, hieß der Myrtenmarkt. Aristoph. Thesmoph. 448. Becker, Charikles II. S. 156. der Blumenmädchen näherten, klatschte Zopyrus vor heller Freude über den reizenden Anblick, der sich vor ihm aufthat, laut in die Hände. Drei wunderliebliche Geschöpfe in weißen, halbdurchsichtigen Gewändern mit bunten Säumen saßen, von lauter Blumen umgeben, auf niedrigen Sesseln und wanden gemeinsam einen großen Kranz von Rosen, Veilchen und Orangeblüthen. Ihre holden, von Kränzen umgebenen Köpfchen glichen den drei Rosenknospen, welche Eine von ihnen, die unsere Freunde zuerst bemerkt hatte, ihnen entgegenhielt. »Kauft mir meine Rosen ab, ihr schönen Herren!« rief sie mit heller, klangvoller Stimme, »und steckt sie euren Liebchen in die Haare!« Zopyrus nahm die Blumen und gab, die Hand des Mädchens festhaltend, zurück: »Ich komme soeben aus weiter Ferne, schönes Kind, und habe noch keine Freundin zu Naukratis; darum laß mich diese Rosen in Dein eigenes goldenes Haar und dieses Goldstück in Dein weißes Händchen stecken!« Das Mädchen lachte fröhlich auf, zeigte die überreiche Gabe (Anm. 57) Bei dieser Stelle haben wir an folgendes Epigramm des Dionysius gedacht: »Du mit Rosen im Korb, was, rosiges Mädchen, verkaufst Du? Rosen? Dich selbst? – o sprich! oder auch beides zugleich?« ihrer Schwester und rief: »Beim Eros! Jünglingen wie euch kann es nicht an Freundinnen fehlen! Seid ihr Brüder?« »Nein!« »Das ist schade, denn wir sind Schwestern!« »Und Du meinst, daß wir drei hübsche Pärchen abgeben würden?« »Das hab' ich vielleicht gedacht; aber nicht gesagt.« »Und Deine Schwestern?« Die Mädchen lachten, schienen kaum abgeneigt gegen eine derartige Verbindung zu sein und reichten auch Bartja und Darius Rosenknospen dar. Die Jünglinge nahmen die Blumen an, spendeten gleichfalls ein Goldstück und wurden nicht eher von den Schönen fortgelassen, bis sie den Helm eines jeden mit grünen Lorbeerblättern umkränzt hatten. Die Kunde von der seltenen Freigebigkeit der Fremden hatte sich indessen unter den vielen Blumenmädchen, welche rings umher Bänder, Blüthen und Kränze feilhielten, verbreitet. Jede reichte ihnen Rosen und lud sie mit Blicken und Worten ein, zu verweilen und zu kaufen. Zopyrus wäre gern, wie mancher junge Herr von Naukratis, noch viel länger bei den Mädchen geblieben, die sich fast alle durch Schönheit und leicht zu gewinnende Herzen auszeichneten; Darius drängte ihn aber fort und ersuchte Bartja, dem Leichtsinnigen jeden weiteren Aufenthalt zu verbieten. So gelangten sie denn, nachdem sie bei den Tischen der Wechsler und den Bürgern, die, auf steinernen Bänken sitzend, unter freiem Himmel Rath hielten, vorbeigekommen waren, zum Hause des Theopomp. Sobald ihr hellenischer Führer mit dem metallenen Klopfer an die Thüre gepocht hatte, ward sie von einem Sklaven geöffnet. Da sich der Hausherr auf dem Markte befand, wurden die Fremden von dem Beschließer, einem im Hause des Theopomp ergrauten Diener, in die Andronitis Siehe I Theil, S. 12, Anmerkung 25 . Die Beschreibung des Hauses der Rhodopis. geführt und gebeten, dort die Heimkehr des Wirthes zu erwarten. Während sich die Jünglinge noch an den schönen Wandmalereien und der kunstreichen Steinarbeit des Fußbodens dieser Halle erfreuten, kehrte Theopompus, jener Großhändler, den wir bereits im Hause der Rhodopis kennen gelernt haben, begleitet von vielen Sklaven, welche ihm die von ihm erstandenen Gegenstände nachtrugen, vom Markte zurück (Anm. 58) Selbst vornehme Griechen verschmähten es nicht, von ihren Sklaven begleitet, Einkäufe auf dem Markte zu machen. Dagegen konnten ihn ehrbare Hausfrauen nicht besuchen. Gewöhnlich schickte man Sklavinnen zum Einkaufen aus. Becker, Charikles II. S. 150. . Der Milesier kam den Fremden mit anmuthiger Höflichkeit entgegen und fragte in verbindlicher Weise, womit er ihnen dienen könnte. Nachdem Bartja sich überzeugt hatte, daß sich kein unberufener Hörer in der Nähe aufhalte, übergab er dem Hausherrn die Briefrolle, welche ihm von Phanes beim Abschiede übergeben worden war. Kaum hatte Theopompus das Schreiben gelesen, als er sich tief vor dem Königssohne verbeugte und ausrief: »Beim Zeus, der das Gastrecht wahrt, eine größere Ehre, als durch Deinen Besuch, hätte meinem Hause nicht widerfahren können. Betrachte Alles, was ich habe, als Dein Eigenthum, und bitte auch Deine Begleiter, bei mir vorlieb zu nehmen! Verzeihe, wenn ich Dich in Deinen lydischen Kleidern nicht gleich erkannte. Wie ich meine, sind Deine Locken kürzer und Dein Bart ist voller geworden, seitdem Du Aegypten verlassen. Ich habe Recht, und Du wünschest unerkannt zu bleiben? Ganz nach Deinem Begehr! Die schönste Gastlichkeit ist diejenige, welche den Gästen die vollste Freiheit gewährt. O, jetzt erkenne ich auch Deine Freunde wieder! Aber diese haben sich ebenfalls sehr verändert und,. gleich Dir, die Locken gestutzt. Ja, ich möchte behaupten, daß Du, mein Freund, dessen Name . . .« »Ich heiße Darius.« »Daß Du, Darius, Deine Haare schwarz gefärbt hast. Ja? Ihr seht, daß mein Gedächtniß mich nicht betrügt. Uebrigens darf ich mich dessen nicht allzuhoch rühmen; hab' ich euch doch mehrmals zu Sais und auch hier, als ihr ankamet und abreistet, gesehen! Du fragst, o Königssohn, ob euch die anderen nicht erkennen würden? Gewiß nicht! Die fremde Tracht, die kurzen Haare und die Färbung eurer Augenbrauen verändern euch wunderbar. Aber verzeiht einen Augenblick! Mein alter Schließer winkt und scheint eine wichtige Nachricht zu bringen.« Wenige Minuten später kehrte Theopompus zurück und rief: »Ei, ei, meine Werthen! So darf man nicht zu Naukratis auftreten, wenn man unerkannt zu bleiben wünscht! Ihr habt mit den Blumenmädchen getändelt und sie für ein paar Rosen nicht wie entflohene lydische Hekatontarchen, sondern wie große Herren, die ihr eben seid, bezahlt! Ganz Naukratis kennt die schönen, leichtsinnigen Schwestern Stephanion, Chloris und Irene, die mit ihren Kränzen manches junge Herz bestrickt und mit ihren süßen Blicken manchen blanken Obolus Groschen. aus dem Säckel unserer leichtblütigen Söhne gelockt haben! Bei den Blumenmädchen halten sich die Herrlein zur Zeit des Marktes am liebsten auf, und was dort verhandelt wird, das pflegt in stiller Nacht mit mehr als einem Goldstücke bezahlt zu werden. Für ein freundliches Wort und ein paar Rosen ist man aber weniger freigebig, als ihr! Die Mädchen haben sich mit euren Geschenken gebrüstet und ihren kargeren Bewerbern die glänzenden Goldstücke gezeigt. Das Gerücht ist eine Göttin, welche arg zu übertreiben und aus der Eidechse ein Krokodil zu machen pflegt. So kam denn dem ägyptischen Hauptmanne, der, seitdem Psamtik regiert, den Markt bewacht, die Nachricht zu Ohren, drei eben angekommene lydische Krieger hätten Gold unter die Kranzwinderinnen ausgestreut. Das erregte Verdacht und veranlaßte den Toparchen Siehe I. Theil Anmerkung 140 . , einen Beamten hierher zu schicken, der sich nach eurer Herkunft und dem Zwecke eurer Reise nach Aegypten erkundigen soll. Da habe ich denn eine List gebrauchen und dem Kundschafter etwas weismachen müssen. Ich handelte nach eurem Willen und gab euch für reiche Jünglinge von Sardes aus, die dem Grolle des Satrapen entflohen sind . . . Aber da kommt der Beamte mit dem Schreiber, der euch einen Paß ausstellen wird, damit ihr unangefochten am Nile verbleiben könnt. Ich habe ihm eine reiche Belohnung versprochen, wenn er euch zum Eintritt in die Söldnerschaar des Königs behülflich sein will. Er ist in die Falle gegangen und glaubt mir. Wegen eurer Jugend traut man euch keine geheime Sendung zu.« Der gesprächige Hellene hatte kaum ausgeredet, als der Schreiber, ein dürrer, weißgekleideter Mann, sich den Fremden gegenüberstellte, und sie mit Hülfe eines Dolmetschers nach ihrer Herkunft und dem Zweck ihrer Reise befragte. Die Jünglinge hielten ihre Behauptung, entwichene lydische Hekatontarchen zu sein, fest und ersuchten den Beamten, ihnen Mittel und Wege für ihren Eintritt in die ägyptischen Hülfstruppen anzugeben und sie mit Pässen zu versehen. Nachdem Theopompus für unsere Freunde Bürgschaft geleistet hatte, zauderte der Beamte nicht lange und stellte ihnen die gewünschten Papiere aus. Der Paß des Bartja lautete: »Smerdes, – Sohn des Sandon aus Sardes, – ungefähr 22 Jahre alt, von stattlichem, schlankem Wuchse, mit wohlgestaltetem Angesichte, gerader Nase und hoher Stirn, in deren Mitte sich eine kleine Narbe befindet, darf, weil Bürgschaft für ihn geleistet worden ist, da, wo das Gesetz die Fremden duldet, in Aegypten verweilen. Im Namen des Königs.   Sachons, Schreiber.« Die Pässe des Zopyrus und Darius waren in derselben Weise abgefaßt (Anm. 59) Aehnliche Signalements haben die Papyrus erhalten. Wilkinson m. a. c. bringt ein Bild aus Theben, auf dem ein sich verneigender Mann vor den Schreiber geführt wird, welcher ihm einen Paß auszustellen scheint. . Als die Beamten das Haus verlassen hatten, rieb sich Theopompus die Hände und sagte: »Nun könnt ihr, wenn ihr meinen Rath in allen Stücken befolgt, sicher in diesem Lande verweilen. Bewahrt diese Papierröllchen gleich euren Augen und laßt sie niemals von euch. Jetzt ersuche ich euch aber, mir zum Frühstück zu folgen und mir, wenn es euch genehm ist, zu erzählen, ob das Gerücht, welches am Markte verbreitet war, nicht, wie gewöhnlich, lügt. Eine von Kolophon kommende Triere brachte nämlich die Nachricht, Dein hoher Bruder, edler Bartja, rüste gegen Amasis.« Am Abende desselben Tages feierten Bartja und Sappho ein Wiedersehen, dessen Glück durch die mit dem Erscheinen des Königssohnes verbundene Ueberraschung so unermeßlich war, daß die Jungfrau in der ersten Stunde keine Worte für ihre Wonne und Dankbarkeit finden konnte. Als sie endlich wieder in jener Akanthus-Laube, welche ihre junge Liebe mit blühenden Zweigen verborgen hatte, allein waren, sank Sappho an das Herz des theuren Wiedergekehrten. Lange sprachen sie kein Wort und sahen weder Mond noch Sterne, die in der lauen Sommernacht ihre stillen, bedeutungsvollen Kreise über ihren Häuptern zogen. Sie hörten nicht das Lied der Nachtigallen, welche, wie damals, ihren geliebten Itys in flötenden Wechselgesängen riefen, sie fühlten nicht den befeuchtenden Thau, den die Nacht auf ihre, wie auf die Häupter der Blumen im Rasen, herniedergoß. Endlich faßte Bartja beide Hände seiner Geliebten und schaute sie lange sprachlos an, als wollte er sich das Bild ihrer Züge unauslöschlich einprägen; sie aber blickte schämig zu Boden, als er endlich ausrief: »Wenn ich von Dir träumte, so schienst Du mir schöner als Alles, was Auramazda erschaffen; jetzt aber find' ich, daß Du selbst meine Träume an Schönheit überbietest!« Und als sie ihm für diese Worte mit einem strahlenden Blicke gedankt hatte, schlang er nochmals seinen Arm um ihre Hüften, zog sie fester an sich und fragte »Hast Du mein gedacht?« »Nur, nur an Dich!« »Und hofftest Du, mich schon so bald zu sehen?« »Ach, Stund' für Stunde dacht' ich: ›er muß kommen!‹ Wenn ich des Morgens in den Garten trat und schaute hin nach Osten, Deiner Heimath, und ein Vöglein flog von drüben, von der rechten Seite auf mich zu, fühlt' ich ein Zucken in dem rechten Augenlid; wenn ich in meiner Kiste räumte und allda die Lorbeerkrone fand, die Dir so herrlich ließ, und die ich drum zum Angedenken aufhob, – Melitta sagt, solch' aufbewahrter Kranz erhalte treue Liebe (Anm. 60) Der Vogel, welcher von der rechten Seite herkam, galt für glückbringend; ebenso das zuckende rechte Auge. Theokrit III. 37. Der aufbewahrte Kranz. Lucian. Tox. 30. , – dann klatscht' ich in die Hände, dachte mir: ›heut' muß er kommen,‹ lief dem Nile zu und winkte jedem Nachen mit dem Tuch, denn jedes Fahrzeug, dacht' ich, trüge Dich zu mir heran. Und wenn Du doch nicht kamst, so ging ich traurig in das Haus zurück und sang ein Lied und schaute in das Feuer des Herdes, das im Weibersaale brennt, bis mich Großmutter aus dem Traume rief und sagte: ›Höre, Mädchen, wer bei Tage träumt, ist in Gefahr, des Nachts schlaflos zu liegen und mit trübem Sinn, mit müdem Hirn und mit erschlafften Gliedern des Morgens von dem Lager aufzustehen. Der Tag ward uns gegeben, um zu wachen, um unsere Augen offen zu erhalten und zu streben, daß keine Stunde ungenützt verrinne. Vergangene Zeit gehört den Todten an, die Narrheit hoffet von der Zukunft Heil; der Weise hält sich an die Gegenwart, die ewig junge, und nimmt diese wahr, um alle Gaben, die uns Zeus verliehen, die uns Apollo, Pallas, Cypris schenkte, durch Arbeit so zu pflegen, daß sie nach und nach sich steigern und ergänzen und veredeln, und unser Sinnen, Handeln, Fühlen, Reden zuletzt wohllautend werde wie der süße Klang der Harmonieen eines Saitenspiels. Du kannst dem Manne, dem Dein Herz gehört, den Du für höher als Dich selber hältst, weil Du ihn eben liebst, nicht besser dienen und Deine Treue ihm nicht schöner zeigen, als wenn Du Deinen Geist und Dein Gemüth, so hoch es nur in Deinen Kräften steht, veredelst. Was Du auch Schönes, Gutes neu erlernst, das wird für Deinen Liebsten zum Geschenk, denn, gibst Du ihm Dein ganzes Wesen hin, empfängt er Deine Tugenden mit Dir. Doch träumend hat noch niemand Sieg erkämpft. Der Labethau der Tugendblume nennt sich Schweiß!‹ So sagte sie; ich aber sprang beschämt vom Herde fort, ergriff das Saitenspiel, erlernte neue Lieder oder hing am Munde meiner Lehrerin, die mich, – sie übertrifft an Weisheit manchen Mann, – mit Wort und Schriften liebend unterwies. So floß die Zeit dahin, ein rascher Strom, der, gleich dem Nil dort drüben, ewig fließt und bald ein bunt' bewimpelt' goldenes Boot, bald ein gefräßig' böses Krokodil an uns, den Sterblichen, vorüberführt!« »Jetzt sitzen wir in jenem Wonnekahn! O hielte doch in diesem Augenblick der Strom der Zeit die schnellen Fluthen auf, o wär' es immerwährend so wie jetzt! – Du holdes Mädchen, wie Du klüglich sprichst, wie Du die schönen Lehren wohl begreifst und sie noch anmuthsvoller wiedergibst. Ja, meine Sappho, ich bin stolz auf Dich! In Deiner Tugend hab' ich einen Schatz, der mich viel reicher macht, als meinen Herrn und Bruder, dem die halbe Welt gehört!« »Du, stolz auf mich, Du hoher Fürstensohn, der Schönste, Beste Deines ganzen Stammes?!« »Ich finde keinen höhern Werth in mir, als den, daß Du mich Deiner würdig hältst!« »Ihr großen Götter, sagt, wie kann dies kleine Herz solch' eine Fülle höchster Seligkeit ertragen, ohne, einer Vase gleich, die man mit schwerem Golde überfüllt, gesprengt zu werden.« »Weil ein anderes Herz, das meine, Deine Last zu tragen hilft, weil Deine Seele meine unterstützt. Mit dieser Hülfe spotte ich der Welt und aller Leiden, die die Nacht gebiert.« »O reize nicht den Neid, den Zorn der Götter, die oft das Glück der Sterblichen verdrießt. Wir haben, seit Du in die Ferne zogst, gar manchen thränenreichen Tag verlebt. Des guten Phanes armes Kinderpaar, ein Knabe, schön wie Eros, eine Maid, so hold und rosig wie ein Wölkchen, das, vom Morgenroth beleuchtet, freundlich strahlt, verlebten manchen Tag in unserem Haus. Großmutter ward von neuem froh und jung, wenn sie die lieben, frischen Kleinen sah; ich aber schenkte ihnen all' mein Herz, obgleich es Dir ja ganz allein gehört. Doch wundervoll geartet ist solch' Herz, das, gleich, der Sonne, Vielen Strahlen schenkt, und doch nicht ärmer wird an Licht und Glanz und Keinem vorenthält, was ihm gebührt. Ich liebte Phanes Kinder, ach, so sehr! – An einem Abend saßen wir allein mit Theopompus in dem Frauensaal, als an der Thüre wilder Lärm erklang. Der alte Knakias, unser treuer Sklave, kam just zur Pforte, als der Riegel sprang und eine Schaar von Kriegern durch die Flur in's Peristyl, die Andronitis und von dort, die Mittelthür zerschlagend, zu uns drang. Großmutter zeigte ihnen jenen Brief, durch den Amasis unser Haus zur unantastbar sichern Zuflucht macht. Sie lachten aber spöttisch jener Schrift und zeigten ein besiegelt' Dokument, in dem der Kronprinz Psamtik streng befahl, des Phanes Kinder jener rohen Schaar sofort zu übergeben. Theopomp verwies den Kriegern ihre rauhe Art und sagte, jene Kinder, die bei uns zu Gaste wären, seien aus Korinth und hätten mit dem Phanes nichts zu thun. Der Hauptmann der Soldaten aber bot dem edlen Manne nichts als Hohn und Trotz, stieß die besorgte Ahne frech zurück, drang mit Gewalt in ihren Thalamus, wo, neben allen Schätzen bester Art, die sie besitzt, zu Häupten ihrer eignen Lagerstatt die beiden Kleinen friedlich schlummerten, riß sie gewaltsam aus dem Bettchen fort und führte sie, – auf einem offenen Kahn, zu kalter Nachtzeit, – in die Königsstadt. Nach wen'gen Wochen war der Knabe todt. Man sagte, Psamtik hab' ihn umgebracht. Das holde Mägdlein schmachtet heute noch in eines finstern Kerkers ödem Raum und weint nach ihrem Vater und nach uns. O, mein Geliebter, sprich, ist es nicht hart, daß sich auch in das allerreinste Glück ein Unheil schleichen muß? Die Wonnezähre hier in diesem Blick vereint sich jetzt schon mit dem Schmerzensnaß, und dieser Mund, der eben noch gelacht, wird jetzt zum Herold eines tiefen Leids.« »Ich fühle Deine Schmerzen nach, mein Kind; doch härm' ich mich nicht nur gleich Dir, dem Weib'. Was Dich zu nichts als warmen Thränen zwingt, das ballt zum Faustschlag meine Männerhand. Der holde Knabe, der Dir theuer war, das Mägdlein, das im öden Kerker weint, soll bald gerochen werden. Traue mir! Bevor der Nil zum zweiten Male schwillt, dringt ein gewalt'ges Heer in dieses Land und wird Vergeltung fordern für den Mord!« »O liebster Mann, wie Deine Augen glühen! So schön, so herrlich sah ich Dich noch nie! Ja, ja, der Knabe muß gerochen sein, und Niemand darf ihn rächen außer Dir!« »Mein sanftes Mädchen wird zur Kriegerin!« »Auch Weibern ziemet Kampf, wo Unrecht lacht, auch Weiber freuen sich, wenn das Laster fällt! Doch sage, habt ihr schon den Krieg erklärt?« »Noch nicht, doch zieht schon heute Schaar auf Schaar zum Euphratthale fort und eint sich dort mit unserem großen Heer.« »Jetzt sinkt mir schon der schnell entflammte Muth. Ich zittre vor dem bloßen Worte ›Krieg‹. Wie viele Mütter macht er kinderlos, wie vielen Weibern sinkt, wenn Ares tobt, der Witwenschleier auf das schöne Haupt, wie viele Betten werden naß geweint, wenn Pallas ihre grause Aegis schwingt!« »Wie aber wächst der Mann im wilden Streit, wie weitet sich sein Herz, wie schwillt sein Arm! Wie jubelt ihr, wenn der geliebte Held mit Ruhm bedeckt als Sieger heimwärts kehrt! Ein Perserweib muß sich der Schlachten freuen; denn ihres Gatten Leben ist ihr lieb, doch lieber noch ist ihr sein Heldenruhm!« »Zieh' in den Kampf, Dich schirmet mein Gebet!« »Und der gerechten Sache wird der Sieg! Erst schlagen wir das Heer des Pharao, – dann wird des Phanes Töchterlein befreit . . .« »Und dann der brave Aristomachus, der des entflohenen Phanes Platz bekam. Er ist verschwunden, niemand weiß, wohin. Doch sagte man, der Kronprinz habe ihn, weil er der Kinder wegen ihn bedroht, in eines Kerkers finstere Nacht gebannt; wenn er ihn nicht, – was schlimmer wäre, als der schlimmste Tod, – in einen fernen Steinbruch schleppen ließ. Der arme Alte war vom Heimathland durch böse Feinde sonder Schuld verbannt. Am selben Tage, der ihn uns entzog, kam eine Botschaft vom Spartanervolk am Nile an, um Aristomachus, durch dessen Söhne Sparta hohen Ruhm gewonnen hatte, zum Eurotasstrom mit allen Ehren, welche Hellas kennt, zurückzurufen. Ein bekränztes Schiff erwartete den vielgepries'nen Greis, und, als der Führer der Gesandten, kam sein eigner ruhmgekrönter, starker Sohn.« »Ich kannte jenen eisenharten Mann, der sich verstümmelte, um einer Schmach, die seiner Ehre drohte, zu entgehen. Wir rächen ihn, beim Anahita Stern Siehe III. Theil Anmerkung 38 , der dort im Osten zitternd untergeht.« »O, mein Geliebter, ist es schon so spät? Mir ist die Zeit vergangen wie ein Hauch, der unsere Stirnen küsset und entflieht. Hörst Du nicht rufen? Ja, man harret auf uns! Vor Tagesanbruch sollt ihr in der Stadt im Hause eures edlen Gastfreundes sein. Leb' wohl, mein Held!« »Geliebte, lebe wohl! Und in fünf Tagen tönt der Hochzeitssang. Du zitterst ja, als ging es in den Krieg!« »Ich bebe vor der Größe unseres Glücks, wie man vor allem Ungeheuren bebt!« »Rhodopis ruft schon wieder: laß' uns gehen! Ich habe Theopomp gebeten, mit der Greisin, wie es Brauch, sich zu bereden, wann und wie und wo die Hochzeitsfeier zu begehen sei. Ich bleibe unerkannt in seinem Haus, bis daß ich Dich als mein geliebtes Weib mit mir entführe.« »Und ich folge Dir!« Als die Jünglinge am nächsten Morgen im Garten des Theopompus mit ihrem Gastfreunde lustwandelten, rief Zopyrus: »Ich habe diese ganze Nacht von nichts als Deiner Sappho geträumt, Du glücklicher Bartja. Solch' ein Wesen ist noch niemals geschaffen worden. Wenn Araspes sie gesehen haben wird, so muß er mir zugeben, daß Panthea übertroffen worden sei! Meine neue Frau in Sardes, die ich für Wunder wie schön hielt, kommt mir jetzt wie eine Nachteule vor! Auramazda ist ein Verschwender! Mit Sappho's Reizen hätte er drei Schönheiten ausstatten können! Und wie köstlich es klang, als sie uns auf Persisch ›gute Nacht‹ wünschte.« »Sie hat während meiner Abwesenheit,« erwiederte Bartja, »die Sprache unserer Heimath von einer Susianerin, der Gattin eines babylonischen Teppichhändlers, welche zu Naukratis wohnt, zu erlernen versucht und überraschte mich mit diesem mühsam erworbenen Geschenke.« »Sie ist ein herrliches Mädchen!« rief der Großhändler. »Meine verstorbene Gattin liebte die Kleine wie ihr eigenes Kind und hätte sie gern mit unserem Sohne, der den Geschäften meines Hauses zu Milet vorsteht, verheirathet; doch die Götter haben es anders gewollt! Meine Abgeschiedene würde sich freuen, wenn sie die Hochzeitskränze am Hause der Rhodopis sehen könnte!« »Es ist also Sitte bei euch, die Wohnung einer Braut mit Blumen zu schmücken?« fragte Zopyrus. »Freilich!« antwortete Theopompus. »Wenn ihr einer bekränzten Thür begegnet, so wißt ihr, daß sie eine Braut verschließt; seht ihr einen Oelzweig an einem Hause hängen, so ward in demselben ein Knabe geboren; erblickt ihr dagegen eine wollene Binde über der Pforte, so hat ein Mägdlein hinter ihr die Welt erblickt. Ein Gefäß mit Wasser vor der Thür bedeutet, daß ihr einem Sterbehause nahe seid (Anm. 61) Schömann, Privatalterthümer. Wasser vor dem Hause. Schol. Arist. Nub. V. 837. . Doch die Stunde des Marktes naht, meine Freunde! Ich muß euch verlassen, denn mich rufen wichtige Geschäfte.« »Ich begleite Dich,« rief Zopyrus, »und bestelle Kränze für das Haus der Sappho.« »Ahaha!« lachte der Milesier. »Du sehnst Dich nach den Blumenmädchen! O, Dein Leugnen hilft Dir nichts! Wenn Du wünschest, so kannst Du mich immerhin begleiten; ich bitte Dich aber, weniger freigebig zu sein als gestern, und Dich an Deine Verkleidung, die leicht gefährlich werden könnte, wenn sichere Nachrichten von dem drohenden Kriege eintreffen sollten, zu erinnern!« Der Hellene ließ sich von einem Sklaven die Sandalen an die Füße binden und begab sich in Begleitung des Zopyrus auf den Markt, um wenige Stunden später heimzukehren. Wichtige Dinge mußten sich zugetragen haben, denn der sonst so heitere Mann schien außergewöhnlich ernst, als er zu den zurückgebliebenen Freunden trat. »Ich fand die ganze Stadt in großer Aufregung,« begann er zu erzählen, »denn ein Gerücht verkündete, Amasis sei tödtlich erkrankt. Als wir nun eben, um Geschäfte abzuschließen, auf der Börse (Anm. 62) Auf dem sogenannten δει̃γμα der Börse pflegten die griechischen Großhändler ihre Waaren nach der Probe zu verkaufen. Böckh, Staatshaushaltung der Athener I. S. 84 u. 85. beisammen standen, und ich im Begriff war, durch den schnellen Verkauf all' meiner hoch im Preise stehenden Vorräthe große Summen zu sammeln, die ich, wenn durch die sichere Aussicht auf einen großen Krieg der Werth der Waaren gefallen sein wird, zum Ankauf neuer Handelsgüter anzuwenden gedachte (die frühere Kenntniß von den Rüstungen Deines erhabenen Bruders kann mir großen Nutzen bringen), erschien der Doparch in unserer Mitte und brachte die Nachricht, daß Amasis nicht nur erkrankt sei, sondern, von allen Aerzten aufgegeben, seine letzte Stunde erwarte. Jeden Augenblick müssen wir auf das Ableben des Königs und auf ernste Wendungen der Dinge gefaßt sein. Der Tod dieses Monarchen ist der schwerste Verlust, welcher uns Hellenen treffen kann, denn er war uns stets mit Freundschaft zugethan und begünstigte uns, wo er konnte, während sein Sohn, ein erklärter Griechenfeind, Alles aufbieten wird, um uns womöglich aus Aegypten zu verdrängen. Naukratis mit unseren Tempeln haßt er. Hätte sein Vater ihn nicht verhindert, und bedürfte er nicht der hellenischen Söldner nothwendig, so würde er uns, die verabscheuten Fremden, schon lange aus seinem Reiche vertrieben haben. Wenn Amasis todt ist, so wird ganz Naukratis den Heeren des Kambyses entgegenjubeln; wissen wir doch von meiner Heimath her, daß ihr auch Nichtperser zu ehren und in ihren Rechten zu schützen pflegt.« »Ich werde dafür sorgen,« sagte Bartja, »daß mein Bruder all' eure alten Freiheiten bestätigt und ihnen neue hinzufügt.« »Möge er schnell in Aegypten eindringen!« rief der Hellene. »Wir wissen, daß uns Psamtik, sobald er nur irgend kann, befehlen wird, unsere Tempel, die ihm ein Greuel sind, niederzureißen; der Bau einer hellenischen Opferstätte zu Memphis ist schon längst verboten worden.« »Hier aber,« sagte Darius, »haben wir stattliche Tempel gesehen, als wir vom Hafen kamen.« »Wir besitzen deren mehrere Siehe I. Theil Anmerkung 2 . . Doch da kommt Zopyrus mit meinen Sklaven, die ihm einen Wald von Kränzen nachtragen. Er lacht mit dem ganzen Gesichte und muß sich mit den Blumenmädchen außerordentlich gut unterhalten haben. Fröhlichen Morgen, Freund! Dich scheint die trübe Botschaft, welche Naukratis erfüllt, nicht eben zu bekümmern!« »Ich gönne dem Amasis noch hundert Jahre!« rief Zopyrus. »Aber man wird, wenn er stirbt, mehr zu thun bekommen, als auf uns Acht zu haben. Wann werdet ihr zu Rhodopis fahren, ihr Freunde?« »Sobald es dunkelt.« »Dann bietet der edlen Frau diese Blumen, als Geschenk von mir! Ich dachte nie, daß eine Greisin mich so bezaubern könnte! Jedes ihrer Worte klingt wie Musik, und ob es auch ernst und weise ist, schmeichelt es sich doch wie ein Scherz in unser Ohr. Ich mag Dich diesmal nicht begleiten, Bartja, denn ich würde Dich doch nur stören! Was hast Du beschlossen, Darius?« »Ich möchte kein Gespräch mit Rhodopis versäumen.« »Das verdenke ich Dir nicht! Du mußt eben Alles wissen und erlernen, während ich bestrebt bin, Alles zu genießen! Wollt ihr mir auf heut' Abend Urlaub geben, ihr Freunde? Seht einmal . . .« »Ich weiß Alles!« unterbrach Bartja lachend den leichtfertigen Jüngling. »Du hast die Blumenmädchen bis jetzt nur bei Tage gesehen und möchtest nun auch wissen, wie sie sich beim Lampenlicht ausnehmen.« »So ist's!« rief Zopyrus, ein ernstes Gesicht machend. »In dieser Beziehung bin ich wißbegierig wie Darius.« »So wünschen wir Dir viel Vergnügen bei den drei Schwestern! –« »Nicht doch; – nur bei Stephanion, der jüngsten!« Als Bartja, Darius und Theopompus das Haus der Rhodopis verließen, graute schon der Morgen. Ein edler Hellene, Syloson (Anm. 63) Herod. III. 39. 139. 141 fgd. , der Bruder des Polykrates, welcher durch den Tyrannen aus seiner Heimath vertrieben worden war, hatte den Abend mit ihnen getheilt und kehrte jetzt in ihrer Gesellschaft nach Naukratis, wo selbst er seit mehreren Jahren wohnte, zurück. Dieser Mann, den sein Bruder zwar verbannt hielt, dennoch aber reichlich mit Geld versorgte, führte das glänzendste Haus in Naukratis und war ebenso berühmt wegen seiner verschwenderischen Gastlichkeit, als wegen seiner Kraft und Gewandtheit. Außerdem zeichnete sich Syloson durch Schönheit und Kleiderpracht ganz besonders aus. Alle Jünglinge von Naukratis rechneten es sich zur Ehre, den Schnitt und Faltenwurf seiner Gewänder nachzuahmen. Unabhängig und unbeschäftigt wie er war, brachte er viele Abende im Hause der Rhodopis zu, welche ihn zu ihren besten Freunden zählte und ihn auch in das Geheimniß ihrer Enkelin eingeweiht hatte. An jenem Abende war bestimmt worden, die Hochzeit solle in vier Tagen still und heimlich begangen werden. Bartja hatte den Quittenapfel bereits mit seiner Geliebten, welche dem Zeus, der Hera und den anderen Schutzgöttern der Ehe am selben Tage Opfer darbrachte (Anm. 64) Diod. V. 73 nennt nur Zeus und Hera als die Götter, denen hochzeitliche Opfer dargebracht wurden. Plutarch, Solon 20, sagt, ein solonisches Gesetz habe den Bräuten in Athen vor der Hochzeit einen Quittenapfel (μη̃λον κυδώνιον), der auch sonst für Liebende von Bedeutung gewesen zu sein scheint, zu essen befohlen. Daß auch bei den Griechen ein Brautstand in unserem Sinne existirte, ist unzweifelhaft. Man denke nur an die Antigone des Sophokles, welche mit Hämon verlobt war. , verzehrt und sich durch diese Ceremonie förmlich mit ihr verlobt. Syloson übernahm es jetzt, für Sänger des Hymenäus und Fackelträger zu sorgen. Der Hochzeitsschmaus sollte im Hause des Theopompus, als dem des Bräutigams (Anm. 65) S. Böttiger, Aldobr. Hochzeit S. 142, wo der Hochzeitsgesang oder Hymenäus mit Flötenbegleitung gesungen wird. Wer eigentlich die Brautfackeln trug, ist nicht genau zu bestimmen. K. F. Hermann, Privatalterthümer §. 31. Ebenso zweifelhaft ist es, ob der Hochzeitsschmaus im Hause der Braut oder des Bräutigams abgehalten worden sei. Für beide Orte lassen sich Stellen anführen. Durch das mangelnde Haus des Bräutigams sind wir verhindert, den ganzen gebräuchlichen Hergang der Hochzeit genau wiederzugeben. So fällt natürlich die Wagenfahrt der Braut fort, welche, von einem Chore begleitet, in das Haus des künftigen Gatten geführt wird. Bei dieser Gelegenheit wurde im Chore das Wagenlied (αρμάτειον μέλος) gesungen. Dem Zuge schritten Dienerinnen mit brennenden Fackeln voran. , zugerichtet werden. Die kostbaren Brautgeschenke des Königssohnes waren der Greisin bereits übergeben worden, während Bartja das bedeutende väterliche Erbtheil seiner Geliebten ausschlug und auf Rhodopis, die sich es anzunehmen hartnäckig weigerte, übertrug. Syloson begleitete die Freunde bis zum Hause des Theopompus und wollte sich eben von ihnen verschieden, als sich lauter Lärm in den nächtlich stillen Straßen vernehmen ließ, und bald darauf eine ägyptische Schaarwache, die einen gebundenen Mann in's Gefängniß abführte, herbeikam. Der Verhaftete schien sehr erzürnt zu sein und wurde um so heftiger, je weniger die Schaarwächter auf sein gebrochenes Griechisch und seine in einer ihnen unbekannten Sprache ausgestoßenen Flüche achteten. Kaum hatten Bartja und Darius die Stimme des Gefangenen vernommen, als sie auf ihn zueilten und Zopyrus in ihm erkannten. Syloson und Theopompus hielten die Schaarwache augenblicklich an und fragten ihren Befehlshaber, was der Gefangene verbrochen habe. Der Beamte, welcher, wie jedes Kind zu Naukratis, den Milesier und den Bruder des Polykrates kannte, verneigte sich vor ihnen und erzählte, daß von dem fremden Jünglinge ein Mord begangen worden wäre. Theopompus nahm nun den Hauptmann bei Seite und machte ihm große Versprechungen, wenn er den Gefangenen freilassen würde, konnte aber von dem Aegypter nichts weiter erlangen, als die Erlaubniß, seinen Gast sprechen zu dürfen. Als die Freunde dem Zopyrus gegenüberstanden, baten sie ihn, schnell zu erzählen, was sich ereignet habe, und erfuhren, daß der leichtsinnige Jüngling beim Einbruche der Nacht die Blumenmädchen besucht habe, bis zum grauenden Morgen bei Stephanion geblieben und dann auf die Straße getreten sei. Kaum hatte er die Hausthür geschlossen, als er von mehreren jungen Leuten angegriffen wurde, die ihm aller Wahrscheinlichkeit nach aufgelauert hatten. Mit Einem von ihnen, welcher sich Stephanion's Bräutigam nannte, war er schon am Morgen in Streit gerathen. Die Dirne hatte den lästigen Bewerber von ihren Blumen fortgewiesen und Zopyrus gedankt, als er den Aufdringlichen mit Schlägen bedrohte. Sobald sich der Achämenide überfallen sah, zog er sein Schwert und schlug die nur mit Stöcken bewaffneten Angreifer leicht zurück, hatte aber das Unglück, den Eifersüchtigen, welcher ungestüm auf ihn eindrang, so schwer zu verwunden, daß er niedersank. Indessen war die Schaarwache herbeigekommen und wollte Zopyrus, dessen Opfer kläglich »Mörder und Räuber« schrie, festnehmen; dieser aber zeigte sich keineswegs gewillt, seine Freiheit so leichten Kaufes hinzugeben. Angestachelt von der ihn umgebenden Gefahr, stürzte der kampflustige Perser mit erhobenem Schwerte auf die Häscher los und hatte sich schon Bahn durch sie gebrochen, als eine zweite Wache herbeikam und ihn, vereint mit der ersten, angriff. Wieder schwang er sein Schwert, das diesmal den Schädel eines Aegypters spaltete. Ein zweiter Schlag verwundete einen Soldaten am Arme; als er aber zum dritten Hiebe ausholte, fühlte er plötzlich, wie sich eine Schlinge um seinen Hals legte und sich fester und fester zusammenzog. Schnell verging ihm Besinnung und Athem. Als er wieder zu sich kam, war er gebunden und mußte, trotz seines Passes und seiner Berufung auf Theopompus, den Häschern folgen. Nachdem er seine Erzählung beendet hatte, gab der Milesier dem Jüngling seine Mißbilligung zu erkennen und versicherte ihn, daß seine unzeitige Kampflust die traurigsten Folgen haben könnte. Darauf wandte er sich noch einmal an den Hauptmann und bat ihn, seine Bürgschaft für den Gefangenen anzunehmen; dieser aber wies jede Vermittlung ernst zurück und versicherte, daß er sein eigenes Leben durch Nachsicht gegen den Mörder verwirken werde; galt doch in Ägypten ein Gesetz, das selbst den Hehler eines Mordes mit der Todesstrafe bedrohte (Anm. 66) Der Hehler eines Mordes sollte geknutet (έδει μαστιγου̃σθαι) und drei Tage lang ohne Trank und Speise gelassen werden. Diod. I. 77. . Er müsse, so versicherte der Hauptmann, den Verbrecher sofort nach Sais bringen und dort dem Nomarchen Siehe I. Theil Anmerkung 140 . zur Bestrafung überantworten. »Er hat,« so schloß er seine Rede, »einen Aegypter gemordet und muß darum von einem ägyptischen Obergerichte verurtheilt werden. In jedem andern Falle steh' ich Dir gern zu Diensten.« Während dieser Rede sprach Zopyrus mit den Freunden und bat sie, unbesorgt um ihn zu sein. »Ich schwöre euch beim Mithra,« rief er aus, als Bartja ihm versprechen wollte, sich zu erkennen zu geben, um seine Freiheit zu erwirken, »daß ich mir ohne Besinnen mein Schwert in's Herz stoße, wenn ihr euch um meinetwillen diesen ägyptischen Hunden in die Hand gebt. Schon ist das Gerücht von dem nahenden Kriege in der ganzen Stadt verbreitet. Sobald Psamtik erfährt, was für kostbare Vögel in seinem Garn sitzen, wird er sich nicht lange besinnen und das Netz zuschlagen Siehe I. Theil. Anmerkung 201 . , um euch als Geiseln zu behalten. Auramazda schenke euch Heil und Segen und Reinheit! Lebt wohl, ihre Freunde, und denkt manchmal des heiteren Zopyrus, der für Kampf und Liebe gelebt hat und für Liebe und Kampf in den Tod geht!« – Der Hauptmann hatte sich unterdessen wieder an die Spitze des Zuges gestellt und seinen Leuten den Befehl zum Aufbruche gegeben. Wenige Minuten später war Zopyrus den Freunden entschwunden. Fünftes Kapitel. Nach dem ägyptischen Gesetze mußte Zopyrus zum Tode verurtheilt werden. Sobald die Freunde dies erfahren hatten, stand ihr Entschluß fest, sogleich nach Sais zu reisen und dort zu versuchen, den Gefangenen mit List zu befreien. Syloson, welcher in der Residenz bekannt und der ägyptischen Sprache mächtig war, bot sich freiwillig an, ihnen hülfreiche Hand zu leisten. Durch Färbung der Haare und Augenbrauen, sowie durch breitkrämpige Filzhüte (Anm. 67) Diese Filzhüte (πέτασος, petasus ) dienten als Schutz gegen die Sonnenstrahlen erst bei den Griechen, dann bei den Römern, und werden von den Hellenen in Aegypten, wo das Sonnenlicht mit besonders blendenden Strahlen scheint, entschieden gebraucht worden sein. Auf dem berühmten Reiterzuge am Parthenon (jetzt im British Museum) tragen fast alle Reiter den Petasos. Als Reisehut wurde er am häufigsten gebraucht. Eine Figur mit dem breitkrempigen Hute am Rücken sollte einen Reisenden vorstellen. Wir erinnern an die Darstellung von Pilgern auf mittelalterigen Bildern. selbst für Freunde unkenntlich, und von Theopompus mit ganz einfachen hellenischen Anzügen ausgestattet, trafen Bartja und Darius mit dem reichgekleideten Syloson, eine Stunde nach der Verhaftung des Zopyrus, am Nilufer zusammen, bestiegen ein dem neuen Freunde gehörendes und von dessen Sklaven gerudertes Boot und langten nach kurzer, vom Winde begünstigter Fahrt, ehe das Tagesgestirn die Mittagshöhe erreicht hatte, zu Sais an, welches, einer Insel gleich, aus den überschwemmten Fluren hervortauchte. An einer entlegenen Stelle stiegen sie aus und kamen zunächst in das Viertel der Handwerker, die, trotz der großen Mittagshitze, ihre Hantirungen fleißig verrichteten. In dem offenen Hofe eines Bäckerhauses sah man Gesellen, die den groben Teig mit den Füßen, den feinen mit den Händen kneteten. Brode in allen Gestalten wurden aus den Oefen gezogen, kreisrunde und ovale Backwerke, Semmeln in Gestalt von Schafen, Schnecken und Herzen in Körbe gelegt. Flinke Bursche stellten drei, vier und fünf derselben auf ihre Köpfe, und trugen sie rasch und sicher zu den in anderen Stadttheilen wohnenden Kunden (Anm. 68) Das Leben und Treiben der Handwerker findet sich häufig und anschaulich auf den alten Denkmälern dargestellt; namentlich in den Mastaba von Saqqara, den Felsengrüften von Benihassan und Theben. Bei Wilkinson im 2. u. 3. Bande a. v. O. Rosellini, Mon. civil. T.  41 fgd. Im Besondern die Bäcker 1. Mos. 40, 16. Herod II. 36. Ebers, Aegypten I. S. 330 fgd. . Ein Fleischermeister schlachtete vor seinem Hause einen Ochsen, dessen Beine zusammengeknebelt waren, während seine Gesellen ihre Messer an Schleifsteinen schärften, um die Glieder einer wilden Ziege zu zerlegen (Anm. 69) Schlächter. Wilkinson II. 375. Dümichen, Resultate, T. . VIII. u. XI. Ebers, Aegypt. in Bild u. Wort I. S. 155. . Lustige Schuster (Anm. 70) Schuster. Wilkinson III. 160. riefen aus ihren Buden die Vorbeieilenden an, und Zimmerleute, Schneider, Tischler und Weber (Anm. 71) Holzarbeiter. Wilkinson III. 144. 174. 183. Weber II. 60. III. 134 u. 135. Rosellini, Mon. civ. T.  41 fgd. Lepsius, Denkm. II. 126 aus Benihassan. Im berliner Museum befinden sich einige altägyptische Spindeln, im leydener Museum ein schöner, noch immer mit rothem Garn umwickelter Garnstock und viele Proben von altägyptischen Stoffen. waren in voller Arbeit. Handwerkerfrauen traten, mit nackten Kindern an der Hand, aus den Häusern, um Einkäufe zu besorgen, während einige Soldaten sich dem Wein- und Bierschenker, der seine berauschende Waare (Anm. 72) Das ägyptische Bier, welches die Griechen (ζύθος) Zythos ( Zythum ) nannten, war im Alterthum berühmt, doch nicht hoch geachtet. Der Gott Osiris sollte dasselbe, wie den Wein, den Menschen geschenkt haben. Diod. I. 34. In Pelusium wurde der beste Gerstensaft gebraut. Columella X. 116. Plin. h. n. XXII. 82. In den altägyptischen Schriften, welche es ziemlich oft erwähnen, heißt es »Hek«. Eine besondere Art ward Hek nezem, süßes Bier, genannt. Es mag nicht uninteressant erscheinen, daß unser Gambrinus mit Aegypten, dem ersten Bier trinkenden Lande, in Verbindung gebracht worden ist. In des Aventinus Annal. Boj. heißt es nämlich I. 6. 11, Gambrinus sei der Sohn der Isis gewesen. S. wegen des Rausches Bd. I. A. 132 . an offener Straße feilhielt, näherten. Unsere Freunde bemerkten nur wenig von diesem Treiben und folgten schweigend dem Syloson, der sie bei der Wache der hellenischen Söldner ersuchte, auf ihn zu warten. Der Samier kannte zufälligerweise den dienstthuenden Taxiarchen und erkundigte sich bei ihm, ob er von einem Mörder gehört habe, der von Naukratis nach Sais gebracht worden sei. »Freilich!« rief der Hellene, »vor kaum einer halben Stunde ist er hier eingetroffen. Man fand an seinem Gürtel einen vollen Beutel und hält ihn für einen persischen Spion. Du weißt doch, daß Kambyses gegen Ägypten rüstet?« »Es ist nicht möglich!« »Ganz gewiß! Der Pharao ist auch schon unterrichtet. Arabische Kaufleute, deren Karawane gestern in Pelusium eintraf, brachten diese Nachricht mit.« »Die ebenso falsch sein wird, wie der Verdacht gegen den Lyder. Den kenne ich recht gut und beklage den armen Jungen. Er stammt aus einem der reichsten Häuser von Sardes, ist aber von dort entflohen, weil er einen Streit mit dem persischen Satrapen Oroetes hatte und von dessen allmächtiger Feindschaft verfolgt wurde. Ich will Dir die ganze Geschichte ausführlich erzählen, wenn Du mich nächstens zu Naukratis besuchst. Natürlich bleibst Du einige Tage in meinem Hause und bringst mehrere Freunde mit. Mein Bruder hat mir einen Wein von Samos geschickt, der Alles übertrifft, was Du jemals gekostet hast. Nur einer feinen Zunge, wie der Deinen, gönne ich diesen Göttertrank!« Das Angesicht des Taxiarchen verklärte sich, während er, Syloson's Hand ergreifend, ausrief: »Beim Hunde Siehe I. Theil Anmerkung 186 . , Freund, wir werden nicht auf uns warten lassen und Deinen Schläuchen hart zusetzen! Wie wär's, wenn Du Archidice (Anm. 73) Eine von Herod. II. 135 erwähnte berühmte Hetäre zu Naukratis. Flötenspielerinnen pflegten bei den Symposien der griechischen jungen Herren selten zu fehlen. , die drei Blumenschwestern und ein paar Flötenspielerinnen zum Imbiß bestelltest?« »Keine soll fehlen! Dabei fällt mir auch ein, daß der arme junge Lyder um der Blumenschwestern willen gefangen sitzt. Ein eifersüchtiger Tölpel überfiel ihn mit mehreren Gesellen vor ihrem Hause. Mein lydischer Hitzkopf wehrte sich . . .« »Und schlug den Angreifer zu Boden?« »So, daß er nie wieder aufstehen wird.« »Der Junge muß eine gute Faust schlagen.« »Er hatte ein Schwert bei sich.« »Desto besser für ihn.« »Nein, desto schlimmer, denn sein Opfer ist ein Aegypter.« »Das ist eine dumme Geschichte, die ein schlechtes Ende nehmen wird. Ein Fremder, der einen Aegypter erschlägt, ist des Todes so sicher wie Jemand, der schon den Strick um den Hals hat (Anm. 74) Aegyptische Verbrecher wurden nicht selten aufgeknüpft. I. Mose 40, 20–23. Rosellini, Mon. civ. T . 124. . Uebrigens wird er einige Tage Frist haben. Die Priester sind alle mit Gebeten für den sterbenden König beschäftigt und haben keine Zeit zum Gerichthalten.« »Ich gäbe viel darum, wenn man dem armen Schelme helfen könnte. Ich kenne seinen Vater.« »Ja, und im Grunde hat er nichts wie seine Schuldigkeit gethan. Man kann sich nicht prügeln lassen!« »Weißt Du, in welchem Gefängnisse der arme Jüngling sitzt?« »Freilich! Das große Gefangenenhaus wird umgebaut, darum ist er einstweilen in den Speicher gesperrt worden, der die Hauptwache der ägyptischen Leibgarde von dem Haine des Neithtempels trennt Ich kam eben erst nach Hause und sah den armen Schelm dorthin abführen.« »Er ist kühn und stark. Könnte er wohl, wenn man ihm forthülfe, entwischen?« »Nimmermehr! Der Raum, in den man ihn gesteckt hat, ist zwei Stock hoch, und sein einziges Fenster schaut in den Hain der Göttin, der, wie Du weißt, von zehn Fuß hohen Mauern umgeben und gleich einer Schatzkammer bewacht wird. An allen Thoren stehen doppelte Posten. Nur da, wo das Wasser die Mauer bespült, braucht man zur Ueberschwemmungszeit natürlich keine Schildwachen aufzustellen. Die Thieranbeter sind vorsichtig wie Bachstelzen.« »Das ist schade, dann müssen wir den armen Wicht seinem Schicksale überlassen. Leb' wohl, Dämones, und folge bald meiner Einladung!« Der Samier verließ die Wachtstube und gesellte sich sofort zu den Freunden, die mit Ungeduld auf ihn warteten und seinem Berichte mit großer Spannung lauschten. Als der Hellene mit der Beschreibung des Gefängnisses fertig war, rief Darius: »Ich glaube, daß wir Zopyrus mit einiger Kühnheit retten können. Er ist behend wie eine Katze und stark wie ein Bär. Ich habe einen Plan!« »Theile ihn mit,« sagte Syloson, »und laßt euch sagen, daß auch ich nicht ohne Hoffnung bin.« »Wir kaufen Strickleitern, einen Bindfaden und einen guten Bogen, schaffen das Alles in den Nachen und fahren, wenn es dunkelt, zu der unbewachten Stelle der Tempelmauer. Ihr helft mir, sie zu überklettern. Ich nehme die eingekauften Gegenstände mit mir, stoße den Adlerschrei aus, durch welchen mich Zopyrus sogleich erkennen wird, da wir uns von Kindheit an mit diesem Schrei auf Jagden und Fahrten zu rufen pflegen, schieße den Pfeil mit dem Bindfaden in sein Fenster, – ich fehle niemals, – rufe dem Freunde zu, das Ende der Schnur zu beschweren und herabzulassen, befestige die Strickleiter an die Schnur, Zopyrus zieht das Rettungswerkzeug hinauf, schlingt es um den eisernen Nagel, der in jedem Falle mit der Leiter hinaufwandern muß, denn man kann nicht wissen, ob sich ein Gegenstand, um sie zu befestigen, in seiner Zelle befindet, steigt herunter, eilt mit mir zu der Stelle der Mauer, wo ihr mit dem Boote wartet, überklettert sie mit Hülfe einer zweiten Strickleiter, die dort hängen muß, springt in den Kahn und ist gerettet!« »Herrlich, herrlich!« rief Bartja. »Aber sehr gefährlich!« fügte Syloson hinzu. »Wenn wir im heiligen Hain ergriffen werden, so sind wir schwerer Strafe gewiß. Die Priester feiern dort bei Nacht eigentümlich geheimnisvolle Feste, von denen jeder Unberufene streng ausgeschlossen ist. Uebrigens soll der See im Haine Siehe I. Theil Anm. 150 . III. Theil Anm. 130 . der Schauplatz derselben sein, und dieser ist ziemlich weit von dem Gefängnisse des Zopyrus entfernt.« »Um so besser!« rief Darius; »aber jetzt zur Hauptsache! Wir müssen eiligst zu Theopompus schicken und ihn ersuchen, eine schnelle Triere für uns zu miethen und zum Absegeln fertig machen zu lassen. Die Nachricht von den Kriegsrüstungen des Kambyses ist bereits hier eingetroffen; man hält uns für Spione und wird Zopyrus und seine Befreier mit allen Kräften verfolgen; darum wäre es frevelhaft, wenn wir uns unnützen Gefahren aussetzen wollten. Du, Bartja, sollst die Botschaft ausrichten und Dich heute noch mit Sappho vermählen, denn wir müssen morgen, geschehe was da wolle, von Naukratis aufbrechen. Keine Widerrede, mein Freund, mein Bruder! Du kennst ja unsern Plan und weißt, daß Du bei dem Rettungswerke, das doch nur Einer ausführen kann, den müßigen Zuschauer spielen würdest. Ich habe den Anschlag erdacht und lasse mir's nicht nehmen, ihn auszuführen. Morgen sehen wir uns wieder, denn Auramazda beschirmt die Freundschaft der Reinen!« Lange weigerte sich Bartja, die Gefährten im Stich zu lassen; gab aber endlich den vereinten Bitten und Vorstellungen nach und ging dem Wasser zu, um dort ein Boot zur Reise nach Naukratis zu miethen, während Syloson und Darius die Werkzeuge zur Flucht des Zopyrus erstanden. Um auf den Platz zu gelangen, wo die zu vermiethenden Nachen lagen, mußte der Königssohn an dem Tempel der Neith vorüber. Die Aufgabe war nicht leicht, denn das Volk umwimmelte in dichten Haufen die Eingangspforte der Götterwohnung. Als sich Batja bis zu den Obelisken vorgedrängt hatte, die bei der mit der geflügelten Sonnenscheibe und flatternden Fahnen geschmückten Pforte des Tempels standen, wurde er von priesterlichen Dienern zurückgehalten, welche die von Sphinxen begrenzte Prozessionsstraße Siehe I. Theil Anmerkung 149 . freihielten. Die riesigen Thorflügel des Pylon öffneten sich, und Bartja, der gegen seinen Willen in die vorderste Reihe der Zuschauer gedrängt werden war, sah nun einen glänzenden Zug dem Tempel entströmen. Der unerwartete Anblick vieler ihm aus früherer Zeit bekannter Gesichter nahm seine Aufmerksamkeit so sehr in Anspruch, daß er den Verlust seines breitkrämpigen Hutes, der ihm im Gedränge abgerissen worden war, kaum beachtete. Aus den Reden zweier hinter ihm stehender ionischer Söldner entnahm er, daß die Familie des Amasis, um für den sterbenden König zu beten und zu opfern, im Tempel gewesen sei. Reichgeschmückte Priester mit Pantherfellen oder in langen weißen Gewändern gingen dem Zuge voran. Diesen folgten Hofbeamte, welche goldene Stäbe führten, an deren Spitzen Pfauenfedern und silberne Lotusblumen befestigt waren. Dann erschienen Pastophoren (Anm. 75) Diejenigen Priester, welche bei feierlichen Aufzügen die heiligen Thiere, Götterbilder \&c. zu tragen hatten. Die Priesterschaft wurde nach Clemens v. Alexandrien, Strom. VI. 663 , und den bilinguen Dekreten von Rosette und Canopus eingetheilt in Oberpriester, Propheten, Stolisten, denen die Sorge für die Götterbilder, das Opfer und das Lehramt oblag, Federträger oder Schreiber der heiligen Geheimschrift, Hierogrammaten oder Weise (ägyptisch: Wissende der Dinge), zu denen Horoskopen, Astrologen, Kalendermacher und Zeichendeuter gehörten, die heiligen Väter, zu denen die Sänger und Bewahrer der Vorschriften des königlichen Lebens gerechnet wurden, die Priester geringerer Ordnung, d. h. Pastophoren (Träger der heiligen Bilder und Symbole bei den Prozessionen), Taricheuten oder Balsamirer, Neokoren oder Tempeldiener \&c. Näheres bei Ebers, Aegypten \&c. S. 341 fgd. , die eine goldene Kuh, das Thier der Isis, auf den Schultern trugen. Nachdem sich die Menge vor diesem Heiligthume verneigt hatte, nahte die Königin in priesterlichem Gewande, einen reichen Kopfputz mit der geflügelten Sonnenscheibe und den Uräusschlangen auf dem Haupte, ein heiliges goldenes Sistrum (Anm. 76) Ein nicht selten sehr kunstreich gearbeitetes Instrument, welches beim Gottesdienst gebraucht wurde. Es bestand aus einem Bogen, in welchem an Stäben Ringe hingen, die man zusammenklingen ließ. Plutarch, Is. u. Osir. 63, beschreibt es genau und sagt, es sei angewendet worden, um Typhon zu verscheuchen. Auf der Rundung des Blechs habe man das Bild einer Katze mit menschlichen Zügen angebracht \&c. Ein Sistrum von Bronze im berliner Museum bestätigt die Beschreibung Plutarch's. Auf dem Bogen desselben ruht eine Katze mit dem Sonnendiscus auf dem Kopfe. Am Griff eines andern ist eine doppelte Isismaske zu sehen. S. auch Wilkins. I. 145. Es soll auch zu der ägyptischen Kriegsmusik gehört haben. Vergil., Aen. VIII. 696 . Es ist falsch, daß es statt der Trompete diente, denn diese war gleichfalls, wie die Denkmäler z. B. zu Dêr et Bahri lehren, in Gebrauch. Prop. III. 11. 43. , dessen Klang die Dämonen des Unheils vertreiben sollte, in der Linken und Lotusblumen in der Rechten tragend. Der hohen Frau folgten die Gattin, Tochter und Schwester des Oberpriesters in ähnlichem, aber weniger kostbarem Schmucke (Anm. 77) Aehnliche Aufzüge von Frauen befinden sich auf den Denkmälern, z. B. zu Theben, wo die Gattin Ramses des Großen und die Mutter, Tochter und Schwester eines Priesters zum Gebete gehen. Wilkinson I. 260. Die Frage, ob es Priesterinnen gegeben habe, ist durch die Papyrus und Denkmäler bejahend entschieden worden, namentlich auch durch die bilingue Tafel von Canopus. . Dann erschien der Thronerbe in reichem Festornate. Hinter ihm wurde von vier jungen, weißgekleideten Priestern Tachot, die Tochter des Amasis und der Ladice, die falsche Schwester der Nitetis, in einer offenen Sänfte getragen. Die Wangen der kranken Jungfrau waren von der Andacht des Gebetes und der Hitze des Sommertages leicht geröthet. Ihre blauen Augen schwammen in Thränen und waren auf das Sistrum, welches ihre schwachen, abgezehrten Hände kaum zu halten vermochten, gerichtet. Ein Murmeln der Theilnahme zog durch die Menge, welche mit Liebe an dem sterbenden Könige hing und seiner hinwelkenden, jungen Tochter jenes Mitleid freigebig schenkte, welches einem siechen Jugendleben, besonders wenn dasselbe zu Größe und Hoheit geboren zu sein scheint, so gern gezollt wird. Manches Auge wurde feucht, als sich die schöne Kranke zeigte, und Tachot schien die Theilnahme des Volkes zu bemerken, denn sie erhob ihre Blicke von dem Sistrum und schaute die Menge freundlich und dankbar an. Da plötzlich verschwand das Roth von ihren Wangen, tiefe Blässe bedeckte sie, und klirrend fiel das goldene Instrument aus ihren Händen auf die Steinplatten des Prozessionsweges, dicht vor Bartja's Füße, nieder. Der Jüngling fühlte, daß er erkannt sei und bedachte einen Augenblick, ob er sich nicht hinter seine Nachbarn verbergen sollte; aber nur einen Augenblick dauerte dies Zaudern, denn schon hatte der ritterliche Sinn des jungen Helden jede Besorgnis überwunden. Schnell wie der Gedanke warf er sich auf das Sistrum und hielt es, nicht achtend der Gefahr, erkannt zu werden, der kranken Königstochter hin. Tachot blickte ihn, ehe sie seine Hände von dem goldenen Funde befreite, fragend an; dann lispelte sie, nur ihm verständlich: »Bist Du Bartja? Bei Deiner Mutter frage ich Dich, bist Du Bartja?« »Ich bin es,« gab er eben so leise zurück, » Bartja, Dein Freund!« Mehr konnte er nicht sagen, denn schon drängten ihn die Tempeldiener unter das übrige Volk zurück. Als er wieder auf seinem Platze stand, bemerkte er, daß sich Tachot, deren Träger dem Zuge von neuem zu folgen begannen, noch einmal nach ihm umschaute. Ihre Wangen hatten sich wiederum geröthet und ihre leuchtenden Augen suchten die seinen. Er wich dem Blicke der Kranken nicht aus, bückte sich abermals, um eine Lotusknospe, die sie vor ihm niederwarf, aufzuheben, und brach sich gewaltsam durch die Menge Bahn, deren Aufmerksamkeit er durch seine rasche That erweckt hatte. Eine Viertelstunde später saß er in einem Nachen, der ihn zu Sappho, der ihn zur Hochzeit führen sollte. Seine Besorgniß um Zopyrus war verschwunden; er hielt ihn schon für gerettet. In seinem Herzen wohnte, trotz der ihn bedrohenden Gefahren, eine wunderbare Zufriedenheit, er wußte selbst nicht, warum. Indessen war die kranke Königstochter heimgekehrt, hatte sich des festlichen Schmuckes, der sie beengte, entkleiden und mit ihrem Ruhebette auf einen Altan des Schlosses tragen lassen, woselbst sie während der heißen Sommertage, von Blattpflanzen (Anm. 78) Wilkinson II. 121 u. 129. Nach Darstellungen aus Theben. und einem zeltartigen Tuche überschattet, am liebsten verweilte. Sie konnte von dort aus den großen, mit Bäumen bepflanzten Vorhof des Schlosses überschauen, welcher heut' von Priestern und Höflingen, sowie von Befehlshabern des Heeres und der Nomen wimmelte. Aengstliche Spannung malte sich in allen Gesichtern, denn die Todesstunde des Amasis rückte immer näher heran. Tachot vernahm mit fieberhaft gespanntem Gehör, ohne selbst bemerkt zu werden, Vieles von dem, was unter ihr gesprochen und verhandelt wurde. Jetzt, wo man den Verlust des Königs zu befürchten hatte, waren Alle, selbst die Priester, seines Lobes voll. Da hörte man die Weisheit und Kühnheit seiner neuen Schöpfungen, die Umsicht seiner Regierungsmaßregeln, die Unermüdlichkeit seines Fleißes, die Mäßigung, welche er stets gezeigt hatte, und die Schärfe seines Witzes preisen. »Wie hat sich der Wohlstand Aegyptens unter seinem Scepter gehoben!« sagte ein Nomarch. »Welchen Ruhm brachte er unsern Waffen durch die Eroberung von Cypern und den Krieg mit den Libyern!« rief ein Kriegsoberster. »Wie glänzend schmückte er unsere Tempel, wie hoch wußte er die Göttin von Sais zu ehren!« fügte ein Sänger der Neith hinzu. »Wie herablassend und gnädig er war!« murmelte ein Höfling. »Wie geschickt wußte er Frieden mit den mächtigsten Staaten zu erhalten!« sagte der Oberste der Schreiber, während der Schatzmeister, eine Thräne aus dem Auge wischend, ausrief: »Und wie weise hielt er mit den Einkünften des Landes Haus! Seit Ramses III. waren die Kammern des Schatzhauses nicht so gefüllt als heute (Anm. 79) Rhampsinit, von dessen Schatzhause uns Herodot II. 121 u. 122 jenes anmuthige Märchen erzählt, welches Graf Platen dramatisch behandelte. Appian gibt die kaum glaubliche Angabe, daß der Schatz des Ptolemäus Philadelphus 740,000 ägyptische Talente enthalten habe. Dies wären, wenn man auch das ägyptische Talent zu einem halben äginetischen rechnen wollte, 555,000,000 Thlr. Vielleicht ist Böckh's (Staatshaushalt d. Ath. I. S. 14) Konjektur richtig, daß hier die Gesammteinnahme seiner 38jährigen Regierung gemeint sei. Uebrigens soll eine Inschrift am Schatzhause Ramses des Großen (Osymandyas) besagt haben, daß die Gold- und Silbergruben der Aegypter jährlich 32 Millionen Minen, das sind 600 Mill. Thlr., eingebracht hätten. Diod. I. 49. Nach demselben, I. 62, enthielt der Schatz des Rhampsinit 4 Mill. Talente, d. s., wenn man wiederum ägyptische Talente rechnet, 3000 Mill. Thlr. Ein glücklicher Zufall hat es gefügt, daß eine Darstellung des Inhaltes des durch das oben erwähnte Märchen berühmten Schatzhauses dieses reichen Königs bis auf uns gekommen ist. Sie befindet sich bei den Schatzkammern im Tempel von Medinet Habu und ist publizirt worden von Dümichen in den historischen Inschriften altägyptischer Denkmäler Taf. XXX. fgd. Hier tritt uns in der That ein kolossaler Reichthum an Gold, Silber, Electrum, Lapis Lazuli, Glasflüssen ( mafek ), ja sogar an arabischen Spezereien entgegen. In Säcken, Vasen und Haufen lagert das edle Metall, das unedle in ziegelartigen Barren. !« – »Psamtik hat eine große Erbschaft zu erwarten,« lispele der Höfling, während der Krieger ausrief: »Doch wird er sie wohl schwerlich zu ruhmreichen Kriegen verwenden; der Thronerbe ordnet sich ganz dem Willen der Priester unter.« – »Du irrst,« erwiederte der Sänger; »seit geraumer Zeit scheint unser Herr die Rathschläge seiner treuesten Diener zu verschmähen!« – – »Nach solchem Vater,« rief der Nomarch, »ist es schwer, sich allgemeine Anerkennung zu erwerben. Nicht Jedem ward der hohe Geist, das Glück und die Weisheit eines Amasis zu Theil!« – »Das wissen die Götter!« murmelte der Krieger. Tachot hörte all' diese Worte und ließ ihren Thränen freien Lauf. Was man ihr bis jetzt verschwiegen hatte, bestätigte sich: sie sollte bald ihren geliebten Vater verlieren. Nachdem sie sich diese schreckliche Gewißheit klar zu machen versucht und ihre Dienerinnen vergeblich gebeten hatte, sie an's Bett des Kranken zu tragen, wandte sie ihr Ohr von den Gesprächen der Höflinge ab und schaute, als suchte sie dort einen Trost, auf das Sistrum, welches Bartja in ihre Hand gegeben, und das sie mit sich auf den Altan genommen hatte. – Und sie fand, was sie suchte, denn es war ihr, als würde sie von dem Klange der goldenen Ringe des heiligen Instrumentes dieser Welt entrückt und in eine lachende Sonnenlandschaft versetzt. Jene der Ohnmacht gleichende Mattigkeit, welche die Schwindsüchtigen oftmals überkommt, hatte sie ergriffen und schmückte ihre letzten Stunden mit lieblichen Träumen. Die Sklavinnen, welche mit Fächern und Wedeln die Fliegen aus der Nähe der Schläferin scheuchten, versicherten später, Tachot niemals so schön und lieblich gesehen zu haben wie damals. Eine Stunde mochte sie so gelegen haben, als ihre Athemzüge tief und röchelnd wurden, ein leiser Husten ihre Brust erhob, und lichtes Blut von ihren Lippen auf ihr weißes Gewand herniederrieselte. Jetzt erwachte die Schläferin und blickte verwundert und enttäuscht auf die Anwesenden. Als sie ihre Mutter Ladice bemerkte, welche in diesem Augenblicke den Altan betrat, lächelte sie wiederum und sagte: »O Mutter, wie süß hab' ich geträumt!« »So ist meinem theuren Kinde der Gang in den Tempel wohl bekommen?« fragte die Königin, welche die Blutstropfen auf den Lippen der Kranken bebend wahrnahm. »Ach, Mutter, sehr gut! Ich habe ihn ja wiedergesehen!« Ladice blickte die Dienerinnen ihrer Tochter ängstlich an, als wollte sie fragen: »Hat auch der Geist eurer armen Herrin gelitten?« Tachot bemerkte diesen Blick und sagte mit fieberhafter Lebendigkeit. »Du glaubst, daß ich irre rede, Mutter? Ich habe ihn aber ganz gewiß nicht nur gesehen, sondern auch gesprochen. Er gab mir das Sistrum in die Hand und sagte, er sei mein Freund. Dann nahm er meine Lotusknospe auf und verschwand im Gedränge. Sieh' mich nicht so bekümmert und staunend an, Mutter; ich rede die volle Wahrheit und habe nicht etwa geträumt. – Da hörst Du's, Tent-rut hat ihn auch bemerkt! Er ist ganz gewiß um meinetwillen nach Sais gekommen, und das Kinderorakel im Vorhofe des Tempels hat mich doch nicht betrogen! Jetzt fühl' ich auch gar nichts mehr von meiner Krankheit, und mir hat geträumt, ich läge in einem blühenden Mohnfelde, so roth wie das frische Blut der jungen Opferlämmer, und Bartja säße an meiner Seite, und Nitetis kniete neben uns und spielte wunderbare Lieder auf einer Nabla von Elfenbein. Und auch in der Luft hat es geklungen, daß mir um's Herz wurde, als küsse mich Horus, der liebe Gott des Morgens, des Lenzes, der Auferstehung. Ja, ich sage Dir, Mutter, daß er bald kommen wird, und wenn ich gesund bin, dann – dann – o weh! – Mutter, ich sterbe! Ladice kniete vor dem Lager ihrer Tochter nieder und drückte heiße Küsse auf die gebrochenen Augen der Jungfrau. Eine Stunde später stand sie an einem anderen Lager, dem Sterbebette ihres Mannes. Die Züge des Königs waren entstellt von schweren Leiden; kalter Schweiß bedeckte seine Stirn und seine Hände klammerten sich an die goldenen Löwen (Anm. 80) Bei Wilkinson und Rosellini. S. oben im I. Th. Anmerkung 133 . , welche die Seitenlehnen des tiefen Krankenstuhls, in dem er ruhte, bildeten. Als Ladice in das Zimmer trat, öffnete er seine Augen, die noch immer, trotz ihrer einstigen Blindheit, scharf und geistsprühend glänzten. »Warum bringst Du Tachot nicht zu mir?« fragte er mit trockener Stimme. »Sie ist zu krank und leidend, als daß –« »Sie ist todt! Ihr ist wohl, denn der Tod ist keine Strafe, sondern das letzte Ziel des Lebens, – das einzige Ziel, das wir ohne Mühe, aber, die Götter wissen es, unter wie vielen Leiden, erreichen. Ra führt sie heim in seiner Barke mit seinen Getreuen und Osiris wird sie aufnehmen, denn sie war schuldlos. Auch Nitetis ist todt. Wo ist der Brief des Nebenchari? – Da steht es: ›Sie nahm sich selbst das Leben und starb, indem sie einen großen Fluch über Dich und die Deinen ausrief. Diese Kunde, welche so wahr ist wie mein Haß gegen Dich, sendet Dir der arme, verbannte, verhöhnte und beraubte Augenarzt aus Babylon nach Aegypten.‹ »Höre diese Worte, Psamtik, und laß Dir von Deinem sterbenden Vater sagen, daß jedes Unrecht, welches Dir auf Erden eine Drachme Genuß verschafft, Deine Todesstunde mit einem Talente Verzweiflung belastet. Um Nitetis willen wird furchtbares Unglück über Aegypten hereinbrechen. Die Nachricht der arabischen Händler ist wahr. Kambyses rüstet gegen uns und wird Aegypten überfallen wie ein brennender Wüstenwind. Vieles, was ich geschaffen, woran ich den Schlaf meiner Nächte und das Mark meines Lebens setzte, wird vernichtet werden. Aber dennoch hab' ich nicht umsonst gelebt, denn vierzig Jahre lang bin ich der sorgende Vater, der Wohlthäter eines großen Volkes gewesen. Ferne Enkel werden den Namen des Amasis als eines großen, weisen und menschenfreundlichen Königs nennen, und von meinen Bauten zu Sais und Theben mit Bewunderung lesen den Namen ihres Gründers und preisen die Fülle seiner Macht! Ja, auch Osiris und die zweiundvierzig Richter werden mich in der Unterwelt nicht verdammen, und die Göttin der Wahrheit, die Herrin der Waagschale (Anm. 81) S. II. Theil Anmerkung 94 [ Seite 193 ]. Der Beiname »Herrin der Wagschale« kommt daher, weil die Göttin der Wahrheit die Seelen der Verstorbenen in der Unterwelt abwog. In den Todtenbüchern, welche fast alle in der größten Vignette (zu Kap. 125) die Wägung der Seelen zeigen. , wird finden, daß das Gewicht meiner guten die Last meiner bösen Thaten überwiegt!« – Der König seufzte und schwieg lange Zeit. Endlich blickte er seine Gattin mit herzlicher Innigkeit an und sagte: »Du, Ladice, bist mein treues, tugendhaftes Weib gewesen. Ich danke Dir dafür und bitte Dich für Vieles um Verzeihung. Häufig konnten wir uns nicht verstehen. Ja, es ist mir leichter geworden, mich in die Eigenart Deines Volkes hineinzudenken, als Dir, das ägyptische Wesen zu verstehen. Du weißt, wie hoch ich die Kunst Deiner Landsleute schätze, wie gern auch ich mit Pythagoras, Deinem Freunde, verkehrte, der tief eingeweiht war in Alles, was wir wissen und glauben, und Vieles davon freudig aufnahm. Er, der die tiefe Weisheit der Lehren erfaßt hatte, die mir hochheiliger erscheinen als alles Andere, was ich kenne, hütete sich wohl, der Wahrheiten zu spotten, die die Priesterschaft vielleicht zu ängstlich dem Volke verbirgt. Das beugt sich willig vor dem Unbegreiflichen und dessen Verkündern; wär' es denn aber nicht schöner und edler, wenn man es das Wahre zu verstehen lehrte und es aufrichtete, anstatt es zu beugen? Freilich würden so die Priester weniger gehorsame Diener, die Götter aber mehr freie und würdige Verehrer finden. Mit unserem Thierdienste, Ladice, konntest Du Dich am wenigsten befreunden; aber ich meine doch, es sei richtiger und des Menschen würdiger, den Schöpfer im Geschöpfe, als in steinernen Bildsäulen anzubeten. Zudem sind eure Götter allen menschlichen Schwächen unterworfen, ja ich hätte meine Königin sehr unglücklich gemacht, wenn ich gleich dem hellenischen Zeus gelebt haben würde.« Bei diesen Worten lächelte der König; dann fuhr er fort: »Aber weißt Du, woher das komm? Den Hellenen geht die schöne Form über Alles; darum vermögen sie den Leib, den sie für das Herrlichste alles Geformten halten, nicht von der Seele zu trennen, wie sie auch behaupten, daß ein schöner Geist nothwendig in einem schönen Körper wohnen müsse. So sind ihre Götter nichts als gesteigerte Menschen, während wir die Gottheit in der Natur und in uns selbst als körperlos wirkende Kraft erkennen. Zwischen dieser und dem Menschen steht das Thier, welches nicht, wie wir, nach dem Buchstaben, sondern nach den ewigen Gesetzen der Natur handelt (Anm. 82) Nach Anacharsis bei Diodor. . Dieser ist nur von Menschen erdacht, jene aber verdanken der Gottheit ihren Ursprung. Und wer von uns strebt wohl so dringend nach Freiheit, dem höchsten Gute, als die Thiere? Wer lebt ohne Lehren und Anweisungen so gleichmäßig fort von Geschlecht zu Geschlecht, als jene?« Hier versagte die Stimme des Königs, der nach kurzer Pause fortfuhr: »Ich fühle, daß es zu Ende geht, darum genug von diesen Dingen. Laß Dir, mein Sohn und Nachfolger, meinen letzten Willen aussprechen. Handle nach ihm, denn die Erfahrung spricht zu Dir! Aber ach, ich habe in meinem langen Leben hundertfach gesehen, daß alle Lebensregeln, die Andere uns mit auf den Weg geben, unnütz sind. Kein Mensch darf für einen zweiten Erfahrungen machen. Nur durch eigene Verluste wird man vorsichtig, nur durch eigenes Lernen klug! Du besteigst den Thron in gereiften Jahren, mein Sohn, und hast Zeit gehabt, über das Rechte und Unrechte, das Heilsame und Schädliche nachzudenken und Dinge verschiedener Art zu sehen und zu vergleichen. Darum gebe ich Dir keine allgemeinen Lehren, sondern begnüge mich damit, Dir einzelne nutzbare Rathschläge zu ertheilen. Ich reiche sie Dir mit der rechten Hand, aber ich fürchte, daß Du sie mit der linken aufnehmen wirst. »Vor Allem magst Du wissen, daß ich in den letzten Monaten, trotz meiner Blindheit, nur scheinbar theilnahmlos Deinem Treiben zugesehen und Dir in guter Absicht freies Spiel gelassen habe. Rhodopis erzählte mir einst eine Fabel ihres Lehrers Aesop: ›Ein Wanderer begegnete einem Manne und fragte ihn, wie lange Zeit er brauchen würde, um bis zur nächsten Stadt zu gelangen. »Geh' nur, geh'!« rief der Befragte. – »Ich will doch aber erst wissen, wann ich in der Stadt sein werde!« – »Geh' nur, geh'!« – Der Wanderer entfernte sich empört und Verwünschungen ausstoßend. Nachdem er einige Schritte fortgewandert war, rief ihn der Gescholtene zurück und sagte: »Du wirst eine Stunde bedürfen, um zur Stadt zu gelangen. Ich konnte Deine Frage nicht eher richtig beantworten, als bis ich Deinen Gang gesehen!«‹ »Zu Deinem Besten merkte ich mir diese Fabel und beobachtete schweigend die Art Deines Regierungsganges, um Dir sagen zu können, ob Du zu schnell oder zu langsam wandertest. Jetzt weiß ich, was ich zu erfahren wünschte, und gebe Dir zu meinen Ratschlägen die Lehre in den Kauf: ›Prüfe Alles selbst!‹ Jeder Mensch, besonders aber ein König, hat die Pflicht, sich von Allem, was Diejenigen betrifft, für deren Wohl er zu sorgen hat, selbst zu überzeugen. Du, mein Sohn, siehst zu viel durch fremde Augen, hörst zu viel durch fremde Ohren und gehst zu wenig zu der ersten Quelle zurück. Deine Rathgeber, die Priester, wollen sicher nur das Gute; aber, – Neithotep, ich bitte Dich, uns einen Augenblick allein zu lassen.« Sobald sich der Oberpriester entfernt hatte, rief der König: »Sie wollen das Gute, aber nur das, was ihnen gut ist! Wir aber sind nicht die Könige der Priester und Vornehmen, sondern die Fürsten des Volkes. Höre darum nicht ausschließlich auf den Rath jener stolzen Kaste, sondern überzeuge Dich selbst, indem Du alle Bittschriften liesest und treue, Dir ergebene und im Volke beliebte Monarchen anstellest, was den Aegyptern gebricht, was sie hoffen und wessen sie bedürfen. Weißt Du genau, wie es im Lande steht, dann ist es unschwer, gut zu regieren. Wähle nur die rechten Beamten; für die richtige Eintheilung des Reiches bin ich besorgt gewesen, und unsere Gesetze sind gut und haben sich bewährt. An ihnen halte Dich, und traue Keinem, der sich für klüger ausgibt als das Gesetz, denn ich sage Dir, das Gesetz ist überall und immer klüger als der Einzelne, und der Uebertreter einer Strafe werth. Das empfindet niemand tiefer als das Volk, welches sich für uns um so freudiger opfert, je williger wir unsern Einzelwillen dem Gesetze zu opfern verstehen. Du fragst nichts nach dem Volke. Seine Stimme pflegt freilich rauh zu sein; sie gibt aber gewöhnlich gesunden Anschauungen Ausdruck; sie kennt keine Lüge, und Niemand bedarf dringender der Wahrheit, als ein König. Der Pharao, welcher den Priestern und Höflingen am willigsten folgt, wird die meisten Schmeichelworte hören; derjenige, welcher die Wünsche des Volkes zu erfüllen strebt, durch seine Umgebung viel zu leiden haben, in seinem Herzen aber zufrieden sein und von der Nachwelt gepriesen werden. Ich habe in meinem Leben oft gefehlt, und dennoch werden mich die Aegypter beweinen, denn ich kannte stets ihre Bedürfnisse und war wie ein Vater auf ihr Wohl bedacht. Für einen König, der seine Pflichten kennt, ist es leicht und schön, sich die Liebe des Volkes, undankbar, den Beifall der Großen, beinahe unmöglich, die Zufriedenheit Beider zu erwerben. »Erinnere Dich, das wiederhole ich, stets daran, daß Du und die Priester für das Volk und nicht das Volk für Dich und die Priester da ist. Ehre die Religion um ihrer selbst willen und als die wesentlichste Stütze des Gehorsams der Völker gegen die Könige; zeige aber ihren Verkündigern, daß Du sie nicht als Gefäße, sondern als Diener der Gottheit betrachtest. Sie haben es verstanden, sich im Bewußtsein der Menge über die Gottheit zu stellen und aus den Aegyptern gehorsamere Priesterknechte als Götterdiener zu machen. Dieser ihrer Jahrtausende langen Arbeit vermag keine Herrschermacht entgegen zu wirken; wohl aber können wir ihnen in den Arm greifen, wenn sie das Leben des Staates ihren Einzelzwecken unterzuordnen versuchen. Glaube mir, mein Sohn, daß die Priesterschaft stündlich bereit ist und sein wird, sobald sie die Macht ihrer Kaste gefährdet sieht, das Wohl des Gesammtwesens zu schädigen, ja zu vernichten! »Halte, wie das Gesetz befiehlt, am Alten fest; verschließe aber niemals dem besseren Neuen das Thor des Reiches. Frevler brechen schnell mit dem Hergebrachten, Narren finden nur Fremdes und Neues wünschenswerth; beschränkte Thoren oder eigennützige Bevorzugte klammern sich unbedingt an das Alte und nennen den Fortschritt Sünde; Weise bemühen sich, durch die Vergangenheit Bewährtes festzuhalten, schadhaft Gewordenes zu beseitigen, Gutes, möge es stammen, woher es wolle, aufzunehmen. Darnach handle, mein Sohn! Die Priester werden Dich rückwärts drängen, die Hellenen Dich vorwärts zu treiben versuchen. Schließe Dich dem einen oder dem anderen Theile an; hüte Dich aber, in der Mitte stehen zu bleiben und heute diesen, morgen jenen nachzugeben. Wer zwei Sessel zugleich benutzen will, kommt auf die Erde zu sitzen. Eine Partei sei Dein Freund, die andere Dein Feind, denn versuchst Du es mit Beiden zu halten, so werden sehr bald Beide Deine Feinde werden. Die Menschen sind einmal so, daß sie Diejenigen hassen, welche ihren Gegnern Gutes erweisen. »In den letzten Monaten, welche Dich selbstständig regieren sahen, hast Du durch Dein unseliges Hin- und Herschwanken beide Theile verletzt. Wer bald vorwärts, bald rückwärts geht wie die Kinder, kommt zu spät zum Ziele und ermüdet vorzeitig. Ich hielt es mit den Hellenen und trat den Priestern entgegen, bis ich meine letzte Stunde nahen fühlte. Im lebendigen Treiben des Lebens schienen mir die tapferen und klugen Griechen besonders brauchbar; zum Sterben aber bedarf ich Derer, welche den Paß in die Unterwelt ausstellen. Mögen mir die Götter verzeihen, daß ich selbst in der letzten Stunde meinen Mund so leichtfertig klingenden Worten nicht zu verschließen vermag. Sie haben mich gemacht, wie ich bin, und müssen mich nun auch ebenso hinnehmen. Ich rieb mir die Hände, als ich König wurde; mögest Du die Hand auf's Herz legen, wenn Du den Thron besteigst! Rufe Neithotep wieder herein, ich muß euch Beiden noch etwas sagen!« Als der Oberpriester an seiner Seite stand, strecke der König ihm die Hand entgegen und sprach: »Ich scheide ohne Groll von Dir, obgleich ich meine, daß Du Deine Pflichten als Priester besser zu erfüllen verstandest, wie die als Sohn Deines Vaterlandes und als Diener Deines Königs. Psamtik wird Dir, denk' ich, williger gehorchen, als ich; Eins aber lege ich euch Beiden an's Herz: Entlaßt die hellenischen Söldner nicht eher, als bis ihr die Perser mit ihrer Hülfe bekriegt und hoffentlich geschlagen haben werdet! Meine Weissagung von vorhin hat keinen Werth; man verliert die gute Laune und sieht ein wenig schwarz, wenn's an's Sterben geht. Ohne die Hülfstruppen werdet ihr rettungslos verloren sein; mit ihnen ist es nicht unmöglich, daß die ägyptischen Heere siegen. Seid klug und macht die Ionier darauf aufmerksam, daß sie am Nile für die Freiheit ihrer eigenen Heimath kämpfen. Der siegreiche Kambyses wird sich nicht mit Ägypten begnügen, während eine Niederlage der Perser auch den geknechteten Ioniern die Freiheit bringen kann. Ich wußte, daß Du mir zustimmen würdest, Neithotep, denn im Grunde meinst Du es doch wohl gut mit Aegypten. Jetzt bitte ich Dich, mir die heiligen Gebete vorzulesen. Ich fühle mich sehr erschöpft; bald ist's vorbei. Könnte ich nur der armen Nitetis vergessen! Hatte sie das Recht uns zu verfluchen? Die Todtenrichter und Osiris mögen sich unserer Seelen erbarmen! – Setze Dich hierher, Ladice, und lege die Hand auf meine heiße Stirn; Du aber, Psamtik, schwöre in Gegenwart dieser Zeugen, daß Du Deine Stiefmutter hochhalten und ehren willst, als wärst Du ihr eigenes Kind. Armes Weib! Du solltest mich bald aufsuchen bei Osiris. Was willst Du noch ohne Gatten und Kinder auf dieser Erde? Wir haben Nitetis wie unsere eigene Tochter auferzogen, und dennoch werden wir um ihretwillen so schwer bestraft. Aber ihr Fluch trifft uns allein; nicht Dich, Psamtik, nicht Deine Kinder! Bringt mir jetzt meinen Enkel! Ich glaube, daß das eine Thräne war. Nun, man pflegt sich gewöhnlich von kleinen Dingen, an die man sich gewöhnt hat, am schwersten zu trennen!« Ein neuer Gast war am selben Abend bei Rhodopis eingetroffen; Kallias, der Sohn des Phaenippus Siehe I. Theil Anmerkung 63 und 69 . , den wir bereits als Erzähler des Verlaufs der olympischen Spiele kennen gelernt haben. Der muntere Athener kam soeben aus seiner Heimath zurück und war, als alter, bewährter Freund, mit Freuden von der Greisin aufgenommen und in das Geheimniß des Hauses eingeweiht worden. Knakias, der alte Sklave, hatte zwar die Empfangsfahne seit zwei Tagen mit in's Haus genommen, wußte aber, daß Kallias seiner Herrin stets willkommen sei und führte ihn deßwegen ebenso schleunig zu ihr, wie er jeden anderen Besucher zurückwies. Der Athener wußte viel Neues zu erzählen und führte endlich, als sich Rhodopis in Geschäften entfernte, Sappho, seinen Liebling, in den Garten, um dort mit ihr scherzend und neckend nach dem sehnlich erwarteten Geliebten auszuschauen. Als er länger und länger ausblieb und die Jungfrau besorgt zu werden begann, rief er die alte Melitta, die beinahe noch ängstlicher als ihre Herrin nach Naukratis blickte, und ersuchte sie, das Saitenspiel, welches er mitgebracht hatte, in den Garten zu bringen. Nachdem er die schöne, ziemlich große Laute von Gold und Elfenbein der Jungfrau überreicht hatte, sagte er lächelnd: »Dieses herrliche Instrument hat sein Erfinder, der göttliche Anakreon, auf meinen Wunsch eigens für mich machen lassen. Er nennt es Barbiton (Anm. 83) Barbitos und Barbiton (βάρβιτος u. βάρβιτον). Ein Saiteninstrument der Griechen, das größer war als die gewöhnliche Leier ( Jul. Poll. IV. 59) und sich, wie Anthony Rich treffend bemerkt, zur gebräuchlichen Laute verhalten zu haben scheint wie das Cello zur Violine. Anakreon begleitete damit seine Lieder und soll es erfunden haben. und entlockt ihm wunderbare Töne, die selbst nach im Schattenreiche fortklingen werden. (Anm. 84) S I. Theil Anmerk. 36 und Athen. IV. p . 175. Gr. Blumenlese III. 47. (Simonides) 50. 51. (Antipater v. Sidon) u. a. a. O. . Ich habe dem Dichter, der sein Leben wie ein großes, den Musen, dem Eros und dem Dionysus dargebrachtes Opfer verbringt (Anm. 85) Epigramm des Antipater v. Sidon. Gr. Blumenlese III. 52: »Dreien allein, dem Dionysus und den Musen und Eros Hattest Du, fröhlicher Greis, all' Dein Leben geweiht.« , von Dir erzählt und ihm versprechen müssen, Dir folgendes Liedchen, das er für Dich ersonnen, als ein Geschenk von ihm zu überbringen. Höre: Tantalus Tochter ward gebannt Zu Felsgestein im Phrygerland, Und als ein Vogel flog vor Zeiten Pandion's Kind in alle Weiten; »Ich aber möcht' ein Spiegel sein, Dann säh'st Du stets in mich hinein; Ich würde gern zu Deinem Kleid, Dann trügest Du mich allezeit »Ich wollte, daß ich Wasser wär', Dann plätschert' ich rings um Dich her; Auch möcht' ich gern, o Mägdelein, Um Dich zu salben, Balsam sein! »Zum Gürtel dient' ich gerne Dir, Zur Perle, Deines Halses Zier, Zum Schuh, den Du Dir angeschnürt, Damit mich nur Dein Fuß berührt' (Anm. 86) Anacr. ed. Melhorn. . κβ'. Eigene Uebersetzung !« »Zürnst Du dem unbescheidenen Sänger?« »Wie sollt' ich! Dem Dichter muß man schon eine Freiheit gestatten!« »Und noch dazu solchem Dichter!« »Der einen so meisterhaften Sänger zum Ueberbringer seiner Lieder wählt!« »Schmeichlerin! Ja, als ich zwanzig Jahre jünger war, wurde meine Stimme und mein Vortrag mit Recht gerühmt; jetzt aber . . . .« »Du willst nur neues Lob ernten; ich lasse mir aber nichts abzwingen! Doch möchte ich gern wissen, ob dieses sogenannte Barbiton mit seinen weichen Klängen auch für andere Lieder als die des Tejers geeignet ist?« »Ganz gewiß! Nimm' das Plektrum (Anm. 87) Ein Stäbchen von Elfenbein, mit dem die Saiten gerührt wurden. und versuche selbst, die Saiten zu schlagen, welche freilich für Deine zarten Finger etwas schwer zu bemeistern sind Siehe III. Theil Anmerkung 83 . .« »Ich kann nicht singen, denn ich bin der Ausbleibenden wegen gar zu unruhig!« »Oder Du fühlst mit anderen Worten, daß Dir vor Sehnsucht die Stimme versagt. Kennst Du das Lied Deiner lesbischen Muhme, der großen Sappho, welches die Stimmung schildert, in der Du Dich in diesem Augenblick aller Wahrscheinlichkeit nach befindest?« »Ich glaube nicht.« »So höre. Früher glänzte ich am liebsten mit diesem Gesange, den kein Weib, sondern Eros selbst erdacht zu haben scheint: »Selig, gleich den Göttern in der Höhe, Preis' ich Jenen, der in deiner Nähe, Der bei Dir, an Deiner Seite weilt; Der den süßen Ton von Deinem Munde Saugen darf, und ach die holde Kunde, Die Dein Liebeslächeln ihm ertheilt. »Tritt mir solches Bild im Geist entgegen, Klopft mein Herz die Brust in wilden Schlägen, Und in meinem Mund erstickt das Wort; Zähmung fesselt plötzlich meine Zunge, Und ein Feuer pflanzt mit wildem Sprunge Sich durch meine Haut und Glieder fort. »Mein Gesicht hat seine Kraft verloren, Ein Gebrause tönt in meinen Ohren, Und vor Zittern kann ich nicht mehr steh'n. Kalter Schweiß befeuchtet meine Glieder, Gleich dem Grase sink' ich welkend nieder, Könnt' ich athmen! 's ist um mich geschehen (Anm. 88) Dieses Lied, welches wir frei in deutsche Reime zu übersetzen wagten, ist die zweite der beiden einzigen vollständig erhaltenen Oden der Sappho. Aufbewahrt von Longinus, lateinisch nachgeahmt von Catull. Die Freiheiten, welche wir uns namentlich in der letzten Strophe erlaubt haben, empfehlen wir der Nachsicht des kundigen Lesers. Köchly, Akademische Vorträge und Reden S. 191, faßte die »feuergemischten« Worte dieser Ode so auf, als wären sie gedichtet worden, um einer jungen Freundin der Sappho (Attis) zu der bevorstehenden Vermählung mit dem geliebten Bräutigam in ihrer Weise Glück zu wünschen. Aber die heiße Gluth des Sanges scheint uns gerade unsere Auffassung zu rechtfertigen, wenngleich auch wir von der Sappho etwas Anderes erwarten, als eins von »unseren landläufigen Gratulationscarminibus«. !« »Nun, was sagst Du von diesem Liede? Aber, beim Herkules, Kind, Du bist ganz bleich geworden! Haben Dich die Verse so sehr ergriffen, oder bist Du nur erschrocken von dem treuen Bilde Deines eigenen sehnsüchtigen Herzens? Beruhige Dich, Mädchen! Wer weiß, was Deinen Liebsten zurückhält –« »Nichts, gar nichts!« rief in diesem Augenblicke eine frische Männerstimme, und wenige Sekunden später lag Sappho an der Brust des geliebten Jünglings. Kallias spielte den schweigenden Zuschauer und lächelte vor Freude über die wunderbare Schönheit des jungen Paares. »Nun aber,« rief der Königssohn, nachdem er mit Kallias bekannt geworden war, »muß ich die Großmutter eiligst aufsuchen. Statt in vier Tagen soll heute noch die Hochzeit sein! Jede Stunde des Zauderns kann uns gefährlich werden. Ist Theopompus hier?« »Ich vermuthe es fast,« – antwortete Sappho; »denn ich wüßte sonst nicht, warum die Großmutter so lang im Hause bleibt. Aber was ist es mit der Hochzeit? Ich meine . . .« »Laß uns erst hineingehen, meine Liebe; ich fürchte, daß ein Gewitter heraufzieht. Der Himmel verfinstert sich schon, und es fängt an unerträglich schwül zu werden!« »So kommt schnell,« rief Sappho, »wenn ihr nicht wollt, daß ich vor Neugier vergehe! Vor dem Gewitter braucht ihr euch nicht zu fürchten. Seit meiner Kindheit hat es in Aegypten während dieser Jahreszeit weder geblitzt, noch gedonnert (Anm. 89) Obgleich ein Gewitter in Aegypten sehr selten ist, so kommt es doch vor: wir erlebten ein solches im Januar 1870 in der Nähe des in Oberägypten gelegenen Antinoe. Es war so heftig, daß arabische Nachen auf dem Nile umschlugen und von dem dürren arabischen Gebirge reißende Ströme herniederschossen. Einige Fellahhütten wurden fortgeschwemmt und Palmen entwurzelt. Uebrigens versicherte uns der alte Ortsvorsteher, bei seinen Lebzeiten nichts Aehnliches erlebt zu haben. Herodot erzählt als ein Wunder, daß es zur Zeit unserer Erzählung in Oberägypten geregnet habe. III. 10. !« »Dann wird Dir heut' etwas Neues begegnen,« lachte der Athener. »Soeben fiel ein schwerer Regentropfen auf mein kahles Haupt, – die Nilschwalben flogen bei meiner Herfahrt ganz dicht über dem Wasser hin, und schon breitet sich eine Wolke über den Mond. Kommet schnell herein, damit ihr nicht naß werdet. He, Sklave, sorge dafür, daß man den Göttern der Unterwelt ein schwarzes Lamm opfert (Anm. 90) Die Griechen pflegten, wenn ein Gewitter drohte, den Stürmen, die zu den Göttern der Unterwelt gehörten, ein schwarzes Lamm zu opfern. Als in den Fröschen des Aristophanes Aeschylus den Euripides mit fürchterlicher Heftigkeit anzugreifen beginnt, ruft Dionysus: »Ihr Sklaven, bringt ein Lamm, ein schwarzes Lamm, ein gräßlich Ungewitter ist im Anzug!« Aristophanes Frösche 853 !« Im Wohnzimmer der Rhodopis saß Theopompus, wie Sappho richtig vermuthet hatte. Er war eben mit seiner Erzählung von der Verhaftung des Zopyrus und der Reise des Bartja und seiner Freunde fertig geworden. Je größere Besorgniß in den Beiden wegen dieser Vorgänge erwacht war, desto freudiger wurden sie von der unerwarteten Erscheinung des Königssohnes überrascht, der in geflügelten Worten die Erlebnisse der letzten Stunden wiederholte und Theopompus bat, sich nach einem segelfertigen Schiffe für ihn und seine Freunde umzusehen. »Das trifft sich herrlich!« rief Kallias. »Meine eigene Triere, welche mich heut' nach Naukratis brachte, liegt vollkommen ausgerüstet im Hafen und steht Dir zu Diensten. Ich brauche nur dem Steuermanne zu befehlen, die Mannschaft zusammen und Alles fertig zu halten. – Du bist mir nicht verpflichtet; ich muß Dir vielmehr für die mir erwiesene Ehre danken! Heda, Knakias, eile und sage meinem Sklaven Philomelus, der draußen im Vorsaale wartet, er möge sich in den Hafen rudern lassen und meinem Steuermanne Nausarchus befehlen, Alles zur Abreise bereit zu halten. Gib ihm dies Siegel, welches ihn zu Allem bevollmächtigt!« »Und meine Sklaven?« fragte Bartja. »Knakias soll meinem alten Schaffner den Auftrag geben, sie zum Schiffe des Kallias zu führen,« erwiederte Theopompus. »Wenn sie dieses Zeichen sehen, so werden sie ihm unbedingt folgen,« fügte Bartja hinzu und gab dem alten Diener seinen Ring. Als sich Knakias unter tiefen Verbeugungen entfernt hatte, fuhr der Königssohn fort: »Jetzt aber muß ich Dir, meine Mutter, eine dringende Bitte vortragen.« »Ich errathe sie,« lächelte Rhodopis. »Du wünschest, daß man die Hochzeit beschleunige, und ich sehe ein, daß ich Deinem Verlangen nachgeben muß!« »Wenn ich nicht irre,« rief Kallias, »so stehen wir hier dem seltenen Falle gegenüber, daß sich zwei Menschen über eine Gefahr, in der sie schweben, von Herzen freuen.« »Du magst Recht haben,« gab Bartja, die Hand seiner Geliebten verstohlen drückend, dem Athener zurück. Dann wandte er sich nochmals an Rhodopis und bat sie, ihm ohne Säumen ihr Liebstes, dessen Werth er wohl zu schätzen wisse, anzuvertrauen. Rhodopis richtete sich hoch empor, legte ihre Rechte auf Sappho's, ihre Linke auf Bartja's Haupt und sagte: »Es gibt eine Sage, ihr Kinder, welche erzählt, daß im Lande der Rosen ein blauer See bald sänftlich ebbe, bald stürmisch fluthe, und daß das Wasser dieses Sees halb süß wie Honig, halb bitter wie Galle schmecke. Ihr werdet den Sinn dieser Sage kennen lernen und in dem erhofften Rosenlande eurer Ehe bald stille, bald bewegte, bald süße, bald bittere Stunden erleben. So lange Du ein Kind warst, Sappho, sind Deine Tage dahingegangen, ungetrübt, gleich einem Frühlingsmorgen; sobald Du zur liebenden Jungfrau wurdest, hat sich Deine Brust dem Schmerze geöffnet, der jetzt durch lange Monde der Trennung ein wohlbekannter Gast in ihr geworden ist, ein Gast, der bei Dir anklopfen wird, so lange Du lebst. Deine Aufgabe, Bartja, wird es sein, den Zudringlichen, soweit es in Deinen Kräften steht, von Sappho fern zu halten. Ich kenne die Menschen und wußte, ehe mich Krösus Deines Edelsinnes versichert hatte, daß Du meiner Enkelin würdig wärest. Darum gestatte ich Dir, mit ihr den Quittenapfel Siehe III. Theil Anmerkung 64 . zu verzehren, darum übergebe ich Dir ohne Zagen ein Wesen, welches ich bis dahin als ein heiliges, mir anvertrautes Pfand behütet habe. Betrachte Du Dein Weib in gleicher Weise als einen dargeliehenen Schatz, denn nichts ist gefährlicher für die Liebe, als die behagliche Sicherheit des ausschließlichen Besitzes. – Man hat mich getadelt, weil ich das unerfahrene Kind in die den Frauen ungünstigen Verhältnisse Deiner fernen Heimath ziehen lasse; ich kenne aber die Liebe und weiß, da es für eine liebende Jungfrau kein anderes Vaterland gibt, als das Herz des Mannes, dem sie sich hingibt, daß ein von Eros getroffenes Weib kein anderes Unglück achtet, als das, getrennt von dem Manne ihrer Wahl leben zu müssen. Und außerdem frage ich euch, Kallias und Theopompus, sind eure Gattinnen vor denen der Perser so sehr bevorzugt? – Muß die ionische, attische Frau nicht, gleich der Perserin, in den Weibergemächern ihr Leben verbringen und froh sein, wenn man ihr ausnahmsweise gestattet, tiefverschleiert und von mißtrauischen Sklaven begleitet, über die Straße zu gehen? – Was die Vielweiberei der Perser anbelangt, so fürchte ich sie weder für Sappho, noch für Bartja! – Er wird seiner Gattin treuer sein als ein Hellene, denn in Sappho wird er vereint finden, was ihr, Kallias, einerseits in der Ehe, andererseits in den Häusern der gebildeten Hetären Siehe I. Theil Anmerkung 10 . sucht. Hier Hausfrauen und Mütter, dort geistig belebte und belebende Gesellschafterinnen. Nimm' sie hin, mein Sohn; ich übergebe Dir Sappho vertrauensvoll und gern, wie ein alter Kämpfer seinem starken Sohne das Beste, das er besitzt, seine Waffen, mit Freuden hingibt. – In wie weite Ferne sie auch zieht, wird sie doch stets Hellenin bleiben und, das ist mir ein hoher Trost, in ihrer neuen Heimath dem Griechennamen Ehre bringen und dem Griechenthume neue Freunde werben. Ich danke Dir für Deine Thränen, Kind! Ich vermag den meinen zu gebieten, doch habe ich für diese Kunst dem Schicksale Unermeßliches gezahlt! Diesen Schwur, edler Bartja, hörten die Götter. Vergiß ihn niemals und nimm' sie hin, als Dein Eigenthum, – Deine Freundin, – Dein Weib! – Führe sie fort, sobald Deine Gefährten heimkehren. Die Götter wollen nicht, daß zu Sappho's Vermählungsfeier der Hymenäus gesungen werde (Anm. 91) Hymenäen hießen die Hochzeitlieder, weil bei ihnen der Refrain » Hymen o! Hymenae' o! « stets wiederkehrte. Dieser Sang gab Veranlassung, einen Gott der Ehe, Hymen, zu gestalten, dessen Person mit reichen Mythen ausgeschmückt wurde. Zuletzt sollte er nach dem schönen Sange des Catull mit den Musen auf dem Helikon wohnen. Köchly über Sappho l. 1. S. 195 meint die Hymenäen gewissermaßen lyrische Dramen nennen zu dürfen. Sie gliederten sich gleichsam in mehrere Akte, in denen die bezeichnenden Theile der Hochzeitfeier in Gesang geschildert und mit rhythmischer, ihren Inhalt andeutender Aktion begleitet wurden. !« Bei diesen Worten fügte die Greisin die Hände des Paares in einander, umarmte Sappho heiß und innig und hauchte einen leisen Kuß auf die Stirn des jungen Persers. Später wandte sie sich an die in tiefer Rührung dastehenden hellenischen Freunde und sprach: »Das war eine stille Vermählung, ohne Sang und Fackelschein. Möge ihr eine um so freudigere Ehe folgen! Geh' hin, Melitta, und hole das Hochzeitsgeschmeide der Braut, die Armbänder und Halsketten, welche in dem Bronze-Kästchen auf meinem Putztische liegen, damit unser Liebling ihrem Eheherrn, angethan, wie es der zukünftigen Fürstin ziemt, die Hand reichen könne (Anm. 92) Die hellenische Braut erschien in schönem Schmucke, und auch die Brautführer erhielten Festgewänder. Hom. Odyss. VI. 27. Außerdem wurde sie nach dem Bade, welches Braut und Bräutigam nehmen mußten (Thucid. II. 15), mit duftenden Essenzen gesalbt. Xenoph. Symp. II. 3. Böttger, Aldobr. Hochzeit S. 41. .« »Eile Dich,« rief Kallias, der jetzt seine alte Heiterkeit wieder erlangt hatte; »auch darf die Nichte der größten Hymenäen-Sängerin Die Lesbierin Sappho. nicht ganz ohne Sang und Klang in das Brautgemach treten. Da das Haus des jungen Eheherrn allzufern ist, so nehmen wir an, die leere Andronitis wäre seine Wohnung. Dorthin führen wir die Jungfrau durch die Mittelthür und genießen am Herde des Hauses ein fröhliches Hochzeitsmahl. Herbei, ihr Sklavinnen, und theilt euch in zwei Chöre. Ihr übernimmt den der Jünglinge, ihr den der Jungfrauen und singt uns den Sappho'schen Hymenäus: ›Wie im Gebirge.‹ Ich selbst spiele den Fackelträger (Anm. 93) Die Brautmutter zündete die Fackel an. Iphigenie a. Aulis 722. Der Träger der Fackel sollte wohl den Hymen darstellen. Aldobr. Hochzeit S. 142. Becker, Charikles III. S. 306. , eine Würde, die mir ohnedem zukommt. Du mußt wissen, Bartja, daß meine Familie das erbliche Recht besitzt, die Fackeln bei den Mysterien von Eleusis zu tragen, weswegen man uns Daduchen oder Fackelträger nennt Siehe I. Theil Anmerkung 69 . . Heda, Sklave! Sorge für Kränze an der Thür der Andronitis und befiehl Deinen Genossen, daß sie uns bei unserem Eintritt mit Zuckerwerk bewerfen (Anm. 94) Dieser Gebrauch war auch zu Rom üblich. Schol. zu Aristophanes. Plutarch 768. Becker, Charikl. III. S. 306. ! Ei, sieh' da, Melitta, wie hast Du die schönen Braut- und Bräutigams-Kronen von Veilchen und Myrten so schnell beschaffen können Siehe I. Theil Anmerkung 213 . ? – Der Regen fließt stromweis durch die Oeffnung im Dache! – Sehet, – Hymen hat Zeus überredet, daß er euch zu allen Gebräuchen der Vermählungsfeier verhelfe. Da ihr das Bad, welches Braut und Bräutigam nach alter Sitte am Hochzeitsmorgen zu nehmen pflegen, nicht haben könnt, – so müßt ihr einen Augenblick hierher treten und das Naß des Zeus für geheiligtes Quellwasser gelten lassen! Jetzt aber stimmt den Gesang an, ihr Mädchen! Laßt die Jungfrau den Verlust ihrer Rosenzeit beklagen und die Jünglinge das Loos der Jungvermählten preisen.« Nun begannen fünf hohe, wohlgeübte Stimmen den Chor der Jungfrau wehmüthig klagend zu singen: »Wie im Gebirge die Hirten die Hyacinthe mit Füßen Treten, daß abgeknickt die purpurne Blüthe zur Erde Hinsinkt, wo sie von Keinem beachtet im Staube dahinwelkt; Also die Jungfrau, wenn sie der Keuschheit Blüthe geopfert, Wird von den Knaben verachtet und von den Mädchen gemieden. Hymen o Hymenäus, o Hymen, komm' Hymenäus!« Und der andere tiefere Chor gab in jubelnden Tönen den Mädchen zurück: »Wie auf kahlem Gefilde die Rebe, die einsam getrauert, Da sie der Ulme vermählt, sich emporhebt, Ranken und Trauben Hoch um die Wipfel geschlungen, des Landmanns herzliche Freude; Also die Frau, die in blühender Jugend den ehelichen Bund schloß, Wird von dem Manne geliebt und erfreuet die Herzen der Eltern. Hymen o Hymenäus, o Hymen, komm' Hymenäus (Anm. 95) Diesen Gesang geben wir nach Köchly's (über Sappho S. 198) meisterhafter Herstellung. Nur die beiden ersten Verse sind uns, wie sie Sappho gesungen, erhalten worden; für das Folgende mußte Catull's Nachbildung, ja fast Uebersetzung, wie die erhaltenen Verse lehren, benützt werden. !« Nun vereinten sich beide Chöre, um das »Hymen komm', Hymenäus« sehnsüchtig rufend und doch jubelvoll aber- und abermals zu wiederholen. Plötzlich verstummte der Sang, denn das Licht eines Blitzes, dem ein heftiger Donnerschlag folgte, strahlte durch die Oeffnung im Dache, unter welche Kallias das junge Paar geführt hatte. »Seht ihr?« rief der Daduche, seine Hand gen Himmel erhebend, »Zeus selbst schwingt die Hochzeitsfackel und singt den Hymenäus für seine Lieblinge.« Als der nächste Morgen graute, traten Bartja und Sappho aus dem Brautgemach in den Garten, welcher nach dem Gewitter, das während der ganzen Nacht in unerhörter Heftigkeit getobt hatte, so heiter und morgenfrisch strahlte wie das Angesicht der Neuvermählten. Die Beiden hatten sich so zeitig von dem hochzeitlichen Lager erhoben, weil in Bartja's Seele die Besorgniß um seine Freunde, welche er im Rausche der Zärtlichkeit beinahe vergessen hatte, von neuem, und heftiger als vorher, erwacht war. Der Garten lag auf einem künstlichen Hügel, welcher die überschwemmte Ebene überragte und einen freien Blick über dieselbe gestattete. Auf dem Spiegel des Nilwassers schwammen weiße und blaue Lotusblumen, am Ufer und über den Untiefen zeigten sich dicht aneinander gedrängt große Schwärme von Wasservögeln. Wie Schneefirnen am Hochgebirge boten sich die am Stromesrande stehenden Schwärme von Silberreihern den Blicken dar. Einsam kreisten breitbeschwingte Adler in der reinen Morgenluft, in den Kronen der Palmen wiegten sich Turteltauben und die Pelikane und Enten auf dem Spiegel des Wassers flogen schreiend und schnatternd in die Höhe, sobald sich das bunte Segel einer Barke zeigte. Ein frischer Nordostwind durchwehte die von dem nächtlichen Gewitter abgekühlte Luft und trieb, trotz des frühen Morgens, eine ziemliche Anzahl von Fahrzeugen über die unter Wasser stehenden Aecker hin. Der Gesang der Matrosen vereinte sich mit dem Plätschern der Ruderschläge und dem Gezwitscher der Vögel, um die einförmige und dennoch bunte Landschaft des überschwemmten Nilthals auch mit Tönen zu beleben. Das junge Ehepaar stand eng aneinander gelehnt an der niedern Mauer, welche den Garten der Rhodopis umgab, und schaute, zärtliche Worte tauschend, diesem Schauspiele zu, bis Bartja's scharfes Auge ein Fahrzeug entdeckte, welches, vom Winde und kräftigen Ruderschlägen getrieben, gerade auf das Landhaus der Greisin zusteuerte. Wenige Minuten später landete das Boot bei der Gartenmauer, und bald darauf stand Zopyrus mit seinen Rettern vor dem Königssohne. Der Plan des Darius war, Dank dem Gewitter, welches die Aegypter, seiner ungewohnten Zeit und Heftigkeit wegen, erschreckt hatte, wohl gelungen; dennoch durfte keine Zeit verloren werden, denn es stand zu erwarten, daß die Saïten den Flüchtling mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln verfolgen würden. Nach einem kurzen, aber um so zärtlicheren Abschiede trennte sich Sappho von ihrer Großmutter und bestieg an Bartja's Hand, von der alten Melitta, die ihr nach Persien folgte, begleitet, den Kahn des Syloson und eine Stunde später die schöngezimmerte Hygieia, das schnell segelnde Meerschiff des Kallias. Der Athener erwartete die Flüchtlinge an Bord seiner Triere und nahm besonders von Sappho und Bartja herzlichen Abschied. Letzterer hängte dem Alten eine überaus kostbare Kette als Zeichen seiner Dankbarkeit um den Hals, während Syloson dem Darius, zum Andenken an die gemeinsam bestandene Gefahr, seinen Purpurmantel, ein unschätzbares Meisterwerk sidonischer Färberkunst, welches die Bewunderung des Hystaspessohnes erweckt hatte, um die Schultern legte. Darius nahm diese Gabe freudig an und rief dem Bruder des Polykrates beim Abschiede zu: »Erinnere Dich stets daran, hellenischer Freund, daß ich Dir Dank schulde, und gib mir sobald als möglich Gelegenheit, Dir einen Gegendienst zu leisten Siehe III. Theil S. 267 . !« »Erst aber wendest Du Dich an mich, den Zopyrus!« rief der Befreite, seinen Retter umarmend. »Ich bin bereit, mein letztes Goldstück mit Dir zu theilen und, was mehr sagen will, Dir zu Liebe in dem verwünschten Loche, aus dem ihr mich befreit, eine volle Woche zu sitzen! – Aber die Anker werden gelichtet! Lebe wohl, braver Hellene! Grüße die Blumenschwestern von mir; besonders die kleine Stephanion, und sage ihr, sie habe es mir zu danken, wenn sie ihr lästiger langbeiniger Bräutigam so bald nicht wieder versorgen werde. – Aber noch Eins! Nimm diesen Beutel mit Gold für das Weib und die Kinder des ägyptischen Naseweis, dem ich in der Hitze des Gefechts so übel mitgespielt habe.« Während dieser Worte fielen die Anker rasselnd auf das Deck des Schiffes, der Wind schwellte das ausgebreitete Segel, und aus dem Raume der Triere erklang das einförmige Keleusma oder Ruderlied, dessen Rhythmus der Trieraules mit der Flöte angab Siehe I. Theil Anmerkung 214 . . Die Spitze des Fahrzeuges mit der hölzernen Bildsäule der Hygieia bewegte sich. Bartja und Sappho standen am Ruder und schauten so lange nach Naukratis zurück, bis die Ufer des Nils ihren Blicken entschwanden und die grünen Wogen des hellenischen Meeres den Bord der Triere bespülten. Sechstes Kapitel. Schon zu Ephesus erhielt das junge Ehepaar die Nachricht vom Tode des Amasis. Von dort führte sie ihr Weg erst nach Babylon, dann nach Pasargadä in der Provinz Persis. Hier befanden sich Kassandane, Atossa und Krösus. Erstere hatte das Bedürfniß empfunden, vor dem Zuge nach Aegypten, den sie mitmachen sollte, das nach Angabe des Krösus jüngst vollendete Grabmal ihres verstorbenen Gatten aufzusuchen. Die Greisin, welche das Licht ihrer Augen durch die Kunst des Nebenchari wiedererlangt hatte, war über die würdige Ausführung der Begräbnisstätte hoch erfreut und verweilte täglich stundenlang in dem herrlichen Lustgarten, welche dieselbe umgab. Das Denkmal des Cyrus bestand aus einem riesigen Sarkophage von Marmorblöcken, der, einem Hause ähnlich, auf einem Unterbau von sechs hohen Marmorstufen ruhte. Das Innere des Sarkophages war gleich einem Zimmer ausgestattet und enthielt neben dem goldenen Sarge, in welchem die von Hunden, Geiern und den Elementen verschonten Ueberreste des Cyrus ruhten, ein silbernes Bett und einen Tisch von gleichem Metall, auf welchem goldene Becher standen und vielerlei Gewänder mit den reichsten Edelstein-Geschmeiden lagen. Die Höhe des Gebäudes betrug vierzig Fuß. Schattige Paradiese und Säulengänge, welche der Angabe des Krösus ihren Ursprung verdankten, umgaben das Ganze, und inmitten des Haines erhob sich ein Wohnhaus für die Magier, denen die Bewahrung des Grabes oblag. In der Ferne war der Palast des Cyrus sichtbar, den, nach seiner Anordnung, die künftigen Könige von Persien alle Jahre wenigstens auf einige Monate bewohnen sollten. In diesem, einer Festung gleichenden Prachtbau befand sich auch, wegen der schwer zugänglichen Lage des Platzes, die Schatzkammer des Reichs (Anm. 96) Strabo 730, nach Aristobul. Arrian. Anab. VI. Curtius X. 1. Plinius VI. 29. Kugler, Geschichte der Baukunst I. S. 99. Schnaase, Kunstgesch. I. 213. Rich, Narrative of a journey to the site of Babylon. Ritter, Erdkunde VIII. S. 492 fgd. Niebuhr, Reisen \&c. Dieser Bau erinnert unbedingt an die architektonische Anordnung der Griechen. Herder und Anquetil meinen gleichfalls, die Perser hätten mehr vom hellenischen, als vom ägyptischen Baustil angenommen. . Kassandane fühlte sich in der frischen Gebirgsluft, welche das Grab ihres geliebten Verstorbenen umwehte, unendlich wohl und sah mit Freude, daß auch Atossa an diesem stillen, schönen Orte ihre alte Heiterkeit, welche sie seit dem Tode der Nitetis und der Abreise des Darius verloren hatte, wiedergewann. Sappho befreundete sich bald mit der neuen Mutter und Schwester und verließ, wie diese, nur ungern das schöne Pasargadä. Darius und Zopyrus waren bei dem großen Reichsheere, welches sich in der Ebene des Euphrat sammelte, verblieben, und auch Bartja mußte vor dem Aufbruche desselben nach Babylon zurück. Kambyses zog seiner heimkehrenden Familie entgegen und sprach sich über die Schönheit seiner jungen Schwägerin mit Bewunderung aus, während Sappho den Bruder ihres Gatten, wie sie Bartja gestand, nur mit Furcht betrachten konnte. Der König hatte sich in wenigen Monaten sehr verändert. Seine sonst nicht unedel geformten bleichen Züge waren jetzt vom übermäßigen Genusse des Weines unschön geworden und geröthet. Seine dunklen Augen hatten zwar die alte Gluth behalten, brannten aber in einem unreineren Feuer als früher. Sein sonst so glänzendes, rabenschwarzes Haar umwallte jetzt, grau und wüst, sein Haupt und Kinn, während das triumphirend stolze Lächeln, welches sonst seine Züge verschönte, einem Ausdrucke verachtungsvollen Ueberdrusses und herber Strenge gewichen war. Nur in der Trunkenheit, einem Zustande, der bei ihm längst aufgehört hatte, etwas Ungewöhnliches zu sein, hörte man ihn lachen; dann aber wiehernd und maßlos. Vor seinen Weibern zeigte er nach wie vor Widerwillen und ließ den Harem, selbst als er nach Ägypten aufbrach, in Susa zurück, während all' seine Großen ihre Lieblingsfrauen und Kebsweiber mit sich führten Siehe II. Theil Anmerkung 23 . . Trotzdem hatte sich niemand über Ungerechtigkeit von seiner Seite zu beklagen; vielmehr drang er, nachdrücklicher als je, auf strenge Vollziehung des Rechts; zeigte sich aber, wenn er einen Mißbrauch entdeckt hatte, unerbittlich und verhängte Strafen der grausamsten Art. Als ihm z. B. hinterbracht worden war, ein Richter Namens Sisamnes habe für Geld ein falsches Urtheil gesprochen, ließ er dem Unglücklichen die Haut abziehen und den Richterstuhl mit ihr beschlagen; darauf ernannte er den Sohn des Gestraften zum Richter an des Vaters Stelle und zwang ihn, jenen entsetzlichen Stuhl einzunehmen (Anm. 97) Herodot V. 25. . Außerdem zeigte er sich als Kriegsherr unermüdlich thätig und leitete die Uebungen der bei Babylon versammelten Gruppen mit eben so großer Strenge als Umsicht. Nach dem Neujahrsfeste In unserem März. sollte die Reichsarmee aufbrechen. Kambyses ließ es mit ungeheurem Aufwande begehen und begab sich nach Beendigung der Feierlichkeit zum Heere, bei dem er seinen vor Glückseligkeit strahlenden Bruder traf, welcher ihm, sein Gewand küssend, triumphirend erzählte, daß er hoffen dürfe, Vater zu werden. Der König erbebte bei dieser Kunde, erwiederte Bartja kein einziges Wort, berauschte sich am Abende bis zur Bewußtlosigkeit und rief am folgenden Morgen die Mobeds, Magier und Chaldäer zusammen, um ihnen eine Frage vorzulegen. »Ihr wißt,« so begann er, »daß ihr, meine Träume deutend, behauptet habt, Atossa würde einen künftigen König dieses Reiches gebären. Werde ich gegen die Götter sündigen, wenn ich meine Schwester zum Weibe nehme und wahr mache, was mir mein Traum verhieß?« – Die Magier beriethen sich kurze Zeit; dann warf sich Oropastes, der Oberpriester, vor dem Könige nieder und sprach: »Wir glauben nicht, daß Du durch diese Heirath sündigen würdest; denn erstens ist es Sitte, daß die Perser ihre Verwandten heimführen (Anm. 98) Nach Anquetil wird von den heutigen Parsen eine Ehe unter nahen Verwandten für besonders gut gehalten. S. III. Theil Anmerk. 122 . ; – zweitens steht es zwar nicht im Gesetze, daß der Reine seine Schwester ehelichen darf; wohl aber, daß der König thun kann, was ihm beliebt (Anm. 99) Nach Herod. III. 31. . Handle, wie Du wünschest, und Du wirst stets das Recht vollbracht haben!« Kambyses entließ die Magier mit reichen Geschenken, übergab Oropastes alle Vollmachten als Statthalter des Reichs und verkündete später seiner entsetzten Mutter, er gedenke, sobald er die Aegypter besiegt und den Sohn des Amasis bestraft haben würde, seine Schwester Atossa heimzuführen. Endlich brach das Heer, welches mehr als achtmalhunderttausend Streiter zählte, in einzelnen Abtheilungen auf und kam nach zwei Monaten zur syrischen Wüste, woselbst es die von Phanes gewonnenen Araberstämme Siehe III. Theil Anmerkung 144 [ 14 ] der Amalekiter und Gessuriter antraf, welche die Truppen mit Wasser, das sie auf Pferden und Kameelen herbeigebracht hatten, versorgten. Bei Akko, im Lande der Kanaaniter, sammelten sich die Flotten der dem Perserreiche angehörenden Syrer, Phönizier und Ionier, sowie die gleichfalls von Phanes geworbenen Hülfsschiffe der Cyprier und Samier. Mit Letzteren hatte es eine eigene Bewandtniß. Polykrates sah nämlich die Aufforderung, dem Kambyses eine Flotte zu senden, für eine günstige Gelegenheit an, um sich auf einmal von allen mit seiner Alleinherrschaft unzufriedenen Bürgern zu befreien. So ließ er denn vierzig Trieren mit achttausend mißvergnügten Samiern bemannen und sandte sie den Persern zu, mit der Bitte, keinen Einzigen von ihnen heimkehren zu lassen (Anm. 100) Herod. III. 44. . Sobald Phanes dieses erfahren hatte, warnte er die Preisgegebenen, welche dann statt gegen Aegypten zu kämpfen, nach Samos zurückfuhren und Polykrates zu stürzen versuchten. Sie wurden aber von ihm in einem Landtreffen geschlagen, begaben sich nach Sparta und suchten dort Hülfe gegen den Zwingherrn. Einen vollen Monat vor der Ueberschwemmungszeit standen die persischen den ägyptischen Heeren bei Pelusium an der Nordostküste des Delta gegenüber. Alle Anordnungen des Phanes hatten sich als vorzüglich bewährt. Die Reise eines Heeres durch die Wüste, welche sonst Tausende von Opfern zu fordern pflegte, war diesmal, Dank den ihre Versprechungen treulich haltenden Arabern, ohne sonderliche Verluste zurückgelegt worden, und die glücklich gewählte Jahreszeit gestattete den persischen Soldaten, auf trockenen Wegen bequem und ohne Säumniß in Aegypten einzudringen. Der König hatte seinen hellenischen Freund mit großer Auszeichnung empfangen und freundlich genickt, als ihm derselbe zurief: »Ich habe vernommen, daß Du seit dem Tode Deiner schönen Freundin weniger heiter zu sein pflegst, als früher. Dem Manne ziemt ein langes Festhalten an seinem Schmerze, während die Frau ihr Leid in stürmischen, aber flüchtigen Klagen ausströmt. Ich fühle mit Dir, was Dich bewegt, denn auch ich verlor mein Liebstes. Danken wir gemeinsam den Göttern, daß sie uns die besten Mittel gegen den Schmerz, Kampf und Rache, gewähren!« Dann begleitete Phanes den Herrscher zu seinen Soldaten und zum Schmause. Es war staunenswerth, welchen Einfluß er auf den grimmen Mann zu üben verstand, wie gemessen, ja zuweilen heiter Kambyses wurde, sobald der Athener in seiner Nähe erschien. Wenn das persische Reichsheer ungeheuer genannt werden mußte, so war auch die Zahl der ägyptischen Truppen keineswegs zu verachten. Das Lager derselben lehnte sich an die Mauern von Pelusium, der Grenzfestung, welche Ägypten von Alters her vor den Einfällen der Völker des Ostens zu sichern bestimmt war. Ueberläufer versicherten die Perser, daß die Gesammtheit des Pharaonischen Heeres beinahe sechsmalhunderttausend Mann betrage. Außer einer großen Anzahl von Wagenkämpfern, dreißigtausend karischen und ionischen Söldnern und dem Gendarmeriecorps der Mazaï Ein zum Theil aus Fremden zusammengesetztes Korps, das die Kriegsgefangenen zu bewachen und andere ähnliche Obliegenheiten zu erfüllen hatte. hatten sich zweimalhundertfünfzigtausend Kalasirier, einmalhundertsechzigtausend Hermotybier, zwanzigtausend Reiter (Anm. 101) Herod. II. 64 berichtet, die ganze ägyptische Armee sei in zwei Abtheilungen: Hermotybier und Kalasirier, getheilt gewesen. Ueber die Bedeutung dieser Namen sind sehr viele Vermuthungen, auch schon von Herodot, ausgestellt worden. S. S. Birch, Lettre à M. Letronne sur l'expression hiéroglyphique du mot égyptien calasiris. Revue archéol. 1847. p. 149  fgd. Aegyptisch heißen die Kalasirier Klaschr und sind Bogenschützen. Die Hermotybier haben ihren Namen wohl von dem Schurze Hämitybion (ημιτύβιον), den sie trugen. Aristot. Plut. 729. Nach Pollux VII. 71 war dieß ägyptisch. – Wagenkämpfer finden wir auf fast allen Denkmälern, zum Theil höchst naturgetreu, dargestellt. Siehe Rosellini Mon. stor. . II Taf. 103. I. Taf. 78. u. v. a. O. Lepsius, Denkmäler, besonders Abth. III. auf vielen Blättern. – Schon Hom. Il. IX. 383 kennt und rühmt die Zahl der ägyptischen Wagenkämpfer. Obgleich man auf allen Denkmälern der Aegypter, so viel wir wissen, bisher nur fünf Reiter (den schönsten auf einem Reliefbilde in dem viel zu wenig bekannten ethnographischen Museum zu Bologna) gefunden hat, so beweisen doch ihre eigenen Inschriften und zahlreiche Berichte anderer Völker, daß sie sich auch der Reiterei bedienten. König Ramses führte nach Diodor 24,000 Reiter in's Feld, und Sesonchis (Scheschenk) kam mit 60,000 Reitern nach Jerusalem. Chron. II. 12, 3. Jesaias 36, 9. König Amasis saß nach Herodot zu Pferde, als der Bote des Hophra zu ihm kam. und viele Hülfstruppen (über fünfzigtausend Mann), unter denen die libyschen Maschawascha Wahrscheinlich die von Herodot genannten nordafrikanischen Maxyer. sich durch alten Kriegsruhm, die Aethiopier durch große Anzahl hervorthaten, unter den Feldzeichen des Psamtik versammelt. Die Infanterie war in Regimenter und Kompagnieen, welche sich um vielerlei Feldzeichen (Anm. 102) Eine große Anzahl solcher Standarten findet sich abgebildet bei Wilkinson I. 294 und Rosellini, Mon. civ. 121. Jeder Nomos hatte sein wappenartiges Abzeichen. Besonders lehrreich die Gaulisten in den Tempeln, namentlich denen aus der Ptolemäerzeit, deren Bedeutung zuerst von dem englischen Konsul in Alexandrien Harris erkannt ward. schaarten, eingetheilt und abtheilungsweise verschieden gerüstet. Da gab es Schwerbewaffnete mit großen Schildern, Lanzen und Dolchen; Beil- und Schwertfechter (Anm. 103) Alle diese, sowie die nachfolgenden Angaben, haben wir den Bildern altägyptischer Denkmäler bei Champollion, Wilkinson, Rosellini, Lepsius oder den Monumenten selbst entnommen. Ein Dolch befindet sich im Museum zu Berlin. Die Klinge desselben ist von Bronze, der Griff von Elfenbein, die Scheide von Leder. Große Schwerter sehen wir nur in den Händen der fremden Hülfsvölker; mit kleinen dolchartigen waren auch die Aegypter bewehrt. Das größte, welches wir kennen, ein mehr als zwei Fuß langes, befindet sich im Besitze des Herrn E. Brugsch zu Kairo. mit kleinen Schildern und leichten Keulen, Schleuderer und, als Hauptmasse des Heeres, Schützen, deren ungespannte Bogen die Höhe des Menschenleibes beinah' erreichten. Die Reiter waren nur mit dem Schurze bekleidet und führten leichte, den Morgensternen ähnliche Keulen, während die Wagenkämpfer, welche dem vornehmsten Theile der Kriegerkaste angehörten, im reichsten Schmuck in den Kampf zogen und sowohl auf das Geschirr ihrer herrlichen, weltberühmten Rosse Siehe I. Theil Anmerkung 30 . , als auf die Pracht ihrer zweirädrigen Fuhrwerke große Summen verwandten (Anm. 104) Ganz besonders schöner Streitwagen bei Rosellini, Mon. stor. I. Taf. 78. Mon. civ. T. 122. Wilkinson I. S. 346. . An ihrer Seite standen die Wagenlenker, während sie selbst, nur auf den Kampf bedacht, mit Bogen und Lanzen zu fechten pflegten. Das Fußvolk der Perser war nicht viel zahlreicher, als die ägyptische Infanterie, wogegen die asiatische Reiterei die Kavallerie der Nilthalbewohner um das Sechsfache übertraf. Sobald die beiden Heere einander gegenüber standen, ließ Kambyses das weite pelusinische Gefilde von Gestrüpp und Bäumen reinigen und die Sandhügel, welche da und dort zu sehen waren, abräumen, um seinen Reitern und Sichelwagen freie Bahn zu schaffen (Anm. 105) Nach der Schlacht bei Gaugamela. Curtius IV. Arrian III. 11. . Phanes unterstützte ihn mit seiner genauen Kenntniß des Orts und wußte es dahin zu bringen, daß sein mit tiefer strategischer Einsicht entworfener Schlachtplan nicht nur von Kambyses, sondern auch von dem alten Oberfeldherrn Megabyzus und den kriegskundigsten Achämeniden angenommen wurde. Seine Lokalkunde war besonders schätzenswerth wegen der Sümpfe, die die pelusinische Ebene durchzogen und die, sollte der Kampf für die Perser einen günstigen Ausgang nehmen, vermieden werden mußten. Nach Beendigung des Kriegsraths bat der Athener noch einmal um das Wort und sagte: »Jetzt endlich darf ich auch eure Neugier in Bezug auf die verschlossenen Wagen voller Thiere, die ich hierher schaffen ließ, befriedigen. Sie enthalten fünftausend Katzen. Ihr lacht; ich versichere euch aber, daß diese Thiere uns nützlicher sein werden, als hunderttausend Schwertkämpfer! Viele von euch kennen jenen Aberglauben der Aegypter, dem zuliebe sie eher sterben, als eine Katze tödten. Ich selbst hätte, wegen des Mordes solcher Vierfüßler, beinahe mein Leben eingebüßt. Dieses Aberglaubens gedenkend, hab' ich, wohin ich kam, auf Cypern, woselbst es prächtige Mäusefänger gibt, auf Samos, Kreta und in ganz Syrien alle Katzen, deren man habhaft werden konnte, einfangen lassen und mache euch nun den Vorschlag, sie an die Soldaten, welche rein ägyptischen Gruppen gegenüberstehen, zu vertheilen und den Leuten zu befehlen, die heiligen Geschöpfe an ihre Schilder zu binden und den Angreifern entgegenzuhalten. Ich wette, daß jeder rechte Aegypter lieber das Schlachtfeld verlassen, als auf eines der angebeteten Thiere schießen wird Siehe I. Theil Anmerkung 51 . !« Ein schallendes Gelächter antwortete diesem Vorschlage, der bei näherer Erwägung gebilligt und zur sofortigen Ausführung anempfohlen wurde. Kambyses bot dem erfindungsreichen Hellenen die Hand zum Kusse, ersetzte seine Auslagen mit einem überreichen Geschenke und drang in ihn, sich mit einer vornehmen Perserin zu vermählen (Anm. 106) Auch Themistokles wurde, als er an den persischen Hof kam, vom Könige mit einer vornehmen Perserin vermählt. Diod. XI. 57. . Dann lud er den Athener zum Abendschmause ein; Phanes entschuldigte sich aber mit der nothwendigen Musterung der ihm kaum bekannten ionischen Truppen, welche er führen sollte, und begab sich in sein Zelt. An der Thür desselben fand er seine Sklaven im Streite mit einem bärtigen, zerlumpten und beschmutzten Greise, der durchaus mit ihm zu sprechen begehrte. Phanes hielt den Alten für einen Bettler und warf ihm ein Goldstück hin; Jener bückte sich aber nicht einmal nach der reichen Gabe, sondern rief, indem er ihn am Mantel festhielt: »Ich bin Aristomachus von Sparta!« Phanes erkannte jetzt den grausam veränderten Freund, führte ihn in sein Zelt, ließ ihm die Füße waschen und das Haupt salben, gab ihm Wein und Fleisch zur Stärkung, nahm ihm seine Lumpen ab und legte einen neuen Chiton um seine abgemagerten, sehnigen Schultern. Aristomachus ließ sich dies Alles schweigend gefallen. Erst nachdem er durch die kräftige Kost und den belebenden Trunk neue Kräfte gesammelt hatte, beantwortete er die Fragen des drängenden Atheners und erzählte ihm Folgendes: »Als Psamtik das Söhnlein des Phanes gemordet hatte, war er ihm mit der Erklärung entgegengetreten, daß er seine Untergebenen veranlassen werde, aus dem Dienst des Amasis zu treten, wenn man das Töchterlein seines Freundes nicht ohne Säumen freilassen und eine genügende Auskunft über das Ende des verschwundenen Knaben geben würde. Der Thronerbe versprach, sich die Sache zu überlegen. Als der Spartaner zwei Tage später eine nächtliche Nilfahrt nach Memphis unternahm, wurde er von äthiopischen Kriegern angegriffen, überwältigt und mit geknebelten Gliedern in den finstern Raum eines Fahrzeuges geworfen, welches, nach einer Reise von vielen Tagen und Nächten, an einem ihm unbekannten Ufer die Anker auswarf. Nun befreite man den Gefangenen aus seinem Kerker und führte ihn, bei glühender Hitze, durch eine Wüste, an seltsam gestaltetem Gesteine vorbei nach Osten zu. Endlich kam er zu einem Gebirge, an dessen Fuße zahlreiche Hütten gebaut waren, in denen viele Menschen wohnten, die, mit Ketten an den Füßen, alle Morgen in den Schacht eines Bergwerks getrieben wurden, um dort Goldkörner aus dem harten Gefels zu hacken (Anm. 107) Diod. III. 12 fgd. beschreibt die Zwangsarbeit in den Goldbergwerken ausführlich. Die Sträflinge waren theils Kriegsgefangene, theils Leute, welche man in blinder Leidenschaft aus dem Wege räumen wollte. Die Minen lagen in der Breite von Koptos unweit des rothen Meeres. In jüngster Zeit hat man Spuren von ihnen wieder aufgefunden. Zu Radesieh und Kuban sind aus der Zeit des großen Ramses (14. Jahrh. v. Chr.) je eine höchst interessante auf die Goldminen bezügliche Inschrift gefunden und bereits in Europa edirt und erklärt worden. (Lepsius, Denkm. Abth. III. 139–141. Die Stele von Kuban, zuerst edirt von Prisse d'Avennes, Mon. Égypt. pl. 21 , behandelt von S. Birch, Archaeologia Th. 34. Dann nach einer höchst genauen photographischen Reproduktion von Chabas in seiner Schrift: Les inscriptions des mines d'or. Paris 1862. ) Es handelt sich an beiden Orten um Verbesserung des Wegs zu den in der arabischen Wüste zwischen Kuban und dem rothen Meere gelegenen Goldminen durch Trinkwasser. Von höchstem Interesse ist ein hierhergehöriger Papyrus im turiner Museum, welcher in einer Karte die auf den Stelen besprochene Bergwerksgegend in ganz eigentümlicher Projektion darstellt. Chabas gibt ein treffliches kolorirtes Facsimile derselben. (Schon in Lepsius' Auswahl von Urkunden des ägyptischen Alterthums publizirt. 1842. Taf. 22. Richtig gewürdigt von S. Birch und dann in der erwähnten Chabas'schen Schrift.) Auf den rothgefärbten goldhaltigen Bergen liest man in hieratischer Schrift die Worte » tu en nub «. Goldberg. S. Ebers, Aegypten S. 269 fgd. und Ebers, Durch Gosen zum Sinai S. 144 fgd. . Manche der unglücklichen Grubenarbeiter verweilten schon länger als vierzig Jahre an dieser Stätte des Elends; die meisten von ihnen verfielen aber durch die ungeheure Anstrengung, welche man ihnen auferlegte, und die entsetzliche Hitze, die ihnen, sobald sie den Schacht verließen, entgegenstrahlte, einem frühzeitigen Tode. »Meine Genossen,« so erzählte Aristomachus, »waren theils zum Tode verurtheilte und begnadigte Mörder, theils ihrer Zunge beraubte Staatsverräther, theils dem Könige gefährliche und von ihm gefürchtete Menschen, wie ich. Drei Monate arbeitete ich mit diesem Gesinde, von dem Stocke der Vögte geschlagen, verschmachtend in der Hitze des Mittags, erstarrend, wenn der kalte Thau der Nächte auf meine nackten Glieder herniederfiel, dem Tode erlesen und nur lebend und mich fristend durch die Hoffnung auf Rache an meinen Verfolgern. Da fügten es die Götter, daß sich die Wärter bei dem Feste der Pacht Siehe I. Theil Anmerkung 53 . II. Theil Anmerkung 73 . , wie es Sitte in Aegypten ist, so sehr in Wein übernahmen, daß sie in den starren Schlaf der Trunkenheit verfielen und nicht bemerkten, wie ich und ein junger gefangener Jude, der beschuldigt worden war, bei einem Handel falsches Gewicht gebraucht zu haben, und deßhalb seiner rechten Hand beraubt worden war, die Flucht ergriffen. Zeus Lacedämonius und der große Gott jenes Jünglings standen uns zur Seite und blendeten die Verfolger, deren Stimmen wir oftmals dicht hinter uns vernahmen. »Mit einem den Wächtern von mir entwandten Bogen schaffte ich uns Nahrung. Wo sich kein Wild fand, aßen wir Wurzeln, Baumfrüchte und Vogeleier. Der Stand der Sonne und der Sterne half uns den rechten Weg zu finden. Wir wußten, daß das rothe Meer nicht fern von den Bergwerken fluthe und daß wir im Süden von Memphis, ja von Theben, verweilt hatten. Bald erreichten wir den Strand und strebten nun unermüdlich nach Norden zu, bis wir mit freundlichen Schiffern zusammentrafen, die uns so lange verpflegten, bis ein arabisches Boot uns aufnahm, welches mich und den Juden, der die Sprache der Seefahrer kannte, nach Ezeongeber, im Lande der Edomiter, brachte. Dort vernahmen wir, daß Kambyses mit einem großen Heere gegen Aegypten heranziehe, und reisten mit einem amalekitischen Reiterzuge, welcher die Perser mit Wasser unterstützen sollte, nach Harma. Von hier aus wanderte ich mit Nachzüglern des großen asiatischen Heeres, die mich aus Mitleiden dann und wann auf ihre Pferde setzten, nach Pelusium und höre jetzt, daß Du dem Großkönige als Kriegsoberster dienst. Ich habe meinen Schwur gehalten und bin treu für die Hellenen in Aegypten eingetreten; jetzt ist die Reihe an Dir, dem alten Aristomachus zu helfen und ihm das Einzige zu verschaffen, wonach er sich sehnt: Rache an seinen Verfolgern!« »Die sollst Du haben,« rief der Athener und drückte die Hand des Greises. »Ich werde Dich an die Spitze der milesischen Schwerbewaffneten stellen und Dir anheimgeben, gegen unsere Feinde zu wüthen, wie es Dir beliebt! Aber damit hab' ich meine Schuld noch lange nicht abgetragen, und ich preise die Götter, weil sie mir jetzt schon gestatten, Dich durch ein einfaches Wort glücklich zu machen! Wisse, daß wenige Tage nach Deinem Verschwinden ein spartanisches Ehrenschiff, geführt von Deinem trefflichen Sohne, nach Naukratis kam, um Dich, den Vater zweier olympischer Sieger, auf Befehl der Ephoren Siehe I. Theil Anmerkung 83 . in die Heimath zurückzurufen.« Bei dieser Nachricht erbebten die Glieder des Greises, seine Augen füllten sich mit Thränen, und seine Lippen murmelten ein leises Gebet. Dann schlug er sich vor die Stirn und rief mit zitternder Stimme: »Jetzt erfüllt es sich, – jetzt wird es zur Wahrheit! Verzeihe mir, Phöbus Apollo, wenn ich an den Worten Deiner Priesterin zweifelte! Was verhieß das Orakel? ›Wenn einst die reisige Schaar von schneeigen Bergen herabsteigt Zu den Gefilden des Stroms, welcher die Ebne benetzt, – Führt Dich der zaudernde Kahn hinab zu jenem Gefilde, Welches dem irrenden Fuß heimischen Frieden gewährt! Wenn einst die reisige Schaar von schneeigen Bergen herabsteigt, – Schenkt Dir die richtende Fünf, was sie Dir lange versagt.‹ »Jetzt erfüllt es sich, was mir der Gott verhieß. Jetzt darf, jetzt will ich heimkehren; erst aber heb' ich die Hand empor und bitte Dice, die ewigwaltende Gerechtigkeit, daß sie mir die Wonne der Rache nicht versagen möge!« »Morgen graut der Tag der Vergeltung!« rief Phanes in das Gebet des Alten einstimmend. »Morgen schlacht' ich meinem Sohne die Todtenopfer und gehe nicht eher zur Ruhe, bis Kambyses mit den von mir geschnitzten Pfeilen das Herz von Aegypten getroffen hat! Komm' jetzt, mein Freund, und laß Dich zum Könige führen. Ein Mann wie Du schlägt einen ganzen Haufen ägyptischer Schleuderer in die Flucht!« Die Nacht war hereingebrochen und die persischen Soldaten standen, da ihr unbefestigtes Lager einen Ueberfall der Feinde befürchten lassen mußte, in Reih' und Glied auf den ihnen angewiesenen Posten. Die Infanteristen lehnten sich an ihre Schilder und Speere, während die Reiter ihre gesattelten und gezäumten Pferde bei den Wachtfeuern hielten. Kambyses ritt an den Schlachtreihen vorüber und begeisterte durch seinen Gruß und Anblick die Schaaren der Streiter (Anm. 108) Schlacht bei Gaugamela. Curtius IV. 14. 12. . Nur das Centrum des Heeres hatte sich noch nicht aufgestellt, denn dieses bestand aus den persischen Leibwachen, den Apfelträgern, Unsterblichen und Verwandten des Königs, welche sich erst zugleich mit ihm den Feinden entgegenzustellen pflegten. Außerdem waren die kleinasiatischen Griechen auf Befehl des Phanes, statt in die Reihen zu treten, zur Ruhe gegangen. Der Athener wünschte seine Streiter frisch zu erhalten und ließ sie, wenn auch in voller Rüstung, ruhig schlafen, während er selbst für sie wachte. Aristomachus war von den Ioniern mit lautem Jubel empfangen, vom Könige freudig begrüßt worden und sollte mit der einen Hälfte der Hellenen zur Linken des Mitteltreffens kämpfen, während Phanes mit dem andern Theile derselben auf der rechten Seite der Garden zu stehen kam. Der König wollte an der Spitze der zehntausend Unsterblichen, denen das blau-roth-goldene Reichsbanner und die Fahne des Kawe voranwehte (Anm. 109) Die Farben des Reichsbanners nach Firdusi. Die Fahne des Kawe bestand aus dem Schurzfelle jenes kühnen Schmieds aus der persischen Mythe, der zum Aufstande gegen den bösen Zohak rief und dem Feridun half, den grausamen Verwüster des Reichs zu stürzen. , die Schlacht leiten, Bartja sollte das persische Gardereiterregiment (tausend Mann) und die ganz bepanzerte Kavallerie führen. Krösus befehligte eine Abtheilung des Heeres, welche das Lager, die in ihm befindlichen unermeßlichen Schätze, die Weiber der Großen, die Mutter und Schwester des Königs zu bewachen hatte. Als sich der leuchtende Mithra zeigte, und die finsteren Geister der Nacht sich in ihre Höhlen verbargen, wurde das heilige Feuer, welches dem Heere von Babylon aus vorangetragen worden war, zu riesenhafter Größe angefacht und von den Magiern und dem Könige mit kostbaren Wohlgerüchen gespeist. Dann verrichtete Kambyses das Opfer und flehte mit hoch erhobener, goldener Schale um Sieg und Ruhm. Hierauf gab er den Persern das Losungswort: »Auramazda, Helfer und Führer«, und stellte sich an die Spitze seiner Garden, deren Tiaren mit Kränzen geziert waren. Auch die Hellenen verrichteten ihre Opfer und jubelten laut, als die Priester verkündeten, daß die Vorzeichen Sieg versprächen. »Hebe« lautete ihre Parole (Anm. 110) Nach den Beschreibungen von griechisch-persischen Schlachten bei verschiedenen alten Autoren. In der Schlacht bei Mykale hieß das Losungswort der Griechen »Hebe«. Herod. IX. 98. . Indessen hatten auch die ägyptischen Priester mit Opfer und Gebet den Morgen begonnen und sich dann in Schlachtordnung aufgestellt. Dem Mitteltreffen gegenüber hielt Psamtik, der nunmehrige König, auf einem goldenen Fuhrwerke mit Bogenhaltern von demselben Metalle. Seine Rosse waren mit purpurnen Decken und goldenen Schabracken geschmückt und trugen Straußenfedern auf den stolzen Häuptern. Sein Wagenlenker entstammte der vornehmsten ägyptischen Familie (Anm. 111) Daß die Wagenlenker vornehme Leute waren, ergibt sich aus der Art und Weise, in der die Könige mit ihnen verkehren. S. das Bild des Ramses und seines Wagenlenkers zu Theben. Wilkinson I. 338. In dem sogenannten Gedichte des Pentaur, dem in mehreren Exemplaren erhaltenen Nationalepos der Aegypter, wird der Pharao als in nahem Verhältnisse zu seinem Rosselenker stehend dargestellt. Zudem besitzen wir im Papyrus Anastasi III. eine Schilderung der Leiden, die ein junger ägyptischer Wagenkämpfer zu bestehen hat. Wir sehen ihn eine Militärschule besuchen und, nachdem er diese verlassen, vom Pharao, der sie ihm eigenhändig übergibt, aus dem königlichen Stalle seine Pferde erhalten. So konnte doch nur mit auserwählten Jünglingen verfahren werden. und stand, Zügel und Peitsche führend, zur Linken seines die Doppelkrone von Ober- und Unterägypten tragenden Gebieters. Zur Linken des Centrums sollten die hellenischen und karischen Söldner kämpfen. Die Reiterei stand an den äußersten Enden der beiden Flügel des Heeres, während die ägyptischen und äthiopischen Fußvölker sich zur Rechten und Linken der Wagenkämpfer und Hellenen in sechsfachen Gliedern ordneten. Psamtik fuhr ermuthigend und grüßend an den Reihen der Seinen vorüber und hielt endlich vor den Hellenen still, um sie folgendermaßen anzureden: »Ich freue mich, ihr Helden, deren Waffenthaten mir von Cypern und Libyen her wohl bekannt sind, daß ich diesmal euren Ruhm theilen und neue Siegeskränze auf euer Haupt setzen darf! Fürchtet nicht, daß ich, wenn wir unsere Feinde bezwingen, eure Freiheiten schmälern werde. Verleumder haben euch in's Ohr geraunt, solchen Undanks von mir gewärtig zu sein; ich aber versichere euch, daß ich euch und eure Nachkommen, wenn wir siegen, in jeder Weise begünstigen und die Stützen meines Thrones nennen will! Bedenkt auch, daß ihr heute nicht allein für mich, sondern auch für die Freiheit eurer fernen Heimath kämpfen werdet. Ist es doch leicht zu ermessen, daß sich Kambyses, wenn er Herr von Ägypten werden sollte, nicht zufrieden geben, sondern vielmehr seine begehrliche Hand nach dem schönen Hellas und seinen Inseln ausstrecken wird. Ich brauche euch nur daran zu erinnern, daß diese zwischen Aegypten und euren asiatischen Brüdern, welche jetzt schon unter dem Perserjoche als Knechte seufzen, gelegen sind. Euer Zuruf beweist mir, daß ihr mir Recht gebt; ich bitte euch aber, mir noch einen Augenblick Gehör zu schenken, denn es ist meine Pflicht, euch den Mann zu nennen, welcher nicht nur Aegypten, sondern auch seine eigene Heimath für ungeheure Schätze an den Großkönig von Persien verkauft hat. Phanes heißt jener Mann! – Ihr dürft nicht murren, denn ich schwöre euch, daß eben dieser Phanes das Gold des Kambyses angenommen und demselben versprochen hat, ihm nicht nur den Weg nach Aegypten, sondern auch die Pforte eures heimischen Mutterlandes zu öffnen. Dieser Mann kennt Land und Leute und ist mit Gold für Alles zu erkaufen. Seht ihr, wie er dort neben dem Könige einhergeht, wie er sich vor ihm in den Staub wirft? Ist das ein Hellene? Scheint mir's doch, als hätt' ich einst vernommen, die Griechen fielen nur vor ihren Göttern nieder! Aber freilich, wer sein Vaterland verkauft, der hört auf, ein Bürger desselben zu sein! Ihr stimmt mir zu? Ihr gebt mir Recht? Ihr verschmäht es, den Schandbuben euren Landsmann zu nennen? – Wohl denn, so will ich die Tochter des Elenden, welche ich als Geißel zurückbehalten mußte, und die der Habsüchtige mit seiner Heimath verkaufte, euch überantworten. Macht mit dem Kinde eines Schurken, was ihr wollt. Schmückt es mit Rosen, fallt vor ihm nieder; vergeßt aber nicht, daß es jenem Manne angehört, der den Namen ›Hellene‹ beschimpfte, der euch, der sein Vaterland verrieth!« Die also Angeredeten brachen in ein wüthendes Geschrei aus und nahmen das zitternde Kind in Empfang. Ein Soldat hob das unglückliche Mägdlein auf und hielt es seinem Vater, der es deutlich erkennen konnte, weil er von den Söldnern nur durch die Entfernung eines Bogenschusses getrennt war, entgegen. Zu gleicher Zeit rief ein Aegypter, welcher sich später durch seine laute Stimme berühmt machte (Anm. 112) Herod. IV. 141. , dem Erbebenden zu: »Gib Acht, Athener, wie man hier zu Lande käufliche Verräther straft!« Dann ergriff ein Karer den Mischkrug, dessen vom Könige gespendeter Inhalt ihn und seine Waffenbrüder berauscht hatte, tauchte sein Schwert in die Brust des Kindes, ließ das unschuldige Blut desselben in das eherne Gefäß rinnen, füllte einen Becher mit dem gräßlichen Tranke und leerte ihn, als bringe er das Wohl des versteinert dastehenden Vaters aus. Wie die Unsinnigen fielen die anderen Söldner über den Mischkrug her und schlürften, gleich wilden Thieren, den mit Blut besudelten Rebensaft (Anm. 113) Diese furchtbare That erzählt Herod. III. 11. . In diesem Augenblicke schoß Psamtik trinmphirend den ersten Pfeil auf die Perser ab. Die Söldner warfen die Leiche des Kindes zu Boden, stimmten, trunken von dem genossenen Blute, den Schlachtgesang an und eilten ihren ägyptischen Streitgenossen weit voraus in den Kampf. Aber auch die Reihen der Perser setzten sich jetzt in Bewegung und Phanes stürzte sich, rasend vor Schmerz und Wuth, begleitet von seinen über die schändliche Barbarei ihrer Landsleute entrüsteten Schwerbewaffneten, auf dieselben Männer, deren Liebe er durch zehnjährige treue Führung verdient zu haben glaubte. Als die Sonne in der Mittagshöhe stand, schien sich das Glück der Waffen den Aegyptern zuwenden zu wollen; als das Tagesgestirn unterging, waren die Perser im Vortheil; als sich der volle Mond am Himmel zeigte, verließen die Aegypter in wilder Flucht das Schlachtfeld und kamen entweder in den pelusinischen Sümpfen und dem sie durchfluthenden Nilarme in ihrem Rücken oder von asiatischen Schwertern erschlagen, für die Freiheit ihres Vaterlandes kämpfend, um. Zwanzigtausend Perser und fünfzigtausend Aegypter bedeckten mit ihren Leichen den blutigen Staub des Meerstrandes, während die Verwundeten, Ertrunkenen und Gefangenen kaum zu zählen waren (Anm. 114) Herod. III. 12. Ktesias, Pers. 9. Die Sieger verlieren im Altertum stets unendlich viel weniger Leute, als die Geschlagenen. Aehnlich, aber nicht so ungünstig für die Besiegten stellt sich das Verhältniß noch heute. Wir erinnern an unsere letzten Feldzüge. . Psamtik hatte zu den letzten der Fliehenden gehört und auf dem Rücken eines edlen Rosses, leicht verwundet, das rettende jenseitige Ufer des Nils erreicht, um mit wenigen Tausenden seiner Getreuen nach Memphis, der wohlbefestigten Pyramidenstadt, zu enteilen. Von den hellenischen Söldnern in ägyptischen Diensten waren wenige übrig geblieben, so furchtbar hatte der racheschnaubende Phanes mit seinen Ioniern in ihren Reihen gewüthet. Zehntausend Karer geriethen in persische Gefangenschaft. Den Mörder seines Kindes schlug der Athener mit eigenen Händen zu Boden. Auch Aristomachus hatte, trotz seines hölzernen Beines, Wunder der Tapferkeit verrichtet. Dennoch war es ihm eben so wenig, als seinen Genossen in der Rache, gelungen, des Psamtik habhaft zu werden. Als die Schlacht entschieden war und die Perser mit lautem Jubel zum Lager zurückkehrten, wurden sie von Krösus, den zurückgebliebnen Priestern und Soldaten empfangen und feierten mit Opfern und Gebeten den ruhmreichen Sieg. Am andern Morgen rief der König alle Heerführer zusammen und vertheilte an sie je nach ihren Verdiensten Ehrenzeichen, als da sind: kostbare Kleider, goldene Ketten, Ringe, Säbel und Sterne von edlem Gestein (Anm. 115) Herod. III. 130. VIII. 118. Xenoph. Cyrop. VIII. 3. , während er Gold- und Silbermünzen unter die Soldaten auswerfen ließ. Der Hauptangriff der Aegypter hatte sich gegen das Mitteltreffen der Perser, an dessen Spitze der König kämpfte, so nachdrücklich gerichtet, daß die Garden schon zu weichen anfingen, als Bartja mit seinen Reitern rechtzeitig eintraf, die Wankenden mit neuem Muthe beseelte und endlich, wie ein Löwe fechtend, den Ausgang des Tages durch seine Tapferkeit und Schnelligkeit entschied. Die Perser jubelten dem Jünglinge entgegen und nannten ihn laut den »Sieger von Pelusium« und »den Besten der Achämeniden«. Diese Rufe kamen dem Könige zu Ohren und erfüllten ihn mit tiefem Groll. Er war sich bewußt, mit Aufopferung seines Lebens, wahrem Heldenmuthe und der Kraft eines Riesen gekämpft zu haben, und die Schlacht wäre dennoch verloren gewesen, wenn ihm dieser Knabe nicht den Sieg geschenkt haben würde. Sein Bruder, der ihm das Glück der Liebe verkümmert hatte, nahm ihm jetzt die Hälfte seines Kriegsruhms. Kambyses fühlte deutlich, daß er Bartja hasse, und seine Fäuste ballten sich, als er des jungen, von edlem Selbstbewußtsein strahlenden Helden ansichtig wurde. Phanes weilte verwundet in seinem Zelte, und neben ihm ruhte der verröchelnde Aristomachus. »Das Orakel hat dennoch gelogen,« murmelte der Spartaner. »Ich sterbe und sehe die Heimath niemals wieder!« »Es redete die Wahrheit!« gab Phanes zurück. »Wie lauteten die letzten Worte der Pythia? ›Führt Dich der zaudernde Kahn hinab zu jenem Gefilde, Welches dem irrenden Fuß heimischen Frieden gewährt!‹ »Verkennst Du den Sinn dieser Worte? – Sie meinen den zaudernden Kahn des Charon, der Dich zur letzten Heimath, dem großen Ruheplatz aller Wanderer, dem Reiche des Hades, befördern soll!« »Ja, Du hast Recht, mein Freund, es geht zum Hades!« »Und die richtende Fünf, die Ephoren, haben Dir vor dem Tode, was sie Dir lange versagt, d. h. die Rückkehr nach Lacedämon, gestattet. Auch mußt Du den Göttern, die Dir solche Söhne und Rache an Deinen Feinden schenkten, dankbar sein. Ich werde, wenn ich genesen bin, nach Hellas reisen und Deinem Sohne mittheilen, sein Vater sei, eines ruhmvollen Todes sterbend, auf seinem Schilde vom Schlachtfelde in das Grab getragen worden.« »Thue das und übergib ihm meinen Schild, den er als Andenken an seinen alten Vater aufbewahren soll. Ich habe nicht nöthig, ihn zur Tugend zu ermahnen.« »Soll ich Psamtik, wenn wir ihn gefangen haben werden, mittheilen, was Du zu seinem Sturze beigetragen?« »Nein; er sah mich, bevor er floh, und ließ vor Schreck über den unerwarteten Anblick den Bogen fallen. Seine Freunde hielten dies für ein Zeichen zur Flucht und wandten ihre Rosse.« »Die Götter verderben den Frevler durch seine eigenen Schandthaten. Psamtik verlor den Muth, als er glauben mußte, daß selbst die Geister aus der Unterwelt gegen ihn kämpften.« »Er hatte mit den Sterblichen genug zu thun! Die Perser haben gut gekämpft. Dennoch wäre ohne die Garden und uns die Schlacht verloren gewesen!« »Ganz gewiß!« »Zeus Lacedämonius, ich danke Dir!« »Du betest?« »Ich preise die Götter, denn sie lassen mich ohne Sorge für unser Vaterland scheiden. Diese zusammengewürfelten Massen sind der hellenischen Heimath nicht gefährlich. – Heda, Arzt! Wann werde ich sterben?« Der Heilkünstler von Milet, welcher die dem persischen Heerbanne folgenden kleinasiatischen Griechen nach Aegypten begleitet hatte, lächelte schmerzlich und sagte, auf die Pfeilspitze, welche in der Brust des Spartaners steckte, weisend. »Nur noch wenige Stunden darfst Du das Tageslicht schauen. Sobald ich das Geschoß aus Deiner Wunde entfernen würde, müßtest Du den Geist aufgeben!« Der Spartaner dankte dem Arzte, sagte Phanes Lebewohl, bat ihn, Rhodopis zu grüßen, und zog, ehe er daran verhindert werden konnte, mit sicherer Hand den Pfeil aus seiner Brust. Wenige Augenblicke später war Aristomachus gestorben. Selbigen Tages fuhr eine persische Gesandtschaft auf einem lesbischen Fahrzeuge nach Memphis, um den König aufzufordern, sich und die Stadt auf Gnade und Ungnade zu ergeben. Kambyses folgte ihr, nachdem er eine Abtheilung des Heeres unter Megabyzus zur Einnahme von Sais abgeschickt hatte. In Heliopolis kamen ihm Gesandtschaften der hellenischen Bewohner von Naukratis und der Libyer, welche ihn um Schutz und Frieden baten, mit einem goldenen Kranze und reichen Geschenken entgegen. Er nahm sie gnädig auf und verhieß ihnen seine Freundschaft; die Gesandten von Cyrene und Barka wies er aber zornig ab und warf ihren Tribut, fünfhundert Silberminen 12,500 Rthlr. Herod. III, 3. , welcher ihm verächtlich klein erschien, mit eigenen Händen unter die Soldaten aus. An demselben Orte kam ihm auch die Nachricht zu, daß die Memphiten bei der Ankunft seiner Gesandtschaft schaarenweis herbeigeströmt wären, das Schiff in den Grund gebohrt und seine Fahrgäste, ohne Unterschied, wie rohes Fleisch in Stücke gerissen und in die Festung geschleift hätten (Anm. 116) Herod. III. 13. . Kambyses rief, sobald er dies gehört hatte, zornig aus: »So sollen denn, beim Mithra, für jeden dieser gemordeten Männer zehn Bewohner von Memphis zu Tode gehen!« – Zwei Tage später hielt er mit seinem Heere vor den Thoren der Riesenstadt. Die Belagerung derselben dauerte nur kurze Zeit, denn die Besatzung war viel zu klein für die Größe des Platzes und die Bürgerschaft entmuthigt von der furchtbaren pelusinischen Niederlage. König Psamtik selbst zog dem Könige mit seinen vornehmsten Hofbeamten entgegen. Der unglückliche Mann erschien in zerrissenen Kleidern und hatte alle Zeichen der Trauer angelegt. Kambyses empfing ihn mit kaltem Schweigen und befahl, ihn sammt seinem Gefolge festzunehmen und abzuführen. Die Wittwe des Amasis, Ladice, welche gleichfalls erschienen war, wurde mit Rücksicht behandelt, und auf Verwenden des Phanes, gegen den sie sich immer huldreich bewiesen hatte, unter sicherer Bedeckung in ihre Heimath Cyrene zurückgeschickt, woselbst sie bis zum Sturze ihres Neffen Arkesilaus III. und der Flucht ihrer Schwester Pheretime verblieb. Dann siedelte sie nach Anthylla, der ihr in Aegypten gehörenden Stadt, über (Anm. 117) Nach Athen. I. 25 gehörte Anthylla der jedesmaligen Königin. Ueber Cyrene und Arkesilaus Herod. IV. 163–165. , lebte dort still und einsam und starb in hohem Alter. Kambyses verschmähte es, den an ihm verübten Betrug an einem Weibe zu rächen, und hatte als Perser zu viel Ehrfurcht vor einer Mutter, besonders aber vor der Mutter eines Königs, um der Wittwe des Amasis ein Leid anzuthun. Psamtik verweilte, in fürstlichen Räumen und fürstlich bedient, unter strenger Bewachung im Palaste der Pharaonen, während Kambyses die Residenzstadt Sais belagerte und einnahm. Unter den vornehmen Aegyptern, welche das Volk zum Widerstande aufgereizt hatten, nahm Neithotep, der Oberpriester der Neith, den ersten Platz ein und wurde mit hundert seiner unglücklichen Mitschuldigen zu schwerer Gefangenschaft nach Memphis geschickt. Der größte Theil der Hofbeamten des Pharao brachte dagegen zu Sais dem Kambyses freiwillig seine Huldigung dar, gab ihm den Namen Ramestu, d. i. Kind der Sonne, und veranlaßte ihn, sich förmlich als König von Ober- und Unterägypten krönen und nach alter Sitte in die Priesterkaste aufnehmen zu lassen. Kambyses ließ sich das Alles auf den Rath des Phanes und Krösus, wenn auch widerwillig, gefallen; ja er opferte sogar im Tempel der Neith und ließ sich von dem neuen Oberpriester der Göttin einen flüchtigen Einblick in das Wesen der Mysterien geben. Einige der alten Höflinge zog er in seine Nähe, viele Verwaltungsbeamte beförderte er auf hohe Posten; der Admiral der Nilflotte des Amasis verstand es sogar, sich seine Gunst zu erwerben und sich zum Tischgenossen ernennen zu lassen (Anm. 118) Eine naophore Statue im Gregor. Museum des Vatikans führt eine Inschrift, welche von dem Aufenthalte des Kambyses zu Sais in der im Texte mitgetheilten Weise Kunde gibt. Er verfuhr dort milde, ordnete sich, wohl um seine Stellung als legitimer Pharao zu befestigen, den Wünschen der Priesterschaft unter, ließ sich sogar in die Mysterien einweihen und trug für den Tempel der Neith besondere Fürsorge. Auch seine Annahme des ägyptischen Namens Ramestu wird von der Statue bestätigt. E. de Rougé, Mémoire sur la statuette naophore du musée Grégorien, au Vatican. Revue archéol. 1851 . . Als Kambyses endlich die Stadt verließ, bestellte er Megabyzus zum Gouverneur derselben. Kaum hatte aber der König Sais verlassen, als das niedere Volk seinem verhaltenen Groll Luft machte, persische Wachtposten meuchlings ermordete, Brunnen vergiftete und die Ställe der Reiterei in Brand steckte. Megabyzus begab sich nach diesen Vorfällen zum Könige und stellte ihm vor, daß solche Feindseligkeit, wenn sie nicht durch Furcht niedergehalten werde, leicht zum offenen Aufstande führen könne. »Laß,« so sagte er, »die zweitausend vornehmen Jünglinge von Memphis, die Du, zur Strafe für die Ermordung unserer Gesandtschaft, zum Tode bestimmt hast, unverzüglich hinrichten. Auch kann es nicht schaden, wenn Du den Sohn des Psamtik, um den sich die Empörer einstmals schaaren werden, zu den Verurtheilten gesellst. Die Töchter des früheren Königs und des Oberpriesters Neithotep müssen, wie ich höre, für die Bäder des edlen Phanes Wasser tragen.« Der Athener lächelte bei diesen Worten und sagte: »Kambyses, mein Herr, hat mir auf meine Bitte so vornehme Dienerinnen zu halten gestattet.« »Dir aber verboten,« fügte Kambyses hinzu, »das Leben irgend eines Mitgliedes des gestürzten Herrscherhauses zu gefährden. Nur ein König darf Könige bestrafen!« Phanes verneigte sich; Kambyses aber wandte sich wiederum an Megabyzus und befahl ihm, die Hinrichtung der Verurteilten am folgenden Tage als warnendes Beispiel vollziehen zu lassen. Ueber das Schicksal des Königssohnes wollte er später eine Entscheidung fällen; derselbe sollte aber jedenfalls mit den anderen Verurtheilten zum Richtplatze geführt werden. »Man muß sehen,« rief er, »daß wir der Feindseligkeit mit Strenge zu begegnen wissen!« Als Krösus sich erlaubte, um Gnade für den unschuldigen Knaben zu bitten, lächelte Kambyses und sagte: »Sei ruhig, alter Freund, das Kind ist noch am Leben und wird es vielleicht nicht schlimmer bei uns haben, als Dein Sohn, der bei Pelusium so wacker kämpfte! Uebrigens möcht' ich wissen, ob Psamtik sein Schicksal gefaßt und männlich, wie Du vor fünfundzwanzig Jahren, zu tragen versteht!« »Das käme auf einen Versuch an!« sagte Phanes. »Laß den König in den Schloßhof treten und die Gefangenen und Verurteilten an ihm vorüberführen, dann wird sich erweisen, ob er ein Mann ist oder ein Feigling.« »So sei es!« rief Kambyses. »Ich werbe mich verbergen und ihn ungesehen beobachten. Du begleitest mich, Phanes, und nennst mir den Namen und Stand der einzelnen Gefangenen.« Am Morgen des nächsten Tages begab sich der Athener mit dem Könige auf den Altan, welcher den riesengroßen, mit Bäumen bepflanzten Schloßhof umgab. Dichtes Blumengebüsch verbarg die Lauscher, welche jede Bewegung der Menschen unter ihnen erkennen und jedes ihrer Worte verstehen konnten. Psamtik stand, von einigen seiner früheren Genossen umgeben, an einen Palmenbaum gelehnt und schaute finster zu Boden, während seine Tochter mit dem Kinde Neithotep's und anderen Jungfrauen in Sklavenkleidern, gefüllte Wasserkannen tragend, in den Hof schritten. Sobald die Mädchen den König erblickten, erhoben sie ein lautes Klagegeschrei, welches Psamtik aus seinen Träumen weckte. Nachdem er die Jammernden erkannt hatte, beugte er sein Antlitz zur Erde nieder, richtete sich aber bald wieder auf und fragte seine älteste Tochter, für wen sie das Wasser trage? Als er vernommen hatte, daß sie Phanes Sklavendienste leisten müsse, erbleichte er, nickte mit dem Kopfe und rief den Mädchen zu: »Geht!« Wenige Minuten später traten die Gefangenen, mit Stricken am Halse und Zäumen im Munde, von persischen Wachen geführt, in den Hof (Anm. 119) Diese Angabe des Herod. III. 14 wird durch die Denkmäler bestätigt, auf denen wir häufig Gefangene mit Stricken um den Hals einherführen sehen. Die ganze folgende Begebenheit ist derselben Stelle des Herodot entlehnt. . Dem Zuge voran ging der kleine Necho, welcher seinem Vater die Händchen entgegenstreckte und ihn bat, daß er die fremden, bösen Menschen, die ihn tödten wollten, bestrafen möge. Die Aegypter weinten bei diesen Worten vor übergroßem Schmerz; Psamtik aber beugte sich abermals thränenlos tief zur Erde nieder und winkte dann dem weinenden Knaben mit der Hand ein letztes Lebewohl entgegen. Kurze Zeit darauf traten die zu Sais Gefangenen durch die Pforte. Unter ihnen befand sich der greise Neithotep. Der frühere Oberpriester war in Lumpen gekleidet und schlich an einem Stabe mühsam vorwärts. Am Thore des Hofes schlug er die Augen auf und erblickte Darius, seinen einstigen Schüler. Alsogleich ging er, ohne sich um seine Umgebung zu kümmern, auf ihn zu, klagte dem Jünglinge seine Noth, bat ihn, ihm zu helfen, und flehte ihn endlich um ein Almosen an. Darius that seine Hand auf und veranlaßte dadurch die anderen Achämeniden, welche in seiner Nähe standen, den Alten scherzend anzurufen und ihm kleine Münzenstücke zuzuwerfen, die er mühsam und dankend von der Erde auflas. Sobald Psamtik dies erblickte, weinte er laut, rief den Namen seines Freundes klagend aus und schlug sich mit der Hand vor die Stirn. Kambyses wunderte sich, als er dieses sah, zertheilte die Blumen, trat an die Brüstung des Altans und rief dem Unglücklichen zu: »Sage mir, Du seltsamer Mensch, warum Du beim Anblicke Deiner unglückseligen Tochter und Deines in den Tod gehenden Sohnes nicht gejammert und geweint, einem Bettler aber, der nicht einmal mit Dir verwandt sein soll, so große Teilnahme erwiesen hast?« Psamtik schaute zu seinem Besieger hinauf und antwortete: »Meines Hauses Unglück, Sohn des Cyrus, war für Thränen zu groß; das Ungemach eines Freundes aber, der im Greisenalter vom angesehensten, glücklichsten Manne zum elenden Bettler wurde, durfte ich beweinen!« Kambyses nickte dem Unglücklichen beifällig zu und bemerkte, als er sich umschaute, daß nicht allein in seinem Auge eine Thräne schwamm. Krösus, Bartja und alle anwesenden Perser, ja sogar Phanes, der den beiden Königen als Dolmetscher gedient hatte, weinten laut. Der stolze Sieger sah diese Thränen gern und sagte, sich dem Athener zuwendend: »Ich meine, hellenischer Freund, daß die uns zugefügte Unbill gerochen ist. Steh' auf, Psamtik, und suche Dich, wie dieser edle Greis (dabei zeigte er auf Krösus), an Dein neues Schicksal zu gewöhnen. Der Betrug Deines Vaters ist an Dir und Deinem Hause gestraft worden. Dieselbe Krone, welche Amasis der Tochter des Hophra, meiner unvergeßlichen Gattin, raubte, habe ich von Deinem Haupte gerissen. Um Nitetis willen begann ich diesen Krieg; jetzt schenke ich Deinem Sohne das Leben, weil sie ihn liebte. Ungekränkt magst Du von nun ab als Tischgenosse an unserem Hofe leben und die Ehren meiner Großen theilen. Hole den Knaben, Gyges! Er soll, wie Du vor Jahren, mit den Söhnen der Achämeniden erzogen werden!« Der Lyder eilte, um diesen erfreulichen Auftrag auszurichten, der Thür des Altanes zu; Phanes aber rief ihn, ehe er sie erreichen konnte, zurück, stellte sich in stolzer Haltung zwischen den König und den vor Wonne bebenden Psamtik und sprach: »Dein Gang, edler Lyder, würde vergebens sein; Necho, der Sohn des Psamtik, ist nicht mehr! Deinem Befehle trotzend, mein Herrscher, hab' ich die Vollmacht, welche Du mir einst gegeben, benutzt, um dem Henker aufzutragen, den Enkel des Amasis als ersten von allen Gefangenen hinzurichten. Jener Hörnerton, den ihr vernommen haben werdet, gab Kunde von dem Tode des letzten am Nil geborenen Thronerben von Aegypten. Ich kenne mein Geschick, Kambyses, und bitte nicht um ein Leben, dessen Ziel erreicht ist. Auch Deinen vorwurfsvollen Blick, o Krösus, verstehe ich. Du beklagst die gemordeten Kinder; das Leben ist aber ein solches Gewebe von Jammer und Enttäuschungen, daß ich mit Deinem Warner Solon Denjenigen für den Glücklichsten halte, dem die Götter, wie einst dem Kleobis und Biton (Anm. 120) Krösus hatte dem Solon seine Schätze gezeigt und ihn dann, in der Hoffnung, seinen eigenen Namen zu vernehmen, gefragt, wen er für den Glücklichsten halte. Der Weise nannte zuerst den Tellus, einen ruhmreichen Bürger von Athen, – dann die Brüder Kleobis und Biton. Diese schönen Jünglinge, welche auch den Preis im Ringspiele davongetragen hatten, zogen ihre Mutter, als die Zugthiere nicht zur rechten Zeit vom Felde kamen, im Angesichte des ganzen Volkes in den weit entfernten Tempel. Die Männer von Argos priesen die Stärke der Söhne, die Frauen ihre Mutter, der solche Kinder zu Theil geworden waren. Die Mutter nun, entzückt über die That und das Lob ihrer Söhne, stellte sich vor das Bild der Göttin und betete, sie möchte ihnen das Beste geben, was einem Menschen werden könnte. Nach diesem Gebet und dem Opfer schliefen die Jünglinge ein und erwachten nicht wieder, denn sie waren gestorben. Herodot I. 31. Cicero, Tuscul. I. 47. , einen frühen Tod bescheren. Gestatte mir, wenn ich Dir jemals werth war, wenn mein Rath Dir je zum Heile gereicht, o Kambyses, als letzte Gnade, nur noch wenige Worte reden zu dürfen. Du, Psamtik, weißt, was uns entzweite. Ihr, an deren Achtung mir gelegen ist, sollt es jetzt Alle erfahren. Ich bin von dem Vater dieses Mannes an seiner Stelle zum Befehlshaber der gegen Cypern gesandten Gruppen ernannt worden und errang große Erfolge, wo er Demütigungen erntete; ich wurde ohne meinen Willen zum Mitwisser eines, seine Ansprüche auf den Thron gefährdenden Geheimnisses; ich verhinderte ihn endlich, eine tugendhafte Jungfrau aus dem Hause ihrer Ahne, einer allen Hellenen ehrwürdigen Greisin, zu rauben. – Das ist es, was er mir nicht verzeihen konnte, was ihn bewog, mich, als ich die Dienste seines Vaters verlassen mußte, zum Kampf auf Tod und Leben herauszufordern. Jetzt ist der Streit entschieden. Du hast meine unschuldigen Kinder morden und mich selbst, gleich einem schädlichen Thiere, hetzen lassen; das ist Deine ganze Rache! Ich habe Dich Deines Thrones beraubt und Dich und Dein Volk zu Knechten gemacht. Ich habe Deine Tochter meine Sklavin genannt, habe Deinen Sohn verbluten lassen und mit angesehen,. wie dieselbe Jungfrau, welche Du verfolgtest, zur glücklichen Gattin eines Helden wurde. Du, Gestürzter, Sinkender, sahest mich zum Reichsten und Mächtigsten meiner Landsleute werden; Du, Unglücklicher, mußtest mich – und das war meine schönste Rache – vor unbezwinglicher Rührung über Dein entsetzliches Schicksal weinen sehen! Wer so, wie ich, das tiefste Elend seines Feindes nur um einen Athemzug überleben darf, den preise ich glücklich gleich den seligen Göttern. Jetzt habe ich nichts mehr zu sagen!« – Phanes schwieg, die Hand auf seine Wunde pressend. Kambyses schaute ihn staunend an, trat einen Schritt vorwärts und wollte eben den Gürtel des Atheners berühren, eine Handbewegung, welche der Unterzeichnung eines Todesurtheils gleichgekommen wäre (Anm. 121) Der letzte Darius bezeichnete in derselben Weise seinen trefflichen griechischen Feldherrn Memnon, dessen Freimüthigkeit ihn verletzt hatte, als dem Tode verfallen. Derselbe rief, als man ihn abführte, auf den heranrückenden Alexander deutend: »Meinen Werth wird Deine Reue bezeugen: mein Rächer ist nicht fern!« Droysen, Alex. d. Große S. 148. Diod. VII. 30. Curtius III. 2. , als seine Blicke auf die Ehrenkette fielen, welche er ihm zum Lohn für die Klugheit, mit der er die Unschuld der Nitetis bewiesen, um den Hals gehängt hatte. Die Erinnerung an das Weib seiner Liebe und den Dank, welchen er dem seltenen Manne für zahllose Dienste schuldete, besänftigte seinen Groll und ließ seine zum Zeichen des Todes erhobene Hand sinken. Während einer Minute stand der strenge Herrscher dem ungehorsamen Freunde zaudernd gegenüber, dann erhob er abermals, einer schnellen Eingebung folgend, seine Rechte und wies mit derselben gebieterisch auf den Ausgang des Hofes hin. Phanes verneigte sich schweigend, küßte das Gewand des Königs und stieg gemessenen Schrittes in den Hof hinab. Psamtik schaute ihm bebend nach und sprang an die Brüstung des Altans, sank aber, eh' er seine Lippen zu einem Fluche öffnen konnte, kraftlos zusammen. Kambyses winkte seinem Gefolge und befahl dem Jägermeister, Vorbereitungen zu einer Löwenjagd in den libyschen Bergen zu treffen. Siebentes Kapitel. Der Nil begann wiederum zu steigen. Zwei Monate, in denen sich Manches zugetragen hatte, waren seit der Flucht des Phanes vergangen. Sappho war an demselben Tage, an welchem der Athener Aegypten verließ, eines Mägdleins genesen und hatte sich unter der Pflege ihrer Großmutter soweit erholt, daß sie an einer Nilfahrt, welche auf Vorschlag des Krösus am Feste der Neith unternommen wurde, theilnehmen konnte. Das junge Ehepaar wohnte nicht mehr zu Memphis, denn Bartja hatte, um dem seit der Flucht des Phanes unerträglichen Benehmen seines Bruders zu entgehen, mit Erlaubniß desselben das Königsschloß von Sais bezogen. Auch Rhodopis, in deren Hause der Lyder mit seinem Sohne, Bartja, Darius und Zopyrus keine seltenen Gäste waren, schloß sich den Lustreisenden an. Am Morgen des Neithfestes bestieg man acht Meilen unterhalb Memphis eine köstlich geschmückte Barke und fuhr, von einem günstigen Nordwinde und zahlreichen Ruderern getrieben, den Strom hinauf. Unter dem theils vergoldeten, theils mit bunten Farben bemalten hölzernen Schirmdache Siehe I. Theil Anmerkung 101 . , welches sich inmitten des Verdeckes erhob, verweilten die Fahrgäste, gesichert vor den brennenden Strahlen der Sonne. Krösus saß an der Seite der Greisin, zu deren Füßen der Milesier Theopompus ruhte. Sappho lehnte sich an Bartja; Syloson, der Bruder des Polykrates, lag neben dem tiefsinnig in den Strom schauenden Darius, während Gyges und Zopyrus die Blumen, welche ihnen ein ägyptischer Sklave überreichte, zu Kränzen für die Stirn der beiden Frauen zusammenflochten. »Man sollte nicht glauben,« sagte Bartja, »daß wir gegen den Strom fahren. Der Nachen fliegt wie eine Schwalbe über das Wasser!« »Das macht der kräftige Nordwind, der unsere Stirnen kühlt,« entgegnete Theopompus. »Auch verstehen die ägyptischen Ruderknechte ihr Handwerk ganz vorzüglich.« »Und arbeiten doppelt fleißig,« fügte Krösus hinzu, »weil es gegen den Strom geht! Nur wo wir Widerstand finden, pflegen wir unsere Kräfte einzusetzen.« »Und wir schaffen uns selbst Schwierigkeiten,« sagte Rhodopis, »wenn das Geschick unsern Lebenskahn auf glatte Fluthen setzt.« »So ist es!« rief Darius; »der Edle haßt das bequeme Schwimmen mit dem Strome. In thatenloser Ruhe sind alle Menschen gleich; darum bedürfen wir des Kampfes, um zeigen zu können, daß wir besser sind als die Andern!« »Aber die edlen Kämpfer sollen sich hüten, Händel zu beginnen,« fügte Rhodopis hinzu. »Siehst Du dort die Wassermelonen, welche auf dem schwarzen Lande gleich goldenen Kugeln umhergestreut liegen? Würde der Landmann den Samen allzu freigebig versenkt haben, so wäre keine von ihnen gereift! Ueppige Ranken und Blätter hätten die Früchte erstickt und die Ernte vereitelt. Kampf und Arbeit ist der Beruf des Menschen; aber auch hierin muß er, wie in allen Dingen, Maß zu halten verstehen, wenn sein Streben einen gedeihlichen Fortgang haben soll. Die rechten Grenzen nirgend zu überschreiten, das ist die wahre Kunst des Weisen.« »Könnte Dich doch der König hören!« rief Krösus. »Statt mit seiner großen Eroberung zufrieden zu sein und nun auf die Wohlfahrt seiner Unterthanen zu sinnen, schweifen seine Wünsche in die Ferne. Die ganze Welt möchte er bezwingen, während er sich selbst seit der Verbannung des Phanes fast alle Tage von dem Diw der Trunkenheit zu Boden werfen läßt.« »Hat denn seine erhabene Mutter gar keine Macht über ihn?« fragte Rhodopis. »Sie konnte ihn nicht einmal von dem Vorsatze, Atossa zu heirathen, abbringen und hat dem Hochzeitsschmause in eigener Person beiwohnen müssen!« »Die arme Atossa!« murmelte Sappho. »Sie verlebt als Königin von Persien keine goldenen Tage,« sagte Krösus, »und wird mit ihrem brüderlichen Gatten um so schwerer in Zufriedenheit leben können, von je heftigerer Gemüthsart sie selber ist. – Kambyses soll sie leider sehr vernachlässigen und ihr wie einem Kinde begegnen. Uebrigens erscheint diese Heirath den Aegyptern gar nicht außergewöhnlich, denn bei ihnen werden Bruder und Schwester nicht selten Mann und Weib (Anm. 122) Zahlreiche Denkmaler bestätigen, daß die Aegypter nicht selten ihre Schwestern oder die Wittwen ihrer verstorbenen Brüder heiratheten. Diod. I. 27. Cod. Justin. V. tit. V. leg. VIII. Ebenso die Griechen. Cornel. Nep. I. v. Cim. I. Die Geschichte des ptolemäischen Königshauses mit seinen »Philadelphen« ist voll von Beispielen für Geschwisterehen in Aegypten. .« »Und auch in Persien,« fügte Darius, vollkommene Ruhe erheuchelnd, hinzu, »hält man Verbindungen mit Blutsverwandten für die besten Ehen Siehe III. Theil Anmerkung 98 . .« »Um aber auf den König zurückzukommen,« sagte Krösus, der mit Rücksicht auf den Sohn des Hystaspes dieses Gespräch geflissentlich abbrach, »so versichere ich Dich, Rhodopis, daß er ein edler Mensch genannt werden darf. Seinen in Leidenschaft und Jähzorn begangenen Fehlern folgt die Reue auf dem Fuße, und niemals hat ihn der Vorsatz, ein guter und gerechter Herrscher zu sein, verlassen. Neulich fragte er zum Beispiel beim Schmause, ehe noch der Wein seinen Geist getrübt hatte, was die Perser von ihm, im Vergleiche mit seinem Vater, hielten.« »Und was war die Antwort?« fragte Rhodopis. »Intaphernes zog uns geschickt genug aus der Schlinge,« lachte Zopyrus, »denn er rief dem Könige zu: ›Wir denken, daß Du den Vorzug verdienst, weil Du das Gebiet des Cyrus nicht nur ohne Schmälerung besitzest, sondern auch unser Reich über das Meer hinaus durch die Eroberung von Aegypten vergrößert hast!‹ Diese Antwort behagte jedoch dem Könige nicht, denn er schlug mit der Faust auf den Tisch und rief: ›Schmeichler, elende Schmeichler!‹ Intaphernes erschrak nicht wenig über diesen unerwarteten Angriff; der König aber wandte sich an Krösus und befragte diesen um seine Meinung. ›Mir scheint es,‹ antwortete unser kluger Freund, ›als hättest Du den Werth Deines Vaters noch nicht erreicht; fehlt Dir doch,‹ fügte er begütigend hinzu, ›ein Sohn, wie ihn der Verstorbene in Dir hinterließ (Anm. 123) Herod. III. 34. .‹« »Schön, schön,« rief die Greisin dem Freunde lächelnd zu, indem sie in die Hände klatschte, »diese Worte hätten dem vielgewandten Odysseus Ehre gemacht! Aber wie nahm der König diese mit süßem Honig bestrichene Pille der Wahrheit auf?« »Mit großem Beifall. Er dankte dem Krösus und nannte ihn seinen Freund.« »Ich aber,« fuhr der Greis, das Wort ergreifend, fort, »benutzte die Gelegenheit, um ihn von seinem Vorhaben, die lange lebenden Aethiopen, Ammonier und Karthager zu bekriegen, abzubringen. Von ersterem Volke weiß man nur märchenhafte Dinge und wird, wenn man es bekriegt, mit großen Opfern einen kleinen Gewinn erkaufen. Die Oase des Ammon ist wegen der Wüste, welche sie von Aegypten trennt, für ein größeres Heer kaum zugänglich, und es scheint mir sündhaft, gegen einen Gott und die Schätze eines solchen, möge man auch nicht zu seinen Anbetern gehören, einen Krieg zu beginnen. Was endlich die Karthager betrifft, so hat der Erfolg bereits die Wahrheit meiner Voraussagung bestätigt. Die Matrosen unserer Flotte sind fast ohne Ausnahme Syrer und Phönizier und weigerten sich natürlich, gegen ihre Brüder zu Felde zu ziehen. Kambyses verlachte meine Gründe, nannte mich einen Feigling und schwur endlich, als ihn der Wein übermannt hatte, daß er auch ohne Phanes und Bartja im Stande sein würde, schwierige Unternehmungen durchzuführen und große Völker zu unterjochen.« »Was bedeutet diese Anspielung auf Dich, mein Sohn?« fragte die Greisin. »Er hat die Schlacht von Pelusium gewonnen, kein Anderer!« rief Zopyrus, dem Freunde das Wort schneidend. »Du aber,« sagte Krösus, »hättest sammt Deinen Freunden vorsichtiger sein und bedenken sollen, daß es gefährlich ist, die Eifersucht eines Mannes wie Kambyses zu erwecken. Ihr vergeßt immer, daß sein Herz wund ist und den kleinsten Verdruß gleich einem Schmerz empfindet. Die Schickung hat ihm das Weib seiner Liebe und den Freund, der ihm theuer war, entrissen; jetzt legt ihr es darauf an, ihm auch noch das Letzte, was ihm am Herzen liegt, seinen Kriegsruhm, zu schmälern.« »Tadle ihn nicht,« rief Bartja, die Hand des Greises ergreifend. »Mein Bruder ist niemals ungerecht gewesen und weit entfernt, mir mein Glück – denn Verdienst kann ich meinen rechtzeitigen Angriff kaum nennen – zu beneiden. Ihr wißt ja, daß er mir nach der Schlacht diesen herrlichen Säbel, hundert edle Rosse und eine goldene Handmühle Siehe III. Theil Anmerkung 187 . als Belohnung für meine Tapferkeit schenkte!« In Sappho's Seele war bei der Rede des Krösus eine leise Besorgniß aufgestiegen, die aber nach den zuversichtlichen Worten ihres Gatten schnell verschwand und ganz vergessen wurde, als Zopyrus seinen Kranz vollendet hatte und ihn auf die Stirn der Greisin drückte. Gyges bot den seinen der jungen Mutter dar, die das Geflecht von schneeweißen Wasserlilien auf ihre vollen braunen Locken drückte und in diesem schlichten Schmucke so wunderbar schön aussah, daß sich Bartja nicht enthalten konnte, trotz der anwesenden Zeugen, einen Kuß auf ihre Stirn zu drücken. Dieser Zwischenfall gab dem ernsten Gespräch eine heitere Wendung. Jeder bemühte sich, seinen Theil zur Belebung des Frohsinns beizutragen; ja, selbst Darius ließ von seinem gewöhnlichen Ernste, um mit den Freunden, denen jetzt allerlei Speisen und Getränke aufgetragen wurden, zu lachen und zu scherzen. Als die Sonne hinter dem Mokattam-Gebirge verschwunden war, setzten die Sklaven kostbar geschnitzte Stühle, Fußbänke und Tischchen auf das offene Verdeck, welches die muntere Gesellschaft nunmehr betrat. Ein wunderbar schöner, alle Erwartungen übertreffender Anblick bot sich den überraschten Augen dar. Das Fest der Neith, welches die Aegypter Lampen brennen nannten und das durch eine große Illumination aller Häuser des Landes gefeiert zu werden pflegte, hatte mit dem Aufgange des Mondes begonnen (Anm. 124) Von diesem »Lampenbrennen« der λυχνοκαΐα zu Ehren der Neith (Pallas Athene) erzählt Herodot II. 62. Bemerkenswerth erscheint, daß in Homer Pallas Athene mit einer Oellampe in der Hand vorkommt. Homer Odyss. XIX. 34. Strabo 396 erwähnt eine ewige Lampe, die zu Ehren der Athene Polias in ihrem alten Tempel auf der Akropolis unterhalten wurde. . Die Ufer des Riesenstromes glichen unabsehbar langen Feuerstreifen. Jeder Tempel, jedes Haus, jede Hütte war, je nach dem Wohlstande des Besitzers, mit Lampen geschmückt. An den Portalen der Landhäuser, sowie auf den Thürmchen der größeren Gebäude brannten in Pechpfannen helle Feuer und schickten dichten Rauch empor, der sich mit den Fahnen und Wimpeln in der Luft wiegte. Die vom Mondscheine versilberten Palmen- und Sykomorenbäume spiegelten sich, seltsame Gestalten annehmend, in den vom Abglanze der Flammen gerötheten Wellen, welche das Ufer bespülten. Aber all' das Licht genügte nicht, um auch die Mitte des Riesenstromes, in der sich die Barke der Luftfahrer hielt, zu erhellen. Es war ihnen, als führen sie, von zwei lenchtenden Tagen umgeben, in finsterer Nacht dahin. Dann und wann zeigten sich Barken, die, mit Lampen erleuchtet, wie feurige Schwäne über das Wasser flogen und, wenn sie sich an den Ufern hielten, das Ansehen hatten, als ob sie einen glühenden Eisenguß durchschnitten. Schneeweiße Lotusblumen wiegten sich auf den Wellen und erschienen den Lustfahrern wie die Augen des Wassers. Kein Laut erreichte von den Ufern her das Ohr der Lauschenden. Die Kraft des vom Nordwinde entführten Schalles war zu gering, um die Mitte des Stromes zu erreichen. Nur der Ruderschlag und der einförmige Gesang der Matrosen unterbrach die tiefe Stille der ihres Dunkels beraubten Nacht. Lange Zeit schauten die Freunde schweigend auf das seltsame Schauspiel, welches an ihnen vorüberzugleiten schien. Endlich unterbrach Zopyrus die Stille, indem er hoch aufathmend ausrief »Wie beneide ich Dich, Bartja! Wenn es mit rechten Dingen zuginge, so müßte Jeder von uns in dieser Stunde sein geliebtestes Weib an seiner Seite haben!« »Wer hat Dir verboten, eine von Deinen Frauen mitzunehmen?« antwortete der glückliche Gatte. »Meine fünf anderen Lebensgefährtinnen,« seufzte der Jüngling. »Hätt' ich Parysatis, des Oroetes Töchterlein, meinen jüngsten Liebling, allein mit mir zu kommen gestattet, so würde dieser reizende Anblick mein letzter gewesen sein, denn morgen hätte es ein Paar Augen weniger auf der Welt gegeben!« Bartja nahm Sappho's Rechte fest in die seine und sagte: »Ich glaube beinah, daß ich mich Zeitlebens mit einem Weibe begnügen werde!« Die junge Mutter erwiederte den Druck der geliebten Hand und sprach, sich an Zopyrus wendend: »Ich traue Dir nicht, Freund, denn es scheint mir, als fürchtetest Du weniger den Zorn Deiner Gattinnen, als einen Verstoß gegen die Sitten Deiner Heimath zu begehen. Man hat mir schon erzählt, daß man in den Frauengemächern meinen armen Bartja schilt, weil er mich nicht von Eunuchen bewachen läßt und mir gestattet, seine Freuden zu theilen.« »Er verwöhnt Dich auch schrecklich,« gab Zopyrus zurück, »und unsere Weiber berufen sich schon, wenn wir sie ein wenig kurz halten, auf seine Güte und Nachsicht. In den nächsten Tagen wird an der Pforte des Königs eine Empörung der Frauen losbrechen, und die Achämeniden, welche scharfen Schwertern und Pfeilen entkamen, werden von spitzen Zungen erstochen und von salzigen Thränenfluthen ertränkt werden.« »O Du unhöflicher Perser,« lachte Syloson, »wir müssen Dir größere Ehrfurcht vor den Ebenbildern Aphrodite's beibringen.« »Ihr Hellenen etwa?« fragte der Jüngling. »Beim Mithra, unsere Frauen haben es eben so gut als die euren. Nur die Aegypterinnen leben unglaublich frei!« »So ist es!« sagte Rhodopis. »Die Einwohner dieses seltenen Landes gewähren seit Jahrtausenden meinem schwachen Geschlechte dasselbe Recht, welches sie für sich selbst beanspruchen. In mancher Beziehung haben sie uns sogar den Vorzug gegeben. Gebietet doch z. B. das ägyptische Gesetz nicht den Söhnen, sondern den Töchtern, die greisen Eltern zu ernähren und zu pflegen. Diese Vorschrift zeigt, wie fein die weisen Väter eines jetzt gedemüthigten Volkes die Natur des Weibes zu beurtheilen verstanden, wie richtig sie erkannt hatten, daß wir euch Männer an umsichtiger Sorge, aufmerksamer Pflege und hingebender Liebe um Vieles übertreffen! – Spottet nicht dieser Thieranbeter, welche ich nicht verstehe und dennoch schon darum tief bewundere, weil mich Pythagoras, der Meister alles Wissens, versichert hat, die in den Lehren der Priester verborgene Weisheit sei so ungeheuer wie die Pyramiden.« »Und euer großer Lehrer hat Recht!« rief Darius. »Ihr wißt; daß ich seit mehreren Wochen täglich mit Neithotep, dem Oberpriester der Neith, den ich aus seiner Gefangenschaft befreien ließ, sowie mit dem alten Onuphis verkehre, oder besser mich von ihnen unterrichten lasse. Wie viel Neues, nie Geahntes hab' ich von den Greisen erlernt! Wie viel Trauriges vergess' ich, wenn ich ihren Lehren lausche! Die ganze Geschichte des Himmels und der Erde ist ihnen bewußt. Sie kennen den Namen jedes Königs, den Hergang jedes bedeutsamen Ereignisses seit viertausend Jahren; sie haben Kunde vom Lauf aller Sterne und den Leistungen aller Künstler und Weisen ihres Volkes seit eben so langer Zeit, denn alles Dies steht aufgezeichnet in großen Büchern, welche zu Theben Siehe III. Theil Anmerkung 17 . in einem Palaste, den sie ›Heilanstalt der Seele‹ nennen, aufbewahrt werden. Ihre Gesetze sind ein reiner Quell der Weisheit, und die Einrichtungen ihres Staates den Bedürfnissen des Landes mit hohem Geiste angepaßt. Ich wollte, daß wir uns der gleichen Ordnung, der gleichen Regelmäßigkeit in unserer Heimath rühmen könnten! Der Grund ihres Wissens beruht in dem Gebrauche der Zahlen, mit deren Hülfe es allein möglich ist, die Sternenbahnen zu berechnen, das Bestehende genau zu bestimmen und zu begrenzen, ja sogar, durch Verlängerung und Verkürzung der Saiten, die Töne zu regeln (Anm. 125) Zeller, Geschichte d. Philosophie d. Griechen I. S. 292. Wir nehmen mit Jamblichus an, daß diese pythagoreischen Ansichten den ägyptischen Mysterien entlehnt sind. . Die Zahl ist das einzige Gewisse, jeder Willkür, jeder Deutung Spottende. Jedes Volk hat seine eigene Ansicht vom Rechten und Unrechten, jedes Gesetz kann durch Verhältnisse unbrauchbar werden; diejenigen Erfahrungen aber, deren Grundlagen die Zahlen bilden, bleiben ewig unumstößlich. Wer kann bestreiten, daß zweimal zwei vier ausmacht? Die Zahlen bestimmen fest und sicher den Inhalt alles Seienden, jedes Seiende ist gleich seinem Inhalte, darum sind die Zahlen das wahre Sein, das Wesen aller Dinge!« »In Mithra's Namen, Darius, höre auf, wenn Du nicht willst, daß ich schwindelig werde!« rief Zopyrus, den Freund unterbrechend. »Wenn man Dich so reden hört, sollte man denken, Du habest Dein Leben lang mit diesen ägyptischen Spintisirern verkehrt und niemals ein Schwert in der Hand gehabt! Was gehen uns die Zahlen an?« »Mehr als Du glaubst,« sagte Rhodopis. »Auch Pythagoras hat diese Lehren, welche zu dem Geheimwissen der ägyptischen Priester gehören, demselben Onuphis zu danken, der Dich, Darius, jetzt in die Mysterien einweiht. Besuche mich bald einmal und laß Dir berichten, wie wunderbar schön der große Samier die Gesetze der Zahlen mit denen der Harmonieen in Einklang gebracht hat (Anm. 126) Aristoteles, Metaphys. . l. 5. . – Aber seht nur, seht, da zeigen sich die Pyramiden!« Die Lustfahrer erhoben sich von ihren Sitzen und schauten sprachlos auf das gewaltige Schauspiel, welches sich ihnen darbot. Massig und ehrfurchtgebietend, den Boden mit ihrer Wucht erdrückend, lagen am linken Ufer des Stromes, versilbert vom Scheine des Mondes, die uralten Riesengräber gewaltiger Herrscher, beweisend die Schöpferkraft des Menschenwillens, mahnend an die Eitelkeit irdischer Größe. – Wo war jener Chufu, der einen Berg von Steinen mit dem Schweiße seiner Unterthanen zusammengekittet hatte, wo jener langlebige Chafra, der die Götter verachtet und, trotzend auf seine eigene stolze Kraft, die Pforten der Tempel verschlossen haben sollte, um sich und seinen Namen durch ein übermenschliches Grabmal unsterblich zu machen (Anm. 127) Herodot erzählt in gutem Glauben nach, daß die Erbauer der großen Pyramiden Götterverächter gewesen wären. Die Gräber ihrer Getreuen am Fuße der Riesenbauten (mustergültig behandelt von E. de Rougé, Recherches sur les monuments qu'on peut attribuer aux VI premières dynasties etc. ) beweisen aber, daß ihr übler Leumund seine Entstehung nur dem Hasse des Volkes verdankte, welches die Zeit der härtesten Frohnarbeiten nicht vergessen konnte und das Andenken seiner Bedrücker, wo es anging, brandmarkte. Statt »des Volkes« könnten wir »die Sage« schreiben, denn sie ist es, die die Stimmung der Menge in die Form der Geschichte gießt. ? Ihre leeren Sarkophage zeigen vielleicht an, daß sie von den Todtenrichtern unwerth der Grabesruhe, unwerth der Auferstehung erfunden worden sind, während der Bauherr der dritten, schönsten Pyramide, Menkera, der sich mit einem kleineren Grabmale begnügte und die Thore der Tempel wieder aufthat, ungestört ruhen durfte in seinem Sarge von blauem Basalt (Anm. 128) Bunsen, Aegyptens Stelle in der Weltgeschichte II. 169 fgd. Taf. XVII., auch bei Vyse, pyramids of Gizeh II. Der Sarkophag gieng leider mit dem Schiffe, das ihn nach Europa bringen sollte, an der spanischen Küste unter. Der arabische Geograph Idrisi (1240) erzählt, daß die Pyramide geöffnet worden sei, und man in dem Sarkophag eine Mumie und mit unbekannten Schriftzügen bedeckte Goldbleche gefunden habe. Die von Lepsius hergestellte Inschrift und künstlerische Darstellungen aller Theile der Todtenstadt von Memphis bei Ebers, Aegypten in Bild und Wort I. S. 33 fgd. . Da lagen die Pyramiden in schweigender Nacht, beglänzt von den Sternen, behütet von dem Wächter der Wüste, der riesigen Sphinx, überragend die öden Felsen der libyschen Steinhügel. Zu ihren Füßen schlummerten in köstlich geschmückten Gräbern die Mumien der Getreuen ihrer Erbauer, und gegenüber dem hohen Denkmale des frommen Menkera erhob sich ein Tempel, in welchem die Priester des Osiris für die Seelen der zahllosen in der Todtenstadt von Memphis beigesetzten Verstorbenen Gebete sprachen. Im Westen, dort wo die Sonne hinter den libyschen Bergen unterging, wo das Fruchtland aufhörte und die Wüste begann, hatten die Memphiten ihre Gräber erbaut, – nach Westen schauten die Lustfahrer und verharrten, von frommem Schauder und ehrfurchtsvollem Staunen erfüllt, in tiefem Schweigen. Als der Nordwind den fliegenden Kahn an der Stätte des Todes und jenen ungeheuren Dämmen Siehe I. Theil Anmerkung 141 . , welche die Menes-Stadt vor den überströmenden Fluthen sicherten, vorbeigetrieben hatte, als die Residenz der alten Pharaonen immer näher kam und sich endlich Milliarden Lichter, welche zu Ehren der Neith überall und überall angezündet waren, den Nilfahrern zeigten, wich der Bann von ihren Zungen, und laute Worte der Bewunderung ließen sich hören, als sie dem Riesentempel des Ptah Siehe I. Theil Anmerkung 56 . , dem ältesten Bauwerke des ältesten Landes, nahten. Tausende von Lampen erhellten das Haus des Gottes, hundert Feuer brannten auf den Pylonen, den Zinnen der Mauern und den Dächern des Heiligthums. Zwischen den Sphinxreihen, welche die verschiedenen Thore mit dem Hauptgebäude verbanden, glühten leuchtende Fackeln, und das leere Haus des heiligen Stieres Apis (Anm. 129) Ueber die Abzeichen des Apis (ägyptisch Hapi ) etwas weiter unten im Text; ebenso über das Fest der Auffindung desselben. Wenn der heilige Stier starb, so wurde er tief betrauert und mit fabelhaftem Prunk bestattet. Als unter Ptolemäus Lagi der Apis an Altersschwäche fiel, verwendete dessen Hüter zu seinem Begräbnisse nicht nur den ganzen vorhandenen Geldvorrath, sondern borgte noch dazu von dem Könige 50 Silbertalente, das sind 45,000 Rthlr. Einige Vorsteher des Apistempels sollen für das Begräbniß des Thiers 100 Talente, 150,000 Rthlr., ausgegeben haben. Diod. I. 84. Ein ganzer Stall von Kühen soll ihm gehalten worden sein. Aelian XI. 10. Die Aegypter schrieben ihm die Kraft der Weissagung zu (Plin. VIII. 71) und scheinen mit ihm eine Zeitperiode von 25 Jahren symbolisirt zu haben. Diese Ansicht ist durch die Ausgrabungen im Serapeum und den Apisgräbern durch Mariette und die Entzifferung der Inschriften auf den sogenannten Apisstelen bestätigt worden. Ersterer fand eine steinerne, mit schönen Inschriften bedeckte Statue des Stieres, welche nach Paris gebracht wurde, und eine Menge von kolossalen Apissärgen. A. Mariette, Le Sérapéum de Memphis . Die Daten auf den Apisstelen sind für die Chronologie der späteren ägyptischen Geschichte von höchster Wichtigkeit. Durch dieselben lassen sich namentlich die Zeiten der Könige aus der 26. Dynastie genau bestimmen. Als interessant verweisen wir auch auf Mariette's Studie la mère d'Apis . Er soll nach mehreren Alten, wie der Mnevisstier von Heliopolis der Sonne, dem Monde geweiht und von einem Mondenstrahle gezeugt worden sein. Pomp. Mela. I. 9. 7 . Ueber die Bedeutung des Apis in der ägyptischen Religion zu handeln, ist hier nicht der Platz. Vieles bei Mariette und Reinisch, Die ägyptischen Denkm. in Miramar S. 178 fgd. strahlte, von bunten Flammen umwallt, wie ein vom tropischen Abendroth beglänzter Kreidefelsen. Ueber diesem leuchtenden Bilde flatterten Wimpel, wallten Fahnen, schlangen sich Blumengewinde, tönte Musik und lauter Gesang. »Herrlich, herrlich!« rief Rhodopis, begeistert von diesem wunderbaren Schauspiele. »Seht nur, wie die buntbemalten Säulen und Wände strahlen, und welche Figuren die Schatten der Obelisken und Sphinxe auf das gelbe, glatte Pflaster der Höfe zeichnen!« »Und wie geheimnißvoll,« fügte Krösus hinzu, »dunkelt dort drüben der heilige Hain des Gottes! Niemals sah ich ein gleiches Schauspiel!« »Ich aber,« versicherte Darius, »habe noch Wunderbareres erschaut. Ihr werdet mir glauben, wenn ich euch sage, daß ich Zeuge einer Mysterienfeier der Neith gewesen bin!« »Erzähle – erzähle!« riefen die Freunde. »Neithotep weigerte sich erst, mir Einlaß zu gewähren; als ich ihm aber versprach, mich versteckt zu halten und außerdem die Freiheit seines Kindes zu erwirken, führte er mich auf seine Sternwarte, die einen weiten Rundblick gewährt, und theilte mir mit, daß ich einer Darstellung der Schicksale des Osiris und seiner Gattin Isis beiwohnen werde (Anm. 130) Solche im Haine der Neith aufgeführte Schauspiele scheinen zum äußeren Apparate der Mysterien gehört zu haben. Die Bühne derselben war der heute noch fluthende See Sa-el-Hagar , bei dem sich, wie Herod. II. 170 andeutet, ein Grab des Osiris befand. 171 sagt der Halikarnassier: »Diese Schauspiele stellten die Schicksale des oben Genannten dar und hießen Mysterien.« S. Anmerk. 132 . . »Kaum hatte er mich verlassen, als seltsame, bunte Lichter den Hain so hell erleuchteten, daß ich bis in seinen innersten Schooß zu sehen vermochte. »Vor mir lag ein spiegelblanker, von schönen Bäumen und bunten Blumenbeeten umgebener See Siehe I. Theil Anmerkung 150 und 7 . , auf dessen Fläche goldene Boote schwammen, in denen liebliche, schneeweiß gekleidete Knaben und Mädchen, süße Lieder singend, fuhren. Kein Schiffer lenkte die Nachen, und dennoch durchkreuzten sie in zierlichen Wendungen, wie von Zauberhand geleitet, die glatten Wogen. Inmitten dieser Kähne schwamm ein herrliches, großes Schiff, dessen Bord von Edelsteinen erglänzte. Ein schöner Knabe schien sein einziger Leiter zu sein; aber wunderbar, das Steuer, welches er regierte, bestand nur aus einer weißen Lotusblume, deren zarte Blätter die Fluthen kaum berührten. In der Mitte des Fahrzeuges ruhte auf seidenen Kissen ein wunderholdes, mit königlicher Pracht gekleidetes Weib. An ihrer Seite saß ein übermenschlich großer Mann, der eine mit Epheu umrankte hohe Krone auf den wallenden Locken, ein Pantherfell über den Schultern und einen gekrümmten Stab in der Rechten führte. Im Hintertheile des Schiffes stand, unter einem von Rosen, Epheu und Lotusblumen gebildeten Dach, eine schneeweiße Kuh (Anm. 131) Der Epheu war die Pflanze des Osiris, die Kuh das heilige Thier der Isis. Diod. I. 17. Plutarch, Isis und Osiris 37. Herod. II. 41. Isis wird auf den Denkmälern fast immer mit dem Kuhkopfe dargestellt, auch heißt sie tausendmal »die Kuh« ( ehe ), ein Name, der Manche veranlaßt hat, sie mit der Io zusammenzubringen. mit goldenen Hörnern, über deren Rücken sich eine purpurne Decke breitete. Der Mann war Osiris, das Weib Isis, der Knabe am Steuer Horus, der Sohn des Götterpaares, die Kuh das heilige Thier der unsterblichen Frau. All' die kleinen Boote fuhren an dem großen Schiffe vorüber, und Jubellieder erklangen, sobald sich die Nachen den Himmlischen näherten, welche Blumen und Früchte auf die holden Sänger und Sängerinnen warfen. Plötzlich ließ sich ein Donner vernehmen, dessen Grollen immer lauter erschallte und zu herzerschreckendem Krachen wurde, als ein furchtbar anzuschauender, mit dem Fell eines Ebers bekleideter Mann, dessen rothes Haar in struppigem Gewirr ein scheußliches Angesicht umgab, aus der Nacht des Haines hervortrat und sich, in den See springend, von siebzig ihm ähnlichen Männern begleitet, dem Schiffe des Osiris näherte (Anm. 132) Dieses ganze Schauspiel schildern wir nach der Osiris-Mythe, wie sie sich bei Plutarch, Isis und Osiris 13–19, Diod. I. 21 und 22 findet und von den Denkmälern tausendmal erwähnt wird. Den ganzen Kampf mit all' seinen Stationen führt uns eine von Naville edirte Inschrift zu Edfu vor. . »Windesschnell enteilten die kleinen Nachen und die Lotusblume entfiel der zitternden Hand des steuerführenden Knaben. Das scheußliche Ungethüm stürzte sich, schnell wie der Gedanke, auf Osiris, erschlug ihn mit Hülfe seiner Genossen, warf den Leichnam in einen Mumienkasten (Anm. 133) Hier weichen wir etwas von der Erzählung des Plutarch ab, in der Typhon den Osiris mit List dahin bringt, daß er sich in den Kasten legt. und diesen wiederum in den See, welcher den schwimmenden Sarg, wie durch Zauber, entführte. Indessen hatte sich Isis in einem der kleinen Boote an's Land gerettet und lief mit fliegendem Haar, laute Wehklagen ausstoßend und von den Jungfrauen, welche, gleich ihr, den Nachen entstiegen waren, begleitet, am Rande des Wassers umher. Sie alle suchten unter seltsam rührenden Tänzen und Gesängen, bei denen die Mädchen mit schwarzen Byssustüchern wunderbare Bogen schwangen und schlangen, den Leichnam des Verstorbenen. – Auch die Jünglinge blieben nicht müßig und bereiteten unter Tänzen und Klapperschlagen einen kostbaren Sarg für die verschwundene Leiche des Gottes. Als er fertig war, vereinten sie sich mit dem weiblichen Gefolge der wehklagenden Isis und schweiften mit ihr, suchend und Schmerzenslieder singend, am Rande des Wassers umher. »Da plötzlich erhob sich eine leise Stimme von unsichtbarem Munde, welche in einem immer lauter werdenden Gesange verkündete, daß die Leiche des Gottes nach Gebal Bekannter in der griechischen Form Byblos. im fernen Phönizien von der Strömung des Mittelmeers getragen worden sei. »Dieser Gesang, welchen der Sohn des Neithotep, der an meiner Seite weilte, ›den Wind des Gerüchtes‹ nannte, ergriff mir Herz und Seele. »Kaum hatte Isis die frohe Kunde vernommen, als sie ihre Trauerkleider abwarf und, begleitet von den Stimmen ihres liebreizenden Gefolges, ein helles Jubellied anstimmte. Das Gerücht hatte nicht gelogen, denn die Göttin fand in der That am nördlichen Ufer (Anm. 134) Isis findet naturgemäß die Leiche ihres Gatten im Norden. Höchst eigentümlich muß die in der Mythe, wie sie Plutarch überliefert, vorkommende Verbindung von Phönizien und Aegypten genannt werden. Wir erklären auch die nahe Verwandtschaft der Isis- und Osiris- und Adonismythe durch das Zusammenwohnen von Aegyptern und Phöniziern an der von den letzteren kolonisirten mittelländischen Deltaküste. Plutarch, Isis und Osiris ed. Parth.  15 erzählt von der Auffindung der Leiche sehr lieblich dieß: Der Sarg war von einer Erika umwachsen worden, mit der der König von Byblus sein Dach stützte. Dieß erfuhr Isis durch einen wunderbaren Hauch des Gerüchts (πνεύματι δαιμονίω φήμης) und kam nach Byblus, wo sie sich verweint und in dürftiger Gestalt an eine Quelle setzte und mit keinem Menschen sprach; nur den Mägden der Königin begegnete sie freundlich und liebreich, flocht ihnen das Haar und hauchte ihnen den wunderbaren Wohlgeruch ein, der ihr selbst eigen war. Als die Königin ihre Mägde sah, so fühlte sie ein Verlangen nach der Fremden, deren Locken und Haut einen ambrosischen Duft verbreiteten, und ließ sie holen. Bald wurde sie mit ihr vertraut und machte sie zur Amme ihres Kindleins . . . Isis nährte es, indem sie ihm statt der Brust den Finger in den Mund steckte . . . Sie selbst verwandelte sich in eine Schwalbe und umflog klagend die Säule . . . Endlich offenbart sich die Göttin, verlangt die Säule, zieht sie leicht unter dem Dache weg, schält aus der Erika den Sarg des Osiris heraus, den sie unter heißen Thränen salbt \&c. des Sees den Sarkophag und die Leiche ihres Gatten. Sobald beide unter Tanzen an's Land gebracht worden waren, warf sich Isis über die geliebte Leiche, rief Osiris beim Namen und bedeckte die Mumie des Todten mit tausend Küssen, während die Jünglinge ein wundervolles Grabgewölbe von Lotusblumen und Epheuranken für ihn zusammenflochten. »Nachdem der Sarkophag beigesetzt war, verließ Isis die Stätte der Trauer, um ihren Sohn aufzusuchen. Sie fand ihn am östlichen Ende des Sees, woselbst ich schon lange einen wunderschönen Jüngling bemerkt hatte, der sich mit zahlreichen Altersgenossen in Waffenspielen übte. Dieser stellte den nunmehr herangewachsenen Horus dar. »Während sich die Mutter mit dem schönen Kinde freute, ließ sich ein neuer Donner vernehmen, der zum Zweitenmale das Nahen des Typhon verkündete. Das Ungeheuer stürzte sich auf das blühende Grab seines Opfers, entriß ihm den Sarkophag und zerhieb die Mumie in vierzehn Stücke (Anm. 135) Nach Diod. I. 21 in 26 Stücke, welche Typhon an eben so viele seiner Genossen vertheilte. Plutarch, Isis und Osiris 18, gibt übereinstimmend mit den Denkmälern, welche sogar die einzelnen nennen, 14 Glieder an. , welche er unter Posaunen- und Donnerschall am Rande des Wassers umherstreute. »Als sich Isis dem Grabmale wiederum näherte, fand sie nichts als verwelkte Blumen und einen leeren Sarkophag; am Ufer des Sees aber flammten an vierzehn verschiedenen Stellen vierzehn Feuer in wunderbaren Farben. Die Beraubte eilte mit ihren Jungfrauen diesen Lichtern entgegen, während sich die Jünglinge mit Horus vereint hatten und, von ihm geführt, am jenseitigen Ufer des Wassers gegen Typhon kämpften. »Ich wußte nicht, wohin ich meine Augen und Ohren zuerst wenden sollte. Hier tobte unter Donnerschlägen und Trompetengeschmetter eine furchtbare Schlacht, von deren Verlauf ich die Blicke nicht losreißen mochte; dort sangen liebliche Frauenstimmen herzbestrickende Lieder zu zauberischen Tänzen, denn Isis hatte bei jedem der plötzlich entflammten Lichter eins der Glieder ihres Gatten wiedergefunden und feierte jetzt ein Freudenfest. »Hättest Du doch diese Tänze sehen dürfen, Zopyrus! Ich finde keine Worte, um die Anmuth der Bewegungen jener Mädchen zu beschreiben, und kann euch nicht anschaulich machen, wie schön es war, wenn sie in verworrenem Getümmel umherschwärmten, um plötzlich in makellos gleichmäßigen Reihen einander gegenüber zu stehen und neuen Wirrwarr mit neuer Ordnung pfeilgeschwind zu vertauschen. Dabei zuckten fortwährend blendende Lichtstrahlen aus den wirbelnden Reihen; trug doch jede Tänzerin einen Spiegel (Anm. 136) Dupuis, Origine des cultes. Diese Spiegeltänze beschreibt Th. Moore auf's Lieblichste in seinem Epicurean . Bestimmtes läßt sich über dieselben nicht sagen. zwischen den Schultern, dessen Schwingung Blitze erzeugte, dessen Stillstand das Bild der Jungfrauen verdoppelte. »Kaum hatte Isis das vorletzte Glied (Anm. 137) Das letzte Glied, den Phallus, suchte sie vergebens. Typhon (Seth) hatte ihn in den Nil geworfen. Isis verfertigte nun ein künstliches Glied und setzte den Phallusdienst, welcher uns aus Phönizien nach Aegypten gekommen zu sein scheint, ein. Diod. I. 22. Plutarch, Isis und Osiris 18. des Osiris gefunden, als auch vom jenseitigen Ufer des Sees triumphirende Fanfaren und Lieder erklangen. »Horus hatte Typhon geschlagen und drang nun, um seinen Vater zu befreien, in die offene Pforte der Unterwelt, welche sich auf der Westseite des Sees, bewacht von einem grimmigen weiblichen Nilpferde (Anm. 138) Lepsius hält das die Unterwelt bewachende Thier, welches gewöhnlich vor Osiris sitzend abgebildet wird, für ein weibliches Nilpferd. Uebrigens stellt dasselbe auch eine säugende Hündin oder Löwin dar, meist zeigt es eine Mischform, die immer etwas vom Nilpferde an sich trägt. Vielleicht verdankt der Cerberus diesem »Fresser des Amenthes« seinen Ursprung. , aufthat. »Jetzt ertönten, näher und näher kommend, liebliche Harfen- und Flötentöne, himmlischer Wohlgeruch stieg auf, ein rosiges Licht verbreitete sich, heller und heller werdend, über den Hain, und an der Hand seines siegreichen Sohnes trat Osiris aus der offenen Pforte der Unterwelt. Isis eilte in die Arme des erlösten, von den Todten erstandenen Gatten, gab dem schönen Horus von neuem, statt des Schwertes, eine Lotusblume in die Hand und streute Blüthen und Früchte aus, während sich Osiris unter einen mit Epheu umrankten Baldachin setzte und die Huldigung aller Geister der Erde und des Amenthes Unterwelt, ägyptisch amenti . eigentlich der Westen, das Reich des Todes, in den die Seele, wie die Sonne nach ihrem Untergange, nach dem Tode des Körpers einkehrte. In einer von Dümichen mitgetheilten Hieroglyphen-Inschrift aus der Ptolemäerzeit wird der Amenti geradezu Hades genannt. empfing.« Darius schwieg. Rhodopis ergriff nach ihm das Wort und sagte: »Wir danken Dir für Deine anmuthige Erzählung; würden aber doppelt erkenntlich sein, wenn Du uns den Sinn dieses seltsamen Schauspiels, welches nicht ohne höhere Bedeutung sein kann, mittheilen wolltest.« »Deine Ahnung betrügt Dich nicht,« antwortete Darius; »ich muß aber das, was ich weiß, verschweigen, denn ich habe Neithotep eidlich versprechen müssen, nicht aus der Schule zu plaudern (Anm. 139) Als Herodot II. 170 von dem Osiris der Mysterien spricht, sagt er: »Dieß Heiligthum ist Einem geweiht, dessen Namen ich hier zu nennen für eine Versündigung halte,« und 171: »Obgleich ich Vieles von den Mysterien weiß, so schweige ich doch mit tiefer Ehrfurcht davon.« .« »Soll ich Dir sagen,« fragte Rhodopis, »welchen Sinn ich nach allerlei Andeutungen des Pythagoras und Onuphis jenem Schauspiele unterlege? – Isis scheint mir die gütige Erde zu sein, Osiris die Feuchtigkeit oder der Nil, welche dieselbe fruchtbar machen, Horus der junge Lenz, Typhon die Alles versengende Dürre. Letztere vernichtet den Osiris oder die Feuchtigkeit. Die gütige Erde, der Zeugungskraft beraubt, sucht wehklagend den geliebten Gatten, den sie im kühleren Norden, wohin der Nil sich ergießt, wiederfindet. Endlich ist Horus, die junge Triebkraft der Natur, erwachsen und besiegt Typhon oder die Dürre. Osiris war, wie die Fruchtbarkeit, nur scheintodt, entsteigt der Unterwelt und beherrscht mit seiner Gattin, der gabenreichen Erde, von neuem das gesegnete Nilthal.« »Und weil sich der erschlagene Gott in der Unterwelt löblich aufführte,« – lachte Zopyrus, »so empfing er am Ende dieser wunderlichen Geschichte die Huldigung aller Bewohner des Hamestegan, Duzakh und Gorothman (Anm. 140) Haméstegân = Aufenthalt Derer, deren gute und schlechte Thaten einander ganz gleich stehen; Duzakh = Hölle; Gorothman = das Paradies der Perser. Spiegel, Avesta I. S. 23. Ulmai Islam bei Vullers, Fragmente. Die Anschauung von den sieben Himmeln ( The Ardai-Viraf nameh etc. Transl. from the Persian by J. A. Pope ) scheint einer späteren Zeit zu entstammen. Spiegel, Avesta Farg. XIX. Anmerk. zu §. 121. , ober wie ich diese Wohnungen des ganzen ägyptischen Seelenheeres nennen soll!« »Sie heißt Amenti!« sagte Darius, auf den heiteren Ton des Zopyrus eingehend; »die Geschichte des Götterpaares versinnbildlicht aber nicht nur das Leben der Natur, sondern auch das der Menschenseele, die, wenn der Leib gestorben, wie der erschlagene Osiris, niemals fortzuleben aufhört.« »Dank' schön,« antwortete dieser; »ich will mir's für den Fall, daß ich in Aegypten sterben sollte, merken. Nächstesmal muß ich übrigens diesem Schauspiele um jeden Preis beiwohnen.« »Ich theile Deinen Wunsch,« sagte Rhodopis, »denn das Alter macht neugierig.« »Du bleibst ewig jung!« unterbrach Darius die Greisin. »Deine Rede ist so schön geblieben wie Dein Angesicht, und Dein Geist so hell wie Deine Augen!« »Verzeih' mir,« rief Rhodopis, als habe sie diese Schmeichelworte überhört, »wenn ich Dich unterbreche; bei ›Augen‹ fällt mir aber der Augenarzt Nebenchari ein, und mein Gedächtniß ist so schwach geworden, daß ich Dich, eh' ich es vergesse, nach ihm fragen muß. Ich höre nichts mehr von dem Künstler, dem doch die edle Kassandane so viel verdankt!« »Der arme Mann!« rief Darius. »Schon auf dem Zuge nach Pelusium mied er allen Umgang und verschmähte es sogar, mit seinem Landsmanne Onuphis zu reden. Nur sein alter, hagerer Gehülfe durfte ihn bedienen und mit ihm verkehren. Nach der Schlacht veränderte sich aber sein ganzes Wesen. Strahlenden Antlitzes trat er vor den König, um ihn zu ersuchen, ihn nach Sais zu begleiten und sich zwei Bürger dieser Stadt als Sklaven auswählen zu dürfen. Kambyses glaubte dem Wohlthäter seiner Mutter keine Bitte abschlagen zu können, und gab ihm die betreffende Vollmacht. In der Residenz des Amasis angekommen, eilte er sofort in den Neithtempel, ließ den Oberpriester, welcher sich überdem an die Spitze der den Persern feindlichen Bürger gestellt hatte, sowie einen ihm verhaßten Augenarzt verhaften und erklärte ihnen, sie würden von nun an, zur Strafe für die Verbrennung gewisser Schriften, zeitlebens einem Perser, an den er sie verkaufen wolle, in der Fremde die niedrigsten Sklavendienste leisten müssen. Ich war Zeuge dieses Auftritts und versichere euch, daß ich vor dem Aegypter erbebte, als er seinen Feinden diese Erklärung machte. Neithotep hörte ihn jedoch ruhig an und sagte, als Nebenchari schwieg: ›Wenn Du, thörichter Sohn, um Deiner verbrannten Schriften willen Dein Vaterland verrathen hast, so handeltest Du eben so ungerecht als unweise. Ich bewahrte Deine kostbaren Werke sorgsam auf, legte sie in unserem Tempel nieder und schickte eine vollständige Abschrift in die Büchersammlung nach Theben Siehe III. Theil Anmerkung 17 . . Wir ließen nichts verbrennen, als die von Amasis an Deinen Vater gerichteten Briefe und eine alte, werthlose Kiste. Psamtik und Petammon sahen dem Feuer zu und beschlossen bei demselben, Dir, zum Dank für Deine Schriften, und als Ersatz für jene Papiere, welche wir, um Aegypten zu retten, leider vernichten mußten, in der Todtenstadt ein neues Erbbegräbniß bauen zu lassen. An seinen Wänden kannst Du in zierlicher Malerei die Gemälde der Gottheiten, denen Du Dich weihtest, die heiligsten Kapitel des Todtenbuchs und viele auf Dich bezügliche schöne Bilder finden (Anm. 141) Beschreibungen und Abbildungen solcher Gräber finden sich bei Ebers, Aegypten in Bild und Wort und an vielen andern Orten. Wo es Felsenberge gab, wurden die Grüfte in das Gestein gehauen; im flachen Delta errichtete man freistehende Gräberbauten. Diese wie jene wurden mit Inskriptionen versehen. Als besonders interessant gebe ich die Inschrift einer Grabstele im ägyptischen Museum zu Bulaq (Kairo). Mariette's Katalog S. 76, Nr. 51: »O ihr Großen, ihr Propheten, ihr Priester, ihr Festredner und all' ihr Leute, die ihr nach mir kommen werdet in Millionen von Jahren; wenn Einer meinen Namen hintenansetzt und dafür seinen Namen hinsetzt (auf diese Stele), so wird Gott ihm vergeben mit der Zerstörung seines Bildes auf Erden; wenn er auszeichnet meinen Namen auf diesem Steine, so wird Gott ihm das Gleiche thun.« – Wir lassen Kapitel des Todtenbuchs an die Wände der Grabkammer des Nebenchari malen, weil dieß in der Zeit der 26. Dynastie, in der er lebte, üblich war. Lepsius, älteste Texte des Todtenbuchs S. 14. A. 1. Eine der größten und reichausgeschmücktesten Grüfte in der thebaischen Nekropolis gehört einem Großen aus der Psamtikiden-Zeit. Viele Kapitel des Todtenbuchs an den Wänden der Sarkophagkammer im Grabe des der 18. Dynastie angehörenden Amen em ha zu Abd el Qurnah an der Westseite von Theben. .‹ »Der Arzt erbleichte und ließ sich zuerst seine Bücher, dann seine neue, herrlich ausgestattete Grabkammer zeigen. Hierauf schenkte er seinen Sklaven, welche trotzdem als Gefangene nach Memphis geführt wurden, die Freiheit und ging, wie ein Trunkener taumelnd und fortwährend mit der Hand über die Stirn fahrend, nach Hause. Hier setzte er ein Testament auf, in dem er den Enkel des alten Dieners Hib zum Erben all' seiner Güter einsetzte, und legte sich, Unwohlsein vorschützend, auf sein Lager. Am andern Morgen fand man ihn als Leiche wieder. Er hatte sich mit dem furchtbaren Strychnos-Safte Siehe II. Theil Anmerkung 96 . vergiftet!« »Der Unglückliche!« rief Krösus. »Von den Göttern verblendet, mußte er, als Verräther seines Vaterlandes, statt der Rache, Verzweiflung ernten!« »Ich beklage den Armen!« murmelte Rhodopis. »Aber seht nur, die Ruderknechte ziehen schon die Riemen ein! Wir sind am Ziele; dort drüben warten eure Sänften und Wagen. Das war eine schöne Fahrt! Lebt wohl, ihr Lieben, und laßt euch bald in Naukratis sehen! Ich kehre sogleich mit Syloson und Theopompus dorthin zurück. Gib der kleinen Parmys in meinem Namen hundert Küsse und sage Melitta, sie solle mit dem Kinde während der Mittagszeit niemals in's Freie treten. Das ist gefährlich, wegen der Augenkrankheit Siehe II. Theil Anmerkung 75 . . Gute Nacht, Krösus, – gute Nacht, ihr Freunde, lebe wohl, mein lieber Sohn!« Die Perser verließen, winkend und grüßend, das Schiff. Auch Bartja wandte sich noch einmal um, trat fehl und fiel auf der Landungsbrücke nieder. Zopyrus eilte herbei und rief dem Freunde, welcher schon ohne seine Hülfe aufgesprungen war, lachend zu: »Nimm Dich in Acht, Bartja! Es bedeutet Unglück, wenn man, an's Land tretend, hinfällt – Mir ging es gerade so, als wir damals zu Naukratis vom Schiffe stiegen!« Achtes Kapitel. Während der oben beschriebenen Nilfahrt war der Botschafter Prexaspes von den langlebenden Aethiopen, zu denen ihn Kambyses geschickt hatte, zurückgekehrt (Anm. 142) Herod. II. 20–25. . Er pries die Größe und Stärke dieser Menschen, schilderte den Weg zu ihnen als unzugänglich für ein großes Heer und wußte Wunderdinge zu erzählen. Die Aethiopen pflegten den schönsten und stärksten Mann ihres Volkes zum Könige zu machen und gehorchten ihm unbedingt. Viele von ihnen wurden 120 Jahre alt; nicht wenige aber lebten noch länger. Ihre Speise war gekochtes Fleisch, ihr Getränk frische Milch. Sie wuschen sich in einer Quelle, deren Wasser wie Veilchen duftete, der Haut eigenthümlichen Glanz verlieh und so leicht war, daß Holz in ihr unterging. Ihre Gefangenen trugen goldene Fesseln, da das Erz bei ihnen außerordentlich selten und theuer war. Ihre Todten überzogen sie mit Gyps, begossen sie mit einer glasartigen Masse und behielten die also entstehenden Säulen ein Jahr im Hause. Hier brachten sie den Verstorbenen Opfer und stellten sie später um die Stadt her in langen Reihen auf. Der König dieses seltsamen Volkes nahm die Geschenke, welche ihm Kambyses übersandt hatte, spottend an und sagte, er wisse recht wohl, daß den Persern nichts an seiner Freundschaft gelegen und Prexaspes nur gekommen sei, um Aethiopien auszukundschaften. Wenn der Fürst von Asien rechtschaffen wäre, so würde er sich mit seinem großen Reiche begnügen und ein Volk, das ihm keine Beleidigung zugefügt habe, nicht unterjochen wollen. »Bringe Deinem Könige diesen Bogen,« sagte er, »und rathe ihm, er möge dann erst gegen uns zu Felde ziehen, wenn die Perser Waffen, wie diese, ebenso leicht wie wir zu spannen vermögen. Uebrigens soll Kambyses den Göttern danken, daß die Aethiopen noch nicht auf den Einfall gekommen sind, zu ihrem eigenen auch noch fremde Gebiete zu erobern!« Nach diesen Worten spannte er seinen Bogen ab und gab ihn Prexaspes, der das mächtige Geschoß von Ebenholz seinem Gebieter überbrachte. Kambyses lachte über den prahlerischen Afrikaner, lud seine Großen zur Probe des Bogens auf den nächsten Morgen ein und belohnte Prexaspes für seine beschwerliche Reise und die geschickte Ausrichtung der ihm anvertrauten Botschaft. Trunken, wie gewöhnlich, legte er sich nieder und verfiel in einen unruhigen Schlaf. Als er aufwachte, hatte ihm geträumt, Bartja sitze auf dem persischen Königsthrone und berühre mit seinem Scheitel den Himmel (Anm. 143) Herod. III. 30. . Diesen Traum, zu dessen Deutung er weder Mobeds noch Chaldäer bedurfte, erregte erst seinen Zorn, dann sein Nachdenken. »Hast Du nicht,« so fragte sich der schlaflose Mann, »Deinem Bruder Grund zur Rache gegeben? Sollte er vergessen haben, daß Du ihn schuldlos in den Kerker warfest und zum Tode verurteiltest? Würden ihm nicht alle Achämeniden, wenn er die Hand gegen Dich erheben wollte, zur Seite stehen? Was habe ich auch gethan, um mir die Liebe dieser feilen Höflinge zu erwerben? Was will ich in Zukunft thun, um sie für mich zu gewinnen? Gibt es denn nach dem Tode der Nitetis und der Flucht jenes wunderbaren Hellenen noch einen einzigen Menschen, dem ich trauen, auf dessen Zuneigung ich zählen darf?« Diese Fragen erregten sein siedendes Blut so sehr, daß er von seinem Lager sprang und ausrief: »Die Liebe will nichts von mir, ich nichts von der Liebe wissen! Andere mögen es mit Güte versuchen; ich muß Strenge üben, sonst verfalle ich den Händen Derer, die mich hassen, weil ich gerecht gewesen bin und schweres Unrecht mit schweren Strafen heimgesucht habe. In meine Ohren flüstern sie Schmeichelworte, hinter meinem Rücken verfluchen sie mich! Selbst die Götter sind meine Feinde, denn sie rauben mir Alles, was ich liebe, und gönnen mir nicht einmal Nachkommen und den mir gebührenden Waffenruhm! Ist denn Bartja so viel besser als ich, daß ihm Alles, was ich entbehren muß, hundertfach zu Theil wird? Liebe, Freundschaft, Ehre, Kinder, Alles fließt ihm zu, wie dem Meere die Ströme, während mein Herz wie die Wüste verdorrt! – Aber noch bin ich König, noch kann und will ich ihm zeigen, wer der Stärkere ist von uns Beiden; mag auch sein Scheitel an den Himmel stoßen! Nur Einer darf groß sein in Persien! Er oder ich, ich oder er! In den nächsten Tagen will ich ihn nach Asien zurückschicken und zum Satrapen von Baktrien machen. Dort mag er sich von seinem Weibe Lieder singen lassen und den Wärter seines Kindes spielen, während ich im Kampfe gegen die Aethiopen ungeschmälerten Ruhm gewinne! Heda, ihr Ankleider! Bringt meine Gewänder und einen tüchtigen Morgentrunk! Ich will den Persern zeigen, daß ich zum Könige von Aethiopien tauge und sie allesammt im Bogenspannen bemeistere! Noch einen Trunk! Ich spanne das Geschoß, auch wenn seine Sehne ein Schiffstau und das Bogenholz eine Ceder wäre!« Nach diesen Worten leerte er einen riesigen Humpen voll Wein auf einen Zug und begab sich, im vollen Bewußtsein seiner riesigen Kraft, des Erfolges gewiß, in den Schloßgarten, woselbst alle Großen des Reichs auf den König warteten und ihn mit lautem Zuruf, den Boden mit der Stirn berührend, empfingen. Zwischen den geschorenen Hecken und geradlinigen Baumgängen Siehe I Theil Anmerkung 7 . erhoben sich schnellerrichtete Säulen, welche mit scharlachenen Stricken verbunden waren. An goldenen und silbernen Ringen flatterten von diesen herab rothe, gelbe und dunkelblaue Tücher (Anm. 144) Nach Buch Esther I. 6. Dort sind die Tücher weiß, roth und gelb. Wir schreiben roth, gelb und dunkelblau, weil dieß die persischen Farben waren. S. III. Theil Anmerkung 109 . . Zahlreiche Bänke von vergoldetem Holze standen in weitem Kreise umher und luden zur Ruhe ein, während behende Schenken Wein in prächtigen Gefäßen herbeibrachten und den zum Bogenspannen Versammelten anboten. Auf einen Wink des Königs erhoben sich die Achämeniden von der Erde. Sein Blick überflog ihre Reihen und blitzte freudig auf, als er die Abwesenheit seines Bruders bemerkte. Nun überreichte Prexaspes seinem Gebieter den äthiopischen Bogen und zeigte ihm eine in ziemlicher Entfernung aufgestellte Schießscheibe. Kambyses lachte über die Größe derselben, wog das Geschoß mit der Rechten, forderte seine Getreuen auf, ihr Glück vor ihm zu versuchen, und übergab den Bogen zuerst dem greisen Hystaspes, als dem Vornehmsten der Achämeniden. Während erst dieser, dann die Häupter der anderen sechs vornehmsten Geschlechter in Persien sich vergeblich abmühten, die ungeheure Waffe zu spannen, leerte der König Becher auf Becher und wurde um so fröhlicher, je weniger es einem von ihnen gelingen wollte, die Aufgabe des Aethiopen zu lösen. Endlich ergriff Darius, dessen Kunst im Bogenspannen berühmt war, das Geschoß und versuchte seine Kraft. Aber trotz aller Anstrengung gelang es ihm nur, das eisenfeste Holz einen Finger breit zu biegen. Der König nickte ihm dieses Erfolges wegen freundlich zu und rief, mit siegesgewissem Blicke seine Verwandten und Großen musternd: »Gib den Bogen her, Darius! Ich will euch zeigen, daß nur Einer in Persien lebt, der den Namen ›König‹ verdient, daß nur Einer es wagen darf, gegen die Aethiopen zu Felde zu ziehen, – daß nur Einer diesen Bogen zu spannen vermag!« – Nun ergriff er das Geschoß mit gewaltiger Hand, umklammerte den Bogen von Ebenholz mit der Linken und die fingerdicke Sehne von Löwendärmen mit der Rechten, holte aus tiefster Brust Athem, krümmte den gewaltigen Rücken und zog und zog und raffte all' seine Kraft zu ungeheurer Anstrengung zusammen und spannte seine Sehnen an, bis sie zu reißen und die Adern auf seiner Stirn zu springen drohten, und verschmähte es nicht, selbst mit den Füßen zu arbeiten, um mit ihrer Hülfe das Ungeheure zu bewerkstelligen; aber Alles war vergebens, denn nach einer Viertelstunde voll übermenschlicher Anstrengung ließen seine Kräfte nach, schnellte das Ebenholz, welches er schon weiter als Darius gebogen hatte, zurück und spottete all' seiner ferneren Versuche. Endlich, als er sich völlig erschöpft fühlte, warf er den Bogen wüthend zur Erde nieder und rief: »Der Aethiope ist ein Lügner! Kein Sterblicher hat diese Waffe je gespannt! Was meine Arme nicht vermögen, das vermag kein anderer Arm! In drei Tagen brechen wir nach Aethiopien auf. Dort will ich den Betrüger zum Zweikampfe herausfordern und euch zeigen, wer der Stärkere ist von uns Beiden. Hebe den Bogen auf, Prexaspes, und bewahre ihn wohl, denn ich gedenke den schwarzen Lügner mit seiner Sehne dort zu erdrosseln. Dies Holz ist wahrlich fester als Eisen! Wer es zu spannen vermöchte, den wollt' ich gern meinen Meister nennen, denn der wäre in der That von besserer Art, als ich!« Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, als Bartja in den Kreis der versammelten Perser trat. Reiche Gewänder umwallten seine herrliche Gestalt, und seine Züge strahlten vor Glück und selbstbewußter Kraft. Freundlich winkend, durchschritt er die Reihen der Achämeniden, die den schönen Jüngling mit froher Bewunderung grüßten, schritt geraden Wegs auf seinen Bruder zu, küßte sein Gewand und rief, indem er ihm frei und heiter in die finsteren Augen schaute: »Ich habe mich ein wenig verspätet und bedarf Deiner Entschuldigung, mein hoher Herr und Bruder. Oder sollt' ich doch zu rechter Zeit gekommen sein? Ja, wahrlich, ich sehe noch keinen Pfeil in der Scheibe und schließe daraus, daß Du, der beste Schütze der Welt, Deine Kraft noch nicht versuchtest! Du siehst mich fragend an? Nun, ich will nur gestehen, daß mich unser Kind ein wenig aufgehalten hat. Das Püppchen lachte heut' zum ersten Male und war so lieb mit seiner Mutter, daß ich darüber Zeit und Stunde vergaß. Spottet nur über meine Narrheit, kann ich mich doch selbst kaum freisprechen! Sieh' nur, das kleine Ding hat mir wahrhaftig den Stern von der Halskette gerissen! Nun, ich denke, lieber Bruder, daß Du mir einen neuen verehren wirst, wenn mein Pfeil den Mittelpunkt des Zieles durchbohrt. Darf ich gleich mit dem Schießen beginnen, ober willst Du, mein König, den Anfang machen?« »Gib ihm den Bogen, Prexaspes!« erwiederte Kambyses, den Jüngling keines Blickes würdigend. Als Bartja das Geschoß in Empfang genommen hatte und im Begriffe war, Bogen und Sehne sorglich zu prüfen, lachte der König spöttisch aus und rief: »Ich glaube, beim Mithra, daß Du dies Geschoß, wie die Herzen der Menschen, mit süßen Blicken Dir gefällig zu machen versuchst! Gib nur Prexaspes den Bogen zurück! Es spielt sich leichter mit schönen Weibern und lachenden Kindern, als mit dieser Waffe, welche der Kraft ächter Männer spottet!« Bartja erröthete bei diesen im bittersten Ton gesprochenen Worten vor Zorn und Entrüstung, nahm den riesigen Pfeil, der vor ihm am Boden lag, schweigend in die Rechte, stellte sich der Scheibe gegenüber, raffte all' seine Kräfte zusammen, zog mit beinahe übermenschlicher Anstrengung die Sehne an, spannte den Bogen und entsandte den gefiederten Pfeil, dessen eiserne Spitze tief in die Mitte der Scheibe drang, während sein hölzerner Schaft krachend zersplitterte (Anm. 145) Herod. III. 30 erzählt diese Geschichte. Demselben Autor verdanken wir die Nachricht von den folgenden Ereignissen. Wie viel die Perser auf den Ruf, gute Bogenschützen zu sein, gaben, mag die vom Onesikritus bei Strabo 730 mitgetheilte Inschrift, welche auf dem Grabe des Darius gestanden haben soll, beweisen: »Ich war ein Freund meiner Freunde, der beste Reiter und Bogenschütze, der vorzüglichste Jäger; Alles vermocht' ich zu leisten!« – . Die meisten Achämeniden brachen bei dieser wunderbaren Kraftprobe in lauten Jubel aus, während die nächsten Freunde des Siegers erbleichten und schweigend bald den vor Wuth zitternden König, bald den vor Stolz und Selbstbewußtsein strahlenden Bartja anschauten. Kambyses bot einen wilden, Entsetzen erregenden Anblick dar. Es war ihm, als habe der in die Scheibe dringende Pfeil sein eigenes Herz, seine Würde, seine Kraft, seine Ehre durchbohrt. Funken sprühten vor seinen Augen, in seinen Ohren brauste es, als peitsche neben ihm der Sturm die brandenden Wogen, während seine Wangen glühten und sich seine Rechte krampfhaft um den Arm des neben ihm stehenden Prexaspes klammerte. Dieser wußte den Druck der königlichen Hand wohl zu deuten und murmelte: »Armer Bartja!« Endlich gelang es dem Könige, die nöthige Fassung wieder zu gewinnen. Schweigend warf er seinem Bruder eine goldene Kette zu, befahl seinen Großen, ihm zu folgen, und verließ den Garten, um in seinen Gemächern ruhelos auf und ab zu wandern und seinen Groll im Wein zu ersäufen. Plötzlich schien er einen Entschluß gefaßt zu haben, befahl allen Höflingen, außer Prexaspes, die Halle zu verlassen, und rief ihm, als sie allein waren, mit trunkenen Blicken und heiserer Stimme zu: »Dies Leben ist nicht länger zu ertragen! Schaffe meinen Feind aus der Welt, und ich will Dich meinen Freund und Wohlthäter nennen.« Prexaspes erbebte, warf sich vor dem Herrscher nieder und hob seine Hände flehend zu ihm empor; Kambyses war aber zu berauscht und von seinem Hasse zu sehr verblendet, um diese Bewegung des Höflings zu verstehen. Er glaubte, daß der Botschafter durch jenen Fußfall seine Ergebenheit bezeugen wolle, winkte ihm, sich vom Boden zu erheben, und flüsterte, als wenn er sich seine eigenen Worte zu vernehmen fürchtete: »Handle schnell und geheimnißvoll! Niemand außer Dir und mir darf, so lieb Dir Dein Leben ist, von dem Tode des Glückspilzes wissen. Geh' hin und nimm Dir nach vollbrachter Arbeit soviel Du willst aus der Schatzkammer! Sei auch vorsichtig, denn der Knabe hat einen starken Arm und versteht die Kunst, sich Freunde zu gewinnen. Denke, wenn er Dich mit glatten Worten versuchen wird, an Dein Weib und Deine Kinder!« Bei diesen Worten leerte er einen neuen Becher voll ungemischten Weins, taumelte unsicheren Schrittes durch das Thor des Gemaches und rief, indem er Prexaspes den Rücken zuwandte, und als wenn er zu sich selbst spräche, mit heiserer Kehle, mit schwerer Zunge und drohender Faust: »Wehe Dir und den Deinen, wenn der Weiberheld, der Glückspilz, der Ehrendieb am Leben bleibt!« Als er längst den Saal verlassen hatte, stand Prexaspes noch immer regungslos auf dem alten Platze. Der ehrgeizige, aber nicht unedle Despotendiener war niedergeschmettert von der Furchtbarkeit der ihm zuertheilten Aufgabe. Er wußte, daß ihm und den Seinen, wenn er sich den verbrecherischen Plan des Königs auszuführen weigern würde, Tod oder Ungnade drohe; doch, er liebte Bartja, und sein ganzes Wesen empörte sich bei dem bloßen Gedanken, eine gemeine Mordthat begehen zu sollen. Ein furchtbarer Kampf entspann sich in seinem Innern, der in ihm forttobte, als er den Palast schon längst verlassen hatte. Auf dem Wege zu seinem Hause begegnete er Krösus und Darius. Er versteckte sich vor ihnen hinter das vorspringende Thor eines großen ägyptischen Hauses, denn er meinte, sie müßten ihm ansehen, daß er den Pfad des Verbrechens wandle. Als sie an ihm vorübergingen, vernahm er, wie Krösus sagte: »Ich habe Bartja wegen seiner unzeitigen Kraftprobe streng getadelt, und wir müssen den Göttern danken, daß sich Kambyses nicht in einem Anfalle von Jähzorn an ihm vergriffen hat. Jetzt ist er meinem Rathe gefolgt und mit seinem Weibe nach Sais gefahren. Der König darf ihn in den ersten Tagen nicht wieder sehen, denn sein Groll könnte bei seinem Anblicke leicht von neuem erwachen, und ein Herrscher findet zu jeder Zeit ruchlose Diener . . .« Bei diesen letzten, verhallenden Worten zuckte Prexaspes schmerzlich zusammen, als habe Krösus ihn selbst der Schändlichkeit bezichtigt, und beschloß, möge kommen, was da wolle, seine Hände nicht mit dem Blute eines Freundes zu beflecken. Nun ging er wieder in hochaufgerichteter Haltung einher, bis er zu der ihm angewiesenen Wohnung gelangte. An der Thür derselben sprangen ihm seine beiden Söhne entgegen, die sich von dem Spielplatze der Achämeniden-Knaben, welche dem Reichsheere und dem Könige, wie immer, gefolgt waren, fortgestohlen hatten, um ihren Vater auf einen Augenblick zu begrüßen. In seltsamer, ihm selbst unverständlicher Rührung drückte er die schönen Kinder an seine Brust und umarmte sie nochmals, als sie erklärten, wenn sie nicht bestraft werden wollten, zum Spielplatze zurückkehren zu müssen. In seiner Wohnung fand er seine Lieblingsgattin mit ihrem jüngsten Kinde, einem holden kleinen Mädchen, spielend. Da erfaßte ihn abermals jene unerklärliche Rührung. Diesmal bezwang er sie, um seinem jungen Weibe sein Geheimniß nicht zu verrathen, und zog sich bald in sein Gemach zurück. Indessen war die Nacht hereingebrochen. Schlaflos wälzte sich der schwer Versuchte aus seinem Lager umher; der Gedanke, daß seine Weigerung, den Wunsch des Königs zu erfüllen, auch sein Weib und seine Kinder dem Verderben preisgeben würde, stellte sich mit greller Schrecklichkeit vor seine schlaflosen Augen. Die Kraft, seinen schönen Vorsatz festzuhalten, verließ ihn, und dasselbe Wort des Krösus, welches den edlen Gefühlen in seiner Brust den Sieg verschafft hatte, ließ sie jetzt unterliegen: »Ein Herrscher findet jederzeit ruchlose Diener!« Dieser Satz beschimpfte ihn zwar, erinnerte ihn aber, daß, wenn er dem Könige trotzen würde, hundert Andere seinen Befehl zu vollziehen bereit sein würden. Dieser Gedanke beherrschte bald jede andere Erwägung. Er sprang von seinem Lager auf, musterte und prüfte die zahlreichen Dolche, welche wohlgeordnet an der Wand seines Schlafgemachs befestigt waren, und legte den schärfsten auf ein neben dem Divan stehendes Tischchen. Daraus ging er sinnend auf und ab und trat häufig an die Fensteröffnung, um zu sehen, ob es nicht tagen wolle, und um seine heiße Stirn zu kühlen. Als endlich das Dunkel der Nacht dem hellen Morgenlichte gewichen war und ihn das die Knaben zum Frühgebet rufende Erz Siehe II. Theil Anmerkung 30 . von neuem an seine Söhne erinnerte, prüfte er den Dolch zum zweiten Male. Als eine reichgeschmückte Schaar von Höflingen, um sich zum Könige zu begeben, an seinem Hause vorüberritt, steckte er ihn in seinen Gürtel. Als sich endlich das muntere Gelächter seines jüngsten Kindes aus dem Weibergemache vernehmen ließ, setzte er mit einer gewissen Heftigkeit die Tiara auf das Haupt und ging, ohne seinem Weibe Lebewohl zu sagen, von mehreren Sklaven begleitet, zum Nile, warf sich dort in eine Barke und befahl den Ruderknechten, ihn nach Sais zu befördern. Bartja war wenige Stunden nach dem verhängnißvollen Bogenschießen dem Rathe des Krösus gefolgt und mit seiner jungen Gemahlin nach Sais gefahren. Dort fand er Rhodopis, welche sich, statt nach Naukratis heimzukehren, einem unwiderstehlichen Drange folgend, nach Sais begeben hatte. Nach jener Lustfahrt war Bartja, als er an's Land stieg, hingefallen, und sie hatte mit eigenen Augen gesehen, daß eine Eule, von der linken Seite her, dicht an seinem Haupte vorübergeflogen war. Wenn diese bösen Vorzeichen schon hinreichten, ihr dem Aberglauben ihrer Zeit keineswegs entwachsenes Herz zu beunruhigen und ihr den Wunsch, in der Nähe des jungen Paares zu verweilen, dringender als sonst einzuflößen, so entschloß sie sich kurz, ihre Enkelin in Sais zu erwarten, als sie aus einem unruhigen Schlaf erwachte, in dem sie eine verworrene Reihe von bösen Träumen gehabt hatte. Das junge Paar freute sich über den lieben, unerwarteten Gast und führte Rhodopis, nachdem sie mit ihrer kleinen Urenkelin, die den Namen Parmys (Anm. 146) Herodot berichtet III. 88, Darius habe eine Tochter des Bartja (Smerdes), Namens Parmys, neben Atossa \&c. zum Weibe genommen. Dieselbe wird nochmals erwähnt VII. 78. führte, nach Herzenslust getändelt hatte, in die für sie bereit stehenden Gemächer. Dies waren dieselben, in denen die unglückliche Tachot die letzten Monde ihres hinsiechenden Daseins verlebt hatte. Rhodopis betrachtete mit tiefer Rührung all' jene kleinen Gegenstände, welche nicht nur das Geschlecht und Alter der Dahingeschiedenen, sondern auch ihre Neigungen und ihre Sinnesart verriethen. Da standen zahlreiche Salbenbüchschen und Fläschchen (Anm. 147) Wilkinson III. 381 und 383. Die Denkmäler lehren, daß die Aegypter von sehr früher Zeit an sich in mannigfaltiger Weise zu salben pflegten. Die Augenschminke Mestem begegnet uns schon in der 12. Dynastie; die heute noch übliche, aber nunmehr untersagte Färbung der Fingernägel war schon in der Pharaonenzeit üblich (an Mumien nachweisbar), und duftende Haarlocken wurden in erster Reihe von einem schönen Weibe verlangt. ( Papyr. d'Orb. 9, 3. Plutarch, Is. und Os. 15.) mit Wohlgerüchen, Schminken und Oelen auf dem Putztische. In einer Schachtel (Anm. 148) Nach Wilkinson II. 360. Leyd. Museum. , welche die Gestalt einer Nilgans täuschend nachahmte, und einer andern, an deren Seite eine Lautenschlägerin gemalt war, hatte einst der reiche goldene Schmuck der Königstochter gelegen, und jener Metallspiegel, dessen Griff eine schlummernde Jungfrau darstellte (Anm. 149) Nach dem Griff einer Schmuckschaale bei Wilkinson II. 359. Auch Wilkinson III. 386. 1 und 2. , das schöne, sanft geröthete Gesicht der Verstorbenen zurückgestrahlt. Die ganze Ausstattung des Zimmers, von dem zierlichen auf Löwenfüßen stehenden Ruhebette an bis zu den auf dem Putztische liegenden fein geschnitzten Kämmen (Anm. 150) Zu Theben gefundene Kämme. Wilkinson III. 381 von Elfenbein, bewies, daß die frühere Bewohnerin dieser Räume die äußere Zier des Lebens geliebt habe. Das goldene Sistrum Siehe III. Theil Anmerkung 76 . und die schön gearbeitete Nabla, deren Saiten längst zersprungen waren, deuteten auf den musikalischen Sinn der Königstochter, während die in der Ecke liegende zerbrochene Spindel von Elfenbein Siehe III. Theil Anmerkung 71 . und einige angefangene Netze von Glasperlen (Anm. 151) An sehr vielen Mumien in fast allen größeren Museen finden sich Glasperl-Arbeiten. Wilkinson III. 90. 101 gibt das Bild der berühmten großen Glasperle Capitain Henvey's in welche eine hieroglyphische Inschrift geschnitten ist. bewiesen, daß sie weiblichen Arbeiten hold gewesen sei. Rhodopis musterte all' diese Gegenstände mit wehmüthigem Wohlgefallen und malte sich, an sie anknüpfend, ein von der Wahrheit nur wenig abweichendes Lebensbild. Endlich nahte sie sich, von neugieriger Teilnahme getrieben, einer großen, bemalten Kiste und öffnete ihren leichten Deckel. Da fand sie zuerst einige getrocknete Blumen, dann einen Ball, der von geschickter Hand mit längst verwelkten Blättern und Rosen umwickelt war, hierauf eine Menge von Amuletten in verschiedener Gestalt, dieses die Göttin der Wahrheit darstellend, jenes ein mit Zaubersprüchen beschriebenes Papyruszettelchen in goldener Kapsel verbergend. Dann fielen ihre Augen auf einige mit griechischen Buchstaben geschriebene Briefe. Sie nahm dieselben und durchlas sie beim Schimmer der Lampe. Nitetis hatte sie aus Persien an ihre vermeinte Schwester, von deren Krankheit sie nichts wußte, geschickt. Als Rhodopis diese Briefe aus der Hand legte, schwammen ihre Augen in Thränen. Das Geheimniß der Verstorbenen lag jetzt offen vor ihren Blicken. Sie wußte, daß Tachot Bartja geliebt, daß sie jene welken Blumen von ihm empfangen und jenen Ball, weil er ihr denselben zugeworfen, mit Rosen umwickelt hatte. Die Amulette waren gewiß dazu bestimmt gewesen, entweder ihr krankes Herz zu heilen, oder Gegenliebe in der Brust des Königssohnes zu erwecken. Als sie endlich jene Schreiben an ihren alten Platz zurücklegen wollte und einige Tücher, welche den Boden der Kiste auszufüllen schienen, mit der Hand berührte, fühlte sie, daß sie einen harten, runden Gegenstand bedeckten. Nun hob sie die Gewebe auf und fand unter ihnen eine Büste von bunt gefärbtem Wachse Siehe II. Theil Anmerkung 172 [ 72 ]. , welche Nitetis so wunderbar ähnlich darstellte, daß sich Rhodopis eines staunenden Ausrufes nicht enthalten und sich lange Zeit an dem köstlichen Kunstwerke des Theodorus von Samos nicht satt sehen konnte. Dann legte sie sich nieder und schlief ein, indem sie an das traurige Schicksal der ägyptischen Königstochter dachte. Am nächsten Morgen begab sie sich in den Garten, welchen wir bei Lebzeiten des Amasis schon einmal betreten haben, und fand dort unter einer Weinlaube Diejenigen, welche sie suchte. Sappho saß auf einem Stuhle von leichtem Flechtwerk. In ihrem Schooße lag ein nackter Säugling und streckte die Händchen und Füßchen bald seinem Vater, der vor dem jungen Weibe auf der Erde kniete, bald seiner Mutter, die sich lachend zu ihm herniederbeugte, entgegen. Wenn sich die Finger des Kindes in die Locken und den Bart des jungen Helden vergruben, so zog er leise seinen Kopf zurück, damit er die Kraft des Lieblings empfinde und um ihm das Gefühl zu geben, als habe er das Haar seines Vaters tüchtig gezaust. Wenn die wilden Füßchen sein Gesicht berührten, so nahm er sie in die Hand und küßte die rosigen, niedlich geformten Zehen und die Sohle, die noch so weich und zart war wie die Wange einer Jungfrau. Wenn die kleine Parmys einen seiner Finger mit dem Händchen umklammerte, so stelle er sich, als vermöge er sich nicht von ihnen zu befreien, und küßte die runde Schulter oder die Grübchen in dem Ellenbogen oder gar den schneeweißen Rücken des holden Geschöpfes. Sappho theilte die Wonne dieses harmlosen Spiels und war bemüht, die Aufmerksamkeit ihres Lieblings ausschließlich auf den Vater hinzulenken. Dann und wann beugte sie sich über die Kleine, um den frischen, kaum merklich feuchten Hals oder die rothen Kinderlippen zu küssen, und in solchen Augenblicken geschah es wohl, daß ihre Stirn die Locken ihres Gatten berührte, der dann jedesmal den dem Kinde gegebenen Kuß von ihrem Munde raubte. Rhodopis sah diesem Spiele lange Zeit im Geheimen zu und betete, mit Thränen in den Augen, zu den Göttern, daß sie ihren Lieben dies große, reine Glück erhalten möchten. Endlich näherte sie sich der Laube, rief dem jungen Paare einen »fröhlichen Morgen« zu und belobte die alte Melitta, welche mit einem großen Sonnenschirm in der Hand gekommen war, um die kleine Parmys zur Ruhe zu bringen und dem greller werdenden Sonnenlichte zu entziehen. Die alte Sklavin war zur obersten Wärterin des fürstlichen Säuglings ernannt worden und verwalte ihr Amt mit eben so großer wie komischer Würde. In reiche persische Gewänder ihre alten Glieder bergend, empfand sie eine wahre Seligkeit in dem ihr neuen Befehleertheilen und hielt die vielen ihr untergebenen Sklavinnen, denen sie mit vornehmer Herablassung begegnete, in fortwährender Bewegung. Sappho folgte der Alten, nachdem sie ihren runden Arm um den Hals ihres Gatten geschlungen und ihm schmeichlerisch in's Ohr geflüstert hatte: »Erzähle doch der Großmutter Alles und frage, ob sie Dir Recht gibt!« – Ehe ihr Bartja antworten konnte, hatte sie seinen Mund geküßt und war der würdevoll dahinschreitenden Alten eilend gefolgt. Der Königssohn schaute ihr lächelnd nach und wurde nicht müde, ihren schwebenden Gang und ihre herrliche Gestalt schweigend zu bewundern. Endlich wandte er sich wieder an die Greisin und fragte: »Findest Du nicht auch, daß sie in der letzten Zeit gewachsen ist?« »Es scheint so,« antwortete Rhodopis. »Die Jungfräulichkeit breitet einen eigenen Anmuthszauber über das Weib; aber erst die Mutterschaft ist es, welche ihm die rechte Ehrwürdigkeit verleiht. Diese erhebt das Haupt der Frau. Wir wähnen, sie müsse körperlich gewachsen sein, während sie sich nur durch das Bewußtsein, ihre Bestimmung erfüllt zu haben, innerlich erhoben fühlt!« »Ja, ich glaube, daß sie glücklich ist,« gab Bartja der Greisin zurück. »Gestern waren wir zum ersten Male verschiedener Ansicht. Als sie uns soeben verließ, bat sie mich heimlich, Dir unsere Streitfrage vorzulegen, und ich folge ihr gern, da ich Deine Weisheit und Lebensklugheit eben so hoch schätze, als ich ihre kindliche Unerfahrenheit liebe.« Nun erzählte Bartja der Greisin den Verlauf jener verhängnißvollen Bogenprobe und schloß mit den Worten: »Krösus tadelt meine Unvorsichtigkeit; ich kenne aber meinen Bruder und weiß, daß er zwar im Zorne zu jeder Gewalttat fähig ist und wohl im Stande gewesen wäre, mir im Angesicht seiner Niederlage den Tod zu geben, daß er jedoch, wenn sein Groll verraucht ist, meine Ueberhebung vergessen und sich nur bemühen wird, mich in Zukunft durch Großthaten zu übertreffen. Noch vor einem Jahre ist er bei Weitem der beste Schütze in Persien gewesen und würde es heute noch sein, wenn seine Riesenkräfte nicht durch den Trunk und seine bösen Krämpfe geschwächt worden wären. Von der andern Seite fühle ich, daß meine Stärke täglich zunimmt –« »Reines Glück,« unterbrach Rhodopis den Jüngling, »stählt die Arme des Mannes, wie es die Schönheit des Weibes erhöht; während Unmäßigkeit und Qualen der Seele Körper und Geist sicherer zerrütten, als Krankheit und Alter. Hüte Dich vor Deinem Bruder, mein Sohn, denn eben so gut, wie sein ursprünglich starker Arm erlahmen konnte, kann seine ursprünglich edle Seele ihre Hoheit einbüßen. Traue meiner Erfahrung, die mich lehrt, daß, wer der Sklave einer schändlichen Leidenschaft geworden ist, sehr selten Herr seiner anderen Triebe bleibt. Außerdem trägt Niemand schwerer eine Erniedrigung, als der Sinkende, welcher das Abnehmen seiner Kräfte fühlt. Hüte Dich vor Deinem Bruder und traue mehr der Stimme der Erfahrung, als Deinem eigenen Herzen, welches, weil es selbst edel fühlt, jedes andere für edel zu halten geneigt ist.« »Diese Worte,« erwiederte Bartja, »zeigen mir im Voraus, daß Du Sappho's Ansicht theilen wirst. Sie hat mich nämlich gebeten, so schwer ihr auch die Trennung von Dir werden würde, Aegypten zu verlassen und mit ihr nach Persien zurückzukehren. Sie meint, daß Kambyses, wenn er nichts von mir hört und sieht, seinen Groll vergessen wird. Ich habe sie bisher für allzu ängstlich gehalten und würde mich nur ungern von dem Feldzuge gegen die Aethiopen ausschließen . . .« »Ich aber,« unterbrach ihn Rhodopis abermals, »bitte Dich dringend, ihrem von einem richtigen Gefühle und wahrer Liebe eingegebenen Rathe zu folgen. Die Götter wissen, welchen Kummer mir die Trennung von euch bereiten wird, dennoch rufe ich tausend und tausend Mal: Kehre nach Persien zurück und bedenke, daß nur Thoren ihr Leben und ihr Glück zwecklos auf's Spiel setzen! Der Krieg mit den Aethiopen ist ein Wahnsinn, denn ihr werdet nicht den schwarzen Bewohnern des Südens, wohl aber der Hitze, dem Durst und den Schrecknissen der Wüste unterliegen. Dies gilt von dem beabsichtigten Feldzuge im Allgemeinen; was Dich im Besondern betrifft, so gebe ich Dir zu bedenken, daß Du Dein eigenes Leben und das Glück der Deinen unnütz auf's Spiel setzest, wenn kein Kriegsruhm zu gewinnen ist; daß Du aber, solltest Du Dich von neuem auszeichnen, den Groll und die Eifersucht Deines Bruders zum andern Male reizen würdest. Geh' nach Persien, mein Sohn, und zwar so bald wie möglich!« Als Bartja eben mit Zweifeln und Einwänden antworten wollte, erblickte er Prexaspes, der mit bleichem Angesicht auf ihn zutrat. Nach den gewöhnlichen Begrüßungen und Fragen flüsterte der Botschafter dem Jünglinge zu, daß er mit ihm allein zu reden habe, und sagte, als sich Rhodopis entfernt hatte, indem er verlegen mit den Ringen an seiner Rechten spielte. »Der König sendet mich zu Dir. Du hast ihn durch Deine gestrige Kraftprobe aufgebracht. Er will Dich in der nächsten Zeit nicht wieder sehen und befiehlt Dir darum, nach Arabien zu reisen und dort so viel Kameele (Anm. 152) Auf den ägyptischen Denkmälern finden wir keine Kameele abgebildet, während doch die Araber und Perser diese heutzutage am Nil unentbehrlich gewordenen Thiere fleißig benützten. Uebrigens gab es auch im Alterthume Kameele in Aegypten. Hekekyan-Bey fand in tiefen Bohrlöchern Dromedarknochen. Die Darstellung des Kameels scheint aber, wie die der Hähne, welche in Menge vorhanden waren, verboten gewesen zu sein. Merkwürdig ist es, daß das Kameel in der Berberei erst nach Christi Geburt eingeführt worden ist. H. Barth, Wanderungen am Gestade des Mittelmeers, S. 3 fgd. als möglich zu kaufen. Diese Thiere, welche den Durst lange Zeit zu ertragen wissen, sollen das Wasser und die Lebensmittel für unser nach Aethiopien ziehendes Heer führen. Unsere Reise leidet keinen Verzug. Nimm von Deinem Weibe Abschied und sei, – so befiehlt es der König, – bevor es dunkelt, zum Aufbruche bereit. Du wirst mindestens einen Monat unterwegs bleiben. Ich begleite Dich bis nach Pelusium. Kassandane wünscht unterdessen Dein Weib und Kind in ihrer Nähe zu haben. Sende sie so bald als möglich nach Memphis, wo sie, von der hohen Mutter des Königs bewacht, am sichersten sein werden.« Bartja hörte Prexaspes an, ohne daß ihm die kurze und verlegene Art des Botschafters aufgefallen wäre. Er freute sich über die vermeinte Mäßigung seines Bruders und jenen Auftrag, der ihn aller Zweifel in Betreff seiner Entfernung von Aegypten enthob, reichte dem vermeinten Freunde die Hand zum Kusse und forderte ihn auf, ihm in den Palast zu folgen. Als es kühler zu werden anfing, nahm er von Sappho und dem Kinde, das auf Melitta's Armen ruhte, einen kurzen, aber herzlichen Abschied, befahl seiner Gattin, die Reise zu Kassandane so bald als möglich anzutreten, rief seiner Schwiegermutter neckend zu, daß sie sich diesmal doch in der Beurtheilung eines Menschen, nämlich seines Bruders, getäuscht habe, und schwang sich auf sein Roß. Als Prexaspes das seine besteigen wollte, flüsterte ihm Sappho zu: »Gib Acht auf ihn und erinnere den Wagehals an mich und das Kind, wenn er sich unnöthigen Gefahren aussetzen will!« »Ich muß ihn schon zu Pelusium verlassen,« antwortete der Botschafter, indem er sich, um den Blicken des jungen Weibes auszuweichen, mit dem Zaumzeuge seines Pferdes zu schaffen machte. »So werden ihn die Götter beschützen!« rief Sappho, indem sie die geliebte Hand des Scheidenden ergriff und in Thränen, denen sie nicht zu wehren vermochte, ausbrach. Er blickte zu ihr hernieder und sah seine sonst so vertrauensvolle Gattin weinen. Da erfaßte auch ihn eine niegekannte schmerzliche Rührung. Liebreich neigte er sich vom Pferde herab, schlang seinen starken Arm um ihren Leib, hob sie zu sich empor und drückte sie, während ihr Fuß auf seinem im Bügel ruhenden Fuße stand, an sein Herz, als müsse er ihr auf ewig Lebewohl sagen. Dann ließ er sie sanft und sicher zur Erde nieder, nahm sein Kind noch einmal zu sich hinauf in den Sattel, um es zu küssen und ihm scherzend zuzurufen, daß es seiner Mutter rechte Freude machen möge, rief Rhodopis herzliche Abschiedsworte zu und sprengte, seinem Hengste die Sporen gebend, daß er wild aufbäumte, von Prexaspes begleitet, durch das Thor des Pharaonenpalastes. Sobald der Hufschlag der Rosse in der Ferne verhallt war, warf sich Sappho an die Brust ihrer Großmutter und weinte unaufhörlich, trotz der ernsten Vorstellungen und des strengen Tadels der Greisin. Neuntes Kapitel. Am Morgen des Tages, welcher der Bogenprobe folgte, war Kambyses von einem so heftigen Anfalle seiner Krankheit befallen worden, daß er achtundvierzig Stunden lang, krank an Geist und Körper, das Zimmer hüten mußte und bald vollkommen entkräftet niedersank, bald wie ein Rasender tobte. Als er am dritten Tage sein klares Bewußtsein wieder erlangte, gedachte er jenes schrecklichen Auftrages, den Prexaspes jetzt schon ausgeführt haben konnte. Er zitterte vor dieser Möglichkeit, wie er nie vorher gezittert hatte, ließ zuerst den ältesten Sohn des Botschafters, der die Ehrenstelle seines Schenken bekleidete, kommen und erfuhr von ihm, daß sein Vater, ohne Abschied zu nehmen, Memphis verlassen habe. Dann berief er Darius, Zopyrus und Gyges, von denen er wußte, daß sie Bartja am innigsten liebten, und fragte sie, wie sich ihr Freund befinde. Nachdem er vernommen hatte, daß er sich zu Sais aufhalte, sandte er die Jünglinge sogleich dorthin und trug ihnen auf, Prexaspes, wenn sie ihm begegnen sollten, ungesäumt nach Memphis zurückzuschicken. Die jungen Achämeniden konnten sich das sonderbare Benehmen und die Hast des Königs nicht erklären; machten sich aber schnell auf den Weg, weil ihnen nichts Gutes ahnte. Indessen konnte Kambyses keine Ruhe finden, verwünschte im Stillen seine Trunkenheit und rührte während dieses ganzen Tages keinen Wein an. Als er im Garten des Pharaonenpalastes seiner Mutter begegnete, wich er ihr aus, weil er fühlte, daß er ihren Blick nicht ertragen würde. Auch die folgenden acht Tage vergingen, ohne Prexaspes zu bringen, und erschienen ihm so lang wie ein Jahr. Hundertmal ließ er den Mundschenken kommen und fragte ihn, ob sein Vater noch nicht heimgekehrt sei; hundertmal erhielt er eine verneinende Antwort. Als sich die Sonne des dreizehnten Tages zum Untergange neigte, ließ ihn Kassandane bitten, daß er sie besuchen möge. Nun begab er sich sogleich in ihre Gemächer, denn er sehnte sich jetzt darnach, das Angesicht seiner Mutter zu schauen. Ihm war, als müßte ihm sein Anblick den verlorenen Schlaf wiedergeben. Nachdem er die Greisin mit einer Zärtlichkeit, welche sie um so mehr überraschte, je weniger sie von seiner Seite an derartige Kundgebungen gewöhnt war, begrüßt hatte, fragte er nach ihrem Begehren und erfuhr, daß Bartja's Gattin unter seltsamen Umständen bei ihr eingetroffen wäre und den Wunsch ausgesprochen habe, ihm ein Geschenk zu überreichen. Ohne Säumen ließ er sie kommen und erfuhr von ihr, daß Prexaspes ihrem Gatten einen Befehl, nach Arabien zu reisen, überbracht, ihr selbst aber, in Kassandane's Namen, nach Memphis zu kommen befohlen habe. Der König erbleichte bei dieser Mittheilung und sah das holde Weib seines Bruders mit schmerzlich bewegten Blicken an. Die junge Griechin fühlte, daß in dem Könige etwas Befremdliches vorgehe, und konnte, von schrecklichen Ahnungen geängstigt, ihm nur mit zitternden Händen das Geschenk, welches sie mitgebracht hatte, überreichen. »Mein Gatte sendet Dir dies!« sagte sie, indem sie auf das in einer kunstreich gearbeiteten Kiste verborgene Wachsbild der Nitetis deutete. – Rhodopis hatte ihr gerathen, gerade dies Geschenk, gleichsam als Gabe der Versöhnung, in Bartja's Namen dem Zürnenden darzubringen. Kambyses übergab die Kiste, deren Inhalt seine Neugier nur wenig zu erregen schien, einem Eunuchen, rief seiner Schwägerin einige Worte zu, die wie Dank klingen sollten, und verließ gleich darauf das Haus der Weiber, ohne sich nach Atossa, die er ganz vergessen zu haben schien, zu erkundigen. Er war der Meinung gewesen, dieser Besuch würde ihm wohlthun und ihn beruhigen, Sappho's Mittheilung hatte ihm aber die letzte Hoffnung, und somit auch den letzten Theil seiner Ruhe geraubt. Prexaspes mußte den Mord schon begangen haben, oder konnte doch in jedem Augenblicke, vielleicht gerade jetzt, den Dolch erheben, um ihn in die Brust des Jünglings zu stoßen. Wie sollte er nach Bartja's Tode seiner Mutter gegenübertreten? Was sollte er ihr und den Fragen jenes holden Weibes, welches ihn so ängstlich und rührend mit den großen Augen angeblickt hatte, erwidern? Kalte Schauer überfielen ihn, als ihm eine innere Stimme zurief, daß der Mord seines Bruders eine Handlung der Feigheit, der Furcht, der Unnatur und Ungerechtigkeit genannt werden würde. Der Gedanke, ein Meuchelmörder zu sein, schien ihm unerträglich. Ohne Gewissensbisse hatte er schon so manchem Manne den Tod gegeben. aber entweder im ehrlichen Kampfe, oder im Angesicht aller Welt. Er war ja König, und was er that, war gut. Wenn er Bartja mit eigener Hand erschlagen hätte, so würde er mit seinem Gewissen fertig geworden sein; nun er ihn aber heimlich aus dem Wege zu räumen, ihn, nachdem er viele des höchsten Ruhmes würdige Proben männlicher Trefflichkeit abgelegt, zu meucheln befohlen hatte, überkam ihn eine folternde, seinem Herzen bis dahin fremde, mit Ingrimm gegen seine eigene Ruchlosigkeit gepaarte Scham und Reue. Er begann sich selbst zu verachten. Das Bewußtsein, nur Gerechtes gewollt und gethan zu haben, verließ ihn, und er meinte jetzt, daß all' die auf sein Geheiß getödteten Menschen, wie Bartja, unschuldige Opfer seiner Wuth gewesen wären. Um diese Gedanken, welche immer unerträglicher wurden, zu betäuben, griff er von neuem nach dem berauschenden Saft der Rebe. Diesmal verwandelte sich aber der Sorgenbrecher in einen Qualenbringer für Leib und Seele. Sein vom Trunk und der fallenden Sucht zerrütteter Körper schien jetzt den mannigfaltigen grausamen Erregungen der letzten Monde erliegen zu wollen. Endlich fühlte er sich, bald frierend, bald glühend, gezwungen, sein Lager aufzusuchen. – Während man ihn auskleidete, fiel ihm das Geschenk seines Bruders ein. Augenblicklich ließ er die Kiste holen und eröffnen, befahl den Auskleidern, ihn allein zu lassen, und konnte sich nicht enthalten, beim Anblicke der ägyptischen Malerei, welche den Kasten bedeckte, an Nitetis zu denken und sich zu fragen, was wohl die Verstorbene über seine jüngst vollbrachte That gesagt haben würde. Fiebernd und verworrenen Geistes beugte er sich endlich über die Kiste, entnahm ihr das aus Wachs gebildete schöne Haupt, und starrte mit Entsetzen in die glanzlosen unbeweglichen Augen des Bildwerks. Die Aehnlichkeit war so täuschend, und seine Urtheilskraft durch den Wein und das Fieber so geschwächt, daß er von einem Zauber befangen zu sein glaubte. Dennoch vermochte er nicht, seinen Blick von den theuren Zügen abzuwenden. Plötzlich kam es ihm vor, als wenn das Bildwerk seine Augen bewege. Da faßte ihn ein jähes Entsetzen. Krampfhaft schleuderte er das lebendig gewordene Bild an die Wand, so daß die hohle, spröde Wachsmasse in tausend Stücke zersplitterte, und sank stöhnend auf sein Lager zurück. – Von nun an wurde das Fieber immer heftiger. Der Unglückliche glaubte, in wirren Phantasieen, zuerst den verbannten Phanes zu sehen, der ein griechisches Schelmenliedchen sang und ihn so schändlich verhöhnte, daß sich seine Faust vor Ingrimm ballte. Dann sah er Krösus, seinen Freund und Berather. Derselbe drohte ihm und rief ihm jene Worte abermals zu, mit denen er ihn, als er Bartja um Nitetis willen hinrichten lassen wollte, gewarnt hatte: »Hüte Dich, brüderliches Blut zu vergießen, denn wisse, daß seine Dämpfe aufsteigen zum Himmel und zu Wolken werden, welche die Tage des Mörders verfinstern und endlich einen Blitz der Rache auf ihn hernieder schleudern!« Und in seiner Phantasie gestaltete sich dieses Bild zur Wirklichkeit. Er wähnte, daß ein blutiger Regen aus finsteren Wolken auf ihn herniederströme und mit seinem widrigen Naß seine Kleider und Hände befeuchte. Als derselbe endlich aufgehört hatte, und er sich, um sich zu reinigen, dem Ufer des Nils näherte, trat ihm Nitetis mit süßem Lächeln, wie sie Theodorus dargestellt hatte, entgegen. Bezaubert von der lieblichen Erscheinung, warf er sich vor ihr nieder und faßte ihre Hand. Kaum hatte er sie berührt, als sich an jeder ihrer zarten Fingerspitzen ein Blutstropfen zeigte, und sie ihm mit allen Zeichen des Abscheus den Rücken kehrte. Jetzt flehte Kambyses die Erscheinung demüthig an, ihm zu vergeben und zu ihm zurückzukehren; sie aber blieb unerbittlich. Da ergrimmte er und drohte ihr erst mit seinem Zorne, dann mit furchtbaren Strafen, und vermaß sich endlich, als Nitetis seine Worte mit leisem Hohngelächter beantwortete, seinen Dolch nach ihr zu werfen. Da zerstob sie in tausend Stücke, wie das wächserne Bildwerk an der Wand zersprungen war; – das Hohngelächter tönte aber fort und wurde lauter und lauter, und viele Stimmen mischten sich in dasselbe und suchten sich einander in Spott und Hohn zu überbieten. Und Bartja's und Nitetis' Stimmen klangen am erkennbarsten an sein Ohr und schienen ihn am bittersten zu höhnen, und endlich vermochte er diese furchtbaren Töne nicht länger zu ertragen und hielt sich die Ohren zu und vergrub, als auch dies nichts helfen wollte, seinen Kopf in brennend heißen Wüstensand und dann in den eisig kalten Nil und wieder in die Gluth und wieder in das frostige Naß, bis seine Sinne schwanden. Als er endlich erwachte, konnte er sich nicht mehr in der Wirklichkeit zurecht finden. Er hatte sich Abends niedergelegt und sah jetzt an der Sonne, welche sein Lager mit ihren letzten Strahlen vergoldete, daß es nicht, wie er erwarten mußte, tage, sondern vielmehr dunkle. Er konnte sich nicht täuschen, denn jetzt vernahm er den singenden Priesterchor, der dem scheidenden Mithra die letzten Grüße zuwarf. Nun hörte er auch, wie sich hinter einem Vorhange, den man zu Häupten seines Lagers angebracht hatte, viele Menschen regten. Er wollte sich umwenden, fühlte aber bald, daß ihm dies aus Kraftlosigkeit unmöglich sei. Endlich rief er, nachdem er sich vergeblich bemüht hatte, den Traum von der Wirklichkeit und die Wirklichkeit vom Traume zu sondern, seinen Ankleidern und den anderen Höflingen, welche zugegen zu sein pflegten, wenn er sich vom Lager erhob. Sofort traten nicht nur diese, sondern auch seine Mutter, Prexaspes, mehrere gelehrte Magier und einige ihm unbekannte Aegypter vor ihn hin und erzählten ihm, daß er Wochen lang von einem hitzigen Fieber heimgesucht und nur durch die besondere Huld der Götter, die Kunst der Aerzte und die unverdrossene Pflege seiner Mutter vom Tode errettet worden wäre. Nun blickte er erst Kassandane, dann Prexaspes fragend an und verlor wiederum die Besinnung, um am andern Morgen, nach einem gesunden Schlafe, mit neuen Kräften zu erwachen. Vier Tage später war er stark genug, in einem Lehnsessel sitzen und Prexaspes nach dem einzigen Gegenstande, der seinen Geist beschäftigte, fragen zu können. Der Botschafter wollte im Hinblick auf die Schwäche seines Gebieters ausweichend antworten; als dieser aber seine abgemagerte Hand drohend emporhob und ihn mit dem noch immer furchtbaren Blicke seines Auges anschaute, zögerte Prexaspes nicht länger und sagte, in der Meinung, Kambyses eine hohe Genugthuung zu verschaffen: »Freue Dich, mein Herrscher! Der Jüngling, welcher sich unterfing, Deinen Ruhm schmälern zu wollen, ist nicht mehr. Diese Hand erschlug ihn und begrub seine Leiche bei Baal Zephon. Niemand hat meine That gesehen, außer dem Sande der Wüste und den unfruchtbaren Wogen des rothen Meeres (Anm. 153) Herod. III. 30 sagt, Einige wollten wissen, daß Bartja, nachdem Prexaspes ihn zum rothen Meere geführt (ες τὴν ’Ερυθρὴν θάλασσαν . . προσαγαγόντα), dort von ihm ermordet worden sei. Es ist möglich, aber keineswegs gewiß, daß Herodot an dieser Stelle den persischen Meerbusen meinte. ; niemand weiß um sie, außer Dir und mir und den Möven und Seeraben, die sein Grab umkreisen!« Ein gellender Schrei der Wuth entfuhr den Lippen des Königs, der, von neuen Fieberschauern ergriffen, neue Phantasieen ausstoßend, zusammensank. Nun vergingen lange Wochen, in denen jeder Tag das Ende des Königs zu bringen drohte. Endlich besiegte sein starker Leib den gefahrvollen Rückfall; die Kräfte seines Geistes hatten aber den Dämonen des Fiebers nicht zu widerstehen vermocht und blieben zerrüttet und geschwächt bis zu seiner letzten Stunde. Als er das Krankenzimmer verlassen durfte und von neuem Reiten und den Bogen spannen konnte, gab er sich dem Genuß des Weines zügelloser hin, als vorher, und verlor auch den letzten Rest der Fähigkeit, sich selbst zu beherrschen. Außerdem hatte sich in seinem zerrütteten Geiste der Wahn festgesetzt, Bartja sei nicht todt, sondern in den Bogen des Königs der Aethiopen verwandelt worden und der Feruer Siehe II. Theil Anmerkung 56 . seines verstorbenen Vaters habe ihm befohlen, ihm durch die Besiegung des schwarzen Volkes seine frühere Gestalt wieder zu geben. Dieser Gedanke, den er jedem Einzelnen in seiner Umgebung, gleich einem großen Geheimnisse, anvertraute, verfolgte ihn Tag und Nacht und ließ ihn nicht ruhen, bis er mit einem großen Heere nach Äthiopien aufgebrochen war. Aber er mußte unverrichteter Sache heimkehren, nachdem der größte Theil der Armee durch Hitze und Mangel an Speise und Trank einen kläglichen Untergang gefunden hatte. Ein Schriftsteller, der beinahe zu seinen Zeitgenossen gehört, erzählt (Anm. 154) Herodot besuchte Aegypten einige 60 Jahre nach dem Tode des Kambyses, 454 v. Chr. Er beschreibt den Zug nach Aethiopien III. 25. , daß die unglücklichen Soldaten sich, nachdem der Mundvorrath ausgegangen war, so lange es ging, von Kräutern genährt hätten; als aber in der Sandwüste jede Vegetation aufhörte, sollen sie, von verzweifelter Noth getrieben, ihre Zuflucht zu einem Auskunftsmittel genommen haben, welches die Feder zu berichten sich sträubt. Je zehn Soldaten loosten nämlich mit einander und verzehrten Denjenigen, welcher den unglücklichen Treffer gezogen hatte. Nun zwang man endlich den Wahnsinnigen, heimzukehren, um ihm, nachdem man wiederum zu bewohnten Gegenden gelangt war, nach asiatischer Sklavenart, trotz seines zerrütteten Geistes, von neuem blindlings zu gehorchen. Als er mit den Trümmern des Heeres in Memphis einzog, hatten die Aegypter einen neuen Apis Siehe III. Theil Anmerkung 129 . gefunden und feierten dem in dem heiligen Stiere verborgenen, neu erschienenen Gotte in herrlichen Kleidern ein großes Freudenfest. Da Kambyses schon zu Theben erfahren hatte, daß sein gegen die Oase des Ammon (Anm. 155) Auf dieser Oase befand sich jenes Orakel des Gottes Ammon, welches durch den Ausspruch, Alexander sei ein Sohn der Gottheit, so hoch berühmt wurde. Curtius IV. 7. Uebrigens hatte schon Krösus dieses Orakel beschickt. Herod. I. 46. Ueber die Art des Spruchs Jamblichus de Myst. 3. Tacit. hist. IV. 83. Näheres über jene wundersame Oase, welche heute Siwah heißt, bei Minutoli, Reise zum Tempel des Jupiter Ammon \&c. und besonders bei Parthey, Zur Erdkunde des alten Aegyptens. Berlin 1859. Auch bei Brugsch, Geographische Inschriften. Populär beschrieben von G. Rasch und jüngst von G. Rohlfs. Abulfeda nennt sie Vach oder el Vach, eine arabische Umschreibung des koptischen uahe , die Oase. Abulfedae descript. Aegypt. 1746. , in der libyschen Wüste, geschicktes Heer durch den Wüstenwind (Anm. 156) Furchtbarer aus Südwesten wehender Wind in der libyschen Wüste und Aegypten. Das Beste über ihn bei Grégoire, Du Khamsine et de ses efforts . Ein ähnlicher unter dem Namen»Samum« bekannter Wind wird von den Türken Schamyele genannt. Vielleicht hat dieser die Karawanen schädigende Unhold dem bösen Samiel seinen Namen gegeben. kläglich umgekommen sei, und daß sich die Flotte, der er Karthago zu erobern befohlen hatte, gegen ihre Stammgenossen zu ziehen geweigert habe (Anm. 157) Herod. III. 26. 17. 19. , glaubte der König, daß die Memphiten, seiner unglücklichen Kriegszüge wegen, jenes Freudenfest begingen, ließ die vornehmsten Leute der Stadt berufen, warf ihnen ihr Benehmen vor und fragte sie, warum sie sich nach seinem Siege störrig und düster, nach seiner Niederlage ausgelassen fröhlich gezeigt hätten. Da erklärten ihm die Memphiten die Ursache ihrer Festfreude und versicherten, daß das Erscheinen des göttlichen Stiers jedesmal in ganz Aegypten durch Jubelfeste und Aufzüge begangen zu werden pflege. Nun schalt sie Kambyses Lügner und verurteilte sie als solche zum Tode (Anm. 158) So erzählt Herod. III. 27. Plut., Is. u. Os. 12. Wir haben an verschiedenen Stellen hervorgehoben, wie hoch die Perser die Wahrhaftigkeit schätzten. S. I. Th. A. 142 . Jetzt soll das leider anders geworden sein. Brugsch versichert in seinem Vortrage »Perser und Germanen«, daß er nirgends unverschämtere Lügner, als im heutigen Persien, gefunden habe. Im Buche des Kawus gibt der weise Schah Kjekjawus seinem Sohne und Thronfolger schon im 11. Jahrh. n. Chr. die Lehre, er möge lieber eine Lüge sagen, die wahrscheinlich, als eine Wahrheit, welche lügenhaft klinge. B. d. Kawus übers. v. Diez S. 376. Dagegen sagt Herod. I. 138 von den Persern des fünften Jahrhunderts: »Lügen und Schulden haben halten sie für die größte Schande,« und der Vendidad bezeichnet an vielen Stellen die Lüge als eine der schwersten Sünden. Brugsch sagt freilich, diese häufigen Verbote seien für das lügenhafteste Volk besonders nöthig gewesen. . Dann ließ er die Priester kommen und bekam von ihnen dieselbe Antwort. Höhnend und spottend wünschte er jetzt die Bekanntschaft des neuen Gottes zu machen und befahl, ihm denselben vorzuführen. Man brachte den Apis herbei und erzählte ihm, derselbe werde von einer jungfräulichen Kuh durch die Berührung eines Mondenstrahls gezeugt, müsse schwarz sein, auf der Stirn ein weißes Dreieck, auf dem Rücken das Bild eines Adlers und an der Seite einen zunehmenden Halbmond tragen. Am Schwanze suche man bei ihm zweierlei Haar und an der Zunge einen Auswuchs in Gestalt des heiligen Käfers Skarabäus (Anm. 159) S. III. Theil 122 [ 129 ]. Ueber die Abzeichen des Apis Herod. III. 28. Ob er ein weißes Dreieck oder Viereck auf der Stirn haben mußte, ist nach den verschiedenen Lesarten des Herodot fraglich; die Denkmäler zeugen für das Dreieck. Nach Ammianus Marcellinus mußte er einen Halbmond auf der rechten Seite haben; Strabo 807 nennt ihn weiß an der Stirn und einigen anderen kleinen Stellen des Leibes, sonst aber schwarz; Aelian sagt, der heilige Stier habe 29 Abzeichen gehabt; Ovid nennt ihn: variis coloribus Apis . Die Denkmäler erklären diese Verschiedenheit der Angaben, denn sie zeigen, daß der heilige Stier nicht immer vollkommen gleich auszusehen brauchte. Bald wird er ganz schwarz dargestellt, bald mit charakteristischen weißen Flecken. Champ. Pantheon ég. Pl. 37. An der von Mariette ausgegrabenen Apisstatue (jetzt zu Paris) hat man viele dieser Abzeichen wieder gefunden. Dieselben sind mit schwarzer Farbe auf den Leib des Thieres gemalt. Die Färbung des Kopfes ist leider verwischt. Mehrere Apisfiguren aus Bronze stellen ihn mit der Sonnenscheibe und Uräusschlange zwischen den Hörnern, einem breiten Halsbande und zwei Geiern auf dem Rücken dar, deren weitausgebreitete Flügel bis zum Ansatze der Vorder- und Hinterbeine reichen und zwischen denen ein kostbares Deckchen liegt. An der Stirn hat er ein Dreieck , das seine symbolische Bedeutung besaß. »Alle guten Hautabzeichen« des Apis werden häufig von den Denkmälern erwähnt. . Als der vergötterte Stier vor ihm stand, und er nichts Außergewöhnliches an ihm entdecken konnte, wurde Kambyses wüthend und stieß ihm sein Schwert in die Seite (Anm. 160) Nach Herod. III. 29 glitt das Schwert des Kambyses aus und fuhr dem Apis in den Schenkel. Weil der König gleichfalls an einer Schenkelwunde stirbt, paßt dieß dem Herodot, welcher stets die Vergeltung des Frevels in das hellste Licht zu stellen bemüht ist; doch wäre der Stier wohl schwerlich an einer bloßen Wunde am Schenkel gestorben. . Da er sodann das Blut strömen und den Apis zusammenstürzen sah, lachte er gellend auf und rief: »Ihr Narren! Eure Götter haben also Fleisch und Blut und lassen sich verwunden? Solche Thorheit ist eurer würdig! Aber ihr werdet sehen, daß ich mich nicht straflos verspotten lasse. Heda, Trabanten! Peitscht diese Priester und tötet Jeden, den ihr bei der wahnsinnigen Feier ertappt!« Man befolgte seine Befehle und steigerte dadurch den Ingrimm der Aegypter auf's Höchste. Nachdem der Apis an seiner Wunde gefallen war, bestatteten ihn die Memphiten heimlich in den beim Serapeum befindlichen Grüften der heiligen Stiere Siehe II. Theil Anmerkung 129 . und versuchten dann, unter Psamtik's Führung, einen Aufstand gegen die Perser, der aber bald unterdrückt wurde und dem unglücklichen Sohne des Amasis ein Leben (Anm. 161) Herod. III. 15. kostete, dessen Flecken und Härten durch sein nimmer ruhend Bestreben, sein Volk von der Fremdherrschaft zu erlösen, und durch seinen Tod für die Freiheit, vergessen zu werden verdienen. Der Wahnsinn des Kambyses hatte indessen neue Formen angenommen. Nach dem fehlgeschlagenen Versuche, dem, wie er wähnte, in einen Bogen verwandelten Bartja seine alte Gestalt wieder zu geben, erhöhte sich seine Reizbarkeit so sehr, daß ihn ein Wort, ein Blick, welcher ihm mißfiel, in Raserei versetzen konnte. Sein treuer Mahner Krösus wich auch jetzt nicht von seiner Seite, obgleich ihn der König mehrmals den Trabanten zur Hinrichtung übergeben hatte. Diese kannten aber ihren Herrn, hüteten sich wohl, ihre Hand an den Greis zu legen und waren der Straflosigkeit sicher, weil der König am nächsten Tage entweder seinen Befehl vergessen oder ihn längst bereut hatte. Nur einmal mußten die unglücklichen Peitschenträger ihre Nachsicht furchtbar büßen, denn, obgleich sich Kambyses über die Erhaltung des Greises freute, so ließ er seine Lebensretter nichtsdestoweniger wegen ihres Ungehorsams hinrichten (Anm. 162) Herod. III. 36. . Es widersteht uns, viele andere Züge der barbarischen Grausamkeit, welche der wahnsinnige König in jener Zeit begangen haben soll, nachzuerzählen; dennoch mögen wir einige von ihnen, die uns besonders bezeichnend erscheinen, nicht unerwähnt lassen. Als er eines Tages beim Schmause saß, fragte er trunkenen Muthes den Prexaspes, was die Perser von ihm sagten. Der Botschafter, welcher in dem Bedürfniß, sein marterndes Gewissen durch edle Thaten gefährlicher Art zu übertäuben, keine Gelegenheit vorübergehen ließ, welche ihm gestattete, wohlthätig auf den Unglücklichen einzuwirken, antwortete, daß sie ihn in jeder Hinsicht belobten, doch aber meinten, er sei dem Weine zu sehr ergeben. Nach diesen halb scherzend gesprochenen Worten brauste der Wahnsinnige auf und schrie: »So sagen die Perser, daß mich der Wein um den Verstand bringe? Jetzt will ich zeigen, daß sie selbst verlernt haben, richtig zu urtheilen!« Bei diesen Worten spannte er seinen Bogen, zielte einen Augenblick und schoß dann dem ältesten Sohne des Prexaspes, der im Hintergrunde der Halle, als Schenk, der Winke des Herrschers harrte, in die Brust. Darauf gab er den Befehl, den unglücklichen Jüngling zu öffnen und zu untersuchen. Der Pfeil war mitten in sein Herz gedrungen. Hierüber freute sich der unsinnige Tyrann und rief lachend: »Jetzt siehst Du, Prexaspes, daß nicht ich, sondern die Perser ihren Verstand verloren haben. Wer könnte sein Ziel unfehlbarer treffen als ich?« Prexaspes sah, gleich der am Sipylus versteinerten Niobe, bleich und regungslos dem entsetzlichen Schauspiele zu. Seine Sklavenseele beugte sich vor der Allmacht des Königs und zwang ihm nicht den Dolch der Rache in die Rechte. Vielmehr murmelte er, als der Wahnsinnige seine Frage zum andern Male wiederholte, indem er die Hand auf sein Herz drückte: »Kein Gott vermöchte sicherer zu treffen (Anm. 163) Herod. III. 35 meint jedenfalls unter τὸν θεὸν den ferntreffenden Apollon. Seneca de ira III. 14 sagt bei der Erzählung dieser Geschichte ohne Weiteres »Apollo«. !« Wenige Wochen später begab sich der König nach Sais. Als man ihm dort die Gemächer seiner einstigen Geliebten zeigte, erwachte die längst vergessene Erinnerung an sie mit neuer Kraft in seiner Seele, und sein getrübtes Gedächtniß mahnte ihn zu gleicher Zeit, daß Amasis ihn und sie betrogen habe. Ohne sich über die einzelnen Umstände Rechenschaft geben zu können, fluchte er dem Verstorbenen und ließ sich tobend zum Tempel der Neith führen, woselbst seine Mumie ruhte. Dort riß er den balsamirten Leichnam des Königs aus dem Sarkophage, ließ ihn mit Ruthen schlagen, mit Nadeln stechen, ihm die Haare ausreißen, ihn in jeder Weise mißhandeln und endlich, gegen das religiöse Gesetz der Perser, welches die Verunreinigung des reinen Feuers durch Leichname für eine Todsünde hielt, verbrennen. Zu gleichem Schicksale verdammte er die Mumie der ersten Gattin des Amasis, welche zu Theben, ihrer Heimath, im Sarkophage ruhte (Anm. 164) Herod. III. 16. Die Offiziere der französischen Fregatte Luxor, die den Obelisken von Theben holten, fanden zu Abd el Qurnah die Mumie wahrscheinlich der Gattin des Amasis, halb verbrannt, in einem Sarkophage. . Nach Memphis zurückgekehrt, scheute er sich nicht, seine Gattin und Schwester Atossa mit eigener Hand zu mißhandeln. Eines Tages hatte er nämlich ein Kampfspiel angeordnet, in welchem unter Anderen ein Hund mit einem jungen Löwen kämpfen mußte. Als der Leu seinen Gegner bewältigt hatte, riß sich ein anderer Hund, der Bruder des Ueberwundenen, von seiner Kette los, stürzte sich auf den Löwen und bezwang ihn mit Hülfe des Verwundeten. Dieser Anblick, der Kambyses große Freude machte, veranlaßte Kassandane und Atossa, welche dem Schauspiele auf Befehl des Königs beiwohnen mußten, laut zu weinen. Der erstaunte Tyrann fragte sie um die Ursache ihrer Thränen und erhielt von der heftigen Atossa die Antwort, das tapfere Thier, welches für seinen Bruder sein Leben auf's Spiel gesetzt habe, erinnere sie an Bartja, der ungerochen, sie wolle nicht sagen durch wen, getödtet worden sei. Diese Worte erregten den Zorn und die schlummernden Gewissensqualen des Rasenden so sehr, daß er die allzukühne Frau mit Fäusten schlug, ja sie vielleicht getödtet haben würde, wenn ihm nicht seine Mutter in den Arm gefallen wäre und sich selbst den Streichen des Tobsüchtigen ausgesetzt hätte (Anm. 165) Herod. III. 32. . Das geheiligte Angesicht und die Stimme der Mutter genügten, seiner Wuth Zügel anzulegen; ihr Blick, welcher ihn voll getroffen hatte, war aber von so brennendem Zorn und so tiefer Verachtung erfüllt gewesen, daß er ihn nicht vergessen konnte, und der neue Irrwahn in ihm erwachte, daß er von den Augen der Weiber vergiftet werden würde. Sobald er von nun an eine Frau erblickte, schrak er zusammen und versteckte sich hinter seine Begleiter, bis er endlich verordnete, daß man alle weiblichen Bewohner des memphitischen Schlosses, seine Mutter nicht ausgenommen, nach Ekbatana bringen solle. Araspes und Gyges erhielten den Auftrag, sie nach Persien zu führen. Der Reisezug der königlichen Frauen war zu Sais angelangt und dort im Palaste der Pharaonen abgestiegen. Krösus begleitete die Scheidenden bis zu dieser Stadt. Kassandane hatte sich in den letzten Jahren sehr verändert. Tiefe, von Gram und Leid gefurchte Falten durchzogen ihr einstmals so schönes Angesicht, während der Schmerz nicht vermocht hatte, ihre hohe Gestalt zu beugen. Atossa, die Tochter der Greisin, war dagegen, trotz manchen Kummers, schöner geworden, als vorher. Das muthwillige Mädchen hatte sich in ein vollkommen entwickeltes, selbstbewußtes Weib, das ungestüme, trotzige Kind in eine lebhafte, willensstarke Frau verwandelt. Der Ernst des Lebens und drei an der Seite ihres rasenden Gatten und Bruders verbrachte traurige Jahre waren für sie zu trefflichen Lehrmeistern in der Geduld geworden, hatten aber nicht vermocht, sie der ersten Liebe ihres Herzens abwendig zu machen. Sappho's Freundschaft mußte sie gewissermaßen für den Verlust des Darius entschädigen. Die junge Griechin war seit dem Verschwinden ihres Gatten zu einem andern Wesen geworden. Der rosige Schein ihrer Wangen und ihr holdseliges Lächeln hatten sie längst verlassen. Wunderbar schön, trotz ihrer Blässe, ihrer gesenkten Wimpern und schlaffen Haltung, glich sie jener Ariadne, welche des wiederkehrenden Theseus harrte. Sehnsucht und Erwartung sprachen aus dem Blick ihrer Augen, dem Ton ihrer leisen Stimme, der Gemessenheit ihres Ganges. Sobald sich Schritte nahten, wenn eine Thür ging oder eine männliche Stimme unerwartet sich hören ließ, schrak sie zusammen, stand auf und lauschte, um sich bald darauf, enttäuscht und doch nicht irre gemacht in ihrer Hoffnung, der Sehnsucht von neuem hinzugeben, und, wie sie schon früher so gern gethan hatte, zu sinnen und zu träumen. Nur wenn sie mit ihrem Kinde spielte und für dasselbe sorgte, schien sie wieder die Alte zu werden, denn dann färbten sich ihre Wangen mit neuem Roth, ihre Augen erglänzten, und ihr ganzes Wesen schien wieder, statt in der Vergangenheit oder Zukunft, in der frischen Gegenwart zu leben. Das Kind war ihr Alles. In ihm lebte Bartja für sie fort; auf das Kind konnte sie, ohne dem Verschwundenen auch nur das Geringste zu entziehen, die ganze Liebesfülle ihres Herzens übertragen; mit dem Kinde hatte ihr die Gottheit ein Lebensziel, ein Band geschenkt, welches sie wiederum mit der Welt, deren schätzbarer Theil seit ihres Gatten Verschwinden für sie verloren schien, vereinte. Manchmal dachte sie wohl, wenn sie in die blauen Augen des holden Wesens schaute, die denen seines Vaters so täuschend glichen: Warum ist sie doch kein Knabe? Der würde ihm von Tag zu Tag ähnlicher werden und endlich als ein zweiter Bartja, wenn es überhaupt einen solchen geben könnte, vor mir stehen! Aber solche Gedanken pflegten nur von kurzer Dauer zu sein und damit zu enden, daß sie die Kleine mit doppelter Zärtlichkeit an ihr Herz drückte, daß sie sich undankbar und thöricht schalt. Eines Tages hatte Atossa in gleichem Sinne ausgerufen: »O, daß Parmys kein Knabe ist! Der würde seinem Vater ähnlich werden und Persien als ein zweiter Cyrus regieren!« Sappho stimmte der Freundin, wehmüthig lächelnd, bei und bedeckte die Kleine mit Küssen; Kassandane aber sagte: »Erkenne auch darin die Güte der Götter, meine Tochter, daß sie Dir ein Mägdlein bescherten. Wäre Parmys ein Knabe, so würde man Dir Dein Kind, sobald es das sechste Lebensjahr überschritten, fortnehmen, um es mit den Söhnen der anderen Achämeniden erziehen zu lassen, während Dir das Mädchen noch lange Zeit angehören wird.« Sappho erbebte in dem bloßen Gedanken, sich je von der Kleinen trennen zu müssen, drückte das blonde Lockenköpfchen fest an ihre Brust und hatte von nun an nichts mehr an ihrem kostbaren Schatze auszusetzen. Atossa's Freundschaft that dem wunden Herzen der jungen Wittwe wohl. Mit ihr konnte sie, so oft und so viel sie wollte, von Bartja sprechen und war immer einer freundlichen, teilnahmsvollen Zuhörerin gewiß. Auch Atossa hatte den verschwundenen Bruder sehr geliebt. Aber selbst ein Fremder würde den Erzählungen Sappho's gern zugehört haben, – steigerte sich doch ihre Rede nicht selten zu hohem Schwunge, schien sie doch, wenn sie die Erinnerungen aus der Rosenzeit ihres Glückes in Worte kleidete, zur gottbegabten Dichterin zu werden. Und wenn sie gar das Saitenspiel in die Hand nahm und die heißen Sehnsuchtslieder des lesbischen Schwanes Siehe I. Theil Anmerkung 16 . , in denen sie ihre eigensten Gefühle wiederfand, mit ihrer reinen, holdselig klagenden Stimme sang, dann glaubte sie mit dem Geliebten in schweigender Nacht unter duftendem Akanthus zu verweilen und vergaß, aus der Wirklichkeit in das Zauberland der Phantasie entführt, der trüben Gegenwart. Und jedesmal, wenn sie das Saitenspiel aus der Hand legte, um sich, tief aufathmend, dem Reiche der Träume zu entziehen, wischte sich Kassandane, obgleich sie die griechische Sprache nicht verstand, eine Thräne aus den Augen, beugte sich Atossa zu ihr nieder, um ihre Stirn zu küssen. So waren drei lange Jahre vergangen, in denen sie ihre Großmutter nur selten gesehen hatte; durfte sie doch auf Befehl des Königs, um Parmys' willen, das Haus der Weiber niemals ohne Kassandane's oder der Eunuchen Begleitung und Erlaubniß verlassen. Jetzt hatte Krösus, der sie nach wie vor gleich einer Tochter liebte, Rhodopis nach Sais beschieden. Sappho konnte nicht in die Ferne ziehen, ohne ihrer treuesten Freundin Lebewohl zu sagen, und fand bei Kassandane wie bei dem greisen Lyder volles Verständniß für diesen Herzenswunsch. Die Wittwe des Cyrus hatte außerdem so viel von der edlen Großmutter ihrer Schwiegertochter gehört, daß sie dieselbe kennen zu lernen wünschte und sie, nachdem Sappho ein zärtliches Wiedersehen mit ihr gefeiert hatte, zu sich entbieten ließ. Als die beiden Greisinnen einander gegenüberstanden, hätte ein Fremder nimmer entscheiden können, wer von ihnen die Königin sei; würde er sie doch Beide für Fürstinnen gehalten haben. Krösus, welcher der Griechin ebenso nahe stand wie der Perserin, versah das Amt des Dolmetschers und wußte, unterstützt von dem biegsamen Geiste der Hellenin, das Gespräch in ununterbrochenem Fluß zu halten. Nachdem Rhodopis mit dem ihr eigenen Zauber Kassandane's Herz gewonnen hatte, glaubte die Königin, nach persischer Art, derselben ihr Wohlgefallen nicht besser beweisen zu können, als durch die Aufforderung, ihr einen Wunsch vorzutragen. Die Hellenin zauderte einen Augenblick, ehe sie, ihre Hände wie zum Gebet erhebend, ausrief: »Laß mir Sappho, den Trost und Schmuck meines Alters!« Kassandane lächelte schmerzlich und gab zurück: »Diesen Wunsch vermag ich nicht zu erfüllen, denn unser Gesetz befiehlt, daß die Kinder der Achämeniden an der Pforte des Königs erzogen werden sollen. Ich darf die kleine Parmys, als einzige Enkelin des Cyrus, nicht von mir lassen, und Sappho wird sich, so sehr sie Dich liebt, in keinem Falle von ihrem Kinde trennen. Auch ist sie mir und meiner Tochter so theuer, ja ich möchte sagen nothwendig geworden, daß ich sie, obgleich ich Deine Sehnsucht nach ihr wohl verstehe, niemals von mir lassen würde.« Als Kassandane sah, daß sich das Auge der Hellenin mit Thränen füllte, fuhr sie fort. »Aber ich wüßte ein gutes Auskunftsmittel. Verlaß Naukratis und komm' mit uns nach Persien. Dort sollst Du Deine letzten Jahre mit uns und Deiner Enkelin verleben und gleich einer Fürstin gehalten werden!« Rhodopis schüttelte ihr schönes, greises Haupt und erwiederte mit gedämpfter Stimme: »Ich danke Dir für Deine gütige Einladung, hohe Königin; fühle aber, daß ich sie nicht anzunehmen vermag. Alle Fasern meines Herzens wurzeln in Griechenland und würden mit meinem Leben zerreißen, wenn ich mich von ihm für immer abtrennen wollte. An fortwährende Thätigkeit, regen Austausch der Gedanken und unbedingte Freiheit gewöhnt, würde ich in der Beschränkung des Harems hinsiechen und sterben. Von Krösus auf Deinen gütigen Vorschlag vorbereitet, hab' ich schwere Kämpfe bestanden, eh' ich dahin gelangen konnte, mir zu sagen, daß es meine Pflicht sei, mein liebstes für mein höchstes Gut aufzuopfern. So viel schwerer es ist, schön und gut, als glücklich zu leben, so viel ruhmvoller, so viel würdiger des hellenischen Namens ist es, statt dem Glücke der Pflicht zu folgen. Mein Herz zieht mit Sappho nach Persien, mein Geist und meine Erfahrungen gehören den Griechen. Wenn Du eines Tages vernehmen solltest, daß niemand außer dem Volke in Hellas regiert, und daß sich dieses Volk vor nichts Anderem beugt, als vor seinen Göttern und Gesetzen, dem Guten und Schönen, dann magst Du denken, daß die Aufgabe, an die Rhodopis, im Bunde mit den Besten der Hellenen, ihr Leben setzte, erfüllt sei. Zürne nicht der Griechin, welche, damit ich es nur gestehe, lieber als freie Bettlerin vor Sehnsucht sterben, denn als glücklich gepriesene, aber unfreie Fürstin leben möchte.« Kassandane hörte der Greisin staunend zu. Sie verstand sie nur theilweis; fühlte aber, daß Rhodopis edle Worte gesprochen habe, und reichte ihr am Schluß ihrer Rede die Hand zum Kusse. Dann sagte sie nach einer kurzen Pause: »Handle nach Deinem Ermessen, und sei versichert, daß es Deiner Enkelin, so lange ich und meine Tochter leben, nicht an treuer Liebe gebrechen wird.« »Dafür bürgt mir Dein edles Angesicht und der hohe Ruf Deiner Tugend!« antwortete Rhodopis. »Sowie meine Pflicht, das, was man an Deiner Enkelin verbrochen, nach Kräften wieder gut zu machen.« Die Königin seufzte schmerzlich, ehe sie fortfuhr: »Auch soll auf die Erziehung der kleinen Parmys aller Fleiß verwendet werden. Sie scheint von der Natur reich begabt zu sein und singt jetzt schon ihrer Mutter die Weisen ihrer Heimath nach. Ich wehre nicht ihrer Neigung zur Musik, obgleich diese Kunst in Persien, außer dem Gottesdienste, nur von niedrig geborenen Menschen ausgeübt zu werden pflegt (Anm. 166) Buch des Kawus S. 732. Brugsch, Reise nach Persien S. 389. Ueber die musikalischen Instrumente der Perser bei Chardin V. S. 69–71. .« Rhodopis erglühte bei diesen Worten und rief: »Gestattest Du mir, frei zu reden, o Königin?« »Sprich ohne Furcht!« »Als Du vorhin in dem Gedanken an Deinen verschwundenen trefflichen Sohn aufseufztest, dachte ich bei mir: Vielleicht wäre der junge, edle Held noch am Leben, wenn die Perser ihre Söhne besser, ich wollte sagen mannigfaltiger, zu erziehen verständen. Ich habe mir von Bartja mittheilen lassen, was den persischen Knaben gelehrt wird. Bogenschießen, Speerewerfen, Reiten, Jagen, die Wahrheit zu reden und vielleicht einige schädliche und heilsame Kräuter zu unterscheiden, das ist Alles, womit man sie für das Leben ausstatten zu müssen meint. Unsere hellenischen Knaben werden körperlich ebenso unverdrossen geübt und gestählt, denn der Arzt ist nur der Ausbesserer, die Gymnastik aber der Schmied der Gesundheit. Wäre jedoch ein hellenischer Jüngling durch fortwährende Uebung stärker geworden als ein Stier, wahrhaftiger als die Gottheit und weiser als der gelehrteste ägyptische Priester, so würden wir ihn dennoch nur mit Achselzucken anblicken, wenn ihm dasjenige fehlte, was ihm nur durch frühes Beispiel und sorgfältige Pflege der mit der Gymnastik vereinten Musik gegeben werden kann: ›Anmuth und Ebenmaß‹ – Du lächelst, weil Du mich nicht verstehst; wirst mir aber Recht geben, wenn ich Dir gezeigt haben werde, daß die Musik, welche Dir ja, nach Sappho's Erzählungen, zu Herzen zu gehen scheint, eben so wichtig für die Erziehung sei wie die Gymnastik. Beide wirken, so seltsam dies auch klingen mag, gleichmäßig auf die Vervollkommnung der Seele und des Körpers. Wer sich ausschließlich der Musik hingibt, wird zwar anfangs, wenn er wilder Natur war, wie Erz im Feuer, weich und biegsam werden und seine strenge, rohe Art und Weise mildern; aber endlich wird sein Muth zerschmelzen; statt heftig wird er in kleinen Dingen reizbar und wenig tauglich zum Kriegsmanne werden, was ihr Perser doch vor allen Dingen erstrebt. Wer nur Gymnastik treibt, wird zwar, wie Kambyses, Kraft und Mannhaftigkeit in sich vereinen; seine Seele aber – hier höre ich zu vergleichen auf – bleibt stumpf und blind, und seine Empfindungen entbehren der Reinheit. Er wird sich verständigen Gründen taub zeigen und, einem Tiger gleich, mit roher Gewalt Alles durchzusetzen suchen; ja, sein Leben wird wahrscheinlich, der Anmuth und Mäßigung entbehrend, zu einem ungeschlachten, gewaltthätigen Treiben werden. Daher ist die Musik nicht allein für die Seele, die Gymnastik nicht allein für den Körper da, sondern beide, innig verschmolzen, müssen den Körper kräftigen und die Seele erheben und sänftigen, dem ganzen Menschen aber männliche Anmuth und anmuthige Mannhaftigkeit verleihen (Anm. 167) Die Grundgedanken dieser Rede haben wir dem idealen »Staate« des Plato entlehnt. .« Rhodopis schwieg einen Augenblick, um bald darauf fortzufahren: »Wem eine solche Erziehung nicht zu Theil wird, und wer außerdem von Kindheit an seine Rohheit straflos auslassen darf, wie und an wem er will; und immerdar nichts als Schmeichelworte, niemals aber gerechten Tadel zu hören bekommt; wer befehlen darf, eh' er zu gehorchen lernt; wer endlich mit dem Grundsatze, Glanz, Macht und Reichthum wären die höchsten Güter, auferzogen wird, der kann niemals jene volle, edle Männlichkeit erwerben, welche wir für unsere Knaben von der Gottheit erflehen. Und wenn ein solcher Unglücklicher mit heftiger Gemüthsart und begehrlichen Sinnen geboren wurde, so wird sich seine Unbändigkeit ohne den besänftigenden Einfluß der Tonkunst durch bloße Leibesübungen steigern, und aus dem vielleicht nicht ohne gute Anlagen zur Welt gekommenen Kinde, durch die Schuld seiner Erziehung, ein reißendes Thier, ein sich selbst vernichtender Schlemmer und ein wahnsinniger Wütherich werden Siehe II. Theil Anmerkung 21 . .« Hier schwieg die lebhafte Greisin. Als ihr Blick den feuchten Augen der Königin begegnete, fühlte sie, daß sie zu weit gegangen sei und ein edles Mutterherz gekränkt habe. Darum faßte sie Kassandane's Gewand, führte seinen Saum an ihre Lippen und sagte leise bittend: »Verzeihe mir.« Kassandane gab ein Zeichen der Bejahung, grüßte die Hellenin und schickte sich an, das Gemach zu verlassen. Auf der Schwelle desselben blieb sie noch einmal stehen und sprach: »Ich grolle Dir nicht, denn Deine Vorwürfe sind gerecht. Aber versuche auch Du zu vergeben, denn ich sage Dir, daß Derjenige, welcher das Glück Deines und meines Kindes mordete, zwar der Mächtigste, aber zu gleicher Zeit der Beklagenswerteste aller Sterblichen ist. Lebe wohl und denke, wenn Du etwas bedürfen solltest, der Wittwe des Cyrus, die Dich zu lehren wünscht, daß man den Persern vor allen Dingen ›Großmuth‹ und ›Freigebigkeit‹ anerzieht.« Nach diesen Worten verließ Kassandane das Gemach. Am selben Tage erhielt Rhodopis die Nachricht, daß Phanes, nachdem er zu Kroton in der Nähe des Pythagoras, an seiner Wunde dahinsiechend, in ernsten Betrachtungen gelebt hatte, vor einigen Monden mit der Ruhe eines Weisen gestorben sei. Rhodopis war tief ergriffen von dieser Kunde und sagte zu Krösus: »In Phanes verliert Griechenland einen seiner tüchtigsten Männer; aber Viele blühen und wachsen heran, die ihm gleichen. Darum fürcht' ich, wie er, nichts von der aufwuchernden Macht der Perser; ja ich glaube, daß mein Vaterland mit seinen vielen Köpfen, wenn die rohe Eroberungssucht ihre Hand nach ihm ausstreckt, zu einem Riesen werden wird mit einem Haupte von göttlicher Kraft, von dem die rohe Gewalt so sicher gebeugt werden wird, wie der Geist dem Körper gebietet.« Drei Tage später nahm Sappho zum letzten Male von ihrer Großmutter Abschied und folgte den Königinnen nach Persien, wo sie, trotz der folgenden Ereignisse, immer noch an Bartja's mögliche Wiederkehr glaubend, voll Liebe, Hoffnung und treuer Erinnerung ganz der Erziehung ihrer Tochter und der Pflege der greisen Kassandane lebte. Die kleine Parmys erblühte in seltener Schönheit und lernte neben den Göttern nichts inniger lieben, als das Andenken ihres verschwundenen Vaters, den sie durch tausendfache Erzählungen ihrer Mutter wie einen Lebenden kannte. Atossa bewahrte ihr, trotz des hohen Glückes, welches ihr bald erblühen sollte, die alte Freundschaft und pflegte sie nicht anders als »Schwester« zu nennen. Im Sommer bewohnte Sappho die hängenden Gärten zu Babylon und dachte dort oftmals in den Gesprächen mit Kassandane und Atossa an die unschuldige, holde Urheberin so vieler für große Reiche und edle Menschen verhängnisvollen Ereignisse, die ägyptische Königstochter . Zehntes Kapitel. Hier könnten wir diese Erzählung beschließen, wenn wir nicht dem Leser einen Bericht von dem physischen Ende des geistig schon längst untergegangenen Kambyses und dem ferneren Schicksale einiger Nebenpersonen dieser Geschichte geben zu müssen glaubten. Kurze Zeit nach der Abreise der Königinnen kam die Kunde nach Naukratis, der Satrap von Lydien, Oroetes, habe seinen alten Feind Polykrates durch List nach Sardes gelockt und an's Kreuz schlagen lassen Siehe III. Theil Anmerkung 41 . . Somit war das traurige Ende, welches Amasis dem Tyrannen vorausgesagt hatte, zur Wahrheit geworden. Der Satrap hatte diese That ohne den Willen des Königs kühnlich begangen, weil im medischen Reiche Veränderungen eingetreten waren, welche das Herrscherhaus der Achämeniden zu stürzen drohten (Anm. 168) Wir folgen auch bei diesem Theile unserer Erzählung im Wesentlichen dem Herodot III. 61–68 und der Inschrift von Bisitun oder Behistân. Die Nachrichten des Ktesias sind, obgleich er am persischen Hofe gelebt hat, an dieser Stelle ähnlich der Erzählung des Halikarnassiers, aber weit unwahrscheinlicher als diese. . Der lange Aufenthalt des Königs in einem fernen Lande hatte die Furcht geschwächt oder gebrochen, welche sein bloßer Name in früherer Zeit allen zum Widerstande Geneigten einzuflößen pflegte. Die Nachricht von seinem Wahnsinn entzog ihm die Ehrfurcht seiner Unterthanen, während die Kunde, daß er Tausende von Landeskindern, aus bloßem Uebermuth, einem sichern Tode in der äthiopischen und libyschen Wüste preisgegeben habe, den aufgebrachten Asiaten einen Haß einflößte, der, von den mächtigen Magiern genährt und geschürt, sehr bald, erst die Meder und Assyrer, dann aber auch die Perser zum Abfall und zur offenen Empörung reizte. Der von Kambyses zum Statthalter eingesetzte ehrgeizige Oberpriester Oropastes stellte sich in eigennütziger Absicht an die Spitze dieser Bewegung, schmeichelte dem Volke durch den Erlaß von Steuern, große Geschenke und noch größere Versprechungen, und versuchte endlich, als er sah, wie dankbar man seine Milde anerkannte, durch einen Betrug die persische Königskrone für sein Haus zu gewinnen. Eingedenk der wunderbaren Aehnlichkeit seines der Ohren beraubten Bruders Gaumata mit Bartja, dem Sohne des Cyrus, faßte er, sobald er Kunde von dem Verschwinden des allen Persern so theuren Jünglings erhalten hatte, den Entschluß, Gaumata für den Gemordeten auszugeben, und ihn an Stelle des Kambyses auf den Thron zu setzen. Diese List gelang um so leichter, je verhaßter der wahnsinnige König im ganzen Reiche geworden war, mit je größerer Liebe ein Jeder an Bartja hing. Als endlich zahlreiche Boten des Oropastes alle Provinzen des Landes bereisten und den unzufriedenen Bürgern die Nachricht brachten, der jüngere Sohn des Cyrus befinde sich, trotz des entgegengesetzten Gerüchtes, noch am Leben, sei von seinem Bruder abgefallen, habe den Thron seines Vaters bestiegen und gewähre allen Unterthanen auf drei Jahre volle Freiheit vom Kriegsdienste und allen Abgaben, so wurde der neue Herrscher im ganzen Reiche mit Jubel anerkannt. Der falsche Bartja war seinem Bruder, dem Oberpriester, dessen überlegenem Geiste er sich willig unterordnete, gefolgt, hatte den Palast von Nisäa (Anm. 169) Spiegel, Inschrift von Behistân: »Es ist eine Festung, Cikathauvatis mit Namen, ein Bezirk, Niçâya mit Namen, in Medien, dort tödtete ich ihn.« Welche Stadt hier gemeint sei, ist nicht zu bestimmen; dagegen war der Bezirk Nisaja, namentlich wegen seiner vorzüglichen Roßwaiden, hochberühmt. Eustath., in Dionys. Perieg. p. 178. Nach Diodor XVII. 110 und Arrian Anab. VII. 13 soll es dort mehr als 150,000 Rosse, die sich namentlich durch ihre Größe auszeichneten, gegeben haben. Nach Herodot ging dieser ganze Theil unserer Erzählung in Susa vor sich. in der medischen Ebene bezogen, die Krone auf sein Haupt gesetzt, den Harem des Königs für den seinen erklärt und sich dem Volke, das in seinen Zügen diejenigen des Gemordeten wieder erkennen sollte, aus der Ferne gezeigt. Später hielt er sich, um nicht dennoch entlarvt zu werden, im Palaste verborgen und gab sich, nach asiatischer Herrscherart, allen Lüsten hin, während sein Bruder mit sicherer Hand das Scepter führte und alle wichtigen Stellen und Aemter seinen Freunden und Stammgenossen, den Magiern, übertrug. Als er festen Boden unter seinen Füßen fühlte, schickte er den Eunuchen Ixabates nach Aegypten, welcher dem Heere den Thronwechsel mittheilen und es bereden sollte, von Kambyses abzufallen und auf Bartja's Seite zu treten, der, wie wir wissen, namentlich von den Soldaten vergöttert worden war. Der gut gewählte Botschafter erfüllte seine Sendung mit Geschick und hatte bereits eine große Zahl von Soldaten für den neuen König gewonnen, als er von einigen auf Belohnung hoffenden Syrern gefangen genommen und nach Memphis gebracht wurde. In der Pyramidenstadt angekommen, führte man ihn vor den König, welcher ihm, im Fall er die volle Wahrheit sagen würde, Straflosigkeit zusicherte. Nun bestätigte der Bote die Nachricht, welche bis dahin nur gerüchtweise bis nach Aegypten gedrungen war, nämlich, daß Bartja den Thron des Cyrus bestiegen habe und bereits von dem größten Theile des Reichs anerkannt worden sei. Kambyses erschrak über diese Nachricht wie Jemand, der einen Todten aus dem Grabe erstehen sieht. – Trotz seines umnachteten Geistes wußte er, daß er Prexaspes den Befehl gegeben habe, Bartja zu ermorden, und daß ihm dieser sein Gebot ausgeführt zu haben versichert hatte. Er argwöhnte, daß der Botschafter ihn betrogen und dem Jünglinge das Leben geschenkt habe. Indem er diesen schnell aufblitzenden Gedanken ungesäumt aussprach, warf er Prexaspes seine Verrätherei mit bitteren Worten vor und veranlaßte ihn dadurch, einen großen Eid zu schwören, daß der unglückliche Bartja von seiner eigenen Hand getödtet und beerdigt worden sei. Nun wurde der Bote des Oropastes gefragt, ob er den neuen König selbst gesehen habe. Er verneinte dies und fügte hinzu, der angebliche Bruder des Kambyses habe seine Wohnung erst ein einziges Mal verlassen, um sich dem Volke von Ferne zu zeigen. Nunmehr durchschaute Prexaspes das ganze Lügengewebe des Oberpriesters, erinnerte den König an jene unseligen Mißverständnisse, welche durch die wunderbare Aehnlichkeit Gaumata's mit Bartja herbeigeführt worden waren, und bot schließlich seinen Kopf zum Pfande, wenn sich seine Vermuthung als falsch erweisen sollte. Der geisteskranke König, dem diese Auslegung behagte, hatte von jetzt an nur noch den einen Gedanken, die Magier gefangen zu nehmen und zu tödten. Das Heer mußte sich marschfertig machen. Aryandes (Anm. 170) Herod. IV. 166. , ein Achämenide, wurde zum Satrapen von Aegypten ernannt, und die Armee brach ohne Säumniß nach Persien auf. Von seinem neuen Irrwahne getrieben, gönnte sich der König keine Ruhe und machte die Nacht zum Tage, bis sich in Syrien sein von dem ungestümen Reiter gemißhandelter Hengst mit ihm überschlug, und er das Unglück hatte, während des Sturzes von seinem eigenen Dolche schwer verwundet zu werden (Anm. 171) Herod. III. 64. S. III. Theil Anmerk. 152 . In der Spiegel'schen Uebersetzung der Inschrift von Behistân heißt es dagegen: »Darauf starb Kambujiya, indem er sich selbst tödtete.« Oppert überträgt »Uvâmarsiyus« ebenso. Bensey übersetzt. »Darauf starb Kambuija vor übergroßem Zorn.« Ktesias Per. 12 berichtet, Kambyses habe sich aus Versehen mit einem Messer in den Schenkel gestochen und sei an der Wunde gestorben. Diese, sowie die Relation des Herodot, läßt sich mit der Angabe der Inschriften: »Er endete, › uvâmarsiyus ,‹ ›von selbst sterbend‹,« sehr wohl vereinen, denn auch die Griechen geben zu, daß seine eigene Waffe den Kambyses, wenn auch gegen seinen Willen, getödtet habe. Wir verwerfen den geflissentlichen Selbstmord an dieser Stelle um so lieber, je besser gerade hier Herodot und Ktesias zusammenstimmen, ein je entschiedener persisch-iranisches Gepräge (M. Duncker, Gesch. d. Alterth. II. S. 544) die Sterberede trägt, welche Herodot den Kambyses halten läßt. III. 65. . Nachdem er mehrere Tage lang ohne Besinnung dagelegen hatte, schlug er die Augen auf und verlangte erst Araspes, dann seine Mutter und endlich Atossa zu sehen, obgleich diese Drei schon vor mehreren Monaten abgereist waren. Aus all' seinen Reden ging hervor, daß er die letzten vier Jahre, von jenem Fieberausbruche an bis zu seiner Verwundung, gleichsam im Schlafe verlebt habe. Alles, was man ihm aus dieser Zeit erzählte, schien ihm neu zu sein und sein Herz mit Kummer zu erfüllen. Nur von dem Tode seines Bruders hatte er vollkommen Kenntniß. Er wußte, daß Prexaspes ihn auf seinen Befehl gemordet und ihm erzählt habe, daß Bartja am Ufer des rothen Meeres begraben liege. – In der diesem Erwachen folgenden Nacht wurde ihm auch klar, daß er lange Zeit vom Wahnsinn befangen gewesen sei. Gegen Morgen verfiel er in einen tiefen Schlaf, der ihm so viel Kraft zurückgab, daß er Krösus herbeirufen und ihm befehlen konnte, ihm ausführlich mitzutheilen, was er in den letzten Jahren gethan habe. Der greise Mahner gehorchte dem Willen des Königs und verschwieg ihm keine seiner Gewalttaten, ob er auch kaum mehr hoffen durfte, den seiner Fürsorge Anvertrauten auf den rechten Weg zurückführen zu können. Seine Freude war darum doppelt groß, als er sah, daß seine Worte einen tiefen Eindruck auf die neu erwachte Seele des Königs übten. Mit Thränen in den Augen beklagte Kambyses seine Missethaten und seinen Wahnsinn, bat er Krösus beschämt wie ein Kind um Verzeihung, dankte er ihm für seine Treue und Ausdauer, trug er ihm endlich auf, in seinem Namen besonders Kassandane und Sappho, aber auch Atossa und alle von ihm mit Unrecht Beleidigten um Vergebung zu bitten. Der greise Lyder weinte bei diesen Worten Freudenthränen und wurde nicht müde, den Kranken zu versichern, daß er genesen und reiche Gelegenheit finden würde, alles Geschehene durch doppelt edle Thaten wieder gut zu machen. Kambyses schüttelte jedoch, bestimmt verneinend, das bleiche Haupt und bat den Greis, ihn in's Freie tragen, sein Lager auf einen erhöhten Ort stellen zu lassen und den Achämeniden zu gebieten, sich um ihn zu versammeln. Als seine Befehle, trotz des Widerstandes der Aerzte, befolgt worden waren, ließ er sich aufrecht hinsetzen und sprach mit weithin vernehmlicher Stimme: »Es ist jetzt an der Zeit, ihr Perser, daß ich euch mein größtes Geheimniß entdecke. Von einem Traumgesichte betrogen, aufgebracht und gekränkt von meinem Bruder, hab' ich ihn im Zorn ermorden lassen. Prexaspes vollbrachte auf mein Geheiß diese Frevelthat, welche mir, statt der Ruhe, die sie mir verschaffen sollte, Wahnsinn und eine martervolle Todesstunde einbrachte. – Dieses Geständniß möge euch überzeugen, daß mein Bruder Bartja nicht mehr unter den Lebenden wandelt. Die Magier haben sich des Thrones der Achämeniden bemächtigt. An ihrer Spitze stehen der von mir als Statthalter in Persien zurückgelassene Oropastes und sein Bruder Gaumata, welcher dem verstorbenen Bartja so ähnlich sieht, daß Krösus, Intaphernes und mein Oheim, der edle Hystaspes, ihn einstmals selbst für den Gemordeten hielten. Wehe mir, daß ich Denjenigen, welcher die mir von den Magiern angethane Schmach, als mein Blutsverwandter, hätte rächen sollen, gemordet habe! Aber ich kann ihn nicht vom Tode erwecken, und darum ernenne ich euch zu Vollstreckern meines letzten Willens. So beschwöre ich euch denn, bei dem Feuer [Feruer] Siehe II. Theil Anmerkung 156 [ 56 ]. meines verstorbenen Vaters und im Namen aller guten und reinen Geister, daß ihr die Regierung nicht in die Hände der falschen Magier fallen laßt. Wenn sich dieselben mit List der Krone bemächtigt haben, so sucht sie ihnen wiederum durch List zu entreißen; brachten sie das Scepter mit Gewalt an sich, so entwindet es ihnen in gleicher Weise. Folgt ihr diesem meinem letzten Willen, dann soll euch die Erde reiche Früchte bringen, eure Weiber und Heerden gesegnet und Freiheit für alle Zeit euer Loos sein; werdet ihr aber die Herrschaft nicht wieder erlangen oder zu erringen streben, dann soll euch das Gegentheil treffen; ja, dann sollt ihr Alle, dann soll jeder Perser ein Ende nehmen wie ich!« Als die Achämeniden den König nach diesen Worten weinen und kraftlos zurücksinken sahen, zerrissen sie ihre Kleider und erhoben ein Klagegeschrei. Wenige Stunden später gab Kambyses in Krösus' Armen den Geist auf. In seiner letzten Stunde dachte er an Nitetis und starb mit ihrem Namen auf den Lippen und mit Thränen der Reue in den Augen (Anm. 172) Herod. III. 65. 66. Die sentimental klingende Rede des Kambyses wird ausdrücklich von Herodot erwähnt. . Nachdem die Perser den unreinen Leichnam verlassen hatten, kniete Krösus vor ihm nieder und rief, seine Hand gen Himmel erhebend: »Großer Cyrus! Ich habe meinen Schwur gehalten und als treuer Mahner bei diesem Unglücklichen ausgehalten bis an sein Ende!« Am folgenden Morgen begab sich der Greis mit seinem Sohne Gyges nach der ihm gehörenden Stadt Barene (Anm. 173) Ktesias Pers. 4. und lebte dort noch manches Jahr, als Vater seiner Unterthanen, hoch geehrt von Darius und gepriesen von all' seinen Zeitgenossen. Nach dem Tode des Kambyses hielten die Oberhäupter der sieben Stämme der Perser (Anm. 174) Die Namen der verschworenen Stammhäupter bei Herodot stimmen großenteils sehr schön mit denen, welche die Keilschriften enthalten. Spiegel, Keilinschriften S. 37. Bei Herod. III. 70 heißen die Verschworenen: Otanes, Intaphernes, Gobryas, Megabyzus, Aspatines, Hydarnes und Darius Hystaspis, – in der Keilinschrift: Utâna, Viñdafranâ, Gaubaruva, Ardumanis, Vidarna, Bagabukhsa ? und Darayavus . mit einander Rath und beschlossen sich vor allen Dingen über die Person des Usurpators Gewißheit zu verschaffen; Otanes schickte darum einen treuen Eunuchen in geheimer Sendung zu seiner Tochter Phädime, welche, wie man wußte, mit dem ganzen in Nisäa zurückgebliebenen Harem des Kambyses in den Besitz des neuen Königs übergegangen war. Bevor der Bote wiederkehrte, hatte sich der größte Theil des Reichsheeres zerstreut, denn die Soldaten ergriffen begierig die günstige Gelegenheit, nach mehrjähriger Trennung zu ihren Angehörigen heimzukehren. Endlich kam der lang Erwartete zurück und überbrachte Otanes die Botschaft: Phädime sei von dem neuen Könige nur ein einziges Mal besucht worden; sie habe jedoch seinen Schlaf benützt, um sich mit großer Gefahr zu überzeugen, daß ihm in der That beide Ohren fehlten. Aber selbst ohne diese Entdeckung könne sie mit Bestimmtheit behaupten, daß der Usurpator, welcher übrigens täuschende Aehnlichkeit mit dem Gemordeten habe, Niemand anders sei, als der Bruder des Oropastes, Gaumata. Ihr alter Freund Boges sei wiederum Oberster der Eunuchen und habe sie in das Geheimniß der Magier eingeweiht. Der Oberpriester habe nämlich den Weiberhüter als Bettler in den Straßen von Susa getroffen und ihm mit den Worten. »Zwar hast Du Dein Leben verwirkt, ich bedarf aber Leute Deines Schlages,« seine alte Stellung zurückgegeben. – Endlich bat Phädime ihren Vater, Alles aufzubieten, um den Magier, der sie mit großer Nichtachtung behandle, zu stürzen. Sie sei, so versicherte sie, das unglücklichste aller Weiber. Obgleich keiner der Achämeniden auch nur einen Augenblick geglaubt hatte, daß Bartja noch am Leben sei und sich in der That des Thrones bemächtigt habe, so waren sie dennoch froh, als sie durch Phädime so bestimmte Kunde von der wahren Person des Usurpators erhalten hatten, und beschlossen, ungesäumt mit den Trümmern des Heeres nach Nisäa zu ziehen und die Magier durch List und Gewalt zu stürzen. Nachdem sie unangefochten in der neuen Residenz eingezogen waren und gesehen hatten, daß der größte Theil des Volkes mit der neuen Regierung zufrieden sei, gaben sie sich den Anschein, als wenn sie an die Identität des neuen Königs mit dem jüngeren Sohne des Cyrus glaubten und ihm zu huldigen bereit wären. Die Magier ließen sich indessen nicht hinter's Licht führen, blieben streng abgeschlossen in ihrem Palaste, sammelten ein Heer, dem sie hohen Sold versprachen, in der Ebene von Nisaja Siehe III. Theil Anmerkung 169 . und setzten ihre Bemühungen fort, den Glauben an die Maske des Gaumata zu befestigen. In dieser Hinsicht konnte ihnen niemand schädlicher oder unter Umständen nützlicher werden, als Prexaspes, denn er stand bei allen Persern in hoher Achtung und vermochte darum durch seine Versicherung, Bartja nicht ermordet zu haben, dem sich immer weiter verbreitenden Gerüchte von der wahren Todesart des Jünglings die Spitze abzubrechen. Darum ließ Oropastes den Botschafter, welcher seit den letzten Worten des Königs von allen Standesgenossen gemieden wurde und das Leben eines Geächteten führte, rufen und versprach ihm eine ungeheure Summe, falls er einen Thurm besteigen und dem im Vorhofe versammelten Volke sagen wollte, daß Böswillige ihn den Mörder Bartja's genannt hätten, während er doch soeben mit eigenen Augen den neuen König gesehen und in ihm den jüngeren Sohn des Cyrus, seines Wohlthäters, wiedergefunden und erkannt habe. Prexaspes unterzog sich diesem Auftrage ohne Widerrede, nahm, während das Volk sich im Schloßhofe versammelte, zärtlichen Abschied von den Seinen, richtete bei dem heiligen Feueraltare ein kurzes Gebet an die Götter und begab sich dann in stolzer Haltung zum Palaste. Auf dem Wege dorthin traf er mit den Oberhäuptern der sieben Stämme zusammen und rief ihnen, da er bemerkte, daß sie ihm auswichen, zu: »Ich bin eurer Verachtung werth; will aber versuchen, eure Vergebung zu verdienen!« Als sich Darius nach ihm umwandte, eilte er ihm nach, faßte seine Hand und sagte: »Ich habe Dich wie einen Sohn geliebt! Sorge, wenn ich nicht mehr sein sollte, für meine Kinder und brauche Deine Schwingen, geflügelter Darius!« Dann bestieg er in stolzer Haltung den hohen Thurm. Viele tausend Bürger von Nisäa vernahmen ihn, als er mit hocherhobener Stimme folgende Worte hinabrief: »Ihr Alle wißt, daß die Könige, welche euch bis dahin mit Ruhm und Ehre überschütteten, dem Hause der Achämeniden angehörten. Cyrus beherrschte euch wie ein rechter Vater, Kambyses wie ein strenger Gebieter, und Bartja würde euch wie ein Bräutigam geleitet haben, wenn er nicht von meiner eigenen Hand, die ich euch hier zeige, am Ufer des rothen Meeres erschlagen worden wäre. Diese ruchlose That, welche ich, beim Mithra, mit blutendem Herzen beging, vollbrachte ich, indem ich, als treuer Diener, dem Befehle meines Königs und Herrn gehorchte. Dennoch konnte ich, weder bei Tag noch bei Nacht, Ruhe finden und bin wie ein gescheuchtes Wild von den Geistern der Finsterniß, welche den Schlaf von dem Lager des Mörders scheuchen, vier lange Jahre hindurch gehetzt und geängstigt worden; jetzt aber hab' ich beschlossen, dieses Dasein voller Pein und Verzweiflung mit einer würdigen That zu beenden und mir, wenn ich auch keine Gnade an der Brücke Chinvat Siehe II. Theil Anmerkung 104 . finden werde, wenigstens im Munde der Menschen den Namen eines braven Mannes, den ich befleckt habe, von Neuem zu erwerben. Wißt denn, daß jener Mann, welcher sich für den Sohn des Cyrus ausgibt, mich auf diesen Thurm schickte und mir reichen Lohn verhieß, wenn ich euch betrügen und versichern wollte, daß er Bartja, der Achämenide, sei. Ich aber lache seiner Versprechungen und schwöre hier mit dem höchsten Eide, den ich kenne, beim Mithra und den Feruer der Könige, daß Derjenige, welcher euch jetzt beherrscht, Niemand anders ist, als der seiner Ohren beraubte Magier Gaumata, der Bruder des Oberpriesters und Statthalters Oropastes, den ihr Alle kennt! Wenn ihr des Ruhmes vergessen wollt, den ihr den Achämeniden verdankt, wenn ihr Undank mit Erniedrigung vereinen wollt, so erkennt die Elenden an und nennt sie eure Könige; wenn ihr aber die Lüge verachtet und euch schämt, nichtswürdigen Betrügern zu gehorchen, dann verjagt die Magier, ehe Mithra den Himmel verläßt, und ruft den Edelsten der Achämeniden, der ein zweiter Cyrus zu werden verspricht, und ruft Darius, den erhabenen Sohn des Hystaspes, zum König aus. Damit ihr aber meinen Worten Glauben schenken und nicht argwöhnen möget, daß mich Darius, um euch für ihn zu gewinnen, hierher gesandt habe, so will ich jetzt eine That begehen, welche jeden Zweifel vernichten und euch beweisen wird, daß mir die Wahrhaftigkeit und die Ehre der Achämeniden lieber ist, als mein Leben. Seid gesegnet, wenn ihr meinem Rathe folgt, verflucht, wenn ihr euch nicht wieder der Herrschaft bemächtigen und an den Magiern rächen werdet! – Seht her, ich sterbe als ein wahrhaftiger und als ein braver Mann!« Mit diesen Worten stieg der Redner auf die höchste Zinne des Thurms, stürzte sich kopfüber von demselben herab und starb, mit einem schönen Tode das einzige Verbrechen seines Lebens sühnend (Anm. 175) Herod. III. 75. . Das Volk, welches seiner Rede lautlos gefolgt war, brach jetzt in ein lautes Geschrei der Wuth und Rache aus, sprengte die Thore des Palastes und wollte eben mit dem Rufe: »Tod den Magiern!« in das Innere desselben eindringen, als sich die sieben Stammhäupter der Perser dem wüthenden Haufen entgegenstellten. Sobald die Bürger ihrer ansichtig wurden, jubelten sie laut auf und riefen nur noch ungestümer: »Nieder mit den Magiern! Sieg dem Könige Darius!« Nun stellte sich der Sohn des Hystaspes, getragen von der Menge, auf einen erhöhten Ort und erzählte dem Volke, daß die Magier soeben, als Lügner und Kronenräuber, von der Hand der Achämeniden getödtet worden wären. Neue Jubelrufe beantworteten diese Rede. Nachdem man endlich die blutenden Köpfe des Oropastes und Gaumata dem Volke gezeigt hatte, eilte die heulende Menge in rasender Wuth durch die Straßen der Stadt und tödtete jeden Magier, dessen sie habhaft zu werden vermochte. Nur der Einbruch der Nacht konnte diesem furchtbaren Blutbade ein Ende machen (Anm. 176) Herod. III. 79. An dieser Stelle sagt derselbe auch, daß die Perser diesen Tag als großes Fest, unter dem Namen der »Magierermordung«, feierten. Wlastoff gibt in den Nouvelles annales des voyages 177 me  vol. einige neue Gedanken über diesen Theil der persischen Geschichte; doch können wir dieselben ebensowenig theilen, als die Konjektur des Malcolm, Anquetil u. A., welche den Darius der Inschriften für den Gustasps des Firdusi halten. Die Inschrift von Bisitun soll ganz gewiß weit eher die Thaten des Darius, als religiöse Ereignisse auf die Nachwelt bringen. . Vier Tage später wurde der Sohn des Hystaspes, im Hinblick auf seine Geburt und Vortrefflichkeit, von den Häuptern der Achämeniden zum Könige erwählt und als solcher von den Persern mit Jubel begrüßt. Darius hatte den Magier Gaumata mit eigener Hand getödtet, indessen Megabyzus, der Vater des Zopyrus, den Oberpriester durchbohrte. Während Prexaspes das Volk anredete, waren nämlich die sieben verschworenen Stammfürsten, Otanes, Intaphernes, Gobryas, Megabyzus, Aspatines, Hydarnes und Darius, welcher seinen im hohen Greisenalter stehenden Vater Hystaspes vertrat, durch ein schlecht bewachtes Thor in den Palast getreten, hatten bald erkundet, wo sich die Magier aufhielten, und waren sodann, da sie die innere Einrichtung des Schlosses kannten und die meisten Wachen das der Rede des Prexaspes zuhörende Volk beaufsichtigen mußten, ohne Aufenthalt bis zu den Gemächern gedrungen, in denen die Magier verweilten. Hier traten ihnen einige Eunuchen unter Anführung des uns wohlbekannten Boges entgegen, wurden aber, trotz des Widerstandes, den sie zu leisten versuchten, bis auf den letzten Mann von den Verschworenen niedergestochen. Boges starb von der Hand des Darius, der ihn erkannt und darum mit doppelter Wuth angegriffen hatte. Die Magier stürzten, von dem Geschrei der sterbenden Eunuchen erschreckt, herzu und setzten sich, als sie sahen, was sich ereignet hatte, zur Wehr. Oropastes riß dem sinkenden Boges die Lanze aus der Hand, stieß dem Intaphernes ein Auge aus und verwundete Aspatines am Schenkel, wurde aber dafür von Megabyzus erdolcht. Gaumata war in das Nebenzimmer geflohen und wollte die Thür desselben zuriegeln; Darius und Gobryas stürzten aber mit ihm hinein. Letzterer umfaßte den Magier, warf ihn zu Boden und hielt ihn, auf ihm liegend, an der Erde fest. Darius stand in dem halbdunkeln Gemache unschlüssig neben den Beiden, denn er fürchtete, wenn er zustoßen würde, auch Gobryas zu treffen, der, als er dieses bemerkte, ausrief: »Stoß' zu, auch wenn Du uns Beide durchbohren solltest!« Da schwang Darius den Dolch, traf aber glücklicher Weise nur den Magier (Anm. 177) Herod. III. 78. . Also endete Oropastes, der Oberpriester, und der unter dem Namen des »Pseudo-« oder »falschen Smerdes« bekanntere Gaumata. Wenige Wochen nach der Königswahl des Darius, welche, wie das Volk erzählte, durch wunderbare göttliche Zeichen und die List eines Stallmeisters (Anm. 178) Herod. III. 85 erzählt, die sieben Verschworenen hätten mit einander ausgemacht, sie wollten zusammen vor die Stadt reiten, und Derjenige, dessen Roß beim Aufgang der Sonne zuerst wiehern würde, sollte König werden. Ein Stallknecht des Darius führte nun eine Stute, kurze Zeit vor dem Ausritte, an die Landstraße und vereinte sie mit dem Hengste seines Herrn. Als die Verschworenen an diese Stelle kamen, so lief das Roß des Darius auf dieselbe zu und wieherte laut auf. Zu gleicher Zeit soll es bei heiterem Himmel gedonnert und geblitzt haben. Erstere Geschichte ist darum nicht eben unwahrscheinlich, weil das Pferd der Sonne heilig, und man es wohl für ein göttliches Zeichen halten konnte, wenn es dem aufgehenden Mithra entgegenwieherte. Uebrigens würde Darius auch ohne die List seines Stallknechts begründete Ansprüche auf den Thron gehabt haben. unterstützt wurde, feierte der Sohn des Hystaspes zu Pasargadae ein prachtvolles Krönungs- und ein noch glänzenderes Hochzeitsfest mit der Geliebten seines Herzens, Atossa (Anm. 179) Atossa wird häufig als Lieblingsgattin des Darius genannt. Ihr Sohn Xerxes wurde von Darius zum Könige ernannt, obgleich der letztere von der Tochter des Gobryas drei ältere männliche Erben besaß. Herod. sagt VII. 3 ausdrücklich, das Gewicht und Ansehen der Atossa sei sehr groß gewesen. Aeschylus preist sie in den Persern als hochverehrte, edle Greisin. , der Tochter des Cyrus. Das durch ernste Schicksale gereifte junge Weib blieb bis an's Ende des thaten- und ruhmreichen Lebens ihres Gatten die treue, geliebte und hochverehrte Gefährtin desselben; Darius aber wurde, wie Prexaspes vorausgesagt hatte, zu einem Könige, dessen Thaten und Werke wohl geeignet waren, ihm den Namen eines zweiten Cyrus und »des Großen« zu erwerben (Anm. 180) Darius wird z. B. in den Fröschen des Aristophanes »der große Darius« genannt. Arist. ran. V. 1035. . Umsichtig und tapfer als Feldherr, wußte er sein unermeßliches Reich so trefflich einzutheilen und zu verwalten, daß er zu den größten Organisatoren aller Länder und Zeiten gezählt werden muß. Ihm allein haben seine schwachen Nachfolger zu danken, daß sich der asiatische Länderkoloß noch zweihundert Jahre lang erhalten konnte. Freigebig mit seinen eigenen und sparsam mit den Schätzen seiner Unterthanen, wußte er wahrhaft königliche Geschenke zu machen, ohne jemals mehr als das ihm Gebührende zu fordern. Statt der unter Cyrus und Kambyses üblichen willkürlichen Gelderpressungen führte er ein geregeltes Steuersystem ein und ließ sich in der Durchführung des für recht Erkannten weder durch Schwierigkeiten, noch durch den Spott der Achämeniden beirren, die ihn wegen seiner ihrem ausschließlich kriegerischen Geiste kleinlich vorkommenden Finanzmaßregeln den »Krämer« nannten. Es ist keines seiner kleinsten Verdienste, daß er in seinem ganzen Reiche, und somit in der halben, damals bekannten Welt, ein gleiches Münzsystem einführte. (Anm. 181) Herod. III. 89. Böckh, Metrologie S. 45 und 129 fgd. In Rawlinson's Herodotus Bd. II. S. 460. Essay III. Die Sitte und Religion jedes Volkes ehrend, gestattete er den Juden, nachdem jenes Dokument des Cyrus, von welchem Kambyses nichts wußte, im Archive von Ekbatana aufgefunden worden war, den Bau des Jehovah-Tempels fortzusetzen (Anm. 182) Esra VI. 2–12. Sacharja 1–8. Ueber die Stadien des Tempelbaues. Bunsen, Bibelwerk. Biblische Jahrbücher CCCXXIII–XXV. , erlaubte er den ionischen Städten, die Verwaltung ihrer Gemeinden selbstständig auszuüben. Auch würde er seine Heere schwerlich gegen Griechenland ausgeschickt haben, wenn er nicht, namentlich von den Athenern, beleidigt worden wäre. Die Kunst, einen weisen Staatshaushalt zu führen, hatte er, nebst vielen anderen Dingen, von den Aegyptern erlernt. Darum zollte er diesem Volke eine ganz besondere Achtung und erwies ihm viele Wohlthaten. So ließ er z. B. zur Hebung des ägyptischen Handels den Nil mit dem rothen Meere durch einen Kanal verbinden (Anm. 183) König Ramses II. arbeitete an diesem Kanale, von dem sich schon unter seinem Vater Setos I. Spuren finden. Necho nahm den Bau wieder auf. Herod. II. 158. Darius vollendete ihn vielleicht. Unter den Ptolemäern wurde er jedenfalls fertig. Diod. I. 33. Der in den letzten Jahren wieder aufgenommene Bau des Suezkanals hatte mit der diesem Unternehmen feindlichen englischen Handelspolitik und dem britischen Einfluß auf die inneren Angelegenheiten von Aegypten viel zu kämpfen; doch brachte es der unermüdliche Eifer und das Talent des Herrn von Lesseps, sowie der Patriotismus der Franzosen, welche das Werk als das ihre mit Stolz betrachten, dahin, daß der Süßwasserkanal längst von Booten befahren werden kann und trinkbares Naß den Arbeitern und der Hafenstadt Suez aus dem Nil zuführt. Auch der maritime Kanal, welcher das Mittelmeer mit dem rothen Meere direkt verbindet, ist seit 1869 vollendet. Wir gehörten zu Denen, welche der glänzenden Inaugurationsfeier beiwohnten, und möchten jetzt manchen Zweifel zurücknehmen, den wir in unserem Werke Durch Gosen zum Sinai, aus dem Wanderbuche und der Bibliothek, Leipzig 1872, S. 22 fgd., ausgesprochen haben. Der Kanal wird von einer immer wachsenden Anzahl von Schiffen befahren. Direkte Linien nach Bombay gehen aus von London, Liverpool, Marseille, Genua, Triest, Brindisi und Odessa. Viele Schiffe mit geringerem Tiefgange werden eigens für diese Fahrt gebaut, und es zeigt sich, daß sich namentlich die indische Baumwolle vortheilhafter auf Dampfern durch den Kanal, als auf Segelschiffen um das Kap zu den mediterraneischen und englischen Häfen befördern läßt. Wir weisen den Leser auch auf Stephan's Aufsatz über den Suezkanal in seinem vorzüglichen Werke Das heutige Aegypten S. 425 fgd. . Während seiner ganzen Regierung bemühte er sich, die Härte, mit welcher Kambyses die Aegypter behandelt hatte, durch Güte wieder gut zu machen, und noch in späteren Jahren beschäftigte er sich gern mit den geistigen Schätzen jenes weisen Volkes, dessen Sitten und Religion, so lange er lebte, von Niemand angetastet werden durften. Der greise Oberpriester Neithotep, welcher sein Lehrer gewesen war, erfreute sich bis an sein spätes Ende der Gunst des Fürsten, welcher die astrologischen Kenntnisse des alten Weisen nicht selten in Anspruch nahm. Die Aegypter erkannten die Güte des neuen Fürsten an, nannten Darius, gleich ihren früheren Königen, eine Gottheit (Anm. 184) Der Name des Darius ist auf ägyptischen Denkmälern unter der Form Ntariusch gefunden worden. Am häufigsten kommt er vor in den Inschriften des jüngst von G. Rohlfs photographisch aufgenommenen Tempels in der Oase el-Khargeh. Besonders interessant sind die ägypto-persischen Denkmälerfragmente aus dem Isthmus von Suez, welche hieroglyphische und Keilschriftinskriptionen tragen. Déscript. de l'Ég. ant. V. pl. 29. Lepsius, Monatsb. der Berl. Akad. d. Wissensch. 17. Mai 1866. S. 285 fgd. Des Darius ägypt. Vorname lautet gewöhnlich »der von Ammon und Ra geliebte«. Ueberall, z. B. auf einem Porzellangefäße zu Florenz und auf Papyrusrollen zu Paris und Florenz, wird er mit den göttlichen Ehrentiteln der Pharaonen genannt. , vergaßen aber dennoch in seinem letzten Regierungsjahre, ihrem Drange nach Selbstständigkeit nachgebend, der Dankbarkeit und versuchten das milde Joch, welches sie, weil es ihnen gegen ihren Willen auferlegt worden war, bedrückte, abzuschütteln. Ihr edler Herr und Beschützer sollte das Ende dieser Kämpfe nicht mehr erleben (Anm. 185) Den ersten schon unter dem von Kambyses eingesetzten Statthalter Aryandes ausgebrochenen Aufstand soll Darius durch einen Besuch in Aegypten, wo er dem Auffinder eines neuen Apis 100 Talente (150,000 Thlr.) versprach, niedergeschlagen haben. Polyän. VII. 11. 7. Der zweite Aufstand begann erst vier Jahre vor dem Tode des Darius, Herod. VII. 1, um 486 v. Chr. Xerxes besiegte die Empörer zwei Jahre nach seiner Thronbesteigung und ernannte seinen Bruder Achämenes zum Statthalter von Aegypten. . Xerxes, dem Nachfolger und Sohne des Darius und der Atossa Siehe III. Theil Anmerkung 179 . , war es vorbehalten, die Bewohner des Nilthales zu einem erzwungenen und darum unhaltbaren Gehorsam zurückzuführen. Darius ließ, als ein würdiges Denkmal seiner Größe, einen herrlichen Palast auf dem Berge Rachmed bei Persepolis erbauen, dessen Trümmer heute noch das Staunen und die Bewunderung der Reisenden erwecken. Sechstausend ägyptische Bauleute, welche unter Kambyses nach Asien geführt worden waren, halfen bei diesem Werke und unterstützten die Arbeiter, denen es oblag, eine Königsgruft für Darius und seine Nachkommen anzulegen. Die schwer zugänglichen Felsenkammern derselben haben der Zeit getrotzt und dienen heute zahllosen wilden Tauben zur Wohnung. In eine Wand des glatt polirten Felsens von Bisitun oder Behistân, unweit der Stelle, bei welcher er Atossa's Leben gerettet hatte, ließ Darius die Geschichte seiner Thaten mit keilförmigen Schriftzeichen in persischer, medischer und assyrischer Sprache einmeißeln. Der persische Theil dieser Inschriften Die sogenannte persisch-achämendische Keilschrift. ist jetzt mit Sicherheit zu lesen. In diesem findet sich auch eine, mit unserer und der Erzählung des Herodot im Ganzen übereinstimmende Mittheilung von den in den letzten Kapiteln geschilderten Ereignissen. Unter Anderem heißt es. »Es spricht Darius der König. Das, was ich that, das geschah durch die Gnade Auramazda's in aller Weise. Nachdem die Könige abtrünnig geworden waren, da lieferte ich neunzehn Schlachten. Durch die Gnade Auramazda's schlug ich sie. Neun Könige nahm ich gefangen. Einer war Gaumata mit Namen, ein Meder, dieser log, indem er also sprach: ›Ich bin Bardiya (Bartja), der Sohn des Cyrus‹; dieser machte Persien abtrünnig.« Weiter unten nennt er auch die Namen der Stammhäupter, welche ihm, die Magier zu stürzen, geholfen hatten, und an einer andern Stelle heißt es: »Es spricht Darius der König: Das, was ich gethan, das hab' ich in aller Weise durch die Gnade Auramazda's gethan. Auramazda brachte mir Beistand und die übrigen Götter, die es gibt. Deßwegen brachte mir Auramazda Beistand und die übrigen Götter, welche es gibt, weil ich nicht feindselig war, kein Lügner war, kein gewalttätiger Herrscher war, weder ich noch meine Familie. Wer meinen Stammgenossen geholfen hat, den hab' ich wohl begünstigt, wer feindselig war, den hab' ich strenge bestraft. Du, der Du nachher König sein wirst, ein Mann, der ein Lügner oder Aufrührer ist, dem sei nicht freundlich gesinnt, den strafe mit strenger Strafe. Es spricht Darius der König: Du, der Du nachher die Tafel sehen wirst, die ich geschrieben habe, oder diese Bilder, verderbe sie nicht, sondern, so lange Du lebest, bewahre sie u. s. w.« Schließlich bleibt uns nur noch zu erzählen übrig, daß Zopyrus, der Sohn des Megabyzus, bis an sein Ende der treueste Freund des Darius blieb. Als ein Höfling dem Könige einstmals einen Granatapfel zeigte und ihn fragte: »Welches Glücksgut möchtest Du wohl so vielfach besitzen, als dieser Apfel Körner enthält?« antwortete Darius, ohne sich zu besinnen: »Meinen Zopyrus (Anm. 186) Plutarch in seinen Apophthegmata p. 173 erzählt diese Geschichte von Zopyrus, Herodot von Megabyzus, dem Eroberer von Thracien. Herod. IV. 193. !« Dieser wußte die Güte seines königlichen Freundes zu vergelten, denn als Darius Babylon, das sich nach dem Tode des Kambyses von dem persischen Reiche losriß, neun Monate lang fruchtlos belagert hatte, erschien er eines Tages, als man bereits die Belagerung aufheben wollte, blutend ohne Nase und Ohren vor dem Könige und erklärte ihm, daß er sich selbst verstümmelt habe, um die Babylonier, welche ihn ebensogut kennen müßten, als er einstmals mit ihren Töchtern befreundet gewesen sei, hinter's Licht zu führen. Er wolle den übermüthigen Städtern einreden, Darius habe ihn so verunstaltet, und er komme zu ihnen, um sich mit ihrer Hülfe an dem Könige zu rächen. Sie würden ihm Truppen übergeben, mit denen er, um das Vertrauen der Bürger vollkommen zu erwerben, einige glückliche Ausfälle zu machen gedenke. Endlich wolle er sich die Schlüssel der Thore verschaffen und mit ihnen die Pforte der Semiramis seinen Freunden öffnen. Diese in scherzhaftem Ton gesprochenen Worte und der traurige Anblick seines einst so schönen Freundes rührten den König bis zu Thränen; als aber die beinah' uneinnehmbare Festung durch die List des Zopyrus in der That erobert worden war, rief er aus: »Ich würde hundert Babylon hingeben, wenn sich mein Zopyrus nicht also verstümmelt hätte!« Dann ernannte er den Freund zum Herrn der Riesenstadt, überließ ihm die ganzen Einkünfte derselben und beehrte ihn alljährlich mit den seltensten Geschenken. In späterer Zeit pflegte er oft zu sagen, daß, außer Cyrus, mit dem kein Mensch verglichen werden könne, Niemand eine so edle That als Zopyrus begangen habe (Anm. 187) Herod. III. 160. Unter andern bekam Darius nach Ktesias, Pers. 22 , eine goldene sechs Talente schwere Handmühle zum Geschenke, die vornehmste Ehrengabe, welche ein persischer Unterthan von seinem Herrscher erhalten konnte. . Wenige Herrscher konnten sich so opferwilliger Freunde rühmen, als Darius, weil Wenige gleich ihm Dankbarkeit zu üben verstanden. Als Syloson, der Bruder des gemordeten Polykrates, eines Tages nach Susa kam und ihn erinnerte, welche Dienste er ihm erwiesen habe, empfing ihn Darius als seinen Freund, stellte ihm viele Schiffe und Soldaten zur Verfügung und half ihm, sich der Herrschaft über die Samier zu bemächtigen. Die Inselbewohner wehrten sich verzweifelt gegen die fremden Kriegsvölker des neuen Tyrannen und sagten, als sie sich endlich ergeben mußten: »Um Syloson's willen haben wir viel Platz im Lande Siehe III. Theil Anmerkung 63 . .« Rhodopis erlebte noch die Ermordung des Tyrannen Hipparchus, Gewalthabers von Athen, durch Harmodius und Aristogiton und starb endlich, fest vertrauend auf den hohen Beruf der Hellenen, in den Armen ihrer besten Freunde, Theopompus des Milesiers und Kallias des Atheners. Ganz Naukratis betrauerte die edle Greisin; Kallias aber sandte einen Boten nach Susa, um dem Könige und Sappho den Tod seiner Freundin mitzutheilen. Wenige Monate später erhielt der Satrap von Aegypten folgende Zuschrift von der Hand des Darius: » Da wir die jüngst in Naukratis verstorbene Hellenin Rhodopis gekannt und verehrt haben, da die Enkelin derselben, als Wittwe eines rechtmäßigen Thronerben des persischen Reichs, heute noch die Ehren einer Königin genießt, da ich endlich die Urenkelin der Abgeschiedenen, Parmys Siehe III. Theil Anmerkung 165 [ 146 ]. , die Tochter des Bartja und der Sappho, jüngst zu meiner dritten rechtmäßigen Gattin erwählt habe, so scheint es mir billig, daß wir den sterblichen Ueberresten der Ahnfrau zweier hoher Fürstinnen königliche Ehre angedeihen lassen. Darum verordne ich, daß Du die Asche der Rhodopis, welche wir stets für die größte und seltenste aller Frauen gehalten haben, in dem größten und seltensten aller Denkmäler, das heißt in der schönsten der Pyramiden, mit fürstlichem Gepränge beisetzen lassest. In beifolgender kostbaren Urne, welche Sappho sendet, soll die Asche der Verstorbenen aufbewahrt werden. Gegeben in dem neuen Reichspalaste zu Persepolis. Darius, Sohn des Hystaspes, König.«